Johann Gottfried Schnabel Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Kavalier   Vorrede Geneigter Leser Diese Vorrede habe ich nicht der Gewohnheit oder der bloßen Mode wegen hierhergesetzt, indem man selten ein Buch bei heutigen Zeiten zum Vorschein kommen sieht, dem es an einer Vorrede fehlt; nein! sondern dem geehrten Leser etwas zu offenbaren, damit derselbe diese Geschichtsbeschreibung nicht etwa mit argwöhnischen Augen ansehen möge, denn, versichert, man legt ihm mit diesen Blättern, nicht, so wie es nunmehr leider! grand mode zu werden beginnt, curieuse Gedichte, sondern wahrhafte und dennoch curieuse Geschichte vor. Ich für meine Person habe zwar nicht die Ehre gehabt, den Herrn von St.*** oder den in der Geschichtsbeschreibung so genannten Herrn von Elbenstein von Person zu kennen, allein er ist mir, auch sogar von hohen Personen, dergestalt vorgerühmt worden, daß ich ihn in seiner Jugend für einen der galantesten und qualifiziertesten Kavaliere, in seinem Alter aber für einen erfahrenen, frommen, jedoch unglücklichen Staatsmann zu halten mich vollkommen persuadiert sehe. Mit dem Herrn E. v. H. hat er in seiner Jugend in der vertraulichsten Freundschaft gelebt, auch dieselbe nachher beständig beibehalten, ob sie schon bei erwachsenen Jahren einander sehr selten zu sehen bekommen. Als der Herr von St.*** bereits bei Jahren war, die größte Würde an einem gewissen deutschen reichsfürstlichen Hofe erlangt und sich solchergestalt in einem ziemlich glückseligen Zustand befand, gab ihm der Herr E. v. H. einstmals eine Visite und wurde von diesem alten Freund mit der zärtlichsten Liebe empfangen, auch ganze vierzehn Tage aufs beste traktiert; wenn sie aber beide, auch wohl öfters bis in die Nacht, an den fürstlichen Lustbarkeiten teilgenommen, blieben sie hernach dennoch in einem Zimmer noch eine Zeitlang beisammen und rauchten bei Tee oder Kaffee eine Pfeife Tabak, aus keiner anderen Ursache, als einander ihre Aventuren zu erzählen. Endlich brachte der Herr von St.*** sein in italienischer Sprache geschriebenes Diarium, nebst vielen untereinandergeworfenen Scripturen herbei und sagte: »Ich wollte tausend Taler drum geben, wenn ich soviel Zeit abmüßigen könnte, dieses alles in Form zu bringen, nicht, mir ein Gloire aus meinen Sünden der Jugend zu machen, sondern anderen jungen Leuten, sie mögen Adelige oder Unadelige sein, zum Spiegel und zur Warnung, sich vor den Lüsten des Fleisches zu hüten; denn der Himmel läßt dieselben doch nicht ungestraft, und welches am schlimmsten, wo nicht hier zeitlich, doch dort ewig. Mich hat dessen Rute zu verschiedenen Malen sehr heftig gestäupt, allein, es ist noch nicht genug, gebt nur Achtung, mein werter Freund, ob ich mein Leben in diesem vermeinten Glücks- und Ehrenstand beschließen oder vorher nicht noch in viel Jammer und Not geraten werde. Jedoch: Wie Gott will. Ich habe ja schon seit etlichen Jahren her täglich selbst recht eifrig dieses gebeten: So fahr hie fort, und schone dort.« Der Herr E. v. H. tröstete ihn dieserhalb und bat ihn, daß er sich doch dergleichen Gedanken aus dem Sinn schlagen, hergegen bedenken möchte, daß die göttliche Barmherzigkeit ebensogroß als die Gerechtigkeit, mithin die bußfertigen Sünder gern zu Gnaden annähme und die Strafe zu lindern pflegte. »Allein, mein Herzensfreund«, redete der Herr E. v. H. weiter, »wofern Ihr kein Mißtrauen in meine Redlichkeit setzt, so vertraut mir Euer Diarium nebst Euren anderen italienischen Scripturen an, ich will, weil ich, nachdem meine Güter verpachtet sind, ohnedem wenig zu tun habe als mich an Büchern zu ergötzen, zusehen, ob ich noch soviel Geschick habe, alles dieses aus dem Italienischen ins Deutsche zu übersetzen und nur vorerst soviel als möglich aneinander zu heften, damit eine ordentliche Geschichtsbeschreibung daraus wird, welche hernach noch einmal revidiert, auspoliert, sodann ins reine geschrieben und endlich zum Druck befördert werden kann.« Der Herr von St.*** war sogleich willig und bereit dazu, versprach auch, wo sich der Herr von H. diese Mühe geben wollte, nicht allein alles noch Dazugehörige aufzusuchen, sondern ihm von Zeit zu Zeit, nebst diesen allen, seine fernerweitigen Aventuren offenherzig aufzuschreiben und zu übersenden. Bat anbei, daß der Herr von H. die Hauptstücke von seinen eigenen Aventuren zugleich mit einfließen lassen möchte, welches dieser zu tun versprach, und da er sich von dem Herrn von St.*** beurlaubte, nicht nur dessen Diarium, sondern auch ein ganzes Paket dazugehöriger geschriebener Sachen mit sich nach Hause nahm. Der Herr von St.*** hat demselben nachher, auch da sich schon, wie er sich selbst prophezeit, sein Glücksrad abermals umgedreht und ihn in einen beklagenswürdigen Zustand geworfen, sein Wort redlich gehalten und ihm, bis wenige Monate vor seinem Ende, alles, was ihm nachher begegnet, zu wissen getan, der Herr von H. ist auch bei müßigen Stunden recht eifrig bemüht gewesen, diese Geschichte in gehörige Ordnung zu bringen, allein da er nachher mit einer beschwerlichen und schmerzhaften Wassersucht befallen worden, welche ihn auch ins Grab befördert, hat er seinen Zweck nicht erreichen können. Endlich sind alle diese Manuskripte mir, dem Ungenannten, in die Hände geraten, und weil ich mir flattierte, obgleich nicht bei allen Leuten, doch bei etlichen einigen Dank zu verdienen, wenn ich mich darübermachte, dieselbe nach meinem wenigen Vermögen ins reine brächte und zum Druck beförderte, so habe es getan und lege es einem jedem zur Schau und Beurteilung dar. Es ist zwar heutigen Tages eine schwere Sache, recht nach dem Geschmack dieser oder jener zu schreiben; allein dieser oder jener soll auch wissen, daß ich mich nicht gar zu viel um ihren Geschmack bei diesem oder jenem bekümmere, denn es heißt im gemeinen Sprichwort: »Einem jeden für sein Geld, was ihm schmeckt.« Ob auch gleich dieses Gericht manchem, wegen Zurücklassung allzu vielerlei Gewürze und anderer Tändeleien, nicht allzu schmackhaft vorkommen möchte, so bin ich doch versichert, daß es sich genießen lassen und nach rechter Kauung keinen im Leib kneipen wird, weswegen man mich denn auch, ob ich schon kein perfekter à la mode Mund- und Kohlkoch bin, nicht sogleich unbarmherziger Weise aus der Garküche der deutschen Mundart und Reimkunst verstoßen wolle: Worum ich hierdurch dienstfreundlich gebeten haben will. Wenn ich mich nicht irre oder mir selbst nicht zuviel zutraue, so habe ich ein und anderes in des Herrn E. v. H. Manuskript, sowohl in Prosa als Ligata, in etwas reineres Deutsch gebracht, indem dieser Kavalier anfänglich vom Degen, hernach von der Ökonomie mehr Fait gemacht als von der Feder, Oratorie und Poesie; aber deswegen fällt seinem Ruhm nichts ab, weil seine Gedanken dennoch gut gewesen sind, ob er sie gleich nicht allezeit nach seinem Willen exprimieren können. Ein und anderes, welches mir etwas gar zu frei und natürlich, daher anstößig oder, wie es die Singularisten nennen, ärgerlich geschienen, habe in etwas verändert oder gar weggelassen, Verschiedenes aber, was noch zu verantworten, ist stehengeblieben. Man könnte viele Bücher, die seit wenigen Jahren herausgekommen sind, anführen, in welchen weit natürlicher geschrieben worden als in diesem, allein es wäre unbesonnen, wenn man gleich selbst vom Leder zöge, besser ist, man wartet die Attacke ab und wehrt sich hernach desto besser. Übrigens: Weil der Ungenannte so glücklich gewesen, daß seine schon öfters im Druck herausgegebenen Schriften von sehr vielen wohl auf- und angenommen worden, versichert er sich bei diesen zwei Teilen der Elbensteinischen Reise- und Liebesgeschichte eines gleichen, wünscht allen Wollüstigen vor dem vergifteten Lasterkonfekt einen so starken Abscheu, als den Vernünftigen und Tugendhaften eine christliche Compassion mit den Schwachen und Ausschweifenden zu haben; beharrt im übrigen, unter dem Versprechen, mit nächsten noch andere parat liegende curieuse Geschichten vollends auszuarbeiten und zu publizieren. Des geneigten Lesers                 dienstergebener         Der Ungenannte. Erster Teil Es hat ein geborener von Adel zwei Hauptwege vor sich, durch welche er zu besonderen hohen Ehren gelangen und sich vor anderen seines Standes ungemein distinguieren kann, nämlich den Weg in den Krieg oder den Weg, zur Gelehrsamkeit zu gelangen. Ob man nun schon nicht in Abrede ist, daß sich viele von Adel auf andere Arten, nämlich durch Erlernung der Jägerei, Reitkunst und dergleichen, in hohe Posten geschwungen, so ist doch sonnenklar, daß die Zahl derjenigen, welche einen von den erstgemeldeten Wegen erwählt und dadurch sehr hohe Chargen erreicht, der anderen Zahl bei weitem übertrifft. Ein gewisser deutscher Kavalier, den wir Gratianus von Elbenstein nennen wollen, war zwar keine feige Memme, hatte aber mehr Lust zu den Büchern und zur Feder als zum Degen und anderem Gewehr, erwählte deswegen den Weg, sich durch Gelehrsamkeit emporzuschwingen. Weil er nun von seiner zarten Jugend an beständig fleißig studiert, hatte er es so weit gebracht, daß er sehr frühzeitig auf Universitäten ziehen konnte. Als er nach einigen Jahren von dannen zurück kam, zeigten sich seine vornehmen Eltern ungemein vergnügt, zumal sie von vielen Staats- und gelehrten Leuten die Versicherung erhielten, daß sie ihr Geld nicht übel angelegt, indem der junge Herr Gratianus von Elbenstein sich nicht allein in der Jurisprudenz, Philosophie, Mathematik und dergleichen, sondern auch in den Nebendingen, Tanzen, Reiten, Fechten, Voultoisieren, vor anderen, die gleich so viel Zeit und wohl mehr Geld als er verschwendet, ungemein hervorgetan hätte. Demnach war sein Herr Vater gesonnen, ihn fürs erste an einem gewissen fürstlichen Hofe als Kammerjunker zu engagieren; da aber der junge Herr von Elbenstein seinem Herrn Vater vorstellte, was es für eine vortreffliche und höchstnötige Sache sei, daß ein junger Kavalier, ehe er Bedienung bei Hofe annähme, sich vorher auf Reisen begäbe, um die Welt sowohl als die Gemüts- und Lebensarten der Menschen von verschiedenen Nationen kennenzulernen, er auch außerdem noch viel mehr andere Beweggründe hinzusetzte, resolvierte sich der Herr Vater bald, seinen beiden Söhnen eine standesmäßige Equipage verfertigen zu lassen und jedwedem einen wohlgespickten Beutel mitzugeben. Da nun dieses alles parat, willigte er in beider Brüder einstimmiges Begehren, daß sie nämlich nach Italien, dem Lustgarten von Europa, reisen möchten. Also nahmen beide jungen Kavaliere ihre Tour über Nürnberg, Regensburg, Augsburg, München, Innsbruck, Trient, Castel-Franco, Treviso und Mestre nach Venedig, wo sie den 2. Februar 1686 anlangten und den Karneval daselbst abwarteten. Da nun dieser zu Ende, fuhr Gratianus von Elbenstein mit der ordinären Barke nach Padua, sein Bruder aber, der von Kindheit an Belieben getragen, vom Degen Profession zu machen, blieb zurück, um mit dem ersten Transport nach Morea als Fähnrich unter des Obristen Schönfelds Regiment zu gehen. Von Padua gab sich Elbenstein nach N., wo es ihm ungemein wohlgefiel, zumal er wegen seiner guten Aufführung von jedermann wertgehalten wurde; ja er ließ sich auch belieben, die ihm von dem dasigen Fürsten angebotenen Dienste zu akzeptieren. Wie nun seine Charge also beschaffen war, daß er mit Leuten von verschiedenem Stande umgehen und zu tun haben mußte, also geschah es, daß er eines Tages mit der Äbtissin des Klosters St. Stephano zu sprechen berufen ward; da aber dieselbe mit einer jähen Unpäßlichkeit befallen worden, so schickte sie zwei von ihren vornehmsten Nonnen in das Parlatorium, um Elbenstein davon ausführliche Nachricht zu erteilen, was er des Klosters wegen seinem gnädigsten Fürsten vorzutragen belieben möchte. Die eine von diesen geistlichen Damen nannte sich Marinalba und die andere Laura. Diese war blassen Angesichts und hatte nebst blauen Augen einen wohlgestaltenen Mund und Nase, war aber dabei etwas korpulent, auch war ihr Humor nicht halb so lebhaft als der ersteren ihrer, welche zwar eine Brünette, dabei aber mit einer angenehmen und liebenswürdigen Gesichtsbildung und gleichsam blitzenden Augen von der Natur versehen war. Inmaßen nun die Erfahrung bezeugt, daß zuweilen Fehler und Mängel mehr avantagieux als schädlich seien, so trug sichs auch diesesmal zu, denn je weniger der von Elbenstein noch bis dato der italienischen Sprache mächtig war, je mehr Gunstbezeugungen genoß er von der angenehmen Marinalba, welche von der reizenden Gestalt dieses Kavaliers gleichsam bezaubert und ganz eingenommen, durch Gebärden dasjenige zu verstehen geben wußte, was sie ihm durch Worte nicht erklären konnte. Seine gebrochenen, halb französischen, halb italienischen und öfters gar deutschen Wörter benahmen ihm bei dieser geistlichen Venus nichts von der Vollkommenheit, welche er nach ihrer Meinung im Überfluß besäße, und weil eine anständige Blödigkeit seine verliebten Stellungen begleitete, ward dieser Dame verliebte Regung immer mehr und mehr vergrößert. Solchergestalt brachte sie eine ziemliche Zeit alle Grada oder vor dem Gegatter zu, weil Laura unter dem Vorwand einiger nötigen Geschäfte sich zeitig retiriert hatte, bis man endlich Ave Maria läutete und das Kloster geschlossen werden sollte, da beide nach wiederholten Liebesbezeugungen voneinander Abschied nahmen, jene sich nach ihrer Zelle, dieser aber sich zu seinem Fürsten verfügte, um demselben von der aufgetragenen Kommission nebst Überreichung des von der ganzen Sache im Kloster gemachten schriftlichen Aufsatzes Relation zu erstatten. Des andern Morgens, als Elbenstein noch im Bett lag, hörte er jemanden ganz sanft an seine Stubentür anklopfen, da denn bei Eröffnung derselben ihm, nebst einem Kompliment von der Donna Marinalba, der Castaldo oder Torwärter ihres Klosters ein Billett und eine Cestella oder Körbchen, welches mit den delikatesten Konfitüren angefüllt war, überreichte. Es möchte vielleicht den allerwenigsten Lesern daran gelegen sein, wenn man den Brief in italienischer Sprache, worin er geschrieben, eindrucken ließe, weswegen man nur die deutsche Übersetzung desselben hierher setzt: Mein Engel! Du bist so liebenswürdig, daß ich mit Fug und Recht dem Verhängnis, welches unserer Liebe im Weg steht, zum Trotz Dich anbete. Jedoch, mein Leben, die Liebe ist schon mächtig genug, uns aneinander zu heften. Ja! Du Trost meiner Seele! Mein Geist ist einzig und allein mit Deiner vollkommenen Gestalt beschäftigt, und meine Gedanken gehen beständig nur dahin, ihren geliebten Gegenstand wiederum zu sehen, und wenn ich glauben dürfte, daß Deine Gunst aufrichtig gegen mich wäre, so wüßte ich nicht, was ich von dem Glück mehr fordern sollte, ich würde mich bei diesem Vergnügen vollkommen glücklich nennen können. Jedoch es mögen Deine Liebkosungen auch nur erdichtet sein, so will ich doch auf alle Art mit der reinsten Inbrünstigkeit einer unvergleichlichen Gewohnheit, die sogar auch keine Gegengunst verlangt, wiederzulieben wissen. Mein Leben! Es ist wohl unmöglich, daß, da Du, wie ich nicht zweifle, von vielen Damen geliebt wirst, unter ihnen nicht eine Venus sich finden sollte, die mir meinen geliebten Adonis raubte. Lebe wohl, mein Vergnügen, und erinnere Dich bisweilen Deiner         Marinalba. Elbenstein, der, wie bereits gemeldet, noch allzu unerfahren in der italienischen Sprache war, wollte sich nicht unterstehen, schriftlich zu antworten, ließ sich aber durch den Castaldo, welcher gut Französisch verstehen und reden konnte, nachdem er demselben ein gutes Mancia oder Trinkgeld gegeben, der verliebten schönen Nonne gehorsamst empfehlen und vermelden, daß er gegen Mittag, wenn die letzte Messe würde gehalten werden, in der Kirche ihres Klosters erscheinen und so lange darinnen verbleiben wollte, bis er Erlaubnis und Befehl erhalten würde, seine mündliche Danksagung für das überschickte Präsent abzustatten. Sobald Marinalba dieses vernahm, fiel ihr sogleich eine List bei, auch in dem heiligen und verschlossenen Ort dennoch eine freie Liebesunterhaltung zu genießen. Denn weil sie dieses Jahr Sacristana oder Küsterin war, so konnte sie in der Sakristei, unter dem scheinbaren Vorwand, das Meßgerät in Ordnung zu bringen und zu verwahren, eine Zeitlang daselbst verbleiben, daher sie dem Castaldo, welcher in der Ruffianania oder Kupplerkunst ein Meister war, befahl, unter der Messe dem von Elbenstein zu sagen, daß unter dem Schein, seine Andacht in der Kirche noch allein zu haben, er bei einem gewissen Altar, der der Sakristei gegenüber war, verweilen sollte, da sich denn Gelegenheit finden würde, mit ihm ein Stündchen allein zu sprechen. Der verschlagene Castaldo kam diesem Befehl ganz fleißig nach; denn als er unseren deutschen Kavalier bei einem Altar, wo eben diesmal keine Messe gelesen wurde, antraf (weil dieser der römischen Lehre nicht zugetan war), kniete er sogleich bei dem Stuhl, worin Elbenstein saß, nieder, tat, als ob er in seinem Breviario läse, und richtete unter der Zeit, da er seine Augen immer auf das Buch gerichtet hielt, seine Kommission aus, wonach er aufstand und fortging. Da nun der Gottesdienst zum Ende und alles Volk aus der Kirche gegangen war, kam der Castaldo zu dem von Elbenstein und hinterbrachte ihm, daß er an die Grada der Sakristei zu kommen belieben möchte, woselbst die Riverendissima Donna Marinalba ihn sprechen wolle. Der lüsterne Kavalier versäumte nicht, sich dahin zu begeben, und traf, nachdem der Vorhang hinweggezogen, seine geistliche Mätresse daselbst ganz allein an. Mittlerweile schloß Castaldo alle Kirchtüren zu und ließ die beiden Verliebten allein beisammen. Wie nun Personen in ihrer Glut mit bloßen verpflichteten Reden und verliebten Mienen allein sich nicht befriedigen können, sondern den Gliedern des Leibes von der Wollust der Seelen durch entzückendes Fühlen auch gern etwas mitgenießen lassen wollen, welches Verlangen die Liebe vermittels sinnreicher und lüsterner Erfindung einer bequemen Gelegenheit zu erfüllen geschickt ist, also geschah es auch diesesmal, denn da zuvor nur der Augen feurige Blicke und die verliebten Seufzer sich miteinander begattet, so mußte nunmehr auch den Lippen ein angenehmer Weg, darauf sie die Liebe unter unzähligen schmachtenden Bemühungen vermittels wiederholter inbrünstiger Küsse einander mitteilen möchten, durch dasjenige Fenster geöffnet werden, wodurch man den geistlichen Damen sonst nur heilige Sachen mitzuteilen pflegte. Und weil die Öffnung so groß, daß man gar füglich mit dem Kopf hineinkommen konnte, so blieb es nicht allein bei dergleichen verliebter Handlung, sondern der Marinalba aufgequollene Brust, welche als ein kleiner Ätna die Flammen einer unumschränkten Liebe kaum noch verbergen konnte, mußte allerhand Liebkosungen teilhaftig werden. Marinalbens Gegenvergeltung bestand in solchen ausschweifenden und vorwitzigen Untersuchungen, welche deutlicher zu beschreiben die Ehrbarkeit nicht gestatten will. Unter solchen verliebten Mißhandlungen verstrich die Zeit, während welcher sich diese beiden solcher Freiheit bedienten, die aller Orten, geschweige denn an einem so heiligen Ort, verboten sind. Die Türen wurden wieder geöffnet, welches das Zeichen war, daß beide hohe Zeit hatten, sich voneinander zu begeben. Als Elbenstein wieder in seinem Zimmer angelangt, berichtete ihm sein Staffiere oder Bedienter, daß der Fürst nach ihm fragen lassen, weswegen er sich sofort zu demselben begab und sein Ausbleiben von der Tafel damit entschuldigte, daß er bei einigen sächsischen Offizieren, die aus der Levante gekommen und ihm Nachricht von seinem Bruder mitgebracht, sich verweilt hätte. Der Fürst war mit dieser Entschuldigung zufrieden und erteilte ihm hierauf Befehl, morgen mit dem frühesten nach Bataglia zu dem Marchese Obizzo zu reisen, ihn, den Fürsten, bei demselben anzumelden, weil er seine Visite auf etliche Tage bei ihm abstatten wollte. Elbenstein versprach, dieser Ordre gehorsamste Folge zu leisten, nach genommener Retirade machte er sich zur Reise parat; selbigen Abend aber kam Castaldo noch einmal und brachte ihm von seiner geliebten Marinalba folgende Zeilen: Meine andere Seele! Ihr seid doch anbetungswürdig! Wollt Ihr mir aber gar nicht schreiben? Ei was? Schreibt mir doch! Es mag ja so konfus sein als es will. Wißt Ihr nicht, daß ich Euer ganz eigen bin ? So glaubt doch zum wenigsten, daß Ihr der angenehme Gegenstand meiner Gedanken seid. Nichts von Euch kann mir mißfallen. Ja, ja! Schreibt mir nur, denn Eure Zeilen werden mir ein schöner Regenbogen sein, welcher alle Wolken meiner Betrübnis vertreiben wird. Nur dieses erinnert Euch stets, daß unsere Liebeshändel heimlich traktiert werden müssen. Ich recommandiere Euch die Verschwiegenheit, nicht daß ich wegen Eurer Klugheit in Verhehlung unserer Liebe etwa besorgt wäre oder ein Mißtrauen hätte, sondern was weiß ich? Ich sage nur so, um Euch zu warnen, daß Ihr behutsam sein mögt. Ich halte viel auf meine Reputation, und ein bloßer Schatten deucht mir ein großer Riese, denn ich wollte gern, daß man von mir jederzeit so spräche, als wie von einer übermenschlichen Person, welche den Schwachheiten der Liebe nicht unterworfen wäre. Und gleichwohl leider! bin ich diesmal entzündet. Ich bin im Liebesgarn gefangen! Was ist zu tun ? Ich hatte mir zwar vorgesetzt, nicht mehr zu lieben, aber mein Schicksal zwingt mich, Dich, oh mein Engel, zu lieben. Hierbei lagen noch diese Zeilen: Wiegroß ist meine Lust? Noch größer als die Welt; Die Lust, so sich durch dich bei mir jetzt eingestellt; Da meine Seele sich beglücket sieht und findet, Indem sie bloß von dir in Liebesglut entzündet. Die ungemeine Liebe, so Elbenstein zu seiner schönen Nonne trug, ließ es nicht zu, ihren Brief unbeantwortet zu lassen, sondern er schrieb ihr in den verliebtesten Expressionen, so viel als er mit italienischen Worten zusammenbringen konnte. Anbei legte er einige lateinische Verse, welche er nach einer bekannten Melodie aufgesetzt hatte, mit ein. Sie sind wert, daß man sie mit hersetzt: Cor saxeum probavi hactenus Ac glacie frigidiorem mentem; Nunc autem nunc, eheu! non amplius Persentio amoris vim ardentem Impugnat me jam formosissima Angelica. Nach der deutschen Reimart möchte dieses soviel bedeuten: Mein Herz war sonst den härt'sten Felsen gleich, Auf welchen nichts als Eis und Schnee zu finden. Jedoch nunmehr wird es nur allzuweich, Es fühlet nun ein brennendes Entzünden, Ein Engelsbild, aus dem die Schönheit blitzt, bekämpft es itzt. Angelica! ad quas angustias Me redigit nunc tua lux augusta? Ah! retrahe has stellas lucidas, Iam radiis mens tuis est combusta, Agnoscite Victricem, anima Angelica! Mein Engelskind! In was für trübe Nacht Zieht mich dein wunderschönes Licht und Leben, Halt ein! Die Glut hat mich fast umgebracht, Ich will dir williglich gewonnen geben, Du hast gesiegt! Ich will es gern gestehn, Laß mich nur gehn. Sed fugem cur ardenter appeto? Ignotum hoc est adhuc pugnae genus, Non fugio, si succumbuero, Me vinciet, mie vincet Alma Venus, Et vulnera, quae dat Angelica, funt oscula. Jedoch, mein Herz! Was willst du rückwärts gehn? Du kennst noch nicht die Art von diesem Kriege, Drum weiche nicht, du wirst entzücket sehn, Wie du besiegt, vergnügt wirst bei dem Siege, Hier wird, wenn man sich gleich zum Kriege rüst', sehr oft geküßt. Darauf folgenden Morgens trat Elbenstein seine Reise nach Bataglia an, um seinen gnädigsten Herrn bei dem Marchese anzumelden. Es war aber um die Zeit der Weinlese oder wie es die Italiener nennen, al tempo dell uve, da es sich denn fügte, daß, als er ungefähr acht italienische Meilen geritten war, er an ein überaus schönes Schloß kam, bei welchem ein vortrefflicher Weinberg lag, wo die reifen Trauben abgelesen wurden. Er bekam Appetit, etwas von solchen delikaten Früchten zu kosten, weswegen er seinem Diener befahl, abzusteigen und sich gegen Bezahlung derselben von dem Winzer geben zu lassen. Der Diener berichtete bei seiner Zurückkunft, daß eine junge, schöne und ansehnliche Dame sich in dem Lusthause befunden, welche Elbenstein durch ein Perspektiv betrachtet, und sobald sie von ihm, dem Diener vernommen, daß derjenige, so die Trauben verlangte, ein Kavalier des Fürsten von N. wäre, hätte sie sich selbst die Mühe gegeben, die besten abzuschneiden und dieselben nebst den auserlesensten Aprikosen in eine Schüssel zu legen. Unter der Zeit aber, da sie den Winzer auf die Seite geschafft, hätte sie eine Bleifeder aus der Ficke gezogen und einige Zeilen auf ein Blättchen Papier geschrieben und ihn, den Diener, gebeten, solches nebst den Früchten und einem ergebensten Kompliment von ihrer Person seinem Herrn zu überbringen. Elbenstein war nicht halb so lüstern, die schönen Früchte zu kosten, als den Inhalt des Billetts zu wissen, fand also selbiges folgendermaßen gesetzt: Die Früchte sind glücklicher als ich, weil sie von den süßen Lippen eines schon längstens insgeheim von mir angebeteten Kavaliers sollen berührt werden; die andere Woche werde ich nach Ariqua kommen, wo ich hoffe, das Glück zu genießen, mich mit seiner höchstverlangten Gegenwart beseligt zu sehen. Reise glücklich, Du angenehmer Trost meiner Seele! Im Gasthof zum Lämmchen, daselbst wirst Du eine Person antreffen, welche Dir Gelegenheit zeigen kann, mein verliebtes Verlangen zu stillen. Diese verliebte Dame stammte von einem fürstlichen Hause derer von Carara her, welcher Vorfahren Fürsten zu Padua gewesen, nach dem fatalen Ende aber des Fürsten Andreae Caranensis war diese durchlauchte Familie dermaßen in Verfall dessen Hoheit, Macht und Güter geraten, daß die zu damaligen, Elbensteins, Zeiten noch lebenden Nachkommen sich kaum als mittelmäßige von Adel aufführen konnten. Obgedachte Verfasserin des Billetts war an einen tirolischen Baron von K.** vermählt, welcher seine vorherige hochschwangere Gemahlin bei einer an dem Innstrom vorgenommenen Promenade wegen eines auf sie gelegten heftigen Verdachts in den Strom gestürzt, wo er am tiefsten gewesen, so daß sie, ehe ihr jemand zu Hilfe kommen können, jämmerlich ertrinken müssen. Um aber nun der Rache seiner Schwäger und übrigen Anverwandten zu entgehen, hatte sich der Baron von K.** nach Italien unter die Protektion der durchlauchten Republik Venedig salviert, die schon zum voraus auf seine tirolischen Güter erborgten 50 000 Reichstaler zur Erkaufung dieses Schlosses nebst andern dazugehörigen austräglichen Pertinenzstücken angelegt und sich nachher mit dieser Dame von Carara vermählt. Ungeachtet nun, daß dieses Paar Eheleute einander an Jahren sehr ungleich waren, indem der Baron schon fünfzig, sie aber kaum zwanzig zählte, so wußte doch diese schlaue Dame, in Betrachtung des wenigen zu ihm gebrachten Vermögens, ihn dergestalt zu karessieren, daß er nicht den geringsten üblen Verdacht auf sie legte, sondern ihr alles Gute zutraute, überhaupt an ihrer Treue gar keinen Zweifel trug. Und eben dieserwegen vergönnte er ihr weit mehr Freiheit, als sonst ordentlicherweise andere italienische Damen zu genießen haben. Ja, sein Vertrauen war dergestalt groß, daß er ihr vergönnte, ohne seine Gesellschaft zu ihren Anverwandten und guten Freunden über Land zu reisen. Bei so gestalten Sachen hatte sie die Gelegenheit, als sie ihre Frau Schwester, die von St. Piedro Campo zu Venedig, besuchte, den von Elbenstein zu sehen, welcher mit seinem Fürsten um die Jahreszeit, da sich der venezianische Doge mit dem Adriatischen Meere zu vermählen pflegt, dahin gekommen war. Sie warf augenblicklich eine ungemeine Liebe auf diesen Kavalier, jedoch ungeachtet sie oft in Opern und Gesellschaften einander begegneten, er ihre Leidenschaft nicht merkte, sie aber ihm selbige zu entdecken keine bequeme Gelegenheit hatte, überdies keine Person wußte, der sie ihr Anliegen sicher vertrauen konnte, so mußte die verliebte Dame ohne Erfüllung ihres Verlangens für diesmal mit trockenem Mund nach Hause reisen. Jedoch vermehrte sich bei ihr die Liebe und Sehnsucht nach diesem Kavalier dergestalt, daß sie endlich auf die List geriet, eine Krankheit vorzugeben und bei einem berühmten Medico in derselben Stadt, wo Elbensteins Fürst residierte, sich in die Kur zu begeben, sich auch dieserwegen daselbst ein besonderes Haus zu mieten. Ehe aber diese Anschläge zu Werk gerichtet wurden, fügte es sich, wie schon oben gemeldet, daß sie ihren geliebten Kavalier unverhofft zu sehen bekam und demselben einen Ort anweisen konnte, wo sie sich beide vollkommen miteinander zu ergötzen die bequemste Gelegenheit hätten. Der über eine neue Amour höchst erfreute Elbenstein säumte sich nicht, sein Devoir zu observieren, sondern stieg vom Pferd, ging hinter ein kleines Gebüsch und schrieb ebenfalls mit Bleistift der Dame ein kleines Billettchen zurück, worin er versicherte, daß er mit dem allergrößten Vergnügen ihrer Ordre parieren und sich um bestimmte Zeit in Ariqua zu ihren Füßen werfen wollte. Der geschickte Diener war bei Zurückbringung der Schlüssel und Abstattung des gehorsamsten Dankes von seinem Herrn so glücklich, der Dame das Billettchen unvermerkt in die Hand zu stecken. Diese befahl, daß man dem Diener alle seine Picken voll Früchte stecken sollte, weil nun dieser Kerl etwas lustigen Gemüts, liefen alle ihre Bedienten hinter ihm her, mittlerweile bekam die Dame Zeit, Elbensteins Antwort zu lesen, worüber sie in höchstes Vergnügen gesetzt wurde. Endlich, da die lustigen Geister wieder zurückkamen, befahl die Dame, daß sie im Haus bleiben sollten, sie aber ging mit dem Diener etliche Schritt in einer Galerie fort, riß eine schöne Aprikose ab, tat einen einzigen Biß darein, wickelte hernach dieselbe in ein reines Papier und sagte: »Da! Bringt diese Eurem Herrn nebst meinem Herzen, und wo Ihr getreu seid, soll es Euer Schade nicht sein.« Hiermit drehte sie sich ganz unpassioniert um, der Diener machte seine Reverenz und kehrte zu seinem Herrn, beide setzten sich zu Pferd und ritten ihres Weges. Wenn aber Elbensteins Magen gleich bis unter das Kinn angefüllt gewesen wäre, so hätte er sich doch nicht entbrechen können, diese angebissene Aprikose dennoch zu essen, ja sie schmeckte ihm dermaßen delikat, daß er sich nicht entsinnen konnte, zeitlebens dergleichen Leckerbissen gegessen zu haben. Bei Vorbeipassierung des Schlosses hatte er das Glück und Vergnügen, seine neue Amasiam im Fenster gucken zu sehen, der er nebst einer charmanten Miene ein obligantes Kompliment machte, nachher aber seinem Pferde die Sporen gab und zu rechter Zeit in Bataglia anlangte, wo er sich sogleich durch den Oberhofmeister bei dem Marchese melden ließ, auch bald hernach in einem von vier Bedienten des Marchese begleiteten Wagen nach Hof abgeholt und nach abgelegter Kommission mit zur fürstlichen Tafel gezogen ward. Indem nun der Marchese über die Visite des Fürsten in ein besonderes Vergnügen gesetzt war, so ließ er Anstalten machen, demselben auf zwei italienische Meilen entgegenzufahren und ihn aufs prächtigste zu bewillkommnen. Man hält es nicht für ratsam, die Magnifizenz, Kostbarkeiten, herrlichen Traktamente und andere Divertissements, als Opern, Bälle und dergleichen, so bei dieser durchlauchten Versammlung passierten, ausführlich zu beschreiben, weil dieses viel zu weitläufig fallen würde, sondern nur zu melden, daß nachdem sich beiderseits Fürsten eine ganze Woche hindurch zu Bataglia ergötzt hatten, sie von dem Prälaten eines fünf italienische Meilen davon gelegenen reichen Benediktinerklosters (wo ein Brunnen war, dessen Wasser wie Milch schmecken soll) auf etliche Tage eingeladen wurden, um sich mit Jagen und Fischen zu belustigen. Beide fürstlichen Personen begaben sich also, jedoch nur mit einer kleinen Suite, dahin, um dem geistlichen Herrn nicht allzuviel Ungelegenheit zu verursachen, wannenhero Elbenstein desto leichter Erlaubnis erhielt, auf fünf Tage nach Padua zu reisen, indem er vorgab, daß er daselbst etliche aus Morea gekommene Offiziere besuchen und ihnen, weil sie von da nach Deutschland zu reisen gesonnen, einige Galanteriewaren und italienische Raritäten, an seine Eltern und gute Freunde zu überbringen, mitgeben wollte. Als er aber nur eine halbe Stunde weit von Bataglia hinweg war, wandte er sich gänzlich von der Straße, so nach Padua geht, ab und gelangte, da es schon dämmerig war, zu Ariqua in dem bedeuteten Gasthof zum Lämmchen an. Hierselbst ließ er sich ein eigenes Zimmer geben und bat, die Abendmahlzeit bald fertig zu machen, da denn mittlerweile, als der Wirt dazu Anstalt machte, eine betagte Frau in sein Zimmer kam, unter dem Vorwande, das im Alkoven stehende Bett weiß zu überziehen. Diese Alte fragte ihn alsbald, ob er nicht der Kavalier wäre, welcher in vergangener Woche bei dem Schlosse N. N. vorbeigeritten und sich am Weinberg mit Trauben und anderen Früchten delektiert hätte. »Ja!« sagte Elbenstein, »der bin ich, die Früchte delektierten mich ungemein, jedoch lange nicht so sehr als der Anblick einer wunderschönen Dame, die ich im Vorbeireiten aus einem Fenster des Schlosses gucken sah.« Hierauf meldete die alte Ruffiana, daß eben diese wunderschöne Dame schon gestern in Ariqua eingetroffen wäre und sich in das allernächste Haus bei diesem Gasthof einlogiert hätte. Ihr, der Alten, welche ehedem in ihrer Eltern Diensten gewesen, hätte sie seine Person sehr genau beschrieben und dabei befohlen, ihn bei Nachtzeit zu ihr zu führen, weil sie Verschiedenes mit ihm zu sprechen hätte. Elbenstein machte allerhand Einwürfe, wie nämlich dieser Besuch bei nächtlicher Weile eine gefährliche Sache sei; was würde nicht der Wirt denken, wenn er als ein Fremder so spät aus dem Hause ginge? Überdies wisse er nicht, was ihm als einem Ausländer, der hier ganz und gar nicht bekannt wäre, etwa für Gefährlichkeiten aufstoßen könnten. Allein, alle diese Schwierigkeiten und Vorstellungen wurden gleich behoben, da ihm die Alte einen Schlüssel zeigte, vermittels dessen in den Garten, welcher an sein Zimmer stieß, zu gelangen wäre; nebst diesem zeigte sie einen anderen Schlüssel, mit welchem sie die Hintertür des Hauses öffnen könnte, worin die Dame wohnte. Hiernächst riet ihm die Alte, daß er sich beim Essen müde stellen sollte, damit sich der Wirt desto eher bei ihm beurlaubte, da sie sich denn zu gehöriger Zeit einfinden und ihn an denjenigen Ort führen wollte, wo er den Überfluß alles Vergnügens antreffen würde. »Wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen«, pflegt man in gemeinem Sprichwort zu reden. Es war ohnedem Elbensteins Sache nicht, diese schöne Gelegenheit auszuschlagen, und wenn er sich auch gleich dabei einiger Gefahr exponieren müsse. Deswegen versprach er der Alten, nebst Darreichung eines Goldstücks, sich auf ihre Klugheit und weise Führung zu verlassen, worauf sich denn diese sogleich in die Küche begab und vorstellte, daß der Kavalier, als ein deutscher hungriger Wolf, bald zu essen und bald hernach zu schlafen verlangte. Der Wirt verabsäumte nicht, ihn bald zu befriedigen, brachte demnach die Speisen, welche Elbenstein als ein junger zweiundzwanzigjähriger Mensch nebst einer guten Bouteille Massinicierer-Wein sich wohlschmecken ließ. Der Wirt war zwar neugierig zu wissen, wes Standes er und was seine Verrichtung etwa diesen Orts wäre; allein er gab sich bloß für einen Passagier aus, der, um Welschland zu sehen, von einem Ort zum anderen reiste und sich, wo es ihm gefiel, zwei, drei oder auch wohl mehr Tage aufhielt; wie er denn seinen Diener auch schon so gestimmt, um auf einerlei Rede zu bleiben. Hierauf gab der Wirt zu vernehmen, daß, obgleich dieser Ort nicht allzugroß und volkreich, dennoch von langen Jahren her berühmt und in der Historie deswegen bekannt wäre, weil vor alters der berühmte Poet damaliger Zeit, Franciscus Petrarcha, daselbst gewohnt und unter anderen sinnreichen Gedichten und Schriften auch viele Verse auf seine geliebte Laura gemacht. Das Haus, worin er gewohnt, stünde noch, und die Katze, welche seine Schriften vor den alles zernagenden Ratten und Mäusen verwahrt, wäre noch über der Tür seiner Studierstube einbalsamiert zu sehen. Elbenstein bezeigte demnach, dieser und anderer Kuriositäten wegen, welche ihm von dem Wirt in aller Kürze hergezählt wurden, ein Verlangen, einige Tage dazubleiben und sich in diesem Städtchen und dessen angenehmem Revier recht umzusehen; weil er sich aber für diesesmal nach eingenommener Mahlzeit ganz schläfrig anstellte, ließ der Wirt die Speisen abtragen und wünschte ihm eine ruhige Nacht. Unter währendem Speisen hatte die alte Ruffiana der Dame die Ankunft ihres geliebten Kavaliers gemeldet, kam also etwa eine Stunde nach des Wirts Retirade zu ihm hinauf und brachte zur Nachricht, daß die Dame sich über sein Dasein ungemein erfreute und das Vergnügen zu haben verhoffte, ihn diese Nacht um zwei Uhr (welches nach unserer gewöhnlichen deutschen Uhr um zehn ist) bei sich zu sehen. Da nun Elbenstein versicherte, daß es an ihm nicht ermangeln sollte, ihr seine Aufwartung zu machen, versprach die Alte, ihn zu bestimmter Zeit abzurufen, mittlerweile sie nur die übrigen Gäste, bei Abwesenheit des Wirts und der Wirtin, welche beide sich sehr zeitig zu Bett zu legen pflegten, gehörig zu accommodieren und ebenfalls zu Bett zu schaffen bemüht sein wollte. Ob nun schon Elbenstein von der Reise etwas ermüdet war, so beschloß er dennoch, die zwei Stunden, so er ungefähr noch auf sein Vergnügen zu hoffen hatte, mit wachenden Augen zuzubringen, um der Dame nicht als ein verschlossener Distelkopf entgegenzukommen, allein da er kaum eine Viertelstunde im Schlafstuhl gesessen und sich den bevorstehenden Zeitvertreib gar zu angenehm vorgestellt hatte, fielen ihm die von der scharfen Luft ermüdeten Augen ganz ungefähr zu, weswegen ihn denn die alte Ruffiana kurz zuvor, ehe die Glocke zwei Uhr anzeigte, im sanften Schlaf antraf. »O!« sagte sie, »was will daraus werden? Mein Herr! Wenn Ihr ein so großer Liebhaber des Schlafes seid?« »Kehrt Euch an nichts«, sagte Elbenstein, »nun habe ich schon vollkommen ausgeschlafen und will mit einem jeden, wer es auch sei, drei Tage und drei Nächte um die Wette wachen.« Die Alte lachte über ihren besten Zahn, ermahnte ihn aber, sich nicht lange zu säumen, weswegen er seinen Hut und Seitengewehr nahm und sich von ihr, weil sie eine kleine Blendlaterne in Händen hatte, durch den Garten in das nächstgelegene Haus führen ließ. Die Alte hielt sich, nachdem sie die Tür eines Zimmers eröffnet, welches durch nicht mehr als zwei auf dem Boden stehende Wachslichter erleuchtet wurde, nicht lange auf, sondern nahm ihren Rückweg und schloß die Tür ab. Elbenstein ging etlichemal im Zimmer auf und nieder, da aber keine lebendige Kreatur zum Vorschein kommen wollte, wurde er stutzig und blieb mitten im Zimmer stehen. Endlich öffneten sich die Tapeten, und es kam etwas Lebendiges herausgetreten, welches er auf den ersten Anblick für nichts anderes als einen Geist hielt, denn außer der Gestalt eines verhüllten Menschenkopfs hatte es von oben bis unten einerlei Taille, und zwar ganz weiß bekleidet. Es fehlte nicht viel, daß er ausrief: »Alle guten Geister!«, denn sein Erschrecken war ungemein groß, zumal dieser Geist auf ihn zugegangen kam, er tat etliche Schritte zurück und griff in der Angst nach seinem Degen, indem rief dieser eingebildete Geist: »Halt, mein Herr! Ich bin Euch nicht gefährlich, sondern wollte nur Eure Courage probieren.« Unter diesen Worten fiel der Schleier vom Haupt, und da erkannte Elbenstein erst seine Geliebte, Baronne von K., welche sich alsobald näherte und ihn, der fast am ganzen Leibe zitterte, aufs zärtlichste umarmte. Ungeachtet er nun fühlen konnte, daß dieser Geist, welcher sich mit dem allerzartesten einfachen Leinwandkleid überdeckt, Fleisch und Beine hatte, so konnte er seine Alteration dennoch nicht sogleich verwinden, bis endlich die Baronne einen langen seidenen Schlafrock überhing und ihn bei der Hand in ein Nebenzimmer führte, wo auf zwei Tischen die herrlichsten Weine und Konfitüren paratstanden. Es waren keine Bedienten zugegen, deswegen gab sich die Baronne selbst die Mühe, den bestürzten Elbenstein aufs eifrigste zu bedienen, welcher sich denn auch von seinem gehabten Schrecken gar bald wieder erholte. Sobald er einen ziemlichen Pokal auf dero Gesundheit ausgeleert und sie ebensoviel Bescheid getan, waren ihre ersten Worte: »Nun habe ich Euch, mein Engel! noch hundertmal lieber als vorher, da ich sehe, daß Ihr das Herz habt, Euren Degen gegen ein Gespenst oder einen Geist zu ziehen, denn ich kann Euch versichern, daß ich keinen Kavalier ästimiere, der nicht resolut ist, und wenn er auch ein englisches Gesicht hätte und am Leibe noch so wohlgewachsen wäre. Zwar weiß ich mich wohl zu bescheiden, daß auch wohl der resoluteste Kavalier vor einem Gespenst mehr Furcht zu bezeigen pflegt, als vor etlichen Tausend anrückenden Feinden, allein ich bin, wie gesagt, mit Eurer Aufführung vollkommen zufrieden.« Bei Endigung dieser Worte setzte sie sich von selbst auf Elbensteins Schoß und zählte ihm unzählige Küsse zu, welche er nicht unvergolten ließ. Ja, der Schrecken verschwand hierdurch dergestalt bei ihm, daß er sie bat, den ihr vielleicht selbst unbequemen dicken seidenen Schlafrock abzulegen und sich ihm viel lieber in der vorigen Gestalt eines anbetenswürdigen Geistes zu zeigen. Die Baronesse ließ sich hierzu sogleich willig finden, und ungeachtet die Leinwand ohnedem zart und durchsichtig genug war, so war doch dieses Kleid also auch beschaffen, daß es von allen Seiten mit leichter Mühe von einander getan werden konnte. Sie vertrieben demnach einander die Zeit bei dem delikaten Wein und Konfekt mit den allerfreundlichsten Diskursen über eine gute Stunde lang, um aber die Hauptsache, warum sie ihn hatte zu sich kommen lassen, auszumachen, führte sie ihn noch in ein anderes Zimmer, wo beide bessere Bequemlichkeit haben konnten, da denn nach vielen Streitigkeiten, pro und contra, endlich ein süßer Schlaf beiden die Augen zudrückte, worin sie jedoch gar bald gestört wurden, indem die alte Ruffiana kam und vermeldte, daß der Tag bereits anbrechen wolle, weswegen Elbenstein nicht verabsäumen möchte, sich in sein Quartier zu begeben. Die Baronesse eröffnete ihm demnach noch einmal in aller Kürze ihre Gedanken, welche er nach seiner bereits erschöpften Überlegungskraft dennoch zu ihrem Vergnügen beurteilte und auf ihr inständiges Bitten folgenden Abend, um eben die Zeit, wiederzukommen versprach, um die Hauptsache weiter zu traktieren. Elbenstein waren diese Prozeßgrillen dergestalt in den Kopf gestiegen, daß er, nachdem er in sein Logis gekommen, keinen besseren Rat zu erfinden wußte, als sich in sein Bett zu legen und noch einige Stunden zu schlafen, welches er denn so lange tat, bis sein Bedienter drei Stunden nach Aufgang der Sonne ihn aufweckte und unter währendem Ankleiden vermeldete, daß in verwichener Nacht drei Kutschen mit Damen und Kavalieren angekommen wären, welche ihre in der Nähe da herumliegenden Weinberge wollten lesen lassen. Dieselben hätten gleich mit anbrechendem Tag einige ihrer Bedienten fortgeschickt, um in den dabeibefindlichen Lusthäusern zum bequemen Aufenthalt alles zu veranstalten, mittlerweile sich die Herrschaften vielleicht noch ein paar Tage und Nächte in diesem Gasthof aufhalten dürften. Es machte sich Elbenstein hierüber keine besonderen Gedanken, nachdem er aber seinen Diener ausgeschickt, ihm ein und anderes, dessen er benötigt war, einzukaufen, kam die alte Ruffiana und brachte von der Baronne von K. einen mit verschiedenen gebackenen Sachen und Konfitüren angefüllten verdeckten Korb nebst einer vortrefflichen, noch sehr warmen Mandelsuppe. Er nahm sich ein Bedenken, von dieser letzteren etwas zu genießen, weil er sich eines gefährlichen Betrugs dabei befürchtete. Die alte Ruffiana merkte seine Furcht, schöpfte sich deswegen einen Teller voll und speiste davon mit großem Appetit, weswegen ihm aller Argwohn verging und er also die Suppe auf die Gesundheit seiner geliebten Baronne ganz aufaß. Nachdem er nun der Alten ein Danksagungskompliment an dieselbe aufgetragen und befohlen, ihm seine Speisen nicht eher als etwa eine Stunde über Mittag von dem Wirt bringen zu lassen, spazierte er in den Garten, um seinen verliebten Gedanken und Erinnerung alles desjenigen, was ihm bisher passiert war, desto ungestörter nachzuhängen. Er setzte sich demnach in eine wiewohl nicht eben allzugut angelegte Grotte, denn die Natur zeigte zwar hier einem Künstler die allerschönste Gelegenheit, ein Meisterstück zu machen, allein entweder war der Wirt kein besonderer Liebhaber von dergleichen, oder es mochte ihm vielleicht an Mitteln fehlen, ein kostbares Grottenwerk anlegen zu lassen. Unterdessen betrachtete Elbenstein erst die Wunder der Natur und wie das allerklarste Wasser bald hier, bald dort aus den Felsenlöchern herausspritzte, hernach setzte er sich in einen von Moos zugerichteten Schlafstuhl, worin zwei Personen gar commode nebeneinander sitzen konnten, er wünschte schon wieder seine geliebte Baronne an diesem angenehmen Ort bei sich zu haben, weil aber dieser Wunsch vergebens, so verfiel er in tiefe Gedanken, aus welchen er sich erst nach Verlauf einer guten Stunde ermunterte und ihm nicht anders zu Mut war, als ob er geschlafen und geträumt hätte. Da es ihm aber etwas gar zu kühl zu werden begann, machte er sich wieder aus der Grotte heraus an die Sonne und ging im Garten auf und ab spazieren, da er denn gewahr wurde, daß die fremden Kavaliere und Damen über seinem Zimmer logierten; deswegen begab er sich aus dem Garten heraus, ging nach dem Stall, wo seine Pferde standen, im Rückkehren aber bemerkte er in einem anderen Zimmer durch die Fensterscheiben noch mehrere Damen, konnte jedoch nicht sehen, ob sie schön oder häßlich waren, weil sie ihre Gesichter mit Florkappen bedeckt hatten; wiewohl er sich auch hierum wenig bekümmerte, indem ihm das Bildnis der charmanten Baronne von K. beständig vor Augen schwebte. Er begab sich wieder nach seinem Zimmer und brachte die Zeit mit allerhand Gedanken zu, bis endlich der Wirt nebst der Alten ihm die Mahlzeit auftrugen. Der erstere erzählte, wie einige Kavaliere und Damen begierig zu wissen gewesen wären, wer doch der Herr sein möchte, welcher im Garten spazierengegangen, ja die eine Dame hätte ihn, den Wirt, auf die Seite gezogen und ihm einen Zecchin geboten, wenn er ihr den Namen dieses Kavaliers und den Ort, wo er sich ordentlich aufzuhalten pflegte, sagen wollte; allein er habe hoch beteuert, daß er ihre Kuriosität nicht vergnügen könnte, weil sich dieser Kavalier weiter für nichts als einen Reisenden ausgäbe, der sich an diesem oder jenem Orte, wo es ihm gefiele, zuweilen einen oder etliche Tage aufzuhalten pflegte. »Mein Herr!« sagte hierauf Elbenstein, »Er hat recht geantwortet; damit Er aber nicht Schaden leide, so verehre ich Ihm hiermit zwei Zecchins mit der Bitte, daß Er jetzt gleich nach der Mahlzeit auf ein paar Stündchen mit mir spazierengehen möchte, um mir die selbigen Orts befindlichen Merkwürdigkeiten zu zeigen.« Der Wirt stellte sich nunmehr, nach abgelegter schuldigen Danksagung für das empfangene Geschenk, noch einmal so dienstfertig und versprach, Elbensteins Befehlen in allen Stücken zu gehorsamen. Dieser ließ sich die Mahlzeit wohlschmecken, desgleichen den trefflichen Wein, den man in selbiger Gegend um billigen Preis haben konnte, und begab sich nachher mit dem Wirt auf den Spazierweg. Dieser führte ihn zu allererst zu des in seinem Leben sehr berühmt gewesenen Francisci Petrarcha Haus, welches er sehr schlecht und nicht viel besser als ein gemeines Bauernhaus befand, doch dem berühmten Mann zu Ehren besah er alle Winkel desselben und setzte sich endlich, um ein wenig auszuruhen, auf der Stelle nieder, wo der Sage nach Petrarcha vor diesen seine Schlafstätte gehabt hätte. Er bemerkte über der Tür nicht nur obgemeldete Katze, sondern auch folgende Buchstaben: »Francisc. Petrarcha, Aret. Florent. nat. MCCCIV. d. XX. Jul. denat. Florent. MCCCLXXIV.« Elbenstein versicherte seinem Wirt, daß er auf Universitäten in Deutschland zwar viel von diesem Mann gehört und gelesen, müsse aber gestehen, daß ihm, als einem jungen Menschen, das allermeiste wieder aus der Acht gefallen, weswegen der Wirt, welcher die Geschichte vielleicht von andern Passagieren erzählen hören, also redete: »Mein Herr! Dieser Petrarcha ist ein sehr gelehrter Jurist, Philosoph und Poet gewesen, welcher zu Carpentras, Montpellier und Köln studiert hat. In Rom hat man ihn ohne sein Verlangen zum Poeten gekrönt, wie er denn auch nachher das Archidiakonat in Parma erhalten, ja er wäre unfehlbar Kardinal worden, wenn er dem damaligen Papst Clemens VI. seine schöne Schwester zur Mätresse überlassen wollen. Sonst sagt man, daß er sich allezeit mit einem ledernen Schlafrock zu Bett gelegt habe, und wenn ihm etwas von besonderen gelehrten Dingen beigefallen, er solches sogleich auf diesen ledernen Rock geschrieben, weshalb man nachgehends die Vorderteile dieses Rocks und so weit er sonst reichen können, ganz mit Versen und anderen gelehrten Einfällen beschrieben gefunden. Man hat diesen Rock lange Zeit als eine besondere Rarität aufgehoben, endlich aber ist derselbe zur Pestzeit unter anderen Sachen verbrannt worden.« »So werden vielleicht«, sagte hier Elbenstein, »auf diesem ledernen Rocke auch viele verliebte Seufzer und vortreffliche Stoßgebetchen an seine geliebte Laura anzutreffen gewesen sein, deren der Herr Wirt gestern gedacht hat?« Wie nun der Wirt zur Antwort gab, daß er solches nicht eigentlich sagen könne, fuhr Elbenstein im Reden fort und fragte: »Ei! mein Herr, gibt es denn dem Volk kein Ärgernis, wenn sich die geistlichen Herren und sonderlich die Päpste Mätressen halten, wie er mir denn nur jetzt gesagt hat, daß der Papst Clemens VI. des Petrarcha schöne Schwester zur Mätresse verlangt habe?« »Ei! Behüte Gott und alle Heiligen«, versetzte der Wirt, »daß wir von solchen Sachen nichts mehr reden; kommen Sie, mein Herr! Wir wollen weitergehen.« Elbenstein wollte dem ehrlichen Mann nicht mißfällig werden, deswegen folgte er demselben und wurde von ihm zu der Statue des Petrarcha, die von Metall gegossen war, geführt, bei welcher der Wirt erzählte, daß ein gewisser Edelmann, der durch einen vorsätzlichen und frevelhaften Pistolenschuß an der Statue ein Auge verderbt, von der durchlauchten Republik Venedig auf Lebenszeit bannisiert worden. Nach diesen zeigte ihm der Wirt noch verschiedene vermeintliche Heiligtümer und Raritäten, welche Elbenstein, ihm zu Gefallen, zwar bewunderte, in der Tat aber nichts besonders Wunderbares daran fand, weswegen er unter dem Vorwand einer großen Müdigkeit wieder mit ihm zurück in das Gasthaus kehrte. Kaum war er in sein Zimmer getreten, als ihm der Bediente einen versiegelten Brief überreichte, dessen Titel nach der deutschen Übersetzung also lautete: An den allervollkommensten und allervortrefflichsten Kavalier N. N. Wie nun schon der Titel einige Bestürzung bei ihm verursachte, zumal der Diener meldete, daß ein unbekannter Bote denselben überbracht und sich eiligst wieder fortgemacht hätte, so wurde er nach Lesung des Briefes noch um desto mehr bestürzt. Der Inhalt des Briefes aber war folgender: Allervollkommenster Kavalier! Eine der vornehmsten, reichsten und schönsten Damen verlangt Euch zu sprechen, in dem Haus einer gewissen Gärtnersfrau, die sich Margaretha nennt, allwo Ihr vernehmen werdet, warum man Euch dahin hat rufen lassen. Hütet Euch aber ja, jemandem, auch nicht einmal Eurem Diener, etwas von dieser Sache zu entdecken. Morgen abend gegen zwölf Uhr könnt Ihr, jedoch ohne Begleitung, vor das Niedertor und zwischen den Gärten herunterspazieren, da Ihr denn in der Haustür obgemeldter Margaretha eine Weibsperson werdet sitzen sehen, welche Blumenkränze windet. Geht etwas zeitiger aus und bemerkt das Haus wohl, kommt aber pünktlich um zwölf Uhr wieder zurück, da man Euch denn im Vorbeigehen schon anrufen wird. Lebt vergnügt und laßt Euch das Schweigen rekommandiert sein, sonst seid Ihr verloren. Elbenstein wußte nicht, wozu er sich entschließen sollte, indem er sich bald dieses, bald jenes vorstellte. Er legte sich eine Zeitlang aufs Bett, um dieser Begebenheit ferner nachzusinnen, und endlich, nach langer Überlegung, faßte er den Schluß, sich fürs allererste des Lebenswandels und anderer Umstände der Gärtnersfrau, so genau als es nur immer möglich, zu erkundigen. Zu dem Ende befahl er erst seinem Diener, nicht aus dem Logis zu gehen, sondern seiner Wiederkunft zu erwarten, weil er wegen eines empfindenden Schwindels im Haupt sich der frischen Abendluft bedienen und auf ein oder ein paar Stunden vor das Tor spazierengehen wollte. Er spazierte also ganz sachte durch die Straße; gleich vor dem Niedertor aber kam ihm ein Knabe von ungefähr vierzehn Jahren entgegen, welcher seiner lahmen Hand wegen ein Almosen von ihm erheischte. Elbenstein gab ihm eine Lira, welche vier Kaisergroschen beträgt, und weil in selbiger Gegend auf der Nähe kein Mensch zu hören und zu sehen war, fragte er erstlich den Knaben, wovon er die lahme Hand bekommen hätte; worauf der Bursche zur Antwort gab, daß ihm sein nunmehr vor zehn Jahren verstorbener eigener Vater nicht nur die Armröhren, sondern auch alle Gelenke der Finger zerbrochen hätte, weil er als ein Kind seiner Mutter um den Hals gefallen, da sie der Vater aus einem bösen Verdacht erwürgen wollen. »Gehe mit mir«, sagte Elbenstein, »und antworte mir auf alles, was ich dich frage, redlich, so sollst du noch zwei Liren haben.« Der Bursche war willig dazu, und Elbenstein fragte weiter nichts, als wer in diesem oder jenem Hause wohnte. Weil nun die Häuser ziemlich weit voneinander lagen und Elbenstein sehr langsame Schritte tat, so hatte der Bursche Zeit genug, ihm nicht nur der Bewohner Namen, sondern auch verschiedenes von ihren Umständen zu melden. Endlich fiel Elbenstein ein Häuschen in die Augen, welches sich seiner Nettigkeit wegen von anderen distinguierte, deswegen sagte er: »Dieses Häuschen wird gewiß vornehmeren Leuten gehören?« »Ach nein!« gab der Knabe zur Antwort, »es gehört ebenfalls nur einer Weingärtnerin, welche aber unter allen anderen unstreitig die vornehmste zu nennen ist. Aus einer armen Frau ist sie, wie mir meine Mutter gesagt, eine wohlhabende Frau worden, denn ihr Mann ist zwar erst nur ein armer Fagino oder Tagelöhner gewesen, weil aber sie, die vor der Zeit in einem vornehmen Hause zu Venedig als Köchin gedient, sich dennoch in ihn verliebt, so war ihre Herrschaft so gnädig gewesen, diesen Leuten, nachdem sie sich miteinander verheiratet, von Zeit zu Zeit so viel zu schenken, daß sie sich nachgerade dieses schöne Häuschen, Gärten, Weinberge, Ländereien und dergleichen ankaufen und erbauen konnten. Diese Frau«, fuhr der Bursche im Reden fort, »heißt man nur die glückselige Margaretha, sie ist aber seit etwa einem Jahre her zur Witwe worden, weil ihr Mann, als er von einem gewissen Herrn von Padua aus mit Briefen weggeschickt, unterwegs von einem Banditen dergestalt tödlich verwundet worden, daß er etliche Tage hernach an den empfangenen Blessuren hat sterben müssen. Den Täter hatte man bekommen und ihm sein Recht getan; unterdessen spürte die Margaretha keinen Mangel in ihrer Nahrung, denn es pflegten zur Zeit der Weinlese sehr viele Damen und Kavaliere bei ihr einzusprechen, weil sie vier saubere möblierte Zimmer jederzeit bereithielt, und da sie mit dem Kochen wohl übereinkommen, auch sonst alles schaffen könnte, was ein jedes verlangte, so verdiente sie sich sonderlich um diese Zeit ein ungemeines Stück Geld.« Aus diesem Bericht und da er, Elbenstein, nunmehr nur das Haus wußte, hatte er schon ziemlichermaßen genug, deswegen wendete er sich mit seinem Begleiter in eine Quergasse, die zwischen den Gärten durchging, gab dem Burschen noch drei Liren und bat, daß er ihn durch einen anderen Weg wieder zurück in die Stadt führen möchte, weil er wegen zugestoßener Müdigkeit seinen vorgesetzten Spaziergang nicht vollführen könnte. Der Bursche, welcher vielleicht in langer Zeit nicht so viel Geld beisammen gehabt, wußte vor Freuden nicht, was er sagen sollte. Er küßte dem von Elbenstein wohl hundert Mal den Rockzipfel und sagte: »Oh! Was sind doch die deutschen Kavaliere für generöse Leute gegen unsere italienischen? Wenn ich mit einem von den unsrigen zehn Meilen (oder zwei deutsche Meilen) gelaufen bin, bekomme ich kaum nur eine einzige Lira.« Elbenstein gab dem armen Knaben zu verstehen, wie er bedauerte, daß er eine lahme Hand hätte, sonst er ihn wegen seiner Redlichkeit gern in Dienste nehmen wolle; als von ungefähr aber fragte er, ob er nicht wüßte, wie die Kavaliere und Damen mit Namen hießen, welche bei der Margaretha einzukehren pflegten. »Nein!« sagte dieser, »das kann ich nicht sagen, aber ein einziges Mal habe ich gesehen, daß Damen dabei sind, die noch schöner sind als die Engel, und die anderen sind auch nicht häßlich, denn sie mögen wohl keine häßlichen unter sich leiden können; aber, im Vertrauen zu reden, mit der Margaretha hat es wohl Mucken, denn viele Leute sagen, sie habe es selbst angestiftet, daß ihr einfältiger Mann, dessen sie überdrüssig gewesen, von einem Banditen ermordet worden, weil er nicht nur einmal bei ihr einen Buhler im Bett angetroffen, von demselben jedoch übel bezahlt worden, sondern auch in der Trunkenheit einmal von einer Dame, die doch der Margaretha vornehmste Wohltäterin sein mag, eine und andere Begebenheiten erzählt. Überdies habe ich neulich, da man meinte, ich schliefe, gehört, daß eine andere Gärtnerin zu meiner Mutter sagte: ›Die Margaretha hat durch ihre Kupplerei gemacht, daß schon mancher brave, fremde Kavalier ums Leben gekommen ist!‹« Die Haare begannen Elbenstein zu Berge zu stehen, als er die letzten Worte dieses Burschen anhörte, jedoch er stellte sich, als ob er wenig davon verstanden hätte, und als er die Pforte sah, wodurch er wieder in das Städtchen gelangen konnte, dankte er demselben nochmals für seine Mühe und befahl ihm, nun nur in Gottes Namen nach Hause zu gehen. Sobald dieser etliche Schritte von ihm, sprach er bei sich selbst: »Verflucht sei Margaretha und ihre Mordgrube! Nein! Wo solche Sirenen wohnen, da will ich nicht hinkommen, sondern mich, solange es sein kann, mit meiner schönen Baronne vergnügen, hernach auf und davon reisen.« Unter dergleichen Gedanken gelangte er wieder in seinem Logis an, da denn die alte Ruffiana sogleich kam und fragte, wo er gewesen und ob er etwa andere Courtoisie gesucht hätte? »Meine liebe Mutter!« gab er zur Antwort, »Ihr scheint mir, wie alle alten Leute, etwas wunderlich zu sein; wo wollte ich denn ein größeres Vergnügen finden können, als bei der Baronne von K., die ihresgleichen an Annehmlichkeiten auf der ganzen Welt nicht haben kann.« »Nun so habt Ihr«, versetzte die Alte, »den rechten Glauben, und ich habe Euch nebst dem allerfreundlichsten Gruße von derselben zu vermelden, daß Ihr, sobald es dunkel worden, zu ihr kommen möchtet, damit sie Abschied von Euch nehmen könne, weil sie heute einen Expressen von ihrem Gemahl bekommen, mit dem Befehl, daß sie morgen mit dem allerfrühesten aufbrechen und nach Hause kommen möchte, indem eine starke Gesellschaft ihrer Befreundeten, von Damen und Kavalieren, morgen auf ihrem Schloß eintreffen und sich mit Jagden, Fischereien, Bällen und dergleichen ergötzen wollten.« Durch diese Nachricht wurde Elbenstein einesteils bestürzt, weil er seine anmutige Baronne so bald entbehren sollte, anderen Teils aber auch beruhigt, weil er solchergestalt den Fallstricken der Margaretha desto geschwinder entgehen könnte, vor welchen er sich einigermaßen zu fürchten Ursache hatte. Demnach ließ er dem Wirt durch die Alte sagen, daß, weil er diesen Mittag spät gespeist, er abends mit kalter Küche vorliebnehmen und sich desto zeitiger zu Bett legen, die Mahlzeit aber doch für voll bezahlen wollte. Solchergestalt blieb er des Wirts Besuch überhoben, welcher es vielleicht auch nicht ungern sehen mochte, weil er seinen anderen Gästen desto besser aufwarten konnte. Diese hochmütigen Italiener fragten ihn, warum der Deutsche nicht Gelegenheit gesucht, mit ihnen in Gesellschaft zu kommen, allein der Wirt war dennoch so raisonable, Elbenstein zu excusieren, indem er vorstellte, daß dieser ein Mensch von sehr stillem Humor sei, und da er überdies sehr wenig italienische Worte zu Markte bringen könne, sich allerdings noch scheute, in dergleichen vornehme Kompanie zu kommen, weil er vielleicht befürchtete, ausgelacht zu werden, da er nur sehr wenige Wochen in Italien gewesen. Das Frauenzimmer hielt Elbensteins Partie gegen die Kavaliere, daß diese sich gezwungen sahen, ihnen Recht zu geben. Sobald aber die starke Kompanie die Lichter ausgelöscht, kam die Alte zu Elbenstein und vermeldete, wie es nunmehr Zeit wäre, sich zur Baronne zu verfügen, weswegen er sich alsbald zurecht machte und mit ihr, jedoch ohne Laterne, durch den Garten fortschlich, damit sie nicht etwa von noch wachsamen Augen belauert werden möchten. Beide kamen glücklich an Ort und Stelle, ohne von jemandem bemerkt zu werden; die Alte retirierte sich sogleich, Elbenstein aber wurde von der charmanten Baronne dergestalt liebreich empfangen, daß er vor Vergnügen fast ganz aus sich selbst gesetzt war. Die Traktamente von den delikatesten Sachen standen zwar parat, allein sie hielten sich nicht lange dabei auf, weil beide begierig waren, den Prozeß ins Reine zu bringen, welchen sie in voriger Nacht ventiliert hatten. Elbenstein, der das Jus auf Universitäten ex fundamento gelernt, brachte ein; es passierte Satz und Gegensatz: Es wurde protestiert, appelliert, leuteriert, summarum der ganze Schlendrian durchpraktiziert, endlich aber baten sich beide Teile gegen einander Spatium deliberandi aus, um vielleicht einen gütlichen Vergleich zu treffen; allein es kam ganz plötzlich eine Karosse dergestalt schnell die Gasse heruntergefahren, daß die Fenster in allen Häusern schütterten. Die Karosse hielt eben vor diesem Hause still, und es wurde an der Tür desselben entsetzlich stark angepocht, weswegen die Wirtin vom Haus, welche eine Befreundete der Baronne von K. war, zum untersten Fenster herausrief: »Wer da?« »Ich bin es, meine Werteste!« rief eine Stimme aus dem Wagen und fragte zugleich: »Ist meine Gemahlin noch hier?« »Ja!« sagte die Hauswirtin, »sie ist hier und liegt schon in guter Ruhe, warten sie, mein Herr, ich will gleich Licht machen.« Unter diesem Wortwechsel sprang die Baronne von K. aus dem Bett und schrie mit heiserer Stimme: »Ach, sanct Antonie! Das ist mein Mann.« Elbenstein war ebenso geschwind, raffte seine Kleider zusammen und war so glücklich, ehe das Haus geöffnet wurde und man den Baron mit dem Licht zu seiner Gemahlin bringen konnte, sich durch die Hintertreppe und durch den Hof an den Garten seines Quartiers zu schleichen, als er aber die Gartentür probierte, fand er dieselbe verschlossen. Mittlerweile fand er fürs ratsamste, sich anzukleiden, und da solches völlig geschehen, vermißte er nichts als seinen Hut, Degen und Stock, welche drei Stücke ihm entsetzliche Sorgen verursachten. Allein, hier half nichts als die liebe Geduld, denn weil er über die hohen Mauern nicht springen konnte, mußte er sich mit der größten Gelassenheit so lange zu verbergen suchen, bis er sah, wie es ihm weiter erginge. Das alte Murmeltier war allerdings Schuld an dieser seiner Verdrießlichkeit, denn sobald sie ihn zur Dame begleitet hatte, schloß sie die Gartentür wieder zu und wartete im Gasthof ihre Geschäfte ab, legte sich hernach unbesorgt zur Ruhe. Kaum aber hatte der Himmel zu grauen angefangen, als sie schon wieder munter ward, sich sachte durch den Garten schlich und die Tür ganz leise öffnete. Ihre Bestürzung war ungemein groß, als sie Elbenstein in solchen Zustand daselbst antraf, und über den zurückgelassenen Hut, Stock und Degen wollte sie fast verzweifeln, wenn sie sich vorstellte, was darüber für ein Unglück würde entstanden sein. Es lief aber die Sache besser ab, als sie sich eingebildet hatte, weil die Baronne ein Nachtlicht gehabt, sie nicht nur Elbensteins Sachen auf die Seite bringen, sondern auch das Bett in gehörige Form bringen können, so daß nicht zu bemerken, daß zwei Personen in demselben geruht hätten. Die Baronne eilte hierauf ihrem die Treppe heraufkommenden Gemahl entgegen, empfing denselben mit vielen Küssen und Liebkosungen, und er erwiderte dieses mit den zärtlichsten Karessen, wobei er meldete, daß, als er nach seiner Abreise von Treviso Nachricht erhalten, wie etliche ihrer Befreundeten sie auf ihrem Schlosse besuchen wollten, er ihr solches erstlich durch einen Expressen zu wissen getan, nachdem aber der Bote schon fortgewesen, hätte ihn die herzliche Liebe zu seiner wertesten Gemahlin angespornt, dieselbe in eigener Person abzuholen, welches denn die Ursache, daß er so spät gekommen wäre und sie in ihrer Ruhe gestört hätte. Nun aber diesen Fehler zu verbessern, bat er, daß sie sich nur alsbald wieder niederlegen möchte, indem er nur noch eine einzige Bouteille Muskatwein austrinken wollte, weil er empfände, daß er seinen Magen sehr erkältet hätte, hernach sogleich folgen wollte. Dieses wurde von beiden Seiten ins Werk gestellt, und der Baron führte sich für diesmal gegen seine schmeichelhafte Gemahlin dergestalt verliebt und geschäftig auf als der jüngste Kavalier, allein ohne besonderen Nachdruck, und weil er den Tag über auch schon eine ziemliche Portion Wein zu sich genommen haben mochte, verfiel er in einen solchen tiefen Schlaf, daß die Baronne, sobald sie hörte, daß die Alte vor der Tür wäre, ganz gemächlich aufstehen und ihr den Hut, Stock und Degen zur Tür herausreichen konnte. Diese drückte den Hut in ihren Handkorb und verbarg denselben sowohl als die andern Sachen unter ihrer Baotta oder Regentuch, dergleichen das gemeine Volk zu tragen pflegte, wanderte also über Hals und Kopf zu dem von Elbenstein, welchem dadurch, daß er nicht allein seine Sachen wiedersah, sondern auch, weil diese gefährliche Aventure noch so glücklich abgelaufen, ungemein erfreut wurde. Er erwog die Gefahr, so ihm sowohl als der Baronne daraus entstehen könnten, da leicht geschehen könne, daß wenn sie beiderseits nach gebüßter strafbarer Lust von der göttlichen Strengigkeit in einen tiefen Schlaf versenkt worden, der Baron sowohl seine untreue Gemahlin als auch ihn der unseligen Ewigkeit würde aufgeopfert haben; welches dieser, der seine erste Gemahlin aus einem bloßen Verdacht ins Wasser gestürzt, so daß sie nebst der Leibesfrucht ihr Leben einbüßen müssen, unfehlbar nicht würde unterwegs gelassen haben, zumal er jetzt viel rechtmäßigere Ursache gehabt, seine Rache auszuüben. Bei solchen Gedanken verging ihm nicht allein aller Schlaf, sondern er wurde dergestalt in seinem Gewissen gerührt, daß er aufstand, sein Gebetbuch hervorsuchte und Gott um Vergebung seiner Sünden mit herzlicher Reue und Leid über dieselben inbrünstig anflehte und zugleich demütigst dankte, daß er ihn nicht in Sünden dahingerissen. Hierbei nahm er sich den Vorsatz, sobald er mit seinem Fürsten wieder in N. angelangt, Urlaub nach Venedig zu reisen, von demselben zu nehmen und daselbst bei den deutschen Kaufleuten Monsignore Hopffern und Bachmeyern, anzusuchen, daß sie ihm Vorschub tun und beförderlich sein möchten, bei ihrem Priester zu beichten und zu kommunizieren. Denn es hatten zu damaligen Zeiten diese Kaufleute zu Venedig einen in Augsburg ordinierten protestantischen Priester bei sich, welcher, um nicht erkannt zu werden, in coleurten Kleidern einherging. Jedoch wieder auf Elbenstein zu kommen, so hatte er sein bellendes Gewissen durch diesen Vorsatz einigermaßen beruhigt, so daß er auch ein paar Stunden schlafen konnte. Allein was ist doch das Herz eines wollüstigen Menschen für ein veränderliches Ding! Denn als er kaum wieder erwacht war, kam die alte Ruffiana und brachte ihm von der Baronne eine versiegelte Schachtel nebst einem beweglichen Abschiedskompliment; sie konnte nicht genugsam beschreiben, wie kläglich und jämmerlich sich diese schöne Dame gebärdet, daß sie sich so plötzlich von ihrem liebsten Kavalier getrennt sehen sollte. Endlich aber habe sie sich damit getröstet, daß ihr Anschlag, auf eine Zeit lang nach N. zu reisen, die schönste und beste Gelegenheit zuwege bringen würde, ihren geliebtesten Kavalier wiederzusehen und seiner Liebe zu genießen. In dieser Hoffnung wäre sie mit ihrem Gemahl diesen Morgen abgereist, nachdem sie ihr mit einer wehmütigen Miene nochmals zu verstehen gegeben, alles wohl auszurichten. Elbenstein gab, seiner gewöhnlichen Generosität nach, der Alten noch ein wichtiges Trinkgeld, so daß sie hiermit allein für ihre gehabte Mühe vollkommen wohl zufrieden sein konnte, ungeachtet er nicht zweifeln durfte, daß die Dame dieselbe gleichfalls reichlich genug beschenkt haben würde. Da ihm aber das alte Rastrum ganz ungewöhnliche und recht lächerliche Danksagungskomplimente machte, wurde er endlich ganz froh, daß dieselbe ihre Wege ging. Sobald sie fort, schloß er die Tür seines Zimmers ab, brach die versiegelte Schachtel auf und fand zuoberst darin einen mit Blut beschriebenen kleinen Zettel, der ihm folgende Worte zu vernehmen gab: Mein Auserwählter! In Ermangelung der Tinte steche ich mit einer Nadel so oft in die Finger, bis ich Euch, wiewohl mit einer elenden Feder, zuschreiben kann, daß Ihr der einzige seid, den ich auf dieser Welt in allerhöchstem Grade liebe; dieses ist für diesmal genug gemeldet. Nehmet dieses wenige als ein Zeichen meiner Treue und zum geneigten Andenken an, weil ich für jetzt auf der Reise mich nicht im Stande befinde, ein mehreres zu tun, liebt mich auch wenigstens nur halb so sehr als Euch liebt Eure                     Getreue. Bei so zärtlichen Ausdrücken fing sein Herz schon wieder zu schmerzen an, und daß er vollends ihr ganz ungemein akurat getroffenes, in Wachs gegossenes Bildnis, welches in einer goldenen, mit kostbaren Steinen besetzten Kapsel lag, fand, hatte er ein so heftiges Vergnügen darüber, daß er die dabeiliegende, mit lauter Zecchinen angefüllte Tabatiere sozusagen gar nicht in Betrachtung zog. Er stand ganz entzückt und würde vielleicht noch in etlichen Stunden seine Augen nicht von diesem Brustbild gewendet haben, wenn nicht jemand gekommen wäre und an seine Tür geklopft hätte. Solchergestalt deckte er ein Schnupftuch über die schönen Raritäten und sah nach, wer vor der Tür wäre. Es war der Wirt, welcher fragte, ob ihm heute nicht beliebte zu speisen? Man hätte immer auf seinen Befehl gewartet, nunmehr aber, da es bereits zwei Stunden über Mittag wäre, bäte er, nicht ungnädig zu vermerken, daß er über ein bei sich habendes Buch geraten wäre und sich dergestalt darin vertieft hätte, daß er weder nach der Uhr gehört noch an das Essen gedacht hätte; nunmehr aber bäte er, die Speisen aufzutragen. Dieses geschah, der Wirt aber, so ihm aufwarten wollte, mußte sich auf sein inständiges Verlangen an den Tisch setzen und mit ihm speisen, weil Elbensteins Diener adrett genug war, beiden aufzuwarten. Unter währendem Speisen kamen sie auch auf gut Gewehr zu reden, da denn der Wirt erzählte, wie vor etlichen Jahren ein paar ungemein saubere Pistolen bei ihm versetzt worden, welche er gern wieder verkaufen wollte, wenn er nur sein Währgeld wiederbekäme, die Zinsen möchten immerhin zurückbleiben. Elbenstein bat, daß ihm der Wirt diese Pistolen nach Tisch in den Garten bringen möchte, wo er sie besehen, probieren und nach Befinden einen Kaufmann dazu abgeben wolle. Nach abgetragener Mahlzeit war der Wirt nicht faul dazu; Elbenstein befand die Pistolen ungemein sauber und judizierte, daß sie kein Geringer geführt haben müsse, er bemerkte auch aus ein und anderem, daß sie nicht uneben schießen müßten, machte demnach die Probe, ließ sich von dem Wirt einen Zirkel mit Kreide auf ein Brett machen und schoß nach dem Mittelpunkt, welcher etwa so groß als ein Kaisergulden war. Nun meinte zwar der Wirt, Elbenstein ziele nach dem gemalten Mittelpunkt, dieser schlaue Fuchs aber hatte sich zu seinem Zweck einen Ast erwählt, welcher mehr als eine Spanne lang von dem Mittelpunkt entfernt war, traf auch denselben zu seiner innerlichen Freude akurat. Dennoch rief er: »Das war gefehlt, aber einmal ist keinmal, ich muß es mit jeder doch dreimal probieren.« Er tat solches, traf aber niemals in den Zirkel, weil er sich allemal außer demselben ein besonderes Fleckchen merkte, welches er denn keines Messerrückens breit verfehlte. »Ewig Schade!« sagte Elbenstein demnach, »daß diese sauberen Pistolen nicht akurat schießen.« Der Wirt, welcher sich auch ein guter Schütze zu sein bedünken ließ, schoß mit jeder Pistole auch dreimal, kam zwar zweimal in den Zirkel, doch lange nicht nahe genug an den Punkt, weswegen er sich zwar geschickter zu sein bedünkte als Elbenstein, jedoch gestehen mußte, daß die schönen Pistolen eben nicht gar zu gut schössen. »Nun!« sagte Elbenstein, »wollen wir einmal sehen, was meine tun, welche nicht des vierten Teils so viel Ansehen haben.« Demnach befahl er dem Diener, ihm seine Pistolen zu langen. Elbenstein ladete sich allezeit selbst und schoß auf sechsmal das Zentrum dergestalt heraus, daß man ein Ei hindurchstecken konnte. Der Wirt sperrte Maul und Nase auf, und da Elbenstein ihm erlaubte, auch sechsmal daraus zu schießen, traf er das Zentrum zweimal, der weiteste Schuß unter sechs aber kaum zwei quer Finger breit davon. »Es ist wahr« sprach der Wirt, »diese sind besser, ohngeachtet sie nicht so viel Ansehen haben.« Nach diesem belustigten sie sich noch weiter mit Schießen, denn der Wirt mußte Elbenstein ein und andere Äpfel und Aprikosen zeigen, welche er von den Bäumen heruntergeschossen haben wollte, und jener traf mit seinen eigenen Pistolen alle dergestalt akurat, daß mancher Apfel und Aprikose in viele Stücken zersprang. Endlich fragte Elbenstein: »Mein Herr! Wie hoch hält er seine Pistolen?« »Ach«, antwortete dieser, »wenn ich alles rechnen wollte, so stünden sie mir wohl für mehr als zwölf Zecchinen, wenn man mir aber acht Zecchinen bar Geld hinzählte, würde ich mich nicht lange besinnen, dieselben anzunehmen, denn mit Geld kann ich eher was erwerben als mit Pistolen.« Elbenstein tat, als ob er sich eine Weile besönne, endlich zog er seine Goldbörse hervor und sagte: »Ich will einmal einen Hazard wagen, hier sind die acht Zecchinen. Ich weiß einen Meister, der dergleichen Gewehr sonst ganz gut zurichten kann, triffts ein, daß er ihnen helfen kann, so ists gut, wo nicht, so muß ich mich damit begnügen lassen, daß sie doch eine gute Parade im Zimmer an der Wand machen.« Der Wirt mochte wohl höchst erfreut sein, daß er die Pistolen nur los wurde und bar Geld dafür bekam, Elbenstein aber hätte sie nach der Zeit, da er sie immer mehr und mehr probiert, auch beständig akurat befunden hatte, keinem für vierundzwanzig Zecchinen hingegeben. Für diesmal ging er auf sein Zimmer, wo ihm die Gedanken einkamen, daß er diesen Abend in der Margaretha Behausung eine Visite abzulegen hätte; allein es schauderte ihm die Haut davor, zumal er nicht wußte, was er für Personen darin antreffen würde, und ob er sich statt eines eingebildeten Vergnügens nicht in die größte Gefährlichkeit stürzen könnte. Demnach nahm er das Bildnis seiner geliebten Baronne abermals vor sich, küßte dasselbe wohl mehr als hundertmal aufs allersubtilste und redete als ein Verliebter nicht anders mit demselben, als ob die Baronne in Lebensgröße persönlich zugegen wäre. Endlich aber besann er sich selbst, daß er Torheiten beginge, packte deswegen das Porträt wieder ein und resolvierte sich, um die verliebten Grillen etwas zu vertreiben, vor das Obertor spazierenzugehen. Demnach ließ er bei dem Wirt anfragen, ob er ihm Gesellschaft leisten wollte. Dieser, welcher vermerkte, daß der Spaziergang vor das Obertor nicht so leer ablaufen würde, zumal da er den besten Wein selbst lieber trank als den schlechtesten, war gleich parat und führte Elbenstein, welcher vorgab, daß er die Gegend vor dem Obertor noch nicht betrachtet, da hinaus. Als sie kaum fünfhundert Schritt außerhalb passiert, zeigte ihm der Wirt in der Nähe ein Gartenhaus und sagte: »Mein Herr! Sie mögen es glauben oder nicht, in diesem Hause trifft man den besten Wein an, der in Welschland weit und breit nicht besser und delikater zu finden ist. Ich weiß aber nicht, wie es zugeht, daß der Wein nur allein in diesem Hause so vortrefflich schmeckt, denn ich habe zu verschiedenen Malen den allerbesten ausgekostet, mir etliche Bouteillen davon abziehen und in mein Haus tragen lassen, allein nachher hat ein jeder sogleich schmecken können, daß meine Weine weit besser gewesen als diese. Es ist ein rechtes Wunder«, fuhr der Wirt fort, »daß auch die schlechtesten Weine in diesem Hause so ungemein delikat schmecken, sobald sie aber, es sei in Gläsern, Bouteillen, Fässern oder was es für Geschirr ist, nur zehn oder zwanzig Schritt über die Straße getragen werden, ist die Delikatesse weg und schmecken dieselben nicht anders als andere gemeine Weine.« »Vielleicht«, versetzte Elbenstein, »wird der Wirt dieses Hauses etwa hübsche Frauenzimmer im Hause haben?« »Ach nichts weniger als dieses, denn der Wirt und die Wirtin sind ein paar sehr alte, aber sehr fromme und religiöse Leute, deren beide Töchter und Magd, die sie haben, ungemein häßliche Personen. Allein die beiden frommen Alten haben sich nicht allein den heiligen Antonius von Padua in Lebensgröße aus Holz geschnitzt in ihr Haus geschafft, sondern sollen auch wirklich eine Reliquie von ihm in ihrer Gewalt haben, welcher letzteren eben das Wunder zugeschrieben wird, daß der Wein sobald er aus dem Revier ihres Hauses getragen wird, seine Delikatesse verliert.« Elbenstein mußte in seinem Herzen über die Rede seines Wirtes lachen, doch ließ er sich nichts merken, sondern sagte: »Ei, so bin ich doch curieux, nicht nur den delikaten Wein zu kosten, sondern auch das Wunder zu probieren; kommt, mein Herr! Wir wollen auf dieses Haus losgehen und dem heiligen Antonius unsere Ehrerbietung bezeigen.« Der Wirt schien damit wohl zufrieden zu sein, sie traten durch das Haus in die Stube hinein und fanden, weil es eben Sonnabend war, keine Gäste, sondern die drei Frauenzimmer, deren Gestalt er sich nicht häßlicher einbilden können. Elbensteins Wirt forderte eine Bouteille vom allerbesten Wein, indem er vorgab, daß er einen recht vornehmen deutschen Kavalier zu ihnen geführt hätte, mithin gern Ehre einlegen wollte. Die Bouteille wurde nebst reinen Trinkgläsern gebracht und die eine Tochter gefragt, wo Vater und Mutter wären, worauf die Antwort fiel, daß sie in einem anderen Zimmer ihre Andacht vor dem heiligen Antonius verrichteten. Der Wirt trank Elbenstein zu, dieser tat Bescheid und gab auf jenes Befragen, ob er wohl delikateren Wein in Italien getrunken hätte, zur Antwort: »Nein! Dieser ist der allerdelikateste, den ich Zeit meines Lebens, bis auf diese Stunde, gekostet.« »Nun, mein Herr«, versetzte der Wirt, »um Ihnen des Wunders zu überzeugen, so kommen Sie nur gleich, nehmen Sie selbst die Bouteille in die Hand, damit Sie versichert bleiben, daß kein Betrug vorgeht; ich will die Gläser nehmen, wir wollen nur etliche zwanzig Schritt über die Grenzen dieses Hauses gehen, hernach sagen Sie mir Ihres Herzens Meinung.« Elbenstein gehorsamte dem Wirt, nahm die Bouteille in Arm und ging mit ihm. Sobald sie etliche zwanzig bis dreißig Schritt vom Hause weg waren, nötigte ihn der Wirt, sich auf einen grünen Hügel niederzulassen, selbst ein Glas einzuschenken und dasselbe auszutrinken. Dieser folgte; kaum aber hatte er das Glas ausgeleert, als der Wirt recht begierig fragte: »Nun, wie schmeckt der Wein allhier?« Elbenstein stellte sich ganz bestürzt und tat, als ob er gar nicht zu Worte kommen könnte. Endlich aber sagte er mit einem tief geholten Seufzer und gen Himmel gerichteten Augen: »Oh Wunder über Wunder! Dieses hätte ich nimmermehr geglaubt, wenn ich es nicht selbst empfunden hätte; denn die Delikatesse des Weines ist bereits über die Hälfte weg, was würde noch werden, wenn man ihn noch weiter trüge?« Der Wirt trank auch und sagte: »Ja! Es ist wahr, über die Hälfte ist die Delikatesse weg; allein wir wollen jeder nur noch ein Glas zu mehrerer Überzeugung, trinken, sodann wieder ins Haus gehen, denn was sollen wir uns mutwilligerweise um den guten Geschmack bringen?« Elbenstein ließ sichs gefallen, bejahte nochmals, daß der Wein hier sehr schlecht schmeckte, und sobald der Wirt sein Glas auch ausgetrunken und ebendasselbe bekräftigt hatte, begaben sie sich wieder zurück ins Haus. Kaum hatten beide in der Stube am Tisch Platz genommen, als der Wirt Elbenstein aufs neue von eben dieser Bouteille zu trinken nötigte. Dieser tat es und wurde hernach befragt, wie der Wein nun wieder schmeckte? Elbenstein stemmte die Ellbogen auf den Tisch und hielt die Hände vor beide Augen, schüttelte auch öfters den Kopf, um eine sonderbare Verwunderung anzuzeigen, endlich aber sprach er: »Zeit meines Lebens will ich an dieses Wunder gedenken, denn nunmehr schmeckt der Wein aus eben dieser Bouteille eben wieder so delikat als zuallererst, so daß ich gestehen muß, solange ich in Italien bin, noch nicht dergleichen getrunken zu haben.« Allein, für diesmal war Elbenstein wohl ein rechter Spottvogel, denn er mußte zwar bei sich selbst gestehen, daß dieses kein schlechter, sondern ein solcher Wein war, der die mittelmäßigen übertraf, jedoch hatte er schon binnen der Zeit, als er in Italien sich aufgehalten, Weine von weit besserer Nummer getrunken, sein ganzes Werk war aber nur, sich dem Wirt gefällig zu erzeigen, jedoch denselben heimlich bei der Nase herumzuführen. Sie führten demnach alle beide noch verschiedene Diskurse über dieses wunderliche Wunder, bis endlich der eisgraue alte Hauswirt nebst seiner ebenfalls eisgrauen alten Hausehre herangetreten kam und seine Gäste mit den allerandächtigsten Worten und Gebärden bewillkommnete. Da ging nun der Diskurs von dem Mirakel aufs neue an, welcher, wenn man denselben hier repetieren wollte, viel zu langweilig und verdrießlich fallen würde. Weil aber dennoch der Wein Elbenstein ganz wohl schmeckte, trank er seiner geliebten Baronne Gesundheit so öfters in Gedanken, daß er endlich einen ziemlichen Schwürbel im Kopfe fühlte. Dennoch bezeugte er gegen seinen Wirt ein Verlangen, den heiligen Antonius von Padua zu sehen; dieser sein Wirt persuadierte also den alten Hauswirt bald dahin, sie alle beide in das Appartement zu führen, wo die hölzerne, doch aber sauber gemalte und vergoldete Statue stand. Es war dieses Appartement einer kleinen Kapelle nicht unähnlich, indem ein Betaltar, verschiedene Lichter und anderer geistlicher Zierrat darin anzutreffen waren. Da nun, wie bereits gemeldet, Elbenstein vom Wein etwas begeistert war, tat er diesem Heiligen mehr Ehre an, als er sonst jemals einem hölzernen Bild erzeigt hat, ja er stellte sich gar, als ob er etwas Besonderes auf dem Herzen hätte und den heiligen Antonius heimlich um Hilfe anriefe. Dieses gefiel dem alten, eisgrauen Mann dergestalt wohl, daß er nach der Zurückkunft in die Trinkstube ein paar Bouteillen von noch weit besserem Wein herauflangte. Elbensteins subtile Zunge schmeckte bald, daß dieses aus einem weit besseren Faß wäre, sagte es deswegen ganz deutlich heraus, allein der alte Mann beteuerte, daß es eben vom vorigen Wein wäre, und wenn er ihm ja besser schmeckte, so wäre es ein Merkzeichen, daß der heilige Antonius sein Gebet erhört hätte. Elbensteins Wirt bekräftigte solches, weswegen Elbenstein vor Freude in die Hände klatschte, sich aber in dem guten Wein vollends dergestalt begeisterte, daß sein Diener und der Wirt ihn fast nach Hause und ins Bett tragen mußten. So viel Verstand hatte er noch, seinem Diener zu sagen, daß er die Mittagsmahlzeit eine gute Stunde zeitiger als gewöhnlich bestellen, hernach die Pferde parat halten sollte, weil er gleich nach Einnehmung der Mahlzeit fortreisen wollte. Ein Rausch, den man sich mit Vergnügen trinkt, schadet, vieler Leute Meinung nach, nicht halb soviel, als wenn man bei Zank, Streit, Ärgernis und Grillen der guten Sache zuviel tut. So ging es diesmal Elbenstein, denn die Sonne präsentierte sich kaum am Rande des Horizonts, als er sich ermunterte und nichts weniger als einen Rausch im Kopfe oder sonst einige Incommoditée bei sich spürte, hergegen befand er sich ganz aufgeräumt und munter. Deswegen stand er aus dem Bett auf, rief seinem Kerl, damit er ihn ankleiden möchte. Dieser kam und meldete erst, daß sein Pferd aufstützig worden wäre, weswegen er einen Schmied gelangt, der ihm die Adern geschlagen und Arznei eingegeben, anbei befohlen hätte, es bis gegen Mittag anzusehen, da er denn, wenn es sich binnen der Zeit nicht gebessert, dem Pferde noch etwas anderes brauchen wollte. »Außerdem«, sagte der Kerl weiter, »gab mir ein Junge, eben als ich vom Schmiede kam, diesen Brief und sagte dabei: Ich sollte diesen Brief meinem Herrn, sobald er aufgewacht wäre, selbst in die Hände geben, so lieb mir mein Leben wäre; hiermit lief die Teufelskröte davon.« Elbenstein lachte und sagte zum Diener: »Gehe also nur hin und besorge das Pferd, damit ich weiß, ob ich heute fortkommen kann oder nicht, denn mit meinem Ankleiden hat es solchergestalt noch ein paar Stunden Zeit.« Der Diener hatte kaum die Tür zugemacht, als er den Brief recht begierig aufbrach und denselben also gesetzt befand: Unbesonnener Kavalier! Was weigert ihr Euch, einer der vornehmsten und schönsten Damen aufzuwarten, gegen welche hunderttausend und noch mehr Seufzer von tausend anderen Kavalieren ausgestoßen werden, die sie aber im geringsten nicht, sondern nur Eure Person ästimiert? Sagt! Was bewegt Euch dazu, ein Glück mit Füßen von Euch zu stoßen, welches so viele fußfällig gesucht und dennoch niemals finden können. Euer Glück ists, daß Ihr eine gute Fürsprecherin gehabt habt, sonst wäret Ihr vielleicht schon nicht mehr in dem Register der Lebendigen befindlich. Allein, erkläret Euch, ob Ihr diesen Abend um die bestimmte Zeit erscheinen wollt oder nicht? Im Verweigerungsfall wird man nicht eher ruhen, bis Ihr zu Grabe getragen seid, erscheint Ihr aber am bestimmten Ort, so steht Euch der Himmel Eures Vergnügens offen, auch wird Eure Gefälligkeit aufs reichlichste belohnt werden. Bedenkt Euer Bestes und schickt durch Euren Diener einige Antwortszeilen an die Statue des Francisci Petrarcha, allwo in der Mittagsstunde ein Knabe, der einen gelben Rock trägt, dieselben von ihm abfordern wird. Faßt einen frischen Mut und traut Eurer                                     unbekannten Freundin.                         P. S. Eine gute Stunde hernach, schickt Euren Diener wieder an denselben Ort, da werdet Ihr auf Euer Schreiben nochmalige Antwort bekommen. Elbenstein brach unter währendem Lesen dieses Briefes der Angstschweiß aus, er wünschte sich, hundert Meilen von diesem Ort entfernt zu sein. Wollust, Liebe, Furcht und Todesangst stritten miteinander. Was war aber zu tun? Er hielt fürs ratsamste, in folgenden Termini zu antworten: Allerwerteste unbekannte Freundin! Ich bekenne selbst, daß ich gestern einen gewaltigen Fehler begangen habe, indem ich der mir zugeschickten Ordre nicht nachgelebt. Den ganzen Tag habe ich mit Schmerzen auf die bestimmte glückselige Stunde gehofft, und endlich ließ ich mich von meinem Wirte persuadieren, zu Vertreibung der melancholischen Gedanken, nur auf ein paar Stündchen mit ihm spazierenzugehen. Ich hielt es selbst für ratsam, um etwas aufgeräumter zu werden; deswegen führte er mich vor das Obertor in den Garten S. Antonii. Nun weiß ich nicht, wie es zugegangen ist, daß ich mich in ein paar Bouteillen Wein dergestalt vollgetrunken habe, daß ich von meinen Sinnen nichts gewußt, dieserwegen auch noch bis diesen Augenblick noch so krank bin als ein Hund. Dennoch aber erfordert die Pflicht und Schuldigkeit gegen meinen gnädigsten Fürsten und Herrn, daß ich noch heute von hier abreisen und Tag und Nacht reiten muß, um denselben von meinen Verrichtungen eiligsten Rapport abzustatten. Die englische Dame darf ja nur befehlen, wann und an welchem Ort ich in Zukunft meine untertänigste Aufwartung bei ihr machen soll, so werde ich mich bei gesunderem Zustand aufs eifrigste bestreben, mit großem Vergnügen dero untertänigster Knecht zu sein. Mit diesen Antwortzeilen schickte Elbenstein seinen Diener binnen der Zeit, als er mit dem Wirt eben in der Mittagsstunde zu Tische saß, nach der Statue des Petrarcha. Kaum ließ sich der Diener daselbst blicken, als der gelbröckige Junge auf ihn zukam und mit einer barbarischen Miene einen Brief von ihm abforderte, auch als ein Kommandeur dem Diener befahl, daß er ja gleich nach Verlauf einer Stunde wiederkommen und von ihm fernere Nachricht ablangen sollte, damit er, der Junge, nicht lange auf ihn warten dürfte. Der Diener schüttelte den Kopf und wußte nicht, was er bei dieser Historie gedenken sollte, klagte es aber seinem Herrn, welcher, indem er schon vom Tische aufgestanden war und im Stall selbst nach den Pferden sah, hierüber (jedoch mit beängstigtem Herzen) lachte und weiter nichts sagte: »Kehre Dich doch nichts an die hiesige liederliche Kanaille, geh in einer Stunde wieder hin und sieh zu, ob er etwa einen Brief hat, oder ob er Dir etwas mündlich sagen will, hernach sattle die Pferde augenblicklich, denn ich will heute noch fort.« Hierauf ging Elbenstein wieder nach seinem Zimmer und trank mit seinem guten Wirt noch eine starke Anzahl Gläser Wein zum Valete, so daß beide bald anfingen zu taumeln; ehe er sichs aber versah, kam sein Diener, rief ihn in die Schlafkammer und überlieferte ein Billett, welches der gelbröckige Junge zurückgebracht hatte; der Inhalt desselben aber war folgender: Halsstarriger! Glaubet nur nicht, daß man einige Exquisen von Euch anzunehmen gesonnen ist, sondern Ihr müßt absolut in Person erscheinen, um Euren begangenen Fehler zu entschuldigen und denselben zu verbessern suchen, wofern Ihr nicht ein blutiges Rachopfer einer bereits ziemlich in Harnisch gebrachten Dame werden wollt, welche Mittel genug weiß, Euch bis an das Ende der Welt verfolgen zu lassen. Man weiß ohne Euer Bekenntnis alle Eure Tritte und Schritte, die Ihr gestern nach der Mittagsmahlzeit getan habt, und es ist ein großes Glück für Euch, daß Ihr gestern nirgends anders, als im Garten St. Antonii Eure Zeit passiert; wäret Ihr aber in ein Haus geraten, worin schöneres Frauenzimmer anzutreffen gewesen, so hätte man Euch vielleicht das Lebenslicht schon ausgeblasen, denn dieser Dame, welche in ihrer Liebe sehr beständig, ist nichts empfindlicher als die Untreue und Verachtung ihrer Person. Man hofft ferner auf keine schriftliche Antwort von Euch, sondern versichert sich, daß Ihr diesen Abend um die bestimmte Stunde selbst kommen werdet. Nunmehr wollte bei Elbenstein guter Rat teuer werden, und es war eines Teils gut, daß er schon wieder ein kleines Räuschchen hatte, denn solchergestalt schlug er die sorgsamen und ängstlichen Gedanken ziemlichermaßen aus dem Sinn, beschloß, auf den Abend der Dame seine Aufwartung zu machen, bei dem Wirt aber, damit dieser von seinen Aventuren nichts merken möchte, Abschied zu nehmen und sich zu stellen, als ob er heute noch etliche Meilen zurücklegen wollte. Demnach ging er aus der Kammer heraus und traf den Wirt noch in seiner Stube an; weil er aber dessen Forderung bereits vergnügt hatte, rief er seinem Diener, daß derselbe die Pferde vorziehen sollte, mittlerweile er mit dem Wirt heraus ins Haus ging und noch etliche Gläser Wein ausleerte und sich hierauf weit betrunkener anstellte, als er in der Tat war. Der Diener und der Wirt hatten Mühe genug, bis sie ihn aufs Pferd brachten; sobald er aber nur im Sattel saß, sagte er: »Nun! Da ich nur sitze, hat es keine Not, denn binnen einer halben Stunde ist alles vorbei.« Deswegen nahm er nochmals Abschied von dem Wirt und ritt ganz sachte und gemächlich nach dem Untertore zu. Vor diesem Tore hatte er ehegestern bei seinem Spazierengehen noch eine Hostaria oder Gastherberge bemerkt, die nicht weit von der Margaretha Behausung war. Indem er nun ganz nahe an diese Hostaria gekommen war, hielt er still und fragte seinen Diener mit schwerer Zunge: »Wo bin ich?« »Herr!« sagte dieser, »wir sind kaum zum Tor heraus.« »Ich kann unmöglich weiterreiten«, sprach Elbenstein, »hilf mir vom Pferde und bringe mich in ein Haus, daß ich nur ein paar Stunden schlafen kann.« Diese Worte hörte der Wirt, welcher in der Tür der Hostaria stand, kam deshalb herzugesprungen und half, den Betrunkenen ganz gemächlich vom Pferd heben, führte ihn auch in ein feinmöbliertes Zimmer, in welchem ein Bett stand; auf dieses fiel Elbenstein ganz taumelnd hin und stellte sich, als ob er augenblicklich einschliefe. Der Wirt und der Diener ließen ihn ungestört liegen wie er lag und gingen auf die Seite, sattelten die Pferde ab und gaben ihnen Futter, weil doch allem Ansehen nach heute an kein weiteres Reiten zu denken war. Elbenstein war wirklich in einen süßen Schlaf verfallen, doch schlief er dergestalt mit Sorgen, daß er sich gleich bei Untergang der Sonne wieder ermunterte, seinen Diener rief, daß er ihm Schuhe und Strümpfe bringen und die Stiefel anziehen sollte, weil er zwischen den Weinbergen und Gärten hinaus spazierengehen und seinen Rausch vollends austummeln wollte. Er begab sich also aus der Hostaria heraus, ging vor der Margarethen Wohnung vorbei und setzte sich zwischen zwei Gärten hinter ein belaubtes Gebüsch, wo er nicht leicht von jemandem gesehen werden, jedoch alles beobachten konnte, was zu der Margarethen Haustüre aus und ein passierte. Er hatte allhier den allerangenehmsten Prospekt vor sich, sowohl wegen der da herumgelegenen schönen Weinberge und Gärten, als auch der in selbigen erbauten kostbaren Paläste. Die Zeit wurde ihm also gar nicht lang, zumal da eben der Mond aufging, der mit seinem Glanz die an sich selbst schöne Gegend noch weit angenehmer machte. Überdies wurden seine Ohren gleichfalls durch die angenehmste Instrumental- und Vokalmusik vergnügt, welche in den meisten Palästen und Lusthäusern dasiger Gegend gemacht wurde, weswegen er sich in dieser seiner Einsamkeit recht vergnügt und von dem kleinen Rausch vollkommen verlassen befand, mithin unter vorwitzigen Betrachtungen abwartete, was ihm begegnen würde. Endlich ward er gewahr, daß aus einem gewissen Palais zwei Personen herausgegangen kamen, an welchen er aber anfänglich nicht erkennen konnte, ob es Mannspersonen oder Frauensleute wären. Es nahmen dieselben erst einen langen Umschweif und kamen hernach an den Gärten herunterspaziert, zwischen welchen Elbenstein verdeckt saß. Da erkannte er nun, daß es zwei proper gekleidete Bäuerinnen waren, die sich hoch aufgeschürzt hatten und deren jede eine Cistella oder Handkörbchen am Arm trug. Indem sie nun vor dem versteckten Elbenstein ganz gemächlich vorbeigingen, sagte die eine mit einer angenehmen und zarten Mundart: »Ich bilde mir bis auf diese Stunde noch nichts weniger ein, als daß er kommen werde.« »Und ich«, versetzte die andere mit einer weit gröberen Sprache, »bilde mir bis auf diese Stunde nichts weniger ein, als daß er außenbleiben werde.« »Geschiehts«, sagte die erste wieder, »so ists sein Glück, denn ich liebe ihn sehr heftig, wollte mich lieber mit demselben ergötzen, als ihn töten lassen.« Was die andere hierauf antwortete, konnte Elbenstein nicht mehr vernehmen, weil sie schon zu weit von ihm waren; als er aber sah, daß die beiden Bäuerinnen geraden Wegs auf der Margaretha Haus los und endlich in dasselbe hineingingen, zweifelte er keineswegs mehr, daß wenigstens die eine verkleidete Bäuerin eine Standesperson und unfehlbar eben diejenige sei, welche seine Aufwartung verlangt hätte. Die Worte, welche die erste gesprochen: Ich liebe ihn sehr heftig, verschafften ihm einen großen Trost, denn es lagen ihm nicht allein die Worte noch in Gedanken, welche der Junge, so ihn ehegestern abends geführt, in seiner Einfalt ausgesprochen, sondern er hatte auch sonst schon gehört, daß unter den vornehmsten und schönsten italienischen Damen solche barbarischen ja teuflischen Gemüter anzutreffen wären, welche ihren Amanten, nachdem sie deren Karessen überdrüssig worden und ihre Geilheit auf diesmal genug gestillt befunden, endlich mit einer Giftsuppe oder Stillettade den Lohn zu geben pflegten. Bei solchen Gedanken zitterte ihm allerdings das Herz im Leibe, wenn er sich aber im Gegenteil vorstellte, von einer der schönsten Damen embrassiert zu werden und was er sonst für Vergnügen bei derselben würde zu empfinden haben, begann die Furcht vor der Gefahr allgemach zu verschwinden, und er wartete nunmehr mit Schmerzen auf den bestimmten Glockenschlag. Dieser ließ sich endlich hören, es war aber nicht anders, als wenn ihm zu gleicher Zeit jemand ein Messer ins Herz gestochen hätte, er sprang auf, blieb eine Weile stehen und besann sich, ob er in die Hostaria zurückgehen, seine Pferde satteln lassen und bei dem hellen Mondenschein fortreiten, oder ob er in der Margaretha Behausung gehen wollte; Zuletzt prädominierte doch bei ihm die tollkühne und wollüstige Jugend, weswegen er mit bedachtsamen Schritten auf der Margaretha Wohnung zuging, unter dem Vorsatz, alles zu wagen, weil man doch dem gemeinen Sprichwort nach aus zwei Übeln dasjenige erwählen müsse, welches einem am erträglichsten vorkommt. Sobald er gegen die Tür kam, gab ihm eine darinsitzende Weibsperson durch Winken und Husten zu verstehen, daß er näherkommen möchte. Er gehorsamte und wurde gefragt, ob er derjenige Kavalier wäre, welcher heute durch einen gelbröckigen Jungen Briefe zugeschickt bekommen hätte? »Ja!« sagte Elbenstein, »der bin ich, auch willig und bereit, den darin enthaltenen Befehlen, so viel mir mensch- und möglich ist, aufs allergenaueste nachzukommen, es mag mir auch dabei begegnen, was nur immer will.« Hierauf gab die Weibsperson zur Antwort: »Seid Muts und sorgt vor nichts, mein Herr! Denn es steht Euch ein besonderes Glück und nicht das geringste Unglück vor, wendet aber nur all Euren Fleiß und Kräfte an, Euch bei einer der qualifiziertesten und vollkommen schönen Dame recht beliebt und angenehm zu machen und dieselbe nach ihrem Wunsch zu vergnügen.« Hiermit führte sie Elbenstein die Treppe hinauf, eröffnete ein wohlausgeputztes Zimmer, welches nur von einem einzigen Licht erleuchtet wurde. Der mit allerhand Konfitüren und Weingläsern besetzte Tisch stand der Türe gleich gegenüber, und an demselben saß eine von den verkleideten Bäuerinnen, welche er bei sich hatte vorbeigehen sehen. Sobald er ins Zimmer eingetreten und die Tür hinter ihm zugeschlossen war, stand sie auf und ging ihm etliche Schritte entgegen. Elbenstein hingegen fiel vor ihr auf das Knie nieder und deprezierte seinen gestern begangenen Fehler mit herzbrechenden Worten. Sie hörte ihm eine kleine Weile zu, sagte aber kein Wort, weil sie eine grüne Samtmaske vor dem Gesicht hatte. Endlich legte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund zum Zeichen, daß er nunmehr hiervon nur schweigen sollte, ihm aber auch ein Zeichen zu geben, daß sie nicht mehr zornig sei, klopfte sie ihm mit beiden Händen auf die Backen, führte seine Hand zu ihrem Munde, welche sie wegen der Maske zwar nicht küssen konnte, doch gab sie mit ihrem Mund einen klatschenden Laut, zum Zeichen, daß dieses so gut als geküßt wäre; nach diesem griff sie ihm unter die Arme und hob ihn also von dem Fußboden auf, präsentierte ihm einen Stuhl, sich neben sie zu setzen, schenkte zwei Gläser Wein ein und gab mit funkelnden Augen und einem charmanten Kompliment, jedoch ohne einziges Wort zu reden, zu verstehen, daß sie auf seine Gesundheit trinken wollte. Elbenstein war schon froh, denn nunmehr, glaubte er, würde sie ihr schönes Gesicht entblößen; allein weit gefehlt! Denn ehe er sichs versah, hatte sie vermittels eines goldenen Röhrchens in größter Geschwindigkeit das ganze Glas ausgeleert. Das war ihm nun zwar eben nicht gelegen, jedoch ließ er sich nichts merken, sondern trank den Pokal, welchen sie ihm eingeschänkt hatte, auf ihre Gesundheit rein aus; hierauf wurde er etwas dreister, küßte ihre mit kostbaren Perlen und Ringen gezierten Arme und Hände, die an Zärtlichkeit den Samt und an Weiße den Alabaster übertrafen, desgleichen die unvergleichliche, halbentblößte Brust vielmal und bewunderte nicht allein diese, sondern auch ihre schöne Kehle, den wohlproportionierten Leib und Schenkel, desgleichen die mit Perlen und edlen Steinen gestickten Schuhen gezierten, artigen kleinen Füße. Alles dieses war mehr als zuviel, Elbensteins geile Triebe vollkommen zu erregen und die sündlichen Wollustfunken in lichterlohe Flammen zu verwandeln, weswegen er zu seufzen anfing und sich mit feuervollen Augen nach dem auf der Seite stehenden Bette umsah; die Dame seufzte gleichfalls, drückte aber ihre Augen fest zu, weswegen er es wagte, aufzustehen und sie vom Tisch hinwegzuführen. Sie ließ mit sich umgehen als er nur selbst wollte . . . Um aber den äußersten Zirkel der Ehrbarkeit nicht zu überschreiten, schlägt man bei dieser Passage etliche Blätter im Manuskript des Autors zurück und meldet nur soviel, daß beide Verliebte einen scharfen und öfters wiederholten Streit miteinander hatten, bis endlich die Dame mit gebrochenen Worten und ächzender Stimme sagte: »Son stanca mio Bene! Un pocho di riposo. Ich bin müde, mein Leben! Laß mich ein wenig ruhen.« Nunmehr wurde Elbenstein erst überzeugt, daß er mit keiner stummen Amour zu tun hätte, weswegen er ihr sonst noch allerhand Schmeicheleien erwies und sich endlich an den Tisch setzte, woselbst er erst etliche Zimmetmandeln speiste, hernach aber zur Stillung seines heftigen Dursts etliche Gläser Malvasier auf seiner unbekannten Schönen Gesundheit austrank. Er war in seinem Herzen und Gedanken vor Vergnügen dergestalt verwirrt, daß er nicht einmal daran gedachte, ob dieselbe vielleicht nicht Appetit zum Trinken haben möchte, bis sie selbst sagte: »Mein Engel, reich mir ein einzig Glas Wein und mein Röhrchen dazu, welches dort in der Schale liegt.« Er säumte sich nicht, ihr aufzuwarten, mittlerweile richtete sie sich im Bett auf und zog den dargereichten Wein durch das Röhrchen in sich; da er aber sowohl eines als das andere wieder an Ort und Stelle gebracht, reckte sie ihren aufgestreiften Arm ihm entgegen, weswegen er sich neben sie an das Bett setzte und Arme, Hände und Brust aufs neue inbrünstig zu küssen anfing. Sie machte ihm mit Drückung der Hände und dergleichen verschiedene Gegenkaressen, weswegen er sich die Freiheit nahm, sie auf das allerzärtlichste zu bitten, daß sie doch die Maske von ihrem englischen Angesicht ablegen möchte. Sie schwieg erst eine gute Weile still; als aber Elbenstein nochmals darum anhielt, sagte sie mit einer ernsthaften Stimme, wobei sie sich zugleich in die Höhe richtete: »Mein Kavalier! Ich liebe Euch von Herzen, und zwar dergestalt als ich noch keinen Menschen auf der Welt geliebt habe, allein ich bitte Euch, verlangt nicht noch mehrmals von mir, daß ich mich vor Euch demaskieren soll, so lieb Euch Euer Leben ist. Unterdessen will ich Euch, ohne mich selbst zu loben, auf das teuerste versichern, daß unter dieser Maske kein häßliches, sondern eines von den feinsten Gesichtern in ganz Italien verborgen ist. Ich mache mir aber aus meinem Gesicht eben keinen Staat, weil ich weiß, daß mich die gütige Natur mit anderen Annehmlichkeiten zur Genüge besorgt hat; aber das muß ich gestehen, daß ich sehr eigensinnig bin und niemanden liebe als denjenigen, an welchem ich etwas vollkommenes nach meinem Goût finde. Deswegen verscherzt dieser unnötigen Curiositée wegen, welche bei der Hauptsache wenig oder nichts zusetzen oder abnehmen kann, meine vollkommene Gunst und Liebe nicht, forciert mich auch nicht weiter, mich zu demaskieren, bei Verlust Eures Lebens.« Elbenstein vermerkte gleich bei der Dame ernsthaften Sprache und Stellung, daß sie sich über sein Begehren etwas alteriert hatte, weswegen er vor ihrem Bette niederkniete und unter beständigem Küssen ihrer Hände und Füße dieselbe wegen seines abermals begangenen Fehlers um Verzeihung bat. Er fügte hinzu, daß ihm sein Schutzengel dero überirdisches Bildnis dergestalt im Geiste vorgezeigt, daß nichts fehlte, als daß er in der Malerkunst erfahren wäre, sonst wollte er es unfehlbar dergestalt abschildern, daß sie, die Dame, selbst bezeugen sollte, wie er es nach dem Original, welches er doch nie zu sehen das Glück gehabt, akurat getroffen habe. Deswegen müsse er bekennen, daß er eben hiernach nicht so begierig gewesen, als nur dero unvergleichliche Lippen zu küssen, deren Purpurfarbe er durch die Öffnung der Maske zwar nur in etwa erblicken könne, allein sie hätten gleichsam als ein Magnet seinen Mund und Herz dergestalt an sich gezogen, daß er gemeint, er müsse verzweifeln, wenn er sich nicht ausbäte, diese himmlischen Lippen zu küssen. »Oh, Du kleiner Schmeichler!« sagte die Dame, indem sie sich wieder aufs Bett streckte, »komm her und lege Dich neben mich.« Elbenstein ließ sich nicht zweimal nötigen, sondern gehorsamte gleich, erschrak aber nicht wenig, da im selben Augenblick eine Maschine von der Decke heruntergefahren kam, welche das Licht dergestalt bedeckte, daß man im Zimmer keine Hand vor Augen sehen konnte. Er wußte nicht, was dieses bedeuten sollte; unter der Zeit aber hatte die Dame die Maske auf die Seite getan und legte ihren bloßen Mund auf seinen Mund, gab ihm auch in einem Atem mehr als hundert Küsse. Endlich im Abziehen sagte sie: »Nun! Da hast Du meinen bloßen Mund, küsse Dich satt, allein, mein Leben! Der Schwur, den ich getan, vor Dir mein Angesicht verborgen zu halten, solange ich an diesem Ort bin, wird von mir nicht gebrochen.« Elbenstein küßte demnach im Finstern nicht allein den zarten Mund, sondern auch die Augen und Wangen viel hundertmal, bis ihn endlich die Dame erinnerte, für diesmal von diesem Spiel abzustehen und das Hauptspiel wieder vorzunehmen. Er machte sich sogleich fertig dazu, und unter dieser kurzen Zeit sagte die Dame noch: »Du hast doch recht, meine andere Seele! daß kein Liebesgenuß recht vollkommen zu nennen ist, wenn das Küssen des Mundes dabei verweigert wird.« Elbenstein küßte sie demnach noch etliche Mal auf den Mund, worauf das sogenannte Hauptspiel wieder angefangen wurde, nachdem sie aber selbiges ungefähr fünf- oder sechsmal wiederholt, zeigte die Glocke die Mitternachtsstunde an, weswegen die Dame Elbenstein zu vernehmen gab, daß dieses die Zeit wäre, da sie voneinander scheiden müßten, doch bäte sie sich aus, daß er folgenden Abends, eben um diese Zeit, abermals in diesem Hause erscheinen möchte. Elbenstein versprach, ihren Befehlen aufs allergenaueste nachzuleben, küßte die geliebten Lippen noch etliche Mal und tappte hernach im Finstern nach dem Tisch hin, um nicht etwa die Gläser umzustoßen oder sonst ein Unglück anzurichten. Sobald aber die Dame nur ihre Maske wieder vorgetan, fuhr die Maschine, welche das Licht bedeckt hatte, plötzlich in die Höhe, und es war wiederum hell in der Stube, so daß Elbenstein alle seine Sachen geschwind finden konnte. Die Dame stieg auf und brachte eine silberne Schale voll Makronen, die sie aus einem Schranke nahm, hergetragen, steckte Elbenstein alle Taschen voll und schüttete die übrigen in seinen Hut mit dem Begehren, daß, ehe er eine davon verschenkte, sie erst voneinanderbrechen und kosten sollte, weil dieses Konfekt sehr stärke. Er versprach, keine davon zu verschenken, sondern auf ihre Gesundheit alle mit großem Appetit zu verzehren. Hierauf zog sie einen kostbaren Ring von ihrem Finger, steckte ihm denselben an seinen kleinen Finger, weil er an keinen anderen passen wollte, und sagte: »Diesen behaltet zum Angedenken der heutigen Nacht, künftig ein mehreres.« Wie sie nun unter diesen letzten Worten an einem Glöcklein zog, küßte Elbenstein nochmals ihre schönen Hände, dankte aufs allerverbindlichste für das kostbare Geschenk und nahm fast mit weinenden Augen Abschied, bat aber zum Beschluß nochmals, ihm seine begangenen Fehler völlig zu vergeben und alles das, was ihr an ihm nicht gefiele, gnädigst und liebreich zu korrigieren; worauf sie ihn zärtlich umarmte, an ihre Brust drückte und dabei sagte: »Oh, bella anima in un angelico corpo! Oh, was für eine schöne Seele in einem englischem Leibe!« Indem kam Margaretha zur Tür hinein, welcher sie befahl, dem Kavalier die Treppe hinunterzuleuchten, damit er nicht Schaden nähme. Diese gehorsamte, er machte nochmals ein stummes Kompliment, wogegen die Dame die Strahlen ihrer pechschwarzen Augen nochmals auf ihn schießen ließ und sich nach gemachtem Gegenkompliment zurückbegab. Als Margaretha die Treppe hinuntergeleuchtet, begegnete ihnen im Haus unten die andere verkleidete Bäuerin, an deren Gliedmaßen aber Elbenstein sogleich wahrnahm, daß sie von der gütigen Natur mehr zur Arbeit als zur Galanterie geschaffen worden, indem ihre Hände, Füße, ja der ganze Körper dergestalt vierschrötig beschaffen, daß ein ekler Buhler sich wenige Mühe darum zu geben Ursache hatte. Jedoch wegen ihrer Treue mochte sie bei der unbekannten Dame in besondern Gnaden stehen, und dieserwegen allein machte ihr Elbenstein ein freundliches Kompliment. Sie ging die Treppe hinauf, Margaretha aber begleitete ihren Gast bis an die Haustür, wo er ihr drei Zecchinen in die Hand drückte und bat, daß sie ihm erlauben möchte, in ihren Garten zu kommen, weil er nicht allein ein großer Liebhaber von frischem Obst wäre, sondern auch sonst ein und anderes mit ihr zu sprechen hätte. Margaretha dankte zuerst für das empfangene Geschenk und sagte hernach: »Mein Herr! In meinen Garten können Sie wohl kommen, und zwar durch die Tür, so von der Straße hineingeht, denn im Garten können wir von allen Leuten gesehen werden, aber, um aller Heiligen willen, nicht in mein Haus, denn die Dame ist ganz entsetzlich jaloux, und wenn sie erführe, daß Sie, mein Herr, bei mir allein im Hause gewesen, würde sie gleich auf den Verdacht fallen, daß wir einander karessierten; denn ich bin auch noch in meinen besten Jahren, und also könnte es uns allen beiden das Leben kosten, darum ists am besten, daß wir im freien Garten, wo uns alle Leute sehen können, miteinander reden.« Elbenstein versprach, sich danach zu richten, nahm gute Nacht von Margarethen und begab sich, nach einer seinem Fleisch und Blut sehr wohlgefälligen, dem Himmel aber sehr mißgefälligen Bemühung, nach seinem Logis und zur Ruhe. Was für verliebte Träume er von dieser unbekannten Schönen gehabt, und wie Morpheus ihm dieselbe im Schlafe ohne Maske als ein recht überirdisches Wunderbild vorgestellt, auch was die eigene Phantasie ihm bei zugemachten Augen für geile Blendwerke vorgegaukelt, ist nicht ratsam anzuführen; als er aber des anderen Vormittags aufgewacht und sich ankleiden lassen, brach er eine von den Makronen auf und fand einen Zecchin darin (diese Münze läßt der Doge zu Venedig schlagen, und es galt zu damaligen Zeiten ein Zecchin ungefähr vier kaiserliche Groschen mehr als ein ungarischer Dukaten). Elbenstein brach noch mehrere voneinander und fand in einer jeden dergleichen Goldstück, nahm sich auch keine Bedenken, etliche davon zum Frühstück zu speisen, weil er gedachte, wenn diese Dinger vergiftet wären, ihn damit ums Leben zu bringen, so würde man doch zum wenigsten das Gold gespart haben, denn er zählte akkurat hundert Stück Makronen und also auch hundert Zecchinen. Je mehr er nun hierdurch in der Meinung gestärkt wurde, daß seine unbekannte Amasia eine sehr vornehme und reiche Dame sein müsse, desto stärker vermehrte sich seine ambitiöse Liebe, und er brachte die müßigen Stunden bloß mit eifrigem Nachsinnen zu, wie er künftigen Abend seine Venus recht à la mode bedienen wollte. Bald nach Tisch ging er ungescheut in der Margarethe Garten und divertierte sich in selbigem an allerhand Blumen und Früchten, bis endlich die Margaretha ihn gewahr wurde und zu ihm herauskam, da er ihr denn aufrichtig erzählte, wie er in dem Konfekt hundert Stück Zecchinen gefunden, ihr auch den zehnten Teil davon gab und dieselbe bat, hinfort noch weiter seine gute Freundin zu bleiben, vor allen Dingen aber ihm zu melden, was seine hohe Gebieterin etwa an seiner Aufführung und ganzen Wesen auszusetzen hätte: damit er sich in Zeiten danach richten könne, um derselben nicht mißfällig zu werden. Margaretha versicherte ihm mit den teuersten Eidschwüren, daß die Dame mit seiner Konduite vollkommen wohl zufrieden gewesen und alles dahin eingerichtet hätte, daß er noch drei Nachtvisiten bei ihr abstatten sollte, binnen der Zeit sie schon Abrede mit ihm nehmen würde, wo sie einander weiter sprechen könnten. Unterdessen könne er vergewissert sein, daß seine Mühe sehr wohl belohnt werden würde, nur aber sollte er sich das Stillschweigen rekommandiert sein lassen, damit kein Mensch von diesen Liebeshändeln einige Nachricht empfinge, weil die Dame ungemein capricieux wäre und in diesem Fall seines Lebens nicht schonen würde, ungeachtet sie ihn auf das allerzärtlichste liebte. Elbenstein replizierte: daß, wenn er alle Qualitäten und Tugenden sowohl als das Stillschweigen besäße, so verhoffe er für den allervollkommensten Kavalier zu passieren, wobei er mit Bleistift auf ein im Gartenhaus auf dem Tisch liegendes Papier folgende Worte schrieb: »Sil tacere potesse rendermi immortale, non morirei giamias. Wenn Verschwiegenheit mich unsterblich machen könnte, so glaube ich, daß ich wohl nimmermehr sterben würde.« Hierauf begab er sich wieder in sein Quartier, stellte sich ganz malade und schlief etliche Stunden, um die bestimmte Zeit aber gab er dem Wirt zu vernehmen, wie er gestern abend mit einigen Kavalieren ins Spiel geraten, einige Zecchinen gewonnen und versprochen hätte, ihnen diesen Abend Revanche zu geben. Der Wirt, als ein complaisanter Mann, wünschte ihm Glück zu fernerem Gewinne, warnte ihn aber dabei, daß er sich ja behutsam aufführen und vor starkem Trinken hüten möchte, denn er müsse es selbst seiner Nation zur Schande nachsagen, daß die meisten italienischen Kavaliere nicht halb so genereus und herzhaft als die Deutschen, im Gegenteil desto heimtückischer und hinterlistiger wären, und wenn sie im Spiel etwas Merkliches verloren, sich gemeiniglich aufs Zanken legten und eine malhonette Rache auszuüben suchten. Elbenstein hingegen versicherte dem Wirt, daß diejenigen Kavaliere, welche ihn gestern zufälligerweise in ihr Kompanie genötigt, recht raisonable Leute und keine Sklaven vom Geld wären, über alles dieses ihm die größte Complaisance erzeigt hätten, weswegen er denn, da er ohnedem gesonnen, noch etliche Tage hierzubleiben, sich vorgenommen hätte, dieselben ehesten Tages zu sich in sein Logis zu bitten und sie nach Vermögen zu divertieren. Der Wirt, welcher seinen Profit hierbei zu ziehen gedachte, ließ sich solches gefallen, sorgte weiter für Elbenstein nicht, dieser aber ging, sobald es dämmrig zu werden begann, durch die Gärten spazieren und um die bestimmte Zeit in der Margarethen Haus. Diese kam ihm sogleich entgegen und berichtete, daß die Dame bereits vor einer guten halben Stunde angekommen wäre und seiner in eben dem Zimmer, wo sie gestern beisammengewesen wären, mit verliebter Ungeduld erwartete. Bei so gestalter Sache hielt es Elbenstein nicht für ratsam, eine Minute zu versäumen, sondern begab sich eiligst die Treppe hinauf, ging unangemeldet in das Zimmer und traf seine Geliebte in einem langen, goldenen brokatenem Schlafrock auf dem Faulbette liegend an. Sie lag auf dem Rücken, und er bemerkte dennoch durch die Maske, daß sie die Augen zugetan hatte, indem das Zimmer nicht wie gestern nur mit einem sondern mit zwölf Wachslichtern erleuchtet war, daß es darin so hell als am Tage. Er wollte sich nicht erkühnen, sie in ihrer Ruhe zu stören, küßte demnach ihre Hände vielmal ganz subtil und blieb vor dem Bett auf den Knien sitzen. Endlich wurde sie durch das viele Händeküssen ermuntert, fuhr in die Höhe und sagte: »Ach, mein Vergnügen, seid Ihr schon da? Habt doch die Güte und verriegelt die Tür.« Er war mehr als geschwind, ihrem Befehl zu gehorsamen; als er aber zurückkam, traf er seine Venus in einer solchen Positur an, daß er vor Vergnügen fast ganz entzückt zu sein schien, denn sie hatte den kostbaren Schlafrock voneinander getan und präsentierte ihren zarten Körper, wie er geschaffen war, auch sogar ohne Hemd, jedoch das Gesicht en masque. Hier verbietet die Ehrbarkeit abermals, die Entrevue dieser beiden Verliebten und die Lektionen, so sie einander aufgegeben, zu beschreiben. Demnach schlägt man im Manuskript viel lieber etliche Blätter zurück und meldet nur soviel, daß Elbenstein nicht nur diese, sondern auch folgende Nächte niemals morgens vor vier Uhr deutschen Zeigers von ihr kam, jedoch für seine Mühe ungemein reichlich belohnt wurde, wie sie ihm demnach in der letzten Nacht ein von ihren eigenen Haaren und untersponnenen Goldfäden durchwirktes Armband schenkte, dessen Schloß mit Diamanten und anderen kostbaren Edelsteinen reichlich besetzt war. Hierbei meldete sie ihm, daß sie zwar folgenden Morgen von hier abzureisen sich genötigt sähe, allein, er sollte nicht verabsäumen, die Woche vor Martini nach Padua zu kommen und sein Quartier bei der Oreda Todesca zu nehmen, daselbst würde sich ein ihr getreuer Mensch einfinden, der ihn insgeheim und sicher zu ihr bringen würde. Er versprach unter tausend Küssen und anderen Liebkosungen, den Befehlen seiner schönen Gebieterin aufs genaueste nachzukommen, dankte aufs verbindlichste für die kostbaren Präsente, nahm endlich mit einer wahrhaft verliebten Betrübnis Abschied von derselben und begab sich nach seinem Logis, wo er, weil er sich diese Nacht im Liebeskrieg ziemlich abgemattet, bis zehn Uhr vormittags schlief, nach dem Ankleiden aber Anstalten zu seiner ferneren Reise machte. Dennoch trieb ihn eine verliebte Sehnsucht an, diesen Ort nicht eher zu verlassen, bis er noch einmal mit Margaretha gesprochen, um von derselben zu vernehmen, was seine unbekannte Mätresse nach seinem Abschied etwa von ihm noch erwähnt, deshalb begab er sich in ihren Garten, wo sie seiner Person bald gewahr wurde, zu ihm herunterkam und vermeldete, daß ihre Gebieterin vor wenigen Stunden abgereist wäre. Margaretha nötigte ihn hinauf in das Zimmer, worin er sich mit der Dame divertiert hatte, und meldete ferner, wie dieselbe ihr beim Abschied nochmals anbefohlen, ihm entweder schriftlich oder mündlich die Verschwiegenheit nochmals einzubinden und dabei anzumahnen, daß er der mit ihr genommenen Abrede nach auf die bestimmte Zeit sich zu Padua einfinden und versichert sein sollte, daß, wofern er diesen beiden Punkten nachkommen würde, er keinen Schaden sondern vielmehr einen starken Vorteil davon haben sollte. Dieser versprach, beides unverbrüchlich zu beobachten, als er aber seine Blicke auf das Bett oder, besser zu sagen, auf die Walstatt seiner ausgeübten sündlichen Lüste warf und sich erinnerte, was für verliebte Rencontres darauf vorgegangen, konnte er sich nicht enthalten, dasselbe mit vielen Küssen und sehnsuchtsvollen Seufzern zu beehren und gleichsam hiermit der Göttin der Liebe zur Dankbarkeit noch ein Opfer zu bringen. Margaretha, welche eine ganz wohlgebildete Frau nicht viel über dreißig Jahre und den Liebesübungen sonst eben nicht abgeneigt war, wurde durch Elbensteins Beginnen innig gerührt, sagte deswegen, sie wollte im Namen des Bettes die schuldige Gegendankbarkeit für die verliebte Beehrung und Abschiednehmung erstatten, unter welchen Worten sie dem von Elbenstein mit entbrannten Augen dergestalt begierig um den Hals fiel und ihm so viele heiße Küsse versetzte, daß, als sie vollends mit gebrochenen Augen auf das Bett zurücksank, und ihn nach sich zog, er sich von derselben solchermaßen bezaubert fand, ihr eben denjenigen Liebeszoll abzustatten, den er vorher der maskierten Schönen, welche er in seinem Herzen um Verzeihung bat, abgezahlt hatte. Unterdessen aber mußte er hierbei dennoch bekennen, daß die gütige Natur auch zuweilen Personen von geringem Stande etwas besonders Reizendes vor vielen vornehmen Damen angedeihen lasse, ja es wurde durch diese unvermutete Begebenheit und durch eine und andere besondere Aufführung dieser seiner der Geburt nach zwar bäurischen, in der Tat aber sehr zivilisierten Mätresse, in seinem Herzen eine wirkliche Liebe gegen dieselbe erweckt. Denn ob sie gleich nicht so weiß, zart und an der Struktur der Glieder nicht so vollkommen angenehm gebildet war als die maskierte Dame, so konnte er doch aus ihren schwarzen, feurigen Augen und bräunlichen Angesicht fast mehr Vergnügen lesen, als aus einem Gesicht, welches mit einer Maske bedeckt war und er nicht wissen konnte, ob es etwa durch die Pocken oder andere Flecken und Male verdorben wäre, demnach zwischen Hoffnung und Zweifel bleiben müßte, ob es so vollkommen schön, als er sich selbiges eingebildet, oder ob es häßlich wäre. Zudem verstanden sich dieser wohlgebildeten Brünetten dennoch weißen und fleischigen Arme und Schenkel ebenso wohl auf die verliebte Ringekunst, als jener ihre fast allzuzarten Gliedmaßen. In summa, gleich wie der menschliche Appetit und lüsterne Mund oftmals ein Gericht Kraut oder anderes Zugemüse den delikatesten Braten und dergleichen niedlichen Speisen vorzieht, so verachtete Elbenstein für diesesmal die bräunliche, gesunde und muntere Gärtnerin auch nicht und befand diese Veränderung seinem venerischen Gemüt ganz angenehm, wie denn auch die verliebte Gärtnerin, nachdem ihre Sehnsucht gestillt, ihn mit den allerfreundlichsten Karessen ersuchte, auf eine schlechte Mittagsmahlzeit bei ihr zu verbleiben. Sie wußte ihr Kompliment dergestalt artig vorzubringen, daß Elbenstein sich recht gezwungen sah, in ihr Begehren zu willigen. Demnach holte sie erst einen lebendigen Kapaun, einen vortrefflichen Fisch, desgleichen ein paar frischgeschossene Rebhühner, befahl einer alten Frau und ihrer Magd, daß sie alles aufs eiligste und beste zurechtmachen sollten, sie aber begab sich, nachdem sie sowohl den Kapaun als den Fisch selbst abgestochen hatte, mit dem von Elbenstein wieder hinauf in das Zimmer, wo der verliebte Zeitvertreib auf der pläsanten Ruhestätte der maskierten Dame wiederholt wurde; denn obschon die angenehme Gärtnerin sowohl an Armen als an den Kleidern von den abgeschlachteten Stücken ziemlich mit Blut besudelt war, so ekelte Elbenstein dennoch um soviel weniger vor ihr, weil sich die Röte in ihrem Gesichte teils durch die verliebte Erhitzung, teils durch das angezündete Feuer sehr stark hervorgetan, mithin wegen der Vermischung auf der bräunlichen Farbe ein nicht unangenehmes Ansehen verursachte und die lüsternen Regungen und Liebesbegierden desto mehr anreizte. Nachdem sie nun in vollem Vergnügen noch von diesem und jenem einen freundlichen Diskurs geführt, ging Margaretha wieder hinunter und brachte die Speisen herauf, worüber sich Elbenstein nicht wenig verwunderte, indem er sich fast nicht einbilden konnte, wie es möglich wäre, in solcher Geschwindigkeit eine vollkommene Mahlzeit zuzubereiten. Allein, er fand alles ungemein appetitlich und wohl zugerichtet, wie denn noch verschiedene Nebengerichte nach italienischer Art, welche zur Wollust reizen, desgleichen verschiedene Sorten von Konfitüren aufgesetzt wurden; auch fehlt es der Margaretha nicht an etlichen Bouteillen Malvasier und Vino di Monte Alcino, welches alles vielleicht ein Überbleibsel von der Generosität der unbekannten Dame herrühren mochte. Dieses alles schmeckte Elbenstein recht vortrefflich wohl und noch besser als im Gasthof, weswegen er fast zwei Stunden mit seiner angenehmen Gärtnerin bei Tisch zubrachte, nachher aber derselben nebst einem Gratial von etlichen Zecchinen zu vernehmen gab, wie es nunmehr Zeit sei, daß er sich zu Pferd setzen und fortreisen müßte, weil er ohnedem nicht wüßte, womit er sich bei seinem Fürsten entschuldigen wollte, daß er so viele Tage über die gesetzte Zeit ausgeblieben wäre. Margaretha hätte die Zecchinen gern entbehrt, wenn dieser feine Herr nur noch ein paar Tage bei ihr geblieben wäre, denn sie gab solches fast mit weinenden Augen zu verstehen, allein, da derselbe die allerhöchste Notwendigkeit und daß sein ganzes Renommee darauf beruhte, vorschützte, anbei sie beredete, wie ihm ihre Karessen dergestalt wohlgefallen, daß er in wenigen Wochen allhier wieder durchpassieren und in aller Stille etliche Tage und Nächte bei ihr verbleiben wollte, gab sie sich endlich zufrieden, jedoch mit der Kondition, daß er ihr nur noch einen einzigen vollkommenen Liebesdienst erweisen möchte. Er, der sich durch die kräftigen Speisen und köstlichen Wein ganz besonders gestärkt befand, hätte es für eine grausame Unbarmherzigkeit gehalten, ihr solches abzuschlagen, und da sie sich über seine besondere Complaisance ungemein vergnügt bezeigt, nahm er endlich auf eine recht zärtliche Art, nicht anders, als ob er eine der vornehmsten Damen vor sich hätte, Abschied von der Margaretha; jedoch ehe er noch aus dem Zimmer schritt, vermahnte ihn dieselbe, von dieser neuen Historie ja gegen niemanden ein einziges Wort zu melden, widrigenfalls sie beiderseits ein jämmerliches Racheopfer der maskierten Dame werden würden. Elbenstein schwur der Margaretha hoch und teuer zu, solange als er in Welschland lebte, nichts von alldem zu reden, was ihm binnen dieser wenigen Tage begegnet wäre, hierbei aber fiel ihm jählings noch ein, ob er, nachdem er die Margaretha ihm so verbindlich gemacht, von derselben in dieser letzten Stunde nicht erfahren könne, wer denn eigentlich die maskierte Dame wäre. Er umarmte sie demnach nochmals aufs liebreichste und gab ihr seine Neugier zu erkennen. Allein Margaretha erblaßte recht, als sie dieses hörte, und sagte: »Mein allerangenehmstes Wesen auf der Welt! Ich bitte Euch um alles dessen Willen, was über und unter uns ist, verschont mich mit diesem einzigen Punkt, denn ich habe einen gar zu grausamen Eidschwur tun müssen, Euch ihren Namen nicht zu entdecken, soviel will ich Euch aber doch aus Liebe sagen, daß Ihr mit einer Dame zu tun gehabt habt, die am Stand in ganz Welschland sehr wenig über sich hat. Nun reist glücklich, mein Leben! Was hülfe es Euch, wenn Ihr mir ein allzuschwer Gewissen machtet und vielleicht Euch und mich dadurch ums Leben brächtet.« Solchergestalt sah und merkte Elbenstein wohl, daß seine Neugier in diesem Stück nicht könnte gestillt werden, deswegen nahm er völligen Abschied von der Margaretha, ging zurück ins Logis, bezahlte den Wirt recht raisonable, und da seine Pferde schon parat und gesattelt standen, setzte er sich auf, erreichte auch, weil er den ausgeruhten Pferden die Sporen ziemlich fühlen ließ, noch selbigen Abend die Stadt Padua. Nachdem er allda in einem bequemen Logis wenig von Speisen und Getränken, jedoch desto mehr Schlaf und Ruhe genossen, begab er sich frühmorgens bei guter Zeit auf den ferneren Weg nach Bataglia; indem er aber solchergestalt dem Schlosse vorbeipassieren mußte, wo seine geliebte Baronne von K. sich aufhielt, fing er an, sobald er solches erblickte, ganz sachte zu reiten, war auch so glücklich, dieselbe ganz allein in einem Fenster, aus welchem sie die Heerstraße und ganze Gegend übersehen konnte, zu erblicken. Sie erkannte ihn gleichfalls, und als er seinen Hut abzog, war sie so gefällig, ihm nicht allein ein charmantes Kompliment zu machen, sondern auch die Spitzen ihrer Finger zu küssen und ihm damit anzuzeigen, daß sie ihm einen Kuß entgegenschickte und herunterwürfe. Elbenstein durfte sich mit nichts anderem als mit einem tiefen Hauptneigen revanchieren, weil er befürchten mußte, daß etwa jemand anders im Schloß durch die Scheiben gucken und seine Mienen observieren möchte. Weil nun eben dem Schlosse gegenüber das Wirtshaus war, hielt er vor demselben still, ließ sich ein Stück weißes Brot und ein Glas Wein aufs Pferd reichen und verzehrte also das Frühstück, mittlerweile er seine Augen zum öfteren nach dem Schlosse richtete, in Hoffnung, die Baronne noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Allein, es wollte nichts daraus werden, denn diese war sogleich in ihres Herrn Gemahl Zimmer gegangen und hatte zu demselben gesagt: »Seht doch, mein Schatz: Dort hält ein Kavalier vor dem Wirtshaus, wenn ich schwören sollte, so hätte ich ihn bei dem Fürsten von N. gesehen, allein der arme Mensch wird ein schlechtes Frühstück bekommen, weil ich gestern gehört habe, daß unser Gastwirt in vielen Jahren nicht so schlechten Wein gehabt hat als jetzt.« Dieses letztere brachte sie mit einer solchen negligenten und lächerlichen Miene vor, daß der Herr Baron sich fast darüber ärgerte und sagte: »Es ist eine schlechte Ehre für unseren Flecken, wo wir selbst wohnen.« Augenblicklich aber rief er einen von seinen Lakaien und befahl ihm, aufs allereiligste eine Bouteille von dem allerbesten Marceminerwein nebst einer Schale von Konfekt dem Kavalier, der dort vor dem Gasthof hielte, hinüberzutragen, dabei zu melden, wie er, der Baron, demselben seine gehorsamste Empfehlung machen ließe, anbei besorgte, daß ihm des Wirtes Wein vielleicht nicht schmecken würde, weswegen er ihm hier eine Bouteille von dem seinigen, so gut man dieselbe in der Geschwindigkeit ergreifen können, überschickte, anbei gehorsamst bäte, wenn seine Reise nicht allzu pressant, seiner, des Barons, Behausung und ihm die Ehre zu geben, auf ein schlecht Mittagsmahl vorlieb zu nehmen, damit er das Glück haben möchte, den er für einen deutschen Landsmann ansähe, von Person und Namen kennenzulernen. Der Diener war wie der Wind, sowohl den Wein und Konfekt als das Kompliment anzubringen, hätte es auch nicht besser treffen können, indem er für seinen Weg einen Scudo d'argento (ist ungefähr dreißig Groschen deutschen Geldes) zum Trinkgeld bekam; Elbenstein schickte aber sogleich seinen eigenen Diener zum Herrn Baron, ließ bei Vermeldung seines gehorsamsten Respekts und schuldigster Danksagung für das Überschickte wissen, daß er des Fürsten von N. Kammerjunker und eben jetzt auf der Rückreise begriffen wäre, wegen einer aufgehabten Kommission Seiner Durchlaucht, die sich noch in Bataglia bei des Marchese Obizzo Hochwohlgeborener Exzellenz befanden, untertänigsten Rapport abzustatten; gratulierte sich anbei höchlich, in seiner Gegend an dem Herrn Baron einen hochgeschätzten deutschen Landsmann angetroffen zu haben, und wollte sich bei anderer, bequemerer Gelegenheit das Glück ausbitten, in dessen nähere Bekanntschaft zu geraten, vorab aber wolle er das Überschickte auf des Herrn Barons Gesundheit zu sich nehmen und sich zu dessen geneigtem Andenken bestens rekommandieren. Sobald der Baron nur die Wahrheit erfuhr, daß Elbenstein ein deutscher Kavalier wäre und bei dem Fürsten von N. in Diensten stünde, bat er dessen Diener, nur einen Augenblick zu verziehen, binnen der Zeit er seinen Stock, Degen und Hut langen ließ, sich in Person zu Elbenstein begab und denselben aufs allerfreundlichste bat, seine fernere Reise wenigstens nur auf einige Stunden aufzuschieben und in seinem Hause mit einer Mittagsmahlzeit vorlieb zu nehmen. Dieser weigerte sich, ob er gleich vom Pferd gestiegen war, erst lange Zeit. Als aber der Baron, welcher in vielen Monaten mit niemandem Deutsch hatte sprechen können, allzu inständig anhielt, ihn nur dieses Mal nicht zu verachten, ließ er sich endlich, dem Schein nach, forcieren, über Mittag dazubleiben, da denn die beiden Herren vorausgingen, die Diener aber die Pferde hinterherführen mußten. Kaum hatte der Baron Elbenstein in ein propres Zimmer geführt und gehörig bewillkommt, als er sogleich seine Gemahlin aus dem Nebenzimmer rief, ihm dieselbe entgegenführte und zu ihr sagte: »Hier, mein Schatz, seht Ihr einen wertgeschätzten Landsmann von mir, dem die deutsche Treue und Redlichkeit aus den Augen leuchtet, ich bitte Euch, daß Ihr ihm die Zeit passiert, bis ich wiederkomme.« Es war fast ein Glück sowohl für die Baronne als für Elbenstein zu nennen, daß der gute Herr Baron sich so geschäftig erwies und gleich aus dem Zimmer ging, den beiden verliebten Seelen stieg das Blut dergestalt ins Gesicht, daß auch der allereinfältigste Mensch an ihnen besondere Regungen hätte bemerken müssen, und wenn er auch gleich gewußt hätte, daß sie einander Zeit Lebens nicht gesehen oder gesprochen hätten. Sobald aber nur die Baronne gehört, daß ihr Herr die Treppe hinuntergetrappelt war, embrassierte sie den von Elbenstein, gab ihm in der Geschwindigkeit mehr als hundert Küsse und sagte hernach: »Oh du Glück, wann werde ich in den Stand kommen, dir es sattsam zu danken, daß du mir das Vergnügen gönnst, mein Allerliebstes auf der Welt in meinem eigenen Haus zu küssen;« Hierauf machte sie erst die Tür des Zimmers auf, da aber nichts Lebendiges zugegen, ging das Küssen von neuem an, jedoch ganz gemächlich, so daß allen beiden auch die Röte aus dem Gesicht verschwand, und endlich, da der alte Herr Baron wieder heraufgestapelt kam, standen sie an dem geöffneten Fenster und schwatzten dergestalt ernsthaft miteinander, als ob keines von beiden jemals ein Wasser trüb gemacht hätte. Weil aber der Baron anfing, sich mit Elbenstein in ein Staatsgespräch einzulassen, machte die Baronne ihr Kompliment und begab sich wieder zurück in ihr Zimmer. Er, der Baron, gab Elbenstein zu vernehmen, daß, weil er von ihm gehört, daß sich Seine Durchlaucht, der Fürst von N., dermal zu Bataglia bei dem Marchese Obizzo aufhielten, welcher letztere Herr ein naher Anverwandter von der Baronesse, seiner Gemahlin, wäre, so wollte er sich die Ehre nehmen, einen Reisegefährten bis dahin abzugeben, worüber denn Elbenstein sein besonderes Vergnügen, daß er nämlich den Herrn Baron zum angenehmen Reisegefährten haben sollte, in den höflichsten Ausdrücken zu erkennen gab. Da nun ein Lakai kam und meldete, wie die fremden Damen und Kavaliere sich schon insgesamt bei der gnädigen Frau im Tafelgemach befänden, nahm der Baron Elbenstein bei der Hand und führte ihn auch dahin. Nach allerseits gewechselten Komplimenten setzte man sich zur Tafel, da sich denn Elbenstein, dem die italienische Mode schon sehr bekannt worden, ungemein behutsam aufzuführen wußte und seine Blicke dergestalt indifferent sein ließ, daß niemand einen Argwohn oder widrige Gedanken von ihm schöpfen konnte, sondern ihn ein jeder für einen qualifizierten Kavalier, der eine besonders lobenswürdige Modestie besäße, deklarierte. Es wollte zwar der Herr Baron, nach dem nicht allzu löblichen Gebrauch der Deutschen, zum Trunk forcieren, allein da Elbenstein solches seinerseits mit einer höflichen Manier ablehnte und vorwendete, wie er seinem gnädigsten Fürsten den untertänigsten Rapport nicht gern mit schwerer und stammelnder Zunge, auch wankenden Füßen abstatten wollte, überdies selbigen Abend in Bataglia ohnedem noch scharf genug würde getrunken werden, indem sein gnädiger Herr sowohl als der Herr Marchese, da sie sich einige Jahre in Wien aufgehalten, die deutsche Lebensart sich ganz unvergleichlich angewöhnt, auch solche bis dato noch nicht abandonniert hätten, sondern öfters das Maß der Mäßigkeit überschritten; als fing der Baron an zu lachen, ließ aber Elbensteins Remonstration gelten und einem jeden die Freiheit, nach Belieben zu trinken. Nach aufgehobener Tafel beurlaubte sich Elbenstein von der sämtlichen Kompanie und ging mit dem Baron fort, welcher ihn bat, nur noch eine einzige halbe Stunde zu verziehen, weil er nur noch einen abgeschickten Expressen mit wenig Zeilen zurückzuspedieren hätte, hernach wollte er sich augenblicklich reisefertig machen, mittlerweile möchte er sich doch belieben lassen, noch eine Bouteille Wein einzunehmen, allein Elbenstein deprecierte solches, bat hergegen sich aus, ein wenig hinunter in die freie Luft zu spazieren, weil er seit wenig Minuten einige Kopfschmerzen empfunden. Der Baron ließ solches geschehen, bat aber dabei, daß er ihn wegen der Nichtbegleitung für diesmal excusiert halten möchte. Als Elbenstein auf den Hof hinunterkam, sah er eine Gartentür offenstehen, und weil ihm ohnedem der Kopf voller Grillen war, daß er seine geliebte Baronne so plötzlich wieder verlassen sollte, ging er auf den Garten los, machte die Tür hinter sich zu und ging ganz allein darin spazieren herum, verfiel aber dergestalt in tiefe Gedanken, daß er die Seltenheiten, so in diesem schönen Garten anzutreffen, nicht einmal observierte. Endlich, da eine gute Viertelstunde verlaufen, kam der Weingärtner, welcher ihn vor einigen Tagen mit Trauben und Aprikosen versehen hatte, und bat sich bei Elbenstein die Gnade aus, daß er ihn doch auf einige Worte anhören möchte; wie nun dieser sagte, daß er nun reden solle, fing der Mann also an: »Gnädiger Herr, ich habe einen Vetter, welcher in der Residenzstadt unseres gnädigen Fürsten wohnt; dieser arme Mann hat ein kleines Häuschen und Garten, welches an dem Palast eines reichen Kaufmanns anliegt und den Palast, wie der Kaufmann spricht, beschimpft. Nun hat mein Vetter nach einem langweiligen Prozeß und auf Zureden anderer guter Leute endlich resolviert, dem Kaufmann das ganze Wesen käuflich zu überlassen, nur aber um einen solchen Preis, wie dergleichen Häuser heutigen Tages Wert sind und wie es von unparteiischen geschworenen Personen taxiert wird. Allein der reiche Kaufmann, welcher einer der größten Geizhälse in ganz Welschland ist, will ihm durchaus nicht mehr geben, als soviel meine Vorfahren, die es in vorigen schweren Kriegen nun freilich wohl um ein Spottgeld gekauft, dafür bezahlt haben. Allein, das will mein Vetter nicht tun, unterdessen kostet ihn der Prozeß viel Geld, die Richter aber sind doch immer mehr auf des Kaufmanns als auf meines Vetters Seite, und vor Ihro fürstliche Durchlaucht kann der arme Mann so leicht nicht kommen, deswegen wollte Euer Gnaden untertänigst gebeten haben, sich meines Vetters, der sich ehester Tage bei Ihnen melden wird, anzunehmen und ein Gotteslohn zu verdienen. Die gnädige Baronesse haben mir hier ein kleines Rekommandationsschreiben an Euer Gnaden gegeben, läßt aber dabei sehr bitten, es dem Herrn Baron ja nicht zu zeigen, auch demselben nicht einmal merken zu lassen, daß sie sich in diese Sache gemischt hätte. In wenig Wochen würde die Frau Baronne selbst nach N. kommen und daselbst eine Kur brauchen, welche ihr von dem Medicus angeraten worden, auch etliche Monate daselbst verbleiben, da sie denn Gelegenheit suchen würde, für solche erwiesene Gefälligkeit und Bemühung gebührenden Dank abzustatten.« Elbenstein gab zur Antwort, daß er, der Weingärtner, seinen Vetter nur zu wissen tun möchte, daß er sich nächstens bei ihm melden sollte, so wollte er sich, sonderlich wegen des Vorspruchs einer so vornehmen Dame, keine Mühe verdrießen lassen, seinem Vetter bei Ihro Durchlaucht Hilfe zu verschaffen. Indem aber Elbenstein eben im Begriff war, der Dame Brief zu erbrechen, kam sein Bedienter gelaufen und meldete, wie der Herr Baron in völliger Bereitschaft wäre, sich zu Pferde zu setzen, weswegen Elbenstein den Brief hurtig in die Tasche steckte und hervoreilte, da er denn das Vergnügen hatte, die charmante Baronne, wiewohl nur auf zwei oder drei Augenblicke, zu sehen und nochmaligen Abschied von ihr zu nehmen; aus aller beider verliebten Augen, stießen zwei feuervolle Blicke in einer ganz unbeschreiblichen Geschwindigkeit dergestalt aufeinander, daß niemand etwas davon merkte als ihrer beider Herzen, welchen aber nicht anders zu Mut war, als ob ein glänzender Dolch hindurchführe. Hierauf setzten sich sowohl der Baron als Elbenstein zu Pferde und ritten fort, dennoch war er curieux zu bemerken, ob ihnen die Baronne auch aus dem Fenster nachsehen möchte, weswegen er, als ob es von ungefähr geschähe, einen Handschuh fallenließ, damit er nur Gelegenheit hatte, sich mit dem Pferd umzudrehen; mittler Zeit aber, da sein Diener abstieg und den Handschuh aufhob, hatte er noch die Freude, dieselbe, welche sich fast mit halben Leib aus dem Fenster gelegt hatte, zu erblicken, da er denn nochmals ein Kompliment hinauf machte, sodann sein Pferd etliche Courbetten machen ließ und dem Baron nacheilte. Beide Reisende diskutierten miteinander von lauter besonderen Staatssachen, als sie aber ungefähr eine halbe Meile geritten waren und durch ein dickes Gebüsch passierten, hielt Elbenstein still, stieg ab, gab seinem Diener das Pferd zu halten und verbarg sich, unter dem Schein, ein opus necessarium zu verrichten, hinter ein dickes Gesträuch; allein nicht dieses, sondern die ungemeine Neugier trieb ihn an, der Baronne Schreiben, welches ihm der Weingärtner eingehändigt hatte, zu lesen, welches er denn also gesetzt befand: Ach, Seele meiner Seele! Mein Herz hat zwar schon seit der Zeit ich Dich zum erstenmal erblickt, in Deinen Liebesbanden gelegen, allein heute hast Du durch Deine Klugheit in vorsichtiger Überlegung unserer innigsten Liebe meine Seele vollends, ja vollkommen angefesselt. Ich bin von Deinen anbetenswürdigen Qualitäten dergestalt bezaubert und in Deine anmutige Person verliebt, daß kein Schmerz zu erdenken ist, den ich nicht empfinde, wenn ich des Glücks beraubt bin, Dich, oh mein Leben, zu sehen. Die Sehnsucht, Dich wiederum im Vertrauen zu umarmen, martert mich fast zu Tode. Jedoch Ich fühle, was dem Herzen Die süße Hoffnung lehret: Sie saget meiner Seelen Die Treu nicht zu verscherzen Und daß bald alles Quälen Soll sein in Lust verkehrt. Er las und überlas diesen Brief mehr als zehnmal, ja er wäre vielleicht vor Vergnügen in ein tiefes Nachsinnen verfallen, wenn sein Hengst nicht von ungefähr zu wiehern angefangen hätte; dieses machte, daß er sich besann und dem Baron eiligst nachfolgte, welcher viel zu stark in den Weinbecher geguckt haben mochte, ganz sacht ritt und ziemlich schläfrig tat. Da aber Elbenstein wieder an seine Seite kam, machte er sich munter. Unterdessen schien Elbenstein ziemlich fatal vorzukommen, da des Barons erste Frage an ihn diese war: »Aber mein wertester Herr Landsmann, haben Sie sich denn in diesem Revier oder in N. noch keine schöne Mätresse zugelegt?« Dieser beantwortete solche Frage ganz kaltsinnig, wie er sich nämlich ganz anderer Ursachen wegen auf Reisen begeben, als bei Frauenzimmern Zeitvertreib zu suchen, drehte diesen Diskurs auch mit guter Manier gar bald ab und verfiel auf allerhand Geschichten und Antiquitäten, fragte, wer von diesem oder jenem Schloß, dergleichen viele um sie herum lagen, Eigentumsherr wäre, zu welcher Zeit es erbaut worden, was sich etwa merkwürdiges dabei zugetragen und dergleichen mehr, weswegen ihn der Baron in diesem Stück für einen frostigen und eigensinnigen Menschen zu halten anfing, in welcher Meinung er auch durch folgende Begebenheit gestärkt wurde: Es hatte des Barons Pferd am Vorderfuß ein Eisen abgeschlagen, daher es etwas zu zucken begann und der Baron sich genötigt sah, in dem nächsten Städtchen, da sie durchpassierten, wieder beschlagen zu lassen. Da nun Elbenstein dem Baron zum Gefallen auch mit abstieg und beide, binnen der Zeit, als der Schmied gerufen wurde, vor dem Gasthof unter einem schattigen Baum eine Bouteille Wein kosteten, wurde Elbenstein von einer dem Gasthof gegenüberwohnenden sogenannten Signora erblickt, welches auf deutsch zu sagen eine solche Person ist, die mit Permission der Oberen ihren Leib zu Büßung der geilen Lüste gewidmet und sich viele Freiheiten, ohne gestraft zu werden, herausnehmen darf. Diese Signora kam auf Elbenstein zugegangen, fiel ihm, ehe er sich versah, um den Hals und wollte ihn mit aller Gewalt küssen. Er aber entledigte sich ihrer bald und stieß sie mit solcher Heftigkeit von sich, daß sie rücklings zur Erde fiel und die Beine in die Höhe kehrte. Hierüber wurde von dem da herumwohnenden Pöbel ein solcher Lärm angefangen, daß Elbenstein die Treppe hinauf zu retirieren sich genötigt sah. Endlich kamen einige Sbirri herzugelaufen, welche, als ihnen der Baron sowohl als der Wirt die ganze Begebenheit erzählt, vermittels ihrer Autorität den zusammengelaufenen Pöbel auseinanderjagten, wofür ihnen Elbenstein einen Dukaten verehrte; sobald aber das Pferd beschlagen war, setzten sie ihre Reise weiter fort. Kaum hatten sie wiederum das freie Feld erreicht, als der Baron also zu reden anfing: »Mein Herr Landsmann! Ich habe mich über Ihre jetzige Aufführung sehr verwundert. Diese Signora ist doch, mit Wahrheit zu sagen, eine recht schöne Person, sowohl vom Leib als Gesicht, und von einem sehr vornehmen Herrn, der nur vor weniger Zeit gestorben, bis an sein Ende unterhalten oder, wie es die Italiener zu nennen pflegen, manteniert worden. Wenn mir«, verfolgte der Baron seine Rede, »dieser Zufall begegnet wäre, hätte ich, ungeachtet ich mich mit einer liebenswürdigen Gemahlin beglückseligt sehe, dennoch die angetanen Karessen nicht auf eine so spröde Art ausschlagen können.« Nunmehr stellte sich Elbenstein recht vertraut gegen den Baron und sagte: »Mein Herr! Wenn ich Ihrer Verschwiegenheit versichert wäre, so wollte Ihnen wohl ein Geheimnis eröffnen.« Wie nun der Baron einen teuren Eid schwur, hiervon gegen niemanden etwas zu gedenken, sagte Elbenstein: »Es ist etwas Seltsames, daß ich gar nicht wie andere Mannspersonen beschaffen bin, und also empfinde ich auch weder Liebe noch Begierde zu einem Frauenzimmer bei mir, sie mag auch noch so schön sein; absonderlich ist mir auch sogar das Küssen eine ekelhafte Sache, sonst aber mag ich ganz gern mit honetten Frauenzimmern umgehen, denn ich habe befunden, daß viele einen rechten englischen Verstand besitzen, insofern sie nun mit mir umgehen wie mit ihresgleichen, oder ich mit ihnen umgehen kann, wie Mannspersonen miteinander umzugehen pflegen, bin ich gern in ihrer Kompanie, sobald aber Liebesgrillen aufs Tapet kommen, suche ich mich ihrer Gesellschaft, so viel als möglich, zu entziehen.« Der Baron hielt dieses für pur lautere Wahrheiten, kontestierte aber dieses Malheurs wegen ein herzliches Mitleiden gegen diesen seinen Herrn Landsmann, riet ihm auch, er möchte dieserwegen mit dem berühmten paduanischen Medico Comte della Torre sprechen, welcher rechte Wunder getan, mithin vielleicht auch ihm zu seiner Vollkommenheit verhelfen könnte, denn dieser Medicus wäre bei seiner großen Kunst dennoch nicht interessiert, sondern curierte jährlich viele hundert Menschen umsonst. »Mein Herr!« versetzte Elbenstein hierauf, »ich halte dafür, daß ich viel glückseliger leben kann, wenn ich so bleibe, wie ich jetzt beschaffen, denn wenn ich bedenke, was die Menschen aus Liebe zum Frauenzimmer zuweilen für lachenswürdige Torheit begehen, und wie sie sich öfters eines eingebildeten Vergnügens wegen in die allergrößten Gefährlichkeiten stürzen, auch nicht selten ihre Ehre, Glück und Leben dadurch einbüßen, so bin ich recht herzlich froh, daß mir dergleichen Appetit niemals ankommt. Was aber die Fortpflanzung unseres Geschlechts anbelangt, darum sorge ich gar nicht, weil ich Brüder habe, die meinen Fehler schon verbessern werden.« Der Baron wunderte sich bald zu Tode über solche Gelassenheit, dergleichen, wie er sagte, vielleicht auch nicht einmal bei einem wirklichen Kastraten zu finden sein möchte; unter diesen und dergleichen Diskursen aber erreichten sie endlich Bataglia und erfuhren von der Wache unter dem Tor, daß die gnädige Herrschaft noch nicht, sondern erst in zwei Tagen wieder zurückkommen würde. Dem ungeachtet ließen sie dem Maggior Domo oder dem Oberhofmeister ihre Ankunft melden, worauf sich der Baron in einen bekannten Gasthof, Elbenstein aber in sein ihm schon vorher assigniertes Quartier begab, welches bei einem reichen Schneider war. Die Wirtin, welche eine wohlgebildete Frau von ungefähr zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren war, empfing ihn aufs allerfreundlichste, bat, nicht ungütig zu vermerken, daß ihr Mann seine Reverenz nicht machte, indem er, ein großer Liebhaber von der Jagd, diesen Morgen auf die Jagd gegangen und wohl vor morgigem Abend nicht wieder nach Hause kommen würde. Immittelst begleitete sie ihn selbst bis auf sein Zimmer, und weil sein Bedienter die Pferde erst in den Stall zog, half sie ihm, den Reiserock abtun, und sagte binnen der Zeit, wie sie höchst erfreut wäre, ihn wiederzusehen, weil sie unter der Zeit seines Abwesens keine ruhige Stunde gehabt hätte. Elbenstein bewunderte bei sich selbst eine solche freie declaration d'amour, indem er aber an dieser artigen Frau nichts auszusetzen fand, umarmte er dieselbe erst und sagte dabei: wie er nimmermehr glauben könnte, daß diese ihre Reden aus einem aufrichtigen Munde flössen, wofern sie ihm nicht vergönnte, eine Probe davon zu nehmen, nach welchen Worten er sie nicht nur etliche Mal auf den Mund, Augen und Wangen, sondern auch auf diejenige Haut küßte, welche ihm wegen des abfallenden Halstuchs entblößt in die Augen fiel. Agatha, dies war ihr Taufname, ließ dieses alles als eine kraftlose Person geschehen, war aber hiermit nicht vergnügt, sondern unter dem Vorwand, in der Kammer zuzusehen, ob auch das Bett gemacht wäre, lockte sie Elbenstein mit einer verliebten Miene hinter sich her, und weil das Bett noch ungemacht befunden ward, machten sie es alle beide ohne besondere Komplimente mit zusammengesetzten Kräften. Kaum war diese Arbeit vorbei, da schon der Hoffourier mit einer Karosse kam, Elbenstein aufs Schloß zu holen, weswegen sich dieser gemüßigt sah, augenblicklich andere Kleider überzuwerfen, wobei ihm denn Agatha weit dienstfertiger und geschickter zu Hilfe kam als sein ordentlicher Bedienter, welcher ohnedem besser mit den Pferden umzugehen wußte. Unter diesem Ankleiden aber wurde verabredet, daß Elbenstein gleich nach aufgehobener Tafel eine kleine Unpäßlichkeit vorschützen und sich so bald als möglich nach Hause begeben wollte, da denn Frau Agatha gebeten wurde, weil ihr Mann nicht selbst gegenwärtig wäre, ihm die Langeweile in der Nacht passieren zu helfen. Agatha erzeigte sich nicht widerspenstig, sondern versprach, seinen Befehlen in allen Stücken zu gehorsamen, und demnach setzte sich Elbenstein in den Wagen und fuhr auf das Schloß, stellte sich aber, als ob er sehr heftige Kopfschmerzen empfände, weswegen er auch wenige Speisen zu sich nahm und gleich nach aufgehobener Tafel in sein Logis zurückeilte, unter dem Vorgeben, daß seine Kopfschmerzen wohl durch nichts besser als durch den Schlaf kuriert werden könnten; jedoch da ihm der Baron ein gewisses Pulver von der Apotheke sich holen zu lassen riet, versprach er, hierin zu folgen, und gab für diesmal gute Nacht. Seine Wirtin, welche bloß aus der Ursache, sich ohne Verdacht sauber und nett ankleiden zu können, bei einer vornehmen Dame eine Visite abgelegt, trat fast zu gleicher Zeit mit ihm zur Haustür hinein und zeigte sich weit charmanter als vorher; damit aber das Gesinde im Haus ihr heimliches Verständnis nicht merken möchte, klagte Elbenstein über ganz grausame Kopfschmerzen, auch wie ihm nicht anders, als ob alle seine Glieder am Leibe zerschlagen wären, bat deswegen die Frau Wirtin, ihm einen Kaffee machen zu lassen, binnen der Zeit er seinen Diener nach der Apotheke schicken wollte, um etwas Arznei, die ihm rekommandiert worden, zu langen. Agatha beklagte sein Malheur und sagte, wie sie ihren Heiligen anrufen wollte, damit er nur in ihrem Haus nicht krank würde; unterdessen bat sie, daß er doch bis zur Zurückkunft seines Dieners in ihrer obschon übel aufgeräumten Stube bleiben möchte, indem der Kaffee augenblicklich fertig sein sollte. Elbenstein setzte sich also in einen Schlafstuhl, und da der Diener wiederkam, sagte er: »Bringe mich nur augenblicklich zu Bett, denn ich kann vor Schmerzen nicht bleiben.« Dieses geschah, und die Wirtin trug selbst nebst dem Diener den Kaffee hinauf in sein Zimmer, wo sie, nachdem der Diener nur noch etwas zu holen hinausgegangen, die völlige Abrede nahmen, einander, sobald alles Gesinde zu Bett, bis zu Anbruch des Tages die Zeit zu passieren. Agatha war schon so klug, die Anstalten danach zu machen, und stellte sich noch eher bei Elbenstein ein, als derselbe gehofft hatte. Von dem übrigen ist nichts zu gedenken, als daß sie bei Anbruch des Tages zwar vergnügter, jedoch auch weit ermatteter voneinander schieden, als sie zusammengekommen waren. Vormittags um zehn Uhr, da er noch im süßesten Schlafe lag, nahm sich sein Diener die Freiheit ihn aufzuwecken, weil er wußte, daß längstens gegen elf Uhr die Karosse vom Schloß kommen und ihn abholen würde, welches denn auch, da er kaum angekleidet war, eintraf. Weil es aber noch nicht Zeit zur Tafel, divertierten sich die sämtlichen Kavaliere in dem prächtigen Schloßgarten mit Spazierengehen, bis um ein Uhr zur Tafel geblasen wurde, bei welcher sie sich denn bald einfanden. Kaum hatten sie eine halbe Stunde dabeigesessen, als dem Oberhofmeister ein Paket Briefe eingehändigt wurde, welches ein Expreßbote von Venedig überbracht hatte. Er öffnete etliche derselben und fand endlich einen besonderen Zettel, nach dessen Durchlesung er sich ungemein bestürzt anstellte, nicht anders als ein Mensch, dem eine unverhoffte Unglückspost zu Ohren kommt. Der Baron von K. sah ihn an und sprach: »Ich bedaure, mein Herr, wenn Dieselben etwa betrübte Nachrichten erhalten haben;« »Es geht mich«, versetzte der Oberhofmeister, »die Sache in soweit nichts an, allein die Begebenheit ist erstaunlich; der Herr Baron belieben, es selbst zu lesen und hernach den anderen Herren zu kommunizieren.« Also nahm der Baron das Blatt, las es durch und schüttelte den Kopf ebensosehr dabei, als der Oberhofmeister getan hatte, gab es hernach dem von Elbenstein, der folgende Relation darauf fand: Der englische Lord D.*, welcher Euer Gnaden wohlbekannt ist, hat vor einigen Tagen ein jämmerliches Ende genommen. Euer Gnaden wissen, daß er ein überaus wohlgebildeter und ansehnlicher Herr war, darum hat sich schon vor vielen Wochen eine vornehme und reiche, doch aber verehlichte Dame in denselben verliebt, auch sich so lange bemüht, bis sie ihn endlich in ihr Liebesgarn bekommen. Indem sie nun eine von den allerschönsten Damen in dieser ungeheuren Stadt ist, so ist leicht zu erachten, so wird sich der Lord nicht lange geweigert haben, einen geheimen Liebeskontrakt mit derselben zu schließen, zumal, da sie ihm diejenige Mühe, so er sich mit dem allergrößten Vergnügen gemacht, noch dazu ungemein reichlich belohnt hat. Allein, der gute Lord wird bei seinem vermeintlichen großen Glück dergestalt stolz, daß er selbiges nicht bei sich behalten kann, sondern sich in verschiedenen Gesellschaften berühmt, was ihm für Karessen und starke Präsente von einer gewissen Dame gemacht würden, die er zwar nicht mit Namen nennen, aber dergestalt eigentlich beschreibt, daß ein jeder leicht erraten kann, wer dieselbe sei. Die Dame erfuhr durch ihre Spione, welche dem Lord alle Tage auf dem Fuß in alle Gesellschaften nachfolgten, alles sehr frühzeitig wieder, und als er das erstemal wieder zu ihr kam, ermahnte und bat sie ihn aufs beweglichste, wenn er getrunken hätte, sein Herz doch nicht auf der Zunge zu haben, mithin sie und zugleich sich selbst unglücklich zu machen, welches ihr der Lord zwar mit vielen Eidschwüren zusagte, dieselben aber bald vergaß; denn nur wenige Tage hernach erzählte er gegen verschiedene vermeintliche gute Freunde solche Specialia, daß niemand lange raten durfte, wer seine Geliebte wäre, ja er trieb dieses so lange, und einer erzählte es dem anderen, bis endlich fast in allen vornehmen Kompanien öffentlich davon gesprochen wurde. Die Dame wurde also dergestalt zum Zorn gereizt, daß sie einen grausamen Eidschwur tat, nicht eher vergnügt zu ruhen, bis dieser ihr Schimpf an dem Lord durch ihre eigenen Hände gerächt wäre; weil aber ihr Mann etliche Wochen beständig zu Hause blieb und sie wenig aus den Augen ließ, mußte sie ihre Galle und Rache, die von Tag zu Tag heftiger wurde, so lange unterdrücken, bis dieser, ihr Mann, auf einige Tage über Land zu reisen sich gemüßigt sah. Demnach ließ sie den Lord durch ihre Vertraute mit den allersüßesten Worten zu sich locken, karessierte und traktierte denselben aufs liebreichste, ließ sich auch nichts im geringsten merken, daß sie über ihn zu klagen Ursache hätte, büßte hergegen ihre sündliche Lust zu guter Letzt recht vollkommen mit ihm. Da dieses geschehen, gab sie ihm, unter dem Vorwand einer Herzstärkung, einen Schlaftrunk ein. Kaum hätte der Unglückselige durch einiges Schnarchen zu verstehen gegeben, daß er fest schliefe, als sie ein unter dem Bett zurechtgelegtes spitziges und scharfes Messer hervorzog und ihm in großer Geschwindigkeit die Kehle damit abschnitt, so daß er nicht den geringsten Laut von sich geben konnte. Nach diesem stach sie ihm die Augen, womit er ihr, seiner Mörderin, so manchen geilen, verliebten Blick gegeben, aus dem Kopfe, die Lippen, womit er ihr so viel tausend feurige Küsse aufgedrückt, desgleichen die Nase und Ohren wurden auch abgeschnitten, die Wangen aber durch viele Kreuzschnitte zerfetzt. Mit all diesem aber war die Barbarin dennoch nicht zufrieden, sondern schnitt ihm noch als eine rasende Furie dasjenige ab, womit er ihre geile Liebe so oft besänftigt; hierauf rief sie ihre Getreuen, nämlich eine alte Frau und ihr Kammermädchen, und zeigte ihnen mit fröhlichem Mund und Herzen das jämmerlich zerfleischte Opfer ihrer verteufelten Rachbegierde. Das Kammermädchen sank vor Schrecken in eine Ohnmacht, weswegen die Frau nach ihrer Hausapotheke eilte und ihr einen starken Spiritus vor die Nase hielt, wodurch ihre Lebensgeister wieder in etwa zurückkehrten; die Alte hingegen machte sich keinen Kummer daraus, sondern ging auf der Frau Befehl hinunter und brachte einen im voraus bestellten starken Banditen herauf, welcher den verstümmelten Körper des unglückseligen Lords in einen ausgepichten Sack steckte und denselben in den Canal Grande warf. Des darauffolgenden Morgens wurde der Körper gefunden und in einem offenen Gewölbe einem jeden zur Beschauung dargelegt. Am dritten Tage wurde derselbe von dem Hofmeister des unglücklichen Lords an einem Muttermal sowohl als auch an einer Blessur, die er beide am rechten Arme hatte, erkannt und standesmäßig begraben. Der Hofmeister schickte sogleich eine Staffette nach England und tat den Eltern den kläglichen Verlust ihres einzigen Sohnes im voraus zu wissen; wollte aber mit dessen Bagage nicht so bald abreisen, weil er vielleicht noch Kundschaft von dessen Ermordung einzuziehen verhoffte. Sein Hoffen traf auch ein, und zwar folgender Gestalt: Das Kammermädchen konnte sich den jämmerlichen Tod des Lords, welchem sie zum öfteren Briefe von ihrer Frau bringen müssen, ganz und gar nicht aus dem Sinn schlagen, sondern wo sie ging und stand, liefen ihr die Tränen mit untermischten Seufzern beständig aus den Augen. Die Dame merkte endlich abends beim Auskleiden ihre allzugroße Wehmütigkeit, und sagte: »Ich glaube, Du verfluchte Bestie beweinst den Lord? Was gilts, er hat Dir auch zuweilen einen Liebesdienst erwiesen? Den Augenblick lache mich an! Oder ich stoße Dir eben das Messer in die Brust, womit ich meinen unbedachtsamen Galan geschlachtet habe.« Da kostete es nun Kunst zu lachen; allein die Todesangst formierte dennoch, zu allem Glück, eine solche lächerliche Miene in dem Angesicht des armen Mädchens, daß diese andere ihrer dennoch schonte, zumal das arme Kind zu ihren Füßen fiel und bekannte daß sie noch reine Jungfrau wäre und weder mit dem Lord, noch mit irgend einer anderen Mannsperson jemals auf der Welt der Liebe gepflegt hätte, nur aber wäre ihr das Spektakel so grausam vorgekommen, weil sie eben aus dem ersten Schlaf ermuntert worden; dabei versicherte sie, zeitlebens keinem Menschen etwas davon zu sagen. Hiermit war die Furie zufrieden und hieß das arme Ding zu Bett gehen, welches aber die ganze Nacht kein Auge zutun konnte, hergegen desto mehr Tränen vergoß; wie sie aber in dieser schlaflosen Nacht alles genauer überlegte und betrachtete: daß sie bei sogestalten Sachen, da sie ihre Tränen und Seufzer wegen ihres weichherzigen Gemüts nicht sattsam verbergen könnte, des Lebens keine Stunde sicher wäre, ergriff sie die Resolution, nahm ihre besten Sachen in die Schürze, wanderte, sobald die Tür geöffnet wurde, zum Haus hinaus und begab sich in den Schutz des Polizeirichters, dem sie, als sie gegen Mittag vor ihn kommen konnte, den ganzen Handel insgeheim offenbarte. Dieser schickte zwar sogleich einige Gerichtsdiener nach der Dame Wohnung, um dieselbe nebst der alten Frau und anderen Bedienten zu arretieren; allein, die Dame ist, sobald sie vernommen, daß sich das Mädchen unsichtbar gemacht, wie man sagt, in ein Kloster gesprungen. Die Alte aber hat ohne Folter bereits alles bekannt, was mit der Aussage des Mädchens übereintrifft. Der Hofmeister des unglückseligen Lords hält sich noch hier auf, und man muß abwarten, was in dieser Sache ferner passieren wird. Nachdem Elbenstein diese Relation gelesen und sie seinem Besitzer gegeben, starb ihm, der gemeinen Redensart nach, der Bissen im Munde, ja er saß als ein Träumender und war herzlich froh, daß dem Oberhofmeister zu Gefallen, welcher den Expressen, der einige wichtige Briefe zu beantworten mitgebracht, abzufertigen, die Tafel etwas zeitiger als gewöhnlich abgehoben ward. Indem er nun sah, daß sich sowohl der Baron von K. als die anderen Kavaliere zu einem Lustspiel präparierten, schlich er sich heimlich hinunter in den Schloßgarten, setzte sich in eine abgelegene Grotte und las die venezianische Relation, welche er von dem Oberhofmeister nochmals ausgebeten hatte, zum anderenmal mit gutem Bedacht durch. Die Haare standen ihm zu Berge, da er bei dieser Geschichte an seinen eigenen Lebenswandel gedachte. »O Gott!« sagte er, »wie groß ist Deine Langmut, daß Du mich frechen Sünder nicht schon auch wie diesen Lord mit Leib und Seele hast verderben lassen? Ach, mein Gott, vergib mir doch alle meine begangenen Sünden, ich gelobe dir, diese in den zeitlichen und ewigen Tod stürzenden Missetaten nicht mehr zu begehen, sondern hinfort der Fleischeslust gänzlich abzusagen. Verleih mir nur Deine Kraft zu Widerstehung derselben. Ja ich will, ich will dieselbe fliehen als die giftigsten Ottern und Schlangen.« Er verfiel hierauf in recht ernstliche tiefe Bußgedanken und verharrte ungestört über zwei gute Stunden in denselben. Nachdem er sich aber wieder ermuntert, faßte er den ernstlichen Vorsatz, seine begangenen Torheiten beständig zu bereuen, seinen Lebenswandel aber hinfort gottgefälliger einzurichten. Da er nun noch keine Lust hatte, bei der Gesellschaft so zeitig zu erscheinen, zog er seine Schreibtafel aus der Tasche und schrieb folgende Ode hinein: 1.                               Bedenke doch die Ewigkeit Und die ganz unumschränkte Zeit, Dafür der Wollust kurze Freuden Wir ewig Qual und Schmerzen leiden, Bedenke dies, mein Herz! und trage Reu und Leid, Bezwinge dich, die Lust zu meiden. 2. Ach! Stelle dir dein Ende für, Der Tod steht wohl schon vor der Tür. Dein Wollen zwingt ein hoher Wille, Drum lebe christlich, keusch und stille, Betrachte dies, mein Herz! und denke stets bei dir, Wie bald dein Leib den Sarg erfülle. 3. Dann muß die arme Seele fort An jenen großen Urteilsort, Und die Belohnung zu empfangen Für das, was sie allhier begangen, Betrachte dies, mein Herz! Du kannst den Himmelsort Durch Gottes Gnade noch erlangen. Er verfiel nach Verfertigung dieser Reime wegen seiner ernstlich vorgesetzten Buße und Bekehrung abermals in ein tiefes Nachsinnen, aus welchem ihn endlich der zur Tafel blasende Trompeter verstörte, und Elbenstein verwunderte sich nicht wenig, daß es schon dunkel zu werden begann; demnach quittierte er die Einsamkeit und begab sich hinauf in das Tafelgemach, wo die anderen Kavaliere schon versammelt waren, die sich ungemein verwunderten, wo er seit der Zeit gesteckt hätte, auch dieserwegen verschiedene scherzhafte Fragen an ihn taten; allein, Elbenstein antwortete ihnen allen auf einmal mit folgendem: »Messieurs! So wunderlich ist mirs fast mein Lebtag nicht gegangen als heute; ich ging, sobald wir von der Tafel aufgestanden, weil mir der Kopf von den allerlei Weinen, die ich bisher auf der Reise getrunken, etwas wüst war, hinunter in den Schloßgarten spazieren, in Meinung, daß, wenn ich etwa eine halbe Stunde in der freien Luft herumginge, sich der Dummel wohl verlieren würde. Im Hin- und Hergehen aber traf ich eine schöne, große, blaue Blume an, die von der Natur fast als eine Sturmhaube gebildet war; da ich mich nun nicht erinnern konnte, in Deutschland dergleichen artiges Gewächs gesehen zu haben, brach ich dieselbe ab und versuchte ihren Geruch, welcher zwar scharf, aber eben nicht besonders angenehm war; jedoch roch ich verschiedene Male daran, endlich aber, da ich fast bis an das Ende des Gartens gelangte, bekam ich auf einmal ganz plötzlich einen starken Schwindel und heftige Kopfschmerzen, so daß ich vermeinte, ich würde zu Boden sinken müssen; jedoch erreichte ich mit Kummer und Not eine Grotte, in welcher ich mich auf eine Rasenbank der Länge nach ausstreckte und ohne mein Vermuten in einen tiefen Schlaf verfallen bin; ich glaube auch, daß ich noch schliefe, wenn mich der Trompeter mit dem Schall seines Instrumentes nicht aufgeweckt hätte. Immittelst glaube nicht anders, als daß der Geruch der Blume daran Schuld sein müsse, denn ich bin bis jetzt noch ganz damisch, ungeachtet ich weder heute noch gestern eine Debauche in Wein gemacht habe.« »Mein Herr!« versetzte der Oberhofmeister, »ich bedaure dero Malheur, inzwischen wird es hoffentlich keine schlimmeren Folgen nach sich ziehen, wenn Sie nur belieben, einen guten Trunk frischen Wassers zu tun. Sie haben allerdings recht, daß der Geruch der Blume daran Schuld ist, welche Blume allhier bei uns Napello genannt wird; so schön sie aber anzusehen, so giftig ist sie auch, und wenn man nur ein- oder zweimal daran riecht, bekommt man gleich Kopfschmerzen oder Schwindel; es sind schon verschiedene Fremde dadurch betrogen worden, und wenn es bei mir stünde, müßte sie wenigstens in Lustgärten ausgerottet werden; allein, mein gnädiger Herr sind ein ungemeiner Liebhaber von der Botanik und würden keine Kosten sparen, wenn sie nur alle Kräuter- und Blumenarten, so in der ganzen Welt zu finden, in einem Garten beisammen haben könnten.« Hierauf setzten sie sich sämtlich zur Tafel, und weil diesesmal eben kein Frauenzimmer zugegen war, verfielen sie nochmals auf die Mordgeschichte des englischen Lords und auf die Grausamkeit der Dame; endlich fing des Marchese Stallmeister, welcher ein wohlstudierter und qualifizierter Kavalier war, folgende Geschichte zu erzählen an: »Als ich vor etlichen Jahren noch in Padua studierte, trug sichs zu, daß einer meiner besten Freunde, ein Edelmann, von Lucca gebürtig, in einen Kaufmannsladen ging, um sich Scharlach zu einem Mantel zu kaufen. Bei dieser Gelegenheit mochte des Kaufmanns Tochter, die sich allein im Laden befand, den jungen Kavalier etwas allzugenau in die Augen fassen, wodurch sie dergestalt in Liebe gegen denselben entzündet ward, daß sie seinen Lakai mit Darreichung etlicher Zecchinen dahin beredete, einen Ruffiano oder Kuppler abzugeben. Dieser nun rühmte gegen seinen Herrn allezeit die Schönheit der Kaufmannstochter, und sobald er bemerkte, daß sein Herr gern von dergleichen Sachen reden hörte, brach er los und versicherte demselben, daß diese Schöne sich sterblich in ihn verliebt hätte und nichts mehr wünschte, als eine vertraute Zusammenkunft mit ihm zu haben. Signor Balestrieri empfand alsbald eine brennende Begierde bei sich, mit dieser schönen Kaufmannstochter in nähere Bekanntschaft zu geraten, befahl deswegen seinem Diener, allen Fleiß anzuwenden, daß er dazu gelangen könnte, versprach ihm auch, wenn er die Sache gut spielte und bewerkstelligte, zum Rekompenz drei Zecchinen. Dieser schlaue Vogel, als er bemerkte, wie er von beiden Parteien Geld schneiden könne, säumte sich nicht, Fiorinen, so hieß des Kaufmanns Tochter, seines Herrn verliebte Sehnsucht mit lebendigen Farben abzumalen, diese aber, ungeachtet sie von ihren Eltern sehr genau in Acht genommen ward, erfand endlich dennoch ein Mittel, dieselben zu hintergehen, denn sie praktizierte heimlich soviel Seide aus dem Gewölbe, als zu Verfertigung einer Strickleiter nötig war, gab selbige des Balestrieri Diener nebst einer Handvoll Geld, um das übrige zu besorgen, denn die dritte Nacht danach wollte sie an einem Bindfaden ein weißes Papier herunterlassen, an welchen Faden sodann Balestrieri die Strickleiter anbinden könnte, die sie alsdann hinaufziehen und oben befestigen wollte. Der Anschlag schien nicht uneben zu sein, die Strickleiter wurde binnen vierundzwanzig Stunden fertig, Balestrieri wartete mit Schmerzen auf die bestimmte Stunde der dritten Nacht, und als diese endlich erschienen, fand er sich unter der Fiorine Fenster ein, fand auch bereits das Papier an dem Faden heruntergelassen, weswegen er in aller Eile die Strickleiter daranband und nach einem gegebenen Zeichen mit Husten bemerkte, wie dieselbe hinaufgezogen, ihm auch bald hernach ein Gegenzeichen zur frischen Auffahrt gegeben wurde. Ungeachtet es nun ungemein stark regnete und dabei stockfinster war, so ließ sich dieser verliebte Steiger doch nicht hindern hinaufzuklettern, war aber auch bereits bis an die andere Etage gelangt, als ihm leise zugerufen wurde, sich ein wenig aufzuhalten. Er gehorsamte eine ziemliche Weile, als ihn aber der grausame Regen gar heftig inkommodierte, konnte er es fast nicht mehr ausstehen, weswegen er sich resolvierte, wieder herunterzusteigen, um vorher noch eine Weile unter denen Portichi oder Schwibbogen im Trocknen zu stehen. Allein da er kaum bis an das erste Stockwerk zurückgelangt, ereignete sich plötzlich ein Zufall, der seinen Staffiero oder Bedienten nötigte, in geschwinder Eile fortzulaufen; Signor Balestrieri hielt fürs ratsamste zu bleiben, wo er war, und sich nicht zu regen, ungeachtet es immer heftiger zu regnen anfing. Denn es ist zu wissen, daß zu den damaligen Zeiten in Padua alle Nächte das sogenannte chivàla geschah und mancher dadurch ums Leben gebracht wurde; deswegen waren eben zu der Zeit, als Balestrieri seine verliebte Visite angetreten, ungefähr sechzig Schritte von Fiorinens Behausung zwei Parteien zusammengeraten, welche hinter den dicken Pilaren aufeinander Feuer gaben. Solchergestalt war es nun allerdings besser, daß er sein Verhängnis an der Strickleiter mit Geduld ertrug und zwischen Himmel und Erde schwebte, als daß er sich in eine noch größere Lebensgefahr stürzte. Als er nun über eine Stunde diese Angst ausgestanden, kam endlich die Scharwache, welche die streitigen Parteien auseinanderjagte und verfolgte; mittlerweile bekam Balestrieri ein abermaliges Zeichen, sich hinauf zu begeben, welches er denn tat und glücklich bei Fiorinen anlangte. Diese empfing ihn mit offenen Armen und vielen Küssen, bat ihn auf eine recht demütige Art um Verzeihung, daß sie ihn so lange hätte müssen zappeln lassen; allein der arme Balestrieri, welcher wie eine gebadete Maus aussah, war nicht anders als ein Mensch, der den stärksten Paroxismus vom kalten Fieber hatte, konnte also ihre heißen Küsse nicht anders als sehr kaltsinnig vergelten, zumal weder das Kaminfeuer noch der köstliche Wein seinem erfrorenen Körper einige Wärme einflößen wollten. Endlich, da Fiorine sah, daß nichts helfen wollte, fing sie an, ihm hier und da an den Puls zu greifen, um mit ihren warmen Händen die zurückgewichenen Geister wieder herbeizubringen; allein es half alles nichts, Signor Balestrieri blieb bei allen diesen Karessen wider seinen Willen kraftlos, und die arme Fiorine mußte endlich mit größtem Unwillen und ohne den vollkommenen Liebesgenuß erhalten zu haben, geschehen lassen, daß ihr kalter und schwacher Amant die Strickleiter wieder herunterstieg, welche sie, sobald er auf der Erden war, recht grimmig und in größter Geschwindigkeit hinaufzog. Der gute Balestrieri dankte zwar dem Himmel, als er ohne weitere Gefahr glücklich in seinem Quartier und warmem Bett angelangt war. Nachdem er aber vermerkte, daß sich nach einer kurz genossenen Ruhe seine entwichenen Kräfte wieder eingestellt hatten, betrübte er sich ungemein über die ihm zugestoßene Fatalität, zumal wenn er sich die besondere Schönheit der Fiorine nebst den ihm angetanen Karessen, nunmehr erst recht, jedoch nur in unruhigem Geist, vorstellte. Gleich morgens früh setzte er sich hin und verfertigte ein Schreiben an Fiorinen, worin er sein gestern gehabtes unglückliches Schicksal beklagte, sich ihrer fernerweitigen Gewogenheit bestens rekommandierte und dieselbe zu persuadieren suchte, ihm eine anderweitige Nachtvisite zu vergönnen, da er denn seinen begangenen Fehler verbessern wollte; allein diese schrieb ihm einen verzweifelten, höhnischen Brief zurück, dessen Hauptinhalt dieser war, daß sie mit einem ohnmächtigen Menschen, der noch weit miserabler beschaffen als ein Kastrat, nichts weiter zu scharfen haben wollte, wie sie sich denn alle Einbildung von seiner schönen Person und galanten Wesen bereits gänzlich aus dem Sinn geschlagen, er aber möchte sich ja nicht unterstehen, von dieser Begebenheit etwas gegen jemanden zu gedenken, widrigenfalls sie auf die allergrausamste Rache bedacht sein würde. Balestrieri versuchte noch verschiedene Male, sie mit den beweglichsten Briefen und Versen zur Raison zu bringen; allein diese Schöne blieb nicht allein unempfindlich, sondern ließ ihm noch dazu jederzeit bloß mündlich eine spöttische Antwort zurücksagen und zuletzt befehlen, er sollte sie nur nicht mehr mit seinen Briefen inkommodieren, weil sie seine Person ganz und gar nicht mehr ästimierte. Diesen verdroß zwar der Schimpf nicht wenig, und es stiegen zum öfteren die Gedanken bei ihm auf, sich an Fiorinen zu rächen; wenn er aber bedachte, an was für einem gefährlichen Ort er sich befände und daß die Wut einer erzürnten italienischen Dame ihren Beleidiger zum öfteren in weitabgelegene Städte, ja Länder verfolgte, schlug er sich endlich alle diese Gedanken, ja Fiorinen selbst aus dem Sinne und wählte sich eine sehr wohlgebildete Dame de Fortun, bei welcher er, wenn er Appetit bekam, für zwei venezianische Dukaten jede Nacht soviel Wein und Konfekt, als er genießen mochte, auch sonst allen übrigen angenehmen Zeitvertreib ohne die geringste Leib- und Lebensgefahr haben konnte. Dieses trieb er, und zwar ganz moderat, so lange, bis er seine Studia absolviert hatte und von seinen Eltern nach Hause berufen wurde. Nunmehr lebt er in seiner Geburtsstadt mit einer qualifizierten, mit Schönheit und Gütern reichlich begabten Dame in der vergnügtesten Ehe, hat mir auch neulich, da ich bei ihm war, als seinem vertrautesten Freund aufrichtig bekannt, daß ungeachtet er jetzt in seinen besten Jahren wäre und viele Gelegenheit zu wollüstigen Veränderungen hätte, so sei doch sein Herz gänzlich davon abgewendet. Seine vorherigen Ausschweifungen hätte er herzlich bereut und dem Allerhöchsten für dessen Langmut demütigsten Dank abgestattet, daß er ihn nicht in seinen Sünden dahingerissen, sondern ihn dagegen nunmehr so wohl beraten, weswegen er denn auch alle Jahre, auf eben den Tag oder Nacht, da er auf der Strickleiter geschwebt, den Armen eine Spende an Brot und Wein von fünfzig Dukaten austeilen ließe, jedoch nicht eitlen Ruhmes wegen, sondern in einem Kloster unter verdecktem Namen.« »Das ist etwas Vortreffliches«, versetzte Elbenstein hierauf, »wenn ein Mensch noch beizeiten zur Erkenntnis kommt und sein Leben bessert, denn bei vielen heißt es: Cras, cras, semper cras, et sic dilabitur aetas, bis sie endlich mit Leib und Seele zum T . . . fahren.« Unter solchen und dergleichen Gesprächen ward endlich die Mahlzeit verbracht, und weil der Oberhofmeister den Vorschlag tat, ob nicht die sämtlichen Kavaliere den fürstlichen Personen bis auf ein zwei Meilen von Bataglia gelegenes und dem Marchese Obizzo gehöriges Lusthaus entgegenreiten und bis zu derselben Ankunft sich die Zeit mit Spielen oder anderen Divertissements passieren wollten, ward solcher von den sämtlichen Anwesenden willig angenommen; um desto früher aber aufstehen zu können, begab sich ein jeder desto zeitiger nach seinem Quartier. Elbenstein, dem die grausame Mordgeschichte des englischen Lords ganz und gar nicht aus den Gedanken kam und in seinem Gewissen noch immer eine große Unruhe und Bangigkeit empfand, ward höchlich erfreut, als er bei Anlangung in seinem Quartier vernahm, daß der Wirt wieder nach Hause gekommen sei; indem er solchergestalt von einer abermaligen sündlichen Visite der Agatha befreit zu sein verhoffte. Wie es aber einem geilen Frauenzimmer, wenn sie ihre Brunst gekühlt wissen will, niemals an listigen Erfindungen mangelt, so war auch dieses in unersättlicher Liebe gegen Elbenstein entbrannte Weib hierin nicht die Einfältigste, denn sie hatte ihrem Mann, dem Schneider, um demselben noch mehr Hörner aufzusetzen, eine gute Quantität vom Opium unter den Wein gemischt, den er mit seinem guten Freund, als von der Jagd ermüdete, hellig und durstig begierig einschluckte. Das Opium wirkte gar bald, nach der geilen Frau Wunsch, denn der arme Cornelius schlief nebst seinem Jagdkameraden plötzlich ein und wurde mit großer Mühe zu Bett gebracht; die listige Agatha aber gab den überbliebenen Wein ihrer Magd, die sich eine Kaltschale davon machte, jedoch bald nach deren Genuß durch das öftere Gähnen und die schläfrigen Augen die Operation dieses eingelöffelten Tranks offenbarte, weswegen Agatha aus verstelltem Mitleid zu ihr sagte: »Geh nur zu Bett, Du arme Rosine! Du bist, wie ich sehe, von deiner heutigen Arbeit ganz müde, ich will dem fremden Kavalier die Haustüre schon aufmachen.« Das gute Mensch konnte mit genauer Not ihre Kammer erreichen, wo sie unausgekleidet aufs Bett hin und in einen tiefen Schlaf verfiel; Agatha aber bewillkommte den Elbenstein bei seiner Heimkunft mit freundlichen und vergnügten Gebärden, entschuldigte dabei ihren Mann, daß er seine schuldige Aufwartung bei ihm diesen Abend nicht machen könnte, indem er von der Jagd sehr ermüdet nach Hause gekommen und sich bereits zu Bett begeben hätte. Elbenstein, dem die geschwinden und listigen Erfindungen des italienischen Frauenzimmers in Büßung ihrer Liebeslüste aus eigener Erfahrung schon bekannt waren, erriet alsobald das ganze Geheimnis; weil er aber, um sein geängstetes Gewissen zu beruhigen und einen Anfang in der ihm mit göttlicher Hilfe vorgenommenen Buße und Bekehrung zu machen, sich ernstlich entschlossen hatte, klagte er: wie ihm auf dem Schlosse eine jählinge Übelkeit zugestoßen wäre, welche Ursache gewesen, daß er sich zeitig retirieren müssen, womit er ihr eine gute Nacht wünschte. Agatha tat desgleichen, in ihren Gedanken aber machte sie sich allerhand anmutige Abbildungen von der künftigen Liebesergötzung, die sie diese Nacht mit ihrem angenehmen Kavalier pflegen und genießen würde, doch mußte sie die hitzigen und inbrünstigen Umarmungen solange anstehen lassen, bis Elbensteins Diener vom Zimmer herunter und zur Ruhe ging. Alsdann eilte sie zu ihrem geliebten Kavalier und legte sich, ohne viel Wesens zu machen, zu ihm ins Bett, suchte auch unter kurzer Erzählung, was sie für List gebraucht, ihres Vergnügens vollkommen teilhaftig zu werden, den schläfrigen Elbenstein durch allerhand unverschämte Griffe zur Wollust zu bewegen. Allein sie wurde nicht wenig bestürzt, als sich Elbenstein in allem widersetzte und unter folgenden Worten von ihren geilen Umarmungen losmachte: »Meine Frau!« war seine Rede, »wird sich verwundern, warum ich Ihr nicht eben mit dergleichen Liebkosungen, als Sie mir erzeigt, wiederbegegne; ich kann aber derselben nicht bergen, daß ich durch eine von Venedig eingelaufene traurige und erschreckliche Zeitung in eine dergestalte Gemütsunruhe und Herzensangst gesetzt worden; daß durch derselben beständiges und unablässiges Anhalten alles, was eine hitzige Liebe sonst erfordert, bei mir nunmehr als gänzlich erstorben liegt. Ob ich Sie nun gleich gestern nach Antrieb üppiger Begierden auf das heftigste geliebt habe, so werde ich Sie dennoch hinfort nicht weiter, als nach den Regeln und Gesetzen, die mir der Himmel und mein eigenes Gewissen vorschreiben, nicht anders als eine Christin und gute Freundin lieben. Anstatt aber uns in sündliche, wollüstige Ergötzlichkeit einzulassen, wodurch der allsehende Gott erzürnt, die keuschen und reinen Engel betrübt, unser Leib, Seele und Gewissen aber abscheulich befleckt werden, wollen wir viel lieber mit vereinigten Bußseufzern Gott inbrünstig anflehen, daß er uns nach seinem gerechten und gestrengen Gerichte wohlverdientermaßen nicht strafen wolle. Will Sie dieses nicht mit mir zugleich tun, meine Freundin, so begebe Sie sich in ihre Kammer zurück und wende die schlaflosen Stunden allein zu dergleichen Betrachtungen und Bußübungen an, nebst dem festen Vorsatz, den barmherzigen und langmütigen Gott nimmermehr auf solche Art wieder zu beleidigen.« Agatha wurde über diese Reden ungemein bestürzt und blieb als eine vom Donner gerührte Person ohne einzige Regung liegen. Elbenstein bemerkte, daß ihr eine Ohnmacht zustoßen wolle, denn soviel er bei dem brennenden Nachtlicht sehen konnte, waren nicht allein ihre schönen schwarzen Augen halbgebrochen, sondern auch alle Röte von ihren zarten Wangen und Lippen gewichen. Er stieg demnach in dem umhabenden Schlafrock aus dem Bett und langte ein mit flüchtigem Spiritus angefülltes Glas aus seiner Schatulle, hielt ihr dasselbe vor die Nase, wodurch die auf der Abreise begriffenen Lebensgeister wieder zum Rückmarsch bewegt wurden. Wie er nun sah, daß sich ihre Augen wieder öffneten, auch die Röte auf ihren Lippen wieder zum Vorschein kam, drückte er einen Kuß, der aber nicht aus geilen, sondern keuschen und freundschaftlichen Regungen abstammte, auf ihren Mund und sagte: »Werteste Freundin, ich versichere Ihr, bei allem dem, was heilig heißt, daß diese meine Änderung der Natur nicht etwa aus einem Ekel oder Überdruß gegen Ihre holdselige Person, sondern von einem höheren Trieb und Aufwachung meines Gewissens herrührt, in Betrachtung der schrecklichen Strafgerichte Gottes, so auf der gleichen Mißhandlungen zu folgen pflegen.« Der Agatha liefen die Tränen stromweise aus den Augen, endlich richtete sie sich auf, umarmte Elbenstein aufs zärtlichste, benetzte auch seine Hände mit tausend Tränen. Dieser half ihr vollends in die Höhe, gab ihr noch einige keusche Küsse und ließ sie unter von allen beiden ausgestoßenen ängstlichen Seufzern stillschweigend von sich gehen. Ob nun Agatha durch seine Reden und Aufführung wirklich in ihrem Gewissen gerührt worden, oder ob sie sich wegen fehlgeschlagener Hoffnung ihres Vergnügens dergestalt alteriert, solches kann man nicht sagen. Elbenstein hergegen wurde das Herz, nachdem er diesen gefährlichen Kampf so glücklich und ritterlich überwunden, ganz leicht; wofür er Gott herzlich dankte und denselben bußfertig anflehte, ihn ferner vor allem Übel und schweren Sünden, absonderlich aber vor der reizenden Fleischeslust, gnädiglich zu bewahren. Weil er nun keinen Schlaf in seine Augen bekommen konnte, setzte er sich an den Tisch und brachte folgendes Bußlied zu Papier: 1.       Mein Gott! Ein Sündenkind Liegt hier vor deinem Throne. Ach richte nicht geschwind! Nein! Liebster Vater, schone! Herr, geh nicht ins Gericht, Vor dir besteh ich nicht. 2. Ach! Meine Missetat Macht dich mir ungewogen, Der Irrweg, den ich trat, Hat mich von dir gezogen, Herr, geh nicht ins Gericht, Vor dir besteh ich nicht. 3. Die Wunden meiner Schuld Sind voller Eiterflüsse, Gott! Gib, daß deine Huld Das Gnadenöl drein gieße, Herr, geh nicht ins Gericht, Vor dir besteh ich nicht. 4. Ach Gott! Erhör mein Flehn, Ach! Laß mich nicht verzagen, Und gänzlich untergehn, Erhöre doch mein Klagen. Herr, geh nicht ins Gericht, Vor dir besteh ich nicht. Als er dieses Lied nach seiner selbst dazugemachten Melodie etliche Mal heimlich gesungen, legte er sich nach nochmals verrichtetem Abendgebet mit sehr beruhigtem Herzen wieder zu Bett, da ihm denn im ersten Schlummer der Spruch in die Gedanken fiel: »Ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen«, welchen er mit erfreutem Herzen zum öfteren wiederholte und endlich in einen süßen Schlaf verfiel, da ihm denn der Heiland der Welt im Traum erschien und die tröstlichen Worte zusprach: »Sei getrost, mein Sohn! Deine Sünden sind Dir vergeben, sündige nur hinfort nicht mehr!« Über diese tröstlichen Worte liefen die Freudentränen häufig aus seinen Augen, so daß, als er aufwachte, dieselben noch auf seinen Wangen und Hauptkissen zu finden waren. Demnach stand er höchst erfreut von seinem Lager auf, verrichtete sein Morgengebet, sang etliche Buß- und Danklieder, rief hernach seinen Diener, welcher ihn ankleiden mußte. Unten im Haus, als er eben die Treppe heruntertrat, bot ihm Agatha mit betrübtem Gesicht, schamroten Wangen und niedergeschlagenen Augen einen guten Morgen. Er tat mit einem freund- und fröhlichen Gesicht desgleichen, wünschte ihr alles Vergnügen und fragte, ob der Hausherr noch nicht aufgestanden wäre? Indem sie nun zur Antwort gab, daß selbiger vor Mittag schwerlich erwachen würde, sah sie Elbenstein recht beweglich und seufzend an, wobei ihr die Tränen in den Augen standen. Dieser küßte nunmehr aus reiner Freundschaftsliebe die holdseligen, benetzten Augen und zu Bezeugung seiner gegen sie hegenden aufrichtigen und tugendhaften Freundschaft schenkte er ihr einen sauberen Ring, sich seiner dabei zu erinnern. Agatha aber, von so vielen Gemütsregungen bestürmt, geriet endlich darüber in einen solchen Zustand, daß, als sie sich mit einem schmachtenden Kusse gegen Elbenstein bedanken wollte, ihr, deren Herz von so vielen Leidenschaften ganz beklemmt war, eine starke Ohnmacht zustieß, daß sie niedersank. Wie Elbenstein hierbei zu Mute geworden, ist leicht zu erachten, doch in dieser Angst besann er sich, daß in dergleichen Zufällen frisches Wasser oftmals gute Hilfe getan, weswegen er den im Hause stehenden Wassereimer ergriff und das erbleichte Angesicht seiner halbtoten Freundin etlichemal mit frischem Wasser benetzte, auch ihr zum Überfluß eine starke Dosis Schnupftabak in die Nase blies, welche beiden Mittel endlich so viel wirkten, daß sie etlichemal nieste und bald darauf wieder zu sich selber kam. Er führte sie nach diesem in die nächste Kammer, wo er sie auf ein Feldbettchen niederlegte, sich aber, weil er bemerkte, daß es keine Gefahr mehr hatte, alsobald zurückbegab, weil das über die Agatha erregte Mitleid eine neue Liebe gebären und die allmählich aufsteigenden hitzigen Regungen unter dem Schein einer erbarmenden Freundschaft ihn auf die vorigen Wollüste und sündlichen Ausschweifungen verführen wollten. Danach spazierte er nach dem Pferdestall zu, woselbst er mit Verdruß wahrnahm, daß der Diener mit Putzen und Abfütterung der Pferde etwas zu nachlässig gewesen, weswegen er ihm eine Reprimande gab und wieder zurück auf seine Stube zu gehen gesonnen war. Da ihm aber die schwache Agatha wieder in den Sinn kam und er besorgte, es möchte dieselbe etwa mit einer nochmaligen Ohnmacht sein befallen worden, so schlich er sich ganz sacht vor ihre Kammertür, guckte durch das Schlüsselloch und bemerkte, daß sie auf dem Bette saß und den von ihm geschenktbekommenen Ring vielfältig küßte, deswegen fand er sich vollkommen beruhigt, begab sich in aller Stille auf seine Stube, verweilte daselbst noch eine Zeitlang, bis endlich der Diener meldete, daß die Pferde parat stünden. Er befahl, dieselben hervorzuführen; indem er aber hinunterging, kam Agatha nochmals, wiewohl sehr blaß, aus ihrer Kammer und fragte ihn mit ängstlichen Gebärden: wo er denn so früh hin, und ob er etwa gar nicht wiederkommen wollte? Da er ihr aber zu vernehmen gab, wie er nebst anderen Kavalieren ihrer gnädigsten Herrschaft auf den halben Weg entgegenreiten und ihrer Ankunft daselbst erwarten wollte, gab sie sich zufrieden und sagte, daß sie nunmehr zu ihrem Mann gehen und denselben durch ein gewisses Mittel aus dem Schlafe ermuntern wolle. Unter diesen Reden brachte der Diener die Pferde; danach machte Elbenstein der traurigen Agatha noch ein Kompliment, setzte sich alsofort auf und begab sich auf das Schloß, von da die sämtlichen Kavaliere nach eingenommenem Frühstück ihre Kavalkade verrichteten. Es ging der Weg eben durch die Gasse, in welcher Elbensteins Wirt wohnte. Dieser war mittlerweile durch die vielleicht schon öfters an ihm probierte Kunst aufgewacht und stand völlig angekleidet vor seiner Haustüre. Elbenstein machte ihm ein Kompliment, bog, als der Wirt heraus auf die Straße trat, aus der Reihe heraus und hielt etwas still, um anzuhören, was des Herrn Wirts Verlangen wäre. Dieser nun bat ihn ganz gehorsamst um Verzeihung, daß er ihm gestern, der Gebühr nach, nicht aufgewartet und excusierte sich mit einem kleinen Rausch, den er über alles Vermuten durch etliche jählinge Trünke, welche er auf die Hitze getan, sich nebst seinem Kameraden zugezogen hätte. Elbenstein versetzte darauf in aller Kürze, daß er keiner Entschuldigung bedürfe, wünschte anbei, daß die Jagdlust glücklich abgelaufen sei und der gestrige Trunk ihm wohl bekommen möchte, worauf er seinen Kompagnons im kurzen Galopp nachfolgte. Als sie nun unter allerhand guten Gesprächen auf dem berühmten Lustschlößchen anlangten, trafen sie daselbst des Marchese Obizzo Leibpagen an, welcher vorausgeschickt war, für die gnädigste Herrschaft eine Collation zu bestellen, dannenhero sie sich bis zu derselben Ankunft in ein Gemach begaben und mit Kugelpalestern nach den dem Lusthause gegenüber auf einem Berge in großer Menge herumlaufenden wilden Kaninchen schossen, wofür dem Schloßverwalter, der die Palesters und Kugeln herbeigeschafft, eine Diskretion von etlichen Ducati di Venetia nebst den erschossenen Kaninchen zugestellt ward, welcher sie überdem mit delikatem Wein und anderen Erfrischungen traktierte. Indem sie nun noch in vollkommener Lust begriffen waren, kamen die fürstlichen Personen an und bezeigten ein besonderes Vergnügen, daß ihnen die Kavaliere entgegengekommen waren; und weil, wie schon gedacht, die beiden Fürsten der deutschen Lebensart wohlgewohnt waren, so wurde bei der Tafel ziemlich stark getrunken, so daß die Herrschaften nebst den Kavalieren ziemlich berauscht waren, bis auf Elbenstein, welcher nicht allein von Natur viel vertragen konnte, sondern sich auch sonst sehr in Acht genommen hatte. Endlich, da sich der Tag zu neigen begann, geschah der Aufbruch, da denn, als man in Bataglia anlangte, nachts, um neun Uhr hiesigen Zeigers, nochmals Tafel gehalten und die Zeit bis nach Mitternacht unter allerhand Musik und anderen Lustbarkeiten zugebracht wurde. Wie nun der Aufbruch geschah, ersuchte Elbenstein den Baron von K. um Erlaubnis, mit ihm in seinen Gasthof zu fahren und daselbst den Rest der Nacht zuzubringen, unter dem Vorwand, daß er seinen Wirt für diesmal so spät nicht inkommodieren wollte. Der Baron machte sich, seiner gewöhnlichen Complaisance nach, ein besonderes Vergnügen daraus, mit der Versicherung, daß in seinem ordentlichen Logis ohnedem jederzeit zwei gemachte Betten in seinem Zimmer parat stünden. Auf solche Art vermied Elbenstein, dem seine Bekehrung damals ein rechter Ernst war, die Gelegenheit, abermals mit der Agatha fleischliche Sünden zu begehen, und obgleich der Baron von K. als ein alter Kavalier, der den Trunk nicht so wohl als Elbenstein vertragen konnte, sich alsobald zur Ruhe legte und in einen tiefen Schlaf verfiel, so blieb doch Elbenstein noch eine gute Weile auf und verrichtete sein andächtiges Gebet. Beiderseits Bedienten hatten sich auch bereits retiriert, deswegen zündete Elbenstein nur das Nachtlicht an und begab sich darauf gleichfalls zur Ruhe. Kaum aber war er ein wenig eingeschlummert, da sich vor dem Zimmer ein starkes Gepolter erregte, welches immer näher und zuletzt gar in die Stube kam, auch mit einem gräßlichen Brausen zum öftern an der Schlafkammertür geklinkt wurde und es das Ansehen hatte, als ob selbige mit Gewalt eröffnet werden sollte. Elbenstein sprang demnach in seiner Schlafkleidung aus dem Bett, griff nach seinem Degen und Pistolen, bemühte sich auch, den Baron aufzuwecken, dieser aber hörte und fühlte nichts, schnarchte hergegen immer schärfer und war allen Rüttelns und Schüttelns ungeachtet durchaus nicht zu erwecken. Mittlerzeit wurde dergestalt stark an der Tür gearbeitet, daß dieselbe zum öfteren einen Platz und Knall von sich gab, weswegen Elbenstein rief: »Wer da? Antwort! Oder ich gebe Feuer.« Hierauf ließ sich eine gräßliche Stimme hören, die soviel zu vernehmen gab: »Auf, auf! Mit, mit!« und nach diesem fing es an zu meckern als ein Bock. Elbenstein standen bei sogestalten Sachen die Haare zu Berge, er begann fast zu merken, daß dieses nichts Natürliches, sondern vielmehr ein Gaukelspiel des Teufels sei, hielt deswegen nicht für ratsam, ein paar Kugeln durch die Tür zu jagen, sondern hielt sich ganz still. Da aber das gräßliche Lärmen und Toben an der Tür von neuem anging, rief er: »Herr Jesu! Steh uns bei und nimm uns in deinen Schutz.« Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als es vor der Tür einen erschrecklichen Fall tat, so daß das ganze Haus davon erschütterte, und endlich war es vor Elbensteins Ohren, als wenn unter einem erschrecklichen Brausen eine große Last von der Tür hinweg und die Treppe hinunter geschleppt würde. Da nun alles still war, legte er sich wieder aufs Bett, es wollte aber kein Schlaf in seine Augen kommen, hergegen schlief der Baron desto stärker; da er nun endlich morgens erwacht war, erzählte ihm Elbenstein, welcher nach Tagesanbruch kaum ein paar Stündchen die Augen zugehabt hatte, die ganze Begebenheit und verwunderte sich höchlich dabei, daß der Herr Baron einen so grausam festen Schlaf hätte. Dieser beteuerte hoch, daß er gar nicht wisse, wie es mit seinem Schlafe zugegangen, indem er sonst wohl nocheinmal soviel getrunken hätte und sich dennoch durch ein geringes Anrühren sogleich ermuntern lassen. »Allein, mein wertester Herr Landsmann!« sagte der Baron weiter, »die Sache muß eine ganz andere Bewandtnis haben. Ich kann versichern, daß ich seit vielen Jahren her, so oft ich allhier Verrichtungen gehabt, nirgends anders als in diesem Hause logiert habe, ist mir aber nicht das Allergeringste weder vor Augen noch Ohren gekommen! Meine Gedanken sind diese: Es muß etwa eine Person sein, die auf Sie eine unbändige Liebe geworfen und, um ihre verliebte Sehnsucht zu stillen, sie auf dem Bocke hat wollen abholen lassen. Sie müssen aber einen starken Schutzengel haben, der Sie von dieser verteufelten und höchst gefährlichen Postreiterei befreit hat. Ich erinnere mich«, redete der Baron weiter, »daß, da ich in meinen Jünglingsjahren in Trient studierte, sich mit einem schwedischen Edelmann fast ebendergleichen begeben. Dieser hatte durch seine artige Aufführung sich bei einer schönen Nonne dergestalt in Kredit, ja was sag ich, in ihr Herz gesetzt, daß sie sich eingebildet, sie müsse des Todes sein, wenn sie seiner Gegenliebe nicht vollkommen teilhaftig würde, denn mit den verliebten Briefen, Worten und verstohlenen Küssen, die sie öfters im Parlatorio von ihm empfing, konnte sie unmöglich zufrieden sein, deswegen sann sie auf Mittel und Wege, wie sie ihren Galan in ihrer Zelle vertraulicher embrassieren könnte. Dieses ihr verliebtes Anliegen vertraute sie des Klosterpförtners Eheweib, welche eine vortreffliche alte Hexe und Erzruffiana oder Kupplerin war, wie denn dieselbe das geheime Liebesverständnis zwischen der schönen Nonne und dem schwedischen Edelmann bereits vollkommen innehatte. Was geschah? Die Pförtnerin war von der Gewinnsucht und der Begierde angereizt, ihre Wohltäterin, von welcher, als einer sehr reichen Dame, sie nebst ihrem Mann und Kindern ungemeine Guttaten genoß, nach äußerstem Vermögen zu dienen, verfügte sich demnach zu einem gewissen weltlichen Priester, mit dem sie in ihrer Jugend in starker Vertraulichkeit gelebt haben mochte, dabei aber wußte, daß er in der schwarzen Kunst ungemein erfahren war, indem sie viele Exempel davon gesehen. Diesen Priester ersuchte die Alte, ihr mit gutem Rat beizustehen, und derselbe, weil er ziemlichermaßen in Armut geraten, gedachte einen guten Profit zu erwerben, versprach ihr seine Hilfe, die Sache so einzurichten, daß der ehrliche Schwede auf einem gehörnten Postpferd zu der verliebten Nonne solle geführt werden. Es gelang aber dennoch für diesmal dem hochgelehrten Herrn seine erlernte Kunst nicht, sondern lief fruchtlos ab, denn dieser brave und nach seiner Religion sehr christliche Edelmann, als er sich abends bis zehn Uhr nach allerhand mit mir und dem Hauswirt gehabten geistlichen und erbaulichen Diskursen kaum zu Bett gelegt, bekommt plötzlich eine außerordentliche Bangigkeit und Herzensangst, so daß er wieder aufstehen muß, jedoch sein Gebet- und Gesangbuch zur Hand nimmt und seine Andacht nochmals mit Singen und Beten verrichtet. Weil er aber dennoch vor Angst nicht zu bleiben weiß, will er im Schlafrock zu mir, der ich am nächsten an seiner Stube wohnte, gehen und mir seinen plötzlichen und wunderbaren Zufall klagen. Er hat aber in diesen Gedanken kaum das Licht in die Hand genommen, als es wider den vor seinem Zimmer nach dem Garten zu angebauten Balkon als ein Sturmwind dergestalt heftig stößt, daß die inwendig wohlverriegelte Tür mitten voneinander springt, da er denn auf dem Altan erst einen schwarzen Bock mit feurigen Augen erblickt; sobald er aber etlichemal den Namen Jesus ausruft, verwandelt sich dieses Ungeheuer in einen Feuerklumpen, als eine Tonne groß. Er springt deswegen unter stetigen Rufen: Jesu Christe! Hilf mir zurück, heraus auf die Galerie und kam in meine Kammer, wo er mir alles, was ihm begegnet war, mit Zittern und Beben erzählte und, nachdem wegen des gewaltigen Getöses der Wirt und die Wirtin herzugelaufen kamen, die ganze Historie nochmals wiederholte. Die Wirtin, welche eine geborene Italienerin war, fing darauf sogleich also zu reden an: ›Cossi Padron Illustrissimo! Eh! VSMma ha qualche ragiri amorose, con una religiosa, cospetto! quest è la seconda volta ch'un tale è accaduto en questa casa‹. Deutsch: So! ›Wohlgeborener Herr! Ei! Euer Wohlgeboren haben gewiß einen verliebten Umgang mit einer Nonne. Wahrlich, das ist nun das zweite Mal, daß sich dergleichen in unserem Hause zugetragen hat.‹ Hierüber entsetzte sich der schwedische Edelmann dergestalt, daß er über acht Tage lang das Bett hüten und alle Nächte bei sich wachen lassen mußte. Als er nun meistens wieder vollkommen genesen, machte er sich auf Einraten des Medici, Hauswirts, Hauswirtin und anderer guter Freunde unvermutet auf die Reise, ohne von der verliebten Nonne einigen Abschied zu nehmen. Demnach«, setzte der Baron hinzu, »glaube der Herr von Elbenstein nur sicherlich, daß er von einer Person heftig geliebt wird, die ihn auf keine andere Art als diese bei sich zu sehen hoffen darf.« Der gute Elbenstein wurde über diese und seine eigene Aventure dergestalt konsterniert, daß ihm fast in die Gedanken kam, das gefährliche Italien gänzlich zu quittieren, weil es ihm aber an sattsamen Barschaften fehlte, resolvierte er sich, nachdem sich der Fürst bereits einige Tage in seiner Residenz befunden, wo damals alles ganz still zuging, Urlaub zu bitten, um wegen eines vermuteten Wechsels und anderer seinen Bruder betreffenden Angelegenheiten eine Reise nach Venedig zu tun. Der Fürst gab ihm nicht allein Urlaub, sondern sagte noch dazu, wie er auf seine, des Fürsten Kosten, die Reise tun und ihm daselbst ein außenstehendes Kapital von zwanzigtausend Dukaten einkassieren und mitbringen sollte. Elbenstein erstaunte über diese Kommission, und weil ihm sein Herz ein bevorstehendes Unglück prophezeite, sprach er zu dem Fürsten: »Eure Durchlaucht machen mich ganz verwirrt, da Sie einem ausländischen deutschen Edelmann ein so starkes Kapital allein anvertrauen wollen.« »Wenn ich nicht wüßte«, gab der Fürst darauf zur Antwort, »daß die Deutschen redliche Herzen hätten, würde ich Ihn nicht in meine Dienste genommen haben, und wenn ich auch um zwanzigtausend Dukaten käme, würden mich diese in geringen Schaden, Ihn aber um seine Ehre bringen.« Dieserwegen küßte Elbenstein dem Fürsten die Hand, dieser aber ging nach seiner Schatulle, gab ihm die schriftliche Versicherung nebst einer Charte Bianche zur Vollmacht und fünfzig Dukaten Reisegeld. Elbenstein ließ seine Equipage aufs sauberste zurechtmachen und begab sich des dritten Tages auf die Reise, war aber dennoch nicht recht vergnügt, weil ihm sein Konzept einigermaßen verrückt worden. Indem er nun durch Padua passieren mußte, führte ihn sein Glücks- oder Unglücksstern eben in das Logis, wohin ihn seine maskierte Amour in Ariqua bestellt und die Woche vor Martini einzutreffen befohlen hatte. Es war ihm noch nicht in die Gedanken kommen, sich um das Zeichen des Gasthofs zu bekümmern wo er logierte; als er aber des Abends abgespeist hatte und eine Bouteille Limonade nebst einer Pfeife Tabak gefordert, sagte ein alter häßlicher Hausknecht zu ihm: »Mein Herr! Ich weiß ganz gewiß, Sie sind der Kavalier, welcher von einer Dame anhero bestellt worden; ists nicht wahr, daß es in Ariqua geschehen?« Elbenstein schüttelte den Kopf und sagte, er wisse von nichts. »Leugnen Sie es nicht, mein Herr!« verfolgte der Kerl seine Rede, »denn ich kenne Sie unter Tausenden, ob Sie schon nicht wissen woher. Vertrauen Sie sich mir nur vollkommen, denn ich kann Ihnen versichern, daß die Dame bereits hier wäre, allein sie ist durch eine gewisse Begebenheit zurückgehalten worden; unterdessen wird sie unfehlbar binnen zehn oder zwölf Tagen kommen. Sie aber, mein Herr, können auf sie hier warten und versichert sein, daß Ihnen niemand einige Zehrungskosten abfordern wird, weil ich Ordre habe, für Sie zu bezahlen.« »Mein Freund!« sagte Elbenstein, »ich bin von einem gewissen Fürsten in besonders wichtigen Affären auf der Reise begriffen, hoffe aber auch, binnen acht oder zehn Tagen wieder zurückzukommen, alsdann wollen wir von dieser Sache weitersprechen.« »Wohl gut!« sagte der alte verzweifelte Kuppler, »allein haben Sie etwa Lust, mit einem ihrer Landsleute, welcher ein deutscher Kavalier ist, zu sprechen, so können Sie sich noch ein paar Stunden oder solang es Ihnen beliebt die Zeit passieren, denn er möchte auch gern mit jemandem reden, weil ihm die italienische Sprache noch nicht recht geläufig ist.« Elbenstein befahl dem Kerl, daß er dem deutschen Kavalier sein Kompliment machen und bei demselben vernehmen soll, ob es ihm gelegen wäre, eine Pfeife Tabak mit ihm zu rauchen. Wenige Minuten hernach erschien der Deutsche, und weil es ein Edelmann war, mit dem Elbenstein vor diesem auf einem Gymnasium zugleich studiert, umarmten sie sich recht herzlich und waren beiderseits hocherfreut, daß sie einander so unverhofft in einem fremden Lande antrafen. Sie blieben also beisammen sitzen und erzählten einander ihre Begebenheiten bis um die Mitternachtszeit, da sie denn voneinander Abschied nahmen; jedoch weil der Herr von Thalberg, so nannte sich dieser deutsche Kavalier, Elbenstein gar zu sehr bat, ihm zu Gefallen, weil er gestern erst angekommen, nur einen einzigen Tag in Padua zu verweilen, versprach ihm dieser aus redlicher Freundschaft, seinen Willen zu erfüllen, und hierauf begaben sie sich beiderseits zur Ruhe. Folgenden Morgen, nachdem sie den Tee miteinander getrunken, spazierten sie aus und besahen sowohl die innere Stadt, als die Burg und deren Fortifikation, da sich denn der Herr von Thalberg nicht wenig über die Größe dieser Stadt verwunderte, zumal er vernahm, daß dieselbe noch eher soll erbaut worden sein als Rom. Hierauf besahen sie den großen Saal des Palastes, welcher der schönste, der in Italien zu finden, ingleichen den Dom, welcher zwar ein uraltes Gebäude und eben nicht von besonderer Struktur, jedoch sehenswürdig ist. Nach Tisch gingen sie wieder aus und besahen die Kirchen, sonderlich des heiligen Antonii von Lissabon, welche ungemein und voller herrlicher Sachen, vornehmlich die heilige Kapelle, worin ungemein schöne Bildhauer- und Malerarbeit anzutreffen. Weil sich aber unter der Zeit der Tag zu neigen begann, rekommandierte der von Elbenstein dem von Thalberg, sich zur anderen Zeit in der schönen Justinenkirche, worin viele prächtige Monumente, ingleichen auch in den vielen Kunstkammern herumführen zu lassen. Da sie nun abends nach Tisch noch eine Pfeife Tabak miteinander rauchten, beredete Elbenstein den Herrn von Thalberg, daß er mit ihm nach Venedig zu reisen sich gefallen ließe, wie sie denn auch in früher Tageszeit sich auf den Weg begaben und nach kommoden Tagereisen in dieser weltberühmten Stadt anlangten, wo sie ihr Logis im Gasthof, Zum Weißen Pferd genannt, nahmen. Elbensteins erster Gang war nach den beiden berühmten Kaufleuten Herrn Hopffer und Bachmeyer, welche ihm nicht allein die Gefälligkeit erwiesen, daß sie ihm seinen erst auf Weihnachten fälligen Wechsel gegen einen billigen Rekompens bar bezahlten, sondern auch überdies ihren Priester, der, wie schon gemeldet, in weltlichen Kleidern einherging, kommen ließen, bei welchem Elbenstein gleich des dritten Tages nach seiner Ankunft kommunizierte und sein Herz ungemein erleichtert befand, auch bei dem ernstlichen Vorsatz beharrte, sich zeitlebens nicht wieder in verbotene Liebeshändel einzulassen, sondern hinfort keusch und züchtig zu leben und abzuwarten, bis ihm der Himmel dereinst eine liebenswürdige Gemahlin zuführte. Da aber die Gelder, welche er für seinen Fürsten einzukassieren hatte, nicht sogleich parat waren, sondern ihm angedeutet wurde, wie er sich wenigstens noch sechs bis acht Tage patientieren müßte, ließ er sich auch dieses gefallen, erstattete aber mittlerweile seinen Bericht an den Fürsten durch eine Staffette. Jedoch mittlerweile die Zeit nicht müßig zuzubringen oder im Gasthof allein bei gutem Essen, Trinken und Spielen zu leben, besah er nebst dem Herrn von Thalberg diese weltberühmte und wunderbare Stadt, welche sozusagen nicht recht auf der Erden, sondern wenigstens anderthalb Meilen vom festen Land in Flut und Wellen liegt, indem die Häuser auf zweiundsiebzig Inseln, woraus sie besteht, auf lauter Pfähle von Holz erbaut sind. Sie hätten sich wohl gern einer Karosse bedient, allein die Straßen sind daselbst sehr eng, weswegen die Karossen nicht zu gebrauchen, deswegen muß man zu Fuß gehen, welches denn auch wohl möglich, da ungefähr vierhundertsechzig Brücken über die Kanäle in der Stadt gezählt werden, unter welchen der vornehmste und schönste der Republik auf dreihunderttausend Dukaten zu stehen kommt. Unsere Kavaliere aber, wenn sie sich durchs Spazierengehen ermüdet, setzten sich in eine Gondel oder wohlaptiertes Schiffchen, deren man in Venedig allein über vierundzwanzigtausend zählen will, und fuhren darauf von einem Ort zum anderen, wo sie nämlich etwas Betrachtenswürdiges anzutreffen wußten, wiewohl in dieser Stadt fast alles betrachtenswürdig zu nennen ist. Als nun beide auf der obgedachten kostbaren Brücke, welche il Ponto Rialto genannt wird, standen, sagte Thalberg zu dem von Elbenstein: »Es ist schade, daß wir nicht einen guten Freund und Bekannten hier haben, der uns die merkwürdigsten Dinge in dieser weltberühmten Stadt zeigt, denn weil ich sehr curieux bin, dergleichen zu sehen und aufzuschreiben, ließe ich mir kein Geld dauern.« Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, als sich ein feiner reputierlicher Mann vor ihren Augen präsentierte, welcher einen Offiziershabit am Leibe, jedoch nur einen Arm hatte. Dieser redete sie also an: »Messieurs, ich halte Sie beide für deutsche Kavaliere und habe mich, da ich auch ein geborener Deutscher bin, sehr erfreut, meine Muttersprache so rein von Ihnen reden zu hören. Ich habe der Republik Venedig verschiedene Jahre zur See als Offizier gedient, bin aber endlich so unglücklich gewesen, daß mir ein Arm abgeschossen worden. Mein Vaterland hätte ich gern wieder besucht, allein weil ich keine Mittel daselbst zu suchen habe, so bin ich auch daselbst nichts nutze, sondern danke dem Himmel, daß mir die Republik monatlich soviel Gnadengeld auszahlen läßt, als zu einem reputierlichen Auskommen vonnöten ist. Mir ist in dieser obschon weitläufigen Stadt alles bekannt, was Fremden zum Pläsier gereicht, kann ich Ihnen dienen, so belieben Sie zu befehlen, ich tue es ohne alles Interesse, sondern nur zum Pläsier meiner Herren Landsleute.« Elbenstein fragte nach seiner Vaterstadt und erfuhr, daß er von Merseburg gebürtig war, weswegen sie diesen nahen Landsmann, weil es eben Zeit zur Mittagsmahlzeit war, mit sich in ihr Quartier nahmen und an seiner Konversation ein besonderes Vergnügen fanden. Es führte sie derselbe etliche Tage nacheinander in der Stadt herum, und weil er bemerkte, daß der von Thalberg sich ein und anderes Merkwürdige in seine Schreibtafel notierte, sagte er eines abends, da sie in einem Weinhaus beisammen saßen: »Mon Seigneur, wenn Sie so schreibbegierig sind, so belieben Sie zu schreiben, was ich Ihnen diktieren will.« Als sich nun der von Thalberg bereit dazu fand, diktierte er ihm folgendes in die Feder: »Daß diese Stadt Venedig eine der berühmtesten in der Welt, ist eine unstreitige Sache: 72 Inseln sind es, worauf sie erbaut ist, und ihr Umfang ist ungefähr acht italienische Meilen. Il Ponto Rialto ist die größte Brücke, welche über den größten Kanal geht, sie hat, wie Sie gesehen haben, nur einen einzigen Schwibbogen von Marmor oder, wie es die Italiener nennen, Pietra bianca, steht auf 6382 Pfählen und hat zu beiden Seiten zwei Reihen allerhand Kaufläden, welche drei Gassen ausmachen; unter derselben aber kann eine Galeere mit aufgespannten Segeln durch den Schwibbogen hindurchfahren. Die Stadt überhaupt wird eingeteilt in sechs Teile oder Sestieri, nämlich: Castello, S. Marco, Carnareio, S. Paolo, S. Croce und Dorsoduro. Die ersten drei Teile liegen diesseits und die anderen drei jenseits der großen Brücke. Es finden sich in dieser Stadt 53 große und kleine Plätze oder, wie man es anderer Orten nennt, Märkte; darunter ist der größte und berühmteste der St. Markus-Platz, selbiger ist 280 Schritte lang und 110 Schritte breit. Auf diesem Platz pflegen bei gutem Wetter die jungen Nobili di Venetia zuweilen etliche Hundert stark ihren Spaziergang zu halten. Ferner zählt man darin über 150 prächtige Paläste, 70 Kirchen, 39 Mönchsklöster, 28 Frauenklöster, 18 Oratoria, 17 Hospitäler, 115 Türme, 58 öffentliche Brunnen, die aber nicht viel taugen, denn das süße Wasser muß vom Lande in Tonnen herbeigeholt werden, 164 Statuen von Marmor und 23 Statuen von Erz, an welchen allen man sich über die Kunst nicht genug verwundern kann. Der herzogliche Palast auf dem St. Markus-Platz ist wohl das schönste Gebäude in der Stadt, er ist viereckig. Das obere Stockwerk bewohnt der Doge oder Herzog; bei demselben werden die Staatscollegia gehalten, im untersten aber wird die Justiz administriert. An der einen Ecke dieses Platzes liegt die Kirche St. Marco und an der andern die Kirche St. Geminiano, zu beiden Seiten aber stehen die Prokuratorhäuser, die von Marmor aufgeführt sind und unten große Schwibbogen haben. Auf den St. Markus-Kirchturm steigt man auf einer Treppe ohne Stufen, und von dieser Kirche wird man zu dem Schatz geführt, welcher ungemein kostbar ist. Die Bibliothek, welche sehr stark, ist in dem einen Prokuratorhaus gerade gegen den Palast St. Marco über. Das Kloster St. Johannis und Pauli ist das schönste, das Kloster St. Georgii aber das reichste. In eben diesem Kloster, und zwar in dem Tafelgemach, finden sich unter den Schildereien oder Gemälden die zwei vornehmsten und bewundernswürdigsten Stücke, welche der Künstler Marco Titiano verfertigt hat; das eine stellt vor die Hochzeit zu Kana in Galiläa und das andere das Bildnis Petri des Märtyrers. Unter den Kirchen sind wohl die schönsten die St. Redemptore und Madonna di Salute. Die haben ihren Ursprung von einem Gelübde, welches der venezianische Rat zu Pestzeiten getan. Jedoch die St. Markus-Kirche gibt diesen beiden wenig oder nichts nach. Am Ende der Stadt, nah am Meer, liegt das Arsenal, welches seinesgleichen in Europa nicht haben soll, man findet so viel Gewehre drinnen, daß auf den Fall in größter Geschwindigkeit 20 000 Mann zu Fuß und 25 000 Mann zu Pferd damit bewaffnet werden können. So liegen auch beständig 2000 Kanonen parat, die zu Wasser und zu Land können gebraucht werden, anderer zum Krieg und Seewesen benötigten Dinge zu geschweigen. Es arbeiten alle Tage 1500 bis 2000 Menschen darin, die Unterhaltung dieses Arsenals aber soll der Republik alljährlich über fünf Tonnen Goldes kosten. Die Schiffe werden allhier im voraus gebaut und hernach in das salzige Seewasser stückweise versenkt, worin sie desto dauerhafter werden. Man erzählt, daß der große Rat einstmals in diesem Arsenal einen König traktiert habe, da denn in seiner Gegenwart ein ganz neues Schiff gebaut worden, und zwar haben die Bauleute den Anfang gemacht, als der König zur Tafel gesessen, da er aber abgespeist und aufgestanden, habe das Schiff schon vor seinen Augen auf dem Meer herumgesegelt. Zu einer anderen Zeit hat man eben dergleichen Kunststück mit einer Kanone praktiziert, indem dieselbe in größter Geschwindigkeit gegossen, auch noch abgefeuert worden, ehe der vornehme Gast von der Tafel aufgestanden. Kurz! Dieses Arsenal ist mit Recht ein Wunderwerk der Welt zu nennen, ringsherum ist es mit hohen Mauern, außerhalb aber mit dem Meer umgeben. Am Portal dieses Arsenals zeigt sich mit großen goldenen Buchstaben die Überschrift: Felix est Civitas, que Tempore Pacis de Bella cogitat. Glückselig ist die Stadt, welche zu Friedenszeit an den Krieg gedenkt. Eines von den Hauptstücken, welche in diesem Arsenal aufbehalten und verwahrt werden, ist der Bucentaurus oder dasjenige Schiff, auf welchem der Doge alle Himmelfahrtstage in das Adriatische Meer segelt und sich mit demselben vermählt. Es ist von der Größe einer Galezza, auswendig vergoldet und inwendig mit karmesinrotem Samt beschlagen; auf beiden Seiten sind vergoldete Sessel und auf dem Oberdeck ein Thron, auf welchem der Herzog zwischen den Gesandten und Senatoren sitzt. Auf dem Unterdeck sind achtundzwanzig Ruder, jedes mit sechs Mann besetzt, man sieht aber von diesen Leuten nichts, als daß sich die Ruder bewegen. Auf dem Vorderteil steht das Bildnis der Gerechtigkeit, stark vergoldet mit Schwert und Waage in den Händen. Wenn der Doge den kostbaren Ring ins Meer wirft, spricht er: »De sponsamus te nobis mare, in signum veri perpetuique Dominii. Meer! Wir vermählen uns mit dir zum Zeichen einer wahrhaften und immerwährenden Herrschaft über dich.« »Dieser Gebrauch«, sagte hier der einhändige Offizier, »ist mir jederzeit sehr lächerlich vorgekommen, ich kann aber nicht eigentlich sagen, woher er seinen Ursprung hat.« »Das will ich Ihnen sagen, mein Herr!« versetzte Elbenstein. »Die Herren Venezianer geben vor, es habe sie der Papst Alexander III. im Jahr 1174 mit der Herrschaft über das Adriatische Meer belehnt, und dieses ist eben das fatale Jahr, da der Papst den Kaiser Fridericum Barbarossam, als er ihm die Füße küssen wollen, auf den Hals getreten und die davidischen Worte dabei gesprochen: ›Auf Löwen und Ottern wirst du gehen etc.‹ Allein, ich glaube, es wird nun wohl nimmermehr wieder geschehen, daß ein römischer Kaiser Seiner Päpstlichen Heiligkeit die Füße küßt, geschweige denn sich von derselben auf den Hals treten läßt.« Indem Elbenstein weiter fortreden wollte, stand ein alter, jedoch wohl ansehnlicher und ehrwürdiger Mann von seinem Tischchen, wobei er bisher ganz allein gesessen und ein Gläschen Wein getrunken hatte, auf, trat vor den Tisch, woran die Kavaliere mit dem Offizier saßen, und sagte: »Meine Herren nehmen mir nicht ungütig, daß ich mich in Ihren Diskurs meliere, ich bin zwar ein geborener Savoyarde, habe aber nunmehr schon seit etlichen vierzig Jahren, da ich mich acht Jahre lang auf deutschen Universitäten aufgehalten, auch fast ganz Deutschland durchreist bin, die deutsche Sprache nach meiner Mundart ziemlich sprechen lernen, bin auch noch jetzt im Stande, einen deutschen Brief so gut als einen italienischen zu schreiben, denn weil die deutsche Nation mir ungemein angenehm und liebreich vorkommen, habe ich auch ihre Sprache beibehalten und mir das größte Vergnügen gemacht, wenn ich hierzulande habe mit deutschen Herren in Gesellschaft kommen können. Was aber Ihren letzteren Diskurs anbelangt, so will ich Ihnen, so es beliebig, eine gründliche Nachricht erteilen, weil ich Sie in einigen Stücken irrig befinde; denn ungeachtet ich Sie für Protestanten halte, ich aber Katholik bin, so bin ich doch hauptsächlich in den Sachen, welche in die Historie einschlagen, ganz unparteiisch.« Elbenstein und Thalberg hatten einen besonderen Gefallen an der Visage, Höflichkeit und Anrede dieses alten Mannes, nötigten ihn demnach, zwischen sich zu setzen, tranken ihm erst ein paar Gläser Wein zu, hernach baten sie ihn, daß er ihnen doch diese Historie aus dem Grund erzählen möchte. Demnach fing der Alte also zu reden an: »Es ist an dem, die Herren Venezianer geben vor, daß der Papst Alexander III., weil sie ihm, in dem damaligen scharfen Krieg wider den Kaiser Fridericum Barbarossam beigestanden und des Kaisers Sohn Otto auf dem Meere gefangengenommen hätten, ihnen zur Vergeltung die Oberherrschaft über das Adriatische Meer zugestanden und zum Zeichen derselben verordnet habe, daß sich der Herzog durch Einwerfung eines goldenen Ringes mit diesem Meer vermählen solle; welches auch noch bis jetzt am Himmelfahrtstag geschieht. Allein diese Donation wird freilich von den meisten in Zweifel gezogen, weil es eine pure Fabel ist, daß des Kaisers Sohn Otto auf dem Meer gefangen worden. Papst Julius II. fragte einstmals den venezianischen Gesandten Donati, wo denn die Republik die Bulle hätte, die Alexander III. gegeben, gab damit zu verstehen, daß die Sache sehr zweifelhaft sei, allein der listige und verschlagene Gesandte gab zur Antwort, Ihro Päpstliche Heiligkeit möchten nur das Diploma Constantini Magni nachschlagen lassen, so würde sich die Bulle Alexandri III. auf der anderen Seite finden. Unterdessen bleibt doch alles, wie es ist, und es wird sich so leicht wohl niemand finden, der dem Dogen die Spazierfahrt verwehrt, den auswärtigen Potenzen hilft und schadet sie nichts. Was aber nun die Fabel anbelangt, daß der Papst Alexander dem Kaiser Friedrich, da er selbigem die Füße küssen wollen, auf den Hals solle getreten und Davids Worte, die meine Herren vorhin erwähnt, gebraucht haben, und als der Kaiser geantwortet: ›Nicht Dir, sondern Petro‹, der Papst noch besser getreten und gesagt haben soll: ›Auch mir, auch Petro‹, ist ein unbegründeter, ausgestäupter alter Schlendrian, von welchem verschiedene protestantische Geschichtsschreiber und Geistliche viel Wesens gemacht, um dadurch denen Päpsten ihren Hochmut vorzuwerfen und selbige bei ihren einfältigen Glaubensgenossen verhaßt zu machen. Diese Fabel aber ist deswegen eine Fabel und unbegründete Sache: 1. Weil kein einziger Geschichtsschreiber von allen, die zur selbigen Zeit gelebt, hiervon Meldung tut. Hergegen 2. melden alle die glaubhaftesten Geschichtsschreiber selbiger Zeiten, daß der Kaiser und der Papst einander gegenseitig alle ersinnliche Ehre erwiesen und jener von diesem das Osculum Pacis oder den Friedenskuß empfangen, ihm die rechte Hand gelassen; andere Ehren- und Höflichkeitsbezeugungen zu geschweigen. 3. Wird diese Legende zweifelhaft gemacht durch die von den damaligen Geschichtsschreibern so sehr belobte Demut des Papstes Alexandri, sowohl als die gerühmte Großmütigkeit des Kaisers Friderici, welcher nicht einmal das Wort Beneficium dulden können. 4. Wer sollte wohl glauben, daß da so viele deutsche Reichsfürsten, und zwar von den allervornehmsten Häusern, bei und neben dem Kaiser gewesen, daß sie des Papstes Hochmut und ihres Kaisers Niederträchtigkeit hätten mit gelassenen Augen ansehen können. 5. Widerstreitet dieser Legende der solenne Einzug zu Venedig und der vorher gemachte Friede. 6. Was das Gemälde anbelangt, welches noch gezeigt wird, so kann solches wohl von einem losen Vogel und Feind des Kaisers verfertigt worden sein, es gibt aber keinen mehreren und besseren Beweisgrund, als ein anderer satirischer Kupferstich oder Gemälde. 7. Ist diese Fabel ausgepeitscht, weil selbige bei gescheiten Protestanten selbst keinen Glauben mehr findet. Hiervon schreibt gar schön Christ. Adam Rupertus, ehemaliger Professor Historiarum zu Altdorf in seinem herausgegebenen Commentario a synopsin Besoldi, auch andere deutsche Gelehrte mehr.« Hiermit endigte der unbekannte alte Mann seine Erzählung, stand auf, nahm das Licht von seinem Tisch und bat, die Herren möchten nicht ungütig nehmen, daß er nach seiner Schlafkammer eilte, weil er eine ordentliche Lebensart zu führen gewohnt wäre. Ob er nun gleich sehr gebeten wurde, noch ein Stündchen zu bleiben, so wollte er sich doch nicht länger aufhalten lassen, tat aber dennoch ein Glas Wein auf geruhige Nacht Bescheid. Mittlerweile zog Thalberg zwei venezianische Dukaten aus seiner Ficke, drückte sie dem Alten in die Hand, weil er ihn für einen Mann ansah, der vielleicht nicht viel übrig haben möchte; bat anbei, für diesmal mit diesem kleinen Geschenk vorliebzunehmen, morgen früh aber so gütig zu sein und in ihrem Logis, welches er ihm bezeichnete, bei ihnen einzusprechen, damit sie noch ein mehreres von seinen gelehrten Diskursen profitieren und weiter bekannt miteinander werden könnten. Der Alte versprach, solches zu tun, wenn es seine Geschäfte zuließen, bedankte sich mit einer lächelnden Miene sehr höflich und freundlich für das Präsent, wünschte ihnen eine geruhsame Nacht und marschierte ab. Bald hernach verfügten sich Elbenstein und Thalberg auch in ihr ordentliches Logis und nahmen den einhändigen Offizier mit sich dahin. Weil es schon ziemlich spät, legte sich ein jeder in ein besonderes Bett zur Ruhe, standen jedoch morgens ganz früh auf und tranken den Tee miteinander, da denn der curieuse Herr von Thalberg den Offizier bat, ihnen noch ein und anderes von venezianischen Merkwürdigkeiten zu erzählen. Da nun dieser sehr gesprächig war, so fing er also zu reden an: »Die Regierungsform bei dieser Republik ist aristokratisch, denn es hat niemand Anteil an der Regierung als die sogenannten Nobili di Venetia. Diese Herrn von Adel werden füglich in sechs Klassen abgeteilt; in der ersten Klasse sind die sogenannten zwölf Apostel, das sind die alten zwölf Familien, die im Jahr 709 den ersten Herzog erwählt haben; in der anderen Klasse stehen, die im Jahre 800 die Fundation der Abtei S. Georgii unterschrieben haben; in der dritten Klasse stehen die Familien, so im Jahre 1296 ihre Namen in das sogenannte goldene Buch eingeschrieben haben; in der vierten Klasse stehen die neuen Geschlechter, die der Republik in dem blutigen Krieg mit Genua große Geldsummen vorgeschossen hatten und deswegen im Jahre 1385 in den Adelsstand erhoben wurden; in der fünften Klasse stehen die letzten Geschlechter, welche im Candischen Kriege im Jahr 1646 den Adel für 100 000 venezianische Dukaten gekauft haben. Es waren achtzig Familien, die vorher Kaufmannschaft, auch wohl gar nur Handwerke getrieben hatten; in der sechsten Klasse sind endlich alle auswärtigen Standespersonen, welche von der Republik ehrenhalber unter ihren Adel sind aufgenommen worden. Wer nun aus einer solchen Familie geboren ist und das 25. Jahr seines Alters zurückgelegt hat, der ist allhier ein Ratsherr, er mag nun was gelernt haben oder nicht. Demnach ist leicht zu erachten, daß die Zahl der Ratsherren nicht immer einerlei, sondern steigend und fallend ist, wie sie denn auch niemals alle beisammen sind, sondern es halten sich viele in den Provinzen als Provisores auf. Wenigstens aber sind ihrer zweitausend und etliche Hundert.« »Nun, das passiert für ein Ratskollegium«, sagte hier Thalberg, »denn man spricht im gemeinen Sprichwort: ›Aus vielen Köpfen ist gut raten‹. Aus diesen aber wird unfehlbar auch der Herzog oder Doge erwählt werden;« »Allerdings!« fuhr der Offizier zu reden fort. »Es geht aber die Wahl eines Dogen hier also zu: Sobald der letztverstorbene beerdigt ist, so kommen alle Nobili, die über dreißig Jahre alt sind, in dem Palazzo di St. Marco zusammen. Allda werden erst fünf sogenannte Correctores erwählt, welche die Artikel aufsetzen, worüber der künftige Doge schwören muß. Darauf greifen alle anwesenden Nobili in ein silbernes Gefäß, welches fast wie eine Urne oder Totenkrug aussieht und mit silbernen, auch dreißig goldenen Kugeln angefüllt ist. Diejenigen, welche die goldenen ergreifen, werfen neun davon unter vierundzwanzig silberne und losen hernach von neuem. Die nun die neun goldenen Kugeln bekommen, erwählen wieder vierzig andere, die doch insgesamt von unterschiedenen Familien sein müssen, und die zuvor gedachten neun können sich selbst wieder mit in diese vierzig wählen. Dieselben losen wieder auf die zuvorgedachte Art, daß nur zwölf übrigbleiben. Von diesen zwölf erwählt der erste ihrer drei und von den übrigen elf ein jeder zwei, daß also zusammen fünfundzwanzig herauskommen. Diese werden wieder durchs Los bis auf neun heruntergebracht, welche abermals fünfundvierzig andere und also ein jeder fünf ernennt. Das Los vermindert hernach die Zahl dieser letzten bis auf elf und diese wählen endlich einundvierzig, welche, nachdem sie vorher durch den Staatsrat konfirmiert worden, die eigentliche Electores oder Erwähler des Dogen sind und wenigstens mit fünfundzwanzig Stimmen den Dogen erwählen. Als Kandidaten werden vornehmlich zwei oder drei Personen von Distinktion aus der Noblesse und der Zahl der Procuratoren von St. Marco, die sich um die Republik sonderlich verdient gemacht, im Vorschlag gebracht. Wer zum Dogen erwählt wird, darf diese Würde bei Konfiskation seiner Güter und Bann seiner Person nicht ausschlagen. Er bleibt es aber nicht, wie zu Genua, nur auf zwei Jahre, sondern alle seine Lebtage, hat auch nicht Macht, diese Würde niederzulegen, jedoch hat die Republik Macht, sofern er sich nicht wohl aufführt, ihn abzusetzen. Des Dogen Einkommen ist schlecht und beläuft sich jährlich nicht höher als Zwölftausend Ducati d'Argento, welche derselbe aus der Grundzinse des deutschen Hauses und der den deutschen Kaufleuten erteilten Privilegien zieht, weswegen man mehrenteils lauter reiche Herren zu dieser Würde erwählt, denen mehr an der Ehre als an den Revenüen gelegen. Des Dogen Kleidung ist gewöhnlich so beschaffen: Auf dem Haupt trägt er eine Maschine, ich weiß nicht, ob ich selbige eine Krone oder eine Mütze nennen soll; oben ist dieselbe wie ein Horn gebogen und wird deswegen il Corno genannt. Über den Achseln aber trägt er einen Habit oder Ornat von Pelz mit Hermelinen, fast auf die Art wie der Kurfürstliche in Deutschland. Stirbt ein Doge, so wird er auf Kosten der Republik prächtig zur Erde bestattet, jedoch nicht eher, als bis vorher alle seine Aktionen wohl untersucht, vor allen Dingen aber alle seine Schulden von dessen Erben bezahlt worden. Die Senatoren erscheinen bei dessen Beerdigung in roten Kleidern, um anzuzeigen, daß die Republik unsterblich sei. Es geschieht gar selten, daß das Interregnum über acht Tage währt, und binnen selbiger Zeit dependiert das meiste von den Staatsräten, der Senat aber, wie auch die anderen Collegia, bleiben indessen ausgesetzt. Sonst ist zu remarkieren, daß die allgemeinen Gesetze und Verordnungen im Namen des Dogen publiziert, auch Schreiben auswärtiger Mächte an ihn adressiert, desgleichen die Kreditivschreiben in seinem Namen ausgefertigt werden, doch unterschreibt er sie nicht, sondern ein Staatssekretarius. Er antwortet den fremden Gesandten im Namen der Republik in terminis generalibus. Es werden unter seinem Namen alle Münzen geprägt, und führt er den Titel Serenissimo oder Durchlauchtigster. Alle Beneficia von der St. Markus-Kirche hat er zu vergeben, worunter sich ordentlicherweise sechsundzwanzig Kanonikate befinden und das sogenannte Primoceriat oder Dekanat. Es erkennt auch diese Kirche keine andere als des Dogen Jurisdiktion, daher derselbe gleich nach seiner Wahl von dieser Kirche Besitz nimmt, und zwar mit besonderen Solennitäten. Wahrhaftig, des venezianischen Dogen Staat ist königlich und ungemein prächtig, aber bei all solcher Pracht ist er nichts anderes als ein wirklicher Untertan der Republik, und in vielen Stücken ist er noch übler dran als der geringste Senator. Denn in Staatssachen darf er aus eigener Macht und Gewalt ohne Vorbewußt des Rats nichts unternehmen, und in den Collegiis, worin er präsidiert, hat er nicht mehr als zwei Vota. Die von auswärtigen Mächten an ihn geschriebenen Briefe darf er weder erbrechen noch für sich beantworten, und alle seine Dinge muß er mit der größten Behutsamkeit traktieren, wofern er nicht große Verantwortung haben will; den Augenblick, da er erwählt worden, müssen seine Kinder, Brüder und Anverwandten alle öffentlichen Ämter niederlegen, und solange seine Regierung währt, dürfen sie sich keine Hoffnung zu einer Charge machen. Er darf ohne spezielle Erlaubnis des Rats nicht einen Augenblick aus der Stadt reisen, daher man im gemeinen Sprichwort zu sagen pflegt: ›Der venezianische Doge ist bei Solennitäten ein König; bei Beratschlagungen ein bloßer Ratsherr; in seinem Hause und in der Stadt aber ein Gefangener‹.« »Ei!« sagte hier der Herr von Thalberg, »so will ich lieber ein deutscher Landjunker bleiben, als ein Doge zu Venedig werden.« »Ich selbst halte dafür«, versetzte Elbenstein, »daß man dabei vergnügter lebt. Allein, mein Herr!« sprach er zum Offizier, »wie ist es denn mit den Ratskollegien beschaffen?« »Deren sind«, gab dieser zur Antwort, »vornehmlich fünf. Das erste und vornehmste ist la Signoria; nebst dem Herzog oder Dogen befinden sich darin sechs Staatsräte, welche alle Jahre abgewechselt werden und jederzeit in roten Röcken erscheinen müssen. Das zweite ist der große Rat oder Il Consiglio grande, worin alle Nobili Sitz und Stimme haben, daher es zum öfteren aus mehr als tausend Personen besteht, und eben in diesem Collegio geschieht die Wahl eines neuen Dogen. Das dritte ist Consiglio del pregadi oder der etwas engere Rat, welcher aus ungefähr dreihundert Nobili oder venezianischen Edelleuten besteht. Diesen hält man für die Seele der Republik. Das vierte Kollegium heißt Il Consiglio proprio, darin sitzen die sogenannten Savii Grandi, welche, wenn man die Signoria ausrechnet, sechsundzwanzig Personen ausmachen, und hier wird den Gesandten auswärtiger Mächte Audienz erteilt. Das fünfte wird genannt Il Collegio delli Dieci, dieses besteht aus zehn Männern, welche das höchste peinliche Gericht hegen, vor welchem auch der Herzog in Person erscheinen müßte, wenn er von jemandem verklagt würde. Hier ist für einen Verbrecher oder schuldig Befundenen kein Pardon zu erwarten, denn man kann von diesem Collegio an niemanden anderes als an unseren Herrn Gott appellieren, weswegen sich der Himmel allein dessen erbarmen kann, wer dahin zitiert wird. Dieses Zehnmännergericht hält gewaltig viele Spione, erfahren deswegen nicht nur alles, was in der Stadt passiert, sondern auch was hie und da etwa in Kompanie geredet wird. Sonst ist hier zwar auch ein Inquisitionstribunal, worin der päpstliche Nuntius, der Patriarch von Venedig und der Pater Inquisitor sitzen, allein es ist hier mit der Inquisition bei weiten nicht so scharf als in Spanien und anderen Orten; den jetzt gemeldeten drei geistlichen Herren sind noch drei Ratsherren an die Seite gesetzt, ohne deren Consens nichts darf beschlossen werden, wie man sich denn hier, den äußerlichen Schein ausgenommen, überhaupt nicht viel aus der Religion macht. Unterdessen finden sich unter den venezianischen Geistlichen viel vortreffliche Oratores, und nach geendigtem Karneval werden die geistreichsten und beweglichsten Bußpredigten gehalten; nur über das sechste Gebot wird eben nicht sonderlich geeifert und viel Wunderns wegen dessen Übertretung gemacht, sondern wenn jemand gegen seinen Beichtvater seine Übertretung desfalls bekennt, gibt derselbe mehrenteils zur Antwort: ›Bagatelle! Bagatelle! Kleinigkeiten! Kleinigkeiten!‹ Was den Karneval anbelangt, so geht es um selbige Zeit wohl in der ganzen Welt nirgends lustiger zu als hier, und hat man wohl eher dreißigtausend und mehr Fremde gezählt, welche sich der Karnevalslustbarkeiten teilhaftig gemacht; denn weil einem jeden erlaubt ist, sich zu maskieren, so ist er in solchem Habit sozusagen semper frei und darf von niemandem angetastet werden, hingegen darf eine Maske auch kein tödliches Gewehr bei sich führen. Wenn ich nun rechne, daß jeder Fremde durch die Bank, vom Vornehmsten bis zum Geringsten, zum wenigsten hundert Dukaten verzehrt, so mache solches eine Summa von drei Millionen aus. In dem Palast Ridotto stehen zur selben Zeit tags und nachts zehn Zimmer offen für diejenigen, welche Lust haben, à a Basette oder andere Spiele zu spielen. Die Opern und Komödien sind unvergleichlich und locken viele Personen an sich. Auf dem St. Markus-Platz trifft man zum öfteren mehr als fünfzigtausend Menschen an, welche den Marktschreiern, Seiltänzern, Gaukelspielern und Wahrsagern zusehen. Man hat mir einmal folgende zwei lächerlichen Historien erzählt, an deren Wahrheit ich aber selbst zu zweifeln nicht geringe Ursache habe. Es wäre nämlich ein solcher Seiltänzer von dem höchsten Turme auf einem Seil heruntergefahren und zu Fuß wieder hinaufspaziert. Er wäre bald zurückgekommen und mit einem Schubkarren voller Steine auf dem Seil auf- und niedergefahren. Endlich habe er sich zu Pferde gesetzt, sei auf dem Seil hinauf geritten und im vollen Galopp wieder heruntergekommen.« »Das lasse ich«, sagte hier Elbenstein, nachdem er sich über diese Geschichte sattgelacht, »für ein perfektes Kunststück oder für ein perfektes Märchen passieren.« »Das ist noch nichts«, sagte der Offizier, »meine Herren lassen sich noch eines erzählen: Einstmals hat ein Gaukler auf diesem Platz einen Knäuel Bindfaden oder Segelgarn in die Luft geworfen und ist an dem Faden bis über die Wolken hinaufgeklettert. Darauf ist eines von seinen Beinen heruntergefallen, hernach das andere Bein, bald darauf ein Arm und wieder ein Arm, dann der Kopf und endlich der Rumpf. Diese Stücke haben alle auf dem Platz eine ziemliche Weite voneinandergelegen: Im Augenblick aber sind sie wieder zusammengefahren, der Gaukler ist aufgesprungen und hat sich frisch, fröhlich und gesund vor aller Zuschauer Augen dargestellt.« »Ei, ei!« sagte Thalberg mit heftigem Lachen, »das ist zu künstlich, jedoch kann ich mir die Sache in meinen Gedanken ebensogut vorstellen, als ob ich dabei gewesen wäre und es alles mit meinen Augen angesehen hätte.« »Gut!« sagte Elbenstein, der nicht weniger lachte, »diese zweite Geschichte will ich mir selbst notieren, denn wenn ich wieder zurück in mein Vaterland komme, so kann ich nur damit allein manchen Deutschen in erstaunende Verwunderung setzen. Nun aber, mein Herr, wieder auf ernsthafte Sachen zu kommen, ich habe bemerkt, daß einige Nobili di Venetia eine goldene Kette mit einer großen Medaille tragen; was soll das anzeigen?« »Mein Herr!« gab der Offizier darauf, »das sind die Ritter von St. Marco. Ich will Ihnen sagen, wo derselbe Orden herkommt. Gewiß kann ich zwar nicht melden, womit es der heilige Theodorus, welches sonst der Venezianer Patron war, bei ihnen versehen hat, daß sie ihn Anno 828 absetzten und sich in den Schutz des heiligen Evangelisten Marci begaben, dessen Körper eben damals in Ägypten war gefunden und nach Venedig gebracht worden. Unterdessen mußte der heilige Theodorus zurücktreten, dem heiligen Marco aber wurde zu Ehren eine neue, vortreffliche Kirche gebaut, welche nachgerade immer kostbarer ausgebaut und ausgeziert worden, bis sie in den Stand geraten, worin man sie jetzt sieht, denn ihre neun Prokuratoren, deren jeder jährlich hunderttausend Dukaten Revenüen für seine Person hat, geben wohl Achtung darauf, daß keine Kanckergespinste darin gefunden werden. Überdies stifteten die Herren Venezianer dem heiligen Marco zu Ehren einen neuen Ritterorden. Die Ritter tragen auf der Brust eine goldene Kette, woran eine große goldene Medaille hängt, auf deren einer Seite steht ein geflügelter Löwe, der in der rechten Klaue ein bloßes Schwert, in der linken aber ein offenes Buch hält, darin die Worte zu lesen: PAX TIBI MARCE! EVANGELISTA MEVS. Auf der anderen Seite ist der Name des regierenden Dogen, oder auch manchmal sein Bildnis, da er kniend eine Fahne aus der Hand des heiligen Marci empfängt. Ich kann nicht unterlassen, bei Gelegenheit des geflügelten Löwen noch ein Schirlentzgen zu erzählen: Es wurde einstmals ein Venezianer von einem Deutschen gefragt, wo doch der der Löwe die zwei Flügel müsse herbekommen haben? Der Venezianer gab zur Antwort: Der Löwe wäre aus dem Lande gebürtig, wo die Adler zwei Köpfe hätten. Ein Franzose fragte: Warum doch wohl der Löwe das Buch anderen vorhielte und nicht selbst darin läse; Dem gab ein Deutscher zur Antwort: Der Löwe begehrte nicht, gelehrter zu sein als seine Prinzipale. Heutigen Tages beehren die Herren Venezianer nicht allein ihre Landsleute, sondern auch Fremde, und vornehmlich gelehrte Leute, mit diesem Ordenszeichen und werden die Ritter, welche von dem gesamten Rat geschlagen werden, höher geachtet, als die der Doge für sich allein kreirt. Sie genießen auch eine jährliche Pension. Hierbei aber muß ich bekennen, daß mir ihre Ordensregeln nicht so gar genau bekannt sind.« »So halten doch«, fragte Elbenstein, »die Herren Venezianer auch etwas auf die Gelehrten? Ich habe immer gemeint, daß sie sich mehr um die Handelschaft als um die Gelehrten bekümmerten.« »Nein! Ich versichere Ihm«, gab der Offizier darauf, »daß sie sehr viel fait von Gelehrten machen, wovon das Exempel des Poeten Actii Sanazarii eine Bekräftigung gibt, welcher, da er vor bereits zweihundert Jahren sechs lateinische Zeilen Verse auf die Republik Venedig gemacht, für jede Zeile hundert, andere wollen gar sagen tausend Dukaten zum Gratial bekommen.« »Ich habe davon gehört«, sagte Thalberg, »allein, die Verse sind mir unbekannt.« »Ich will«, versetzte der Offizier, »sie Ihnen vorbeten: Viderat Adriacis VENETAM Neptunus in undis, Stare urbem, et tati panere jura salo. Nunc mihi Tarpejas quamtum vis, Jupiter, arces, Obijce et illa tui Moenia Martis, ait: Si Pelago Tiberim praefers, urbem aspice utramvis, ILLAM Homines dicas, HANC posuisse Deos. Ein berühmter Poet hat diese in folgende zierliche deutsche Verse gebracht: NEPTUNUS stand und sah die Stadt VENEDIG an, Die sich Beherrscherin des Meeres nennen kann; Da sprach er: JUPITER! Warum erhebst du doch Dein Capitolium am Tiberstrom so hoch? Man sieht nur Menschenwerk, wenn man dein ROM beschaut, VENEDIG aber ist von Göttern aufgebaut. Jedoch was ists mehr, reiche Leute können ja auch wohl reichliche Geschenke austeilen, denn ungeachtet die Republik an Landschaften ein merkliches verloren, ihr auch von anderen Nationen in der Handelschaft nach Ostindien sehr viele Vorteile abgezwackt worden, so rechnet man doch, da sie sonst mehr als königliche Einkünfte gehabt, daß sie noch jetzt jährlich mehr als zehn bis fünfzehn Millionen Dukaten einzunehmen habe. Die Kriegsmacht ist nicht gering, denn allein zu Friedenszeiten werden etliche zwanzigtausend Mann und ungefähr vierzig Schiffe vom Rang gehalten, ohne die Fregatten und Galeeren. Haben sie aber Krieg, so können sie in kurzer Zeit soviel Mannschaft auf die Beine und soviel Schiffe in die See schaffen, als sie nötig erachten, denn solange ihr Arsenal und die Bank in Venedig im guten Stand bleiben, ist kein Mangel an etwas zu besorgen. Die Seemacht wird allemal von einem Nobile di Venetia kommandiert, welcher den Charakter Capitaneo Grande führt. Das Kriegsvolk zu Lande aber kommandiert mehrenteils ein Ausländer, der Mareschallo di Campo tituliert wird. Unter allen anderen Nationen nehmen sie gern Deutsche in ihre Kriegsdienste, bezahlen dieselben zwar raisonable, gehen aber mit ihrem Blut nicht gar sparsam um, sondern wenn dieselben auf die Schlachtbank sind geliefert worden, sprechen die Herren Venezianer: ›Sono pagati. Sind sie doch bezahlt.‹« Unter diesen Reden kam der Wirt in ihr Zimmer, brachte einen Brief, welchen ihm, seinem Sagen nach, ein Knabe eingehändigt, und fragte zugleich, ob die Herren beliebten, mit der Gesellschaft unten oder hier oben in ihrem Zimmer zu speisen? Elbenstein besah erst den Brief und fand den Titel also gesetzt: An die beiden Wohlgeborenen deutschen Kavaliere, welche in Gasthof Zum Weißen Pferd logieren. Er bekam sorgsame Gedanken wegen einer neuen Liebesintrige, verwandelte deswegen die Farbe nicht wenig, jedoch weil der Titel an sie alle beide lautete, faßte er sich ein Herz, bat den Wirt, einen Augenblick zu verziehen, Thalberg aber, in die Schlafkammer zu kommen. Hier erbrach er den Brief, ließ Thalberg mitlesen und fanden denselben also gesetzt: Wohlgeborene Herren! Dero Generositée, da Sie mich gestern abend mit Gold beschenkt und meinem Herzen damit ein Merkmal Ihrer deutschen Redlichkeit eingedrückt, hat mich ungemein vergnügt. Allein ich bin nicht so geldbedürftig, als Sie dafürgehalten haben, indem mir der Himmel einen heimlichen, unerschöpflichen Schatz zugewendet hat. Um Sie dessen zu überzeugen und zugleich für Ihre gute Meinung mich erkenntlich und dankbar zu erweisen, übersende ich Ihnen hierbei eine einzige Pille; diese können Sie in vier Pfund zerschmolzenes Blei werfen und sodann probieren, ob Sie nicht das feinste Gold haben, welches an Güte dem ungarischen nichts nachgibt. Behalten Sie davon zu meinem Angedenken etwas auf und teilen Sie sich darein als redliche Landsleute. Ich bedaure, daß mich eine gewisse Begebenheit gezwungen hat, diesen Morgen von hier abzureisen, sonst würde ich mir das größte Vergnügen daraus gemacht haben, wenn ich noch etliche Tage die Ehre genießen können, mit Ihnen zu konversieren, nunmehr aber werden Sie mich so leicht nicht wiedersehen. Jedoch verharre Dero                                   aufrichtiger Freund. Beide Kavaliere gerieten vor Verwirrung fast außer sich selbst, Elbenstein aber erholte sich am ersten und fragte den Wirt, ob der Überbringer des Briefes noch zugegen wäre, weil er ihm ein Trinkgeld geben wollte. Der Wirt sah zu, aber der Bursche war über alle Berge, weswegen Elbenstein sagte: »Es hat nichts auf sich, er wird schon wiederkommen und die Antwort abfordern; der Herr Wirt aber tue so wohl und lasse für drei Personen Speisen und Wein herauf in unser Zimmer bringen, weil wir uns so kurz als möglich expedieren wollen, denn ich und mein Kompagnon sind zu einem gewissen Landsmann invitieret, mit dem wir ein und anderes zu traktieren haben.« Der Wirt säumte nicht, eine köstliche Mahlzeit zu bereiten, sie aber machten nicht viel Federlesens, und da der Offizier, welcher mit ihnen gespeist hatte, bemerkte, daß beide Kavaliere ganz tiefsinnig waren und vielleicht wichtige Geschäfte zu besorgen hätten, beurlaubte er sich von ihnen. Beide Kavaliere bedankten sich für seine ihnen erzeigte Gefälligkeit und verehrte ihm jeder drei Dukaten, womit er höchst vergnügt von ihnen Abschied nahm, ihre Generositée ungemein herausstrich und die Dukaten auf ihre Gesundheit zu verzehren versprach. Sobald sich diese beiden Freunde allein auf ihrem Zimmer befanden, sahen sie erst einander lange an. Endlich brach Elbenstein das Stillschweigen und sagte: »Sollten wir wohl so glücklich sein, überzeugt zu werden, daß es wirklich möglich sei, Blei in Gold zu verwandeln, da bei uns in Deutschland viel tausend Menschen daran zweifeln, und sollten wir wohl dem alten, armselig scheinenden Mann eine so gute Reiterzehrung zu danken haben?« »Ich weiß nicht, was ich bei dieser Geschichte denken soll«, sagte Thalberg, »jedoch, mein werter Freund, wir wollen alle beide selbst ausgehen und vier Pfund Blei kaufen, unsere Diener aber sollen einen oder zwei tüchtige Schmelztiegel einkaufen, denn ich kann doch ein klein wenig mit dem Laborieren umgehen, aber an das Goldmachen habe ich noch Zeit meines Lebens keinen Pfennig verwendet.« Hiermit zogen sie sich vollends an, gaben dem einen Diener Befehl, daß er Kohlen in den Kamin heraufschaffen sollte, indem sie auf den Abend Kugeln gießen wollten, der andere aber wurde nach Schmelztiegeln geschickt, mit Befehl, dieselben wohlverdeckt in ihr Zimmer zu schaffen, damit niemand etwas im Hause davon gewahr würde. Sie beide aber gingen miteinander fort, kauften im ersten Materialistenladen sechs Pfund Blei, wovon jeder drei Pfund zu sich steckte, hernach spazierten sie in ein Weinhaus, wo sie sich bis gegen Abend die Zeit mit Billardspielen passierten, nachher in ihr Logis zurückkehrten. Gleich nach der Abendmahlzeit mußten die beiden Diener aus zwei Pfund Blei Kugeln gießen, nachher wurden dieselben zu Bett geschickt; beide Kavaliere aber machten das Kohlenfeuer von neuem an, setzten den einen Schmelztiegel mit dem Blei drein, warfen, da das Blei zerschmolzen, die Pille hinein, und da es etwa sechs Minuten hernach drei helle Blitze aus dem Schmelztiegel heraustat, hielten sie dieses für das Zeichen, daß die Umwandlung bereits erfolgt sei. Sie gossen demnach erst etliche kleine Klümpchen auf einen reinen Stein, hernach die wohlumgerührte Masse in eine starke eiserne Pfanne und blieben so lange auf, bis alles kalt war; endlich zwei Stunden nach Mitternacht, legten sie sich zur Ruhe, konnten aber vor Verlangen, was aus dem Blei geworden sein möchte, nicht länger schlafen, als bis der Tag kaum angebrochen war, da sie denn beim hellen Tageslicht mit erstaunlichem Vergnügen bemerkten, daß das Blei seine gewöhnliche Farbe verloren und an deren Statt die gelbe angenommen hatte. Um aber der Sache gewiß zu werden, kleideten sie sich an und gingen, nachdem sie den Tee getrunken hatten, zu einem Goldschmied, bei welchem Elbenstein eine goldene Tabatiere, die ihm einstmals bei einem Sturz mit dem Pferd schadhaft worden war, vertauschte, sich dagegen eine neue einhandelte und noch etwas Gold herausgab. Wie nun Elbenstein sah, daß der Goldschmied ein feiner Mann war, sagte er zu ihm: »A propos, mein Herr! Ich habe hier ein Stückchen Metall bei mir; wollen Sie mir nicht sagen, was es ist, damit ich weiß, ob ich damit betrogen bin oder nicht.« Der Goldschmied nahm und probierte es. Dann sagte er: »Mein Herr! Wenn Sie es gekauft haben, sind sie gar nicht damit betrogen, denn es ist ein feines Gold, und so Sie es nicht dazu bestimmt haben, etwas daraus machen zu lassen, will ich Ihnen so schwer gemünztes Gold dafür geben, als das Gewicht austrägt, und wenn Sie noch mehr dergleichen hätten, wollte ich Ihnen alles abhandeln, weil es in der Arbeit besser zu gebrauchen, als zusammengeschmolzene Zecchinen.« Elbenstein sagte, er hätte nicht mehr als etwa zehn bis zwölf Lot davon, die stünden ihm zu Diensten, denn weil er eine Reise vor sich hätte, wäre ihm mit gemünztem Gold besser gedient als mit ungemünztem, versprach auch, selbiges nach Tisch entweder selbst zu überbringen oder durch seinen Diener zu überschicken. Der Goldschmied bat, ihm diese Gefälligkeit zu erweisen, weil es zwar eben nicht das allerfeinste, jedoch ein schönes geschmeidiges Gold zum Verarbeiten wäre, überdies wolle er ihm ein feines Ringelchen in den Kauf geben. Elbenstein versicherte nochmals, daß er es ihm vor anderen gönnen wollte, und hiermit nahmen beide Kavaliere von dem Goldschmied Abschied. Wer war froher als diese beiden, da sie mit ihrem wenigen Gold, das sie dem vermeinten bedürftigen Mann gegeben, eine so schöne Ritterzehrung erworben hatten. »Oh«, sagte Thalberg, »hätte ich das gewußt, so sollte der Alte eine weit ansehnlichere Summe von mir empfangen haben, vielleicht hätte er uns dann auch noch mehr Pillen geschickt.« »Wir wollen mit diesen zufrieden sein, mein Freund«, antwortete Elbenstein, »ist uns doch damit unsere Reise nach Venedig und alle Zehrungskosten freigemacht.« Unter diesen Gesprächen kamen sie auf den St. Markus-Platz, machten daselbst eine Promenade bis gegen Tischzeit, da sie denn nach ihrem Logis gingen und die Mahlzeit einnahmen. Nach Tisch sammelten sie die zuerst ausgegossenen kleinen Klümpchen und befanden, daß dieselben vierzehneinhalb Lot wogen, wurden eins, diese kleinen Stückchen dem Goldschmied zu verkaufen, das große Stück aber in gleiche Teile zu teilen. Dieses letztere geschah sogleich, indem sie von dem Wirt ein Hackmesser borgen ließen, das große Stück vermittels eines Hammers voneinanderschlugen und in gleiche Teile teilten. Weil aber in der Teilung es noch einige kleine Stücke gesetzt, schlugen sie diese mit dem Hammer breit, legten sie zu erstgemeldeten kleinen Stückchen und befanden, daß sie achtzehneinhalb Lot zum jetzigen Verkauf hatten, ein jeder aber war schlüssig, sein großes Stück bis auf ferneren Bescheid zu verwahren. Hierauf gingen sie nach dem Goldschmied, welcher sie mit Freuden empfing, alle Stücke probierte, ihnen das bare, gemünzte Gold sogleich erlegte und Elbenstein einen Ring in den Kauf gab, der ungefähr drei bis vier Zecchinen wert war, welchen dieser aber hernach Thalberg zum geneigten Andenken schenkte. Ein paar Tage hernach, da Elbenstein seiner Verrichtungen wegen an seinen Fürsten Briefe zu schreiben und dieselben durch einen Expressen fortzuschicken sich gemüßigt sah, ging Thalberg, um ihn nicht zu verstören, im Schlafrock heraus auf eine kleine hölzerne Galerie, von welcher er verschiedene schöne Hintergebäude und Gärten übersehen konnte. Er war ein ziemlich korpulenter Kavalier; als er sich nun mit einiger Anstrengung auf das Geländer legte, die Zapfen der Balken aber sehr vermodert sein mochten, brachen diese aus, und Thalberg stürzte samt einem Teil des hölzernen Geländers über zwölf bis fünfzehn Ellen herab in den Garten. Kein Wunder wäre es gewesen, wenn er gleich auf der Stelle den Hals gestürzt hätte, allein der Himmel erhielt ihm noch das Leben, doch hatten ihm die Säulen ein Bein entzweigeschlagen, und überdies war er mit der Stirn dergestalt auf einen Stein gefallen, daß er eine fingerlange Wunde bekommen hatte. Er kann sich vor Schmerzen nicht selbst unter dem Holzwerk hervorhelfen, sein Schreien, Winseln und Wehklagen hilft nichts, bis endlich die Köchin in den Garten kommt, um grüne Kräuter zu holen, welche denn Lärm machte und den Wirt wie auch Elbenstein rief, welche diesen elenden Patienten hinauf ins Bett tragen, auch sogleich einen Medicus und Chirurgen holen ließen. Elbenstein ging das unvermutliche Unglück seines werten Freundes ungemein zu Herzen; man ließ demselben eine Ader springen, gab ihm Medikamente ein, verband erst die sehr blutende Wunde an der Stirn und hernach das zerbrochene Bein. Er stellte sich sehr heroisch dabei an, deswegen versprachen die Ärzte, ihn, sofern er ihrer Vorschrift Folge leisten würde, längstens binnen sechs bis sieben Wochen vollkommen zu restituieren. Welches er denn für seine Person zu tun versprach. Wie gern nun Elbenstein seines Freundes Genesung abgewartet hätte, indem er selten von dessen Bett wegkam, als wenn ihm seine aufgetragenen Kommissionen nötigten, dann und wann auszugehen, so fügte es sich doch, daß fünf Tage hernach er die seinem Fürsten zuständigen Geldsummen in Empfang nehmen, mithin seine Abreise damit beschleunigen mußte. Er nahm also beweglichen Abschied von dem Herrn von Thalberg, wünschte demselben baldige Restitution und bat, daß er ihm mit nächstens das Vergnügen gönnen möchte, an seines Fürsten Hof ihm eine Visite zu geben. Dieser versprach, solches zu tun, sobald es seine Gesundheit zuließe, dankte tausendmal für alle erwiesene Freundschaft und empfahl sich zu Elbensteins beständig geneigtem Andenken. Also mußten sich beide gute Freunde sehr mißvergnügt voneinander trennen, da sie vermeint, wenigstens die Retour bis Padua zugleich anzutreten, allein, Elbenstein mußte für diesesmal ohne dessen Gesellschaft zurückreisen und hatte nicht wenig Kummer und Sorge wegen seiner eingekauften Sachen, vornehmlich aber wegen seines Herrn Geld, damit ihm nicht etwa ein Unglück widerführe; jedoch sobald er Padua erreicht, wurde ihm das Herz ziemlich leicht. Er ging zum Kommandeur und bat sich eine Eskorte von sechs Reitern bis auf seines Herrn Schloß aus, zahlte auch dem Kommandanten das Honorar von allem überhaupt gleich in bar auf den Tisch, womit dieser zufrieden war und Elbenstein bat, daß er nur noch einen Tag stilliegen möchte, weil er ihm binnen der Zeit die redlichsten und tapfersten Leute wollte aussuchen lassen. Indem sich nun Elbenstein ohnedem etwas marode befand, ließ er sich solches gefallen, und da er sein Logis im Gasthof al Sole genommen, kam er nicht viel auf der Straße zum Vorschein, weil er meinte, daß ihm sonst die Spürhunde der unbekannten maskierten Schönen möchten zu sehen bekommen, welche sich seinen Gedanken und allen Umständen nach unfehlbar noch in Padua aufhalten würde; er aber, als einer, der seine Sündenbürde von sich geworfen, nicht weiter Lust hatte, sich mit ihr im anderweitigen Sündenschlamm herumzuwälzen. Frühmorgens, mit Aufgang der Sonne, war seine Eskorte, die in einem Unteroffizier und fünf Mann zu Pferde bestand, vor seinem Quartier, weswegen er sogleich Ordre gab, die Wagen anzuspannen und in Gesellschaft der Reiter fortzufahren; er selbst ließ sein Pferd vorziehen, trank nur noch etliche Schälchen Tee und ein Gläßchen Persico, setzte sich hernach auf und ritt ganz allein nach, weil er seinen Diener beim Wagen zu bleiben befohlen. Etwa eine Meile Weges war Elbenstein geritten, als er sein Fuhrwerk nebst der Eskorte ungefähr ein paar hundert Schritt vor sich her passieren sah, weswegen er ganz sachte, und zwar in tiefen Gedanken wegen des seinen Freund Thalberg betroffenen Unglücks, hinterdreinritt. Als er aber einen starken Galopp hinter sich vernahm, kehrte er sich um und ward gewahr, daß ein einzelner Kerl auf eben dem Wege hinter ihm hergejagt kam. Wie nun Elbenstein nicht eben wußte, ob es ihn anginge, er auch schon so viel Courage besaß, sich nicht sonderlich vor zwei oder drei geschweige denn vor einem zu fürchten, bog er in etwa aus dem Weg auf den grünen Rasen und ritt Schritt für Schritt fort. Bald darauf kam der Kurier ihm zur Seite, machte ein höfliches und freundliches Kompliment und fragte, ob er der Herr von Elbenstein hieße und Kammer-Junker bei dem Fürsten von N. wäre? »Ja, das bin ich«, sagte Elbenstein. »So erfreue ich mich«, versetzte der Kurier, »Sie so glücklich angetroffen zu haben; hier ist ein kleines Briefchen an Sie, welches mir Ihnen en Courier nachzureiten übergeben worden.« Elbenstein öffnete den Brief, las denselben und fand ihn also gesetzt: Mein Auserwählter! Ich wäre zornig auf Euch worden, daß Ihr mein Bitten bei Eurer Passage durch Padua nicht besser gelten lassen; allein, Ihr seid schon entschuldigt, weil ich selbst begreife, daß ein Kavalier zwar lieben, aber doch dieserwegen seine Ehre, seines Herrn Interesse und die ihm aufgetragenen Kommissionen nicht zurücksetzen kann. Ich liebe Euch dieserhalb noch weit mehr, erweist mir nur den einzigen Gefallen, daß ich heute auf einen oder etliche Augenblicke das Glück haben möge, Euer Angesicht zu sehen. Ich setze mich jetzt den Augenblick in den Wagen, nehme aber den Weg nach einem Lustschlosse zu, durch den Wald, damit mich auf der Heerstraße niemand erkennen soll. Laßt Euch durch Überbringer dieses an die Straße führen, so durch den Wald geht; da will ich Euch auf wenige Worte sprechen und Abrede nehmen, wo binnen etlichen Tagen unsere erste Zusammenkunft sein soll; weiter verlange ich diesmal nichts von Euch, weil ich mir auch nicht einmal einen Kuß versprechen kann, da mein Mädchen bei mir sitzt. Ich bitte sehr, laßt Euch diesmal nicht verdrießen, eine kleine halbe Stunde auf mich zu warten, ich werde die Pferde scharf laufen lassen, um nur Euch auf ein oder zwei Minuten zu sehen. Erfüllt mein sehnliches Verlangen, da Ihr zumalen wißt, daß ich Euch vollkommen liebe und Eure mir erwiesene Gefälligkeit nicht werde unvergolten bleiben lassen. Die ich mit äußerst verliebten Herzen bin Eure vollkommene Getreue. Elbensteins guter Engel raunte ihm zwar in die Ohren, daß er dieser Lockspeise nicht trauen sollte; allein, was ist doch der Mensch? Seine Affekte stritten dawider und sagten: »Was? Weißt Du nicht, wie genereux sie sich gegen Dich erzeigt? Solltest Du nicht eine halbe Stunde ihretwegen zurückbleiben? Es ist ja heller Tag und keine Gefahr vorhanden. Vielleicht wird Deine Curiositée gestillt, daß Du ihr Angesicht zu sehen bekommst. Du kannst zwar Abrede mit ihr nehmen, den bestimmten Tag zu kommen versprechen und dennoch zurückbleiben.« Solche Gedanken stiegen ihm in der Geschwindigkeit auf, deswegen fragte er den Kurier: »Wo sollt Ihr mich hinführen, mein Freund?« Dieser gab zur Antwort: »An den Fahrweg im Walde, daselbst werden Sie keine halbe Stunde zu warten haben, hernach will ich Ihnen einen nahen Weg zeigen, vermittels dessen Sie Ihre Leute binnen zwei Stunden, ja noch eher einholen sollen.« »So will ich nur«, sagte Elbenstein, »weil wir doch noch nicht am Walde sind, meinem Diener nachreiten, ihn zurückrufen und befehlen, ganz sacht zu fahren bis ich nachkomme.« »Es ist«, widerredete der Kurier, »in Wahrheit nicht nötig, denn wegen des bevorstehenden üblen Weges müssen sie ohnedem langsam genug fahren, also können Eure Herrlichkeit sie heute noch zweimal einholen.« Elbenstein ließ sich bereden, zumal da er bemerkt, wie sein Diener ihn schon in den Augen gehabt und sich mit dem Pferd etliche Mal umgedreht hatte. Sobald sie demnach den Wald rechter Hand vor sich sahen, folgte er seinem Wegweiser und ritt getrost hinter ihm in den Wald hinein, der Wald wurde immer dicker und dicker, doch endlich kamen sie auf einen kleinen grünen Platz, da denn der Kurier schrie: »He! Nun werden wir auch bald den Fahrweg zu sehen bekommen.« Indem sprengten sechs Kerls zu Pferde, die ihre Gesichter geschwärzt hatten, aus dem Gebüsche heraus! Ihrer zwei hielten Elbenstein die Pistolen nach der Brust und fragten, ob er sich gutwillig gefangengeben oder sterben wollte? Er erwählte bei so gestalten Sachen das erstere, da ihm denn der Degen und Pistolen hinweggenommen, weiter aber nichts zu Leide getan wurde, als daß man ihn in eine alte verfallene Köhler- oder Holzhauerhütte führte, wo er von zwei Kerls mit bloßen Degen und Pistolen in der Hand bewacht wurde. Es redete keiner ein Wort zu ihm, und er saß ebenfalls vor Schrecken und Verwunderung eine lange Zeit ganz still. Endlich kam er ein klein wenig zu sich selbst, und sprach zu seinen Wächtern: »Meine Herren! Was habt Ihr für Vergnügen daran, mich von den höchst wichtigen und eiligen Verrichtungen abzuhalten, die ich meinem Herrn, dem Fürsten von N., zu leisten verpflichtet bin. Erlaubt mir, meine Straße zu reisen, ich will Euch gern eine gute Reiterzehrung geben.« »Signor!« gab der eine zur Antwort, »wir sind keine Straßenräuber, werden auch keinen Soldi von Euch begehren, sondern wir tun nur, was uns von unserer Herrschaft befohlen ist.« »Was ist es denn für eine Herrschaft«, fragte Elbenstein, »die mich anzuhalten befohlen?« »Wir haben keine Ordre«, bekam er zur Antwort, »uns mit Euch in ein Gespräch einzulassen.« Dennoch tat Elbenstein noch verschiedene Fragen, bald an diesen, bald an jenen; allein, es schien nicht anders, als wenn alle sechs auf einmal verstummt wären, und der siebente, sein Führer, war ganz und gar verschwunden. Er blieb demnach in tiefen Gedanken ganz unbeweglich sitzen und machte allerhand Kalender, bald fing er an zu zweifeln, daß ihm dieser Possen von der maskierten Dame, sondern vielleicht von jemand anderem gespielt würde, weswegen er hin und her dachte, jedoch, wenn es um und um kam, sagte ihm sein Herz, daß es niemand anderes sein könne als die Maskierte, um sich wegen seines Ungehorsams und bezeigter Negligence an ihm zu rächen. Unterdessen war es Mittag worden, weswegen einer von den Räubern eine weiße Serviette auf die Bank breitete, weil kein Tisch in der Hütte, und weißes Brot, kalten Braten, eine Salvelatwurst, einen gebackenen Fisch und etliche Stücke Gebackenes darauflegte. Er brachte auch zwei Bouteillen Marciminer-Wein getragen und nötigte Elbenstein ganz höflich, daß er belieben möchte zu speisen, weil es bereits über Mittag wäre. Elbenstein verging nun zwar Essen und Trinken vor Herzensbangigkeit, jedoch stellte er sich dreister an als er war, griff zu, kostete nachgerade von einem jeglichen etwas, fragte auch, ob denn die Herren nicht gleichfalls mitspeisen wollten? »Nein! Signor!« gab der eine ganz höflich zur Antwort, »diese kalte Küche ist für Euch allein bestimmt; wir haben unsere Mittagsmahlzeit schon verzehrt.« Hierauf brachte der Kerl einen silbernen, inwendig vergoldeten Becher, schenkte denselben voll, bat anbei, ihm zu vergeben, daß er ihm solchen auf keinem Teller präsentierte, weil sie dergleichen Geschirr nicht bei sich führten. Elbenstein wußte nicht, ob man ihn schraubte oder ob es des Kerls ernstliche Höflichkeit war, jedoch er trank, und zwar allerseits Gesundheit, weswegen sie tiefe Reverenz machten. Er schenkte den Becher selbst wieder voll und präsentierte ihn dem nächsten, so bei ihm stand, allein, er dankte mit einer höflichen Verbeugung und sagte, wie diese Portion Wein bloß für ihn allein bestimmt sei. Er reservierte sich aber in der Geschwindigkeit anders und sagte: »Jedoch, damit Eure Herrlichkeit nicht etwa auf arge Gedanken geraten, als ob die Speisen und der Wein vergiftet wären, so will ich aus jeder Bouteille einen Becher voll Wein trinken, auch von jeder Art Speisen eine Portion zu mir nehmen, daß Sie es sehen und desto mehr Appetit bekommen, denn wir haben noch mehr Vorrat bei uns.« Elbenstein gefiel dieses wohl, und er aß und trank auch in der Wahrheit mehr, als er anfänglich willens gewesen war, daß er glaubte, ganze vierundzwanzig Stunden ausdauern zu können. Nachdem er also wohl gespeist, fing er wieder an zu diskutieren und tat verschiedene Fragen an die Kerls, allein, sie waren aufs neue stumm worden, und es antwortete ihm kein einziger ein Wort. Er trank deswegen beide Bouteillen Wein fast rein aus; und da der eine sagte: »Wenn Eure Herrlichkeit mehr Wein belieben, dürfen Sie nur kühnlich befehlen«, gab Elbenstein zur Antwort: »Nein, für diesesmal danke ich, denn ich habe nur der Kälte wegen soviel getrunken, allein, auf den Abend will ich mir noch eine Bouteille ausbitten und dafür erkenntlich sein.« Etwa eine gute Stunde vor Untergang der Sonne ließ sich derjenige wieder sehen, welcher Elbenstein den Brief gebracht und ihn hierhergeführt hatte. »Ei, ei! Mein Herr!« sagte Elbenstein zu ihm, »was hat Er mir für einen losen Possen gespielt, da Er unfehlbar weiß, daß ich wichtige Verrichtungen habe.« Der verfluchte Kerl zuckte die Achseln und sagte: »Ich kann nichts dafür, mein Herr! Bediente müssen aufs klüglichste ausrichten, was ihnen von ihrer Herrschaft befohlen wird, wenn sie sich anders bei denselben in besondere Gnade setzen wollen.« »Allein«, fragte Elbenstein, »soll ich denn heute Nacht in dieser elenden Hütte erfrieren?« »Es soll nicht Not haben«, gab er zur Antwort und ging damit zur Hütte hinaus. Kaum eine Viertelstunde hernach kam einer und bat, Elbenstein möchte sich belieben lassen, aus der Hütte herauszuspazieren und sich zu Pferde zu setzen. Er folgte, bekam aber seinen Degen und Pistolen nicht wieder, und überdies wurden ihm die Augen fest, die Hände mit zwei seidenen Schnupftüchern an die Pistolenhalftern gebunden, sein Pferd aber von einem Kerl geführt. Nunmehr wurde ihm erst recht bange, denn er gedachte: »Ja, ja, es sind Räuber, nun werden sie dich in ihre Räuberhöhle führen, dein bißchen Armut zu sich nehmen, dich selbst aber schlachten und im Wald verscharren. Ach, allerliebste Maske!« sprach er ferner bei sich selbst, »ach, mein Engel! Du bist wohl unschuldig, verzeih mir, daß ich dich in dem Verdacht gehalten, als ob du Stifterin meines jetzigen Elends wärest. Nein! Der Brief ist nicht von deiner Hand, es hat ihn ein Spitzbube geschrieben, er hat zwar einige Konnexion mit unserer Liebesbegebenheit, aber wenn ichs recht bedenke, sehr wenig oder gar nichts; denn es ist nur auf den Strauch geschlagen. Ach hätte ich mich doch nicht übereilt und die Sache erst besser untersucht und überlegt. Ach ja, mein Engel, du bist unschuldig, und ich glaube, du spendiertest etliche tausend Dukaten daran, wenn du mein jetziges Unglück wüßtest und mich daraus erretten könntest. Ach, Himmel, hilf! Werden nicht die Spitzbuben und Straßenräuber ausgekundschaftet haben, daß Geld und andere Kostbarkeiten auf dem Wagen befindlich? Werden sie nicht Anschläge gemacht haben, dieses entweder durch eine stärkere Anzahl Wagehälse oder durch ein ihnen leicht ausgesonnenes Stratagema an sich zu bringen? Ach, was wird der Fürst sagen? Wird er nicht denken, ich bin zum Schelm worden? Ehre verloren, alles verloren, alles verloren! Ich werde ermordet, das ist gewiß; wer weiß, ob diese Mordtat und dieser Straßenraub jemals entdeckt wird; Ach, Himmel, erbarme dich meiner und übe die Rache wegen meiner begangenen Sünden und der verübten Fleischeslust nicht auf einmal allzu streng aus.« Unter dergleichen häufigen und verwirrten Jammerklagen, Seufzern und bitteren Tränen, ritt er also fort bis um Mitternacht. Seine Begleiter hatten ihm zwar zu verschiedenen Malen einen Becher Wein angeboten, allein er hatte sich stets entschuldigt, daß er keinen Appetit zum Trinken empfände. Endlich bemerkte er am Rauschen des Wassers, daß sie über eine Brücke ritten, und bald hernach stand sein Pferd still, da ihm denn die Hände losgebunden wurden, auch ihrer zwei vom Pferde halfen. Die Binde von Augen aber wurde ihm nicht abgenommen, sondern man führte ihn erst wohl vierzig bis fünfzig Schritte lang auf einem Steinpflaster fort, und endlich, da man ihm die Augen öffnete, befand er sich in einem hochgewölbten, jedoch sehr propren Zimmer, dessen Fenster, wodurch das Tageslicht hineinbrechen konnte, über acht Ellen von dem Boden in der Höhe waren. Er sah keinen einzigen von seinen bisherigen Begleitern mehr um sich, sondern nur zwei grau und rot gekleidete Lakaien, welche ihm erst ein silbernes Waschbecken mit Wasser vorsetzten, hernach weiße Wäsche, einen Schlafrock, ein Paar neue Pantoffel und, kurz zu sagen, den ganzen Nachthabit, welcher sehr sauber und propre war, darlegten. Der eine Lakai bedeutete mit den Händen, ob er sich nicht wolle die Stiefel und Sporen abziehen lassen, indem selbige sehr schmutzig waren; allein Elbenstein sagte: »Meine Freunde, es hat noch ein wenig Zeit, seid aber so gütig und meldet mir, wer hier Herr im Hause ist und unter wessen Gewalt ich mich befinde?« Hierauf tippten beide Lakaien mit den Fingern auf ihre Mäuler, gaben einen wunderlichen Laut von sich und damit zu verstehen, daß sie stumm wären. Elbenstein hätte vor Verzweiflung über sein ängstliches Schicksal mögen rasend werden. Er ging in dem Zimmer auf und ab und fand hinter einer spanischen Wand ein kostbares Bett, gegenüber auf dem Tisch erblickte er allerhand Speisen, Erfrischungen wie auch etliche Bouteillen der allerdelikatesten Weine, wie die darangeklebten Zettel anzeigten. Es brannten zwei Wachslichter auf silbernen Leuchtern dabei, mitten im Gewölbe aber hing eine silberne Leuchterkrone, worauf zwölf Wachslichter brannten. Nachdem er noch etlichemal auf und ab spaziert, ging er nach dem Tisch hin, nahm ein einziges Stückchen Konfekt und steckte es in den Mund. Alsobald kam der eine Diener, spülte im Schwenkkessel ein Glas aus und fragte durch Zeichen, aus welcher Bouteille er ihm einschenken sollte. Elbenstein nahm sich nicht die Mühe, lange zu wählen, ungeachtet er sehr durstig war, sondern sagte, daß ihm alles gleichviel wäre, weswegen der Kerl die beste Bouteille eröffnete und ihm das vollgeschenkte Glas auf einem silbernen Kredenzteller präsentierte. Er trank zwei Gläser und fand den Wein ungemein köstlich, setzte sich hernach auf einen Sessel, ließ erst die Stiefel abziehen, hernach die Kleider, legte sodann den Schlafrock und die Pantoffel an, offerierte auch einem jeden Bedienten für diese ihre erste Bemühung einen Dukaten. Allein, die Kerls stellten sich nicht anders an, als ob er ihnen mit einem glühenden Eisen unter die Nase hätte rennen wollen, und waren durchaus nicht dahin zu persuadieren, das Geschenk anzunehmen. Deswegen steckte Elbenstein seine Dukaten wieder in die Tasche und setzte sich vor das Kaminfeuer, da denn leichtlich zu erachten, daß er wunderliche Spekulationen müsse gehabt haben. Endlich, da er über eine Stunde dagesessen, kam der eine Lakai, zeigte ihm das Bett und gab mit wunderlichen Gebärden zu vernehmen, daß, wenn er müde wäre, er sich hineinlegen könne. Wie nun Elbenstein für ratsam hielt, seinem ermüdeten Körper einige Ruhe zu gönnen, folgte er dem Rat und legte sich samt dem Schlafrock nieder, ob aber sein Kopf noch so voll Grillen war, so entschloß er sich doch, dieselben beiseite zu setzen und ein andächtiges Gebet zu verrichten, in Hoffnung, daß sich der Himmel vielleicht noch einmal seiner erbarmen und aus diesem Labyrinth und von bevorstehenden Unglücksfällen erretten werde. Er betete demnach sehr andächtig und bußfertig, bis ihm die Augen darüber zufielen und er in einen süßen Schlaf geriet, auch nicht eher erwachte, bis die Sonne durch die hohen Fenster in das Gewölbe hereinleuchtete. Er verrichtete sein Morgengebet ebenso andächtig und bußfertig als das Abendgebet, stand hernach auf und fand das Waschwasser sowohl als den Tee sogleich parat. Unter währendem Teetrinken bemerkte er, daß dieses Zimmer zwei mit starken eisernen Türen verwahrte Ausgänge hatte, und als er abermals in tiefe Gedanken verfallen war, öffnete sich plötzlich die eine Tür, wodurch ein etliche sechzigjähriger Mann, der von ziemlichen Ansehen war, jedoch etwas Barbarisches im Gesicht hatte, hereintrat und ihm mit einem höflichen Kompliment einen guten Morgen bot. Elbenstein dankte und nötigte ihn, eine Tasse Tee mit ihm zu trinken. Dieser deprezierte solches, setzte sich aber an den Tisch, Elbenstein gegenüber, und gab den beiden Stummen einen Wink, welche sofort zur anderen Tür hinausgingen. Als diese hinweg, fing der Alte also zu reden an: »Mein Herr! Sie werden sich allerdings verwundert haben, daß man Sie sozusagen als einen Gefangenen an diesen Ort gebracht; Sie haben sich aber alles guten Traktaments zu versichern und nicht die allergeringste Gefahr zu besorgen, sondern sollen gleich morgen früh Ihre Freiheit bekommen, hinzureisen, wo Sie hin wollen, wofern Sie nur auf ein und andere Fragen, die ich Ihnen vorlesen werde, die aufrichtige Wahrheit bekennen; ich schwöre Ihnen, mein Herr, sogleich einen leiblichen Eid, daß, wo Sie dieses tun, Ihnen nicht das geringste Leid hier geschehen, sondern sie gleich morgen ihre Freiheit wiederhaben sollen. Sind Sie aber halsstarrig und verstockt, so schreiben Sie es sich selbst zu, wenn man Sie übel traktiert. Mein wohlmeinender Rat ist also dieser: daß Sie sich gar kein Bedenken nehmen, die klare Wahrheit zu bekennen (denn man weiß die Sache ohnedem so schon gewiß und will nur Ihr eigenes Geständnis haben), es wird Ihnen sodann hier nicht die geringste Gefahr bringen, mir aber sollte von Herzen leid sein, wenn Sie sich verstockterweise durch Leugnen mutwillig ins Unglück stürzten.« Hierauf gab Elbenstein die Antwort: »Mein Herr! Ich höre, daß Sie etwas von mir verlangen, ich weiß aber noch nicht eigentlich, was es ist, darum kurz von der Sache zu kommen, so formieren Sie nur ihre Quaestiones, ich will mit Bestand der Wahrheit darauf antworten, denn ich bin ein Kavalier, der sich keines Verbrechens schuldig weiß.« Demnach fing der Alte an, folgende Fragen zu tun, welche wir in ordentlicher Form hierhersetzen wollen: Des Alten Fragen: Elbensteins Antworten: 1. Ob er der deutsche Kavalier, Herr von Elbenstein genannt, wäre und bei dem Fürsten von N. im Dienst stünde? 1. Ja! 2. Ob er zur Zeit der letzten Weinlese in Ariqua gewesen? 2. Ja! 3. Wie lange er sich daselbst aufgehalten? 3. Ungefähr fünf bis sechs Tage. 4. Was er daselbst zu verrichten gehabt? 4. Er wäre in Affären seines Fürsten dahin beordert worden. 5. Ob er eine Gärtnersfrau daselbst kennte, Margaretha genannt? 5. Er wäre in verschiedene Gärten gegangen, wenn ihm eben die Lust angekommen, Weinbeeren oder Obst zu essen; habe sich aber nicht darum bekümmert, wie die Eigentumsherrn derselben oder deren Weiber mit Namen heißen. 6. Ob er nicht in der Margarethen Behausung einige Nachtvisiten abgelegt? 6. Er wisse von keiner Margaretha, viel weniger von deren Behausung. 7. Wer das Frauenzimmer, die ihn dahin berufen lassen, und wie sie gestaltet gewesen? 7. Er wisse von keiner Berufung, hätte auch mit keinem Frauenzimmer etwas zu tun gehabt, auch keines begehrt, ungeachtet ihm die Zeit, solange er sich an diesem schlechten Ort aufhalten müssen, sehr lang worden. 8. Wie oft er dieses Frauenzimmer ungefähr bedient? 8. Das wäre eine törichte Frage, da er sich in ganz Ariqua um kein Frauenzimmer bekümmert, sondern die meiste Zeit mit seinem Wirt passiert hätte. 9. Ob ihm das Frauenzimmer nichts zum Andenken geschenkt? 9. Er wisse von keinem Frauenzimmer, noch weniger vom Andenken. 10. Ob ihn das Frauenzimmer nicht nach Padua bestellt, um der Liebe ferner mit ihm zu pflegen? 10. Man hörte ja wohl, daß er weder von einem Frauenzimmer, noch von Pflegung der Liebe mit derselben wisse. 11. Ob er auf seiner Hinreise nach Venedig nicht durch Padua gereist? 11. Ja. 12. Ob ihm nicht daselbst ein Mann Nachricht von seiner Amour gegeben und von fernerer Zusammenkunft mit derselben gesprochen? 12. Es wäre ein Kerl in Gestalt eines Hausknechts zu ihm gekommen und hätte viel von Liebesaffären mit einer Dame gesprochen, allein, er, Elbenstein, hätte denselben für verrückt im Gehirn gehalten, oder es müsse denn sein, daß er ihn für einen andern angesehen hätte. 13. Wo er dazumal in Padua logiert? 13. In der Oreda Todesca. 14. Was er in Venedig zu verrichten gehabt? 14. Einige Wechsel Gelder für seinen Herrn einzukassieren, welche auch gestern mit Wagen vorausgegangen, wo anders dieselben nicht von Räubern geplündert worden. 15. Warum er länger in Venedig geblieben, als er dem Hausknecht in der Oreda Todesca versprochen? 15. Er hätte den Kerl für einen Narren angesehen, wisse auch selbst nicht einmal mehr, was er mit ihm geredet oder was er ihm versprochen hätte. Das aber müsse er gestehen, daß er viele Tage eher wieder zurückgekommen wäre, wenn ihn nicht das Malheur eines Kavaliers, der sein Landsmann, aufgehalten hätte, indem derselbe ein Bein zerbrochen und eine große Wunde am Kopf, da er von einer Galerie heruntergestürzt, bekommen hätte. 16. Warum er jetzt bei seiner Retour von Venedig nicht in der Oreda Todesca, sondern im Gasthofe al Sole eingekehrt? 16. Es stünde ihm frei, einzukehren wo er wolle, doch jetzt hätte er einmal aus gewissen Ursachen seinen Leuten nachgeben und zugleich selbst gute Acht und Wacht auf seines Herrn Geld und Sachen halten müssen. 17. Ob er gar nicht nach dem Frauenzimmer in Padua gefragt, mit welchem er zu Ariqua in der Margaretha Haus etliche Nacht courtoisiert hätte? 17. Er wisse weder von der Margaretha Haus noch von der Courtoisie mit einem Frauenzimmer, indem er sich vor gefährlichen Liebeshändeln jederzeit sehr gehütet, auch gar nicht disponiert wäre, verbotene Liebesintrigen zu spielen, dann wenn er ja sogar verliebt wäre, könne er nur nach Hause reisen und sich eine Frau nehmen, weil er, Gott Lob, bemittelt genug, selbe zu ernähren. Die letzte Antwort brachte Elbenstein mit einer heroischen Ungeduld vor; der Alte sah ihm. starr in die Augen, es sei nun, daß ihn Elbensteins Eifer abschreckte, oder daß er nichts weiteres, als auf einmal dieses zu befragen hatte, so saß er erst eine gute Weile still, endlich aber sagte er: »Mein Herr! Ihre Reden stimmen mit der Wahrheit nicht alle überein, wir wissen ein vieles schon weit besser. Bedenken Sie sich wohl, ich will Ihnen Zeit geben bis auf den Abend, reden Sie sodann die Wahrheit auf alle diese Fragen besser aus, so ists gut für Sie; bleiben Sie aber bei der jetzigen Aussage, so muß man es billig für eine starke Verstockung halten, und ich werde unfehlbar Ordre kriegen, Sie schärfer anzugreifen.« »Was ich ausgesagt habe«, replizierte Elbenstein, »das ist die klare Wahrheit; ich werde niemals anders reden, es mag mein Leben kosten oder nicht.« »Wenn Sie die Wahrheit reden«, sagte der Alte, »können Sie Ihr Leben erretten und mit größter Honneur in Ihre Freiheit kommen, so aber sieht es mißlich aus. Besinnen Sie sich eines Besseren, unterdessen soll es Ihnen bis auf fernere Ordre an guter Verpflegung nicht ermangeln, befehlen Sie nur den Stummen, was sie Ihnen bringen sollen, denn es mangelt hier an nichts, und diese Kerls, ob sie gleich nicht reden können, so verstehen sie doch alles und sind sehr geschickt. Ich aber will mich Ihnen empfehlen und meinen Bericht erstatten.« Hiermit nahm der Alte sein kleines Tintenfaß, Feder und Papier, worauf er Elbensteins Aussage geschrieben hatte, pfiff auf einem kleinen Pfeifchen, da denn die beiden stummen Lakaien wieder ins Gewölbe traten, er der Alte aber marschierte nach einem nochmals gemachten Kompliment zu ebenderselben Tür hinaus, wo er hereingekommen war. Elbenstein begab sich hinter die spanische Wand, warf sich in größter Ungeduld aufs Bett, die Tränen stiegen ihm in die Augen, und er sagte heimlich zu sich selbst: »Ach! Du bist in die Hände deines Schwagers, des Mannes der maskierten Schönen gefallen! Nichts ist gewisser als dieses! Es ist Verräterei passiert, wer weiß, wie es dem allerliebsten Bild geht; vielleicht ist ihre Ermordung nur so lange aufgeschoben, bis ich alles haarklein auf sie bekannt habe. Aber nein! Ich will den Himmel noch fernerweit um Vergebung meiner Sünden bitten und bei meiner Aussage bleiben bis in den Tod. Denn bekenne ich die reine Wahrheit, so läßt mich der Tyrann, ob er mir gleich dem Schein nach die Freiheit gibt, dennoch unterwegs durch bestellte Banditen ermorden, ehe ich meines Fürsten Residenz erreiche. Bekenne ich nicht, so werde ich allhier insgeheim ums Leben gebracht, damit er aller Sorgen befreit sei, wegen meiner gewaltsamen Arretierung etwa Rechenschaft und Satisfaktion zu geben.« Kurz zu sagen, Elbenstein hielt nichts für ratsamer und wichtiger, als sich zu einem baldigen seligen Ende zu präparieren, und ob es gleich dem Fleisch und Blut schon im voraus wehtat, so richtete ihn doch der Geist Gottes wegen seiner ernstlichen Buße und Bekehrung immer vom neuen dergestalt auf, daß ihm immer leichter ums Herz ward, wie er denn noch vor der Mittagsmahlzeit in einen süßen Schlummer verfiel. Er sah im Traume eine verhüllte Person, welche einen schwarzen Pergamentbogen aus dem Busen zog, denselben aufrollte und ihm entgegenhielt; auf diesem Bogen erblickte Elbenstein den mit goldenen Buchstaben geschriebenen Spruch: »Die Güte des Herrn ists, daß wir nicht gar aus sind . . .« Unterdessen ließ die Person ihre Verhüllung fallen, und Elbenstein erkannte dieselbe für seinen Freund, den Herrn von Thalberg; indem er aber aufspringen und denselben umarmen wollte, befand er, daß es ein Traum gewesen. Jedoch als er der Sache weiter nachdachte, bemerkte er, daß dieses kein schlechter Traum, sondern ein himmlischer Trost wäre, weil Gott sowohl ihn als seinen Freund aus diesen beiderseitigen Unglücksfällen nochmals aus Gnade und Barmherzigkeit erretten wolle. Binnen der Zeit war alles zur Mittagsmahlzeit veranstaltet worden, und da die Stummen gehört, daß er sich geregt, kam einer von ihnen und gab mit Zeichen zu verstehen, ob ihm zu speisen beliebte? Er sagte ja, und weil er sich im Herzen sehr beruhigt befand, setzte er sich so allein zu Tische, da denn die allerdelikatesten Speisen und Weine durch eine oben im Gewölbe gemachte Öffnung vermittels einer Maschine heruntergelassen wurden, welche ihm die Stummen vorsetzten. Es waren in Wahrheit recht fürstliche Traktamente, und Elbenstein speiste mit so gutem Appetit, als ob er in seiner völligen Freiheit gewesen wäre, probierte dabei auch die vortrefflichen Weine von allerhand Sorten. Dennoch kam ihm hierbei immer noch die Frage in die Gedanken: »Sollte denn dieses auch wohl etwa deine Henkersmahlzeit sein?« Nach der Mahlzeit fragte er den einen Stummen, ob er ihm nicht zum Zeitvertreib ein Buch und dann noch Feder, Tinte und Papier verschaffen könnte? Der Kerl marschierte wie der Blitz zur Tür hinaus, selbiges zu holen, weil ihm aber die Tür aus der Hand entfiel, daß sie zu weit aufgesperrt ward, bemerkte Elbenstein, daß zwei Kerls mit bloßen Schwertern außerhalb der Tür die Wacht hielten. »Du bist doch«, gedachte er bei sich selbst, »ein rechter vollkommener Staatsgefangener um einer F . . . willen«, ließ sich aber gar nichts merken, sondern spazierte immer in dem Gewölbe herum und verwunderte sich über nichts mehr, als daß es so warm darin, ungeachtet nicht mehr als ein einziges Kaminfeuer zu sehen war. Bald hernach kam der Stumme wieder zurück und brachte nicht allein Tinte, Federn und Papier, sondern auch einen großen Folianten unter dem Arm getragen. Elbenstein war begierig, des Buches Titel zu sehen und fand, daß es der Amadis aus Frankreich, und zwar in deutscher Sprache geschrieben, war. Von diesem Buche und von Amadis-Rittern hatte er in seinem Vaterland viel reden hören, aber niemals so glücklich werden können, dieses Buches habhaft zu werden. Er erfreute sich demnach recht sehr darüber, daß er einen solchen guten Zeitvertreib bekommen, ungeachtet er zwar wußte, daß es eine sogenannte alte Lesecke, so war ihm doch auch gesagt worden, daß viele Spiegel für Junge von Adel darin anzutreffen wären. Demnach machte er sich sogleich darüber und las darin, bis ihm die Abendmahlzeit wieder aufgetragen wurde. Er expedierte sich bei derselben kurz und machte sich wieder an sein großes Buch, hätte vielleicht auch die ganze Nacht hindurch darin gelesen, wenn nicht ungefähr um elf Uhr deutschen Zeigers der Alte nochmals gekommen wäre und ihn gestört hätte. Dessen Anbringen bestand in folgenden Worten: »Mein Herr! Ich habe Ihre Aussage an gehörigen Ort schriftlich überschickt und per Staffette dieses zur Antwort zurückerhalten, welches Sie selbst lesen können.« Lieber Getreuer! Euer Verhalten hat uns wohlgefallen, allein, der Herr will mit der Sprache nicht heraus, denn die Hauptpunkte hat er alle falsch und unrichtig beantwortet. Schwört ihm einen körperlichen Eid in Unsere Seele und anstatt Unserer, denn Wir halten Euch und ihm Unser hohes Wort, daß, wofern er aufrichtig bekennt, er alle Gnade und seine vollkommene Freiheit von Uns erhalten soll. Wo nicht und er auf seiner Verstockung beharrt, so werden Wir sein Beginnen aufs schärfste zu rächen wissen, ungeachtet Wir sonst eben zur Grausamkeit nicht geneigt sind. Beilage wird Euch zeigen, wie Ihr ihn befindenden Falles zu traktieren habt, und Wir erwarten täglichen Rapport von Euch. Hiernach habt ihr Euch zu achten und Unserer beständigen Huld gewärtig zu sein . . .« Das übrige, sonderlich den unterschriebenen Namen, ließ der alte Erzvogel nicht sehen, sondern er fragte nur, ob sich der Herr von Elbenstein resolvieren wollte, die Wahrheit besser zu beichten; Dieser sagte: »Was ich ausgeredet habe, ist die Wahrheit, ich werde auch dabei verharren, es mag mir heute oder morgen mein Leben kosten oder nicht; werde ich gewaltsamerweise um mein Leben gebracht, so wird der Himmel mein Rächer sein, weil ich aller menschlichen Hilfe beraubt bin. Ich bitte mir von meinem hochgeehrten Herrn nichts weiter aus als eine Bibel, sie mag in lateinischer, italienischer, französischer oder deutscher Sprache geschrieben sein. Hergegen können Sie die kostbaren Traktamente ersparen, denn ich will gern mit Wasser, Salz und Brot bis an mein Ende vorliebnehmen, weil ich wohl merke, daß dasselbe sehr nahe ist, ungeachtet ich es nicht verschuldet, daß man also mit mir verfährt. Wer weiß, wer mich blamiert und in dieses Unglück gestürzt hat; ich wollte lieber noch diese Nacht sterben, als länger in solchem Kummer schweben. Ich bitte aber nur noch dieses einzige, meinem Fürsten nach meinem Tode per tertium einige Nachricht von meinem unglückseligen Ende zu geben, damit nur meine Ehre samt dem Körper nicht massakriert wird; denn da mein Fürst denken könnte, ich wäre zum Schelm geworden, wäre ich ein Schandfleck meiner Familie. Was aber wäre das nicht für eine barbarische, ja mehr als bestialische Aktion, einen Kavalier nicht allein unschuldigerweise ums Leben, sondern sogar auch um die Ehre zu bringen?« »Mein Herr!« sagte der Alte, »ich kann Sie wohl anhören, allein Sie verzeihen mir, daß ich nach meiner Ordre leben muß. Mit einer Bibel will ich Ihnen dienen, und weil ich glaube, daß Ihnen mit einer deutschen am besten gedient sein möchte, so will ich Ihnen die Wittenbergische, welche Ihr Doktor Luther übersetzt hat, gleich morgen früh überschicken. Allein das sage ich, eine Stunde hernach komme ich selbst und erwarte auf die heutigen Fragen richtigere Antwort; wo nicht, so sehe ich mich gezwungen, meiner Ordre gemäß mit Ihnen zu verfahren, deswegen sage ich noch einmal, besinnen Sie sich eines Besseren und befürchten sich keiner Gefahr, weil es mir selbst Leid sein sollte, an einem so artigen und wohlgebildeten Kavalier Schärfe zu gebrauchen.« »Mein Herr!« sprach Elbenstein mit funkelnden Augen, »was ich einmal ausgesagt habe, dabei bleibe ich bis an meinen Tod, und das ist der Bescheid, andere Reden wird Er niemals von mir hören und wenn Er mich in Öl braten ließe. Sage Er seiner Herrschaft, ich glaubte, daß sie etwas von mir torquieren wollten, wovon ich nichts wüßte, vielleicht dürstete ihnen nach deutschem Blut, das meine ist parat, ihren Durst zu stillen, aber der Himmel wird es von ihnen wiederfordern.« Der alte Kerl, welcher vielleicht ein schlechtes Gedächtnis haben mochte, schrieb fast alle Worte auf, die Elbenstein redete. Er gab sich die Mühe, ihn durch allerhand Überredung noch zu gewinnen, allein da Elbenstein unbeweglich und immer auf einerlei Rede blieb, nahm er endlich mit einer sehr verdrießlichen Miene Abschied von ihm und ging seiner Wege. Elbenstein legte sich unter allerhand bekümmerten Gedanken ins Bett, verrichtete sein Gebet und schlief endlich ein, verharrte auch in seiner unruhigen Ruhe bis zum Aufgang der Sonne, da er denn nach verrichtetem Morgengebet sich wieder über sein Buch machte und etliche Tassen Tee dabei trank. Allein, er hatte kaum eine Stunde gesessen, als der alte Sadrian schon wieder kam und ohne besondere Komplimente fragte: »Nun, mein Herr, haben Sie sich diese Nacht hindurch eines anderen besonnen? Soll ich Ihnen die Fragen noch einmal vorlesen, und wollen Sie nunmehr aufrichtiger bekennen?« Elbenstein antwortete: »Mein Herr gebe sich doch ferner keine Mühe, denn ich habe ja schon ein für allemal gesagt, daß ich mit Grund der Wahrheit nichts anderes aussagen kann.« »Nun!« versetzte der Alte, »so haben Sie es sich selbst zuzuschreiben, daß ich, meiner Ordre zufolge, Sie schärfer angreifen muß, der Himmel ist mein Zeuge, daß ich keinen Gefallen daran habe.« »Der Himmel«, ließ sich Elbenstein vernehmen, »hat mich in die Hände unbarmherziger und ungerechter Menschen verfallen lassen, darum muß ich mein Schicksal, es komme wie es wolle, mit Geduld ertragen.« Anstatt weiter zu reden, zog der Alte sein elfenbeinernes Pfeifchen hervor und pfiff dreimal darauf, da denn augenblicklich die zwei Stummen mit einer abscheulichen großen eisernen Kette hereingetreten kamen, ihm dieselbe zweimal um den Hals schlangen, auch Arme und Beine kreuzweise schlossen, daß er kaum eine Hand um die andere zum Munde bringen konnte. Er litt alles mit größter Geduld, machte auch keine scheele Miene, da man das Silbergeschirr, Betten und andere Bequemlichkeiten aus dem Zimmer schaffte, hergegen ein paar Bund Stroh in einen Winkel warf, anstatt des vorigen mit Samt beschlagenen Sessels ihm einen großen Klotz hinsetzte, in Summa, alle kostbaren Möbel wegschaffte. Sein einziger Trost war nur, daß man ihm die Bibel und das Historienbuch liegenließ. Er setzte sich ganz großmütig auf den Klotz. Der Alte aber sagte: »Sehen Sie, mein Herr, bis dahin haben Sie es mit Ihrer Halsstarrigkeit mutwilligerweise gebracht, und wenn Sie sich nicht noch in Zeiten zum Ziele legen, wird alles noch tausendmal schlimmer werden.« »Es mag werden wie es will«, sagte Elbenstein, »wenn auch meine ungerechten Feinde so gar sehr durstig sind nach meinem unschuldigen Blut, mögen sie ja immer noch heute Anstalt machen, mir solches abzuzapfen.« Der Alte antwortete hierauf nichts, sondern ging stillschweigend wieder fort, Elbenstein aber stand mit seiner schweren Last auf und langte die Bibel. Im Aufschlagen fiel ihm zuallererst der 38. Psalm in die Augen, welchen er mit heißen Tränen und bußfertigem Herzen in größter Bedachtsamkeit las, hernach noch mehrere Bußpsalmen aufschlug und die Zeit mit Lesung im Psalter so lange zubrachte, bis ihm die Stummen einen Topf mit Wasser, ein halbverschimmeltes Brot und eine hölzerne Schale mit Salz zur Mittagsmahlzeit darbrachten. Elbenstein dankte ihnen mit einer gelassenen, mehr freundlichen als betrübten Miene für ihre Mühe, griff noch begieriger nach dem elenden, verschimmelten Brot als gestern nach den delikaten Gerichten; weil man ihm auch kein Messer dazugebracht, brach er mit größter Mühe ein Stück ab und aß es dem Schein nach mit dem stärksten Appetit, machte auch keine saure Miene dazu, worüber der eine Stumme bitterlich zu weinen anfing, welches Elbenstein selbst jammerte; allein, er ließ sich nichts merken, sondern aß über alle Macht, soviel er nur hinterbringen konnte, trank etlichemal dazu aus dem Topf, und endlich, da er merkte, daß er wenigstens auf vierundzwanzig Stunden genug hatte, sein Leben natürlicherweise zu erhalten, machte er den Stummen zur Dankbarkeit noch ein Kompliment mit dem Kopf und nahm das Historienbuch vor sich, denn als einem jungen Kavalier war ihm dennoch unmöglich, beständig zu beten, ob er sich gleich eher auf einen gewaltsamen Tod als auf ein längeres Leben Rechnung machen konnte. Abends brachten ihm, da er sich noch lange nicht müdegelesen, ungeachtet das Buch nicht aus seinen Händen kommen war, die Stummen eben diejenigen Traktamente wieder, welche er Mittags gehabt hatte; er nahm etwas weniges davon, um nur zu zeigen, daß er sie nicht verschmähte, trank auch einmal aus dem Topf, welchen er neben sich stehen ließ, und las wieder in dem Historienbuch fort, wurde aber abends um zehn Uhr von dem Alten wieder gestört, welcher kam und die oft getanen Fragen repetierte: Ob er nämlich noch nicht aufrichtigere und wahrhaftere Antwort geben wollte; Elbenstein sagte: »Was ich dem Herrn einmal geantwortet, dabei hat es sein Bewenden; ich werde niemals anders reden.« »Sie haben«, sagte der Alte noch, »auch diese Nacht sich zu besinnen, sonsten wird morgen ein Mehreres und Verdrießlicheres passieren.« Elbenstein sagte weiter nichts als: »Es komme, wie es wolle, ich bin in Eurer Gewalt.« Mit dieser Resolution marschierte der Alte abermals ab. Elbenstein las noch eine gute Stunde in der Bibel, wonach er sich auf das Stroh niederlegte und mit einer pferdehärenen Decke, die ihm der barmherzige Stumme vielleicht ohne Ordre, sondern nur aus gutem Gemüt brachte, zudeckte. Frühmorgens, da er aufstand, war weder Tee, Kaffee noch Schokolade zubereitet, hingegen lag verschimmelter Zwieback auf dem Tisch und stand ein Topf mit frischem Wasser dabei. Er wusch sich und tat zugleich einen guten Trunk Wasser, setzte sich wieder auf den Klotz und las in der Bibel, bis etwa zwei Stunden nach der Sonne Aufgang der Alte kam und fragte, ob er sich besonnen? »Ich habe mich«, gab Elbenstein, »auf nichts zu besinnen, als wie ich mich als ein rechtschaffener Christ in mein Verhängnis finden könne; sonst aber bleibt alles bei meinen vorigen Reden.« Demnach befahl der Alte Elbenstein, daß er mit ihm gehen, den Stummen aber, daß sie ihm folgen sollen. Einer sowohl als der andere leistete Parition, demnach führte ihn der Alte zur Tür hinaus, wo Elbenstein bemerkte, daß eine hohe schmale Treppe zwischen den Mauern hinauf in das Obergebäude ging. Allein, er wurde nicht da hinauf, sondern eine andere Treppe von achtzehn Stufen hinunter in ein finsteres Gewölbe geführt, wo nur eine einzige Öllampe brannte. Es war in einem Winkel eine Bucht gemacht, worin etwas Stroh und eine härene Decke lag, und bei derselben lagen auf einem Brett zwei verschimmelte Brote, auch stand ein Eimer voll Wasser dabei nebst einem kleinen Töpfchen, womit man herausschöpfen konnte. Der Alte sagte weiter nichts als dieses: »Hinfort wird dieses Euer Logis sein.« »Ich danke«, sagte Elbenstein, »der Himmel gebe, daß heute oder morgen aus diesem Lager mein Sterbebett wird und daß die Gespenster so lange in dieser Behausung herumschwärmen müssen, bis es an das Tageslicht gekommen, wie barbarisch man mit mir Unschuldigem verfahren hat.« Der Alte gab keine Antwort hierauf, sondern ging mit den Stummen fort, schloß die mit verschiedenen Schlössern besetzte eiserne Tür hinter sich zu und überließ Elbenstein seinem eigenen verwirrten Gedankenspiel. Was nun dieser für Gedanken gehabt haben mag, läßt sich vorgemeldeten Umständen nach leichter erraten als beschreiben. Es würde auch viel zu weitläufig fallen, dergleichen ausführlich zu melden. Kurz, er lag fast die meiste Zeit in seiner Strohbucht, bis ihn Hunger und Durst plagten, da er denn zuweilen aufstand, ein Stück verschimmeltes Brot abbrach, ein Töpfchen voll Wasser austrank, ein wenig auf und ab spazierte und sich endlich wieder ins Stroh einscharrte. Das einzige Vergnügen, welches er hatte, war dieses, daß er durch drei in Stein gehauene, etwa drei Querfinger breite Ritzen unterscheiden konnte, ob es Tag oder Nacht wäre. Also brachte er an diesem Orte drei Tage und drei Nächte zu, da ihm denn nichts beschwerlicher fiel als die zweimal um den Hals herumgeschlagene Kette. Vierten Tages, etwa um neun Uhr vormittags, kam der Alte wieder, um zu sehn, ob er noch lebte, und zu fragen, ob er nunmehr besser herausbeichten wolle; Ob nun schon Elbenstein ihm kein gutes Wort gab, sondern teuer schwur, daß er niemals anders reden würde, so befahl ihm doch der Alte von selbst, daß er aufstehen und ihm folgen solle. Er brachte ihn demnach wieder in sein altes Logis, ließ ihm erst Tee und Persico geben, mittags aber eine kavaliersmäßige Mahlzeit auftragen, auch ein paar Bouteillen Wein, doch eben nicht vom Besten, bringen. Elbenstein war nur froh, daß er das Tageslicht wiedersah, ließ sich auch Speise und Trank nicht übel schmecken, was ihn aber am meisten erfreute, war dieses, daß er die Bibel und das Historienbuch noch auf dem Tisch liegend fand. Weil er nun Ursache hatte, Gott zu danken, daß er ihn für diesesmal aus dem finsteren Kerker erlöst, so schlug er erst etliche Dank- und Trostpsalmen auf, welche er mit großer Andacht betete, hernach aber sein Historienbuch wieder vor sich nahm und darin so lange las, bis ihm die Abendmahlzeit aufgetragen wurde, die sehr gut und fast noch besser als die Mittagsmahlzeit war. Sobald er dieselbe eingenommen, nahm er wieder sein Buch vor sich, befürchtete zwar immer, daß der Alte wiederkommen und ihn mit weiteren Fragen quälen würde, allein es kam derselbe diesen Abend nicht, weswegen Elbenstein bis nach Mitternacht ungestört fortlesen konnte, nachher aber seine Ruhe auf dem Stroh suchte. Frühmorgens, sobald er aufgestanden, bereiteten ihm die Stummen den Tee, setzten ihm hernach eine kleine Bouteille mit Persico und ein Trinkglas vor. Er genoß nach Appetit von beiden, las hernach den Vormittag in der Bibel, nach der Mahlzeit aber, die so gut als vorigen Tages war, im Historienbuch, bis abends zehn Uhr, da der Alte wiederkam und ihm vermeldete, was er neue Ordre bekommen, dafern der Herr von Elbenstein nicht in Güte die Wahrheit bekennen wollte, ihn noch schärfer als bisher anzugreifen. »Ich habe mich ja«, sagte Elbenstein, »bisher deutlich und oft genug erklärt, daß ich keine andere Wahrheit ausreden kann, als die ich ausgeredet habe, deswegen mögen die Barbaren doch nur meiner Qual ein Ende machen und mich meines Lebens berauben, damit ich nur meiner Marter loskomme, haben sie aber ihr Vergnügen daran, mich Unschuldigen zu torquieren, vielleicht aus den Ursachen, daß ich ein Lutheraner bin? Wohlan! Sie mögen es auch tun, endlich, ja endlich wird doch der Himmel ein Ende daraus machen und meine Unschuld rächen.« »Dieses alles geht mich nichts an«, sagte der alte, verzweifelte Inquisitor, »sondern ich erkenne mich schuldig, den Befehlen meiner Herrschaft ein Genüge zu leisten und die Verantwortung derselben ihnen zu überlassen; wenn demnach mein Herr auf Ihrem Eigensinn beharren, so nehmen Sie mir nicht übel, daß ich meiner Instruktion gemäß Ihnen werde gewaltige Schmerzen an Ihren Gliedmaßen verursachen müssen.« »Ist's denn nicht genug«, fragte Elbenstein, »daß ich mein Leben darbiete? Was will man mich denn als einen unschuldigen Kavalier um einer unerwiesenen Sache auf die Tortur bringen? Jedoch es ergehe mir, wie der Himmel will, weiter und anderes werde ich nimmermehr aussagen, als ich ausgesagt habe.« Hierauf langte der Alte, welcher einem Halbmeister ähnlicher sah als einem Krammetsvogel, seine Pfeife heraus, pfiff dreimal, da denn die Stummen sogleich eine Kohlenpfanne mit glühenden Kohlen ins Gewölbe hereinbrachten und dieselbe auf den Tisch setzten. Der Alte zog sechs Goldstücke, ungefähr einen französischen halben Gulden groß, jedoch etwas dicker, aus seiner Ficke und legte dieselben auf die glühenden Kohlen, befahl dabei den Stummen, daß sie Elbenstein die Strümpfe abziehen sollten. Dieser wollte solches durchaus nicht geschehen lassen, da aber der Alte sagte: »Mein Herr! Sperrt Euch nicht, denn wenn ich nur noch einmal pfeife, so kommen den Augenblick noch sechs bewehrte Männer herein, welche Euch schon zur Raison bringen sollen.« Elbenstein ließ es darauf ankommen und stieß den einen Stummen mit solcher Gewalt von sich, daß er zur Erde fiel. Im selben Augenblick pfiff der Alte, da denn sogleich sechs Mann mit blanken Schwertern ins Gewölbe hereingetreten kamen, worüber Elbenstein einigermaßen erschrak und mit sich umgehen ließ, wie man wollte, weswegen denn auch der Alte den sechs Bewaffneten sogleich den Zurückmarsch anbefahl. Demnach legte ihm der eine Stumme erst auf jeden Fuß ein Goldstück, welches fast glühend war, der Schmerz war heftig, jedoch Elbenstein biß die Zähne zusammen und antwortete auf des Alten Fragen und Vermahnungen kein einziges Wort. Deswegen ließ ihm derselbe noch zwei heiße Goldstücke auf die dicken Beine über die Knie und endlich noch zwei auf das dicke Fleisch der Arme legen. Allein, je heftiger der Schmerz, je verstockter wurde Elbenstein, gab auf nichts Antwort, sondern verfluchte nur seine Tyrannen in Abgrund der Höllen. Der Alte ging hierauf abermals stillschweigend fort, der barmherzige Stumme aber beschmierte ein Läppchen mit Salbe, schnitt Stücke daraus und legte ihm dieselben auf die Brandflecke. Die darauffolgende Nacht war wohl die schmerzhafteste und kläglichste in Elbensteins bisherigem ganzen Leben, indem fast nicht der geringste Schlaf in seine Augen kam. Acht Tage nacheinander wurde er zwar mit guten Speisen und Wein versorgt, auch von dem Stummen täglich dreimal mit der Salbe verbunden, daß seine Brandflecke fast gänzlich geheilt waren; allein am Abend des achten Tages kam der alte Inquisitor wieder zum Vorschein und vermeldete ihm, daß seine Herrschaft durch seine Verstockung und Hartnäckigkeit (da ihnen doch die ganze Sache ziemlichermaßen bekannt) dergestalt zum Zorn gereizt worden, daß sie ihm Ordre geschickt, ihn, Elbenstein, heutige Nacht in der Mitternachtsstunde mit dem Schwert vom Leben zum Tode bringen zu lassen; also hätte er nur noch etwa drei bis vier Stunden Zeit, sich zu seinem Ende zu bereiten, und wo er etwa einen römisch-katholischen Geistlichen verlangte, sollte derselbe sogleich bei ihm erscheinen. Wider dieses letztere protestierte Elbenstein und versicherte, daß er sich mit göttlicher Hilfe genugsam im Stande befände, zu seinem Ende zu bereiten, und da er auf seine Religion und den Glauben, bei welchem er von Jugend an erzogen worden, zu sterben entschlossen, wäre es nicht ratsam, die übrige wenige Zeit seines Lebens mit unnötigem Disputieren zuzubringen; unterdessen bäte er weiter nichts, als daß diejenigen, welche ihn also unschuldigerweise seines Lebens berauben ließen, in Betracht, daß er ein Kavalier und bei einem vornehmen Fürsten in Diensten stünde, seinen Körper an einen ehrlichen Ort begraben, auch unter der Hand seinen Fürsten möchte wissen lassen, wie er eines unglücklichen, plötzlichen Todes gestorben wäre, damit der Fürst nicht etwa glauben möchte, als ob er heimlich echappiert wäre. »Die Gnade in Gewährung dieser beiden Bitten wird Euch unfehlbar widerfahren«, sagte der Alte, ging hierauf fort, Elbenstein aber, der sich ganz allein im Gewölbe sah, fiel nieder auf seine Knie und betete mit heißen Tränen zu Gott um Vergebung seiner Sünden und um ein seliges Ende; er sehnte sich herzlich, noch einmal das heilige Abendmahl von einem evangelisch-lutherischen Priester zu empfangen, weil aber dieser Wunsch vergeblich, wendete er sich desto eifriger zum Gebet, bis er endlich von den beiden Stummen darin gestört wurde, welche eine köstliche Mahlzeit vor ihm aufzutragen anfingen. Ungeachtet er ihnen nun sagte, daß sie sich seinetwegen keine Mühe machen möchten, indem er weder essen noch trinken würde, so kehrten sie sich doch daran nicht, sondern trugen alles auf und ließen es stehen. Elbenstein aber rührte weder Speisen noch Wein an, sondern verharrte im Gebet bis gegen die Mitternachtsstunde, da der Alte wiederkam, der dem einen Stummen winkte und ihm mit Zeichen etwas zu verstehen gab. Dieser ging sogleich fort, kam aber bald wieder zurück und brachte einen Hebekorb getragen, worin ein schwarzes Sterbekleid, ein sauberes weißes Hemd, ein Paar weiße, seidene Strümpfe und dergleichen Mütze mit einem schwarzen Band lagen. Hierauf pfiff der Alte, da denn sogleich sechs Mann mit bloßen Schwertern ins Gewölbe traten. Als Elbenstein diese sah, sprach er ganz entrüstet zu dem Alten: »Will man denn so gar grausam barbarisch mit mir verfahren und mich in Stücke zerhauen? Ists denn nicht genug, wenn mir der Kopf mit einem Streich abgeschlagen wird?« »Diese«, gab der Alte zur Antwort, »werden nicht an Euch kommen, wofern Ihr nicht etwa Miene macht, Euch zur Wehr zu stellen, denn Ihr werdet jetzt losgeschlossen werden, damit Ihr als ein Kavalier nicht in Ketten und Banden sterbt, auch vorher Eure Sterbekleider anlegen könnt.« »Es ist gut«, sagte Elbenstein, »unterdessen ist es nicht nötig, daß ich andere Sterbekleider anziehe, denn diese, so ich anhabe, sind mir Sterbekleider genug.« »Es ist mir aber«, versetzte der Alte, »also befohlen. Mithin werdet Ihr Euch nicht weigern zu gehorsamen.« »Diesen Gefallen«, ließ sich Elbenstein vernehmen, »kann ich ja meinen Tyrannen auch noch wohl erweisen.« Hierauf ging er hinter die spanische Wand und zog alles an, kam hernach hervor, setzte sich auf den Klotz und nahm die Bibel in die Hand. Allein der Alte ließ ihn nicht zum Lesen kommen, sondern tat ihm die ehemaligen Vorschläge nochmals, bat ihn ziemlich beweglich, daß er doch seine Halsstarrigkeit ablegen und auf die bewußten Punkte aufrichtigere Antwort erteilen möchte, womit er allein sein Leben retten, sondern auch sogleich nach zwei Tagen seine Freiheit nebst einem kostbaren Geschenk erhalten würde. Allein, Elbenstein blieb unbeweglich als ein Fels und bat den Alten zu guter Letzt nochmals, ihn mit fernerem Zureden zu verschonen, weil er wider die Wahrheit nicht reden, sondern viel lieber sterben wolle; er solle ihn demnach nur nicht lange quälen, sondern seiner Ordre gemäß verfahren, denn er wäre versichert, daß der Himmel sein Blut rächen würde. Der Alte entschuldigte sich nochmals, daß er seiner Ordre gehorchen, die herrschaftlichen Befehle ausrichten und ihnen die Verantwortung überlassen müßte. Unterdessen aber pfiff er auf seiner Pfeife, wonach sogleich ein dicker, starker Mann mit einem langen, sechs Finger breiten, blanken Schwert hereingetreten kam. »Dieser«, sagte der Alte, »ist der allergeschickteste Meister im ganzen Land, Euch, mein Herr, auch im Dunkeln den Kopf auf einen Hieb herunterzuhauen, wofern Ihr nur den Hals fein in die Höhe reckt; wollt Ihr aber noch Gnade haben, so folgt demjenigen, was ich Euch heute abend noch zu guter Letzt proponiert habe.« »Ein Kavalier, wie ich bin«, sagte Elbenstein, »muß bei keinen Barbaren um Gnade bitten, sondern eher sein Leben hingeben.« »Nun, so geschehe es denn«, sprach der Alte, winkte inzwischen den Stummen, welche sogleich herzukamen, ein schwarzes Tuch auf den Boden breiteten und einen Sessel ohne Lehne daraufsetzten, worauf Elbenstein seinen Platz nehmen mußte. Der Alte präsentierte ihm ein Tuch, sich die Augen damit verbinden zu lassen, allein Elbenstein sagte: »Ein rechtschaffener, unschuldiger Kavalier kann sich gewalttätigerweise seinen Kopf ohne Verbindung der Augen abschlagen lassen; aber«, sagte er weiter zum Scharfrichter, »hier habt Ihr, mein Freund, meine kleine Goldbörse, worin wenigstens zweihundert Dukaten befindlich. Nehmt Euch wohl in acht, quält mich nicht, sondern macht nach Eurer Kunst, daß Ihr mir nur den Kopf in einem Hieb herunterbringt. Inzwischen«, sagte Elbenstein noch weiter, »erlaubt mir nur, daß ich noch eine sehr kurze Zeit mein Gebet zu Gott verrichte, sobald ich aber zum drittenmal mit dem Fuß auf den Boden stoße, so haut zu.« Der Scharfrichter nahm das Geschenk an, versicherte ihm, daß er sich auf seine Kunst verlassen könne, inzwischen wolle er ihm auch seinen letzten Willen erfüllen, nur bäte er, daß er zwar den Hals, aber keine Hand in die Höhe reckte, damit sein Körper nicht etwa zerstückt werden möchte. Elbenstein versicherte ihm, dieserwegen unbesorgt zu sein, griff hierauf nach der Bibel und las den 51. Psalm bis auf den 14. Vers inclusive. Hierauf tat er den ersten Tritt mit dem Fuß. Man brachte ihm einen Pokal mit Wein, er nahm denselben jedoch nicht an, sondern betete in seinen Gedanken das Lied »Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn«. Er geriet darüber in tiefe Gedanken, weswegen ihn der Alte erinnerte, sich nicht länger aufzuhalten, sondern seine Resolution in der Kürze von sich zu geben, weil er noch in dieser Stunde Gnade zu hoffen hätte. Elbenstein aber ermunterte sich gleich, antwortete zwar dem Alten kein Wort, stieß jedoch zum zweitenmal mit dem Fuß auf den Boden, betete hernach noch etliche Sprüche, und endlich »Herr Jesu! Dir lebe ich, Herr Jesu! Dir sterbe ich«, unter welchen Worten er zum drittenmal auf die Erde stampfte und den letzten Streich erwartete. Es waren ihm sozusagen schon fast alle Gedanken vergangen, und der Scharfrichter war eben im Begriff, den Streich zu vollführen, als eine Stimme, jedoch nicht des Alten Stimme, rief: »Halt! Er soll auf diesmal Gnade haben.« Es wußte Elbenstein, wie gesagt, fast gar nicht, wie ihm geschah, und die grausame Alteration brachte ihm eine heftige Ohnmacht zuwege, daß er plötzlich vom Stuhl herunterfiel und von seinen Sinnen nicht wußte. Es währte über zwei gute Stunden, ehe er wieder zu sich selbst kam, und da befand er sich in einem anderen, kostbar möblierten Zimmer, in einem propren Bett, und zwar im bloßen Hemde liegend. Er schmeckte noch im Munde, daß man ihm Arznei eingegossen haben müsse, auch fühlte er, daß ihm am Arm zur Ader gelassen, dergleichen judizierte er wegen des Geruchs, daß man ihn mit starkem Spiritus müsse gewaschen haben. Demnach als er bemerkte, daß seine Lebensgeister wieder zurückgekommen, richtete er sich im Bett auf, da denn sogleich die beiden Stummen herzutraten, von welchen er ein Glas Wasser forderte, indem ihm der Mund und Hals ungemein trocken waren. Der eine Stumme brachte ihm also ein Glas Limonade, welches er sehr begierig austrank und noch eines forderte; wie nun auch dieses verschluckt war, legte er sich wieder nieder und schlief, jedoch sehr unruhig, bis die Sonne aufgegangen war, da ihm denn ein kleiner Tisch vors Bett und der Tee daraufgesetzt wurde. Der eine Stumme brachte ihm ein Glas Tropfen, nebst einem Zettel, worauf geschrieben stand, wieviel und wie oft er von dieser herzstärkenden Arznei, welche sehr stark und wohlschmeckend, nehmen sollte; endlich, nachdem er fünf bis sechs Schälchen Tee getrunken, legte er sich wieder zurück ins Bett nieder, konnte aber nicht wieder einschlafen, sondern lag mit offenen Augen und sah seinem fernerweitigen Schicksal entgegen, betrachtete auch das bisherige mit ziemlicher Gemütsruhe. Die Speisen und Wein, so ihm mittags und abends gebracht wurden, schienen aus einer fürstlichen Küche zu sein, dem ungeachtet hatte er diesen und folgenden Tag wenig Appetit, am dritten Tage aber, frühmorgens, nachdem er die vorige Nacht ungemein wohl geschlafen hatte, befand er sich ganz gesund, munter und frisch, welches er der köstlichen Arznei zuschrieb, die er beide Tage nach der Vorschrift fleißig gebraucht hatte. Er fragte demnach die stummen Bedienten, ob ihm erlaubt wäre, aufzustehen und seine Kleider anzuziehen? Die Stummen winkten mit dem Haupt, brachten auch gleich seine Kleider herbeigetragen, weswegen er aufstand und sich ankleidete, mittlerweile ihm die Stummen den Tee auf den Tisch setzten. Sobald er nach Belieben davon wie auch von der Arznei zu sich genommen, fragte er die Stummen, ob sie ihm die beiden Bücher nicht wieder verschaffen könnten, damit er einigen Zeitvertreib hätte? Augenblicklich lief einer fort und brachte ihm sowohl die Bibel als das Historienbuch, weswegen er erst ein paar Stunden seine Andacht in der Bibel hatte, hernach in dem Historienbuch las, bis ihm mittags die köstlichen Traktamente auf den Tisch gesetzt wurden. Er speiste mit gutem Appetit, trank auch etwas mehr Wein als vorige Tage und befand sich im übrigen sehr gestärkt und wohlauf. Den ganzen Nachmittag brachte er abermals mit Lesen in dem Buch zu. Abends aber, nachdem er gespeist, kam der Alte, wünschte ihm ganz freundlich einen guten Abend, gratulierte ihm zu guter Besserung und bat ihn um Vergebung, daß er seiner Ordre zufolge also mit ihm verfahren müssen. Nunmehr habe er Ordre, ihn aufs allerbeste zu traktieren, vorerst aber ersuchte er ihn, in ein anderes Zimmer zu folgen. Hiermit gab er den Stummen zu vernehmen, daß sie zwei silberne Leuchter mit Wachslichtern nehmen sollten; diese gehorsamten, Elbenstein wurde von dem Alten genötigt, hinter ihnen herzugehen, er selbst aber folgte, und also passierten sie erst durch einen kleinen Gang, hernach eine schmale steinerne Treppe in die Höhe, da sie denn auf einen großen Saal kamen, wo der Alte vorausging und ein Zimmer öffnete, welches inwendig mit den kostbarsten türkischen Tapeten ausgeziert und überhaupt dergestalt propre möbliert war, daß sich kein König schämen dürfen, darin zu logieren. Es stand ein mit Wein und Konfekt besetzter Tisch auf der einen Seite, welchen ihm der Alte zeigte, auch sagte: »Eure Herrlichkeit werden unfehlbar von dem langgewachsenen Bart inkommodiert werden, dieser eine Stumme ist sehr geschickt, den Bart abzunehmen, deswegen können Sie sich von ihm akkommodieren lassen.« Es war wirklich an dem, daß Elbenstein von dem langen und starken Bart sehr vexiert wurde, indem ihm der Hals ganz wundgerieben war; deswegen nahm er das Erbieten mit Vergnügen an, als ihm nun noch der Alte einen silbernen Ring zeigte, woran er nur ziehen dürfte, wenn er jemanden oder etwas verlangte, indem es ihm doch vielleicht ungelegen sein dürfte, wenn die Stummen beständig bei ihm im Zimmer wären, so wünschte er ihm eine geruhige Nacht und retirierte sich. Elbenstein ließ sich barbieren, sagte hernach zu den Stummen, daß sie ihm nur die beiden Bücher heraufbringen, hernach sich zur Ruhe begeben möchten, weil er sich mit allen Bedürfnissen wohlversorgt sähe. Dieses geschah, und Elbenstein divertierte sich noch mit Lesen bis um die Mitternachtszeit, trank auch unterweilen ein Gläschen Wein dazu. Als aber die im Zimmer hängende Uhr die Mitternachtsstunde anzeigte, zündete er das Nachtlicht an und war eben im Begriff, die beiden brennenden Wachslichter auszulöschen. Indem öffneten sich auf einer Seite die Tapeten, und es trat eine Person in einem langen, rosenfarbenen Schlafrock durch dieselben ins Zimmer hinein, sie hatte einen sauberen Hauptschmuck auf, und ihr Gesicht war sehr wohlgebildet. Elbenstein erschrak, daß ihm alle Glieder zitterten, und zwar noch weit ärger als in Ariqua bei der Baronne von K. Das Frauenzimmer bemerkte sein Erschrecken, machte ihm deswegen mit einer verliebten und angenehmen Miene ein höfliches Kompliment und sagte: »Erschrecken Sie nicht, mein Herr! Ich bin kein Gespenst, sondern eine Person, die Fleisch und Beine hat, wie sie sehen und fühlen können.« Indem sie dieses redete, schlug sie den Schlafrock voneinander und zeigte ihren ganzen bloßen Leib ohne Hemd, welcher sehr zart und weiß schien, auch mit ein paar wohlproportionierten, harten Liebesäpfeln versehen war. Da aber Elbenstein noch immer als ein steinernes Bild stand und weder redete noch sich bewegte, trat das Frauenzimmer näher, ergriff ihn bei der Hand und sagte: »Kommen Sie, mein Herr! Setzen Sie sich zu mir an diesen Konfekttisch und trinken mir ein Glas Wein zu.« Elbenstein sah sich also gezwungen, niederzusitzen. Das Frauenzimmer sah ihn beständig mit verliebten Augen und Gebärden an, entblößte auch, da er noch gar nicht reden wollte, zum öfteren nicht nur die Brust, sondern auch den ganzen Leib, ja sie wollte ihn endlich gar embrassieren und küssen. Allein er hielt sie davon mit einer höflichen Manier zurück, öffnete auch endlich seinen Mund und fing dieses an zu reden: »Ich kann gar nicht begreifen, wie das Schicksal in diesem Hause oder Schlosse, was es sein mag, so wunderbar mit mir spielt. Allein, schöne Dame, ich will Ihnen im voraus sagen, daß ich zu einer unglückseligen Stunde empfangen und geboren bin, denn die Natur hat mich schon im Mutterleibe derjenigen Werkzeuge beraubt, mit welchen andere Mannspersonen dem Frauenzimmer vollkommene Satisfaktion geben können. Überdies sollte auch wohl der allerwollüstigste Kavalier, wenn er sich in meinen jetzigen Umständen befände, hierzu incapable sein. Darum bitte ich Sie, schönste Dame, mir nicht ungütig zu nehmen, daß ich Ihren Liebesappetit nicht stillen kann.« »Die erstere Entschuldigung«, sagte das Frauenzimmer, »kommt mir als ein Märlein vor, weil Ihr mir jederzeit mehr als zu vigoreux vorgekommen, und die andere wird von sich selbst hinwegfallen, wenn wir erst im Bett beieinander warm geworden sind. Eben dieserwegen bin ich zu Euch gekommen, Euch Eures bisher ausgestandenen Mißvergnügens vergessend zu machen, denn ich glaube sicherlich, daß auch die köstlichsten Traktamente nicht vermögend sind, einen jungen Kavalier zu vergnügen, wenn er keine Liebesarbeit dabei verrichten darf. Bin ich denn etwa gar so häßlich, daß Ihr mich nicht lieben wollt? Ich versichere Euch, daß Ihr meinetwegen keine Gefahr zu besorgen habt, denn ich bin ein lediges Frauenzimmer, die ihren Leib noch niemandem preisgegeben hat, aber in Euch, mein Herr, habe ich mich sterblich verliebt, sobald ich Euch vor wenigen Monaten zum erstenmal gesehen habe. Fürchtet Ihr Euch etwa vor dem alten Herrn, der vorhin bei Euch gewesen ist? Das habt Ihr nicht Ursache, zieht an dem Glöcklein und laßt ihn durch einen Bedienten heraufrufen. Er wird gleich da sein und uns die Erlaubnis geben, daß wir beisammen schlafen dürfen, denn er weiß, daß ich Euch inniglich liebe, und nicht allein dieserwegen, sondern auch, weil er Befehl hat, auf den ausgestandenen Schrecken Euch alles nur ersinnliche Vergnügen in dieser Eurer Einsamkeit zu machen; so sieht er es von Herzen gern, wenn ich Euch des Nachts einen vergnügten Zeitvertreib mache. Laßt ihn rufen, fragt ihn selbst, damit wir uns desto freier und sicherer miteinander ergötzen können.« Unter diesen letzteren Worten schenkte sie ein Glas Wein ein und trank es auf Elbensteins Gesundheit aus, und dieser tat dergleichen. Da er aber keine Antwort gab, sagte sie: »Wie, mein Engel! Habt Ihr denn ein Herz von Stein? Und wollt meinen Leib verschmähen? Seht mich doch nur erst noch einmal recht an, befühlt mich und sagt hernach, was für einen Tadel Ihr an mir findet.« Es war wohl an dem, daß der alte Adam bei Elbenstein aufwachte, jedoch er war so glücklich, denselben zu unterdrücken, entweder weil es ihm ein Ernst, die Lüste des Fleisches nicht mehr auszuüben, oder weil er sich wegen der ausgestandenen Todesangst noch nicht wollüstig genug befand, oder, welches fast am meisten zu glauben, weil er befürchtete, man möchte ihm eine neue Fallbrücke zubereitet haben. Deswegen gab er dem Frauenzimmer zur Antwort: »Vortreffliches Geschöpf! Ich glaube schwerlich, daß ein schönerer Körper kann gefunden werden als der Ihrige, denn Sie sind ein rechtes Meisterstück der Natur. Ich Elender habe aber die größte Ursache, bei solchen Umständen mich über die Grausamkeit der Natur zu beschweren, daß sie mir nicht auch dasjenige mitgeteilt, was sie doch dem allergeringsten Bauernknecht gegeben. Schönster Engel! Ich wollte ja gern, aber ich kann ja nicht! Deswegen quälen Sie mich doch nicht.« »Ei!« sagte das Frauenzimmer, nachdem sie noch ein Glas Wein ausgetrunken hatte, »es mag denn sein, wie es sei, ich liebe doch Eure Person; kommt nur mit mir ins Bett, damit ich das Vergnügen habe, Euch zu umarmen und zu küssen, wenn mir gleich der völlige Genuß Eurer Liebe versagt wird.« »Dieses wäre«, versetzte Elbenstein, »eine vollkommene Tortur für mich, bedenken Sie es selbst, liebenswürdige Dame! Bei einem solchen schönen Bild zu liegen und sich mit demselben nicht divertieren zu können, würde mir dieses nicht tausend Seufzer auspressen? Was wäre Ihnen also mit meiner Qual gedient? Deswegen sein Sie so gütig, begeben sich in Ihrem Zimmer zur Ruhe, weil ich sicher glaube, daß tausend qualifiziertere Kavalier als ich bin sich mein heutiges Glück in diesem Stück wünschen möchten, es also Ihnen, werteste Dame, am Liebesvergnügen nicht ermangeln kann, ich aber muß mein Unglück beklagen.« »Nein!« sagte sie, »ich muß bei Euch im Bett liegen, kommt nur!« Hiermit fuhr sie vom Stuhl auf, ließ ihren Schlafrock fallen, stand also nackend und bloß vor Elbensteins Augen, welcher jedoch seinen Arm auf den Tisch stützte und die Hand vor die Augen hielt. »Ach, Ihr schämt Euch zu sehr, mein Herr!« ließ sich die Verführerin vernehmen, »kommt nur ins Bett und zieht die Gardinen zu.« Hiermit nahm sie ihren Schlafrock, legte denselben auf einen Stuhl vors Bett, sie aber stieg ganz gemächlich hinein und legte sich zurecht, in Meinung, daß Elbenstein nachfolgen würde. Allein dieser, welcher den Streich als eine der stärksten Versuchungen des Satans ansah, nahm die Bibel zur Hand und schlug darin etliche Psalmen auf, welche sich auf seinen Zustand wohl schickten. Etwa eine Viertelstunde hatte das Frauenzimmer gelegen, als sie rief: »Wollt Ihr noch nicht kommen? Mein Engel! Habt Ihr noch nicht ausgebetet? Ihr seid ja doch kein Geistlicher? Und oh, wieviel tausend geistliche Herren sollten ihr Gebet, wer weiß wie lange, unterlassen, wenn sie so gute Gelegenheit zu Pflegung der Liebe hätten.« »Lassen Sie mich nur immer beten«, replizierte Elbenstein, »schlafen Sie ruhig und gönnen mir die Ehre, daß ich Sie bewache.« »Oh! Unbarmherziger«, rief die Dame, »ists möglich, daß Ihr so grausam sein könnt, mir nicht einmal das Vergnügen zu gönnen und in meinen Armen zu schlafen?« »Zürnen Sie nicht mit mir, Schönste«, sagte Elbenstein, »sondern mit der unbarmherzigen Natur, die mich untüchtig zum Liebeswerk gemacht hat.« Hierzu schwieg das Frauenzimmer still und fing an zu schnauben, so daß Elbenstein nicht wußte, ob es ein wirklicher oder verstellter Schlaf bei ihr war. Er aber blieb auf seinem Stuhl sitzen und las in der Bibel, bis der Tag anbrach, da denn das Frauenzimmer abermals nackend aus dem Bett heraussprang, etlichemal auf und ab spazierte, endlich vor ihn trat und sagte: »Wollt Ihr mich noch nicht lieben?« »Ich wollte wohl«, gab Elbenstein darauf, »wenn ich nur könnte.« Sie sprach: »So küßt mich doch wenigstens nur einmal.« »Ich habe es«, erwiderte Elbenstein, »nicht allein verredet, Zeit meines Lebens kein Frauenzimmer zu küssen, weil es doch mir und ihr zu nichts helfen kann, sondern ich will auch in diesem Stück meine Keuschheit bewahren.« »Oh du Keuschheit über alle Keuschheit«, sagte die Kokette, warf damit ihren Schlafrock über sich, machte ihm ein Kompliment und retirierte sich durch die hinter den Tapeten befindliche Tür in ein anderes Zimmer. Der sehr ermüdete Elbenstein dankte dem Himmel, daß er ihm diese sehr starke satanische Versuchung so ritterlich überwinden helfen, weil er aber Bedenken trug, sich in das Bett einzuscharren, wo diese Geile gelegen hatte, legte er sich nur unausgezogen im Schlafrock auf die Oberdecke und schlief einige Stunden. Kurz vor der Mittagsmahlzeit kam der Alte und fragte, wie er sich befände, und ob er etwas Außerordentliches verlangte? Elbenstein gab zur Antwort: »Nichts anderes möchte ich verlangen und wünschen, als meine Freiheit, zu meinem Fürsten zu reisen, um demselben zu zeigen, daß ich kein ehrvergessener Deserteur sei.« »Da wird schon bald Rat dazu werden«, sagte der Alte mit sehr freundlichen Gebärden, »Sie sollen sich nur erst wieder ausfüttern und Ihres Kummers vergessen, damit Sie desto fröhlicher von uns Abschied nehmen können, denn alles, was geschehen, ist mir selbst zum größten Leidwesen geschehen. Aber, a propos«, fuhr der Alte im Reden fort, »mein Herr! Warum sind Sie denn so grausam ekel gewesen und haben das artige Frauenzimmer verschmäht, welches ich gestern abend zu Ihnen kommen lassen? Ich kann Ihnen bei meiner Ehre versichern, daß es keine gemeine Kanaille, sondern ein Kind von vornehmen Eltern ist; sie hat sich schon vor einiger Zeit in Sie verliebt gehabt und mir ihre heftige Liebe anvertraut; weil mir nun von meiner Herrschaft anbefohlen worden, Ihnen, mein Herr, alles erdenkliche Vergnügen in Ihrer Einsamkeit zu machen, so vermeinte ich, mit einem wohlgebildeten Frauenzimmer meine Sache hauptsächlich wohlgemacht zu haben, muß aber von ihr vernehmen, daß sie sehr kaltsinnig von Ihnen traktiert worden. Ei! Gebrauchen Sie sich doch der Gelegenheit, solange Sie noch hier sind, sie soll alle Nacht bei Ihnen bleiben, und haben Sie sich dieserwegen nicht der geringsten Verantwortung zu besorgen, es wird sich auch niemand darüber aufhalten, denn es weiß niemand etwas davon als ich ganz allein.« »Um Gottes Willen, mein Herr!« widerredete Elbenstein, »verschonen Sie mich mit dergleichen Liebespossen, denn sie sind ganz und gar wider mein Naturell; ein gutes Buch kann mir die Zeit besser passieren als das schönste Frauenzimmer, jedoch habe ich allen geziemenden Respekt vor diesem schönen Geschlecht.« »Erlauben Sie denn, daß dieses artige Kind«, sagte der alte verzweifelte Fuchs, »diesen Mittag mit Ihnen speisen darf, damit Sie ihr wohlgebildetes Gesicht recht bei Tag sehen, vielleicht gefällt es Ihnen besser als bei Licht.« »Ich habe hier nichts zu befehlen oder Erlaubnis zu erteilen«, versetzte Elbenstein, »sondern habe, wie mein Herr Selbsten wissen, mit mir umgehen lassen, als man nur immer gewollt.« »Ei!« sagte der alte Schalk, »die bösen Zeiten sind vorbei, nunmehr müssen Sie sich erst wieder etwas zu Gute tun, ehe Sie von uns reisen. Sorgen Sie für nichts weiter und schlagen allen Kummer aus dem Sinn.« Hiermit wünschte ihm der Alte gesegnete Mahlzeit und ging seiner Wege. Bald hernach wurden die Speisen durch die Stummen aufgetragen, und eben da sich Elbenstein zu Tische setzen wollte, öffneten sich die Tapeten abermals, durch welche die gestrige la bella Catharina ins Zimmer getreten kam, eine Reverenz à la mode machte und ganz freimütig fragte, ob sie sich bei ihm zu Gaste bitten dürfte? Elbenstein replizierte, wie er sich eine besondere Ehre daraus machte, mit einem schönen Frauenzimmer zu speisen, präsentierte ihr deswegen einen Stuhl und setzte sich gegen sie über, legte ihr auch von allen Gerichten die niedlichsten Bissen vor. Sie charmierte entsetzlich, und Elbenstein fühlte zu verschiedenen Malen den Pfahl, welcher ihm im Fleische stak, doch nahm er sich ernstlich vor, seinen Affekten einen Zaum und Gebiß ins Maul zu legen und sich mit diesem Satansengel im geringsten nicht in Unzucht einzulassen. Unterdessen, da sie so raffiniert war, nicht das geringste von Liebessachen, vielweniger von der Passage der verwichenen Nacht zu erwähnen, sondern nur verschiedene kuriose und lustige Geschichten zu erzählen, so war es Elbenstein so gar nicht zuwider, daß er doch jemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, denn mit den Stummen konnte er nicht diskutieren, und den Alten sah er allezeit lieber gehen als kommen. Nach der Mahlzeit holte diese Sirene eine Gitarre und spielte sehr künstlich darauf, sang auch über zwei Stunden lang viele Arien drein, indem sie eine rühmenswürdige Stimme hatte. Hierüber empfand Elbenstein einiges Vergnügen, ja er fing fast an zu wünschen, daß er mit diesem artigen Bilde nicht in einem Käfig eingeschlossen, sondern an einem etwas freieren Ort sein möchte. Jedoch wenn er an die Ketten, Brandmale und endlich an das Henkerschwert dachte, verging ihm aller Appetit zum Liebesspiel, weswegen er auch nach wenigen fröhlichen Blicken gleich wieder in eine Tiefsinnigkeit verfiel. Nachdem sich nun endlich das Frauenzimmer müdemusiziert, langte sie ein Brettspiel herbei und nötigte Elbenstein, die Dame mit ihr zu ziehen. Sie spielte dieses sinnreiche Spiel sehr wohl, und Elbenstein, der sonst auch gut spielte, hatte viel zu schaffen, ihr dann und wann ein Spiel abzugewinnen. Sie tranken Kaffee dabei und spielten also, bis die Abendmahlzeit aufgetragen wurde, da sie denn abermals miteinander speisten und von lauter indifferenten Sachen diskurierten, wobei Elbenstein bemerkte, daß sie als ein Frauenzimmer einen sehr guten, natürlichen Verstand hatte. Gleich nach der Mahlzeit machte sie ihm stillschweigend ein Kompliment und retirierte sich; Elbenstein war sehr froh, daß sie nur Abschied nahm und nicht wie gestern von Liebespossen zu reden anfing. Er setzte sich demnach wieder vor sein Buch und war gesonnen, nur noch etwa das Ende einer gewissen Geschichte darin auszulesen, hernach sich beizeiten zur Ruhe zu legen, allein, kaum hatte er die Stummen fortgeschickt, da der Irrgeist im rosenfarbenen Schlafrock wiederkam und eben eine solche Komödie spielte wie die gestrige Nacht. Sie wendete alle Bewegungsmittel an, ihn zu sich ins Bett zu kriegen, allein, er behielt auch in diesem Kampf den Sieg, und sie mußte ihm bei anbrechendem Tage die Walstatt lassen, weil er seine Feinde, die Lüste und Begierde, glücklich aus dem Felde geschlagen. Am dritten Tag setzte sie ihm noch schärfer zu als vorher, und sonderlich des nachts; bald fiel sie ganz nackend vor ihm auf die Knie, bald weinte sie, und ihr einziges Bitten war dieses, daß er sich nur eine einzige Viertelstunde an ihre Seite legen und sie küssen möchte, ob er gleich sonst nichts bewerkstelligen könnte. Dieser satanische Hauptsturm währte bis zu Anbruch des Tages, indem sie bald ins Bett hinein, bald wieder heraussprang und Elbenstein, der zwar die Augen immer auf sein Buch gerichtet hatte, jedoch nicht wußte, was er las, beständig bombardierte und quälte. Allein, auch diesen Hauptsturm schlug er glücklich ab. Die Unverschämte hing demnach ihren Rock wieder über, sagte weiter nichts als: »Addio, du Barbar! Nun komme ich dir nicht wieder!« und verschwand hinter den Tapeten. Kaum war sie hinweg, als Elbenstein seine Hände gen Himmel aufhob und Gott inbrünstig anrief, doch nicht zuzugeben, daß dieses lasterhafte Weibsbild noch einmal wieder vor seine Augen kommen möchte. Er dankte dabei dem Höchsten, daß er ihm sattsame Kraft und Stärke verliehen, diesen so oft wiederholten satanischen Versuchungen zu widerstehen, bat um Vergebung wegen der dann und wann aufgestiegenen wollüstigen Gedanken, auch um ferneren kräftigen Schutz und Hilfe. Hierauf legte er sich mit ganz getrostem Herzen aufs Bett und schlief abermals, bis er schon die Sonne im Zimmer sah. Folgendes Tages wurde er weder von dem Alten noch von jemand anderem inkommodiert, von den Stummen aber mit allem, was er nur verlangen mögen, vollkommen wohl bedient; hierbei nun hatte er gute Muße zu lesen, und er kam in dem großen Historienbuch sehr weit. Abends aber kam der Alte, etwa zwei Stunden vor Mitternacht, jählings in sein Zimmer getreten und sagte: »Mein Herr! Kommen Sie doch geschwind mit mir, es will Sie jemand sprechen.« Elbenstein erschrak und gedachte bei sich selbst: »Nun, was wird dieses für ein neuer Sturm sein?«, stand aber auf und folgte dem Alten, welcher ihn quer über den Saal hinüber bis an die Tür eines Vorgemachs führte, selbige eröffnete und sagte: »Nun, mein Herr! Gehen Sie geradefort auf die Tür zu, welche Ihnen entgegenstößt, eröffnen Sie selbige nur ohne Bedenken und treten in das Zimmer hinein.« Elbenstein ging etliche Schritte fort, blieb sodann eine lange Weile stehen und wußte selbst nicht, wie wunderlich ihm zu Mute war, noch was er tun sollte. Jedoch endlich besann er sich und bedachte, weil er doch einmal in fremder Leute Gewalt wäre, müsse er Gehorsam leisten, es käme nun, wie es wolle, mehr könnte es ihn doch nicht kosten als das Leben. Demnach schritt er weiter fort, eröffnete die Tür ohne Anpochen, trat hinein und zog dieselbe hinter sich zu, welche denn von selbst abschloß. Aber, oh Himmel! Wie wurde ihm zu Mute, als er oben am Tisch ein maskiertes Frauenzimmer sitzen sah, und zwar in eben dem Habit und von eben der Taille, als zu Ariqua in der Margarethen Hause in der zweiten Nacht erschienen war. Er war ganz außer sich selbst, stand als ein steinernes Bild, vergaß dabei auch sogar, der Dame ein Kompliment zu machen, und blieb im Zweifel, ob es die wirkliche damalige maskierte Dame oder das Frauenzimmer wäre, welche ihn nunmehro drei Nächte daher so gewaltig vexiert hatte. Endlich, da die Dame nur die wenigen Worte sprach: »Tretet doch näher her, mein Herr!«, bemerkte er gleich an der Sprache, daß es nicht die gestrige, sondern die ariquanische wäre. Er machte demnach, da er zugleich seine Mütze abnahm, eine tiefe Reverenz, ging näher hinzu, blieb etwa drei Schritte vor der Maske stehen, machte eine nochmalige Reverenz und bemerkte nunmehr erst, daß die Dame einen entblößten Dolch in der Hand hatte. »Nunmehr«, dachte Elbenstein, »wird dir dein letztes Brot gebacken sein.« Die Maske aber fragte: »Kennt Ihr mich?« »Wie ists möglich, daß ich eine maskierte Person kennen kann?« war Elbensteins Gegenfrage. »Habt Ihr mich«, sprach die Maske weiter, »in diesem Habit und in dieser Maske sonst nirgends als jetzt hier gesehen?« »Meines Wissens nicht«, gab dieser zur Antwort. »Auch nicht zu Ariqua in der Margaretha Behausung?« so fragte sie weiter. Elbenstein antwortete mit nein! Hierauf fing sie folgenden Sermon an: »Verwegener Verräter, es mag endlich gut genug sein, daß du etliche Tage her ungeachtet aller dir angetanen Marter hier in diesem Hause nichts bekennen wollen; allein, warum hast du diese Tugend in deiner vollen Freiheit nicht beobachtet, da dich niemand um unser Liebesgeheimnis befragt hat, du aber dennoch alles ausgeplaudert und mich dergestalt abgemalt hast, daß mich auch in der Maske jedermann erkennen können? Ist das der Dank, du Verräter! für meine getreue Liebe, von welcher ich dir alle ersinnliche Proben gegeben und dir zugeschworen, daß ich dergleichen zärtliche Regungen noch niemals gegen eines Mannes Person empfunden, als gegen dich allein. Dieser Dolch soll dir jetzt den Lohn geben für deine Verräterei, Falschheit und Bosheit. Sage nun selbst, ob du nicht einen weit schmählicheren Tod verdient hast?« Hier hielt sie etwas inne und wollte Elbenstein erst zur Antwort kommen lassen, welcher sich zu ihren Füßen warf und in größter Gelassenheit also redete: »Wenn mich Verleumder und falsche Zungen aus dero Gunst und Gnade, ja aus dero Herz gerissen, bin ich meines Lebens ohnedem überdrüssig; der Tod kann mir auch niemals süßer und angenehmer sein, als wenn ich denselben von dero schönen Händen empfange, welche ich seither in Gedanken täglich tausendmal geküßt. Kann ich aber eines einzigen verräterischen Wortes überführt und überzeugt werden, daß ich meinen Schwur wegen der Verschwiegenheit nur mit einem einzigen Wort gebrochen, so schätze ich mich eines solchen Todes unwürdig und spreche mir auf den Fall mein Urteil selbst, daß mir nämlich die Zunge aus dem Hals gerissen, ein Glied nach dem andern mit glühenden Zangen abgeknippen und mein Körper gevierteilt werden sollte.« Die Maske fiel ihm ins Wort und sagte: »Habe eine kleine Geduld, ich will dir alsbald Zeugen heraufrufen, die dich überführen sollen. Vorher aber sage mir noch, wie du so leichtsinnig und unerkenntlich sein können, mein Bitten nicht stattfinden zu lassen und mich in Padua zu besuchen, da es doch in der letzten Nacht meine letzte Bitte war und ich dir alle Gelegenheit angewiesen. Allein, die venezianischen Kanaillen haben dir im Kopfe gesteckt, die dir vielleicht besser gefallen als ich, und auch auf dem Rückweg hast du in Padua nicht einmal nach mir gefragt, vielmehr die unbedachtsamsten Reden im Gasthof von einem maskierten Frauenzimmer, worunter du mich gemeint, geführt. Verantworte dich, ungetreuer Verräter.« Elbenstein gab ganz sanftmütig zur Antwort: »Auf meiner Reise nach Venedig habe ich mich an dem bestimmten Ort eingefunden, es ist auch ein gewisser Mensch zu mir gekommen, welcher mir Nachricht gegeben, daß die Dame, welche mich zu sprechen verlangte, erst nach zehn Tagen daselbst selbst eintreffen würde; weil ich nun in meines Fürsten nötigen Verrichtungen verschickt, war mir unmöglich, dieselben zu verabsäumen und so viele Tage in Padua stillzuliegen, vielmehr vermeinte ich, binnen der Zeit wieder in Padua zurück zu sein. Habe ich«, redete er weiter, »in Venedig ein Frauenzimmer berührt, so nehme der Himmel heute und nimmermehr meine Seele zu Gnaden an. Auf der Rückreise, da ich wieder nach Padua gekommen, bin ich die ganze Zeit in den größten Ängsten gewesen, wegen der vielen Gelder meines Fürsten, die ich unter meiner Aufsicht hatte. Ihnen wird selbst am besten bewußt sein, wie es in Padua zuzugehen pflegt; wäre nun nur etwas oder alles weggekommen, so hätte ich ja zum Schelm werden müssen, so aber bin ich nicht vom Platz gekommen, habe auch fast die ganze Zeit über kein Auge zugetan. Ach leider! daß ich für diesmal die Ehre meinem vollkommenen Vergnügen vorziehen müssen. Was das Geschwätz von der Maske anbelangt, so rief mich ein paduanischer Kavalier ans Fenster und sagte zu mir: ›Mein Herr! Ich bitte sie um aller Heiligen willen! Betrachten Sie einmal das schändliche Gesicht, so daherspaziert kommt.‹ Ich mußte über seine Reden lachen und bekannte selbst, daß ich fast in meinem ganzen Leben kein Frauenzimmer mit einem häßlicheren Gesichte gesehen hätte, wobei ich aus Scherz sagte: ›Wenn dieses Frauenzimmer auf den anstehenden Karneval nach Venedig reisen will, darf sie nur andere Kleider, aber keine Maske mitnehmen, denn ihr Gesicht sieht ohnedem einer Maske ähnlicher als einem ordentlichen Gesicht. ‹ Dieses ist es alles«, beschloß Elbenstein seine Rede, »was ich gesündigt habe.« »Es ist noch nicht alles«, erwiderte die Dame. »Steh auf, Ungetreuer, und setze dich in jenen Stuhl.« Elbenstein sprach: »Da ich sterben soll, bitte ich mir noch die einzige Gnade aus, daß ich zu Dero Füßen sterben darf.« Sie: »Steh auf, sage ich, und setze dich auf jenen Stuhl.« »Nein, ich bitte«, sagte Elbenstein, »daß mein Blut zum Angedenken meiner Treue und Liebe an Dero Kleider spritzen möge.« »Steh auf!« sagte sie zum drittenmal, »und setze dich auf jenen Stuhl, sonst wird augenblicklich Mannschaft da sein.« Indem sie nun dieses mit einer ganz veränderten, wunderlichen Stimme vorbrachte, hielt Elbenstein fürs ratsamste, Gehorsam zu leisten; er stand demnach auf und setzte sich jenseits des Tisches in einen Lehnstuhl. Die Dame stand gleichfalls auf, ließ ihren goldbrokatenen Oberschlafrock fallen und stand da in einem weißen atlassenen Nachtkleid, behielt aber den Dolch beständig in der Hand, weswegen Elbenstein nicht anderes vermeinte, als daß sie sich nur deswegen commode machte, ihm den letzten Stoß desto nachdrücklicher beizubringen; er wandte demnach seine Augen auf den Boden, faltete die Hände und betete einige Sterbegebete, die er noch im frischen Gedächtnis hatte. Ehe er sichs aber versah, warf sich die Dame, welche ihre Maske abgelegt hatte und sich ihm in bloßem Angesicht zeigte, zu seinen Füßen und redete ihn also an: »O teure, allergetreueste Seele, es wird zwar wohl das erstemal in deinem Leben sein, daß sich eine geborene Prinzessin zu deinen Füßen wirft, allein die Schuldigkeit befiehlt es, weil mich das Verhängnis nunmehr zu deiner Sklavin gemacht hat. Nicht du, sondern ich bin des Todes schuldig, nimm hin diesen Dolch und durchbohre meine tyrannische Brust.« Unter welchen Worten sie Elbenstein den Dolch über seine gefalteten Hände legte und ihre ganze Brust entblößte, Elbenstein aber saß als ein steinern Bild und wußte fast gar nicht, wie ihm geschah. »Ich, ich bin die Furie gewesen, die dich teils aus Eifersucht, teils aus allzuheftigen Liebesbegierden so grausam hat martern lassen. Räche deinen Hohn an mir, denn ich habe es verdient, und ob ich gleich seit unserer zweiten Zusammenkunft in Ariqua mich von dir schwanger befinde, so ist doch mein Leib nicht einmal würdig, diese Frucht zu tragen, weil ich mit deren Vater so grausam und unbarmherzig umgegangen bin. Einen einzigen Kuß von deinen Lippen vergönne mir noch zum Labsal mit ins Reich der Toten zu nehmen, hernach durchstich mein barbarisches Herz.« Elbenstein hatte kaum noch so viel Vernunft, daß er den Dolch auf ein in der anderen Ecke stehendes Faulbett schleuderte und die Dame, welche ihren Mund nach dem seinigen erhob, umarmte und küßte. Als ihm aber ihre Gesichtsbildung, welche ein Ausbund aller Schönheiten war, nur auf wenige Blicke in die Augen gefallen und er das in ihrer allerschönsten Brust verschlossene bange Herz auf seiner Brust klopfend fühlte, wurde er auf einmal plötzlich dergestalt weichherzig, daß er Kopf und Arme zurücksinken ließ und in eine wirkliche Ohnmacht verfiel, welche doch von keiner langen Dauer war, indem ihm die Dame zum öfteren eine Salvolatile vor die Nase hielt und unablässig küßte; welches letztere Cordial für diesmal wohl die beste Operation tun mochte. So hatte sie ihren Arm um seinen Hals geschlagen, bald hielt sie ihm das Salz vor, bald küßte sie seinen Mund, Wangen und Augen, bis endlich Elbenstein seine Augen wieder öffnete, da er denn mit schwacher Stimme sprach: »Nun lassen Sie mich sterben, meine Göttin! Es geschieht mit Freuden und Vergnügen, weil ich mich wieder in Dero Gnade aufgenommen sehe; wie könnte es möglich sein, daß ich jemals einen sanfteren und süßeren Tod zu gewarten hätte.« »Stirbst du, meine andere Seele!« sagte die Dame, »so überlebe ich dich keine Minute, sondern stoße mir doch selbst einen Dolch in die Brust.« Indem sie dieses redete, benetzte sie Elbensteins Wangen mit ihren heißen Tränen, woraus dieser endlich ihre vollkommene Liebe und die Bereuung des Vergangenen schloß, weswegen denn in seinem Herzen alle angetane Marter auf einmal vergeben und sozusagen fast ganz vergessen war. »Ich lebe«, sagte Elbenstein, indem er sie auf seinen Schoß nahm, »solange mich meine Göttin leben läßt, und sterbe ohne Murren, sobald sie es befiehlt.« »Nein, mein Kind«, versetzte sie, »laß uns alle beide leben und uns vollkommen vergnügen, wir haben gute Zeit dazu, denn mein alter Gemahl, welcher sich einbildet, daß ich von ihm schwanger sei, hat eine Tour nach Spanien getan, wird auch binnen Jahr und Tag schwerlich zurückkommen; bei deinem Fürsten aber habe ich durch die dritte Hand wegen deines Renommees alles wohl veranstaltet. Deswegen du vor nichts besorgt sein darfst, denn alle deine Sachen hat er wohl verwahren lassen und wartet auf deine Wiederkunft, allein, er kann immer noch ein wenig warten; unterdessen soll dir, mein Leben, aller Schaden von mir vielfältig ersetzt werden.« »Ach!«sagte Elbenstein, »Sie sind gar zu gnädig, ich bin mit dem Vergnügen zufrieden, und wer so glücklich ist als ich, kann immerhin alles im Stich lassen und sich zum Lande hinausbetteln.« »Ach du kleiner Schmeichler!« sagte die Dame, indem sie ihm zugleich einen derben Kuß gab, »komm und folge mir in das Nebenzimmer, daß wir ein Glas Wein und einige andere Stärkungen zu uns nehmen können.« Elbenstein folgte ihr nach noch vielen gegebenen Küssen in das Nebenzimmer, das nicht halb so groß als dieses war und worin ein Tresor mit Wein und Konfekt stand. Es war dasselbe mit so vielen Wachslichtern erleuchtet, daß es so hell als am Tag darin war, weswegen er desto füglicher die bewunderungswürdige Gesichtsbildung der Dame betrachten konnte, wobei er in seinem eigenen Herzen bekennen mußte, daß er noch niemals dergleichen Wunderbild in natura, wohl aber als Kunststück der Maler gesehen. Er konnte seine Augen fast nicht davon hinwegbringen, denn es wurde nichts gesprochen, weil beide die Mäuler voll hatten; endlich aber kam die Dame zu ihm, fiel ihm um den Hals und sagte: »Mein Leben! Du bist in Wahrheit noch böse auf mich, weil du kein Auge von mir verwendest und doch so ernsthaft dazu aussiehst.« »Diese Ernsthaftigkeit«, gab Elbenstein zur Antwort, »welche ich etwa in tiefen Gedanken angenommen, stammt in Wahrheit von keiner Bosheit, sondern von einer besonderen Verwunderung her.« »Worüber verwunderst du dich denn, mein Liebster;« sagte die Dame, worauf Elbenstein antwortete: »Über nichts mehr, als über dero unvergleichlich schöne Gesichtsbildung, dergleichen mir wahrhaftig Zeit meines Lebens noch niemals vor die Augen gekommen ist.« »Sage ichs nicht«, widerredete die Dame, »daß du ein kleiner Schmeichler und Herzensdieb bist; aber mir hat doch auch zeitlebens kein Gesicht besser gefallen als das deinige.« Weil sie nun eben nach Aussprechung dieser Worte eine kleine Makrone in den Mund steckte, bat sich Elbenstein dieselbe aus ihrem Munde in seinen Mund aus, worin sie ihm zwar willfahrte, jedoch dieselbe augenblicklich wieder auf die Art zurückforderte, mit dem Versprechen, ihm sodann noch mehr zu geben. Es passierte also eine artige Fresserei, und mit dem Wein ging es eben nicht anders zu, indem immer eins ums andere dem anderen ein Maulvoll gab, bis sie sich alle beide fast begeistert hatten. Oh, was für ein törichtes Ding ist es doch um die Liebe! Die Dame stand endlich auf und ging etwas spazieren im Zimmer herum, weswegen Elbenstein aus Complaisance auch aufstand und neben ihr herspazierte, allein es währte nicht lange, so wurde sie des Spazierens wieder überdrüssig und nötigte ihn, sich bei ihr auf ein Faulbettchen niederzulassen. Er gehorsamte, und da ging das Herzen und Küssen von frischem an, weil auch das weiße, atlassene Kleid so frevel war, sich vorne von selbst zu öffenen und das Brustpositiv bloßzustellen, als konnte Elbenstein unmöglich unterlassen, selbiges zu bespielen und zu küssen, hernach aber eine tiefere und gründlichere Untersuchung anzustellen, weswegen die Dame zurücksank und ihm ein kleines Präludium spielen ließ, hernach aber sagte: »Mein Erzengel! Ich bitte mir ein bequemeres Lager und nur ein einziges Hauptkaresschen aus, weil wegen des bisherigen Chagrins ein mehreres unserer Gesundheit nicht zuträglich sein möchte, indem wir alle beide entkräftet sind.« Elbenstein half ihr zu einem bequemeren Lager, allein, es blieb bei dem einzigen Hauptkaresschen nicht, sondern es wurde mit beider Bewilligung ein zweifaches Da Capo daraus. Worauf die Dame sprach: »Mein Engel! Auf diesmal bin ich vollkommen vergnügt, auch sehr müde. Morgen Mittag wirst du mit mir speisen, nachher werden wir noch viel miteinander zu sprechen haben. Vorerst aber, weil es ohnedem bald Tag sein wird, nimm ein Licht und begib dich wieder nach deinem Zimmer.« Elbenstein war sogleich bereit zu gehorsamen, allein, er mußte dennoch vorher noch etliche hundert Küsse zollen, und endlich wurde auf beiden Seiten geruhige Nacht gewünscht. Sie blieb auf dem Ruhebett liegen, er aber begab sich des vorigen Weges zurück in sein Zimmer, ohne einigen Menschen unterwegs zu sehen; weil er nun daselbst alles, was er brauchte, parat fand, hielt er für unnötig, die Klingel zu rühren, sondern zog sich bald aus und begab sich zu Bett. Er betete zwar sein Abendgebet, allein sehr verwirrt, denn es fielen ihm immer die Fragen ein: »Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Ist das deine Buße und deine Bekehrung? Oder wälzt sich die Sau nach der Schwemme wieder in den Kot und frißt der Hund weiter, was er gespeihet hat? Kennst du nicht den geraden Weg zum Tod und zur Hölle zu? Geht dirs anders als dem Doktor Faust, der, als er die Fesseln des Teufels schon fast gänzlich von sich geworfen, dennoch vermittels der schönen Helena sich selbige wiederum aufs neue anlegen ließ und endlich vom Teufel geholt wurde? Geschieht's ja nicht, daß der Teufel deinen Körper holt und zerreißt, daß die Gedärme auf den Bäumen hängen bleiben, wird's doch wohl genug sein, wenn er deine Seele bekommt, denn der Leib wird sodann sein Logis ohnedem nirgends anders als im höllischen Schwefelpfuhl bekommen.« Diese Gedanken waren sehr gut, allein, nachdem er darüber eingeschlafen war, machte ihm der Satan ganz andere Gaukelspiele vor, die, ob sie gleich im Manuskript umständlich beschrieben sind, man doch herzusetzen Bedenken trägt. Kurz zu sagen, Elbensteins Gottesfurcht, Buße und Bekehrung wurden zum bloßen Schattenspiel, alles ausgestandene Unglück wurden nach und nach in gänzliche Vergeßlichkeit gestellt, und es prädominierte nichts bei ihm als die Wollust. Denn frühmorgens, da er aufstand, verrichtete er zwar ein leichtes Gebet in den Wind, bekümmerte sich aber bisheriger Art nach gar nicht um die Bibel, sondern setzte sich nieder und schrieb folgende Arie aufs Papier; ob er dieselbe selbst verfertigt, oder ob er sie von Olims Zeiten her in Gedanken behalten, kann man nicht so wohl sagen, als daß er sie seinem besonderen Trost und Aufrichtung gebraucht haben mag. Weil aber diese Arie in der wenigsten Leser Händen sein möchte, findet man für billig, dieselbe von Wort zu Wort herzusetzen: 1.                       Mein Herze hat der Freiheit Gold verloren, Ich muß hinfort der Liebe dienstbar sein. Kaum da mein Mund die Dienstbarkeit verschworen, So reißt ein Blick den schwachen Vorsatz ein. Verhängnis, Glück und Zeit, ihr Meister aller Sachen, Sagt, was wird endlich noch der Himmel aus mir machen? 2. Ein Fisch, der sich vom Angel losgerissen, Eilt nicht sofort dem falschen Köder nach. Ein Schiffsmann wird den Strand zu meiden wissen, Wo ihm zuvor sein Schiff und Mast zerbrach; Und ich, ich Törichter, bleib' an Charybdis hangen, Da schon mein Liebesschiff der Scyllen war entgangen. 3. Doch, ach! Wer kann die Hand zurückeziehen, Wenn Venus uns beut ihren Nektar an; Für Menschenwitz ist dies ein schwer Bemühen, Weil niemand hier als Engel leben kann. Ein Mund mag noch soviel von Zucht und Keuschheit sprechen, Es wird ein schön Gesicht ihm bald den Vorsatz brechen. 4. Ließ Davids Hand nicht Harf' und Psalter liegen, Da Bathseba sein Herze setzt' in Brand? Und Simsons Faust verlernete zu siegen, Als Delila ihn mit der Liebe band. Selbst Salomonis Witz und Weisheit ging verloren, Als ihn die Weiberlieb' schrieb in die Zahl der Toren. 5. Kann Venus nun so starken Nektar schenken, Der Helden stürzt und Fürsten taumeln lehrt: Was Wunder denn, wenn sie mit Zaubertränken Mein Herze hat auf einmal so betört. Ich wag es noch einmal, und fehl' ich denn auch heute, So ist mein Fehler doch ein Fehler großer Leute. »O schöne Gedanken! O herrlicher Einfall! Ei vortreffliche Parodie auf die bisher mit inbrünstiger Andacht gelesenen Büß-, Bet-, Dank- und Lobpsalmen Davids.« So bellte der Hund in Elbensteins Gewissen, und er war wirklich im Begriff, das Blatt, worauf er diese Arie geschrieben hatte, wieder zu zerreißen, als eben jemand an die Stubentür pochte; da er nun dieselbe eröffnete, sah er die zwei Stummen als seine Bedienten, welche eine ziemlich große Kiste hereintrugen und ihm den in einen Brief versiegelten Schlüssel dazu einlieferten. Die Stummen gingen sogleich wieder zurück, Elbenstein aber erbrach zu allererst den Brief, worin der Schlüssel lag, und fand denselben also gesetzt: Du der Meinige! Wenn Du wohl geruht hast, gereicht es zu meinem außerordentlichen Vergnügen. Ich habe unvergleichlich wohl geruht, weil ich Dich, meine Seele, wiederbekommen habe, da ich bisher nur ein bloßer toter Körper gewesen bin. Ich bitte sehr, säume Dich nicht, zu mir zu kommen, weil ich einen außerordentlichen Appetit empfinde, von Dir geküßt zu werden. Ja, ich schmachte recht danach. In Ermangelung Deiner Equipage schicke ich Dir inzwischen etwas in beikommendem Kästchen. Komme nur hold zu der Deinigen. Leichtlich ists zu erachten, daß Elbensteins Gemütsbewegungen ein sonderbares Menuett en quatre in seinem Kopf und Herzen mögen getanzt haben, allein, er hieß die Musikanten, welche dazu aufspielten, schweigen, öffnete die Kiste und fand folgende Raritäten darin: ein rotscharlachenes Kleid, stark mit Gold, desgleichen ein blaues mit Silber bordiert, zwei Hüte, einer mit einer goldenen, der andere mit einer silbernen Espagne und kostbaren Agraffen, zwei Dutzend Handschuhe, ein Dutzend seidene Strümpfe von allerhand Coleuren, zwei Dutzend baumwollene Strümpfe, sonst auch von weißer Wäsche, als Ober- und Unterhemden und allem anderen, was ein Kavalier vonnöten hat, zwei Dutzend Stück oder Paar von jeder Sorte. Über all diesem lag noch ein Degen dabei, mit einem silbernen, stark vergoldeten Gefäß, und ein Stock mit einem ganz goldenen Knopf, der mit verschiedenen Edelgesteinen besetzt war. Solchergestalt sah sich Elbenstein mit größtem Erstaunen vollkommen, und zwar aufs allerkostbarste, equipiert, weil auch die geringsten Kleinigkeiten, so man braucht, dabeibefindlich waren, als nämlich Messer, Scheren, Spiegel, Kämme und dergleichen, und zwar alles aufs sauberste und kostbarste. Elbenstein verwunderte sich über nichts mehr, als daß ihm nicht allein alle Kleidungsstücke insgesamt, sondern auch sogar die Schuhe, deren ein halb Dutzend dabei lagen, so akkurat paßten, als ob er sich das Maß dazu nehmen lassen. Nichts fehlte als Perücken, allein selbige brauchte er nicht, weil er blondes eigenes Haar trug, welches sich von Natur in zierliche Locken legte. Als er sich nun sattsam über dieses kostbare Präsent verwundert hatte, fiel ihm die erhaltene Ordre ein, weswegen er sich in größter Geschwindigkeit ankleidete, und zwar das blaue Kleid anlegte, hierauf mit Hut, Degen und Stock in dasjenige Zimmer ging, wo er abends vorher die Dame zum ersten angetroffen. Es währte kaum drei Minuten, so kam dieselbe in einem kostbaren Putz auch hineingetreten, sie trug ein hellrotes mit Gold durchwirktes Kleid, und an dem Haupt und Armschmuck blitzte alles dergestalt von dem Glanze der Edelgesteine, daß einem das Gefühl hätte vergehen mögen. Allein, Elbenstein gab hierauf anfänglich wenig acht, sondern seine Augen hafteten nur an ihrem unvergleichlichen Angesicht, welches er jetzt zum erstenmale beim Tageslicht sah und in seinem Herzen sich nunmehr völlig überzeugt befand, daß er zeitlebens kein schöneres und wohlgebildeteres gesehen. Ja, Elbenstein wäre in Wahrheit abermals als ein steinern Bild stehengeblieben, wenn nicht die Dame selbst auf ihn zugekommen wäre, ihn umarmt und geküßt hätte. Ihre ersten Reden waren diese: »Guten Morgen, mein Leben! Ach! Du wirst unfehlbar nicht wohl geruht haben, weil du so verdrießlich aussiehst.« »Nein Ihro Durchlaucht«, gab Elbenstein zur Antwort, »ich finde mich im geringsten nicht verdrießlich, sondern in einer erstaunenden Verwirrung über Dero überirdische Schönheit, indem ich sicherlich glaube, daß dergleichen in der ganzen Welt nicht mehr zu finden.« »Du schmeichelst, mein Licht!« sagte sie, »ich weiß zwar wohl, daß ich eben nicht häßlich, doch aber auch nicht die Schönste bin, inzwischen, wenn ich nur das Glück habe, deinen Augen zu gefallen, bin ich vollkommen vergnügt, zumal wenn ich merken werde, daß du mich so herzlich liebst als ich dich. Allein, ich will durchaus nicht, daß du, wenn wir allein beisammen sind, mich Ihro Durchlaucht titulieren sollst, sondern nenne mich mein Schatz! Mein Kind! Mein Vergnügen, oder wie es dir die Liebe sonst eingibt.« Elbenstein küßte ihre Hand zu vielen Malen, sagte hernach: »Meine Göttin, ich bin erstaunt über das kostbare Geschenk, welches Sie mir durch die Stummen in einer Kiste überschickt, womit...« Indem er weiterreden wollte, drückte sie ihre zarte Hand auf seinen Mund und sagte: »Hiervon rede mir gar nichts, mein Liebster! Sonst werde ich böse. Diese Kleinigkeiten haben in Padua schon lange parat gestanden und auf dich gewartet.« Hiermit gab sie ihm etliche Küsse und fragte hernach, warum er heute zum erstenmale das rote Kleid nicht angezogen hätte, zum Zeichen, daß er sie liebte und sich darüber freute; Denn die rote Farbe wäre ja ein Zeichen der Liebe und der Freude. »Sie sind meine Göttin«, sagte Elbenstein, »und mein Himmel auf Erden, darum kam mir in die Gedanken, die himmlische Couleur zuerst zu erwählen.« »Ach, du bist eine allerliebste Seele«, replizierte sie, »ja du hast englische Einfalle, aber setze dich, mein Leben! Und nimm mich eine kleine Weile auf deinen Schoß.« Elbenstein nahm diese schöne Last mit Vergnügen auf sich, und sie hielten also unter verschiedenen verliebten Gesprächen und Kurzweilen einander über eine gute Stunde in Armen, bis in dem Nebenzimmer ein angenehmes Glockenspiel das Zeichen gab, daß die Speisen aufgetragen wären. Da denn die Dame ihren Kavalier bei der Hand nahm und ihn zur Tafel führte, welche sich, kurz zu sagen, fürstlich präsentierte; es waren aber keine anderen Bedienten zugegen als eine einzige alte Matrone, welche jedoch noch ganz fein aussah und wohlgekleidet war. Diese bediente alle beide, und die Dame scheute sich nicht, in ihrer Gegenwart Elbenstein zu küssen, auch sonst ihm allerhand Karessen zu machen. Solange sie speisten, ging das Glockenspiel, und es spielte dasselbe allerhand angenehme Arien, Menuette und dergleichen, wenn es auch abgelaufen, stellte es die Matrone von neuem an; dieses war nun nicht allein zur Tafelmusik bestimmt, sondern Elbenstein erfuhr, daß, solange dieses Spielwerk gehört würde, sich keiner von ihren anderen Bedienten unterstehen dürfte, unangemeldet in dieses Zimmer zu kommen; die Anmeldung aber geschah mit einem Hammer, welcher auf eine über der Tür hängende silberne Schale schlug, die einen gröberen Ton von sich gab, als die Glöcklein im Glockenspiel. Sooft nun diese ertönte, ging die alte Matrone hinaus und fragte, was anzubringen wäre? Hergegen waren in allen Zimmern wieder andere Ringel und Drähte, vermittels derselben die Dame ihre Bedienten herbeirufen konnte, weil sie die auswärtigen Hämmer zogen, daß sie ebenfalls mit Glocken schlugen. Beide saßen über zwei gute Stunden bei der Tafel, worauf ihn die Dame wieder zurück in das erste Zimmer führte, wohin die Alte etliche Bouteillen, teils mit Wein, teils mit Wasser angefüllt, wie auch ein Brettspiel bringen mußte. Erst gingen beide Verliebte eine gute Weile im Zimmer herum spazieren, da sie aber nachher ungefähr sechs oder acht Spiele gespielt, stand die Dame auf, umarmte und küßte Elbenstein und sagte mit einer liebreichen Miene: »Mein Engel! Nehmt mir nicht ungütig: Diese Kleidung ist mir jetzt etwas zu schwer und unbequem, ich werde Euch auf eine kurze Zeit verlassen und mir etwas leichtere Kleider anlegen lassen. Damit Ihr es aber auch wißt, ich habe Euer Logis verändert, Ihr habt dasselbe nunmehr auf dieser Seite, gleich neben mir.« Hiermit öffnete sie auf der anderen Seite hinter den Tapeten eine Tür und führte ihn erst in sein Zimmer, wo er hinfort schlafen sollte; mithin war es so beschaffen, daß ihr und sein Bett nur durch eine Wand voneinander unterschieden waren. Hernach führte sie ihn durch noch eine Tür in ein propre aufgeputztes Zimmer, worin er seine Bequemlichkeit bei Tag gebrauchen konnte, und gleich bei diesem war die Kammer, worin die Stummen als seine Aufwärter ihre Bequemlichkeit und Lager haben sollten, von denen er kühnlich alles fordern dürfte, was er verlangte, indem wenigstens allezeit einer gegenwärtig sein müßte. Elbenstein wußte in Wahrheit nicht, was er denken sollte. Die Freiheit war ihm von Jugend auf als die alleredelste Sache vorgekommen, jedoch auch in einer solchen prächtigen und wollüstigen Gefangenschaft zu leben, war seinem Temperament nicht ganz und gar zuwider. Endlich sprach er zu sich selbst: »Es sei, wie es sei, einmal für allemal bist du ein Arrestant, mußt durchaus Gehorsam leisten und abwarten, was es für ein Ende nehmen wird. Der Himmel wird sich ja deiner erbarmen, weil er sieht, daß du gezwungen wirst.« Unterdessen, da er befürchtete, daß die Dame sein langes Stillschweigen übel auslegen möchte, küßte er derselben die Hand und sagte: »Meine Göttin, ich erstaune, je länger je mehr, denn Sie traktieren mich ja über meinen Stand, und wenn ich gleich . . .« »Schweigt mir davon still«, fiel sie ihm in die Rede, »weil Ihr mein Allerliebster auf der Welt seid, so seid Ihr auch meines Standes. Nun aber bleibt hier, die Stummen werden sogleich bei Euch sein, ich aber will mich anders ankleiden lassen und Euch nachher selbst wieder abrufen, wenn ich erst ein wenig Mittagsruhe gehalten habe.« Hierauf umarmte und küßte sie ihn noch etlichemal und ging sodann zurück in ihr Zimmer. Elbenstein fand seine Sachen, auch sonst alle Bedürfnisse für sich in diesem seinem neuen Logis, auch sogar die Bibel und das Historienbuch, jedoch er hatte noch keinen Appetit zum Lesen, sondern öffnete ein Fenster und bemerkte, daß dieses Schloß mit Wällen, doppelten Graben und Mauern umgeben war, sonst aber konnte er weder Platz noch andere Gebäude sehen, wohl aber, daß auf dieser Seite außerhalb der Mauer ein ziemlich starker Fluß vorbeilief, jenseits dessen aber konnte man nichts anderes sehen als Wald und Feld. Er schöpfte solchergestalt in so vielen Tagen zum erstenmal wieder frische Luft, nach Verlauf einer guten Viertelstunde aber brachten die Stummen Kaffee, nebst zwei Bouteillen Wein, sperrten aber die Augen gewaltig auf, als sie ihn in so proprem Habit sahen, erzeigten sich deswegen weit devoter als jemals, indem sie sich vielleicht einbilden mochten, daß er ein geborener Prinz wäre. Er begegnete ihnen sehr freundlich und leutselig und bemerkte, daß sie sich über sein Wohlergehen freuten, hernach aber durch Zeichen fragten, ob er etwas weiteres befehlen wolle; Wie er nun geantwortet hatte, daß ihm vorerst nichts mangelte, zeigten sie ihm den silbernen Draht, vermittels dessen er sie rufen könnte, und begaben sich zurück. Er trank etliche Schälchen Kaffee, nahm hernach das Historienbuch vor sich und mochte wohl beinahe zwei Stunden darin gelesen haben, als die Dame seine Tür öffnete und zu ihm hereingetreten kam. Er stand sogleich auf, dieselbe zu empfangen, sie aber war ebenso begierig, ihn zu umarmen, sagte anbei: »Nun habe ich ausgeschlafen; warum habt Ihr es Euch, mein Engel, nicht auch commode gemacht und Mittagsruhe gehalten? Ich machte mir schon ein besonderes Vergnügen daraus, Euch auf dem Bett liegend anzutreffen.« »Ich kann nicht sagen«, erwiderte Elbenstein, »daß mir der geringste Appetit zum Schlafen angekommen wäre, sondern ich habe meine Zeit mit vergnügten Gedanken zugebracht über meine glückselige Gefangenschaft.« »Nein, mein Engel«, versetzte sie, »Ihr seid kein Gefangener, sondern ich bin eine Sklavin Eurer Liebe.« Indem sie nun dieses mit einer besonders zärtlichen Miene vorbrachte, konnte sich Elbenstein nicht enthalten, sie etlichemal auf den Mund zu küssen, welche Gefälligkeit sie beständig erwiderte, endlich aber bat, daß er nunmehr mit in ihr Zimmer gehen möchte. Er gehorsamte, und sie setzten sich beide in bequeme Stühle neben den Konfekttisch; da denn die Dame, nachdem sie ihn gebeten, nach Belieben Konfekt und Wein zu genießen, also zu reden anfing. »Mein Auserwählter! Ich habe Eure Treue und Redlichkeit über die Gebühr probiert und dieselbe in größter Vollkommenheit befunden. Nunmehr nehme ich mir auch kein Bedenken mehr, Euch mein ganzes Herz zu offenbaren, meinen Stand aufrichtig zu entdecken und meine Lebensgeschichte ausführlich zu erzählen. Ich bin eine geborene Prinzessin aus dem Hause P.* und die Jüngste unter meinen Geschwistern. Auf künftigen Dienstag ist mein Geburtstag, da ich in mein zwanzigstes Jahr trete. Meine Eltern haben mich zwar als ihr jüngstes Kind jederzeit am allerzärtlichsten geliebt, jedoch auch in der Erziehung ziemlich scharf gehalten und wenig müßiggehen lassen, wiewohl sie mir auch dabei alle zulässigen Ergötzlichkeiten erlaubt und mich, weil ich mich in allen Stücken selbst sehr zu moderieren wußte, nicht so streng traktiert, wie sonst unsere Landsleute ihre Weiber und Töchter zu traktieren pflegen. Ich war ungefähr vierzehn Jahre alt worden, als ein kaiserlicher Graf an unseren Hof kam, welcher vielleicht mit meinem Herrn Vater einige Heimlichkeiten zu überlegen haben mochte. Dieser hatte seinen Sohn bei sich, welcher in Wahrheit ein vollkommen artiger Kavalier, nicht allein von Person und Gesicht, sondern auch von Sitten war. Ich kann nicht leugnen, daß seine artige und geschickte Aufführung in meinem Herzen eine solche Regung erweckte, die ich damals noch nicht zu nennen, viel weniger deren Folgerungen zu erraten wußte; nunmehr aber weiß ich wohl, daß es das Ding ist, welches man die Liebe nennt. Kurz zu sagen, der artige junge Graf kam mir gar nicht aus den Gedanken, vielmehr präsentierte sich sein Bildnis stets vor meinen Augen. Ich merkte zwar bei allen Gelegenheiten, daß er seine Augen jederzeit mehr auf mich, als auf andere Gesichter gerichtet hatte, wünschte auch, daß ich nur dann und wann einige Minuten im Vertrauen hätte mit ihm sprechen mögen; allein, zu meinem Unglück hatten sich meine beiden älteren Schwestern auch alle beide in den schönen jungen Grafen von H.* verliebt, welches ich sehr zeitig merkte, also mich, weil ich sozusagen noch ein Kind war, nicht bloßgab, sondern zurückhielt. Wenn ich sah, daß sie sich zwangen und drängten, um ihn zu sein, ging ich zurück, und wenn ich hernach hörte, daß sie sich miteinander zankten, wenn er einer (ihren Gedanken nach) mehr Höflichkeit erwiesen hatte als der anderen, so hatte ich zwar darüber eine innigliche Freude, seufzte aber auch insgeheim und ließ mich gegen keine etwas davon merken, daß ich ebensowohl als wie sie beide in den jungen Grafen verliebt wäre. Es kam die Zeit, daß mein Herr Vater seinen Geburtstag zelebrierte, deswegen viele hohe und vornehme Standespersonen zu Gast lud und ein herrliches Fest gab, sonderlich aber dem alten Grafen von H.* zu Gefallen. Hier fügte es sich von ungefähr, daß der junge Graf mich, die eben die nächste bei ihm war, zum Tanz aufforderte. Ich entschuldigte mich mit lachendem Munde, jedoch auch mit einer etwas nachdenkenswürdigen Miene damit, wie es nicht Sitte in diesem Lande wäre, daß man die Jüngste den Älteren vorzöge, wollte deswegen bei meinen Schwestern keine Eifersucht erwecken, sondern ihn erst an selbige gewiesen haben; hernach bäte ich mir die Ehre aus, von seiner Höflichkeit zu profitieren. Er stand, als ob er durch diese meine Worte vom Donner gerührt wäre, und es war gut, daß eben ein Wachslicht von ungefähr vom Wandleuchter herunter und einer Dame in das hinten aufgesteckte Kleid fiel, auch dasselbe sogleich anzündete, weswegen auf dem ganzen Tanzplatz ein Lärmen entstand. Jedoch der Schrecken war bei allen größer als der Schaden, mein junger Graf aber war unter der Zeit verschwunden, und da bald nach ihm gefragt wurde, hörte man, daß er sich wegen einer zugestoßenen kleinen Unpäßlichkeit hätte in sein Zimmer bringen lassen. Ich sollte es fast merken, daß dieses eine verstellte Krankheit wäre, und deswegen prognostizierte ich mir daraus etwas Gutes für meine Liebe. Jedoch weil mir auch bange wurde, daß er sich meinetwegen im Ernst möchte alteriert haben und krank worden sein, so verging mir aller Appetit zum Tanzen, ich klagte demnach meiner Mama, daß mir sehr übel wäre, weil mich das Mädchen zu fest geschnürt, ging deswegen mit ihrer Erlaubnis zu Bett, konnte aber fast die ganze Nacht nicht schlafen, weil ich immer besorgte, der artige Graf könnte doch wohl wirklich krank worden sein. Demnach seufzte ich fast beständig und warf mich im Bett herum; da aber auch bei Anbruch des Tages noch kein Schlaf in meine Augen kommen wollte, sagte meine Wächterin (eben diese Frau, welche uns heute bei Tisch bedient hat und deren Brust ich gesogen, die auch seit der Zeit beständig sozusagen meine Hofmeisterin geblieben ist): ›Kind! Sagt mir, was fehlt Euch?‹ ›Ich weiß es selbst nicht‹, war meine Antwort. ›Eröffnet mir‹, redete sie weiter fort, ›was Euch ängstigt, vielleicht kann ich Euch Rat schaffen.« ›Ach!‹ sagte ich, ›krank bin ich, aber ich kenne meine Krankheit nicht.‹ Sie lachte über meine Reden und sprach: ›Den neuen Mond habt ihr nunmehr dreimal ritterlich überwunden, und zwar erst noch vor wenigen Tagen, allein, ich sterbe darauf, Ihr seid verliebt; sagt mir nur, wen Ihr liebt, ich will Euch Hilfe schaffen.‹ Weil ich nun wußte, daß Olympia (so heißt diese meine Amme) mich so sehr liebte als ihre Seele, nahm ich mir kein Bedenken, ihr mein Herz zu offenbaren. ›Ist das nicht ein Wunder!‹ sagte hierauf Olympia, ›warum könnt Ihr doch nur so heimlich sein; sorgt für nichts, denn wenn Eure beiden Schwestern alle ihre Schönheit zusammenspielen und noch zehnmal mehr dazuborgen oder kaufen, so kommen sie der Eurigen doch nicht bei. Laßt mich sorgen, ich habe längst gemerkt, daß der junge Graf Euch weit höher als sie beide schätzet, nur Euer allzustilles Wesen hat ihn abgeschreckt, Euch eine Liebeserklärung zu tun, zumal da er auch fast nicht die geringste Gelegenheit dazu gehabt. Schlaft nur, schlaft ein wenig, und laßt mich sorgen.‹ Es waren diese Reden sehr tröstlich für mich, weswegen ich auch wirklich einschlief und etliche Stunden sehr wohl ruhte. Da ich aber gegen Mittag kaum aufgewacht war, sagte meine Amme: ›Seht! Nicht allein ich, sondern der Himmel selbst sorgt für Euer Vergnügen, denn da ich auf der Gallerie herum spazierengehe und Grillen mache, wie ich es klug genug anfangen will, an den jungen Grafen zu kommen, welcher mir, wie ich nicht leugnen kann, bisher schon verschiedene vortreffliche Präsente gemacht hat, kommt dessen Bedienter, bringt mir einen Beutel nebst zwölf Zecchinen, mit inständigster Bitte, Euch, mein Kind, im Namen seines Herrn diesen Brief einzuliefern.‹« Unter diesen Reden stand die Dame auf, langte aus ihrer Schatulle einen Brief und reichte ihn Elbenstein, welcher denselben also gesetzt befand: Allerschönste Prinzessin! Eurer Durchlaucht gestrige Reden haben mein Gemüt auf der Stelle in eine solche schmerzensvolle Betrübnis gesetzt, daß ich eine andere Unpäßlichkeit simulieren mußte, um nur von anderen vergnügten Personen hinwegzukommen. Da ich aber, noch ehe ich mich zur Ruhe gelegt hatte, erfuhr, daß Eure Durchlaucht einer plötzlich zugestoßenen Maladie wegen sich in Dero Appartement begeben hätten, wußte ich mich vollends nicht zufassen. Die ganze Nacht hindurch ist kein Schlaf in meine Augen gekommen, sondern ich habe beständig den Himmel um die Wiederherstellung Dero höchstkostbaren Gesundheit angefleht. Ach! Darf denn Dero Knecht eine untertänigste Anfrage tun: Ob es heute besser mit Ihnen ist? Und wollen Dieselben meiner Freimütigkeit Pardon geben, da ich mich nicht getraue zu sagen, wo selbige herrührt. Sie sind viel zu leutselig, durchlauchte Prinzessin, als daß Sie mich dieser Kühnheit wegen zum Tode verurteilen sollten, ist aber Seiten meiner dennoch ein Verbrechen vorgegangen, so bittet, daß er kniend Vergebung suchen darf, durchlauchte Prinzessin, Derogetreuester H.* Als Elbenstein der Dame den Brief mit einem höflichen Kompliment wieder zurückgegeben, fuhr selbige in Erzählung ihrer Geschichte also fort: »Der Inhalt des Briefes war mir, wie ich nicht leugnen kann, sehr angenehm, allein sobald ich ihn gelesen, schrie ich: ›Olympia! Ihr wollt mich zu einer Närrin machen! Nimmermehr hat der junge Graf diesen Brief geschrieben, sondern Ihr habt denselben durch jemand anderes schreiben lassen, um mir einen blauen Dunst vor die Augen und mich nur wieder gesund zu machen.‹ Da aber Olympia so gar teure Schwüre tat, dergleichen ich noch niemals von ihr gehört, gab ich ihr endlich Glauben, überlas den Brief noch etlichemal, mußte aber denselben plötzlich unter das Bett stecken, weil meine Frau Mutter mich zu besuchen ankam. Es geriet mir zum besonderen Vergnügen, daß sie sich diesmal nicht lange bei mir aufhielt, sondern nur erinnerte, daß ich im Bett bleiben, mich fein warm halten und fleißig Arznei gebrauchen sollte, der Olympia aber zu verstehen gab, daß sie sich auf ihre gute Vorsorge verließe. Meine Frau Mutter war kaum zur Tür hinaus, als Olympia sagte: ›Ja, mein Kind! Wenn wir nur den rechten Doktor herbitten dürften! Allein, wollt Ihr denn dem schönen Grafen nicht mit ein paar Zeilen antworten?‹ Ich stand lange bei mir an, ob ich es auf den ersten Brief schriftlich tun wollte oder nicht? Doch endlich, weil mir Olympia gar zu beweglich zuredete, machte ich mich aus dem Bette, und schrieb folgende Zeilen!« Dieses Konzept langte sie auch aus der Schatulle und gab es Elbenstein zu lesen. Es lautete also: Werter Herr Graf! Ich bedaure sehr, daß ich eine Ursache Ihrer schmerzlichen Betrübnis und der daraus entstandenen Unpäßlichkeit sein oder wenigstens so heißen soll. Da ich aber viel zu gewissenhaft, jemanden unruhig zu machen, so bedaure ich von Herzen, daß Sie nicht ruhig schlafen können. Vielleicht sinds andere Ursachen, als Sie angeführt haben. Inmittels bin sehr verbunden für Dero gütiges Mitleid, welches Sie mit meiner Schwachheit gehabt, wünsche Ihnen baldige vollkommene Besserung, mit mir ist es jetzt ziemlich leidlich. Dero Zuschrift ist mir nicht unangenehm gewesen, die letzteren Zeilen darin aber sind so stilisiert, daß ich nicht wohl darauf zu antworten weiß. Inmittels werde jederzeit sein, werter Herr Graf, Dero gute Freundin. »Olympia las dieses Antwortschreiben durch, und sagte darauf: ›Da ist wenig Zucker drin.‹ ›Ich bin keine Zuckerkrämerin‹, war meine Antwort, ›soll es besser sein, so schreibt es selbst, aber nicht in meinem Namen.‹ Hiermit legte ich mich wieder ins Bett und schlief, in Wahrheit, noch ganze drei Stunden hintereinander weg. Unter der Zeit hatte Olympia dem Bedienten des jungen Grafen meinen Brief zugestellt, welchen dieser letztere mit ungemeinem Vergnügen empfangen und unzählige Male geküßt, wie er mir solches nachher selbst erzählt hat. Er ging zwei Tage hernach schon wieder aus, ich aber befand mich im Ernst dergestalt matt, daß ich es noch nicht wagen durfte, mich aus meinem Zimmer zu begeben, brachte auch die meiste Zeit auf dem Bett zu, und was das schlimmste war, so kam des nachts fast gar kein Schlaf in meine Augen. Da ich aber einst um die Mitternachtszeit kaum eine Stunde etwas fest geschlafen, hatte mittlerweile Olympia den Hazard begangen und den jungen Grafen in mein Zimmer praktiziert, welcher, da ich mich ermunterte, vor meinem Bett niederkniete und mit herzbrechenden Worten seiner Kühnheit wegen um Pardon bat, wozu ihn, wie er vorgab, nichts anderes als die heftige Liebe verleitet hätte. Ich wäre vor Schrecken des Todes gewesen, wenn nicht Olympia mir zu Füßen auf dem Bett gesessen hätte. Anfänglich wußte ich nicht, was ich antworten sollte; da aber der Graf in solcher Positur liegen blieb und mir einmal über das andere die Hand küßte, welches ich vor Verwirrung fast erst nicht gewahr worden, gab ich ihm eine Reprimande, welche doch weit stärker gewesen wäre, wenn ich ihn nicht so heftig geliebt hätte. Endlich bat ich ihn, aufzustehen und sich auf den bei meinem Bett stehenden Sessel neben mich niederzulassen. Wir redeten erst von gleichgültigen Dingen, sobald aber der Graf merkte, daß Olympia, die sich nachher in einen Schlafstuhl gesetzt, etwas eingeschlummert war, faßte er sich ein Herz, mit den schmeichelhaftesten Worten mir seine gegen mich tragende heftige Liebe zu entdecken. Anfänglich wollte ich zwar von dem Affekt der Liebe weder wissen noch hören, allein, er wußte mir denselben dergestalt annehmlich einzuflößen, daß ich endlich versprach, ihn nicht allein ewig zu lieben, sondern auch, wenn es mit Bewilligung meiner Eltern geschehen könnte, mich mit ihm zu vermählen. Hierbei erlaubte ich ihm auch, meinen Mund und Brust zu küssen, und kann versichern, daß er, außer meinen Blutsfreunden, die erste Mannesperson gewesen, die mich geküßt hat. Wir schwuren also bei dieser erstlichen nächtlichen Zusammenkunft einander ewig feste Treue, beredeten uns aber auch, unser Verbündnis noch eine Zeitlang verborgen zu halten, bis wir sähen, was die künftigen Zeiten mit sich brächten. Wir haben nachher manche schöne Nacht miteinander zugebracht und öfters die schönste Gelegenheit gehabt, uns vollkommen zu vergnügen, allein es ist bei den bloßen Küssen geblieben und weiter nichts vorgegangen, denn wir liebten einander recht von Herzen, befürchteten deswegen, wenn wir unseren Affekten den vollen Zügel schießen ließen, üble Folgen, wollten also lieber warten, bis wir Recht und Macht dazu hätten. Mittlerweile, ob wir gleich täglich miteinander in Gesellschaft waren, konnte doch niemand leicht merken, daß wir einander so stark liebten, und obgleich der junge Graf mir, so wie ich ihm, mit aller ersinnlichen Höflichkeit begegnete, so gedachte doch niemand daran, daß die Liebe darunter verborgen wäre. Meine älteste Schwester hingegen konnte ihre Flammen unmöglich verbergen, sondern gab sich gewaltig bloß, daß der junge Graf das einzige Ziel ihrer Begierden wäre. Bald hernach besuchte der alte Graf eines Morgens seinen Sohn in dessen Zimmer und eröffnete ihm, wie er mit meinem Herrn Vater verabredet habe, zwischen ihm, dem jungen Grafen, und meiner ältesten Schwester eine Heirat zu stiften. Der junge Graf erschrickt und wird so blaß als eine Leiche, kann auch kein Wort antworten, weswegen ihm sein Herr Vater freundlich zuredet und um die Ursache seiner Verwirrung fragt. Dieser faßt sich ein Herz und bekennt freimütig, daß es die älteste Prinzessin nicht wäre, welche er vollkommen lieben könnte, mit der jüngsten aber versicherte er sich die allervergnügteste Ehe auf der Welt zu führen, glaubte auch gewiß, daß ihm dieselbe ihr Herz nicht versagen würde. Sein Herr Vater redet ihm zu und preist die starken Vorzüge, welche die Älteste in diesen und jenen Stücken vor den beiden jüngeren Schwestern hätte; allein, da der junge Graf auf seinem Sinn blieb und sagte, daß er die Jüngste lieber mit einem schlechten Rittergut als die Älteste mit einem ganzen Fürstentum haben möchte, spricht sein Herr Vater: ›Es ist gut und mir gleichviel, ich will sehen, was ich bei dem Fürsten ausrichten kann, ob er Euch die Jüngste vor der Ältesten geben will, glaube aber schwerlich, daß er dahin zu disponieren sein wird. Unterdessen aber möchte ich wegen unseres Kaisers Interesse gar zu gern mit diesem fürstlichen Hause nahe verwandt sein.‹ Hiermit geht der alte Graf wieder fort und direkt zu meinem Herrn Vater, welchem er die ganze Sache unfehlbar vorgetragen haben mag, was sie aber miteinander gesprochen, weiß ich nicht, sondern bemerkte nur mittags bei der Tafel, daß mein Herr Vater, Frau Mutter, meine ältesten Schwestern, der alte und junge Graf insgesamt nicht wohlaufgeräumt waren, absonderlich bekam ich von meiner ältesten Schwester zum öfteren solche Mienen, als ob sie mich zu ermorden gesonnen sei. Meine mittelste Schwester und ich, welche von der ganzen Intrige ganz und gar nichts wußten, führten uns zwar eben nicht allzu still auf, brauchten aber doch bei der Freimütigkeit einige Behutsamkeit, um unseren Eltern nicht mißfällig zu werden. Nach der Tafel gab mir meine Frau Mutter einen Wink, ihr in ihr Zimmer zu folgen, da sie mich denn folgendermaßen anredete : ›Ihr wißt, daß Ihr mein liebstes Kind seid, sonderlich Eurer Aufrichtigkeit wegen, darum, wollt Ihr in diesem Kredit bleiben, bekennt mir jetzt die Wahrheit frei und offenherzig und sagt mir: Habt Ihr Euch mit dem jungen Grafen von H.* in ein Liebesverständnis eingelassen?‹ ›Ich kann nicht leugnen‹, war meine freimütige Antwort, ›daß er mir zu verschiedenen Malen beim Spazierengehen im Garten oder auch sonst bei Lustbarkeiten, wenn wir etwa allein an einem Fenster gestanden oder sonst von niemandem behorcht werden können, seine Liebe angetragen, jedoch allezeit auf eine honette und redliche Art. Worauf ich ihm endlich, nachdem er viele süße Worte verschwendet, zur Antwort gegeben, daß ich an seiner Person, Stand und Wesen nichts auszusetzen hätte und wohl wünschen möchte, mit ihm vermählt zu werden, allein, da ich noch unter der Gewalt meiner durchlauchten Eltern stünde, müßte ich alles deren Disposition anheimstellen.‹ ›So liebt Ihr doch den jungen Grafen im Ernst?‹, fragte meine Mutter weiter. ›Ich kann es nicht leugnen«, war meine Antwort, ›daß ich ihn liebe, denn er ists wert, und wenn ich ja heiraten sollte, wollte ich mir diesen erwählen oder gar keinen.‹ ›Es ist gut‹, sagte meine Mutter, ›geht nur in Euer Zimmer.‹ Sie sah zwar eben nicht zornig aus, jedoch merkte ich, daß ihr der Kopf nicht recht stand, weswegen ich mich alsbald in mein Zimmer retirierte, auch abends nicht zur Tafel kam, doch hatte ich das Vergnügen, daß mir der junge Graf abermals um Mitternachtszeit von der Olympia zugeführt wurde. Wir hielten alle drei geheimen Rat, bis fast der Tag angebrochen, kamen aber zu keinem anderen Schluß, als erst mit Gelassenheit abzuwarten, was weiter passieren würde. Hierauf retirierte sich der junge Graf, ich aber legte mich zur Ruhe, hatte jedoch kaum zwei Stunden geschlafen, als meine Frau Mutter melden ließ, wie mein Herr Vater den beiden Grafen zu Gefallen eine Lustbarkeit und Fischerei auf dem einen unserer Landgüter angestellt, wobei sowohl sie als meine Schwestern und ich auch gegenwärtig sein sollten, deswegen möchte ich mich eiligst ankleiden, damit ich nebst der Olympia in ihrem Wagen mitfahren könnte. Ich eilte mich, so sehr ich konnte, und traf, als ich mich zu meiner Frau Mutter in den Wagen setzen wollte, die Mannespersonen alle zu Pferde, meine beiden Schwestern aber mit ihren Kammerfräuleins bereits in einem anderen Wagen sitzend an. Unser Wagen fuhr voraus; da wir aber kaum eine Stunde gekutscht hatten, stieß meiner Frau Mutter eine kleine Übelkeit zu, welche sie meinem Herrn Vater melden und dabei um Erlaubnis bitten ließ, in das etwa einen Steinwurf weit von der Straße gelegene Kloster zu fahren, um sich von der Äbtissin daselbst, welche unsere gute Freundin war, etwas Arznei eingeben zu lassen; sie hoffte dabei, die Gesellschaft noch zu rechter Zeit einzuholen. Mein Herr Vater kam selbst an den Wagen geritten und bat, keinen Augenblick zu versäumen, um das Kloster zu erreichen, damit wir, wenn es sich gebessert, noch vor der Mittagsmahlzeit auf dem Lustschlosse eintreffen könnten. Wir fuhren also aufs allerschnellste nach dem Kloster zu, allwo wir von der Äbtissin aufs allerfreundlichste bewillkommnet wurden, welche auch, da sie vernahm, daß meiner Frau Mutter nicht wohl wäre, derselben sogleich Arznei eingab und derselben riet, sich wenigstens eine halbe Stunde auf ein Faulbett niederzulegen, da denn ihre Kammerfrau und eine alte Nonne bei ihr blieben, ich aber und die Olympia wurden in ein besonderes Zimmer geführt und aufs herrlichste bewirtet. Der Zufall meiner Frau Mutter verschlimmerte sich ihrem Vorgeben nach, und als ich nach der Mittagsmahlzeit sie besuchte, sprach dieselbe zu mir: ›Mein Kind! Ich befinde mich nicht im Stande, den Lustbarkeiten mit beizuwohnen, wollt Ihr nun mit der Olympia dahin fahren oder lieber bei mir bleiben?‹ Die kindliche Liebe reizte mich also zu der Erklärung, daß ich schlechte Lust haben würde, wenn ich sie krank zurückließe, wollte deswegen alle Lust gern entbehren und bei ihr verbleiben. ›Nun‹, sagte sie, ›so macht Euch denn heute ein Vergnügen mit den schönen Nonnen in diesem vortrefflichen Kloster, es wird ja, ehe es Morgen wird, besser mit mir werden, denn ich merke, es ist einer von meinen gewöhnlichen Zufällen, welche von keiner langen Dauer sein!‹ Weil sich nun meine Frau Mutter etwas schläfrig stellte, wollte ich ihr nicht hinderlich sein, sondern folgte vielmehr ihrem Rat und begab mich zu den Nonnen, welche mir allerhand abwechselndes Vergnügen mit Musik, allerlei Lustspielen und Spazierengehen im Garten machten, so daß mir dieser Tag unvermerkt unter den Händen wegging und ich abends, da ich meine Mutter noch erst besuchen wollte, erfahren mußte, daß sie bereits eingeschlafen und hätte sich den Abend fast vollkommen frisch und gesund befunden. Ich legte mich also auch zur Ruhe; frühmorgens aber, da ich erwachte, reichte mir Olympia ein versiegeltes Billett, welches meine Frau Mutter durch eine Nonne an mich geschickt, dessen tröstlichen Inhalt ich also gesetzt befand: Mein liebstes Kind! Ihr habt Euch ein wenig allzufrüh von der Liebe überwinden lassen, welches Euren durchlauchten Herrn Vater und mich selbst nicht wenig verdrießlich gemacht. Deswegen haben wir fürs ratsamste zu sein erachtet, Euch an diesen verwahrten Ort unter die Aufsicht unserer werten Freundin, der Äbtissin, zu bringen; Ihr werdet auch nicht von dannen herauskommen, bis Eure beiden älteren Schwestern verheiratet sind. Not werdet Ihr nicht leiden, sondern standesmäßig traktiert werden, auch solche angenehme Divertissements zu genießen haben, wobei Ihr die Liebes- und Heiratsgedanken vielleicht vergessen könnt. Ich bitte von nun an den Himmel, daß er Euch andere Gedanken und die Lust einflößen möge, Eure ganze Lebenszeit in diesem schönen Kloster zuzubringen, weil darin weit vortrefflichere Vergnügen zu finden, als außerhalb desselben in der wollüstigen Welt. Dem Fleisch wird es zwar anfänglich etwas sauer ankommen, nachgerade aber werdet Ihr den wirklichen Vorschmack der himmlischen Ergötzlichkeiten darin finden. Ich bin heute früh mit anbrechendem Tag, Gott Lob gesund, von hier ab- und nach Hause gereist, werde Euch aber mit nächstem wieder besuchen. In sicherer Hoffnung, daß Ihr Euch als eine gehorsame Tochter dem Willen Eurer Eltern ohne Murren unterwerfen werdet, beharre Eure jederzeit getreue Mutter. Ich kann nicht leugnen, daß mich das Verfahren und der listig gespielte Streich von meiner Frau Mutter dergestalt heftig verdroß, daß ich in die Lippen biß und das Blatt in meinen Händen zu einer Kugel machte. Olympia, welche so wenig als ich an dergleichen Händel gedacht hatte, erschrak recht über mein Beginnen und sagte: ›Behüte Gott, Kind! Was heißt das?‹ ›Das heißt‹, gab ich zur Antwort, ›wir sind alle beide Gefangene, meine Schwestern sollen alle beide Männer haben, ich aber eine Nonne werden, da mir doch nimmermehr, sonderlich durch Zwang, Nonnenfleisch wachsen soll!‹ Olympia wurde ebenfalls bestürzt, zumal ihr das Hofleben, ungeachtet sie meine Mutter sein können, dennoch weit anständiger war als das Klosterleben. Ich gab ihr den Brief zu lesen, worauf sie zu mir sprach: ›Wenn man uns so listigerweise hintergehen will, müssen wir auf eine Gegenlist bedacht sein; laßt mich nur machen, mein Kind, was ich will, und folgt in allen Stücken meinem Rat. Vor allen Dingen müßt Ihr Euch anstellen, als ob Euch nichts angenehmer auf der Welt wäre als das Klosterleben, damit wir nur desto mehr Freiheit behalten und in Zukunft erlangen; mittlerweile will ich schon Gelegenheit finden, dem jungen Grafen Briefe zuzubringen, und wenn kein anderes Mittel helfen will, so soll er uns alle beide entführen.‹ ›Was würde‹, war meine Gegenrede, ›dem jungen Grafen mit einer Prinzessin ohne das geringste Heiratsgut gedient sein.‹ ›Fürs erste‹, replizierte Olympia, ›bin ich versichert, daß der junge Graf aus allzuheftiger Liebe bloß auf Eure Person sieht, und fürs andere, wenn wir erst in Sicherheit gebracht sind, werden sich Eure Eltern schon zum Ziele legen müssen.‹ Auf diese Reden blieb ich etwas in Gedanken vertieft, ließ mich aber ankleiden, und da solches kaum geschehen, ließ sich die Äbtissin bei mir melden. Ich ließ zurücksagen, daß mir ihre Visite sehr angenehm sein würde, nahm auch unterdessen auf Einraten der Olympia eine recht fröhliche Miene an und empfing die Äbtissin, wider ihr Vermuten, auf eine recht lustige Art. Sie trank mit mir Tee und konnte nicht lange hinter dem Berg halten, sondern fragte bald, was mir meine Frau Mutter geschrieben. Ich gab ihr ganz freimütig zur Antwort: ›Dieses, daß sie, meine durchlauchten Eltern, mich zum Klosterleben bestimmt haben, hiermit tun sie mir nicht den geringsten Tort, weil ich von Jugend auf in meinem Herzen weit stärkeren Appetit zum Klosterleben als zum Heiraten verspürt, nur dieses ist mir einigermaßen empfindlich gewesen, daß sie mich listigerweise hereingebracht; jedoch ist es schon vergessen und vergeben, denn es sind meine Eltern. Leugnen kann ich nicht, daß der junge Graf von H.* mein Herz gewaltig bestürmt, ihn zu lieben, muß auch gestehen, daß ich ihm sehr gewogen bin, jedoch weil meine durchlauchten Eltern eine eheliche Verbindung mit ihm nicht für genehm halten, kann ich mir seine Person und alle Liebesgedanken ohne besonderen Kummer aus dem Sinn schlagen; ich glaube, er wird es auch mit leichter Mühe tun, weil wir sehr wenige und kurze Zeit miteinander umgegangen sind, zumalen wenn er mich nicht mehr sieht.‹ Die Äbtissin erstaunte über meine Gelassenheit, indem sie sich vorher eingebildet, daß sie mich in größter Verwirrung antreffen würde. Deswegen lobte sie meinen Vorsatz, in Meinung, daß sie mit der Zeit eine der vollkommensten Nonnen aus mir ziehen würde. Ich wurde aufs propreste traktiert und bedient, hatte auch in Wahrheit fast vergnügteren Zeitvertreib als an unserem Hof, bei welchem, wenn keine Fremden da waren, alles ganz still zuging. Unterdessen, ob ich meine Affekte gleich ungemein verbergen konnte, merkte ich dennoch bei mir selbst, daß ich den jungen Grafen, da ich das Glück nicht mehr hatte, ihn zu sehen, nunmehr erst recht vollkommen liebte. Olympia hatte, ehe fünf oder sechs Tage vergingen, des Klostergärtners Frau mittels einiger kleiner Geschenke schon vollkommen auf ihre Seite gebracht, also beredete sie mich, daß ich folgenden Brief an den jungen Grafen aufsetzte: Mein liebster Graf! Das Verhängnis hat nicht gewollt, daß unsere Liebe und geschworene Treue zur Vollkommenheit gedeihen sollen, deswegen hat es mich als eine Gefangene zwischen die Klostermauern geführt, ob ich nun gleich eben noch keinen besonderen Appetit zu dieser Lebensart bei mir verspüre, so sehe mich doch gezwungen, dem Verhängnisse stillzuhalten. Vielleicht gibt mir der Himmel in Zukunft andere Gedanken ein, daß mir die Einsamkeit etwas süßer vorkommt. Ihnen hergegen wünsche ich alles vollkommene Vergnügen und glaube, daß sie selbiges bei einer von meinen Schwestern schon finden werden, weil das Glück mir abgünstig ist, Ihnen zuteil zu werden, da ich mir doch schon im Geist vorgebildet, bei Ihnen und Ihrer Gesellschaft ein Himmelreich auf Erden zu finden. Es steht Ihnen frei, fernerweit an mich zu denken oder mich gänzlich zu vergessen, ich aber werde dennoch Ihre liebste Person sehr öfters in Gedanken küssen, mein unglückliches Schicksal in der Stille beklagen und auch in der Einsamkeit verbleiben, mein liebster Graf, Dero getreue Freundin. Olympia approbierte dieses Schreiben, hatte aber wider mein Wissen noch eins von ihrer Hand beigelegt, dessen Inhalt ich nicht ausführlich weiß; es würde auch nur viel zu weitläufig fallen, alle Umstände zu erzählen, deswegen will mich der Kürze befleißigen. Mein Herr Vater bleibt ganze acht Tage mit seinen Gästen und meinen Schwestern auf dem Lustschlosse, wo sie sich bald mit Jagen, bald mit Fischereien, bald auf andere Art die Zeit passieren. Meine Frau Mutter aber schickt einen Expressen dahin und läßt melden, daß zwar sie für ihre Person von der zugestoßenen Maladie wieder genesen, hergegen hätte ich einen desto gefährlicheren Zufall bekommen, so daß sie einen Medicus holen und mich unter der Aufsicht der Äbtissin im Kloster zurücklassen müssen. Sie aber hätte sich, um in der Nähe zu sein, wieder auf die gewöhnliche Residenz begeben. Der junge Graf glaubt dieses und ist meiner Maladie wegen sehr bekümmert; noch selbigen Abends aber, da er mit den Meinigen in unserem Residenzschlosse eingetroffen, werden ihm durch die listige Klostergärtnerin meine und Olympiens Briefe zupraktiziert, welcher er zu warten befehlen läßt und noch selbige Nacht folgende Antwortzeilen an mich zurückschreibt: Durchlauchtigste Prinzessin, aller angenehmste Beherrscherin meines Herzens! Die erste Nachricht, daß Dieselben im Kloster von einer neuen Unpäßlichkeit überfallen worden, hat in meiner Brust eine solche schmerzliche Bangigkeit erweckt, daß ich fast nicht zu bleiben gewußt, mithin an den angestellten Lustbarkeiten den allergeringsten Teil nehmen können. In was für jämmerliche Bestürzung ich aber vollends durch Euer Durchlaucht an mich abgelassenes Schreiben gesetzt worden, kann kein Mensch begreifen, als ein solcher, der einstmals so heftig liebte, als ich Sie, meine Göttin, liebe. Nimmermehr ist es ein himmlisches Geschick zu nennen, daß Dero allerschönster Körper in den Klostermauern eingeschlossen sein soll! Sondern das ganze Werk ist von Neid und Mißgunst angesponnen worden. Dero durchlauchte Eltern wollen mir von ihren Prinzessinnen keine andere als die Älteste geben, allein, ob ich gleich an derselben Schönheit nichts auszusetzen habe, so bemerke doch, daß ihre Gemütsbeschaffenheit mit der meinigen nicht übereinstimmt. Demnach wäre keine gewissere Folgerung zu hoffen, als eine unvergnügte Ehe. Sind aber Eure Durchlaucht noch gesonnen, mir, Dero getreuestem Knecht, das getane Versprechen zu halten, so ist zu unserer Vereinigung kein anderes Mittel mehr übrig, als daß ich Anstalten mache, Dieselben aus dem Kloster zu entführen. Es wird der Frau Olympia an guten Einschlägen nicht ermangeln, und meine Veranstaltungen sollen auch schon so eingerichtet werden, daß an einem glücklichen Ausgang der Sache nichts fehlt. Sind wir nur einmal auf kaiserlichem Grund und Boden, so wird unsere Sache bald gutgemacht werden, weil mein Herr Vater bei Ihro kaiserlichen Majestät in besonderen Gnaden steht, mithin Dero durchlauchten Eltern unseres vermeintlich begangenen Verbrechens halber gar leichtlich können ausgesöhnt werden. Eure Durchlaucht bitte aus untertänigst-getreuester Liebe, sich die Sache nicht zu schwer vorzustellen, sondern wenn dieselben mein Ihnen einzig und allein gewidmetes Leben erhalten wollen, diesen Vorschlag einzugehen und mir, je eher, je lieber, Zeit, Ort und Gelegenheit zu bestimmen, da ich denn unter dem Vorwand, mit Erlaubnis meines Herrn Vaters eine Reise nach Vicenza zu tun, nachher binnen wenigen Tagen dieses Dessein mit Beihilfe des Himmels glücklich auszuführen verhoffe, Dero überirdische Person in Freiheit und Sicherheit zu bringen, denn ich sonst ohne dieselbe als der allerunglückseligste und allerunvergnügteste Mensch leben müßte, wenn nicht der barmherzige Himmel mich durch einen baldigen Tod von der Welt abforderte. Ich wünsche, daß die Liebe bei Ihnen einen Vorspruch meinetwegen tun möge und beharre bis ins Grab, Euer Durchlaucht meiner himmlischen Prinzessin ewig Getreuer H.* Ich war schwer an diese Sache zu bringen, weil jedoch nicht nur Olympia mir alles ganz leicht machte, sondern auch die große Liebe, die ich gegen den Grafen trug, mich anreizte, meine Person ihm in die Hände zu spielen, ward vermittels fernerem Briefwechsel die Sache dergestalt eingerichtet, daß der junge Graf mit einer zugemachten Chaise und guter Begleitung in einer dazu bestimmten Nacht außerhalb der Klostermauern, die gegen Abend stoßen, ankommen und sowohl mich als die Olympia hinwegholen sollte. Der Ausgang war uns sehr leicht, denn Olympia hatte die Schlüssel zu den großen eisernen Gartentüren durch den Gärtner in Wachs abdrücken und also Nachschlüssel verfertigen lassen. Wir kamen also eine Stunde nach Mitternacht glücklich hinaus, der Gärtner schloß hinter uns wieder zu, und wir trafen den jungen Grafen mit fünf anderen Personen und einem Wagen an, in welchen er mich nebst Olympien hob und schnell fortfahren ließ, er aber und seine Gefährten begleiteten den Wagen zu Pferde.« Bis hierher war die schöne Fürstin in ihrer Erzählung gekommen, als in dem Nebenzimmer das gewöhnliche Zeichen gegeben wurde, daß die Abendtafel zugerichtet wäre, weswegen sie Elbenstein umarmte und küßte, ihn hernach bei der Hand nahm und zur Tafel führte. Die zwei Stunden über, so sie bei derselben zubrachten, wurde von lauter indifferenten Dingen diskutiert, nachher, als die Tafel aufgehoben und sie noch etliche Gläser Wein miteinander getrunken hatten, sagte die Fürstin: »Ich befinde mich ganz schläfrig, werde mich also zur Ruhe begeben und Euch, mein Herr, dieselbe auch gönnen; Ihr werdet demnach in den angewiesenen Zimmern Eure Bequemlichkeit zu gebrauchen belieben, auch könnt Ihr Euch inwendig verriegeln, damit Ihr von niemandem gestört werdet, morgen früh sprechen wir einander weiter, da ich Euch dann die angefangene Historie vollends auserzählen will.« Hiermit machte sie ein Kompliment und wünschte ihm eine gute Nacht. Elbenstein küßte ihr, weil Olympia dabeistand, bloß allein die Hand, wünschte gleichfalls angenehme Ruhe und ging ganz bestürzt zurück, denn er wunderte sich ungemein, daß sie ihn nicht zu einem nächtlichen Zeitvertreib eingeladen hatte, endlich aber dachte er bei sich selbst: »Sie ist entweder im Ernst schläfrig, oder sie will dir, weil du keine Mittagsruhe gehalten, einmal eine ruhige Nacht gönnen, damit du die folgende desto besser wachen kannst; denn es ist ja unmöglich, daß sie so plötzlich kann auf dich erzürnt worden sein, da du mit keiner Miene Gelegenheit dazu gegeben. Jedoch«, dachte er weiter, »vielleicht ist sie gesonnen, mir von selbst eine Nachtvisite zu geben, allein was hatten denn solchergestalt die Worte zu bedeuten: »Ihr könnt Euch inwendig verriegeln, daß Ihr von niemandem gestört werdet.«? Er sann demnach in seinem Zimmer noch eine gute Zeit hin und her, endlich aber trank er noch einige Gläser Wein, klingelte den Stummen, daß sie ihn auskleiden hülfen, ging hernach in das Schlafzimmer und legte sich zur Ruhe. Ob er nun gleich die Tür, so in der Dame Zimmer ging, inwendig seinerseits nicht verriegelte, so hörte er doch im Niederlegen, daß dieselbe auf der anderen Seite entweder von der Olympia oder von der Fürstin selbst verriegelt, er aber in der Meinung gestärkt wurde, daß diese letztere wirklich Lust hätte, ruhig zu schlafen; also legte er sich auf die Seite, mit dem Gesicht nach der Wand zu, hinter welcher seiner Schönen Bett stand, und fing allmählich an einzuschlummern. Allein, er hatte kaum eine Viertelstunde gelegen, da es ihm vorkam, als ob hinter den Tapeten an der Wand etwas schnell hinauf in die Höhe führe, deswegen fuhr er auch im Bett auf. Indem öffneten sich die Tapeten, und er sah mit Verwunderung, wie die Dame aus ihrem Bett in das seinige getreten kam, sich sogleich an seine Seite legte, ihn in die Arme nahm und sagte: »Nein, mein Engel! So haben wir nicht gewettet, ich wollte dich nur probieren und einen kleinen Spaß machen, ein paar Stündchen mir noch die Zeit passieren, hernach kannst du morgen schlafen, solange als dir beliebt. Allein, ist dieses nicht eine herrliche Invention für ein paar Verliebte, ich habe heute den Anfang gemacht, morgen Nacht aber mußt du hinüber in mein Bett kommen, und also wollen wir wechseln, solange wir beisammen sind, damit keinem unter uns beiden zuviel geschieht.« Elbenstein eröffnete ihr die klare Wahrheit, wie er nämlich ganz verwirrt worden, da sie ihn so plötzlich dimittiert, und er hätte besorgt, es wäre eine Unpäßlichkeit daran schuld, oder sie hätte vielleicht gar, ungeachtet er sich nicht entsinnen können, einen wichtigen Fehler begangen zu haben, eine Ungnade auf ihn geworfen, weswegen ihm recht bange gewesen, daß er dieserwegen noch eine gute Zeit aufgeblieben wäre und allerhand Grillen gemacht hätte. Die Dame lachte hierüber und bat ihn um Verzeihung und kontestierte hoch und teuer, daß ihre Intention bloß allein gewesen wäre, einen Spaß zu machen; nachher aber gerieten sie auf ganz andere Gespräche, und diese Konferenz, welche nur ein paar Stündchen währen sollte, dauerte, bis der helle Tag anbrach, da denn dieser Nachtgeist wieder zurück in ihr Bett ging und die Falltür, welche recht künstlich in der Wand eingefaßt war, wieder herunterließ. Elbenstein aber verfiel sogleich in einen süßen Schlaf und verharrte darin bis gegen Mittag, da er aufstand und sein rotes Kleid anlegte, sich nach getrunkener Schokolade recht wohl befand und in seinem Zimmer abwartete, bis ihn die Fürstin zur Tafel abrufen ließ. Sie sah über sein Vermuten sehr frisch und munter aus und hatte diesen Tag ein himmelblaues Kleid an, welches nicht weniger kostbar war als das, welches sie den vorigen Tag angehabt hatte, auch bemerkte Elbenstein, daß ihr Schmuck zwar der Mode nach anders, allein dem Wert nach fast noch schätzbarer war als der gestrige. Sie brachten diesesmal nicht viel länger als eine Stunde Zeit bei der Tafel zu, denn weil sowohl sie als er viel Schokolade getrunken, war der Appetit zum Essen eben nicht gar stark. Nach der Tafel ging sie ihrer Gewohnheit nach eine gute Stunde mit ihm im Zimmer spazieren, hierauf aber mußte er sich neben sie in einen Schlafstuhl, der auf zwei Personen verfertigt war, setzen, da sie denn also zu reden anfing. »Ich muß Euch doch, mein Liebster, meine Begebenheiten vollends auserzählen. Als wir, wie gestern gemeldet, aus dem Kloster glücklich entwischt und morgens ungefähr drei Stunden nach Aufgang der Sonne schon eine ziemliche Anzahl italienischer Meilen zurückgelegt hatten, jedoch immer uns von der großen Heerstraße abgeschlagen hatten, wurden meine Begleiter gewahr, daß drei Personen hinter uns hergeritten kamen, weswegen der junge Graf mit drei der Seinigen hinter dem Wagen blieb, zwei aber mußten vorausreiten, denn das Herz mochte ihm schlagen, daß uns etwa möchte nachgesetzt werden; allein, die Furcht verschwand, da er bemerkte, daß dieselben taten, als ob sie gar nicht zusammengehörten, indem sie ganz weitläufig voneinander ritten und sich endlich bei einem Scheideweg gar teilten, so daß der eine seinen Weg rechter Hand nach dem Wald zu nahm, der andere linker Hand nach dem Gebirge, der dritte aber auf unserer Straße hinter uns herritt. Wir schlugen uns bald hernach ebenfalls linker Hand nach dem Gebirge zu, wo der Graf in einem Flecken, der diesseits eines mäßigen Flusses lag, frische Pferde bestellt hatte, die auch, sobald wir den Flecken erreichten, gleich parat standen. Unter der Zeit, da ausgespannt wurde, reichte der Graf mir und der Olympia zwei Stück frischgebackenen Kuchen und eine Bouteille Wein in den Wagen, ließ aber niemanden sehen, wer drinnen saß. Allein, o Himmel, da unsere ermüdeten Pferde zurückkehrten, kehrten auch die frischen zurück. Der Graf fragte, was die Possen bedeuten sollten? Allein, es gab ihm niemand Antwort, hergegen kamen augenblicklich aus einem Haus ungefähr zwölf bewehrte Mann herausgesprungen, welche nicht allein den Wagen umringten, sondern auch von unseren zu Pferde sitzenden Begleitern verlangten, daß sie sich gefangengeben sollten. Wie nun der Graf mit den Seinigen sich hierzu nicht verstehen wollten, sondern nach den Pistolen griffen, kam es zum Feuergeben, über welche Komödie mir eine Ohnmacht zustieß, da ich mich aber von derselben wieder erholt hatte, befand ich mich in einem schlechten Zimmer auf einem gemeinen Ruhebett liegend. Meine erste Frage an die Olympia war: ›Ach, was macht mein Graf? Lebt er noch oder ist er erschossen?‹ Olympia gab weinend zur Antwort: ›Er lebt zwar noch, allein, er hat der Menge und der Gewalt weichen und die Flucht ergreifen müssen.‹ Ich will, Weitläufigkeit zu vermeiden, nicht melden, wie ich mich mit der Olympia überworfen, daß sie mich zu dieser desparaten Reise beredet, zumal ich in verzweifelten Ängsten stand, ob der Graf lebendig oder tot wäre, jedoch kurz zu melden, wenige Zeit hernach erfuhr ich, daß er zwei von seinen Angreifern mit eigener Hand erschossen, seine Begleiter hatten auch drei zu Boden gelegt, hergegen hatten die Angreifer nur einen von seinen Leuten erschossen und drei blessiert, worunter der Graf selbst gewesen, dem eine Kugel ein Stück Fleisch von der rechten Schulter abgerissen; worauf, da er gesehen, daß es unmöglich, sich und mich zu retten und zu helfen, er das Reißaus gegeben und, ob ihm gleich noch etliche Kugeln nachgeschickt wurden, dennoch insoweit glücklich fortgekommen. Ich habe an selbigem Ort weder Speise noch Trank zu mir genommen, auch weiter kein Wort geredet, viel weniger die darauffolgende Nacht ein Auge zugetan, stand aber sehr früh auf und ging in der Stube herum spazieren. Olympia redete mir zu, fragte bald dieses, bald jenes, allein, ich antwortete kein Wort, ob man auch gleich verschiedene Delikatessen, so gut sie an diesem kleinen Ort zu bekommen waren, mir vorsetzte und Olympia mich mit Tränen bat, auch mir mehr als einen Fußfall tat, so blieb ich doch auf meinem Kopf und tat, als ob ich nicht sähe, nicht hörte und nicht reden könnte. Endlich, etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonne, kam eine alte, reputierliche Frau, welche sich sehr submiss gegen mich erwies und bat, ich sollte mir doch aus der ganzen Sache nur keinen Kummer machen, die durchlauchten Eltern wären schon über die Hälfte ausgesöhnt und würden den kleinen Liebesfehler bald vergessen, inzwischen wäre der Wagen schon angespannt, ich sollte nur befehlen, um welche Zeit ich abfahren wollte. Anstatt mit dem Mund zu antworten, nahm ich meine Maske und Kappe, lief als ein verwirrter Mensch zur Tür hinaus und setzte mich in den Wagen, Olympia tat dergleichen, und also fuhren wir fort, aber nicht so schnell als vorher, da der Graf kommandierte. Wir hielten unterwegs zweimal still und bekamen frische Pferde, da mir denn Speise und Trank angeboten ward, allein ich nahm nichts, gab auch auf alle Reden nicht die geringste Antwort. Endlich gelangten wir, da es schon dunkel worden, wieder zurück im Kloster an, wo ich von der Äbtissin mit einer gelassenen Miene empfangen und ermahnt wurde, guten Mutes zu sein, es würde dieses Vergehen weiter keine sonderlich verdrießlichen Folgerungen nach sich ziehen. Allein, auch diese konnte kein Wort aus mir bringen, sondern ich saß in einem Schlafstuhl mit unterstütztem Haupt und schloß die Augen fest zu, als ob ich schliefe, weswegen die Äbtissin, nachdem sie länger als eine halbe Stunde vergeblich auf ein Wort von mir gewartet, endlich gute Nacht nahm und sich hinwegbegab. Hierauf fing ich an, mich selbst auszukleiden, weil ich aber nicht überall zurechtkommen konnte, so mußte ich dennoch geschehen lassen, daß mir Olympia zu Hilfe kam; sobald ich aber die Kleider vom Leib hatte, legte ich mich augenblicklich zur Ruhe und bekam noch in selbiger Nacht ein wirkliches hitziges Gallenfieber. Dem ohngeachtet ließ ich mich in den ersten drei Tagen durchaus nicht bewegen, die geringste Arznei zu gebrauchen, sondern sehnte mich im rechten Ernst nach dem Tode. Da aber meine Frau Mutter, welche mich zu besuchen angekommen war, nicht das geringste von meinem begangenen Fehler gedachte, sondern mich bald mit guten Worten, bald mit Tränen bat, nicht meine eigene Mörderin zu werden, sondern Arznei zu gebrauchen, ließ ich mich endlich bewegen zu folgen, brachte aber über sechs Wochen zu, ehe ich wieder außerhalb des Bettes dauern konnte. Es wunderte mich höchlich, daß weder meine Frau Mutter noch die Äbtissin auch nach meiner Wiedergenesung das geringste Wort von meiner Flucht erwähnten; ehe ich es mich aber versah, war meine Olympia fortgeschafft, an deren statt ich ein anderes fremdes Mädchen zur Bedienung bekam, auch erfuhr ich von einigen vertrauten Nonnen, daß der Gärtner nebst seiner Frau abgeschafft und in ein Gefängnis gebracht worden. Es ging mir dieses sehr nah, allein, ich verbiß meinen Verdruß und war über ein halbes Jahr beständig sehr traurig und mißvergnügt, ließ mich auch sehr selten bereden, nur auf kurze Zeit aus meinem Zimmer und an die freie Luft zu kommen. Meine Frau Mutter besuchte mich zuweilen alle vierzehn Tage oder drei Wochen, einmal aber brachte sie ihren Bruder, den Kardinal, wie auch noch einen anderen Befreundeten, nämlich meinen jetzigen Ehegemahl, mit sich. Der Kardinal ließ sich in ein besonderes Gespräch mit mir ein und eröffnete mir endlich mit guter Manier, daß mein Liebster, der junge Graf von H.*, aus Desperation ein Malteserritter worden wäre, jedoch hätte er das Unglück gehabt, in dem ersten Gefecht, welches er mit einem türkischen Seeräuber gehabt, erschossen zu werden. Ich konnte mich dieserhalb der Tränen nicht enthalten, weswegen der Kardinal alle seine Beredsamkeit anwendete, mich zu trösten, endlich aber fragte, ob ich lieber wieder auf unser Schloß mit zurückkehren, oder noch eine Zeitlang oder gar auf Lebenszeit in diesem Kloster verbleiben wollte. Meine Antwort war, daß ich mich eben nicht sonderlich nach den Meinigen sehnte, indem ich vorhersehen konnte, daß mir meine Schwestern viel Schmach und Verachtung antun würden. Diese meine Reden machte sich der Kardinal, welcher mich, wie ich hernach erfahren habe, aus der Maßen gern, ich weiß aber nicht aus was für Ursachen, in ein Kloster gesteckt haben wollte, sogleich zunutze, pries mir das Klosterleben ungemein herrlich an, und ich gab so viel zu verstehen, daß es mir bei meinen jetzigen Umständen eben so grausam schwer nicht fallen würde, diese Lebensart zu erwählen, jedoch bäte ich nur, man möchte mich nicht übereilen, indem alles gezwungene Wesen meiner Natur höchst zuwider wäre. Er versprach mir, daß ich noch ein halbes, auch wohl ganzes Jahr Bedenkzeit haben könnte, und weil ich hierauf große Kopfschmerzen vorschützte, ließ man mich allein. Der Kardinal eröffnete meiner Frau Mutter und der Äbtissin mit Freuden, daß er mich fast gänzlich disponiert, den Nonnenhabit anzunehmen. Diese bezeigten sich ebenfalls sehr vergnügt darüber, allein der andere Befreundete, mein jetziger Eheherr, mag mich mit anderen Augen angesehen haben, bekommt deswegen auch andere Gedanken, läßt sich aber damals gegen niemanden etwas merken, sondern reist wieder mit zurück auf unser Schloß. Zwei Wochen hatte er sich daselbst aufgehalten, und als er von dannen wieder zurück nach seiner Residenz kehren wollte, sprach er erst noch einmal in unserem Kloster ein. Weil er schon ein Herr von fünfzig Jahren und dazu ein, wiewohl nicht allzunaher, Freund von mir, war es ihm ein leichtes, mit mir insgeheim zu reden zu kommen. Als nun eben niemand zugegen, der unser Gespräch vernehmen konnte, redete er mich unverhofft also an: ›Meine schönste Muhme! Ich bedaure Euer Unglück, hättet Ihr und der junge Graf, Euer Liebster, Euch an mich adressiert, so solltet Ihr schon wirkliche Eheleute sein, denn, ich hätte zu Eurem Vergnügen alles anwenden und die Sache wohl ausmachen wollen. Allein, was ist nun zu tun, der Graf, den Ihr geliebt habt und der wegen seiner vortrefflichen Qualitäten kein unwürdiger Gemahl für Euch gewesen wäre, ist nunmehr wirklich tot, Ihr tut wohl, daß Ihr seinen Tod beklagt, denn ich zweifle nicht, daß Ihr einander aufrichtig und getreu geliebt habt. Allein, daß Ihr deswegen das Klosterleben erwählen wolltet, dieses wäre eine große Torheit, denn eine solche Liebeswunde, wie sehr sie auch schmerzt, heilt in wenigen Monaten oder Jahren, aber so viele Jahre bis an sein Ende als eine Nonne zu leben, möchte Euch nachher tausendmal schmerzlicher fallen. Darum hört mich an, mein Engel. Ich biete Euch mein Herz, Hand und Ehebett an, ich mag Erben mit Euch zeugen oder nicht, so sollt Ihr dennoch die Erbin aller meiner Güter und meines ganzen Vermögens sein. Eure Eltern können und werden mir Eure Person, wenn ich darauf dringe, nicht versagen, wenn sie nicht haben wollen, daß ich mein Vermögen von ihrem Geschlecht ab und einem Fremden zuwende, denn es ist bekannt, daß ich mit dem Meinigen disponieren kann, wie ich will. Daß der Kardinal Euch lieber eine Nonne als eine verheiratete Person sehen will, ist gewiß, ich weiß auch seine Ursachen; allein, wenn Ihr mich lieben könnt und mir die eheliche Hand geben wollt, will ich Euch von dieser elenden Lebensart befreien und Euch alles ersinnliche Vergnügen zu verursachen bemüht leben.‹ Ich befand mich«, fuhr die Dame im Reden fort, »wegen innigster Betrübnis nicht imstande, auf diesen Antrag eine positive Resolution von mir zu geben, er aber, als er dieses merkte, sprach: ›Mein Kind, ich halte dafür, daß es Euch allerdings schwerfällt, eine plötzliche Resolution zu ergreifen. Demnach will ich Euch vier Wochen Bedenkzeit überlassen, überlegt alles wohl, denn es wird nicht leicht ein anderes Mittel zu erfinden sein, Euch aus diesem Kerker zu erlösen; nach Verlauf der bestimmten vier Wochen will ich wieder zu Euch herkommen und Eure Entschließung vernehmen, sodann die Sache mit Euren durchlauchten Eltern bald zum Stande bringen, inmittels auch bedacht sein, daß Eure Schwestern vorher standesmäßige Heiraten treffen.‹ Hiermit überließ er mich meinem eigenen ferneren Nachsinnen und reiste wieder fort. Ich muß bekennen, daß mir der Tod des jungen Grafen ungemeine Herzensschmerzen verursachte; wenn ich aber im Gegenteil auch bedachte, daß es nunmehr unmöglich, mit ihm auf dieser Welt vereinigt zu werden, überdies wohl spürte, daß mir kein Nonnenfleisch gewachsen, auf eine andere Art aber nicht leicht aus diesem Labyrinth herauszukommen wäre, als resolvierte ich mich, den Vorschlägen meines Vetters, des Fürsten von C.*, Gehör zu geben. Dieser kam um die bestimmte Zeit wieder und brachte seine Werbung noch liebreicher als das erstemal an. Demnach gab ich endlich so viel zu verstehen, daß ich ihn liebte und mein Glück, Unglück, Vergnügen und Mißvergnügen bloß allein in seine Hände stellte. Er war hiermit höchst vergnügt, steckte einen kostbaren Ring an meinen Finger, und ich ersetzte diesen mit einem anderen, so gut ich ihn eben bei mir hatte, wir wechselten einige Verlöbnisküsse, worauf er ungesäumt zu meinen Eltern reiste und ihnen die Sache vortrug. Diese stutzten anfänglich gewaltig darüber, da sie aber nur in einer Nacht überlegt, daß dieser reiche Vetter gar leicht auf andere Gedanken geraten und ihrem Haus auf den Sterbefall alles das Seinige entwenden könnte, schlagen sie zu und versprechen mich an ihn, zumal da er für meine beiden Schwestern ein paar solche Freier vorgeschlagen hatte, an denen nichts auszusetzen war. Er tat mir diese seine glückselige Verrichtung sogleich schriftlich ins Kloster zu wissen, drei Tage aber hernach kam er mit meiner Frau Mutter selbst dahin und holte mich ab auf unser Schloß, wo vier Wochen hernach unser drei Schwestern zugleich auf einmal Beilager hielten. Ich muß ihm, meinem Gemahl, nachsagen, daß er mich jederzeit ungemein karessiert und mir allen Willen gelassen hat, denn er ist der Eifersucht nicht so stark ergeben, als wohl andere Italiener; nur in einem gewissen Stück, das ich nicht ausführlich erzählen will, hat er mir nachher einen starken Ekel gegen seine Person verursacht, sonst wäre ich ihm auch wohl nimmermehr untreu geworden. Es haben sich seit meiner Vermählung unzählige hohe Personen die größte Mühe gegeben, sich in meine Gunst zu setzen und ein geheimes Liebesverständnis mit mir aufzurichten, indem sie leicht erachten konnten, daß ein so bejahrter Herr, als mein Gemahl ist, einer Dame von meinen Jahren und lebhaftem Temperament wohl nicht allerdings Satisfaktion zu geben imstande befindlich. Allein ich habe mich jederzeit sehr eingezogen und moderat aufgeführt, wodurch ich denn bei meinem Gemahl ein vollkommenes Vertrauen gegen mich erweckt, so daß er mir jederzeit die Freiheit gelassen, hinzureisen, wohin ich gewollt habe. Allein, wenn ich die klare Weisheit sagen soll, so haben ein und andere Begebenheiten, die mir zu Ohren gebracht worden, einen besonderen Ekel in meinem Herzen gegen alle Mannspersonen meiner Nation erweckt, ungeachtet ich wohl glaube, daß sonderlich unter den vornehmen Personen sehr viele an denjenigen Lastern unschuldig sind, welche in diesen Landen im Schwange gehen. Hergegen aber, und da zumal mein erster Liebhaber ein Deutscher gewesen, habe ich die Deutschen allen anderen vorgezogen, weil sie die Reinlichkeit und Zärtlichkeit auf eine ungezwungene Art lieben und sozusagen in ihrem gesetzten Wesen und herrlichen Qualitäten alle anderen Nationen übertreffen. Demnach kann ich nicht leugnen, daß ich mir gewünscht, einen appetitlichen Deutschen insgeheim zu meinem Amanten zu haben, zumal da ich noch und immer mehr und mehr bemerken lernte, worin doch wohl eigentlich das wahrhafte und vollkommene Liebesvergnügen bestehen müßte. Olympia hatte ich nach meiner Vermählung sogleich wieder zu mir genommen, und bei derselben haben sich alsobald verschiedene Standespersonen mit großen Präsenten eingefunden, um sie zu gewinnen, daß sie mich dahin bewegte, ihnen einen geheimen Zutritt bei mir zu verschaffen; allein, weil ich keinen Appetit dazu bezeigte, nahm sich Olympia auch wohl in acht, ungeachtet sie zwar alles verbrachte, mir dennoch nicht dazu zu raten, indem sie befürchtete, aufs neue meine Gunst zu verscherzen oder sonst Gefahr zu laufen. Kurz! Olympia war gar nicht mehr so wie ehemals, sondern ging sehr behutsam; hingegen ließ sich die ariquische Margaretha dergleichen Sachen besser angelegen sein. Diese kam fast alle Woche drei- oder viermal zu mir, brachte bald von diesem, bald von jenem Liebhaber Komplimente, auch wohl gar Liebesbriefe, allein ich wies sie jederzeit damit zurück und sagte: Wenn ich mich je zu einer Nebenliebe entschließen wollte, würde ich mir schon selbst jemanden nach meinem Appetit auslesen, unterdessen befahl ich ihr, daß, wenn sie etwa einmal einen rechten feinen deutschen Herrn zu sehen bekäme, mir alsbald Nachricht von ihm zu geben, da ich denn ihre Mühe mit etlichen Zecchinen belohnen wollte. Nachher hat sie mir zwar zu verschiedenen Malen Gelegenheit verschafft, einige derselben zu sehen, allein ich fand keinen darunter, der mir anständig war. Endlich fügte es das Glück, daß mein Gemahl Lust bekommen, nebst einigen guten Freunden die Weinlese bei Ariqua zu besuchen. Ich ließ mich sehr bitten, Gesellschaft zu leisten, nachher aber hat es mich nicht gereut, denn als wir bei Nachtzeit daselbst angekommen, sah ich gleich morgens darauf Eure angenehme Person, mein Leben, in dem am Wirtshaus gelegenen Garten ganz tiefsinnig spazierengehen. Es war mir, als ob ich sogleich vom Donner gerührt würde, denn ich vermeinte nichts anderes, als daß Ihr der junge Graf von H.* wärt, weil Ihr demselben so ähnlich seht, als ein Ei dem anderen. Es stiegen die Gedanken bei mir auf, man hätte mir vielleicht dessen Tod fälschlich vorgebracht, deswegen drehte ich mich von den anderen ab und forschte sogleich bei dem Wirt und der Wirtin nach Eurem Stand und Wesen. Diese konnten mir keine andere Nachricht geben, als daß Ihr ein deutscher Kavalier wärt, der nur für wenige Wochen dieses Land betreten, auch mit der italienischen Sprache noch nicht recht fortkommen könnte, daher zu blöde wärt, vornehme Gesellschaft zu suchen. Also fiel nun zwar die Meinung bei mir hinweg, daß Ihr der junge Graf von H.* wärt, denn dieser redete perfekt italienisch; unterdessen, da ich Euch noch eine Zeitlang im Garten, hernach in den Hof und Stall spazieren sah, nahm die Liebe gegen Eure artige Person auf einmal dergestalt zu, daß ich vermeinte zu verzweifeln, wenn ich nicht das Vergnügen haben sollte, mit Euch insgeheim zu sprechen. Demnach schickte ich zur Margaretha und vertraute derselben, sobald sie zu mir kam, mein Geheimnis, wie ich nämlich einmal eine Person selbst gefunden, die ich lieben könnte und wollte, gab ihr dabei alle Anschläge, wie sie es anfangen sollte, Euch dahin zu bringen, um mir in ihrem Haus eine Nachtvisite zu geben. Die Art und Weise wird Euch, mein Herz, wohl noch im guten Gedächtnis sein. Ich gestehe es, daß es mich nicht wenig verdroß, als Ihr der ersten Ordre nicht pariertet, und da ich nachher vernahm, daß Ihr meine Gewohnheit nicht ästimiertet und aus dem Garn zu gehen gesonnen wäret, wurde ich durch Kummer ganz außer mir selbst gesetzt, ja der Zorn war dergestalt heftig, daß ich einen hohen Schwur tat, diese Verachtung zu bestrafen, etliche hundert Zecchinen daran zu spendieren und Euch durch etliche nachzuschickende Banditen das Lebenslicht ausblasen zu lassen. Allein Margaretha, ohngeachtet sie Euch nur ein einziges Mal gesehen, war damals Euer Schutzengel, indem sie meine Raserei mit lauter guten Worten und süßen Vorstellungen zu besänftigen wußte, anbei nicht eher zu ruhen versprach, bis sie Euch in ihr Haus gelockt hätte. Sie hat auch ihr Wort endlich gehalten, Euch aber, mein Leben, bin ich noch jetzt unendlich verbunden für das entzückende Vergnügen, welches Ihr mir in einigen Nächten zu Ariqua verursacht und wovon ich das Angedenken noch unter meinem Herzen trage. Mein Gemahl hatte Zeit unseres Daseins nur zweimal eine schlechte Nachlese in meinem Weinberg der Liebe gehalten, war aber vor Freuden ganz außer sich selbst, als ich ihm einige Tage hernach mit schamroten Wangen offenbarte, wie ich dafür hielte, daß Luft und Wasser in Ariqua weit gesünder und fruchtbarer sein müßten als an unserem Ort, indem ich eine starke Veränderung bei mir verspürte. Er befahl der Olympia, ja wohl auf mich acht zu haben und eines guten Gratials gewärtig zu sein; da nun diese noch etliche Tage hernach bekräftigte, daß ich mich ganz sicher und gewiß gesegneten Leibes befände, schenkte er ihr im größten Vergnügen fünfzig Zecchinen, mich aber trug er sozusagen fast auf den Händen, stellte ein Freudenfest an, ließ vor allen Dingen meine Eltern dazu einladen, welche einige Wochen bei uns geblieben sind, und eben diese waren Ursache, daß ich zur bestimmten Zeit nicht habe in Padua sein können. Endlich, da dieselben wieder nach Hause gekehrt, trat ich mit Erlaubnis meines Gemahls, welchem ich die eheliche Beiwohnung ohnedem bis nach meiner Niederkunft aufgekündigt, die Reise zu einer nahen Befreundin nach Padua an. Weil ich leicht ermessen konnte, daß Ihr Eure Rückreise von Venedig nicht leicht anders als durch Padua nehmen können, so ließ mich unter der Hand bei dem Kommandanten danach erkundigen und erfuhr, daß Ihr noch nicht zurückgekommen wäret. Demnach ließ ich alle Tage genauere Kundschaft darauflegen, bis ich endlich Eure Ankunft gleich in der ersten Stunde erfuhr. Ich machte mir die vergnügten Gedanken, daß Ihr Euch abends unfehlbar in der Oreda Todesca melden würdet, allein, es geschah nicht, deswegen ward ich aufs neue entrüstet, konnte auch in der Nacht vor Eurer Abreise kein Auge vor Eifersucht und Grimm zutun. Olympia hatte ich wegen einer ihr zugestoßenen Unpäßlichkeit zu Hause lassen müssen, deswegen keine andere vertraute Bediente bei mir als diejenige, welche Ihr zum erstenmal zu Ariqua als eine Bäuerin gekleidet werdet gesehen haben. Diese hatte sich seit etlichen Tagen viel Mühe gegeben, mir einen gewissen italienischen Prinzen zuzuführen, welcher ihr unfehlbar einen guten Rekompens versprochen oder vielleicht schon gegeben hatte, allein, sie konnte mich mit allen ihren glatten Worten nicht dahin bereden, ihm bei Tag, noch viel weniger bei Nacht eine Visite zu verstatten. Nunmehr merke ich erst (allein, sie soll ihren Lohn schon empfangen), daß es ihr gewaltig verdrossen haben mag, in ihrer Kupplerei unglücklich zu sein. Deswegen paßte sie eben die Zeit ab, da ich am heftigsten auf Euch, mein Engel, kulminierte. ›Ach! Gnädige Frau‹, waren ihre Reden ungefähr, ›die Deutschen sind verzweifelte Bösewichte, wenn sie etwas Delikates von Frauenzimmer in diesen Landen genossen haben, wischen sie nicht nur allein das Maul und gehen davon, sondern sie berühmen sich auch dessen in allen Gesellschaften, bloß allein unseren italienischen Kavalieren zum Trotz, um der Welt weiszumachen, als ob sie, die Deutschen, delikatere Personen wären als unsere Kavaliere. Hätte der Herr von Elbenstein ein gut Gewissen gehabt, so würde er in Betrachtung der besonderen Gnade und Liebe, die ihm Eure Durchlaucht in Ariqua bezeugt, unmöglich vorbeireisen können, sondern wenigstens auf eine Stunde seine Aufwartung bei Ihnen gemacht haben. Ach, ich weiß noch mehr, allein ich mag nur Eure Durchlaucht nicht zu mehrerem Zorn reizen.‹ Überlegt selbst, mein allerliebster Elbenstein«, sagte hier die Dame, »ob ein schwaches Werkzeug der Natur, wie ich bin, durch dergleichen verdammte Ohrenbläsereien nicht zur Raserei kann verleitet werden? ›Sage mir alles, was du weißt‹, schrie ich die Bestie an, ›damit ich meine Rache danach einrichten kann.‹ Hierauf sagte sie: ›Weil ich mich denn dazu gezwungen sehe, so muß ich Eurer Durchlaucht eröffnen, daß Elbenstein in Venedig in den Hurenhäusern das allerliederlichste Leben geführt hat, wie mir ein redlicher Freund sicher berichtet hat, auch hat er sich in allen Gesellschaften gerühmt, was er von Ihnen in Ariqua genossen, auch wohl noch ein weit mehreres dazugesetzt. Überdies hat er sich nicht gescheut, allhier im Gasthof die leichtfertigsten Reden auszustoßen, womit er niemand anderes als Eurer Durchlaucht hohe Person gemeint, und wer weiß, was er nicht den Kavalieren, so bei ihm im Gasthof gewesen, im Vertrauen aufgebunden hat, denn der Wirt, wenn Sie ihn selbst wollen kommen lassen, wird gestehen müssen, daß er sehr oft und lange heimlich mit ihnen geredet. Auch wird der Hausknecht in der Oreda Todesca ein mehreres aussagen können, wenn Sie sich die Geduld nehmen wollen, ihn anzuhören. Ach! Ich mag nur nichts mehr sagen, Eure Durchlaucht möchten sonst meinen, es geschehe aus gehässigen Affekten gegen den von Elbenstein; ich erkenne ihn für einen der galantesten Kavaliere von der Welt, doch da er Eurer Durchlaucht Ehre und Renommee dergestalt gekränkt, wäre er in Wahrheit des Todes schuldig, allein, ich bitte selbst um sein Leben, weiß auch, daß Eure Durchlaucht so gnädig sein werden, ihm dasselbe zu schenken. Vielleicht kommt er nicht so bald wieder in diese Gegend.‹ »Nein! Er soll sterben,« schrie ich, rufe mir geschwind den Thomas her! Dieses ist einer von meinen getreuesten Bedienten; demselben befahl ich, sogleich vier, fünf oder sechs Banditen zu Pferde zu bestellen, damit sie vor Anbrach des Tages parat wären, er aber sollte um selbe Zeit wieder Ordre von mir empfangen, inmittels zahlte ich ihm fünfzig Zecchinen, selbige den Banditen auf die Hand zu geben. Thomas versprach, alles wohl auszurichten; mittlerweile setzte ich mich hin und schrieb den Brief, welchen Euch Thomas auf der Straße nachgebracht hat, gab ihm auch alle Instruktion, wie er sich zu verhalten hätte und wie Euch die Banditen traktieren sollten; denn es stieg mir doch ein Appetit auf, Euch nur noch einmal lebendig zu sehen. Sobald ich die Nachricht bekam, daß man Euch auf diesem meinem Schlosse in sichere Verwahrung gebracht, war ich halb befriedigt, wäre auch sogleich hierher aufgebrochen, allein, ich mußte auf meinen Gemahl warten, welcher wegen seiner angetretenen weiten Reise erst in Padua von mir Abschied nehmen wollte. Er kam, hielt sich aber nicht länger als zwei Tage und Nächte daselbst auf; mittlerweile sandte ich meine vermeinte Getreue, aber, mein Engel, Eure vermaledeite Verleumderin, her, um mit dem alten Schloßverwalter Eure Inquisitionsartikel zu formieren. Ach! Die Bestien haben mich alle beide betrogen und Euch, mein Leben, über meinen Befehl viel zuviel getan.« Hiermit fing die Fürstin bitterlich zu weinen an, daß Elbenstein bewogen ward, sie zu umarmen, zu küssen und zu bitten, daß sie von dieser Begebenheit nur gar nichts mehr gedenken möchte, indem ihm alle seine ausgestandene Marter mit reichlichem Vergnügen und süßer Lustbarkeit vielfältig ersetzt worden. Sie aber, nachdem sie eine gute Anzahl Tränen vergossen, welche Elbenstein mehrenteils mit seinen Lippen aufgefangen, sagte: »Nein! Ich muß diese verfluchte Begebenheit vollends auserzählen : Das verteufelte Weibsstück drang mit subtilen Worten und listigen Griffen stark darauf, daß ich Euch nicht mehr sehen, sondern ihr die Ordre zustellen sollte, Euch den Kopf abschlagen zu lassen. Zu meinem Glück kam eben die Olympia, welcher ich den ganzen Prozeß erzählte. Diese stellte sich anfänglich ganz unpassioniert darüber, endlich aber beredete sie mich, daß ich selbst auf dieses mein Schloß fahren und Eure Exekution mitansehen sollte. Ich folgte ihr, ließ es auch auf ihr Einreden zum Äußersten kommen. Ich und sie bewunderten Eure Standhaftigkeit; ich aber am meisten Eure Verschwiegenheit und getreue Liebe gegen mich. Wir beide guckten durch ein verborgenes Loch in das Gewölbe. Da nun der letzte Streich vollzogen werden sollte, mußte Olympia mit ihrer Stimme Halt gebieten, da ich Euch aber, mein Leben, gleich darauf in Ohnmacht dahinsinken sah, entwichen mir alle meine Lebensgeister, und ich bin gleichfalls in eine Ohnmacht verfallen, auch darin, wie mir Olympia gesagt, über drei Stunden verharrt, so daß sie an meinem Wiederaufleben gezweifelt hat. Man mußte mir, sobald ich mich wieder besonnen, alle Viertelstunden Nachricht von Eurem Zustand bringen, ich konnte mich aber dennoch nicht eher zufriedengeben, bis ich vernahm, daß Ihr wiederum ganz munter wärt und eine lebhaftere Farbe bekommen hättet. Ich gab sogleich Befehl, Euch aufs allersinnlichste beste zu traktieren; um aber Euer Naturell auszuforschen, ließ ich aus Padua eine Dame de Fortun kommen, welcher ich fünfzig Zecchinen zum Voraus schickte. Dieser gab ich alle Anschläge, wie und welchergestalt sie Euch in Versuchung führen sollte. Sie spielte auch ihre Person vortrefflich, denn ich habe dem ganzen Spiele durch ein Loch, welches mit Fleiß in die Tapeten gemacht ist, jedoch von den wenigsten bemerkt wird, jederzeit vom Anfang bis zum Ende gesehen, auch außerdem alles beobachtet, was Ihr in der Einsamkeit vorgenommen. Nimmermehr hätte ich mir eingebildet, daß Ihr diese Versuchung überstehen können, denn diese Person ist in Wahrheit eine der schönsten Kreaturen weiblichen Geschlechts. Ich hatte mir auch vorgenommen, wenn Ihr dieselbe karessiert, keine andere Rache an Euch auszuüben, als daß Ihr mich nimmermehr wieder berühren sollen, sondern Ihr hättet mir gleich tags darauf einen körperlichen Eid schwören müssen, von allem dem, was Euch begegnet, niemandem etwas zu offenbaren; hernach würde ich Euch haben bei Nachtzeit in einem verdeckten Wagen bis auf die nächste Poststation bringen lassen. Jedoch solchergestalt erreichte meine Liebe zu Eurer Person den höchsten Grad, dennoch reizte mich die mir und glaube ich dem ganzen weiblichen Geschlecht angeborene, überflüssige Neugier, Euch mit meiner eigenen Person doch noch einen Streich zu spielen. Allein, ich muß bekennen, daß mich Eure Standhaftigkeit in allen Stücken überwunden und mich zu Eurer Gefangenen gemacht hat. Hierbei bitte ich mir aber dieses aus, daß Ihr zu meinem Vergnügen ohne Euren Verdruß noch eine Zeitlang hier bei mir bleibt und meine Niederkunft abwartet, denn mein Gemahl wird vor der Zeit nicht zurückkommen, sodann, wenn Ihr erst die Frucht unserer Liebe mit Euren Augen gesehen, will ich Euch auf diesmal reisen lassen. Ach! wollte der Himmel, ich wäre frei und ledig, es sollte mich nichts verhindern, Euch alle ersinnlichsten Divertissements zu machen, so aber, mein Leben, werdet ihr selbst fürs ratsamste erkennen, daß wir unser Liebeswerk so heimlich treiben, als nur immer möglich ist. Unterdessen, da wir uns außerhalb dieses Schlosses nicht wohl eine Veränderung machen können, will ich doch besorgt sein, Euch im Zimmer soviel als mir möglich ist, allen angenehmen Zeitvertreib zu verschaffen; auch werde ich nicht vergessen, Eurer Versäumnis und ausgestandenen Ungemachs wegen eine billige Vergeltung zu tun, Euren Verleumdern und Peinigern aber ihren verdienten Lohn geben lassen.« Hiermit beschloß die Dame ihre Erzählung. Elbenstein aber umfaßte und küßte dieselbe, schwur erst hoch und teuer, daß er nicht nur allen vorher gehabten Verdruß um des vor- und nachher genossenen Vergnügens willen in gar keine Betrachtung mehr zöge, sondern auch zeitlebens keinem Menschen ein Wort davon sagen wollte, vielmehr wünschte er, wenn es die Umstände zuließen, ihr ewiger Sklave zu sein, wenn er nur versichert wäre, daß sie ihn beständig liebte und nicht etwa durch ungleichen Verdacht von neuem auf andere für ihn gefährliche Gedanken geriete. »Ich weiß wohl«, fiel ihm die Dame in die Rede, »wo ihr hinzielt, mein Leben! Es ist auch mehr als zu gewiß, daß viele Damen von meiner Nation den Gebrauch haben, ihre Amanten, nachdem sie sich genug mit denselben divertiert, ins Reich der Toten zu schaffen; jedoch die meisten mögen es wohl eben nicht aus einem besonderen Ekel und Überdruß, sondern vielmehr aus Vorsicht tun, damit ihnen nicht etwas Ungebührliches nachgeredet werde. Allein ich, da ich Euch bis auf den letzten Augenblick meines Lebens, auch wo es möglich ist noch nach dem Tode lieben werde, indem mir Eure Person und Aufführung vor allen anderen Menschen auf der ganzen Welt am allerbesten gefällt, ich auch Eurer Treue nunmehr vollkommen versichert bin, so schwöre ich bei allem dem, was heilig heißt, daß ich auf dieser Welt nicht der geringsten Wohlfahrt, Freude, Glücks noch Vergnügens, vielweniger des allergeringsten Teils der ewigen Seligkeit gewürdigt werden, hergegen zeitlich und ewig verflucht und verdammt sein will, und zwar von Rechts wegen, nach meinem eigenen Willen und Verlangen, wofern ich einigen Rat oder Befehl einwilligen, geben oder stellen will, der Eurem Glück, Vergnügen und Leben schädlich oder im allergeringsten nachteilig sein sollte oder könnte, zumal da ich weiß, daß, ob Ihr gleich mit der Zeit mich zu lieben überdrüssig werden möchtet, Ihr dennoch mir nichts zur Schmach und Schande nachreden werdet.« Indem nun die Dame hierbei einige Tränen fallen ließ, Elbenstein aber durch diesen ihren teuren Schwur und andere zärtliche Reden sich aus allem innerlichen Kummer und Sorgen in das größte Vergnügen und Sicherheit gesetzt sah, trocknete er erst ihre Augen mit seinen Lippen und blieb hernach mit seinem Mund eine gute Weile stillschweigend auf ihren Lippen liegen. Endlich aber fing er so an zu reden: »Ists auch möglich, daß ein Mensch in der Welt glücklicher ist als ich? Von so einer himmlischen Schönheit und irdischen Göttin sich so zärtlich geliebt zu sehen, die ich nicht allein von Grund des Herzens und der Seele liebe, sondern in der größten Ehrfurcht anbete?« Hiermit ließ er sich vor ihr nieder, küßte derselben die Füße, wagte hernach, ihre Knie zu entblößen und dieselben zu küssen, ja, da er wahrnahm, daß die Dame mit halbgebrochenen Augen in einer süßen Ohnmacht lag, verirrte sich sein Mund noch weiter, und in solcher Positur verharrte er, bis sich die Dame ermunterte und ihn selbst vom Boden aufhob. Es würde viel zu weitläufig, auch undiensam fallen, alle weiteren Karessen und verliebten Gespräche dieser beiden vergnügten Personen zu referieren, doch ist dieses noch zu bemerken, daß Elbenstein, da er aus ihren Reden vernommen, wie sie gesonnen, seine Verleumderin und seinen Inquisitor bestrafen zu lassen, eine Fürbitte für diese beiden Verbrecher bei der Dame einlegte. Allein, diese gab darauf zur Antwort: »Alles bittet von mir, mein Leben, was Ihr wollt, alles, was in meinem Vermögen ist, auch sogar das Blut aus meinen Adern soll Euch zu Diensten stehen, nur in diesem Stück laßt mir meinen Willen und der Gerechtigkeit den Lauf.« Er fuhr im Fürbitten fort, indem er befürchtete, sie möchte diese beiden bösen Personen gar ums Leben bringen lassen, allein sie gab zur Antwort: »Mein Engel, nur in diesem Stücke laßt mir meinen Willen, in allem anderen aber will ich nicht nur Eure Bitten, sondern auch Eure Befehle gelten lassen, denn ich bin die Eurige.« Wie nun Elbenstein merkte, daß sie diese Rede mit einiger Heftigkeit vorbrachte, schwieg er still, bis sie endlich sagte, es würde ihm nicht entgegen sein, daß sie heute gewisser Ursachen wegen die Abendmahlzeit allein in ihrem und er in seinem Zimmer einnehmen; aufs längste drei Stunden hernach aber bäte sie sich von ihm eine Nachtvisite aus seinem in ihr Bett durch die Zugtüre aus. Demnach schieden sie auf diesmal voneinander, sie in ihr und Elbenstein in sein angewiesenes Zimmer, wo er sich die Kleidung abziehen ließ und seinen Schlafhabit anlegte, erst eine Zeitlang im Fenster guckte, bis ihm die Abendmahlzeit gebracht wurde, nach Einnehmung derselben aber sein Historienbuch vor die Hand nahm und sich die Zeit damit passierte, bis er vermerkte, daß die Stunde gekommen, sich im Bett einzufinden. Er hatte die richtige Zeit getroffen, denn kaum da er sich niedergelegt, wurde die köstliche Tür aufgezogen, und die Tapeten öffneten sich, da er denn die Dame im Bett sitzend erblickte, welche ihren Arm gegen ihn ausstreckte. Er trat also die kurze Reise an und kam nicht eher wieder zurück, bis der Tag angebrochen war, dennoch war beiden die Zeit gar nicht lang worden, sondern unter den Händen verschwunden. Elbenstein schlief fast bis gegen Mittag und wurde kaum eine Stunde hernach, als er sich angekleidet, bei der Dame zur Tafel gerufen, welche sich zwar sehr freundlich gegen ihn, jedoch dabei auch etwas tiefsinnig aufführte. Nach aufgehobener Tafel brachte sie ihm einen Becher Wein zu mit den Worten: »Auf unser beiderseits beständiges Vergnügen.« Wie nun Elbenstein Bescheid getan hatte, sagte die Dame: »Nun kommt, mein Engel, ich will Euch etwas zeigen.« Hiermit nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn eine verborgene Treppe hernieder in eben dasjenige Gewölbe, wo er anfänglich gefangen und geschlossen gesessen hatte. Es war niemand darin befindlich als die beiden Stummen, welche, als ihnen die Dame einen Wink gab, den Teppich von einem Tisch abnahmen, da denn Elbenstein auf zwei Schüsseln zwei abgehauene Köpfe liegen sah. Er erkannte beide alsogleich, wie nämlich der eine Kopf der Person zugehört hatte, welche er vor einiger Zeit bei der Dame in Ariqua gesehen, der andere aber dem Schloßverwalter, welcher sein Inquisitor gewesen war. Seine Bestürzung war hierbei sehr groß, und als die Dame selbige bemerkte, führte sie ihn wieder zurück die Treppe hinauf, unterwegs aber sagte sie: »Seht, mein Leben, so habe ich die an mir und an Euch begangene Bosheit und Falschheit rächen und bestrafen lassen, nun ist mein Herz zufriedengestellt, zu Eurer Satisfaktion aber müßte mein eigener Kopf von Rechts wegen zwischen diesen beiden stehen.« Elbenstein fiel abermals zu ihren Füßen und bat, ihn mit dergleichen herzkränkenden Worten nicht ferner zu quälen, kontestierte anbei hoch und teuer, wie er es sehr gern gesehen, wenn sie diese beiden Delinquenten begnadigt und ihnen das Leben geschenkt hätte. »Nein!« versetzte sie, »das konnte nicht sein, sondern ihr Verbrechen und Eure und meine Liebe erforderten ein solches Urteil absolut. Kommt aber weiter, wir wollen uns einen anderen Zeitvertreib machen.« Hiermit führte sie ihn wieder in ihr gewöhnliches Zimmer, da sich denn alsobald in dem Nebenzimmer ein schöne Musik hören ließ. Sie aber hielt Elbenstein, der sich neben sie in den Schlafstuhl setzen mußte, beständig in ihren Armen und machte ihm alle ersinnlichen Karessen, bis sie wiederum zur Tafel und dann zu Bett gingen. Diese Lebensart, welche man deutlicher zu beschreiben ein Bedenken trägt, währte also so lange fort, bis endlich der Dame die Geburtsschmerzen ankamen und dieselbe einen jungen, wohlgestaltenen Sohn zur Welt brachte, über welchen sich Elbenstein selbst nicht wenig vergnügte. Sie befand sich bei dieser ihrer Niederkunft frischer und stärker, als man hätte vermeinen sollen; weil aber nicht allein Briefe von ihrem Gemahl eingelaufen waren, worin derselbe seine baldige Zurückkunft ankündigte, überdies das fernerweitige Liebes-Commercium sehr gefährlich zu sein schien, war die Dame endlich von selbst so genereux, Elbenstein seine Demission zu geben, und diese stellte sie ihm eines Abends schriftlich in folgenden Zeilen zu: Mein Allerliebster! Ich bitte nochmals um Verzeihung wegen aller Euch meinetwegen zugefügten Schmach und Herzleides. Hierbei aber danke ich Euch zu tausendmalen für das mir gemachte unschätzbare Vergnügen. Ich werde Euch lieben, solange ein Atem in mir, und die Zeit wohl absehen, Euch, sobald es immer möglich ist, Nachricht zu erteilen, wo wir einander aufs neue vergnügt umarmen können. Den morgenden Tag verlange ich noch tausend Küsse von Euch, die Anstalten aber sind bereits gemacht, daß Ihr, sobald es dunkel ist, in einem zugemachten Wagen von hier ab und bis nach M.* gebracht werden sollt, von wannen Ihr auf der Post weiter fortkommen könnt. Einen Reisekoffer habe ich Euch selbst eingepackt, worin Ihr tausend Zecchinen finden werdet, nebst anderen Kleinigkeiten, die Ihr zum Angedenken meiner Person tragen sollt. Die übrigen Sachen, die Ihr bei Euch habt und worauf man sich noch besinnen wird, werdet Ihr bei Euch selbst einzupacken belieben, es werden die Stummen hierzu einen anderen Koffer bringen. Eurem Fürsten habe ich durch die dritte Hand Euretwegen soviel Nachricht geben lassen: Ihr hättet Euch mit einem gewissen vornehmen Frauenzimmer in Liebessachen eingelassen und derselben die Ehe versprochen, weil es aber Euch nachher gereut haben möchte, so wären deren Freunde, denen sie es geklagt, auf die Gedanken geraten, Euch einen Possen zu spielen und listigerweise in genaue Verwahrung bringen zu lassen, damit sie Eure Erklärung vornehmen möchten. Unterdessen sollten Seine Durchlaucht so gnädig sein und Eure Sachen sowohl als Eure Ehre in Dero Schutz nehmen, weil Ihr vielleicht mit nächstem wiederum vor Ihnen erscheinen würdet. Diese Szene, mein Leben, könnt Ihr fortspielen und Eurem Fürsten zu verstehen geben, daß Ihr zwar wieder ledig und freigestellt worden, jedoch Euch mit einem körperlichen Eid verpflichten müssen, von allem dem, was Euch begegnet, niemandem etwas zu melden, vielweniger auf Rache bedacht zu sein. Ich glaube, daß ich keinen unebenen Rat gegeben habe, unser Liebesgeheimnis verborgen zu halten, und weil ich mich auf Eure Treue und Redlichkeit völlig verlasse, so beharre, wenn ich zuvor morgen noch mündlichen Abschied von Euch genommen habe, Eure ewig Getreue. Einesteils war Elbenstein einigermaßen betrübt, daß er eine so unvergleichliche Amour verlassen sollte, anderenteils aber war er auch erfreut, sich in Freiheit und aus gefährlichen Umständen kommen zu sehen, zumal da er sich dergestalt bereichert sah. Nunmehr, ach leider, dachte er erst wieder an das liebe Gebet und bat den Himmel, daß ihn derselbe doch noch einmal aus diesem Irrsal heraus und glücklich an Ort und Stelle führen möchte, jedoch ein Gelübde wollte er nicht tun, weil er wohl sah, daß sein Fleisch und Blut zu schwach war, dasselbe zu halten. Er hatte in der darauffolgenden Nacht einen wenigen Schlaf, indem er sich allerhand Gedanken machte, wie er seine Lebensart hinfort anstellen und ob er noch eine Zeitlang in Italien verbleiben wollte oder nicht; endlich fiel der Schluß da hinaus, daß er, je eher, je lieber, seine Demission bei seinem Fürsten suchen und aus diesem gefährlichen Land hinweg entweder nach Frankreich oder gar wieder in sein Vaterland reisen wollte; indem er befürchtete, daß es ihm gar leicht einmal der verbotenen Liebeshändel wegen unglücklich ergehen könne. Des darauffolgenden Morgens stand er etwas zeitiger auf als gewöhnlich, und weil ihm die Stummen, nachdem er sich angekleidet, einen Korb mit Wäsche brachten, die er ihnen etliche Tage vorher gegeben, um selbige waschen zu lassen, fing er allgemach an, seine Sachen einzupacken. Bald hernach brachten ebendiese Stummen einen großen, schweren Reisekoffer in sein Zimmer getragen und überreichten ihm den in ein Papier versiegelten Schlüssel dazu. Er war sehr begierig zu wissen, was sich darin befände, wollte aber doch denselben nicht eher öffnen, bis er erst mit Einpacken fertig wäre; kaum aber, da dieses geschehen, ließ ihn die Dame durch die Olympia zu sich in ihr Zimmer rufen, wo er dieselbe auf dem Bett sitzend und weinend antraf. Er fiel auf das eine Knie vor ihr nieder und fragte nach der Ursache ihrer Betrübnis. »Ach!« sprach sie, »mein Leben! Soll ich nicht weinen, da ich Euch von mir lassen muß und nicht weiß, ob ich Euch zeit meines Lebens wieder zu sehen bekommen werde? Denn wie bald könnt Ihr Euch resolvieren, dieses Land zu verlassen und nach Eurem Vaterland zu reisen.« Es schien, als ob sie seine Gedanken erraten hätte, allein Elbenstein versicherte, wie er zwar gesonnen, den Abschied von seinem Fürsten zu fordern, um noch die vornehmsten Städte in Italien zu sehen, hernach aber wollte er sich in Padua unter dem Vorwande, daselbst noch seine Studien abzuwarten, so lange aufhalten, bis er von ihr Erlaubnis bekäme, einmal eine Reise zu seinen Eltern zu tun. »Wie lange vermeint Ihr«, fragte sie, »herumzureisen, ehe Ihr nach Padua kommt?« »Ich vermeinte«, gab er zur Antwort, »etwa um die Neujahrszeit oder auch wohl etwas früher daselbst einzutreffen.« »Ach! Tut doch dieses«, sagte sie, »je eher, je lieber. Von mir werdet Ihr alle drei Monate hundert Zecchinen Zuschuß zu Eurem Studieren zu empfangen haben, um Euch vor anderen in etwas hervortun zu können.« Elbenstein küßte ihre Hände und gab zu vernehmen, wie er von ihrer Gütigkeit bereits dergestalt mit Geschenken überhäuft worden, daß er nicht genügsame Worte vorzubringen wüßte, seine Dankbarkeit an den Tag zu legen. »Ich will«, versetzte sie hierauf, »daß Ihr mir hiervon durchaus nichts gedenken sollt, sondern redet mir heute zu guter Letzt noch etwas vor, das ich lieber höre.« Diesem nach gerieten sie beide auf verliebte Gespräche, nahmen auch Abrede, wie sie ihre Korrespondenz einrichten wollten, endlich aber wurde das Zeichen gegeben, zur Tafel zu kommen, da sie denn über zwei Stunden miteinander speisten, nachher eine gute Zeit im Zimmer herum spazierengingen und von ihren Geheimnissen sich unterredeten; allein, sie vertieften sich dergestalt, daß die Dame endlich sprach: »Mein Engel, es ist heute der achtzehnte Tag nach meiner Niederkunft, an welchem ich dich von mir lassen muß, weil mein Gemahl wo nicht diese, doch längstens die andere Woche zurückkommt. Ich befinde mich sonst in vollkommen gesundem Stande, deswegen kann ich den Abschied nicht so trocken geschehen lassen. Meine Augen haben die vergangene Nacht und heute früh Tränen genug fließen lassen, deswegen ist es billig, daß ich noch etwas zur Gemütsberuhigung empfange.« Wie aber das übrige Bezeigen einige Schwachheit anzeigte, indem sie ganz ermüdet auf das Bett darniedersank, war Elbenstein auch so unbarmherzig nicht, dieselbe trostlos zu verlassen, sondern gab ihr von dem bei sich führenden, probat befundenen Lebensbalsam, den er nun fast drei Wochen daher präpariert und aufgespart, noch etliche Dosen ein, welche ihr dergestalt wohlbekamen, daß sie vor Freuden, jedoch mit schwacher Stimme ausrief: »Nun ists genug! Habe Dank, mein Engel! Es hat seine Richtigkeit aufs neue, oder ich verwette mein Leben.« Es ist nicht zu beschreiben, wie zärtlich sie ihn hierauf karessierte, und Elbenstein wurde hierdurch dergestalt eingenommen, daß er fast selbst nicht wußte, wie ihm zu Mute war. Endlich richtete sich die Dame wieder auf, löste ihre mit kostbaren Juwelen versetzten Armbänder ab, entblößte Elbensteins Arme und befestigte sie darum, welcher, wo er sie nicht alterieren wollte, mit sich machen lassen mußte, was ihr beliebte; ja er durfte sich nicht einmal dafür bedanken, sondern mußte nur angeloben, daß er sie beständig verdeckt an seinen Armen tragen und niemals ablegen wollte. Unter allen diesen verliebten Unternehmungen rückte endlich der Abend herbei, weswegen die Dame der Olympia ein Zeichen gab, daß sie keine ordentliche Abendmahlzeit, sondern nur kalte Küche auf die Serviette verlangte. Wie nun dieses bereit, hielten beide Verliebte die Abschiedsmahlzeit miteinander, und zwar sehr kurze Zeit, denn Elbenstein, welcher sich ungemein wehmütig angestellt, gab zu vernehmen, wie er noch ein und anderes von Kleinigkeiten zu besorgen hätte. Die Dame fragte ihn, ob er seinen Koffer, den ihm die Stummen überbracht, geöffnet hätte? Er gab zur Antwort, wie er es willens gewesen; wäre aber durch die Olympia, welche ihn abgerufen, daran gestört worden. Alsobald fiel ihm die Dame ins Wort und sagte: »Mein Kind, es ist unnötig, daß Ihr denselben hier öffnet, jedoch weil ich mich besinne, daß Ihr Eure Barschaften neulich wohl meistens von Euch gegeben, will ich Euch solche wieder vergüten.« Hiermit ging sie über ihre Schatulle und langte einen gestickten Beutel mit dreihundert Zecchinen heraus, welchen Elbenstein ohne einige Widerrede annehmen mußte; nach diesem erlaubte sie ihm erst, nach seinen Sachen zu sehen und den Stummen zu befehlen, daß sie dieselben sofort auf den Wagen bringen sollten, damit er, wenn die Nacht eingetreten, gleich abreisen könnte; jedoch solle er sich nicht säumen, alsobald wieder bei ihr zu sein. Der in seinem Gemüt ziemlich verwirrte Elbenstein packte demnach alles, was er etwa von Kleinigkeiten noch herumliegen hatte, vollends ein, erteilte den Stummen die Ordre und schenkte jedem fünfundzwanzig Zecchinen für die bisherige Aufwartung; der Olympia aber, die einen neuen Reiserock und ein Flaschenfutter mit Wein herbeitragen ließ, verehrte er fünfzig Zecchinen, welche sich zwar anfänglich weigerte, dieselben anzunehmen, jedoch endlich erbittlich war und ihm die Hand dafür küßte. Endlich rückte die Stunde heran, da es allmählich anfing, dunkel zu werden, deswegen Elbenstein sich nicht säumte, nochmals zu seiner Gebieterin zu gehen und Abschied von ihr zu nehmen. Er traf sie abermals weinend an, und seine Tränen vereinbarten sich mit den ihrigen, jedoch, er faßte ein Mannsherz, sprach ihr den kräftigsten Trost zu und malte die Hoffnung eines baldigen Wiedersehens so lebhaft ab, daß sie endlich ganz munter ward und sagte: »Nun, so reise glücklich, mein Leben! Der Himmel bewahre dich vor allem Unglück. Verbleibe mir getreu und vergiß meiner nicht leichtsinnigerweise, weil ich dich über alles in der Welt liebe. Halte dein Versprechen und komme so bald es möglich ist nach Padua, so werde ich binnen vierundzwanzig Stunden Nachricht von deinem Dasein haben können, wenn du dich bei demjenigen meldest, wo ich dich hingewiesen.« Elbenstein versicherte, daß er ihren Befehlen in allen Stücken aufs genaueste nachleben wollte, und endlich sagte er: »Noch eine Gnade bitte ich mir von Eurer Durchlaucht aus.« »Worin besteht diese, mein Herz?« fragte sie. »Dasjenige noch wenigstens ein einzigmal zu küssen, welches Sie das Pfand unserer Liebe zu nennen belieben.« Augenblicklich ging die Schöne selbst hin und holte den kleinen Prinzen, welchem Elbenstein mehr als hundert Küsse gab. Dieses afficierte die Dame dergestalt, daß sie der Olympia rief, das Kind wieder hinwegzutragen, zu Elbenstein aber sagte sie: »Diese Karesse hat mein Herz am allerweichsten gemacht, nimm diesen Ring noch zu dessen Angedenken«, unter diesen Worten zog sie noch einen Ring, der mehr als zweihundert Zecchinen wert war, von ihrem Finger ab und steckte ihn an Elbensteins Finger. »Ach! Reise glücklich und komme bald zurück, vielleicht kann ich noch diejenige Person sein, die dein Glück auf dieser Welt macht.« Elbenstein konnte vor innerlichem Jammer fast kein Wort mehr hervorbringen, deswegen wurden, weil die Nacht schon eingebrochen war, nur noch etliche hundert Küsse gewechselt, worauf er, sozusagen wie die Katze vom Taubenschlag, stillschweigend Abschied nahm und sich (da sie ebenfalls mit zugedrückten, weinenden Augen auf dem Bett halb ohnmächtig liegenblieb), sobald nur die Olympia herzukam, von den Stummen bis an den bereits angespannten Wagen begleiten ließ und fortfuhr. Es ist, wie die wenigsten leugnen werden, die Liebe überhaupt ein wunderlicher Affekt, insbesondere aber die heimliche und verbotene, denn diese ist vermögend, dem Menschen weit mehr Leidenschaften zu verursachen als die erlaubte. Wie es der Dame nach Elbensteins Abschied ergangen, davon haben wir keine zuverlässige Nachricht; Elbenstein aber saß in dem Wagen als ein wachender Träumer, indem die ganze Nacht hindurch kein Schlaf in seine Augen kam, jedoch konnte er sich nicht eher besinnen, bis er des andern Tages gegen Mittag von dem obgedachten Thomas erinnert wurde, aus dem Wagen zu steigen und seiner Bequemlichkeit zu gebrauchen. Er ermunterte sich demnach aus seiner schlaflosen Träumerei, stieg aus dem Wagen und ward gewahr, daß er nicht nur den Thomas, sondern noch andere sechs Reiter zur Eskorte bei sich hatte, welches ihm einigermaßen bedenklich vorkam; jedoch er ließ sich nichts merken, sondern von dem Wirte in ein besonderes Zimmer führen, wo er sich einen glühenden Wein bestellte und sich mittlerweile aufs Bett streckte, um womöglich ein wenig zu schlafen. Indem aber kam Thomas und überreichte ihm einen versiegelten Brief, worin er folgende Zeilen zu lesen bekam: Liebstes Leben! Ich habe meinem Thomas befohlen, Dir diesen Brief nicht eher einzuhändigen, als bis Du in M.* angelangt bist. Ich wünsche, daß Deine Reise bis dahin glücklich gewesen und noch fernerweit glücklich sein möge. Gefahr hat es nicht leicht haben können, weil ich Dir außer meinem Thomas zur Begleitung sechs Reiter mitgegeben habe, und auf den Posten wirst Du auch unfehlbar sicher sein. Thomas hat einen gesattelten Neapolitanerhengst nebst allem anderen Zubehör an Dich zu übergeben, anstatt Deines Pferdes, welches hier umgefallen ist und sich unfehlbar um seinen Herrn zu Tode gegrämt hat. Antworte mir mit wenigen Zeilen, damit ich mich nur an den leblosen Buchstaben ergötzen kann, bis ich das Vergnügen habe, Dich in eigener Person wieder zu umarmen. Ich bin und verbleibe die Deinige. Elbenstein ließ sich Tinte, Papier und Feder bringen und beantwortete den Brief folgendergestalt: Meine Seele! Ich weiß fast nicht, ob ich noch recht mehr lebe oder nicht, weil von Dir, meine Seele, ich mich getrennt sehen muß. Oh, wie unbarmherzig bist Du gewesen, mich zu einem unaussprechlichen Vergnügen, aber nur auf so kurze Zeit, führen zu lassen, und wie unbarmherzig bist Du nicht nachher gewesen, mir den letzten Streich zurückhalten zu lassen. Wie längst wäre ich alle meine Marter los, nunmehr aber empfinde ich erst tägliche, ja, was sage ich, beständige Todesangst, da ich nicht allein von Dir entfernt leben, sondern auch einem anderen dasjenige überlassen muß, was meine Sehnsucht sich einzig und allein, aber keinem anderen gönnt. Mein Dir allein ergebenes Herz fängt schon an, den Adern den Dienst zu versagen und den Umlauf des Geblüts zu verhindern, demnach dürfte mein Ende fast nahe sein, jedoch verbleibe ich nebst gehorsamster Danksagung für alle genossene Liebe, Gnade und Wohltaten, Dein bis in den Tod Getreuer. Kaum hatte er diesen Brief ausgeschrieben, als Thomas den glühenden Wein brachte und dabei fragte, ob Ihro Gnaden nicht belieben wollen, das kostbare Pferd selbst in Augenschein zu nehmen, welches Ihro Durchlaucht ihm zu überreichen mitgegeben hätten? Elbenstein war oder stellte sich wenigstens ganz malade an, ging aber doch, nachdem er den glühenden Wein getrunken hatte, mit ihm herunter, ließ seine Koffer und Sachen erst hinauf in seine Stube schaffen und besah hernach den neapolitanischen Hengst, welcher ihm sehr wohl anstand, auch dahin bewog, daß er dem Thomas zwölf, jedem Reiter aber drei Zecchinen zur Diskretion gab, da denn diese ein paar Stunden hernach mit dem Wagen ihre Rückreise antraten. Der Wirt mochte Elbenstein unfehlbar für einen Prinzen oder andere Standesperson ansehen, begegnete ihm demnach auf die alleruntertänigste Art, da dieser aber sich vernehmen ließ, daß er erst ausschlafen, nicht eher als auf den Abend speisen, den anderen Tag noch ausruhen, dritten Tages aber mit einer Extrapost weiterreisen wolle, richtete er sich danach ein und ließ ihm einen artigen Knaben zur Bedienung, welcher, da sich Elbenstein aufs Bett legte, sogleich seine sodomitischen Dienstleistungen anbot. Wie aber Elbenstein vor dergleichen einen recht natürlichen Abscheu hatte und ihm zurückzugehen befahl, kam ein alter Hausknecht und meldete sich, daß er befehligt wäre, die Wache vor seiner Tür zu halten, und sofern Ihro Gnaden etwas zu befehlen hätten, dürften sie nur Antonio rufen. Dieses ließ sich Elbenstein eher gefallen, schlief aber alsbald ein und ruhte einige Stunden. Als er wieder aufgewacht, befahl er dem Antonio, daß er ihm die Abendmahlzeit bestellen solle, welche bald hernach gebracht wurde. Der Wirt wartete ihm selbst auf und fing nach unterschiedlichen Gesprächen dieses zu reden an: »Ich sehe, daß Eure Gnaden keinen Bedienten bei sich haben, wenn Ihnen demnach an einem geschickten deutschen Menschen etwas gelegen wäre, wollte ich denselben heraufrufen, er ist einige Jahr hier in Italien bei einem vornehmen deutschen Kavalier in Diensten gewesen und hat die italienische Sprache sehr wohl gefaßt.« Elbenstein gab hierauf zur Antwort, daß der Herr Wirt diesen Menschen nach der Mahlzeit herauf zu ihm senden möchte, welches denn auch geschah, indem Elbenstein nicht lange bei Tisch saß. Sobald der Deutsche ins Zimmer getreten und Elbenstein an ihm bemerkte, daß er wohlgekleidet und sehr reputierlich aussah, fragte er denselben ganz freundlich, wer und woher er wäre; Dieser gab zur Antwort: »Ihro Gnaden, gebe gehorsamst zu vernehmen, daß ich von Frankfurt gebürtig bin und daselbst die Chirurgie erlernt habe, vor sechs Jahren aber bin ich mit einem vornehmen deutschen Baron, dem Herrn von L.*, als Kammerdiener mit in dieses Land gereist. Nachdem aber dieser, mein Herr, vor etlichen Wochen in N. meuchelmörderischerweise ums Leben gebracht worden, habe ich seither Gelegenheit gesucht, bei einem oder anderen deutschen Herrn in Dienste zu kommen, damit ich endlich einmal mein Vaterland wieder zu sehen bekommen möchte.« »Ich habe«, sagte Elbenstein, »von dem Baron von L.* vielmal reden hören; was hat aber Gelegenheit zu seiner Ermordung gegeben?« »Ach leider!« gab der Kammerdiener zur Antwort, »nichts anderes als die Ausschweifungen in Liebessachen; allein, es würde Euer Gnaden wohl zu langweilig fallen, wenn ich Ihnen die Streiche, so er in diesem Lande vorgenommen, ausführlich erzählen wollte.« »Mein lieber Landsmann«, versetzte Elbenstein, »Er erzeigte mir einen besonderen Gefallen, denn ich habe nicht allein hier wohl ausgeschlafen, sondern pflege auch sonst meinen Schlaf abzubrechen, wenn mir jemand Geschichten erzählt. Hier ist Wein, trinke Er nach Belieben soviel, als Er will, und setze sich dabei nieder, damit Ihm das Reden nicht zu sauer wird. Ich werde Ihm, wo ich Ihn nicht in Dienste nehme, dennoch eine Diskretion geben.« Der Mensch gehorsamte Elbenstein und fing seine Erzählung also an: »Nachdem mein Herr, der Baron von L.*, die vornehmsten Städte Italiens besehen und fast allerwegen der Göttin Venus vielfältige Opfer gebracht, indem er ihre Nymphen nicht suchen durfte, sondern selbst von ihnen aufgesucht und zur Liebeslust angereizt wurde, kamen wir endlich nach N., wo es ihm besser als an irgendeinem Ort gefiel, weil er daselbst nicht allein den vergnügtesten Umgang mit schönen Frauenzimmern, sondern auch mit verschiedenen deutschen Offizieren und Kavalieren haben konnte. Eines Tages trug sichs zu, daß er einen seiner guten Freunde besuchte, welcher tags vorher im Duell einen gefährlichen Stoß in die Brust bekommen hatte. Es kamen noch verschiedene andere deutsche Offiziere und Kavaliere dahin, welche dem Patienten die schmerzhafte Zeit vertreiben wollten. Auch war ein Medicus zugegen, der dem Patienten innerliche Medikamente gab. Dieser Medicus war ein ziemlich glücklicher und wohlgereister Arzt, indem er viele Sprachen redete, hierbei aber haselierte er gar gewaltig, so daß die Offiziere und Kavaliere gemeiniglich einen Narren aus ihm machten, denn er wollte sein Geschlecht von den alten longobardischen Königen herführen, war aber doch bloß mit dem adeligen Charakter zufrieden, wenn man ihn nämlich nur den Herrn von Oegneck nannte. Zur Frau hatte er eine extraordinäre schöne Dame, doch weil er der Eifersucht im allerhöchsten Grad ergeben, ließ er sie fast vor keinem Menschen sehen, und wenn ihr ja einmal erlaubt war, frische Luft zu schöpfen, mußte solches dennoch durch eine Maske geschehen, um zu verhüten, daß sich niemand an ihrer Schönheit vergaffte; überdies war ihr ein altes, vertracktes und grämliches Weib zur Hofmeisterin vorgesetzt, vor welcher dieses schöne Bild sich nicht einmal frei umsehen, geschweige denn mit jemandem reden durfte, ohngeachtet sie viel Feuer im Leib hatte. Er, der Herr von Oegneck selbst, kam ihr selten von der Seite, ausgenommen, wenn seine Amtsverrichtungen oder eine gute Kompanie, bei welcher er kein Geld vertun durfte, ihn von ihrer Seite zog, denn er war ungemein gern lustig oder, auf deutsch zu sagen, er haselierte gern, hierbei auch dermaßen geizig, und dennoch spielte er gern. Hier nun waren verschiedene Offiziere zugegen, welche um all sein Wesen genaue Wissenschaft hatten, deswegen kam bald ein Gespräch vom Frauenzimmer und vergnügten Heiraten aufs Tapet, und fast ein jeder brachte eine besondere Meinung hervor, von was für Temperament und Beschaffenheit nämlich er sich dermaleinst eine Frau wünschte. Oegneck hatte gar nicht lange zugehört, als er mit beiden Fäusten auf den Tisch schlug und sagte: ›Um aller Heiligen willen! Meine Herren, reden Sie von anderen Dingen als vom Heiraten, denn wenn ich nur hieran gedenke, wird mir angst und bange.‹ ›Ei wieso, mein Herr?‹ fragte ein gewisser Kapitän, der sich Reston nannte, ›wie ich vernommen, so ist ja Derselbe recht glücklich im Heiraten gewesen, indem Er eine bemittelte, verständige, tugendsame und ganz besonders schöne Frau haben soll. Ich habe dieselbe zu sehen zwar niemals die Ehre gehabt, jedoch solches von meiner eigenen Frau und anderen Damen vernommen, möchte also fast wünschen, wofern es anders ohne dessen Incommoditée geschehen könnte, die Wahrheit davon persönlich zu erforschen.‹ Oegneck antwortete mit einigem Kopfschütteln folgendes: ›Es ist wahr, meine Herren! Ich habe eine Frau bekommen, die einen recht englischen Verstand besitzt, denn sie ist nicht allein in der Schrift, sondern auch in allen anderen curieusen Wissenschaften vortrefflich wohl erfahren; kann einen zierlichen Vers machen, nebst der Laute unterschiedene andere musikalische Instrumente recht charmant spielen, sauber schreiben, perfekt rechnen, künstlich malen und in Wachs drücken, die schönste gestickte Arbeit und Summa Summarum alles, was ihre Augen sehen, können ihre Hände nachmachen. Nackend und bloß‹, fuhr er fort, ›ist sie nicht zu mir gekommen, sondern hat ein Heiratsgut von mehr als tausend Dukaten mitgebracht, welches Kapital ich in Banco gelegt, der vortrefflichen Möbel zu geschweigen. Ihre Jungfrauschaft ist mir zu meinem allergrößten Vergnügen unversehrt zuteil worden, und habe ich die Marken und Beweistümer hiervon bis dato unter meinen kostbaren Raritäten verwahrt liegen. Es hat ihr niemals nach einer anderen Mannesperson gelüstet, als nach mir allein, auch führt sie beständig ein einsames, stilles und frommes Leben, woraus ihr tugendhaftes Wesen sattsam erhellt. Was die Schönheit meiner Frau anbetrifft, so kann ich dieselbe mit allem Recht ganz unvergleichlich nennen, denn ihre Augen sind ein Paar blaue Kristalle und schicken mir so viel Feuer zu, daß ich mich zuweilen mit Gewalt von ihnen entfernen muß, um durch allzu hitziges Lieben mein Leben nicht vor der Zeit abzukürzen; ihre Wangen sind wie Milch und Blut, die Haut über dem ganzen Leib beschämt das allerweißeste und glattpolierteste Elfenbein, und die übrigen Leibesteile, an und in welchen die Verliebten die Quintam Essentiam der Wollust zu suchen pflegen, sind so beschaffen, daß . . .‹ Hierauf brach der mit Hasenschrot geschossene Herr von Oegneck auf einmal in seiner Rede ab, sagte aber bald hernach: ›Basta! Meine Herren, ich muß schweigen, sonst möchte einer oder der andere einen unordentlichen Appetit bekommen, mich zum Hahnrei zu machen. Vivat indessen‹, rief er, indem er zugleich ein Glas Wein an den Mund setzte, ›mein schönstes und liebstes Weibchen!‹ Mittlerweile hatten alle Anwesende genug zu tun, sich des lauten Lachens zu enthalten, gaben aber einander ihre Gedanken mit den Füßen unter dem Tisch zu verstehen. Mein Herr aber stand unter der Zeit, da Oegneck seiner Frau Gesundheit trank, jählings auf, nachdem er einigen von der Gesellschaft einen heimlichen Wink gegeben, ging zur Tür hinaus und lachte sich satt. Oegneck, da er das große Glas ausgeleert hatte, sagte mit einer lächelnden Miene: ›Hab ich es nicht gedacht, daß sich unter dieser Gesellschaft hitzige Venusbrüder befänden? Wenigstens dieser Kavalier, welchen ich heute zum erstenmal zu sehen die Ehre habe, gibt sattsam zu verstehen, daß unter meinen Reden Cupido einen Pfeil auf ihn abgedrückt hat.‹ Hierauf gab der Kapitän Reston zur Antwort: ›Der Herr von Oegneck irrt sich für diesmal gar gewaltig, denn ich kann denselben versichern, daß dieser Kavalier ein Erzmelancholikus und Abstemius von allem Frauenzimmer, demnach bekümmert ihn nichts mehr, als wenn von Frauenzimmer, Heiraten und verliebten Händeln geredet wird, jedoch dieses wollen wir uns insgesamt nicht irren lassen, sondern ihm zum Possen dergleichen Gespräche weiter fortführen.‹ ›Ei! Das ist ein anderes‹, sagte Oegneck, ›allein, wenn es so mit ihm beschaffen ist, möchte sich der liebe Herr doch nur zu mir in die Kur begeben, denn ich kuriere Melancholie ex fundamento, wenn ich nur weiß, daß ich raisonabler Zahlung versichert bin.‹ ›Wo sich der Herr von Oegneck‹, replizierte der Kapitän Reston, ›verobligieren kann und will, den Kavalier von diesem Malheur zu befreien, will ich sogleich mit ihm davon sprechen, auch werden mir die Herrn hier alle bezeugen, daß er sich sonst jederzeit sehr genereux aufgeführt.‹ ›Ach! Tun Sie doch dieses, mein Herr Hauptmann‹, bat Oegneck, ›ich werde niemals ermangeln, Ihnen alle Gegenerkenntlichkeit zu erweisen.‹ Demnach ging der Kapitän Reston hinaus und berichtete meinem Herrn, was man in seiner Abwesenheit von ihm gesprochen; dieser, weil er ein extraordinär verliebter Mensch, dabei einen überaus lustigen, listigen und verschlagenen Kopf hatte, fragte sogleich: ›Ists denn wahr, mein Herr Hauptmann, daß dieses Haselanten Frau etwas Schönes an sich haben soll?‹ ›Ich kann Ihnen‹, gab Reston zur Antwort, ›bei meiner Ehre versichern, daß, wie schon gesagt, nicht allein meine eigene Frau, sondern auch viele andere Offiziersfrauen, welche dieselbe bei gewissen Angelegenheiten gesehen und gesprochen, ihre ganz besondere Schönheit und Artigkeit mir nicht sattsam beschreiben können; hierbei wäre aber nichts zu beklagen, als daß sie einen solchen Hasenfuß und eifersüchtigen Grillenfänger zum Mann hätte, welcher sie weit strenger als eine Nonne hielte. Das gute Weib beweinte ihren unglückseligen Ehestand, welcher sie fast gänzlich von der Gesellschaft anderer Menschen verbannte, zwar täglich, dürfte dieses dem törichten Kerl aber im geringsten nicht merken lassen, weil er sonst sogleich Verdacht auf sie legte, als ob sie Lust hätte, Ausschweifungen zu begehen. Im Gegenteil müßte sie sich zwingen, ihm verliebt und freundlich zu begegnen, übrigens ihr Unglück mit Geduld ertragen. Ich für meine Person‹, verfolgte Reston seine Rede, ›würde mir eine unbeschreibliche Freude daraus machen, wenn ich erführe, daß jemand so glücklich gewesen, diesem Narren einen Possen zu reißen, doch ein solches ist fast unmöglich, denn obgleich das schöne und artige Weibchen wohl leicht bewogen werden könnte, ihrem närrischen . . . Hute Hörner aufzusetzen, so liegt doch beständig ein alter rotäugiger Drache, welcher noch ärger ist als der Teufel, neben ihr, welcher sie, der Mann sei zu Hause oder nicht, bewachen muß.‹ ›Herr Hauptmann‹, versetzte hierauf mein Herr, ›Ihre Reden und das, was ich vor einigen Tagen an einem gewissen Ort von dem närrischen Oegneck und seiner Frau vernommen, trifft überein; ich traue Ihrer Verschwiegenheit und versichere, dem Oegneck eine Ochsenkrone aufzusetzen, ob er auch gleich seine Frau beständig bei sich im Schubsack herumtrüge; inzwischen bleiben Sie nur dabei, daß ich ein Melancholikus und Abstemius von Frauenliebe sei.‹ Reston hätte sich über meines Herrn Vorsatz und ernsthaftes Vorbringen mögen scheckig lachen, bestärkte ihn aber nicht wenig in diesem Vorsatz und versprach, nach Möglichkeit dazu behilflich zu sein, worauf einer nach dem anderen wieder ins Zimmer zur Gesellschaft ging. Sobald sie sich beiderseits niedergelassen und den Herrn von Oegneck in tiefen Gedanken sitzend antrafen, rief der Kapitän Reston: ›Allons! Herr von Oegneck, wie so tiefsinnig? A propos! Wir haben vorhin mit Verwunderung gehört, was Derselbe für eine ungemein glückliche Heirat getroffen, wie aber reimt sich das mit dem, da Er anfänglich sagte: Es würde Ihm angst und bange, wenn er nur an das Heiraten gedächte, da doch, meines Erachtens, wohl kein Mensch auf der Welt mehr Ursache hat, vergnügter davon zu gedenken und zu reden, als eben Er.‹ ›Meine Herren!‹ gab Oegneck hierauf zur Antwort. ›Vielleicht finden sich einige in dieser Gesellschaft, welchen die Gespräche vom Ehestand und dergleichen ekelhaft und verdrießlich vorkommen möchten; jedoch mit Erlaubnis, ich will das Meinige kurz machen und Ihnen allerseits nur zu erwägen geben, ob diejenigen Beschwerlichkeiten, womit der Ehestand verknüpft ist, nicht vermögend sind, einem Angst und Bangigkeit zu verursachen, ich meinesteils empfinde zwar das wenigste davon, weil ich mit meiner Frau ein vergnügtes Leben führe, auch werde ich von dem Kindergeschrei und anderen dabei vorfallenden Ungelegenheiten nicht geplagt. Warum? Ich breche meiner Wollust ab und menagiere meine Frau, um selbige desto länger schön, glatt und zart zu behalten, denn es ist nach aller vernünftiger Medicorum, Physicorum, Philosophorum, Naturaeque Expiscatorum Meinung klar, richtig und wahrhaftig wahr, daß die Weiber vom öfteren Kinderzeugen runzlig, unscheinbar und häßlich werden. Am allerschrecklichsten aber kommt mir die große Gesellschaft der Hahnreie vor. Par Dieu! Wenn ich daran denke, möchte ich bersten wie eine Maikröte. Und obzwar ich, in Erwägung meiner Frau treuer und ruhmwürdiger Conduite, vornehmlich aber meiner selbst eigener gemachten Praecaution, die Tage meines Lebens über nimmermehr in diesen Orden zu kommen befürchten darf, so können mir doch die Exempel anderer unglückseliger Hörnerträger täglich dergestalt viel teils Mitleid, teils Grimm verursachen, daß ich mich öfters fast nicht zu lassen weiß. Alle diese Grillen aber, welche ich aus christlicher Liebe gegen andere verehelichte Mitbrüder zu erdulden mich fast gezwungen sehe, wären wohl unterwegsgeblieben, wenn ich nicht selbst verehelicht wäre; denn was gingen mich sonst die Ehestandsaffären an.‹ Nunmehr war es einigen von der Gesellschaft unmöglich, das Lachen länger aufzuhalten, deswegen fingen sie mit vollem Hals an; Oegneck aber sah so ernsthaft aus als ein anderer Cato. Jedoch, da sie geendigt, sprach er mit Seufzen: ›Ja, ja, Ihr lieben Herren habt alle gut Lachen, allein, fangt nur erst an, ein recht christliches Ehestandsleben zu führen, so werdet Ihr Kreuz, Trübsal und Bekümmernis genug, ja mancher vielleicht mehr als ich darin finden.‹ Hierauf sagte ein Major namens Morster: ›Der Herr von Oegneck hat recht, doch aber getraue ich mich ihn zu überzeugen, daß er einen recht unchristlichen und Gott höchst mißfälligen Ehestand führt. Denn ist denn das wohl der rechte Zweck des Ehestandes, wenn man dasjenige Werk der Liebe, welches Gott zur Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts verordnet und in die Natur gelegt, nur Wollust halber treibt und den Leibesacker seiner Frau nur deswegen nicht gehörig pflügt und düngt, daß er fein derb und glatt bleiben soll? Ists verantwortlich, daß man um eines kurzen Kindergeschreies und einiger anderen Inkommoditäten wegen verhindert, daß dem Himmel viel tausend Bet-, Lob- und Dankopfer, ja etliche Seelen mehr zugeschickt werden? Ja, soll man sich selbst um das Vergnügen bringen an denjenigen Kindern, welche uns in der Jugend die Ohren vollgeschrien haben, mit der Zeit Ehre, Freude und Ruhm, ja Beistand im hohen Alter zu erleben? Ich sage nein dazu, und halte es für eine himmelschreiende Sünde. Dieses war ein Punkt, mein Herr! Bei dem anderen aber fragt sichs: Worin denn, außer seiner Frau ehelicher Treue, die eingebildete vortreffliche Praecaution bestehe, welche er sich gegen die Immatrikulierung des Hahnreiordens gemacht? Ich merke zwar schon, was Er, ohne die Wahrheit zu beleidigen, sonderlich nach hiesiger Landesart, darauf vorstellen kann; allein, es fragt sich auch noch: Ob es recht und billig sei, daß man, von einer törichten Eifersucht angereizt, den Ehestand zu einem ängstlichen Kerker des Frauenzimmers macht und seiner Ehefrau nicht die Freiheit gönnt, welche andere Weiber an den allermeisten Orten der Welt genießen, sondern dieselbe in der Einsamkeit die Strengigkeit ihres Mannes zu beweinen, die Blüte ihrer Jugend aber zu verwelken zwingt; Heißt das geliebt, wenn man eine Person unschuldigerweise aus bloßem Mißtrauen zu ewiger Gefangenschaft verdammt? Oh! Hole doch der Henker solche Liebe. Wie meint der Herr? Wenn der Vice-Roy ihn zu sich kommen ließe und spräche: Herr von Oegneck, ich habe vernommen, da Er ein geschickter, frommer Mann ist, der keinen Menschen bestohlen, noch betrogen, noch sich sonst jemals unartig aufgeführt hat, damit Er nun bis an sein Ende so feinfromm bleiben und nicht etwa durch böse Gesellschaft oder seine eigenen Lüste zu diesem oder jenem Laster verführt werden möge, will ich Ihn bis an das Ende seines Lebens auf ein Schloß in genaue Verwahrung bringen, jedoch aufs allerbeste traktieren lassen. Was gilts, mein Herr! Die Freiheit würde Ihm angenehmer sein als die herrlichsten Traktamente, denn es ist dem Menschen nichts Angenehmeres, auch nichts Edleres auf der Welt, als die Freiheit. Gott hat im Paradies gesagt: Ich will dem Menschen eine Gehilfin (keine Sklavin) schaffen, die um ihn (nicht aber seine Gefangene) sei. Wie da: Mein Herr! Ist es also nun christlich gehandelt, wenn man so gröblich und vorsetzlicherweise wider Gottes Ordnung lebt? Man könnte Demselben noch viel scharfsinnige Fragen vorlegen, allein, diese Sachen gehören mehr vor die Herren Geistlichen als vor Soldaten. Doch will ich Ihm noch dieses zur dienstlichen Nachricht sagen, daß Er sich vollkommen glücklich schätzen kann, wenn Ihm seine Frau vollkommen getreu und nicht selbst zu Ausschweifungen inkliniert, widrigenfalls werden alle superklugen und vorsichtigen Anstalten so trefflichen Stich halten, wie Butter an der Sonne.‹ Hierauf erzählte der Major einige Exempel, auf was für listige Art Ehemänner von ihren Weibern in diesem Stück betrogen worden. Die anderen Offiziere und Kavaliere erzählten auch ein jeder etliche, da denn verzweifelte Streiche herauskamen, welche zu wiederholen viel zu weitläufig fallen dürfte. Kurz, sie bemühten sich, den Herrn von Oegneck damit zu überführen, daß das Weiberhüten eine ganz vergebliche und lächerliche Sache wäre und daß auch zuweilen die allerehrlichste Frau durch vermerktes Mißtrauen ihres eifersüchtigen Ehemannes und allzustrenge Hut zur Rachgier verleitet werde und dasjenige tue, was sie sonst wohl unterlassen hätte, wenn sie nicht so scharf gehalten worden. ›Ha! Meine Herren!‹ rief Oegneck, ›alle die Exempel, so Sie erzählt haben, kommen mir lächerlich vor, die guten Leute haben alle die Art und Weise nicht recht gewußt, sich ihrer Weiber zu versichern, deswegen sind sie nicht zu beklagen, da sie betrogen worden. Die Sache muß bei einem ganz anderen Zipfel anfangen; was wollte doch alle ihre Praecaution mit meinen Anstalten für eine Gleichheit haben? Nichts, nichts, meine Herren! Ich habe einen zehnfach mehr verschlagenen und listigeren Kopf als diejenigen, von welchen Sie mir jetzt erzählt haben, und derjenige, so mich betrügen sollte, müßte noch erst geboren werden, denn wo andere nur hindenken, bin ich längstens gewesen, offenbare aber nicht alle meine Geheimnisse. Nun aber, meine Herren! Mag es für diesmal genug sein von dieser Materie, ich will kein Wort mehr davon reden, Punktum!‹ Die sämtliche Gesellschaft war nunmehr sattsam überzeugt, daß in seinem Kopf für hundert Narren nur neunundneunzig Stühle befindlich, weswegen der überzählige gewaltig herumschwärmte, einen bequemen Sitz zu finden; also hätten ihrer etliche gern gesehen, daß man den Hasen noch eine Zeitlang gehetzt, doch der Kapitän Reston brachte gewisser Ursachen wegen ein ernsthaftes Gespräch aufs Tapet, weswegen die lustigen Streiche für diesmal bei Seite gesetzt wurden. Mein Herr hatte sich unter der Zeit, da alles dieses gesprochen worden, abermals vom Tisch hinweg und an ein Fenster gemacht, auch getan, als ob er von allem nichts gehört hätte, wiewohl er sich Verschiedenes, das zu seinem Vorhaben dienlich, aus diesen Begebenheiten angemerkt. Er wurde zwar genötigt, wieder zur Gesellschaft zu kommen, allein er bat um Erlaubnis, auf die Zurückkunft eines gewissen Kavaliers noch einige Zeit warten zu dürfen. Oegneck, welcher immer ein Auge auf ihn hatte, machte sich diese Gelegenheit zunutze, stand auf und drehte sich mit Manier an seine Seite, plauderte von diesem und jenem so lange, bis er das Gespräch auf die Temperamente der Menschen brachte und einem Herrn, der ein vollkommener Sanguineo Cholericus war, mit aller Gewalt das melancholische Temperament aufzwingen und dringen wollte. Mein Herr strebte anfänglich lange dawider, endlich, da ihm Oegneck allerhand abgeschmackte medizinische Grillen vorgebracht, gab er sich überwunden und sprach: ›Mein Herr von Oegneck, ohngeachtet ich bereits unter den Händen vieler Medicorum gewesen, so kann ich Ihm doch ungeheuchelt versichern, daß mir noch kein einziger das Pflöckchen so akkurat getroffen hat als Er, und zwar in so kurzer Zeit, da Er mit mir noch so wenigen Umgang gehabt, deswegen bin ich Willens, mich Seiner Kur völlig anzuvertrauen, in Hoffnung, bei Ihm die Erfüllung meines Wunsches zu finden, zumal wenn ich Ihm noch einige geheime Umstände, so meine selbsteigene Person betreffen, werde offenbart haben, woran vermutlich das meiste gelegen sein wird. Er wird also so gütig sein und übermorgen früh um sechs Uhr in mein Logis kommen, um sich mit mir zu unterreden. Doch dieses will ich im Voraus sagen: Ist er glücklich in Kurierung meines Malheurs und verschwiegen bei demjenigen Geheimnis, so ich Ihm anvertrauen werde, soll Er von mir raisonable contentiert werden; plaudert Er aber nur das Geringste davon aus, so werde ich mein Haupt nicht eher sanft legen, bis ich meinen Hohn an Ihm gerochen habe.‹ ›Ha, ha!‹ replizierte Oegneck, ›Schweigen ist die beste Tugend an einem Medico, und diese klebt mir vor tausend anderen an; mein Herr belieben, sich dieserwegen nicht die geringste Sorge zu machen, denn bei mir ist Ihr Geheimnis ebenso verwahrt, als ob Sie es einer leblosen Kreatur anvertraut hätten.‹ ›Nun wohlan‹, sprach mein Herr, indem er ihm zugleich die Hand drauf gab, ›es bleibt indessen bei der genommenen Abrede.‹ Worauf sie sich beiderseits wieder zum Tisch setzten und von ihrem Gespräch niemandem etwas merken ließen; wenige Minuten hernach aber wurde Oegneck abgerufen, weswegen er fast wider Willen von dieser schönen Gesellschaft Abschied nehmen mußte. Diese räsonierten noch eine geraume Zeit über den törichten Hasenkopf, ja, kein einziger war darunter, welcher ihm nicht des Aktäons Hauptschmuck von Grund des Herzens gegönnt hätte, jedoch mein Herr sagte weiter niemandem, was er sich für ein Projekt gemacht, ihm dazu zu verhelfen. Bald hernach ging die Gesellschaft auch auseinander, und ein jeder suchte sein Vergnügen da, wo er es am besten zu finden verhoffte. Mein Herr ließ sich, sobald er in sein Zimmer gekommen, sogleich auskleiden und legte sich ins Bett, wohl nicht eben aus Müdigkeit, sondern unfehlbar, um nachzusinnen, wie er sein vorhabendes Werk am geschicktesten anfangen möchte. Indem es nun seinem verschlagenen Kopf niemals an allerlei geschwinden, klugen und praktikablen Einfallen zu fehlen pflegte, so wurde der erste Akt dieser Komödie oder besser zu sagen Tragödie gar bald und ehe er noch einschlief entworfen. Früh morgens, sobald er erwacht, entdeckte er mir denn offenherzig wie er die Sache anfangen wollte: ›Ich habe das Vertrauen zu Eurer Geschicklichkeit‹, so beliebte ihm zu reden, ›daß Ihr mir eine besondere Façon von einer Bandage verfertigen werdet, vermittels welcher ich ohne gar zu große Inkommodität meine Testiculos hinauf, zurück in den Leib hineinbinden kann, so daß das Scrotum ledig und schlaff herunterhängt, denn ich will dem Oegneck weismachen, daß ich kastriert wäre, glaube auch, hierdurch meinen Zweck am allerleichtesten zu erreichen.‹ Da nun seine Gemütsart so beschaffen war, daß er sich nicht gern widersprechen ließ, auch in den allerdesperatesten Unternehmungen weder Warnung noch Abraten stattfinden ließ, sah ich mich gemüßigt, um ihn nicht verdrießlich zu machen, seinen Willen zu erfüllen, traf auch das Ding dergestalt wohl, daß er ein besonderes Vergnügen darüber bezeigte. Des anderen Morgens früh, gegen die Zeit, da Oegneck kommen sollte, mußte ich ihm diese Bandage anlegen, alle Gardinen wurden zugezogen, so daß es ziemlich dunkel im Zimmer war; mein Herr legte sich aufs Bett, Oegneck ließ sich durch den Lakaien melden, weswegen ich mich ins Kabinett verschließen mußte, um alle Reden mitanzuhören, jener aber wurde ins Zimmer gelassen und glaubte nicht anderes, als ganz allein bei meinem Herrn zu sein. Dieser, nachdem er den Herrn von Oegneck genötigt, sich bei einem Nachttischchen niederzulassen, redete denselben also an: ›Mein Herr von Oegneck, ich muß Ihm, ehe wir zum Zweck kommen, ein Stück von meiner Lebensgeschichte erzählen, doch muß Er mir erst angeloben, selbiges ohne meinen Willen niemandem weiter zu offenbaren.‹ Da nun Oegneck sich aufs teuerste vermessen, seinen Mund zu halten, fuhr mein Herr in seiner Rede also fort: ›Ich bin ein Kavalier aus einem der vornehmsten Geschlechter in Deutschland. Das Liebeswerk habe ich mir, leider, von Jugend auf mehr angelegen sein lassen, als mir nunmehr lieb ist, da ich ein Frauenzimmer gehörig zu bedienen mich ganz und gar untüchtig befinde, denn alle beide Testiculi sind verlorengegangen, fühlt her, mein Herr! Ich bin, ach leider, ein beklagenswürdiger Verschnittener, weder Mann noch Weib, weder Weib noch Mann.‹ Oegneck begriff demnach auf Verlangen das Scrotum und glaubte deswegen, daß dem also sei, gab auch sein Mitleid mit kläglichen Gebärden und Worten zu verstehen. Der verschlagene Patient aber stellte sich dergestalt jämmerlich an, daß es auch schien, als ob ihm die Tränen in den Augen stünden; endlich redete er weiter: ›Ich muß Ihm nur, mein Herr, die Sache mit allen ihren Umständen entdecken, Er höre mir fleißig zu! Ich habe mich vor einigen Jahren mit einem armen, aber sehr schönen Fräulein fleischlich vermischt und sie geschwängert, mit dem Versprechen, sie zu heiraten, nach der Zeit aber habe ich die teuersten Schwüre, so ich diesem Fräulein geleistet, leichtsinnigerweise aus den Gedanken geschlagen, mich von einer anderen Delila verführen und meine erste Liebste in dem jämmerlichsten Zustande sitzenlassen. Es schrieb dieselbe zwar verschiedene höchst bewegliche Briefe an mich, konnte aber damit nichts als eine mittelmäßige Summe Geldes erlangen, wobei ich ihr rundheraus meldete, daß sie sich auf meine Person hinfür nur nicht die geringste Rechnung oder Hoffnung machen möchte, wie ich ihr denn auch wegen des starken Hasses, den ich nachher auf ihre Person gelegt, gänzlich untersagte, ferner an mich zu schreiben. Doris, so hieß diese meine erste Liebste, war zwar nicht reich an Mitteln, desto reicher aber an Verstand und anderen besonderen Eigenschaften, hiernächst hatte sie einen heroischen Geist, welcher sie dahin verleitete, daß sie, um sich zu rächen, sowohl mir als meiner neuen Liebsten nach dem Leben trachtete. Demnach verkleidet sie sich in Manneshabit, kommt heimlich an den Ort, wo ich mich damals aufhielt, paßt, da ich meine Mätresse nachts aus der Oper führe, vorsichtig auf, und stieß dieselbe plötzlich mit einem Stilett auf der Stelle an meiner Seite danieder, daß sie augenblicklich den Geist aufgab. Auf meine Brust tat sie ebenfalls in der Geschwindigkeit zwei heftige Stöße mit diesem Mordgewehr, allein, ihr Arm war zu schwach, oder vielmehr, mein anhabendes ledernes Kollet mochte verhindern, daß sie mir gleichergestalt das Leben rauben konnte. Sie wurde zwar arretiert und von mir sogleich für meine ehemals geliebte Doris erkannt, doch es wachte nicht die geringste Liebesregung in meiner Brust gegen sie auf, sondern ich war gesonnen, nach Urteil und Recht mit ihr verfahren zu lassen; allein, Doris spielte das Praevenir und richtete sich selbst im Gefängnis mit Opium hin, nachdem sie vorher einen Brief an mich geschrieben, dessen Inhalt mir noch täglich in Gedanken sowohl als der Schatten ihres Körpers vor Augen schwebt. Aus wenigen Worten, mein Herr, die ich Euch aus dem Briefe hersagen will, werdet Ihr leicht erachten können, wie der ganze bogenlange Brief müsse gelautet haben: ›Sieh, Verteufelter‹, hatte sie geschrieben, ›durch Deine geile Brunst und Hurenliebe hast Du solchergestalt zwei der schönsten Fräulein um Ehre und Leben, ja, was das erschrecklichste, um ihrer Seelen Seligkeit gebracht; jedoch, ich weiß ganz gewiß und sehe bereits in meiner bitteren Todesstunde mit süßem Vergnügen vor Augen, wie Du noch auf Erden an demjenigen Glied, womit Du gesündigt hast, aufs grausamste gepeinigt wirst. Glühende Eisen, scharfe Messer, Scheren und Zangen werden Dich in Zukunft kitzeln, doch wirst Du statt empfindender Wollust Ach, Weh, Zeter und Mordio schreien müssen.‹ Hier hielt mein Herr etwas mit Reden inne, legte sich mit zugemachten Augen (wie ich durch ein kleines Loch aus dem Kabinett bemerken konnte) zurück aufs Bett und stieß etliche tiefgeholte Seufzer aus; mir, ohngeachtet ich sogleich merkte, daß er keine wahrhaftige Geschichte, sondern ein bloßes Gedicht hererzählte, standen jedoch fast die Haare zu Berge und ich kann nicht leugnen, daß mir dergleichen Beginnen sehr frevelhaft vorkam. Bald hernach setzte er seine Erzählung fort: ›Ach, mein Herr von Oegneck! Wie haben der sterbenden Doris Prophezeiungen doch so richtig bei mir eingetroffen; Ob ich gleich wenige Tage nach ihrem Tod alles aus dem Sinn schlug und mich um nichts bekümmerte, als wo ich wieder eine neue wohlqualifizierte Mätresse hernehmen wollte. Unterdessen aber, weil ich nicht sogleich finden konnte, was meine sehnlichen Augen suchten, hielt ich mich zu den gemeinen barmherzigen Schwestern und führte ein dermaßen garstiges Leben mit ihnen, daß ich mich nunmehr selbst schäme, ferner daran zu denken. Jedoch die gerechte Strafe des Himmels rückte herbei, ehe es von mir vermutet wurde, denn als ich einstmals des abends mit schlummernden Augen auf meinem Bett lag und in einer wollüstigen Positur auf eine bestellte Kokette wartete, erschien mir der Geist der erblaßten Doris, welcher mit einem glühenden Eisen das Unterteil meines Gemächtes berührte und mich dermaßen brannte, daß ich vor Schmerzen hell zu schreien anfing und mich solchergestalt ermunterte. Anfänglich vermeinte ich zwar, es sei nur ein bloßer Traum, und suchte mir dergleichen Phantasien aus dem Kopf zu schaffen, allein, es war mir unmöglich; zudem überfiel mich ein eiskalter Schauder, welcher mit der größten Hitze zum öfteren abwechselte, auch fing der im Traum gebrannte Fleck an, heftig zu schmerzen, so daß ich statt der verhofften Wollust diese Nacht über die allerentsetzlichste Liebes- und Gemütsmarter empfinden mußte. Mit anbrechendem Tage verhoffte ich, würde zugleich mein schmerzhafter Zustand unterbrochen werden, indem sich meine Sinne unmöglich einbilden konnten, daß mir dergleichen re vera begegnet sei. Ach! Aber ich verspürte bald mit ermunterten Sinnen und Augen, daß mein Zustand einer der allergefährlichsten sei, inmaßen mein Gemächte seine gewöhnliche Gestalt verlor und sich in eine unbändig große Wasserblase verwandelte. O Himmel! Wie wurde mir zu Mute? Fast hätte ich mich, um der grausamen Schmerzen auf einmal loszukommen, resolviert, mir selbst eine Pistolenkugel durchs Herz zu jagen, jedoch mein guter Engel hielt mich davon zurück. Ich schickte nach den erfahrensten Ärzten, welche gar bald genug ankamen und mir die allerkostbarsten innerlichen und äußerlichen Arzneien gebrauchten, allein, die grausame Höllenpein, welche ich noch immerfort erlitt, konnte kaum binnen acht Tagen ein wenig gelindert werden. Endlich, nachdem zwei Wochen verflossen waren, wurden zwar die Schmerzen etwas erträglicher, im Gegenteil schien es, als ob diese Extremität meines Leibes gänzlich abfaulen wollte. Ins Scrotum fielen etliche Löcher, beide Testiculi wurden vom kalten Fieber angegriffen gefunden, demnach herausgezogen und zu meinem größten Leidwesen abgeschnitten. Also half mir mein getanes Gelübde, welches darin bestand, daß ich nach völliger Genesung nimmermehr ein Frauenzimmer unehelicherweise wieder berühren wollte, für diesesmal gar nichts, sondern es wurde mir vom Schicksal auferlegt, die Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts anderen zu überlassen. Doch dieses ist höchst zu verwundern, daß, sobald ich solchergestalt kastriert war, sich sofort alle Schmerzen verloren, ja, kurz zu sagen, ich befand mich, ehe vier Wochen verflossen, vollkommen restituiert und wundere mich nunmehr selbst, daß von dem entsetzlichen Schaden so wenige Narben zu fühlen sind. Nach der Zeit habe zwar wenige oder gar keine Incommoditée weiter davon empfunden, doch ein berühmter Operateur hat mir geraten, beständig eine solche Bandage, wie mein Herr um meinen Leib herum sieht, zu tragen, denn seinem Sagen nach könnte ich gar leicht einmal durch eine mittelmäßige Strapaze einen doppelten Darmbruch bekommen, weil sogar das Darmfell in meinem Leibe von dem scharfen Eiter zernagt befunden worden.‹ ›Es ist dieses‹, sagte Oegneck hierauf, ›ein ganz guter Rat. Allein, wie haben sich Ihro Gnaden nach der Zeit sowohl in Dero Leibeskonstitution als in den Gemütsbewegungen befunden?‹ ›Ach Himmel!‹, gab mein Herr zur Antwort, ›ich bin seit der Zeit der vorige Mensch ganz und gar nicht mehr gewesen. An der Courage, einem Feinde unter Augen zu gehen und mich mit demselben auf Degen und Pistolen zu schlagen, ist mir zwar nicht das geringste entgangen; Essen und Trinken schmeckt mir auch ganz wohl, allein, die Liebe zum Frauenzimmer ist mir zuwider wie der Tod, hergegen ist mir nichts angenehmer als die Einsamkeit, doch gibt mir die Vernunft zu verstehen, daß, wenn sich meine Sinne gar zu sehr darin vertieften, ich vielleicht wohl gar wahnsinnig, toll oder rasend werden möchte; eben diesem Unglück aber vorzubeugen, habe ich mich auf Reisen begeben, weiß aber nicht, ob es lange antreiben werde, denn ich möchte wohl besser nicht verwahrt sein, als bei den Meinigen zu Hause. Sonst habe ich ein so ziemliches Vergnügen an allerhand spekulativischen Dingen, als an Malerei, gleichen an einer süßen Musik, beweglichen poetischen Sachen, aber keine verliebten Gedichte; item allerhand moralische Historien zu lesen und anzuhören, allein, es vergeht mir auch hierzu der Appetit zuweilen ganz plötzlich, und ich verfalle öfters über Vermuten in eine Tiefsinnigkeit, wenn nicht ein besonders kluger und geschickter Mann bei mir ist, der mit guter Manier dergleichen Grillen aus meinem Kopf jagen kann. Ich habe zwar schon verschiedene gescheite Leute in meinen Diensten gehabt, weil aber dennoch keiner recht nach meinem Gout eingeschlagen, so habe immer einen nach dem anderen wieder fortgeschafft, auch von meinen jetzigen Bedienten werde ich keinen lange um mich leiden können.‹ ›Wie ists aber‹, fragte Oegneck, ›wenn sich Ihro Gnaden genötigt sehen, mit Frauenzimmern zu konversieren?‹ ›Ei was!‹ fuhr mein Herr auf, ›Er schweige mir ja um Himmels willen von diesem Geschlecht still, denn ich wollte eher zwei wilde Männer, als ein Frauenzimmer um mich leiden. Ihre Konversation ist mir bis in den Tod zuwider, ja, ich scheue dieselben als ein verzehrendes Feuer. Sobald ich eine ansehe, befürchte ich gleich, sie möchte etwa Wissenschaft um meine Beschaffenheit haben, mich deswegen in ihrem Herzen höhnisch auslachen und mit meinem Elend einen Spott treiben. Ob ich auch, wenngleich alles noch seine Richtigkeit bei mir hätte, nimmermehr wieder ein Frauenzimmer bedienen möchte, inmaßen ich es mitten in meinem Schmerzen so teuer verschworen habe, so wollte ich doch eher mein Leben dransetzen, als mich mit meiner Incapacité schrauben lassen.‹ ›Wenn man aber‹, wandte Oegneck ein, ›ein solches Frauenzimmer finden könnte, die dergleichen tadelhafte und andere sündliche Affekte nicht in ihrer Seele hegte, sondern eine reine, keusche und redliche Konversation mit Ihnen zu führen bereit wäre, wollten Euer Gnaden eine solche auch nicht um sich leiden?‹ ›Ach! Hinweg mit dem Frauenzimmer, es mag schön oder häßlich sein‹, war meines Herrn Gegenrede, ›wo wollte doch immermehr eine solche, wie sie der Herr beschreibt, anzutreffen sein? Es wäre denn ein Kind oder ein altes Weib, von welchen beiden aber eines sowenig als das andere das Geschick haben kann, mir einen vergnügten Zeitvertreib zu verursachen, deswegen nur stillgeschwiegen von diesem verhaßten Geschlecht.‹ ›Nun, nun!‹ sagte endlich Oegneck, ›Eure Gnaden geben sich nur völlig zufrieden, Ihr Malheur soll aufs längste binnen zwei oder drei Monaten behoben sein. Was verlorengegangen, kann zwar ich und kein sterblicher Mensch wieder ersetzen, allein Ihren melancholischen Humor hoffe ich mit der Hilfe des Himmels völlig zu kurieren, weil mir Rat und Mittel dafür überflüssig beiwohnen, ja, ich versichere bei meiner Ehre, daß schon mehr als hundert dergleichen Patienten recht lustig, fröhlich und vergnügt von mir gegangen sind; doch sage ich Eurer Gnaden im voraus, daß sie sich nach derjenigen Vorschrift, welche ich Ihnen in Ihrer Diät und ganzer Lebensart machen werde, aufs allergenaueste richten müssen, wofern sie anders vollkommen glücklich kuriert sein wollen, ja solchergestalt hoffe ich nicht einmal zwei Monate mit Ihnen zuzubringen, wenn sie nämlich mir billige Folge leisten werden.‹ ›Ich bin ja ein Mensch‹, sagte hierauf mein Herr, ›der ein ziemlich Teil Verstand hat, deswegen will ich Ihm versprechen und halten, allem demjenigen fleißig nachzuleben, was mir Seine Kunsterfahrenheit zum Reglement vorschreibt, nur bitte ich, allen möglichen Fleiß zu baldiger Kur anzuwenden, Seiten meiner soll es auch an richtiger Bezahlung nicht ermangeln, wie ich Ihm denn hiermit gleich zum voraus zwölf Dukaten gebe.‹ Oegneck hätte vor Freuden gleich aus der Haut fahren mögen, da ihm mein Herr aus seiner Goldbörse zwölf schöne Dukaten langte und dieselben in seine Hand drückte; anfänglich stellte er sich zwar, als ob er nichts voraus haben wollte, doch ließ er sich auch nicht zehnmal nötigen, sondern steckte das Gold mit Freuden in seinen Schubsack. Hierauf redete er aus einem ganz anderen Ton also: ›Gnädiger Herr! Vor allen Dingen wird es nötig sein, daß Sie Dero Logis verändern und an einem solchen Orte wohnen, wo es etwas lebhafter und nicht so einsam als hier ist, damit Sie öfters aus den Fenstern bald auf die volkreichen Straßen, bald in schöne Gärten sehen können und durch Betrachtung anderer Objekte von Ihren gewöhnlichen tiefen Gedanken abgezogen werden. Starke und allzuöftere Gesellschaft bei sich zu haben, will sich anfänglich nicht wohl schicken, weil solches die Kur nur verzögern möchte, doch muß man Sie auch selten alleinlassen, sondern sehen, wo man einen geschickten Mann findet, der Ihnen mit angenehmen Gesprächen und auch wohl auf andere Art die Zeit passiert, wenn ich nicht selbst zu Hause sein kann. Ich habe‹, fuhr Oegneck fort, ›ein schönes, wohl und geräumlich erbautes Haus gemietet, bewohne aber nur den wenigsten Teil davon, weil ich aber keine starke Familie habe; belieben Sie etwa, dasselbe in gnädigen Augenschein zu nehmen, und wo es anständig, zu beziehen, so sollte an Dero schönster Kommodität nicht der geringste Mangel erscheinen, denn ich könnte solchergestalt desto öfter bei Ihnen sein; an allem anderen, wozu Sie sonst einen zulässigen Appetit verspüren möchten, würde auch kein Mangel erfunden werden.‹ Mein Herr brachte anfänglich viele Entschuldigungen vor, warum es ihm sehr beschwerlich fiele, sein Logis zu verändern, endlich aber, nachdem er eine Zeitlang nachgesonnen, sagte derselbe: ›Mein Herr von Oegneck, ich habe einmal versprochen, Ihm in allem, was zu meiner baldigen Kur vorteilhaft erfunden wird, Gehorsam zu leisten, deswegen soll Er in diesem Stück die erste Probe von mir sehen. Es geschehe demnach, der Herr lasse mir in Seinem Hause zwei oder drei bequeme Zimmer zurechtmachen, meine Leute sollen sogleich einpacken, damit ich gegen Abend einziehen und morgen mit der Kur der Anfang gemacht werden kann; mir wird nunmehr Zeit und Weile viel zu lang.‹ Oegneck mochte sich unfehlbar innerlich nicht wenig freuen, einen so fetten Kostgänger und Patienten angetroffen zu haben, von welchem er keine mageren Brocken zu genießen verhoffte, nahm deswegen mit meinem Herrn nur noch kurze Abrede wegen ein und anderer Kleinigkeiten, beurlaubte sich nachher und eilte nach Hause, um alles wohl einzurichten. Kaum mochte er aber wohl zum Hause hinaus sein, als mein Herr vom Bett aufsprang, mich rief, daß ich ihm die Bandage abnehmen sollte, und fragte, was meine Gedanken wären bei diesen Streichen? ›Gnädiger Herr!‹ antwortete ich, ›bald haben mir über Ihr Gespräch die Haare zu Berge gestanden, bald aber hätte ich vor Lachen zerbersten mögen.‹ ›Ihr müßt mich‹, versetzte er, ›für jetzt einmal als einen Komödianten betrachten, der seine Komödien selbst elaboriert; die erste Szene, welche ich in gewichener Nacht ausgesonnen, ist, wie mich dünkt, ziemlich gut abgelaufen, allein, Ihr werdet unfehlbar noch weit mehr dabei zu lachen kriegen, denn Oegneck muß mir nolens volens ein vollkommener Harlekin und Hahnrei werden, vorjetzt aber werden wir keine Zeit zu versäumen haben, sondern unsere Sachen einpacken müssen, damit wir noch heute an Ort und Stelle kommen.‹ Demnach packten wir alles ein, und mein Herr half selbst fleißig; zwei Stunden nach der Mittagsmahlzeit aber kam Oegneck und meldete, daß die Zimmer zu meines Herrn Commoditée bereits gereinigt und möbliert wären, weswegen sogleich der Anfang zum Aus- und Einräumen gemacht wurde, gegen Abend aber begab sich mein Herr selbst mit dem Oegneck in das neue Quartier. In selbigem war zum Willkommen eine köstliche Mahlzeit zubereitet, wiewohl niemand als Oegneck mit ihm speiste, auch kamen von Domestiken nicht mehr als ein alter ehrbarer Mann nebst zwei Knaben von zehn bis zwölf Jahren zum Vorschein. Jedoch hatte ich das Glück, Oegnecks Frau am ersten zu sehen, indem sie die Speisen selbst zubereitete und dieselben durch eine Schublade, die in der Küchentür war, herausgab. Ich muß gestehen, daß ihr Gesicht mehr einem Engel als Menschen ähnlich sah, ihre Arme und Hände aber waren noch weißer als Alabaster, weswegen ich meinen Herrn nicht halb so sehr verdachte, daß er sich ihrethalber so viele Mühe gab, ohngeachtet er sie noch nicht gesehen. Es wollte sich nicht schicken, ihm meine glückliche Aventure zu melden. Er aber wußte seine Person vorgenommenermaßen dergestalt künstlich zu spielen, daß Oegneck an nichts weniger gedachte, als daß man ihn so listigerweise hinter das Licht führen wollte, hergegen brachte er allerhand feine Historien und scherzhafte Reden vor. Es schien, als ob mein Herr hierbei ziemlich vergnügt wäre, doch da die Nacht hereinzubrechen begann, stellte er sich dermaßen wunderlich an, daß ein jeder, dem seine Verstellung unbekannt war, hätte meinen sollen, er sei ein wirklich delirierender Fanatikus. Ich und die beiden Lakaien waren schon sattsam abgerichtet, schlichen uns deswegen ganz behutsam hinzu und brachten mit guter Manier Messer, Gabel, Degen, Pistolen, ja alles schädliche Gewehr auf die Seite in eine Nebenkammer, deswegen dem Herrn von Oegneck ziemlich bange, ja ich glaube, daß es ihm fast leid war, sich aus Übereilung eine solche Last auf den Hals gebürdet zu haben. Bei sogestalten Sachen eilte er, Arznei herbeizuholen, auch war ihm für diesen Patienten ein biblisches Mittel eingefallen, nämlich die Musik, durch welche der König Saul, wenn er den Raptum bekommen, war besänftigt worden. Er kam bald wieder zurück und brachte einen Julep, welchen mein Herr auf einmal austrinken sollte; dieser aber, welcher den Kopf mit beiden Armen unterstützt hatte, niemanden ansehen, auch kein Wort antworten wollte, stieß das Glas zornig von sich, daß es auf dem Boden in Stücke brach, und blieb in voriger Positur sitzen. Über Vermuten aber ließ sich vor der Stubentür eine Laute hören, worauf erst ein angenehmes Präludium gespielt wurde, endlich aber fiel eine unvergleichliche Diskantstimme drein und sang folgende Arie: 1.                         Entschlage dich der bangen Grillen, Beklemmtes Herz! Bedenke doch: Du kannst damit den Schmerz nicht stillen, Du schüttelst zwar dein schweres Joch; Und kannst es doch nicht leicht von deinem Halse kriegen, Darum besinne dich und suche dein Vergnügen. 2. Du sprichst: Wo soll ich dieses finden? Da etwas mich zurückehält, Da Hilfe, Rat und Trost verschwinden, Da Scherz und Lust in Abgrund fällt. Ach! Glaube doch, man kann sich alles leichter machen, Ein kluges Auge muß bei größter Trübsal lachen. 3. Zuviel sich grämen ist ein Laster, Man stört damit die Lebensruh. Gewohnheit streicht das beste Pflaster, Die Zeit heilt alle Schäden zu; Drum lerne mit Geduld der Plagen zu gewohnen, Mit Sturm und Ungeduld erwirbt man selten Kronen. 4. Es kann sich endlich doch wohl schicken, Daß dir ein frohes Stündchen lacht. Kann dich nicht, was du willst, erquicken: Wer weiß, was sonst für Lust erwacht, Die deine matte Brust mit süßem Nektar labet, Und mit Ambrosia statt Aloe begabet. Mein Herr sah sich unter währendem Singen ein paar Mal ganz wild um, da aber die Musik geendigt war, stellte er sich an als einer, der aus einem tiefen Traum erwachte, rieb die Augen und gähnte etlichemal. Merken konnte er leicht, daß Oegnecks Frau die Sängerin gewesen, doch gab er seine Gedanken nicht von sich, sondern warf einen Dukaten auf den Tisch und sagte: ›Wo ist der Knabe, der jetzt so schön musiziert hat? Gebt ihm diesen Dukaten und laßt ihn das Stück noch einmal repetieren, sagt auch, daß er öfters kommen solle.‹ Oegneck nahm den Dukaten und ging damit zur Tür hinaus; sobald er zurückkam, hörte man die vorige Arie nochmals, und zwar weit manierlicher singen, auch mit unvergleichlicher Variation spielen. Sobald dieselbe unter meines Herrn großer Aufmerksamkeit geendigt war, stellte sich derselbe wiederum mit völligem Verstand her, umarmte den Herrn von Oegneck und sagte: ›Ach, mein allerliebster Freund, wie glücklich schätze ich mich, daß ich in Seine Kur geraten bin, nun merke ich erst, daß Seine besondere Klugheit mir mehr mit äußerlichen Vorteilen, als mit innerlichen Medikamenten raten und helfen wird. Habe ich unter währendem Paroxismo etwa eine Faiblesse begangen, so bitte, mir selbige zu vergeben, denn ich bin zur selben Zeit ein miserabler Mensch, der selbst nicht recht weiß, was er tut; der charmant musizierende Knabe aber hat mich mit seiner angenehmen Stimme ungemein vergnügt, nicht anders, als ob ich von Toten auferweckt worden. Diese Arie werde ich mir zu meinem Leibstückchen erwählen, denn der ganze Text schickt sich so von ungefähr vortrefflich auf meinen Zustand.‹ ›Ich freue mich von Herzen‹, gab Oegneck hierauf zur Antwort, ›gleich anfänglich ein so glückliches Mittel erfunden zu haben, Eure Gnaden zu besänftigen; der Knabe soll Ihnen in Zukunft alle Abend, sooft es gefällig, aufwarten, dieses aber muß ich zur Nachricht melden, daß er in Gegenwart anderer Leute nichts Gescheites spielen oder singen kann, deswegen ists am besten, man läßt ihn außen vor der Tür bleiben.‹ ›Ach ja‹, versetzte mein Herr, ›das muß ohnedem geschehen, denn ich möchte denselben vielleicht nicht bei mir vertragen können. Für jetzt aber wird mir erlaubt sein, mich zur Ruhe zu legen, denn ich befinde mich matt und schläfrig.‹ ›Sie tun sehr wohl hieran‹, sagte Oegneck und begab sich nach Anwünschung einer geruhigen Nacht von dannen. Anstatt sich zur Ruhe zu legen, setzte sich mein Herr in sein Kabinett, rauchte ein paar Pfeifen Tabak, ließ die Lakaien zu Bett gehen, zu mir aber sagte er mit lachendem Munde: ›Das war der andere Auftritt in dieser Komödie, es muß aber noch weit mehr tolles Zeug herauskommen.‹ Ich offenbarte ihm, wie ich das Glück gehabt, Oegnecks Frau zwar nur auf wenige Augenblicke zu sehen, müßte aber bekennen, daß sie ein recht englisches Gesicht hätte. Er erfreute sich hierüber ungemein und wünschte sich dieses Glück nur vorerst auf eine einzige Minute. Nachdem er nun wegen der fernerweitigen Fort- und Ausführung seines Dessins noch Verschiedenes mit mir überlegt, begab er sich endlich zur Ruhe. Einige darauffolgende Tage hintereinander plagte ihn Oegneck mit Purgieren und Schwitzen dergestalt, daß er es fast überdrüssig werden wollte, jedoch auf mein Zureden, daß ihm dieses nicht undienlich, indem er lange Zeit nicht mediciniert, mithin viele Unreinigkeiten aufgesammelt hätte, war er ziemlich gelassen dabei, befand sich auch sehr wohl darauf, weswegen ihn Oegneck einige Tage in Ruhe, dabei aber die delikatesten Speisen zubereiten ließ. Inmittels begann mein Herr ziemlich unmutig zu werden, weil er durch seine gemachten Machinationen den gewünschten Zweck zu erreichen noch keine sichere Hoffnung sah. Er stellte sich, als ob die melancholischen Paroxismi nicht des zehnten Teils mehr so stark wären als bisher, doch gab er allgemach zu verstehen, wie er sich nach einem oder dem anderen Zeitvertreib sehnte, weswegen ihm Oegneck ein ganzes Paket Gemälde von Landschaften und anderen artigen Dingen brachte und selbige zur Betrachtung vorlegte. Er bewunderte dieselben und fragte, ob der Meister davon in N. wäre; Oegneck bejahte solches, doch wäre er vorerst nur auf ein paar Tage verreist. Ferner brachte er ihm allerhand in Wachs poussierte Porträts, ingleichen viele Bogen Verse, welche meistenteils von Verachtung der Welt, von der eitlen Wollust, von den Torheiten beider Liebe und dergleichen handelten. Mein Herr lobte alles weit mehr, als es ihm ums Herz war, zeichnete sich auch einige Arien aus und bat, daß sie dem musikalischen Knaben zugeschickt werden möchten; welches denn Oegneck auch besorgte, so daß wir des darauffolgenden Abends eine unvergleichliche Vokalmusik nebst der Laute hörten. Wie aber mein Herr fragte, wer denn der Meister von diesen Versen wäre, gab er zur Antwort: ›Die Schildereien, Wachsbilder und Verse sind eines Menschen Arbeit, doch dieses alles ist nichts gegen die andere unvergleichliche Geschicklichkeit, so dieser Mensch nebst einem besonderen Verstand und artiger Conduite besitzt.‹ ›Ach Himmel!‹ versetzte mein Herr, ›das wäre ein rechter Mensch für mich, möchte ich doch denselben zeitlebens bei mir haben können, er sollte es so gut und noch weit besser haben, als ich selbst, denn ich verhoffte von seiner Konversation ganz was Besonderes zu profitieren.‹ ›Ich glaube schwerlich‹, erwiderte Oegneck, ›daß er sich resolvieren möchte, zeitlebens bei Ihnen zu bleiben; denn er hat selbst gute Mittel, ist auch bei allen seinen Geschicklichkeiten und Tugenden dennoch ziemlich eigensinnig, indem er ein ruhiges Leben führen, durch seine Künste sich immer höher schwingen, mithin auch immer mehr und mehr Reichtümer erwerben kann, doch getraue ich mich, ihn dahin zu persuadieren, daß er, solange sich Euer Gnaden in meiner Wohnung aufhalten, Ihnen fast täglich einige Stunden die Zeit passieren soll.‹ Mein Herr bat inständig, ihm mit allernächsten diesen artigen Menschen zuzuführen, und Oegneck versprach, sogleich nach ihm zu schicken, versicherte auch, daß wenn er wieder zurückkommen wäre, derselbe nicht abschlagen würde, ihm eine Visite zu geben. Hiermit ging Oegneck fort und ließ meinen Herrn für diesmal die Mittagsmahlzeit allein verzehren, welches ihm wegen seines starken Appetits, dem er bei dessen Gegenwart öfters einigen Abbruch tun mußte, sehr gelegen fiel. Nach der Mahlzeit ließ Oegneck melden, daß Herr Bellian, so wurde der Pansaphus genannt, zurückgekommen wäre und versprochen hätte, sich nach Verlauf einer Stunde einzufinden. Mein Herr zog hierauf eines von seinen besten Kleidern an, ja, er machte sich dergestalt galant, als ob er bei dem Vice-Roi hätte Cour machen wollen. Wie ich aber bemerkte, gnädiger Herr!« sagte hier der Kammerdiener zu Elbenstein, »so beginnt der Tag schon anzubrechen, deswegen befürchte ich, Dieselben um die benötigte Ruhe zu bringen, wo mir gnädigst erlaubt ist, will ich Dero Befehl erwarten, ob ich diese Geschichte Ihnen vollends bis zum Ende erzählen soll, denn wenn ich die meisten Umstände, die in Wahrheit kurios sind, nicht zurücklassen will, dürften wohl noch zwei bis drei Stunden dazu erfordert werden.« Elbenstein war die Zeit gar nicht lang geworden, und er hätte, wo er nicht wäre erinnert worden, noch zwei bis drei Stunden zugehört, weil er aber bedachte, daß ihm die Ruhe so dienlich als dem guten Menschen wäre, gab er ihm einen Dukaten, auf seine Gesundheit ein Glas Wein dafür zu trinken, und nachdem sich dieser aufs höflichste dafür bedankt, bat er ihn, nach der Mittagsmahlzeit wieder zu ihm zu kommen, da er denn nicht allein den Rest der Geschichte vollends aushören, sondern auch weiter mit ihm sprechen wollte. Hiermit nahm der Kammerdiener Abschied, Elbenstein aber seinen Platz im Bett. Weil er sich vorigen Tages schon ziemlichermaßen von seiner Müdigkeit erholt, schlief er nur wenige Stunden, besah hernach sein schönes Pferd und fand dasselbe frisch und wohlversorgt, spazierte sodann in den am Haus befindlichen Garten und widmete seine Gedanken seiner geliebten Fürstin, bis er zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurde. Nach Einnehmung derselben meldete sich alsobald der Kammerdiener wieder, welchen er, weil es ein ungemein schöner Tag war, mit in den Garten zu gehen bat und ein paar Bouteillen Wein, die im Eis standen, dahin bringen ließ. Es setzte dieser, nachdem ihn Elbenstein zu sitzen und nach Belieben zu trinken genötigt, seine Geschichtserzählung folgendermaßen fort: »Bald hernach, da sich mein Herr vollkommen angekleidet, kam Oegneck, holte ihn ab und führte ihn in ein anderes, wohlausgeputztes Zimmer, allwo (wie mir mein Herr nachher alles von Wort zu Wort wiedererzählt) er den Herrn Bellian mit einem Buch in der Hand auf und ab spazierend antraf, sein Hut, Stock und Degen aber lagen auf einem kleinen Nebentischchen. Sobald Herr Bellian die beiden Hineintretenden erblickte, legte er sogleich das Buch aus der Hand, machte eine zierliche Reverenz und empfing sie mit besonderer Höflichkeit. Mein Herr tat ein Gleiches und fing also an zu reden: ›Mein wertester Herr und Freund, ich gratuliere mir, in Dessen galanter Person einen solchen qualifizierten Mann anzutreffen, der nach den Berichten, welche mir der Herr von Oegneck von Demselben erstattet, seinesgleichen wenig in der Welt hat, weswegen ich denn eben auch nach Dessen schätzbarer Konversation ein besonderes Verlangen getragen und mir dieselbe öfters ausgebeten haben will.‹ ›Gnädiger Herr!‹ versetzte Bellian hierauf, ›ich bin kein Mensch von besonderen Komplimenten, sondern mein ganzes Wesen ist dergestalt aufrichtig beschaffen, daß ich weder simulieren, noch dissimulieren kann, hergegen frei heraus rede, wie es mir ums Herz ist; deswegen bitte, mich mit großen Ruhm- und Lobeserhebungen gnädig zu verschonen; ist sonst meine schlechte Konversation, jetzt und in Zukunft vermögend, Ihnen ein Pläsier zu machen, so bin ich, sooft es meine nötigen Geschäfte zulassen, zu Dero Diensten.‹ ›Ach, wie gern‹, erwiderte mein Herr, ›gehe ich doch mit dergleichen allerliebsten Leuten um, die ihren Gebärden, Worten und ganzer Aufführung keine falsche Schminke anstreichen. Er setze sich doch mit mir nieder, mein wertester Herr Bellian!‹, unter welchen Worten er ihn bei der Hand faßte und dieselbe ungemein zart und weich befand, sich aber deshalb nichts merken ließ, sondern im Reden fortfuhr: ›Will Derselbe wohl nicht übel deuten, wenn ich frage, von welcher Sache Er denn hauptsächlich Profession macht?‹ ›Im geringsten nicht‹, antwortete Herr Bellian, ›muß aber bekennen, daß ich mich von Jugend an auf nichts Gewisses allein, sondern auf alle diejenigen Wissenschaften gelegt habe, die mir gefallen oder, deutlicher zu sagen, wozu mich mein kurioses Naturell angetrieben hat; demnach habe ich etwas studiert von der Geographie, Historie, Poesie, Musik; Malerei, Wachspoussieren, Elfenbeindrehen und dergleichen erlernt, teils durch Anweisung anderer geschickter Leute, teils aus Büchern, teils aus eigenem Antrieb. Viele wollen aus meiner Arbeit etwas Besonderes machen, allein, die Menschen pflegen heutzutage einander zum öfteren sehr zu flattieren.‹ ›Ich bin ein Feind vom Flattieren‹, widerredete mein Herr, ›erstaune aber fast über Dessen Geschicklichkeit, welche in Wahrheit mehr Ruhm verdient, als man derselben beilegen kann. Da mir nun nicht unbewußt, daß sich kluge Leute nicht gern ins Angesicht loben lassen, will ich jetzt davon schweigen und mit des Herrn Bellians Erlaubnis fragen, was dieses für ein Buch sei, worin Er sich vor unserer Ankunft divertiert hat.‹ ›Es hat es‹, berichtete Herr Bellian, ›ein gottseliger Pater gemacht, und schreibt derselbe sehr schön von den eingebildeten Wollüsten der weltlich gesinnten Menschen, erweist auch sehr vernünftig, daß alle unsere Vergnügungen nur bloße Eitelkeit und einem leeren Traum vollkommen ähnlich seien. Ich kann Euer Gnaden versichern, daß mir dieses Buch bereits viele Dienste getan und noch tut, denn ob ich es gleich schon wohl fünfzigmal durchgelesen, so fange doch allezeit wieder von vorn an und bemühe mich, dasselbe auswendig zu lernen und meine Lebensart danach einzurichten.‹ ›Mein wertester Freund‹, versetzte hierauf mein Herr, ›ich habe zwar dem Herrn Oegneck angelegen, Ihn zu bitten, daß Er mir die Fundamente in der Zeichen- und Malerkunst zeigen möchte, allein, nunmehr erkennt mein bisher verfinstert gewesener Verstand, daß ich von Ihm noch eine weit schönere Kunst, nämlich die Beruhigung des Gemüts erlernen können. Demnach ersuche ich Ihn inständig, dieses Buch mit mir durchzugehen, ich will einen fleißigen Schüler abgeben und Dessen Bemühung nach äußerstem Vermögen rekompensieren.‹ Herr Bellian erzeigte sich hierzu sogleich willig und bereit, machte mit Lesen und Lehren den Anfang, Oegneck aber beurlaubte sich unter dem Vorwand, einigen wichtigen Verrichtungen nachzugehen. Mein Herr machte wunderlich Zeug, denn bald stellte er sich, als ob er sehr andächtig zuhörte, bald aber verfiel er in ein so tiefes Nachsinnen, daß man meinen sollen, er schliefe mit wachenden Augen, weswegen Herr Bellian dann und wann einen lustigen Diskurs aufs Tapet bringen mußte. Etwa drei Stunden waren sie also allein beisammen gewesen, als Oegneck wieder nach Hause kam, da sie denn noch verschiedene Gespräche führten; endlich aber mußte Herr Bellian, halb gezwungenerweise, in meines Herrn Zimmer die Abendmahlzeit miteinnehmen. Unter derselben fragte mein Herr nach dem musikalischen Knaben, bekam aber von Oegneck zur Antwort, daß sich derselbe heute etwas unpaß befunden hätte, deswegen für diesesmal seine Aufwartung nicht machen könnte. Mein Herr war deswegen sehr besorgt und sagte, wie ihm der größte Teil seines Vergnügens entfallen würde, wenn dieser Knabe sterben sollte. Allein, Oegneck versicherte, daß dessen Maladie nicht viel auf sich hätte, sondern er vielleicht schon morgen sich wiederum hören lasse. Nach geendigter Mahlzeit wollte sich Herr Bellian nicht länger aufhalten lassen, weswegen ihn mein Herr mit einem schönen Gedenkring beschenkte und auf diesmal von sich ließ; Oegneck gab ihm das Geleit, mein Herr aber blieb allein in seinem Zimmer, denn ich war kurz vorher, ehe die Tafel aufgehoben wurde, auf Abenteuer ausgegangen und entdeckte mit besonderem Vergnügen, was ich wünschte. Sobald ich wiederum in meines Herrn Zimmer gekommen, waren meine ersten Worte: ›Wissen Euer Gnaden etwa bereits, mit wem Sie heute konversiert haben?‹ ›Ich mutmaße‹, gab mein Herr zur Antwort, ›daß Herr Bellian keine Mannsperson, sondern ein Frauenzimmer und vielleicht des Oegnecks Frau sei; wenn es wahr, so ists mir lieb, denn ihre Person ist in Wahrheit ungemein liebenswürdig.« Hierauf offenbarte ich ihm das ganze Geheimnis folgendergestalt: ›Euer Gnaden können sicher glauben, daß in Bellians Kleidern niemand anderes als Oegnecks Frau steckt. Ich habe an einem geheimen Ort durch einen Ritz gesehen, wie sie sich mit Hilfe ihres Mannes und eines alten Weibes die Mannskleider aus- und dagegen ihre Weibskleider wieder angezogen, auch haben meine Ohren alle Worte gehört, die sie Euer Gnaden wegen miteinander gewechselt. Erst redete Oegneck also zu ihr: ›Ihr werdet Euch, mein Schatz, nunmehr gefallen lassen müssen, diese Maskerade alle Tage zu spielen.‹ ›Ich wäre,‹ gab sie zur Antwort, ›solcher Possen von Herzen gern überhoben, indem ich ein Narr sein und andere, ohnedem genug geplagte Leute auch noch zum Narren machen soll.‹ ›Ei! Was Narren?‹ versetzte Oegneck, ›keinen Narren, sondern einen klugen Menschen sollt Ihr mir machen helfen, zudem so wird Euch ja Eure wenige Mühe teuer genug bezahlt, weil Ihr bereits so schöne Dukaten für die Musik und diesen Abend wieder einen trefflichen Ring bekommen habt. Bedenkt doch nur auch, was wir noch für eine schöne Zwickmühle an diesem Herrn haben können.‹ ›Ei was!‹ widerredete die Frau, ›der Himmel hat mir zeitliche Güter nach Notdurft genug beschert, und bei dem Geld, welches Ihr auf eine solche betrügliche Art schneidet, wird wohl wenig Glück und Segen sein, der Henker kann es zeitig genug holen, zumal wenn Ihr es, Eurer Gewohnheit nach, auf den Spieltisch tragt. Ich beklage nur, daß es dem unglückseligen Kavalier eben also gehen wird, wie es anderen melancholischen Patienten ergangen ist, die Ihr ebenfalls habt kurieren wollen, wenn nur das Können nicht ermangelt hätte. Was gilts? Wenn Ihr ihm nur den Beutel sattsam gefegt, wird er wieder so hinlaufen müssen, als er hergekommen ist, denn Ihr habt es ja mit dergleichen Leuten mehrenteils schlimmer als besser gemacht; aber ich fürchte immer, Ihr werdet einmal übel anlaufen.‹ Oegneck schlug hierüber ein höhnisches Gelächter auf und sagte: ›Solchen Narren muß man die Kolbe lausen, ich weiß mich schon herauszuschwatzen, und wenn ich einem solchen Hasenkopf etliche tausend Taler abgezwackt hätte. Ich merke aber wohl, mein Schatz, wo Euch der Schuh drückt, wenn ich Euch nur nicht entdeckt, daß der schöne Kavalier seine Mannheit verloren hätte, so könntet Ihr Euch vielleicht noch Hoffnung machen, einen Amanten an ihm zu bekommen, bei so gestalten Sachen aber glaube ich, daß Euch das Herz im Leib vor Mitleid bluten mag. Nicht wahr, ich habe es erraten? Allein, gebt mir nur ein gut Wort, so soll er ein paarmal mit Euch zu Bett gehen.‹ Die Frau erwiderte mit einem bitteren Lachen: ›Ich mag mir nicht einmal die Mühe geben, auf Eure schändlichen Reden zu antworten, die Ihr täglich aus dem eifersüchtigen, verfluchten Herzen durch den Lästerrachen auf meine Ehre speit. Glaubt aber sicherlich, daß ich mich morgen wohl hüten werde, abermals eine Komödiantin zu sein!‹ Hierüber entrüstete sich Oegneck ganz ungemein, und sagte: ›Das müßte der . . . geschrieben haben, wenn Ihr mir nicht gehorsamen und noch dazu an einem so starken Profit verhinderlich sein wolltet, sagt nur noch ein einzig Wort, so will ich eine neue Marter für Euch aussinnen.‹ ›Ach!‹ replizierte die Frau, ›hierin seid Ihr ohnedem berühmter als der beste Henker. Der Himmel weiß, daß ich der grausamen Tortur überhoben sein möchte, dergleichen Bosheit aber mitverüben und diesen ehrlichen Kavalier betrügen helfen muß; jedoch der Himmel wird mirs nicht zurechnen und mir aus dieser Sklaverei helfen, sodann freßt Euer mit Betrug erworbenes Brot allein. Ach Himmel! Wie hast du doch zugeben können, daß ich einen Marktschreier und Leutebetrüger zum Ehemann bekommen müssen.‹ Diese Reden reizten den Herrn von Oegneck dergestalt zum Zorn, daß er aufsprang und ihr eine sehr starke Anzahl Maulschellen und Kopfstöße versetzte, bis endlich das alte Weib dazwischenkam und Frieden stiftete. Mein Herr war über meine glückliche Aventure ungemein erfreut und schenkte mir für meine gehabte Mühe ein schönes Kleid, im übrigen aber befahl er mir, nur weiter fleißig herumzuspekulieren, indem er dem Oegneck schon andere Possen, auch für sich selbst und dessen Frau sattsame Revanche nehmen wollte. Des anderen Tages war mein Herr sehr bekümmert, indem er bei so gestalten Sachen nicht leicht glauben wollte, daß Bellian sein Wort halten und an diesem Tag wiederkommen würde, jedoch als sich die Singstimme mit der Laute frühmorgens hören ließ, bekam er einige Hoffnung und wurde vollkommen befriedigt, da Oegneck bei der Mittagsmahlzeit sagte, daß Herr Bellian bereits melden lassen, diesen Mittag unfehlbar wieder da zu sein. Es geschah auch, und Oegneck führte meinen Herrn selbst hinüber in das Zimmer, wo sie gestern beisammen waren, er aber retirierte sich und ließ beide allein. Herr Bellian führte sich diesmal ganz traurig auf, mein Herr aber trug anfänglich Bedenken, ihn um die Ursache seines Mißvergnügens zu befragen, sondern, weil verschiedene Gemälde im Zimmer aufgehängt waren, bat er sich von einem und dem anderen die Erklärung aus, worin ihm Herr Bellian gern willfahrte. Unter anderem kamen sie zu einem Gemälde, worauf die Verwüstung der Stadt Troja abgeschildert war, und Herr Bellian erzählte viel von diesem Krieg; da ich aber mittlerweile das vorher abgeredete Zeichen gab, daß Oegneck zum Haus hinaus und die Haustür abgeschlossen wäre, fing mein Herr zu fragen an: ›Ei! Hören Sie doch, mein wertester Herr Bellian, ist nicht dieser Trojanische Krieg um einer schönen Frau halber entstanden?‹ ›Ja recht!‹ antwortete Bellian, ›so hieß dieselbe Helena und wurde ihrem Gemahl, dem Menelaos, von einem jungen Kavalier, der Paris geheißen, entführt; sonst liest man von ihr, daß sie die Schönste im ganzen Griechenland gewesen.‹ ›Ich glaube aber doch nicht‹, versetzte mein Herr ›daß diese Helena so wunderschön gewesen als die Gemahlin des Herrn von Oegneck, deren zarte Hand zu küssen ich jetzt mir die Freiheit nehme.‹ Unter diesen Worten küßte und drückte er ihre Hand zu verschiedenen Malen. Oegnecks Frau, welche ich nur fernerhin Belliana nennen will, wurde über diese unverhofften Reden und Karessen dergestalt bestürzt, daß sie als ein geschnitztes Bild, ohne Regung auf dem Stuhl sitzenblieb und wegen starker Verwirrung kein Wort antworten konnte. Mein Herr nahm diese Gelegenheit in acht, küßte ihre Hände noch etlichemal, ließ sich hernach auf ein Knie vor ihr nieder und brachte mit äußerst verliebten, freien Gebärden seine Liebeserklärung folgendermaßen vor: ›Allerschönste Dame, der Ruhm Ihrer unvergleichlichen Schönheit, die von unzähligen Kavalieren nur von fern zu betrachten so sehnlich gewünscht worden, hat mich, sobald ich Nachricht davon erhalten, angetrieben, einen selten erhörten Streich zu spielen, um nur Dero allerangenehmste Person zu sehen. Denn da ich in Erfahrung gebracht, wie Sie von Ihrem irräsonablen Manne auf eine ganz unmenschliche Art eingekerkert und verborgen gehalten würden, so daß fast nicht die geringste Hoffnung vorhanden, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, hat mir die Liebe eine List eingegeben, um Ihnen in Ihrer Sklaverei einige Revanche zu verschaffen und meine verliebte Sehnsucht zu vergnügen. Sie glauben demnach, Madame, daß die ganze Erzählung, welche ich Ihrem Mann von meiner Person und Krankheit getan, ein bloßes Gedicht und verstelltes Wesen ist, denn ich bin einer der gesündesten Menschen von der Welt und von der gütigen Natur mit allem dem, was einer vigoreusen Mannsperson zukommt, im Überfluß versorgt. Es hat mir in der Seele wehgetan, da ich neulich Ihren Mann in öffentlicher Gesellschaft so unvernünftig räsonnieren hören mußte, indem er sich ein besonderes Gloire daraus machte, mit seiner wunderschönen Frau so barbarisch zu verfahren. Weil nun aber das Glück mein Unternehmen sekundiert hat, so verabsäumen Sie doch, Madame, keine Zeit, die Sehnsucht Ihres getreusten Verehrers, des Barons von N., zu stillen, sich mitten in Ihrer Sklaverei ein süßes Liebesvergnügen zu verschaffen und sich zugleich an Ihrem eifersüchtigen, unbesonnenen Mann zu revanchieren, indem er nicht würdig ist, dergleichen überirdische Schönheit allein zu genießen.‹ Belliana blieb noch immer unbeweglich auf dem Stuhl sitzen und sah den vor ihr knienden, höchst verliebten Kavalier mit unverwandten Augen an. Endlich, da ihr derselbe die Hände noch vielemal geküßt und aufs allerbeweglichste zugeredet, zog sie ihn in die Höhe und sagte: ›Ach, steht auf, schönster Kavalier, nehmt meinen geborgten Degen und stoßt denselben in meine Brust, denn ich weiß vor Scham, Angst, Furcht und verbotener Liebe nicht zu bleiben. Was wird die ganze Welt nicht für Ursachen haben, zu lachen und höhnisch von mir zu reden, wenn meine jetzige Verkleidung nebst den begangenen törichten Streichen ruchbar wird? Wie grausam wird mein tyrannischer Mann mit mir verfahren, wenn nur das Geringste von diesem Geheimnis vor seine Ohren kommt. Womit will ich mein Gewissen befriedigen, wenn ich einer verbotenen Liebe Gehör gebe und meine Keuschheit, die ich auch im Ehestande unbefleckt erhalten, einem lüsternen Kavalier aufopfere? Tötet mich‹, fuhr sie fort, ›oder vergönnt mir wenigstens, daß ich nimmermehr wieder vor Eure oder fremder Leute Augen komme.‹ ›Ehe eins von diesen beiden geschehen soll‹, versetzte mein Herr, ›will ich viel lieber mein Selbstmörder sein, denn ich habe mich, im Fall mir Dero Gegengunst versagt wird, der Verzweiflung gänzlich ergeben.‹ Unter diesen Worten, weil er sich als ein schalkhafter Amant auf alles gefaßt macht, zog er einen Dolch aus der Tasche, setzte denselben auf die Brust und machte Miene, als ob er sich selbst erstechen wollte. Belliana mochte sonst wohl wenig oder gar keine Ausschweifungen begangen haben, durch meines Herrn bewegliche Reden und desperates Aufführen (oder vielleicht durch seine wohlgebildete Person) auf leichtsinnigere Gedanken geraten sein, deswegen umarmte und küßte sie ihn selbst von freien Stücken, sagte anbei: ›Ihr stürmt, schönster Kavalier, zu hart auf mich, ich liebe Euch von Grund der Seele und verspreche, Euch zeitlebens zu lieben; allein dasjenige, was Ihr von mir verlangt, ist nicht nur zu gefährlich, sondern gewisser Ursachen wegen auch unmöglich, Euch zu gewähren.‹ Unter diesen Reden traten ihr die hellen Tränen in die Augen, welche mein Herr mit seinen Lippen abtrocknete, durch unablässiges Liebkosen und schmeichelnde Reden aber diese Schöne endlich dergestalt treuherzig und kirre machte, daß sie ihm alle Liebesfreiheiten erlaubte, nur aber zum Hauptzweck war nicht zu gelangen, weil Oegneck seinen Lustgarten mit dem gewöhnlichen italienischen Schlosse dergestalt fest verwahrt hatte, daß niemand einsteigen konnte. Mein Herr fulminierte gewaltig über Oegnecks Tyrannei und Weiberschinderei, insinuierte sich auch dergestalt bei Bellianen, daß dieselbe sagte: ›Ach, mein Leben, ich weiß es am besten, was ich seit fünf Jahren her von diesem Tollkopf für Marter, Angst und Not ausgestanden habe, jedoch, und ob er gleich selbst ganz ohnmächtig zum Liebeswerk ist, bin ich doch nicht auf die Gedanken geraten, verbotene Früchte zu kosten; Ihr aber, mein Engel, habt mein ganzes Herz auf einmal umgekehrt, ich bin vollkommen die Eurige, schafft Euch aber zu Eurer völligen Beruhigung nun selbst Rat, ich für meine Person weiß hierbei weder Rat noch Mittel zu ersinnen.‹ Mein Herr versicherte, binnen vierundzwanzig Stunden schon andere Anstalten gemacht und einen akkuraten Schlüssel in seiner Gewalt zu haben, worauf sie sich noch eine gute Zeit mit verliebten, auch handgreiflichen Diskursen und anderen Karessen miteinander divertierten, bis ich das Zeichen durch Rufen des Hundes gab, daß Oegneck vor der Tür anpochte. Beide Verliebte setzten sich demnach in eine andere ernsthafte Verfassung und wurden von Oegneck angetroffen, da sie über ein Gemälde diskurierten, auf welchem der nach erhaltenem Sieg mit seinen Generalen schwelgende Alexander Magnus abgeschildert war. Oegneck exkusierte sein langes Wegsein mit verschiedenen Prahlereien, mein Herr aber nahm für diesesmal ganz unmutig Abschied und ging in sein Zimmer. Um nun von Oegneck nicht inkommodiert zu werden, gab er vor, daß er nur ein einziges Stündchen schlafen, hernach aber mit demselben in den nahe am Haus liegenden Garten in der Abendluft ein paar Stunden herumspazieren wollte. Demnach retirierte sich Oegneck, es war aber meines Herrn wenigster Ernst zu schlafen, ob er sich gleich aufs Bett streckte, sondern er dichtete auf eine List, wie er dem Oegneck den Schlüssel zu dem verdrießlichen Schloß hinwegpraktizieren könnte. Sobald nun diese ausgesonnen, sprang er vom Bett auf, schrieb ein Billett und schickte mich damit zu dem Kapitän Reston. Ich traf denselben in seinem Logis an, und er gab mir, nachdem er das Billett gelesen, ein ergebenes Kompliment an meinen Herrn zurück, mit der Versicherung, daß er nicht ermangeln würde, dessen Willen nach Verlauf einer Stunde zu erfüllen. Mein Herr war froh hierüber und befahl mir, ja keinem Menschen im Haus zu sagen, daß er hätte Gäste zu sich bitten lassen. Kaum war eine Stunde vorbei, als der Kapitän Reston, welcher lieber zu Gast ging, als Gäste zu sich bat, indem er sehr genau lebte, mit noch vier anderen Offizieren angestochen kam. Sie stellten sich etwas betrunken und machten unten im Hause einen ziemlichen Lärm, so daß dem Herrn von Oegneck angst und bange wurde, sobald er aber vernahm, daß sie nach meinem Herrn fragten und eine Reiterzehrung von ein paar Dutzend Bouteillen Wein exequieren wollten, gab er sich zufrieden, in Hoffnung, daß für seinen Schnabel auch etwas passieren würde, führte auch die Gäste selbst hinauf zu meinem Herrn, welcher dieselben ziemlich kaltsinnig empfing, nach gewechselten Komplimenten aber mir sogleich Befehl erteilte, von dem gegenüber wohnenden Weinhändler erst ein paar Dutzend Bouteillen des allerbesten Weins zur Probe herüberlangen zu lassen. Der Wein wurde, sobald sie ihn gekostet, sehr köstlich befunden und von allen gelobt. Mein Herr bat den Herrn von Oegneck, die Gäste zum Trinken anzureizen, und excusierte sich anbei für seine Person, daß er als ein halber Patient nicht allezeit Bescheid tun könnte, sondern nur mäßig trinken dürfte. Im Gegenteil stimmte er heimlich wiederum den Kapitän Reston, daß er und die anderen Offiziere dem Oegneck brav aufs Leder saufen möchten, damit er satt bekäme. Demnach ging die Sauferei unter dem Schall etlicher Waldhörner dergestalt an, daß nachts ungefähr um zehn Uhr Oegneck in der Stube umsank, weswegen ihn unsere Lakaien aufheben und auf ein Bett tragen mußten, allein, es war nicht zu verwundern, denn außerdem, daß er sehr viel Wein getrunken, hatte ich ihm auf Befehl meines Herrn auch einen Schlaftrunk beigebracht. Die Herren Offiziere hatten sich auch dergestalt begeistert, daß sie nicht mehr gerade gehen konnten, sondern sich von ihren Bedienten mußten nach Hause führen lassen. Unsere Lakaien wurden befehligt, zu Bett zu gehen, mein Herr und ich aber machten uns über den unempfindlichen Oegneck, welcher entsetzlich schnarchte. Wir durchsuchten seine Schubsäcke und fanden endlich das kleine stählerne Schlüsselchen in seiner Goldbörse unter den Dukaten liegen. Es war nicht leicht zu vermuten, daß ein Irrtum begangen werden könnte; sondern vielmehr sicher zu glauben, daß es der rechte Schlüssel sein müßte, deswegen mußte ich erst noch einmal die Visierrunde unten im Hause halten, befand aber alles richtig, denn ich hatte nicht allein der alten Frau, sondern auch dem alten Mann und den zwei Knaben soviel Wein zu trinken gegeben, als sie nur hinunterbringen können, überdies auch jedem ein Schlaftränklein beigebracht. Nachdem ich nun meinem Herrn teuer versichert, daß er morgen früh vor sechs bis sieben Uhr sich nicht zu befürchten hätte, daß jemand im Hause munter werden würde, nahmen wir dem Herrn von Oegneck den Stuben- und Kammerschlüssel aus der Rocktasche (denn wir kannten beide Schlüssel wohl, weil der alte Mann dieselben allezeit zu bringen pflegte, wenn Oegneck abends noch spät bei meinem Herrn saß), und mein Herr, der eine Blendlaterne in der Hand hatte, ließ sich von mir bis vor Oegnecks Wohnstube führen. Er mußte herzlich lachen, da ich dem alten Weib, welches in einem Winkel nicht weit von der Stubentür lag, etliche Nasenstüber versetzte, sie aber sich dennoch nicht im geringsten regte, sondern immerfort schnarchte. Der alte Mann hingegen und die zwei Knaben waren doch noch so vermögend gewesen, in ihre Bucht zu kriechen und sich auf die Betten zu werfen, lagen aber ebenso unempfindlich als das alte Weib. Bei so gestalten Sachen wollte sich mein Herr nicht länger aufhalten, sondern öffnete mit frohem Mute erst die Stubentür, ich aber begab mich im Dunkeln zurück, die Treppe hinauf, und bewachte den Herrn von Oegneck. Fünf Stunden war mein Herr außen gewesen, als er wieder auf sein Zimmer kam, denn der anbrechende Tag mochte ihm die Ordre zum Rückmarsch gegeben haben. ›Dieser Streich‹, fing er zu mir mit erfreutem Gesicht zu sprechen an, ›ist nach Wunsch gegangen; ich bin vollkommen vergnügt, ja, das Angedenken des genossenen Vergnügens würde mich unfehlbar ganz melancholisch machen, wenn mir die Hoffnung geraubt würde, dasselbe noch öfter zu genießen.‹ Hierauf drückte er den kleinen Schlüssel in Wachs ab, steckte denselben wieder in Oegnecks Goldbörse, mit den beiden großen Schlüsseln mußte ich es ebenso machen, worauf er mir befahl, sobald die Leute in der Stadt aufgestanden, zu einem Schlosser zu gehen und Nachschlüssel machen lassen, weil aber dieses mir einigermaßen bedenklich fiel, als kaufte ich mir eine Feile und andere Schlosserinstrumente, war auch so glücklich, einen Schlüssel von dergleichen Kaliber zu ergattern, aus welchem ich einen perfekten Passepartout machte; den kleinen Schlüssel aber aus einem Stück Silber zu verfertigen, war mir eine ganz leichte Kunst. Mein Herr war vor Freude ganz außer sich, da er diese meine Meisterstücke sah, schenkte mir eines von seinen besten bordierten Kleidern nebst zwölf Dukaten. Jedoch wieder auf unsere Schlösser zu kommen, so machte das Hausgesinde erst zwischen acht und neun Uhr einander munter. Oegneck aber besann sich erst gegen zwölf Uhr wieder, daß er noch in der Welt wäre, er stand auf und fand meinen Herrn noch im verstellten Schlaf liegen, hierauf fühlte er in seine Taschen, visitierte seine Goldbörse, und da er alles richtig fand, machte er eine vergnügte Miene, als er aber nach der Uhr sah und bemerkte, daß es schon in der Mittagsstunde wäre, gab er seine Verwunderung durch ein kleines Gelächter und einiges Kopfschütteln zu verstehen; ich konnte dieses alles aus der Nebenkammer, in deren Tür ich ein kleines Loch gebohrt hatte, sehen; wie ich aber wahrnahm, daß er sich sachte davonschleichen wollte, kam ich mit einem finsteren Gesicht und verwirrten Haaren aus der Kammer herausgetreten, eben als ob ich den Rausch auch noch nicht ausgeschlafen hätte. Der Herr von Oegneck kam mir gleich entgegen und sagte nach Anwünschung eines guten Mittags: ›Ei, Ei! Mein wertester Herr und Freund, das heißt der guten Sache ein wenig allzuviel getan; Sie nehmen doch nicht ungütig, daß ich Sie Ihres Bettes beraubt habe.‹ ›Es hat nichts zu sagen, mein Herr‹, gab ich zur Antwort, ›ich habe in Kleidern auf dem Feldbett hier in der Kammer sehr wohl geschlafen, denn ich hatte der Sache ebenfalls zuviel getan, und mein Herr ebenfalls, denn in der letzten Stunde hat er noch so viel Wein zu sich genommen, daß wir ihn, weil er fast von seinen Sinnen nicht wußte, ins Bett haben tragen müssen. Ich glaube auch nicht, daß er sich wird umgewendet haben, denn er liegt noch so, wie wir ihn hingelegt.‹ ›Es ist ganz gut‹, sagte Oegneck, ›vielleicht kontribuiert nunmehr diese kleine Debauche etwas zu seiner Gesundheit.‹ Wir redeten noch viel miteinander, und ich machte dem Herrn von Oegneck sonderlich wegen der fremden Offiziere noch so viel Wind vor, daß sich mein Herr, wie er mir nachher erzählt, im Bett fast mit lautem Lachen verraten hätte. ›Es muß ein ungemein starker Wein gewesen sein‹, sagte Oegneck, ›allein ich kann versichern, daß ich ihn in so vielen Jahren nicht so delikat getrunken habe.‹ ›Und ich‹, war meine Gegenrede, ›habe dergleichen mein Lebtag nicht getrunken, will aber nunmehr, sooft ich mir etwas zugute tun will, dabei bleiben, nur mit Maßen.‹ ›Ich auch‹, replizierte Oegneck, ›allein, ich muß nunmehr gehen und sehen, was meine Frau macht und wie es um die Küche gestellt ist.‹ Ich sagte ihm, daß mein Herr, wenn er auch gleich aufwachte, dennoch vor drei Uhr, und zwar heute nur einmal, speisen würde, denn das wäre seine Art, wenn er getrunken hätte; womit Oegneck sehr wohl zufrieden war und seiner Wege ging. Sobald derselbe fort, sprang mein Herr aus dem Bett, und weil er vollkommen ausgeruht hatte, ließ er sich, weil er den Tee schon sehr früh getrunken hatte, Wein und stärkende Konfitüren geben, passierte hernach die Zeit mit Briefschreiben nach seiner Heimat bis drei Uhr, da er zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurde. Hierbei ließ Oegneck fragen, ob es erlaubt wäre, den Herrn Bellian mit zur Tafel zu bringen? Welches meinem Herrn eine ungemeine Freude war, doch ließ er mit einer gelassenen Miene zurückmelden, wie ihm des Herrn Bellians Gesellschaft sehr angenehm sein würde. Er, mein Herr, ließ sich in größter Geschwindigkeit aufs propreste ankleiden, ging zu Tisch und fand sowohl den Herrn Bellian als den Herrn von Oegneck bei demselben. Weil ich par curiosité meinem Herrn folgte, bemerkte ich, daß Herr Bellian bei dessen Eintritt blutrot wurde, jedoch er wußte sich unter dem Komplementieren dergestalt geschicklich von dem Oegneck abzudrehen und ihm den Rücken zuzukehren, daß dieser nichts merkte. Sie setzten sich demnach zu Tische, weil aber mein Herr sehr wenig Appetit bezeugte, indem er vorschützte, daß er gestern eine extraordinäre Debauche im Weintrinken gemacht und deswegen nicht allein starke Hitze im Magen, sondern auch einige Kopfschmerzen empfände, sagte Oegneck: ›Ich will schweigen und nicht melden, wie mir zu Mute ist, aber meine Frau hat mir das Kapitel recht gelesen; jedoch ich habe still dazu geschwiegen, denn diesmal hat sie recht, weil ich nicht zu ihr ins Bett gekommen bin. Unterdessen hat sie doch alles wohl besorgt, so daß wir ziemlichermaßen mit ihr zufrieden sein können.‹ Ungeachtet nun Oegneck immer allein fortplauderte und aus seinen Reden so viel zu merken war, daß er von der Langschläferei seines Gesindes nicht die geringste Wissenschaft hätte, so tat doch mein Herr, als ob er auf dessen Reden keine Acht hätte, sondern blieb immer still für sich hin, bis endlich Herr Bellian einen Diskurs von dem gefährlichen Laster der Trunkenheit aufs Tapet brachte, welchen mein Herr bis zu Ende der Mahlzeit fortführen half. Nach abgehobenen Speisen und nachdem sie alle drei eine gute Weile im Zimmer herumspaziert waren, beliebte meinem Herrn, mit dem Herrn Bellian eins im Brett zu spielen, welches Herr Oegneck sehr gern sah, indem er einige Patienten zu besuchen hatte, sich also von ihnen beurlaubte; allein, er mochte kaum zehn Schritte vom Haus hinweg sein, als diese beiden Verliebten ein anderes Spiel zu spielen angefangen hatten, wobei mein Herr meinen manu propria gemachten kleinen Schlüssel probiert und denselben zu seinem größten Vergnügen akkurat befindet, nachher aber seinen eigenen Kapitalschlüssel gebraucht. So ging es nun einen Tag und alle Tage zu, und der Herr von Oegneck wurde bei allen seinen so hochberühmten Präkautionen sozusagen bei sichtlichen Augen betrogen. Ja, das Glück war meinem Herrn so günstig, daß Oegneck auf etliche dreißig italienische Meilen von Hause zu einem kranken Fürsten berufen wurde, bei welchem er drei ganze Wochen zubrachte; binnen dieser Zeit aber machte mein Herr die herrlichsten Progresse, nicht nur bei Tage mit dem Herrn Bellian, sondern auch des Nachts mit der Belliana, wenn ich vorher die Domestiken mit Schlaftränken im süßen Wein eingewiegt hatte. Endlich war es dahin gekommen, daß Belliana den Ansatz zur zweiten Leber im Leib bekommen hatte, worüber sich mein Herr sowohl als sie ungemein erfreuten. Oegneck kam wieder zu Hause, fand aber meinen Herrn, der sich sehr zu verstellen wußte, ganz malade, indem er vorgab, daß er Mangel an Arznei gehabt; jedoch nach Verlauf einiger Tage befand sich mein Herr viel besser, ging auch dann und wann in die Gesellschaft, jedoch er blieb niemals bei einerlei Humor, sondern verfiel, ehe man sichs versah, wieder in eine wiewohl verstellte Tiefsinnigkeit. Mittlerweile entstanden in unserem Hause auf einmal große Freudenbezeugungen, denn die Frau Wirtin hatte dem Herrn Wirt offenherzig gestanden, daß er ihr aus der fremden Luft Zeug zu einem kleinen Kindergerät mitgebracht hatte. Oegneck, sobald er dieses von ihr vernommen, lief er von Haus zu Haus und notifizierte allen Menschen, die ihm entgegenkamen, die endlich einmal glücklich erlebte Schwangerschaft seiner liebwertesten Frau Gemahlin; ja, die Torheit verleitete ihn dahin, daß er eines Tages meinem Herrn bei Tische diese vergnügte Zeitung vorbrachte, und zwar mit unaussprechlicher Freude. Dieser, welche die Sache längst besser wußte als Oegneck selbst, spielte dennoch eine verzweifelte Maskerade, warf Teller, Löffel, Messer und Gabeln auf den Boden und sagte: ›Mein Herr! Ein für allemal ist Ihm von mir bekannt gemacht, daß mir nichts Verdrießlicheres anzuhören ist als von Liebessachen, Kinderzeugen und dergleichen; deswegen sehe gar nicht, was Er für Ursache hat, mich mit dergleichen Gesprächen zu beunruhigen.‹ ›Ei, ei! Ihro Gnaden‹, versetzte Oegneck, ›ich bitte um Vergebung, bin aber der Meinung gewesen, des Herrn Bellians bisherige treffliche Unterweisung hätte nunmehr in Dero Herzen so viel gewirkt, daß Dieselben alles, was Ihnen vorkäme, ohne einzige verdrießliche Gemütsbewegung anhören und ansehen könnten? So aber erfahre ich, leider, das Gegenteil.‹ ›Ei was‹, widerredete mein Herr, ›der Herr Bellian, mein wertester Freund, kann seine Sachen ganz anders zu Markte bringen, und ob er gleich in seinen vortrefflichen, lehrreichen Erzählungen dann und wann etwas von Frauenzimmern, Liebesbegebenheiten und dergleichen einfließen lassen, so ist solches doch allzeit mit besonderer Ernsthaftigkeit und Tugend gewürzt gewesen, so daß es mir unmöglich Unruhe verursachen können.‹ ›Gnädiger Herr!‹ sagte Oegneck, ›es ist an dem, daß ich Ihnen ein Geheimnis offenbaren und dabei Sie überzeugen muß, daß Ihr ganzes Malheur von einem allzudicken Geblüte und dann in einer wunderlichen Einbildung bestanden hat. Das erstere ist durch meine köstlichen innerlichen und äußerlichen Medikamente mehrenteils, ja fast gänzlich korrigiert. Was aber die andere Ursache angelangt, so ists an dem, daß Sie sich bisher von ein und anderer Sache eine unrichtige wunderliche Einbildung gemacht haben, wenn sich Dieselben nun in Zukunft bemühen werden von solchen Dingen, welche Ihnen bisher verdrießlich gewesen, ein richtiges Konzept zu fassen, so wird die Kur vollbracht und Ihr ganzes Malheur vollkommen gehoben sein; Euer Gnaden aber zu überführen, will ich Ihnen das bisherige Geheimnis entdecken, insofern Sie nicht darüber erschrecken oder mißvergnügt werden wollen.‹ ›Im geringsten nicht, ich will mich, da ich vorher daran erinnert werde, schon zu fassen wissen.‹ ›Nun dann‹, ließ sich hierauf Oegneck mit einigem Lächeln vernehmen, ›so will ich Ihnen sagen, daß Herr Bellian, dessen Person sie vor vielen anderen gern um sich leiden mögen, keine Mannsperson, sondern ein Frauenzimmer, und zwar mein eigenes Eheweib ist. Da sehen nun Euer Gnaden, was es für eine wunderliche Beschaffenheit hat mit der Einbildung.‹ Mein Herr sah nach Anhörung dieser Worte dem Oegneck starr in die Augen und blieb mit unterstütztem Haupt eine ziemliche Zeit in tiefen Gedanken sitzen. Endlich fuhr er plötzlich auf und fragte : ›So ists denn wirklich wahr, daß ich unter der Person des Herrn Bellian mit einem Frauenzimmer konversiert habe?‹ ›So wahr ich lebe‹, gab Oegneck zur Antwort, ›und dafern es Ihnen gelegen, können Sie den vermeinten Herrn alle Stunden in der Person meiner Ehefrau zu sehen bekommen, ich hoffe aber, meine gebrauchte List, die ich bloß Eurer Gnaden Nutzens, Vorteils und Gesundheit halber ersonnen und praktiziert, wird hoffentlich Dieselben nicht zum Zorn reizen?‹ ›Nein, nein, mein wertester Herr von Oegneck‹, rief mein Herr aus, ›nunmehr erkennen meine bisher ganz verwirrt gewesenen Sinne vollkommen, daß ich bisher einem wahnwitzigen Menschen ähnlich gewesen, jedoch Seine ungemeine Klugheit hat mich ganz verändert und wird mir hoffentlich zu dem noch restituierenden Teilen des Verstandes verhelfen. Gedenke ich aber an den unvergleichlichen Herrn Bellian, so muß ich über den ungemeinen Verstand, die Geschicklichkeit und Tugend, so in einem einzigen, und zwar in einem Frauenzimmerkörper, beisammenwohnt, recht erstaunen. Nunmehr aber, ach leider, werde ich dessen angenehme Konversation nebst den heilsamen Lehren vielleicht selten zu genießen haben oder wohl gar entbehren müssen.‹ ›Nicht gänzlich‹, tröstete Oegneck, ›doch weil meine Liebste dennoch auch etwas eigensinnig ist und bei ihrer jetzigen Schwangerschaft keine Mannskleider mehr anlegen will, sonst auch wegen ihrer Schamhaftigkeit und strengen Tugend ohne mein Beisein mit Ihnen zu konversieren sich durchaus nicht bequemen wird, also werden sich Euer Gnaden mit etwas sparsameren Visiten genügen zu lassen belieben; denn solange sie gewußt, daß sie von Ihnen für eine Mannsperson gehalten worden, hat sie sich keiner unkeuschen Gedanken bei Euren Gnaden besorgt, nunmehr aber, als ein Frauenzimmer, dürfte sie bei Ihnen in mehrerer Furcht schweben.‹ ›Ach!‹ seufzte mein Herr und sagte: ›Mein wertester Herr von Oegneck, eröffnen Sie ihr doch lieber, daß ich ein Kastrat bin, mithin vor allen unkeuschen Gedanken, Worten und Werken den größten Abscheu trage. Ich hoffe, sie wird so tugendhaft und verschwiegen sein und dieses Geheimnis nicht weiter ausbreiten, inmittels desto freier und treuherziger mit mir umgehen können, solchergestalt aber meine völlige Genesung befördern helfen.‹ ›Wenn Euer Gnaden‹, sprach Oegneck hierauf, ›mir erlauben wollen, meiner Liebsten dieses Geheimnis zu offenbaren, so ist gar kein Zweifel, daß sie sich in Zukunft noch weit offenherziger und freier gegen Dieselben aufführen wird, als sie in der verkleideten Person des Bellian getan. Ja, ich gebe hiermit sowohl von meinet- als ihretwegen Eurer Gnaden völlige Erlaubnis, sooft es Ihnen beliebig, meine Liebste zu sich auf Dero Zimmer kommen zu lassen oder dieselbige in dem ihr eigenen zu besuchen und so lange bei ihr zu bleiben, als es Ihnen beiderseits gefällig.‹ Es ist leicht zu glauben, daß mein Herr über diese Promessen vor innerlichem Lachen immer hätte zerbersten mögen, jedoch er umarmte den Hasenkopf und dankte für dessen gütige Offerte, zahlte ihm auch sogleich fünfzig Dukaten in Abschlag für die Kur und Kost, versprach anbei, sobald seine Wechselbriefe aus Deutschland einliefen, sich noch weit erkenntlicher zu zeigen. Für jetzt aber bat er ihn, seiner Liebsten die abgeredete Sache vorzutragen, seine Person bestens zu rekommandieren, anbei ihre selbsteigene Einwilligung einzuholen. Oegneck gab dieses letztere für etwas Leichtes aus, weil dem Vorgeben nach seine Liebste ihm in allen billigen Stücken gehorsame Folge leistete, ging aber sogleich hin und versprach, in kurzem vergnügte Resolution zurückzubringen. Die Neugier trieb mich in diejenige Kammer, welche akkurat über unserer Hauswirtin Schlafkammer war, denn ich hatte daselbst ein kleines Loch im Winkel des Fußbodens ausgearbeitet, wodurch ich, obgleich nicht alles sehen, doch alles hören konnte, was darin passierte. Hier erzählte Oegneck nun seiner Frau alles, was er mit meinem Herrn verabredet hatte, und endlich bat er recht beweglich, das Spiel nicht zu verderben, sondern in Erwägung des schönen Gewinnes dergleichen Beschwerlichkeiten geduldig über sich zu nehmen. Da er nun mit vielen schmeichelhaften Worten und Karessen eine Resolution von ihr verlangte, sagte sie endlich: ›Ich habe zwar immer verhofft, wenn ich nur erst einmal schwanger worden, Eurer unrechtmäßigen Eifersucht und anderer verdrießlichen Traktamenten überhoben zu sein, allein Ihr bürdet mir immer mehr und mehr Plagen auf den Hals. Bedenkt nur selbst, bisher habe ich nicht einmal mit Frauenzimmern konversieren dürfen, und nunmehr soll ich meine Zeit mit einem Kastraten vertreiben, ja bedenkt nur, was ich solchergestalt allen meinen Sinnen für Gewalt tun muß, mich vernünftig und klug genug aufzuführen? Jedoch was muß ich arme Kreatur nicht tun, mich in Eurer Gunst zu erhalten und ein Stück Geld verdienen zu helfen? So laßt ihn denn nur kommen, aber nicht eher als mittags nach drei Uhr; meinetwegen mag er bis in die Nacht dasitzen, ich will ihm, soviel mir möglich, die Zeit passieren, nur den Vormittag und die übrigen Stunden bis drei Uhr will ich zu meiner Bequemlichkeit haben; aber das sage ich voraus, sollte er sich etwa erkühnen, einen geilen Griff zu tun, so stoße ich ihm einen Dolch in die Brust.‹ ›Daran‹, versetzte Oegneck, ›ist nicht zu denken, mein Schatz, und hierüber habt Ihr Euch keine Sorge zu machen, fahrt nur fort, beständig so mit ihm umzugehen, als wie Ihr es unter der Person des Bellian getan habt.‹ Hierauf dankte er ihr mit etlichen klatschenden Küssen, und da er sich von nun an ihrer ehelichen Treue und Liebe vollkommen versichert hielt, hörte ich so viel, daß er ihr auch nunmehr das verdrießliche Schloß abnahm und versprach, alles bisherige Mißtrauen, Eifersucht und harte Verfahren sinken zu lassen und ihr ihre volle Freiheit zu gönnen. Ich hätte vor heimlichem Gelächter immer platzen mögen, und es ist leicht zu gedenken, wie sich mein Herr gebärdet hat, da ich ihm alles dieses wiedererzählte. Damit ich aber mich bei dieser Geschichte nicht über die Gebühr aufhalte, so will nur noch kürzlich melden, daß unsere Frau Wirtin täglich geputzt mit zu Tische kam, bald ließ sie mein Herr zu sich auf sein Zimmer bitten, da sie sich denn sogleich einfand, bald ließ er sich bei ihr melden und blieb gemeiniglich bis zehn Uhr des Nachts bei ihr, denn Oegneck ging fast alle Tage aus, entweder zu seinen Patienten oder in eine Spielgesellschaft; solchergestalt verging fast kein Tag, da mein Herr, wie er mir offenherzig gestand, seine Wollust mit Bellianen nicht in größter Vollkommenheit und auf allerlei Art und Weise gepflegt, denn es war diese Frau in Wahrheit ein wunderschönes Bild, weswegen mein Herr sich auch kein Geld dauern ließ und binnen neun Monaten, denn so lange sind wir in Oegnecks Hause gewesen, beinahe tausend Taler, meiner Rechnung nach, verschwendet hatte. Oegneck inzwischen war aus einem der allereifersüchtigsten Italiener ein ganz anderer Mensch worden; über alles Vorgemeldete erlaubte er meinem Herrn von freien Stücken, daß er mit Bellianen Spazierengehen und -fahren durfte, wohin er wollte, ja, ich glaube, er wäre nicht eifersüchtig worden, wenn er auch gleich beide in einem Bett beisammen angetroffen hätte. Endlich aber, da die Zeit immer näher heranrückte, daß Belliana sich nach dem Kindbett umzusehen Ursache hatte, begann bei meinem Herrn die Liebe gegen sie zu erkalten, zumal ihm eine andere Venus in die Augen gefallen war; er gab demnach vor, daß er Briefe aus Deutschland bekommen hätte und seine Heimreise antreten wollte, nahm deswegen, nachdem er den Herrn von Oegneck und dessen Liebste wohlkontendiert, jedoch auf zweideutige Art, von beiden Abschied und reiste wirklich mit Sack und Pack fort, jedoch nicht weiter bis nach C.* Wollte Gott, er wäre wirklich nach Hause gereist, so lebte er vielleicht noch; so aber war dieses seine Meinung noch im geringsten nicht, in C.* wollte es ihm auch nicht gefallen, deswegen blieb er nicht länger als einen Monat daselbst, sondern kehrte wieder nach N.* zurück, wo er die vorigen Gesellschaften wieder aufsuchte, um den Herrn von Oegneck und dessen Frau aber sich gar nicht mehr bekümmerte, an deren Statt aber eine Dame von vornehmem Stand aufs eifrigste bediente und sich vielen Gefährlichkeiten exponierte. Allein, da wir noch nicht einmal zwei volle Monate aufs neue in N. gewesen, wurde mein guter Herr eines morgens früh auf der freien Straße mit sechs Dolchstichen ermordet und aller seiner bei sich habenden Kostbarkeiten beraubt gefunden. Ich selbst glaubte anfänglich nichts anderes, als daß ihn die Banditen dieserwegen ermordet, indem er jederzeit eine starke Goldbörse, goldene Tabatiere, goldene Uhr, kostbare Ringe und dergleichen bei sich führte; allein, wenige Tage hernach erfuhr ich zu meiner allergrößten Bestürzung, daß Oegneck seine Frau und Kind mit Gift hingerichtet, sich mit seinen besten Sachen unsichtbar gemacht und einen Brief zurückgelassen hätte, worin er gemeldet, daß, weil ihn mein Herr auf eine so verzweifelt listige Art hintergangen und zum Hahnrei gemacht, sich dessen noch dazu gegen verschiedene Offiziere und Kavaliere berühmt, die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählt und also ihn, den Oegneck, zum Spott aller Leute gemacht, also habe er seine Rache dergestalt ausgeübt, daß er meinen Herrn mit Beihilfe zweier Banditen nachts auf der Straße ermordet, seiner Frau, nachdem er ihr ein starkes Gift beigebracht, eröffnet, daß er sich auf solche Art seines Schwagers entledigt und daß sie ihm vor Verlauf einer Stunde ins Reich der Toten nachfolgen würde. Hierauf habe er auch dem Hurenkinde, wie er solches in seinem Brief genannt, etliche Löffel voll mit starkem Gift vermischte Milch eingeflößt und sich aus dem Staube gemacht. Auf solche Art mußten diese Unglückseligen ihr Leben jämmerlich einbüßen, mein Herr aber hätte solches alles verhüten können, wenn er nur nicht die Torheit begangen hätte, sich mit dieser Geschichte breitzumachen, denn er konnte ja leicht voraussehen, daß es immer einer dem anderen wiedererzählen würde, wußte auch mehr als zu wohl, was die Welschen, sonderlich in diesem Punkte, für rachgierige Leute sind, oder wenigstens hätte er diese sonderbaren Streiche solange verschweigen sollen, als er sich in N.* aufzuhalten Lust gehabt. Ich meines Orts traute dem Landfrieden daselbst gar nicht länger, sondern sobald ein kaiserlicher Minister, der sich daselbst aufhielt, meines Herrn Mobilien in seine Verwahrung genommen, ich auch noch ein ziemliches Stück Geld herausbekommen, reiste ich mit der geschwindesten Post auf und davon und bin endlich bis an diesen Ort gekommen. Ich hätte, weil ich in diesen Landen ziemlich bekannt, bei verschiedenen deutschen Herren in Dienste gelangen können, allein, ich habe einen rechten Abscheu vor diesem Lande, suche deswegen nur einen Herrn, der nach Deutschland zurückzugehen gesonnen, da ich auch wenig oder gar nichts von ihm bekommen sollte, so wäre ich dennoch zufrieden, wenn ich nur in dessen Suite mit auf den deutschen Boden kommen könnte, allwo ich schon anderweitige Dienste zu erlangen verhoffe, indem mir jetzt gedachter kaiserlicher Minister ein gutes Attestat unter seiner eigenen Hand gegeben hat.« Hiermit endigte der Kammerdiener seine Erzählung, Elbenstein aber sagte: »Mein Freund, ich bin Ihm sehr obligiert für Seine Bemühung in Referierung dessen, was sich mit Seinem ehemaligen Herrn zugetragen. Ich für meine Person habe zwar in diesen Landen meinen Staat nicht danach eingerichtet, einen Kammerdiener zu halten, sondern mich bisher nur mit einem Bedienten, den ich bei den Pferden brauchen kann, beholfen. Ich werde auch, sobald es nur immer möglich, dieses Land verlassen und bin willens, sobald ich den Hof erreicht, wo ich bei dem Fürsten als Kammerjunker in Diensten stehe, meine Demission zu fordern und in mein Vaterland zurückzugehen, denn es gefällt mir selbst nicht mehr in Italien. Will Er nun solange bei mir bleiben, auf meine Sachen indessen gute Acht mit haben und hernach einen Reisegefährten abgeben, so will ich Ihm wöchentlich drei Kaisergulden und die freie Reise geben bis nach Frankfurt am Main, dann wird Er schon bessere Dienste zu finden wissen.« Der Kammerdiener wurde hierüber höchst erfreut, küßte Elbenstein die Hand und versprach, solange demselben noch in Italien zu bleiben beliebte, auch auf der Reise nach Deutschland, sich gegen einen solchen generösen Kavalier dergestalt aufwartsam aufzuführen, als man nur von einem rechtschaffenen Kammerdiener verlangen könnte. Hierauf erteilte ihm Elbenstein den ersten Befehl, wie er nämlich eine Post auf morgen mit dem allerfrühesten bestellen möchte, worauf Elbenstein mit seinen Sachen abfahren wollte; er, der Kammerdiener aber sollte auf Elbensteins Pferde beiherreiten. Nach diesem, da es Abend zu werden begann, begab sich Elbenstein auf sein Zimmer, speiste die Abendmahlzeit, ließ sich bald hernach von dem Kammerdiener, welcher die Post wohl bestellt hatte, auskleiden und legte sich zur Ruhe, konnte aber nicht so bald einschlafen, weil ihm die von dem Kammerdiener erzählte Geschichte immer noch in Gedanken lag. »Dieses ist«, sprach er zu sich selbst »eine neue Bußglocke für dich! Ach, Elbenstein, bekehre dich einmal im rechten Ernst, verlasse dieses Sodom sobald als möglich und fange ein anderes Leben an, sonst wird dirs noch ebenso und vielleicht noch jämmerlicher ergehen als diesem unglückseligen Kavalier.« Er fing nunmehr wiederum an, andächtig zu beten, schlief darauf etliche Stunden ganz süß, setzte hierauf seine Reise mit lauter Extraposten sehr schnell fort und gelangte endlich glücklich in der Residenzstadt seines Fürsten an. Es war schon ziemlich spät, als er von seinem ordentlichen Logis stillhalten ließ, jedoch wurde ihm sogleich aufgemacht, und sein Bedienter war augenblicklich zur Stelle, half die Sachen abpacken und in seine Stube tragen, meldete anbei, daß er alles, was sie vor etlichen Monaten von Venedig mitgebracht, richtig an den Fürsten überliefert, welcher eines sowohl als das andere in Verwahrung nehmen lassen, ihm, dem Diener, befohlen, daß er alle Tage bei Hofe zu Tisch kommen, auch wöchentlich ein gewisses Geld zu Extraausgaben empfangen sollte, welches er denn auch jederzeit richtig erhalten, die im Quartier zurückgelassenen Möbel aber hätte der Fürst des Wirts Besorgung anvertraut und sich davon eine genaue Spezifikation einhändigen lassen. Elbenstein fand in seiner Stube und Kammer noch alles, wie er es verlassen hatte, nahm daher diesen Abend mit kalter Küche und einer Bouteille Wein vorlieb, legte sich hierauf alsbald zur Ruhe, stand aber morgens desto früher auf, ging zu Hofe und ließ sich, sobald der Fürst aufgestanden war, melden. Seine Durchlaucht verwunderten sich ungemein über Elbensteins unvermutete Ankunft, ließ ihn sogleich vor sich kommen und fragte ihn, jedoch mit einer gnädigen und lächelnden Miene, wo er so lange gesteckt hätte? Dieser nun, weil er bei dem Fürsten ganz allein war, erzählte demselben eine wunderseltsame Historie, so wie er von seiner geliebten Fürstin instruiert war, nebst dem, was er selbst noch dazuerdichtet hatte. Der Fürst mußte unter Elbensteins Erzählung des Lachens wegen zum öfteren seinen Bauch halten; endlich aber sagte derselbe: »Es ist nur gut, daß Er wieder hier ist, ein andermal nehme Er sich im Courtoisieren besser in acht. In Venedig hat Er meine Angelegenheiten wohl expediert, ich habe alles richtig empfangen und das, was Ihm zugehört, ist uneröffnet geblieben; Er kann es sogleich aus dem roten Gewölbe, wo es verwahrt ist, in Sein Logis schaffen lassen. Drei Tage will ich Ihm Zeit lassen, von der Reise auszuruhen, nachher aber werde ich Ihm etwas zu tun geben, woran mir viel gelegen ist.« Sobald sich nun der Fürst in sein Kabinett begeben, ließ Elbenstein gleich seine Sachen ins Logis tragen, begab sich auch selbst dahin, und um seines Leibes recht zu pflegen, setzte er sich vor, in drei Tagen nicht auszugehen. Mittlerweile hörte er nicht nur von seinem Diener, sondern auch von dem Wirt und der Wirtin, daß in der ganzen Stadt nicht weniger als bei Hofe über sein langes Ausbleiben verschiedentlich wäre geurteilt worden, wie man ihm denn ein und andere Spezialia erzählte; allein Elbenstein lachte darüber und sagte: »Es ist mir lieb, daß sich die Leute auf Konto meines Namens etwas mit ihren Gedanken und Mäulern zu schaffen gemacht haben. Wenn derjenige zu mir käme, welcher das Rätsel am nächsten getroffen, wollte ich ihm ein Faß Wein für seine Mühe geben.« Allein, er bekam bald ein anderes Gedankenspiel, denn des zweiten Abends, da es dämmerig zu werden begann, wurde ihm ein Brief von seiner Klosteramour, der Marinalba, eingehändigt, worin sie ihm erst zu seiner glücklichen Zurückkunft gratulierte, anbei aufs wehmütigste und inständigste bat, ihr nur eine einzige Visite zu geben, widrigenfalls sie aus großer Liebe zu ihm unfehlbar verzweifeln müßte. Elbenstein entschuldigte sich gegen die Überbringerin des Briefes, daß er nicht schriftlich antworten, auch des Frauenzimmers Befehl unmöglich nachkommen konnte, indem er Schaden an der rechten Hand genommen, auch sonst sich dergestalt malade befände, daß es ihm unmöglich wäre, aus seinem Zimmer zu gehen. Hiermit war diese abgefertigt, und Elbenstein hatte nichts weniger im Willen, als noch einen Schritt nach ihr zu gehen, sondern hatte sich vielmehr vorgesetzt, wenigstens solange er in Italien lebte, keine Liebesexzesse mehr zu begehen. Kaum aber war er des anderen Morgens aufgestanden, als ihm abermals durch einen unbekannten Menschen ein Brief überbracht wurde, den die Baronesse von K.* stilisiert hatte. In diesem wurde ihm nun das Kapitel gar gewaltig gelesen, daß er sie etliche Wochen in der Residenzstadt seines Fürsten vergeblich auf sich warten lassen, da sie doch beide die schönste Gelegenheit gehabt hätten, einander zu vergnügen. Sie warf ihm auch vor, daß er vielleicht ihrer überdrüssig worden und andere Amouren werde gesucht haben, jedoch zum Schluß des Briefes ermahnte sie ihn, daß, wenn er ein gutes Gewissen hätte, sie noch liebte und sich bei ihr wegen dessen, was sie ihm Schuld gegeben, sattsam zu reinigen gedächte, solle er ehester Tagesurlaub von seinen Fürsten nehmen und auf einige Tage zu ihr kommen, weil ihr Gemahl verreist wäre und vor Verlauf des folgenden Monats schwerlich zurückkommen würde. Hierbei hatte sie ihm auch ausführlich geschrieben, bei wem er im Flecken einkehren, wie er sich verhalten sollte und was für Art er bei Nachtzeit heimlich in ihr Schloß kommen könnte. »Nein!« sprach Elbenstein, »dir komme ich auch nicht wieder; weg mit aller solchen gefährlichen Buhlerei.« Er fertigte demnach diesen Boten fast ebenso ab als den gestrigen, nur daß er noch dabei sagen ließ, wie er, sobald er sich im Stande befände, wieder auszugehen und seinen Fürsten zu sprechen, er Seiner Durchlaucht der gnädigen Baronesse Interzessionsschreiben vorlesen, auch sobald sein Arm kuriert und er wieder schreiben könnte, nicht verabsäumen würde, schriftliche Nachricht zu übersenden oder, womöglich, dieselbe mündlich zu überbringen. Mit diesem Sack voll Wind packte sich dieser andere Liebeskurier auch wieder fort; allein, Elbenstein begannen allerhand Grillen in den Kopf zu steigen, denn er gedachte: »Merken diese Damen erst, daß du sie bei der Nase herumführst, so werden sie endlich eine strenge Rache gegen dich ausüben; läßt du dich aufs neue wieder ins Garn locken, so kann es dir letztlich leicht ergehen, wie es anderen deinesgleichen und sonderlich dem deutschen Kavalier ergangen ist, von welchem dir der Kammerdiener erzählt hat.« Um aber diesem Unglück vorzubauen, sann er auf ein Mittel, sich mit guter Manier von seinem Fürsten loszuwickeln und Italien zu verlassen. Endlich fiel ihm dieses ein: Er ließ durch den aufgenommenen Kammerdiener im Namen seines Herrn Vaters einen Brief schreiben, in welchem ihm befohlen ward, dieweil seine Frau Mutter gefährlich krank darniederläge und die Medici an ihrer Genesung an dem ihr zugestoßenen auszehrenden Fieber gänzlich desperierten, sich schleunigst auf die Rückreise nach seiner Heimat aufzumachen und sich durch nichts als Gottes Gewalt abhalten zu lassen, indem sie sich ungemein sehnte, ihn vor ihrem Ende nur noch einmal zu sehen. Überdies so wäre er, der Vater, ebenfalls dermaßen hinfällig, daß er, zumalen wenn die Mutter sterben sollte, es nicht lange machen würde, demnach würde Elbenstein sowohl aus kindlicher Pflicht gegen seine Eltern als aus brüderlicher Liebe gegen seine unmündigen Geschwister, ingleichen seines eigenen Nutzens wegen nicht versäumen, aufs allereiligste nach Hause zu kommen, wie sie ihm denn zu dem Ende zweihundert Dukaten Reisegeld per Wechsel übermacht hätten. Folgenden Tages, da Elbenstein die Aufwartung wiederum aufs neue bei seinem Fürsten machte, befahl dieser sogleich, daß der Wagen vorrücken und Elbenstein sich allein zu ihm hineinsetzen sollte. Demnach fuhr der Fürst, von wenigen seiner Bedienten begleitet, mit ihm in einen, in einer pläsanten Gegend und nur etwa eine Stunde von der Residenzstadt gelegenen Meierhof. Es war bereits bestellt, daß der Fürst allda die Mittagsmahlzeit einnehmen wollte, weil es aber, da sie ankamen, noch zu früh dazu war, so befahl er Elbenstein, spazieren mit ihm zu gehen. Sie gingen also um den ganzen Meierhof herum, und Elbenstein bewunderte dessen schöne Lage wegen der dabeibefindlichen Felder, Waldung, Quellen, Bäche und Fischhälter. »Ja, mein lieber Elbenstein«, sagte der Fürst, »es ist wahr, die Lage ist schön, und eben dieserwegen habe ich mir in meinen Kopf gesetzt, ein feines Lustschloß hier zu bauen, um meines Namens Gedächtnis zu stiften; es soll aber nicht auf italienische, sondern auf deutsche Art gebaut werden, weil ich nun weiß, daß Er in der Architektur und Zeichnungskunst wohlerfahren ist, so will ich bitten, daß Er mir zwei oder drei Risse zu einem dergleichen Schlosse mache, worunter ich mir einen auslesen will. Ich bin gesonnen, das Geld daran zu wenden, welches Er mir von Venedig gebracht hat, auch wohl noch etliche tausend Dukaten dazuzutun, denn ich möchte es doch wohl etwas propre haben, sähe auch gern, wenn Er den ganzen Bau dirigieren wollte, indem, ich mein ganzes Vertrauen auf Ihn gesetzt, auch Seine Mühewaltung desfalls wohl belohnen will.« Elbenstein stutzte gewaltig über des Fürsten Reden, so daß er die Farbe verwandelte und demselben in langer Zeit kein Wort antworten konnte, denn er sah erstens bei einer honorablen Station einen starken Profit vor Augen, indem er wußte, daß der Fürst ein sehr generöser Herr wäre, zum anderen hätte er sich hierdurch dergestalt insunieren können, zeitlebens das Faktotum an seinem Hof zu bleiben, indem er alle Umstände bereits sehr genau eingesehen, auch gleichsam durch ein Perspektiv fast alles fernerweit einsehen konnte; denn er hatte sich, seiner gewöhnlichen Neugier nach, um alles bekümmert. Da ihn aber seine gefährlichen Umstände, auch alle besorgliche Verwirrung in die Gedanken fielen, blieb er bei dem Propos, seine Demission zu fordern. Der Fürst ward seiner Bestürzung gewahr, fragte deswegen: »Wie? Mein Elbenstein, will Er mir nicht diesen Gefallen erweisen?« »Durchlauchtigster Fürst!« gab dieser zur Antwort, »ich wünsche mir bei einem so gnädigen und liebreichen Herrn zeitlebens zu dienen, allein, die Verhinderung dessen muß ich dem Schicksal zuschreiben. Eure Durchlaucht geruhen, gnädigst diesen Brief zu lesen, welcher in meiner Abwesenheit angekommen und mir erst gestern zugestellt ist.« Unter diesen Worten zog er den falschen Brief hervor und zeigte selbigen dem Fürsten. Dieser nahm und las denselben im Spazierengehen, blieb nachher eine gute Weile in Gedanken stehen; endlich da Elbenstein, welcher mit Fleiß zurückgeblieben, etwas näher kam, sagte der Fürst: »So will Er denn schon wieder von mir wegziehen?« »Gnädigster Herr!« antwortete Elbenstein, »Eure Durchlaucht betrachten selbst, ob mir meine schwachen Eltern und meine armen unmündigen Geschwister nicht zu Herzen gehen müssen? Wer weiß, ob ich dieselben noch lebendig antreffe. Die verlangten Risse will ich Eurer Durchlaucht binnen wenigen Tagen verfertigen, und zwar auf drei, viererlei Art, so gut, als es mir nur immer möglich ist; die Direktion des Baues aber kann ich unmöglich übernehmen, sondern will nachher um gnädige Demission bitten, weil ich entschlossen, so schnell als immer möglich dem väterlichen Befehle zu gehorsamen und nach Hause zu eilen.« Hierauf erkundigte sich der Fürst um seiner Eltern Umstände etwas weiter; da aber Elbenstein von ihren Rittergütern und anderen Vermögen aus Not mehr prahlte, als sichs in der Wahrheit befand, sagte endlich der Fürst: »Bei so gestalten Sachen kann ich Ihm freilich wohl nicht verdenken, daß er Seine eigenen Angelegenheiten anderen vorzieht; inzwischen sehe ich Ihn nicht gern von mir ziehen, indem ich mir vorgenommen, hier in Italien für sein Glück bestmöglichst zu sorgen; weil es aber solchergestalt keine akzeptable Sache für Ihn ist, so bitte mir nur aus, die Risse zu verfertigen, hernach will ich Ihm seine Demission und ein billiges Honorar geben.« Hierauf eröffnete der Fürst wegen Anlegung und Ausbauung des Schlosses noch in verschiedenen Stücken seine Meinung, damit Elbenstein die Risse desto besser danach einrichten könnte, da es aber mittlerweile Zeit zur Mittagsmahlzeit wurde, begab er sich wieder zurück in den Meierhof, speiste mit Elbenstein ganz allein, saß immer in tiefen Gedanken, fuhr auch sogleich nach der Mahlzeit wieder zurück in seine Residenz und redete unterwegs sehr wenig. Als sie daselbst angelangt, bekam Elbenstein Erlaubnis, nicht ordentlicherweise, sondern nur nach Belieben nach Hofe zu kommen, damit die Risse desto besser geraten möchten. Er begab sich demnach in sein Logis, befahl sowohl den Wirts- als seinen Leuten, daß sie ihn gegen diejenigen, welche nichts Besonderes bei ihm anzubringen hätten, verleugnen sollten, indem er für den Fürsten etwas Besonderes auszuarbeiten hätte und darin nicht gern verstört werden möchte. Binnen sechs Tagen hatte er vier saubere Modelle von Schlössern fertiggemacht, legte also dieselben dem Fürsten vor, welcher einen besonderen Gefallen darüber bezeigte und Elbenstein nochmals fragte, ob es denn noch sein wirklicher Ernst wäre, daß er von ihm abreisen wolle. Elbenstein zuckte die Achseln und versicherte, daß ihm zeitlebens nichts kümmerlicher und schmerzhafter gefallen, als von einem solchen vortrefflichen und gnädigen Fürsten abzugehen, doch könne er auch nicht leugnen, daß bei so gestalten Sachen die Liebe zu seinen Eltern und Geschwistern absolut erforderte, seinem Verhängnis unterwürfig zu sein. Demnach erteilte ihm der Fürst seine Demission unter gnädigen Expressionen: Wie nämlich Seine Durchlaucht ihn ungern aus Dero Diensten gelassen, sondern lieber auf Lebenszeit darin behalten, wofern es Elbensteins eigene Angelegenheiten in seinem Vaterlande zugelassen hätten. Hiernächst empfing er über seine völlige Besoldung des Fürsten mit Edelsteinen besetztes Bildnis und noch hundert Dukaten, auch einen Paß, als ob er in fürstlichen Affären nach Innsbruck verschickt würde. Hierauf säumte er sich nicht lange mehr, sondern nachdem er bei allen, die ihm wohlgewollt, Abschied genommen, wendete er sich, anstatt seinen Weg durch Tirol zu nehmen (wie er gegen jedermann vorgegeben hatte) gerade nach Mailand und dann ferner durch die Schweiz nach Straßburg. Sein Gewissen und die beständige Furcht, es würden seine Liebhaberinnen, wenn sie seine jählinge Abreise vernähmen, ihre Liebe in eine grausame Rache verwandeln und ihn, wie wohl ehemals anderen widerfahren, durch nachgeschickte Banditen auf der Straße ums Leben bringen lassen, gaben ihm gleichsam Flügel, daß er den vierten Tag nach seiner Abreise schon in Mailand war, wo er sich doch noch nicht sicher genug zu sein erachtete, weswegen er mit einer Ritoma, welche in einer Sänfte bestand, darauf ein vornehmer Prälat nach Mailand gebracht worden, fortreiste und dem Kammerdiener mit der Bagage, auch seinen anderen Bedienten mit den Pferden, gemächlich nachzufolgen Befehl erteilte. Sobald er an letztgemeldetem Ort glücklich angelangt, sah er sich zwar ziemlichermaßen außer Gefahr, dennoch war ihm das Herz dergestalt schwer, daß er die paar Tage, als er daselbst auf seine Equipage warten mußte, keine Ruhe haben konnte, sondern nicht anders, als ob er einen Mord begangen, fast nicht in der Haut zu bleiben wußte. Endlich kam sein Bedienter mit der Bagage und den Pferden an, dessen erste Frage war, ob der Kammerdiener bereits bei Ihro Gnaden angekommen wäre? Elbenstein schoß das Blut sogleich, sagte aber: »Was sollte der Kammerdiener bei mir, ich habe ihm ja befohlen, auf dem Wagen bei der Bagage zu bleiben.« Hierauf gab der Bediente zu vernehmen, daß der Kammerdiener gleich gestern abend, nachdem sie aus Mailand gereist und ins Quartier gekommen, die kleine Schatulle mit auf seine Kammer genommen, unter dem Vorgeben, daß dieselbe leicht gestohlen werden könnte, ungeachtet der Wirt zu dem Wagen, welcher nicht abgepackt werden sollte, drei Mann Wache bestellt und sich teuer verschworen, daß sie sich keines Schadens oder Verlusts zu besorgen hätten. Es wäre auch in diesem Logis alles wohl und richtig zugegangen, frühmorgens wäre der Kammerdiener mit der Schatulle sehr früh auf dem Platz gewesen, hätte sie im Wagen an den vorigen Ort und sich darauf gesetzt, wäre auch den ganzen Vormittag lustig und guter Dinge gewesen, bis gegen Mittag, da er über eine Übelkeit geklagt, jedoch vorgegeben, daß solches vom Fahren herrühren müsse, weil er lange nicht gefahren, sondern seither immer geritten wäre. Mittags im Logis hätte er sehr wenig gegessen und geklagt, daß ihm aufs Essen nunmehr noch schlimmer wäre, deswegen hätte er, der Knecht, ihm bei der Abfahrt den neuen neapolitanischen Hengst zu reiten geben müssen, weil er vorgegeben, wie es dem Pferde ohnedem weit dienlicher sei, wenn es geritten, als wenn es an der Hand geführt würde. Zwei bis drei Stunden wäre der Kammerdiener immer auf fünfzig bis hundert Schritte vorausgeritten, endlich aber, da sie durch einen Wald passieren müssen, habe er sich verloren und wäre seitdem nicht wieder zum Vorschein gekommen. Elbenstein stand anfänglich nicht anders, als ob er vom Schlag gerührt wäre, sammelte sich aber bald wieder und ließ vor allen Dingen die Schatulle herbeibringen, da er denn bald die Gewißheit dessen erfuhr, was er gemutmaßt, daß nämlich der Kammerdiener die Schatulle beraubt und mit dem Pferd davongeritten wäre. Es konnte Elbenstein seinen Verlust an Geld und andern Preziosen gar gern auf fünf- bis sechshundert Dukaten schätzen, jedoch war er nur froh, daß er das Beste in dem einen stark verwahrten Koffer noch unversehrt antraf, auch an den Briefschaften, die in der Schatulle gelegen, nicht das geringste vermißte, im übrigen, da er dafür hielt, daß es viel zu weitläufig und endlich doch vergeblich sein würde, dem Schelm nachzuschicken oder ihn durch Steckbriefe zu verfolgen, so schlug er sich diesen Verlust aus dem Sinn und dachte einesteils: »Wie gewonnen, so zerronnen!« Hierauf setzte er seine Reise mit größter Gelassenheit und lauter guten christlichen Gedanken in kurzen Tagereisen weiter fort und langte, nachdem er den Montecenari wie auch den St. Gotthards-Berg glücklich passiert, zu Basel frisch und gesund an. Daselbst verkaufte er seine Pferde und ging zu Wasser nach Breisach und Straßburg, von dannen aber über Lichtenau und Rastatt nach D.*, allwo er den Winter über zu bleiben, auf den Frühling aber nach St.* zu gehen beschloß. Diesemnach berichtete er seinen Eltern den Ort seines Aufenthalts und wessen er sich entschlossen, ob er aber gleich noch Barschaft genug hatte, sich länger als ein paar Jahre damit zu behelfen, so versuchte er doch seine Eltern und bat dieselben, ihm zu seiner Subsistenz hundert Taler zu übermachen. Mittlerweile erteilte er seinem italienischen Bedienten, der sich jederzeit getreu und wohl bei ihm aufgeführt, damals aber der deutschen Luft nicht gewohnt werden konnte, auf dessen inständiges Bitten seinen Abschied, gab ihm seinen versprochenen und wohlverdienten Lohn, auch noch etliche Taler zu Zehrungskosten bis nach seiner Heimat drüber, und machte demselben weis, als ob er selbst nicht über etliche Tage noch in D.* zu verbleiben gesonnen wäre; allein, es war sein Ernst nicht, gegen den Winter weiterzureisen, sondern nahm einen ehrlichen Schwaben in seine Dienste und bezog ein bequemes Logis. Sein Herr Vater schickte ihm zwar nach Verlauf dreier Wochen die verlangten hundert Taler, gab ihm aber dabei auch schriftlich eine ziemliche Reprimande wegen seiner in Italien gepflogenen Löffelei, indem derselbe einigermaßen hinter seine Liebesaventuren gekommen war und zwar folgendergestalt: Es hatte Elbensteins geistliche Venus, die Donna Marinalba, nicht so bald seine geschwinde Abreise vernommen, als sie durch listiges Nachforschen, wer die Kaufleute in Venedig wären, die bisher Elbenstein seine Wechsel bezahlt hätten, endlich erfuhr, daß ein gewisser Bankier namens Giovanni Ferranzoni ihm einen Wechsel von hundertzwanzig Ducati di Venetia ausgezahlt; von diesem bekam sie hernach fernere Nachricht, daß die Herrn Hopffer und Bachmeyer fernerweit jedesmal die Auszahlung der Wechsel und Spedierung der Briefe besorgt hätten; durch dieser Herren Adresse nun geriet folgender Brief in seines Herrn Vaters Hände: Oh, meine schmerzlichen Regungen, die ihr den Freudenmorgen meines Herzens in eine jammervolle Trauernacht verwandelt; indem Du Flattergeist mit Deinen bezaubernden Schmeicheleien meine Seele zu verblenden gesucht hast, damit sie nochmals Deiner Grausamkeit zu Fuß fallen müsse. Nun, nun! Berühme Dich nur immerhin, daß Du über ein solches Herz triumphiert hast, welches niemals von den Pfeilen der Liebe verletzt werden können. Oh, ihr ungetreuen Buchstaben! Oh treulose Zeichen einer falschen und verlogenen Hand, die Ihr mir auf einem leichten Blatte anstatt einer mit Nektar angefüllten Schale einen Gifttrunk reicht, wodurch alles mein Vergnügen ertötet wird. Ach, mein Elbenstein! So handelst Du so übel mit meiner aufrichtigen und ungefärbten Treue und Liebe, welche Du jederzeit rein und unbefleckt an mir empfunden hast? So verbirgst Du, gleich einer schädlichen Blume, die Natter Deiner arglistigen Aufführung, damit ich durch die Wut Deiner Falschheit möge getötet werden. Ei nun! Reise nur hin, begib Dich immer hinweg, eile von mir, damit ich Dich nimmermehr wiedersehen möge, der Du in der Werkstatt Deiner Treulosigkeit das Schwert geschmiedet hast, womit mein größtes Vergnügen gefällt werden muß. Sage mir doch, was Dich zu einer so schnellen Abreise bezwungen hat? Erkläre mir doch die Ursache deiner Flucht? Hat Dich Dein Herr Vater nach Hause berufen, oder ist vielleicht das Liebesspiel mit der Baronne von K* zum Ende gekommen? Doch dem sei, wie ihm wolle, ziehe nur hin, Du Grausamer, und bleibe wo Du willst, ich will Dich nicht mehr lieben, und so stark ich Dich bisher geliebt, so stark werde ich mich künftig bemühen, Dich zu hassen. Indem nun Elbensteins Herr Vater der italienischen Sprache nicht kundig, jedoch viel zu neugierig war, den Inhalt dieses Briefes zu wissen, so machte er sich dieserwegen einen besonderen Weg nach . . ., um sich denselben bei einem Sprachmeister ins Deutsche übersetzen zu lassen, welcher sich gegen einen Rekompens nicht lange damit säumte. Da sah nun der gute Vater, wie retirée sich der liebe Sohn in Italien gehalten und aufgeführt hatte, doch war er noch so treuherzig, daß er ihm den Brief im Original nebst der Übersetzung zum Schure mitschickte. Elbenstein schluckte die väterlichen Pillen geduldig ein, weil ein Konfortans von hundert Talern dabei war, konnte aber nicht begreifen, wie die Marinalba hinter das Liebesgeheimnis zwischen der Baronne von K.* und ihm gekommen sein müsse. Endlich fiel aller Verdacht auf die alte Ruffiana zu Ariqua. Demnach war er herzlich froh und dankte dem Himmel, daß er noch beizeiten einer augenscheinlichen Todesgefahr entgangen, als worin er unfehlbar geraten sein würde, wofern er sich noch länger in Italien aufgehalten hätte. Nachdem er sich nun in dem Antwortschreiben an seinen Herrn Vater aufs plausibelste excusiert, anbei gemeldet, daß er, bloß um den geilen Liebesnachstellungen und Verfolgungen der italienischen Frauenzimmer zu entgehen, seine vortreffliche Station quittiert und sich aus diesem wollüstigen Sodom hinwegbegeben, nunmehr aber dahin trachten wollte, sich bei einem deutschen fürstlichen Hofe zu engagieren, wobei er zugleich den von dem italienischen Fürsten erhaltenen schriftlichen Abschied und Paß mit nach Hause schickte, woraus die Eltern sich seiner Aufführung wegen eines Besseren belehren könnten, also wurden diese seine Eltern völlig zufriedengestellt und vermachten ihm von Hause aus, solange er in keiner austräglichen Bedienung stünde, alle Quartal hundert fränkische Gulden, daß er also, als ein rechtschaffener Kavalier, zumal an einem solchen Ort, wo alles um einen billigen Preis zu bekommen war, recht wohl und vergnügt leben konnte. Zweiter Teil Nachdem, wie im vorigen gemeldet, Elbenstein in D.* glücklich angelangt war, verdingte er sich bei einem gewissen Professor in die Kost, brachte es aber durch seine gute Aufführung in kurzer Zeit dahin, daß er bei dem Fürsten von B.* die Kammerjunkerstelle erhielt, und weil er gute Studia hatte, anbei die italienische und französische Sprache wohl redete und schrieb, so wurde er nicht nur in Verschickungen, sondern auch in anderen geheimen Angelegenheiten sehr öfters gebraucht, indem er sich jedesmal dergestalt konduisierte, daß er des Fürsten Gunst und Gnade vollkommen erlangte. Ob nun schon sein ernstlicher Vorsatz war, sich in keine Liebeshändel mehr zu verwickeln, so blieb er doch nicht lange von denselben befreit. Es war der Gebrauch am D.* Hofe, daß die Damen und Kavaliere bei den vornehmsten Ministern und ihren Gemahlinnen wöchentlich ein- oder wohl mehrmals die Visiten ablegten, wodurch denn geschah, daß, als Elbenstein in des Geheimen Rats von M.* Behausung mit einsprach, er mit einem artigen Fräulein des Geschlechts von G.*, welche eine nahe Anverwandte des Geheimen Rats war, in Bekanntschaft geriet, da denn nach einem kurzen Umgang in beider Herzen eine Liebe erwuchs. Eines Tages, da die gewöhnliche Gesellschaft wieder zusammengekommen war, setzten sich die meisten nieder und spielten zum Teil à la Bassette l'Hombre oder andere beliebige Spiele. Elbenstein aber, welcher die französischen Zeitungen in einem Fenster gefunden, deprezierte das Spielen und las dagegen die Zeitungen. Das Fräulein von G.*, als sie vermerkte, daß Elbenstein heute nicht Lust zu spielen hätte, drehte sich auch mit guter Manier vom Spiel ab und klöppelte zur Lust an der Frau Geheimen Rätin ihrem Klöppelkissen, bis sie bemerkte, daß Elbenstein mit Lesen der Zeitungen fertig wäre, da sie denn mit einer angenehmen Freimütigkeit auf ihn zuging und den Antrag tat, daß, weil er so wenig als sie heute zum Spielen disponiert wäre, wollten sie einander die Zeit mit Gesprächen vertreiben; worauf sie ihn ersuchte, ihr etwas von Italien und von der Einwohner Naturell zu erzählen, auch weil sie vernommen, daß dem Frauenzimmer daselbst nicht erlaubt wäre, mit Fremden zu konversieren, so wäre sie neugierig zu wissen, worin der Herr von Elbenstein, als ein galanter Kavalier, einigen vergnügten Zeitvertreib gefundene Dieser gab hierauf zur Antwort, wie er den Hauptzweck, warum er in fremde Lande gereist, zu beobachten, die Zeit also anwenden und einteilen müssen, daß er nach der ohnedem höchstgefährlichen Konversation der italienischen Damen nicht verlangen können; mit dissoluten und liederlichen aber die Zeit zu verlieren, würde weder appetitlich, ratsam noch nützlich gewesen sein, in Erwägung, daß man von dergleichen Ergötzungen nur ein nagendes Gewissen, ungesunden Leib und Verlust seines Geldes zu gewarten hätte. Die Fräulein von G.* replizierte, daß sie sich würde schwerlich überreden lassen, daß der von Elbenstein von allen verliebten Aventuren sollte befreit geblieben sein, lobte ihn anbei, daß er mit seinen Liebesergötzungen so geheim wäre, deswegen sie diejenige Dame glücklich schätzen müsse, welche von einem so diskreten und honetten Kavalier ästimiert würde. Sie für ihre Person wollte sich höchlich gratulieren, wenn sie Elbenstein nur zu ihren Konfidenten erkiesen dürfte. Wie nun er, als von Sanquineus, so den Liebesanfällen bei einem so angenehmen Gegenstand nicht lange zu widerstehen vermögend war, ergriff er das auf der Seite stehende Glas Wein und sagte: »Mein schönes Fräulein, ich halte Sie bei Ihrem Wort, und zu bezeugen, daß ich es recht aufrichtig und von Herzen meine, so erlauben Sie mir, daß ich dieses Glas Wein auf glückliche Aufrichtung einer beständigen und getreuen Konfidentschaft Ihnen zutrinken möge«, worauf er unter verliebten Mienen das Glas austrank; nachdem er es wieder eingeschenkt, den Rand desselben küßte und ihr mit einer charmanten Art überreichte, welches sie auf gleiche Art mit besonders liebreicher Stellung austrank. Hierauf fragte Elbenstein, wann er nunmehr die süße Vergnügung haben und den Effekt der gemachten Konfidence genießen sollte? Worauf das Fräulein von G.* antwortete, daß in Gegenwart so vieler Damen und Kavaliere es sich vorerst nicht schickte, wenn er aber auf ihr Zimmer, allwo ihr Mädchen nur allein wäre, sich bemühen wollte, so könnte seinem und ihrem Verlangen eher ein Genügen geschehen. Hierauf ergriff Elbenstein das artige Fräulein bei der Hand und sagte zu ihr etwas laut: »Gnädiges Fräulein! Wo es nicht beschwerlich, so wollte ich gehorsamst bitten, mir als einem Liebhaber der Schildereien die in den anderen Gemächern befindlichen Stücke zu zeigen.« Wie sie sich nun hierzu gefällig erzeigte, führte er sie nach ihrem Zimmer, allwo sie dem Mädchen befahl, etwas von Obst und Konfitüren herbeizubringen. Mittlerweile, als diese abwesend war und Elbenstein der Fräulein Porträt ansichtig ward, sagte er: »Mein schönster Engel! Ich will den Anfang machen, Ihnen etwas insgeheim zu vertrauen.« Unter diesen Worten küßte er der Fräulein Porträt aufs zärtlichste. Sie, welche von dergleichen artiger Erfindung, einen Liebesantrag zu tun, nicht wenig charmiert war, sagte darauf: »Ich sehe wohl, daß Sie in Italien die Abgötterei recht gelernt haben; allein versündigen Sie sich doch nicht so sehr an leblosen Kreaturen«, womit sie ihn ganz verliebt ansah und die Hand drückte. Elbenstein sagte hierauf: »So will ich das Original um Vergebung dieses begangenen Verbrechens bitten«, unter welchen Worten er das Fräulein zu verschiedenen Malen auf das verliebteste küßte, welches, als es zum öfteren wiederholt ward, das verliebte Fräulein endlich mit Gleichem vergalt. Es wollten sich zwar bei Elbenstein noch mehrere lüsterne Neugierden regen, allein, die Ankunft des Mädchens setzte beide Verliebte in eine sittsamere und eingezogenere Positur. Die Fräulein präsentierte ihrem neuen Konfidenten etwas von den Erfrischungen, und er legte ihr gegenteils unter lauter schmeichelnden Mienen ein und anderes vor, ehe er sich aber versah, fing ihm die Nase heftig zu bluten an. Demnach befahl das Fräulein ihrem Mädchen, eine Schale mit kaltem Wasser herbeizubringen und mit einem darein genetzten Tuch Elbensteins Nacken zu berühren. Dieser aber merkte gar bald, daß des artigen Mädchens Hilfeleistung aus etwas anderem als aus einer bloßen Dienstfertigkeit herrührte, indem unter dieser Beschäftigung ihre Finger an Elbensteins Hals das zu verstehen gaben, was ihr Mund ihm nicht sagen durfte. Er, als ein starker Praktikus in der Löffelei, antwortete ihr mit einem verbindlichen Blick, daß er nämlich ihre Meinung verstanden hätte, daher er ihr, seiner wandelbaren Gemütsart nach sogleich einen ziemlichen Teil von der ihrem Fräulein gewidmeten Neigung zuwendete, und indem er, ihre Mühen mit einem Gulden zu vergelten, sie bei der Hand faßte, durch eine den Verliebten bekannte und gewöhnliche Art und Weise ihr seine Gewogenheit zu verstehen gab. Also waren Fräulein und Dienerin zugleich mit ihm ins Liebesgarn geraten; weil aber der Wohlstand erforderte, daß das Fräulein sich eher als er sich wieder zur Gesellschaft begäbe, ging sie allein voran und berichtete auf geschehene Nachfrage, wo er geblieben und daß ihm die Nase so stark geblutet hätte. Solchergestalt bekam Elbenstein Gelegenheit, Grisetten, so war des Kammermädchens Name, durch etliche hitzige Küsse, welche sowohl auf den Mund als die wohlbestellte Brust fielen, ihre zu ihm tragende Liebe zu probieren, in welcher Probe denn sie durch etliche wohlangebrachte geile Küsse, wobei die Zunge auch das ihrige beitrug, zu verstehen gab, daß, ob sie gleich kaum das achtzehnte Jahr zurücklegte, sie dennoch in der Kunst und Wissenschaft zu lieben kein unerfahrenes Kind wäre. Die kurze Zeit, so ihnen ohne Verdacht beieinander zu sein erlaubt war, drückte beiden eine Sehnsucht ein, genauer miteinander bekannt zu werden, welche zu stillen der folgende Tag früh um 9 Uhr in seinem Logis die beste Gelegenheit an die Hand gab, dieweil es aber Zeit war, sich nach Hof zur Abendtafel zu verfügen, auch die Aufwartung eben an Elbenstein war, so nahm er nebst einigen Damen und Kavalieren von dem Geheimen Rat und der übrigen Gesellschaft Abschied und begab sich nach Hofe, dahingegen die meisten, welche sich in ein starkes Spiel engagiert hatten, noch beisammenblieben, und die zubereitete Kollation abwarteten. Den folgenden Tag, als Elbenstein noch im Schlafrock herumging, meldete sich das angenehme Grisettchen bei ihm an, brachte eine Schüssel mit Obst und Konfitüren nebst einem Morgenkompliment von ihrem gnädigen Fräulein. Elbenstein, den die in Italien angewöhnte Liebesnäscherei von neuem ankam, auch allhier nicht solche Lebensgefährlichkeiten wie dort zu befürchten hatte, gab seinem Diener eine Pistolette mit Befehl, ihm solche zu wechseln, aber kein anderes als lauter ganzes Geld an Lüneburgischen Zweidrittelstücken dafür zu bringen, nannte ihm auch etliche Juden, zu welchen er gehen sollte, und wenn einer nicht wollte, würden es schon andere tun, wodurch er denn genügsame Zeit gewann, sich mit seiner Grisette, deren Augen aus Begierde zum Liebeskampfe gleichsam brannten, nach Wunsch zu ergötzen, welches denn, da der Diener kaum den Rücken gewendet, mit beiderseits entzückender Zufriedenheit geschah. Zwar merkte er so viel, daß in diesem Liebesgarten bereits andere die ersten Früchte gebrochen hatten, weil er aber eben nicht so gar sehr kapriziös in diesem Stück war, ließ er es dem treuherzigen Kind nicht entgelten, indem er noch soviel Annehmlichkeiten bei derselben fand, seinen Appetit zu stillen und zugleich sie sattsam zu vergnügen. Nach gebüßter Lust wurde die Abrede genommen, über drei Tage diese Ringekunst weiter zu versuchen und ein und andere von der Alo – – Sig – – vorgeschriebene Lektionen zu probieren; für diesmal aber ließ er sie mit einem Geschenk für erzeigte Gefälligkeit und einem ergebensten Kompliment an ihr gnädiges Fräulein repassieren. Hierauf kleidete er sich vollends an und begab sich nach Hofe, wo die sämtlichen Damen und Kavaliere in der Fürstin Vorgemach versammelt waren. Einer von den Kammerjunkern ersuchte Elbenstein daselbst darum, die Gefälligkeit für die Fräuleins und ihn zu haben und eine gewisse Arie, die er ihm in einer italienischen Oper zeigte, ins Deutsche zu übersetzen, wozu er sich denn sogleich willig finden ließ, begab sich demnach etwas beiseite an ein Fenster und übersetzte solche in ebendem Metrum und Genre, welches der italienische Poet gebraucht hatte, folgendergestalt: ARIA 1.         Von euch Sonnen kommt mein Ächzen, Euer Strahl hat mich fast halb entseelt, Des Herzens Entzünden Kann schwerlich verschwinden, Indem es sein Lechzen Und Quälen verhehlt. 2. Schönster Mund, du bringst mir Schmerzen, Und mein Herz vergehet fast vor Glut, Mit Hoffen und Sehnen, Mit Schweigen und Stöhnen Empfind ich im Herzen Des Cypripors Wut. Solche Übersetzung erwarb ihm bei den sämtlichen Damen und Kavalieren nicht nur viel Lob, sondern es verursachte auch bei den ersteren gewisse Gemütsregungen, die sie aber ihrer angewohnten Eigensinnigkeit und Hoffart nach, welche nur Verehrer haben, aber denselben keine Vergeltung tun, viel weniger ihre Liebe mit Gegenliebe belohnen will, vertuschten, indem sie sich nicht entschließen konnten, ihre Leidenschaften an den Tag zu geben. Wie aber auch die wildesten Kreaturen zahm und bändig gemacht werden können, also gewann die Liebe bei diesen Hochmütigen durch die sittsame und höfliche Aufführung des von Elbenstein, welche mit einer wohlanständigen Blödigkeit und insinuanten Schmeichelei untermengt war, endlich die Oberhand, daß, da sie zuvor gewohnt waren, diejenigen, so sie fast anbeteten, mit lauter spröden Verachtungen zu quälen, sich nunmehr bequemten, ein gelasseneres Wesen an sich zu nehmen. Aus diesem ersprang ein Verlangen, allein zu sein, und in solcher Einsamkeit malte ihnen der Liebesgott in Gedanken alle die trefflichen Gemüts- und Leibesgaben des von Elbenstein auf das allerangenehmste ab, worauf der Wunsch folgte, von einem solchen artigen Kavalier ästimiert zu werden; und endlich sagte ihnen ihr eigenes Herz, daß dergleichen Regungen mit keinem anderen Namen als der Liebe belegt werden könnten. Unter diesen, größtenteils veränderten Damen befand sich eine unverheiratete, so die Baronne von L.* genannt ward, welche, je mehr sie von Elbensteins Qualitäten eingenommen war, je vergnügter sie sich hergegen schätzen konnte, indem ihre mit einer charmanten Traurigkeit verknüpften Blicke Elbenstein dermaßen fesselten, daß, je länger er mit dieser liebenswürdigen Person umging, je heftiger er in sie verliebt ward und soviel schöne Leibes- und Gemütseigenschaften dieses Fräulein besaß, soviel Fesseln und Ketten waren auch, den flatterhaften und unbeständigen Elbenstein nunmehr fest zu binden und aus einem flüchtigen und changanten einen getreuen und beständigen Liebhaber zu machen; denn außer der angenehmen Gesichtsbildung wie auch unvergleichlich proportionierten Taille war diese Dame aus einem uralten berühmten freiherrlichen Geschlecht, aus welchem etliche zu zählen, die im römischen Reich unter dem Titel Kurfürstliche Gnaden vor weniger Zeit waren berühmt gewesen. An Gütern und Mitteln mangelte es auch nicht, denn die halbe Herrschaft H.*, bei Landau gelegen, vermöge des väterlichen Testaments ihr als der einzigen Tochter anderer Ehe, nebst vielen Weinzehenten an der Mosel, eigentümlich zugehörten; und obgleich die meisten von diesem vornehmen Geschlecht sich zur römisch-katholischen Religion bekannten, so war doch dieses Fräulein sowohl als ihre bereits verstorbenen Eltern der protestantischen oder evangelischen Religion zugetan, daß also Elbenstein auch ratione religionis nichts Bedenkliches fand. Alles dieses, zumalen er durch dergleichen Mariage bei dem D.* Hofe höher zu avancieren sich gute Rechnung machen konnte, bewogen ihn dahin, daß er alle sonst gewöhnten Liebesausschweifungen gänzlich abandonnierte und sich seinem auserwählten und allerliebsten Fräulein von L.* ganz und gar allein ergab. Ob sie nun gleich anfänglich seinen Verpflichtungen nicht sofort völligen Glauben beimessen wollte, so ward doch endlich ihr tugendhaftes Herz durch seine täglichen Schmeicheleien und Kontestationen überwunden, indem er dieselben sowohl schriftlich als mündlich anbrachte, bis sie sich ihm endlich ganz zu eigen ergab. Es wird nicht unangenehm sein, eine von dessen poetischen Liebesdeklarationen hierherzusetzen: Mein Schicksal hat den Schluß nun über mich gefasset, Ich soll, mein Engel, dir allein gewidmet sein, Da ich doch noch nicht weiß, ob mich dein Auge hasset, Anstatt der Gegengunst, und ob dein Herz ein Stein? Doch will ich meine Glut dir nochmals offenbaren, Die durch dein schönes Licht sich an mir angeflammt, Mein frei Bekenntnis will nichts Widriges befahren, Dieweil dein Gütigsein vom frommen Himmel stammt. Die Sanftmut, welche sich in deinen Augen zeiget, Weissaget mir noch nicht, daß ich zuviel getan, Und ob dein schöner Mund ganz stilleschweiget, Zeigt doch sein Purpurrot kein Ungewitter an. Erlaube mir demnach, dich ewig zu verehren, Und glaube, daß mein Herz dir bis in Tod getreu, Du kannst, mein Leben, ja die Treu vorher bewähren, Laß bei der Prüfung nur für mich die Hoffnung frei. Wenn dir gefallen wird, mich zornig anzublicken, Bet ich die Strengigkeit in tiefer Ehrfurcht an. Will mir dein schöner Mund ein kaltes Nein zuschicken, So glaube, daß ich auch bei Nein treu lieben kann. Sprächst du auch gleich zu mir: Ich soll und muß dich hassen, Ja stieße mich dein Fuß ganz spröde von sich hin, Wollt ich doch mit Begier die schönen Hände fassen, Zu zeigen aller Welt, wie ich beständig bin. Auch wenn zum Überfluß, die Treue zu probieren, Du mir verbieten willst, dich gar nicht anzusehn, Soll deinen Schatten doch mein Auge nicht verlieren, Bis deine Güte spricht, daß Proben genug geschehen. Diesemnach wurde beiderseits die Liebe dergestalt heftig, daß eines ohne das andere fast keine Stunde bleiben konnte. Die erste Probe seiner liebreichen Fräulein von L.* geschworenen Treue legte Elbenstein damit ab, daß, als Grisette kam und ihn im Namen ihres Fräuleins nötigte, diesen Nachmittag in des Oberjägermeisters Hause, wo Assemblée sein würde, zu erscheinen, er seinen Diener nicht wegschickte, weswegen das arme Ding ungelabt fortgehen mußte. Weil aber sein allerliebstes Fräulein von L.* par renommée nebst anderen Hofdamen und Kavalieren daselbst mitzuerscheinen sich gemüßigt sah, fand er sich auch allda ein. Das Fräulein von G.* suchte zwar Gelegenheit, Elbenstein mit guter Manier von der Gesellschaft abzuziehen, er tat aber, als merkte ers nicht, sondern ließ sich bald mit dieser oder jener Dame oder Kavalier ins Gespräch ein und leerte dabei mit dem alten Herrn von H.*, der ein besonderer Liebhaber des edlen Rebensaftes war, manches Gläschen auf Gesundheit dieses oder jenes guten Freundes aus. Da dieses Fräulein von G.* nun sah, daß sie solchergestalt ihren Zweck, mit ihrem Konfidenten sich in einer angenehmen Retirade zu unterhalten, nicht erreichen konnte, stellte sie es an, weil die Oberjägermeisterin ihrer Frau Mutter Schwester war, und der sie vertraut hatte, daß Elbenstein mit ihr ein genaueres Liebesverbündnis zu schließen schien, daß sie die Erlaubnis erlangte, an den von Elbenstein durch des Oberjägermeisters Diener einen Brief zu überschicken, unter dem Vorwand, als ob derselbe von der Post gekommen wäre. Wie nun Elbenstein von der Gesellschaft hinweg und etwas bei Seite ging, um den Brief desto bedachtsamer zu lesen, ersuchte ihn der Diener, daß Ihro Gnaden sich nur ein wenig vor das Zimmer hinausbemühen und das Schreiben daselbst lesen möchten, welches Elbenstein ohne weiteres Nachsinnen tat und sich hinaus begab. Der Diener, so ihm folgte, zeigte ihm sogleich das gegenüber offenstehende Zimmer, damit er nicht unter den hin und wieder laufenden Aufwärtern stehen und lesen dürfte, weswegen Elbenstein ohne besonderes Bedenken dahineintrat; kaum aber hatte er den Brief zu lesen angefangen, als das Fräulein von G.* durch eine andere Tür zu ihm hineingetreten kam, welche nach gemachtem Kompliment ihn sogleich in einen Erker zog und unter häufigen Karessen ersuchte, dem sehnlichen Verlangen, so sie nach ihm, ihrem allerliebsten Konfidenten, gehabt, und ohne dessen angenehme Gegenwart sie gar nicht vergnügt leben könnte, es zuzuschreiben, daß sie ihn von der Gesellschaft auf eine kurze Zeit abgezogen hätte. Allein, wie bestürzt wurde das gute Fräulein, da sie nichts als lauter Komplimente statt der bei der ersten Zusammenkunft gebrauchten Liebkosungen von ihm genoß, weswegen sich diese Entrevüe auf Seiten des guten Fräulein mit nicht geringem Kummer bald endigte. Sie konnte nicht begreifen, woher doch diese jählinge Gemütsveränderung bei Elbenstein müsse entstanden sein, endlich aber fiel sie auf die rechte und wahre Ursache, wie nämlich etwa eine andere Schönheit ihr ins Liebesgehege gegangen und ihr ein so liebreiches Wildbret bestrickt hätte. Hierauf untersuchte sie in ihren Gedanken sowohl die sämtlichen Hofdamen, als auch der anderen, in der Stadt sich aufhaltenden Fräulein Gesichter und Mienen, konnte aber alles angewandten Fleißes ohngeachtet nichts Gewisses erfahren oder ausmachen, auch nicht mutmaßen, denn die kluge Baronne von L.* hatte mit ihrem Elbenstein bereits Abrede genommen, ihre Liebe noch zur Zeit geheimzuhalten. Da auch die folgende Woche bei Hofe Assemblée und abends bunte Reihe war und es sich also fügte, daß Elbenstein bei der Fürstin, das Fräulein von G.* bei dem Fürsten und das Fräulein von L.* bei ihrem Vetter, dem Hofrat und Kammerjunker von W.*, zu sitzen kam, vermochte jene abermals nicht, etwas auszuforschen, worüber sie denn endlich in eine solche Rage geriet, daß, wo sich nur die geringste Gelegenheit zeigte, sie nichts eifriger tat, als von Elbenstein übel zu reden, wozu ihr denn folgende Begebenheit sattsam Anlaß gab. Es hatte der Stadtschulze den Hofjunker von N.*, welcher bei ihm eingemietet hatte, nach G. auf sein daselbst habendes Vorwerk auf eine Mittagsmahlzeit invitiert, dabei gebeten, noch ein paar andere gute Freunde mitzubringen, welches der von N.* sich gefallenlassen und Elbenstein nebst dem Jagd- und Hofjunker R.* ersuchte, mit hinauszureiten. Weil denn die Fürstin selbigen Morgens auf ihr eine Stunde von D. gelegenes Lusthaus und dabeibefindliche Meierei gefahren war, nebst ihrem Gemahl aber weiter niemanden bei sich hatte als die Fräulein von L.* und von H.*, den Hofmarschall Freiherrn von L.* und den Geheimen Rat von R.*, den folgenden Tag aber allererst retournieren wollte, so begab sich Elbenstein nebst den zwei anderen Kavalieren vormittags gegen zehn Uhr nach gedachtem Vorwerk, wo sich des Stadtschulzen zwei Töchter und des Bereiters Schwester, noch eines Ratsherrn Tochter wie auch des Stadtschulzen Sohn, der vor wenig Tagen von der Universität Tübingen, wo er nunmehr seine Studia Academica absolviert, zurückgekommen war, bereits befanden. Die Kavaliere wurden unter Trompeten und Paukenschall empfangen und ihnen, weil es kurz vor der Mahlzeit war, nur einige Erfrischungen vorgesetzt. Als sie etwas davon zu sich genommen, sagte der alte Stadtschulze, welcher ein Mann von ganz besonders lustigem Humor war: »Mit Dero gütiger Erlaubnis, meine Herren! Ich muß heute das Sprichwort unwahr machen: Vor Essen wird kein Tanz.« Hiermit nahm er seine alte Mutter bei der Hand und sprang mit ihr herum als der jüngste Kerl, worauf die Kavaliere und der Student dem Alten folgten, ein jeder ein Frauenzimmer ergriff und sich gleichfalls wacker herumtummelte. Mittlerweile war in einer gegenübergelegenen Stube das Essen ausgesetzt worden, weswegen sie sich insgesamt dahin begaben und es ihnen unter einer angenehmen Musik wohlschmecken ließen. Jeder hatte seine Tänzerin neben sich sitzen und ging alles in lauter Lust und Fröhlichkeit zu. Nach geendigter Mahlzeit ward zwar das Tanzen wieder angefangen, weil sich aber bald darauf der Himmel mit Wolken umzog und mit Regen drohte, machten sich die sämtlichen Gäste zum Aufbruch fertig. Als nun die Kavaliere sich aufsetzen wollten und die guten Kinder sich gleichfalls zwar zum Fortgehen schickten, jedoch dabei bekümmert waren, wie sie ihren Schmuck und gute Kleider, wenn sie unterwegs der Regen überfallen sollte, vor der schädlichen Nässe salvieren möchten, so tat der Jagdjunker den Vorschlag, daß sich die Frauenzimmer mit auf ihre und der Diener Pferde setzen sollte, gesetzt nun, daß es zu regnen anfinge, so wären sie ja mit Mänteln genug versehen, daß ihnen also der Regen wenig schaden würde. Dieser Vorschlag ward von allen gebilligt, und die guten Jungfern waren noch dazu ganz froh, daß sie den Rückweg so bequemlich nehmen konnten. Wie sie demnach ihre Kavalkade mit aller Zufriedenheit antraten, befahl der Stadtschulze der älteren Tochter, sobald sie nach Hause gekommen sein würden, in des Rats Marstall Kutsche und Pferde zu bestellen, um ihn, seine Frau und Sohn nach Hause zu führen. Hierauf ritten die Kavaliere, nachdem sie sich bei dem Herrn Wirt für das gute Traktament und genossene Höflichkeit nochmals bedankt hatten, nach der Stadt zu, waren auch insoweit glücklich, daß es nicht eher zu regnen anfing, bis sie sich in der Vorstadt vor dem Gasthof zu K. befanden, wo das Frauenzimmer abstieg, weil der Wirt in ermeldetem Gasthof der einen Jungfer naher Anverwandter war. Sowohl sie als dieser ersuchten die Kavaliere, nur solange, bis der Regen vorbei wäre, mit einzusprechen, wozu sich denn diese nicht lange nötigen, sondern die Pferde in die Ställe bringen ließen; der Wirt aber schickte sogleich einen von seinen Leuten in die Stadt, um die Kutsche zu des Stadtschulzen Abholung zu bestellen. Wenige Zeit hernach fanden sich die Musikanten, welche ihnen draußen aufgewartet hatten, gleichfalls ein; sobald nun die Gesellschaft dieselben sah, mußten sie zu ihnen in die Oberstube kommen, wo man sich denn von neuem wieder lustigmachte, solange bis die Zeit und der Wohlstand den Aufbruch erforderten. Elbenstein verfügte sich nach seinem Quartier und legte sich bald zur Ruhe, um desto früher auf dem Schloß sein zu können; als er nun den folgenden Morgen um sieben Uhr dahin zu gehen im Begriff war, ward er von dem Geheimen Rat von E.* im Vorbeigehen auf eine Tasse Schokolade invitiert; wie er nun diesem vornehmen Minister solches nicht wohl abschlagen konnte, also trat er hinein und wurde sehr höflich empfangen mit dem Vermelden, daß der Herr von Elbenstein eine angenehme Gesellschaft von Frauenzimmern und guten Freunden antreffen würde. Dieser befand sich zwar in etwas betroffen, als er in das Zimmer hineintrat und unter anderen das Fräulein von G.* darin erblickte, doch er faßte sich alsbald wieder, und als er gegen die sämtliche Gesellschaft seine Komplimente vertauscht, sagte der Herr Geheime Rat, daß er längstens gewünscht, mit dem Herrn von Elbenstein genauer bekannt zu werden, denn ob er gleich bereits öftermals auf dem Schlosse zu seinem Wunsche zu gelangen Gelegenheit gesucht, so hätte er doch, weil er jedesmal an der fürstlichen Tafel zu speisen, nachher mehrenteils mit der durchlauchten Herrschaft l'Hombre spielen müssen, bis dato nicht zu der Ehre einer genaueren Bekanntschaft gelangen können, wollte er sich demnach das Glück seines öfteren werten Zuspruchs inständig ausgebeten haben, insonderheit, da ihm des von Elbenstein Hauswirt, der Herr Professor M.*, berichtet hätte, daß er im Studio nummismatico sonderlich erfahren und zu Padua des berühmten Kavaliers und Professors Caroli Patini (welcher sonst an einem gewissen fürstlichen Hof in Schwaben, weil er aus dem dasigen Münzkabinett einen genuinen Ottonem entführt, ein schlechtes Lob erworben) Privat-Information in hoc scibili genossen, von welchen er gleichfalls ein starker Liebhaber wäre. Elbenstein gab, indem er eine tiefe Reverenz machte, zur Antwort, wie er sich höchst glücklich achten würde, bei einem so vornehmen Minister seine Aufwartung öfters zu machen und von dessen gelehrten Diskursen zu profitieren. Da es aber nun endlich Zeit war, Abschied zu nehmen, drehte sich das Fräulein von G.* so lange herum, bis sie neben Elbenstein zu stehen kam, da sie ihn denn mit einem gezwungenen, höhnischen Lachen, jedoch eben nicht allzu laut, fragte: Ob er bei der gestrigen Konversation mit den Bürgermädchen vielleicht mehr Vergnügen gefunden hätte als bei der hiesigen Gesellschaft, weil er so eilfertig wäre. Elbenstein fragte sie hingegen: Ob ein treuer Knecht und Konfidente dergleichen höhnische und pikante Fragen meritiert hätte? Das gute Fräulein bekannte hierauf durch eine aufsteigende Röte ihre Reue über die ausgestoßene unbedachtsame Frage und Übereilung, sagte aber: Wenn der Herr von Elbenstein in ihres Herrn Vetters, des Herrn Geheimen Rats von M.* Haus ehestens einsprechen würde, wollte sie dieserwegen weiter mit ihm zu sprechen sich die Erlaubnis ausgebeten haben, worauf aber derselbe replizierte : Wenn sie von sonst nichts anderem als hiervon mit ihm zu reden gesonnen wäre, würde es sowohl zu ihrer als zu seiner Satisfaktion am dienlichsten sein, so lange des Herrn Geheimen Rats von M.* Wohnung zu meiden, bis dereinst er eines angenehmeren und gültigeren Traktaments, auch freundlicher Unterredung würde versichert werden; setzte aber nach seiner gewöhnlichen schmeichelnden Art und einer etwas betrübt scheinenden Miene noch hinzu: »Wenn ich, mein Engelsfräulein, mich heimlich in Dero Zimmer einschleichen könnte, wie schmerzlich wollte ich dem darinstehenden charmanten Porträt, welches mir am allerersten etliche inbrünstige Küsse erlaubt, klagen, daß das Original, bei dem ich nichts verschuldet, so hart mit mir umgeht und verfährt.« Das Fräulein versetzte hierauf: »Das Original soll dem Herrn von Elbenstein, worin es ihm zuviel getan, alles herzlich abbitten.« Elbenstein aber antwortete: »Ich trage viel zu großen Respekt für dies schöne Fräulein von G.*, daß Sie sich von einem Ihrer ergebensten Diener dergestalt erniedrigen sollte; damit ich nun dergleichen Ihnen und mir unanständige Handlung nicht erfahren und ansehen darf, so will ich lieber Dero Privatkonversation hinfort meiden, und hiermit Adieu pour toujours gesagt haben.« Hiermit hatte dieser geheime Diskurs seine Endschaft erreicht, und Elbenstein beurlaubte sich sowohl bei dem Herrn Geheimen Rat von E.* als auch der ganzen Gesellschaft, welche gleichfalls bald hernach Abschied nahm. Das Fräulein von G.*, als sie in ihr Zimmer eingetreten, blieb eine lange Zeit in tiefen Gedanken stehen, in welcher Positur sie der Geheime Rat von M.*, ihr Vetter, beschlich und nach der Ursache ihrer Veränderung sehr sorgsam fragte. Worauf sie vorwendete, es würde nicht viel zu bedeuten haben, die bei dem Geheimen Rat von E.* getrunkene Schokolade, weil sie mit Milch gekocht gewesen, die sie niemals wohl vertragen können, hätte ihr eine kleine Übelkeit verursacht. Indem trat die Geheime Rätin auch ins Zimmer, diese erzählte ihrem Gemahl als etwas Neues, daß der Herr von Elbenstein nebst den zwei Jagdjunkern sich gestern zu G. und in dem Wirtshaus zu K. recht lustig gemacht, und zwar mit des Stadtschulzen und anderen Bürgerstöchtern, weswegen sie nicht zweifeln wollte, daß auf diese Ergötzung in drei Vierteljahren Früchte mit Händen und Füßen zum Vorschein kommen dürften. »Jedoch«, setzte sie hinzu, »ein andermal mögen sich Narren wieder mit Edelleuten verwirren, ich kenne die Jagdjunker N. und R., sie sind beide keine Kostverächter, was aber Elbenstein anbetrifft, so glaube ich, daß er in Italien die Kunst zu lieben mehr und besser als etwas anderes gelernt hat. Gewiß, er scheint mir in diesem Stück ein gefährlicher Politikus zu sein. Soviel ich aus seiner neulichen Aufführung, als er bei uns war, abmerken konnte, hatte er seine Augen, mein liebes Bäschen, auf Sie gerichtet und suchte Sie aufs emsigste zu bedienen, auch immer mit Ihr zu schwatzen. Allein, hüte Sie sich ja vor ihm, es ist ein Flattergeist und fremder Kerl, wer weiß auch einmal, ob er derjenige ist, für den er sich ausgibt.« Durch diese Reden wurde das arme Fräulein dergestalt treuherzig gemacht, daß sie bekannte, wie sich Elbenstein bei der ersten Zusammenkunft unter vielen unverbindlichen Expressionen nicht undeutlich herausgelassen, daß er sich mit ihr ehelich zu verbinden gesonnen sei, etliche Tage hernach aber wäre er ganz anderen Sinnes und dergestalt kaltherzig gegen sie gewesen, als ob er sie zeitlebens nicht gesehen hätte, viel weniger mit ihr umgegangen wäre, und heute, als er auch bei dem Geheimen Rat von E.* gewesen und von ihr wegen des gestrigen Divertissements nur ein wenig vexiert worden, hätte er ihr die empfindlichsten und pikantesten Repliken gegeben. Ja, damit wäre er noch nicht einmal zufrieden gewesen, sondern hätte ihr alle fernerweitige Konversation aufgesagt. Der Geheime Rat von M.*, welcher ein hitziger, jähzorniger Mann war, ereiferte sich nicht wenig über den guten Elbenstein, denn er das Fräulein von G.* als seiner Schwester Tochter so sehr als sein eigenes Kind liebte. Er brach demnach in folgende Worte aus: »Harre du Kerl! Du sollst ehrlicher Leute Kinder am längsten bei der Nase herumgeführt haben.« Mit diesen Worten ging er aus des Fräulein Zimmer, setzte sich in die bereits angespannte Karosse und fuhr aufs Schloß, wo geheimer Rat gehalten werden sollte. Elbenstein, als er zu seinem geliebten Fräulein von L.* kam, machte sich auch schon auf Anhörung einer Reprimade gefaßt, allein, weil diese mehr Vertrauen auf seine Treue setzte, sagte sie ihm weiter nichts, als daß die ganze Begebenheit dem Fürsten und der Fürstin bereits aufs allerodiöseste wäre vorgebracht worden, mit dem Beisatz, daß, was zu G. wegen der Eltern Gegenwart und Aufsicht nicht geschehen, im Wirtshaus zu K., wo der Wirt ein Erzkuppler wäre, desto füglicher hätte vollbracht werden können. Es wäre auch von dem Geheimen Rat von M.* angeraten worden, daß zur Verhütung einigen Kindermordes oder Abtreibung der Frucht die Menschen durch geschworene Hebammen und verständige Medicos besichtigt würden. Elbenstein, weil er ein gutes Gewissen hatte, erzählte ihr den ganzen Verlauf nach der reinen Wahrheit, worauf sie ihm den Einschlag gab, bei ihrem Vetter, dem Baron von W.*, welcher Hofrat und Kammerjunker war, zu sondieren, was er ihm bei diesen Händeln etwa raten würde. Dieser, welchem der Fürst die lustige Geschichte mit großem Gelächter (denn er selbst gar oft auf der Parforcejagd seine Liebesflammen bei einem hübschen Bauernmädchen zu löschen pflegte) bereits erzählt hatte, kam gleich von ungefähr ins Zimmer getreten und sagte nach gemachtem kurzen Kompliment: »Meiner gnädigsten Fürstin Melkerei zu K. wird, wie ich höre, bald mit drei schönen roten Kühen verstärkt werden?« (Denn nebenbei, dieses war damals die Strafe, wenn ein Kavalier wieder das sechste Gebot gesündigt, daß er der Fürstin eine rote Kuh zinsen mußte.) Hierauf erzählte ihm Elbenstein alles haarklein, was passiert war, und bekam diesen Rat von ihm, daß er nebst den zwei anderen Kavalieren sich bei dem Fürsten wegen der über sie ausgesprengten harten Kalumnien und Injurien beschweren und anbei untertänigst bitten sollten, ihnen des Denunzianten Namen, damit sie ihre Satisfaktion von ihm fordern könnten, gnädigst zu entdecken. Hiernächst müsse solches dem Stadtschulzen und der anderen Jungfern Eltern zu wissen gemacht werden, damit sie der über ihre Kinder verhängten Prostitution vorkommen und solche legitimo modo abwenden möchten. Hierauf ging man zur Tafel, wo der Hausmarschall oftgedachte drei Kavaliere unter anderen Gesprächen zu vexieren begann. Allein, der Jagdjunker von R.* verstand unrecht und sagte über öffentlicher Tafel ungescheut und laut, so daß es die mit daransitzende Hofmeisterin und Fräuleins auch mit hören konnten: Salva venia, Huren, Kanaillen und Schelmen hätten diese infamen Lügen ausgebracht, daß nämlich sie drei mit den ehrlichen Kindern etwas Ungebührliches vorgehabt hätten, vielleicht wäre diejenige Weibsperson, so diese Schandlügen am ersten ausgesprengt, eine solche, die den Liebeshandel besser verstünde als diese ehrlichen, frommen Kinder. Kurz zu melden, die Sache geriet endlich zu einer solchen Weitläufigkeit, daß, als die drei Kavaliere und die anderen Interessenten des Denunzianten Namen erfahren, sie den Geheimen Rat von M.* durch Notarien und Zeugen beschickten und ihm sagen ließen: Die sämtlichen Interessenten hielten ihn so lange für einen boshaften Verleumder und Ehrenschänder, bis er, was durch ihn von dem Frauenzimmer und ihnen bei Hofe angegeben und in der Leute Mäuler gebracht worden, verifiziert und erwiesen hätte, wobei sowohl der Stadtschulze als der anderen Jungfern Eltern drohten, den Geheimen Rat vor dem Kammergericht zu Speyer zu verklagen, wodurch denn dieser dergestalt erschreckt wurde, daß er, in Betrachtung der ihm aus solcher Sache entstehenden Prostitution und Geldversplitterung, die besten Worte und eine hinlängliche Deklaration den Kavalieren gab, den Eltern der Jungfern aber sagen ließ, wie er die ganze Sache ex vago rumore hätte und ihm leid, solchen unbegründeten Erzählungen Glauben beigemessen zu haben; er hielte sie samt und sonders für ehrliche, unbescholtene Leute und Jungfrauen; und dieses mußte er schriftlich von sich ausstellen. Allein, die Verfolgungen und Verbitterungen gegen den von Elbenstein nahmen von Seiten des Geheimen Rats und dessen Familie vollends überhand, als er kurze Zeit darauf in Gegenwart der Oberhofmeisterin von K.*, des Geheimen Rats und Oberamtmanns zu K., G.* und des Hofrats und Kammerjunkers von W.* sich mit der holdseligen Fräulein von L.* ordentlicherweise verlobte. Es suchte zwar das Fräulein von G.*, ihn auf allerhand Art und Weise zu detournieren und auf ihre Seite zu bringen. Da sie aber ihren Zweck nicht erreichen konnte, legte sie sich aufs Lamentieren und beklagte sich aufs beweglichste in einem ihm zugeschickten Brief, welchen er aber bloß mit folgenden poetischen Zeilen beantwortete: 1.         Was willst du mich doch mit Verfolgung pressen: Was klagest du mein Herz als untreu an? Halt ein damit! Mir solches beizumessen, Ich hab es nicht, mein Schicksal hats getan. Wollt ich gleich dein Getreuer sein, So saget selbiges doch immer dazu: Nein! 2. Ich bin ein Schiff das keinen Leitstern sieht, Mich treibet nur das wankelhafte Glück, Wohin sein Wink und Wille mich nun zieht, Da muß ich hin, bald vor, bald auch zurück. Es saget mir: In Lieb und Meer Kommt man zum Port durch Wellen hin und her. 3. Versuch es denn, desselben Schluß zu zwingen, Verändre du die Maße, Zeit und Ziel, Es soll mein Herz von lauter Treue singen, Ich tue was dein Wille haben will. Der soll alsdann sein der Magnet, Nach welchem sich mein Liebesschiffchen dreht. 4. Laß dirs nur nicht wie einst dem Xerxes gehen, Der Wellen schlug, zu seinem Untergang, Das Schicksal will sich ungebunden sehen, Kein Zwang verbannt es auf die Ruderbank. Wer schließet es in Kett' und Fesseln ein? Der muß was mehr als nur ein Mensche sein. Hiermit hatte das arme Fräulein ihren Bescheid, und weil sie aus allen Umständen merkte, daß es doch nur eine vergebliche, für sie aber selbst sehr nachteilige Sache wäre, wenn sie sich um Elbensteins Herz noch fernerweitige Mühe gäbe, so entschlug sie sich endlich dieser Gedanken und beschloß, mit Geduld die Zeit abzuwarten, bis ihr der Himmel einen anderen, beständigeren Liebhaber zuführte. Elbenstein hingegen, so zärtlich und aufrichtig er bisher seine Liebste, das Fräulein von L.*, karessiert, auch Dero reiner und vollkommener Gegenliebe versichert war, um soviel strafbarer war diejenige Mißhandlung, zu der er sich durch folgende Begebenheit, teils von Unkeuschheit, teils Ambition, teils Interesse angetrieben, verleiten ließ. Es kam nämlich im folgenden Jahr, zu Ende des Mai-Monats, die verwitwete Gräfin N. N.* nach D. wo sie vierzehn Tage verblieb. Elbenstein bekam die Aufwartung bei ihr; ob sie nun gleich schon eine Dame von ungefähr vierzig Jahren war, so sah sie sich doch noch nicht von denjenigen Regungen befreit, so sonst nur die jungen und blutreichen Personen anzufallen und zu bekämpfen pflegen. Daher geschah es, daß, sobald sie nur Elbenstein anblickte, gleich den Schluß faßte, ihn vor allen anderen zur Befriedigung ihrer lüsternen Begierden anzureizen. Wie nun Elbenstein die Propretée im weißen Zeuge ungemein ästimierte und nach damaliger Mode ein Hemd, um den Halsbund und Schlitz mit den kostbarsten venezianischen Spitzen besetzt, wie auch Manschetten und Hals von eben dergleichen Sorten, diesen Tag anhatte, so geschah es, daß, da der Gräfin Fräulein und die anderen Anwesenden, nachdem die Gräfin gefrühstückt, sich aus dem Zimmer begeben, sie auf Elbenstein zuging und erst den Schloßgarten, den man aus ihrem Zimmer übersehen konnte, wegen seiner Schönheit lobte, nochmals auf die Frage kam, wie lange er bei diesem Hofe in Diensten stünde und was dergleichen Fragen mehr waren, die er alle in geziemender Bescheidenheit kurz beantwortete; nach welchem sie mit einer sonderbaren Freundlichkeit zu ihm im Reden fortfuhr: »Monsieur, Er erlaube mir, die artigen und sauberen Spitzen, so Er trägt, etwas näher zu betrachten«, mit welchen Worten sie erst die Manschetten, Halstuch und endlich die an der Brust und um den Halsbund stehenden Spitzen begriff, ihn ganz feurig verliebt ansah und die Unterkehle und Wangen etlichemal ganz sanft drückte; für welche unverhofften Karessen er der Gräfin Hand etlichemal aufs zärtlichste küßte. Hierauf sagte sie: »Mein Kind! Ich will hoffen, daß ich an Ihm einen diskreten und verschwiegenen Kavalier werde gefunden haben, Er wird mir demnach aufrichtig bekennen und die unverfälschte Wahrheit sagen, ob Er sich entschließen kann, meine Person zu lieben und meine zu Ihm tragende Liebe und Affektion mit gleicher Gegenliebe zu vergelten?« Elbenstein, den wohl ehemals eine schwarzbraune Bäuerin zu charmieren fähig gewesen, bedachte sich nicht lange, ihr solches zu versprechen, denn sie, der Jahre ungeachtet, eine solche angenehme und wohlgewachsene Person und von einem recht liebenswürdigen Gesicht war; absonderlich hatte sie ein paar charmante, muntere Augen und eine unvergleichliche Brust, daß sie mancher Dame von vierundzwanzig Jahren an reizendem und adrettem Wesen den Vorzug streitigmachen konnte. Seiner gewöhnlichen Kühnheit und Freimütigkeit gemäß, welche er doch jedesmal mit einer annehmenden und liebkosenden Art zu umhüllen pflegte, umfaßte er seiner neuen Göttin Schenkel und küßte solche auf eine liebreizende Art zum öfteren, über welche Liebkosungen die in der verliebten Gräfin Gesicht aufsteigende Röte sattsam und klar bezeigte, daß ihr Geblüt in eine starke Aufwallung müßte geraten sein, und das darauf erfolgende inbrünstige Küssen, welches Elbensteins Lippen empfanden, diente ihm zur evidenten Versicherung, daß seine freie Aufführung ihr höchst angenehm falle. Der künftige Abend ward zu einer ferneren verliebten Unterhaltung von beiden Teilen beliebt, worauf Elbenstein sich aus dem Gemach begab und die Gräfin, nachdem sie sich vollends ankleiden lassen, ließ sich von ihm zu der Fürstin von D.* führen, da denn unterwegs das verliebte Händedrücken, sehnliche Anblicken und heimliche Seufzer, als der Liebe gewöhnlich und in der ganzen Welt eingeführte, auch den barbarischen Nationen wohlbekannte Sprache, nicht unterlassen, sondern damit bis an der Fürstin Vorgemach fortgefahren ward. Nach der Abendtafel, als sich jede fürstliche und hohe Standesperson in ihr Zimmer retiriert hatte, drückte ihm die Gräfin, daß es niemand gewahr ward, unter währendem Führen eine Schreibtafel in die Hand, weil sich nicht schicken wollte, ohne ihren Leuten Verdacht zu geben, sich mit ihm in langen Diskurs einzulassen, daher Elbenstein, sobald er sie in ihr Gemach gebracht und nachdem er mit einer tiefen Reverenz angefragt, ob Ihro hochgräfliche Gnaden noch etwas gnädig zu befehlen hätten, wünschte sie ihm eine gute Nacht, worauf er sich retirierte, an einem geheimen Orte die Schreibtafel durchsah und folgende Worte darin eingezeichnet fand: Mein Wertester, ich finde es nicht für ratsam, diese Nacht zu unserem Vergnügen zu erwählen, sondern bis auf eine bequemere Zeit damit anzustehen, damit man sich den praejudizierlichen Urteilen curieuser und scharfsichtiger Augen nicht exponiert. Morgen früh, beim Frühstück, ein mehreres. Er ruhe besser als ich. Elbenstein fand es ebenfalls gefährlich, auf dem Schloß, welches ordinairement um zehn Uhr gesperrt ward, sich finden zu lassen, deswegen ging er bald in sein Quartier und zu Bett, damit er desto früher aufstehen könnte, wie er frühmorgens halb acht Uhr schon in der Gräfin Vorgemach war und den Pagen und Lakaien Befehl erteilte, das Frühstück in Zeiten zu holen. Nach Verfließung einer halben Viertelstunde kam die Gräfin aus ihrem Gemach und sagte ihm, daß sobald er ihre Fräuleins und Kammerjungfern würde ins Wohngemach kommen sehen, er in ihr Schlafzimmer kommen sollte, zu welchem Ende sie die außen auf die Galerie gehende Tür aufgeschlossen hätte. Als nun die Fräuleins im Vorgemach erschienen, ging Elbenstein, unter dem Vorwand zu sehen, wo die Pagen und Lakaien solange blieben, heraus auf die Galerie und von da in das bedeutete Schlafzimmer. Die Zeit war zu preziös, sich mit bloßen Küssen zu amüsieren, daher passierte hier bald ein mehreres, und weil der verliebten Gräfin Kleidung ihn in seiner Liebesentreprise vielmehr bequem als verhinderlich war, so geschah auch die Attacke auf Seiten seiner mit einem solchen Vigeur und Lebhaftigkeit, daß diese verliebte Aktion sowohl auf Seiten des siegenden, als besiegten Teils mit Zufriedenheit geendigt wurde. Auf solche Art löschten sie alle Morgen ihre Liebesflammen, und je geheimer und verstohlener diese Näscherei geschah, je süßer und anmutiger sie ihnen deuchte. Zwei Tage vor der Gräfin Abreise kam ihr Leibkutscher zu Elbenstein auf das Schloß, als er um die gewöhnliche Zeit zur Aufwartung ging, und forschte, ob es ihm nicht gefällig wäre, nachdem er seine gnädige Gräfin zur fürstlichen Herrschaft gebracht, sich in den Schloßgarten zu bemühen, indem er ihm von Ihro hochgräflichen Gnaden etwas insgeheim einzuhändigen hätte. Elbenstein versprach ihm, sich um zehn Uhr unfehlbar daselbst einzufinden, mit dem Beifügen, daß, weil man nicht wissen könnte, was etwa Verhinderliches dazwischenfallen könnte, einer auf den anderen warten sollte. Hierauf begab er sich in der Gräfin Vorgemach, und sobald er das Frauenzimmer von derselben zurückkommen sah, ging er auf die Galerie heraus, von da er sich gewöhnlichermaßen ins Schlafgemach verfügte und seine angenehme Gräfin auf die verliebteste Art wieder bediente. Als er nun selbige nachher zu der Fürstin geführt hatte, eilte er nach dem Schloßgarten, und der Gräfin Leibkutscher, welcher ihn aus der Hofstube vorbeigehen sehen, eilte ihm auf dem Fuße nach. Sie gingen miteinander auf das so gemachte Judizierhaus, daselbst übergab er Elbenstein ein Paket von fünfzig Dukaten nebst einem Brief, worin sie ihm ihr Begehren eröffnete, wie er nämlich einen flüchtigen Reitklepper kaufen und alle Abend, wenn er von Hofe gekommen, sich nach ihrem drei Stunden von D. gelegenen Schlosse begeben und in des Überbringers Hause absteigen sollte, von da durch einen sicheren und verborgenen Weg zu ihr gelangen würde. Als Elbenstein den Brief gelesen hatte, sagte der alte Kuppler: »Gnädiger Herr! Ich weiß den ganzen Inhalt des Briefes, und weil Sie sich unfehlbar einen guten und schnellen Klepper anschaffen wollen, so habe ich gestern vor dem Tor in einem Gasthof einen Rittmeister namens M.* angetroffen, welcher zwei treffliche siebenbürgische Pferde verkaufen will, mit demselben könnten Sie vielleicht einen guten, vorteilhaften Handel treffen.« Elbenstein ließ sich diesen Vorschlag gefallen und ging sogleich aus dem Schloßgarten, rief seinen Diener, welcher bei den fürstlichen Bedienten in der Hofstube zu speisen pflegte, zu sich, befahl ihm ein Kompliment an den Rittmeister und dabei zu vernehmen, ob er sich selbigen Mittags in seinem Quartier wollte einheimisch finden lassen, so wollte er ihm auf eine halbe Stunde zusprechen und ihm, weil er vernommen, daß der Herr Rittmeister einige von seinen Pferden verkaufen wollte, eines gegen bare Bezahlung abhandeln. Kurz darauf ließ ihn der Rittmeister wieder wissen, daß er des Herrn von Elbenstein angenehmen Zuspruch nachmittags um drei Uhr erwarten, ihm auch die Wahl unter zwei guten und dauerhaften Pferden lassen und ihm en regard seines gnädigsten Fürsten eines davon um einen räsonablen Preis zukommen lassen wollte. Kurz zu melden: Elbenstein kaufte eines von diesen Pferden mit Sattel und Zeug, accordierte zugleich mit dem Wirt, den er vorher schon gekannt, daß er das Pferd mit Futter und Wartung wohl versehen sollte, also, daß er selbiges alle Abend um neun Uhr gefüttert und gesattelt finden könnte. Demnach blieb dieses Pferd außen in der Vorstadt, in welche bis nachts zwölf Uhr man durch das Pförtchen kommen konnte. Als nun den folgenden Tag Elbenstein seine geliebte Gräfin wie bisher bedient hatte, berichtete er ihr unter gehorsamster Dankabstattung, wie er Dero Befehlen schuldigst nachgekommen, bat sich aber dabei aus, ihm gnädigst zu erlauben, daß er in den Flecken, wo sie ihre Residenz hätte, das erstemal bei Tage kommen dürfte, um des Ortes Gelegenheit desto besser abzusehen, welches sie ihm denn auch sogleich bewilligte und mit ihm die Abrede nahm, daß er jedesmal nachts um zwölf Uhr bei ihr sein und bis früh drei Uhr sich mit ihr divertieren sollte. Elbenstein versprach unter vielen feurigen Küssen, ihren Befehlen und Verlangen aufs allergenaueste nachzuleben. Hierauf schlich er mit aller Behutsamkeit heraus auf die Galerie und von da hinunter in die Küche, von dannen, als er veranstaltet hatte, daß das gewöhnliche Frühstück gleich nachgebracht werden möchte, er sich wieder ins Vorgemach begab und seiner angenehmen Gräfin Herauskunft erwartete, welche kurz darauf die Tür öffnete und ihn hineinzukommen ersuchte, worauf das Essen aufgesetzt ward, und als sie etwas weniges davon genossen, begab sie sich, wie sie täglich Zeit ihres Daseins zu tun pflegte, zur anderen fürstlichen Herrschaft. Als nun der folgende Tag, welchen sie zur Abreise angesetzt, kaum angebrochen war, eilte Elbenstein zu seiner liebreichen Gräfin, welche sobald sie ihn gehört im Vorgemach herumgehen, im bloßen Schlafrock heimlich zu ihm herauskam und ihm unter vielfältigen Küssen andeutete, daß er auf die Galerie hinausgehen und achthaben sollte, wenn die Tür vorn Schlafgemach aufgehen würde, da er sich denn kühnlich hinein begeben möchte. Dieses geschah etliche Minuten darauf, und das verliebte Letzen wurde mit solchen Handlungen verbracht, daß es die Venus selbst nicht verliebter hätte entdecken und ausfinden können. Er mußte ihr hierauf versprechen, noch diese kommende Nacht den Anfang seiner Liebesvisiten auf ihrem Schlosse zu machen, wozu sich eine gute Gelegenheit präsentierte. Denn weil die anderen anwesenden fremden fürstlichen Herrschaften, dem Fürsten zu D.* versprechen müssen, nicht eher als nachmittags abzureisen, so mußte die Gräfin sich dieses gleichfalls gefallenlassen und ihren Abschied bis dahin aufschieben; als aber endlich die sämtlichen Fremden solches nachmittags um zwei Uhr taten, befahl der Fürst dem von Elbenstein, die Gräfin bis auf die Grenze, welches ein Dorf, eine Meile Weges von D. gelegen war, zu begleiten, da er denn Gelegenheit hatte, Seine Durchlaucht um gnädige Permission untertänigst zu ersuchen, daß er diese Nacht ausbleiben möchte, weil er dem Herrn von S. A.* als seinem guten Freunde einmal zuzusprechen schon vor etlichen Wochen zugesagt hätte. Als ihm nun solches erlaubt, befahl er seinem Knecht, daß er ein Billett zu dem Gastwirt vor dem Tore bringen, anbei mündlich sagen solle, er möchte ihm doch den siebenbürgischen Klepper, welchen er, der Wirt, von dem Rittmeister M.* gekauft hätte, mit Sattel und Zeug zuschicken, indem er ihn probieren und morgen zurückschicken wollte. Der Inhalt des Briefes aber war dieser, daß der Wirt dem Knecht nicht sagen sollte, daß das Pferd Elbenstein zu eigen gehörte, sondern vorzugeben, daß er es für sich erhandelt hätte. Als nun Elbenstein, dem erteilten gnädigsten Befehle zu untertänigster Folge, die Gräfin bis an den bestimmten Ort begleitet hatte, beurlaubte er sich mit gebührender Reverenz von derselben, nachdem sie aber mit ihrer eigenen Suite fortgefahren, setzte er sich auf den Siebenbürger, dem Knecht aber befahl er, mit den anderen zwei Pferden wieder nach der Stadt zurückzureiten und morgen seiner Zurückkunft zu erwarten. Er nahm seinen Weg seitwärts nach dem Holz zu, wandte sich aber, sobald ihm nur der Knecht aus dem Gesicht war, auf die nach der Gräfin Schlosse gehende Straße und folgte ihrer Kutsche immer, jedoch ganz von weitem nach, blieb auch im Holz so lange halten, bis er selbige nicht mehr sehen konnte, alsdann ritt er Schritt für Schritt nach dem nächsten vor dem Holz liegenden Dorfe, stieg daselbst in dem Wirtshaus ab und verzog so lange, bis die Sonne untergehen wollte; alsdann eilte er vollends an den Ort, wo sein angenehmer Leitstern befindlich war, und gelangte in der Dämmerung in dem bei dem Schlosse liegenden Flecken an. Weil er aber nicht wußte, wo der gräfliche Leibkutscher seine Wohnung hatte, so ging er selbst, nachdem er sein Pferd in einen Gasthof eingestellt, heraus auf die Gasse, fragte aber weder den Wirt noch dessen Leute, wo selbiger wohnte, sondern als er etliche Häuser von dem Gasthof hinweg war, erkundigte er sich bei einer ihm begegnenden Magd und gab derselben ein Trinkgeld, daß sie ihn zurechtwiese. Es fügte sich eben, daß der Leitkutscher vom Schlosse kam, welcher ihn denn mit großen Freuden empfing und seine Frau alsobald zur Gräfin schickte, um derselben Elbensteins Ankunft melden zu lassen. Diese kam nach Verlauf einer halben Stunde zurück und brachte in einem Korb etliche Schüsseln mit dem delikatesten Essen, auch eine große Bouteille, die mit dem besten Moselwein angefüllt war, mit sich, berichtete anbei, daß die Gräfin des Herrn Elbenstein Zuspruch diese Nacht um zwölf Uhr erwartete. Weil es nun ziemlich dunkel zu werden begann und der Mond nur ein wenig schien, so kehrte Elbenstein, ehe er etwas von den Speisen zu sich genommen, zurück nach dem Gasthof, bezahlte daselbst das Pferdefutter und Stallgeld, und unter dem Vorwand, daß er, weil der Mond aufginge, seine Reise weiter fortsetzen wollte, setzte er sich auf und ritt seines Weges. Der Wirt wurde über diesen kurzen Zuspruch ziemlich verdrießlich, indem er sich schon Hoffnung gemacht, einen Taler oder wenigstens einen Gulden von diesem Passagier zu erobern, da es aber solchergestalt nur etliche Kreuzer waren, schmiß er die Tür hinter ihm mit der größten Ungestümigkeit zu. Elbenstein hingegen verfügte sich zum Leibkutscher, wo er nebst ihm und seiner Frau, die auch nicht häßlich war, die überbrachten Speisen und den Moselwein auf Gesundheit der gnädigen Frau Gräfin vergnügt verzehrte und die bestimmte Zeit erwartete. Wie es nun endlich auf dem Schlosse drei Viertel auf zwölf geschlagen, traten beide, sowohl der Galan als der Kutscher, ihre Nachtreise an, und es führte ihn dieser durch einen Zwinger, worin die Gräfin zu ihrer Lust Hasen und Kaninchen hatte, nach dem sogenannten unteren Turm, durch eine von hohen Rüstern gemachte Allee, dessen Tür er mit einem Kapitalschlüssel von möglichster Stille aufschloß und Elbenstein etliche Stufen hinauf in ein saubermöbliertes Zimmer brachte, welches auf zwei Seiten Türen hatte. In diesem Zimmer stand ein schönes, auf französische Art gemachtes Bett und nicht weit davon eine kleine Ovaltafel, auf welcher etliche Schalen mit allerhand Konfitüren standen. Auf einem anderen Tischchen zeigten sich zwei Bouteillen, davon die eine mit Alicanten-Wein, die andere mit Limonade angefüllt war. Der alte Kutscher fragte, was Ihro Gnaden zu trinken beliebten, da denn Elbenstein die Limonade erwählte und etwas von gebrannten Mandeln aß. Mittlerweile hatte die Glocke zwölf geschlagen, deswegen kam bald hernach die Liebesgöttin in einem grünen, mit goldenen Blumen durchwirkten Schlafhabit hineingetreten. Der weite Ausschnitt des Kleides ließ eine wohlproportionierte Brust sehen, die so weiß war wie ein gefallener Schnee. Der Leibkutscher retirierte sich alsofort durch die andere Tür aus dem Zimmer, worauf denn unter diesen beiden Verliebten eine solche voluptuöse Unterhaltung passierte, daß man Bedenken trägt, selbige zu referieren, um unschuldige Seelen nicht zu ärgern. Man meldet demnach nur mit wenigem, daß Elbenstein diese Liebesvisiten, sooft es das Wetter und seine herrschaftliche Bedienung (indem er der Reihe nach wöchentlich einen Tag und eine Nacht auf dem Schlosse bleiben mußte) verstatteten, fast täglich kontinuierte und ob er gleich diesen Weg, welcher beinahe zwei Meilen, mehrenteils in weniger als zwei Stunden mit seinem flüchtigen Klepper reiten konnte, zumalen wenn er den nächsten Weg durch den Wald nahm, so erwählte er doch lieber den Hinweg außerhalb des Holzes auf die nahe aneinander liegenden Dörfer zu reiten, als sich in der Finsternis durch den ungeheuren Wald zu wagen und sich ein oder anderen Gefährlichkeiten mutwillig zu exponieren, zumal wenn kein Mondenschein war. Den Rückweg hingegen, weil es alsdann gegen den Tag ging, pflegte er gemeiniglich durch den Wald zu nehmen. Es hatte nun dieses mehr auf Elbensteins als der verliebten Gräfin Seite untugendhafte Beginnen (indem dieser die seiner getreubeständigen und ihn wie ihre eigene Seele liebenden Freiin von L.* geschworene Treue so freventlich und gewissenlos violiert und gebrochen) vom 12. Juni bis 4. August (etliche wenige Tage wegen eingefallenen Regenwetters und seiner Bedienung wegen ausgenommen) gewährt, er wurde aber in Erwägung solcher allzustarken Strapazen dergestalt merode, daß wegen seiner blassen Farbe und Magerkeit das liebe Fräulein von L.* höchst bekümmert ward und zum öfteren Tränen dieserwegen vergoß, indem sie sich einbildete, daß ihren so herzlich geliebten Elbenstein eine gefährliche Krankheit anwandelte; allein, er wußte sich bald mit diesem, bald mit jenem gehabten Kummer zu excusieren und sie zu trösten, daß er vermittels stiller Ruhe und dem Gebrauch bewährter Arzneien bald seine vorige Farbe und Fleisch wiederbekommen wolle. Endlich ließ ihn der über seine Ausschweifungen erzürnte Gott eines Morgens auf seiner frevelhaften und sündlichen Rückreise etwas sehen und hören, indem ihm am bemeldeten 4. August ein entsetzliches Donnerwetter überfiel. Es türmte sich dieses, als er noch lange nicht die Hälfte des Waldes passiert war, unter entsetzlichen Blitzen und heftigen Donnerschlägen, auch einem grausamen Platzregen, dergestalt auf, daß er, ob er gleich nach aller Möglichkeit eilte, dennoch das jenseits des Holzes gelegene Dorf nicht erlangen konnte, sondern durch und durch naß ward, hiernächst ward er in das äußerste Schrecken gesetzt, da immer ein Blitz und grausamer Donnerschlag auf den anderen erfolgte, ja seine Bestürzung und Angst vermehrten sich noch weit größer, da, so oft ein Blitz geschah, sein Pferd mit ihm niederfiel und nachmals mit entsetzlichen, rasenden Kapriolen wieder aufsprang. Hierbei ist nun leicht zu ermessen, in was für einem elenden Zustand sich Elbenstein damals müsse befunden haben, indem nicht allein der Leib durch den kalten Regen und seines Pferdes Wildheit heftig inkommodiert war, sondern auch sein aufwachendes Gewissen und die greulichen Blitze und Donnerschläge seine Seele und Gemüt mit rechter Höllenangst bestürmten. Als er nun in solcher Angst und Not fast an das Ende des Waldes gelangt war, auch das nächste Dorf bereits sehen konnte, geschah ein solcher entsetzlicher Schlag in eine etwa fünfzig Schritte vor ihm am Wege stehende große Eiche, daß die Splitter und Äste herumflogen und das von dem schwefeligen Dampf und starken Donnerschlag vollends ganz unbändig gewordene Pferd fast nicht mehr zu halten war, sondern, weil es weder Zaum noch Gebiß mehr fühlen wollte, in größter Rage mit ihm querfeldein lief. In dieser Verwirrung fiel ihm der Hut vom Kopfe, jedoch endlich gelangte er als ein halb Erstorbener in dem Dorf an und dankte dem Himmel, daß das Pferd, als es ins Dorf kam, von seiner Wildheit etwas nachließ und etwas ruhiger wurde. Er stieg demnach vor dem Wirtshause ganz entkräftet ab, und weil das Gewitter meistens vorbei war, indem sich das erschreckliche Donnern nur noch von weitem hören ließ, gab er einem Bauern ein Trinkgeld, welcher den Weg nach dem Wald zu ging und ihm nach Verlauf einer Stunde seinen Hut wieder zurückbrachte. Die gutherzigen Leute hingen seine Kleider an den Ofen, und der Priester des Ortes, als er vernahm, daß Elbenstein ein Bedienter seines gnädigsten Landesherrn wäre, schickte ihm weiße Wäsche, Schlafrock und Pantoffel. Als er sich nun in der Oberstube allein befand, fiel er auf seine Knie und dankte Gott unter Vergießung häufiger Bußtränen, daß er ihn, wie er mit seinem bisherigen ruchlosen Leben wohl verdient hätte, nicht nach seiner Gerechtigkeit gestraft und wohl gar aus dem Lande der Lebendigen hinweggerissen. Er tat nochmals ein Gelübde, diese und dergleichen Missetaten fernerhin nicht weiter zu begehen, wie er denn auch, nachdem er nach Hause gekommen war, ein paar Tage darauf zur Beichte und heiligem Abendmahl ging. Durch diesen Zufall endigte sich auf einmal die strafbare Liebeswallfahrt, und Elbenstein wurde nicht wenig erfreut, da ihm einige Tage hernach der Gräfin Leibkutscher als ein deswegen abgeschickter Expresser die Nachricht erteilte, wie nämlich den Tag seiner letzten Visite sich ein gewisser Graf bei seiner gnädigen Gräfin als ein Freier melden lassen, worauf die Ehestiftung sogleich gemacht worden und das Beilager in vierzehn Tagen vollzogen werden sollte. Im übrigen überbrachte dieser Liebesambassadeur an Elbenstein von der Gräfin einen gnädigen Gruß und zugleich den schriftlichen Abschied, des Inhalts, daß er hinfort seine Messures anders nehmen und sich ihretwegen nicht ferner bemühen möchte. Er hatte zwar seine Reise- und Liebesbemühungen erst durch den siebenbürgischen Klepper, hernach mit einem stark bordierten Kleide, einer goldenen englischen Uhr, einem kostbaren Ring, ihrem mit Diamanten besetzten Porträt, einem silbernen Degen, vortrefflich schöner Wäsche von holländischer Leinwand und brabantischen Spitzen, sodann auch noch mit einer Goldbörse von zweihundert Dukaten ziemlich vergolten bekommen; doch alles dieses war kein Äquivalent gegen den Schaden, den er sich an seinem Leib und Gewissen zugezogen hatte, indem er seine Gesundheit geschwächt und die seiner getreuen L.* geschworene eheliche Treue so liederlich gebrochen hatte. Unterdessen, da sich diese Liebesintrige geendigt, machte er Psalter, und unter anderen ist auch folgende Arie, welche er auf seine nächtlichen Liebesvisiten und Buhlschaft eingerichtet, nicht zu vergessen: 1.         Komm, stille Nacht mit deinem holden Schatten! Verhülle doch der Sonne Angesicht, Verweile nicht! Die Sehnsucht will mein Herze ganz ermatten, Drum tritt mit dem Flor Nur bald hervor. 2. Du nur allein bists der ichs darf vertrauen, Warum mein Herz so sehnend seufzt und ächzt, Warum es lechzt? Bei Tage darf ich meinen Schatz nicht schauen, Weil die Behutsamkeit Es hart verbeut. 3. Läßt meine Glut sich denn nicht anders stillen Beim Tageslicht, mein englisch Tausendschön, Recht anzusehn? So will ich mich in deinen Flor verhüllen Und löschen unerkannt Den Liebesbrand. 4. Vergnüge mich mit deinen braunen Schatten, Bei dir allein vertreibt man seine Zeit In Süßigkeit; Der Venus Zoll ist leichter abzustatten, Man darf bei dir nichts scheun, Noch blöde sein. 5. Bei Nachte wird das feuergleiche Funkeln, Vom edlen Stein und hellen Diamant Weit mehr erkannt; Es küsset sich viel zärtlicher im Dunkeln, Die Wollust trifft das Ziel Durch das Gefühl. 6. Ich bin vergnügt, wenn statt der schönsten Rosen Nur stets für mich die Nachtviole blüht Und bin bemüht, Die Venus stets, auch schlafend zu liebkosen, So ladet meine Brust, Sich stets mit Lust. Jedoch von nun an schlug sich Elbenstein die unordentlichen Liebesgrillen aus den Gedanken und wandte nunmehr alle seine Liebe und Treue einzig und allein dem tugendhaften Fräulein von L.* zu, brachte auch das, was er bisher gegen sie mißgehandelt, durch unverfälschte Karessen wenigstens seinen Gedanken nach alles wieder ein. Unterdessen, wie sehr sie ihn auch bat, so konnte sie doch von ihm nicht die eigentliche Ursache seines Malheurs erfahren, indem er täglich blasser und magerer wurde, sondern er gab nur dieses vor, daß die derzeitige ungemein große Hitze schuld daran wäre, indem er hierbei nicht den geringsten Appetit zum Essen empfände, auch sehr wenig schlafen könnte; er hoffe aber, sobald die große Hitze vorbei und die Nächte kühler zu werden begännen, seine vollkommene Gesundheit wiederzuerlangen. Mittlerweile rückte der Tag Egidii herbei, welcher die sämtlichen fürstlichen Herrschaften veranlaßte, sich nach M. zu verfügen und die Brunftzeit über sich daselbst zu divertieren. Wie nun Elbenstein nebst der meisten Hofstatt mit dahinzugehen beordert war, so hatte er die beste Gelegenheit, mit seiner herzlich geliebten L.* im vollkommensten Vergnügen zu leben, und diese brachte es bei ihrer Fürstin so weit, daß dieselbe bei ihrem Gemahl für Elbenstein die Oberamtmannsstelle zu BW. auswirkte, sobald man aber wieder in der Residenz angelangt, sollte ihre Vermählung vor sich gehen, damit Elbenstein mit seiner Gemahlin das Amt an selbigem Ort beziehen könnte. Es ist nicht zu beschreiben, wie höchst vergnügt damals dieses verliebte Paar lebte und sich täglich die angenehmsten Ideen von ihrem künftigen Ehestand und Hauswesen machte. Aber die guten Kinder mußten gar bald erfahren, daß nichts leichter verschwindet, als der Menschen süße Einbildungen und vermeintliche Vergnügen; ja, es traf wohl recht das italienische Sprichwort ein: »Gli diletti humani son un sogno. Die menschliche Ergötzlichkeit ist ein Traum.« Denn es kam zu Ende des September der Kammerjunker Z.*, welcher sich im Elsaß etliche Wochen auf seinen Gütern aufgehalten, nachts um zwölf Uhr mit einer Extrapost an und brachte die unangenehme Zeitung, daß die französische Armee in voller Bewegung wäre, um noch vor Eintritt des Winters die Festung Philippsburg zu belagern und zu erobern. Dieses war ein harter Donnerschlag, durch welchen sowohl des Fürsten bisheriger florisanter Zustand als auch Elbensteins süße Hoffnungen, am D. Hofe sein vollkommenes Glück zu machen, auf einmal in starken Verfall kam. Man brach, sobald der Himmel graute, in größter Bestürzung und Konfusion von M. auf, und sobald man zu D. angelangt, wurden nebst dem Silbergeschirr alle Kostbarkeiten eingepackt und in die Schweiz nach Basel geschafft. Drei Tage hernach wurde Elbenstein nebst verschiedenen anderen Kavalieren und Bedienten der Abschied bis auf bessere Zeiten durch den Baron von C.* erteilt, welches sowohl dem Fürsten als den Abgedankten beinahe Tränen auspreßte. Das schmerzliche Leiden Elbensteins von seinem herzlich geliebten Fräulein von L.* war dergestalt jämmerlich, daß auch die unempfindlichsten Gemüter solches ohne Mitleiden nicht ansehen konnten. Da nun aber täglich Zeitungen einliefen, daß sich die französische Armee der importanten Festung Philippsburg immer mehr näherte, so sah sich Elbenstein endlich genötigt, um der Gefahr und Plünderung zu entgehen, seine Retirade über den Neckar nach Schorrendorf, einer württembergischen Festung zu nehmen, weswegen er sich zu seiner Abreise schickte, zuvor aber, ehe er den Ort verließ, wo seine andere Seele zurückblieb, händigte er derselben folgende Reimzeilen ein: Ein kummervolles Herz, betränte Augenlider, Ein zwar verliebt, doch auch recht höchst betrübter Sinn, Ein Körper, der von Schmerz und Jammer sinkt darnieder, Fällt jetzt, mein Engelskind, zu deinen Füßen hin. Mein Schreiben zeigt dir an: Ich soll von hinnen ziehen, Ach, hartes Donnerwort, das mir das Schicksal spricht, Es soll dem Ansehn nach mein Glück und Wohl verblühen, Die Hoffnungsstütze fällt. Ich leb und lebe nicht. Mein banges Herze schwebt in großen Kummerwellen, Es soll mein Liebesschiff durchaus zugrunde gehn, Das Stürmen ist zu stark; bei diesen Unglücksfällen Kann nur allein die Treu auf festem Fuße stehn. Mein sonst vergnügter Geist, die freudevollen Augen Sehn dieses sehnend an, was ich bisher geliebt, Sie baden sich mit Schmerz in bittrer Tränenlaugen, Kurz, Auge, Seel und Herz sind bis in Tod betrübt. Dem blassen Munde will es nun an Worten fehlen, Ein immerwährend Ach vergräbt sich selbst in sich, Mein Elend kann ich dir ausführlich nicht erzählen, Denn alle meine Kraft, ach, die verlasset mich, Drum schreibt die matte Hand in Ängsten diese Worte: Zu tausendmal Adieu! Mein Trost, mein ander Ich, Bin ich dem Leibe nach gleich am entfernten Orte, So denkt mein Herze doch beständig nur an dich. Nachdem nun der betrübte und verliebte Elbenstein seine Reise angetreten hatte und zu Pforzheim angelangt war, wurde ihm von guten Leuten geraten, daß, wenn er folgenden Tages den Wald passieren würde, wo sich etliche tausend Bauern zusammengerottet, um den da herumstreifenden französischen Parteien aufzupassen, er den rechten Flügel vorn Mantel zurückschlagen sollte, weil dieses das Wahrzeichen oder Losung, daß man Freund wäre. Diesem Rat folgte Elbenstein zwar, er war aber kaum dieser Gefahr entgangen, so erblickte er, als er zu Cannstatt über den Neckar zu passieren willens und kaum noch etliche hundert Schritte von der Brücke war, eine gewaltige Menge Soldaten auf derselben. Indem er sich nun nicht getraute, weiterzureiten und sich in Gefahr zu stürzen, nahm er den Weg zur rechten Hand, behielt aber den Neckar beständig im Gesicht. Als er nun über eine gute Stunde also fortgeritten, traf er einen Bauern an, welchen er sogleich fragte: Ob er ihm nicht berichten könnte, was für Völker in Cannstatt eingerückt wären, worauf der Bauer zur Antwort gab, daß diesen Morgen um vier Uhr zwei Regimenter französischer Dragoner sich daselbst einlogiert hätten und bei den Bürgern auf Diskretion lebten. Hierauf forschte Elbenstein weiter: Wo er wohl den Neckar am sichersten passieren könnte, da denn der Bauer, weil er ihn vielleicht für einen fürstlichen württembergischen Bedienten hielt, sich erbot, ihn gegen ein Trinkgeld durch den Neckar und weiter auf den nächsten Weg nach Schorrendorf zu bringen. Elbenstein gab ihm sogleich einen Gulden, und der Bauer setzte sich auf das Handpferd, welches Elbensteins Diener führte, brachte ihn nicht allein glücklich durch den Strom, sondern auch auf einen nach Schorrendorf gehenden näheren Weg als die ordinäre Landstraße war, daß er also halb vier Uhr nachmittags in dieser Festung glücklich anlangte, von dort brach er mit dem frühesten wieder auf, fütterte mittags in Schwäbisch-Gmünd und gelangte abends spät in Dinkelsbühl an. Von da setzte er seine Reise weiter fort auf Ansbach, allwo ihm von den beiden Prinzen, den Herrn Markgrafen daselbst, als er einige von Dero Prinzessin Schwester mitgegebene Briefe überantwortete, die zwei Tage, als er daselbst verharrte, viel Gnade und Ehre erzeigt ward. Hierauf nahm er seinen Weg nach Bayreuth, wo er bei der Frau Markgräfin gleichfalls einige Schreiben überlieferte und auf gnädigsten Befehl des Herrn Markgrafen Hochfürstliche Durchlaucht etliche Tage verblieb, endlich aber über Nürnberg nach C. und ferner auf M. ging, wo er gleichfalls die von seiner gnädigsten Herrschaft anvertrauten Schreiben insinuierte und den anderen Tag auf die in demselben enthaltene Rekommendation von der Herzogin zu ihrem Kammerjunker angenommen ward. Je retiréer er sich nun daselbst sowohl bei Hof als in der Stadt bei den Frauenzimmern aufführte, indem ihm seine geliebte L.* beständig im Sinn lag, je mehr fanden sich Leute, die ihn auf eine recht verschmitzte Art folgende Gedanken in den Kopf setzten: »Du suchst zwar«, waren seine Grillen »dem Fräulein von L.* getreu und beständig zu verbleiben; bist du aber von derselben auch dergleichen versichert? Deine Charge, die du jetzt bekleidest, ist nicht suffizient, eine Frau standesmäßig zu ernähren; könntest oder wolltest du ihr also wohl verargen, daß, wenn sich bei solchem halbwegs eine aventageuse Gelegenheit für sie ereignen sollte, sie anderen Sinnes würde, ihre Zusage aufhöbe, und widerrief? Wer weiß, ob sie noch so getreu und beständig ist, als du dir einbildest und schmeichelst? Vielleicht hat sie in dieser Minute etwa mit einem galanten Kavalier ein angenehmes Gespräch, trifft also wohl das Sprichwort bei ihr ein: ›Aus den Augen, aus dem Sinn‹.« Solche und dergleiche Gedanken, welche zugleich von einer Eifersucht begleitet wurden, setzten den armen Elbenstein in solche heimliche Unruhe und Bekümmernis, daß er, wo er auch nur war, sein heimliches Anliegen nicht so wohl verbergen konnte, daß man es nicht einigermaßen an ihm hätte merken sollen, dann, eines Tages, als er nebst anderen Kavalieren und Damen zur Baronne von D. T.* auf eine Abendmahlzeit invitiert worden, das eine Kammerfräulein von R.* ihn auf eine besondere anmutige Art fragte: Was doch immer Schuld daran wäre, daß er niemals recht aufgeräumt zu sein schien; sie wünschte so glücklich zu werden, etwas zu seinem Contentement beitragen zu können. Hiernächst wollte sie ihm im Vertrauen eröffnen, daß ihre gnädigste Herzogin schon vor einigen Tagen erwähnt, wie sie an ihm ein besonderes Anliegen verspürte, und dabei gesagt hätte, ihr Kammerjunker müsse entweder an dem Ort, wo er in Diensten gestanden, etwas Liebes zurückgelassen, oder allhier etwas haben, so ihn charmierte, oder aber mit der Gage nicht zufrieden sein. Anbei hätten Ihro Durchlaucht sich noch gnädigst verlauten lassen, daß seine guten Qualitäten wohl meritierten, daß ihm in den letzten zwei Punkten geholfen würde. Elbenstein fand sich über dieses Gespräch einigermaßen betroffen, jedoch faßte er sich alsbald und gab vor, daß nicht allein sein Temperament dergleichen zurückhaltende Aufführung mit sich brächte, sondern er hätte sich auch auf der letzten beschwerlichen Reise dergestalt strapaziert, daß er sich noch bis dato nicht vollkommen erholen können. Da man ihn aber in anderen Verdacht ziehen wollte, so könne er das gnädige Fräulein mit gehorsamstem Respekt versichern, wie er versichert wäre, daß, wenn eines von Ihro Durchlaucht erwähnten Stücken an seiner Aufführung Schuld sein sollte, sowohl das gnädigste Erbieten Ihro Hochfürstlichen Durchlaucht als auch der gnädigen Fräulein gütiger Wunsch capable sein würden, ihn in vollkommene Zufriedenheit zu setzen. Weil er aber aller drei Stücke halber sich unschuldig befände, so wollte er sich befleißigen, durch Gebrauch dienlicher Mittel sein Temperament zu korrigieren und sich ein munterer Wesen anzugewöhnen. Mittlerweile wurden die Speisen aufgesetzt, und er kam zwischen der Baronne von D. T.* und ihr Fräulein Tochter an der Tafel zu sitzen. Diese war eine sonderbare Liebhaberin der deutschen Poesie, ließ sich also mit Elbenstein deshalb in einen Diskurs ein, und da sie bemerkte, daß er ebenfalls ein starker Liebhaber davon wäre, indem er sehr wohl davon zu räsonieren wußte, so ersuchte sie ihn, ihr etwas von seinen poetischen Sachen zu kommunizieren, auch ihr öfters die Ehre seines Zuspruchs zu gönnen. Er machte deswegen ein verbindliches Kompliment und gab zu vernehmen, wie er es für eine besondere Glückseligkeit schätzen würde, Dero Befehlen ein Genüge zu leisten und bei solcher kostbaren Gelegenheit von ihrer unvergleichlichen Wissenschaft in diesem Scibili zu profitieren; anbei überlieferte er ihr einige Reime, die er selbigen Tages aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt hatte und also lauten: 1.         Erdrücke mich doch nur, du großes Unglück; Erzürnter Himmel, töte mich; Zermalme mich nur jämmerlich, Es ist doch auf der Welt nichts mehr, das mich erquicke. Die Menge meiner Qual und Pein Reißt mir Vernunft und Sinnen ein; Für mich muß lauter Marter sein. 2. Ich weiß ja gar nichts mehr von Lachen, Lust und Freuden, Der Gram ergötzt mich nur allein; Der Kummer ist mein Sonnenschein, Mein mattes Herze fühlt ein immerwährend Leiden, Weil alles mich zu fällen tracht; Ich sehe nichts als lauter Nacht, Da alles wettert, blitzt und kracht. 3. Es wüten immerzu die ungestümen Wellen, Und werfen mich bald her, bald hin. Ach Grab! Nach dir verlangt mein Sinn, Du kannst den müden Leib allein zufriedenstellen, Wenn er in dir so sanft ruht, Befreit von aller Unglückswut, Vom Sturme, Wetter, Flut und Glut. 4. Gewiß, ich gleiche recht dem sonst so stillen Meere, Das dennoch bald ein Sturm bewegt, Bis daß es große Wellen schlägt; Da es doch für sich selbst wohl gerne ruhig wäre, Allein, so wird es aufgeschwellt, Indem die Last bald steigt, bald fällt, Und lauter Wut vor Augen stellt. 5. Ich mag, wohin ich will, mich kehren oder wenden, So kann ich keine Rettung sehn, Mein Schiffchen muß noch untergehn, Indem kein Hafen da, allwo es könnte länden; Mein Schiff, das ohne Segel schwebt, Stets schlenkert, stauchet, zittert, bebt, Bis es sich in die Flut vergräbt. 6. Drum fließt nur immer, fließt ihr heißen Jammerzähren, Ihr Augen zollt die Tränenflut, Solange bis mein Herz und Mut Euch weder Saft noch Kraft, noch Nahrung kann gewähren; Das falsche Glück verfolget mich, Die Hoffnung selbst verlieret sich; Drum komm, o Tod, ich bitte dich. Die Baronne, ihre Frau Mutter, welche diese Übersetzung zugleich mit durchlesen hatte, sagte lächelnd: »Ich hätte nicht gemeint, daß sich der Herr von Elbenstein die Mühe geben können, etwas so Trauriges und Gräßliches zu übersetzen; jedoch da Ihm die Version in einer so traurigen Materie dergestalt wohlgeraten, wäre ich neugierig, etwas Lustiges oder Verliebtes zu sehen.« Elbenstein versetzte, daß eben dieser Autor etwas, so von einer verliebten Sehnsucht handelte, geschrieben, welches er ebenfalls vertiert hätte, und wenn Ihro Gnaden es gütigst erlauben wollten, sollte sein Diener sogleich solches aus seinem Logis holen. Hierum ersuchten ihn nun nicht allein die Baronne nebst ihrem Fräulein, sondern auch die ganze Gesellschaft, indem sie vorgaben, daß der Inhalt nicht anders als charmant sein könne. Wie nun das Blatt gebracht worden, bat die Gesellschaft den von Elbenstein, es unbeschwert selbst abzulesen, der sich zwar willig dazu finden ließ, jedoch vorher nochmals versicherte, daß er von diesem Stück nicht der Inventur wäre, sondern das Original in französischer Sprache, in der Liebes- und Lebensgeschichte des spanischen Kardinals Porto-Carero gefunden, als auf welchen der Autor diese Verse verfertigt hätte; hierauf las er folgendes her: 1.             Liebreiche Nacht! Anmut'ge Dunkelheit Verzeuch doch nicht, die Schatten herzuführen. Der Sonnen mir verhaßte Helligkeit Laß unter deinem Flore nicht mehr spüren; Ein Engel sucht, vermittels deiner Gunst, Die süße Frucht für sein und meine Brust. 2. Mein Herze brennt, wie groß ist seine Pein: Es stirbt fast, der Angst ist nichts zugleichen. Soll denn dafür kein Trost zu finden sein; Ach Tageslicht! Willst du nicht einmal weichen; Ei, weich doch nur, du unglückseligs Licht, Weil mir die Nacht mehr Süßigkeit verspricht. 3. Mein Engelskind! Mein holdes Tausendschön! Was werd ich nicht für süßen Nektar schmecken, Wird nicht mein Herz in vollen Freuden stehn, Wenn es dir darf sein Innerstes entdecken? Komm, schönes Schwarz, vertreibe Tag und Licht! Mein schönstes Licht verlier ich dennoch nicht. Das Fräulein von R.* sah ihn hierauf mit einem charmanten Blick an, daß er ihre Regungen leicht erraten konnte, und das Fräulein von D. T.* ersuchte ihn mit einer angenehmen Freiheit, daß er ihr von seinen eigenen Erfindungen doch etwas möchte sehen lassen, da ihm die Übersetzung anderer so wohl geraten wäre. Elbenstein, den der delikate Wein und das artige Wesen der sämtlichen Damen freier zu reden animierte, fragte mit einer schmeichelnden Art: Von was für einer Materie solche handeln, ob sie verliebt, lustig, traurig oder moralisch sein sollten. Das Fräulein von D. T.* sah ihn mit einer solchen Miene an, daraus er als ein erfahrener Praktikus in Liebeshändeln schon ermessen konnte, wie seine Verse sollten eingerichtet sein, demnach sagte er etwas heimlich zu ihr: »Mein englisches Fräulein werden mir demnach erlauben, daß, wenn ich morgen meine Dichterei vornehmen werde, an Ihre anbetungswürdige Schönheit gedenken und solche zum Sujet meiner Poesie erkiesen darf. Ich flattiere mir, daß, als denn die Einfälle und Pensées nicht anders als tendre und sinnreich sein werden, da das wunderschöne Sujet voller Esprit und höchst liebenswürdig ist.« »Ach!« gab hierauf das Fräulein zur Antwort, »der Herr von Elbenstein wirds wohl erfahren, wenn er seine Gedanken auf die Betrachtung meiner schlechten Qualitäten wenden wird, wie schlecht und gezwungen seine Verse geraten werden; jedoch«, fuhr sie fort, indem sie ihm die Hand sanft drückte, »will ich es gern geschehen lassen, auch mich glücklich schätzen, wenn so ein qualifizierter und galanter Kavalier sich meinetwegen bemühen will, und die dafür schuldige Reconnaissançe soll auf seiten meiner genau beobachtet werden.« Da fing nun die seinem geliebten Fräulein von L.* allein gewidmete Liebe und Treue allmählich an zu wanken, ja, als nach aufgehobener Tafel er mit dem Fräulein von D. T.* allein reden konnte, machte er so viel Karessen, daß das gute Fräulein seinen verliebten Anfällen nicht lange widerstehen konnte, sondern ihm sein Bitten gewährte, welches darin bestand, daß sie ihm erlauben möchte, ihren schönen Mund zu küssen; deswegen wollte er sich hinaus auf den Saal in den Erker verfügen und ihrer gütigen Gewährung seines inbrünstigen Wunsches daselbst, im Dunkeln, erwarten. Es trug sich aber zu, daß ihre Frau Mutter sie zu sich rief und mit ihr von ein und anderem, so sie veranstalten sollte, über Vermuten etwas lange redete. Mittlerweile ging das Fräulein von R.*, um sich etwas abzukühlen, aus dem Gemach auf den Saal und an den Erker, wo sich Elbenstein befand. Indem er nun diese für das Fräulein von D. T.* hielt, so umarmte und küßte er sie etlichemal aufs zärtlichste, sagte hierauf: »Morgen wird mein schönster Engel erfahren, wie angenehme Pensées meine Verse in sich halten werden.« Es ward ihm aber hierauf nicht geantwortet, vielmehr begab sich das Fräulein von R.* eiligst von ihm hinweg, indem sie sich leicht einbilden konnte, daß diese Karessen einer anderen zugedacht wären. Sie war auch kaum wieder bei der anderen Gesellschaft angelangt, als sich das Fräulein von D. T.* bei ihm einstellte und Elbenstein um Vergebung bat, daß sie ihn so lange hätte warten lassen, zur Satisfaction aber wegen des Verzugs wollte sie ihm dasjenige erst selbst geben, was sie sonst von ihm erwarten wollen. Unter diesen Worten küßte sie ihn auf eine solche liebreizende Art, daß Elbenstein dadurch in die angenehmste Entzückung geriet und nach vielen gewechselten Küssen sich noch mehrerer Freiheit gebrauchen wollte, über welche unzeitige Verwegenheit aber sich das Fräulein von D. T.* dergestalt alterierte, daß sie sich augenblicklich von ihm losriß und mit geschwinden Schritten eine Treppe hinunterlief. Wiewohl nun Elbenstein, als er wieder zur Gesellschaft kam, auch das Fräulein von D. T.* bereits bei derselben wieder antraf, alle Gelegenheit suchte, seiner erzürnten Venus den begangenen Fehler oder Frevel abzubitten, so wollte sich selbige doch nicht fügen, und das Fräulein von D. T.* führte sich, solange die Gesellschaft noch beisammen blieb, dergestalt spröde und kaltsinnig auf, daß er auf einmal alle Hoffnung verlor, seine Löffelei fortzusetzen. Inmittels war er desto neugieriger auszukundschaften, wer diejenige gewesen, so er zuerst, vor des Fräuleins von D. T.* Ankunft, geküßt, und seiner changeanten Art nach schlug er sich das spröde und kaltsinnige Fräulein von D. T.* sogleich aus dem Sinn, ergötzte sich hingegen in seinem Herzen über den angenehmen Irrtum, der ihm begegnet war. Endlich mahnte die Uhr die sämtliche Gesellschaft an, bei der Wohltäterin unter geziemender Danksagung sich zu beurlauben, daher die Hofdamen hierin den Anfang machten und Elbenstein, als er das Fräulein von R.* in den Wagen hob und um Vergebung bat, wofern er sich etwas zu frei aufgeführt hätte, bekam unter einem zärtlichen Händedrücken ganz leise von derselben zur Antwort: »Ich bitte gleichfalls um Verzeihung, daß ich mich etwas zu frei aufgeführt und einer anderen vorgefischt habe; jedoch ist es mir lieb, daß ich nunmehr nur weiß, daß der Herr von Elbenstein nicht so unempfindlich gegen das Frauenzimmer ist, als er sich bisher angestellt hat.« Er ging demnach, weil er nunmehr gewiß wußte, wer ihm den Liebespossen gespielt, mit vergnügtem Gesicht zurück in der Baronne Zimmer, um gleichfalls seine Abschiedsreverenz zu machen, sobald auch solches geschehen, begab er sich nach seinem Quartier, wo er sich mit vergnügten Gedanken über die den vergangenen Tag über gehabten Liebesaventuren innigst ergötzte. Den darauffolgenden Morgen bekam er von seiner Herzogin Befehl, nach der Mittagstafel nach H. zu reiten und sie bei der daselbst regierenden Herzogin anzumelden, daher, weil er lieber bei guter Zeit als zu spät in H. sein, auch seine Pferde nicht übernehmen wollte, er in sein Logis zurückging und seinem Diener befahl, ihm etwas von Speisen, ob es gleich auch nur kalte Küche wäre, von dem fürstlichen Mundkoch zu langen. Der Diener berichtete ihm bei seiner Zurückkunft, daß das Fräulein von D. T.* im Begriff wäre, zu ihrer Frau Muhme, der Frau von B.*, nach Hh. zu fahren; weil nun Elbenstein wußte, daß die Straße dahin vor seinem Quartier vorbeiging, also setzte er sich mit seinem Essen an das aufgemachte Fenster, da denn kurze Zeit darauf das Fräulein von D. T.* gefahren kam, und als sie den von Elbenstein, welcher ihr mit verstelltem traurigen Gesicht die Reverenz machte, erblickte, nahm sie das an der Brust steckende und aus weißen Lilien und Jasmin bestehende Bukett und schickte solches durch ihren Lakaien dem von Elbenstein nebst dem Vermelden, daß, weil sie gestern von ihm erfahren und gemerkt hätte, wie er ein besonderer Liebhaber der Blumen, vornehmlich aber der Lilien sei, so wollte sie ihm hiermit von dergleichen ein Präsent machen, wünschte anbei, so glücklich zu sein, ihn zu Hh. zu sehen und nur eine Viertelstunde mit ihm zu sprechen. Elbenstein ließ nebst Vermeldung seines gehorsamsten Respekts dem Fräulein zurücksagen, wie er verhoffte, sie in einer halben Stunde einzuholen und seinen gehorsamsten Dank für das höchst angenehme Präsent persönlich abzustatten. Unterdessen hatte er zwar keine Zeit gehabt, die versprochenen Verse zu machen, zu allem Glück aber fielen ihm etliche bei, die er schon vor einiger Zeit verfertigt, so aber niemandem sonst bekannt waren. Er hielt dafür, daß sie sich bei der jetzigen Aventure ebenfalls wohl anbringen ließen, schrieb sie deswegen neu ab, und lauteten dieselben also: 1.                 Ach! Warum ändert doch der Himmel meiner Liebe Nun auf einmal den heiteren Freudenschein? Ach! Welche Wolke macht ihn jetzt so plötzlich trübe? Was muß doch wohl hieran die Ursach sein? Ich bin mir nichts Verdammliches bewußt. Kein Falschheitsgift beflecket meine Brust. 2. Mein Schiffchen ladet ja sonst keine andern Waren, Als die mir selbst die Liebe hat erlaubt. Von mir soll nimmermehr ein Sterblicher erfahren, Daß Geilheits Mumien ich je geraubt; Gleichwohl straft mich die Liebe solchen gleich, Die ihren Fuß gesetzt ins Lasterreich. 3. So mußt du denn nunmehr, mein armes Herze, stranden, Auf Klippen, die ein kalter Sinn gemacht. Kein Hoffnungsanker ist für diesesmal vorhanden, Ein Liebessturm hat dich in Not gebracht, Ists nicht zu scharf? Der Venus strenge Wut, Benimmt mir jetzt Trost, Freude, Lust und Mut. 4. Nun denn mein Geist! Bleib nur auf deinen Trauerklippen, Da deine Lust im wilden Meere schwimmt, Bis deine Göttin dich mit tröstungsvollen Lippen Besänftigt und in ihren Schoß aufnimmt; Denn klage ihr bei wiederholtem Kuß, Wie Redlichkeit unschuldig leiden muß. Inzwischen nun, da die Pferde fertiggemacht wurden, kleidete er sich propre an, sobald er aber vor die Stadt kam und des Fräuleins Wagen noch erblickte, folgte er demselben in vollem Galopp, welchen er endlich nach Verlauf einer halben Stunde einholte, weil das Fräulein dem Kutscher unter dem Vorwand, daß sie ein wenig schlafen wollte, langsam zu fahren befohlen hatte. Der Lakai, welcher Elbenstein gleich erkannte, meldete solches dem Fräulein alsbald an, worüber sie in ihrem Herzen eine ungemeine Freude empfand. Als nun Elbenstein nach abgelegtem Kompliment derselben die Verse zum Wagen hineingereicht und sie solche gelesen hatte, ersuchte sie ihn, daß er belieben möchte, ihr bis nach Hh. das Geleit zu geben, auch um die Zeit mit angenehmen Gesprächen zu vertreiben, sich zu ihr in den Wagen zu setzen. Dieser ließ sich nicht zweimal nötigen, sondern stieg vom Pferd ab, gab solches seinem Diener an die Hand und setzte sich zum Fräulein in den Wagen; deren erste Worte waren: »Ihre Verse, mein wertester Herr von Elbenstein, haben völlige Approbation bei mir gefunden; dafür sollen Sie auch die Erlaubnis haben, auf die in Ihrer Ode beschriebene Art mir Ihre Not zu klagen«, mit welchen Worten sie ihren Arm ganz entzückt um ihn herumschlug und ihren Kopf an seine Brust legte. Die darauf erfolgten verliebten Tändeleien, so sie miteinander vornahmen, sind unnötig zu beschreiben, sondern man will nur melden, daß Elbenstein dem Fräulein versprechen müssen, diesen Abend noch von H. zurückzukehren und diese Nacht über bei ihrer Frau Muhme und Herrn Vetter zu verbleiben, welches er ihr unter vielen zärtlichen Küssen versprach, auch um desto eher wieder aufbrechen zu können, vor Hh. sich wieder zu Pferde setzte und den nächsten Weg nach H. nahm, wo die dasige Herzogin an seine Prinzipalin wieder zurückschrieb und selbige ersuchte, ihr unmaßgeblich übermorgen auf dem halben Wege zu T. die Ehre ihres höchst angenehmen Zuspruchs zu gönnen und ihre Reise also zu veranstalten, daß sie im Mittag daselbst eintreffen könnte. Eben dieses sagte sie Elbenstein auch, mahnte ihn zugleich an, daß er den Aufbruch von M. also ordinieren möchte, damit sie mittags im gemeldeten Ort sein könnten, welches denn leicht möglich zu machen, indem beide Orte nur drei Stunden voneinander lagen. Indem nun Elbenstein solchergestalt seine Abfertigung erhalten, auch seine Pferde unter der Zeit wohl gefüttert waren und ihm von den Herren Kavalieren etliche Gläser Wein waren zugetrunken worden, weil er alle anderen Traktamente depreziert hatte, nahm er seine Rückreise wieder nach Hh., schickte aber aus einem eine Stunde von Hh. gelegenen Dorf einen sicheren Expressen mit der Herzogin von H.* Schreiben an seine Prinzipalin nach M. und berichtete anbei, daß ihm eine plötzliche Unpäßlichkeit unterwegs zugestoßen, welche Ursache wäre, daß er das von der Herzogin zu H. hochfürstlichen Durchlaucht ihm anvertraute Schreiben nicht selbst gehorsamst überreichen könne, sondern unterwegs bleiben müsse; jedoch, weil es nur ein Anstoß von der Kolik, hoffe er morgen mittag in M. zu sein und seine untertänigste Relation mündlich abzustatten. Hiermit befahl er den Boten, soviel als möglich zu eilen, damit die Herzogin die Briefe noch zu lesen bekäme, ehe sie zur Ruhe ginge, er aber eilte, sobald der Bote fort war, ebenfalls so schnell als möglich nach Hh. zu, wo er mit Untergang der Sonne anlangte und sowohl von dem Herrn B.* als dessen Gemahlin sehr höflich empfangen ward. Weil nun der Obristleutnant von R.* und seine Gemahlin, ingleichen zwei Fräulein von R.* und zwei junge Kavaliere des Geschlechts von K.* bereits daselbst eingesprochen, so hatte Elbenstein mittlerweile, da diese Gäste in dem daranliegenden Garten die Abendmahlzeit bei der angenehmen Abendluft in einer wohlangelegten Grotte einnehmen wollten, Gelegenheit, das schöne Fräulein von D. T.*, wiewohl auf eine sehr kurze Zeit, in ihrem Gemach zu sprechen, da sie denn viele Küsse wechselten, wobei das Fräulein immer die letzteren zwei Zeilen aus seiner von ihm empfangenen Ode wiederholte: »Da klage ihr bei wiederholtem Kuß, wie Redlichkeit unschuldig leiden muß.« Da aber der Wohlstand erforderte, sich zur Gesellschaft zu begeben, nahmen sie ihren Weg durch eine Scheune, aus welcher man sogleich in den Garten kommen konnte, und verfügten sich in eine Mooshütte, welche der Grotte, worin gespeist werden sollte, gerade gegenüberlag, fingen hier selbst ihre Löffelei von neuem wieder an, dabei sogar auch die Hände nicht müßig waren, ja, die Vertraulichkeit wurde endlich so groß, daß, ob es gleich die Tugend und Ehrbarkeit verbot, das von des veränderlichen Elbensteins Schmeicheleien und Karessen gleichsam bezauberte Fräulein ihm dennoch eine nächtliche Visite in ihrem Zimmer zu verstatten, mithin die Tür nicht zuzuschließen, sondern nur anzulehnen versprach. Wie er nun als ein fürstlicher Bedienter ein propres Zimmer, welches sehr nahe an der Fräulein von D. T.* ihrem angelegen, einbekommen hatte, so machten sie sich die süße Hoffnung, daß die nächtliche Zusammenkunft ganz fein angehen könnte und würde. Nachdem dieses alles verabredet, gingen sie zur anderen Gesellschaft und setzten sich bald hernach unter selbiger zur Tafel; sobald selbige abgehoben, wendete Elbenstein wegen getaner Reise große Müdigkeit vor, nahm deswegen von der Kompanie unter dem Vorwand, daß er morgen mit dem allerfrühesten aufbrechen mußte, sogleich Abschied, und begab sich in das ihm angewiesene Zimmer. Die anderen Gäste blieben noch bis Mitternacht in der Grotte, spielten und tranken von dem delikaten Wein, welchen der Herr von B.* selbst im Überfluß im Keller hatte; das Fräulein von D. T.* aber machte sich unter dem Vorwand, daß ihr die heutige Sonnenhitze starke Kopfschmerzen zugezogen, auch bald aus dem Staub. Sobald nun Elbenstein merkte, daß im ganzen Haus alles ruhig und still war, schlich er sich ganz leise in des Fräuleins Zimmer. Was sie aber daselbst miteinander ferner verabredet, ist nicht eigentlich zu melden; man hat auch nichts gehört, daß sich auf Seiten des Fräuleins etwas geäußert, so einen unglückseligen Verräter dieser nächtlichen Visite abgegeben hätte oder ihr sonst einigen Verdruß zuziehen mögen; außer diesem, daß die Elbenstein verstattete Freiheit ihm nachmals einen solchen Ekel vor dieses sonst recht liebenswürdigen Fräuleins Person verursachte, daß er nach der Zeit auf alle nur ersinnliche Art und Weise jederzeit die Gelegenheit vermieden, mit ihr zu konversieren, worüber das gute Kind unter ernstlicher und unaufhörlicher Betreuung ihrer Leichtsinnigkeit unzählige Tränen vergossen, welches er aber, als ein rechter Wetterhahn im Lieben, sich wenig oder gar nicht zu Herzen gehen ließ, hergegen leichtsinniger und irraisonabler Weise sich über ihre Einfalt mokierte, nunmehr aber neugierig war, sein Liebesglück und Verhängnis bei dem Fräulein von R.* zu erfahren. Deshalb er, als er in Hh. ziemlich früh von dem Herrn von B.*, weil die anderen alle noch schliefen, ordentlichen Abschied genommen und sich für alle erwiesene Höflichkeit und Güte hofmäßig bedankt, sich zu Pferde setzte und zu rechter Zeit in M. anlangte. Er stattete noch vor der Tafel seinen mündlichen untertänigsten Bericht bei seiner Herzogin ab, und dieselbe gab in besonders gnädigen Terminis zu vernehmen, wie sie in allen Stücken mit seiner Aufführung sehr wohl zufrieden wäre. Allein, Elbenstein war ein Schalk, denn da er heraus ins Vorgemach kam und wohl wußte, daß die beiden Kammerfräuleins von R.* und Z.* bald durchpassieren müßten, setzte er sich auf einen am Fenster stehenden Lehnstuhl, legte den Kopf rückwärts und stellte sich, als ob ihn eine Ohnmacht oder Steckfluß befiel, spielte auch diesen Streich dergestalt witzig, daß es der allerklügste Medikus hätte glauben müssen. Die beiden Fräuleins trafen ihn also in diesem Zustand an, fragten, was ihm fehlte, da er aber die Augen im Kopf verdrehte und ein Zeichen gab, daß er nicht antworten könnte, lief das Fräulein von Z.* sogleich zur Herzogin ins Zimmer, um aus Dero Apotheken, welche jederzeit in Bereitschaft stand, einen herzstärkenden Spiritus zu langen; da ihm inzwischen das Fräulein von R.* ein mit Schlagbalsam angefülltes Büchslein vor die Nase hielt, seine Schläfen und Pulse an den Armen mit diesem Balsam salbte und ihm zu allem Überfluß drei derbe kräftige Küsse auf den Mund versetzte. Diese letztere kräftige Medizin wirkte soviel, daß der schikanierende Elbenstein plötzlich die Augen aufschlug, dem Fräulein von R.* sanft die Hand drückte und mit schwacher Stimme sagte: »Ach, mein Engel!« Ihre gleichfalls ganz leise Antwort war: »Ach, mein wertester Elbenstein!« Indem brachte das Fräulein von Z.* den Spiritus, von welchem das Fräulein von R.* etwas auf ein in ihr Schnupftuch gemachtes Knötchen goß, auch seine Stirn, Schläfen und Hände damit bestrich, jedoch, es schien dennoch, als ob die Lebensgeister nicht so bald zurückkehren wollten. Demnach bezeugte die durchlauchte Herzogin in eigener hoher Person das gnädige Mitleiden gegen ihn, daß sie selbst aus ihrem Gemach heraustrat und ihm eine Schale voll Arznei brachte, welche er austrinken mußte. Er fand sich oder stellte sich vielmehr hierdurch auf einmal erquickt, dankte in schuldigster Devotion für die gnädigste Fürsorge, welche Ihro Durchlaucht vor Dero untertänigstem Knecht gehabt; worauf die Herzogin befahl, daß er in ein bequemes Zimmer gebracht und aufs beste verpflegt werden sollte, trug auch den beiden Fräulein auf, fleißige Nachfrage nach ihm tun zu lassen. Der verstellte Patient ließ sich des anderen Morgens vernehmen, wie er sich völlig restituiert befände, allein, die Herzogin ließ ihm sagen, wo er vermerkte, daß sein Malheur noch nicht völlig vorbei, könne er immer zu Hause bleiben und seine völlige Gesundheit abwarten; sofern er aber ja im Stande, in ihre Suite mit nach H. zu gehen, solle er bis vor die Stadt mit in der Fräulein Kutsche fahren, um seine Gesundheit desto besser zu menagieren. Elbenstein ließ sich nochmals untertänigst, und zwar durch das Fräulein von R.* für die ihm erzeigte besondere Gnade bedanken und um Erlaubnis bitten, daß er sich in sein Logis begeben dürfte, um sich reisefertig zu machen, weil er sicherlich glaubte, daß sich sein ganzes Malheur durch die empfangenen köstlichen Medikamente gänzlich verloren hätte. Da aber sein Bedienter und der Fräulein Aufwärterin sich aus dem Zimmer begeben hatten, stattete er dem schönen Fräulein von R.* die verbindlichste Danksagung ab und beteuerte dabei, daß eines solchen englischen Fräuleins gütiges Mitleid und persönlich geleistete Hilfe ihn am meisten gestärkt und das Leben erhalten hätte. »Ach, mein wertester Elbenstein«, antwortete das Fräulein, »könnten Sie nur in mein Herz sehen, so würden Sie von meiner gegen Sie hegenden aufrichtigen und unverfälschten Neigung die vollkommenste Versicherung finden.« Nach diesen Worten nahte er sich ihr in einer Ecke des Erkers, und als er sie auf die verliebteste Art etlichemal geküßt, welches das Fräulein aus gütiger Erkenntlichkeit auf gleiche Art wiedervergalt, ließen sie ihren Affekten noch in etwas weiter den Zügel schießen, bis sie endlich von den ankommenden Bedienten in der Hauptsache gestört wurden, wobei keine Partei sagen konnte, daß sie etwas gewonnen oder verloren hätte. Etwa eine Stunde hernach, als das Fräulein von ihm Abschied genommen hatte, kam ein herzoglicher Kutscher und meldete, wie der Wagen bereits angespannt wäre, um den Herrn von Elbenstein in sein Logis zu führen. Er hielt sich demnach nicht mehr lange auf, sondern fuhr fort; sobald er aber in seinem Logis angelangt war und seine Wirtin die ihm auf dem Schlosse zugestoßene Unpäßlichkeit erfuhr, schickte sie ihre älteste Tochter hinauf zu ihm in sein Zimmer, wo ihn dieselbe im Schlafrocke auf dem Bett liegend antraf. Sie bezeugte sowohl im Namen ihrer Mutter als für sich selbst ein herzliches Mitleid wegen des ihm zugestoßenen Unfalls, und zwar auf eine so bewegliche Art und in obliganten Terminis, daß Elbenstein gleich urteilen konnte, wie von Seiten der Mutter eine mitleidige Vorsorge, von seiten der Tochter aber die Liebe an dieser Besuchung teilhabe. Weil nun Elbenstein vorwitzig war und probieren wollte, wie weit es bei diesem wohlgewachsenen, mit ein paar schönen schwarzen Augen, küssenswerten Lippen und rot mit weiß vermischtem angenehmem Antlitz von der gütigen Natur begabten Frauenzimmer bringen könne, so ersuchte er sie, nach vorher abgestatteter Danksagung für die gütige Vorsorge, sich bei seinem Bett ein wenig niederzulassen, bis sein Diener das Essen vom Schlosse gebracht hätte. Sie gehorsamte ganz willig und bat, nur zu befehlen, worin sie ihm dienen könne. Elbenstein drückte ihr die Hand und sagte zugleich, daß ein solches charmantes Frauenzimmer, wie sie wäre, das meiste zu seiner Genesung kontribuieren könne, daher er jetzt erfahren wollte, ob sie gütig oder hart mit ihm zu verfahren gewillt sei, unter welchen Worten er sie zärtlich umarmte und auf den weichen Rosen ihrer Lippen etliche Küsse anbrachte. Sie sah ihn mit gleichsam schmachtenden Blicken an, und unter einem oft wiederholten »Ach!« vergönnte sie ihm nicht allein viele Liebesfreiheiten, sondern forderte ihn endlich durch etliche hitzige Küsse, so ihre zarten Lippen mit der schönsten und einer recht bezaubernden Geschicklichkeit anzubringen wußten, zu noch etwas Ernsthafterem heraus, und Elbenstein, welcher nicht gewohnt war, zu dergleichen verliebten Bravaden lange stillzusitzen, machte sich schon fertig, als die zur Treppe heraufkommende Mutter, welcher ein schwindsüchtiger Husten anstatt des Fouriers vorlief, alles störte und dieses vorseiende Duell unterbrach; man konnte aber aus den erröteten Wangen, funkelnden Augen und in Unordnung gebrachten Haaren sattsam urteilen, daß die Keuschheit bei beiden in größter Gefahr gewesen wäre. Weil aber die gute Mutter erst draußen vor der Stube auf dem Saal etwas verschnaufen und recht aushusten wollte, gewannen sowohl die schöne Gratiana als auch Elbenstein Zeit und Raum, sich zu fassen und alles wieder in ziemliche Ordnung zu bringen. Gratiana nahm ein leeres Glas in die Hand, ging heraus auf den Saal, eilte aber nach der etwas dunklen Treppe zu und fragte die mit dem trockenen Husten sich noch katzbalgende Mutter, wo der Kellerschlüssel wäre, indem der gnädige Herr einen Trunk von ihrem Hausbiere verlangte, und da sie solches erfahren, eilte sie vollends die Treppe hinunter in den kühlen Keller, wo sie die verdächtige übrige Röte vollends verlor. Elbenstein war über diese mit der artigen Gratiana so geschwind gemachte Liebeskundschaft dergestalt vergnügt, daß er folgende Arie verfertigte: 1.       Unvergleichlich schönes Wunder! Harter Herzen Liebeszunder! Deiner Anmut Klang und Schein Macht die Liebe selbst verliebet; Der ist härter als ein Stein, Der sich dir nicht ganz ergibet. 2. Meine Freiheit ging verloren In dem Kampf mit zweien Mohren; Seh ich deine Augen an, So hab ich schon die gefunden, Die mir Fesseln angetan, Und mich völlig überwunden. 3. Doch ich will gefangen leben, Und der Freiheit mich begeben; Meine Ketten sind so schön, Daß sie allen Freiheitsschätzen Nicht nur an der Seite stehn, Sondern mich weit mehr ergötzen. Als nun endlich aber Gratiana mit dem Bier heraufkam und ihr langes Ausbleiben damit entschuldigte, daß sie erst nicht sogleich den Kellerschlüssel finden und fürs andere auch kein Licht bekommen können, indem die Magd die Küche zugeschlossen und den Schlüssel zu sich gesteckt hätte, als sie von der anderen Schwester verschickt worden, ging die alte Mutter zugleich mit in die Stube, und weil der Diener zu gleicher Zeit das Essen vom Schlosse brachte, nahm sich Gratiana die Mühe selbst, solches zu wärmen und aufzutragen. Elbenstein, ersuchte Mutter und Tochter mitzuspeisen, welches sie endlich nach einigem Weigern eingingen; unterdessen ließ er bei dem Italiener etliche Bouteillen Frontignac langen, welcher bei seinen Gästen den gewünschten Effekt tat, denn die Mutter, welche nur ein einziges Gläschen zuviel getrunken hatte, hielt fürs ratsamste, sich in die Unterstube zu begeben, um. ein wenig zu ruhen. Gratiana hingegen, weil sie vollends vom Weine erhitzt war, erlaubte Elbenstein alle Freiheiten, deren er sich bei ihr gebrauchte; jedoch dieser ging sehr behutsam, und zwar aus Furcht, damit er nicht etwa von einem kleinen Zeugen ihrer Liebespossen dereinst überführt werden möchte. Tages darauf reiste die Herzogin nach T., da unterwegs Elbenstein, weil das Fräulein von Z.* sich zur Herzogin in die Kutsche setzen müssen, mit dem angenehmen Fräulein von R.* vertraulich zu sprechen und sich in Küssen zu ergötzen die schönste Gelegenheit hatte. Mit solchen Beschäftigungen ward die Zeit auf beiden Seiten höchst vergnügt zugebracht, welches Vergnügen bei Erblickung der Stadt T. zwar auf kurze Zeit unterbrochen wurde; doch hatten sie den Trost und Hoffnung, bald wiederum Gelegenheit zu finden, ihr Liebesspiel ungehindert fortzusetzen, weswegen sie beiderseits ein munteres und lustiges Wesen an sich nahmen, mithin außer dem Verdacht blieben, daß sie genauer miteinander bekannt wären. Bei solchen wollüstigen Ausschweifungen gedachte Elbenstein wenig oder gar nicht an sein getreues und von der Sehnsucht gequältes Fräulein von L.*, traf also das Sprichwort: »Aus den Augen, aus dem Sinn!« bei ihm am ersten und besten ein. Allein nunmehr konnte die Gerechtigkeit des Himmels dieses unbeständigen Wetterhahns strafbare Untreue und Unbeständigkeit nicht länger ungestraft lassen, daher schickte sie ihm ein und andere Unglücksfälle zu, worunter auch dieser mitbegriffen war: daß ihm sein bestes Pferd, so hundertfünfzig Taler gekostet, jählings umfiel. Dieser und andere dergleichen Unglücksfälle waren sozusagen nur die Vorläufer weit größerer und härterer Züchtigungen, die ihm sein Gewissen als wohlverdiente Strafen nunmehr zu erkennen gab. Die tägliche Konversation aber mit der charmanten Gratiana und die zärtlichen Karessen, so er täglich von dem liebenswürdigen Fräulein von R.* genoß, benebelten gleichsam seinen Verstand und gesunde Vernunft, so daß er seine Buhlschaftssünden und Verbrechen nicht eher bereute und erkannte, bis die Unglückswetter ihn sozusagen auf allen Seiten bestürmten. Denn als das Fräulein von R.* sich endlich überzeugt sah, daß ihre auf eine ehrliche Verbindung abzielende Liebe und Treue bloß mit einer schnöden Löffelei belohnt werden sollte, und sie nur immer von einer Zeit zur anderen bei der Nase herumgeführt wurde, auch Wind bekam, daß Elbenstein mit Gratianen, seiner Wirtin Tochter, ebenso vertraut, ja wohl noch vertrauter und verliebter als mit ihr umging, ließ sie sich die darüber empfundene Betrübnis und Kummer dergestalt einnehmen, daß jedermann, und sonderlich die Herzogin, ihre Gemütskrankheit gar leicht wahrnehmen und erkennen konnte. Weil nun die Herzogin dieses artige Fräulein wegen ihrer besonderen Qualitäten und trefflichen Verstandes sonderlich wert hielt, mischte sie sich, nachdem sie das zwischen dem Fräulein von R.* und Elbenstein ausgesonnene Liebeskommerzium in Erfahrung gebracht, selbst in diese Affäre und bemühte sich, diese beiden Personen durch das Band der Ehe zu vereinigen, daher sie eines Tages, als sie sich auf ihrem Leibgedinge zu W. im Garten divertierte, Elbenstein in besonders gnädigen Terminis zu verstehen gab, wie es ihr nicht mißfällig sein würde, wenn er sich mit ihrem Kammerfräulein, der von R.*, in ein ehrliches Verbindnis einließe, indem sie angemerkt, daß beide einander wohl leiden möchten; wobei sich die durchlauchte Herzogin ferner erklärte, alles, was zu beiderseits Vergnügen und Wohlsein gereichen könnte, gnädig beizutragen, und wollte sie ihm hiermit nebst der Amtshauptmannsstelle zu S.* auch die Oberhofmeistercharge versprochen haben, weil ihr bisheriger Oberhofmeister bei ihrem Herrn Vater Kammerpräsident werden sollte. Sie, die noch jetzt Fräulein von R.*, sollte bei ihren Prinzessinnen Hofmeisterin sein und beiderseits ihre Wohnung auf dem Schlosse haben. Elbenstein wurde nicht wenig über den freien An- und Vortrag der Fürstin bestürzt, und weil die seiner getreuen L.* geschworene Treue, welche bisher eine Zeitlang durch eine tadelhafte und strafwürdige Liebe ins Exil vertrieben gewesen, bei dieser Begebenheit plötzlich zurückkam, so konnte er seiner (ausgenommen in Liebeshändeln) beiwohnenden Redlich- und Aufrichtigkeit nach nicht anders, als der Herzogin offenherzig und aufrichtig bekennen, wie daß er schon seit zweien Jahren her sein Herz und Treue der Baronne von L.* verpflichtet hätte, deshalb er herzlich bedauerte, daß er dieses sonderbaren Glücks und hoher Gnade nicht fähig sein könnte. Hierbei dankte er Ihro hochfürstlichen Durchlaucht für die gnädige Vorsorge ganz untertänigst, bat anbei dieses, sein freies Bekenntnis nicht in Ungnaden zu vermerken, sondern fernerweit seine gnädige Herzogin zu verbleiben. Die Herzogin wurde durch Elbensteins Antwort, welche ihr so unvermutet kam, ungemein verbittert, sie sah ihn mit einem ernsthaften Blick an und sagte: »So sollte man auch ehrlicher Leute Kinder nicht so leichtfertigerweise mit allerhand Schmeicheleien bei der Nase herumführen und ihnen vergebliche Hoffnung machen.« Hierbei wendete sich die Herzogin von ihm hinweg, ging in ein Gartenhaus, worin sich das Fräulein von R.* befand, und schloß die Tür hinter sich zu. Bei so gestalten Sachen merkte Elbenstein gar leicht, daß sich sein Glücksrad bald verdrehen und sein Wohlstand sich zugrund neigen würde; da es nun heißt: »Nulla Calamitas sola. Kein Unglück kommt allein, es will begleitet sein.« Also erfolgte den andern Tag darauf eine neue Widerwärtigkeit. Es hatte nämlich des Fräulein von R.* älteste Schwester sich mit dem Forstmeister B.* ehelich versprochen. Dieser nahm teil an der Beschimpfung, so Elbenstein der Schwester seiner Liebsten erwiesen, suchte deswegen auf alle Art und Weise Gelegenheit, sich an ihm zu reiben. Er fand dieselbe endlich und schalt Elbenstein in Gegenwart des Erbprinzen und der anderen Kavaliere für einen nichtswürdigen Kerl, welcher Affront Elbenstein dermaßen aus aller Contenance brachte, daß er des Respekts gegen Ihro Durchlaucht vergaß und in Dero Zimmer dem von B.* eine solche derbe Maulschelle gab, daß er sich um und um drehte. Da nun solchergestalt alle beide sich gewaltig vergangen und zugleich den Burgfrieden violiert hatten, so wurde einem jeden in seinem Quartier eine Soldatenwacht gesetzt. Elbenstein vertrieb seine Zeit mit Büchern und der Poesie, unter anderem machte er damals folgende Aria: 1.         Ach, schmerzliches Lieben und flüchtiges Glücke! Ihr seid es, die mich jetzt so kirre gemacht, Im Anfang gabt ihr mir sehr liebliche Blicke, Nun werd ich von beiden so schnöde veracht. Ach! Liebe und Glücke, wie steckt ihr voll Tücke! Ihr habt mich, ach leider, zu Falle gebracht. 2. Ach Stunden! Wo seid ihr? Ja leider, verschwunden, Allwo ich in einem recht englischen Schoß Sehr öfters so süßes Entzücken gefunden; Indem mich der Himmel der Wollust umschloß, Da mich der Kupido solange gebunden, Bis daß mir vor Anmut die Seele entfloß. 3. Was ganz für unmöglich sonst wurde betrachtet, Das ward mir durch Hilfe der Liebe ganz leicht, Worüber ein Herkules wäre verschmachtet, Das hab ich durch Hilfe des Glückes erreicht; Ach! Aber nun werd ich von beiden verachtet; Drum schaut doch, wie Liebe und Glücke betrügt. Mittlerweile wurden sowohl Elbenstein als B.* jeder von seiner Charge auf sechs Wochen suspendiert, weil aber B.* gleich acht Tage darauf wieder nach Hof kommen und seine Funktion verrichten durfte, Elbenstein hingegen dergleichen nicht wiederfuhr, so entschloß er sich, nachdem er erst mit dem von B.* als seinem Kontrapart seine Sache durch ein ordentliches Duell auf der W.-Grenze ausgemacht, seine Demission an selbigem Hof zu fordern, indem er deutlich spüren konnte, daß sich die durchlauchte Herzogin ganz kaltsinnig und ernsthaft, kurz zu sagen ungnädig gegen ihn erzeigte. Es kam ihn bei so gestalten Sachen die Lust an, mit obgedachtem durchlauchten Erbprinzen, bei welchem er wegen des für seine hohe Person nicht beobachteten Respekts untertänigst depreziert und Pardon erhalten hatte, mit in die Campagne nach Brabant zu gehen. Die ohne einzige Diffikultät dazu erhaltene Einwilligung gab ihm sattsam zu verstehen, daß man ihn gern lossein wollte, worüber er sich aber, als ein Flattergeist, wenig Kummer machte, indem er einen wohlgespickten Beutel und standesmäßige Equipage hatte, überdies wußte, daß er sich von dem variablen Gemüt dieser Fürstin niemals weder beständige Gnade, noch Dienste versprechen könnte, da dieselbe mit ihren Bedienten gar zu öfters zu changieren gewohnt war und diejenigen, denen sie wenig Stunden vorher alle Gnadenzeichen erkennen lassen, wegen Klatscherei einer geringen Waschmagd oder einer verlogenen Kammerfrau und anderer dergleichen Postenträger und Beiläufer sogleich auf dem Platz mit dem Abschied zu regalieren pflegte. Ein französischer Refugié, welcher an diesem Hof in Diensten stand, schrieb dieses Sentiment an einen seiner guten Freunde in französischer Sprache, welches man aber nun ins Deutsche vertiert hierhersetzen will: Übrigens lebt man allhier in kontinuierlicher Unruhe, und wie die Sonne selbst ihre Gebrechen und Flecken hat, also mögen hohe Personen eben nicht gerühmt werden, als wenn sie eine unvergleichliche Vollkommenheit besäßen. Man gibt der Kanaille gar zuviel Gehör und glaubt einer klatschhaften Kammerfrau oder anderen liederlichen Dirnen alles, was sie sagen, welche doch nicht wert sind, von so hohen Standespersonen angesehen zu werden. Bisweilen ist man gar zu leichtgläubig und bisweilen gar zu argwöhnisch. Man liebt die Neuerung und vergißt leicht der guten und getreuen Dienste. Der Geistlichkeit läßt man, ich weiß nicht aus was für Ursachen, gar zu sehr den Zügel schießen, welches ein erschreckliches Urteil verursacht. Schließlich will man für sehr gerecht gehalten und ästimiert sein, ohne denen, die es bedürfen, Recht widerfahren zu lassen. Demnach reiste Elbenstein ganz getrost und vergnügt von diesem Hof ab, indem er einen solchen Humor hatte, daß er sich bald fassen konnte; er ließ sich auch des Fräuleins von R.* Tränen und Kläglichtun um soviel weniger zu Herzen gehen, je mehr sie an der von der Herzogin auf ihn geworfenen Ungnade teilhatte, und zwar durch ihre unbedachtsame Offenherzigkeit und unzeitiges Verlangen, Elbenstein in das Garn des Ehestandes zu ziehen. Die angenehme Gratiana aber verließ er nicht ohne Wehmut und schrieb derselben zu guter Letzt unter tausend Küssen in ihr Liederbuch folgende Arie: 1.         Vergiß mein nicht, mein holdes Tausendschön, Dies will ich dir zum Angedenken schenken; Mein Schicksal heißt mich ferne von dir gehn, Es ist umsonst, den strengen Schluß zu lenken; Es muß so sein, drum bitt' ich dich, mein Licht, Vergiß mein nicht. 2. Vergiß mein nicht, mein Tausendschön, mein Licht! Vergiß mein nicht! Magneten zieh'n das Eisen. Vergiß mein nicht! Ach ja! Vergiß mein nicht, Vergiß mein nicht! Muß ich gleich von dir reisen; Vergiß mein nicht, mein Tausendschön, mein Licht! Vergiß mein nicht. Die artige Gratiana war in ihrer Liebe so bescheiden, klug und heimlich gewesen und hatte diejenigen freien Handlungen, so zwischen ihr und Elbenstein bei Nacht vorgegangen, dergestalt geschicklich verborgen, daß zwar jedermann ihrer Schönheit wegen glauben konnte, daß dieser Kavalier ein Auge auf sie hätte, durch ihre Modestie aber von allen wollüstigen Ansinnen zurückgehalten wurde; deswegen blieb sie bei den allermeisten Leuten in besonderm Kredit, als ob sie zwar höflich und freundlich mit Mannspersonen umgehen könnte, dabei aber ihre Ehre zu konservieren wüßte. Allein, wie der äußerliche Schein gemeiniglich zu betrügen pflegt, so war es auch hier mit der Gratiana beschaffen. Unterdessen setzte ihr Elbenstein noch folgende Reimzeilen zum Angedenken auf: 1.         Mein Schicksal, dem ich nicht kann widerstreben, Heißt mich im Lieben heimlich sein; Drum geb ich mich geduldig drein, Gewohnheit lehrt auch Sklaven ruhig leben. Mein Engel weiß, obgleich der Mund nicht ächzet, Daß bloß nach ihm mein brennend Herze lechzet. 2. Verhehl ich gleich die rosensüßen Lüste, Die deine Anmut auf mich streut, Mit strenger Eingezogenheit, Und tu ich, als ob ich von dir nichts wüßte, So muß mein Mund jedoch ganz heimlich sagen: Wer also liebt, ist wirklich zu beklagen. Der durchlauchte Prinz nebst Dero bei sich habenden Suite, nachdem sie ihren Weg über Rotenburg an der Fulda, Hilgershausen, Gutensberg, Fritzlar, Wildungen, Frankenberg, Haßfeld, Badenbruck, Hilgebach, Ehrensdorf, Römershagen, Ruhmburg, Cranecht, Köln, Bergen, Jülich, Maastricht und Löwen genommen, gelangte den 10. Juli gesund und glücklich in Brüssel an und begaben sich, nachdem sie vier Tage daselbst ausgeruht, in das nicht weit davon befindliche Campement der holländischen und anderer Auxiliartruppen. Eines Tages, als Elbenstein allein in seinem Zelt war und über seine zeither gehabten, wunderlichen Zufälle und Fatalitäten allerhand Grillen gemacht hatte, zeichnete er endlich diese Verse in seine Schreibtafel: 1.         Wann langt einmal aus denen Unglückswellen Mein Herz am Port der Freuden an? Wann kommt es denn nach vielen Trauerfällen Ganz sorgenfrei auf die Vergnügungsbahn? Das Glücke hat mit mir den Ball gespielet, So daß mein Herz noch dessen Schläge fühlet. 2. Ich walle 'rum in der verhaßten Ferne, Unglück hat mich zum Pilgerim gemacht; Ich sehe nicht die Sonne, Mond und Sterne, Drum seufzt mein Mund, der sonsten nur gelacht; Mein Zeitvertreib ist bloß ein stilles Klagen, Mein Körper ist ein Träger aller Plagen. 3. Ich schreibe zwar auf meinen magern Wangen Mit Tränenflut mein Leiden täglich auf, Und ist schon oft ein schöner Tag vergangen, So endet sich doch nicht mein Unglückslauf. Tag, Zeit und Jahr muß zwar sein Ende finden; Mein Trauern will jedennoch nicht verschwinden. 4. Jedoch, ich will nichts mehr vom Trauern sagen, Mein Wort erstirbt. Ach stürb ich selber mit! So dürft' ich hier nicht ferner ängstlich klagen, Ich täte gern ins Grab den letzten Schritt, So stillte sich mein jammervolles Girren; Ich dürfte nicht in finstern Wäldern irren. Es ist wahr, Elbenstein befand sich um selbige Zeit sehr niedergeschlagen und mißvergnügt, indem sein Naturell nicht sonderlich zum Soldatenleben inklinierte, allein, er wurde bald anderen und lustigeren Sinnes, denn eines Tages, da ein gewisser Obrist namens S.* in seinem Zelt etliche Staats- und Oberoffiziere traktierte, Elbenstein aber eben von fern vorbeiging, kam der Obrist S.* selbst aus seinem Zelt heraus und auf ihn zugegangen und sagte: »Monsieur! Ich habe mir alleweile sagen lassen, daß ich in Ihrer Person den Herrn von Elbenstein sähe, welcher sich eine gute Zeit in Italien und anderen fürstlichen Höfen aufgehalten; wollen Sie mir deswegen die Gefälligkeit erweisen und um fernerer Bekanntschaft willen meine Gesellschaft, so ich bei mir habe, verstärken, so wird es mir zum besonderen Pläsier gereichen.« Elbenstein, welcher diesen Obristen schon kennenlernen, jedoch noch niemals mit ihm gesprochen hatte, machte anfänglich verschiedene Excusen, weswegen er sich nicht im Stande befände, für diesmal bei einer solchen vornehmen Gesellschaft zu erscheinen; allein, der Obrist S.*, welcher ein redlicher Deutscher war, ließ mit Nötigen nicht nach, nahm ihn auch selbst bei der Hand und führte ihn in sein Zelt. Es befanden sich noch zwei Obristen, ein Obristleutnant, zwei Majore, drei Kapitäne und noch andere Offiziere darin, von welchen allen, sowohl hohen als geringeren, er aufs allerhöflichste bewillkommt wurde. Die Weingläser gingen stark herum, und hierbei war sonderlich nichts aufgesetzt als eine Schale voll Biskuit. Elbenstein zeigte sich dergestalt, daß ein jeder dafürhalten konnte, wie er als ein Kavalier zu leben wüßte, weswegen alle Anwesenden einen besonderen Estim für ihn darlegten. Nach verschiedenen Gesprächen sagte endlich der Obrist S.*: »Monsieur, unser Zeitvertreib bei müßigen Stunden allhier ist dieser, daß, wenn wir beisammen sind, einander curieuse Geschichten erzählen; wie ich nun nicht zweifle, Sie werden in Italien viele dergleichen aufgemerkt haben, als will ich nicht allein für mich, sondern im Namen der sämtlichen Gesellschaft freundlich gebeten haben, uns mit ein oder anderer Historie zu divertieren, sonderlich von dem verliebten Frauenzimmer und von der unbändigen Eifersucht der Männer, sonderlich, was sich zu Ihrer Zeit in diesen Stücken zugetragen.« Elbenstein, der sich auf einmal ganz aufgeweckt befand, tat gar nicht blöde, sondern versprach, dem Herrn Obristen Gehorsam zu leisten, fing demnach an, nicht allein seine eigenen Begebenheiten (wiewohl unter verdeckten Namen), sondern auch andere Geschichten, die zu seiner Zeit in Italien passiert waren, zu erzählen, welche die sämtliche Gesellschaft mit besonderem Vergnügen bis nach Mitternacht anhörte; ja, sie wären unfehlbar vor Tag nicht auseinandergegangen, wenn nicht die meisten mit früher Tageszeit hätten auf dem Platz sein müssen. Mittlerweile hatte sich Elbenstein hierdurch bei allen insgesamt ungemein rekommandiert. Der Obrist K.*, welcher ein ungemein artiger Mann war, nahm ihn bei der Hand und sagte: »Mein Herr von Elbenstein, Sie haben mir durch Ihre Erzählung heute viel Vergnügen verursacht, auf morgen, des nachmittags ungefähr drei Uhr, will ich Sie nebst dieser ganzen löblichen Kompanie in mein Zelt auf ein Glas Wein gebeten haben, da will ich Ihnen gewiß auch eine artige Geschichte erzählen, die mir in neulichen Zeiten nicht beigefallen ist.« Wie nun die anderen sich um bestimmte Zeit einzustellen versprochen hatten, so versprach auch Elbenstein, dem Herrn Obristen seine gehorsame Reverenz zu machen; mithin nahmen alle voneinander Abschied. Elbenstein begab sich nach seinem Zelt und schlief um ein gut Teil ruhiger als bisher. Des anderen Tages, und zwar nachmittags um drei Uhr, kleidete er sich proprer an als gestern und spazierte gegen vier Uhr auf des Obristen von K.* Zelt zu. Dieser kam ihm sogleich mit der größten Höflichkeit entgegen, führte ihn hinein, da denn, obgleich nicht alle Personen, so gestern zugegen gewesen, doch fast alle Stühle um die Tafel herum, besetzt waren. Nachdem die Gesundheiten herumgetrunken, wurde der Obrist K.* erinnert, sein gestriges Versprecher zu halten und die artige Geschichte zu erzählen. Er war sogleich bereit dazu und fing also an: »Vor wenigen Jahren hatte ich einen gemeinen Reiter unter meinem Regiment, dessen Frau sehr wohlgebildet war, so daß sie meritiert hätte, einen Mann von höherem Stand zu haben; denn nicht allein ihre Schönheit, sondern auch ihr Verstand und Geschicklichkeit distinguierten sie vor allen anderen, und wenn es wahr ist, daß sie ihrem Mann allein Farbe gehalten, wie ihr denn jedermann Zeugnis gab, so ist es gewiß von einer Soldatenfrau etwas Rares. In diese verliebte sich ein gewisser Edelmann dasigen Ortes namens W.*, welcher jedoch schon Frau und Kinder hatte; und unter dem Vorwand, daß er ihr eine scharlachene Schabracke zu sticken geben wollte, lockte er sie einmal, da seine Frau abwesend war, in sein Haus, wo er mit Darlegung einiger Stück Dukaten sie zu seinem Willen zu bereden sucht. Da aber weder mit guten Worten noch mit Geschenken etwas von ihr zu erhalten, will er Gewalt brauchen. Die Frau aber ist resolut, läuft an ein Fenster des Zimmers, welches auf die Gasse hinausgeht, droht, um Hilfe zu schreien, ergreift auch ein Messer, ihre Ehre damit zu defendieren; deswegen wird der wollüstige Buhler verzagt, spricht sie zu Frieden, reicht ihr sechs Stück Dukaten und bittet um aller Heiligen willen, daß sie nur niemandem etwas von dieser Rencontre sagen sollte. Madine, so will ich die Frau nennen, verspricht zwar, diesmal zu schweigen, verlangt aber weder das Gold noch die Schabracke, so er ihr zu sticken mitgeben will, anzunehmen, sondern geht in größter Rage von ihm. Sobald sie nach Hause kommt, erzählt sie ihrem Mann den ganzen Handel, der zwar ihre Treue lobt, ihre Einfalt aber wegen Verschmähung der Dukaten und des guten Stücks Arbeit sonderlich tadelt. Madine lag mit ihrem Mann in der Vorstadt, und zwar in einem Weinhaus, im Quartier, deswegen kommt der Herr von W.* wenige Tage darauf hinein und läßt sich eine Kanne Wein geben; weil auch Madinens Mann eben nicht zu Hause ist, nimmt er Gelegenheit, mit ihr zu sprechen und bittet inständig, ihm doch die Gefälligkeit zu erweisen und die Schabracke zu verfertigen, weil er wüßte, daß niemand die Arbeit besser machen könnte als sie; erbietet sich auch, dafür zu bezahlen, was sie nur verlangen wollte. Madine erlaubt ihm endlich, ihr die Schabracke durch seinen Diener zu schicken, worauf er ihr sechs Dukaten zu Gold- und Silberfaden gibt und dabei verspricht, ihre Arbeit a parte zu bezahlen; ferner bittet er sich aus, daß er öfters zu ihr kommen und ihrer schönen Arbeit zusehen dürfte. Da ihm nun Madine dieses mit verstellten liebreichen Gebärden erlaubt, wird er etwas dreister und fängt an, ihr seine heftige Liebesleidenschaft aufs neue zu offenbaren. Da sie nun auch dieses ganz gelassen anhört und sich ein wenig freundlicher gegen ihn anstellt, fragt er, warum sie denn neulich so eigensinnig gegen ihn gewesen und sich seiner sogar mit dem Messer erwehren wollen? Hierauf gab sie zur Antwort, sie würde sich ja nimmermehr so dreist machen und in einem fremden Hause dergleichen Dinge vornehmen, da so leicht seine Frau als jemand anderes dazukommen können. Allein, er versichert, daß sie sich deswegen nichts zu befürchten habe, und bittet um eine nochmalige Visite; weil aber Madine sich hierzu nicht verstehen will, bittet er, sie möchte doch selbst einen Ort vorschlagen, der sich zu einem verliebten Rendezvous schickte. Madine aber bleibt bei der Antwort, es wäre besser, man ließe solche gefährlichen Händel. Mit solchem Bescheid muß er für diesmal zufrieden sein, jedoch weil ihre verstellten verliebten Gebärden und Karessen ihn betrügen, geht er das erstemal mit der größten Hoffnung, sie durch gute Worte und Geschenke mit der Zeit noch zu gewinnen, ganz vergnügt von ihr. Folgende Tage, da sie die Schabracke in der Arbeit hatte, ist er fast täglich auf etliche Stunden bei ihr eingesprochen, und weil ihr Mann dann und wann zu Hause gewesen, macht er vermittels einiger Kannen Wein und anderer Delikatessen mit demselben die vertrauteste Freundschaft. Dieser Reiter, welcher ein durchtriebener Vogel war, läßt sich deswegen die vorgesetzte Rache wegen des versuchten Hörneraufsetzens gar nicht vergehen, wird hergegen desto erbitterter gegen seinen Herrn Schwager Ungewiß, zumal da ihm seine Frau des von W.* verliebte Gespräche täglich wiedererzählt und die kostbaren Geschenke zeigt, welche sie gemeiniglich recht mit Zwang angenommen oder sich zum wenigsten so zu stellen gewußt. Solchergestalt wird der von W.* von einem Tag zum anderen von ihr bei der Nase herumgeführt; einmal macht sie ihm verblümterweise Hoffnung zu der verlangten letzten Gunst, ein andermal aber stellt sie sich wieder gewissenhaft und rappelköpfisch, daß der von W.* teils vor Liebe, teils vor Verdruß hätte bersten mögen. Die rote Schabracke wird fertig, worauf er ihr nebst räsonabler Bezahlung noch verschiedene andere Sachen zu sticken gibt, jedoch will sich das eigensinnige Weib noch nicht nach seinem Willen bequemen, deswegen er bedenkt, daß diese Sirene bereits über hundert Dukaten von ihm gezogen und vielleicht nur aus bloßer Blödigkeit und Scham sich seinem Begehren widersetzte, greift er das Werk anders an, gibt Madinen ihrer Wirtin ein Stück Geld, womit er sie zur Verschwiegenheit bringt und von ihr verlangt, daß, da sie im Kuppeln sehr berühmt, ihm bei nächtlicher Weile in Madinens Kammer zu verhelfen, sobald ihr Mann nebst seinem Kameraden, dem anderen Reiter, auf die Wacht oder sonst auskommandiert wäre. Madine behorcht beide, läßt sich aber gegen ihre Wirtin ganz im geringsten nichts merken, vertraut es hergegen ihrem Mann, welcher ihr befiehlt, dem von W.* nur aufs allerfreundlichste zu begegnen, damit er den Possen nicht merke; inzwischen wollte er schon einen Streich ersinnen, wie er diesen Vogel ganzbeinig fangen könne. Indem es nun diesem Schalk an lustigen Einfällen nicht ermangelte, als erfindet und bewerkstelligt er folgenden Fang: Die Kammer, worin er und seine Frau liegen, ist gerade über einer anderen großen Kammer, welche über vier Ellen hoch mit Häckerling angefüllt ist; aus seiner Kammer aber geht eine Falltür herunter in die unterste Kammer, von welcher der lose Vogel die Türbänder abreißt und die Tür also befestigt, daß sie beim Aufmachen in die unterste Kammer zurückfällt, jedoch an der Decke hängen bleibt; über diese Türe setzt er sein Bett ohne Boden, sägt auch dessen Füße ab, daß es fein niedrig steht, und füllt es wohl mit klein gehacktem Heu aus; hinter dem Bett macht er noch eine Bucht, worin eine Peron sehr genau liegen kann, daß es also scheint, als ob es ein einziges breites Bett wäre. Hierauf unterrichtete er seine Frau, wie sie sich in allen Stücken zu verhalten habe, bestellt einen seiner Kameraden, welcher ihn anstatt des Korporals, pro forma, und zwar in Gegenwart der Wirtin auf ein drei Meilen von der Stadt gelegenes Dorf kommandieren muß, um daselbst etliche Tage als Salva guarde stehenzubleiben. Beide im Quartier liegenden losen Vögel donnern, blitzen und hageln, daß sie niemals rechte Ruh haben könnten, setzen sich aber zu Pferde und reiten fort, jedoch nicht weiter bis in eine andere Vorstadt, da sie ihre Pferde bei guten Kameraden einstellen, sich mit ihnen lustigmachen und mit Verlangen auf die hereinbrechende Nacht warten. Mittlerweile, da beide Reiter kaum vom Haus hinweg sind, läuft die alte Kupplerin augenblicklich fort, dem Herrn von W.* eine fröhliche Zeitung zu bringen und sich ein gut Trinkgeld zu verdienen. Dieser kommt selbigen Nachmittags nicht zu Madinen, da es aber Abend worden, stellt er sich ein und verlangt, folgende Nacht ihr Beischläfer zu sein. Diese will sich anfänglich hierzu nicht verstehen, doch da der von W.* sagt: ›Wie aber, wenn ich Sie, mein schönes Weibchen, einmal heimlich beschleichen könnte?‹ gibt sie ihm nebst einer verliebten Miene einen sanften Backenstreich und bittet, er möchte sie doch verschonen, indem ihr Mann gar zu schlimm wäre, und wenn er das Geringste hiervon erführe, würde er sie und ihn unfehlbar erschießen. Hierauf geht sie von ihm zur Tür hinaus, um zu sehen, ob sich ihr Mann abgeredetermaßen schon heimlich hereingeschlichen hätte. Wie nun dieser nebst drei seiner Kameraden sich schon an denjenigen Ort versteckt hatten, wo er auf gegebenes Zeichen von seiner Frau den Riegel an der Falltür aufziehen konnte, so begab sich Madine, als sie dessen vergewissert war, wieder hinein in die Stube, begegnete dem von W.* sehr freundlich; weil aber sonst noch verschiedene Weingäste anwesend, gab sie vor, daß sie unter diesem Schwarm nicht bleiben könne, sondern sich zu Bett verfügen wolle, nahm deswegen sowohl bei dem von W.* als bei der Wirtin gute Nacht und legte sich, jedoch in Kleidern, ordentlich zu Bett, und zwar in die vorbesagte hinter dem Bett gemachte Bucht. Etwa zwei Stunden hernach, da alle anderen Gäste hinweggegangen und der von W.* vermeint, Madine solle nunmehr wohl im besten Schlaf sein, läßt er sich von der Wirtin hinaufleuchten, öffnet die Tür mit einem Nachschlüssel, den ihm die Wirtin prokuriert hatte, kleidet sich aus bis aufs Hemd und legt sich mit zitternder Freude zu Madinen ins Bett. Diese stellte sich, als ob sie jählings erwachte, schrie also: ›Holla! Wer ist da?‹ ›Still, mein Engel‹, gab der von W.* sachte zur Antwort, ›ich gebe Euch für diese erste Visite zehn Dukaten.‹ Indem er sich ihr nun nähern wollte, stieß sie mit dem Fuße eine zurechtgelegte, etliche Pfund schwere eiserne Kugel auf den Boden herunter, welche mit ihrem Gepoltere die Losung gab. Im selbigen Augenblick wurde der Riegel an der Falltür aufgezogen, da denn der Herr von W.* in den Häckerling herunterstürzte und bis an die Schultern darin versank. Madine stellte sich erschrocken, rief ihm zu, er solle nur die Arme in die Höhe recken, sie wolle ihm ein Seil hinunterlassen und alle Kräfte dran strecken, ihn heraufzuziehen, damit er nicht etwa erstickte, denn er selbst habe es versehen und den Riegel aufgestoßen. Unter der Zeit aber kam ihr Mann mit seinen Kameraden zur Kammer hineingeschlichen, warf dem guten Herrn Schwager ein Seil hinunter; sobald aber die losen Vögel des armen Sünders Hände im Hinaufziehen erreichen können, schlingen sie einen Strick darum, machen denselben oben fest und lassen den unglückseligen Venusritter so lange in der Luft schweben, bis der helle Tag anbricht; doch dieses war noch nicht genug, sondern diese vier Saufbrüder zechten die ganze Nacht hindurch und ließ immer einer nach dem anderen sein Wasser auf des Herrn von W.* Kopf laufen. Dieser bat um aller Heiligen Märtyrer willen, man möchte ihn los und in der Stille nach Hause gehen lassen, so wolle er zweihundert Dukaten zahlen, die Frau und die anderen Reiter baten selbst für ihn, allein der erzürnte Ehemann ließ sich durchaus nicht erbitten, sondern sobald es hell geworden, ging er hinunter in die Häckerlingskammer, legte ein Brett über eine Leiter, riß dem in der Luft arrestierten Herrn von W.* das Hemd vom Leib und peitschte mehr als fünfzig Spitzruten an ihm entzwei. Da nun über des Herrn von W.* Zetergeschrei viele Leute vor das noch verschlossene Haus gelaufen kommen, hört er endlich auf, den armen Herrn Schwager zu peinigen, stößt ihn nackend und bloß zum Haus hinaus, und ruft hinterdrein: ›Lauft zu, ihr Leute! So muß man die Edelleute striegeln, die eine ehrliche Frau zur Hure und einen tapferen Reiter zum Hahnrei machen wollen.‹ So wurde mir«, sagte hier der Obrist von K.*, »die ganze Species facti von dem Reiter und seiner Frau erzählt, wobei sie bekannten, daß sie fünfzig Stück Dukaten, etliche Taler Silbergeld, eine englische goldene Uhr, eine silberne Tabatiere, einen goldenen, mit Diamanten besetzten Petschaftring und andere Kleinigkeiten mehr bei ihm und in seinen Kleidern gefunden. Ich ließ auf Befehl des Herrn Generalleutnant von N.* diesen Reiter nebst seiner Frau und den dabeigewesenen Kameraden sofort arretieren und die erbeuteten Sachen in mein Quartier bringen. Es entstand hierüber ein starker Streit, denn der Generalauditor wollte behaupten, man könnte den ohnedem genugsam castigierten und prostituierten Venusritter nicht mit doppelten Ruten peitschen, unterstand sich auch, aus den Rechten darzutun, daß, weil der Reiter die Selbstrache ausgeübt, er die eroberten Sachen wieder herausgeben und selbige dem Eigner zustellen müsse; wenn er aber die Selbstrache unterlassen und den Edelmann ohne Castigation und Prostitution fortgeschickt, hätte er unter der Hand alle diese Sachen wohl behalten können. Allein, ich nahm mich meines Reiters an und schützte vor, es wäre keine geringe Verwegenheit, einen rechtschaffenen Soldaten suchen zum Hahnrei zu machen, es könne auch dergleichen Frevel nicht genugsam bestraft werden. Wenn mir dergleichen Streich passierte, würde ich mich schwerlich enthalten können, einem solchen ungebetenen Gast eine Kugel oder den Degen durch den Leib zu jagen. Was nun Ehestandaffären anbeträfe, darin hätte ein gewisser Reiter soviel Recht als ein Ober- oder Stabsoffizier, deswegen wollte ich meinen Reiter bei seiner gemachten Beute solange schützen, bis sein Kontrapart die Sache höheren Orts suchte und ausmachte. Allein, dieser machte sich bald hernach unsichtbar, mein Reiter aber wurde wenige Tage darauf seines Arrests entlassen und behielt, was er hatte.« »Meines Erachtens«, sagte hierauf ein gewisser Major, »wäre es unbillig gewesen, wenn man des Reiters Verfahren nicht in allen Stücken approbiert und ihm die erbeuteten Sachen nicht für seinen gehabten Schmerz zur Rekreation überlassen hätte; in Betrachtung, daß selbige Nation, wo dieser mir schon bekannte Streich passiert ist, mit unseren Landsleuten weit barbarischer umzugehen pflegt. Wie ich denn ein gräßliches Exempel weiß, das eben im selbigen Jahre sich zugetragen.« Die ganze Gesellschaft bat den Herrn Major, selbiges zu erzählen, und selbiger erzeigte sich seiner kompläsanten Art nach hierzu gefällig, fing deswegen also zu reden an: »In N. befand sich eine gewisse vornehme Dame, welche man dem Liebesappetit nach mit Recht unter die Unersättlichen rechnen konnte; diese warf ihre Augen auf einen Fähnrich von meiner Kompanie, den ich nur mit dem Buchstaben F. bezeichnen oder benennen will. Er sah nicht häßlich von Gesicht und hatte eine vortreffliche große und lange Nase, woraus sie, als eine wollüstige Dame, vielleicht sonst einen guten Schluß gemacht. Für seine Person war dieser F. sonst ein sehr stiller, mehr melancholischer als lustiger Mensch, verrichtete seine Dienste akkurat, liebte weder Spiel noch Trunk und dem Ansehen nach das Frauenzimmer am allerwenigsten. Corvenia, so will ich die Dame nennen, hatte diesen Fähnrich kaum in die Augen gefaßt, als sie ihm durch ein altes Weib und eigenhändige vertraute Briefe die auf ihn geworfene Liebe zeigt und inständig bittet, sich mit ihr in nähere Vertraulichkeit einzulassen; allein, dieser Eigensinnige trägt Bedenken, sich in einen solchen gefährlichen Handel einzulassen; gibt sich deswegen nicht einmal Mühe, diese Dame kennenzulernen, viel weniger auf ihre Schreiben zu antworten, ungeachtet sie ihm eine namhafte Geldsumme versprochen, wenn er ihr zu demjenigen verhelfen könnte, wozu ihr Mann sich seit länger als acht Jahren inkapabel befunden hatte. Hierauf begab sichs, daß, da er bloß mit seinem Knecht ein kleines Haus bewohnte, ihm in einer Nacht fast all sein Geld, Kleider und die meisten Möbel gestohlen wurden, so daß er solange im Bett bleiben muß, bis ihm andere Offiziere notdürftige Kleidung nebst etwas Geld vorschießen; über all dieses aber hatten die schelmischen Diebe seine im Stall stehenden drei Reitpferde mit Dolchen erstochen. Demnach sah sich F. in einem sehr miserablen und bedürftigen Zustand; jedoch, da gleich des anderen Tages Corvenia, deren Haus von hinten zu an das seinige stieß, ihm wegen seines Verlustes ein Kondolenzschreiben zuschickte, anbei ersuchte, ihr nur eine einzige Visite zu geben, wofür sie ihm seinen erlittenen Schaden gedoppelt ersetzen wollte, konnte dieser eigensinnige Kopf dennoch nicht resolvieren, dergleichen Vocation Gehorsam zu leisten, sondern gab dem abgeschickten Weib zur Antwort: Ei was! Er als ein Kavalier könnte doch wohl in kurzem wieder zu Equipage und Geld kommen und hätte eben nicht nötig, solches mit verbotener Courtoisie zu erwerben. Allein, was geschieht? Etwa fünf oder sechs Tage hernach wird mein guter Fähnrich des Nachts, als er im besten Schlafe liegt, von sechs baumstarken Kerls gebunden und im bloßen Hemde, mit verbundenen Augen und verstopftem Mund in einen finsteren Keller getragen, auf eine Schütte Stroh gelegt, und nachdem sie ihm die Augen aufgebunden, lassen sie ihn, in dem finsteren Keller verschlossen, allein liegen. Anfänglich weiß er nicht, ob dieses alles ein Traum ist oder ob es ihm in der Tat und Wahrheit also widerfährt, doch als ihm wegen des festen Bindens Arme und Beine geschwollen und er kaum durch die Nase ein wenig Luft holen kann, auch in dem kalten Keller den grausamsten Frost empfindet, vermerkt er als zu wohl, daß es kein bloßer Traum sei. Nachdem er nun über zwei Stunden lang in solchem schmerzhaften Zustand dagelegen, erblickt er eine Person in einem langen Nachtkleide, die durch eine kleine Treppe zu ihm von oben herunterkommt. Es hat dieselbe einen silbernen Leuchter mit darauf brennendem Wachslicht in der Hand, tritt gerade gegen ihm über und hält ungefähr folgenden Sermon: ›Verdammter Hund! Welcher Wolf hat dich erzeugt oder welcher Bärin Brüste hast du gesogen, daß du so unempfindlich gegen meine heftige Liebe gewesen bist? Doch nein, du mußt nicht einmal von den wilden Tieren herstammen, denn diese lassen sich öfters noch leichter bewegen, die Menschen zu lieben; sondern die höllischen Furien, Feinde des menschlichen Geschlechts, müssen dich geboren, erzogen und in die Welt geschickt haben. Elender Sklave! Du hast meine Gewogenheit und übermäßige Liebe verschmäht, deren du nimmermehr würdig bist, ja, du hast eine Dame verächtlich traktiert, vor welcher noch fast täglich einer, der zehnmal besser ist als du, sich zur Erden wirft und nur um einen günstigen Blick bittet. Vermaledeiter Molch! Vergifteter Basilisk, du hast mich niemals sehen und dennoch töten wollen, jetzt tue deine schändlichen Augen auf und betrachte mein Gesicht, ob, ungeachtet ich jetzt voller Zorn und Grimm bin, ein einziger Zug darin zu finden, der wider das Muster der Schönheit ist. Beschaue, du Nichtswürdiger, meinen ganzen Leib und erwäge, ob es der Natur wohl möglich sei, ein zärtlicher und zierlicher Frauenzimmer zu bilden?‹ Unter diesen Worten hatte sie das Licht vor sich niedergesetzt, den Schlafrock aufgeschlagen und ihren bloßen Leib, der auch nicht einmal von einem Hemd bedeckt gewesen, hergewiesen. ›Sage an‹, redet sie ferner, ›wo siehst du einen Flecken, der dir einen Ekel erwecken, im Gegenteil nicht das allerunempfindlichste Herz zur Gegenliebe reizen könnte? Siehst du allhier nicht den kurzen Begriff aller Annehmlichkeiten? Urteile demnach, ob sich derjenige nicht glücklich zu schätzen hat, dem ich dieses alles aus Liebe freiwillig in die Arme liefern wollte. Dir war es bestimmt, du schändliches Krokodil! Nunmehr aber hast anstatt des Genusses aller Delikatessen und meiner brünstigen Liebe nebst reichlicher Belohnung nichts anderes als die grausamste Marter und den allerschmählichsten Tod zu hoffen. Du hast mich entblößt gesehen, aber zu deinem Verderben, und sterben mußt du nunmehr gewiß, damit niemand auf der Welt leben möge, der sich rühmen könne, er habe die von C.* nackend gesehen. Ich habe mir vorgenommen, dich in diesem Gewölbe verhungern und erfrieren zu lassen, jedoch, wenn du mir die Wahrheit bekennst, warum du einen solchen besonderen Ekel gegen meine Person bezeigt, kannst du vielleicht noch mit einer gelinderten Todesstrafe begnadigt werden.‹ Der armselige Fähnrich hätte hierauf antworten sollen, es war ihm aber unmöglich gewesen zu reden, weil seine Diebe ihm ein solches Instrument in den Mund gesteckt, welches ihm den Gebrauch der Zunge und Lippen verhindert. Die erzürnte Dame vermeint, er wolle ihr aus Trotz nicht antworten, tritt ihm deswegen mit dem Fuß in die Seite, knirscht mit den Zähnen und sagt: ›Höllischer Drache! Bist du noch verstockt und willst mir nicht einmal antworten? Warte! Ich will dir noch in dieser Nacht mehrere Wirkungen meines Zornes empfinden lassen.‹ Hierauf gibt er mit Brummen und Brausen zu verstehen, daß ihm etwas im Mund stecke. Demnach nimmt ihm die Frau von C.* selbiges heraus, da ihm denn die Angst ungefähr folgende Worte in den Mund gibt: ›Schönste Göttin! Ich gestehe es, ich habe den Tod verdient, indem ich zwar nicht aus Ekel und Verachtung, sondern aus bloßer Einfalt und knechtischer, furchtsamer Einbildung Dero englische Schönheit anzubeten verabsäumt. Ich schwöre, daß ich Dero unvergleichlich wohlgebildetes Angesicht zu sehen niemals das Glück gehabt, und wäre es auch geschehen, so würde ich doch, als ein von Natur sehr blöder Mensch, in meiner Einbildung noch viel mehr gestärkt worden sein, daß man mit mir als einer schlechten Person ein bloß Possenspiel zum Zeitvertreib vornehmen wolle. Erbarmen Sie sich deswegen meiner und lassen mich auf eine gelinde Art vom Leben zum Tode bringen, denn mein Leben würde mir ohnedem zur Last gereichen, da ich ein solches Engelsbild gesehen und mich des wirklichen Liebesgenusses bei demselben unachtsamerweise selbst verlustig gemacht habe.‹ Solche und dergleichen herzbrechende Reden bewegen endlich die erzürnte Dame zum Mitleiden, so daß sie fragt: ›Liebt Ihr mich denn nunmehr?‹ Der arme Gefangene kontestiert aus Angst mit noch tausenderlei schmeichelhaften Worten, daß er nunmehr in diesen wenigen Minuten zum allerersten Male den heftigsten Liebesaffekt bei sich, und zwar gegen ihre Person empfunden (ungeachtet ihm die Bande an Händen und Füßen ziemliche Schmerzen verursachten), da er doch sonst von Jugend auf ein Abstemius von Frauenzimmern gewesen und von den Leidenschaften der Liebe befreit geblieben. ›Einfältiger!‹ sagte die Dame hierauf, ›damit Ihr seht, wie ich, jedoch wider meine gewöhnliche Art, jetzt mit Euch leichter zu versöhnen als fernerweit zum Zorn zu reizen bin, so soll Euch für diesmal nebst Eurem Leben meine Liebe und Gnade geschenkt sein, jedoch mit dem Bedinge, daß Ihr Euch verpflichtet, sooft ich Euch rufen lasse und Ihr keine erweislichen höchst wichtigen Verhinderungen habt, Eure Visiten bei mir abzulegen.‹ Der angstvolle Fähnrich F. willigt alles ein, was sie ihm vorschreibt, erklärt sich auch sogar, sofern sie es verlangte, seiner Charge zu resignieren, damit er an seinen ihr allein gewidmeten Diensten nicht verhindert werde. Allein, sie erlaubt ihm bis auf fernere Verabredung, nur noch eine Zeitlang seine Charge zu behalten, sich aber nur sonst ihrem Willen und Verlangen gemäß zu bezeigen. Hierauf langt sie ein Messer, schneidet ihm die Stricke an Händen und Füßen entzwei, umarmt und küßt ihn aufs zärtlichste, führt hernach den halberstarrten Gefangenen in ein propre möbliertes und warmgemachtes Zimmer, erquickt denselben mit vortrefflichen Herzstärkungen, bestreicht und bereibt seine geschwollenen Arme und Schenkel mit den kostbarsten Balsamen und Spiritibus, legt ihm saubere Nachtkleider an und zeigt ihm hernach ein großes, sauberes Bett, wohinein er sich legen muß. Seine nunmehrige Aufführung und verliebtes Bezeigen hatte die Dame dergestalt kontentiert, daß sie ihn persuadiert, fünf Tage und ebensoviele Nächte insgeheim bei ihr zu bleiben; weil er nun aufs propreste von ihr traktiert und aufs zärtlichste karessiert wird, kommt ihm diese Lebensart je länger, je angenehmer vor; die Madame von C.* aber ist nicht weniger vergnügt, weil sie sich in ihren Gedanken nicht geirrt, sondern in reicher Maße bei ihm gefunden, was sie gesucht. Inmittels, weil des Fähnrichs F. Diener nicht zu sagen wußte, wie es mit seinem Herrn zuginge und wo derselbe hingekommen wäre, so wußte man beim Regiment nicht, was man von ihm denken sollte. Viele gerieten in Betrachtung, daß er jederzeit sehr zur Melancholie incliniert habe, auf die Gedanken, ob er sich wegen Beraubung seines Geldes, Verlustes der Pferde und anderer Equipage nicht etwa aus Desperation ersäuft oder sonst auf eine andere Art ums Leben gebracht habe? Man forschte deswegen fleißig nach seiner Person, um dieselbe entweder lebendig oder tot ausfindig zu machen. Allein, es war alle Mühe vergebens. Endlich, am sechsten Tag, kam er wieder zum Vorschein und meldete sich am allerersten bei mir, weil er wohl wußte, daß ich ihm wohlgeneigt war. Er entschuldigte seine fünftägige Abwesenheit mit einem besonderen Zufall, der ihm wider Willen begegnet wäre, auf so lange Zeit ein Arrestant zu sein. Da nun ich deshalb einen ausführlicheren Bericht von ihm verlangte, bat er inständig, ihn damit zu verschonen, weil er, um sein Leben zu retten, einen schweren Eid ablegen müssen, diese Begebenheit noch zur Zeit niemandem zu erzählen und noch viel weniger für sich selbst Rache auszuüben. Ich ließ ihn als einen bekannten Grillenfänger passieren und deprimierte alles, obgleich verschiedene wunderliche Gespräche über sein Ausbleiben geführt wurden. Jedoch er gab durch seine nachherige Aufführung denen, die ihn vorher gekannt hatten, Materie zu weiterem Nachsinnen. Denn von nun an merkte ein jeder gar leicht, daß das melancholische Wesen den Fähnrich F. ganz und gar verlassen hatte, gegenteils war aus ihm ein vollkommener Sanguineus geworden. Er besuchte wider seine Gewohnheit die stärksten Gesellschaften, traktierte zum öftern, tanzte, spielte, schaffte sich die propresten Kleider, vier der schönsten Pferde, hielt zwei Kerls, in summa, er tat es allen Subalternen fast zuvor. Dieses alles aber kam aus der Frau von C.* Beutel hergeflossen, denn da sie ihn das erstemal von sich gelassen, hatte sie ihm ein Päckchen, worin fünfhundert Dukaten, mit auf den Weg gegeben, anbei versprochen, daß, wo er sich ferner wohlhalten und seinem Versprechen nachkommen würde, dieses nur ein kleiner Anfang ihrer Erkenntlichkeit sein solle, denn es war ihr nur allzuviel an einem jungen Sohne gelegen, damit, wenn ihr gebrechlicher Gemahl aus dieser Welt spazierte, sie all sein Vermögen fein beisammenbehielte. Dieser ihr Mann brachte seine meiste Zeit bei den Gesundbrunnen, warmen Bädern und Doktoren zu; außerdem aber, wenn er sich etwas bei Kräften befand, mehrenteils auf seinen Rittergütern, deren er neun erb- und eigentümlich besaß. Sie, die Gemahlin hingegen, unter dem Vorwand, daß sie außer ihrem Palais in der Stadt keine Nacht recht ruhig schlafen könne, vertreibt mittlerweile die Zeit mit ihren Galanen, worunter, wie schon gemeldet, das Glück oder Unglück auch unseren Fähnrich F. führt; und weil es zutrifft, daß sie dreiviertel Jahre nach der mit ihm aufgerichteten nahen Bekanntschaft mit einem jungen Sohne niederkommt, hat er seinem eigenen Geständnis nach, binnen Jahresfrist über zweitausend Taler Wert von ihr geschenkt bekommen. Allein, man pflegt im gemeinen Sprichwort zu sagen: ›Der Krug geht so lange zum Wasser, bis ihm der Henkel abbricht‹, und dieses war bei den Verliebten auch richtig eingetroffen, denn weil ihr Liebesverständnis so vielen Domestiken bekannt wird, die Frau von C.* aber zuweilen sehr barbarisch mit ihren Leuten umzugehen gewohnt ist, als mag eines von denselben endlich auf Revanche bedacht sein und dem Hausherrn aufrichtig entdecken, was seine Gemahlin für eine Lebensart führt. Der alte Herr wird ziemlichermaßen in Harnisch gejagt, begreift sich aber in der Bosheit und studiert auf Mittel und Wege, wie er seine Frau nebst ihrem Galan plötzlich überfallen möchte. Er erreicht endlich seinen gewünschten Zweck und betrappelt beide in aller Stille, da sie von allzuheftiger Liebesarbeit ermüdet im süßesten Schlafe liegen. Wie er nun vorher schon alle Anstalten dazu gemacht, werden beide an Armen und Beinen gebunden und aus dem Bett auf den Boden geworfen, so daß sie sich kaum ermuntern und begreifen können, wie ihnen geschieht. Sechs Kerls stehen mit entblößten Schwertern und aufgespannten Pistolen um sie herum, der erzürnte Gehörnte wendet sich mit einem entblößten Dolch zu dem Fähnrich F. und spricht: ›Bekenne, du Massette, wie lange du mit dieser vermaledeiten Kanaille dieses Spiel getrieben hast, und leugne mir nicht, sonst will ich deinen schändlichen Körper, ehe ich ihn des Lebens beraube, auf eine solch grausame Art zermartern lassen, dergleichen noch von keinem Barbaren erfunden worden.‹ Unter diesen Worten stach er ihm mit dem Dolch in jedes dicke Bein ein Loch. Der Fähnrich F., welcher nichts Gewisseres, als den allerschmerzhaftesten Tod sich in seinen Gedanken vorstellen konnte, merkte nunmehr wohl, daß weder Schmeicheln, Leugnen, Verstellen, Bitten noch Flehen mehr helfen würde, ergriff die Resolution, die klare Wahrheit zu bekennen, fing deswegen also zu reden an: ›Mein Herr! Wenn ich aus eigenem Mutwillen oder unzüchtigen Liebesbegierden mich unterstanden hätte, Eurer Gemahlin genaue Umarmung zu suchen und Euer Ehebett zu beflecken, so würde mir doch von der ganzen Christenheit keine andere Marter als der Tod durch das Schwert zuerkannt werden; da ich aber bei Nachtzeit, von sechs bewehrten Leuten mit Gewalt aus meinem Bett, worin ich im besten Schlaf lag, geholt, entsetzlich gemartert und gepeinigt, auch mit der grausamsten Todesart bedroht worden, so habe mich, um mein Leben zu fristen, verleiten lassen, Eurer Gemahlin ihren Willen, sooft sie es verlangen und mir nur immer möglich sein würde, zu erfüllen. Demnach bedenkt selbst, mein Herr, wie Ihr Euch bei dergleichen Umständen, wenn Ihr an meiner Stelle gewesen wäret, hättet aufführen wollen. Nunmehr wird es‹, so fährt der arme F. auf ferneres Befragen mit seiner Antwort fort, ›wenig Wochen über ein Jahr sein, daß man mir also mitgespielt hat, und seit der Zeit habe ich zu verschiedenen Malen, wenn Ihr nicht einheimisch gewesen, Eure Stelle vertreten müssen. Aus Furcht, nicht etwa wegen Brechen meines Eides heimlicher- und meuchelmörderischerweise um mein Leben gebracht zu werden. Erwäget demnach, daß man mich auf eine grausame Art gezwungen, dergleichen Torheit zu begehen, und verschont meiner mit der gedrohten Marter, kann aber mein Verbrechen bei Euch durch nichts anderes als durch meinen Tod ausgesöhnt werden, nun, so laßt mich nur eine einzige Stunde beten, hernach schickt meine Seele in die andere Welt, jedoch nicht auf eine barbarische Art; denn ob Ihr gleich von mir empfindlich beleidigt worden, so bedenkt doch, daß Ihr kein Barbar, sondern ein getaufter Christ seid.‹ Der ergrimmte Ehemann hatte sich unter Anhörung dieser Relation entsetzlich ungebärdig gestellt, mit den Füßen auf die Erde gestampft, mit den Zähnen geknirscht und die Augen grimmigerweise im Kopf verdreht, nachher aber gefragt, ob er Vater zu dem Kind sei, welches die von C.* letzthin geboren hätte? Worauf dieser geantwortet, das könnte er nicht sagen, sondern die Dame müsse es am besten wissen. Demnach wird die Dame von ihrem erzürnten Mann deswegen befragt, welche sich ganz rasend anstellt und ihm zur Antwort gibt: ›Nein! Nicht dieser, mein Liebster, sondern du, alter verfluchter Drache, bist selbst Vater zu diesem häßlichen Balg, welches nebst der mir verhaßten Gestalt schon alle deine ekelhaften Mienen und Gebärden an sich hat; rechne die Zeit nach von deiner Wiederkunft aus dem N. Bade, ob es nicht eintrifft; inmittels bedaure ich nichts mehr, als daß ich diesen schändlichen Wurm nicht im ersten Bad ersäuft habe; bringe ihn her, ich will ihn sogleich vor deinen Augen erwürgen, damit du nur kein Andenken von mir haben mögest. Töte mich immerhin, du verfluchter Tyrann, denn ich verlange ohnedem nicht mehr, deine Gemahlin zu heißen, laß nur den unschuldigen F. leben, denn es ist wahr und ich bekenne es selbst, daß ich ihn aus allzuheftiger Liebe zu meinem Willen gezwungen habe.‹ ›Halt, du ungetreue Bestie!‹ spricht der erzürnte Mann, ›ich will dich und deinen Galan schon zu belohnen wissen.‹ Hiermit gibt er seinen Gewaffneten ein Zeichen, daß sie den ohnedem schon gebundenen F. festhalten müssen, einer von seinen Bedienten aber, der vielleicht ein Wundarzt gewesen, schneidet demselben in größter Geschwindigkeit die Zeugen seiner Mannheit heraus und überliefert dieselben seinem Herrn. Dieser präsentiert solche seiner Gemahlin auf einem silbernen Teller mit einem zornigen Lächeln und spricht: ›Hier, Madame! Labt Euch nunmehr recht wohl mit den delikatesten Stücken Eures Amanten.‹ Die Dame gerät hierüber fast in eine vollkommene Raserei, reißt das Band, womit ihr die Hände gebunden sind, entzwei, ergreift den Teller und nimmt beide Stücke zu sich, den blutigen Teller aber wirft sie ihrem Gemahl an den Kopf mit den Worten: ›Siehe da, du tyrannischer Mordhund! Das mußt du vor meinem Ende doch noch leiden!‹ Es ist leicht zu erachten, daß der ohnedem ergrimmte Mann hierdurch vollends in eine rasende Wut versetzt worden; er tritt sie demnach mit dem Fuße dergestalt auf den Leib, daß sie in eine starke Ohnmacht verfällt, ja, er würde sie unfehlbar mit dem Dolch durchbohrt und ermordet haben, wenn nicht einer von seinen Bedienten, auf den er sehr viel gehalten, ihm in die Arme gefallen und den Stoß aufgehalten hätte. Hierauf begreift er sich etwa, geht in ein anderes Zimmer und befiehlt, den Fähnrich F. bis auf seine fernere Verordnung in ein wohlverwahrtes Gefängnis zu legen. Dessen Wunden sind von einem unbekannten Menschen gehörig verbunden und er binnen achtzehn Tagen fast völlig kuriert worden; auch hat man ihm mittlerweile ganz wohl zugerichtete, gesunde Speisen und Getränke gereicht, den neunzehnten Tag aber hat man ihm bloß Wasser und Brot gebracht mit der Ankündigung, daß er sich nur immer zu seinem Ende gefaßtmachen könne, weil er täglich fünfzig Hiebe mit einer mit Draht durchflochtenen Geißel, woran viele Häkchen und kleine Sporen befestigt, bekommen sollte, bis er krepierte. Derjenige, so ihm dieses sein Urteil angekündigt, wartet auf keine Antwort, sondern macht sich eilig wieder zurück; allein etwa eine Stunde hernach kommen zwei starke Kerls, welche seinen Oberleib entblößen, ihm die Hände zusammenbinden und also mit den Händen an einen Haken hängen, der oben, mitten im Gewölbe, eingemauert ist, so daß der arme F. in der Luft schwebt. Hierauf gibt ihm ein jeglicher von den zwei Kanaillen fünfundzwanzig Hiebe mit der schon erwähnten Geißel, da denn sein Oberleib dergestalt zugerichtet wird, daß ganze Stücke Haut und Fleisch herausgerissen werden; hernachmals waschen sie ihn mit Essig und Branntwein, binden ihn wieder los und legen ihn auf sein Lager. Wie dem guten F. müsse zu Mute gewesen sein, ist wohl ganz leicht zu erachten; ja, ich glaube, der Allerherzhafteste sollte wohl bei dergleichen Todesart erzittern und auf die Gedanken geraten, sich sein Lebensziel selbst abzukürzen. Allein, der Fähnrich F. resolviert sich, mit möglichster Standhaftigkeit die zeitlichen Strafen zu ertragen, welche der Himmel über ihn verhängt hat. Demnach fügt es der Himmel auch, daß dennoch sein Leben erhalten wird. Denn gleich darauffolgende Nacht kommt der Kerkermeister mit einem Licht zu ihm hinein und bringt ihm nebst verschiedenen Kleidungsstücken einen Mantel, erinnert ihn, daß er ohne Zeitverlust dieses alles anlegen und sich mit Hilfe der Nacht in Sicherheit bringen solle, weil er sonst in wenigen Tagen des Todes sein müsse. Sobald er sich nun völlig angekleidet und den Mantel um sich geschlagen, gibt ihm der Kerkermeister einen versiegelten Brief in die Hände mit dem Vermelden, daß er denselben wohl verwahren möchte, weil er ihm in seinem jetzigen elenden Zustande wohl zustatten kommen würde. Dieser hält sich also nicht lange an diesem unglückseligen Ort auf, sondern eilt so geschwind es seine Schwachheit zulassen will nach seinem Quartier, welches aber verschlossen und von keinem Menschen bewohnt war. Demnach nimmt er in diesen seinen Ängsten seine Zuflucht zu mir, zumal er in meinen Fenstern noch Licht erblickt und von der Schildwacht vernimmt, daß niemand Fremdes bei mir sei. Ich erschrak, den ganz verlorengeschätzten Fähnrich F., und zwar in so jämmerlicher Gestalt, vor mir zu sehen, und hörte nur erst die Hauptstücke seiner Aventure, die er mir unter Vergießung häufiger Tränen erzählte, mit Erstaunen an. Es erweckte aber sein elender Zustand bei mir ein ganz besonderes Mitleiden, deswegen sprach ich ihm soviel als möglich Trost zu, hielt ihn ganz heimlich in meinem Quartier auf und ließ ihn aufs beste verpflegen. Ein Feldscher, auf dessen Treue und Verschwiegenheit ich mich verlassen konnte, mußte den elenden Menschen vollends kurieren, sodann verschaffte ich ihm sein im Quartier zurückgelassenes Geld und Equipage nebst einem ehrlichen Abschied vom Regiment. Damit ich aber auch nicht vergesse, was das Papier zu bedeuten gehabt, welches ihm der Kerkermeister bei seiner Loslassung so sehr rekommandiert hatte, so war dieses ein Kondolenzschreiben von der Madame C.*, in welchem sie recht herzbrechende Worte gebrauchte und versprach, seinen und ihren ausgestandenen Schmerz, Verlust, Spott und Hohn mit dem Blut und Tod ihrer Feinde zu rächen, inmittels könne er für beigelegten Wechselbrief bei dem Kaufmann N. N. tausend Taler heben und sich in möglichster Stille nach R.* begeben, wo sie ihn, ehe Jahr und Tag vergingen, anzutreffen verhoffte, da sie denn ihre Treue und Erkenntlichkeit in Erwägung seines ihrethalber erlittenen schmerzlichen Verlustes ihm reichlicher zeigen wolle. Ich verschaffte also dem armen Fähnrich F. auch diese tausend Taler, wovon er mir eine ansehnliche Verehrung offerierte, allein ich nahm nichts an, sondern erwies ihm vielmehr noch die Gefälligkeit und ließ ihn in einem verdeckten Wagen unter hinlänglicher Eskorte über die Grenze dieses ihm so unglückseligen Landes bringen. Etliche Wochen hernach empfing ich Briefe von ihm, worin er aber, wie er schrieb, mit allem Fleiß den Ort seines Aufenthalts nicht melden wollte, indem dieses sein einziger Wunsch wäre, daß er von allen Menschen, die ihn vorher gesehen oder die er gekannt, nicht möchte erkannt oder gesehen werden. Anbei schickte er mir dennoch zweihundert Dukaten, welche ich, weil ich nicht wußte, wohin ich sie respedieren sollte, wider meinen Willen behalten mußte.« Die ganze Gesellschaft bezeigte nach geendigter Erzählung ein wundervolles Erstaunen und bekräftigte, daß dieser barbarische Hahnrei eine Rache nach italienischer Art ausgeübt, ungeachtet er kein Italiener gewesen, beklagten anbei den redlichen Fähnrich F., daß er sich nicht besser prospiziert und endlich wegen allzugroßer Sicherheit dergestalt unglücklich worden. »Es fällt mir«, sagte ein gewisser Kapitän, der mit in der Gesellschaft saß, »bei abermaliger Erwähnung der Italiener eine zum Teil etwas lächerliche Historie ein, die dem von B.*, welchen viele von uns kennen werden, vor ungefähr anderthalb Jahren in Italien passiert ist. Dieser läßt sich durch die charmanten Blicke, Präsente und Liebesbriefe einer ungemein schönen Kaufmannsfrau anlocken, ihr dann und wann, sooft ihr höchst eifersüchtiger Mann nicht zu Hause ist, eine Visite zu geben und ihr einen beliebigen Zeitvertreib zu machen. Hiervon aber mag der Mann Wind bekommen haben, zieht deswegen einige von seinem Gesinde mit Geschenken an sich, macht auch sonst alle gehörigen Anstalten, seine Frau mit dem von B.* zu belauschen und zu sehen, wie sie miteinander umgehen. Einmal gibt er vor, daß er mit der um Mitternacht abgehenden Post fortmüsse, allein, der Vogel schleicht sich wieder in sein Haus zurück und logiert sich neben seiner Frau Zimmer, wo er durch ein gemachtes Loch, so er verdecken kann, alle Aktionen seiner Frau zu betrachten vermögend ist. Diese läßt den von B.* mittags zu sich zu Gast laden und traktiert ihn aufs propreste, da denn der delikateste Wein und die trefflichen Konfitüren beide um soviel desto mehr instigieren, einander die zärtlichsten Karessen zu machen, bis endlich, nach aufgehobener Tafel, die Hauptursache ihrer Zusammenkunft vorgenommen werden soll. Beide machen es sich mit Ablegung der Oberkleider und sonst recht kommod, indem sie aber im Begriff sind, den Liebesstreit anzufangen, öffnet der abgünstige Mann die Tür, postiert sechs oder acht Banditen davor, welche ihre entblößten Degen und Mordmesser in Händen halten, tritt hierauf hinein ins Zimmer und spricht zu dem von B.*: ›Mein werter Herr! Es steht in meinem Hause alles zu Euren Diensten, ausgenommen meine Frau, die ich, wenn es möglich wäre, gern für mich allein behalten wollte; unterdessen, weil ich vernommen habe, daß Ihr einesteils unschuldig seid, indem sie Euch selbst hat rufen lassen, so will ich mein Hausrecht für diesmal auf die Seite setzen und keine Hand an Euch legen, sondern Euch die Freiheit lassen, ob Ihr Euch durch diese bewaffneten Kerls zur Tür hinausschlagen oder zu diesem großen Fenster, welches ich hiermit öffne, hinunter auf die Straße springen wollt?‹ Dem von B.* mögen allerdings wohl die Haare zu Berge stehen, denn sich durch so viele desperate, doppeltbewaffnete Banditen durchzuschlagen und lebendig davonzukommen, scheint eine unmögliche Sache zu sein, und einen solchen Sprung aus dem zweiten, sehr hohen Stockwerk zu wagen, ohne den Hals auf dem Steinpflaster zu stürzen, will ihm auch nicht in den Kopf; da jedoch der vertrackte Kaufmann kurze Resolution fordert, erwählt er das letztere, zumal da er etwas im Voltigieren getan, springt herunter auf das Steinpflaster, und zwar dergestalt glücklich, daß er keinen weiteren Schaden nimmt, als das Gelenk des rechten Fußes ein wenig verdreht; hierauf eilt er soviel als möglich sein will davon in eine Kirche, mischt sich unter das Volk, trifft einige von seinen guten Freunden und Landsleuten an, welche ihn an einen sicheren Ort bringen. Allda läßt er sich verbinden, befiehlt seinen Leuten, in größter Geschwindigkeit alle seine Sachen einzupacken und eine Extrapost zu bestellen, mit welcher er noch selbigen Abends in Begleitung einiger guter Freunde zu Pferde auf und davon reist, indem er befürchtet hat, der Kaufmann möchte etwa auf andere Gedanken geraten und ihm durch bestellte Banditen einmal plötzlich das Lebenslicht ausblasen lassen. Wie aber der Kaufmann mit seiner wollüstigen Frau umgegangen, solches hat er niemals in Erfahrung bringen können.« Es entstand unter der ganzen Gesellschaft über diese wunderliche Begebenheit ein nicht geringes Gelächter, und es wurden verschiedene Urteile darüber gefällt. Unter anderen mancherlei Gesprächen kam auch aufs Tapet, daß sich durch verbotenes Courtoisieren sowohl im Militär- als Zivilstand viele geschickte Mannespersonen glücklich gemacht, auch zu großen Mitteln und hohen Ehrenstellen geholfen hätten. Bei dieser Gelegenheit bat ein gewisser Leutnant, welcher in eines anderen großen Potentaten Diensten stand und nur gute Freunde zu besuchen bei diesem Regiment auf der Vorbeireise eingesprochen war, um Erlaubnis, eine kuriose und wahrhafte Geschichte zu erzählen. Als er nun von der sämtlichen Gesellschaft ersucht wurde, ihnen diese Gefälligkeit zu erweisen, fing er also zu reden an: »Als ich vor acht Jahren als Fähnrich in Z. auf Werbung stand, um sonderlich für meines Kapitäns Kompanie etwa zehn bis zwölf Rekruten anzuwerben, bekam ich auf listige Art einen schönen und wohlgewachsenen Menschen von ungefähr zwanzig Jahren, welcher seine Studien auf der Schule daselbst absolviert hatte und bei seinen Eltern nur auf etliche Taler Geld lauerte, um damit auf Universitäten zu gehen, womit ihm aber dieselben, weil sie wenig im Vermögen hatten, nicht alsobald helfen konnten. Eben dieses war wohl die meiste Ursache, daß er zwei Dukaten Handgeld und das Versprechen von mir annahm, daß er den ersten Fouriersplatz, so unter dem Regiment aufging, haben sollte. Allein, wie es gemeiniglich zu gehen pflegt, daß dergleichen Versprechen nicht gar zu genau gehalten werden, so traf es auch bei dem ehrlichen Merillo zu, denn er mußte über Jahr und Tag die Flinte tragen, führte sich aber dabei sehr wohl und gelassen auf, hielt sich in der Montur allezeit reinlich und überhaupt alle seine Sachen sehr ordentlich, frequentierte keine liederlichen Gesellschaften, sondern blieb lieber zu Hause, las in den Büchern, so er geborgt kriegen konnte, bemühte sich anbei, sonderlich die französische Sprache fertig reden und schreiben zu lernen, wie er denn auch dieselbe binnen kurzer Zeit fast vollkommen innehatte. Nach der Zeit, da er sich durch sein Schreiben einige Taler Geld erworben, mag ihm wohl auch ein Lüstchen ankommen, in Gesellschaft zu gehen; deswegen attachiert er sich stets an die Unteroffiziere und andere reputierliche Leute, welche ihn wegen seiner guten Aufführung und klugen Diskurse lieben und ehren. Nur ist das schlimmste, daß das Geld nicht immer zureichen will, denn die Löhnung langte nicht allzuweit; und nach einiger anderer Soldatenart auf Marode, oder besser zu sagen, stehlen zu gehen, war seiner noblen Ambition zuwider, deswegen mußte er sich nolens volens nach der Decke strecken und manche lustige Gesellschaft meiden. Bei seiner Wirtin, die eine stürmische, geizige Witwe und bereits etliche vierzig Jahre alt war, hatte er sich seit etlichen Wochen für empfangene Viktualien in ein paar Taler Schulden gesetzt, durfte sich also, wenn er nicht gemahnt sein wollte, nicht allzu wohl vor ihr sehen lassen, sondern kroch manchen Nachmittag auf den Heuboden, nahm ein Buch mit dahin und las so lange darin, bis ihn der Mittagsschlaf überfiel. Ich habe vergessen zu melden, daß wir damals schon, nach einem zurückgelegten Marsch von etlichen vierzig Meilen, bei unserem Regiment angekommen waren. Jedoch, die Geschichte fortzusetzen, wie mir dieselbe von dem Merillo umständlich erzählt worden, so schlummert er eines Tages auf gedachtem Heuboden abermals ganz süß; seine Frau Wirtin, die etwa ihr Heu besichtigen will, trifft ihn, und zwar in einer solchen Positur liegend an, die zwar ein junges Mädchen, keineswegs aber eine Frau von solchen Jahren zur Liebe reizen sollen. Merillo ermuntert sich zwar und merkt, daß sie vor ihm steht und ihn beschaut, jedoch aus Furcht, von ihr gemahnt und gescholten zu werden, bleibt er ganz still liegen und fängt an zu schnarchen als ein Ratz. Die verliebte Alte bleibt eine gute Zeit ganz entzückt zu seinen Füßen stehen, endlich, da sie vermeint, daß er in dem allerfestesten Schlaf läge, setzt sich ganz sanft an seine Seite, sucht dasjenige, was ihr Herz begehrt. Weil aber Merillo sich hierbei nicht ermuntern läßt und ihr die Zeit zu lang werden will, legt sich das verliebte alte Rabenfell auf ihn, liebkost und bittet ihn so lange, bis er ihr denjenigen Dienst leistet, den er, wenn er nur einige Taler im Vermögen gehabt, ihr vielleicht versagt hätte. Sie hat sich hierauf ungemein vergnügt und gütig gegen ihn erzeigt, ihm die Schuld erlassen und noch dazu etliche harte Taler in seine Tasche gesteckt, anbei versprochen, ihn täglich aufs beste zu traktieren und jederzeit mit benötigtem Geld zu versorgen, dafern er sie in Zukunft ferner vergnügen wolle. Merillo entschließt sich demnach, in einen sauren Apfel zu beißen, um delikate Bißchen zu haben und ein gutes Leben zu führen. Er führte sich weit sauberer in Kleidung und Wäsche auf als sonst, ging öfters in Gesellschaft, spielte auch dann und wann ein Spiel mit, welches vorher sein Werk nicht gewesen war; doch bei allem dem war er sehr akkurat in Versehung seiner Dienste und suchte sich beständig in der Gunst der Höheren zu erhalten, welches ihm denn erstlich die Korporals- und wenige Monate hernach die Fouriersstelle zuwege brachte. Damals gab er den anderen Unteroffizieren einen vortrefflichen Schmaus, der ihm mehr als dreißig Taler kostete, hatte es auch eben nicht weit von sich geworfen, als ihm einige railliert, wie nämlich er gewiß Frauenzimmerstipendien genösse. Niemand aber hätte auf seine unscheinbare Wirtin gedacht und geglaubt, daß bei derselben die Liebe den Geiz überwunden hätte. Allein, die Alte gab alles her, was er von ihr verlangte, beide aber trieben ihr geheimes Liebesspiel so lange, bis sie einmal von der Tochter beschlichen und in voller Arbeit angetroffen worden. Da sich nun die Tochter untersteht, der Mutter wegen ihres unzüchtigen Lebens einen Verweis zu geben, wird das gute, ehrliche Mädchen von der erzürnten Mutter dergestalt mit Schlägen traktiert, daß sie in etlichen Tagen nicht aus dem Bett kommen, mithin, ihrer Bedrohung nach, dem Beichtvater nicht anzeigen kann, was sie mit ihren Augen gesehen. Mutter und Tochter versöhnen sich zwar bald wieder, allein, in wenig Tagen geht der Streit und das Drohen der Tochter von neuem an, bald hernach aber wird das Mädchen frühmorgens in ihrem Bett tot gefunden und unter dem Vorwand, daß sie an einem Schlagflusse gestorben, in aller Stille begraben. Merillo schöpft hierüber arge Gedanken und mutmaßt aus verschiedenen Umständen, daß die Mutter ihre Tochter vielleicht durch Gift von der Welt gebracht, um das Liebesspiel desto sicherer zu treiben. Demnach bekommt er einen heftigen Ekel und Abscheu von diesem alten Fell und sinnt auf Gelegenheit, sich mit guter Manier aus den Fesseln derselben zu reißen. Hierzu ereignete sich nun dieses angenehme Mittel: Das alte Weib hatte von ihrem zusammengescharrten Geld tausendzweihundert Stück Kremnitzer Dukaten in ihrem Speisegewölbe in die Erde gesetzt. Merillo kommt ihr von ungefähr hinter die Schliche und merkt das Fleckchen; einige Tage hernach aber nimmt er diesen Schatz heraus und vergräbt denselben an einem anderen, ihm gelegeneren und sicheren Ort, läßt sich aber nichts merken, sondern stellt sich, als ob er immer ärmer und geldbedürftiger würde, ja, er macht sich gar unpäßlich, um der Aufwartung bei seiner alten Sara überhoben zu sein. Diese wartet und pflegt ihn aufs beste, um seine Kräfte wieder herzustellen; eines Tages aber kommt sie unversehens als eine höllische Furie, mit zerrauften Haaren und gräßlichem Zetergeschrei in seine Stube gelaufen und stellt sich nicht anders an als ein Mensch, das ganz von Sinnen kommen will. Merillo stellt sich ungemein erschrocken an und fragt, was ihr denn Leides widerfahren sei? Worauf sie ihm mit allen Umständen klagt, daß ihr ihr größtes Kapital, an tausendzweihundert Stück Dukaten, weggenommen worden, auch hinzufügt, er und kein anderer müsse es entführt haben, deswegen möchte er es nur bekennen, weil sie ohnedem gesonnen gewesen, dieses Geld mit ihm zu verzehren. Merillo versucht anfänglich, ihr diesen Wahn in Güte zu benehmen, ermahnt sie auch, vorher recht zu suchen, weil sich das vergrabene Geld öftermal zu verrücken pflegte; da sie aber nicht nachläßt, ihm diesen Raub auf den Kopf Schuld zu geben, fährt er plötzlich mit anderen Worten heraus und spricht: ›Du alte Bestie! Kannst du mir so wohl beweisen, daß ich dich bestohlen habe, als ich dir dartun will, daß du, um deine Geilheit desto sicherer auszuüben (wozu du mich sozusagen bei den Haaren gezogen hast), eine Mörderin an deiner einzigen Tochter worden bist? Warte, warte‹, spricht er ferner, ›ich will dich altes Luder bald in Schindershänden sehen, weil du mich als einen ehrlichen Unteroffizier zum Dieb machen willst.‹ Hiermit springt er auf, zieht seine Kleider an und will zum Hause hinausgehen; allein, die Alte, welcher das Gewissen schlägt, fällt zu seinen Füßen und bittet mit Tränen, ihr kein Unglück über den Hals zu ziehen, sie wolle gern alles vergessen und, ob sie gleich an dem plötzlichen Tod ihrer Tochter unschuldig, ihm doch noch hundert Taler schenken, nur daß sie durch ihn nicht in bösen Verdacht und Nachrede gesetzt würde. Merillo läßt sich nach langem Weigern endlich besänftigen, nimmt die hundert Taler noch mit und verspricht, ihr weder Gutes noch Böses nachzureden, geht zum Haus hinaus, läßt seine Sachen durch ein paar Musketiere nachholen, und kommt nachher nicht wieder zu ihr, erfährt aber wenig Wochen hernach, daß sie an einem hitzigen Fieber in größter Raserei dahingestorben sei. Solchergestalt könnte er sich nun seines erworbenen Geldes etwas freier bedienen, doch fing er seine Sache recht klug an, indem er vorgab, es wäre in seiner Heimat ein naher Anverwandter von ihm gestorben, welcher ihm zu seinem Avancement unter der Miliz ein ziemliches Kapital vermacht hätte. Nebst seiner guten Aufführung machten die geheimen Spendagen, daß er bald hernach Feldwebel wurde, da er sich denn so galant als der beste Oberoffizier aufführte. Er besuchte den Fecht- und Tanzboden fleißig, zeigte viel Courage; seiner guten Conduite wegen waren ihm aber auch diejenigen gewogen, welche einesteils Ursache gehabt hätten, ihn zu beneiden und sich feindselig gegen ihn zu erzeigen. Wegen seiner propren Aufführung und wohlgebildeten Person nun verliebte sich ein Kammerfräulein einer gewissen vornehmen Dame, die als Witwe in der Stadt lebte, wo wir in Garnison lagen, in unseren Merillo. Ich will die Dame bloß Livicarda und das Kammerfräulein Rosinde nennen. Diese Rosinde kann nicht ruhen, bis sie mit Merillo zu sprechen kommt. Es geschieht endlich dieses durch Vermittlung einer alten Frau zum erstenmal, als von ungefähr, in einem Garten. Beide Personen gefallen einander, werden deswegen ihres verliebten Krams bald einig, worauf denn Merillo von seiner Geliebten einmal um Mitternachtszeit in ihrer Gebieterin, der Livicarda Palast, ja sogar in ihre Schlafkammer geführt wird, wo sie im größten Vergnügen eine Bouteille Wein und allerlei Sorten von Konfekt miteinander verzehren. Indem sie sich aber anschickten, die allersüßeste Kost der Liebe zu genießen, öffnet sich ganz plötzlich die Tür, welche Rosinde zuzuschließen vergessen. Livicarda kommt selbst hineingetreten und spricht: ›Siehe da! Ihr artigen Herzchen, trifft man Euch also hier beisammen an? Beschimpft Ihr solchergestalt meinen Palast? Rosinde! Wollt Ihr schon Euren Jungfernkranz durch einen Soldaten zerreißen lassen? Und Ihr!‹, so redete sie den Merillo an, ›wer seid denn Ihr? Ich bitte um Vergebung nur deswegen, daß ich Euch ein standesmäßiges Bad kann zubereiten lassen. Tragt Ihr nicht mehr Respekt für eine solche Dame, wie ich bin, als daß Ihr Euch untersteht, eine von Ihren Fräuleins zu schänden?‹ Merillo will zwar seine Verantwortung und untertänigste Bitte um Gnade vor Livicarda kniend verrichten, doch dieselbe hört ihn nicht, sondern ergreift Rosinde beim Arm und schleppt sie aus der Stube, verriegelt dieselbe und spricht, er solle nur Geduld haben, sie wolle ihm etwas anderes weisen. Daß dem guten Merillo nicht allzuwohl bei der Sache gewesen sein müsse, ist leicht zu glauben; er hatte die Fenster betrachtet, um herunterzuspringen, allein, sie sind zu hoch und dazu mit eisernen Stäben verwahrt, auch ist die Tür dergestalt befestigt, daß er sie nicht aufbrechen kann. Ob nun zwar sein Verbrechen keine Todsünde war, so wollte ihm doch schon im voraus von einer scharfen Züchtigung und starken Prostitution träumen, deswegen blieb er über eine Stunde lang in den allerängstlichen Sorgen und Bekümmernissen sitzen; nach Verlauf derselben aber stellt sich die zwar sehr schön, doch dabei sehr zornig aussehende Livicarda wieder ein und redet ihn mit folgenden Worten an: ›Wohlan, frevler Soldat! Hier außen vor meiner Tür stehen vier bewehrte Knechte, getraut Ihr Euch mit Eurem Degen durchzuschlagen, so wagt Euch hinaus; die Türen meines Palastes sind geöffnet, daß Ihr weiterkommen könnt.‹ Merillo fällt abermals zu ihren Füßen, bittet um Gnade, stellt vor, es würde ja einer solchen irdischen Göttin, welcher lauter Güte und Barmherzigkeit nebst anderen unaussprechlichen Annehmlichkeiten aus den Augen leuchteten, eben nicht mit einer Handvoll seines Blutes gedient sein; zudem wäre ja das Verbrechen, wozu ihn die hitzige Jugend verleiten wollen, noch nicht vollführt worden, worauf Livicarda mit einer etwas gnädigeren Miene spricht: ›Rosinde hat mir bereits gestanden, wieviele Male ihr Unzucht miteinander getrieben habt; werdet Ihr nun auch in diesem Stück die reine Wahrheit bekennen, damit ich höre ob Eure Reden übereintreffen, so soll Euch dennoch ein Teil meiner Gnade angedeihen.‹ Merillo bekräftigt demnach mit teuren Schwüren, daß dieses ihre erste geheime Zusammenkunft wäre, und setzt noch hinzu, daß er sich zeitlebens noch mit keinem Frauenzimmer fleischlich vermischt habe. Hierauf erkundigt sie sich wegen seiner Charge, Herkommens und anderer, seine Person betreffenden Umstände, und da er sie dessen allen mit wohlgesetzten Worten und manierlichen Gebärden berichtet hat, sagt sie endlich mit lachendem Mund: ›Ich glaube Euch alles, wohl nur daran zweifle ich, daß Ihr noch ein reiner Junggeselle seid.‹ Dieses nun versicherte Merillo nochmals mit den kräftigsten Worten, worauf Livicarda mit einer verliebten Miene spricht: dergleichen Wildbret wäre etwas rares und viel zu delikat für ein armes Fräulein; wo mich mein Spiegel nicht betrügt oder ich mir nicht selbst schmeichle, so hielte ich mich fast um ein gut Teil wohlgebildeter als meine Rosinde. Wie gefiele Euch demnach der Tausch, Merillo, wenn Ihr anstatt Rosinde mich karessieren dürftet?‹ ›Madame!‹ antwortete Merillo, ›Sie suchen vielleicht ein Wort von mir herauszulocken, welches mir das Leben kosten soll; doch muß ich bekennen, daß mir dergleichen übermenschliche Schönheit, wie die Ihrige ist, Zeit meines Lebens noch nicht vor Augen gekommen; ich aber bin ein Wurm gegen Dero unvergleichliche Person und genieße mehr als zuviel Glück, wenn ich nur den Staub zu Dero Füßen küssen darf.‹ ›Eurer Gestalt und Geschicklichkeit nach‹, versetzte Livicarda, wäret ihr würdig, ein geborener Prinz zu sein; dem ohngeachtet aber, wo Ihr vernünftig lieben und schweigen könnt, so steht Euch bei mir dasjenige Vergnügen offen, welches Ihr diese Nacht bei Rosinde zu finden verhofft habt; sagt demnach kurz Eure Meinung und was Ihr Euch selbst zutraut.‹ Bei so gestalten Sachen hielt Merillo mit der Resolution nicht lange zurück, sondern gab die Livicarda wohlgefällige Erklärung mit zitternder Freude von sich, worauf sie ihm selbst den ersten Kuß gab, ihn nach einigen verliebten Tändeleien bei der Hand nahm und eine Treppe hinunter in ihr Schlafzimmer führte, wo er auf den gehabten Schrecken erst einen guten Trunk von einer köstlichen Herzstärkung tun, hernach sich commode machen und bei Livicarda, ihrer Meinung nach, die ersten Proben seiner Tapferkeit im Venuskrieg ablegen mußte. Er hat mir«, sagte der Leutnant, »teuer zugeschworen, daß ihm damals tausendmal besser um die Leber gewesen, als bei seiner alten Wirtin auf dem Heuboden; allein, er hätte solches eben nicht nötig gehabt, denn ich konnte es ohnedem wohl glauben, sowohl als dieses, daß beide keinen Schlaf in ihre Augen kommen lassen, bis endlich der anbrechende Tag erinnert, daß es Zeit sei, voneinander zu scheiden; da ihm denn Livicarda die Verschwiegenheit nochmals bei Verlust seines Lebens eingebunden, diese erste Visite mit einer guten Handvoll Dukaten, die sie ihm in den Hut gelegt, belohnt, auf folgende Nacht seine Wiederkunft durch eine kleine Gartentür, die sie ihm bezeichnet, verlangt, und also diesen wohlbestellt befundenen Venusritter fortwandern läßt. Solchergestalt hatte sich nun Merillo das gestörte Liebesvergnügen bei Rosinde gar nicht gereuen lassen, dieses arme Mädchen aber hat selbige Nacht ihre heiße Liebesglut in einem kalten Gewölbe abkühlen müssen; folgenden Morgens aber ist sie in einen zugemachten Wagen gesetzt und sechzehn Meilen von dannen zu den Ihrigen geführt worden, weswegen denn Merillo dieselbe nach der Zeit nicht wieder zu sehen bekommen. Livicarda lebte, wie ich bereits gemeldet, als eine Witwe, indem ihr Gemahl, mit dem sie kaum zwei Jahre in einer sehr vergnügten Ehe gelebt, an einem Blutsturz nur etwa vor einem halben Jahr plötzlich gestorben war. Sie war sehr schön, ihres Alters ungefähr einundzwanzig bis zweiundzwanzig Jahre, dabei stark bemittelt; es hatten sich zwar schon verschiedene Freier bei ihr antragen lassen; allein, sie mochte bei jedem etwas auszusetzen haben, indem sie sehr eigensinnig war; weil sie jedoch sehr propre und delikat lebte, konnten die wollüstigen Liebestriebe wohl unmöglich außenbleiben, deswegen suchte sie sich insgeheim zu vergnügen; vor den Leuten aber wußte sie sich dergestalt zu verstellen, daß man hätte glauben sollen, es wäre ihr an nichts weniger als an dem Venusspiele gelegen, wie sie denn auch noch niemals gesegneten Leibes gewesen war; allein, die öfteren Umarmungen des munteren Merillo verursachten, daß sie binnen wenigen Wochen bei sich verspürte, wie sie zwei Lebern im Leibe hätte. Es stiegen ihr deswegen verschiedene Grillen in den Kopf, doch alles dieses gibt der Liebe zu dem Merillo nicht den geringsten Stoß, welches er daraus abmerken konnte, da sie ihm immer eine starke Geldsumme über die andere in die Taschen steckte, welches er denn nicht übel anlegte, sondern vermittels desselben erst die Fähnrichs- und etwa drei oder vier Monate hernach die Leutnantsstelle erhielt, auch einen kavaliermäßigen Staat führte. Mittlerweile wird ihrer beider Liebe und die nächtlichen Zusammenkünfte dergestalt geheim praktiziert, daß kein Mensch das geringste davon erfährt; da aber die Zeit ihrer Niederkunft immer näher herbeikommt, tritt sie eine Reise in ein anderes Königreich an. Merillo erlangt zu gleicher Zeit Urlaub, auf etliche Monate in seine Heimat zu reisen, also kommen sie beide an einem bestimmten Ort zusammen, wo Livicarda ihre Bagage und übrigen Bedienten zurückläßt, weiter aber niemand mit sich nimmt als eine einzige vertraute Frau und ein getreues Mädchen, die von Jugend auf bei ihr erzogen worden. Merillo, der sich Wagen und Pferde, ingleichen zwei fremde Bediente angeschafft, führt sie also etliche fünfzig Meilen weit in das fremde Land hinein, solange bis der junge Merillo sich zu stark regt und das fernere Reisen verhindert. Indem sich nun beide Verliebte für ein Paar Eheleute ausgeben, wird das Kind, nachdem es frisch und gesund zur Welt gekommen, in einem Dorf getauft. Livicarda pflegt daselbst drei bis vier Wochen ihre Gesundheit, nach diesen lassen sie die alte Frau mit dem Kind in besagtem Dorf und begeben sich wieder auf die Rückreise. Merillo begleitet sie bis nahe an den Ort, wo sie ihre Suite zurückgelassen, sodann geht er, genommener Abrede nach, abermals zurück und nimmt das Kind nebst der alten Frau und einer tüchtigen Amme mit sich nach Deutschland, bringt es zu guten Leuten zur Auferziehung, mit dem Begehren, daß es als ein adeliges Kind traktiert und besorgt werden solle; hierzu deponiert er vorerst fünfhundert Taler, indem er von Livicarda noch einmal soviel empfangen hatte, und verlangt, daß man ihm wenigstens alle Monate einmal von des Kindes Zustand Rapport abstatten soll. Seinen Eltern gibt er bei dieser Gelegenheit auch eine Visite, sagt ihnen aber von der Vermehrung ihres Geschlechtes nicht das geringste; da aber dieselben sich über sein jähes Avancement zum höchsten verwundern, gibt er bei ihnen vor, er sei einmal des Nachts von einem Gespenst aufgeweckt worden, welches ihm anbefohlen, gleich aufzustehen und mitzugehen, weil er in dieser Nacht denjenigen Schatz heben könne, welcher ihm beschert sei, widrigenfalls würde dieser Schatz nach sieben Jahren einem anderen zuteil werden. Er als Soldat habe demnach das Herz gefaßt und wäre dem Gespenst gefolgt, welches ihm den Schatz frei und sicher heben und hinwegtragen lassen, auch weiter nichts von ihm verlangt, als daß er jährlich auf diesen Tag, zum Gedächtnis des gehobenen Schatzes, sein Hemd ausziehen und dasselbe einem armen Menschen geben solle. Ich weiß nicht mehr zu sagen«, sprach hier der Leutnant, »was er seinen Eltern und Befreunden noch mehr für Wind vorgemacht, denn es fehlte ihm niemals an geschickten Einfällen. Er läßt aber ein gutes Stück Geld selbst zu Hause, wogegen ihm liegende Güter verschrieben werden, den usum fructum aber schenkt er seinen Eltern, bis er nach gebüßter Soldatenlust wieder nach Hause käme. Nachdem er nun die Sachen in seiner Heimat gehörig eingerichtet, verkaufte er die Kutsche und die Pferde bis auf drei tüchtige Reiterklepper, gab den ausländischen Bedienten eine raisonable Belohnung, schenkte ihnen die Livree, die sie nur wenige Wochen getragen, mit auf den Weg, nahm sich einen Reitknecht aus seiner Vaterstadt an, der ihn zugleich als Lakai bedienen konnte, und reiste, nachdem seine Urlaubszeit beinahe verflossen war, wieder zum Regiment. Das Liebesspiel mit Livicarda fing er also aufs neue an, jedoch muß er auf ihr banges Zureden mehr Behutsamkeit als anfänglich gebrauchen, weilen ihr ungelegen, dergleichen Fatiguen so bald wieder auszustehen und einen solchen Hazard zu wagen, der vielleicht nicht so glücklich ausschlagen dürfte als der erste. Solchergestalt war nun Livicardas Trauerzeit, und zwar noch ein großer Teil drüber, auf eine ganz plaisante Art verbracht. Es melden sich zwar, wie schon gedacht, verschiedene standesmäßige Freier, es muß aber einer nach dem anderen mit einem Korb abziehen, weil sie vielleicht von keinem unter allen vermuten können, daß er so geschickt sei, sie zu vergnügen, als Merillo. Endlich kommt ein junger feiner Herr namens Ch.* mit seiner Werbung bei Livicarda angestochen, zu diesem bekommt dieselbe Appetit, weil er dem Merillo an Jahren, Gestalt und galantem Wesen ziemlich zu gleichen geschienen, an Reichtum aber übertraf er fast die Livicarda selbst; allein, sie will dennoch nicht eher zuschlagen, bis sie vorher ihren Trampelgalan mit guter Manier abgeschafft hat. Merillo, welcher zwar vor wie nach seine Aufwartung noch bei Livicarda machen muß, merkt jedoch gar bald, daß er, nur um ihre Brunst zu löschen, Notknecht sein müsse, indem er nicht des zehnten Teils mehr so zärtlich traktiert und karessiert wird als vorher. Deswegen fängt er an, sich einigermaßen über ihre Kaltsinnigkeit zu beklagen und ihr vorzurücken, daß sie vielleicht seiner überdrüssig sein müsse, indem sie gemeiniglich nach vollbrachtem Liebesspiel einen besonderen Ekel gegen seine Person spüren ließ; worauf Livicarda freimütig bekennt, daß sowohl das Staats- als ihr eigenes Interesse erforderte, die Anwerbung des Herrn G. von Ch.* nicht auszuschlagen, sondern ihm die eheliche Hand zu geben; deswegen würde er, Merillo, sie nicht verdenken, wenn sie sich gewöhnen müßte, sich seiner nach und nach zu enthalten; inzwischen würde sie das mit ihm genossene Liebesvergnügen beständig in geneigtem Andenken behalten und allezeit eine gute Freundin von ihm verbleiben. ›Wohl gut, Madame!‹ sagt Merillo mit einer etwas ernsthaften Stimme und Miene, ›ich muß mir gefallen lassen, meine Glückseligkeit und Vergnügen, zu welchem ich plötzlich und unverhofft gelangt, auch plötzlich und unverhofft wiederum zu quittieren, schätze mich auch verbunden, für Dero Interesse mehr als mein Vergnügen aufzuopfern und bin bereit, das letzte Adieu von Ihnen zu nehmen; doch bitte nur vorher von Ihnen Ordre aus, ob die Frucht Ihres Leibes zum bürgerlichen oder adeligen Stande erzogen werden soll.‹ Sie läßt durch Gebärden nicht undeutlich spüren, daß sie sich über diese Reden alteriert, geht aber, nachdem sie ihn noch ein wenig warten heißen, in ein Nebenzimmer und kommt erst nach Verlauf einer halben Stunde wieder zurück. Da sie denn mit einer negligenten Miene zu ihm spricht: ›Ich bin jetzt nicht im Stande, Euch zu kontentieren. Geht diesesmal hin, ich will Euch bei nächster Zusammenkunft in allem Satisfaktion geben.‹ Er macht sein Kompliment und geht ziemlich trotzig seiner Wege, ist aber kaum drei oder vier Schritte von der Gartentür hinweg, als er in der dicken Finsternis, und zwar in einem Tempo, zwei Stiche, einen von vorne in die rechte Schulter, den anderen durch die linke Weiche bekommt. Er tut einen Sprung auf die Seite, zieht seinen Degen, um bei weiterer Attacke einen seiner Feinde mit in den Tod zu nehmen, da er aber vermerkt, daß dieselben davonlaufen, hält er es nicht für ratsam, größeren Lärm zu machen, sondern schleicht in aller Stille nach seinem Quartier, läßt einen Feldscher kommen und sich verbinden. Etliche Tage sah es sehr schlimm mit ihm aus; jedoch weil keine Hauptteile im Unterleib verletzt waren, wurde er in wenigen Wochen vollkommen restituiert. Inmittels erfuhr er, daß Livicarda ehesten Tages mit dem G. von Ch.* Beilager halten würde, deswegen trieb ihn der heftige Kummer an, folgende Zeilen an Livicarda zu schreiben: Geht diesesmal hin, ich will Euch bei nächster Zusammenkunft in allen Satisfaktion geben. Madame! Dieses waren die letzten Worte, so ich neulich von einer vornehmen Dame hören mußte, die mich ehedem sehr öfters kommen, aber niemals weggehen heißen. Doch Glück, Glas und die Liebe eines vornehmen Frauenzimmers gegen eine Mannsperson geringeren Standes zerbricht gar leicht, und also bewundere ich nichts, als daß Dero heftige Brunst von so langer Dauer sein und durch mein unermüdetes Bemühen nicht eher als jetzt gelöscht worden. Jedoch, was will ich von Löschen sagen, da vielleicht die Glut dermalen durch den Anblick eines vierschrötigen Landsmannes noch heftiger angeblasen worden, von welchem etwa präsumiert wird, daß er seine Rebus besser machen werde als ein politer Deutscher. Demnach verwundere ich mich auch nicht, daß ich meinen Abschied von Ihnen bekommen; nur wundert mich, daß, da beschlossen gewesen, mir das Lebenslicht ausblasen zu lassen, Sie keine geschickteren Meuchelmörder, sondern solch feige Kanaillen choisiert haben, welche die rechten Fleckchen nicht zu treffen gewußt, sondern, nachdem sie ihre Stöße mit selbsteigener Angst und Zittern angebracht, sich, sobald sie nur meinen Degen aus der Scheide fahren hörten, auf die Flucht begaben. War denn etwa dieses, Madame, die versprochene Satisfaktion? Sollte dieses der Rekompens für meine oft über die Gebühr angespannten Kräfte sein? Sollte solchergestalt das kostbare Geheimnis erstickt und keinem Menschen kundgemacht werden, ob der arme kleine Livicardomarillus vom Himmel gefallen oder hinter dem Zaun gefunden sei, mithin dieses unschuldige Kind zu einer Waisen gemacht werden? Ja, ja! Ich besinne mich, die Staatsraison hat solches absolutement erfordert. Doch nein, Madame, das Militärleben ist vermögend, einem bürgerlichen Körper ein adeliges Herz einzupfropfen; ob es aber zwar gleich keine Heldentat ist, dergleichen Cameralia, als wir eine Zeit dabei miteinander traktiert, auszuplaudern, so wird doch hoffentlich die galante Welt, in Betrachtung meiner ausgestandenen Fatiguen, mir nicht verdenken, wenn ich auf Mittel sinne, meinen Hohn zu rächen; welches wohl ich unterlassen, wenn man nicht versucht hätte, mich auf eine so liederliche Art ums Leben zu bringen. Demnach kündige ich Ihnen, Madame, meine vorgesetzte Rache an, wobei ich meinen Körper tausend Gefährlichkeiten exponiere, jedoch garantiere, daß, ob auch mein Körper in tausend Stücke zerteilt würde, dennoch keine menschliche Gewalt vermögend sein soll, die Publikation des Geheimnisses zu verhindern, welches zur Zeit noch meines Wissens niemandem als uns beiden bekannt ist, denn es liegt bereits mit allen akkuraten Umständen, der ganzen Welt zur Nachricht aufgeschrieben, an einem sicheren Ort, welches ich darum getan habe, weil ich nicht weiß, ob ich vor meinem Ende noch im Stande sein möchte, solches mündlich publik zu machen. Zwar glaube ich nicht, daß mein vertrauter Umgang mit Ihnen Dero hohem Stande eben so gar sehr despektierlich sein kann, weil ein braver Soldat ebensowohl von Adam und Eva herstammt als eine Staatsdame hiesigen Landes. Vielleicht ist auch der Herr G. von Ch.* eben so ekel nicht, daß er nach Vernehmung dieser Liebesbegebenheit, Dieselben nicht ebenso feurig, als Sie sich unfehlbar schon im Geiste vorstellen, embrassieren sollte, wo er ja die Probe nicht bereits abgelegt. Dem sei aber wie ihm sei, so will doch ich erst eine mit Pulver, Blei und Blut geschriebene Protestation wider das fernere Verfahren einlegen, um wegen meines meuchelmörderischerweise abgezapften, unschuldigen Blutes Revanche zu nehmen. Solches meldet Ihnen zur dienstlichen Nachricht der beherzte Merillo.« »Man muß bekennen«, sagte ein dabeisitzender Offizier, »daß dergleichen Schreiben vermögend ist, entweder ein Frauenzimmer in Furcht oder wohl gar in die ärgste Desperation zu setzen.« »Bei Livicarda«, versetzte der erzählende Leutnant, »mag sich unfehlbar beides ereignen, jedoch sie bedient sich der Verstellung; denn da Merillo eines Tages auf dem großen Platze vor ihrem Palais herumspaziert und wegen seiner in den Gurt gesteckten Pistolen mutmaßen läßt, als ob er auf dem G. v. Ch.*, der eben damals von Livicarda traktiert wurde, lauerte, schickt sie eine ihrer Getreuen an ihn ab, läßt ihm eine ziemliche Summe Geldes bieten, wenn er sie ferner ungekränkt lassen und sich gar von dannen hinweg in andere Dienste begeben wolle; anbei läßt sie versprechen, sich noch selbigen Abends in einem Schreiben wegen des auf sie gelegten Verdachts, den Meuchelmord betreffend, zu entschuldigen, und ihm bessere als vermeinte Satisfaktion zu geben. Dieser stellt sich anfänglich ziemlich spröde, weil aber dennoch seine Absichten bloß allein auf das Geld gerichtet sind, verspricht er endlich, die Satisfaktionspunkte in seinem Quartier zu erwarten, begibt sich also, nachdem er vor Livicardas Palais ein Pistol in die Luft geschossen, in sein Quartier. Von ungefähr fügte sichs, daß ich nebst noch einem Offizier durch solche Straße spazierte, weil wir nun den Merillo im Fenster gucken sahen und wußten, daß er öfters lieber ein paar gute Freunde auf der Stube hatte, als in starke Kompanien ging, trafen ihn aber sehr konsterniert und kaltsinnig an. Doch weil sich bekannte Offiziere untereinander nicht viel hieran zu kehren pflegen, so machten wir beide auch diesmal uns keine Sorge daraus, setzen uns nieder, spielten ein l'Hombre und rauchten eine Pfeife Tabak dabei. Merillo stellte sich, da es Abend zu werden begann, etwas unpäßlich und schläfrig an, allein, mein Kamerad, der etwas lustigen Geistes war, sagte: ›Herr Bruder! Du magst im Ernst krank oder schläfrig sein, so gehe ich doch vor Mitternacht nicht vom Fleck.‹ Wie er demnach sah, daß es nicht anders war, stellte er sich etwas aufgeräumter. Ungefähr um zehn Uhr nachts aber kam sein Bedienter und meldete, daß zwei Personen da wären, welche etwas an ihn zu überbringen hätten. Deswegen sprach Merillo zu mir: ›Messieurs, seid von der Güte, nehmt ein Licht und geht nur auf einige Minuten in dieses Nebenzimmer, weil ich nur noch etwas zu negotiieren habe, wovon ich Euch nachher Part geben will.‹ Wir weigerten uns nicht, dieses zu tun; weil ich aber neugierig war zu sehen, was passierte, guckte ich durch das Schlüsselloch und wurde gewahr, daß sein Diener zwei Weibspersonen hineinbrachte, von welchen die eine einen schwer angefüllten Korb trug und von einer sogenannten wohlbewußten Person einen Gruß wie auch ein Schreiben brachte, anbei den Merillo bat, er möchte von der Güte sein und seinen Diener bis an die Ecke der Straße gegen den Markt zu schicken, weil zwei Weiber unterwegs wären, die das Beste trügen, sich aber vielleicht verirren könnten; dieser schickte also seinen Diener mit der Laterne fort, trat zum Licht und erbrach den empfangenen Brief; inmittels half eine der anderen, den Korb auf die Erde zu setzen, welcher, wie wir hernach befanden, mit etlichen wohlversiegelten Kästlein, worin lauter Sand befindlich, unten aber mit Steinen beschwert war. Da dieses geschehen, zogen sie eine seidene starke Schlinge hervor, warfen dieselbe dem Merillo mit größter Geschwindigkeit über den Kopf um den Hals, rissen ihn zu Boden, so daß er sich kaum regen, vielweniger um Hilfe rufen konnte. Es ist leicht zu erachten, daß mein Kamerad und ich nicht lange gezaudert haben, dem ehrlichen Merillo in seinen Todesnöten beizuspringen. Ich kam eben noch zur rechten Zeit, demjenigen Stoße Einhalt zu tun, welchen die eine Verteufelte mit einem Dolch in seine Brust tun wollte; indem ich nun bemüht war, dieselbe zu entwaffnen, wollte mein Kamerad dem gurgelnden Merillo die Schlinge vom Hals machen, bekam aber darüber von der anderen Bestie einen Dolchstich ins Gesäß und hatte also Ursache, dem Himmel zu danken, daß sie seines hohlen Leibes verfehlt. Ich wurde es sobald als er selbst gewahr, zog deswegen sofort meinen Degen und hieb ihr die Hand, worin sie den Dolch führte, vom Leib, so daß beides zu ihren Füßen fiel. Der anderen setzte ich gleichfalls etlichemal über den Kopf, ins Gesicht und über die Hände. Da nun mittlerweile mein Kamerad dem ehrlichen Merillo die Schlinge abgemacht und es dahin gebracht, daß er wieder Luft schöpfen und die Augen öffnen konnte, stießen wir beide Kanaillen zu Boden, banden ihnen selbst Hände und Füße so fest als möglich zusammen, befanden aber, daß das eine zwar eine Weibs-, das andere aber eine Mannsperson war. Wir ließen die beiden Mordbestien liegen und strampeln, den ohnmächtigen Merillo aber trugen wir auf sein Feldbette, da ihn denn mein Kamerad den Hals und das Gesicht mit Franzbranntwein rieb, dessen er kaum eine halbe Stunde vorher eine ganze Bouteille voll holen lassen; ich aber trat an ein Fenster und rief dessen ausgeschickten Diener mit lauter Stimme, allein, ich hätte lange rufen mögen, denn derselbe war ebenfalls von etlichen Straßenräubern überfallen, zu allem Glück aber von der dazukommenden Patrouille noch errettet und in die Corps de Garde gebracht worden. Solches erfuhren wir von einem die Wacht habenden Soldaten, welchem ich befahl, daß er augenblicklich einen von seinen Kameraden, den nächsten, den liebsten, aufsuchen und ihn sogleich zu uns schicken sollte: Es währte keine drei Minuten, so stellte sich einer ein, dem wir ein Paar geladene Pistolen gaben, um dafern er etwa auf der Straße von Mördern angegriffen würde, sich damit zu wehren, nur aber ohne Zeitverlust einen Feldscher herzubringen. Er kam nebst dem Feldscher eiligst wieder, demnach wurde dem ehrlichen Merillo vor allen anderen Dingen eine Ader geschlagen und etwas Arznei eingeflößt, worauf er sich wieder besinnen, auch einige Worte sprechen konnte. Mein Kamerad ließ sich auch nach seiner Wunde sehen, es wurde aber dieselbe wohl etwas tief, aber doch nicht gefährlich befunden. Die beiden Meuchelmörder wurden gleichfalls verbunden, und unser Soldat mußte sie bewachen, der Feldscher aber und ich bewachten unsere beiden Patienten, welche wir in das Nebenzimmer zur Ruhe gebracht hatten. Frühmorgens befand sich unser Merillo ziemlich besser, da aber der Feldscher weggegangen war, um einige Medikamente zu holen, dankte er uns aufs verbindlichste für die Rettung seines Lebens, sagte anbei, wir, seine Schutzengel, müßten gewiß durch eine besonders gnädige Fügung des Himmels ihm zugeschickt worden sein, da er doch nicht leugnen könnte, daß er gestrigen Abend wegen ein und anderer Grillen lieber allein zu sein gewünscht; wo er aber allein gewesen, würde er sich nunmehr unfehlbar schon im Reich der Toten befinden. Nach diesem, weil er merkte, daß aus dem gefundenen und mit Livicardas Namen unterschriebenen Brief uns ein und anderes von seinen Liebeshändeln müsse bekanntworden sein (denn ungeachtet dieser Brief, unter dessen Durchlesung ihm die Kehle bald zugeschnürt worden war, ziemlich mit Blut besudelt, er doch noch ziemlich leserlich), so erzählte er uns Verschiedenes von seinen Aventuren, bat sich aber hierbei noch zur Zeit unsere Verschwiegenheit aus und versprach dagegen, für redlich geleistete Hilfe und Lebensrettung uns eine ansehnliche Diskretion zu verschaffen.« »Ei, Herr Leutnant!« fragte der Obriste Svv., »wie lautet denn der an Merillo von Livicarda geschriebene Brief ungefähr?« »Ich habe denselben«, versetzte der Leutnant, »gleich in der ersten Nacht abgeschrieben, sowohl als die anderen, welche mir Merillo kommuniziert und dabei erlaubt hat, seine Aventuren, die er mir nachher weit umständlicher erzählt, in bisheriger Form zu Papier zu bringen. Livicardas Brief aber, den ich noch jetzt in meiner Brieftasche bei mir führe, klingt also: Mein Merillo! Ihr glaubt, daß ich Euch geliebt habe, daß ich Euch aber noch liebe, wollt Ihr nicht glauben; allein, ich versichere Euch dessen vollkommen, ja, ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich alle Staatsmaximen verdammen und niemand auf der Welt lieber als Euch zum Ehegemahl haben wollte. Doch wo Ihr vernünftig seid, so erwägt selbst, daß die rasende Wut meiner Landsleute uns alle beide nicht einen Monat lang würde leben lassen. Wie könnt Ihr nun verlangen, daß ich meine zeitliche Glückseligkeit, ja, sogar mein Leben in die Schanze schlagen und an Eurem und meinem Tod Ursächerin sein sollte? Zwar, wie ich aus Eurem Schreiben ersehe, so steht Ihr bereits in den Gedanken, als ob ich die Bosheit begangen und einen meuchelmörderischen Anschlag auf Euer Leben gemacht; allein, mein Gewissen ist von dieser Sünde frei. Ich glaube wohl, daß Euch jemand bei meinem Garten mag aufgepaßt haben, denn die Bangigkeit meines Herzens und das auf derselben Stelle gefundene frische Blut, sodann die Nachricht, daß Ihr Euch unpaß befändet, überzeugten mich, daß Euch ein Unglück widerfahren sein müsse; ich konnte aber keine genauere Nachricht davon einziehen, weil man mir sagte, daß Ihr Tag und Nacht gute Freunde bei Euch hättet; unterdessen, weil ich an Eurem Unglück unschuldig, so hat Euer auf mich gelegter Verdacht mir wohl mehr Tränen, als Euch der Mörderstahl Blutstropfen ausgepreßt. Hierbei bin ich auf die Gedanken geraten, ob etwa einer von meinen Freiern einen von meinen Bedienten mit Geld bestochen und zur Untreue bewogen, mithin einige Nachricht von unseren geheimen Zusammenkünften erfahren und Euch also auf den Dienst gelauert. Ihr seht also, daß die Gefahr für uns beiderseits sehr groß ist, deswegen handelt klug, nehmt von mir sechstausend Taler bar Geld, verlaßt diesen fatalen Ort, geht auf eine Zeit in andere Dienste und macht damit für diesesmal mich ruhig, Euch aber glücklich und vergnügt. Ja, mein Merillo, folgt mir und entfernt Euch auf diesmal, was Euch hinfort mangeln möchte, sollt Ihr jederzeit per Wechsel von mir zu gewarten haben; denn Livicarda wird Euch nebst ihrem eigenen Fleisch und Blut nimmermehr Not leiden lassen. Nach einigen Jahren ist Euch die Zurückkunft unverwehrt, ja, Ihr könnt sodann Euer Vergnügen vielleicht in reicherem Maße wiederfinden als jetzt, da Ihr es für verloren schätzt. Folgt mir jetzt, mein Merillo, denn Euer und mein Glück beruht darauf; bleibt auch versichert, daß ungeachtet ihrer Vermählung mit einem anderen Euch dennoch bis in den Tod beständig lieben wird L. v. c. A.*. Es ist erstaunlich, wenn man das verzweifelte Gemüt einer solchen falschen Sirene betrachtet, welche zwar Honig im Munde, Strick und Dolch aber in Händen führt. Wenn ich an des Merillo Stelle gewesen wäre, so hätte mich der Jähzorn ohne allen Zweifel dahin verleitet, Livicarda auf ihrem Zimmer zu erschießen oder sie aufs wenigste vor aller Welt zu prostituieren. Doch dieser hatte sich von der gesunden Vernunft und seinem eigenen Interesse regieren lassen, setzte demnach folgendes Schreiben an sie auf: Tyrannische Dame! Gestrenge Gebieterin der Henker und Meuchelmörder! Wisset, daß Euer verteufelter Anschlag, mich von zwei verkleideten Furien (wovon Ihr unfehlbar die dritte seid) mit Strick und Dolch ums Leben bringen zu lassen, durch Schickung des Himmels abermals rückgängig worden und nicht nach Eurem Wunsch abgelaufen ist; denn Merillo lebt noch, ungeachtet ihm der Hals bereits zugeschnürt und alle Gedanken vergangen waren. Ja, er lebt noch, und vielleicht zu Eurem Unglück, wenigstens Spott, Hohn und Verachtung bei der honetten Welt. Wisset ferner, daß, wo Ihr mir nicht heutigen Tages, vor Untergang der Sonne, sechstausend Taler zu meiner Rekreation und zur Auferziehung Eures zur Welt gebrachten unehelichen Kindes, nächst diesen tausend Talern für vier Personen, welche mir mein Leben errettet und um diese Begebenheit Wissenschaft haben, in mein Quartier hierher sendet, so will ich die in meiner Gewalt habenden Meuchelmörder morgen mit dem allerfrühesten in die Hände der Justiz liefern und, nebst Eingebung einer ordentlichen Specie facti, der kuriosen Welt solche Geheimnisse vor Augen legen, die sich der tausendste Mensch von einer solchen Person, wie Ihr angesehen sein wollt, wohl schwerlich hätte träumen lassen. Bekomme ich aber das Verlangte ungesäumt, so soll nicht allein alles, was geschehen, unterdrückt und verschwiegen bleiben, sondern es sollen auch die zwei gefangenen Mörder an Euch ausgeliefert werden. Nehmt es als eine besondere Marke meiner ehemaligen Liebe und noch jetzigen Höflichkeit und Gelassenheit an, daß ich mich den Jähzorn nicht verleiten lasse, anders zu verfahren. Überlegt Eure Affären aufs beste, inzwischen wird seine Aventage auch zu überlegen bemüht sein Merillo. Diese Zeilen lieferte ich auf des Merillo Bitten Livicarda in ihre eigenen Hände, sie erbrach dieselben und wendete sich damit an ein Fenster. Ungeachtet ich ihr nun nicht ins Gesicht sehen konnte, so bemerkte ich doch, daß sie unter dem Lesen recht erzitterte und eine gute Weile als eine Statue auf einer Stelle stehenblieb, endlich besann sie sich wieder, wendete sich herum, sah so blaß aus als eine Leiche und sagte zu mir: ›Monsieur! Weil ich nicht zweifle, daß Sie ein vertrauter Freund von dem Herrn Leutnant Merillo sind, so bitte ich, ihm von meinetwegen zu melden, daß es zwar einen starken Schein habe, als ob ich an dem ihm begegneten Zufall Schuld habe, allein, es ist nicht an dem, sondern ich bin unschuldig und will mich schriftlich deutlicher erklären, auch heute abend, sobald es dämmerig wird, dasjenige übersenden, was er verlangt hat, wogegen ich verhoffe, daß er als ein redlicher Offizier seine Parole halten werde.‹ Wie sie nun Miene machte, sich in ihr Kabinett zu begeben, versprach ich, Dero Befehle wohl auszurichten, machte meinen tres humble und brachte dem Merillo die fröhliche Post zurück. Livicarda hielt ihr Wort redlich, denn sobald es abends dämmerig zu werden begann, meldeten sich zwei Personen, die eine Sänfte mit sich gebracht hatten, lieferten in sieben Säcken siebentausend Taler an Merillo, welcher die Säcke sogleich aufschnitt, um zu sehen, ob nicht abermals ein Betrug darunter vorginge; mittlerweile standen unsere vier Personen bei einem Tisch, worauf sechs Paar geladene Pistolen und vier Pallasche lagen; da aber Merillo merkte, daß alles richtig sein und die Summe wohl zutreffen würde, ließ er die zwei blessierten Arrestanten verabfolgen, welche in die Sänfte gelegt und fortgetragen wurden, ohne daß weiter jemand etwas von der Hauptsache gemerkt hätte, denn Merillo bewohnte sein Quartier ganz allein mit seinem Bedienten. Den Brief, welchen er nebst der Geldsumme von Livicarda empfangen, hat er mir nicht gezeigt, doch merkte ich, daß sich sein Zorn gegen dieselbe ziemlich gelegt hatte; denn er ließ sich verlauten, wie er sich nicht genug verwundern könne, daß Livicarda ein so großes Vertrauen auf seine Parole gelegt, und er schlösse fast aus gewissen Umständen, daß sie an der Meuchelmörderei keinen Teil habe; deswegen bat er mich und meinen Kameraden höflich, alles das, was er uns von seinen Liebesaventuren erzählt, sowohl als alles dasjenige, was in vergangener Nacht und heute passiert, verschwiegen zu halten, damit weder er noch Livicarda prostituiert und auf der Leute Zungen herumtanzen müßten. Wir gelobten ihm demnach nicht nur auf Offiziersparole das Stillschweigen an, sondern verschwuren uns auch teuer, weder zu seinem noch Livicardas Verdruß etwas auszuplaudern, und obgleich ich jetzt diese Geschichte erzählt habe, so wird doch von Ihnen, Messieurs, wohl keiner erraten, was eigentlich für Personen unter den fingierten Namen gemeint sein. Jedoch, zum Schluß meiner Erzählung zu kommen, so muß ich bekennen, daß Merillo so liberal war und uns beiden Offizieren jeden fünfhundert Taler für unsere gehabte Bemühung aufzwang. Dem Feldscher gab er zweihundert, dem Musketier aber wie auch seinem eigenen Bedienten jedem hundert Taler, welche drei letzteren in unserem Beisein einen ordentlichen Eid schwören mußten, von dieser Begebenheit und alledem, was sie gesehen und gehört, nichts auszuplaudern. Mein Kamerad und ich blieben noch einige Tage bei ihm, ausgenommen, wenn mich die Wache traf, brachten auch auf des Merillo Verlangen verschiedene andere Offiziere mit, die ihm, weil er wirklich vom Schrecken noch etwas unpaß war, die Zeit passieren mußten. Ferner hielt er alle Nacht vier bis sechs Musketiere von der Kompanie, bei welcher sein Hauptmann damals nicht gegenwärtig war, in der unteren Stube seines Quartiers mit Essen und Trinken frei, welche die Nachtwache mit ihrem Gewehr bei ihm halten mußten, indem er sich immer noch eines meuchelmörderischen Überfalls befürchten mochte. Sobald aber sein Kapitän wieder zur Kompanie kam, nahm Merillo abermals Urlaub zu verreisen, ließ seine beschwerliche Bagage in meiner Verwahrung und machte sich mit einer Extrapost aufs eiligste fort. Wenige Wochen hernach kamen Briefe von ihm, worin er bei dem Chef um seinen Abschied anhielt, welchen er auch bald hernach bekam. Nach diesem habe ich zwar den ehrlichen Merillo nicht wieder gesprochen noch gesehen, jedoch vernommen, daß, nachdem er bei einer nordischen Macht Dienste genommen und sich in ein paar Schlachten wohl gehalten, er nunmehr den Obristleutnantsposten erstiegen; ich aber bin immer noch Leutnant« meldete hier der Historikus mit Lächeln, »das macht, weil ich kein Geld, mithin nur einen Sack voll Hoffnung habe, mit der Zeit, wenn es einmal buntüber geht, höher zu steigen. Unterdessen sieht man doch, wie das Glück mit dem Menschen zu spielen pflegt; denn hätte Merillo bei dem Frauenzimmer keine Goldgrube gefunden, was gilts? Er sollte mir wohl noch bis auf diese Stunde Korporal, wenn es viel wäre, Fourier oder höchstens Sergeant sein.« Wie nun der Leutnant hiermit seine Erzählung beschlossen hatte, sagte ein gewisser, zwar noch junger, jedoch sehr artiger und geschickter Kapitän: »Ich gebe dem Herrn Leutnant in seiner Meinung gar gern Beifall; für mein Partikulier aber danke ich für dergleichen Behelfsmittel, und ich wollte lieber zeitlebens Musketier sein, als solchergestalt avancieren. Es ist doch kein Segen und Gewissensruhe dabei. Wie kann ein Offizier, der sein Herz mehr der Veneri als dem Marti gewidmet, seine Dienste mit Pläsier verrichten? Wie kann er mit freiem und sicherem Herzen in eine Bataille oder Sturm gehen? Gewißlich, ein Soldat, der sein Herz erst an das Frauenzimmer hängt, wird feige gemacht, und wenn er gleich noch soviel Gutes an sich hat. Man sage mir, ob dergleichen Courtoisie reputierlich, im Gegenteil aber nicht vielmehr höchst schädlich und sündlich sei? Überdies sieht man sich dabei sehr öfters solchen Gefährlichkeiten exponiert, die vermögend sind, auch den wackersten Soldaten um Ehre und Leben, ja, was das vornehmste ist, gar um seiner Seelen Seligkeit zu bringen. Wo wäre Merillo wohl hingefallen, wenn die beiden Meuchelmörder nicht von dem Herrn Leutnant und dessen Kompagnon wären verhindert worden, ihn mit der Schlinge und dem Dolch ums Leben zu bringen?« »Wenn man dieses bedenkt«, versetzte der Leutnant, »so sollte einem freilich wohl der Appetit vergehen, dergleichen gefährliche Glückswege zu wandeln, die ohnedem einem Menschen nicht zur wahren Glückseligkeit, sondern in den Irrgarten aller Laster führen, und worauf die Strafe, wo nicht in dieser, doch in jener Welt erfolgt. Allein, es ist leider zu beklagen, daß das Courtoisieren bei den Soldaten grand mode worden, auch ganz und gar für keine Sünde mehr gehalten wird, es sei auch mit ledigen oder verehelichten Frauenzimmern; denn ein junger Mensch, der gern gut leben will, mit seiner Gage nicht auskommen kann und dennoch auch nach höheren Chargen strebt, läßt sich niemals eine Sünde leichter als diese gelüsten, weil sie mit so vielen wollüstigen Vergnügen verknüpft ist. Ja, wenn alle hohen und geringeren Martis-Söhne, welche das sechste Gebot übertreten haben, vom Himmel damit bestraft werden sollten, daß sie keine Pistole oder Flinte losbrennen könnten, so würde man gewißlich dann und wann in manchem Treffen sehr miserable Salven hören.« Über diese letzte Expression entstand bei der ganzen Gesellschaft ein starkes Gelächter, und es wurde über dieses Thema noch eine Zeitlang pro et contra disputiert, bis endlich die Reveille geschlagen wurde; da sich denn ein jeder über die Flüchtigkeit der Zeit verwunderte und nach schuldiger Danksagung für genossene Gütigkeit an seinen gehörigen Ort eilte. Elbenstein begann von nun an das Soldatenleben immer besser und besser zu gefallen; es ging aber in diesem Jahr außer der blutigen Bataille bei F. nichts remarkables vor, weswegen hochgemeldeter Prinz im Weinmonat aus dem letzteren Campement bei St. Q. L. sich wieder nach N. begaben. Elbenstein aber, der sich leicht die Rechnung machen konnte, daß er zu N. sein Glück schwerlich finden würde, blieb bei der Armee und hielt sich die übrige Zeit der Campagne, wie auch den Winter über, als Volontär bei dem Dragonerregiment von Bh. auf. Er spürte klar, daß, da er ein Gelübde getan, nun und nimmermehr seiner geliebten L.* wiederum treulos zu werden, der erzürnte Himmel seine gerechte Strafe und Rache gegen ihn aufgehoben und in lauter Erbarmung und Gütigkeit verwandelt hatte, auch seine Vorsorge ihm reichlich blicken ließ, indem er bei Eröffnung der folgenden Campagne eine Leutnantsstelle unter dem N. Regiment zu Pferde erhielt, welches auf englischem Fuß stand. Er hatte solchergestalt monatlich siebzig Taler Einkommen, deswegen faßte er den Schluß, um seine Gelübde desto besser halten zu können, sich mit seiner verlobten Braut zu verehelichen. Solches geschah auch nach geendigter Campagne, und zwar zu U. in Gegenwart vieler dazu erbetener, vornehmer Personen sowohl männ- als weiblichen Geschlechtes. Vorher aber, ehe sich die Campagne noch geendigt hatte, mußte Elbenstein noch zwei starke Anfechtungen von dem Feinde des menschlichen Geschlechts und des heiligen Ehestandes ausstehen. Die erste bestand darin: Als er eines Abends bei einem Marketender, der zugleich Wachtmeister unter dem Regiment war, gespeist und eine Bouteille Wein getrunken hatte, gab er der Frau einen Louisdor mit der Bitte, ihm einzelne Münze dafür zu geben und das Verzehrte zu decourtieren. Sie bat ihn, unbeschwert mit ihr in ihr Nebenzelt zu gehen, woselbst sie ihm einzelne Münze aufzählen wollte. Da sich nun Elbenstein nichts Übles besorgte, folgte er ihr auf dem Fuße nach, sobald er aber in das Zelt trat, umarmte sie ihn und gab ihm einen derben Kuß auf den Mund, sagte hierauf: »Liebster Herr Leutnant! Nun habe ich mich für die schlechte Abendmahlzeit, die Sie bei mir genossen haben, schon bezahltgemacht; hier haben Sie Ihre Pistolette zurück, erweisen Sie mir nur die Gefälligkeit und bedienen Sie sich meines Tisches alle Tage; ich will Sie nach meinem äußersten Vermögen aufs allerbeste bedienen und sonst nichts dafür verlangen als Dero Gewogenheit nebst der Erlaubnis, daß ich heute nacht auf ein Stündchen in Ihr Zelt kommen und Sie um eine Gefälligkeit ansprechen darf.« Elbenstein übereilte sich aus angeborener Complaisance gegen das weibliche Geschlecht nicht wenig mit seiner Antwort, indem er sie versicherte, daß ihm ihre Visiten jederzeit sehr angenehm sein sollten, worauf er sich nach seinem Zelt begab und bei einer Pfeife Tabak einen französischen Autoren las, den ihm ein guter Freund kommuniziert hatte; inmittels begann es ihn zu gereuen, daß er der Wachtmeisterin, ungeachtet sie eine sehr wohlgebildete Frau war, Erlaubnis erteilt hatte, ihm eine Nachtvisite zu geben, denn er besann sich nunmehr erst, daß der Satan mit im Spiele sei und unfehlbar dahin trachten würde, ihn zur Brechung seines Gelübdes zu bewegen. Zu allem Glück kam der Quartiermeister von seiner Kompanie, welcher noch etwas zu rapportieren hatte; diesen, weil er ein artiger Mensch, überdies auch von vornehmen Eltern war, bat Elbenstein, daß er ihm die Gefälligkeit erweisen und noch ein paar Pfeifen Tabak mit ihm rauchen möchte, offenbarte auch demselben, daß sich ein gewisses Frauenzimmer bei ihm melden lassen, um etwas Geheimes mit ihm zu sprechen, weil ihm aber die Sache, zumal bei nächtlicher Zeit, verdächtig vorkäme, indem er kein Liebhaber des Frauenzimmers sei, so möchte er, der Quartiermeister, sobald das Frauenzimmer angestochen käme, zwar zum Zelt hinausgehen, als ob er bei der Kompanie etwas zu besorgen hätte, jedoch nur bei dem Zelt stehenbleiben, und wenn er, Elbenstein, hustete, sogleich wieder hineinkommen und rapportieren, was ihm eben in die Gedanken käme; denn er wisse selbst nicht, was das Frauenzimmer von ihm haben wollte. Ungefähr um elf Uhr erschien also die Frau Wachtmeisterin, mit einem Mantel bedeckt. Der Quartiermeister retirierte sich also fort, weswegen sie den Mantel abwarf, Elbenstein umarmte und küßte, hernach, als eine geborene Wallonin, in französischer Sprache sagte: »Mein Herr Leutnant, ich bemerke, daß es Ihnen an kleinem Geld fehlt, hier bringe ich Ihnen zehn Taler Kleingeld in einem Beutel, freie Zehrung an Speisen und Wein sollen Sie außerdem alle Tage bei mir haben, hierfür bitte mir aber nur Dero genaueste Freundschaft und Liebe aus; denn ich kann nicht leugnen, daß mich auf der Welt nach nichts mehr als nach einem jungen Erben verlangt, welchen ich, wegen der heftigen Liebe, so ich auf Sie geworfen, von niemandem eher als von Ihnen zu erhalten verhoffe.« Elbenstein war froh, daß er dem Quartiermeister vor seinem Zelt zu warten befohlen; denn durch dieser wohlgebildeten Frau spirituellen Liebesantrag und herzhaften Expressiones, auch durch die negligente, zur Liebe reizende Tracht, in welcher sie vor ihm erschien, wurde er dergestalt konsterniert, daß es, wenn er nicht an die Verabredung mit dem Quartiermeister gedacht, gefährlich um die Haltung seines Gelübdes gehalten haben würde. Solchergestalt aber sagte er zu ihr: »Madame! Ich bin niemals gewohnt gewesen, unerkenntlich gegen diejenigen zu sein, so Freundschaft für mich hegen, geschweige denn gegen so ein charmantes Frauenzimmer, als Sie sind. Allein, ich bedaure, daß ich mich nicht imstande befinde, Ihrem Verlangen ein Genügen zu leisten, denn da ich mich vor zwei Jahren mit einer gewissen Baronesse verlobt, habe ich ihr, bevor ich in Campagne ging, vermittels der allerteuersten Eidschwüre die Versicherung geben müssen, in meiner Treue und Liebe nicht wandelbar zu sein; deswegen müßte ich die allerschwersten Strafen des Himmels befürchten, wenn ich solche teuren Schwüre leichtsinnigerweise bräche.« Die Frau Wachtmeisterin wollte zwar hierwider verschiedene Exceptiones machen, da sich aber Elbenstein stellte, als ob ihm unter währendem Trinken etliche Tropfen in die unrechte Kehle gekommen wären, und er dieselben wieder aushusten müßte, kam bald hernach der Quartiermeister, pochte vor dem Zelt, und da ihn Elbenstein hereintreten hieß, rapportierte er folgendes: »Mein Herr Leutnant, diesen Augenblick läßt der Korporal von N. Kompanie zur Nachricht melden, daß zwei von unseren Leuten, welche vergangene Nacht mit auf Partie gegangen, zurückgeblieben; er wisse aber nicht, ob sie desertiert oder gefangen wären.« Elbenstein ließ den Quartiermeister ins Zelt kommen und hieß ihn warten, weil er diesenfalls noch weiter mit ihm zu sprechen hätte. Die Frau Wachtmeisterin vermeinte zwar, es würde dieser bald wieder fortgeschickt werden, da es aber nicht geschah, wurde sie endlich verdrießlich und sagte: »Nun, mein Herr Leutnant, Sie werden, weil Sie heute mehr zu tun haben, das Geld wohl morgen früh nachzählen, meines Wissens ist es richtig.« »Nein! Madame!« versetzte Elbenstein, »erweisen Sie mir die Gefälligkeit und nehmen dieses Geld wieder zurück bis morgen nach der Mittagsmahlzeit, die ich bei Ihnen einnehmen werde, sodann wird es sich besser als bei Licht zählen lassen.« Mit diesem Bescheid mußte sich die lüsterne Frau Wachtmeisterin abfertigen lassen und mit größtem Mißvergnügen nach ihrem Marketenderzelte zurückkehren, in Hoffnung, ihm mit der Zeit den Rummel dennoch zu benehmen und ihr verliebtes Dessin auszuführen. Hingegen dankte Elbenstein, als er sich vollends recht besann, daß er dieser Versuchung so glücklich entgangen war. Der Quartiermeister erzählte hierauf, daß diese Frau, welche ihren Mann, den Wachtmeister, nunmehr erst vier Jahre hätte, sich in den ersten zwei bis drei Jahren sehr retirée gehalten, so daß man an ihr nicht die geringsten Ausschweifungen verspürt; nachdem ihr aber die Grillen in den Kopf gekommen sein möchten, wie sie einen Mann habe, der ihr nicht einmal ein Kleines fabrizieren könne, wäre sie auf den Gedanken geraten, sich nicht allein an ein und anderen wohlaussehenden Offizieren, sondern auch sogar an verschiedene gemeine Reiter, und zwar bald an diesen bald an jenen, zu attachieren; wie man aber sähe, wollte dennoch nichts fruchten. Da nun Elbenstein und der Quartiermeister noch Verschiedenes von dieser Begebenheit gesprochen hatten, stellte sich endlich der erste schläfrig an, der andere nahm gute Nacht und begab sich nach seinem Gezelt. Ob sich nun Elbenstein auch sogleich zu Bett legte, so wollte doch kein Schlaf in seine Augen kommen; deswegen verdroß ihn, sich vergeblicherweise im Bett herumzuwälzen, stand also auf, nahm sein Schreibzeug und brachte folgende Arie zu Papier: 1.         Auf, mein Geist, sei wohlgemut, Wenn Begierden stürmen, Laß nicht ab, dein Fleisch und Blut Tapfer zu beschirmen; Halte dich Ritterlich, Laß nicht ab zu kämpfen, Du wirst sie noch dämpfen. 2. Laß die Sinne leblos sein, Fühle ohne Fühlen, Schließ die geilen Lippen ein, Vor der Küsse Spielen; Das Gesicht Sehe nicht, Wenn ein schnödes Blicken Unschuld will bestricken. 3. Laß die Ohren abgekehrt Vom Sirenensingen, Weil, sobald man sie gehört, Sie uns bald verschlingen; Ihr Getön, Klinget schön, Doch in einer Stunde Geht man gleich zugrunde. 4. Ach! Ihr Sinnen, regt euch nicht, Sonst müßt ich verlieren! Der Begierden Irrwischlicht Pflegt nur zu verführen, Und ihr Glanz Kann mich ganz Als ein Blitz verblenden. Und in Abgrund senden. 5. Frisch, mein Geist! Dein tapfrer Mut Hat nun doch gesieget. Schau, wie lasterlüste Wut Ganz darniederlieget. Du hast dich Ritterlich Gegen sie verhalten, Wollust muß erkalten. Der zweiten Falle, so ihm der Asmodaeus oder der Geist der Unzucht und Hurenteufel gestellt, entging er durch Gottes Gnade folgendermaßen: Er hatte etliche Tage nach der Aventure mit der Marketenderin den Feldprediger auf sein Ansuchen wegen gewisser Umständen zu seinem Zeltkameraden angenommen und dessen Feldbett neben das seinige schlagen lassen. Nun trug es sich zu, daß besagter Feldprediger zu einem anderen Regiment, um einen Delinquenten zu einem christlichen und seligen Ende zu präparieren, gerufen wurde, weil der Feldprediger des anderen Regiments krank darniederlag, welches dieser auch gern und willig über sich nahm und fortging. Es mochte aber frühmorgens, etwa um vier Uhr sein, als ein sehr artig angekleidetes Weibsbild zu Elbenstein in das Zelt trat und bat, ihr etwas von ihren guten und delikaten Likören und Konfitüren abzukaufen. Sie erwartete keine Antwort, sondern setzte sich recht frech und ungescheut zu ihm aufs Bett, präsentierte ihm ein Gläschen Persico nebst einem Schälchen voll Konfekt. Elbenstein, um nicht für einen Schrupper oder kargen Filz angesehen zu werden, akzeptierte solches und trank es aus. Mittlerweile setzte sich das Frauenzimmer zu ihm aufs Bett, reichte ihm noch zwei Gläser und unterstand sich nachher, ihm an demjenigen Ort den Puls zu begreifen, wo derselbe bei Sanguineis am stärksten zu schlagen pflegt, anderer Karessen durch Küsse und dergleichen zu schweigen. Indem nun dieses eine Person, die nicht schöner hätte gemalt werden können, weil sie von der Natur nicht nur wohl, sondern noch mehr als wohl gebildet worden, so wachten bei Elbenstein sonderlich wegen des eingeschluckten Persico die Lebensgeister (oder besser zu sagen die Hurengedanken) auf einmal wieder auf, und es war an dem, daß der arme Elbenstein in die vom Asmodaeo neu gelegte Schlinge verfallen sollte; denn diese Lais oder Sklavin der Unzucht hatte bereits das Körbchen, worin sie ihre Waren hatte, beiseite gesetzt und war eben im Begriff, sich mit entblößtem Unterleibe zu Elbenstein ins Bett zu legen, als sich von fern des zurückkommenden Feldpredigers Stimme hören ließ, welcher aus dem bekannten Lied »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende« eben den Vers anstimmte: »Herr! lehr mich stets, mein End' bedenken.« Hierdurch wurde die unzüchtige und verdammliche Vollziehung des schändlichen Dessins, wozu schon beider Wille geneigt und bereit war, auf einmal plötzlich unterbrochen; daher die geile Kanaille ihre Waren eiligst auffaßte, jedoch nicht so hurtig fortwischen konnte, daß sie der Feldprediger nicht hätte aus des Leutnants Zelt kommen sehen. Es bot derselbe zwar Elbenstein einen guten Morgen, fragte aber auch zugleich mit einem sehr ernsthaften Gesicht, was denn die Erzhure, die Regimentshenkerin bei ihm im Gezelte gemacht hätte; Elbenstein erschrak ungemein, als er den Charakter dieser Schönen erfuhr, war aber so aufrichtig und bekannte dem Feldprediger alles haarklein. Worauf der Feldprediger sagte: »Gott Lob und Dank, daß ich noch zu rechter Zeit die Vollbringung solcher Schandtat verhindert habe, allein, dem allen ohngeachtet, mein werter Herr Leutnant, hat Er doch den langmütigen Gott mit Seinem unzüchtigen Willen und Begierden vorsätzlicherweise beleidigt und sich wider seine Gebote schwerlich versündigt. Ach, Er bereue demnach seine Sünden herzlich und schmerzlich und danke daneben der unermeßlichen göttlichen Barmherzigkeit für die unverdiente Gnade, die Ihn vor dem wirklichen Fall so treulich behütet hat, wofür ich selbst dem allmächtigen Gott, der den Tod des Sünders nicht begehrt, inbrünstigen und demütigsten Dank abstatte, daß er mich, seinen armen und geringsten Diener, gewürdigt hat, ein Instrument zu sein, welches diese Schandtat verhindert hat.« Elbenstein gingen solchergestalt die Augen über, der Feldprediger aber, nachdem er seine Reue als das erste Stück der Buße bemerkt, tröstete und stärkte ihn ferner zur ernstlichen Buße und Bekehrung, prägte ihm den wahren Glauben ein, wodurch er allein die Vergebung seiner groben Sünden erlangen könnte, hierauf betete er ihm ein kräftiges Gebet aus dem Herzen und legte sich hernach, weil er die ganze Nacht gewacht, zur Ruhe, indem die Exekution erst auf den folgenden Tag angesetzt war. Elbenstein aber stand, sobald sich die Sonne blicken ließ, auf und spazierte in eine hinter dem Lager befindliche dünne, jedoch sehr angenehme Böschung, wo er die bei sich habende Bibel aufschlug und sogleich die Flucht Lots aus Sodom in die Augen bekam. Diese Geschichte und was ihm vor wenigen Stunden passiert war, vereinigte er miteinander, und er hatte seine Spekulationen und Meditationen darüber; endlich schrieb er folgende Strophen in seine Schreibtafel, welche eine Arie oder Ode bedeuten sollen. Man hat selbige, bona fide, bloß wegen einiger guten Pensées die Stelle an diesem gehörigen Orte eben nicht streitigmachen wollen, ungeachtet gar sehr wider die reine Poesie darin gestrauchelt ist. Sie lauten aber also: 1.               Eile meine Seele, eil Aus dem Sodom schnöder Lüste, Sonsten findest du kein Heil Oder Mittel, das dich friste Vor dem ewig herben Tod, Den Dir Gottes Zorn androht. 2. In Buß, Reu und Glauben lauf! Schau, was für ein schrecklichs Wetter Über dich sich türmet auf; Eile, hier ist kein Erretter, Dein Verweil'n und Stillestehn, Macht dich sonst zugrunde gehn. 3. Aber sieh, daß deine Flucht Sich'rer mög' als Lots geschehen: Wer auf Erden Rettung sucht Kann dem Falle nicht entgehen; Und ein geiler Stärkungstrank Macht die Seele sterbekrank. 4. Ich weiß beßre Sicherheit Für dich, o du arme Seele! Christus hält für dich bereit Seiner heil'gen Wunden Höhle. Da wird dir sein Blut ein Wein, Der dich ewig stärket fein. 5. Lauf hin mit getrostem Mut, Meid ein sündliches Umsehen; Dieser Erden Pracht und Glut Muß in Dampf und Glut aufgehen: Wer zu Christi Schutz sich hält Acht' kein Zoar dieser Welt. Es ist unstreitig, daß die Poesie nicht viel taugt, unterdessen aber sind doch die Gedanken gut gewesen; er ging auch in seiner Andacht weiter und genoß des anderen Tags darauf, nach herzlicher und bußfertiger Bereuung seiner vielen und schweren Sünden das heilige Abendmahl. Sobald aber die Armee in die Winterquartiere einrückte, reiste er heraus nach U., ließ sich daselbst, wie schon gedacht, mit seiner liebsten Baronne von L.* ordentlich kopulieren, von da führte er sie nach Hause zu seinen Eltern, woselbst er bis Fastnacht mit ihr verblieb. Als aber die Zeit zum Marsch herbeikam, nahm er von seiner liebsten, nunmehr schwangeren Gemahlin Abschied, welcher denn auf allen Seiten traurig und betrübt genug war, jedoch die Renommée instigierte ihn, sich nicht länger aufzuhalten, zumal da ihm sein Obristleutnant, dessen Kompanie er kommandierte, durch einen Expressen Ordre zusendet, daß er nicht säumen sollte, sich auf seinem Platz zu finden, weil allem Vermuten nach, wie es denn auch geschah, die Kompanie frühzeitiger als sonst würde eröffnet werden, zumal da Seine Majestät von Großbritannien derselben dieses Jahr in eigener, hoher Person beiwohnen würden. Demnach erfolgte sein Aufbruch unter vielen Tränen, er aber mußte Tag und Nacht par posto, zuweilen fahrend, zuweilen auch reitend gehen, bis er das bereits abmarschierte Regiment, wozu er gehörte, endlich einholte und bei Löwen antraf. In dieser Campagne bekam der Marquis de Cronvall wegen vorgehabten Meuchelmordes an höchstgedachtem König von England seinen verdienten Lohn, indem derselbige, nicht weit von Notre Dame de Lambeck, bei der spanischen Artillerie gevierteilt wurde. Nach diesem folgte den 3. August selbigen Jahres das hitzige Treffen bei Steenkirchen zwischen dem König Wilhelm und dem französischen Marschall von Luxemburg (den, woran man doch aus christlicher Liebe zweifelt, der Teufel geholt haben soll). Sichere Nachrichten meldeten damals, daß auf beiden Seiten zweiundzwanzigtausend Mann geblieben; der Spion aber, welcher das Dessein der Alliierten, nämlich das französische Lager zu attachieren, dem General Duc de Luxemburg verraten, ward gleich den Tag nach dieser unglücklichen Aktion, ohne viele Weitläufigkeiten früh um fünf Uhr an einen Baum geknüpft. Nach diesen ging die holländische Armee in Flandern, wo sie solange stehenblieb, bis man die Winterquartiere reguliert hatte. Weil nun das Regiment, bei welchem Elbenstein Leutnant war, wiederum an den Rheinstrom marschieren sollte, auch die Armee bereits zu kantonieren begann, so bekam er Urlaub, voraus und sodann nach seiner Heimat zu reisen, wo er zu Ende des Oktobers anlangte. Anstatt aber seine herzallerliebste Gemahlin gesund und vergnügt zu embrassieren, mußte er bei seiner Heimkunft die betrübte und höchstschmerzliche Nachricht hören, daß schon im verwichenen August Mutter und Kind das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hätten, und zwar das Kind vierzehn Tage eher als die Mutter. Nunmehr kam Elbenstein erst in den Kopf, daß es seiner Sünden Schuld wäre, einen so kostbaren Schatz eingebüßt zu haben, deswegen sank er, noch ehe er seines Herrn Vaters Haus erreichen konnte, in eine Ohnmacht, mußte also hineingetragen werden. Er blieb über zwei Stunden in solchem gefährlichen Zustand, sobald er sich aber wieder besann, beklagte er mit bitteren Tränen und ängstlichem Händeringen seinen schmerzlichen Verlust, ließ sich auch nachher den Gram, Kummer und Traurigkeit dergestalt einnehmen, daß an seiner Wiederaufkunft billig zu zweifeln war. Demnach sahen sich seine Eltern gemüßigt, etliche wohlgeübte und exemplarische Geistliche herbeizurufen, welche dem trostlosen Elbenstein aus Gottes Wort zusprachen und zugleich vorstellten, daß durch eine solche heidnische Traurigkeit der Allmächtige zum höchsten beleidigt würde. Alldieweil er nun ein Mensch war, der sowohl in geistlichen als politischen Schriften wohlerfahren, so geschah es, daß, da er Wudrians Kreuzschule zu lesen bekam, er sich allmählich in Gottes unerforschlichen Willen zu schicken und sich demselben in rechtschaffener Christen geziemender Geduld gänzlich zu ergeben lernte. Er wollte zwar wieder zum Regiment und dem Kriege weiter nachfolgen, allein, seine Eltern (und sonderlich der Vater) lagen ihm sehr an und stellten vor, wie er diese Krankheit, einen Morbum Chronicum, der Medicorum Urteil nach nicht würde überstehen und der Gebrauch aller Medikamente bloß eine Cura palliativa wäre; er, der Älteste, müßte nach seinem tödlichen Hintritt sich nicht allein der hinterlassenen Güter, sondern auch der alten, schwachen Mutter und des jüngeren Bruders annehmen, und weil er den mittelsten Sohn als Kapitän in Ungarn eingebüßt, so würde er wenig Segen haben, wenn er wider der Eltern Willen die Kriegsdienste kontinuieren wollte, und was dergleichen mehr war. Wie nun einer seiner Vettern, der Obristleutnant war, mit einstimmte, mußte endlich der unglückliche Elbenstein versprechen, die Kriegsdienste zu quittieren, doch ward ihm freigelassen, sich in der Nähe an einem fürstlichen Hofe zu engagieren, da es sich dann einige Wochen hernach fügte, daß ihm sein Vetter, der Baron von W.*, schrieb, was maßen er einige Zeit daher bei der Herzogin von N. N.* als Kammerjunker in Diensten gestanden, nunmehr aber in anderweitige Bestallung als Hofmeister bei dem Herzog zu N.* gelangen würde. Weil er nun seiner gnädigsten Herzogin versprochen, einen anderen Kavalier an seine Stelle zu schaffen, welchen sie sowohl in Verschickungen als in ihren anderen Angelegenheiten wohl gebrauchen könnte, so hätte er den von Elbenstein vorgeschlagen, welchen Vorschlag sich auch Ihro Durchlaucht gnädigst gefallen lassen und ihm Befehl erteilt hätte, an ihn zu schreiben, daß er sich ehestens zu P. einfinden und seine Station antreten sollte. In Erwägung nun, daß er nicht gar so weit von seinen Eltern käme und alle Woche von ihrem Zustand Nachricht erhalten könnte, akzeptierte er mit derselben Bewilligung diese Funktion, schrieb auch sogleich an den Baron von W.* wieder zurück, daß er erst bei der ihm anvertrauten Stabskompanie abdanken, nachher aber, aufs längste in vierzehn Tagen oder drei Wochen sich bei Ihro Hochfürstlichen Durchlaucht untertänigst einfinden wollte. Es trachteten zwar seine anderen Freunde, zweifelsohne auf Veranlassung seiner Eltern, ihn zu einer anderweitigen Heirat zu persuadieren; allein, die Wunde wegen des Verlusts seiner so lieb gewesenen Gemahlin war noch zu frisch, weswegen sie, da sie sahen, daß sie ihn mit dergleichen Vorträgen nur bekümmerten, endlich davon stillschwiegen. Nachdem er nun seinen Abschied vom Regiment, und zwar zum großen Verdruß seines Obristleutnants, welcher ihn ungern verlor, bekommen hatte, versäumte er keine Zeit, sondern ging par posto nach P. Er langte daselbst glücklich an und ward sowohl von der durchlauchten Herzogin als Dero Frau Mutter wegen seiner ihnen anständigen Gestalt und Konduite sehr gnädig empfangen, zumal sie ihm nicht allein ihre Hofhaltung, sondern auch die Korrespondenz mit etlichen großen Ministerien am kaiserlichen Hof anvertrauen konnte. In währender Zeit, da die Herzogin fast wöchentlich, ja täglich Visiten von hohen Standespersonen bekam, konnte es unmöglich anders sein, als daß sich unter so vielen schönen Gesichtern doch wenigstens eines, wo nicht mehrere, befanden, welches capable war, Elbenstein zu charmieren und seine verliebten Blicke zu rekompensieren. Die erste Intrige spann sich also an: Es wurde die durchlauchte Herzogin eines Tages von dem OBG. traktiert, an der Tafel kam Elbenstein neben der Gräfin von W.* zu sitzen, bei welcher er sich durch allerhand insinuante Diskurse dergestalt einzuschmeicheln wußte, daß sie, um diesmal allen Verdacht zu vermeiden, ihn auf den folgenden Tag in die Karmeliterkirche auf der K. S. beschied; daselbst nahmen sie Abrede, den morgigen Tag in ihrer Frau Muhme Palais, weil selbige eben in das warme Bad gereist, zusammenzukommen. Elbenstein war so unachtsam nicht, daß er die abgeredete Stunde sollte vergessen haben, sondern er wartete mit größter Attention darauf, wurde auch von der schönen Gräfin mit einer anmutigen und liebreizenden Miene empfangen. Sie spielte, als er kam, eben auf der Laute und hatte ein kleines Arienbuch bei sich liegen, weswegen Elbenstein die Neugier antrieb, selbiges zu perlustrieren; indem er nun akkurat neunundfünfzig Arien, Oden und dergleichen darin fand, bat er sich die Erlaubnis aus, das Schock vollzumachen und eine Arie nach einer bekannten Melodie hineinzuschreiben. Da nun die Gräfin versicherte, daß ihr dieses zum besonderen Pläsier gereichen würde, zeichnete er folgende Verse ex tempore hinein: 1.                 Ein hartes Verhängnis hat mich jetzt betroffen, Es heißet mich lieben und dennoch nicht hoffen; Unendliches Quälen bleibt, glaub ich, der Lohn, Den ich für mein Lieben einst trage davon. 2. Doch ob auch mein Lieben ganz abgeschmackt scheinet, So bin ichs zu lassen doch gar nicht gemeinet; Dieweil mir der Himmel noch diesen Trost gibt? Sei stille im Lieben, bleib immer betrübt. 3. Mein brennendes Herz, das eilet zum Grabe, Dieweil ich die Hoffnung zum Tröste nicht habe. Wer kann mir das nachtun, der schreibe sich ein: Ohn' Hoffnung im Lieben beständig zu sein. Ob nun schon mancher Poet diese daktylischen Reime durchzuhecheln Ursache gehabt hätte, so war dennoch die Gräfin vollkommen wohl damit zufrieden. Sie sah ihn, nachdem sie selbige durchlesen, recht liebreizend an, drückte ihm die Hand und sagte: »Ein solcher Amant, der ohne Hoffnung beständig sein kann, muß nicht ohne Hoffnung gelassen werden; seien Sie nur beständig, mein werter Elbenstein, und hoffen zugleich, so werden Sie nicht fehlen.« Er ergriff der Gräfin schöne Hand und küßte dieselbe, sprach dabei: »Hierdurch will ich versuchen, wieviel ich hoffen darf.« Die Gräfin antwortete: »Wer mein Herz zu eigen hat, kann alles hoffen.« Unter diesen Worten legte sie ihren Kopf als ganz unachtsam an Elbensteins Brust. Dieser küßte erst ihre charmanten blauen Augen und sagte dabei: »Ihr allerschönsten Augen! Euch beschwöre ich, mich nicht zu verraten wegen dessen, was ihr sehen werdet.« Hierauf machte er sich an die korallenroten Lippen und küßte dieselben mehr als hundertmal. Theresia, so war der verliebten Gräfin Taufname, ließ solches unter einer verstellten Unempfindlichkeit geschehen, endlich aber nahm die Liebe und Erkenntlichkeit dergestalt überhand, daß sie das Empfangene mehr als gedoppelt restituierte, weshalb Elbenstein wegen wichtiger Verrichtungen höchst vergnügt von ihr schied, nachdem sie die Abrede miteinander genommen, daß, sooft sie miteinander in Gesellschaft kämen, sich durch ein unvermerktes Zeichen ihre beständige Liebe zu erkennen geben wollten. Dieses Zeichen bestand darin, daß Theresia ein Bukett Blumen an ihrer Brust, Elbenstein aber, nach damaliger Bändermode, in seinen Ärmeln oder Manschetten rosenfarbene Bänder tragen wollte. Theresia pflegte demnach oftmals den Blumenstrauß, als ob sie daran riechen wollte, an den Mund zu drücken, und Elbenstein im Gegenteil stellte sich zum öfteren, als ob ihm die Manschettenbänder zu lose worden wären, befestigte sie deswegen mit Hilfe des Mundes und küßte zugleich das Band, welches der Theresia Leibfarbe war. Solchergestalt führten beide ihr geheimes Liebesverständnis miteinander fort. Allein, dieses Geheimnis wurde bald entdeckt, denn als sie einmal an drei Tagen miteinander zusammenzukommen keine Gelegenheit finden können, gab die Gräfin, welche der Herzogin Palais gegenüber wohnte, Elbenstein ein Zeichen, zur Vesperzeit in obgedachtes Karmeliterkloster zu kommen. Der Herzogin Fräulein aber, eine geborene von C.*, die ebenfalls ein Auge auf Elbenstein haben mochte, wurde solches gewahr, wollte demnach gern wissen, was solches bedeutete und wem das Winken gegolten; demnach stellt sie sich in der kleinen Prinzessin Zimmer an ein Fenster, aus welchem sie alle in selbige Kirche gehende Leute observieren konnte. Solchergestalt, da Elbenstein als ein Protestant sogar allzusehr nach der Karmeliterkirche zueilte, sie das ganze Geheimnis erriet, indem sie urteilen konnte, daß keine besondere Andacht, sondern vielmehr der reizende Gehorsam der vorausgegangenen Gräfin ihn dahin gezogen. Es fehlte bei der Abendtafel keineswegs an allerhand Stichelreden, welche sich aber Elbenstein gar nicht zuzog; jedoch da das Fräulein von C.* ihm einen Becher Wein auf Gesundheit der Gräfin Theresia zutrank, wurde er im Gesichte blutrot, und ungeachtet er seine Liebe zu derselben verbergen suchte, wurde nachher doch alles völlig verraten. Demnach mußten sich beide Verliebten etwas genauer in acht nehmen, und weil sie nicht persönlich zusammenkommen konnten, so wurde ihr Liebeswerk durch Briefe traktiert. Diese trug hin und her des Generals und Kommandanten zu P., Grafen von T.* Zuckerbäckerin, womit denn beiderseits einiges Labsal geschafft wurde. Ob sie aber nicht zuweilen einander dennoch insgeheim gesprochen, solches kann man nicht für gewiß sagen. Inzwischen dauerte dieses Vergnügen nicht länger als ein Vierteljahr, denn Elbenstein bekam Briefe, aufs schleunigste zu seinem Herrn Vater zu kommen, deswegen bat er bei der Herzogin auf vier Wochen Urlaub, welchen er auch erhielt. Da aber mittlerweile seine durchlauchte Herzogin sich mit dem Fürsten von N.* in ein Eheverlöbnis eingelassen und das Beilager mit nächsten geschehen sollte, hergegen Elbensteins Eltern ihm nicht gestatten wollten, ferner bei Hofe zu bleiben, aus Beisorge, daß er etwa wegen der Religion Anstoß haben möchte, so resolvierte er sich, seine Demission schriftlich zu suchen, erhielt auch dieselbe nebst seiner rückständigen Besoldung und einem besonderen Gnadengeschenk. Die holdselige Gräfin Theresia wechselte zwar über ein halbes Jahr Briefe mit ihm par Adresse des Traiteurs S.* zu D. Als sie sich aber nicht entschließen wollte, ihre Gelder nach N. zu verwenden, im Gegenteil prätendierte, sein väterliches Gut zu verkaufen und das dafür bekommene Kaufgeld entweder in B. oder C. wieder anzuwenden, verloschen diese Liebesflammen beiden auf einmal. Nachher fügte sichs, daß Elbensteins Herr Vater im Herbst des 1693sten Jahres das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselte, weswegen er sich genötigt sah, in seinem Vaterland zu heiraten. Es wurden ihm demnach von seinen Freunden allerhand Partien vorgeschlagen, unter welchen ein mit besonderer Schönheit und Klugheit begabtes Fräulein des Geschlechtes von M.* war; allein, es zwangen ihn triftige Raisons, sich bei derselben nicht zu engagieren. Er verehelichte sich demnach Anno 1694 mit einem Fräulein von D.*, welche aber nach elf Monaten im Kindbett starb und das Kind, welches ihm nachher, da es erwachsen war, viel Bekümmernis verursachte, am Leben blieb. Der arme Elbenstein sah sich nunmehr zum anderenmal in dem betrübten Witwerstand, hatte die ganze Last der schweren Haushaltung allein auf dem Hals, weswegen er sich denn zum drittenmal vermählte, und zwar mit einem Fräulein des Geschlechtes NB.*, mit welcher er verschiedene und meistenteils ganz wohlgeratene Kinder erzeugte. Als er nun in die zehn Jahre auf seinen Gütern im Privatstande und ohne Herrendienste gelebt, bekam er von einem gewissen Reichsfürsten Vokation, bei welchem er etliche Jahre in ansehnlichen Hofdiensten verharrte. Wie aber die Sünden der Jugend von dem gerechten Gott nicht ungestraft bleiben, also mußte Elbenstein nunmehr an sich auch erfahren, daß nichts Gutes unvergolten und nichts Böses ungestraft bliebe, indem er allmählich durch viele schwere kostbare Prozesse, Kriegstrubel, sonderlich die schwedische Invasion, ferner durch etliche Jahre nacheinander fortdauernden Mißwachs, Falliment seiner Debitoren und dergleichen mehr in große Schulden und Abfall seines Vermögens geriet. Der Gram und Kummer, welchen er deswegen einnahm, brachte ihn dergestalt von Kräften, daß er schwachheitshalber seine Funktion nicht mehr verrichten konnte, sondern sich genötigt sah, seine Charge zu resignieren und sich auf sein Gut zu begeben, in der Hoffnung, durch gute Menage sich wiederum empor und aus den Schulden zu bringen. Allein, es war für ihn weder Glück noch Stern, sondern alle seine Projekte, sie mochten noch so vernünftig und klug ausgesonnen sein, gingen den Krebsgang, so daß er fast seinen gänzlichen Ruin vor Augen sah. Dergleichen Unglücksfälle entkräfteten ihn nun binnen zwölf Jahren dermaßen, daß er sozusagen alt und grau vor der Zeit wurde, indem er öfters mit einem schlechten Gericht Kohl oder anderem Zugemüse nebst einem leichten Trunk Covent vorliebnehmen mußte, wenn er sich nur noch einigermaßen seinem gehabten Charakter gemäß aufführen wollte. In solchen trübseligen Zeiten und kümmerlichem Zustand ließ sich eines Abends, da es entsetzlich stark regnete, ein Kavalier bei ihm melden und ihn wegen der besonderen Freundschaft, so sie in der Jugend miteinander gepflogen, bloß allein um ein Nachtquartier ansprechen, indem er in dem kleinen Schenkhaus, welches bereits mit Fuhr- und anderen Leuten angefüllt wäre, nicht wohl unterkommen könnte, sonst aber wolle er dem Herrn von Elbenstein keine Ungelegenheit verursachen. Elbenstein erfreute sich demnach recht herzlich, einen alten Bekannten anzutreffen, und zwar um soviel mehr, weil ihm seine Zinsleute vor ein paar Tagen etliche Scheffel Hafer und anderes Getreide eingebracht; auch waren ihm von einem benachbarten Edelmann, der seine Klepperjagd gehalten, drei Hasen und etliche schöne Stücke Flügelwerk zum Geschenk geschickt worden, also kam ihm dieser gute Freund recht à propos, dieses mitzugenießen. Demnach fragte er den Bedienten nach seines Herrn Geschlechtsnamen, allein der Bediente sagte: »Ihro Gnaden werden mir nicht ungnädig nehmen, wenn ich hierin nicht gehorsamen kann, weil mir solches von meinem Herrn expresse verboten worden, indem er die Lust gern haben will, zu erfahren, ob er von Ihro Gnaden wird erkannt werden, da sie einander in so vielen Jahren nicht gesehen haben.« Solchergestalt wurde nun Elbenstein noch zehnmal neugieriger, zu wissen, wer sein Gast sein würde, als vorher, fertigte aber den Bedienten sogleich ab und ließ zurücksagen: Weil ihm der Zuspruch honetter Kavaliere jederzeit sehr angenehm, so müsse ihm die gütige Visite eines alten Freundes um soviel mehr vergnügend sein; er bäte demnach, sich in dem schlimmen Wetter nicht länger zu verweilen, sondern nur mit seinen Leuten und Pferden frei einzusprechen und mit bei jetzigen Umständen möglichstem Akkommodement gütigst vorliebzunehmen. Es währte demnach nur noch eine kurze Zeit, da sich der Gast einstellte; Elbenstein ging demselben bis vor seine Hoftür entgegen, kaum aber war dieser vom Pferd gestiegen und hatte sein Gesicht blicken lassen, als ihn Elbenstein im Moment für den Herrn von A.* erkannte. Dieser Herr von A.*, welcher nur ungefähr ein Jahr jünger als Elbenstein, war von der zartesten Kindheit an mit Elbenstein zugleich aufgezogen worden, indem des Herrn von A.* Herr Vater sehr frühzeitig gestorben war, der alte Herr von Elbenstein aber als Vormund diesen jungen Herrn von A.* zu sich genommen hatte und, als ob es sein eigenes Kind wäre, mit unter den seinigen erziehen ließ. Dieser nun und unser Elbenstein hatten sich wegen Gleichheit der Jahre und des Temperaments jederzeit vor allen anderen am besten miteinander vertragen können und sich fast niemals veruneinigt, auch immer für einen Mann gestanden, wenn sie von den anderen attackiert worden. Demnach war die Freude jetzt bei Elbenstein ungemein groß, da sie in ihrem fünfzehnten oder sechzehnten Jahr voneinandergekommen und seit der Zeit sich nicht wiedergesehen, auch wenig Nachricht voneinander erhalten hatten. Beide Herren umarmten und küßten sich recht brüderlich, worauf der Herr von A.* von Elbenstein in sein bestes Zimmer geführt und hernach etwas alleingelassen wurde, um seine Bequemlichkeit zu gebrauchen. Nachher wurde die Abendmahlzeit aufgetragen, und ob selbige gleich eben nicht kostbar war, sondern nur aus einer guten Eiersuppe, ein paar gekochten Hühnern und aus einem rohen Schinken bestand, so erzeigte sich doch der Gast sehr vergnügt dabei und bat Elbenstein, der sich wegen schlechter Bewirtung zum öfteren entschuldigen wollte, inständig, hiervon nichts zu gedenken, indem er bei dem Pläsier, ihn zu sehen und mit ihm zu sprechen, gar gerne mit einem bloßen Butterbrot, einem Trunk Bier und Pfeife Tabak vorliebnehmen wolle. Mit Wein war Elbenstein nicht versehen, doch konnte er einen herrlichen Trunk Bier in seinem Dorf haben; sobald sie demnach die Abendmahlzeit mit gutem Appetit eingenommen, blieben sie beide ganz allein beisammen, da denn Elbenstein dem Herrn von A.* die Hauptstücke seines Lebenslaufs nebst seinen bis hierher gehabten Fatalitäten ziemlich ausführlich erzählte. Wie aber unter solchem Gespräch die Mitternachtsstunde bereits verstrichen, wollte Elbenstein seinen Gast nicht länger von der Ruhe abhalten, nahm deswegen, nachdem derselbe auf inständiges Bitten endlich versprochen, morgenden Tages noch bei ihm zu bleiben, auf diesmal gute Nacht und begab sich gleichfalls zur Ruhe. Am folgenden Morgen beim Tee erzählte Elbenstein vollends den Rest seiner Begebenheiten und machte den Schluß damit: Wie er wohl erkenne, und sich in seinem Gewissen überzeugt befände, daß alle seine gehabten Unglücksfälle gerechte Strafen des Himmels wären, die er mit seiner zuweilen recht unbändigen Lebensart wohl, ja noch weit mehr, verdient, weswegen er sich auch von Tag zu Tag besser in seinen jetzigen pauvren Zustand schicken lernte, anbei den Himmel inbrünstig anflehte, daß er nach den zeitlichen Strafen seiner von dort in der Ewigkeit schonen möchte. Nachdem nun der Herr von A.* sein herzliches Mitleiden gegen Elbenstein bezeigt und gewünscht, daß, da dem Himmel es eine sehr schlechte Sache wäre, den Reichen arm und den Armen reich zu machen, er auch Elbensteins Zustand bald in einen vergnügteren und fröhlicheren verwandeln möchte. »Allein, mein werter Herr Bruder«, fuhr der Herr von A.* gegen Elbenstein fort, »sonst pflegt man zu sagen: Solamen miseris socios habuisse malorum. Ich kann Euch versichern, daß unser beiderseitiger Zustand sehr wenig voneinander unterschieden ist; mein einziges Glück ist, daß ich mit meiner Gemahlin keine Kinder habe, sonst würde ich noch weit miserabler leben müssen. Ich habe aber nur vor weniger Zeit erst auch angefangen, Betrachtungen anzustellen, daß dergleichen Kalamitäten, welche mir seit wenigen Jahren her begegnet, gerechte Züchtigungen und Strafen des Himmels sein müssen.« Elbenstein erseufzte hierüber sehr tief; weil sie eben zur Mittagsmahlzeit abgerufen wurden, versprach der Herr von A.* nachher, weil sie wegen des starken Regens doch nicht aus dem Zimmer kommen und ein wenig spazierengehen könnten, Elbenstein zur Revanche auch die Hauptstücke von seinen Begebenheiten zu erzählen. Solches geschah nun; denn da sie sich beide allein in das Zimmer begaben, wohin Elbenstein Bier, Tabak und Licht bringen lassen, fing Herr von A.* also zu reden an: »Sobald Ihr, mein wertester Herr Bruder, nach J. auf die Universität gebracht, ich aber wegen einer damaligen schweren Krankheit, die beinahe ein halbes Jahr anhielt, in Eures Vaters, meines Vormundes Hof zurückbleiben mußte, wurde mir Zeit und Weile entsetzlich lang, und weil ich aus Ungeduld kein Buch vor den Augen leiden konnte, so geschah es, daß ich viel von demjenigen, was ich schon gelernt hatte, verschwitzte; wie es sich aber in etwas mit mir gebessert, brachte mich Euer Herr Vater nach M. zu demjenigen Medicus ins Haus, welcher mich bisher in der Kur gehabt hatte und meine Gesundheit fernerweit besorgen sollte; hierbei mußte ich nun fleißig in die Schule gehen, und der Medicus hatte ein sehr scharfes, wachsames Auge auf mich, nahm mich nicht allein wenn er Zeit hatte, sonderlich des Abends selbst privat vor und repetierte die Lektionen mit mir, sondern er gab auch sehr genau acht auf meine Diät und übrige Lebensart, woher denn kam, daß ich nach ein paar Jahren Verlauf gesund, frisch und sattsam tüchtig erfunden wurde, auf die Universität L. zu gehen. Ich hielt mich etwas über drei Jahre daselbst auf, brachte meine Zeit nicht eben allzuübel zu, sondern besuchte die Kollegs fleißig und profitierte doch so viel, daß man schon mit mir zufrieden sein konnte, außerdem aber auch eben kein Melancholicus, sondern machte mich mit anderen Kavalieren und anderen braven Burschen zum öfteren lustig, ließ mich auch bald mit diesem, bald mit jenem Frauenzimmer in eine verliebte Vertraulichkeit ein, welches aber niemals lange Bestand hatte, indem ich im öftern Wechseln mein größtes Vergnügen suchte, auch nicht selten fand. Da ich aber nach der Zeit, und zwar nur wenige Tage vorher, als ich meinen Valetschmaus geben und von der Universität nach Hause gehen wollte, einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde getan, dabei den linken Arm sehr stark angeschellert hatte, weswegen mir derselbe nach etlichen Wochen zu schwinden anfing und keine gebrauchten Arzneien anschlagen wollten, riet mir mein ehemaliger Medicus mit einem meiner Befreundeten in ein warmes Bad zu gehen, welcher ebenfalls ein gewisses Malheur an sich hatte. Wir traten demnach die Reise par posto an und erreichten in wenig Tagen eines der berühmtesten warmen Bäder, mieteten uns Logis, und zwar jeder das seine besonders. Anfänglich lebte ich sehr douce und hielt mich außer der Zeit, die zur Motion bestimmt war, fast beständig inne; nachdem ich aber merkte, daß die Kur wohlausschlüge und mich der Medicus versicherte, daß ich vor Monatsverlauf vollkommen kuriert sein, hernach abreisen könnte, wenn ich wollte, ward ich herzlich froh und begab mich in ein und andere Gesellschaften; unter anderen traf ich eines Tages ein ungemein schönes Frauenzimmer darunter an, welches das Fräulein L. von P.* genannt wurde. Ich konnte mich nicht erinnern, Zeit meines Lebens jemals gegen ein Frauenzimmer dergleichen heftig verliebte Regungen bei mir empfunden zu haben, als jetzt gegen dieses Fräulein, und zwar gleich bei der ersten Zusammenkunft. Ich konnte auch folgends weder Tag noch Nacht rechte Ruhe haben, wenn ich nicht das Glück hatte, mit dieser Schönen in Gesellschaft zu sein. Sie stellte sich jederzeit sehr freundlich und complaisant gegen mich, und da sie eines Tages einige Kavaliere und Damen traktierte, ließ sie mich in specie mit dazubitten; indem sie nun gewahr ward, daß ich das Schachspiel, welches sie ungemein wohl spielte, auch in etwas gut spielen konnte, bat sie mich, ihr die Gefälligkeit zu erweisen und öfter bei ihr einzusprechen, weil sie dieses Spiels nicht leicht überdrüssig würde, außer diesem auch, da mein stiller Humor mit dem ihrigen wohl übereinstimmte, möchte sie mich vor allen anderen gern um sich leiden. Ich versprach ihr, wofern ich mich ihrer gnädigen Erlaubnis im Ernst versichert halten könnte, meine Aufwartung, sooft es derselben gefällig, zu machen. Es geschah auch, so daß wir zum öfteren vom Mittag an bis zur späten Abendzeit beisammensaßen und uns mit dem Schachspiel divertierten, wiewohl, wenn ich ihre bewundernswürdigen Artigkeiten betrachtete, zum öftern bald dieses bald jenes im Spiele versah. Mein heimliches Liebesfeuer wurde solchergestalt immer heftiger angeblasen, so daß ich es fast nicht mehr verbergen konnte, weil aber Zunge und Mund allzu blöde waren, solches zu eröffnen, mußten meine Augen nur das ihrige verrichten. Die von P.* merkte bald, daß mir eine kleine Melancholie am recht bedachtsamen Spielen hinderlich wäre; deswegen, da ich einmal in Gedanken etwas tief seufzte, fragte sie mit einer mitleidigen Stellung: ›Was liegt Ihnen doch immer mehr auf dem Herzen, Monsieur de A.*, daß Sie von Tag zu Tag tiefsinniger werden? Ich bitte, mich zu Ihrer Vertrauten zu machen, das Geheimnis sei so groß als es immer will, durch mich soll nichts verraten werden; vielleicht aber kann ich etwa mit einem guten Rat dienen, obgleich die Hilfe in meinem Vermögen nicht stehen möchte.‹ Mir stieg unter diesen ihren Reden die völlige Glut aus dem Herzen ins Gesicht, ich blieb auch eine gute Zeit lang ganz bestürzt sitzen und wußte nicht, was ich antworten sollte, endlich, da mir ich weiß nicht was für ein Geist meine scheltenswürdige Zaghaftigkeit, zumal bei einem ledigen Frauenzimmer, welches mir sozusagen die Liebesdeklaration selbst abnötigte, vorwerfen wollte, faßte ich plötzlich einen Mut, brachte den ganzen verliebten Plunder auf einmal zu Markt und schloß mit diesen Worten: ›Ist also, allerschönstes Fräulein von P.*, noch kein anderer Kavalier in Dero Herz eingeschlossen, so bitte ich fußfälligst, mir, Dero gehorsamsten und getreu verliebten Knecht, dieses himmlische Quartier zu gönnen, widrigenfalls mir mein äußerst gequältes Herz von den Flammen der Liebe vollends in Asche verwandelt werden.‹ Die von P.* hörte meine Reden mit niedergeschlagenen Augen in größter Gelassenheit an, da ich aber innehielt, sagte sie mit einem tief geholten Seufzer: ›Ach, mein werter de A.*, mein Herz ist mehr als zu ledig und hat Zeit seines Lebens noch keine verliebten Triebe empfunden, ausgenommen diejenigen Zärtlichkeiten, welche Ihre Person und sonderbare Aufführung erweckt hat; allein, mein unglückseliges Verhängnis und mein Gewissen lassen es nicht zu, Ihre Sehnsucht zu vergnügen, wie gern ich es auch wünschen wollte. Ich glaube es, daß Sie mich als ein honetter Kavalier aufrichtig und getreu lieben würden, und versichere, daß ich Ihrer Person nicht weniger gewogen bin. Aber, wie gesagt, mein Schicksal gestattet nicht, Sie nach Wunsch zu vergnügen, sondern ich bin dazu prädestiniert und verdammt, daß ich vielleicht meine ganze Lebenszeit ohne Liebe, gegenteils aber im größten Mißvergnügen zubringen soll.‹ Was diese«, redete der Herr von A.* weiter zu Elbenstein, »mit einer besonderen kläglichen Art vorgebrachte Antwort in meinem Gemüt für eine Zerrüttung anrichtete, ist nicht auszusprechen. Dem Fräulein von P.* stiegen vor Jammer die Tränen in die Augen, und bei mir fehlte wenig, daß die einer Mannsperson übel anständigen Zeugnisse der Kleinmütigkeit nicht über die Backen heruntergerollt wären. Wir sahen einander mit ängstlichen Blicken an, und es war nicht anders, als ob ein Schlagfluß die Nerven meiner Zunge gerührt hätte; nachdem aber die von P.* ihre und meine Augen abgetrocknet, zugleich meine Wangen mit ihren zarten Händen sehr liebreich gedrückt, erholte ich mich etwas und sprach: ›Eröffnen Sie mir doch nur wenigstens, mein allerschönstes Fräulein, die Ursache, so meinem Glück und Vergnügen im Weg steht. Sollen Dero überirdischen Annehmlichkeiten samt dem allerschönsten Körper etwa in ein fürchterliches Klostergebäude verbannt werden? Diesem Unglück wäre ja noch vorzukommen, mein Vaterland ist die allersicherste Freistadt für dieselben. Überdies verlange ich außer Dero allerschönsten Person, wie sie allhier gehen und stehen, weder Geld, Güter, noch andere Kostbarkeiten, indem ich gesonnen bin, bloß nach meinem Vergnügen zu heiraten, weil mir meine frühzeitig verstorbenen Eltern als ihrem einzigen hinterlassenen Sohn zugleich auch drei einträgliche Rittergüter nebst einem guten Vorrat von Barschaft und Möbeln hinterlassen.‹ ›Ach, mein Herzensfreund‹, versetzte hierauf die von P.*, ›Geld und Gut habe ich zur Genüge und wollte mir nur für dasjenige, was in dieser kleinen Schatulle verwahrt liegt, in Eurem Vaterland vortreffliche Land- und Rittergüter ankaufen; allein, was hilft es mir; Meiner Seele ekelt vor dergleichen Bagatellen und sehnt sich vielmehr nach solchen Schätzen, die in einem tugendhaften Behältnis verwahrt liegen. Aber ich bin bereits in ein solches Kloster verbannt, aus welchem mich niemand als der Tod reißen kann.‹ Indem sie dieses redete, eröffneten ihre zarten Hände zugleich eine mittelmäßige Schatulle, in welcher alle Fächer und Schubladen mit lauter Goldstücken und den allerkostbarsten Juwelen angefüllt waren. Meine Augen wurden demnach ganz verblendet, die Vernunft aber überredete mich, die von P.* für eine höhere Standesperson zu halten, als sie sich ausgab. Deswegen gab ich ihr meine Gedanken ziemlich deutlich zu verstehen und bat mit zitternden Lippen, da meine Wenigkeit sich allzuhoch verstiegen hätte, um gnädige Vergebung meines begangenen Fehlers und Irrtums. Es versicherte mich aber Dieselbe, abermals mit einem tiefgeholten Seufzer, daß sie von Geburt nicht höher als eine von Adel, doch hätte sie der Himmel mit einem großen Vermögen, im Gegenteil aber auch mit desto mehr Kreuz und Elend überschüttet. Indem ich nun vermittels heftiger Klagen eine noch deutlichere Explikation von ihr herauszulocken vermeinte, ließen sich ein paar Damen bei ihr melden, weswegen ich mich für diesmal genötigt sah, zurückzuhalten und meine Retirade durch ein anderes Zimmer und durch das Hintergebäude des Hauses zu nehmen. Daß ich aber den übrigen Teil dieses Tages nebst der darauffolgenden Nacht hindurch von der unbändigen Liebe die grausamsten Folterungen erlitten, kann niemand leichter glauben, als wer ehemals auch heftig verliebt gewesen. Unmöglich können sich Ödipus und seine Mitgesellen den Kopf über der Sphinx Rätsel so grausam zerbrochen haben, als ich den meinen zerbrach über die dunklen Sprüche des Fräuleins von P.* Bald schmeichelte mir wegen ihrer freundlichen und verliebten Aufführung die Hoffnung, sie noch mit der Zeit zu gewinnen, bald lachte Fortuna mit einem höhnischen Gesicht mich mit allen meinen gemachten Anschlägen und Ideen recht häßlich aus. Morpheus versagte mir seinen Dienst gänzlich, weswegen ich in dieser einzigen Nacht ganz blaß, hager und merode wurde. Der anbrechende Tag wollte mir zwar einigen Trost versprechen, indem ich mir sicherlich einbildete, die von P.* würde mich beizeiten wieder zu sich rufen lassen; nachdem ich aber, bis es dunkle Nacht geworden, vergeblich darauf gehofft hatte, mußte sich mein gequältes Herz mit Geduld drein ergeben, noch eine Nacht wie die vorhergehende zuzubringen, da denn meine Liebespein mehr vermehrt als vermindert wurde. Am folgenden Morgen stand ich mit dem allerfrühesten auf und memorierte die in vergangener Nacht konzipierte Oration, welche ich diesen Nachmittag bei der von P.* zu halten mir vorgenommen hatte. Der Vormittag, welcher mir damals länger als ein Monat sonst zu währen schien, verstrich endlich; da aber eine Stunde nach der Mahlzeit der von P.* ihr Bote sich noch nicht einstellte, nahm ich mir die Kühnheit, mich in ihrem Logis selbst anmelden zu lassen. Allein, o Himmel! Wie erstaunte ich, da ich vernahm, daß die von P.* bereits gestern, noch vor anbrechendem Tag, samt allen ihren Sachen aufgebrochen und mit einer Extra-Post fortgereist wäre. Meine fünf Sinne spielten das Versteckspiel im ganzen Körper herum, keiner aber wollte sich finden lassen, bis endlich der Wirt des Hauses, nachdem er mich, der ich in der Tür stand und das Gesicht auf die Straße herausgedreht hatte, lange und oft bei dem Ärmel gezupft hatte, mich wieder zu mir selbst brachte und sagte: ›Monsieur! Die fortgereiste Dame hat eine versiegelte Schachtel an Denselben zurückgelassen, hier ist sie.‹ Ich nahm selbige Schachtel begierig an, eilte damit nach Hause und fand nach Eröffnung derselben obenauf einen Brief, dessen Inhalt, weil ich ihn wohl mehr als tausendmal durchgelesen, ganz von Wort zu Wort auswendiggelernt habe, also denselben aus dem Kopf hersagen kann; er lautete aber also: Liebster S. de A. Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich Sie nicht allein wegen Ihrer galanten Person, sondern der angemerkten Tugend halber mehr liebe und ästimiere, als sonst eine einzige Mannsperson in der ganzen Welt. Tue ich Sünde hieran, so bitte ich den Himmel mit Tränen um Vergebung; jedoch, da meine Liebe auf keinem lasterhaften Grund ruht, so hoffe, das heiligste Wesen, so über uns wohnt, werde ein Mitleiden mit meiner Schwachheit haben. Daß ich aber mich Ihren aufrichtig verliebten Augen ohne vorher genommenen mündlichen Abschied entzogen, und zwar so plötzlich, solches ist aus keiner anderen Ursache geschehen, als weil ich mich vor mir selber fürchte und besorgt habe, die Schiffe unserer Tugend möchten etwa auf dem gefährlichen Liebesmeere an eine verborgene Klippe geraten und unvermutet stranden. Dieses zu verhüten, habe die Trennung für das allersicherste Mittel erfunden. Wüßten Sie meinen völligen Zustand, so wollte mich persuadiert halten, Ihr tugendhaftes Herz würde mir in allem Beifall geben. Indessen entschlagen Sie sich der übermäßigen Liebe und verwandeln dieselbe in eine aufrichtige Freundschaft gegen meine Person, weil unser beider Sehnsucht zu vergnügen die pure lautere Unmöglichkeit im Wege steht. Ihre angenehme Person täglich sehen zu können, wäre zwar mein größtes Vergnügen, allein, weil es uns beiden nur zur Qual gereichen würde, wünsche ich, daß Sie mich niemals mögen finden; es sei denn, daß der Himmel selbst eine Änderung träfe. Wollten aber Monsieur de A. mir eine einzige Gefälligkeit noch erweisen, so lassen Sie Ihr Porträt bei demjenigen zurück, der Ihnen diese Schachtel einhändigt, bemühen Sie sich aber nicht, auf den Abforderer zu warten; denn ich selbst nicht weiß, ob ich es über lang oder kurz kann abholen lassen. Mein Porträt habe ich nicht zu Erhaltung Seiner Liebe, sondern nur zum geneigten Andenken beilegen wollen. Mein letzter Wunsch ist dieser, daß der Himmel Ihnen mit der Zeit bei einer anderen anmutigen Liebsten so vieles Vergnügen gönnen wolle, als in Ihrem jetzigen Stande Unvergnügen genießt die unglückselige L. de P. Wie mir nach Verlesung dieser Zeilen zumute gewesen, bin selbst nicht vermögend, von mir zu sagen, so viel weiß ich mich zu entsinnen, daß ich fast über zwei Stunden lang als ein steinern Bild auf meinem Stuhl gesessen, den Brief aber beständig in den Händen gehalten habe. Nach diesem, da ich als aus einem Schlaf erwacht, durchstrich ich alle Gassen, um zu erkundigen, ob niemand wisse, wo die von P.* hingefahren und wo ihre Heimat sei. Allein, niemand konnte mich dessen berichten, keiner wollte ihr Geschlecht kennen, sondern viele glaubten, es wäre nur ein erdichteter Name, den sie sich beigelegt, unter ihrer Person aber eine weit höhere Standesperson versteckt gewesen, damit sie keinen so großen Staat rühren dürfen. Ich wußte, wie gesagt, nicht, was ich denken sollte; bald glaubte ich solches auch, ungeachtet sie mich selbst versichert, daß sie bloß von Adel, bald hielt ich sie für einen jungen großen Herrn, der sich zur Lust in ein Frauenzimmer verkleidet, bald für eine bereits verheiratete Dame; ja, es fielen mir wohl noch törichtere Gedanken ein, die ich nicht einmal melden will. Unterdessen, weil Cupido mich als seinen verliebten Hasen recht scharf aufs rechte Fleckchen getroffen hatte, konnte ich keine Ruhe haben, sondern mein Reitknecht mußte die Pferde satteln, da ich denn zehn bis zwölf Tage mit ihm herumgöckerte, um der von P.* Reisekurs oder wohl gar den Ort ihres Aufenthalts zu erfahren; allein, die Mühe war vergebens. Demnach reiste ich unverrichteter Sache wieder zurück ins warme Bad, ließ mein Porträt verfertigen, legte dasselbe nebst einem kostbaren Ring (denn sie hatte mir auch einen Diamantring von großem Wert beigelegt) in eine Schachtel, vergaß auch nicht, einen lamentablen Brief dabeizuschreiben, und gab alles dieses wohlversiegelt in des Wirts Verwahrung mit dem Bedeuten, alles dieses so lange aufzuheben, bis es die Dame abfordern ließe; hiernächst versprach ich dem Wirt fünfzig Taler bar Geld zu zahlen, wenn er ausforschen und mir Bericht erstatten könnte, wo sich diese Dame eigentlich aufhielte, wie ich denn dieserhalb nach Verlauf einiger Wochen wiederum bei ihm wollte Anfrage tun lassen. Der Wirt vermaß sich hoch und teuer, mir zu Gefallen allen möglichsten Fleiß anzuwenden, ich aber reiste fort, durchstrich alle umliegenden Provinzen und erkundigte mich nach dem Geschlecht von P.*, erfuhr aber an einem Ort so wenig als am anderen. Endlich kam ich von ungefähr zu einem Vornehmen von Adel, welcher wegen seiner Gelehrsamkeit in der Politik, Historie, Genealogie, Heraldik usw. weit und breit berühmt war; dieser versicherte mich, wie er alle, auch die neueren adeligen Geschlechter des ganzen Deutschland und was dazu gehörig, in etlichen Folianten auf zuweisen hätte, indem er sich dieserwegen viel Mühe durch Korrespondenzen gegeben, auch sehr viele Kosten daran gewendet, allein, ungeachtet wir alle Folianten mit ihren Registern durchblätterten, so fand sich zwar endlich ein Geschlecht dieses Namens, welches aber schon vor länger als zweihundert Jahren gänzlich und glatt ausgestorben war, welches denn die dabei angeführten Umstände vollkommen glaubhaft machten. Wäre ich klug gewesen, so hätte ich mir diese Dame bald aus dem Sinn geschlagen, da es aber hieß: Amare \& sapere vix Diis conceditur, so war ich halb rasend zu nennen, beging auch solche törichten Streiche, dergleichen man sich nimmermehr von mir einbilden sollen und worüber ich, nachdem wieder zu Verstand kommen bin, mich selbst verwundern müssen. Ich bin zwar mit denjenigen eben nicht eines Glaubens, welche ein inevitabile Fatum, Praedestinationem, absolutum Decretum und dergleichen statuieren, jedoch weiß ich doch auch nicht, wie es damals mit mir zuging; denn ob ich gleich mich bereden ließ, in der Suite zweier junger Grafen Frankreich, England, Holland, sodann die nordischen Königreiche mit zu durchreisen, so konnte ich mich doch binnen dieser Zeit von beinahe vier Jahren dennoch nicht überwinden, die von P.* aus den Gedanken zu schlagen, sondern mußte ihr Bild fast täglich mit größter Devotion betrachten; hatte ich auch dann und wann mir gelüsten lassen, eine wirkliche Sünde wider das sechste Gebot zu begehen, so war mir in Wahrheit weit bänger darum, daß ich die von P.* nebst ihrem Porträt, als daß ich meinen Gott dadurch beleidigt hätte; ja, ich war weit hurtiger, vor dem Porträt niederzuknien und dergleichen Sünden dem Originale abzubitten, als ein solches vor meinem allmächtigen Schöpfer zu tun, da doch weder Original nach Porträt von nichts wußten, Gott aber alles sieht. Erwägt meine Torheiten, liebster Bruder!« sagte hier der Herr von A.* besonders zu Elbenstein. »Nachher bin ich tausendmal auf die Gedanken geraten, ich müsse bezaubert und die von P.* zur Hauptperson prädestiniert gewesen sein, mir in dieser Welt Fatalitäten, ja was sage ich, das größte Unglück zu stiften, wofern es nicht die göttliche Barmherzigkeit noch etlichermaßen remediert hätte. Ihr werdet erstaunen, mein Bruder, über den Verfolg meiner Geschichte, vorher aber muß ich Euch erzählen, auf was für Art ich nach so langer Zeit die von P.*, und zwar von ungefähr, wieder zu sehen bekommen habe. Die Grafen, in deren Suite ich noch immer mitreiste, von ihnen, weil sie mich gern um sich leiden mochten, viel Gnade genoß, auch vor anderen ziemlichermaßen distinguiert wurde, erfuhren, daß in einem gewissen Reich eine starke Veränderung vorgegangen wäre, dermalen aber in der Hauptstadt N. eine große Pracht und Herrlichkeit zu sehen sein würde. Indem sie sich nun resolvierten, zur See dahin zu reisen, ließ ich mich persuadieren, diese Tour auch noch mitzutun. Wir kamen eben zu rechter Zeit, da alles in prächtigster Gala war und niemanden gereuen durfte, sich dieser Seltenheit wegen auf die Reise begeben zu haben und etwas draufgehen zu lassen. Eines Abends wurde eine vortreffliche italienische Oper gespielt, welcher ich mit besonderem Vergnügen zusah, indem eine Passage darin vorkam, die eine ziemliche Gleichheit mit meiner Liebesaventure hatte. Aber, o Himmel, in was für eine Erstaunung geriet ich nicht, da ich unter dem vornehmsten Frauenzimmer meine andere Seele, nämlich die schöne P.*, erblickte. Anfänglich wußte ich zwar nicht, ob ich meinen Augen trauen dürfte oder nicht; nachdem aber dieselben eine gute Zeitlang auf ihrem englischen Angesichte klebengeblieben waren und alle Mienen und Gebärden wohl observiert hatten, befand ich mich der Wahrheit vollkommen überzeugt, zumal, da ich von ihr (die mich, wie ich hernach von ihr selbst erfahren habe, eher als ich sie erblickt) angesehen wurde, zugleich auch durch Neigung des Hauptes das Zeichen eines Grußes von ihr empfing. Demnach wußte ich mich vor Freuden und Vergnügen fast nicht zu lassen. Die von P.* mochte meine Gemütsbewegungen merken, gab mir deswegen mit einer anderen, besonderen Miene zu verstehen, ich sollte mich der Verstellung bedienen und tun, als ob ich sie nicht kennte. Ich folgte hierin; weil mir aber die Zeit verzweifelt lang wurde, um zu erfahren, was ich gern wissen wollte, veränderte ich meine Stelle, begab mich zu einem deutschen Kavalier, mit welchem ich vor etlichen Tagen bekannt worden war und welcher sich schon eine Zeitlang in diesem Reich aufgehalten hatte, ließ mich mit ihm in einen besonderen Diskurs ein und fragte nach den Namen der meisten gegenwärtigen Standespersonen, sonderlich aber des Frauenzimmers. Der Kavalier gab mir mit besonderer Höflichkeit in allem soviel er wußte Bescheid. Endlich kam die Reihe auch an die von P.*, von welcher er mir meldete, daß es die Gemahlin eines Staatsministers namens K.* wäre. Ich verbarg meinen dieserhalb entstehenden Schrecken und sagte: ›Man sollte diese Dame, welche noch sehr jung und schön aussieht, eher für ein lediges Fräulein als für eine Verehelichte ansehen.‹ ›Viele glauben auch‹, versetzte der Kavalier, ›daß sie zwar eine Frau dem Namen nach, in der Wahrheit aber noch ihre Jungfrauschaft habe, indem sie von ihrem Gemahl noch niemals soll sein berührt worden. Sie ist‹, fuhr der Kavalier fort, ›eine geborene Deutsche und durch ein besonderes Schicksal an diesen Herrn vermählt worden; ich glaube aber, sie wendeten auf beiden Seiten ein gut Stück Geld daran, wenn sie so leicht wieder voneinanderkommen könnten, als sie zusammengekommen sind.‹ ›Ei!‹ fragte ich, ›was hat denn das für Ursachen?‹ ›Es wird nicht allein in dieser Stadt‹, antwortete der Kavalier, ›sondern auch weit und breit herum gesprochen, daß ihnen gleich an ihrem ersten Hochzeitstag ein schändlicher Possen gespielt worden; denn wenn er sie nur an der Hand oder am Backen, oder wenn sie ihn berührt, bricht ihm gleich der Angstschweiß aus und stößt ihm eine Ohnmacht zu.‹ ›Das wäre ja‹, replizierte ich, ›ein unerhörter und verteufelter Streich.‹ ›Mein werter Herr Landsmann‹, gab der Kavalier hierauf, ›man hat mir gesagt, daß solches hierzulande ganz und gar nichts Seltsames sei, sondern man habe sowohl hier in dieser Stadt als in der Nähe herum, sowohl unter hohen als geringen Eheleuten erstaunlich viele Exempel, daß selbige, teils auf ein- oder etliche Jahre, teils auf ihre ganze Lebenszeit solchergestalt fasziniert oder auf deutsch behext gewesen und noch sind.‹ ›Es ist erstaunlich‹, war meine fernere Rede, ›allein, was mögen sie solchergestalt wohl für eine Ehe miteinander führen?‹ ›Diese Ehe‹, replizierte der Kavalier, ›kann wohl schwerlich die beste sein; jedoch, man hört doch, daß die fromme, tugendhafte und kluge Dame sich sonderlich in ihre Fatalitäten zu schicken und dem stürmischen Mann mit Geduld und Gelassenheit nachzugeben weiß. Es hat mir jemand gesagt, daß ihr eine hohe Person insgeheim antragen lassen, ihre Ehescheidung zu befördern; allein sie soll großmütig zur Antwort gegeben haben: Sie verlasse sich bloß allein auf die Fügung des Himmels und verlange niemals auf andere Art, als durch einen natürlichen Tod von ihrem Gemahl getrennt zu werden. Wir hätten vermutlich unser Gespräch noch weiter fortgeführt, weil aber die Oper eben zum Ende ging, beurlaubte ich mich von diesem Kavalier und ersuchte ihn, mir ehester Tage die Ehre seines Zuspruchs in meinem Logis zu geben. Mittlerweile kam mir die von P.*, welche ich von nun an Madame K.* nennen will, aus den Augen, deswegen begab ich mich nach meinem Logis, wo ich die darauffolgende Nacht mit tausenderlei verdrießlichen Grillen hinbrachte; da ich aber endlich nach langem Herumwerfen meiner Vernunft Gehör gab, riet mir dieselbe, sowohl meiner unglückseligen Liebe als der Stadt N. Adieu zu sagen und weder die Madame K.* selbst, noch ihr Porträt wieder anzusehen, hergegen mich auf meine Güter zu begeben und eine ordentliche Ökonomie anzurichten. Ach aber, diese Resolution, ungeachtet sie diese Nacht auf einen Stahl und Eisengrund gebaut zu sein schien, wurde durch ein kleines Blättchen Papier über einen Haufen geworfen; denn sobald ich frühmorgens das Bett verlassen, lieferte mir einer von der Madame K.* Bedienten ein Billett folgenden Inhalts in meine Hände: Monsieur! An Ihrer Person vermerke, daß einem Verliebten alles auszuforschen möglich sei, und glaube zwar, daß eine übermäßige Zärtlichkeit, mich wiederzusehen, Sie angereizt hat, mir nachzufolgen, gesteh anbei, daß es mir zugleich lieb und leid ist, daß Sie mich gefunden. Lieb darum, weil ich das Vergnügen habe, Ihre artige Person gesund zu erblicken, leid aber, weil Ihre Anwesenheit mir höchst gefährlich werden kann. Unterdessen, wo Sie einige Consideration für meine Person und mein Bitten haben, so bleiben Sie so lange in Ihrem Logis verborgen, bis ich Ihnen Nachricht gebe, an welchem Ort Sie mich ohne Gefahr sehen und sprechen können. Denn ich befürchte, es möchten sonst untugendhafte Gemüter einen bösen Verdacht auf unseren zwar verliebten, doch tugendhaften Umgang werfen und meiner Ehre einen unauslöschlichen Schandfleck anhängen, zumal es eine sehr schwere Sache ist, die verliebten Affekte beständig im Zaume zu halten. Sie belieben demnach, meinem Rat zu folgen und versichert zu leben, daß Ihnen mit einer beständigen, jedoch Ehre und Tugend unschädlichen getreuen Liebe ergeben verbleibt L. de P. Bei so gestalten Sachen änderte sich meine Resolution sofort, und ich beschloß, solange in N. zu verbleiben, als es der Madame K.* gefiel; damit ich aber ihrem Befehle gemäß desto verborgener in meinem Logis sein und mich bei meinen Reisegefährten nicht etwa in Verdacht setzen möchte, stellte ich mich krank, kam nicht aus meinem Zimmer, vertrieb indessen meine Zeit mit der Poesie und anderen verliebten Grillenfängereien. Zwei Wochen vergingen, es meldete sich aber noch keiner von der Madame K.* Bedienten, inzwischen, weil die Lustbarkeiten zu Ende und die Vornehmsten schon wieder abgereist waren, brachen auch meine jungen Grafen auf und versprachen mir, ganze vier Wochen in B. auf mich zu warten, damit ich, wenn ich binnen der Zeit wieder gesund würde, sie daselbst antreffen und vollends mit ihnen nach Hause reisen könnte. Ich wünschte ihnen aus gutem Herzen viel Glück auf die Reise und war froh, daß ich für diesmal ihrer loswurde, mithin mein fernerweitiges Schicksal für mich allein in der Stille abwarten könnte. Gleich den darauffolgenden Tag bekam ich den zweiten Brief von der Madame K.*, worin sie sich bedankte, daß ich in ihrem Begehren Folge geleistet hätte, anbei ein herzliches Verlangen bezeugte, mit mir zu sprechen, weil aber hier in der Hauptstadt so viele Aufseher wären, hielte sie für ratsam, daß ich ihr auf ein zwei Meilen vor der Stadt gelegenes Landgut folgte, und zwar in Weibskleidern; hierzu wollte sie mir in folgender Nacht durch eine getreue Frau und einen Bedienten alles Nötige übersenden, jedoch sollte ich ihr vorher berichten, ob mir dergleichen Maskerade nicht etwa zuwider wäre. Nun kann ich zwar nicht leugnen, daß mir dieser Streich anfänglich sehr unanständig schien, denn es fiel mir dabei diese Frage ein: ›Werden nicht die, so es einmal erfahren, sagen: Hercules servivit.‹ Jedoch ich tröstete mich in diesem Stück folgendergestalt: ›Hat sich gleich Herkules durch die Liebe verleiten lassen, seiner geliebten Omphale zu Gefallen Weibskleider anzuziehen und in der Spinnstube mit dem Rocken unter ihren Mägden zu sitzen, so ist er doch der starke Herkules geblieben und nach seinem Tode vergöttert worden.‹ Ferner wollte mir auch diese Maskerade verdächtig und gefährlich vorkommen, allein, die Liebe überwältigte bei mir die gesunde Vernunft sowohl als den Wohlstand, deswegen versäumte ich keine Zeit, der Madame K.* zu versichern, wie mein Wille in allen Stücken ihren Befehlen unterworfen sei. Also stellte sich in darauffolgender Nacht eine mit zwei Pferden bespannte Karosse ein, worin nebst einer etwas betagten deutschen Frau auch ein einziger deutscher Lakai saß, welcher aber keine Livree hatte. Die Frau allein kam in mein Zimmer und bat, ich sollte durch meinen Diener einen Koffer von dem Wagen nehmen und herauf tragen lassen; dieses geschah. Nachher wurden aus dem Koffer vortreffliche Frauenzimmerkleider ausgepackt, ich als ein Frauenzimmer angekleidet, und so reisten wir, noch ehe der Tag anbrach, fort, nachdem ich meinen getreuen Diener, welcher in Wahrheit das Leben für mich gelassen hätte, Instruktion gegeben, wie er sich Zeit meiner Abwesenheit verhalten und wie er mit den Geldern, so ich ihm zurückließ, disponieren solle. In drei Stunden langten wir ganz gemächlich auf dem Landgut an, ich wurde von der Madame K.*, die schon vorausgereist war, in einem schön möblierten Zimmer sehr freundlich empfangen, die verliebten Komplimente, so zwischen uns gewechselt wurden, will ich so wenig berühren als den täglich vergnügenden Zeitvertreib, den wir uns machten, sondern nur so viel sagen, daß ich mich dieses erste Mal ganze vier Wochen bei ihr aufhalten mußte, im Liebeswerk aber konnte bei ihr nicht weiter avancieren, als daß sie mich dann und wann, jedoch in Wahrheit sehr selten, einen Kuß von ihrem schönen Munde und Händen rauben ließ; weiter konnte ich von ihrer strengen Tugend nichts erlangen, ja, diese kleine erlaubte Freiheit wollte ihr schon mehr als zu lasterhaft vorkommen, jedoch, auf meine unablässigen verliebten Vorstellungen gab sie sich endlich zufrieden, da aber hierdurch mein Liebesappetit nach den delikatesten, jedoch verbotenen Früchten immer stärker werden wollte, lockte sie mir einmal mit artiger Manier einen Schwur aus dem Munde und vinkulierte mich damit so weit, daß ich versprechen, angeloben und schwören mußte, ihr, solange ihr Gemahl am Leben, niemals etwas zuzumuten, was wider die Hauptregeln der Keuschheit liefe. Demzufolge habe auch nach der Zeit nicht einmal an etwas Unkeusches gedenken, geschweige denn davon reden wollen. Außer diesem aber lebten wir sehr vertraut miteinander und vertrieben unsere meiste Zeit mit dem Schachspiel oder verliebten Gesprächen, und zwar in französischer Sprache, damit die alte deutsche Frau, welche der Madame K.* nicht von der Seite kommen durfte, nicht eben alles verstehen könne. Binnen dieser Zeit erzählte mir die Madame K.* auch ihre ganze Lebensgeschichte, die mit demjenigen ziemlich übereinstimmte, was mir der deutsche Kavalier in der Oper gesagt; sie ist gewiß sehr merkwürdig, aber auch sehr weitläufig, deswegen halte es nicht für ratsam, mein wertester Elbenstein, dieselbe jetzt anzufangen, sondern ich will dieselbe bis auf eine anderweite Zusammenkunft versparen, jedoch in meiner eigenen Geschichte fortfahren: Nachdem vier Wochen verflossen, ließ mich die Madame K.* wieder nach der Hauptstadt in mein Logis bringen; sie folgte ebenfalls dahin, jedoch mußte ich daselbst ihr Palais gänzlich vermeiden und mich anstellen, als ob ich sie gar nicht kennte. Indessen, weil ich von ihrer Freigebigkeit mit einer starken Summe Geldes (außer etlichen Kleinodien von großem Wert) war beschenkt worden, so konnte ich in dieser Stadt, wo ohnedem sehr teuer zehren war, dennoch starke Figur machen und die vornehmsten Gesellschaften frequentieren; als ich aber nach Verlauf eines Monats die andere Ordre bekam, folgte ich der Madame K.* abermals höchst vergnügt auf ihr Landgut und blieb fast sechs Wochen daselbst in ihrer Gesellschaft; wir vertrieben einander die Zeit ebenso wie das vorigemal, und, kurz zu sagen, wir wechselten solchergestalt Ort und Zeit unseres Aufenthalts über ein ganzes Jahr hindurch, denn ihr Gemahl, welcher in Affären des Staates verschickt war, schrieb zwar zum öfteren, verschob aber seine Wiederkunft von einer Zeit zur anderen. Mir geschah hierdurch kein Possen, ungeachtet ich manche Nacht sozusagen auf einem glühenden Rost lag und braten mußte, dieweil ich die Quintessenz der Liebe nicht zur Arznei erlangen konnte. Jedoch, ich hielt der Madame K.* meinen Schwur, und diese ließ sich sehr öfters bewegen, etliche Wochen länger auf den Gütern die Zeit hinzubringen, als sie sich anfänglich vorgesetzt gehabt. Wie ich es demnach überrechnete, so haben wir im ganzen Jahre kaum zwölf Wochen separiert und in der Stadt gelebt. Eines Abends, da es bereits dämmrig zu werden begann, standen wir alle beide an einem eröffneten Fenster und diskutierten miteinander. Indem fing Madame K.* unverhofft zu sagen an: ›Mein Herz wird mir grausam schwer, mein wertester de A.*, ich wollte wünschen, daß wir beide in der Stadt, und zwar ein jedes in seinem Logis befindlich wären.‹ ›Was schwer? Was schwer? Mein Engel‹, versetzte ich, ›Euer Gemahl, vor dem wir uns allein zu fürchten haben, kommt, seinen letzteren Briefen gemäß, ja wenigstens in sechs Wochen noch nicht.‹ Kaum hatte ich diese Worte ausgeredet, da der deutsche Lakai gelaufen kam und berichtete, wie der Herr von K.* mit etlichen anderen Vornehmen von Adel auf den Hof zugeritten käme. Daß Madame K.* und ich nicht weniger bestürzt hierüber wurden, ist leicht zu erachten; jedoch wir hatten doch noch etwas Zeit, uns zu sammeln, faßten deswegen die kurze Resolution, uns der Verstellung zu bedienen und den Ankommenden dreist unter Augen zu gehen. Hierauf kam der Herr von K.* mit allen seinen Gästen plötzlich ins Zimmer getreten und wurde sowohl von seiner Gemahlin als mir ganz freimütig und höflich bewillkommt. Der Herr von K.* sah mir starr, jedoch mit einer sehr freundlichen Miene in die Augen, sobald er aber von seiner Gemahlin vernommen, daß ich eine von ihren Befreundinnen aus Deutschland sei, bewillkommte er mich aufs höflichste mit einem Handkuß. Mein Angesicht und der Bart konnten mich so leicht nicht verraten, denn ich hatte mich bis dato eben noch nicht allzusehr über einen scharfen Bart zu beschweren, überdies kratzte ich damals selbst mit einem Schermesser alle Morgen die herausdringenden Stoppeln ab, so daß man an mir gar keinen Bart verspürte. Die Angekommenen inkommodierten uns nicht lange, begehrten auch keine Abendmahlzeit einzunehmen, indem sie vorgaben, daß sie dieselbe kaum vor einer Stunde bei einem benachbarten Edelmann eingenommen hätten, hergegen führte sie der Herr von K.* in ein anderes Zimmer, wo sie sich mit Wein, Bier und Tabakrauchen divertierten. Mittlerweile ließ der Herr von K.* seiner Gemahlin sagen, wie er jetzt eben im Begriff wäre, einen Expressen nach der Stadt zu schicken, um allen Zubehör zu einem herrlichen Schmaus für sechzehn bis zwanzig Personen herauszuschaffen, wofern sie nun eines oder das andere dabei zu erinnern hätte, möchte sie es bald tun, damit der Expresse nicht aufgehalten würde, sondern morgen bei guter Zeit mit allen Requisiten zur Stelle sein könne. Er, der Herr von K.*, würde mit seiner Gesellschaft zwar morgen mit dem allerfrühesten erst zu dem Herrn von W.* reiten, jedoch gegen Abend, um fünf oder sechs Uhr, wieder zugegen sein, deswegen möchte Madame K.* alles so einrichten, daß sie bald nach ihrer Ankunft speisen könnten. Madame K.* ließ ihn bitten, weiter für nichts Sorge zu tragen, indem sie schon alles bestmöglichst besorgen wollte. Inzwischen war sie meinetwegen in großen Ängsten, geriet auch auf die Gedanken, mich noch in dieser Nacht heimlich nach der Stadt bringen zu lassen; allein, sie resolvierte sich bald anders, indem sie glaubte, hierdurch den Verdacht noch größer zu machen; demnach bat sie mich, nur morgen bei Tag wenig zum Vorschein zu kommen, wenn aber ihr Herr, nachdem ich mich wegen einer kleinen Unpäßlichkeit excusieren lassen, ja darauf bestünde, daß ich mit bei der Tafel erscheinen sollte, möchte ich nur Folge leisten und meine Szene aufs beste spielen. Hierauf begab ich mich von ihr in mein ordentliches Zimmer, kam auch den anderen Tag gar nicht zum Vorschein, bis Madame K.* die alte Frau schickte und mir sagen ließ, es könnte nicht anders sein, ich müßte zur Tafel kommen, es wollte keine Entschuldigung helfen, deswegen sollte ich mich nur ankleiden. Da solches geschehen und ich bei der Gesellschaft, worunter sich vier Frauenzimmer außer der Madame K.* befanden, wurde ich von allen insgesamt aufs complaisanteste bewillkommet und mußte mich an des Herrn von K.* Seite setzen. Es wurde proper traktiert und die Tafelmusik dabei gemacht; nach aufgehobener Tafel aber forderte mich der Herr von K.* am allerersten zum Tanze auf, worüber die Madame K.* sowohl als ich, ungeachtet uns allen beiden nicht allzuwohl um die Leber war, von Herzen lachen mußten. Ungeachtet ich mich aber zeitlebens wenig im Frauenzimmerhabit und Art zu tanzen geübt hatte, so konnte doch meine Dinge noch so ziemlich machen, so daß nicht allein der von K.*, sondern auch seine Gäste meine Geschicklichkeit ungemein rühmten. Kurz zu sagen, der Herr von K.* verliebte sich in mich und trug mir seine inbrünstige Liebe gleich diesen ersten Abend an einem bequemen Ort in französischer Sprache an. Dieses war mir ein gefundenes Fressen, zwar weigerte ich mich anfänglich, ihm zu antworten, endlich aber, da er fortfuhr, von nichts anderem als von verliebtem Zeug zu schwatzen, sagte ich: ›Stille, stille! Mein Herr! Ich wollte nicht tausend Dukaten drum nehmen, daß Eure Gemahlin unseren Diskurs erführe.‹ ›Ha!‹ erwiderte der Herr von K.*, ›meine Gemahlin muß zufrieden sein, wenn ich mich morgendes Tages von ihr scheiden lasse; sagt nur ein Wort, meine Schöne, ob Ihr mich vergnügen wollt, so sollt Ihr nicht allein morgendes Tages tausend Dukaten zum Voraus von mir haben, sondern binnen wenig Wochen meine eheliche Gemahlin sein.‹ ›Mein Herr!‹ versetzte ich, ›nehmt nicht ungnädig, wenn ich glaube, daß vielleicht mehr der Wein als meine wenige Schönheit Euch diesen Abend in mich verliebt macht; leugnen kann ich zwar nicht, daß mich Eure galante Person ungemein charmiert, wünschte auch im Stande zu sein, Euch zu vergnügen, allein, Eure Gemahlin ist meine weitläufige Befreundin, und diese aus ihrem Ehebett zu vertreiben, wäre nicht redlich gehandelt; eine Nebenbuhlerin aber zu leiden, würde Ihr so wenig gelegen sein als mir, dergleichen Condition anzunehmen.‹ ›Mein Engelskind!‹ sagte hierauf der Herr von K.* zu mir, ›berichtet mir nur kürzlich, ob Ihr mich lieben könnt oder nicht, denn wenn ich nur dessen versichert bin, daß Ihr mich liebt, so soll sich in der Kürze schon alles geben.‹ Ich stellte mich an, als ob ich vor Schamhaftigkeit und Furcht nicht antworten könnte, führte aber in aller Stille seine Hand zu meinem Munde, küßte und drückte dieselbe. Er nahm diese Karesse für ein wirkliches Jawort an und paßte das Tempo ab, da seine Gemahlin hinausgegangen war, mich hinter eine Gardine zu führen und mir etliche derbe Küsse auf den Mund zu versetzen. ›Wohlan‹, sprach er hierauf, ›laßt meiner Gemahlin nicht merken, morgen sollt Ihr mit Derselben nach der Stadt in unser Palais fahren und von mir tausend Dukaten zu Eurer Bedürfnis empfangen; ich muß zwar noch eine Reise tun, komme aber aufs längste in drei Wochen wieder zurück, sodann soll zu unser beiderseits Vergnügen völlige Anstalt gemacht werden.‹ Hierauf verließ er mich und redete diesen Abend fernerhin sehr wenige Worte mit mir, hergegen machte er sich mit seinen Gästen bei den Weinbouteillen noch etliche Stunden lustig; folgenden Morgens aber brachen wir in aller Stille nach der Stadt auf. Madame K.* und ich saßen in einem Wagen beisammen, da ich denn derselben unterwegs erzählte, was mir gestern Abend passiert war. Sie lächelte zwar darüber, allein, das für mich gewünschte Vergnügen wollte sich gar nicht zeigen; doch sagte sie: ›Weil mein Gemahl heute wieder fortreisen will, wollen wir doch den Possen vollends fortspielen und abwarten, was daraus werden wird.‹ Nachdem wir im Palais angelangt, begab er sich in sein Appartement, mir aber ließ er durch seinen Kammerdiener insgeheim sagen, daß ich mich mittags um drei Uhr in mein Zimmer begeben sollte, unter dem Vorwand, Mittagsruhe daselbst zu halten, weil er mir durch ihn, den Kammerdiener, dem gestrigen Versprechen gemäß etwas zuschicken, sich sodann gleich zu Pferde setzen und fortreisen wollte. Wie ich nun versprechen lassen, mich danach zu achten, begab ich mich sogleich zu der Madame K.*, der ich den Antrag erzählte. Sie sagte hierauf, ich sollte mein Versprechen nur halten; weil aber der Herr von K.* unter dem Vorwand, daß er vor seiner Abreise noch notwendige Briefe zu schreiben hätte, in seinem Appartement allein auf der Serviette zu speisen verlangte, also speiste ich mit der Madame K.* ganz allein und begab mich hernach in mein Zimmer. Um die bestimmte Zeit kam der Kammerdiener, brachte mir nebst einem freundlichen Abschiedskompliment einen Brief nebst einem Beutel, worin tausend Dukaten versiegelt, von seinem Herrn und begab sich eiligst wieder zurück. Ich erbrach den Brief und fand die herrlichsten Liebesverpflichtungen nebst folgender nachdenklichen Expression darin: Bleibt mir nur getreu und sorgt für nichts; die Ehescheidung zwischen mir und meiner Gemahlin und die Vermählung mit Euch und mir wird leichter geschehen, als sich jetzt jemand einbilden kann. Nachdem ich der Madame K.* diesen Brief zu lesen gegeben, sagte sie: ›Mein werter de A., nunmehr ist dieses mein bester Rat, nehmt die tausend Dukaten und retiriert Euch damit, wohin Ihr wollt, oder getraut Ihr Euch, in Euren Kavalierskleidern noch etliche Wochen hierzubleiben, so steht es Euch frei. Ich finde für nötig, mich auf eine Zeitlang zu verbergen, weil, wie ich merke, mein Leben in Gefahr steht, denn der verfluchte Kammerdiener wird ganz gewiß Ordre haben, mich mit Gift hinzurichten.‹ Ich erstaunte gewaltig über diese ihre Reden, da sie sich aber sehr ängstlich gebärdete, mußte ich ihren Mutmaßungen desto mehr Glauben beimessen, versprach demnach, ihr zu gehorsamen und mich mit einbrechender Nacht in mein Logis zu begeben, jedoch noch eine kurze Zeit in dieser Stadt zu bleiben, um unter der Hand auszuforschen, was nach ihrer heimlichen Abreise weiter passieren würde. Inmittels ersann sie einen artigen Streich, sich des Kammerdieners zu versichern, führte auch denselben glücklich aus, und zwar folgendergestalt: Sie ließ von ihren getreuen Bedienten sechs handfeste Kerls in ihr Zimmer kommen, welchen sie vorschwatzte, was maßen sie ein besonderes Geheimnis entdeckt, daß nämlich der Kammerdiener ein Großes verbrochen, welches in einer Verräterei und Betrug gegen ihren Gemahl und auch sie bestünde; deswegen sollten sie den Kammerdiener sofort gefangennehmen, binden und in einem finsteren und tiefen Gewölbe so lange bewahren, bis ihr Gemahl wieder zurückkäme, dem sie sofort einen Expressen nachschicken, auch ihm selbst entgegenreisen wollte. Dieses wurde nun sofort bewerkstelligt, und zwar ohne einzigen Rumor, weil dem Kammerdiener keiner von allen anderen Domestiken gewogen war. Hierauf packte die Madame K.* alle ihre Kostbarkeiten in etliche Koffer ein und wartete mit Verlangen auf den hereinbrechenden Abend. Sobald derselbe eingebrochen, nahm sie von mir beweglichen Abschied und versprach, daß ich im warmen Bade bei ihrem Wirt nach wenigen Wochen Briefe von ihr finden sollte. Hierauf ließ sie mich in mein Logis bringen, sie aber ist ungefähr eine Stunde hernach abgereist. Ich hielt mich etliche Tage ganz still in meinem Logis auf und ließ durch meinen Diener aussprengen, als wenn ich nach G. verreist gewesen wäre, daselbst aber einige Zeit krank darniedergelegen hätte. Nachher besuchte ich wieder diejenigen Orte, wo die vornehmsten Kavaliere anzutreffen waren und wo man alle neuen Mähren, so in- und außerhalb der Stadt passierten, am allerersten erfahren konnte; es erwähnte aber kein Mensch etwas von denjenigen Affären, welche ich gern, ohne meine Person darein meliert zu wissen, anhören mögen. Etwa drei Wochen hernach, da ich nebst zwei Kavalieren der Stadt und drei Deutschen spazierengeritten war, stiegen wir bei einem Wirtshaus ab, das im freien Feld lag. Kaum hatten wir ein paar Gläser Bier ausgeleert, da der Herr von K.* nebst drei seiner bei sich habenden Leute von der S.-Straße dahergejagt kam und allem Ansehen nach auf die Stadt zueilte; da er aber uns zu sehen bekam, wendete er ein und stieg ebenfalls bei dem Wirtshause ab. Der eine von den Stadtkavalieren, so in meiner Gesellschaft waren, mochte mit dem von K.* bekannt sein, fragte deswegen sogleich, wo er so eilig herkäme? Der von K.* aber, sobald er mich in die Augen bekam, blieb ganz unbeweglich stehen und konnte diesem Kavalier, seinem Landsmann, kein Wort antworten. Es wurde ihm ein Glas Bier zugetrunken, allein, er entschuldigte sich und forderte Branntwein, leerte auch in der Geschwindigkeit fünf bis sechs ziemliche Gläser aus. Nach diesen rief er seinen Kammerdiener auf die Seite, redete eine Weile heimlich mit demselben, worauf er wieder zurückkam und sich bei uns niedersetzte. Indem nun der Kammerdiener sich stellte, als ob er hinter das Schenkhaus gehen wollte, rief ihm sein Herr zu, er sollte Schnupftabak hergeben. Dieser brachte eine frischgefüllte Dose und sah mir ebenfalls starr ins Gesicht. Mittlerweile nun der von K.* Schnupftabak nahm, fragte er den Kammerdiener: ›Ists der Rechte?‹ ›Ja, gnädiger Herr!‹ antwortete dieser, ›es ist der Rechte.‹ Hierauf sagte der von K.* nochmals: ›Wenn es nur wahr, daß es der Rechte ist.‹ Da denn der Kammerdiener mit einem Fuß auf die Erde stampfte und mit ernsthafter Stimme sprach: ›Hol mich tausend – es ist der Rechte.‹ Hierauf präsentierte der von K.* einem jeden die Dose, wie er aber an mich kam und ich eben zugreifen wollte, ließ er dieselbe aus der Hand auf die Erde fallen; ich nahm geschwind ein wenig Schnupftabak von dem Haufen, der auf den steinernen Tritt gefallen war, hob auch die Dose auf und präsentierte ihm dieselbe als einem Unbekannten mit einem höflichen Kompliment, sagte anbei, wie es schade wäre, daß so ein delikater Tabak hätte sollen verschüttet werden. Der von K.* antwortete nichts, nahm aber die Dose und warf dieselbe ungeachtet es ein kostbares Stück war, in einen sehr nahe an dem Wirtshaus gelegenen Teich. Alle sahen einander an und wußten nicht, was sie aus diesem närrischen Beginnen schließen sollten; ich aber fing nunmehr an zu merken, was diese Aufführung zu bedeuten hätte, setzte mich deswegen in Positur, rief meinen Diener und befahl ihm insgeheim, frisch Pulver auf die Pfannen unserer Pistolen zu schütten und die Pferde an den Arm zu nehmen. Hierauf redete der von K.* seine beiden Landsleute, die mit mir dahin geritten waren, also an: ›Meine Herren! Wißt Ihr etwas Neues? Meine bisher gewesene Frau, die Kanaille, ist mir seit kurzem, mit einer starken Summe Geldes und vielen kostbaren Kleinodien echappiert.‹ Einer von diesen beiden antwortete, wie er zwar in der Stadt an einigen Orten etwas davon murmeln gehört, wollte aber nicht hoffen, daß dem in der Tat also sei. ›Es ist mehr als zu wahr‹, versetzte der von K.*, ›ich habe es leider mit meinem Schaden erfahren, doch wollte ich gern noch einmal soviel verlieren, wenn ich nur das Vergnügen haben könnte, mich an ihrer Person dergestalt zu rächen, wie ich mich an demjenigen Kujon rächen will, der sie verführt hat.‹ Hierauf stieß er die allergrausamsten Flüche und Scheltworte auf die deutsche Nation aus, beides, männlichen als weiblichen Geschlechts, sagte auch ausdrücklich, alle Deutschen wären wert, daß man sie in diesem Land totschlüge wie die Hunde. Meine drei Landsleute machten große Augen, mir aber überlief die Galle dergestalt, daß ich aufsprang und unter den Worten: ›So raisonieren Massetten‹, meinen Degen zog und dem von K.* ferner zurief: ›Ziehe vom Leder, Kanaille, und defendiere deine aus einem Branntwein eingebeizten Rachen ausgestoßenen schändlichen Redensarten.‹ Danach zog der von K.* auch seinen Sarras, beiderseits Diener liefen herzu und wollten auch mit schlachten helfen, allein, die beiden Nationalisten stellten sich dazwischen und wollten dergleichen irreguläre Recontre durchaus nicht statuieren, widrigenfalls die Partie der Deutschen nehmen. Dergleichen Raisonabilité hatten ich und meine Landsleute mir von ihnen nicht eingebildet. Unterdessen aber, da mich der von K.* aufs schärfste injurierte, einen Weiberverführer, Hurenschelm und dergleichen schalt, anbei mich zu einem Duell auf Leib und Leben provozierte, stellte ich mich zwar gegen die anderen, als ob ich gar nicht wüßte, was der rasende Kerl bei mir, als einem rechtschaffenden Kavalier, suchen wollte; jedoch weil er mit aller Gewalt Händel an mir suchte, wollte ich ihm, um der Deutschen Ehre zu maintenieren, auf ein paar Pistolen stehen, indem wir ungleiche Seitengewehre hatten. Die Gesellschaft konnte hierwieder fast nichts einwenden, sondern war geneigt, uns beide Mann für Mann zu lassen, allein, der von K.* wollte von keinen Pistolen, sondern nur von einem Zweikampf mit dem Seitengewehr hören. Dieses war mir um soviel lieber, zumal da er auch keine Sekundanten leiden wollte. Als wir demnach zusammengelassen wurden, erklärte sich mein Gegner, daß absolut einer von uns beiden auf dem Platz bleiben müßte; er ging auch auf mich los als eine Furie, allein, er kam blind und erhielt von mir kurz nacheinander zwei gefährliche Wunden, und zwar eine oben in den Arm, die andere in die Brust, weswegen er matt wurde, seinen Sarras sinken ließ und endlich zu Boden fiel. Ich stellte mich, als ob ich ihm mit einem Stoße noch die letzte Ölung geben wollte, deswegen er, als er den Tod vor Augen sah, mich recht kläglich um sein Leben bat. Die übrigen von der Gesellschaft nahten sich herzu, um mich von diesem barbarischen Verfahren abzuhalten, ich aber gab ihnen einen Wink, und sagte zu meinem Feinde: ›Siehe, Kanaille, ungeachtet nicht allein ich, sondern die ganze deutsche Nation von dir aufs allerschändlichste touchiert worden, so will ich doch an dir etwas tun, welches du an mir nicht leicht würdest verübt haben, wenn du mich so wohl überwunden hättest als ich dich. Ich schenke dir demnach dein Leben, jedoch mit der Kondition, daß du alle ausgestoßene Injurien auf deine eigene Person zurücknehmest, dich selbst als einen boshaften Lügner aufs Maul schlägst und mir wegen der aufgebürdeten Laster eine Ehrenerklärung tust. Geschieht dieses nicht, so stoße ich dir augenblicklich den Degen durch die Brust.‹ Die übermäßige Furcht vor dem Tod trieb den angstvollen von K.* an, mein Begehren auf der Stelle zu erfüllen, worüber seine Bedienten sowohl als die Leute die Augen nicht wenig in den Köpfen herumdrehten, allein, es movierte sich niemand, weswegen ich mich mit meinen drei Landsleuten zu Pferde setzte und zurück nach der Stadt ritt. Tags darauf war diese Begebenheit bereits stadtkundig, wurde aber von einem auf diese, von dem anderen auf jene Art erzählt, von den meisten aber wurde meine Aufführung gerühmt und ich für einen resoluten Kavalier gehalten. Ungeachtet ich nun bei vielen in den heimlichen Verdacht geriet, als ob ich mit des von K.* Gemahlin in heimlicher Vertraulichkeit gelebt hätte, so wurde doch wenig daraus gemacht, im Gegenteil wünschte sich mancher, wie ehemals Neptunus getan, bei dieser Venus so glücklich, als Mars bei jener gewesen zu sein und einem mürrischen Vulcano Hörner aufzusetzen. Nach der Zeit wurde mir von verschiedenen guten Freunden angeraten, diese Stadt zu verlassen, denn des von K.* rachgieriges Gemüt wäre jedermann bekannt, und obgleich ich in der Hauptsache unschuldig, so würde er doch nicht unterlassen, bloß wegen des für ihn unglücklich ausgefallenen Duells an mir, wo nicht öffentliche, doch heimliche Rache zu suchen. Allein, ich kehrte mich an nichts, glaube auch, ich hätte dieses Land eher quittiert, wenn ich solches nicht erfahren hätte. So aber, um nicht für einen feigen Kerl angesehen zu werden und die Madame von K.* mit mir zugleich um soviel mehr aus allem Verdacht zu setzen, beschloß ich, das halbe Jahr vollends auszuwarten, sodann ins warme Bad zu reisen, um zu sehen, ob die von K.* ihr Wort gehalten und Briefe an mich dahin gesendet hätte. Durch diesen Eigensinn aber stürzte ich mich, wiewohl unschuldigerweise, in das größte Unglück, und zwar folgendermaßen : Ich besuchte fast täglich die besten Gesellschaften, sonderlich wo stark gespielt wurde, indem mich das Glück im Spiel sonderlich favorisierte, deswegen spazierte ich zum öfteren ganz allein, und zwar sehr spät, in mein Logis, weil ich meinen getreuen Bedienten lieber zur Sicherheit meiner Habseligkeiten zu Hause ließ. Eines Abends aber spielte ich einmal ganz extraordinär unglücklich, so daß alles bei mir habende Geld fortging, deswegen, weil es bereits spät war, nahm ich für diesmal von der Gesellschaft Abschied, und zwar akkurat, da die Glocke eins schlug. Es hörten alle die Glocke schlagen und verwunderten sich einigermaßen, daß die Zeit so geschwind verflossen wäre, dem ohngeachtet machten die anderen noch keinen Aufbruch, sondern ich allein ging mit meiner kleinen Taschenlaterne den nächsten Weg nach meinem Quartier zu. Als ich nun in die einsame Gegend eines Klosters kam, hörte ich etliche Personen hinter mir hergetreten kommen, wandte mich deswegen mit der Leuchte um, zu sehen, wer dieselben wären; in selbigem Augenblick aber bekam ich einen Hieb über diese meine linke Hand, weswegen ich die Laterne mußte zur Erde fallen lassen. Eine Stoßklinge ging mir fast zu gleicher Zeit durch den Rock und Kamisol an der Brust hinweg, schürfte aber nur die Haut; deswegen tat ich einen Sprung auf die Seite, zog meinen Degen und stieß auf den los, der mir am nächsten war, traf ihn auch dergestalt glücklich, daß er augenblicklich zu Boden fiel und in seiner Sprache das ›Miserere mei!‹ ausrief. Dem ohngeachtet setzten mir die zwei übrigen Mörder, deren Bewegung mich das wenige Sternenlicht einigermaßen observieren ließ, desto heftiger zu; da aber der eine, wie ich merken konnte, drei oder vier empfindliche Stiche von mir bekommen hatte, verging ihm die Lust, mich ferner zu attackieren, der dritte Filou aber wollte gar nicht weiter anbeißen, sprang also zurück, nahm die Flucht, gab aber ein Zeichen mit einer hellen Pfeife von sich. Nun konnte ich mir leicht einbilden, daß er hierdurch noch mehrere seiner schelmischen Kameraden herbeirief, deswegen hielt ich es nicht für ratsam, mich länger auf diesem Platz aufzuhalten, begab mich also mit fliegenden Schritten nach meinem Logis und kam eben in demselben an, da es ein Viertel auf zwei schlug, welches mir der Wirt nebst demjenigen Feldscher, der mich verbunden, und vielen anderen ehrlichen Leuten, die damals noch bei meinem Hauswirt gesessen haben, bezeugen konnten. Denn unter währendem Verbinden, als ich den Feldscher fragte, ob ich eine lahme Hand bekommen würde, und mir derselbe zur Antwort gab, er könne für die Restitution der Gelenke nicht Bürge sein, sagte ich ganz betrübt: ›Hilf Gott! Kann man nicht so unverhofft in Unglück geraten; jetzt hat es nur ein Viertel auf zwei Uhr geschlagen, und da die Glocke eins schlug, wußte ich hiervon noch nichts.‹ Man fragte mich hierauf, mit wem ich Händel gehabt, allein, ich fand nicht ratsam, sogleich die Wahrheit zu sagen, sondern gab vor, es wäre in einer Recontre geschehen; meinen Diener aber schickte ich gleich mit anbrechendem Tag auf den fatalen Kampfplatz; allein, er hatte nichts daselbst angetroffen als meine in Kot getretene Laterne, welche er zum Wahrzeichen mitbrachte, und etliche Flecken Blut, woraus ich schloß, die Straßenräuber müßten unfehlbar ihren tödlich blessierten Kameraden selbst mit fortgeschleppt haben. Deswegen machte ich mir gar keine sorgsamen Gedanken, verbot aber meinem Diener, gegen jemanden etwas von dieser Affäre zu gedenken, wie ich denn auch bei mir beschloß, kein Wesen davon zu machen. Allein, ehe die Mittagsstunde herannahte, wurde ich von der Senatswache in meinem Logis arretiert und in ein Gefängnis geführt, wo sonst die allergrößten Missetäter verwahrt wurden. Der Himmel weiß am besten, wie schändlich und wider alles Recht mit mir prozediert worden, denn es war bekannt, ich aber erfuhr es nur von ungefähr, daß der von K.* unweit von seinem Palast, und zwar in eben derselbigen Nacht, war ermordet worden. Dieser Palast aber liegt in der V. Vorstadt und eine gute halbe Stunde von demjenigen Haus, wo ich selbigen Abend in Gesellschaft gewesen bin. Nun bedenke ein jeder vernünftige Mensch, ob es wohl möglich sei, in einer Viertelstunde dahinzulaufen, den Mord zu begehen und auch wieder in meinem Logis zu sein, welches noch weiter abgelegen war. Aber alles dieses und noch viel anderes mehr, was zu meiner Entschuldigung und Entdeckung meiner Unschuld dienen können, ist boshafterweise unterdrückt, hergegen vier falsche Zeugen über mich abgehört worden, deren lügenhafte Aussage ich zwar klar und deutlich widerlegte, meine Inquisitoren aber gaben sich nicht einmal die Mühe, dasjenige, was ich zu meiner Defension vorbrachte, anzuhören, noch vielweniger aber registrieren zu lassen, suchten hergegen mich durch die Tortur zum Bekenntnis zu bringen. Wie ich mich nun von aller Welt verlassen sah, indem man einem jeden, er mochte auch sein wer er wollte, den Zutritt bei mir verwehrte, auch mir weder Feder noch Tinte zuließ, verging mir alle Hoffnung, errettet zu werden, indem die Gerechtigkeit dasigen Orts kein Quartier hatte. Alle meine Courage verließ mich, sobald ich den erschrecklichen Torturapparat ansichtig wurde, deswegen schien mir der Tod weit erleidiger zu sein, als mich so schändlich martern zu lassen. Um nun meinen Tod zu beschleunigen, indem ich deutlich spüren konnte, daß kein ander Mittel vorhanden wäre, mich der Ketten und Bande nebst einer jämmerlichen Marter zu entreißen, bekannte ich, eine Mordtat verübt zu haben, die mir zeitlebens nicht in den Sinn gekommen war; bat also um nichts mehr, als mir die Gnade zu erteilen und mich mit dem Schwert hinrichten zu lassen. Dies wurde mir nach etlichen Tagen verwilligt und zugleich ein paar Geistliche zu mir ins Gefängnis geschickt, welche sich viele Mühe gaben, mich zu bereden, meine Religion zu changieren und die ihrige anzunehmen. Allein, ihre Mühe war vergebens, indem ich ihnen sagte: ›Ich weiche nicht von meinem Glauben, sondern wollte viel lieber unschuldigerweise sterben, als mein Leben durch Veränderung meiner Religion oder Ausstehung der Tortur zu retten suchen, weil ich mit dem ersteren meiner Seele, mit dem anderen aber meinem Leib einen unauslöschlichen Schandfleck anhinge.‹ Also blieben diese geistlichen Herren etliche Tage von mir, bis sie endlich mit demjenigen wieder angestochen kamen, der mir ankündigte, daß ich mich zu meinem Ende bereiten möchte, weil mir über den dritten Tag, früh um neun Uhr, der Kopf vor die Füße gelegt werden sollte. Das Urteil wäre zwar anfänglich so gesprochen worden, mich lebendig zu rädern, jedoch en regard dessen, daß ich von adeligem Geblüt herstammte, wäre es noch gemildert worden. Ich hörte alles mit größter Gelassenheit an, wendete nichts weiter dagegen ein als dieses: ›Ich danke Ihnen, mein Herr, für Ihre Bemühung, mir mein Todesurteil anzukündigen. Vor Gottes Gericht, am Jüngsten Tag, werde ich bessere Justiz antreffen als bei meinen hiesigen Richtern, deswegen will ich Sie dahin zitieren und hier auf Erden mit mir umgehen lassen, wie Sie belieben.‹ Der Mann, ich weiß nicht, wer er war, wendete sich ohne fernere Antwort von mir, hergegen kamen die Herren Geistlichen und bombardierten mich mit ihren Vermahnungen; allein, ich erklärte mich gegen sie rotunde, daß alle ihre Mühwaltung vergebens wäre, wollten sie aber ein Werk der christlichen Liebe an mir ausüben, so möchten sie meine ungerechten Richter dahin persuadieren, daß sie einen Geistlichen von meiner Religion zu mir kommen ließen. Hiermit aber hatte ich die Hölle vollends angezündet; sie übergaben mich dem Teufel und gingen in größter Rage von mir hinweg. Ich dagegen machte mich mit christlicher Gelassenheit zu meinem Tode gefaßt, indem ich an meine Erlösung zu gedenken hatte. In der Nacht aber vor dem angestellten Exekutionstag bekam ich einen starken Anstoß von der Kolik, so daß ich mich genötigt fand, meine Wächter zu bitten, mit mir hinauszugehen. Vier derselben schliefen, die zwei wachenden aber gingen mit mir heraus, da denn der eine eine Laterne vortrug, der andere aber mit entblößtem Seitengewehr hinter mir herging. Nachdem ich das Opus naturae verrichtete, löste mich der eine Wächter ab, der andere aber blieb bei mir auf dem Boden an einem großen Fensterloch stehen, wo ich frische Luft schöpfte. Er sah sowohl als ich hinunter in einen Hof, wo, wie ich schon vor etlichen Tagen angemerkt, sehr viel Mist lag. Indem redete mich der Wächter also au: ›Wollt Ihr wohl wagen, einen Sprung dahinunter zu tun, um den Händen des Scharfrichters zu entgehen?‹ ›Nein!‹ gab ich zur Antwort, indem ich mich zugleich von dem Loch hinweg wendete und nach meinem Gefängnisse zuging, ›ein solcher Tod möchte ungleich schmerzhafter sein.‹ Unter diesen Reden aber kamen mir ganz plötzlich andere Gedanken in den Kopf, deswegen, als wir ganz nahe bei einer steil herabgehenden Treppe vorbeigingen, gab ich dem Wächter einen solchen gewaltigen Stoß; daß er mitsamt seiner Laterne die Treppe hinunterstürzte; ehe aber der andere aus dem heimlichen Gemach herauskam, war ich schon wieder bei dem Loch, faßte meinen Schlafrock zusammen, befahl mich dem Allmächtigen und wagte den Sprung von der Höhe herab, fiel auch so glücklich und ziemlich sanft auf einen lockeren Misthaufen, daß ich weiter keinen Schaden nahm, als nur den linken Arm ein wenig anschellerte, weil ich mit demselben auf eine daliegende Mistgabel gefallen war. Der Hof war schlecht verwahrt, deswegen faßte ich die anhabenden Ketten zusammen, daß sie kein Gerassel machten, nahm die Mistgabel mit, schlich in der dicken Finsternis und im starken Regen hurtig fort und verkroch mich in ein altes zerfallenes Gebäude, wo ich mit Hilfe der Mistgabel mich der Ketten, so an einem Arm und an einem Fuß befestigt waren, entledigte und dieselben ganz leise in einen Winkel legte. Mein Vorsatz war zwar, in dem Hause eines gewissen Abgesandten Schutz zu suchen, unterdessen aber hörte ich, daß auf der Straße einiger Lärm entstand, weswegen ich mich in einen engen Winkel verkroch, kann aber nicht leugnen, daß mir das Herz im Leibe gewaltig pochte. Es wurde endlich still auf der Straße, doch sah ich den Schein einiger Fackeln herzukommen, weswegen mir noch tausendmal ängster wurde, allein meine Furcht verschwand einigermaßen, als ich zwei Lakaien mit Fackeln vorausgehen und zwei Personen mit Regenröcken kommen sah, auch vernahm, daß diese beiden letzteren deutsch, und zwar recht laut, miteinander redeten. Als sie etwas näher kamen, verstand ich ganz deutlich, daß der eine sagte: ›Es sei aber wie es wolle, Herr Bruder! So muß doch eine solche . . . Wache den Respekt gegen Offiziere von unserer Nation aufs genaueste observieren.‹ ›Bei dergleichen Umständen, Herr Bruder!‹ versetzte der andere Offizier hierauf, ›sind sie in Wahrheit ebensosehr nicht zu verdenken, Gott gebe nur, daß sich der arme Teufel de A.* in Sicherheit gebracht hat.‹ Diese letzteren Worte waren eine vortreffliche Herzstärkung für mich, deswegen faßte ich einen Mut, spazierte aus dem alten, verfallenen Gebäude heraus und immer hinter den Offizieren her, bis sie auf einen mir gefällig scheinenden Platz kamen, da ich denn meine Schritte verdoppelte, den einen beim Ärmel zupfte und sagte: ›Messieurs, ich bitte Sie um Gottes und Ihrer eigenen Ehre willen, nehmen Sie sich eines unschuldigen Delinquenten und unglückseligen Kavaliers an, denn sonst muß ich nach wenig Stunden Verlauf meinen Kopf wider alles Recht und Billigkeit hergeben.‹ ›Hui! Monsieur de A.*‹, sagte dieser. ›Ach, freilich‹, war meine Antwort, ›bin ich der unglückselige de A.*.‹ Hierauf sagten beide: ›Stille, stille, kein Wort mehr gesprochen.‹ Unterdessen aber tat der eine seinen Regenrock ab und warf ihn über mich, der andere aber setzte mir seine Perücke auf, nahm inzwischen dem Diener den Hut und setzte ihn auf seinen eigenen Kopf, mich aber nahmen beide in die Mitte und führten mich wohl noch über dreihundert Schritte bis in des einen Quartier. Wie ich diese beiden Herren recht beim Licht besah, waren es die Kapitäne B.* und C.*, welche ich ehedem auf der Universität L. gekannt hatte, jedoch nur kurze Zeit mit ihnen umgegangen war, indem sie wenig Wochen nach meiner Dahinkunft ihren Valetschmaus gaben. Um aber meine Erzählung nicht allzu weitläufig zu machen, so will ich nur soviel sagen, daß diese beiden redlichen Kavaliere, welche nunmehr weit höhere Chargen erlangt hatten, alles an mir getan, was nur leibliche Brüder aneinander tun können. Nachdem ich nun ihnen die ganze Speciem facti und alle Prozeduren erzählt, brachten sie es dahin, daß ich in höheren Schutz genommen wurde, auch zur Rettung meiner Ehre meine Defension ordentlicher führen konnte. Kaum aber war dieserwegen der Anfang gemacht, als meine Unschuld von selbst wunderbar und unverhoffterweise zutage kam. Es wurde nämlich mittlerweile ein berüchtigter Straßenräuber exekutiert und hatte bereits zwei Stöße mit dem Rad bekommen, als dieser ruchlose Mensch, der sich vorher weder bekehren, noch von Himmel und Hölle hören wollen, dem Scharfrichter plötzlich zurief: ›Halt inne, ich habe noch ein Geheimnis auf dem Herzen, woran sehr viel gelegen ist; ich will beichten und das heilige Sakrament empfangen, vielleicht kann ich noch selig werden.‹ Dieserhalb machte der Scharfrichter mit seiner gräßlichen Arbeit einen Stillstand, rief die Richter und Geistlichen, welche von einer großen Menge Volks begleitet hinzutraten. Auf kurzes Befragen, was nämlich er, der arme Sünder, noch auf seinem Herzen hätte, sprach er mit vernehmlicher Stimme: ›Gott hat mir mein Herz gerührt, deswegen bekenne ich, daß ich über alle Mordtaten, so ich bereits gestanden, noch etliche dreißig verübt habe. Unter dieser Zahl ist auch der Herr von K.*, denn er hatte mich für hundert Dukaten gedungen, den deutschen Kavalier de A.* bei Nachtzeit auf der Straße zu ermorden. Des Herrn von K.* Kammerdiener hatte eines Abends ausgespürt, wo sich der Kavalier in Gesellschaft aufhielt, weil aber sowohl der Herr als der Bediente wußten, daß der Kavalier ein resoluter Mensch und guter Fechter wäre, getrauten sie sich alle beide allein nicht an denselben, sondern der Kammerdiener kam zu mir und holte mich ab. Wir lauerten also alle drei dem deutschen Kavalier bei dem . . . Kloster auf, weil wir wußten, daß er den Weg nach seinem Logis da vorbeinehmen mußte. Ich hatte einen Stoßdegen, der Herr von K.* und sein Kammerdiener aber Pallasche, wir sahen ihn ankommen und attackierten ihn; allein, der Kavalier wehrte sich dergestalt desperat, daß der Kammerdiener durch einen tödlichen Stich sogleich zu Boden gelegt wurde. Dem Herrn von K.* wurde durch einen gewaltigen Stich der rechte Arm gelähmt, weswegen er zu fernerer Attacke untüchtig war, mithin zurückging. Ich aber, weil ich merkte, daß der Deutsche als ein Löwe focht und ihm nirgends beizukommen war, sprang endlich auf die Seite und vermeinte, mit meiner Pfeife etliche von meinen Kameraden, die sich vielleicht um selbige Gegend aufhalten möchten, herbeizulocken. Allein, der Deutsche begab sich aufs Laufen, und der Herr von K.* befahl mir, ihn erst nach seinem Palais zu führen, hernach den Körper des entleibten Kammerdieners auch nachzubringen. Ich gehorsamte, griff ihm unter den Arm und führte ihn ganz sacht fort. Unterwegs fragte ich, ob Ihro Gnaden etwa gefährliche Blessuren an sich spürten, worauf er mir antwortete, daß er bloß an einem Stich, den er in die Brust bekommen, einige Schmerzen fühlte, die übrigen Wunden aber würden nicht viel zu bedeuten haben. Inmittels beklagte er den plötzlichen Tod seines erblaßten Kammerdieners fast mit Tränen, mir aber warf er mit den allerempfindlichsten Worten vor, daß ich für hundert Dukaten meine Courage nicht besser gezeigt hätte; er selbst wäre tödlich blessiert, der Kammerdiener erstochen, ich aber hätte nicht einmal einen Blutstropfen dabei vergossen. Solche und dergleichen empfindliche Redensarten erbittern mich aufs heftigste; weil mir nun vorher ein kostbarer Diamantring, den er an seiner linken Hand trug, in die Augen gefallen war, und ich dabei hoffen konnte, eine fette Goldbörse und andere Kostbarkeiten bei ihm zu finden, ergriff die Resolution und gab ihm, mich seiner pikanten Worte wegen zu revanchieren, mit einem Dolch in der Geschwindigkeit drei oder vier Stiche in den Rücken, zwischen die Schulterblätter, weswegen er, da er sich ohnedem schon ziemlich verblutet hatte, ohne einzigen Laut von sich zu geben, zu Boden sank, durch drei Stiche aber, die ich ihm in die Brust gab, löschte ich ihm das Lebenslicht vollends aus. Hierauf nahm ich nicht allein den Ring von seinem Finger, sondern leerte ihm auch alle Schubsäcke aus, lief aber, weil ich hernach Leute kommen hörte, auf und davon, und zwar wieder auf den Platz, wo der erstochene Kammerdiener lag. Diesen schälte ich ebenfalls aus, fand eine herrliche Beute bei ihm und warf seinen Körper in den Brunnen bei dem . . . Kloster, worin derselbe unfehlbar noch zu finden sein wird. Außer diesem‹, verfolgte dieser Straßenräuber seine Rede, ›kann ich noch versichern, daß der Herr von K.* zwei von meinen Kameraden, welche Franzosen von Geburt sind, einem jeden hundert Dukaten in Abschlag und noch dreimal soviel zu geben versprochen hat, wofern sie seine Gemahlin antreffen und ums Leben bringen könnten; wenn sie ihm dieselbe lebendig in die Hände zu liefern capable wären, sollten sie gedoppelten Lohn empfangen. Weiter‹, sagte er zu den Geistlichen, ›fällt mir jetzt nichts mehr ein, deswegen sagt mir, ob ich noch die Seligkeit erlangen kann?‹ Die Herren Geistlichen wollten also sich in ein christliches Gespräch mit ihm einlassen, mußten aber auf Befehl der Gerichtspersonen zurücktreten, welche diesen armen Sünder, der bereits dergestalt zugerichtet war, daß ihm die Splitter der Arm- und Beinknochen aus dem Fleisch hervorragten, auf eine Schleife legen und wieder zurück ins Gefängnis schleppen ließen, in welchem er, dem Vorgeben nach, weiter examiniert werden sollte, allein, er ist in der darauffolgenden Nacht krepiert. Hieran lag mir nun nichts, sondern dessen Aussage vor so vielen umstehenden Personen liberierte mich von allen meinen aufgebürdeten Verbrechen, weswegen mir auch auf höheren Befehl meine ungerechten Richter eine hinlängliche Satisfaktion prästieren mußten, zumal, da alles wohl zutraf, auch der Körper des entleibten Kammerdieners im Brunnen gefunden wurde. Ich bekam hierauf eine Leutnantsstelle unter einem Regiment Infanterie, reiste zwar erst ins warme Bad, fand auch daselbst ausführliche Nachricht von der Madame von K.* Aufenthalt, versäumte deswegen keine Stunde, sie zu sehen und zu sprechen; als ich aber dahin kam, mußte ich zu meinem allergrößten Schmerzen und Betrübnis vernehmen, daß dieselbe drei Wochen vorher plötzlich das Zeitliche gesegnet hätte und standesmäßig wäre begraben worden. Man kann leicht erachten, wie mir müsse zu Mute gewesen sein, zumal all ihr Vermögen in die Hände ihrer Befreunden gefallen war und ich nicht an einem Groschen Anspruch machen konnte, sondern abziehen mußte wie die Katze vom Taubenschlage. Ich wurde in Wahrheit recht melancholisch, bekam überdies ein hitziges Fieber und mußte in B. beinahe ein Vierteljahr stilliegen, bis ich wieder restituiert war. Nachher, weil die Campagne eröffnet werden und ich mich wieder auf meinen Posten stellen sollte, hatte ich nicht einmal Zeit, nach Hause zu reisen und mich um meine Güter zu bekümmern, sondern ich mußte fort und mit zu Felde gehen. Ich hielt mich, ohne Ruhm zu melden, jedoch sozusagen fast aus Desperation sehr tapfer, bekam als Kapitän eine eigene Kompanie, wurde darauf Major und endlich Obristleutnant. Als Major habe ich geheiratet, jedoch einen unglückseligen Ehestand geführt, von welchem ich jetzt nichts erwähnen will; jedoch betrachte ich denselben als eine Strafe des Himmels, wegen der begangenen Sünden meiner Jugend. Was mich aber am allermeisten geschmerzt und gekränkt hat, war dieses, daß mir meine Feinde, deren ich gewisser Ursachen wegen sehr viel hatte, aufbürden wollten, als hätte ich bei einer gewissen Attacke mein Devoir nicht gehörig observiert. Ich kam deswegen in Arrest, führte aber meine Sache dergestalt aus, daß ich von dem höchsten Befehlshaber freigesprochen und in meiner Charge bestätigt, auch vertröstet wurde, das erste vakant werdende Regiment als Obrist zu bekommen. Allein, es verging mir auf einmal die Lust, ferner in Kriegsdiensten zu verbleiben, deswegen suchte und erhielt ich meine Demission, wendete mich auf meine Güter, fand aber dieselben in dem allermiserabelsten Zustand; denn durch Betrug der Pächter, Brand, Dieberei, Wetterschaden und andere Unglücksfälle, ohne die Kapitalien, so ich vorher zur Bestreitung meiner wollüstigen Reisen aufgenommen, ist es dahin gekommen, daß ich von meinen Rittergütern das elendeste behalten habe, auf welches ich doch auch noch verschiedene Posten zu bezahlen schuldig bin. Demnach habe ich nicht mehr als aus der Hand ins Maul, danke aber, wie zuvor gemeldet, dem Himmel nur dafür, daß er mich in meinem unglückseligen Ehestand mit Kindern verschont hat. Wenn ich also sterbe, mag erben, wer da will.« Hiermit endigte der Herr von A.* seine Erzählung, und weil es bereits spät war, gönnte ihm Elbenstein die Ruhe; nach eingenommenem Frühstück aber schieden beide guten Freunde folgenden Morgens voneinander, wobei Elbenstein versprach, den Herrn von A.* mit nächstem auf seinem Gut zu besuchen. Er, Elbenstein, hatte zwar seines Freundes Fatalitäten sehr aufmerksam angehört, allein, er wußte sich daraus wenigen Trost für seinen eigenen schlechten Zustand zu schöpfen, hergegen zog er sich diesen immer mehr und mehr zu Gemüt, wurde auch ganz tiefsinnig darüber. Als er aber dieses an sich merkte, fing er desto fleißiger an zu beten, im übrigen hielt er fürs ratsamste, sich dann und wann eine Motion zu machen. Demnach reiste er einmal nach T., woselbst ihm im Gasthof viel von einem nur eine kleine Stunde davon gelegenen, wüsten Schlosse, auf welchem in vorigen Jahrhunderten unterschiedliche deutsche Kaiser ihr Hoflager gehabt, erzählt wurde. Dieweil er nun ein besonderer Liebhaber des Studii antiquitatis und der Historiae medii aevi war, so resolvierte er sich, indem noch die besten Tage zu Anfang des Augusts vorhanden, das alte Schloß in Augenschein zu nehmen. Also befahl er seinem bei sich habenden Sohn, einem Knaben von zwölf Jahren, eine Bouteille Bier aufzupacken, und trat mit demselben die Reise an. Sie gelangten nach Verlauf einer guten Stunde, wiewohl wegen der großen Hitze ziemlich ermüdet, auf dem Gipfel des Berges an, wo Elbenstein das ganze Revier observierte, sich aber endlich in ein altes verfallenes Gewölbe des uralten Schlosses setzte, eine Pfeife Tabak ansteckte, da inmittels sein Sohn sich die Erlaubnis ausbat, die Haselstauden durchzustreichen und seine Taschen mit Haselnüssen anzufüllen. Elbenstein fand verschiedene Merkwürdigkeiten, die er in seine Schreibtafel einzeichnete und darüber in ferneres Nachsinnen geriet, das gute Kind aber wurde in seiner Lust gestört, denn es türmte sich ein entsetzliches Donnerwetter auf und der zugleich miteinfallende heftige Platzregen jagte es zu dem Papa ins Gewölbe. Beide lauerten daselbst auf bessere Witterung, allein, es erfolgte immer Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag, auch fing es immer heftiger an zu regnen, bis endlich die Nacht hereinbrach, da sich dann das Gewitter zwar verzog, der Regen aber nicht nachlassen wollte, demnach mußten sie sich nolentes volentes resolvieren, in dem düsteren Gewölbe zu übernachten. Der ermüdete Knabe schlief bald ein, Elbenstein aber hörte noch die Glocke elf Uhr schlagen, ehe er mit einem sanften Schlaf überfallen wurde. Er mochte aber kaum recht eingeschlummert sein, als ihm im Traum (wo es anders ein bloßer Traum gewesen) ein erschreckliches merkwürdiges Gesicht vorkam. Er sah nämlich einen ganz schwarzen, mit sechs Pferden solcher Farbe bespannten Wagen den Berg heraufgefahren kommen, aus welchem unterschiedliche Frauenzimmer herausgestiegen kamen und sich nach und nach vor ihm im Gewölbe präsentierten. Er erschrak ganz ungemein, als er inne ward, daß diese Personen seinen vor vielen Jahren gehabten Amouren und Mätressen glichen. Sie gingen in ihren Kleidungen, wie er sie in Italien und an anderen Orten gesehen hatte, vor ihm vorbei und stellten sich ihm gegenüber in eine Reihe. Das ganze Gewölbe wurde so hell, als ob lauter Lichter darin angezündet wären; als er nun dieselben etwas genauer betrachtete, ward er gewahr, daß aus dieser sonst schönen und angenehmen Personen Augen, Munde, Nasen und Ohren lauter feurige Schlangen herausgekrochen kamen. Als ihm nun dieselben eine lange Weile erschreckliche Blicke gegeben, hoben sie zugleich ihre Unterkleider auf und zeigten ihm einen solchen Anblick, daß auch der Beherzteste darüber in Ohnmacht sinken mögen. Lauter Schlangen, Eidechsen, Kröten und dergleichen giftiges Gewürm bedeckten ihre Beine und diejenigen Teile des Leibes, mit welchen vor diesen am meisten und schändlichsten war gesündigt worden, in welcher Positur sie insgesamt mit gräßlicher Stimme ›Weh! Weh! Weh! Zeter und Mordio!‹ ausriefen und endlich ein abscheuliches Geheul anstimmten. In solchen Ängsten fiel Elbenstein das Bußlied ein ›Wo soll ich fliehen hin‹, und als er an den Vers kam ›Du bist der, der mich tröst‹, verschwand dieses erschreckliche Gesicht, es wurde so finster als vorher im Gewölbe. Elbenstein besann und ermunterte sich, zitterte aber wie ein Espenlaub mit allen Gliedern. Er rief seinem Sohn etlichemal, allein, der Knabe gab mit seinem Schnarchen zu verstehen, daß er im allerfestesten Schlaf läge; deswegen kroch Elbenstein vor, bis an die Tür des Gewölbes, blieb auf den Knien sitzen, sah gen Himmel und verharrte im andächtigsten Gebet, bis der Tag anzubrechen begann. Die trüben Wolken hatten sich zerteilt und die Morgenröte verkündigte einen heiteren Tag; als er demnach noch einige Morgen- und Bußlieder gesungen, weckte er seinen Sohn mit vieler Mühe auf und verließ diesen gräßlichen und fürchterlichen Ort. Der gehabte Schrecken war ihm dergestalt in die Glieder, sonderlich aber in die Beine geschlagen, daß er den Rückweg mit sehr langsamen Schritten nehmen mußte, endlich aber langte er sehr matt und kraftlos wieder zu T. im Gasthof an, nahm für die gehabte große Alteration, weil in der Geschwindigkeit sonst keine andere Arznei zu haben war, eine starke Dosis Hirschhorn und Krebsaugen mit Holundersaft ein und schwitzte darauf; der Effekt war nach Wunsch, indem er sich folgenden Tages nebst seinem Sohn wiederum auf den Weg nach Hause machen konnte. Nach der Zeit ist Elbenstein dieses gräßliche Gesicht oder Traum, wie es zu nennen sein mag, nie aus den Gedanken gekommen; er tat deswegen unter herzlicher Bereuung der Sünden seiner Jugend Gott, dem barmherzigen Vater, ein Gelübde, solange er noch lebte, alle Jahre diesen Tag mit Fasten und Beten zuzubringen, mit dem ernstlichen Vorsatz, sich nicht nur vor dergleichen, sondern soviel als mensch- und möglich vor allen anderen Sünden zu hüten. Hierbei dankte er Gott für die bisher zugeschickten väterlichen Züchtigungen und Strafen, betete auch täglich sehr öfters ganz getrost die Worte ›So fahr hie fort und schone dort, und laß mich hier wohl büßen‹, unterwarf sich mithin in christlicher Geduld und Gelassenheit gänzlich der göttlichen Direktion, welche ihn denn zwar sinken, aber doch nicht gar ertrinken ließ. Soviel ist in den schriftlichen Memoiren von des Herrn von Elbenstein Lebens- und Liebesgeschichte gefunden worden; deswegen hat man, weil der Historikus allhier den Schluß gemacht, Bedenken getragen, ein mehreres hinzuzufügen, ungeachtet nachher viele fernerweitige mündliche und schriftliche Nachrichten eingezogen worden; sonderlich wäre eine vor weniger Zeit unter des Herrn von Elbenstein nachgelassenen Erben passierte jämmerliche Mordgeschichte wert gewesen, ausführlich beigebracht zu werden; allein, man hat seine besonderen Ursachen gehabt, solches nicht zu tun, sondern es dabei bewenden lassen, daß alles vorher Beschriebene unter der Decke fingierter Namen bleiben solle und möge. Doch wird zum Beschluß noch die von dem ehrlichen Herrn von Elbenstein auf die Geduld selbst verfertigte Arie beigefügt: 1.                   Ich lasse mir den Trost mitnichten rauben, Den der Geduld, der Himmel zugesagt; Die Bosheit mag auch noch so grimmig schnauben, So bleibt Geduld jedennoch unverzagt. Der Zeitenwechsel läßt sich sehn in allen Dingen, Er kann nach trüber Nacht mir heit're Tage bringen. 2. Muß gleich mein Herz in bangem Kummer schweben, Doch wird mein Schiff nicht gleich zugrunde gehn. Geduld kann nur das Unglück überleben, Geduld kann nur in Glut und Wellen stehn, Nur mit Geduld läßt sich ein steiler Fels ersteigen, Hergegen Ungeduld pflegt uns den Fall zu zeigen. 3. Des Gärtners Fleiß wird durch Geduld bewähret, Die Aloe kommt durch Geduld zum blühn, Geduld ists nur, die matte Pflanzen nähret, Doch Ungeduld kann Saft und Kraft entziehn. Daß Israel so lang' muß in der Wüsten wallen, War einzig schuld, dieweil ihm die Geduld entfallen. 4. Des Lasters Maul zwingt die Geduld zum Schweigen, Ihr sanftes Tun stumpft den Verleumdungspfeil, Geduld allein kann solche Mittel zeigen, Die in der Not uns bringen Trost und Heil. Wer bei entstand'nem Sturm geduldig sich verborgen; Erblickt nach schwarzer Nacht den angenehmsten Morgen. 5. Den Untergang hilft die Geduld vermeiden, Wenn man sich nur in Fels und Klüfte schmiegt; Wer widerstrebt, muß doppelt Schmerzen leiden, Denn Ungeduld macht alles unvergnügt. Wer nun Verlangen trägt, zur Ehrenburg zu reisen, Dem kann nur die Geduld den sichern Fußpfad weisen.