Alexis / Hitzig Der neue Pitaval Eine Sammlung der interessantesten Criminalgeschichten aller Länder aus älterer und neuerer Zeit Herausgegeben vom Criminaldirector Dr. J. E. Hitzig und Dr. W. Häring (W. Alexis). Fünfzehnter Theil. Zweite Folge. Dritter Theil. Zweite Auflage F. A. Brockhaus. 1860 Vorwort Sechs Königsmörder, welche die französische Nation in drei Jahrhunderten hervorgebracht hatte, folgen in den ersten sechs Fällen dieses Theils. Es sind nicht die einzigen ihrer Zeit, nur die berühmtesten derselben. So hatten wir aus der langen Reihe von Attentaten und Höllenmaschinen, die gegen Louis Philipp spielten, nur die weltberühmten von Fieschi und Aliband geliefert. In aufsteigender Linie kam Louvel , der Königsmörder gegen die altern Bourbonen, dann ein Jahrhundert früher Damiens , der Attentäter gegen Ludwig XV., und in den beiden vorangehenden Jahrhunderten François Ravaillac , der Mörder Heinrich's IV., und Jacques Clement , der Heinrich's III. In andern Theilen hatten wir die Mordanschläge und Attentate behandelt, welche den ersten Napoleon zum Gegenstand hatten, und, wenn es uns gelüstet, hätten wir eine Reihe causes célèbres in den Angriffen auf Louis Napoleon III., bis zur Höllenmaschine des Italieners Orsini zum Stoffe. Vorläufig glaubten wir, unsere Leser wären zu gesättigt, wie die sittliche Welt hofft, daß der Höllenmaschine Orsini's und seiner Genossen keine Nachfolger kommen werden. Möchte Italien, dessen Wiedergeburt im Augenblicke, wo ich schreibe, möglich wird, sie damit feiern, daß deren Söhne ihre gute Sache nie mehr durch sicilianische Vespern, Fieschi'sche Höllenmaschinen und Orsini'sche Petarden entwürdigen. Zur Entschädigung nach so grauenhaften und blutbefleckten Seiten der Geschichte hatte Zufall oder Auswahl uns eine ganze Reihe von Criminalfällen aus dem Privatleben entgegen geführt, welche dem Leser als interessante Stoffe, wenn nicht gar als Novellen erscheinen werden. Der Fall Francesco Fava ist eine der großartigsten und interessantesten Betrügergeschichten des vorvorigen Jahrhunderts, ziemlich exact aus französischen Akten uns überliefert. Papavoine war und ist eine unerklärt gebliebene Mordgeschichte und Monomanie aus den Regesten der modernen Sittenzustände in der französischen Gesellschaft, Mathias Lenzbauer eine der psychologischen Monographien, deren Feuerbach mehrere uns hinterlassen hat. Eine Entführung und Konstantin Weise , beide Fälle, die sich vor etwa einem Vierteljahrhundert und in unserer nächsten Nähe in Sachsen ereignet, haben so sehr den Anstrich zweier Romane, der zweite eines hochtragischen, daß es der ganzen Autorität eines bewährten Ehrenmannes, Juristen und Richters, wie Bischoff in seinen Sammlungen, bedarf, um an aktenmäßige Begebenheiten zu glauben. Ein Wort über das große Interesse der außerordentlichen Handlungen zu erwähnen ist überflüssig. Ueber eine der neuern causes célèbres Londons, die Ermordung O'Connor's durch die Eheleute Manning , wiederholen wir aus der ersten Auflage: »Das Resumé der That selbst, wie es bald ermittelt ward, wäre einfach und nicht besonders interessant. Das hohe Interesse, welches der Fall beansprucht, erregte derselbe durch den Kampf der beiden Angeschuldigten unter einander über den Antheil ihrer Thäterschaft, der sich erst vor der Jury entwickelte und die furchtbaren Ausschlüsse, die allmälig für den Psychologen zu Tage stiegen, bis der Proceß durch die tragische Stunde vor der Hinrichtung und während der Execution ein noch ganz anderes in Anspruch nimmt. Ganz London war der aufmerksame Zuschauer, und jeder Tag, jede Stunde brachte Enthüllungen oder Muthmaßungen. Wollte man diese streichen und nur den wahrhaften Kern des wirklich Ermittelten geben, so ist es zweifelhaft, ob dieser merkwürdigste Proceß überhaupt der Aufnahme werth ist. Welches ungemeine Interesse erregt der Proceß Görlitz. Was wäre er, wenn man auf wenige Seiten die Geschichtserzählung, die Verdachtsgründe, die Zeugenaussagen, das Gutachten der Sachverständigen summirte, um schnell zu dem Schluß zu kommen, zu dem auch die Geschworenen kamen; aber erst im Verlauf der langen Assisen, bei deren Beginne sich ganz entgegengesetzte Ansichten, namentlich unter den Juristen, laut machten.« Es ist nicht unbekannt, daß Boz' Denunciationen seiner Zeit nicht unwirksam geblieben, und auch in England die öffentlichen Hinrichtungen jener Art nicht mehr stattfinden. W. Häring. Fieschi 1835–1836 Der Julithron schien in Frankreich befestigt, so nach Innen wie nach Außen. Aber die republikanische Partei war nur überwältigt, nicht vernichtet. Nach blutigen Aufständen, die zurückgeschlagen waren, machte sie ihrem Ingrimm nicht mehr in offener Empörung, sondern in einer Reihe von Attentaten gegen das Leben Louis Philipp's Luft, des Fürsten, dessen Klugheit sie um die Früchte eines Sieges betrogen, auf den sie mit der Zuversicht fanatischer Schwärmer gerechnet. Daß, nachdem alle diese Mordversuche verunglückt, ein Zufall, ein Puff, eine Luftblase scheinbar Das ermöglichen sollte, was so viele Mörderhände, Feuergewehre und Höllenmaschinen umsonst versucht, lag außer der Berechnung der Weitausblickendsten, so außer der Berechnung als das Resultat, das kaum ein Jahr darauf wieder alle Berechnungen umstieß: daß weder Mörderwaffen, Verschwörungen einer Partei, einer Stadt, noch, wenn man will, eines ganzen Landes im Stande gewesen, das monarchische Princip Frankreichs an der Wurzel anzugreifen. Der Mord eines Fürsten hätte wahrscheinlich dieses letztere Resultat nicht schneller herbeigeführt als seine übereilte Flucht. Zu langsam, fest und sicher ward seit Richelieu an dem neuen Frankreich gebaut, das nur in einer Alles überragenden Spitze, in einem alle Glieder durchädernden Pulsschlage seine Einheit, seine Bedeutung, sein Glück, seine Gloire findet, heiße diese Spitze, dieser Pulsschlag nun König, Kaiser oder Republik. Wo durch zweihundert Jahre künstlich und mit vollem Bewußtsein alle Gemeindeselbständigkeit und Freiheit vernichtet ward, die Grundlagen der germanischen Freiheit, konnte die Idee der Republik, im modernen wie im antiken Sinne, nur als ein Phantom auf Augenblicke die Gemüther berauschen. Unter allen Nationen der Welt scheint keine ihren Lebensbedingungen nach entfernter vom Ideal einer auf Selbstregierung basirten Republik als die französische. Louis Philipp ward fruchtlos verjagt. Er wäre auch fruchtlos ermordet worden, hätte eines jener Geschosse ihn tödtlich getroffen. Ueber den Zusammenhang aller dieser mannigfachen Mordversuche ist gerichtlich, vielleicht auch historisch, nichts mit Gewißheit ermittelt. In jener Zeit mochte, durfte man nicht Alles ergründen, man war zufrieden, wenn man die einzelnen Schuldigen und Thäter erfaßte; Dem nachzugehen, wie sie verädert und verwurzelt waren mit weiteren Kreisen, konnte ein Chaos aufwühlen, das zu bewältigen die Kraft fehlte; man ließ sich genügen, auf seiner blitzenden Oberfläche zu spielen. Jetzt, nach den letzten Enthüllungen, ward es gleichgültig. Die Legitimität hatte die Aufgabe, und zugleich lag es in ihrer Politik, den Verschwörungen nachzuspüren bis auf ihren verborgensten Herd, vielleicht noch weiter; es war und ist ihr Interesse, jede vereinzelte That darzustellen als das Product, die Frucht revolutionairer Principien und Verbindungen, während es im Interesse der Julidynastie lag, diesen Herd bei Seite zu lassen, weil auch sie gelegentlich daran geschmiedet, weil zu viel Enthüllungen auch aufdecken konnten, was sie gern in der Verborgenheit ließ. Der damaligen Untersuchung war es daher ganz genehm, wenn die Hochverrathsverbrechen im Lichte vereinzelter Verirrungen sich auffassen ließen. Fieschi's Attentat ist, trotz der Untersuchung, in seinen Motiven und Verbindungen das dunkelste geblieben, es war aber zugleich das erste und furchtbarste; also schon um deswillen verdient es einer besondern Aufzeichnung, unbeschadet des psychologischen Interesses, daß ein Charakter, wie der Fieschi's, bis da ein Unicum, ein Räthsel geblieben ist. Das fünfjährige Erinnerungsfest der drei Julitage sollte Dienstag am 28. Juli 1835 in gewohnter Weise durch große Heerschau über die Nationalgarde gefeiert werden. Der König erschien auf den Boulevards, umgeben von der glänzenden Suite seiner Söhne und seines Generalstabes, und ritt die aufgestellten Reihen der bewaffneten Bürgerwehr entlang. Verschiedene Weisungen und Winke waren der höhern Polizei schon früher gekommen. Man erfuhr sogar, daß Feuerwaffen, auf die Person des Königs gerichtet, aus einem Hause vom Boulevard Saint-Martin beim Vorüberreiten desselben sich entladen sollten. Man konnte Alles glauben, doch war ebensoviel Grund, die Angaben für Gespinnste des Argwohns oder betrügerischer Denunciationen aus Gewinnsucht zu achten. Es war eine Zeit, wo wirkliche Verschwörungen und Attentate mit dem Kitzel, sie zu fingiren, so bunt wechselten, als zur Zeit des zweiten Karl in England. Indessen hatte man von Seiten der Polizei dieses Revier aufs sorgfältigste umstellt. Seit 3 Uhr Morgens hatten die Polizeiinspectoren es durchlaufen, doch ohne etwas Verdächtiges zu gewahren. Ein Detachement Polizeiagenten, alle bewaffnet, ging dem Militairzuge vorauf und wenige Schritte vor dem Könige. Ihnen war aufgegeben, ihr Augenmerk namentlich auf alle Einmündungen der Seitenstraßen zu haben und beim geringsten drohenden Anzeichen den Weitermarsch aufzuhalten und, wenn es nöthig würde, auch die Reihen der Truppen zu durchbrechen. Der König ritt über den Boulevard du Temple, als plötzlich in der Nähe des Jardin Turc eine furchtbare Explosion die Luft erschütterte. Ein Blutbad, eine Niederlage, noch wußte man nicht woher, brachte den Zug in Verwirrung. Vierzehn Personen von denen, die Louis Philipp umgaben, sanken, tödtlich verwundet, nieder, unter ihnen die Napoleon'sche Berühmtheit, Marschall Mortier, der bald darauf starb. Der König selbst war von einer Kugel getroffen, die ihm die Stirn gestreift. Sein Pferd war an der Schulter verwundet. Auch die seiner beiden Söhne, des Herzogs von Nemours und des Prinzen von Joinville. Doch mitten im allgemeinen Entsetzen hatten die Augen der Polizei gewacht. Der Rauch, die Explosion waren aus einem obern Fenster aus einer Seitenreihe des Boulevard gekommen. Haufen von Nationalgarden hatten sich gegen das Haus gestürzt, es umzingelt. Man sah einen Mann, der sich an einem Stricke aus einem Hinterfenster bis auf eine Terrasse herabließ, welche von der Höhe des ersten Stockwerkes war. Er blutete am Kopfe, an der linken Hand selbst, mit der er, mit seltener Energie, sich herabgleiten ließ, denn drei Finger derselben waren zerschmettert. In der Rechten hielt er einen Dolch und eine Art Geißel, mit drei Bleiriemen versehen, um sich zu vertheidigen. Das war vergeblich, er ward sofort ergriffen und zuerst nach der Wache des Chateau d'Eau, dann nach der Conciergerie gebracht. Nationalgardisten und Sergeanten der Municipalgarde waren zu gleicher Zeit in das Haus gestürzt, dessen Thor offen stand. Im dritten Stockwerk erbrachen sie mit Kolbenschlägen die verschlossene Thür zu der Wohnung, aus welcher die Schüsse unzweifelhaft gekommen waren. Man fand hier eine Reihe kleiner Zimmer. Von dem nach vorn hinaus, wo geschossen worden, führten zwei Kammern nach der Küche, die nach dem Hofe hinausging. Hier war das Fenster, an welches der Mörder das Seil befestigt und die Flucht versucht hatte. Noch erfüllte ein dicker Rauch die Gemächer, dergestalt, daß man die Gegenstände darin kaum erkannte. Nachdem er sich zerstreut, fand man die Wohnung leer. In der ersten Kammer lagen zwei Flintenläufe, zwei andere in der Entrée zur zweiten. Alle waren noch heiß. Darauf entdeckte man auch die Höllenmaschine. Eine Menge Flintenläufe derselben lagen zerstreut auf der Erde. Ein zehn andere saßen noch fest, wie eine Batterie in zwei Querbalken, von denen der hintere beweglich war, um damit aus dem Fenster hinauszuzielen. Auch diese Läufe waren sämmtlich noch heiß. Zwei auf der Batterie waren gesprungen; auch von denen, die auf der Erde lagen, waren es zwei; muthmaßlich die Ursache, weshalb der ergriffene Mörder eine so schwere Verwundung erlitten, denn die Flintenläufe auf der Batterie waren mit Blut befleckt. Der Kalk von den Mauern umher war von der Wirkung des plötzlichen Losfeuerns an vielen Stellen abgesprungen. Auf dem Fußboden, besonders in der mittlern Kammer, war viel Blut vergossen. Der Ergriffene nannte sich Girard. Er wollte nichts von Mitschuldigen wissen und sonst nichts von den Details, über die man ihn befrug. In diesem Ableugnungssystem verharrte er aber nur drei bis vier Tage und endete damit, daß er die allervollständigsten Bekenntnisse ablegte. Er hieß nicht Girard, sondern Fieschi und war von Geburt ein Corse. Er nannte viele Mitschuldige, Pepin, Morey und Boireau , die sämmtlich gefangen gesetzt wurden. Der summarische Inhalt seiner Aussagen, in Bezug auf sich selbst und die Verbrecherthat, ist folgender. Joseph Maria Fieschi war, der Sohn armer Eltern, am 3. Decbr. 1790 zu Murato in Corsica geboren. Bis zum 18. Jahre war er Schäfer, wie es sein Vater gewesen. Im Jahre 1808 trat er in ein Bataillon, welches, in Diensten der Großherzogin Elise Napoleon, nach Toscana ging. Später ward er nach Neapel in die dortige corsicanische Legion geschickt. Er machte den Feldzug nach Rußland unter König Murat mit. Jung und feurig gab er hier Beweise großen Muthes und ward mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt. Er war glücklich aus Rußlands Schneegefilden, von der Berezinanacht zurückgekehrt in sein sonniges Italien, ohne den Muth zu kühnen Wagnissen eingebüßt zu haben. Er schloß sich der Handvoll Soldaten an, mit denen Murat den Thron von Neapel wiedererobern wollte. Nachdem Murat fusilirt war, drohte auch Fieschi dasselbe Loos. Doch gelang es ihm, zu entkommen und sein Vaterland Corsica wieder zu erreichen. Nach solchen Wagnissen lebte es sich für den Abenteurer schlecht beim kümmerlichen Verdienst von seiner Hände Arbeit. Er ward als betheiligt bei einem Ochsendiebstahl vor die Assisen gestellt, schuldig erklärt und zu 10 Jahren Gefängniß verurtheilt. Fieschi erduldete diese volle Strafe im Gefängniß von Embrun. Als Oberkoch im Krankenhause angestellt, zeigte er sich als ein halsstarriger, trotziger, stolzer Mensch, der auch hier schwer an Subordination zu gewöhnen war. Als er seine Freiheit erhalten, trieb er sich in den Provinzen um, bis Paris wieder das Feld seiner Thätigkeit ward. Hier fand er sie, wie er sie wünschte: er ward ein rüstiger Kämpfer in den Julitagen. Hier fand er auch eine alte Bekannte wieder, eine Witwe Lassave , mit der er in Embrun gefangen gesessen. Trotz der Strenge des Gefangenenreglements hatte die Liebe Mittel gefunden, die Schranken der inneren Kerkerverschlüsse zu umgehen. Im freien Paris gab es keine Schranken für Beider Neigung. Fieschi spielte den Großmüthigen gegen die Geliebte. Er schenkte mehr, als er selbst besaß. Er miethete unter dem Namen der Witwe Lassave eine Wohnung, die er mit einigem Luxus ausstattete. Aber die Liebe ohne Schranken ging über ihr ursprüngliches Ziel hinaus. Die Witwe Lassave entdeckte zu ihrem Verdruß, daß Fieschi eine noch zärtlichere Neigung zu ihrer Tochter Nina Lassave empfand und jagte ihn dafür aus ihrer Wohnung, wie aus ihrem Herzen und ihrem Umgang. Ohne Asyl, ohne Brot, ohne Hülfsmittel, versuchte er als Polizeiagent ein Unterkommen zu erhalten. Der Polizeipräfect Baude, früher Redacteur, dem die Julirevolution einen historischen Namen gemacht, wußte auch die Eigenschaften eines solchen Mannes zu schätzen. Diese Unterstützung fehlte ihm aber bald und er arbeitete eine Zeit lang in einer Fabrik von buntem Papier. Aber er fand es gerathener, sich selbst Papiere zu eigenem Gebrauch zu färben. Er fertigte sich Certificate als politisch von der Restauration Verfolgter an und gewann dadurch einige Unterstützung, auch eine kleine Anstellung, die aber wieder nur kurze Zeit dauerte. Da, ohne alle Hülfsquellen und schon wegen Betrügereien verfolgt, machte er Pepin's Bekanntschaft. Pepin war ein nicht unvermögender Kleinhändler in der Rue du Faubourg Saint-Antoine. Er war ein alter Republikaner; die Vermuthung stritt bereits gegen ihn, daß er bei allen demokratischen Aufständen im Hintergrunde betheiligt sei. Wegen des Aufstandes vom 5. und 6. Juni 1832, an dem er Theil genommen, war er schon einmal zum Tode verurtheilt gewesen. Der Cassationshof hatte das Urtheil cassirt. Mit Pepin gingen noch zwei politisch verdächtige Personen um, ein Arbeitsmann Boireau und ein Sattler Morey. Fieschi machte auch deren Bekanntschaft. Obgleich er wenig gelernt hatte, beschäftigte er sich doch gern mit mechanischen Arbeiten und Kunststücken. Der Plan zu einer Höllenmaschine war ihm schon lange im Kopfe umgegangen. Es sollte zur Vertheidigung einer Festung dienen. Die Zeichnung, die er davon gefertigt und Pepin gezeigt, erregte die Aufmerksamkeit desselben (sagt Fieschi), dessen Haß gegen die neue Regierung unerschöpflich war. Pepin sprach darüber mit Morey und Boireau. Man berieth sich und verständigte sich. Fieschi erhielt Geldunterstützungen. Die Zusammenkünfte wurden fortgesetzt. Endlich kam man überein, Louis Philipp müsse sterben. Fieschi übernahm es, mittels der von ihm erfundenen Maschine den König vom Leben zum Tode zu bringen. Nachdem ein Modell jener hergestellt war, machte man verschiedene Versuche. Der Erfolg schien unzweifelhaft, und man setzte den Tag auf den 28. Juli 1835 fest, wenn der König auf den Boulevards die Heerschau über die Nationalgarde abhalten werde. Fieschi miethete das oben erwähnte Quartier auf dem Boulevard du Temple im Hause No. 50. Meubles brachte er nicht hinein, aber er bezahlte den Miethzins im voraus und nannte sich dabei Girard. Von dem Augenblicke an kamen die Verschworenen sehr oft zusammen. Pepin und Morey gaben Fieschi das benöthigte Geld, um die Maschine selbst vollkommen herzustellen. Boireau nahm nicht entschieden daran Theil. Er schien die Sache als einen Spaß betrachten zu wollen. Fieschi aber arbeitete mit Feuereifer. Er hatte die Ausführung zu einer Ehren- und Gewissenssache gemacht. Er selbst kaufte alles zur Maschine Nöthige ein, das Holz, die Flintenläufe, das Pulver, das Blei. Die Maschine selbst bestand, die Beschreibung ist nicht deutlich, aus einem eichenen Kasten oder Rahmstück, das auf vier Ständern oder Sparren ruhte. Auf der Oberfläche befanden sich vierundzwanzig Flintenläufe, die auf starken Querbalken ruhten und in dieselben eingeschnitten waren. Es war nun ein doppelter Mechanismus angebracht. Einmal konnte man die ganze Batterie in die Höhe oder herunter schrauben; dann, mittels des hintersten Querbalkens, die Batterie tiefer oder höher richten und visiren. Ein Pulverfaden verband die Zündlöcher sämmtlicher vierundzwanzig Flintenläufe. Dies, wie angeführt, ist der summarische Inhalt von Fieschi's Geständnissen über die Vorangänge der That, oder Das, was man als gewiß annehmen konnte. Daß man nicht Alles, was von den Lippen des lebhaften, vom sanguinischen Blut der Südländer getriebenen Mannes kam, für Wahrheit nehmen konnte, daß in seinen Aussagen nur Lichter aufzuckten, die freilich Vieles aufhellten, dafür aber desto größere Dunkelkeit auf Anderes warfen, ergibt sich aus dem Folgenden. Pepin, Morey und Boireau stellten alle Betheiligung in Abrede und suchten Fieschi als einen verworfenen Menschen und unglaubwürdigen Schwätzer darzustellen. Durch dritte Zeugen ist über die Thatsache der Verschwörung nicht viel ermittelt worden, wie denn überhaupt aus der Untersuchung, die dem Gerichtsverfahren voranging, wenig der Oeffentlichkeit übergeben ist. In der Anklage liegt die Vermuthung ausgesprochen, daß Fieschi's Complicen ihrerseits die Höllenmaschine so überladen hatten, daß sie durch Zerspringen ihn selbst tödte und sie damit des Thäters, Mitwissers und möglichen Angebers erledigt würden. Pepin war es einmal, während man in seiner Wohnung eine Haussuchung anstellte und ihn dabei zuzog, gelungen, zu entspringen. Zwei Monate hatte er sich zu verstecken gewußt, ward aber endlich in einer Pächterei in den Umgebungen von Meaux wieder eingefangen. Am 30. Jan. 1836 wurden Fieschi, Pepin, Morey, Boireau und ein fünfter schwächer Angeschuldigter, Bescher, vor den Gerichtshof der Pairs gestellt. Auf die Frage des Präsidenten leugneten die vier Letzteren, wie sie bis da gethan, und verharrten in diesem System durch den ganzen Proceß. Sie stellten Fieschi als einen unverschämten Lügner dar, und es fehlte nicht an der Parteianschuldigung, daß er von den Freunden des Regierungssystems gedungen sei, um durch seine Aussagen diesem verhaßte Männer und Anhänger des republikanischen Princips zu verderben. Ernstlich und mit der Hoffnung auf Erfolg konnte dieses Vertheidigungssystem nicht gemeint sein, galt es doch vielmehr nur den Schein retten, den Schein, den man doch noch für wichtig hielt, daß die republikanische Partei nicht zu einem Mittel gegriffen, vor dem die öffentliche Stimme, der Rest von Sittlichkeit, der in der Nation geblieben, sich entsetzte. Fieschi verharrte bei seinen Geständnissen. Er wiederholte seine Erzählung von Allem, was vorangegangen, was während der That sich ereignet, aber in dem lebhaften, von einem Gegenstande zum andern überspringenden Styl, den wir kennen lernen werden. Mehr als zwanzig Personen hatten inzwischen das Leben in Folge seiner Mordthat verloren, eine That, die er durchaus nicht zu rechtfertigen oder nur zu entschuldigen versuchte. Pepin vertheidigte sich schwach. Bei jeder Angabe, welche Fieschi gegen ihn erhob, begnügte er sich mit der Erwiderung: »Herr Fieschi täuscht sich«. Morey schien um den Ausgang des Processes wenig bekümmert. Er sprach wenig, gab nur auf die wichtigsten Fragen Antwort und blieb dabei, daß Fieschi ein elender Kerl sei, mit dem er nur in unbedeutenden Beziehungen gestanden. So auch die beiden Anderen. Zuerst ward als Zeuge über den Vorfall selbst ein Brigadier der Stadtsergeanten, Dorville, vernommen, welcher in der Suite des Königs gewesen. Seine Aussage ist in der obigen Geschichtserzählung enthalten und wir entnehmen nur einige Züge daraus, die für die Anschauung charakteristisch sind. »Nachdem ich den König bis zu dem Hause escortirt hatte, wo wir waren, doch von der andern Seite des Boulevard, sah ich einen der Söhne des Königs, ich glaube, es war der Herzog von Orleans, der seinem Vater zur Linken ritt, plötzlich durch eine Bewegung seines Pferdes auf die Person seines Vaters zugedrängt. Von dieser Berührung glitt der Hut des Königs von seinem Kopfe und der König konnte ihn kaum festhalten, indem er schnell die Hand daran drückte. In diesem Augenblicke machte das Pferd des Königs plötzlich Kehrt, dergestalt, daß der König der Nationalgarde, welche am Jardin Turc aufmarschirt stand, den Rücken wandte. Kaum aber hatte das Pferd diese Bewegung gemacht, als ich einen furchtbaren Knall hörte, in Mitte dessen man aber mehre einzelne Schüsse unterscheiden konnte. Diese Schüsse kamen aus einem kleinen Fenster unterhalb des Daches des Hauses. Vom Fenster hing eine Jalousie halb herunter und ein dichter Rauch quoll aus ihr hervor. Ich sah nur noch zwei Oberoffiziere zur Erde stürzen und einen Marschall, dessen Gesicht ganz mit Blut bedeckt war, wie er sich auf sein Pferd stützte, als ich augenblicklich auf das Haus stürzte.« Hierauf folgen die uns bekannten Entdeckungen. Vom Präsidenten aufgefordert, Näheres anzugeben über Das, was sich nach der Explosion zugetragen, wie er verwundet worden und ob er zu Boden gefallen sei, nahm Fieschi das Wort: »Nein, ich weiß bestimmt, daß ich nicht gefallen bin, obgleich der Trumpf ein Bischen hart war. Ich fuhr nur mit der Hand an meine Stirn, und dann stützte ich mich an die Mauer, um zum Fenster zu gelangen. Den Strick ergriff ich noch und so ließ ich mich hinunter. Die Person, die mich arretirt, habe ich vollkommen erkannt. Ich danke ihr recht sehr, daß sie mich nicht maltraitirt hat. Ich entsinne mich auch sehr gut auf Alles, was im Billard vorging. Auf der Wache kriegte ich einen Faustschlag von einem braven Nationalgardisten. Das vergebe ich ihm. Auch erinnere ich mich, als wir über die Brücke Louis Philipp kamen, wie ich da den Vorhang der Sänfte lüftete und sprach: »Ach, wenn sie mir nur was zu trinken gäben, das würde mir viel Schmerzen ersparen.« Ich erkannte auch die Conciergerie, als wir dort eintraten, und da sagte ich: Wohlan, hier gehe ich nicht wieder hinaus, als auf dem Wege zum Schaffot.« Fieschi's Geständniß ward zum Theil durch das Zeugniß seiner Geliebten, Nina Lassave , bekräftigt. In den ersten Tagen des April kam Fieschi zu ihr nach der Salpetrière, wo sie angestellt war (employèe), und sagte ihr, sie könne jetzt ungehindert ihn besuchen. Er habe sich auf dem Boulevard du Temple eine Wohnung gemiethet. Aber das erste Mal möge sie zu Pepin kommen und ihn dort aufsuchen. Sie begab sich auch dorthin unter dem Vorwande, ein halb Viertelchen Zucker zu kaufen. Fieschi war im Laden und ging mit ihr aus. Am Sonntag vor dem Attentat ging sie abermals zu Pepin, unter dem Vorwand, Kaffee zu kaufen. Fieschi war wieder im Laden und führte sie dann in seine Wohnung. Sie sah den Anfang der Maschine, die am Fenster stand, und sagte zu Fieschi: »Du arbeitest also wieder in deinem Metier?« Er antwortete Ja, schien aber sehr verstört. Er nannte abermals einen andern Ort, wo sie sich treffen könnten, wie es auch geschah. Dort forderte er aber Nina den Schlüssel zu seiner Wohnung wieder ab, den er ihr früher gegeben, indem er sagte, sein eigener wäre verdorben. »Am 27. Juli«, fuhr sie fort, »ging ich wieder aus, um Fieschi zu besuchen. Er war ausgegangen, aber er hatte hinterlassen, ich solle nur zu dem Mädchen Annette gehen, dort würde er mich aufsuchen. So geschah es auch, aber er schien da über alle Maßen traurig. Er sagte mir, er wäre leidend, er hätte die ganze Nacht nicht geschlafen. Am andern Morgen solle ich ihn nicht wieder besuchen, er würde zu mir in die Salpetrière kommen. »Am Dienstag konnte ich nicht denken, daß er kommen würde; ich ging also um 11 Uhr Morgens aus der Salpetrière mit der Frau Laroux, die dort dient, und ihrem kleinen Jungen, der 8 Jahre alt ist. Sie wollte ihren Mann aufsuchen, der Nationalgardist ist und den sie beim Chateau d'Eau treffen mußte, und ich ging nach dem Boulevard du Temple, um zu Fieschi hinaufzusteigen, dessen seltsames Benehmen seit einigen Tagen mich wirklich besorgt gemacht. Wir gingen ganz sacht; das machte sich aber von selbst wegen der großen Hitze und des Kindes und weil Alles so voll war. »Es war ungefähr eine halbe Stunde nach Mittag, als wir auf dem Boulevard du Temple ankamen. Etwa dreißig Schritte war ich noch von Fieschi's Hause entfernt, als wir ein furchtbares Geräusch hörten. Alles war entsetzt. In den Menschenhaufen sagte man sich überall, daß man auf den König geschossen hätte, und daß die Schüsse aus der dritten Etage eines Hauses kamen, welches dicht am Café Mille Colonnes wäre und grad gegenüber dem Jardin Turc. Da hatte ich im Augenblicke eine furchtbare Vorahnung. Fieschi's verwirrtes Ansehen in letzter Zeit, wie er immer zu hindern wußte, daß ich nicht zu ihm hinaufsteigen sollte, alles Das kam mir plötzlich zu Sinn und ich zweifelte kaum mehr daran, daß er es sei, der das Verbrechen begangen hätte. »Um mich davon zu überzeugen, drängte ich mich vor, bis nahe an seine Wohnung. Leute zeigten mir das Fenster, aus welchem die Schüsse gefallen, und – es war Fieschi's Zimmer! Man sagte zugleich, daß der Mörder selbst schon umgekommen wäre, indem einige Flinten im Innern seiner Stube gesprungen seien. »Einen Augenblick hatte ich den Kopf verloren. Fieschi war ja meine einzige Stütze. Meine Mutter hatte mich schon seit länger verlassen. Die Größe seines Verbrechens machte mich erstarren. Einen Augenblick hatte ich den Gedanken, man könne mich verfolgen, weil ich ja seine Geliebte war. Dieser Gedanke verfolgte mich noch eine gute Weile. »Ich lief nach der Rue Saint-Sebastien zu Annette. Sie wußte schon davon, und als ich sie bei Seite zog und ihr meine Vermuthung mittheilte, hatte sie, nach Dem, was sie gehört, ebenfalls gleich gedacht, das könne nur Girard sein. Annette empfahl mir auf die Seele an, daß ich still sein solle, und tröstete mich, daß man vielleicht gar nicht wissen werde, daß ich seine Geliebte sei. Ein paar Augenblicke mußte ich im Hinterflur ausruhen, um wieder zu mir selbst zu kommen, denn ich war halb todt, als ich ins Haus stürzte. Nun sagte ich ihr, ich wollte in die Salpetrière zurück, um meine Sachen zu holen, und dann möchte sie mich doch nur diese Nacht bei sich aufnehmen. Sie willigte auch ein, nachdem ihre Herrin es ihr erlaubt. Dann stürzte ich nur so nach der Salpetrière zurück, wechselte das Hemde, indem ich das vom Hause zurückließ, schnürte mein kleines Bündel und eilte, daß ich nur wieder zu Annette käme, wo ich mich allein für sicher hielt, und bei ihr bis am andern Morgen blieb, ohne nur den Kopf zur Thüre hinauszustecken. »Mittwoch um 9 Uhr Morgens ging ich auf ein Leihhaus, um ein Paar Ohrringe zu versetzen, denn ich hatte auch keinen Sou, um mir nur fünf Francs zu verschaffen. Am Mittag ging ich dann in die Wohnung des Herrn Morey, Rue Saint-Victor No. 23. Und nun muß ich sagen, warum ich zu diesem Herrn ging. »Es sind nun zwei Jahre, daß ich ihn mehrmals in der Wohnung meiner Mutter gesehen, als wir mit Fieschi zusammen in der Rue Croulle Barbe wohnten. Am Montag hatte ich ihn auch mit Fieschi auf dem Boulevard gesehen; und da ich keinen andern Menschen kannte, der mit Fieschi Verbindungen hätte, da dachte ich, ich würde doch bei ihm einigen Rath und Trost finden. Ich stieg eine Treppe hinauf und da fand ich ihn auch. Ich war ganz in Thränen und er sagte: »Nun, was gibt es denn?« – Ich erwiderte: »Ach, Sie wissen es eben so gut als ich.« – Da sagte er: »Also Fieschi ist's, der den Schuß gethan? Ist er todt?« – Ich erwiderte: »Man sagt, so wäre es. Sie waren mit ihm am Montage?« – »Nein«, sagte er; ausgegangen bin ich am Montage, aber mit ihm kam ich nicht zusammen.« – »Warum«, erwiderte ich, »suchen Sie mir das zu verbergen? Ich habe Sie ja mit meinen eigenen Augen gesehen. Sie waren mit Fieschi in einem Café auf dem Boulevard.« – Da sagte er: »Ja, das ist wahr.« Ich setzte ihm auseinander, wie unglücklich ich wäre, daß ich nicht wüßte, was aus mir werden solle; ach, ich konnte vor Thränen nicht sprechen. »Da sagte er mir nach einigen Augenblicken: »Gehen Sie nach der Barrière du Tronc, erwarten Sie mich dort; wir wollen dann miteinander sprechen.« Nina Lassave, früher verhaftet, weil sie durch ihr Benehmen und ihr Verhältniß zu Fieschi verdächtigt schien, ist nächst Fieschi die Hauptzeugin, um gegen Pepin und Morey die Anschuldigung, die Jenes Geständniß auf sie geworfen, zu kräftigen. Die übrigen vernommenen Zeugen bekundeten nur so unbedeutende Details, daß die späteren Berichte über diese Hochverrathsprocesse es nicht mehr der Mühe werth hielten, sie aufzunehmen. Das Hauptgewicht der Anklage ruhte in Fieschi's Geständniß, auf die Glaubwürdigkeit desselben kam Alles an; es lag daher der Anklage und der Vertheidigung ob, im Deductionswege dasselbe zu vertheidigen und anzugreifen. Der Proceß nahm vierzehn Sitzungen in Anspruch. Martin du Nord trat als Generalprocurator auf. Parquin sprach als Vertheidiger Fieschi's, eine Rolle, die, seltsamerweise, in diesem Processe eher die eines Anklägers genannt werden muß, denn indem er die Glaubwürdigkeit seines Clienten zu verfechten hatte, war seine von den Verhältnissen bedingte Aufgabe, die Schuldbarkeit seiner Complicen ans Licht zu bringen. Parquin schloß seine Rede, die als ein Meisterstück betrachtet wurde, folgendermaßen: »Nehmen wir an, daß Fieschi fortwährend stumm geblieben wäre, daß er auf keine Fragen sich eingelassen, keine Mitschuldigen genannt hätte, und daß er heute, allein auf diese Bänke geführt, ausriefe: »Ich habe Mitschuldige, aber ich will sie nicht nennen. Ich nehme mein Geheimniß mit ins Grab. Wenn man es aber durchaus wissen will, wohlan, ich will es verkaufen: der Preis ist mein Leben.« »Ist da Jemand unter Ihnen, der zweifelt, daß die Behörden vor der Höhe dieses Preises zurückschrecken würden? daß Sie es vorziehen würden, den Kopf dieses armseligen Menschen fallen zu sehen, statt des größern Vortheils, dafür alle Verzweigungen eines ungeheuern Complottes zu entdecken?« »Meine Herren, Fieschi war größer und großmüthiger. Als er die Wahrheit sagte, geschah es, ohne daß er eine Belohnung forderte, ohne daß sie ihm verheißen war. Nicht ein flüchtiges Wort kam von seinen Lippen, daß er eine solche Hoffnung hege. Im Gegentheil, er hat protestirt, immerfort, in allen Verhören und Unterredungen, und er protestirt auch noch dagegen, daß ihm Gnade gewährt werde. Sollte nun sein Schicksal der Theilnahme weniger werth sein, weil er freiwillige Enthüllungen gemacht hat, weil er, mit dem Willen, das Schreckliche, was er verübt, was an ihm, auszugleichen, der Behörde den Weg gezeigt und der Justiz in ihren Nachforschungen geholfen hat? Wenn er feigerweise darum gehandelt hätte, würde man ihm das Leben gelassen haben. Und dieses Leben, gegen das er die allertiefste Verachtung zeigt, sollte man ihm nun wirklich entreißen!« »Nein, meine Herren, das wäre nicht Gerechtigkeit, das wäre nicht Billigkeit! Ich setze noch hinzu: Es wäre eine Lehre für künftige Verbrecher.« Aber Fieschi wollte wirklich nicht gerettet werden. Er verstand vollkommen, was sein Vertheidiger bezweckt, und ergriff darauf das Wort: »Ehrenwerthe Pairs! Geben Sie nicht Achtung auf die Fehler meiner Sprache. Ich will mich schon verständlich machen, so gut es geht. Ich fühle mich glücklich, daß ich bis heute gelebt habe. Morgen kann ich sterben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie es mich freut, wie ich zufriedengestellt bin, daß ich den heutigen Tag noch erlebt, daß ich meine Mitschuldigen angegeben und daß ich das Vergnügen habe, meinem Vaterlande nützlich geworden zu sein. Aber was Großes kann ich weiter nicht sagen, nachdem meine Advocaten Alles ausgesprochen haben.« »Ich war Soldat. Sie haben meine Dienstzeugnisse darüber. Ich habe die Feldzüge in Calabrien und Sicilien mitgemacht. Ich wurde gefangen genommen und nach Malta geführt. Aber ich entwischte und kam wieder zur Armee, um mit ihr den furchtbaren Feldzug in Rußland zu machen. Da gewann ich das Kreuz auf dem Schlachtfelde; es soll mich ins Grab mit begleiten. Die Advocaten meiner Complicen haben mich kurz und klein gehackt. Ich verzeihe es ihnen. Das ist meine Schuldigkeit. Ich wünsche auch, daß ich ganz allein aufs Schaffot gehe, denn Niemand kann mich davon losmachen.« »Sieben Jahre war ich in Embrun Gefangener. Ich habe mich als ein rechtschaffener Mensch aufgeführt. Ich habe mir das Vertrauen meiner Obern erworben. Man wird mich fragen, wie, wenn ich mich gut aufgeführt, ich zu zehn Jahren Gefängniß kam? Ja, man wußte, daß ich ein geschickter Kerl war, und daß man mich darum nun einmal verfolgen wollte, während man Leute, die sich bestrafen ließen und nachher ihre Obern quälten, auf Gnadenwege laufen ließ, um sie nur los zu werden: laß dich hängen, wo du willst.« »Die Frau Petit, sage ich Ihnen, wird es ihr ganzes Leben gereuen, daß sie gegen mich ausgesagt hat. Ich habe sie geliebt, ich liebe sie noch, und doch hat sie mich ohne Hemde, ohne Hülfe, ohne fünf Sous in der Tasche aus dem Hause gejagt. Ich traf einen guten alten Mann, der hat mich an seinem Tische ernährt und mich gehütet. Das Herz möchte mir platzen, daß ich gezwungen bin, gegen ihn auszusagen. Ich habe es nicht aus Rache gethan. Aber wenn Sie Mittags ein brennendes Licht in die Sonne setzen, so können Sie es nicht mehr anzünden, als es schon ist. Der Stärkste trägt den Sieg davon. Ich habe nur mein Vaterland gesehen. Leute, die, wie ich, bis Moskau gewesen sind, kennen die Tyrannen anderer Länder. Aber darauf will ich mich gar nicht einlassen.« »Ich habe niemals Ruhe an einem Orte. Ich setze mich niemals. Ich esse selbst im Stehen. Ist das nun ein Fehler? Ist's eine Tugend? Ich sage es nicht, aber es ist so: Eines Tages, als ich bei Morey speiste, entwarf ich den Plan zur Maschine. Morey nahm das Ding an sich und zeigte es Pepin. Was hilft's, das Schaffot erwartet mich, und ich werde mit festem Schritt hinaufsteigen.« »Pepin und Morey gehörten zu republikanischen Gesellschaften. Aber sie waren schon vor dem 28. Juli unter sich einig, sie wollten glauben machen, daß der Schlag von der karlistischen Partei ausginge. Man hat Ihnen gesagt, Alles an mir wäre Verstellung; aber um den Titel nicht zu verdienen, müßte ich ja ein Plappermaul sein, wie der Lump, der Boireau. Der schwatzt freilich sein Geheimniß allen seinen Freunden aus, und er zählt sie nur nach Dutzenden. Was mich betrifft, so glaube ich, man muß nur an einen einzigen Freund, an seinen Advocaten oder an seinen Beichtvater sein Geheimniß vertrauen. Meine feste Meinung ist, daß die geheimen Gesellschaften von dem Schlage vorauswußten. Ein Liedlein will ich darüber nicht singen, denn ich bin nicht Dichter.« »Damit sah es nun schlecht aus, wie man Fieschi geholfen hat. Morey ist gut, großmüthig; aber es muß mit dem Schießen losgehen, dann weicht er nicht zurück. Was Pepin anlangt, der kann selbst keinem Kinde den Finger krümmen. Der muß einen Andern haben, der ihm die Kastanien aus dem Feuer holt.« »Nun komme ich zu meinem Unglück. Am letzten Tage war ich traurig, niedergeschlagen, gar kein angenehmer Gedanke kam mir zu Sinn. Die Unterhaltung hatte nichts Reizendes für mich. Das Leben war mir versauert, der Schlaf selbst unruhig. Aber ich hatte einmal mein Wort gegeben, und was ich versprochen, führte ich aus.« »Mein Kopf ist zerschellt worden, aber ich habe Ihnen doch die Wahrheit gesagt. Meine Complicen werden sie auch sagen, wie ich, denn es wird sich in ihnen schon lösen. Was mich anlangt, so weiß ich nur etwas, das ist, daß mein Vaterland und die Welt wissen, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Wenn Morey mit Absicht einige Flintenläufe überladen hat, so vergebe ich ihm. Habe ich mich getäuscht, indem ich das glaube, so verzeihe er mir. Ich habe nur meine Schuldigkeit gethan.« »Sehen Sie, meine Herren, diese zerschmetterte Hand, diesen Kopf, aus dem man ganze Stücke genommen hat. Wenn ich gewollt, hätte ich ein Mittel gehabt, um zu schlafen, wenn ich will. Ich hätte mich ja nur zu vergiften brauchen; ich hätte ja nur gebraucht mich gehen zu lassen und ein Gehirnfieber hätte mich fortgerafft.« »Als ich Herrn Lavocat sah, meinen Wohlthäter, da senkte ich die Maschine. Es hat Opfer genug gekostet, es hätte aber noch mehr gekostet. Noch einmal in mein Gefängniß! Ich sagte zu mir: Fieschi, Du gehst von hier aus nicht anders fort als auf das Schaffot.« »Man hat gesagt, ich wäre gebrandmarkt worden, gebrandmarkt! – Armer Fieschi! ich bedaure dich! Aber ist denn mein Herz auch gebrandmarkt? – Uebrigens vergebe ich ihnen, aber – meine Herren Pairs, Sie werden sehen, wer die Wahrheit gesagt hat!« »Auf meinem stürmischen Lebenswege finde ich zwei Straßen, zwei Verzweigungen – ich wählte die schlechte, die, welche mich in achtundvierzig Stunden auf das Schaffot führte. Ich werde mit Muth gehen, um mein Verbrechen zu sühnen. Aber ich fordere Gnade für meine Mitschuldigen. Nochmals, der gute Alte da ist nicht zu fürchten. Pepin, den will ich vernichten, er soll nicht mehr wagen, das Haupt zu erheben. In den Juliangelegenheiten hatte er sich, das ist wahr, einen Ruf gemacht. Aus seinem Hause hat man viel (auf die Truppen) geschossen; aber ich glaube nicht, daß er selbst mit gestritten hat, denn Pepin und die Furcht können sich nun einmal nicht trennen.« (Hier konnte sich der Pairshof eines herzlichen Gelächters nicht erwehren.) »Er ist glücklich, daß er einen Vater gehabt, welcher vor ihm zur Welt kam und, als er aus der Welt fortging, ihm einige Sous zurückließ. Auf diese Weise hat er in seinem Revier sich eine Art Namen gemacht. Denn der Arbeiter stimmt immer für Den, der ihm etwas zu verdienen gibt. Er trägt die Julidecoration; aber straf' mich Gott, wenn er auch nur einmal auf den Barrikaden sich sehen ließ. Da hat's keine Noth. Ich fordere nochmals Gnade für meine beiden Complicen, denn Boireau ist es nicht. Für mich fordere ich keine Gnade, denn ich werde auf Erden nicht mehr glücklich sein.« »Ich habe immer den Tod als ein allgemeines Gesetz betrachtet. Als die Natur uns machte, sprach sie nicht: Du wirst lange leben.« »Was mich anlangt, habe ich die Wahrheit gesagt. Ich fordere nur Etwas. Wenn man mir mein Urtheil liest, vielleicht geschieht es in vierundzwanzig Stunden, da soll der Gerichtshof nur zu mir sagen: Du hast die Wahrheit gesagt, das Gesetz verdammt dich zur Todesstrafe.« »Ich bin ein großer Sünder. Aber hören Sie nur noch zwei Worte von mir an. Das Verbrechen, welches ich beging, verschonte glücklicherweise den König und seine Söhne. Mitten unter den Todten und Sterbenden, die ihn umgaben, hat er den Muth gehabt, weiter zu reiten, er hat seinen Söhnen das Beispiel gegeben. Der Franzos liebt die Muthigen. Darum hat er Napoleon so geliebt. Alle Napoleonisten sind heute um das Nationalbanner versammelt.« »Noch einmal zum Schluß: Ich fordere Gnade für meine beiden Complicen. Der eine ist ein armer Greis, der andere ist nicht zu fürchten. Nun habe ich Alles gesagt. Wenns zum Schaffot geht, werde ich mit schnellen Schritten gehen, ich werde meine Seele Gott empfehlen und Frankreich wird sehen, daß ich zu sterben weiß.« Eine seltsamere und merkwürdigere Rede hat der Pairshof wol niemals in einem Criminalprocesse gehört. Durch das Aufgeblasene und Lügenhafte dringt indeß der Kern und Stamm einer innern moralischen Wahrheit hervor, über welche der Psychologe nicht in Zweifel sein wird. Die Debatten waren geschlossen. Der Pairshof trat zur Berathung zusammen. Das Urtheil fiel dahin aus: Fieschi, Morey und Pepin wurden zum Tode verurtheilt, Boireau zu 20 Jahren Einsperrung, Bescher ward losgesprochen. Die drei zum Tode Verurtheilten hörten ruhig ihr Todesurtheil verlesen, Fieschi besonders mit der ruhigsten Miene von der Welt. Aber als man ihm nach der Verlesung die Zwangsjacke anlegen wollte, brach seine ganze corsicanische Heftigkeit heraus. Er beklagte sich bitter: »Man fürchtet, daß ich mir ans Leben will! - So schlecht kennt man mich! .... Ich will ja auf dem Schaffot sterben, um Anderen zum Beispiel zu dienen! Ich will ihnen eine Hinrichtung zeigen, wie sie nie eine gesehen haben! .... Das Wort eines Corsen ist heilig .... Wahrhaftig! Wenn man mir die Thüren meines Gefängnisses öffnete und mir sagte: stelle dich morgen ein um 10 Uhr an der Barriere Saint-Jacques zu deiner Hinrichtung, meine Herren .... ich würde da sein schon um ¾ auf 10 Uhr .... o, meine Herren, ich bitte, ich flehe Sie an, befreien Sie mich von dieser Zwangsjacke, es ist die einzige Gnade, um die ich Sie ersuche.« Fieschi hatte sich durch seine Aufführung viele Gönner erworben. Der Mörder und Bandit war sogar, was man beiden vorwarf, das gehätschelte Lieblingskind der Justiz und Regierung geworden, welche ihn hinrichten ließ. Vor allem begünstigte ihn Herr Lavocat, ein Bürger, der in den ersten Jahren der Julidynastie bei derselben eines großen Ansehens genoß. Lavocat, was wir aus Zeitungsnachrichten uns erinnern, hatte Fieschi vor dem Attentat kennen gelernt; er war sein Wohlthäter gewesen. Daß der Anblick dieses Mannes in der Umgebung des Königs (als oberer Offizier der Nationalgarde) den Mörder bestimmte, das Mordwerkzeug anders zu richten, um nicht auch seinen Wohlthäter zu treffen, wissen wir wenigstens aus Fieschi's Rede. Lavocat's moralischer Einfluß dürfte dazu beigetragen haben, den Mörder so bald zu einem Geständnisse zu bewegen. Jetzt war er es, der mit Parquin und Chair d'Est-Ange auf die Bitten ihres Schützlings einging. Sie verbürgten sich beim Polizeipräfecten dafür, daß Fieschi sich kein Leides anthun werde, und erwirkten darauf die Vergünstigung, daß ihm die Zwangsjacke erlassen ward. Pepin schien bei der Verlesung von einem hitzigen Fieber ergriffen, aber er unterwarf sich, ohne einen Laut von sich zu geben. Morey hörte es an mit einer halb gleichgültigen, halb verächtlichen Miene. Boireau aber, der nur zu 20 Jahren Gefängniß verurtheilt war, fiel während der Verlesung in Ohnmacht. Der 16. Februar 1836 war zur Hinrichtung bestimmt. Man führte die drei Verurtheilten in den Saal, wo die üblichen Vorbereitungen stattfanden. Fieschi erschien zuerst mit seinen Wächtern. Er trug blaue Pantalons und eine wollene Weste, auf dem Kopfe eine schwarzseidene Mütze. Er ging leichten Schrittes, den Kopf aufrecht, und ließ seine Augen aufmerksam umherfliegen, als er sich auf die Bank der Verurtheilten niedersetzte. Man bemerkte gegen ihn: ob er denn keinen Ueberrock habe? – »Warum das?« – Weil es kalt ist. – »Ah, bah, ich werde nicht lange zu frieren haben. Aber Ihr habt Recht, holt mir einen Ueberrock. Aber nehmt alles Geld heraus, laßt ja nichts in den Taschen.« Als man ihm die Hände auf den Rücken band, bat er, man möge nicht zu stark ziehen. »Zu stark!« wiederholte er mehre Male. »Ich muß mich frei bewegen können. Es ist zu stark, sage ich Euch, Ihr thut mir weh.« Als einer der Häscher den Strick bereit hielt, um ihm die Füße zu binden, sagte er: »Sieh mal, ich habe gerade diese Nacht geträumt, daß Du es sein würdest, der mir die Beine fesselte.« Während der ganzen traurigen Vorbereitungen stockte Fieschi's Zunge keinen Augenblick. Mit einer merkwürdigen Geläufigkeit richtete er seine Fragen und Bemerkungen gegen einen Jeden, der ihm zu Gesicht kam: »Ah, bist Du's, Prussien«, rief er einen der Wächter an; »Du, Du, das ist nicht gut.... Und auch Du, Petit, der immer mein Freund war, Du willst mich sehen, wie sie mich anbinden?.... Hol Dich – warte! Alle diese Herren, die hier sind, thun es, weil's ihre Pflicht ist; aber Du, das ist nicht Dein Platz. Pack Dich, Guter.« Nachdem diese Vorbereitungen beendet, erhob sich Fieschi und ließ seine Augen umherwandeln: »Meine Herren«, sprach er, »ich nehme Sie Alle zu Zeugen, daß ich meinen Kopf Herrn Lavocat vermacht habe. Ich habe es schriftlich hinterlassen, und ich denke, daß das Gesetz so weit für mich ist, daß mein Wille geachtet wird.... Wo ist nun Der, der meinen Kopf aufnehmen wird? Ich erkläre ihm hiermit feierlich, daß er nicht ihm gehört, sondern Herrn Lavocat.... Ja, mein Kopf gehört Herrn Lavocat – meine Seele Gott, mein Leichnam der Erde.« Kaum hatte Fieschi diese Worte ausgesprochen, als der Executor ihn beim Arm faßte und nach dem Wagen führte. Er bat ihn, Platz zu nehmen. »Aber lasse man doch erst die Andern kommen«, sagte Fieschi mit einem sardonischen Lächeln, »und gebe ihnen ihren Platz vor mir. Ich muß sie doch ins Auge fassen.... Es ist ja mein Banquet hierin.« Da nahte sich ihm der Abbé Grivel. Kaum hatte Fieschi ihn erblickt, als er lebhaft ihm das Gesicht entgegenhielt, mit dem unverkennbar ausgedrückten Wunsch, ihn zu umarmen, wenn seine gebundenen Arme es erlaubten. Der Geistliche drückte ihn ans Herz, mehre Male, und so innig, daß alle Anwesenden gerührt waren. Als Fieschi Thränen in den Augen des Abbé sah, rief er: »Und Sie weinen! Also muß ich Ihnen wol Muth zusprechen? .... Muth, Muth! ich bin glücklicher als Sie. Ich sterbe ohne Furcht!« Morey, der zunächst vorgeführt wurde, benahm sich wie beim Urteilsspruch ruhig, gelassen, fast verächtlich. Pepin war schwach während der Debatten gewesen; jetzt zeigte er sich zum ersten Male voller Energie. Er warf seinen Ueberrock und seine Halsbinde ab, ohne die Pfeife, die er rauchte, fortzulegen. »Mein alter Morey«, sprach er, »so scheint es denn, daß wir miteinander in die andere Welt hinübermüssen.« »Ein wenig früher, ein wenig später, was thuts«, entgegnete Morey. Pepin's Augen trafen Fieschi: »Ah, sieh da, Fieschi«, sagte er lächelnd, »Du bist zufrieden. Nicht wahr, Aug in Aug mit Deinem Freunde (auf sich deutend), Deinem Schlachtopfer. Höre, nur zwei Dinge kümmern mich. Das erste ist: daß ich in Gesellschaft eines so scheußlichen Ungeheuers von Deinem Gepräge sterben muß; das zweite: daß ich vor dem Gerichtshof ordentlich auf die Lügen geantwortet habe, die Du gegen mich vorgebracht. Man hat das für Schwäche im Publicum genommen. Man hat gesagt, daß es mir an Muth fehle, daß ich Furcht hätte, – ich Furcht!.... Ach, könnte ich noch einige Zeit leben, so hätte ich nur ein Verlangen, einen Gedanken, ich könnte mir nur einen Wunsch bilden, das wäre, einen Tiger, wie Du, vor mir zu haben und ein geschlossenes Kampffeld.... Ich Furcht! – Aber ich werde es den Leuten bald zeigen, die das geglaubt haben, die das gesagt haben, die mich verleumdet haben.... Ich habe nur ein Unrecht begangen, ich habe Dir Almosen gegeben, und ich habe das vor der Justiz abgeleugnet.... Für mich naht sich die Stunde der Befreiung; für Dich wird es die Stunde der himmlischen Rache sein, die Du so lange verhöhnt hast.« Fieschi wollte antworten, der Abbé Grivel verhinderte es. Um 7¼ Uhr war Alles fertig, die Verurteilten erhoben sich. »Meine Herren«, sprach Pepin, die Pfeife noch immer im Munde, »Fieschi's Verbrechen liegt in Fieschi selbst.... Hier sind keine andern Schuldigen als er allein.« »Ich habe meine Pflicht gethan«, erwiderte Fieschi. »Alles, was ich bedaure, ist, daß ich nicht noch vierzig Tage gelebt habe, um viele Dinge niederzuschreiben.« »Ja«, entgegnete Pepin, »da sieht man die Wirkungen aller der Hätscheleien und Liebkosungen, mit denen man diesen elenden Kerl seit seiner Verhaftung überhäuft hat; man hat ihn belobt, ihm geschmeichelt, als Lieblingskind behandelt, und er hält sich nun für eine große Person, einen erhabenen Charakter, er, der nur ein Skorpion ist. Die Art, wie man diese Sache behandelt hat, ist wahrhaft erschrecklich. Ich könnte außer mir gerathen über das ungesetzliche Verfahren, aber ich habe in diesem Augenblicke Anderes zu thun. – Lasse man ihm doch, was er fordert, lasse man ihn als Almosen die vierzig Tage leben, ich will mich nicht deshalb beklagen. Ich für mich wahrhaftig begehre nicht solcher Gunst.« Es ist bekannt, daß sich in Paris Fremde und Einheimische drängten, etwas von dem Original Fieschi zu sehen und als Erinnerung zu erhaschen. Namentlich war unter Engländern Nachfrage nach seiner Handschrift. Er fertigte immer neue Billets auf Anfrage und verkaufte sie zu guten Preisen. Darauf bezieht sich Pepin's Bemerkung. Die Stunde zur Hinrichtung selbst war inzwischen erschienen. Man führte die Verurtheilten in ihre Wagen, und bald standen sie am Fuße des Schaffotes. Der Polizeicommissarius Bassel, der eine bestimmte Mission ad hoc erhalten, trat jetzt auf Pepin zu, welcher ebenfalls von seinem Beichtvater begleitet war. Die Sitte unter den Republikanern in Paris hatte damals gewechselt: sie wiesen den geistlichen Zuspruch nicht mehr von sich. »Herr Pepin«, sagte der Commissar, »Sie stehen vor dem letzten, feierlichsten Augenblicke Ihres Lebens. Sie haben keine Rücksichten mehr, keine Interessen zu beachten. Sie haben die Pflicht und Aufgabe, die ganze Wahrheit zu sagen. Ihr Beichtvater wird Ihnen diese Pflicht ans Gewissen gelegt haben. Haben Sie nun noch Enthüllungen zu machen, so ist man bereit, Sie zu hören.« Pepin erwiderte mit der Zuversicht, die ihn keinen Augenblick verlassen hatte: »Ich habe nichts hinzuzusetzen zu Dem, was ich schon gesagt. Ich habe Alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich sterbe unschuldig; das Opfer niederträchtiger Machinationen. Das Verbrechen, welches dieser Auswurf begangen, dies Verbrechen ist so abscheulich, daß es allerdings in uns sich sträubt, zu glauben, daß ein einzelner Mensch es hatte aussinnen und ausführen können.... Und doch liegt darin die Wahrheit.... Aber genug. Es ist schon übergenug davon gesprochen. Der große Richter erwartet uns. Ich bin bereit, vor ihm zu erscheinen.« So sprach Pepin, mit einem Fuß auf dem Schaffot. Mit jenen Worten übergab er sich dem Scharfrichter. Wenige Augenblicke darauf fiel sein Haupt. Die Scharfrichtergehülfen bemächtigten sich darauf Morey's. Die letzten Worte desselben waren: »Mein Gott! So geht es denn wirklich zu Ende!« Fieschi war der Letzte. Es trat festen Schrittes vor und bat um die Erlaubniß, die Menge noch einmal anreden zu dürfen. Bassel erlaubte es ihm, doch unter der Bedingung, sich so kurz als möglich zu fassen. Fieschi stieg nun mit außerordentlicher Schnelligkeit die Stufen hinauf. Oben nahm er die Stellung eines Redners an und mit kräftiger Stimme sprach er die Worte: »Ich werde nun vor Gott erscheinen. Ich habe die Wahrheit gesagt. Ich sterbe zufrieden. Ich habe meinem Lande einen Dienst gethan, indem ich meine Mitschuldigen angab. Ich habe die Wahrheit gesagt und keine Lüge. Ich rufe den Himmel zum Zeugen an. Ich bin glücklich und zufrieden. Ich bitte Gott und alle meine Mitmenschen um Verzeihung, vor allem aber Gott. Ich bedaure mehr Die, welche durch mich ums Leben kamen, als mein eigenes Leben.« Dann wandte er sich rasch um und lieferte sich in die Hände des Scharfrichters. So sprach Fieschi – schon auf dem Schaffot. Wer sprach die Wahrheit, Pepin oder Fieschi? Ein Mittelweg scheint kaum denkbar. War in Pepin Alles, auch dieser letzte feierliche Moment, Kunst, hervorgegangen aus dem Fanatismus, seine Partei nicht zu verrathen, sich selbst in ein stoisch-heroisches Ende hineinzulügen? – So viel wir der öffentlich gewordenen Stimmen in Frankreich uns entsinnen, hat man doch nicht gewagt, mit der Zuversicht, welche die Unschuld eingibt, zu behaupten, daß Pepin unschuldig hingerichtet worden. Wir wissen auch nicht, daß in der kurzen Zwischenzeit, wo die demokratische Republik, welcher Pepin angehörte, den Sieg davongetragen, man Pepin und seinen Freund als einen Märtyrer, als das Opfer eines Justizmordes, der Verschwörung der Tyrannei gegen die Freiheit, darzustellen versucht hätte. Man ließ ihn fallen. Das ist ein charakteristisches Zeichen. Anderseits erscheint Fieschi als ein Unicum, dieser fanatische Schwärmer, um sich selbst als ein scheußlicher Verbrecher darzustellen; und dies geschieht nicht aus einer religiösen Ueberzeugung, aus Zerknirschung und Reue, sondern in einem Anfall neuer Eitelkeit und mit aller Ruhmredigkeit eines Abenteurers. Nicht Alles, was er spricht, darf man als Wahrheit annehmen; aber aus diesem Strohfeuer von Ehrgefühl, Patriotismus, Ruhmsucht, Plapperei, Selbstüberwindung, züngelt doch eine Flamme hervor, die sich nicht erkünsteln läßt. Es ist eine Wahrheit in ihm: im Leichtsinn, im corsicanischen Rausch der Thatenlust, in einem Parteieifer, für den Begriff und Bewußtsein ihm fehlen, hat er sich hinreißen lassen zu einem entsetzlichen Verbrechen, und als die Ahnung ihn drückt, daß er die That auch bei sich selbst nicht verantworten kann, fühlt er sich doch gestachelt, sie auszuführen, ja eiserne Arme reißen ihn fort zum Vollbringen, denn er hat sein Wort eingesetzt – und er ist ein Corse! Eine Möglichkeit dämmert indessen doch, um in Pepin's letzten Betheuerungen eine Wahrheit, wenn auch nur auf jesuitischem Grunde, zu erblicken. Möglich nämlich, daß der warmblütige Fieschi, kraft seiner beweglichen Phantasie, Gestalten und Dinge gesehen, wo man ihm nur Erscheinungen und Schatten zeigte. Freilich wollte man, daß er es für Wahrheit halte, aber für sich selbst wollte man für den schlimmen Fall den Schein und den Beweis retten, daß es nur Scherz gewesen, Misverständnisse. Man ließ ihn sich aufreden, geschickt Worte und Zeichen hineinwerfend, bis er des vollen Glaubens war, daß er ein Werkzeug Anderer sei, nur ausführe, was Andere ihn geheißen, während diese Andern die Früchte ernten wollten – wenn es gelang, ihn verleugnen, wenn es mislang. Daher konnte Pepin lächeln über Fieschi's Anführungen, Morey verächtlich die Achseln zucken; Fieschi sagte nicht die Wahrheit aus, nämlich nicht die Wahrheit, die sie ihm hingehalten, sondern wie er sie in seiner Einbildungskraft sich ausgebildet; im Grunde gab er aber doch die wahre Wahrheit, die, welche sie verderben mußte. Eine klügere Wahl konnten für solches Unternehmen Verschworene nicht treffen; vielleicht gab es auch kein sichreres Mittel, des Werkzeugs sich zu entledigen, wenn die Flintenläufe geplatzt wären, wie sie sollten. So endeten, sagt ein Berichterstatter zehn Jahre nach der That, diese wahrhaft außerordentlichen Menschen, höchst wahrscheinlich in ihr Grab ein Geheimniß mitnehmend, welches, enthüllt, Ströme Blutes gefordert haben würde. Alibaud 1836 Am 25. Juni 1836 gegen 5 Uhr Nachmittags sah man einen jungen Mann von etwa 26 Jahren auf dem Carrouselplatze in Paris in der Nähe des Triumphbogens umherspazieren. Er schien auf Jemand mit lebhafter Ungeduld zu warten. Um sich die Zeit zu vertreiben, knüpfte er mit den Schildwachen Gespräche an. In der Hand trug er einen schwarzen Stock, den er immer in der Mitte anfaßte, ohne die Spitze auf das Pflaster zu setzen. Darüber mochte eine Stunde verstrichen sein, als man im Hofe der Tuilerien die Wagen rollen hörte. Der König, der damals sein Schloß Neuilly bewohnte, kehrte, nachdem er einige Stunden in den Tuilerien verbracht, dahin zurück. In demselben Augenblicke brach der junge Mann schroff und kurz sein Gespräch ab, verließ den Carrouselplatz und begab sich ins Innere des Gitters desjenigen Tuilerienhofes, der nach dem Seinequai hinausgeht. Dort setzte er sich auf einen Eckstein und plauderte mit Einigen, welche auf die Durchfahrt des Königs warteten, wahrscheinlich Alle nur aus Neugier. Der königliche Wagen rollte vor. Ein Piquet Nationalgarde zu Pferde und ein Piquet Husaren escortirten ihn. In dem Augenblicke war der junge Mensch aufgesprungen und hatte seinen Stock mit der Spitze auf die Wagenthür des Königs gelegt. Der Stock war nichts Anderes als ein Flintenrohr von neuer Erfindung. Er ließ einen verborgenen Drücker los und der Schuß entlud sich. Auf den König hatte er gezielt, aber der König ward nicht getroffen. Die Kugel des Feuerrohrs ging in den obern Theil der Seitenwand des Wagens, während die noch brennende Patrone auf Louis Philipp's Kopf fiel. Im selben Augenblicke hatte auch schon ein dienstthuender Adjutant den jungen Menschen bei den Haaren ergriffen. Mehre Leute standen ihm bei. Man entriß ihm einen Dolch, mit dem er sich einen Stich versetzen wollte, und schleppte ihn nach dem nächstgelegenen Wachtposten der Nationalgarde. Er verweigerte seinen Namen zu nennen. Durch einen merkwürdigen Zufall befand sich unter dem dienstthuenden Personal der Nationalgarde im Tuilerienhofe an jenem Tage ein Sergeant, der Büchsenmacher und zugleich derselbe Büchsenmacher war, welcher diese neuen Stockgewehre erfunden und eines derselben dem jungen Menschen verkauft hatte. Das Mordgewehr, mit dem Louis Philipp getödtet werden sollte, war von dem Sergeanten gefertigt, welcher zur Bewachung der königlichen Person commandirt worden! Der Sergeant, Büchsenmacher Devisme, wohnhaft Rue du Helder, erkannte auch sofort den Mörder. Es war ein junger Kaufmannscommis, der vor einigen Monaten sich bei ihm eingefunden, um seine neuerfundenen Stockflinten zu besichtigen. Der Commis hatte erklärt, daß er sich wol im Stande glaube, ihm einen reichlichen Absatz für dieselben in der Provinz zu verschaffen, wenn er, der Fabrikant, ihm eine kleine Anzahl davon, als Proben, überlassen wolle. Der junge Commis hieß Alibaud und wohnte Rue de Valois-Batave No. 5. Devisme hatte ihm Glauben geschenkt und fünfundzwanzig Stück der neuen Flintenstöcke in seine Wohnung geschickt. Kurze Zeit nachher erhielt aber der Büchsenschmied vierundzwanzig dieser Flinten mit einem Schreiben Alibaud's zurück, worin dieser ihn benachrichtigte, daß es ihm nicht gelungen, einen Absatz für die Gewehre zu verschaffen. Die fünfundzwanzigste Flinte wäre ihm augenblicklich abhanden gekommen; sobald er sie aber wiederfinde, werde er ihm auch diese zurückstellen. Der Gefangene verleugnete nun nicht mehr seinen Namen. Ja, er heiße Alibaud und Alles, was Devisme ausgesagt, sei richtig. Er rief: »Wenn ich im ersten Augenblicke meinen Namen verschwieg, so geschah es nur aus Rücksicht für meine Familie. Denn ich bereue nicht, was ich gethan, und wenn ich frei wäre, würde ich es wieder thun.« Indem er sich zu den Nationalgarden wandte, sagte er: »Ach, Ihr wißt Alle nicht, was eine wahrhafte Ueberzeugung vermag!....Fragt da den Soldaten, die Schildwacht, mit der ich vor einer Stunde plauderte, dort am Triumphbogen, fragt ihn, ob ich nicht vollkommen ruhig war.« Nach der Conciergerie geführt, blieb er in der Rolle, die er bis da gespielt. Auf alle Fragen erklärte er, daß er die That mit vollen Bewußtsein verübt, daß er sie jeden Augenblick wiederholen wolle und würde, wenn ihm die Mittel dazu geboten wären. Mitschuldige habe er nicht. Schon am folgenden Tage, 26. Juni, berief eine königliche Ordonnanz die Pairskammer, um sich als Gerichtshof zur Aburtheilung dieses neuen Attentats zu versammeln. – Der Proceß war kurz; man hatte, aller Bemühungen ungeachtet, keine Mitschuldigen entdeckt. Ebensowenig konnte man in der Instruction mehr von Alibaud selbst entdecken, als was er freiwillig gleich nach seiner Verhaftung ausgesagt. Mit vollkommener Fassung erwartete er den Tag, wo er vor dem hohen Gerichtshofe erscheinen sollte. Er verhehlte sich nicht, was sein Loos sein werde. Man hatte ihn in dieselbe Gefängnißzelle gesetzt, in welcher Fieschi vor ihm gesessen. Er besah sich die Mauern, auf denen sein Vorgänger mit Kohle allerlei trübselige Figuren gezeichnet und Verse und Sentenzen geschrieben hatte. »Dieser Mensch ist völlig zum Dummkopf geworden«, sagte er, die Achseln zuckend. »Und dennoch wird er und ich zugleich auf die Nachwelt übergehen. Aber Sie sollen sehen, wie anders ich mich betragen werde als er. Er war nichts als ein Schwätzer, ein Plappermaul, der wunder was für Wirkung sich versprach mit seinem aufgeblähten Froschgequak, seiner Gespreiztheit und seinen Autographen! Nichts half's ihm, der Kopf ward ihm doch abgeschnitten.« Der Pairshof tagte schon am 8. Juli als Gerichtshof unter Pasquier's Präsidentschaft. Alibaud erschien in einem schwarzen Ueberrock, schwarzer Weste und weißen Pantalons. Sein bleiches, abgemagertes Gesicht war eingeschlossen in einen mächtigen Backenbart, der sowie sein Haar schwarz und glatt wie Ebenholz war. Mit festem Schritte, doch ohne theatralischen Anstand ging er auf den Sessel zu, der ihm hingestellt war. Auf die Generalfragen nannte er sich Louis Alibaud, geboren zu Nîmes, früher Soldat und 26 Jahre alt. Er bekannte Alles, dessen er in der Anklage bezüchtigt ward, und erkannte auch den Flintenstock, der ihm vorgelegt ward, als denjenigen, mit welchem er den König tödten wollen. Desgleichen den Dolch, den man ihm entrissen. Auf die Frage: gegen wen er diese Waffe bestimmt, antwortete er mit fester Stimme: »Für mich.« – Ihr Zweck, indem Sie dieses entsetzliche Verbrechen ausführen wollten, war es nicht, einen vollkommenen Umsturz herbeizuführen und demnächst die Errichtung einer Republik? »Ja, mein Herr.« – Seit wie lange haben Sie diesen furchtbaren Plan genährt? »Seit Philipp I. Paris in Belagerungszustand erklärt hat. Seit Philipp I. hat gouverniren wollen, statt zu regieren. Seit Philipp I. die Bürger in den Straßen von Lyon massacriren lassen und am Kloster Saint-Merry. Seine Regierung ist eine Regierung des Blutes. Die Regierung Philipp's I. ist eine infame Regierung. Darum habe ich den König tödten wollen.« Weiter war nichts von ihm herauszubringen. Er wiederholte, daß er keine Mitschuldigen habe und auch nicht bereue, was er gethan. Unter den vernommenen Zeugen war der wichtigste ein Kaufmann Corbière zu Perpignan. Alibaud hatte ihm viermal aus Paris geschrieben, daß er den Entschluß gefaßt, den König umzubringen. Der Zeuge entschuldigte sich damit, daß er nicht an die Wahrhaftigkeit der Versicherung geglaubt, sondern sie für Renommisterei gehalten. Alibaud hatte bis da diesen Umstand abgestritten. Vor den Pairs räumte er ihn jetzt ein. Andere Zeugen legten ein gutes Zeugniß für Alibaud's Sittlichkeit ab. Zwei bekundeten, daß Alibaud in der Julirevolution als Soldat in Paris stand, daß er sich aber geweigert, auf das Volk zu schießen, und sich darauf entwaffnen lassen. Aber ebenso hatte er sich geweigert, auf den Barrikaden zu kämpfen, weil er dann auf seine frühern Kameraden hätte schießen müssen. Die Advocaten Ledru und Bonjour traten als Alibaud's Vertheidiger auf. Es war eine schwere Aufgabe. Der Erstere schloß seine Vertheidigungsrede mit den Worten: »In dieser Nacht, gequält von der Unruhe, die mich ergriffen, seit mir diese schreckliche Aufgabe geworden, wo ich doch nichts weiß, was ich für diesen Mann sagen soll, wo ich nichts um mich sehe als Abgründe, werfe ich meinen Blick auf ein Buch.... Ich öffne es, es ist Corneille, der große Corneille. Von ihm forderte ich Rath in meiner trostlosen Rathlosigkeit. Ich las darin, meine Herren, daß eines Tages Augustus die Verschwörung Cinna's entdeckt hatte, desselben Cinna, den er mit Wohlthaten überhäuft hatte. »Er ließ ihn kommen: Du willst im Capitol mich morgen niederstoßen, Am Opfersteine; vor dem heil'gen Opferbrand Soll ich das Opfer sein von Deiner Mörderhand. »Augustus war das Opfer und der Richter. Er war gnädig.... Seitdem suchte nicht mehr der Dolch der Mörder nach seiner Brust. »Meine Herren, seien auch Sie gnädig gegen Alibaud. Das ist die allersicherste Politik!« Darauf erhob sich Alibaud und zog ein Manuscript aus der Tasche, das er mit Ruhe vorlas. Der Präsident mußte ihn indessen bald unterbrechen, indem er ihm vorstellte, daß er durch diese Art der Vertheidigung, durch so heftige Declamationen seine Lage nur verschlimmere. Alibaud ließ sich dadurch nicht stören: »Mein Herr Generalprocurator, Sie haben durch Ihre Anführungen mein Leben zu brandmarken versucht. Indessen wissen Sie, daß ich alle Anstrengungen gemacht, um ehrenwerthe Mittel zu meiner Existenz zu finden, und daß ich durch meine Arbeitskräfte auch meinen alten Eltern zu Hülfe zu kommen versucht habe. Aber ach, in diesem Zeitalter der Corruption ist der ehrliche Mann überall zurückgestoßen und wird überall geopfert. Ich verlangte nach den Mitteln, mich zu rechtfertigen gegen diese Vorwürfe, die gegen meine Ehrenhaftigkeit gemachten Angriffe zurückzuweisen, man hat sie mir verweigert, während Sie, meine Herren der Macht, zu Ihrem Gebot die Telegraphen, Präfecten, die Devartementalagenten haben«.... Hier ward der Redner abermals unterbrochen. Der Präsident befahl ihm, sich niederzusetzen. Aber er blieb stehen, den Kopf aufrecht, den Blick fest. Die Municipalgarden mußten ihn mit Gewalt zum Niedersitzen bringen. Alibaud faltete jetzt sein Manuscript zusammen und reichte es seinem Vertheidiger Ledru; aber auf Befehl des Präsidenten mußte dieser es dem Greffier übergeben. Da erhob sich der andere Vertheidiger, Bonjour, und rief: »Ich kann den Gerichtshof nicht unter dem Eindruck von Worten lassen....« Alibaud unterbrach ihn, indem er ihm auf die Schulter faßte: »Ich verstehe Sie, mein Herr Advocat, Sie wollen Gnade und Mitleid für mich erbitten; aber ich will keine andern Gefühle einflößen als Achtung oder Haß!« Inzwischen hatte der Präsident, nachdem der Generalprocurator sich ausgesprochen, Alibaud das Manuscript zurückgeben lassen. Ihm ward jetzt erlaubt, dasselbe vorzulesen; doch müsse er sich jeder Vertheidigung des Königsmordes enthalten. Kaum aber hatte Alibaud wieder angefangen weiter zu lesen, als der Procurator das Verlangen in aller Form stellte, daß ihm das Wort untersagt werde. Alibaud lächelte und übergab das Papier dem Huissier, der sich ihm näherte. Mit der vollkommensten Ruhe sagte er: »Ich wußte wohl, daß an diesem Orte die Wahrheit für gewisse Ohren nicht angenehm zu hören sein werde.« Um 12½ Uhr war die Verhandlung geschlossen. Der Gerichtshof trat in sein Berathungszimmer. Nach zwei Stunden kamen die Richter zurück und der Präsident verkündete das Urtheil, welches Alibaud zum Tode verdammte. Er solle im Hemde, barfuß, den Kopf mit einem schwarzen Schleier bedeckt, hinausgeführt werden und dort auf dem Schaffot so lange ausgestellt bleiben, bis ein Huissier das Urtheil dem Volke verlesen habe. Alibaud hatte es, ungeachtet seine Vertheidiger darauf drangen, abgelehnt, ein Gnadengesuch einzureichen. Ledru begab sich hierauf nach Neuilly und überreichte dem Könige eine Vorstellung, in welcher er aussprach, daß es des Ersten Bürgers des Staates würdig sei, seinem Mörder zu vergeben . Der König übergab die Bitte den zum Rathe versammelten Ministern, die aber nicht die Ansicht theilten. Das Gnadengesuch ward verworfen. Das Urtheil war an einem Sonnabende ausgesprochen. Alibaud verbrachte den folgenden Sonntag, wie er alle Tage bisher seit seiner Verhaftung zugebracht, er aß und trank wie gewöhnlich, empfing den Abbé Grivel, dem er beichtete, und verbrachte dann einige Stunden mit Lesen in Thomas a Kempis »Nachfolge Christi«. Als die Nacht kam, legte er sich nieder und schlief ruhig ein. Um 3 Uhr Morgens weckte man ihn: er solle sich zum Tode vorbereiten. Er forderte sein Frühstück und aß mit gutem Appetit. Alsdann bat er um Feder und Papier, um zu schreiben. »Ich will nicht Fieschi nachahmen«, sagte er; »ich will nur einige Zeilen, ein Lebewohl an meinen Vater schreiben.« Dann aber, wie sich zusammennehmend, rief er: »Nein, nein, ich werde doch nicht schreiben. Er würde diese letzten Zeilen aufbewahren, sie immer wieder lesen, und es würde eine Erinnerung werden, die ihn tödten müßte.« Nur ein Gefühl schien Alibaud noch in diesem feierlichen Augenblicke zu beschäftigen: es war die Furcht, für einen gemeinen Meuchelmörder zu gelten. »Ich wünsche vor allem«, wiederholte er oft, »daß man wisse, wie ich nicht tödten wollte, um zu tödten. Die Kugel in meiner Flinte galt nicht einem Menschen, sondern einem Princip.« Während der traurigen Vorbereitungen seines Anzugs rauchte er ruhig. Als der Taback in seiner Pfeife ausgebrannt war, bat er einen seiner Wächter, sie ihm von neuem zu stopfen. »Mein Gott!« rief er, als man ihm den Kopf mit dem schwarzen Schleier der Vatermörder verhüllte, »welches Ceremoniel. Und alles Das, um einen Menschen zum Tode zu führen!« Um 4 Uhr Morgens kam der Leichenzug am Fuße des Schaffotes an. Alibaud ging rasch, nachdem er seinen Beichtvater umarmt, die Stufen des Schaffotes hinauf. Hier hörte er mit Ruhe die Verlesung seines Urtheils an, rief aber dann mit einer Donnerstimme: »Ich sterbe für die Freiheit! Für das Wohl der Menschheit! Für die Ausrottung der fluchwürdigen Monarchie! .... Lebt wohl, meine braven Kameraden!« Während er noch diese Worte sprach, stellte er sich zurecht und fast im selben Augenblicke fiel sein Kopf. Es wird dem Leser nicht entgangen sein, daß wir nach einer Alibaud im Ganzen nicht ungünstigen französischen Relation diesen Fall wiedergegeben haben. Wir entsinnen uns, daß seine Persönlichkeit damals in den Zeitungen in minder günstigem Lichte geschildert ward; es kommt indeß nicht darauf an, aus dieser halb vergessenen Misère des Heroismus auf der historischen Goldwage das rechte Gewicht für den moralischen Charakter des eiteln Meuchelmörders zu ermitteln. Wir nehmen ihn nur, wie er uns in jener halb sympathisirenden Darstellung gegeben ist, und finden aber auch da nichts in ihm als eine jener eiteln, halb blasirten Erscheinungen, die ohne sittlichen Grund, ohne eine wahrhafte Begeisterung und Kenntniß der Dinge, vom Modewahn sich gedrängt fühlen, eine theatralische Rolle zu spielen, die ihnen einen Nachruhm verspricht. Die Naturwahrheit, die in dem tragischen Buffo Fieschi aus seiner Verworfenheit herausbrach, hatte die französische Eitelkeit beleidigt. Seine Bekenntnisse hatten den ganzen Lustre der Harmodius- und Aristogitonmanie verlöscht, und es war kein Wunder, wenn irgend ein anderer lebenssatter Mensch, der nichts zu verlieren hatte, sich berufen fühlte, die Ehre der Königsmörder wiederherzustellen. Daß ein solcher sich in seine Rolle hineinlügt, bis er an ihre Wahrheit glaubt, ist eine oft wiederkehrende psychologische Erscheinung. Alibaud erscheint in jedem kleinen Zuge, der von ihm aufbewahrt ist, als der Schauspieler, der seine Rolle sich so wohl zurechtgelegt hat, daß er sie in keinem Augenblick vergißt. Sein erstes Wort nach der Gefangennahme ist: Fragt die Schildwacht, mit der ich vorhin sprach, und sie wird Euch sagen, welche Seelenruhe ich vor dem Attentat gezeigt! Ein Mensch, dessen Seele erfüllt war von Königshaß, würde doch über den Schmerz, daß er seine Aufgabe verfehlt, sich selbst in dem Augenblicke nicht in den Vordergrund gestellt und es nicht seine erste Sorge haben sein lassen, den Leuten zu beweisen, daß er mit Seelenruhe an sein Mordwerk gegangen. Und seine nächste wohl zurechtgelegte Phrase ist: daß ihn die That nicht gereue, sondern er dieselbe jeden Augenblick, wenn er frei wäre, zu wiederholen bereit stehe. Sie bleibt der Refrain seiner Angaben. Dann seine officiösen Betrachtungen in Fieschi's Gefängniß über dessen Verschmitztheit, er wolle ganz anders beweisen, wie man eine That, wie seine, auf sich nehme, wie man sterbe. Theaterscenen sind sein Auftreten, seine Antworten vor dem Pairshofe. Desgleichen seine letzten Augenblicke. Das Christenthum zu verspotten und Gott zu leugnen, war damals in Frankreich nicht mehr Mode. Darin hatte die erste Revolution sich erschöpft. Alibaud beichtete, wie Pepin gebeichtet hatte, er las sogar im Thomas a Kempis. Ein Bericht seines Beichtvaters Grivel, wenn die Pflicht eines Geistlichen ihn erlaubt hätte, würde uns die besten Aufschlüsse gegeben haben, wie Alibaud gebeichtet, wie er las. Ob für sich oder die Berichterstatter seiner letzten Augenblicke. Er schrieb keinen Abschiedsbrief an seinen Vater, obwol er Papier und Feder gefordert, damit sein Vater nicht ewigen Schmerz aus den Zeilen sauge – vorhin hatte er gesagt, er schreibe nicht, um mit Fieschi in keiner Art einen Vergleich ausstehen zu müssen. Seine einzige Sorge und Bekümmerniß, und die ist wahr, daß man sich über die Motive seiner Mordthat täusche, ihn für einen gewöhnlichen Meuchelmörder halte. Daher die hohle Phrase: er habe nicht den Menschen, sondern nur das Princip erschießen wollen! Und dabei immer der Gedanke an die Nachwelt; er wird mit Fieschi auf dieselbe kommen, aber in wie anderer Glorie! – Seine letzte Phrase auf dem Schaffot ist dann die Quintessenz der wohlstudirten Rolle. Tönende Worte ohne einen Gedanken, als der tausendmal ausgesprochen war. – Mit welcher Kraft der Lüge auch nichtpolitische Charaktere in Paris ihre Tugendrolle bis auf das Schaffot fortzuspielen verstanden, wissen wir aus den letzten Augenblicken des Giftmörders Doctor Castaing. Schon damals waren nicht Alle, weder in Frankreich noch auswärts, der Meinung des Ministerraths, als er Ledru's Gnadengesuch verwarf. Man meinte, ein Verbrecher wie Alibaud würde in anderer Weise zweckmäßiger bestraft als durch sein Blut, und gar durch die Hinrichtung mit dem altfeierlichen Ceremoniel, wie es bei Vatermördern herkömmlich. Zum Wolleraspeln verdammt, oder auch eine tüchtige körperliche Züchtigung, sei sowol angemessener der Persönlichkeit des Thäters, als wirksamer, um vor ähnlichen Verbrechen abzuschrecken; ja geeignet, um die ganze Manie des Königsmordes in der französischen Nation zu tödten. Gelte es doch nur die Eitelkeit zu ersticken, und die Macht des Lächerlichen ist in Frankreich furchtbar, sie hat alle Revolutionen überdauert. Aber eben der Instinct dagegen im französischen Blute, mit Humanität umkleidet, hat diese Strafe verboten und verbietet sie noch heute; und wir sind nicht geneigt, für sie an sich das Wort zu reden. Aber etwas Anderes wäre es doch, Menschen, die sich selbst zum Thiere erniedrigen, oder auch einen Komödianten Alibaud, zu züchtigen, wie man Thiere züchtigt, wenn damit das große Ziel wirklich erreicht wird, einer furchtbaren Krankheit ein Ziel zu setzen, etwas Anderes als die jüngsten Executionen der Art in Italien, die nichts sind, als Akte eines rohen Rachgefühls und nichts bezwecken, als ein Volk, das kein anderes Verbrechen beging, als für seine Nationalität zu glühen und gegen die Fremdherrschaft aufgestanden zu sein und gekämpft zu haben, bis aufs Herzblut zu erbittern und jede Aussöhnung, auch in weiter Zukunft, unmöglich zu machen. Der Erfolg hat gezeigt, daß die Meinung des Ministerrathes nicht die richtige gewesen. Alibaud's feierlich vergossenes Blut lockte eine ganze Reihe nichtsnutziger Menschen an, auf ähnliche Weise ihr werthloses Leben mit Eclat schnell zu Ende zu bringen und vielleicht einen Namen dabei zu erwerben. Andere Miserable stellten sich sogar nur, als hätten sie einen Mord am Könige verüben wollen, um durch den Proceß ins Gefängniß, vor den Pairshof und dadurch jedenfalls in eine Lage zu kommen, die erträglicher war, als die, in der sie sich befanden. Da kam man spät zu besserer Ueberzeugung. Es ward kein Blut mehr auf dem Schaffot vergossen, aber man gerieth in der Verlegenheit, der Schufte sich zu entledigen, auf ein anderes Extrem: man schickte sie mit Unterstützung nach Amerika. Das republikanische Amerika weigerte sich, einen dieser pensionirten Assassinen an seiner gastlichen Küste aufzunehmen. Er mußte, von Hafen zu Hafen fortgeschickt, irgendwo unter einem fremden Namen sich einschleichen, um die Vergessenheit zu suchen, das einzige Ziel und Glück, was ihm übrig blieb. Francois Ravaillac 1610 Im Mai 1610 war Heinrich IV. endlich in Paris gekrönt worden. Seine ganze heitere Laune, bemerkt ein Geschichtschreiber, schien durch den Aufwand, den er am Krönungstage davon gemacht, erschöpft zu sein. Am Morgen des 10. Mai sah man den König so traurig, in sich versunken, wie seine Hofleute es nie bemerkt. Das große Ziel seiner Bestrebungen war doch erreicht; die Furcht schien der Held, der bereits siebzehnmal den Dolchstößen von Meuchelmördern entgangen, verlernt zu haben! Denn siebzehn Mordversuche zählen die Historiker auf; Louis Philipp trug diese siebzehn verfehlten stets im Sinn. So oft man ihn wegen einer neuen Lebensrettung beglückwünschte, erinnerte er daran, daß sein großer Ahnherr erst dem achtzehnten Attentat erlegen war. Die Historiker rechnen darunter als erste Mordandrohung die Worte, die Karl IX. an Heinrich von Bearn richtete, als er ihn zu sich kommen ließ: Mort ou messe! – Pierre Barrière wollte ihn erdolchen. Verrathen und verkauft vom Italiener Bianchi, dem er sich vertraut, ward er gefangen gesetzt, mit Zangen gekniffen und lebendig am 26. August 1593 verbrannt. Jean Chatel, ein Zögling der Jesuiten, überraschte den Fürsten bei seiner Maitresse Gabrielle und versetzte ihm einen Stoß, der unsicher geführt war. Er ward gekniffen, geviertheilt und am 29. Septbr. 1595 verbrannt. Alle übrigen Attentate, wie das d'Arger's, Ridicovi's, eines mailänder Kapuziners, des Vicars von Saint-Nicolas des Champs und eines gewissen Charles, der sich für einen natürlichen Sohn Karl's IX. ausgab, hatten keinen andern Erfolg gehabt, als daß sie die Thäter an den Galgen führten. Zwar wußte man, daß es der Fanatiker noch immer gab, die nur auf die Gelegenheit warteten, am Leben des Hugonottenkönigs ihren düstern Bigotismus zu kühlen; aber man hatte diesmal weder Anzeichen, noch Heinrich eine Vorahnung, daß ihm ein neuer Mordstahl drohe. Auch schien der Augenblick, wo der König soeben gekrönt worden, wenig geeignet, zu einem neuen Versuche aufzufordern. Nachdem der Fürst die Messe bei den Feuillants gehört und längere Zeit dort in stillem Gebete verbracht, warf er sich am Nachmittag mehre Male in Thränen auf sein Bett. Er konnte nicht schlafen. Um sich zu zerstreuen, befahl er anspannen zu lassen, um seinen Sully im Arsenal zu besuchen, der, unpäßlich, das Zimmer hüten mußte. Er fuhr aus in Begleitung der Herzöge von Epernon und Montbazon, des Marschalls von Lavardin, de Roquelaure's, de Mirabeau's und seines ersten Stallmeisters Liancourt. Der Kutscher hatte beim Einsteigen gefragt: wohin er fahren solle? Der König hatte ärgerlich geantwortet: »Schaff mich nur fort von hier.« Als er aus dem Louvre war, schickte er seine Garde zurück. Auch ließ er an beiden Seiten des Wagens die Vorhänge aufziehen, ein bemerkenswerther Umstand, da, wenn es nicht geschehen, er möglicherweise auch diesmal dem Schicksal entgangen wäre. Heinrich verfiel hier wieder in seine tiefe Träumerei, als plötzlich die Carrosse, die langsam durch die Rue Saint-Honoré fuhr, am Ausgang der Rue de la Ferronnerie, nahe an der Fontaine des Innocents, anhalten mußte, weil sich zwei Wagen, der eine mit Heu, der andere mit Wein beladen, hier verfahren hatten. Die Fußdiener sprangen vom Wagen ab, die einen, um die Passage freizumachen, die anderen, um die Straße Saint-Denis im voraus zu erreichen, indem sie beim Brunnen vorübergingen. Durch diesen Zufall war der Wagen unbewacht. Seit dem Morgen dieses Tages hatte Jemand am Thorweg des Louvre gestanden, wie auf etwas wartend. Als die Carrosse durchfuhr, folgte er ihr, bei sich, wie er nachher gestand, ausrufend: »Nun hab ich dich.« Als er sie anhalten sah, drängte er sich eilig durch die Menschenmasse, sprang mit einem Fuße auf eine Speiche des Hinterrades, auf der Seite, wo der König saß, hielt sich mit der linken Hand am Kutschenschlage und versetzte mit der rechten, in welcher er ein zweischneidiges Messer hielt, dem Könige einen Stoß. Das Messer fuhr durch die zweite und dritte Rippe; der Stoß war tödtlich. Der Mörder führte noch einen zweiten, der aber nur eine leichte Verwundung zur Folge hatte. Wie von einem Mordfieber geschüttelt, stach er, ehe Jemand in der allgemeinen Ueberraschung zuspringen konnte, in einem fort, doch ohne Anderes zu treffen als den Rockärmel des Herzogs von Montbazon, der seinen Arm aufgehoben hatte, um den König zu schützen. »Ich bin verwundet!« rief Heinrich; es waren seine letzten Worte. Der Mörder war unbeweglich neben der Carrosse stehen geblieben, ohne das blutige Messer aus der Hand zu werfen. Nach Einigen in dumpfer Erstarrung, nach Andern hätte er triumphirend das Messer in die Höhe gehalten. Man stürzte jetzt auf ihn los; er würde in Stücke auf der Stelle zerrissen worden sein, wenn nicht der Herzog von Epernon ihn geschützt, der seine Arretirung befahl. Man schaffte ihn nach dem Hotel de Retz. Die Bogenschützen, die ihn geleiteten, konnten kaum die Wuth des Volkes zurückhalten. Der König ward nach dem Louvre zurückgebracht. Die Seigneurs im Wagen sagten zum Volke, er sei nur verwundet, er war aber schon todt oder verschied im Augenblick des Hineinfahrens. Die ersten Worte, welche der Mörder vorbrachte, als der furchtbare Tumult um ihn her erlaubte zu hören, was er sprach, war die Frage: »Ist der König todt?« Man erwiderte: es sei ihm gar nichts geschehen. »Das wundert mich«, rief er aus, »denn ich habe ihm gewiß einen bösen Stoß gegeben.« Als Einer der Umstehenden ihn fragte, was ihn dazu bewogen, ein so entsetzliches Verbrechen zu verüben, erwiderte er, ohne zu stocken: »Ich würde Dich doch in eine furchtbare Verlegenheit versetzen, wenn ich sagte, Du wärest es.« Erst bei einbrechendem Dunkel wagte man ihn aus dem Hotel Retz nach der Conciergerie zu bringen. Ihm wäre eine Wohlthat geschehen, wenn das Volk ihn erkannt und zerrissen hätte. Im Thurme von Montgommery empfingen ihn die Präsidenten Jeannin und Boullon, um ihn zuerst zu vernehmen. Er gab folgende Aussage. »Ich heiße François Ravaillac. Ich bin gebürtig aus Angoulême und jetzt 32 Jahre alt. Ich war niemals verheirathet. Mein Gewerbe ist, daß ich jungen Menschen das Lesen und Schreiben beibringe. Vierzehn Jahre lang beschäftigte ich mich mit dem Betreiben von Processen. Nach Paris kam ich um eines Processes willen, den ich vor längerer Zeit beim Parlamente gewonnen. Es handelte sich um Taxation von Abgaben. Weder ich, noch Jemand von den Meinen hat jemals ein Unrecht vom Könige erlitten. Es war daher weder ein Verlangen nach Rache von meiner Seite, noch Anstiftung von irgend Jemand sonst, sondern lediglich eine Versuchung der Hölle, die mich dahin gebracht hat, ihn zu tödten. Ich bin aber nach Paris mit dem festen Entschluß gekommen, diese That zu verüben. Heute früh zwischen 6 und 7 Uhr verließ ich meine Herberge und ging ganz allein in die Kirche Saint-Benoit, um die Messe zu hören. Dann kehrte ich in meine Wohnung zurück, immerfort von demselben Gedanken erfüllt.« In den Verhören vom 17. und 19. Mai, vor der dazu ernannten Commission, die aus dem ersten Präsidenten Achille de Harlai, dem Präsidenten Nicolas Potier und den Räthen Jean Courtin und Prosper Bauyn bestand, legte er dann ein vollständiges Bekenntniß ab, dessen bemerkenswertheste Züge folgende sind: »Ich bin nun jetzt, das letzte Mal, etwa drei Wochen in Paris. Vor Lust und Verlangen, in mein Vaterland zurückzukehren, hatte ich mich schon auf den Weg gemacht; aber kaum war ich in Etanges, als der Wunsch, den König umzubringen, wieder mächtig in mir aufschoß, und da mußte ich umkehren. Ich konnte es in mir nicht ertragen, daß dieser Monarch nicht die Hugonotten zwingen wollte, zur wahren Kirche zurückzukehren, eine Sache, die ich mir so leicht dachte. Aber bevor ich meinen Vorsatz ausführte, wollte ich den König zu sprechen versuchen, um zu sehen, ob ich ihn nicht dahin bringen könnte, daß er es thäte. Zu diesem Zwecke war ich mehrmals im Louvre, aber ich konnte Niemand finden, der mich Sr. Majestät vorstellen wollte.... »Ich habe dem Vater d'Aubigny, einem Jesuiten, eine Menge von Visionen erzählt, die mich sehr quälten. Ich hatte Empfindungen wie von Feuer, von Schwefel und von Brand. Wenn ich Psalmen sang, glaubte ich auch Kriegstrompeten zu hören; und Nachts, wenn ich das Feuer in meinem Kamin anblies, war's mir doch, als ob aus meinem Athem Hostien zur Communion hervorgingen. Um mich von dieser Geisteskrankheit zu heilen, empfahl mir der gute Pater Aubigny, recht oft den Rosenkranz zu beten und Gott anzuflehen, und dann mich an irgend einen Großen zu wenden, damit ich dem Könige vorgestellt würde. »Als ich von den Feuillans fortkam, hatte ich große Lust, Jesuit zu werden. Ich wandte mich an den Vater d'Aubigny, aber umsonst. »Nach Weihnachten bin ich dem Könige in seiner Carrosse begegnet. Es war in der Nähe der Innocents. Da rief ich ihm zu: »Sire, im Namen unsers Herrn Jesus Christus und im Namen der heiligen Jungfrau Maria, erlaubt mir, daß ich ein Wort zu Eurer Majestät spreche.« Aber man stieß mich mit der Hellebardenstange zurück und ich konnte ihn nicht sprechen. Da nun entschloß ich mich, in mein Vaterland zurückzukehren, und ich führte es aus, und gab auch den Gedanken auf, diesen Fürsten zu tödten. Aber er wachte wieder auf, als ich letzte Pfingsten nach Paris zurückkehrte. Ich ging zu Fuß und ich brauchte acht Tage. »In der Herberge bei den Quinzevingt, wo man mich nicht aufnehmen wollte, stahl ich das Messer, was mir ganz geeignet schien zu meinem Vorhaben, und in der Scheide trug ich's in meiner Tasche. – Und da gab ich abermals meinen schrecklichen Vorsatz auf und reiste abermals ab. »Und unterwegs brach ich die Spitze des Messers ab in der Karre, in der ich fuhr. Aber in Etanges packte es mich wieder heftiger als je. Der Gedanke war fürchterlich, daß der König die Hugonotten nicht zwingen wolle, in den Schooß der heiligen Kirche zurückzukehren. Und dazu kam das Gerücht, welches allerwärts erzählt wurde, daß er dem Papst den Krieg machen wolle und den heiligen Stuhl nach Paris verlegen. Da mußte ich zurück und wollte ihm noch einmal begegnen. »Und nun schliff ich mir wieder an einem Steine eine Spitze an mein Messer und wartete, bis die Königin gekrönt sein würde und zurückgekehrt ins Louvre, um dann meinen Stoß zu thun; denn ich glaubte, daß die Ermordung des Königs dann im Königreiche weniger Verwirrung und Vorurtheil hervorbringen werde.... »Ich begab mich mehrmals nach dem Louvre, um ihn zu erstechen. Am Freitag, wo es denn gelang, lauschte ich zwischen den beiden Thorwegen, und wie ich sah, daß er ausfuhr, folgte ich ihm bis gegenüber den Innocens. Zufällig war's gerade der Ort, wo ich ihn auch das erste Mal traf und wo er mich nicht hören wollte. Da, als die Carrosse anhielt von wegen der andern Wagen, sah ich den König, wie er das Gesicht dem Herzog von Epernon zugewandt hielt, und da gab ich ihm die zwei Stiche in die Seite über das Rad weg. »Das Messer war oben an der Spitze zweischneidig und der Griff ist von Hirschhorn. Einer der Edelleute zu Pferde hat es mir fortgerissen. »Ich bin nur dadurch angereizt worden zum Attentat, daß die Truppen doch allgemein sagten, wenn der König, der, was er vorhatte, aller Welt mittheilte, dem Papst den Krieg machen wollte, so würden sie ihm auch da dienen und für ihn sterben. Das hat mich nun in die Versuchung fallen lassen, ihn zu tödten, denn der Papst und Gott sind doch Dasselbe! ( parceque le pape et Dieu sont uns même chose! ) »Als ich in Etanges über diese Reden der Soldaten nachdachte, fühlte ich in mir das Verlangen wieder aufleben, ihm den Tod zu geben. Unter Andern hatte ich auch den Herrn von Saint-Georges sagen hören, daß, wenn der König dem Papste den Krieg erkläre, er ihm gehorchen werde, und daß, wenn Seine Majestät Unrecht thäte, so fiele die Sünde auf ihn zurück. »Die Karte, die man bei mir gefunden hat, auf der die Wappen von Frankreich stehen mit zwei Löwen, von denen einer einen Schlüssel hält und der andere einen Degen, die habe ich aus Angoulême mitgebracht, mit der Absicht, den König zu tödten. Denn nämlich, als ich in jener Stadt war, bei einem gewissen Béliard, hörte ich sagen, der Nuncius habe dem König erklärt von Seiten Seiner Heiligkeit, daß, wenn er ihn mit Krieg überzöge, würde er ihn excommuniciren. Und der König habe darauf erwidert: »Meine Vorfahren haben sich damit beschäftigt, die souverainen Päpste auf ihrem Throne festzusetzen; wenn mich aber der Papst excommunicirt, so werde ich ihn entthronen.« – Da also entschloß ich mich, diesen Monarchen zu tödten, und darum schrieb ich auf die beiden Löwen diese Worte: Garde toi de souffrir qu'on en ta présence, Au nom du Tout-Puissant, la moindre irrévérence. »Der Herr Erzbischof von Aix und viele andere Personen haben mich gedrängt, daß ich nur gestehen sollte, was mich dazu angetrieben, das Verbrechen zu begehen. Aber ich habe geantwortet, daß es mein Wille ganz allein gewesen. Und meine Antwort ist die Wahrheit. Und alle möglichen Qualen würden mich nicht zwingen, was Anderes zu erklären. Wenn's mit Heftigkeit ginge, mich zu zwingen, da habe ich ja schon eine Probe davon, und eine schlimme. Ein Herr von den Hugonotten, der hat aus freien Stücken, als ich Gefangener war im Hotel Retz, mir beinahe die Daumen ausgerissen.« Die Commissare fragten ihn, wann er in Brüssel gewesen. Er behauptete, nie das Königreich verlassen zu haben, er kenne nicht einmal Brüssel und wisse nicht, wo es liege. In seiner Schule habe er vierundzwanzig Schüler gehabt, von denen er wol leben gekonnt und allenfalls nach Paris reisen. Vater und Mutter habe er noch; die müßten aber den größten Theil des Jahres hindurch ihr Brot erbetteln. Er, obwol er sein Brot durch seine Schulmeistern hinlänglich gehabt, hätte sich damit nicht genügen lassen, er hätte nur einen Gedanken gehabt, Gott zu rächen, und der gehe allen andern Gedanken vor. Als die Commissare ihm vorstellten, daß sein Verbrechen eine teufliche Eingebung sei, erwiderte er: »Es ist eine Versuchung, die dem Menschen kommt, um seiner Sünden halb. Ich bin auch betrübt, daß ich mich habe gehen lassen. Aber da es nun einmal geschehen ist, so habe ich das Vertrauen auf Gott, daß er mir die Gnade der Ausdauer gewähren wird bis zu meinem Tode in Glaube, Liebe, Hoffnung. Sein Leiden hat weit mehr Kraft, um mich zu retten, als das Verbrechen, das ich beging, Kraft hat, mich zu verdammen.« Dann fuhr er fort: »Ich habe mein Vorhaben Niemandem zu entdecken gewagt, weder an Pfarrer noch andere Priester, weil ich versichert war, daß sie mich würden haben arretiren lassen und der Justiz ausliefern, aus dem Grunde, weil, wenn es sich um Staatsangelegenheiten handelt, sie niemals das Geheimniß bewahren von wegen der Verpflichtung, die ihnen obliegt, es zu enthüllen.... »Aus Furcht, daß man mich könne zu Tode führen wegen der bloßen Absicht schon, enthielt ich mich in der Beichte, gegen wen es auch sei, darüber zu sprechen. Und ich bitte Gott deshalb um Verzeihung. »Blos im Allgemeinen bat ich einen Franciscanermönch, mir doch zu sagen, ob, wenn ein Mensch sich gedrungen fühle, einen König zu tödten, und er beichtete es, der Priester verpflichtet wäre, es anzugeben? Aber er sprach sich nicht darüber aus, denn wir wurden da von andern Mönchen unterbrochen. Endlich habe ich zu Niemand anderm darüber gesprochen, und sie sprachen natürlich auch zu mir nicht darüber. »Wenn Jemand, sei es ein Franzos oder ein Fremder, mich aufgefordert hätte, darüber zu sprechen (beichten?), da wäre ich doch auch nicht so von Gott verlassen, um lieber sterben zu wollen, als es vom Herzen zu thun. Denn ich glaube, dann wäre kein Paradies für mich. Mein Verbrechen wäre dann ein doppeltes, da ich ja Ursach wäre, daß der König, und vor allem die Königin, das ganze Haus Frankreich, der Hof, der Adel, das Volk, sie Alle erregten den göttlichen Zorn, weil sie einen ungerechten Argwohn schöpfen würden bald auf diesen, bald auf jenen Unterthan Seiner Majestät (?). Daher wurde es mir schwer, zu glauben, daß es so schlecht berathene Menschen gäbe, die an Anderes denken könnten, als treu ihrem Fürsten zu dienen. »Weder Franzos noch Fremder hat mir irgend einen Wink gegeben. Ich habe mich auch gegen Niemand ausgelassen. Ich wäre ja der jämmerlichste aller Menschen, wenn ich mich dazu hätte bestimmen lassen durch was Anderes es sei, als was ich so oft erklärt habe. Das ist die Ueberzeugung, in der ich war, daß der König dem Papst den Krieg machen wolle. Wenn ich nur den Monarchen gesprochen hätte, vielleicht daß dann die Versuchung gewichen wäre; aber der Teufel hat von meiner Schwäche Vortheil gezogen, und da bin ich gefallen.« Im Verhör vom 19. blieb er in allem bei seinen vorigen Aussagen und setzte nur Folgendes hinzu: »Ich bitte von ganzem Herzen den König, die Königin, den Hof und Frankreich glauben zu wollen, daß ich mein Gewissen von dem Fehler rein fühle, den sie begehen, indem sie sich überreden wollen, ich sei durch irgend einen Einfluß von außen angetrieben gewesen. Ich habe ja immer gesagt, daß die Absicht in mir selbst geboren ist und in mir gewachsen. Ich flehe sie an, daß sie aufhören, den Irrthum weiter zu nähren, in dem sie sich befinden, daß ich nämlich andere Complicen hätte als mich selbst. »Wäre ich durch Geld oder andere menschliche Rücksichten verführt worden, so hätte ich doch nicht dreimal die Reise von Angoulême nach Paris gemacht, Städte, die ungefähr hundert Lieues voneinander entfernt sind, und allein um den König zu ermahnen, daß er die Hugonotten in den Schooß der katholischen Kirche zurückführe, eine Sekte, die dem Willen Gottes strict entgegen ist und auch der heiligen Kirche. Denn wer sich unglücklicherweise vom Geiz bestechen läßt, um seinen Fürsten zu ermorden, der denkt nicht an die Zukunft. »Ich war drei- oder viermal im Louvre. Ich rufe darüber Herrn de la Force, den Capitain der königlichen Garden, als Zeugen auf, den ich inständigst ersucht, mich dem Könige vorzustellen. Aber er schlug es mir immer ab, er hielt mich immer hin, wie einen Ultrapapisten.... »Meine Absicht war da, mit dem Könige zu sprechen und ihm meine Versuchung zu erklären, um gänzlich darauf zu verzichten. Ich bekenne, daß ich mich gedrängt fühlte, ihn zu tödten, durch eine innere freiwillige, ganz besondere Bewegung, entgegen dem Willen Gottes, dem Vater alles Guten und der Wahrheit. Ich erkenne, daß ich dieser Versuchung nicht widerstehen konnte, weil es nicht im Willen des Menschen liegt, das Uebel zu überwinden. »Da ich nun die ganze volle Wahrheit erklärt habe, und ohne irgend einen Rückhalt, so hoffe ich, daß Gott der Allgütige und Allbarmherzige mir gnädig sein wird wegen meiner Sünden, weil er weit stärker und kräftiger ist, um eine Übertretung auszulöschen mittels der Beichte und der Absolution durch Priestermund, als die Menschen der Macht sind, ihn zu beleidigen.« Hier fing Ravaillac bitter zu weinen an, und während des heftigsten Thränenergusses flehte er die Jungfrau und alle Heiligen an, für ihn bei Gott sich zu verwenden. »Ich hoffe«, sagte er, »auch auf meinen Antheil an den Verdiensten unsers Herrn Jesu Christ. Ich flehe ihn demüthigst an, mich Denen zuzugesellen, die theilhaft wurden der Schätze, die er in die apostolische Macht eingoß, als er sprach: tu es Petrus . »Ich communicirte am ersten Sonntag der Fastwoche; aber ich communicirte nicht am Pfingsttage, wo ich aus Angoulême abreiste. Statt dessen ließ ich eine Messe lesen in der Kirche Saint-Paul, meiner Parochie, da ich mich selbst für unwürdig hielt, mich diesem erhabenen Sacrament voller Mysterien und unbegreiflicher Tugenden zu nähern. Denn die Versuchung, den König zu tödten, war damals größer als je.« Man fragte ihn, welche Andacht er denn da beim Meßopfer gehabt haben könne, da er die Absicht gehabt, ein so gräßliches Verbrechen zu begehen? – Er starrte einige Augenblicke vor sich hin, schien verwirrt und sagte dann: »Die Liebe für das heilige Opfer am Altar hat mich dazu bewogen. Meine Mutter communicirte bei der Messe, die ich lesen ließ, und ich hoffte, daß ich an ihrer Communion theilnehmen könne.« Ein neuer Thränenstrom. Dann fuhr er so fort: »Ich bat damals Gott, und ich höre nicht auf, ihn anzuflehen, daß ich bis zu meinem Tode der Vergunst theilhaftig werde, mit den Frommen zu communiciren, die im Glauben der heiligen Mutterkirche das Abendmahl empfangen und den kostbaren Leib unsers Erlösers. Ich bitte, daß, wenn sie von seinem Leibe essen, auch mir davon zukomme, da ich ein Mitglied von ihnen bin in dem einen Jesus Christus.« Auf seiner Brust hatte man ein Herz von Baumwolle gefunden und ein Papier, worauf der Name Jesus geschrieben war; auch einen Rosenkranz, den ihm ein Canonicus von Angoulême geschenkt. Als er das Protocoll über sein Verhör unterzeichnete, schrieb er folgende Verse unter seinen Namen: Que toujours dans mon cœur Jésus seul soit vaînqueur. Der erste Präsident erhob sich jetzt, nach dem Schluß des Protocolls, und sprach zu ihm feierlich: »Der Gerichtshof wird jetzt nach Angoulême schicken, um Deinen Vater und Deine Mutter holen zu lassen. Man wird sie in Deiner Gegenwart grausam zu Tode martern, weil Du nichts bekennen willst. Die menschlichen und göttlichen Gesetze autorisiren zu einer solchen Härte, wo es sich um ein so entsetzliches Verbrechen, wie das Deine, handelt.« Ravaillac erwiderte: etwas dem Aehnliches sei doch noch nicht vorgekommen. Er schien sehr bestürzt über die Drohung, machte aber auch keine Miene, etwas zu bekennen. Der Jesuit, Pater d'Aubigny, dem Ravaillac zuletzt gebeichtet hatte, ward ebenfalls verhört. Er beantwortete die ihm vorgelegten Fragen nur mit den Worten: »Ich erinnere mich niemals Dessen, was man mir in der Beichte gesagt hat.« Alle Anstrengungen, mehr von ihm zu erlangen, waren umsonst. So mußte man zur Folter schreiten. Man berieth, welche Tortur die schmerzhafteste sei? Ein Scharfrichter schlug vor, ihn lebendig zu schinden. Unter den Richtern schlugen einige vor, daß man die Folterwerkzeuge und den Modus von Genf in Anwendung bringe, weil er der allerschärfste sei. Diesen entsetzlichen Qualen könne kein Verbrecher widerstehen. Einige Patrioten waren dagegen; man brauche nicht zu fremden Werkzeugen seine Zuflucht zu nehmen, auch Frankreich habe deren, um den Verbrechern den Mund zu öffnen. Man schwankte. Da erhoben sich andere Räthe zur Unterstützung der Opposition, doch aus ganz andern Gründen: Sei es auch, daß die Folter von Genf die beste von der Welt wäre, so könne man sich doch christlicherweise ihrer nicht bedienen, weil sie von Ketzern herrühre . Diese Ansicht gab den Ausschlag. Aber die französische Folter erpreßte nichts aus ihm als die Versicherung, daß er nichts mehr zu sagen habe. Man hat auch sonst nichts Positives über Mitwisser oder Urheber seines Verbrechens, weder vor, noch nach seinem Tode ermittelt. Alles, was man darüber gesagt, beruht auf Vermuthungen, die freilich nahe genug liegen, aber auch ebenso täuschen konnten. Der Meuchelmord stand im Katechismus der Zeit als ein letztes Mittel zur Erreichung politischer Zwecke, er ist oft in dem entsetzlichen Parteienkampfe des ausgehenden Mittelalters und zu Anfang der Neuzeit angewandt worden. Namentlich in Frankreich hielt der Fanatismus der liguistischen Partei ihn für erlaubt und geboten, um die Ketzerei auszurotten. Wenn wir davor zurückschaudern, mögen wir auf uns Näherliegendes blicken. In einer hellern und sentimentalern Zeit, wo der Fanatismus längst das Gebiet der confessionellen Streitigkeiten verlassen, kommen Anklänge dieser Fiebertheorie wieder vor. Hatte nicht ein Bürger der freien Staaten von Amerika, und ein Deutscher von Geburt! eine Gesellschaft gestiftet und verschiedene Preise ausgesetzt für die künftigen Königsmörder auf dem Continent! Diese Thatsache ist nicht abgestritten; ein Brief des Mannes in Neuyork, der nirgend verleugnet ward, bespricht mit unendlicher Naivheit klar die Motive. Auch demokratisch-socialistische Zeitungsschreiber in unserm Vaterlande haben den Satz fast unumwunden ausgesprochen, daß, wenn kein ander Mittel hülfe, die Welt von den Tyrannen zu befreien, der Mord den Unterdrückten zur Pflicht und Nothwendigkeit würde. Daß man es also in Frankreich zu Anfang des 17. Jahrhunderts nicht allein mit der That, sondern mit der Theorie zu thun hatte, daß Viele, von der Richtigkeit derselben erfüllt, dafür begeistert waren, darf weder befremden, noch unterliegt es einem Zweifel, daß eine große Verbindung existirte, welche die Ermordung Heinrich's IV. aus politischen und religiösen Gründen wünschte und den Individuen, welche sich dazu verstanden, mit Rath und Mitteln gern an die Hand ging. Damit ist aber noch nicht erwiesen, daß gerade Ravaillac ihr erwähltes Werkzeug gewesen, und daß er in ihrem Auftrag und auf ihre Instigation am 14. Mai gehandelt hätte; es spricht vielmehr Vieles gegen diese Annahme. Neben der politischen Diatribe geht in der Regel eine Dröhnung durch die Luft, die in ihren Wirkungen auf die Gemüther oft furchtbarer ist, als die Intrigue und die Machination. Die bezüchtigte Partei verschmähte Werkzeuge wie Ravaillac nicht, im Gegentheil sind ihr die Unzurechnungsfähigsten die Willkommensten. Aber daß sie, die so oft ihre Dolche gegen den Fürsten schleifen lassen, jetzt den Augenblick erwählt haben sollte zu einem neuen Attentat, wo er errungen, was er erstrebt, den Tag nach der Krönung, wo Paris von Freude berauscht war, wo der eitle Glanz das dafür empfängliche Gemüth des Franzosen erfüllt hatte, wo es ein neues strahlendes Spielzeug geschenkt erhalten, wo die vielen verwundeten Herzen auf die Wirkungen der königlichen Gnade rechneten, daß er ihre und die Wunden des Reiches heilen werde, widerspricht der Klugheit der Partei. Sie konnte und mußte, wenn sie geschickt rechnete, eine Zeit abwarten, wo dies neue Gestirn sich wieder zu verdunkeln anfing, wo die vielen erregten Hoffnungen sich nothwendig getäuscht finden mußten. Die That am 14. Mai trägt den Stempel des Impulses, der Eingebung, des Fanatismus, nicht der Berechnung. Diesen Stempel trägt der ganze Charakter, das Auftreten Ravaillac's, so weit es uns bekannt ist. Haben die Richter nicht Falsches niedergeschrieben – und um die Aussagen Ravaillac's zu erfinden, gehört wieder eine Dichtergabe, welche die innerste Natur der Menschenseele kennt –, so erkennen wir in ihm einen jener stumpfen, fast kindisch angethanen Schwärmer, deren Geist nicht fähig ist, die Tragweite der empfangenen Eindrücke zu überfliegen. Er ist Eingebungen unterworfen, albernen, ohne der Kraft zu sein, sie zu prüfen. Wäre er ein zugestutzter Schauspieler, der auch für diese Rolle vorbereitet war, würde er wenigstens andere Erfindungen vorgebracht haben. Seine sind die eines dürftigen Geistes, einer verkümmerten Seele. Es überkam ihn, daß er ihn tödten mußte, und er konnte nicht widerstehen. – Die agirenden Parteien zur Zeit der Wahnkrankheiten arbeiten doppelt, sie wirken unmittelbar und mittelbar. Sie erhitzen die Luft, und wenn ein Gegenstand in Brand geräth, an den ihre Hand auch nicht direct die Flamme angelegt, ist das Feuer doch ihr Werk. Diese Parteien sind überall von unsichtbaren Dämonen umschwebt, die für sie schaffen und weben und wirken. Manches, was zu ihrem Zwecke dient, kommt auch den Leitern oft unerwartet, auch sie sind zuweilen dadurch verführt, ein Numen darin zu erkennen, das ihrem Schaffen zulächelt, und es ist doch nur das Product ihrer eigenen Thätigkeit, die Wirkung in die Ferne. Wie wir in Alibaud nicht das Werkzeug einer Partei erkannten, nur das Product einer Luftdröhnung, der seine geistige Armseligkeit und Eitelkeit nicht widerstehen konnte, so erscheint uns auch Ravaillac – ein fast unzurechnungsfähiges Product des dumpfesten Fanatismus, für dessen Existenz der Beweis nicht geführt zu werden braucht. Die Geschichte tischt uns schichtweise von dieser dicken Luft auf, die auch Verständigen jener Zeit die Aussicht raubte. – Und war es das, und nicht mehr, und hat man uns nichts vorenthalten, mit welchen Gefühlen müssen wir das Urtheil über ihn lesen, und wie es executirt ward. Geschichtlich steht über Ravaillac als ermittelt fest, daß er der Sohn eines sehr armen Sachwalters in Angoulême war, wo er 1578 geboren ward. Seit seiner Kindheit verrieth er viele Neigung zum Mönchsleben. Nachdem er mehre Jahre, kläglich wie sein Vater, das Sachwalteramt zu führen versucht, trat er in das Kloster der Feuillants. Weshalb man ihn hier ausstieß, ist nicht mit Bestimmtheit ermittelt. Nach Einigen waren es seine Ausschweifungen, der Verdacht eines nicht erwiesenen Verbrechens, nach Andern fürchteten die Mönche seine düstere Schwärmerei, die sich bis zu Ausbrüchen des Wahnsinns gesteigert hatte. Er hatte überall Visionen und wälzte sich daneben in tausenderlei Ausschweifungen. Man hatte umsonst versucht, ihn zum Bessern zu bekehren. Er ward darauf Schulmeister in seiner Geburtsstadt. Seine Geisteskräfte kehrten indeß nicht zurück. Von seiner Jugend auf hatte er mit sinnlicher Gier den fanatischen Predigten der Liguisten gelauscht und deren Schriften gelesen. Der Haß gegen den König loderte schon früh in ihm. Er erblickte in ihm nur den hugonottischen Feind seines Vaterlandes. Seiner Bekehrung traute er nicht. Unter seinen vielfachen Visionen sah er sich oft in die Kreise der heiligen Märtyrer entrückt, die ihre Arme verlangend nach ihm ausbreiteten. Da ward der Entschluß in ihm reif, auch ein Märtyrer zu werden und ihrer würdig. Aber zur Ausführung entschloß er sich erst dann, als ihn ein vor dem Parlament in Paris gewonnener Proceß dahin rief. Das furchtbare Erkenntniß der Grand'chambre des Parlaments von Paris ward Ravaillac am 27. Mai publicirt. Er mußte es auf seinen Knien anhören: »Alles erwogen, so hat der Gerichtshof erklärt und erklärt hiermit besagten Ravaillac als mit Recht und Ordnung bezüchtigt und überführt des Verbrechens der Majestätsbeleidigung, so der menschlichen als göttlichen, begangen am Oberhaupt (au premier chef), von wegen des sehr niederträchtigen, sehr verabscheuungswürdigen und sehr verwerflichen Meuchelmordes, begangen an der Person des seligen Königs Heinrich IV., sehr guten und lobenswerthen Gedächtnisses; zur Sühnung dessen er ihn verdammt hat und verdammt, eine Ehrenbuße zu thun vor dem Hauptthor der Kirche Notre Dame zu Paris, wohin er in einer Armensünderkarre zu führen; – demnächst daselbst, nackt, im Hemde, eine brennende Kerze, zwei Pfund im Gewicht, in Händen haltend, zu sagen und zu erklären, daß er unglückseligerweise und verrätherischerweise begangen besagten sehr niederträchtigen, sehr verabscheuungswürdigen und sehr verwerflichen Meuchelmord, und getödtet den besagten König und Herrn mit zwei Messerstichen in seinen Körper, worüber er Reue empfindet und um Gnade bittet Gott, den König und die Justiz; – daß er von da geführt werde auf den Greveplatz und auf ein Schaffot, welches daselbst aufzurichten, und daselbst mit Zangen gekniffen an den Brustwarzen, Armen, Schenkeln und Waden; daß darauf seine rechte Hand, in der er das Messer halten muß, mit welchem er besagten Vatermord begangen, verbrannt werde in Schwefelfeuer, und auf die Stellen, wo er gezwickt worden, geschmolzenes Blei geträufelt werde, auch kochendes Oel und brennendes Pech, desgleichen Wachs und Schwefel zusammengerührt; – welchem nach sein Körper soll zerrissen und getheilt werden durch vier Pferde, seine Glieder und sein Leib aber vom Feuer verzehrt, zu Asche verbrannt und in die Winde verstreuet. – Erklärt demnächst alle seine Güter dem Könige verfallen. Verordnet auch, daß das Haus, in dem er geboren, der Erde gleich gemacht werde, nachdem Der, dem es gehört, vorher entschädigt worden, dergestalt, daß auf dem Grund und Boden, wo es gestanden, nie wieder ein Haus gebaut werden darf; - sowie daß, vierzehn Tage nach Publication besagten Urtheils, beim Schall der Trompeten und öffentlichem Ausruf in der Stadt Angoulême, sein Vater und seine Mutter auswandern und das Königreich verlassen, mit dem Verbot, jemals dahin zurückzukehren, widrigenfalls sie gehängt werden sollen und erdrosselt, ohne daß irgend vorher etwas von einem Processe wider sie anhängig gemacht würde. Brüdern und Schwestern, seinen Oheimen, Basen und Andern von nun ab den Namen Ravaillac zu führen, und heißen wir sie, unter denselben Strafen, einen andern Namen anzunehmen; – und dem Substitut des Generalprocurators zu publiciren und zu executiren gegenwärtiges Erkenntniß, unter Verwarnung, daß wir uns an ihn halten werden; und vor der Execution besagten Ravaillac's, daß derselbe von neuem auf die Folter gespannt werde, um von ihm seine Mitschuldigen zu erpressen.« Mit diesem Musterstück einer barbarischen Henkerphantasie ward das Andenken des humansten Königs, den Frankreich hervorgebracht, geehrt! Ravaillac ward demgemäß noch einmal auf das Folterbett gestreckt; doch ließ man ihn vorher noch einmal schwören, die Wahrheit zu sagen!! Dann ermahnte man ihn: noch könne er der Tortur vorbeugen, wenn er erkläre, wer ihn zur begangenen Gottlosigkeit verführt und mit wem er darüber gesprochen. So wahr Gott ihn verdammen möge, rief er, er habe zu keinem Manne, zu keiner Frau davon gesprochen, noch zu irgend wem. Auf der Folterbank schrie er zu verschiedenen Malen auf: »Mein Gott! mein Gott! Mitleid mit meiner Seele! Vergebung für mein Vergehen! – Aber vergib mir nicht, wenn ich einen Mitschuldigen habe und ihn nicht angebe. – Bei meinem Eidschwur, bei Allem, was ich Gott schuldig bin und der Gerechtigkeit, ich habe ja kein Wort gesagt von meinem Vorhaben, – nicht meinem Beichtvater – Niemandem!« Man schraubte schärfer. Sein Schreien war entsetzlich! »Mein Gott! mein Gott! Das sind die Strafen um die großen Sünden, die ich in dieser Welt beging! - Beim allerheiligsten Glauben, ich weiß ja nichts, als was ich bekannt. – Gnade! – Laßt mich nicht an meiner Seele verzweifeln!« Der Scharfrichter führte ihn in die Kapelle, um ihn durch kräftige Speisen für die letzten Qualen zu stärken. Die Doctoren Filesac und Gamache strengten hier umsonst ihre Ueberredungskraft an, um ihn zu einem Geständniß zu vermögen. Er erwiderte: »Ich bin nicht so unglücklich, um noch etwas, was hierher gehört, zu verbergen, da ich vollkommen davon überzeugt bin, daß mein Schweigen mich von der göttlichen Gnade ausschließen würde, auf der allein meine Hoffnung ruht. Ueberdem würde ich ja auch, wenn ich meine Mitschuldigen angäbe, meine unerhörten Qualen abkürzen. Ich habe furchtbar gesündigt, indem ich der Versuchung verfiel, meinen Souverain zu tödten. Ich flehe dafür um Gnade beim Könige, bei der Königin, bei der Justiz, bei aller Welt. Ich flehe sie an, bei Gott für mich zu bitten, daß mein Leib allein die Strafe meiner Seele ertrage, und ich bitte inständigst, daß man mein Gestandniß drucke und bekannt mache.« Beide genannte Doctoren erfüllten diesen Auftrag und publicirten späterhin sein vollständiges Bekenntniß. Das Urtheil ward pünktlich executirt. In einem Karren ward Ravaillac vor die Notre Dame gebracht zur Bußerklärung, von da nach dem Greveplatz. Der Zug langte hier gegen 4 Uhr an, aber nur mit der größten Mühe gelang es, den Verdammten bis zum Schaffot zu bringen, so groß war die Menschenmasse auf diesem Platze und in den angrenzenden Straßen. Nach dem Herkommen hätte er eigentlich auf einer Schleife dahin gezogen werden müssen, aber man durfte es nicht wagen. Das wuthkochende Volk hätte sich auf ihn gestürzt und ihn zerrissen. Andern Nachrichten zufolge wäre Ravaillac, als er die Wuth des Volkes gegen seine Person gewahrte, erstaunt gewesen. Er hatte nicht geglaubt, daß sie mit solcher Liebe an dem Ketzerkönige hingen. Das erinnert an das Attentat eines andern Königsmordes (Tschech), wo der Mörder auch verwundert die Theilnahmebezeigungen des Volkes anstaunte. Die Prinzen des Hauses Guise sahen aus den Fenstern des Stadthauses dem Schauspiel zu. Außer den benöthigten Truppen hatten sich noch mehre Hundert Edelleute zu Pferde freiwillig eingefunden, um das Schaffot zu umstellen. Auch die beiden Beichtväter des Verurtheilten hielten zu Pferde am Schaffot und unterließen keine Ueberredungskünste, um Ravaillac zur Nennung seiner Mitschuldigen zu veranlassen. Später stiegen sie selbst aufs Gerüst. Trotz der unerhörten Leiden schien Ravaillac ruhig und gefaßt. Als er auf der Plattform des Schaffotes angekommen, verrichtete er ein kurzes Gebet und übergab sich seinen Henkern. Diese legten ihn auf den Rücken und banden ihm den Leib zwischen zwei kleinen Pfosten; die Füße und die Hände wurden schon jetzt an vier Pferde befestigt. Einer der Priester intonirte das Salve Regina! Aber er ward augenblicklich vom Volke unterbrochen. Von allen Seiten erhob sich ein Geschrei: »Kein Gebet für einen Verdammten! .... Zur Hölle mit dem Judas!« Die Zangen glühten schon roth auf einem Feuerbecken. Der Henker ergriff sie und zwickte damit den Stöhnenden an allen im Urtheil bezeichneten Theilen seines Leibes. Darauf ward seine rechte Hand, in die man das Mordmesser preßte, über das Feuer gehalten und langsam bis zur Handwurzel abgebrannt. Und in dem Maße, als die Fleischtheile sich verzehrten und die Knochen sich calcinirten, goß der Henker aus kleinen Hörnern immer neuen Schwefel auf das Feuer. Erst als die Hand und ihre Wurzel vollkommen verzehrt waren, goß er in die Wunde, welche die Zangen gerissen, kochendes Oel, siedendes Pech und zusammengeschmolzenes Wachs und Schwefel. Während dieser langen und gräßlichen Marter ward Ravaillac Zug um Zug auch noch mit der Ermahnung geplagt, seine Mitschuldigen zu nennen. Die Hoffnung, welche die Humanität schöpft, daß er von so vielen Qualen besinnungslos dagelegen haben müsse, fällt dahin. Die Protocolle sagen: er habe mit derselben Ruhe und Fassung fortwährend auf die Frage nach seinen Mitschuldigen geantwortet, daß er keine habe! Wenn er nun unter den unerträglichen Schmerzen, aus Verzweiflungswuth, seine Henker genannt, die Präsidenten des Gerichts, die Guise, die Königin Maria, oder gar den tugendhaften Minister Sully! Wäre das Parlament, ein Gericht bethört, wahnsinnig genug gewesen, darauf eine Untersuchung einzuleiten? – Oder kannten Die, die ihn peinigen ließen, den Stumpfsinn des Fanatikers so genau, daß sie in voraus wußten, auch die haarsträubendste Qual könne diesem Halbmensch, Halbthier die Lippen nicht öffnen? Jetzt peitschte man die Pferde an. Sei es, daß man schlecht gewählt, oder daß die Zähigkeit seines Leibes so stark war als die seiner Seele, sie konnten ihn nicht zerreißen. Man peitschte und peitschte, und eine Stunde ging vergeblich hin. Und auch jetzt noch – es ist entsetzlich, die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben – hatte Ravaillac sein Bewußtsein noch nicht verloren. Der halb Zerrissene und Verbrannte empfahl laut seine Seele Gott. Da sprang einer der Edelleute, die aus Ehrensache Wache hielten, als er gewahrte, daß eines der Pferde seine Kraft völlig erschöpft und trotz der furchtbarsten Peitschenhiebe nicht mehr ziehen wollte, von seinem Roß, schirrte das ermattete Pferd los und spannte seines an. Er selbst trieb. Auch dieser heroische Patriotismus half nicht. Der Henker mußte endlich zu einem Hackemesser greifen, um den Körper völlig auseinander zu trennen. Jetzt flogen die Pferde auseinander mit ihrer blutigen Beute. Aber das Volk ließ sie ihnen nicht. Auch die Stücke noch riß es in Stücke und verschleppte die gräßlichen Trophäen triumphirend in verschiedene Stadttheile. Aber man ließ sie ihnen nicht. Nach wenigen Stunden waren sie wieder eingesammelt und bald darauf zu Asche verbrannt. Ravaillac's Vater hat den Tod seines Sohnes überlebt, auch der ihn betreffende Theil des Urtheils mußte also vollstreckt werden. Jacques Clement 1589 Heinrich IV., an dessen Mörder eine so cannibalische Rache genommen ward, vielleicht mit Zuthun Derer, die am zufriedensten waren über seinen Tod, war beim Antritt seines Königsamtes selbst berufen, eine ähnliche gegen den Mörder seines Erblassers zu üben. Ihn trifft kein Verdacht, daß er an der Mordthat auch nur einen leisen Antheil hatte, denn der Dolch war gegen den dritten Heinrich geschliffen zu eines Andern Gunsten. Nicht der Bourbon, sondern ein Guise sollte die vom Haupt des Gemordeten fallende Krone aufgreifen. Aber der Bourbon mußte als Erbe das Rächeramt aufnehmen, er mußte gegen den Königsmörder die ganze barbarische Wuth auslassen, welche das Gesetz und die Stimmung, die Meinung der Zeit forderte. – Und der Zufall wollte, daß er nicht gegen einen Lebenden, gegen einen Todten als Richter und Rächer auftrat. Wir haben es hier mit einem Proceß auf Hochverrath und Königsmord gegen einen kalten Leichnam zu thun, einem der seltsamsten Criminalprocesse, den die Geschichte uns aufbewahrt hat. Um den Lebensodem zu erhalten, müssen wir weiter zurück in ihren Papieren blättern. Karl IX., fluchwürdigen Andenkens, war im Mai 1574 gestorben. Er hat sich selbst ein ewiges Monument gestiftet – die Bartholomäusnacht. Dem Caligula sollte ein Heliogabal folgen. Die Laune des Schicksals hatte den Thronerben Frankreichs zum Könige von Polen gemacht. Heinrich von Polen stahl sich heimlich aus seinem Reiche, um das Wahlkönigreich mit dem Erbkönigreiche zu vertauschen. So zerrissen und wüst lagen dort die Dinge, daß er nur eine heilige Pflicht erfüllte, wenn er seine Person, seine Dienste vor allem seinem Vaterlande widmete. So dringend war seine Anwesenheit durch den Kampf der religiösen Parteien, durch die wachsende Erbitterung zwischen den Seigneurs des Reiches, den Prinzen von Geblüt, welche die Religion zum Schilde ihrer Interessen machten, daß er mit Sturmeseile hätte nach Frankreich zurückkehren müssen. Er brauchte fünf Monate zur Reise über Wien, Venedig, Mailand, Savoyen nach Paris, überall von Festen und Banketten zurückgehalten. Er wollte sich amusiren, und er amusirte sich, wie kein König soll. Einen Vortheil hatte dennoch diese Reise. Kaiser Maximilian hatte ihm in Wien den Rath gegeben, die Dissidenten zu schonen. Von den Prinzen von Geblüt fand er seinen Bruder François, Duc d'Alençon, Heinrich von Bearn und den Prinzen von Condé auf Seiten der Reformirten. Nachdem er zu Rheims (13. Februar 1575) gekrönt worden, erließ er im Mai 1576 das Edict, welches den Cultus der » sogenannten reformirten Religion « freigab. Zugleich bewilligte er den Protestanten acht Städte, die sogenannten Sicherheitsplätze, die in der Geschichte der Religionskriege in Frankreich eine so bedeutende Rolle spielen. Aber er selbst spielte unwürdig die Königsrolle. Er verfiel in eine tiefe Melancholie. Man schreibt sie dreien Ursachen zu: der Scham über seine fluchtähnliche Abreise aus Polen, den unangenehmen Nachfolgen einer in Ausschweifungen verbrachten Nacht in Venedig und dem Schmerz über den Tod einer Prinzessin von Condé, die er geliebt. Fast unzugänglich für Alle, war er nur von einer kleinen Zahl Favoriten umgeben, jungen Leuten, die seine Einsamkeit zerstreuen sollten und seine Einbildungskraft vergifteten. Sie fröhnten den unwürdigsten Ausschweifungen. Ehrbare Manner errötheten über den weibischen Schmuck des Königs. Seine Finger waren mit Ringen überladen, seine Arme mit Perlenketten umschlungen, an den Ohren hingen weit hinab reiche Ohrringe. Auf dem hochfrisirten Haare erhob sich ein überreich gestickter Hut, unter dem Kinne durch ein Band befestigt, welches von Perlen und Edelsteinen strotzte. Dazu spielte er beständig mit einem Fächer, um seinen Teint vor dem Sonnenbrande zu bewahren. Alle seine Kleider bis auf die Degenscheide mußten von Bisam und den damals bekannten und beliebten Wohlgerüchen duften. Dann aber riß er sich zuweilen los. Die reichen Kleider wurden vom Leibe gethan, das wollüstige Leben verlassen. Er steckte sich in einen Büßersack; einen großen Rosenkranz in der Hand, sah man ihn durch die Straßen von Paris gehen. Er folgte den Processionen, er wälzte sich auf den Knien bei den Kapuzinern und ließ sich nur Bruder Heinrich nennen. Ja, er ließ sich ein großes und schönes Haus auf dem Pferdemarkt bauen mit kleinen Zellen, um in denselben einen Cursus von einigen Wochen der schreckhaftesten Devotionsübungen abzuthun. Papst Sixtus V., der von diesen Bizarrerien hörte, drückte sehr charakteristisch seine Verachtung darüber aus: »Ich habe alles Mögliche gethan, um den Mönch in mir auszuziehen, und der König von Frankreich thut Alles, was er kann, um ihn anzuziehen«. Seine Favoriten, gebrandmarkt durch den Namen Mignons , theilten sowol seine Lüste als seine Buße; es ist aber anzunehmen, daß sie bereitwilliger zur erstern Theilung erschienen. Ihnen wurden die einträglichsten Aemter des Reichs verliehen und ihre Verschwendung auf Kosten des Königs war ungeheuer. Ein solcher Monarch, der seine Zeit zwischen gemeinen Ausschweifungen und Acten des dumpfsten Bigotismus vergeudete, konnte die Achtung seiner Unterthanen nicht erwecken. In allen Ständen verbreitete sich ein inneres Misvergnügen, zumal wo er in seiner läppischen Vergnügungswuth auch die Rechte der Bürger verletzte. »Er fuhr sehr oft,« schreibt ein Zeitgenosse, »mit der Königin, seiner Gemahlin, in einer offenen Kalesche durch die Straßen und Häuser (?) von Paris, um da die kleinen Hunde fortzunehmen, die ihm gefielen. Gingen die Beiden auch durch die Frauenklöster in den Umgegenden von Paris, um in selber Weise dorten die kleinen Hunde zu requiriren, zum großen Verdruß der Damen, denen sie gehörten. Ließen Ihro Majestäten sich auch die Grammatik vorlesen und decliniren lernen von Doron, und machten selben darum zum Rath im großen Staatsrath.« Der König war verachtet, er ward aber auch bald gehaßt. Die fanatischen Katholiken beklagten sich über die den Hugonotten gemachten Zugeständnisse; die Priester donnerten von den Kanzeln und Placate über Placate forderten zum Haß und zur Verachtung des Königs auf, ja zur offenen Revolution. Ein Mönch Poncet sagte einst in einer Fastenpredigt in der Notre-Dame: »Ich weiß es genau, meine Andächtigen, gestern Freitag Abend, als sie ihre Procession hielten (der König und seine Favoriten), drehte sich schon der Bratspieß zum Abendessen dieser großen Sünder, und nachdem sie ihr fettes Kapaun verschlungen, dampften schon zur Nachtcollation die fetten Küchlein überm Kohlenbrand. O Ihr unglückseligen Heuchler! Ihr höhnt Gottes unter der Maske und tragt zum Schein eine Geißel an Euerm Gürtel. Nicht da, bei Gott, müßt Ihr sie tragen; auf Euern Rücken und Euern Schultern ist der Ort; da solltet Ihr Euch zerfleischen, denn es ist Keiner unter Euch, der es nicht verdient hätte.« Am Ende einer andern Predigt führte ein Mönch folgenden Quatrain an: Puisque Henri, roi des François, N'en aime que quatre ou trois, Il faut que trois ou quatre Aillent ses ennemis combattre. Die Placatenliteratur, die im Jahre 1848 eine solche Bedeutung gewonnen, war vor drei Jahrhunderten in Paris nicht weniger fruchtbar und furchtbar, ihre Sprache nur noch unumwundener als die in den Straßen von Wien und Berlin. Wir theilen einige der überkommenen Placate mit, doch da viele Ausdrücke, oder vielmehr Schimpfreden, sich nicht übersetzen lassen, oder, übersetzt, ihre Kraft verlieren würden, im Original: »Valois est un Turc par la tête, un Allemand par le corps (?), une harpie par les mains, un Anglais par la jarretière, un Polonais par les pieds, et un vrai diable en l'àme.« Ein anderes entwirft folgende Titel: »Henri, par la gràce de sa mère, inutile roi de France, et de Pologne imaginaire, concierge du Louvre, marguillier de Saint-Germain-l'Auxerre, bateleur des églises de Paris, gendre de Colas, gauderonneur des collets de sa femme, et friseur de ses cheveux, mercier du palais, visiteur d'étuves, gardien des Quatre-Mendians, père conscrit des Blancs-Battus, et protecteur des Capucins.« Aber die Placate machten keine Revolution, auch nicht der Haß, und nicht die Verachtung, noch die außerordentliche Verschwendung des Hofes. Man hätte auch die Calvinisten in den von ihnen besetzten Provinzen gewähren und ihren Particularkrieg fortsetzen lassen. Die große Bund der Ligue, der gegen die Reformirten und den König zugleich abgeschlossen ward, verdankt seine erste Entstehung dem Ehrgeiz eines Seigneurs, der das Commando seiner Provinz zu verlieren fürchtete. Der Gouverneur von Peronne und Lieutenant-General der Picardie, ein Sieur Jacques d'Humières, fürchtete, daß in Folge früherer Verträge der (reformirte) Prinz von Condé ihn aus dem Besitz seines Gouvernements verdrängen könne. Es galt, ihm Hindernisse zu bereiten. Das beste Mittel war die Religion. Er bearbeitete den Adel der Provinz, sich feierlich zu einer Einigung zusammenzuthun, die den Zweck habe, nichts zu dulden, was dem Wohle der katholischen Religion nachtheilig sein könne. Die Edelleute der Provinz waren eifrige Katholiken und persönlich ihrem Gouverneur zugethan. Sie unterzeichneten die Conföderationsacte, und bald war die ganze Picardie, Stadt und Land, im Bunde. Das Formular in seinem Anfang und der ausgesprochene Zweck enthielten auf den ersten Blick nichts als Lobenswerthes. Durch Eidschwur gelobte man, bis zum Tode festzuhalten bei der heiligen Union, gestiftet im Namen der heiligen Dreieinigkeit, um zu vertheidigen die katholische Religion, den König Heinrich den Dritten und die Vorrechte, deren das Königreich sich unter Chlodwig erfreute. Hier war die erste Weiche, mittels deren die Liguisten auf Dinge übergehen konnten, die mit der Religion nichts zu thun hatten. Aber das feinste Gift war in den Gesetzen der Association selbst enthalten, wo es hieß: »Wir verpflichten uns, unsere Güter und unser Leben daran zu setzen für den Erfolg der heiligen Union und bis zum Tode Diejenigen zu verfolgen, die ihr ein Hinderniß entgegensetzen wollten . Alle Die, welche unterzeichnen, sollen unter dem Schutze der Union stehen, und sollten sie angegriffen werden, verfolgt oder belästigt, so übernehmen wir ihre Vertheidigung, selbst durch Waffengewalt und gegen wen es auch sei . Wenn Einer oder der Andere, nachdem er den Schwur abgeleistet, dann wieder loskommen wollte, soll er als Rebell und Aufsässiger gegen Gottes Willen betrachtet werden, ohne daß Die, welche bei dieser rächenden Züchtigung geholfen, jemals darum zur Rechenschaft gezogen werden dürften. Man wird vielmehr einen Chef wählen, dem alle Conföderirten zu gehorchen verbunden sind , und die da nicht gehorchen wollen, sollen nach seinem Willen bestraft werden! – Wir verpflichten uns, nach unsern Kräften der heiligen Union Partisanen zu verschaffen, Waffen und Alles, was ihr nöthig ist, Jeder nach seinen Kräften. – Diejenigen, welche es ausschlagen würden, sich aufnehmen zu lassen, sollen als Feinde behandelt werden und verfolgt mit den Waffen in der Hand. – Der Chef allein entscheidet über die Zwistigkeiten, welche unter den Conföderirten ausbrechen, und sie dürfen zu den gewöhnlichen Behörden und Gerichten nur mit seiner Erlaubniß ihre Zuflucht nehmen. « So ward alle königliche Macht auf den künftigen Chef der Ligue übertragen, von dem man aber wohl begriff, daß er ein Anderer sein müsse als der König. Von der Picardie aus breitete sich der Bund schnell über die andern Provinzen und wurzelte besonders fest in dem trotzigen Paris. Bürger, Kaufherren, Adel, Priester, sogar Hofleute, die überall in dieser Zeit ihre abgesonderten, heimlichen Verbindungen hatten, vereinigten sich jetzt zu größern Associationen. Die größern Associationen conföderirten sich wieder, und diese große Conföderation nahm nun den Namen der Sainte-union unter ihren Chefs, im Volksmunde aber den der Sainte-ligue an. Zu solcher monströsen Gestaltung führte in Frankreich zu Ende des 16. Jahrhunderts das freie Associationsrecht. Im Staatskörper schuf es einen neuen Staatskörper, der, wäre er zum Auswachsen gekommen, den ältern zersprengt und zermalmt hätte. Zur Freiheit hätte er nicht geführt, indem er alle vorhandenen Elemente und Reste der germanischen Volksvertretung zerstörte. Seine Mittel waren der Fanatismus, sein Ziel ein neuer Despotismus. Neue Bluthochzeiten, Bürgerkriege und Richelieu's kalt berechnende Grausamkeit und scharf eingreifender Arm waren nöthig, um den Staat Frankreich zu retten. Mit solchen Beispielen vor sich, wagen Die, welche für die Volksfreiheit zu kämpfen glauben, von den neuen Staatsbildungen die unbedingte Associationsfreiheit zu fordern. Ihnen selbst zum Spott, die das Mittelalter bis in die letzten Fasern seiner Wurzeln zerstören möchten, rufen sie als Palladium für die neue Freiheit und Gleichheit eine Institution, ein Recht an, was nur dem Mittelalter angehörte, dort bedingt und nothwendig, was aber zu allen Zeiten den Keim des absolutesten Despotismus in sich trägt. Die Ligue war fertig, ihr fehlte nur der Chef. Auch dieser fand sich, er stand schon fertig, vollkommen gerüstet, im Hintergrunde: die Guise von Lothringen. Zu den Fröschen, die nach einem König schrien, hub er seinen Arm und rief: Ich bin es! Herzog von Guise, genannt le Balafré, derselbe tapfere Häuptling, welcher das Blutbad der Saint-Barthélemi geleitet hatte. Er war ein ganzer Mann, im französischen Sinne. Ihm zur Seite zwei Brüder, die ihm an Willensstärke, Schlauheit und Muth wenig nachgaben, Louis, der Cardinal von Guise, und Karl, Duc de Mayenne. Alle drei (die Oheime Maria Stuart's) Söhne François', Herzogs von Guise, der 1560 bei der Belagerung von Orleans ermordet wurde. Die Prinzen von Lothringen blickten schon lange lüstern nach dem Throne von Frankreich. Sie hatten geherrscht unter dem königlichen Kinde Franz II.; auch unter dem Henkerkönige Karl IX. Nur Heinrich III. beherrschten sie nicht; die Guise hatten seinen Mignons weichen müssen. Die Guise, in voller Ritterlichkeit und der edeln Galanterie, die den Franzosen ein Schmuck des Mannes ist, und gegenüber das entartete Geschlecht der Valois, der weibische, alberne, mönchisch bigotte Heinrich mit seinen Mignons. Die Wahl war nicht schwer. Die Herzen der Kräftigen und Bewußten schlugen in Frankreich für die Guise. Ihnen gegenüber standen nur zwei mächtige Feinde: die Calvinisten und – die Legitimität. Die letztere suchten sie zu bekämpfen, indem sie für sich einen Schein von Legitimität vindicirten. Sie ließen Druckschriften durch das Land verbreiten, in denen sie ihre Abkunft von Karl dem Großen zu beweisen suchten. In einer dieser Broschüren heißt es: »Seit zum Nachtheil der Abkömmlinge dieses Kaisers (Karl des Großen) die Nachkommen Hugo Capet's den Thron an sich gerissen, hat sich der Fluch Gottes über diese Usurpatoren ergossen. Den Einen nahm er ihre Vernunft, den Andern ihre Freiheit, die Dritten wurden vom Bannstrahl der Kirche getroffen. Die Mehrzahl derselben, ohne Gesundheit und Kraft, sind in der Blüte ihres Alters gestorben, ohne Kinder zu hinterlassen. Das Königreich ist unter ihren unglückseligen Regierungen die Beute der Ketzer geworden, wie der Albigenser und der Armen von Lyon. Der letzte, für die Calvinisten so vortheilhafte Friedensschluß wird ihnen eine feste Stellung in Frankreich gewähren, wenn man nicht diese Gelegenheit benutzt, den Scepter Frankreichs wieder den rechtmäßigen Nachkommen Karl des Großen zu übergeben .... Man muß Monsieur (den Duc d'Alençon) aufheben, ihm einen Proceß machen als schuldig der laesae majestatis , so der göttlichen als der menschlichen, weil er vom König, seinem Bruder, die den Rebellen so günstigen Bedingungen erpreßt hat. Der Herzog von Guise, an der Spitze seiner Heere, wird die Rebellen verfolgen, er wird sich der vorzüglichsten Städte versichern, er wird alle Mitschuldigen Monsieurs wohl bewachen und ihnen den Proceß machen lassen, und endlich, wie der Papst es anräth, wird er, wie einst Pipin mit Childerich gethan, den König für den Rest seiner Tage in ein Kloster sperren.« Die Guise griffen nicht mit halber Hand zu. Mit ganzer Seele und voller Kraft förderten sie die Organisation der Ligue, jeden Augenblick bereit, sich officiell an deren Spitze zu stellen. Ihre Unterhändler wirkten für sie in Rom. Alles das blieb am Hofe zu Paris nicht geheim. Der armselige König zauderte aber lange, welche Partei er ergreifen solle. Länger zu schweigen, hieß den Muth und die Kräfte seiner Feinde stärken; um loszuschlagen, mußte er der Kräfte sicher sein, auf die er vertrauen konnte, er mußte selbst Vertrauen und Muth haben. Ihm fehlte Beides; in seiner Furcht ergriff er einen Mittelweg; auf dem Ständetage zu Blois erkannte er die Ligue an und erklärte sich selbst zu ihrem Chef. Ein Formular ward aufgesetzt, der König beschwor es, ließ es von den Ständen annehmen und gab Befehl, daß es in Paris und ganz Frankreich unterzeichnet werde. Die Guise persönlich waren in ihren Plänen empfindlich getäuscht, aber Heinrich's Lage ward nicht besser. Aus einem Souverain ward er ein Parteihäuptling, der König mußte einen Bürgerkrieg anheben. Die Protestanten schlossen, nothgedrängt, sofort eine Contreligue mit Schweden, Dänemark, England und ihren Sinnesgenossen in Deutschland. Jahre vergingen in blutigem Bürgerkrieg, Intriguen und Verhandlungen. Heinrich schonte und fürchtete die Protestanten; er hatte Grund, sie nicht mit seiner vollen Kraft zu erdrücken. Des Königs Bruder, der reformirte Duc d'Alençon, war 1584 gestorben. Er hatte keine Kinder hinterlassen, der König hatte keine Kinder. Der Bearnaise, Heinrich von Bourbon, war der nächste Thronerbe. Den Katholiken und den Prinzen von Lothringen drohte also neue Gefahr. Heinrich Guise strengte von neuem alle Kraft an, das Volk für sich zu fanatisiren. Neben dem Fanatismus liefen unendliche Intriguen, Bündnisse her. Am Hofe selbst die unnatürlichsten Verbindungen. Der König, so viel seine Schwelgereien, der Aufwand eitler Lust ihm erlaubten, aus Haß gegen die Guise mehr als aus Neigung zu Heinrich von Béarn haltend; die Königin Mutter ganz im Interesse der Guise, alle Plane ihres Sohnes und seiner Mignons hintertreibend. Heinrich Guise selbst, freundlich zum Könige und Hofe dem Schein nach stehend, aber von brennendem Verlangen getrieben, ihn bei erster Gelegenheit vom Thron zu stoßen. Da schreckten 1588 ungewöhnliche Kriegserfolge Heinrich's von Navarra den König aus seiner Schlemmerei und Trägheit auf – er hatte sie durch die Unterstützung Elisabeth's von England errungen. – Ein neues Edict zu einer Union gegen die um sich greifende Ketzerei ward erlassen; die Stände wurden abermals nach Blois zusammenberufen. Der König hätte sich jetzt an die Spitze seiner Truppen stellen müssen. Er war zu träg, zu feig. Er ernannte den Herzog von Guise zum Generalissimus, mit einer absoluten Macht über alle seine Heere. Aus seinen Städten und Schlössern zog er seine Commandeure zurück und überließ sie Denen, welche die Ligue ihm bestimmt hatte. Kaum daß es geschehen, so gereute es ihn wieder. Auf seinem Lotterbette flüsterten ihm die Lotterbuben zu: was er denn gethan? Sie empfanden wol Lust, die gedankenlosen wüsten Gelage mit ihrem Herrn, nicht aber die einsame Klosterzelle zu theilen, die ihm drohte, sobald Guise's eiserner Arm das Scepter in die Hand nahm. Er erwachte vollkommen, sogar mehr als den Günstlingen lieb war, und in ihm die ganze Lust, wieder Herr und König zu sein. Er entfernte seine Mignons, wechselte die Minister, die ihm gerathen, Guise zum Generalissimus zu ernennen, und umgab sich mit Männern, auf die er rechnen konnte. So wurden die Stände von Blois eröffnet. Die Liguisten fürchteten sich nicht. Sie verwunderten sich nicht einmal darüber. Sie hielten es für eine der gewöhnlichen Inconsequenzen des gedankenlosen Fürsten. Die Deputirten der Stände waren fast sämmtlich Anhänger der Guise. Herzog Heinrich, der Balafré, trat in Blois mit dem Glanze und der Fürstlichkeit eines Herrn auf, der seiner Sache sicher ist. Er hielt ja die Krone in der Hand. Man verhandelte über eine Geldforderung. Der König verlangte eine Summe zu einem Kriege gegen den Herzog von Savoyen, Guise protestirte mit Heftigkeit dagegen; er forderte, daß dieses Geld vor allem zum Kriege gegen die Calvinisten verwandt werde. Zugleich forderten Andere eine Herabsetzung der Taxen. Beide Forderungen hießen das königliche Ansehen vernichten. Der König war erwacht. Zugleich waren untrügliche Anzeichen da, selbst nahe Verwandte Guise's bestätigten es, daß der Prinz einen entscheidenden Streich vorbereite. Jetzt galt es nicht mehr zaudern. Eine Arretirung hätte dem Könige nichts geholfen. Welche Gefängnißmauern in Frankreich waren stark genug, um einen Guise festzuhalten? Der König lud den Herzog zu einem Privatconseil am Morgen des 22. December in seine Zimmer. An der Schwelle seiner Thür ward er von bestellten Mördern niedergestoßen. Mehre seiner nächsten Anverwandten und Anhänger wurden gefangen genommen. König Heinrich stieg ganz heiter die Treppen im alten Schlosse von Blois zu seiner Mutter hinunter und ruft ihr beim Eintritt entgegen: »Der König von Paris lebt nicht mehr, Madame. Von nun an bin ich König.« – »Du hast den Herzog von Guise sterben lassen«, erwidert sie seufzend. »Walte Gott, daß Du nicht König von Nichts wirst! – Du hast gut geschnitten, mein Sohn, nun aber mußt Du auch nähen. Hast Du auch alle Deine Maßregeln wohl getroffen?« Der König bat sie, sich zufrieden zu geben. Dann zeigte er sich dem Volke. Tages darauf ward auch der Cardinal von Guise durch Hellebardiere niedergestoßen. Sein Bruder, der Duc de Mayenne, war entflohen, die Mörder kamen um eine Stunde zu spät. So sicher waren die Guise ihres Erfolgs gewesen, als sie nach Blois abreisten, daß der Cardinal mehrmals vergnügt ausgerufen: »Ich kann nicht ruhig sterben, wenn ich nicht vorher den Kopf des Königs zwischen meinen Beinen hielt, um ihm die Mönchskrone aufzusetzen.« Seine Schwester, die Herzogin von Montpensier, eine sehr galante, lebensfrohe und für ihre Sache fanatisirende Dame, bat ihren Bruder: daß man sich ihrer Scheere bediene, um dem Könige die Haare zu schneiden. Die Guise waren auf Alles gefaßt und vorbereitet, nur nicht auf einen männlichen Entschluß des Königs. Der Charakter seiner That, als Meuchelmord, liegt außer Streit; aber es war ein Act der Nothwehr. Der König war verloren, wenn er die Guise nicht vernichten konnte. Heinrich's III. wahrer Charakter bewährte sich aber auch jetzt. Statt den Sieg zu benutzen und mit den Truppen, auf die er rechnen konnte, auf Paris loszumarschiren, versank er in seine vorige Schlaffheit und Unthätigkeit. Er war aus sich herausgegangen. Die Erschöpfung nach diesem Ueberbieten seiner Kräfte folgte. Das Entsetzen in Paris, als die Nachricht eintraf, war außerordentlich. Man sah nur wildtraurige Gesichter. Schweigend umarmte man sich, aber mit knirrschenden Zähnen. Die Kirchen füllten sich mit schluchzenden Frauen. Die wüthendsten Priester schwiegen auf der Kanzel, die fanatisirtesten Liguisten verschlossen sich in ihren Häusern. – Der König hätte Paris auf einen Streich genommen, wenn er gewagt, es zu nehmen. Doch hatte man sich bald erholt. Die Sechszehn riefen das Volk zur Vertheidigung und zur Rache auf. Das Volk ernannte den Herzog von Aumale, einen Halbbruder von Guise, zum Gouverneur von Paris, und eine Armee organisirte sich, um Orleans beizuspringen, welches vom Könige hart eingeschlossen ward. Bald kam auch der Herzog von Mayenne an der Seite des spanischen Gesandten nach Paris und ward vom Conseil der Union zum général de l'état royal et couronne de France erklärt. Die Ligue schnaufte neue Wuth und das Feldgeschrei ward »Rache!« Die Guise wurden zu Märtyrern der katholischen Religion erhoben. In allen Kirchen feierliche Messen zu ihren Ehren; alle Brüderschaften, Corporationen, Magistrate wohnten dem Gottesdienste bei. Bei der Ceremonie stellte man ein Bild des Königs von Wachs auf den Altar und stach es während der Messe mit Nadeln an allen Theilen des Körpers, besonders aber ins Herz. Eine magische Beschwörung, in christlicher Kirche, durch welche man seinen Tod zu erwirken hoffte! Eine große, allgemeine Procession in Paris von einhunderttausend Personen, deren jede eine gelbe Kerze in der Hand trug. Beim Eintritt in die Kirche der heiligen Genoveva löschten sie dieselbe aus, traten sie mit Füßen und schrien aus Leibeskräften: Gott lösche aus die Race der Valois! Einhunderttausend intellectuelle Urheber des Königsmordes, den Jacques Clement nachher verübte. Gegen den todten Jacques Clement ist die Gerechtigkeit eingeschritten, gegen die lebenden Urheber ist kein Gerichtshof aufgetreten. Die Beichtväter wühlten und wütheten in ihren Beichtstühlen. Die Sorbonne erklärte den dem Könige geleisteten Unterthaneneid für aufgehoben. Das Parlament war nicht so fanatisirt; man warf seine Räthe, wegen mangelnden Eifers für die gute Sache, unter mannichfachen Beleidigungen und Beschimpfungen in die Bastille. Die Flamme in Paris entzündete fast alle größern Städte des Reiches. In diesen Nöthen mußte Heinrich III. sich Heinrich von Navarra nähern. Sie versöhnten sich, sie vereinten ihre Heere. Der Herzog von Mayenne mußte vor der Uebermacht sich bis vor Paris zurückziehen. Die beiden Könige standen schon mit 40,000 Mann um Saint- Cloud und Meudon, als die Liguistenanführer in Paris Alles aufboten, um den Fanatismus der Bürger bis zum Aeußersten zu steigern, damit die Hauptstadt gehalten werde. Man verschanzte sich sehr geschickt. Eine bessere Waffe war der aus Rom gegen den König angedrohte Bann. Die Priester stürzten von Platz zu Platz, von Thor zu Thor, das Crucifix in der Hand: der König wird excommunicirt! Die Mutter, die Witwe, die Schwester der ermordeten Guise, die schon erwähnte Herzogin von Montpensier, liefen durch die Straßen und beschworen das Volk. Jene rührten durch ihre tiefe Wärme, ihre Thränen, ihren wahrhaften Schmerz; die Montpensier durch die Heftigkeit und Leidenschaftlichkeit ihrer feuersprühenden Reden, vielleicht auch durch ihre Reize. In diesem kochenden Feuermeere von Wuth, Haß, Begeisterung schwellten viel Tausend Herzen von brünstiger Lust, den König zu ermorden. In einem ward sie zum Entschluß, zur That. Ein junger Dominicanermönch, 25 Jahre alt, Jacques Clement , faßte diesen Entschluß, zur Ehre Gottes, zum Heil der wahren katholischen Religion, seines Vaterlandes und des Fürstenstammes, von dem er das Heil desselben erwartete. Jacques Clement war 1564 in den Ardennen geboren. In früher Jugend schon war er nach Paris gekommen und studirte bei den Jacobinern. Er hatte eben sein Gelübde abgelegt und die Priesterweihe empfangen. Uebrigens war er, sagt ein Geschichtschreiber, ein grober und unwissender Mensch, aber von sehr melancholischem Temperament und empfänglich für alle schwarzen Bilder der Einbildungskraft in einem galligen Sinn und verbrannten Gehirn. Ein anderer Historiker sagt: Unbeschadet seiner Ungeschliffenheit und Unwissenheit war er ein Libertin und immer in Gesellschaft der gemeinsten Volksclassen, bei denen er sich mit seinem Muth etwas wußte und ohne Aufhören wiederholte: man müsse den Ketzern den Krieg erklären, sie austilgen und auslöschen. Spottweise nannten seine Genossen ihn den Capitain Clement. War sein Entschluß ein Verbrechen? – Von allen Kanzeln ward es gepredigt, es sei jedem guten Katholiken erlaubt, den Tyrannen zu tödten, den Bundesgenossen der Ketzer, den Feind der heiligen Union, den König, der von der Kirche getrennt war, über dessen Haupte schon der Bannstrahl zückte. Clement vertraute sich seinem Prior, dem Pater Bourgoing, und einem andern ehemaligen Geistlichen. Beide billigten seinen Entschluß. Einige von den Sechszehn (der damaligen Regierung in Paris) wußten darum und theilten die Angelegenheit den Herzögen von Aumale und Mayenne mit, welche sie nicht misbilligten. Die Herzogin von Montpensier erfuhr davon durch den Pater Bourgoing und sie belohnte ihn »durch den Fanatismus ihrer Entzückung darüber und ihre Gunstbezeigungen«. Sie ließ sich den herrlichen Menschen zuführen. Sie ermahnte ihn auszuharren; sie versprach ihm, von Seiten des Papstes, wenn er mit dem Leben davonkäme, den Cardinalshut; wenn er stürbe, die Canonisation. Um ganz sicher zu gehen, nahm sie ihm einen Eid ab; als Lohn für den Eid gewährte ihm die Prinzessin die Vergünstigungen, welche den Lüstling und Fanatiker schon hier in den Himmel versetzten. Actenmäßige Wahrheit fordert Niemand für diese Angabe, frühere Historiker haben sie aufgenommen, spätere als wahrscheinlich, und dem Charakter der Prinzessin entsprechend, nacherzählt. Wir lesen, was danach kaum nöthig scheint, daß auch noch seine Ordensbrüder, die Mönche, das Ihrige thaten, ihn in seinem Vorsatz zu bestärken. In der Nacht auf seinem Lager hörte er himmlische Stimmen, die ihm befahlen, den Tyrannen zu tödten. Selbst ein Engel erschien ihm mit gezücktem Schwerte in der Hand mit demselben Geheiß. Am 31. Juli 1589 machte er sich auf den Weg zu seinem Mordgeschäfte. Um ihm mehr Vertrauen einzuflößen, ließ der Herzog von Aumale mehr als 150 der angesehensten Bürger von Paris, die es mit der königlichen Partei entweder hielten oder als loyal gesinnt galten, ins Gefängniß setzen. Man steckte ihm zu, wenn Jemand sein Leben angreifen wolle, würden alle diese mit ihrem Blute es entgelten. Nie in der Geschichte ist ein Meuchelmörder mit solchen Vorbereitungen, mit dem Vorwissen und der Hülfe so Vieler, mit solchen Geleitsbriefen, zu seinem Mordwerk ausgezogen. Denn auch einen Geleits- und Empfehlungsbrief an König Heinrich führte er mit sich, und zwar ausgestellt von einem loyalen Anhänger desselben, dem Parlamentspräsidenten von Harley, der als Gefangener in der Bastille saß. Harley hatte sich von Leuten täuschen lassen, die er für dem König ergeben hielt, und auf den Glauben, daß Clement dem Könige sehr wichtige Mittheilungen zu machen ausginge, ihm das Schreiben ausgestellt. Der ebenso getäuschte Graf von Brienne, gleichfalls in der Bastille, fertigte ihm einen Paß aus. Clement kam glücklich durch die beiderseitigen Vorposten, so wenigstens ist die wahrscheinlichere Annahme, und traf auf dem Wege von Vanvres nach Saint-Cloud den Generalprocurator La Guesle, der mit seinem Bruder nach letzterm Orte, wo der König sich aufhielt, ritt. Als La Guesle auf sein Befragen erfuhr, daß der Mönch dem Könige wichtige Dinge zu hinterbringen habe, schlug er ihm vor, um schneller dahin zu kommen, sich hinter seinem Bruder aufs Pferd zu setzen. Auf diese Weise kam Clement nach Saint-Cloud. Er benahm sich bewunderungswürdig ruhig und unerschrocken. Sehr heiter speiste er zu Abend mit den Leuten des Generalprocurators, antwortete mit Festigkeit auf alle Fragen, die man an ihn richtete, und schlief dann ebenso ruhig die Nacht durch. Aber man war damals auf Dolche und Meuchelmörder gefaßt. La Guesle schickte Lauscher in der Nacht zu ihm. Sie fanden ihn in festem Schlafe. Neben ihm lag sein Brevier. Aufgeschlagen war die Stelle von der Ermordung Holofernes' durch Judith. – Auch das erregte keinen Verdacht. Andern Morgens, am 1. Aug., erfuhr König Heinrich bei seinem Lever, daß ein Mönch draußen ihn zu sprechen wünsche, der von den Gefangenen in Paris vertraute Aufträge an ihn überbringe. Der König ließ ihn vor sich führen. La Guesle und Andere waren zugegen. Aber der Mönch erklärte, seine Aufträge wären der Art, daß er sie dem Könige nur allein sagen dürfe. Der König las Harley's Brief und neigte ihm das Ohr zu, um allein zu hören. Clement beugte sich, zog ein großes Messer aus dem Aermel seiner Kutte und stieß es dem Könige in den Bauch. Heinrich riß selbst das Messer aus der Wunde und stieß damit mehrmals den Mörder ins Gesicht, indem er schrie: »O Unglücklicher, was hatte ich Dir gethan, mich so zu ermorden!« Auf das Geräusch stürzten La Guesle und andere Edelleute sogleich vor, rissen ihre Degen heraus, fuhren auf den Mörder los und tödteten ihn auf der Stelle. Man hörte, wie Clement unter diesen Todesstößen rief: »Ich preise Gott, daß ich so sanft sterbe; denn ich dachte nicht auf diese Weise loszukommen und so wohlfeilen Kaufes.« In den nächsten Augenblicken war auch schon der Grandprévôt von Frankreich zur Stelle, um den procès-verbal aufzunehmen. Dies merkwürdige Actenstück, merkwürdig um seines Inhaltes, sowie um der berühmten Person willen, die es aufgenommen, hat sich vollständig erhalten, ein seltsamer Umstand bei Criminalfällen von jenem frühen Datum. Wir theilen es als Curiosum, aber auch, um der Sache selbst willen, vollständig mit. »Im Jahr Tausend Fünfhundert Neun und Achtzig, am Ersten Tage des August, in dem Orte Saint-Cloud, als der König und seine Armee daselbst waren, sind wir Francois Duplessis, Herr von Richelieu, Ritter der Königlichen Orden, Mitglied Seines Staatsrathes, Prévôt Seines Schlosses und Grand-Prévôt von Frankreich, ungefähr um Acht Uhr Morgens, auf die Nachricht, daß Seine Majestät verwundet worden, augenblicklich in die Wohnung besagter Seiner Majestät gegangen, wo itzo seiend, wir Dieselbe gefunden haben liegend auf dem Bette; – Und ist uns gesagt worden, wie Selbige sitzend sur la chaise d'affaires , sei verwundet worden durch einen Jacobiner, welcher hineingeführt gewesen durch Seinen Generalprocurator; – als welcher Jacobiner Ihm ein Messer in den untern Theil des Bauches gestoßen; – welches Messer aber besagte Seine Majestät ergriffen und damit bemeldeten Jacobiner zwei Stöße versetzt habe; – welcher Jacobiner sodann getödtet worden durch einige Edelleute und Hofdiener Seiner Majestät; – Und lag der Körper bemeldeten Jacobiners in der Garderobe besagter Seiner Majestät, wo wir sofort eingetreten sind; – Und daselbst eingetreten, haben wir gefunden den Leichnam eines kleinen Menschen, mit schwarzem Bart, sehr kurz, mit großen Augen, trug die Tonsur nach Form der Jacobiner, auch das Habit des Jacobiners, Alters von Acht und Zwanzig bis Dreißig Jahren; – als von welchem man uns gesagt, daß es der Leib sei des Jacobiners, welcher verwundet und gefrevelt gegen besagte Seine Majestät; – Und daß man gefunden auf besagtem Körper einen Paß, der uns vorgezeigt ward, und trug die Unterschrift Charles de Luxembourg, datirt vom 29. Juli letzten, aus welchem besagten Paß ersichtlich, daß besagter Jacobiner sich nennet Bruder Jacques Clement; – als zu welchem todten Körper besagten Clements, des Jacobiners, behufs der Instruction des Processes wegen der Excesse, begangen gegen besagte Seine Majestät, wir, soweit es dessen bedürfen könnte, einen Curator ernannt haben in Person des Mons. Jehan de la Berchière, Procurator in besagter Prevotei des Schlosses; – welchem wir zu diesem Zwecke den erforderten Eid abgenommen, und, nachdem dies geschehen, haben wir Information über die an besagter Seiner Majestät begangenen Excesse aufgenommen, wie hier folgt. François Duplessis Erster Zeuge » Messire Jacques de la Guesle , Königlicher Rath im Staatsrath, und des Königs Generalprocurator, alt ungefähr 31 Jahre, nachdem er den geforderten Eid abgeleistet, hat ausgesagt: wie er am gestrigen Tage, etwan um 4 oder 5 Uhr Nachmittags, heimkehrend vom Dorfe Vanvres, allwo Deponent ein Haus besitzt, auf einen Jacobinermönch traf, einen kleinen Menschen mit schwarzem Bart, und bei selbem zween Soldaten; und als er diese gefragt, ob das ihr Gefangener sei, hätten sie ihm geantwortet nein, nämlich es wäre ein Geistlicher, der sich aus Paris auf den Weg gemacht, um den König aufzusuchen und Selbem etwas mitzutheilen, was seinen Dienst betreffe; als welches hörend Deponent zu bemeldetem Jacobiner gesagt, weil er denn käme in Dienstangelegenheiten Seiner Majestät, wolle er ihn dahin führen, möge inzwischen besagter Jacobiner ihm frei heraussagen, ob es Dinge von Wichtigkeit wären, um deren willen er zu Seiner Majestät ginge, und könne er sie ihm, Deponenten, wissen lassen, ohne sie sonst Jemand mitzutheilen oder zu communiciren; worauf bemeldeter Jacobiner ihm erwiedert, daß er von Seiten des Herrn ersten Präsidenten und anderer Diener komme, so Seine Majestät in Paris habe, die Alle sehr betrübt seien, gar keine Kunde von Seiner Majestät zu haben; und würden sehr gequält von den Aufständischen, und daß am Tage zuvor der Herzog von Mayenne von ihnen habe einstecken lassen mehr als Hundert und Fünfzig oder Zwei Hundert von den angesehensten; – als welches vernommen habend, Deponent ihn nun mit sich geführt und Einer der Brüder des Deponenten ihn hinter sich aufs Pferd genommen; – und wie sie nun ins Logis gekommen hierselbst, habe Deponent besagten Jacobiner bei Seit gezogen und ihn insbesondere befragt, was es wol sein könne, was er mitzutheilen hätte, damit er Gelegenheit fände, davon zu Seiner Majestät zu sprechen, falls es nicht eine sehr wichtige Sache wäre; – und habe darauf bemeldeter Jacobiner zum Deponenten gesagt, daß es der erste Herr Präsident und andere Diener des Königs seien, die ihn herschickten, um ihn wissen zu lassen, daß er noch eine gute Zahl Diener in besagter Stadt habe, so entschlossen wären, Alles, was sie besäßen, zu Seinem Dienst zu opfern, und daß, falls es nur Seiner Majestät gefiele, ihnen eine Stunde zu bestimmen, sie ihm ein Thor offen halten würden; – und wie nun Deponent noch besonders den Mönch inquiriren wollen, um sich zu vergewissern, ob seine Aussage etwas Zuverlässiges habe, sintemalen er den Verdacht hatte, daß er ein Spion sei, habe besagter Jacobiner ein kleines Papier in Italienischer Schrift hervorgezogen, von dem er gesagt, es sei ein Brief des Herrn ersten Präsidenten; – und in der That habe er, Deponent, der schon ehedem von den Schriftzügen besagten Herrn ersten Präsidenten Verschiedenes gesehen, gedacht, daß Dem so sei, von wegen der großen Aehnlichkeit dieser Schriftzüge mit denen besagten ersten Herrn Präsidenten; – wie er aber jetzt dafür halte, nachdem das gräßliche Unglück geschehen, daß es ein untergeschobener Brief sei, wie es denn leicht sei, die Italienischen Schriftzüge nachzuahmen. Besagter Brief war des Inhalts, insoweit Deponent sich desselben entsinnen kann, daß sie demüthigst Seine Majestät bäten, ihnen von Dem, was vorginge, zu vermelden und was Seiner Majestät Wille, daß er eine weit größere Anzahl treuer Diener in der Stadt habe, als er denke, und daß sie ihn bäten, daß er dem Ueberbringer des Briefes Glauben schenke in Allem, was er zu Seinen Diensten berichten würde. Außerdem habe besagter Jacobiner auch noch dem Deponenten einen Paß vorgezeigt, unterzeichnet vom Grafen von Brienne, Charles de Luxembourg; als dessen, nach seinem Fürgeben, er sich bedient, um aus der Stadt zu kommen, und hierher, indem er zu verstehen gegeben, er wolle nach Orleans; und daß besagter Deponent darauf bemeldeten Jacobiner gefragt, ob er keine andern Papiere habe, noch sonst etwas zu sagen, worauf selber ihm geantwortet Nein, außer Ort und Stelle, wo man in Paris eindringen könne und anderes Besondere, was er aber nur Seiner Majestät mittheilen dürfe. Habe Deponent alles Obige nur mit einer gewissen Mühe von besagtem Jacobiner entdeckt, als welcher ihm ein sehr einfältiger Mensch geschienen; dergestalt, daß Deponent gedacht, daß Die, welche ihn hergeschickt, sich seiner nur bedient, weil sie keinen Bessern gefunden, und habe er nichtsdestoweniger, um ihn zu sondiren, ihn gefragt, wann er denn den ersten Herrn Präsidenten zum letzten Male gesehen; worauf der ihm geantwortet, das sei vorgestern geschehen, und habe er bei ihm gesehen den Abbé de Rivaux und die Söhne von Portail, und habe er ihm deren Gesichtszüge beschrieben und ihr Wesen auf die Frage, so Deponent deshalb an ihn that, und daß er in die Bastille Eintritt erhalten unter dem Schutz des Sohnes von Portail, von wegen seiner Bekanntschaft mit der Ehefrau besagten Portails; und wie Deponent fortgefahren ihn weiter auszuforschen und ihn gefragt, ob er nicht den Abbé de Cerizy, seinen Bruder, gesehen? Worauf bemeldeter Jacobiner erwiedert Nein; – und indem der Deponent immer fortgefahren ihn zu sondiren, habe er ihm gesagt, daß er sich wohl vorsehen möge, was er sage, und daß er nicht hierher kommen möge, um den Spion zu machen, und Denen etwas Falsches anzugeben, die nach Paris schlichen, um das Thor zu nehmen; worauf besagter Jacobiner erwidert, daß er sich wohl hüte etwas Arglistiges anzustiften, und daß, sobald er nur den Willen Seiner Majestät an den ersten Herrn Präsidenten und die andern überbracht, er zurückkehren werde und sich in die Hände Seiner Majestät liefern, was auch Selbe über ihn verhänge. Nachdem so das lange Gespräch zu Ende, habe Deponent zu seinem Bruder gesagt, man müsse ja nichts von dem Zweck sagen, warum der Jacobiner gekommen, ganz das Gegentheil, damit, wenn Seine Majestät sich seiner bedienen wolle, er nach Paris zurückkönne. (Hier scheint eine Lücke im Abdruck des Protocolls.) – Daß er sich gehalten außerhalb vom Thor Saint-Jacques und Saint-Germain, als wie wenn er wolle den Weg nach Orleans einschlagen, und ließ auch wirklich von einem seiner Freunde das Gerücht ausstreuen, und sagte es auch Einigen, die ihn fragten, was es Neues gebe. Nachdem er Auftrag gegeben, daß man ihn in seiner Wohnung behüte, sei er in die Zimmer Seiner Majestät gegangen, um Selben von dem Obigen zu benachrichtigen, und da er ihn nicht getroffen, sei er inzwischen zum Abendessen bei dem Sieur de Rambouillet gegangen, und darauf wieder zurückgegangen in die Zimmer Seiner Majestät, und nachdem er einige Zeit gewartet, habe er Seine Majestät bei der Tafel gesprochen und ihn summarisch unterrichtet von Dem, was oben erzählt, und ihm gesagt, daß er bemeldeten Jacobiner bei sich eingeschlossen; und habe Seine Majestät ihm darauf befohlen, ihn heute Morgen ihm vorzuführen, und er, Deponent, nachdem er sich die Stunde sagen lassen, sei um die Zeit in die Zimmer Seiner Majestät getreten, und auf dem Wege sei ihnen Portail begegnet, zu welchem Deponent gesagt, daß bemeldeter Jacobiner seine Frau und seinen Sohn gesehen, und wie bemeldeter Jacobiner darauf diesem deutliche Kennzeichen angegeben, selbst von der Form des Hauses, und wie seine Frau gezwungen worden, 500 Thaler zu zahlen, und daß einer von seinen Meiern in die Stadt gekommen wäre um einer Pachtung willen, die er bei Paris hatte, den Namen derselben habe er aber nicht gehört, da er, Deponent, vorausging. Von da wären sie in die Zimmer des Königs gekommen, und hatten erfahren, daß er noch im Garten schliefe mit den Sieurs Duhaller, Compagnolle und Andern; darauf wären sie aber vom Sieur Duhaller gerufen worden, und nachdem sie in eine Galerie gestiegen, so in die Apartements Seiner Majestät führt, wäre er gerufen worden von besagtem Sieur Duhaller, und der habe gesagt, daß er bemeldeten Jacobiner mitbringe; und nachdem sie nun Beide in das Zimmer des Königs getreten und gefunden, daß er auf seinem Stuhle sitze, habe er oben bemeldete Papiere des besagten Jacobiners genommen und habe den Jacobiner an der Thüre warten heißen; und nachdem er, der Deponent, sich Seiner Majestät genähert, habe er ihm besagte Papiere gezeigt, und Seine Majestät habe den Brief gelesen, von dem bemeldeter Jacobiner vorgegeben, daß er vom ersten Herrn Präsidenten herrühre; und nachdem er den Jacobiner vortreten lassen, habe Seine Majestät denselben von der andern Seite, als wo er, Deponent, stand, zu sich gerufen, indem Niemand bei Seiner Majestät war, als M. Legrand, und Seine Majestät habe bemeldeten Jacobiner gefragt, was er sagen wolle, und der Jacobiner habe erwidert, daß das etwas ganz Geheimes sei, und da habe er, Deponent, zwei oder drei Mal das Wort genommen, er solle nur ganz laut sprechen, und es sei dabei gar keine Gefahr; und wie sie nun gesehen, daß Seine Majestät den Kopf ihm zugeneigt, habe besagter Sieur Legrand und er, Deponent, sich ein oder zwei Schritte zurückgezogen; – und wie nun fast zur selben Zeit bemeldeter Jacobiner Miene gemacht, sich Seiner Majestät zu nähern, und sie gleich darauf Seine Majestät schreien gehört, nämlich die Worte, daß der Unglückliche Sie verwundet gehabt; und wie sie hingesehen, wäre Seine Majestät aufgestanden, herausziehend das Messer aus Ihrem Leibe und mit besagtem Messer nach dem Leibe bemeldeten Jacobiners stoßend; – als welches er, Deponent, sehend, und das Blut, was aus dem Leibe Seiner Majestät schoß, und wie er die Eingeweide mit der Hand zurückhielt, die aus der Wunde platzten, und erstaunt und verwirrt über solch entsetzliches Unglück, und da er noch immer sah bemeldeten Jacobiner dem Könige gegenüber stehen und gefürchtet, daß er noch andere Waffen bei sich führen möchte, da habe er, Deponent, den Degen herausgerissen, den Menschen zurückgestoßen und ihm eins übers Gesicht gegeben, als auf welches Geräusch mehre Edelleute und Hofleute Seiner Majestät hereingestürzt wären, die den bemeldeten Jacobiner getödtet, während doch Deponent ihnen zugeschrien, daß sie ihn nicht tödten möchten; – allein durchdrungen von einem nur zu gerechten Zorn wisse er nicht, ob sie seine Worte gehört; – und darauf zu Seiner Majestät gerichtet, habe er sich auf seine Knie geworfen und gebeten, ihn, Deponenten, auf der Stelle sterben zu lassen als den unglückseligsten Menschen, der auf dem Erdboden lebe, indem der böse Geist Frankreichs sich seiner bedient zu einer solchen und so unglückseligen Handlung. Und dies ist es, was er ausgesagt hat. Wird ihm vorgelesen und er hat seine Angabe wiederholt, und bei selber verharrt und dies unterzeichnet. De la Guesle. Francois Duplessis.« Zweiter Zeuge » François Dumont , Bogenschütz am Thor des Königs, wohnhaft zu Paris, au logis du Temple , alt etwa 45 Jahre, nachdem er den Eid abgelegt über Das, was man ihn befragen werde, hat ausgesagt: daß er den Bruder Clement gekannt, einen Jacobiner, sintemalen er ihn gesehen Messe lesen bei den Mathurins in besagter Stadt Paris, ungefähr drei Wochen nach letztem Weihnachten, mit dem Bruder Pierre Boufrayt, die Beide von Notre-Dame kamen; und daß er den Körper desselben heut todt liegen gesehen in dem Hofe der königlichen Wohnung hier in diesem Ort Saint-Cloud; daß er erfahren, wie er getödtet worden durch einige Edelleute und andere Hofleute Seiner Majestät, weil er mit dem Messer eine Wunde gerissen (bâillé) im Körper besagter Seiner Majestät, als Selbe étant à ses affaires . Und dies ist es, was er ausgesagt hat. Ward ihm vorgelesen und hat er seine Angabe wiederholt und bei selber verharrt und dies unterzeichnet. Dumont . François Duplessis.« Dritter Zeuge. » Bernard de Monsiries , Edelmann des Königs, etwa 30 Jahre alt, nachdem er den Eid abgeleistet wie Die vor ihm, sagt und deponirt: heutiges Tages, etwa um 8 Uhr des Morgens, als er im Vorzimmer war, hat er ein groß Geräusch im Zimmer des Königs vernommen, ist er auf dies Geräusch hineingestürzt und hat er Seine Majestät gefunden, wie Derselben die Eingeweide aus dem Bauch fielen, und hat sie gehalten mit der Hand; was sehend, ist er zwischen die beiden Betten gestürzt, wo er einen Jacobiner gefunden, weiß gekleidet, von welchem ihm der Generalprocurator gesagt, daß er Seiner Majestät einen Messerstich gegeben; welchen Jacobiner er bei den Haaren und bei der Brust ergriffen hat, und hat ihn sofort in die Kammer geschleudert und zugleich gesagt, daß man ihn nicht tödte; welchem nach der Jacobiner wieder aufgestanden, und da sind andere Edelleute hineingestürzt und haben ihn umgebracht, ohne daß er sonst etwas gesagt. Und dies ist, was er ausgesagt hat u. s. w. Monsiries . Vierter Zeuge » François Daupou , ebendesgleichen Edelmann des Königs, etwa 26 Jahre alt, nachdem er den Eid geleistet wie die Andern, hat ausgesagt, daß an diesem Tage, etwa um 8 Uhr, als er im Vorzimmer des Königs war, wo er schläft, er ein groß Geräusch im Zimmer des Königs gehört, sei er darauf hineingestürzt, und habe er gefunden, in besagtem Zimmer, Seine Majestät, verwundet, wie Selbe da zu einem Jacobiner gerufen: «Ach, Elender! was hatte ich dir gethan?» Und augenblicks hat er ihn am Arm gepackt, und während er ihm den Arm hielt, sind einige Edelleute und Hausleute des Königs zugesprungen, die diesen selben Jacobiner getödtet haben, während man noch schrie, daß man ihn nicht tödten solle. Und dies ist's, was er ausgesagt hat, und hat's unterzeichnet. Daupou . Fünfter Zeuge. » Frix de Bas , desgleichen Edelmann Seiner Majestät, etwa 27 Jahre alt, nachdem er den Eid geleistet hat ausgesagt, daß er um 8 Uhr, als er im Vorzimmer gewesen mit mehren andern Edelleuten, seinen Kameraden, ein groß Geschrei gehört hat, und die Stimme des Herrn Legrand, der rief: »Ach Jesus!« auf welches Geschrei er in besagtes Zimmer gestürzt ist, wo er den König gefunden hat, der im Hemde war , verwundet im Bauch, und die Hand auf die Wunde haltend, woraus die Eingeweide vorplatzten; in welcher Kammer er gesehen hat, zwischen den beiden Betten, einen Jacobiner, den der Sieur de Monsiries am Halskragen gepackt, während der Generalprocurator zugegen war und schrie: «Ach Unglückseliger, was hast du gethan?» Und im Augenblick darauf hat nun besagter Monsiries besagten Jacobiner auf die Erde geworfen, worauf Viele zugestürzt sind, den Degen in der Hand, die ihn getödtet haben, während man noch schrie, daß man ihn nicht tödten solle. Und dies ist, was er ausgesagt hat und hat's unterzeichnet.« (Diese Zeugenaussage ist, man weiß nicht weshalb, »Dufort« unterzeichnet.) Sechster Zeuge »Der gewaltige (puissant) Seigneur, Messire Royer de Bellegarde , Seigneur benannten Ortes, Baron von Termes, erster Edelmann der Kammer und Großstallmeister von Frankreich, alt etwa 22 Jahre, hat, nach geleistetem Eide, ausgesagt, daß, sich befindend in der Kammer des Königs, qui était sur sa chaise d'affaires Die Art der Audienz, welche uns als königlicher Cynismus bedünkt, wird indeß dadurch erklärt, daß, nach andern Historikern, Heinrich III. sich schon einige Tage früher, umherziehend in den Feldlagern, einen heftigen Durchfall zugezogen. Freilich wird jetzt, auch in diesem Falle, ein König nicht leicht auf dem Nachtstuhl seine Großen und Botschafter empfangen. , Duhaller, der erste Kammerdiener Seiner Majestät, ihm gesagt, wie der Generalprocurator besagter Seiner Majestät Selbem zugeführt habe einen Jacobiner, um mit besagter Seiner Majestät zu sprechen, als welche auch befohlen habe, daß man ihn eintreten lasse; und selben Augenblicks hat er gesehen besagten Generalprocurator, mit einem kleinen Papier und einem Passe, den er in den Händen hielt, wie er besagtem Jacobiner ein Zeichen gab, daß er näher herantrete zu Seiner Majestät, welches Papier und Paß besagter Generalprocurator an besagte Seine Majestät überreicht hat, welcher es gelesen und zu bemeldetem Jacobiner geäußert hat, was er zu sagen hätte, welcher Jacobiner darauf erwidert: »Sire, Monsieur der erste Präsident befindet sich wohl und küßt Ihnen die Hände«. Und nach diesen Worten hat er zu bemeldetem Generalprocurator gesprochen, daß er gern zum Könige à part sprechen wolle, und daß Niemand dabei sei, was besagten Generalprocurator veranlaßt hat, ihm zu sagen, zu zweien Malen, daß er laut sprechen solle, und daß im ganzen Zimmer Niemand sei, zu welchem Seine Majestät nicht Vertrauen hätte; und wie nun Seine Majestät gesehen, daß bemeldeter Jacobiner doch Schwierigkeit mache, zu sprechen, hat er diese Worte zu ihm gesprochen: Approchez vous! Was auch bemeldeter Jacobiner gethan hat, und hat sich hingestellt auf den Platz, wo der Herr Deponent gestanden, welcher sich zurückzog in Seiner Majestät Nähe, allwo er augenblicks darauf die laute Stimme Seiner Majestät vernommen hat, die ausrief: »Ach, mein Gott! was besagten Sieur und Deponenten veranlaßt hat, den Kopf umzudrehen, wo er denn Seine Majestät aufrecht stehend gesehen, wie Selbe aus ihrem Leibe ein Messer zog, mit welchem Sie in voller Kraft zwei Mal bemeldeten Jacobiner ins Gesicht gestoßen, sprechend: «Ach, Schändlicher, du hast mich umgebracht!« Was sehend, daß Seine Majestät so unmenschlich getroffen worden (inhumainement frappée) , hat besagter Herr Deponent sich bewogen gefühlt, auf die Brust bemeldeten Jacobiners loszuspringen, wo dann, da er ihn mit den Armen festhielt, mehre Edelleute und andere Hausdiener des Königs zugekommen sind, die ihn niedergerissen und getödtet haben. Und dies ist, was er ausgesagt hat, und hat's unterzeichnet. Royer de Bellegarde . Siebenter Zeuge. » Savary de Saint-Pastours , Stallmeister, Seigneur von Bonrepans, Edelmann im Dienst besagter Seiner Majestät, alt etwa 26 Jahre, nachdem er den Eid geleistet wie die Vorherigen, hat ausgesagt, daß an diesem Tage, etwa um 8 Uhr, als er mit seinen Kameraden im Vorzimmer war, er die Stimme gehört besagten Herrn Legrand's, auf welche er in das Zimmer des Königs gestürzt, allwo er Seine Majestät gesehen hat, die ihren Bauch in der Hand hielt. Was sehend, er augenblicks nach dem Bett gestürzt ist, wo er einen Jacobiner getroffen, den der Sieur de Monsiries bei den Haaren gepackt hielt und auf ihn loswarf. Im Augenblick sind mehre andere Personen ins Zimmer gestürzt, die sich auf bemeldeten Jacobiner geworfen; und wie viel auch Deponent und Andere schrien, daß man ihn nicht tödte, haben sie ihn doch getödtet, weil Seine Majestät sagte, es sei der bemeldete Jacobiner, welcher ihn verwundet. Sagt ferner, daß er beim Eintreten in bemeldetes Zimmer den Herrn Generalprocurator gefragt: »Aber, mein Gott, wer hat den Elenden hergeführt?« hat er ihm darauf erwidert, daß er es sei. Auf welche Antwort er, Deponent, sagt, er habe große Lust gespürt, besagten Generalprocurator niederzustoßen, vermeinend, er sei die Ursach des Todes seines Herrn. Ist aber davon wieder abgebracht worden, weil er (La Guesle) selbst rief, daß man ihn tödten möchte. Das hat er gesagt und unterzeichnet. Bonrepans. Achter Zeuge » Antoine Portail , Wundarzt und Kammerdiener im Dienst des Königs, ungefähr 60 Jahre alt, hat, nachdem er den Eid geleistet, wie die Andern, gesagt und deponirt, daß heute, ungefähr um 7 Uhr Morgens, als er aus der Wohnung des Herrn Marschall d'Aumont kam, um in die Wohnung des Königs zu gehen, er dem Herrn Generalprocurator begegnet ist, der von einem Jacobiner begleitet gewesen, welcher Herr Generalprocurator ihn angerufen und zu ihm gesagt: »Siehe da einen Ordensbruder, der Ihnen Neuigkeiten von Ihrem Hause in Paris bringt«; was vernehmend, er sich an den besagten Jacobiner gemacht, der ihm auch gesagt: »Ich habe Ihre Frau gesehen, zwei oder drei Mal, die gewaltig betrübt ist und gequält.« Hat er ihn gefragt, bei welcher Gelegenheit er denn in seiner Wohnung gewesen? Hat er ihm geantwortet, er habe seinen Sohn in der Bastille besucht, der da Gefangener wäre, und der habe ihn gebeten, seine Mutter zu besuchen und ihr Nachricht von ihm zu bringen. Hat er den Jacobiner gefragt, wohin er denn ginge? Hat er ihm geantwortet, daß er nach Orleans ginge, daß er aber auf dem Wege gefangen genommen worden. Und das hat er gesagt, wäre seine Wissenschaft und hat's unterzeichnet. An. Portail. Neunter Zeuge » Jehan Bachet , gebürtig zu Laran, Gascogne, alt etwa 16 Jahre, gegenwärtig Laquai des Sieurs de Bonrepans, Edelmanns in Diensten des Königs, hat, nachdem er den Schwur geleistet, ausgesagt: daß heute Morgen, etwa um 7 Uhr, als er im Garten kleine Nüsse aß, ein Jacobiner sich an ihn gewandt, der ihn gefragt, wem er angehöre; hat er geantwortet, daß er einem Edelmann des Königs angehöre, der in der Wohnung des Königs schlafe; hat bemeldeter Jacobiner gefragt, ob er (Deponent) seinem Herrn beim Aufstehen aufwarte. Hat er ja geantwortet. Das ist seine Wissenschaft, und hat er erklärt, er könne nicht schreiben und nicht unterzeichnen. Francois Duplessis. Chesneau. In diesem uns erhaltenen merkwürdigen Protocoll fehlt indeß Manches, was anderweitig als geschichtlich ermittelt uns überkommen und schon angegeben ist. Die Verwundung des Königs ward anfänglich nicht für tödtlich erachtet. Er schrieb sogar noch an die Königin, welche seit seiner Verbindung mit Heinrich von Navarra in Chinon zurückgeblieben war, folgendes Billet. Die zitternden Schriftzüge verriethen indeß die Hand eines Sterbenden: »Mein Leben, Du hast erfahren, wie ich jämmerlich verwundet worden bin. Ich hoffe, daß es nichts sein wird. Bitte Gott für mich. Adieu, mein Leben!« Ueber die letzten Momente Heinrich's III. von Valois besitzt man in den Memoiren des Herzogs von Angoulême, eines Sohnes Karl's IX. und der Maria Touchet, unter dem Titel: Mémoires très-particulières sur l'histoire d'Henri III. , den sehr interessanten Bericht eines Augenzeugen. Deutlicher können wir kaum in das Leben jenes blutigen Morgens in Saint-Cloud eingeführt werden. »Als ich eintrat, sah ich gleich im Hofe das schreckliche Schauspiel dieses Dämonen, den sie zum Fenster hinausgeworfen hatten. Alle Gardes du Corps standen in Waffen die Treppen entlang und vergingen in Thränen .... »Ich trat nun in das Zimmer des Königs, und ich fand ihn auf seinem Bette und er war noch nicht verbunden, sein Hemde war ganz voll Blut. Er hatte die Verwundung ein wenig unterhalb des Nabels erhalten, auf der rechten Seite. »Als er mich nun erblickte, that er mir die Ehre an, mich bei der Hand zu fassen, und er sagte zu mir: »Mein Sohn (so nannte er mich immer, wenn er besonders zu mir sprach) laß Dich's nicht verdrießen. Diese Schändlichen haben mich tödten wollen, aber Gott hat mich geschützt vor ihrer Bosheit. Es wird nichts sein.« ».... Monsieur d'O. und einige Andere zogen mich dann zurück von Seiner Majestät .... und wie ich mich nun ein wenig erholt, .... kam ich wieder zu Seiner Majestät, und ich fand ihn jetzt unter Portail's Händen, seinem ersten Wundarzt, welcher gerade die Wunde sondirte, und wie er denn ein sehr erfahrener Mann war, und scharfen Blickes, da konnte er sich nicht enthalten, auf lateinisch zu einem seiner Collegen zu sagen, der hieß Pigré, und einem andern Arzt, der hieß Lefebre, daß er glaube, die Eingeweide wären durchstoßen. »Nachdem der erste Verband aufgelegt, beriethen sie, was man thun müsse, um Seiner Majestät Lage zu erleichtern. Ihr Beschluß fiel dahin aus, daß man Seiner Majestät ein Lavement beibringen müsse, und Portail, wie er denn auch besonders zu meinen Diensten war, sagte zu mir: »Mein Herr und Gebieter, denken Sie an sich; denn ich sehe nicht, wie der König zu retten wäre.« ».... Nichtsdestoweniger erzählten Seine Majestät, und zwar mit fester Stimme und deutlich gesprochenen Worten, an alle Prinzen und Seigneurs, die im Zimmer waren, die Art und Weise, wie der unglückselige Mensch sich ihm genähert, bis dahin, wo Boulogne, sein Almosenier, die Messe anfing, was Seine Majestät befohlen hatte, gleich nachdem er sich verwundet fühlte, da er weit mehr sorgte für das Heil seiner Seele, als für die Erhaltung seines Lebens, wie denn das auch aus den Worten hervorgeht, welche der Prinz sprach, als Boulogne beim heiligen Sacrament der Messe den Leib des Sohnes Gottes in den Händen hielt: »Mein Gott, mein Schöpfer und Erlöser, wie ich mein Leben hindurch geglaubt, daß alles Gute, was ich erlebt, nur von dir käme, daß der Besitz meiner Königreiche mir nur geworden durch den Befehl, den es deiner ewigen Macht gefallen, darin festzusetzen, so flehe ich denn auch jetzt, wo ich sehe, daß meine letzten Augenblicke gekommen, deine göttliche Barmherzigkeit an, daß es dir gefallen möge, Sorge für meine Seele zu tragen; und wie du bist der einzige Richter unserer Gedanken, der Erforscher unserer Herzen, so weißt du auch, mein Herr und mein Gott, daß nichts mir so theuer und heilig ist, als die Aufrechterhaltung der wahren katholisch-apostolisch-römischen Religion, die ich stets bekannt habe; und dies veranlaßt mich, noch einmal dieses Wort und diese Bitte an dich zu richten, damit, wenn ich den Völkern nöthig bin, die du mir anvertraut hast, du mir, indem du meine Tage verlängerst, durch die Gnade deines heiligen Geistes beistehen mögest, damit ich nie von Dem abirre, was ich soll. Wenn nicht, so verfüge darüber, wie deine göttliche Güte es am geeignetsten hält für den allgemeinen Nutzen dieses ganzen Reiches und für das besondere Heil meiner Seele, indem ich hiermit feierlich betheure, daß mein ganzer Wille sich ohne Widerstreben und Kummer den unauslöschlichen Beschlüssen deiner Ewigkeit unterwirft.« »Alle, die im Zimmer waren, hörten ohne Anstrengung dieses Gebet, weil Seine Majestät alle Worte ganz deutlich aussprach, daß man hätte glauben sollen, er habe gar keinen Schmerz. »Das war nur dazu angethan, daß alle Zuhörer aufs neue in Thränen ausbrachen, und Seine Majestät merkte es; dann sich auf mich stützend, sprach Selbe: »Ich bin traurig, daß ich meine Diener betrübt sehe.« »Nachdem die Messe abgehalten, fing der König an, die Wirkungen der Wunde zu fühlen, und da das Herz ihn schmerzte, ließ er etwas Wasser. Die Aerzte nun, nach ihrem Beschluß, gaben ihm ein Lavement; aber es wirkte nur zur Hälfte. Die andere Hälfte verbreitete sich im ganzen Bauche von wegen der Wunden im Unterleibe, und da wurden die Aerzte mit sich einig, daß er nicht davonkommen könne. »Unmittelbar darauf kam nun der König von Navarra an, an welchen der König einen Edelmann abgeschickt hatte, der Bantajour heißt, um ihn von seiner Verwundung zu unterrichten. Als er in das Zimmer trat, reichte Seine Majestät ihm die Hand: »Mein Bruder, Sie sehen, wie Ihre Feinde und die meinigen mich behandelt haben; nun müssen Sie sich wohl in Acht nehmen, daß sie es mit Ihnen nicht eben so machen.« »Das sind die getreuen Worte, so der König zum Könige von Navarra sprach, der ganz nach seiner Natur vom Mitleid erfüllt war, und so erschrocken und bewegt, daß er eine Zeit lang nicht sprechen konnte; und dann antwortete er ihm, wie er hoffe, daß seine Verwundung nicht gefährlich sei, und daß er bald wieder auf sein Pferd werde steigen können und Die züchtigen, so die Ursach seien dieses Attentates. »Ich war gerade am Fuße des Bettes vom König und dieser antwortete da so: »Mein Bruder, ich habe das richtige Gefühl. An Ihnen ist es nun, das Recht zu besitzen, an dem ich gearbeitet habe, um Ihnen zu erhalten Das, was Gott Ihnen gegeben. Und das hat mich in den Zustand versetzt, darin Sie mich finden. Ich bereue es nicht, denn die Gerechtigkeit, deren Schutzherr ich mein Leben hindurch gewesen, will, daß Sie mir nachfolgen in diesem Königreiche, in welchem Ihnen noch vieles Widerwärtige begegnen wird, wenn Sie sich nicht entschließen, die Religion zu wechseln. Ich ermahne Sie dazu, sowol um das Heil Ihrer Seele, als um des Glückes willen, das ich Ihnen wünsche.« »Der König von Navarra hörte diese Anrede, die ganz allein an ihn gerichtet war, mit sehr großer Ehrfurcht an und mit Zeichen tiefer Trauer; aber er erwiderte nur wenig Worte und sehr leise, und der Sinn war, daß er Seine Majestät überreden wollte, wie es nicht so schlimm mit ihm stände und wie er nicht an ein so schnelles Ende denken möge. »Aber der König, ganz entgegengesetzt, erhob seine Stimme in Gegenwart der vielen Seigneurs und vornehmen Herren, von denen das Zimmer ganz voll war, und sagte: »Meine Herren, treten Sie näher und hören Sie meinen letzten Willen über Das, was Sie zu beobachten haben, wenn es Gott gefallen wird, mich aus dieser Welt zu nehmen. Sie wissen, wie ich Ihnen immer gesagt, daß Das, was geschehen ist (ce qui s'est passé – die Ermordung der Guise), nicht die Rache war wegen besonderer Handlungen, die meine rebellischen Unterthanen gegen mich und den Staat vollbracht, und was gegen mein Naturell mich veranlaßt, zum Aeußersten zu schreiten, sondern die gewisse Wissenschaft, die ich hatte, daß ihre Absichten so weit gingen, meine Krone gegen alles und jedes Recht zu usurpiren und zum Nachtheil des wahren Erben. Und daß ich vorher alle sanftern Mittel versucht, um sie davon zurückzubringen, daß ihr Ehrgeiz aber so maßlos erschien, daß alles Gute; womit ich sie überschüttet, um sie zu sänftigen, nur dazu gedient, ihre Macht zu vermehren, statt daß sie ihren bösen Willen gebrochen oder gemindert. Nach einer langen Geduld und Nachsicht, die sie nur für Gleichgültigkeit und Trägheit hielten, und nicht für das wahrhafte Verlangen, sie von ihren bösen Absichten zurückzuziehen, da konnte ich nicht anders meinen gänzlichen Untergang vermeiden und die totale Umwälzung meines Staates, als nun so weit in der Gerechtigkeit vorzugehen, als ich in der Güte vorgegangen war. Ich war gezwungen, der souverainen Autorität mich zu bedienen, welche es der göttlichen Vorsehung gefallen, mir über sie zu ertheilen. Aber da ihre Wuth erst ausgelöscht ist in dem Meuchelmorde, den sie an meiner Person begangen, so bitte ich Euch wie meine Freunde, und befehle Euch wie Euer König, daß Ihr nach meinem Tode meinen Bruder hier anerkennt, daß Ihr für ihn dieselbe Treue und Liebe habet, so Ihr stets für mich gehabt, und daß Ihr ihm, zu meiner Genugthuung und zu Eurer Pflichterfüllung, den Unterthaneneid leistet in meiner Gegenwart. Und Sie, mein Bruder, daß Gott Ihnen in seiner göttlichen Macht und Weisheit beistehe. Aber desgleichen bitte ich Sie, mein Bruder, daß Sie diesen Staat regieren mögen, und alle diese Völker, die Ihrer legitimen Erbschaft und Nachfolge unterworfen sind, dergestalt, daß sie Ihnen gehorsam seien ebenso aus eigenem freien Willen, als sie es vermöge ihrer Pflicht sind.« »Nachdem diese Worte gesprochen, auf die der König von Navarra gar nichts erwiderte, als daß er Thränen vergoß und die allergrößten Zeichen von Hochachtung verrieth, zerfloß die ganze Noblesse auch in Thränen, die nur von einzelnen Worten unterbrochen wurden, aber dann seufzten sie wieder und schluchzten, und dann schworen sie dem Könige von Navarra alle und volle Treue, und versicherten dem König, daß sie pünktlich seinen Befehlen nachkommen würden. Und der König zog nun den König von Navarra zu sich, und indem er auf mich wies zu seinen Füßen, sagte er zu ihm: »Mein Bruder, ich hinterlasse Ihnen hier meine Krone und meinen Neffen. Ich bitte Sie, für ihn Sorge zu tragen und ihn zu lieben. Sie wissen auch, wie ich Monsieur Legrand schätze. Sichern Sie ihm seine Stelle. Ich bitte Sie darum, er wird Ihnen treu dienen.« »Das nahm der König von Navarra sehr freundlich und gütig auf, und versprach Seiner Majestät, seine Anordnungen zu befolgen. »Einige Augenblicke darauf nahm der König wieder das Wort und sagte zum König von Navarra: »Mein Bruder, gehen Sie schnell und besichtigen alle Posten. Ihre Gegenwart ist da nothwendig, und befehlen Sie Tremouille, auf seiner Hut zu sein, denn die Nachricht von meiner Verwundung könnte den Feinden Muth geben, daß sie etwas unternehmen wollten.« »Er befahl auch noch Sancy, daß er sich ins Quartier der Schweizer begebe, und dem Marschall d'Aumont, in das der Deutschen, um sie zu verpflichten, wenn es mit ihm schlimm ginge, fest bei der Partei zu bleiben und nun dem Schicksal des Königs, seines Nachfolgers, treu zu folgen. Alle seine Befehle hatten gar nichts, wie von einem Manne, der den Tod vor Augen sieht. Und in diesen großartigen und souverainen Worten sprach Alles von seinem Muth und seiner Würde. »Das geschah etwa um 11 Uhr Morgens, und nun wandte er sich zu der Noblesse, die im Saale versammelt war, und bat sie, ihn allein zu lassen. Und nachdem dies geschehen, blieben nur noch die Herren von Epernon, von Bellegarde, von Mirepoix und ich, der ich ihm immerfort die Füße hielt und an einer Art Zusammenziehen der Zehen fühlte, wie der ganze Körper leiden müsse. Das sagte ich dann den Aerzten und Wundärzten, welche die Hand anlegten und eben dasselbe urtheilten. »Nichtsdestoweniger ruhten Seine Majestät in Ruhe nunmehr eine Stunde aus, und nach Ihrem Wiedererwachen nahmen sie eine Bouillon zu sich. Aber gleich darauf warfen sie sie wieder aus, und seit dieser Stunde bis zu Ihrem Ende verlor sich die natürliche Wärme immer weiter, und nichts, was er zu sich nahm, blieb mehr bei ihm. »Als Sie nun auf mich gestützt schliefen, fuhren Sie um Mitternacht plötzlich auf und riefen mich, indem Sie zu mir sagten: »Schnell, mein Neffe, und hole mir Boulogne«. Monsieur Legrand fragte Majestät, ob Dieselbe sich unwohl befinde? »Ach«, erwiderte Sie, »und so, daß das Blut mich ersticken will.« Man brachte nun sofort Kerzen in das Zimmer, aber Seine Majestät sahen schon nicht mehr. Als Boulogne angekommen, erholte Sie sich zwar in etwas, aber augenblicks darauf hauchte Sie in meinen Armen Ihr Leben aus.« So starb Heinrich III. – als König, nachdem er als ein Lump gelebt. Es war am 2. August 1589, 2 Uhr Morgens; er war 38 Jahre, 10 Monate und 13 Tage alt. Die Geschichtschreiber behaupten, daß der Beschluß zur Bartholomäusnacht in diesem selben Schlosse Saint-Cloud gefaßt worden, und die Mehrzahl auch, daß es in demselben Zimmer geschehen, wo Clement Heinrich III. ermordete. Und Heinrich III. war mit im geheimen Conseil gewesen und hatte seine Stimme mit in die verhängnißvolle Wagschale fallen lassen! Der neue König befahl sofort, den Proceß gegen die Leiche Jacques Clement's anzustellen. Der Grandprévôt von Frankreich, Marquis de Richelieu, übernahm die Instruction, Jean de la Verchière vertrat den Mönch, in der Eigenschaft als Curator seines Leichnams. Auch dieses Actenstück über den seltsamen Proceß ist uns erhalten, und eben der juristischen Curiosität und der bedeutenden Persönlichkeiten wegen verlohnt es wol, es wörtlich hier aufzunehmen. Der ganze Proceß beschränkte sich nämlich auf ein Confrontationsprotocoll. »Confrontation des ersten (?) Tages des August Tausend Fünf Hundert Neun und Achtzig, im Orte Saint-Cloud, in Gegenwart des Königs. »Vor uns, François Duplessis, Seigneur de Richelieu, Ritter der Orden des Königs, Mitglied des Staatsrathes, Prévôt seines Schlosses und Grandprévôt von Frankreich »Ist vorgeladen worden Me. Jehan de la Verchière, Procurator in bemeldeter Prevotei des Schlosses, ernannter Procurator des Leichnams und todten Körpers des gewesenen Jacques Clement, Jacobiners, gebürtig aus der Stadt Sens, welchem de la Verchière wir vorgestellt haben den Messire Jacques de la Guesle, ersten Zeugen, verhört und vernommen in der von uns vorgenommenen Instruction von wegen der Verwundung und der auf die Person des Königs durch besagten Clement gemachten Angriffe, und nachdem respective dem Einen von dem Andern der Eid abgenommen worden, hat besagter de la Verchière, befragt: ob er einen Einwand zu machen habe gegen besagten Sieur de la Guesle, indem man ihn wohl bedeutet, es bald und augenblicklich auszusprechen, und ehe denn ihm die Deposition dieses gegenwärtigen Sieur de la Guesle vorgelesen werde, sintemalen kein Anderer als er selbst, de la Verchière, für bemeldeten Clement laut der ihm zugekommenen Ordonnanz werde gehört und vernommen werden? »Hat also bemeldeter de la Verchière darauf ausgesagt, daß er besagten de la Guesle, Zeugen, wohl kenne, der da Generalprocurator des Königs ist, und habe er keinen Einwand gegen ihn. Jedennoch, wenn besagter Clement noch am Leben wäre, könnte er einwenden, daß man der Deposition gegenwärtigen Sieurs de la Guesle, Generalprocurators, nicht Glauben zu schenken habe, da er Partei sei in dieser Sache. »Hat darauf besagter Sieur de la Guesle gesagt, daß, wiewol er Generalprocurator des Königs sei, das ihn nicht abgehalten, noch abhalten werde, die Wahrheit zu sagen über Das, was er gesehen und gehört. »Nachdem nun die Deposition besagten Sieurs de la Guesle besagtem gegenwärtigen Sieur de la Verchière vorgelesen worden, hat selbiger Sieur de la Guesle bei selber beharrt, und nachdem ihm der todte Körper bemeldeten Clement's gezeigt worden, hat er bemeldeten Körper wieder erkannt als denjenigen des Jacobiners, von dem er in seiner Deposition gesprochen, die er der Wahrheit gemäß abgelegt, und der den Angriff gegen Seine Majestät sich zu schulden kommen ließ, wie es in seiner Deposition enthalten ist. Und das hat er gesagt und unterzeichnet. »de la Guesle. »Haben wir ferner confrontirt besagten de la Verchière mit bemeldetem François Dumont, Bogenschützen am Thore des Königs, zweitem Zeugen, verhört und vernommen in besagter Information, und nachdem wir ihnen Beiden den Eid abgenommen, hat besagter de la Verchière, befragt, ob er einen Einwand gegen besagten Dumont zu machen, indem man ihn wohl bedeutet, es gleich und augenblicklich auszusprechen, sintemalen er nachher nicht mehr nach der ihm zugekommenen Ordonnanz darüber werde gehört werden. »Hat er gesagt, daß besagter Dumont, da er Offizier des Königs und zu dessen Hofstaat gehöre, nicht gehört werden dürfe. »Hat besagter Dumont darauf erwidert, obwohl er Offizier und zum Hofstaat des Königs gehört, daß er doch nichts sagen wolle als die Wahrheit. »Nachdem nun die Deposition besagten Dumont's vorgelesen worden in Gegenwart besagten de la Verchière's, hat besagter Dumont bei seiner Aussage verharrt, die der Wahrheit getreu sei, und sagt, daß der todte Körper, so ihm gezeigt worden, der Körper des Bruder Jacques Clement ist, eines Jacobiners, von dem er hat die Messe lesen hören in der Kirche der Mathurins in der Stadt Paris, und daß er gehört, daß er einen Messerstich in den Leib Seiner Majestät gegeben. Das hat er gesagt und unterzeichnet. »Dumont. »Haben wir desselbigengleichen confrontirt mit bemeldetem de la Verchière Bernard de Monsiries, Edelmann im Dienst des Königs, dritten Zeugen, gehört und vernommen in bemeldeter Information; und nachdem man ihnen Beiden den Eid gegenseitig abgenommen, wie es in solchem Fall erfordert wird, hat besagter de la Verchière, aufgefordert, ob er etwas einzuwenden habe gegen besagten de Monsiries, ihn bedeutend, wenn er Einwände habe, sie gleich und zur Stelle vorzubringen, sonst werde er nachher nicht mehr damit gehört werden, wie es ihm in der Ordonnanz gesagt worden, »hat er gesagt, daß besagter de Monsiries Edelmann in Diensten des Königs und in seinem Hofstaate sei, und um derowegen nicht Zeugniß ablegen könne für Seine Majestät. »Von besagtem de Monsiries ist darauf erwidert worden, daß, obgleich er Edelmann des Königs und dessen Kostgänger, das ihn nicht abhalten solle, die reine Wahrheit zu sagen. »Nachdem nun die Deposition besagten Monsiries' vorgelesen worden, in Gegenwart besagten de la Verchière's, hat besagter Monsiries auf seiner Aussage beharrt, daß sie der Wahrheit getreu sei, und hat den todten Körper, der ihm gezeigt worden, anerkannt als den des Jacobiners, von dem er in seiner Aussage gesprochen. Und das hat er gesagt. (Die Unterschrift fehlt hier in der Urkunde.) »Haben wir gleicherweise auch confrontirt mit bemeldetem de la Verchière François d'Aupou, gleichfalls Edelmann in Diensten des Königs, vierten Zeugen, gehört und vernommen in besagter Information, und nachdem man ihnen Beiden, wie es erforderlich, den Eid abgenommen, hat bemeldeter de la Verchière, befragt, ob er Einwände zu machen habe wider besagten d'Aupou, ihn wohl bedeutend, sie gleich vorzubringen und gegenwärtig, sintemalen er nachträglich damit nicht werde gehört werden, wie es ihm angezeigt, »hat er gesagt, daß er keinen andern Einwand zu machen habe, als daß bemeldeter d'Aupou Edelmann in Diensten des Königs sei; und deshalb könne er nicht Zeugniß ablegen für Seine Majestät. »Hat besagter d'Aupou darauf gesagt, obwol er Edelmann sei in Diensten des Königs, das solle ihn doch nicht abhalten, die Wahrheit zu sagen. »Nachdem nun die Deposition besagten d'Aupou's gegenwärtigem besagten de la Verchière vorgelesen worden, hat besagter d'Aupou bei selbiger verharrt; und nachdem ihm der todte Körper gezeigt worden, hat selber ihn erkannt für den Körper des Jacobiners, von dem er in seiner Deposition gesprochen, die der Wahrheit getreu ist. Das hat er gesagt und unterzeichnet. (Dennoch fehlt im Original die Unterschrift.) »Desselbigengleichen haben wir besagtem de la Verchière confrontirt Frix de Bas, auch Edelmann in Diensten des Königs, fünften Zeugen, gehört und vernommen in bemeldeter Information, und nachdem Beide den Eid abgeleistet, hat bemeldeter de la Verchière, als Curator, befragt, ob er einige Einwände zu machen habe gegen besagten de Bas, ihn bedeutend, sie gleich und auf der Stelle vorzubringen, er sonst nicht damit gehört werden würde, wie es ihm vorbedeutet worden, »hat er gesagt, daß besagter de Bas, da er Edelmann im Dienst des Königs sei und an dessen Tisch esse, kein Zeugniß ablegen könne in der Sache Seiner Majestät. »Von bemeldetem de Bas ist darauf entgegnet, wiewol er in Diensten des Königs sei und an Königs Tisch esse, habe er doch um deswillen nichts gesagt und niedergelegt als die Wahrheit. »Nachdem die Deposition bemeldetem de Bas vorgelesen worden, in Gegenwart besagten de la Verchière's, hat selber de Bas erklärt, daß er bei seiner Aussage verharre; und nachdem man ihm den todten Körper gezeigt, hat er ihn erkannt als den Körper des Jacobiners, von dem er in seiner Aussage gesprochen, die der Wahrheit getreu ist. Das hat er gesagt und unterzeichnet. (Auch hier fehlt in der Urkunde die Unterschrift.) »Haben wir auch confrontirt bemeldetem de la Verchière den wohlmögenden Seigneur Messire Roger de Bellegarde, Seigneur an gedachtem Ort und Baron de Termes, ersten Kammerherrn des Königs, sechsten Zeugen, gehört und vernommen in besagter Information, und nachdem ihnen Beiden der Eid abgenommen, wie es erforderlich, hat besagter de la Verchière, befragt, ob er einige Einwendungen gegen besagten Sieur de Bellegarde zu machen, ihn wohl bedeutend, sie gleich und auf der Stelle vorzubringen, nach dem Befehl, der ihm zugestellt worden, »hat er gesagt, wie er schon oben gesagt hat (!), daß besagter Sieur de Bellegarde Tischgenosse sei im Hause des Königs, und könne daher kein Zeugniß ablegen für Seine Majestät. »Von besagtem Sieur de Bellegarde ist darauf gesagt worden, wiewol er erster Kammerherr und Tischgenosse besagter Seiner Majestät gewesen, daß er darum doch nichts sagen wolle noch gesagt und niedergelegt habe, als die Wahrheit. »Nachdem Verlesung gemacht worden von der Deposition besagten Sieurs de Bellegarde, in Gegenwart besagten de la Verchière's, hat besagter Herr de Bellegarde bestanden auf seiner vorbemeldeten Deposition und hat den ihm vorgezeigten Körper wiedererkannt als den Körper des Jacobiners, welcher mit dem Könige gesprochen und Seine Majestät verwundet hat, wie er in seiner vorbemeldeten Deposition ausgesagt hat, die er der Wahrheit getreu erklärt. Und hat er dies gesagt und unterzeichnet.« (Auch hier wie bei den folgenden Confrontationsprotocollen fehlt die Unterschrift. Auch die Zeugen scheinen der Formalien müde geworden zu sein.) »Haben wir weiters confrontirt mit besagtem de la Verchière Savary de Saint-Pastours, Seigneur de Bonrepans, Edelmann im Dienst Seiner Majestät, siebenten Zeugen, gehört und vernommen in bemeldeter Information, und nachdem ihnen gegenseitig der erforderliche Eid abgenommen, hat der besagte de la Verchière, darüber befragt, ob er Einwendungen gegen besagten de Bonrepans zu machen, und bedeutet, das sogleich und auf der Stelle anzugeben, widrigenfalls man nachher nichts mehr entgegennehmen werde, wie ihm zuvor angekündigt worden; »hat er gesagt, daß er gegen ihn keinen andern Einwand zu machen habe, als daß besagter Saint-Pastour ein Tischgenosse des Königs sei, und könne er ihn aus diesem Grunde nicht als Zeugen in einer Sache für Seine Majestät den König gelten lassen. (Hier fehlt die Gegenprotestation.) »Nachdem die Deposition besagten Saint-Pastour's verlesen, in Gegenwart besagten de la Verchière's, hat besagter Saint-Pastour auf seiner Deposition bestanden, und wiedererkannt den ihm gezeigten todten Körper als den Körper des Jacobiners, den er im Zimmer des Königs gesehen, sowie er in seiner besagten Deposition es niedergelegt, die er der Wahrheit getreu erklärt. Und hat er dies gesagt und unterzeichnet. (Unterschrift fehlt.) »Haben wir gleicherweis confrontirt besagtem de la Verchière Antoine Portail, Wundarzt und Kammerdiener des Königs, achten Zeugen, gehört und vernommen in besagter Information, und nachdem ihnen Beiden der Eid abgenommen, wie es in solchen Fällen erforderlich, hat besagter de la Verchière, befragt, ob er gegen besagten Portail Einwendungen zu machen, und bedeutet, sie bald und auf der Stelle zu machen, widrigenfalls man sie, wie es ihm nach Vorschrift zu verstehen gegeben, nicht mehr annehmen werde; »hat er als Einwand aufgeführt, daß besagter Portail als angenommener Diener und Hausgenosse des Königs kein Zeugniß ablegen könne für Seine Majestät. »Nachdem die Deposition besagten Portail's verlesen worden, in Gegenwart besagten de la Verchière's, hat besagter Portail bei derselben beharrt und gesagt, daß sie die Wahrheit enthalte, und erkennt den ihm vorgezeigten Körper als den des Jacobiners, mit dem er gesprochen, wie er in seiner bemeldeten Deposition ausgesagt. Und hat er dies gesagt und unterzeichnet. (Ohne Unterschrift.) »Haben wir auch noch selbigem de la Verchière confrontirt Jean Bachet, neunten Zeugen, gehört und vernommen in besagter Information, und nachdem sie Beide ihren Eid abgeleistet, hat besagter de la Verchière, befragt, ob er Einwendungen zu machen habe gegen besagten Jean Bachet, und bedeutet, sie gleich und auf der Stelle zu machen, widrigenfalls er damit nicht weiter gehört werden würde, nach der ihm gewordenen Instruction; »hat er gesagt, daß besagter Bachet, da er ein Diener sei eines der Edelleute in Dienst und Hausgenosse des Königs, selber nicht Zeugniß ablegen könne für Seine Majestät, und daß kein Glaube seiner Deposition zu geben sei von wegen seines geringen Alters. »Nachdem besagten Bachet's Deposition verlesen worden, in Gegenwart besagten de la Verchière's, ist besagter Bachet bei seiner Angabe verharrt, und nachdem man ihm den todten Körper gezeigt, hat er diesen todten Körper für den des Jacobiners erkannt, von dem er in besagter Deposition gesprochen, als der mit ihm im Garten geredet, wie er oben in seiner Deposition ausgesagt, die er für wahr erklärt. Und das hat er gesagt, und besagter de la Verchière hat's unterzeichnet; besagter Bachet aber hat erklärt, daß er nicht schreiben und auch nicht seinen Namen zeichnen könne. François Duplessis. « Für einen Geist, wie Richelieu's, eine eigene Arbeit, ein solches Protocoll zu schreiben oder auch nur zu dictiren (es findet sich der Name keines Protocollführers darunter); man bemerkt indeß die Mühe, selbst in diese Chablone des alten Kanzlei- und Gerichtsstils einzelne Variationen anzubringen. Am selben Tage ward der Staatsrath zusammenberufen. Beide Verbalprocesse des Grandprévôt wurden verlesen. Hierauf ergriff König Heinrich IV. das schon fertig gehaltene Arrêt und verlas es mit lauter Stimme. Es lautete so: »Der König in seinem Rathe, nachdem er den Bericht vernommen, abgestattet durch den Sieur de Richelieu, Kanzler seiner Orden, Mitglied des Staatsrathes, Prévôt seines Hauses und Grandprévôt von Frankreich, in Bezug auf den Proceß, geführt wider den Leichnam des gewesenen Jacques Clement, Jacobiners, von wegen des Meuchelmordes, begangen an der Person des seligen Heinrich von Valois, guten Angedenkens, Königs von Frankreich und Polen; »Hat Seine Majestät auf den Rath seines besagten Staatsrathes befohlen und befiehlt, daß besagter Körper des gewesenen besagten Clement von vier Pferden zerrissen werde; dies geschehen, daß besagter Körper verbrannt und in Asche gelegt werde, und die Asche in den Fluß gestreut, auf daß alles Gedächtniß daran in der Zukunft verloren sei. »So geschehen zu Saint-Cloud, in Gegenwart besagter Seiner Majestät, am zweiten Tage des August Tausend Fünf Hundert Achtzig und Neun. Heinrich. « Tiefer darunter: »Rupé.« Nach Voltaire hat am selben Tage Heinrich IV. noch über einen andern Jacobiner Recht gesprochen. Jean Leroi, des gedachten Ordens, hatte den Commandeur de Coutenon in der Normandie meuchlings umgebracht. Der neue Konig verurtheilte ihn, in einem Sack ersäuft zu werden. Zwei Tage darauf ward er in der Nähe von Saint-Cloud in die Seine geworfen. Aber während man in Saint-Cloud die Leiche des Meuchelmörders zerriß und verbrannte, feierten alle katholischen Länder (mit Ausnahme von Venedig, bemerkt ein französischer Berichterstatter) die Mordthat des Mönches! In Rom löste man die Kanonen, man verkündete das Lob des heiligen Ordensbruders, und Sixtus V. sprach in vollem Consistorium diese schrecklichen Worte aus: »Dieser Tod, der so viel Erstaunen und so viel Bewunderung erregt, wird kaum von der Nachwelt geglaubt werden. Ein gewaltiger König an der Spitze einer Armee, welcher das große Paris so weit gedrängt, daß es um Erbarmen fleht, ist getödtet durch einen einzigen Messerstich von einem armen Mönche. Gewiß ist dieses große Beispiel gegeben, damit Jeder die Kraft der Gerichte Gottes erkenne. Jacques Clement's Handlung ist vergleichbar, als zum Heil der Welt, der Fleischwerdung und Auferstehung unsers Herrn und um ihres Heldenmuths willen den Thaten Eleazer's und der Judith.« Das Parlament von Toulouse verordnete, daß jedesmal am wiederkehrenden Jahrestage der Ermordung des Königs eine feierliche Procession stattfinden solle. In Paris selbst aber brach eine unmäßige Freude aus. Die Herzogin von Montpensier fiel dem Boten, der ihr die erste Nachricht vom Verbrechen überbrachte, um den Hals und rief: »O mein Freund, sei willkommen. Aber ist's auch gewiß wahr, daß dieser abscheuliche, treulose Tyrann todt ist? Gott, wie du mich froh machst! Ich bin verdrießlich nur um Etwas: daß er es nicht gewußt vor seinem Tode, daß ich es bin, die ihn sterben ließ.« Die Herzogin von Montpensier, die Herzogin von Nemours (die von der Treppe ihres Hotels herab das Volk haranguirte) und fast alle adeligen Damen in der Stadt warfen sich in ihre reichsten Kleider und liefen so durch die Straßen und die neuen Boulevards, überall rufend: »Frohe Neuigkeit, meine Freunde! Gute Neuigkeit! Der Tyrann ist todt! Es gibt keinen Heinrich von Valois mehr!« Sie hingen sich selbst grüne Schärpen um und theilten sie aus. Grün galt damals als die Trauerfarbe der Narren. Ueberall wurden Tische gedeckt, daß die Armen und Hungrigen sich daran setzen konnten. Ohne Unterschied von Stand, Alter und Geschlecht umarmte man sich, wünschte man sich Glück. Man trank auf das allgemeine Glück. Die Luft dröhnte bis in die Nacht hinein vom allgemeinen Frohsinn; man sang die anstößigsten Gassenlieder. Die Fenster erleuchteten sich, Freudenfeuer flammten auf den Plätzen. Ja, die obrigkeitlichen Personen, Räthe, Edelleute, Offiziere gaben sich her, die Wühler zu spielen, denn das Volk, betäubt oder verwirrt vom Wirrwar des Tages, hatte die kluge Rolle ergriffen, sich zurückzuziehen. Vor allem waren die Mönche, die Priester und Prälaten in Extase. Clement ward in den Himmel erhoben. Sie ließen sein Bildniß in verschiedenen Formaten stechen und stellten es auf die Altäre, mit der Palme der Märtyrer geschmückt, darunter die Worte: »Heiliger Jacques Clement, bitte für uns!« Unter andern seiner Bilder stand der Quatrain eingegraben: Un jeune Jacobin nommé Jacques Clément, Dans le bourg de Saint-Cloud und lettre présente A Henri de Valois, et vertueusement Un couteau fort pointu dans l'estomac lui plante. Ja, die Geistlichkeit ging noch weiter. Clement sollte durchaus ein Heiliger werden. Man wollte ihm eine Statue in Notre-Dame errichten! Seine Mutter ward aus ihrer Hütte herbeigeholt, nach Paris gebracht, einquartiert bei der Herzogin von Montpensier, geliebkost, geehrt, und die Prediger forderten das Volk auf: hinzugehen und zu verehren diese glückliche Mutter eines heiligen Märtyrers! Die Wühler und Wortführer unter den Sechszehnern begrüßten die alte Frau in feierlichen Deputationen und redeten sie an, wie sie die Mutter der Guise angeredet, mit den Worten der Schrift: »Glückselig der Leib, der dich getragen hat, und gesegnet die Brüste, die dich gesäugt«. Als diese unglückliche Mutter, mit Geschenken überhäuft, von Paris abreiste, gaben ihr 140 Geistliche bis eine Meile von der Stadt das Geleit. Als Heinrich IV. später Saint-Cloud verließ, zu seinen militairischen Manoeuvres, die ihn nach der Normandie riefen, stürzten die Fanatiker aus Paris dahin, um von der Erde das heilige Blut des heiligen Märtyrers einzusammeln. Aber als die mit den Reliquien Beladenen nach Paris auf einem Kahne zurückkehren wollten, schlug ein Windstoß diesen um, und sie und die Reliquien ertranken. Am 3. Aug. hatte der neue König an die verwitwete Königin Louise geschrieben, daß er sie rächen wolle. Am 8. Nov., als er in Etampes war, überreichte ihm die Königin selbst ihre Klage, in welcher sie die Majestät bat, durch den Generalprocurator die nöthigen Verfolgungen einzuleiten, sie selbst wolle ihr Alles daran setzen, damit die Mitgenossen des Verbrechers bestraft würden. Heinrich IV. versammelte seinen Rath, und die Eingabe der Königin ward an das Parlament, das in Tours saß, gesandt, mit dem Befehl, demgemäß einzuschreiten. Fünf Jahre lang konnte nichts in diesem Proceß geschehen, so lange beschäftigte die gewaffnete Ligue den König. Aber am 30. Jan. 1594 erschien Louise von Lothringen noch einmal vor Heinrich, der zu Mantes Hof hielt, und erneuerte ihre Klage mit aller Feierlichkeit. Der König empfing sie in der Hofkirche der Stadt. Sie und ihr zahlreiches Gefolge waren in tiefer Trauer. Der König saß auf seinem Throne, unter einem drap-d'ornen Thronhimmel. Die Königin ließ ihre Klage durch ihren Kanzler erheben. Heinrich versprach ihr, Alles zu thun, was in seinen Kräften, um auszusühnen einen so schrecklichen und ewig jammernswerthen Meuchelmord. Die Königin fiel in Ohnmacht. Man zweifelte selbst, daß sie den Tag überleben würde. Aber Clement's Mitschuldige wurden von der Justiz nicht erreicht. Nur einer war es schon und hatte schon gebüßt; doch, wie es scheint, ohne besonders juridische Formen. Der Pater Bourgoing , der, 1591, bei Vertheidigung der Barrikaden in der Faubourg Saint-Jacques mit den Waffen in der Hand von der königlichen Armee ergriffen ward, war von Heinrich IV. verdammt worden, von vier Pferden zerrissen und dann verbrannt zu werden. Das Urtheil war executirt worden. Die übrigen Complicen gehen über oder verschwinden in der geschichtlichen Entwicklung. Die historischen Begebenheiten, welche diesen Criminalfall einleiten und begleiten, sind nach den letzten Darstellungen der französischen Historiker hier wiedergegeben, ohne in ihren Details auf actenmäßige Beglaubigung Anspruch zu machen. Wo findet sich diese überhaupt in der Geschichte und insbesondere in den Zügen, welche ihr Charakter, Leben und Wärme geben! Nicht in Jacques Clement's That, noch in der Richtung seines Leichnams, deren actenmäßige Beglaubigung über allen Zweifel constirt, ist der Silberblick dieses Criminalfalls aus den höchsten Lebensregionen, er scheint und flimmert aus dem Sumpf des Wahnes, in dem eine solche That entspringen, in dem sie in solcher Weise, wie es in den Straßen und Kirchen von Paris geschah, sich wiederspiegeln kann. Wenn wir vor solchem Wahnsinn aus der Vergangenheit schaudern, wird uns der Trost, daß auch der Wahnsinn, der in der Gegenwart uns oft den Muth raubt, nur ein Sumpffieber ist, das ein frischer Morgenwind wieder forttreibt. Wer in Paris, Frankreich, wer in der ganzen Welt belobt, rechtfertigt, vertheidigt nur den Fanatismus der Pariser von 1589! Damiens 1757 Am 5. Jan. 1757 sahen die Schildwachen im Hofe des Schlosses von Versailles einen Fremden umherstreifen. Das war nichts Besonderes; denn zur Zeit, daß der König ausfahren wollte, pflegten sich viele Neugierige in den Höfen und an den Thorwegen einzufinden, um die Person des Monarchen zu sehen. Unter dem Thorweg, welcher in die Zimmer der Mesdames, Schwestern des Königs, führt, begegnete Nachmittags gegen 4 Uhr jener Fremde, wie der Thürhüter später aussagte, einem Andern von etwa 5 Fuß Höhe und schmächtigem Wuchs, welcher Andere an ihn heranging und ihn fragte: »Nun, wie steht's?« Der Erstere erwiderte: »Nun, wie soll es stehen. Ich warte.« Zwischen 5 und 6 Uhr, es war schon ganz dunkel, kam der König Ludwig XV. aus den Zimmern seiner Schwestern, die er von Trianon aus, am Nachmittage, besucht, um nach diesem ländlichen Lustschloß zurückzukehren. Der ganze Hof und der Dauphin folgten ihm. Jener erste Fremde, wir nennen ihn sofort bei seinem Namen, Damiens, hatte sich in eine kleine Vertiefung am Fuße der Treppe und in der Nähe des Thorweges gestellt. Unter diesem wenig erhellten Thorwege befand sich eine große Zahl Höflinge und Neugieriger. Es war sehr kalt und sie mußten sich in ihre Mäntel hüllen. Im Augenblicke, wo der König in den Wagen steigen wollte, sich auf den Grafen von Brienne, seinen Oberstallmeister, und den Marquis de Beringhen, seinen ersten Stallmeister, stützend, drängte sich Damiens, der gleichfalls einen Mantel trug, durch die Höflinge. Er stieß im Vorbeigehen den Dauphin und den Herzog von Ayen, den dienstthuenden Capitain der Gardes du Corps, und nachdem es ihm gelungen, durch die Gardes du Corps und die hundert Schweizer zu dringen, welche aufgereiht standen, stieß er mit einem Messer den König in die rechte Seite, unter die fünfte Rippe. Der König rief: »Man hat mir einen furchtbaren Stoß versetzt!« Dann mit der Hand unter die Weste fahrend, zog er sie ganz blutig zurück und schrie: »Ich bin verwundet!« Im selben Augenblick wandte er sich um, gewahrte Damiens, der den Hut auf dem Kopfe trug und sagte: »Der Mensch da hat mich gestoßen. Man arretire ihn, aber thue ihm nichts Böses an.« Damiens hatte nach der That sein Messer in die Tasche gesteckt und sich in den Haufen zurückgezogen. Vielleicht, wenn er die Vorsicht gehabt, seinen Hut, wie Alle umher, abzuziehen, wäre er davongekommen. Der König ward sofort in sein Zimmer zurückgeführt und man brachte ihn auf sein Bett. Er war durchschüttert von einer entsetzlichen Angst, die noch vermehrt ward durch die seiner Umgebung, welche die Vermuthung aussprach, die Waffe könne ja vergiftet gewesen sein. Die Königin, die königliche Familie umgaben das Bette des hohen Verwundeten. Als Ludwig die Pompadour nicht sah, stieg seine Angst. Er besorgte, daß man die Maitresse entfernt, weil sein Zustand überaus gefährlich sei. Er sah seine letzte Stunde nahen und forderte nach dem Beichtvater. Sein Beichtvater, seine Almoseniere waren nicht am Ort. Seltsamerweise war überhaupt kein Beichtvater im Schlosse von Versailles aufzutreiben, der schicklicherweise einem Könige von Frankreich die Beichte hätte abnehmen können. Da greift man endlich den ersten besten Kaplan auf. Der schlichte arme Geistliche, der von seinem gelegentlichen Messelesen kümmerlich sich ernährt, ist außer sich vor Schreck; er sträubt sich, das wage, könne er nicht, er sei zu unwissend, am wenigsten verstehe er, wie er einen König absolviren solle. Es hilft nichts, man packt ihn und schleppt ihn zum Monarchen, und der unglückselige Mensch muß mit Gewalt zu seinen Füßen einen König als Büßer sehen! Ungewißheit, Verwirrung, Schrecken herrschten die ganze Nacht durch. Nicht allein an Seelsorgern, sondern auch an Wundärzten scheint es im Königsschloß von Versailles gefehlt zu haben, und Ludwig XV. mußte sich in seiner Todesangst bis zum nächsten Morgen wälzen, wo ein endlich herbeigeschaffter geschickter Chirurg den ersten Verband abnahm und statt der Todeswunde eine kleine Ritzung fand, auf die ein kalter Wasserumschlag das beste Mittel gewesen wäre. Jeder Andere als ein König, der sein Leben für sein Land einzubüßen fürchtete, würde davon ungenirt seinen gewöhnlichen Beschäftigungen nachgegangen sein. Zuerst ergriffen von einem der Diener des Königs, ward Damiens in die Hände der Gardes du Corps überliefert. Diese führten ihn in ihren Saal. Man zog ihn nackend aus und fand das Messer. Es hatte zwei Klingen, die eine ziemlich breit, lang und scharf, wie bei einem gewöhnlichen Taschenmesser, die andere war ein Federmesser, vier bis fünf Zoll lang. Dieser letztern hatte er sich bedient. Er mußte Zeit gefunden haben, diese Klinge zu reinigen, denn sie war nicht mit Blut befleckt. In seinen Taschen fand man 36 Louisd'or, einiges Silbergeld und ein Buch, betitelt: »Instructions et Prières chrétiennes«. Er sagte, er habe es von seinem Bruder in Saint-Omer erhalten. Sobald er sich in den Händen der Gardes du Corps sah und man verschiedene Fragen an ihn richtete, rief er mehre Male aus: »Man bewache nur den Dauphin gut! – Daß der Herr Dauphin heut nur ja nicht ausgehe!« Man drängte ihn, seine Mitschuldigen zu nennen. Er erwiderte: »Sie sind weit von hier. Man würde sie nicht mehr finden. Wenn ich sie nennen wollte, so wäre Alles zu Ende.« Man hoffte durch den Schmerz ihn auf der Stelle zu mehren Geständnissen zu bringen. Wo das Gesetz noch die große Tortur zuließ, glaubten die Gardes du Corps sich zu einer kleinern auf eigene Hand in ihrem Wachtlocal berechtigt. Man brachte ihn ans Kaminfeuer und kniff ihn mit den glühend gemachten Feuerzangen an den Füßen. Der Grandprévôt des Hauses, der hinzukam, entriß ihn dieser grausamen Marter und ließ ihn ins Gefängniß bringen, wo er ordnungsmäßig vernommen und die Instruction gegen ihn eingeleitet ward. Nach mehren Verhören übergab er nach dem am 9. Jan. abgehaltenen dem Grandprévôt folgenden Brief an den König: »Sire! »Ich bin sehr betrübt, daß ich das Unglück gehabt, mich Ihnen zu nähern; aber wenn Sie nicht die Partei Ihres Volkes nehmen, dann, ehe einige Jahre vergehen, werden Sie und der Herr Dauphin, und einige Andere noch, umkommen. Es wäre betrübt, wenn ein so guter Prinz wegen der großen Güte, die er den Geistlichen erzeigt, denen er sein ganzes Vertrauen schenkt, seines Lebens nicht sicher wäre. Und wenn Sie nicht die Güte haben, hier eben Auskunft zu treffen, und zwar binnen kurzem, dann werden sehr große Unglücksfälle eintreten: Ihr Reich ist nicht mehr in Sicherheit. Das ist ein Unglück für Sie, daß Ihre Unterthanen Ihnen Ihre Entlassung gegeben haben, indem die Angelegenheit nicht von Ihrer Seite ausging. Und wenn Sie nicht die Güte haben, für Ihr Volk, daß man ihm die Sacramente im Todesfalle verabreicht, was Sie verweigert haben seit Ihrem lit de justice, worauf der Châtelet die Möbel des Priesters verkaufen lassen, der sich gerettet hat, dann, wiederhole ich Ihnen, ist Ihr Leben nicht mehr in Sicherheit, auf die sehr richtige Warnung, die ich mir die Freiheit nehme, Ihnen zustellen zu lassen durch den Beamten, welcher gegenwärtiges Schreiben Ihnen überbringt und in den ich mein ganzes Vertrauen gesetzt. Der Erzbischof von Paris ist die Ursach aller Verwirrung von wegen der Sacramente, die er verweigern lassen. Nach dem grausamen Verbrechen, welches ich gegen Ihre geheiligte Person begangen habe, läßt mich das aufrichtige Bekenntniß, welches ich mir die Freiheit nehme, Ihnen zu machen, auf Euer Majestät Güte und Gnade hoffen. Damiens. »Ich vergaß, die Ehre zu haben, Euer Majestät vorzustellen, wie, trotz der von Ihnen gegebenen Befehle, als Sie sagten, daß man mir nichts Böses anthun möchte, dies Monseigneur den Herrn Siegelbewahrer nicht abgehalten hat, zwei Feuerzangen im Saale der Garde du Corps glühend zu machen und, indem er mich selbst hielt, zweien Garde du Corps zu befehlen, daß sie mir die Beine verbrennten. Und das ward in der Art ausgeführt, daß er ihnen Belohnung versprach, indem er den beiden Garden sagte, sie sollten zwei Reisigbündel holen und sie ins Feuer werfen, um mich dann hineinzuwerfen, und daß ohne Herrn Leclerc, der ihr Vorhaben verhindert hat, ich nicht die Ehre gehabt haben würde, Sie von dem Obigen zu unterrichten. Damiens.« Aus diesem Briefe blickt doch schon hindurch, wes Geistes Kind der unglückselige Mensch war, dem man die Ehre und die Grausamkeit erwies, einen solchen Hochverrathsproceß gegen ihn anzustellen. Seine Lebensgeschichte war inzwischen ermittelt worden, oder wurde es noch in Folge des Processes. Sie ist uninteressant genug, darf indeß wenigstens in ihren Hauptzügen zur Beurtheilung der Straffälligkeit des Angeklagten nicht übergangen werden. Robert François Damiens war am 9. Jan. 1715 in einem kleinen Dorfe bei Arras geboren. Sein Vater, dem es in einer Pacht schlecht gegangen, lebte als Tagelöhner. Von zehn Kindern waren ihm nur vier am Leben geblieben. Auch Robert François mußte schon von früh an bei Andern sein Brot zu verdienen suchen. Man hat uns aus den Acten seine Geschichte bei seinen sämmtlichen Brotherren und deren Namen überliefert, wir glauben aber genug zu thun, wenn wir nur einige derselben nennen. Schon als sechszehnjähriger Bursche hatte er auf dem Lande wegen seiner unverbesserlichen Aufführung einen so schlimmen Ruf, daß er nur Robert der Teufel genannt wurde. Mit dem Schreiben und Lesen ging es schlecht. Er sollte das Schlosserhandwerk lernen, aber ihm misfiel es, und ein gutmüthiger großmütterlicher Oheim mußte ihn vom Meister loskaufen. Robert vergalt es ihm schlecht, er kümmerte sich nicht um ihn. Zu Arras in der Abtei Saint-West versuchte er die Küche zu erlernen. Um 1733 war er Domestik eines Schweizeroffiziers, dann beim Grafen Raymond, den er nach Baiern begleitete. Bei der Rückkehr wollte er ihm nicht auf seine Güter folgen und trat als Refectoriumsdiener beim Collège Louis le Grand in Paris ein. Weil er sich einer Züchtigung nicht unterwerfen wollte, mußte er nach funfzehn Monaten von hier fort. Während eines Jahres verschiedene Dienste. Endlich nahm man ihn im Collège wieder auf und er bediente zwei junge Pensionaire desselben. Während der neuen funfzehn Monate, daß er es wieder hier aushielt, zeigte er sich schweigsam, verdrossen, von sich eingenommen und wenig zum Gehorsam geneigt. Um 1739 heirathete er ein Dienstmädchen der Gräfin von Croussol, Elisabeth Molerienne. Aus dieser Ehe war noch ein Mädchen am Leben, die, bei ihrer Mutter lebend, durch Coloriren sich ernährte. In Folge seiner Verheirathung hatte er abermals aus dem Collège scheiden müssen; er unterhielt seine Frau, so gut es ging; später trat sie als Köchin in Dienste. Er wechselte fort und fort seine Herren. Zuweilen kündigte er, weil er es nicht aushalten konnte, öfter ward er fortgejagt. Von Madame de Verneuil-Saintreuse war er fortgeschickt. Befragt, weshalb? gab er zur Antwort: Sie beschäftigte sich mit dem Horoskopstellen. Und nachdem sie mehrmals in meine Hand geblickt, sagte sie mir voraus, ich würde lebendig gerädert werden. Das wiederholte sie mehrmals, und ebenso ihre Kammerfrau, die ihm ebenfalls, nachdem sie seine Hand besehen, dieses Schicksal voraussagte. Man glaubte, er könne sich wol im Hause Gewaltthaten erlaubt haben, in Folge deren man ihm diese sehr natürliche Drohung gestellt. Er bestritt es. Die Dame Saintreuse hatte eines Tages einen Korb mit Spänen über das Treppengeländer geschüttet oder fallen lassen und er mußte die Späne aufsammeln. Sie sagte zu ihm: das wäre ein Zeichen dafür, daß er einst lebendig verbrannt werden würde. Am 4. Juli 1756 war Damiens bei einem russischen Kaufmann, Johann Michel aus Petersburg, in Paris in Dienste getreten. Am 6. des Monats hatte der Russe, als er ausging, seinem neuen Diener befohlen, das Haus zu hüten, bis er wiederkehre. Er war aber bei seiner Rückkunft nicht zu finden. Der Kaufmann schöpfte Verdacht und fand sein Portefeuille erbrochen und mehre Goldrollen zum Betrage von 240 Louisd'or verschwunden. Damiens hatte sie gestohlen; dieses Factum ist erwiesen. Gleichfalls ist sein ganzer Lebenslauf, fast jeder Schritt und Tritt, den er gethan, gerichtlich ermittelt; aber es ist nur eine Reihe gleichgültiger Handlungen, die keine Spur liefern zu den Anfängen des Verbrechens und die aufzuzählen ermüdet. Er war noch in der Nacht des Diebstahls mit der Post nach Arras gefahren und hatte sich dann abwechselnd bei seinen Verwandten auf dem Lande aufgehalten, auch in Saint-Omer, dem Jesuitenlager, ohne daß man nähere Beziehungen seiner Person zu denselben darthun könnte. Er hatte einzelnen dieser Verwandten Geld geliehen, anderen geschenkt, um sich in ihren Geschäften besser zu etabliren. Sein Bruder Joseph Anton, bei dem Robert sich gerade aufhielt, empfing am 14. Juli einen Brief von seinem dritten Bruder, Louis, der in Paris war, worin dieser ihn von dem Diebstahl unterrichtete, den Robert begangen. Als er Robert diese Nachricht mittheilte, gerieth derselbe in eine unaussprechliche Wuth, daß man ihn kaum beruhigen konnte, und verfiel dann in eine Krankheit. In einem Anfall von Verzweiflung verschluckte er eine Masse Brechpulver, in der Absicht, sich damit das Leben zu nehmen. Die Wirkung war aber eine ganz entgegengesetzte: er genas. Jetzt ermahnte ihn sein Bruder Joseph Anton, der ein rechtschaffener Mann war, er solle in sich gehen, was an ihm wäre, das gestohlene Geld zurückerstatten und sich Trost und Hülfe bei seinem, des Bruders, Beichtvater, dem Pater Fènes in Saint-Omer, durch offenes Bekenntniß verschaffen. Robert lachte den Bruder wegen seines Bigotismus aus. Damiens trieb sich von nun ab unstät an der Grenze der Niederlande um. Es waren Steckbriefe gegen ihn ergangen. Sein Bruder kam mehrmals, um ihn zu warnen, und suchte umsonst für ihn ein Asyl in geistlichen Brüderschaften zu erwirken. Damiens lebte in den Schenken unter dem Namen Pierre Guillement. Bei einem Schenkwirth in Zutnoland bewohnte er eine Dachkammer. Er nahm hier einen Aderlaß. Als die Wirthin zufällig hinaufkam, fand sie ihn in Blut schwimmend, doch nicht ohnmächtig. Er sagte, die Bandage sei ihm aufgegangen. Er ließ sich verbinden und verbrachte die nächsten Tage theils im Bett liegend, theils Karten spielend mit einem Husaren. Vom 9. Aug. ab lag er vierzehn Tage in Poperingue in einer kleinen Taverne in derselben Kammer mit einem Strumpfwirker Nicolas Playoust, welcher, später als Zeuge vernommen, über ihr Zusammenleben Folgendes aussagte: »Der Franzos, der sich immer Monsieur von mir nennen ließ, theilte mit mir mein Bette. So lange ich mit ihm lebte, hatte er immer etwas Unsicheres und Gestörtes, so daß ich wirklich glaubte, er sei etwas gestört. Er sprach, bei Tag und bei Nacht, immer für sich, und erwähnte, daß eine Demoiselle Henriette, die er nicht näher bezeichnete, ihm prophezeiet, er werde mal einen bösen Streich ausführen.« Der Zeuge erinnerte sich, daß er eines Tages sogar vor sich hingesprochen: »Wenn ich nach Frankreich zurückkehre, ja, und ich werde zurückkehren, und wenn ich sterbe, wird der Größte auf der Erde auch sterben, und Ihr werdet davon hören.« – Auch erinnerte er sich eines Briefes, den sein Kamerad entweder selbst geschrieben oder ihm dictirt hatte, dessen erste Zeilen ungefähr so lauteten: »Mademoiselle Henriette hat mir's immer vorausgesagt, daß mir ein Unglück passiren würde.« Dem Zeugen ward es auf die Länge unheimlich mit einem solchen Bettgenossen, und er besorgte, daß derselbe in einem Anfall von Wuth etwas Schreckliches thun könne. Ohne ein Wort zu sagen, war Damiens eines Tages verschwunden. Einen Monat etwa darauf kam ein Mann zu Pferde, der sich Lejeune nannte und für einen Vetter des Davongegangenen ausgab. Er brachte zwei Briefe desselben, einen an die Wirthin, den andern an den Zeugen, beide unterzeichnet Damiens, und bat darin, ihm seine zurückgelassenen Effecten zu senden. Der Reiter sagte noch mündlich, daß sein Vetter das Unglück gehabt, bei einem Streite in den Straßen von Paris einen Domestiken mit dem Messer zu erstechen. Anfangs September war er wieder in der Nähe von Saint-Omer bei seiner Familie. Hier verlangte er von seinem Bruder und seiner Schwester das ihnen dargeliehene Geld zurück; sie hatten aber das Empfangene, auf den Rath ihres Beichtvaters, bereits wieder an den russischen Kaufmann zurückgeschickt. Damiens blieb nun bei einem andern Vetter, einem Pachter, zu Fiès, wo er bis Ende October verweilte, immer träumerisch, traurig, unruhig, mit sich selbst sprechend. Am 3. Nov. schlief er wieder bei einem andern Vetter seines Namens zu Austreville, wo er aber dessen Frau dermaßen erschreckte, daß sie am andern Morgen einen Aderlaß nehmen mußte. Am 19. Nov. findet die Untersuchung ihn zu Villers-Châtel bei einem dritten Vetter, Beaucourt, desgleichen Pachter, wo er zwei Nächte blieb und wacker gegen die Geistlichen schimpfte. Darauf treibt er sich fort und fort bei Verwandten und in Kneipen um, vollzieht mehre gerichtliche Acte, in denen er bekennt, Geldsummen von Jenen empfangen zu haben; immer aber ist er, auch beim Spielen und Trinken, schweigsam, verschlossen. Am 20. Nov. nahm er abermals einen Aderlaß, befahl aber dem Wundarzt, ja eine recht große Wunde zu machen. Mehre Tage nahm er Opium. Am folgenden Tage erscheint er wieder bei einem neuen Verwandten, in der Nähe von Arras, in der Maske eines Verzweifelten; er rief hier aus: das Königreich, seine Frau und seine Tochter wären verloren! Unter den Zeugen, die über Allgemeines aus jenen Tagen über ihn vernommen wurden, sagte einer: »Damiens ist ein Mensch, 5 Fuß 5 Zoll wenigstens groß, mit eingesunkenen Augen, länglichem Gesicht und einer Adlernase. Die Haare sind braun und dicht, seine Hautfarbe blaß, sein Teint aber lebhaft. Wenn er spricht, stockt er, sein Geist ist unruhig, melancholisch, unzufrieden, frondirend; ja, er scheint gar nicht in Ordnung, denn er spricht sehr oft mit sich selbst .... Schon im vorigen Juli schien er sehr eingenommen gegen die Geistlichen in der Zeitfrage und ganz sich auf Seiten des Parlaments zu neigen .... Er führte Gespräche wie ein Verzweifelter und äußerte: er wolle von sich reden machen.« Zum Commissar Brauvart hatte er einst, als sie ruhig nebeneinander gingen, gesagt: »Alles ist verloren, das Königreich ist umgestürzt. Was mich anlangt, ich bin für immer verloren. Eine schlimme Aufgabe liegt mir ob, und man wird von mir sprechen.« Worauf Brauvart erwiderte: »Sei ruhig, mein Kind, Du bist närrisch. Ich mag nicht mehr mit Dir reden. Aber Gott will ich bitten, daß er Dir bessere Gedanken schenkt. Brauvalt sah ihn seitdem nicht wieder. Am 28. Nov. fuhr Damiens in einer Landkutsche unter dem Namen Bravel nach Paris. Seine Mitreisenden waren Pater Duparcq, ein Jacobiner Laborne, ein Sergeant im Regiment Poitou und ein junger Geistlicher Chouet. Als er des Morgens zwischen 2 und 3 Uhr an den Barrièren angekommen, nahm er einen Fiacker und brachte den jungen Geistlichen in die Pension, an die er adressirt war. Dann begab er sich in eine Kneipe, wohin er seinen Bruder Louis bestellt hatte, der in Paris als Bedienter conditionirte. Louis Damiens war höchlich verwundert, seinen Bruder Robert hier anzutreffen, da dieser es natürlich vermieden, ihn unter seinem wahren Namen zu sich zu bestellen. Robert gab seinem Bruder als Grund an, weshalb er nach Paris gekommen, wie er zu Arras gehört, daß die Herren vom Parlament ihre Entlassung eingegeben; und deshalb sei er wieder hier. Der Bruder wollte ihm keine Herberge nennen zur Unterkunft. Da rief er im Zorn: wenn er Das geahnt, würde er in einem pot de chambre direct nach Versailles gefahren sein. – Louis fragte ihn: was er da wolle; Robert erwiderte nur: er habe nun einmal Lust, dahin zu gehen. Beim Abschiede fiel er, wie gerührt, dem Bruder noch einmal um den Hals und sagte: es wäre vielleicht das letzte Mal, daß er ihn sähe; worauf Louis erwiderte: das wünsche er, auch, daß er fortan keine Nachrichten von ihm mehr erhalte. Damiens suchte hierauf seine Frau auf, die im Hause Ripandelly diente, schlief bei ihr und sah sie und seine Tochter, so lange er in Paris verweilte, täglich. Montag am 3. Jan., Abends 8 Uhr, machte er sich, von Frau und Tochter begleitet, auf den Weg nach der Rue Saint-Martin, wo er sich von ihnen trennte. Nach seinen Geständnissen auf dem Folterbett hätte er in einer Kneipe in der Universitätsstraße zu Abend gegessen, wäre dort eingeschlafen und Abends zwischen 10 und 11 Uhr erwacht, worauf er sich nach dem Landkutscherbureau, was nahe ist, begeben, um einen Platz nach Versailles zu nehmen. Der Kutscher, der ihn gefahren, sagt, er habe sich um 11½ Uhr ungefähr eine Chaise genommen und sei etwa um 3 Uhr Morgens, Dienstag den 4., in Versailles angekommen. Dort blieb er im Bureau der Landkutscher bis um 7 Uhr. Nachdem er mit dem Kutscher einen Ratafia getrunken und ihn sehr liberal bezahlt, schlief er ruhig zwei Stunden. Als er erwachte, bat er den Burschen im Bureau, ihn in ein Wirthshaus zu führen, und nahm sein Quartier bei einem gewissen Fortier. Da er keine Sachen bei sich führte, forderte die Wirthin ein Draufgeld, was er sofort zahlte. Er ließ sich wieder zu trinken und ein Bett geben, in dem er bis 2 Uhr Nachmittag schlief. Dann kleidete er sich an, ging aus und kehrte erst gegen 11 Uhr Abends nach Hause. Er gab vor, daß er in der Zwischenzeit im Park und in den Höfen spazieren gegangen und in einer Schänke getrunken habe. Aller Nachforschungen ungeachtet hat man aber über diesen Punkt nichts Gewisses in Erfahrung bringen können. Bei seiner Rückkehr beklagte er sich nur, daß man in Versailles seine Geschäfte nicht zu Ende bringen könne, indem der König bis künftigen Sonnabend zu Trianon verweilen wolle. Er forderte ein Huhn. Man brachte ihm Hammelbraten; er aß nur ein Stück davon und ging dann wieder zu Bett. Mittwoch am 5., dem Tage der That, trat die Frau Fortier, seine Wirthin, etwa gegen 11 Uhr zufällig in seine Stube. Er bat sie, einen Chirurg kommen zu lassen, um ihm zur Ader zu lassen. Die Fortier glaubte, er fasele; es war bitter kalt. Sie antwortete ihm, wie man auf solche Bitte antwortet, die man für Albernheit hält. In allen Verhören behauptete Damiens: hätte man ihm damals zur Ader gelassen, so würde er das Verbrechen nicht begangen haben. Um 2 Uhr kleidete er sich an. Seit 4 Uhr sah man ihn in den Höfen des Schlosses umherstreifen; was nun folgt, ist aus dem Obigen bekannt. Der Prévôt des Hauses befahl die Arretirung von nicht weniger als folgenden Personen: einen Julien Guermays, mit dem Damiens in Arras gelebt und der sich zufällig in Paris befand; Damiens' Frau und Tochter; seinen Bruder Louis und dessen Frau; eine Demoiselle Maré, Kammermädchen der Dame Ripandelly, welche Damiens in Abwesenheit seiner Frau aufgenommen. Auch gegen Damiens' Vater, seinen Bruder Joseph Antoine, die Frau desselben und die Witwe Colet, seine Schwester, wurden Verhaftsbefehle nach Arras und Umgegend gesandt. Warum nicht gegen alle seine Vettern und Verwandten und deren Frauen, Kinder, Dienstleute? Bei wie vielen hatte er nicht die Nächte verbracht, welche dem Königsmorde vorangingen? Am 15. Jan. verordnete der König durch einen offenen Brief, daß die Instruction des Processes von der grande chambre des Parlamentes zu Paris geführt werde; alle bisherigen Acte des Prévôt seines Hauses zu Versailles wurden als zu Recht beständig erkannt. Zur Instructionscommission wurden ernannt de Maupeou, erster Präsident, Molé, zweiter Präsident, und die Räthe Severt und Denis-Louis Pasquier, Namen, welche, trotz der Verdammung aller Aristokratie und Erblichkeit, in der französischen Justiz immer wiederzukehren bestimmt scheinen. Ein ganzes Garderegiment mußte den Königsmörder (am 18. Jan.) von Versailles nach Paris escortiren; so war man besorgt, daß seine That kein vereinzeltes Wagestück eines Desparado, vielmehr der Act einer großen Verschwörung sein könne. Die Vorsicht, mit welcher man diesen Menschen zu behüten suchte, damit nicht allein jeder Befreiungsversuch, sondern auch jeder Selbstmordsversuch verhütet werde, übersteigt alles bis da Vorgekommene. Von außen umgab man die Conciergerie, wo Zugänge zu derselben waren, mit zwei Reihen Palissaden. Hundert Mann Garde hielten Tag und Nacht innerhalb derselben Wacht, ihre Posten vertheilend. Sie wurden alle vierundzwanzig Stunden abgelöst. Auf jedem Treppenabsatz stand eine Schildwacht und die Patrouillen durchtrabten wie ein perpetuum mobile die Höfe, Gänge und Treppen der Conciergerie – um einen verkommenen Bedienten. Im ersten Stockwerk des Thurmes von Montgommery war die Kammer, in die man Damiens gesetzt. Sie war nur 12 Fuß im Durchmesser, 12 Fuß hoch und nur durch zwei Mauerlöcher, 3 Fuß hoch und 9 Zoll breit, erhellt. Ein doppeltes Gitter verschloß sie; statt des Glases hatten sie geöltes Papier. Im Rundzimmer war kein Kamin, sie ward indeß genügend erwärmt durch den eisernen Ofen, der in dem Wachtzimmer darunter fortwährend glühte, sowie durch die große Zahl Lichter, welche Tag und Nacht in dem Gefängniß selbst brannten. Anfänglich hatte man Talglichter gebrannt; da diese aber, nach der Ansicht der Aerzte, Damiens' Gesundheit schaden könnten, wurden sie mit Wachskerzen vertauscht. Die Beschreibung des Bettes, auf welchem Damiens lag – es war nicht sein schlimmstes Marterbette –, nimmt in allen Berichten über die Procedur mehre Seiten ein. Das Kopfkissen lag vis à vis der Thür; 3 Fuß von der Mauer entfernt. Das Bette selbst war auf einer Estrade angebracht, die sich 6 Zoll über den Fliesen des Bodens erhob. Alles Holzwerk daran war mit Matratzen tapezirt, namentlich die 3 Fuß hohe Kopflehne, welche zu seiner Bequemlichkeit mittels einer gekerbten Eisenstange derart eingerichtet war, daß er den Kopf höher oder niedriger legen konnte. In diesem Bette lag nun Damiens befestigt in einem netzförmigen Geschlinge von starken Riemen von ungarischem Leder, deren jeder 2½ Zoll breit war. Zwei dieser Riemen, mit eisernen Ringen an den Boden befestigt, hielten die Schultern fest, zwei andere die Arme, correspondirend mit einem, der seinen Bauch umschlang, und auslaufend in zwei Handschlingen, dergestalt ihm freie Bewegung lassend, daß er mit der Hand den Mund erreichen konnte. Auch diese mit Eisenringen am Boden befestigt. Desgleichen schnallten ihm zwei solche Riemen die Schenkel fest, dergestalt, daß von jeder Seite des Bettes drei Riemen den Körper an den Fußboden ketteten. Vom Gurt, der seinen Leib umschloß, ging aber noch ein perpendiculairer zu seinen Füßen herab und war hier wieder durch einen Eisenring am Boden befestigt. Gleichermaßen ging von den Riemen, die seine Schultern fesselten, ein Gurt über die Kopflehne und war draußen an dem Boden mit einem Ringe befestigt. Sorgsamerweise hatte man aber alle diese Ringe und Riemen, wo an Armen und Händen eine Reibung und damit Entzündung hätte entstehen können, mit Rehleder ausgestopft, damit das Opfer kühl und gesund für die Qualen aufbewahrt werde, die man ihm in gesetzlichem Wege und mit aller Kunst präparirte. Außerdem hatte man aus der Garde zwölf der unterrichtetsten und gewitzigtsten Sergeanten gewählt, die Tag und Nacht bei ihm Wache halten mußten; immer je vier, die alle vier Stunden abgelöst wurden, unter Anführung eines Offiziers, der es jede Stunde ward. Die übrigen acht verweilten während dessen in einem obern Gemache, jeden Augenblick bereit, auf das geringste Geräusch hinunterzustürzen. Diese zwölf Sergeanten verließen erst den Thurm mit Damiens selbst. Sie allein waren es, die ihn sehen und sprechen durften. Doch war ihnen aufgetragen, ihn lieber sprechen zu lassen, als sich mit ihm zu unterhalten. Die Brandwunden, welche man ihm durch die ungesetzliche Tortur in Versailles beigebracht, waren beträchtlicher, als es anfangs schien. Mehr als zwei Monate ward er schon durch ihre Nachfolgen gezwungen, still auf dem Bette zu liegen, das er dann nur um der nöthigsten Bedürfnisse willen verließ. Außer den zwölf Sergeanten hatte man ihm zur Pflege noch vier wohlunterrichtete Soldaten bestellt, die ihn keinen Augenblick außer Acht ließen und während der ganzen Zeit mit Niemand sonst, als den zwölf in Berührung kamen. Auch zum Essen war ein eigener Beamter ihm bestellt, der, nach Vorschrift der Aerzte, die Speise zurichtete und sie ihm eingab. Vor jedem Speiseneinnehmen mußte sie aber ein Chirurg kosten, der zu diesem besondern Zwecke im Gefängniß schlief. Denn außerdem besuchten ihn täglich dreimal die zu seiner Gesundheitspflege vom Parlament Bestellten: der Arzt Boyer und der Wundarzt Foubert. Der letztere verband seine Wunden. Beide mußten alle Morgen dem ersten Präsidenten Bericht abstatten über seinen Gesundheitszustand. In diesem engen Käfig selbst, vielleicht in Gegenwart der vier bewachenden Sergeanten, wurden von den vier Commissaren fünf Verhöre mit Damiens abgehalten, vom 22. Jan. bis 17. März, deren einige bis sechs Stunden dauerten. Am 22. Jan. hatte man eine große Entdeckung zu machen geglaubt. Im Hause der Dame Ripandelly war beim Abkehren in der Küche ein Sack mit Metall vom Rauchfange gefallen, der bei näherer Untersuchung 1206 Livres in Louisd'oren enthielt. Man glaubte dabei zugleich mysteriöse Papiere zu finden, aber es stellte sich bald heraus, daß es nichts sei, als der Rest des dem Russen gestohlenen Geldes, welches Damiens, von seiner Frau in jenem Hause aufgenommen, unbewußt derselben, an jenem Orte verborgen hatte. Die Geschichte des Processes vor dem großen Parlamentshofe, dem auch die Prinzen beiwohnten, ist bis in seine Minutien uns aufbewahrt, jedoch ohne anderes Interesse, als was man schon aus dem Obigen weiß, daß man mit einer krankhaften Begierde aus der Maus einen Elephanten zu machen suchte. Auch die Angeberlust gesellte sich dazu. Ein verkümmerter Abbé, der längst durch Enthüllungen furchtbar drohender Verschwörungen sich wichtig zu machen gesucht, versuchte seine chimärischen Denunciationen auch auf Damiens' That zu beziehen und setzte mehre vornehme Personen dadurch in Bewegung, indeß war man so vernünftig, nicht darauf zu achten. Auch andere Verbrecher, Diebe, die in Untersuchungsarrest saßen, schnappten nach Rettung oder einem bessern Loose, indem sie von Verschwörungen sprachen und denuncirten, in die man sie einweihen wollen; die Spur verlor sich aber oder zeigte sich bald als eine rein fingirte. Ebensowenig fühlten die Confrontationen mit allen Zeugen zu anderm Resultate als dem oben angegebenen. Der Generalprocurator schloß seinen Klageact mit dem Antrage, daß Damiens mit derselben Strafe belegt werde, welche den Königsmörder Ravaillac getroffen, und daß er zuvor, gleich diesem, zur Nennung seiner Mitschuldigen auf die Folter gebracht werde. Bevor man das Urtheil gegen Damiens aussprach, fand eine sehr gelehrte Sitzung und Berathung darüber statt, nicht ob man die Folter überhaupt, sondern welche Folter man in Anwendung zu bringen habe. Man übergab dem Generalprocurator alle Berichte und Schriften über diesen Gegenstand und zog auch die unterrichtetsten Aerzte zu Rath. Ihr Gutachten ging nun dahin, daß unter allen Torturarten, deren der menschliche Geist in den vergangenen Jahrhunderten eine so reiche und mannichfaltige Auswahl ins Leben gerufen, eine unbedingt den Vorzug verdiene, sowol weil sie das Leben des Gefolterten am wenigsten gefährde, zufälligen Einwirkungen am mindesten ausgesetzt und zugleich die allerschmerzlichste sei. Dies wäre aber zugleich diejenige, deren sich das hohe Parlament schon immer und für gewöhnlich bedient habe. Sie führt den französischen Namen: Question des brodequins , deutsch: Spanische Stiefeln. Die Spanischen Stiefeln wurden aber in doppelter Art angewandt. An einigen Orten fertigte man von Pergament eine Art Stiefeln oder Schuhe, die man anfeuchtete und dann dem Beine des Inquisiten anlegte. Alsdann ward das Bein ans Feuer gebracht, und das an der Wärme trocknende Pergament schrumpfte allmälig dermaßen zusammen, daß der Schmerz nicht zu ertragen war. Dies war die sanftere Art und minder im Gebrauch. Andern Ortes, und in der Regel, nahm man vier Eichenbretter, die mit starken Stricken umwickelt wurden. Zwei dieser Bretter wurden an die innere Seite der Beine des Verbrechers gelegt, die andern beiden an die äußere. Diese Bretter mit den Beinen dazwischen schnürte man fest zusammen, dergestalt, daß die innern Bretter sich berührten, doch nicht so hermetisch geschlossen, daß man nicht von oben die Spitze eines Keils hätte dazwischen klemmen können. Auf diesen Keil ward gehämmert bis entweder die Beine in eine unerträgliche Presse kamen, oder die Bretter zersprangen und mit ihnen die Knochen des Beins. Der Schmerz soll dem, welchen die zusammentrocknende Haut verursachte, nichts nachgegeben haben. Bei der Zuerkennung auf Tortur ward auch zugleich auf die Zahl der Keile, welche in die Spanischen Stiefeln zu treiben wären, erkannt. Eine gewöhnliche Folter bestand aus vier, eine außerordentliche aus acht Keilen. Die ehrenwerthen Aerzte und Wundärzte hatten noch ihre eigenen Bemerkungen und Beobachtungen hinzugefügt: in welcher Art man die Schmerzen des Gefolterten verlängern und doch zugleich noch empfindlicher herstellen könne, ohne Gefahr zu laufen, daß der Gefolterte unterliege, oder auch nur auf dem Folterbett die Besinnung verliere. Man nahm diesen loyalen Eifer der Wissenschaft um das Königthum mit Dank an. Desgleichen ging man, des außerordentlichen Falles wegen, von der Regel ab, die einem Verbrecher seiner Art einen Beichtvater erst dann gewährt, wenn er zum Tode abgeführt werden soll. Nein, man schickte ihm sofort einen solchen in der Person des Dr. Gueret von der Sorbonne, Pfarrer in Paris, der ihn vor der gerichtlichen Folter moralisch foltern sollte, seine Complicen zu nennen. Die Religion ist in allen Zeiten vom Absolutismus für gut erachtet worden, ihm Polizeidienste zu leisten. Sonnabend am 26. März erschien Damiens zum ersten und auch zum letzten Male vor dem Gericht des Parlamentshauses. Auf seinem Armensünderstuhl saß er ziemlich unbefangen der hochansehnlichen Versammlung gegenüber; er erkannte mehre seiner Richter, es sollen sogar leichte Scherze über seine Lippen gekommen sein. Von 8 Uhr Morgens bis gegen Abend dauerte die Sitzung. Noch einmal ward er über alle Hauptpunkte vernommen. Um 7 Uhr Abends ward folgendes Urtheil vom pariser Parlamente publicirt: »Der Hof, die Prinzen und die gegenwärtigen Pairs .... zu Recht erkennend über die Anklage wider besagten Robert François Damiens, erklären besagten Robert François Damiens von Rechts wegen bezüchtigt und überführt des Verbrechens der beleidigten Majestät, so der göttlichen als menschlichen, begangen am Oberhaupt, von wegen des sehr niederträchtigen, sehr verabscheuungswürdigen und sehr verwerflichen Meuchelmordes, begangen an der Person des Königs; weß zur Sühne sie ihn verdammen, eine Ehrenbuße zu thun vor dem Hauptthor der Hauptkirche zu Paris, wohin er zu bringen und zu führen in einem Armensünderkarren, nackt, im Hemde, eine brennende Kerze, zwei Pfund im Gewicht, in Händen; und dort, auf seinen Knien, soll er sagen und erklären, daß er schändlicher- und verrätherischerweise begangen hat besagten sehr niederträchtigen, sehr verabscheuungswürdigen und sehr verwerflichen Meuchelmord, und verwundet den König mit einem Messerstich in die rechte Seite, worüber er Reue empfindet und um Gnade bittet Gott, den König und die Justiz; – daß er von da geführt werde auf den Grèveplatz, und auf ein Schaffot, welches daselbst aufzurichten, und daselbst mit Zangen gekniffen an den Brustwarzen, Armen, Schenkeln und Waden; – daß darauf seine rechte Hand, in der er das Messer halten muß, mit welchem er besagten Vatermord begangen, verbrannt werde in Schwefelfeuer, und auf die Stellen, wo er gezwickt worden, geschmolzenes Blei geträufelt werde, auch kochendes Oel und brennendes Pech, desgleichen Wachs und Schwefel zusammengerührt; – welchem nach sein Körper soll zerrissen und getheilt werden durch vier Pferde, seine Glieder und sein Leib aber vom Feuer verzehrt, zu Asche verbrannt und in die Winde verstreut. – Erklären demnächst alle seine Güter, fahrende Habe und Immobilien, an welchem Orte sie auch seien, dem Könige verfallen. – Verordnen auch, vor besagter Execution, daß besagter Damiens auf die ordentliche und außerordentliche Folter gebracht werde, um seine Complicen zu nennen. – Verordnen auch, daß das Haus, in dem er geboren, der Erde gleichgemacht werde, nachdem Der, dem es gehört, vorher entschädigt worden, dergestalt, daß auf dem Grund und Boden, wo es gestanden, nie wieder ein Haus gebaut werden darf .... Gegeben im Parlament, in der versammelten Grande chambre , am 26. März 1757. Richard.« Das Urtheil ist uns bekannt; es ist fast Wort für Wort abgeschrieben dem Parlamentsurtheil gegen Ravaillac. Was man 1610 hinnahm ohne Schaudern, weil es das Product einer noch barbarischen Sitte war, wie nahm man es 1757 hin? In hundertsiebenundvierzig Jahren war die Sitte eine andere geworden! Und Ravaillac hatte seine That vollbracht, Damiens nur ein Attentat! Den Lump Damiens dem Fanatiker Ravaillac an die Seite zu stellen, war den Richtern schon eine schwere Aufgabe; in ihrem Loyalitätseifer hatten sie vergessen, daß man damit das Maß des vierten Heinrich auch an den fünfzehnten Ludwig legen könne. Schwerer konnten sie nicht sich gegen ihren König versündigen. Montag am 28. März ward Damiens, Morgens 6 Uhr, in die Folterkammer gebracht. Seine militairische Wache übergab ihn fortan dem Lieutenant des Chatelet. Der Greffier Lebreton las ihm hier sein Urtheil noch einmal vor. Er hörte es aufmerksam und unerschrocken an und sagte nur: »Das wird heute ein heißer Tag werden.« Von diesem Lebreton hat man eine Broschüre, welche aufs umständlichste alle Begebenheiten dieses Processes mit sammt allen Momenten der Tortur berichtet. Einige wörtliche Auszüge aus dem Protocoll über letztern, die wir hier folgen lassen, mögen die Leserinnen überschlagen; für viele Leser wird es von Interesse sein, ein letztes Actenstück aus den Zeiten der Barbarei genauer ins Auge zu fassen. »Im Jahre 1757, Montag den 28. März, 6 Uhr Morgens, sind wir Alexander André Lebreton, Advocat des Gerichtshofes u. s. w., begleitet von u. s. w., in die Folterkammer gestiegen, allwo seiend wir aus den Gefängnissen der Conciergerie des Palastes entnehmen und vor uns führen lassen François Robert Damiens, Angeschuldigten, und haben selbigem, auf den Knien liegend, vorlesen lassen das am 26. gegenwärtigen Monats gegen ihn ergangene Erkenntniß, lautend .... Und ist augenblicks darauf der Verurtheilte ergriffen und vom Executor gebunden worden. Als worauf wir, unterzeichneter Greffier, gegangen sind, um Rechenschaft abzustatten den committirten Herren Präsidenten und Räthen des Hofes, auf welche Nachricht wir, René Charles de Maupeou und Mathieu François Molé, Ritter, Mitglieder des Staatsrathes, erster und zweiter Präsident des Parlamentshofes, Aimé Jean Jacques Savert und Denis Louis Pasquier, Rapporteure, Jean Baptiste Cerentin Lambelin und Pierre Barthelemi Rolland, Räthe des Königs in seinem Parlamentshofe, der Grande chambre , ernannte Commissare in dieser Sache, hinaufgestiegen sind in die Folterkammer, begleitet von bemeldetem Lebreton, allwo seiend wir vor uns kommen ließen besagten Robert François Damiens, Verurtheilten, welcher, auf den Knien liegend, geschworen, daß er die Wahrheit sagen will, die Hand auf dem Evangelium und gesetzt auf den Schemel .... »Aufgefordert, zu erklären, in welchem Momente er das Vorhaben gefaßt, vatermörderische Hand anzulegen an den König, hat er gesagt, es sei die böse Aufführung des Herrn Erzbischofs der Anlaß, und daß er schon vor drei Jahren den Gedanken gefaßt. »Befragt, ob der Entschluß ihm von Jemand anderm eingegeben worden, hat er gesagt, ihm sei es eingegeben von aller Welt, die er darüber sprechen gehört .... »Befragt, ob er nicht zu Playoust gesagt, am Orte Poperingue, daß er sich in dem Lande nicht accommodiren könne, daß er nach Frankreich zurückmüsse, und ob er nicht auch gesagt: »Ja, ich werde dahin zurückkehren, ich werde daselbst sterben und der Größte wird auch sterben«, hat er erwidert, daß er diese Worte gesprochen. »Befragt, was er sich dabei gedacht, hat er erwidert, daß das Bezug gehabt auf sein Vorhaben, und daß ihm dasselbe nicht mehr aus dem Kopfe fortgewollt. »Befragt, was ihn denn von Arras nach Paris zurückgeführt, da er doch gewußt, daß er bei der Justiz angegeben worden, von wegen seines Diebstahls, verübt am Sieur Michel, und ob es nicht gewesen, um sein Verbrechen zu begehen, hat er geantwortet, er sei gekommen, um sein Verbrechen auszuführen, da er es schon lange im Sinne gehabt. »Befragt, ob kein weltlicher oder kein Ordensgeistlicher ihm den Gedanken eingegeben, hat er gesagt, daß ihm Niemand den Gedanken eingegeben, daß er aber viele der geistlichen Herren übel habe reden hören. »Befragt, worin denn das Böse bestanden, was diese Geistlichen gesprochen, hat er geantwortet, er habe von ihnen gehört, daß der König große Gefahr laufe, wenn er nicht der bösen Aufführung des Herrn Erzbischofs Einhalt thue. »Hat man ihm vorgestellt, daß man solche gefährliche Reden (!) nicht vor Leuten führe, die man nicht kenne, daß er also Verbindungen mit ihnen gehabt haben müsse, und er solle sie nur nennen, hat er geantwortet, daß er keine andern Verbindungen mit ihnen gehabt, außer daß er sie alle Tage im Palais gesehen, und übrigens wisse er nicht ihre Namen .... »Befragt, was er denn unter den in seinem Briefe an den König gebrauchten Worten verstehe: ›Das ist ein Unglück für Sie, daß Ihre Unterthanen Ihnen ihre Entlassung gegeben haben, indem die Angelegenheit nicht von ihrer Seite ausging‹, hat er geantwortet, daß die Angelegenheit nicht vom Parlamente kommen konnte, sondern von Seiten des Erzbischofs, der angefangen habe, indem er die Sacramente verweigert und Billets in die Sakristeien geschickt .... »Hat man ihm vorgestellt, wie das, was von Seiten des Herrn Erzbischofs geschehen, niemals einen Menschen seines Schlages bestimmen können, sein Verbrechen zu begehen; hat er darauf gesagt, daß er nichts Anderes zu sagen wisse, außer daß, wenn er die Sacramente nicht verweigert hätte, das auch nicht geschehen wäre .... »Befragt, ob ihm selbst etwa das Sacrament verweigert worden wäre, oder einem seiner Verwandten und Freunde, hat er Nein geantwortet, er habe sich gar nicht darum gestellt .... »Und wurde nun der Verurtheilte auf dem Schemel festgebunden.« Dieses Verhör hatte schon eine und eine halbe Stunde gedauert. Damiens' Festigkeit war keinen Augenblick gewichen. Jetzt klemmte man seine Beine in die Stiefelbretter und schnürte die Stricke so fest zu, wie es bisher nie geschehen war . Diese Pressung war vielleicht schon der schmerzhafteste Augenblick der Tortur. Damiens stieß entsetzliche Schmerzenslaute aus. Er schien in Ohnmacht zu fallen; aber Arzt und Wundarzt erklärten, es sei keine wirkliche Ohnmacht. Damiens forderte zu trinken. Man gab ihm Wasser. Er wünschte es mit Wein vermischt: »Ich brauche hier Kraft.« – Wir fahren im Protocoll fort: »Und nachdem er den Eid geleistet und befragt worden, wer ihm sein Verbrechen eingegeben, hat er gesagt, daß es der Erzbischof sei, durch alle seine schlimmen Praktiken, und hat gerufen: ›Herr, ich flehe um deine Gnade!‹ »Befragt, wer seine Complicen seien, hat er gesagt, er sei es allein .... »Hat man ihm vorgestellt, wie dies nur der Anfang seiner Schmerzen wäre, daß er sie lindern könne, wenn er seine Complicen nenne, und hat er aufgeschrien: ›Dieser Schuft von Erzbischof!‹ Diese Vortortur hatte etwa eine halbe Stunde gedauert, bis man zur Einhämmerung des ersten Keiles schritt. Auch diese Verzögerung war nicht ohne wissenschaftliche Berechnung. Das Fleisch der Beine sollte inzwischen durch die Pressung schwellen und sich inflammiren, damit es desto empfindlicher werde für den nachfolgenden Schmerz!! Als der erste Keil nun wirklich hineinschmetterte, stieß der Gefolterte zwar einen entsetzlichen Schmerzenslaut aus, es geschah aber ohne den Ingrimm, dem er bei den frühern Aussagen Luft gemacht. Das Protocoll fährt fort: »Befragt, wer ihn denn bewogen, sein Verbrechen zu begehen, hat er gesagt, daß Jedermann davon gesprochen, und daß man ihm gesagt: den König umbringen, damit wäre Alles zu Ende; und daß ein gewisser Gautier , ein Geschäftsmann, wohnhaft bei Monsieur de Ferrières, rue des Maçons , solche Reden in der Zeit da geführt .... »Befragt, wo er denselben gesprochen, hat er gesagt, daß er denselben in der rue des Maçons gesprochen, in Gegenwart des Sieur de Ferrières, seines Herrn .... « Dies war das erste Mal, daß er beide Männer nannte. Augenblicklich wurden Commissaire ausgesandt, um beide Männer herbeizuführen. Inzwischen ward die Tortur fortgesetzt. Beim vierten Keile schrie er auf: »O Herr des Himmels! Meine Herren!« – Weiter nichts. Es ward der fünfte Keil, der erste der außerordentlichen Folter, hineingetrieben. »Aufgefordert, seine Complicen zu nennen, hat er gesagt: wie er des Glaubens gewesen, ein dem Himmel wohlgefälliges Werk zu verrichten, und alle Priester, die er im Palais gehört, hätten dasselbe gesagt .... »Aufgefordert, die Namen dieser Priester zu nennen, hat er gesagt, daß er sie nicht kenne .... « Es kam der sechste Keil an die Reihe. »Hat man ihm vorgestellt, daß seine allgemeinen Ausrufungen zu nichts dienten, und daß er persönlich seine Complicen zu nennen habe, hat er gesagt: er habe keine.« Der achte und letzte Keil. »Befragt, wer denn von seiner Schwäche des Geistes Nutzen gezogen und ihn gereizt, das Verbrechen zu begehen, hat er gesagt, daß er es allein sei. »Hat man ihm vorgestellt, daß das gar nicht sein könne; da hat er mehrmals aufgeschrien: ›Herr, mein Gott!‹ »Und auf den Rath, den uns die Aerzte und Chirurgen dieses Hofes gegeben, daß der Verurtheilte itzo in Gefahr für sein Leben sei, sintemalen die Folter schon ein und eine halbe Stunde angedauert, ist er losgebunden worden und auf die Matratze gelegt .... »Aufgefordert nochmals, die Namen Derer zu erklären, welche ihn zu der That gereizt, hat er gesagt, daß es der benannte Gautier sei, rue des Maçons , und die Anderen, die er im Palais reden gehört .... »Nachdem ihm nun dieses Protocoll vorgelesen worden, hat er bei Allem, ernstlich ermahnt, dabei beharrt, daß es der Wahrheit gemäß sei, und hat nichts hinzufügen wollen, und hat erklärt, daß er nicht lesen und schreiben könne.« Gautier ward herbeigeführt. Man las ihm Damiens' Erklärung vor, und er zeigte ein außerordentliches Erstaunen und leugnete Alles entschieden. Da aber Damiens ebenso auf seine Erklärung bestand, decretirte die Untersuchungscommission sofort seine Verhaftung. – Bald darauf ward auch Lemaistre de Ferrière dem Gericht gestellt. Dieser leugnete ebenso bestimmt, bei einem Gespräche gegenwärtig gewesen zu sein, das Gautier mit Damiens gehalten haben wollte. Da Damiens in Bezug auf diesen schwankender zu sein schien, ließen die Commissaire de Ferrières wieder los. Noch hoffte man durch geistlichen Zuspruch von dem Zermarterten etwas zu erpressen. Der Pfarrer von Saint-Paul ward ihm zugeführt und Damiens blieb mit ihm in der Folterkammer beinahe eine Stunde allein. Alsdann ward er in die Kapelle der Conciergerie hinuntergeschafft und der Bearbeitung des Doctors der Sorbonne de Marcilly übergeben. Nach einer Stunde kam auch noch der Pfarrer von Saint-Paul zum zweiten Mal hinzu, um die geistliche Folter fortzusetzen. Hierauf heißt es im Protocoll: »Und besagten Tages, Ein Uhr Nachmittags, sind wir, unten benannter Greffier, in Beistand bemeldeter Huissiers des Hofes, in die Kapelle der Conciergerie hinabgestiegen; und nachdem wir uns bemeldetem Verurtheilten genähert, haben wir ihn gefragt, ob er keine Declarationen weiter zu machen habe, und gesagt, daß bemeldete Commissaire bereit seien, dieselben entgegenzunehmen. Hat derselbe Verurtheilte nur darauf erwidert, daß er keine Erklärungen weiter zu machen habe, als wovon ich dem Herrn Präsidenten und den Commissairen Notiz zukommen lassen. Und nachdem ich darauf in die Conciergerie zurückgekehrt bin, um die Anordnungen zur Execution zu ertheilen, auch die Bitten gesungen und die Benediction des heiligen Sacramentes in besagter Kapelle gegeben worden, ward der Verurtheilte an das Thor der Conciergerie geführt, allwo ich ihm vorlesen ließ das Urtheil des Gerichtshofes, in Gegenwart des Volkes, nachdem der Executor vorher mit lauter Stimme Achtung geboten. Von da ist er geführt worden in einem Karren vor das Hauptthor der Kirche von Paris, und nachdem er angekommen und abgestiegen, hat er die Ehrenbuße gethan und die Worte gesprochen, wie das Urtheil sie festsetzt. Nachdem er dann wieder in den Karren gestiegen, ist er auf den Grèveplatz geführt, allwo ich das Urtheil in Gegenwart des Volkes verlesen ließ. Und nachdem ich mich nochmals besagtem Verurtheilten genähert, habe ich ihm gesagt, daß es jetzt Zeit sei, zu zeigen, daß er von den heilsamen Rathschlägen Vortheil gezogen, welche die weisen Pfarrer und Doctoren dort in der Kapelle der Conciergerie ihm ertheilt, indem sie ihm in seinen letzten Momenten beistanden; – daß für ihn, Verurtheilten, der seine blutigen und vatermörderischen Hände gelegt an den Gesalbten des Herrn, auf den besten der Könige (!), die grausamen Martern, deren Werkzeuge er jetzt vor sich sähe, kaum ausreichten, um der menschlichen Gerechtigkeit genug zu thun; – daß die göttliche Gerechtigkeit ihm ganz andere größere und ewige Martern aufspare, wenn er in seiner obstinaten Weigerung verharre, seine Complicen anzugeben; – daß er endlich gestehen möge, um sein Gewissen zu entlasten, um Buße zu thun vor der Gerechtigkeit und der Wahrheit, und die Ruhe und den Frieden im Staate herzustellen, dessen Heil in der geheiligten Erhaltung Seiner Majestät bestehe. – Und habe ich ihm zu verstehen gegeben, daß der Herr Präsident und die Herren Commissaire sich in das Stadthaus begeben, um seine Erklärungen entgegenzunehmen. Und da Verurtheilter mir nun erklärt, daß er mit den Herrn Präsidenten und Commissairen zu sprechen habe, habe ich ihn vor sie führen lassen.« Schon seit mehren Tagen hatte man zu dem großen Augenblick, wo man seit hundertundfunfzig Jahren wieder einen Königsmörder in Paris zu Tode martern konnte, die Vorbereitungen getroffen. Auf dem Grèveplatz war ein Raum von hundert Fuß im Geviert mit Palissaden abgesteckt worden. Er hatte nur zwei Eingänge, einen im Winkel, durch welchen das Opfer hineingebracht werden sollte; der andere, gleichfalls palissadirt, ging in das Stadthaus. Von innen und außen war dies Quarré stark mit Soldaten besetzt. Auf allen Zugängen zum Grèveplatz standen an den Ecken Pikets der Garde; eben desgleichen auf dem ganzen Wege von der Conciergerie nach der Notre-Dame. Ueberhaupt waren alle Plätze in Paris militairisch besetzt, um einem möglichen Aufstande vorzubeugen, der sich zu Gunsten des Mörders des besten aller Könige erheben könnte. Im Stadthause saßen schon gegen 3 Uhr Nachmittags die Untersuchungscommissare mit den erwähnten Geistlichen. Sie ermahnten nun noch einmal den armen Sünder, den letzten Augenblick zu benutzen, um Alles zu erklären, was er wisse. Ununterbrochen reichten ihm dabei die Doctoren der Sorbonne das Crucifix, und er küßte es jedesmal mit Respect. »Und nachdem ihm nun der Eid abgenommen (zum wievielten Male?), daß er die Wahrheit sagen wolle, hat er gesagt, daß, um sein Gewissen zu entlasten, er sich verpflichtet halte, zu erklären, daß – er den Herrn Erzbischof beleidigt habe , daß es ihm leid thue, und daß er ihn deshalb um Verzeihung bitte; daß er uns seine Familie empfehle, die ganz unschuldig sei, während er doch hartnäckig dabei verharrte, zu erklären, daß es weder ein Complot gebe, noch daß er Complicen habe. Und das ist Alles, was er gesagt, daß er uns zu erklären hatte.« Und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte er auch nichts mehr zu erklären. Hatte man doch das Letzte dem unseligen Zerquetschten und Zermarterten ausgepreßt, was sich nicht im Winkel seines Herzens, sondern seiner Angst fand, eine Abbitte gegen den Erzbischof, wahrscheinlich das milde Werk der gelehrten Doctoren der Sorbonne, die ihm einen Wink hinwarfen, wie er seine Blutsauger befriedigen könne, zugleich für ihren Herrn und Gebieter dabei Sorge tragend. Psychologisch bleibt hier wol kein Räthsel. Ganz Frankreich verwünschte den fünfzehnten Ludwig; der Wunsch, daß er zur Hölle fahre, mag tausendfältig in den Spelunken, in den Bürgerhäusern und in den Palästen den Lippen entschlüpft sein. Aber welcher vernünftige Mensch hätte sich, abgesehen von Religion und Moralität, in ein Complot einlassen können, um einen solchen Lumpenkönig aus der Welt zu schaffen! Damiens war kein vernünftiger Mensch in diesem Sinne. Ein verlaufener Bedienter, von Jugend auf bösartigen Sinnes, schwarzen Blutes, von dunkeln melancholischen Bildern verfolgt, die in seinem Müßiggang, in seinem Herumtreiben Nahrung fanden, ohne irgend ein Gegengewicht durch sittliche Eindrücke oder Kenntnisse, begeht er einen großen Diebstahl, vielleicht ein erstes wirkliches Verbrechen, dessen Größe so auf ihm lastet, daß er von da ab unfähig erscheint, irgend etwas vorzunehmen und einen Lebensplan, selbst den eines Verbrechers, zu ergreifen. Wie oft kommt es vor, daß nichtswürdige Menschen dieser Art sich für vom Schicksal bestimmt halten, ein Verbrechen zu begehen, weil sie der Kraft ermangeln, sich zu Besserm aufzurütteln. Sie sehen überall Schickungen, Weisungen, weil das bequem ist und sie vor dem Nachdenken schützt, was sie vor sich selbst vernichten würde. Da hört er jene tausendfältigen Stoßseufzer des elenden Landes, ohne den Grund zu begreifen, er hört die Klagen, die all das Elend auf einzelne unbedeutende Ereignisse in der miserablen Tagesgeschichte jener Zeit zurückverweisen, auf den Streit der Parlamente mit dem König, auf den Hader des Erzbischofs mit dem Parlament und dem Klerus, auf die Sacramentsverweigerung. Alles kleinliche Ereignisse, die fast so untergegangen sind im Strome der Zeit, daß wir Mühe haben, uns ihrer zu entsinnen. Das schnappt sein unklarer Geist auf, ohne alle Kenntnisse der Verhältnisse, und in jenem düstern Drange sich schneller an den Abgrund des Verderbens zu rollen, wohin er doch über kurz oder lang muß, schießt es ihm durch den Sinn, daß er in dem Verlorengehen noch eine heroische Rolle spielen könne. Wie verwirrt seine Begriffe waren, davon gibt sein Brief an den König die deutlichste Auskunft; auch alle seine Antworten vor Gericht. Er ist unfähig, sich selbst darüber Rechenschaft zu geben, alle Folterqualen bringen ihn auch zu keiner Aufklärung, da es chaotisch-simpel in seinem erbärmlichen Innern aussieht. Um deshalb sei nicht gesagt, daß er verrückt und so unzurechnungsfähig gewesen, um aller Strafe zu entgehen, denn selbst in dieser seiner Versessenheit kommen ihm lichte Blicke, und er fühlt, daß er vielleicht etwas thun könne, um sich freizumachen, und in Verbindung mit der Furcht vor sich selbst, verlangt er die mehren Aderlässe. Es ist gar nicht unmöglich, daß, wenn man ihm am 4. Jan. in Versailles einen Aderlaß gegeben, er am 5. dem Könige nicht aufgelauert und Frankreich die Schande seines Processes und seiner Hinrichtung erspart worden wäre. Nachdem die Commissaire der Ueberzeugung geworden, daß sie nichts mehr erpressen konnten, sandten sie ihr Opfer auf den Grèveplatz. Trotz aller Folterqualen war es durch die vorangängige und sie begleitende diätetische Behandlung so wohl conservirt, daß sie dem Henker zu den neuen Qualen ein menschliches Wesen überlieferten, welches leiblich und geistig noch vollkommen empfänglich für dieselben war. Das hatte der Scharfsinn der Wissenschaft bewirkt, zu Frommen und Ehren der Legitimität, im philosophischen neunzehnten Jahrhundert! In einzelnen Schriften findet sich die Angabe, daß man Damiens beim Hinuntersteigen vom Stadthause einen Becher auf das Treppengeländer gestellt mit schnell wirkendem Gifte. Wer die Wohlthäter gewesen, wird nicht gesagt. Die Firma war: ein letzter Labetrunk vor dem letzten Gange. Er verstand den Liebesdienst nicht und ging vorüber. In den actenmäßigen Mittheilungen findet sich nichts davon. Damiens mußte am Fuße des Schaffotes noch eine geraume Zeit warten. Der Scharfrichter war mit allen Vorbereitungen noch nicht fertig. Es kostete ihm einige Tage Gefängniß! Das Schaffot selbst war 8 – 9 Fuß lang und breit, etwa 3½ Fuß über der Erde in der Mitte des Platzes erbaut. Als man den Delinquenten entkleidete, will man bemerkt haben, daß er alle seine Glieder mit Aufmerksamkeit betrachtete. Festen Blickes sah er sich um nach den Massen Volkes, welche den Platz, die Fenster und die Häuser bedeckten. Mit Eisenringen an Armen und Schenkeln ward er an das Schaffot befestigt. Noch einmal mußte der Scharfrichter Achtung laut ausschreien, worauf dem Volke noch einmal das Urtheil verlesen ward. Als ihm die Hand in der vorgeschriebenen Art abgebrannt wurde, stieß Damiens einen so fürchterlichen Schrei aus, daß man ihn in den entferntesten Gassen hörte. Einen Augenblick darauf hob er den Kopf auf und betrachtete die brennende Hand eine Weile, ohne doch seinen Schrei zu erneuern, auch ohne Verwünschungen oder Bitten. Es heißt ferner im Protocoll: »Da haben wir uns dem Verurtheilten genähert und haben ihn von neuem ermahnt, seine Complicen anzugeben, und haben ihm zu verstehen gegeben, daß die Herren Präsidenten und Commissaire des Hofes sich gern herbegeben würden, um seine Erklärungen entgegenzunehmen, wenn er deren zu machen hätte. Welcher Verurtheilte uns aber erklärt, daß er keine Complicen habe, auch keine weitern Erklärungen zu machen. Im selben Augenblicke wurde besagter Verurtheilter gezwickt an den Brustwarzen, Armen, Schenkeln und Waden und auf die bezeichneten Stellen demnächst geträufelt geschmolzen Blei, kochendes Oel, brennendes Pech, Wachs und Schwefel zusammengeschmolzen, während welcher Leiden der Verurtheilte zu mehren Malen geschrien hat:›Mein Gott! Kraft, Kraft! – Herr, mein Gott, habe Mitleid mit mir! – Herr, mein Gott, was ich leide! – Herr, mein Gott, schenke mir Geduld!‹ Bei jedem Zuschnappen der Zange stieß er einen entsetzlichen Schmerzensschrei aus; aber wie er es beim Verbrennen der Hand gethan, betrachtete er darauf jedesmal die Wunde und der Schrei hörte auf, sobald die Zange zurückgezogen war. Endlich schritt man dazu, die Arme, Beine und Schenkel an die Pferde zu befestigen. Diese Präparation dauerte lange. Da die nothwendigerweise festgeschnürten Stricke die frischen Wunden berührten, entlockte ihm das neue Schmerzenslaute. Dennoch hinderte dies den Unglücklichen nicht, sich immer mit derselben Neugierde zu betrachten. Die angepeitschten Pferde rissen. Es war der entsetzlichste Schrei, den man aus dem Munde des Opfers gehört. Die Glieder wurden zu einer unglaublichen Länge gedehnt; aber sie rissen nicht. Die Thiere waren jung und stark, eigens dazu ausgesucht, aber der Körper wollte nicht auseinander. Der Act dauerte schon eine Stunde und es war noch kein Ende abzusehen. Da traten Aerzte und Wundärzte zusammen und erklärten, die Vierpferdekraft möchte die Glieder ins Unendliche und Unförmliche recken und dehnen, ohne daß sie doch stark genug wäre, dieselben wirklich auseinander zu reißen, insofern man sich nicht entschließe, die Hauptnerven zu durchschneiden. Da traten Präsident und Commissaire zusammen und rathschlagten. Das Gutachten der Aerzte war nicht zu widerlegen. Zudem ward es schon dunkel. Es war ein Schauspiel, das Jeder sehen sollte, zur Abschreckung und Warnung; in der Nacht hätte man es nicht gesehen. Sie ertheilten also den Befehl, mit scharfem Stahl die Amputation zu erleichtern. Darauf zerschnitt man die Sehnen unter den Armen und an den Hüften. Damiens war noch nicht todt. Seine gläsernen Augen stierten noch auf die neue Operation. Er behielt noch das Bewußtsein, wird uns berichtet, bis die beiden Schenkel und ein Armgelenk durchschnitten waren. Zum Schmerzensschrei scheint ihm die Lungenkraft ausgegangen zu sein. Erst bei der Trennung des zweiten Armes vom Rumpfe verschied er. Man spannte die Pferde an, und zuerst löste sich ein Schenkel, dann ein Arm. Das Protocoll schließt: »Zogen darauf die vier Pferde, und nachdem sie mehrmals angespornt, ist er zerrissen worden, und nachdem seine Glieder und der todte Rumpf auf den Scheiterhaufen geworfen worden, haben wir davon Rechenschaft abgestattet den Herrn Präsidenten und Commissarien und sind geblieben auf besagtem Grèveplatz bis zur vollkommenen Vollstreckung des Urtheils. Und dieses ist das Protocoll, von uns aufgenommen über besagte Hinrichtung. Geschehen am Tage und Jahre wie oben, und von uns unterzeichnet. Lebreton.« So mußte Robert François Damiens sterben, weil er einen König mit einem Federmesser geritzt hatte, am 28. März 1757! In der Nachwelt hat sich Niemand gefunden, der Damiens vertheidigt hätte; aber auch kaum Einer, der für Ludwig XV. das Wort geführt. König und Königsmörder auf eine Sündenwage gethan, wer wog schwerer? Wie das Urtheil und seine Vollstreckung auf die Nation nachgewirkt, davon spricht die Geschichte. Vor Nachtanbruch war das Schauspiel zu Ende. Die Zuschauer konnten noch ins Theater gehen. Was am Abend des 28. März 1757 im Théâtre français gegeben ward, ist uns nicht berichtet. Am Morgen des nächsten Tages, 9 Uhr, sah man die Richter wieder in der Grande chambre versammelt. Der Gressier las ihnen das Folter- und Executionsprotocoll vor. Darauf ward das Urtheil gefällt, bezüglich der Familienglieder Damiens'. Sein alter Vater, seine Frau und seine Tochter wurden auf ewig aus dem Königreiche verbannt, unter Androhung der Todesstrafe, wenn sie sich je wieder blicken ließen. Der alte Vater um den verlorenen Sohn, das Weib um den Mann, der sie verlassen, die Tochter um den Vater, den sie kaum gekannt, verdammt, am Bettelstabe über die Grenze zu wandern. Seine Brüder und seine Schwestern mußten ihre Namen ändern; das Haus, wo er geboren, ward niedergerissen. Dann beschäftigte man sich mit Gautier, dem Geschäftsmann, welchen Damiens auf der Folter genannt. Durch ein Arrêt vom 23. April ward beschlossen, daß ein Jahr hindurch gegen ihn inquirirt werden solle. Während dessen sollte er im Gefängniß bleiben. Ein Geschichtschreiber, Dampmartin, sagt: »Diese traurige Angelegenheit machte im Lande nur einen mäßigen Eindruck. Der König, tief gekränkt über eine Gleichgültigkeit, die so sehr abstach gegen die Liebe, von der er früher so rührende Beweise erhalten, bekam einen Widerwillen gegen seine Unterthanen, die er des Leichtsinnes anklagte; aber der Schlag war geschehen, er ließ sich nicht rückgängig machen.« Ein anderer Geschichtschreiber sagt: »Ueberall fragte man nach Neuigkeiten über den Monarchen, man wollte gern alle kleinen Umstände dieser unglaublichen Katastrophe kennen lernen; aber es war nur Neugierde, kein Interesse. Man war mehr betroffen als betrübt. Das Herz nahm keinen Antheil an der Geschichte; die Thränen flossen nicht, die Kirchen waren leer. Welche Lehre für Ludwig XV., wäre er ihrer fähig gewesen, wenn die Schmeichelei nicht sein Ohr vor den wahren Gefühlen seines Volkes verschlossen hätte!« Vom Messer eines Damiens nicht getroffen, mußte er, angesteckt von einem jungen Mädchen im Hirschpark, an den Pocken sterben. Das schien ein würdigeres Ende eines solchen Lebens. Louvel 1820 Am 13. Febr. 1820 hatte der Herzog von Berri, der Sohn des damaligen Grafen Artois, später Karl X., den Abend mit seiner Gemahlin, der Herzogin, in der Oper verbracht. Es war gegen 11 Uhr Nachts, als das prinzliche Ehepaar sich hinausbegab, um nach Hause zu fahren. Die Herzogin war schon, von ihrem Gemahl unterstützt, in den Wagen gestiegen, oder stand doch auf dem Tritt, als ein Mann, der sich unter die Suite des Herzogs gedrängt, denselben mit der linken Hand an der Schulter, nach Andern am Hinterhaar heftig ergriff und mit der rechten ihm einen Dolchstoß in die rechte Seite versetzte. Den Dolch, ein Stilet, ließ er in der Wunde sitzen; das Blut bespritzte die Herzogin. Der Mörder floh. Auf das Geschrei des Prinzen stürzten zwei seiner Adjutanten und die Schildwacht an der Opernthür dem Fliehenden nach. Derselbe ward durch den Garçon aus einer Conditorei, der ihm entgegenkam, aufgehalten. Die Schildwacht schleuderte ihn aufs Pflaster; so ward er nach geringem Widerstande arretirt. Es war ein Sattlergesell, Namens Louvel , der weder seinen Namen verschwieg, noch die That und seine Absicht, die königliche Familie zu vernichten, einen Augenblick in Abrede stellte. Es ward auf der Stelle ein vorläufiges Verhör mit ihm vorgenommen, bei dem er mit seltener Aufrichtigkeit und Ruhe Folgendes aussagte, was sich durch spätere Ermittelungen als richtig ergab und ergänzte. Louis Pierre Louvel war 1783 zu Versailles geboren. Er hatte bis da kein Verbrechen begangen. Man stellte ihm von allen Seiten ein gutes Zeugniß über seine moralische Aufführung. Er war immer arbeitsam, mäßig, ein guter Wirth und redlicher Mensch gewesen. Düster und verschlossen, war er doch von seinen Herren und seinen Kameraden immer gern gesehen, denn er verrichtete, was ihm oblag, mit Pünktlichkeit und vergalt jeden ihm erwiesenen Dienst. Im Jahr 1806 war er, in Folge der Conscription, in Dienst getreten, aber schon nach sechs Monaten wegen Schwächlichkeit entlassen worden. Aber er war ein fanatischer Bonapartist; er sah in Napoleon die Ehre und das Glück seines Vaterlandes verkörpert. Als er 1814, in Metz arbeitend, den Sturz des Kaisers und die Restauration der Bourbonen erfuhr, empfand er einen tiefen Schmerz. Er faßte damals schon den Entschluß, den künftigen Thronerben, den Herzog von Berri, zu ermorden. Darauf besann er sich, sein Messer solle den Grafen Artois (Karl X.) zuerst treffen, welcher sich gerade in Nanch aufhielt. Er änderte diesen Entschluß aber wieder, und begab sich von Metz nach Calais, um Ludwig XVIII., wenn er dort lande, umzubringen. Er kam auch wirklich nach Calais, aber nicht zur Ausführung seines Vorhabens, vielmehr ging er mit dem Kaiser nach Elba, wo er bei dessen Hofsattlermeister in Dienste trat. Aus ökonomischen Gründen entlassen, mußte er nach Frankreich zurück, arbeitete zuerst in Chambery, und zögerte dann keinen Augenblick, zu seinem vergötterten Herrn zu eilen, welcher eben wieder auf Frankreichs Boden gelandet war. Er traf ihn in Lyon und folgte ihm nach Paris. Wieder beim Hofsattleramt angestellt, machte er die Schlacht von Waterloo mit und begleitete den Kaiser in dessen Wagenpark bis La Rochelle. Ein Verwandter verschaffte ihm darauf eine Anstellung in den Ställen des Königs, wo er durch vier Jahre, ohne Anlaß zu einer Klage zu geben, seinem Geschäfte nachging. Dies hinderte ihn aber nicht, seinem andern Geschäfte nachzudenken, und sein Geschäft war, mit Schillers Tell zu sprechen – der Mord. Es waren fast seine ersten Worte, die er nach seiner Verhaftung sprach: »Seit meiner Rückkehr von Elba, und selbst schon seit der Restauration von 1814 habe ich von meinem Vorsatze, die Bourbonen auszurotten, nicht abgelassen. Ich wollte es schon in Calais ausführen. Ich wollte den König niederstoßen, oder auf welchen der Prinzen ich zuerst träfe. Auch als ich von Calais nach Fontainebleau kam, hatte ich den Vorsatz nicht aufgegeben. »Seitdem habe ich, ohne Unterbrechung, nach der Gelegenheit mich umgesehen, um mein Vorhaben auszuführen, sei es nun in Paris, in Versailles, in Saint-Germain, Saint-Cloud oder in Fontainebleau. Ich wußte, daß ich dabei untergehen müsse, daß es meinen Kopf mich kosten würde; aber die Bourbonen schienen mir so schuldig, daß ich das gern hinopferte. Wie bin ich hin- und hergelaufen, um endlich zum Ziel zu kommen! »Im Jahr 1816, als die Frau Herzogin von Berri nach Frankreich kam, mußte ich im Dienst der Equipagen nach Fontainebleau. Da schon suchte ich alle Gelegenheiten auf. Ich ging auf die Jagden. Ich ging auch in Saint-Germain auf die Jagden. Ja, ich bin hier mehr als fünfzig Mal bei den Jagden zugegen gewesen, d. h. bei allen denen, wo ich muthmaßte, daß die Prinzen gegenwärtig sein würden. Ich folgte immer zu Fuß. Ebenso ging ich zu den Jagden nach Meudon und Vincennes, ohne es aber meiner Schwester zu sagen. Um Zeit dafür zu gewinnen und zugleich meinen andern Pflichten obzuliegen, überarbeitete ich mich oft und that mehr als mir aufgetragen war. »Ich trug immer einen Dolch bei mir, wo ich nur glauben konnte, daß ich auf einen Bourbon stoßen würde, aber immer mit dem festen Entschluß, daß ich mit dem Herzog von Berri anfangen müsse, weil er der jüngste war. Ich fing aber mit dem jüngsten an, weil es das sicherste Mittel war, die ganze Race auszutilgen. Außerdem, weil ich ja nur ein Leben hatte, und weil ich es möglichst theuer verkaufen wollte. »Nach dem Herrn Herzog von Berri würde ich den Herrn Herzog von Angoulême getödtet haben, dann Monsieur (d'Artois), endlich den König. Denn ich wollte mit allen Bourbonen zu Ende kommen. » Nach dem Könige würde ich vielleicht innegehalten haben ; ja, es ist selbst möglich, daß ich schon nach Monsieur innegehalten hätte, wenn ich den König nicht hätte treffen können. Die einzig Schuldigen sind Diejenigen, Prinzen oder Andere, welche die Waffen gegen ihr Vaterland geführt haben. »Ich folgte den Bourbonen übrigens auch nicht allein auf die Jagd. Seit drei Jahren streife ich beinahe alle Abende um die Schauspielhäuser, wo ich glauben kann, daß die Prinzen hingehen. Um das zu wissen, las ich die öffentlichen Anschläge; denn aus der Eigenschaft der Stücke, welche gegeben wurden, schloß ich, wohin die Prinzen wol gehen könnten. Nur wenn der Herr Herzog nach dem Theater Feydeau ging, stellte ich mich nicht ein, weil dort für den Hof ein besonderer Eingang ist. Es war daher dort für mich nichts zu thun. Wenn ich um die Oper streifte und er war um 8¼ Uhr noch nicht angekommen, begab ich mich auch nach Hause, denn ich wußte, dann käme er nicht mehr. »Ich habe gar keine Religion. Dennoch bin ich dem Herrn Herzog von Berri auch in die Kirchen gefolgt, in die er ging. So bin ich durch eine Reihe von Jahren bei allen christlichen Hauptfesten, bei denen er nicht fehlen durfte, in den Kirchen gewesen. Aber die Menschenmenge und die Wächter haben mich dort immer verhindert, zu meinem Ziele zu kommen. Besonders am letzten Festtage habe ich mir alle nur mögliche Mühe gegeben, an ihn heranzukommen, aber es war mir unmöglich. »Seit den letzten Tagen habe ich aber auch alle und jede Gelegenheit mit doppeltem Eifer aufgesucht. Ich streifte den 11. um die Oper, den 12. um das Feydeau, immer umsonst. »Sonntag vor Fastnacht stand ich zu guter Zeit auf. Nachdem ich mich in meiner Stube angezogen, frühstückte ich bei Dubois, dem Aubergisten, rue Saint-Thomas du Louvre , wo ich immer esse. Ich sprach einige Augenblicke mit Barbé, seinem Perruquier, und ein paar andern Personen, die zugegen waren, über gleichgültige Dinge. Dann ging ich wieder in meine Wohnung, um den Dolch einzustecken, wie ich immer thue, wenn ich umherstreifen gehe. Es war mein kleinster Dolch. Ich ging aus, um mir die Masken zu besehen und den fetten Ochsen. Es konnte da etwa 1½ Uhr sein.« Er beschreibt nun den Weg, den er durch die pariser Straßen gemacht. »Als es dunkel zu werden anfing, machte ich mich wieder auf den Weg zu Dubois zurück. Da kam ich ungefähr um 5½ Uhr an und aß zu Mittag mit einem gewissen Besemont, einem Hufschmied. Wir unterhielten uns, aber er sagte mir nichts von Bedeutung und ich sagte ihm auch nichts. Da schlug es 7 Uhr. Ich ging nun in meine Wohnung zurück und nahm meinen zweiten Dolch. Den steckte ich in die eine Hosentasche und den ersten in die andere. So bewaffnet machte ich mich auf den Weg nach der Oper. Nach meiner Ansicht mußte das besondere Stück, was heute gegeben ward (der »Carneval von Venedig« und die »Hochzeit des Gamacho«), den Prinzen anlocken. Ich hatte mich nicht getäuscht; um 8 Uhr kamen der Prinz und die Prinzessin. »Als der Herr Herzog von Berri ausstieg, wollte ich schon auf ihn los; aber da fehlte mir der Muth, wie mir das schon oft passirt ist. Er ging vorüber. Ich hörte, wie den Kutschern, von Mund zu Munde und ganz laut, der Befehl gegeben ward, um 11 Uhr, weniger ein Viertel, wieder auf dem Platze zu sein.« Diesen Bericht stattete Louvel mit einer außerordentlichen Kaltblütigkeit ab und – in den ersten Momenten nach der That, wo seine Hand noch rauchte vom Blute seines Opfers. Dieses Opfer lebte noch. Man hatte es in das Opernhaus zurückgetragen und in einem kleinen Salon neben der prinzlichen Loge niedergelegt. Aber alle ärztliche Hülfe war vergebens. Die Herzogin von Berri verließ ihren Gemahl keinen Augenblick; sein Vater, der Graf d'Artois, holte selbst den Wundarzt Dupuytren und half ihm beim Anziehen, um ihn schneller in den Wagen zu bekommen. Anfangs hofften die Aerzte, die Wunde sei nicht tödtlich, bald kam man zu anderer Ueberzeugung. Später erschien auch der König, und Morgens um 6 Uhr verschied der Herzog von Berri nach mehren qualvollen Stunden in dessen Armen. Die Zeitungen erzählten viel von den letzten rührenden Augenblicken und Worten des Todten. Er sollte sich noch einmal aufgerichtet und vom Könige für seinen Mörder Verzeihung, Schonung seines Lebens erfleht haben. Man mußte die legitimistischen Zeitungen mit Vorsicht lesen, besonders wo sie Geschichten erzählten, welche den Hochsinn und die Vaterlandsliebe der Bourbonen ins Licht stellen sollten; in Erzählung dieses Umstandes stimmen übrigens alle Zeitungsberichte überein. Der König antwortete ihm abwehrend, er möge sich nur beruhigen, seine Bitte werde nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Man war in der Nacht nicht ohne Besorgniß, daß die Ermordung des Herzogs das Signal zu einem allgemeinen republikanischen oder bonapartistischen Aufstande sein könne. Aber Paris blieb ganz ruhig. Louvel ward in die Conciergerie gebracht und blieb daselbst bis zum 5. Juni, wo er vor die Kammer der Pairs gestellt ward. Während seiner ganzen Gefangenschaft bewahrte er die äußerste Geistesruhe. Er sprach gern von seinem Verbrechen; nicht um sich dessen zu rühmen, doch wie von einem Etwas, was nothwendig gewesen wäre, um das allgemeine Elend zu lindern. In der Unterhaltung zeigte er sich immer eifrig und blieb bei seiner Meinung, ohne daß er sie doch Andern durchaus aufdringen wollte. »Ich weiß sehr wohl«, sagte er, »daß ich kein Redner bin, aber ich verfolge die Regeln der Vernunft. Ich hatte nichts gegen den Prinzen persönlich; ich glaube sogar, daß er ein guter Mensch war. Aber es war ein Bourbone, und ich bin einmal überzeugt, daß Frankreich nicht glücklich sein kann unter dieser Race; und man kann mich tödten, aber von dieser Ueberzeugung nicht abbringen. Was mich sehr verdrießt, ist, daß man meine Angelegenheit so lange aufschiebt. Was hofft man, was erwartet man denn noch? Habe ich mich denn nicht vom ersten Augenblicke an mit der größten Freimüthigkeit ausgelassen? – Jemand hat ein Verbrechen begangen. Er gesteht es und auch die Motive. Er sucht sich nicht zu entschuldigen und versichert, daß er nicht die geringste Reue empfinde; da, scheint es mir, handelt es sich um nichts, als den Code pénal aufschlagen und ihm die zuschlägige Strafe zudictiren. Aber mir scheint, man wolle von der Sache ein Aufhebens machen, und ich habe kein Recht, mich dem zu widersetzen.« »Was übel für mich ist«, sagte er ein ander Mal, »ist, daß man sich anstrengt, ich bin dessen ganz gewiß, mich für einen großen Verbrecher gelten zu lassen, für einen Blutsäufer, und doch habe ich, mit Ausnahme Dessen, was sich hier ereignet hat, niemals ein Unrecht begangen und Niemanden etwas zu Leide gethan. Zufrieden mit meinem Schicksale, habe ich immer von meiner Arbeit gelebt. Ich bin weder dem Stolze, noch dem Hasse, noch dem Neide unterworfen. Glücklicherweise kommt die Wahrheit endlich immer an den Tag, welche Mühe man sich auch gibt, sie zu verbergen, und gewiß wird man einst auch wissen, daß ich nicht vom Durst nach Blut zu diesem Verbrechen gedrängt worden bin.« Diese Zuversicht, diese Gleichgültigkeit gegen das Leben und vollkommene Resignation war nicht das Product einer künstlichen Anstrengung, sie zeigte sich vielmehr in seinem ganzen Benehmen und bei den kleinsten Umständen. Als einer der Wächter, die ihn stets umgaben, sich über die Mühseligkeit beklagte und das beständige Wachen, das der Dienst ihm auferlege, tadelte Louvel höchlich die Art, wie man ihn bewachen zu müssen glaube. »Es ist wol von der höchsten Wichtigkeit, daß man sieht, wie ich schlafe! Ich habe ja erklärt, daß ich nicht an mein Leben will, und das könnte ihnen doch genug sein, denn man dürfte doch wissen, daß ich mein Wort halte und wenn ich einen Entschluß gefaßt, ihn ausführe.« Die Advocaten Bonnet und Archambault waren ihm von Gerichtswegen zu Verteidigern ernannt worden. Sie besuchten ihn am 19. Mai, erklärten ihm aber, daß es ihm freistehe, eine andere Wahl zu treffen. Er erwiderte: »Meine Herren, ich verlasse mich vollkommen auf Sie. Uebrigens ist da wenig zu sagen. Man hat mir die Anklageacte mitgetheilt. Ich finde sie gut. Ich glaube auch, daß Sie mit ihr zufrieden sein werden. Montag werde ich vor Gericht stehen, Dienstag wird man mich verurtheilen.... Nun gut. Am Mittwoch kann Alles vorüber sein.« Bei einem andern Besuch, den er von ihnen empfing, sagte er: »Ich bin eigentlich sehr neugierig, zu erfahren, was Sie sagen könnten, um mich zu vertheidigen, vorausgesetzt, daß Sie nichts sagen, was mit meinen Bekenntnissen in Widerspruch steht.« Am 5. Juni erschien Louvel vor der Pairskammer, die zum Gerichtshof bestellt war. Ruhig und gelassen benahm er sich auch hier und hörte so der Verlesung der Anklageacte zu. In selber Art antwortete er auf alle Fragen des Präsidenten und gab noch ein Mal eine vollständige Erzählung des Vorfalls selbst, gerade wie er sie im Augenblick seiner Verhaftung gethan. »Wenn Sie so unglücklich sind, an keine göttliche Gerechtigkeit zu glauben,« sagte der Präsident zu ihm, »so mußten Sie doch die menschliche Gerechtigkeit fürchten und die Züchtigung Ihres Verbrechens.« »Was will das bedeuten! – Man muß in mir nur einen Franzosen erblicken, der sich selbst aufopfert.« »Sie haben den Schmerzensschrei des Prinzen gehört, der selbst im Augenblick des Todes, den Ihr Stoß verschuldet, Ihnen vergab und für Sie bat. Hat Sie auch das nicht gerührt?« »Verzeihen Sie.« »Hätten Sie kein Verlangen, zu der Religion zurückzukehren, welche ihm so schöne Gefühle eingeimpft hat?« »Die Religion ist kein Heilmittel für das Verbrechen, welches ich begangen.« »Sie anerkennen also doch, daß Sie ein Verbrechen begangen haben?« »Ja, es ist eine schreckliche Sache, hinter einem Menschen zu lauern, um ihm den Dolch in die Brust zu stoßen. Ich erkenne an, es ist ein schreckliches Verbrechen. Ich habe es im Interesse Frankreichs gethan und für Frankreich habe ich mich hingeopfert.« Die vernommenen Zeugen sagten nichts aus, was man nicht schon wußte. Aller Verdacht einer Complicenschaft schien von dem Augenblicke entfernt, wo man Louvel's Charakter kannte. Die Sitzung ward aufgehoben, um am nächsten Tage wieder zu beginnen. Der Großreferendar von Frankreich, der Marquis de Sémonville, besuchte Louvel in seinem Gefängniß. Zu ihm hatte Louvel nichts zu sagen als Folgendes: »Seit ich im Gefängniß bin, habe ich immer auf sehr groben Betttüchern gelegen. Ich wünschte wol, daß man mir für die letzte Nacht feine Betttücher gewährte.« Nachdem ihm diese Gunst bewilligt war, verzehrte er sein Abendbrot mit gutem Appetit, legte sich nieder und schlief ruhig bis zum nächsten Morgen um 6 Uhr. Um 10 Uhr stand er abermals vor dem Gerichtshofe. Mit gleichgültiger Miene hörte er das Requisitorium des Generalprocurators an und ebenso die Vertheidigungsreden seiner beiden Advocaten, die sich fruchtlos bemühten, ihn als einen Unseligen darzustellen, der, von einer Monomanie ergriffen, zur gräßlichen That getrieben worden. Er zog darauf aus der Tasche einige Papiere und verlas mit fester Stimme Folgendes: »Ich habe heute über ein Verbrechen zu erröthen, welches ich allein begangen habe. Ich habe den Trost, zu glauben, daß ich sterbend weder meine Nation, noch meine Familie entehrt habe. Man muß in mir nur einen Franzosen erblicken, der sich selbst als Opfer hingegeben, um, nach seinem System, eine Menschenclasse zu vernichten, welche die Waffen gegen mein Vaterland geführt haben. Ich bin angeklagt, einem Prinzen das Leben genommen zu haben. Ich bin der allein Schuldige. Aber unter Denen, welche die Regierung in Händen haben, sind ebenso Schuldige wie ich. Sie haben, nach meiner Ueberzeugung, Verbrechen für Tugenden erkannt. Auch die schlechtesten Regierungen, die Frankreich je gehabt, haben doch immer Diejenigen gestraft (?), welche das Vaterland verrathen oder Waffen gegen dasselbe geführt haben. »Nach meinem System müssen, wenn die feindlichen Heere von außen drohen, im Innern alle Parteiungen aufhören, alle Parteimänner müssen sich zusammenthun, um zu kämpfen und gemeinschaftliche Sache gegen die Feinde aller Franzosen zu machen. Die Franzosen, welche sich nicht gestellen, sind schuldig. Nach meinem Dafürhalten, wenn ein Franzos gezwungen ist durch eine Ungerechtigkeit der Regierung, Frankreich zu verlassen, und er ergreift dort die Waffen für die fremden Heere, um mit ihnen gegen Frankreich zu fechten, ist er schuldig. Er kann nicht mehr als französischer Bürger zurückkehren. »Nach meinem Urtheil kann ich mich nicht des Glaubens enthalten, daß die Schlacht bei Waterloo so verhängnißvoll für Frankreich geworden ist, weil es in Gent und Brüssel Franzosen gab, welche den Verrath in das Heer gebracht und dem Feinde Hülfe geleistet haben. »Nach mir und nach meinem System war der Tod Ludwig's XVI. nothwendig, weil die Nation dafür stimmte.... Wäre es eine Handvoll Intriguanten gewesen, welche in die Tuilerien gebrochen und ihn niedergestoßen hätten, so wäre das eine andere Sache. Aber da Ludwig XVI. und seine Familie lange Zeit im Gefängniß gewesen, so kann man nicht anders denken, als daß es der Wille der Nation war. Dergestalt, daß, wenn es nur einige Menschen gewesen wären, er nicht ums Leben gebracht worden wäre. Die ganze Nation würde sich dem widersetzt haben.... Heute nun behaupten sie, die Herren der Nation zu sein. Aber nach meinem Urtheil sind die Bourbonen die Schuldigen, und die Nation würde entehrt sein, wenn sie sich von ihnen beherrschen ließe.« Louvel ward zum Tode verurtheilt. Er saß gerade beim Mittagbrot, als der Greffier kam, um ihm das Urtheil vorzulesen. Er hörte es an, ohne im geringsten seine bisherige Ruhe zu verlieren. »Sie haben nun nichts mehr von den Menschen zu hoffen«, sagte der Greffier. »Ihre einzige Hülfe ist bei der Barmherzigkeit Gottes. Dieser barmherzige Gott vergibt auch dem allergrößten Sünder, wenn er aufrichtige Reue und wahre Buße bekundet.« »Reue!« unterbrach ihn Louvel. »Ich habe keine.« »Die Pforte der Ewigkeit öffnet sich vor Ihnen«, sagte der Greffier, »beschäftigen Sie sich mit Ihrem Seelenheil.« »Ich bedarf keines Priesters. Und da ich sterben muß, warum morgen erst? Warum nicht heute? Ich bin bereit?« Mehr sagte er nicht und fuhr ruhig fort, sein Mittagbrot zu essen. Am andern Morgen willigte er indeß doch ein, den Abbé Montès und einen andern Geistlichen zu empfangen. Um 6 Uhr Morgens, am 7. Juni, bestieg er den Karren, ohne die geringste Unruhe zu verrathen. Am Fuß des Schaffotes verdoppelte der Abbé seinen Eifer, um ihn zum Bekenntniß seiner Reue zu bewegen. »Nun wohl«, rief er, »ich bin ja darüber betrübt. Aber eilen wir, man erwartet mich da oben.« Festen Fußes stieg er die Stufen hinauf. Oben auf der Plateforme ließ er die Blicke ruhig auf die versammelte Menge umherschweifen und übergab sich mit derselben Fassung, die er bis da beobachtet, dem Scharfrichter. Wenn Louvel, nach der Darstellung, welcher wir folgten, auch nur ein blasser frostiger Abklatsch gerühmter Antikenbilder ist, so ist es doch ein Lichtbild nach dem grauenvollen Nacht- und Schmutzgemälde, welches Damiens' That, seine Motive, sein Proceß, das Urtheil und dessen Execution auf das Gemüth zurücklassen. Verirrung hier wie dort, aber kein Hohn gegen Menschenwürde und Gerechtigkeit. Die Bourbonen begnügten sich nicht mit dem Blute des Mörders. In altfranzösischer Weise mußte auch das Opernhaus, wo die That begangen ward, das Verbrechen büßen. Es durfte nicht mehr darin gespielt werden, es ward niedergerissen bis auf Grund und Boden. Francesco Fava 1607-1608 Zum Bischof von Concordia, der in Padua seine Residenz hatte, kam im Frühjahr 1607 ein Mann in mittleren Jahren, dessen schlichtes ehrwürdiges Ansehen der einfachen Priestertracht entsprach, welche er trug. Er kam, um seine Hülfe anzuflehen, und der Stand und Name, den er nannte, verfehlte nicht auf den Kirchenfürsten den Eindruck zu machen, den der Fremde wünschte. Auch er war ein Bischof, Bischof von Venafri im Königreich Neapel. Seine Feinde hatten eine Intrigue gegen ihn angesponnen, und auf die falsche Anklage, daß er ein Liebesverhältniß mit der Tochter des Herzogs von Caetano unterhalten, war er seines Bisthums entsetzt worden. Er war nach Rom gegangen, um sich zu rechtfertigen. Die Wuth seiner Feinde hatte ihn aber auch bis dahin verfolgt. Er war seines Lebens unter den gedungenen Dolchen nicht mehr sicher, und verkleidet entflohen. Der Flüchtling flehte seinen geistlichen Bruder um ein Asyl und Schutz gegen seine Verfolger an. Der Bischof in Padua, ein freundlicher, wohlgesinnter Mann, war gerührt durch die Leidensgeschichte und versprach ihm alle Unterstützung. Dieser aber wollte ihn nicht durch einen langen Aufenthalt belästigen, und noch weniger seine Kasse in Anspruch nehmen. Sein Anliegen ging mehr auf Vermittelung, welcher sein College sich unterziehen möge. Der Bischof von Venafri hatte bei seiner Flucht in Neapel 10000 Ducaten zurückgelassen. Sie lagen bei einem Freunde, dem Marquis de Ste. Arme. Er wünschte dieses Geld nach Venedig zu haben, getraute sich aber nicht, selbst deshalb Schritte zu thun, weil dies augenblicklich die Aufmerksamkeit seiner Verfolger auf ihn lenken müsse. Die Gunst, welche er bei seinem Collegen in Anspruch nahm, war, daß dieser ihm behülflich sei, dieses Geld in Venedig aufzunehmen. Für diese 10000 Ducaten wollte er in Venedig Diamanten, Perlen und goldene Ketten zu Geschenken für gewisse Seigneurs und Kirchenfürsten einkaufen, mit deren Hülfe er hoffte, daß seine Angelegenheiten ausgeglichen werden und er sein Bisthum wieder erhalten könnte. Der Bischof von Concordia fand das sehr natürlich und löblich. Er hatte in Venedig einen Freund, den Banquier Bartoloni, und verhieß ihm, daß durch dessen Beistand das Geschäft sehr leicht abgewickelt werden könne. Gerührt und dankbar über die Bereitwilligkeit seines Amtsbruders empfahl sich der Flüchtling, ohne sich mehrere Tage hindurch sehen zu lassen, oder ihm sonst durch Anliegen lästig zu fallen. Er blieb gerade so lange aus, als ein Courier nöthig hatte, von Padua nach Neapel zu reisen und nach Abmachung seiner Geschäfte daselbst nach Padua und nach Venedig zurückzureisen. Der Courier kam auch wirklich in der Person eines gewissen Octavio Oliva mit einem ganzen Paket Briefe in Venedig an, welches an den großen Banquier Angelo Bossa daselbst adressirt war. Es enthielt erstens ein Schreiben des Banquiers Alessandro Bossa, der das größte Banquierhaus in Neapel hatte und Angelo's Neffe war, an seinen Oheim in Venedig, mit dem Aviso, daß er ihm in einigen Tagen 10000 Ducaten übersenden werde, welche er dem Banquier Antonio Bartoloni in Venedig übermachen möge. Zweitens ein directes Schreiben desselben Ausstellers an diesen Bartoloni mit der Nachricht, daß er ihm in wenigen Tagen einen Wechsel auf 10000 Ducaten übersenden werde. Eingeschlossen waren zwei Briefe des Marquis de Ste. Arme, der eine an den Bischof von Venafri, der andere an den Bischof von Concordia, in welchem der Briefsteller diesem für die freundliche Aufnahme seines Freundes, des Bischofs von Venafri, dankte. Die letzteren beiden Briefe gingen sofort nach Padua ab. Der flüchtige Bischof erschien aber auch jetzt noch nicht bei seinem Gastfreunde, entweder aus Bescheidenheit, oder um seinen Verfolgern keine Spur zu geben, sondern erst dann, als auch er eine directe Zusendung aus Neapel erhalten, und darin einen Brief und Wechsel, unterzeichnet von Francesco Bordenali, dem Associé Alessandro Bossa's in Neapel. Der freundliche Bischof von Concordia redete dem Flüchtling zu, nunmehr selbst nach Venedig, wo er ganz sicher sein könne, mit seinem Wechsel zu gehen. Mit Empfehlungsbriefen des Bischofs an seinen Freund Bartoloni machte er sich nun auf den Weg nach der Inselstadt, und ward sofort von Bartoloni in dessen Hause aufgenommen und mit aller, einem Kirchenfürsten gebührenden Hochachtung behandelt. Bartoloni war aber ein sicher gehender Geschäftsmann. Erst nachdem er bei Angelo Bossa angefragt, ob dieser den Wechsel honoriren werde, beeilte er sich den Wünschen seines Gastes nachzukommen. Er ließ in den besten Kaufläden und Werkstätten Venedigs die kostbarsten und schönsten Diamanten und Perlen aufsuchen und sie dem Bischof vorlegen, damit dieser, was ihm gefällig, auswähle. Der Bischof schien die Gegenstände wohl zu kennen und zu würdigen, er prüfte sehr sorgfältig und nahm nur das Beste, aber in großer Anzahl. Es konnten viele große Herren damit bestochen werden. Bartoloni zahlte Alles sofort baar aus. Der Bischof von Venafri benahm sich übrigens während dieses Handels und seines ganzen Aufenthaltes in Venedig und in Bartoloni's Hause mit der Würde, die man von einem Kirchenfürsten und Dulder erwarten konnte. Miene und Bewegungen waren die Demuth selbst; sein Blick hatte mystische Süßigkeit. Er sprach wenig, aber mit Salbung; Sprüche aus dem Evangelium mischten sich unwillkürlich in seine Unterhaltung. In der Hand hielt er immer sein Breviarium, auf das seine Blicke hafteten, wenn keine andern Gegenstände sie beanspruchten. So gewann er denn durch seine Würde und seine Bescheidenheit Aller Herzen im Hause des Banquiers. Besonders gefiel der würdige Priester durch seine Tischgespräche. Er ließ nur dann und wann Erinnerungen an sein früheres Leben, Begebenheiten während seines Bischofamtes einfließen, stets gelegentlich, nie um sich zu rühmen, die Andern durch das Gefühl seiner Würde zu drücken. Die Pretiosen waren jetzt sämmtlich eingekauft, noch aber im Verwahrsam des Banquiers. Denn Bartoloni war ein zu guter Geschäftsmann und seinem Freunde, dem Bischof von Concordia, dienstgetreu, als daß er sie, ohne dessen specielle Anweisung, Jemandem ausgeantwortet hätte. Der Bischof von Venafri schrieb aber jetzt an diesen, daß er seine Geschäfte glücklich in Venedig beendet, und erinnerte ihn an ein Versprechen, welches jener ihm mündlich in Padua gemacht. Der Bischof von Concordia hatte einen alten, treuen, ehrenhaften Diener, Don Martino, den er seinem Collegen als Begleiter auf seiner Reise angeboten. Denn jener Zeit pflegte man mit solchen Schätzen nicht gern ohne bewaffneten Schutz zu reisen; was mehr ein verfolgter Kirchenfürst, der die Dolche seiner Feinde fürchtete. Er ersuchte ihn, daß Don Martino sich bereit halte, wenn er nächsten Tages ankomme, um ihn von Padua aus zu begleiten. Der Brief war unterzeichnet Don Pirotto. Der gute Bischof von Concordia hatte sich nicht einmal gemüßigt gefunden, vorhin seinen Amtsbruder nach dessen Familiennamen zu fragen, noch war ihm derselbe sonst bekannt. Auch Bartoloni erhielt vom Bischof auf specielle Anfrage einen Brief, daß er sofort alle Pretiosen seinem Gaste gegen Quittung übergeben möge, die dieser denn auch ausstellte unter dem Namen: Carlo Pirotto, Bischof von Venafri. Der Abschied war würdevoll und herzlich. Der Bischof konnte seinen Dank dem Gastfreunde nicht herzlicher ausdrücken, und der Banquier konnte sich schmeicheln, in ihm einen Gönner für sein Leben erworben zu haben. Doch begleitete Bartoloni ihn noch selbst, aus Respect für seine Würde, bis Padua. Außerdem war in seinem Gefolge Pietro Oliva, der Bruder dessen, der für ihn die Courierdienste geleistet. Man glaubte in ihm einen Anverwandten des Bischofs zu erkennen. In Padua war natürlich sein erster Besuch beim Bischof von Concordia. Dieser wollte ihn zu Tisch behalten, aber der Reisende entschuldigte sich. Er wollte, so schnell es ging, nach Turin, wo er den Marchese D'Este zu treffen hoffe, durch dessen Vermittelung seine Angelegenheiten arrangirt werden sollten. Leider war Don Martino abwesend. Dies hinderte ihn aber nicht, nur in Begleitung Pietro Oliva's abzureisen. Bartoloni kehrte nach Venedig zurück. Folgenden Tages, als er eine Geldkiste öffnete, stimmte die Summe darin nicht mit seinen Büchern, und es blieb kein Zweifel, daß 400 Kronenthaler fehlten. Bei näherer Untersuchung fand er Spuren einer Feile oder eines andern Instrumentes. Die Eisenstangen waren erbrochen gewesen, aber sehr geschickt wieder verschlossen worden. Die Kiste hatte entweder in den Zimmern gestanden, welche der Bischof bewohnt, oder doch in dessen Bereich. Ein leiser Verdacht stieg in ihm auf; er ließ ihn indeß nicht aufkommen. Nach acht Tagen präsentirte er Angelo Bossa den ihm vom Bischof cedirten Wechsel, ausgestellt von Alessandro Bossa und erhielt darauf die Bezahlung. Andern Tages kam aber schon ein Courier aus Neapel mit einem Briefe von Alessandro Bossa an seinen Oheim Angelo, des Inhalts: er wisse durchaus nichts von dem fraglichen Geschäft, und habe auch keinen Wechsel dem Marchese de Ste. Arme ausgestellt. Angelo Bossa's Bestürzung war groß. Er eilte Klage zu erheben bei der venetianischen Justiz, aber der Verklagte fehlte und das Institut der Steckbriefe war sehr unvollkommen zu einer Zeit, wo die Zeitungen noch hinkende Boten waren. Inzwischen vereinigten sich Bossa, Bartoloni und der Bischof von Concordia zu allen möglichen Anstrengungen, um den Betrüger zu entdecken und seiner habhaft zu werden. Denn daß er es mit einem falschen Bischof zu thun gehabt, daß der Bischof von Venafri, wenn er lebte, nicht abgesetzt worden und wahrscheinlich auch nicht Carlo Pirotto heiße, davon hatte muthmaßlich der Bischof von Concordia mittlerweile sich unterrichtet. Der schlaue und kühne Betrüger, der Alles so geschickt angefangen, hatte, wie man später erfuhr, nur den Umstand vergessen, sich nach dem Geschlechtsnamen der Person zu erkundigen, die er vertrat, und erst in Venedig auf's Gerathewol den Namen Pirotto angenommen. Man schickte in alle Länder und Provinzen Italiens genaue Beschreibungen der erschwindelten Gegenstände. Man versprach das Viertel des Gesammtwerthes Dem, der zu ihrer Wiederbeschaffung verhelfe. Alles umsonst. Glücklicherweise hatte man aber auch außer Italien einige Hauptstädte beschickt, und eine dieser Schriften kam an den Banquier Aumagres in Paris, der davon Abschriften verfertigen und an die Goldschmiede und Juweliere der Hauptstadt vertheilen ließ. In Paris hatte ein kleiner Goldschmied, Namens Bourgoin, seinen Laden nahe an der Kirche St.-Lenfroy, unweit des Pont au Change. Eines Tages, im Januar 1608, erschien hier ein Italiener, der ihm Diamanten zum Kauf anbot. Bourgoin war nicht der Mittel, sie selbst zu erstehen, aber er versprach ihm Käufer zu verschaffen, und das vielleicht auf der Stelle. Der Italiener ging darauf ein und ließ ihm vier Schächtelchen mit Brillanten gegen einen Empfangschein zurück, um nach einigen Stunden wiederzukehren. Bourgoin kannte seine Leute und hoffte ein gutes Geschäft zu machen. Er wandte sich an zwei Kaufleute und größere Juweliere, Maurice und Paris Turquet. Beide aber hatten von dem vorhin genannten Banquier Abschriften von der Beschreibung der in Venedig gestohlenen Pretiosen erhalten. Im ersten Augenblick erkannten sie die Schachteln, in denen die Diamanten lagen, für die in jener angegebenen. Nachdem sie die Schrift genauer mit dem Gegenstande verglichen, und gefunden, daß kein Zweifel bleibe, schlossen sie sofort eine Societät, um gemeinschaftlich zur Entdeckung des Diebes zu operiren und gemeinschaftlich das versprochene Viertel des Diebstahls zu gewinnen. Sie benachrichtigten auf der Stelle den Lieutenant der Grande prévoté de la Conetablie de France , Herrn Denis de Quiqueboeuf, davon, der sich auch sofort beim Juwelier Bourgoin einfand. . Der Italiener kam. Denis de Quiqueboeuf gab sich für einen Kaufmann aus, der gern eine große Anzahl Edelsteine erstehen möchte. Der Italiener hatte keinen Arg und zeigte ihm außer den ersteren noch mehrere Schächtelchen. Die beiden großen Kaufleute erkannten auch in diesen Gegenstände des venetianer Raubes. Ihre Aufmerksamkeit auf Fassung und Schachteln, ihre Mienen und Blicke erregten im Italiener denn doch Verdacht. Er schützte plötzlich einen andern, dringenden Besuch vor und wollte in Kurzem wiederkommen. Da gab sich Quiqueboeuf zu erkennen. Der Italiener betheuerte seine Unschuld, daß er auf die redlichste Weise, durch den Handel, in Besitz der Steine gekommen. Der Polizeimann ließ sich aber nicht überreden, sondern verhaftete ihn. Man durchsuchte zugleich seine Wohnung, die er nennen müssen, und fand dort eine noch junge, schöne Frau und einen Familienkreis, der unverdächtig schien, in den Schränken und Kisten aber alle die Pretiosen, welche, außer den schon zu Tage gekommenen, als in Venedig gestohlen in der Beschreibung angegeben waren. Dies geschah am 12. Jan. 1608. Beim ersten, am selben Tage vorgenommenen Verhör nannte sich der Italiener Francesco Fava, gebürtig aus Capria an der Grenze von Ligurien, alt etwa 45 oder 46 Jahr. Er sei seines Standes Doctor der Medicin, habe sich aber von früh auf mit dem Handel mit Edelsteinen abgegeben, und die jetzt bei ihm vorgefundenen in Piacenza für 5150 Ducaten erkauft. Zugleich mit Fava war der uns schon bekannte Pietro Oliva, den Fava für seinen Schwager ausgab, entweder auf der Straße oder in seiner Wohnung gefangen worden. Noch am selben Abend fand dieser indeß Gelegenheit zu entkommen, und ward nie wieder gesehen. Am folgenden Morgen, den 13. Jan., fuhr man mit dem Verhöre fort. Man hielt ihm die genaue Beschreibung der in Venedig entwandten Kleinode vor, zeigte, wie Stück für Stück auf die in seinem Besitz gefundenen passe, wie man nur diese und keine andern Pretiosen bei ihm gefunden. Er war sichtlich betroffen, verwirrte sich in seinen Antworten, und endete damit, daß er in Thränen ausbrach, den Richtern zu Füßen stürzte und Alles bekannte. Die französische Justiz jener Tage ließ sich in der Regel genügen, wenn sie einen Verbrecher ertappt und er zum Geständniß der That, um deren willen er ergriffen war, torquirt worden, ohne sich sehr viel um seine frühere Verbrecherlaufbahn zu bekümmern, zumal wenn er ein Ausländer war. Francesco Fava's Kühnheit und Glück muß doch aber ihr besonderes Interesse erregt haben, denn aus den Acten der Zeit hat sich mehreres aus seiner Vorgeschichte erhalten, und es sind dabei zugleich die Zweifel angedeutet, ob er nicht früher, in anderer Gestalt, noch andere ansehnliche Betrügereien begangen habe. Er hatte oft seinen Namen wie seinen Stand gewechselt, indem er hier als Arzt, dort als Kaufmann auftrat. Den Namen Fava gab er aber vor Gericht als seinen wahren an und wollte aus einer ehrbaren Familie aus Finale bei Genua stammen. Von Jugend ab war er durch einen großen Theil Italiens gereist. Seine glänzende Laufbahn, heißt es, begann er als Arzt; ja, er hatte in der Arzneiwissenschaft einen gewissen Ruf erlangt, bezüglich seiner genauen Kenntnisse aller Arten von Vergiftungen. Um sein Loos zu bessern, oder vielmehr, um mehr Ansehn und Einfluß zu gewinnen, hielt er es für angemessen, sich nach einer schönen und geistreichen Frau umzusehen. Er fand sie in Katharina Oliva, der Tochter eines Kaufmanns in Orta. Unter dem Namen Cesar Fiori führte er sich bei der Familie der jungen Neapolitanerin ein. Er hoffte, sein Ruf (als Giftdoctor?) allein werde ihm beim Vater zur Empfehlung gelten. Dieser aber verlangte Geburtsatteste, und Fava überbrachte ihm ein Attest des Richters von San Severino, worin ihm bezeugt ward, daß er aus der Familie der Fiori von San Severino stamme. Das Attest und Siegel darunter waren aber von ihm allein gefertigt. Der Kaufmann glaubte, die Hochzeit ward gefeiert, und Francesco zog bald darauf mit seiner jungen Gattin von Orta weg nach Castelarca, einer Stadt, einige Meilen von Piacenza, wo er wieder den Namen Francesco Fava annahm und als Arzt practicirte. Ob und wie ihm seine schöne Frau in seiner ärztlichen oder andern Praxis geholfen, wird uns nicht gesagt. Wir erfahren nur, daß sie ihn zum Vater vieler Kinder gemacht, und daß seine zahlreiche Familie ihm Sorgen verursachte, die sein Erwerb als Arzt nicht zu beseitigen vermochte. Der Geist der Intrigue, der immer in ihm lebendig gewesen, trieb ihn, durch einen kühnen und verzweifelten Streich sich Mittel zu verschaffen, um den Rest seines Lebens in Ruhe zu verbringen. Im Jahre 1607 um Pfingsten, verließ er Castelarca und ging nach Neapel, wo er als Abbé ankam. Sein erstes Geschäft war, sich nach den ansehnlichsten Banquiers daselbst zu erkundigen. Der reiche Alessandro Bossa war der erste. Er meldete sich bei ihm mit der Bitte, ihm einen Wechsel auf 50 Colonnaten auf Rom zu geben, wo er einen studirenden Neffen habe. Der Banquier stellte ihm diesen Wechsel gegen Empfang des Geldes aus. Fava behielt den Wechsel vierzehn Tage bei sich, die er dazu benutzte, Schrift und Unterschrift dergestalt nachzuahmen, daß die Täuschung vollkommen war. Alsdann brachte er dem Banquier den Wechsel zurück, vorgebend, daß er des Geldes in Rom nicht mehr bedürfe, und erhielt sein eingelegtes Geld wieder. Bei der Gelegenheit hatte er indessen mehre Besuche im Comtoir des Banquiers gemacht und sich dabei manche unnütze Scripturen angeeignet, die aber für ihn nicht unnütz waren, weil sie die Handschrift Alessandro Bossa's und seines Compagnons Bordenali in aller Ausführlichkeit enthielten. Als eines Tages Alessandro Bossa nicht zu Hause war, bat er den jungen Mann, der im Comptoir arbeitete, auf den Banquier hier warten zu dürfen, und zugleich um etwas Papier, Siegellack oder Wachs und Petschaft, um während der Zeit einige dringende Briefe expediren zu können. Zweck war, die Papiersorte kennen zu lernen, auf der der Banquier gewöhnlich schrieb, und sein Siegel sich zu verschaffen. Sein Aufenthalt in Neapel, oder vielmehr dieses vorbereitende Geschäft, hatte zwei Monate gedauert. Nachdem er sein Studium für vollendet hielt, reiste er ab, und wir sahen ihn in Padua als abgesetzten Bischof von Venafri ankommen. Was hier und in Venedig geschah, und wie geschickt er seine erworbene Wissenschaft ausbeutete, ist aus dem Obigen bekannt. Der Pietro oder Octavio Oliva, der ihm als Courier diente und sein beständiger Begleiter war, war einer der Brüder seiner Frau. Als er eiligst Padua verließ, um vorgeblich nach Turin zu gehen, kehrte er in seine Wohnung nach Castelarca zurück, und schützte hier gegen seine Frau vor, daß es ihm gelungen, auf seinen Reisen von einigen faulen Schuldnern mehre Restsummen zu erheben. Mit diesen wolle er in Frankreich sich niederlassen und dort sein Glück versuchen. Auch reiste er bald darauf mit der ganzen Familie und einem seiner Schwäger dahin ab. Er wagte es, über Venedig zu gehen, wo er indeß nur so kurze Zeit blieb, als es unerläßlich war, und kam durch die Schweiz nach Frankreich und Paris, wo er im November sich eine meublirte Wohnung am Platze Maubert miethete. Hier hielt er sich in voller Sicherheit. Dennoch fürchtete er, daß der Haß Derer, die er betrogen, später ihm doch auf die Spur kommen könne, und sein Plan war, wenn es ihm gelungen wäre, seine Diamanten an den Mann zu bringen, sich mit dem Erlös in irgend eine kleine Stadt des Poitou oder Anjous zurückzuziehen. Noch zauderte er indeß. Er schrieb an einen seiner vertrautesten Freunde von früher, Francesco Corsina, der in Flandern als Apotheker etablirt war, er wolle sich mit ihm vereinigen. Sie könnten Beide, vermöge der Mittel, die er mitbringe, eine schöne, große Apotheke anlegen und ein vortheilhaftes Geschäft, mit Theilung des Gewinnstes, betreiben. In Erwartung auf die Antwort Francesco's, versuchte Fava jetzt einige der Diamanten loszuschlagen. In gerechter Besorgniß, daß die größern und reichern Juwelenhändler Notizen und Beschreibungen des venetianischen Diebstahls erhalten haben könnten, suchte er einen der kleinern auf, und ward darauf im Bourgoin'schen Laden, wie oben angegeben, verhaftet. Fava ward in das Fort Lévêque abgeführt. Hier überdachte er schnell sein Schicksal. Wie auch sein Prozeß sich entscheide, er schloß richtig, daß seine Zukunft in der bürgerlichen Gesellschaft verloren sei. Entweder der Brandmarkung der Schande oder dem schmachvollen Tode verfallen, wollte er sich selbst den letztern geben, und löste sich mit einem Federmesser die Adern an seinen beiden Armen an fünf verschiedenen Stellen. Da aber der Frost hinzutrat, hörte das Blutströmen auf. Er war zu schwach, um den Selbstmord zu vollenden, und mußte in seinen Schmerzen nach dem Kerkermeister rufen, der ihn mit aller Anstrengung ins Leben zurückbrachte. Leidlich geheilt, legte er vor dem Richter ein vollständiges Bekenntniß des von ihm verübten Verbrechens ab. Befragt, ob seine Frau betheiligt gewesen, erklärte er, sie sei zu unschuldig und einfach, als daß er ihr das Geringste davon mittheilen dürfen. Bei der Confrontation mit ihr zeigte sich, daß er die Wahrheit angegeben. Sie schien von Schmerz und Scham über sein Verbrechen ganz überwältigt, und warf sich todtenblaß, und ohne ein Wort sprechen zu können, an seine Brust. Auch er ward gerührt und sagte zu ihr in zärtlichem Tone: »Mein theures Weib, beruhige Dich, bleibe ich am Leben, so wirst Du für immer Das besitzen, was Du liebst; sterbe ich aber, so verlierst Du die Ursache Deiner Betrübniß.« Fava's Richter zweifelten lange Zeit, daß er allein, ohne Beihülfe Anderer, im Stande gewesen, einen so fein durchgeführten Betrug zu begehen. Auch blieben sie steif und fest dabei, wie es unmöglich sei, daß er allein alle diese falschen Briefe geschrieben haben sollte. Fava erklärte ihnen lächelnd, daß sie sich irrten, sei er zwar weder Bischof, Marquis noch Kaufmann, so kenne er doch ihre Titel, Ehrenbezeigungen, kurz das ganze Formular des geselligen Lebens, dessen sich diese Stände untereinander bedienten. Außerdem könne er fremde Handschriften nur zu gut nachmachen. Sei diese verderbliche Wissenschaft doch leider der Grund seines Unglücks geworden. Ja, er wäre so fertig in dieser Kunst, daß er in weniger als einer Stunde 50 verschiedene Handschriften nachahmen könne, und in solcher Vollkommenheit, daß es schwer falle, sie von den Originalen zu unterscheiden. Wenn er nur einen Wachsabdruck von einem Petschaft habe, so könne er davon andere Petschafte desselben Stempels schneiden, wie nur der geschickteste Graveur. Während der gerichtlichen Untersuchung war Francesco Corsina nach Paris gekommen, und hatte Mittel gefunden, den Gefangenen zu sehen. Er versprach ihm, seine Flucht zu ermöglichen, und bis dahin ihm Nachricht von Allem mitzutheilen, was auf seinen Prozeß Bezug habe. So erfuhr Fava am 25. Febr. durch ihn, daß der Courier von Venedig angekommen sei, und daß Antonio Bartoloni ihm auf dem Fuß folgen werde, um ihm den Prozeß zu machen. Dies bewog ihn, keine Zeit zu verlieren, um Alles zu seiner Rettung zu versuchen, da der Ausgang dieses Prozesses unzweifelhaft schien. Er hatte bemerkt, daß ein Sprung aus dem Fenster des Zimmers, in welchem sein Kerkermeister wohnte, leicht sei, von dort brauchte er nur eine Mauer zu erklettern, die nicht unübersteigbar war. In das Zimmer des Kerkermeisters zu dringen aber war nicht schwer. Corsina mußte ihm Stricke verschaffen, und erhielt dafür das Versprechen, daß er ihm eine Apotheke herstellen wolle, in welcher sie Beide, zusammen wirkend, Schätze zu erwerben hofften. Am 27. Febr. ward dieser Fluchtversuch gemacht, aber im Augenblick der Ausführung entdeckt. Folge war engere Einsperrung. Antonio Bartoloni war angekommen und hatte alle nöthigen Beweisstücke zur Führung des Prozesses mitgebracht. Dies und das Eingeständniß des Verbrechers schien aber jener Zeit doch noch nicht zu genügen, um einen unsers Bedünkens so einfachen Prozeß zu Ende zu führen. Denn Bartoloni brachte zuvörderst ein Empfehlungsschreiben seiner Republik mit, dann erforderte er die Unterstützung des venetianischen Gesandten in Paris, und durch diesen dem Könige vorgestellt, der sich für die Angelegenheit sehr interessirte, erhielt er von demselben ein offenes Schreiben an den Kanzler, des Inhalts, daß man ihm pünktliche und volle Gerechtigkeit angedeihen lasse. An Flucht war nicht mehr zu denken. Fava faßte den Entschluß zu einer andern Flucht, er wollte sich, seine Frau und Kinder vergiften, um sie insgesammt der Schande, die ihrer warte, zu entziehen. Am 4. März ließ er sich einen Barbier kommen, um Haare und Bart ihm zu scheeren. Er klagte ihm über Inflammation der Augen und bat ihn, ihm Rosenblätter, Rosinen von Korinthen, Zucker und eine halbe Unze Antimonium zu verschaffen. Davon wollte er sich eine Salbe bereiten. Der Barbier zeigte sich auch bereit und kaufte; da aber Antimonium ein Gift war, glaubte er dem Kerkermeister davon Notiz machen zu müssen. Das Antimonium ward dem Gefangenen nicht ausgeantwortet. Indessen scheint es, daß Fava sich auch schon damals etwas Antimonium anderweitig verschafft haben müsse, denn er wurde krank und litt ununterbrochen an Erbrechungen und Kolik. Alle Formalitäten des Processes waren beobachtet und die Acten dem Advocaten Roland Bignon übergeben, um den Bericht zu machen. Fava wußte am 22. März, daß der Bericht fertig und sein Prozeß am folgenden Tage entschieden werden sollte. Seine Frau war bei ihm zum Besuch. Er drückte gegen sie den Wunsch aus, eine italienische Pastete zu essen, die sie ihm schon mehre Male bereitet hatte. Sie sandte ihm dieselbe am andern Morgen durch ihren Sohn. Sobald er sie erhalten, brach er ein Stück aus, und nach einigen Manipulationen damit verschlang er es wie mit Heißhunger. Er ward blaß, entstellt und litt sichtbar. Seine Frau kam, er klagte über fürchterliche Schmerzen, ohne den Grund zu sagen. Der Tod stand auf seiner Stirn, er nahm von der Gattin Abschied auf immer, segnete zwei Mal seinen Sohn und drängte dann, daß sie fortgingen. Dann verlangte er nach einem Priester. Man wies ihm einen zu, der selbst Gefangener im Hause war. Diesen wollte er nicht. Aber während man nach einem andern schickte, wurden seine Qualen so furchtbar, daß er es nicht im Bette aushielt. Man mußte ihn herausheben und auf eine Strohdecke legen, wo er unter schrecklichen Convulsionen nach einigen Augenblicken starb, ohne dem Kerkermeister ein Wort zu sagen, und ohne daß Dieser Zeit fand, ihm Heilmittel beizubringen. Er hatte in der Pastete eine starke Portion Arsenik verschluckt, ohne daß es der eifrigsten Untersuchung möglich geworden, zu entdecken, woher er dasselbe erhalten. Man fand das Gift bei der Leichenöffnung am 24. März 1608. Der Prozeß ward nichtsdestoweniger gegen den Leichnam fortgesetzt, aber schon am selben Tage der Obduction entschieden. Francesco Fava ward als überführt erklärt: des Diebstahls, des Betrugs mit Schwindelei (eseroquerie) , Führung eines falschen Namens, der Fälschung in Schriften und Siegeln, des vielfach wiederholten Selbstmordversuchs in seinem Gefängniß, endlich der vollbrachten Selbstentleibung, als sein Urtheil doch schon vor der Thür stand. Zur Buße dessen sollte sein Leichnam mit dem Gesicht gegen die Erde zur Nichtstätte geschleift und dort bei den Füßen an einem eigens dazu errichteten Galgen aufgehängt werden. Sein sämmtliches Vermögen solle confiscirt werden zu Gunsten Dessen, der darauf ein Recht habe, nachdem zuvor so und soviel für Angelo Bossa zur Erstattung seiner Schäden zurückbehalten worden. Auch sollte auf Octavio Oliva, Pietro Oliva und Francesco Corsina gefahndet werden, und wenn man sie fände, auch ihnen der Prozeß gemacht werden. Die Kaufleute und Juweliere erhielten nicht das versprochene Viertel, da Angelo Bossa sie schon vorher mit 100 Kronenthalern abgefunden und abgekauft hatte. Papavoine 1824 – 1825 Sonntag am 10. Octbr. 1824 geriethen die Bewohner der Umgegend von Vincennes durch ein tragisches Ereigniß innerhalb der Alleen und des Parkes in nicht geringe Aufregung und Bestürzung. Eine Demoiselle Malservait aus Paris, die sich hier ein Rendezvous gegeben, war in den Laden der Frau Jean getreten, um einen Liqueur zu trinken. Zur selben Zeit sah man einen Herrn, in schwarzen Pantalons und einem blauen Ueberrock, von oben bis unten zugeknöpft, vor dem Laden stehen, der, als die Malservait fortging, ihr in das Gebüsch nachfolgte. Auch eine zweite junge Dame, die Demoiselle Hérin, ging um diese Zeit in den Alleen mit zwei Kindern spazieren. Diese, Knaben von fünf und sechs Jahren, waren ihre eigenen natürlichen Kinder, aus einer Art Gewissensehe entsprungen. Sie hatte dieselben in Vincennes in Pension gegeben und machte ihnen ihren Sonntagsbesuch. Die Malservait, nachdem sie den Laden verlassen, begegnete in der Allee der Demoiselle Hérin und schien von der Anmuth der Kinder entzückt; sie bat die Mutter um die Erlaubniß, sie zu küssen. In dem Augenblicke ging jener Fremde im blauen Ueberrock vorüber, zog den Hut ab, grüßte sie und ging seines Weges. Die Malservait ging alsdann nach derselben Richtung. Als sie mit dem Fremden zusammenkam, fragte dieser sie: »Kannten Sie die Kinder, die Sie eben geküßt?« – Sie erwiderte: »Man kann doch Kinder küssen, die man auch nicht kennt.« Der Fremde trennte sich von der Malservait und kehrte in den Laden der Frau Jean zurück, wo er ein Messer forderte. Die Frau handelte auch mit Messern, aber verkaufte sie nur dutzendweis. Indessen wurden sie einig, daß sie ihm eines aus dem Paket ablasse, wofür er dann einen höhern Preis als im Gebinde sich zu zahlen verstand. Mit dem Messer ging der Fremde in die Allee zurück, wo die Mutter mit den Kindern noch immer spazierte. Die Malservait sah man nicht mehr. Es war gegen 11½ Uhr, als der Fremde sich Demoiselle Hérin näherte. Sein Gesicht war blaß, seine Stimme zitterte. »Ihre Promenade ist bald zu Ende«, sagte er zur Mutter, indem er sich bückte, wie um eines der Kinder zu küssen. Aber er stieß ihm das Messer ins Herz. Beim Schrei des Knaben, dessen wahren Grund sie noch nicht wußte, stieß die entsetzte Mutter mit dem Regenschirm nach dem Thäter. Sie traf den Hut; die Spuren des Stoßes waren am Hute geblieben. Aber während dieser ohnmächtigen Wuth der Unglücklichen hatte das Ungeheuer sich umgewandt und dasselbe rauchende Messer schon in das Herz des andern Kleinen gestoßen. Dann stürzte er sich ins Dickicht. In ihrer Verzweiflung schrie die Hérin aus Leibeskräften um Hülfe. Mehre Personen kamen herbei. Sie beschrieb ihnen den Meuchelmörder, so gut sie konnte, die Farbe seiner Kleider, Gestalt, Haltung, die sie mit der Schärfe eines weiblichen Auges aufgefaßt und auch in der Verzweiflung des tiefsten Schmerzes einer Mutter nicht vergessen hatte. Mehre erinnerten sich nun nach der Beschreibung, den Fremden schon vorhin gesehen zu haben, und Jeder eilte, nachdem er sah, daß die Sorge für die Kinder eine fruchtlose sei, nun wenigstens Alles zu thun, damit der Verbrecher nicht dem Arme der Gerechtigkeit entfliehe. Man schloß die Thore des Gehölzes von Vincennes und die königliche Gendarmerie, von Soldaten aus der Garnison unterstützt, streifte durch die Büsche. Demoiselle Malservait ward in einem Kaffeehause entdeckt. Nächst dem unbekannten Thäter war der erste Verdacht auf sie gefallen, denn sie schien in nächster Verbindung mit ihm zu stehen. Als sie im Laden den Liqueur trank, hatte Jener anscheinend draußen auf sie gewartet, er war ihr zuerst nachgegangen, dann, nachdem sie die Kinder geküßt, war sie ihm nachgeeilt. Sie hatte mit ihm gesprochen und bald darauf war die Mordthat verübt worden. Die Hérin hatte nicht anders geglaubt, als sie sei die Frau des Fremden. Sie hatte die Kinder geliebkost, ihnen den Weihekuß zum Tode gegeben. Man arretirte sie. Die Localbehörde war inzwischen thätig. Bei der Frau Jean ward das Factum des Messerkaufs ermittelt. Diese gab eine noch genauere Beschreibung von dem Fremden, aber sie stimmte vollkommen mit der von der unglücklichen Mutter entworfenen. Frau Jean hatte außerdem bemerkt, daß der Fremde einen Krepp um den Hut trug, in einer besondern Art umgeschlungen und befestigt. Man durchsuchte Gebüsch für Gebüsch. Endlich sah gegen Mittag ein Gendarm in einer der Parallelalleen mit derjenigen, wo der Mord begangen worden, doch durch ein beträchtliches Buschwerk von ihr getrennt, einen fremden Herrn, der mit einem Soldaten sich unterhielt. Das Signalement, welches die Hérin gegeben, paßte auf ihn. Der Gendarm forderte ihn auf, ihm zu folgen. Der Fremde zeigte sich bereit, bemerkte aber mit vollkommener Ruhe, daß er sich nichts vorzuwerfen habe, und daß seine Arretirung vielleicht von den Spuren des wahren Thäters ablenken könne. Aber der Soldat neben ihm sagte, daß er diesen Mann erst vor wenig Minuten aus dem Dickicht kommen gesehen, wie er da mit großer Aufmerksamkeit seine Kleider gemustert, als ob er nach einem Flecken suche. Auch habe er ihn, den Soldaten, gefragt, ob sein Gesicht auch nicht beschmutzt wäre. Dies genügte dem Gendarm, um ihn zu arretiren. Man führte ihn in das Haus, wo die Hérin untergebracht war, und kaum daß die Unglückliche ihn erblickte, als sie aufschrie: »Das ist das Ungeheuer, was meine Kinder getödtet hat!« Ebenso erkannte ihn die Frau Jean auf den ersten Blick wieder. Mehre andere Zeugen hatten ihn, wenige Augenblicke vor der Mordthat, in der Allee gesehen. Der Fremde war nicht im entferntesten betroffen. Er sagte, daß er Papavoine heiße, aus der Provinz sei, vor kurzem erst in Paris eingetroffen und in Vincennes nur auf einem Spaziergange. Mit vollkommener Ruhe und in geschickter Sprache wies er die Anschuldigung, die Kinder ermordet zu haben, zurück. Die beiden Kinder waren todt. Die ärztliche Untersuchung, die auf der Stelle eintrat, stellte fest, daß ihr Tod die augenblickliche Folge von Stichen eines Instrumentes sei, dessen Form der eines Messers gleiche. Man nahm eines von den eilf Messern, welche in dem Paket der Jean, nach dem Verkauf des zwölften, zurückgeblieben waren, und es paßte in die Wunden der Kinder. Der Thäter war so gut wie ermittelt, aber damit nichts über die Motive zu der räthselhaften That, über die möglichen Mitwisser und Complicen. Die That war kein Raubmord, ebensowenig schien sie die That eines Wahnsinnigen; der nächste Verdacht war daher, daß es ein Mord aus Rache oder aus ihr verwandten Motiven sei. Es kam daher zunächst auf Betrachtung der Persönlichkeiten an und ihrer Verhältnisse, und wir haben es hier mit drei Parteien zu thun: der Mutter der Kinder, Demoiselle Hérin und Anhang, der Demoiselle Malversait und Papavoine's selbst. Die Untersuchung hat die Familienverhältnisse und den Lebenslauf jeder dieser drei Personen aufs genauste erforscht, aber obgleich alle Drei in so wunderbarer Weise zur selben Zeit und Stunde im Park von Vincennes sich getroffen und näher oder entfernter in die Mordthat verflochten sind, so ist doch das Resultat, daß keine dieser Personen mit einer der andern vorher im Geringsten in Verbindung gestanden, ein Interesse für oder gegen den Andern gehabt, ja, daß sie sich nicht einmal vorher gekannt haben. Es war ein Zufall, der sie zusammenführte, und sie sahen sich hier in der verhängnißvollen Stunde zum ersten Mal in ihrem Leben. Demoiselle Hérin, 24 Jahre alt, war die Tochter des Portiers in der Militairintendantur. Vor neun Jahren, im Alter also von fünfzehn Jahren, hatte sie die Bekanntschaft des jungen Gerbod gemacht und eine leidenschaftliche Neigung hatte Beide zu einander geführt. Die Eltern des jungen Mädchens müssen sie geduldet haben, und die Frucht derselben waren zwei Kinder gewesen – die ermordeten. Der junge Gerbod hatte nicht allein beide Kinder als seine anerkannt, sondern erklärte schon seit lange, daß es sein fester Wille sei, seine Geliebte, die ihn zum Vater gemacht, zu heirathen. Aber sein Vater war entschieden gegen diese Verbindung. Der alte Gerbod hatte seit einer langen Reihe von Jahren eine sehr ansehnliche Wagenfabrik. Durch ehrenwerthen und ausdauernden Fleiß hatte er sich zu einem ziemlichen Wohlstande aufgeschwungen, und es ist natürlich, besonders nach französischen Begriffen, daß ihm eine Ehe seines Sohnes und Erben mit einem Mädchen ein Stein des Anstoßes war, die gar nichts besaß, sich außer der Ehe von seinem Sohn zwei Kinder machen lassen, und das anscheinend unter den Augen ihrer Eltern, welche den Verkehr mit dem jungen Gerbod ruhig duldeten. Der Widerwille des Vaters war um so begreiflicher, als derselbe gerade jetzt sein sehr ausgedehntes Etablissement ihm in vortheilhafter Weise überlassen wollte. Nun sollte der Sohn zur Vergeltung auch eine vortheilhafte Heirath schließen. Der junge Gerbod wies aber alle Anträge entschieden zurück mit Rücksicht auf seine beiden natürlichen Kinder und deren Mutter. Es war zu feierlichen und ernsten Scenen, auch zu einer sehr lebhaften zwischen der Familie Gerbod und der Demoiselle Hérin gekommen; doch war damit die Eintracht zwischen Vater und Sohn nicht vollkommen gestört. Ein erster Verdacht fiel unter diesen Verhältnissen begreiflicherweise auf die Familie, auf den Vater Gerbod. Nur er hatte ein Interesse dabei, daß die beiden unehelichen Kinder seines Sohnes aus der Welt geschafft würden. Aber es fehlte alles und jedes weitere Judicium, es widersprach dem Charakter eines pariser guten Bürgers und Hausvaters, daß er Banditen dingen sollte, um zwei unschuldige Kinder ohne weiteres ermorden zu lassen. Endlich hat sich ergeben, daß zwischen Papavoine und der Familie Gerbod nie die geringste Bekanntschaft stattgefunden. Ebenso wenig zwischen Demoiselle Hérin und Papavoine. Sie hatte am 10. October ganz aus freien Stücken, ohne mit Jemand sich zu verabreden, sich zum Besuch der Kinder nach Vincennes begeben. Demoiselle Malservait war eine Putzmacherin, die in einem weit entfernten Quartiere von Paris wohnte. Ein Freund, der früher in nahen Verhältnissen zu ihr gestanden, und noch jetzt sie dann und wann besuchte und unterstützte, da sie in bedrängten Umständen war, hatte sie an diesem Sonntag morgen in der Frühe besucht, und wollte von dort aus zu seinem Bruder aufs Land. Die Malservait, welche schon längere Zeit nicht im Freien gewesen, wünschte ihn zu begleiten, um ein Mal wieder frische Luft zu schöpfen. Fournier hatte auch nichts dagegen, nur wünschte er gerade nicht bei seinem Bruder in ihrer Begleitung zu erscheinen. Sie verabredeten deshalb, nachdem sie zusammen aus Paris gegangen, daß die Malservait im Park von Vincennes spazieren gehen solle, während er beim Bruder seinen Besuch mache. In einem der Cafés des Parks wollte er sie wieder treffen. – Die Malservait traf vorher auf die Mutter mit den Kindern, dann auf Papavoine. Es stellte sich heraus, daß sie mit dem Letztern ebenso wenig als mit den Ersteren die geringste Bekanntschaft gehabt. So stand also Papavoine allein da, räthselhaft, als er die That ableugnete, und noch räthselhaft, als er sie längst eingestanden und zum Schaffot geführt ward. Ueber seine frühern Verhältnisse ward Folgendes ermittelt. Louis August Papavoine war 1783 oder 1784 in Mouy im Departement de l'Eure geboren Sein Vater, ein wohlhabender Tuchfabrikant, wandte etwas auf seine Erziehung und bestimmte ihn zur Marineverwaltung. Vom zwanzigsten Jahre ab diente der junge Papavoine auf mehren Staatsschiffen und stieg allmälig bis zum Range eines Commis der ersten Classe im brester Hafen. Sein Amt brachte es mit sich, daß bedeutende Geldzahlungen durch seine Hände gingen. Ueberall aber hatte Papavoine sich als ein Mann von ungefälligen Sitten gezeigt. Er floh den Umgang seiner Kameraden und schien finster und melancholisch. Er ging allein spazieren, er wählte die einsamsten Orte. Man weiß nicht, daß er jemals zarte Verhältnisse angeknüpft, noch daß er sich den gewöhnlichen Schwächen der menschlichen Natur hingegeben hätte. Nie vertraute er seine Gedanken einem Andern; in allen Geschäftsangelegenheiten hatte man dagegen seine Gedanken und Vorstellungen immer klar und richtig gefunden. Als sein Vater 1823 starb, hinterließ er seine Fabrik und Handelsangelegenheiten der Witwe und dem Sohne in der größten Unordnung. Papavoine nahm deshalb Urlaub von seinen Obern und reiste zur Mutter. Hier fand er aber die Dinge noch verwickelter als er gedacht, und, der Ueberzeugung geworden, daß seine Mutter sie nicht allein betreiben könne, entschloß er sich seinen Abschied zu nehmen. Er erhielt ihn mit einer Pension von 360 Francs und siedelte sich nach Mouy über. Aber ein neues Unglück. Die Fabrik hatte ihre Hauptnahrung von den Lieferungs-Aufträgen für die Armee. Das Kriegsdepartement zog seine Bestellungen zurück, und die Lage des Hauses ward dadurch sehr kritisch. Papavoine schien zu bedauern, daß er seine sichere Stellung aufgegeben. Er that deshalb Schritte, wiewol vergeblich, in sein voriges Amt wieder einzutreten. Diese Widerwärtigkeiten wirkten sichtlich auf seine Stimmung. Er ward so unerträglich, daß die eigene Mutter den ersten besten Vorwand ergriff, um wenigstens nicht mehr am selben Tische mit ihm zu speisen. Doch blieben Beide im selben Hause. Gegen Ende September 1824 behauptete Papavoine krank zu sein. Der Arzt fand auch einige Fiebersymptome und rieth ihm ein Vomitiv zu nehmen und eine kleine Reise zu machen. Jenes half ihm etwas und er folgte auch dem zweiten Rathe, er machte sich auf den Weg nach Beauvais, wo er am 2. October ankam. Hier fand er einige Verwandte und einen Handelsfreund, Namens Branché. Er betrug sich, wie man es von ihm gewohnt war. Indessen hatte die Mutter an die Verwandten einen Brief gerichtet, der einige Besorgnisse über den Zustand ihres Sohnes ausdrückte, und die Verwandten erinnerten sich, daß Papavoine ihnen eine Frage vorgelegt, bezüglich auf den Tod seines längst verstorbenen Oheims und seines Bruders, die ihnen sehr befremdend geklungen. Am Morgen nach seiner Ankunft in Beauvais erhielt Papavoine, der inzwischen immerfort beim Kriegsministerium sollicitirt hatte, unerwartet durch seine Mutter zwei Bestellungen, welche in seiner Abwesenheit vom Ministerium für ihn eingelaufen waren. Die Papiere deshalb bedurften aber noch einiger Förmlichkeiten, welche zu besorgen er sich schnell entschloß nach Paris zu reisen. Nachdem er etwas Geld zu der Reise aufgenommen, kam er am 6. October in Paris an. Da er nichts bei sich hatte, als was er von seinen Sachen zum kleinen Ausflug nach Beauvais mitgenommen, schrieb er an die Mutter, sie möchte ihm das Nöthigste nachschicken. Es ist beachtenswerth, daß sich unter den Sachen, die er selbst aus Mouy mitgenommen, zwei Messer befanden, beide scharf, aber nicht zum Zusammenlegen. Er stieg ab im Hotel de le Providence in der Rue Saint-Pierre-Montmartre und begab sich augenblicklich zu seinen Geschäftsfreunden, sehr ehrenwerthen Kaufleuten, denen er die Ministerialpapiere übergab, um sie stempeln zu lassen. Die vier Tage bis Montag, den 10., hatte er zurückgezogen in Paris gelebt. An diesem Tage lockte ihn, nachdem er ein bescheidenes Frühstück eingenommen, das schöne Wetter zu einem Spaziergange nach Vincennes. Daß er nicht in Mordabsicht ausgegangen, dafür spricht der Umstand, daß er keines der beiden Messer mitgenommen, sondern sich eines, aber ein ähnliches (ein Tischmesser), erst in Vincennes kaufte. Vor dem Instructionsrichter stellte Papavoine entschieden jede Betheiligung an der That in Abrede. Er bestritt die Aussagen gegen ihn als ganz falsch, oder suchte sie anders zu erklären, und verrieth dabei eine Klarheit und Schärfe des Verstandes, ja eine Geschicklichkeit, die nicht gewöhnlich war. Bei diesem Ableugnungssysteme verblieb er vom 10. October bis zum 15. November, ohne sich zu widersprechen. Von dem Tage an verfiel er, zur Ueberzeugung gekommen, daß Jenes ihm nicht mehr gegen die Masse von Beweisen helfen könne, ja daß es seine Lage sehr verschlimmere, in ein neues System, welches er mit eben so viel Geschicklichkeit entwickelte. Papavoine erklärte, er habe wichtige Entdeckungen zu machen, von einer Wichtigkeit, deren sich Niemand versehen werde. Bedingung aber sei: daß er sie nur in Gegenwart zweier erlauchten Prinzessinnen mache. Der Respect vor ihrem Range und die Criminalformen gestatteten das aber nicht; auch scheint man von Anfang an nicht großen Glauben dieser Andeutung geschenkt zu haben, daß ein politisches Verbrechen hier zum Grunde liege. Als man es abschlug, bat er wenigstens um die Gunst, vor einer der beiden Prinzessinnen allein erscheinen zu dürfen. Auch das ward nicht gewährt. Er mußte sprechen. Er bekannte jetzt, ja er sei der Mörder der beiden Kinder, aber er habe sich furchtbar getäuscht, indem er das Blut der beiden unschuldigen Knaben der Demoiselle Hérin vergossen, seine Absicht sei gewesen: die beiden Kinder der königlichen Familie umzubringen. Diese Erklärung täuschte Niemand. Ihr widersprachen die Thatsachen, Papavoine's politische Ansichten, die Wahrscheinlichkeit selbst. Es war nur ein neues System der Vertheidigung: er wollte sich den Schein eines Rasenden geben. Er fuhr in diesem Systeme fort. Ungefähr um dieselbe Zeit sollten ihm seine Mitgefangenen ein Messer verschaffen, aber ein recht scharfes. Einst sprang er in der Nacht auf und gab vor, er suche nach einem solchen Messer. Dann versuchte er sein Bett in Brand zu stecken. Am 17. November riß er wirklich einem Mitgefangenen ein Messer aus der Hand und stieß damit auf einen jungen Menschen, Labiey, der ihm nichts gethan hatte. Man verhinderte ihn glücklicherweise an einer neuen Mordthat, dennoch hatte er ihm gefährliche Verwundungen beigebracht. – Einer der Verbrecher, die neue Verbrechen begehen, um darin Rechtfertigungsgründe für ein älteres sich zu präpariren. Die schwierigste Aufgabe der Anklageacte war, die Beweggründe, die Papavoine zu der entsetzlichen That getrieben, aufzufinden. Sie stellte folgende Fragen: »Ist Papavoine der allein Schuldige, oder hat er Mitschuldige, Urheber seiner That, oder ist er gar nur ein Werkzeug Anderer? »Alle deshalb aufgestellte Vermuthungen sind von der Justiz aufs sorgfältigste geprüft worden, um die Wahrheit zu erforschen. »Die allgemeine Ursach der Verbrechen ist das Verbrechen. Welches Interesse kann Jemand gehabt haben, zwei arme uneheliche Kinder umzubringen? Ist Papavoine nur ein Werkzeug, von Andern ausgeschickt, so kann es nur die Familie Gerbod sein, – denn es ist Pflicht, vor keiner Vermuthung zurückzuschrecken, – welche ihm den Auftrag ertheilt, um eine ihr verhaßte Heirath zu verhindern.« Die Anklageacte weist diese Vermuthung aus moralischen und juridischen Gründen vollständig zurück. »Wenn nun aber Papavoine keine Mitschuldige hat, was kann ihn persönlich getrieben haben?« »Er hat gewagt ein Motiv aufzustellen, was uns zittern macht. Ueberführt durch Thatsachen, und in der Unmöglichkeit, einem furchtbaren Beweise zu entschlüpfen, wollte er sein Verbrechen wenigstens aus der Classe der gemeinen Meuchelmorde zur Würde eines politischen Verbrechens erheben. »Kann man glauben, was er jetzt will, daß sein Verbrechen das Resultat ist einer Raserei? Als solches wünschte, so wünscht er auch heute noch es darzustellen. Um daran glauben zu machen, versuchte er einen zweiten Mord ohne Grund und Ursach. »Aber seine Anstrengungen sind auch in dieser Beziehung vergeblich. In der ganzen Untersuchung hat sich kein Factum ergeben, aus dem wir nicht schließen müßten, daß seine Vernunft ebenso klar ist als die anderer Menschen. Ja, seine Antworten in den Verhören sind wahre Meisterstücke der Dialektik, voll Scharfblick, leuchtenden Ideen und trefflicher Argumente. Man muß sie lesen, man muß ihn sehen und hören, um überzeugt zu werden, daß in Papavoine kein gestörter Sinn lebt. Er ist ein Mann, der spricht, denkt und handelt wie jeder Andere, in dem es aufblitzt wie bei Andern, und der Verstand genug hat, um sich über alle Dinge eine richtige Anschauung zu verschaffen, wie jeder Andere. »Allerdings mag diese Vernunft, wie es auch andern Menschen passirt, nicht immer die stärkste sein im Kampf mit den Leidenschaften. Allerdings mögen in seiner geheimen, düster finstern, gallichten Organisation furchtbare Neigungen schlummern, ein Instinct angeborener Wildheit, Gelüste einer barocken Grausamkeit, scheußliche misanthropische Launen, die bis zu einer Art Wuth aufkochen können gegen Wesen, die glücklicher als er sind, Neigungen und Gelüste, die man nur nach ernsten Kämpfen und mit äußerster Willensstärke beseitigt, und diese diabolische Disposition mag ihn hingerissen haben, sich einem barbarischen Durst nach dem Blute Anderer zu übergeben und seinen entzügelten Neid im Glücke Anderer zu befriedigen. Da könnte man vielleicht den Grund seines Verbrechens suchen. »Möglich bleibt aber immer, daß es das Resultat irgend eines entsetzlichen Mysteriums ist, welches die Obrigkeit trotz alles Eifers und allen Scharfsinns nicht zu entdecken vermocht hat. Alles dies würde uns aber zu tief ins Gebiet der Vermuthungen stürzen, und die Justiz hat nicht nöthig, in die Abgründe des menschlichen Herzens sich zu verirren. Was sie nöthig hat zu wissen, ist bewiesen: das Verbrechen steht fest; die Leichen der beiden unglücklichen Kinder sind da; der Schuldige ist überführt, die Beweise schmettern ihn nieder, sein Geständniß verstärkt die Beweise. »Das Gesetz ist da, welches über Die urtheilt, welche aus Begierde oder Neid, aus Rache oder instinctmäßig aus Wildheit sich freiwillig im Menschenblute gebadet haben. Es ist erlaubt, ungewiß zu bleiben über die wahre Ursache des Verbrechens, wenn man es nur nicht über das Verbrechen selbst ist. Das Uebrige gehört vor Gott und das Gewissen des Schuldigen; die menschliche Gerechtigkeit weiß genug davon, um die Gesellschaft zu vertheidigen. »Demgemäß ist Louis August Papavoine angeklagt: 1) am 10. October 1824 freiwillig, mit Vorbedacht und hinterlistig einen Meuchelmord an den Personen der beiden Kinder Gerbod, 2) am 17. November ebenfalls freiwillig und mit Vorbedacht einen meuchelmörderischen Anfall auf die Person eines gewissen Labiey ausgeführt zu haben; welcher letztere Anfall, bekundet durch vorangängige Handlungen und gefolgt durch theilweise Vollstreckung, nur durch Umstände, die mit dem Willen ihres Urhebers in keiner Verbindung stehen, mißlang.« Der Anfang der Debatten dieses Prozesses ward mit besonderer Neugier erwartet, indem man sich der Hoffnung hingab, daß sich in ihrem Verlaufe ein wunderbares Geheimniß enthüllen könne. Sie fanden am 23. Februar 1825 vor dem Assisenhof der Seine unter dem Präsidium von Hardouin statt, natürlich unter großem Zudrang, besonders von Damen. Papavoine erschien sorgfältig gekleidet. Er war ruhig und seine Züge trugen den Ausdruck einer zur Gewohnheit gewordenen Traurigkeit. Seine Hautfarbe blaß, Kopfhaare und Bart kastanienbraun, Wuchs schlank und elastisch. Um Papavoine in seiner ganzen Erscheinung aufzufassen, ist es zweckdienlich, mit seinen Antworten auch über die unerheblichen Umstände, die den Aussagen über die That selbst vorangingen, anzufangen. Präsident . Papavoine, um welche Zeit traten Sie in die Marine? Papavoine . Um 1803, ich war bei der Seeadministration von Brest angestellt. Präs . Ihr Vater hatte schlechte Geschäfte gemacht? Pap . Ja, mein Herr, sein Manufacturgeschäft war mit Schulden überladen, bis zu einer Höhe, die dem Werthe gleich kam. Präs . So waren Sie und Ihre Mutter, beim Tode Ihres Vaters auf die Pension von 360 Francs beschränkt, welche Sie aus der königlichen Marine bezogen? Pap . Ja, mein Herr! Präs . Warum reisten Sie von Mouy nach Beauvais? Pap . Ich hatte eine innere Unruhe, ich war krank, gequält, verstimmt. Präs . Warum kamen Sie nach Paris? Pap . Meine Mutter hatte mir die Papiere des Kriegsministers, bezüglich der Lieferungen übersandt. Sie waren noch nicht in voller Ordnung; ich mußte sie in Ordnung bringen lassen. Präs . Sie brachten zwei Messer mit, die Sie in der Regel nicht mit sich führen? Pap . Ich nahm sie zu meiner Vertheidigung mit. Präs . Warum gingen Sie Sonntag am 10. October nach Vincennes? Pap . Um mich zu zerstreuen. Meine innere Unruhe war groß. Ich fühlte mich unwohl; ich mußte Luft schöpfen. Nachdem er über seine Bekleidung Auskunft gegeben, fragte der Präsident weiter: »Sie folgten einer Frau in einem Rosakleide?« Pap . Möglich, daß ich es that; aber es geschah mechanisch. In meiner Unruhe wußte ich nicht, was ich that. Präs . Sie folgten dieser Frau in einen Kaufladen? Pap . Ich erinnere mich nicht. Präs . Sie sahen diese rosa gekleidete Dame, wie sie mit einer andern Frau sich unterhielt, die zwei Kinder bei sich hatte? Pap . Ich erinnere mich nicht. Ich war in einem beklagenswerthen Zustande, ich wußte nicht, was ich that. Präs . Sie kauften in dem Laden, in den die Rosadame eingetreten, ein Messer? Pap . Ja, mein Herr. Präs . Welche Absicht hatten Sie dabei? Pap. Ich sah einen Donjon in Vincennes. Ich glaubte, daß Gefangene darin wären. Ich glaubte, ich würde sie mit meinem Messer befreien können . Präs . Sie kauften das Messer aber erst, nachdem Sie die Rosadame gesehen, wie sie die Kinder liebkoste... Auch haben Sie früher nichts davon gesagt, daß Sie die Gefangenen befreien wollten. Pap . Ich war im Fieber. Meine Gedanken waren nicht klar. Ich wußte nicht, was ich that. Präs . Das Messer war in Ihrer Tasche versteckt. Pap . Ich glaube ja. Präs . Erst nachdem Sie die Kinder gesehen, haben Sie das Messer gekauft. Weshalb haben Sie die Kinder niedergestoßen? Pap . Mein Wille war nicht klar, nicht gesund. Ich weiß ja nicht, wie es kam, daß ich zustieß. Um all mein Blut wünschte ich, daß ich ihres nicht vergossen hätte. Es ist ja eine vollständige Raserei, in der ich das Unbegreifliche gethan. Präs . Aber Sie erinnern sich doch, daß Sie die Kinder erstachen? Pap . Ja, mein Herr! Präs . Was machten Sie mit dem Messer? Pap . Ich stieß es in die Erde. Präs . Doch hatten Sie nachher das Bewußtsein, daß Sie ein Verbrechen begangen, denn Sie suchten zu fliehen? Pap . Die Handlung, die ich wider meinen Willen beging, hat eine plötzliche Revolution in mir hervorgebracht. Da wußte ich denn freilich, was ich gethan. Präs . Im Fliehen stießen Sie auf einen Kanonier? Pap . Ja, mein Herr. Präs . Sagten Sie nicht zum Gendarmen, der Sie anhielt, daß er seine Zeit verlieren, und daß er darüber vielleicht den wahren Meuchelmörder entschlüpfen lasse? Pap . Ich glaube, daß ich das gesagt habe. Präs . Sie verharren also nicht dabei, daß es in Ihrer Absicht gelegen, die königlichen Kinder Frankreichs umzubringen? Pap . Diese Absicht habe ich nie gehabt. Wenn ich es ein Mal gesagt, geschah es, um endlich der Last von Fragen überhoben zu sein. Ueber diesen Umstand gab die Verlesung eines Protocolls aus den Untersuchungsacten genügende Auskunft. Als man Papavoine vor den Untersuchungsrichter führte, bat eine Frau die Gendarmen, man möchte ihr doch Papavoine zeigen. Ein Gendarm sagte: »Da sieh ihn, das ist er, der die Kinder von Frankreich hat umbringen wollen.« Papavoine hörte die Worte, und sie entzündeten in ihm den Gedanken, sich für einen intentionirten Mörder der königlichen Kinder auszugeben. Präs . Sie schützen vor, daß ein hitziges Fieber, eine Art Abwesenheit des Geistes Sie zu der That verleitet habe, aber Alles, was Sie seit Ihrer Abreise von Beauvais gethan, spricht für das Gegentheil. Die Briefe an Ihre Mutter sind voll gesunden Menschenverstandes. Ein Wahnsinn kann daher Ihre Arme nicht geleitet haben. Pap . Aber sagen Sie mir, welch ander Motiv könnte ich denn gehabt haben? Ich hatte ja nicht das geringste Interesse dabei. Präs . Das ist Ihr Geheimniß. Bisher hat man darüber nichts entdecken können ... Wenn man indessen Alles prüft, was vor und nach dem Morde geschehen, so muß der Anfall von Raserei Sie gerade beim Anblick der Kinder ergriffen haben, um Sie gleich nach der That wieder zu verlassen. – Gleich nach dem Morde führte man Sie vor die Mutter, die ausrief: »Da ist der Mörder meiner Kinder!« Und Sie erwiderten: Sie kennten die Frau nicht. Man führte Sie vor die Leichen der Kinder, und Sie erklärten, Sie kennten sie nicht. Alle Ihre Antworten zeigten von klarer Besinnung. Pap. Dieses Verbrechen war soweit von meinen Gedanken entfernt, daß ich wirklich glaubte, ich hatte es nicht begangen. Uebrigens hatte ich ja eine Familie und ich dachte, ich dürfe sie nicht entehren, indem ich das Verbrechen eingestände. Präs. Aber Sie leugneten 6 Wochen durch hartnäckig, daß Sie der Urheber des Doppelmordes in Vincennes wären! Sie erklärten, daß es ein Misverständniß sei, und vertheidigten diese Behauptung mit vielem Verstande, und erst nachdem Sie erfuhren, daß die Aussagen der Mutter und vieler anderer Personen gegen Sie zeugten, erklärten Sie, daß es Ihre Absicht gewesen, die königlichen Kinder Frankreichs umzubringen. Erklären Sie das den Herren Geschworenen. Alles zusammen genommen spricht gegen Sie und dafür, daß Sie nicht toll waren. Pap. Ich bin voller Entsetzen, voll Angst, aber nie habe ich das Verlangen gespürt, Blut zu vergießen. Ich habe nicht mit Vernunft gehandelt. Präs. Als Sie sagten, daß Sie die Kinder von Frankreich umbringen wollten, so schmückten Sie diese Erklärung mit so vielen Umständen aus, mit wahren und wahrscheinlichen, daß es außer allem Zweifel ist, Sie waren damals im vollen Besitz Ihrer Vernunft. Zum Beispiel sagten Sie, daß eines der Kinder, die Sie getödtet, einem der Kinder von Frankreich so sehr ähnlich sehe. Auch Ihre Vertheidigung jetzt spricht davon, daß Sie im vollkommensten Vernunftzustande sind. Pap . Auch gebe ich ja nicht vor, daß ich immer toll wäre. Präs . Warum verwundeten Sie am vorigen 17. November einen armen Gefangenen? Pap . Es geschah in einem Anfall von Wahnsinn. Die Entlastungszeugen, welche die Verteidigung aufgestellt, bekundeten, daß er allerdings dann und wann Proben eines kranken Gehirns, aber in den meisten Fällen einen sehr gesunden Verstand und den vollen Gebrauch aller seiner Sinne gezeigt. Jetzt ward Demoiselle Hérin vorgeführt. Sie sah sehr angegriffen aus, der Präsident ließ sie sich niedersetzen. Kaum aber hatte sie einige Worte vorgebracht, als sie in Ohnmacht fiel. Man mußte sie aus dem Saal bringen, aber der Präsident erklärte, so gern er ihr auch das schmerzliche Zeugniß erlassen hatte, sei es doch nothwendig. Der junge Gerbod zerfloß in Thränen. Nachdem sie wieder zu sich gekommen und hereingeführt war, sprach sie so leise, daß der Präsident ihre Worte den Geschworenen wiederholen mußte. Die Hérin sagte aus: nachdem sie ihre Kinder angezogen, hätte sie sie auf die Promenade geführt. Eine Frau in einem Rosakleide näherte sich den Kindern, stellte verschiedene Fragen an sie, und schlug dem ältesten (scherzhaft) vor, es mit sich zu nehmen. Der Knabe aber wollte nicht. Die Fremde küßte die Kinder und ging fort. Bald darauf bemerkte die Hérin einen Herrn, dessen Gesicht ihr schon unangenehme Ahnungen erweckte. Aus seinem blauen zugeknöpften Ueberrock und seiner schwarzen Cravatte schloß sie, daß er ein Offizier sei und hielt ihn für den Mann der Rosadame. Kaum hatte sie das bei sich gedacht, als sie auch schon Beide mit einander sprechen sah. Sie führte ihre Kinder jetzt ins Gehölz und theilte unter sie das frugale Frühstück, welches sie mitgebracht. Da fing es an zu regnen, und sie führte ihre Kinder nach der Seite von Vincennes zurück, als derselbe Mann, der schon ein Mal bei den Kindern vorübergegangen, sich ihr näherte und mit einer abscheulichen Stimme zu ihr sagte: »Ihre Promenade ist bald zu Ende.« Im selben Augenblicke ist er schon bei dem einen Kinde, sticht es und wirft es in den Graben. Sie glaubt, er habe dem Kinde nur einen Fauststoß gegeben und sie versetzt dafür dem Menschen einen Stoß mit dem Regenschirm. Ohne sich daran zu kehren, hat sich Dieser aber rasch umgewandt, hat das zweite Kind ergriffen und es mit ihm ebenso gemacht. »Als ich meine Kinder umgebracht sah, fiel ich in Ohnmacht.« Sie selbst mußte nach diesen Worten hinausgeführt werden; sie hatte nichts mehr zu sagen. Als eine eigenthümliche Person in diesem Proceß trat der Zeuge Davesne, Notar zu Vincennes und Stellvertreter des Friedensrichters auf. Er benachrichtigte mit Wichtigkeit den Präsidenten, daß er sehr Vieles über die Familie Gerbod wisse, daß er es aber nicht sagen könne, weil alles ihm nur in seiner Eigenschaft als Notar mitgetheilt worden. Indessen gab er doch einige Auskunft über das, was beim ersten Verhör mit Papavoine vorgefallen war. Dieser schien nicht im geringsten bewegt. Auch da nicht, als man in seiner Gegenwart mit der Leichenschau der Kinder verfuhr. Präsident . Papavoine, Sie schienen ohne Theilnahme und Bewegung vor den Leichen der geschlachteten Kinder, und Sie haben diese anscheinende Ruhe in einem Verhör vor dem Instructionsrichter erklärt, indem Sie sich der Worte bedienten: »Ich war von Schmerz zerrissen; aber ich suchte meiner Bewegung Herr zu werden.« Jemand, der so Herr seiner selbst ist, ist nicht gestört. Der Präsident wandte sich noch ein Mal zum Zeugen Davesne und fragte ihn: ob das Viele, welches er über die Familie Gerbod wissen wolle, Bezug habe auf den gegen Papavoine geführten Prozeß und auf die Ermordung der Kinder? Davesne antwortete nicht, machte aber ein Zeichen, welches anzudeuten schien, daß sie darauf bezüglich wären. Präs . Sagen Sie aus, was Sie wissen. Ich frage Sie kraft meiner richterlichen Gewalt. Sie können, Sie müssen antworten. Davesne . Herr Gerbod, der Vater, wollte nicht in die Ehe seines Sohnes willigen. Dieser junge Mann ist sehr sanften Gemüthes und ich lud ihn ein, dem Willen seines Vaters sich zu fügen. Endlich willigte er auch ein und entsagte. Man stellte nun dem Vater vor, daß er das Schicksal der Kinder sichern müsse, und er versprach ihnen, eine Pension auszusetzen. Im Verlauf des 10. Oktober nun kamen die Schwiegersöhne des Herrn Gerbod, die Herren Longueil und Belhomme zu mir, und fragten mich über die Umstände der Mordthat aus. Ich antwortete ihnen nur, daß ich als Stellvertreter des Friedensrichters, das ist als Beamter der richterlichen Polizei, eigentlich von Dem nichts sagen dürfe, was Papavoine in seinen Verhören ausgesagt. Präs . So hatte Sie doch Herr Longueil gefragt, ob Papavoine Entdeckungen gemacht? Davesne . Ja, mein Herr Präsident, das ist gerade die Frage, die er an mich richtete. Auch Herr Belhomme richtete sie an mich und schien sehr dringlich, daß ich ihm antworten solle. Longueil ward vorgerufen, konnte sich aber nicht erinnern, daß er diese Frage gethan. Davesne wiederholte es mit Bestimmtheit und fügte hinzu, ihm habe geschienen, als ob Herr Longueil ein sehr lebhaftes Interesse an allen Umständen der Begebenheit genommen, Präs . Schien er bewegt? Davesne . Er war sehr erhitzt. Longueil . Ich war gelaufen. Einer der Geschworenen forderte hier von Longueil, daß er davon Rechenschaft gebe, wie er den Tag am 10. October verbracht. Der Zeuge führte einige Einzelheiten an. Ein anderer Geschworener verlangte, daß auch Belhomme erscheine. Er solle erklären, ob er sich bei Davesne am Tage des Mordanfalls eingestellt und in welcher Absicht dies geschehen sei? Belhomme erschien auch wirklich, aber sagte nicht mehr aus, als daß er etwa 5 Minuten bei Herrn Davesne geblieben, und Herrn Davesne über nicht mehr befragt habe, als was alle Welt in seiner Stelle gethan haben würde. »Nein, mein Herr«, sagte Davesne zu Belhomme, »die Fragen, welche Sie an mich richteten, waren durchaus nicht in so gleichgültiger Weise vorgebracht. Sie drangen darauf, ich sollte Ihnen sagen, ob nicht Papavoine Enthüllungen gemacht habe?« Belhomme entgegnete: Wenn diese Fragen mich wirklich so interessirt hätten, wie hier behauptet wird, würde ich sie doch nicht vor den Schreibern des Herrn Davesne gethan haben. Ich habe aber gar nicht so sehr darauf gedrungen, da ich im Ganzen nur 5 Minuten dort geblieben bin. Davesne senkte den Kopf und antwortete nicht. Am 26. hielt der Generaladvocat seine Schlußrede. Es war dieser Generaladvocat ein Mann, der bald darauf zu einer traurigen politischen Berühmtheit gediehen, und seine Plaidoyers nicht mehr gegen Mörder aus Monomanie, sondern im Sinne autokratischer Monomanie gegen die Forderungen einer ganzen Nation vor einer höhern Curie abhalten sollte – der Vicomte de Peyronnet. Seine Rede dürste daher, schon der persönlichen Bedeutung des Redners wegen, hier auf einen Platz Anspruch machen, wenngleich sie mehr oratorisch als von tiefer eindringenden psychologischen Blicken begleitet ist: »Meine Herren, der Haß, der Ehrgeiz, die Rache und die wilde Begier sind im Allgemeinen die Leidenschaften, welche Gemüther zu den Verbrechen hinreißen, unter denen die menschliche Gesellschaft leidet. Unglücklicherweise sah man aber auch bisweilen Menschen zu Verbrechern werden durch einen zügellosen Hang zum Laster, und mit dem einzigen Zwecke, einer Wildheit zu fröhnen, von der in der Regel die menschliche Natur frei ist. Müssen wir Handlungen dieser Art Ihrer Justiz anzeigen, so werden Sie uns ohne Versicherung glauben, daß unsre Aufgabe zugleich schmerzlich und schwierig ist. »Es kostet Mühe, an so viel Grausamkeit in einem Mitmenschen zu glauben, und man empfindet das Bedürfniß, die furchtbare Wahrheit immer wieder in Zweifel zu ziehen. Auch Sie, meine Herren, mögen immerhin nachgeben der ersten Regung Ihrer Herzen, denn können Sie glauben, daß Ihre Zweifel, eingegeben von Ihrer Humanität, über die Beweise den Sieg davontragen werden? Sie werden den Angeklagten so wenig als wir unschuldig erklären können. Die Ihnen vorgelegte Anklageacte ist nicht zerstört; die Beweise, welche sie unterstützen, haben durch die Oeffentlichkeit eine furchtbare Stärke erhalten. »Sie zeigt Ihnen ein großes Verbrechen. Sie zeigt Ihnen den Schuldigen, und die Gesellschaft setzt ihr Vertrauen auf Ihre Erleuchtung und Ihre Unparteilichkeit. Indessen, meine Herren, müssen wir Ihnen die Gründe unsrer Ueberzeugung auseinandersetzen.« Der Ankläger prüfte nun mit großer Genauigkeit und Schärfe die ganze Lebensgeschichte des Angeklagten. Er verfolgte ihn auf den Staatsschiffen, auf denen er gedient, in den Hafen von Brest, in die Manufactur von Mouy. Ueberall findet er ihn, seine Pflichten erfüllend, und mit merkwürdiger Klugheit und Pünktlichkeit. Bei der Betrachtung der Thatsache des Verbrechens selbst prüfte er besonders, ob hier der Begriff des Auflauerns dasei. »Um den erschwerenden Umstand des Vorbedachts zu entfernen, hat der Angeklagte vorgeschützt, er habe das Messer gleich nach seiner Ankunft in Vincennes gekauft. Das Mädchen Malservait, als Zeugin, hat diese Erklärung unterstützt. Sie werden mir beistimmen, meine Herren, wie wenig Vertrauen man dieser Zeugin schenken kann, wenn man die ganz besondere Lage betrachtet, in der sie sich befunden, in der sie sich befindet, in der sie sich vielleicht einst befinden wird.« (Wozu das! Wie wenig kommt darauf an; wie wenig wäre daraus zu schließen, da der Messerankauf selbst auch durch das Zeugniß der Frau Jean feststeht. Peyronnet's Art war es auch als Staatsmann, mit giftigen Pfeilen zu verwunden.) Nachdem er auch das Attentat auf Labiey dargestellt, fuhr er fort: »Von uns fordern, daß wir die Motive zu wissen thäten, welche die Arme des Schuldigen bewegten, als er mitleidlos seine Opfer niederstieß, hieße mehr von uns fordern, als wir zu thun verpflichtet sind, und wir hätten das Recht zu antworten: Welches auch die Leidenschaft gewesen, die ihn mit sich riß, das Gesetz will den Schuldigen erfassen. Aber wir wollen uns dieses Rechts nicht bedienen. Denn nichts darf in einer so wichtigen Sache ohne Aufklärung bleiben. Versuchen wir daher dieses bis da undurchdringliche Mysterium zu enthüllen.« Der Staatsanwalt entwickelte seine Ansicht, daß man den Argwohn, der auf die Familie Gerbod gefallen, ganz entfernen müsse. Nur der wilde Instinct habe Papavoine geleitet. » Er hat nur getödtet, um menschliches Blut zu vergießen und einer wilden Leidenschaft zu genügen. – Wohl wissen wir, daß beim ersten Blick diese Auffassung nicht Ihre Beistimmung hat. Wenn Sie aber den von uns gesammelten Beispielen einige Aufmerksamkeit schenken wollen, zweifeln wir nicht, daß das Unwahrscheinliche auch vor Ihnen verschwindet, wie es allmälig auch vor unseren Augen verschwand. Wir wollen nicht alle in der Geschichte enthaltenen Beispiele von verwilderten Menschen aufzählen, die aus keinem andern Grunde als aus ihrer Grausamkeit Anderen den Tod gegeben; denn diese Beispiele sind leider nicht selten; wir erlauben uns aber. Sie an die minder bekannten Fälle zu erinnern. »Der vielgenannte Don Carlos, Philipp's II. Sohn, kannte kein größeres Vergnügen, als den Todeszückungen der Thiere zuzusehen, die er unmenschlich getödtet hatte. Als er noch ein Knabe war, hatte ihm eines Tages ein anderer Knabe misfallen. Er drang darauf, daß man ihn hängen solle. Und dieser scheußlichen Laune wurde kaum genug gethan, als man das arme Kind in einer naturgetreuen Abbildung vor seinen Augen wirklich aufknüpfte. »Calvino Fonduli ward wegen verschiedener Verbrechen zum Tode geführt. Im letzten Augenblicke des Schreckens erklärte er, daß er gar keine Reue empfinde und nur einen Verdruß: den, daß er den Papst Johann XXIII. und Kaiser Sigismund nicht von den Zinnen des Thurmes von Cremona herabgestürzt, auf welchen er Beide geführt hatte. Sein einziger Beweggrund: daß man doch von ihm gesprochen haben würde. »Ein großer Monarch, der aber sein Andenken durch furchtbare Thaten befleckt hat, Peter der Grausame, weidete sich an den Hinrichtungen, die er zuweilen selbst vollstreckte. Er gestand selbst ein, daß er darin seine Sinnesart nicht habe überwinden können. »Möchten diese Lehren nicht verloren sein! Möchten sie Denen, die ihrer Zügellosigkeit keine Zügel anzulegen vermögen, als Warnungen dienen am Rande des Abgrundes, daß sie zittern und zurückschaudern, indem sie seine Tiefe messen.« Aus den angeführten Gründen bestritt Peyronnet die Annahme eines temporellen Wahnsinns: »Papavoine hat schon längst gefühlt, daß er den gethürmten Beweisen nicht entschlüpfen könne. Deshalb hat er sich dahin geflüchtet, wo möglicherweise die einzige Rettung ihm blühte, in die Fiction einer Geistesabwesenheit. Dem widerspreche aber sein ganzes Leben, und man dürfe und könne diese Annahme nicht gelten lassen.« – Der Schluß der Rede ist rein oratorischer Art und enthält keine neuen Momente. Zur Vertheidigung Papavoine's war der jüngere Paillet aus Soissons, ein Freund der Familie Papavoine, nach Paris gekommen. Die Rede dieses auch berühmt gewordenen Advocaten wird als ein Musterstück aufgeführt, wir können in ihr indeß von dem nicht viel mehr finden, worauf es hier ankommt, von einer tiefer gehenden Anschauung eines ungewöhnlichen Seelenzustandes, als in der des Staatsanwalts, wogegen auch sie im declamatorischen Element sich ergeht, entschuldbarer bei einem Vertheidiger als bei einem Ankläger. »Meine Herren Geschworenen! In einer Sache, wie diese, ist es vor allem Pflicht, daß Sie mit Ernst in die Aufgabe eingehen, welche das Gesetz Ihnen überträgt. Indem Sie diese heilige Schwelle übertreten, müssen Sie sich aller trüben Vorurtheile entkleiden, die nur zu oft die Tugend selbst irren machen. Und mit welchen feindseligen und doch ganz allgemein gehaltenen Vorurtheilen ist man gegen meinen Angeklagten zu Werke gegangen! »Das Verbrechen selbst ist furchtbar. – – Ach noch so jung! Wie konnten sie ein solches Loos verschulden! »Hat man doch sogar versucht, vor Ihnen einen jener Menschen erscheinen zu lassen, welche in andern Ländern aus dem Meuchelmorde ein Gewerbe machen, und deren Dolch seinen bestimmten Preiscourant hat. »Man wußte auch, daß diese unglücklichen Kinder, die Früchte einer von der Familie ihres Vaters verdammten Verbindung, in diese Familie eine Art Zwietracht geworfen. »Und siehe da, ein Weib, unbekannt in diesem Lande, von bizarrem Gepräge und noch bizarrerem Benehmen, hatte im voraus diese Schlachtopfer des Meuchelmörders, der ihr auf dem Fuße folgte, signalisirt. Sie hatte auf ihre Stirn den Kuß des Todes gedrückt! »Und doch sagte man sich schon damals: Wie! dicht vor den Thoren von Paris! An einem Sonntag! Bei hellem Tage! An der großen Landstraße! Mitten unter der Garnison von Vincennes!... »Wir wissen jetzt, daß die Familie der Kinder über allen Verdacht hinaus ist. »Wir wissen, daß jenes Weib, die anfänglich in die Verfolgung einbegriffen war, sich nichts zu Schulden kommen ließ als einige Liebkosungen, gerührt von den Reizen der Kleinen. – Sie gab ihnen nur einen ewigen Scheidekuß. Alle die weiblichen Wesen, die mich jetzt hören, würden ebenso gehandelt haben, sie würden Alle Mitschuldige des Meuchelmörders geworden sein. »Und nun dieser Meuchelmörder! Wer ist er denn selbst! Sie kennen ihn auch, meine Herren Geschworenen! Er gehört der ehrenwerthesten Familie an. Er genoß die trefflichste Erziehung. Jetzt 42 Jahr alt, legt er Ihnen das Zeugniß eines bürgerlich und öffentlich wohlgeführten Lebens vor. Es war fast ganz dem Dienste des Vaterlandes gewidmet; nicht der kleinste Makel bis da haftet daran. Er war ein guter Sohn, guter Freund, guter Bürger. »Gerechter Himmel! Könnte ein solcher Mann für das Schaffot, plötzlich für das Schaffot reíf geworden sein!« Der Vertheidiger schilderte nun den Angeklagten als einen Menschen, der von Natur finster und melancholisch ist. Er habe in sich den Keim der Krankheit getragen, die sein Verbrechen erzeugt. (Diese Ausführung, auf die hier viel ankäme, hat man nicht für nöthig gefunden aufzubewahren, nach dem, was man von dem Darum und Daran mitgetheilt, ist indeß nicht zu besorgen, daß viel verloren ist.) Dies sei das einzige Erbtheil, welches sein Vater ihm hinterlassen. (Auch ob dies gegründet, also eine Familienanlage dagewesen, finden wir nicht weiter berührt.) Nach dem Zeugnisse aller Aerzte habe man aber den Kummer als eine der accidentiellen Ursachen zu betrachten, welche auf unsere moralischen Fähigkeiten die furchtbarlichste Zerstörung ausübten. »Wenn es eine unbestrittene moralische Wahrheit gibt, so ist es die, welche der Dichter in den Versen ausgedrückt hat: Quelques crimes toujours précédent les grands crimes: Ainsi que la vertu, le crime a ses degrès. »Aber wo denn nun das Motiv dieses Verbrechens? »Soll man es in den Enthüllungen suchen, die der Angeklagte zu einer gewissen Epoche des Processes gemacht hat? »Gesetzt, diese Enthüllungen seien wahr gewesen, mit andern Worten, wenn es wahr, daß, als er die Kinder Gerbod niederstieß, der Angeklagte viel erlauchtere Opfer zu treffen glaubte, so müßte man doch eingestehen, daß die Absicht selbst, und dann der Misgriff in der Ausführung die allerdeutlichste Probe seines verirrten Verstandes damals liefern. »Die Absicht! sage ich. Denn sie steht in offenbarem Widerspruch mit den politischen Gesinnungen, welche Papavoine beständig bekannt hat und die er mit seiner ganzen Familie theilt. »Der Misgriff in der Ausführung! sage ich ferner. Wenn er den Gebrauch seiner Vernunft gehabt, würde er dann Madame la Dauphine in der Oper erwartet haben, während der Hof in Trauer war? (Eine Aussage, die uns nicht mitgetheilt ist.) »Wenn er den Gebrauch seiner Vernunft hätte, würde er vermuthet haben, die Kinder von Frankreich in Vincennes zu treffen, wo sie niemals ohne Escorte erscheinen, in einem Gehölz, welches aller Welt offen steht? Hätte er vermuthen können, daß zwei Kinder in Knabenkleidung einem verschiedenen Geschlecht angehörten? »Aber Sie wissen, meine Herren, wie Anklage und Vertheidigung darin einig sind, daß diese Angabe des Angeschuldigten, die er später selbst zurücknahm, nichts als eine Chimäre ist. »Die öffentliche Anklage will sie nur einem Rechtfertigungssystem zuschreiben, welches Papavoine sich damals gebildet; ich aber behaupte, auch diese Enthüllungen sind nichts als eine deutliche Spur des Wahnsinns. Denn es gehört zu den eigenthümlichen Bizarrerien dieser Krankheit, daß der Irre sich häufig anklagt und oft mit nicht zu überwindender Hartnäckigkeit solcher Verbrechen, die er nicht begangen hat, und die er zu begehen auch außer Stände wäre. »Papavoine weiß auch sehr wohl, daß, als er diese angeblichen Enthüllungen machte, er einen bestimmten Zweck in seinem Wahnsinn hatte. Er wollte untergehen, er wollte den Tod, die Hinrichtung. Und merken Sie wohl, meine Herren, unter welchen Umständen er sie machte. Am 15. sprach er zuerst davon, am 16. waren sie fertig. An demselben Tage wollte er, wie es Narrenart ist, Feuer anlegen an das Stroh seines Bettes, um die Flöhe zu zerstören, die ihn belästigten. Tages darauf, am 17., brach er in die heftigste Wuth und Thätlichkeit gegen einen seiner Mitgefangenen aus! »Ist es denn möglich, meine Herren, ich frage Sie, in diesen verschiedenen Handlungen, die sich so aneinander drängen, die gemeinschaftliche Quelle zu verkennen, nämlich einen Rückfall in die Raserei, der möglicherweise durch die ganz neue Gesellschaft veranlaßt ist, in welche der Angeklagte gebracht worden, die Reden, die er da hören mußte, und er litt immer an Schlaflosigkeit! ... »Aber Sie fragen noch immer nach dem Motiv des Verbrechens! – Ja, wenn wir der Anklage glauben sollten, hat sie es endlich entdeckt. Papavoine ist ein Ungeheuer, ein anderer Leger! »Also, lieber als einen Wahnsinnigen entschuldigen, dessen Delirium ebenso bewiesen ist als seine vorwurfsfreie Moralitat, möchte man aus ihm einen Kannibalen machen, einen Vampyr, um ihn dem Henker zu überliefern! »Dieses Motiv, meine Herren, lassen Sie nicht gelten. Es scheint Ihnen noch leerer, eitler, chimärischer als alle andern. Was bleibt aber dann vor Ihren Augen? – Ein Verbrechen ohne Motiv. Ich glaube nicht der Lüge gestraft zu werden, wenn ich behaupte, daß ein solcher Fall unter der Sonne noch nicht vorgekommen ist. Ein Verbrechen ohne Motiv! Fühlen Sie, meine Herren, was Alles dieses Wort umschließt? – Und welches Verbrechen! Der Meuchelmord zweier Kinder! Wer von Ihnen wird denn nicht ausrufen: Nein, der Mensch ist toll! Und doch, dieser triviale Ausruf, oder vielmehr diese naturgemäße Bemerkung hat Alles gesagt. Ja, dieser Mensch war im Delirium, das ist bewiesen. Das ganze Geheimniß des Processes ist uns enthüllt. »Ehe ich ende, meine Herren, sei es mir vergönnt, an den Herrn Generalprocurator noch einige Worte zu richten, eine Betrachtung, die mir von Einfluß scheint für den vorliegenden Fall. »Es gibt verschiedene Classen von Wahnsinnigen und Tollen. Solche, welche die Natur verdammt hat zum ewigen Verlust ihrer Vernunft; andere, die sie nur zeitweilig verlieren, in Folge eines großen Gemüthsschmerzes, einer furchtbaren Ueberraschung oder aus ähnlichen Ursachen. »Sonst ist kein Unterschied zwischen beiden Tollheiten, als daß die eine kürzer, die andere länger dauert. Der, dessen Kopf die Verzweiflung auch nur auf einige Tage oder Stunden verwirrt macht, ist während dieser ephemeren Aufregung ebenso vollständig toll, als Der, welcher lange Jahre im Irrsein verharrt. »Ist dies anerkannt, so wäre es eine höchste Ungerechtigkeit, den einen oder den andern dieser beiden Tollhäusler wegen einer Handlung zu bestrafen, die ihnen entschlüpft ist, während sie den Gebrauch ihrer Vernunft nicht hatten. »Außerdem wäre es eine unnütze Ungerechtigkeit für die menschliche Gesellschaft. Denn da die Strafen nur (?) des Beispiels wegen verhängt werden, ist die Züchtigung eine Barbarei, wo das Beispiel null wäre. »Ist das Beispiel aber gleich null, so wäre es nur Rache, die man an einem Verbrechen beginge, welches von einem Menschen begangen worden im Exceß der Wuth, der Liebe, der Trunkenheit oder der Verzweiflung. Denn das Beispiel kann nicht hindern, daß unsere Sinne nicht wieder fortgerissen werden, nicht hindern, daß nicht ähnliche Excesse und Verbrechen nach wie vor begangen werden. Noch weniger kann die öffentliche Todesstrafe, an einem Fieberkranken vollzogen, hindern, daß Andere in ein rasendes Fieber verfallen. »Umsonst wird man anführen, hier sei doch aber ein Mord begangen, und der Mord müsse bestraft werden. Noch ein Mal sage ich, der Tod des Mörders gibt den Gemordeten das Leben nicht wieder. Wenn ein Wahnsinniger ein großes Unglück begangen hat, so ist er allerdings zu fürchten, so muß man ihn streng bewachen, meinethalben fesseln und einschließen; das fordert Gerechtigkeit und Vorsicht. Aber man muß ihn nicht aufs Schaffot schicken, das wäre Grausamkeit. »Nein, meine Herren Geschworenen, Sie werden den Angeschuldigten nicht dahin schicken, Sie werden nicht die Menge beklagenswerther Opfer noch vergrößern wollen, von denen eine ärztliche Autorität gesprochen, Opfer, die weit mehr das öffentliche Mitleid als die Rache der Gesetze in Anspruch nehmen. »In diesem Augenblicke, meine Herren, spreche ich nicht mehr zu Ihnen im Namen des Angeschuldigten. Denn was kümmert ihn, im Grunde genommen, der Ausspruch, den Sie thun? Leben oder sterben, es wird immer ein Henkerspruch für ihn sein. Verurtheilen Sie ihn zum letztern, so ist er nur der kürzere..... »Aber ich spreche zu Ihnen im Namen einer 60jährigen Mutter, einer geliebten, hochverehrten Matrone, die von Schmerz und Unglück erdrückt ist... »Ach, meine Herren Geschworenen, dieser Proceß hat uns nur zu furchtbar gelehrt, was es eine Mutter kostet, die ihre Kinder verliert!« Es wird uns gesagt; daß der Ton der Stimme des jungen Advocaten, seine edle und rührende Haltung, das tiefe Gefühl, mit dem er sprach, die ganze Versammlung bewegt hätten. Man hätte nicht wärmer und hinreißender plaidiren können. Von allen Seiten empfing Paillet Händedrücke und Glückwünsche der ersten juridischen Notabilitäten von Paris. Auch erwiderte der Generalprocurator nichts auf die Verteidigungsrede, und doch war sie ohne Erfolg. Der Präsident resumirte klar und kurz die Thatsachen des Processes. Gegen 5 Uhr traten die Geschworenen zur Berathung ab. Um 6 Uhr kehrten sie zurück und erklärten Papavoine auf alle ihnen vorgelegten Fragen: Schuldig! Der Präsident sprach das Todesurtheil aus. Auf Papavoine's Gesicht zeigte sich keine Aenderung. Er stand auf und sprach mit Ruhe: »Ich appellire an die göttliche Gerechtigkeit.« Dann richtete er einige Worte des Dankes an seinen Vertheidiger. Papavoine legte ein Cassationsgesuch ein. Es ward verworfen. Die Familie kam mit einem Begnadigungsgesuch beim Könige ein; auch dies war vergeblich. Seine That bleibt ein Räthsel, alle Schlüssel sind dazu verloren, oder man hat sie nicht zu finden verstanden; einen Nachschlüssel mag Jeder sich selbst fertigen. Nur die Nebenmotive scheinen durch die Untersuchung gründlich entfernt. In der Natur des Menschen selbst, in der geistigen Vorgeschichte des Verbrechers ist das Motiv zu suchen, eine Vorgeschichte, die uns nicht vorliegt, nach der man wahrscheinlich auch im Processe nicht auf die rechte Weise suchte. Doch hätte ein Umstand unsers Erachtens wenigstens vom Vertheidiger zur Sprache gebracht werden müssen. Angenommen, daß Papavoine durch das über ihn und seine Familie hereinstürmende Unglück in jenen Zustand der Schwermuth versetzt worden, wo er aus Haß gegen die Glücklichen und Unschuldigen zum Mordstahl griff, so entlud sich dieser Groll doch nicht im Augenblick, wo seine Aussichten ganz darniederlagen, sondern wo sich wieder durch die Aufträge der Regierung ein Lichtstrahl ihm zeigte. Angenommen, daß er die That in einem Anfall jener menschenfeindlichen oder menschenfreundlichen Melancholie beging – denn möglich ist auch letzteres, der Wahn, Unschuldige aus dieser Welt der Trübsale zu retten, ehe sie deren Druck empfanden – so ist es eine That, die wir Wahnsinn nennen, aber ein Wahnsinn, auf den die Richter dieser Welt keine Rücksicht nehmen dürfen. Der Wahnsinn, der sich nur in momentanen Ausbrüchen zeigt, und mit soviel Ueberlegung und Vernunft eingefaßt, ist der gefährlichste; seinen Wirkungen ist am schwersten vorzubeugen. So lange die Strafe auch als Nothwehr gilt der gefährdeten Gesellschaft, gegen den ihr täglich neue Gefahr drohenden Verbrecher, so lange die Todesstrafe Giltigkeit hat, konnte ein solcher Wahnsinn nur mit dem Tode bestraft und abgewehrt werden, ein Wahnsinn, der, eben nicht sichtbar, da hervorbricht, wo man seiner zum wenigsten sich versieht, der anfängt mit dem Ende, und gegen den Schloß und Riegel, ja die Aufsicht von Gefangenwärtern und Mitgefangenen nicht hilft. War Papavoine ein Rasender, den man ohne eine Verletzung heiligerer Menschenrechte an den Boden angeschlossen zeitlebens in Kerkermauern einsperren durfte? Und wenn man erwidert, und wir wollen es glauben, daß dieser Anfall, der Labiey traf, nicht wiedergekommen sein würde, so ist das ein Grund mehr, bei Jenem die Störung der Vernunft ganz zu bezweifeln und darin eine wohlberechnete Handlung zu erblicken. Es gibt einen Wahnsinn, der gefährlicher ist als die Tobewuth, und wenn die gewöhnlichen Mittel nicht ausreichen, uns davor zu schützen, ist der Tod das letzte, aber nicht das schlimmste, so lange die menschliche Gesellschaft das Gesetz der Nothwehr anzuerkennen genöthigt ist. Am 24. März 4 Uhr Abends wurde Papavoine auf dem Grèveplatz hingerichtet, ohne neue Aufschlüsse zu geben. Mathias Lenchauer 1807 Eine Viertelstunde von Alt-Oettingen, dem berühmten baierschen Wallfahrtsorte, fängt, in der Richtung nach Burghausen zu, der Oettinger Forst an, welcher sich, wenigstens vor 40 Jahren noch, in der Länge bis an den Fluß Alz erstreckte, und durch den ungefähr 2 Stunden lang der Weg nach Burghausen führte. Als ein Bauer aus Altenötting am 1. Juni 1807 zur Holzarbeit im Walde gehen wollte, fand er in diesem Walde, ungefähr 50 Schritt vom sogenannten Fürstenwege, einen todten Knaben mit aufgeschnittenem Bauch, aus dem die Gedärme heraushingen. Das Landgericht Burghausen begab sich sofort auf die Anzeige an Ort und Stelle und fand den Leichnam, wie angegeben, im Dickicht liegen. Er mochte ein Alter von 10-11 Jahren haben; der Körper lag auf dem Rücken. Das Gesicht war voll blauer und schwarzer Quetschungen, Blut hatte sich aus Mund, Ohr und Nase ergossen. Die rechte Hand war durch Quetschungen so entstellt, daß kaum die Fingerglieder zu unterscheiden waren. In der Mitte der Stirn eine Wunde, die bis auf den Knochen eindrang; über dem rechten Auge eine ähnliche Wunde, überdem noch mehre Quetschungen und Wunden am ganzen Kopfe. Der Sternbrustknochen war ganz durchschnitten, sodaß die innern Theile der Brust offen dalagen. Ebenso war der ganze Oberleib bis zu den Schamtheilen geöffnet. Dieser Bauchschnitt war bis in die Leber eingedrungen. Ein Theil der Gedärme lag außer dem Bauch, und ein davon losgerissener Darm, ungefähr 4 Ellen lang, war mit dem einen Ende vereint um den Hals des Todten gewunden, mit dem andern an einen jungen Fichtenaufwuchs festgebunden. Der Leichnam war so frisch, daß man schließen durfte, die Mordthat sei höchstens erst am vorigen Tage verübt. Einige Schritte vom Ort, wo er lag, fand man Blutlachen; eine grobe Jacke und ein Filzlappen zwischen den Bäumen. Das wundärztliche Gutachten erklärte die Mehrzahl der Wunden für absolut tödtlich, und die am Kopfe beigebrachten durch ein Schlaginstrument, welches stumpfe, keilenförmige Schneide gehabt haben möchte, die am Bauch durch ein scharfschneidendes Instrument. Der todte Knabe war sofort erkannt, es war Joseph Kunger, der Sohn einer Häuslerin in Burghausen. Die Mutter lebte noch dort. Ihr erster Mann, Lenzbauer, war ein Pflasterer gewesen. Sie hatte von ihm einen Sohn Mathias Lenzbauer , der jetzt 25 Jahr alt war. Nach dem Tode des Pflasterers hatte sie sich noch drei Mal verheirathet. Auch ihr vierter Mann, der Vater des ermordeten Knaben, war schon vor 8 Jahren gestorben. Der Verdacht sprach sich sogleich dahin aus, daß der kleine Joseph von seinem ältern Stiefbruder Mathias umgebracht worden; denn dieser war mit jenem von Burghausen nach Altenötting gegangen, und war ohne ihn wieder zurückgekehrt. Mathias Lenzbauer war gerade kein Mensch, zu dem man sich nach seiner bisherigen Aufführung einer solchen That versehen können, aber man wußte auch nicht viel Gutes von ihm, und es war eine faule, schlechte Wirthschaft in dem Hause der Mutter. Sie selbst verdiente sich ihr Brot zumeist durch Bettelei. Auf die Kainsfrage: Wo ist dein Bruder? gab er eine verdächtige Antwort. Sein ganzes Benehmen schien verdächtig; so seine Zudringlichkeit, den Ermordeten in der Todtenkapelle sehen zu wollen, seine Bestürzung und verschiedene seltsame Aeußerungen beim Anblick der Leiche. Das Landgericht ließ ihn verhaften. In zwei Verhören leugnete er. Plötzlich begehrte er selbst ein drittes, und legte ein vollständiges Bekenntniß ab, in dem er sich als Mörder bekannte. Er blieb auch bei diesem Geständniß in der Hauptsache, nur daß er mehrfach seine Aussagen über die Veranlassung und die Beweggründe zur That änderte. Wir schicken seinem Geständnisse einiges sonst über ihn und die Familie Ermittelte vorauf. Von Kindererziehung war in der Hütte der Häuslerin, wo die Väter so oft wechselten und die Mutter auf Betteln ausging, wenig zu finden. Durch Vernachlässigung in seiner frühesten Kindheit war Mathias lahm geworden. Es bedurfte oft obrigkeitlicher Weisung, die Kinder nur in die Schule zu bringen, doch hatte er Lesen und Schreiben gelernt. Er ward zum Maurerhandwerk bestimmt, lernte in Neuötting bei einem Meister, kehrte aber vor der Lossprechung ins elterliche Haus zurück, nachdem jener gestorben war. Es war ihm ein Dorn im Fleisch, daß er nach fünfjähriger Lehrzeit noch nicht losgesprochen war, seine fortwährende Bekümmerniß, daß er nicht Geld genug besitze, sich lossprechen zu lassen. Er klagte gegen Jedermann, oft brach er in Thränen des Zornes und der Wehmuth darüber aus. Zu einem neuen Meister in die Lehre zu gehen, konnte er sich nicht entschließen. Er tagelöhnerte oder faullenzte im mütterlichen Hause. Er war nie in Untersuchung gewesen und Spuren tiefer sittlicher Verdorbenheit, »welche sonst den großen Verbrecher im Werden zu verkündigen pflegen«, waren in seinem Leben nicht aufzuweisen. Eine schlimme Krankheit, die man in seiner Verhaftung entdeckte, konnte für ein liederliches Leben sprechen. Wo er arbeitete, war man nicht mit ihm zufrieden. Ein Zeuge sagte: »So lange der Meister zugegen, arbeitet er fleißig; sobald der den Rücken wendet, dreht sich auch Mathias von der Arbeit weg.« Gegen die Mutter war er roh und hart. Nach der Aussage einer Zeugin trieb er sie oft zum Betteln hinaus mit den Worten: »Geh nur wieder, Du altes Luder, warum hast Du mich krumm gemacht!« Das sind schlimme Antecedentien, doch noch nicht solche, die einen solchen kannibalischen Brudermord motiviren. Mathias vertrat sonst im Hause die Stelle des Hausvaters, handhabte eine Art häuslicher Ordnung, sorgte sogar für die Erziehung seines jüngern Stiefbruders mit schonendem Ernst, hielt die Mutter zum gehörigen Besuch der Kirche an, den kleinen Stiefbruder zur Schule. Ja, er besuchte selbst regelmäßig den Gottesdienst, und war eifrig beim Beten und Singen. Man bemerkte nie an ihm gegen den Bruder Haß oder Abneigung. Ja, er schien sogar Zuneigung zu ihm zu hegen. Oft sah man ihn mit ihm gehen, spielen und scherzen. Nur dann zankte er, wenn der Bub nicht in die Kirche wollte oder zu zeitig aus der Schule kam, oder gab ihm höchstens einen sanften Schlag. Beide schliefen im selben Bette. Noch in der Nacht vor der unglücklichen Reise nach Neuötting schäkerten Beide so laut und anhaltend miteinander, daß die Grenzdorin, ein Weib, das im Hause mitwohnte, an die Wand klopfen mußte, um nur einschlafen zu können! Sein erstes Geständniß lautete so: Sonnabend am 30. Mai ging er Morgens um 3 Uhr mit seinem kleinen Stiefbruder und dem Schneiderssohn Radlbrunner nach Oettingen, um für sich und den Letztern nach Verdienst zu suchen. Er klopfte, wie er sagt, überall vergebens an. Radlbrunner war schon am selben Tage nach Burghausen zurückgekehrt. Mathias übernachtete bei einem Maurer, den Bruder brachte er bei einem Bauer unter. Auch bei diesem Maurer klagte er, daß er nicht losgesprochen worden, der gab ihm den Rath, er möge sich an den und den Meister wenden, der es ihm um ein gutes Wort vielleicht thue. Beide Brüder blieben bis Sonntag Nachmittag in Altenötting. Dann gegen 4 Uhr machten sie sich auf den Rückweg. Lenzbauer trug in einem Tuch ein Dutzend Weidlinge, irdene Milchgeschirre, die er aus Neuötting für eine Bäuerin mitgenommen. Ehe sie den großen Oettinger Forst erreichten, setzte er sich im Kornfeld mit dem Bruder nieder. Eine Weibsperson, die Anna Pongratzin, die vorüberging, sah, wie der Mathias dem jüngern Bruder das Kappchen aussetzte. Sie fragte ihn: Geht Ihr nicht nach Haus? Der Lenzbauer antwortete: »er sei noch wenig dazu geschickt; sie müßten sich zuvor noch besser zusammen richten.« Er ließ die Pongratzin etwa hundert Schritt vorausgehen, dann ging er nach, blieb jedoch nicht auf der ordentlichen Straße, sondern schlug einen Fußweg, den sogenannten Fürstenweg, ein. Die Pongratzin sah es noch. Sie mochten eine kleine Viertelstunde im Walde fortgegangen sein, als Mathias die Richtung veränderte, angeblich, um vom Fürstenwege wieder auf den ordentlichen Weg zu kommen. Kaum waren sie hier 50-60 Schritt auf einem sehr schmalen Wege im Dickicht fortgegangen, als – Mathias Lenzbauer die Mordthat vollführte. Er drückt sich selbst wörtlich so darüber in dem ersten Verhöre aus: »Ich gab ihm einen Streich über den Kopf mit einem großen Stock, worauf er zusammenfiel und nichts mehr sagte, sondern nur ein wenig noch mit den Armen sich bewegte. Ich glaubte, es sei schon gefehlt, ich hätte ihn todtgeschlagen, es fiel mir also ein, daß ich ihm noch mehre Streiche geben solle, damit er ganz todt sei und ich nicht aufkomme (entdeckt werde). Ich versetzte ihm also noch drei Streiche, auf welche er aufstand und mich anpacken wollte. Auch dieses sah ich, daß er kreuzweis im Kopfe offen sei und das Blut häufig herabrinne. Ich dachte mir nun, es sei schon verfehlt, ich gab ihm also noch zwei Streiche auf den Kopf, worauf er zusammenfiel, ›Maria, meine Mutter Gottes!‹ schrie und mit den Füßen zappelte. Ach, hätte ich gewußt, daß es so ausfallen würde! Das war mir ein Anblick, daß ich selbst glaubte, ich müßte sterben. Ich glaubte, ich müßte in Ohnmacht sinken. Allein ich dachte mir, wenn er noch reden könnte, so müsse er mich verrathen. Ich wußte wirklich meines Leids kein Ende mehr. Auf dieses habe ich – o! es kommt mich so hart an, es zu sagen, mein Taschenmesser gezogen und habe ihm den Bauch aufgeschnitten . Hierauf habe ich nicht mehr zusehen können und habe mich eilends davongemacht. Er hat sich zwar noch ein wenig bewegt, aber keinen Laut mehr von sich gegeben. Ich glaubte zwar, er wollte noch seufzen und Athem schöpfen, allein ich kann es nicht für gewiß sagen, ich verwußte mich vor Wuth nicht mehr – vor Schrecken satt – und lief durch das größte Dickicht dem Altenöttinger Gangsteig zu, wo ich glaubte, daß es am nächsten hinginge. Alsdann bin ich auf diesem Wege fortgegangen, bis ungefähr hundert Schritte in die Mitte des Waldes, und habe dann meine Nothdurft verrichtet. Dann ging ich noch eine Meile abwärts am Wege, setzte mich sodann nieder, bis der Aloys Harrasser mit dem Wagen daherkam, welchen ich bat, die Weidlinge auf seinen Wagen zu nehmen. Dieser sah mir gleich an, daß ich so erschrocken war und an mir Alles zitterte, sagte aber nichts zu mir.« In seinen folgenden Verhören erklärt er sich über die einzelnen Momente der Handlung auf folgende Weise: »Zuerst gab ich ihm einen starken Streich auf den Kopf über dem Schlaf, ich weiß nicht mehr, an der rechten oder linken Seite, worauf er sogleich auf die Seite hinfiel und ein wenig unbeweglich liegen blieb.« – »Ich gab ihm dann noch mehre Streiche, um ihn ganz todtzuschlagen. Ich gab sie ihm alle über den Kopf, weiß aber nicht mehr, wie viel ich ihm gegeben habe: beiläufig sechs oder acht Streiche. Ich gab ihm darum so viele Schläge, weil er immer wieder aufstehen wollte. Beim fünften oder sechsten Streich stand er wirklich auf und wollte auf mich zu, dann gab ich ihm noch zwei oder drei Streiche, um mich von ihm loszumachen. – Wir werden vom ersten bis zum letzten Streich drei oder höchstens vier Schritte von dem Platz gekommen sein. – Nach dem letzten Streich bewegte er sich noch mit den Händen und auch etwas mit den Füßen. Ich konnte vor Unmuth und Leid dies nicht mehr ansehen, und da ist mir eingefallen, ich wollte seinen Leiden ein Ende machen. Da habe ich mein Taschenmesser genommen und habe ihm eilends den Bauch aufgeschnitten, habe aber sogleich getrachtet, daß ich wieder bald von ihm los werden möchte, damit ich nicht von ihm mit Blut bemakelt würde. Nach diesem nahm ich meine Weidlinge, und machte mich eilends davon.« Die Kappe und die Jacke des Ermordeten waren nicht mit Blut befleckt. Auch hierüber gab Lenzbauer eine genügende Erklärung. Die Kappe war beim ersten Streich vom Kopf geflogen; die Jacke trug der Knabe zusammengerollt auf dem Rücken. Diese hatte Mathias mit Absicht erfaßt und bei Seite geworfen, – damit sie nicht blutig würde! Einen sehr merkwürdigen Umstand läßt er in allen seinen wiederholten Geständnissen im Dunkel, nämlich: ob und warum er seinem sterbenden Bruder den Darm abgerissen, diesen mit dem einen Ende ihm um den Hals geschlungen, mit dem andern an ein Fichtenbäumchen geknüpft habe? Nirgend gesteht er dieses ein, leugnet es aber auch nicht mit ganz entschiedener Bestimmtheit. Seine Aeußerungen darüber sind mehr ausweichend als leugnend, indem er zwar die Möglichkeit dieser Handlung einräumt, aber den Mangel deutlicher Erinnerung aus der Verwirrung und dem Taumel, welche sich zuletzt seines Gemüthes bemächtiget, zu erklären sucht. – Auf die Vorhaltung des Untersuchungsrichters: man habe an dem Körper des ermordeten Bruders noch etwas bemerkt, was erst nach aufgeschnittenem Bauche habe geschehen können; antwortete er: »ich weiß es nicht, aber es könne freilich noch in der größten Wuth geschehen sein, was ich nicht wüßte, ich kann mich nicht erinnern.« So auf ähnliche Fragen in den folgenden Verhören: »Wie ich ihm den Bauch aufgeschnitten, bin ich gleich fort, ich habe es nicht mehr ansehen können vor Unmuth und Schrecken, weil er so im Blute dalag und mit den Händen Bewegungen machte.« – »Es kann meinetwegen möglich sein, daß noch etwas geschehen ist; bewußt bin ich mir es nicht. Es ist freilich wahr, daß ich mich vor Schrecken nicht verwußte.« Ueber den Thatbestand und die Täterschaft war also jeder Zweifel weggeräumt, da Mathias auch noch zum Ueberfluß die ganze Mordgeschichte einem Mitgefangenen im Gefängniß, und ebenso wie oben, erzählt hatte. Das Dunkele und das Merkwürdige des Verbrechens blieb das Motiv. Wir verdanken die Mittheilung dieses Falles Feuerbach, der hier wieder volle Gelegenheit fand, seine psychologische Sonde in die tiefe Wunde eines kannibalischen, der Natur widerstrebenden Verbrechens zu senken, und mit seiner Meisterhand den festen positiven Grund fand, den wir leider beim vorangängigen, diesem so verwandten Papavoine'schen Fall nicht gefunden, weil kein Meister sich der Sache bemächtigt hatte. Wir lassen, wo es geht, Feuerbach mit seinen eigenen Worten reden: Die gewöhnliche erste Ausflucht der Mörder, den Vorwand eines in der Hitze des Zorns unüberlegt geführten Streiches, wählte auch er anfangs, um von der That, welche er nicht leugnen konnte, wenigstens die mörderische Absicht zu entfernen. Sein Bruder habe ein kleines Stöckchen bei sich gehabt; als sie nun in dem Gebüsch gegangen, sei ihm dieses Stöckchen zwischen die Füße gekommen, sodaß er darüber mit den Weidlingen niedergefallen sei und sich an dem Schienbein sehr wehe gethan habe. Hierüber aufgebracht, habe er im Zorn seinem Bruder den ersten Streich auf den Kopf gegeben; jedoch ohne die Absicht, ihn zu tödten. Erst nach diesem Streich, der seinen Bruder niedergestreckt, habe er, um die Folgen seiner ersten Unbesonnenheit von sich abzuwenden, ihn völlig todtzuschlagen beschlossen und ihm endlich, um sein Sterben zu erleichtern und zu beschleunigen, den Bauch aufgeschnitten. Dies ist seine Aussage in dem dritten Verhör. Diese Erzählung trug aber offenbar alle Eigenschaften der höchsten Unwahrscheinlichkeit an sich. Er will seinen Bruder völlig todtzuschlagen beschlossen haben, weil er ihn zuvor schon unabsichtlich durch tödtliche Streiche verwundet habe; er will durch seines Bruders Schuld mit den zwölf irdenen Milchgeschirren zu Boden gefallen sein, obgleich, wie actenmäßig, von allen diesen kein einziges zerbrochen oder nur beschädigt worden ist. Auch ist die ganze Veranlassung, wie sie hier angegeben wird, im Vergleich gegen die Größe der dadurch angeblich bestimmten That, viel zu unbedeutend, geringfügig und klein. Gleichwol blieb Inquisit in den zwei folgenden Verhören dabei stehen. – In dem sechsten machte er zwar ebenfalls noch den Versuch, die Unwahrscheinlichkeit seiner früheren Angaben durch eine neue, nicht minder unwahrscheinliche Erzählung zu verbessern. Ich muß sagen, antwortete er bei dem zweiten Fragstück, daß ich einen einzigen Umstand in meinem Bekenntnisse nicht recht angegeben. Es ist etwas anders zugegangen. Wir sind vom Fürstenwege weg in einen Seitenweg auf den Gangstieg hinübergegangen. Dieser Seitenweg wurde immer schmaler und verlor sich endlich ganz im Dickicht. In der Gegend, wo die That geschehen ist, stolperte ich über einen Stein oder Stock. Mein Bruder lachte mich aus, und weil ich etwas berauscht war, so lief ich ihm nach und gab ihm mit dem Steck einen Streich ... – Dies einzige ist also nicht wahr, daß mich mein Bruder in die Füße gestoßen. – Allein nun war der Muth seiner Erfindungskraft und sein kleiner Vorrath von Lügen auf einmal erschöpft. Denn gleich bei dem folgenden Fragstück, wobei ihm der Richter sein öfteres Seufzen, seine unruhige Verlegenheit und die grelle Unwahrscheinlichkeit seiner Angaben vorhielt, nahm er seine letzte Ausflucht mit den Worten zurück: Ich will es nur gestehen, dies ist freilich nicht die Ursache gewesen; die wahre Ursache war diese: Mir lag am Herzen, daß ich so lang nicht freigesagt wurde. Ich hatte überall Hülfe gesucht, bei allen Freunden und Bekannten. Auch bei dem Herrn Polizeicommissair war ich und suchte Hülfe; dieser sagte mir aber, er könne mich nicht für arm erklären, ich sollte mich selbst um einen guten Freund umsehen. Ich sagte sodann, er solle mir das Geld auf das Haus meiner Mutter vorstrecken, ich wollte es ihm verzinsen, wenn ich es in Jahr und Tag nicht zurückbezahlen würde; oder er möchte mir nur einen guten Freund verrathen. Ich wußte nun also meines Leids kein Ende, da mir der Commissair sagte: er könne mir nicht helfen. Ich verfiel auf den Gedanken, meinen Bruder umzubringen, weil er von seinem Vater her noch 50 Fl. Erbtheil einzubringen hatte. Ich glaubte also, daß ich mich freisagen lassen könnte, wenn ich dieses Erbtheil an mich brächte. Er (mein Bruder) hatte auch noch 100 Fl. auf unserm Haus zu suchen und bei dem Bader Schuster hat er ein Capital von 100 Fl. aufliegen, wovon jährlich das Interesse die Mutter zur Erziehung bezog. Ich dachte mir also, ich könnte eines oder das andere bekommen, und könnte mich dann freisagen lassen. Wenn halt der Mensch keine Hülfe mehr hat, so verfällt er ja auf allerlei Sachen, mir ist halt allezeit das Freisagen im Kopfe gelegen. Das Hofgericht zu München hatte nach geschlossener Untersuchung gegen den Mörder auf das Rad mit vorherigem Gnadenstoß und Zuziehung der Schnur erkannt. Die Sache kam, auf dem damals in Baiern üblichen Wege, in das Cabinet und zum Vortrage durch Feuerbach, der in seiner Relation das Verbrechen mit allen begleitenden Nebenumständen bis in die kleinsten Theile zergliedert und diese Elfenbeinarbeit zugleich so durchsichtig herstellt, daß wir ein Uhrwerk von Kristall geschnitzt vor uns zu sehen glauben. Arbeiten der Art können nicht mehr vorkommen, wo die Geschworenengerichte die Wissenschaft wieder zur Empirik, die Kunst zur Natur zurückgeführt haben. Wir könnten es bedauern, wenn das Bedauern vor einer Nothwendigkeit zu Recht besteht. Die Aufgabe des Staates, dem Verbrechen gegenüber, ist eine andere, als dasselbe zu wissenschaftlichen Experimenten den Männern der Wissenschaft hingeben. Es ist seine nächste Pflicht, dasselbe dem Erkenntniß und der Strafe so schnell es geht zu überantworten, damit es verschwinde, nicht aber seine Kräfte und die seiner gelehrten Richter darauf zu verwenden, daß jedem einzelnen Verbrechen sein volles Recht psychologisch, philosophisch und juridisch werde. Bei der zunehmenden Masse der Verbrechen ist dies schon eine physische Unmöglichkeit, die schon lange vor Einführung der Geschworenen, oder des ihnen vorangängigen mündlichen Verfahrens zur Geltung kam. Psychologische Obductionen, wie sie Klein und Feuerbach mit Verbrechen und Verbrechern vornahmen, werden uns fortan fehlen, aber sie waren auch ihrer Zeit nur Ausnahmen von der Regel, gewissermaßen Liebhabereien jener Meister. Dennoch ist es fern von uns, ihre Arbeiten etwa jetzt im Lichte von Spielereien zu betrachten, wir müssen im Gegentheil ihnen dafür dankbar sein, denn sie haben eine Leuchte angezündet, die, wie sie uns aus der Barbarei der ältern Criminalistik hinausgeführt, auch noch ein weithinscheinendes Licht in die Aera hineinwirft, wo wir, um uns von der Masse der Verbrechen, vor neuer Willkür und Barbarei zu retten, den neuen Weg zu betreten gezwungen sind. Den Franzosen fehlten diese wissenschaftlichen Wegweiser aus ihrer ältern barbarischen Criminaljustiz; daher gab es, wie es die Parlamentsurtheile so oft waren, auch unter den ersten Sprüchen der Jury Justizmorde. Von den deutschen Geschworenengerichten, eingeleitet durch das vorangängige mündliche Verfahren und geleitet von Richtern, welche aus jenen Schulen wissenschaftlicher Jurisprudenz hervorgingen, darf man mit Zuverlässigkeit erwarten, daß sie Deutschland vor dieser Unbill bewahren. Es ist auch ein gutes Zeichen, daß Feuerbach's Rechtsfälle jener Zeit eine solche Verbreitung und Kenntnißnahme in dem großen Publicum gefunden haben, aus dem unsre Jurys hervorgehen müssen. In Papavoine's That war es Richtern und Geschworenen nicht möglich, das wahre Motiv zu ermitteln. Ihnen fehlte der wissenschaftliche Hebel. Auch in der That des Lenzbauers war man geneigt, eine Geistesverwirrung, einen partiellen Wahnsinn anzunehmen. Vertheidiger und Aerzte suchten eine Unzurechnungsfähigkeit herauszustellen, ja, auch Richter neigten dazu. Aber die Untersuchung ließ nicht nach in ihren Bemühungen, bis eine Hülle nach der andern abfiel, Hüllen, die der Verbrecher, in der Schlauheit, welche auch der Stumpfsinn eingibt, zum Theil selbst sich umgelegt, und endlich der nackte egoistische Kern zu Tage kam. In der Deduction dieser Zurechnungsfähigkeit geht Feuerbach Schritt für Schritt vorwärts, bis er fast mit einer mathematischen Gewißheit schließt. Eine Mitbewohnerin des Hauses sagte mit dem praktischen Scharfblick der Naturmenschen aus: »Von Verrücktheit oder Blödsinn habe ich auch nie was an ihm bemerkt; er hat schon seinen ordentlichen Verstand. Da fehlt ihm nichts.« Eine andere sagte: »Er wisse Alles genau zu unterscheiden.« Ein dritter: »Er hat seinen vollen Verstand; er kann Alles wohl unterscheiden, ich kenne ihn ja von Jugend auf. Blödsinnig ist er nicht, aber er hat so was schliffelhaftes an sich, und so ein sonderbares Betragen, daß man ihn zur Arbeit nicht brauchen kann. Scheint's mir, daß er zum Guten bloß dumm ist, zum Bösen aber hat er Verstand genug.« Am meisten, schließt Feuerbach, verdient die Aussage der Johanna Schnitzlein hervorgehoben zu werden, weil sie, in dieser Beziehung, eine durch Beobachtung und Thatsachen am genauesten motivirte Charakteristik des Inquisiten uns vor Augen stellt. Am Verstande, sagt sie, hat es ihm gar nicht gefehlt, er war ordentlich; als Hausherr wäre er nicht zu verachten gewesen. Wenn ein Fehler im Hause vorging, so ahndete er ihn, aber mit Bescheidenheit; wenn ein fremder Mensch ins Haus kam, so forschte er genau nach, ob man ihn nicht etwa behielt, und gestattete es auch nicht. Auch war er nachlässig gegen die Zinsleute in Einforderung des Zinses. Ich ersuchte ihn z. B., mir mit meiner Zinszahlung zuzuwarten, weil ich den Winter über viel Holz kaufen müßte; er that es auch und sagte: stehlen und betteln darf sie nicht, und das Geld durch Arbeit gewinnen kommt hart an, ich weiß es aus eigener Erfahrung. Selbst diejenigen Personen, welche von ihm Verrücktheit oder Blödsinn aussagen, dienen, indem sie die Gründe ihrer Urtheile angeben, zur Bestätigung des Gegentheils. So antwortete die Theresia Schlagmann auf die Frage: Ob sie nicht Spuren von Verrücktheit oder Blödsinn an dem Inquisiten bemerkt habe? – Gemeint habe ich ja, daß er verrückt sein müßte; es ging ihm manchmal im Reden nicht passend aufeinander, wie bei andern Leuten, und er war im Anzug sehr schlumpig; ich glaubte auch daher, daß er nicht ganz gescheit sein möge, weil er mit den Kindern kindisch redete, wie ein Kind. Ich hielt ihn halt für einen Talpen, der den ganzen vollen Verstand nicht hat. – Ebenso das Zeugniß des Maurers, welcher auf gleiche Frage antwortet: Gemeint hat man ja wohl, daß es nicht ganz just in seinem Kopfe sei. Man kann aber nicht sagen, daß er verrückt, oder daß er blödsinnig sei; er sinnirt halt so, geht in Gedanken, und redet nicht gar viel, und wenn er auch redet, so springt er von einem Gegenstand zum andern. Wenn es für ein entscheidendes Zeichen des Wahnsinns gelten soll, daß ein Mensch in Gedanken geht, wenig oder unordentlich spricht, in seinem Anzuge nachlässig ist und mit Kindern kindisch redet: so werden unter die Zahl der Verrückten und Wahnsinnigen sehr viele durchaus verständige Männer aufgenommen werden müssen. Am lautesten und unverwerflichsten gibt die Handlung selbst für den gesunden Verstandesgebrauch des Lenzbauer Zeugniß. Er ging bei der Ausführung des Mordes mit so viel Ueberlegung und Bedachtsamkeit zu Werke; alle seine Schritte sind so besonnen und abgemessen; die genaue Erinnerung aller Haupt- und so vieler kleinen Nebenumstände läßt so gewiß auf die volle Macht seines Bewußtseins, sogar noch während der Ausführung der Mordthat, schließen; die Absicht selbst, aus welcher er handelte, ist so verstandesgemäß, und das dazu gewählte Mittel, des Bruders Tod, im Ganzen so richtig auf den Zweck berechnet; endlich sein Benehmen nach der That und die vorsichtigen Lügen, womit er anfangs dem Bekenntniß auszuweichen, dann die eingestandene That wenigstens zu beschönigen und zu mildern versuchte, – beweisen so vollständig sein inneres Bewußtsein der Strafwürdigkeit, sammt der Gesundheit seines Verstandes: daß in ihm gewiß keine andere Verkehrtheit gefunden werden mag, als die Verkehrtheit des Herzens und jene sittliche Zerrüttung des Geistes, ohne welche noch kein Mensch zu großen Missethaten gekommen ist. Nur einen Moment, den gräßlichsten, wußte auch Feuerbach nicht zu erklären, das Herausreißen des Darms und die künstliche Verknotung, welche der Mörder damit angestellt. Von dem Wollustkitzel der Grausamkeit finden sich sonst keine Spuren in dem Verbrecher. Daß er die Thäterschaft dieses Moments nicht eingestehen mochte, findet dagegen seine Erklärung in der Scham, die auch ihn überkommen, anzuerkennen, diesen Kannibalismus mit Bewußtsein ins Werk gesetzt zu haben. Das Messer, mit dem er die That vollführt, ward lange Zeit vergeblich gesucht. Er hatte es hinter ein Muttergottesbild an der Wand seines mütterlichen Hauses gesteckt! Zu Anfang hatte der Verdacht der Mittäterschaft auch gegen den Radlbrunner und gegen die eigene Mutter des Mörders und Ermordeten obgewaltet. Gegen den Erstem ward nichts ermittelt; der Mutter hatte Lenzbauer wahrscheinlich die That schon vor seiner Verhaftung eingestanden. Sie war ein stumpfes Weib, die durch ihr Betragen Verdacht gegen sich erregte. Aber es war ihre Natur. Das Urtheil ward bestätigt, doch das Rad in die Strafe des Schwertes verwandelt. Sein Kopf fiel erst auf wiederholte Streiche. Eine Entführung 1837 – 1838 Das herrschaftliche Schloß der Freiherren – deren Namen der (aus den Acten von Bischoff uns mitgetheilte) Bericht verschweigt, obgleich dieser Name mit dem romanhaften Criminalfall in gar keine sie entehrende Berührung kommt – liegt in einem großen, hie und da mit Buschwerk und Baumgruppen besetzten Garten, an welchen ein nicht unbeträchtlicher Wald grenzt, der durch verschiedene Wege mit dem Garten in Verbindung gebracht ist, sodaß das Ganze einen großartigen Park bildet. Das Schloß liegt am südlichen Ende eines Fleckens, welcher gleichfalls, wenigstens 1837 noch, zur Herrschaft der Freiherren gehörte, der Flecken wird uns Bärwalde genannt, und liegt in Sachsen. Etwa 200 Schritte vom Schloß entfernt stand, oder steht noch in diesem Park ein Gartenhaus, bestehend aus einem großen Gartensaal, an welchen sich links und rechts Zimmer anschließen. Es war unbewohnt, und der Gutsherr pflegte dasselbe seinen Unterthanen bei festlichen Gelegenheiten herzuleihen. Es scheint überhaupt ein patriarchalisches Verhältniß, im besten Sinne des Wortes, zwischen dem Freiherrn und seinen damaligen Unterthanen obgewaltet zu haben. Er wohnte den festlichen Gelegenheiten gewöhnlich selbst bei, und bekümmerte sich auch sonst, wohlthätig eingreifend und Hülfe leistend, um die Familienangelegenheiten der Ortsangehörigen. Die Herrschaft mußte nicht unbedeutend sein. Der Freiherr hatte mehrere Administrativbeamte, auch einen Oberförster – Xaver Bamberger, einen Mann aus guter Familie und in seinen besten Jahren, 36 Jahr alt, noch unverheirathet, in voller männlicher Kraft und ein Muster an Pflichttreue, Kenntnissen, Ordnungsliebe und Mäßigung. Der Freiherr konnte sich glücklich schätzen, einen solchen Mann zur Verwaltung seiner bedeutenden Forsten gewonnen zu haben. Am 20. Januar feierte der herrschaftliche Tischler, Wilhelm Klett, ein braver junger Mann von 26 Jahren, Hochzeit mit einem ausgezeichnet schönen und liebenswürdigen Mädchen. Rosalie Wiesner, 22 Jahr alt, war die Tochter des herrschaftlichen Brauers Wiesner. In der protestantischen Kirche zu Bärwalde wurden sie getraut. Darauf zog das junge Ehepaar mit den Hochzeitgästen, unter Musikbegleitung, in das Gartenhaus. Der Gutsherr, die Verwalter, der Oberförster waren mit bei dem Brautzuge und blieben Gäste bei dem feierlichen Hochzeitmahle. Erst als die Tische fortgeräumt und die Anstalten zum Tanz gemacht wurden, entfernten sich der Freiherr und die Verwalter. Der Oberförster ließ sich überreden, oder blieb aus freien Stücken als theilnehmender Gast auch bei dem rauschenden Tanzvergnügen welches weit in die Nacht hin zu dauern bestimmt war. Nur ein Mal, Nachmittags gegen 5, war der Oberförster in seine Wohnung fortgegangen, aber bald wiedergekehrt. Er unterhielt sich mit mehreren Gästen, speiste auch noch Abends in der Gesellschaft, erschien aber unter den froh Jubelnden wie ein Gleichgültiger, ja verstimmt. Als er mit der Braut tanzte, fiel ihr dies auf, sodaß sie ihn mit theilnehmender Besorgniß fragte, ob ihm etwas fehle? Bamberg drückte ihre Hand an die Brust, indem er ihr sagte, er müsse sie unter vier Augen sprechen. Er habe ihr etwas sehr Wichtiges zu sagen, was nur sie wissen dürft. Es müsse heut Abend noch geschehen, weil es sonst zu spät wäre. Rosalie war betroffen. Der Oberförster war ein Biedermann. Acht Jahr schon auf seinem Posten, kannte man ihn im Ort, und er mußte die Verhältnisse und Personen kennen. Sie wurde immer bänger, und eine große Angst erfüllte sie, nachdem sie ihm zugesagt, denn was konnte der Ehrenmann Anderes, und so dringend ihr mitzutheilen haben, als Nachrichten, die ihren Ehemann betrafen, in dessen Haus und Besitz sie in wenigen Stunden treten sollte. Konnte er ihr etwas mittheilen, was ihrem Manne nachtheilig wäre, wollte er sie warnen? Aber sie war ja schon verheirathet, der Ehebund am Altar geschlossen. Sie konnte kaum den Augenblick abwarten, ihn zu sprechen, um ihrer Ungewißheit ledig zu werden. Es war schnell verabredet, wenn der nächste Tanz begonnen, solle jeder einzeln in den Garten gehen und der Andere an einer bestimmten Stelle treffen; Einer nach dem Andern, damit es Niemand merke. Um Mitternacht stellten sich die Tänzer zum nächsten Tanze an und die Musik begann. Der Oberförster steckte sich einige Stücke Kuchen in die Tasche und ging in die Kühlung hinaus. Bald darauf trat auch Rosalie in den Garten. Niemand hatte es bemerkt, oder darauf Acht gegeben. Erst um 1 Uhr vermißte man die Braut. Man rief sie; keine Antwort. Man durchlief den Garten, den Park, ihren Namen laut schreiend; auch da keine Antwort, keine Spur. Man suchte in ihrer Wohnung, bei ihren Freundinnen nach, überall vergebens. Einige Gäste äußerten die Vermuthung, das junge Mädchen könne sich in der Angst, die wol Bräute von reizbarem Nervensystem vor der mysteriösen Nacht ergriffen und überkommen hat, ein Leides angethan und in den Schloßteich gestürzt haben. Man hatte den Freiherrn geweckt, und er war sofort in den Garten gekommen und traf Anstalten, den Schloßteich abzulassen, um nach dem Körper der Verunglückten suchen zu lassen. Denn auch ihm schien diese Vermuthung die wahrscheinlichste. Nach 4 Uhr Morgens trat der Oberförster ins Gartenhaus, dessen Abwesenheit Niemand bemerkt hatte. Ging er doch oft ab und zu. Er kam gerade zu, als ein herbeigerufener Arzt sich mit der Mutter der Verschwundenen beschäftigte. Sie war in eine andauernde Ohnmacht gefallen, als die Vermuthung, daß ihre Tochter ertrunken sei, laut geworden. Sein Benehmen war theilnehmend, ruhig, unbefangen. Das allgemeine Wehklagen, Jammern, der Schrei der Verzweifelnden und Neugierigen hatte auch Jemandes Ohr erreicht, der bis dahin hier gar nicht zum Vorschein gekommen ist. Der Kutscher des Oberförsters, Samuel Hänel, der vor kurzem mit dem Geschirr seines Herrn von einer Fahrt durch den Forst zurückgekehrt war, lief plötzlich, von innerer Angst gepeinigt, auf das Schloß. Er wollte beim Freiherrn gemeldet werden. Der Freiherr war im Park; er hatte Befehle zum Ablassen des Teiches gegeben und wollte dabei gegenwärtig sein. Hänel lief in die Oberförsterwohnung zurück; aber er hatte keine Ruhe. Wieder stürzte er ins Schloß. Er beschwor den Kammerdiener Helm, seinen Herrn aus dem Park zu rufen, denn er habe ihm sehr Wichtiges zu melden. Aber er beschwor ihn auch, seinem Herrn es insgeheim zu sagen, und ja Niemand wissen zu lassen, wer den Freiherrn zu sprechen wünsche. Der Freiherr kam. Hänel stürzte ihm zu Füßen und bat ihn, sich seiner anzunehmen, er verliere sonst Dienst und Brot, und bekomme noch Strafe obenein. Der Freiherr war durch das, was Hänel ihm mittheilte, nach seinen Worten, wie aus den Wolken gefallen – wir geben hier nicht Hänel's Eröffnung, da wir sie aus einer bessern Quelle sofort mittheilen werden – er glaubte, Hänel sei betrunken, denn was dieser von seinem Herrn, dem Oberförster sagte, paßte wie die Faust aufs Auge, es klang wie ein Märchen zu dem Charakter des ruhigen, gelassenen, pflichtgetreuen Beamten, den er seit 8 Jahren kannte, und er hatte nie eine Klage gegen ihn gehabt. Aber Hänel beschwor auf seine Seligkeit, daß es so sei, und er beschwor den Freiherrn noch um etwas, daß er einem andern Wesen Hülfe schaffe, ehe es zu spät sei, und es war die Pflicht des Freiherrn, auf diese Vorstellung einzugehen. Er entließ ihn und befahl ihm die strengste Verschwiegenheit über das, was er ihm mitgetheilt. Sofort, in der frühen Morgenstunde, ließ der Freiherr den Oberförster aus dem Garten zu sich rufen und übertrug ihm eine, wie er sagte, dringend nothwendige Zusammenstellung der Reinerträgnisse der Waldungen in den letzten 10 Jahren, nebst dem Entwurfe eines gründlichen Gutachtens über die hier und da erforderliche Waldcultur. Der Oberförster mußte sich dem wunderlichen Ansinnen als Untergebener fügen, wahrscheinlich schon ahnend, was es bedeute. Er ging in die Kanzlei. Der Amtsverwalter erhielt Anweisung, ihn nicht eher aus dem Schlosse zu lassen, bis die Bamberger aufgetragene Arbeit vollendet sei, und ihn auch dort zu Mittag speisen zu lassen. Der Freiherr hatte inzwischen anspannen lassen, er fuhr am Brauhaus vorüber, tröstete die inzwischen dahingeschaffte, kranke Wiesner mit der Hoffnung, daß ihre Tochter am Leben, daß sie wahrscheinlich bald wieder bei ihr eintreffen werde, und forderte den Vater, den Brauer Wiesner, auf, sich zu ihm in den Wagen zu setzen. Sie fuhren dann an der Oberförsterwohnung vorüber. Der Freiherr ließ sich vom Kutscher Hänel den Schlüssel zum Reinecksthurm und Bambergers Doppelterzerol ausfolgen, und die Rosse mußten in Galopp – nach dem Forste fahren. Im tiefen Forste, 3 Stunden etwa von Bärwalde, liegt der Reinecksthurm, der Ueberrest eines ehemaligen Raubschlosses, ein uraltes, viereckiges, hohes Gebäude, welches nebst dem Walde umher zur Herrschaft Bärwalde gehört. Eine steinerne Wendeltreppe führt im Innern hinauf, und in der obersten Etage hatte Bamberger schon früher, unter Zustimmung des Freiherrn, ein Stübchen einrichten lassen, in welchem er wohnte, wenn Amtsgeschäfte seine längere Anwesenheit in diesem Forste erforderten. Die ganze Einrichtung bestand nur in einem Schemel, einem Tische, einer Matratze und einer wollenen Decke. Sie ward vor Dieben durch eine, unten am Thurm angebrachte und mit einem Riesenschloß versehene, alte, eiserne Thür geschützt. Das Stübchen war 14 Fuß im Geviert, 13 hoch, und hatte nur 4 kleine Fenster, welche ganz oben, nahe an der Decke, angebracht sind und das Stübchen nur sparsam erhellen. Die tiefe Einsamkeit ringsum braucht nicht geschildert zu werden. Der Angstschrei aus diesen Mauern trifft kein menschliches Ohr, wenn nicht der Zufall einen Jäger oder Holzhauer in die Nähe führt. Eine Ruine in der Waldeinsamkeit, die der Romantik angehört, und doch ist sie nur aus den Criminalacten abgeschrieben, und Gewährsmann dafür ist der Großherzoglich Sächsische Justizrath Dr. Bischoff. Was der Freiherr und der Brauer hier gefunden, davon nachher. Als sie ins Schloß von Bärwalde zurückgekehrt, ließ der Freiherr den Oberförster verhaften, einstweilen ins Amtsgefängniß sperren. Dem Criminalgericht ward sofort Anzeige gemacht, und es traf schon am nächstfolgenden Tage mit einem Physicus und einer Hebamme in Bärwalde ein. Nachdem die Zeugen vernommen waren, die nöthigen Besichtigungen stattgefunden, ward der Oberförster Bamberger und sein Kutscher Hänel, als angeschuldigt des Verbrechens der gewaltsamen Entführung, zur Criminalhaft und Untersuchung nach der nächsten Kreisstadt abgeführt. Bamberger verbarg, sobald die Sache ruchbar geworden, sein Verbrechen nicht, und legte vor dem Criminalgericht ein so vollständiges Bekenntniß ab, als man es nur verlangen konnte. Er hatte schon früher, wie er sagte, »die blühende Rosalie immer gern gesehen.« An jenem Hochzeittage kam sie ihm schöner als je vor. Er tanzte viel mit ihr, und eine nie gefühlte Sinnlichkeit bemächtigte sich seiner. Es war etwas Dämonisches, was ihn überkam. Unter der rauschenden Musik, im Wirbel des Tanzes, vielleicht auch angeregt durch erhitzende Getränke, entstand, wuchs und war der Entschluß fertig, das schöne Weib zu besitzen, sie in seine Arme zu schließen. Koste es, was es wolle, er wollte, ehe ihr junger Gatte sie umarme, seine Begierde befriedigen. Er fühlte sich plötzlich ein Anderer geworden. »Stets hatte ihm die Vernunft gesagt, es sei die Pflicht des Mannes, sich selbst zu überwinden,« heute sagte ihm die Raserei der Leidenschaft, um das erwünschte Ziel müsse man sich selbst vergessen. »Früher ehrlich, offen, mitleidig, ward er hinterlistig, versteckt, grausam.« Als er Nachmittags gegen 5 Uhr nach Hause ging, war der ganze Plan schon in seinem Kopfe fertig. Er befahl seinem Kutscher Samuel Hänel, Nachts 12 Uhr Pferde und Chaise hinter dem Schloßgarten, am Teichwege, bereit zu halten und dort seiner weitern Befehle gewärtig zu sein. Er selbst steckte ein geladenes Doppelterzerol zu sich und kehrte in den Speisesaal zurück. Hier erfolgte nach dem Abendessen das Zwiegespräch zwischen Bamberger und Rosalie: Wäre sie weniger befangen gewesen, würde die wilde Glut, mit welcher er Rosaliens Hand an seine Brust drückte, sie bald auf den richtigen Gedanken geleitet haben, in welcher Absicht er um die Unterredung bat. Als sie im nächtlichen Garten sich trafen, reichte der Oberförster ihr den Arm, und sie gingen schweigend durch den Garten nach dem Teichwege. Die junge Frau zauderte mehrmals und suchte stehen zu bleiben, indem sie ihn bat, sie doch nicht zu fern vom Gartenhause zu führen, damit sie hören könne, wenn man sie rufe. Er antwortete nicht, er ließ sie nicht los. Sie waren am Teichwege, Bambergers Kutsche stand davor. Der Oberförster umschlang mit kräftigem Arm seine erschrockene Beute und trug sie in den geöffneten Wagen. Sie bat, flehte, schrie um Hülfe. Vergeblich, die rauschende Musik aus dem Gartensaal übertönte ihre Stimme. Der Oberförster schlug die Wagenthür zu und hieß dem Kutscher, die Pferde in Carriere nach dem Reinecksforst zu treiben. Im Wagen kaum zur Besinnung gekommen, bat Rosalie unter Thränen, sie loszulassen, damit sie zu ihrem Manne, zu den Gästen zurückkehren könne. Dann versuchte sie mit Gewalt zu entkommen. Sie stieß mit dem Fuß die Wagenthür auf, sie schrie aus allen Kräften nach Hülfe, sie wollte sich hinausstürzen. Der kräftige Arm des Oberförsters umfaßte sie und zog sie zurück. Nun flehte sie den Kutscher um Erbarmen an. Auch der blieb unerbittlich. Bamberger, der bis da in nicht minderer Benommenheit und Sinnentaumel als sein Opfer gesessen, fand jetzt Worte für seine Begierden. Er erklärte ihr: er könne, er werde nicht dulden, daß ein Anderer sie besitze, bevor er nicht seinen Zweck erreicht habe. Sie ahnete noch nicht – heißt es in den Acten nach Rosaliens Angabe – was er eigentlich beabsichtige. Sie bat ihn, den Kutscher halten zu lassen, indem sie ja dem Oberförster Alles zu Gefallen thun wolle, was er nur verlange, wenn er sie vorher zu den Ihrigen zurückkehren lasse. Statt Antwort schloß er sie in seine Arme und preßte glühende Küsse auf ihren Mund. Aber sein Versuch, ihr Busentuch und den Rock aufzureißen, scheiterte an der äußersten Kraftanstrengung, welche sie entwickelte, um ihn daran zu hindern. Sie klagte, drohte, das sei schändlich, lästerlich von ihm, abscheulich, sie von Gatten und Eltern fortzulocken. Wenn er davon nicht ablasse, wenn er sie nicht augenblicklich zurückführe, stürze er ja sie und sich in ein unübersehbares Unglück. Er hörte nicht, sie schrie wieder um Hülfe. Welches menschliche Ohr sollte sie hier in Nacht und Wald hören! – Da drohte ihr Bamberger: wenn sie nicht stillschweige, werde er sie und sich erschießen; sie könne und dürfe keinem Andern angehören. Er zog sein Doppelterzerol aus der Tasche und sprach: »Das macht Deinem und meinem Leben ein Ende, wenn Du mir nicht zu Willen bist. Ich liebe Dich leidenschaftlich, und Du mußt mich lieben lernen, wo nicht, so stehen wir Beide am Rande des Grabes.« Die Drohung ward in einem Tone gesprochen, die jeden Zweifel entfernte, daß er entschlossen sei, sie auszuführen. Jetzt schwieg Rosalie, ihre innere Angst hatte keine Worte mehr, selbst die Besinnung fing ihr an zu schwinden. Morgens gegen 2 Uhr hielt der Wagen am Reinecksthurme. Der Oberförster sprang hinaus, schloß mit dem mitgebrachten Schlüssel die eiserne Thür auf und trug seine jetzt schon halb besinnungslos in der Wagenecke sitzende Beute die Wendeltreppe hinauf in das oben beschriebene Stübchen. Er legte sie auf die Matratze, zündete ein Licht an und sprach dann: »Das ist Dein Brautbett, ich bin Dein Bräutigam! Wirst Du thun, was ich will, so ist es gut; thust Du es nicht, so ist es Deine und meine letzte Stunde.« Dabei legte er das Doppelterzerol auf den Tisch. Rosalie wußte kaum mehr, was mit ihr vorging, als er sie auf die Matratze niederdrückte, die Brust ihr entblößte und die Kleider aufriß. Die Acten sagen es und Bischoff wiederholt es, daß, nachdem er seinen Zweck erreicht, er in Zeit von einer halben Stunde noch zwei Mal seiner wilden Lust fröhnte. Jetzt, völlig befriedigt, zog er die mitgebrachten Stücke Kuchen aus der Tasche, legte sie auf den Tisch, eilte die Treppe hinunter, schöpfte in einem Kruge aus dem Brunnen des Thurmes frisches Wasser, sprang dann wieder hinauf, stellte ihn auf den Tisch und stürzte hinunter. Er verschloß die Eisenthür und sprang in die Kalesche. Nach Haus! Auf einem Seitenwege durch das Holz flog die Chaise über Stock und Block, sodaß er schon nach 4 Uhr Morgens im Forsthause war. Erst unterweges hatte er überdacht, was denn nun weiter zu thun sei. In einem Dorfe, 10 Stunden von Bärwalde entfernt, hatte der Oberförster einen kleinen Freihof, den er als Eigenthümer besaß. Zu seinem Pächter, auf den er sich ganz verlassen zu können glaubte, wollte er Rosalie in der nächsten Nacht bringen. Dann, die Mittel wie, schwebten ihm wol nur dunkel vor, wollte er Alles anwenden, den jungen Ehemann Klett dahin zu bewegen, daß er gegen seine Ehefrau wegen böswilliger oder nicht böswilliger Entfernung auf Scheidung klagen solle. Er hatte vielen Einfluß auf den Tischler, und ihn dahin zu bringen schien ihm eben so leicht, als Rosalien durch liebevolle Behandlung und Geschenke für sich zu gewinnen. Auch mochte er denken, daß ihre Eltern noch leichter zu gewinnen seien, wenn sie statt des herrschaftlichen Tischlers den Oberförster des Freiherrn zum Schwiegersohn erhielten. So – meinte er – sei Alles wieder gut gemacht. Unter harter Androhung befahl er dem Kutscher, von Dem, was er gesehen, gegen Niemand ein Wort zu sagen. Hänel versprach es. Nachdem er Thurmschlüssel und Terzerol in einen Tischkasten gelegt, eilte er in den Schloßgarten, um zu sehen, wie die Sachen dort ständen, und um jeden Argwohn abzuwenden, indem er sich selbst zeigte. Möglich, daß es ihm gelungen wäre und die Sache einen andern Ausgang genommen hätte, wenn im Kutscher Hänel das Gewissen nicht so mächtig erwacht wäre. Was hierauf erfolgte, ist oben erzählt. Um 6 Uhr Morgens sehen wir den Freiherrn mit dem Vater der entführten jungen Frau in Galopp nach dem Reineckforst fahren. Sie waren schon eine Viertelstunde vor 7 vor dem Thurme. Kein Laut kam ihnen entgegen, als sie das Eisenthor öffneten. Sie stiegen die Wendeltreppe hinauf und fanden Rosalie mit geschlossenen Augen auf der Matratze im obern Stübchen liegen. Der Vater hatte unterweges vom Freiherrn gehört, was der Kutscher Hänel diesem mitgetheilt. Er trat zu ihr heran, rüttelte sie, und hob sie endlich auf, sie liebkosend und streichelnd. Sie konnte nicht zu sich gebracht werden. Der Freiherr nahm Wasser aus dem Kruge und besprengte ihr Gesicht. Endlich schlug sie die Augen auf, that einen heftigen Schrei, stieß ihren Vater von sich und fiel wieder auf die Matratze zurück. Der Vater traf endlich die rechten Worte: »Komm, Rosalie, eile zu Deiner Mutter; sie stirbt, wenn Du ihr nicht bald Trost bringst.« Da erhob sie sich, reichte ihrem Vater die Hand und sagte: »Besser die Mutter stirbt, als daß sie mich so wiedersieht.« Auch der Freiherr wandte sich jetzt zu Rosalien: man wisse, daß sie ganz unschuldig sei, daß der Oberförster ein großes Verbrechen an ihr begangen, und sie werde nun von ihrer Mutter und ihrem Gatten mit Sehnsucht erwartet, ja, Alle in Bärwalde bedauerten sie herzlich. Sie antwortete unter Thränen: Der Oberförster habe ihr Gewalt angethan, er habe sie entehrt; sie getraue sich nicht mehr nach Bärwalde zurückzugehen, sie schäme sich, sie wolle hier bleiben und hier sterben, am Ort ihrer Schande, wo der Oberförster auf so schändliche Weise ihre Unschuld geraubt. Es kostete viele Mühe, sie in den Wagen zu bringen. Unterweges erholte sich ihr Schmerz und ihre Erstarrung in einem ununterbrochenen Thränenerguß. Am Brauhause gegen Mittag angekommen, mußte sie aus dem Wagen gehoben werden, sie zitterte an allen Gliedern. Man führte sie an das Bett der Mutter, sie fiel ihr um den Hals, konnte aber kein Wort sprechen. Da trat ihr junger Gatte ins Zimmer, schlich leise ans Bett und faßte ihre Hand, aber sie riß sie fort und sprach: »Rühr mich nicht an, ich bin entehrt. Das Schicksal hat uns auf ewig geschieden.« Man brachte sie zu Bett; man hielt ihre Lage für gefährlich und besorgte, daß sie nicht allein psychisch, sondern auch physisch gelitten habe. Mit dem Wortlaut des Untersuchungsberichts, welchen Physicus und Hebamme über sie zu Protocoll gaben, behelligen wir unsere Leser nicht. Sie war in Folge der angewandten Gewalt verletzt. Die Verletzungen waren zwar an sich nicht gefährlich, konnten es aber doch in Folge der ungewöhnlichen Gemüthsaufregung werden. Ihr Puls ging fieberhaft. Ihr Fieberzustand währte so fort, daß sie erst nach 4 Tagen, am 26. Juni, gerichtlich vernommen werden konnte. Ihre Aussage stimmte in Allem mit Dem überein, was Bamberger später und der Kutscher Hänel schon früher ausgesagt. Ueber das Thatsächliche des Verbrechens schwebte durchaus keine Dunkelheit. Nachdem der Oberförster aus dem Thurm fortgestürzt, hatte sie die Matratze nicht mehr verlassen, und war in den Ohnmacht ähnlichen Zustand versunken, aus welchem sie durch ihren Vater und den Freiherrn erweckt worden. Der Kutscher Hänel konnte über den Vorfall nur aussagen, was vor seinen Augen davon vorgegangen. Er hatte nichts von der Absicht seines Herrn gewußt, als dieser ihn um Mitternacht auf den Teichweg beorderte. Hier sah er, wie sein Herr die Rosalie in den Wagen hob. Bei der nächtlichen Fahrt wollte er die größte Angst ausgestanden haben. Manchmal hatte er gedacht: sein Herr sei närrisch geworden, weil er »das hübsche Geschöpf« so barbarisch behandelte. Die Klett habe ihn herzlich gedauert; sie habe ihn auch um Erbarmen gebeten; aber er habe gefürchtet, der Oberförster, wie er war, jage ihm eine Kugel durch den Kopf, wenn er etwas thue, um sie frei zu machen. Er hatte sich beim Fahren nicht umgesehn, wußte also auch nicht, was im Wagen vorgegangen, und auch nicht eigentlich, was oben im Thurm geschehen war, aber gehört hatte er einige Mal beim Fahren die »junge Person jämmerlich aufschreien.« Er wollte aber durchaus nicht wissen, was die Fortschaffung der Klett zu bedeuten gehabt. Auch er ward wegen thätiger Beihülfe bei der Entführung zur Criminaluntersuchung gezogen. Der Oberförster blieb in allen seinen Verhören seiner ersten Aussage getreu. Er gestand unumwunden, daß er in seiner damaligen Leidenschaft Rosalien und sich erschossen haben würde, wenn er nicht zu seinem Zweck gekommen sei. Er habe bestimmt zu dieser Absicht das Terzerol zu sich gesteckt. Er sei wie verwirrt, bezaubert gewesen. Man fand das betreffende Terzerol auch wirklich mit Pulver und Kugeln scharf geladen; die Cylinder der Percussionsschlösser waren mit Zündhütchen besteckt. Ueber Bamberger's Antecedentien wurden die genauesten Recherchen angestellt, obgleich es deren nicht bedurfte, da sein Leben klar zu Tage lag. Er war aus einer sehr angesehenen Familie, sein Vater war Steuerrath, seine Mutter aus einem adeligen sächsischen Hause, sein Bruder Kammerassessor. Er hatte eine sorgfältige Erziehung genossen, auf der Forstakademie studirt, und, seit 8 Jahren als Oberförster auf der Herrschaft des Freiherrn, zur größten Zufriedenheit desselben sein Amt verwaltet. Nach der gerichtlichen Aussage desselben hatte er durch Kenntnisse, Ordnungsliebe, Diensttreue und Fleiß dessen ganze Achtung erworben. Alle Zeugen gaben ihm das Lob eines ruhigen, friedliebenden und bedächtigen Mannes, dem, wie einer der Zeugen, ein Schullehrer, sagte, Niemand in der Welt ein Verbrechen zugetraut haben würde. Die Untersuchung, so einfach sie schien, ward durch den lange fortdauernden Krankheitszustand der Rosalie Klett verzögert. Wäre sie gestorben, in Folge der Brutalität, so hätte sich das Schuldmaß des Angeklagten weit anders gestellt. Ihre Leiden, Nervenzufälle in Folge der psychischen Erschütterung, dauerten mehre Monate fort. Im November endlich ging das ärztliche Attest ein, daß für ihr Leben keine Gefahr mehr zu besorgen sei. Zugleich hatte sich herausgestellt, daß Bamberger's That keine Schwangerschaft zur Folge gehabt. Die Untersuchung ward geschlossen, Bamberger blieb getreu bei seinen Geständnissen und sagte in einer Schlußvernehmung: »Ich hätte Manches leugnen und Manches in einem mildern Lichte darstellen können, wovon das Gegentheil nie gegen mich erwiesen worden wäre; allein ich habe die reine Wahrheit, ja jeden Gedanken dem Gericht offenbart, den ich in jener unglücklichen Nacht hatte. Und ich hoffe, daß das Gericht sich überzeugt haben werde, daß die von mir begangene That gewiß abscheulicher ist, als ich selbst bin.« Bamberger's Defensor ergriff eine, von diesem offenen und würdigen Geständniß sehr abweichende ungeschickte und verletzende Vertheidigungsweise, indem er zwei Umstände erfand. In Rosaliens Zustimmung, dem Oberförster in den Garten zu folgen, erblickte er ein geheimes Einverständniß derselben mit ihrem Verführer zu einer ehebrecherischen Umarmung. Sie sei nach derselben so lüstern gewesen als er selbst, nur habe sie diese Umarmung irgendwo im Garten, in der Nähe des Tanzlocals gewünscht, um, wenn sie gerufen würde, sofort zur Hand zu sein. Von Seiten des Oberförsters sei also nur in der Art ein Gewaltact vollbracht worden, daß er, um den Genuß vollständiger zu haben, die junge Frau in seinen Wagen geworfen und in den Thurm geschleppt habe. Dies sei aber von ihm in trunkenem Zustande geschehen, damit also dieses Verbrechen des Raubes und der Entführung gesetzlich sehr gemildert. Da der Angeklagte selbst nicht vorgegeben, daß er in trunkenem Zustande gewesen, da kein Zeuge dieses Umstandes erwähnt, bekam der Defensor von Gerichtswegen für diese willkürliche Angabe eine Rüge. Fast noch strafbarer erscheint jene Annahme, daß Rosalie in die Umarmung gewilligt und in sträflicher Lust dem Verführer in das Dunkel des Gartens gefolgt sei; denn kein einziger Zeuge gibt zu einer solchen Auslegung Anlaß, es widerspricht der eigenen Aussage des Oberförsters, Rosaliens Angabe, aus welchen Motiven sie dem angesehenen Ehrenmanne in den Garten gefolgt sei, hat etwas innere Wahrscheinlichkeit für sich, es constirt, daß sie als reine Jungfrau in die Arme des Verführers fiel, und ihr ganzes nachfolgendes Benehmen legt für ihre Aufrichtigkeit und tugendhafte Gesinnung Zeugniß ab. Ganz willkürlich erfindet also hier der Vertheidiger eine Annahme, durch welche er den Ruf einer bis da ganz unbescholtenen, arglosen jungen Frau verunglimpft, um die Strafbarkeit seines Clienten zu mildern, ohne Auftrag desselben, und aller Wahrscheinlichkeit nach, wie sich aus dem Folgenden ergibt, ganz gegen den Willen desselben. Im Januar 1838 ward das Straferkenntniß gefällt, welches Xaver Bamberger, wegen Entführung der verehelichten Rosalie Klett, in Betracht: – daß dieses Verbrechen wider den Willen der Entführten, unter Anwendung großer Gewalt und unter Bedrohung der Entführten mit augenblicklicher Ermordung im Falle des Widerstandes begangen wurde, auch – mit Nothzucht, welche unter Anwendung von Gewalt und unter Bedrohung mit augenblicklicher Ermordung, im Falle des Widerstandes, wirklich ausgeführt wurde, verbunden war; endlich auch – daß die Entführte in Folge der erlittenen Gewaltthätigkeit so gefährlich erkrankte, daß sie über 5 Monate daniederlag und ärztlich behandelt werden mußte, – mit lebenslänglicher Zuchthausstrafe belegte. Der Kutscher Hänel ward, weil er sich der Theilnahme am Verbrechen insofern schuldig gemacht, daß er, obgleich wissend, daß die der Klett zugefügte Gewalt rechtswidrig war, auf ihren Hülferuf nicht achtete, die Pferde, trotz ihres Angstgeschreies und ihrer Bitten, nicht anhielt, sondern bis zum Reinecksthurm fortfuhr, jedoch mit Beachtung der mildernden Umstände, daß er nicht gewußt, was die Fortschaffung der Klett bedeute, und daß er, aus Gewissensdrang, seinem Gutsherrn sofort Anzeige gemacht, zu 3 Monat Strafarbeitshaus verurtheilt. Bamberger bat um eine Unterredung mit dem Freiherrn. Er bezeugte ihm die tiefste Reue wegen des begangenen Verbrechens und bat ihn um seine Verzeihung. Er liebe noch jetzt die von ihm so tief Beleidigte mit derselben Leidenschaft, die ihn zum Verbrechen getrieben; mochte es dem Freiherrn gelingen, ihm die schriftliche Verzeihung der so schwer Gekränkten, ihres Gatten und ihrer Eltern zu verschaffen. Er hoffe mit diesen Schriftstücken in zweiter Instanz ein milderes Urtheil zu erlangen. Der Freiherr erklärte sich bereit, soviel an ihm, seinen Wünschen zu entsprechen. Die schriftliche Verzeihung des jungen Ehegatten konnte er ihm aber nicht mehr verschaffen. Wilhelm Klett, der sich schon seit dem 21. Juni 1837, in Folge des unglücklichen Ereignisses, Rosaliens Willen gemäß, ganz von ihr zurückgezogen hatte, war am 17. Juni 1838, zwei Tage vor Publication des Erkenntnisses, gestorben – ob in Folge des Grams? – und am 21., zwei Tage nach demselben, beerdigt worden. Ein Strahl der Hoffnung fiel – sagt das Protocoll – bei diesen Worten sichtlich in das Gemüth des gebeugten Mannes. – Rosalie selbst war völlig wieder hergestellt. »O könnte ich sie selbst und ihre Eltern sprechen!« rief Bamberger, »sie würden Mitleid mit mir haben.« Der Freiherr entfernte sich, nachdem er dem Gefangenen wiederholt versichert, er werde Alles für ihn thun, was er vermöge. Es waren keine leeren Verheißungen. Der Oberförster hatte ihm nicht allein treue, er hatte ihm auch wichtige Dienste geleistet. Er machte sich selbst Vorwürfe, daß er den »nächtlichen Vorfall«, wie er bei seinem Verhältniß zu dem Brauer und dem jungen Tischler wol gekonnt, nicht auf andere Weise behandelt hatte. Er machte sich Gewissensbisse, daß er den sonst so braven Mann, den tüchtigen Beamten, durch sein zu gewissenhaft rasches Einschreiten dem Criminalgericht und zu ewiger Gefangenschaft überantwortet habe. Der Freiherr berathschlagte mit der Familie des Verurtheilten, mit dem 68jährigen Vater desselben, dem Steuerrath, und dem Bruder, dem Kammerassessor. Der Defensor, hinzugezogen, rieth von einem Begnadigungsgesuche ab, weil davon weniger zu erwarten sei, als von einem Gesuche einer Strafverwandelung. Vor Allem sei die Verzeihung der Beleidigten und deren Eltern zu beschaffen. Der Landesherr, welcher die Ehen sehr begünstige, werde, wenn alle Verwandte des Beleidigers und der Beleidigten zugleich diesen Antrag stellten, und ihn dahin erweiterten: daß mit der Strafverwandlung zugleich die Erlaubniß zu Eingehung der Ehe zwischen dem Entführer und der Entführten nachgesucht werde, günstiger gestimmt werden. Der Brauer Wiesner war vom Freiherrn ohne große Mühe zu einer Einwilligung gestimmt, aber er konnte für seine Tochter nicht bestimmt zusagen. Diese erklärte: sie könne unmöglich glauben, daß ein Mann sie liebe, der sie so schrecklich behandelt habe. Sie zittere schon vor dem Gedanken, daß sie jemals im Leben mit diesem Manne allein zusammentreffen solle. Verzeihen wolle sie ihm gern die That, obgleich durch dieselbe ihr ganzes Leben vergiftet sei. Dies war eine abschlägige Antwort. Der Freiherr ermüdete nicht. Als noch der Familienrath beisammen war, ging er selbst zur jungen Witwe. Er brauchte alle Ueberredungskunst, die zu einem guten Zwecke erlaubt ist: der Oberförster werde sich selbst im Gefängnisse für den glücklichsten Menschen halten, wenn er höre, daß Rosalie ihm ihre Hand anvertrauen wolle; sein ganzes Leben hindurch werde er bemüht sein, durch treue Liebe zu vergüten, was er durch wilde Leidenschaft verschuldet. Nur der Gedanke, daß sie die Gattin eines Andern werden solle, hätte ihn zu der Raserei verführt, er sei in dem Augenblick sinnlos gewesen. Er könne nicht tiefer bereuen, und neben der Reue glühe noch immer seine Liebe für Rosalien. Wenn Rosalie unerbittlich bleibe, werde wahrscheinlich der alte, gebeugte Vater des Oberförsters seinem Gram erliegen. Einem solchen Freiwerber mußte Rosaliens Standhaftigkeit weichen. Sie weinte, und fragte endlich: ob denn, wenn sie ihn heirathe, der Oberförster frei werde? Der Freiherr konnte nur antworten: er glaube es. Da sprach Rosalie endlich: »Es ist ein schwerer, wichtiger Schritt, gnädiger Herr, zu dem Sie mich bestimmen. Aber ich will Ihrem Willen nachgeben. Gehe es denn, wie Gott will.« Die weitern Schritte, die geschahen, werden uns ausführlich mitgetheilt. Es ist nicht nöthig, sie herzusetzen, da sie nur Formalien betrafen, wo die handelnden Parteien im Wesentlichen einig waren. Am 29. Januar erbaten sich Rosalie und ihr Vater eine Unterredung mit dem Gefangenen. Bamberger ward vorgelassen. Er stürzte der zitternden Rosalie zu Füßen, hub die Finger und sprach: »Ich schwöre, Dir Dein Leben zu verschönern, wenn Gott und mein Landesherr mir gnädig ist.« Rosalie reichte ihm stillweinend die Hand. Der Vater Wiesner ließ sich seine Rechte von ihm drücken. Die Bittschrift ward günstig aufgenommen, der alte Steuerrath erhielt selbst eine Audienz beim Landesherrn, der ihn trostreich empfing, und Mitte Februar erging das landesherrliche Rescript, welches: in Anbetracht des frühern, musterhaften Lebenswandels des Verurtheilten, seiner tiefen Reue, seiner mehr als siebenmonatlichen schweren Gefangenschaft, der zwischen Entführer und Entführten stattgefundenen Versöhnung, der beschlossenen Heirath, endlich der vielseitigen Anträge achtbarer Personen, insbesondere aber in favorem matrimonii die Zuchthausstrafe in (wie der Antrag lautete) eine Geldstrafe von 2000 Thalern, 1000 für die Armencasse und 1000 für die Kirchencasse zu Bärwalde, verwandelte. »Seine Königliche Hoheit versehen sich übrigens,« heißt es zum Schluß, »zu Bamberger, daß derselbe die Heirath mit der Klett zu seiner Zeit vollziehen und sein ganzes Leben hindurch keine Gelegenheit unbenutzt lassen werde, der ihm widerfahrenen Gnade sich würdig zu bezeigen.« Der Oberförster ward entlassen, zahlte seine Strafe und ward vom Freiherrn wieder in sein Amt eingeführt. Es gelang ihm, wird in einer Nachschrift versichert, nach und nach Rosaliens Liebe zu erwerben, und die Hochzeit fand am 21. August 1838 statt. George Frederick Manning und Maria Manning 1849 Zu Taunton hatte im Jahr 1847 ein gewisser Manning mit seiner Frau ein Wirthshaus gehalten, welches sie aber bald wieder aufgaben und sich in Miniver-Place, Bermondsey, in London niederließen. Auch hier hatten sie ein ganzes Haus, wie es in London Sitte ist, gemiethet, ohne daß man erfährt, in welcher ausgesprochenen Absicht. In England ist es nicht Art, sich danach streng zu erkundigen, wenn die Miether nichts Anstößiges vornehmen und ihrer Pflicht im Uebrigen nachkommen. George Frederick Manning war bis zum Jahre 1847 bei der Great Western Eisenbahngesellschaft angestellt gewesen, wo er sich verheirathete und sein Glück in dem erwähnten Geschäft versuchte. Er war ein junger Mann von gegen 30 Jahren und stammte aus Somersetshire, seine Frau am Ende der 20, aus der französischen Schweiz gebürtig, scheint als Bonne nach England gekommen zu sein, und hatte bis dahin in Diensten einer Tochter der Herzogin von Sutherland gestanden. Das Ehepaar lebte in der genauesten und vertrautesten Bekanntschaft mit einem Herrn Patrick O'Connor, der in den London Docks angestellt war und als ein wohlhabender Mann galt. O'Connor war unverheirathet, und man wußte, oder erfuhr doch bald, daß er mit Maria Manning in einem mehr als vertrauten Verhältnisse stand, welches der Ehemann nicht gehindert hat; es scheint im Gegentheil, daß er es begünstigt hat. O'Connor wohnte in Greenwoodstreet, Mile-End, für London nicht sehr weit von Miniver-Place. Donnerstag am 9. August 1849 hatte er seine Wohnung schon Morgens um 6½ verlassen. Man sah ihn im Lauf des Tages an verschiedenen Orten, gegen Mittag auch an der London-Brücke, wo er zweien Freunden ein Billet zeigte, welches ihn zum Mittag einlud und Maria unterzeichnet war. Ein Bekannter sah ihn gegen 5 Uhr Nachmittags in der Nähe von Miniver-Place. Dies war das letzte Mal, daß man ihn lebendig gesehen. Von da ab vermißten ihn seine Freunde, und alle Nachforschungen nach ihm, auch bei Mannings, blieben vergeblich. Am 13. August verließen beide Eheleute Manning plötzlich und heimlich ihr Haus in Miniver-Place. Am 14. fand es der Hauswirth ganz leer stehend, ohne daß ihm die geringste Anzeige gemacht worden. Die Polizei, davon benachrichtigt, ließ am 17. eine genaue Haussuchung halten, und unter den Fliesen der Küche fand man alsbald den Leichnam des Vermißten in einer frischen Grube, nackend, die Beine rückwärts gegen die Hüften gebunden. Sein Schädel hatte eine Schußwunde, außerdem war er grausam zerschlagen. Patrick O'Connor war umgebracht worden, und zwar zwischen dem 9. August, wo man ihn zum letzten Male gesehen, und dem 17., wo er gefunden ward. Diese Gewißheit begegnete sich mit der höchsten Wahrscheinlichkeit, daß die Manning'schen Eheleute die Mörder waren, denn sie allein hatten das Haus bewohnt, wo der Leichnam gefunden ward, und sie waren plötzlich, nachdem, wenn auch noch nicht der Mord, doch O'Connor's Verschwinden ruchbar ward, ebenfalls verschwunden. Es ward auf beide Eheleute gefahndet. Die außerordentlichen Umstände der gräßlichen Mordthat, unterstützt, wie es scheint, durch die Bemühungen der zahlreichen Freunde des Ermordeten, hatten auch eine außerordentliche Thätigkeit der polizeilichen Behörden angeregt. Frederick Manning ward auf der Insel Jersey entdeckt und ergriffen. Er gestand das Verbrechen insofern ein, daß er die ganze Schuld bei der ersten außergerichtlichen Vernehmung auf seine Frau warf. Diese ward, unter einem fremden Namen, in Schottland entdeckt, ohne jedoch zu gestehen; Beide wurden nach London zurückgebracht und der Proceß gegen sie eingeleitet. Diese Notizen, als notorisch geworden, schicken wir diesem nächstberühmtesten englischen Criminalfall aus der Gegenwart vorauf. Außer denselben hatte sich aber eine große Menge Gerüchte, auf wahre Umstände und auf leere Fictionen begründet, im Publicum, zum Theil durch die Presse, verbreitet, vor denen der öffentliche Ankläger die Geschworenen warnte, und sie bat, auf nichts zu hören und Alles aus dem Sinn zu schlagen, was ihnen auf außergerichtlichem Wege zu Ohren gekommen, indem die gerichtlichen Ermittelungen der Art wären, daß sie aus denselben ihr Urtheil vollständig schöpfen könnten. Auch wir folgen seiner Weisung und geben den Proceß ganz nach der gerichtlichen Verhandlung, welche am 25. October 1849 vor dem Central Criminal Court von Old Valley begann und von den Zeitungen in der seltenen Ausführlichkeit mitgetheilt ist, welche sie nur Processen widmen, welche die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen haben. Seit langer Zeit hatte man kein solches Gedränge vor dem Gerichtshofe gesehen, als es an diesem Morgen, und schon in für London ungewöhnlich früher Stunde stattfand. Was in englischen Gerichtshöfen früher nicht gewöhnlich, es hatten die Sherifs Entreebillets ausgetheilt, und nur gegen diese fand das Publicum Zutritt. Es ward in den Zeitungen gerügt, daß dies für Geld geschehen, und doch standen die vornehmen oder wohlhabenden Käufer, welche gute Plätze haben wollten, schon vor 8 Uhr an den Thüren, während erst um 9 Uhr geöffnet ward. Gegen Mittag waren die Straßen umher von Volkshaufen fast gesperrt. Im Saale selbst brachte man Damen und Herren, unter denen sich die ersten Würdenträger und Gesandten befanden, wo es nur irgend möglich war, unter; Einige wurden auf die Bänke der Richter gesetzt, während Andere sich selbst bequemen mußten, in nicht zu großer Entfernung von den Angeklagten zu sitzen. Nachdem verschiedene kleinere Verbrecher und Uebertreter abgeurtheilt waren, trat der Lord Oberrichter Sir Fr. Pollock, von den Richtern, dem Lord Mayor und andern Beamten begleitet, ein. Zugleich wurden aber auch die beiden Gefangenen eingeführt, auf die das Publicum, Monate lang durch die verschiedensten Berichte neugierig gemacht, sofort die Blicke richtete. Mann und Frau hatten sich seit ihrer Verhaftung noch nicht gesehen, keiner aber warf einen Blick auf den andern, als jeder in eine besondere Ecke der Verbrecherschranken gewiesen ward. Manning erschien in anständiger schwarzer Kleidung mit schwarzem Halstuch. Sichtlich war er von nervöser Unruhe geschüttelt. Er wechselte oft seine Stellung an der Schranke, und warf dann und wann verstohlene Blicke auf seine Frau. Maria Manning dagegen verblieb von dem Augenblicke an, wo sie an der Schranke sich hingestellt, über eine Stunde in derselben Stellung, bewegungslos wie eine Bildsäule. Während des ganzen übrigen Tages warf sie keinen Blick auf ihren Mann. Doch war sie sichtbar leidend; die eisenfeste Gesundheit, welche sie noch nach ihrer Arretirung besessen, hatte sie zugleich mit der Frische und spielenden Keckheit verlassen, die man früher an dem jungen Weibe bewundert und gerügt. Sie trug ein Kleid von dunklem Zeug, welches bis hoch oben am Halse schloß, einen Shawl von lebhaften Farben, in welchen das Blau vorwaltete, und hellfarbige Handschuhe. Ohne Haube, hatte sie über dem Haar einen sie wohlkleidenden weißen Schleier. Ob sie sonst wohlgebildet war, haben die Reporter nicht berichtet. Sie wird 28, ihr Mann 30 Jahr alt angegeben. Beide hätten aber viel älter ausgesehen. Der Frau ward im Verlauf der Verhandlung, auf Antrag ihres Vertheidigers, ein Sessel zugestanden. Die verlesene Anklage ging dahin: daß Frederick George Manning am 9. August 1849 zu Bermondsey verrätherischerweise eine Pistole abgeschossen, geladen mit einer Kugel, auf Patrick O'Connor, und ihm eine tödtliche Wunde beigebracht, an welcher er darauf und daselbst gestorben. Ferner eine Anklage: daß besagter Frederick George Manning den Tod von Patrick O'Connor verursacht, indem er ihn gestoßen, geschlagen und verwundet am hintern Theil des Kopfes mit einer Brechstange. Die weitern Anklagen: daß er den Tod des O'Connor verursacht zusammen durch Schießen und Schlagen und durch eine Schießwaffe, die eine Windbüchse gewesen. Die Anklage gegen Maria Manning lautet: daß sie zugegen gewesen, hülfreich und aufreizend besagten Frederick George Manning, das Verbrechen zu begehen. Befragt, wie er sich auf die Anklage gestellen wolle, rief Manning mit lautem und festem Tone: »Nicht schuldig.« Für die weibliche Angeklagte erklärte ihr Vertheidiger Mr. Ballantine, sie sei aus Genf gebürtig, und mache deshalb Anspruch auf das Ausländern gestattete Vorrecht, von einer Jury gerichtet zu werden, welche zum Theil aus Ausländern zusammengesetzt wäre. Der technische Ausdruck dafür ist, sie verlange ein trial per medietatem linguae. Hierauf fragte der Lord Oberrichter die Gefangenen nach der alten Form: »Wie wollt Ihr gerichtet werden?« Statt zu antworten: »Durch Gott und mein Land«, antwortete Maria Manning in selber Weise: »Durch eine Jury de medietate linguae .« Auf die nun auch an sie gerichtete Frage: »Seid Ihr schuldig oder nicht schuldig dieses Verbrechens?« antwortete sie mit kaum hörbarer Stimme: »Nicht schuldig.« Hierauf folgte eine sehr lange juristische Verhandlung zwischen dem Staatsanwalt, den Vertheidigern und dem Lord Oberrichter: ob der Einwand der Angeklagten, daß sie durch eine besondere, halb aus Ausländern zusammengesetzte Jury gerichtet werden müsse, Platz greife? Uralte und neueste Gesetze und Statuten wurden citirt, der Hof entschied sich aber nach einer Berathung: daß er nicht Platz greife, indem Maria Manning, durch ihre Verheirathung mit einem Engländer, als naturalisirt anzusehen sei. Die Angeklagte hatte diesem Rechtsstreit mit der größten Aufmerksamkeit zugehört, verrieth aber, als die Entscheidung zu ihren Ungunsten ausfiel, nicht die geringste Bewegung. Die Anklageacte lautete mit Weglassung Dessen, was uns aus dem oben Gegebenen bekannt ist, dahin: Am 9. August, am Donnerstag, hatte Patrick O'Connor Morgens um sieben ein halb seine Wohnung verlassen. Auf den London Docks war er, wie sein Amt es erforderte, gegen 8 Uhr, zeichnete seinen Namen in das Präsensbuch und blieb bis gegen 4 Uhr Nachmittags, wo er ihn wieder in ein anderes Buch eintrug, in welches Diejenigen sich einzeichnen, die das Bureau verlassen. Ein Viertel vor 5 sahen ihn zwei Freunde nahe an der London-Brücke. Als sie ihn fragten, wohin er ginge, zog er ein Billet aus der Tasche und zeigte es den Freunden. Es war eine Einladung zum Mittagessen, unterzeichnet Maria. Um 5 Uhr sah man ihn in der Westonstreet, unfern vom Miniver-Place. Etwas später sah man ihn wieder auf der London-Brücke. Er schien unschlüssig, wohin er sich wenden solle. Seitdem hat ihn Niemand mehr gesehen. Am 13. August verließen die Manning'schen Eheleute plötzlich ihre Wohnung. Am 14. fand ihr Wirth das Haus ganz leer. Sie hatten es, ohne ihm eine Meldung zu thun, verlassen. Am 17. stellte die Polizei eine sorgfältige Haussuchung an. In der Küche im Hinterhause zeigten sich Fliesen, die nicht so fest wie die andern eingekittet schienen. Man löste sie ohne besondere Mühe, und, nachgrabend in der frisch umgewühlten Erde, fand man 4 Fuß tief unter der Oberfläche, Patrick O'Connor's Leiche, nackt, die Beine hinten an die Hüften hinaufgebunden. Sie war mit Kalk überschüttet. Von den Kleidern des Todten fand man in der ganzen Wohnung keine Spur, auch nicht den Brief, der ihn zum Mittag eingeladen, ebensowenig eine Waffe, durch welche er vom Leben zum Tode gebracht sein konnte. Die Identität der Leiche mit dem verschwundenen O'Connor ward durch viele Zeugen außer Zweifel gesetzt. Den Beweis, daß er ermordet worden, führten die Wunden, die man vorfand. Ein Schuß war durch den Kopf gegangen. Der Schädel war aufs fürchterlichste zerschlagen. O'Connor war demnach ermordet, und zwar an Ort und Stelle selbst, in dem Hause, welches die Eheleute Manning allein bewohnten, und in dem Zeitraum zwischen dem 9. und 17. August. Der dringendste Verdacht fällt schon aus diesen Umständen auf die Eheleute, welche das Haus bewohnten; er wird aber durch die folgenden Indicien zur bündigsten Gewißheit. Er fürchte, sagte der Staatsanwalt, daß die Jury, wenn sie die Zeugen höre, der Meinung sein werde, daß es sich hier um ein tief angelegtes Complot handle; und die Zweifel, die sich bei ihnen erheben dürften, würden nur die sein, ob einer der Eheleute, oder ob beide zugleich in diesem Complot betroffen wären; ob Maria Manning dem Opfer den Todesschlag gegeben, und der Mann nur zugegen gewesen, oder Frederick George Manning den Schuß und den Schlag versetzt oder auch irgend ein dritter Unbekannter, und Maria nur gegenwärtig gewesen, helfend und anfeuernd; oder ob endlich Einer von Beiden allein die That begangen und der Andere nicht zugegen gewesen? Er vertheidigte in Bezug hierauf die Formel des Anklageantrags, welche das Gesetz bedinge, um in jeder Beziehung sicher zu gehen, jenachdem die Beweisführung die Schuld des einen oder des andern Theiles in helleres Licht stelle. Die gründliche Erörterung hierüber ist für das englische juristische Publicum, nicht für uns von Interesse; um so weniger als durch den Verfolg der Gerichtsverhandlungen und was ihnen nachfolgte, über die subjective Thäterschaft und das factische Verhältniß alle moralischen und selbst die juridischen Zweifel gelöst erscheinen. Der Staatsanwalt ging alsdann zu einer chronologischen Aufzählung derjenigen Anzeichen über, welche der That vorangingen. Er hatte nicht ermittelt, wie alt die Bekanntschaft der Eheleute mit O'Connor sei; aber er glaubte Grund zur Vermuthung zu haben, daß O'Connor schon vor 1847, also vor Maria's Verheiratung, mit ihr in Berührung gestanden. Gewiß aber sei, daß sie in letzter Zeit auf sehr vertrautem Fuß miteinander gelebt. Sie besuchte ihn sehr oft in seiner Wohnung, sie wußte um alle seine Vermögensangelegenheiten, sie hatte Zutritt in seiner Wohnung, auch wenn er nicht zu Hause war, und blieb daselbst oft lange Zeit. O'Connor war ein Mann von hübschem Vermögen. Nachdem die Mannings das Haus in Miniver-Place gemiethet, nahmen sie einen Aftermiether auf in der Person eines Studenten der Medicin, Namens Massay. Sie hatten aber keinen Dienstboten. Maria besorgte die häuslichen Geschäfte allein; nur gelegentlich nahm sie eine oder die andere Frau an, um ihr in der Arbeit beizustehen. Manning richtete in Gegenwart seiner Frau zuweilen Fragen an den Studenten, welche jener Zeit ganz harmlos und unbedeutend erschienen, die aber in Beziehung auf das Nachfolgende eine nur zu schwere Bedeutung gewinnen. Manning erwähnte, daß O'Connor ein wohlhabender Mann sei, daß er wol an 20,000 Pfund besitze und ein Testament gemacht habe zu Gunsten seiner, Manning's, Frau. Er befragte den Studenten über die Natur und Wirkungen des Chloroform und Laudanum, und ob sie wol so wirksam seien, um einen Menschen ganz zu betäuben, etwa in der Art, daß er seinem Freunde O'Connor eine 500 Pfund Note aus der Hand nehmen könne? – Er wollte wissen, welcher Theil des menschlichen Körpers am leichtesten eine tödtliche Verletzung annehme? Die Antwort war: die Kehlader. – Er fragte, wo der Sitz des Gehirns sei? Massay zeigte es ihm. – Er fragte: ob Massay jemals eine Windbüchse losgedrückt, und ob sie Geräusch verursache? – Ein ander Mal fragte er ihn, was er über das Ende eines Mörders denke? Massay hatte diesen Unterhaltungen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sie fanden vor dem Juli statt. Aber einige Tage vor dem 28. Juli drückten beide Gefangene dem Miether ihren Wunsch aus, daß er ihre Wohnung wieder verlassen möge. Sie sagten, sie wollten auf einige Zeit verreisen. Sie drängten immer wieder und wieder, bis Maffay an jenem Tage wirklich auszog. Am 23. Juli war Manning zu einem Maurermeister Wells gekommen, um eine Quantität Kalk von ihm zu kaufen, er sagte, um die Schnecken in seinem Garten zu vertilgen. Auf die Frage, ob er grauen oder weißen Kalk wolle, antwortete er, solchen, der am schnellsten brenne. Man schickte ihm darauf grauen Kalk. Der Bursche des Maurers sollte den Kalk bringen. Als er ihn vor die Hausthür trug, öffnete Manning's Frau, und ohne ein Wort zu sprechen, oder zu fragen, was er bekomme, gab sie ihm ein Geldstück. Der Mann zeigte dem Burschen einen Korb, in den er den Kalk schütten solle. Am 25. Juli bestellte Manning in einen: Eisenwaarenladen ein sehr starkes Brecheisen für eine bestimmte Summe. Am 28. Juli war es fertig, und ein Arbeitsmann trug es in der Hand, uneingewickelt, nach Manning's Wohnung. Auf der Mitte der London-Brücke begegnete Manning dem Manne, und war ungehalten darüber, daß er das Eisen so blank und baar trage. Er trat mit ihm in einen Laden und kaufte einige Papierbogen, in welche das Eisen eingewickelt ward. Dann wies er ihn an, es nach Miniver-Place zu bringen, wo Jemand die Stange in Empfang nehmen werde. – Manning's Frau machte dem Arbeitsmann die Thür auf. Dieser übergab ihr die in Papier gehüllte Stange, ohne ein Wort zu sprechen, und sie, ohne ein Wort über den Inhalt zu sagen, fragte nur: was es koste? Als der Mann die Summe nannte, beklagte sie nur, daß es theurer sei, als accordirt war, zahlte ihm aber sofort und empfing dafür das Brecheisen, das immer noch in seinem Papier verhüllt blieb. Dieses Brecheisen hat sich weder im Hause vorgefunden, noch war es unter Gegenständen, welche Manning später an einen Trödler verkauft hatte. Am 8. August, also am Tage vor dem, wo O' Connor zum letzten Male gesehen ward, kaufte Mistreß Manning eine Schaufel. Sie sollte stark sein, sonst wäre es ihr gleichgültig, ob der Griff kurz oder lang wäre. Am 8. August, nach dem Kaufe des Kalks, des Brecheisens und der Schaufel, schrieb Mistreß Manning an O'Connor einen Brief, in welchem sie O'Connor zum Mittagessen an dem Tage bei sich einlud. Der Brief lautete: »Mittwoch Morgen, Lieber O'Connor – wir würden sehr vergnügt sein, wenn Sie diesen Mittag mit uns speisen wollten, um 5½. Ihre ergebene Maria Manning .« Dies war nicht der Brief, welcher O'Connor zu seinem Opfergange veranlaßt hat. Er war erst Mittwoch am 8. um 3 Uhr Nachmittags auf die Post gegeben, adressirt an O'Connor auf den London Docks. Er konnte nach der Postordnung erst am folgenden Tage seine Adresse erreichen. In der That ward er auch erst Donnerstag am 9. in O'Connor's Wohnung von einem Portier der Docks abgegeben, nachdem jener schon um 7½ seine Wohnung verlassen hatte. Er hat ihn nicht mehr gesehen. Am Abende des Tages, als jener Brief abgesandt ward, am 8. August, kam O'Connor zufällig in das Manning'sche Haus; glücklicherweise für ihn in Gesellschaft eines Andern, eines Herrn Welsh. Mistreß Manning sagte ihm, sie habe ihm einen Brief geschrieben, in welchem sie ihn heut zu Mittag eingeladen, und sei verwundert, daß er nicht gekommen. O'Connor erwiederte, daß er den Brief nicht erhalten. O'Connor blieb im Manning'schen Hause mit seinem Begleiter bis gegen Mitternacht. Er rauchte, trank aber nicht. Die Unterhaltung betraf gleichgültige Gegenstände; unter andern eine Geldsumme, welche Mstr. Welsh für ihn in Empfang genommen. Als er um 12 Uhr ging, klagte er, daß er sich übel befinde. Vom folgenden Tage, dem 9., weiß man nur Das von ihm, was oben angegeben ist. Um 5 Uhr Abends, oder einige Minuten später, hatte man ihn, wie angeführt, in der Westonstreet, etwa 3 Minuten von Miniver-Place entfernt, zum letzten Mal gesehen, und er schien unschlüssig, wohin er sich wenden sollte. Am Abende dieses 9. August, etwa ein Viertel vor 6 Uhr, kam Mistreß Manning nach Q'Connor's Wohnung in Greenwoodstrect. Um von Miniver-Place nach dem gedachten Hause zu gelangen, braucht, nach sorgfältigen Ermittelungen, ein Fußgänger etwa 42 Minuten, ein Omnibus 35, ein Cabriolet 20. Die Manning blieb in der Wohnung bis etwa ein Viertel nach 7 Uhr, also im Ganzen sechs Viertelstunden. Er, Manning, war aber unzweifelhaft den ganzen Abend durch in seiner Wohnung; denn um ¼ nach 7 sahen ihn Nachbarn auf der Plattform seines Hinterhauses rauchend und plaudernd. Er blieb dort etwa 20 Minuten, sprang dann aber plötzlich hinunter, indem er sagte, er habe sich mit Jemand verabredet. Wahrscheinlich lag der Mord schon hinter Beiden. Am 10. August, Freitags, begab sich Mistreß Manning abermals in das O'Connor'sche Haus, wieder um 6¼ und blieb wieder etwa so lange, wie am vorigen Abende. Die Absicht: von O'Connor's Sachen einen Theil mitzunehmen, springt von selbst in die Augen. Ihr Besuch erregte keinen Argwohn, man war daran gewöhnt. Eine Zeugin aber bekundet, daß sie beim Fortgehen sehr bleich und nervös ausgesehen. Am 11. August, Sonnabend, hatte die Manning ein Mädchen angenommen, um die hintere und vordere Küche in ihrer Wohnung rein zu machen. Auch gab sie ihr einen Korb zu waschen, in welchem sichtlich Kalk aufbewahrt gewesen. Das Mädchen konnte nicht damit zu Stande kommen und die Manning machte sich nun selbst daran, bis alles Wasser, was im Hause vorräthig, erschöpft war. Am selben Tage verkaufte Manning bei einem Wechsler, im Namen Patrick O'Connor's, auf dessen Namen sie lauteten, und dessen Namen er oder ein Anderer unter die Cessionsurkunde gesetzt hatte, 20 Eisenbahnactien der Eastern Counties, die unzweifelhaft O'Connor's Eigenthum waren, für 110 Pfund. Die Hundertpfundnote, die er dafür empfing, setzte er an der Bank um in 50 Sovereigns und 5 Zehnpfundnoten. Diese Noten wurden später im Besitz der Mistreß Manning vorgefunden. O'Connor's Nichterscheinen im Bureau, seine Abwesenheit von Hause hatten natürlich Bestürzung und Verdacht im Kreise seiner Freunde erregt. Diejenigen, welche ihn am Donnerstag (9.) auf der London-Brücke zum letzten Male gesehen, und denen er das Invitationsbillet zum Mittag bei Mannings gezeigt, gingen am Sonntag (12.) in die Manning'sche Wohnung, um sich zu erkundigen. Auf die Frage: ob O'Connor am Donnerstag hier gegessen, antwortete die Manning: Nein. Sie habe ihn seit dem Mittwoch vorher nicht mehr gesehen, wo er mit Master Welsh bei ihnen vorgesprochen gewesen. Sie habe ihn wohl am Donnerstage erwartet, da er nicht gekommen, wäre sie in seine Wohnung gegangen. Master Welsh war mit dieser Auskunft wenig zufrieden; am Montag (13.) kam Master Flynn, ein Verwandter des Verschwundenen, in das Manning'sche Haus, um sich bei der Ehefrau zu erkundigen. Auch ihm gab sie dieselbe Antwort, O'Connor habe am Donnerstag weder bei ihnen gespeist, noch habe sie ihn während des ganzen Tages zu Gesicht bekommen. Dem Zeugen schien sie im Zustand großer Aufregung, daß er sie fragte, ob sie unwohl sei? Sie antwortete, ja, sie wäre einige Tage vorher unpäßlich gewesen. An diesem Montag (13.) war Manning am frühen Morgen zu einem Möbelhändler gegangen, Namens Bainbridge, und hatte ihm, unter dem Vorgeben, daß er aufs Land gehe, sein ganzes Mobiliar für 13 Pfund verkauft. Er forderte, daß die Möbel ihm am folgenden Tage, und zwar früh um 5 Uhr abgeholt werden sollten. Der Käufer willigte ein, und es ward abgemacht, daß Manning nun 14 Tage bei ihm wohnen sollte. Nachdem Manning Bainbridge's Haus betreten, sandte er einen Diener, um auch seine Frau abholen zu lassen. Der Diener aber kam mit der Nachricht zurück, daß Mistreß Manning schon vor einer Stunde ihre Wohnung verlassen habe. Manning ging selbst nach seinem Hause in Miniver-Place zurück, etwa um 5 Uhr, und klopfte, aber Niemand gab Antwort. Auf sein Anfragen in der Nachbarschaft erfuhr er, daß seine Frau das Haus in einem Cabriolet verlassen und einiges Gepäck mit sich genommen habe. Die Frau des Möbelhändlers fragte Manning, wenn seine Mobilien doch noch bis am nächsten Morgen in seiner Wohnung blieben, warum er selbst nicht dort übernachten wolle? Er antwortete: er möge dort nicht schlafen, und wenn man ihm 20 Pfund zahle. Aus andern Zeugenaussagen scheint hervorzugehen, daß die Manning gegen 4 Uhr Nachmittags eine große Masse Kleider und andere Gegenstände zusammengepackt hatte; sie rief dann ein Cabriolet vom Haltepunkte, packte mit Hülfe des Kutschers ihre Schachteln hinein und nahm den Weg nach der South-Eastern-Eisenbahnstation, Unterwegs kaufte sie in einem Laden einige Karten, auf welche sie die Adresse schrieb: »Mistreß Smith, Passagier nach Paris.« Auf der Station angelangt, beauftragte sie den Thorwärter, diese Karten auf zwei ihrer Schachteln anzunageln, welche sie zu dem Behufe zurückließ. Alsdann ließ sie das Cabriolet nach der Eustonsquarestation fahren, und, ihrer eigenen Erzählung zufolge, nahm sie einen Platz auf der Eisenbahn nach Neweastle. – In Edinburg ward sie am 21. Aug. arretirt. Sie nannte sich Mistreß Smith, aber die Polizei hatte Argwohn, daß sie die gesuchte Maria Manning sei. Als man es ihr ins Gesicht sagte, gab sie sich auch nicht mehr Mühe es abzuleugnen. Man forderte ihr ihre Schlüssel ab, die sie willig hingab. In ihren Schachteln und an ihrer Person fand man 73 Sovereigns, eine Funfzigpfundnote, eine Anzahl Zehnpfundnoten, von welchen fünf zu denen gehörten, welche ihr Mann in der Bank eingewechselt, und eine Fünfpfundnote, welche Manning von einem Actienhändler erhalten, eine Anzahl Sambre- und Maas- Eisenbahn-Quittungsbogen, und andere Eisenbahnbons, die unzweifelhaft O'Connor's Eigenthum gewesen waren. Was ihren Mann betrifft, so miethete er am 15. August, zwei Tage, nachdem er seine Möbel verkauft und sich bei Bainbridge einquartiert, ein Cabriolet und fuhr damit nach der Southampton-Eisenbahnstation. Man setzte ihm nach und schon am 27. August ward er von den Polizeibeamten auf der Insel Jersey ergriffen. Man erinnert sich aus den Zeitungen, daß Manning's Verhaftnahme auf Jersey von schreckenerregenden Umständen begleitet gewesen. Er wurde Nachts überfallen, er hatte sich vorher nach den Vermögensumständen der Leute erkundigte, bei denen er innen lag, auf seinem Tische hatte man ein Rasir- oder anderes Messer gefunden. Die Meinung hatte obgewaltet, daß der fürchterliche Mensch abgefangen worden, als er im Begriff war, eine neue Raub- und Mordthat zu präpariren. Weder in der Anklage, noch in den übrigen Aktenstücken des Prozeßverfahrens finden wir etwas darüber erwähnt, bei sorgfältiger Nachforschung mögen die Indicien sich daher als Schreckbilder der aufgeregten Phantasie, von den Zeitungsschreibern ausgebildet, erwiesen haben, und der Staatsanwalt warnte ausdrücklich die Geschworenen an nichts zu glauben, als was die Anklageacte enthalte und die Zeugen bekunden. Zugleich richtete er an dieser Stelle noch eine Warnung an die Geschworenen. Manning hatte nach seiner Verhaftung ein Geständniß abgelegt und seine Frau als Mörderin angeschuldigt. Auf diese Angabe durfte nach dem englischen Gesetz kein Gewicht gelegt werden. Der Attorney-General verwarnte daher schon jetzt die Jury, wie es später die Richter thun würden, irgend einen Glauben, ein Vortheil gegen die weibliche Gefangene bei sich zuzulassen in Folge der Erklärungen, welche der männliche Gefangene bei seiner Arretirung abgelegt. Der ganze, volle Beweis solle und werde durch Zeugen und logische Schlüsse geführt werden. Eine formelle Gewissenhaftigkeit, wie sie nur in England zu Gunsten der Angeklagten vorkommt, daß schon der Ankläger darauf bedacht ist, die Rechte der von ihm Angeklagten nach aller Strenge der Gesetze zu wahren! Nicht alle öffentliche Ankläger üben diese Gewissenhaftigkeit. Manning, fährt die Anklage fort, leistete keinen Widerstand. Er sagte, er habe im Begriff gestanden, nach London zurückzukehren, um Alles aufzuklären. Im Wesentlichen ging seine Erklärung dahin: daß nicht er, sondern seine Frau das Verbrechen begangen, und er sei versichert, sie werde es selbst eingestehen in seiner Gegenwart und der eines Geistlichen. Auch beschrieb er die Art und Weise, wie der Mord begangen worden. Seine Frau habe O'Connor zu Tisch gebeten, und als sie zu Tisch die Treppe hinuntergingen, habe sie ihren Arm um seinen Nacken geschlungen und ihm in den Kopf geschossen. Aber er gab keine Auskunft darüber, wie O'Connor's Kopf so furchtbar und grausam zerstümmelt worden, denn er war fast buchstäblich in Stücke zerschlagen gewesen, durch ein Instrument, welches höchst wahrscheinlich ein Brecheisen war. Mehr sei nicht ermittelt worden, es genüge aber. Es sei kein Zweifel, daß O'Connor ermordet worden von Jemandem. Die Frage für die Jury sei nur die: zu entscheiden, ob beide oder einer von den Gefangenen den Mord vollbracht, oder ob einer von ihnen es gethan unter Wissenschaft und Beihülfe des andern? Sie möchten erwägen, daß vor Begehung der That der Kalk offenbar bestimmt, um das Corpus delicti , wenn das möglich, verschwinden zu machen, von dem Manne eingekauft und in Gegenwart der Frau abgeliefert worden; daß das Brecheisen, wohl geeignet, um den festen Boden, in welchem das unglückliche Opfer eingescharrt werden sollte, aufzulockern und die Steinfliesen aufzubrechen, unter denen man die That zu verbergen hoffte, daß auch dieses Brecheisen vom Manne gekauft und in Gegenwart der Frau abgeliefert, auch von ihr bezahlt worden; daß am 8. August noch von der Frau eine Schaufel angeschafft sei, die, wiewol auch sonst zu gebrauchen, doch zur Einscharrungsarbeit sehr nützlich gewesen sei. Ohne alle Anzeige vorher hätten beide Angeklagten am 13. August ihre Wohnung verlassen, doch erst nachdem bei ihnen verschiedene Nachfragen nach O'Connor gemacht waren. Bei den Gefangenen sei eine beträchtliche Summe Geldes und andere Effecten gefunden worden, von denen ein Theil O'Connor's Eigenthum gewesen; anderes Geld sei erweislich eingelöst für Effecten, die O'Connor gehört, oder in seinem Namen. Der Generalanwalt schloß, daß er der Jury vertraue, sie werde »ruhig und redlich« alles Andere aus dem Gemüth entfernen, die Zeugenaussagen ferner prüfen und danach sprechen. Eine lange Reihe Zeugen ward vorgeführt, welche die in der Anklageacte aufgeführten Thatsachen bekundeten. Es liegt außer unserer Aufgabe, Alles, was sie ausgesagt, noch einmal aufzunehmen, wir beschränken uns auf die Momente, wo sie von dem Angeführten abweichen, es ergänzen, oder factische und psychologische Incidenzpunkte liefern. Der Constabler Clarkson hatte mit dem Constabler Burton am 17. August die Haussuchung abgehalten. Eine feuchte, dunstige Stelle zwischen zwei Fliesensteinen in der hinteren Küche hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Sie brachen die Steine auf und fanden zuerst Mörtel, dann frisch eingeschaufelte Erde. Die Steine schienen erst vor kurzem gelegt. Zwölf Fuß tief stießen sie auf die Zehen eines Mannes, noch weiter, 6 Fuß grabend, auf seine Lenden. Der Körper lag auf dem Bauche und die Beine waren zurückgebogen und mit starken Stricken an die Hüften befestigt. Der Leichnam war ganz nackt, und ringsum mit Kalk eingebettet. Der Wundarzt Lockwood, der hinzukam, nahm ein Gebiß falscher Zähne aus dem Munde der Leiche. Der Sergeant Wilkins bekundete, daß die aufgehobenen Fliesensteine in der Küche 2 und 3 Fuß im Geviert groß gewesen. Sie waren so schwer, daß die Männer Brecheisen dazu anwenden mußten. Auch gab er eine genaue Beschreibung des Hauses. Es bestand aus 6 Stuben. Wenn man durch die Straßenthür eintrat, lag die Hauptwohnstube rechter Hand nach vorn; die beiden Küchen waren unter den Wohnstuben. Andere Häuser begrenzen das Mordhaus von beiden Seiten, hinten hat es einen kleinen Garten. Im Garten fand Wilkins einige Sträucher und rothe Winden an Fäden gezogen, im Hause selbst »bei der Gelegenheit« 28 Leinentücher, die frisch gewaschen schienen, und in der hintern Küche eine Schaufel. (Dies scheint aber bei einer frühern Gelegenheit gewesen zu sein, von der die Anklage nichts erwähnt, einer vorangängigen Privatnachspürung, denn Wilkins sagt: »als ich am 14.« während die Anklage nur von einer am 17. stattgefundenen Haussuchung spricht.) Der Wundarzt Lockwood war schon hinzugekommen, als man den Körper noch nicht ausgegraben hatte. Schon in dieser Lage nahm er das falsche Gebiß aus den Munde. Als die Leiche in der Vorderküche niedergelegt war, fand er über dem rechten Auge einen festen, doch beweglichen Auswuchs. Er schnitt und fand darunter eine Kugel. Der Hinterschädel hatte furchtbare Brüche und Quetschungen, dergestalt, daß der Arzt nicht den Lauf beurtheilen konnte, welchen die Kugel genommen. Auch konnte er die Wunden nicht zählen, glaubte aber, es könnten wol 16 gewesen sein. Sie durften durch eine Brechstange oder einen Meißel bewirkt sein, und waren, wie gesagt, theils offene Schnitte und Brüche, theils Zerquetschungen, die Mehrzahl aber wie die Kugelwunde tödtlich. Viele Bekannte und Verwandte O'Connor's recognoscirten die Leiche, zum Ueberfluß erkannte auch ein Zahnarzt in dem Zahngebiß dasjenige, welches der Ermordete von ihm entnommen. Master Welsh , der O'Connor am Abende des 8. August zu Mannings begleitet und an der vertraulichen Unterhaltung Theil genommen, sagte nicht viel mehr aus, als was wir aus der Anklage wissen. Die Manning bedauerte, daß er nicht zu Mittag gekommen, und erklärte es sich selbst dadurch, daß sie ihr Billet zu spät auf die Post gegeben. Man sprach von verschiedenen Schuldforderungen, die O'Connor zum Theil eingeklagt hatte, zum Theil noch einklagen wollte; zwischen den Mannings und ihm schien die größte Eintracht und Vertraulichkeit obzuwalten. Sie rauchten mit einander, als O'Connor plötzlich unwohl wurde; er setzte sich aufs Sofa. Die Manning bestrich seine Schläfe mit Eau de Cologne, was aber keine Wirkung hatte. Man brachte Brantwein und Wasser, er wollte aber davon nichts nehmen. Er ließ sich von Welsh nach seiner Wohnung führen; unterwegs ward er wieder ganz wohl. Beachtenswerth ist, daß in seiner Gegenwart nichts erwähnt wurde von der neuen Einladung zum Mittagessen am folgenden Tage. Die beiden Bekannten, welche am Donnerstag Nachmittags (am 9.) ein Viertel vor 5 O'Connor zum letzten Mal auf der London-Brücke begegnet waren, sagten auch nichts Positiveres aus. Beide, Keating und Graham , waren Zollbeamte und mit O'Connor von den Docks her bekannt. O'Connor zeigte ihnen den Invitationsbrief. Nach einem flüchtigen Gespräch entfernte er sich in der Richtung nach dem Manning'schen Hause. Er schien gesund und munter. Als Keating sich am folgenden Sonntage nach O'Connor erkundigen wollte, öffnete ihm die Manning die Thüre. Sie sagte ihm auf seine Frage, Herr O'Connor sei am Donnerstag nicht zu Mittag gekommen. Sie selbst wäre darauf am Abend in seine Wohnung gegangen, um sich nach seinem Wohlsein zu erkundigen, da sie gefürchtet, er könne krank sein, weil er am Abend vorher bei ihr unwohl geworden. Keating erwiderte: Das sei doch seltsam, da er ihn an Donnerstag Nachmittag frisch und wohl auf der Brücke gesehen und er in der Richtung nach ihrer Wohnung fortgegangen wäre. Sie antwortete nichts. Als Keating fragte, ob er nicht ihren Mann sehen könne, gab sie die ausweichende Antwort: Master Manning fände es sehr seltsam und nicht »gentlemanartig«, daß O'Connor nicht zu Mittag gekommen. Sie schien sehr nervös aufgeregt. Keating fragte noch ein Mal nach ihrem Manne; sie erwiderte, sie glaube, er sei in die Kirche gegangen. Er wünschte, ihn am Abend zu besuchen; sie entgegnete: sie wären Beide zum Thee gebeten. Der Zeuge hatte keine eigentliche Vertraulichkeit zwischen O'Connor und der Manning bemerkt, wol aber sie oft mit einander spazieren gehen gesehen. Zwei andere Zeugen, der eine auf dem Deck eines Omnibus fahrend, hatten O'Connor noch eine halbe Stunde später, um 5¼ in Westonstreet, etwa 150 Schritte vom Miniver-Place gesehen. Er ging sehr langsam und hielt mehrmals an, wie unentschieden, wohin er gehen solle? Eine Sophie Peyne , die in einem anstoßenden Hause wohnt, sah am Mordabende, etwa ¼ vor 7, Manning auf seiner Gartenmauer sitzend und eine Pfeife rauchend. Sie unterhielt sich mit ihm von ihrem Hause aus etwa 20 Minuten, als er plötzlich heruntersprang. Er sagte, er habe ein Rendezvous vergessen und müsse sich anziehen. Es war noch heller Tag. Manning war wie gewöhnlich angezogen. Er saß mit den Beinen gegen seinen Garten, in dem viel Blumen sind. Die Zeugin wußte aber nicht, ob er sie besonders cultivire. Sie hatte um 5 Uhr mit ihrem Manne Thee getrunken, wo es immer sehr still in ihrem Hause zugeht, aber sie erinnerte sich nicht, ein verdächtiges Geräusch gehört zu haben. In ihrem Hause ist eine Steindruckerei, die Arbeit fängt aber erst Abends nach 7 Uhr an. Die Kinder im Hause werden ruhig gehalten. – Montag, nach dem Morde, kam Manning um 6 Uhr Abends an die Thür der Zeugin und bat sie, ihn durch ihr Haus in seines zu lassen, weil seine Frau ausgegangen sei. Sie erlaubte es ihm, und er sprang über die Gartenmauer. Master Flynn , O'Connor's Freund, gleichfalls beim Zollwesen angestellt, hatte, wie die vorigen, am Sonntage in seiner Wohnung sich nach ihm ernstlich erkundigt. Mistreß Manning sagte, daß sie so wenig als ihr Mann das Geringste von ihm gehört hätten. Flynn meinte, das wäre sehr seltsam; sie entgegnete, es wäre sehr verdrießlich; einige Freunde hätten ihn doch am 9. auf der London-Brücke gesehen. Sie nannte Keating und ließ fallen: O'Connor wäre ein sehr wankelmüthiger Mensch, er sei oft in ihr Haus gekommen und ein oder zwei Minuten geblieben, dann aber plötzlich fortgelaufen. Sie meinte dann, er möchte vielleicht in Vauxhall sein, wo sie mit ihm einige Mal gewesen und er einen Freund habe, Namens Welsh. Dann rief sie plötzlich: »Der arme Herr O'Connor, er war der beste Freund, den ich in London hatte!« Bei den Worten aber wechselte sie Farbe und ward blaß. Flynn fragte, ob sie unwohl wäre oder das Zimmer zu heiß! Sie antwortete: Nein! aber seit sechs Wochen sei sie nicht recht wohl. Dann gab sie auch Flynn von ihrem Besuche in O'Connor's Wohnung die bekannte Auskunft. Beim Fortgehen äußerte sie: »Ihr Herren seid auch sehr argwöhnisch.« Flynn ging nachher in O'Connor's Wohnung und erbrach dessen Geldkiste mit Gewalt. Seine Cassette befand sich darin, in dieser aber nur einige Papiere, kein Geld. O'Connor's Hauswirthin sagte nicht viel mehr aus, als die Anklageacte enthielt. Die Manning kam sehr oft zu ihrem Miether, oft allein, oft mit ihm, am meisten im letzten Monate; doch dürfte die Bekanntschaft, insoweit sie intim war und das Haus der Wirthin damit in Berührung kam, nicht von früher als einem Jahre datiren. O'Connor und die Manning tranken oft Thee mit einander. Im Schlafzimmer hatte sie Beide nicht zusammen gesehen. Beachtenswerth ist die Notiz, daß die Manning einige Tage vor dem Morde sich nach Eisenbahnactien bei O'Connor erkundigte, wie sie sagte, um deren zu kaufen. Dieser hatte sein Cassabuch dabei vor sich und auch einige Actien. Er deutete auf einige und sagte: »diese sind gut«. Zuweilen kam sie auch mit dem Studenten Massay und O'Connor und alle drei Personen schienen in gutem Einvernehmen zu stehen. – Am 9. August sah die Wirthin Mistreß Manning um ¾ auf 6 nach O'Connor's Zimmer hinaufgehen; um 7¼ kam sie wieder herunter. In der Regel ging sie durch die Hausthür, dieses Mal ging sie durch den Laden, in welchem die Wirthin war. Am folgenden Abend (Freitag) geschah es ebenso. Als sie bei der Rückkehr durch den Laden ging, wechselte sie etwas Geld und kaufte Kleinigkeiten. Sie hatte für die Wirthin etwas Besonderes. Sie zitterte sehr; auch gab sie das Geld mit der linken Hand, da sie in der rechten etwas hielt. – O'Connor pflegte seine Schlüssel in einem Bunde bei sich zu tragen. Die Schwester der Wirthin, in deren Laden zur Aushülfe beschäftigt, bestätigte alle Einzelnheiten obiger Aussage, namentlich auch den Actienhandel, bei welchem Mistreß Manning sehr eifrig geschienen, O'Connor ihr aber guten Rath ertheilt habe, Dies zu nehmen und vor Jenem sich zu hüten. Die Schwester will die Manning an beiden Abenden, als sie aus O'Connor's Stube zurückkehrte, blaß und sehr zitternd gefunden haben. Sie erwähnte auch, daß die Manning in einer frühern Nacht, gerade, als jenes Actiengeschäft abgemacht werden sollte, in ihrem Hause geschlafen habe. O'Connor bestellte nämlich bei der Wirthin ein Bett für seinen Freund und dessen Frau; aber nur die Frau und nicht der Freund kam. Auch der Student Massay konnte nur bekunden, was in der Anklageacte schon aufgenommen ist. Manning sprach sehr oft und gern von O'Connor, von dessen ansehnlichem Vermögen, von dem letzten Willen, den er gemacht, und zwar zu Gunsten seiner, Manning's, Frau. Einst, erzählte er, seine Frau habe O'Connor in den Docks in vollkommen trunkenem Zustande gefunden; so viel Branntwein habe er getrunken, lediglich aus Furcht vor der Cholera. – Massay scheint in dem Spiel, was die Manning's mit O'Connor trieben, gewissermaßen mitzuspielen, er erschreckte diesen durch seine Choleraberichte und empfahl ihm den Branntwein als Specificum dagegen an. Wenigstens warf Manning dies scherzhaft dem Studenten vor. Derselbe richtete wirklich die in der Anklage enthaltenen, verfänglichen Fragen an denselben. Einmal aber auch die, als er des Mörder Rush Bildniß im Wachsfigurencabinet der Madame Tussaud gesehen: ob Mörder in den Himmel kämen? Der Student der Medicin antwortete: Nein! Der Kalkankauf erfolgte ganz in angegebener Weise. Desgleichen der des Brecheisens. Unterweges ließ Manning, wie gesagt, das Eisen in Papier wickeln, indem er dabei dem Träger rügte, daß es nicht schon geschehen, »damit nicht Jedermann wisse, was er gekauft!« Ein dem Träger vorgezeigtes Brecheisen schien ihm dasselbe, welches er zu Mannings gebracht, nur wäre seines 5 Zoll länger gewesen. Die wieder vorgerufenen Aerzte erklärten, daß der Körper des Ermordeten, als sie ihn fanden, die Zeichen an sich getragen, wie der eines Mannes, der etwa vor einer Woche ums Leben gekommen. Die Einwirkungen des Kalkes hätten sie dabei wohl berechnet. Eine kleine zwölfjährige Streichhölzerverkäuferin erregte anfangs große Theilnahme und man erwartete gewichtige Aufschlüsse über die Mysterien des Mordhauses von ihr zu hören. Die Manning hatte sie am Freitag (10.) auf der Straße aufgegriffen, um für einen geringen Tagelohn ihre Wohnung zu reinigen. Hanna Firman erbot sich die Hinterküche zu scheuern, aber die Manning sagte, das habe sie schon selbst gethan. Sie sollte statt dessen einen Korb waschen, in dem Kalk gewesen. Das kleine Madchen schützte vor, sie könne das nicht mit ihrer Hand, und die Frau that es darauf selbst, indem sie so viel Wasser als möglich durch den Korb rinnen ließ. Befragt, ob sie die Frau wieder erkennen würde, ließ Hanna ihre Blicke in der Versammlung umgehen, bis sie ausrief: »Da ist sie!« – Sie war am Freitage auch im Kohlenkeller beschäftigt worden, als sie über sich den Mann mit der Frau zanken hörte. Er stampfte und rief: »Auf der Stelle gib mir das!« Sie erwiderte, »sie werde es ja geben.« Damit endete der Streit. Der erste Eindruck, den die Kleine durch ihre Aussage hervorgebracht, ward indeß durch ihr Geständniß schnell verlöscht, daß sie sich allerhand Mausereien in der Manning'schen Wohnung zu schulden kommen lassen. Der Vertheidiger der Frau, Ballantine, entlockte ihr diese Geständnisse, eines um das andere, die das schlaue Kind naiv von sich gab, nur möglichst die gestohlenen Gegenstände ins Diminutivum übersetzend. Mannings hatten das Haus Miniver-Place auf ein Jahr gemiethet, der Hausherr fand es aber schon Dienstag (14. Aug.) von ihnen geräumt, ohne daß er die geringste Notiz darüber erhalten. Der Möbelhändler oder Trödler Bainbridge bestätigte Alles, was die Anklageacte über den Verkauf der Manning'schen Hausgeräthe an denselben, so wie über den Umzug des Ehemannes in das Bainbridge'sche Haus angibt. Maria Manning forderte für ihren gesammten Hausrath 16 Pfund, Bainbridge wollte nur 13 Pfund geben, man ward einig um 13 Pfund 10 Schilling. Manning erklärte seinen Wunsch, ein 14 Tage bei Bainbridge zu wohnen, aus dem Umstande, daß sein »governor« vor 14 Tagen nicht fortgehe. Bald nachher sagte er: er habe sein Weib aufs Land spedirt. Er selbst wolle auch aufs Land und dann in ein Seebad. – Zur Frau Bainbridge hatte er die Worte geäußert: nicht um 20 Pfund möchte er in seinem Hause noch schlafen. Letztere bekundete noch: als sie die von Mannings angekauften Kleidungsstücke untersucht, hätte sie einen Fleck bemerkt, »als ob da Blut gewesen wäre,« man hätte ihn aber nachher viel gewaschen und gerieben, wodurch das Zeug stockig geworden. – Bei den Kreuzfragen kam indeß nicht mehr heraus, als daß dies eine Vermuthung der Frau war; sie hatte das Zeug nur sehr durchwaschen und unvollkommen getrocknet gefunden, und gemeint: wenn man es in kochend Wasser bringe, würden wol die Blutflecke herauskommen! – Zum Dienstmädchen der Trödler hatte Manning am Abende, ehe die Sachen abgeholt wurden, gesagt: wenn Jemand nach ihm frage, solle sie antworten, sie habe ihn seit 14 Tagen nicht gesehen. Eine Dame, die auf Miniver-Place dem Manning'schen Hause gegenüber wohnte, hatte Montag (13.) Mistris Manning in ein Cabriolet steigen und mit mehren Schachteln fortfahren sehen. Dies geschah um 3 Uhr Nachmittags. Um 5½ kam der Mann und klopfte an Thür und Fenster, ohne daß Jemand antwortete. Er fragte die Zeugin, ob sie seine Frau gesehen. Als sie ihm jene Auskunft gegeben, dankte er, fragte aber noch besonders: ob sie Gepäck mitgenommen? Nachdem er auch hierüber unterrichtet worden, klopfte er ans Nebenhaus, um (durch den Garten) in seines zu klettern. – Die Cabrioletführer und der Portier an der Eisenbahn bekundeten alle erwähnten Umstände über die Abfahrt der Manning und ihres Mannes zu den verschiedenen Eisenbahnen. Maria Manning hatte in Edinburg wahrscheinlich durch das zum Verkaufausbieten von Eisenbahnactien oder Quittungsbogen Verdacht erregt. Der Polizeisuperintendant Moxhay , der als Zeuge in London erschien, hatte sie in ihrer Wohnung in Edinburg aufgesucht. Maria gab sich für die Witwe eines Herrn Smith aus, sie sei ihrer Gesundheit wegen von Newcastle hergekommen und habe in Portobello die Seebäder genommen. »Haben Sie nicht Eisenbahnactien?« fragte der Beamte. Sie leugnete. Er sah sie mit einem scharfen Polizeiblick an: »Meine Vermuthung ist, daß Sie die Frau von Frederick George Manning sind?« Auf seinen Wink trat ein Master Dobson ein, und sagte: »Ja, das ist die Dame, welche mir Quittungsbogen zum Kauf anbot.« Der Polizeimann fragte: Ob sie Einwendungen dagegen zu machen habe, daß er ihr Gepäck besichtige. »Gar keine«, antwortete sie und gab den Schlüssel her. Im ersten Koffer schon fand man ein altes Wirthshausrechnungsschema, überschrieben: »F. G. Manning, Taunton.« – Mein Argwohn ist bestätigt, rief Moxhay und befahl alle Effecten in Verschluß zu nehmen, indem er ihr seine amtliche Befugniß dazu erklärte. Noch einmal leugnete sie auf seine Frage, daß sie Actien, Quittungsbogen und Inscriptionen besitze, und erklärte doch, nichts dagegen zu haben, daß man ihr Gepäck durchsuche. In einem ihrer Koffer nun fanden sich die angeführten Geldsummen, Bankbillets und eine Menge von Eisenbahnactien und Inscription der verschiedensten Art, die hier aufzuführen überflüssig ist. Sie ward auf die Polizei geführt. Befragt nach ihrem Manne, sagte sie: »Auf Ehre, ich weiß es nicht. Ich verließ London in aller Eile, als er am Montag Nachmittag ausgegangen war.« Auf eine Anspielung auf O'Connor rief sie aus: »O'Connor ermorden! Nein, gewiß nicht. Er war der beste Freund, den ich je auf der Welt besaß. Er handelte als Vater an mir. Ich sah ihn zuletzt in der Nacht zum Mittwoch. Er kam etwas angetrunken und ging spät fort. Wir erwarteten ihn Donnerstag zu Mittag, aber er kam nicht. Wir waren etwas erschreckt darüber und ich ging in sein Haus, um nach ihm zu fragen.« In Bezug auf ihren Mann klagte sie, daß er sie schlecht behandle. Er habe sie maltraitirt und einst sogar mit einem Messer verfolgt, drohend, er wolle ihr den Hals abschneiden. Der Hauptgrund ihrer Uneinigkeit sei, daß sie ihm ihr Geld nicht herausgeben wolle. Einen Theil der Eisenbahnactien, die man bei ihr gefunden, sei für sie von O'Connor gekauft worden. Der Polizeisergeant Langley war Manning nach Jersey gefolgt. Er landete am 25. und erreichte Prospecthouse, wo Manning sich aufhielt, am 27. Als er, im Gefolge mehrer Andern ihn in seinem Zimmer überraschte, rief Manning aus: »Hallo, seid Ihr Alle da?« Nachdem Langley ihn zum Gefangenen erklärt, sagte er: »Seid Ihr's, Sergeant? Ich bin froh, daß Ihr kommt. Ich wollte eben nach London und Alles aufklären.« – Später fragte er: »Ist die Elende ergriffen?« Der Sergeant antwortete, er wisse es nicht. Manning sagte: »Ihr würdet ein hübsch Stück Geld bei ihr finden; 1400 Pfund oder 1300 wenigstens.« Der Polizeimann wiederholte, daß er von der ganzen Angelegenheit nichts wisse und daß Manning sich als Gefangenen betrachten müsse, in Betracht der schauderhaften Geschichte, welche in seinem Hause sich ereignet. »Gut, gut«, rief er, »ich kann Alles aufklären, aber Ihr werdet mir doch nicht Handschellen anlegen.« Als man ihn die Treppe hinunterführte, sagte er noch: »Sie schoß ihn. Das Tischtuch war aufgelegt, und sie fragte ihn, ob er nicht hinuntergehen wolle und sich die Hände waschen? Unten an der Treppe faßte sie ihn an der Schulter, und mit der andern Hand schoß sie ihm hinten in den Kopf.« Ein Capitain Chevalier fragte, was dann mit dem Körper geworden? »Sie hat eine Grube für ihn gegraben«, war die Antwort. – Manning drang darauf, bald nach London abgeführt zu werden. Unterwegs verhielt er sich ruhig und fragte nur: ob, wenn sein Weib bekenne, er in Freiheit gesetzt würde? Der Polizeimann bat, ihn mit solchen Fragen zu verschonen. »Ich bin ganz gewiß«, sagte er, »sie wird bekennen, wenn sie mich sieht, besonders wenn ein Geistlicher zugegen ist.« Der Superintendant der Sicherheitspolizei, J. Haynes , hatte in den Schachteln, welche die Manning auf der Eisenbahnstation, als Passagiergut nach Paris, zurückgelassen, Kleidungsstücke gefunden, die mit Blut befleckt gewesen zu sein schienen; das Blut war aber ausgewaschen. Derselbe holte den von Jersey eingebrachten Manning aus Southampton ab. Manning erkundigte sich bei ihm nach seiner Frau, und ob er sie zu sehen bekommen werde? Haynes ließ es ungewiß, sagte ihm aber: »Das ist eine sehr ernsthafte Sache, Manning, Sie brauchen aber nichts zu sagen, was Sie selbst anschuldigt.« »Das weiß ich wohl«, entgegnete er, »ich war recht thöricht fortzulaufen, ich hätte da bleiben müssen und Alles aufklären. Auch zu Haynes wiederholte er, daß er überzeugt sei, seine Frau werde Alles eingestehen, wenn nur ein Geistlicher dabei sei, denn sie sei es, die O'Connor erschossen. Er erzählte die Sache, wie er sie Langley berichtet. Sie sei ein sehr heftiges Weib, und einen Menschen todtschlagen kümmere sie so wenig als eine Katze todtschlagen; er sei oft für sein eigen Leben besorgt gewesen, und eines Tages hätte sie ihn mit einem scharfen Messer verfolgt. Sie sei schon darum entschlossen gewesen, sich an O'Connor zu rächen, weil der sie verführt, das Haus in Miniver-Place zu miethen; 30 Pfund hätte es sie gekostet, es zu möbliren, und O'Connor habe ihnen versprochen, bei ihnen zu wohnen. Er, der Mann, wäre damals außer der Stadt gewesen, und als er zurückgekehrt, habe ihm seine Frau gesagt, O'Connor wäre nur eine Nacht da geblieben und hätte nicht länger bleiben wollen. – Der Polizeibeamte fragte ihn: außer dem Schuß seien doch noch andere Wunden am Kopf gefunden worden? Manning schwieg darauf! – Etwas nach 6 Uhr ward die erste Gerichtssitzung geschlossen. Als man beide Gefangene abführte, bemerkte man nicht, daß Einer einen Blick auf den Andern warf. Die Sitzung der Jury am 26. October war wo möglich zahlreicher besucht als die vorangängige. Man sah unter den Lords und Gesandten auch einen Bischof und den Sohn König Wilhelm's IV., den bekannten Lord Adolphus Fitzclarence, zumal aber viel Damen in glänzender Toilette. Auch die der Angeklagten wird uns geschildert. Sie hatte ihren Anzug gewechselt und schien diesmal noch sorgsamer gekleidet als das erste Mal. Mann und Frau begrüßten sich nicht beim Eintreten, sondern stellten sich so weit als möglich von einander entfernt in die Schranken. Die ersten heut vernommenen Zeugen waren Chemiker. Sie bekundete, daß die Flecken an den Kleidungsstücken, welche die Polizei in den von der Manning auf der Eisenbahn zurückgelassenen Kisten gefunden, zum Theil von Blut herrührten. Demnächst wurden einige Staatspapier-Händler vernommen, mit denen O'Connor in Verkehr gestanden. Sie gaben Rechenschaft von dessen Ankäufen in industriellen und andern Papieren. Namentlich hatte er viele französische Eisenbahnactien entnommen, und die im Koffer der Manning aufgefundenen gehörten sämmtlich zu diesen von O'Connor gekauften. Nur waren ihrer weniger geworden. Der Wechsler Stevens gab aber noch über ein Factum Auskunft, was bis jetzt nicht zur Sprache gekommen war. Er erinnerte sich nämlich, daß Mistreß Manning zu Anfang August, am 2. oder 3., auch bei ihm gewesen, und sich als zu ihm von O'Connor gewiesen, präsentirt habe. Sie erklärte, sie wünsche 200 bis 300 Pfund anzulegen, und möchte nun gern wissen, welche Papiere oder Actien sie in London kaufen solle, und die sie im Auslande wieder verkaufen könne. Der Wechsler fragte sie, wohin sie denn ginge, um ihr den besten Rath geben zu können. Nach einigem Zaudern sagte sie: nach Paris. Stevens rieth ihr nun zu französischen Renten und zeigte ihr einen auswärtigen Courszettel, um sich selbst zu orientiren. Darauf wünschte sie zu wissen, welche Actien sie kaufen müsse, wenn sie nicht wollte, daß sie der Controle ihres Mannes unterworfen wären. Stevens entgegnete: wenn sie Boulogne- und Amiens- oder Sambre- und Maas-Actien nehme, so könne sie dieselben kaufen, ohne daß ihr Mann etwas davon erführe. Sie ging darauf fort, und Stevens sah sie nicht wieder. (Wahrscheinlich war auch dies schon ein Theil der Vorbereitung zum Mordanschlage; die Manning unterrichtete sich nicht allein über den Werth der Papiere, welche sie rauben wollte, und über die Art, wie und wo man dieselben losschlagen könne, sondern sie wollte sich im voraus als eine Person zeigen, die wohl befähigt wäre, Actien zu verkaufen, ohne daß nachher um deshalb ein Verdacht auf sie geworfen werden könnte. Eine andere Deutung ist wenigstens nach der Actenlage schwer zu finden, da über ihre eigenen, frühern Vermögensumstände nichts ermittelt, und das Verhältniß, in welchem sie zu ihrem Manne gestanden, auch durch die nachfolgenden Ermittelungen nicht vollständig aufgehellt ist.) Damit schließt die Zeugenaufnahme; die Aussagen der Wechsler und verschiedenen Beamten der Bank, bei denen Manning für die verkauften Actien Noten und Geld gewechselt, sind nur insofern erheblich, als sie die Identität der Person mit dem Angeklagten herausstellen. Die Vertheidiger hatten eine schwierige Aufgabe. Ueber die Thatsache des Verbrechens konnte kaum ein Zweifel obwalten, auch nicht über die Thäter als ein Complex, wohl aber über den Antheil eines jeden derselben. Es ward ein Prozeß zwischen Mann und Frau, die sich gegenseitig anschuldigten, ohne es doch deutlich aussprechen zu dürfen, und dieser Krieg zwischen den Eheleuten ist es eigentlich, was diesem Criminalfall ein so besonderes juridisches und moralisches Interesse lieh. Wir lassen ihre Advocaten selbst sprechen. Der Sergeant Wilkins erschien für Manning. Er erklärte seine Stellung für eine so eigenthümliche, als sie vielleicht in der ganzen Geschichte der Criminalverhandlungen nicht vorgekommen. Die Schwierigkeiten, die sich ihm darböten, seien ungeheuer. Schon die Anschuldigung und öffentliche Anklage gegen Jemand fördere in 9 unter 10 Fällen das Vorurtheil gegen ihn, daß er schuldig sei. Er müsse eine Vertheidigungslinie innehalten, die auf den ersten Blick schon verzweifelt erscheine, demnächst stehe aber hinter ihm eine andere Vertheidigungsschaar, deren Pflicht es sei, alle Schüsse und Stiche zu neutralisiren, so weit es geht, und, wenn möglich, den Mann zu verderben, den er, um Alles, retten möchte. »Ich zürne um deswillen dem Anführer der Schaar hinter mir nicht, noch will ich mit ihm hadern. Welche gewaltige Streiche er auch für seine Clientin führen möge, und wie peinlich auch meine Lage dabei wird, ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er nur seine Pflicht thut.« Damit sei aber seine Schwierigkeit noch nicht zu Ende. Es sei unerhört, daß der Ankläger selbst die Geschwornen gegen die Eindrücke warnen müssen, welche sie durch die Zeitungsnachrichten über das Sachverhältniß erhalten, eine Warnung gegen Diejenigen, »welche sich selbst vor der Welt als die Vertheidiger unserer Freiheiten hinstellen, die aber, in solchen Fällen, Alles, was sie können, thun, Euern Sinn mit Vorurtheilen zu füllen, Euch irre zu führen und dem Publicum Umstände zu erzählen, die für Euch nimmermehr ein Gewicht haben dürften, und die doch, ob Ihr nun wollt oder nicht, auf Eure Gemüther von Einfluß sind.« Der Vertheidiger belobte demnach die Haltung des öffentlichen Anklägers als eine sehr würdige. Nicht allein in der Politik, auch in der Criminalistik, häufe die schlechte Presse allerhand Vorurtheile auf eine Sache, bevor sie gehörig untersucht worden, wodurch die eigentliche Gerichtsverhandlung, wenn die Geschworenen darauf hörten, zu einer leeren Förmlichkeit werde. Er beschwor die Jury, die dicta dieser Presse zu verachten und sie ganz aus dem Sinne zu schlagen. Er wisse wohl, er fordere, daß sie sich selbst entmenschten, denn kein Mensch könne sich ganz den Eindrücken verschließen, welche die Presse, namentlich die Zeitungen, auf ihn hervorbrächten, aber er flehe sie an zur größtmöglichen Aufmerksamkeit und Vorsicht. – Er bitte sie nur, daß sie ruhig und leidenschaftlos jedes einzelne Factum für sich betrachten und ihm die ernsteste Aufmerksamkeit widmen möchten. Die Vertheidigung sei dieselbe, welche sein Client vom Augenblick seiner Verhaftnahme an geführt. O'Connor ist ermordet worden. Hiergegen lasse sich kein Beweis führen. – Der unglückliche O'Connor, der allein um deswillen unsere Theilnahme errege, weil er so rasch und schrecklich in die Ewigkeit gestoßen worden, ist von – Jemandem ermordet worden. Die nächsten Fragen sind: Wann? Von wem? Wie? und Wo? ist er ermordet. Wann? Die Anklage behauptet am Donnerstag, den 9. Es ist nicht bewiesen, aber wahrscheinlich. Wo? Dies ist nicht ganz klar. Die Anklage behauptet, im Hause der beiden Angeschuldigten. Wie? Dies ist über allen Zweifel durch die ärztlichen Atteste erwiesen. Wer ist der Mörder? Die wichtigste aller Fragen. Von beiden Angeschuldigten, heißt es. Wo aber ist der Beweis ihrer Uebereinstimmung? Was ihn, Manning, anlange, so sei kein einziges Factum da, die Hypothese zu rechtfertigen, daß Manning O'Connor's Ermordung im voraus beschlossen. Nichts könne darauf gedeutet werden, als der Ankauf des Kalkes und des Brecheisens. Er habe darüber eine eigene Hypothese sich gebildet. Wie Frauen in der Tugend den Mann übertreffen können, so auch im Laster, wenn sie ein Mal sich ihm ergeben haben. Sie, die Manning, entwarf, formirte und consumirte in Gedanken die Mordthat; ihr Mann ward nur ihr Spielball, ihr Instrument. Was habe Manning denn gethan? – Kalk gekauft. Nicht unmöglich im Auftrage seiner Frau, die wirklich zu ihm gesagt: Kaufe, um die Schnecken im Garten zu vertilgen. Er machte aus diesem Ankauf kein Geheimniß; dies würde er gethan haben, wenn er dabei eine sträfliche Absicht gehabt. Wenn er den Kalk zu geheimem Gebrauche bedurft, hätte er ihn ohne große Beschwerde selbst nach Hause tragen können, oder er hätte ihn in einem entfernten Stadtviertel gekauft. Statt dessen kaufte er ihn in nächster Nähe und schrieb selbst seine Adresse auf einen Zettel! Obgleich der Kalk zwei Tage nach der Bestellung nicht ankam, ward er doch nicht ungeduldig. Ist das ein Zeichen von einem Geheimniß? – Noch stärker trete dieses Moment beim Ankauf des Brecheisens hervor. Da gäbe es in dunkeln Gassen zahllose Trödelbuden, wo gestohlene Eisenwaaren, besonders von der Marine, verkauft würden. Wer solcher Mordwerkzeuge bedürfe, werde dort in der Stille, vom Verkäufer nicht um seinen Namen befragt, kaufen, nicht aber in einen großen, offenen berühmten Eisenladen treten und sich ein Werkzeug, wie eine Brechstange, bestellen, auf seinen Namen, mit Hinterlassung einer schriftlichen Adresse, dasselbe beim hellen lichten Tage in sein Haus bringen lassen. Ueber den Umstand mit der Papierumwickelung sprang der Vertheidiger leichter weg, er ließ hier eine zufällige Aufwallung gelten. Die Ehefrau müsse aber als die eigentliche Auftraggeberin erscheinen, sie wußte darum, als das Eisen ankam, sie empfing, bezahlte, und bezahlte über den bedungenen Preis, obgleich nicht ohne Remonstration, daß es zu theuer sei. Uebrigens sei es unwahrscheinlich, daß das Brecheisen überhaupt, um als Mordwerkzeug zu dienen, erkauft worden. Zum Morde hätte die Pistole und der Feuerschürer genügt; letzterer und andere Werkzeuge, um die Steine in der Küche auszuheben. Und dies seien die beiden einzigen(?) vorangängigen Indicien gegen den Ehemann! Könne denn der Mord von beiden Eheleuten begangen sein? Alle Umstände vor und nach der That führten auf eine entgegengesetzte Annahme. Sie waren nie einig; sie waren immer uneinig. Beide entfernten sich nach verschiedenen Richtungen; man sah sie niemals mit einander sprechen, man sah sie niemals mehr zusammen. Könne der Mord von einer Person begangen sein? Darüber sei kein Zweifel. Denn, angenommen, O'Connor sei durch einen Pistolenschuß umgekommen, so könne ein Kind die Pistole abgedrückt haben. Auch reichte die Kraft einer Person aus, die Leiche zu begraben. Welche Motive könne Manning gehabt haben? Man habe angedeutet, daß er eifersüchtig gewesen. Er, der Vertheidiger, glaube, daß Manning nicht eifersüchtig sein könne. Er nahm die Pflichten eines Ehemannes nur zu leicht. Er erlaubte seiner Frau, O'Connor nächtlich zu besuchen, er empfing ihn in seinem Hause mit der größten Herzlichkeit und Freundschaft. Das geschah noch ganz zuletzt. War es Habsucht? – Betrachten wir die Thatsachen. Es scheint nicht, daß Manning auch nur einen Schilling von Dem, was O'Connor gehört, für sich besessen hat. Indem er die Hundertpfundnote wechselte, erscheint er als der reine Spielball, die Puppe seines Weibes, wie er es sein ganzes Leben durch gewesen. – Man habe gesagt, daß Manning sich mit Infamie bedeckt, indem er alle Schuld auf seine Frau warf. Wenn das Verhältniß aber wirklich so war, sollte er auch noch nach der gräßlichen That ihr gehorsamer und willenloser Diener bleiben! Sie, Maria Manning, sei dagegen ein Weib, zu der man sich der That, und daß sie dieselbe allein vollbringen könne, vollkommen versehen dürfe; ein Weib, wie es glücklicherweise wenige gibt. Sie schrieb den Einladungsbrief an ihn; sie war beständig in seiner Wohnung, sie wußte um seine Geheimnisse. Dann ihre heuchlerische Art, wie sie Die empfing, welche nach dem Verschwundenen fragten, ihre verfänglichen Redensarten, das scheinheilige Bedauern, daß O'Connor ihr bester Freund gewesen. »Armer O'Connor! riefen Sie (zur Angeklagten gewandt) und wußten, daß sein Leichnam in Ihrer Küche modere, daß Sie schon im Besitz seines Eigenthums waren. Sie wußten, daß seine Stimme nie wieder vernommen werde. Sie hatten ihn in die Ewigkeit gestoßen, und konnten in dem Augenblick, wo Sie ihn bedauerten, ihn als eigensinnig, unbeständig, wankelmüthig verschreien!« Sie ward im Besitz seiner Papiere, Gelder gefunden. Diese waren in seinem Geldkasten verschlossen; die Schlüssel dazu führte er stets in seiner Tasche. Wie konnte sie zum Besitz dieser Schlüssel kommen, ohne unbehindert in seine Tasche greifen zu dürfen! Warum ging sie (gleich nach der Mordthat) in O'Connor's Wohnung? Warum kam sie blaß, zitternd herunter? Wahrscheinlich fand sie mehr, als sie fortragen konnte; und deshalb kam sie am andern Tage wieder. Eins ist aber evident: sie wußte, wo O'Connor sein Vermögen aufbewahrte und sie ward später im Besitz desselben gefunden. Er, Manning, ward, vermuthlich kurze Zeit nach Begehung der Mordthat, gemüthlich rauchend, auf der Mauer seines Gartens gesehen! Der Vertheidiger wollte nicht in Abrede stellen, daß er, nachdem die That geschehen, vielleicht aus Furcht, vielleicht aus Rücksicht für seine Frau, ihr bei der Beerdigung der Leiche beigestanden, damit sei aber nichts gegen ihn bewiesen, daß er den Mord mit ihr verabredet, oder bei Verübung desselben ihr beigestanden. Jenes Rauchen auf der Gartenmauer sei vielleicht eine Schaustellung gewesen, um eine That zu verbergen, die auch ihm, wie unschuldig er immer sei, ans Leben gehen könne. Die Zeugin sah ihn in seinem gewöhnlichen Anzuge, ohne Unordnung, ohne Blutflecken. Als Manning am Montage zu Bainbridges übergezogen war, ließ er um 5 Uhr seine Frau zum Thee rufen. Sei irgend ein Motiv anzunehmen, daß er nicht geglaubt, daß sie noch in ihrem Hause sei? Als das Mädchen zurückkam, meldend, sie wäre nicht da, lief er selbst hin. Er klopfte und erhielt keine Antwort, er erkundigte sich und erfuhr, daß sie entflohen war. Ist da irgend ein vernünftiger Grund anzunehmen, daß er Komödie gespielt? Sie war ihm wirklich, und unerwartet, auf und davongegangen, und mit dem geraubten Gute, welches sie für sich geraubt. Daß Manning O'Connor's Tod zu verbergen gesucht, dafür ließe sich noch immer ein Grund finden in dem Rest von Theilnahme, welche er für seine Frau empfand. Wenn aber, was ihre Vertheidiger schon angedeutet, Mistreß Manning O'Connor wirklich mehr geliebt als ihren Gatten, dann würde sie gewiß nicht seinen Tod verborgen haben. Hätte sie den Geliebten von der Hand Dessen fallen sehen, den sie verachtete, so würde sie ohne Zaudern den Mörder der Justiz angegeben haben; sie würde nicht heimlich ins Zimmer des Ermordeten geschlichen sein, nicht ihn beraubt und sich auf den Weg nach Edinburg gemacht haben, um die Sachen, so gut es ging, loszuschlagen. Eifersucht sei leider nicht seinem Clienten vorzuwerfen, leider müsse er bekennen, daß dieser sich ganz gut befunden zu haben scheine, indem er dem Verhältniß O'Connor's und seiner Frau zugesehen. Am Freitag Abend vor der Ermordung war die Manning bei O'Connor in dessen Wohnung, wo eine Menge Actien und Inscriptionen auf den Tisch gelegt wurden, und O'Connor seiner Freundin Unterricht gab, was sie gälten, welchen Vorzug die einen vor den andern hätten. Die Vermuthung liegt nahe, daß sie diesen Unterricht impetrirt hatte, um zu erfahren, wie viel er besaß, und wie man diese Effecten am besten losschlage. – Bei alle dem sei ihr Mann unbetheiligt. – Weshalb sei sie am Donnerstag Abend (nach dem Morde!) bei ihrem Besuch in O'Connor's Wohnung eine Stunde dort geblieben, da sie doch, nach ihrer eigenen Angabe, nur kam, um sich nach ihm zu erkundigen, ja später angab, sie hätte vermuthet, er werde sich inzwischen in ihrem Hause eingefunden haben. Des Studenten Massay Aussagen erschienen dem Vertheidiger sehr unerheblich. Ja, er gebe zu, es könne ein Verdacht gegen seinen Clienten daraus entspringen, wenn alle die Fragen, die Manning an ihn gerichtet, hinter einander vorgebracht wären; es ergebe sich aber, daß sie gelegentlich während eines langen Zusammenseins von ihm gethan wurden, wo sie dann gar nichts Auffälliges hätten. Ob nachdem sie das Wachsfigurencabinet mit den Bildnissen von Rush und andern Mördern gesehen, die Frage etwas Besonderes sei: ob Mörder wol in den Himmel kämen? Daß Manning den Studenten einst gefragt: wo denn der Sitz des Gehirnes wäre? sei allerdings eine besondere, aber eine sehr einfältige Frage. – Bei dieser Bemerkung verzogen sich die Züge der Angeklagten, welche bis da in melancholischem Ernst an der Barre gestanden, zu einem Lächeln. Dem Vertheidiger kam es sehr darauf an, das Zeugniß des Möbelhändlers Bainbridge und seiner Frau, nicht gerade zu verdächtigen, aber in der Art anzufechten, daß sie sich wahrscheinlich verhört hätten: Manning werde und könne nicht gesagt haben: Ich habe meine Frau aufs Land »spedirt« (started, ein vulgair kräftiger Ausdruck), sondern der Sinn seiner Rede müsse gewesen sein: »sie hat sich aufs Land gedrückt.« Wenn er ein Socius ihres Verbrechens gewesen, wäre es denkbar gewesen, daß er es zugelassen, daß sie über alle Berge ging, das Beste, alle Beute, mitnahm und daß er noch gesagt haben sollte, er selbst habe sie aufs Land gesandt? Am deutlichsten zeige das wahre Sachverhältniß die unwillkürliche Aeußerung, welche Manning bei seiner Verhaftung gegen einen Polizeibeamten ausstieß: »Ich war ein großer Narr, daß ich nicht blieb und Alles aufklärte.« Bei ungebildeten Leuten sei es gewöhnlich, daß sie, wenn sie sich in unangenehme Dinge verwickelt sehen, aus Angst Schritte thun, die sie immer tiefer verwickeln und als Beweise ihrer Schuld gelten können. Der Vertheidiger stellte eine Hypothese auf: Manning saß oben im Eßzimmer, als seine Frau hinunterging und O'Connor durch den Kopf schoß. Von Entsetzen ergriffen, habe der Mann bei sich überlegt: hier hat mein Weib einen Mitmenschen umgebracht. Was habe ich zu thun? Gebe ich sie an, so bringe auch ich einen Nebenmenschen, und zwar mein eigen Weib, um. Die Welt aber würde mich doch anschuldigen, daß ich die That begangen, oder, da sie im Hause, wo ich wohne, begangen ward, ich sie doch hätte verhindern können! Er war schwach, und gab die That nicht an. Möglich, daß er darauf bei der Verscharrung der Leiche geholfen. Seine Angst ließ ihn nun einen Misgriff nach dem andern begehen, bis er sich mit den Worten gegen die Polizeibeamten löste: »Ich bin ganz unschuldig. Ich bin ein großer Thor, daß ich fortging, ohne die Sache anzugeben.« Es scheint sogar, daß er mit der Absicht zu sprechen in London länger verweilt, als er nöthig hatte. Ja, es scheint, daß er die Absicht gehabt zurückzukehren, denn er ließ bei einem Freunde einen neuen Hut, den er sehr leicht mit sich nehmen können. Der Vertheidiger hob den schlagenden Gegensatz hervor zwischen den Verhaftungsformen der beiden Angeschuldigten. Sie, in Edinburg, spielt die vollkommene Weltdame, durch keine der auf einander folgenden Entdeckungen erschreckt, mit einem, wie es scheint, vollkommen vorbereiteten Vertheidigungssystem; er gibt sich dem Augenblick hin und zeugt sofort gegen das Weib, die Diebin, bei der man ein hübsches Stück Geld finden werde, gewiß 1300 bis 1400 Pfund Sterling. Da man nun nur ungefähr 150 Pfund bei ihm gefunden, so ergebe sich auch daraus, daß er nichts vom Umfang der Beute seiner Frau gewußt, daß er der eigentlichen Verbrecherin fern gestanden. In den Taschen seines Jagdrockes hatte man etwas Pulver und Reste eines Papierpfropfens gefunden. Dieses Indicium gegen ihn scheint man später haben fallen zu lassen; die Vertheidigung bemächtigte sich jetzt desselben. Wenn Manning der Mörder gewesen, würde er nicht vor allem dafür gesorgt haben, daß die Spuren wenigstens, welche sich in seinen Kleidern vorfinden könnten, vertilgt würden! Daß er sie nicht vertilgt, spricht für sein gutes Gewissen. Wie Maria Manning zu ihrem Manne gestanden, gehe klar aus des Banquier Stevens Aussage hervor. Sie wollte ihren Mann betrügen, wie jeden Andern. Könne da ein Zweifel obwalten, daß im Augenblick, wo sie sich nach den Sambre- und Maas- und den Amiens- und Boulogne-Actien, die O'Connor gehörten, erkundigte, sie schon die Absicht gehabt, England zu verlassen, und ihrem Manne davonzulaufen? Ihr Mann sei in Allem und Jedem von ihr als Instrument gebraucht worden. So habe er nach dem Verkaufe der gestohlenen Eisenbahnactien die Cession der dafür empfangenen Banknote zwar mit seinem Namen unterschrieben (was er auf Weisung seiner Frau gethan, ohne zu ahnen, wie gefährlich es für ihn sei), wahrscheinlich aber die Banknote nicht persönlich bei der Einwechselung präsentirt (so ließen sich wenigstens einige Aussagen der Bankcommis interpretiren) und die Früchte des Actes habe allein seine Frau gezogen, bei der das eingewechselte Geld, und sogar noch in Natura, in Edinburg vorgefunden ward. Der Vertheidiger schloß seine schwierige Aufgabe mit der Bemerkung, daß er wohl fühle, wie er gegen eine Masse von Vorurtheilen zu kämpfen gehabt, von denen hervorgerufen, welche die Sache besser verstehen sollten, und daß er die dem Gefühl widerstrebende, ja herzzerreißende Position, in der er sich befinde, vollkommen würdige und empfinde, indem er, einen Ehemann zu vertheidigen, sein Eheweib anschuldigen und sich bemühen müsse, sie in ihrer vollen Schuld darzustellen. Aus einem Vertheidiger sei er ein Ankläger geworden. Aber es sei eine unabweisliche Pflicht, und er vertraue den Geschworenen, daß sie in diesem ernsten Falle nicht den gewöhnlichen Impulsen von »gut«, »göttlich«, »sittlich« folgen würden, Impulse, von denen sie mit Recht in ihrem Privatleben sich leiten ließen, sondern daß sie mit ihrem Verstande die Sache auffassen, sich zergliedern und ein Verdict, nicht ihrer moralischen Stimmung, sondern der Vernunft, abgeben würden. Wir geben nur ein kurzes Resumé der sehr langen Vertheidigung, und auch dies nimmt einen größern Raum ein, als wir ihn in den meisten Fällen der Defension gewähren konnten. In dem vorliegenden ist aber gerade die Frage, welche der Vertheidiger behandelt, bei der sonstigen Klarheit des Hauptfactums, nämlich die über die relative Thäterschaft, die Hauptsache, und da weder Anklage, noch das Verdict, noch auch die Zeugenaussagen selbst darüber ein klares Licht verbreiten, mußten und müssen wir zu den Deductionen der Advocaten deshalb unsere Zuflucht nehmen. Nach einer Erholungspause von 20 Minuten erhielt der Vertheidiger der weiblichen Angeklagten das Wort, indem auch er mit einem Compliment für die würdige und gemäßigte Art begann, mit welcher der öffentliche Ankläger die Sache behandelt. Auch er wies darauf hin, wie die Presse diese Sache unförmlich vergrößert und entstellt, wie sie seiner Clientin Dinge angedichtet, von denen die Jury erstaunt sein werde, nun, da der Beweis aufgenommen, auch gar nichts zu finden. Uebrigens könnte sie sich darauf verlassen, daß auch gar nichts mehr ermittelt sei, als was gestern und heut ihr vorgelegt worden, denn Justiz und Polizei hätten mit der allergrößten Aufmerksamkeit diese Sache bis in ihre Minutien verfolgt. Seine Clientin sei aber, schon vor den Gerichtsverhandlungen, von der andern Seite (des Ehemanns) so verleumdet worden, daß die Jury sich nicht wundern dürfe, wenn er für sie ein besonderes Gericht gefordert. Diese Verleumdung sei von seinem gelehrten Freunde, dem Vertheidiger des Ehemanns, auch jetzt vor Gericht in einer Art ausgebeutet, die er – wenigstens grausam nennen müsse. Schon die persönliche Gegenwart der Unglücklichen hätte seinen gelehrten Freund vom Gebrauch solcher Ausdrücke abhalten müssen.(!) Er wolle aber dem Beispiel seines gelehrten Freundes nicht folgen, und nicht die Anschuldigung auf dessen Clienten zurückschleudern; ja, wenn Das nöthig würde, nämlich so zu handeln, wie Wilkins gethan, wolle er lieber seinem Berufe entsagen. Der Jury sei in der Anklageacte gesagt worden: daß sie seine Clientin entweder als Hauptthäterin befinden müßte oder als zutretend vor der That. Letzteres sei schwer denkbar. Beim ehelichen Verhältniß zwischen Beiden wäre es schwer zu bestimmen, wo der Eine gehandelt und der Andere geholfen. Wenn die Jury nicht etwa die positive Ueberzeugung gewonnen, daß die Frau beim Morde zugegen gewesen, so würde sie es auch unmöglich finden, daß sie vor der That zugetreten und hülfreich gewesen. Er glaube aber beweisen zu können: daß zur Zeit, als der Mord begangen ward, die Frau nicht zugegen war. Falle diese Annahme fort, dann sinke die andere von selbst zusammen. Zuvörderst möge man bedenken, daß nichts zu der Vermuthung berechtige, daß Mistreß Manning ein Weib sei, die ihr Geschlecht vergessen kann, und daß sie von Natur prädisponirt sei, einen kaltblütigen, gräßlichen Mord zu begehen. Das Verhältniß zwischen den Eheleuten war nicht der Art, in ihr die tugendhaften Neigungen, die sie besitzen mochte, zu stärken. Manning hatte sein Weib schlecht behandelt. Wenn sie nun Trost in ihrem Verhältniß zu O'Connor gesucht, sei es da denkbar, daß sie diesen umbringen wollen! O'Connor war über die mittlern Lebensjahre hinaus. In diesem Alter werden die Männer schwach gegen Frauen, sie geben denen, welchen sich ihre Neigung zugewandt, gern Alles hin. Die Manning konnte ohne Pistole und Brecheisen in schwachen Stunden, die sie zu benutzen gewußt, den Weg zu O'Connor's Geldkasten finden. Welche Motive konnte sie daher zur That haben? Entweder war sie ein ausgelassenes Weib von schlechtem Charakter, ohne alle Scham, nun dann konnte sie durch gemeine Liebkosungen und Schliche Alles erlangen, was sie wünschte; – oder sie war von edlerer, zarterer Gemüthsart, dann konnte sie nicht zur gemeinen Verbrecherin werden. O'Connor ward am 9. August auf der London-Brücke gesehen, um 5 Uhr, – in der Westonstreet 10 Minuten später, und wieder auf der London-Brücke um ¼ nach 5. Er schien also unschlüssig, ob er zu Mannings gehen solle oder nicht. Aber er nehme an, sagte der Vertheidiger, daß seine Unschlüssigkeit damit geendet, daß er wieder umkehrte und nach Miniver-Place ging, wo er jetzt allerdings später ankommen mußte, als er erwartet ward. Man aß bei Mannings gewöhnlich um 5 Uhr. Er mußte weit später als um 5 Uhr eingetroffen sein. Dies stimme nun ganz mit Mistreß Manning's Angabe. Als er nicht zur bestimmten Zeit kam, ging sie nach seiner Wohnung, um ihn zu suchen. Dort kam sie, nach der Aussage einer Zeugin, welche der Manning eben nicht gewogen schien, um 5¾ an (um ¼ vor 6) und blieb bis ¼ nach 7. Die Entfernung zwischen Miniver-Place und Greenwoodstreet beträgt 3 englische Meilen, seine Clientin brauchte also an ¾ Stunden, um den Weg zurückzulegen. Demnach mußte sie um 5¼ von Hause fortgegangen sein. Wenn dann der Mord begangen wäre zwischen 5½ und 7¾, so sei es ganz unmöglich, daß die Manning daran Theil genommen, denn während dieser Zeit war sie vom Hause fort. Ward denn nun der Mord in dieser Zwischenzeit verübt? Für die Anklage ist nach dem erhobenen Zeugenbeweise keine andere Annahme möglich, als daß der Mord consumirt sein mußte, bevor Manning auf der Gartenmauer mit seiner Pfeife im Munde gesehen ward, und das war um ¼ nach 7 Uhr. Als Mistreß Manning nach Hause kehrte, was frühestens um 7¾ sein konnte, mußte der Mord schon begangen sein. Die Anklage der Krone will die Manning als zutretend und hülfteich vor der That darstellen. Sie nehme an, daß eine That wie diese eher von einem Manne, als von einer Frau begangen werde. Der Vertheidiger des Mannes stelle die Ansicht auf, daß die Mordthat wahrscheinlich nur von einer Person verübt worden. Darin sei er, der Vertheidiger der Frau, mit seinem gelehrten Freunde ganz einer Ansicht. Die Jury möge nun aber auch ihre Ansicht fassen, ob es wahrscheinlich, daß eine solche Mordthat von einem Manne oder einer Frau begangen werde? Die Anklage führt drei Momente auf, woraus das Zutreten seiner Clientin und ihre Hülfe vor der That erhellen solle, den Ankauf des Kalkes, des Brecheisens und der Schaufel. Er suchte sie als drei ganz harmlose Handlungen ihrerseits darzustellen, die weniger von der Krone als von dem Mitangeklagten Ehemann seiner Clientin zur Last gelegt würden. »Es war ein Expostgedanke, die Schöpfung eines schwachen Geistes, welcher dem Einfluß der Feigheit und Furcht nachgab. Ein Poltron, der er ist, opfert er hin, was es sei, um nur sein Leben zu retten.« – Er, der Vertheidiger, könne sich gar nicht vorstellen, wie ein Ehemann, wäre seine Frau auch noch so schuldig, und das Verbrechen noch so gräßlich, sich dahin überwinden könne, alle Schande auf sie zu werfen, und in der Art, wie es hier geschehen. Er ging dann auf die Blutflecken in den Kleidungsstücken seiner Clientin über, und wollte gar kein Gewicht darauf gelegt haben. Theils könnten die Chemiker sich geirrt haben, es möchten Eisenflecke sein, theils kämen Blutspuren auf weibliche und andere Kleidungsstücke auch aus andern Ursachen, deren fänden sich auch auf Effecten der Manning, welche sie in ihren früheren Dienstverhältnissen geschenkt erhalten, und die mit dem Morde in keine Berührung gekommen sein könnten, und endlich hätte ein solches Blutbad ganz andere, furchtbarere Blutspuren zurücklassen müssen, als die kleinen Flecke, welche man an den Halskragen und sonst hier und da wo an den Kleidern bemerkt haben will. Was die verfänglichen Gespräche mit dem Studenten Massay betrifft, so seien sie nicht in seiner Clientin Gegenwart geführt worden; aus ihnen könne also gar kein Verdacht gegen dieselbe entspringen. Hätte Herr Massay bei Zeiten ihrer Erwähnung gethan (vor der Frau?), so würden sie alle jetzt vielleicht nicht als Mitspieler in dieser traurigen Tragödie sitzen, und der arme Patrik O'Connor lebe wahrscheinlich noch! Nach Annahme der Klage mußte am Abend des 8. August Alles zum Morde vorbereitet sein, die Pistole war geladen, um O'Connor zu erschießen, die Brechstange gekauft, ihm den Hirnschädel zu zerschlagen und die Steine zu seinem Grabe aufzuwälzen, die Schaufel, um das Grab zu graben, der Kalk, um seine Gebeine zu verbrennen. Und als am Abend dieses 8. August, am Mittwoch, O'Connor mit seinem Freunde Welsh zufällig bei Mannings eintrat, verrieth die Frau auch nicht das Geringste in ihrem Benehmen, was auf solche Mordabsicht deuten konnte, oder auch nur irgend etwas Unsicheres. Dies mochte sein. Aber, mit der fertigen Mordabsicht im Kopfe, wie konnte sie laut, vor Zeugen, klagen, daß O'Connor ihrer Einladung zum Mittagessen nicht gefolgt wäre! Sie lud dadurch gegen sich einen Zeugen für den morgenden Tag, wenn an diesem O'Connor verschwände. Mußte es ihr nicht im Gegentheil darum zu thun sein, daß von ihrer dringenden Intention, ihn zum Mittagessen bei sich zu sehen, so wenig als möglich verlautbare? – Und am selben Abend konnte sie ihm die Schläfe waschen, als ihm vom Rauchen übel geworden. Konnte sie das mit der Absicht im Herzen, am andern Tage ihn umzubringen? »In solchem Moment würde auch das Herz des verworfensten Weibes sich geregt haben, sie würde zurückgeschaudert haben, sich in der Art einem Manne zu nähern, mit dem sie auf dem vertrautesten Fuße gelebt«(?) Hätte die Manning, die augenscheinlich so viel von dem lebenden O'Connor zog, nicht weit mehr Vortheil gehabt, wenn sie ihn fortwährend gerupft, als bei dem unsichern, gefährlichen Wagestück, ihn todtzuschlagen? Er gebe zu, sagte der Vertheidiger, daß Maria Manning wirklich von dem Morde erfahren, wann, lasse er dahingestellt. Vielleicht am Donnerstag, vielleicht noch später; mit Wahrscheinlichkeit aber vor ihrer Abreise von London. Dann aber sei ihr ganzes Benehmen sehr erklärlich. Angenommen, sie hörte von ihrem Manne, daß O'Connor ermordet worden. Der Eindruck auf sie mußte, bei ihrem Schuldbewußtsein, beim Bewußtsein ihres sträflichen Umganges mit dem Ermordeten, ein furchtbarer sein. Ihr erster Gedanke konnte nur sein: er ist aus Eifersucht umgebracht! Konnte ein Weib, durchdrungen von ihrer sündlichen und sträflichen Handlung gegen ihren Ehemann, die That bekannt machen, wo sofort der Verdacht der Thäterschaft auf ihren Mann fallen mußte? – So erschien sie am nächstfolgenden Tage in O'Connor's Wohnung. Da mag man eine Todtenblässe, ein Zittern ihrer Hand wahrgenommen haben. Wie sollte es auch anders sein! Man hatte Papiere und Actien, die O'Connor gehört, in ihrem Besitz gefunden. Nun, O'Connor hatte ja für sie Actien der Sambre- und Maaseisenbahn gekauft. Sie hielt sich für berechtigt dieselben mitzunehmen. »Und indem sie das that, nahm sie auch Anderes mit, wozu sie sich vielleicht für berechtigt hielt.«(!) Jedenfalls hätte sie Geld anlegen wollen ohne Wissen ihres Mannes, und aus den bekundeten Gesprächen zwischen ihr und O'Connor gehe hervor, daß sie es durch O'Connor in Eisenbahnactien anlegen wollte. »Denkt Euch nun die unschuldigste und tugendhafteste Frau von der Welt und die allersittenloseste und verworfenste in dieser Lage. Was sie thun würden, wenn sie entdeckt, daß ihr Ehemann ihren Freund ermordet, würde doch sehr abhängen von dem Temperament einer jeden. Hier entschloß sich die Frau von ihrem Manne fortzugehen, und indem sie es that, nahm sie einen ansehnlichen Betrag von Geld und Geldeswerth mit sich.« Er hoffe nun, daß Jeder sich erinnern werde, wie es ihm nie in Sinn gekommen, seine Clientin der Jury als ein Weib von reinen Sitten, oder von hohen moralischen Gefühlen gelenkt, darzustellen. Ja, er gebe zu, daß sie, auf die Nachricht von O'Connor's Tode, in dessen Wohnung geeilt, und nicht allein ihr eigenes Eigenthum, sondern auch anderes mitnahm, »von dem sie nicht deutlich wußte, ob es ihr, oder ob es ihr nicht gehörte.« Seiner Ansicht nach, habe der Ehemann auch einen Theil des so Genommenen an sich genommen, und, wie er angab, seine Frau aufs Land spedirt. Gewiß scheine, daß sie beide in Uebereinstimmung sich getrennt, worauf sie den Namen Smith annahm. Sein Resumé war, bei der That kann sie nicht gewesen sein, also sie ist nicht Thäterin, weil sie während der Zeit, wo der Mord vollbracht sein muß, außer dem Hause war, und ebenso wenig könne sie nach dem von ihm Angeführten als zutretend und hülfreich vor der That gedacht werden. Er rechne von der Jury auf eine unparteiische Würdigung des Sachverhältnisses, damit sie nicht klagen könne, daß sie, als Fremde, ungerecht von englischen Geschworenen behandelt worden. Der Vertheidiger hatte gewiß Alles vorgebracht, was zur Vertheidigung gesagt werden konnte, ohne daß wir glauben, daß unsere Leser, wie die Jury, dadurch von ihrer vorgefaßten Meinung abgebracht werden. Es gehört aber zu diesem merkwürdigen Prozeß, auch diese Ausführung des andern Vertheidigers, da beide als Ankläger gegen einander auftraten, in ihren Hauptzügen wiederzugeben. Das Hauptmoment der Vertheidigung ist die Zeitbestimmung, in welcher der Mord verübt sein muß. Wenn die Zeugen die Minuten richtig angaben, wo man O'Connor zum letzten Mal sah, und die Minute, wo Marie Manning in seinem entfernten Quartier wieder gesehen ward, so schien es allerdings unglaublich, daß von ihr in dem Zwischenmoment die entsetzliche That verübt worden, und daß sie Zeit gewonnen, das Blut von ihren Kleidern, oder diese selbst abzuthun, um, wie sie erschien, in der Greenwoodstreet zu erscheinen. Aber es gehen nicht allein die Uhren verschieden, sondern auch die Zeitauffassung seitens der Zeugen ist, wie wir hundertfach erfahren, in Criminalfällen eine der bedenklichsten Sachen. Der Attorney-General hielt darauf seine Gegenrede, obwol der Rath der Verklagten dagegen protestirte, weil dies dem Herkommen entgegen sei, wenn die Angeklagten keine Zeugen für sich aufgerufen. Der Lord-Oberrichter erklärte aber den Staatsanwalt in seinem Recht. Die Anwalte der Verklagten wollten es ihm nun zur Gewissenssache machen, sich dieses Rechts freiwillig zu begeben, in einem Falle, wo das Leben zweier seiner Mitmenschen auf dem Spiele stehe. Er aber glaubte auf dieses Recht bestehen zu müssen, weil es gelte, die Wagschale der Gerechtigkeit zwischen den verschiedenen Parteien, die in diesem Prozesse aufträten, ins Ebenmaß zu bringen. Zuvörderst gab er dem Vertheidiger des Ehemanns in dem von demselben eingeschlagenen Verfahren gegen den Vertheidiger der Ehefrau Recht. Jener habe nur seine Pflicht als Advocat erfüllt, und es scheine ihm männlicher gehandelt, geradezu dem andern ein Verbrechen zur Last zu legen, als es nur anzudeuten, und nicht den Muth zu haben, die Anklage auszusprechen. Zugegeben sei von beiden Theilen, daß der Mord am 9. August, Abends, im Manning'schen Hause, wo nur die Mannings wohnten, ohne Domestiken, begangen worden, entweder durch eine Pistole, oder durch ein Brecheisen, oder durch beide Instrumente. Beide Theile wären aber auch darin in Uebereinstimmung, daß der Mord von einer Person allein begangen sein müsse. Das sei ihm aber sehr unwahrscheinlich. Weder könne und werde eine Person allein die Steine in der Küche ausgehoben, das Grab gegraben, es wieder bedeckt, und vor allem den Körper in der beschriebenen Lage hineingeworfen haben. Er könne sich keinen Grund denken, weshalb Manning allein den Mord verübt haben sollte, denn wenn seine Frau ihm nicht beistand, hatte er auch kein Motiv. Eifersucht war es nicht, es konnte nur Habsucht, das Verlangen nach O'Connor's Vermögen sein. Nur seine Frau aber hatte Eintritt in O'Connor's Wohnung. Hätte er ihn gefordert, würde das sofort Verdacht erregt haben. Der Staatsankläger hielt dafür, daß der Beweis nicht geführt, wann der Mord verübt worden. Ihm erscheine es sogar sehr möglich, daß erst, nachdem Maria Manning aus Greenwoodstreet zurückgekehrt, die That vollbracht wäre. O'Connor ward nach 5 Uhr nahe am Miniver-Place gesehen. Nachher sah man ihn auf der Brücke, zaudernd und ungewiß, wie Jemand, der einen Andern erwartet. Wahrscheinlich also, daß er, nachdem er die Frau nicht zu Haus gefunden, bald nach 5 Uhr Miniver-Place wieder verließ, aber später zurückkehrte, ob mit der Manning läßt sich nicht bestimmen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ward erst da der Mord begangen. Manning habe (außergerichtlich) ausgesagt, er sei im Hause gewesen, als es geschah, er nannte aber nicht die Stunde; er sagte nur, er sei zugegen gewesen und zeihte seine Frau der Mordthat. Gegen 7 Uhr rauchte Manning seine Pfeife auf der Gartenmauer und sprang dann hinunter. War es vielleicht, daß er erst jetzt O'Connor ankommen sah, und in Begleitung seiner Frau? Ballantine wandte ein, daß es schon 7½ gewesen, als er auf der Gartenmauer geraucht. Der Attorney-General fuhr fort, es komme ihm nur darauf an, der Stunde so nahe als möglich zu kommen, um wahrscheinlich zu machen, daß der Mord nicht schon um 5 Uhr verübt worden. Am 8. seien Kalk, Brecheisen und Schaufel bereits gekauft gewesen, aber beide Eheleute seien auch schon vor dem 8. wegen des Verkaufs ihrer Geräthschaften in Unterhandlung gewesen , die sie dann zwei Tage nachher wirklich verkauften. (In den Zeugenaussagen finden wir nichts darüber.) Warum kauften sie nun noch am intendirten Tage der Mordthat eine Schaufel, wo sie schon mit einem Trödler verhandelten, ihm für 13 oder 13 Pfund 10 Schilling ihr gesammtes Geräthe zu überlassen? Dies kann nur gewesen sein, um die Erde zum Grabe damit wegzuschaufeln. – Daß Maria Manning am Abend des 8. so offen vor Zeugen von ihrer Mittagseinladung gesprochen, habe auch nichts auf sich, denn verrathen war dieser Umstand ja schon durch den abgegangenen Brief. Uebrigens lud sie O'Connor nicht mündlich in Welsh's Gegenwart zum andern Tage, Donnerstag, zu Tisch; sondern sie schrieb ihm Nachts nach 12 einen neuen Einladungsbrief . Dafür ist kein Beweis, rief Ballantine. Factum ist, entgegnete der Ankläger, daß er zwischen Mitternacht vom 8. und 9. und andern Tages gegen 5 Uhr eine schriftliche Einladung zum Mittagessen erhalten hat, daß Maria Manning aber nicht ein Wort davon in Welsh's Gegenwart sagte. Woher war sie so ängstlich, als O'Connor nicht kam, in seine Wohnung zu laufen, um (nach ihrer Angabe) ihn zum Essen zu holen? Als sie zum zweiten Mal dahin ging, war es, um die Hinterlassenschaft auszubeuten. Sie gesteht selbst, die Hintere Küche am (Mord-) Tage gereinigt zu haben, um deswillen muß sie den Zustand derselben gesehen haben. Was den Ehemann anlangt, so leugne er nicht beim Morde gegenwärtig gewesen zu sein, aber er versuche alle Schuld auf sein Weib zu werfen. Er wolle dabei gestanden haben, aber unschuldig! Ist es denkbar, daß ein Mann bei einer Mordthat, unter diesen Umständen verübt, unschuldig als Zuschauer dagestanden! Am Tage nachher wird er gesehen, ein werthvolles Papier des Ermordeten umwechselnd. Er verschwindet dann, und bei seiner Ergreifung ist das Erste, was er thut, die ganze Schuld auf seine Frau zu schieben. Es ist unmöglich, sich nicht zu denken, daß beide Angeschuldigte in das Verbrechen verwickelt sind. Beide handeln in Übereinstimmung beim Ankauf der Werkzeuge; Beide verstecken sich und Beide wurden betroffen im Besitz von Eigenthum, welches dem Ermordeten gehörte! – Er, schloß der Ankläger, rüge es nicht, daß jeder der beiden Vertheidiger, seiner Pflicht gemäß, Alles gethan, seinen Clienten zu retten, und die Schuld von ihm ab auf den andern zu werfen versucht; seine Pflicht aber, als Ankläger, sei eben desgleichen, die Schuld auf Beide zu vertheilen. Hierauf nahm der Lord Oberrichter das Wort und gab der Jury nochmals eine Uebersicht der ganzen Sachlage. Auch er bat die Geschworenen, Alles aus dem Sinn zu schlagen, was sie außer der Gerichtshalle über die That und die Personen gehört, und nur die Zeugenaussagen zu beachten. Die Sache fordere eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit , da das vorliegende Verbrechen in der englischen Criminalgeschichte vielleicht ohne Beispiel sei. Er setzte die verschiedenen Fragen, die er ihnen vorlegen müsse über den Antheil der Angeschuldigten an dem Verbrechen, mit Klarheit und in populairer anschaulicher Sprache auseinander, sich doch dabei jedes Urtheils, das den Geschworenen allein zusteht, enthaltend. Wir bedauern diese Rede unsern Lesern nicht mittheilen zu dürfen, aus Furcht von einer Wiederholung des so oft Gesagten, aber sie war ein Musterstück, wie ein bewährter, kenntnißreicher und humaner englischer Richter einen schwierigen Fall abwägt, und auch da noch, wo jeder Urtheilsfähige die Verdammung auf den Lippen trägt, zu Gunsten des Angeklagten Alles und Jedes herauskehrt, was die Gesetze und Umstände für ihn anführen können. Doch können wir uns nicht enthalten, wenigstens den Schluß seiner Rede zu übersetzen, welche als Leitfaden auch für unsere Geschworenen von Wichtigkeit wäre. »Was die Zweifel anlangt, die Ihnen etwa aufstoßen, so meine ich, es ist Ihre Pflicht, ruhig und ernst den Fall zu erwägen, um dann zu sehen, zu welchem Eindruck und Beschluß Sie als Männer von Welt, als Männer von Gefühl und Verstand, als Männer einer festen Gerechtigkeit gelangen. Sind Sie zum Schluß gekommen, daß Sie die Gewißheit erlangt, welche das Gesetz erfordert, so werden Sie Ihr Verdict der Schuld gegen einen oder beide Angeklagte abgeben. Es ist aber nicht nothwendig, daß ein Verbrechen dermaßen festgestellt werde, daß auch die Möglichkeit eines Zweifels ausgeschlossen bleibt. Es gibt Verbrechen, begangen in der Stille und Dunkelheit, denen man nur nachspüren kann und die nur ans Licht gebracht werden durch eine Vergleichung aller Umstände, die, einer zum andern sich fügend, endlich durch ihre Anzahl einen Eindruck auf das Gemüth hervorbringen. Zweifel gibt es bei jeder menschlichen Handlung. Wir sind häufig getäuscht in Bezug auf Das, was wir gesehen, noch häufiger in Dem, was wir gehört zu haben glauben. Wie gesagt, bei allen menschlichen Handlungen läuft ein gewisser Zweifel mitunter, aber dies sind nicht die Zweifel, welche Sie, meine Herren, bewegen dürfen, indem Sie über eine Sache urtheilen, welche für das Publicum und die Angeklagten von gleich großer Wichtigkeit ist. Ich hege keinen Zweifel, daß Sie Ihre Pflicht mit aller Treue erfüllen werden. Sie werden erwägen, daß Sie auf der einen Seite eine Verpflichtung haben gegen das Gesammtwohl Ihrer Mitbürger, nämlich, daß der Schuldige nicht entschlüpfen darf, daß Sie auf der andern aber auch eine gegen die Angeklagten haben, nämlich Sorge zu tragen, daß sie nicht auf bloßen Argwohn und Verdacht, sondern auf schwere und feste Gründe, die Ihr Verstand geprüft hat, verurtheilt werden, Gründe, welche Sie zu einer ausreichenden Ueberzeugung führen, daß Einer oder Beide des Verbrechens schuldig sind. So entlasse ich Sie zur Ihrer gewichtigen Aufgabe mit dem Wunsch und der Zuversicht, daß Ihre Entscheidung auf Gerechtigkeit und Wahrheit gegründet sei!« Um 6 Uhr zog sich die Jury zurück und kam um 6¾ schon wieder. Die laute Unterhaltung, welche in der Zwischenzeit geherrscht, verstummte im Augenblick. Die erste Frage: ob die Jury in ihrem Verdict ganz einig geworden, beantwortete der Vormann mit Ja. Sind die Gefangenen schuldig oder nicht schuldig? Der Vormann antwortete: Beide Gefangene sind schuldig. Nach dem Herkommen wurden nun die Gefangenen befragt: ob sie etwas für sich anzuführen hätten, weshalb das Todesurtheil nicht an ihnen vollstreckt werden dürfe? Da erhob sich Maria Manning in einem Zustande großer Aufregung. Mit starkem fremden Accent, aber mit einer ungemeinen Heftigkeit stieß sie folgende Worte aus: »Es gibt keine Gerechtigkeit, es gibt kein Recht für einen fremden Unterthan in diesem Lande; für mich ist kein Gesetz. Ich hatte keinen Beschützer – weder bei den Richtern, noch bei den Anklägern, noch bei meinem Manne. Ich bin ungerecht verurtheilt von diesem Gerichtshofe. Wäre ich im Vaterlande, da könnte ich beweisen, daß ich Geld von auswärts hergesandt, welches jetzt in der Bank von England ist. Meine Rechtsfreunde würden Zeugen aufgerufen haben, um zu erhärten, daß ich Actien für mein eigen Geld gekauft habe. Master O'Connor war mehr für mich als mein Ehemann. Er war mir ein Freund und Bruder, seit ich in dieses Reich kam. Ich kannte ihn sieben Jahre. Er wollte mich heirathen, und ich hätte ihn nur heirathen sollen. Ich habe Briefe von ihm, die beweisen würden, wie er mich achtete und ehrte, und wenn ich denke, daß ich ein Weib bin und ganz allein stehe, und zu kämpfen habe gegen meines Mannes Angaben, und zu fechten gegen meine Ankläger, und daß selbst der Richter gegen mich ist, dann denke ich auch, daß man mich nicht wie einen Christenmenschen behandelt hat, sondern wie ein wildes Thier des Waldes, und Richter und Geschworene werden es auf ihrem Gewissen haben, daß sie gegen mich gesprochen. Ich bin nicht schuldig der Mordthat, die an Master O'Connor verübt ist. Wenn ich gewünscht einen Mord zu begehen, würde ich doch nicht nach dem Leben des einzigen Freundes getrachtet haben, den ich auf der Welt hatte, – eines Mannes, der mich in einer Woche zu seiner Frau gemacht hätte, wenn ich eine Witwe gewesen wäre. Ich habe in achtbaren Familien gelebt, und kann Zeugnisse für meine Rechtlichkeit in jeder Beziehung aufweisen, wenn man danach fragt. Ich kann mehr Geld aufweisen, als die Lumperei, die paar Actien, die man bei mir gefunden hat. Wenn mein Mann aus Eifersucht oder was sonst aus Rache gegen O'Connor ihn ermordet hat, so sehe ich keinen Grund ab, weshalb ich dafür bestraft werden soll. Ich wünschte nur, ich könnte mich besser in der englischen Sprache ausgedrückt haben.« Manning sagte nichts. Der Richter erhub sich: Frederick George Manning und Maria Manning, Ihr seid überführt des Verbrechens des Mordes – »Nein! Nein! schrie Mistreß Manning heftig auf. Ich gestehe es nicht zu. Schämen müßtet Ihr Euch. Da ist doch kein Gesetz und keine Gerechtigkeit hier.« Sie schien dabei aus den Schranken fortstürzen zu wollen, ward aber durch den Gefangenmeister von Newgate daran verhindert. Der Richter redete sie wieder an: »Ein tüchtiger Vertheidigungsrath stand Ihnen zur Seite. Alles, was zu Ihrer Vertheidigung dienen konnte, ist geschickt angewandt worden. Die Jury hat auf einen Zeugenbeweis gesprochen, der bei keinem menschlichen Wesen mehr einen Zweifel zurücklassen konnte. Die Jury konnte nur mit einem Verdict: Schuldig! zurückkehren. Hätte sie kein solches Verdict gebracht, so wäre es mir schwer zu glauben, daß sie ihre Pflicht gethan.« Hier ließ die Verurtheilte durch ihre heftigen Ausbrüche ihn kaum zum Weiterreden kommen. »Mord ist das größte Verbrechen, welches ein Mensch gegen einen andern begehen kann, in diesem Lande. Es ist zu aller Zeit ein entsetzliches Verbrechen, aber ich erinnere mich keiner Mordthat, die so kaltblütig und planmäßig vollbracht worden. Unter dem Vorgeben der Freundschaft, ja der Liebe, lockten Sie ihn an den Platz, wo sein Grab wahrscheinlich schon gegraben war, und wo nachher die That vollführt ward, die wahrscheinlich tagelang vorher schon hin und her erwogen war. Dies ist eins der schauderhaftesten Beispiele, welche die Geschichte menschlicher Schwäche liefert. Man hat gesagt, der Verstorbene habe ein lasterhaftes Leben mit Einem von Ihnen Beiden geführt. Darüber habe ich nicht zu sprechen, das müssen Sie mit Ihrem Gewissen abmachen. Aber, sei sein Leben gewesen, wie es ist, er ward von Euch in die Ewigkeit gestoßen, ohne daß man ihm einen Augenblick ließ, an sie zu denken, ohne daß er Zeit hatte zu Reue und Buße. Das Gesetz ist mitleidiger, als Ihr es waret: es gestattet Euch Zeit zur Vorbereitung. Einer von Euch hat mit dem Studenten Massay ein Gespräch darüber gepflogen, wohin wol die Seele Derer fährt, die einen Mord begingen. Die Zeit ist gekommen, wo Ihr das wieder fragen mögt. Da ich Euch nicht die geringste Hoffnung machen kann, daß Euer Strafurtheil verwandelt wird, muß ich Euch auch sagen, daß Eure Hinrichtung unmittelbar nach der Bestätigung des Urtheils erfolgen wird. Ich rathe Euch daher, bußfertig dem Rathe des Dieners des Evangelium zuzuhören, der Euch besuchen wird. Lernet von ihm, was Ihr zu fürchten habt. Wohl ihm und Euch, wenn er mit gutem Gewissen Euch eine Hoffnung verheißen kann, welche in dieser Welt unmöglich ist. – Welche Qual und Verdruß Euch auch die Proceduren dieses Tages bereitet haben, glaubt, daß Andere anders als Ihr darüber urtheilen, ja ich zweifle, ob irgend Jemand, der diesen Verhandlungen zugehört, nicht ebenso zufrieden ist als ich mit dem Resultate, welches das einzige mit der Gerechtigkeit harmonirende ist. Nach dieser Warnung und Ermahnung habe ich Euch nur den herben Spruch des Gesetzes anzukündigen: daß Ihr von hieraus gebracht werdet in Ihrer Majestät Kerker der Grafschaft Surrey, und von dort auf den Executionsplatz, allwo ihr gehenkt werden sollet am Halse bis Ihr todt seid; und daß Eure todten Körper nachher verscharrt werden im Hofe des Kerkers, in welchem Ihr nach diesem Urtheil gebracht werdet, und sei der Herr gnädig Eurer Seele.« Die Manning wollte noch einmal gegen den Gerichtshof loseifern, als man Befehl gab, sie fortzubringen. Sie schrie, es sei schandvoll, solches Urtheil über sie zu sprechen; ja, sie schimpfte zu denen um sie her: »Elendes England!« Herkömmlich hatte man Raute auf die Bank vor den Schranken gestreut. Sie raffte davon in die Hand und warf es den Richtern vor die Füße, um ihre Verachtung und ihren Ingrimm auszudrücken, für die ihr die Worte fehlten. Der Director von Newgate und eine weibliche Gefangenwärterin mußten sie fortschleppen. Manning beugte sich tief vor dem Hof und zog sich zurück. Er schien sehr niedergeschlagen, blieb aber Herr seiner selbst. Die Gerichtssitzung schloß um 7 Uhr. Die Manning war durch ihren Prozeß zu einem Lion des Tages geworden; die Zeitungen beschäftigten sich vorzugsweise mit ihrer Person, und brachten fast stündliche Bulletins über Alles, was sie that und sprach, ja ihre Blicke und Bewegungen wurden zur Begebenheit. Damit aber nicht genug, setzte die Tagespresse den abgeschlossenen Prozeß fort, sie brachte neue Zeugenaussagen und Documente, um Das, was geheimnisvoll geblieben war, aufzuhüllen, und man muß bekennen, daß dessen nicht wenig war. Auch diese Enthüllungen gehören zur Prozeßgeschichte, und in ihrer Steigerung sind sie nicht ohne dramatisches Interesse. Wir geben sie, wie wir sie in dieser Steigerung in den Zeitungen finden, das Drama verfolgend, wie es sich Stück um Stück vor dem londoner Publicum aufrollte, und mit einer Schlußkatastrophe, welche an Schauer und Wahrheit selbst die eigentliche überbietet, und um deshalb schon die Berühmtheit dieses Prozesses rechtfertigt. Wir machen nur darauf aufmerksam, daß, was von hier an folgt, nicht auf die Authenticität der vorigen Gerichtsverhandlungen Anspruch macht, sondern nur von den Reporters der Zeitungen aufgerafft ist. Ein kritischer Maßstab dafür ist indeß schon durch das Vorangängige gegeben, und die Warnung des Anklägers vor dem leichtsinnigen Berichterstatten dürfte auch auf die Reporter gewirkt haben. Als beide Verurtheilte in ihren Kerker zurückgebracht worden und man ihnen ankündigte, daß sie, dem Urtheil gemäß, auf der Stelle nach dem Horsemanger-lane-Kerker transportirt werden sollten, fuhr die Frau in derselben gereizten Weise auf, die sie vor Gericht gezeigt. Sie schimpfte auf ihre Advocaten, daß sie, gegen ihren Willen, die Zeugen zu ihren Gunsten nicht aufgerufen, die schon bereit gestanden hätten, der Jury und ganz England zum Trotz. Als man ihr Erfrischungen anbot, stieß sie dieselben mit Entrüstung von sich. Auch Manning lehnte sie ab, aber in milder, verbindlicher Weise. Um 7½ Uhr standen zwei Cabriolets vor dem Fleetgefängniß. Maria Manning erschien an der Seite des Master Wright, des Direktors von Newgate; ihre linke Hand war durch Handschellen an seine rechte Hand gekettet; sie nahmen Beide im ersten Cabriolet Platz, welches in Carriere fortfuhr. Als die Handschelle ihr zuerst angelegt worden, brach ihre ganze Leidenschaftlichkeit hervor; jede Muskel in Affect, die Hände ballend, die Zähne knirrschend, schrie sie mit der heftigsten Gesticulation: »Hol Euch Alle der – «. – Ihr Mann stieg ruhig, mit beiden Händen an zwei Gerichtsdiener gefesselt, in den Wagen. Der ganze Transport ging schnell vor sich. In 20 Minuten waren die Gefangenen schon in ihren neuen Kerker abgeliefert, obgleich ungeheure Volksmassen sich auf dem Wege gesammelt hatten. Auf dem Wege schien die Manning jedoch plötzlich aus ihrem Todefieber zu erwachen. Sie unterhielt sich in mildem Tone ganz vernünftig mit dem Direktor, ja sie scherzte mit ihm über das Band, welches sie Beide verknüpfe. Plötzlich aber nahm sie, als Master Wright in diese Scherze nicht eingehen wollte, einen hochmüthigen Ton an, und indem sie von der letzten Gerichtsscene sprach, sagte sie: »Ich habe ihnen doch einige Entschlossenheit gezeigt, nicht wahr?« Von ihrem Mann sagte sie: »Ich hatte Gelegenheit genug, ihn im Gefangnisse zu sprechen, auch noch während der Gerichtssitzung, aber ich mochte nicht. Er redete mich auch nicht an, Gott sei Dank, der unmännliche Wicht.« Dabei ballte sie wieder die Faust und schlug gegen die Kutschwand. Als der Wagen vor einem großen Mauerplacat vorüberrollte, worin eine vollständige Beschreibung ihres Prozesses dem Publicum zum Kauf angeboten ward, gerieth sie aufs Neue in Wuth, knirschte, stöhnte und murmelte Verwünschungen: der Lump, ihr Mann, hole sie der – wenn sie mit ihm ein Wort spräche! Manning's Benehmen blieb anständig und ruhig. Seine Stimme klang melancholisch, er schien die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben, daß man ihm nicht ans Leben gehen werde. Als Maria Manning von den weiblichen Schließerinnen in ihre Gefängnißzelle gebracht wurde, brach sie in helle Thränen aus, schluchzte wie aus tiefster Brust, daß sie das Mitleid ihrer Wärterinnen erregte. Dann aber stampfte sie auf den Boden, diesmal nicht aus Wuth, sondern aus Schmerz – sagen die Zeitungen nach dem Bericht der Schließerinnen. In wie weit diese psychologische Diagnostikerinnen sind, bleibe dahin gestellt. Manning warf sich, in seine Zelle angekommen, auf einen Schemel und stützte, wie in tiefen Gedanken, den Kopf im Arm. So blieb er lange Zeit sitzen. Aus seinen Träumen aufstarrend, sprach er wiederholentlich, wie für sich: er sei ja unschuldig am Morde, er könne darum nicht hingerichtet werden. Am 28. erklärte er mit Bestimmtheit seinem Wächter: O'Connor sei nicht durch seine Hand umgekommen; sein Weib habe es gethan, sie habe ihn nur vermocht, die Leiche zu verscharren. Beide Verurtheilte empfingen die Besuche des Geistlichen und wohnten am Sonntage mit einem andern zum Tode Verurtheilten dem Gefängnißgottesdienste bei, wo die Predigt besondern Bezug nahm auf das Loos Derer, die durch das Schwert der Gerechtigkeit sterben müßten. Beide indeß mit der Hoffnung, daß die Predigt ihnen noch nicht gelte. Maria Manning hoffte, daß der Protest ihrer Vertheidiger, welche auf eine gemischte Jury, halb von Ausländern, auch nach dem Urtheil angetragen, von Erfolg sein werde. Ein merkwürdiges Actenstück, welches im Prozeß nicht vorgebracht, ward jetzt erst aufgefunden, oder doch zuerst mitgetheilt, ein Brief des todten O'Connor »an Miß Maria Roux, durch die Güte der Lady Blantyre, Sutherlandhaus.« Ein Brief an die alte Geliebte, nach ihrer Verheirathung geschrieben, um das frühere Verhältniß wieder anzuknüpfen: Customs, Et. Katharine Docks, Juni 11. 1847. » Theuerste Mistreß – Ihren wahren (jetzigen?) Namen nicht kennend, adressire ich an Sie, wie früher. Ich hoffe, der Brief wird Sie erreichen. Ich kann Ihnen meine Gefühle nicht beschreiben, noch was ich litt, seit ich Sie am letzten Abend sah. Wüßten Sie es nur zur Hälfte, so würden Sie Mitleid mit mir haben, und wäre ich Ihr größter Feind, den Sie je gehabt. Ich habe einen einsamen und traurigen Winter verlebt, einen melancholischen, monotonen Frühling, in der Hoffnung, einen frohen und angenehmen Herbst zu erleben. Ich gab alle und jede Gesellschaft auf, brach Ihretwegen allen Umgang mit meinen Freunden ab, indem ich nur sorgte und sparte, um uns den Rest unsers Lebens annehmlich und glücklich zu machen. Ich wollte meinen monatlichen Urlaub am 6. August nehmen, wo ich glaubte, daß Sie vom Continent zurück sein würden, dann wollten wir am 7. Hochzeit machen, von London am 8. nach Boulogne gehen und dort unsern Honigmonat feiern. Ach, wie sind diese Traume zerronnen. Sie haben alle Annehmlichkeiten, welche Ihr Herz wünschen kann, und ich bin zufrieden. Für mich Armen ist kein Trost geblieben, als der traurige Gedanke, wie ich um meine Hoffnung gekommen bin. Ach, Maria, Sie haben grausam gegen mich gehandelt. Warum haben Sie nicht, ihrem Worte gemäß, geschrieben und gesprochen, was Sie zu thun vorhatten, dann wäre ich, auf die Gefahr hin meine Stelle zu verlieren, wie es auch ging, nach Erskine Haus gekommen, um das einzige Wesen auf Gottes Erde zu heirathen, das mich glücklich machen konnte. Und Maria, Theure, hätten Sie nur die Gefühle meines Herzens lesen können, Sie würden nicht gehandelt haben, wie Sie gethan. Doch, jetzt ist es zu spät, darüber noch zu sprechen. Wir müssen mit Gottes Willen uns versöhnen, und hoffen, daß alle Dinge von ihm nach einer weisen und wohlwollenden Absicht geordnet sind. Genug nun von dieser traurigen und melancholischen Angelegenheit; denn das ist sie für mich. Indessen hoffe ich, wir werden immer dieselben liebevollen Gefühle gegen einander hegen – wie es alten Freunden zukommt. Ich kann mich dessen rühmen und will es halten. Wann werde ich das Vergnügen haben, Sie hier zu sehen? – Bringen Sie Ihren Mann mit, und wen Sie sonst lieb haben. Ich will Ihnen die Docks und die Gewölbe zeigen; aber bemerken Sie, daß Damen in die Gewölbe nur nach 1 Uhr geführt werden. Kommen Sie recht bald. Hier liegt ein Schiff aus China, auf meiner Station in den Docks, der Viscount Sandon. Sonntag fährt er ab. Es würde für Sie etwas Neues sein, die drei Chinesen darauf mit ihren langen Zöpfen zu sehen. Sie sprachen davon am Sonntag zu kommen; ich wünschte, Sie thäten es. Wenn Sie kommen, schreiben Sie mir, und um welche Zeit, damit ich Sie gewiß treffe. Sie können mir dann wol einige Erklärungen geben über die Sache, welche sie ein wenig versüßen können. Ich wünschte nur, ich könnte Sie ganz freisprechen vom Vorwurf der Untreue bei der Gelegenheit. Ich hoffe, daß Gottes Segen auf Allem ruhe, was Sie thun, und betrachten Sie mich, unter allen Umständen, bis zum Tode, als Ihren treu ergebenen Patrick O'Connor.« Man wird bekennen, daß die Sache dadurch interessanter wird, als sie in den trockenen Gerichtsverhandlungen erscheint, aber auch um so viel räthselhafter. O'Connor erscheint als ein gebildeter Mann; sein Verhältniß zu Maria hatte nicht nur einen sinnlichen, sondern auch einen sentimentalen Anstrich. Bald nach jenem Briefe ward der Ehemann bei ihm eingeführt, und von da ab schreibt sich der intimste Verkehr zwischen den Dreien. Bekannt ward ferner noch ein Factum, daß die Mannings sofort nach der Mordthat an ein Verschwinden dachten, und Sorge trugen, daß ihre Entfernung keinen plötzlichen Verdacht errege. Sie bemühten sich daher einen Studenten Craven (einen Freund des Studenten Massay) auf alle mögliche Weise dahin zu bewegen, daß er bei ihnen einziehe. Sie gingen ihn wiederholentlich an, bewirtheten ihn mit Wein und setzten ihm einen wahren Spottpreis. Er schlug es aber hartnäckig aus. Auch wußte man schon am 30. October, daß Manning ein vollständiges Bekenntniß abgelegt, wie die Mordthat verübt worden, was aber erst nach der Execution bekannt gemacht werden sollte. Schriftlich hatte er seinem Vertheidiger Wilkins mitgetheilt: seine Frau habe O'Connor erschossen, und nachher gedroht, auch ihn zu erschießen, wenn er ihr nicht hülfe, die Leiche begraben. Er empfing auch einen Brief seiner Schwester, »welche eine höchst achtbare Dame in der Provinz sei.« Erschüttert schrie er beim Lesen mehrmals auf. Man erfuhr ferner, daß Maria Manning aus ihrem Kerker, vor den Gerichtstagen, mehrmals Billette an ihren Mann geschrieben »in der allerobscönsten Sprache« und in gebrochenem Englisch, die ihren Vertheidigern mitgetheilt wurden. Sie machten aber natürlich keinen Gebrauch davon. Der Mordthat geschah nirgend darin Erwähnung. Ja, es häuften sich jetzt die Beweise, wenn es deren noch bedurft hätte. Man erfuhr, daß O'Connor kurze Zeit vor seiner Ermordung einer jungen Dame Heirathsanträge gemacht, daß sie auf dem Punkte standen, sich zu verheirathen, und daß Manning und seine Frau darum wußten. Wäre die Ehe zu Stande gekommen, so hörte wahrscheinlich das Verhältniß zwischen O'Connor und Maria Manning auf, und damit verschwanden die Vortheile, welche beide Eheleute davon zogen. Hier also auch ein nahe liegendes Motiv zur That. Während der beiden Gerichtstage, wo die Gefangenen in unvermeidliche Berührung mit den Zuschauern kamen, wurden sie beim jedesmaligen Hinabführen in der Zwischenzeit streng durchsucht. Am zweiten Tage fand man in Mariens Tasche ein großes abgebrochenes Glasstück, welches ein gefährliches Geschoß in ihrer Hand hätte werden können. Man vermuthete, daß sie es einem Geschworenen oder Richter in ihrer Heftigkeit an den Kopf werfen wollen. Die Pistolen wurden bei einem Trödler aufgefunden und von Manning anerkannt. Er erklärte dabei, seine Frau habe beide geladen, und nachdem sie mit der einen die That verübt, die andere auf ihn gerichtet, mit der Drohung loszuschießen, wenn er ihr nicht beistehe. Die Kugel, welche der Wundarzt aus O'Connor's Schädel gezogen, paßte in die Pistolen. Am 1. November wußte man auch aus Manning's Munde, daß O'Connor's Kleider mit seinem Taschenbuch in der Küche verbrannt worden. Früher war die Polizei der Meinung gewesen, daß die Mörder die Kleider um das verschwundene Brecheisen gewickelt und Beides in die Themse versenkt hätten. London hoffte also auch noch das Brecheisen aufzufinden. Ja, man wollte aus Manning's Munde wissen, daß das Grab schon seit dem Mai gegraben gewesen! So lange der Mord vorbereitet! Aber der Muth fehlte zur Ausführung bis zum Abend des 9. August. Ein Fensterladen der Hinterküche war darüber gelegt, über diese ein Teppich. O'Connor pflegte, wenn er bei Mannings zu Mittag aß, vorher in die hintere Küche zu gehen, um sich unter der Wasserrohre die Hände zu waschen. O'Connor mußte mehre Male über sein eigenes Grab geschritten sein! Die Zeitungen vom 5. November bringen uns eine Notiz über die Zusammenkunft Manning's mit seinem Bruder Edmund im Kerker, in Gegenwart des Gefängniß-Kaplans Roe und anderer beaufsichtigender Beamten. Manning saß in der Halle der Verurtheilten an einem kleinen Tische, so verändert und geistig niedergedrückt, daß sein Bruder ihn kaum wiedererkannte. Er schüttelte ihm fieberhaft die Hand, und hielt sie eine Weile krampfhaft gedrückt, ohne während der Zeit fähig zu sein, nur ein Wort zu äußern. »Gewiß, Friedrich, du bist unschuldig an diesem schrecklichen Verbrechen?« sagte endlich der Bruder. – »Nein, ich bin nicht schuldig«, erwiderte der Gefangene, »ich habe Alles an Master Roe gesagt. Nicht wahr, Master Roe? (Dieser nickte.) Edmund, sie ermordete ihn. Ich war oben und zog mich an, als sie ihn erschoß. Ich wußte nicht, daß sie deshalb hinunterging. Master Roe weiß, ich bin unschuldig.« Mit Heftigkeit fuhr er fort seine Unschuld zu betheuern. Als sein Bruder ihn fragte, ob er denn nicht in seine Frau gedrungen, ein volles Bekenntniß abzulegen, war seine Antwort: »Ja, und ich habe Master Roe autorisirt, habe ich das nicht immer wieder und wieder gethan, daß sie zu mir kommen solle, weil ich ihr solche Fragen vorlegen wolle, daß sie nicht entschlüpfen sollte!« Der Geistliche bestätigte es, die Manning habe aber nicht kommen wollen. Manning übergab seinem Bruder eine Abschrift seines Briefes an seine Frau, worin er sie zum Bekenntniß drängt, damit die Welt den himmelweiten Unterschied zwischen ihrer Schuld kennen lerne, denn davon hänge für ihn Leben und Tod ab. Da sie doch bestimmt wisse, daß er unschuldig sei, beschwor er sie, ihn durch ein Wort von dem schmählichen Tode am Galgen zu retten. Der Brief schloß mit der Bitte wenigstens um eine Zusammenkunft. Maria Manning hatte schriftlich geantwortet. Der Brief fing an: »Ich richte diese Zeilen an dich, als meinen Ehemann«, und mehrmals war der Ausdruck gebraucht: »Mein Theuerster«. Aber im Verlauf sagt sie: sie wäre ganz unschuldig an der teuflischen Beschuldigung , die man ihr zur Last gelegt, und er allein könne sie retten; sie könne ihm keine Zusammenkunft bewilligen, bis er schriftlich ihr erklärt, daß sie an O'Connor's Tode unschuldig ! Darauf folgte ein merkwürdiger Passus, worin sie urplötzlich die Schuld auf einen Dritten schiebt. (Dieser und der Brief des Mannes werden in der Folge buchstäblich mitgetheilt, wir gehen daher hier über die ungenauen Mittheilungen derselben durch die Zeitungen hinweg.) Als Mannning's Bruder den Brief gelesen, sagte er: »Friedrich, sie wäscht sich selbst rein und beschuldigt einen Dritten; wen meint sie?« – Der Gefangene erwiderte: »Alles ist falsch. Niemand begleitete mich nach Jersey. Du wirst mir glauben, Edmund, wenn ich dich versichere, daß ich unschuldig bin, denn du warst immer mein bester Freund, und wenn ich deinem Rathe gefolgt wäre, hätte ich das Weib gar nicht geheirathet.« – Der Bruder ermahnte ihn nach einer Pause, seinen Frieden mit Gott zu schließen, der ihm gnädig sein werde, wenn er wirklich unschuldig sei. »Liebster Edmund!« rief Manning, »ich bin unschuldig. Master Roe weiß das ganz gut. Ich hoffe, der allmächtige Gott wird meine Seele in die höllischen Flammen stoßen, wenn ich dieses Mordes schuldig bin. Master Roe weiß und hat Alles, was ich ausgesagt habe. Feierlichst erkläre ich, daß ich unschuldig an O'Connor's Morde sterbe. Ich habe ihm kein Haar an seinem Haupte gekrümmt.« Man wollte am 5. November wissen, daß der unglückliche Mann sich außerdem der Theilnahme an einigen Räubereien beschuldigt, um auf diese Weise einen Aufschub vom Minister des Innern zu erhalten, während seine Frau ihre Appellation im Wege der Beschwerde gegen die Jury aus Engländern und durch den Antrag auf Zusammensetzung einer gemischten Jury verfolgte. Im Uebrigen hoffte sie auf vornehme Fürsprache. Ihre Gönnerin, Lady Blantyre, oder deren Mutter, die Herzogin von Sutherland, werde sie doch nicht verlassen und ihr Leben retten. Sie fuhr fort sich mit großer Sorgfalt anzukleiden, sie aß mit vollem Appetit und schlief vortrefflich. Jeden Morgen besuchte sie regelmäßig den Gottesdienst, und schien sich wenig um ihre Wächter zu kümmern. Es scheint übrigens, daß Intriguen mancherlei Art angewandt wurden, um die Manning ihrem Schicksal zu entreißen. Ihr Privatanwalt, Salomons, empfing einen anonymen Brief, offenbar von weiblicher Hand, des Inhalts: »Ich bitte Sie zu beachten, daß Mistreß Manning wahrscheinlich ein vollkommenes Recht hat, durch eine Jury de medietate linguae gerichtet zu werden, da ihre Eigenschaft als Fremde nicht wirklich verwirkt ist. Bemühen Sie sich nach der Kirche St. Marylebone und blicken in die Kirchenbücher. So werden Sie finden, daß George Frederick Manning, jetzt unter dem Todesurtheil schmachtend, dieselbe Person ist, welche 1832 Mary Roberts heirathete, und daß sein Bruder Richard Manning Zeuge bei der Trauung war. Finden Sie das nicht so, so würden Sie (da und da) nähere Umstände erfahren.« Wenn Manning rechtsgültig vorher verheirathet war, und Mary Roberts noch lebte, so war seine Ehe mit Maria Roux ungültig, diese selbst also eine Fremde, die nur durch eine gemischte Jury gesetzlich gerichtet werden durfte. Eine andere Zeitung läßt den ehrenwerthen Master Salomons nach der Marylabonekirche eilen, und es findet sich Alles, wie es im Briefe angegeben ist. Im Kirchenbuche steht die Notiz: »März 2. 1832. »George Frederick Manning, Junggesell und Mary Roberts, Jungfrau, wurden durch Aufgebot von der Kanzel verheirathet. Sarah Lawrence  }  Zeugen Richard Manning  }  Organt Burgaß, B. A. Pfarrer.« Eine nächste Nummer der Times brachte an ihren Herausgeber aber schon wieder folgenden Brief: »Sir, da mir Ihre Bereitwilligkeit bekannt ist, alle Irrthümer zu berichtigen, die darauf ausgehen, das Publicum zu täuschen, besonders in dem Fall, auf den ich anspiele, so fühle ich mich, als Bruder des unglücklichen Frederick George Manning, veranlaßt, um mir, meinen Brüdern und der ganzen Familie Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, einer Angabe zu widersprechen, welche auch Ihre Zeitung in Betreff einer angeblichen frühern Ehe meines Bruders mit einer gewissen Mary Roberts gebracht, welche 1832 in der Marylebonekirche stattgefunden haben soll, und in Folge welcher mein Bruder des Verbrechens der Bigamie schuldig erschiene. Ich bitte Sie demnach zu bemerken, daß er am 20. Mai 1820 geboren ward, woraus die gänzliche Unmöglichkeit dieses Factums entspringt, indem er zur Zeit jener Heirath gerade 13 Jahr alt war. Ich bin u. s. w. Edmund Manning.« Noch einmal fand in dieser Sache vor dem Appellhofe in Criminalsachen, the Court of error in criminal cases, eine feierliche Gerichtssitzung statt, in welcher über Maria Manning's Appellation auf das Recht, als Fremde gerichtet zu werden, verhandelt ward. Das übergroße Interesse, welches London für diesen Prozeß hatte, bewirkte einen Zudrang wie bei den wirklichen Gerichtsverhandlungen, obwol nur über eine Rechtsfrage debattirt wurde. Der Anwalt der Interpellantin, Ballantine, sprach beinahe eine Stunde: Nach zwei Parlamentsacten, aus dem 28. Regierungsjahr Eduard III., und dem 6. Georg IV. habe jeder Fremde das Recht, von einer Jury gerichtet zu werden, die zum Theil aus Fremden bestehe; das Eingehen in eine Ehe mit einem geborenen Unterthan könne die Berechtigte ihres Rechtes nicht berauben. Zwar besage eine Parlamentsacte, ergangen unter der gegenwärtigen Regierung der Königin Victoria: daß Personen aus der Fremde, welche mit einem Engländer verheirathet seien, dadurch aller Privilegien geborener Unterthanen des Reiches theilhaft würden und deshalb auch wie geborene Unterthanen behandelt und gerichtet werden müßten. Dieses Statut sei aber erst durchgegangen, nachdem die Ehe vollzogen worden ; es sei ferner durchgegangen, ohne daß seine Clientin darum gewußt oder beigestimmt, und sie sei deshalb durch dasselbe in keiner Art gebunden. Auch sei der Wortlaut jenes Statutes der Königin Victoria nicht der Art, daß es seine Clientin aller Rechte beraube, welche sie als Fremde vor der Heirath gehabt. Nach den alten Statuten sei aber Jemand, der in der That kein Fremder sei (if a person was not in fact an alien), aber vor Gericht sich darauf berufe, daß er ein solcher wäre, berechtigt, auf eine Jury de medietate linguae anzutragen. Die Motive wurden auseinandergesetzt; sie liegen zu Tage. Der Kronanwalt widerlegte die Gründe des Appellanten: Wenn eine Frau einen englischen Unterthan heirathe, so mache sie sich dadurch von selbst zur Unterthanin des Reiches, sie könne sich davon nicht losmachen. Und wenn sie das nicht könne, wie, frage er, könne sie die doppelte und sich widersprechende Stellung behaupten, zu gleicher Zeit eine Fremde und eine Eingeborene zu sein? Uebrigens, wenn in diesem Falle die Ehefrau durch eine Jury de medietate linguae gerichtet werden müsse, so müsse ihr ein von ihrem Mitangeklagten getrenntes Gericht bestellt werden, indem natürlich der Andere nicht auch dasselbe Recht fordern dürfe, noch von einer Jury gerichtet werden könne, die zum Theil aus Ausländern besteht. Das Gericht entschied sich kurz: die Frage sei einfach die, ob die Gefangene eine Fremde oder naturalisirt sei? Wenn naturalisirt, habe sie jenes Privilegium nicht. Sie war zur Zeit des Gerichts die Ehefrau eines geborenen englischen Unterthanen, also naturalisirt, also nicht mehr eine Ausländerin. Die Appellation ward einstimmig verworfen. Am 9. empfing Manning seinen Sachwalter Brie in seinem Gefängnisse. Er schien wieder gefaßt und schüttelte dem Besuche herzlich die Hand, indem er ihm für seine Güte, die er ihm erwiesen, dankte. Er versicherte jetzt auf den Tod ganz vorbereitet zu sein, und wolle ganz zufrieden sterben, wenn nur seine Frau die Wahrheit bekennen wolle. Er bekannte: einige Eisenbahnactien auf seiner Flucht mit sich genommen zu haben; aber aus Furcht vor der Entdeckung habe er sie in Jersey verbrannt. Das Brecheisen wollte er auf einer gewissen Eisenbahnstation, die er nannte, zurückgelassen haben. Brie solle seine Schulden bezahlen und was übrig bleibe(?) seinem Bruder Edmund ausantworten. Auch übergab er Brie folgende zwei Briefe, deren Inhalt bereits erwähnt ist und die schon am folgenden Tage in den Zeitungen publicirt wurden. Der erste war der, welchen er an seine Frau geschrieben: »29. October, geschrieben in der Zelle der Verdammten, Horsemangergebest, »Ich schreibe an dich, als an eine Mitsünderin und eine Mitdulderin, nicht als an mein Weib, indem unser Ehecontract doch als zerrissen muß betrachtet werden, weil er nur bis zum Tode dauert, nicht darüber. Und wie wir Beide schon am Rande der Ewigkeit stehen, mögen wir uns auch schon als von dieser Welt abgetrennt betrachten. Das Bewußtsein dieser Wahrheit hält mich indessen nicht ab, dir meine ernste Sorge und Betrübniß, wegen des Heils deiner und meiner Seele auszudrücken. Um deswillen bitte und beschwöre ich dich, wahr in Allem zu sein, was du äußerst, und dich nicht versuchen zu lassen durch die Lockungen des bösen Feindes, daß du einen Augenblick nur dem Zweifel Raum als würden wir nicht in kurzem vor unserm Gott und seinem Gericht erscheinen; daß sein Auge auf uns niedersieht; daß die Zeit sehr nahe ist, wo wir in die Ewigkeit geschnellt werden, ja daß sie gewiß schon sehr nahe ist. Und nun bitte ich dich ernstlich bei all den freundlichen Gefühlen, die wir jemals Einer gegen den Andern gehabt, du mögest zu Gott blicken nach der Gnade, die dir noth thut, ach, die auch mir so sehr noth thut. Glaube mir, bei den Verdiensten unseres gekreuzigten Erlösers, ich bin überzeugt, daß alle seine Verzeihung und Vermittelung uns nichts hilft, wenn wir nicht bereuen und Proben dieser Reue abgeben. Glaube mir, ich will dich nicht reizen, sondern vertraue, daß auch du versichert bist, daß ich Jedermann vergebe, wie ich bitte und hoffe, daß mir Gott vergebe. Und nun schließe ich, denn meine Gefühle sind zu sehr aufgeregt, um mehr schreiben zu können. Möge der Herr gnädig sein und in seinen Verheißungen ausharren. Laß uns aber treu und aufrichtig sein in Allem, was wir sagen und thun. Dies ist der letzte Brief, den du von mir empfangen wirst. Nun bitte ich dich, gewähre mir; wo möglich heute, eine Zusammenkunft. Ich wünsche das so sehr, ehe ich von dieser Welt scheide. F. G. Manning.« Der andere Brief ist Maria Manning's Antwort. »30. October 1849. »Ich schreibe an dich, als an meinen Ehemann. – Ich bin weit fort von meinem glücklichen Geburtslande. Daran schuld ist der Ehecontract und dies Land, welches du für mich zu einem Gefängniß gemacht hast. Der Friede und die Annehmlichkeit (wellbeing) der Gesellschaft, die Gesetze der Wahrheit, die du gebrochen hast, haben meine Verbannung aus dem Lande nöthig gemacht, welches mir das Leben schenkte. (?) Aber ich gehe darum nicht von Gott fort. Er ist überall gegenwärtig und jederzeit gnädig Denen, welche seine Gnade und seine Gunst suchen. Was hat mich nur zu dieser ewigen Folgerung gebracht. (?) Wenn du lebst und stirbst, ohne Gottes Verzeihung, daß diese Sünden durch die Gesetze der Menschen gestraft werden, aber sie sind auch eingeschrieben alle in die Tafeln des einigen Gottes. (??) Alles, was ich zu sagen habe, ist dies: – ich habe nie ein Bekenntniß irgend einer Art gemacht, um dich in dieser Angelegenheit zu kränken oder zu verdammen. Das weißt du sehr wohl, von Anfang zu Ende. – Ich bin hier verurtheilt nur auf deine Angabe. Wäre es dir von Nutzen gewesen, so würde ich zufrieden sein. Mit Allem, was du gethan, und allem Aufwand von Gelehrsamkeit deiner Rathgeber, hast du nichts durchgesetzt für dich; du hast mich nur unbarmherzig mit dir zugleich in dies schreckliche Loos hinein gestürzt. »Um was ich dich nur noch bitte, ist die Thatsachen zu bekräftigen, da du wohl weißt, daß ich nicht im Hause war, als O'Connor seinen Tod fand . Sondern ich war ausgegangen, um ihn zu suchen, und während dessen, daß ich abwesend war, kam er, und wurde von dem jungen Mann aus Guernsey erschossen, der mit dir in der Hinterstube rauchte. Daß ich nicht das Geringste davon erfuhr bis zum Sonnabend, und daß Alles in der Küche abgethan war. Ich war der Hoffnung, du würdest den jungen Mann vor Gericht gestellt haben, aber das thatest du nicht, du thatest nichts als mich blosstellen, und das hast du vom ersten Tage an gethan. Aber, mein Theurer, da du weißt, daß dich dies selbst nicht retten kann, beschwöre ich dich, die Thatsachen, die wahr sind, anzugeben, und zu versuchen dein Weib zu retten. Indem du so handelst, wird es deinem Herzen und deiner Seele zur Rechtfertigung gereichen, zu wissen, daß du gegen mich gerecht und gut gehandelt, ehe du aus dieser Welt scheidest. Unser Herr Gott wird dir vergeben und dich trösten. Glaube mir, ich will dich nicht reizen, sondern vertraue, daß auch du versichert bist, daß ich dir und Jedermann vergebe, wie ich bitte und hoffe, daß mir Gott vergebe. (NB. das sind dieselben Worte, abgeschrieben aus dem Briefe ihres Mannes,) Wenn du mit mir einverstanden bist in dieser wahrhaften Angabe , will ich dich gern noch einmal sehen. Meine Hoffnung und mein Leben ruhen in deinen Händen. Wenn du willst, kannst du mich retten. Erinnere dich, du kannst nicht Rede stehen für unsere Sünden und Uebertretungen, wenn alle unsere geheimen Sünden vor Seinem Lichte zu Tage kommen, und wenn der Elende, der in den Tag hinein lebte und jämmerlich starb ohne die Furcht und Gnade Gottes ohne Zweifel in alle Ewigkeit verdammt ist. O wie wird an dem Tage das schwache Herz unter der Last des Gewissens schlottern, und ein zorniger Richter wird durchbohrend auf den Elenden blicken. »Demüthig blicke ich zu Dir, o Herr! Du hast als Buße für die Erlösung von den Sünden, die hinter uns liegen, durch Deine Vermittlung – doch, ich kann nicht mehr schreiben. Gott segne dich, und sei gnädig uns Beiden. M. Manning.« Einen Commentar bedarf der Brief dieses merkwürdigen Weibes nicht, trotz der stilistischen Dunkelheiten des Anfangs. Ihre Absicht ist klar genug. Am 10. wußten die Zeitungen bereits Umständlicheres über die Enthüllungen, welche Manning gegen seine Verwandten gemacht. Einen Monat vor der Ausführung des Verbrechens sprach seine Frau zu ihm von ihrer Absicht, O'Connor zu ermorden, um sich in Besitz der großen Summe Geldes zu setzen, von der sie wußte, daß er sie bei sich hatte. Er versuchte, sie von dem Gedanken abzubringen, und sagte ihr, sie würde dafür gehängt werden. Sie aber sagte, sie sei einmal entschlossen, ihn zu erschießen, und er müsse ihr helfen, ihn in der Küche zu begraben. Um diese Zeit kaufte sie ein Dutzend Flaschen Branntwein, und obschon sie gerade damals nicht bei Casse waren, um solche Ausgabe zu machen, so that sie es dennoch und schenkte ihrem Manne so reichlich ein, »daß er während der ganzen Zeit niemals recht bei Sinnen war«. Anfangs wollte er die Sache bei der Polizei angeben; aber er fürchtete seine Frau, sie hatte große Gewalt über ihn. Dann dachte er auch wol, sie wird es nicht ausführen. Aber mehrmals sagte er zu ihr: er wolle mit der Sache nichts zu schaffen haben. Um jene Zeit(?) hatte O'Connor von einigen Freunden eine Einladung nach Boulogne erhalten, und Maria Manning sollte auch dahin. (?) Sie meinte, wenn sich in ihrer Wohnung in Miniver-Place die Gelegenheit nicht fände, würde es schon in Boulogne sein, und es würde niemals herauskommen. In der Absicht kaufte sie ein Paar kleine Pistolen im Laden des Büchsenmacher Blanch, der, auf ihre Bitte, sie unterrichtete, wie man sie laden müsse. Um besser vorbereitet zu sein, wie man den Körper verschwinden mache und alle Spuren der Schuld vertilge, mußte er in ihrem Auftrage das Brecheisen und den Kalk bestellen. Sie selbst aber grub mit der Schaufel 14 Tage vor dem Morde das Grab und trug die Erde schürzenweise hinaus in den Müllkasten, oder mischte sie mit der Asche. Im Juni fand mit Massay das Gespräch statt, wie man es anfange, Jemanden eine 500 Pfundnote aus der Hand zu nehmen. O'Connor galt für einen Teatotaller, und Massay sagte zu Manning, wenn er ihm Morphin, das wie ein weißes Pulver aussehe, in den Thee schütte, würde er so betäubt werden, daß man Alles mit ihm vornehmen könne. Man habe das aber nie versucht. Manning befand sich damals in sehr gedrückten Verhältnissen. Man erinnerte ihn an den Abend vor der Mordthat, wo O'Connor die Eheleute besucht, unwohl geworden und mit Eau de Cologne gerieben wurde. Man fragte ihn, ob er ihn da vielleicht schon einschläfern wollen? Manning bestritt es; O'Connor's Unwohlsein wäre die Folge des Branntweins gewesen, von dem er aus Furcht vor der Cholera zu viel zu sich genommen. Nun die Enthüllung des Mordabends. O'Connor kam (wahrscheinlich vor 5) in ihre Wohnung, wechselte dort einige Worte mit der Manning und ging dann fort. In einer halben Stunde kam er zurück; sein Benehmen zeigte Unentschlossenheit, ob er bleiben oder gehen solle. Daher erklärt sich, daß man ihn gegen 5 Uhr auf der London Brücke sah, nach der Stadt zu gehen. Er hatte sich aber anders entschlossen und ging wieder nach dem Miniver-Place. Die Manning ersuchte ihn zu bleiben, und er trat in die Wohnstube und setzte sich nieder. Bald darauf sagte sie zu ihm: »Kommen Sie herunter und waschen sich die Hände vor Mittag.« O'Connor erwiderte: »Ach was, heut kümmere ich mich nicht darum.« – »Ei«, entgegnete die Manning, » es wäre doch gut, wenn Sie es thäten, denn Miß Massay kommt auch und Sie wissen, das ist eine sehr eigene Dame, und Sie sollten sich ihr in vortheilhaftem Lichte zeigen.« Die Manning wußte, daß die Massay damals gar nicht in der Stadt war. Manning beschwört, daß er in jenem Moment nicht daran gedacht, daß seine Frau jetzt mit dem argen Vorsatz umginge. O'Connor stieg die Treppe hinab nach der Hinterküche, während Mistreß Manning ihm dicht folgte. Er blieb oben im Vorderzimmer und zog sich an. Nach einigen Minuten kam seine Frau herauf und rief: »Ich hab's gethan – der steht nicht wieder auf.« Manning war todtenbleich. Er konnte ihr nur sagen: »sie wäre ein geliefert Weib und würde wegen des Mordes an den Galgen kommen.« Sie geriethen Beide in Affect. Sic sagte ihm, er wäre ein »verfluchter Feigling«, sie legte das Pistol auf ihn an, welches geladen war, und schrie mit entsetzlicher Stimme: »Wenn du nicht runter kommst und ihn ansiehst, so mache ich's mit dir ebenso.« Er fragte sie, wie sie es gethan, und was O'Connor gesagt? Sie schluckte ein Glas reinen Branntweins herunter, ehe sie antwortete: Wie O'Connor die Treppe hinuntergegangen, habe er ausgerufen: »Was, seid Ihr mit der Gosse noch nicht fertig?« Statt Antwort drückte sie die Mündung der Pistole ihm dicht an den Hinterkopf und schoß ihn todt. – Man meinte, dies sei der Grund, daß weder Manning noch Jemand in der Nachbarschaft etwas von dem Geräusch gehört habe! Nach einigem Zaudern, aber von ihren Drohungen überwältigt, ging er hinunter. Es war ein entsetzlicher Anblick. O'Connor lag auf seinem Gesicht, zusammengekauert, der Kopf hing schon in das Grab, welches ihm bereitet worden, die Hände zu beiden Seiten des Kopfes. Um diese Stellung zu erklären, fiel Manning selbst auf die Knie, in Gegenwart seines Bruders und seiner Schwester, des Gefängnißdirectors und des Kaplans, und bildete sie ihnen nach. Es war etwa eine Viertelstunde nach der Mordthat selbst. Die Frau drehte den Körper um, und schlug ihn drei bis vier Mal auf den Hinterkopf mit der Brechstange, indem sie dabei ausrief: »Du verdammter, alter Schuft, du wirst mich und keinen sonst mehr betrügen.« Manning stürzte voll Entsetzen die Treppe hinauf. Sie folgte ihm bald darauf und zeigte ihm die Schlüssel, welche sie aus den Taschen des Ermordeten genommen. Sie zog ihr Keid aus, das mit Blut befleckt war, dasselbe, welches bei der Gerichtsverhandlung vorgezeigt worden, und wusch sich die Hände, die ganz mit Blut besudelt waren. Dann ging sie aus und sagte, sie würde bald zurück sein. Ihn, Manning, schauerte im Hause allein zu bleiben. Darum ging er in den Garten, setzte sich auf die Mauer, rauchte und plauderte mit der Nachbarin. Er wollte überhaupt aus dem Hause fort, aber sie überredete ihn zu bleiben. Maria kam zurück. Sie war in O'Connor's Wohnung gewesen. Sie brachte mehre Scripturen u. s. w. mit, von denen sie einige sofort verbrannte, weil sie für sie werthlos waren; die übrigen verwahrte sie. Auch die Kleider wurden verbrannt. Manning muthmaßte, daß seine Frau das Brecheisen mit sich genommen und auf einer der Eisenbahnstationen zurückgelassen habe. Am nächsten Tage versetzte sie zwei goldene Uhren aus O'Connor's Erbschaft. Am Montag erzählte sie ihrem Manne, daß zwei fremde Herren bei ihr gewesen und nach O'Connor gefragt hätten. Sie fürchtete, es wären verkleidete Polizeibeamte und zitterte am ganzen Leibe. Er sagte ihr zu ihrem Trost: sie sei gewiß entdeckt und werde gehängt werden. Sie fiel darauf in Ohnmacht, aber einige Schluck Branntwein, die Manning ihr eingab, brachten sie wieder zu Kräften. Jetzt erklärte auch sie, es nicht länger hier aushalten zu wollen. Sie wollte nach Amerika; aber, setzte sie hinzu, wenn es herauskäme, würde sie aushalten bis auf allerletzt. Nach einiger Ueberlegung sagte sie: »Nu, Fritzel (Freddy), geh zu Bainbridges und suche, daß du unsere Möbel verkaufst. Aber nicht zu hastig. Besinne dich ein bischen und rauch deine Pfeife. Ich will auch da sein in ein paar Stunden.« Er that, wie sie gesagt. Aber sie kam nicht zu Bainbridges. Er schickte und er ging selbst hin. Das Haus war leer, sie fort. Da er fast ohne alles Geld war, versetzte er die Pistolen bei einem Pfandleiher, verkaufte dann alles Geräthe und machte sich auf den Weg nach Jersey. Alles Geld, welches er in der Bank aufgenommen, hatte sein Weib ihm abgenommen. Diese Erzählung Manning's, wie die Zeitungen sie am 10. brachten, ist zwar nicht beglaubigt wie die von ihm zu Protocoll gegebene und nach seinem Tode publicirte, sie enthält aber an sich selbst weit mehr Glaubwürdigkeit durch die warmblütigen Züge der That, die schwerlich erfunden worden, und welche die Geistlichen, die jenes Protocoll niederschrieben, wahrscheinlich für ungeeignet zur Aufnahme in die Bekenntnisse eines Sterbenden hielten. Es ist schon Erwähnung gethan, daß der oder die Verurtheilte sich anderer Räubereien selbst bezüchtigt, um einen Aufschub ihrer Strafe zu erlangen. Auf der Great-Western-Eisenbahn war ein solcher Raub vorgefallen. Manning erklärte aber gegen seinen Bruder, daß er davon nichts wisse. Ein gewisser Poole und Andere möchten wol darin verflochten sein. Wahrscheinlich wisse seine Frau darum, die mit Poole vertraut sei. Der Unglückliche hatte noch eine Bitte an seine Aufseher: daß man nicht erlauben möge, einen Abdruck von seinem Kopfe nach seinem Tode zu machen, damit er nicht in die verfluchte Wachsbude der Madame Tussaud gesperrt werde. Er bitte das inständigst, um seiner Familie willen. Man versprach ihm, wenn möglich, es zu hindern. Er schien davon erleichtert, und betheuerte nun noch ein Mal: wenn er hingerichtet werde, so würde einem Unschuldigen das Leben genommen. Zum Schluß bat er alle Anwesende mit ihm niederzuknien und zu beten. Schmach und Schande genug in der That und was ihr folgte. Diese ruht auf den Schultern eines verwilderten, ruchlosen Weibes und des halb stumpfsinnigen Schwächlings, ihres Ehemanns. Aber damit ist das Maß der Schande dieses Prozesses nicht gefüllt, den nachfolgenden Theil trägt leider das Volk »mit der Erbweisheit« von Jahrhunderten. Alle diese Erbweisheit und das tiefe religiöse Fundament, auf welches sein Staatsleben begründet ist, hat die cannibalische Wahrheit nicht zu entfernen vermocht, welche erst dann grauenhaft erscheint, wenn sie mit der Blasirtheit und Frivolität der Bildung und Verfeinerung der Zeit sich mischt. Hören wir Engländer selbst darüber sprechen. Nach der Hinrichtung hat bekanntlich Boz (Dickens) seine Stimme dagegen erhoben; über die Vorbereitungen sagt aber bereits ein Schriftsteller: Die krankhafte Neugier des Publicums, bei der Execution großer Verbrecher gegenwärtig zu sein, ist für uns schon lange ein Vorwurf und eine Schande; aber wer es nicht sieht, der hätte das nicht geglaubt, was man seit zwei Tagen vor dem Kerker von Horsemanger-Lane erblickt und hört. Von früh Sonnabend Morgens bis spät in die Nacht ertönen die Hammer der Zimmerleute. Kein Moment Ruhe dazwischen. Viele Hundert Handwerker zimmern möglichst bequeme Sitze für die Zuschauer des Schauspiels, welches wahrscheinlich künftigen Dienstag dort stattfinden wird. Die Häuser, dem Gefängniß gegenüber, sind unansehnliche Gebäude, jedes hat zur Seite Gärten, die sich 30–40 Fuß in der Fronte erstrecken. Diese Gärten werden nun mit Galerien von drei Rängen überbaut für Zuschauer; in den Häusern erhält jedes Fenster seine Sperrsitze; sie werden angebracht auf den Dächern, an den Schornsteinen. Alles ist ernstes Geschäft, Contracte vor dem Notar werden abgeschlossen. Es werden Einlaßbillete gedruckt des Inhalts: » Hinrichtung Manning's und seiner Frau .« »Einlaß für den Inhaber dieses zum Sitzplatz Nr. – im Hause, Numero – Horsemanger-Lane.« In zweien dieser Häuser haben die Vertreter der Presse Plätze erhalten, da nach einer neuen Verordnung am Tage der Execution Niemand im Gefängniß selbst Zutritt erhält bis auf die Polizei- und Gerichtspersonen. – Im Winkel vor dem Hause in der Swanein hölzernes Gebäude mit amphitheatralischen Sitzen errichtet, so kunstgerecht gebaut, daß Jeder sehen kann, was vorgeht. Zwei ähnliche (da und dort), dazu eine Plateform, welche beide Arenen verbindet. »So wird denn gar kein Mangel an Bequemlichkeit für Alle sein, welche die Ceremonie mit ihrer Gegenwart zu beehren wünschen.« – Höchst ehrenwerthe Gesellschaften bemühten sich mit einem unerschöpflichen Eifer bis Sonnabends um Plätze. Für Stehplätze in ziemlicher Entfernung ward eine Guinee gezahlt. »Auch heißt es, daß bereits mehre Mitglieder der Aristokratie sich ihre Plätze gesichert haben, und in einem Hause, dem Gefängniß gegenüber, macht der Wirth kein Hehl daraus, daß seine Gäste ihn um ein Champagner-Frühstück a discretion ersucht haben. Ein anderer alter Herr, der das Gedränge am Morgen fürchtet, hat sich ein Bette für die Nacht bedungen, um, wenn er die Augen öffnet, die Fallklappe schon im Morgenlicht zu sehen.« Das Schaffot wird erst am Tage vorher errichtet werden. Zu dieser Hauptsache beim Schauspiel braucht man nur wenige Stunden. Während des Sonnabends ward auch eine Zahl Arbeitsleute damit beschäftigt, die losen Pflastersteine vor dem Gefängniß fortzuschaffen; eine nothwendige Vorsicht, um dem Pöbel die Waffen zu entziehen, entweder zum Kampf unter sich, oder um sie gegen die Verurtheilten zu schleudern. Die Gegend umher glich einem Markte, so ward um die Billette gehandelt. Ja – unerhört für England – dies Geschäft dauerte noch am Sonntag fort. Constabler wurden in der Zahl von 400–500 gefordert. Aber damit begnügt man sich nicht, man führt an allen Zugängen Barrieren auf, um den gefürchteten Zudrang zu verhindern, da möglicherweise die Quetschungen allein viel Menschenleben kosten dürften. Vor dem Polizeigerichtshofe kam eine seltsame Klage vor. Ein Miether beschwerte sich über seinen Wirth. In einem der Häuser in Horsemanger-Lane wohnhaft, gegen hundert Schritt vom Gefängniß, war ihm von seinem Wirth ein Gerüst dermaßen hoch vor die Nase gebaut, daß das Licht nicht mehr in sein Zimmer drang. Der Miether behauptete, der Wirth habe nicht das Recht, ihm das Licht zu entziehen, und trug darauf an, daß das Gebäude niedergerissen werde. Sofort verordnete der Richter die Beweisaufnahme, und ein Polizeiofficiant, der an Ort und Stelle beordert ward, brachte schon in 10 Minuten den vollständigen Beweis mit, daß es sich so verhalte, wie der Miether angegeben. Der Wirth replicirte, daß der Miether kein Recht habe, sich zu beklagen, denn seine Miethzeit sei mit dieser Nacht verstrichen, indem er ihm vorigen Sonnabend nach Wochenfrist gekündigt. Der Miether bestritt ihm das Recht. Der Polizeirichter erklärte, daß er mit dieser Civilangelegenheit nichts zu thun habe; weil aber der Wirth sein Thurmgebaude über den öffentlichen Weg gebaut, müsse es auf der Stelle wieder eingerissen werden. Eine Anzahl Constabler ward auf der Stelle hingeschickt, um für die Ausführung des Befehls zu sorgen. Vor demselben Polizeigerichtshofe erscheint auch der Geistliche des Horsemanger-Lane-Gefängnisses, Master Roe: der Zustand um das Gefängniß sei ein höchst betrübender. Fast alle Einwohner des Bezirks hätten vor ihren Häuserfronten hohe Stangen aufgerichtet; an diese kleine Querstangen befestigt und darüber Planken gebunden, Sperr- und Luftsitze für die Neugierigen zu dem gräßlichen Schauspiel am Dienstag Morgen. Alles dies sei so leicht aufgeführt, man werde so viele Personen auf die Stangenbretter setzen, daß Unglücksfälle gar nicht zu vermeiden wären. Sein Antrag daher: die Obrigkeit möge diese Ständer sammt und sonders niederreißen lassen. – Der Polizeirichter fragt: ob sie auf öffentlichem Grund und Boden errichtet wären? – Antwort: Nein. – Dann kann auch die Obrigkeit nicht helfen. Der Polizeirichter bedauerte nur zu hören, daß auch verständige Leute in so das Gefühl empörender Weise handeln könnten. Er hoffe, das Publicum, werde Achtung vor der Moral haben und solche Leute nicht begünstigen. – Wenn nun aber Unglücksfälle einträten, würden die Eigenthümer und Gerüstebauer nicht zur Verantwortung gezogen und wegen Todtschlags belangt werden müssen? – Zweifelsohne, entgegnet der Polizeirichter; er hoffe aber, das Publicum werde nicht sein Leben dran setzen um des Vergnügens halber, zuzusehen, wie man zweien ihrer Mitmenschen das ihre nehme. Polizei, Moral und Religion intervenirten umsonst; man hämmerte, baute, schichtete und schacherte – um Billets. Noch am Freitag (9. November) hatte Manning einen Brief an den Geistlichen Roe geschrieben, in welchem er ihn dringend ersuchte, seine Frau zu einer Zusammenkunft mit ihm zu bewegen, damit sie Beide in Frieden von dieser Welt schieden, um in Frieden vor Gott zu erscheinen. – Roe's Vermittelung war ohne Erfolg. Die Manning beharrte bei ihrem Entschluß, ihren Mann nur unter der Bedingung wiederzusehen, daß er sich zu den Erklärungen verstände, welche sie ihm dictirt. Manning hatte noch immer auf eine Verwandlung seines Urtheils gehofft; als sein Advocat ihm die Nachricht brachte, daß alle Anstrengungen deshalb fruchtlos gewesen, sank er wieder in große Muthlosigkeit. So am Freitag. Als ihn sein Bruder Edmund am Sonnabend Nachmittag besuchte, erklärte er sich ganz zufrieden gestellt und in sein Schicksal ergeben. Er richtete Bestellungen an alle seine Verwandte, namentlich an seine Schwester, auch an einen frühern Prinzipal, einen Wagenfabrikanten in Taunton, dem er danken ließ für alle Freundlichkeit, welche dieser ihm bei Lebzeiten erwiesen. Zugleich holte er eine von ihm entworfene Skizze hervor, die Hinterküche darstellend, mit der Situation, in welcher er O'Connor's Leiche gefunden, und war bemüht zu beweisen, wie es gar nicht möglich sei, daß er bei dem Morde betheiligt gewesen. Auf die Frage des Bruders, ob er ihn noch ein Mal vor der Execution besuchen solle, lehnte er es ab; es sei wol besser, daß dies das letzte Mal wäre: er scheide ja nur auf kurze Zeit von ihm, und bald, hoffe er, würden sie sich in einer besseren Welt wiedersehen. Auf sein Verlangen knieten abermals alle Anwesenden mit ihm nieder und der Kaplan mußte ein Gebet sprechen. Auch ein katholischer Prälat besuchte aus eigenem Antriebe beide Verurtheilte, die er früher gekannt. Sie blieb starr und rauh, wie gegen Alle. Manning empfing ihn dankbar für den Besuch, aber ließ es nicht zu religiösen Gesprächen kommen, aus Furcht, daß er ihn in seinem reinen protestantischen Glauben irre machen könne. Die Manning hatte einen Brief an die Königin gerichtet, mit der Bitte, sie vor dem Schaffot zu bewahren, mit der Betheuerung, sie sei am Morde unschuldig. Der Brief, eingeschlossen in einen andern an die Herzogin von Sutherland, schon am vorigen Montag auf die Post gegeben, war aber nicht im Sutherland'schen Hotel angenommen worden, weil – er unfrankirt war. Er ward erst am Sonnabend eröffnet. Unzweifelhaft hätte er, auch wenn der Zwischenfall nicht eintrat, keine Wirkung gehabt. Am Sonntag, 11., wohnten beide Verurtheilte dem Gottesdienst in der Gefängnißkapelle bei; es schien, als habe jeder das Verlangen den andern zu sehen. Die Einrichtung ist aber so getroffen, daß dies unmöglich wird. Manning sah sehr blaß aus; seine Frau war sorgfältig gekleidet. Die ergreifende Rede des Geistlichen bezog sich, wie zu erwarten, auf ihr Verbrechen und Schicksal, und Beide weinten bitterlich. Ja, man gab sich der Hoffnung hin, daß sie endlich auch das Weib zum Bekenntniß stimmen werde. Nach einer Stunde besuchte der Kaplan die letztere. Seine Mittheilung hatte nichts Tröstliches. Er brachte ihr jene auf der Post eröffneten Briefe zurück. Desgleichen die abschlägliche Antwort der Königin auf ein Gesuch, welches »ein Gentleman, der mit der Regierung Louis Philipp's in Verbindung gestanden und den sie ihren Vormund nannte«, zu ihren Gunsten eingelegt. Wir erfahren, daß dieser Gentleman sie in ihrem Gefängniß mit einigem Gelde unterstützt hatte. Dieser kirchlichen Sonntagsfeier war aber, wie man später erfuhr, ein anderes Ereigniß vorangegangen, das wenig mit der Sonntagsstimmung harmonirte. – Man hatte sich schon längere Zeit auf den Versuch vorgesehen, den die Manning machen könne, sich selbst ums Leben zu bringen. Nicht allein alle gefährlichen Gegenstände hatte man, wie es Ordnung ist, von ihr entfernt, sondern man that dies auch mit ihren Kleidungsstücken, wenn sie beim Zubettegehen sich ausgezogen, aus Besorgniß, daß sie einen Strangulationsversuch damit machen könne. Die Länge ihrer Nägel, die sie sich wachsen ließ, waren Einigen schon aufgefallen. Auf Fragen deshalb gab sie eine scherzhafte Antwort; Andere hatten bemerkt, daß sie die Hand im Gespräch, wie spielerisch mit einem Tuch umwickelte. – Am Sonntag Morgen waren ihre Wächterinnen, von Müdigkeit überwältigt, eingenickt. Gegen 4 Uhr weckte sie ein convulsivisches Röcheln. Sie stürzten nach dem Bett und sahen die Gefangene ganz schwarz im Gesicht. Sie hatte, ihre Nägel in die Kehle drückend, sich zu erdrosseln versucht. Sobald die Unglückliche sich beobachtet sah, fuhr sie mit dem Kopf unter die Decke. Und einige Stunden darauf sah man sie in sorgfältiger Toilette und mit anscheinender Andacht dem Gottesdienst beiwohnen! Der Sonntag, der Tag geweiht in England der Andacht des Müßiggangs, hatte von früh ab um Horsemanger-Lane eine Menschenmasse versammelt, wie man sie nie dort gesehen. Schon jetzt, berichten die Zeitungen, waren die Gespräche empörend, welche man über das muthmaßliche Benehmen der Todescandidaten führen hörte. Um 1 Uhr wurden die Wirthshäuser und Läden geöffnet. Alles stürzte hinein, die Wirthe hatten kaum Hände genug zum Bedienen. Noch immer wuchs die Menge, unter der sich aber auch viel anständig Gekleidete befanden, nach den Giebeln des Gefängnisses und nach den Gerüsten ihre Blicke wendend. Es konnte, in der sonst öden Gegend, buchstäblich kaum ein Apfel zur Erde, und die Cabriolets und Wagen, die hindurch wollten, waren entweder selbst in Gefahr oder brachten sie Anderen. Es schien dem Berichterstatter etwas Auffälliges, daß außer einigen niedergeworfenen und getretenen Menschen kein Unglück an diesem Sonntage entstand. Aber was auch nur entfernt auf den Prozeß Bezug hatte, interessirte London dermaßen, daß es einen vollen Platz in den Zeitungen erhielt. So ward auch ein Prozeß, welcher vor dem oben erwähnten Polizeirichter am Sonnabend stattfand, vollständig mitgetheilt, als hätten auch dort Stenographen gesessen und Alles aufnotirt. Der Pfandleiher Adam forderte die Pistolen zurück, die ihm abgenommen waren, weil mit einer derselben angeblich der Mord vollbracht worden. Der Richter weigerte sich, sie herauszugeben, weil alle Werkzeuge, mit welchen ein Mord verübt, ein der Krone verfallenes Gut wären. Der Pfandleiher wandte ein: er habe diese Pistole in unverdächtiger Weise für eine dargeliehene Geldsumme von einem unverdächtigen Manne als Pfand angenommen. Es constatire nicht, daß dieser Mann sie gestohlen, vielmehr daß die Pistolen in rechtlicher Weise erworben, also der Mann vollkommen befugt gewesen, darüber zu disponiren, wie ihm gefiele. Die Pistolen seien ganz neu gewesen, und nur an der einen habe er bemerkt, daß ein Mal daraus geschossen worden. Ferner habe er, der Pfandleiher, auch nicht einmal in Manning den Mann wiedererkennen mögen, welcher die Pistolen bei ihm versetzte, da Letzterer ihm von anderer Statur erschienen. Für ihn sei demnach auch gar nicht der Beweis geführt, daß seine Pfandpistolen das Mordwerkzeug gewesen, denn daß die Kugel im Schädel des Ermordeten auch in eine seiner Pistolen gepaßt, sei kein bündiger Beweis; er habe also ein volles Recht auf sein Pfandeigenthum, und mache Richter und Krone verantwortlich für allen Schaden, der ihm daraus entspringe. Der Polizeirichter blieb indessen bei seiner Verweigerung: dadurch, daß Manning selbst in den Pistolen die Mordwerkzeuge anerkannt, sei der Beweis dafür genügend geführt; um deshalb seien und bleiben sie der Krone verfallen und der Pfandleiher erhielt den Rath, sich mit seinen Ansprüchen an den Lordkämmerer des Schatzes zu wenden. Adam dankte und verhieß dem Rath zu folgen. Welchen Erfolg seine Klage gegen die Krone, angeschuldigt, sich mit seinem Verlust bereichern zu wollen, gehabt oder haben wird, ist uns nicht bekannt. Dienstag, am 13. Nov., Morgens um 9 fand die Hinrichtung beider Eheleute statt. Vom Montag Nachmittag an ward der Platz um Horsemanger-Lane von Menschen keinen Augenblick leer. Sie blieben auch durch die ganze Nacht. Nur um Mitternacht schienen die Massen sich etwas zu lichten, aber mit jeder folgenden Stunde preßte und stopfte es sich, und bei Tagesanbruch war ein Gesumme von der noch stillen Menge, daß die ältesten Leute sich dessen nicht entsannen. – Es war ein schöner Morgen; der Anblick der beiden in der Front des Gefängnisses auf dem Dache aufgerichteten Galgen desto widerwärtiger. Dicht gedrängt, Kopf an Kopf, schien darunter die ganze zerlumpte Bevölkerung der Weltstadt versammelt. Es war kein Gesumme mehr, sondern ein verworrenes Stimmenmeer. Die trefflichen Maßregeln der Polizei verhinderten das Hin- und Herschwanken der Massen, welches so leicht zu Aufständen führt, denn überall waren Barrieren errichtet, um den Ungestüm zu brechen. Ringsum an den Fenstern, Dächern, Gerüsten, Amphitheatern war kein Platz unbesetzt geblieben. Die Preise waren noch in der letzten Stunde ins Enorme gestiegen. Die von der Polizei verbotenen oder niedergerissenen Plateformen waren über Nacht wieder auferstanden. Was kümmerten sich die Eigenthümer um die Geldstrafen, denen sie verfielen, da ihr Gewinn weit größer war! Der Pöbel, sagt ein Berichterstatter des Globe, war nicht roher als sonst; einige Faustkämpfe und Taschengriffe gehören zur Tagesordnung. Die Polizei hatte mehr zu thun mit Denen, die ohnmächtig wurden; sie fortzuschaffen, war die schwierigste Arbeit. Das Weiber- und Kindergeschrei war dem Ohr empfindlicher als die rohen Flüche. Um 9 Uhr ging die kleine Thür auf und die Prozession trat heraus. Manning kam zuerst, von zwei Männern geführt. Der Kaplan las ihm aus der Liturgie vor. Seine Glieder zitterten, als er die Stufen nach der Fallklappe hinaufstieg. Er schien einen Augenblick kaum mehr die Kraft zu haben, sich zu bewegen; aber oben kehrte die Kraft zurück. Sein Kopf ward mit der weißen Nachtmütze bedeckt, der verhängnißvolle Strick befestigt. – Einige Secunden nach ihm trat seine Frau heraus. Sie ward in ähnlicher Weise begleitet. Schwarz angezogen, bedeckte ein Schleier derselben Farbe Kopf und Gesicht. Auch sie stieg mit sichtlicher Schwierigkeit die Stufen hinan; oben aber stand sie fest, ohne Wanken und Zittern. Man sah, daß ihr unglückseliger Mann zwei Mal mit ihr die Hand schüttelte. Es wurden noch Worte gewechselt (wir geben hier den ersten Bericht eines Zeitungsreporters), sichtlich Worte gegenseitigen Vergebens. Ehe der Kaplan sich zurückzog, flüsterte er einige Worte der Frau ins Ohr. Nun war Alles fertig. Die Gerichteten wandten das Gesicht nach dem Volke unten zu. In dem Augenblick sank das Fallbrett unter ihren Füßen. – Mann und Weib waren in einem Augenblick, es schien ohne Todeskampf, in die Ewigkeit geschleudert. – Um 10 Uhr wurden die Leichname abgeschnitten, um im Umkreise des Gefängnisses verscharrt zu werden. So nach der Schilderung eines Augenzeugen, der die Tragödie aus einem gegenüberstehenden Hause, also von außen, betrachtete. Wir haben aber noch eine andere ergreifendere Schilderung, deren Verfasser die letzten Momente der beiden Verurtheilten im Innern des Hauses, wir möchten sagen, auch im Innern des Herzens belauscht hat. Sie würde in der Ausdehnung, wie englische Zeitungen sie mittheilen, den Raum eines Bogens in unserem Werke füllen, wir geben sie daher nur im Auszuge, obgleich Alles darin von psychologischem Interesse ist, den Schluß der Tragödie. Montag 12. Abends gegen 8 besuchte der Kaplan Rowe die weibliche Gefangene und blieb über zwei Stunden bei ihr. Auf seine Ermahnungen, Frieden mit ihrem Gott zu schließen, und daß dies nur geschehen könne, wenn sie ihr Gewissen durch ein vollständiges Bekenntniß erleichtere, entgegnete sie, übrigens in der verbindlichsten Weise, daß sie sich gar keiner Schuld bewußt sei, der Mord sei von einem jungen Manne aus Guernsey begangen, den ihr Mann kenne, und sie selbst sei gänzlich unbekannt mit den näheren Umständen. Ueber den Besitz der Schlüssel des Ermordeten gab sie leere Ausflüchte. Als die Ermahnungen des Geistlichen ohne allen Eindruck blieben, suchte er sie wenigstens für den Wunsch ihres Ehemannes empfänglich zu machen, sie noch ein Mal vor dem Tode zu sehen. Auch hierauf erwiderte sie sehr verbindlich, sie wolle den Wunsch gern erfüllen, nur müsse er auch ihrer Bitte nachkommen und die Beschuldigungen, die er gegen sie vorgebracht, zurücknehmen. Uebrigens vergebe sie ihm Alles, was er ihr gethan. Als der Geistliche ging, warf sie sich unentkleidet auf ihr Bette, schlief aber wenig. Mehrmals stand sie auf, und klagte über Unwohlsein. Rowe ging in Manning's Zelle. Dieser zeigte noch immer dieselbe Ergebung, zugleich aber auch den lebhaftesten Wunsch, daß seine Frau bekennen möchte. Ja, er drängte mit einigem Ungestüm den Prediger, es ihn wissen zu lassen. Dieser machte ihn darauf aufmerksam, daß in seiner Lage ihm nichts darauf ankommen könne, was seine Frau oder irgend ein Anderer thue und denke, daß er vielmehr nur für sich zu sorgen habe, mit seinem Gott Frieden zu machen. Auch hier blieb Rowe zwei Stunden. Manning hoffte beim Scheiden ihn Morgen um 5 Uhr wiederzusehen. Er blieb in einem traurigen Zustande zurück, er wollte sich weder zu Bett legen, noch auf einen Stuhl setzen. Zuweilen griff er nach der Bibel und las Psalmen, dann ergriff er die Feder und schrieb kurze Memoranda, die er als Geschenke für seine Gefangenwärter zurücklassen wollte, indem er ihnen für ihre Freundlichkeit dankte. Eines lautete: »Frederick George Manning, geboren zu Taunton, in der Grafschaft Somersetshire, im Jahr 1821, April 16. Gestorben, Horsemanger-Lane-Gefängniß, am Dienstag, Nov. 13, 1849. Möge der Herr gnädig sein seiner armen Seele! Amen. Mit Frederick George Manning's Grüßen an Mr. Moore.« Zwei oder drei Mal warf sich der Unglückliche auf das Bett, aber seine Wächter glauben, daß er auch keinen Augenblick die Augen geschlossen habe. Sehr oft fragte er, ob Der viel zu leiden habe, der so zu sterben verurtheilt sei, wie er. Der Gedanke schien ihn fortwährend zu peinigen. Nach 6 am Morgen erschien Rowe wieder, bald gefolgt von den Magistratspersonen, welche bei der Hinrichtung fungiren sollten. Manning schien über seinen Anblick erfreut und entschuldigte sich wegen seines gestrigen Ungestüms. Nachdem sie miteinander gebetet, verließ ihn Rowe, um noch einmal die unbußfertige Frau aufzusuchen. Manning frühstückte etwas Thee und Butterbrot und hörte jetzt das Geräusch der Volksmasse draußen. Es schien ihm unheimlich zu werden, und er verlangte, so schnell als möglich in die Kapelle gebracht zu werden. Maria Manning fand der Geistliche körperlich und geistig niedergedrückt. »Sie haben kaum noch eine Stunde zu leben, in so kurzer Zeit stehen Sie vor Gott, wo keine Falschheit hilft und die Meinungen der Menschen nichts gelten; haben Sie nun noch etwas zu bekennen, zu widerrufen oder Aufträge, so eilen Sie Ihr Herz zu erleichtern.« Die Unglückliche erwiderte, sie habe nichts Dem hinzuzusetzen, was sie gestern gesagt, Alles sei so wahr und richtig, und sie ersuchte nur den Geistlichen an zwei vornehme Damen zu schreiben und denselben ihren Dank für die Freundlichkeit abzustatten, welche sie ihr während ihrer Gefangenschaft erwiesen. Manning hatte inzwischen in der Kapelle sein heißes Verlangen ausgedrückt, seine Frau noch ein Mal zu sehen. Etwa 20 Minuten nach 8 Uhr kam sie und setzte sich auf dieselbe Bank, ein Schließer und eine Schließerin zwischen ihnen. Sie sahen sich freundlich an. Manning konnte seine Gefühle nicht mehr beherrschen, er lehnte sich nach vorn gegen seine Frau und sprach mit dem rührendsten Ton der Stimme: »Ich hoffe, Du gehst nicht aus diesem Leben mit Gefühlen des Grolls gegen mich.« – Das war auch für das Weib mit dem Felsenherzen zu viel. Sie bog sich ebenfalls vor und sagte: »Ich hege keinen Groll gegen Dich.« – »Willst Du mich nicht küssen?« sagte er. »Ja«, erwiderte sie. Beide standen auf, schüttelten sich die Hände und küßten sich mehre Mal. Jetzt trat der Geistliche ein und reichte Beiden das Abendmahl. Der Ritus dauerte etwa eine halbe Stunde, dann ließ man Beide wieder zu einander. Manning umarmte seine Frau mit großer Innigkeit: »Gott segne Dich, ich hoffe, wir finden uns im Himmel wieder.« Sie erwiderte die Umarmung, hörbar schluchzend. Die Gefangnißglocken läuteten feierlich durch mehre Minuten. Der Gefängnißmeister mußte Manning erinnern, daß seine Zeit gekommen sei. Nach einem letzten Scheidekuß ward er in ein anstoßendes Zimmer geführt, um dort gebunden zu werden. Manning übergab sich dem Manne, welcher ihm als der Henker Calcraft genannt ward. Während des Bindens fragte er ihn, ob er viel leiden werde? Calcraft erwiderte, wenn er sich ganz still verhalte, werde er ganz und gar nicht leiden. Diese Versicherung schien ihn zu beruhigen. Als Calcraft in das Zimmer trat, wohin man die Verurtheilte gebracht und diese ihn zu Gesicht bekam, sank sie zusammen und war einer Ohnmacht nahe. Man mußte ihr Branntwein einflößen, um sie wieder zu sich zu bringen. Als sie sich erholte, zog sie aus der Tasche ein klein schwarzseiden Tuch und bat, man möge es ihr fest ums Gesicht binden, ehe sie das Zimmer verlasse. Der Wundarzt des Gefängnisses erfüllte den Wunsch, desgleichen zog er ihr einen schwarzen Florschleier über das Gesicht und den ganzen Kopf, wie sie es angab und befestigte ihn unter dem Kinn. Nun schnürte sie Calcraft; Maria Manning ertrug die empfindliche Operation mit Stärke. Der Henker wollte auch, sie solle einen Mantel über den ganzen Körper sich hängen lassen, damit die Stricke versteckt blieben; dagegen sträubte sie sich und es unterblieb. Eine der Schließerinnen, von den Schrecken des Auftrittes selbst ergriffen, weinte laut auf. Die Manning sagte mit großer Ruhe: »Schluchze nicht, bete lieber für mich.« Man führte sie nun in den Kirchhof des Gefängnisses, wo ihr Mann bereits wartete. Die Prozession ordnete sich. Er mit seinen Begleitern ging voran, sie folgte. Maria wankte, als sie an der Mauer des Gefängnisses vorüberging, mehrmals mußte sie gestützt werden. Weil sie nichts sehen konnte, ging sie ängstlich und bat den Wundarzt neben ihr, sie zu leiten. Auch klagte sie, die Stricke um ihre Handgelenke wären zu fest gebunden, es schmerze sie. Ihr Weg, als sie den Kreuzgang der Kapelle streiften, führte über die Gräber, welche schon für sie gegraben waren. Man hatte ungelöschten Kalk hineingeworfen, als eine buchstäbliche Wiedervergeltung für Das, was sie an O'Connor begangen. Eine enge Treppe führte aufs Dach des Gefängnisses, wo die Galgen errichtet waren. Sie hier hinaufzuschaffen, schien sehr schwierig, aber es ging leichter, als man erwartet. Oben hielt man einen Augenblick still, um Luft zu schöpfen. Der Henker nahm das Tuch ab, womit Manning's Augen verbunden waren. Das bleiche, abgemagerte Gesicht des Mannes starrte gespensterhaft den 50,000 und mehr Gesichtern entgegen, deren Blicke nur auf seines gerichtet waren. 50,000 Menschen, londoner Pöbel, und in dem Augenblick war es so still, daß man einen Athemzug hören konnte. Zuerst ward Manning unter den Balken gestellt. Calcraft zog ihm die Nachtmütze über das Gesicht und schlang den Strick um den Hals. Demnächst folgte Maria. Man hatte erwartet, daß bei ihrem Anblick Aeußerungen der Wuth und des Unwillens sich Luft machen würden. Aber es blieb auch jetzt still. »War es doch ein Anblick, der Herzen von Diamant hätte erweichen können.« Als Manning, der nicht mehr sehen konnte, inne ward, daß auch seine Frau auf dem Schaffot stand, bog er sich zu ihr hin, so weit der Strick um seinen Hals es zuließ. Er flüsterte ihr etwas zu und streckte seine gebundene Hand nach ihr zum letzten Händedruck. Einer der Schließer brachte mitleidig die Hand des Mannes mit der Hand der Frau in Verbindung. Das Todespaar nahm den letzten Abschied. Calcraft hatte einige Schwierigkeit mit der Frau, die enge Mütze ihr über den Kopf zu ziehen, und über Tuch und Schleier zugleich. Während der ganzen Zeit verlas der Kaplan das Ritual, wie er vom Augenblick an gethan, wo die Prozession die Kapelle verlassen. Als Alles bereit war, trat Master Rowe noch einmal an das Weib und fragte: ob sie noch etwas zu sagen habe? Am Rande von Vernichtung und Ewigkeit, vom Stricke berührt, der in der nächsten Secunde ihr die Lebensluft nehmen sollte, antwortete sie mit Festigkeit: »Nichts, außer meinen Dank für Ihre Güte.« Im nächsten Augenblick fiel die Klappe. Beide schienen ohne Convulsionen zu sterben. Wenigstens bemerkte man weit weniger musculöse Bewegungen als gewöhnlich. Manning trug den schwarzen Anzug, in welchem er vor Gericht erschienen war, Maria ein schönes schwarzes Atlaskleid. Nach einer Stunde wurden die Leichen abgenommen, und nachdem man Abdrücke von ihren Köpfen genommen, wurden sie am Nachmittag im Kreuzgang der Kapelle begraben. Wie aufrichtig die Vergebung gemeint war, welche Maria gegen ihren ungücklichen Mann aussprach, mag man aus dem Umstand entnehmen, daß sie noch in der letzten Nacht einen Brief an ihren Kerkermeister richtete, in welchem sie, wiederholt ihre Unschuld betheuernd, ausspricht: sie sei von ihrem Manne ermordet worden und er habe bei Gott ihr Blut zu verantworten! Von der Roheit und den Excessen, welche während und nach der Execution vorfielen, machen die Zeitungen schreckenerregende Schilderungen. Manche Plätze sahen, als die Volksmenge fortgetrieben war, Schlachtfeldern ähnlich. Gequetschte, getretene Menschen lagen umher, mehre ohne Besinnung, mit gebrochenen Beinen, Hüte, Mützen, Stöcke, Fetzen von Kleidern umhergestreut. Die ohnmächtig gewordenen Frauen hatten die Constabler mit Stricken aus dem gequetschten Haufen ziehen müssen. Die Spitäler Londons wurden mit den Verunglückten gefüllt. Dickens (Boz) schrieb darüber jenen Brief an die Times, der so großes Aufsehen erregte und in allen Zeitungen besprochen ward. Wir geben ihn als Document zu diesem Prozeß und zugleich auch um des berühmten Autors willen. Fast ein Jahrhundert vor ihm hatte auch Fielding sich gegen die Oeffentlichkeit der Hinrichtungen ausgesprochen. »Sir – ich war Zeuge der Execution an diesem Morgen. Ich ging hin, um die versammelte Menge zu beobachten, und ich hatte vortreffliche Gelegenheit dazu; ich beobachtete sie in der Nacht und vom frühen Morgen bis zum Ende des Schauspiels. »Ich richte diesen Brief nicht an Sie mit der Absicht, die abstracte Frage über die Todesstrafe noch ein Mal durchzusprechen, noch mich mit den Argumenten ihrer Vertheidiger und ihrer Gegner zu befassen. Ich wünschte nur meine gräßliche Erfahrung zu etwas allgemein Gutem zu verwenden, indem ich durch dieses Mittel der Oeffentlichkeit dazu beitragen möchte, daß die Regierung endlich bewogen werde, einen Antrag (von Sir G. Grey im Parlament vorgebracht) zu unterstützen, der zum Zweck hat, daß alle Hinrichtungen künftig innerhalb des Gefängnisses mit angemessener, aber privater Feierlichkeit (natürlich unter Zuziehung so vieler unverdächtigen Zeugen, daß das Publicum von der strengen und unerbittlichen Vollstreckung der Gesetze überzeugt wird) vorgenommen werden, und indem ich noch ein Mal mit allem Ernst Sir G. Grey beschwöre, es sich zur heiligen Pflicht gegen die Gesellschaft zu machen, ja zur Verantwortlichkeit, die er nicht mehr von sich weisen kann, selbst und aus eigenen Kräften diese legislative Maßregel zu bewirken. »Ich glaube, daß der Anblick und Eindruck, der mir heut von dem Leichtsinn und der Verworfenheit der ungeheuern Pöbelmasse geblieben, so furchtbar und unaussprechlich gräßlich ist, daß Niemand ihn sich denken kann. In keinem heidnischen Lande unter der Sonne könnte Aehnliches vorkommen. Der Schrecken des Galgens und des Verbrechens, welches die unglücklichen Mörder an denselben brachte, traten vor meinen Sinnen ganz in den Hintergrund vor den Scheußlichkeiten, die ich sah, vor diesem Benehmen, diesen Blicken, dieser Sprache der versammelten Zuschauer. Als ich um Mitternacht ankam, machte schon das schrillende Geschrei und Geheul von Knaben und Mädchen, die an den besten Plätzen versammelt waren, mein Blut erstarren. Im Verlauf der Nacht wuchs dies Geheul, Kreischen und Gelächter. Man parodirte bekannte Negermelodien, nur substituirte man für die »Susanna« »Mistreß Manning«. Als der Tag graute, streiften mit beleidigendem, unverschämtem Benehmen bekannte Diebe, Dirnen der schlechtesten Art, Raufbolde, Säufer und Vagabunden jeder Art umher. Faustkämpfe, Ohnmachten, Gepfeif, Imitationen des Punch, brutale Späße, ein Aufkreischen der Lust mit obscönen Gesten, wenn ohnmächtige Frauen von der Polizei fortgezogen wurden und ihre Kleider dabei in Unordnung geriethen, gaben willkommene Intermezzos der allgemeinen Unterhaltung. Als die Sonne herrlich aufstieg – und das that sie – vergoldete sie Tausende und Tausende von aufwärts gewandten Gesichtern, die so unaussprechlich viehisch und cannibalisch glotzten, daß ein Mensch fast Scham fühlen mußte vor seiner eigenen Gestalt, die Teufeln ähnlicher sei als dem Ebenbilde Gottes. »Als die beiden elenden Geschöpfe, welche den Gespensterblick der Masse auf sich zogen, in der Luft zitterten, da war doch nicht mehr Rührung, nicht mehr Mitgefühl, nicht mehr Gedanke daran, daß zwei unsterbliche Seelen zu Gericht gegangen seien, nicht mehr Zurückhaltung vor den vorigen Obscönitaten, als wäre der Name Christus nie in dieser Welt gehört worden und als gebe es unter allen diesen Menschen keine andere Vorstellung, als daß auch sie sterben würden wie die Thiere. Ich habe doch in meinem Leben so manche der Quellen und Wiegen kennen gelernt und studirt, wo in diesem Lande die Befleckung und Corruption eingeimpft wird, und ich meine, es gibt nicht viele Phasen des londoner Lebens, die mir neu wären. Ich bin aber fest und feierlich davon überzeugt, daß Nichts von Allem, was man nur aussinnen könnte, so mächtig zum Ruin der Moralität wirkt als eine öffentliche Hinrichtung, und ich stand erblaßt und niedergeschmettert von der Schlechtigkeit, die sie hervorruft. »Ich kann nicht glauben, daß irgend ein Gemeinwesen gedeihen könne, wo solche Scenen des Schreckens und der Demoralisation, wie heut Morgen vor dem Horsemanger-Lane-Gefängniß, sich vor den Thoren guter Bürger ereignen können, und man übergeht sie mit Schweigen oder vergißt ihrer. Und wenn wir in unsern Gebeten und Dankgebeten für die Ernte demüthigst vor Gott unsern Wunsch ausdrücken, daß er die moralischen Uebel des Landes von uns nehme, dann möchte ich Ihre Leser fragen, ob sie nicht auch dieses eine Uebel für wichtig genug achten, um ernst daran zu denken und es auszurotten. Mein Herr, Ihr ergebenster Diener Charles Dickens. Devonshirean hat Dickens' Darstellung nicht widersprochen, aber sie ergänzt. Wenn er den Pöbel denuncire, dessen cannibalisch glotzende Gesichter ihn zweifeln machten an seiner Menschenwürde, warum habe er denn nicht auch den feinen Pöbel der Aristokratie denuncirt, der in gewissen Häusern mit derselben Lust hinter Jalousien dem entsetzlichen Schauspiel zugeblickt. Wie Herren und Damen daselbst bei Champagner und Austerfrühstück mit Opernguckern und Glacéhandschuhen die interessante und pikante Neuigkeit betrachtet, die letzten Todeszuckungen am Seil einer Gehenkten in Atlaskleidern! Am folgenden Tage, 14. November, brachten alle londoner Zeitungen die letzten wahrhaften Bekenntnisse George Frederick Manning's, wie er dieselben an zwei aufeinander folgenden Tagen vor dem Geistlichen Master Rowe abgelegt. Sie sind roh, d. h. ohne psychologische Einblicke, wie man sie von dem unglückseligen Menschen erwarten durfte, über dessen Geisteskräfte schon nach dem actenmäßig Ermittelten keiner unserer Leser im Zweifel sein wird. Wir theilen die Bekenntnisse nur im Auszuge mit, über Das, was uns schon bekannt, kürzer hinwegeilend. Die Manning'schen Eheleute scheinen sich durch verschiedenartige Wirthshausunternehmungen haben forthelfen zu wollen, zugleich aber dadurch ruinirt zu haben. Ob und welche zweideutige Rolle Maria Manning dabei gespielt, geht aus des Ehemanns Bekenntniß nicht klar hervor. Manning war im März nach der Insel Guernsey gereist. Warum, sagt er nicht. Als er nach drei Wochen, am 3. April, zurückkehrte, hatte seine Frau das Haus auf Miniver-Place gemiethet. In der Nacht auf den ersten Sonntag, wo seine Frau das Haus bezogen, schlief O'Connor dort, und versprach die nächste Nacht wieder zu kommen, aber er hielt nicht Wort. Am nächsten Donnerstag kam er und sagte ihr, er hätte seinen Sinn geändert. Grund: er fürchte, er und Manning würden sich nicht lange vertragen, wenn Letzterer betrunken nach Hause komme und mit ihm Händel anfange. Maria Manning erklärte ihrem Manne: O'Connor sei kein Mann, nicht werth des Namens; und das wäre nicht das erste Mal, dass er sie so getäuscht. Er habe sie schon letzthin allein verleitet, das Wirthshaus King Johnshead zu übernehmen, und sie habe dabei 100 Pfund verloren. Dann noch ein anderes Mal, als sie ein Haus in Milend mieten wollen. Aber sie wäre, wie ihre Väter waren, die einen Mann verachtet, auf dessen Wort man nicht bauen könne, und eher als einen solchen möchte sie einen Teufel bei sich einziehen lassen. Nach dem 25. März stellte Mistreß Manning eine Rechnung aus für drei Wochen Quartier, als wie lange O'Connor versprochen bei ihr zu wohnen, und zitierte ihn deshalb vor Gericht. Am Tage vor dem Termin kam O'Connor und zahlte 30 Schilling für die Wohnung. Er entschuldigte sich und hoffte, dass darum zwischen ihnen keine Feindschaft sein werde. Manning war damals schon zurückgekehrt und erwiderte ihm, das habe nun nichts mehr auf sich, da er ja nun gezahlt habe. Aber O'Connor habe unehrerbietig von ihm gesprochen, und wenn er dessen gewiss wäre, würde er ihn injuriarum belangen. Darüber vergoß O'Connor Thränen, leugnete Alles, schüttelte Manning die Hand und bat ihn, mit ihm ein Glas Porter zu trinken und eine Pfeife zu rauchen. – Manning erwiderte: O'Connor, ich trage Euch nicht die geringste Feindschaft, noch that ich es je. – O'Connor drang nun in ihn Den zu nennen, der gegen ihn ausgesagt, aber er that es nicht. Denn sein Weib hatte ihm gesagt, es O'Connor nicht zu sagen. Da schieden sie denn als gute Freunde. »Als er fort war, sagte mein Weib zu mir: ›Dieser alte Schuft ist die Ursache, daß ich viel Geld verloren habe, und ich bin entschlossen, so wahr ich lebe, mich an ihm zu rächen.‹ Und sie setzte hinzu, ›sie wolle ihn erschießen und wenn sie auch darum gehängt würde‹. Ich stellte sie zur Rede, aber sie sagte, ›dabei wäre nichts Schlimmeres, als wie wenn ich einen Hund schösse, und daß er ein vollkommen Vieh wäre‹. Ich sagte: verbanne Du in Gottes Namen solche Gedanken aus Deinem Sinn; worauf sie sagte: ›Ich werde Dich schon über den Plan in Kenntniß setzen, nach dem ich handeln werde. Ich werde ihn häufig hier fragen und auch recht oft in sein Haus gehen, um mich über die Geldsummen zu vergewissern, die er baar bei sich hat, und auch über die Zahl der Eisenbahnactien, die er besitzt, denn ich bin gewiß, er hat in fremden Actien mehr als für 4000 Pfund, über die ich dann frei verfügen kann, da sie auf den Inhaber lauten‹. »O'Connor kam jetzt häufig und sie besuchte ihn in seiner Wohnung regelmäßig etwa zwei Mal die Woche bis zu seiner Ermordung. Einmal hat sie O'Connor betrunken gefunden; sie kam nach Haus und sagte es mir gleich, indem er Branntwein getrunken, als Präservativ gegen die Cholera. Da hat sie ihn nach Hause geführt, und in dem Zustande hat er sie in die Schlafstube geführt und ihr alle seine Verschreibungen und Bons vorgezeigt, und ihr gesagt, daß er seinen letzten Willen schon gemacht und ihr 1300 Pfund ausgesetzt, und er hätte ihn so gemacht, daß ich, wenn sie stürbe, nichts damit zu thun haben solle. Sie aber sagte, »sie glaube dem alten Schufte nicht. Alles, was er sage, sei eine Lüge und er würde ihr keinen Schilling hinterlassen«. Sie war ganz zufrieden, als sie nun endlich den vollen Betrag seines Vermögens kannte, und sagte: »Nun müßte ich mir doch bald Schüssel und Pfanne anschaffen, um seine Gans zu kochen«. »Das geschah so um den 21. Juli. Dann ward Manning eine Stelle als Reisender für ein Handlungshaus angeboten, zwei Pfund wöchentlich und Procente vom Absatz. Da sagte er zu seiner Frau: »Jag die bösen Gedanken fort, was O'Connor betrifft; denn das ist ja eine herrliche Stellung, und ich kann ein hübsches Stück Geld zurücklegen«. Sie sagte: »Du Narr, Du, Du wirst nie im Stande sein so viel zu erwerben, als ich, wenn ich diesen O'Connor umbringe. Und wenn Du die Condition annimmst, wirst Du von Thür zu Thür klopfen und auf den Straßen Dich umtreiben müssen wie die erbärmlichen Mädchen in London und auf dem Lande«. Wenn er die Stellung annähme, würde sie ihm überall nachlaufen. Lieber solle er ihr erlauben ihren Plan auszuführen, da sie entschlossen wäre, sich an dem alten Vagabunden zu rächen. Als er doch zu den Kaufleuten gehen wollte, verschloß sie ihm Rock und Hut und sagte ihm: »Er solle sich lieber anschicken das Grab zu graben«. »Da ging sie und kaufte die Schaufel in Tooleystreet und begann am nächsten Tage das Grab zu graben, und in 14 Tagen war es fertig und drei Wochen vor der Ermordung. O'Connor war in der Küche gewesen drei oder vier Mal, nachdem das Grab schon fertig war, und indem er darüber wegging, machte er Bemerkungen, was hier wol geschehen sei, und sie sagte ihm, der Wirth, Herr Coleman, wolle die Wasserröhre ändern, und er sagte, das währe ja lange, und sie sagte, es wäre viel daran zu thun, und die Arbeiter wären nicht hinterher. In die Küche aber ging er, um sich die Hände zu waschen.« Am 26. Juli ließ seine Frau durch den Studenten Massay einen Brief an O'Connor schreiben: »Lieber O'Connor, ich würde sehr glücklich sein, wenn Sie heut mit mir und meiner Schwester zu Mittag speisen wollten, indem sie von Derbyshire in die Stadt gekommen ist, um einige Wochen hier zu bleiben, und sie wird sich sehr freuen Ihnen vorgestellt zu werden. Das Mittagbrod wird fertig sein um 5½. Sind Sie schon engagirt, so lassen Sie es mich durch eine Zeile wissen. In der Hoffnung, daß Sie ganz wohl sind – theuerster Freund, Ihr treu ergebener William Massay.« Welche Rolle der Student Massay bei dieser Komödie gespielt, wird aus dem Bekenntnisse nicht klar. »O'Connor kam, Donnerstag am 26., zur bestimmten Stunde. Als er ins Haus trat, fragte er nach Miß Massay und ihrem Bruder, und meine Frau sagte ihm, sie wären eben ausgegangen, und sie würden baldigst zu Mittag zurückkehren. Ich saß im Wohnzimmer mit O'Connor und erzählte ihm von meiner Absicht, eine Klage anzustellen gegen zwei Leute in Taunton, die mich verleumdet hätten. Währenddem rief mich meine Frau hinaus und fragte mich, warum ich nicht fortginge, denn sie wollte ihn in die Küche haben ›um seine Gans zu kochen‹. Worauf ich sagte, sie solle mir damit vom Halse bleiben. Während dieser Unterhaltung mit meiner Frau stand O'Connor auf, nahm seinen Hut und ging. Sie rannte nun die Treppe hinauf, setzte ihren Hut auf und holte O'Connor ein, etwa 300 Schritt vom Hause, und sagte ihm, sie selbst wäre es, die mir gesagt, daß ich von ihm, O'Connor, verleumdet worden wäre, und sie sagte zu ihm: »Patrick, was lauft Ihr so ohne Weiteres fort?« »Er antwortete ihr: Meine Bemerkung gefalle ihm nicht, daß ich Klage anstellen wolle gegen die beiden Leute, und daß ich ihn auf dieselbe Weise fangen wollte, und deshalb wollte er nicht umkehren. Sie setzte ihm nun sehr zu, daß er es doch thäte, aber er that es nicht. Nun kam sie ins Haus zurück, sehr aufgebracht und ließ mich an: »Du kuhblütiger Schuft, Du hast mich gehindert, meinen Plan auszuführen«, und dann schrie sie bitterlich und sagte noch: »Du wirst mir dafür einstehen, denn nun wird sich's nie mehr so machen. Ich bin nun gewiß, er kommt nie wieder her«. »Ich fragte sie nun: was denn aus ihrer Seele werden solle, wenn sie eine Mordthat beginge? Da antwortete sie: »Ich habe keine Seele. – Wenn wir todt sind, sind wir ein Stück Koth und Erde und nichts bleibt von uns übrig; und ich habe nachher nichts mehr dafür zu leiden, daß ich den Mann umbrachte«. »Am nächsten Morgen, Freitags, sagte sie zu Massay: ›O'Connor war vorigen Abend hier, und ich sagte ihm, Sie wären mit Ihrer Schwester ausgegangen. Ich wünschte, Sie schrieben noch ein Mal an O'Connor.‹ Massay entgegnete: »Sehr gern, aber Sie müssen es dictiren«. Da setzte sich Massay nieder und sagte: ›Nun, Mistreß Manning, lassen Sie mich wissen, was Sie zu sagen wünschen‹, worauf er schrieb, wie folgt: »Lieber O'Connor, als ich gestern Abend spät nach Hause kam, erfuhr ich, daß Sie hier gewesen; ich bin sehr betrübt darüber, daß es mir und meiner Schwester nicht möglich ward, zum Mittagessen nach Hause zu kommen. Wir mußten zu unserm Onkel am Nachmittage, und während wir dort waren, wurde er plötzlich sehr, und bedenklich, unpaß, und meine Schwester war sogar genöthigt die ganze Nacht bei ihm zu bleiben; aber wir würden sehr glücklich sein, wenn wir Sie wenigstens nächste Woche eines Tages unter uns sehen könnten. In der Hoffnung, daß Sie ganz wohl sind, lieber O'Connor, Ihr treu ergebener William Massay.« Massay's Rolle oder Charakter scheint danach nur noch räthselhafter. Möglich, daß man ihm die Sache im Lichte eines Scherzes vorgestellt. Aber wenn dies, wie konnte die Manning den Todesanschlag gegen O'Connor am Ende Juli wagen, wo Massay noch im Hause wohnte, und nachdem sie sich seiner bedient hatte, um das Opfer ins Haus zu locken, während sie Anfang August Alles anstrengte, ihn aus dem Hause fortzuschaffen, um ungestört und unverdächtigt an ihr Mordgeschäft zu gehen? »Meine Frau schrieb an ihn, daß er doch zu Mittag kommen möchte. Aber er kam nicht, nur am Mittwoch kam er dann, aber zu spät, da er den Brief nicht erhalten, und als er kam, war er ganz betrunken. Welsh war mit ihm, und er schien der Ohnmacht nahe. »Am nächsten Tage, Donnerstags, um 9 Uhr Vormittags, schrieb sie einen Zettel an O'Connor, und trug ihn selbst auf das Postamt, und sagte mir, nun sei es gewiß, daß er ihn erhalten würde. Der Zettel lautete: »Lieber O'Connor, ich würde sehr froh sein, wenn Sie heute um 5½ mit uns speisen wollten. Ich hoffe, Sie sind ganz wohl. Ihre treu ergebene Maria Manning.« »Er kam auch am Donnerstag, 10 Minuten nach 5 Uhr, am 9. August. Vorher hatte sie den Tisch gedeckt für fünf Personen, mit Couverts und Alles sonst, aber sie hatte auch gar nichts zugekocht . Als er ins Haus trat, fragte er, wo ist Master und Miß Massay? Meine Frau antwortete: Oben; sie ziehen sich an zu Mittag. Er fragte dann, wie lange sie schon oben wären? – Meine Frau erwiderte: »Sie sind eben erst hinaufgegangen. Sie haben Sie ins Haus treten sehen«. – Massay war aber gar nicht im Hause, noch war seine Schwester in London, und ich glaube bis heute, daß sie nie in ihrem Leben London gesehen hat. »Meine Frau forderte nun O'Connor auf, in die Küche hinunterzugehen. Er wollte nicht. Da sagte sie zu ihm: »Patrick, Miß Massay ist eine sehr feine junge Dame (er war etwa 10 Minuten im Hause), kommen Sie nur herunter, Patrick, und waschen Sie sich die Hände«. »Ich hörte ihn noch die Treppe hinuntergehen, indem ich in meiner Schlafstube war und mich wusch. Ich hörte auch den Knall der Pistole, etwa eine Minute nachdem sie hinuntergegangen waren, dann kam sie zu mir herauf und sagte: »Gott sei Dank, ich habe ihn endlich zurecht gekriegt – es wird nie raus kommen. Da wir auf so gutem Fuß mit 'nander stehen, wird Niemand den geringsten Verdacht schöpfen, daß ich ihn gemordet hätte«. »Da erwiderte ich darauf: »Ich bin ganz sicher, daß Du dafür gehängt wirst«. Da sagte sie: »Du wirst wenigstens nicht darum leiden, das bin ich«. Und nachdem sie ihn erschossen, sagte sie: »Ich kümmere mich nicht mehr darum, als wenn ich eine Katze erschossen hätte, die auf der Mauer spazirt«. »Wie sie zu mir rauf kam, bestand sie darauf, daß ich augenblicklich runter käme. Und als ich in die Küche kam, fand ich ihn auf seinem Grabe liegend. Er stöhnte noch. Ich habe ihn nie gemocht, und ich zerschlug ihm den Kopf mit einem Brecheisen. »Sie nahm die Schlüssel aus seiner Tasche, und zehn Minuten vor 6 hatte sie schon ihren Hut aufgesetzt und Mantel umgenommen und ging nach seiner Wohnung. Ich sagte, es wäre mir unmöglich, im Hause auszuhalten, und ging in den Garten und rauchte eine Pfeife auf der Mauer mit dem Wirth (Wirthin?) vom Nachbarhause. »Etwa 20 Minuten nach 8 Uhr war meine Frau wieder zu Haus und sagte. Miß Arens (O'Connor's Wirthin) hätte sie eingelassen. Nachdem sie etwa 15 Minuten in der Wohnung gewesen, ging sie in O'Connor's Schlafstube, öffnete seinen Schrank und nahm alle Eisenbahnactien, die sie finden konnte, seine beiden goldenen Uhren und Ketten, auch sah sie das Bankbuch nach, wonach es schien, als hatte O'Connor gegen 3000 Pfund in der Bank. Das Buch aber schien ihr unnütz und sie nahm es nicht mit. Nachdem sie nach Haus gekommen, rief sie aus: »Die fremden Stocks habe ich nicht gekriegt, und ich weiß doch, er hat sie, zwischen 2000 und 3000 Pfund werth. Er hat sie bestimmt, denn ich sah sie, ehe ich verheirathet war«. Freitag ging sie wieder hin, aber die Stocks fand sie nicht.« Die Erzählung, wie Manning auf Geheiß seiner Frau von den Actien versetzt, dabei aber den Namen O'Connor's annehmend und zeichnend, und wie er die Noten in der Bank eingewechselt, ist umständlich und klar, zu unserm Zwecke genügt das Eingeständniß, daß er es gethan. Als er seiner Frau das eingelöste Geld, 110 Pfund brachte, verlangte sie von ihm, daß er noch andere Actien, auf O'Connor's Namen lautend, verwerthen sollte. Sie sagte ihm, es sei dabei keine Gefahr, da O'Connor todt wäre. Als er nicht wollte, ward sie sehr aufgebracht und bestand darauf. Er setzte auch seinen Hut auf und that, als ob er zu einem Wechsler ginge. Nach zwei Stunden kehrte er zurück und sagte, er sei bei einem Wechsler gewesen; der wolle aber am Donnerstage kein Geld darauf vorschießen. Sie fand das seltsam und meinte, er wäre gar nicht bei einem Wechsler gewesen. Als er am Montage einige Stunden ausgegangen war, kam ihm Maria mit der Nachricht entgegen, daß zwei Herren da gewesen, die ihr gar zu sehr als verkleidete Polizeimanner vorgekommen wären. Er gab ihr die tröstliche Antwort: »Da kannst Du Dich darauf verlassen, so gewiß Du ein Weib bist, werden wir gefaßt.« – Sie antwortete: »Sprich nicht davon, mir wird unwohl.« – Nach dem Mittagessen sagte sie: »Du solltest zu Bainbridges gehen, Alles verkaufen, und wir nahmen den Nachtzug nach Liverpool, um nach Newyork abzusegeln.« Manning ging darauf zum Trödler Bainbridge, und das Weitere, wie er nach seiner Frau schickte, und endlich selbst ging, sie nicht fand und durch das Nebenhaus in seine Wohnung dringen mußte, ist vollständig bekannt. Sie hatte, bis auf die Möbel, Alles mitgenommen. Er saß ohne einen Heller da. Ebenso weiß man, wie er zu Bainbridges zurückkehrte, dort sich einmiethete und endlich nach Jersey entfloh. Einen bestimmten Plan scheint er nicht gehabt zu haben. Zu erwähnen ist nur, daß wir aus Manning's Bekenntnisse gelegentlich erfahren, wie der viel besprochene Student Massay, nachdem er von Mannings fortgegangen, bei Bainbridges sich einquartirt hatte, oder vielleicht von Mannings einquartirt worden war. Zum Schluß seiner Bekenntnisse ein wahres mixtum compositum und doch das Charakteristischste des ganzen Berichts: »Als mein Weib, Donnerstag 9. August, aus O'Connor's Wohnung etwa 20 Minuten vor 8 zurückkehrte, ging sie die Treppe hinunter mit einer großen Scheere und schnitt dem Leichnam die Kleider ab, und zündete ein Feuer an in der Vorderküche. Den Rest dieses Tages und den folgenden war sie damit beschäftigt, sie zu verbrennen. Dann nahm sie einen Strick und wir banden zusammen die Füße an die Hüften. Nachdem wir so gethan, warfen wir den Kalk auf den Leichnam und machten ihn naß, und dann warfen wir Erde darauf und trampelten das Grab nieder bis Mitternacht, als wo das Begräbniß für den Leichnam noch nicht ganz fertig war. Wir standen nun am andern Tag zwischen 5 und 6 auf und wurden mit der Verscharrung zwischen 10 und 11 fertig. Als nun Alles geschehen war, sagte sie: »Gott sei Dank, nun ist Alles in der Richte – Niemand wird dran denken ihn hier zu suchen – in weniger als 14 Tagen hat der Kalk den Leichnam ganz zerstört«. Sie hatte auch 1½ Flasche Vitriol sich verschafft, schon zehn Tage vorher, in einem Laden in Barmondseystraße, und dies ward auf den Leichnam gegossen, ehe wir noch den Kalk darauf thaten. Dann sagte sie, »wie glücklich sie sich fühle, daß sie einen der größesten alten Schurken in der Welt aus dem Wege geräumt habe» . Sie sprach auch ihren Willen aus, noch 12 Monat in dem Hause zu bleiben, und das Geld, was sie gewonnen, in Eisenbahnactien anzulegen. Jetzt rieth sie mir selbst an, die Stelle als Reisecommis bei den Herren Govers anzunehmen, indem sie sagte, »wenn wir jetzt das Haus verließen, würde das Argwohn erregen«. Sie setzte hinzu: »Kommt Jemand und fragt nach O'Connor, dann laß mich nur antworten, denn ich habe Nerven wie ein Pferd« . Sie sagte auch, wenn der Mord jemals raus kommt, wäre ich daran Schuld, weil ich nicht fest genug wäre. »Wenn es raus kommt«, sagte sie auch, »wirst Du eben so dastehen wie ich, weil Du beim Morde mir beigestanden hast. Aber wenn Jemand mich greifen will, erst schieß ich ihn nieder, und dann mich selbst«. – Sie sprach sehr oft von der Französischen Revolution und bedauerte, daß so viele brave, junge Leute ihr Leben dabei verloren hätten. Sie sagte, »sie wolle lieber sterben als kein Geld erwerben. Sie bedauerte aber, daß sie über den Todten keine Gebete gesprochen habe« . Ich fragte sie: »Wozu sie denn das thun gewollt?« Sie antwortete mir: »Sie hätte Gott bitten sollen, daß er ihm seine Sünden vergeben möge« . – Sie sagte, »sie hätte ihm nicht wieder ins Gesicht sehen können«. Und von den Misses Arens (O'Connor's Wirthinnen) sagte sie: »Diese alten Jungfern haben einen guten Miether verloren, und da ich sie nicht leiden kann, bin ich recht froh, daß er fort ist«. »Wenn irgend Verdacht aufkäme«, sagte sie, »sie wolle die Stadt verlassen im Anzuge einer Witwe; die Locken würde sie sich fortkämmen und glattes Haar tragen«. – Früherhin hatte meine Frau mir auch gedroht, sie wolle nach Weymouth gehen und meine Schwester todtschießen in Folge einiger Familienstreitigkeiten, die sie miteinander gehabt.« So schloß sein Bekenntniß. Auf sein Verlangen ward darunter gesetzt: »Ich erkläre hiermit feierlich, daß die vorangehende Erzählung, wie sie der Reverend W. S. Rowe, Kaplan, auf mein Dictat niedergeschrieben, correct und treu ist. Frederick George Manning . »In der Verdammten-Zelle, Horsemanger-Lane. November 9. 1849. »Unterschrieben in Gegenwart von W. S. Rowe, G. Hallet und S. Deal.« Unser Pitaval hat bereits ein Weib dieser furchtbaren Natur den Lesern vorgeführt, die Gattenmörderin und Schlächterin Wunsch aus Hamburg. Die halb verbrannten lückenhaften Acten des Senats lieferten uns aber Das, was wir in diesem, mit der allergrößten Ausführlichkeit und in allen Details uns mitgetheilten Falle vermissen, solche Blicke in das Vorleben der Verbrecherin, welche ihr Sein und Wesen und die That erklären. Welche wichtige Aufschlüsse über Maria Manning's Wesen sind dem Psychologen entgangen, indem die englischen Gerichte keine Zeugen über ihr früheres Leben vor die Schranken citirten. Was hätten die vornehmen Gräfinnen und Herzoginnen, in deren Dienst sie gestanden, die sie mit Gunst überhäuft zu haben scheinen, die auch noch der Gefangenen und Verurtheilten davon zuwandten, über sie aussagen können! Nicht daß man diese hohen Personen nicht bemühen oder bloßstellen wollte – vor der englischen Justiz müssen auch die aristokratischen Rücksichten verschwinden – aber es that nicht noth. Die englische Justiz hat nichts mit Tendenzen, aber auch nichts mit der innern Verbrechergeschichte zu thun, ihr genügt die That. Manning, der Ehemann, würde mit einem aufrichtigen, zur Zeit abgelegten Bekenntnisse, mit einem Vertheidiger, der nicht streng an englisches Gerichtsherkommen sich hielt, und vor anderen Gerichten vielleicht wenigstens sein elendes Leben gerettet haben. Wir sagen damit nicht, daß er unverdient starb, noch daß ein Justizmord an ihm begangen ist. Den neuesten englischen Zeitungsnachrichten zufolge ist des ermordeten O'Connor Vermögen keinesweges in dem Zustande gefunden worden, welcher die Mörder zu ihrem Verbrechen wahrscheinlich angereizt hat. Bei der Nachlaßregulirung hat sich ergeben, daß er kaum Das besessen, was ihm gestohlen worden, ein alter Mann, der zu seinen andern Eigenschaften und Lastern noch die Eitelkeit hatte, für einen reichen Mann gelten zu wollen! Schwerer konnte die Nemesis diese Schwäche nicht bestrafen, eine Nemesis, die auf die Mörder als Parodie zurückfällt. Eine Hinrichtung in Appenzell 1849 Die Geschichte der Hinrichtung des Manning'schen Ehepaares lief noch durch alle Zeitungen, mit Boz' Betrachtungen und Gegenbetrachtungen, als man der Allgemeinen Zeitung ein Seitenstück von einer eben in Appenzell stattgefundenen Hinrichtung berichtete, was in seiner drastischen Kürze wohl verdient als Anhang zum vorigen Falle in unserer Sammlung aufbewahrt zu werden. Wir haben keinen Grund, die Worte des Berichterstatters, da er von St.zur von einem gestern erlebten Ereigniß schreibt, umzuändern. Die Frische des Eindrucks hat auch ihren Werth. Nur bemerken wir für den mit den Verhältnissen der Schweiz minder bekannten Leser, daß der Halb-Canton Appenzell-Innerrhoden nicht allein in der Justiz, sondern in vielen Dingen dem Mittelalter noch weit näher steht, als irgend ein anderer der Schweiz. Das gewerbfleißige Außerrhoden bildet schon dazu einen merkwürdigen Gegensatz. Ich schreibe Ihnen heute unter dem Eindruck einer entsetzenvollen Hinrichtung einen neuen Beitrag Beurtheilung derselben, der sich in der That den Boz'schen Betrachtungen genau anschließt. Das fürchterlichste Schauspiel, das sich denken läßt, ist soeben gewissermaßen unter unsern Augen an uns vorübergegangen: ein Mensch, der sich für sein junges Leben aufs äußerste wehrt, von der erbarmungslosen Gerechtigkeit unter und vermöge furchtbarer Anstalten zum Tode gebracht. Gestern wurde bei Appenzell, dem Hauptflecken des Cantons Appenzell-Innerrhoden, ein Mädchen, Namens Koch, wegen Mords enthauptet – unter Umständen, welche diese Hinrichtung zu der gräuelvollsten, die je mit dem Schwerte vollzogen worden, stempeln. Im Lauf des vergangenen Sommers war eine junge Bauerntochter erschlagen und ertränkt gefunden worden. Der Besitz von Silbergeräthen, welche derselben bei Lebzeiten unzweifelhaft gehört, führte bald die Spur auf jene Koch, welche jedoch im gütlichen Verhör den Verdacht so geschickt auf einen jungen Mann, ihren »Geliebten«, zu lenken wußte, daß dieser auf Verweigerung des Geständnisses hin der Folter unterworfen ward (in den Schweizern Bergen hat sich die Tortur neben vielen andern Justizgräueln bis auf den heutigen Tag fortgeerbt). Dieser, ein starker Bursche, bestand die Probe, wogegen dasselbe Mittel der schwächern Jungfrau sehr bald das (unzweifelhaft richtige) Geständniß ihrer That abzwang. Sie hatte, wol hauptsächlich von Eifersucht bethört, ihr unglückliches Opfer unter heuchlerischer Freundlichkeit an einen Teich verlockt, dort durch einen Streich betäubt und die Ohnmächtige im Teiche ertränkt. Nach erfolgtem Geständniß konnte es einem Zweifel nicht unterliegen, daß der Mörderin das Leben werde abgesprochen werden. Sie wurde daher von der hiesigen Geistlichkeit fleißig besucht, um auf ihr nahes Ende vorbereitet zu werden. Allein die Unselige, weniges über zwanzig Jahre alt, konnte sich mit dem Gedanken, sterben zu müssen, so gar nicht vertraut machen, daß sie alle Tröstungen der Religion verzweifelnd von sich wies und erklärte, nicht sterben zu können. Der Große Rath, gestern versammelt, um über Begnadigung oder über Urtheilsvollzug endgültig zu entscheiden, verwarf die erste und ordnete nach Landessitte auch ohne weitern Verzug die Hinrichtung an, zu welcher eventuell schon alle Vorkehrungen getroffen waren. Die dem Tode Geweihte nahm die Nachricht ihres Schicksals so auf, wie nach allem Vorhergehenden zu erwarten war. Sie widersetzte sich den Bütteln, welche sie in die öffentlichen Schranken vor das hochnothpeinliche Gericht führen sollten, mit Aufbietung aller Kräfte, mußte daher von vier Männern aus dem Gefängniß auf den Markt hinuntergeschleppt werden, und wurde dort bei fortgesetztem Widerstand unter herzzerreißendem Geschrei, welches die Vorlesung des Urtheils völlig unverständlich machte, auf einen Schlitten gebunden. Unter gleichem Tumult und Ablehnung alles Beistandes eines Pfarrers ward sie nunmehr, nachdem der Stab über sie gebrochen worden, fortwährend betheuernd, daß sie nicht sterben könne und wolle, auf den Rabenstein geschafft, wo ein junger Scharfrichter sein »Meisterstück« an ihr verrichten sollte. Allein dies machten ihm die unablässigen leidenschaftlichen, ja verzweiflungsvollen Bewegungen der Armen unmöglich, so daß endlich der Reichsvogt (auch diese uralthergebrachte Benennung des Blutgerichtsvorsitzers hat sich selbst officiell erhalten) an den Rath berichten mußte, mit der Frage, was unter solchen Umständen zu thun sei. Der Bescheid lautete lakonisch: der Nachrichter solle sehen, wie er mit ihr fertig werde. Also neue Versuche, neues Sträuben und betäubendes Geschrei des Justizopfers; bis endlich ein alter grauer Mann hinzutrat, rathend, es sollte der Zopf der Unglücklichen um eine Stange gebunden, vermittels derselben ihr Kopf straff emporgerissen, zugleich aber unten der Körper festgehalten werden. Gesagt, gethan! Unter solchen Anstalten ward im Jahr 1849 ein schwaches Mädchen glücklich enthauptet. – Was soll man zu einer solchen Geschichte sagen? Soll man mit Boz vor allem wenigstens darauf dringen, daß dergleichen empörende, entmenschende Schauspiele nicht, wie gestern geschah, vor vielen Tausenden, jedes Alters und Geschlechts, aufgeführt werden? Oder soll man seinem entrüsteten Erstaunen Worte leihen, daß ein Rath (zumal ein katholischer) es wagt und über sich nimmt, einen Menschen ohne Bekehrung, ohne Trost, ohne alle Vorbereitung unter tumultuarischen Formen erbarmungslos hinrichten zu lassen? Ich gestehe, daß mir bei Anhörung der Erzählung die Haare gen Berge standen und die Worte im Hals erfroren sind. Und welche Roheit muß dazu gehören oder dadurch erzeugt werden, wenn einem Todeskampf, wie der gestern ausgekämpfte war, während anderthalb Stunden zugeschaut werden kann! Gehört das vielleicht zur sittlichen Erziehung des Volks oder kann ein derartiger Auftritt dazu dienen, seinen Abscheu vor dem Verbrechen zu vermehren? Zu einiger Genugthuung habe ich denn auch vernommen, daß sich alle nicht ganz allem Gefühl Abgestorbenen vielmehr mit Abscheu vor der Unmenschlichkeit menschlicher Satzungen hinweggewendet haben. Braucht es, um aus diesem neuen und erschütternden Beitrag zur Geschichte der öffentlichen Hinrichtungen eine Geschichte zu machen, wohlgeeignet das Blut im Herzen zu erstarren und Gesetzgeber aus ihrer schauderhaften Indolenz aufzuschrecken, noch des Beisatzes: daß der unschuldig gefolterte Jüngling in einen Zustand sich versetzt sieht, der seine Wiederherstellung billigen Zweifeln unterstellt! Machen Sie, wenn Sie wollen, zu diesem Aufsatz die Überschrift: »Ein Stück Cultur des 19. Jahrhunderts!« Constantin Weise 1835–1837 Der Commissionsrath Weise, ein angesehener, reicher Mann in seiner Stadt, war am Abend des 22. September 1835 wohl und munter am Arm seiner jugendlichen und schönen Gattin aus einer heitern Gesellschaft nach Hause gekehrt. Jovialer Natur, war er es auch diesen Abend gewesen. Er war ein Mann, kaum 51 Jahr alt, von kräftiger Constitution und angenehmem Aeußern. Vor einigen Jahren erst hatte er seine zweite Frau, im Anfang der Zwanziger, geheirathet. Um so mehr überraschte am folgenden Tage die Nachricht, daß er plötzlich gestorben sei. Sein Sohn, Constantin Weise, Candidat der Rechte, überbrachte selbst die traurige Meldung dem Ortsgeistlichen. Man erzählte, daß der Commissionsrath gleich nach seiner Nachhausekunft sich unwohl gefühlt. Gattin und Sohn wollten den Hausarzt rufen lassen. Der Kranke selbst aber verbat es sich, da er die Krankheit für einen Anfall von Kolik hielt, an der er zuweilen litt. Aber der Anfall wurde heftiger, und nach öfterem Erbrechen und heftigen Krämpfen verschied er Nachmittags um 2 Uhr. Sein Leichenbegängniß, mit großem Gepränge vollzogen, fand am 26. statt. Die Theilnahme war allgemein, da Weise eben so wohlhabend als bieder, eben so geachtet als beliebt war. Weise war, wie erwähnt, zwei Mal verheirathet gewesen. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn, Constantin, geboren 1809, und eine Tochter Adelaide, geboren 1811. Beiden hatte er eine seinem Stande und seinen Vermögensverhältnissen angemessene Erziehung gegeben. Adelaide hatte sich, zur Freude des Vaters, bald nach dem 1829 erfolgten Tode seiner ersten Frau, mit dem Regierungsassessor von B ... verheirathet. Weise, an weibliche Pflege gewöhnt, heirathete 1830 zum zweiten Mal, Anna W ..., die Tochter eines verstorbenen Steuerrathes, ein Madchen von 22 Jahren, die ihm zwar kein Vermögen mitbrachte, dagegen alle Reize, die einen Mann zu beglücken vermögen. Man hielt auch die Ehe für eine glückliche. Constantin hatte im Jahr 1829, vor der zweiten Verheirathung des Vaters, die Universität Jena bezogen, hier Jura studirt, war dann 1831 nach Haus zurückgekehrt, hatte sein Examen glücklich gemacht, und darauf, auf Wunsch des Vaters, eine mehrjährige große Tour durch Deutschland, Frankreich und Italien. 1834 war er ins elterliche Haus zurückgekehrt und bereitete sich, in eifrigen praktischen Studien, zu einer Regierungsassessorstelle vor, um die er sich bewarb, als sein Vater starb. Das Testament des Commissionsrathes, beim Magistrat der Stadt niedergelegt – in welcher Stadt Sachsens diese Geschichte spielt, die ihrer Zeit so offenkundig gewesen sein muß, sagt uns Dr. Bischoff nicht, aus dessen »Merkwürdigen Criminal-Rechtsfällen«, wir diesen entnehmen; er bezeichnet sie gleich den meisten vorkommenden Namen nur mit einem Anfangsbuchstaben, ein Verfahren, das vor unsern heutigen Grundsätzen keine Entschuldigung mehr findet, aber auch jener Zeit kaum gerechtfertigt erscheint, da alle übrigen Bezeichnungen so deutlich sind, daß jeder entfernt mit der Localitat und den Persönlichkeiten Vertraute die wirklichen Namen herausräth, ein Fremder aber zu falschen Schlüssen und Verdächtigungen verführt wird – das Testament des plötzlich Verstorbenen ward am 28. September den Weise'schen Kindern und der Witwe eröffnet. Constantin erhielt das väterliche Wohnhaus nebst allen Mobilien darin, außerdem 20,000 Thaler Capital; Adelaide, die bei ihrer Verheirathung bereits 8000 erhalten, noch 22,000 Thaler an Capital; die Witwe 10,000 Thaler und ein wohleingerichtetes kleines Haus am Ringe. In die Pretiosen sollten sich die Kinder gleichmäßig theilen. Beide Kinder hatten übrigens schon ihr mütterliches Erbtheil vorweg erhalten. Die Theilung fand am 29. September statt. Hierbei vermißte Adelaide drei ihr wohlbekannte Brillantringe. Constantin versicherte, die Dinge nie gesehen zu haben; die junge Witwe, die man herbeirief, um wo möglich Auskunft zu geben, bezweifelte sogar, daß ihr Mann diese Ringe im Besitz gehabt. Bei diesem Theilungsgeschäfte entging dem scharfen Auge der jungen Frau von B... nicht, daß zwischen ihrem Bruder und ihrer Stiefmutter ein Verständniß obwaltete, über das sie schauderte. Beide flüsterten oft mit einander, gaben sich verstohlene Winke, ja sie glaubte zu sehen, daß ihre brennenden Blicke auf einander hafteten. Man hatte Adelaide, obgleich in derselben Stadt wohnend, nicht zum kranken Vater gerufen. Erst als er unerwartet gestorben, schon die Leiche gewaschen und angekleidet war, hatte man es gethan. Vielleicht daß diese Versäumniß sie empfindlich, argwöhnisch gestimmt hatte. Als die Erbtheilung vorüber war und Adelaide das Haus verließ, sagte sie zu ihrem Bruder im Fortgehen: »Constantin, habe Gott vor Augen und im Herzen und hüte Dich, daß Du in keine Sünde willigst.« Es waren noch nicht drei Wochen verstrichen, als der Rechtscandidat Constantin Weise, seinen Bekannten unerwartet, seine Vaterstadt verließ. Er hatte die ererbten Capitalien eingezogen oder cedirt und das Erbhaus verkauft. Seine Schwester erhielt folgenden Brief von ihm statt Abschiedes: Liebe Adelaide! Deine Mahnung ist auf guten Boden gefallen; Du hast mein Innerstes durchschaut; ich verlasse K.–, weil ich mich für zu schwach fühle, eine Leidenschaft zu bekämpfen, deren Befriedigung ein großes Verbrechen sein würde. Ich kehre erst dann wieder nach K.– zurück, wenn ich völlig geheilt sein werde. Lebe wohl! K–, am 19. October 1835. Dein Dich herzlich liebender Bruder Constantin. Seltsamer Weise hatte auch die verwitwete Commissionsräthin Weise am 21. October die Stadt verlassen, auch sie hatte die ihr zugefallenen Capitalien eingezogen, auch sie ihr Haus am Ringe verkauft. Sie gab vor, ihre Tante in Altona besuchen, oder vielleicht sich ganz dahin zurückziehen zu wollen. In Adelaidens Brust stieg ein neuer Argwohn auf. Aber sie kannte, liebte, achtete ihren Bruder. Sein Brief beruhigte sie, sie drängte mit Gewalt alle bösen Gedanken zurück und war genug Herrin ihrer selbst gewesen, Niemanden etwas von ihrem Verdacht mitzutheilen, auch ihrem Manne nicht. Am 10. November ließ sich das Stubenmädchen ihres Vaters bei ihr melden. Julie Brenner bat um eine ganz geheime Unterredung. In einem abgelegenen Zimmer fiel sie vor der jungen Frau auf die Knie, und bat sie um Gottes willen ihr zu vergeben, daß sie ihr erst jetzt Thaten entdecke, vor denen die Menschheit schaudere . Adelaide bebte an allen Gliedern. Was sie hören mußte, sollte sie noch tiefer erschüttern. Die Aussage der Brenner, nachdem sie zu sich gekommen, lautete: Als der junge Herr Weise gegen 1834 von seinen Reisen zurückgekehrt war, merkte ich gar bald, daß dem jungen Herrn die Stiefmutter nicht gleichgültig war. Er suchte, so oft es nur irgend möglich war, in ihrer Nähe zu sein; er sagte ihr Worte, wie nur eine heftige Liebe sie eingeben kann, und leider nahm ich auch bald wahr, daß die junge Frau solche Reden gut aufnahm. Gegen Pfingsten verreiste der Herr Commissionsrath Weise auf einige Tage, und während dieser Zeit sah ich den jungen Herrn fast stets in dem Zimmer der jungen Frau. Am dritten Pfingstfeiertage früh trat ich in ihr Zimmer und traf Beide auf dem Canapee in fleischlicher Umarmung. Der junge Herr sprang auf und fuhr ganz erbost auf mich zu, allein die junge Frau, nachdem sie ihr Kleid etwas in Ordnung gebracht hatte, nahm mich bei Seite, gebot mir Schweigen und gab mir zwei Ducaten. Seitdem haben sich Beide vor mir nicht mehr gescheut. Wenn der Herr Commissionsrath zu Bette gegangen war, schlich der junge Herr sich in das Schlafgemach der Frau und verließ dasselbe gewöhnlich erst früh Morgens. Das geschah jede Woche zwei, auch drei Mal. Selbst in Gegenwart des Herrn Commissionsraths warfen sie sich verstohlene Kußhände zu, und über Tische hafteten ihre brennenden Blicke oft aufeinander. Am 14. Trinitatissonntage (20. Sept. 1835) lauschte ich Abends gegen 10 Uhr an der Thüre, welche zur Schlafstube der jungen Frau führt. Ich hörte leise sprechen, erkannte aber doch die Stimme des jungen Herrn und der Frau. Das Zwiegespräch drehte sich, wie ich hörte, um ihre leidenschaftliche Liebe und darum, daß es anders werden müsse, daß sie sich des Alten entledigen und dann mit dem väterlichen Vermögen in einem fremden Lande niederlassen müßten. Mir stiegen die Haare zu Berge! Zwei Tage später war Gesellschaft bei dem Herrn Rath Wagner; der Herr Commissionsrath Weise und die junge Frau gingen auch hin. Während dieser Abwesenheit war der junge Herr sehr ängstlich; er ging von einem Zimmer in das andere! Als es Abends 10 Uhr geschlagen hatte, befahl er mir, dem Vater sein Glas Zuckerwasser an das Bett zu stellen; ich that es auch sogleich und sah dann, daß der junge Herr sich noch mit dem Glase beschäftigte. Er hob es einige Mal in die Höhe, rüttelte die Flüssigkeit einige Mal um und ging dann wieder ängstlich auf und ab. Endlich kam der Herr Commissionsrath und die junge Frau; der junge Herr gab ihr einen bedeutenden Wink, der auch auf das Glas mitfiel; ich hätte aber eher des Himmels Einfall befürchtet, als daß der junge Herr etwas Böses in das Glas gebracht hätte! Der Herr Commissionsrath entkleidete sich, trank das Wasser, wie er gewohnt war, auf ein Mal aus, äußerte aber auch zugleich, daß es sonderbar schmecke. Er legte sich zu Bette; es war aber kaum 11 Uhr, als ich Thee kochen mußte, weil der Herr unwohl war. Er erbrach sich, hatte Krämpfe, ächzte heftig und warf sich im Bette herum. Jetzt gebot der junge Herr mir, ich solle aus der Stube gehen, was ich auch that. Ich habe dann den guten Herrn lebend nicht mehr gesehen. Als ich den Leichnam wieder sah, war er schon völlig angekleidet, was Niemand anders als der junge Herr oder die Frau, oder Beide zusammen gethan haben konnten, weil kein fremder Mensch ins Haus gekommen war. Ich glaube, der gute Herr ist vergiftet worden; ich glaube auch, daß die junge Frau vom jungen Herrn schwanger ist, weil sie ihre Reinigung in der letzten Zeit nicht gehabt hat, auch glaube ich, daß sie zusammen in ein fremdes Land entwichen sind. Ich hätte das Alles gleich gesagt, aber ich fürchtete mich vor dem jungen Herrn, auch hatte ich zu wenig geltenden Beweis. Das muß ich noch sagen, daß der junge Herr auch die Ringe genommen hat, welche fehlen; ich habe sie bei ihm gesehen.« Adelaide war, einer Ohnmacht nahe, auf das Sopha gesunken. Sie gebot dem Mädchen fürs erste gegen Jedermann das tiefste Schweigen und ließ dann ihren Mann rufen. Sie gewann die Kraft, ihm den ganzen Inhalt der Anklage mitzutheilen, und fragte ihn, unter einem Strom von Thränen, was da zu thun sei? Der Regierungsassessor war, als Staatsdiener und Jurist, keinen Augenblick unschlüssig. Das vorliegende Verbrechen, mit einer so bestimmten Anklage, unterstützt durch so viele Umstände, sei der Art, daß es nicht mehr aus Verwandtenrücksichten vertuscht und in der Familie behalten werden dürfe, die Pflicht vielmehr gebiete, es dem Criminalgericht anzuzeigen. Es sei auch Pflicht gegen den Bruder seiner Frau, damit, wenn er unschuldig, er sich vor solcher Anschuldigung rechtfertigen könne; sei er schuldig, könne er nur durch Erleidung der Strafe seine That sühnen. Schon am Nachmittag desselben Tages machte der Assessor von B... beim Criminalgericht die Denunciation. Sofort ward die Brenner, ein unverdächtiges Mädchen, 26 Jahr alt und Tochter eines verstorbenen Regierungscanzellisten, zu Protocoll vernommen; sie wiederholte die obige Erzählung, ward darauf vereidet und zur Verschwiegenheit angewiesen. Am 11. ward der Leichnam des verstorbenen Weise ausgegraben, von mehren Personen, die ihn genau gekannt, recognoscirt und vor vollständig besetztem Gericht, mit der Obduction und Secirung verfahren. Die Fäulniß hatte den wohlgenährten, kräftigen Körper noch wenig angegriffen. Im Magen und den dünnen Därmen fand man zwar Spuren von Entzündung, sonst aber »nichts Bedenkliches«. Bei der am folgenden Tage vorgenommenen chemischen Untersuchung fand man jedoch »in den Contentis des Magens weißen Arsenik in aufgelöstem Zustande«. Das Gutachten fiel dahin aus, »daß der Entseelte so viel davon verschluckt, daß er daran hätte sterben müssen«. So stand denn fest: Weise war vergiftet worden. Denn an einen Selbstmord konnte Niemand denken. Er war ein notorisch lebensfroher Mann; der Rath Wagner und seine Frau bekundeten eidlich, daß er am Abend vor seinem Tode in ihrer Gesellschaft äußerst lustig gewesen und von einer Reise mit wahrem Enthusiasmus gesprochen habe, die er im Frühjahr mit seiner Gattin nach Florenz unternehmen wollen. Die gewichtigsten Indicien wiesen auf eine bestimmte Thäterschaft: die Aussage der Brenner; die der jungen Frau von B... über das verdächtige Benehmen ihres Bruders und ihrer Stiefmutter; Constantin's schnelles Verschwinden, nachdem er das Haus übereilt verkauft und die Capitalien eingezogen; dasselbe Verfahren der verwitweten Weise, die, nach amtlichen Nachrichten, nicht nach Altona gekommen war. Endlich hatte der Apotheker Veit, in einem zwei Stunden entfernten Marktflecken, unaufgefordert, auf das verbreitete Gerücht hin, daß der Commissionsrath Weise vergiftet sei, beim Gericht die Anzeige gemacht, daß der Rechtscandidat Weise am 21. Sept. – also am Tage nach dem Trinitatissonntage, wo die Brenner das geheime Gespräch zwischen dem jungen Weise und der Stiefmutter in dem Schlafzimmer der Letztern belauschte – in seine Apotheke gekommen und für einen Groschen Arsenikpulver, angeblich zur Vertilgung der Mäuse, gekauft habe. Somit hielt sich das Gericht für berechtigt, Steckbriefe gegen Constantin und Anna, verwitwete Weise, zu erlassen. Sie sind uns leider nicht mitgetheilt. Diese Steckbriefe waren vom 16. November 1835. Aber beinahe zwei Jahre vergingen, ohne daß man die geringste Spur von den Entflohenen erhielt. Man durfte glauben, daß sie über das Atlantische Meer gegangen und in Amerika für immer verschwunden wären. Auf einer Reise nach Italien besuchte der Professor August M... im Frühjahr 1837 den Lago Maggiore. Am 12. Mai schiffte er nach den Borromeischen Inseln. Auf der Isola Madre traf er einen ihm bekannt scheinenden jungen Mann, auf dessen blassem Gesicht eine tiefe Schwermuth lagerte. »Wir müssen uns«, sagte der Professor, »schon irgendwo gesehen haben, darum entschuldigen Sie, wenn ich mir die Freiheit nehme, nach Ihrem werthen Namen zu fragen.« »Nennen Sie mich Trostlos «, erwiderte der junge Mann; »ich bin in der That, was dieser Name sagt. Ich verlor vor 14 Tagen meine Gattin in Arona und bin nur hierher gekommen, die Stellen noch ein Mal zu besuchen, die ich noch kürzlich mit einem weiblichen Wesen durchwanderte, dessen Tod mein irdisches Paradies zertrümmert hat.« Er brach dabei in einen Strom von Thränen aus und sagte nach einer Pause zum Landsmann: »Ich reise in einigen Tagen nach K... ab, um meine Schwester zu besuchen, die ich lange nicht sah.« »Nach K...«, fiel der Professor ein, »im Herzogthum –?« »Eben dahin«, erwiderte der junge Mann, und Beide trennten sich. Der Professor nicht ohne einen Schauer. Der ganze Zusammenhang der Dinge stand ihm augenblicklich vor der Seele, er kannte genau die gräßliche Geschichte in der, seinem Domicil benachbarten, sächsischen Stadt; der des Vatermords und der Blutschande geziehene Sohn hatte in der Gestalt des blassen, düstern Trostlos vor ihm gestanden. Der Professor fuhr nach Arona und stellte Erkundigungen an. Ohne Mühe erfuhr er, daß seit dem November 1835 sich hier ein junges deutsches Ehepaar aufgehalten. Die junge Gattin sei im April 1836 von einem todten Kinde entbunden worden, und ein Jahr darauf, in diesem April 1837, an einem nervösen Fieber, verstorben. Bald nach der Beerdigung seiner jungen Gattin hatte der Ehemann Arona verlassen, angeblich, um in sein Vaterland zurückzureisen. In seinem Paß war er Julius von Erbach genannt. Der Paß war vom Magistrat in M... ausgestellt. Der Professor schrieb sofort an den ihm bekannten Schwager Constantin Weise's, den Regierungsassessor von B..., welcher den Brief, zur etwanigen weitern Verfolgung, an den Criminalrichter abgab. So romanhaft diese Begegnung und Geschichte klingt, ist sie doch in allen ihren Zügen wortgetreu aus den Acten entnommen. Aus dem Briefe des Professors in denselben hat Bischoff buchstäblich das Zusammentreffen und Gespräch mit dem jungen Weise aufgenommen. Einer weitern Verfolgung auf diese Anzeige, seitens des Gerichtes, bedurfte es nicht. Am Tage Peter und Paul, am 29. Juni 1837, in der Abenddämmerung, trat ein Reisender in das Haus des Regierungsassessors. Er trat in Adelaidens Zimmer, und ihr Bruder Constantin Weise warf sich vor ihr nieder und klagte sich mit dürren Worten des Vatermordes und der Blutschande an. Unter heftigem Schluchzen bat er, daß sie, die Schwester, ihm wenigstens vergebe. Er stand dann auf, legte stumm ein Packet auf den Tisch, ergriff der Schwester Hand, preßte sie heftig an die Brust und eilte zum Hause hinaus. Die Schwester war bei dem ganzen Vorfall nicht im Stande gewesen, ein Wort zu sprechen. In dem Packet fanden sich später 30,100 Gulden Conv.-Münze in österreichischen Banknoten und die drei bei der Erbtheilung vermißten Brillantringe. Weise ging aus dem Hause der Schwester sofort zum Criminalrichter, wiederholte hier dieselbe Anklage und verlangte ausdrücklich, in das Gefängniß abgeführt zu werden. Schon am folgenden Tage wurde Constantin gerichtlich vernommen. Nachdem er über seine Familienverhältnisse das uns Bekannte zu Protocoll gegeben und namentlich der zweiten Verheirathung seines Vaters erwähnt hatte, sagte er: »Ich kannte Anna, ja ich liebte sie früher, ehe der Vater sie heirathete. Sie war meine Jugendgespielin und, als ich älter wurde, meine Geliebte. Wenn ich die Ferien im väterlichen Hause verlebte, trafen ich und Anna öfters auf Spaziergängen zusammen; wir entwarfen den Plan für die Zukunft und dachten damals nicht, welch großes Unglück uns bevorstehe. Im Sommer 1830 schrieb Anna, deren Vater ein halbes Jahr früher verstorben war, mir nach Jena und machte mir Vorwürfe über meinen angeblichen Umgang mit der Tochter des Professor K–d. Ich antwortete ihr in einem empfindlichen Tone und erhielt zu meinem Schrecken gegen Michaeli 1830 vom Vater die Nachricht, daß er sich mit Anna vermählt habe. Ohne das väterliche Haus zu besuchen, ließ ich mich im Herbste 1831 vor der Regierung in M... examiniren, ging, wie gesagt, auf Reisen und kehrte erst vor Ostern 1834 in die Heimat zurück. Das Verhältniß zwischen mir und Anna war in den ersten Tagen höchst drückend, bald aber waren wir Beide nicht mehr mächtig, unsere frühere leidenschaftliche Liebe zurückzuhalten; wir wurden Verbrecher!« – Da Weise bat, das Verhör abzubrechen, er auch sichtlich angegriffen war, so wurde er, nachdem das Protocoll vorgelesen und von ihm genehmigt worden war, wieder abgeführt. Am 1. Juli 1837 setzte man das Verhör mit dem Inculpaten fort: »Ich sprach gestern« – sagte Weise – »daß Anna und ich Verbrecher geworden wären. Wir haben lange gekämpft, aber umsonst! Anna fühlte sich im September 1835 schwanger von mir. Sie eröffnete mir diese Nachricht unter den Aeußerungen banger Besorgnisse. Mein Vater hatte seit längerer Zeit, wie sie sagte, ihr nicht ehelich beigewohnt; Schimpf und Schande werde, wie sie unter Thränen äußerte, ihr Loos sein! Ich war um so weniger im Stande, sie zu trösten, da ich selbst über diese Nachricht zum Tode erschrocken war. Lieber wollte sie ihrem Leben im Wasser ein Ende machen, falls ein anderer Ausweg nicht mehr möglich sei. Der Vater war zu jener Zeit unzufrieden mit mir, weil der Magistratsrath Dr. S... ihm gesagt hatte, ich sei nachlässig und zerstreut, er wisse nicht, was er aus mir machen solle. Wäre – dachte ich – der Vater todt, so wäre alle Schmach von mir und Anna genommen! An diesen Gedanken knüpfte sich die Hoffnung, daß ich dann irgendwo mit ihr ehelich leben könne, während ich mich überzeugt hielt, daß Anna sich ums Leben bringen werde, wenn sie nicht von der ihr drohenden Schmach befreit werde. Dieser Gedanke beschäftigte mich einige Tage; ich äußerte denselben endlich gegen Anna; sie schwieg einige Augenblicke, dann aber sagte sie: Constantin, Du hast Recht; ein Leben muß vernichtet werden, wenn zwei Leben (damit meinte sie sich und ihr Kind, mit dem sie schwanger ging) erhalten werden sollen! Ich sprach dann einige Tage vor der Ausführung meines Vorsatzes noch ein Mal mit ihr in ihrer Schlafstube, und hier kamen wir überein, daß der Vater vergiftet werden solle und daß wir dann unter fremden Namen in Arona, wo ich früher gewesen war, uns niederlassen und dort als Mann und Frau leben wollten. Ich ritt am 21. Sept. 1835 nach M..., ließ mir in der dortigen Apotheke für einen Groschen Arsenikpulver, angeblich gegen die Mäuse, geben, kehrte an demselben Tage wieder nach K... zurück, konnte aber damals Anna nicht allein sprechen. Am 22. September war Abends Gesellschaft bei Wagner's. Ich sollte auch daran Theil nehmen, allein ich blieb zu Hause, um die Vorkehrung zur Ausführung des Verbrechens zu treffen, was ich der Anna vor ihrem Weggange mit wenigen Worten sagte. Als ich glaubte, der Vater werde nun zurückkehren, ließ ich durch das Stubenmädchen Brenner das Zuckerwasser zurecht machen, welches der Vater jeden Abend vor dem Schlafengehen zu trinken pflegte. Ich that die größere Hälfte des Arsenikpulvers hinzu, rüttelte die Flüssigkeit einige Mal um und wollte mich eben entfernen, als der Vater und Anna von Wagner's zurückkamen. Ich gab Anna einen Wink, mit dem ich sagen wollte, was geschehen sei, und entfernte mich. »Gegen 11 Uhr war der Vater heftig krank; er hatte das Wasser getrunken, Erbrechen bekommen und Krämpfe. Er verlangte nach dem Arzte, ich that, als eile ich ihn zu rufen, ging aber nach einer Weile wieder in das Zimmer und sagte, der Doctor sei verreist. Ich sollte dann einen Chirurg rufen, allein auch dieser war, wie ich fälschlich vorgab, nicht einheimisch. Gegen Morgen war der Vater schon gefühlloser; er verlangte nicht mehr nach dem Arzte, trank eine große Menge Wasser und verschied am 23 September Nachmittags 2 Uhr. Das Erbrochene habe ich und Anna weggebracht, und ich selbst habe den Vater gereinigt und angekleidet. Das Wasserglas habe ich weggeschleudert und dann die Schwester vom Tode des Vaters benachrichtigen lassen, auch das Leichenbegängniß bei dem Geistlichen bestellt. Am Tage der Beerdigung des Vaters haben ich und Anna uns auf die Knie geworfen und Gott um Verzeihung für unser Verbrechen gebeten, uns aber auch ewig treue Liebe geschworen!« Auf die Specialfragen bekannte er, daß die Angaben der Brenner in allem Wesentlichen richtig seien, auch daß er dem Vater drei Brillantringe heimlich entfremdet gehabt – aber er habe sie der Schwester Adelaide auch wieder gegeben, wie er denn sein ganzes Vermögen in ihre Hand gelegt. Es solle ihr Eigenthum sein; blos die Untersuchungskosten und – kaum hörbar sprach er die folgenden Worte aus – die Kosten seiner Hinrichtung solle sie davon bezahlen. (Constantin's Erbtheil hatte, außer dem mütterlichen Vermögen, 20,000 Thaler betragen, dazu das Haus mit Mobilien, welches, in Anbetracht des baaren Erbtheils der Tochter von 30,000 Thaler, wenigstens 10,000 Thaler betragen mußte. Immobilien standen zu jener Zeit (1835) zuhöchst im Werthe. Constantin Weise durfte also, ohne den Werth der Pretiosen u. s. w., ein baares Vermögen von 30,000 Thalern mitgenommen haben. Kommt das der Witwe hinzu von 10,000 Thalern baar und, den Werth des kleineren aber wohleingerichteten Hauses auf die Hälfte des größeren, also 5000 veranschlagt, so hatten die Flüchtlinge, als sie die Vaterstadt verließen, über mindestens 45,000 Thaler zu disponiren. Constantin brachte als sein ganzes Vermögen p. p. 30,000 Gulden, also etwas über 20,000 Thaler zurück. In anderthalb Jahren hätten also zwei einzelne junge Leute, welche sich in die Verborgenheit eines Alpensees zurückzogen, gegen 25,000 Thaler verzehrt; ein Umstand, der zusammengenommen mit dem der Diamantenentfernung, in der Hauptsache freilich nichts ändert, aber doch zu Vermuthungen Anlaß gibt, welche den sentimentalen Lichtschein, den die Darstellung auf Constantin wirft, etwas dämpft.) Als der Criminalrichter ihn fragte, ob er glaube, daß er hingerichtet werde, antwortete er: »Ja, meine Verbrechen verdienen den Tod. Diese Strafe zu erleiden, bin ich hierher gekommen. Hätte ich das nicht gewollt, so wäre ich nach Anna's Tode nach Amerika gegangen, wozu ich Mittel und Kenntniß hatte.« Zur Ergänzung seiner obigen Geschichtserzählung fügte er noch Folgendes hinzu: »Als wir unser Vermögen hier veräußert hatten, verabredeten wir die Tage unserer Abreise. Ich reiste am 19. October bis A..., wo ich einen Reisewagen kaufte, und am 21. Oktober 1835 kam auch Anna dorthin. Wir reisten unaufgehalten nach Arona, wo wir uns eine freundliche Wohnung mit einem Garten mietheten. Wir unternahmen von da aus kleine Reisen, bis Anna's vorgerückte Schwangerschaft uns in Arona festhielt. Am 16. April 1836 wurde sie von einem todten Knaben entbunden. Bis zu ihrem Tode, der am 28. April d. J. erfolgte, haben wir zusammen gelebt wie Mann und Frau, wofür wir uns auch ausgaben.« Befragt, wie es ihm möglich geworden, ohne polizeiliche Legitimation in einem fremden Lande sich niederzulassen, bekannte er, sich selbst aus der Magistratur eines der dort vorräthigen Paßschemata auf den Namen Julius von Erbach ausgefüllt und vorsorglich zugleich seine Gattin darin aufgenommen zu haben. Auf seiner Rückreise hatte er den Paß verbrannt. Er bekannte wiederholentlich alle seine Verbrechen: die Vergiftung des Vaters, in der Absicht, sich und Anna von der Schmach zu befreien, die ihnen bevorgestanden; sich vor und nach dem Tode seines Vaters mit seiner Stiefmutter fleischlich vermischt und ein Kind mit ihr gezeugt zu haben; endlich seinem Vater bei dessen Lebzeiten drei Brillantringe entfremdet und sich einen falschen Paß, dessen Schema er aus dem Magistratsgebäude entfremdet, angefertigt zu haben. Alle seine Angaben wurden als richtig befunden, insoweit die betreffenden Behörden, auch die in Arona, darüber um Auskunft ersucht, Nachricht darüber geben konnten. Auch im articulirten Verhör blieb Weise bei allen seinen Aussagen. Er drückte sich noch bestimmter über seine Schuld und die Motive dazu aus. Auf die Frage: warum er, trotz seines Entschlusses, nachdem er das Vaterhaus, von seinen Reisen zurückkehrend, wiedergesehen, sofort abzureisen, doch in K... geblieben sei? antwortete er: »Weil meine alte Leidenschaft für Anna erwachte und Anna selbst mich leidenschaftlich liebte.« – Woraus schlossen Sie, daß Ihre Stiefmutter Sie leidenschaftlich liebte? »Gott! nennen Sie Anna nicht meine Stiefmutter. Ich fühle bei diesem Ausdrucke jedes Mal einen Stich in meinem Herzen. Anna hat mir ihre grenzenlose Liebe selbst gestanden.« Auf die Frage: wie er zu den Ringen gekommen? gab er eine Antwort, die noch Manches unklar läßt: »Ich habe sie aus dem unverschlossenen Pulte meines Vaters entfremdet; es ist nach Pfingsten 1835 geschehen. Ich wollte sie Anna geben, unterließ es aber, weil ich glaubte, bei Anna zu verlieren, wenn sie erführe, daß ich es gewesen, der die vermißten Ringe entfremdet hätte.« Auf die Schlußfrage: ob er die Strafen kenne, womit das Gesetz die von ihm begangenen Verbrechen bedrohe, sagte er: »Ja! ich habe Criminalrecht studirt und weiß, daß die Strafe des Verwandtenmordes alle andern Strafen, die ich noch verwirkt habe, unanwendbar machen wird. Ich habe den Tod verdient, den ich suche und wünsche.« Dem, wie es scheint, vom Gerichtshof bestellten, Defensor blieb kein anderes Motiv zur Vertheidigung, als das Dasein eines Zustandes hervorzuheben, in welchem die Möglichkeit aufgehoben gewesen, entweder überhaupt nach Willkür zu handeln, oder diese Willkür dem Strafgesetz gemäß zu bestimmen. Wie beim Wahnsinn die zur Zurechnungsfähigkeit nothwendige Klarheit des Bewußtseins gestört sei, ebenso sei sie auch gestört beim Wahnsinn der Leidenschaft. Mit Strafe bedrohte Handlungen könnten nicht bestraft werden, wenn der Handelnde sich in solchem Zustande vorhandener Angst und Qual befinde, denen gewöhnliche menschliche Standhaftigkeit nicht gewachsen sei u. s. w. Auch versuchte er den Thatbestand des Verbrechens anzufechten, da ihm nach dem oberflächlichen Gutachten der Sachverständigen keinesweges ermittelt scheine, daß der Todte an der geringen Quantität Arsenik verstorben sein müsse, die man in seinem Körper gefunden. Gewichtiger war nur sein Protest gegen die Anschuldigung des Familiendiebstahls. Da keiner von der Familie deshalb Klage erhoben, dürfe auch, nach der Corolina, hier nicht von Amtswegen verfahren werden. Am 3. October 1837 fällte das Justiz-Collegium zu M... das Urtheil, wonach Constantin Weise, des Vatermordes geständig, auch der Blutschande mit seiner Stiefmutter sich schuldig gemacht zu haben, »dafern er bei seinen Geständnissen vor öffentlich gehegtem peinlichen Halsgericht nochmals freiwillig beharre, oder seiner begangenen Verbrechen sonst mit Recht überführt würde«, in Kerkerkleidung zum Richtplatz zu führen und mit dem Rade von oben vom Leben zum Tode zu richten sei. – Von den Untersuchungskosten würden die, durch die gesetzwidrige Untersuchung des von ihm begangenen Familiendiebstahls entstandenen, niedergeschlagen. Die Entscheidungsgründe bedürfen keiner Aufführung; daß hier eine volle Zurechnungsfähigkeit stattfand, welche die Strafe rechtfertigt, wird aufs bündigste dargethan. Der Verurtheilte verzichtete auf das Rechtsmittel einer nochmaligen Vertheidigung, bat aber, sich mit einer Vorstellung an den Landesherrn wenden zu dürfen. Es war kein Begnadigungsgesuch. Das höchste Rescript vom 23. October, in Folge der Vorstellung erlassen, verwandelte die Strafe des Rades in die des Schwertes. Constantin Weise besuchte am Tage vor der Hinrichtung in Begleitung des Criminaldieners und des Geistlichen das Grab seines Vaters, kniete betend auf demselben nieder und empfing Nachmittags den Besuch seiner Schwester und seines Schwagers. Der Auftritt, schreibt der Geistliche, war herzzerreißend. Die Schwester warf sich dem Bruder schluchzend in die Arme. Kein Vorwurf kam über ihre Lippen, sie sprach vielmehr Worte des Trostes und schied nach langer, stummer Umarmung des Unglücklichen unter den Worten: sie hoffe, daß sie ihn entsündigt in einer bessern Welt wiederfinden werde. Er schlief die Nacht vor der Hinrichtung ruhig, stand früh gegen 6 Uhr erst von seinem Lager auf, verrichtete, nachdem er sich angekleidet, ein langes inbrünstiges Gebet, schrieb dann seiner Schwester noch einen Brief, in welchem er sie bat, den Ortsarmen 1000, dem Geistlichen 200, dem Gefangenmeister 100, und dem Gefangenwärter 50 Gulden Conv.-Münze von seinem Vermögen auszufolgen und das Uebrige als ein Geschenk eines unglücklichen Bruders anzunehmen, der ihr bis zum Tode seine Liebe widme. Sollte – so schrieb er an den Rand des Briefes – Anna arme Verwandte nach sich gelassen haben, so wirst Du ohnehin für sie sorgen. Am 3. November 1837 ward, nach gehegtem peinlichen Halsgericht, auf dem Marktplatz zu K... die Hinrichtung wirklich vollzogen. Constantin empfing, nach dem Berichte des Ortsgeistlichen, als ein reuiger Sünder mit Ruhe und Standhaftigkeit den Todesstreich.