Wilhelm Jensen Karin von Schweden Novelle 1913 Erstes Capitel. Das sind die Fälle von Trollhätta. – Sie rauschen seit tausend, tausend Jahren, ehe ein Ohr da war, sie zu vernehmen. Weit über die Felsen sprühen sie ihren silbernen Staub, darauf die Sonnenlichter in freudigen Farben glänzen und gleißen. Drunten aber unter dem blendenden majestätischen Schleier wogen und wallen die stürzenden, stürmischen Wasser. Das sind die Fälle von Trollhätta. Sie überrauschen Tage und Jahrhunderte. Der Knabe, der an ihnen spielt, wird zum Manne und sein Haar bleicht. Und wenn er zum letzten Male am Stabe zu ihnen hinaus wankt, sind sie wie am Tage, da er sie zum ersten Male sah, von Blumen umrandet wie der Frühling, und silberweiß wie der Winter. – Es ist gut sitzen am Rande des Trollhätta für den, der etwas vergessen will, das die fallenden Wasser überhallen. Sie kommen daher wie die Schicksale der Menschen, friedlich, durchsichtig, und küssen die nickenden Gräser, die sich auf sie herabneigen. Dann ein kleiner Wirbel und ein schnelleres Rauschen, unmerklich, ahnungslos – doch die Stille, die Klarheit sind dahin und kehren nicht wieder. Geschwinder schießen sie fort – immer hastiger getrieben, unaufhaltsamer und unabwendbarer, dann plötzlich stürzen sie tosend in die verschlingende Tiefe hinab. Als die ersten menschlichen Gestalten, mit der Feuerstein-Lanze das Rennthier verfolgend, durch die Wälder des Südens daher kamen, plattgesichtig mit weit vorspringenden Backenknochen, gelbbraunes Haar über der fahlen Stirn, den dünnen Bart am Kinn wie welkes Herbstgras niederhängend, und ein zottiges Fellstück um die Hüften – da begrüßte sie das Rauschen des Trollhätta. Waren es Jahre, waren es Jahrtausende, daß sie an seinen Wassern saßen? Sie schrieben keine Bücher, die Kunde davon geben, nur die Wellen des Trollhätta murmelten ihre Geschichte. Sie färbten sich roth von ihrem Blut, das die weißgesichtigen Eroberer vergossen, die auf plumpen Schiffen die Ostsee daher trug. Unaufhaltsam, fortwirbelnd drängten sich die Völker Europas wie die fallenden Wasser des Trollhätta. Da tönten die Lobgesänge Odin's an ihren Ufern, und seine Nachkommen, die auf die Erde herabgestiegen, herrschten über den Völkern der Gothen und der Schweden. Ynglinger hießen sie und nannten sich Könige von Upsala – Jahrhunderte kamen und gingen – wer ihre Kunde aus grauen Tagen vernehmen will, wie sie hinabgestürzt auf Nimmerwiederkehr in die Alles verschlingende Tiefe der Zeit, dem rauschen es die Wasser von Trollhätta. Und wieder gebar der Süden eine neue, welterschütternde Bewegung aus seinem Schooß, und die Ostsee trug sie herüber. Bis in die Felsenöden des Schneehättan flog die Botschaft des Christenthums, und ein mächtiges Geschlecht, Folkungen genannt, stieg auf den schwedischen Thron. Weit dehnten sich die Grenzen des Reichs, doch mit ihnen wuchs das Begehren, die Habgier und die Herrschsucht, und die am höchsten gestiegen, stürzten zermalmt in die Tiefe hinab, wie die tosenden Wasser von Trollhätta. Dann kamen sie zum ersten Mal über den schmalen Arm, der Schweden von Seeland scheidet, die Nachkommen der alten Normannen, die auf meerumspülten Inseln ihr Vikingerreich gegründet. Eine feste Hand hatte das kleine dänische Volk zusammengefaßt, daß es den Mächtigsten kühn entgegentrat, und das von Parteihader entnervte Schweden ward ihm zur leichten Beute. Wenige Meilen von den Fällen des Trollhätta fiel es bei Falköping in die Hand eines Weibes, und auf das Haupt der Enkelkinder Odin's legte Margaretha von Dänemark die übermüthige Siegerhand. Dumpf und zornig rauschten die Wasser von Trollhätta. Wer an den grollenden Wogen saß, mußte es vernehmen, in brausendem Fall aus der Höhe rauschten sie den Uebermuth der Sieger: dumpfrollend hinabgestürzt in die Tiefe murrten sie die Schmach der Besiegten. Hatte Karl Knutson ihnen gelauscht, als er das Schwert ergriff und die dänischen Eisenketten zerhieb? Er vielleicht, doch die ihm folgten, nicht mehr. Eifersüchtig auf die Macht eines Einzelnen, duldeten die Großen des Landes den Königsnamen nicht mehr über sich. Wohl fiel in Wahrheit die Oberherrschaft an Sten Sture und ging über auf seinen Sohn und seinen Enkel, doch der eigenwillige Adel erkannte sie nur als »Reichsverweser« an und benutzte jeden Anlaß, die wirkliche Kraft derselben zu beeinträchtigen. Traurig rauschten die Wasser von Trollhätta, denn der Ruhm und die Größe Schwedens war Schein und Trug – über ihm lag der Schatten jener kalmarischen Union, die seine erste Besiegerin, Margaretha, erzwungen, kraft welcher die Könige von Dänemark zu Recht auch die Krone von Schweden und Norwegen trugen. Daß keiner ihrer Nachkommen stark genug gewesen, sich dieselbe in Wahrheit aufs Haupt zu drücken, mochte die kurzsichtigen Augen der schwedischen Großen betrügen – die Wasser des Trollhätta rauschten warnender, unheilverkündend, sie ließen sich nicht täuschen und wälzten mit donnerndem Mahnruf sich dem Enkel Margaretha's entgegen, als er mit dem Schwerte in der Hand an die Küste sprang, mit Gewalt die Krone der kalmarischen Union zu verwirklichen. Wohl jauchzten sie noch einmal auf, als Christiern der Zweite nach blutigem Kampfe bei Brännkyrka vor Sten Sture zurückfloh; doch er kehrte wieder und Sten Sture fiel; die feste, wohlthätige Hand, die zum Heile des Landes den widerspenstigen Willen seiner Großen gezügelt, lag blutlos im Staube, und lachend griff Christiern der Zweite nach der Krone, die der schwedische Adel ihm williger entgegentrug, als wenn einer aus seiner eigenen Mitte nach dem goldenen Reife gestrebt. In der Kirche zu Stockholm setzte er sich die Krone aufs Haupt; er nahm das Abendmahl auf den heiligen Eid, die Verfassung Schwedens zu wahren und keine Rache wegen des Vergangenen zu üben. Drei Novembertage lang herrschte festlicher Jubel in den Gassen von Stockholm; die Nacht ward zum Tage, denn auf dem königlichen Schlosse erloschen die Kerzen nicht, ehe die Sonne kam. Dort klangen die Becher des gesammten schwedischen Adels zum Preise des leutseligsten aller Könige, und lächelnd schritt Christiern der Zweite durch die freudetrunkene und weintaumelnde Menge, umarmte die Bischöfe, küßte die Reichsräthe und drückte dem Bürgermeister von Stockholm derb-treufest die Hand. Und dann schlug der König selbst fröhlich die Hände zusammen und sang ein lustiges Lied zu Ehren seiner lallenden Gäste. Nur die Wasser von Trollhätta rauschten düster, geheimnißvoll, und rissen das braune Laub, das der Herbstwind über sie rüttelte, wirbelnd in die Tiefe. Viertehalb Jahrhunderte sind seit jenem Novembertag vergangen. – – – Schön und lieblich war jener Novembertag des Jahres 1520. Die untergehende Sonne vergoldete die rothen Dächer des nordischen Neapels und spiegelte sich tiefroth auf der stillen Fläche des Mälarsees. Herbstfrieden des Nordens lag für den fernen Beschauer über Schwedens Hauptstadt; Herbststille auch, die seltsam gegen den lärmenden Jubel, der kurz zuvor noch auf Markt und Gassen geherrscht hatte, abstach. Auch die mittleren Gegenden Schwedens sind noch heute für ihre räumliche Ausdehnung ein karg bevölkertes Land, doch bewohnt die fünffache Menschenzahl sie gegen damals. Die großen Seen und die Felsen sind geblieben; zwischen ihnen aber erstrecken sich jetzt viele Meilen fruchtbaren Ackerlandes, die in jener Zeit weite Oeden bildeten. Drei unabsehbare Wasserspiegel, der Mälar-, der Hjelmar- und der Wener-See, dehnen sich in gerader Richtung von Osten gegen Westen fast durch die ganze Breite des Reiches, zu denen etwas südlich sich die gewaltige Länge des Wettersees gesellt. Zwischen ihnen wechseln Thäler und Steinkuppen, melancholische Tannengebirge und freundliche Buchenwälder in der Tiefe. Und auf Allem, wie über den Dächern der Hauptstadt, lag die abendliche Novembersonne mild und friedlich, als künde sie den Mai, den Lenzmonat des Nordens, an, statt des Decembers. Auf den schweigsamen Wassern des Hjelmar-Sees, wie auf den geräuschlosen, langgestreckten Wellen des Mälar, die leise an die hohen Steintreppen des Schlosses zu Stockholm hinanspülten. Auf spitzen Dorf-Kirchthürmen und den burgartigen Zinnen einsam gelegener Schlösser des schwedischen Adels, die zwischen den glänzenden Wasserspiegeln aus herbstbraunem Laub aufragten. Weiter gen Westen auf der meeresweiten Fläche des Wenersees mit seinen unzähligen Inseln, aus dessen südlicher Spitze die breite Göta-Elf dem Kattegat zuströmt. Dann kommen die Fälle von Trollhätta. Auf dem Wenersee vernimmt der Schiffer in stiller Luft ihren warnenden Laut. In meilenweiter Ferne hört ihn der Hirt auf dem Felde; scheu schweift in hoher Luft der Zugvogel vor seinem Getöse seitab, das sich mit jedem Schritte, der näher hinanführt, verstärkt. Dann ist das Ohr betäubt und nur das Auge überschweift schauernd die weißschäumende Masse, die sich über jähen Felsbruch donnernd in die grausige Tiefe hinabwälzt. Nackte, steile Granitufer empfangen sie drunten, senkrecht aufsteigend, Mauern wie von Riesenhand errichtet, um die wilden, zügellosen Wasser in ihr Bett zurückzuzwingen. Nur hier und da wurzelt in den Steinplatten ein einzelner Baum und wiegt seine gen Westen geneigte Krone im Abendwind, dem Boten der scheidenden Sonne. Ueber den Wenersee kam er in langsamen Intervallen, er strich über das braune Moos der Felsen zu Häupten des Katarakts, und wie er vorüberzog, der schwindenden Sonne nach, streifte er leise mit unsichtbarer Hand die letzten Blätter aus den Baumkronen und trug sie in spielendem Flug über den schrägen Abhang an den Rand des Absturzes hinab. Lustig flatterten sie über den einfarbigen Boden fort, eine Sekunde noch, und der feuchte Sprühregen des Trollhätta hatte sie gefaßt und schlang sie wirbelnd hinunter. Eins nach dem andern, immer das nämliche Abendspiel, an dem die schwermüthige Natur sich in ihrer Einsamkeit zu belustigen schien, unbekümmert, ob Menschenaugen es beachteten oder nicht. Da greift eine Hand nach einem der Blätter, das den andern nach vorüberfliegt. Es sind doch Menschenaugen da, die Alles sehen; zwei große, stille Augen. Felsiger Grund, mit Moos und Haidekraut sparsam überzogen, dehnte sich aufwärts vom Rande des Trollhätta, hundert Fuß vielleicht bis zur kahlen Höhe, auf der drei von jenen Bäumen standen, die ihre laublosen Zweige gegen den blauen Horizont bewegten. Hin und wieder ragte ein Felsvorsprung wie eine Tischplatte oder wie ein künstlicher Gigantensitz aus dem Grund, und von einem derselben, unweit dem mittleren der Bäume, streckte sich die Hand in die Luft. Die Hand war so schmal und ihre Finger so durchsichtig und fein, wie nur die Hände Freya's zu sein vermochten, wenn sie mit silbernem Zügel die goldmähnigen Rosse lenkten. Nun stach, wie aus weichem Marmor gestattet, der runde, erhobene Arm gleich den Bäumen vom Horizonte ab und strahlte weißes, freudiges Licht zurück. War es Freya, die, herabgestiegen, um Odur zu suchen, auf dem alten Odinsteine saß? Die Dichter sangen von ihr, ihr Auge sei ewiger Frühling, Licht ihr Nacken und ihre Wangen. Und Licht war Alles, was von ihr ausging. Goldenes Licht von dem Haar, das in der Mitte gescheitelt, wie sie da saß, bis auf den grauen Steingrund herabfiel. Die Abendsonne warf ihren letzten Schein darauf, daß man nicht unterschied, wo die goldenen Fäden des Haares endeten, wo die der Sonne begannen. Gegen die blaue Wölbung des Himmels war es, wie wenn dem Bergmann tief drunten im einförmig gewölbten Schacht aus mattem Gestein eine lichtfunkelnde Ader entgegenquillt – sein erster Gedanke ist nicht der Besitz, nicht der Werth, der in ihr verborgen liegt – träumerisch, wundersam bewegt steht er und blickt, von wortlosem Zauber gefaßt, auf das stille, süße Geheimniß der Natur. – So saß sie da. wie ein stilles, süßes Geheimniß, das aus der Tiefe des Trollhätta emporgestiegen, um einen Augenblick die weiße Elfenstirn im rothverglühenden Abendstrahl zu baden. War sie feucht, war sie kalt dort unten geworden, daß sie noch einmal heraufkam, um den rosigen Schimmer des Lebens über ihre Wange fluthen zu lassen, ehe der lange Winter sie drunten im frostigen Gestein gebannt hielt? Nein, es war noch ein Licht, das von ihr ausging, das dem widersprach. Mochte das Haar in der Tiefe zu flüssigem Golde werden, Arm und Stirn und Nacken zu glänzendem Alabaster erstarren; es gab keinen Edelstein in der Tiefe, aus dem die Zauberkraft der Natur solche Augen zu bilden vermochte. Die gehörten der Oberwelt, dem nordischen Himmel, der sein märchenhaftes Licht, seine Schwermuth und seine Heiterkeit, seinen namenlosen lachenden und traurigen Liebreiz in sie hineingelegt hatte. Jede von allen seinen lieblichen Bewohnerinnen konnte sie sein. Gefione, die Göttin der Keuschheit, die Beschützerin der Jungfräulichkeit auf Erden. Hylla, die schöngelockte, und Gna, die auf dem Sonnenstrahl daherschwebt. Hlyn, die mit sanften Lippen die Thränen des Unglücks aufküßt. Siœna, die mit göttlicher Hand die süßesten Empfindungen des Herzens regt. Und Löbna konnte sie sein, vor deren Auge kein Haß und keine Zwietracht besteht. Wara, deren Blick jedes Geheimniß der Brust erspäht, und Synia, die schöne Wächterin des Himmels. Doch von ihnen allen nahmen die Lippen der Dichter das Schönste und bildeten Freya daraus, die süßeste der Göttinnen Walhalla's. Ewigen Frühling ließen sie ihrem Auge entstrahlen, zauberischer vermochte der menschliche Gedanke nichts zu erfinden. Da legte das Schicksal den Schmerz um Odur's Tod zu dem ewigen Frühling in die Augen Freya's. – Schön wie der Lenz und der Gram in den Augen der Huldin Walhalla's war das Mädchen auf dem Runenstein am Trollhätta. Nun stand es auf, und der Schatten seiner hohen Gestalt fiel auf die brausenden Wasser hinab. Ein langes Gewand von einfachem Stoff umschloß den jungen Leib vom halb entblößten Nacken bis zu den Füßen; fast wie die Tunica einer Griechin lag es gefältelt über der Brust, nur der Gürtel, der es unter ihr zusammenhielt, war kostbar und zierlich aus Gold- und Silberfäden gewirkt. Nach oben zog das schlichtfarbige Kleid sich in schmalen Streifen über die Schultern, und unter ihm fiel das weiße Untergewand von feinster Leinwand leicht gebauscht bis zur Hälfte des Oberarms herab. Außer der einsamen, märchenhaften Erscheinung des Mädchens war ringsum, so weit das Auge sah, kein lebendes Wesen zu gewahren. Bewegung wohl, der Wind verstärkte sich und bog das Geäst der Bäume zurück, er strich durch das niedere Buschwerk, das seitab sich bis dicht an den in Wirbeln schießenden Fluß oberhalb der Fälle hinabzog. Aber man hörte weder das Brausen des Windes, noch das Knarren der Zweige; der Trollhätta verschlang jedes untergeordnete Geräusch in unermeßlichem, donnerndem Getöse. Auch das Rauschen in dem dichten, gelben Laube jenes Buschwerks oberhalb des Sturzes verschlang er. Der Wind fuhr in Stößen darüber hin und durchrasselte die verdorrten Blätter, doch dann lag die breite Fläche derselben wieder still, und nur an einem Punkte setzte sich das Schwanken des Laubes fort und beruhigte sich nicht. Es war, als ob sich eine Zitterespe zwischen dem niedrigen Buchengestrüpp befinde; nur tauchte sie bald hier, bald dort auf, und es war eigenthümlich, daß der unruhige Punkt sich in schräger Linie über die Berghalde auf den Fluß zu bewegte. Doch, wie gesagt, das schärfste Ohr hätte es nicht zu vernehmen, nur ein Auge, das aufmerksam darauf gehaftet, es zu sehen vermocht. Einen Augenblick schien es, als ob die junge Fee des Trollhätta es gethan. Sie hatte sich von der Sonne, die grade rothverglühend am Horizont niedersank, abgewandt und blickte rückwärts stromauf. Aber die feurige Kugel hatte ihre Sehkraft geblendet, und aufschauernd kam zugleich der Wind vom Wenersee herüber und rüttelte die braunen Blätter der Halde durcheinander. Er brachte noch etwas mit sich, etwas wie das Blatt, nach dem sie vorher die Hand ausgestreckt. Doch es war kein Blatt, sondern ein anderer schöner Gast des Trollhätta, ein Kind der nordischen Gebirgseinsamkeit, über das die Natur in seiner Art ähnlichen Liebreiz ausgegossen, wie über das Mädchen. Sie hatte etwas von dem Apollo, dem einfach-schönen Falter mit den großen, leuchtenden Augen auf weißem Grunde – der Vergleich lag nahe, wie der seltene Schmetterling jetzt, irgendwo vom Winde aufgerafft und vergeblich gegen ihn ankämpfend, an ihr vorüber auf das Wasser zu gerissen wurde. Sie folgte ihm einen Moment mit den Augen; dann sprang sie in plötzlicher Regung wie ein leichtfüßiges Kind ihm nach, die Anhöhe hinunter. Etwa fünfzig Schritte von ihr hob sich aus den verdorrten Blättern des Gebüsches, an der Stelle, wo in diesem Augenblick die Zitterespe zu stehen schien, ein Kopf empor und blickte verwundert auf die weiße Gestalt, die dem Falter nacheilend dahinflog. Dann wich die Verwunderung in den klugen, grauen Augen einem erschreckten Ausdruck, dem die kraftvollen Arme hastig zu gehorchen schienen, denn nun brach das Gestrüpp so heftig auseinander, daß man es trotz dem Lärmen des Trollhätta bis an den Fluß hinab vernahm. Dennoch that das Mädchen es nicht, oder es gab nicht Acht darauf. All' ihr Trachten und Denken war dahin gerichtet, ihr schönes Abbild zu erreichen, eh' der Wind es unrettbar in den seinen Gischt, der schleierartig den brausenden Fall umwob, hinabgerissen. Manchmal griff sie mit der Hand nach dem taumelnden Falter, um ihn zu haschen; doch sie mochte wieder fürchten, ihn zu hart zu fassen, denn die feinen Finger waren ebenso unentschlossen und ungeschickt, wie die Füße gewandt und sicher über die abschüssige Neigung der Berglehne hinunterglitten. Zwar gefährlich sah es aus und war es vielleicht noch mehr; die grauen Augen, die bis auf zwanzig Schritte herangekommen, erkannten es genau – ein bröckelnder Stein brauchte sich loszulösen, ein Fehltritt, ein Straucheln, und das Mädchen rollte haltlos in die Wirbel des wilden Wassers, das wenige Armlängen davon ihre Schönheit auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe begrub. Vergebens – der laute, fast zornig klingende Warnungsruf, den der junge Mann ausstieß, verklang jetzt im Rauschen des Falles, neben dem die Bedrohte sich zu dicht befand. Vergebens auch ihr Eifer, den andern Bedrohten zu retten, den der Trollhätta mit dämonischer Kraft an sich zu ziehen schien. Eine Secunde lang rang der Falter noch gegen den feinen, feuchten Staub, der ihn ergriffen, dann fiel er mit schweren Flügeln matt auf die Oberfläche des Wassers, im selben Augenblicke, in dem die weit übergestreckte Hand des Mädchens ihn vom Ufer erfaßte. Doch zugleich wich die lockere Grasnarbe, auf die ihre Kniee sich stützten, sie stieß einen leisen Schrei aus und griff mit der andern Hand vergeblich hinter sich, um sich zu halten. Eine mächtige Woge schoß daher, und es war, als recke sich ein weißer Riesenarm aus dem Trollhätta, um das goldene Haar des Mädchens zu packen, als lache es frohlockend und höhnisch und sinnbetäubend aus der schäumenden Tiefe. – Der trügerische Rasen sank mehr und mehr – »Gustav!« rief das Mädchen angstvoll – »Gustav!« »Da bin ich!« Wie ein wildes Thier setzte der Mann in tollem Sprunge über die letzten Knorren des Gestrüpps, er stolperte und stürzte hart an dem toddrohenden Ufer zu Boden, aber seine Rechte, sich gewaltsam in die Erde einkrallend, hielt ihn, während er noch im Fall mit der Linken den Leib der Unvorsichtigen, deren Schulter schon das Wasser berührte, umschlang und sie mit ungewöhnlicher Kraft aus den Armen des Trollhätta zurückriß. Das alles geschah schneller, als es gesagt wird, und schneller auch hatte sich das Mädchen, von dem hülfreichen Arm unterstützt, elastisch auf die Füße geschnellt und blickte ihrem Retter dankbar, aber zugleich überrascht, befremdet ins Gesicht. Sie hatte die Hand ausgestreckt, doch zog sie dieselbe auf halbem Wege zögernd zurück. Auch der Fremde blickte sie verwundert an, allein man sah in seinen Augen, ihr Staunen hatte nichts als die wundersame Schönheit des Mädchens zu Grunde. Er mochte dreißig Jahre zählen und war hochgewachsen, seine Züge nicht regelmäßig, aber scharf geschnitten und ausdrucksvoller, als der gewöhnliche schwedische Typus sie bot. Das dunkle Haar fiel ihm wirr über die Stirn, auch seiner Kleidung sah man den Kampf an, den sie mit Dornen und Gestrüpp durchgemacht. Er bemerkte das Zaudern in der schon ausgestreckten Hand des Mädchens, und ein heftiger, spöttischer Zug flog um seine Mundwinkel. »Ist Dein Leben es Dir nicht werth, daß Du seinem Erhalter die Hand dafür reichst?« fragte er unwillig. Es lag fast noch mehr Unziemliches in dem Ton als in den Worten selbst. Ein helles Roth flog über Stirn und Wangen der Angeredeten, ihre hohe Gestalt richtete sich mädchenhaft stolz auf, und eine ebenso unwillige Antwort schwebte auf ihren Lippen. Aber sie mochte bedenken, daß, wenn die Form auch verletzend war, in dem Gedanken, den sie umschloß, doch Wahrheit lag, daß sie in der That ohne seinen starken Arm ihm nicht lebend hier gegenüberstände, und sie erwiderte freundlich: »Ich meinte, Ihr wäret –« Er schnitt ihr das Wort scharf am Munde ab: »Ich meine nicht nur, daß Du mich gerufen, sondern ich weiß, daß Du es gethan. Meine Ohren haben es so genau gehört, wie meine Augen es gesehen, daß Du ohne mich dem Schmetterling, dem Du unklug nachjagtest, nachgestürzt wärest. Auch Du weißt das alles und weißt, daß ich nach unweigerlichem Brauch unseres Landes ein Recht hätte, Deine Lippen zu küssen, und daß ich sehr bescheiden bin, wenn ich keinen andern Lohn fordere als diesen.« Rasch erfaßte er mit sicherem Griff bei den letzten Worten die feine Mädchenhand und küßte sie. Sie hatte ihn im Beginn ruhig angesehen, dann mußte sie die Augen niederschlagen, sie wußte nicht weshalb. Auch die Hand mußte sie ihm lassen – er hatte Recht in dem, was er verlangte, und hätte er es nicht gehabt, in seiner Art lag etwas, das keinen Widerspruch duldete. Sie fürchtete sich nicht – was konnte ihr von dem geschehen, der sein Leben daran gewagt, um ihres zu erhalten – aber wie sie ihm die Hand willenlos überließ, blickte sie scheu auf die andere nieder, in der sie selbst in der Todesgefahr den geretteten Falter nicht losgelassen. Vorsichtig die langen Fühlhörner ausstreckend, kroch der Apollo zwischen den Fingern seiner Beschützerin hervor, er schien zu empfinden, daß die warme Hand ihm Gutes erwiesen; denn er machte keinen Versuch, ihr zu entfliehen, sondern blieb furchtlos wie auf einer weißen Blume auf ihr sitzen, nur wie zum Dank manchmal die Flügel mit den rothleuchtenden Augen auseinander schlagend. Auch der junge Mann blickte einen Augenblick schweigsam jetzt darauf hin, dann sagte er heftig: »Weißt Du nicht, daß man die Narren, die sich selbst ins Verderben stürzen, gewähren lassen muß? Du hast's erfahren, daß sie sonst ihren Retter mit in den Abgrund ziehen. Wer hätte mir geholfen, wenn ich ein Thor gewesen wäre, wie – wie Du!« schloß er schnell und lachte kurz und unharmonisch auf. Es war dem Mädchen, als ob ihr etwas die Brust beenge; war es die plötzliche Abendkühle, war es das sonderbare Wesen des Fremden in der einsamen Felsenwildniß? »Ich fürchte mich nicht vor dem Trollhätta,« antwortete sie leise, »ich kenne ihn von meiner Kindheit her und er hat mir nie Leid zugefügt.« »Der Trollhätta!« Ihr unerwarteter, verwunderlicher Gesellschafter wiederholte überrascht das Wort – »ist das euer Trollhätta, von dem ihr so viel Wesen macht? Laß mich sehen, wie wild euer berühmtes Ungethüm eigentlich ist!« Er hatte mit schnellem Sprung die Felsplatte, die sich droben bis in den Gischt des Katarakts hinausneigte, erreicht und bog sich tollkühn über den Abgrund, um hinunterzusehen, nieder. Diesmal schrie das Mädchen ängstlich auf, er hörte es nicht, er gewahrte es nur, wie er sich umwandte, an der Bewegung ihrer Lippen und dem Ausdruck ihres Gesichtes, und kam lachend und sich das vom Sprühregen benetzte Haar aus der Stirn streichend zurück. »Das thut dem Hasen wohl, wenn ihm die Hunde auf der Fährte sind; euer Trollhätta ist ein wackrer Gesell,« sagte er mit lustigem Ton. »Wär' es Dir recht gewesen, wenn ich da« – er deutete flüchtig hinauf – »hinuntergestürzt wäre?« Das Mädchen blickte ihn mit unruhigen Augen antwortlos an, es schienen ihr allmählich Zweifel aufzusteigen, ob es hinter der breitgewölbten Stirn des Fremden richtig bestellt sei. Auch fuhr derselbe, ohne eine Erwiderung abzuwarten, fort: »Pah, Du wärst nicht hinuntergeklettert, um nachzusehen, was aus meinen Knochen geworden, nur die Hunde hätten im Wasser die Spur verloren und ihr Herr ihnen zum Dank Striemen über den Leib geschlagen.« Er sah mit zusammengezogenen Brauen auf und faßte plötzlich wieder mit hartem Griff das schmale Handgelenk des Mädchens, daß es sie schmerzte. Daran zog er sie, trotz ihrem Widerstreben, einige Schritte stromauf und sagte, auf den Fluß niederdeutend, mit gedämpfter Stimme: »Wer taub wäre und sähe ihn hier, wie er mit den Blumen am Rande tändelt, wie das Abendroth auf seiner stillen Fläche spiegelt und sein Wasser klar und durchsichtig und ohne Arg dahinrinnt, würde der glauben, Mädchen, daß in der Tiefe schon der finstere Strom fortschießt und ihn packt, wenn er sich sorglos ihm vertraut, und in wenigen Secunden ihn hohnlachend und zerschmettert in den lang bereiteten Abgrund hinabstürzt? Und doch sage ich Dir, Dein Trollhätta ist ein Kinderspielzeug gegen einen Strom, den ich kenne, der noch viel sanfter mit Blumen tändelt, der noch viel sonniger lächelt und strahlt, der Dich umarmt und Dich küßt und Dir die Wangen streichelt – und die an seinem Ufer stehen, sind alle blind und taub, sie sehen den Abgrund nicht, der vor ihnen gähnt, sie hören das donnernde Tosen nicht, das ihren Todesschrei übertäuben wird – ha ha ha – denk' an mich, Mädchen, wenn Du wieder von ihm vernimmst, er heißt –« Er hatte es mit unheimlicher Lustigkeit hastig herausgestoßen. »Wie heißt Du?« brach er, sich besinnend, barsch ab. »Katharina Stenbock.« Sie antwortete es einfach, ohne Nachdruck, obwohl der Name, den sie aussprach, einer der edelsten in Schweden war. Man vermochte es auch an der Wirkung, die er auf den Fremden ausübte, zu erkennen, denn er trat überrascht einen Schritt zurück und sagte, das Mädchen voll mit den Augen messend, aber zugleich mit unverkennbar größerer ritterlicher Artigkeit: »Bei Gott, die Blindheit dieses Landes ist ansteckend, sonst hätte ich Dich auf den ersten Blick erkennen müssen, Rose vom Trollhätta. Oder vielmehr« – und es lag etwas seltsam Gewinnendes in dem Lächeln, mit dem er die Worte begleitete – »hatte ich mir nach den Gesängen von Deiner Schönheit ein anderes Bild von Dir entworfen, Karin, denn die Augen der Sänger unseres Landes sind stumpf, wie seine Schwerter. Ich danke Dir, Du mußt wissen, ich habe einen gewissen Antrieb zu närrischen Dingen in mir, und es ist wenigstens etwas für die Unsterblichkeit gethan, die Rose des Trollhätta gerettet zu haben.« Karin Stenbock erröthete leicht; sie hatte ein Unrecht begangen, als sie an dem Verstande des Fremden gezweifelt, seine letzten Worte bewiesen es. Doch zugleich war ihr, als solle sie dieselben nicht anhören, und wiederum konnte sie nicht anders, wenn sie bedachte, was sie dem Retter ihres Lebens schuldete. Zudem sprach etwas aus seinen Reden, aus seinen Gedanken, die er nicht aussprach, vielleicht noch mehr, das sie geheimnißvoll verwandt zu ihm zog. Wie in den ihren lag in dem wechselnden Ausdruck seiner Augen der Gram Freya's um den verlorenen Geliebten. So stand das Mädchen in ihrer Unentschlossenheit schöner denn je und blickte zu Boden. Ein schweigsamer minutenlanger Zauber umwob die beiden einzigen lebenden Gestalten in dem öden Felsenthal. Es begann zu dämmern, der Wind verstärkte sich und trieb Gewölk vom Wenersee herauf; doch der junge Mann schien allen Zweck und Ziel seines sonderbaren Hierherkommens vergessen zu haben, und seine Augen ruhten mit einem träumerischen Glanze, der ihnen vorher fremd gewesen, auf dem halb abgewandten, zarten Profil Karin's. »Es wird dunkel, ich muß nach Hause zurückkehren,« sagte sie endlich. Er stand und regte sich nicht; sie hatte einige Schritte stromaufwärts gemacht und wendete sich um. Sie wollte etwas fragen, aber gegen ihre Art fühlte sie sich befangen und konnte die Worte nicht finden. Nun fuhr er plötzlich mit der Hand heftig über sein Gesicht, und der alte Ausdruck lag wieder in seinen Augen. Auch in seiner Stimme, wie er kurz fragte: »Ist Stenbock – ist Dein Vater mit in Stockholm?« Sie schüttelte ihr goldlichtes Haar. »Er wollte dorthin; doch er verletzte sich den Fuß und konnte nicht zu Pferde steigen. Ich war froh darüber.« »Du warst froh darüber, Mädchen? Mißgönnst Du ihm den Kuß Christiern's von Dänemark?« »Man soll nicht bei seinem Feinde zu Gast sitzen, es ist nicht edel, – und nicht klug,« setzte sie langsamer hinzu. Der Fremde trat rasch wieder auf sie zu. »Du sprichst ein hartes Urtheil über den Adel dieses Landes. Bei seinem Feinde? Weißt Du, daß dies Wort Dich Deinen Kopf kosten kann? – König Christiern von Dänemark ist heute König von Schweden, er ist Dein Herr, und wenn er das Haus Deines Vaters der Ehre seines Besuchs würdigt, wirst Du einem neuen Täubchen von Amsterdam die Schuhbänder zuschnüren.« Karin hob stolz die Stirn, aus ihren Augen schoß als Antwort wie aus einer verborgenen vulkanischen Tiefe ein flammender Strahl über sein Gesicht. »Wenn man Dich mit Gewalt zwingen würde?« fügte er schnell hinzu. »Dann würde ich Euch fluchen, daß Eure Hand mich dort zurückgerissen!« Ihre Lippen zitterten, wie sie auf das Wasser hindeutete; die Worte des Fremden hatten in der zarten Mädchengestalt die Schleusen eines Stromes geöffnet, der unvermuthet in ihrem Innern tosen und sich überstürzen mußte, wie die Fälle des Trollhätta. Doch ebenso schnell bezwang sie sich wieder und setzte mit ihrer gewöhnlichen Stimme hinzu: »Ich weiß nicht, wer Ihr seid, daß Ihr ein Mädchen furchtsam machen zu können glaubt. Es giebt noch Männer in Schweden, die mit ihrem Blute den Töchtern dieses Landes solchen Schimpf ersparen würden.« Die Frage, die sie lange hervorzubringen versuchte, lag in den ersten Worten versteckt; doch der, dem sie galt, schien sie nicht zu beachten. Er fragte nur halb spöttisch: »Du Hast guten Muth, Rose vom Trollhätta. Kennst Du solchen Mann? Weißt Du seinen Namen?« Es flog trotzig um Karin's Mundwinkel. »Und wüßte ich auch nur einen Einzigen, es hat schon manchmal ein Mann, der ein Mann war, sein Volk von Knechtschaft errettet. Ja« – fuhr sie mit gesteigertem Unmuth wie herausfordernd grade in die durchdringend auf sie gerichteten Augen des jungen Mannes blickend fort – »vertraute ich auf keinen andern Arm in der Welt, als auf den Gustav Erichson's –« Sie hielt erschreckt inne, denn ihr Gefährte lachte so gell und schneidend auf, daß es rundumher von den Felsen zurückhallte. »Kennst Du Gustav Erichson, Karin Stenbock?« fragte er. Halb ängstlich, halb gekränkt schüttelte sie nur stumm den Kopf. Mit den Zähnen knirschend, sagte er nach einer Pause: »Siehst Du, Du sprichst, was die Leute reden; ich aber will Dir sagen, was Dein Retter Schwedens ist. Er läuft wie ein Hase vor den dänischen Doggen von Land zu Land; er sieht Weiber und Kinder mißhandeln von den Knechten Christiern's und verstopft sich die Ohren vor ihrem Geschrei; er hört den Jammer seines Volkes und hat keinen Trost dafür, als ohnmächtige Flüche. Er ist ein feiger Schuft, der sich Nachts in Gräben verkriecht, um sein kostbares Leben nicht zu gefährden, ein Sperling, der dem Geier Rache schwört, der in sein Nest gestoßen, und der erschrickt, wenn er ein Eisen klirren hört, der unmännlich zusammenfährt, wenn ein dürrer Zweig im Walde knackt –« Er brach ab, gleichsam als ob er ein Bild zu den letzten Worten geben wollte, und drehte plötzlich mit aufmerksamen Augen den Kopf zurück. Der Wind, der die Wolken schneller heraufpeitschte, lief ihnen voraus und rüttelte die Zweige des Buschholzes mit vernehmlichem Knacken durcheinander; einzelne verirrte Tropfen begannen mit eigenthümlich knisterndem Ton auf das welke Laub zu fallen. Einige Secunden, verharrte der junge Mann in seiner horchenden Stellung, dann drehte er sich rasch zu dem Mädchen zurück und sagte: »Karin Stenbock, ich muß diese Nacht im Hause Deines Vaters bleiben. Zürne mir nicht. Du scheinst etwas auf Gustav Erichson zu halten; es war nicht so schlimm gemeint, der Unmuth über sein Schicksal, über sein Vaterland riß mich fort, nicht über ihn selbst.« »Ich kenne ihn nicht, das heißt, ich habe ihn nie mit meinen Augen gesehen,« antwortete sie ruhig, »aber trotzdem glaube ich ihn besser zu kennen, als Ihr.« »Glaubst Du, Mädchen? Mit meinen Augen habe auch ich ihn niemals gesehen; es war immer irgend ein unüberwindliches Hinderniß im Wege, und ich fürchte fast, dasselbe wird mich verfolgen, so lange ich lebe. Aber gehört habe ich ihn, von ihm gehört, meine ich, hab' ich oft, und Du magst Wohl Recht haben. Vertheidige ihn nur, Rose vom Trollhätta, vielleicht kommt einmal die Stunde, wo er es Dir vergelten kann, und bei Gott, wie ich Gustav Erichson kenne, wäre er im Stande, Christiern von Dänemark die schwedische Krone vom Kopfe zu schlagen, nur um sie Karin Stenbock vor die Füße zu legen, zum Dank dafür, daß sie nicht an ihm gezweifelt, als er sich selbst aufgab und vor die Hunde warf. Und weil Du so von ihm gesprochen, habe ich Dich gefragt, ob ich heute bei Euch übernachten kann, denn auch ich bin verfolgt und von den dänischen Doggen gehetzt, wie er, und was Du mir Gutes thust, das thust Du Einem, der die Feinde Deines Volkes nicht weniger bis in den Tod haßt, als Gustav Wasa.« Er sprach es mit Anmuth und mit edlem Stolze, daß Karin ihm jetzt unwillkürlich zum Gruße freiwillig die Hand bot. »Kommt!« sagte sie! »obwohl Ihr mir Euren Namen nicht nennen wollt; wenn Ihr ein Feind Dänemarks seid, so seid Ihr in Gustav Stenbock's Hause willkommen.« Ein eigenthümliches Staunen lag noch einmal in den Augen des Fremden. »Hat die schlimme Zeit Dich nicht vorsichtiger gemacht, Karin?« fragte er. »Weißt Du, wer ich bin? Wenn ich ein Spion Christiern's wäre, um Dich und die Deinen zu verderben? Und im besten Falle – Du kennst die Drohung des Dänenkönigs wider die, welche einen von ihm Geächteten verbergen – was liegt daran, wenn ein namenloser Flüchtling mehr umkommt, wo es sich um ein Unheil für Dein ganzes Haus handeln kann? Ich danke Dir für Deinen Willen, Karin, aber ich habe zu manche Nacht unter dem Himmel geschlafen, um mich vor einer mehr zu fürchten. Darum leb' wohl –« »Ihr mögt Gustav Erichson besser kennen, als ich, Gustav Stenbock kennt Ihr jedenfalls schlecht, wenn Ihr denkt, ihn könne Furcht bewegen, einem Freunde Schwedens Schuh und Herberge zu versagen,« unterbrach Karin ihn ernsthaft. »Was Ihr aber zuvor gesprochen, so denke ich, daß man durch Mißtrauen keinem Volke die Freiheit zurückgewinnt und daß –« Sie hielt einen Moment zögernd inne und sah ihm voll ins Gesicht. »Was, Karin?« fragte er. »Daß, wenn Eure Augen lögen, an Schwedens Freiheit nichts verloren wäre,« vollendete sie einfach, daß man es fast sehen konnte, wie es den jungen Mann mit wundersam freudigem Schauer überfiel. Er folgte ihr jetzt, ohne der Probe, auf die er sie gestellt, mehr Erwähnung zu thun, den Hügel hinan, von dessen Höhe sie vorhin der untergehenden Sonne nachgeblickt. Im Westen war der Himmel noch blau, und ein goldheller Gürtel, wie ein Nordlicht zum Zenith heraufstrahlend, umschlang dort den Horizont, während von Osten her immer schwerere Wolkenmassen sich nachschoben, in denen es, eine Seltenheit für den Norden um diese Jahreszeit, manchmal mit bläulichem Schein flackernd hin und her zuckte. Die Felsenhalde, welche die Beiden erklommen, war nicht hoch, aber ziemlich steil, und sie blieben auf dem Gipfel einen Augenblick athemholend stehen. Der Fremde blickte umher, man sah gen Süd, Ost und West weit ins dämmernde Land hinaus; nur nach Norden hemmten die jenseitigen höheren Berge des Trollhätta die Aussicht. »Das Gewitter kommt von Stockholm herüber,« murmelte er zwischen den Zähnen, »ich wußte es vorher, die letzten Tage waren zu heiter.« »Es ist die Vergangenheit, dort liegt Schwedens Zukunft,« sagte das Mädchen, zuversichtlich in den Goldglanz des Westens hinüberdeutend. Er lächelte bitter. »Aber sie sinkt vor uns hinab und unser Tag ist vorüber, wenn sie zurückkommt.« Sein Fuß stampfte heftig auf die Erde und sein Auge lief wild umher. »Verflucht sei Jeder, der so denkt,« brach er ungestüm ab, »Jeder, der nicht sein Alles an die Freiheit dieses Landes wagt! Verflucht sei Deine Schönheit, Rose vom Trollhätta, wenn Du sie zu Anderem benutztest, als um den Befreier Schwedens mit ihr zu belohnen!« Ein erster, lang hingestreckter Donner rollte durch die zornigen Worte; Karin schritt, Stirn und Wangen mit dunkler Röthe überströmt, eilig auf der andern Seite die sanfter abfallende Halde hinab. Ihr Herz klopfte laut und ihre Hand zitterte, daß der Falter, der noch immer mit zusammengeklappten Flügeln friedlich auf ihr gesessen, unruhig die Fühlhörner bewegte. Schwere Tropfen schlugen dichter um sie her; vor ihnen im Zwielicht lag eine Gruppe dichter Bäume, Linden mit schon völlig entblättertem Gezweig und noch dunkelbelaubte, hochästige Ulmen. Zwischen ihnen hindurch blickte das Dach eines alten schloßartigen Gebäudes. »Ist das Torpa?« fragte der Fremde wieder. Karin nickte stumm. »Und ist Brita Rosen, Deine Mutter, zu Hause?« Sie bejahte abermals und schlug die Augen verwundert zu ihm auf. »Ihr scheint uns zu kennen, und mich däucht, es wäre billig, daß ich das Gleiche von Euch sagen könnte, wenn ich Euch dem Schutze meines Vaters anvertraue.« »Du hast Recht, Karin; es war Thorheit von mir, meinen unbedeutenden Namen so lange zu verschweigen,« antwortete er rasch. »Ich heiße Gustav Folkung, und wenn ich Dich um etwas noch bitten darf, so führe mich nicht zu Deinen Eltern und sage Niemandem, daß Du mich getroffen. Ich weiß, daß eure Knechte um diese Zeit nichts mehr auf dem Hof zu schaffen haben; laß mich unbemerkt in einen Stall schlüpfen und die Nacht im Heu verbringen.« Sie wiederholte den Namen »Gustav Folkung« und fügte nachsinnend bei: »Ich habe von Euch gehört, Ihr seid ein Freund Schwedens; es ist seltsam, daß Alle, die es sind, Gustav heißen. Nein« – sie fuhr fast wie erschreckt aus ihren Gedanken auf – »nein,« sagte sie nochmals, aber mit anderem Ton und zu ihrem Begleiter gewendet, »so dürft Ihr die Nacht nicht zubringen, Herr Folkung. Ihr seht ermüdet aus und ein gutes Lager thut Euch noth; es giebt andern Raum bei uns für einen Verfolgten, denn es ist Niemand als meine Mutter im Hause.« »Du hast Recht, Rose, ich bin müde, sie haben mich stark gehetzt in den letzten Tagen, und Schlaf thäte mir Wohl,« murmelte Folkung mehr für sich, als für seine Gefährtin. »Ich mißtraue den Deinen nicht, Karin,« fuhr er lauter fort, »doch ein Geheimniß liegt sicherer in einer Hand, als in zweien. Du kannst nicht lügen, Mädchen – schwöre mir, daß Du mich Niemandem, unter keinen Umständen irgend Jemandem verrathen willst, und ich folge Dir, wohin Du mich führst; denn Du hast es gesagt: ich bin müde, recht müde. Morgen, eh' der Tag anbricht, habe ich euch verlassen.« Karin nickte mit dem Kopfe. »Ich weiß nicht, was für Gründe Ihr habt, doch ich schulde Euch zu thun, Was Ihr wollt, denn Ihr habt mir das Leben gerettet und seid ein Feind unserer Feinde. Ich schwöre, daß ich Euren Aufenthalt Niemandem verrathen will. Kommt!« Sie faßte unter dem tiefen Dunkel der Ulmen, in das sie eingetreten, seine Hand und zog ihn nach sich. Der Regen rauschte jetzt in vollen Strömen auf die Bäume und übertönte das Geräusch ihrer Schritte. Karin ging stumm und in Nachdenken vertieft. »Es ist das einzig Sichere,« murmelte sie zwischen den Lippen, doch nicht so leise, daß er es nicht vernahm und fragte, was sie gemeint. Sie erwiderte rasch, es sei nur ein Zimmer im Hause, das unter allen Umständen Niemand bei Nacht betrete, dorthin werde sie ihn bringen. Nun lag das langgestreckte Gebäude, das sie vorher aus der Ferne gesehen, dicht vor ihnen. Es war fast ganz in Dunkel gehüllt, nur aus dem Erdgeschoß und aus einem Gemach des ersten Stockwerks leuchtete der Schein eines Lichtes. Das erstere brannte in einer Stube dicht neben dem Haupteingang, und man sah durch die Fenster die derben Gesichter von Knechten und Mägden sich um die im Zugwinde flackernde Oellampe bewegen. Karin vermied das geöffnete Thor und zog ihren Begleiter seitwärts, dem Anschein nach durch einen Garten an die Rückwand des Torpa'schen Schlosses. Hier heulte der Ostwind stärker und peitschte mit voller Wucht die schweren Tropfen an das Gemäuer; dennoch vernahm das seine Ohr einer riesigen Dogge, die das Haus umstrich, den Schritt der Kommenden und stieß ein dumpfes Knurren aus, bis Karin sie leise, gebieterisch heranrief. Nun sprang der Hund freudig winselnd herzu, doch er knurrte wieder, wie er die Nähe des Fremden witterte. »Still, Björn, es ist ein Schwede, kein Däne!« befahl das Mädchen, und die Dogge schlug noch einmal einen leisen, bellenden Ton an und kauerte sich neben ihrer Herrin zufrieden nieder. Die Letztere tastete an der finstern Wand und schob einen schweren Riegel zurück; sie schloß die geöffnete Hinterthür wieder von Innen und führte ihren Schützling eine lichtlose Treppe hinauf und durch schmale Gänge, bis sie abermals an eine Thür kamen. Hier zog sie einen Schlüssel hervor und öffnete. Es war eine andere Luft, die Folkung aus dem Dunkel entgegendrang; etwas, das ihn, dem November zum Trotz, wie Frühlingshauch anwehte, warm und doch frisch und duftathmend, wie ein Sommermorgen – doch er hatte kaum die Schwelle überschritten, als seine Führerin seine Hand losließ und ihm hastig zuflüsterte: »Licht darf ich Euch nicht bringen, es würde Euch verrathen; auch Geräusch dürft Ihr nicht machen, da das Wohnzimmer meiner Mutter an dieses stößt. Sie selbst ist äußerst feinhörig und außerdem könnte von den Knechten und Mägden Jemand zugegen sein. Mein Vater ist zu einem benachbarten Freunde gefahren und kehrt nicht vor morgen ham. Sobald ich es unbemerkt kann, werde ich Euch Speise bringen; schiebt den Riegel von Innen vor und öffnet nicht, als wenn an die Thür gekratzt und: »Gustav Wasa« gesagt wird. Und dann, dort am Fenster steht eine Ruhebank –« Die Sprecherin stockte einen Moment – »nein,« verbesserte sie hastig, »Ihr seid erschöpft, hier zur Linken findet Ihr ein Bett, legt Euch darauf und erholt Euch; nur – nur wenn Ihr Eure Schuhe ausziehen wolltet –« Sie sprach die letzte Bitte etwas verwirrt und unzusammenhängend, doch ehe Folkung über den Sinn derselben nachgedacht, hörte er, daß sich die Thür schloß. »Vergeßt den Riegel nicht,« flüsterte es noch einmal von draußen. Allein er gehorchte nicht, sondern that das Gegentheil, indem er unwillkürlich die Thür aufriß und dem Mädchen ins Dunkel nachstarrte. »Karin!« rief er mit gedämpfter Stimme, doch es kam keine Antwort, nur der Wind pfiff mit gewaltigem Luftdruck durch den finstern Gang herauf, weil das Fenster des Gemaches, in dem er sich befand, geöffnet war. Der kühle Zug brachte ihn zur Besinnung, er schloß die Thür und schob den Riegel vor. Dann trat er ans Fenster, dessen Höhlung sich mit mattem Grau von der vollständigen Finsterniß, die ihn umgab, abzeichnete. Er ließ sich den Regen ins Gesicht schlagen und blickte hinaus. Man konnte den Erdboden nicht mehr erkennen, aber er berechnete aus der Zahl der Treppenstufen, die er emporgestiegen, wie tief derselbe sich unter seinem Standpunkt befinden müsse. Darin unterbrach ihn das fröhliche Gebell der Dogge, das vom Garten heraufkam, und schwächer und schwächer nach der Vorderseite des Hauses zu verhallte und deutlich die Stelle bezeichnete, wo sich das Mädchen, das den nämlichen Rückweg eingeschlagen, befand. »Gustav Wasa,« murmelte er vor sich hin, »die Rose vom Trollhätta sagt, Gustav Wasa sei das Losungswort. Sie hätte sagen sollen, Gustav Erichson ist ein Narr, der nicht weiß, was er thut, seitdem er die Hand eines Mädchens in seiner gefühlt.« Er trat geräuschlos vom Fenster zurück und tastete untersuchend an den Wänden des Zimmers entlang. Alles war stark gebaut, gegen Wind und Wetterkälte zu schützen; hohe, ausgeschnitzte Holzschränke standen in den Ecken, dann wieder Wand. Nein, jetzt traf seine Hand abermals auf Holz, doch glatt und ungefurcht, wie das einer Thür. Zugleich drang durch einen schmalen Spalt ein Lichtschimmer hindurch, und im selben Augenblick folgte der Klang einer bekannten Stimme hinterdrein, daß Folkung lauschend stehen blieb. »Guten Abend, Mutter,« sagte Karin laut. Die Angeredete erwiderte: »Du bist lange ausgeblieben. Karin; ich glaube, es dunkelt.« Die Sprecherin mußte nicht nur schwachsichtig, sie mußte völlig blind sein. »Es ist Nacht, Mutter,« antwortete das Mädchen, »und es stürmt. Ich war am Trollhätta und habe dem letzten Schmetterling das Leben gerettet. Du kennst ihn, mit den rothen Sternen, der droben um den Kinnakulle fliegt. Er wollte über den Trollhätta und fiel hinein; da habe ich ihn gerettet und er sitzt seitdem zahm und ruhig auf meiner Hand. Er hat nicht gesagt, daß er mir dankt, aber ich fühle, daß er weiß, was er mir schuldet, und daß er mir dankbar ist. Wenn es in seiner Macht stände, würde er sein Leben wieder für mich wagen. Komm, du närrisches Ding, setz' dich dorthin auf die Blumen.« Gustav Folkung hörte jedes Wort durch die Thür; es überlief ihn seltsam bei dem sonderbaren Dank, den Karin mit unbefangenem Ton an den Falter richtete, und er vermochte, trotz seiner Müdigkeit, seinen Standpunkt nicht zu verlassen. Er vernahm, wie die Alte seufzte und entgegnete: »Du bist ein Kind und tändelst mit Schmetterlingen. Du hättest ihn lassen sollen, wo er war, ihm wäre besser. Ich fühle es in meinen Augen, es kommen böse, stürmische Tage über Schweden, die viel hinraffen werden, was sich bis heute noch gerettet hat. Lies mir aus dem Buch, Karin, aus dem ich Dir als Kind erzählt. Schlage die zwölfte Seite auf und lies mir von dem Sänger, dessen Harfe die Heldenthaten seiner Vorväter pries und die seiner Enkel nicht preisen konnte. Er war blind und saß am Trollhätta; da zerschellte er seine Harfe am Felsen und sprang hinab.« Der Lauscher hörte das Mädchen durchs Zimmer schreiten; er tastete sich jetzt leise ans Fenster zurück, doch im Dunkeln streifte seine Hand über einen Tisch und stieß an einen Gegenstand, der herabrollte und mit lautem Klirren zerbrach. Hastig eilte er weiter und schwang sich vorsichtig auf das Bett, das ihm seine Gefährtin gedeutet. Drinnen unterbrach die Stimme der alten Frau die begonnene Lectüre und sagte: »Ist Björn in Deinem Zimmer, Karin? Ich hörte etwas fallen; laß Ingeborg ein Licht nehmen und nachsehen.« Die bezeichnete Magd, die schweigsam in einem Winkel gesessen, stand auf und griff nach einem Leuchter. Doch Karin erhob sich mit ihr und sagte ruhig: »Bleib', Björn ist draußen. Mein Fenster steht offen und der Wind stürmt herein; ich brauche kein Licht.« Sie öffnete die Thür und ließ sie hinter sich offen stehen, während sie mit festem Schritt auf das angeschuldigte Fenster zuging und es geräuschvoll schloß. Der Schimmer einer schweren, kunstvoll gearbeiteten Metalllampe fiel herein und Folkung sah gerade auf das Gesicht der alten Frau, die in einem Lehnstuhl am Tische saß und ins Leere vor sich hinblickte. Es war dieselbe hohe, schön gewölbte Stirn wie die ihrer Tochter, nur von tiefen Linien durchzogen und fast weißem, dichtem Haar umlagert. Doch ihre Arme, nach Tracht der Zeit beinahe bis zum Ellbogen entblößt, waren noch vollgerundet und weiß; sie mußte jünger sein, als sie aussah, und mußte, wenn sie aufstand, einen stolzen und imponirenden Eindruck machen. Das Auge Folkung's vermochte sich nicht von ihr zu wenden, er murmelte lautlos zwischen den Lippen: »Du bist alt geworden, Brita Stenbock; Du warft ein schönes Weib, als ich in Sten Stuxe's Haus auf Deine Kniee kletterte und die Gnadenkette Johann's von Dänemark von Deinem Nacken zerrte.« Er verstummte und sein Kopf flog wie von unsichtbarer Gewalt bewegt zur Seite. Karin's Kleid streifte hart an ihm vorüber; er konnte seine Hand nicht bezwingen, sie streckte sich aus und griff darnach, um das Mädchen zurückzuhalten. Er flüsterte ihren Namen und drückte den Zipfel ihres Gewandes, den er gefaßt hatte, an die Lippen. Doch mit einem sicheren Ruck machte Karin sich los und sagte, in das andere Zimmer zurückschreitend, mit lachender Miene: »Der Sturm wird keine Tollheiten mehr begehen. Sei nicht thöricht, Sturm, und begieb dich zur Ruh'.« Sie drohte scherzend mit dem Finger zurück und schloß die Thür wieder. Frau Stenbock hob den Kopf und sagte: »Du bist kindisch heut' Abend, Karin –« »Wir haben vorhin schon Bekanntschaft geschlossen, der Sturm und ich,« fiel diese sorglos ein; »er ist ungestüm und übermüthig, aber wenn ich die Hand auf ihn lege, läßt er sich bändigen und wird still und mild.« Die alte Frau zuckte die Achseln: »Hast Du wieder mit Deinen Erdmännern im Trollhätta geschwatzt und sprichst kindische Dinge? Lies weiter! Der Sturm scheint nicht sonderlich auf Deine Befehle zu hören, denn ich fühle an meiner Schulter, daß er sich verstärkt. Ich wollte. Dein Vater wäre heute Nacht zu Haus, oder wenigstens Gustav –« Folkung hörte nicht mehr, die Müdigkeit überwältigte ihn. Er lag im Halbschlaf und stürmische Gedanken überwogten seine Stirn, aber dann legte sich plötzlich Karin Stenbock's Hand darauf und sie wallten auseinander und gingen zur Ruh'. Draußen pfiff der Wind und ab und zu heulte Björn mit langhin gezogenem Lauf gegen ihn auf. Der Schläfer preßte im Traume das weiche Kissen gegen seine Wange und murmelte die Worte nach, welche die alte Frau vorhin gesprochen: »Ist Björn in Deinem Zimmer. Karin?« Ein Schauer überlief die Glieder des Träumenden. – »Dein Zimmer, Karin?« wiederholte er und athmete tief auf. Plötzlich fuhr er empor und starrte ungewiß um sich. Das Dunkel, in dem er eingeschlafen, war verschwunden und das Gemach hell erleuchtet. Wenigstens erschien das Licht ihm im ersten Augenblicke grell und blendend; dann erkannte er, daß der Mond, der zwischen zwei Wolken durchgetreten, es ins Fenster warf. Doch es war nicht das Licht, das ihn geweckt; es war ein Ton, oder eine Verbindung von Tönen, die sein Ohr getroffen. Ein Geräusch, wie dumpfes Donnerrollen, war aus der Ferne herangekommen, hatte sich mehr und mehr verstärkt und war, scharf abgeschnitten, verstummt. Der heimliche Gast auf Schloß Torpa horchte mit gespanntem Ohr. Statt des Rollens vernahm er draußen das Gewieher von Pferden, und eilige Männertritte kamen über die Vordertreppe herauf. Die Thür des großen Gemaches, in welchem die beiden weiblichen Glieder des Stenbock'schen Hauses am Tische saßen, flog weit auf, und eine breitschulterige, reckenhafte Männergestalt trat rasch über die Schwelle. Das ergrauende Haar flog sturmverwildert um die entblößte, knochige Stirn des Mannes, seine Lippen bewegten sich heftig, theils vor Aufregung, theils, wie es schien, vor Schmerz, den der schnelle Gang, bei dem er den nachschleppenden linken Fuß auf sein Schwert zu stützen vergaß, ihm bereitete. Der Mantel war auf derselben Seite von seiner Schulter gefallen, und über diese blickte der blondumrahmte Kopf eines jungen Mannes, dessen Augen mit unruhigem Glanz Karin suchten. »Vater!« rief diese aufspringend. Es lag etwas unliebsame Ueberraschung in ihrem Tone, der sich jedoch bei dem nächsten Blick, den sie über den Eintretenden warf, in wirklichen Schreck verwandelte. »Was ist Dir geschehen, Vater?« »Mir?« Gustav Stenbock griff an seine Kehle, als ob er dort etwas losringen wolle, und versuchte zu sprechen. Doch seine Brust keuchte nur und der Laut kam nicht hervor. »Um Gotteswillen, Gustav, was ist geschehen?« wiederholte Karin, sich dem jungen Manne, der ihr entgegengeflogen, zuwendend. Auch dieser war athemlos, seine Kleidung triefte von Regen; Wegschmutz und Lehm hatten seine hohen Reitstiefel bis zum Knie mit einer starren Kruste überzogen. Er mochte kaum zwei Jahre älter sein als Karin; man sah, der düstere Ausdruck, der heute Abend in seinen hellblauen Augen lag, war diesen und seinen ganzen offenen Zügen nicht natürlich. Doch auch seine Hände zitterten vor Erregung, und seine Kniee wankten wie von Überanstrengung und Erschöpfung. Eine sekundenlange Stille, in der Niemand antwortete, lag über dem Zimmer, welche die Stimme der Hausherrin unterbrach. Sie hatte sich am Tisch aufgerichtet und fragte, den Kopf vorneigend, laut: »Wer ist mit Stenbock gekommen? Ist es Gustav Rosen?« »Ja, Mutter,« erwiderte Karin, die ihre Stirn an die Brust des Genannten gelegt und ihre Arme um seinen Nacken geworfen hatte, während er heftig mit zärtlichem Ungestüm ihre Augen und Schläfe küßte. »Du lebst, ja Du lebst,« murmelte er verworren. Stenbock hatte seine durchnäßten Oberkleider zu Boden geschleudert und winkte dem Jüngling mit einer fast zornigen Handbewegung: »Sprich, Rosen. Sag' es ihnen ohne Schonung, wie Du es mir gesagt.« Gustav Rosen machte sanft Karin's Arme von sich los und trat auf Frau Stenbock zu. »Setzt Euch, Frau Tante,« sagte er, ihre Hand fassend und sie in ihren Sessel zurückführend, »ich bringe Euch einen Gruß von Christiern von Dänemark.« Die Worte verhallten, mit unheimlichem Ton gesprochen, in dem großen Zimmer. Niemand antwortete etwas darauf. Die Thür, durch welche die beiden Männer hereingekommen, stand geöffnet, und die Gesichter der Knechte, die von unten ihrem Herrn die Treppe herauf gefolgt, blickten forschend herein. Doch Alles war todtenstill, nur Björn heulte draußen dumpf in die Nacht hinaus und nur Brita Stenbock fragte scharf accentuirt: »Gustav Rosen, Du willst in Stenbock's Magschaft eintreten; was zauderst Du? Schwedens Weiber sind zu Männern geworden, da Schwedens Männer sich wie Weiber geberden. Was für Botschaft bringst Du von Christiern von Dänemark? Sein Handschlag ist Verrath, und sein Gruß ist Tod.« »Ihr sagt es, Brita,« entgegnete der Jüngling düster. Er faßte Karin's Hand, die ihm nachgeschritten, und hielt sie krampfhaft in der seinen. »Ich bin gestern Abend aus Stockholm geritten,« fuhr er mit zitternden Lippen fort, »am Wettersee traf ich Deinen Vater, der dorthin wollte, von wo ich kam –« Die weißhaarige Frau flog abermals von ihrem Sitze auf. »Du hattest uns getäuscht, Stenbock, Du wolltest zu Christiern von Dänemark?« fragte sie hart. Gustav Stenbock warf mit einem dumpfen Fluch antwortlos sein Schwert zu Boden. Der junge Mann fiel schnell ein: »Ich hatte es ihm gerathen, der ganze Adel war dem Gebote des Königs gefolgt, und ich fürchtete, er werde es büßen, wenn er nicht komme –« »Der ganze Adel Schwedens ist feig und verrätherisch,« brauste die Blinde zornig auf. »Brita Stenbock, Ihr seid ungerecht und werdet Eure Worte bereuen,« erwiderte der Jüngling mit dumpfer Stimme. »Die, von denen Ihr redet, sind taub für Lob und Tadel. Seit gestern Abend giebt es keinen Adel dieses Landes mehr. Der Mälar ist roth von seinem Blut – wer in Stockholm mit dem dänischen König getrunken, hat das Banket mit seinem Kopf bezahlt – Christiern von Dänemark hat den ganzen Adel Schwedens enthauptet!« Wer hatte es ausgestoßen? Ein gelles, schneidendes Lachen kam aus dem Winkel des Zimmers, daß der Kopf des Sprechers unwillkürlich suchend herumflog. Auch Karin hatte die Stirn gewendet, ihre Hand zitterte in der ihres Bräutigams, und ihr Gesicht war plötzlich bleich geworden. Wessen Antlitz war es nicht, nach den letzten Worten, die Gustav Rosen gesprochen? Auch Stenbock's Auge lief forschend über die Anwesenden und über die Köpfe der nach altem schwedischen Brauch bei außerordentlichen Vorkommnissen mit ins Familienzimmer eindrängenden Knechte. »Ist ein dänischer Verräther unter uns? Wer hat über Schwedens Untergang gelacht?« fragte er, die graubuschigen Brauen drohend zusammenziehend. Niemand antwortete, nur Karin trat vor und sagte: »Es klang nur wie Lachen, es war der Sturm, Vater.« Rosen blickte auf die Thür, die in das Zimmer des Mädchens führte. »Mich däucht, es kam von dort,« entgegnete er; »was hast Du, Ingeborg?« Die Magd hatte ihre Augen ebenfalls ängstlich auf die Thür gerichtet. »Es war schon ein verdächtiges Geräusch drinnen eh' Ihr kamt, Herr Rosen; aber Fräulein Katharina hatte Muth und ging hinein.« Der Jüngling hatte sein Schwert gezogen und unwillkürlich einen Schritt gegen die Thür gemacht, doch Karin vertrat ihm den Weg. »Ingeborg ist eine furchtsame Närrin, die an Gespenster glaubt,« sagte sie, seinen Arm fassend, »glaub' mir, es war der Wind –« Sie drängte ihn sanft von der Thür zurück. Brita Stenbock war wie vom Blitz getroffen auf ihren Stuhl zurückgefallen und hatte, das Gesicht mit den Händen bedeckend, nichts von dem Zwischenfall vernommen. Doch jetzt erhob sie sich wieder, ohne zu schwanken, mit eiskaltem Gesicht, und fragte mit sicherer Stimme: »Wer ist enthauptet worden, Gustav Rosen? Nenne mir die Namen.« Der junge Mann wandte sich um und steckte sein Schwert in die Scheide; man sah, er war gewohnt, der Stimme der alten Frau zu gehorchen. »Fragt, wer entronnen ist, Frau Tante, und es ist leicht, sie zu nennen,« entgegnete er, »denn sie befinden sich in diesem Zimmer, Euer Gatte und – ich,« setzte er nach augenblicklichem Zögern hinzu. Um Frau Stenbocks's Lippen flog ein eigenthümliches Zucken. »Du warst mit in Stockholm, Rosen; wie kommt es, daß Du das Schicksal des schwedischen Adels nicht getheilt?« »Ich entkam durch einen glücklichen Zufall,« versetzte der Jüngling verlegen und mit leiserer Stimme. Er drehte den Kopf ab, wie Karin's Auge ihn mit hastig-scheuem Blick, doch anders wie zuvor, überflog. Die Hausherrin wiederholte seine letzten Worte tonlos zwischen den Lippen: »Durch einen glücklichen Zufall. Freue Dich seiner, Karin, sonst läge Gustav Rosen's Kopf neben den Häuptern des tapferen schwedischen Adels.« Der unwillige, zweifelnde Ausdruck, der einen Moment in den Augen des Mädchens gelegen, schwand, und sie legte schaudernd den Kopf an die Brust ihres Verlobten. Brita Stenbock fuhr eisig fort: »Ist Niemand – Niemand, auf den Schweden Hoffnung setzen kann, übrig geblieben, außer Stenbock und – außer Dir?« Der Ton, in dem die letzten Worte beigefügt worden, war zu unverkennbar, als daß er mit Schweigen beantwortet werden konnte. Stenbock, der bis jetzt, in düstere Gedanken versunken, schweigend dagestanden, sah zornig auf und sagte: »Mich däucht, Brita, daß jetzt, daß heute nicht die Zeit ist, altes Unrecht zu erneuen. Du sprichst sinnlos, Weib. Hat Gustav Rosen Dich damit gekränkt, daß er mich gerettet? Hat er sich ein Verdienst um Christiern von Dänemark dadurch erworben, daß er ihn verhindert, meinen Kopf zu den andern zu legen?« »Mutter!« hatte auch Karin mit stolzem Unmuth gesagt. Doch diese unterbrach sie mit unveränderter Miene und Stimme: »Ich habe Dich gefragt, Rosen, ob sonst Niemand dem Blutbad entronnen ist?« Der Jüngling mußte Gründe haben, sich zu bezwingen, und der Hauptgrund das schöne Mädchen sein, um dessen Hals er seinen leise bebenden Arm schlang, denn er versetzte ruhiger als die andern: »Ich glaube, daß Gustav Erichson der Einzige ist, der entkommen, oder vielmehr gar nicht nach Stockholm gegangen. Der Fuchs witterte die Falle –« »Sprich mit Achtung von Gustav Wasa, Knabe!« donnerte die alte Frau, daß Rosen scheu verstummte. Doch ihre plötzliche Heftigkeit legte sich schnell wieder. »Gustav Erichson,« sagte sie langsam, »er war ein Kind, als er mich lehrte, was einer Schwedin gezieme. So lange er lebt, ist nichts verloren – ist vielleicht gewonnen,« fügte sie leiser für sich hinzu. Sie schlug ihre Lider auf und heftete die ausdruckslosen Augensterne in die Richtung, aus der zuletzt die Stimme des Jünglings erklungen. »Ich will Dich nicht kränken, Gustav Rosen,« fuhr sie fort, »Du warst ein Knabe bis heut'; jetzt ist Deine Stunde gekommen, zu zeigen, ob das Blut Deines Vaters, ob das dänische Blut der Mutter in Deinen Adern fließt.« Karin blickte ihren Geliebten freudig an. »Gustav hat ein so treues schwedisches Herz, Mutter, wie Du und ich, wie der Vater und wie Gustav Wasa,« sagte sie. »Aber es ist zu spät, ihr solltet zur Ruhe gehen und morgen überlegen, was ihr. zu thun habt.« Stenbock schüttelte den Kopf. »Morgen kann es zu spät sein, Christiern ist rasch – wie die Pest.« Auch Rosen stimmte ihm bei: »Ich weiß, daß ein Befehl ergangen ist, im ganzen Lande Nachlese zu halten, wo Einer von denen, die in dem Verzeichnis des Barbiergesellen Slaghök stehen, dem Verderben entronnen ist. Erzbischof Trolle hat auf sein Anstiften die Anklage erhoben.« »Gottes Fluch über den Verräther –«. Der leidenschaftliche Ausdruck Brita Stenbock's wurde von einem näheren und lauteren Geheul Björn's übertäubt, der grimmig bellend über die Treppe gegen das Zimmer heraufkam. »Alle weltlichen Reichsräthe, zwei Bischöfe, der Bürgermeister und die Rathsherren von Stockholm find zusammen enthauptet,« fuhr Rosen aufgeregt fort. »Die Thore waren plötzlich geschlossen, alle Straßen mit dänischen Soldaten besetzt, die nächtlich unbemerkt zu Schiff hereingebracht worden. Wer bei der Hinrichtung zugegen war und einen Klagelaut ausstieß, wurde sogleich von den Henkern gepackt und mitgemordet. Erzbischof Trolle beschwor den König auf den Knieen, den Bann des Papstes an den Gefangenen durch den Tod vollziehen zu lassen –« Lauter Wortwechsel und Waffengeklirr tönten von der Treppe herauf und unterbrachen den Sprecher; Björn kam mit gewaltigem Satz durch die offene Thür und sprang winselnd und den Kopf mit funkelnden Augen zurückdrehend an Karin empor. Hinter ihm folgte athemlos einer von den Knechten und stotterte: »Herr, verbergt Euch – die Dänen kommen und suchen Euch – sie sind schon im Hause. Wir sind zu schwach, um sie abzuwehren.« Die mächtige Gestalt Stenbock's richtete sich hoch auf, seine Hand stützte sich auf den Griff seines Schwertes, und er erwiderte mit lauter und fester Stimme: »Weshalb soll ich aus meinem Hause entfliehen? Ich bin mir keines Verbrechens bewußt.« Im selben Augenblick flog die Thür, die der Knecht in seiner Angst hinter sich zugeschlagen, wiederum auf, ein dänischer Hauptmann trat mit gezogenem Schwert herein; hinter ihm drängten sich mit Hellebarden bewaffnete Söldner ins Zimmer. Es war eine so kurze Zwischenzeit nur zwischen der ersten Nachricht von ihrem Kommen und ihrem Erscheinen vergangen, daß außer dem Hausherrn keine der in dem Gemach befindlichen Personen in ihren Zügen die Herrschaft über den ersten unerwarteten Eindruck gewonnen hatte. Er hatte geisterhaftes Licht in Brita Stenbock's todte Augen gerufen, die sich mit einem Glanz tödtlichen Hasses der Thür zuwendeten; Karin's Herz klopfte hörbar, und ihr Blick flog mit fieberhafter Unruhe über die entgegengesetzte Thür, die in ihr Zimmer führte, während Gustav Rosen unwillkürlich hastig in den Schatten des nur matt von der Lampe bestrahlten Fensters getreten war und das geröthete Antlitz in die Nacht hinauswandte. Ingeborg, die Magd, saß jammernd und das Gesicht verdeckend in ihrem Winkel, nur Björn hielt die funkelnden Augen fest auf die Eindringenden gerichtet und warf sich mit dumpfem Knurren vor der Zimmerthür seiner Herrin zu Boden, indem er ab und zu durch eine Lücke an der Schwelle prüfend mit der Schnauze die Luft von drüben einzog. Der dänische Hauptmann schritt, nachdem seine Augen forschend das Zimmer durchflogen, schnell auf die ruhig emporgerichtete Gestalt des Hausherrn zu. »Herr Gustav Stenbock?« fragte er kurz. Der Angeredete bejahte, ohne seine Stellung zu verändern. »Seine Majestät, König Christian der Zweite von Schweden läßt Euch sagen, daß er bedaure, daß Ihr seiner Einladung in seine Reichshauptstadt Stockholm nicht Folge geleistet. Aber er will vergessen, daß Ihr ihn dadurch gekränkt und Euch geweigert habt, dem Wunsch Eures Landesherrn nachzukommen. Deshalb begnügt seine Gnade sich, Eure Widersetzlichkeit mit keiner schwereren Strafe zu belegen, als daß er Euch, bei Verlust Eures Kopfes, verbietet, Euer Besitztum zu verlassen, bis er Euch selbst die Erlaubnis dazu ertheilt. Bei Verlust Eures Kopfes, Herr Gustav Stenbock! Ich habe meinen Auftrag ausgerichtet.« Stenbock's Brust athmete heftig. »Es hat Niemand das Recht, ohne Urtheil des schwedischen Reichsrathes einen Edelmann unseres Landes gefangen zu halten,« antwortete er mit fester Stimme. Der Hauptmann wandte den Kopf gleichgültig von ihm auf die Knechte des Hauses zurück, aus deren Mitte ein dumpfes Murren seine Worte begleitet hatte. »Es ist der Wille Seiner Majestät, daß jede Auflehnung wider seine Gebote augenblicklich mit dem Tode bestraft werde. Legt den Widerspenstigen, der gemurrt, in Ketten und führt ihn nach Stockholm!« befahl er. Die Soldaten bemächtigten sich des bezeichneten Knechtes, dem keiner seiner Genossen zur Hilfe zu kommen wagte. Nur Stenbock's Hand klammerte sich krampfhaft um den Griff seines Schwertes. Der Hauptmann bemerkte es und fuhr, einen scharfen Blick auf ihn werfend, fort: »Seine Majestät wird erfreut sein, zu vernehmen, daß er einen treuen und gehorsamen Diener an Euch besitzt, Herr Stenbock. Er zweifelt nicht, daß Ihr Euer Haus nicht zur Zuflucht der Hochverrätherischen Flüchtlinge macht, auf deren Köpfe Preise gesetzt sind und die das Land durchstreifen, um Aufruhr zu erregen. Doch ich habe den gemessenen Befehl, ohne Ausnahme jede Wohnung in hiesiger Gegend zu durchsuchen, und bedauere, auch Euch um so späte Stunde diese Unannehmlichkeit nicht ersparen zu können. Beginnt mit dem nächsten Zimmer, mit diesem da,« setzte er sich zu den Soldaten umwendend hinzu. Doch die Kraft des Hausherrn, sich zu bezwingen, war erschöpft. Sein verletztes Bein außer Acht lassend, hatte er sich mit einem Sprunge den vorschreiteden Söldnern entgegen geworfen und trat, sein Schwert ziehend zwischen sie und die Thür. »Sagt Christiern von Dänemark,« rief er laut, »daß er bedauern möge, meinen Kopf nicht mit den andern des schwedischen Adels zusammenzählen zu können! Er war Herr auf seinem Schlösse; ich bin es in meinem. Ich lade ihn ein, zu mir zu Gast zu kommen, und sagt ihm, ich bedauerte mehr, daß er nicht jetzt hier an der Stelle seines Trabanten stehe, damit ich ihm die Stockholmer Gastfreundschaft vergelten könne.« Die Worte waren mit bitterem Hohn gesprochen und von einem pfeifenden Hieb des breiten Schwertes durch die Luft begleitet, daß die nächsten von den Soldaten erschrocken zurückwichen und unentschlossen auf die herkulische, graue Gestalt, die ihnen den Eingang wehrte, hinblickten. Auf der Stirn des dänischen Offiziers schwollen die Adern dunkel an und er zog drohend die Brauen zusammen. Zugleich winkte er den hinter ihm stehenden Hellebardieren, die ihre Waffen senkten, und sagte gebieterisch: »Herr Gustav Stenbock, wenn ich meiner Vollmacht Gehör gäbe, hättet Ihr Euer Leben verwirkt. Im Namen König Christian's von Schweden, gebt Raum!« Die Hellebarden bewegten sich in geschlossener Reihe vorwärts, doch Stenbock regte sich nicht. Er sah fest und starr auf die Spitzen, die ihm näher rückten, dann schlang er den Arm mit stolzem Ausdruck der Befriedigung um den Nacken seiner Tochter, die auf ihn zuflog und mit dem Rufe: »Ich stehe zu Dir, Vater!« sich furchtlos hoch aufgerichtet an seine Seite stellte. Allein die eisernen Schneiden hielten nicht inne. Sie waren an Blut gewöhnt, und in dem wilden Eroberungs- und Unterwerfungskriege, den der dänische König gegen Schweden führte, mochte es nicht die erste Mädchenbrust sein, auf die sie gezückt wurden. Unbeirrt von der Schönheit derer, die sie bedrohten, rückten sie vor, keine Wimper zuckte an dem kalten Auge des Hauptmanns, die Secunden waren zu berechnen, in denen die blitzenden Speere die Thür erreicht und, was zwischen dieser und ihnen sich befand, durchbohrt zu Boden gestreckt haben mußten. Doch es befand sich noch eine Person im dem Zimmer, die bisher als stummer Zuschauer dem Vorgang beigewohnt hatte. Nicht die Hausherrin; sie saß wie zuvor antheillos an ihrem Tisch und schien, besonders seit einigen Minuten, in tiefe Gedanken versenkt. Der die Ereignisse im Zimmer mit steigender Unruhe gemustert hatte, war Gustav Rosen. Bei dem ersten Eintritt der Dänen war seine Verlegenheit und sein Bestreben, in der Dunkelheit des Winkels die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, unverkennbar gewesen. Mit gerötheter Stirn hatte er schweigend den Wortwechsel zwischen Stenbock und dem Hauptmann angehört; dann durchlief es plötzlich zitternd seinen Körper, wie er die rasche Bewegung Karin's an die Seite ihres Vaters wahrnahm. Er mochte die Persönlichkeit hier und dort gut genug kennen, um zu wissen, daß keine von ihrem Vorsatz abstehen würde – unverrückt durchmaßen die toddrohenden Hellebarden Schritt um Schritt den schmalen Zwischenraum, sie waren nur wenige Fuß noch von der Brust des muthigen, unbeweglichen Mädchens entfernt. »Halt!« rief Gustav Rosen plötzlich und warf sich zwischen die letztere und die vor der neuen, unerwarteten Erscheinung erstaunt innehaltenden Soldaten. Der Hauptmann, der ebenfalls bisher nicht auf ihn Acht gegeben, trat mit dem gezogenen Schwert heran und fragte barsch: »Was wollt Ihr? Wer seid Ihr?« Der Jüngling nannte seinen Namen und fügte einige mit halblauter Stimme gesprochene dänische Worte hinzu, vor denen der Offizier seine Waffe schnell zu Boden senkte. Er hatte mit raschem Griff seine Kopfbedeckung abgezogen und gab den Soldaten einen hastigen Wink, ihre Hellebarden zu schultern und zurückzutreten. Dann sagte er ehrerbietig: »Verzeiht, Herr Rosen, ich besaß keine Ahnung von Eurer Anwesenheit. Ich bitte Euch, mich bei Sr. Majestät –« Rosen fiel ihm eilig ins Wort. »Das Fräulein ist meine Braut, und es ist ihr Schlafgemach, in das Ihr Euren Soldaten einzudringen befohlen. Ihr werdet begreifen, daß dies Herrn Stenbock seine Besonnenheit verlieren ließ, und es bedarf wohl nicht meines adeligen Wortes, daß in dem Zimmer meiner Braut kein Mann verborgen ist.« Das Gesicht des Hauptmannes hatte einen verlegenen Ausdruck gewonnen. »Entschuldigt mich, Herr Rosen,« antwortete er stotternd, »aber mein Befehl –« Gustav Rosen's Stirn runzelte sich und seine Hand fuhr unwillkürlich an den Griff seines Schwertes. Doch er besann sich rasch und versetzte: »Ihr habt Recht, Eurem Befehl muß gehorcht weiden. Doch Ihr werdet zugeben, daß ich auch ein Recht hier besitze, das ich vor Jedermann vertreten werde, und Ihr und Herr Stenbock werden zufrieden gestellt sein, wenn in diesem Zimmer ich Eure Aufgabe übernehme, um der Form Eures Befehles zu genügen.« Der junge Mann hatte mit ungewohnter Energie und forderndem Ton gesprochen und so bestimmten Nachdruck auf das Wort »vor Jedermann« gelegt, daß der Offizier schweigend die Stirn senkte und durch eine Verneigung seine Zustimmung zu erkennen gab. Er trat einige Schritte zurück und ertheilte seinen Begleitern Anordnungen für die Durchsuchung der übrigen Gemächer des Schlosses. Sein Benehmen drückte aus, daß er in dem Bestehen auf seiner Forderung dem jungen Edelmann gegenüber fast zu weit gegangen zu sein befürchtete und diesen Mißgriff dadurch wieder gut zu machen suchte, daß er eine so entfernte, abgewandte Stellung von dem Zimmer Karin's einnahm, daß weder sein Auge noch sein Ohr an der Untersuchung desselben irgend welchen Antheil nehmen konnte. Stenbock mochte das Bewußtsein zurückgekommen sein, in welche sinnlose Gefahr er sich und die Seinen zu stürzen im Begriff gewesen, denn er trat jetzt wortlos zur Seite und ließ die Thür frei, auf deren Drücker Rosen die Hand legte. »Verzeih' mir, Karin,« sagte dieser, indem er sich noch einmal mit lächelnden Lippen umwandte, »Du weißt –« Allein seine Augen suchten vergebens. Karin stand nicht mehr an seiner Seite, sie befand sich überhaupt nicht mehr in dem Zimmer. In der Verwirrung, welche das Erscheinen Rosen's unter den dänischen Eindringlingen angestiftet, hatte sie unbemerkt die auf den Flur hinausgehende Thür erreicht und war ins Dunkel hinausgeschlüpft. Hier wendete sie sich nach rechts und durcheilte athemlos eine Reihe lichtloser Gänge, bis sie an die Hinterthür gelangte, durch welche sie vorhin Gustav Folkung in ihr Zimmer hineingeführt hatte. Sie hatte vergessen, daß derselbe sie auf ihre Anordnung von innen verriegelt, und rüttelte heftig an ihr; dann kratzte sie, sich besinnend, mit den Nägeln an dem Holz und rief leise das verabredete Losungswort: »Gustav Wasa!« Im selben Augenblick öffnete sich die Thür, und vom Mondlicht, das klarer als zuvor ins Fenster fiel, erhellt, stand der Flüchtling vor ihr. »Du hattest mir Dein Wort gegeben, und Gustav Wasa hat gewartet, bis Du kämest, Karin,« flüsterte er. »Schnell! Kommt!« antwortete sie, ohne auf seine Worte zu hören. Sie trat rasch ans Fenster, von unten funkelten im Mondenschein Hellebarden aus dem Garten. Karin stieß einen leisen Ton des Schreckens aus; Folkung war ihr gefolgt und legte den Arm um ihren Leib. »Wenn die nicht dort gewesen, hättest Du mich heute hier nicht mehr gefunden,« flüsterte er abermals, so dicht an ihr Ohr geneigt, daß seine Lippen dasselbe berührten. Sie riß ihn an der Hand fort und auf den finstern Gang zurück. Zugleich öffnete sich die Thür auf der andern Seite, und Björn sprang mit mächtigem Satze herein. Gustav Rosen stand auf der Schwelle und rief, um jeden Verdacht zu meiden, als ob er der Form nicht genüge, der Magd zu, ihm ein Licht zu bringen, das die noch immer zitternde Ingeborg ihm reichte. »Geht nicht hinein, nehmt von den Soldaten mit, Herr Rosen; es ist heute nicht richtig drinnen,« bat sie ängstlich. Doch um des Jünglings Lippen flog ein glückliches Lächeln. »Du hast Recht, es ist gefährlich hier, Ingeborg,« versetzte er mit glänzenden Augen. Niemand gab aus dem andern Zimmer auf ihn Acht. Die Magd lief scheu zurück, im Flur erklangen die dröhnenden Schritte der dänischen Söldner, die sich dem Befehl ihres Führers gemäß mit von den Knechten herbeigeschafften Lichtern im Schlosse vertheilten. Gustav Rosen bewegte sich, das flackernde Licht mit der Hand schützend, vorwärts und blickte aufmerksam umher. Doch man sah in seinen Augen, der Eifer entsprang nicht der Aufgabe, die er übernommen, sondern einem andern, heimlicheren, herzklopfenden Gefühl. Plötzlich blieb er wie festgebannt stehen. Sein Blick fiel auf Björn, der sich an dem Bette Karin's aufgerichtet und dasselbe witternd mit der Schnauze überglitt. Die seidenen Kissen hingen halb zum Boden herab, das Lager war unverkennbar von schwerem Druck zerwühlt und die sonst schneeweißen Linnen am Fußende mit Schmutz und feuchtem Lehm besudelt. Der Jüngling griff an seine Stirn, von der kalte Tropfen herabperlten. Einen Moment drehte sich Alles rund um ihn her im Kreise, sein Herz schlug nicht, sein Blick starrte nur wie sinnverloren vor sich hin. Was Ingeborg gesprochen, das gelle Lachen, das er selbst vernommen, die Worte Karin's: »Glaub' mir, es ist der Wind,« ihr Arm, der ihn sanft von der schon erfaßten Thür zurückgehalten, ihr räthselhaftes Verschwinden jetzt von seiner Seite – alles drängte sich wahnsinnshastig in seinem Kopfe zusammen. Dann fiel sein Auge herab, und gedankenlos näherte er das Licht dem Fußboden. Die feuchten Spuren schwerer, eisenbeschlagener Männerstiefel kreuzten sich überall durcheinander; sie kamen von der Hinterthür her und führten dorthin zurück. Jetzt witterte Björn darüber und sprang kräftig gegen die nach außen aufschlagende Thür. Sie war in der Eile von dem Letzten, der hindurchgegangen, nicht fest geschlossen und sprang auf, und die Dogge schoß lautlos eilig den dunklen Gang hinab. Besinnungslos folgte ihr Gustav Rosen. Er hatte sein Schwert gezogen und stürzte hinter Björn drein. Das Haar flog ihm um das erhitzte Gesicht, über die irren Augen; in dem langen Treppengang, den er durchlief, war er allein, aber über seinem Kopf und seitwärts von ihm dröhnten überall die Schritte der suchenden Dänen, und er schrie keuchend, verstandesverwirrt und betäubt von unnennbar in ihm wogenden Gefühlen: »Hieher! Hieher!« Karin hatte ihren Schützling die Treppe hinabgezogen, über die er heraufgekommen; doch anstatt die in den Garten führende Rückthür zu öffnen, tastete sie mit den Fingern seitwärts nach einer andern, die sich in der Wand befand. »Ihr dürft nicht in den Garten, das ganze Haus ist umstellt,« flüsterte sie; »zwölf Stufen steigt Ihr hier hinunter, zählt sie, dann wendet Euch links und ein grader unterirdischer Gang, so hoch, daß Ihr aufrecht darin gehen könnt, führt Euch zum Trollhätta, nahe der Stelle, wo Ihr mich heute gefunden. Gebüsch und ein Stein, den Ihr beiseit rollen müßt, verdecken den Ausgang. Eilt Euch, ich höre sie kommen! Der Gott Schwedens beschütze Euch!« Im Dunkel kreischten die Angeln der schweren Thür, die der starke Arm des Mädchens aufgerissen. »Eilt Euch!« wiederholte sie hastig und ängstlich und entwand sich der Hand ihres unsichtbaren Begleiters, der suchend nach ihrem Nacken tastete. »Du weißt nicht, was Du verlangst, Karin,« sagte er mit glühendem Ton. »Was läge für mich und für Schweden daran, wenn sie mich hier fänden und zu Deinen Füßen niederstreckten? Was läge Dir daran? Ich aber würde im Tode Deine Füße küssen –« Ein Lichtschimmer fiel bis an den Fuß der Treppe hinab. »Ihr seid wahnsinnig,« stieß Karin zitternd aus und suchte ihn mit beiden Händen durch die rettende Thür zu drängen. Doch ihre Stärke war die eines Kindes gegen die seine. Er umfaßte sie mit den Armen und stammelte: »Gieb mir einen Kuß, Karin, und ich will mich und will Schweden retten. Ich verlange keinen zweiten von Dir, ehe ich mein Versprechen erfüllt. Doch wenn Du ihn mir verweigerst, bleibe ich und überliefere mich selbst den Dänen, und Du bist meine Mörderin!« Das Mädchen rang angstvoll. Plötzlich rief sie freudig: »Björn! Hilf mir, Björn!« Der Hund kam mit dem zottigen Schweif wedelnd heran, doch es war zu spät, auch wenn er gewußt, was er hindern sollte, hätte er es nicht mehr verhüten gekonnt, daß der verfolgte Bedränger die Lippen seiner Herrin erreicht und die seinen ungestüm feurig darauf gepreßt hatte. Mit einem Schrei des Zornes und der Angst zugleich riß Karin sich los, das herannahende Licht blitzte um die Ecke, und Rosen stand mit den Augen vor sich hinabsuchend wenige Schritte über ihnen auf der obersten Stufe der kurzen Treppe. »Gottlob, es ist mein Bräutigam!« stieß Karin athemlos aus. Es lag ein doppelter Sinn der Freude in den Worten, für sie wie für ihren Schützling, vor dem sie selbst Schutz zu wünschen genöthigt worden. Doch anders war die Wirkung des Satzes auf jenen. Einen Augenblick taumelte er wie blitzgetroffen an die Wand zurück, dann sprang er mit einem tigerhaftwilden Satze wieder auf sie zu, packte ihre Schulter und rief: »Du bist die Braut eines Andern, Karin Stenbock?« Es war das nämliche gelle, schneidende Lachen, das die Worte begleitete, wie es vorhin die Erzählung Gustav Rosen's unterbrochen. Der Letztere war bei dem Klang der Stimme bleich wie der Tod die Stufen herabgesprungen, der Schein seines mit bebender Hand vorgestreckten Lichtes traf voll über das Antlitz Folkung's. »Gustav – –« schrie der Jüngling auf. Er hatte mit irrer Hand sein Schwert erhoben, als wollte er es auf die Stirn Folkung's herabschleudern, doch Karin fiel ihm in den Arm, und zugleich, ehe er seinen Ausruf vollenden konnte, legte sich die Hand des Verfolgten blitzschnell auf seine Lippen. »Du bist des Todes, Gustav Rosen, wenn Du meinen Namen aussprichst,« sagte er so gebieterisch, daß der Jüngling vor seinen flammenden Augen zurückwich. »Du hast mir gute Kunde gebracht; der Schnitter mußte kommen, um mit blutiger Sense das Unkraut auszurotten, ehe die Saat der Zukunft sich bestellen läßt. Vergiß nicht, was Gustav Folkung Dir gesagt! Leb' wohl, Rose vom Trollhätta, ich halte mein Wort.« Betäubt sah Rosen auf, der Sprecher war verschwunden, nur das Krachen der schweren, eisenbeschlagenen Thür, die neben ihm ins Schloß fiel, verrieth den Weg, den er genommen. Andere, laute Schritte stürmten durch den Gang; Karin nahm das Licht aus der zitternden Hand ihres Geliebten, der, lautlos die blauen, glanzlosen Augen auf sie gerichtet, an der Wand lehnte. Nur eine Thräne rollte langsam von der Wimper über seine Wange. »Es War gut, daß Du kamst, mein Gustav,« sagte sie dankbar. Er blickte sie verstört an und wiederholte: »Es war gut – o Karin, wäre ich nicht gekommen, wäre ich nie gekommen, Karin!« Sie verstand ihn nicht und faßte seine Hand. Der dänische Hauptmann erschien von seiner Mannschaft begleitet auf der Treppe. – »Ihr habt gerufen, Herr Rosen?« sagte er höflich. »Es war nichts – Björn witterte einen Wolf, der ums Haus schlich, um ein Lamm zu stehlen,« antwortete der Jüngling, auf den bei dem Anblick der Soldaten wieder knurrenden Hund deutend. »Wir haben ebenfalls nichts entdeckt,« versetzte der Offizier. Er schritt zurück, wandte sich jedoch noch einmal um und fügte mit artigem Gruß bei: »Ich bitte Euch, auch bei dem Fräulein Fürsprache für mich einzulegen. Es kam mir natürlich so wenig wie Euch in den Sinn, Argwohn in Bezug auf das Zimmer Eurer Braut zu hegen. Doch Ihr wißt, die Pflicht, Herr Rosen –« »Ich weiß, und ich hätte Euch nicht hindern sollen, Eure Pflicht selbst zu erfüllen,« fiel der junge Mann bitter ein; »entschuldigt, Hauptmann, ich gebe Euch mein Wort, wenn der Fall sich erneuern sollte, werde ich es nicht wieder thun. Aber andrerseits hättet Ihr Euch diesmal begnügen können und mir diesen Weg ersparen. Ich gab Euch ja mein adliges Wort, daß in dem Zimmer meiner Braut kein Mann verborgen sei.« Gustav Rosen lachte bei den letzten Worten auf, daß der Offizier ihn verwundert ansah. Dann grüßte der Letztere noch einmal und entfernte sich. Karin schritt schweigend neben ihrem Bräutigam den Gang hinauf. Ihr Auge streifte ab und zu sein Gesicht mit fragendem Ausdruck, als erwarte sie ein Wort von ihm. »Du bist so sonderbar heut' Abend, Gustav,« sagte sie endlich. »Sonderbar?« wiederholte er stillstehend – »ich bin es nicht, Karin, die Welt ist sonderbar. Gieb mir Deine Hand.« Das Mädchen that, was er gefordert; er hielt die kleine Hand fest in seiner und blickte darauf hin, bis ihm die Thränen wieder in die Augen traten. »Ich sah vor zwei Tagen, wie König Christian seinen Gästen die Hand reichte,« fuhr er langsam fort, »und seine Hand war ebenso ruhig und weiß und kühl, wie diese. Und dann schlang er den Arm um ihren Nacken und küßte sie –« Der Jüngling umfaßte heftig den goldlockigen Hals seiner Geliebten und küßte ihre willig dargebotenen Lippen – »nein, nicht die Welt, das Herz ist sonderbar,« vollendete er leise, »denn es glaubt nicht, was die Augen sehen und was die Ohren vernehmen; es glaubt nur, was es glauben will.« Und er umschloß abermals das schöne Haar Karin's mit dem Arm und hielt es weiterschreitend krampfhaft fest an seine Brust gedrückt. Zweites Capitel. Nun liegt Alles todt und gebändigt von der Ostaee bis zu den ewig unwirthbaren Kjölen Norrbottens hinauf. Schnee bedeckt mit weißem Leichentuch das Land, so weit der Blick vom Gipfel des Kinnakulle reicht; unter starrem Druck hält das Eis die ungestüm brausendem Bergwasser gefangen. In der Tiefe mag hier und da ein heimlicher Strom fortmurmeln oder murren, doch Niemand sieht, Niemand hört ihn. Der Winter herrscht, und ein schwedischer Winter ist lang. Manche, die jetzt noch athmen, werden es nicht erleben, daß der Frühling zurückkehrt. Alles liegt gebändigt, nur der Trollhätta nicht. Er läßt sich kein Joch aufzwingen, nicht das des Winters und nicht das Christiern's von Dänemark. Unablässig rauscht er in die Tiefe, als suche er mit donnerndem Mahnruf die todte Natur zu wecken. Unablässig zertrümmert er die Eisnadeln, die wie Schergenspeere an seiner Seite hervorschießen, die ihn mit scheuer Hand zu unterdrücken und einzufangen streben, und reißt sie mit sich fort. Es ist nur ein Mensch im ganzen ungeheuren Schwedenlande, der dem Trollhätta gleicht. Er heißt Gustav Erichson; nach dem Reisigbündel in seinem Wappen, das auf schwedisch Wase heißt, hat das Volk ihn Gustav Wasa genannt. Er ist der Sohn eines schwedischen Reichsraths und der Großneffe Sten Sture's des Vetteren, des Reichsverwesers, der im Kampfe gegen Christiern den Zweiten gefallen. In seinem Hause ist er aufgewachsen und hat, obwohl kaum dreißig Jahre zählend, vielfache Schicksale erfahren. Als Knaben sah König Johann von Dänemark ihn im Hause seines Ohms, wie er mit seinen Altersgenossen spielte und für sich die Rolle eines Cyrus erwählt hatte. Der dänische König belauschte ihn, und ihn ergriff eine ähnliche Unruhe, wie Astyages sie einst beim Anblick seines unbekannten Enkels empfunden. Um zu verhüten, daß der Knabe die spätere Rolle des Cyrus nicht zu genau innehalte, beschloß er, ihn mit sich nach Dänemark zu nehmen, doch setzte Sten Sture es durch Ueberredung durch, ihn davon abzuhalten. Dann gelangte Gustav Erichson auf die hohe Schule nach der alten Königsstadt Upsala, bis die inneren Kriege in Schweden wieder entbrannten und er unter der Fahne Sten Sture's, des Jüngeren, wider den landesverrätherischen Erzbischof Trolle kämpfte. In der ruhmvollen Schlacht bei Brännkjrka trug er das Banner des Reichs, doch was König Johann auf offenem Wege nicht erreicht, gelang seinem Nachfolger Christiern durch List, der selbst in Stockholm mit Sten Sture über den Frieden zu unterhandeln versprach und als Bürgschaft für seine dortige Sicherheit die Häupter sechs vornehmer schwedischer Heerführer, unter ihnen Gustav Wasa, als Geiseln begehrte. Vertrauensvoll willigte der Reichsverweser ein, doch wie der dänische König die Geiseln empfangen, kam er nicht nach Stockholm, und Gustav Erichson war sein Gefangener in Dänemark. Ein Jahr verbrachte er als solcher auf dem festen Schloß Kallö im nördlichen Jütland. Hier vernahm er täglich von den großartigen Rüstungen, die in ganz Dänemark betrieben wurden, um Schweden zu unterwerfen. Niemand zweifelte in Jütland an der baldigen Ausführung; wegen der Streitigkeiten mit dem aufständischen Erzbischof stand Schweden unter päpstlichem Bann, und die Söldner Christiern's würfelten beim Becher um schwedische Jungfrauen und Lehensgüter. In einer Chronik heißt es, »daß Herr Gustav Erichson durch solcherlei Schmähung über die Maßen von Zorn und Angst benommen war, so daß ihm weder Speise und Trank gut schmecken mochten, wäre er auch besser gespeist worden, als es geschah. So war ihm sein Schlaf weder ruhig noch lieblich und konnte er nichts Anderes denken, als wie er Gelegenheit finde, aus dem ungerechten Gefängniß zu entweichen«. Und die Gelegenheit fand sich. Er entfloh in Bauernkleidung und erreichte mit kluger Vorsicht in wenigen Tagen zu Fuß die jütische Grenze. In Flensburg nahm er, um sich vor Entdeckung zu schützen, Dienste bei Ochsenhändlern, die jütländisches Vieh nach Deutschland trieben, und gelangte mit ihnen nach Lübeck. Hier wurde er erkannt und bedroht, doch durch die Macht seiner Persönlichkeit bewirkte er es, den Senat zu einem Beistandsversprechen zu bewegen, wenn es ihm gelinge, eine erfolgreiche Empörung wider den dänischen Usurpator zu bewerkstelligen. Im Mai des Jahres 1520 traf Gustav Erichson auf einem Lübecker Schiffe wieder in Calmar ein, das, mit Stockholm, die einzige schwedische Stadt war, die den Dänen noch widerstand. Stockholm aber war bereits zu Wasser und zu Lande eingeschlossen, so daß er es nicht zu erreichen vermochte und in Verkleidung Smaland und Südermannland, die Landschaften um die Hauptstadt, durchirrte. Dann siel Stockholm, und Schweden lag völlig in der Hand Christiern's von Dänemark, der mit freundlich umgewandelter Miene nicht als Sieger, sondern als Schutzherr des von ihm eroberten Landes den ganzen Adel des Reiches zu seiner Krönung in die Hauptstadt einlud. Umsonst suchte Gustav Wasa mehrere seiner Freunde, umsonst seinen Schwager Joachim Brahe zu bewegen, der Einladung nicht Folge zu leisten. Im Beginn des Novembers desselben Jahres gingen sie nach Stockholm. Gustav Erichson that es nicht. – Nun lag der Winter über Schweden und verdeckte das Blut, das in den Katar geflossen. Aber der Trollhätta brauste noch in die Tiefe, und so lange er nicht ins eisige Joch gezwungen, hatte der Winter nicht gesiegt. So lange Gustav Wasa noch ein treues, altschwedisches Herz fand, das der Gefahr trotzte und ihn in einem Felsen-Winkel des Nordens verbarg, war Schweden nicht unterworfen und floh der Schlaf die alte Königsbettstadt der Folkungen, in der Christiern von Dänemark sich Nachts zur Ruhe streckte. Wohl war es eine gewaltige, kläffende Meute, die von Ost gen West, von Nord gen Süd das weite Svea-Reich nach dem flüchtigen Edelwild durchhetzte. Manchmal schlug hie und da einer der eifrigsten Schweißhunde triumphirend an und verfolgte schnaubend die Spur, die er in dem Weißen Schnee entdeckt. Doch ebenso schnell war sie wieder verloren und Niemand begriff, wo sie plötzlich verschwunden. Vor Unmuth schäumend riß mancher dänische Führer sich in den Bart wenn er später vernahm, wie dicht er an dem Versteck des Gesuchten vorübergeschritten, daß er nur die Hand auszustrecken gebraucht, um den goldenen Preis, den König Christiern aus seinen Kopf gesetzt, zu erhaschen. Ja, manchmal hatte die Hand ihn schon gefaßt und ahnte nicht, wer es sei, und ließ ihn wieder los. Unzählige Sagen und Schwanke leben noch heute unter dem Landvolke Dalekarliens fort, wie Gustav Wasa die dänischen Verfolger getäuscht und ihnen immer wieder entronnen. Bald in einem Wagen, der mit Stroh bedeckt war, an den die Häscher hinantraten und mit ihren Spießen das Stroh durchstachen. Dabei erhielt der Verborgene einen tiefen Stich in den Schenkel, ohne sich durch einen Schmerzenslaut zu verrathen; aber das Blut floß durch den Wagen und hinterließ rothe Spuren im Schnee. Da schnitt der treue Fuhrmann seinem Pferde eine breite Wunde in den Fuß und entzog dadurch sein Gefährt dem Verdacht. Bald verbarg Gustav Erichson sich als Knecht bei einem Bauern dicht an der Grenze Norwegens und stand sorglos am Herdfeuer, als die dänischen Schergen hereindrangen und ihn selbst nach dem Aufenthalt Gustav Wasa's fragten. Doch in dem toddrohenden Augenblicke sprang das muthige Weib des Bauern hinzu, versetzte ihm mit einem Besen derbe Schläge über den Rücken und jagte ihn schimpfend als einen faulen Knecht, der nicht arbeiten, sondern nur sich Wärmen und schwatzen wolle, aus der Stube. Im tiefsten Walde und zwischen öden Felsen stiftete er tagelang mit Noth sein Leben – doch wohin die Spur Gustav Wasa's sich gewandt, da war eine andere breitere Spur zu verfolgen. Noch hielten der Winter und Christiern von Dänemark ringsum ihre eiserne Hand über Schweden, doch wie ein kurzer Blick der Sonne am Eise leckt und mehr vernichtet, als eine strenge Nacht erstarrt, so vermochten die dänischen Häscher die flüchtige Spur, die Gustav Erichson hinterlassen, nicht mehr zu vertilgen. Wie heimlicher Tropfenfall ging das geflüsterte Wort von Mund zu Mund, und drohende, funkelnde Augen folgten den weiterziehenden Söldnern. Manche verrostete Waffe glänzte in tiefer Nacht beim einsamen Oellampenschein unter der Hand ihres Besitzers auf, der sie sorgsam reinigte und prüfte. Die Saat des Blutbades zu Stockholm, von dem unermüdlichen Säemann Gustav Erichson ausgestreut, begann überall aufzugehen. Es war noch nicht Frühling in Schweden, aber ein Windhauch ging durch die Föhren seiner Berge, der das Nahen des Frühlings verkündete. Doch still im tiefen Schnee vergraben lag Schloß Torpa. Mit unendlicher weißer Fläche dehnte sich der gefrorene Spiegel des Wenersees gegen Norden. Wenig, außer den Wasserstraßen, besaß das 16. Jahrhundert in Schweden, was man heute für einen Weg ansehen würde, und auch das Wenige war so hoch verschneit, daß kein Pferd sich hindurch zu wagen vermochte. Allein, wäre der Zugang von und nach Torpa auch frei gewesen, es würde ihn doch Niemand benutzt haben. Der Bann des dänischen Herrschers lag auf seinen Bewohnern und hielt jeden Gast zurück. Es führte keine Spur von und zum Hause Gustav Stenbock 's als diejenige dänischer Soldaten, die von Zeit zu Zeit unerwartet, zumeist in der Nacht, eintrafen, das Schloß, wie sie es das erstemal gethan, von oben bis unten durchsuchten und stets unverrichteter Sache wieder davonzogen. Nur Eins schien sich geändert zu haben. Der Hausherr wie seine blinde Gattin war des fruchtlosen Grolls wider die dänische Gewaltherrschaft müde geworden, sie fügten sich in das Unvermeidliche, und die nachspürenden Häscher des Königs hatten zu ihrer Verwunderung jedesmal von noch freundlicherer Aufnahme zu berichten als ihre Vorgänger. Es lag darin eine Sinnesänderung eines der tödtlichsten Widersacher Dänemarks, die in Stockholm nicht unbemerkt blieb. Gustav Stenbock's Ansehen im Lande war groß und seine Name vermochte eine bedeutende Stütze für den mit dem Schwert erbeuteten Thron zu bieten. Der König ließ deshalb Sorge tragen, daß diese Botschaft überall, wohin seine Truppen gelangten, ausgesprengt wurde, und vernahm mit Freuden, daß ein heimliches Murren über den Verräther die südlichen und mittleren Landschaften Schwedens durchlief. Er wußte, daß jeder Fluch Stenbock fester an ihn binden und immer mehr von der unterdrückten Partei seiner früheren Kampfgenossen loslösen mußte. Was indeß hauptsächlich dazu beitrug, dem argwöhnischen König jedes Mißtrauen zu benehmen, war die Anwesenheit und das Verhältniß, in welchem Gustav Rosen zum Stenbock'schen Hause stand. Gustav Rosen war der Sohn eines Bruders Brita Stenbock's und einer dänischen Edelfrau, die ihrem Gatten große Besitzthümer in Dänemark zugebracht hatte. Sein Vater starb früh und die Mutter kehrte mit dem Knaben in ihr Vaterland zurück. Allein wie er kaum das zehnte Jahr erreicht, starb auch sie, und da er in Dänemark keine Verwandten besaß, die für seine Erziehung zu sorgen vermochten, kam er in das Haus seiner Tante, Brita Stenbock's. Gustav Rosen hatte seine Mutter sehr geliebt. Sie stand vor ihm wie alles Schöne, wie ein anders geartetes Wesen als die Menschen, die ihn jetzt umgaben. Und einen goldigen Rahmen schlang um ihr Bild seine Knabenheimath, in der er mit ihr gelebt. Im Traume oft wehten die milderen Lüfte Seelands ihn an und mit Thränen im Auge wachte er auf. In seinem Ohr klang die süße Stimme der Mutter, die ihn mit wundersamen alten Volksliedern vom Ruhme Waldemar Seier's und der lieblichen Dagmar zur Ruh' sang, und die grünen Buchenwipfel murmelten drein im Sonnenlicht. Dann küßte Gerda Rosen ihn und lächelte mit den schönen Lippen so märchenhaft, so geheimnißvoll. – Ein banger Schauer überlief den Knaben, wenn er daran gedachte und plötzlich aus seinen warmen Träumen der rauhe Wind ihn aufschreckte, der durch die düsteren Föhren des Trollhätta rauschte. Kalt und duftlos, ein Gruß vom ewigen Eise des Nordens, kam die Luft über den Wenersee; der Trollhätta überstürzte sich mit tosendem Gebrüll, daß des Knaben Herz bang und banger wurde. Aengstlich lief er aus der fremden, wilden Natur nach Hause zurück – da empfing ihn statt der Mutter das kalte Gesicht seiner Tante, die ihrem Bruder nie verzieh, daß er eine Dänin in sein Haus geführt hatte. Brita Stenbock's Stimme war niemals weich und liebevoll, aber ihrem Neffen gegenüber klang sie härter, herber als jedem Andern. Scheu und vereinsamt schlich Gustav Rosen auf sein dunkles Zimmer in dem großen, finstern, baumüberschatteten Gebäude und schluchzte, bis er einschlief und seine Freunde, die Träume, zu ihm kamen, und jeder düstere, unheimliche, fröstelnde Traum war Schweden, und jedes warme, leuchtende, winkende Traumbild war Dänemark. Nur Eins war in Dänemark nicht, Eins nicht – das kleine Mädchen mit dem goldlichten Haar, das manchmal bei Nacht heimlich zu ihm ins Zimmer geschlichen kam, sich auf seinen Bettrand setzte und ihm mit dem weißen Händchen die Thränen von der Wimper fortstrich. »Weine nicht, Gustav,« tröstete sie, »wenn ich groß bin, gehe ich mit Dir nach Dänemark.« Dann leuchtete sein Auge auf, der Schlaf entfloh daraus und er erzählte wieder und immer wieder, was sein Herz den Tag hindurch verschweigen und zurückpressen mußte. Und wie er in Erinnerung vergessen Karin ansah, da war es ihm, als würde ihr süßes Kindergesicht größer und immer ausdrucksvoller und schöner – und dann war es ganz das traurig-liebreiche Antlitz seiner Mutter, und Schweden hatte nichts, gar nichts, was es für sich in Anspruch nehmen konnte, nicht einmal Karin. Durch Thränen lächelnd, schlang der Knabe die Arme um ihren Nacken und verbarg den Kopf an ihrer Brust, wie er es so oft an der Gerda Rosen's gethan, und Karin wurde mit traurig und bat wieder selbst mit schluchzender Stimme: »Weine nicht, Gustav; ich werde ja Deine Frau, und dann will ich auch Deine Mutter sein und wir gehen zusammen nach Dänemark.« Manchmal fand Brita Stenbock die Kinder Morgens so, Wang' an Wange schlafend. Dann erging ein strenges Strafgericht über Karin, daß sie wieder ungehorsam gewesen und den verstockten dänischen Vetter der viel schwerere Strafe verdiene, als daß er allein schlafen müsse, getröstet. Auch Stenbock wurde herbeigerufen, um Gustav für das Verbrechen, daß er sich hatte trösten lassen, zu züchtigen. Der aber hatte wichtigere Gedanken, mit denen die Zeit ihn bedrängte, und sagte gemeiniglich einfach: »Laß die Kinder gewähren, Brita, bis ihre Zeit kommt.« Es war ihm vielleicht nicht unangenehm, die wachsende Zuneigung zwischen seiner Tochter und ihrem reichbegüterten Vetter zu gewahren. Der Name Stenbock war klangvoller als der Geldeswerth, den seine Besitzthümer darstellten, die unter den fast unablässigen Kriegen eines Jahrhunderts wie alle Landschaften des mittleren Schwedens beträchtlich gelitten hatten. Um die Erziehung seines Neffen bekümmerte Gustav Stenbock sich nicht; die Zeit gebrach ihm dazu und vielleicht ebenso sehr die eigene Kenntniß. Was einem schwedischen Edelmann zu lernen nöthig war, wußte der Geistliche, dessen Patronatsherr der Schloßbesitzer war, am besten, und obwohl Gustav's Natur sanft und träumerisch war und sehr von der anderer Knaben seines Alters und Standes abstach, brauchte man ihn doch zu körperlichen Uebungen nicht anzuspornen. Er ritt zum Schrecken Karin's die wildesten Pferde und warf geschickt mit den Knechten des Hauses den schwersten Ger in die Wette. In meilenweitem Umkreis des Trollhätta war kein Fels so steil und gefahrdrohend, den er nicht erkletterte, um Karin eine seltene Blume zu suchen, und bei jedem Wind schwamm er in die Wellen des Wenersees hinaus, bis er den Augen der am Ufer Stehenden entschwand und sie lange angstvoll harrten, bis sein blonder Kopf wieder zwischen den weißen Schaumhäuptern auftauchte. Dann kam er fröhlich zurück und setzte sich auf sonniger Halde zu den Füßen Karin's und erzählte, geheimnißvoll in ihre blauen Augen aufblickend, ihr von wundersamen Dingen, die er draußen auf der dunklen Fluth gesehen oder aus der Tiefe gehört. Sie dagegen sprach ihm wieder von alten Sagen aus der Vorzeit ihres Vaterlandes, denen er aufmerksam lauschte. Es lag etwas Verwandtes in den beiden Kindern, das oft die Verschiedenartigkeit ihres Geschlechtes fast auszugleichen schien, ein feinerer sinnender Zug, der über den Kreis und die Gedanken ihrer Umgebung hinausstrebte und so fremdartig zwischen dieser stand, wie ihre sanfter begabte äußere Gestalt unter der rauhen Felsenwildniß des Trollhätta. Nur in Einem war ihre Natur verschieden und ward es unmerklich mehr und mehr. Die Tage waren lange vorüber, in denen Karin in kindlichem Eifer ihren weinenden Vetter damit getröstet, daß sie mit ihm nach Dänemark gehen wolle, wenn sie groß geworden und seine Frau sei. Wie die Blume still ihre Eigenart nach dem Klima des Bodens ausbildet, aus dem sie kommt, war Karin darin das Kind ihres Landes. Ihr Auge leuchtete, wenn sie von den siegreichen Kämpfen Schwedens gegen Dänemark sprach; sie haßte das letztere mit kindlichem Ungestüm, Gustav Rosen aber schüttelte lachend den Kopf dazu und meinte, Menschen seien Menschen, diesseits wie jenseits des Sundes und brauchten sich nicht zu hassen und zu bekämpfen, sondern sollten sich lieben, wie er Karin liebe. Dann ballte das Mädchen zornig die kleine Hand und sagte: Nie – nie könnten ein Schwede und ein Däne sich lieben; sie seien Todfeinde von Geburt; aber zugleich schlang sie den Arm um den Hals ihres sie sonderbar traurig dabei anblickenden Gespielen und zog ihn an sich, und er erzählte ihr wieder von der schönen Dagmar, und wie König Waldemar geweint, wie sie gestorben, daß auch ihr die Thränen in den Augen standen und ihr kein Gedanke dabei kam, daß es eine dänische Königin gewesen, über die sie schluchzte. So lebten die Kinder und wuchsen auf. Um sie toste die wilde Zeit, und von den Erwachsenen gab kaum Jemand Acht auf sie. Sie hatten Niemanden, dem sie sich vertrauten, als sich selbst, und ihre Herzen lagen offen vor einander da. Und seltsam, je glühender die Jahre den Patriotismus in Karin reiften, desto weniger dachte sie je, daß es in Gustav's Innerem anders zu sein vermöge. Für sie war er ein so treuer Schwede, wie der junge Gustav Wasa, von dem man überall zu erzählen begann, und in ihren Träumen setzte sie nicht weniger stolze Hoffnung auf ihn, als ihr Vater und ihre Mutter auf jenen. Gustav Rosen dagegen sah in ihr mehr und mehr das Abbild seiner schönen Mutter, die nach dem Tode ihres Gatten vor den Verwandten desselben aus Schweden geflüchtet. Ihm war, als sei Karin gleich ihr eine Sclavin in fremdem Lande, und er werde dereinst ihr Befreier, um sie in ihre eigentliche Heimath hinüber zu bringen, ins schöne, sonnige, blühende Dänemark. Jedenfalls konnten sich Beide kein Leben ohne einander mehr denken. Unendlich lang schien es ihnen, daß sie zuerst Hand in Hand über Felsen geklettert, durch die weiten Wälder gewandert; dahinter lag keine Erinnerung mehr. Und in der That war auch manches Jahr vergangen, seitdem Gustav Rosen nach Torpa gekommen, aus dem Knaben ein Jüngling, aus Karin eine hohe Jungfrau geworden. Aber gegen die Gewohnheit blieb ihr Verhältniß das alte. Keine Entfremdung trat zwischen sie, keine mädchenhafte Scheu von ihrer Seite. Nach wie vor gingen sie Hand in Hand; sie betrachteten sich nicht als Geschwister, sondern Karin sprach wie früher »wenn ich Deine Frau bin, Gustav«; nur das »wenn ich groß geworden« ließ sie fort, denn sie war es geworden. Doch ihr Benehmen gegen einander war unverändert; die Kindergespielen hatten sich in zwei Liebende verwandelt, ohne daß sie es wußten. Die alte Liebe war es, nur in neuem Frühlingsgewande; unsichtbar webte der Lenz seine Blüthen um sie her, deren Duft sie mit glänzenden Augen athmeten, ohne zu ahnen, woher er stamme. Dann plötzlich kam die Erkenntniß. Gustav Rosen hatte sein achtzehntes Jahr und mit ihm seine Mündigkeit erreicht. Er mußte nach Seeland hinüber, um selbst seine Güter in Empfang zu nehmen. Die erste Trennung war's, und der Gedanke an sie riß am Vorabend seiner Reise den traumhaften Schleier entzwei, der sie lange umhüllte. Er fühlte, daß er nicht gehen konnte, ohne ein Recht zu haben, zurückzukehren, und Karin weinte. Jedermann im Stenbock'schen Hause glaubte Gustav Rosen zu kennen, und Niemand, selbst Karin nicht, kannte ihn ganz. Vielleicht eine Einzige – Brita Stenbock, und sie verweigerte ihre Einwilligung, als er bei dem Vater offen um Karin's Hand geworben. Sie mußte nachgeben, da Stenbock fest auf seinem Willen bestand, »die Kinder auch hierin gewähren zu lassen«, und, wie oben gesagt, die Zuneigung derselben von Jugend auf begünstigt hatte. Nun versuchte Brita wenigstens, die Reise Gustav's nach Dänemark zu hintertreiben, doch auch hierin stieß sie auf entschiedenen Widerspruch bei ihrem Gatten. Er meinte, es sei nicht allein wünschenswerth, sondern nothwendig für Beide, daß sie, die das Leben ohne einander nicht kennen gelernt, eine Trennung erführen. Sie sollte kurz sein, und im Jubel über die Zustimmung des Vaters übertäubten die, welche sie betraf, den Gedanken daran. In feierlicher Weise ward nach altschwedischer Sitte die Verlobung vollzogen und eingesegnet. Die Edelsten Schwedens waren auf Schloß Torpa versammelt; der Becher durchkreiste die Nacht, und mancher begeisterte Trinkspruch der Liebe für Schweden und des Hasses gegen Dänemark erscholl. Glück und Wein erhitzten die Stirn Rosen's; er wußte am Morgen nicht, was er gesprochen, nur daß Alle ihm die Hand gedrückt, daß Karin's Antlitz vor Freude geleuchtet und daß selbst das kalte Gesicht Brita Stenbock's ihm zugelächelt. Hand in Hand, wie tausendmal, gingen am andern Tag die Verlobten zum Trollhätta hinüber. Ihr Schritt wurde langsamer, je näher sie dem brausenden Wasserfall kamen; hinter ihnen führte ein Knecht das Pferd des Jünglings. »Mir ist, als sollten wir Abschied nehmen von unserer Jugend,« sagte das Mädchen, mit Thränen kämpfend. Er lächelte. »Wir waren thörichte Kinder, wir nehmen Abschied von der Thorheit –« »Aber glückliche Kinder,« schaltete sie leise ein. Gustav Rosen blickte träumerisch um sich. »Es ist Alles, wie es seit dem Beginn unseres Lebens gewesen, und mein Herz schlägt wie damals, als Du mich zuerst an Deiner Kinderhand hieher geführt. Wie viel Jahre hindurch haben wir hier gesessen und den Schlag unserer Herzen nicht verstanden. Wir glaubten uns zu kennen, wie uns selbst, wie unsere geheimsten Gedanken, die uns nicht geheim waren, und doch lag dies Geheimniß in uns Beiden und wir ahnten es nicht. Ist es das letzte, Karin?« Sie nickte ihm mit feuchten Augen zu; er drückte sie ungestüm an sich und küßte ihre Lippen. »Der Trollhätta ist der Dritte im Bunde, er ist unser ältester Freund. Bei ihm wollen wir uns zuerst wiederfinden, wenn ich zurückkomme. Versprich es mir, ich schicke Dir Botschaft vorauf.« Er hatte sich auf sein Pferd geschwungen, und Karin reichte ihm zum letzten Mal die Hand. »Komm, wann Du willst,« sagte sie, »ich erwarte Dich am Trollhätta. Nein – komm nicht, wann Du willst, komm, wenn Du fühlst, daß mein Herz es nicht mehr erträgt; denke, daß es die Tropfen des Trollhätta zählt, und daß jeder eine Ewigkeit für Karin ist.« – – Es war ein Zusammentreffen eigener Art, daß sich auf demselben Schiffe, das Rosen von Göteborg nach Kopenhagen führte, Gustav Erichson befand, der als Geißel für die Sicherheit des dänischen Königs in Stockholm nach Dänemark gebracht wurde. Er war um zehn Jahre älter als Rosen; sein gedankenvoll männliches, scharf ausgeprägtes Gesicht stand dem träumerischen Antlitz des Jünglings wie ein starker, schon in manchem Sturm erprobter Baum einer schlanken, mit sorglosen Blüthen bedeckten Blume gegenüber. Die Ueberfahrt war durch Winde gehemmt, die sich zum Sturm verstärkten. Mit Staunen sah Rosen, wie Gustav Erichson im Augenblick der Gefahr einem altgeübten Seemann gleich in die Raaen des bedrohten Schiffes hinaufflog und mehr denn einmal kühn sein Leben in die Wagschale warf, um jenes zu retten. Zuneigung und Scheu wechselte in ihm der machtvollen Persönlichkeit des jungen Mannes gegenüber, dessen scharfes Auge er nicht zu ertragen vermochte, wenn es bei einem Gespräch über die großen Fragen, die alle Gemüther der nordischen Welt bewegten, forschend auf ihm ruhte. Um keinen Preis wäre es ihm möglich gewesen, mit ihm von Karin, von seiner neugewonnenen Liebe zu reden. Ihm war, als könnten eher die tosenden Wasser des Trollhätta Verständniß dafür haben, als die durchdringenden Augen und das schneidende Lachen Gustav Wasa's. Nur in Einem täuschte dieser sich ebenso sehr wie der unerfahrene Jüngling. Auch er glaubte, in wenig Wochen nach Schweden zurückzukehren, wenn die Friedensverhandlungen in Stockholm zum Ziel geführt. Von den letzteren wußte Rosen kaum; was hatten sie, was hatte der uralte Zwist zwischen Dänemark und Schweden mit seiner Liebe zu thun? Er erfuhr erst davon, als sie den dänischen Boden betraten und bei der Landung Soldaten seinen Begleiter in Empfang nahmen, verhafteten und unter dem Jubelrufe des zudrängenden Volkes fortführten. Jetzt sagte man ihm, daß sein zufälliger Genosse der gefährlichste Rebell in Schweden gewesen und daß es eine thörichte Milde des Königs sei, ihn als Gefangenen nach Jütland zu bringen, statt ihm den Kopf vor die Füße zu legen. Alle Welt sagte es hier, wohin Gustav Rosen kam. Alle Welt sprach von dem bevorstehenden Kriege, der das Schattenbild der kalmarischen Union verwirklichen werde. Zum ersten Mal stand Rosen inmitten einer politischen Bewegung. Hier zweifelte Niemand daran, daß er mit Leib und Seele ein echter Däne sei, wie man jenseits des Sundes ihn ebenso unzweifelhaft für schwedisch gesinnt hielt. Und hinzukam, daß er hier etwas bedeutete, was er dort nicht gethan. Er sah sich plötzlich als das betrachtet, was er war, als ein reicher und vornehmer Herr, um dessen Gunst man sich bewarb. Die Männer blickten auf ihn und die Frauen nicht minder. Das Blut stieg ihm in die Wangen; zum zweiten Mal überkam ihn das Gefühl – ein anderes wie aus Kindertagen zwar und vielleicht aus Eitelkeit sein Gezweig aussendend, doch verzeihlich mit achtzehn Jahren – daß Dänemark seine Heimath sei. Allein, ob dies Gefühl ihn lieblich umgaukelte, es fesselte ihn keinen Moment. Er gedachte Karin's zu jeder Stunde; ihr Bild lieh Allem den heiteren Zauber, der ihn anwehte; aus dem Goldgrund jedes Bechers, den er leerte, blickte wie aus einem Spiegel, klein, doch bis ins Kleinste deutlich erkennbar, ihr süßes Angesicht, von den einsamen Bergen des Trollhätta umrahmt, zu ihm auf. Er eilte von Kopenhagen in das Innere Seelands auf seine Güter. Vieles war zu besichtigen, zu ordnen; unredliche Diener hatten jahrelang die Herren gespielt und für den Tag der Rechenschaftsablegung absichtliche Verwirrung gestiftet. Trotz seiner zur Schwärmerei neigenden Natur und seinem jugendlichen Alter war Gustav Rosen's Verstand scharf, und er haßte den Betrug, den er überall durchblicken sah. So verlängerte sich die Zeit etwas, die er auf seinen Besitzungen zubringen mußte, um eine gründliche Umgestaltung vorzunehmen. Dabei richtete er unausgesetzt sein Augenmerk darauf, den am herrlichsten gelegenen Punkt seines Eigenthums zu verschönern. Alles, was Karin liebte, wußte er herzustellen: einen fröhlich daherrauschenden Bach leitete er in ein künstlich vertieftes Bett, daß er über steilen Abhang herunterschoß und sein Brausen sie an den Fall des Trollhätta zu erinnern vermöge. Endlich kam der letzte Tag, und auf seinem schnellsten Rosse flog er nach Kopenhagen zurück. Da traf ihn wie ein Blitz die Kunde, daß in kurzer Frist der Krieg gegen Schweden beginne und daß es Niemandem mehr gestattet sei, Dänemark zu verlassen. Gustav Rosen wollte um jeden Preis hinüber. Er wandte sich an die einflußreichsten Persönlichkeiten, um die Erlaubniß zu erhalten. Umsonst; sie zuckten die Achseln und wiesen aus den strengen, ausnahmslosen Befehl des Königs hin. Sie meinten, daß er einen Versuch, eigenwillig sein Vorhaben durchzusetzen, mit dem Verluste seiner Güter, wenn nicht theurer, bezahlen könne. Dennoch unternahm er einen solchen. Die schwedische Küste lag im Abendgold so nah, so winkend vor ihm; ihm war, als höre er das Rauschen des Trollhätta, als seien von drüben die blauen Kinderaugen Karin's auf ihn gerichtet. Er bestach durch hohe Versprechungen einen Fischer, ihn um Mitternacht mit seinem Boot über den Sund zu führen, doch nahe unter dem ersehnten Ufer fiel er in die Hand eines dänischen Kreuzers und ward gefangen nach Kopenhagen zurückgebracht. Der Verdacht ruhte auf ihm, daß er als Spion über die dänischen Rüstungen nach Schweden zu berichten beabsichtigt habe, und man hielt ihn wochenlang, ohne sich um seinen Namen zu bekümmern, in einem düstern Thurm bei kaum zum Unterhalt seines Lebens ausreichender Nahrung, bis es ihm durch günstige Umstände möglich wurde, eine Bittschrift um Gehör in die Hände des Königs gelangen zu lassen. Noch am selben Tage flogen die Riegel seines Gefängnisses auf; man bat ihn artig um Entschuldigung, daß man den Mißgriff begangen, ihn einzukerkern, und überreichte ihm einen Befehl, am andern Tage im königlichen Schlosse zu erscheinen. König Christiern der Zweite von Dänemark war einer der aus den seltsamsten Widersprüchen zusammengesetzten Fürsten aller Zeiten. Als Jüngling ausschweifend wie Wenige seines Alters, liebte er die schöne Dyveke von Amsterdam, die er als Statthalter von Norwegen in Bergen fand, so zärtlich und heftig zugleich, daß er allen Drohungen seines Vaters Trotz bot und die härtesten Strafen über sich ergehen ließ, ohne von seiner Liebe zu lassen. Seine Natur war despotisch wie die eines orientalischen Herrschers. Was ihm entgegentrat, verfolgte er mit List und Gewalt, bis er es vernichtet hatte. Er haßte den Adel in Dänemark wie in Norwegen, weil derselbe sich weigerte, sich wie eine Gerte unter seiner Hand zu biegen. Rachsüchtig, heimtückisch und grausam, wie selten einer der Verworfensten, war er zugleich tapfer und von Alles durchdringendem Verstand. Weil er den Adel demüthigte, der die Rechte der Bürger hochfahrend mit Füßen trat, hingen diese ihm an. Sie fürchteten ihn mehr, als sie ihn liebten; doch auch sie berechneten klug, daß es besser sei, einen gewalttätigen Herrn über sich zu haben, der eine Stütze an ihnen suchte, als viele, die durch ihre Verbindung unter einander stark genug waren, der Bürger nicht zu achten. Und es kam hinzu, daß, wenn er sich unter das niedere Volk mischte, was im Interesse seiner weitblickenden Zwecke häufig geschah, Niemand in Dänemark von hinreißenderer Liebenswürdigkeit, von redlicherer Treuherzigkeit und Alles gewinnendem Zauber umkleidet erschien als Christiern der Zweite. Dann war der stechende Blick seines Auges, die herrische Miene, die es umgab, verwandelt. Niemals besaß Jemand größere Herrschaft über seine Züge, niemals die erschreckendere Fähigkeit, die Gedanken, die unter ihnen lauerten, zu verbergen. Seine Lippen lächelten gleicherweise, wenn er den Becher aus der Hand des Bürgers nahm, um sein Wohl daraus zu trinken und ein Goldstück zum Lohn hineinfallen zu lassen; wenn er einem Mächtigen den Becher darreichte, den er ihm mit tödtlichem Gifte kredenzt hatte. Ein Band aber knüpfte das ganze Volk an ihn. König Christiern war ein Däne vom Wirbel zur Zehe und verfolgte rastlos die uralte Tradition Dänemarks, das sich als Herrn des schwedischen Nachbarlandes betrachtete. Das kleine Inselvolk theilte den Ingrimm seines Herrschers, daß seine Macht zu beschränkt, seine Oberhoheit in so enge Grenzen gebannt sei. Ein Krieg, um Schweden völlig zu unterwerfen, rief auch die, welche den König am meisten fürchteten und verabscheuten, willig unter seine Fahne. Bald nach seiner Thronbesteigung hatte Christiern sich mit Isabella von Spanien, der Schwester des deutschen Kaisers Karl's des Fünften vermählt, und es ist ein Zeichen dafür, daß trotz dem Fluch, mit dem die Geschichte sein Andenken beladen, sich etwas in ihm barg, was besserer Entwickelung fähig gewesen, daß sie in der Noth und dem Elende seines späteren Lebens nicht von ihm ließ, sondern standhaft bis an ihren Tod bei ihm ausharrte. Ueber sein Herz aber herrschte nach wie vor die schöne Dyveke, die seiner rechtmäßigen Gemahlin zum Hohn einen Flügel des königlichen Schlosses bewohnte, über seine Politik die schlaue Mutter seiner Geliebten, die ehemalige Gastwirthin zu Bergen, und sein heimtückischer Beichtvater, der ehemalige Barbiergehülfe Slaghök. Die Letzteren hauptsächlich waren es, die ihn zu immer härteren und unklugeren Maßregeln gegen den Adel zu treiben wußten. Sie waren die Unsterne seines Schicksals; der Stern seines Lebens aber trotz alledem, der einzige, der in die tiefe Gemüthsnacht Christiern's einen Abglanz sonnigen Lichtes geworfen, war das seltsame Holländerkind, das schöne, fröhlich-schwermüthige »Täubchen« von Amsterdam. Sie war neidlos und ohne Herrschsucht; sie liebte nicht den König, sondern den Geliebten, und suchte ihn mit leiser, kluger Hand aus dem Netz der verderblichen Rathschläge zurückzuleiten, mit denen Frau Sigbrit, ihre Mutter, ihn umgarnte. Hätte das sanfte, klugblickende Täubchen länger gelebt, die Geschichte würde muthmaßlich kein Blutbad zu Stockholm in ihren Tabellen verzeichnet haben. Doch Dyveke starb. Es ruht noch heute ein Dunkel über ihrem Tode, ob derselbe ein natürlicher war, ob sie ermordet worden. Das Volk, das sie geliebt hatte, klagte den Adel an, sie vergiftet zu haben, und Christiern, durch ihren Tod bis zur Raserei gebracht, lieh dieser Beschuldigung bereitwillig Gehör. Der schwerste Verdacht ruhte auf nahen Verwandten des Schloßhauptmanns von Kopenhagen, Torben Oxe. Derselbe ward in den Kerker geworfen und gestand auf der Folter, daß er Dyveke früher, ehe der König sie kennen gelernt, geliebt habe. Wuthzitternd ließ Christiern ihn enthaupten, verbrennen und soll seine Asche mit eigener Hand in die Winde gestreut haben. Dann begann er eine blutige Verfolgung des Adels, überall hin, wohin der Verdacht, an dem Tode Dyveke's mitgewirkt zu haben, sich erstreckte. Zahllose Köpfe fielen unter dem Beil; die alte Sigbrit schürte immer aufs Neue die Gluth. Endlich begann sogar das Volk über die Ausrottung der edelsten Geschlechter zu murren, und sie lenkte gewandt den Grimm des Königs auf Schweden und seine Großen über. Das Stockholmer Blutbad war jahrelang vorher beschlossen, ehe es zur Ausführung kam. Seltsam, doch zwei Männer verschiedenster Art und Absicht begegneten sich in dem nämlichen Gedanken, Christiern der Zweite und Gustav Erichson. Jener beschloß, den Adel zu vernichten, um Schweden zu unterwerfen; dieser, so sehr er den blutigen Frevel des dänischen Tyrannen verabscheute, sah ein, daß die heiß ersehnte Unabhängigkeit seines Vaterlandes nur durch die völlige Unterdrückung der Macht des schwedischen Magnatenthums möglich sei, das Jeden, der Schweden groß zu machen versuchte, mit eifersüchtigen Händen zurückhielt und selbst bekämpfte. Gustav Wasa wußte, daß der Mord des Adels zu Stockholm nicht nur das Signal, daß er auch die Bedingung für die Freiheit Schwedens von dänischer Herrschaft war. Christiern der Zweite aber war seit dem Tode Dyveke's finsterer, erbarmungsloser, unheimlicher denn je. Sein guter Stern war ausgelöscht; einsam brütend saß er auf seinem Schloß und entwarf tagesscheue, tödtliche, weit vorausblickende Pläne. So traf ihn Gustav Rosen's Bitte um Befreiung aus seiner Haft. König Christiern besaß manche Eigenschaft eines großen Staatsmannes; er kannte die Verhältnisse jedes Bedeutenderen von seinen Unterthanen bis ins Kleinste und wußte mit blitzartigem Blick zu erspähen, wo sich seinem Vortheil eine Handhabe darbot. Leutselig forderte er den Jüngling auf, ihm die Geschichte seines kurzen Lebens mitzutheilen; er hörte mit gewinnendem Ausdruck die ausführliche Darstellung Rosen's an; er lächelte bezaubernd, wie dieser von der Schönheit Karin Stenbock's sprach. Ehe Rosen geendet, lag der Zwiespalt in der Natur des jungen Mannes offen vor ihm, hatte er den Werth, den dieser für seine Pläne gewinnen konnte, begriffen. Er verweigerte ihm seine Bitte, sogleich nach Schweden zurückkehren zu dürfen, aber er entließ ihn in höchster Gnade. In wenigen Wochen versprach er ihm, ihn selbst über den Sund zu führen, und gab ihm sein königliches Wort, wenn Frau Brita Stenbock die Zeit, die er versäume, zu seinen Ungunsten benutzen solle, persönlich seine Verbindung mit ihrer Tochter durchzusetzen. Es funkelte eine Secunde eigenthümlich in den unheimlichen Augen Christiern's während dieser Unterredung auf, dann geleitete er selbst den Jüngling an die Thür des Saales, in dem sie sich befanden, reichte ihm vor den Augen der erstaunten Dienerschaft die Hand und verabschiedete ihn mit bedeutungsvollem Gruß. Gustav Rosen hätte nicht neunzehn Jahre zählen, nicht unter der harten Hand Brita Stenbock's aufgewachsen sein müssen, um nicht von der Stunde, die er mit dem Beherrscher Dänemarks zugebracht, bezaubert zu sein. Er war edlen Gemüths noch mehr als von edlem Namen und wollte gleiche Rechte für alle Menschen – Wollte der König nicht dasselbe? Vor seiner Zeit lagen die düsteren Racheakte Christiern's; er hatte kaum von ihnen vernommen, und die allgemeine Begeisterung für den Krieg gegen Schweden verwischte in dem Volke, das ihn umgab, das Gedächtniß daran. Nur wie ein Schatten flog manchmal ihm der Gedanke hindurch, daß Karin eine Schwedin sei; doch was bedeutete der zufällige Unterschied des Stammes gegen ihre, gegen eine Liebe? Auch ihn hatte die Geburt zu einem Schweden gemacht, und doch hatte jetzt das alte Knabengefühl sich ihm bestätigt, daß Dänemark seine Heimath sei. Es mußte auch die Heimath Karins sein, sobald sie es kennen gelernt, wie es die seiner Mutter, die der schönen Königin Dagmar gewesen. Verwob sich ihrer aller Bild ihm doch aus frühen Tagen innig, lieblich mit einander. – Aber in Eins, in das Schwerste, mußte er sich fügen. Aus den Wochen wurden Monde, und nur seine Träume vermochten das schmale Gewässer zu überfliegen, und so unmöglich es ihm selbst war, ihnen zu folgen, so wenig konnte er eine Botschaft an die Geliebte senden, sie über sein Ausbleiben zu beruhigen. Dann endlich – endlich brach König Christiern mit seinem Heere auf. Gustav Rosen erhielt Befehl, seines Rufs in der Nähe gewärtig zu sein. Er hätte niemals die Waffen gegen das Land seiner Väter geführt, und mit keinem Worte gab der schlaue König den Wunsch zu verstehen, daß er es thun möge. Nur im Lager hielt er ihn fest, wo ihm die ehrenvollste Auszeichnung zu Theil wurde. Doch zugleich empfand der Jüngling, daß er von aufmerksamen Augen bewacht wurde, daß jeder Versuch, wider die Erlaubniß Christiern's Schloß Torpa zu erreichen, ebenso scheitern würde, wie die Flucht über den Sund es gethan. Theilnahmlos, vergeblich seine glühende Ungeduld bekämpfend, folgte er dem Heerzuge. Er war Zeuge der blutigen Schlacht bei Bogesund, in welcher der tapfere Sten Sture fiel und Schweden dem dänischen Eroberer zur Beute ward; doch hatte er keine Empfindung für die Bedeutung des unheilschwangeren Tages. Am Abend desselben traf ihn der König stumm, verzweiflungsvoll an einen Baum gelehnt, in die klare Mondhelle hinausblickend. Christiern war im Eisenharnisch; ungestüm hatte er selbst die Entscheidung des Kampfes mit herbeigeführt. Finster-spöttisch schlug er, rückwärts herantretend, dem Träumer auf die Schulter und sagte: »Wenn die Rose vom Trollhätta mich liebte, würde ich noch in dieser Stunde mein Roß satteln und zu ihr reiten, Gustav Rosen. Grüße sie von mir und grüße auch Brita Stenbock, ihre Mutter. Wenn sie mit dem Eidam nicht zufrieden ist, bringe sie mir im November mit in meine Reichs-Hauptstadt Stockholm, ich weiß ein Mittel dafür. Dich selbst erwarte ich dort am ersten November. Verstehst Du?« Fünf Minuten später saß Rosen im Sattel und ritt durch die Nacht dahin, bis der Morgen kam und wieder das Dunkel das Licht verjagte. Da gönnte er mehr seinem Pferde als sich einige Stunden Rast und sandte der Abrede gemäß einen Boten nach Torpa vorauf, der Karin, und nur ihr, die Zeit seiner Ankunft melden sollte. Frühe Nachmittagsstunde war's, und genau hielt er sie für sein eigenes Eintreffen inne. Nun ragten die alten Ulmen auf, die das Schloß überschatteten und sein Zimmer dereinst so trübselig verdunkelt hatten. Er ließ sie zur Rechten liegen und eilte vorbei; ein anderer Schimmer umwebte sie heute als früher, sein Herz klopfte nicht mehr scheu und zaghaft bei ihrem Anblick, weil es die strenge Stimme der Tante fürchtete. Gustav Rosen sagte es sich lächelnd, wie anders das Alles geworden, und doch klopfte sein Herz vielleicht ungestümer, scheuer, zaghafter denn je. Immer näher rauschte der Trollhätta ihm seinen donnernden Gruß entgegen – ihm war, als ob er gestern von ihm geritten, als sei es vor einer Minute erst gewesen und er kehre noch einmal um, und Karin müsse noch genau auf demselben Fleck stehen, auf dem sie ihn zum letzten Male geküßt und gesagt: »Mein Herz zählt die Tropfen des Trollhätta, und jeder enthält eine Ewigkeit für mich –«. Hätte ihm in diesem Augenblicke Jemand den Namen »Bogesund« entgegengerufen, hätte ihn Jemand gefragt, wer die Schlacht gewonnen, er hätte nicht darauf gehört, er hätte es kaum gewußt. Wie genau kannte er die Wege! Noch um die Ecke, noch eine Minute, eine halbe Minute, und er lag in den Armen der Geliebten – Jetzt! Hier war die Stelle, und mit glühender Stirn, besinnungslos sprang er vom Pferde. Seine Augen flogen fieberhaft umher; hatte er sich dennoch geirrt? Betrog ihn die Erinnerung und war es eine andere Stelle gewesen, an der Karin ihre Thränen bekämpft und gesagt: »Komm, wann Du willst, ich erwarte Dich am Trollhätta!« Nein, unmöglich! Jeder Föhrenstamm, jeder Stein war unauslöschlich in seinem Gedächtniß eingeprägt und war da. Sie mußte hier sein; sie hatte sich verborgen, um seine Ungeduld zu prüfen, und er eilte die Halde hinauf, blickte hinter jeden Felsen, durchsuchte jedes Gebüsch. So hatten sie als Kinder hier gespielt, und er kannte jeden Versteck, aus dem ihm beim Näherkommen so oft das goldene Haar verräterisch entgegengeleuchtet. Umsonst! Er hatte Alles durchforscht und rief laut und flehentlich ihren Namen. Das Brausen des Sturzes verschlang den Ruf: »Karin – Karin!« Allmälig kam er zur Besinnung. Der Bote mußte die Stunde seines Eintreffens falsch berichtet haben; sie erwartete ihn noch nicht. Er erstieg den Hügel, auf dem er nach Torpa hinüber zu blicken vermochte, bereit, sobald er sie gewahrte, sich zu verbergen, zurück zu schleichen und ihrer an der süßen, gedächtnißreichen Stelle des Abschieds zu harren. Gustav Rosen harrte lange an dem Tage. Er harrte, bis die Dämmerung kam und die Krähen in lärmenden Scharen über dem Trollhätta krächzten und schattenhaft in dunkler Luft verschwanden. Da bestieg er still und herzklopfend sein Pferd wieder und ritt nach Torpa zurück. Tausend Gedanken drängten sich in seinem Kopfe. War der Bote nicht eingetroffen? War – und sein Herz schlug angstvoller – Karin durch Krankheit verhindert worden? Hatte Brita Stenbock vielleicht – –? Er spornte sein Roß, daß es, des schmerzlichen Antriebs ungewohnt, wie ein Pfeil dahinschoß. In wenigen Minuten hatte er das Schloß erreicht, sprang vor dem Portal ab und flog die Treppe hinauf. Eine Magd begegnete ihm: »Wo ist Karin?« fragte er athemlos; »ist sie krank?« Sie antwortete verwundert: »Nein, das Fräulein ist Wohl und erwartet Euch dringend, Herr Rosen.« Er riß aufathmend eine Thür auf und stürmte hinein. In der Mitte des Zimmers trat Karin ihm hastig entgegen. »Gustav, Gustav!« rief sie angstvoll, »ist es wahr? Sage nein! Ist es wahr, daß Sten Sture gefallen ist?« Ihre Wangen glühten wie Feuer, ihre Augen ruhten starr, erwartungsvoll an seinen Lippen. »Karin,« stammelte er, ihre Hand fassend, »wußtest Du nicht, da ich kam? Wo warst Du? Seit Mittag harrte ich Deiner am Trollhätta!« Das Mädchen sah wie erwachend um sich und fiel ihm schluchzend ungestüm um den Hals. »O Gustav, Alles ist verloren!« jammerte sie. Er wiederholte besinnungslos: »Alles ist gewonnen, wir haben uns wieder!« und bedeckte ihren Mund mit Küssen. Sie rang sich los und blickte ihn vorwurfsvoll an. »Seit sechs Stunden bist Du gekommen und bringst uns jetzt erst Nachricht?« »Seit sechs Stunden wartete ich drüben auf Dich; hast Du meine Botschaft nicht erhalten?« entgegnete er verwirrt. Sie sagte fast heftig: »Ist es jetzt Zeit, an Kinderspiele zu denken? Wie konnte ich vermuthen, daß Du an Torpa vorüberreiten würdest?« fügte sie milder bei. »Du hattest es versprochen – wäre die Welt um mich eingestürzt, Karin, ich wäre gekommen,« versetzte er leise. »Ist unsere Liebe Kinderspiel geworden, Karin?« Seine Stimme brach schluchzend ab. Karin beugte sich hastig zu ihm hinüber und küßte ihm die hervorquellende Thräne vom Auge. »Armer Gustav,« sagte sie zärtlich, »ich vergaß, was Du in der Gefangenschaft des dänischen Tyrannen geduldet haben mußt!« – – »In der Gefangenschaft« war Gustav Rosen gewesen und war in der Aufregung und Verwirrung, welche die Schlacht bei Bogesund hervorgerufen, entflohen. Niemand zweifelte daran: es war selbstverständlich. Der Jüngling selbst schwieg dazu. Er war oft wie betäubt; die stürmischen Ereignisse des Tages schwirrten an seinem Ohr vorüber, ohne daß er ihren Zusammenhang begriff. Manchmal raffte er sich auf, um darüber zu denken, aber kaum im Beginn, fühlte er sich unsagbar müde und traurig. Er sah nur, daß Karin's Wange bleich war, und dann wieder fieberhaft glühte, wie an dem Tage, da er zurückgekommen. In den Farben ihres Gesichtes, in dem Ausdruck ihrer Augen las er die Begebenheiten der Welt. Sie war heftig, leidenschaftlich geworden, wie sie es früher nicht gewesen. Leidenschaftlich in ihrer Bewegung, wenn eine Botschaft von Calmar, von Stockholm, die dem Dänenkönig noch widerstanden, eintraf; leidenschaftlich auch in ihrer Liebe, wenn ihre Arme den Nacken des Geliebten umschlangen, wenn ihre Lippen ihn küßten. Das war nicht mehr die sanfte, tröstende Kindergespielin ihres Vetters; die schönste Jungfrau des Nordens war es, wie die Phantasie der alten Sänger sich Freya gedacht, wie die Dichter ihrer Zeit sich das in menschliche Gestalt übertragene Bild der Schutzgöttin Schwedens vorstellen mochten. Und in dem wundersamen Bilde lebten zwei Seelen neben einander und blickten mit tiefen, deutungsvollen Augen in die Welt hinaus. Die Eine mit glänzend sehnsüchtigen Augen, unergründlich, wie Frühlingsblau, und geheimnißvoll, wie Sommermittag, liebte Gustav Rosen, Die andere schaute mit unruhvoll zitterndem Blick weit in die Ferne hinaus, vorbei an dem bangenden Antlitz des Geliebten, auf ein unsichtbares Ziel gerichtet, von unhemmbaren Kräften ihm entgegengetrieben, alle Stimmen der Nähe übertäubend, wie die fallenden, hallenden Wasser des Trollhätta. Karin Stenbock's erste Frage war nicht gewesen, ob ihr Vater bei Bogesund verwundet worden. Sie hatte gefragt, ob Sten Sture gefallen. – Ein furchtbares Ereigniß hatte jener Tag, der den Untergang Schwedens besiegelte, noch im Gefolge gehabt und selbst dies war von dem Brausen der Geschichte, in der Keiner des Einzelnen dachte, überhallt worden. Der Bote, der Gustav Rosen's Ankunft meldete, hatte auch die erste Kunde von dem Ausfall der Schlacht nach Torpa gebracht. Dann war Brita Stenbock besinnungslos hinausgestürzt, Niemand wußte wohin. Durch Sturm und Regen war sie fortgewandert in der Richtung nach Bogesund. Man fand sie vierzehn Meilen vor Torpa durchnäßt, zerfetzt, ohnmächtig am Boden und brachte sie zurück. Wochenlang lag sie zwischen Tod und Leben, eh' sie zum Bewußtsein erwachte. Dann sah sie auf – sie sah nicht mehr, Brita Stenbock war blind geworden. Was waren die Augen eines Weibes, gegen das Schicksal Schwedens? Karin weinte an dem Bett der Mutter, doch dann riß eine Botschaft aus Stockholm sie fort. Die Wucht der Ereignisse hatte das Mädchen weit über ihr jugendliches Alter hinausgehoben; viele vereinzelte Fäden des Widerstandes, der noch hie und da zwischen Fels und See wider die Eroberer geleistet wurde, liefen in ihren Händen zusammen. Ihr Vater nahm an der Verteidigung Stockholms Theil, und selten verging ein Tag, an dem nicht eine geheime Botschaft und Aufträge für seine Gattin von ihm nach Torpa gelangten, an deren Stelle die kaum achtzehnjährige Karin jetzt zu treten genöthigt war. So hätte Brita Stenbock oft den Händen einer Magd überantwortet einsam und blind in ihrer Kammer gelegen, wenn nicht noch Jemand in Torpa gewesen, der treulich an ihrem Bette saß und jedes ihrer Wünsche gewärtig war – Gustav Rosen. Er hatte die Tante nie geliebt, und doch machte der Anblick der blinden Frau auf Keinen, selbst auf Karin nicht, so tiefen Eindruck, wie auf ihn. Brita Stenbock war ein hartes Weib und klagte nicht; sie hatte keinen Seufzer für ihr verlorenes Augenlicht, doch ebenso wenig dankte sie es dem jungen Manne, daß er Tage und Nächte bei ihr wachte, sich geduldiger, denn er es je als Knabe gemußt hatte, in ihre herrischen Launen, in die herben Worte fügte, mit denen sie ihn überhäufte, wenn er ihr eine verlangte Auskunft über den Stand der Dinge in Stockholm nicht zu geben vermochte und sie Karin rufen lassen mußte. Gustav Rosen empfand den Verlust ihrer Augen schmerzlicher als den der Freiheit Schwedens, vielleicht schmerzlicher als sie selbst. Sie war ihm ja nicht mehr die strenge, jähzornige Tante, unter deren Willen er sich beugen mußte; sie war die Mutter Karin's – deren Schönheit sie nicht mehr zu gewahren vermochte. Doch wenn er bei ihr den Dank für sein weiches Gefühl, seine unermüdete Sorgsamkeit nicht fand, so empfand Karin es doppelt, und oft traf ihn ein dankleuchtender Strahl ihres blauen Auges, und sie flüsterte, liebreich seinen Kopf zwischen ihre schmalen Hände fassend: »Wie gut bist Du, Gustav!« Nur durfte kein Bote mit inhaltsschwerer Nachricht vom Kriegsschauplätze gekommen sein. Dann sah Karin Stenbock weder den Geliebten, noch hörte sie auf seine bittenden Worte. Ihre Augen waren blind, wie die ihrer Mutter, für Alles um sie her; wie geheimnißvoll übermächtig verzaubert stand sie, gleich dem alten Barden, von dem die Sage erzählte, daß er am Rande des Trollhätta stand und von der dämonischen Gewalt des donnernden Stromes überwältigt willenlos in seine Wasser hinabsprang. Sie hatte oft davon vernommen in Kindertagen und am Trollhätta gestanden, die Stelle betrachtet, an der es geschehen sein sollte, und es nicht verstanden. Nun sprach Rosen es ihr lächelnd einmal wieder in süßer Dämmerstunde, wo sie glücklich, wie einst als Kind neben ihm saß. Er sagte scherzend, sie erscheine ihm manchmal wie der alte Barde, und das Schicksal ihres Vaterlandes wie der tosende Sturz des Trollhätta, der sie seinen Armen entreiße. Aber auch er lachte glücklich, daß er aus diesem Abgrunde sie immer wieder auf seinen Armen emporzutragen vermöge. »Was ist Dir, Karin?« fragte er plötzlich erschreckt. Er fühlte, wie das Mädchen bei seinen Worten zusammenschauderte und ihn fest umschlingend den Kopf ängstlich an seiner Brust verbarg. Sie sah mit sonderbarem Blicke auf und küßte ihn. »Armer Gustav, werde nicht müde,« sagte sie leise; »wenn Du müde würdest und der Strom hätte mich gefaßt, daß es zu spät wäre und Du mich nicht mehr emporheben könntest –« Sie schauderte wieder und warf sich an seine Brust zurück. »Verlaß Karin nicht,« flüsterte sie, »ich habe Dich ja so lieb – so lieb –« Dann kam der Tag, an dem Stockholm fiel. Die Uebermacht der dänischen Belagerer von der Seeseite war zu groß, die Vertheidiger entwichen landeinwärts und zerstreuten sich in Nord und Süd. Auch Gustav Stenbock kehrte nach Torpa zurück, Schweden war verloren, für jeden Einzelnen nur noch das eigene Leben zu retten. Trübe Tage lagen über Schweden und besonders über Torpa, obwohl der Sommer des Jahres 1520 bis in den spätesten Herbst von seltener, ungetrübter Klarheit war. Doch die erwarteten Verfolgungen blieben aus. Der neue König schien alle seine Unterthanen mit gleicher väterlicher Milde und Liebe zu umfassen, ihrer Widerspenstigkeit gegen seinen Willen und seine Waffen nicht mehr zu gedenken. Allen Alles vergessen und vergeben zu haben. In versöhnlichster Weise erließ er Einladungen an den gesammten Adel des Landes, ohne Unterschied, ob derselbe gegen oder für ihn gekämpft, seiner feierlichen Krönung im Beginn des November zu Stockholm beizuwohnen. Nur für Gustav Rosen waren die trüben Tage glückliche. Es war, wie wenn Karin nach langer, das Bewußtsein umdunkelnder Krankheit zur Gesundheit, zum Frohsinn, zur Liebe wieder erwacht sei. Sie stützte sich auf den Arm des Geliebten und durchstreifte mit ihm Wälder und Berge, wie sie es als Kinder gethan. Sie lächelte wieder, und sein Herz schlug unendlich freudig und sorglos. Seine Welt lag in ihren Augen, aus denen der bange Traum gewichen, und Karin's Herz schien nie für etwas Anderes Raum gehabt zu haben, als für die alte, unbeirrbare, neu gewordene und verklärte Kinderliebe. Feurigere Worte flüsterte er ihr jetzt ins Ohr, und sie verbarg erröthend, aber wonneselig, den Kopf an seiner Brust. Auch Gustav Stenbock war nichts in der trüben Zeit geblieben, als sich des stillen Glückes seiner Kinder zu erfreuen. Nur Brita Stenbock blieb eisig gegen Rosen, wie zuvor, und war erfinderisch, dem Wunsche ihres Gatten gegenüber stets neue Vorwände zu ersinnen, um die Festsetzung des Hochzeitstages ihrer Tochter weiter hinauszuschieben. Doch endlich fand sich auch für ihre Weigerung kein erdenklicher Grund mehr, die Vermählung ward für den December unwiderruflich bestimmt, und heimlich zählten die Glücklichen die Tage. – Da erhielt Stenbock die Einladung, Gustav Rosen aber den Befehl, zur Krönung Christiern's in Stockholm zu erscheinen. Die Trennung war schmerzlich, thränenreicher von Karin's Seite als die erste. Sie konnte nur kurz sein, doch auch von jener hatte man dasselbe geglaubt. Allein unvermeidlich war sie auch; Stenbock selbst nöthigte seinen Schwiegersohn dazu, dessen Weigerung die schwersten Folgen für ihn nach sich ziehen mußte. Er selbst schützte eine Verletzung am Knie vor, die beschwerliche Winterreise nicht zu unternehmen. Er so wenig wie ein Anderer der Geladenen, mit Ausnahme Gustav Erichson's, glaubte an eine Gefahr, aber er hielt es für schimpflich, am Hofe des Eroberers zu erscheinen, gegen den er soeben noch das Schwert geführt. Am Tage, an welchem Karin ohne den Arm Gustav Folkung's in die Wirbel des Trollhätta hinabgezogen worden wäre, hatte Stenbock sich anders besonnen. Alle Eingeladenen waren dem Gebot des Königs gefolgt, und er fürchtete hauptsächlich um seiner Kinder willen den Zorn desselben nutzlos gegen sie zu erwecken. Ohne seine Gattin, von deren heftigem Widerspruch er von vornherein überzeugt war, zu unterrichten, machte er sich auf den Weg nach Stockholm. Da traf er Gustav Rosen, der von dort zurückkehrte, am Wettersee. Aufgeregt, menschlich empört über die blutige That, deren Zeuge er gewesen, ritt Gustav Rosen an Stenbock's Seite nach Torpa zurück. Sie riß ihn dort zu heftigeren Worten hin, als er sie jemals ausgesprochen, daß es klang, als ob er die Schmach, den Frevel, der an Schweden verübt worden, auch als solchen empfinde. Und vielleicht war er auf dem Wege dahin, vielleicht hatte eine innere Stimme ihm gesagt, daß ein edles Herz sich von schönen Kinderträumen losreißen müsse, wenn ein Land, ein Volk, wenn sein Dänemark dem ungeheuren Verrath eines grausamen Fürsten wider Hunderte der Edelsten eines andern Stammes zujauchze. Vielleicht war der Jüngling an jenem Abend im Begriff, Gerda Rosen und die schöne Königin Dagmar, die Buchenwälder Seelands und die Sonnenträume seiner Kindheit zu vergessen und auch die andere Seele, die anderen Augen Karin Stenbock's zu verstehen. Drittes Capitel. Nun lag Alles todt und gebändigt von der Ostsee bis zu den Kjölen des Nordens. Unter sonnenlosem Tag lag es, der kaum erschien, um wieder zu verschwinden, ohne Farbe, ohne Freude, ohne Muth. Brita Stenbock war am besten daran, sie sah ihn nicht, aber sie hörte desto feiner, und ihr Ohr vernahm, was ihr Auge nicht zu erforschen vermochte. Gustav Rosen hatte seine Mutter und die schöne Dagmar seit jenem Abend nicht vergessen. Einen Augenblick hatte er wie auf schwankem Felsengrat gestanden, wo ein Windhauch ihn auf diese oder jene Seite hinunterstürzen mußte. Der Sturm, der über Schloß Torpa hingebraust, hatte ihn zurückgeworfen, das Blutbad in Stockholm, dessen Zeuge er gewesen, war in seiner Seele ausgelöscht. Er sagte es sich nicht, er dachte nicht darüber, doch es war so. Es war eine Betäubung, in der sein Herz lag, seitdem er, um Karin's Zimmer nicht durch den Fuß eines fremden Söldners entweihen zu lassen, dem Zorn des Königs und den Hellebarden seiner Soldaten Trotz geboten und lächelnd selbst über die Schwelle getreten, die er seit Jahren nicht mehr überschritten. Ein ungeheurer, stummer Schmerz durchrang seine Brust. Er setzte keinen Zweifel in die Geliebte, klagte sie keiner Untreue in seinem eigenen Innern an. Aber daß sie so zu handeln vermocht, daß sie im Stande gewesen, heimlich etwas zu vollbringen, was ihr reines Bild mit dem Hauch des Verdachtes anwehen konnte, das empfand er mit unnennbar traurigem Gefühl; bitterer denn je fühlte er, daß es ein Etwas gab, das, für ihn ein wesenloser Schatten, in Karin's Seele zu riesenhafter Gestalt aufzuwachsen und trennend zwischen sie zu treten vermochte. So wenig wie er für dieses Etwas Verständniß besaß, so wenig begriff Karin in ihrer ahnungslosen Unschuld den Schmerz ihres Verlobten um den Vorgang, dessen zufälliger Mitwisser er geworden. Was sie gethan, war ihr so natürlich, die Umstände hatten es so gebieterisch verlangt, daß sie es hätte thun müssen, auch wenn sie eine Vorstellung von dem Verdacht gehabt, den es erwecken konnte. Doch sie war achtzehn Jahre und ihre Seele wie der schneeige Schaum des Trollhätta. Unbefangen erzählte sie jetzt, da ihr kein Versprechen die Zunge mehr band, dem Geliebten alle Einzelnheiten des Ereignisses, das sich am Abend seiner Rückkehr zugetragen. Gustav Folkung war nicht der erste Flüchtling, dem Schloß Torpa Zuflucht gewährt. Doch sonst hatten die Verfolgten sich an den Schloßherrn gewandt, und zum ersten Male war Karin in die Lage versetzt worden, auf eigene Hand klug und entschieden handeln zu müssen. Ohne Arg sprach Karin es aus, daß noch nie ein Schutzsuchender einen derartigen Eindruck auf sie gemacht, daß es fast geschienen, als gebiete er und sie müsse gehorchen. Rosen erbleichte, wie sie es sagte; es war, als ob er ein Wort hervorstoßen wollte, um seine schwer athmende Brust davon zu befreien, allein er schlang es zurück und hörte schweigsam zu, wie das Mädchen weiter erzählte, von der Angst sprach, die sie ausgestanden, als er schon vorher in ihr Zimmer zu eilen beabsichtigt, da sie ihr Wort gegeben, Folkung Niemandem zu verrathen, und wie sie zuletzt besinnungslos, es komme, was da wolle, es gewagt, mitten durch die dänischen Soldaten hinauszueilen, um die Hinterthür ihres Zimmers zu erreichen. »Denn ich fürchtete, Du könntest ihn aus Unvorsichtigkeit, aus Ueberraschung verrathen, Gustav, ehe ich Dich gewarnt. Wir hörten Dich nachher hinter uns im Gang rufen: Hierher! Hierher! Warum thatst Du das?« Sie sah mit den blauen Augen unsagbar unschuldsvoll fragend zu ihm auf. Seine Stirn überzog sich vor dem Blick mit dunkler Röthe wie die eines Verbrechers; verwirrt ergriff er ihre beiden Hände, bedeckte sie mit Küssen und stotterte: »Verzeih mir, Karin. Ich war zu aufgeregt von Allem, was in Stockholm, was hier vorhergegangen; ich glaubte – ich dachte – die Verfolger abzulenken –« Sie schüttelte, noch immer die Augen in den seinen haltend, das Haupt. »Daß ihr Männer, die man das starke Geschlecht nennt, bei solchen Dingen den Kopf verliert und zum Thörichtsten greift; denn statt die Dänen abzulenken, leitete Dein Ruf sie grade auf unsere Spur. Um eine Minute wäre es zu spät gewesen.« Sie schwieg einen Augenblick und dachte nach. »Weshalb kamst Du überhaupt durch den Gang?« fragte sie. Das Roth auf der Stirn des Jünglings nahm eine andere Färbung an, und es flammte düster in seinen Augen auf. »Dein Zimmer zeigte mir die Spur, Dein Bett, Karin. Wenn ich des Augenblicks denke, da ich diese Spur gewahrte –« Er hielt gewaltsam inne und wandte sich ab. »So wußtest Du, daß ich Jemand bei mir verborgen gehalten,« entgegnete sie mit vorwurfsvollem Ton, »und mußtest Dich doppelt in Acht nehmen, da Deine Unvorsichtigkeit mich dem schlimmsten Verdacht aussetzen konnte.« Unwillkürlich mußte Gustav Rosen bei den letzten Worten noch einmal in die Augen des Mädchens sehen. Der Vorwurf ihrer Stimme lag auch in ihnen, aber da sie gewahrte, daß sie ihm weh gethan damit, leuchtete zugleich die alte, volle, glückliche Liebe so zauberisch hindurch, daß er erschüttert vor ihr auf die Kniee fiel und stammelte: »Vergieb mir, Karin – vergieb mir!« Sie wußte nicht, was sie ihm vergeben sollte. Ein Abgrund lag zwischen dem Verdachte, von dem sie gesprochen, daß seine Unvorsichtigkeit sie ihm hätte bloßstellen können, und zwischen dem Verdacht, den er ihr mit stummen Thränen, die auf ihre Hand fielen, abbat. Sie sagte nur wieder, wie sie es an jenem Abend gethan: »Du bist so sonderbar, Gustav –« Sie hätte sagen sollen: Die Eifersucht ist sonderbar. Das zweiköpfige Ungethüm, dessen Farbe mit Jubel und Verzweiflung, Verschuldung und Reue wechselt. Das wie ein böser Geist, der einmal aus der Finsterniß beschworen, nicht mehr das Tageslicht verläßt. Das bei dem Unglücklichen, der zu seiner Beute geworden, wiederkehrt wie das Fieber, seine Augen blendet, sein Hirn umdunkelt, ihn durchrüttelt und besinnungslos zu Boden wirft. Das ihn mit dem Flüstern eines Blattes aus dem Schlaf reißt und ihn auf Schatten hetzt. Das er in lichter Stunde als seinen Todfeind erkennt und mit ihm ringt und kämpft und siegt, und dem er, wenn die Minute der Versuchung naht, machtlos immer wieder unterliegt. Der Name Folkung kam nie wieder über Gustav Rosen's Lippen, doch in seinem Herzen stand er wie mit scharfem Messer eingeschnitten. Der December war lange vorüber und der für die Hochzeit festgesetzte Tag verronnen, ohne daß man seiner gedacht. Zu düster hatte der Himmel über Schweden gelegen, und es ließ sich nichts auf Brita Stenbock's kurzes Wort entgegnen, daß jetzt keine Zeit zu Festen sei. Eintönig verging der Winter auf Schloß Torpa. Keine menschliche Spur wies im tiefen Schnee auf eine Verbindung mit der Außenwelt hin; weit umher krächzten die Raben als die einzig lebenden Wesen draußen um das einsame, große Gebäude. Die strenge, lang andauernde Kälte machte selbst sie zutraulich, daß sie an die Küche kamen und den Mägden den Abfall fast aus den Händen zerrten, oder am Fenster stundenlang auf den Augenblick warteten, wo Karin sich ihres Darbens erbarmte und ihnen wie Tauben Futter ausstreute. Es waren kleine, graciöse Dohlen mit glänzend schwarzem Gefieder unter ihnen, die in der Nähe des Mädchens ihre Scheu ablegten und sich auch völlig wie Tauben geberdeten. Sie flogen Karin furchtlos auf die Schulter und pickten ihr vorsichtig die Saatkörner aus den Händen. Von ihnen mußte sie auch erfahren, was draußen in der Welt zuging, denn sie hatte immer genaue Kunde davon, obwohl kein Mensch das Haus betrat. Sie wußte genau von dem Aufstand unter den Dalekarlen, den »Thalmännern«, in deren rauhe Wildniß Gustav Wasa geflüchtet war. Und ebenso genau kannte sie die Liste der Unglücklichen, die, dem Blutbade in Stockholm entronnen, im ganzen schwedischen Reich von den Schergen Christiern's aufgespürt und zum Richtplatz geschleppt worden. Selbst Kinder wurden nicht verschont. Zu Jönköping ward ein Edelmann aus dem Geschlecht der Ribbings mit seinen beiden Knaben in Gegenwart des Königs enthauptet. Der ältere von ihnen zählte acht Jahre, und wie sein Kopf unter dem Beile fiel, bespritzte sein Blut das Kleid seines fünfjährigen Bruders. Da bat dieser erschreckt den Henker: »Bitte, mache meine Kleider nicht schmutzig, sonst schilt mich meine Mutter,« und der Henker warf das Richtbeil aus der Hand und weigerte sich, den Knaben auch zu tödten. Doch König Christiern rief einen andern und ließ von ihm das Kind und den mitleidigen Henker enthaupten. Alle diese Dinge wußte man in Torpa; allein Brita Stenbock verzog keine Miene dazu, kein Laut des Ingrimms kam mehr über ihre Lippen. Es war offenbar und wurde es von Tag zu Tag mehr, daß das Haus Stenbock Frieden mit dem Könige von Schweden geschlossen hatte. Das war klug, sehr klug, denn unter den wenigen adligen Familien, die übrig geblieben, nahm es eine der ersten Stellen ein und hatte durch die Gunst des Herrschers vielleicht Anspruch auf die höchste nach ihm im Lande. Zornig und verächtlich raunte man sich hie und da heimliche Verwünschungen über ihren Verrath an der Sache des Vaterlandes ins Ohr und flüsterte schon, daß Stenbock nach der bevorstehenden Rückkehr Christiern's nach Dänemark zum Statthalter Schwedens auserkoren sei. Noch gab es Manche, die nicht daran glaubten und heftig widersprachen – dann verstummten auch sie plötzlich, denn überall hin flog die Kunde, daß der König bei seiner Reise auf eine Einladung Stenbock's hin Torpa besuchen und der Vermählung Karin Stenbock's mit Gustav Rosen durch seine Anwesenheit Glanz verleihen werde. Das Gerücht hatte Recht. Brita Stenbock selbst hatte ihren Neffen aufgefordert, den König um diesen Gnadenbeweis anzugehen, und freudiger denn je war er dem Gebot seiner strengen Tante gefolgt. Der April wehte mit erstem, linderem Hauch vom Süden, wie Gustav Rosen Torpa verließ und den grundlosen Wegen zum Trotz gen Stockholm ritt. Dann sandte er Botschaft, daß der König eingewilligt und am ersten Mai in Torpa eintreffen werde, daß aber auch er nicht früher zurückzukommen vermöge, da es Christiern's Wille sei, daß er bis dahin bei ihm verweile und ihn auf der Reise geleite. Der April ist noch kein Frühlingsmonat in Schweden. Noch immer lag der Schnee um Torpa, noch immer flogen die Dohlen erwartungsvoll um die Fenster und setzten sich auf Karin's Schulter und raunten ihr geheimnißvolle Kunde, die sie draußen gesammelt, ins Ohr. Manchmal flogen sie, von einem plötzlichen Lärm erschreckt, auf. Es war viel Lärm mannichfacher Art in dem alten Gebäude, das den Winter hindurch so still gewesen. Der Hammer ertönte fast den ganzen Tag lang und zahlreiche Hände ruhten keinen Augenblick, Alles zum Empfang des hohen Gastes und der Festlichkeit, die während seiner Gegenwart stattfinden sollte, würdig zu bereiten. Die Zimmer für den König und sein Gefolge bot der linke Flügel des Schlosses; in der Mitte desselben ward ein Altar in einem großen Saale errichtet, das ganze Haus nach nordischem Winterbrauch mit Tannen- und Mistellaub ausgeschmückt. So herrschte vom Morgen bis Abend unablässiges Getöse und Bewegung. Brita Stenbock's blinde Augen sahen Alles und ordneten Alles an, während es in Karin's lebendigem Blick eigenthümlich glänzte, wenn sie das, was die Mutter geheißen, ins Werk setzen ließ. Es war seltsam, aber unverkennbar: dieser Blick dachte nicht oder wenig an den Altar, den man in dem großen Mittelste erbaute. Es waren die andern Augen Karin Stenbock's, die Augen, die Gustav Rosen fürchtete, aber nicht verstand. Erst wenn die Nacht kam, legte sich das Gelärm auf dem einsamen Edelgehöft. Die Arbeiter begaben sich zur Ruhe in die Behausungen, die in den Nebengebäuden für sie hergerichtet worden. Im Schlosse selbst übernachtete keiner von ihnen; sobald sie hinübergegangen, schloß Stenbock selbst die Außenthür des Hauses und schob den schweren Eichenriegel vor. Dann gelangte vor Tagesanbruch Niemand mehr herein und man vernahm von außen keinen Laut mehr in dem weiten Gebäude. Nur drinnen klang es ab und zu heimlich, als hätten die Dohlen Karin's einen Zugang gefunden und flatterten unter dem Schütze der Finsterniß mit vorsichtigem Flügelschlag über die Hintertreppe herauf und durch die langen, lichtlosen Gänge. Viertes Capitel. Es war noch früh am Morgen des ersten Mai, als ein glänzender Zug über die Breite des Wettersees daher kam, dessen letztes Eis am Tage vorher der entfesselte Motalastrom der Ostsee zugetragen. Manches Auge, das auf die bunt bewimpelten Böte blickte, in deren Mitte das reich geschmückte Königsschiff aufragte, mochte heimlich andere Wünsche gehegt haben, als die furchtsame Lippe sie ausrief, wie der Zug den festen Boden wieder betrat und sich auf dem breiten Wege, für deren Verbesserung die Bauern der Landschaft seit Wochen Tag und Nacht Fuhren hatten leisten müssen, westwärts weiter bewegte. Droben in Dalekarlien hätten die Lippen vielleicht ihre Verwünschungen nicht zurückgehalten, und König Christiern der Zweite wäre vielleicht trotz seines zahlreichen Gefolges nicht so ruhig an den breitschulterigen Söhnen des Landes vorbeigeschritten, von denen Einer mit raschem Griff nach dem Messer hätte fassen und es mit unfehlbar sicherem Wurf grade durch das Königsherz schleudern können. Allein hier war nichts der Art zu besorgen. Zwar nannte man den Tag den ersten Mai, doch der Winter lag noch über Schweden und hielt es todt und gebändigt. Düsteren Blickes und eisig wie der Winter ritt Christiern durch das bleiche Licht der Maisonne, deren kalter Schein dem Namen Hohn sprach, mit dem die Menschen den Monat belegt, der heute angebrochen sein sollte. Das Pferd, das den König trug, war schwarz vom Haupt bis zum stolz gebogenen Schweif, nur die purpurne Schabracke, auf welcher der Reiter saß, funkelte, wie Blut auf dunklem Estrich, und ein schneeweißer Fleck auf der Stirn gemahnte an das ähnliche Weiß in den unter finsterer Braue zusammengezogenen königlichen Augen, wenn es über die Gruppen, die hie und da am Wege standen, hinflog. Es war noch starrer als früher, seit jener Nacht in Stockholm, und tiefe, schattige Furchen lagen über ihm auf der Stirn. Tödtlicher Blitz drohte in den unheimlichen Augen, wo sie nicht entsetzensvolle, unterwürfige Furcht vor sich gewahrten; man sah, an dem Zucken einer Wimper hing das Zucken des rothbefleckten Beils, das der wilde »Gevatter« des Königs in seinem Gefolge entblößt und herausfordernd auf dem Rücken trug. Der Einzige vielleicht, der von allem Dem nichts bemerkte, war Gustav Rosen. Ihm erschien die Maisonne so warm und glanzreich wie die des Hochsommers, ein Frühlingsschimmer lag vor seinen Augen über der todten Flur, und er sah nichts als Neugier und ehrfurchtsvolles Staunen in den Blicken, mit denen die Landleute den vorübereilenden Zug maßen. Auf Befehl des Königs ritt er an dessen linker Seite; sein Pferd tanzte so fröhlich unter ihm, daß er es kaum zu zügeln vermochte. Christiern war schweigsam, wie er es von jeher gewesen und seit der Unterdrückung Schwedens noch mehr geworden. Ab und zu warf er ein karges Wort hin, das der Jüngling, in seine lachenden, vorauseilenden Träume versunken, zuweilen überhörte, und auch der König wartete, seine Gedanken durchblutend, auf keine Antwort. Das Haus, das er auf seinem Abzüge nach Dänemark berührte und durch seinen Besuch ehrte, war nicht unwichtig für seine Pläne. In Stenbock's Person huldigte ihm der nach den Vorgängen in Stockholm angstvoll in die Einsamkeit geflüchtete schwedische Adel; zugleich kettete er Gustav Rosen fest an seine Sache. Nun ritten sie über Falköpingfeld, und der König hob sich umblickend in den Bügeln. »Wir haben es besser gemacht, als Frau Semiramis, unsere Großmutter,« sagte er plötzlich mit scharfer Stimme. »Frau Margarethe war keine große Kennerin der Landwirthschaft und vergaß, daß man, um ein rohes Land urbar zu machen, seine Stumpfen ausbrennen und es mit Blut düngen muß. Hätte sie es damals gethan, so würden die schönen Töchter dieses Landes uns heute mehr lieben und uns weniger häßlich finden. Oder glaubst Du, daß die Rose vom Trollhätta um des Amtes willen, das wir übernehmen, unser Alter übersehen und uns liebenswürdig heißen wird, Rosen?« Christiern lachte kurz auf zu der Frage, und sein Auge flog blitzschnell über das Gesicht seines nach einer Antwort suchenden Begleiters. Doch ehe dieser sie gefunden, fuhr der König fort: »Hier liegen die Knochen, die meine und Deine wackern Vorfahren zusammengehäuft, Rosen, und der Fuß meines Pferdes tritt vielleicht gerade den klugen Schädel Deines Ahnherrn, der auch Narr genug war, sich ihn für ein Ding wie Schweden entzweischlagen zu lassen. Wir sind Weiser, Rosen; wir schließen keine kalmarische Union, die vorher Fleisch und Blut in den Boden stampft, sondern eine andere Union, aus deren Boden Fleisch und Blut aufsprießt. Wir wollen schneller reiten, die Sonne steht schon im Niedergang, und die Rose von Trollhätta erwartet uns.« Seine Majestät König Christiern der Zweite von Schweden, Norwegen und Dänemark war besonderer Laune heute, wie Niemand ihn seit der Krönung zu Stockholm mehr gesehen. Erstaunt blickten die Nächsten seines Gefolges sich verstohlen an; es war unheimlich, wenn Christiern lachte, wie das grelle Licht der Sonne, die an unheildrohendem Wetterrand hervorbricht. Dann mußten sie ihren Pferden die Sporen eindrücken und sprengten wie die wilde Jagd hinter dem davonstiebenden schwarzen Hengst des Königs über Falköpingfeld. Es dämmerte schon, und Schloß Torpa war mit Hunderten von Lampen und Fackeln erhellt, als der königliche Bräutigamszug eintraf. Der Hausherr erwartete seinen hohen Gast entblößten Hauptes unter dem Portal; hinter dem Vorhang eines Zimmers im ersten Stockwerk stand Karin Stenbock und blickte hinaus. Ihr Herz klopfte heftig und ihre Brust wogte. Noch immer waren es die Augen, die Gustav Rosen fürchtete, mit denen sie das Gefolge des Königs überflog. Sie suchten den Geliebten nicht, sie verweilten nicht auf ihm, wie sie ihn getroffen, sondern wanderten hastig weiter über die zahlreiche Reiterschar, die schon den Raum des Gehöftes erfüllte und noch immer mit Hellebarden, welche das Zwielicht durchleuchteten, von draußen nachdrängte. Karin's Lippen murmelten Zahlen und ihr Antlitz erbleichte. Sie schwankte auf den Füßen und hielt sich mit der Hand krampfhaft an dem Fenstervorhang, daß sie ihn fast zu Boden zerrte. Dann eilte sie lautlos davon und verschwand. Drunten hielt Gustav Stenbock dem absteigenden König den Bügel. Christiern warf einen schnellen Blick über das alte, in seiner langhingestreckten Lage fast tageshell erleuchtete Gebäude und bot seinem Wirthe herablassend die Hand. Einen Augenblick war es, als ob dieselbe plötzliche Schwäche Stenbock überfalle wie seine Tochter. Er starrte auf die königliche Hand, doch die seine ergriff sie nicht, sondern fuhr in die Höhe, den kalten Schweiß, der ihm auf der Stirn ausbrach, zu trocknen. Christiern bemerkte es, und seine Brauen runzelten sich. »Du hast uns schon im Herbst eingeladen, Dich zu besuchen, Stenbock; unser Hauptmann hat uns damals Deinen Auftrag ausgerichtet,« sagte er mit einem Anflug von Hohn, der nur dem Schloßherrn verständlich war. »Zwar bist Du unserer Aufforderung, uns die Ehre Deiner Gegenwart in Stockholm zu erweisen, nicht gefolgt, aber wir wissen, daß Du entschuldigt warst, und Du siehst, wir tragen es Dir nicht nach, sondern sind Dein Gast heut' und warten nur, daß Du uns willkommen heißt.« Es mußte in den Worten etwas liegen, das dem Angeredeten seine Stärke wiedergab, denn er ergriff jetzt die dargebotene Hand und wiederholte mit sicherer Stimme: »Willkommen!« Der König schritt die mit Teppichen belegte Treppe an der Seite seines Wirthes empor, sein Gefolge drängte ihm nach. Doch auf der fünften Stufe wandte Christiern sich um. »Der König von Schweden ist sicher in Gustav Stenbock's Hause,« sagte er zurückblickend, »und bedarf keiner Wachen. Wähle zwölf Ritter aus, die uns begleiten, Hauptmann Torben, die übrigen mögen drunten übernachten. Komm, Stenbock; wir tragen Erwartung, die Rose zu sehen, die wir morgen in Rosen's Hand legen werden.« Und König Christiern lachte abermals. Bei den ersten Worten desselben war Stenbock noch einmal weißer als die Wand geworden, neben der er stand, und es fehlte wenig, daß sein Fuß die Stufe verfehlte und er auf die auserwählten, nachfolgenden Ritter zurückgetaumelt wäre. Nun schritt er mit seinem Gaste weiter. Er führte denselben mit seinem Gefolge in die Säle des linken Flügels, wo Brita Stenbock ihn bewillkommnete. Sie stand hochaufgerichtet in der Mitte des ersten Zimmers und erwartete die Herankommenden. »Stehe ich vor König Christiern von Schweden?« fragte sie mit fester Stimme. Stenbock bejahte; zum ersten Mal verriethen die unbeweglichen Züge Christiern's Überraschung. Er wußte, daß er vor der Frau stand, welche die unversöhnlichste Feindin Dänemarks gewesen, von der er geglaubt, daß sie weit eher dem Beil des Henkers, als ihm den Nacken biegen werde. Ein flüchtiger Strahl wirklicher Freude überzuckte das finstere Gesicht des Königs, wie Brita Stenbock fortfuhr: »Seid mir willkommen, König Christiern. Ich danke Euch im Namen meines Vaterlandes, denn ich hoffe. Euer Verweilen in diesem Hause wird Schweden zum Heile gereichen.« Brita Stenbock erbleichte nicht und stockte nicht, wie sie es sprach. Unbeweglich, das graue Haupt erhoben und die Augen fest vor sich hingerichtet, stand sie, nachdem sie sich tief verneigt, und wartete auf die Hand des Königs, der in sichtbarer Verwirrung die ihre faßte und sie zu Häupten des langen Banquettisches im anstoßenden Saale geleitete, wo sie sich auf den Sessel neben ihm niederließ und durch die Mittheilungen hinter ihr stehender Diener den Obliegenheiten einer Wirthin so sicher nachkam, als ob ihre Augen Alles zu übersehen vermocht hätten. Man gewahrte es an der Genauigkeit, mit der die Blinde die Würde ihres Hauses aufrecht erhielt, daß es eine ungewöhnliche Frau sein mußte; es war, als fühle sie, daß der Blick ihres Nachbars forschend auf ihrem Gesicht ruhe. Nun erhob König Christiern seinen goldenen Pocal zum Gruß und stieß ihn wider den Becher seiner Wirthin, der ihm, mit fester Hand geführt, in der Mitte begegnete. »Auf das Wohl dieses Hauses!« sagte er und trank. »Auf das Wohl Schwedens!« versetzte Brita Stenbock, indem sie ihren Becher bis zur Neige leerte und sich ruhig zurücksetzte. Der Lichterglanz an den Wänden strahlte von dem schweren silbernen Geschirr wieder, das den Tisch bedeckte; er funkelte zurück aus dem rothen Wein, ein Duft köstlich bereiteter Speisen, die soeben aufgetragen wurden, begann den Saal zu erfüllen. In dem Blick des Königs lag Zufriedenheit, obwohl seine Augen suchend umhergingen. Allmälig jedoch mischte sich ein Zug von Ungeduld hinein, und er wandte sich zu seiner Nachbarin und fragte: »Und die Rose des Festes, zu dem wir uns geladen, wo bleibt sie? Mich dünkt, ich sehe dort unten zwei erwartungsvolle Augen, die mit noch größerem Recht denn ich die Frage stellen.« Er machte eine Handbewegung gegen Gustav Rosen hinüber, der stumm in der Mitte des Tisches saß und für Alles, was um ihn her vorging, blind und taub zu sein schien. Der Jüngling hatte, sobald er sich von der Seite Christiern's loszumachen vermocht, die Geliebte gesucht. Er war durch alle Zimmer des ganzen Schlosses geeilt, ohne sie zu finden. Jedermann hatte sie noch eben im Hause gesehen, doch Niemand wußte, wo sie geblieben. In tiefsinniges Grübeln versunken saß Rosen und bemerkte nichts von der Geste des Königs. Allein im selben Augenblick sprang er glückstrahlend auf, denn die Vermißte erschien auf der Schwelle der Thür ihm gegenüber. Karin war noch immer etwas bleich, doch in dem röthlichen Licht der Fackeln hob es fast ihre Schönheit noch. Sie trug ein Weißes, schwer nachschleppendes Kleid, das mit dem blauen Gürtel, der es über den Hüften umschloß, die Farben Schwedens bildete. Das Haar lag in sonniger Fülle auf den entblößten Schultern – es war ein unsagbar lieblicher und zugleich königlicher Anblick, wie das Mädchen in den vollen Schein des Lichts hereintrat. Ueberrascht wandten sich alle Augen auf sie, jede Hand, die den Becher erhoben, um ihn an die Lippen zu führen, fiel unwillkürlich zurück. Doch nur zwei Theilnehmer an dem Banquet sprangen von ihren Sitzen auf, Gustav Rosen und König Christiern von Schweden. Karin befand sich dem Letzteren näher, und dieser erreichte sie deshalb zuerst. Er rief ihr zu: »Wahrhaftig, Rose vom Trollhätta, Dich braucht man nicht zu nennen, und Du bist des Hochverrates schuldig für jede Minute, die Du Dich unserm Blick entzogen. Zur Strafe scheiden wir Dich heute Abend von Deinem Bräutigam, dem Du Tausenden zum Neide gehören wirst. Die Königin von Schweden weilt nicht auf dem Platz, der ihr neben uns zusteht, und nach ihr bist Du die Nächste, der er gebührt. Komm, Jungfrau, und wir fordern Euch auf, unserm Beispiel zu folgen und die Königin dieses Abends zu begrüßen.« Er faßte die Hand des Mädchens und führte es wie eine Fürstin auf den Sitz zu seiner Rechten. Nur mit einem schnellen, grüßenden Blick traf Karin's Auge das ihres Verlobten, dann ließ sie sich mit stolzer Würde, einer wirklichen Königin gleich, an der Seite Christiern's nieder, der neben ihr stehend den Pocal auf ihr Wohl leerte. Die Ritter seines Gefolges thaten dasselbe und neigten sich tief vor der Tochter des Hauses; in dem Blick des Königs, der unausgesetzt auf ihr verweilte, lag etwas, das sie veranlaßte, die Stirn tiefer vor ihr zu bücken, als sie es vielleicht vor der wirklichen Königin von Schweden drüben im Schloß zu Kopenhagen gethan hätten. Oft traute Rosen seinen Augen nicht; war das dieselbe Karin, die um der Knechtschaft ihres Vaterlandes willen ihre Liebe vergessen konnte? Es waren dieselben andern Augen, die er fürchtete, die nichts von Gustav Rosen wußten, und die doch jetzt an jeder Bewegung König Christiern's hingen. Sie lächelte ihm zu, und er trank den Wein, den sie ihm credenzte. Man sah, die Schmeicheleien, die er ihr, dicht an ihr Ohr geneigt, zuflüsterte, trieben ihr das Blut in die Wangen. »Sie ist schöner als das Täubchen von Amsterdam – sie wird Schweden Glück bringen,« raunten sich die Ritter verstohlen beim Becherklang zu. Hatte Karin Stenbock nur einen Weg mehr zum Heile Schwedens gesehen und ihn eingeschlagen – den Weg, den einst Esther zum Throne des Perserkönigs ging? Dann magst Du ein starkes Weib sein, Karin Stenbock, und die Nachwelt Dich bewundern, vielleicht Dich preisen. Aber Deine Liebe war falsch und Dein Herz ist werthlos. – – Halt' inne auf dem Weg, Du zitterst noch, und Dein Auge sucht noch oft, wie von plötzlicher Angst überfallen, den Blick Deines Vaters. Ist er es, der Dich verkauft hat für Schwedens Wohl? Dessen unbewegliches Auge der Tochter Muth einspricht, sich die Bahn zu eröffnen, die zum Verrath an Gustav Rosen führt? Es war eine lustige Nacht, wie Torpa sie lange nicht, vielleicht niemals gesehen. König Christiern war im gewöhnlichen Leben enthaltsam, fast nüchtern; seit dem Blutbade zu Stockholm trank er keinen Wein mehr, den ihm nicht ein Anderer zuvor credenzt. Doch an der Seite Karin's schwand sein Argwohn, und er leerte jeden Trunk, den ihre weiße Hand in seinen Pocal füllte. Seine Augen hingen berauscht an ihrem Antlitz; der Wein bemächtigte sich seiner Zunge, daß er nicht mehr zu flüstern vermochte, sondern so laut sprach, daß Brita Stenbock jedes der an ihre Tochter gerichteten glühenden Worte vernehmen mußte. Doch auch sie saß unbeweglich, gleich ihrem Gatten, wie ein Ahnenbild auf dem kunstreich geschnitzten Sessel. Auch Gustav Rosen füllte oft seinen Becher aus der hohen Silberkanne und trank ihn hastig aus. Er suchte jeden Gedanken zu fliehen, sich zu betäuben – bis morgen. Mitternacht war vorüber, der König schien aufbrechen zu wollen und dennoch wieder zu zaudern. Sein Arm lag auf der Sessellehne Karin's, er öffnete die Lippen und schloß sie wieder. »Schöne Karin,« sagte er endlich so leise, wie er es vermochte, »es ist Zeit, daß wir scheiden. Ich will unter Deinem Schutz schlafen, süße Rose; wohin hast Du mich gebettet? Bin ich fern von Dir? Der Schlaf wird mein Auge fliehen, wenn ich nicht Deinen Athemzug mehr vernehme.« Alles Blut floß aus dem Gesicht des Mädchens zurück, doch sie blieb, wie gebannt, an seiner Seite, und er fuhr, seine Augen trunken in die ihren heftend, mit schwerer Zunge fort: »Weißt Du, daß ich ein Recht habe, diese Nacht über Dir zu wachen, zu achten, daß Niemand Dein Gemach betritt? Ich darf Dir verbieten. Deine Thür zu schließen – ich bitte nur, Karin – ich bin nicht der König, der befehlen kann, sondern Dein Freund, der, ehe der Tag wieder anbricht, noch mit Dir reden muß. Willst Du mich erwarten? Sonst lasse ich aufsatteln, jetzt, sogleich, und reite davon, und ein Anderer mag Dich zum Altar führen – wenn ich es dulde. Antworte nicht, trinke mir ein Ja zu, wenn Du mich erwartest.« Diesmal hatte der König so leise gesprochen, daß Niemand die Worte vernommen, als die, der sie galten. Karin erhob den Becher, doch ihre Hand zitterte, daß der Wein wie Blut den Tisch überfloß, und ihre Augen gingen irr an Christiern vorbei zu ihrem Vater. »Muth!« sagte Stenbock's unbeweglicher Blick, »Muth!« Und Karin stieß den Becher wider den des Königs und trank. Rothglühend, wie der verschüttete Wein, funkelte es in seinen Augen auf. »Laß Sorge tragen,« flüsterte er, »daß meine Begleiter so untergebracht werden, daß uns Niemand zu gewahren und zu stören vermag. Ich habe lange mit Dir zu reden, Karin.« Die Finger des königlichen Arms, der die Sessellehne umschlungen hielt, bewegten sich kühn vorwärts und legten sich auf die herabhängende, bei der Berührung zusammenschaudernde Hand des Mädchens, während seine Linke eine schwere, mit Edelsteinen gleißende Goldkette vom Halse nestelte und sie in ihren Schoß gleiten ließ. »Hänge sie an den Klopfer Deiner Thür,« fuhr er fort, »damit ich den holden Garten erkenne, in welchem solche Rose blüht. Und sage mir, wie ich unbemerkt zu ihm gelange.« Ein Schneebild, von Knabenhand geformt, kann nicht weißer sein, als das Gesicht Karin Stenbock's, wie sie sich dem König entgegenneigte und fast unhörbar und abgebrochen stotterte: »Von Eurer Thür führt zur Rechten ein Gang; zählt dreizehn Schritte und biegt links ab, und Ihr gelangt an eine Hinterthür, die zu mir führt. Die Kette wird sie Euch deuten – eine Stunde, nachdem Alles zur Ruhe gegangen, erwarte ich Euch.« Die Kraft des Mädchens war erschöpft, ihr Kopf fiel haltlos gegen die Stuhllehne zurück. Der König Artaxerxes überglänzte sie noch mit einem trunkenen Blick und erhob sich. »Unsere Königin ist ermüdet,« sagte er mit lauter Stimme, noch einmal den Becher füllend, »wir trinken dies auf die Träume ihrer Nacht.« Noch einmal klirrten die Goldpocale über der Tafelrunde, und die Höflinge neigten sich tief vor der neuen Maisonne, die um Mitternacht unerwartet vor ihren Blicken emporgestiegen. Dann schickten sie sich an, dem Könige zu folgen, doch er hielt sie mit einer Handbewegung zurück: »Wir bedürfen keiner Wächter heute Nacht, Hauptmann Torben, und wünschen ungestört zu ruhen. Unser gastfreier Wirth hat sicherlich Sorge getragen, daß auch ihr euch auf gutem Lager von seinen trefflichen Weinen erholen könnt. Wir danken Dir, Stenbock, wir sind zufrieden. Rosen wird verstatten, daß wir auch an unserer Wirthin Gastrecht üben und nach altem Brauch ihr unsern Dank abtragen.« Die zügellose Natur Christiern's hatte alle Herrschaft über sich verloren, und er schlang bei den letzten Worten den Arm um Karin's Nacken und küßte ihre Stirn. »In einer Stunde also,« raunte er ihr zu. Der angstvolle Kampf, den Esther gekämpft, war überwunden. »In einer Stunde,« wiederholte sie leise, aber fest; »vergeßt nicht, was ich gesagt.« Fünftes Capitel. Nun ist Alles still auf Schloß Torpa. Die Nacht liegt über Schweden, nur die Schatten der Wolken, die an der Mondscheibe vorüberziehen, jagen über die Schlachtfelder von Falköping und Bogesund, und nur die Wellen des Mälar murmeln an die verödete Schloßtreppe zu Stockholm und suchen die letzten Blutflecken von ihren Granit-Quadern zu spülen. Wie ein Frühlingsgruß geht es von ihnen gen Westen; die Wasser des Hjelmarsees hören ihn und rauschen ihn weiter über den unabsehbaren Spiegel des Wenersees. Dann donnert der Trollhätta es in die Tiefe hinab: »Der Frühling kommt!« Auch die Dohlen Karin's haben es vernommen und feiern die mondhelle Maiennacht. Sie mögen sich vor den glänzenden Hellebarden fürchten, die das Gehöft und den Garten um Torpa füllen, daß kein Schatten in Erd' und Luft unbemerkt dem königlichen Ruhelager zu nahen vermöchte, und sammeln sich an dem einsamen Uferrand des Trollhätta. Noch hat die Maisonne eines Tages nicht über den Schnee gesiegt, der die Felsenhügel mit weißer Decke überzieht, und man sieht die schwarzen Gestalten sich deutlich auf ihnen bewegen. Sie scheinen lautlos, doch es ist möglich, daß nur das Getöse des Wasserfalls ihr Geräusch überhallt. So klar ist die Nacht, daß man sie zählen kann, wie sie über die Götaelf oberhalb des Sturzes daherkommen. Vierzig grade sind's, und wie sie den Fluß überschritten, wenden sie sich stromab, etwas den Hügel hinan, und dann schlüpfen sie plötzlich, eine nach der andern, in die Erde hinein, wo sie ihre Felsenlöcher haben müssen, und sind, wie vom Wind zerstiebt, aus dem beglänzten Thal verschwunden. Nur die Schritte der auf- und abwandernden Wachen hallen durch die Ruhe, in der Torpa liegt; in dem weiten Gebäude, dessen Lampen und Fackeln alle erloschen sind, ist es still. Droben im zweiten Stockwerk schlafen Hauptmann Torben und seine Gefährten auf weichem Lager; der Wein Stenbock's hat sie fest darauf niedergeworfen, und keiner von ihnen hört das Brausen des Trollhätta mehr, das meilenweit vernehmlich durch die Nacht ertönt. In matt erleuchtetem, hohem Gemach, auf kostbar verziertem Sessel sitzt König Christiern der Zweite. Er hat sich einen Augenblick auf das seidene Himmelbett geworfen, über dem eine große, schwervergoldete Krone glänzt, doch die Unruhe, die Erwartung hat ihn nach wenigen Minuten wieder aufgetrieben. Er blickt mit starren Augen auf die purpurnen Fenstervorhänge, die im Schimmer der Nachtlampe wie breite, blutige Streifen vom Plafond bis zur Erde niederwallen. Sie bewegen sich leis in der Zugluft des Fensters, das der König, um die erhitzte Stirn zu kühlen, geöffnet, daß es aussieht, als fließe das Blut langsam von den Wänden herab. Seit dem Herbst des vorigen Jahres ist der Beherrscher der drei nordischen Reiche furchtsam und abergläubisch – die rothe Farbe erregt ihm Grauen – und er springt von dem Sessel auf und starrt halb vorgebückt unbeweglich auf die wehenden Gardinen. Nein – er denkt nicht an die blutigen Köpfe, die drüben zu Stockholm im Herbst vor seine Füße gerollt sind, in diesem Augenblicke nicht, ein stärkerer Reiz hält seine Furcht gebändigt. Vor seiner Phantasie steht ein anderer Kopf, dessen goldblondes Haar über weiße Schultern herabfällt, und er horcht durch die Todtenstille des Hauses und wirft sein Oberkleid ab, unter dem ein mattleuchtendes, dichtmaschiges Panzerhemd aus feinen, schmiegsamen Stahlgliedern sichtbar wird. Eine Secunde zaudert er, dann reißt er auch dies mit schnellem Ruck zu Boden und hüllt sich in ein weites, bis auf die Füße fallendes Hausgewand von dunklem, reichem Stoff. König Christiern von Schweden steht noch an der äußersten Grenze des vierten Jahrzehntes, und wie er an dem hohen Metallspiegel vorüberschreitet, wirft dieser ihm das Bild einer königlichen Erscheinung und eines schönen Mannes zurück, der nicht König zu sein braucht, um das Herz eines achtzehnjährigen Mädchens zu gewinnen. Es ist nicht der Wein allein, der die düstern Falten und den mißtrauischen Blick, die sein Gesicht sonst entstellten, ausgelöscht hat. König Christiern hat die schöne Dyveke geliebt, nicht minder glühend und tief geliebt vielleicht als Gustav Rosen Karin Stenbock, und die Rose vom Trollhätta ist nicht minder schön als das Täubchen von Amsterdam. Du hast Deinen Zweck erreicht, Esther. Morgen früh bist Du die Herrin des düstern Beherrschers Deines Vaterlandes, und Schwedens Heil, nach dem Deine Augen, die andern Augen, lange vergeblich gesonnen, liegt in Deiner weißen Hand. Denkt auch sie es, wie sie, diese Hand auf die wildathmende Brust drückend, drüben in ihrem Zimmer steht, an dessen Hinterthür die goldene Kette hängt, deren Diamanten im matten Flurlicht gleißende, heranwinkende Fäden ins Dunkel des Ganges hinauswerfen? Karin's Antlitz ist noch ebenso bleich, wie es zuletzt aus dem Stuhl an der Seite Christiern's gewesen. Doch sie zittert nicht mehr, auch sie horcht erwartungsvoll durch die Todtenstille des Hauses. Nun kommt ein leiser, vorsichtiger Schritt, nur das gespannteste Ohr kann ihn bei der völligen Lautlosigkeit der Nacht vernehmen. Doch er kommt nicht von dem Gang, sondern durch das Nebenzimmer, und hält an der Thür inne, durch deren Oeffnung Gustav Folkung im vorigen Jahre ungesehen Brita Stenbock erblickt. Ein fast unmerkliches Pochen, und Karin schiebt eilig geräuschlos den Riegel zurück und öffnet. Dann haben Gustav Rosen's Arme sie leidenschaftlich umschlungen und seine Lippen küssen ihre Augen, ihre Stirn, ihren Mund und stammeln: »Du hättest mich wahnsinnig gemacht, Karin, wenn Du mir nicht zugeflüstert, daß Du mich heute Abend noch erwartetest. Nach einem Monat ruheloser Tage und Nächte fern von Dir komme ich zurück, um Dich lange Stunden fern von mir zu sehen, nichts als zu sehen, ohne einen Gruß, ohne einen Blick von Dir.« Seine Stimme klang lauter vor Erregung; das Mädchen entrang sich seinen Armen und schloß ihm ängstlich die Lippen mit der Hand. »Still,« flüsterte sie; ihre Augen gingen an ihm vorbei auf die Hinterthür, und sie neigte die Lippen dicht an sein Ohr und hauchte: »In wenig Minuten wird König Christiern durch die Thür kommen und mich suchen. Ich fürchte mich vor ihm, deshalb habe ich Dich gerufen. Du bist ja mein sicherer Schutz und mußt im Nebenzimmer warten, Gustav. Es sollte Alles anders sein, und die Mutter hatte mir befohlen, Dir nichts zu sagen. Doch der ganze Hof und der Garten sind voll von Bewaffneten, und Alles ist verändert. Ich hätte es nicht gekonnt, wenn ich nicht gewußt, daß Du bei mir sein würdest.« Der Jüngling starrte sie sprachlos an, die Gedanken verließen ihn, er verstand nichts, was sie sprach. Noch fester legte sie die Lippen an sein Ohr und flüsterte eilige Worte, daß er entsetzt zurücktaumelte und mit der Hand an die Stirn griff. »Hier – wohin ich ihn geführt, – wo meine Ehre verpfändet ist – unmöglich, niemals!« stotterte er athemlos. Karin's blaue Augen ruhten mit fast dunklem Glanze auf ihm. »Gustav,« sagte sie mit bebender Stimme, »bist Du kein Schwede? Nur einem Schweden kann ich diese Hand reichen.« Er sah sie verstört, verzweiflungsvoll an. »Die Zeit verrinnt, der König kann in jeder Secunde sein Zimmer verlassen,« fuhr sie hastig fort. Der Schimmer seines Lichtes, der durch den Gang fällt, ist das Zeichen für Gustav Folkung –« Sie brach schnell ab und horchte hinaus; ihre Augen, von Rosen's Gesicht abgewandt, sahen den irrsinnigen Ausdruck nicht, der plötzlich seine Züge überlief. Nur ein Funke hatte noch in seine keuchende, betäubte Brust zu fallen gebraucht, und Karin hatte ihn hineingeworfen, den Namen, der das blinde, zweiköpfige Ungethüm in seinem Herzen packte und es siegreich herausriß. »Gustav Folkung!« lachte der Jüngling schallend auf; »kommt er, um Dich zu holen – Gustav Folkung!« Und er warf besinnungslos Karin, die ihm nacheilte, zur Seite und stürzte fort, auf die Hinterthür zu, die er heftig aufriß, daß die goldene Kette zerspringend zu Boden flog. Da weckt der Schall seiner Stimme, der dröhnende Schritt seines eilenden Fußes ein Echo in der Tiefe des Ganges, wo er zur Treppe nach der Gartenseite des Schlosses hinabführt. Ein Gemurmel kommt herauf, es muß sich da drunten etwas verwirrt durcheinander bewegen. Es ruft: »Verrath!« und »Zurück!« doch eine feste Stimme übertönt es und befiehlt: »Vorwärts!« Das sind die Dohlen Karin's. Sie sind in die Erde gekrochen und kommen aus der Erde wieder herauf. Keine will der andern den Vortritt lassen, zusammengedrängt stürmen sie vorwärts durch den engen Gang. Eine Secunde noch und sie werden den Mann, der im langen Hausgewand, sein Licht mit der Hand blendend, daherkommt, von seinem Rückweg abgeschnitten haben. König Christiern's fiebernde Sinne vernehmen nichts; er zählt dreizehn Schritte und wendet sich nach links. Da stürzt Gustav Rosen ihm, einem Irrsinnigen gleich, entgegen und packt seinen Arm. Er schreit: »Rettet Euch!« und zieht ihn mit sich fort auf das Gemach zu, das der König verlassen. »Ihr seid verrathen! Gustav Wasa ist durch einen unterirdischen Gang vom Trollhätta her ins Schloß gedrungen!« Das sind keine Dohlen, die alle Gänge erfüllen. Das sind die herkulischen Gestalten der Dalekarlen, deren jede den Beherrscher der nordischen Reiche auf ihren Händen wie ein Kind fortzutragen vermöchte. Gustav Stenbock dient ihnen als Führer, und sie stürmen heran. Der Plan ist mißglückt; jetzt handelt es sich nicht mehr um Stille, sondern um Schnelligkeit. »Wo ist der Tyrann?« Sie haben Karin, die ihrem Bräutigam nachgeeilt ist, erreicht, und sie deutet den Weg. In ihren Augen ist jeder Strahl erloschen, der an den Blick erinnert, den jener liebt. Mit zorn- und verachtungbebenden Lippen ruft sie: »Er flieht in sein Zimmer – Gustav Rosen hat uns verrathen!« Ein wilder Fluch dringt von den Lippen des Vordersten, und Gustav Folkung stürzt mit dem Schwert in der Hand der Richtung, in die ihre Finger deuten, nach. Noch haben die Flüchtlinge den Corridor nicht verlassen; das Licht des Königs ist erloschen, und in der Verwirrung sind sie an der Thür vorübergeeilt. Ihr Leben, das Schicksal Schwedens hängt an einer Secunde. Doch Gustav Rosen kennt jeden Fußbreit im Schloß Torpa auch im Dunkel. Es ist keiner da, auf dem er nicht als Knabe gespielt, auf dem er nicht Hand in Hand mit Karin gestanden. Zurücktastend haben seine Finger die Thür gefunden, und er reißt den König mit sich hinein und stößt den Riegel von innen vor in dem Moment, wo Folkung's Hand von draußen an dem schweren Metallklopfer rüttelt. »Ein Beil! Schlagt die Thür ein! Von einer andern Seite ins Zimmer, Stenbock!« Doch die Thür widersteht, und als Antwort tönt Gustav Rosen's Stimme aus dem Fenster: »Herbei! Man ermordet den König!« Mit einem Schlage ist die Stille der Nacht dahin. Hundertfache Rufe hallen wider von allen Seiten. Es stürmt die breite Vordertreppe waffenklirrend herauf; droben fahren Hauptmann Torben und seine Begleiter aus den Betten und taumeln, halbbekleidet nach dem Schwert greifend, herunter. Sie treffen auf Stenbock und seine Schar, die durch den Saal, in welchem das Banquet stattgefunden, in das Zimmer des Königs zu dringen suchen. Die Speere, mit denen die Dalekarlen den Bären furchtlos in seiner Höhle suchen, treffen mit tödtlicher Wucht die nackte Brust der Dänen; noch schlafverwirrt schwankt Knut Torben der greisen Berserkergestalt des Schloßherrn entgegen und ruft: »Wir schlafen unter Deinem Dache! Ist das schwedische Gastfreundschaft, Gustav Stenbock?« »Stockholmer Gastfreundschaft, Knut Torben! Ihr habt sie uns gelehrt!« donnert der Gefragte, und sein Schwert trifft die Schläfe des Hauptmanns, der mit einem Schrei neben dem Stuhl zu Boden rollt, auf dem er vor wenigen Stunden das Wohl der Tochter des Mannes getrunken, der ihm die sorglose Stirn zerschmettert. Um die lange Tafel tobt der Kampf; das Silbergeschirr fliegt durch den Saal, aber die sterbenden Dänen haben um eine Minute die Thalmänner von der innern Thür ihres Königs abgehalten, und auf Rosen's Ruf dringt von allen Seiten Hülfe herbei. Die Fackeln, Welche die athemlosen Soldaten entzündet, erleuchten taghell den Flur und die Gänge. »Verloren! Zurück!« ruft Stenbock dumpf. Die Dalekarlen sind vierzig gegen Hunderte; es wäre sinnloser Verzweiflungskampf, ihre Absicht länger zu verfolgen. Jetzt droht ihnen die Gefahr, von ihrem Rückweg abgeschnitten zu werden. Stenbock ruft es Folkung zu, der sich umwendet und Karin, die starr, wie betäubt dasteht und den herannahenden Dänen entgegenblickt, mit den Armen umfaßt. »Wir finden uns wieder, Christiern!« knirscht er zwischen den Zähnen. Dann reißt er mit wilder Kraft, wie der Riesigste seiner rauhen Gefährten sie nicht stärker aufzubieten vermöchte, das willenlose Mädchen mit sich. Die Andern decken ihm den Rücken, sie leisten in dem engen Gang Widerstand wie die Schar des Leonidas in den Thermopylen. Ihre kurzen Waffen vermögen nichts gegen die langen Hellebarden der Dänen, aber im Fallen versperren ihre Körper den schmalen Weg. Jetzt tritt König Christiern im Panzerhemd aus der Thür, die ihn gerettet. Gustav Rosen folgt ihm; todtenblaß überfliegt sein Auge den Kampfplatz, in den sein Ruf das stille Haus seiner Kindheit verwandelt. Die Fackeln werfen blutiges, schaudervolles Licht über die stummen Gesichter am Boden. Da trifft sein ruheloser Blick über den Köpfen der Ringenden einen weißen Punkt am Ende des Ganges. Es ist das Kleid Karin's. Und aus seiner Betäubung aufgerissen, stürzt er zurück über den Flur, die Vordertreppe hinunter. Er reißt die Soldaten, die er noch drunten findet, mit sich um die Ecke in den Garten, an die Hinterthür, durch welche Karin einst Gustav Folkung heimlich emporgeführt. »Hierher!« Mit der wuchtigen Hellebarde, die er dem Nächsten entwunden, schmettert er gegen das Holz, und hundert Stöße folgen dem seinen. Die Thür bricht, ihr letzter Halt weicht unter dem Ungestüm Rosen's, und zum zweiten Male steht er an der nämlichen Stelle den flammenden Augen Gustav Folkung's gegenüber. Doch diesmal haben sie keine Macht über ihn; die Speere der ihrem Führer nachdrängenden Dalekarlen nicht achtend, greift er nach der Schulter der Geliebten, die wie leblos von dem Arm Folkung's gehalten wird, der mit der Rechten die schwere in die Erde hinabführende Eichenthür aufreißt. »Karin!« ruft der Jüngling, »Karin!« Es liegt ein bittrer, verzweiflungsvoller Jammer in dem Ton, der Sterbende noch einmal ins Leben zurückreißen könnte. Er weckt die Gerufene aus ihrer Betäubung, es ist der alte Klang der Liebe, der alle Fibern ihres Herzens durchzittert, und sie öffnet weit die Augen und blickt ihn an. »Karin!« »Zurück, Verräther!« Ein Schauder läuft über ihre Züge, und die abwehrend ausgestreckte Hand macht eine Gebärde des Abscheu's. Gustav Rosen vermöchte Folkung's Leib zu umklammern und ihn zurückzuhalten. Er will es auch und hat den Arm erhoben, aber die Hand fällt vor dem Blick Karin's wie lahm herab. Es ist der letzte, denn ihr Weißes Kleid versinkt, wie von der Erde verschlungen, in der Finsterniß hinter der Eichenthür. Regungslos, wie vom Blitz erstarrt, steht der Jüngling den wilden Gesichtern der nachdrängenden Thalmänner gegenüber. Nun reißen die Soldaten, die ihm folgen, ihn zurück und schützen vorspringend seine wehrlose Brust. Auch auf dieser Seite des schmalen Ganges entbrennt der Kampf, doch hier zu Gunsten der Schweden, denen es, von beiden Richtungen her eingeschlossen, in der Todesnoth gelingt, die Dänen bis an die Außenthür zurückzuwerfen und den rettenden Eingang in die Erde zu behaupten. Die Soldaten wähnen sie drunten gefangen und lassen in ihrer Kampflust nach, um die Verzweifelnden nicht bis zum Aeußersten zu treiben. Ein Dutzend der Dalekarlen liegt von Hellebarden durchbohrt unter fast einem halben Hundert der Trabanten des Königs am Boden, doch die andern erreichen die massive Thür, die der letzte, noch auf der Schwelle kämpfend, mit lautem Krachen ins Schloß wirst und von innen mit gewaltigem Balkenriegel sichert. Dann folgt er verwundet und blutend, aber triumphirend den übrigen nach, die, wie über Kohlen dahineilend, den langen lichtlosen Gang durchfliegen. Er hat seit grauen Tagen vielleicht manchem das Leben gerettet, der aus dem erstürmten Schloß entwichen; er thut es auch jetzt. Freilich trägt der Vorderste, der ihn durcheilt, eine andere Last auf den Armen mit sich, als er zu erbeuten gedacht. Es sollte ein Mann sein, und es ist ein Mädchen; er sollte die Goldkrone der nordischen Reiche auf dem Haupt tragen, und vor Karin's besinnungsloser Stirne fließt nur aufgelöst, wie in Strömen das goldene Haar herab. Doch Gustav Folkung hält sie in den Armen, als ob sie eine Königin sei. Näher und näher erschüttert es mit dumpfem Rollen den Bauch der Erde; sie haben den Ausgang erreicht. wo die Dohlen wenige Stunden zuvor im Felsen verschwunden; mit vorgestemmtem Knie drängt Folkung den zur Seite weichenden Stein fort, und mit der frischen Luft, die ihnen entgegendringt, schlägt zugleich unvorbereitet das betäubende Brausen des Trollhätta an das Ohr der Flüchtigen. Es erweckt Karin, und ihre Glieder schaudern leis in dem kalten Hauch der Maiennacht; vorsorglich wie ein Kind deckt ihr Beschützer sie mit seinem Mantel und wendet sich stromauf. Die andern folgen ihm; ein Pfiff, dem vom jenseitigen Ufer der Elf ein zweiter antwortet, und eine breite dunkle Masse kommt schleunig über den Fluß. Nun erscheint sie als ein großes Fährboot, das vom See an diese Stelle herabgerudert worden. Es stößt an den Uferrand, und schon ist Folkung darin und bettet seine Last auf weiche Decken am Boden des Schiffes. Mit düsterer Stirn schwingt Stenbock sich nach, und die Dalekarlen füllen das Boot. Doch plötzlich entsteht eine Verwirrung. Karin hat sich umblickend, gerufen: »Wo ist die Mutter?« Stenbock stößt einen Schrei und eine Verwünschung zugleich aus: »Wir haben sie vergessen, sie ist in der Hand des Tyrannen. Zurück!« »Unmöglich!« antwortet die feste Stimme des Anführers, »es wäre sicheres Verderben und nutzlos.« Allein Stenbock hört nicht auf ihn und drängt durch die Mannschaft des Bootes, um ans Ufer zurückzugelangen. Da tönt ihm Geschrei entgegen: »Hier sind sie – haltet sie – ins Wasser, ein Boot!« Es ist Gustav Rosen, der Einzige, der von dem unterirdischen Ausweg des Schlosses weiß, und der in wahnsinniger Verzweiflung drüben, nachdem er gesehen, daß die Dalekarlen verschwunden, Soldaten zusammengerafft und über den Berg an den Trollhätta gestürzt ist. Doch er kommt abermals zu spät. Die gebieterische Stimme Folkung's befiehlt: »Vorwärts! Schweden ist Wichtiger als ein Weib, und wenn es Brita Stenbock heißt,« und die Ruder schlagen ein und entfernen blitzesschnell das Schiff vom Ufer. Die Dänen erheben ihre Speere, um sie in das unfehlbare, dichte Gewirr der Fliehenden zu schleudern, doch Rosen springt vor ihre Waffen und ruft entsetzt: »Nein, ihr würdet sie tödten – nein!« Erstaunt gehorchen die Soldaten, dann drängen sie vorwärts und umfassen gewaltsam den Leib des Jünglings, der sich hinab ins Wasser gestürzt, um allein dem Boot zu folgen. Sie reißen ihn zurück und hören gleichgültig und spöttisch sein herzzerreißendes Jammern: »Karin – Karin!« Auch in der Mitte des Flusses vernehmen sie deutlich den jammernden Schrei. Nicht Gustav Stenbock. Sein Ohr hört ihn nicht; er hat das graue Haupt dicht mit dem Mantel verhüllt, um die Thränen zu verbergen, die aus seinem Herzen nicht minder heiß und verzweifelnd herausströmen als aus dem des Jünglings, der nur verloren hat, was er noch nicht besessen. Doch Folkung und Karin vernehmen es; sie hören den lauten, verzweiflungsvollen Klageruf: »Gustav Wasa, ich will thun, was Du befiehlst, gieb sie mir wieder, Gustav Wasa!« Karin fährt auf und blickt ihrem Gefährten im Zwielicht der Dämmerung fest ins Gesicht. Dann fragt sie: »Welchen Namen ruft der Elende? Bist Du Gustav Erichson?« Folkung nickt: »Ich bin es, Karin; Du siehst es an dem letzten Gruß Deines Bräutigams.« Er lächelt bitter, wie er es sagt, und tritt rasch vor das Mädchen, um es vor den Speeren zu schützen, welche plötzlich durch die Luft schwirren und zischend um sie her ins aufspritzende Wasser niederfallen. Die Dänen haben, wie sie den Namen des fliehenden Anführers gehört, sich nicht mehr bändigen lassen und senden ihm wuthheulend ihre Wurfgeschosse nach. Doch die Entfernung ist schon zu groß, und mit wenigen Ruderschlägen sind die Dalekarlen aus dem Bereiche der Gefahr. »Willst Du zu Gustav Rosen zurück, Karin?« fragt ihr Genosse – »sprich nur ein Wort, und ich selbst bringe Dich ihm.« Es ist dieselbe scharfe Stimme, mit der er sie im Herbst zuerst am Trollhätta angeredet, und doch ist's, als klinge das Schwanken des Bootes, das sich dem jenseitigen Ufer nähert, hindurch. Karin versetzt rasch: »Niemals. Zwischen ihm und mir liegt ein Abgrund, wie der Trollhätta zwischen diesem Ufer und jenem. Mein Herz gehört dem nicht mehr, der Schweden verrieth.« Die starken Lippen Gustav Erichson's zittern jetzt unverkennbar. »Doch dem, der Schweden befreit hat, Karin? Gehört Dein Herz dem, der Schweden von der Knechtschaft Christiern's errettet?« Ein Schauer überläuft ihren Leib; sie will antworten, doch im selben Augenblicke fährt das Boot mit heftigem Stoß zum Ufer, und sie schwankt und würde stürzen, wenn nicht Gustav Wasa's Arme sie auffingen. Er hält ihre kalte Hand fest in der seinen und flüstert schnell, an ihr Ohr gebeugt, nochmals: »Wer kann diese schöne Hand verdienen, Karin?« »Die Hand–?« – es ist so hell schon geworden, daß man sieht, wie die Blässe auf den Wangen des Mädchens mit glühendem Roth wechselt; ihre leuchtenden Augen irren über die noch immer unbeweglich verhüllte Gestalt ihres Vaters, und sie wiederholt in fieberhafter Hast: »die Hand –?« Dann plötzlich blickt sie dem Manne an ihrer Seite fest ins Auge und fährt fort: Die Hand ist frei, Gustav Erichson, der Trollhätta vernimmt es, und sie gehört dem, der zwei Dinge vollbringt –« Die Wasser des Trollhätta rauschen und überbrausen die Worte, die Karin's Lippe hastig flüstert. Das sind die Wasser, von denen die Sage erzählt, daß der alte Barde an ihrem Rande stand und von der dämonischen Gewalt des donnernden Stromes überwältigt willenlos in seine Tiefe hinabsprang. Denkt sie es, wie sie in der Frühluft schaudert und auf die grünen, vorüberschnellenden Wogen blickt? Denkt sie der Worte, die einst angstvoll aus ihrer Brust sich aufgerungen: »Werde nicht müde, armer Gustav. Wenn Du müde würdest und der Strom hätte mich gefaßt, daß es zu spät wäre und Du mich nicht mehr emporheben könntest –?« Nein, diese Augen sind ernst, doch sie denken der Worte, denken Gustav Rosen's nicht. Auch die Augen ihres Gefährten sind ernst, nachdem er gehört, was das Mädchen geflüstert. Dann verneigt er sich tief vor Karin Stenbock und spricht: »Ich sagte, Schweden sei wichtiger als ein Weib; Du bist das erste Weib, Karin Stenbock, das meinen Willen erschüttert. Schwedens Zukunft komme über Dich, wenn sie um ein Weib verloren geht.« Und er verneigt sich nochmals mit ritterlichem Anstand und tritt unter die ans Land gesprungenen Dalekarlen, von denen er vier auswählt und leise mit ihnen spricht. Das Herz der Thalmänner kennt keine Furcht, sonst könnte man den Ausdruck ihrer Augen für Schreck halten, wie sie seine Worte vernehmen. Doch ebenso wenig als Furcht kennen sie Ungehorsam gegen ihren Führer, und auf seinen Wink eilten sie in das Boot zurück, während er sich Stenbock nähert und ebenfalls leise mit ihm spricht. Nach den ersten Worten glänzt es in den Blicken des Letzteren wie mit jugendlichem Glück auf, und er macht eine rasche Bewegung auf das Boot zu. Allein Gustav Wasa hält ihn zurück und redet hastig weiter, bis Gustav Stenbock widerwillig mit dem Kopf blickt und darauf ihm schwedisch fest und lange die Hand schüttelt. »Sie müssen ihm Alle gehorchen,« denkt Karin, wie sie der stolzen, fast königlichen Haltung des noch jungen Mannes nachschaut, der sich zu den Vieren ins Boot schwingt und aufrecht unter ihnen stehen bleibt, Wie sie hart am Uferrand stromaufwärts fortrudern. »Sie müssen ihm Alle gehorchen, sie wie ich. Er ist wie der Trollhätta.« Ein Gruß aus dem verschwindenden Schiff unterbricht Karin's Gedanken. Sie winkt ebenfalls mit der Hand und ruft, die Lippen öffnend, unwillkürlich: »Gustav –!« Dann schnell sich besinnend, setzt sie hinzu: »Fahre Wohl, Gustav Wasa – –« Sechstes Capitel. Das erste falbe Licht umspielte Schloß Torpa und kämpfte mit den ringsum rothflackernden Fackeln, als Gustav Rosen zurückkam. Seine Füße trugen ihn mechanisch vorwärts, wie von tödtlicher Krankheit in einer Nacht gepackt waren seine Wangen hohl, seine Augen glanzlos, wie erloschen. Er wußte nicht, was er wollte, er schritt weiter; gedankenlos zog es ihn an die Stätte seines Glückes und Elends zurück. Im Schloßhof eilte ein Offizier auf ihn zu und sagte, daß der König schon mehrfach nach ihm gefragt habe. Er nahm den Arm des Jünglings und führte ihn mit sich die Treppe hinauf in das Zimmer, in welchem der Gebieter verweilte. Den Vertrauten war es unverkennbar, daß König Christiern sich in einer unheimlichen Stimmung befand. Von zahlreichen Trabanten bewacht, standen die Knechte und Mägde des Stenbock'schen Hauses dicht zusammengedrängt in einem Winkel des Gemachs, und Christiern, auf einem Sessel am Fenster sitzend, rief sie einzeln vor sich und verhörte sie. Ihre Aussagen waren fast alle gleich und der Wahrheit gemäß, daß sie nichts von dem bevorstehenden Ueberfall des Königs gewußt, und daß sie ebenso sehr wie er selbst von demselben überrascht worden. Die Richtigkeit dieser Angabe lag auf der Hand, da Niemand von ihnen in der Verwirrung daran gedacht hatte, die Flucht zu ergreifen, sondern alle nach dem Entweichen der Dalekarlen ohne Widerstand von den Soldaten zusammengetrieben waren. Auch König Christiern wurde von der Wahrheit ihrer Aussagen überzeugt, denn er lachte jedem am Schlusse freundlich zu und sagte: »Du hast Recht. Ich sehe, daß man Dich ohne Grund aus Deiner Nachtruhe gestört hat. Ich will Sorge tragen, daß es nicht wieder geschieht. Geh'!« Er winkte, und der Verabschiedete wurde fortgeführt. Doch im Augenblicke, wo er durch die Thür des Vorsaales an den Rand der Treppe hinaustrat, traf ihn plötzlich von hinten das Beil des Henkers in den Nacken, daß der Körper dumpf zu Boden fiel und der Kopf, ohne mehr einen Schrei auszustoßen, über die Stufen hinunterflog. Einer nach dem Andern verschwand; endlich war nur noch eine Magd übrig. Christiern fühlte sich schon durch das gleichförmige Spiel gelangweilt, stand auf und trat ans Fenster. Dann wendete er sich zu dem Mädchen um und musterte die Züge ihres schönen, ausdrucksvollen Gesichtes, das, den echten schwedischen Nationaltypus darbietend, eine ins Gröbere übertragene Ähnlichkeit mit Karin Stenbock verrieth. Er blickte sie stechend an und lachte noch heftiger als bei den Uebrigen. »Drunten an der Treppe liegt ein Dutzend von Narrenköpfen. Wenn Du Deinen auf der Schulter behalten willst. Dirne, so geh', sammele sie in Deiner Schürze und bring' sie mir herauf!« Das Mädchen brach ohnmächtig zusammen. Er winkte: »Tragt sie fort und laßt sie ausführen, was ich befohlen!« »Die Dirne hat Ähnlichkeit mit der Tochter von dem Schurken Stenbock; sie wird wohl eine Stiefschwester sein, von der unsere gute Wirthin so wenig ahnt, wie von den Köpfen; die grad' über ihre Treppe kollern,« raunte Einer aus der Umgebung des Königs halblaut seinem Nebenmanne zu. Der Sprecher fuhr zusammen, denn Christiern's Kopf flog herum und ein furchtbarer Blick zuckte über das Gesicht des Unvorsichtigen. Dann stürzte der König auf die Thür zu, packte mit eisernem Griff die Schulter des hinausschwankenden Mädchens. Er riß ihren Nacken herum und starrte ihr mit einem Ausdruck thierischer Wildheit ins Gesicht. »Er hat Recht, sie gehört zu der Brut,« murmelte er, »das ist die Fratze, die mich betrog.« Und ehe das Mädchen auf die Knie zu fallen vermochte, entriß König Christiern der Zweite von Schweden, Norwegen und Dänemark dem neben ihm stehenden Trabanten sein breites Schwert und schlug mit eigener Hand den Kopf des eben begnadigten Mädchens vom Rumpfe, daß er auf einen Hieb mit dem blonden Haar über den Estrich fortrollte. In diesem Augenblick trat Gustav Rosen in den Saal. Das umherfliegende Auge des Königs bemerkte ihn sogleich, und er schritt lustig auflachend auf den Jüngling zu. »Da liegt der Kopf Deiner Schönen, Rosen, küsse ihn!« rief er. Das Gehirn des jungen Mannes war so verwirrt, daß er bei dem Anblick des blondhaarigen Kopfes, dessen entfernte Aehnlichkeit der Tod nicht verringert hatte, fast zusammenbrach. Erst die helle Lache, die Christiern wieder aufschlug, riß ihn aus seiner Betäubung. »Für diesmal ist sie's noch nicht,« fuhr der König fort, »die Trollhättarose ist uns Beiden entgangen – Verdammt!« – die Adern auf seiner Stirn schwollen plötzlich strotzend an, und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, daß die Wände klirrten und die Umstehenden zitternd zusammenflogen – »wer ist der Schurke, der sie entwischen ließ? Ihr seid alle Verräther, die ich viertheilen sollte!« Niemand wagte dem wuthentstellten Gesicht des Monarchen entgegenzutreten, der das fortgeworfene Schwert vom Boden gehoben und es wie ein von plötzlichem Irrsinn Gefaßter dicht vor den Köpfen der zurückweichenden Dänen pfeifend durch die Luft schwang. Nur einmal erst hatten sie ihn so gesehen, nach dem Tode des Täubchens von Amsterdam, das Torben Oxe's Magschaft vergiftet haben sollte. Es war offenbar, die schlimmste Raserei ergriff ihn nicht, wenn Jemand seiner königlichen Macht Trotz geboten, sondern wenn ein Punkt, den Niemand kannte, in seinem Herzen getroffen worden, und es war nicht Gustav Erichson, es war Karin Stenbock, die sein Toben bis zum Wahnsinn gesteigert. Allmälig ließ es, da Niemand ihm Widerstand leistete, nach, er besah minutenlang das Blut an der Klinge, die er zwischen den Fingern hielt, dann setzte er sich mit düsterer Stirn auf den Sessel zurück, stützte die Hand auf den Griff des Schwertes, das er fest in den Holzboden gestoßen, und befahl: »Führt Brita Stenbock herein!« Nach einigen Augenblicken erschien die Geforderte. Ihre Arme waren mit schweren Ketten beladen, die der Dänenfürst stets auf seinen Reisen mit sich führte. Doch sie trug dieselben, als wären sie nicht vorhanden; kein Muskel ihres Gesichtes verrieth Furcht oder Erregung. Nur Gustav Rosen taumelte bei ihrem Anblick an den Pfeiler zurück, seine Augen hafteten entsetzt auf dem regungslosen Gesicht seiner Tante, und mit dunkler Röthe stieg das Schuldbewußtsein dessen, was er veranlaßt, über seine Schläfe herauf. Minutenlang blieb es todtenstill in dem großen Gemach, in dessen Mitte Brita Stenbock aufrecht stand. Endlich brach sie das Schweigen und fragte laut: »Wer hat mich gerufen?« Der König fuhr wie erschreckt auf. Sein Blick hatte starr auf dem Boden verweilt. »Ich,« antwortete er unsicher. »Das ist die Stimme Christiern's von Dänemark.« Wer ihn anblickte, hätte glauben müssen, daß die todten Augen seiner unversöhnlichen Feindin Leben gewonnen, so scheu wich sein Blick der Richtung aus, in die unwillkürlich ihr Antlitz sich bewegt hatte. Wieder trat eine Pause ein, dann gebot er plötzlich: »Nehmt ihr die Ketten ab!« Die Trabanten gehorchten, sich erstaunt ansehend, dem Befehl. Der König erhob sich und machte zögernd einige Schritte vorwärts. »Brita Stenbock, Du wolltest mich ermorden lassen.« »Ich hätte Dich richten lassen; Du mordest ,« versetzte sie kalt. Es war, als fürchte der, den Alle fürchteten, sich vor einem Weibe. Unruhig heftete er jetzt den Blick auf ihr Gesicht; er besaß keine Macht über die todten Augen Brita Stenbock's. »Du hattest mich in Dein Haus geladen, ich baute auf schwedische Gastfreundschaft,« fuhr er langsam fort. »Du hattest den Adel Schwedens nach Stockholm in Dein Haus geladen, er baute auf dänische Gastfreundschaft.« Christiern schlug die Lider zu Boden. War es Erschlaffung nach dem Aufruhr, der in ihm getobt? Seine Lippen zitterten, er mußte sie gewaltsam zwingen, seinen Gedanken zu gehorchen und fortzufahren: »Du reichtest mir die Hand und nanntest mich willkommen in Deinem Hause, Brita Stenbock.« »Du reichtest Jedem die Hand, den Du tödten wolltest, und nanntest ihn willkommen. Ich habe Dir im Namen meines Vaterlandes gedankt und gesagt, ich hoffe, Dein Verweilen in diesem Hause werde Schweden zum Heil gereichen. Ich habe Deinen Trunk auf das Wohl meines Hauses mit einem Trunke auf Schwedens Wohl erwidert. Warum warst Du blind, meine Worte nicht zu verstehen? Warum ließest Du Deine sehenden Augen von der Blindheit bethören?« Wie Hohn lag es in Ton und Wort, das sie sprach; immer athemloser staunend blickten die Umstehenden auf das kühne Weib und auf das von einem bangen, seltsamen Ausdruck veränderte Gesicht des Gebieters. Er hatte die Hand auf die Stirn gelegt und wollte antworten; doch immer schwerer schien seine Zunge zu werden, mühsam brachte er hervor: »Es ist Kampf gegen Kampf, List Wider List. Du haßt mich, und Du hast Recht gethan, Brita Stenbock. Zwischen uns Männern herrscht Krieg und Klugheit, und ich achte Dich wie einen Mann. Du hast tapfer gekämpft; je mehr ich es erkenne, desto höher ehre ich Dich. Sprich offen – Deinem Geiste entsprang der Plan, und Niemand wußte ihn außer Dir. Du setztest ihn ins Werk und hattest keine Hand dafür als Deine. Sprich ja, und ich lohne Dir die Größe Deiner That, und Du bist frei.« Sind es in dem weiten Gemach, wo hundert Blicke auf ihr ruhen, die todten Augen Brita Stenbock's allein, die sehen? Die den einzigen Punkt gewahren, wo sie zwischen den Maschen des Stahlhemdes hindurch den spitzen Dolch in das Herz, mitten in das versteinerte Herz ihres Todfeindes zu bohren vermögen? Ein seltsames, hohnlachendes, triumphirendes Zucken flog um die Mundwinkel des blinden Weibes. »Nein, Christiern von Dänemark, Du schätzest mich zu hoch. Mir gehört nur der Rath, doch weder der Gedanke noch die Ausführung. Ein Mädchen hat Dich überlistet; meine Tochter entwarf den Plan. Sie kannte Dich nicht und hatte nicht erwartet, daß Du mit einem Heer zu einer Hochzeit kommen würdest. Es sollte eine Schlacht in Torpa sein, und vor dem Altar hätten wir Dich gerichtet. Doch als meine Tochter die Zahl Deiner Begleiter gewahrte –« Die Hand König Christiern's glitt langsam von der Stirn über seine Augen herab. »Als Deine Tochter die Zahl meiner Begleiter gewahrte –« sprach seine Lippe mit sonderbar schluchzendem Laut nach. »Da kam sie zu mir und sagte: Christiern von Dänemark ist nicht nur ein Tyrann, er ist auch ein Thor. Ist die Freiheit Schwedens, ist sein Verderben es werth, Mutter, daß ich einen Abend lang die Rolle der Wirthstochter aus Bergen spiele?« Selbst Brita Stenbock schrak innehaltend zusammen, ein so wilder, stöhnender, brüllender Laut rang sich aus der Brust des Königs, der wie leblos in seinen Sessel zurückfiel und beide Hände heftig über sein Gesicht schlug. Niemand wagte in dem Zimmer zu athmen; unter der königlichen Hand rollten schwere Tropfen, dem Blute gleich, das den Boden bedeckte, hervor; es war so still, daß man vernahm, wie sie auf den Estrich hinabfielen. Dann lösten sich die Hände, sie klammerten sich krampfhaft um den Griff des fest in die Bretter gestoßenen Schwertes und rissen es heraus. Dazu schlug König Christiern ein helles Gelächter auf und sagte: »Du erzählst gut, Brita Stenbock, aber die Zeit ist zu kurz, als daß wir uns länger von Dir unterhalten lassen könnten. Also wir, der Tyrann, haben schwedische Gastfreundschaft, Treue und Manneswort untergraben? Du hast wieder Recht, wir waren ein Thor!« »Spotte, Christiern,« fiel die greise Frau, sich furchtlos aufrichtend, in seine Worte, »ich habe Dich getroffen. Meine Augen sind blind, und Andere mögen glauben, daß Du lachst. Ich sehe Dich und sehe in Dein Herz und weiß, es blutet unter meiner Hand.« Mit einem Wuthschrei von bebender Lippe stürzte der König, das Schwert aufhebend, vorwärts auf das wehrlose Weib zu. Eine Secunde, und es hätte das Schicksal des Mädchens getheilt, und der grauhaarige Kopf lag neben dem blonden am Boden. Doch diesmal sprang Gustav Rosen entsetzt vor und fing den tödtlichen Hieb mit dem Arm auf. Einen Augenblick stand Christiern unbeweglich, starrte in das bleiche Gesicht des Jünglings. Dann ließ er das Schwert aus den gekrümmten Fingern fallen und sagte mit eisiger Stimme: »Ich danke Dir, Rosen. Du bist durch meine Schuld um eine Braut gekommen, ich will Dir eine andere wieder verschaffen. – Bist Du bereit, Brita Stenbock?« Der Sinn lag nicht in den Worten, er lag in dem Ton der letzten Frage. Alle verstanden ihn, auch die, an welche er gerichtet war. Doch ihre Miene zuckte nicht; sie hob noch einmal stolz den Kopf: »Du richtest mich nicht, Christiern, Du tödtest mich nur. Für mich hat der Tod keine Furcht, und was nützt er Dir? Mich kannst Du mit dem Schwert treffen, den Geist dieses Hauses kann es nicht ertödten. Meine Augen sind blind, aber durch ihre Nacht höre ich in die Zukunft. Der Tag kommt, da ganz Schweden ein Torpa sein wird; ich sehe Blut fließen, mehr denn in den Mälar geronnen, doch es rollt gegen den Sund und Riesenfackeln erhellen es. Bei ihrem Schein sehe ich Dich, Christiern von Dänemark, ohnmächtig, verlassen, verachtet und verabscheut. Ich sehe, wie Deine bleiche Stirn, mit dem Fluch Deines Volkes, mit dem Hohn der Menschheit beladen, wider die Mauer Deines Kerkers stößt, und wie die Gespenster Stockholms durch die Gitter Deines Fensters hereinlachen und Dich feig ins Leben zurückschrecken, weil Du Dich vor dem Throne fürchtest, auf dem Du nicht sitzest und vor dem Dein Gericht aufhört. Dann aber wird der Trollhätta den Gesang von Schwedens Freiheit jedem Ohr vernehmlich rauschen wie in dieser Stunde, wo nur ich ihn höre.« Majestätisch reckte die Sprecherin die Hand empor, und durch die lautlose Stille, die ihren Worten folgte, tönte Allen vernehmlich, als wälze er seine Wassermassen Wider die Mauern Torpas, das donnernde Brausen des Trollhätta, der das letzte Eis des Winters zerschmettert in die See hinabtrug und die Kunde über Schweden rief, daß der Frühling gekommen. Auch König Christiern horchte einen Moment unwillkürlich hinüber. Doch es war das alte, düster unheimliche Gesicht, über dessen unerkennbaren Abgründen wie ein Irrlicht das verräterische Lachen gaukelte. »Deine Augen sind noch zu scharf und sehen zu weit in die Ferne, Brita Stenbock,« sagte er spöttisch; »ich will Licht um Dich machen, daß Du die Nähe gewahrst. Ich will Dir ein Riesendenkmal setzen, das der Trollhätta nicht mehr umrauscht; denn er ist mein, und seine Wasser sollen hinfort fügsam und zahm unter meiner Hand fortmurmeln wie Dein Volk. Der Geist dieses Hauses wird sich nicht über Dein Vaterland verbreiten und Schweden kein Torpa werden, denn die Riesenfackel, die Du gesehen, ist Torpa, bei deren Schein Du ohnmächtig und verlassen liegst. Nein, nicht ganz verlassen« – König Christiern wendete sich rasch um – »ich habe gesagt, daß ich Dir Dank schulde, Gustav Rosen, weil Du mich daran erinnert, was dem König, und was dem Henker zukommt. Du wirst billig denken und begreifen, daß ich in dieser Minute Deine junge Braut nicht hierher schaffen kann, aber ich bin zu Deiner Hochzeit gekommen, und für wenige feurige Augenblicke wird Dir auch wohl eine alte, zumal da sie demselben edlen Geschlecht angehört, genügen. – Hauptmann Wolmarson!« Der Gerufene trat heran, und Christiern raunte ihm einige schnelle Worte zu. Dann drehte er sich noch einmal nach Rosen's Seite. »Ich werde Deine Güter trefflich verwalten, Rosen, sei unbesorgt; ich danke Dir dafür.« Und mit einem blitzartigen Blick Brita Stenbock's unbewegtes Gesicht streifend, verließ der König den Saal. Drunten im Hof riefen Hörnertöne zum Aufbruch; in kurzen Minuten war der Schloßhof mit Reitern erfüllt, und ihr Gebieter gab das Zeichen zum Fortmarsch. Nur fünf Pferde harrten noch aufgesattelt vor der Thür, Hauptmann Wolmarson's und seiner mit ihm zurückgebliebenen Gefährten. Die letzteren sind keine Soldaten, es sind die Gehülfen des Mannes, der von seinem knapp anliegenden Wamms den langen rothen »Gevattermantel« abgeworfen und mit roher Faust Gustav Rosen die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt. Obwohl es ihm seinen Kopf kosten wird, wenn König Christiern es erfährt, kann der Offizier, der dabei steht, sein Schaudern nicht verbergen, wie er die Henkersknechte lachend Brita Stenbock's Glieder mit Fesseln zusammenschließen und sie mit dem Jüngling unentrinnbar an den Altar, der zu anderer Feier für ihn errichtet worden, anketten sieht. Nun ist es geschehen, und davonschreitend, wendet der Gevatter sich noch einmal um und lacht: »Das Hochzeitspaar ist bereit; ein lustiger Bräutigam, eine schmucke Braut. Holt den Pfaffen, daß er den Segen spricht!« Einer von den Knechten springt in die Küche und kommt schnell zurück. Grinsend vertheilt er die Last, die er in den Händen trägt, und seine Gefährten vertheilen sich in den Zimmern, die an den Saal stoßen, den sie eben verlassen. Entsetzt stürzt der dänische Hauptmann ins Freie hinunter und schwingt sich auf sein Roß; dann folgen nach fünf Minuten ihm die andern und jagen, sich oftmals umblickend, davon. Und wieder ist es grabesstill in Schloß Torpa, so still, wie es um die Geisterstunde gewesen, da Karin Stenbock des dänischen Königs in ihrem Zimmer geharrt. Die ersten Strahlen der Morgensonne flammen über die grauen Giebel, durch die höchsten, laublosen Ulmenäste – doch Geisterstunde ist auch jetzt im Schlosse. Geisterhaft still liegen die todten Dalekarlen zwischen ihren lautlosen Gegnern noch in den Gängen; von den blutbespritzten Stufen blicken die rumpflosen Köpfe mit stieren, weitgeöffneten Augen herauf – kein Ton des Lebens, der Freude oder des Schmerzes. Ein Schrei des Jammers wäre ein Gruß des Himmels in dieser schaudernden Ruhe, durch die nur, bald hier, bald dort, ein leises, gespenstisches Knistern tönt, wie wenn die Wände sich unter unsichtbarer Hand zu krümmen begännen. Da klingt eine menschliche Stimme durch die Oede: »Mutter, hörst Du's?« Es ist Gustav Rosen's Stimme, der vergeblich an seinen Banden rüttelt. Sie sind unzerreißbar für seine gefesselten Hände, und kraftlos fallen seine Arme zurück. Brita Stenbock hört, was er meint, doch ihre Antwort ist eisig, als stände er, ein Knabe, vor ihrem Sessel und harrte der Strafe. »Ich bin nicht Deine Mutter, Gustav Rosen, und ich danke dem Himmel, daß er mich behütet hat, es zu werden. Die Hochzeitsfackel, die Christiern von Dänemark mir entzündet, ist mir lieber, als hätte ich an diesem Altar meine Tochter in Deine verrätherischen Hände gelegt. Mein Blut, das Blut der Tapfern, die drüben für Schwedens Freiheit gefallen, komme über Dich!« Das Knistern wird stärker auf allen Seiten, es ist ein Sausen, das in der stillen Morgenluft wie Sturm durch die Gänge zu rollen beginnt. Es ist, als ob die Todten in ihnen auferstehen und mit schwerem Fuß über die Leichen ihrer Gefährten stolpern, um auch sie aufzuwecken. »Mutter,« ruft der Jüngling verzweiflungsvoll, »Du bist die Mutter Karin's. Du mußt mir das letzte Wort in ihrem Namen sagen. In einer Minute gehen wir zusammen dahin, wo nicht Schweden und Dänen sind – wo nur die Vergebung, die Barmherzigkeit, die Liebe herrscht. Sei barmherzig, Mutter!« Ein Schauer, vielleicht der erste ihres Lebens, durchrinnt das starke Weib. Gewaltsam strebt sie den Arm vergeblich zu befreien und heftet vergeblich die blinden Augen in die Richtung des Flehenden. Dann glättet ein milder Zug ihre scharfen Lippen, und sie antwortet freundlich: »Dein Herz hat nicht in unsere harte Welt gehört; der Himmel wird Dir verzeihen, wie Karin, wie ich es thue. Schlaf' in Frieden, Gustav« – – – Droben auf einer Anhöhe, etwa fünfhundert Schritt von Torpa entfernt, hält, von seinen Getreuen umgeben, König Christiern der Zweite. Es liegt ungeduldig auf seiner zuckenden Braue, unter der das stechende Auge bewegungslos auf das von der Sonne überglänzte Schloß gerichtet ist. Nun ziehen die Runzeln seiner Stirn sich auseinander; wie ein rosiges Gewölk umschwebt es den First des weiten, langgestreckten Gebäudes. Von innen kommt es, und schon drängen dichtere, schwarzgraue Wolken nach, in denen es wie Wetterleuchten hin und wieder zuckt. Dunkel liegt die Westseite des Schlosses, während die Fenster auf der Ostseite im Widerschein der Sonne glühen; doch jetzt flammen sie auch im Westen, im Süden, auf allen Seiten empor. Langzüngelnd leckt es hinauf und hinab, es umklammert das Gemäuer mit rothen, tausendfachen Armen. Da schlägt die Lohe hoch auflodernd aus dem Dache, der gen Süden geneigte Giebel wankt und stürzt krachend nach innen, und ein aufsprühender Feuerregen folgt ihm und schleudert brennende Trümmer in die Luft. Sie Wirbeln wie leuchtende Meteore umher und fallen in weitem Umkreis bis an den Gischt des Trollhätta und bis vor die Füße der stumm hinüber blickenden Dänen hinunter. Nichts, kein Schatten des Lebens regt sich um die höher wogende Gluth. Die Vögel fliehen aus den Wipfeln der Ulmen, sonst nichts. Wie das Auge eines Falken hängt König Christiern's Blick unverwandt an der Thür, dem Erdboden, der das Schloß umgibt. Die Todten entrinnen nicht mehr, und die Lebenden haben ihre Fesseln nicht gebrochen. Erst wie die Giebel prasselnd einstürzen, wendet sich das königliche Auge, und die bisher zusammengepreßten Lippen lachen mit erschreckendem Ausdruck: »Das war Deine Riesenfackel; gute Nacht, Brita Stenbock.« Heftig stößt er seinem schwarzen, senkrecht unter ihm aufsteigenden Pferde den Sporn in die Weiche. »Die Hochzeit ist vorüber. Wir haben uns gut belustigt auf Torpa; jetzt beginnt Deine Arbeit wieder, Gevatter. Halte Dich an meiner Seite. Vorwärts!« Und nach einer Minute sind auch die einzigen Zuschauer verschwunden, und fast gespenstisch steht das brennende, todteinsame Haus in der glänzenden, lachenden Frühlingssonne. Es ist, als umfinge sie es wie mit letztem Gruß der alten Liebe, die in ihm emporgewachsen, still und sonnig, die manchen Sommer und manchen Winter überdauert, bis der Sturm kam, der die Flammen anschürte und sie in einer Nacht in Asche verwandelt. Doch Stürme toben aus, und Flammen erlöschen. Aber die Sonne ist ewig, Karin – sie allein kehrt in jedem Frühling, an jedem Morgen wieder, Karin. König Christiern der Zweite hat Recht. Ehe der Abend kommt, ist Torpa vom Erdboden verschwunden. Doch wahrer hat Brita Stenbock gesprochen: Die Geister kann Schwert und Feuer nicht ertödten, weder die des Hasses noch die der Liebe. Und in ihnen lebt Torpa fort, als stände es noch da und blickte zum Trollhätta hinüber. Weder in Schweden läßt es sich ertödten noch im Herzen, Karin, denn Torpa ist ewig wie die Sonne. Nun ist es wieder Abend, und dichter, qualmender Rauch umhüllt nur die schuttbedeckte Stelle noch, auf der es gestanden. Und abermals ziehen die Dohlen über die Göta-Elf, doch es find nur fünf diesmal, die aus dem Felsenloch am Trollhätta, in dem sie die Nacht erharrt, hervorkommen, und sie ziehen gen Norden hinüber. Bleiches Licht streut wieder der Mond über das Wasser, wie das breite Boot drüben an derselben Stelle zum jenseitigen Ufer stößt, wo Karin rückwärts gewandt: »Fahrwohl, Gustav Wasa!« gerufen. Er ist wohlgefahren. Wenn der Boden dem schwankend aus dem Kahn ans Ufer tretenden Jüngling die Worte aufriefe, die über ihm gesprochen worden, so hießen sie jetzt: »Fahrwohl, Gustav Rosen.« »Fahrwohl, Gustav!« – Gustav Erichson sagt es, und Brita Stenbock sagt es. Sie reichen ihm Beide die Hand – der Tod hat die des Jünglings in der seinen gehalten und ihre Flecken ausgelöscht. »Fahrwohl« – der Vereinsamte steht und horcht auf die Schritte, die durch die Nacht verklingen. Wie der letzte Gruß eines andern Lebens kommen sie zurück, leiser und leiser, und das Rauschen des Trollhätta übertönt sie. Es ist gut sitzen am Rande des Trollhätta für den, der etwas vergessen will, das die fallenden Wasser überhallen. Siebentes Capitel. Kurze Wochen sind vergangen, doch die Herrschaft des Winters über Schweden ist gebrochen. Nicht vom Süden, vom Norden aus den rauhen Thälern der Dalekarlen ist der Frühling gekommen. Der Frühling heißt Gustav Wasa. Es ist Niemand vom Berg zur See, der Schweden hilft, denn er. Der Adel liegt gebrochen, und es ist gut, daß seine Kraft gelähmt und er unfähig ist, aus Eifersucht, die seit Jahrhunderten das Land zerrüttet und geknechtet, dem Befreier feindlich entgegenzuwirken. In den Städten, wo der Bürger wohnt, klirren die Waffen der Söldner Christiern's von Dänemark und halten ihn unter eisernem Druck. In breiter Linie von Kopenhagen bis Stockholm ist das Land verwüstet, die Dörfer verbrannt, die Insassen in Schlachten gefallen, gerichtet oder entflohen, Galgen und Rad bezeichnen den Weg des Beherrschers der nordischen Reiche, seitdem er Torva verlassen. Seine Sense, der Tod, geht über die erwachenden Felder; sie mäht nieder, was ihr im Weg steht, hoch und gering, kalt und gleichgültig. Bei jedem Kopf, der fällt, blicken die finsteren Augen Christiern's suchend nach dem umher, der ihm folgen wird. Es ist Niemand, der Schweden hilft, als das Volk, das starrnackige Bauernvolk der Kjölen. Darum sind die Dalekarlen aus Berg und Thal zusammengeströmt auf der großen Wiese, die der Frühling mit Himmelsschlüsseln überdeckt hat, und haben Herrn Gustav Wasa unter offenem Himmel zum »Herrn und Hauptmann ihrer und der Gemeinen des schwedischen Reichs« gekürt. Und herab von den Bergen zog Gustav Wasa; mit Hunderten überschritt er die Dal-Elf, und Tausende strömten ihm zu. denn es war Frühling geworden – »Schneerypen und Föhrenhüpfer im Baum Der Thalpfeil trifft gar gut.« Doch nicht minder als Schneehuhn und Eichkatze traf er die wohlgewappneten Reiter, mit denen der verrätherische Erzbischof Trolle bei Brunnbäck's Fähre den Dalekarlen entgegenrückte. »Sie trieben die Jüten in Brunnbäck's Elb, Die Wasser umsprudeln sie rings: Weh war's ihnen nur, daß dem Christiern selb Geschah nicht gleicherdings – singt das alte Siegeslied. Roth rauschten die Wellen der Dal-Elf die erste Vergeltung der Blutnacht zu Stockholm ins Bottnische Meer; doch mit der Kunde davon zugleich drang Gustav Erichson gen Süden vor. »Ich rief es Dir zu in Torpa, wir sehen uns wieder, König Christiern; Du meidest meinen Anblick nicht, ehe der Sund zwischen Dir und Schweden liegt« – mit der Botschaft sandte er einen Reiter an den Dänenkönig ab. Doch ehe dieser heimlich bei Nacht das Blatt an das Thor des Schlosses, in dem Christiern weilte, genagelt, hatte Gustav Wasa die Dänen zum zweiten Male bei Westeräs geschlagen und belagerte mit so viel Tausenden, daß es keine Bauernschar mehr, sondern ein stattliches Heer war, die von Slaghöck, dem Barbier-Gesellen und Beichtiger des Dänenkönigs, vertheidigte Stadt Westeräs. Auch diese erstürmten die Bauern – »Und die Juten sie flüchteten alle nun, laut Anstimmend solch kläglichen Sang: Da trinke der Teufel das Porschbier, gebraut Bei des Dalekarls Ambos und Zang'.« Dann, als die Sommersonne am höchsten stand, und Tag und Nacht sich berührten, fiel die alte Königsstadt Upsala in Gustav Wasa's Hand. Hier verweilte er. Der Ungestüm seiner begeisterten Anhänger war trefflich, um die dänischen Truppen auf offenem Felde zu schlagen, doch zur kunstgerechten, langwierigen Belagerung einer festen Stadt wie Stockholm reichte die rohe Kraft der Bauern nicht aus. Sie mußten an Kriegszucht gewöhnt, in den Waffen geübt werden. Ihre Bewaffnung bestand in Acker- und Jagdgeräth, der Axt, mit der sie Bäume im heimathlichen Gebirg fällten, dem Bogen und der Schleuder, die ihnen zur Jagd auf Schneehühner dienten, der Pike, mit der sie Wolf und Bär von ihren Herden abwehrten. Doch Gustav Erichson's Auge, seine Hand war überall. Auf die alte Zusage Lübecks, ihm Beihülfe zu leisten, fußend, hatte er vorausblickend Feuerwaffen von der Hansestadt erbeten und lehrte jetzt selbst den unkundigen Thal-Männern den Gebrauch der schweren Muskete. Führer, die er ausgewählt, durchzogen in allen Richtungen das Land und riefen die Bevölkerung zum Aufstand und zur Bildung streitbarer Mannschaft auf. Ueberall entstanden, einzelne Trupps, die sich vereinigten und mit Erfolg die dänischen Besatzungen in den kleineren Ortschaften angriffen. Bald war das platte Land vollständig in der Hand der Befreier, und Christiern's Heerführer mußten sich in die befestigten Städte, vorzüglich die Hafenorte zurückziehen, die von der dänischen Flotte, gleich Stockholm, immer neu mit Soldaten und Lebensmitteln versehen werden konnten. Brita Stenbock hatte Recht gehabt; binnen kurzer Wochen war ganz Schweden ein Torpa geworden, und König Christiern blickte knirschend aus den Fenstern seines Schlosses zu Kopenhagen über den Sund, über den er zurückgekehrt war, weil der wider ihn empörte Adel seine Abwesenheit benutzt hatte, auch in Dänemark die Unzufriedenheit des Volkes gegen seinen Tyrannen zu erregen. Jede der kleineren oder größeren Scharen aber, die vereinzelt im Lande für die Befreiung Schwedens kämpfte, stellte sich bereitwillig unter den Befehl Gustav Wasa's und huldigte ihm als dem »Herrn und Hauptmann ihrer und der Gemeinen des schwedischen Reichs«. So strömte Alles nach Upsala, ging Alles von Upsala aus, der alten Königsstadt, in der in grauen Tagen das mächtige Geschlecht der Ynglinger gethront. Sie lag nicht mehr auf ihrer alten Stelle, sondern eine Stunde östlich entfernt; nur ein unter Linden verborgenes Dorf bezeichnete den Platz, wo die Trümmer der einstigen Beherrscherin des Nordens unter Ranken und Grasnarbe schliefen. Zwischen den Häusern hier ragte eine uralte Kirche mit viereckigem, aus Granitblöcken ausgemauertem Thurm empor; ein Runenstein, in den Chor eingefügt, redete fremde, dem lebenden Geschlecht nicht mehr verständliche Sprache der Vorzeit. Hart neben der Kirche aber erhoben sich drei hochgethürmte Hügel, die »Königshügel«, noch immer im Munde der Landleute Thor, Frejr und Odin geweiht; Riesengräber, der Ynglinger muthmaßlich, sagenhafte Zeugen einer Welt, in welche die Götter Walhallas herabgestiegen, um Reiche zu gründen und die schönen Töchter der Erde zu umarmen. Nun rauschten dichte Buchenwipfel im Nordwind auf ihrer Kuppe und streuten ihr Laub auf die rauhkantigen Blöcke, die, granitene Ruhekissen der grimmen Recken, an den Baumpfosten ihrer Schlafkammern lehnten. Wer auf einem der Steine saß, blickte zwischen den Stämmen durch gen Osten auf den grauen Riesendom der Stadt Upsala, dessen Anblick sogleich verrieth, daß starke, altgothische Hand ihn gebaut. Doppeltgethürmt stieg er über dem dunklen »Skog«, dem schwedischen Urwald, empor, der mit wildem Gemisch von Fichten und Tannen, Erlen und Birken die weite Thalebene bedeckte. Ab und zu öffnete sich in ihm eine Lücke am Rand der für jene Zeit wohlgebauten Straße, die von Alt-Upsala zur Stadt hinüberführte, und Granitklötze lagen über rothen Porphyrblöcken abenteuerlich auf graulichem Felstrümmerboden gethürmt, nackt und mit Moos überzogen; hie und da nickte ein hohes Farrenkraut einsam und melancholisch aus den Fugen des Gesteins. Doch heiß lag dem Norden zum Trotz die schwedische Hochsommersonne darüber und ließ dem Wanderer um Mittag den kaum einstündigen Weg lang erscheinen, bis er den Domplatz von Upsala erreichte, von dem das gewaltige Schiff sich wie ein Riese unter Zwergen über die niedern, meist einstöckigen Häuser der Stadt emporhob. Fast alle waren aus Holz, die Dächer mit grauer Birkenrinde bekleidet. Eintönig wie der Norden war auch der Anblick Upsalas, in welchem schon ein halbes Jahrhundert zuvor Sten Sture, der Aeltere, die erste schwedische Universität gegründet hatte. Doch seit langen Jahren wieder standen die Lehrkanzeln verödet; die Wissenschaft war vor dem Waffenlärm verstummt, unter dem das lebende Geschlecht aufgewachsen, und trauernd stand die Königsstadt, ihres alten und neuen Glanzes beraubt, um den Dom, das Wahrzeichen ihrer stolzen Vergangenheit, geschart. Gras wuchs auf den Straßen, die der Fuß der Studenten, eifriger von als zur Quelle der Weisheit strömend, nicht mehr durcheilte; still und melancholisch, wie die Natur draußen, lag Upsala, darin sich wenige seiner Bewohner unter freiem Himmel begegneten und mit flüchtig-scheuem Gruß einander vorüberschritten. So war es bis vor wenig Wochen gewesen, doch ein Sommermonat hatte ausgereicht, Alles zu verwandeln. Wie er Wald und Feld draußen mit luftigem Grün überzog, so hatte er auch wie mit einem Zauberschlage das winterliche Ansehen der Stadt verändert. Auf ihren Straßen drängte es sich Kopf an Kopf; Gestalten, Gesichter verschiedenster Art. Mit ihren knochigen Stirnen, von denen das schlichtblonde Haar dick zu den Seiten herabfiel, überragten die Dalekarlen fast, dem Anschein nach, die niedrigen Gebäude. Zierlicher bewegten sich die gelenkigeren Söhne Gotlands und Ingermannlands zwischen ihnen; deutlich erkannte man die intelligenteren Züge des Städters, der in die Welt und ihre Verhältnisse jenseits der Ostsee hinausgeblickt und feinere, deutsche Sitte erlernt. In reicherer Tracht durchschritt er die Menge, gern an der Seite stattlicher, neugierig und forschend umschauender Männer, deren Sprache und Gebühren die Landfremden verrieth. Das waren die Herren aus Lübeck, Gesandte des Oberhauptes der Hansa, die mit ihren Schiffen in Norrtelge gelandet, um dem Bedränger ihres alten Feindes und Rivalen in der Ostsee brauchbare Waffen zuzuführen, und ein Urtheil über die Bedeutung und Nachhaltigkeit des schwedischen Aufstandes und die Persönlichkeit des obersten Leiters desselben zu gewinnen. Mit klugen, kaufmännisch reservirten Mienen waren sie gekommen, schweigsam und prüfend; doch schon hatte die allgemeine Begeisterung auch sie erfaßt, und in den Berichten, die sie an die Trave zurücksandten, war jedes Mißtrauen in das Gelingen einer Sache, die in Gustav Erichson's Hand lag, gewichen. Oft sah man sie öffentlich an der Seite des Letzteren; öfter noch gewahrte man sie Abends in der späten Dämmerung das einfache Haus betreten, in welchem er wohnte, das sie selten vor dem Frühlicht wieder verließen. Doch zu andern Malen mischten sie sich fröhlich mit ihm unter das Volk und bewunderten mit durchaus nicht kaufmännischen Blicken die schmucken, vollnackigen Dirnen aus Upland und Gefleborg, die mit den seeblauen Augen unter den dicken, über den Scheitel geflochtenen blonden Zöpfen sich unverzagt durch die Menge drängten und in der allgemeinen Freude manche allzu eifrige Bewunderung lachend ertrugen, die sie sonst furchtlos mit derbkräftiger Hand von sich abzuhalten verstanden. Den Tag hindurch waren die um die Stadt belegenen Felder ein Lager, das von Waffen mannigfachster Art glänzte, in deren Handhabung Gustav Wasa selbst seine lernbegierigen Anhänger übte. Auf kurzmähnigen, untersetzten Pferden von unglaublicher Ausdauer tummelten sich die Reiter, und die neuen Feuerwaffen, von den umstehenden Alten furchtsam bestaunt, knallten vom Morgen bis zum Abend; denn die freigebige Klugheit der Lübecker Herren hatte sich nicht auf die Lieferung von Musketen beschränkt, sondern den für die Zeit beträchtlichen Kostenpunkt nicht achtend, Munitionsvorräthe in solcher Fülle dazu gesandt, daß sie bei der umständlichen und zeitraubenden Operation des Ladens für jahrelange Kriege einer ganzen Armee ausgereicht hätten. Schwieriger jedenfalls reichten die Häuser Upsalas zur Unterbringung der zahllosen kriegerischen und unkriegerischen Gäste aus Süd und Nord aus. Doch von den Bewohnern der Stadt räumte jeglicher mit Freuden jeden Winkel seiner Behausung zur Aufnahme der Befreier ein. Ein Geist musterhafter Ordnung, nordischer Ehrbarkeit und Nüchternheit herrschte in der überfüllten Stadt; nur Abends nach vollbrachtem Waffentagwerk durchwogte Gesang, vorzüglich des neuen »Brunnbäckliedes«, die Nacht, welche die Uhr verkündete, während die Sonne um eine Stunde vor Mitternacht noch goldig am Horizont stand. Doch aller Lärm und Gesang verstummte und alle Köpfe entblößten sich – die Frauen hoben ihre Kinder auf die Arme, kühner drängten die Mädchen sich durch die Männer, und in den Augen der Alten leuchtete es jugendlich auf, wenn Gustav Wasa's hohe Gestalt über die Straße kam. Das that sie jetzt, einfach gekleidet und kaum größer als die der herumgedrängten Begleiter, aber dennoch zeichnete sie sich durch etwas Unnennbares aus, jeder Fremde hätte auf den ersten Blick Gustav Wasa aus der Zahl seiner Gefährten herauserkannt. Es war dasselbe Gesicht, das an jenem Novemberabend am Trollhätta plötzlich Karin Stenbock gegenüber gestanden, nur die Stirn gedankenvoller, ihren Jahren zum Trotz hie und da von leisen Furchen durchschnitten und überschattet. Auch eine Wunde zog sich an ihrer rechten Seite bis unter die Schläfe, eine breite Narbe, die nicht aussah, als ob sie von einer scharfen Kriegswaffe veranlaßt worden. Wie eingebrannt erschien sie und das Haar rundumher ebenfalls wie versengt. Doch der männlichen Schönheit des Gesichtes that es keinen Eintrag; es erhöhte eher die imponirende Energie seiner Züge, aus deren Augen eine Welt zurückspiegelte oder die eine Welt verschlossen, wenn sie dieselbe nicht ans Licht dringen lassen wollten. Niemand sah bis auf den Grund dieser Augen, weder die treuherzige Einfalt der Dalekarlen noch der kluge Blick der diplomatischen Kaufleute aus Deutschland. Wer die geheimsten Gedanken Gustav Erichson's zu wissen glaubte, sah sich gar oft enttäuscht. Auch seine Begleiter heute Nachmittag, die am Nordende der Stadt wohl eine Stunde schon an seiner Seite hielten, während er, der immer Thätige, regungslos im Sattel saß und durch die schwüle Julinachmittagshitze die Straße, die nach Gefle führte, hinaufschaute. Er mußte etwas besonders Wichtiges aus der genannten Hafenstadt erwarten, daß er, der des Nachts kaum ruhte und keine Minute des Tages ungenutzt ließ, seine Ungeduld bemeisterte und, in tiefes Nachdenken versunken, das Entrinnen der Zeit diesmal nicht zu bemerken schien. Musternd tauschten hinter ihm seine Gefährten Muthmaßungen über den Gegenstand seines Harrens aus. Dasselbe konnte nach ihrer übereinstimmenden Meinung nur etwas höchst Bedeutungsvolles ankünden, eine Botschaft aus Rußland oder die Meldung von der Ankunft Lübeckscher Hülfstruppen. Doch wußten die hanseatischen Herren von dem Bevorstehen der letzteren nichts; aber andererseits vermutheten sie selbst, daß die undurchdringlichen Augen des jugendlichen Feldherrn, ohne sich ihrer Vermittelung zu bedienen und über ihren Köpfen weg, auf eigene Hand die Thüren in der alten Travestadt zu erspähen wußten, hinter denen sich Macht, Einfluß und vor Allem die harten Lübschen Thaler, welche der Handel gen Osten ansammelte, befanden. So waren sie Alle kaum minder erwartungsvoll als ihr Oberhaupt und blickten gleich ihm ausharrend den sonnenheißen Weg nach Gefle hinauf. Jetzt zuckte es unmerklich um die Wimper Gustav Wasa's, und eine Minute später nahm auch der Blick der Andern einen dunklen Punkt wahr, der über den gelben Staub der Straße herankam. Er vergrößerte sich langsam, allmälig vermochte man zu erkennen, daß es eine für die damaligen Tage seltene Erscheinung aus dem Lande, ein offener Reisewagen war. Eine schwerfällige, von plumpen Pferden gezogene Kalesche – zwei Frauen saßen darin auf dem Rücksitz; die Eine mit eisgrauem Haar um die Schläfen blickte sonderbar ungeblendet grade in die vollen Sonnenstrahlen hinein, die Andere, deren Haar wie diese Strahlen selbst auf der weißen Stirn lag, hielt das Auge niedergeschlagen und wie mit ängstlicher Absicht etwas zur Seite gewendet. Nun rollte der Wagen an den harrenden Reitern vorüber. Neugierig doch ohne tieferes Interesse wandten einige von ihnen das Gesicht auf die Insassen desselben, während andere in ihrem leisen Gespräch fortfuhren – da zog Gustav Wasa mit rascher Bewegung den Hut von seinem Scheitel und verneigte sich bis auf die Mähne seines Pferdes. In einem Nu waren ringsum alle Häupter entblößt, und alle Augen hingen mit gespanntem Staunen an dem Antlitz des jungen Mädchens, dem der ungewöhnlich ehrerbietige Gruß des Feldherrn galt. Schon war der Wagen, ohne innezuhalten, weiter gerollt. Hocherröthend hatte das wundersam schöne Mädchen stumm den Gruß erwidert und mit tiefblauen Augen eine Secunde lang das auf sie gewandte Gesicht des Reiters gestreift. Dann lenkte dieser sein Roß herum und ritt schweigsam in die Stadt zurück. Es war offenbar, daß nichts weiter erwartet wurde. Gustav Wasa hatte Stunden hindurch unthätig verbracht, um ein Mädchen zu grüßen und einen Gruß von ihr zu erhalten. Blitzschnell durchlief die Kunde Upsala; diesmal war es Sache der Frauen, Muthmaßungen über Muthmaßungen zu häufen und auszuspinnen. Doch Niemand wußte, wer die schöne Fremde gewesen und wo sie geblieben. Man erfuhr nur, daß der Wagen die Stadt kaum berührt, an ihrem östlichen Ende wieder abgebogen und die Straße nach Alt-Upsala eingeschlagen. Zu noch früher Nachmittagsstunde traf er dort ein. Dicht neben dem uralten Thurm der Kirche lag ein freundliches Haus, stattlicher gebaut als die übrigen des Dorfes, davor hielt er. Knechte und Mägde standen erwartungsvoll am Thore und empfingen die Ankommenden mit schweigender Ehrfurcht. Auf den Arm ihrer Tochter gestützt, stieg Brita Stenbock aus und trat ins Haus. Hatten Gustav Wasa's unerforschliche Augen auch hierher gereicht? Mit zartem Sinn war Alles für den Aufenthalt von Frauen eingerichtet, kleiner und im Raume beschränkter, aber bequemer, weniger nordisch. Einfachheit athmend, als Torpa es geboten. Die Möbel, die schweren, kostbaren Vorhänge verriethen nicht schwedische Arbeit; der Reichthum, die Verbindungen einer großen überseeischen Handelsstadt sprachen aus ihnen. Hatte Gustav Wasa bei den Forderungen, die er an Musketen und Kriegsmannschaft zur Befreiung Schwedens gemacht, eben so wohl an einen Garten für die Rose vom Trollhätta gedacht, die er ihrem heimathlichen Boden entrissen? Dieser Garten entsprach ihr allerdings besser als die rauhe Wildniß, in der sie bald hier bald dort geweilt, seit jener Nacht, in der sie mit den Dohlen über die Göta-Elf geflogen. Sie hatte Gustav Wasa nicht wiedergesehen, seitdem sie ihm ihr: »Fahrwohl!« übers Wasser gerufen. Pferde standen bereit, und ihr Vater hob sie vor sich auf den Sattel. Sie ritten bei Nacht, und bei Tage fanden sie in einsam gelegenen Häusern, deren Bewohner stets vorher von ihrer Ankunft unterrichtet waren, williges Unterkommen. So erreichten sie die wild zerklüfteten Berge, welche die Grenze zwischen Schweden und Norwegen bilden. Doch auch hier waren sie nicht sicher; überallhin war der Befehl an die dänischen Besatzungen der Städte ergangen, auf sie zu fahnden, und von dem König selbst ein hoher Preis »auf den Kopf Karin Stenbock's, lebend oder todt,« gesetzt. Durchs Hochgebirge, das noch mit tiefem Schnee bedeckt war, wandten sie sich deshalb immer weiter gegen Norden. Es war ein mühevoller Weg, der oft die Kräfte der Männer ermüdete; doch Karin schien nichts von aller Anstrengung, von Mangel und Kälte zu empfinden. Staunend sahen die Bauern auf ihre zarte, mädchenhafte Gestalt, die der Unbill des Wetters, der Entbehrung, der rauhen Gegend Trotz bot, und mancher, der auf die Mahnung von Männern nicht gehört hätte, wurde von den begeisterten Worten aus dem Munde Karin's fortgerissen, sein Acker- oder Handwerksgeräth zur Seite zu werfen und nach Dalekarlien zu wandern, wo, wie das Gerücht durchs Land flog, die Befreier Schwedens sich sammelten. »Ich rufe Euch im Namen Gustav Wasa's,« sagte Karin, und ihre Wangen glühten. Dann begaben sie sich weiter. Wo sie durch weite, menschenleere Thäler kamen und ihren Gedanken nachzuhängen gezwungen wurden, war es ein traurig-düsterer Zug. Sie wußten nichts von dem, was nach ihrer Flucht in Torpa geschehen, nichts von dem Schicksal der in Christiern's grausame Hand gefallenen blinden Gattin und Mutter. Erst als die Clara-Elf überschritten, erreichte sie ein Bote und brachte die Meldung von der Errettung Brita Stenbock's, die zu Schiff über den Wenersee ebenfalls gen Norden geführt worden. Schaudernd hörte Karin die Erzählung des Boten, wie Gustav Wasa mit seinen vier Genossen in dem unterirdischen Gange auf den Abzug der Dänen gewartet und Jener endlich, von Angst getrieben, der Todesgefahr getrotzt, durch den Gang über Leichen sich emporgetastet und sich zwischen diese horchend auf den Boden gelegt habe. Doch auch er vermochte sich keine Vorstellung von dem zu bilden, was geschehen sollte. Er hörte nur, daß Brita Stenbock und Gustav Rosen gefesselt wurden und zurückblieben. Dann vernahm er drunten das Getöse vom Abzug des Königs, doch zugleich fiel der rothe Schein der Fackeln über sein Gesicht, näher und näher, ein roher Fuß trat mit eisenbeschlagenem Schuh auf seine Brust. Knistern und Krachen durchlief die Wände und erstickender Rauch füllte den Gang, daß er besinnungslos aufsprang, ob Feinde noch zugegen sein mochten oder nicht, und die Thür des Saales aufstieß. Kaum sah er durch den Qualm den Altar und die beiden regungslos an ihn geketteten Gestalten mehr; um eine halbe Minute später hätte sein Schwert ihre Stricke zu spät zerhauen, seine Arme, von denen Gustav Rosen's unterstützt, Brita Stenbock zu spät durch den brennenden Gang getragen. Glühendes Gebälk brach hinter ihnen zusammen und ein Scheit traf mit schwerer Wucht Gustav Wasa's Stirn, doch erreichte er die rettende Thür, die in den Schoß der Erde führte, wo er, von der ungeheuren Anstrengung erschöpft, mit seiner Bürde in den Armen die angstvoll seiner Rückkehr harrenden Dalekarlen traf und zu Boden sank. Nun erharrten sie ungeduldig, eine Ewigkeit erschien es ihnen, drunten die schützende Nacht wieder und gelangten ungesehen und ungefährdet an die Göta-Elf, die sie stromauf in den Wenersee entlang zogen. Athemlos lauschten Stenbock und seine Tochter; sie weinten Thränen des Glücks und des Schmerzes zugleich. Ihre Heimath war vom Boden verschwunden, wie Brita Stenbock's Augen sollten hinfort für jene die ihrigen sein und Torpa niemals wiedersehen. Doch was war Torpa gegen Schwedens Befreiung? Schweden war von jetzt an ihre Heimath – Karin empfand es wie eine Mahnung von oben, daß sie dem ganzen Vaterlande angehören solle, nicht der engen Scholle, auf der sie ihre Kindheit verträumt. Und was war die Zerstörung eines Hauses gegen das Leben der Mutter, das sie hoffnungslos verloren gegeben, das Gustav Wasa mit Gefahr seines eigenen gerettet! Dunkle Röthe schlug bei dem letzten Gedanken in die Wangen des Mädchens. Dachte sie der Worte, die der Trollhätta gehört: »Die Hand ist frei, Gustav Erichson, und sie gehört dem, der zwei Dinge vollbringt.« »Schwedens Zukunft komme über Dich, wenn sie um ein Weib verloren geht« – hatte Gustav Wasa, ins Boot zurückspringend, erwidert. Hatte er eins von den zwei Dingen vollbracht? Die fiebernd heiß und kalten Wangen Karin's sprachen Ja. – Was war das zweite? Konnte er auch dies vollbringen? Und wenn er es gethan, wenn er kam und sagte: Es ist geschehen, Karin, – was dann? Dann hat er ein volles, unbestreitbares Recht auf den Lohn, den die Augen, die andern Augen Karin's ihm verheißen – auf die Hand, die er begehrt. Warum nicht? – Die Augen, die das Herz zu verschenken gehabt, sind erloschen. Kein Strahl ist aus ihnen hervorgebrochen, wie der Bote von dem Geschick Gustav Rosen's erzählt; die Lippen haben sich nicht geregt, sie haben kein Wort hervorgebracht, das nach ihm gefragt. Die Augen sind erloschen, wie die Flammen von Torpa, und das Herz ist zu Asche geworden, wie die Trümmer des Schlosses. Doch es glimmt lange fort unter der Asche von Torpa, Karin. Wer daneben steht, glaubt, es sei Alles todt und ausgebrannt, denn der Sturm, der darüber hinfährt, bändigt die verborgene Kohle, die ungeahnt in der Tiefe fortglimmt. Aber wenn er sich gelegt, wenn der Rauch sich zertheilt und die stille Ruhe zurückkehrt, wenn leise, leise der Sommerhauch über die todte Stätte weht – da weckt er die schlummernde Kohle. Und weiter zog Karin an der Seite ihres Vaters und weckte die Kohlen, die unter der Asche Schwedens schliefen, mit der Mahnung: »Ich rufe Euch im Namen Gustav Wasa's, er wird Schweden befreien!« Heiß und kalt überfloß es wieder bei den Worten ihre Stirn. Hatte Gustav Wasa, wenn er Schweden befreit, das Zweite vollbracht, das der Trollhätta vernommen? Erst im Westen Dalekarliens traf Karin mit ihrer Mutter zusammen. Dort verließ Stenbock sie, um sich zu dem Heere zu begeben, das Gustav Erichson gesammelt. In fieberhafter Ueberspannung beharrte Karin auf dem Entschluß, Männer-Kleidung anzulegen und selbst an dem Kampf um das höchste, einzige Ziel Theil zu nehmen. Die Sorge um die blinde Mutter erschien ihr weniger heilig, als dieser Gedanke, den selbst der feste Wille des Vaters nicht zu brechen vermochte. In der Noth wendete er sich heimlich an Gustav Wasa und erlangte einen Befehl von ihm für Karin, ihrer Absicht zu entsagen. Als Feldherr Schwedens, schrieb dieser, verlange er unbedingten Gehorsam von Allen, die der Sache des Vaterlandes dienen wollten. Er erfülle, was Karin von ihm begehrt, und fordere, daß auch sie seinem Willen nachkomme. Auf seinen Wunsch solle sie sich mit der Mutter nach Alt-Upsala begeben, wo er ein Haus zu ihrer Aufnahme eingerichtet. Ein Wagen erharre sie in Gefle; genau war die Stunde ihrer dortigen Abfahrt und ihrer Ankunft in Upsala vorgeschrieben. Gustav Wasa's Gedanken ordneten und umfaßten Alles, das Kleinste wie das Größte. So trafen sie in dem Hause neben der Kirche in Alt-Upsala ein. Es war nichts zu ordnen in ihm, nichts zu ändern; wie wenn sorgsame Frauenhand Alles eingerichtet, sprach jeder Fleck im Innern der Wohnung von Umsicht, von seinem Sinn. Er sprach von mehr, wenn man erwog, daß es nicht Frauenhand, sondern die eines Mannes gewesen. Wer darüber nachsinnen wollte, daß es dazu die Hand gewesen, in der die Zukunft Schwedens zu ruhen schien, der mußte sich sagen, die Einrichtung des lindenüberdachten Hauses neben der Kirche von Alt-Upsala verrieth mehr als Umsicht und seinen Sinn, ja mehr als Dankbarkeit und Freundschaft. Karin fühlte es, wie sie gegen Abend nachdenklich ins Freie hinausging. Unruhvoll hatte sie den Nachmittag verbracht; ihr Auge war durchs Fenster gerichtet und hing fast unverwandt an der Straße, die sie nach Upsala hergeführt. Als ob die Aufregung der letzten Monate ihre Nerven berührt, fuhr sie fast erschrocken bei jedem unerwarteten Geräusch zusammen, wenn eine Thür sich öffnete oder draußen eine fremde Stimme erklang. Erst langsam mit dem Sinken des Tags legte sich ihre Unruhe, und sie trat durch den Garten, der das Haus umgab, ins Feld hinaus. Verwundert maß sie die drei Königshügel, die dicht vor ihr aufragten, mit den Blicken und fragte einen alten Dorfbewohner nach ihrer Bedeutung und ihren Namen. Dann schritt sie durch das hohe, blumengeschmückte Gras der vor ihr liegenden Wiese und stieg gedankenvoll den Odinshügel, die mittlere von den drei Erhöhungen, hinan. Vorjähriges Laub lag droben noch um den mächtigen Granitblock, auf dessen Rand sie sich setzte. Er mochte in grauer Zeit als Opferstein gedient haben, als der Hügel noch frei ins Land blickte; die alte Runenplatte drunten in der Kirchenwand, an der Karin betrachtend vorübergekommen, erzählte vielleicht davon. Es war eine Stätte, um die Gegenwart zu vergessen, mit den Gedanken in die Vergangenheit zurück, in die Zukunft voraus zu wandern. Was war Glück und Leid des Einzelnen in der großen Fluth, welche die Jahrhunderte, welche Jahrtausende heraufrauschten und wieder mit sich fortrafften? Wessen Stimme erklang an diesem Steine, ehe die Riesenbäume, die heute im Abendwind die Wipfel über ihm schüttelten, mit dünnen Fäden Wurzeln in die Erde hineinschlugen? Wer nach Jahrtausenden, nach Jahrhunderten wird von dem Mädchen Wissen, das jetzt auf ihm ruht und in die Welt hinausblickt, als begreife es ihr Getriebe? Nicht zur Freude ist das Leben geschaffen, zur Wahl nicht, sondern zur Pflicht. Andern zu nützen und dem Guten zu dienen, auch wo es Kampf und Ueberwindung gilt. Leise sprachen Karin's Lippen die letzten Worte vor sich hin. Es war später Abend; allein die Sonne stand noch über dem Horizont. Fast wagerecht warf sie das seltsam grüne, melancholische Licht der nordischen Spätsonne über das stille Thal, dessen Bewohner schon zur Ruhe gegangen, weil nach wenig Stunden schon das Roth im Osten sie wieder zur Arbeit aufrief. Sonderbar still und schwermüthig saß es sich droben über der nächtlich schlafenden Welt, die noch der helle Tagesschein beglänzte. Ueber dem dunklen Fichtenwald leuchteten in der Ferne die Goldkugeln der Domthürme von Upsala und warfen ihren Widerstrahl in die sinnenden Augen Karin's. »Woran denkst Du, Rose vom Trollhätta?« fragte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Sie fuhr jäh auf und stand Gustav Erichson gegenüber. Sie hatte ihn kaum gesehen seit jenem Abend, da sie ihn durch den unterirdischen Gang Torpas gerettet und im letzten Augenblick sich seinen ungestümen Armen entrungen. Seitdem hatte das Schicksal die Rolle getauscht; durch denselben Gang hatte er sie gerettet, sie bewußtlos ohne Widerstand auf seinen Armen fortgetragen. Er hatte weit mehr noch gethan – ihre plötzlich erglühte Schläfe sprach es aus, daß Alles zugleich deutlich vor ihrem Bewußtsein erwachte, und dennoch stand sie regungslos, wie sie es damals am Trollhätta gethan, als seine starke Hand zum ersten Male sie dem Leben wiedergegeben. Ihr Auge ruhte ungewiß auf der Brandwunde, die seine Stirn überzog, auf seiner ganzen männlich hohen Gestalt; doch ihre Lippen vermochten kein Wort hervorzubringen, und seine Brauen runzelten sich, wie sie es damals gethan; der freudig-fröhliche Ausdruck, den sein Gesicht bei der ersten Frage besessen, schwand, und er fuhr mit verändertem, herberem und doch unsicherem Tone fort: »Verdiene ich auch heut' keinen Dank, Karin? Hab' ich auch diesmal die Hand nicht verdient?« Sie mißverstand ihn. Ihre Lippen zitterten, kaum hörbar brachte sie stockend die Antwort hervor: »Schweden ist noch nicht frei.« »Du hast Recht, so sollst Du es wenigstens sein.« Er stieß es mit bebender Stimme aus, unsäglich bitter und mit Gewalt das unwillkürliche Zucken seiner Wimpern bekämpfend. »Du mahnst mich, daß, wer für die Freiheit sein Leben einsetzt, es nicht um Lohn thun darf; daß, wer für die Freiheit eines Volkes kämpft, nicht die eines Einzelnen gefährden soll. Ich gebe Dir Dein Wort zurück, Karin Stenbock, ob Schweden frei wird oder nicht. Worte find federleicht geworden, seit Christiern von Dänemark in Torpa war. Lebe wohl!« Ehe das Mädchen etwas zu erwidern im Stande war, hatte er den Rücken gewandt und den Fuß des Odinhügels erreicht. Er schwang sich auf sein drunten harrendes Pferd und jagte auf der Straße nach Upsala zurück. Karin stand todtenbleich und sah ihm nach; das Roß bäumte sich unausgesetzt unter ihm, die besinnungslose Aufregung des Reiters sprach deutlich aus den ängstlich schmerzvollen Bewegungen des Thieres. Diesmal war die Entfernung zwischen ihnen schon zu groß, als Karin die Herrschaft über sich zurückerlangt und mit zitterndem Munde »Gustav Wasa!« rief. Er hörte den Ruf nicht mehr; namenlose Bangniß kam über sie; die schlafende Welt und die Sonne drehte sich vor ihren Augen. – »Worte sind federleicht geworden, seit Christiern von Dänemark in Torpa war,« murmelte sie, einige Schritte zurückwankend. Dann verließ plötzlich die Kraft sie, und mit den Händen vortastend, fiel sie an dem alten Opfersteine zu Boden. Karin saß am andern Tage wieder droben, doch Gustav Wasa kam nicht zurück. Tag um Tag saß sie an derselben Stelle am Odinsteine und sah mit großen, bewegungslosen Augen hinüber nach Upsala. Sie hörte auf das Rauschen der Bäume über ihr; wie ein Jahr kam der Tag und rann hin wie ein Jahr. Von der Welt draußen drang keine Kunde dort hinauf; sie begehrte nicht nach ihr. Sie ordnete die Welt drinnen, und die Blätter halfen ihr, die sommerwelk aus den hohen Wipfeln auf den Opferstein herabfielen. Wochen vergingen; überall, bis an die Ostsee hinab, siegten die Waffen der Schweden. Nur Stockholm widerstand noch und ward jetzt von einem Heere, dem Lübecker Hülfstruppen zugesellt waren, belagert. Man erwartete bald die Uebergabe der Stadt – da rann noch einmal ein Schrei des Entsetzens durch Schweden; wie ein Blitz flog die Schreckensbotschaft von Ort zu Ort, daß Gustav Erichson's Mutter und Schwestern, die sich seit dem Beginn des Aufstandes als Gefangene in Stockholm befunden, auf den Befehl Christiern's von Dänemark ermordet worden. Auch nach Alt-Upsala gelangte die Kunde. Es war gegen Abend schon, als Karin Stenbock sie vernahm; der Ueberbringer derselben fügte hinzu, daß seit dieser Botschaft Niemand Gustav Wasa mehr gesehen. Es herrschte in Upsala die größte Bestürzung, da er sich, Speise und Trank verweigernd, eingeschlossen und Niemandem Antwort gebe. Leute, die lange an seiner Thür gelauscht, hätten gehört – wer ihn kenne, wolle es nicht glauben, aber sie könnten beschwören, daß sie Gustav Erichson weinen gehört. Langsam schlug Karin, ohne etwas zu erwidern, ihren gewohnten Weg nach dem Odinshügel ein. Sie setzte sich auf den alten Stein, wie sonst, und blickte in die Abendsonne, bis die Goldkugeln der Domthürme von Upsala zu funkeln begannen. Dann warf sie sich vor dem Opfersteine auf die Kniee und legte minutenlang die Stirn fest auf den kalten Granit. Ruhig erhob sie sich wieder und schritt den Hügel hinab, doch nicht ihrer Wohnung zu, sondern zur Straße gen Upsala hinunter. Sie verfolgte diese, nicht hastig und nicht langsam, bis sie die Stadt erreichte, an deren Eingang sie nach dem Hause Gustav Wasa's fragte. Ein kleines Mädchen lief neben ihr her und brachte sie bis dorthin. Verwundert machten die Offiziere, die rathlos auf dem Flur des Hauses standen, ihr Raum und deuteten ihr auf ihr Verlangen achselzuckend das Zimmer, in dem sich der Feldherr seit zwei Tagen dem Anblick seiner nächsten Vertrauten entzogen. Doch ruhig klopfte sie an die Thür und sagte: »Karin Stenbock wünscht Gustav Wasa zu sprechen.« Und zum sprachlosen Erstaunen der Umstehenden öffnete sich die Jedem verschlossene Thür hastig wie von selbst; doch ebenso schnell schloß Karin sie wieder hinter sich und sagte, die Augen ernst in das blasse, verstörte Gesicht des vor ihr stehenden Mannes heftend: »Das Wort einer Schwedin ist nicht wie das Christiern's von Dänemark. Ich will Dir Mutter und Schwester sein, Gustav Wasa.« Achtes Capitel. Nun war es Herbst geworden. Ein Jahr war vergangen, seitdem Gustav Erichson die Rose vom Trollhätta zum ersten Male gesehen; viel Unheil und Gram war aus Christiern's Hand über Schweden ausgegossen, viel Trost und Freude hatte die Hand Gustav Erichson's darüber gebreitet, seitdem die Erde einmal ihren Rundlauf um die Sonne vollbracht, und es war wieder Herbst geworden. Warmer, sonniger, nordischer Herbst. Unter der hohen, weißlich blauen Kuppel, die der Himmel über Upsala wölbte, standen die goldenen Kugeln der Domthürme, unbeweglich fernhin im Glänze der schrägen Mittagssonne flimmernd. Sie blickten über den immer grünen »wilden« Wald, über Felstrümmer und Gestrüpp bis auf die hohen, goldbraunen Wipfel der Königshügel von Alt-Upsala und an ihnen vorüber bis auf das spiegelstille Meer. Alles schien in Gold und Blau getaucht, Himmel und Erde, und goldhelle Freude strahlte aus den blauen Augen der Mädchen, Frauen und Männer in Upsala zurück. Eine halbe Stunde weit drängten sie vor der Stadt auf dem breiten Wege nach Stockholm, nicht Bewohner von Upsala allein, aus Westermanland und Südermanland und von drüben her aus dem Sveareich und höher hinauf noch von den Eisseen Norrlands und Norbottens. Erwartungsvoll reckten sich die Köpft und blickten gen Süden – von dorther sollte er kommen – er. Niemand brauchte den Namen zu nennen, der von ihm sprach – nicht mehr »der Herr und Hauptmann der Gemeinen des schwedischen Reichs«, sondern der König von Schweden, Gustav Wasa. Seit einer Woche tagten die »Edlen und Gemeinen des schwedischen Reichs« zu Strengnäs; seit zwei Tagen hatte der Reichstag Gustav Erichson zum König von Schweden erwählt. Und da kam er, und sein Antlitz leuchtete. Seine Augen waren milder, als sie je einer seiner neuen Unterthanen gesehen; die Wärme, der Glanz, die sonnige Freudigkeit des Herbsttages lag über ihm. Im königlichen Schmuck, den Hermelin lang an den Seiten des Rosses, das ihn in stolzem Gang dahintrug, herabfallend, ritt er neben dem milchweißen Zelter Karin Stenbock's, der »Königsbraut von Schweden«. Auch sie grüßte gar hold nach rechts und links; sie trug keinen Hermelin, doch das jubelnde Volk staunte sie fast noch mehr an wegen ihrer Schönheit und des goldenen Haares, das unter dem Goldreif ihres Scheitels hervorquoll und gelöst in Glanzströmen über Nacken und Rücken herabfiel. So ritt Freja auf goldmähnigem Roß aus den Thoren Walhallas, um die Erde zu erhellen, wie Karin von Schweden in die Thore von Upsala einzog. So ließ Freja den göttlichen Blick über den Gesichtern der Menschen ruhen, die sie beglücken wollte, und lächelte. Da plötzlich schwindet das Lächeln um Karins Lippen, und ein sinnender, seltsam ernster Zug stiegt über ihr Antlitz. Rasch erhebt sie den weißen Arm vom Nacken des Pferdes – es kommt etwas auf sie zugegaukelt durch die stille Luft, und sie faßt es mit der Hand. Ein weißer Falter ist es mit rothen, leuchtenden Augen auf den Flügeln; er setzt sich furchtlos auf ihre Hand und breitet wie auf dem Rand einer Herbstblume die schön geformten Schwingen auseinander. Die Frauen umher sehen es und zeigen es den Männern; der königliche Schmetterling der Berge ist ins Thal herabgekommen, Schwedens Königin zu begrüßen. Weshalb blickt Schwedens Königin so abwesend, so traumverloren auf den weißen Falter, den letzten Sommerboten, daß sie nichts von dem stillen Jubel der Menge vernimmt, die das friedliche Vorzeichen begrüßt? Horcht ihr Ohr durch die stille Luft nach Westen hinüber? Hallt es leis, ganz leis und fern daher, wie das Brausen des Trollhätta? Nein, er ist zu weit – es ist das Rauschen in den Buchenwipfeln des Odinhügels. Sie grüßen herüber in die stummen Augen Karin's; herbstlich flimmernd bewegen sie ihr braunes Gezweig wider den Horizont. Da wirbeln die Trommeln am ersten Hause von Upsala, und die Königsbraut fährt empor. Der Bürgermeister der Stadt, von seinen Rathsherren umgeben, beugte das Knie vor seinem König und begrüßte ihn mit feierlicher Anrede, die der Letztere geduldig anhörte, aber doch merklich beruhigt aufathmete, als zu erkennen war, daß sie sich ihrem Ende entgegenneigte. Weiter bewegte sich der Zug, Jeder wußte, wohin, und die Straßen, die er berührte, waren in einen Wald, der Boden in einen aus Binsen und Tannennadeln gewirkten Riesenteppich verwandelt. Nun stieg der uralte Dom auf freiem Platze riesenhaft empor; unter dem Hauptportal harrte der Erzbischof von Upsala im großen Ornat, von seinem ganzen Clerus umgeben, eine hochgewachsene, würdevolle Erscheinung, dem man an den Augen gewahrte, daß er die Bedeutung seines Amtes anders erfaßte, als die Sendlinge Papst Julius des Zweiten, die zur selben Zeit Ablaßgelder einsammelnd Deutschland durchzogen. Der junge König schwang sich, trotz dem langschleppenden Hermelin, gewandt vom Roß und hob Karin von ihrem Zelter. Beide neigten sich vor dem Erzbischof, der die Hand über ihnen ausstreckte und ihnen voran auf den Altar des Domes zuschritt. Mit feinem Tact war die Kirche selbst im Innern nicht geschmückt. In wunderbarer Schönheit und Reinheit der Form strebten die gothischen Pfeiler, hoch und schlank, wie aus Garbenbündeln zusammengesetzt, zu schwindelnder Höhe empor, in der das alte Gewölbe baldachinartig über dem Mittelschiff ruhte. Durch die bunten Fensterrosen ergoß sich gedämpftes, mildes Licht, das eigenthümlich mit dem Glanz der zahllosen Kerzen verschmolz, die den mit goldgestickter Decke geschmückten Altar erhellten. Das Gefolge des königlichen Paares schon füllte einen großen Theil des weiten Raumes; hinter ihm aber, unabsehbar, drängte die Menge und wogte hinein und erkletterte wagehalsig die hohen Fenster, um wenigstens von draußen einen Blick ins Innere zu werfen. Denn drinnen wurde durch den Primas des Reichs König »Gösta« mit Karin Stenbock vermählt. Doch im Augenblick, wo die feierliche Handlung beginnen sollte, nahte sich durch das Gedränge ein Bote dem König und flüsterte ihm eine Nachricht zu, die Gustav Wasa derartig berühren mußte, daß er mit einer kurzen Entschuldigung und Zusicherung baldiger Rückkehr dem Boten folgte und verschwand. Verwundert schaute die Menge ihm nach, wie er seine schöne Braut zwischen dem Vater und der blinden Mutter zurückließ, und ein neugieriges Surren durchlief die Kirche. Doch es verstummte ebenso schnell, denn schon nach wenigen Minuten erschien der König wieder. Mit strahlendem Antlitz trat er auf den Erzbischof zu und sagte: »Verstattet, ehrwürdiger Herr, daß ich vor Euch das Wort von dieser Stelle nehme. Sie wird nicht entweiht dadurch, denn es ist heilig und kommt von Gott, wie Eures.« Der König schwang sich schnell auf die Stufen des Altars und rief mit lauter, mächtig das Domgewölbe durchhaltender Stimme: »Zwei Grüße sendet der Himmel an Schwedens Volk. Stockholm ist unser; heute bei Sonnenaufgang hat der dänische Befehlshaber die Schlüssel der Hauptstadt übergeben.« Wie ein einziger, ungeheurer Jubelschrei brach es von allen Lippen; das letzte, lang ersehnte Ziel war errungen, Schweden war frei. Die stürmische Freude der Menge ließ sich nicht dämpfen; die neben einander Stehenden umarmten und küßten sich, tausendstimmig wogte der brausende Ruf an den Pfeilern empor und brach sich an dem Gewölbe und brandete zurück: »König Gustav lebe! Schweden ist frei.« »Und wird es bleiben,« übertönte die Stimme Gustav Wasa's endlich den Jubel, »denn ich habe noch eine Kunde für Schwedens Volk. Mein Bote, den ich an Kaiser Karl den Fünften gesandt, ist zurückgekehrt. Der deutsche Kaiser sagt sich von der Sache seines Schwagers, König Christiern's von Dänemark, los. Er bietet Schweden Anerkennung und Freundschaft; das dänische Volk aber hat sich wider König Christiern empört, ihn aus Dänemark verjagt und geächtet.« Diesmal durchhallte eine Stimme vernehmlich den jauchzenden Beifall, der den Worten folgte. Es war die Stimme Brita Stenbock's, und sie rief: »Ich sehe Dich, Christiern von Dänemark, ohnmächtig, verachtet und verabscheut. Ich sehe, wie Deine bleiche Stirn, mit dem Fluch Deines Volkes, mit dem Hohn der Menschheit beladen, wider die Mauern Deines Kerkers stößt, und wie die Gespenster Stockholms durch die Gitter Deines Fensters hereinlachen und Dich feig ins Leben zurückschrecken, weil Du Dich vor dem Thron fürchtest, auf dem Du nicht sitzest und vor dem Dein Gericht aufhört. Die eine Hälfte hat sich erfüllt, Christiern von Dänemark, die andere harrt Deiner!« Es überlief schauernd alle Anwesenden, so dämonisch lachte das blinde Weib auf zu den Worten, deren harter, unerbittlicher Ton wider die gothischen Pfeiler anschlug, wie das winterliche Eis, das der Trollhätta gebrochen und gegen die Felssäulen seines Ufers geschleudert. Brita Stenbock's Augen waren erloschen, aber ihr Haß war nicht todt – über Meer und Land verfolgte er den Todfeind und scheuchte ihn auf aus Ermattung, Schlaf und Verzweiflung und jagte ihn weiter ins Verderben. Einen Augenblick stand Brita Stenbock selbst wie ein Gespenst der Rache, aufgereckt an den Kerkerfenstern der Zukunft und gleich dem Tod von Stockholm in das wahnwitzige Gesicht Christiern's hinüberstarrend – dann fiel sie erschöpft in die Arme ihrer Tochter zurück. Sie erholte sich schnell, allein ihre Aufregung hatte sich Karin mitgetheilt, deren Augen mit eigenthümlichem Glanz leuchteten, wie der König jetzt ihre Hand faßte und, sie auf den Altar zuführend, flüsterte: »So ist doch noch die zweite Bedingung erfüllt in der Minute, bevor Du mein wirst, Rose vom Trollhätta – Schweden ist frei.« Sie sah ihm nicht ins Gesicht, sie sagte: »Ja, alle Bedingungen sind jetzt erfüllt, Schweden ist frei.« »Und Du bist seine Königin.« Es rann durch die Glieder des Mädchens, er fühlte es, wie ein Schauer von Stolz und Bangen zugleich. Sie trat fest auf den Sammetteppich des Altars. »Im Namen des allmächtigen Gottes grüße ich Dich, König Gustav von Schweden, den die Edlen und Gemeinen des Volks zu ihrem Herrn erwählt. Königsgeschlechter sind gekommen und gegangen an dieser Stätte; eines anderen Glaubens Priester setzten die Krone auf der Ynglinger Stirn, die da Söhne Odin's, des Gewaltigen, sich glaubten. Doch sie fielen wie das Laub im Herbst, und ihr Gedächtniß ist vergangen. Und das stolze Geschlecht der Folkungen nahm hier die Krone aus der Hand der Verkündiger des Evangeliums, und sie salbten es mit geweihtem Oele von Rom. Aber wie die Wellen des Meeres ist es zerronnen, und seine Spur gelöscht. Viele kamen nach ihm in langer Reihe mit hohen Namen und stolzem Blick, von hier und von dort, und sie wurden gesalbet und geweiht – doch wo ist ihre Erinnerung? Denn es ist nicht der Oeltropfen aus der Hand eines Menschen, der Kleines groß macht und Niederes emporhebt; es ist der Geist des lebendigen Gottes, der das Recht und die Freiheit und die Menschlichkeit ist, der auch die Mächtigen erhellen muß, auf daß ihr Angedenken nicht schwinde unter den Guten, ihre Tage nicht wie Staub im Nordwinde sind. So grüße ich Dich in der alten Königsstadt, Gustav Wasa, und ich hebe freudig die Hand zu dem großen Könige über uns Allen empor und danke ihm.« Also begann die Rede des greisen Erzbischofs von Upsala. Aus breiter, kraftvoller Mannesbrust gesprochen, rollten die Worte klangreich und feierlich über die tausend entblößten Häupter im Dome. Wie der Windhauch die Segel eines Schiffes, schwellten sie die Brust jedes schwedischen Hörers, dem aus ihnen eine friedliche, menschliche und doch stolze Zukunft des Vaterlandes emporstieg. Am gewaltigsten aber faßten sie Karin Stenbock, deren Körper es durchbebte, die bewundernd zu der majestätisch-schönen Gestalt an ihrer Seite, zu dem Manne aufblicken mußte, den sie preisen hörte als ein Werkzeug des Himmels, den sein Volk vergötterte, und der vor Allen sie ausgewählt, um gemeinsam mit ihr sein Werk zu vollenden, nach dem Kampf den Frieden über Schweden zu breiten, nach dem Sieg des Schwertes die Herrschaft des Rechtes, der Freiheit, des Glückes und der Menschlichkeit zu begründen. Ja, stolz und freudig zum ersten Male sah Karin auf den weißen Hermelin, der von den Schultern ihres königlichen Lebensgefährten herabfiel. Ihr war, als höre sie es über sich säuseln wie die Buchenwipfel des Odinhügels: »Andern zu nützen und dem Guten zu dienen.« Wie anders noch hatte es sich erfüllt, als sie es damals gemeint. Wie anders vermochte eine Königin den Wahlspruch, den die Sonnenstrahlen über die schlafende Welt in ihre Seele geleuchtet, zu erfüllen, als sie damals gedacht. Nein, diese Pflicht war auch eine Wahl, eine stolze, freudige Wahl. Und stolz und freudig schweiften die Augen Karin's während der Rede des Erzbischofs zum Gewölbe über ihr empor und zurück über die lauschenden Köpfe, die den Altar umdrängten. Da plötzlich zuckt es in den schönen Augen, und ihr blauer Glanz wird starr und bleibt wie gebannt festgeheftet auf dem rothen Porphyrpfeiler, der zur Rechten des Altars das Gewölbe des Mittelschiffes trägt. Das Tageslicht fällt nicht dorthin und auch der Schein der Altarkerzen nicht; nur der Abglanz von beiden umwebt ihn mit einem magischen Gemisch von Dunkel und Helle. Und seltsam umrahmt es den Kopf eines Zuschauers, der, den Blick unverwandt auf den Altar gerichtet, an dem Pfeiler lehnt. Etwas Geisterhaftes wie das Licht, das es umfließt, hat das blasse Gesicht. Man sieht aus der Ferne nicht, ob es jung oder alt ist. Die Züge scheinen jugendlich wie die schlanke, hochgewachsene Gestalt, aber das Haar, das voll über der Stirn liegt, widerspricht der Jugend. Es ist blond gewesen, und einen Schimmer davon hat es noch; wie mit Asche überstreut fällt es herab und wie mit Asche überweht sind die Augen. Sie sind lebloser als die todten Augen Brita Stenbock's, die aufmerksam den ernst frohen Worten des Redners lauschen, als blickten sie durch sie in die Zukunft hinaus. Manches Auge von den Zuhörern hing an dem Antlitz des Mädchens, das in wenigen Minuten zu Schwedens Königin erhöht war, und folgte jedem ihrer Blicke. Manches wandte sich deshalb und suchte den beglückten Gegenstand, auf dem jenes verweilte, und es fragten mehrere Lippen zugleich: »Wer mag es sein, der mit dem sonderbaren Gesicht drüben am Pfeiler lehnt? Ich glaube, die Königin sieht ihn an.« »Still,« antwortete eine Stimme, das Gemurmel dämpfend, »es ist der Botschafter des Königs an den deutschen Kaiser, der eben zurückgekommen. Er mag verwundert sein, was für ein Engelsgesicht der Gösta sich in seiner Abwesenheit geholt; man merkt's ihm an, daß er in seinem Leben etwas so Schönes nicht gesehen hat. Aber hört auf den Erzbischof; das Wichtigste kommt. Still!« Das Geflüster verstummte, und alle Blicke richteten sich auf den hohen Kirchenfürsten, der von kostbarer, mit Edelgestein ausgelegter Goldschale die schlichten Goldreifen, das gleiche Treuesymbol der Königin und der Geringsten emporhob. Nur die Augen Karin Stenbock's regten sich nicht; nur die Augen des Mannes am Pfeiler hielten unbeweglich ausdruckslos ihre Richtung inne. »Karin,« sagten die stummen, glanzlosen Augen am Pfeiler, »am Rand des Trollhätta stand der alte Barde und sah hinab. Um ihn blühte das Leben, die Sonne überfloß seine Stirn, die Blumen winkten, die Vögel sangen, und ihm graute vor der unheimlichen Gestalt, die aus dem Brausen des Abgrundes sich mit weißen Armen zu ihm aufreckte. Wie oft wollte er entfliehen; doch Zauber lag um seinen Leib, und er mußte hinuntersehen auf die donnernden Wasser, und willenlos zog es ihn näher und näher und, von den Geistern der Tiefe überwältigt, sprang er hinab, und der blendende Schaum schlug über ihn zusammen.« Der Erzbischof faßte die kalte, starre Hand der Königsbraut von Schweden und streifte den schlichten Ring über ihren Finger. Athemlos stand die harrende Menge. »Karin,« sagten die stummen, glanzlosen Augen am Pfeiler, »waren diese Lippen es, die sprachen: Werde nicht müde, armer Gustav – wenn Du müde würdest einmal und der Strom hätte mich gefaßt, daß es zu spät wäre und Du mich nicht mehr emporheben könntest. Waren es diese Lippen, die flüsterten: Verlaß Karin nicht – war es Gustav Rosen, dem sie sagten: Ich habe Dich ja so lieb, Gustav – so lieb –?« »Der allmächtige Gott schütze und behüte Euch, König und Königin von Schweden. Er lenke Euer Herz zu Eurem Glück und zum Heile Eures Landes. Er erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch Frieden.« Wie ein schlichter Bürger bog Gustav Wasa die Lippen zu seiner Gattin nieder. Wie aus langem Traum auffahrend, schwankten die blauen Augen der Königin von Schweden zum ersten Male von dem Antlitz zur Seite. Sie glitten mit irrem Blick über das lang herabfließende, schneeige Hermelingewand ihres königlichen Gatten, ihre Füße wankten, schaudernd streckte sie vornübergeneigt ihre Hände aus und fiel mit dem Angstschrei: »Du bist der Trollhätta –!« besinnungslos in die Arme Gustav Erichson's. Es war nur Einer in dem weiten Gewölbe, der es verstand; Wenige überhaupt vernahmen es. Die Menge sah die junge Königin nur von fern in die Arme ihres Gatten fallen, die sich fest um sie zusammengeschlossen; sah nicht, daß der König ihren Leib wie leblos kraftvoll aufrechterhalten und stützen mußte. Sorgsam mit starkem Arm hielt er sie und flüsterte ihr liebreiche Worte ins Ohr. »Ihr tragt die Schuld daran, Frau Mutter,« sagte er dann, sich vorwurfsvoll zu Brita Stenbock wendend; »was vergangen, ist todt und mag schlafen. Warum mußtet Ihr die Schatten von Torpa aufwecken und in die Freude dieses Tages hineinwerfen?« Die blinde Frau antwortete nicht, doch ihre Tochter richtete sich langsam auf. »Die Schatten von Torpa« – wiederholte sie, mit der Hand über die Stirn gleitend; »Du sagst es, sie sind todt – was vergangen, ist todt und muß schlafen.« Und Karin faßte den Arm ihres Gatten und durchschritt festen Fußes mit ihm die Kirche. Das königliche Gefolge reihte sich hinter sie, daran schloß sich mit Jubelrufen das unermeßliche Gedränge des Volkes. Nach wenig Minuten stand Niemand mehr unter dem hohen Domgewölbe, als der Einzige, der das Wort verstanden, das Karin von Schweden gesprochen. Er stand noch immer an demselben Pfeiler, die Altarkerzen waren ausgelöscht, und nur das Licht des Tages fiel matt durch die bunten Scheiben; doch die stummen, glanzlosen Augen warm noch unverwandt auf die leere Stätte vor dem Altar gerichtet. Sie blieben es, bis der Schließer kam und den einsamen Gast verwundert betrachtete. »Seid Ihr unwohl, Herr?« fragte er endlich respectvoll. Da fuhr Gustav Rosen zusammen, blickte ihm sich besinnend ins Gesicht und ging schweigend hinaus. Draußen, nachdem der Hochzeitszug die Brücke des Fyrisöflusses überschritten, hielt König Gustav einen Augenblick inne und deutete auf einen am Rande der westlichen Stadthälfte emporsteigenden grünen Hügel, der sich, Upsala überblickend, sanft gen Süden abdachte. »Dort wollen wir uns ein Schloß bauen und glücklich sein,« sagte er leise, sich zu seiner jungen Lebensgefährtin hinüberneigend. Sie hob den Blick: »Ja, man wird die Bäume des Odinhügels von dort sehen,« versetzte sie ernst. Nun strömte Alles dem Königspaar zu dem Hause nach, das die Stadt für seine Hochzeit in Bereitschaft gesetzt hatte. Es war das stattlichste in Upsala; mit der früh einbrechenden Dämmerung harrte in seinen großen Sälen ein festliches Banquet. Auf kronengeschmückten Sesseln saß zu Häupten der Tafel das erste Königspaar, das Schweden seit einem halben Jahrhundert gesehen; neben Gustav Wasa zur Linken das ernstmilde Gesicht des Primas des Reichs. Viel und bedeutungsvoll trotz der Heiterkeit des Festes sprach mit ihm der König von der neuen Geisteswelt, die südlich der Ostsee in Deutschland erwacht; erfreut lauschten die Lübecker Herren auf ein oftmals im Munde des Fürsten wiederkehrendes Wort, bis dieser den Pokal vor sich erhob und mit lauter, klangvoller Stimme rief: »Ihr Edlen und Gemeinen des schwedischen Volkes! Mein erster Gruß gilt der Freiheit dieses Landes. Doch Ihr habt erfahren, daß sie nicht in Händen, daß sie im Haupte ruht; daß ein Volk allzeit die Knechtschaft abzuschütteln vermag, ob seine Arme gleich gekettet sind, wenn sein Geist frei ist. Die Freiheit, die ich meine, die ich Euch bringen will, hängt nicht am Falle Stockholms, nicht an der Entthronung Christiern's von Dänemark. Sie entstammt der Erde nicht, der Himmel hat einem Größeren, denn ich, sie übergeben, um sie zu verkünden. Ich trinke darauf, nach ernster Sitte der Väter, daß das Werk des Mönches zu Wittenberg gedeihe, daß es die römischen Fesseln sprenge dort und hier – mein Gruß gilt Martin Luther!« Fast Alle, die um den langen Tisch saßen, sprangen begeistert auf. Wie ein zündender Funke fiel das Wort in Jedes Gemüth, doch alle Blicke richteten sich erwartungsvoll gespannt auf die hohe, ehrwürdige Gestalt zur Linken des Königs. Dann brach ein betäubender Beifallsruf von allen Lippen; mit fester Hand erhob der Erzbischof von Upsala seinen Becher, stieß ihn wider den Gustav Wasa's und sagte: »Auf das Wohl Martin Luther's.« Auch Karin's Becher traf den ihres Gatten mit hellem Klang. Nun flogen nach uraltschwedischer Sitte die »Skäls« herüber und hinüber. Seltsame Aehnlichkeit und seltsamen Gegensatz bot die Tafel zu der, die im Beginn des Frühjahrs die schuttüberdeckten Wände von Torpa gesehen. Viele der nämlichen Gesichter auch hier, doch mit wie anderem Ausdruck! Sorgloser Frohsinn sprach aus den kraftvollen Zügen Gustav Stenbock's; das blinde Antlitz neben ihm hatte den eisigen Zug verloren, der zum letzten Male es vor dem Altar im Dom überflogen, und an der Seite eines Königs von Schweden saß wieder Karin. Doch nicht zitternd, nicht fieberhaft erblassend und erglühend – mit stäten, ernsten Augen, schön und ruhevoll – schön, wie der milde Herbst, der über Schwedens junger Freiheit lag, ruhevoll, wie die Buchenwipfel des Odinhügels, die in den blauen Himmel emporragten. Und drunten am andern Ende der langen Tafel saß ein stummer Gast, wie er am Tisch zu Schloß Torpa gesessen. Seine Lippen sprachen nicht, sie berührten nicht Speise noch Trank. Ueber den zitternden Lichtern weit vor ihm ruhte die Königin von Schweden vor seinem Blick, aber hinter ihr, fern, unendlich fern und klein vor seinen Augen schwebte wie ein Traumbild Karin Stenbock. Durch die Wand des Festsaals schauten sie hinaus in ein Felsenthal, das der Trollhätta durchrauschte – da stand, von der linden Frühlingssonne das goldblonde Haar überfluthet, Karin Stenbock und sagte: »Weine nicht, Gustav; wenn ich groß bin, gehe ich mit Dir nach Dänemark.« Alles Klingen der Becher, allen Lärm des Festes überklangen die leisen Worte, die das Traumbild sprach, das so weit und doch so sonnenhell über dem Sessel der Königin von Schweden in die stummen, glanzlosen Augen nickte. Nun lächelte es durch Thränen und bat wieder mit schluchzender Stimme: »Weine nicht, Gustav; ich werde ja Deine Frau, und dann will ich auch Deine Mutter sein, und wir gehen zusammen nach Dänemark.« Eine Thräne fiel aus der Wimper des stummen Gastes auf den unberührten silbernen Teller – und wieder fuhr Gustav Rosen erschreckt auf, denn die Stimme seines Nachbars zur Rechten fragte theilnahmsvoll: »Seid Ihr unwohl, Herr?« Der Angeredete erhob sich schweigend, wie er es wenige Stunden zuvor im Dom gethan, und wollte den Saal verlassen, da traf ihn ein Blick des Königs, der gleichfalls von seinem Sitz emporgesprungen. »Der König will reden: still!« durchlief es die Reihen; jedes Geräusch verstummte, und Gusta Wasa sprach: »Wir haben das Wohl manches tapferen Mannes getrunken, von dessen Thaten um die Freiheit Schwedens wir Alle Zeugen gewesen. Doch manches Verdienst auch hat sich in der Stille geborgen, wohin nur der Blick von Wenigen reichte. Mancher Kampf ist gekämpft worden, den kein Auge gesehen, ob er vielleicht der schwerste war. Ich grüße auch die, welche erst sich überwinden mußten, ehe sie das ewige Recht unseres Zieles erkannt. Ich grüße mit diesem Trunke den Mann, der die schwerste Aufgabe übernommen, den deutschen Kaiser von der Sache seines Verwandten zu trennen und für uns zu gewinnen, und sie siegreich durchgeführt. Den Mann, ohne dessen Muth die edle Mutter Eurer Königin heut' nicht mehr bei uns verweilte, dem Ihr Alle wie ich gleich viel verdankt – Dich, Gustav Rosen!« Auf einen Zug leerte der König seinen Becher, und Alle folgten ihm. Gustav Wasa dachte nur jener Nacht, in der er die dem Tode Geweihten in Torpa gerettet, in der Rosen die ganze ungeheure Schuld, die er auf sein Haupt geladen, erkannt – erkannt, daß er in dem dänischen Tyrannen fluchwürdigen Zielen gedient und zur Sühne sich jedem Dienste für die Sache seines Vaterlandes willig erboten. Da hatte Gustav Erichson ihn, weise vorausblickend, als Botschafter an den Kaiser Karl den Fünften betraut. Hatte er damals noch einen andern, geheimeren Zweck mit der weiten Entfernung des Jünglings verfolgt? Unbewußt vielleicht – doch jetzt war er lang vergessen. In seinem Gedächtniß haftete lang nur noch das »Niemals«, das Karin gesprochen, als er auf den Wassern der Göta-Elf gefragt: »Willst Du zu Gustav Rosen zurück?« »Niemals. Zwischen mir und ihm liegt ein Abgrund, wie der Trollhätta zwischen diesem Ufer und jenem. Mein Herz gehört dem nicht mehr, der Schweden verrieth.« Was wußte Gustav Rosen von den Augen Karin's, die Schweden gehörten? Was weiß Gustav Wasa von den Augen Karin's, die Gustav Rosen geliebt?« Nun ist Schweden befreit. Hatte der Gesandte Gustav Erichson's an den deutschen Kaiser gedacht, er könne auch eine andere Schuld dadurch sühnen? Hatte er gedacht, er werde zurückkommen und sagen können: ich war verblendet, als ich Schweden verrieth – jetzt habe ich geholfen, Dein und mein Vaterland zu retten!? Der Weg ist weit vom Trollhätta bis an die Alpen. Als Gustav Rosen's Fuß Upsala betrat, läuteten die Glocken des Doms, läuteten alle Glocken Schwedens zur Hochzeit seiner Königin. Es war ein stolzer, ritterlicher König, in dessen Hände sie die ihren gelegt; es war ein starker, ein weiser und war ein edler Mann. Wohl gab es keine Jungfrau im Schwedenlande, die heut' nicht Karin's Schicksal beneidete, wohl vielleicht manchen Mann auch, der Gustav Wasa's neue Krone geringer an Werth geschätzt hätte, als die weiße Perle, die, wie aus dem Schaum des Trollhätta ans Licht getragen, goldumrahmt an seiner Seite saß. Auch sie erhob sich bei dem letzten Wort, das er gesprochen – »Dich, Gustav Rosen!« sagte er, und sie stand auf. Ein Blick, der erste von ihr, fiel an das Ende des Tisches – eine Secunde lang war die Königin von Schweden aus dem Sessel verschwunden und das ferne Bild hinter ihr kam heran und stand einsam und fremd da im Festessaal zu Upsala – dann wichen die Augen Karin's zur Seite, und es schwand wieder zurück in die weite Ferne, unerreichbar, unwiederbringlich. Und tiefer sank die Nacht, und die Mitternacht kam und mit ihr die Stille im Hochzeitshaus zu Upsala. Schweigen lag auf dem weiten Schwedenreiche; nur ein Nordlicht, hoch bis an den Zenith aufstrahlend, stand über der alten Königsstadt. Neuntes Capitel. Goldig ging der nächste Morgen über dem freien Lande auf. Großmüthig gewährte der junge König der dänischen Besatzung freien Abzug von Stockholm in ihre Heimath; Völkerrecht und Menschlichkeit begannen mit ihm ihre Herrschaft in Schweden. Ein seltener, sommerwarmer Herbst lag über der jungen Freiheit; was seit Menschengedenken nicht geschehen, die Saat des neuen Jahres deckte grün, so weit das Auge reichte, die Felder, und zum zweiten Male in weißen Blüthen standen die Bäume. Der Frühling schien mit brüderlichem Arm den Herbst umschlungen und die Gewalt des Winters für ewig gebrochen zu haben. Jauchzend erntete das Volk den reichen Fruchtschatz in die Scheuern und blickte wie mit göttlicher Verehrung zu seinem Königspaar auf, mit dem es in gläubiger Dankbarkeit allen Segen verknüpfte, der nach der langen Kriegsnoth und Knechtschaft als etwas fast Unbegreifliches das Land überströmte. Besonders aber sah es ihn als die Gabe Karin's an. deren Augen unermüdlich über der Dürftigkeit ruhten, die weise wie das Alter und doch lieblich und herzgewinnend wie die Jugend nicht die Würde, sondern die ernste Pflicht einer Königskrone offenbarte. Ihr Ohr stand Jedem offen, und glücklich und hoffnungsvoll leuchtete es in den Augen der Landbewohner auf, wenn ihr weißer Zelter, selten von mehr als einem Diener begleitet, am Rande eines Dorfes erschien und die Kinder frohlockend in die Häuser stürzten und die Ankunft der »guten Königin« jubelnd verkündeten. Der König sah es freudig, wie sie im weiten Umkreis die Herzen des Volkes gewann. Manchmal begleitete er sie auf ihren Wegen; öfter hielten ihn wichtige Arbeiten, welche die Neugestaltung aller Verhältnisse im Lande erforderte, in Upsala zurück. Dann ritt Karin allein voraus durch die herbstsonnige Welt, und ihr Begleiter folgte erst entfernt hinterdrein. Sinnend blickte sie in die Ferne hinaus, sie merkte es oftmals nicht, daß ihr Pferd, von seiner Reiterin vergessen, innehielt; was sie denken mochte, ihre Lippe sprach es nicht aus, auch sich selber nicht. Sie nahm gern ihren Weg auf die See zu, wo sie von einer Höhe fern auf den blauen Spiegel hinüber zu schauen vermochte. Dann wußte der Diener, daß ihr Stunden wie Minuten erschienen, doch zürnte sie nie, wenn er endlich herankam und ehrfurchtsvoll auf die Sonne deutete, die in ihrem Rücken unbeachtet von ihr herabsank. Schweigend wendete sie auf seine Mahnung ihren Zelter und ritt zurück, und die Bewohner der Orte, durch die sie gelangte, fanden das schöne Antlitz der jungen Königin nie weniger ruhig und liebreich, als sie es zuletzt gesehen. So kam sie auch heute aus der Meeresrichtung heimwärts. Ein Jahr war grade verflossen, seitdem sie Gustav Wasa am Rande des Trollhätta zuerst getroffen, und länger als gewöhnlich noch hatte sie abgewandt auf der Höhe gehalten und in die unendliche Ferne geblickt, wo über der See Erd' und Himmel in einander gingen, daß kein Auge mehr unterschied, wo jene endete und dieser begann. Und abgewandt ritt sie heute auch zurück, bis sie zur Rechten der viereckige Thurm von Alt-Upsala durch die entblätterten Linden grüßte. Eine plötzliche Regung mußte über sie kommen; sie schlug die Augen zu den hohen Wipfeln auf, die von den Königshügeln das Dorf überragten, dann winkte sie dem Diener, ohne sie den Weg in die Stadt fortzusetzen, und bog seitwärts ab. Sie berührte das Dorf nicht; durch Felder gelangte sie an den Fuß des Odinhügels, an dem sie sich herabschwang und ihr Pferd der Freiheit überließ. »Du wartest auf mich, ich weiß es,« sagte sie leise mit sonderbarem Ton, die Hand auf seinen schlanken Hals legend, »Du trägst mich immer ins Königshaus zurück.« Langsam stieg sie hinan; ihr Schleppkleid oder das tiefe Laub, das ihre Füße durchrauschten, mochte ihr das Gehen erschweren, denn sie stand oft still und legte den Kopf wie ermüdet in die Hand. Nun war sie oben, und die untergehende Sonne traf blendend in ihr Gesicht. Wagerecht warf sie ihr grünes, melancholisches Licht über das stille Thal, über die braunen Buchenblätter, die alle aus den hohen Wipfeln gefallen und den alten Opferstein dicht bedeckten. Doch Karin kannte jede Stelle desselben genau, so genau, als ob ihr Herzblut an jeder auf den Stein geflossen. Mechanisch bewegte sie sich dorthin, wo die Kraft sie verlassen, als Gustav Wasa in wildem Schmerze von ihr gegangen, wo sie auf die Kniee gesunken und die Stirn wider den kalten Granit gepreßt, ehe sie selbst die Straße gen Upsala hinabschritt. Ihre Füße wankten, wie sie es damals gethan, es war, als ob ein wilder Schmerz jetzt das ruhige Antlitz der jungen Königin verzerren, als ob ein ungeheurer, nicht mehr zu hemmender Schrei aus ihrer wogenden Brust hervorbrechen wollte. Da knisterte es vor ihr in den welken Blättern, daß sie zusammenfahrend aufsah. Ihr Auge traf gerade auf den Goldknauf der Thürme des Domes von Upsala, die ihre Sonnengluth über den dunklen Tannenwald zurückwarfen; doch die Strahlen zogen ihre goldenen Fäden an einer hohen Gestalt vorüber, die seitwärts regungslos an einem Buchenstamm lehnte. Nun wendete auch diese langsam den Kopf und stieß einen irren Schrei aus – es war Gustav Rosen. Ueber dem laubverhüllten Stein fanden sich die blauen Augen, wie sie einst es so oft gethan bis in die unbegreiflichste, sonnigste Kindheit hinauf. Sie fanden sich und hielten sich sprachlos und unbeweglich, minutenlang, dann – Dann wandte der Jüngling sich krampfhaft aufschluchzend ab und schritt den Hügel gegen die Wiese hinunter. »Gustav –« rief Karin. Er hörte es und fuhr zusammen, doch er hielt nicht an. »Ich befehle es Dir, Gustav, bleib'! Deine Königin befiehlt Dir –« Es war nicht befehlend gesprochen, unsägliche Wehmuth nur sprach aus dem Ton der gebieterischen Worte. Sie geboten nicht, sie baten; todttraurig wendete sich sein Gesicht, und Gustav Rosen kam zurück. Festen Schrittes trat Karin auf ihn zu; der Schmerz in ihren Zügen war verschwunden, ihre Brust wogte nicht mehr, sie war ruhig wie ihre Augen, wie der Herbst um sie her. »Wir müssen Abschied nehmen für eine Weile, Gustav« – ihre Stimme zitterte nicht, ihre Hand hatte die seine gefaßt und hielt sie still umschlossen. »Wir haben es ja oft gemußt als Kinder, wenn die Sonne unterging, und immer ging sie wieder auf.« Sie deutete mit der andern Hand auf die rothverglühende Kugel, deren letzter Strahl zwischen sie fiel, wie aus den Wipfeln über ihnen das letzte Blatt verdorrt hernieder schwebte. Auf ihr goldenes Haar fiel es, und sie nahm es mit schmerzlichem Lächeln und reichte es ihm hinüber. »Ich habe manche Blume von Dir zum Gedächtniß aus Frühlingstagen,« sagte sie. »Sie blühten jenseits des Trollhätta, und nun ist es Herbst, und ich habe hier nichts Dir zum Gedächtniß zu geben als dieses Blatt.« Er griff darnach, und seine Hand umschloß es, daß es knisternd in Stücke brach. Zum ersten Mal öffneten sich seine Lippen, sie flüsterten, um das Beben ihrer Stimme zu unterdrücken: »Sag' mir nur Eins, Karin, und ich will ruhig Abschied von Dir nehmen – sag' mir nur Eins – bist Du glücklich? Liebst Du Gustav Wasa?« Die Königin wandte die Augen auf die Goldkugeln der Domthürme. »Ein Weib, das ihn zum Gatten hat, ist glücklich vor vielen,« entgegnete sie leise. »Liebst Du Gustav Wasa, Karin?« Er wiederholte die Frage mit bebender, gewaltsam verhaltener Erregung. In eine Secunde lag die Entscheidung zweier Menschenleben zusammengedrängt, und Karin hob die blauen Augen zu denen des Geliebten empor und sprach mit fester, unbeirrter Stimme: »Ja.« Und versunken war die Sonne des Tages, und der kühle Nachtwind rauschte schauernd auf durch die Herbsteswelt. Ein irrer, wahnsinniger Schrei brach aus Gustav Rosen's Brust, sinnbetäubt streckte er die Arme aus und umklammerte gewaltsam den Leib der jungen Frau. Doch sie löste sich kraftvoll aus seinen Banden. »Schwedens Königin tritt unbeschützt in jede Hütte und in die Einsamkeit des Waldes – willst Du verschulden, daß sie es nicht mehr darf, Gustav?« fragte sie ernst. Thränen überströmten sein Gesicht, seine Hände fielen wie gelähmt herab. Doch schon hatten ihre Arme sich wieder um seinen Nacken gelegt, ihre Augen sahen noch einmal, allen Glanz der Vergangenheit in einen Blick zusammendrängend, dicht in die seinen hinein – »Leb' wohl, mein Gustav,« sagten ihre Lippen und neigten sich aus ihn und küßten ihn – – – und gen Upsala verschwand in der Dämmerung am dunklen Tannenrand wie ein weißer Stern der Zelter der Königin von Schweden. Ruhevoll, wie immer, betrat sie das Haus ihres Gatten und strich ihm liebevoll mit sanfter Hand die sorgenvolle Stirn. Viele Sorgen drängten sich auf der Stirn des jungen Königs und scheuchten den Schlummer von seinem Auge. Und schlaflos, erzählt die Chronik, lag er auch in jener Nacht. Da öffnete Karin im Traum die Lippen und sprach. Und er beugte sich über sie hin, und sie sagte im Traum: »König Gustav lieb' ich gewißlich sehr, Doch Gustav Rosen vergesse ich nimmermehr –« Nimmermehr – die Wellen des Mälar haben es vernommen und murmeln es weiter. Und der Hjelmarsee trägt es über die unabsehbaren Wasser des Wenersees und hinaus durch die Felsenthore, die der grüne Fluß durchschießt – dann kommen die Fälle vom Trollhätta. Sie kommen daher, wie die Schicksale der Menschen, friedlich, durchsichtig, und küssen die nickenden Gräser, die sich auf sie herabneigen. Dann ein kleiner Wirbel und ein schnelleres Rauschen, unmerklich, ahnungslos – doch die Stille, die Klarheit sind dahin und kehren nicht wieder. Geschwinder schießen sie fort, – immer hastiger getrieben, unaufhaltsamer und unabwendbarer – dann plötzlich stürzen sie tosend in die verschlingende Tiefe hinab, aus der kein Arm den Versunkenen mehr emporhebt. Das sind die Fälle des Trollhätta. Sie überrauschen Tage und Jahrhunderte. Der Knabe, der an ihnen spielt, wird zum Manne, und sein Haar bleicht. Und wenn er zum letzten Male am Stabe zu ihnen hinauswankt, sind sie wie an dem Tage, da er sie zum ersten Male sah. Blumenumrandet, wie der Frühling, und silberweiß, wie der Winter. Sie rauschen seit tausend, tausend Jahren, ehe ein Ohr da war, sie zu vernehmen. Weit über die Felsen sprühen sie ihren silbernen Staub, darauf die Sonnenlichter in freudigen Farben glänzen und gleißen. Drunten aber unter dem blendenden majestätischen Schleier wogen und wallen die stürzenden, stürmischen Wasser. Es ist gut sitzen am Rande des Trollhätta für den, der etwas vergessen will, das die fallenden Wasser überhallen.