Verschiedene Autoren Rheinisches Dichterbuch – Auszug Ein Spiegelbild der zeitgenössischen rheinischen Dichtung Herausgegeben von Dettmar Heinrich Sarnetzki Mit einer Einführung, einer biographischen Uebersicht und sechs Porträts.   Köln am Rhein 1909 Verlag von Hoursch \& Bechstedt     Für eine Reihe von Dichtern dieser Anthologie ist das Urheberrecht (2012) noch nicht abgelaufen. Die Werke dieser Autoren wurden aus dem Buch gelöscht. Re Zur Einführung Die Dichtung des Rheinlands ist alt wie seine Kultur. Ich denke an das Rheinland im weitesten Sinne, das sich deckt mit der alten historischen Heerstraße und seinen Nachbargebieten, auf der die Kultur ihren Entdeckerweg mit Schwert und Kruzifix und Pergament gegangen ist und langsam diese gesegneten Gefilde für sich erschlossen hat. Und während im Osten und Norden noch die germanischen Ursitten durch die hohen Wälder gespensterten, wuchsen dem Laufe des Rheinstromes nach die Dörfer und Städte zu reicher Blüte auf und erlebten eine bunte und wechselvolle Geschichte. Fast ganz im Gegensatz zu späterer Zeit hat sich der erste Strom der Geistesbildung vom Rhein aus in die deutschen Gaue ergossen; der Kern der unschätzbaren Sagenzyklen, der alten Heldenlieder, der Legendenpoesie und des Minnesangs haben ihren Sitz und ihre Heimstätte oder ihren wahrscheinlichen oder mutmaßlichen Verfasser im Gebiete der Rheinlande. Es ist ein weiter Weg von Decimus Magnus Ausonius' Moselidyllen über Otfried und seine altdeutsche Messiade, Heinrich von Veldeke, den Dichter der Enëit, über den Kreuzritter und liebenswürdigen Minnesinger Friedrich von Husen bis in das verflossene Jahrhundert, das einsetzt mit den Romantikern, seinen Höhepunkt in der starken Dichterpersönlichkeit Heinrich Heines findet und nach einer Zeit des Niederganges, epigonenhafter Nachbeterei und markloser Gefühlspoesie in den Jungstrom der neuen Zeit einmündet, der geboren worden ist aus der elementaren Literatur-Revolution der achtziger Jahre. Wenn man zurückblickt auf die Entwicklung der rheinischen Dichtung, so begegnet man in vielen Jahrhunderten nur verhältnismäßig vereinzelten Charakterköpfen, die scharf sich abheben aus dem nicht immer erfreulichen Rahmen ihrer Zeit; die Wesensart der kirchlichen und die Zerrissenheit der politischen Verhältnisse tragen die Schuld, daß es über der literarischen Produktion, wenn sie auch niemals erstorben war, doch oft in langen Zeiträumen wie Erschlaffung und Unempfänglichkeit gelegen hat. Ein behaglicher, selbstzufriedener, vorzugsweise dem materiellen Erwerb zugewandter Zug beherrschte den Rheinländer des ausklingenden Mittelalters und der späteren Jahrhunderte, dem – im allgemeinen – die Geisteskultur vergangener Geschlechter eben so wenig Herzenssache war wie der Trieb, die eigene und die seiner Zeit zu pflegen und zu erhöhen. Bis die Stürme der französischen Revolution in diese geistige Genügsamkeit hineinbliesen und die glatten Gewässer aufwirbelten, die Worte der Philosophen und der Klassiker an der Wende des Jahrhunderts auch an die Tore der Rheinlande pochten. Dann kam es, daß die Romantiker, zuerst Friedrich v. Schlegel, dann Achim v. Arnim und Clemens Brentano, den Rhein und seine landschaftlichen Schönheiten, die echte Rheinromantik gewissermaßen neu entdeckt und in die deutsche Literatur wieder eingeführt, und Heine, Uhland und ferner den angeknüpften romantischen Faden aufgenommen und fortgesponnen haben. Eine nationale Kraft und Farbe und Betonung hat die Rheinromantik durch die Sänger der Freiheitskriege und ihre Nachfolger erhalten – der vielumkämpfte Rhein wird zum verklärten Mittelpunkt des deutschen Nationalgefühls wie der See bei den Vierwaldstätten in der Schweiz – aber beide Aeste verflachen gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts: vorgetäuschte Empfindungen, verschwommene Bilder, eine Sprache ohne subjektive Eigenart kennzeichnen die Dichter dieser Periode, obgleich nicht übersehen werden soll, daß sich für das Rheinland interessante dichterische Persönlichkeiten, die aber doch im Gesamtstrom der deutschen Nationalliteratur zurückblieben, daraus hervorheben. Dann kamen die Stürme der Jüngstdeutschen, rissen die Familienblatt-Literaturscheingötter von den Piedestalen, wollten, daß Leben, Erleben und Kunstschaffen einander durchdringen, daß das Unwahre aus der Dichtung ausgemerzt werde, daß neue, hohe Ziele und Ideale, für die sie selbst nicht immer Wort und Bild zu finden wußten, an die Stelle oberflächlicher Weltbetrachtung treten. Es war ein großes und lärmvolles Ringen, aus dem die Jugend, der immer die Welt gehört, als Sieger hervorging. Aber auch von dieser Jugend ist kaum mehr die Rede – neue Strömungen kamen und gingen, und wie der Naturalismus sind der Symbolismus und der Impressionismus, der Mystizismus und die Neuromantik aufgetaucht und rieseln, sobald der Modefluß versiegt war, in kleinen Bächlein in unseren Tagen mehr oder minder auffällig nebeneinander weiter, wir suchen die Richtung und den Stil der Zukunft und haben beide bisher nicht gefunden. Ob es gut wäre, wenn wir ihn finden würden in unserm nervös forttreibenden Zeitalter? Unsere Zeit, gekennzeichnet durch Erscheinungen einer fast unglaublichen Vielfältigkeit, aber auch der Schnellebigkeit und der Zucht nach dem Wechsel und der Veränderung hat nicht die Gabe und die Kraft, sich selbst zu durchleben und bleibt so ohne das Bewußtsein der Befriedigung im Besitze. Wie hat sich nun das Rheinland zu dieser Literaturbewegung gestellt? Gerade wie damals, als das Zeitalter der klassischen Kunst mit seinem hellen Licht hereinbrach: ohne tiefere Teilnahme, abwartend und beobachtend. Aber dann ist das Neue, lebendige um so kräftiger aufgenommen worden; noch nie zuvor ist wie in jüngster Zeit aus dem Rheinland eine so große Zahl von Dichtern auf den Turnierplatz der deutschen Dichtkunst getreten, und in dem ritterlich-edlen Wettkampf hat rheinische Art und rheinisches Wesen wieder den guten Klang der ältesten Zeiten. Ich möchte dies weniger auf eine eindringliche Wirkung der sogenannten Heimatkunst zurückführen, weil dieses Wort, und was es umgrenzen soll, seine ursprüngliche hohe Bedeutung verloren hat, weil Aeußerlichkeit geworden ist, was aus dem heimatlichen Mutterboden erwachsen sich allgemeincharakteristisch erweitern lassen soll. Es ist tatsächlich ein neues literarisches Leben eingezogen, und zwar auch in den Teil, den ich enger als oben umspannen will und dem dieses Buch gewidmet ist: das Gebiet der heutigen preußischen Rheinprovinz von der hessischen bis zur holländischen Grenze. Ein Gebiet, das, weil es die Literaturgeschichte der letzten Jahrhunderte nicht übermäßig belastet hat, unterschätzt und nicht besonders geachtet ist. Den Nachweis zu führen, daß es Besseres gibt als feuchttrunkene Wein- und singfröhliche Mägdeleinlieder sowie eine flache Karnevalspoesie, war eine Aufgabe, die mich gereizt hat und die ich durchzuführen mich bemüht habe. Ein literarisches Sammelwerk, das nach Möglichkeit umfassend die Gesamtheit der rheinischen Dichter und ein getreues Bild ihres Schaffens in sich vereinigt, hat bisher noch nicht bestanden. Wohl sind mir einige ähnliche Anthologien bekannt, die aber ausschließlich das Gebiet der Lyrik und dazu entweder nur einen begrenzten Kreis der sogenannten modernen Lyrik berücksichtigen, oder aber durch die Einbeziehung von Westfalen fast den ganzen Westen der Monarchie umspannen. Sie können deshalb nur einem überaus eng gefaßten Begriff und einem jeweils nach einer bestimmten Richtung hinzielenden Teile der neuern rheinischen Literatur gerecht werden und weder einen erschöpfenden Ueberblick noch eine richtige Würdigung ihres Charakters, ihres Umfanges und ihrer Bedeutung gewähren. Denn schließlich gibt es neben der Lyrik noch einige andere Dichtungsarten, die eine mindestens ebenso rücksichtsvolle Behandlung verdienen, zum andern ist das auch in der Literatur historische Rheinland tatsächlich groß und reich genug, literarisch für sich allein zu stehen, und dann sind unter den Dichtern auch manche, die nach dem Sturm und Drang der neunziger Jahre ihre eignen stillen Wege gegangen sind, ohne sich einer bestimmten Richtung einzugliedern, und einen Anspruch erheben können, neben den Sonnen der Jüngeren mit dem zwar geliehenen, aber doch immer noch leuchtkräftigen Licht des Mondes über den literarischen Himmel zu ziehen. Nach fast dreijähriger Arbeit, die mich mit allen rheinischen Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt vertraut werden ließ, habe ich dies Werk geschlossen, das neben den geborenen Rheinländern in gleicher Weise die Dichter berücksichtigt, die wohl in anderen Provinzen und Staaten geboren, durch langjährigen Aufenthalt in den Rheinlanden aber zu Rheinländern geworden sind. Denn es liegt wohl auf der Hand, daß der eine, der als Kind vom Rheinstrom weg in eine andere Gegend verpflanzt worden ist und sich nord- oder süd- oder ostdeutsch entwickelt hat, im Verhältnis weniger von dem »Erdgeruch« und »Schollenduft« der rheinischen Heimat in seine Poesien trägt wie der andere, der vielleicht als Jüngling und gereifter Mann in das Rheinland verschlagen, allmählich mit tiefem Verständnis sich in die rheinische Eigenart und in den Reiz der rheinischen Landschaft hineingelebt hat und diese erlebten Eindrücke in seinen Dichtungen rheinisch widerklingen und widerspiegeln läßt. So bin ich bemüht gewesen, alle Dichter heranzuziehen, die alten wie die jungen, die Lyriker wie die Prosaisten und die Dramatiker, aus der neuromantischen wie aus der realistischen Schule, Epigonen wie Moderne und Dekadente, Vertreter der sogenannten katholischen Literatur, Bekannte und Unbekannte, mundartliche Lyrik wie auch charakteristische Uebersetzungsproben, aber alles unter dem Gesichtswinkel einer strengen künstlerischen Auswahl. Daß nicht alles in gleicher Weise typische Höhenkunst sein kann, ist bei der großen Verschiedenheit der Mitarbeiter nur zu verständlich, aber ein solches Sammelwerk soll eben auch kleinen begabten Talenten einen vorläufig bescheidenen Platz einräumen, erst die Zeit wird es lehren, ob gelungenen Versuchen literarische Taten folgen. Manchen hätte ich seiner Bedeutung und Eigenart entsprechend wohl noch vielseitiger und auch besser vertreten gesehen, aber mir waren häufig Grenzen meiner Wünsche dadurch gesetzt, daß ich selbst auf wiederholte Bitte nicht mehr und nichts Besseres erhalten konnte. Auch hatte ich ursprünglich den Gedanken, gerade die einzelnen Bezirke, das bergische Land, das Wuppertal, die Eifel, den Hunsrück, das Sauerland und das Oberland noch schärfer, als es geschehen, hervortreten zu lassen, mußte aber darauf verzichten, um nicht durch minderwertige Lokalpoesie den künstlerischen Charakter des Ganzen zu gefährden. Mit Recht sagt Theodor Herold in seinen »Streifzügen durch die rheinische Dichtung der Gegenwart« (Kölnische Zeitung 1906 Nr. 1015), nachdem er die Ernte aus den neuen Gedichtbüchern als reicher denn in den meisten übrigen Landesteilen bezeichnet hat: »Mit dem Begriff Rheinische Lyrik pflegt man unwillkürlich bestimmte poetische Vorstellungen zu verbinden. Wir denken an unsern Rhein mit seinen Rebenhügeln, an die sagenumsponnenen Berge mit ihren Ritterburgen und Ruinen, an stolze Männer und schöne Frauen, an Pfalzen, Kirchen, Kapellen und an die Stadt mit dem ewigen Dom; und wie von selbst spannt sich über dieses Wunderland mit seinem frohen geschäftigen Treiben ein klarblauer, heiterer Sonnenhimmel voll Glockenklang und Liebesliedern. Wer aber die jüngsten Gedichtsammlungen nach solchen echten, warmen Stimmungsbildern durchblättert, wird sie enttäuscht aus der Hand legen. Nur in den epischen Sängen und in einzelnen Gedichten klingt dieser Ton an; doch schwingt er nicht eigen und kräftig genug, um reine, volle Wirkungen zu erzielen. Es scheint fast, als wollten unsere modernen rheinischen Lyriker dieses fruchtbare Gebiet absichtlich brach liegen lassen. Das wäre allerdings sehr zu beklagen. Aber soviel ist jedenfalls gewiß, es gehört eine starke, bodenwüchsige Künstlerpersönlichkeit und ein gewisser Mut dazu, Motive und Stoffe, die jahrhundertelang, und zwar nicht bloß von rheinischen Dichtern, bearbeitet worden sind, wieder aufzugreifen und in neue fesselnde Formgebilde voll Leben und Wärme umzuprägen ... Der Heimatcharakter, die landschaftliche Färbung, das Bodenständige, der echte Schollengeruch, fehlt im Grunde genommen sämtlichen Gedichtbüchern; sie könnten gerade so gut aus Sachsen, Ostpreußen oder Mecklenburg stammen. Man braucht durchaus kein Verfechter der sogenannten Heimatkunst zu sein, um diese Tatsache einigermaßen bedauerlich zu finden. Aber die Gedichtsammlungen der andern Gaue tragen fast ebensowenig den Stempel landschaftlicher Sonderart. Es geht eben durch die gesamte moderne Lyrik der letzten fünfundzwanzig Jahre ein gewisser internationaler Zug, der das Vaterländische in Natur, Geschichte und Leben zugunsten der eigenen Persönlichkeit bewußt in den Hintergrund drängt. Der Dichter möchte sich zunächst rein als Mensch und Individuum durchsetzen, er will die Welt in seinem Innern, das Labyrinth der Brust bis in seine dunkelsten Untiefen und Schlupfwinkel durchforschen und dieses Neuland der Seele künstlerisch ausbeuten und gestalten. Mit andern Worten: der Persönlichkeitskultus beherrscht unsern modernen Lyriker in so gesteigertem Maße, daß alle übrigen Stoffgebiete fast ihren Reiz für ihn verloren haben. Aber es sind schon deutliche Anzeichen vorhanden, daß wir uns auch hier in einem Uebergangsstadium befinden.« Ich kann dies nur durch meine Wahrnehmungen bestätigen. Ein Aufblühen zeigt sich vorzugsweise auf dem Gebiete der Ballade, der novellistischen Skizze und des Romans. Wo ich aber diese landschaftlichen Farben gefunden, da habe ich sie sorgsam gesammelt. Und so hoffe ich, daß in all der Menge von dichterischen Charakterköpfen, denen ich in ihrer Wesensart gerecht werden wollte, doch der Grundzug des Buches rheinisch geblieben ist. Dann fehlen noch einige im literarischen Reigen, aber ihre Zahl ist verschwindend klein, das sind diejenigen, die sich aus nicht immer leicht begreiflichen Gründen ablehnend verhalten haben, trotz meiner und der Verleger redlichen Bemühungen. Ich habe aber in dieser Beziehung einen guten und starken Glauben auf die Zukunft. Andererseits ist es eine Pflicht der Dankbarkeit, der rückhaltlosen und warmherzigen Unterstützung und Ermunterung gerade der besten der rheinischen Dichter zu gedenken, die mir die Arbeit wesentlich erleichtert haben. Gerade sie waren darin einig, wenn sie sich auch manchmal nicht als Freunde von Anthologien bekannten, daß eine solche Sammlung, die einen bestimmten landschaftlichen Kreis umschließt, und gerade den des bisher sehr stark vernachlässigten Rheinlands, »nicht nur von Berechtigung, sondern auch von innerer Notwendigkeit getragen« sei. Köln , im Juni 1909. Dettmar Heinrich Sarnetzki.   Peter Baum Ein Duft Noch stand vor meinem Blick der Tod, Da war mein Herz voll hehrer Ruh. Nun wandre durch das Abendrot Ich rast- und ruhlos immerzu. Der jungen Wünsche flügge Schar Mit offenen Schnäblein piepst und schwirrt. Ein Duft von feinem Frauenhaar Hat sich in meinen Traum verirrt. Erdenstimmung Woher ich komm, wohin ich geh, Und was mein Weg ist, weiß ich nicht, Aus tiefer Nacht, in tiefe Nacht Und einen Tag im goldnen Licht. Doch muß ich auch hinab zur Nacht, So segne ich den einen Tag Für all die junge Blütenpracht, Die jubelnd mir zu Füßen lag. Nun schweig Nun schweig und fühle, wie die Schatten wehn; Aus tiefen Himmeln bunte Flammen sinken, Und schwarze Wolken felsenzackig stehn Um blanke Dächer, die wie Seen blinken. Und suche meine Seele nicht; die liegt In jenem Baum, weit hinterm Sonnenfeuer, Der sich im Weltall zwischen Sternen wiegt. Auf der Höhe Und immer wilder wird die Luft. Hoch über mir, im Sonnenduft, Schweift ein Aar. Tief unter mir die Flüsse klagen: »Man hat deinen Vater ins Grab getragen!« So, wie ich trete diesen Fels, Trat einst mein Vater diesen Fels; Sein Auge hat wie meines gebrannt Empor die nahe Felsenwand Und so das weite, goldne Land Umspannt. Es wird ein Sohn, ein Sohn von mir, Die Welt durchschweifen, so wie ich, Und wenn er über die Klüfte springt, Neigt er die Stirne ganz wie ich, Und hört und hört wie's näher dringt – Ein Wort, ihm wunderbar bekannt, Seit tausend Jahren schon bekannt: »Mein Vater unter der Erde!«   Josef Bayer Frühling am Rhein Vom Hochwald führet mich der Weg zu Tal. Im tiefen Tann umfängt mich dunkle Nacht Und dürre Fichtennadeln fallen mir, So leicht der Wind auch geht, aufs Haupt herab. Kein Sonnenstrahl durchdringt das Dickicht, nur Der abgetret'ne Pfad weist mir den Weg. Jetzt durch die schwarzen Stämme blitzt es auf, Und hier und da trifft blendend mich das Licht, Noch flimmernd zwar, doch immer deutlicher An gold'nem Glanz gewinnend, – jetzt ein Strahl, Dann mehrere zugleich, in ihrem Glanz In eins zerfließend, – wen'ge Schritte noch Und freier atmend trete ich ans Licht. Und da ich nun ins Freie schreite, strahlt Aus hellem Sonnenaug' ein Frühlingsblick Mich lachend an, und Lenzeswärme strömt Mir in die Brust. Und sieh! es keimen schon Auf grüner Au die Wiesenblümchen auf, Und weiter schreitend grüße ich mit Lust Der lieben Frühlingskinder bunte Schar. Da mach' ich Halt. Ein jäher Felsensturz Hemmt meinen Fuß, ein steiler Hang, an dem Hinab bis in die Tiefe wohlgereiht sich ziehn die Rebenstöcke. Und auch hier schon schickt der Himmel schaffensfroh sich an, sein grünes Wunder auszubreiten, und Hinab folgt schnell der Blick der Pfähle Reih'n Bis an das schmucke Dörfchen, das im Kreis Den Hang umgrenzt. Und jetzt im Dörfchen selbst! Wie unter seinen Schieferdächern sich Das Leben neu belebt! Hier sehe ich Ein altes Mütterchen, das treu besorgt Die Blumen, die in warmer Stube durch Den Winter sie gebracht, am Fenster nun Die ersten Sonnenstrahlen kosten läßt. Dort frischt ein Mann in schlichtem Arbeitskleid Des kleinen Häuschens helle Farbe an Und bindet hoch die welken Ranken, die Im Sommer Schatten geben und im Herbst An saft'gen Trauben eine reiche Last. Ein andrer richtet Baum und Strauch und gräbt Und sät im kleinen Gärtchen vor dem Haus Reseda, Glöckchen und Vergißmeinnicht. Und erst der Strom! Welch reges Treiben dort! Mit Lasten schwer beladen treibt das Schiff Zu Tal. Mit Laub und Wimpeln reich geschmückt, Trägt eine frohe, buntbelebte Schar Der Dampfer stolz den grünen Strom hinauf. Und dort im schwanken Kahn das junge Volk, wie lacht und jauchzt es hell, als ging die Fahrt Zur frohen Hochzeit und zu Tanz und Spiel. Von drüben her erschallt jetzt Glockenton: Ja, es ist Mittag, andachtsvoll seh' ich, Wie hier der Fischer, dort der Bauer fromm Das Haupt entblößt und betet. Mittag ist's Und feierliche Stille weit und breit ... Doch jetzt im Dörfchen gegenüber, dort Am rechten Eck der Häuser wird es laut, Ja, es ist Mittag, aus dem Schulhaus stürzt, Die Wangen hoch gerötet, blondgelockt, Die liebe Jugend an das Sonnenlicht. Sie jauchzen auf, sie sammeln sich und ziehn Hinein ins Dorf, und im Verschwinden dringt Der frischen, jungen Stimmen Kraftgesang Mir noch ans Ohr: »Der Mai ist gekommen ...   Karl Beckmann [gesperrt bis: Datum unbekannt] Alt-Bonn   Max Bewer »Goethe« Reifer Sohn der reifen Sonne, Der in Glanz die Welt getaucht, Wie des Sommers warme Wonne Golden jede Frucht umhaucht, Als ein Sinnbild der Erfüllung Bot dich uns die Allmacht dar, Der als Schaffender Enthüllung Uns des Geistes Gottes war! In Spinozas Allgedanken Hat sich früh dein Sinn verträumt, Bis er sah des Himmels Schranken wie durch Zauber fortgeräumt; Alles schauend, alles liebend. Wurdest du zum Gott belebt, Wie der Springquell, der zerstiebend Wieder auf zum Aether strebt! Am Gestein in Bergesschluchten, An den Blumen auf der Flur, An den Wäldern, an den Buchten Hing dein Blick an der Natur, Aber tiefer noch ins Leben Drängest du der Seelen ein, Bis das heimlichste Erbeben Ward ein Teil von deinem Sein! Spiegel jeder Weltgestaltung, Echo jeder Qual und Lust, Stieg in schönerer Entfaltung Neu die Welt aus deiner Brust; Dunkle Rätsel wurden klarer, Worte fand das stummste Leid, Wundersamer Offenbarer Du der tiefsten Menschlichkeit! Mancher Jüngling, der geduldet, Tröstete an Werther sich, Manches Mädchen, gramverschuldet, Gretchen, nannte Schwester dich, Helden, ihres Volkes Lenker, Lehrte Götz das rechte Wort, Und als Faust setzt mancher Denker Abends still dein Träumen fort! Inhalt gabst du jedem Leben, Der das Tote selbst beseelt, Ließest Königstöchter schweben Wo nur Erlennebel schwält; Perlend um den Fischer kräuselnd, Sang das Wasser selbst im Ried, Und in Wipfeln sanft versäuselnd Ward der Wind zum Abendlied! ... Webend stets an neuem Werke, Unerschöpflich gabenreich, Hob in höchster Daseinsstärke Sich dein Haupt prometheusgleich: Gott voll Trotz ins Auge schauend, Hast du ganz dein Glück gestillt, Droben er, ein Weltall bauend, Drunten du, sein Ebenbild! Plötzlich schlug ein Adlerrauschen An dein weltverliebtes Ohr, Und in atemlosem Lauschen Staunte ernst dein Blick empor, Strahlend flog an deiner Seite Schiller zu den Sternen auf, Und du gabst ihm das Geleite Bis zum Saum der Welt hinauf! Heiter, wie vom Zeus vollendet, Thronest nun in Wolken du, Und wohin dein Haupt sich wendet, Trägt es des Olympos Ruh, Und es folgen deine Blicke Sanft voll ruhiger Geduld Jedem irdischen Geschicke, Jedem Glück und jeder Schuld! Und von deinen Lippen fallen Worte, weise, mild und licht, Wie wenn aus des Himmels Hallen Liebevoll ein Vater spricht: Edel, gut und hilfreich formen Möchte uns dein Gottgebot, Daß in menschlich sanften Normen Mildre sich des Daseins Not! Und dann sinken deine Pfade wieder ganz der Erde zu, Wie die Sonne am Gestade Taucht dein Geist in Weltenruh, Fern am Strand dem tät'gen Volke Sprichst du noch ein Segenswort, Bis dich eine Abendwolke Traumvoll trägt zum Vater fort! Seliger, der so vollendet Und in seines Lebens Bahn Bildend uns ein Bild gespendet. Nach dem höchsten Schöpferplan: Der als Erdensohn geboren, Doch den Weg der Sonne fand, Der uns von des Himmels Toren Glanz und Wärme zugesandt! Und wenn wieder auch von Erden Dich der Allverwandler nahm, Muß zum Brot die Frucht doch werden, Die aus deinem Samen kam; Denn so wahr dein Geist bewundert Drang in tausend Seelen ein, Wird das herrschende Jahrhundert Ein Jahrhundert Goethes sein! Abend am Rhein Einmal in den grünen Bergen Stehet noch die Sonne still, Weil sie vor dem Untergehen Dich noch einmal grüßen will, König aller Erdenströme, Kühler, tiefer, stolzer Rhein, Sollst von ihren goldnen Strahlen Einmal noch durchatmet sein! Und so stehn auch wir und heben Unsre grünen Römer hoch, Einmal seien deine Reben, Edler Rhein, gesegnet noch, Siehe, deine Fluten malen Wunderbar sich grün und gold, So wie ietzt in unsren Schalen Dein geheiligt Feuer rollt! Und es wird ein stilles Beten Tief in unsren Seelen wach, Eh' die dunkle Nacht sich neiget, Töne fromm ein Lied dir nach, Friede soll dein Bett umschweben, Vater unser, Vater Rhein, Horch, der Himmel betet mit uns, Ferne Glocken stimmen ein! In uns Laß dem Himmel seine Sterne, Seine Wolken, seinen Wind, Seine Sonne, seine Engel, Wenn nur wir beisammen sind, Du und ich und niemand anders, Und kein Laut in Wald und Feld, Nichts ist süßer, als zu fühlen: Auch in uns ist Gottes Welt ... An einem Herzen Klagt ich mein Leid den Winden, Sie trugen es ruhig fort, Klagt ich mein Leid den Sternen, Sie blieben an ihrem Ort; Klagt ich mein leid dem Vater, Der droben alles kann, Hoch in den Wolkenfernen Sah er mich schweigend an! Doch als ich dir vertraute, Was mir die Welt geschickt, Hast du mit tapfren Armen Mich an dein Herz gedrückt! Liebe auf Erden Es kommt die Liebe wie ein Blitz, Sie kommt auch still gegangen, Sie nimmt von uns im Sturm Besitz, Sie tut es auch mit Bangen: Hell kann sie wie ein Sonnenblick In unser Dasein scheinen, Und oft verrät ihr tiefes Glück Nur ein verhaltnes Weinen ... Ein Sturm, ein Strahl, ein Regen mild, So naht sie uns auf Erden, Weil uns gegeben soll ein Bild In ihr vom Himmel werden!   Walter Bloem Streikbrecher Skizze [gesperrt bis: 31. 12. 2021]   Martin Boelitz Heute noch... Heute noch im frohen Jugendreih'n, Morgen werd' auch ich gestorben sein, Irgendwo in braunes Ackerland Legt mich eines Freundes treue Hand. Zärtlich decken Wurzeln bald mich zu, Bienen summen durch die goldne Ruh, Trinkt ein Halm von meiner morschen Kraft, wandr' ich mit dem warmen Lebenssaft. Werde wieder Blatt und Blüte sein, Leuchte in die Tage still hinein, Bis sich Korn um Korn in Reife drängt, Und die Erde wieder mich empfängt. Lied der Frau Wer hätte gedacht, Daß die Rosen so schnell verwehen! In einer stillen Sommernacht Ist es geschehen. Klingen und singen War unsre junge Seligkeit, Ein Spiel mit goldnen Ringen In süßer Heimlichkeit. Mutter, liebe Mutter mein, War Deine Seele auch so müd? Schau ich in mein Herz hinein, Ist alles verblüht. Meiner Träume Silberkähne Fuhren weit hinaus aufs Meer, Nun schick' ich die weißen Schwäne Der Sehnsucht hinterher. Sie kommen mit schwarzen Booten An den Strand, Und bringen mir die toten Wünsche aus dem Mädchenland. Dort Es liegt ein Reich in dämmernden Fernen, Hoch über goldenen einsamen Sternen, wo die Füße so leicht und leise gehn, Rosen blühen, die nie verwehn. Wo die Schönheit thront in sel'ger Enthüllung, Von heimlichen Harfen die Luft ertönt, Und alle Herzen sind still und versöhnt Und alles ist Glanz, und alles Erfüllung. Wanderung Der Abend dämmert über'm Heideland, Tauglitzernd neigen sich die Ginsterdolden, Mit jedem Schritt versinkt der Fuß im Sand, Ein letzter Streif verschimmert schmal und golden. Entlang den Bahndamm dehnt sich's flach und frei Von abertausend bunten Feuerzungen, Mit grellen Augen rast ein Zug vorbei, Und ein Signal hat irgendwo geklungen. Dahinten – weit – versinkt das Häusermeer Im hellen Glanz entflammter Gaslaternen, Im Walzwerk dröhnt der Hammer, dumpf und schwer, Die gelben Funken sprühen zu den Sternen. Zwei matte Fenster noch im Kätnerhaus Umsingt der Wind, eh' sie in Nacht verglühten, Und immer weiter wander ich hinaus Durch Gras und Staub und rote Heideblüten. Der Reiter Tod Ein rascher Reiter ist der Tod, Wer will dem Tod enteilen! Trotzt nicht auf eurer Wangen Rot, Ihr Glühen wird er heilen, Wie tief er auch die Zügel hält, Er reitet heut noch um die Welt,       Glaubt es, o Freunde! Der Tod, der harte Reiter Tod Will kein Erbarmen. Den läßt er seiner bittern Not, Dem, in der Liebe Armen, winkt still er und gelassen zu, Heut bin es ich, bald bist es du,       Glaubt es, o Freunde! Leben Ein blankes Schwert in starker Hand, Zu Trutz und Schutz allweg bereit, Nach scharfem Ritt durch Heidesand Ein kühler Trunk zur rechten Zeit. In späten Stunden Ruh' und Rast, Ein lustig Feuer auf dem Herd, Am eignen Tisch ein lieber Gast – Leben, so bist du lebenswert! Mein Wesel Morgens um acht Uhr müßt ihr's sehn, Wenn die Mädel zur Schule gehn. Wie das vorbeidrängt mit Lärmen und Hasten, Arbeiter, Bauern, Gymnasiasten, Und auf dem Markt, das nenn' ich Glück, Hurra! Die Regimentsmusik. Das blinkt und glitzert im Sonnenschein, Die liebe Jugend hinterdrein, Und bis zum Tor im strammen Tritt Zieht stolz die kleine Garde mit. Ich kenne wohl andre Heimatstädte, Keine doch, die ich lieber hätte, Keine, die in der Rosenzeit So voll tiefheimlicher Seligkeit. – Ihr lächelt und wollt mich nicht verstehn? Kommt, wenn die Mädel zur Schule gehn! Lied Wissen, daß die Wälder blühen müssen, Was die Stürme auch zu Boden rissen, Ach, und stark und voller Freude sein! Meine Saat vertrau' ich stolz der Erde, Und ich glaube , daß sie wachsen werde, Und sich hebe in den Sonnenschein. Ob ich selbst die reifen Garben binde, Ob ein andrer ihre Fülle finde, Soll ich darum stumm und mutlos stehn? Nehm' sein Werkzeug jeder in die Hände, Schafft und lebt! und winkt der Tod: zu Ende! Laßt uns lächelnd ihm entgegengehn.   Hans Böhm Tote Liebe 1. So schläfst du nun die erste Nacht, Von schwerer Erde überdacht. Und nur des Wintersturms Gebraus Ist über deinem letzten Haus. Mit fremden Toten Wand an Wand Rasch ließest du, die dich gekannt! Du Kalte! – nun versteh' ich's erst. Daß du mir nie mehr wiederkehrst. 2. Denkst du mein? Ich war dein, Eh' der Tod mich traf. Nun von Nacht Ueberdacht, Schlaf ich steinernen Schlaf. Nun umschlingt, Nun trinkt Mich der Erdenmund. Was ich war, Geb ich dar, Tiefer Wonne kund. Fühl mich schon Halb entfloh'n Unter Grund und Strauch, Weiß kaum hier Noch von dir, – So vergiß du auch! Unter der Kirschblüte Sanken große weiße Sterne Schimmervoll auf alle Zweige, Und dazwischen blaut die Ferne, Wie wenn drängend sie sich neige. Haucht herab aus jungen Räumen Urweltfrische, Würzeschwere, Und in allen Weiten schäumen Dämmerhell die Sternenheere. Meiner Mutter Für jede Güte hab ich Blicke, Für jede Liebe trag ich Dank: Bei Einer nur kann mir's nicht glücken, Von der ich Blut und Leben trank. Noch immer fühle ich es rinnen Geheimnisvoll in mich hinein Und ich empfinde Sein und Sinnen, Wie einst, noch immer nicht als mein! Für dieses Schenken ohne Schränken, Für dieses Strömen ohne Ruh' Ach, wo und wem nur sollt' ich danken – Denn du bist ich, und ich bin du. Mensch und Tod Gehst mir ungesehn zur Seite, Wehst mir stille Worte zu Und des Herzens Flut und Ebben Schwichtigst du: »Ehrfurcht fühle du vor jenem, Der dich hier zum Leben lud. Nicht verrauchen und verlodern Laß die Glut. Und veracht' mir nicht dein Leben, Nur weil einst ichs enden muß. Sorg', daß bittrer dir nichts werde Als mein Kuß. Wann der Haß und die Gemeinheit Zischt und aufschäumt über dir, – Sie vergehen schon im Sterben: Laß sie mir!« – Alles hör' ich tief im Herzen, Und mein Schauer wird Gebet: Laß mich werden, laß mich wirken, was besteht. Das Musikbübchen In den Ballsaal kommt mit zögerndem Tritt Ein junges Mädchen gegangen. Eine üble Laune, die flog ihr mit, Die wuchtet nun schwerer bei jeglichem Schritt; Fast möcht vor Verdrusse sie weinen. Nicht sieht sie die Menschen, den Festsaal, das Licht, Sie drängt sich zum fernsten Winkel. Doch sie auch gewahrt kein einziger nicht; Das ärgergraue Trotzgesicht Es sitzt wie in garstigem Nebel. Nun stimmt das Orchester, und nun im Takt Ein freuderotes Getöne. Und sieh, ein Bübchen himmlisch nackt, Die Flügelchen silbern ausgezackt, Kommt listig herzugeflattert. Ein Eimerchen trägt's in der linken Hand, Einen Goldlöffel hält die rechte. So fliegt's in das Tonmeer unverwandt Und schöpft vom Basse und schöpft vom Diskant Ins ziervolle Himmelsgefäßchen. Nun flugs vor die Kleine und flugs übern Schopf Den ganzen Kübel gegossen. Hei, rosige Anmut in hellem Getropf! Sie glüht, sie lächelt, stolz hebt sie den Kopf – Begeistert nah'n sich die Tänzer.   Hans Brandenburg Im Kirschbaum [gesperrt bis: 31. 12. 2038] Sonntagnachmittag Sonnenuntergang   August Bungert Naheweinlied Ich hab' dich getrunken zur Jugendzeit, Da hast du mein feuriges Herze erfreut, Ich werde dich trinken im Alter! Du bist wie ein schwarzäugig Kreuznacher Kind, Die Haare stiegen ihm wild im Wind, Drum gilt dir mein feuriger Psalter. Und stark bist du wie der Sickinger Franz, Du reizest zum Kampf und lockest zum Tanz, Befreiest von Schwäche und Fehle! In dir ist die Kraft mit Würze vereint, Bist ritterlich, tapfer und scheust keinen Feind, Du bist eine echt deutsche Seele. Natürlich! Kommt so ein fader Wicht, Dem mundet der rassige Nahewein nicht Aus Kreuznachs vulkanischen Gauen! Der geht dir ins Mark, küßt heiß deinen Mund, Und hält dir den Leib und die Seele gesund, Drum lieben dich Männer und Frauen! Deine Seele, die ist wie dem Hutten sein Seel', Die stammt und begeistert und liegt im Krakehl Mit allem, was schlecht und verdorben! Drum her, mein Freund, mit dem feurigen Wein: »Viel Feind', viel Ehr!« trink aus, schenk ein! An dem ist noch keiner gestorben!   Berta Classen-Kehren [gesperrt bis: Datum unbekannt] Pitterkens Heiliger   Gertrud Dreesen [gesperrt bis: Datum unbekannt] Frage   Willrath Dreesen [gesperrt bis: 31. 12. 2020] Nun kommen Tage ... Johannisnacht Herbst Winteranfang   Myriam Eck [gesperrt bis: Datum unbekannt] Trierisches Wiegenliedchen Hochamt Kloster Himmelrath Kloster Himmelrath«, ein ehemaliges Mönchs-, und »Kloster Stubben«, ein ehemaliges Nonnenkloster an der Mosel. (Eine Legende) »Es« Lisett Eine Skizze aus trierischer Mappe   Heinrich Engel [gesperrt bis: Datum unbekannt] Rheinfahrt Heimkehr Am Abend nach der Priesterweihe   Hans Eschelbach [gesperrt bis: 31. 12. 2018] Damals Im Park Mein Lied Im Abendschein Wir drei   Theodor Etzel Spaziergang Am Waldesrand – Und vor mir Band an Band Die gelben, grünen, braunen Ackerstreifen. Die sonnverbrannten Schnitterhände greifen Ins volle Korn. Ein Alter steht und putzt sein Pfeifchen Mit einem zugeschnittnen Heckendorn, Glotzt mich verächtlich von der Seite an Und spuckt – brummt was von »Arbeitsmann« Und »faulen Gaffern aus der Stadt«. Der Mann hat recht! Ach Gott, ach Gott, wär ich ein Schnitterknecht! – wie der dort, der die rote Magd Grad lachend nach ihrer Kammer fragt. Die zieht sich das Kopftuch ins Genick: » ... links neben der Tenne.« Er dankt mit einem plumpen Blick, Sie gluckt wie eine Henne. Es lachen ihre fetten Mienen: Wir schaffen, daß wir was verdienen! Und ritsch! und ratsch! die Sensen singen. Dem Alten aber möcht vor Zorn Sein biedres Bauernherz zerspringen; Er wirft beiseit den Heckendorn Und schreit mich an: »Hebbt ühr dann nüst to dhaun, Dat ühr hei steiht on gafft?!« Und dreht sich um und pafft. Der Mann hat recht! Ach Gott, ach Gott, wär ich ein Schnitterknecht! Der mit der Magd grinst breit vor Freud'. – Donnerwetter! 's gibt doch noch glückliche Leut'! Wiederkunft Wenn ich einst gestorben bin, Weib, verbrenne meinen Leib, Den du liebtest! Denn du sollst In den frohen Erdentagen Nicht am Grabe um mich klagen. Trag die Asche auf zum Turm, Weib, und schütte meinen Leib, Den du liebtest, in den Wind – Und du wirst den Weg nicht sehen, wo die Stäubchen rings verwehen. Wenn der Frühling wiederkommt, Weib, dann fühlst du meinen Leib, Den du liebtest, neu erblühn – Und im großen Heiligtume Grüß ich dich aus jeder Blume. Meine Asche half zur Pracht. Weib, in Blüten lebt mein Leib Den du liebtest, ewig fort. Und du sollst in Seligkeiten lächelnd durch die Fluren schreiten. Sonett Nun will die Erde Himmelschlüssel tragen, Und gute Sonne will den Schatz behüten, Und will um all die goldnen Honigblüten Erwärmend ihre Gnadenarme schlagen. Durchs Gitterwerk beperlter Zweige jagen Die heißen Amseln, und den saftdurchsprühten Kastanienknospen tönt ihr goldnes Tüten Wie Glockenruf zu frohen Ostertagen. Und Ostern kommt! Und kommt mit vieler Gnade, Tut Gräber auf und weckt an allen Betten: Was starb, ersteh! was schlafend lag, erwache! Und mag auf ewig vorbestimmtem Pfade Auch uns aus aller dunklen Haft erretten, Daß neuer Glaube neues Licht entfache. Fabeln: Der Ball Ein Ball, von Mädchenhand Zu Mädchenhand geschleudert, Flog durch den Garten, Flog über Beet und Busch, Flog übern Rosenstock, Flog übers Laubendach, Flog hin, Flog her, Und manchmal flog er kerzengrade Hoch in die Luft. »O Glück! o Glück! Wie herrlich ich doch fliegen kann!« So rief er jubelnd. Ein alter Rabe spottete: »Hohlkopf! Du wirst geworfen Und nennst das fliegen – ?!« »Schweig, Schwarzer!« rief der Ball, »Was geht's dich an!« Und jubelnd flog er weiter Von Mädchenhand zu Mädchenhand. Und manchmal flog er kerzengrade Hoch in die Luft... »O Glück, o Glück!« ... Wir Menschen: wir Bälle – Wir könnten alle glücklich sein! Der Star. Ein Schafhirt schenkte der jungen Tochter seines Gutsherrn einen gezähmten Star. Das drollige Gebahren und Geschwätz des Vogels ergötzte das Mädchen sehr. Wo sie ging und stand, mußte er bei ihr sein. Er saß auf ihrer Hand, auf ihrer Schulter, am liebsten aber auf ihrem Kopf; und dort zirkelte er mit seinem Schnabel so eifrig in den wundervollen goldblonden Haaren, als müsse er diesen ganzen Thron der Schönheit auf Millimeter genau vermessen. Von Tag zu Tag liebte die kleine Herrin ihren Gespielen mehr und mehr; der aber wurde von Tag zu Tag unlustiger und stiller. »Was fehlt dir nur?« fragte ihn endlich das holde Mädchen. »Was macht dich traurig?« »Ich sehne mich nach den Schafen zurück«, sagte aufrichtig der Star. Das verdroß die kleine Herrin, und sie zürnte ihm ein wenig. »Wie, mein Liebling, von mir hinweg sehnst du dich nach den Schafen zurück? Stehe ich nicht wie eine anbetungswürdige Göttin hoch über den blöden Wolltieren?« »Keineswegs!« sagte der Star. »Du hast nicht einmal Läuse im Pelz.«   Herbert Eulenberg [gesperrt bis: 31. 12. 2018] Den Frauen Vision Auf die sinnlichste Musik (Kreutzersonate) Mit einem Gürtel Zu »Leidenschaft« Trauerspiel in fünf Aufzügen Eine Epistel als Vorwort zum Druck Aus »Kassandra« Ein Drama Zum Geleit: An Kassandra Schlußmonolog der Kassandra   Hanns Heinz Ewers [gesperrt bis: 31. 12. 2013] Mutter Jesus und der tote Hund Orchideen Die Vase   Otto Falckenberg [gesperrt bis: 31. 12. 2017] Wo kommst du her? (1900) Fernblick Doktor Eisenbart Komödie in vier Aufzügen Zweiter Aufzug Schloßplatz Vorhang   Joseph Fassbinder [gesperrt bis: Datum unbekannt] Harter Boden Wahnfried Sommer   Carl Ferdinands [gesperrt bis: 31. 12. 2015] Mädchenlied Herbst im Park   Charlotte Francke-Roeling Heimatlust Aus »Rosenkette« (P. N.) O Lenz am Rhein, du Sonnenkind, Wie deine Augen glänzen! Selbst Felsenstirnen zierst du lind Mit deinen Blütenkränzen, Es dehnt, von lichtem Reiz umschlungen, Der Rhein die breite Wogenbrust; Waldmeisters Geist löst Herz und Zungen; Aus jungen Kehlen jauchzt die Lust – Und durch die weiten Gaue zieht Ein einzig Lied, ein einzig Lied, Das Lied vom Lenz am Rheine. Wie wonnevoll die Rosen blüh'n Nach solchem holden Maien! Die Fiedel klingt, die Wangen glüh'n Beim frohen Kirmesreihen. Das Gnadenbild trägt Rosenranken; Zum Berge wallt die Prozession; Aus Nachen, die im Mondlicht schwanken, weht Koselaut und Flüsterton – Und durch die stillen Gaue zieht Das süße Lied, das süße Lied Der Rosenzeit am Rheine. Du König voller Huld und Pracht, Goldbrauner Herbst am Rheine! Tief geht der Kähne süße Fracht, Die Traube kocht zum Weine. Im Wingert blitzen Schelmenaugen; Der Winzerkranz schmückt Hut und Haus: Der Most muß schäumen, soll er taugen! ... Das Edelnaß stießt golden aus – Und wo ein Bursche wandernd zieht Erklingt das Lied, erklingt das Lied Vom Wein am grünen Rheine. Die Ufer liegen eingeschneit, Sankt Nepomuk mag wachen: Die Scholle treibt, die Möve schreit. Die Brückenpfosten krachen! Mit weißen Flocken wirbelt lachend Die tolle Lust hinein in's Land; Es hascht der Schalk, vom Schlaf erwachend, Nach rotem Mündlein, Zopf und Band – Und weithin durch die Gaue zieht Das Jubellied, das Jubellied Der Faschingszeit am Rheine. O Rhein, du Schmuck und Edelstein! Gleich schimmerndem Opale, Fügst du der Zeiten Ring dich ein Mit farbdurchglühtem Strahle. Viel Schiffe zieh'n von Tal zu Berge Vorbei an Dom und Lorelei: Es singt der Fürst dir, wie der Ferge, Die alte Sehnsuchtsmelodei – Mit deinen stolzen Wogen zieht Das tiefe Lied, das tiefe Lied Der Heimatlust am Rheine. Prozession Aus »Rosenkette« Viel Volk! Auf dem Markte ein Stoßen und Drängen; Von ferne her naht sich's mit frommen Gesängen. Schon geht durch die Menge ein Wogen und Stocken; Es wehen die Fahnen; es läuten die Glocken. Erst schreiten die Englein, gar lieblich zu schauen, Mildlächelnde Nonnen und betende Frauen. Dann Brüdervereine mit brennenden Kerzen, Und Knaben mit Glöckchen und Lilien und Herzen. Der singenden Mädchen weißwogend Gewimmel, Ernstschreitende Priester, der Bischof, der Himmel. Zum Schlusse vier Fräulein, die tragen zum Lohne Der Tugend die Jungfrau mit Mantel und Krone. Mit züchtiger Wimper, ganz vorn geht mein Mädchen, Im schneeweißen Kleide voll Fältchen und Nähtchen. Sie sieht nichts, sie hört nichts, kein Zeichen, kein Grüßen – Ein leibhaftig Englein von Kopf zu den Füßen. Ich wende mich trotzig, da hebt sie die Lider: Ein blauäugig Blitzen flammt auf und zuckt nieder. Das Kränzelein schwankt in den goldenen Locken ... Es wehen die Fahnen; es läuten die Glocken. Lied Wir schauen sehnsuchtsbange Vom Berg hinab in's Tal; Fern hinter blauem Hange Verglüht der Abendstrahl. In froher Farbenfülle, Von Gluten überspannt. Ruht, wie in goldner Hülle Der Demant, still mein Land. Ein Ton ist in dem Bilde, Der auch dein Sein durchdringt: Der Strom voll Kraft und Milde, Der schenkt und trägt und singt. Und wie dein Auge spiegelt Den Frieden, froh erschaut, Ist mir, als sei entriegelt Dein Herz, dem ich vertraut, Als grüße aus dem Grunde Auch da mich stilles Land – Ich weiß zu dieser Stunde, Daß ich dort Heimat fand. Vom Balkon Das ist ein Johlen, Singen, Kreischen, Spielen, Ein brausendes Gemisch von Schrei und Ton – Der Lebensruf der Bunten, Frohen, Vielen! Ich lehne hoch auf eisernem Balkon Und schau auf das bewegte Heer von Köpfen, Die aus dem Nichts heut Rausch und Lust sich schöpfen. Das stößt und staut sich auf den Bürgersteigen, Das flutet Straße auf und Straße ab, Das lockt und lacht, bestaunt und will sich zeigen – Da horch! ... Es naht Musik und Roßgetrab: Der Faschingszug! Die Hermandad zu Pferde Schafft Platz – ein Kind liegt weinend an der Erde. Ein Angstschrei gellt, verhallt! – Man fragt und dränget Und preßt sich enger an die Menschenwand, Die freudeharrend, Kopf an Kopf gezwänget, Den Weg umzäumt. Des Zuges buntes Band, Erst fern, wird Einzelbild, kommt nah und näher – »Aaah!«... Augenweide lohnt entzückte Späher. Welch' Wirbeln, Tanzen, Jauchzen und Geraune! Der Rausch geht vor dem Dionysos her. Die Thyrsosträger sind in Götterlaune Und werfen Gaben in das Menschenmeer. Man bückt sich, rauft und rafft und sucht zu haschen – Da wird geküßt, dort füllt man sich die Taschen. – Vorbei, vorbei!... Nachflutend schließt die Menge Sich hinterm Zug und atmet seinen Staub. Mein Blick faßt einen sich aus dem Gedränge: Ein Knabe zählt beglückt den Freudenraub – Bonbons, Papier!... Er springt mit seinen Schätzen; Sein Haar ist wirr; das Röcklein hängt in Fetzen. Ich lächle still. – Der Zug biegt um die Ecke. Fernher dröhnt brandend Wogen, Freudenruf. Nun drängen andre sich an anderm Flecke Nach gleichen Schätzen zwischen Rosseshuf. Dem einem glückt's; der andre wagt vergebens – Mir däucht: ich sah das Faschingspiel des Lebens.   Hermann Friedrichs Flammenzeichen Fahles Zwielicht... Glanzlos aufgegangen Ueberm Rand des Bergwalds, reifbehangen, Ist der Mond mit wehmutsvollen Zügen, Die der Erde Nacht ums Licht betrügen. Wie ein Wesen silberhaarumflattert, Das in schwerem Kampf sein Ziel ergattert, Taucht er ab und zu aus Wolkenwogen, Die von fern im Sturm herbeigezogen. Berge türmen sich und Schlünde klaffen, Abgrundtiefe, die der Sturm geschaffen. – Ungeheuer recken sich und streben Aus der Bahn das Greisenhaupt zu heben. – Plötzlich scheint's, als wollten Rast sie halten, Und verwandelt seh' ich die Gestalten. – Götter sind es, die gewaltet haben Mit dem Frohsinn, den die Welt begraben. – Götter ... um die Wintersonnenwende Heut vergebens suchend jene Brände, Die, auf Bergesgipfeln froh entzündet Neue Sonnenlust der Welt verkündet. – Westwärts eilen, die da längst vertrieben. – Einer ist im Osten nur geblieben ... Einer – der gewaltigste von allen, Der im Wetter spielt mit Wolkenballen, Der den Sturm regiert mit einem Finger, Der ein riesenhafter Allbezwinger. – Jählings seh' ich ihn heruntergreifen, Aeste von den Eichenkronen streifen. Eine Feuergarbe zuckt hernieder ... Unwillkürlich schließen sich die Lider – Da erschallt des Allbezwingers Lachen Wie ein sturmzerriss'nes Wetterkrachen, Und des Bergwalds reifbedeckte Eichen Lodern auf ... Ein Heer von Flammenzeichen. Flammenzeichen, daß die alten Götter Triumphieren über alle Spötter! – Flammenzeichen, die uns alle mahnen An den lichtgebornen Kult der Ahnen! Die sieben Jungfrau'n Jene einzelnen Felsen oberhalb der Loreley, die nur bei niedrigem Wasserstande sichtbar und der Schiffahrt sehr gefährlich sind. Ein Rheinmärchen Frühduft und Nebel fliegen, Silberner Dampf wallt auf, Und sieben Jungfraun wiegen Sich froh im Wellenlauf. Hellglitzernd rieselt's nieder Herab vom Sonnenball, Auf ihre weißen Glieder Wie gold'ner Tropfen Fall. Doch bald beginnt's zu fluten Gewaltig, goldesschwer. Mit glühenden Strahlenruten Geißelts das Nebelmeer. Wie flücht'ge graue Hunde Zerstieben Dampf und Duft .. Und aus der Jungfraun Munde Füllt Jubel rings die Luft. Vergaßen ihre Sinne, Daß Vater Rhein gedroht: »Fröhnt ihr der Sonnenminne, Ist euer Los der Tod!« – Im Sonnengolde baden Sie kühn der Leiber Pracht ... Lichtlechzende Najaden, Entflohn dem Bann der Nacht. Sie achten nicht aufs Rollen Im Felsenbett der Flut, Nicht auf des Stromes Grollen ... Sie trinken Sonnenglut! Sie schlürfen bis sie trunken Von golddurchträuftem Licht, Bis schwer sie hingesunken, Verfallen dem Gericht. – Da plötzlich stürmen schäumend Die Wasser auf sie ein Und, noch von Wonne träumend, Erstarren sie zu Stein. – Doch, wenns wie Gold hernieder Rieselt vom Sonnenball, Durchschauert ihre Glieder Der gold'nen Tropfen Fall.   Franz Fusbahn [gesperrt bis: Datum unbekannt] Heimweh I. II. III.   E. A. Greeven [gesperrt bis: Datum unbekannt] Meine Stunden Worte von ehedem   Heinrich Hack Stemmungsbilder Am Morge Em Wald ging fröhmorgens ich stell un allein; De Welt log em Schlof noch gefange. Am Boddem de Blömcher, ov groß oder klein, Die leeten de Köppcher noch hange. An jedem Blättchen en Daupääl hung, Als hätten de Blome gekresche. All üvverall Rauh noch, ganz heimlich nor klung Et Ruusche vum Waldbaach derzwesche. Kei Vügelche flasterten durch et Gezwig; Se schlefen, em Neßche geborge. Ich fohlt mich su einsam und doch esu rich, Su fän vun der Welt un de Sorge. Op eimol hov leis sich e Lüffche fing, Braht Blädder un Halme zom Bevve; Dann feel durch de Krune 'ne goldige Sching, Dä weckten em Wald Loß un Levve. Doh räckten de Blome sich op en de Looch Un hauchten der Döff us, dä söße; De Finken die peffe, de Nachtigall schlog, De Sonn un der Morge zo größe. Vör Loß quoll och üvver et Minschenhätz: De Häng op zom Himmel gehovve, Vergoß ich de Sorgen, et Leid un der Schmätz Un dankten dem Iwigen bovve. Am Ovend De Sonn brannt' glöhndig, der Dag wor heiß, Mer fohlt et wie Blei en de Glidder; Et wägten am Struch kaum e Blättche sich leis, Om Feld log 'ne glasige Zidder. De Landlück woschen der Schweiß vun der Steen, Der Ohß wor zo möd, öm ze träcke. De Fifaldre flochen öm Blomen un Grön, Zo matt selvs, am Hunnig ze lecke. Doch lantsam der Sonnenball Avschied jitz nohm, En Glot scheen der Himmel zu schwemme. Et hov sich e Wölkche, vum Wasser her kom Der Wind, öm de Hetz fottzunemme. So gingken de Landlück truppwies noh Hus; Der Schöfer trok heim met de Schofe. De Möcken und Kevvere soke sich us E Blömche, dren secher ze schlofe. De Lerch tirileeten am Himmel voll Loß Un leet dann en't Koonfeld sich falle; De Schwalvtere piepschten em ielige Schoß, Em Bösch schloge Nachtigalle. Dann wor alles stell. Hell blänkte 'ne Stän; Em Dau soh mer Glöhwürmcher bletze. De Ovendklocke mahnte vun fän: Schlaft, Minschen all, Gott wed üch schötze!   Otto Haendler Neue Jugend Wem des Lebens Sommerjahre Schweres Siechtum hat bedrückt, Doppelt fühlt er, Reif im Haare, Wie ein frischer Herbst beglückt. Mich berauscht dies neubescherte Liederquellenfindeglück: Ach, es ist mir fast, als kehrte Meine Jugend mir zurück. Doch des Blutes Stürme schweigen, Ruhig ist der Blick und klar, Und mein Herz ist – ganz mein eigen, Das so oft verloren war. Könnt' ich's nur in Worte fassen, Welche Wonne mich durchbebt, Und der Welt es hinterlassen! Nicht umsonst hätt' ich gelebt! Das Pulvermaar Welch glatter Spiegel, blau und klar, Bei Gillenfeld das Pulvermaar! Einst gähnte hier im Kesselrund Graunvoll ein schwarzer Höllenschlund. Dumpf grollt' es oft im Bergesschoß, Bald waren tausend Teufel los, Die brüllten laut im wilden Chor, Die Feuersäule schoß empor Und rötete weithin die Nacht: Satan fuhr hoch in blutiger Pracht! So war's in grauer Heidenzeit. Dann ward durch Christi Blut geweiht Dem Herrn das liebe Eifelland, Und alles kam in Rand und Band. Verschlossen ward der Hölle Tor, Kein Feuer schlug mehr draus empor, Und über schwarzem Felsgeroll Hob sich allmählich Zoll für Zoll, Vom Regen und des Winters Schnee Gespeist, der tiefe, stille See, Von grünem Buchenhag umsäumt – Ein blaues Auge, hold verträumt. Nur selten noch, da wogt es wild, Das Wasser wächst im Nu und schwillt Hinauf zum höchsten Kesselrand, Ein Schrecken für das ganze Land. Dann zieht das Volk, daß die Gefahr Sich wende, rings ums Pulvermaar, Das Kreuz voran, und betet laut: Und Gott hilft dem, so ihm vertraut! Zuletzt da ward im Voraus schon Bestimmt der Tag der Prozession, Einmal hat man den frommen Brauch Versäumt: lau war man früher auch. Da donnert noch am selb'gen Tag Der Berg, und wie mit einem Schlag, Aufwallt der See und schäumt und zischt, Zum Himmel spritzt der heiße Gischt. Schon lockt die Flut am Kraterrand, Wo just der alte Schäfer stand, Da nimmt entsetzt den Hut der ab Und hängt ihn auf den Hirtenstab Und betet laut mit aller Kraft Zu ihm, der Tod und Leben schafft. So geht er um den See herum, Mit ihm sein Hund, andächtig stumm, Die Schafe blöckend hinterdrein, Paarweis, voran die Lämmelein: Und machtlos wird der Hölle Wut, Das Wasser sinkt, und lautlos ruht Ein glatter Spiegel, blau und klar wie je zuvor, des Pulvermaar. Erfüllen sie den frommen Brauch, Tun's Schäfer, Hund und Schafe auch. Ja, wen hier noch ein Zweifel quält: Der Pastor hat's mir selbst erzählt! Grundbesitz Der Platz für unsers Edgars Grab ist mein! Ein Bote bringt ins Haus mir diesen Schein. Hier stehts gedruckt: drei Ellen lang und breit, Da darf er schlafen nun in Ewigkeit! Längst war ich ja auf Grundbesitz erpicht, Du aber, liebes Weib, du wolltest nicht. Nun hab' ich doch vom deutschen Land mein Stück: Ein kleines Grab für unser großes Glück!   Julius vom Hag Wie ich sterben möchte (Erster Teil der von Sully Prudhomme, dem Dichter der »Agonie«, autorisierten Umdichtung.) Die helfend, Ihr in meinem letzten Ringen         Euch zu mir neigt, O, redet nicht! Ein Lied nur laßt mir singen.         So sterb' ich leicht. Leicht löst Musik uns los von Leid und Kummer,         von Qual und Pflicht: Wiegt meinen Schmerz, o, wiegt ihn sanft in Schlummer,         Doch redet nicht! Bin müd' der Worte, müde, nachzugehen         Der Lüge Spur. Ich will nicht mehr begreifen und verstehen,         Will fühlen nur, Nur folgen eines liebes Wellenschlage,         Das sonder Not, Vom Rausch zum Traume mich hinübertrage,         Vom Traum zum Tod ... Sprecht nicht, die Ihr in meiner Todesstunde         Die Hand mir reicht! Ein Lied nur macht, ein Lied von sanftem Munde         Den Tod mir leicht ... Neue Liebe Seit mir dein Herz gehört, Ach, wie vom Glück betört, Meid' ich den Schlaf, den einst Leid mir gestört. Und, wenn das Frührot kaum Aufblitzt am Bergessaum, Wach' ich und träum', mein Glück Wär' nur ein Traum.   Peter Hamecher Wir spielen ... Wir spielen manches Spiel und stellen Fragen Und sind stets unruhvoll und wie ein Kind, Das über halberschlossnen Märchen sinnt; Und Lieder lösen sich von unsern Tagen Und flattern Sommerbändern gleich im Wind. Doch das ist Tand; denn keiner weiß zu sagen Den Glanz, den unsere tiefsten Stunden tragen In Händen, die wie Alabaster sind. Sie schweben leicht in wogenden Gewanden Von Rosenduft und bringen süßen Trank, Und unsre Kammern weitet Wunderhelle. Doch bald enteilen sie zu blauern Landen, Und unser Herz treibt wieder, sehnsuchtskrank, Ein lecker Nachen, auf des Lebens Welle. Stimme im Dunkel Eine Stimme im Dunkel klagt: »Wohin schwandest du, Mein Licht! Meine Sonne! Zitternd und zagend Wie der Urmensch, Als das Zwielicht zum erstenmal Ueber ihn hereinbrach Und die Nacht ihn Zum erstenmal umschauerte, Lieg ich am Boden Und berge mein Antlitz An der Erde. Dunkel ist über mir, Und ich berge mein Antlitz, Damit ich die Schatten nicht sehe, Die im Dunkel huschen! Damit ich die Stimmen nicht höre, Die wie der Verstorbenen Stimmen Im Winde klagen. Kehre wieder meine Sonne, Daß wieder Licht werde Auf Erden! Daß ich nicht umkomme In der Finsternis. Kehre wieder!« * Seele, die ich im Dunkel fand, Irrend an der Nachtöde Strand: Weit komm ich her! weit komm ich her! Wolken wehn von den Bergen her, Finsternis schwingt im All. Aber ich bringe dir hier mein Herz, Mein sehnsuchtzitterndes Menschenherz, Noch bebend von deiner Klage Schall. Nimm es in deine Hände, Licht soll es dir spenden Und deinen Pfad dir erhellen; Doch laß es nicht fallen: es würde zerschellen, Und wir irrten wieder einsam Im Dunkel.   Victor Hardung Mädchenbild Ich bin dir nah, doch ewig unbekannt. Mit stillen Toten lag ich Wand an Wand, Und mählich sanken Stein um Stein uns nach, Und Erde stieg, und durch den Acker brach Der Pflug aufs neu. Und ist von meiner Spur Ein Bild geblieben, ach, ein Schatten nur, Ein Kram, geborgen aus des Trödlers Hand! Und du, du liebst mich, dir so süß verwandt Und aller Sehnsucht nur ein Traum zur Nacht Und Leben dennoch, Leben, das gewacht Vor Tau und Tag und in den Dämmer sah, Ob mit dem Morgenrot sein König nah. Ich war so schön ... so schön war ich und war Viel schöner noch! schau, wie das lichte Haar Die Stirn umrankt, des Nackens schlanken Bug; Vom roten Munde fühl den Atemzug, Wie seine Wärme dir entgegensinkt Und wieder Kühle sein Verlangen trinkt, Und spür den Duft von meiner Jugend so, Und wisse, daß ich wartete! Und, o, Die Flamme brannte, da du noch so weit, Und sehrte lang, so lang vor deiner Zeit! Und ich bin tot. Und als ich lebte, rief Ich dich nicht wach. Du schliefst so tief, so tief – Und da du wachst, ist meines Lebens Spur Ein blasses Bild, arme Erinnrung nur, Von toter Jugend ein verwehter Hauch, Aus einem Grab ein Aschenduft, ein Rauch Aus Mitternacht, zu fremdem Stern ein Schrei Aus welkem Mund ... Vorbei! Turm In jungen Tagen hab ich dich gebaut, Du Turm und Trutz, und in die Welt geschaut, Und Gäste kamen und ein froh Gespiel, Und Sommer ging, und sanfter Nebel fiel, Und Winter ward. Da drängten unserer Ruh Die wilden weißen Wandervögel zu Und rasteten zur Nacht. Und einer rief Und rief zur Nacht, da meine Seele schlief: Wach auf, du Tor, und lasse hinter dir Die Winterwüste, wandere weit von hier – Sehnsucht ist Leben, Ruh ist Tod und Schmach! Und als ich wachte, war es tiefer Tag. Und als ich wachte, war die Sehnsucht groß, Und als ich wachte, war ich heimatlos. Wie tief, o Füße, gingt ihr durch den Staub, Wie weit, o Füße, weit ms welke Laub, Wie lange schritt ich wider Strom und Sturm – liegst du zerfallen, du mein Trutz und Turm? Die Wandervögel treiben fern dahin – Wer weiß darum, daß ich gestorben bin ... Tropfen Die Wolke glüht, vom Frühlingssturm entfacht – Wir fallen, fallen in die junge Nacht Und wandern, wandern unsern alten Lauf, Drängen zur Tiefe, steigen wieder auf Und wandern, Myriaden im Verein, Die Erden aus und jeder doch allein, Verbunden immer und mit jedem Hauch Geschieden doch von dem Gefährten auch. Und was da gehn und was da kommen muß, Wir spenden ihm den heiligen Ueberfluß: Kein Blut loht wider eines Herzens Wand, Sein rotes Feuer ist auch unser Brand, Und keine Stirne, die der Nachtwind rührt, Die nicht den Odem unserer Nähe spürt. Und keine Tränen weinen Glück und Not, Und keine Blache blüht und reift zu Brot Nicht eine Aehre, keine Beere schwillt, Von süßen Säften keine Traube quillt, Wo wir nicht spenden, die wir sind und sind Verwehte Tropfen, Tropfen nur im Wind. Und sind das Leben doch und sind sein Lauf Und sprengen tausend finstere Pforten auf, Waschen das Gold aus starrem Graugestein, Treiben die Räder; und der Ampel Schein, Des Herdes Glut, den Duft der Sommernacht, Den Sturz der Ströme, süße Uebermacht Des Tau's, daß sich die Blume selig biegt Und schwank vom Schmuck zur Morgenröte wiegt– Wir spenden alles, die wir ewig sind Verwehte Tropfen, Tropfen nur im Wind. Wir fallen, fallen und versinken nie – Vernimm die süße, dunkle Melodie – Und wirken, die wir wandern ohne Ruh, Aus Schacht und Tiefe goldenen Sternen zu. Das ist das Leben, leicht und lieb und schwer: Ewiges Scheiden, ewige Wiederkehr; Und Rast drängt alles zu und ruht doch nie – Vernimm die süße, dunkle Melodie: wir leben ewig, die wir ewig sind Verwehte Tropfen, Tropfen nur im Wind. Heinz Herbenau [gesperrt bis: Datum unbekannt] Durch rauschende Wälder .... Im Sommer   W. Hermanns [gesperrt bis: Datum unbekannt] Sonnenwende Der Schmied   Theodor Herold [gesperrt bis: Datum unbekannt] Der Falter Schäferstunde Morgenwanderung Herbst und Frühling   Rudolf Herzog [gesperrt bis: 31. 12. 2013] Der Fuchsmajor vom Niederrhein Rosen Die Bismarcknacht Aus dem Roman »Der Abenteurer«   Karl August Hückinghaus [gesperrt bis: Datum unbekannt] Wandern Memnon's Lied   Wilhelm Idel Die Glocken von Wiehl Und geht ihr vom Rhein die Sieg hinauf Und die Agger ins Tal der Wiehl, Da grüßt euer Ohr ein süßer Klang, Ein herrliches Glockenspiel. So traut erklingen die Glocken von Wiehl Und auch so ernst und bang, Es bebt das Herz vor Wonne und Weh Bei dem wunderbaren Klang. Einst kamen auf einer Wanderfahrt Zwei Kölner Kaufherrn ins Tal, Als feierlich der Glocken Geläut Erscholl wie ein Choral. Verwundert lauschten die beiden Herrn Den Tönen so voll und rein; Sie pflogen Rats und kehrten bald Beim Pfarrer des Dorfes ein. »Herr Pfarrer, wir hörten nicht schöner Geläut Auf unserer weiten Reis', Die Glocken taugten für unsern Dom, Sagt an: was ist ihr Preis?« Der Pfarrer schickt zu den Schöffen hin, Die kommen an in Eil'. »Nein, unsere Glocken missen wir nicht, Die sind uns nimmer feil.« »Wir bieten,« der eine Kaufherr spricht, »So viele Taler euch an, Als man von Köln bis her nach Wiehl Aneinander legen kann.« Da tritt ein würdiger Greis hervor: »Ihr Herrn, laßt ab vom Gebot! Mehr als die blanken Taler tun Die alten Glocken uns not. Sie riefen uns in Lust und Leid Gar traute Weisen zu; Bei ihrem Schalle trugen wir Die Väter zur ewigen Ruh. Und uns soll auch ihr lieber Klang Geleiten durchs Leben hinfort, Bis unsere Kinder uns tragen hinaus An einen kühlen Ort.« Da gingen stumm die Kölner Herrn Hinweg mit finsterm Gesicht; Sie trugen, wie die Sage erzählt, Die stolze Weigerung nicht. Und der andre von ihnen, ein heißes Blut, Rief an des Weges Kehr: »So mögen bersten die Glocken euch! Eine Hexe schick' ich euch her.« Und eine Hexe kam ins Dorf Und klomm in stiller Nacht Ganz ungesehn in den Turm hinauf, Auf schlimmen Schaden bedacht. Mit rotem Faden sie murmelnd umwand Der größten Glocke Rund, – Da plötzlich erhebt sich ein grimmiger Sturm, Erschütternd den Turm bis zum Grund. In die Glocken fährt er, die schwingen sich wild Und schmettern, die sie bedroht, Die Hexe, jäh in die Tiefe hinab, Da fand sie grausigen Tod. – Noch heut' erklingen die Glocken von Wiehl So traut, so ernst und bang, Es bebt das Herz vor Wonne und Weh bei dem wunderbaren Klang.   Paul Jörg Marguerites Viel weiße Blumen steh'n im Felde, Sie zittern leis' im sanften Wind, Ich beuge mich zu ihnen nieder Und pflück' die Blüten wie als Kind. Dann zupf' ich ihre weißen Blätter, Sprech' leis: »Sie liebt mich – liebt mich nicht –« wird es das erste – nick' ich lächelnd, Und wird's das zweite – glaub ich's nicht. Karneval Flatternde Fahnen, Trompetenschall, Farbige Lappen und Flitter! Rufen und Schreien im wogenden Schall! Bettler, Bauern und Ritter, Narren und Weise im bunten Gemisch! Ohrenzerreißende Klänge! Lachende Augen an jedem Tisch! Wirres, tolles Gedränge! Faschingstrubel! im ganzen Land Klingende Narrenschellen! Sein Narrenschiff steuert im Königsgewand Prinz Karneval über die Wellen! – Frau Sehnsucht Du bist mir wohl ewig zur Seite gegangen, Du blonde Frau, und ich wußte es nicht! Betört gab sich zitternd mein Herz dir gefangen Und flog wie ein Falter ins sengende Licht – Frau Sehnsucht, du hast mir die Treue gehalten, Bist mit mir gewandert jahraus – jahrein – Doch wenn einst die Hände, die müden, erkalten – Frau Sehnsucht, dann laß mich beim Sterben allein!   Hugo C. Jüngst Das ist der Herbst ... Das ist der Herbst, wie ich ihn liebe! Auf welkem Laub ruht Sonnenduft; Ein letztes Blütenduftgestiebe Geht schmeichelnd durch die kühle Luft. Noch sind die Blätter nicht gefallen; Von fernher tönt der Drescherschlag; Des Segens lichte Boten wallen Holdlächelnd über Feld und Hag. Ich schreite jauchzend meine Wege; Die Lieder quillen quikbornreich; Geöffnet steht an jedem Stege Das goldne Tor zum Himmelreich. Das ist der Herbst, wie ich ihn liebe! Auf welkem Laub ruht Sonnenduft; Ein letztes Blütenduftgestiebe Geht schmeichelnd durch die kühle Luft. Es fliegen zwei jubelnde Schwalben .. Es fliegen zwei jubelnde Schwalben In sterbender Abendglut, Ueber die Blätter, die falben, Fließt rinnendes Sonnenblut; Rings schwebt in schmeichelnden Wellen Spätsommerblütenduft. Aus laubumzitterten Stellen Einsam ein Vogel ruft. Zwei jubelnde Schwalben fliegen Ins schimmernde Aethermeer; Weich kosend und lockend schmiegen Sich Glutwellen um sie her. Ich hab' mit sehnenden Blicken Den Vögeln nachgeschaut ... Rings schimmernde Blüten nicken, Vom Abendhauch betaut. Dämmergang Verträumt in blassem Nebelhauch Dehnt sich die müde Heide, Ein Vogel wispert leis im Strauch, Heuduft zieht von der Weide. Es hält ein todessüßer Bann Die ganze Flur umfangen, Der Abendhauch sein Goldnetz spann, Ich bin feldein gegangen. Da schwellt's mein Herz so sehnsuchtsweit, Still falten sich die Hände, Möcht' beten, daß nach all dem Leid Ich endlich Ruhe fände. Meiner Mutter Ein weiches Wehen weht schon in den Lüften ... Nun kommt der Lenz mit seinen zarten Düften, Mit all den Blumen, die du so geliebt. Doch von dem neuen, hoffnungsreichen Leben Kann ich dir nichts als ein paar Blüten geben, Nur ein paar Blüten, die der Wind zerstiebt. Seit du aus meinem Leben bist gegangen Liegt auf der Seele mir ein wehes Bangen; Ich geh' und weiß nicht, geh' ich rechten Gang? Ich leb' mein Leben wie in einem Traume. An der Erinnerungen schmalem Saume Geht unruhvoll mein müder Geist entlang. Wie kam es nur, daß ich von dir gegangen? Ins große Leben trieb mich mein Verlangen. – Heut laß ich still dem Leben seinen Gang. Im Traume halt ich wieder deine Hände ... Wo ist ein Hafen, da ich Ruhe fände? – Die Saite riß, die einst so hell erklang. * Ein weiches Wehen weht schon in den Lüften, Nun kommt der Lenz mit seinen zarten Düften, Mit all den Blumen, die du so geliebt. Doch von dem neuen, hoffnungsreichen Leben Kann ich Dir nichts als ein paar Blüten geben, Nur ein paar Blüten, die der Wind zerstiebt. An die Stillen Die Ihr im engen Kreis Genügen findet Und nicht den Blick nach weiten Fernen hebt, Und glücklich seid, wenn still ein Tag entschwindet, Wenn nicht ein Sturm durch Eure Stille bebt ... Die Ihr zufrieden seid in Euern Träumen, Und nie der Wirklichkeit ins Antlitz seht, Und weltfern wandelt unter Blütenbäumen, Wenn sacht der Lenzhauch durch die Zweige geht ... Ich schelt' Euch nicht und will Euch nicht zerstören Was Ihr als Lebensglück Euch habt erbaut, Ihr, denen vor den vollen Lebenschören Und vor der Zukunft wildem Brausen graut. Doch laß auch mich auf meinen Wegen schreiten, Und stört auch Ihr mir meine Kreise nicht; Mich zieht der Geist in jene großen Weiten, Wo sich der Strom der Zeit an Felsen bricht. In meiner Seele lebt ein wildes Glühen, Aus Gluten steigt die neue Welt herauf, Und wo der Zukunft Flammenzeichen sprühen, Da lodern jauchzend meine Lieder auf.   Emil Kaiser Nachtgedanken [gesperrt bis: Datum unbekannt] Mattes Vohsens Ahnung Skizze   Georg Kiesau Sommerpsalm Nun ruh' ich aus und schaue von dem Hügel, Fern von der Stadt, ins sommerblaue Land, Lichtweiße Wolken haben ihre Flügel Wie wilde Schwäne glänzend ausgespannt. Nun ruh' ich aus, fern von dem Ewig andern, Das mich gelockt und das mich stets genarrt, Und, müde von dem Immerweiterwandern, Beschließt ein Traum nun meine Wegefahrt. Ein Traum, wo Männer, wuchtiger Gebärde Und ihres Ziels bewußt, der Körner Kraft Mit starken Händen streuen in die Erde, Die wie im Schlummer ruht und schlummernd schafft. Wo Lenzgewitter sich mit schwerem Segen Einstürzen auf die keimgeword'ne Saat, Wo Sommertage gold'ne Schleier legen Und glühes Glänzen über reife Mahd. Nun ruh' ich aus und seh' den Abend schreiten Auf Purpurteppichen aus süßem Klee, Und wenn die Winde durch die Ferne gleiten, Wogt sanft das Kornfeld, wie zur Nacht die See. Der Abend hebt die milden stillen Hände Zum Segen auf, und eine Glocke klingt Ganz fern vom Kirchhof über das Gelände, Dann ist es still ... und eine Lerche singt. Der letzte Erntewagen naht, sanft greifen Die Weidenzweige nach der gold'nen Last; Am Himmel glüht ein roter Flammenstreifen, Vor dem der hohe Vollmond noch erblaßt. Hollunderduft stäubt um die Gartenhecken, Ein Sprosser ruft, dann kommt die blaue Nacht Und breitet sammetweiche Schattendecken, Wo hell ein Licht und eine Sehnsucht wacht. Da leg' ich meine alte braune Geige, Die vielgeliebte, leise unter's Kinn Und streiche mit dem feinen, weichen Bogen In stiller Freude schmeichelnd drüber hin. Ich spiel' den tiefen, den gesenkten Halmen Ein Wiegenlied dem sommerblauen Land, Und durch die Saiten rauscht es mir wie Psalmen Von Wunderlauten, die ich nie gekannt ... Fern von der Stadt und fern dem Ewig andern, Das mich gelockt und das mich stets genarrt, Ruh' ich nun, müde von dem Immerwandern, Und träume rastend auf der Wegefahrt. Ruine Kloster Heisterbach Die Buchen flüstern sich ein leises Lied, Der Mittag macht die weißen Falter trunken, Die schwere, schwarze Amsel hüpft und sieht, Wie ich im Klosterhof im tiefsten Gras versunken. Wirr liegt der Mauern bröckelndes Gestein Nun doppelt einsam in der jähen Helle ... Der Frieden hält im gold'nen Sonnenschein Am Hochaltar die Messe der Kapelle ... Der einsame Weg Daß du auf diesem Weg nicht bei mir bist, Den braune Blätter rauschend überrollen, Die ihn verwischen und verhüllen wollen, Weil er so schmal und weltverloren ist! ... Wenn über mir des Abendwindes Welle Der kühlen Nacht entgegenweht, Lausch' ich so still, wie vor des Himmels Helle Ein Baum mit hundert dunklen Blättern steht.   Laurenz Kiesgen [gesperrt bis: 31. 12. 2027] Kirschblüten Andacht Jugendtage Uns Huus Jakob Kneip [gesperrt bis: 31. 12. 2028]   Karl Kollbach Wanderlied Auf der Straße geht der Bursche Mit dem Stecken in der Hand, Seinen Rucksack auf dem Rücken, Wie ein König durch das Land. Berg und Tal sind frisch geschmücket, Schimmern rings in Glanz und Pracht. Ihm zu lieb und – weil es Frühling, Alles nun so freudig lacht. Andre fahren in den Kutschen, Und der Zug führt sie hinaus, Sitzen keuchend auf den Rädern Oder – bleiben gar zu Haus! Er allein steigt auf die Berge, Wo die Welt noch groß und schön, Wo die blauen Fernen grüßen Und die hohen Wolken geh'n. All die Städte, Dörfer, Straßen Liegen drunten, tief und klein, Ihm zu Füßen ausgebreitet, Ueberstrahlt vom Sonnenschein. Und des Lebens Sorg' und Mühen Dünken just so klein ihm nun, Wie die Dinge drunten alle, Die im Schoß der Tiefe ruh'n. Ein Abend am Rhein Es ist ein Abend am Rheine, Erfüllet von jubelndem Klang; Viel Menschen in frohem Vereine Ziehn heimwärts mit hellem Gesang. Ihr Rufen, ihr Lachen und Singen Gibt's neckische Echo zurück, Daß Berge und Felsen erklingen, Als nähmen sie teil an dem Glück. – So hat es seit alters geklungen Im Laufe der flüchtigen Zeit; – Viel tausende haben gesungen Und hier sich des Lebens gefreut. – Doch, wenn nun die Stunden entflogen, Der Jubel im Tale verrauscht, – Dann hört man das Klingen der Wogen, Dem klopfenden Herzens man lauscht. Die Lieder aus fernsten Zeiten Sind alle zum Leben erwacht; Geheimnisvoll hallen sie wieder Im Rauschen des Stromes bei Nacht.   Friedrich Karl Kretzmann [gesperrt bis: Datum unbekannt] Dein Glück und meins Der Garten Vor der Nacht Flocken   Wilhelm Langewiesche Herbst Der du die grünen Blätter färbst, Die letzte Reife gibst dem Weine, Was zögerst du so lange, Herbst? Nach deiner Kraft verlangt die meine! Vergolde du mein Leben ganz, Von dem schon längst die Blüten fielen, Laß um den schmalen Früchtekranz Versöhnlich deine Lichter spielen. Die letzten Wünsche bring zur Ruh Mit deinen letzten schönen Tagen, Und lehre meine Seele du Verstehn und lächeln und entsagen ... Heimat Heimat, ferne Heimat, du, die ich verließ, Liegst vor mir im Traume als ein Paradies. Oeffnest meiner Sehnsucht heimlich Tür und Tor, Heimat, ferne Heimat, du, die ich verlor – – Heimat, ferne Heimat, dir, die ich verkannt, Will ich Treue halten in dem fremden Land. Aber meinen Kindern reife Korn und Wein, Heimat, ferne Heimat, deiner Sonne Schein. Weißt du's noch? Weißt du's noch? Die Rosen blühten, Und die Sommersterne glühten, Und die Buchenwipfel träumten, Und die Brunnenschalen schäumten, Und die Liebe schritt verstohlen Durch die Nacht auf leisen Sohlen, Näher, immer näher kam sie Und mit weißen Händen nahm sie Von den Augen uns die Binde: Sehend wurden da zwei Blinde, Weißt du's noch? Was die Augen da erkannten, Wie die jungen Herzen brannten, Wie die Hände sich verflochten Und sich nimmer lösen mochten, Wie die Lippen da sich fanden, Und die Seelen sich verbanden, – Wie uns dann ein süßes Schweigen Ueberkam so süß und eigen, Als umweht von Engelsschwingen Hand in Hand nach Haus wir gingen, Weißt du's noch? Meinen Kindern Ich hoffe, daß euch einst Erkenntnis wird, Wie euer Vater oft und schwer geirrt. Er wollte eures Werdens Helfer sein Und wußte selbst, wie oft, nicht aus noch ein, Dem Hunger eurer jungen Seelen bot Unwissend er, wie oft wohl, Stein statt Brot ... Die überselig euch das Leben gab, Die ruhte ja in ihrem frühen Grab Und half mir nicht und ließ euch mich allein, Und hieß mich Vater euch und Mutter sein. Das ist wohl mehr als auch ein bessrer Mann, Ein stärkerer als euer Vater, kann ... Nun hab ich euch in diesen Wald gebracht, Der eure Kindheit frei und fröhlich macht, Ihm anvertraut ich euer Leben gern, Ich weiß, er hält euch manchen Gifthauch fern Und manchen Staub, der in der Stadt bedroht Auch junge Seelen schon mit Werdenot. Und wie der Wald euch nun gedeihen läßt, Erobert ihn und haltet an ihm fest. Der mehr zu sagen euch als ich vermag, Laßt ungehört ihn auch nicht einen Tag Und lernt von ihm, wie schlicht und groß und frei Der liebe Gott und alle Wahrheit sei ... So jung ihr wart, ihr tatet mehr für mich, Als ich für euch: der Schuldner bleibe ich. Der sorglich euch wohl zu erziehen schien, Den lehrtet ihr, sich selber zu erziehn, Und halfet ihm: ihr fülltet unbewußt Sein alternd Herz mit junger Werdelust. Der Sturmwind eurer reinen Leidenschaft Entfachte seiner Seele Lebenskraft, Der laute Jubel eurer Freude rief Und weckte seine, die so lange schlief, Und ließ zuweilen seine Treue nach, Die eure, Kinder, blieb beständig wach. – Er schonte stets der Rute, doch ihn schlug Ein harmlos Wort von euch oft hart genug. Vor euren Augen, d'raus die Wahrheit sah, Stand er, wie oft, nur scheinbar aufrecht da, Und wenn an eures Wesens Einfalt er Das Eigne prüfte, ward das Herz ihm schwer .. Wenn, wie ihr seid und wie ihr nicht seid, ihr Dereinst erkennt, zürnt nicht und dankt nicht mir. Legt einen Kranz auf eurer Mutter Grab, Die euch das Beste: Kraft zum Werden, gab. So lang ihr lebt, betätigt diese Kraft, Für die ich euch nach meiner Raum geschafft, Dann macht, wenn meine Kraft am Ende ruht Die eure das, was ich versäumte, gut ... Verhallt, wer weiß wohin, einst euer Schritt, Nehmt aus dem Wald die besten Früchte mit: Ein reines Herz und Festigkeit darin, Ein klares Auge, einen schlichten Sinn, Zum Leben Liebe, Gottes einen Hauch Und eine tiefe, starke Freude auch, Kraft zum Genießen, zum Entsagen Kraft Und Frieden, der sie täglich neu erschafft, Und jede Nacht erquicke eure Träume Vom fernen Wald das Rauschen dieser Bäume ...   Josef Lauff Schön Suse Es war ein Jäger zu Münster am Stein, Der blies ein Lied in den Wald hinein Und spielte mit Tönen und Noten Anstatt mit Posten und Schroten – Dumdeila, dumdeliduse –       Schön Suse! Er blies bis die Sonne zur Rüste ging, Und feiernd der Mond in den Wolken hing, Doch schoß er auf grünen Bahnen Kein Rebhuhn und keinen Fasanen – Dumdeila, dumdeliduse –       Schön Suse! Und als es über dem Walde getagt, Hat dennoch der Jäger ein Wildpret erjagt, Trotz allen Traleien und Noten Und sonder Posten und Schroten – Dumdeila, dumdeliduse –       Schön Suse! Es war ein Wildpret gar seltsam und fremd, Ein Wildpret im Mieder, ein Wildpret im Hemd Mit Brüsseler Spitzen und Kanten, Deß Aeuglein lohten und brannten – Dumdeila, dumdeliduse –       Schön Suse! Noch öfters tönte am Wiesenborn Zur stillen Nacht das Jägerhorn; Dann sind die metallenen Zungen Ganz leise und mählich verklungen – Dumdeila, dumdeliduse –       Schön Suse! Nun harrt Schön Suse am Straßenrain Vergebens auf ihren Jäger vom Stein, Und gängelt und schaukelt die Wiegen, Und wehrt ihrem Knaben die Fliegen – Dumdeila, dumdeliduse –       Schön Suse! Miseräbelchen Als einst vor vielen Jahren Der Wein in Beeren stand, Kam fröhlich der Heiland gefahren Ins schöne Moselland. Doch über dem Menschensohne Hing glühend die Sonne zur Stund; Da klang es mit sanftem Tone, Und also sprach sein Mund: »Dort liegt eine kleine Gemeine Im schmucken Rebengerank; Mich dürstet nach gutem Weine, Geh', Petrus, und hole den Trank.« – Da ging Herr Petrus im Staube Der Weisung des Herren nach, Bis dort, wo in hölzerner Daube Ein guter Tropfen lag. Bald ward ihm die schönste der Spenden, Die perlend dem Krahnen entrann Und trug sie mit sorglichen Händen, Im hölzernen Becher von dann. Und er ging gesenkten Hauptes Und barfuß und sonder Hut; Ihn quälte sein bestaubtes Gewand in der Mittagsglut. Er senkte traurig die Ohren, Die Schläfe war glühend und heiß; Aus allen Fugen und Poren Tropfte der sickernde Schweiß. Und es kam der Versucher gegangen Und raunte und lockte zur Stund – Da führte mit heißem Verlangen Herr Petrus den Becher zum Mund. Und als er kräftig getrunken Und dann in Betrachtung stand, Da war der Pegel gesunken Bedenklich vom oberen Rand. Nur bis zur Schoppenmitte stand noch der Wein im Buchs – Da nahm er mit kräftigem Schnitte Den überragenden Wuchs. Und als er fürder gegangen, Der Durst sich nicht verlor, Da hob er mit Hangen und Bangen Den Becher zum Zweiten empor: »Willkommen, du Gaumenweide, Im stechenden Sonnenbrand!« – Und wieder mit trefflicher Schneide Beglich er den Pegelstand. Jetzt war er zum Heiland gekommen, Und als er den Trank ihm bot, Da sprach er angstbeklommen, In seiner Drangsal und Not: »Zwar preßt die Moselkelter Den allerbesten Wein. Doch alle seine Behälter Sind miserabel klein.« Der Herr mit Stirnerunzeln Hat eiligst den Becher geleert, Und dann mit sanftem Schmunzeln sich zum Apostel gekehrt: »O wie dem Moselzecher Die Freude so schnell verrinnt, Dieweil die Schoppen und Becher So miserabel sind!« Und was der Heiland empfunden, Als er des Trunkes pflag, Besteht noch unumwunden Bis auf den heutigen Tag. Denn was Herr Petrus erdachte, Dem Schelmenstreich zum Schutz, Das machten sich sauber und sachte Die Moselaner zu Nutz. Zwar bieten die Moselhänge Noch immer den saubersten Wein, Doch für die dürstende Menge Sind allweil die Schoppen zu klein. Noch immer besteht die Klage – Und dieserhalb werden im Land Die Schoppen noch heutzutage »Miseräbelchen« genannt. Ein Abend am Niederrhein Es neigt der Abend feiernd sich zur Erde         Gemach und still. Da geht des Herren schöpferisches »Werde!«         Durch den April. Es hat sich licht dem Bast der jungen Erle         Das Grün gesellt, Und sehnend schweift der Liebesruf der Merle         Durch alle Welt. Schon webt die Nacht geheimnisvolles Dunkel         Um Turm und Knauf – Da schlägt im Grunde schüchtern die Ranunkel         Die Augen auf. Kein heller Stern dem irdischen Gewühle         Ein Kränzlein flicht; Nur einsam flimmert aus der nahen Mühle         Ein mattes Licht. Ein Flüstern rings, bald stärker und bald leiser         Ich steh gefeit; Mir klingt im Spiel der windbewegten Reiser         Die alte Zeit. Die wird zum Kinde, schlicht und sonder Fehle,         Im flächsern Haar; Ihr Märchenauge dringt in meine Seele,         wie einst es war. Da zwingt es mich, – es falten sich die Hände,         Wir sind vereint! Aus Herzensgrund im dämmernden Gelände         Hab ich geweint. – – – Es ist so still, so feierlich hienieden, –         Die Träne rinnt; Beglückt durch dich, in deinem Abendfrieden         ward ich zum Kind. Aus Kärrekiek Eine niederheinische Geschichte Als ich wiederkam Bestäubte Schuhe! – und vor mir lag die kleine niederrheinische Stadt mit ihren kanadischen Pappeln und der Sankt Nicolaikirche. Es war alles wie früher. – Die roten Giebeldächer schimmerten durch das saftige Grün gerade wie damals, und die Heupferdchen geigten zwischen Kuckucksblumen und Wiesenschaumkraut genau in denselben Tönen und Intervallen, wie sie es vor dreißig Jahren getan, als ich mich als halbwüchsiger Junge zwischen Rispen und Dolden gestreckt hatte, um nach den Dohlen zu schauen, die langsamen Fluges die Spitze des Nicolaiturmes umkreisten. – Auch heute war es auf dem Turme lebendig, dessen von der Abendsonne vergoldeter Knauf weit in die niederrheinischen Lande hineinsah. – Von den Pappeln, die sich scharfumgrenzt vom Abendhimmel abhoben, wehte ein geheimnisvolles Säuseln herüber. – Harfenklänge aus früher Jugendzeit umzitterten mich und stimmten die Seele harmonisch und weich. Aber gleichzeitig war es mir, als wenn mich eine unsichtbare Hand leise berührte; sie glitt sanft über mein Antlitz und blieb über der Herzgrube liegen. – Ein seiner körperlicher Schmerz durchfuhr mich. – Ich hatte keine Erklärung dafür ... aber eine Schwalbe huschte vorüber, und mir klang es wie aus weiter Ferne: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit...!« Noch hielt mich ein unbestimmtes Gefühl ab, geradenwegs die Stadt zu betreten. Ich wandte mich seitwärts. Binsen und Schachtelhalme durchsetzten den üppigen Wieswuchs. Ein breites, ruhiges Wasser legte sich hier um eine Art von Bollwerk, das in früheren Zeiten als Brückenkopf gedient haben mochte. Wir Jungens nannten es »Ravelin«, und ein eigentümlicher Zauber war mit diesem Ort verbunden. Hier wohnte das Bläshuhn, hier tackte das Müllerchen im Brombeergesträuch, die rotbraunen silberglänzenden Rispen des Schilfrohrs sprachen hier mit säuselnden Stimmen, und die Wasserlinsen spannten ihren smaragdnen Teppich über das stille Wasser, auf dem später die bleichen Teichrosen schwammen wie verwunschene Sterne. Ich war näher getreten. – In demselben Augenblick hub die Schilfdrossel an und ihr »Kärrekärrekiek« zog in scharfen, aber langgezogenen Tönen über die Fläche. Ich kannte den Ruf, ich hatte ihn vor Jahren unter eigentümlichen Umständen vernommen; er hatte eine seltsame Bedeutung für mich – das »Kärrekärrekiek« der Schilfdrossel durchschnitt mir die Seele. Das Gegenwärtige war tot für mich, die Vergangenheit war lebendig geworden. Hier hatte ihr Fuß gestanden, von hier aus war sie aufs Bollwerk hinübergerudert; dann war sie auf demselben Wege zurückgekehrt, bleich und mit geröteten Augen, und ihre Lippen waren zusammengekniffen ... und der Mond stand über dem Ravelin und er tauchte seine silberlichte Scheibe in die kühle Flut des ruhigen Wassers. »Kärrekärre-kärrekärrekiek!« Noch lange verfolgte mich das sonderbare Schilflied des eigentümlichen Vogels; ich hörte es noch, als mir schon längst die Stein- und Holzkreuze des Friedhofs winkten, die mit einer gewissen Wehmut über die geschorenen Liguster und Hagedornhecken hinwegsahen. Der alte Spillbaum, der im Herbst sich mit den roten Korallen schmückt, begrüßte mich beim Eintritt zuerst. Er war ein guter, lieber Freund aus den Tagen der Kindheit, jenseits des Tores ruhten so viele, die ich gekannt hatte und die mir teuer gewesen, als sie noch unter den Lebenden weilten. Gleich zur Linken befand sich ein niederer Hügel. Unter demselben schlummerte meine kleine Schwester, die sich stets fürchtete und ängstliche Augen machte, wenn sie an einer Stiefmütterchenrabatte vorbeikam. Ein Hollunderstrauch hatte seine Scheindolden über das Grab gebreitet, und ein Rotbrüstchen saß in den Zweigen und dämmerte sein anspruchsloses Lied in den Abend hinein. – Liebeseelchen und Stiefmütterchen ...! – Bewegten Herzens irrte ich weiter. Ein windschiefes Holzkreuz ragte aus dem Rasen empor. Aus den verwaschenen Lettern entzifferte ich einen Namen, der mir bekannt war: Heinrich Hübbers. – Also hier hatte der große Heinrich Hübbers seine letzte Ruhestätte gefunden?! – Sein alles umfassender Geist hatte es ihm möglich gemacht, dreien Herren während seiner irdischen Laufbahn zu dienen. Tagsüber zog er den Pechdraht, während der Nacht tutete er die kleine Stadt in Sicherheit, und an Sonn- und Feiertagen führte er seine mächtige Otternfellmütze und den blauen, fünfundzwanzigpfündigen Leibrock spazieren. Bei dieser Gelegenheit trug er zudem einen prächtigen Krückstock, über dessen Herkunft kein Zweifel obwalten konnte. Zwinge und Schnepper, die etliche Zoll unter dem Messinggriff hervorsahen, kündeten zur Genüge seine einstmalige Bestimmung an; er war der gewichtige Träger eines Regenschirmes gewesen. Mit diesem Spazierstock ging er auf die Jagd und schoß mir nichts dir nichts Dohlen aus dem Nest – wenigstens stellte er uns Jungens gegenüber diese Behauptung auf, und wir glaubten es ihm, denn wenn er so da stand, das linke Auge zukniff, zielte und mit dem Schnepper knallte, dann wurden auch die leisesten Bedenken zu Boden geschlagen. Selbstverständlich kam nie eine Krähe herunter. – Entweder sie war direkt ins Nest gefallen, oder sie hatte sich im Gezweige verhäkelt – aber wir glaubten, denn Heinrich Hübbers hatte gesprochen. Jetzt schießt er Krähen und Hasen auf der überirdischen Flur, denn das ewige Licht leuchtet ihm. Requiescat in pace sancta! – Neben ihm ruhte Jakob Verhage, der Achtzigjährige aus dem Altmännerhaus, wo er die letzten Jahre hinter Fuchsien und Geranienstöcken verbracht hatte. Der Mann war vogelsprachkundig wie Salomo gewesen. Er wußte genau, was die Drossel sang und die Elster geckerte, wenn sie aufbäumte und den schillernden Schwanz rechtwinkelig emporstelzte; er kannte die feinen Stimmchen der Goldhähnchen, die eigentümliche Knarre des Waldkönigs, den leierartigen Singsang des Rotkehlchens, dem er stundenlang zuhören konnte, wenn draußen der Wind pfiff und die Schneekristalle um das Fensterkreuz seiner bläulich gekälkten Stube ihren Ringelreihen tanzten. Aber auch mit den Nagern lebte er auf freundschaftlichem Fuße. Fette, braunrote und schwarzgefleckte Meerschweinchen durchhuschten das Zimmer, quieksten und murksten, und weiße Mäuse trieben ihr artiges Spiel zwischen den Fuchsien- und Geranientöpfen. Wie er inmitten seiner Tiere gelebt hatte, so war er auch inmitten seiner Tiere gestorben. Eines frühen Morgens fanden die Altmännerleute ihren betagten Genossen ruhig im Lehnstuhl sitzend. Das Haupt des grobknochigen Mannes war nach vorwärts geneigt; sein Lederkäppchen hielt er zwischen den gefalteten Händen, genau als spräche er sein Frühgebet, denn die Morgenglocke hallte just in diesem Augenblick von Sankt Nicolay herüber. Aber dieselben Meerschweinchen hatten schweigend einen Kreis um ihn gebildet. Das Keckste von ihnen stand mit seinen Vorderpfötchen auf den Filzpantoffeln des einsamen Mannes und blinzelte in das stille Gesicht seines Wohltäters, als ob es sagen wollte: Na, Jakob Verhage, wo bleiben die Mohrrüben und die gefrorenen Kohlblätter? – aber Jakob Verhage weilte nicht mehr unter seinen Meerschweinchen und Mäusen, unter seinen Distelfinken und Rotkehlchen; das herbe Leid, das ihm sein einziger Sohn angetan hatte, als er sich weigerte, Geistlicher oder, wie die Leute dort sagen, »Herohme« zu werden, hatte genügt, ihm das Herz abzustoßen. – Er ist »RIPS« , sagte der Pförtner des Altmännerhauses, und drei Tage nach diesem Geschehnis wurde Jakob Verhage begraben. Ich näherte mich dem Kalvarienberge. Zur Linken desselben hob sich ein schlanker Lilienschaft von einem wohlgepflegten Grabhügel. Die anspruchslose Ruhestätte war mit einem schmalen Kranze von Nelken und Sommerlevkojen umfriedet. Am Kopfende derselben befand sich ein niedriges, gußeisernes Kreuz, dessen Mittelschild von ungeschickter Hand bemalt und beschrieben war. Als ich mich niederbeugte, durchfuhr mich derselbe feine körperliche Schmerz wie vorhin; es war mir, als zitterten von weither die Klänge der Schilfdrossel über die Gräber und die Grashalme der friedlichen Stätte ... Ich wollte die Ruhe nicht stören; gesenkten Hauptes schritt ich der Stadt zu. Eine sonntägliche Feier lag über der niederrheinischen Landschaft gebreitet. Rechts und links von der breiten Heerstraße weideten etliche buntscheckige Kühe in den saftigen Wiesen, oder ruhten wiederkäuend im Grase. Das eintönige Blütenmeer des Wiesenschaumkrauts hatte eine weißliche Kobaltbläue über die Niederung gesponnen, die allmählich in ein zartes Silbergrau übergehend, sich hinter den gekappten Weidenstämmen verlor. Rings war abendliche Stille. Der Wind hatte sich gelegt, nur die Pappelblätter waren in steter Bewegung. Bald zeigten sie ihre lichte, bald ihre dunkle Seite und quirlten dabei, wie in nervöser Unruhe, um die Achse ihrer langen Stiele, wobei ein Lispeln entstand, wie das ständige Geplauder eines Rinnsals mit steinernem Untergrund. Ich hatte mich inzwischen dem Tore genähert: – Etliche Mädchen und Burschen schritten lachend vorüber; sie grüßten, aber ich kannte sie nicht mehr. Ich gewahrte eine kleine Gestalt, die behäbigen Ganges mir entgegen kam. Um ein verhutzeltes Männchen schlug ein altmodischer, brauner Ueberrock seine langen Falten. Die kurzen Beine waren in großkarrierte Hosen gesteckt, und auf dem Kopfe trug er einen anscheinend nicht passenden Zylinder, denn ich bemerkte deutlich, wie derselbe bei jedem Schritt ziemlich bedenklichen Schwankungen unterworfen war. Trotz des prächtigen Wetters war er mit einem unförmlichen, baumwollenen Paraplü versehen, dessen brennendes Zinnoberrot wie ein disharmonierender Farbklex in die sanften Töne der feinabgestimmten Landschaft hineinknallte. In das friedliche Gesicht hatte er eine lange Pfeife mit Troddeln gesteckt, aus deren Porzellankopf und Pfefferrohr er blaue Wölkchen in den Abendhimmel hinausblies. Inzwischen waren wir näher gekommen. Still und selbstbewußt ruhte das glattrasierte Gesicht des Paraplümännleins zwischen den niedrigen Vatermördern. Noch einmal paffte er zierliche Ringel in die Luft, spuckte in vollendeter Weise aus seinem linken Mundwinkel zur Seite und blieb dann stehen. Ein unbestimmtes Etwas hielt uns gegenseitig gefesselt. Irgendwo war mir dieser Mann schon begegnet. Dieser gutmütige Ausdruck, diese wasserblauen Augen, dieses charakteristische Kringel- und Ringelblasen und das haarscharfe Spucken ... natürlich – er war es! »Pittje Pittjewitt ... !« »Jesses, Maria,« stieß das kleine Männchen heraus und reichte mir seine verwitterte Hand hin, »Gottdomie! – Jupp ...?« »Bin ich noch immer,« lachte ich herzlich und schlug in die dargebotene Rechte. »Dreißig Jahre – und ihr seid ein Schreibersmann geworden?« »Bin ich.« »Na – und?« »Ja, Pittjewitt – nun bin ich hergekommen, um einen neuen Roman auszugraben und ihr sollt die Hauptrolle drin spielen.« »Verflucht noch mal,« meinte Pittje, wobei er seinen Zylinder, der sich wie ein Zuckerhut nach oben verjüngte, gravitätisch vom Kopfe zog und sich alsdann wieder bedeckelte, »verflucht noch mal, das wird 'ne feine Geschichte. – Und die anderen Spieler?« »Alles Bekannte, Pittjewitt. – Jakob Verhage, der lange Dores, Hübbers, der junge Herohme, der lateinische Heinrich – und die da bei dem Kalvarienberg, Pittje.« »Hannecke Mesdag,« ergänzte Pittjewitt mit umflorter Stimme, wobei er wiederum, gleichsam um das Andenken der Verstorbenen zu ehren, mit einer unbeschreiblichen Feierlichkeit den Zuckerhut lüftete und dann wieder aufsetzte. »Ja, Pittje,« warf ich leichthin dazwischen, »und da hab ich mir denn gedacht, daß ihr sozusagen Mitarbeiter an der Geschichte werden sollt und mir Aufschlüsse über gewisse Begebenheiten macht, die ich selbst in damaliger Zeit, als sie passierten, nicht wußte und auch nicht wissen konnte – mit anderen Worten, ihr knotet die Fadenenden zusammen, die zusammen gehören, und über die ganze Geschichte streiche ich dann selber den poetischen Firniß.« »Verflucht noch mal,« meinte der Alte und kniff dabei die Augen zusammen. »Kann ich,« fügte er nach einiger Weile hinzu und schlug zur Bekräftigung dessen so selbstbewußt auf seine linke Brusttasche, als ob sich dortselbst das Manuskript des von mir geplanten Romans schon längst fix und fertig vorfände. »Kann ich ...« bekräftigte Pittje noch einmal und gab mir durch eine gravitätische Handbewegung zu verstehen, daß ich in seinem Hause ein willkommener Gast sei. Pittje Pittjewitt, der baumwollene Regenschirm, dessen Knallrot im werdenden Abend noch nichts von seiner Leuchtkraft verloren hatte, der altmodische Zylinder und ich hielten nunmehr unseren Einzug in das niederrheinische Städtchen. – Vor ihren Hausschwellen saßen schon die Leute auf hochlehnigen Binsenstühlen, um die wohlige Kühle einzuatmen, die von den nahen und taufrischen Weiden herüberwehte. – Um die spanischen Giebel der engen Straßenzeilen begannen schon die Dämmer zu weben. In vereinzelten Kramläden wurden die Lichter angezündet. Die alte Linde auf dem Marktplatz schien sich langsam und ganz behaglich auf das Einschlafen vorzubereiten. Ihr eigener Duft mußte sie betäuben, denn sie war über und über mit Blüten verschneit, die durch ihre Isabellfärbung den Anschein erweckten, als wären um die Zweige des stattlichen Baumes die feinsten Brabanter Spitzen geklöppelt. Trotz der vorgerückten Stunde tönte noch ein leises Bienengesumme aus den blühenden Aesten. Als wir die Linde passierten, stieß mich Pittje Pittjewitt mit der Hornspitze seines Pfeifenrohres wiederholt in die Seite. »S–t!« machte der Alte. Wir blieben stehen. – Auf der Steinbank, die im weiten Kreise die Linde einhegte, saß eine Gestalt, die etwas unheimliches an sich hatte. Ganz in Schwarz gekleidet, den hageren Oberkörper vorwärtsgeneigt, ließ sie ihre langen Arme wie leblos zwischen den Knien zu Boden hängen. »So sitzt der jeden Abend,« meinte Pittje Pittjewitt. »Wer ist es denn?« »Der Herohme.« »Der junge Verhage?« »Ja. – Er war mal jung, jetzt hat er die Fünfziger überschritten.« Mir war's, als würde eine schrille Seite angeschlagen. Sie tönte wie aus fernen Zeiten herüber. »Und jetzt?« Pittje Pittjewitt sah mich mit großen Augen an, rückte den Zylinder durch eine geschickte Bewegung des Kopfes bis in die Höhe der linken Ohrmuschel, so daß das lange Gehäuse sich bedenklich zur Seite neigte und führte die Pfeifenspitze ganz bedächtig an die nunmehr freigelegte Stirne. Hier zog er etliche konzentrische Kreise. »Versimpelt, total versimpelt,« meinte Pittje Pittjewitt. Eine Pause entstand; in Erinnerungen verloren sah ich bewegten Herzens auf den einsamen Mann, dessen umnachteter Geist, fern der Außenwelt und ihren Eindrücken stehend, nur noch ein Traumleben führte. Jetzt hob er den Kopf. Ein schmalrandiger Filz saß auf dem graugesprenkelten Haar. Die Blicke hatten einen wirren, verwehten Ausdruck. Um den Mund huschte ein groteskes Mienenspiel, das die ganze Trostlosigkeit seiner geistigen Verfassung offenbarte. »Herohme,« sagte Pittje Pittjewitt. Ueber die Züge des Angeredeten lief ein breites Grinsen, langsam erhob er sich, vergrub beide Hände tief in die Hosentaschen und gab deutlich zu verstehen, daß er nicht behelligt sein wollte. Ohne sich weiter an uns zu stören, stakelte er mit seinen langen Beinen und Holzschuhen durch die friedliche Stille des Marktes. Noch einmal wandte er sich und fixierte mich mit stechenden Blicken. Ob er mich erkannt haben mochte?! »Jetzt genehmigt er sich einen Korn in der Destille von Hendrik Pastores,« konstatierte Pittje Pittjewitt, »aber er ist ungefährlich,« fügte er ergänzend hinzu. »Wer kümmert sich um den Aermsten?« fragte ich teilnehmend. »Die Gemeinde.« »Und wo hat er Unterkunft gefunden?« »Im Altmännerhaus. Er bewohnt dieselbe Stube wie sein seliger Vater Jakob Verhage.« »Und sein Leben ist trostlos?« »Trostlos,« versetzte Pittje Pittjewitt, zog ein silbernes Uhrgehäuse, das einer stattlichen Wasserrübe nicht unähnlich war, aus einer rotgepunkteten Weste, drückte mit dem Daumen auf einen unscheinbaren Knopf und entlockte der silbernen Knolle ein mehrmaliges Tinken. »Neun,« sagte Pittje Pittjewitt. In demselben Augenblick wurde seine Angabe vom Rathausturm bestätigt. In langen Pausen zitterten die einzelnen Schläge über die Linde und die eigenartigen Giebel, die jetzt nur noch in fahlbläulichen Schattenrissen den breiten Marktplatz begrenzten. Vereinzelte Lichtflecke standen auf den Häusersilhouetten. »Neun Uhr,« wiederholte Pittje Pittjewitt. »Kommen wir.« Wir gingen. – In der Kesselstraße, in die wir jetzt einbogen, schienen im Laufe der Jahre keine einschneidenden Umwälzungen vor sich gegangen zu sein. Wie früher, so wuchs auch heute noch das kurzhalmige Gras zwischen den Pflastersteinen, die sauber geputzten Messingköpfe der Türen glänzten wie sonst, genau wie früher standen die gehäkelten Fenstervorsätze hinter den Scheiben, und ab und zu tönte die gedämpfte Rolle eines Kanarienvogels durch die verschlafene Stille; und hier der niedrige, lachsfarbige gekalkte Giebel mit den hellgrünen Läden, dem viereckigen Rutenfenster über der Tür und den Barbierbecken von Messing ... ! – Wir sind bei Pittje Pittjewitt.– Alles wie früher! Es war ja recht behaglich im Zimmer. Zwei Kerzen in Metallleuchtern standen auf der weißgescheuerten Lindenplatte des runden Tisches und warfen Licht und Schatten auf die mit Sand bestreuten Dielen des einfachen Raumes. Zwei lange Tonpfeifen hatte Pittje dem Eckbrett entnommen und dieselben mit dem feinsten Holländer Krülltabak »Admiral de Ruiter« gestopft. Flackernde Holzspähne setzten den Tabak in Brand – und nachdem wir es uns recht bequem in den breiten Strohsesseln gemacht hatten, nachdem die ersten Wölkchen gegen die Decke geblasen waren, wurde die große Heerschau abgehalten. Längstverhallte Töne begangen wieder leise zu klingen; verschwommene, nebelhafte Gestalten nahmen die alte Fassung und Form an, durch die Wirrnis der Jugendzeit wurden neue Wege gebahnt und geebnet, sodaß ich allmählich Einblick gewann in seltsame Begebenheiten und Menschenschicksale, die ich vor dreißig Jahren zum großen Teil miterlebt hatte, aber für deren Lösung mir damals das Verständnis fehlte. Pittje Pittjewitt wußte geschickt zu erzählen. Alles stand mir in lebhaften Farben klar und deutlich vor Augen. Die schöne Mär von der dürren Jerichorose wurde hier in die Tat übersetzt. Die alte Zeit, die ich vor Jahren durchlebte, ähnelte dieser geheimnisvollen Blume. Sie blühte schöner denn je, und ihr wohliger Duft regte die Phantasie an, durch deren Kraft ich in die Lage versetzt wurde, die nachstehenden Blätter später niederzuschreiben. – Pittje Pittjewitt hatte sich gerade eine zweite Tonpfeife angebrannt und die ersten Kringel über die weiße Tischplatte geblasen, als es von draußen mit scharfen Knöcheln gegen die Scheiben klopfte. Unwillkürlich schreckten wir beide zusammen. »Gottdomie!« sagte Pittje Pittjewitt. Er wollte noch weiter reden und fluchen, aber ein schauerliches Gelächter, daß vor dem Fensterrahmen ertönte und sich unliebsam in unsere Behaglichkeit hineindrängte, ließ ihn jählings verstummen. Wir wandten uns gleichzeitig um und sahen ein bleiches, verzerrtes Gesicht hinter den Scheiben, das aber plötzlich verschwand. »Der Herohme ... !« »Was Herohme!« schrie Wilm Verhage und schlug dabei auf die Platte des Tisches, daß das »Admiral de Ruiter«-Päckchen lustig emporsprang. »Was, Herohme ... und! – Hannecke Mesdag ist tot – Grades Mesdag ist tot – und hier steht der gewesene Zölibatär, dem sie ...« »Herohme, das sind alte Geschichten!« suchte Pittje Pittjewitt den späten Eindringling zu beschwichtigen. »Was, alte Geschichten?!« wiederholte der Irre. In dieser Nacht hat sich der weiße Kelch aufgetan – und wenn die Lilien blühen, dann wird auch Hannecke Mesdag wieder lebendig ... ! – Und Hendrik Pastores hat mir gesagt, daß Jupp in der Stadt sei – und Jupp kann schreiben und der soll alles niederlegen, wie die Sache gekommen ist und wie sie mir den Schädel eingeschlagen haben. Die Geschichte muß klargestellt werden, sonst schlage der Teufel ...« »Das soll sie auch.« Ich war aufgestanden und hatte die Hand von Wilm Verhage ergriffen. Aber der Herohme entzog sie mir. Er kannte mich nicht. »Niederlegen soll er die ganze Passion von Hannecke Mesdag und mir, verlangte er noch einmal mit erhobener Stimme, dann wandte er sich an meinen Nachbar: »Pittje, 'nen Schiedam.« »Morgen,« erwiederte Pittje Pittjewitt. »Gut,« versetzte der Herohme mit stoischem Gleichmut, vergrub die Hände wieder tief in sein Hosenwerk und ging. Pittje Pittjewitt und ich saßen noch lange zusammen. Die Kerzen waren längst niedergebrannt, als wir schieden. – – – Anderen Tages trat ich die Heimreise an. Im Eilwagen ging es der zwei Stunden entfernten Bahnstation zu. In der Ebene standen die Roggen- und Weizenfelder in Blüte. Ueber die resedagrünen Halme wallte und zog der Aehrenrauch. Etliche blaue Libellen blitzten durch die Luft, und die Goldammer saß am Straßenrain und schrillerte ihre anspruchslose Strophe unverdrossen in den Junimorgen hinaus. Noch einmal wandte ich mich. – Die ziegelroten Dächer der kleinen Stadt standen wie leuchtende Punkte am tiefen Horizont. Hinter den Pappelreihen sank der Schieferhelm der Sankt Nicolaikirche immer tiefer und tiefer; jetzt war er verschwunden. – Aber durch die ruhige Luft setzten die Schwalben in zierlichen Kreisen und Wenden. Ihr Gezwitscher und Singsang verfolgte mich, und es klang mir wie mit geheimnisvollen und seligen Stimmen: »Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit ... !«   Otto zur Linde Fuchsia im Topfe Fuchsia im Topfe – Hängst die Köpfe rot und weiß: Glocken, die im Sonntagsschlaf Läuten, wenn die Sonne sinkt; Kling, klang, Klöppel lang, Der Küster sitzt beim Bier. Fuchsia am Fenster – Draußen geht mein Schatz vorbei, Sieht und grüßt mich nicht. Tänzerin ich armes Ding: Hab ich mein kurz Röckchen an, Weiß wie deins und eine rote Taille, Tanz ich auf der Zehenspitz Feenflug am dünnen Draht ... Dann sieht mich mein Schatz. Fuchsia in der Küche – Töpfe dampfen auf dem Herd, Und ich wasche Windeln. Eia Kind im Henkelkorb, Deine Mutter tanzt nicht mehr, Fehlt ein weißes Röckchen. Meine Hüfte ist nicht schlank, Meine Beine sind ungelenk, Aus der roten Taille Mach ich dir ein Bündel schön: Faitscherkind, Redoutenkind, Wenn wir betteln gehn. Christkind im Schnee Weihnachtsglocken wandern über das Schneefeld – Viel tausend Lichter hat der Sternbaum aufgesteckt. Hört ihrs knistern in der Winternacht? Einsam geht ein Wandrer übers Schneefeld – Aufrauscht der Sternenbaum, ein Wald von Lichtern Umblüht die Finsternis, der Schnee liegt weiß. Ein Kind liegt heut in weißen Tüchern – Geh suchs im Schnee, du einsamer Wandrer, Daß uns nicht heut das Christuskind erfriert. Was hör ich singen im Winterwind? Der Sterne Lied ist süß, süßweh. Hinter den Dünen wälzt ihr Leid die See. – Weihnachtsglocken wandern weit übers Schneefeld, Weihnachtsglocken wandern weit auf die See – »Heut liegt ein Kind im Schnee, im Winterschnee.« Aus Sternen tropft es glühend rot, die Tränen Der Winternacht, nun blühts im Schnee – Der Weihnacht Blumenwiese unterm Sternenbaum. Ein Kirchlein liegt nah an den Dünen – Ueber See gehn Schiffe nach Haus, über See – Schiffer und Ackerleute singen in dem Kirchlein. Sie singens aus den Büchern: »Ein Kind liegt heut in weißen Tüchern« Das liebe Lied; die Mütter weinen.   Max Mayer Spätsommer Ein sonnenwarmes, stilles Leuchten         Vergoldet rings die nebelfeuchten         Grünverblaßten Wiesen – – Es ist, als wollte einmal noch         In Traumes Stille         Der Himmel seines Glanzes         Letzte Fülle         Uns ganz erschließen –         Dann mag sein Lichtstrom leis verfließen – – Kein glanzbetörter Traum wird mehr         Sternauf die goldnen Flügel heben – – Sieh – rings das große Blattentfärben         Und dieses langsamleise Sterben         Und Entschweben         Macht alle Herzen still! Juni Juniwarme Sonnenglut,         Da die Welt im Segen ruht – – Blaue Luft und Reifedrang –         Mädchenlieder – Sichelklang – Aber, wo am Rain die Rosen stehn, Will mein Herz nicht weitergehn. Möcht' in Andacht tief erglühn,         Wo die roten Rosen blühn ... Ruhelos ist meine Seele Ruhelos ist meine Seele, Und sie spannt die Flügel weit, Und ihr dehnt sich jede Stunde Endlos wie die Ewigkeit. Ihre Heimat geht sie finden – Und wo mag die Heimat sein? Da, wo alle Wünsche schlafen Und die Götter gern verzeih'n.   Hans Willy Mertens Am alten Schulhaus Da steh' ich wieder im Heimattal Am alten Schulhaus und träume – Verklärend fällt ein Sonnenstrahl Hinein in die dunkelnden Räume. Das Fenster ist offen, ich trete davor – O, nimmer hab' ich's vergessen: Dort ist das Plätzchen, wo ich im Chor Harmloser Kinder gesessen. Wie klein die Bank! Heut trüge sie nicht Wie einst die Last meiner Jahre; Heut wäre zu gramvoll ihr mein Gesicht Unterm wirren bleichenden Haare. Wie hab' ich gejubelt, als ich's verließ! – Ach, ich Tor, kaum kann ich es fassen; Ich wußte nicht, daß ich ein Paradies Auf Erden sollte verlassen. Wie gerne gäb' ich die Freuden zurück, Die rauschenden – ungezählet, Wie gerne der Liebe gleißendes Glück, Der Liebe, die mich gequälet: Könnt' ich noch einmal das Weh der Brust Und all ihre Sorgen lindern, Könnt' ich noch einmal in Jugend und Lust Ein Kind sein unter Kindern! – Da steh' ich nun wieder im Heimattal Am alten Schulhaus und träume – Verklärend fällt ein Sonnenstrahl Hinein in die dunkelnden Räume ... Fahrend Volk Trommel- und Trompetenklang, Und wir hinterdrein in Scharen! Lustig zog das Dorf entlang Fahrend Volk mit schwarzen Haaren. An der Ecke hielt der Zug, Und es staute sich die Menge; Der die dicke Trommel schlug, winkte Ruhe ins Gedränge. Tiefe Stille rings umher. – Und nun fing er an zu schreien, Daß sie übers weite Meer Hier ins Dorf gekommen seien. Und er rühmte brav ihr Spiel, Wie sie hoch auf Seilen gingen, Und doch keiner glitt' und fiel, – Sprach von tausend Wunderdingen. Abends standen wir in Reih'n In des Nachbars kahlem Garten, Wo wir bei der Fackeln Schein All der Wunderdinge harrten. Und der Schluß zu Hause war: Zur Arena ward das Bette, Und in wilder Brüder Schar Ward gerungen um die Wette. Unsre Stirne stand in Dampf, Kissen kamen, Kissen flogen, Und es wogte heiß der Kampf, Daß sich Bett und Balken bogen. Kracht es auch – uns einerlei! Und wir tanzten, und wir hüpften, Bis wir auf des Vaters Schrei Hurtig in die Decken schlüpften. O nimm mich mit! Da stand ich oft am Schienenwege Und sah dem flinken Zug entlang, Und tausend Wünsche wurden rege, So oft sein Brausen zu mir drang. Dann war's, als würde mir zu enge Das altgewohnte stille Tal, Als ob mein töricht Herz sich dränge In eine Welt voll Leid und Qual. Ich blickte nach in eitlem Wähnen, Daß mich die Heimat nicht mehr litt', Und rief, die Augen schier voll Tränen: O nimm mich mit, o nimm mich mit! – Ach ja, er hat mich mitgenommen, Und brausend ging's zum Tal hinaus, Bis in der Ferne mir verglommen Der Stern ob meines Vaters Haus. Nun wollt' ich oft, ich sähe wieder Daheim der Züge ganzes Heer, Ich ließ' sie jagen auf und nieder Und hätte keine Sehnsucht mehr. Nun denk' ich immer voller Zagen An mein verkanntes junges Glück – Die Räder, die mich hergetragen, Sie bringen mich nicht mehr zurück. Und braust ein Zug zum Heimattale, Dann wünsch' ich Flügel meinem Schritt Und rufe wieder tausend Male: O nimm mich mit, o nimm mich mit! Wenn nicht die Liebe wär' Drunten im grünen Grund Saß ich zur Rast. – »Dirne, so früher Stund' Hab' keine Hast!« Rief's und sie kam mir her, Lachte ganz frei: »Wenn nicht die Liebe wär', Ging ich vorbei!« Küßte den roten Mund Heiß, daß er brennt. – »Dirne, so schöner Stund' Möcht' ich kein End'!« Küßt' ihr die süße Mär Keck vom Gesicht: »Wenn nicht die Liebe wär', Litt' ich es nicht!« Als ich zum Abschied bot Trüb meine Hand, Hat sie mit Augen rot Ab sich gewandt. War ihr von Tränen schwer Aug' und Gesicht: »Wenn nicht die Liebe wär', Weinte ich nicht!« Grüßt mir das blonde Kind am Rhein! Ich wandre in die weite Welt Auf Straßen und auf Gassen, Da find' ich alles schön bestellt, Nur mich find' ich verlassen. Der Weg wird weit, am rauhen Stein, Da leg' ich müd mich nieder – Grüßt mir das blonde Kind am Rhein Und sagt, ich käme wieder! Und weiter, wenn der Morgen tagt, Durch Sonnengold und Regen! Mir hat die Mutter oft gesagt: Das Glück blüht allerwegen! Und doch, hier kann es nimmer sein, Kein einziger Stern fällt nieder – Grüßt mir das blonde Kind am Rhein Und sagt, ich käme wieder! Wie hab' beim Abschied ich gescherzt, Als ob mich nichts gequälet; Nun weiß ich erst, wie sehr es schmerzt, Wenn eins dem andern fehlet. Am Ufer wandelt sie allein, Singt einsam meine Lieder – Grüßt mir das blonde Kind am Rhein Und sagt, ich käme wieder!   Josefine Moos [gesperrt bis: Datum unbekannt] Mein Rheinland Rebenblüte   Marie Morsbach-Hartstein [gesperrt bis: Datum unbekannt] Der Mond Dämmerung Behaglichkeit   Leonore Nießen-Deiters Die böse Wahl zu Grottorp Grottorp ist eine Hatzfeldtsche Burg im Siegtal. Die Nacht ist kalt – der Schnee glänzt hell – Wohin der Ritt so rasend schnell Auf schaumbedecktem Hengste? Herr Bastian von Hatzfeldt zischt! So knapp bin ich noch nie entwischt! Der Ritt ward mir der längste! Und als er ritt in Burghof ein, Ballt' drohend er die Faust zum Rhein: Wenn den von Köln ich fange, So sei ihm – der es wagt und spricht Zu mir von Blutbann und Gericht – Um Ehr' und Leben bange! Und als er saß im festen Saal, Schwur fluchend er bei Trunk und Mahl: Bevor der Mond vergangen, Herr Evert, Edler Herr von Pfau, Hört mich! Merkt Euch die Zeit genau! Da sitzt Ihr mir gefangen!– – Getreu dem Racheschwure lag Im Hinterhalt er manchen Tag: Nun muß der Kölner kommen! Herr Bürgermeister, 's war nicht klug, Daß Ihr um diese Zeit den Zug Nach Frankfurt unternommen! Da knarrt das Rad! – Da klappt der Huf! Im Dickicht keucht ein heisrer Ruf: Halt! Achtung! – Aufgesessen! Nun gilt es, Burschen, aufgepaßt! Und wer mir diesen Vogel faßt, Dem sei es nicht vergessen! Ein wilder Anritt, – kurzer Kampf, – Ein wüster Knäuel, – Staub und Dampf, – Dann jagen sie von dannen Herrn Evert, den sie fest gefaßt, Von Stirn und Wange ohne Rast Die roten Tropfen rannen. – Mit Lärmen zieht und Jubelschrein Der Haufe auf Burg Grottorp ein Nach glücklichem Gelingen. Herr Bastian nach kurzer Rast Befiehlt, den unfreiwill'gen Gast Gebunden ihm zu bringen. Herr Bürgermeister, nun sagt an: Wie hättet Ihr mit mir getan, So ich Euch nicht entkommen? Doch ungebeugt Herr Evert spricht: Ihr wärt vor unserm Blutgericht Um Hals und Kopf gekommen! Ihr bracht den Frieden rings im Land, Grifft an, die Waffen in der Hand, Kaufleut' und Bürgerhaufen! Wohl stände mir es übel an, Bestrafte ich den kleinen Mann Und ließ' die Herren laufen! Darauf der Ritter voller Hohn: So festem Mut gebühret Lohn, Er sei Euch gern gegeben! Ihr findet den von Hatzfeldt nicht So streng wie «Euer Blutgericht; Ich schenk' Euch Euer Leben! Nur sollt ein Halsband Ihr von Stahl Als Eurer Unterwerfung Mal Von heute an mir tragen. Bequemt Euch! Sonst an diesem Tag Sei Euch, vor'm nächsten Glockenschlag, Der Kopf vom Rumpf geschlagen! – Neugierig lacht der Knechte Hauf'. Der Bürgermeister reckt sich auf: Herr Ritter, – laßt Euch sagen – Noch hat ein Kölner Bürger nicht In Gottes freiem Sonnenlicht Ein Schandenmal getragen! – Das Leben ist ein reiches Gut! Es wegzuwerfen fordert Mut, Doch höher steht die Ehre! So wißt, daß ich um solchen Preis, So wahr ich Evert Pfaue heiß, Das Leben nicht begehre! – Der Ritter winkt mit finsterm Blick, Ein Knecht rennt fort und kehrt zurück Mit Schwert und breitem Ringe: Da leg' zur Wahl ich beides hin, Und ändert Ihr nicht Euren Sinn, Fühlt Ihr die scharfe Klinge! Herr Evert senkte nicht den Blick, Und klar und laut klang es zurück: Herr Ritter, spart die Frage! Denn, eh' Euch Evert Pfau zu Tal Wird reiten mit dem Schandenmal, stirbt er am heut'gen Tage! Ein kräftger Ruck, – ein lauter Krach – Das Band, es riß, die Fessel brach Und klirrte laut zur Erde. Herr Evert schüttelt ab den Rest Und steht, als ging's zu Tanz und Fest, Mit fürstlicher Geberde. Er packt das Schwert, – ein scharfer Blick, Die Knechte weichen feig zurück – Er schwingt es hoch in Händen: Und schlug mich auch Gewalt und List, Nicht schimpflich will ich leben, wißt, Nicht schimpflich will ich enden! Es blitzt der Stahl – er traf wohl gut; Ein dumpfer Fall – es rann das Blut. Ein Schweigen lag auf allen. – – Ob Uebermacht ihn fing und band: Herr Evert ist von eigner Hand, Ein freier Mann, gefallen! Eine Begegnung Der Morgenwind strich über die Höhen. Er kam vom Rhein, von den fernen sieben Hügeln. Er blies den Bürgern der guten Stadt Siegburg in die Schornsteine, strich neugierig um den spitzen Kegel der Siegburg selbst, die hocherhobenen Hauptes all das Elend zu leugnen sucht, das sie birgt – als Zuchthaus bergen muß – und flüchtete sich dann entsetzt weiter, ins Tal der Agger – in den großen Forst, den Lohmarwald. Da legte er sich schlafen und überließ der Sonne das fernere Regiment. Die Bäume, die eben noch murmelten und rauschten, wurden still. Die Gräser schüttelten nicht mehr die Köpfe über die schwere Last der Tautropfen. Sie wußten: nun würden die Sonnenstrahlen durch die Zweige klettern und sie fortwischen, sie trinken, mit sich fortnehmen. Der ganze Wald lag regungslos und erwartete die Herrschaft des Tages. – – – – – – – – – – – – – Mitten durch das Dickicht führt ein schmaler, enger Pfad, ganz eingewachsen von Brombeergerank, niedrigem Nadelholz – – Gestrüpp aller Art. Er windet sich rechts, er windet sich links, über Gestein, über Sand – – über ein kleines Wasser dem Waldinnern zu. Nichts ist zu hören als das Murmeln des kleinen Baches, der eilfertig der Agger zuläuft. Es ist fast, als ob der blaue Morgennebel jeden Ton, jedes Geräusch in sich aufsöge. – – Doch da – – was ist das? Ein Knacken im Unterholz. – – Ein Reh, das sich vom Lager erhebt? Ein Eichhörnchen? Wieder ein Knacken. Wie ein Zweig, der unter dem Tritt bricht. Dann wieder tiefe Stille.– – Nun fluten plötzlich die ersten Sonnenstrahlen in den Forst, gerade hinein in den schmalen Pfad. Sie laufen über den gebrechlichen Steg und tanzen auf dem munteren Wässerlein. Gleich darauf werden sie durch eine Wegkrümmung aufgehalten und versuchen neugierig, in das Dickicht hinein zu kriechen. Von jenseits des Wässerleins kommt ein Mensch durch den Wald. Ein junges Weib mit großen, frohen Augen, die beglückt und freudig in den jungen Tag strahlen. Sie geht langsam, genießend, wie um einen seltenen Genuß völlig auszukosten. Gras und Moos dämpfen ihre Schritte. Einmal bleibt sie stehen und betrachtet lange mit den erstaunt entzückten Augen eines Stadtkindes einen blühenden Zweig. Dann biegt sie um die Wegkrümmung, dem Steg zu. Im selben Augenblick prallt sie entsetzt zurück. Vor ihr, jenseits des kleinen Steges, steht ein anderer Mensch, ein Mensch, der ebenso entsetzt zurückfährt wie sie selbst. Was will dieser Mensch, dieser Mann in dem stillen, taufrischen, morgendlichen Wald? Denn er ist nicht gekommen, um die aufgehende Sonne zu bewundern! – Seine Kleider, die ihm lose, wie fremd um den Leib hängen, sind naß vom Nachttau, stellenweise schmutzig. Sein bleiches Gesicht häßlich verzerrt, der Mund zusammengekniffen, die Augen – wie die Augen eines gejagten Raubtieres – starr und bösartig. Und was ist es doch, was diesen abstoßenden Kopf so merkwürdig, so verschieden von anderen Menschenköpfen macht?! In diesem Augenblick sieht das Mädchen, daß dieser Kopf, diese pergamentene Haut, glattrasiert ist – nicht nur das Gesicht, der ganze Schädel. Und blitzschnell, wie eine Vision, steht der spitze Kegel der Siegburg vor ihrem Auge. Da weiß sie, woher dieser Mann kommt. Die beiden Menschen stehen sekundenlang regungslos, nur durch das kurze Brett des Stegs getrennt, und starren einander an. Dann verdüstert sich das knochige Gesicht des Mannes, seine Augen blitzen. Was will die da? Was hat die zu spionieren? Was! Womöglich alles umsonst – die lange Vorbereitung, die Anstrengung, die List, die atemlose Flucht in den dichten Wald, der ihm weiter helfen soll! – Alles vergebens – wegen dieser einzigen Unvorsichtigkeit? Warum muß dieses verfluchte Frauenzimmer im Walde herumstreichen, wenn noch alle Menschen schlafen? – Nun wird sie Lärm machen, da unten im Dorf – er wird erwischt, ehe er die helfenden Gefährten erreicht – und dann ist die Freiheit, die Freiheit wieder hin – auf wie lange – wie furchtbar lange! – Warum, weshalb? Wegen der verrückten Idee irgend einer Sommerfrischlerin! – Oho! – Wie, wenn sie nun gar nicht in das Dorf zurückkehrte? – Wenn sie da im Dickicht läge! Ehe einer sie fände – dann wäre er längst weit! – Dann wäre er in Sicherheit. Die beiden Menschen stehen und starren einander an – sprachlos, regungslos – er in der Haltung einer Katze: Wenn du schreist –. Sie erschreckt, erstaunt, aber noch mehr erschüttert: Was muß ein Mensch gelitten haben, dessen Gesicht so zerstört ist, der so aussieht! Sekundenlang stehen sie – eine Ewigkeit scheint es. Totenstille! Nur das Wässerchen murmelt und läuft geschwind der Agger zu. Plötzlich hebt ein Vogel an zu singen. Zwitschernd erst, dann immer lauter, immer jubelnder! Andere fallen ein. Wie sich das freut! Wie das singt! Wie das lockt! Die beiden Menschen ändern unwillkürlich die Haltung. Das Mädchen richtet sich auf, wie befreit. Dem Manne sinken die Arme schlaff herunter, das Starre in seinem Gesicht löst sich, seine Augen werden unsicher. Nun scheinen alle Vögel des Waldes erwacht zu sein. Das ist ein Flöten, ein Jubeln! Das Mädchen, im hellen Sonnenlicht stehend, sieht dem Mann voll in die Augen, sehr ernst, aber ohne jede Furcht. Da tritt er fast unbewußt zurück und gibt den Steg frei. Sie, ihn immer ruhig ansehend, setzt den Fuß auf das schmale Brett, kommt vorwärts. Nun stehen sie in dem engen Pfad momentlang Auge in Auge. Keiner spricht ein Wort. Nur die Augen sprechen. Die ihrigen sagen: Sei ruhig! Ich weiß nicht, wer du bist. Ich werde nicht reden! Die seinigen antworten: Geh! Geh unbesorgt vorüber. Ich werde dich nicht anrühren! – Du! Er sieht sie an; etwas unbekanntes, sonderbares schnürt ihm die Kehle zu. Ihr Kleid streift des Mannes Hand. Er preßt sich noch fester gegen das Gestrüpp – fast, wie um ihr die Berührung zu ersparen. Nun ist sie vorüber. Ohne den Kopf zu wenden, ohne Hast, ohne Mißtrauen schreitet sie gleichmäßig weiter – in die Sonne. Der Mann sieht ihr nach. Nein. Die wird nicht reden. Die wird ihn nicht verraten. Dann ein Satz über den Steg, brechende Zweige – noch ein Rascheln im dürren Laub – und er ist spurlos verschwunden. Nur das Wasser murmelt, die Vögel singen. Jetzt steht die Sonne voll und groß über dem Walde. Die letzten Nebel sind verflattert, alle Tiere des Waldes Sind wach. Alles ist Leben, ist Freude – es herrscht der Tag, das Licht! – – – – – – – – – – – – – Fiel ein lichterer Strahl in die Seele des Mannes, der nicht tat, was er doch hätte tun können? Streifte sie ein Schatten seiner Schuld? Gottes Sonne leuchtete in den Forst, Gottes Vögel sangen in den Zweigen.   Alfons Paquet [gesperrt bis: 31. 12. 2014] Am Rhein Wohin ich jetzt sehe ... Der Wanderer Der Einzelne   Erna Peickert-Graefinghoff [gesperrt bis: Datum unbekannt] Nun gehst du ... Der Schatten   Karl Freiherr von Perfall Aus dem Roman »Das Königsliebchen« Die Saison schloß mit dem großen Blumenkorso, der in den letzten Tagen des Mai unter Leitung des vornehmsten Sportklubs »Hallali« stattzufinden pflegte. Wenige Tage darauf gab der Hof durch seine Uebersiedelung nach der unfernen Sommerresidenz Dianenlust der Aristokratie das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch nach den Landgütern. Man sprach viel darüber, daß die Königin diesmal den Korsotag garnicht abwartete, sondern schon vorher Dianenlust mit den königlichen Kindern bezog, und die allgemeine Meinung brachte den außergewöhnlichen Vorgang in Zusammenhang mit dem nicht minder ungewöhnlichen Geräusch, das sich an die Beziehungen des Königs zu Fräulein Rita knüpfte. So unbeliebt die Königin im allgemeinen war, fanden sich doch nicht wenig Leute, die mit scharfen Worten die nunmehr zum öffentlichen Aergernis gewordene Maitressenwirtschaft verurteilten. Auch bei Hofe selbst fühlte man sich in einer peinlichen Lage. Die Königin konnte man nicht einfach ignorieren, irgend eine Antipathie gegen die königliche Liebeslaune zu offenbaren, war aber höchst inopportun, obwohl gerade die höheren Hofchargen sehr verstimmt über die ungebührliche Stellung waren, in der der Leibkammerdiener sich immer mehr zu befestigen schien. Zu Parteiungen und bestimmten Strömungen kam es jedoch nicht, weil die einflußreichste Persönlichkeit, der Hofmarschall Graf Lanzendorf, sich völlig reserviert verhielt und auch auf diplomatische Ausforschungen seiner Gesinnung mit einer apathischen Kühle antwortete, als sei ihm die ganze Geschichte höchst gleichgültig. Wenn der mächtigste Höfling jede Parteinahme mit so leichter Gebärde ablehnte, dann war es für die anderen nicht guter Ton, sich nach irgend einer Richtung zu erhitzen, und obwohl mancher im stillen sich überlegte, was durch diese oder jene Parteistellung zu gewinnen sein möchte, nahm man außerhalb der Hofsphäre stehenden Leuten gegenüber die vom Grafen vorgezeichnete Miene an. Der Blumenkorso begann auf der Herrenseite am Fuße des Schloßberges und zog sich durch das Villenviertel nach der Königsau, an deren Endpunkt, dem großen Rondelle, das Fest in der Blumenschlacht gipfelte. Dann zog man über die eiserne Brücke, fuhr noch das Ufer der Bürgerseite entlang und über die Chlodwigsbrücke nach dem Ausgangspunkte zurück. Ein Komitee von Kavalieren in rotem Reitfrack sorgte für die Ordnung, an bestimmten Stellen waren Musikkorps in flaggengeschmückten Holzpavillons aufgestellt. Das Fest der Vornehmen trug zugleich den Charakter eines Volksfestes. Dichte Massen von Zuschauern wogten die ganze Strecke entlang auf und nieder und füllten die Gärten der buntbewimpelten Restaurants. Neben den zahlreichen Blumenhändlerinnen, die auch jedem Zuschauer Gelegenheit boten, sich und seine weibliche Begleitung zu schmücken, belebten Hausierer mit Kinderfähnchen, farbigen Ballons und anderem Kleinkram das Volkstreiben. Eine heitere Sonne glänzte über der prächtigen Stadt und spielte mit dem jungen Grün der mächtigen Bäume in der Königsau, in deren lichtdurchzittertem Schatten helle Kleider, bunte Sonnenschirme als großstädtische Frühlingsblüten leuchteten und lachten. Jetzt ging eine murmelnde, stauende und drängende Bewegung durch die harrenden Massen. Mehrere Kavaliere des Komitees machten, in leichtem Galopp vorreitend und von zwei berittenen Schutzleuten unterstützt, den Fahrdamm frei. Die ersten Wagen rollten heran. Zunächst war die Reihenfolge noch locker, bald aber verdichtete sie sich zu einer geschlossenen Kolonne, die nun kein Ende mehr zu nehmen schien. Zu der Mehrzahl der Zweigespanne gesellten sich Viererzüge und zierliche Einspänner, Tandemgefährte, Mail-Coaches und russische Dreigespanne. Neben den immer wieder auftauchenden rotbefrackten Herren des Komitees mischten sich auch andere Reiter in die Wagenreihe, mit den Damen plaudernd, deren kostbare Frühjahrstoiletten sich in duftige Blumenguirlanden betteten. Da war eine Equipage zu einem Blumenkorb umgewandelt, dort saßen die Insassen unter einer von bunten Sträußen gebildeten Laube; hier war es die verschwenderische Kostbarkeit des Blumenwerkes, dort der geschmackvolle Einfall, der die Menge applaudieren ließ. Jetzt kam der König im Daumontzug, die Dienerschaft in den gelbseidenen, silberbetreßten Galajacken mit Veilchensträußchen an der Brust, wie die Pferde an den Geschirren; veilchenumwunden waren die Radspeichen, eine mächtige Veilchenguirlande umrahmte den ganzen Wagen. Dem königlichen Wagen gaben sechs Herren des Komitees das Ehrengeleite. Sonnenschein, lichtes Grün, Blumenpracht, schöne Frauen, glänzende Livreen, stolze Pferde, jubelnde Musik, der Hornklang der Mail-Coaches dazwischen, die Spitzen- und Stangenreiter des königlichen Gefährtes in dem heiteren Gelb mit den in der Sonne flimmernden Silbertressen – man war lustig und wollte dem König, der die Lustbarkeit verherrlichen half, zeigen, daß man ihm wegen seiner jüngsten ehelichen Mißhelligkeiten nicht weiter grolle. Etwa fünf Minuten später pflanzte sich durch die Reihen der Tausende das ununterbrochene, prasselnde Geräusch eines mit Bravorufens untermischten Händeklatschens fort. Im leichten, niedrigen, von zwei Rappen gezogenen Wägelchen saß Kitty. Die Pferde, die braunlivrierten Diener und die Radspeichen waren mit Goldregen geschmückt, zwischen dem feuerrote Bändchen flatterten. Ganz eingebettet in Goldregen, vor sich einen mit roter Seide überzogenen Korb, der dieselbe Blüte enthielt, trug Kitty einen roten Sonnenschirm, ein kleines Kapothütchen von braunem Spitzengewebe mit einem Goldregenausputz, eine braune Toilette mit gelben Brustflügeln, einer blusenartig faltigen roten Weste und hohem gelben Gürtel. Auf der roten Weste steckte ein Goldregenbusch. Das kleine Hütchen ließ das Kraushaar, das fast der Farbe des Goldregens glich, größtenteils frei und hocherrötend über die Huldigungen, die großen, blauen Augen starr vor sich gerichtet, aufrecht in gelbem Blumenbette sitzend, sah sie so drollig lieblich, so kindlich vollwangig, so maienhaft aus, daß sie vor allem die Frauen bezauberte, die am heftigsten in die Hände patschten und stellenweise sogar mit den Taschentüchern winkten. Es kam wohl auch das Wort »die neue Danaë« in Umlauf, und man witzelte an manchen Stellen über den Jupiter, der die kleine Komödie wohl selber erfunden habe; es gab auch Sittenrichter, die sogar eine freche Schamlosigkeit in dieser öffentlichen Andeutung der Danaërolle sehen wollten. Aber die große Menge wußte von solchen gelehrten Auslegungen nichts, sondern war entzückt von dem lieblichen Anblicke, und etwas wie Trotz gegen die Königin, die mit ihrer Schmollerei einen Mißton in die allgemeine Freude hatte bringen wollen, mischte sich in das Wohlgefallen, um die Huldigung noch intensiver zu machen. Am großen Rondelle bog der königliche Wagen aus der Korsoreihe aus, und der König betrat mit einigen Hofkavalieren eine kleine, von rotem Stoffe überspannte Tribüne, die einen Ueberblick über den ganzen Platz gestattete. Die Equipagen wurden am Eingang des Rondelles von zwei Komiteereitern nach rechts und links verteilt, so daß sie den Kreis umfahrend sich begegneten. Unter den Klängen der Musik bewarf man sich dann von Wagen zu Wagen mit Blumen, die Umfahrt mehrmals wiederholend. Den Teilnehmern des Korsos wurde Kitty erst jetzt allgemein sichtbar. Anfangs machten sich die Insassen der an ihr vorüberfahrenden Equipagen nur gegenseitig aufmerksam auf sie, wendeten ihr neugierige Blicke zu und machten Bemerkungen. Bald aber flogen ihr, zunächst von mit Herren besetzten Gefährten und von Reitern, die, von den Händlerinnen immer wieder neuen Vorrat kaufend, zwischen den Wagen hin und her sprengten, Blumen zu; dann faßten auch einzelne Damen Mut. Sie ahmte den andern nach, schleuderte die von roten Seidenbändchen umwundenen Goldregenblüten mit rührig kräftigem Händchen, vergnügt lächelnd durch die Luft und griff behend nach den ihr zugeworfenen Blumen. Der Anblick, den sie bot, fesselte die vornehmen Herrschaften ebenso, wie vorher die zuschauende Menge und, wenn auch die Damen im allgemeinen sich nur mit einer lächelnden Bewunderung und freundlichen Bemerkungen begnügten, so beeiferte sich um so mehr die Herrenwelt, sie mit einem förmlichen Blumenregen zu überschütten, der auch die Diener auf dem Bock und die Pferde traf, so daß der Kutscher Mühe hatte, die unruhig werdenden Tiere zu zügeln. Die Blumenhändlerinnen erkannten die vorteilhafte Gelegenheit und liefen zur Zeile und hinter den Wagen mit ihrer Ware her. Die Insassen anderer Equipagen fuhren langsam, um das Schauspiel dieser Huldigung zu sehen, so daß wiederholt Stauungen um sie herum entstanden. Während in solchen Augenblicken der Blumenregen erst recht dicht fiel, erhoben sich die Damen in den Equipagen von ihren Sitzen, stiegen sogar auf die Wagenkissen, und aus der am Bürgersteig sich Kopf an Kopf drängenden und schiebenden Menge ertönten Hurrarufe. Der Korb Kittys war längst geleert und sie hatte ihren Diener vom Kutschbocke geschickt, neuen Vorrat zu beschaffen. Da, als dieser mit dem frisch gefüllten Korb wieder bei ihr anlangte, waren auch alle Blumenmädchen mit Goldregenblüten versorgt, von allen Seiten flogen sie ihr in den Wagen und auch die anderen Equipagen wurden damit beworfen. Der Goldregen war plötzlich die Blume des Tages geworden. Als dann die Blumenschlacht endete und die Wagenkolonne über die eiserne Brücke nach der Bürgerseite kam, war Kittys Equipage von einer Reiterschar umringt, die in den Knopflöchern der Röcke und zum Teil auch im Zaumzeug der Pferde die Goldregenblüten stecken hatte, und diese Kavalkade gab ihr die ganze übrige Strecke der Korsofahrt das Geleite. Auf dieser Strecke, im Mittelpunkt des Großstadtverkehrs, nahe den altstädtischen Quartieren, sammelten sich unter den Zuschauern viel mehr Angehörige der niedersten Volksklassen an, als in der Königsau. Als diese Leute nun das von Reitern umgebene liebliche Mädchen in dem schönen Gefährte sahen, brachen sie in johlende Hochrufe aus, und die Polizisten konnten es nicht hindern, daß sich von der Menge ein mit lautem Geschrei dem Wagen nachlaufender Haufen jungen Volkes loslöste. In den nächsten Tagen sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderem, als von Kitty und ihren jedermann überraschenden Triumph. Daß dieser durch eine künstliche Mache vorbereitet gewesen sei, glaubten nur einzelne überkluge Pessimisten. Wohl aber war die vorherrschende Meinung, daß das nach manchen Richtungen bedenkliche Schauspiel durch die Beteiligung der Königin an dem Feste vermieden worden wäre. In der Aristokratie war man sehr unwillig darüber, daß an der demonstrativen Kavalkade sich junge Herren aus den besten Familien beteiligt hatten. In den Hofkreisen herrschte eine Art Bestürzung über den Vorgang, und selbst Graf Lanzendorf zeigte sich etwas verstimmt. Der König hatte nach dem Korsofeste die ganze Nacht im Palais der Rita verbracht, war am folgenden Tage ungewöhnlich heiterer Laune gewesen und hatte Ordre gegeben, daß seine Uebersiedlung nach Dianenlust noch um acht Tage aufgeschoben sei. Während Kittys Photographieen in allen Schaufenstern zu sehen waren, bemächtigte sich der Geschäftsgeist ihrer Volkstümlichkeit, und zwar waren es die Bezeichnungen »Danaë« und »Goldregen«, mit denen auf sie hingewiesen wurde. Namentlich bei allen möglichen Damenartikeln vom Glacéhandschuh bis zum Badeschwamm wurde durch solche Bezeichnungen ein Zusammenhang mit ihr gesucht. Aber auch für Zigarren und Liqueure wurde diese versteckte Verbindung herangeholt, und in den Vierkonzerten spielte man eine Danaëpolka und eine Goldregenquadrille. Schließlich tauchte in einem der äußeren viertel auch ein Restaurant »Zur neuen Danaë« auf. Neben dieser versteckt auf sie deutenden Geschäftsmode war aber vom Korsotage an eine Bezeichnung für sie in Umlauf gekommen, die rasch in allen Ständen zur Gewohnheit wurde. Man sprach weder von der Rita, noch von der Maitresse, Geliebten oder Favoritin, erst recht nicht vom offiziellen »gnädigen Fräulein«, sondern sie war für die ganze Stadt »das Königsliebchen.« Der kosende Beiklang dieses Namens gewann für die Leute einen besonderen romantischen Reiz, als nach einigen Wochen ein neuer Vorgang allgemeiner Gesprächsgegenstand wurde. Ein kleines Dampfboot, das, wie man hörte, Bachmann angekauft hatte, nahm, weit draußen am Ende der Stadt, gegen Dianenlust zu liegend, zu dunkler Nachtzeit das Königsliebchen auf und legte wieder an einem bestimmten Punkte des großen Markes von Dianenlust an. Dann fuhr es langsam den stillen Strom hinab und wieder hinauf. Aus einer großen goldgefaßten Laterne, die eine goldene Nixe am Vorderbug emporhielt, leuchtete weithin grünes Licht. »Sphinx« hieß das Schiff. Man sah hinter blauen Vorhängen die Deckkajüte beleuchtet. Ein Liebeslager von unerhörter Märchenpracht sollte sich da drinnen befinden. Des Schiffes Führer und die kleine Bedienungsmannschaft blieben nicht unbekannt, denn das Königsliebchen fuhr auch gelegentlich bei Tage auf dem Strom spazieren. Sie wollten aber nicht einmal wissen, daß sie in der Nacht, wo jede Schiffahrt verboten war, gefahren seien und wurden grob, wenn man viel fragte. Eine besondere Folge der Volkstümlichkeit Kittys waren nicht nur zahlreiche Bettelbriefe gewöhnlicher Art, sondern auch Gesuche um ihre Vermittlung beim Könige in allen möglichen Angelegenheiten, und nicht blos auf schriftlichem Wege trat man an sie heran, sondern der sortier hatte oft seine liebe Not mit den beuten, die bei dem gnädigen Fräulein vorgelassen werden wollten. Nach einigen Schwierigkeiten und Unbequemlichkeiten, die daraus entstanden, wurde auch diese Angelegenheit durch das Ehepaar Bachmann geordnet. Der Leibkammerdiener machte es seinem Gebieter klar, daß sich das gnädige Fräulein mit einfachen Abweisungen derjenigen doch nicht erwehren könne, die von ihrer Vermittlung besonderen Erfolg hofften, und deutete dabei an, daß eine immerwährende Zurückweisung ihrer Fürsprache sie in ein ungünstiges Licht bringen und allerlei Wühlereien und hetzenden Redensarten bei den niederen Klassen einen günstigen Boden bereiten könnte. 5o erteilte der König Kitty die Erlaubnis, solche Gesuche, die nur auf Unterstützungen oder Begnadigungen Bezug hatten, zur Vermittlung an ihn zu übernehmen, schärfte ihr aber strenge ein, sich von allen Angelegenheiten, die Anstellungen, Beschwerden oder gar politische Dinge betrafen, fernzuhalten. Frau Bachmann prüfte die direkt eingereichten Unterstützungsgesuche und lenkte auch die förmlichen Audienzen, die Kitty solchen Personen erteilte, die ihre Vermittlung beim König anstrebten. Ehe diese Leute das Königsliebchen zu Gesicht bekamen, hatten sie erst durch sie eine Prüfung und eine Unterweisung zu erfahren, so daß der königliche Befehl mit seinen Beschränkungen streng aufrecht erhalten wurde. Kitty selbst ließ sich in diesen Audienzen wie eine Puppe von Frau Bachmann lenken, nahm nach deren Weisung immer nur Schriftliches entgegen, lehnte jede rein mündliche Vermittlung ab und trat auch dem König in diesen Angelegenheiten nicht anders denn als niedliche Botin der Gesuchsteller gegenüber. Aber die Volksphantasie malte sich allerlei Bilder vor, in denen das Königsliebchen gewissermaßen um der Gesuchsteller willen sündigte, die Gewährung der Bitte der Leidenschaft des Königs zur Bedingung machte. Der Erfolg so manchen Gesuches bestätigte die Volksmeinung und, es waren keineswegs nur »kleine Leute«, die diesen Weg zur Gnade des Königs betraten, sondern auch Personen besseren Standes rechneten in solcher weise mit den königlichen Schäferstunden. Zumal Frauen, die eine Audienz bei Kitty gehabt hatten, erzählten in ihren Kreisen, wie »lieb und süß« sie mitten in all der Fracht, die man mit Bangigkeit betrete, zu schauen sei, wie freundlich sie lächle und wie gütig sie das kleine, weiße Händchen mit den blitzenden Diamantringen reiche. Andere wieder sagten, sie seien mit einem bitteren Gefühl diese teppichbelegten Stufen und an den hochnäsigen Lakaien vorbeigeschritten, an die eigene Notlage angesichts dieser Ueppigkeit einer großen Sünderin denkend, und widerlich sei ihnen der Gedanke gewesen als ehrliche Untertanen auf solchem Umwege das Herz des Landesvaters zu suchen, aber das sei alles verflogen beim Anblick des Königsliebchens, das wahrhaftig wie ein Engelchen an sie herangetreten sei. Immer stärker machte sich der Einfluß des Leibkammerdieners geltend. Mit einem Schweif von Klienten bildete er ein förmliches Konsortium zur Ausbeutung der Leidenschaft seines Herrn, der ohne Besinnen alles guthieß, was geeignet schien, den Glanz des Wesens zu erhöhen, das mit seiner weißen Gliederpracht ihn unentrinnbar umschlungen hielt. Am Palais des Königsliebchens, das in seinem Innern zu einer Schatzkammer sich ausgestaltete, wurde unaufhörlich gebaut. Einer beginnenden allzugroßen Fülle halber lernte Kitty reiten, und das wurde der Anlaß, einen ganzen Marstall mit den prächtigsten Gespannen aller Art neben edlen Reittieren einzurichten. Dann erwiesen sich die Anlagen am Palais als zu klein. Es wurden benachbarte Grundstücke angekauft, die daraufstehenden Villen niedergerissen und ein Lustpark, der alle Gartenkünste bieten sollte, in Angriff genommen. Der Affe Muckerl war eines Tages an verdorbenem Magen verendet. Bald darauf machte in einem zierlichen Kiosk ein halbes Dutzend Aeffchen der Herrin ihre possierlichen Sprünge vor. Ein weißer und ein schwarzer Pudel, eine getigerte Dogge und ein mächtiger Neufundländer waren bereit, sie je nach Laune einzeln oder alle zugleich mit Sprüngen und Gebell zu erlustigen, in einer großen Voliere kreischten buntfarbige, exotische Vögel, seltene Tauben girrten in einer anderen, Pfauen schlugen auf einer großen Wiese das Rad. Die Dienerschaft wurde vermehrt, und dabei durfte ein junger Mohr in silberstrotzender Tracht des Spaßes halber nicht fehlen. Das Aerlchen schlug prächtige Purzelbäume und amüsierte das Königsliebchen mit seinen frechen Possen. An die Stelle des Fräulein Schwarz trat eine mit allen Künsten der Damentoilette meisterlich vertraute Pariserin. An Kittys Geburtstag führte das Hofballett im Palais nur vor ihr und dem König üppige Feerieen in prachtstrotzenden Kostümen aus. Bei den Ladenfräuleins, den Näherinnen, Wäscherinnen und Plätterinnen, in den Fabriksälen war das Königsliebchen der beliebteste Gesprächsgegenstand, und es bildete sich in diesen Volkskreisen etwas wie ein Kultus, eine begeisterte Anhängerschaft, die in ihm gewissermaßen das heimliche Oberhaupt aller Mädchen sah, die verbotener Liebe huldigten. Aber auch die Töchter der besseren Stände zischelten untereinander über das, was sie von den Dienstmädchen erforscht hatten. Die kleinen Beamtenfrauen, die auch hübsch und jung waren und ihre Lebensfreude in der Enge einer sorgenvollen Ehe verkümmern sahen, dachten an das Königsliebchen und seufzten, wenn sie ein altes Kleid umändern mußten, weil zu einem neuen die Mittel fehlten. Die kleinen Maitressen der Kavaliere und Börsenspekulanten waren in ihren Wünschen bestrebt, ihrem Vorbild möglichst nahe zu kommen, und die vornehmen Damen plauderten bei der Toilette mit ihren Zofen über die Künste der französischen Kammerfrau. Die Königin hatte sich gänzlich nach Dianenlust zurückgezogen und war nur selten in den Straßen der Hauptstadt zu sehen. Oft aber fuhr das Königsliebchen im prächtigen Gespanne durch die Königsau oder die Lotharstraße entlang, und den Leuten, die den Blick nach ihr wandten, war's, als schauten sie es nackt auf goldenem Triumphwagen.   Arthur Rehbein [gesperrt bis: 31. 12. 2022] Die Rosen von Altenberg I. II. III. IV. Sein Glück   T. Resa [gesperrt bis: Datum unbekannt] Vom Baume der Erkenntnis Eifel-Wind Mein Bub   Hermann Ritter Heimat Ein Frühlingsmärchen »Sie sind weg !« Das Rotschwänzchen blickte starr zwischen den Blättern des Kirschbaumes hindurch auf die Straße, die wie ein graues Band durch die grünen Wiesen hinzog. Es hüpfte mit zierlichen Sprüngen noch einige Aeste höher hinauf, blickte nochmals unverwandt auf die Straße und flog in jähem Sturz hinunter auf einen dicht über dem Boden ausgestreckten Zweig. »Sie sind weg«, zwitscherte wieder das Rotkehlchen und beugte sich bodenwärts. Im Grase reckte eine Spitzmaus ihr possierliches Köpfchen auf. »Bleiben sie immer fort?« »Ich glaube, sie kommen nie wieder,« meinte leichthin das Rotkehlchen. »Sie haben ihr Nest ausgeräumt und den ganzen Inhalt aufgeladen, Kisten und Kasten und blaurote Bündel. Alle die Sachen, mit denen die Menschenfrau in der Küche hantierte und kochte, wenn der blaue Rauch aus dem Schornstein stieg und die Mücken über dem Dach vertrieb, haben sie eingepackt und durcheinander geworfen wie dürre Grasstengel beim Heuen. Alles haben sie auf das Wägelchen geladen oder auf die Schultern gepackt, wie Schnecken ihr Haus tragen.« Die Spitzmaus schüttelte den Kopf und blickte scheu hinüber nach der kleinen Hütte mit dem grünbewachsenen Strohdach. Mit ihren winzigen, blinden Fensterscheiben und der geschlossenen Hintertür lag sie verlassen und ausgestorben in der Frühlingspracht grüner Hollunderbüsche und überhängender Zweige eines mächtigen, wilden Kirschbaumes. »Ich kann es nicht glauben, daß sie weg sind ... fort, um nicht mehr zurückzukehren! Sie haben doch den Garten nicht mitnehmen können, nicht das Kartoffelfeld und die Wiese. Wovon wollen sie essen? Sie müssen doch wiederkehren, wenn ihre Speise aufgezehrt ist!« Das Rotkehlchen zuckte mit den Flügeln und erhaschte flink im nächsten Augenblick eine Mücke, die es mit großem Behagen verzehrte. Dann sprach es leichthin: »Ja, wenn die Menschen von Mücken lebten, würden sie im Sommer überall ihr Leben fristen. Aber sie haben viel Speise nötig, und ich weiß nicht, wo sie solche finden wollen. Mir ist es auch gleich, ob sie bleiben oder gehen. Mir bleibt mein Nest, der Hollunderbusch und der ganze Garten. Was ficht es mich an, wohin unsere Menschen wandern, ob sie leben oder nicht?« Damit flog es zu dem Kirschbaum auf und begann dort eine ergiebige Mückenjagd. Die Maus mit den klugen Aeuglein war aber nicht beruhigt. Sie raschelte durch das vorjährige Laub unter der Hainbuchenhecke des kleinen Gartens und kam zu einem versteckten Erdloch. Dort hauste die Kröte, ihre langjährige Freundin. »Denk' dir,« sprach sie zu der runzeligen Alten, »unsere Menschen sind fortgezogen und haben ihr ganzes Haus leer gemacht. Ich glaube, sie kommen nie mehr wieder.« Die Alte war sprachlos. Starr sahen ihre goldfarbigen Augen aus dem faltigen Gesicht auf die Freundin. »Haben sie auch das Menschenkind mitgenommen?« fragte sie eifrig. Die Spitzmaus nickte, und dann schwiegen beide eine ganze Weile. »Das Menschenkind war das schönste in unserem Garten,« sagte die Kröte; »etwas so schönes und liebes habe ich noch nie gesehen. Es hatte blonde Haare und Augen blau wie der Himmel. Es war frischer im Gesicht als ein Apfel und lustiger als alle Rotkehlchen und Buchfinken in der Welt. Es hat keinem Tier je etwas zuleide getan. Nur den Goldläufer hat es einmal in die Hand genommen, weil er glänzte in der Sonne. Der dumme Kerl zappelte und krabbelte und verrenkte sich ein Bein, als er auf den Boden fiel. Es war lächerlich, und ich habe dem frechen Schmied den Schreck herzlich gegönnt. Das Menschenkind wollte sich doch nur freuen an seinen glänzenden Flügeln, wie es sich an allem Schönen freute. Auch meine Augen gefielen ihm, als es mich einmal plötzlich unter einem Kohlblatt entdeckte. Seine Mutter war dumm wie eine Glucke, sie schrie auf, wenn sie mich einmal sah, und sein Vater war grob und herrisch wie ein Stier; aber das Menschenkind war klug und lieb. Es freute sich, wie wir, an allem, es lebte, als wenn es zu uns gehörte, Ich werde nie vergessen können, wie es sprang und lachte ...« Die Spitzmaus nickte, zog sich aber, da sie die Freundin in Gedanken versunken sah, leise aus dem Erdloch zurück. Draußen im Garten herrschte lebhaftes Schwatzen unter allem Getier. Die Vögel, die den Garten bewohnten, waren allmählich alle nach Hause gekommen und besprachen das Ereignis des Tages. So schlich denn die Spitzmaus eilfertig unter den Kirschbaum, der die laute Gesellschaft trug. Man regte sich auf über den Abzug der Menschen, man schrie, zwitscherte und flötete wirr durcheinander. Durch das unverständliche Geschwätz hörte sie schließlich das Krächzen des Raben, der als Besuch von dem hohen Weidenbaum am Bache herübergekommen war. »Es ist nicht gut, daß eure Menschen weg sind,« sagte er mit heiserer, überlauter Stimme. »Sie haben mich zwar nicht gefüttert, aber es fiel doch schon manchmal etwas ab für mich, besonders im Winter, wenn die Atzung sonst knapp war und sie hier ein Schwein schlachteten.« Er sah lüstern nach der Hintertüre der Hütte, neben der sonst der Dickhäuter am Schragen hing. »Wer weiß, wer jetzt in das leere Nest zieht! Vielleicht ein Narr, der die Hecke umreißt und mit Schmutz, Staub und Steinen wirtschaftet, um ein großes Menschennest zu bauen; vielleicht ein Mensch mit einem Donner- und Feuerrohr, der zum Vergnügen auf uns Vögel schießt; vielleicht ein altes Weib mit drei Katzen!« Der Rabe weidete sich ordentlich an dem Schrecken, den seine rauhen Worte in dem Vogelkreis hervorriefen. Dann fuhr er fort: »Die Menschen sind ja die dümmsten von allen Geschöpfen. Sie tun, was keines sonst in der ganzen Welt verstehen kann: sie plagen sich mit Arbeiten, die nicht gut sind, um Hunger oder Durst zu stillen, von denen sie weder trocken, noch warm, noch kalt werden. Sie sind alle Narren. Habt ihr je eine Schwalbe gesehen, die wegzog, wenn es Frühling war, eine Hummel, die verdrießlich wurde, wenn die Blumen blühten, einen Raben, der sein Nest auseinanderriß und wegflog aus einer Gegend, die ihn satt machte, in der sich's lustig und ungestört wohnte? Wer weiß, wohin sie gezogen sind, vielleicht in ein Land, in dem man immer arbeitet, in einen der großen Menschenhaufen, einen Art voller steinerner Menschennester, in dem alles rennt wie im Ameisenhaufen. Ich habe einmal einen solchen Haufen gesehen. Es ist schrecklich! Magen und Augen werden einem da hungrig; die Menschen sehen alle aus, als wollten sie sich untereinander aufzehren, und die Luft ist ganz stickig.« »Aber die Menschen tun sich doch hier auch nichts, sie leben nur von Pflanzen und einem Schwein, das sie im Winter töten,« meinte wichtig ein Distelfink. »Hier ist nicht da,« belehrte der Rabe. »Hier wächst Grünes für die Menschen und ihre Ziegen und Schweine. In den großen Riesennestern wächst nichts, und die Menschen sehen unfroh, ängstlich und wütend aus. Ich glaube, sie fressen sich wirklich untereinander auf; man hört aus ihren Nestern auch oft ein Geschrei, wie wenn Stare mit Spatzen sich zanken. Sie sind unverständliche Narren ... Aber es ist schade, daß unsere Menschen fort sind. Sie wühlten den Boden um für ihre Kartoffeln und machten uns das Suchen nach Würmern und Mäusen bequem. Sie waren nützlich für uns und angenehme Nachbarn.« So sprach der Rabe und flog wieder krächzend hinüber zu seiner Weide. Die Versammlung im Kirschbaum war still geworden bei dieser harten Rede. Unfaßbar war ja der Wegzug der Menschen. Vom Walde her wehte würzige Luft in den Garten, die Blumen dufteten, das goldene Licht der Abendsonne lag auf den Blättern und blitzte auf den Scheiben der leeren Fenster. Wie konnte man wegziehen aus solcher Frühlingsherrlichkeit? Die Spitzmaus litt es nicht mehr unter dem Kirschbaume. Sie eilte mit klopfendem Herzen wieder zu ihrer Freundin, der Kröte, und erzählte von des Raben Rede. »Das wäre entsetzlich!« jammerte die Alte. »Das liebe, frohe Ding in einem Neste, wo man sich mordet und auffrißt, wie hungrige Ratten es wohl tun! ... Wir müssen wissen, ob das wahr ist! Keine Schnecke rühre ich mehr an, bis ich weiß, wo unser Gartenkind lebt!« Die Maus sah gespannt und bewundernd auf die entschlossene Freundin. »Was können wir machen?« meinte sie kleinlaut. »Gehe zu dem leichtfertigen Schwätzer, dem Rotschwänzchen, und sage ihm, es solle die Schwalbe rufen, unsere Schwalbe, die jedes Jahr dicht neben den Menschen wohnte und viel von ihnen weiß.« Es geschah so. Die Schwalbe nahm auch auf dem Kirschbaume Platz, und die Maus ließ ihr durch das Rotschwänzchen sagen, sie möge nachforschen, wohin sich die Menschen gewendet hätten. Auch die übrigen Tiere und Vögel bestürmten die Schwalbe, nach den ausgezogenen Menschen zu suchen. Die Schwalbe fühlte sich geschmeichelt. »Es ist mir ein kleines, sie einzuholen. Noch vor einer Stunde sah ich die drei weit unten auf der Landstraße.« »Ja, ja, du holst sie rasch ein! Du kannst erkunden, wohin sie sich wenden; du bist die beste Fliegerin!« So schrie der Haufe wirr durcheinander. Die Schwalbe hatte ein stolzes Gefühl. »Ich will den Menschen nachfliegen,« erklärte sie entschlossen. »Ich will euch sagen, wo sie ein neues Nest beziehen. Aber wer füttert meine Jungen?« »Ich, ich, ich,« schrie und lachte der Vogelhaufen, »wir alle füttern sie!« »Nicht ihr alle, ihr würdet sie mir krank machen,« wehrte die Schwalbe. »Der Buchfink und das Rotkehlchen genügen, denn mein Männchen hilft mit.« »Was fressen sie am liebsten: Spinnen, Mücken oder dicke Fliegen?« erkundigte sich schelmisch der Buchfink. »Alles, sie sind nicht wählerisch, haben aber große Mäuler und Mägen.« Die Schwalbe zwitscherte einen kurzen Abschied vor ihrem Neste und schoß dann wie ein Pfeil über die Landstraße weg dem Ausgange des Tales zu. Die Schwalbe kam am folgenden Tage nicht wieder, und die ganze Gartengesellschaft wurde aufgeregt über ihr langes Ausbleiben. Erst am Mittag des dritten Tages kehrte sie zurück, stürmisch begrüßt von ihrem Männchen und allen Vögeln, sie sah nach den Jungen, die satt und zufrieden im Neste saßen, und flog dann auf den Kirschbaum, um zu berichten. Alles drängte sich heran zum Lauschen, selbst die Kröte kroch in das Gras unter dem Baume, obwohl sie sonst nie bei Tageslicht ausging. »Ach, es war weit! Ich sah unsere Menschen zwei Stunden von hier, sie saßen auf einer Bank unter vielen anderen Menschen und warteten mit müden Gesichtern. Dann kam eine lange Kette von laufenden Kasten herbei, vierkantig wie ein Starenkasten, nur viel, viel größer. In einen solchen Kasten stiegen die Menschen und rollten davon, schnell und schneller. Ich flog mit, und es war mir ein kleines, neben der Riesenkette zu bleiben. Aber es gab nicht genug Atzung unterwegs. Vorn an der Kette quoll dicker, stinkender Rauch auf, der vertrieb die Mücken, so daß ich zuletzt immer weite Bogen schlagen mußte über die rollenden Kasten. Wir kamen zuletzt an einen Ort, an dem es von Menschen wimmelte, die durcheinander rannten, wie die Kaulquappen im Teiche, und in ungeheuren Steinnestern aus- und eingingen. In ein solches Nest zogen unsere Menschen, und ich habe auch das Menschenkind gesehen, wie es hoch oben in dem Steinkasten an einem Fenster stand. Es sah zu dem blauen Himmel auf, von dem es nur ein Stückchen sehen konnte, und war gar nicht so froh, wie früher hier in dem Garten.« »Hast du nicht gehört, was sie sprachen?« fragte der Rabe. »Du verstehst doch sonst etwas von der Rede der Menschen.« »Ich habe nichts gehört, denn die großen Menschen schleppten und kramten an ihren Sachen.« »Sie müßten wieder zurück,« antwortete verdrießlich der Rabe. »Wir lebten hier schön ruhig bei ihnen. Jeder fand seine Atzung und brauchte dem anderen nichts zu tun, um den Magen zu füllen. Jetzt werden bald die Waldtiere hier einziehen. Gestern sah ich den Fuchs schon durch die Hecke kriechen. Der Gauner wird mir die Jagd verderben! Der Marder und das Wiesel werden bald folgen und die Nester ausräubern. Das sind wilde Tiere, die nichts schonen, die keine Heimat kennen und überall morden. Und wie soll es im Winter werden für uns ohne Heusamen, ohne Düngerstätten, ohne das Schwein, das sie schlachteten? Welch' köstliche Bissen fand ich stets, wenn sie den Acker durchwühlten! Die Schwalben und andere haben es gut, sie reisen fort; aber wo bleiben wir? Ich bin alt und mag nicht mehr mit den anderen im weiten Felde leben. Ich liebe meine Weide und will nicht mehr umziehen. Die Menschen müssen zurück.« »So bringe sie doch zurück,« erwiderte dreist ein Sperling. Der Rabe sah verächtlich auf den grauen Sprecher. »Du Naseweis!« krächzte er. »Wir alle zwingen sie nicht zurück, denn die Menschen sind unwiderstehlich, wenn sie ihre Dummheit ganz beherrscht. Klügere Leute als du müssen nachsinnen, wie wir sie mit List zurückführen.« Ueber diese List grübelten zwei Wochen lang alle Tiere, aber sie fanden nichts. Am meisten grübelte die Kröte, denn sie sehnte sich nach dem Menschenkind und konnte sein Jauchzen und Lachen nicht vergessen. »Nur bei dem Menschenkind ist etwas auszurichten,« sprach sie eines Abends zur Spitzmaus. Sie saßen versteckt zwischen den Blättern eines großen verwilderten Goldlackbusches. »Das Menschenkind hatte auch die Blumen so gern,« brummte von oben eine Hummel, welche die Blüten umflog. Der Kröte kam es wie eine Erleuchtung. Sie rief die Hummel herbei, die dann auch gleich kam und sich auf ein Blatt setzte. »Du hast auch das Menschenkind gern gehabt?« »Ja,« brummte die Hummel. »Es hatte nie Angst vor mir wie die großen, dummen Menschen, es schlug nicht nach mir, es freute sich, wenn ich um die Blumen flog und ihm dicht über die goldenen Haare hinsurrte. Es lief mir nach im Garten, es folgte mir, wie ein ausgelassenes Böcklein seiner Mutter.« »So hole es wieder!« riefen Kröte und Spitzmaus. »Es ist zu weit für mich,« entgegnete bedenklich die andere. »Ich weiß auch nicht, ob ich unterwegs genug Honigblumen finde.« »Die Schwalbe muß dich tragen, sie tut es gewiß.« Die Kröte war voller Eifer für den Plan. Eilig schickte sie die Spitzmaus wieder auf Botenwege aus, und sie brachte es richtig fertig, daß die Schwalbe mit der Hummel zu reisen beschloß. Es war allen Vögeln spaßig, die beiden am nächsten Morgen abfliegen zu sehen. Die Hummel kraute sich in die Federn hinter dem Kopfe der Schwalbe fest ein und brummte dann vergnügt: »Es kann losgehen.« Sofort schoß die Schwalbe davon ... Erst nach zwei Tagen kamen sie wieder, denn die Schwalbe hatte oft Ruhepausen machen müssen, in denen dann die Hummel zu den Blumen flog und Honig naschte. Aber sie kamen vergnügt zurück, erzählten viel und sagten immer wieder: »Unsere Menschen kommen wieder! Ihr könnt euch darauf verlassen!« Sie waren am Abend am offenen Fenster der Menschen angekommen. Die Schwalbe hatte sich verstohlen auf das Fensterbrett gesetzt, und die Hummel war dann kühn hinein zu den Menschen gebrummt. Die Großen fuhren sofort auf von den Stühlen, auf denen sie mißmutig hockten. »Eine Hummel!« schrien sie erschrocken und schlugen nach dem Brummer. Aber die Hummel surrte weiter hinein in den Raum. Dort lag auf seinem Lager das Menschenkind, das jubelte vergnügt: »Eine Hummel!« und seine so blaß gewordenen Backen röteten sich. Es setzte sich auf, folgte mit glänzenden Augen dem Brummer und rief dann: »Mutter, eine Hummel wie in unserem Garten!« Aber das dumme Menschenweib schlug mit der Hand nach der Hummel und zwang sie, hinaus zur Schwalbe zu flüchten, die aufmerksam lauschte auf der Menschen Rede. Da ersah das Weib die Schwalbe, und auch ihr Blick hellte sich auf, und ganz erstaunt rief sie: »Seht, eine Schwalbe!« Das Kind wurde nun recht traurig. Es sprach von den Blumen im Garten, um die Hummeln und Bienen flogen, von den Vögeln, von den Raben, und auch die Kröte kannte es noch. Es weinte zuletzt und sagte, es wolle wieder nach Hause zu den Tieren, den grünen Wiesen und dem Kirschbaum. Auch das Menschenweib weinte, und der Mann saß finster und stumm da. Dann sagte das Weib: »Wir hatten Kartoffeln und Gras, eine Ziege und ein Schwein und litten nie Hunger, wir wohnten allein im Grünen und waren ruhig und zufrieden.« Da schlug der Mann mit der Faust auf den Tisch und brüllte wie ein Stier: »Ja, es ist wahr! Und wir ziehen wieder heim in das alte Nest!« Da flog die Hummel noch einmal hin zu den Menschen und freute sich an ihrer Freude und sah in ihren frohen Augen, daß sie bald kommen würden ... So erzählte die Schwalbe, und die Hummel brummte derweil still vergnügt um die Aeste des Kirschbaumes. Der Rabe sagte gewichtig: »Das Kind also mußte den Alten die Wahrheit sagen. Dumm sind die Menschen, aber manchmal nützlich. Sie werden nur gescheit, wenn ihnen der Magen knurrt und ihre Augen sich trüben. Na, es ist gut, daß sie wieder kommen, schon allein, um den Fuchs zu vertreiben und das Schwein im Winter zu schlachten.« Die Kröte aber rief: »Unser schönes Menschenkind kommt wieder. Es konnte nicht den Frühling und all das Schöne hier vergessen, und auch an mich und meine goldenen Augen hat es gedacht! Und wem habt ihr es zu verdanken? Der dummen Kröte!« Und sie lachte.   Willhelm Ruland Karneval Tolle Wochen, trunkne Feste, Reich an übermütgen Scherzen; Lippen lächeln, Augen strahlen, Lüstern gärt's in vielen Herzen. Bunte Masken, greller Flitter. Hei! das klingt und singt im Saale! Heimlich Kosen, süßes Schmachten: Carne vale! Carne vale ! Wie die Geigen schmeichelnd schwirren In das wogende Getriebe! Seht, aus manchen jungen Augen Lockt das Leuchten erster Liebe. Und auf manchen Lippen zittert Ein verschwiegenes Verlangen; Glaub', verhalt'ner Huld Gewährung Glüht auf manchen Mädchenwangen. Leer und leerer wird der Reigen, Lachen, Tanz und Sang verstummen. Aschermittwoch. Auseinander Stiebt die Schar entlarvter Mummen. Viele blasse Leute wanken Heim vom lauten Bacchanale; Viele Lippen lallen leise: Carne vale! Carne vale ! R. I. P. Schon lang ich an dem Hügel steh, Drei Lettern les' ich: R. I. P. Das Holzkreuz blickt so ernst mich an. Er hat ein Leid sich angetan. Am Feldrain er gefunden ward, Keins wußte Name noch die Fahrt. Man hat im Winkel ihn verscharrt. Der großen Stunde hier er harrt. In Frieden ruh', du armer Mann. Wer hat ein Leid dir angetan?   Dettmar Heinrich Sarnetzki Wandre ... Wandre, wenn die Schollen schwellen, Sonnenfluten Nebel bricht, Brausen auf der Erde Quellen Kräftekühn ins junge Licht – Wandre, wenn die Saaten steigen Aus der Flamme Lebensblut, Aus dem hellen Mittagsschweigen Reisesehnsucht, Reiseglut – Wandre, wenn im Duft der Sonne Gärt der Wein der Wunderwelt, Und der Herbst den Kelch der Wonne Farbenfroh in Händen hält – Wandre, wenn in weißen Breiten Kraftgebanntes Leben harrt, Sich im Traum gefangner Weiten Neues Werden offenbart. – Das ist so meine liebste Stunde Das ist so meine liebste Stunde: Der Lenzwind haucht mit halbem Munde – Die Sonne tropft ihren rötlichen Schein In meines Lebens Pulse ein – Und leise träumender Blütenfall Und Kinderreigen allüberall – Vom glänzendgrünen Kirchendach Sprüht rastender Vögel Freudengelach – Das Sein ein seliger Atemzug, Das Ruhn ein fröhlicher Geistesflug – Und wie ein Strahlen aus sonnigem Blau Das Auge einer schönen Frau Ueber mich hin, eine leise Hand Wie träumend auf meine Wange gebannt – Ein glücklich Lächeln von blühendem Munde: Das ist so meine liebste Stunde – – – Sommer Glührot leuchtet im Korn der Mohn; Schweren Hauptes die Halme ragen. Sommers leiser Reifeton Singt wie silbernes Sichelschlagen. Sterbereif die gelbe Saat, Erntereif zur klingenden Mahd: Bergt den goldenen Segen. Siehst du unsere Liebe gehn, Schweren Hauptes die Felder durchschreiten? Fühlst du's nicht wie Inbrunst wehn, Ueber die durstenden Seelen sich breiten? Dämpfe die lodernde Flamme nicht; Glühend im Mittag steht das Licht: Laß den Segen uns bergen. Mutter Wenn ich in das tiefe Blau Des Vergangnen niedertauche, Seh' ich eine blasse Frau Unterm blüh'nden Haselstrauche. Ihre Hände gleiten sacht Ueber ihrer Kinder locken, Und mit Feierklängen lacht Frohgeläut von Blütenglocken. Eine grüne Märchenwelt Wuchs in meiner Mutter Garten, In dem bunten Beetefeld, Wo wir stillen Herzens harrten: Unter Tulpen, Thymian, Schlanken, hochgewachsnen Rosen – Und im dichten Laube sahn Kirschen wir und Aprikosen. Wo der greise Birnenbaum Aeste weit und Schatten spreitet, Bis zur Hecke spannt ein Traum, Der die ganze Welt umbreitet. Wo mit mattem Düfteglanz Die Johannisbeeren glühten, Bis zum ernsten Asternkranz Wuchsen meine Lebensblüten. Und ein Sturmwind brach herein, Und ich hört' ihn näher toben, Tiefer sank des Tages Schein, In der Wolken Dunst verwoben. Und die Blüten stoben fort, Und im Birnbaum hört' ich's brechen; Ueber den geweihten Ort Zog des Sturmes Riesenrechen. Aus dem tiefen Blau des Einst Ist's als ob sich Hände heben, Und mir ist, als ob du weinst Und erstehest neues Leben. Leben, grüne Märchenwelt, Wuchs in meiner Mutter Garten, In dem bunten Beetefeld, Wo wir stillen Herzens harrten. Verwandlung Und alles flutet der Erde zu Zum Ewigkeitstraum, zur Dämmerruh: Auf Saatengrün und Aehrenwucht Kommt Sichelklang und Lebensflucht. Und wie die Welle des Lebens fließt, Alljedes Leben sich in sie ergießt, Eine flüchtige Spur – ein Gedankenhauch – Ein Sonnenleuchten – ein Nebelrauch – Ueber Nacht – da ringt ein Samenkorn, Späht nach der Sonne Mutterborn, Und lauscht auf der Erde Herzensschlag, Auf Märzenrauschen und Frühlingstag. Und wie die Welle des Gebens fließt, Ein Tropfen ist es, der neu ersprießt, Vom Winde getragen, von Sonne belebt, Vom Boden genährt, der sein Seelchen webt. – – – – – – – – – – – Und wenn ich Erde geworden bin, Frei ruhe ich fort, frei treibe ich hin, Ich tränke die Keime mit meiner Kraft Und steige empor mit dem Wurzelsaft Und werde ein Neues und lebe fort In neuer Hülle an neuem Ort. Wo mag das sein: Im Sonnenschein – Kann aber auch fröstelnder Schatten sein. Mein Auge, das fröhlich im Leben geblickt, Vielleicht – als Blüte vom Raine nickt, Und kommt ein Kind im Lockengeflecht, Ich lächle: dich grüßt ein vergangnes Geschlecht. Und wenn am Wege ein Windhauch irrt Und über zitternde Gräser schwirrt, Da ist meine Stimme ein stilles Lied, Das eine Heimat sucht und flieht. Die Hand, die nimmermüde geruht, Sie lebt in rauschender Aehrenflut, Die sich in reifender Schwere lehnt: Hat immer den Erntetag ersehnt. Und wo ich träumte und wo ich stand, Ich bin verbunden dem ganzen Land, Ich werde und wachse, bin Erde und Hauch, Bin Baum und Wasser, bin Blüte und Strauch. Aber der Sturm, der dort oben reist, Das ist Geist von meinem Geist, Fliege hin über alle Welt, Sonnen und Sternen des Alls gesellt, Ewig, solange ein Atem bebt, Ewig, solange ein Traum entschwebt – – – – – – – – – – – Frühling ist es, die Wunder blühen, Und die Zeit hat sich gewandt, Sonnenrot wird uns erglühen Neuverheißung, Gegenstand. Aus der Erde quillen Säfte, Uralt-alte, neuerweckte, Was sich freudig lichtwärts streckte, All-Geheimnis-tiefe Kräfte: Leben ist's erstorbner Zeiten Aus der Erde heilgem Schoß, Tausendfältig sich verbreiten Urweltselig Menschenlos.   Wilhelm Schmidtbonn [gesperrt bis: 31. 12. 2022] Der König der Welt Niederrheinischer Vorfrühling Eisgang   Otto Albert Schneider [gesperrt bis: Datum unbekannt] Ein Liedchen Heimkehr Madonna im Rosenhag Vor Stephan Lochnels Bild im Kölner Museum   Wilhelm Schneider-Clauss [gesperrt bis: 31. 12. 2019] Der Spielmann von Bacharach Ming Pief   Willy Schneider-Ferdinants Das Märchen singt im Heidekraut Ein Sommertag. Der Himmel blaut. Das Märchen singt im Heidekraut. Die grünen Ohren hebt der Baum Und lauscht und regt die Zweige kaum. Die Grille gibt nur zarten Laut, Das Märchen singt im Heidekraut. Nun, schönes Mädchen, schau mich an: Ich bin ein junger Edelmann. Ich trag' ein breites, güldnes Schwert, Da drüben scharrt mein weißes Pferd, Und über jenem dunklen Tann Hebt meine Burg sich himmelan. Die Zinne blinkt im Sonnenstrahl, Komm mit! Komm mit, mein jung Gemahl! Komm mit! Auf meiner Ahnen Schloß Trägt wiehernd uns mein weißes Roß. Dort liegt schon lang für dich bereit Manch seid'nes, goldbesticktes Kleid, Für deine kleine, weiße Hand Bänder aus Gold und Diamant, Und Perlenschnüre wunderbar, Zu flechten in dein Seidenhaar. Komm mit! Komm mit, du süße Braut! Das Märchen singt im Heidekraut. Auf Besuch Leise summt der Kaffeekessel. Ich und du Hören zu, Und im alten Schlummersessel Hält der böse Onkel schnarchend Seine Mittagsruh. Sieh mal durch die Fensterscheiben! Dort beginnt Jetzt der Wind Ein vergnüglich Flockentreiben, Und die dicken Flocken machen Unser Fenster blind. Du! Sei lieb und laß das Necken! Halt mal still! Ach, ich will, Eh wir deinen Vater wecken Einmal, einmal dich nur küssen. Drum sei lieb und still! Nun? – Tut's weh? – Da gähnt der Alte. Sprung und Stoß. Weg vom Schoß! Auf der Stirne eine Falte, Brummt der Onkel augenzwinkernd: »Na, was ist denn los?« Im Buchenhain Schwere Tropfen rasch verrauschten Regens Rinnen an den dicken Stämmen nieder, Sickern von den Aesten und den Blättern Leise klopfend auf den feuchten Rasen. Wenn des Mondes blanker Silbernachen Aus dem Gischt der Wolkenwogen auftaucht, Glitzern ringsumher die Wasserperlen, Und die nassen Buchenstämme glänzen. Wie die Tropfen auf den Rasen springen! Oder ist's mein Herz, das also hämmert? Oder ist es deines, liebes Mädchen, Das ich sehnend in den Armen wiege? Fernher murrt die Stadt verworrne Töne, Fernher läuten letzte Abendglocken, Und der Nachtzug mit den roten Fenstern Braust am dunklen Buchenhain vorüber.   Walter Schulte vom Brühl Das Rindenpfeifchen Ach, manch Hoffen fällt zum Raube Düstern Winters Ungemach! Glücklich, dem der Frühlingsglaube Wird im Herzen wieder wach! Blumen sieht wohl jeder sprießen, Hört die Lerch' am blauen Zelt, Aber Frühling heißt: Genießen Frohen Sinns die schöne Welt. Wintersmüd bin ich gezogen Aus der Stadt ins feuchte Land. Schau! Ein Falter kommt geflogen Suchend her am Straßenrand. Dort der Vogel möcht' verkünden, Daß die Knospe will erblüh'n, Und es rieselt in den Gründen, Und die Wiesen leuchten grün. Stetes Gehen, stetes Kommen! Hochzeitslieder, Grabgesang! Und mein Herz fühlt sich beklommen Bei des Frühlings Werdedrang. Aber horch: im Weidenhage, Der sich schmückt wie eine Braut, Spottet aller stillen Klage Altvertraut ein heller Laut. Und die Flöte bläst ein Junge, Die er eifrig selbst geschafft, Und er spricht mit froher Zunge: »Herr, die stehen fein im Saft!« – Hei, da sah ich nur ein Sprießen Unterm weiten Himmelszelt: Frühling, Frühling heißt genießen Frohen Sinns die schöne Welt. Ueber die Höhen Ueber die Höhen schreitet der Morgen: Drunten, im Duft noch, der friedliche Ort, Rauchende Essen – erwachende Sorgen, Hasten und Jagen und Handeln und Borgen; Ruhlos und friedlos schleppt sich das fort! – Ueber die Höhen wandelt der Morgen. Hoch auf dem Turm, über Bäumen und Talen Grüßt uns die Freiheit, grüßt uns das Licht, Ferne die nichtigen Freuden und Qualen, Golden umweben dich himmlische Strahlen, Und sie verklären dein holdes Gesicht Hoch auf dem Turm, über Bäumen und Talen. Frühling im Herzen und Frühling im Walde, Blumige Wiesen, schimmernder Fluß. – Blüten verwelken und bald, ach so balde Tanzen die Blätter an Wegen und Halde. Friert dich? – Komm, reich mir die Lippen zum Kuß. Lenz noch im Herzen und Frühling im Walde! Unter den Pinien Es war ein heißer Sommertag. Ueber die Heide schritt ich dem Walde entgegen. Die wahre Erholung meiner Schulferien bedeutete für mich immer nur der Wald. Und nun winkten mir von ferne meine drei Vertrauten zu, drei alte Kiefern, Pinien des Nordens. Sie standen einsam zwischen Eichengestrüpp an einem wenig begangenen, sandigen Wege. Frei hatten sie sich entfalten können, und ihre mächtigen Kronen mit dem rötlichen, knorrigen Geäst schwebten königlich über dem Unterholz. Unter ihnen weilte ich so gerne; stundenlang konnte ich da auf den duftigen Nadeln und den armen Grashälmchen ruhen, auf dem Rücken liegend durch die Lücken im Gezweige nach dem blauen Himmel und den ziehenden Wolken schauen und dem Säuseln des Windes lauschen, und dem Summen der Insekten, und dem fernen Gurren der Holztauben. Der Wald war mir stets ein Mysterium. Niemals war es mir möglich, darin umherzutollen und zu singen und zu johlen. Wie ein scheues Tier schlich ich mich dahin, damit kein Zweig knacke, kein Strauch rausche. Und so nahte ich mich auch diesmal wieder den einsamen Föhren auf der Anhöhe, plötzlich hörte ich ein eintöniges, seltsames Singen. Es war mir unangenehm, daß sich jemand bei meinen Bäumen aufhalten könne. Von Büschen gedeckt schlich ich mich näher. Da sah ich ein fremdartiges Bild. An einem der rissigen Stämme, vom Sonnenlicht umspielt, saß ein junges, braunes Weib, ein buntes Tuch um das schwarze Haar geschlungen. Es neigte sich über einen Säugling, der an der entblößten, bernsteinbraunen Brust lag und den mütterlichen Nährquell trank. Eine landfahrende Zigeunerin schien die Fremde zu sein. Und sie blickte liebevoll auf ihr Kindchen nieder und preßte die strotzende Brust mit ihren Fingern und sang ihr dunkles, summendes Lied. Ich war zu jung, um mir ästhetisch Rechenschaft über den Reiz des Bildes geben zu können, aber ich schwelgte in diesem Anblick und konnte meine Augen nicht fortwenden von der feingliederigen Bettlerin und ihrem Kinde. Und alles war so voller Harmonie mit dieser Gruppe: die einsam umherstehenden Gebüsche und die rauschenden Kronen, der harzige Duft und die zitternde Wärme des Sommertags. Ich hielt mich ganz still. Und als endlich das Weib seine Kleidung wieder in Ordnung brachte und dann, den nun schlafenden Säugling im Arme, mit den nackten Füßen den sandigen Weg dahinschritt und im Walde verschwand, war mir nicht anders, als hätte ich einen schönen Traum geträumt. In stillen Erinnerungsstunden taucht noch manchmal das Bild der jungen, ihr Kindchen nährenden Mutter unter den alten Föhren in mir auf und dann fühle ich etwas wie eine Weihe in meinem Gemüt.   Mathien Schwann Goldner Herbst Das wallt wie rollender Wogenschlag Nach Sturmeswehn und Wetterbraus, Und was in der Tiefe verborgen lag, Das peitschte die Sehnsucht in's Licht heraus. Die schaumgegeißelte Lebensflut Wogt leise ab, und niedersinkt Der Sonne leuchtende Himmelsglut Auf mich herab – die Seele trinkt ... Sie trinkt des Weltseins einiges Bild In sich hinein, und niederwärts Die Schwere taucht. Es überspielt Des Herbstes Goldflut nun mein Herz. Eine weiße Taube schwebte ... Eine weiße Taube schwebte Ueber einer Schar von grauen, Und auf ihren Flügeln glänzten Golden lichte Sonnenstrahlen. Unten Aehren, oben Sonne, Zwischen ihnen kreisten Vögel, Graue! – Und hoch über ihnen Eine weiße Taube schwebte. Unten reifendes Erwarten, Oben Glück in ewiger Ferne, Mitten flattern graue Sorgen Und der Liebe weiße Taube. Fiel ein Schuß. – Es kreisten weiter Graue Tauben. Doch zur Erde, Rot die Brust und rot die Flügel, Eine weiße Taube schwebte. Wenn die stillen Tage kommen... Wenn die stillen Tage kommen, Die vom Sterben leise flüstern Und von abendrotem Frieden: Weht es um mich her wie Düfte, Die des Sommers Reife mischen In des Herbstes klaren Hauch. Denken? – Nein, vom vielen Denken ward der Kopf mir schwer und schwerer, Und das Herz will nicht mehr wollen, Hemmt auf Augenblicke plötzlich Seiner Sehnsucht lauten Schlag. Manchmal ist's, als wollt's versuchen, Wie es tut, wenn seiner Unrast Endlich naht das dunkle Ziel. Und mir ist: von vieler Schönheit, Die das Leben mir gegeben, Von der Güte und der Höhe Aller Hoffnung, aller Ferne leuchten Strahlen, flirren Farben, Rot und goldgelb, über blaue, Ahnungsschwer tiefblaue Meere. Und die Lichter und die Farben Winden sich zu Harmonien, Immer wechselnd, immer schöner, Und aus diesen Harmonien Schlingen unsagbare Lieder In viel tausend tausend Stimmen. Nicht ein Rausch, der mich umflattert, Dem ich zuschau aus dem Winkel, Sondern ganz dahingenommen, Selbst vergangen, selbst verloren. Zucken meines Lebens Farben Durch das wunderbare Spiel; Leuchten auf, verdämmern wieder, Da und dort ein Sprühefunken Grüßt mich, wie ein längst Bekanntes, Wie Gedanken, die ich hegte, Wie ein Traum, der mich umfangen, Wie ein Hoffen und ein Lieben, Huscht vorbei im Augenblick, Nur ein Wellen nach sich ziehend, Als entflöh's zu fernem Strande. Dann wird's Ruhe – eine Stille, Die den Atem fast verbietet, Als ein unleidlich Gepolter – Und aus dieser Ruhestille Nur ein überselig Fühlen – Ganz mit dir, ganz hingeflossen In das eine große Leben, In die eine Schöpferstille, In das nimmermüde Werden Einer ewigen Natur Ist mein Selbst, ist ganz vergangen Und doch immer da und wirkend – wer beschreibt es, wenn verklinget Alle Zeit im ewigen All? – – Wenn die stillen Tage kommen, Die vom Sterben leise flüstern Und von abendrotem Frieden, Schließt das Auge meiner Seele Langsam sich, und langsam fühle Ich die große Stille nahen, Jene wunderheil'ge Ruhe, Mutterarme mich umfangen. Und ein rechter Kinderschlummer Schlingt sich um die schweren Glieder, Löset ihre Haft und Bande Und verscheuchet selbst den Traum. Eins nur bleibt – ein Ruhefühlen, Eine Seligkeitsempfindung, Bis auch diese noch entschwindet, Und es ganz – ganz dunkel wird. – – Wenn die stillen Tage kommen ... Ach, es freut sich meine Seele, Und mein Herz ist ganz bereit, Hinzulegen meines Willens Schweren Hammer und zu feiern – Wenn die stillen Tage kommen – – –   Hermann Stegemann [gesperrt bis: 31. 12. 2015] Die Wolke Der Pflug Holzhauer Novelle   Curt Stephan [gesperrt bis: Datum unbekannt] Aus dem Traumland der Jugend I. II. III.   Carmen Sylva Mein Vaterhaus Die Nachtigallen schlagen Dem Strome sehnend nach, Es drehn in alten Kreisen Die Schwalben hoch ums Dach. Sie singen den Geschlechtern, Die dort vorübergehn, Die welken und verbleichen Und wieder neu ersteh«. Die Jahre ziehn vorüber, Doch was der Geist gesät, Das wird nicht ausgetreten, Vom Sturme nicht verweht. Das hat des Hauses Stärke In Feuerglut getaucht, Das hat des Geistes Spuren Auf jede Stirn gehaucht. Es grub des Feindes Kugel Hier sich für ewig ein, Und eines Kindes Stirne Umstrahlte Heiligenschein. Die Ahnin ließ die Leier Zurück als Unterpfand, Die geht als singend Erbteil Herab von Hand zu Hand. Der Rhein hält oftmals Einkehr In meiner Vaterstadt, Das macht, weil er sie lieber Als alle andern hat. Meine Freunde Wir wohnten beisammen am grünen Rhein, Der Wald und ich und die Lieder mein, Wir waren gar traute Gesellen, Und was wir gesungen, geträumt und gedacht, Wir sagten es leis', in der Mondscheinnacht, Doch einst mußt' ich ziehn in die Welt hinaus, Ich sollte mir bauen ein eigenes Haus, Im Osten, in schimmernder Weite. Ihr Freunde! Ich sag' euch für immer ade! – Wie tut mir das Scheiden, das Scheiden so weh! – Giebt keiner von euch mirs Geleite? Da schütteln die Häupter der Rhein und der Wald. Wir sind zum Wandern schon lange zu alt, Wie sehr wir dir auch gewogen! – Doch als ich trat in mein neues Heim, Erklang mir gar fröhlich dort Reim auf Reim: Die Lieder sind mit mir gezogen! Mutter Der schönste Nam' im Erdenrund, Das schönste Wort im Menschenmund Ist: Mutter! Ja, keines ist so tief und weich, So ungelehrt, gedankenreich Als: Mutter! Und hat es wohl so große Macht, Weil es von Kinderlippen lacht: O Mutter! Weil es aus Kinderaugen winkt, Weil es in Kinderherzen singt: Die Mutter! Ja, wem auch dieses Wort erklang, Hat hohe Würde lebenslang, Als Mutter! Und die's besessen und entbehrt, Der ist das Erdenglück verwehrt, Der Mutter! Bonn Wenn nur der Rhein nicht wär, Und der Sonnenschein darüber her, Und der goldne Wein, Und die sieben Berge nicht – Der alte Zoll, Und das Schifflein im Angesicht Mit den Segeln so voll. Und die Mägdlein so wundernett, Und der Rundgesang, Und morgens so schön im Bett, Und der Tag so lang – Ach, wie studierten wir In Bonn das Jus – Rhein! Rhein! Es liegt an dir, Daß man bummeln muß. Sein Weib Wie dunkel und still! Am Himmel kein Schein! Bin müde, doch will Ich zur Ruh' nicht allein. Ob lang auch die Nacht, Ob finster und kalt – Ich habe durchwacht Die bittersten bald. Ich wurde getraut, So zitternd und scheu, Da schwur er mir laut Die ewige Treu! Nun schleicht wie ein Dieb Er abends hinaus, Und ich hab' ihn lieb, Und warte zu Haus. Und kommt er zurück, Dann sag' ich kein Wort, Verweht ist mein Glück, Geraubt ist mein Hort. Doch hilft kein Gericht, Drum klag' ich nicht an – Er weiß es wohl nicht, Wie weh' er getan. Konversation Wer war die schönste auf dem Balle? Weß schöne Frau kam jüngst zu Falle? Das beste Pferd in welchem Stalle? Das meiste Geld in welcher Kralle? – Die vorher schliefen, horchen alle.   Paul Torriedt In der Nacht Voll tiefer Träume steht die Nacht, Ein Schauer weht durch das Gelände, Viel tausend Sterne sind entfacht Und glühn wie heiße Opferbrände. Voll tiefer Träume steht die Nacht, Der Wald hüllt sich in frommes Schweigen. O Herr, ein Ahnen deiner Macht Will mir aus tiefster Seele steigen. Voll tiefer Träume steht die Nacht, Durchs Weltall geht ein Sphärensingen, Und meine Seele prüfet sacht Zum Heimatfluge ihre Schwingen. Waldeinsamkeit Ein dunkler Teich, am Ufer Schiff und Rohr, Im blauen Wasser weißer Rosenflor, Die Wasserjungfer flog zu kühlem Bade, Die Genziane, halb versteckt, erhob Die blaue Blüte. Und die Sonne wob Rotgelbe Lichter auf dem Heidepfade. Am fernen Horizont ein Waldesring, Und wie ein Adlernest darüber hing Ein Dörflein an des Berges Halde. Des Turmes Glöcklein leise klang, verklang, Das Echo nahm den holden Laut und sang Hinüber ihn zum düstern Tannenwalde. Dann flog ein Kiebitz hoch empor, und schrill Ertönt sein Ruf. Nun wieder alles still! Nur leises Flüstern in den braunen Zweigen. Ich hörte meines Herzens dumpfen Schlag, Mir war, als müßte nun der letzte Tag Ersterben in dem großen, bangen Schweigen. Mir war, als wär für immer ich gebannt Hier in ein fernes, traumhaft stilles Land, Wo tiefes Schweigen sich an Schweigen reihte. Da rief ich laut. Und als der Ruf verhallt, In dumpfem Brausen zürnt der Tannenwald, Als ob ich seine heil'ge Ruh entweihte.   Emil Uellenberg [gesperrt bis: 31. 12. 2014] Bekenntnis Herbst Im Orient   W. L. Vershofen [gesperrt bis: 31. 12. 2030] Am Dortmund-Emskanal Der neue Heiland   Will Vesper [gesperrt bis: 31. 12. 2032] Zu einer Hochzeit Erwartung   Klara Viebig [gesperrt bis: 31. 12. 2020] Die Wacht am Rhein   Friedrich Wiegershaus Frohe Aussicht Bald werden wir beisammen sein. Wenn sich die Sommernächte neigen, Aus Gärten weiche Düfte steigen, Führ ich in meine Welt dich ein. Erstaunen wirst du ob der Pracht. Der Garten blüht. Wann wirst du kommen? Die roten Rosen, die erglommen, Die werden leuchten durch die Nacht. Ihr süßer Duft bezaubert mich. Er wird auch dir was Liebes sagen Und dich in goldne Fernen tragen – O Lieb, dein Glück erwartet dich! Geh' nicht aus deiner Heimat fort Geh' nicht aus deiner Heimat fort, Denn draußen wird man dich verkennen. Dort hörst du nicht das Mutterwort, Und keiner wird dich Bruder nennen. Hier ist ja alles wohl bestellt – Was sehnst du dich nach fernen Schätzen? Es kann doch nichts auf dieser Welt Der Heimatglocken Klang ersetzen. Heimatzauber In versunknen Tiefen klingen Meiner Heimat Glocken wieder, Und auf schlummerleisen Schwingen Wehn herüber alte Lieder. Und verzaubert muß ich lauschen Wie in fernen Jugendtagen. Sanft hör' ich herüberrauschen Ein verklungnes, altes Sagen. – In verträumter Abendfeier Liegt die Heimat mir zu Füßen, Und aus grauem Nebelschleier Kommt ein Winken und ein Grüßen. Ach, dein Zauber, Heimaterde Hält noch heute mich umsponnen. Alles, was ich jemals werde, Hab' ich einst aus dir gewonnen.   A. J. Winckler [gesperrt bis: 31. 12. 2026] Entladung Ballade vom Tode Bethlehem   Fritz Zilken Totentanz Novelle Der Tod hatte eine reiche Ernte gehalten. Auf dem Birsfelde, vor den Toren von Basel, war die Schlacht bei St. Jakob geschlagen worden. Früh beim ersten Tagesgrauen waren die feindlichen Heere bei der Dorfschaft Pratteln zusammengestoßen, kaum fünfzehnhundert notdürftig bewaffnete Eidgenossen gegen eine zwanzigfache Uebermacht rittermäßig gerüsteter Krieger, die der König Karl von Frankreich seinem lieben Vetter, dem deutschen Könige Friedrich, zur Hilfe gesandt, da dieser sich selbst in dem Streite, den er leichtsinnig gegen die Schweizer begonnen hatte, nicht zu helfen wußte. Vordem hatten diese französischen Söldner unter dem Oberbefehle des Grafen von Armagnac gestanden. Deshalb nannte man sie die Armagnaken, daraus dann später in deutschen Landen »Arme Gecken« wurde, eine Verdrehung, die mit dem Worte auch den Sinn änderte, denn diese Bezeichnung paßte besser für die Bewohner der von ihnen heimgesuchten Lande, denn für sie selber, Jetzt aber standen sie unter dem höchsteigenen Befehle des Dauphins, der sie aus dem nördlichen Frankreich an den Rhein geführt hatte. Ohne Besinnen hatten die Schweizer den Feind bei Pratteln angegriffen und seine Vorhut nach der Ortschaft Muttenz zurückgeworfen. Ein größerer Haufen, der hier stand, kam gleichfalls zum Weichen und flüchtete über den Birsfluß. Mutbrünstig folgten die Schweizer Harste nach und nun begann auf dem Felde gen Gundoldingen und um das Kirchlein von St. Jakob ein ungeheures Morden; eine Schlacht war es nicht, denn der Dauphin hatte hier seine gesamten Streitkräfte zusammengezogen und focht jetzt in vielzehnfacher Uebermacht. Eine Hilfe, die den Schweizern aus Basel gekommen war, obwohl diese Stadt damals dem Schweizerbunde noch nicht angehörte, aber mußte zurück, da die Baseler ihre Stadt selbst bedroht sahen. Emsig schritt der Tod auf und nieder. Wie der Schnitter auf dem Sommerfelde hatte er Schlockenfäßchen und Wetzstein, sie hingen ihm am Riemen um die Hüfte. Aber er nahm sich nicht die Zeit, seine Sense zu wetzen, so schartig sie auch wurde. Unermüdlich streckte er in weitem Wurf die Schwaden in das zerstampfte Gras, da die weißen Gänsblümlein sich alle in rote Röslein wandelten. Unermüdlich bei dem Haufen der Schweizer war auch ein Priester, der aus Basel in den Kampf hinausgeeilt und geblieben war, als seine Leute zum Schutze der Stadt gegen das Aeschentor rückwärts zogen. Das war Pater Blasius vom Kloster St. Alban am Rhein. Rastlos eilte er von Haufen zu Haufen und feuerte die Streitenden an und tröstete die Sterbenden. »Eure Leiber den Feinden, eure Seelen Gott!« rief er und gab damit die Losung des Tages. »Unsere Leiber den Feinden, unsere Seelen Gott!« riefen auch die Schweizer und stürmten immer von neuem gegen die Schwerter und Halparten der Feinde. »Eure Leiber mir, – was aus euren Seelen wird, das schiert mich nicht!« höhnte der Tod und mähte fleißig weiter. Als der Abend hereinbrach, da waren die Schweizer bis auf den letzten Mann vernichtet; was nicht tot war, das lag mit schwerer Wunde getroffen am Boden. Auch der Feinde deckten viele die Walstatt. Die Uebriggebliebenen aber sammelten sich und zogen sich zurück gegen die Berge des Jura, wo der Dauphin ein Lager aufschlagen ließ. Da stellte auch der Tod sein Mähen ein. Die Verwundeten bedurften seiner nicht; die starben jetzt ohne ihn. Er aber setzte sich auf einen Flurstein an der Straße, die nach Basel hineinführt, betrachtete seine schartige Sense und sah alles an, was er gemacht hatte. Und er sah, daß es gut war. Unterdessen ging die Sonne rot hinter den Schwarzwaldbergen jenseits des Rheines unter und die Schatten wurden immer länger in der Richtung von Abend gen Morgen. Da kam in dem Schummer der sinkenden Dämmerung von der Walstatt her ein leichtes Leiterwägelchen und strebte der Stadt zu. An einem zerrissenen und notdürftig mit einem Stricke wieder zusammengeknoteten Halfter führte Pater Blasius den müden Gaul, der es zog. Auf dem Wägelchen lag ein Schwerverwundeter auf einem Schäublein Stroh. Es war ein junger Hirt aus dem Urner Lande. Geharnischt war er nie gewesen, die Kleider aber waren ihm jetzt zerrissen und in der nackten Brust klaffte ihm ein breiter Lanzenstich, der mit einem Fetzen blutigen Linnens notdürftig verstopft war. Totenblässe deckte sein Antlitz und das Auge blickte halbverglast und glanzlos. Mit Hü und Hot trieb der Pater das abgerackerte Pferd zur Eile, denn er dachte, den Verwundeten, den er zuletzt, als ihm das herrenlose Fuhrwerk in den Weg gekommen, eilig aufgelesen hatte, noch in die Stadt zu retten und vielleicht am Leben zu erhalten. Als das Fuhrwerk beim Tode vorüberzog, der immer noch auf dem Flursteine am Straßenraine rastete, da erhob sich dieser und schwang sich behende auf den Langbaum, der hinten aus dem Wagengestell hervorragte. Rittlings nahm er da Platz, weil es ihm aber an Gesäßfleisch mangelte, saß er hart auf dem harten Holze und nicht lange dauerte es, da hüpfte er ganz hinauf auf das Wägelchen und kauerte sich neben den blutenden Krieger auf das Bündlein Stroh. Der aber sah mit Entsetzen das fleischlose Antlitz, hohläugig und mit nacktem Gebisse, und ein Schauer überlief ihn. Da erbarmte sich der Tod. Er langte in den Bettelsack, den er über der Schulter trug, und holte ein Querpfeiflein hervor. Darauf blies er, erst ganz leise, dann etwas lauter, den Kuhreigen und allerlei andere lustige Weisen, dem Urner über sein letztes Stündlein linde hinwegzuhelfen. Da schloß der Urner die Augen und lächelte; er dachte an seine heimatlichen Berge und Matten und an die gescheckten Kühe, die mit lieblichem Glockengeläute bedächtig darauf herumziehen und grasen. So erreichten sie die Stadt und fuhren durch die schmale St. Albanspforte. Jenseits lenkte der Pater das Wägelchen die steile Uferstraße hinab bis hart an den Rhein, wo sein Kloster stand. Als er hier aber nach seinem Schützlinge sah, da war dieser sänftlich gestorben und es blieb dem Pater zu tun nichts übrig, als den Toten herabzuheben und drüben auf dem Klosterfriedhofe zu begraben. Das tat er. Der Tod half ihm redlich dabei, mit Schippe und Karst. Und als die Arbeit getan war, und der Pater ein kurzes Gebetlein sprach für die arme Seele des Hinübergegangenen, da nahm der Tod sein strohenes Schnitterhütlein ab, faltete andächtig die Hände und sagte klar und vernehmlich: »Amen!« Dann aber merkte er, daß er von der Arbeit des Tages redlich müde war und er suchte ein Ecklein, da er ausruhen könnte. Das fand er unter einem buschigen Hollunder und dahin streckte er seine müden Knochen in das weiche Kirchhofgras, um ein wenig zu schlafen .... Der nahe Rhein rauschte ein einförmiges Schlummerlied. Unten in den Weiden am Wasser schlug noch eine verspätete Nachtigall. Im Osten stieg der Mond auf und begann seine stille Wanderung um den Halbkreis des Himmels. Zuweilen kam vom Albantor und von der Schanze, die nahe dabei liegt, ein dumpfes Getöse, wie das Fallen und Wälzen von schweren Balken und Bohlen, dazwischen ab und zu auch ein verworrenes Summen, wie von vielen Stimmen: die Baseler verrammelten das Tor und schleppten ihre plumpen Stücke auf die Bastei, denn sie vermeinten nicht anders, als der Dauphin würde andern Tages einen Sturm gegen ihre Mauern unternehmen. Sonst war eine große, friedliche Stille und der Tod tat einen langen und guten Schlaf. Als er endlich erwachte, war die Sonne längst aufgegangen. Sie glitzerte auf den schnelltreibenden Fluten des Flusses und vergoldete die jenseits sich hinziehenden Berge, auf deren einem ein Kirchlein stand, in dessen Fenstern das Licht widerleuchtete, daß es wie ein Riesendiamant über die Landschaft blitzte. In dem Holder über der Ruhstatt des Todes aber pfiff eine frühmuntere Amsel ihr Morgenliedchen. Verwundert rieb der Tod sich die Augen. Er mußte sich ein wenig besinnen, wo er wäre und wie er dahin gekommen. Als er aber den frischen Grabhügel des Urners sah, den er selbst mit geschaufelt hatte, da fiel ihm alles wieder ein, wie es gekommen und auch, was er am Tage vorher für Arbeit geleistet. Sie deuchte ihm auch jetzt noch tüchtig und aller Achtung wert. Aber, als er es recht überdachte, da meinte er, daß es im Grunde genommen, doch ein höchst brutales Stück Arbeit gewesen, ohne allen Geist und Witz. Und als er sich erhob und langsam zwischen den Gräberreihen des Kirchhofes herumschlenderte und den schönen Tag sah, da meinte er, daß er sich heute wohl einmal ein feineres Stück gönnen dürfe, ein zierlich verschlungenes Tänzlein, an dem jeder seine Freude haben müsse. Unter solcherlei Gedanken verließ er den Klosterkirchhof. Langsam schlenderte er den Mühlenberg hinauf und wandte sich durch die Rittergasse der Pfalz und dem Münster zu, in dessen Nähe auch der Bischofshof gelegen war. Nur die vornehmsten Geschlechter der Stadt und die Kurie hatten hier ihre Wohnsitze, auch der Papst Felix, als welchen das große Konzil, das damals in Basel tagte, den Herzog Amadeo von Savoyen gewählt hatte wider den Papst Eugen zu Rom, mit dem das Konzil im Streite lag. Während aber zu dieser Stunde auf dem Markte und in den gewerblichen Straßen der Stadt schon lebhaftes Treiben herrschte, vermehrt noch durch die Ereignisse des gestrigen Tages und die Besorgnis für den kommenden, war hier oben eine vornehme Ruhe, als ob das, was da draußen sich ereignete, die Bewohner dieser Häuser und Höfe gar nichts angehe. Kaum einmal ein Diener oder Bote huschte eiligen Schrittes daher, um bald in einem der engen Gäßlein, die, manche mit vielen Treppenstufen, in die untere Stadt hinabführten, zu verschwinden. Um so mehr fiel ein Mann auf, der festen und gesetzten Schrittes aus einem dieser Gäßlein kam. Er trug eine schwarze Schaube von glattem Tuch, an Hals und Brustschlitz mit einem streifen braunen Marders, wie sie in jener Zeit in deutschen Landen Magister und Doktoren zu tragen pflegten. Nicht eilig, aber auch ohne Zaudern überschritt er den Münsterplatz und wandte sich dann einem der Häuser zu, die an der Rheinseite lagen. Der Tod, der doch nichts anderes zu tun hatte, gesellte sich zu ihm. Er ging gleichmäßigen Schrittes neben ihm her und, als jener in das Haus eintrat, begleitete er ihn auch dahin. In diesem Hause wohnte Aeneas Sylvius Bartholomäus Piccolomini, der berühmte Humanist und Doktor beider Rechte. Als Sekretär des Kardinallegaten Giuliano Cesarini, der in Vertretung des Papstes Martin das Konzil in Basel eröffnet hatte, war er vor dreizehn Jahren in diese Stadt gekommen und weilte nach mehrmaliger Abwesenheit wieder da, jetzt aber als Geheimsekretär des vor kurzem zum deutschen Könige gekürten jugendlichen Friedrich aus dem Hause Habsburg-Oesterreich, dessen Interessen er beim Konzile vertrat. Er galt für einen der gescheitesten, aber auch verschlagensten Staatsmänner seiner Zeit, dem zur Erreichung seiner Zwecke jedes Mittel recht und der ob seines lockeren Lebenswandels nicht zum besten beleumundet war. Als der Tod und sein Begleiter in das Haus eintraten, fanden sie in dem geräumigen Flure einen Diener, der mit dem Packen und Schnallen einiger Felleisen und Reisesäcke beschäftigt war. Auf Befragen erfuhr der Gekommene, daß der Herr des Hauses sich in seiner Schreibstube befinde. Da stieg er, vom Tode begleitet, die Treppe zum ersten Stock hinauf. Hier klopfte er mit starkem Finger einen kräftigen Daktylus auf eine der Türen, die aus den verschiedenen Gemächern nach der Treppe führten. »Introite,« rief eine helle Stimme von innen. Die beiden traten ein. An dem sehr geräumigen Tische, in der Mitte des rundum mit Holztäfelung bekleideten Zimmers, saß jemand, der einen talarartigen Doktormantel trug, wie sie in italischen Landen üblich waren. Auf dem Haupte hatte er ein kapuzenartiges Hausmützlein aus weißem Linnen, das tief in die Stirne reichte und an den Wangen mit ein paar flügelartigen Bändern herabhing; auch dieses deutete auf einen Ursprung von jenseits der Alpen, auf Florenz oder Bologna. Der Sitzende war mit Schreiben beschäftigt. Er hatte einen längeren Brief soeben beendet und setzte noch mit einigen Schnörkeln seinen Namen darunter, ehe er sein Gesicht aus der gebückten Stellung emporhob. »Gregorius,« rief er dann aufblickend, »du besuchst mich früh am Tage.« Jedoch er erhob sich nicht, sondern begann den geschriebenen Brief sorgsam in Falten zu legen. »Zweimal suchte ich dich gestern vergeblich,« erwiderte der Angeredete, »du warst beide Male nicht zu Hause, Aeneas.« »Ich verbrachte den Tag mit Lugen auf dem Münster,« antwortete Piccolomini und schob die Falten seines Briefes ineinander. »Dann hast du gesehen, was den Kampf an den Thermopylen, für den wir uns als Knaben begeisterten, da wir zum erstenmale den Xenophon lasen, tief in den Schatten stellt,« sagte Gregorius mit zitternder Stimme. In unverkennbarer Erregung trat er bis dicht an den Schreibtisch heran. »Oder einen Stier, der wie schallig gegen einen roten Lappen rennt und dabei von der sichern Matte in den Abgrund stürzt,« erwiderte der andere leichthin. »Aeneas Sylvius!« wehrte Gregorius entsetzt und machte eine Bewegung mit der Hand. » Quod est? « fragte dieser aufblickend. Dann suchte er auf dem Tische nach Siegelwachs und Petschaft. Eine kleine Pause trat ein. »Ich will nicht mit dir rechten,« hub Gregorius wieder an, »aber es schmerzt mich, dich solcher Art reden zu hören. Du hast den wenigsten Anlaß dazu, denn dieser Strom von Blut, der gestern geflossen ist, schreit gen Himmel – wider dich.« Der Piccolomini zuckte die Achsel, als ob er etwas abschüttele. Bedächtig träufelte er den an der Flamme eines entzündeten Wachsstockes erweichten Siegellack auf den Brief und drückte das Petschaft auf. »Du wirst nicht in Abrede stellen,« fing Gregorius wieder an, »daß du es gewesen bist, der dem Könige Friedrich den Rat gegeben, Frankreich gegen die Schweizer um Hilfe anzurufen.« »Und wenn!« antwortete Piccolomini, den geschlossenen Brief gerecht zum Schreiben der Adresse vor sich hinlegend, – »warum geben die helvetischen Bauern dem Kaiser nicht, was des Kaisers ist? – Was ihnen geschehen, haben sie selbst verschuldet.« »Sie kämpften für ihr Recht und ihre Freiheit,« sagte Gregorius warm, »und der Mut und die Begeisterung, mit der sie es taten, erfüllt mich mit höchster Bewunderung, auch wenn sie unterlagen: sie fielen, müde vom Siegen. – Doch das beiseite. – Eine neue Gefahr ersteht dem Könige und dem Reiche. Der Franzose, den du gerufen schielt nach deutschem Lande. König Karl hat in Paris das Wort gesprochen, alles Land links vom Rheine gehöre von rechtswegen zu Frankreich. – Glaubst du, er habe statt der erbetenen sechstausend Soldaten deren dreißigtausend gesandt, nur um die – wie du sie nennst – helvetischen Bauern zu bekriegen?« Aeneas Zylvius tauchte die Feder in das Inktfaß, das vor ihm stand. Einen Augenblick noch hielt er inne, ehe er die Feder ansetzte, einen schnellen halben Blick auf seinen Besuch werfend. Dann schrieb er bedächtig die Aufschrift auf den fertigen Brief. Das Auge des andern folgte unwillkürlich den Zügen, die die Feder auf das Papier zeichnete. Er las: »An Seine Heiligkeit den Papst Eugen in Rom.« Der Piccolomini betrachtete die Aufschrift mit einem feinen Lächeln. Dann erhob er sich. »Was geht das mich an?« sagte er. »Wie,« rief Gregorius und wich einen Schritt zurück, – »bist du nicht des deutschen Königs Kanzler?« »Nein,« sagte der Piccolomini, »ich bin des Erzherzogs von Oesterreich Schreiber.« Gregorius strich sich mit der flachen Hand über die Stirne, als wolle er einen häßlichen Gedanken wegwischen. »Wehe dem Reiche,« rief er, »wenn sein Herrscher nicht in erster Linie deutsch ist! – Aeneas Sylvius,« sagte er dann weich, »ich bin dein Freund gewesen; ich glaube, ich habe einmal dein Vertrauen gehabt und meine, ich habe dich verstanden. Seit einiger Zeit werde ich irre an dir. Ich verstehe dich nicht mehr. Du suchtest den König auf in Frankfurt und seitdem bist du sein Ratgeber, seine rechte Hand geworden. Sage nichts dagegen: die ganze Welt weiß es. Du gehst beim Papste Felix aus und ein. Du bist auch dessen rechte Hand: Du stehst an der Spitze der Opposition gegen Rom. Und dennoch schreibst du Briefe an den Condolmieri, an Seine Heiligkeit , den Papst Eugen.« Er legte einen besonderen Nachdruck auf das Wort Heiligkeit, ein Titel, der Gabrielo Condolmieri, als das Konzil ihn absetzte, aberkannt worden war. »Aeneas Sylvius,« fuhr er fort, – »ich fürchte ...« »Was fürchtest du?« fragte der Piccolomini freundlich. »Ich fürchte,« fuhr der andere fort, – »Aeneas, – du trachtest selbst nach der dreifachen Krone.« Da war er ausgesprochen, der Verdacht, den der gerade Deutsche schon lange gegen den listigen Italiener hegte. Aeneas Sylvius zuckte ein Unmerkliches zusammen. Seine geheimste Absicht, ein Gedanke, der auf der tiefsten Tiefe seiner Seele ruhte, und den er selbst sich nur in den siegessichersten Augenblicken seiner verwegenen Verknüpfungen eingestand, war von dem andern schonungslos an das Licht gezerrt. Er hatte sich verraten, er hatte einen Mitwisser dieses Geheimnisses. Das durfte nicht sein, so weit durfte er nicht gehen, in dem, was er den andern wissen ließ. Um keinen Preis. Einen Augenblick irrte sein Blick wie hilfesuchend durch das Gemach. Da sah er den Tod, der bescheiden und still am Fenster stand. Auf dem Hintergrunde des dichten Gerankes von Weinlaub, das, von der leuchtenden Sonne beschienen, wie ein grüner Vorhang draußen vor dem Fenster hing, hie und da schon ein gelbes oder rötliches Blatt, das eine feine Farbenmusterung gab, hob er sich bräunlich ab, nicht grell und hart, sondern weich und mollig, in verzitternden Umrissen. Ganz deutlich sah er ihn. Aber gar nicht erschrocken oder auch nur erstaunt war er darob. Es war ja so natürlich, daß er jenen jetzt sah, er mußte ihn ja sehen; fast hätte er ihm freundlich zugenickt. So fand er das nur für einen Augenblick verlorene Gleichgewicht wieder. »Mein Freund ist gut aufgeräumt heute,« sagte er lächelnd und legte Gregorius seine Hand auf die Schulter. – »Noch ein Schisma zu dem, das wir schon haben,« scherzte er, »das wollen wir nicht! Was soll die Christenheit mit drei Päpsten? Sie hat an den zweien, mit denen sie jetzt gesegnet ist, schon einen zu viel!« Er lachte jetzt laut, den Versuch machend, den andern ebenfalls zum Lachen zu bringen. Aber Gregorius blieb ernst und antwortete nicht. Daraus erkannte jener die Tiefe der Verstimmung und des Mißtrauens, die den andern erfaßt hatten, und schnell entschlossen ging er an die Ausführung der Tat, die ihm jetzt als eine Notwendigkeit erschien. »Ich werde heute noch Basel verlassen,« schnitt er ein anderes Thema an, »der König ruft mich. Was er von mir will, das weiß ich nicht. Vielleicht macht er mich zu dem, das zu sein du schon von mir voraussetztest. Videbimus . Wenn ich dann etwas bei ihm vermag, so gelingt es mir vielleicht ihn zu bestimmen, Frankreich zu bitten, die Hilfe, die es ihm so überreichlich gesandt, zurückzurufen. Ich will es versuchen, – dir zu Liebe, Gregorius. Ehe wir aber scheiden, Gregorius, als Freunde, wie ich hoffe, die wir stets gewesen sind, trinke zur Letze noch ein Glas Wein mit mir, wie es ja bei euch Deutschen Sitte ist.« So scherzend näherte er sich einem Wandschränkchen und suchte in der Ledertasche, die ihm am Gürtelbande hing, ein Schlüsselchen, jenes zu öffnen. Aus dem Mauergelasse langte er eine bauchige, strohumflochtene Flasche und stellte sie auf den Tisch. Dann wählte er aus mehreren Gläsern, die daneben standen, zwei ganz gleiche venetianische Kelche, jedoch hatte der eine davon am Fuße einen roten, der andere einen goldbraunen Zierat, so nebensächlich, daß er nur dem sehr aufmerksamen Beschauer auffallen konnte. Der Italiener stellte die Gläser so, daß das rotgezeichnete dem Deutschen zunächst stand. Dann schenkte er ein. »Es ist alter Syrakuser,« sagte er, »du hast ihn schon einmal versucht und geschätzt.« Er ergriff das gelbgezeichnete Glas, der Deutsche nahm das andere. »Auf deine Gesundheit, Gregorius,« sagte er, und blickte seinem Gaste freundlich in die Augen. Dann tranken sie beide, der Italiener mäßig, kaum mehr als nippend. Der Deutsche tat einen herzhaften Zug, den Kelch fast bis zur Neige leerend. »Dein Wein ist gut, Aeneas,« sagte Gregorius. »Euge – bonum et purum!« rief der Italiener. Der Tod, der dabei stand, schenkte das Glas des Deutschen dienstbeflissen wieder voll bis zum Rande. »Zumal des Morgens,« plauderte der Piccolomini, indem er sich bequem auf die Kante eines Ruhebettes setzte, das im Hintergrunde des Gemaches stand. Dabei betrachtete er aufmerksam den zierlich gestickten Schuh, der unter seinem schwarzen Gewande sichtbar wurde. – »Zumal des Morgens ziehe ich ihn jedem andern vor. – Die nächste Zeit zwar werde ich ihn entbehren und mich mit den kälteren Weinen des Rheines begnügen müssen.« »Auch diese sind gut,« meinte der biedere Deutsche treuherzig. Der Piccolomini lachte. »Bewahre mir deine Freundschaft, Gregorius,« sagte er warm und erhob sein Glas, dadurch den andern ebenfalls zum Trinken ermunternd. »Von Herzen,« antwortete der Deutsche. Und wieder leerte er das Glas fast bis zur Neige. Und wieder schenkte der Tod es voll bis zum Rande. »Auf Wiedersehen also,« rief der Italiener und erhob sich, sein Glas in der Hand, um nochmals mit dem andern anzustoßen. »Auf Wiedersehen!« sagte der Deutsche. Beide leerten jetzt ihre Gläser bis auf den Grund. Dann reichten sie sich die Hände und Gregorius verabschiedete sich. Als er das Gemach verließ, ging der Tod neben ihm her und begleitete ihn aus dem Hause hinaus auf die Straße, wie er auch mit ihm hineingekommen war. Nicht ganz so fest und sicher, wie er gekommen, überschritt Gregorius den Münsterplatz. Es war seltsam, trotz des hellen Sonnenscheins flimmerte es ihm dunkel vor den Augen wie hereinbrechende Dämmerung, und als er in das Sträßlein einbog, das nach dem Markte hinabführt, da strauchelte er ein wenig; fast wäre er über seine eigenen Füße gestolpert, die ihm schwer wurden wie Blei. Als er aber die Treppenstufen hinabstieg, da überkam ihn plötzlich ein Schwindel, und wäre der Tod, der neben ihm ging, ihm nicht hilfreich beigesprungen, er wäre wirklich gestürzt. Der aber fing ihn liebreich auf in seinen Armen. Da er aber sah, daß jenem die Sinne gänzlich schwanden, ergriff er den eisernen Klopfer auf der Tür des schmalen und hohen Hauses, vor dem sie sich gerade befanden, und schlug drei kräftige Schläge auf das Holz, daß es weithin tönte. Nicht lange dauerte es, da wurde die Tür geöffnet und eine Magd fragte in italischer Sprache, was es gäbe. »Dem wohledlen und hochgelehrten Doktor ward es schlecht,« sagte der Tod in gleicher Sprache, die er meisterlich zu handhaben wußte, »um Christi Barmherzigkeit, Jungfer, bringt ihm einen Trunk Wasser.« Damit aber trug er den Doktor von der Straße in das Haus und ließ ihn auf ein Bänklein gleiten, das im Flure stand. Während dann die Magd eilte, das Verlangte zu holen, kam die Herrin des Hauses herbei. Das war Donna Giulia Todeschini, eine Tochter von Piccolominis Schwester Laudomia, die jener sich aus Siena hatte kommen lassen, um in Basel seinem Haushalte vorzustehen. Da sie aber jung und von üppiger Schönheit war, so hatte die böse Welt, die das Reinste in den Schmutz zu ziehen liebt, allerlei Schlimmes über das Zusammenwohnen der zwei gemunkelt, also, daß die Base das Haus ihres Oheims verließ. Jedoch wohnte sie nicht allzuweit von ihm entfernt und es bestand – in allen Ehren – eine herzliche Freundschaft zwischen den beiden, die nicht zum wenigsten auch darin ihre Nahrung fand, daß Donna Giulia ein volles Verständnis für die großen Pläne des staatsklugen Oheims hatte und von deren Verwirklichung eine Verbesserung des etwas heruntergekommenen Ansehens und der sehr mäßigen Glücksgüter der Piccolomini erhoffte. Nicht alsbald hatte die Donna gesehen, um was es sich handele, als sie den immer noch Bewußtlosen, den sie sehr wohl kannte, in ein nahes Gemach tragen und auf eine weiche Lagerstatt betten ließ. Aber alle Versuche, durch Besprengen mit kaltem Wasser und durch scharf riechende Essenzen den Doktor wieder zu sich zu bringen, erwiesen sich als fruchtlos. »Corpo di dio , er stirbt uns unter den Händen,« jammerte die Donna, »ungebeichtet und ohne die heilige Wegzehrung.« Denn sie war fromm und hielt viel auf diese Stücke. »Ich wüßte wohl einen Priester hier in der Nähe – wenn ich den riefe?« sagte der Tod bescheiden. »Tut das, guter Mann,« rief die Donna eifrig, »Gott wird es euch lohnen.« Da lief der Tod was er laufen konnte, daß seine Knöchlein klippten und klappten, über den Mühlenberg hinab nach dem Kloster am Rheine und suchte den Pater Blasius, damit er komme und dem sterbenden Doktor beistehe in seinem letzten Stündlein. Pater Blasius war sofort bereit. Er legte Albe und Stole an und nahm die heilige Oelung und eine geweihte Hostie aus dem Tabernakel. Der Tod aber hatte unterdessen in der Sakristei ein weißes Chorhemd angezogen und schritt nun, in der linken Hand eine Laterne mit einem brennenden Lichtlein darin, in der rechten Hand ein Glöcklein tragend, vor dem Priester her, der inneren Stadt zu. Jedoch nahm er jetzt seinen weg durch die Freie Straße. Da war es zu dieser Zeit sehr lebhaft und viel Volk in der Gasse. Es war ein Laufen und Drängen, ein Gaffen und Geschrei, und von nichts hörte man, denn von der gestrigen Schlacht und davon, daß der Dauphin sich anschicke zum Sturme gegen die Stadt. Ein Flickschuster, der seine armselige Werkstatt in einem Gadem an der Barfüßerkirche hatte, aber stand an einem Prellsteine und wiegelte das Volk auf mit landesverräterischer Rede. Ganz dumm sei es und töricht, schrie er, sich wegen der Händel der Großen totschlagen zu lassen, denn um nichts anderes handele es sich, und die Reden von Freiheiten, Recht und Gerechtsamen, das sei alles Flunkerei. Es achtete jedoch niemand auf ihn. Alle aber horchten auf, als sie das Glöcklein hörten, das der Tod ohne Unterlaß erklingen ließ, und ehrerbietig machten sie Platz, als sie den Pater Blasius mit seinem Sakristan daher kommen sahen. Ja, sie knieten nieder und bekreuzten sich, gerade so, wie sie zu tun pflegten, wenn der heilige Papst Felix durch die Straßen der Stadt kam. Sogar ein Fähnlein Gewaffneter, das im Laufschritt zur Verstärkung der Besatzung des Steinentores eilte, machte Halt und kniete nieder, um den Leib des Herrn, den der Pater trug, vorbeizulassen, ehe es weiter zog. Der Tod wußte recht wohl, daß diese Ehrung nicht ihm galt, aber es war ihm doch eine Labe, sich die Leute so bücken zu sehen; er fühlte sich in seiner Macht und daß er der Herr und Meister aller Welt, dem einst sogar Gewalt gegeben war über den, der jetzt hinter ihm getragen wurde. Darum klingelte er ohne Unterlaß mit seinem Glöcklein, daß es fast lustig klang. Als sie aber in das Haus der Donna Giulia kamen, da hatte sich dort nichts geändert. Der Doktor lag noch immer in der Begebung seiner Sinne. Er hörte nicht, wie Pater Blasius ihm tröstlich zusprach. Erst als er ihm die heilige Oelung erteilte, öffnete er die Augen und bewegte ein wenig die Lippen, als ob er reden wollte. Der Pater, der vermeinte, daß jener wohl die Beichte wünsche, neigte sein Ohr seinem Munde zu und Donna Giulia, die, neugierig wie die Frauen sind, auch zu hören begehrte, was jener noch zu sagen habe, bückte sich gleichfalls zu ihm. Aber sie vernahmen nur wenige Worte. »Gift – Aeneas Sylvius hat mich vergiftet,« hauchte der Doktor. Dann schloß er die Augen, schüttelte sich ein wenig und starb. Der fromme Pater sprach die üblichen Gebete, wobei ihm der Tod fleißig ministrierte. »Dona eo requiem aeternam, domine,« betete der Priester zuletzt. »Et lux perpetua luceat eo in aeternam, Amen,« antwortete der Tod; er hatte das in seinem langen Leben so oft gehört, daß er es ganz gut wußte. Dann verließen die beiden das Haus. Donna Giulia aber floh aus dem Gemache, was sie gehört hatte, erfüllte sie nicht sowohl mit Entsetzen, als vielmehr mit schreckhafter Besorgnis. Sie war eine Tochter ihrer Zeit und ihres Landes und hatte so viel Geschichte gelernt und in die Staatsgeschäfte der Gegenwart so manchen Blick getan, daß sie wohl wußte, daß die Staatsklugheit auch vor einer solchen Ultima ratio nicht zurückschreckte, zumal in ihrem Heimatlande nicht, wo Gift und Dolch damals nicht ungebräuchliche Werkzeuge der Politik waren, die zu Zeiten mehr erreichten, als die spitzfindigsten diplomatischen Schach- und Winkelzüge. Aber sie wußte auch, daß eine solche Ultima ratio eines undurchsichtigen Schleiers bedürfe, wenn ihr Zweck nicht vereitelt oder wenn sie nicht gar ihre Spitze gegen ihren Urheber kehren solle. Hier aber war der Schleier gelüftet über eine Tat, die auch in ihrem Interesse geschehen war, denn alles was ihr großer Oheim unternahm, das wußte sie genau, geschah in der Verfolgung eines hohen Zieles, dessen Mittelpunkt der Glanz und die Macht des einen Mannes und mit diesem ihre eigene und die ihrer ganzen Familie war. Sie stampfte mit dem Fuße und ballte ihre Hände zu Fäusten im Zorne über sich selbst, denn sie, sie selbst hatte durch ihr törichtes Mitleid den Vater zum Mitwisser einer Tat gemacht, die dieser, uninteressiert wie er war, und in tölperhafter Ehrlichkeit ausplaudern und an die Glocke hängen konnte. Zwar empfangen hatte jener seine Wissenschaft quasi sub sigilium confessionis . – Quasi , überlegte sie, denn ob der tote Doktor seine schwere Anschuldigung unter diese Bedingung hatte stellen wollen oder nicht, und ob der Vater die Sache so ansah oder nicht, das waren immerhin offene Fragen. Und dann hatte sie persönlich auch eine so geringe Meinung von der Verschwiegenheit und wußte so manches Beispiel von der Schwatzhaftigkeit der Priester, daß sie sich damit unmöglich beruhigen konnte. Auf alle Fälle mußte deshalb etwas geschehen, den Vater unschädlich zu machen. Das stand ihr fest. Und wenn solches geschehen konnte ohne die Hilfe und Mitwissenschaft des Oheims, so deuchte dieser Weg ihr der besonders empfehlenswerte, denn sie selbst kannte den Oheim zu gut, um ihm selbst für ihre eigene Person zu trauen. Anders aber bekam sie durch ihr Wissen gegen jene eine Waffe in die Hand, die ihr gelegener Zeit vielleicht einmal willkommen war. In schnellem Tanze wirbelten alle diese Erwägungen durch ihre Seele und sie strengte ihren verstand an, einen Ausweg zu finden, einen schnellen Entschluß zu fassen. So grübelnd war sie an das schmale Fenster ihres Gemaches getreten und blickte in das Sträßlein hinaus. Da gewahrte sie einen jungen Herrn, der, von der Freien Straße kommend, eilig ihrem Hause zuschritt Das war Junker Rudi von Ariesheim, ihr feuriger Anbeter und heimlicher Geliebter. Nicht so bald hatte sie ihn gesehen, als ein triumphierendes Lächeln ihr Antlitz überglitt. Ihr Entschluß war gefaßt. Mit einer schnellen Bewegung wandte sie sich und warf sich mit der Gebärde einer Verzweifelnden auf ein Polsterbett, ihr Antlitz in ihr Tuch und in die Kissen bergend. Als dann wenig später der Junker, dem die alte Magd mit listigem Lächeln das Gemach ihrer Herrin geöffnet hatte, in dieses eintrat, da kam ihm ein so herzbrechendes Schluchzen entgegen, daß er erschrocken an der Schwelle stehen blieb. Dann aber schritt er rasch näher und legte seine Rechte sanft auf die Schulter der Weinenden. »Madonna,« sagte er leise. Jählings fuhr Donna Giulia in die Höhe. »Rühre mich nicht an,« schrie sie und wich, die Hände wie zur Abwehr gegen ihn streckend, vor ihm zurück. »Teuerste Donna,« begann er wieder, sich ihr von neuem nähernd. »Nein, nein,« rief sie aber, »ich sage dir ja, bleibe mir ferne. O, ich Unglückselige! Ich bin eine Entweihte, eine so tief, so grenzenlos tief Beleidigte, daß du dich verunehrst, wenn du mich nur anrührest, ehe denn ich gerächt bin. – Ha, Rache, Rache!« Plötzlich versiegten ihre Tränen, ihre Augen blitzten und ihre Finger zuckten, als ob sie etwas zerdrücke und zerreiße. Dann duldete sie doch, daß jener sich zärtlich beschwichtigend neben sie setzte. Immer wieder von jämmerlichem Schluchzen oder den Ausbrüchen ihrer Wut unterbrochen, erzählte sie ihm das Märchen, das sie schnell ersonnen hatte. Ein Priester, den sie für einen einfältigen Mann Gottes gehalten, und den sie zu sich gebeten, um geistliche Zwiesprache mit ihm zu pflegen zur Auferbauung ihrer Seele, hatte ihr frommes Vertrauen so schmählich mißbraucht, daß er ihr einen Antrag gestellt, so schmachvoll, daß sie vor Scham sterben müsse, solle sie ihn wiederholen. Dieser Scheinheilige aber sei kein andrer, als dieser Pater Blasius vom Kloster Sankt Alban. Der Junker, der durch ihren erheuchelten Schmerz und ihre große Erregung selbst in Wallung gekommen und ganz fortgerissen war, wurde nun doch fast stutzig. »Dieser?« fragte er, »Madonna, ist es kein Irrtum? Man verehrt ihn ja wirklich wie einen Heiligen und die Frauen küssen ihm den Saum seines Kleides.« »Dieser Wolf im Schafkleide,« aber rief sie »der Schändliche! – Und du! O heilige Einfalt! Lebst du deshalb in der Stadt des großen Konzils und bist ein Neffe des Bischofs, um nicht zu wissen, daß sie alle, Haupt wie Glieder, räudig sind und insgesamt nach dem Bocke riechen? – Aber Rache, Rache! – Du, Rudi, wirst mich rächen!« Aufspringend riß sie ein Kästchen vom Simse und wühlte einen Dolch aus seinem Innern hervor. »Da nimm, Rudi, nimm! Diesen Dienst mußt du mir und unserer Liebe tun. – Und siehe, ich schwöre es,« – feierlich erhob sie die Rechte zum Schwur, – »nicht eher werden meine Lippen mehr die deinigen berühren, bis dieses Ungeheuer vertilgt ist vor dem Angesichte Gottes!« Damit drückte sie ihm die Waffe in die Hand und drängte ihn, halb zärtlich, halb hastig, aus dem Gemache hinaus ... Da stand nun der Junker mit dem Eisen, das in einer zierlichen Scheide von rotem Sammet steckte. Es war ein gefährliches Eisen, denn seine Spitze war gesalbt und wessen Haut sie ritzte, daß nur ein winziges Tröpflein Blutes floß, der war des Todes. Das wußte der Junker zwar nicht und so hätte es ihm selbst leicht verhängnisvoll werden können, wenn er etwa die Spitze auf ihre Schärfe prüfte und sich nur ein weniges daran verletzte. Auch daran hatte Donna Giulia in weitgehender Erwägung gedacht und auch an die Wahrscheinlichkeit, daß solches geschehe. Da stand er und suchte sich klar zu werden über das, was von ihm verlangt wurde. Der Handel widerstrebte seiner Natur. Ein offenes Dreinschlagen wäre ihm genehm gewesen; das würde er mit Freuden und ohne das geringste Bedenken getan haben. Das Denken war überhaupt seine Sache nicht. Darin war er etwas schwerfällig und konnte nicht wohl damit zurecht kommen. Und hier erst gar nicht, da er noch unter der Einwirkung dieser wilden Leidenschaftlichkeit stand, von deren Ausbruch er Zeuge gewesen und nicht minder auch unter der Wirkung der berückenden Schönheit Giulias, die sich ihm in seligen Stunden hingab als liebendes Weib und die zu verlieren ihm drohte, wenn er nicht tat, was sie von ihm verlangte. Wie unter einem eisernem Zwange und fremden Willen schlug er die Richtung nach dem Albankloster ein. Je näher er dem Ziele kam, je mehr beschleunigte er den Schritt, als wolle er dem heimlich sich immer wieder in ihm aufbäumenden Widerstreben entfliehen. Es war jetzt Mittag. Die Sonne stand hoch und heiß am Himmel, die Mönche hielten Siesta und waren in ihren Zellen bis auf den einen, der allstündlich mit einem andern abwechselnd den Dienst in der Kirche hatte, wo er in ewigem Gebete vor dem Altare kniete. Deshalb sah der Junker niemand, als er am Klosterkirchhofe vorüber und in den Vorhof trat. Als er aber in den Kreuzgang schritt, der ebenso still und leer dalag, gewahrte er zwischen den Säulen der alten Rundbogen hindurch im inneren Gärtchen, das die Brüder da angelegt hatten, den Tod, der da herumhantierte. Dieser hatte, als er mit dem Pater Blasius von seinem Ministrantengange zurückgekommen war, das Kloster nicht wieder verlassen. Er war erst aus der Sakristei in die Kirche gegangen. Dann war er in allen Gängen und Zellen des Klosters herumgewandelt, um die Gelegenheiten kennen zu lernen, für den Fall, daß ihn sein Geschäft einmal hierhin führe. Endlich war er in den Kreuzgang gekommen und in das Gärtchen getreten. Der Tod liebte die Blumen, und mit dem Spaten zu hantieren war nach getaner Arbeit eine seiner liebsten Erholungen. Jetzt hatte er sich ein blutrotes Röslein abgebrochen, das er an langem Stiele zwischen die Zähne geklemmt hielt, so, daß es samt zwei grünen Blättlein über das spitze Knochenkinn herabhing und ihm ein freundliches, beinahe lustiges Aussehen gab. Er war gerade damit beschäftigt, eine üppig in Blüte stehende Staude Clematis aufzubinden, die der Wind von dem stützenden Blumenstabe losgelöst hatte. Deshalb nahm der Junker ihn für einen Gärtner. »He, Freund,« rief er ihn an, »könnt Ihr mir sagen, wo ich den Pater Blasius finde?« Der Tod blickte auf von seiner Arbeit und deutete über die Schulter nach der Kirche. Dahin begab sich der Junker. Der Tod aber folgte ihm auf dem Fuße und als der Junker nun hinter den Pater trat, der in frommem Gebete vor dem Altare kniete, da wies ihm der Tod, gefällig wie er war, und kundig in diesen Dingen, die Stelle, wohin jener stoßen solle. Schnell war die Tat geschehen. Bis zum Hefte bohrte der Junker das scharfe Eisen dem Pater zwischen den Schultern in den Rücken, daß dieser jählings vornüber auf die Fliesen des Chores stürzte. Ohne Besinnen wandte der Mörder sich dann zur Flucht und enteilte ins Freie. Grausen saß ihm im Nacken und eine plötzliche Angst peitschte ihn, denn, wie er auch eilte, immerfort vernahm er neben sich den Tritt eines andern, der gleichen Schritt mit ihm hielt. Das war der Tod, der ihm auf dem Fuße folgte und ihn zurückbegleitete nach dem Hause, wo die Tat ersonnen war. Hier aber erwies es sich, daß Donna Giulia nicht daheim war. Sie sei hinübergegangen zu Excellentia; dem Ohm Doktor, berichtete die Magd, der heute noch verreisen wolle, da Majestät der deutsche König, dessen Minister er ja sei, ihn gerufen habe. Unten in der Herberge zum Storchen am Fischmarkte liege ein ganzes Fähnlein Gewaffneter, die ihn über den Rhein und weiter durch Schwaben bis nach Wien geleiten sollten. Das sei wohl weit, meinte sie, und noch weiter denn bis Siena, von wo sie selbst hergekommen sei über die ungeheuren Berge, – am Ende gar so weit denn bis Rom. – Noch vieles anderes hätte die Geschwätzige gesagt, aber der Junker hörte nicht auf sie. Ohne ein Wort zu erwidern, drehte er sich um, verließ das Haus und stieg die Stufen hinan, die zum Münsterplatze führten. Hier trat er in das ihm bekannte Haus des Piccolomini und, da er niemand im Flure fand, stieg er die Treppe hinauf in den ersten Stock, wo er die Wohnung des Oheims seiner Geliebten wußte. Der Tod aber, der mit ihm gekommen war, begab sich durch die hintere Tür des Erdgeschosses in das Gärtchen, das hier auf schmaler Terrasse hoch über dem Rheine lag. Es war ein zierliches Gärtchen, das in kleinen Verhältnissen ein Stück italischen Landes täuschte. Dunkler Buchs und Lorbeer, schlanke Zypressen und feuerrot blühende Granatbüsche wuchsen darin, sogar in Kübeln in die Erde gepflanzt, daß sie eine Ueberwinterung an wärmerem Orte gestatteten, ein paar fruchttragende Sinaapfelbäume; diese waren damals selbst in Italien noch selten, wohin venetianische und genuesische Seefahrer sie aus südlicheren Ländern gebracht hatten. Ein plätschernder Brunnen verbreitete eine angenehme Kühle und ein marmorenes Bildwerk diente zur künstlerischen Ausschmückung des lieblichen Aufenthaltes. Dieses erregte die Teilnahme des Todes ganz besonders. Es war eine gute römische Antike, die jüngst in den Trümmerfeldern der nahen Augusta Raurakorum ausgegraben worden. Von da war sie hierher gekommen. Sie stellte einen Mann in faltenreichem Gewande mit verhülltem Hinterhaupte dar, der in der einen Hand eine Sichel trug. Kaum, daß der Tod dieses Bild gesehen, so erkannte er darin seinen heidnischen Vetter Saturnus, der mit seiner Gemahlin Ops, die als hilfreiche Mutter der neugeborenen Kinder galt, der Gott der Fruchtbarkeit war. Der Tod hatte seine helle Freude an dem künstlerischen Werke und betrachtete es mit Kennermiene von allen Seiten. Dann nickte er dem Vetter freundlich zu, denn er stand auf gutem Fuße mit seiner Verwandtschaft, mit der er in ewigem Wechsel von Werden und Vergehen den Kreislauf der Dinge wob, der alles, was ist, in seinem Banne hält; noch niemals, so lange die Welt steht, war es zwischen ihnen zum kleinsten Familienzwiste gekommen. Nachdem der Tod das alles beäugt und betrachtet und auch hier alle Gelegenheit erkundet hatte, setzte er sich auf das Mäuerchen, das nach der Rheinseite jäh und tief in den unten treibenden Fluß hinabreichte. Da saß er und wartete und schlenkerte in behaglichem Nichtstun mit seinen langen Beinen. Dabei blickte er hinab in den Strom und hinüber zu den blauen Bergen jenseits der minderen Stadt, wie man den rechtsuferigen Teil von Basel nannte, und auf die lange Brücke, die die beiden Stadtteile miteinander verband. Da drängten und stauten sich oft die Menschen in Knäueln, denn alles war auf den Beinen und war in großer Unruhe und lief hin und her und begriff nicht, warum der Dauphin mit seinem Heere immer noch tatlos hinten in seinem Lager an der Birs verharrte und nicht das Rennen gegen die Stadt beginne, das man doch sicher erwartet hatte nach den Ereignissen des gestrigen Tages. Und seltsam, wie die Menschen sind, das, was man am Morgen gefürchtet, das konnte man jetzt kaum abwarten. Der Tod aber lächelte dazu. Er allein wußte, weshalb es nicht geschah. Das war, weil er sich einmal einen guten Tag machen wollte. Auch war er den Baselern nicht übel gewogen, denn sie hielten etwas von ihm und anerkannten seine Macht und sein Ansehen, zumal seit dem großen Sterben, das hundert Jahre früher in ihrem Weichbilde heerte, wasmaßen ihre Maler ihn später nicht wenig berühmt gemacht haben. Deshalb hätte er ihnen gern eine Guttat erwiesen und er überlegte, wie er ein neues Blutvergießen und ödes Massenmorden von ihnen wenden könne. 5o sinnierte er. Dann bemerkte er drüben am andern Ufer einen Mann, der da ziellos herumstrolchte. Den kannte er wohl. Es war ein armer Tropf, der seine Sinne nicht ganz beieinander hatte. Drüben in den Langen Erlen bei der Wiese hauste er in einer Lehmhütte, die halb in der Erde steckte und nicht viel besser war, als die gegrabene Höhle eines Tieres. Erst vor wenigen Tagen hatte der Tod ihm die Frau und seine zwei Kinder geholt; eines davon hatte einen Wasserkopf, das andere war taub und stumm. Die Frau war aber immer siech gewesen. 5o verkamen sie alle miteinander im Elend. Da hatte der Tod sich ihrer endlich erbarmt, um sie von dem Jammer zu erlösen. Jetzt aber verwunderte er sich daß, daß der Mann selbst noch am Leben und nicht bereits ohne ihn Hungers gestorben, denn er wußte, daß jener nicht eine Krume Brot mehr im Hause hatte. Der Hunger mochte ihn wohl auch aus seiner Hütte herausgetrieben haben, daß er jetzt an dem steinigen Ufer herumlungerte, wo einige Fischernachen mit Netzen am Lande lagen: Und nicht lange dauerte es, da stieg er in eines der Dreiborde, das an seiner schwarz und weißen Bemalung als Eigentum des Rates erkenntlich war. Damit fuhr er ein kleines Stückchen in den Strom hinein; dann machte er sich mit den Netzen zu schaffen. »Aha,« dachte der Tod, der ihn nicht aus den Augen verlor, »er will sich ein Gericht Fische für das Abendessen fangen.« Und richtig, es dauerte nicht lange, da warf jener das Senknetz aus. Er wartete ein Weilchen, dann zog er es vorsichtig auf. Aber das Netz war leer. Noch zweimal, dreimal wiederholte er die nämliche Hantierung, aber immer mit demselben Erfolge; nur ein paar Steine hatte er einmal gefischt, die Löcher in das Netz rissen ... Unterdessen hatte der Junker oben an einer Tür angeklopft. Was er hier sollte, das wußte er eigentlich selbst nicht; vor dem Oheim seiner Geliebten aber hatte er immer eine heimliche Scheu gehabt, die aus Ehrfurcht vor dessen unbändiger Gelehrsamkeit und aus einer hieraus entspringenden gewissen wirklichen Furcht gemischt war, denn im Geheimen hielt er jenen der Zauberei für kundig. Da ihm dieses gerade einfiel, so wurde das Klopfen etwas zaghaft. Als aber ein Ruf von innen, auf den er ein Weilchen wartete, nicht erfolgte, öffnete er behutsam die Tür. Ein überraschender Anblick bot sich ihm dar. Auf dem Polsterbett an der Rückwand des Gemaches saß der Piccolomini und hielt seine Nichte auf dem Schoße. Zärtlich hatte sie mit ihren Armen seinen Nacken umschlungen und küßte ihn gerade auf den Mund. Aeneas Zylvius und Donna Giulia schickten sich zur Jetze vor der langen Trennung, die ihnen bevorstand. Wie angewurzelt stand der Junker. Ein rauher Ton entgurgelte sich seiner Brust. »Teufelin!« schrie er und stürzte mit krampfenden Händen auf die beiden an. Aber ehe er noch um den großen Schreibtisch herumgekommen war, der zwischen ihm und jenen stand, war der Piccolomini aufgesprungen, deinen langen, schwarzen Talar schlug er um das Weib, das darin verschwand wie in einer dunklen Wolke. Dann knarrte etwas leise. Das Getäfel der Wand schob sich auseinander und schloß sich wieder. Blitzschnell. Und als der Funker vor dem Pfühle stand, war dieser leer. Wie ein Spuk war, was er gesehen, vor seinen Augen verschwunden und er befand sich allein in dem Gemache. Entsetzen und Grausen packten den Junker; es ward ihm zur Gewißheit, daß der Piccolomini mit dem Bösen im Bunde war und über übernatürliche Kräfte Gewalt hatte. In Hast entfloh er der Stätte. Unten an der Treppe aber verfehlte er den Weg und statt auf die Straße, flüchtete er hinaus in das Gärtchen und bis hart an die Mauer, die nach dem Rheine hinabfällt. Da saß noch immer der Tod und wartete. Als er den anderen da stehen sah, brennenden Schmerz im Herzen, wilde Verzweiflung in der Seele, da erbarmte er sich seiner. Leise trat er neben ihn und legte ihm liebreich seinen Knochenarm um den Nacken. »Was quälst du dich noch mit dem bißchen Leben,« raunte er ihm zu, »das dir doch zerbrochen und vergällt ist. Blutschuld hast du auf dich geladen, Sacrilegium, und keine frohe stunde mehr wirst du haben. Wirf es von dir wie einen Bettel, der dir zur Last ist, und komme zu mir, der ich doch deine einzige Zuflucht bin. – Ziehe, wie kühl unten die Welle fließt. Auf, tue den Sprung und lege deinen heißen Schmerz an ihre verschwiegene, treue Brust!« Und der Junker tat ihn. Im Nu war es geschehen und die Welle schlug klatschend über ihm zusammen. Der Tod aber sprang auf das Mäuerchen und stieß einen lauten Ruf aus. »Ahoi!« Dann schwang er sich mit einem gewaltigen Schwünge hinüber in das Dreibord des fischenden Mannes. Solches konnte er. Hier ergriff er, grätschbeinig im Hinterteile des Fahrzeuges stehend, den breitschaufeligen Riemen und trieb den Nachen mit kräftigen Streichen bis weit in die Mitte des Stromes, pfeilschnell schoß er zwischen den Jochen unter der Brücke hindurch. »Was murkst du am Ufer,« rief er dem blödsinnig aufstaunenden Manne zu, »und quälst dich, einen elenden Gründling zu haschen! Im tiefen Wasser schwimmen die großen. Holla, das Garn hinaus!« Der Mann gehorchte und warf das Netz. Der Tod stoppte, er drehte auf und fesselte den Kahn durch kräftiges Rühren gegen den Strom auf der Stelle. Langsam holte der Mann das Netz ein. Es war schwer und fast brachte die ziehende Last das schwankende Dreibord zum Kippen. Nach vielem Mühen gelang es, das Netz und den schweren Fang aufzuholen. Klatschend in Nässe und prasselnd mit den vielen Bleikugeln, die sie beschwerten, stürzten sie auf den Boden des Nachens. Aber statt der erwarteten Fische umgarnte das Netz die Leiche des ertrunkenen Junkers. Mit einem Wehlaute fuhr der unglückliche Fischer sich in das spärliche Grauhaar; wieder war ihm die Hoffnung vereitelt. »Törichter Tor,« raunte der Tod ihm zu, »siehst du nicht den Karfunkel an seinem Halse? Der ist mehr wert als eine ganze Butte der fettesten Salme.« Des Mannes getrübte Augen leuchteten ein wenig auf. Gierig griff er nach dem Kleinod und nahm es. Der Nachen aber trieb zu Tal und der Tod steuerte ihn gegen das Ufer. Beim Johannistore landeten sie. Von der Brücke und vom Ufer her hatte man den seltsamen Vorgang beobachtet. Die Leute kamen gelaufen und von der Wache am Tore die Gewaffneten, die auf den Dauphin warteten. Nicht alsbald erblickten diese im Kahne den toten Junker, da schrieen sie den Mann an, er habe jenen ermordet. Als sie aber gar den Karfunkel in seiner Hand sahen, da riefen sie alle, das sei ja ganz klar und offenkundig, er habe ihn des Kleinods wegen getötet. Und alsbald faßten sie ihn und schleppten ihn unter lautem Geschrei und Gejohle in die innere Stadt. Einige andere, die den Junker erkannt hatten, richteten aus ein paar Ruderstangen, über die sie die nassen Netze breiteten, eine Bahre. Darauf legten sie den Toten und trugen ihn in die Stadtburg der Herren von Arlesheim. Zu diesen gesellte sich der Tod, der ihnen voraneilte, um das breite Tor zu öffnen, damit sie mit ihrer Last hineinkonnten in den inneren Hof, in dessen Mitte sie die Bahre im Schatten einer alten Linde niedersetzten. Diese Linde hatte ein Ahnherr des Junkers gepflanzt, als er den Grundstein zu diesem Burghause legte und wie der Baum selbst gewachsen und groß und stark geworden war, so hatte er auch das Geschlecht groß und stark werden sehen. Aber wie ihm selbst dann der Blitz die Krone zerschellte und die besten seiner Aeste abgerissen, hatte er auch mit erlebt, wie die edelsten Reiser des Geschlechtes, in dessen Hut er stand, vor der Zeit in die Grube fuhren. In seinem Schatten hatte einst Rudi als Knabe mit seinem einzigen Geschwister, der lieblichen Gundel, gespielt. Auch sie war früh und vor der Zeit dahin gegangen, von Dannen nimmer Wiederkehr ist. Gerade am Tage vor ihrer Hochzeit war sie als eine blühende Jungfrau gestorben. Jetzt lag auch der letzte Sproß des Geschlechts zu seinen Füßen. Es war, als ob der Baum es empfinde; ein weicher Windhauch zog säuselnd durch seine Blätter wie ein Seufzen, leise und verhalten. Ein paar Rüden aber, die des Junkers Lieblingshunde gewesen, die lose im Hofe herumliefen, erhoben, als sie den Toten schnuppernd erkannten, ein lautes und jämmerliches Klagegeheul; sie leckten ihm das bleiche Antlitz und die eine Hand, die mit dem Arme von der Bahre heruntergeglitten war und naß und kalt an der Erde ruhte. Auch die Hausmägde kamen und die Diener, die nicht mit den übrigen Mannen draußen auf der Mauer oder bei den Toren der Stadt waren. Alle erhoben ein lautes Weinen und Klagen, und das vordem so stille und friedliche Haus erschütterte in allen seinen Fugen von dem Jammer, der so unvermutet seinen Einzug gehalten hatte. Davon erwachte die Herrin von ihrem Nachmittagsschläfchen oben in der Sommerlaube. Geängstigt stieg sie die Treppe hinab und kam in den Hof. Als sie aber sah, was Trauriges sich begeben hatte, da sank sie mit lautem Klagen über die Leiche des Junkers. »Mein Sohn, mein Sohn, mein einziges Kind!« Der Tod, der zu Häupten der Bahre stand, strich ihr mit seiner langen Knochenhand linde über das Weißhaar. »Was willst du jetzt, die letzte deines Hauses, allein und einsam, in der öden Halle?« sagte er zärtlich. »Siehe, deine Zeit ist um. Gehe auch du ein zur ewigen Ruhe.« Da verstummte sie. Die Mägde aber, die ihre Herrin aufzurichten strebten, erkannten, daß der jähe Schrecken die Mutter des Junkers getötet hatte. Da erfüllte ein neuer und stärkerer Ausbruch des Jammers die Halle. Der Tod, der sah, daß hier nichts mehr für ihn zu tun war, aber stahl sich hinaus auf die Straße und eilte der Rotte nach, die den Fischer gepackt und von dannen führte. Geraden Wegs schleppten sie ihn zum Rathause. Hier saß schon seit dem frühen Morgen der Große Rat in Permanenz und beriet das Wohl und die Verteidigung der Stadt. Da sich aber gar nichts ereignete, und er endlich nichts mehr zu beraten hatte, kam ihm der Fall ganz gelegen und er bildete sofort ein Gericht, den Mann zu verhören. Der aber war so verbastelt und verdummt von all dem, was mit ihm geschehen war, dabei schielte er nur immer so sehnsüchtig nach dem Karfunkel, den man ihm abgenommen und als Corpus delicti auf den Tisch gelegt hatte, daß er keine einzige gescheite Antwort zu geben fähig war und nur zu allem, was man ihn fragte, ja sagte. Da kam das Gericht zu der Erkenntnis, daß die Anklage begründet sei und verurteilte ihn wegen offenkundigen Raubes und Totschlags zum Tode auf dem Block. Das widerrechtliche Fischen mit des Rates eigenem Nachen wurde dabei gnädig übersehen, sonst wäre die Strafe noch schwerer ausgefallen. Der Tod, der sich unter die Büttel gestellt hatte, brach das Stäbchen entzwei. Knacks! Da war das Leben des Mannes verwirkt. Und alsbald nahmen sie ihn und führten ihn hinaus, das Urteil ohne Versäumnis zu vollstrecken. Eine große Menschenmenge hatte sich unterdessen auf dem Marktplatze vor dem Rathause gesammelt. Zwar die tüchtigen und wehrhaften Männer und die Zünfte befanden sich alle auf den Mauern und bei den Toren, und die biedern Bürgerfrauen saßen in Sorgen daheim und verwahrten ihre Töchter. Da war für die gaffende Gaffe nichts übrig geblieben als der Abschaum von Gesindel, Kuppler, Bettler und hergelaufenes Volk, alte Vetteln und gelüstige Fräuleins, die aus dem Frauenhause kamen, da ihnen heute die Kundschaft ausblieb, solchem Gelichter war das bevorstehende Hochgericht ein gefundenes Fressen; so hatten sie doch etwas für ihre Schaulust nach dem langen Herumlungern und Warten. Sie standen in Klumpen und begleiteten die Errichtung der Blutbühne mit gröblichen Witzen. Ehe aber das Gericht vollzogen wurde, ereignete sich noch etwas anderes. Die Freie Straße herab kam ein Zug Gewaffneter. Sie trugen die Farben des deutschen Königs, Pfauenfedern am Eisenhut und den schwarzen Adler im goldenen Schilde. Stolz saßen sie auf ihren Rossen. In ihrer Mitte ritt der Piccolomini auf einem starken Maultiere, das in italischer Weise aufgeschirrt war, mit roten Troddeln an Kopf und Widerrist. Ein leerer Reisewagen und ein anderes Fuhrwerk, mit einem Bamberger Linnen überspannt, schloß sich, von einigen Fußknechten begleitet, hinten an. Langsam zogen sie vorüber. Der Piccolomini sah ernst und sehr bleich aus. Keinen Blick hatte er für das, was auf dem Markte vorging und für das Volk, das ihm bereitwillig Platz machte; einige rissen die Kappen vom Kopfe und ein paar alte Weiber, die keinen Unterschied kannten, bückten sich gar und bekreuzten sich. Auch dieses beachtete der Piccolomini nicht, obwohl er es bemerkte. Sein Auge blickte unbeweglich, geradeaus, in weite Fernen; da glänzte goldstrahlend eine Tiara ... Als er in der Eisengasse, die nach der Rheinbrücke führt, verschwunden war, schlug der Flickschuster von der Barfüßerkirche, der auch da herumlungerte, eine laute Lache auf. »Ist das nicht eine verkehrte Welt!« schrie er. »Draußen vor den Toren liegen die Armenjäken, die des Königs Bundesgenossen sind, und seinen Ratgeber, der sie uns auf den Hals gehetzt hat, läßt man entwischen und macht ihm ehrfürchtig Platz, als wenn er der Papst selber wäre.« »Der Schuster hat recht,« meinten einige. »Redet nicht so damlig,« mischten sich andere darein, »er hat freies Geleit, denn er gehört zum großen Konzil.« »Was,« schrie wieder der Schuster, »zu des Teufels Auserwählten gehört er. Totschlagen sollte man ihn, – den Chaib!« Da aber der Tod zu der Gruppe trat, der noch des Rates schwarz und weiß gestreifte Tracht der Büttel trug, nahmen sie ihn für einen von diesen und verkrümelten sich sacht im Gedränge. Der Tod aber grinste dem Piccolomini nach. »Reite nur,« dachte er, »reite sicher inmitten deiner Reisige. Noch bist du mir nicht reif. Aber entgehen wirst du mir nicht und kommen mußt du mir, wann ich es will, – du und dein König, – und wenn ihr auch werdet, was ihr ersehnet: römischer Kaiser und römischer Papst!« – Unterdessen war das Blutgerüst fertig geworden. Der Henker in roter Kapuze, die ihm auch das Gesicht bedeckte und nur für die Augen ein Haar kreisrunde Ausschnitte hatte, stand auf seinem ragenden Platze, das entblößte Beil auf den Block gestützt und wartete des Delinquenten. Diesen führte man nun herbei, stumpfsinnig nahte er dem Schafott, stumpfsinnig stieg er die Stufen hinauf; er wußte kaum, was mit ihm vorging. Der Tod aber schritt mitleidig neben ihm und sprach ihm tröstlich zu auf seinem letzten Gange »Es ist nur ein Uebergang,« sagte er, »weh tut es gar nicht. Und dann, was hast du von dem bißchen Leben gehabt? Nichts als Mühseligkeit, Krankheit und Hunger. Da ist das sterben ja eine Wohltat.« 5o redete er ihm immer noch zu, als der andere schon vor dem Blocke kniete. Und dann war es geschehen. Die Menge, die den Atem angehalten hatte, stieß einen einzigen Schrei aus. Was sie gesehen, erfüllte sie mit Grausen, aber der Geruch des Blutes schnob ihr doch wollüstig in die Nase und kitzelte die Sinne. Dann wogte sie wirr durcheinander und drängte nach der Gerbergasse. Da war der Schuster wieder auf einen Prellstein gestiegen und hielt eine seiner Predigten. »Heisa,« schrie er, »lustig, lustig! So geht es in der Welt. Die kleinen Diebe köpft man, die großen läßt man laufen. Kann auch nicht gut anders sein, so lange der arme Mann sich nicht wehrt, sich schinden und placken und sich geduldig das Alldieweil über die Ohren ziehen läßt mit Zehnten und Frohnden. Alldieweil prassen und schwelgen die Großen von seinem sauren Schweiße. Die Pfaffen, die Dickwänste, wissen nicht wohin mit ihren Schmerbäuchen, und die Ritterbürtigen und Fürsten sind baß noch schlimmer. Mit Kleinigkeiten geben sie sich nicht ab. Sie stehlen kein Brot aus dem Bäckerladen oder ein Fischlein aus dem Rheine, ihren Hunger zu stillen. Sie tun es im großen. Sie rauben gleich das ganze Land, auf dem das Korn wächst und den ganzen Rhein mit allen Fischen, die darin sind. Das wäre von Rechts wegen, sagen sie, indessen von Vernunft wegen das Land und der Fluß doch Allmende und Gemeingut sind.« Immer mehr Hörer rotteten sich um ihn, die ihm, da sie alle nichts besaßen, an Zehnten aber nicht einen Deut aufbrachten und an den Frohnden sich herumdrückten, sehr bereitwillig recht gaben und seiner Lehre vom Allgemeinguts lauten Beifall grölten. Die Weiber, die am wenigsten oder gar nichts davon verstanden, waren am lautesten; sie schrien am meisten. Das ward endlich so arg, daß niemand den Schuster, der immer noch weiter redete, mehr verstand noch hörte. Das war ihnen allen aber wieder ganz recht, denn im Grunde genommen war ihnen das, was der Mann verkündete, ganz gleichgültig; die Freude an dem Lärm und das Geschrei, das sie selbst vollführten, war ihnen die Hauptsache. Diese fanden jetzt noch weitere Nahrung in einem Gerüchte, das die Freie Straße herunterkam. Der fromme Pater Blasius sei im Albankoster ermordet worden, hieß es. In der Kirche sei es geschehen, vor dem Altare, während er betete. Die Weiber kreischten hell auf, als sie es hörten. Sie vergaßen, daß sie eben noch auf die Pfaffen weidlich geschimpft hatten, auf alle, ohne die geringste Ausnahme. Sie erinnerten sich, daß der Pater fast für einen Heiligen galt, seines Wohltuns und der Liebe wegen für die, so mühselig und beladen sind. »Gestern, auf dem Schlachtfeld« an der Birs, was hat er da nicht geleistet, wie man gehört hat,« riefen die Mannsbilder, die nicht mit dabei gewesen waren. »Wunder, wahrhaftige Wunder!« Einer wußte noch mehr davon als der andere. Und dann ging die einzige Frage durch die Menge: »Wer war der Täter?« Das wußte man nicht. Meuchlings war der Mord geschehen, von hinten war der Pater erdolcht worden. Das Messer stak ihm noch im Rücken, als man ihn tot auf den Fliesen der Kirche gefunden hatte. Bis an das Heft war es hineingestoßen. Aber das Messer wurde zum Verräter. Man hatte es erkannt. Es trug ein Wappen, das Wappen der Todeschini. Wieder kreischten die Weiber laut auf. »Das hochmütige italische Fräulein,« schrien sie, »die Base des Piccolomini.« Auf die hatten sie jetzt auf einmal schon lange einen Haß. Und dem Piccolomini waren sie auch nicht grün, der eben noch so stolz an ihnen vorübergeritten war und sie keines Blickes gewürdigt hatte, so sehr sie sich vor ihm bückten. Die hatten es getan, das stand nun bald fest, und wenn sie es nicht selbst getan, dann hatten sie es doch zum mindesten veranlaßt, woher sonst das Messer? Wie einer geheimen Gewalt gehorchend, wälzte sich der ganze Troß in die Freie Straße hinein und in das Sträßlein, wo Donna Giulia wohnte. Das Haus lag ganz still. Tür und Fenster waren geschlossen, denn der Tag war bereits dem Abende gewichen; es war stark schummerig und die Dunkelheit nicht mehr ferne. Donna Giulia saß in ihrem Gemache und sann, wie sie die Leiche des deutschen Doktors, die immer noch im Hause war, ohne Aufsehen könne hinausbringen lassen, denn sie fürchtete, daß man diese vielleicht mit der Ermordung des Paters und mit dem Ertrinken des Junkers, die ihr beide schon bekannt geworden waren, durch irgend einen Zufall könne in Verbindung bringen und einen Verdacht auf sie und ihren Oheim lenken. Das mußte vermieden werden. Als sie dann das Lärmen und Johlen hörte, war sie besorgt an das Fenster getreten, zu sehen, was es draußen gäbe. Da sie aber alsbald merkte, daß es ihrem Hause und gar ihr selbst galt, wich sie zurück. Die Rotte aber, die sie gesehen hatte, geriet dadurch vollends in Wut; sie empfand, als habe man ihr etwas, das ihr schon rechtlich verfallen war, schnöde wieder genommen. »Greift sie, schlagt die Türe ein,« rief man von hinten und spornte so die Vorderen. Nicht lange dauerte es, da flogen Steine und dann ging die Tür wirklich in Trümmer, durch deren klaffenden Spalt die Meute in das Haus drang. Das erste, was sie fand, war die Leiche des Doktors, die noch in dem vorderen Gemache lag. Den kannten sie alle und wollten ihm wohl, um so mehr, da er jetzt tot war, denn es war auch bis zu ihnen gesickert, daß er ein gar biederer Herr gewesen, der stets tapfer für das Deutschtum eingetreten war gegen wälsche Tücke und gegen die Anmaßung des römischen Papstes für die Heiligkeit, die in ihrer eigenen Stadt zu haben sie doch stolz waren. »Den hat sie auch gemordet,« schrien sie, und die Hintenstehenden stießen, als sie es hörten, ein neues Wutgeheul aus und spornten wiederum die Vorderen, daß sie das ganze Haus durchsuchten, bis sie endlich die Donna fanden, die sich in einen entlegenen Winkel geflüchtet und versteckt hatte. »Schlagt sie tot,« schrien sie, »stürzt sie in den Rhein wie eine Hexe.« Und sie ergriffen sie und zerrten sie heraus aus ihrem Verstecke. Als sie aber durch den Hausstur mit ihr hinaus auf die Straße drängten, da stand der Tod gelassen neben dem Türpfosten und sah ruhig dem Schauspiele zu. Die Donna erkannte ihn ganz deutlich, wie er dastand, hohläugig und ohne Erbarmen. Da stieß sie einen gellenden Angstschrei aus. Indem aber kam sie zu Falle und stolperte über die Schwelle. Urplötzlich war sie denen, die sie eben noch an Haar und Kleidern gezerrt hatten, aus den Händen entglitten. Niemand wußte, wo sie hingekommen war. »Der Teufel selbst hat sie geholt,« schrien sie da alle. Als aber der Knäuel der Menschen, der sich vor der Tür des Hauses gebildet hatte, wieder entwirrte, da sah man sie vor der Schwelle ihres Hauses liegen, zertreten von den Füßen derer, die über sie hinausgestampft waren, tot. Der Schuster war der erste, der sie gewahrte. »Hussa,« schrie er, »gute Reise zur Hölle und melde dem Teufel, daß wir ihm bald noch viele deiner Sippe schicken würden. Alle müssen sie daran glauben, das ganze Geschmeiß der Vornehmen und Großen. Alle müssen sie vernichtet werden, daß die Menschheit wieder eben und gleich wird!« Als der Tod das holte, der immer noch gelassen an dem Türpfosten stand, da faßte ihn ein heller Zorn. »Was, Freundchen,« rief er, »du willst mir in das Handwerk pfuschen? Das Gleichmachen ist meines Amtes. Schuster, bleib' bei deinem Leisten!« Ganz erbost sprang er auf den Schuster los, umkrallte ihm den Hals mit seinen starken Knochenfingern und würgte ihn, daß jener schwarz und blau im Gesicht wurde und jählings zur Erde stürzte. Die Menge, die den Schuster so plötzlich am Boden sah und wie ihm die Augen aus dem Kopfe traten und sein Gesicht sich schwärzlich färbte, wich entsetzt zurück. Einen Augenblick starrten sie ihn sprachlos an. »Die Pest, die Pest,« schrien sie dann, »der schwarze Tod,« und entwichen schleunig, sich Mund und Nase verhaltend. wie ausgefegt war die Straße. Nur die tote Aristokratin lag da, neben dem toten Plebejer, die eine nicht mehr jetzt als der andere. Der Tod aber schlenderte gemächlich davon. Es war ganz dunkel geworden, der Tag war zu Ende. Da dachte der Tod, daß es gemach Zeit werde, sich wieder nach einer geregelten Beschäftigung umzutun. Weil er aber gerade am Spitale vorbei kam, trat er ein und fragte, ob man ihn etwa gebrauchen könne. Er wolle ganz fleißig sein und es auch billig tun, nur für einen bescheidenen Unterschlupf und die Kost. Weil er so ehrlich aussah, behielt man ihn da und gab ihm eine auskömmliche Brotstelle. Der Dauphin aber, als ihm anderen Tages seine Kundschafter die Meldung brachten, in Basel gehe der schwarze Tod um, gab seinen Plan, die Stadt zu bekriegen, wie er wohl gewollt hatte, auf. Eine Stadt, in der die Pest haust, begehrt man nicht. Er befahl das Lager aufzuheben und zog noch selbigen Tages mit seinem Heere ab und gegen das Elsaß. Das war der Humor davon.   Ernst Zitelmann Aus Nemento vivere O sei gegrüßt, du erster Sonnenstrahl!         Nach all der Qual Endloser Tage, da ein grauer Flor Den Himmel hüllte, lugst du scheu hervor Und wiegst sie auf – ja tausend tausend Mal! Wie grau es war! wie dunstig, trüb' und schwer!         Ein Wolkenmeer Bis tief herab, kein Vogellied erklang, Und lauernd alles, dumpf und schwül und bang, Als wenn der Sonnengott gestorben wär! Nun bist du da, dem Liebe sehnsuchtsvoll         Entgegenschwoll – Wie lab' ich mich an dir, du holdes Licht! Nein du bist treu, du bleibst, du läßt uns nicht Und willst, daß alles wieder lächeln soll. * Doch uns, vor deren Blicken längst entschwand         Das Nebelland, Darin einst Kinderglauben sel'ge Stätte fand – Uns leuchtet Himmelssonne hoch und hehr,         Uns blaut das Meer, Und Duft fruchtbaren Erdreichs dringt rings um uns her. Hier strömt der Lebenskräfte dunkle Flut,         Und nimmer ruht Der Schwung des höchsten Menschentums, der Wunder tut. Von Kluft zu Klüften dringt der Forschung Licht;         Erschütternd spricht Die heil'ge Stimme großer Kunst – arm sind wir nicht! Auf unsre Liebe all die Gegenwart         Des Diesseits harrt – Nur der ist wirklich arm, dem nichts zu lieben ward. * Nun glaub' ich zu erkennen, was dem Geist, Dem suchenden, den Weg des Lebens weist: Tatlose Liebe ist das Höchste nicht – Die Liebe sei verschwistert mit der Pflicht. Nur die ist höchste Liebe, die da schafft: Dem, was du liebst, gieb deine volle Kraft; Und was als Pflicht du wählst, ob groß, ob klein, Dem mußt du auch die ganze Seele weihn. Wenn du in solcher Liebe schaffend strebst, Dann gilt das stolzeste Wort von dir: Du lebst! Der Herr Hofrat Eine kleine Stadt, wo jeder den anderen kannte, mit einer kleinen Hofhaltung. Am Markt in einem ehrenfesten alten Hause wohnte schon viele Jahre der Herr Vorsteher der fürstlichen Kanzlei. Immer hatte er unverdrossen seine Pflicht getan und war auch mit den Jahren auf der Stufenleiter irdischer Würden höher hinaufgerückt, ein Orden schmückte die treue Brust, auch Hofrat war er geworden, schon vor Jahren, und hatte es wohl verdient. Er hatte in den rechten Jahren geheiratet, wie es Pflicht eines guten Staatsbürgers ist, und auch einige Kinder gezeugt, wie es ebenfalls seine Pflicht war. Aber früh schon war die Frau auf den weichen Schuhen, mit denen sie in Furcht vor dem empfindlichen Gatten daheim hin und her zu huschen pflegte, auch aus dem Leben hinausgegangen, und die Kinder waren draußen in der Welt verstreut, hierhin und dorthin. Den Hausherrn rührte das alles nicht viel, ihn füllten sein Amt aus und die Pflichten der mancherlei Ehrenstellungen, die er im Lauf der Zeit erworben; war er doch Vorsitzender des großen Vereins Eintracht – eine einflußreiche Stellung, die er allen Zwistigkeiten der Mitglieder und allen Anfeindungen zum Trotz Jahr für Jahr aufs neue behauptete – sowie Kassenwart im Verein der »Staatstreuen«, von seinen Stellungen im Kegelklub, im Verein zur Besserung gefallener Mädchen und in der Gesellschaft für Hebung der Bienenzucht zu geschweige. Allmählich ward er grauer und abgearbeiteter, und der Tod beschloß, ihn abzuholen, sanft und freundlich und in guter Form, wie es sich für den angesehenen Beamten ziemte. So kam denn an einem Wochentag der Tod, der auswärts beschäftigt gewesen war, wieder in die Stadt. In der Wohnung, die er mit einem frischen Kranzgewinde geschmückt fand, traf er den Beamten nicht an; man wies ihn etwas unwirsch ins Amtsgebäude hinüber, wo er denn auch nach einiger Mühe vor die Tür des Gesuchten kam. Auf sein Klopfen erscholl ein lautes Herein, und er betrat das Amtszimmer. Grau alles, staubig, verräuchert. In großen Fachborden zahllose dicke und dünne Aktenhefte mit bunten Ordnungszeichen. Die Fenster blind, der Fußboden mit Tinte bespritzt. Hier hatte der Hofrat nun seit Jahrzehnten Tag für Tag geduldig seine Akten geschrieben und die zahllosen Listen und Aufstellungen, wie die vorgesetzte Behörde sie immer neu erforderte, angefertigt. Jetzt saß er wieder in Akten vertieft auf seinem Drehschemel am Arbeitspult, und da er den bescheiden Eintretenden an der Tür erblickte, bot er ihm keinen Stuhl an, sondern fragte nur kurz, wer er sei und was er wünsche. Verzeihen Sie, Herr Hofrat, sagte der Besucher höflich, ich bin der Tod und habe die Pflicht, Sie abzuholen. Der Beamte richtete sich auf und sah den Tod streng an. Zunächst möchte ich bemerken, daß Sie mich unrichtig anreden. Durch die Gnade Seiner Hochfürstlichen Durchlaucht bin ich gestern Geheimer Hofrat geworden. Ich nehme an, daß Ihnen das noch unbekannt ist, aber es wäre doch wohl richtiger gewesen, wenn Sie sich über meine Person erst genauer informiert hätten, bevor Sie zu mir kamen. Und nun zur Sache. Ich soll mit Ihnen kommen – wann? etwa sofort? Ja, Herr Geheimer Hofrat, bestätigte der Tod, es muß gleich sein. Ich bedaure, das geht nicht, sagte der Beamte. Jedenfalls müßten Sie bis 7 Uhr am Abend warten, denn bis dahin habe ich Dienststunden, und dann erst ist Zeit, an Privatangelegenheiten zu denken. Aber ich möchte Sie überhaupt so ergebenst wie dringend ersuchen, noch einige Zeit zu warten, diese Angelegenheit also sozusagen dilatorisch zu behandeln. Es ist jetzt unmöglich. Fürchten sich der Herr Geheime Hofrat etwa vor dem Sterben? fragte der Tod. Mein Lieber, antwortete jener, es ist in der Ordnung, daß man schließlich stirbt, und ich bin immer für Ordnung gewesen. Also finde ich gegen Ihren Wunsch als solchen nichts zu erinnern. Nur – – Sie werden wissen, wir stehen jetzt dicht vor dem Quartalabschluß, die Arbeit häuft sich und die anderen Beamten sind verhältnismäßig jung und unerfahren – ohne mich können sie es nicht fertig bringen. Sehen Sie hier – er zeigte auf einen Haufen Papiere, – namentlich die Anfertigung der Listen D und E , davon hängt so viel ab, und die zahlreichen Kolumnen, die hier auszufüllen sind – wenn nun da etwas falsch gemacht würde, die Folgen wären ja garnicht auszudenken! Ohne mich geht es wirklich nicht! Es kommt mir nicht in den Sinn, antwortete der Tod, an der Wichtigkeit Ihrer Stellung, Herr Geheimer Hofrat, irgendwie zu zweifeln; indes wer ist unentbehrlich? Bedenken Sie, daß neulich sogar Ihr höchster vorgesetzter, der Herr Minister, mir hat folgen müssen. Der Beamte machte eine leichte Verbeugung bei der Nennung des großen Namens. Seine Excellenz, gewiß, gewiß, sagte er, es war ein betrübender Fall. Aber er hatte doch eben uns, auf denen schließlich die eigentliche Arbeit ruht, und – unter uns gesagt – es ging wirklich ganz gut ohne ihn. Aber außerdem und unterstützend, so fuhr er etwas verlegen fort, habe ich noch einen besonderen persönlichen Grund, der es mir wünschenswert macht, einige Zeit noch hier zu bleiben. Ich bin, sagte er, und reckte sich in die Höhe, wie ich Ihnen schon vorher mitteilte, soeben Geheimer Hofrat geworden. Seit lange wartete ich darauf – nun würde ich den Titel gern noch ein paar Tage führen und mich wenigstens einige Male in der Oeffentlichkeit so angeredet hören – ich möchte es doch einmal gekostet haben! Sie verstehen das vielleicht nicht ... Herr Geheimer Hofrat, unterbrach ihn der Tod, ich würdige das vollkommen. Diene ich ja doch auch sozusagen als Beamter. Aber leider duldet die Sache keinen Aufschub. Und da Sie ein gläubiger Mann sind – – meinen Sie denn, daß im Jenseits zwischen einem Hofrat und einem Geheimen Hofrat kein Unterschied gemacht wird? Der Beamte blieb einige Zeit stumm. Dann sagte er: Sie haben recht. Ich füge mich. Belieben Sie nur ein paar Augenblicke zu warten, bis ich mich zurechtgemacht habe. Und er erhob sich und stand da, würdig und gediegen. Dann zog er statt des Arbeitsrockes den schwarzen Gehrock an, der am Rechen hing, und nachdem er seinen Orden, den er immer bei sich trug, aus der Tasche genommen und am Aufschlag des Rockes befestigt hatte, ergriff er den blank gebürsteten Seidenhut und sagte, kühl und gemessen: Ich bin bereit. Und er schritt vor dem Tode aus dem Zimmer hinaus. Drei Seelen Drei Seelen verlangten Einlaß in den Himmel, sie kamen zusammen, wie sie zusammen auf der Erde Freundinnen gewesen waren, junge, reine, noch unversehrte Seelen. Petrus schlug sein großes Buch auf, las darin und brachte sie dann zu Gott Vater. Herr, sprach er, diese drei Seelen wollen zu dir, ich habe nichts eigentlich Nachteiliges über sie zu bemerken, es sind eben junge Mädchen ohne besondere Kennzeichen; bestimme du, was mit ihnen werden soll. Gott sah sie an und fragte sie: Was habt ihr gelernt? was könnt und was versteht ihr? Ich kann nähen und stricken, kochen und backen, scheuern und staubwischen, sagte die erste. Petrus nickte befriedigt und Gott sprach freundlich: Das ist schön und recht, du kannst bleiben. Ich kann lesen und schreiben, rechnen, sogar mit Brüchen, und spreche auch französisch, sagte die zweite, wieder nickte Petrus beifällig und Gott sprach freundlich: Auch das ist zu loben, wir können dich brauchen, bleibe bei uns. Die Dritte blieb stumm. Und was kannst du? fragte Gott. Ich – ich kann gar nichts, stotterte sie verlegen, und die Tränen stiegen ihr auf. Ernsthaft blickte der Herr auf sie; Petrus aber legte seine Stirn in grämliche Falten und zog die Mundwinkel herab, und das sah so wunderlich aus, daß das Seelchen mitten in seinem Kummer hell auflachen mußte, wie silberne Sterne flogen die lieblichen Töne ihres Lachens durch den ernsten, heiligen Raum. Da schaute Gott sie liebreich an: Du kannst fröhlich sein, und das ist auch etwas, vielleicht das Größte – bleibe bei uns.   Johannes Fastenrath (Geb. 3. Mai 1859, † 16. März 1908) Wie der Graf von Gleichen zwei Frauen, – so hat Johannes Fastenrath in den bunten Spenden deutscher Dichter und Denker der Gegenwart für das deutsche Schriftstellerheim in Jena in einer Rückschau auf sein Leben über sich selbst geschrieben, – so habe ich zwei Geliebten: Deutschland und Spanien. In beiden Sprachen zu singen und zu sagen, ist meine Lust, und beide Völker, die unter der Krone Karls V. vereint waren, unter dem Zepter der Poesie aufs neue zu verbinden, ist mein Dichten und Trachten. Ich bin am 3. Mai 1839 in Remscheid geboren als der einzige Sohn eines Kaufmanns, der in geschäftlichen Beziehungen zu Frankreich stand, während mein Großvater mütterlicherseits mit den Spaniern Handel trieb. Die ersten spanischen Worte hörte ich von meiner Mutter. Sie war beim deutschen Aufsatz in der Elementarschule in Köln meine Egeria. 1849 nahm mich mein Vater auf seiner letzten Geschäftsreise nach Paris mit, und ich weinte bitterlich, daß ich mich mit den Freunden meines Vaters nicht französisch unterhalten konnte. Diese waren längst gestorben, als ich 1858 als Student morgens auf den Bänken der Sorbonne, des Collège de France oder der Bibliothèque de Sainte Geneviève und abends in den Pariser Theatern saß. Auf den Wunsch meines Vater studierte ich Jura, aber fremde Sprachen und die Poesie waren und blieben meine Leidenschaft, schon während meines Pariser Aufenthalts, der ein halbes Jahr dauerte, versuchte ich mich in einem französischen Lobgedicht auf den Vater Arndt, in dessen Haus ich in Bonn verkehrte, und der mich zu meinem Erstaunen in der Aufschrift seines Briefes schon damals komme! homme de lettres nannte. Er schrieb mir: »Eine Feine Uebung! Man kann auch von den Welschen viel Gutes lernen, doch werden Sie der teutonischen Muse nicht untreu.« Von 1856 bis 1860 besuchte ich die Universitäten Bonn, Heidelberg, München, Paris und Berlin und wurde in letzterer im März 1860 zum Doctor utrinsque juris promoviert. Kurze Zeit gehörte ich dem Landgericht in Köln an, und seit 1862 lebe ich ganz meinen literarischen Neigungen. 1864 tat sich mir zuerst die Wunderwelt Spaniens auf, und von da an war ich im Bann der spanischen Romantik und der spanischen Poesie. Es reizte mich der Wettkampf mit einem König zur Bearbeitung des spanischen Lustspiels Receta contra las suegras (Rezept gegen Schwiegermütter) von Manuel Juan Diana, und ich hatte die Freude, daß das Stückchen in meiner Bearbeitung sofort am Wiener Carltheater gegeben wurde. Aber da ich noch ganz unbekannt war, hatte der Direktor es vorgezogen, statt meines Namens drei Steine zu setzen. Und auch später erlebte ich mit diesem Lustspielchen allerlei Scherze. So stand auf dem Theaterzettel in Vöslau: »Rezept gegen Schwiegermütter, nach dem Spanischen bearbeitet von Johannes Fastenrath (weiland König Ludwig I. von Bayern).« Dies Stückchen aber öffnete mir 1869 bei meinem zweiten Besuch von Madrid die Pforten der spanischen Dichter- und Künstlerwelt. Diana machte mich mit den Größen der spanischen Literatur (Hartzenbusch, Zorilla, Echegaray, Balanger, Campoamor, Núñez, de Arce, Valera ect.) bekannt, die meine Freunde fürs Leben wurden. 1872 forderte mich ein Freund Dianas auf, für die Madrider Zeitung El Argos spanische Artikel zu schreiben. Ich dachte fortes fortuna juvas und sagte zu. Aus meinen Aufsätzen über das Oberammergauer Passionsspiel, das mich 1871 erbaut und entzückt hatte, entstand mein erstes spanisches Buch. Hartzenbusch schrieb dazu ein Vorwort. Dann kam mir der Gedanke, den Spaniern in ihrer Sprache die Berühmtheiten Deutschlands auf jedem Gebiete, von Hermann dem Befreier bis auf unsere Tage vorzuführen. So entstand mein Werk La Walhalla y las glorias de Alemania , das bis jetzt mehr als zwölf starke Bände umfaßt und das mich zeitlebens beschäftigen wird. Meine ersten Essays über Deutschland veröffentlichte die Revista de España des Benito Pérez Galdós, Er beeinflußte auch meinen ursprünglichen Plan, indem er mich bat, vor allem in seiner Zeitschrift in ausführlicher Darstellung Bismarcks Leben und Taten zu schildern, da dies die Spanier zumeist interessiere. 1879 besuchte ich meine spanischen Freunde aufs neue und hielt im Madrider Ateneo einen Vortrag in spanischer Sprache über den Kölner Dom. Die mir in Madrid bekannt gewordene Prinzesse Bonaparte, Madame Ratazzi, veranlaßte mich, auch französisch zu schriftstellern, und stellte mir ihre Pariser Revue internationale zur Verfügung, Aus den darin erschienenen Lobesartikeln über Deutschland entstanden meine Figures de l' Allemage contemporaine für die ich das Glück hatte, in den achtziger Jahren in dem Hispanophilen Albert Savine in Paris einen Verleger zu finden. 1888 besuchte mich in Barcelona ein liebenswürdiger alter Herr: Es war Joaquin Rubió' y Ors, der Wiedererwecker der catalanischen Literatur und der Barceloneser Blumenspiele. Er bat mich zur Feier seiner goldenen Hochzeit mit der catalanischen Poesie ein paar seiner Lieder ins Deutsche zu übertragen. Dies war der Anlaß, daß ich mich jetzt auch mit der reichen catalanischen Literatur beschäftigte und daß meine Frau und ich 1890 von Rubió' y Ors zu den Blumenspielen von Barcelona eingeladen wurden. Und wie dort als Königin des Festes im Schmuck der Blumenkrone, sah ich meine Frau auch im Oktober 1900 beim ersten poetischen Turnier von Saragossa das Diadem tragen. Begeistert von den spanischen Blumenspielen, habe ich 1899 die Kölner Blumenspiele nach dem Vorbild der Jochs Florals von Barcelona gegründet, zunächst bloß für die Dichter und Dichterinnen von Rheinland und Westfalen, dann aber für alle Poeten deutscher Zunge. Alljährlich am ersten Sonntag des Mai sind sie zum Wettstreit im Gürzenich geladen. Mögen in diesem Kampf der Geister die Besten nicht fehlen. Diese Autobiographie, die Johannes Fastenrath im Jahre 1902 in einer besonderen Veranlassung geschrieben, zeigt eine auffallende Lücke: sie erwähnt mit keinem Worte des Autors literarische Tätigkeit in der Sprache des Landes seiner Geburt. Und doch ist diese nicht weniger umfangreich als die in der Sprache des Vaterlandes seiner Wahl. Als Frucht der ersten spanischen Reise erschien 1865 der Spanische Romanzenstrauß, diesem folgten 1866: Die Klänge aus Andalusien, 1867: Die Wunder Sevillas, 1869: Die Hesperischen Blüten und die Immortellen aus Toledo, 1870: Das Buch meiner spanischen Freunde (2 Bände), später, 1885: Die Granadinischen Elegien und 1887: Die zwölf Alfonsos von Castalien, So wie er in der Walhalla y las Glorias de Allemania den Spaniern die Kenntnis deutscher Heroen und deutschen Wesens vermittelte, führte er in diesen Dichtungen in deutscher Sprache den Deutschen die geschichtlichen Ereignisse der iberischen Halbinsel vor, aus den Zeiten der Römer und Goten, der Mauren und Kreuzkämpfer, der Entdecker und Eroberer der neuen Welt, und bis in die neueste Zeit. Die Form, in der er das tat, war meist die tönende Romanze, in die sich jedoch auch Formen anderen Stils, Lieder, Madrigale, Sonette und Volksweisen mischen. Eigenes und Nachgedichtetes wechselt dabei in bunter Reihe. In den Anmerkungen dazu bietet er eine Fülle von historischen und literarischen Notizen, die für den Forscher eine Fundgrube wertvollsten Materials sind. Hieran reihen sich seine Übersetzungen. Außer dem genannten Lustspiele von Manuel Juan Diana übertrug er aus dem Spanischen: Bruder Martins Vision (Luther im Spiegel spanischer Poesie) von D. Gaspar Nuñez de Arce, Stimmen der Weihnacht von D. Ventura Ruiz Aguilera, den andalusischen Roman Pepita Jimenez von D. Juan Valeria, die Dramen Im Schoße des Todes und Die Frau des Rächers von D. Jose Echegaray, mehrere Lustspiele von D. Manuel Breton de los Herreros, das Drama Norick von D. Manuel Tamayo y Baus und das Nationaldrama Don Juan Tenorio von D. José Zorilla, dem er eine wertvolle Abhandlung über die Don Juan-Sage in Spanien und in der Weltliteratur vorausschickte. Ferner übertrug er aus dem Catalanischen die Trilogie: Die Pyrenäen von Victor Balaguer und ein Buch Catalanische Troubadoure der Gegenwart, das von einer Uebersicht der gesamten catalanischen Literatur eingeleitet wird. Eine Besonderheit bilden die Zaragozaner Dialekt-Schnurren, die teilweise in Kölnischer Mundart wiedergegeben wurden, womit Fastenrath seiner Kenntnis und seiner Schätzung des heimatlichen Idiomes Ausdruck gab. Daneben veröffentlichte er als Ergebnis eindringlicher gelehrten Studien die Festschriften großen Stils: Calderón de la Barka, zur Feier von dessen zweihundertjährigem Todestage, ferner Calderén in Spanien mit einer Abhandlung über die Beziehungen zwischen Calderóns »Wundertätigem Magus« und Goethes »Faust« und zuletzt Christoph Columbus als Festgabe zur vierten Centenarfeier der Entdeckung Amerikas. Die großen Ereignisse der Jahre 1870 und 1871 begeisterten ihn, der bei all seinen spanischen Sympathien ein glühender deutscher Patriot und insbesondere ein Verehrer Bismarcks war, zu einem Bändchen den deutschen Helden gewidmeten Kriegs- und Siegeslieder, das im Jahre seines Erscheinens sechs Auflagen erfuhr. Als Gelegenheits-Dichtungen entstanden 1880 zur Feier der Vollendung des Kölner Domes ein Festgruß und ein Heft Lieder und in den sonnigen Tagen, 1883, vor seiner Vermählung mit der Oesterreicherin Louise Goldmann dichtete er ein Bändchen Lieder, das er Von Hochzeit zu Hochzeit nannte. Fastenrath besaß eine unverwüstliche Arbeitskraft und war von einer literarischen Fruchtbarkeit, die von der sprichwörtlichen der großen Spanier kaum übertroffen wurde; seine Schriften bilden eine ganze kleine Bibliothek. Das Gewicht seines literarischen Wirkens liegt in der Vermittlung geistiger Werte zunächst zwischen Deutschland und Spanien und auf diesem Gebiete hat er geleistet, was kaum einer vor ihm geleistet hat und leichtlich auch keiner nach ihm leisten wird. Ueber dieses besondere Gebiet hinausgehend aber erstrebte er eine weltliterarische Annäherung aller Kulturvölker , so wie sie auch Goethe einmal vorgeschwebt hat. Ein Mittel zu diesem Ziele sollten die von ihm geschaffenen Kölner Blumenspiele werden, die unter seiner Führung von ihrem Anfange an sich in dieser Richtung bewegten. Das ist vielfach verkannt worden, am meisten in Deutschland, während er in Spanien, in Frankreich, insbesondere in der Provence, und neuerdings auch in Ungarn viel mehr Verständnis dafür gefunden hat. Jenseits der Pyrenäen sind ihm deshalb auch früher schon die Anerkennung und die Ehrungen geworden, die ihm in Deutschland erst später zu teil wurden und dort auch in uneingeschränkterem und gerechterem Maße, als es diesseits geschehen ist. Um nur einiges anzuführen, mag daran erinnert werden, daß er von Spanien drei Großkreuze hoher Orden erhielt, deren jeder den Titel Exzellenz verlieh, ein Titel, von dem er in seiner Bescheidenheit nie Gebrauch machte, weil er meinte, daß der Titel Hofrat, den er vom Großherzog von Sachsen-Weimar erhalten, gerade gut genug für ihn sei, da Schiller auch keinen besseren gehabt. Alle spanischen Akademien haben ihn zu ihrem Ehrenmitglied ernannt, die Stadt Sevilla hat ihm das Ehrenbürgerrecht verliehen, in Arenas del Rey trägt eine Straße, die Avenida de Fastenrath, seinen Namen und die Stadt Barcelona veranstaltete nach seinem Tode eine großartige Gedächtnisfeier. Als Mensch war Fastenrath eine durchaus vornehme, nur auf das Ideale gerichtete Natur mit einem stark betonten romantischen Einschlag und von einer, jedoch von aller Eitelkeit seinen, Neigung zu prunkvoller Repräsentation, eine sich immer gleichbleibende, heitere Kinderseele, edel, hilfreich und von stets offener Hand. In seinem Testament hat er dem noch einmal Ausdruck gegeben durch eine großherzige Stiftung, aus deren Zinsen alljährlich bei Begehung der Kölner Blumenspiele an etwa acht oder zehn deutsche Schriftsteller und Dichter je ein namhafter Ehrensold gespendet werden soll, der es Bedürftigen ermöglicht, ein Jahr lang von drückendster Sorge frei zu schaffen. Wenn ihr je mich suchen solltet. Wenn ihr je mich suchen solltet, Sucht mich unter Paladinen, Denen würd'ger nichts des Strebens Als der Siegeslohn erschienen, Den die edelste der Damen, Die das Aug' durch Schönheit blendet, Auf dem lieblichsten der Throne, Auf dem Blumenthrone spendet. Sucht mich auf Colonias Wartburg, In dem wonniglichen Maien, Wenn sich holde Mädchenblüten An die Troubadoure reihen, Deren Herzen bei dem Kampfpreis Gold'ner Blumen höher schlagen. Und die ew'gen Banner Liebe, Vaterland und Glauben tragen. Das Eichhörnchen und das Roß Fabel Eichhörnchen sah ein edles Roß, Das galoppierte Hop, Hop, Hop, Eichhörnchen aber sehr verdroß Des Rosses trefflicher Galopp. Das Roß, gelehrig nach dem Sporn, War ihm im Auge gar ein Dorn, Und unwirsch wie es war gelaunt, Hat es dem Rosse zugeraunt: »Herr Roß, Gleich dem Geschoß Fliege geschwinde, Fliege im Winde, Fliege nur, fliege, Dennoch besiege Ich dich: ich bin noch viel schneller als du! Ich bin behende, Schaff' ohne Ende, Ich mag im Schaffen Nimmer erschlaffen, Unten, jetzt oben, Das nenn' ich Proben Wahrer Arbeit: bin nimmer in Ruh'!« Da hemmt das Füllen seinen Lauf, Und so zum Eichhorn spricht es drauf: »Dieses Gehen, Dieses Drehen, Dieses Wenden Ohne Enden, Hierhin und dorthin, Nach jedem Ort hin, Freund Gerngroß, was nützt doch dein Purzelbaum? Ich aber renne Hierbei Dienst, den ich kenne. Nicht ist vergebens Schweiß meines Strebens, Und wenn ich eile, Immer zum Heile Meines Gebieters durchstieg' ich den Raum!« Was die Moral ist des Gedichts? Vergeude nicht die Kraft um nichts: Wenn du was tust, so tu' was Rechtes, Wenn du was schaffst, so schaff' was Echtes. Juan Soldado Ein andalusisches Märchen Juan an die vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Und da seine Kraft verzehrt, verbraucht, Und er zum Soldaten nicht mehr taugt, Bekommt er den Abschied – doch was zum Lohn? Bekommt er – nun, es klingt wie Hohn – Bekommt er der Maravedis sechs, Dazu ein Pfund Kommißgebäcks. »Das alles für vierundzwanzig Jahr'? 'S ist Lumpengeld und Schande fürwahr. Doch bin ich jetzt auch ein armer Mann, Ich ärg're mir drum die Galle nicht an.« Juan Soldado sonder Gram Das Ränzel auf den Rücken nahm. Und als er drauf so fürbaß schritt, Wer ist's, der in den Weg ihm tritt? Der Kahlkopf da gleicht auf ein Haar San Pedro, der andre ist Christus gar. »Gieb uns eine Gabe, du lieber Mann.« Er aber spricht: »Ich heiße Juan, war vierundzwanzig Jahr Soldat, Dies Wams hier ist mein einz'ger Staat, Secks Heller gab mir der König und Des Brodes nur ein einzig Pfund, was soll ich euch geben?« Doch Pedro läßt Nicht nach, bis er eine Gab' erpreßt. »Nun, wenn ich auch vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Und nur ein Brot mein eigen nenn', Ihr Freunde, so teilt es mit mir denn!« Das Laib er flugs in drei Stücke schnitt, Gab beiden zwei, und fürbaß schritt Er drauf zwei Meilen, und plötzlich sah Er wieder die beiden Bettler da. »Nun, wenn ich auch vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Und nur dies Stückchen Brot mir blieb, Ich teil' es noch einmal euch zu lieb.« Und redlich teilt er, doch zum Glück Verzehrt er jetzt auch sein eigen Stück, Daß ihm von lauter Teilen wär' Nicht selber der hungrige Magen leer. Drauf geht er wieder seine Straß', Doch abends sieht er – welch ein Spaß! Die beiden Bettler zum dritten Mal: »Dich kenn' ich wieder am Scheitel kahl, Doch wenn ich auch vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Und nur noch sechs Maravedis hab', Ich teile mit euch die letzte Hab'!« Von sechs Maravedis verbleiben jetzt Ihm nur noch zwei zuguterletzt. Da spricht San Pedro zu seinem Herrn: »Für uns hat der Arme verschleudert gern In seiner Liebe frommer Brunst Des Königs von Spanien ganze Gunst, Jetzt sei auch ihm ein Gutes getan.« Und Christus spricht: »So frag' ihn an, Gleich soll geschehn, was er begehrt.« Juan die Frage mit Staunen hört, Doch sagt er dem Heiligen schnell gefaßt: »Ich trag' im Tornister gar leichte Last, So möchte ich, daß was ich begehr' Stets im Tornister drinnen wär!« Juan war wohl im Bitten klug, Jetzt hat er sein Lebelang genug. Brot sieht er, wie Jasmin so weiß, Und eben kommt's aus dem Ofen heiß. Flugs spricht er: »In den Tornister hinein!« Da bekommt das Brot gar flinke Bein' Und setzt sich ihm ins Ränzel dicht. Jetzt tauscht er wohl mit dem König nicht. Manch Jahr verfloß ihm heideldidum, Bis endlich auch seine Stunde um. Und als der Tod ihn angerührt, Da hat er flugs sein Bündel geschnürt, Tritt keck vor den Heilgen Pedro sofort, Einlaß begehrend zur Himmelspfort'. »Holla, das geht nicht so im Sturm, Der Himmel ist kein Soldatenturm, Der sich ergiebt, wer grad ihn berennt.« »Ei, ei, ob mich der Herr nicht kennt? Ich bin's, der vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Der nur der Maravedis sechs Empfing und ein Pfund Kommißgebäcks. Ich dächte, das genügte grad.« »Beim Himmel, nein, mein Herr Soldat.« – »Was? das soll noch genug nicht sein? San Pedro, schnell in den Ranzen hinein!« – »Barmherzigkeit, was willst du tun?« »Flugs in den Ranzen, du weißt es nun, Denn wer an die vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Und wer – und so weiter – der fürchtet sich nicht!« San Pedro weiß nicht, wie ihm geschieht: Er liegt in des engen Ranzens Schoß, »Juan Soldado, o laß mich los, Die Himmelspforte ist unbewacht, Und jede arme Seele kann sacht Spazieren jetzt in den Himmel hinein!« »Das will ich eben, so soll es sein,« Spricht drauf Juan und durchs Himmelstor Geht er ein und richtet sein Haupt empor: »Denn wer an die vierundzwanzig Jahr' Soldat des Königs von Spanien war, Und wer vom Dienste Jahr aus Jahr ein Nur sechs Maravedis nannte sein: Verdient der, da die Dienstzeit aus, Den Himmel nicht als Invalidenhaus?« Der Fandango vor Gericht Tod geschworen dem Fandango Haben Roma's strenge Richter, Bannstrahl zuckt von ihren Brauen, Finster dräuen die Gesichter. Spanien ist des Glaubens Lilie, Doch der Wurm an ihren Blättern Ist der sündige Fandango, Bannstrahl soll ihn niederschmettern! Und im hohen Konsistorium Sitzen alle sie beisammen, Aber einer der Prälaten Spricht: »Eh' also wir verdammen, Laßt uns von des sünd'gen Tanzes Unheil selbst uns überzeugen.« Vor der Weisheit dieses Vorschlags Müssen sich die Richter beugen. »So erscheine denn, Fandango, Tanz, so zeig' uns deine Greuel!« – Und ein Tänzerpaar aus Spanien Dringt durch der Prälaten Knäuel. Schön wie Phryne ist die Doña, Ihres Mundes Hauch sind Düfte, Seide schmeichelt ihren Füßchen, leichtes Kleidchen ihrer Hüfte. Zärtlich lockt sie ihren Tänzer, Schaut ihn an mit samt'nen Augen, Und er will aus ihren Blicken Einen Liebeshimmel saugen; Oeffnet weit schon seine Arme, Feurig will er sie umschlingen, Da hebt trotzig sie die Hüfte, Und die Castañuelos klingen Zürnend fast in ihrem Händchen, Und sie biegt sich, eine Schlange, Senket dann die Stirne nieder, Flieht verfolgend vor dem Drange, Vor des Tänzers hellen Gluten, Stemmt das Händchen in die Seite, Mustert Hüfte sich und Füßchen, Alle Grazien im Geleite. Glühend sehen es die Richter Und sie wanken auf den Stühlen, In den alten Adern brennt es Wie von jugendlichem Fühlen. Als der Doña Stolz gebrochen, Als von sanfter Regung wallet Ihr der Busen: feurig wieder Kastagnettenklang erschallet! Und die Kastagnettenschwinger Sind die jugendlichen Greise – hei, wie tanzen die Prälaten Nach der Kastagnettenweise! Und sie tanzen den Fandango, Sprechen heilig ihn im Tanze – Freigesprochen ist der Sünder, Und er strahlt in neuem Glanze!   Detta Zilcken (Geb. 24. März 1873, † 15. März 1907). Detta Zilcken wurde am 24. März 1872 in Köln geboren. Ihre Schulbildung erhielt sie von ausgezeichneten Lehrern in Bonn, wo sie von l878 bis 1889 mit ihren Eltern wohnte, und war dann ein Jahr in einem Pensionat in der französischen Schweiz. Schon als Siebzehnjährige schrieb sie kleine Geschichten für Kinder, die in Jugend-Zeitschriften gedruckt wurden. Bald wandte sie sich ernsteren Stoffen zu und wurde 1893 Mitarbeiterin der Straßburger Post und ein Jahr später der Kölnischen Zeitung, die außer Skizzen und Novellen auch Beiträge literar- und kunstkritischer Art von ihr veröffentlichten. Ihre besten belletristischen Arbeiten sind die Novellen Wunsch und Peter Mathias, die in der Kölnischen Zeitung und Die Wut des Lebens, die in der Deutschen Revue erschienen. Von einschneidender Bedeutung für sie wurde die Düsseldorfer Kunst- und Industrie Ausstellung von 1902, über die sie die Berichterstattung für die Norddeutsche Allgemeine Zeitung und die Straßburger Post übernommen hatte. Das eindringliche Studium dieser Ausstellung bereitete den Boden vor, auf dem sie später weiter baute: nationale Wohlfahrt durch die Arbeit, kulturelle Rasseveredlung durch die Kunst. Die Anerkennung aber dieser berichterstatterischen Leistung, die sie fand, brachten den schon lange gehegten Vorsatz zur Reife, sich vornehmlich der Journalistik und Publizistik zu widmen. Zum Zwecke weiterer Versuche und Studien begab sie sich auf Reisen und lebte zwei Jahre in München und ungefähr je ein Jahr in Paris und London; dazwischen fielen kürzere Aufenthalte in Belgien und Holland. Neben ihren Kunst- und Literaturstudien wandte sie sich bereits in München praktischsozialen zu, die sie später in Paris und London nachdrücklicher verfolgte. Hauptsächlich waren es die Bedingungen der Erwerbsmöglichkeit auf sich selbst angewiesener Frauen, mit denen sie sich beschäftigte. Dabei war sie nicht Frauenrechtlerin in dem Sinne, daß sie für die Frau alle Gebiete der männlichen Arbeit und Rechte beanspruchte; sie stand solchen Bestrebungen in ihren letzten Konsequenzen eher ablehnend gegenüber. Um das Leben der unteren Volksklassen kennen zu lernen, unternahm sie es in München einmal zwei Wochen in einem Arbeiterinnenheim, in Paris in einem Logierhause für Lehrerinnen und kleine, weibliche Angestellte, in London in einem solchen für bessere Dienstboten zu wohnen, und sehr nachdrücklich beschäftigte sie sich mit den Bestrebungen der Heilsarmee, an deren sogenannten Patrouillengängen sie in London wiederholt teilnahm, was sie dabei sah und beobachtete, schilderte sie mit warmem Herzen in wertvollen Aufsätzen. Denn ein warmes Herz hatte sie, voll unendlicher Güte. Aus den Eindrücken von Armut und Elend und oft auch sittlicher Verkommenheit, die sie bei solchem Tun in sich aufnahm, flüchtete sie dann zeitweilig in die Einsamkeit des Gebirges oder an das Meer, für deren erhabene Schönheiten sie eine empfängliche Seele hatte, und immer wieder in das Studium von Kunst und Geschichte. In der National-Bibliothek und in den Museen in München, in der Bibliothek St. Geneviève und im Louvre in Paris, im British Museum in London hat sie viele Tage zugebracht. Eine Reihe glänzend geschriebener Feuilletons und Essays waren die Frucht davon. Um einige zu nennen: aus der Münchener Zeit über Elisabeth von Saarbrücken, George Sand und Alfred de Muset, aus der Pariser über Julie Récamier, Madame Roland, Gabrielle d'Estrées, die Königsgräber in St. Denis und Dianne de Poytiers, aus der Londoner eine kunsthistorische Studie über Canterbury und die Vorarbeiten zu einer unvollendet gebliebenen Arbeit über Heinrich VIII. und seine sechs Frauen, wenige deutsche Zeitungen und Zeitschriften von Bedeutung gibt es, die nicht Beiträge aus ihrer Feder nach der einen oder anderen Richtung veröffentlicht haben. Im Winter 1906 kehrte sie von London in das Elternhaus nach Köln zurück mit der Absicht, im Frühling die Universität Heidelberg zu beziehen, um rite Volkswirtschaft und Geschichte zu studieren. Aber mitten in ihren Plänen und Arbeiten erlag sie am 15. März 1907 einer tückischen Krankheit. Nach ihrem Tode schrieb die Straßburger Post von ihr: sie war ein starkes, literarisches Talent, dem sicher eine große Zukunft bevorstand, und ein Mensch von hervorragenden Eigenschaften, klug, treu und gut. Die Kölnische Zeitung sagte: sie verband ein reiches Wissen mit rastloser Strebsamkeit. Die Frankfurter Zeitung: Viel vom Reichtum ihres Herzens und Geistes hat sie gegeben, vieles noch hätte man von ihr erwarten dürfen. Das Amsterdamer Weekblad rühmte von ihr: sie hatte viel Gefühl, ohne jemals sentimental zu werden, und die Berliner Zeit am Mittag nannte sie die bedeutendste deutsche Journalistin. Das Tröpflein Skizze Also du kommst, wenn es herbstet. Wie mich das freut, wenn du kommen wirst. Wenn es nur nicht solang noch dauerte. Immer, wenn ich daran denke, ist eine Furcht in mir, daß ich's nicht erleben könnte. Erschrick nicht, ich bin nicht krank. Man würde dir sogar sagen, daß ich lustig bin. Bloß – ich traue dieser Vergnügtheit nicht. Es schläft etwas darunter, regt sich zuweilen, das, wenn es erwacht, gefährlich ist. Es ist vielleicht eine Art Wahnsinn, aber ich kann von dem Gedanken nicht loskommen, daß ich einmal durch eigene Hand sterben werde. Wie ein Zwang ist das. Tief drinnen, weißt du, da wo des Menschen Macht nicht hinreicht, wurzelt es, und so fest, daß ich das Leben, diese schöne Welt, die voller Wunder ist, in der steten Erwartung des Todes genieße. Wie der Gedanke entstanden? Er war lange da, ehe ich's deutlich gewußt; aber wenn ich jetzt zurückblicke, kann ich klar seinen Anfang sehen. Er war in der Zeit, als mein Vater starb. Ich war sechzehn damals. Es hatte schon lange im Haus nach Gewitter ausgesehen. Ich fühlte auch wohl den dumpfen Druck, aber unser Gut lag so einsam, daß ich keine Gelegenheit zu Vergleichen hatte. So war ich weder glücklich noch bekümmert. Aber ich liebte das ruhig geschäftige Treiben auf dem großen Hof, liebte die himmelweiten Felder, meinen bergigen Wald und mein kleines Zimmer, das voller Sonne war. Aber am meisten liebte ich meinen Vater. Noch wohl erinnere ich mich aus jener Zeit, wie ich in halbkindischen Gedanken dachte, ich würde niemals heiraten, weil nie ein Mann mir teurer sein könnte als er. – Dann fanden sie ihn eines Tages mit durchschossener Stirn im Schafstall. Eine Stunde zuvor noch hatte er mit der Mutter und mir gescherzt. Er war gern munter – so wie ich jetzt auch gern lustig bin. Und dann fielen die Leute über uns her, er habe sie um ihr Geld gebracht. sein Bruder aber, ein gefühlloser Mann, dem der Verlust die Gerechtigkeit nahm, sagte dies Wort von ihm: »Lump!« Lieber, in dem Augenblick ist etwas in mir zerbrochen, das nie wieder heil geworden. Irgendwie ist seitdem das gesunde Gleichgewicht in mir verrückt, und damals auch kam mir zum erstenmal der Wille zum Tod. Nicht so klar, wie er mich jetzt manchmal erschreckt, wo ich den giftgrünen, schäumenden Fluß nicht ansehen kann ohne die Vorstellung, wie schnell ein Sprung dahinein wirken würde. Es war mehr noch ein Gefühl als ein Gedanke, und ich ging den seltsamen Weg, den ich wählte, ohne recht zu wissen, daß ich zum Sterben gehen wollte: Ich hungerte. Es tat nicht weh. Es war ein langsames Absterben der Organe, die immer matter ihre Arbeit taten, ein sanftes Einschlafen aller Kräfte. Monatelang. Niemand begriff, was mir fehlte. Ich aber sah mit einer süßen Genugtuung, einer müden Freude auf das Ende, mich von Woche zu Woche schwächer werden. Bloß ein Zufall hat damals verhindert, daß es bis an das Letzte kam. Wir mußten fort von dem Gut, in die Stadt, und da, noch fremd, ward meine Mutter krank. Ich hatte den Rest meiner Kräfte für ihre Pflege nötig, und in der Sorge um sie erlosch meine Sehnsucht. Zwei, drei Jahre, dann schlief sie. Ich fand den Mann, der mein Schicksal war, soweit Liebe unser Schicksal bedeutet. Aber es war eine Liebe ohne Hoffen von Anfang an. Sie nährte sich an dem verstohlenen Genuß von des Geliebten Nähe, von unbeachtetem Nachblicken, von heimlichen Küssen auf die Gegenstände, die er berührt hatte. Und eines Tages wurde selbst dieses karge, qualvolle Glück Diebstahl an dem Recht einer andern. Und da – wie ein Blitz – stand das Verlangen nach dem Nichtmehrsein wieder auf. Und ich merkte: es war nie gestorben. Es war bloß eine Zeitlang untergetaucht. Aber wie manchmal ein Begriff sich in unserer Seele klärt, ohne daß wir bewußt daran denken, so daß er am Morgen beim Erwachen deutlicher dasteht als am Abend zuvor, so war der dunkle Trieb von damals jetzt ein bewußtes Wollen. Ich konnte kaum erwarten, es auszuführen. Mit einer süßen Verheißung lockte die Tat. Ich hatte das Glas schon am Munde, fühlte das Gift schon fast an den Lippen – in meiner Seele war so viel Licht, daß alles um mich her davon verklärt war – da fiel mir meine Mutter ein. Wie grausam es wäre, ihr auch das noch anzutun. Noch einmal war das Leben stärker. Das Glas flog durchs Fenster. Nie habe ich einer größeren Versuchung widerstanden, nie ein schwereres Opfer gebracht. – Dann kam eine lange Zeit, Jahre, von denen ich nichts weiß, als daß sie farblos waren. Aber dann fand ich dich. Ich weiß noch, wie wir über den See fuhren, in einem kleinen Dampfboot mit fröhlichen Menschen. Und wie ich dann allein mit dir im Walde ging, der dunkel und heimlich war nach der Helle draußen. Alles, was damals war, weiß ich noch. Wie du den Käfer aufhobst, der auf dem Rücken zappelte, und wie deine Hand stützte, als sie mir über den Graben half. Und was du sagtest. Von dem Elend der Gottverlassenheit, das auch du kennen gelernt, und von der Seligkeit des Wiederfindens in unseren tüchtigen Taten. Es ging ein Wille zum Leben von dir aus, daß er auch anderen Kraft gab, und man gleich hätte Hand anlegen mögen an alles, was da wachsen und werden wollte. Lieber, es ist nicht Verliebtheit, was mich zu dir hinzieht. Es ist der Trieb der Selbsterhaltung, das Verlangen des Schwachen nach einem starken Halt. Aber nun bist du solange schon fort, der Ton deiner Stimme ist in mir verklungen, dein Bild wird blasser in meiner Seele, und dein Wesen beginnt seine Macht über mich zu verlieren. Und tief drinnen wächst wieder die müde Traurigkeit. Mutter aber ist tot. Ich will immer Lachen jetzt und laute Bewegung. Ich fürchte mich, die Stimme der Stille zu hören. Aber wenn sie doch wach und laut wird – – Komm bald, du Guter. Sieh', der Schnee schmilzt, und der Fluß rast wie ein wildes Tier. Mir graut, wenn ich ihn ansehe, daß es mich fassen könnte. Ich möchte so gern noch ein wenig glücklich sein. Und vielleicht ist dies auch die Heilung für meinen kranken Gedanken: ein wenig Glück. Ich habe noch keines genossen, und Glück, wenn es auch kurz wäre, ist nötig in ein Menschenleben wie das Unglück. Ohne diesen einen Tropfen verdirbt es. Komm. Sei du dies rettende Tröpflein. Aus »London, Stimmungen und Bilder« Den Empfänglichen wird London vertiefen, wie stärker vielleicht nur noch eine große Liebe vertieft. Von allen Regungen der Seele aber entwickelt es am vollsten das Leiden an der Welt. Geschichte, Kunst, selbst der gewaltige Handel, mir scheint, alles dieses tritt in London zurück vor dem rein Menschlichen. Die Wirkung Londons ist Schmerz, jener Schmerz, der Trost in der Steigerung der Güte sucht, solches ernste Erziehungswerk aber vollbringt es, indem es immer und immer wieder seinen Ernst vorführt. London ist imponierend; es besitzt unermeßliche Reichtümer; es ist vornehm an vielen Stellen; es bietet in seinem äußeren Bilde sogar zuweilen Stimmungen von einem artistischen Reize, wie man ihn hier kaum vermutet. Aber es ist nie und nirgendwo heiter. Stets ist etwas Verhaltenes in seinen Lebensäußerungen und etwas Temperiertes in der Art seiner Bewohner. Nichts aber vermöchte dieser eigentümlichen Schwere einen treffenderen Ausdruck zu geben als die leichten Nebel seiner Winter. Wie zu Paris die lachende Frühlingssonne, so stimmen zu London die dünnen Nebel. Sie sind sein künstlerischer Stil. Es ist, als sei das Wesen der Stadt aus ihnen geboren, und sie wird in diesem Zusammenklang von Wesen und Stimmung unsagbar schön. Wenn an den Wintertagen die Dämmerung schon um drei Uhr hereinbricht und es auch um Mittag nicht Tag wird. Wenn der bläuliche Dunst sich auf den leise zitternden, matt bleifarbenen Glanz der Themse herabsenkt, Möwen mit schwerem Schlag darüber streichen und Scharen von Möwen auf den verankerten Lastkähnen sitzen. Wenn das Wasser bei der Flut schwillt – wie eine Brust, die ein Seufzer hebt – und gegen die Terrasse des Parlamentsgebäudes schlägt: das ist, als ob die ernste Stadt der Tat sich einhülle und zurückziehe zu noch ernsterer Betrachtung. Alle Türme und Kuppeln verdämmern. Alles Unharmonische löst sich in zarte Stille. Die Waterloo-Brücke steht mit den Wölbungen ihrer steingrauen Bogen dunkel verschwimmend in der perlfarben sich verdichtenden Feuchtigkeit; über die Brücke gleitet das Leben wie ein bewegliches Schattenspiel auf einem Hintergrund aus mattgrauer Seide. Das Parlamentsgebäude, sonst so straff dastehend mit seinen vielen senkrecht eng nebeneinander aufstrebenden Linien, im Aeußern wie im Innern die strenge Würde seiner Bestimmung zeichnend, und – obwohl nicht alt – wie erfüllt von einer furchtbar düsteren Geschichte – selbst dieser starre Bau erhält Weichheit im Nebel. Fahl blinkt hinter einem seiner zahllosen Fenster ein gelbes Licht. Oder ein Bild von weiter unten am Flusse, in Greenwich. Auf dem grünen Hügel ragen die gelben und roten Kuppeln der Sternwarte in der Lautlosigkeit des menschenleeren Gartens in dem weißlichen Dunst wie eine Gralsburg oder wie sonst ein fremdländisches Heiligtum; wie die gaukelnde Erscheinung einer morgenländischen Stadt. Die blätterlosen Bäume des Parks stehen im Nebel wie losgelöst in trauernder Einsamkeit, wie weit entrückt dem brausenden Lärm, der doch hart an die Parkgitter schlägt. Auch in der Stadt ist es sehr schön alsdann, besonders am Abend. Aus der Ferne scheint es, als wüte die prächtigste Feuersbrunst in den Straßen: die unendlich vielen Lichter durchleuchten den Nebel, daß er über den Häusern rötlich glüht wie der Widerstrahl eines gewaltigen Brandes. Aber immer nur in der Weite winkt dieser Schein. Ueber dir ist Dunkel. Die Lichter strahlen nicht; sie scheinen nur helle Flecken ohne Wirkung – seltsam körperlich in ihrem verschleierten Glanz. Sie stecken wie große, bläuliche Monde auf hohen Pfählen. Sie bewegen sich mit den Fuhrwerken. Sie umrahmen, Flämmchen bei Flämmchen, die Eingänge der Restaurants, bilden Schriftzeichen, wechselnd in der Farbe, bald rot, bald grün. Alle sie erhellen die Straße nur bis zu einer geringen Höhe über dem Boden. Darüber ist Dämmerung, im Uebergang zu undurchdringlicher Finsternis. Die schwärzlichen Paläste, heller an den Stellen, wo der Regen das verrußte Gestein gewaschen hat, lösen ihre schweren Mauern und Säulen in gestaltlose Dunkelheit auf. Die Straße scheint wie ein Schacht, der in gräuliche, starrende Nacht gebaut ist; auf seiner Sohle, die von Leben wimmelt, suchen Tausende die tröstende Nähe der Menschen und des Lichtes. London ist so grotesk, daß dem verwirrten Sinn alle Wirklichkeit zu grotesken Phantasien wird. Man sollte denken, daß dies zu erleben in London kaum möglich ist: Ueber Rasen, durch einen stark, unter alten, knorrigen Bäumen her, bin ich zum Fluß hinabgegangen. Einst lag dieser Ort weit draußen, ein Dorf, und seine Kirche, Chelsea Old Church, wölbt sich über den Gräbern großer Männer, die vor Jahrhunderten hier die Einsamkeit suchten. Später ward er der Sammelplatz der glänzenden Welt, der Vornehmen und der Leichtfertigen und der Betrachtenden, Dichter und Maler, die in dem bunten Schauspiel sinnend den Abglanz des Gebens sahen. Einst lag hier Ranelagh, der berühmte Lustgarten mit seiner Rotunde, wo das üppige England Georgs II. die Sitten von Paris nachahmte. Dann wieder ist Chelsea in Stille gesunken, obwohl die Stadt herangekrochen ist und es umschlungen hat mit ihren steinernen Armen. Viele Gelehrte und Künstler haben hier Wohnung genommen. In einer stummen Straße steht das Haus, in dem Carlyle schuf und Emerson sein Gast war. Zwischen der Kaimauer und dem Fahrdamm, an dem die roten Backsteinhäuser liegen – ihr einziger Schmuck sind die schmiedeeisernen Gitter der Vorgärtchen – ist eine Gartenanlage. Auf den gewundenen Wegen gehen keine Leute, und die Bänke stehen leer. Ich setze mich neben einen Brunnen, über dem ein Bildwerk, ein feierlicher Männerkopf sich neigt, und betrachte das Haus vor mir, das, wenig breiter als seine Nachbarn, mit geschlossenen Augenlidern, weißen, geschlossenen Fensterläden, hinter blanken Fensteraugen, dasteht. Ich weiß nicht, ob das Haus niemandes Wohnstätte ist, oder ob die Bewohner es für kurze Zeit verlassen haben. Aber ich danke dem Zufall, daß er mir keine fremden Gesichter hinter den Scheiben zeigt. Daß er mir den Traum läßt, das leere Haus mit denen zu beseelen, die einst über seine Schwelle gingen. Mit Menschen, hoch begnadeten, deren Leben ein Lied der Schönheit war. In diesem Hause blühte die edelste Freundschaft zwischen feinen, zarten Geistern. Hier wohnte das Andenken an die süßeste Liebe. Hier verklärte sich die zehrendste Sehnsucht nach einer Gestorbenen – jener kranken Frau mit dem verzückten Lächeln – zu einem Frauenbilde, das wie das Symbol aller schmerzlichen Wollust auf Erden ist: Denn in diesem Hause wohnte Dante Gabriel Rossetti. Mich erhebend, den Brunnen mit dem Rossetti-Bildnis verlassend, gehe ich in feierlichem Sinnen hinüber an den Fluß. Die Sonne ist mit braunrotem Glanz in die Themse gesunken. Die dicke, kohlenstaubdurchsetzte Luft von London machte aus dem ätherischen Licht eine schwere, materielle Substanz. Und wieder ist ein fahles, wässeriges Grau zurückgeblieben und verwandelt mir das Wasser in den stillen Strom des Todes, der in das Reich der Schatten führt. Aber es scheint mir, daß ich dieses Bild, das ich hier zum ersten Male betrachte, längst kenne: das dünne Gestänge der Hängebrücke, der schmale, eiserne Pfeiler im Wasser, schwimmend im Nebelgrau. Bis ich mich besinne: Whistler hat das gemalt; seine Battersea-Brücke hängt in der Tate-Galerie. Erfüllt von dem Reichtum dieser Stunde, glücklich in der gefühlten Nähe verehrter Großer, die vor mir hier das gleiche empfanden, wende ich mich heimwärts, bewegt wie nach dem herrlichsten Erlebnis.   Biographische Notizen Baum , Peter, geboren 30. September 1869 in Elberfeld, war in Berlin und Leipzig Buchhändler und besuchte dann die Universität in Berlin; lebt in Berlin-Halensee. Gedichte: Gott und die Träume 1902, Roman: Spuk 1905. * Bayer , Joseph, Dr., geb. 11. März 1867 zu Köln, lebt dort als praktischer Arzt. Gedichte: Ueber den Sternen 1907. * Beckmann , Karl, Dr., geb. 24. Februar 1882 zu Köln; lebt in seiner Vaterstadt. * Bewer, Max, geb. 19. Januar 1861 in Düsseldorf als Sohn des Historienmalers Prof. Clemens Bewer, lebt als freier Schriftsteller in dem Dorfe Laubegast bei Dresden. Gedichte 1895; Lieder aus der kleinsten Hütte 1895, 2. Aufl. 1908; Ein Goethepreis 3. Aufl. 1900; Xenien, Sprüche und Gedanken 1900; Lieder aus Norwegen 1903; Künstlerspiegel 1905; Göttliche Lieder 1905; Vaterland 1906; Der deutsche Christus 1907; außerdem viele politische Schriften. * Bloem , Walter, geb. 20. Juni 1868 in Elberfeld, absolvierte das Gymnasium seiner Vaterstadt, studierte Philosophie, Geschichte und Jurisprudenz 1886, bis 1890 in Heidelberg, Marburg, Leipzig, Bonn; 1890 Referendar und Dr. jur., 1895 bis 1904, Rechtsanwalt in Barmen, seitdem freier Schriftsteller in Berlin. Dramen: 1899 Uraufführung von Caub am Königl. Schauspielhaus Berlin, ebendort 1902 Schnapphähne; 1903 Stadttheater Köln Es werde Recht; 1905 Jubiläumsbrunnen, Leipziger Schauspielhaus; 1907 Der neue Wille, Sonderaufführung Lustspielhaus Berlin. Romane: 1906 Der krasse Fuchs, 2. Aufl. 1907; Der Paragraphenlehrling 1908, 6. Aufl.; demnächst erscheinen die Romane Das lockende Spiel und Sonnenland. * Boelitz , Martin, geb. 10. Mai 1874 zu Wesel a. Rh als Sohn des Pfarrers Dr. Paul Boelitz, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und wurde zunächst Kaufmann. Nach längerem Aufenthalt in Berlin und London widmete er sich in Genf, Köln, Düsseldorf und München literarischen Studien und lebt seit sechs Jahren als künstlerischer Leiter eines großen süddeutschen Verlages in Nürnberg. Werke: Aus Traum und Leben; Lieder des Lebens; London (sämtlich vergriffen) Frohe Ernte 1905; Ausgewählte Gedichte 1908; Schützenfest, Komödie 1908; Herausgeber mehrerer künstlerischer Jugendbücher. * Böhm , Hans, geboren 18. April 1876 in Köln, absolvierte das dortige Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, war bis 1906 in kaufmännischen Stellungen tätig und studiert seitdem Philosophie, Germanistik und Geschichte in Berlin, München und Bonn. Gedichte 1906. * Brandenburg , Hans, geb. 18. Oktober 1885 in Barmen, lebt in München-Schwabing. Werke u. a.: Lieder vom Weibe 1903; Münchener Blätter 1903; In Jugend und Sonne, Ged. 1904; Vom »neuen Weibe« 1904; Ged. Die Erde (mit Bonfels, Isemann und Vesper) 1905; Ged. Einsamkeiten 1906; Roman: Erich Westenkott 1906, 2. Aufl. 1907. * Bungert , August, geb. am 14. März 1846 in Mülheim a. d. Ruhr, lebt in Leutesdorf am Rhein und Cornigliano (Ligure). Werken u. a.: Liebe Siegerin, Musiklustspiel; Hutten und Sickingen, Festspieldrama 1888; Homerische Welt: Die Odyssee 1897 bis 1900; Herzblut, Ged. 1906. * Classen-Kehren , Bertha, Frau Generaloberarzt Dr. Classen, geb. 28. Dezember 1868 m München-Gladbach, lebt in Straßburg i. Els. Novellen: Rheinische Kinder 1901; Roman: Kurt Willinger 1905. * Dreesen , Gertrud, geboren 1883 zu Köln, lebt in Sinzig a. d. Ahr. * Dressen , Willrath, Dr. phil., geboren 14. Mai 1878 zu Norden in Ostfriesland, lebt in Bonn. Werke: Meer, Marsch und Leben, Ged. 1904; Eala freya fresena l Friesische Balladen 1905, 2. Aufl. 1906; Aus stillem Land, Ged. 1909; Ebba Hüsing, Roman 1909. * Eck , Miriam, (Käthe Sebaldt) geb. 25. August 1861 zu Trier, widmete sich anfangs der 80er Jahre der Malerei und studierte abwechselnd in Berlin und München und dann in Paris. Ein andauerndes Kopfleiden zwang sie, der Malerei zu entsagen. Verhältnismäßig spät fand sie den Weg, das, was in ihr lebte und zur Gestaltung drängte, in dichterischer Form zu geben. Lebt seit einem Jahre in Goslar i. Harz. Werke: Die jungfräuliche Frau, (ein sozialethisches Buch) 1900; Augusta Trevirorum (Skizzen und Bilder aus Trierischer Mappe) 1900; Herbst, Gedichte 1901; Marienlieder, 1902; Der klingende Berg, Nov. 1903; die Romandichtnng Peregrina, ein »Buch des Lebens«, 1905. * Engel , Heinrich, geb. 9. Januar 1878 zu Wormberg bei Drolshagen im Sauerlande, Priester seit 1901, Vikar in Willich bei Krefeld bis 1905, jetzt Rektor in Pingsdorf, Kreis Köln. * Eschelbach , Hans, geb. am 16. Februar 1868 in Bonn, war längere Zeit Schulmann in Köln, machte dann große Reisen und lebt jetzt als freier Schriftsteller in Bonn. Werke: Wildwuchs, Ged. 1893, 6. Aufl. 1907; Sommerfänge, Ged. 1900, 2. Aufl. 1906; Romane: Künstler, und Herrenkind, 1900; Der Volksverächter, 1905; Das Tier, 1906; Erzählungen 1902, 5. Aufl. 1906; Die beiden Merks, 1903, 10. Aufl. 1907; Novellen: Im Moor, 1903; Der Wasserkopf 1903; Liebe erlöst, 1904; Flügellahm 1904. Dramen: Antiochus 1897; Professor Berger 1903. * Etzel, Theodor, (Schulze) geb. 9. Januar 1873 in Gelnhausen, kam 1876 nach Kirchberg (Hunsrück), besuchte Gymnasium in Fulda und Bonn, 1892 Zivilsupernumerar bei der Landeshauptmannschaft der Rheinprovinz in Düsseldorf, 1897 bis 1898 Sekretär der Prov.-Arbeitsanstalt in Brauweiler, lebte dann unabhängig, zeitweise auch als Redakteur in Köln, Saarbrücken, Düsseldorf, Niederseelbach i. Taunus, Berlin, Groß Schönau i. S., Dresden u. a. O., zuletzt seit 1904 in und bei München, alljährlich auch mehrere Monate auf Reisen im Ausland. Werke: Ein Fabelbuch 1901 und Singwald 1901 (Märchen und Fabeln), beides mit H. Ewers; Tage des Lebens (Lyrik) 1904; Der Rohrspatz (Neue Fabeln) 1907; Fabeln und Parabeln der Weltliteratur 1906; Uebersetzung von E. A. Poes Ged. und von Lafontaines Vers-Novellen; Von Löwen und Lausbuben; Romane: Hinter dem Leben 1906; Die Affenstadt, gemeinsam mit Gisela Etzel 1908. * Eulenberg, Herbert, »geb. 25. Januar 1876 als Sohn wackerer und wohlhabender Eltern in Mülheim a. Rhein, wo er auch die Schule besuchte. Hernach verlebte er qualvolle Jahre auf dem Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, von Lehrern gequält, von den Mitschülern schlecht verstanden; der einzige lichte Punkt dort war der alte Direktor Jäger. Dann studierte er Jura und brachte es nach Besuch verschiedener Universitäten zum Referendar und Doktor juris. Reisen nach Italien trösteten ihn über diese unwillkommenen Würden. Endlich entschloß er sich ganz Dichter und Dramaturg zu werden und fühlt sich als solcher sehr wohl.« Werke: Dogenglück, Trauersp. 1898; Anna Walewska, Trauersp. 1899; Münchhausen, Schauspiel 1900; Leidenschaft, Trauerspiel 1901; Künstler und Katilinarier, Schausp. 1902; Ein halber Held, Trauersp. 1902; Kassandra, Dr. 1904; Ritter Blaubart, Schauspiel 1905; Ulrich, Fürst von Waldeck, Schausp. 1906; Der natürliche Vater, Lustsp. 1907; Novellen: Das Geheimnis der Frauen und Du darfst ehebrechen! 1908 und 1909. * Ewers, Hanns Heinz, »geb. 3. Nov. 1871 in Düsseldorf, ohne seine Schuld. Ebensowenig ist ihm eine Schuld deshalb beizumessen, daß er in kindlichem Unverstand Gymnasien und Universitäten besuchte, alle möglichen Examina machte und Jurist wurde. Später kam er dadurch halbwegs zur Vernunft, daß er sich vagabundierend in allen Erdteilen herumtrieb. Er ist Dr. juris, Kommandierender General der Haitianischen Negerrepublik mit dem Titel Excellenz, Duzbruder des am 4. März 1904 zu Chicago elektrocutierten Frauenmörders John Hollesby und Blutsbruder des Chacoindianerhäuptlings Matepe vom Stamme der Macà. Von seinen Werken empfiehlt er die Bücher »Das Grauen« und »Die Besessenen« der * kommenden Generation, die heutige ist im allgemeinen zu dumm dazu.« Von den übrigen Werken sei hinzugefügt: Ein Fabelbuch (mit Etzel) 1901; Der gekreuzigte Tannhäuser 1901; Singwald (mit Etzel) 1901; Hochnotpeinliche Geschichten 1902; Die verkaufte Großmutter 1903; C. 33 und anderes 1904; Die Ginsterhexe 1905; ferner Essays, Uebersetzungen und Sammelwerke. * Falckenberg, Otto, geb. 5. Oktober 1873 in Koblenz, besuchte Realgymnasium Koblenz und Universitäten Berlin und München; lebt als Schriftsteller in München-Bruck. Mitbegründer des Goethebundes, Gründer der »Elf Scharfrichter«. Werke: Modellstudien, Nov. 1893; Morgenlieder, Ged. 1899; Der Sieger, Dr. 1901; Doktor Eisenbart, Kom. 1907; Ein deutsches Weihnachtsspiel 1908; Schillers Dramaturgie 1909. * Fassbinder Josef, geb. zu Trier 11. September 1883, lebt in Brühl bei Köln. Herausgeber: Musenalmanach Bonner Studenten 1908. * Ferdinands, Karl, (Pseudonym für Carl Ferd. v. Vleuten), geb. 20. Oktober 1874 zu Bonn, besuchte dort das Gymnasium, studierte in Bonn und München Medizin; lebt als Psychiater in Berlin. Werke: Frauenlob 1898, ein Heft Lieder; Ri Ra Rutsch, ein Kinderbuch, 1903; Im Sonnergarten, gleichfalls ein Kinderbuch 1905; Vernichter und Vernichtete, ein Band Erzählungen 1906; Bruder Lustig, ein Kinderbuch 1907; Die Pfahlburg, eine rheinische Steinzeiterzählung, Normannensturm, eine Eifelgeschichte und Heinz Sausebraus' Himmelfahrt, ein Luftschifferbilderbuch, 1908. Außerdem zahlreiche Lieder, Novellen und Aufsätze künstlerischen und wissenschaftlichen Inhalts in Zeitschriften und Sammelwerken. * Francke-Roeling, Charlotte, lebt in Köln a. Rh. Lyrische und novellistische Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften. Ged. Die Rosenkette 1906; Der Assistent, Schwank 1906; herauskommen werden 1909 Genarrte Narren, Fastnachtsspiel, ferner eine Sammlung anderer Arbeiten. * Friedrichs, Hermann, geb. 14. Juni 1824 in St. Goar, sollte zunächst Kaufmann werden, studierte später Kunst, Literatur, Geschichte und Philosophie in Zürich und übernahm Ende 1884 die Leitung des Schwannschen Magazins für Literatur des In- und Auslandes in Leipzig. Friedrichs lebte dann von Mitte 1886 bis Anfang 1894 abwechselnd in Sizilien, Dänemark und der Schweiz, seitdem in St. Goar. Werke: Die Rache der Bajadere, Ep. Lyr. D. 1880; Erloschene Sterne, Dicht. 1885; Gedichte 1885; Margarete Menkes, Roman, 1885; Lebensbilder, Dicht. 1887; Liebeskämpfe, Nov. 1888, 2. Aufl. 1894; Gestalten und Leidenschaften, Dichtg. 1889; An der Pforte der Zukunft 1889; Die Sizilianerin, Dr. 1891; Chryssoulas Liebe, Dr. 1893; Streiflichter, Ged. 1894; Lola Kramer, Dr. 1895; Die Erlöserin, Dr. 1895; Vor dem Streik, Dr. 1895; Verwirktes Glück, Dr. 1898; Ges. Werke 1899. * Fusbahn, Franz, geb. am 13. November 1881 in Düsseldorf, lebt in Düsseldorf. Gedichte: Lieder eines Menschen 1905. * Greeven, Erich A. geb. 6. Dezember 1880 in Zürich, lebt in Bonn. Erschienen als Privatdrucke: Gedichte 1902; Präludien 1905. »Die Werke sind vergriffen und im Buchhandel nicht erhältlich. Ein Neudruck wird nicht veranstaltet. Der Verfasser hat seit 1905 nichts Eigenes mehr veröffentlicht und seit zwei Jahren auch jede kritische Tätigkeit eingestellt.« * Hack, Heinrich, geb. 1856 zu Köln, seit 1876 Lehrer und seit 1891 Rektor in seiner Vaterstadt. Vollendete das Hönigsche Wörterbuch der Kölner Mundart und verfaßte Operetten und Gedichte in der Mundart. * Haendler, Otto, geb. 22. Oktober 1851 zu Frankfurt a. M., hat das dortige Gymnasium besucht, dann die Rechte studiert in Heidelberg, Palermo und Berlin, stand im Justizdienst von Mitte Oktober 1874 bis 1. April 1901 in Wiesbaden, Berlin, Rügenwalde, Mülheim a. Rh., Koblenz, wo er als Landgerichtsrat seinen Abschied nahm und seinen Wohnsitz behielt. Hat veröffentlicht: Rosen und Dornen, Ged. 1879; Neue Xenien, von einem deutschen Philister 1891; Herbst, Ged. 1905; Die Schwestern, Dr. 1905. Uebersetzungen: Verlaine, Ged. 1908; Carducci, Ged. 1904; Fogazzaro, Ged. 1908. * vom Hag, Julius, (Pseudonym für Julius Bösser), Privat-Bergwerksdirektor a. D. in Köln, geb. 8. Juli 1842, empfing in seiner Jugend humanistischen Unterricht und dann eine höhere mathematisch-naturwissenschaftliche und technische Bildung und wandte sich der Berglaufbahn zu. Zurzeit bereitet er eine Auswahl seiner seit 1861 erschienenen in Tagesblättern, Zeitschriften und Anthologien zerstreuten Dichtungen vor. Werke: Nouveau Parnasse franc. 1880; Poètes Contmporains 1881; Don Juan in der Klemme, Lustsp. 1882; Language des fleurs 1885; Das Wunder von Salerno, Schausp. 1905. * Hamecher, Peter, geb. 20. Januar 1879 in Lechenich; veröffentlichte außer literarischen Aufsätzen, die in Zeitschriften und Zeitungen verstreut sind, ein Versbuch Gedächtnis , 1908: »Weiteres zu veröffentlichen liegt nicht in meiner Absicht. Das Buch ist ein Abschluß.« * Hardung, Victor, Dr. phil., geb. 3. November 1861 zu Essen, lebt als freier Schriftsteller in St. Gallen. Im Buchhandel sind von ihm zu haben: Sälde, eine dramatische Dichtung; Kydigg, ein Lustspiel; Seligkeiten, acht Legenden; Die Brokatstadt, ein Roman. – Früher sind erschienen: Die Kreuzigung Christi, Kirchendrama 1889; Sonnwendfeuer, Lieder 1891; Lieder zweier Freunde (mit Hermann Stegemann); Königsrosen, Erz. 1898; Die Wiedertäufer in Münster, Trauersp. 1895; Fortunatus, Trauersp. 1895; Uhasvera, Schausp. 1895; Im Reigen, Ged. 1896. * Herbenau, Heinz, (Pseudonym für Heinrich Gotzes) wurde geboren am 25. Oktober 1877 auf Haus Herb bei Dremmern (Kreis Heinsberg) und übersiedelte in jungen Jahren nach Krefeld. Nach Beendigung seiner Gymnasialstudien trat er in das Noviziat der Gesellschaft der Priester vom Herzen Jesu in Sittard ein, machte seine theologischen Studien an der theologischen Fakultät in Luxemburg und wurde 1905 zum Priester geweiht, war einige Jahre Professor für Literaturgeschichte in Sittard und wirkt jetzt als Religionslehrer in Eichwald bei Teplitz in Böhmen. Aus seiner Feder erschienen in verschiedenen Zeitschriften wissenschaftliche Abhandlungen, literarhistorische Aufsätze. 1907: Die Tiersage in der Dichtung. * Hermanns , W., geb. 22. August 1885 in Aachen, lebt in seiner Vaterstadt. Gedichte: Leuchtende Tage 1905. * Herold , Theodor, Schulrat, Professor Dr., geb. 30. Dezember 1871 in Herzfeld in Westf., studierte in Münster i. W., Berlin, Paris, Genf, veröffentlichte die episch-lyrische Dichtung Gretchen, ein Sang aus der Zeit der Freiheitskriege 1895, 9. und 10. Aufl. 1909; Du und ich, ein Liederbuch für stille Menschen, 1902, 2. Aufl. 1908; Friedlich August Clemens Werthes und die deutschen Zriny-Dramen, biographische und quellenstatistische Forschungen 1897; Moderne Literatur und Schule 1907, 2. Aufl. 1908; Das Lied vom Kinde, 1909. Lebt in Düsseldorf. * Herzog , Rudolf, geb. 6. Dezember 1869 zu Barmen, besuchte dort die höheren Lehranstalten, verlebte die schönsten Jugendjahre in Düsseldorf. Zum Farbentechniker bestimmt, sattelte mit 21 Jahren um und ging zum Studium nach Berlin. Mit 28 Jahren Chefredakteur der Hamburger Neuesten Nachrichten, mit 30 Jahren Feuilleton-Redakteur der Berliner Neuesten Nachrichten. Zeit 1904 freier Schriftsteller, wohnhaft im Winterhalbjahr in Berlin, im Sommerhalbjahr auf der Oberen Burg zu Rheinbreitbach a. Rh. Werke: Romane: Das goldene Zeitalter 1899, 6. Aufl.; Der Adjutant 1900, 6. Aufl.; Der Graf von Gleichen 1901, 10. Aufl.; Die vom Niederrhein, 1903, 20. Aufl.; Das Lebenslied 1904, 26. Aufl.; Die Wiskottens 1905, 50. Aufl.; Der Abenteurer 1907, 30. Aufl.; in Vorbereitung: Hanseaten. Novellen: Der alten Sehnsucht Lied, 1906, 7. Aufl. Gedichte: Gedichte 1903, 2. Aufl. Dramen: Die Condottieri, Schausp. 1905, 2. Aufl.; Auf Nissenskoog, 1907, 2. Aufl. * Hückinghaus , Karl August, Dr. phil., geb. 29. September 1861 zu Remscheid, studierte in Bonn und Berlin Staatswissenschaften. Er lebt als Direktor in Elberfeld. Gedichte 1889. * Idel , Wilhelm, geb. 6. Januar 1849 zu Wiehl, Kreis Gummersbach, war Lehrer in Dickhausen und Düren bis Herbst 1871, Hilfslehrer am Kaiserlichen Lehrerseminar in Metz bis Ostern 1874, zu seiner weiteren Ausbildung in England und Frankreich bis August 1875, Lehrer der höheren Bürgerschule in Hörde bis Juli 1880 und seitdem Rektor der höheren Stadtschule in Wermeskirchen, Bez. Düsseldorf. Veröffentlichte außer kleineren Schriften Gestalten und Bilder, Dichtungen 1900; Irmgard von Berg, dramat. Ged. 1903; Welt und Leben, neue Ged. 1908. * Jörg, Paul, (Pseudonym für Paul Boeddinghaus) geb. 2. März 1877 zu Elberfeld. Werke: Chrysanthemenblätter, Dicht. 1903; Spielmannsträume, 1909. * Jüngst, Hugo C., geboren in Essen am 7. November 1871, lebt in Düsseldorf-Eller. verfaßte: Herzblut, Ged. 1892; Sudermann oder Liliencron? 1893, 2. Aufl. 1899; Seelenakkorde, Ged. 1895; Los von Berlin! Zur Ueberwindung des Berlinertums in der zeitgenössischen Literatur 1899, 3. Aufl. 1902; Marksteine des Lebens, Nov. 1902; Die Furcht vor dem Kinde, 1892, 2. Aufl. 1903; Flammenzeichen, Zeitged. 1903. * Kaiser, Emil, geb. 8. Oktober 1868 in Köln-Ehrenfeld, lebt in Köln. Her. ausgegeben an dramatischen Arbeiten: Johann der Bildner 1898; An der Grenze, 1902; Das Denkmal 1905; Romane: Nicht schlecht 1898; Die Alten und die Jungen 1899; Karneval 1906, 15. Aufl. 1906; Abwege 1907; Ines 1908; Kölner Skizzenbuch 1908. * Kiesau, Georg, geb. 1. Dezember 1881 zu Königsberg; lebt als Schauspieler in Köln. Gedichte: Spielendes Licht 1906. * Kiesgen, Laurenz, geb. 3. Dezember 1869 zu Köln, Mittelschullehrer in Köln, verfaßte: Maisegen, Ged. 1904; Heinrich v. Kleist 1901; Martin Greif 1905; Charakterbilder zur Kunst und Literatur 1908; Gelegenheitsschriften und Festspiele, Texte zu Cantaten. * Kneip, Jakob, geb. 14. April 1881 zu Morshausen (Hunsrück), besuchte das Gymnasium in Koblenz, studierte Germanistik und neuere Sprachen auf den Universitäten Bonn und London und ist jetzt am Kgl. Gymnasium in Fulda tätig. Werke: Wir Drei, Gedichtbuch (mit Winckler und Vershofen) 1904. * Kollbach, Karl, Schulrat, geb. 5. Oktober 1858 zu Mülheim a. Rh. als Sohn eines Kaufmanns, wirkte nach Absolvierung der Realschule eine zeitlang im elterlichen Geschäft, trat dann in ein Lehrerseminar und besuchte als Hospitant die Hochschule zu Bonn, wo er sich naturwissenschaftlichen Studien widmete, wurde Lehrer am Städt. Realgymnasium zu Bonn und lebt seit 1894 als Kreisschulinspektor in Remagen. Als Frucht seiner Studien und Reisen liegen außer zahlreichen Abhandlungen in der Fach- und Tagespresse folgende selbständigen Werke vor: Naturwissenschaft und Schule, eine Methodik der gesamten Naturwissenschaft, 3. Auflage; Europäische Wanderungen; Rheinisches Wanderbuch, 2. Aufl.; Bilder vom Rhein, 2. Aufl.; Wanderungen durch die deutschen Gebirge, 3 Bd.; Aus der Alpenwelt; Deutscher Fleiß, Wanderungen durch die Fabriken, Werkstätten und Handelshäuser Deutschlands; Gedichte. * Kretzmann, Friedrich Karl, Dr. jur. utr., geb. 19. Juli 1874 in Elberfeld, studierte in Hannover Bauingenieurwesen, in Berlin und Bonn Philosophie und Jurisprudenz und lebt als Amtsrichter in Ortelsburg (Ostpr.) Er gab heraus: 1896 Gedichte, 2. Aufl. 1900; 1902 Neue Gedichte. * Langewiesche, Wilhelm, 1866 in Barmen geboren, besuchte das Gymnasium zu Gütersloh, lebte als Buchhändler in Wiesbaden, Halle, Leipzig und Breslau, trat 1893 als Teilhaber in die Buchhandlung seines Vaters in Rheydt (Bez. Düsseldorf) ein, 1903 als literarischer Beirat in die C. H. Becksche Verlagsbuchhandlung in München, begründete 1906 in Düsseldorf die Verlagsbuchhandlung Wilhelm Langewiesche-Brandt und siedelte 1907 nach Ebenhausen bei München über. Er veröffentlichte: 1894 Im Morgenlicht (Verse); 1902 anonym Frauentrost (Gedanken für Männer, Mädchen und Frauen); 1904, Planegg (Verse) 1905 ... und wollen des Sommers warten (Verse); 1906, unter dem Pseudonym Ernst Hartung, Alles um Liebe (Goethes Briefe I.) 1907 Vom tätigen Leben (Goethes Briefe II.). * Lauff, Josef, Major a. D., geboren am 16. November 1855 in Köln, lebt in Wiesbaden, im Sommer Haus Krein bei Cochem a. d. Mosel. Verfaßte: Jan von Calker, Dichtg. 1887, 2. Aufl. 1892; Der Helfensteiner, Dichtg. 1889, 3. Aufl. 1896; Die Overstolzin, Dichtg. 1891, 5. Aufl. 1900; Die Hexe, Rom. 1892, 6. Aufl. 1900; Klaus Störtebecker, Dichtg. 1893, 3. Aufl. 1895; Regina coeli, Rom. 1894, 7. Aufl. 1904; Inez de Castro, Tr. 1894, 3. Aufl. 1895; Die Hauptmannsfrau, Rom. 1895, 8. Aufl. 1903; Der Mönch von St. Sebald, Rom. 1896, 5. Aufl. 1899; Herodias, Dichtg. 1897, 2. Aufl. 1898; Lauf ins Land, Ged. 1897, 4. Aufl. 1902; Der Burggraf, histor. Schausp. 1897, 6. Aufl. 1900; Der Eisenzahn, histor. Schausp. 1899, 2. Aufl. 1902; Advent, Erz. 1899, 4. Aufl. 1900; Rüschhaus, Dr. 1899; Vorwärts, Dr. 1899; Die Geißlerin, ep. Dichtg. 1900, 4. Aufl. 1902; Kärrekiek, Rom. 1902, 8. Aufl. 1903; Der Heerohme, Dr. 1902, 2. Aufl. 1903; Marie Verwahnen, Rom., 3. Aufl. 1904; Pittje Pittjewitt, Rom. 1903, 14. Aufl. 1907; Frau Aleit, Rom. 1905, 11. Taus. 1906; Gotberga, dram. Ged. 1907; Der Deichgraf, Dr. 1907; Die Tanzmamsell, Rom. 1907; St. Anne, Rom. 1908. * zur Linde, Otto, Dr. phil., geb. 26. April 1873 in Essen (Ruhr), besuchte Realgymnasium Scholke bei Gelsenkirchen, die Universitäten Halle, Berlin, Freiburg i. Br., studierte Germanistik. Es folgte ein dreijähriger Aufenthalt in London, dort Studien am Britischen Museum; dann Schriftsteller in Charlottenburg bei Berlin, zuletzt Großlichterfelde. Gründer und Herausgeber der Monatsschrift Charon. Werke: Gedichte, Märchen und Skizzen 1901; Fantoccini 1902; K. Ph. Moritz, Reisen eines Deutschen in England 1903; Die Kugel, eine Philosophie in Versen, 1906. * Mayer, Max, geb. 18. August 1881 zu Kempenich, Kr. Adenau, Lehrer in Lechenich bei Köln, gestorben am 20. Januar 1909. Ged. Aus des Lebens Rätselweiten 1903; In der Stille 1906. * Mertens, Hans Willy, geb. 26. Mai 1866 in Spich (Rheinland), besuchte das Gymnasium in Siegburg, widmete sich erst dem Kaufmannsstande, studierte dann in Bonn, ließ sich bis 1900 in Köln als Privatlehrer nieder und lebt jetzt als Hauptlehrer in Weiden bei Köln. Werke: Lieder der zweiten Frau, 1887; Leben und Lieben am Rhein 1893, 3. Aufl. 1904; Meine Schule 1906, 2. Aufl. 1907; Des Heilands Erdenwallen, 1908; Goldene Kindheit, 1908. * Moos, Josefine, (Pseudonym Martha Braunfels) geboren in Koblenz, lebt in ihrer Vaterstadt. Ged.: Junge Liebe. Mitarbeiterin verschiedener Zeitschriften. * Morsbach-Hartstein, Marie, Frau Landgerichtsdirektor Morsbach, lebt in Oberkassel bei Düsseldorf. Ged.: Meer Heide Heim, 2. Aufl. * Niessen-Deiters, Leonore, geb. am 20. November 1879 als Tochter des Malers Heinrich Deiters zu Düsseldorf; ursprünglich als Malerin ausgebildet, widmete sie sich erst seit 1903 dem Schriftstellerberuf. Die Mehrzahl ihrer Arbeiten erschien zuerst in der Presse, jetzt werden sie gesammelt und in Buchform herausgegeben. 1907 erschienen Die Leute mit und ohne Frack, 1908 Mitmenschen. * Paquet, Alfons, geb. 26. Januar 1881 in Wiesbaden, lebt in Frankfurt a. M. Werke: Lieder und Gesänge 1902; Auf Erden 1905, 2. Aufl. 1908. * Peickert-Graefinghoff, Erna, geb. 23. Januar 1880 zu Dortmund. Ged. 1907. * von Perfall, Karl Freiherr, geb. am 24. März 1851 zu Landsberg am Lech, stammt aus altbayrischem Adelsgeschlecht, verlebte seine Kindheit auf dem Familiensitze Greifenberg am Ammersee und besuchte später die höheren Gymnasialklassen in München, während seiner Studienzeit an der Münchener Universität begann seine schriftstellerische Tätigkeit, der er, als er nach abgelegtem juristischen Staatsexamen München den Rücken wandte und sich in Dresden, Wien, Genf und Paris aufhielt, für immer treu geblieben ist. Er wurde dann Redakteur der Düsseldorfer Zeitung und wirkt seit 1886 als Kunstkritiker an der Kölnischen Zeitung. Er hat folgende Werke herausgegeben: Münchener Bilderbogen, Humor. 2. Aufl. 1877; Wintermärchen, Novelle 1879; Vornehme Geister, Rom. 1883; Wanda, Schausp. 1883; Heirat des Herrn von Radenau, Nov. 1884; Vicomte Bossu, Nov. 1885, 2. Aufl. 1890; Langsteiner, Rom. 2. Aufl. 1886; Ein Verhältnis, Rom. 9. Aufl. 1901; Die fromme Witwe, Rom. 1889, 2. Aufl. 1890; Natürliche Liebe, Erz. 1890; Verlorenes Eden – heiliger Gral, Rom. 1894; Das Königsliebchen, Rom. 1895, 5. Aufl. 1901; Sein Recht, Rom, 1897, 4. Aufl. 1901; Damals, Rom. 1899; Der schöne Wahn, Rom. 1901, 5. Aufl. 1905; Loras Sommerfrische, Rom. 2. Aufl. 1902 ; Die Treulosen, Rom. 5. Aufl. 1903; Frau Sensburg, 4. Aufl. 1904; Bittersüß, Rom. 4. Aufl. 1905; Um die Familie, Rom. 1906; Der Ehering, Rom. 1907; Ritter und Damen, Rom. 1908; Vaterschaft, Rom. 1909. * Rehbein, Arthur, (Ps. Atz vom Rhyn), geb. 26. Oktober 1867 in Remscheid, studierte in Bonn, Straßburg und Halle Kunstgeschichte und Naturwissenschaften, war in Thüringen, Krefeld und Köln als Schriftsteller und Redakteur tätig und lebt z. Z. als Schriftsteller in Stuttgart. Verfaßte zahlreiche Wanderplaudereien und schrieb folgende Bücher: Gedichte 1894, 2. Auflage 1906, Neue Gedichte 1897, Vom Kyffhäuser zur Wartburg 1900, Momentaufnahmen 2. Aufl. 1902, Aus dem Sennelager und andere Humoresken 1903, Unser Rhein 1905, Rheinische Schlendertage 1907, und viele Broschüren, z. B. Eine Fahrt ins bergische Land, Zwischen Sieg und Wupper, Städteschilderungen: Köln, Halle, Hannover, Dresden usw. * Resa, T., (Pseudonym für Frau Dr. Gröhe), lebt in Köln. * Ritter, Hermann, geb. am 18. März 1864 in Köln, z. Z. Leiter der Wochenschrift Bergischer Türmer in Berg.-Gladbach, seit längeren Jahren feuilletonistischer Mitarbeiter erster rheinischer Blätter, schreibt hauptsächlich Skizzen, Novellen und Reiseschilderungen. Er veröffentlichte in Buchform 1896 Elis Heimkehr, eine Erzählung aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges, 1898 Godelind v. Reifferscheidt, Eifeler Geschichte aus dem 14. Jahrhundert, 1902 von der Höhe, Eifeler Skizzen, 1904 Berg und Tal, Eifeler Skizzen, 1906 Trierer Skizzen und Bilder, 1907 Deutscher Wein und 1907 Wanderungen durch Eifel und Ardennen. Ein Band Wandelbilder aus dem rheinischen Niederland und ein Kölner Skizzenbuch sollen demnächst erscheinen. * Ruland, Wilhelm, Dr. phil., Kgl. sächs. Hoftat, geb. 15. Oktober 1869 zu Bonn, bereiste frühzeitig als Prinzenerzieher das Ausland, war später mehrere Jahre Redaktionsmitglied der Münchener Neuesten Nachrichten und Allgemeinen Zeitung, hierauf Verlagsdirektor in Leipzig und lebt gegenwärtig seinen Studien in München-Nymphenburg. Werke: Adler und Doppelaar, Dichtg. 1891; Des Herzens Wellenschlag, Rom. 1892; Pro Patria, Dichtg. 1893; Max von Mexiko, Dichtg. 1893; Rheinisches Sagenbuch 1894, 8. Aufl. 1908; Legendes du Rhin 1894; Aennchen von Godesberg, Dichtg. 1895, 5. Aufl. 1908; Riviera-Skizzen 1895; Friedhofrosen, Gedichte 1897; Dramen: Saul 1899; Athalia 1901; Joseph 1903. * Sarnetzki, Dettmar Heinrich, geb. 26. November 1878 in Bremen, lebt, seit Jahren im Rheinland ansässig, als Redakteur in Köln. * Schmidtbonn, Wilhelm, geb. 5. Februar 1876 in Bonn, besuchte das Gymnasium zu Bonn und Mörs, das Konservatorium zu Köln, war kurze Zeit Buchhändler in Gießen, besuchte dann die Universitäten Bonn, Berlin, Göttingen, Zürich, lebte in vieljährigen Wanderungen in Bayern, Tirol, an der belgischen und holländischen Nordseeküste, zuletzt als Dramaturg am Louise Dumontschen Schauspielhause Düsseldorf, von ihm erschienen: Mutter Landstraße, Dr. 1901; Uferleute, Geschichten vom untern Rhein 1903; Die goldene Tür, ein rheinisches Kleinstadtdrama 1904; Raben, neue Geschichten vom untern Rhein 1904; Der Heilsbringer, eine Legende von heute, 1906; Der Graf von Gleichen, Schausp. 1908; Der Zorn des Achilles, eine Tragödie 1909. * Schneider, Otto Albert, geb. 1. Februar 1876 in Köln, studierte erst Musik, dann Literatur, Aesthetik, bildende Künste an den Universitäten Leipzig und Berlin und wendete sich später mehr und mehr der literarischkritischen Tätigkeit und der lyrischen Produktion zu. Zeit einigen Jahren Feuilletonredakteur in Essen. * Schneider-Clauss, Wilhelm, Dr. phil., geb. zu Köln am 29. Januar 1862, studierte nach Absolvierung des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums seiner Vaterstadt anfänglich Medizin, dann Philologie und ist zur Zeit Gymnasial-Professor in Eupen. Außer einigen hochdeutsch geschriebenen Romanen und kulturgeschichtlichen Abhandlungen stadtkölnischen Inhalts veröffentlichte er hauptsächlich Erzählungen und Gedichte in kölnischer Mundart. In den neunziger Jahren erschienen drei Bände Erzählungen: Us unse Lotterbovejohre (Der Seilspenner, Unse Student, Et Kreegsjohr, Ming eezte Liebschaff); dann 1906 Erzählungen Us dem ahle Poßhoff; 1907 die Gedichtsammlung Fletten un Blotsdröppcher, 1908 der Kulturroman (Schelderei) Alaaf Kölle. * Schneider-Ferdinants, Willy, geb. am 12. Februar 1885 zu Köln, absolvierte das Gymnasium Thomaeum in Kempen (Rh.) studierte seitdem Philosophie und neuere Sprachen an der Universität Bonn. Bis jetzt erschienen Gedichte und Novellen in Zeitungen und Zeitschriften und Beiträge zum Musenalmanach Bonner Studenten 1908. * Schulte vom Brühl, Walter, geb. am 16. Januar 1858 in Gräfrath im Bergischen, entstammt väterlicherseits einer altwestfälischen Hof- und Erbschultenfamilie, wodurch es verständlich wird, daß er das bergische und das westfälische Milieu in seinen Romanen mit gleichem Verständnis behandelt. In seiner Jugend kränklich, wurde er hauptsächlich von Hauslehrern vorgebildet, so namentlich von dem vortrefflichen Pädagogen Dr. Ludwig Becker, der, selbst ein begabter Schriftsteller, nachmals Chefredakteur der Rhein-Ruhr-Zeitung in Duisburg, wohl die erste Neigung seines Zöglings für die Literatur weckte. Später widmete sich Schulte in Zürich dem Studium der Kunstgeschichte, ging dann, um der Theorie eine praktische Unterlage zu geben, nach Weimar, wo er sich auch der Malerei widmete, wie er denn auch jetzt noch vielfach illustrativ tätig ist. 1886 wurde er Feuilletonredakteur am Frankfurter Journal und später Chefredakteur des Wiesbadener Tagblatts. Den ersten literarischen Erfolg erzielte er anfangs der neunziger Jahre mit seinem bergischen Heimatroman: Der Marschallstab (1895). Ebenfalls in der bergischen Heimat spielt der 48er Roman: Die Revolutzer (1904), während das Milieu seiner väterlichen, westfälischen Heimat die Romane: Frühlingsevangelium (1900) und Sachsenschädel (1905) zeigen. Auch mit historischen Romanen, so mit dem italienischen Renaissanceroman: Der Prinz von Pergola (1904) und dem französischen Rokokoroman: Der Meister (Voltaire) 1907 hatte er viel Glück. Schultes Muse ist sehr fruchtbar und vielseitig. Es dürften bis jetzt wohl schon an die 30 Bücher von ihm des verschiedensten Genres erschienen sein, von denen noch u. a. zu erwähnen sind: Reflexionen über die deutsche Malerei der Gegenwart, 1882; Nußknackers Reise, 4. Aufl. 1884; Piep, der Starmatz, Hum., 2. Aufl. 1884; Maria Regina, Nov. 1885; Priesterin d. Holde, Erz. 1885; Letzte Heidin, Märch. 1886; Die Nixe vom Walchensee, Nov. 1885; Hans Wohlgemuth, der Spielmann, 1885; Prinzeß Tausendschön, Märch. 1885; Lieder-Symphonien, 1890; Sei deutsch, Zeitged. 1891, 2. Aufl. 1893; 20 Exlibris, 1895, 2. Folge 1899; Gleich und Ungleich, Rom. 1897; Die Frau des Radschah, Posse 1897; Der Drosselkönig, Lustsp. 1898; Die Sünderin, Nov. 1899, 2. Aufl. 1905; Das Alte stürzt, 1899; Ekkehard, Melodram 1900; Der Dorfkobold, Lustsp. 1901; Der Page, Lustsp. 1901; Meerschweinchen, Rom. 1901, 2. Aufl. 1904; Grieth, die v. d. Kohls und andere bergische Gesch., Nov. 1902, 2. Aufl. 1904; Die Flucht aus der Mietskaserne, humor. Erz. 1902; Was uns passierte, Skizzen, 1903; Der Assistenzarzt, Wintersnahen, Nov. 1905; Haru, Nov. 1906; Voltaire-Brevier, 1908. * Schwann, Matthien, Dr. phil., geb. 22. Juni 1859 in Godesberg a. Rh., lebt in Großkönigsdorf. Verfaßte seit 1890 eine Reihe geschichtlicher und philosophischer Werke; übersetzte Brieux, Die Schiffbrüchigen, Dr. 1902. * Stegemann, Hermann, geb. 30. Mai 1870 in Koblenz, kam 1872 mit den Eltern ins Elsaß, wo er das Gymnasium durchlief, studierte in München und Zürich Philologie, wurde nacheinander Redakteur des Zürcher Theaterblattes, Dramaturg am dortigen Stadttheater, Liter. Redakteur der Basler Nachrichten, Redakteur der Gartenlaube in Berlin, wieder liter. Redakteur der Basler Nachrichten, dann Kurkommissär des Bades Badenweiler, Chefredakteur der Basler Zeitung, jetzt Leiter der Neuen Konstanzer Abendzeitung. Verfaßte: Antike Novellen 1887, Stratonike, Tr. 1888; Weihefrühling, Ged. 1888; Gertrud, Dr. 1890, 2. Aufl. 1891; Mechthildis, Dichtg. 1891; Mein Elsaß, Nov. 1891, 2. Aufl. 1896; Der Abgott, Dr. 1891; Dorfdämmerung, Rom. 1892, 2. Aufl. 1900; Lieder zweier Freunde (mit Victor Hardung) 1893; Des Horatius schönste Lieder 1892, 2. Aufl. 1898; Ernte-Novellen, 1894; Herzog Bernhard, Tr. 1894, 2. Aufl. 1895; Heimliche Liebe, Novellen 1894; Südsturm, Dr. 1895; Fest der Jugend, dram. Idyll, 1895, 3. Aufl. 1896; Pestalozzi, Festsp. 1896; Märchen, Rom. 1897; Stille Wasser, Rom. 1897; Der Gebieter, Rom. 1900; Daphnis, antike Dichtung, 1901; Nikolaus v. Flüe, Schweizer Drama 1902; Söhne des Reichslandes, Rom. 1903; Die Befreiten, Rom. 1904; Daniel Junt, Rom. 1905; Die als Opfer fallen, Rom. 1907; Vita somnium breve , Ged. 1908; Daniel Junt, Dr. 1909. * Stephan, Kurt. * Sylva, Carmen (Pseudonym für Elisabeth, Königin von Rumänien) geboren 29. Dezember 1843 in Neuwied, lebt in Bukarest. Verfaßte: Sappho, Erz. 1880, 2. Aufl. 1885; Hammelstein, Erz. 1882; Leidens Erdengang, 5. Aufl. 1899; Les pensécs d'une Reine , 1882; Die Hexe, 1882; Aus Carmen Sylvas Königreich, 1. Bd. 1883, 3. Aufl. 1886, 2. Bd. 1886; Gebet, 1883; Jehovah, 1883; Meine Ruh, 1884, 3, Aufl. 1901; Handzeichnungen, 1884; Mein Rhein, 1884; Mein Buch 1885; Stürme, 2. Aufl. 1886; Es klopft, 1887, 5. Aufl. 1903; Lieder aus dem Dimbovitzatal 1889; Frauenmut, dram. Dichtg. 1890; Meister Manole, Tr. 1892; Seelengespräche, 1900; Tau, neue Ged. 1900; Märchen einer Königin, 1901; Es ist vollbracht! 1902; Unter der Blume, Rheinweinlieder 1903; Geflüsterte Worte, 1. Bd. 3. Aufl. 1905, 2. Bd. 1906; In der Lunca, rum. Idylle, 1904, 2. Aufl. 1906; (mit Miete Kremnitz) Aus zwei Welten 1883, 7. Aufl. 1901; Astra 1886, 6. Aufl. 1903; Feldpost 1886, 4. Aufl. 1903; In der Irre 1887, 4. Aufl. 1904; Rache 1888, 2. Aufl. 1901; Sweet hours 1904. Ferner Uebersetzungen von Loti, Sain-Viktor und Rumänische Dichtungen. * Torriedt, Paul (Pseudonym für Friedrich Brücker), geb. in Straelen, Kreis Geldern 28. Mai 1864, amtierte als Lehrer in Düsseldorf und Rahm bei Angermund, seit 1887 in Krefeld. Beiträge aus seiner Feder erschienen in verschiedenen Zeitschriften; Jugendspiegel 1894; Die Heimatglocken 1905. * Uellenberg, Emil, Dr. phil., Apothekenbesitzer und Schriftsteller, geb. 28. März 1874 in Elberfeld, lebt in Vohwinkel (Rheinland). Poetische Werke: Dornen und Rosen, Dicht. 1896; Mitten im Leben, Ged. 1897, 2. Aufl. 1902; Zum Strande der Seligen, Dicht. 1901; Akkorde und Dissonanzen 1909. * Vershofen, Wilhelm, Dr. phil,, geb. in Bonn 25. Dezember 1878, lebt in Jena. Verfaßte: Wir drei (ein Gedichtbuch mit J. Kneip und A. J. Winckler) 1904; Charakterisierung durch Mithandelnde in Shakespeares Dramen 1905; Gedanken zur Technik des Dramas 1907. * Vesper, Will, geb. in Barmen als Sohn eines Landwirtes am 11. Oktober 1882, lebt jetzt in München literarischen und literarhistorischen Arbeiten. Er veröffentlichte bisher: Der Segen, Dicht. 1905, und einige nur für Freunde gedruckte Dichtungen, Schattenspiele usw. Außerdem gab er heraus: Uebersetzungen von Tacitus' Germania 1906; Hartmann von Aue: Der Arme Heinrich 1906; Das Hohelied in Minneliedern 1906; Meier Helmbrecht: Wernher der Gärtner, 1906; ferner Luthers Dichtungen 1906; Hölderlins Dichtungen 1906; Eichendorffs Gedichte 1906; Deutsche Gedichte des 17. Jahrhunderts 1906; Jean Pauls Träume 1906; Geßners Idyllen 1907; Ed. Mörickes Dichtungen Du bist Orplid mein Land, 35. Tausend 1907; Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik, 70. Tausend 1906. * Viebig, Klara, geb. 17. Juli 1860, lebt in Berlin-Zehlendorf. Werke: Kinder der Eifel, Nov. 1897, 2. Aufl. 1908; Rheinlandstöchter, Rom. 1897, 9. Aufl. 1907; Barbara Holzer, Schausp. 1897; Vor Tau und Tag, Nov. 1898, 4. Aufl. 1906; Dilettanten des Lebens, Rom. 1898, 5. Aufl. 1907; Pharisäer, R. 1899; Es lebe die Kunst! Rom. 1899, 4. Aufl. 1905; Das Weiberdorf, Rom. 1900, 23. Aufl. 1908; Das tägliche Brot, Rom. 2 Bde. 1900, 11. Aufl. 1907; Die Rosenkranzjungfer, Nov. 1901, 7. Aufl. 1905; Die Wacht am Rhein, Rom. 1902, 20. Aufl. 1907; vom Müllerhannes, Rom. 1903, 12. Aufl. 1908; Das schlafende Heer, Rom. 1904, 23. Aufl. 1908; Der Kampf um den Mann, Dramenzyklus, 1.–5. Aufl. 1905; Naturgewalten, Nov., 1.–11. Aufl. 1905; Einer Mutter Sohn, Rom. 1.–16. Aufl. 1906, 19. Aufl. 1907; Absolvo te, Rom. 1907, 18. Aufl. 1908; Das Kreuz im Venn, Rom. 1908. * Wiegershaus, Friedrich, geb. 2. Juni 1877 in Dilldorf bei Kupferdreh (Landkreis Essen), Kaufmann, Mitarbeiter vieler Zeitungen und Zeitschriften, lebt in Elberfeld. Verfaßte: Erste Akkorde, Ged. 1900; Ausfahrt, 1904; In Vorbereitung: Mitten im Leben. * Winckler, Alfred Joseph, geb. 6. Juli 1881 in Rheine als Sohn des Salinendirektors Dr. Winckler, studierte in Bonn, Mitverfasser des Gedichtbuches: Wir Drei zu Liliencrons 60. Geburtstag, machte große Reisen, seit 1907 prakt. Zahnarzt in Homberg (Rhein). * Zilcken, Fritz, geb. 19. Juli 1846 zu Beuel bei Bonn, besuchte in Köln die Ober-Realschule und trat mit 17 Jahren als Lehrling in ein Geschäft ein. Er nahm teil am Feldzuge gegen Frankreich, aus dem er im Sommer 1871 als Offizier mit dem Eisernen Kreuze heimkehrte. Bis in die neunziger Jahre machte er ausgedehnte kaufmännische Reisen durch Mittel-Europa und war gleichzeitig Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften und Zeitungen, für die er neben gelegentlichen politischen Artikeln eine große Anzahl von Reise-Feuilletons und Aufsätzen kunst- und literageschichtlichen Inhalts schrieb. Auf belletristischem Gebiete betätigte er sich außer in einem Roman fast ausschließlich in der Novelle, deren er etwa ein Viertelhundert gedichtet hat. In Buchform erschienen davon 1885: vier Novellen (Donna Juana, Mit der Schwalbe, Die Nase und Zwischen Gräbern); 1896: Zwei Novellen (Bruder Cölestin und Die weiße Maus); 1897: phantastische Geschichten (Ave Maria, Holzweiblein und Herodes). Die übrigen sind in Zeitschriften und Zeitungen verstreut. Seit 1890 lebt er als Prokurist eines großen industriellen Werkes dauernd in Köln. * Zitelmann, Ernst, Geheimer Justizrat, Dr. jur., ordentlicher Universitätsprofessor, geboren am 7. August 1852 in Stettin, lebt in Bonn. Werke u. a.: Gedichte 1881; Memento vivere , Dicht. 1894, 2. Aufl. 1900; Capri, Ged. 1901; Radierungen und Momentaufnahmen, 1904, 2. und 3. Aufl. 1905; Zur Technik des fünffüßigen Jambus 1907; außerdem viele juristische Schriften.