Traumulus Tragische Komödie von Arno Holz und Oskar Jerschke Zweites Tausend   München R. Piper \& Co 1905     [Personen] Professor Dr. Niemeyer Direktor des königlichen Gymnasiums Jadwiga seine zweite Frau Fritz sein Sohn aus erster Ehe von Rannewurf Landrat Mollwein Assessor Brunner Sanitätsrat Kleinstüber Major a. D Goldbaum Fabrikant Falk Rechtsanwalt Tamaschke Polizeisekretär Hoppe Polizeiinspektor Patzkowski Schutzmann Lydia Link Mitglied des Stadttheaters Schimke Pedell Olga Stubenmädchen bei Niemeyer Schladebach Bäckermeister Kurt von Zedlitz (Brutus) Pöhlmann (Catilina) Klausing (Spartacus) »Cassius« »Widukind« »Vercingetorix« »Sempronius Grachus« »Mucius Scaevola« »Harmodios« »Aristogeiton« Karl Wilhelm Frömmelt (Möros) Mitglieder der »ehrenfesten und freien Blutsverbindung »Antityrannia« Gymnasiasten Ein Piccolo   Ein Kasinomitglied   Ein Bäckergeselle   Ein Schutzmann   Zwei Wachtposten der Antityrannia   Polizisten   Erster Akt Civilkasino (behaglicher Klubraum. Im Hintergrunde links, durch eine torbogenartige Innendekoration abgetrennt, eine Billardnische mit buntem Fenster. In der vorspringenden Hinterwand rechts großes einscheibiges Rundbogenfenster, durch das man in sonnigem Winterlicht die verschneite Stadt sieht. Rechts und links je eine Tür. Zeitungsregal, patriotische Bilder und Büsten, Trinkhörner und Humpen. Vorn, am runden Stammtisch, Major a. D. Kleinstüber, Sanitätsrat Brunner, Fabrikant Goldbaum und Assessor Mollwein. In der Billardnische Rechtsanwalt Falk mit einem andern Herrn bei einer Partie Karambolage. Ab und zu ersetzt ein der Würde des Kasinos angepaßter Piccolo ehrfurchtsvoll die Getränke. Es werden nur Flaschenweine getrunken). Mollwein (der eben aus einem Manuskript vorgelesen, schnarrend) Nachdem also nun die ... Krieger sich zu beiden Seiten der Bühne malerisch um die Büste Seiner Majestät jruppiert haben, werden die bengalischen Lichter entflammt, im unsichtbaren Orchester ertönt ein leises Trommeltremolo, der Jenius der Freude in festlicher Tunika betritt das Podium und es erfolgt ein wahrhaft berauschendes Finale, mit welchem der Dichter unsres Festspiels zum schönen Schluß eilt. Darf ich Ihnen das noch vorlesen, oder sind die Herren doch schon n bischen zu abjespannt? Sanitätsrat Gott ... e... Major Wenn Sie's nicht zu sehr anstrengt, Herr Assessor! Goldbaum (trinkt) Nu, wir könnens schon noch vertragen. Mollwein Also! Der Jenius, wie jesagt, steht auf dem Podium, der Hauptkrieger hebt vor ihm die Fahne und alles singt a capella das Bannerlied. Melodie: Deutschland, Deutschland über alles! (draußen beginnen die Kirchenglocken zu läuten; nach seiner Uhr sehend) Was? Gottesdienst schon aus? Um also kurz zu sein: Folgen einige köstliche Strophen, der allejorische Vorhang im Hinterjrund mit den Wappen aller deutschen Stämme teilt sich – Siejesjöttin, Jewehrfeuer, Nationalhymne, Schluß! Major Bravo! Sanitätsrat Hm. Goldbaum Wundrvoll! Mollwein Bessres hat Felix Dahn ooch nich jedichtet. Bin felsenfest überzeugt, noch keine Stadt, so weit die deutsche Zunge klingt, hat bei Enthüllung eines Denkmals Kaiser Wilhelms des Jroßen, als ehrfurchtsvollsten Dank für Jnadenjeschenk allerhöchst eijnen Besuches Seiner Majestät, mit solcher Jlanzleistung aufjewartet! Major (Glas hoch) Herr Assessor! Mollwein (ebenso) Herr Major! Herr Sanitätsrat? Herr Goldbaum! (alles trinkt) Schätze mich wirklich jlücklich, daß die Dichtung trotz meines selbstverständlich ... nu ja, leider Gottes sehr dilettantenhaften Vortrags ... Major Oho! Sanitätsrat Bitte sehr ! Goldbaum Herr Assessor! Mollwein Na ja ... Möchte die Herren Vorstandsmitjlieder also nun dringend bitten, dafür zu sorgen, daß das Civilkasino in der morjijen Plenarsitzung der vereinigten Empfangsausschüsse wie ein Mann für die Aufführung dieses in unsrer leider sonst so jleickjültjen Zeit von wahrhaft erquicklichem Patriotismus durchwehten Festspiels unsres allverehrten Vizepräsidenten Herrn Gymnasialdirektor Professor Doktor Niemeyer eintritt. Er verdient es! Major Aber ganz unbedingt! Sanitätsrat Blos ... zu lang, Herr Assessor. Zu lang! Wo sollen wir die Zeit hernehmen? Goldbaum Schade. Mollwein Wie beliebt? Sanitätsrat Nach Ihrem Referat schätze ich die Aufführungsdauer auf ... mindestens anderthalb Stunden, vom Hofmarschallamt sind uns für den ganzen Zimmt fünfundzwanzig bis höchstens, aber auch allerhöchstens dreißig Minuten bewilligt. Major Ja, zum Donnerwetter, was machen wir denn da! Mollwein Muß er sein Stück eben bischen zusammenstreichen! Sanitätsrat Da kennen Sie Niemeyer! Lieber nem Krokodil n Zahn ausziehn! (Major und Goldbaum amüsirt). Mollwein Kenne Herrn Direktor Niemeyer ja allerdings erst die paar Monate, die ich den Verzug habe, am hiesijen Landjericht tätig zu sein, aber ... e... muß jestehn, Herr Direktor hat immer tadellosesten Eindruck auf mich jemacht! Konziliantes Wesen, humane Ansichten, überhaupt entjejenkommendste Liebenswürdigkeit! Goldbaum N fainer Mann und n guter Mann. Meine Söhne sind sehr zufrieden. Sanitätsrat (lachend) Meine beeden Neffen auch, lieber Herr Goldbaum! Wenns blos auf die Herren Primaner ankäme – die haben gegen Konzilianz und humanes Wesen natürlich nischt einzuwenden. Aber die Regierung, die hohe Regierung! Unser gestrenger Herr Landrat! Mollwein Ja, habe leider schon wiederholt bemerkt: scheinen da so jewisse kleine Spannungen zu existieren. Sanitätsrat Spannungen! Sie sind für vorsichtige Ausdrucksweise. Mollwein Ja nu, mit krummen Säbeln habe ich die Herren noch nicht auf einander loshacken sehn. Sanitätsrat Wir auch nich! Gott sei Dank noch nicht! Aber mit Aktenbündeln! Mit fuffzig Seiten langen Dupliken etc.! Bin n alter Kirchhofslieferant und kann was vertragen. Aber der arme Herr Ministerialreferent möcht ich nicht sein, der die gegenseitige Beschwerdekanonade dieser beiden Prinzipienreiter nun schon fast fünfviertel Jahr über sich ergehn lassen muß! Major Brrr! Mollwein Das ist doch aber höchst bedauerlich! Mann mit so ner reizenden Frau sollte doch keenen Jegner haben. Sanitätsrat (ulkend) Grade! Alter Borusse wie unser Landrat hat n verfluchten Schönheitssinn. Den bekümmert das vielleicht, daß so n bemoster Homerpauker noch so ne kleene, flotte Antilope gefangen hat. Mollwein Einfach Raceweib! Major (sich den Schnurrbart streichend; Schnalzlaut). Sanitätsrat (zu Mollwein, mit dem Finger drohend) Sie? Wollen doch sehr stark hoffen, daß Ihre plötzliche Kunstbegeisterung vorhin durchaus objektiv war. Oder, oder, oder ... aber, aber, aber ... ei, ei, ei! Mollwein Aber parole d'honneur, Herr Sanitätsrat! Versichre Sie, habe mit Frau Direktor nur ein einzijes Mal das Vergnüjen jehabt! Und zwar in diesen ernsten Räumen. Beim letzten Sedanball unsres Kriegervereins. Sonst noch nie! Major (ihm auf die Schulter klopfend) Aber liebstes Assessorchen! Mollwein Na ja ... möchte doch wirklich bitten! Sanitätsrat (lachend) War ja nur Scherz! Goldbaum Nu, ich könnts verstehn, wenn der Herr Assessor der Frau Direktor den Hof macht. Ne scheene Frau! Landrat (in Pelz und Cylinder durch die Tür rechts) Moin, meine Herren! Mollwein Moin, Herr Landrat! Major Moin! Goldbaum Guten Morgen! Sanitätsrat Mahlzeit! Landrat Hundekälte! Wolfsfrost! Aber famos, famos! (legt ab) wenn das sich hält, (sich die Hände reibend) kriegen wir ne brüllend schöne Treibjagd! (zum Piccolo) Jrock! Vierfünftel Jamaika, Wasser überhaupt nich. Kurz und jut, wie immer. Dann ne Rauentaler. Abtreten! (während er sich setzt) Herr Major! (ihm mit dem Finger drohend) wieder mal Jottesdienst jeschwänt! (zu Mollwein) Sie ooch. Sie oller Kotillonheide! Werde Sie melden! Regierungsbank wieder halb leer gewesen! Sollen doch n juten Bleistift jeben! Goldbaum Immer humorvoll der Herr Landrat, immer humorvoll. Mollwein (hüstelnd) Ja, letzte Tage bischen auf der Brust jehabt. Diese unjeheizten Kirchen ... Landrat (lachend) Haaseken? Na aber Spaß bei Seite. Die Herren haben wirklich mal wieder nischt versäumt. Unser guter alter Superndent laßt eklich nach. Der sitzt immer blos noch an den Bächen Babylons und weent. Jona, Micha, Habakuk, Zephanja ... weiter weeß er nischt. Wie der uns bei der Enthüllungsfeier die Festpredigt schmettern will ... ich habe da wirklich meine ehrlichen Bedenken. Majestät ist n verteufelt scharfer Kritiker, wenn der Zauber blos erst glücklich vorüber wär! Major Haben ne verdammt große Last jetzt, Herr Landrat. Landrat Ach, das spielt keine Rolle. Man tut seine Pflicht. Dazu is man da. Aber wenn einem in diesen Tagen, wo man, ich mochte sagen, mit der konzentriertesten Konzentration von früh bis spät nachts an nischt weiter denkt, als – wird die Geschichte klappen, wird alles jut jehn, Majestät kommt zum ersten Mal her, wird nischt passieren ... wenn da einem noch solche gottverfluchten Schweinereien dazwischenkommen: ich kann Ihnen versichern, teuerster Herr Major, da wünschte man sich wirklich manchmal transatlantische Kabel statt Nerven. Dieser unselige Niemeyer! Der Deibel solln holen! Major Unsern Festdichter? Landrat Festdichter? Was fürn Festdichter? Mollwein Herr Landrat wissen doch, daß im vorbereitenden Ausschusse beschlossen wurde, Seiner Majestät ein kleines vaterländisches Huldijungsspiel darzubringen. Landrat Na ja, selbstverständlich! Wann krieg ichs endlich? Mollwein (das Manuskript dem Landrat überreichend) Verzeihn, Herr Landrat. Habe mal erst in intimstem Zirkel provisorisch den unjefähren Eindruck feststellen wollen. Major Sehr nette Sache. Sanitätsrat Bischen pathetisch, bischen viel Leonidas und die Thermopylen ... aber ... mit Amputationen ... warum nich? Goldbaum D'r Herr Autor wirds schon machen. Landrat (der jetzt den Namen auf dem Titel gesehen, das Manuskript ärgerlich auf den Tisch werfend) Was? Von Niemeyer? Niemeyer?? Nee!! Und wenn er Schiller, Joethe und Wildenbruch in Eens wär! Lieber jarnischt! Unser Herr Gymnasialdirektor ist seit heute früh für mich n toter Mann! Sanitätsrat Mein Gott, was ist denn wieder los! Major Explodieren ja wie'n Pulverfaß! Goldbaum (entsetzt) Herr Landrat! Mollwein Das wäre ja furchtbar! Landrat Na, bis in diese geheiligten Räume scheint ja die Schose also noch nich gedrungen zu sein! (ingrimmig) Halbe Stadt amüsiert sich schon drüber! Skandal!! Falk (am Billard, auf den Stammtisch sehr aufmerksam geworden; das Spiel wird bald beendet). Sanitätsrat Nu packen Sie doch mal aus! Landrat Sitze beim Kaffe, lese in aller Gemütsruhe den Bericht unsres Herrn Oberförsters, wieviel Meter Guirlanden wir noch brauchen, kommt mein Sekretär Krimmel – übrijens n janz solider Mann sonst – und bringt mir die liebliche Mär, daß heute Nacht so jejen halber Eins der junge Zedlitz, Niemeyers feinste Nummer, wo jesessen hat? Sage, schreie und brülle, im jrünen Zimmer vom joldnen Pfau! Na! ... Aber nich etwa alleene, als Coeur Solo ... i kein Bein! Mit Lydia Link vom Stadttheater! Pulle Sekt!! Krimmel hat sogar noch de Marke lesen können! Moët Chandon!! Junge hat wenigstens nich jeknackt. Mein alter Freund Zedlitz wird ne Freude haben! Major Donnerwetter! Landrat Und das ausgerechnet n paar Tage, bevor Seine Majestät herkommt! Bei diesen Pressezuständen! Lese ordentlich schon die Leitartikel in unserm famosen Volksboten: »Sittliche Zustände im Reiche Kannewurfs!« »Königliches Gymnasium und städtische Weiblichkeit!« »Neuestes aus unserm Musterkreis!« Kann nett werden! Major Verflucht und zujenäht! Da kann ich Ihnen nachfühlen! Bei uns hat mal n zufällig abjeplatzter Jefreitenknopp n Jeneral umjeschmissen! Mollwein Ja, aber offen jestanden, Herr Landrat, verzeihn Sie ... daß da son junger Dachs mit m kleenen Meechen ... kann da wirklich so Halsbrechendes nich finden. Landrat Lieber Assessor! Das tragen Se mal dem Kultusminister vor, der mir den Mann hierher strafversetzt hat. Wegen einer ganz lachhaften Paukbodenholzerei! Soll mich freuen, wenn Se dann dafür n roten Adlerorden erwischen. Und wenns blos de vierte Jüte is. Daß n Jüngling Gefühle kricht, kann ja mal vorkommen. Is mir piepe! Und das Weibsbild dito! Mögen sich amüsieren, so viel se Lust haben! Aber doch nich in meinem Bezirk! Sollens bei meinem Nachbar mimen. Und vor allein soll er sich erst die Matura holen! Unterm vernünftigen Direktor kommt so was nicht vor. Kann so was garnicht vorkommen! Und kommts vor, dann kriegt man ihn nich allein an de Hammelbeene! Ich hab nich die mindeste Lust, auf meinem Buckel fremdes Holz spalten zu lassen. Sanitätsrat (wie noch immer zweifelnd) Im goldnen Pfau! Landrat Im goldnen Pfau! Sanitätsrat Das kann dem armen Niemeyer allerdings bös zu knacken geben! Goldbaum Ja, s ist nicht leicht, heute die Jugend zu erziehen. Lose Zeiten, lose Sitten! Blos nich Gymnasiumsdirektor! Ich mach lieber Zellulose. Landrat Is auch manchmal verdienstlicher! (zu den übrigen) Ersten Oktober ists n Jahr gewesen, daß man uns den Onkel hergeschickt hat. Wer in Lauban nicht zu brauchen ist, taugt auch hier nischt! Vom ersten Tag hab ich ihn mir aufs Korn genommen. Der Mensch hat von der schweren Verantwortlichkeit seines Amts ja keine Ahnung! Wenn Se ihn fragen, mit wem die Persephone verwandt is, oder von wem die olle Hekuba die Tante war, das weeß er. Das weeß er ganz genau. Aber wenn die Bengels mit seinem haarsträubenden Idealistendusel das schandbarste Schindluder treiben, das merkt er nich. Dann läßt er sich von seinem dümmsten Untertertianer einwickeln. Als ob er erst gestern auf die Welt gekommen wär! Goldbaum Is er vielleicht n bischen zu gutmütig. Landrat Gutmütig! Mit Gutmütigkeit, bester Herr Goldbaum, hätten Sie Ihre letzten siebzehn Prozent Dividende nich raus geholt! Goldbaum Nu, Se haben doch auch e Papierchen? Landrat Deswegen sag ichs ja! Bei Niemeyer hält ich nischt angelegt. Goldbaum Se hätten Recht getan. Landrat Na also! Ich verlange ja garnich, daß er als moderner Mensch junge Leute, die uns später mal ersetzen sollen, mit dem Rantschu erzieht. Aber er soll wenigstens mit seinen Beenen auf dem Erdboden bleiben. Traumulus! Jungens haben ganz recht: Romulus konnten se ihn nich nennen, haben se ihn Traumulus getauft! Sanitätsrat Paganini, der den Leierkasten drehen muß. Das ist sein ganzes Malheur, was könnte der als freier Universitätslehrer leisten! Landrat Seine Sache. Hätte verständiger Weise vor fünfundzwanzig Jahren ne orntliche Professorstochter heiraten sollen. Nischt Faulres im Leben, als den Anschluß verpaßt haben! ... Und wenn er dann wenigstens nicht noch auf diese Numro Zwei reingefallen wär! Auf dies Püppchen Jadwiga! Mollwein Mit einer solchen Perle im Heim ist ein Mann doch nicht zu bewehklagen! Landrat Na, denn wünscht ich Ihnen blos mal so alleen der ihren Toilettenetat! (pfiffartiger Laut) Uebrigens – Kategorie Feldwebelstochter! Die verewigten Herren Schwiegereltern nicht satisfaktionsfähig gewesen! Die war der eigentliche Grund, daß man ihn hier zu uns abgeschoben hat. Mit dem Madonnenkult sind Se ringeschliddert! Mollwein Das 's allerdings unanjenehm! Landrat (kurzes, verächtliches Auflachen) Hä! Das 's ja aber noch jarnischt! Dieser unglaubliche Herr Sohn! Hinterlassenschaft der ersten! Daß den seine Couleur nicht schon gewimmelt hat, is mir n Rätsel. Jedenfalls so viel weeß ich: wir in unserm Korps hätten son Früchtchen nicht einen Augenblick geduldet! Nur natürlich der Herr Papa! Der merkt nischt! Pädagoge! Sanitätsrat Jaja, der arme Kerl könnte einem wirklich manchmal leid tun. Landrat Leid tun! Leid tun! Mit Leidtun is hier nischt jemacht. Hier muß durchgegriffen werden. Und zwar ganz energisch. Mit Eisenklauen! Seit Monaten habe ich seine Herren Pensionäre unausgesetzt bewachen lassen. Kletterseile, Nachschlüssel, überstiegne Mauern, mitternächtliche Mondscheinpromenaden, umfangreichster Postrestanteverkehr mit den Dämchen der höheren Töchterschule ... noch das Harmloseste. Geht ja auf keine Kuhhaut, wie sie ihn düpieren. Mann ist ja total blind! Falk (vorm Billard stehend; sich grade eine Cigarette anzündend) Gestatten Sie, Herr Landrat. Und von dem Ergebnis Ihrer polizeilichen Recherchen haben Sie Herrn Direktor Niemeyer während der gangen fünfzehn Monate keinerlei warnende Mitteilungen zugehen lassen? Landrat (sich auf seinem Stuhl nach ihm umwendend) Ah, Herr Rechtsanwalt! Sie ja noch garnicht bemerkt! Falk Ich habe Sie vorhin gegrüßt. Landrat O Pardon! Muß das ganz übersehen haben. Falk Die Position des Herr Direktors – übrigens mein hochverehrter alter Lehrer – ist in dieser Stadt eine so schwierige, daß ich der Ansicht bin, die Behörde sollte wenigstens ihm nicht direkt entgegenarbeiten. Landrat Ich will Ihnen mal was sagen, Herr Rechtsanwalt. Ob ne königlich preußische Behörde ihre Maßnahmen so oder so trifft, jeht Sie – na wollen mal nich jrob sein – jarnischt an! (Falk sich ironisch verbeugend) Aber da Sie sich nun mal so liebenswürdig an unsrer Unterhaltung hier beteiligt haben ... (Handbewegung) wollen Sie nicht vielleicht Platz nehmen? Falk (stehn bleibend) Danke. Landrat Ihre Anfrage, deren edle Motive ich zu schätzen weiß, ist zwar ebenso orts- wie zeitgemäß, indessen warum sollte ich mich schließlich hinter sieben Schleier verkrümeln! Ich habe Ihrem hochverehrten Herrn Lehrer von meinen polizeilichen Recherchen, damit Sie's also ja wissen, keinerlei Mitteilung gemacht. Selbstver ständ lich nicht! Falk Hätte Herrn Direktor aber doch sicher lebhaft interessiert! Landrat Verehrtester Herr Rechtsanwalt ... wärs nicht vorzuziehn, Sie sparten sich, was Sie in dieser Angelegenheit vielleicht sonst noch auf dem Herzen hatten, für eventuell Späteres auf? Herr Direktor Niemeyer, von dem man sich aus parallelen Motiven ja schon anderwärts mal getrennt hat, dürfte nach diesem neusten Nachweis über sein Erziehertum um ein Disziplinarverfahren kaum herumkommen. Und da würd ich ihm sogar selber raten, sich n tüchtigen Anwalt zu nehmen! Falk Sehr verbunden. In jedem Falle halte ich es für meine Pflicht, mich Herrn Direktor Niemeyer zur Verfügung zu stellen. Und es würde mich aufrichtig freuen, wenn seine Wahl dann auf mich fiele. Landrat Gleichfalls! Falk Ich hätte dann vielleicht Gelegenheit, ihm für das, was er an mir und noch so manchem meiner alten Mitschüler getan, wenigstens einen Teil unsrer Dankesschuld abzutragen. (zu den übrigen) Meine Herren? Ich wünsche allerseits einen vergnügten Sonntag. Landrat ( von seinem Stuhl aus, sich verabschiedend ) Herr Rechtsanwalt? ( die übrigen: »Guten Morgen!« Falk mit seinem Partner, der sich ebenfalls empfohlen, durch die Tür links ab ). Major ( nach einer kleinen Pause ) Landrätchen? Nichts für ungut, aber ... vollkommen ist Ihr Sieg über den nicht gewesen. Landrat Ach, lassen Se mich in Ruh! Mollwein Diese alten Burschenschafter ... unangenehme Patrone! Goldbaum ( seinen Château-Margot in der Hand ) Nu ... aufs Wohl von der ganzen Gesellschaft! Landrat Kohlen Se nich! ... Prost! Goldbaum wenn Ge das trehstet: ich hab nischt gesehn und ich hab nischt gehört. Major Prost, Herr Goldbaum. Landrat Sind ja n juter Kerl. Wenn Se man blos Ihre alttestamentarischen Angewohnheiten zu Hause ließen! Goldbaum (aufs Höchlichste selbst belustigt, ein abrahamitisches Gutturalgeknurr von sich gebend) Nuuu ... Sanitätsrat Mollwein! Schneiden Se nich son saures Gesicht! Goldbaum Durch Adam sind wir alle verwandt. Landrat (der grade trinkt) Pfui Deibel! Goldbaum Haben Se ne Muck' im Glas? (allgemeines Gelächter und Gläserklingen). Niemeyer (Pelz, Stock, Cylinder; durch die Tür rechts) Guten Morgen, meine Herren! (stummes Zusammenspiel der um den Tisch herum. Landrat Achselzucken). Mollwein (das Manuskript, dick geknifft, in seine Rocktasche verschwinden lassend) Diener, Herr Direktor. Major Moin. Goldbaum Mahlzeit, Herr Professor. Sanitätsrat Noch so spät? Niemeyer (mit Hilfe des Piccolo ablegend) Ich werde doch mein geliebtes Sonntagströpfchen nicht verabsäumen? Das wäre ja sündhaft! Goldbaum Kommen Se neben mich, Herr Direktor. Helfen Se mer. Se setzen mer zu. Mollwein Wenn Se hier Rassen-, Klassen- und Massenhaß entfesseln? Sanitätsrat (nochmals sein Glas hoch) Urfehde, meine Herren, Urfehde! Pax vobiscum! Hoch der deutsche Männergesang! Major Prosit! (alle vier haben wieder mit einander angestoßen). Niemeyer Sie celebrieren ja ordentlich schon eine kleine Vorfeier! Es duftet fast wie nach Sekt! Rosen auf den Weg gestreut und des Harms vergessen! Sanitätsrat (aus der Corona her) Eine kurze Spanne Zeit ward uns zugemessen. Niemeyer (seine beschlagene goldne Brille putzend) Heute hüpft im Frühlingstanz noch der frohe Knabe ... Mollwein (krähend ) Morjen weht der Totenkranz schon auf seinem Jrabe! Niemeyer Das ist aber reizend, daß hier noch alles so feuchtfröhlich beisammen sitzt! (zum Piccolo) Eine kleine Zeltinger, mein Kind. (hat die Brille aufgesetzt und bemerkt nun näher tretend den Landrat; etwas veränderter Tonfall) Ich habe die Ehre, Herr Landrat. Landrat (halb vom Stuhl auf) Moin. Niemeyer (der sich gesetzt hat) Rauhreif im Sonnenschein ... herrlich! (sich die Hände reibend) Sie müssen schon meine kleine Verspätung entschuldigen. Goldbaum Ja, die Natur. Niemeyer Gewiß, Herr Goldbaum. Wer sich für sie sein Herz empfänglich bewahrt hat, den entschädigt sie für manches. (der Piccolo hat den Wein gebracht) Meine Blume! »Prost!« »Prosit!« alle mit Ausnahme des Landrats trinken. Niemeyer zu Mollwein, aus dessen Tasche verräterisch das Manuskript ragt) Herr Assessor? Sie schleppen doch nicht gar am heiligen Sonntag Morgen Akten mit sich herum? Mollwein Akten! Wieso? Nee. Niemeyer Das Zipfelchen dort kommt mir bekannt vor! (Mollwein den Rock erschreckt zuknöpfend) Sie werden die Herren doch nicht mit dem unwürdigen Erzeugnis meiner Muse belästigt haben? Mollwein Als Obmann unsres litterarischen Komitees habe ich mir ... allerdings erlaubt ... Goldbaum Der Herr Assessor hat sich uns zu vielem Dank verpflichtet. Ich kann Ihnen nur sagen, Herr Direktor, Ihre Dichtung hat n großartigen Eindruck auf mich gemacht. Sanitätsrat Sehr fleißige Arbeit. Major Hochpatriotisch! Mollwein Ja, jefallen hats den Herrschaften. Zweifellos! Niemeyer Das freut mich. Dann darf ich die Herren wohl auf nächsten Donnerstag Abend sechs Uhr in meine Aula bitten? Goldbaum In Ihre Aula? Niemeyer (an alle gewandt) Ja ... sehn Sie ... ich habe mir Folgendes gedacht. Eine Aufführung von Berufsschauspielern – ohne daß ich damit unsrer ja sehr tüchtigen städtischen Truppe auch nur im Geringsten zu nahe treten möchte – hat doch bei einer solchen Gelegenheit immer etwas, ich möchte sagen handwerklich Weiheloses. Ich habe daher ganz insgeheim den Versuch gewagt, die Phantasiegestalten meiner Dichtung durch unsre lernende Jugend Fleisch und Blut gewinnen zu lassen. Nur die einzige weibliche Rolle habe ich einer talentvollen Anfängerin unsrer hiesigen Bühne anvertraut; (die übrigen sehen sich an) da es mir denn doch widerstrebte, gewisse Grundprinzipien modern-realistischer Darstellungsweise ohne Not zu verletzen. Und ich darf den Herren vielleicht zu ihrer eigenen großen Freude verraten, daß dieser Versuch mir wahrhaft überraschend gelungen ist. Die jungen Enthusiasten haben sich ihrer Aufgabe mit einer Liebe unterzogen, mit einem Feuer, daß ich mich ordentlich selbst wieder jung fühlte. Wie warm erst, meine ich, müßte eine solche Darstellung auch auf Seine Majestät wirken, zu dem unsre Jugend mit Recht begeistert als zu ihrem Hort und Führer emporblickt. Es wäre doch erfreulich, wenn unsre Stadt ein solches Werk, und sei es auch noch so bescheiden, zu Wege brächte. (da alles schweigt, zum Landrat) Mit Rücksicht auf Ihre gerade jetzt so außerordentlich knapp bemessene Zeit, Herr Landrat, habe ich angenommen, daß solch eine Art kleiner Generalprobe Sie am besten und mühelosesten mit Form und Inhalt der Dichtung bekannt machen würde. Ich darf daher wohl hoffen, am Donnerstag auch Sie bei mir begrüßen zu dürfen! Landrat (scharf) Ich bin am Donnerstag bei Seiner Exzellenz! Niemeyer Oh, das macht mir aber n Strich durch die Rechnung. Wäre Ihnen dann vielleicht ... Sonnabend genehm? Landrat Auch am Sonnabend werde ich nicht Zeit haben. Niemeyer (stutzt) Ja, aber Majestät trifft bereits Mittwoch in acht Tagen hier ein. Landrat Zwei Uhr zwanzig und fährt elf Uhr wieder ab. Allerdings. Niemeyer (nach einer kleinen Pause; verändert) Daß Sie ein persönlicher Gegner von mir sind, Herr Landrat, ist mir bekannt. Das habe ich schon in der ersten Stunde gefühlt, wo ich hier wieder ganz von Neuem anfangen mußte. Daß Sie nun aber Sachliches von Persönlichem nicht mehr trennen können ... Landrat Ich muß doch bitten! Niemeyer Oder haben Sie gegen mein Stück selbst etwas einzuwenden! Landrat Ich kenne es noch garnicht. Und wills auch nicht kennen lernen! Niemeyer (empört aufgestanden) Herr von Kannewurf! Goldbaum (sich halb erhebend, zu den übrigen) Es is doch vielleicht ... Niemeyer Ich bitte die Herren dringend, zu bleiben. Ich wünsche mit dem Herrn Landrat nicht mehr unter vier Augen zu sprechen. Oder hätten Sie mir vielleicht ... Geheimnisse anzuvertrauen! Landrat Geheimnisse? Was die Spatzen schon von allen Dächern pfeifen? (zu den übrigen, die ebenfalls alle aufgestanden sind) Bleiben Sie nur. Mich geniert Ihre Zeugenschaft nicht. Mollwein Vielleicht doch besser, Herr Direktor ... Goldbaum Ich meine auch. Major Doch nur peinlich. Sanitätsrat Aber sehr. Niemeyer Nein, nein! Ich ersuche Sie darum! Sie leisten mir einen Dienst , wenn Sie bleiben! (Zum Landrat) Was pfeifen schon die Spatzen von allen Dächern? Landrat Daß Ihr Internatsschüler, der Primaner Kurt von Zedlitz sich heute Nacht mit einer stadtbekannten Curtisane in einem öffentlichen Vergnügungslokal anrüchichster Sorte herumgetrieben hat! Niemeyer (der zuerst gestutzt hat) Zedlitz? Das ist nicht möglich! Das muß ein Irrtum sein! Landrat Irrtum? Niemeyer Ja! Ich habe gestern Punkt Zehn, wie jeden Abend, das Internat revidiert und alle meine Zöglinge auf ihren Zimmern gefunden. Der junge von Zedlitz hatte mit noch Zweien seiner Mitschüler, den Primanern Pöhlmann und Klausing, Theaterurlaub und alle drei sind mir heute früh, meiner strengen Instruktion entsprechend, von meinem Pedell als ordnungsgemäß zurückgekehrt gemeldet worden. Landrat Wird der Jüngling eben, nachdem er dem ollen braven Schimke Gute Nacht gewünscht hat, den üblichen Weg wieder zurück über die Mauer genommen haben! Niemeyer Sein Zimmer liegt im dritten Stock. Und zu diesem hat außer mir nur der Pedell einen Schlüssel. Nachdem die drei Primaner zurück waren, ist der Korridor verschlossen worden! Landrat Mag sein. Aber in Ihrem Internat existiert eine Strickleiter! Ein Institut, das bei Ihren Herren Zöglingen je nach Bedarf Reih um geht! Niemeyer (nachdem er diese Eröffnung verwunden hat) Woher wissen Sie das? Landrat Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig. Niemeyer Sie scheinen die Verfügung nicht zu kennen, wonach die landespolizeilichen Organe verpflichtet sind, die Schulbehörden in der Aufreckterhaltung der Disziplin in jeder Weise zu unterstützen. Sie hätten mir also von Ihrer Kenntnis sofort Mitteilung machen müssen. Landrat Daß ich dies, und zwar mit vollster Absicht, nicht getan, werde ich geeigneten Orts und an maßgebender Stelle zu vertreten wissen. Niemeyer Auf diese Vertretung, Herr Landrat, bin ich gespannt. Landrat Das dürfen Sie. In keinem Fall wird es Ihnen gelingen, über das pädagogische Musterstückchen hinwegzukommen, das sich heute Nacht Ihr Lieblingsschüler im Goldnen Pfau geleistet hat! Niemeyer Ich kenne den Goldnen Pfau nicht. Landrat Daß Sie in der Topographie der Ilias besser Bescheid wissen, als in dem letzten Winkelgewirr hinter unsrer Fischerbrücke, daran zweifle ich nicht, Herr Direktor. Daran zweifle ich nicht im Geringsten! Niemeyer (bebend) Herr Landrat! Landrat Das ists ja grade! Sie müßten darüber orientiert sein, wo eine nicht genügend behütete Jugend ihre besten Kräfte läßt! Niemeyer (nach einer kleinen Pause) Es kostet mir viel Ueberwindung. Ihnen überhaupt noch zuzuhören. Aber ich habe in diesem Augenblick hier nicht mich zu verteidigen, was mir vollständig überflüssig schiene, sondern meinen Schüler, den Primus meiner Prima. Eine junge Edelnatur, auf die ich stolz bin! Der junge Mann kann um jene Zeit an einem so häßlichen Ort nicht gesehn worden sein. Landrat Mein Gewährsmann hat ihn gesehn! Niemeyer Man kann sich täuschen. Landrat Diese »Täuschung« ist mir heute früh auf dem kurzen Weg bis zur Kirche noch von zwei andern Zeugen, und zwar mit größtem Behagen, bestätigt worden: Herrn Oberleutnant von Reitzenstein und Herrn Kriegsgerichtsrat Becker. Niemeyer Wie können solche Herren in einem so zweifelhaften Lokal verkehren! Landrat Das ist Sache der Herren. Niemeyer Und selbst wenn der beklagenswerte junge Mann in einer solch ... verruchten Spelunke gesessen hat, noch dazu mit einem so bejammernswürdigen Geschöpf – wie können Sie sofort das Schlimmste annehmen? Landrat Junge Schauspielerin, Pulle Sekt, zwanzig Mark, das jenügt! Niemeyer Sie sagen jetzt Schauspielerin. Sie sagten vorhin anders. Landrat Ich sagte vorhin genau dasselbe. Niemeyer Sie sagten stadtbekannte Curtisane. Landrat Nun ja: Fräulein Lydia Link! Niemeyer (zurückgezuckt) Diese Künstlerin ist eine durchaus achtbare Dame! Ich bürge für sie! (Sanitätsrat und Goldbaum stummes Spiel). Landrat Sie macht sich ganz gut auf der Bühne. So als Puck im Sommernachtstraum hat sie schon Manchem gefallen! Niemeyer Sie beleidigen in diesem Mädchen, das mir nicht blos von der Bühne her bekannt ist, einen ganzen ehrenwerten Stand! Landrat Na, wenn Sie glauben, daß die beiden bei ihrer Moët Chandon mit einander den Rosenkranz gebetet haben ... Niemeyer Die Dame ist verlobt! Landrat Gratuliere! Scheint im übrigen ziemliche Vorliebe für grünes Gemüse zu haben. Niemeyer (nach kurzer Pause; nur noch mit Mühe sich beherrschend) Ich hätte nicht geglaubt ... bei einem Manne aus Ihrer Gesellschaftsklasse ... auf eine solche ... Gesinnung zu stoßen! Ich kann es mir jetzt kaum verzeihen ... daß ich mich überhaupt mit Ihnen ... in eine Diskussion eingelassen habe! Sie wagen es, mir meine Jungens anzugreifen? Auf ein infames Geschwätz hin verdächtigen Sie den einzigen Sohn eines alten Geschlechts, dessen Ehre bis auf den heutigen Tag auch nicht den kleinsten Flecken aufweist? Landrat Lächerlich! Niemeyer Eine solche Denkweise, die überall nur Schmutz sieht, die nur die niedrigsten Instinkte kennt, der alles Ideale nur Einbildung eines überspannten Querkopfs ist, eine so traurige Denkweise bedaure ich! (zu den übrigen) Es tut mir aufrichtig leid, meine Herren, Sie zu Zeugen einer solchen gebeten zu haben. Ich möchte lieber auf der Stelle aus Amt und würden gejagt werden, als je den Glauben an das Gute in unsrer Jugend verlieren! Es ist selbstverständlich, daß ich sofort die strengste Untersuchung einleite, (ist erregt zu seinen Sachen gegangen, die er über den Arm nimmt) Sie werden es mir nicht verübeln, meine Herren, wenn ich Sie jetzt verlasse. (Sanitätsrat: »Herr Direktor!« Goldbaum: »Herr Professor!« Niemeyer rechts ab). Mollwein (alle haben sich wieder gesetzt) Und unser Festspiel? Landrat Ach was! Führen Se den jeschundnen Raubritter auf, oder die Jungfrau von Orleans! (mit dem Versuch, die peinliche Spannung der Zurückgebliebenen zu lösen) Ich kann nu mal solche Wolkenkuksheimer nich verknusen! (wütend auf die Klingel drückend) Piccolo!!! Piccolo (entsetzt mit wehender Serviette). Landrat Noch ne Pulle! ... Prosit!   (Vorhang). Zweiter Akt Wohnzimmer beim Direktor (der übliche Schmückedeinheimstil mit Niemeyerschen Accenten. Im Hintergrund, sowie links und rechts eine Tür). Olga (die dem Büffet rechts soeben eine Tischdecke, Messer, Gabeln, Löffel und eine Suppenkelle entnommen, zu Pöhlmann, der sie hart bedrängt, mit halber Stimme) Nicht doch! Die Frau Direktor! Au! Ich muß ja Tisch decken! Lassen Sie doch! Immerzu! Meine Schürze geht ja auf! Nicht n Augenblick hat man Ruhe! Seid Ihr aber ne Bande! Pöhlmann (mit zusammengebissenen Zähnen) Ja, oder nein! Olga Sie sind zu grob! Herr Klausing ist viel netter. Pöhlmann (noch immer mit ihr ringend) Klausing? Klausing (wie der Geist Bankos in der hinteren Tür; gedämpft) Pöoöhlmann! (hat die Tür lautlos hinter sich zugedrückt). Pöhlmann (Olga loslassend, laut) Ach, Du ... Riesenroß! (ab durch die Tür rechts). Klausing (auf Spitzzehen, mit winkendem Finger; flüsternd) Ollichen? Olga (die mit ihrem Tischgerät bereits links ab will; strahlend; ihr Ohr hin) Na, Du elendes Kannibalchen? Klausing (wie in der Angst, daß der olle blinde Gipshomer über dem bunten Bücherrepositor etwas davon anfangen könnte) Heute Abend! Um Sieben! Olga (ebenso) Wo denn? Klausing (mit verdoppeltem Respekt auch vor der über dem Klavier leidenden Laokoongruppe) Aufm Obstboden! Olga (ihm als stumme Zusage einen Zehntelsekundenkuß zuhauchend). Klausing (sich scheu dabei umsehend) Vorher haben wir noch Kneipe. In der Mehlkiste! Beim Bäcker Schladebach! Stiftungsfest !! Olga (noch immer gedämpft) Bis Ihr mal beklappt werdt! Klausing (entsetzt; Finger vorm Mund) Pssst! Olga (noch einen Kuß, dann links ab). Klausing (auf Katerpoten durch die Tür hinten wieder verschwindend). Jadwiga (in kokettem Winterkostüm durch die Tür rechts. Sie wirft ihre Sachen auf den Tisch) Olga! (vor dem Spiegel ihr Haar ordnend) Olga! Olga (durch die Tür links) Gnädige Frau? Jadwiga Sie haben mich doch klingeln hören, warum kommen Sie nicht? Olga (räumt die Sachen vom Tisch) Der Schlächtermeister Huber hat wieder geschickt. Jadwiga Sind Sie mit dem Tisch fertig? Olga Nur das Obst und die Servietten fehlen noch. Auch Fräulein Wetterhahn war da! Wegen der Sommerrechnung. Jadwiga Langweilen Sie mich nicht ... Die Leute tun ja, als ob sie noch nie bezahlt wären. Daß Sie Niemand vorlassen, wenn der Herr Direktor da ist! Fritz (durch die Tür im Hintergrund; Cigarette) Mahlzeit! (zu Olga) Na, kleene Maus? Olga (durch die Tür links mit den Sachen ab). Fritz Donnerwetter, hab ich n chices Mamachen! Jadwiga Ich habe Dich doch schon wiederholt gebeten. Diese ewigen Corpskneipenallüren zu den Dienstboten! Das Mädchen ist doch schließlich keine Kellnerin! Du befindest Dich im Hause Deines Vaters! Fritz (erstaunt) Bist Du eifersüchtig? Jadwiga Bitte, habe mal Respekt vor mir! Fritz (sich in einen Sessel flegelnd) Zum Auswachsen! Gott sei Dank, daß diese vier Wochen Ferien bald rum sind! Dies stupide Philisternest, dies Jünglingskloster hier, dieser väterliche Abt mit den homerischen Tee-Abenden ... (karikierend) Gestatten Sie: Frau Oberlehrer piepenbrink, Herr Oberlehrer Knollenbock, Frau Oberlehrer Schlammelschlag, Herr Oberlehrer Möbelweich ... wir dulden schon Beide was! Können uns wirklich die Hand reichen. Jadwiga Ja, hast Du Dir das hier anders vorgestellt? Fritz Da wars ja in Lauban noch gradezu Gold dagegen! ... Aber das kommt davon, wenn man zum Erzeuger son ... Jadwiga Drück Dich anständig aus! Fritz Hurrgott, nu soll man nich mal mehr deutsch reden! Jadwiga Du hast Deinen Vater nicht zu kritisieren! Fritz Na nu? Seid wann denn nich! Das war ja noch schöner! Ich hätte die Jungens unter meiner Fuchtel haben sollen! Mir hätten se nich so auf der Nase rumgetanzt! Andre Väter kommen vorwärts im Leben, unsrer fällt de Treppe nach rückwärts! ... Uebrigens wenn er mal hinter Deine Unterbilanz hier kommt, möcht ich ooch nich meine Schwiegermutter sein! Jadwiga Du wirst frech! Fritz Ach Gott, ja. Nu mach doch Theater! Jadwiga Wenn ich mich Deinetwegen in Schulden gestürzt habe ... Fritz Deinetwegen is jut. Kannst Du mir hundert Mark pumpen? Jadwiga Aber Fritz! Ich habe Dir doch erst Dienstag dreißig gegeben! Ist das schon wieder alle? Ich kann das nicht schaffen. Fritz Ach was! Dafür biste de Hausmutter. Jadwiga Und vor vierzehn Tagen ... jener Wechsel! An den denkst Du wohl garnicht mehr? Fritz Offen jestanden, teuerste Klytämnestra – nicht im Geringsten! Du warst ja so liebenswürdig, ihn einzulösen und dann so vorsichtig, ihn in jenem Ofen zu verbrennen. Sanft ruhe seine Asche! Jadwiga Du hast also wieder gejeut. Fritz Gejeut oder nich gejeut – ich brauch den Lappen. Und zwar bis morgen früh. Also? Jadwiga Wenn Du doch auch für Dein Referendarexamen so viel Energie entwickeltest! Fritz Bitte hier keine Privatangelegenheiten! Ich kümmre mich nicht um Deine, kümmre Du Dich ... Jadwiga (scharf) Was soll das heißen? Fritz Das soll heißen, daß ich ein mißratener Sohn wäre, wenn mir die Blindheit meines Alten nicht denn doch bereits einiges ... Gruseln erregte. Jadwiga Ich verstehe Dich nicht. Fritz Um so besser. (scheinbar leicht hin) Ich kann mich ja auch geirrt haben. Die Dame hatte vielleicht blos son Hut auf ... Jedenfalls wenigstens in dem Punkt soll sich mein Vater nicht in mir geirrt haben! Da is nu schon mal Verlaß auf mich. Jadwiga Heut ist Sonntag. Hätte es nicht wenigstens bis morgen Mittag Zeit? (an der Tür im Hintergrunde klopfte; geht hin und öffnet) Herr von Zedlitz? Zedlitz Verzeihn, gnädige Frau. Könnte ich vielleicht Herrn Fritz sprechen? Fritz (pathetisch) Wenns keine unsittlichen Dinge betrifft ...? Jadwiga Fritz! (zu Zedlitz) Die Herren sind hier ganz ungestört. Jadwiga Danke sehr, gnädige Frau. Fritz (zu Jadwiga) Also die Sache hat natürlich Zeit bis morgen Mittag. Jadwiga Es giebt heut Ihr Lieblingsgericht, Herr von Zedlitz: Schlesisches Himmelreich. Zedlitz Sie verwöhnen uns. Jadwiga Und Sie verdienens garnicht! Fritz Oho! Als Hauptkrieger unsres Festspiels? Als glorreicher Partner der schonen Lydia! Jadwiga (kokett) Da werde ich aber als Dichtersgattin stolz sein! (mit huldvollstem Lächeln zu Zedlitz ab durch die Tür links). Fritz Nun, Sie alter Sünder? Was haben Se wieder ausgefressen! Zedlitz (hastig) Ich habe Sie schon den ganzen Vormittag gesucht. Fritz Wären Se nachm grünen Frosch gekommen. Zur dicken Paula. Höchst einfach! Zedlitz (gequält) Ich bin ja in der furchtbarsten Klemme! Fritz (einen Schritt zurück) Liebster Zedlitz – pumpen tu ich prinzipiell nischt. Zedlitz Ach! Is ja viel schlimmer! Fritz Mann! Zedlitz Ich hab ne unglaubliche Dummheit gemacht! Ich bin mit Fräulein Lydia gestern Abend nach dem Theater im goldnen Pfau gewesen! Fritz Weiter nischt? Zedlitz Wir haben Champagner getrunken. Fritz Verrrrrworfener! Zedlitz Kriegsgerichtsrat Becker hat uns gesehn. Fritz (Pfiff) Menschenskind! ... Also nicht in einem der kleinen Hinterstübchen heimlich, sondern gegen freies Entree vor geladnem Publikum! wie kann man blos! In diesem Spießereldorado! Das muß ja dem Alten gesteckt werden! Da hilft Ihnen jarnischt! Da sausen Se rin! ... wann sind Sie nach Haus gekommen? Zedlitz Heute morgen. Fritz (zurückgeprallt) Alle Achtung! Sie sind nicht talentlos ... Na, haben Sie sich wenigstens amüsiert? War se nett? Zedlitz (schweigt). Fritz Also moralischen! Beruhigen sich. Bei ihrer zarten Jugend Normalzustand ... Und als Sie nun so heimwärts knickten, (eindringlich) Kurtchen? Kurt?? Da hat Sie Kriegsgerichtsrat Becker doch hoffentlich nicht auch wieder gesehn? Zedlitz (mit gesenktem Kopf) Blos Schimke weiß es. Fritz Schimke verrät nischt. Zedlitz Er hat dem Herrn Direktor sckon gesagt, ich hätte mich gleich nach dem Theater mit den andern bei ihm gemeldet. Fritz Nu also! Was wollen Sie denn noch? Sein Se doch vergnügt. Lassen Se die Sache an sich rankommen! Zedlitz Ich möchte Ihrem Herrn Vater ... doch lieber die Wahrheit sagen. Fritz (empört) ... Sind Se überjeschnappt? Und mit solchem Blödsinn kommen Se zu mir? (plötzlich sehr ernst) Wollen Sie auf der Stelle geschasst werden! Zedlitz Wenn ich es verdient habe? Fritz Blech! Beabsichtigen Sie, Ihrem Vater als rausgeschmissener Pennäler zurückzukommen? Und Ihre ... Frau Mutter? Wegen soner Lausesache? Zedlitz Das würde ich nie tun. Das könnte ich nicht. Eher ... Fritz Uebrigens ... (einen Schritt zurück und Zedlitz von unten nach oben musternd) sind Sie des Deibels? (sich mit der Faust vor die Stirn tippend) Ich Ochse! Das ist ja die Hauptsache! – Sie dürfen diese Nacht einfach garnicht auswärts gewesen sein! Muß ich Ihnen das wirklich noch erst auseinanderklamüsern? Daß mein Alter rettungslos hopps geht, wenn das raus kommt? Weil seine unerhörte Taprigkeit Sie ja gradezu zusammengekuppelt hat? Weil er Ihr ... Gelegenheitsmacher war? Zedlitz (dem diese Perspektive jetzt ebenfalls aufgeht) Daran ... Hatte ich ... wirklich garnicht gedacht ... Wenn das ... Das könnte ich ja durch garnichts mehr wieder gut machen! Nach einer solchen Schurkerei ... Fritz Also nu nehmen Se mal Vernunft an. Mit Melodramatik reparieren Se nischt. Mein Vater is n guter Kerl. Zwar sträflicher Optimist und fahrlässiger Familienversorger, aber schließlich, wir haben ooch unsre Fehler. Außen Würdebär, inwendig beißt er nich. Die Schose mit dem Pfau jestehn Se ihm. Glatt weg! Die erfährt er. Um die kommen wir nich rum. Da is jarnick dran zu tippen. Aber ich massakriere Sie, ich morde Sie pfundweis, wenn Sie sich von dem übrigen Ritt auch nur das Allergeringste rausquetschen lassen. Verstehn Sie? Auch nicht das Geringste! Sonst sind wir geliefert. Alle, wie wir gebacken sind. Und mit dem Fuchs bei den Rhenanen isses denn nischt! Laufen Sie Ihr Lebtag ohne Band rum! Zedlitz Wär ich doch blos gleich nach Hause gegangen! Fritz Der Alte kann jeden Augenblick kommen. Möglich, sogar sehr wahrscheinlich, daß man ihm schon was zugeflüstert hat. Diese sonntäglichen Frühschoppen ... (Geste) Schimke instruiere ich. Wenn er sich den dann vornimmt: der wird sich schon rauswurschteln! Der schlägt de Wimmerharfe. Mein alter Herr kann kein Blut sehn. Und Einjeweide erst recht nich. (es klngelt dreimal rasch; Zedlitz zusammengefahren) Zittern Se los! Er darf nich Lunte riechen. Zedlitz (ihm die Hand reichend) Ich danke Ihnen. Fritz Dafür fechten Se später bei uns ordentlich! (Zedlitz ab. Fritz, der seine Cigarette weggeworfen hat, nach der Tür rechts, diese öffnend) Na, Papachen? Niemeyer (eintretend) Tag! Jadwiga (durch die Tür links, nachdem Niemeyer einmal erregt auf und ab gegangen ist; die Liebenswürdigkeit selbst) Gut, daß Du da bist. Gotthold, wir können sofort essen. Niemeyer (stehn geblieben; zu Fritz, kurz) Hol Zedlitz! Fritz Könnten wir nicht erst ... zu Tisch, Papa? Niemeyer (streng) Ich habe Dir gesagt. Du sollst Zedlitz holen. Hast Du mich nicht verstanden? Fritz Verzeih, Papa. Niemeyer (sofort etwas weicher) Also, bitte, hol ihn. (Fritz, der mit Jadwiga einen Blick gewechselt hat, durch die Tür im Hintergrund ab) Es kann heute mit dem Mittag etwas spät werden. Jadwiga Immer diese Jungens! Nicht einen Augenblick hast Du für Dich! Niemeyer Ich kann Dir diesen kleinen Zwischenfall leider nicht ersparen. Du weißt, daß ich in die Peinlichkeit Deiner Hausordnung nur dann eingreife, wenn es dringend nötig ist. Jadwiga Aber nun plag Dich doch nicht noch damit! Das tut ja nichts. Ich werde der Köchin sofort Anordnung geben. Du nimmst alles viel zu tragisch. Niemeyer Du verkehrst mit Fräulein Link. Durch Dich habe ich sie kennen gelernt. Ist Dir nie etwas an ihr aufgefallen? Spricht man über sie! Jadwiga (wie auf das Höchste überrascht) Mir ist nichts zu Ohren gekommen. Sie ist mir, als sie zum Herbst herkam, von bester Seite empfohlen worden, ich habe mich ihr daraufhin gesellschaftlich nicht ganz entziehen können, gegen ihre Umgangsformen fand ich nichts einzuwenden, weiter weiß ich nichts. Niemeyer Fräulein Link ist doch verlobt? Jadwiga Ich habe Dir doch selbst die Karte gezeigt. Niemeyer (erregt) Grade, weil sie sich wegen ihrer Achtbarkeit so zurückgesetzt fühlte, habe ich mich ja zu diesem Versuch hergegeben, ihr bei ihrem Bestreben, sich hier künstlerisch eine Position zu schaffen, behülflich zu sein! Auf Deine wiederholte Bitte! Jadwiga Ja, aber ich weiß ja garnichts! Was ist denn nur? Niemeyer Du hast mir doch versichert. Du hast jede Erkundigung eingezogen! ... Ich hatte ja sonst nie gewagt, sie mit einer solchen Aufgabe zu betrauen! (wie zu sich) Nein, nein! Das kann garnicht sein! Das ist ja ganz ausgeschlossen! Jadwiga (verstehend; schnell) Zedlitz? Niemeyer Auch schon aus diesem Grunde nicht! Es ist einfach nicht möglich! Alle! Meinetwegen alle! Nur Kurt nicht! Jadwiga Jedenfalls wieder ein so albernes Gerede. Du wirst das doch nicht gleich ernst nehmen! Niemeyer (heftig) Ich wäre ein Narr , wenn ich die Beschuldigung, um die es sich hier handelt, auf die leichte Achsel nähme! Jadwiga Wenn Du so erregt bist ... vielleicht wäre es doch besser ... Niemeyer Nein! Sofort! Auf der Stelle! Ich darf nicht zulassen, daß diese Verleumdung ihn auch nur einen Augenblick noch beschmutzt! (sich zwingend) Ich bin vollständig ruhig. (es klopft. Zu Jadwiga, Handbewegung) Bitte. Jadwiga Dies elende Klatschnest! (links ab). Niemeyer Herein! Zedlitz (stumm durch die Tür im Hintergrund, Pause). Niemeyer Wo waren Sie gestern nach dem Theater? Zedlitz (nach kurzem Kampf) Herr Direktor ... ich bitte Sie herzlich um Verzeihung. Niemeyer (nachdem er sich wieder gefaßt hat) Also doch! ... Zedlitz! Sie wissen garnicht, was Sie mir damit angetan haben. Zedlitz Herr Direktor ... Niemeyer Sie sind mir mein liebster Schüler gewesen! Zedlitz (sich die Tränen verbeißend). Niemeyer Ick habe Sie von der Tertia an unter meinen Augen gehabt. Ihr Herr Vater war der Einzige, der vollstes Vertrauen zu mir behielt. Der mir seinen Sohn hierher folgen ließ. Der ihn mir gelassen hat, obwohl man hier gegen mich weiß Gott genug gewühlt und gehetzt hat. Ich war stolz auf Sie! Ich hoffte, Sie Ostern nach ehrenreinem Sexennium zur Universität zu entlassen. Und jetzt ... haben Sie mir durch diesen einen leichtsinnigen Streich ... alles verdorben! Alles! Zedlitz (dem die Augen voll Tränen stehn) Ich habe nicht gedacht ... Niemeyer Was haben Sie nicht gedacht? Zedlitz Daß ich Ihnen damit so viel Kummer bereiten würde. Niemeyer Sie haben mein Gebot übertreten! Sie wissen, daß den Schülern strengstens untersagt ist, ein öffentliches Lokal zu besuchen. Nur Donnerstag haben die Angehörigen der Obersekunda und beiden Primen die Erlaubnis, abends von Sechs bis Sieben in den vorderen Räumen des Gasthofs »Zum deutschen Kaiser« ein Glas Bier zu trinken. Ich habe diese Anordnung nicht getroffen, um Sie in Ihrer Freiheit zu beschränken ... o nein, die Jugend soll Freiheit haben ... sondern um Sie vor Gefahren zu behüten, von deren Vorhandensein Sie noch gar keine Ahnung haben! (erregt auf und ab; dann wieder vor Zedlitz stehn bleibend) Wußten Sie, was der Goldne Pfau ist? Daß in ihm zumeist nur Leute verkehren, deren sittliche Anschauungen sich mit den Grundsätzen nicht decken, an deren Einprägung in Ihre jungen, empfänglichen Seelen wir Lehrer tagein, tagaus unablässig und mit unermüdlichem Pflichtbewußtsein bemüht sind? Zedlitz Ich war gestern zum ersten Mal dort. Niemeyer Ja, wie kamen Sie nur in dieses ... Nachtlokal! Zedlitz (schweigt). Niemeyer Wo trafen Sie Fräulein Link? Zedlitz Vor dem Theater. Niemeyer War sie allein? Zedlitz Nein. Es war noch Herr Regisseur Paulsen bei ihr, Fräulein Hiller ... Niemeyer Die jugendliche Liebhaberin? Zedlitz Ja. Und der Herr Leutnant von Bibra. Niemeyer In Uniform? Zedlitz Nein. In Civil. Herr von Bibra machte den Vorschlag, wir sollten alle Drei mitkommen. Klausing wollte nicht, Pohlmann war zu müde, und ... da bin ich denn allein mitgegangen. Niemeyer Sie haben dann Sekt getrunken. Zedlitz Zuerst tranken wir Pilsner. Dann ging erst Herr Paulsen weg und vielleicht eine Viertelstunde später Herr von Bibra und Fräulein Hiller. Niemeyer Und Sie blieben allein zurück? Zedlitz Ja. Wir hatten von unsrer Aufführung gesprochen und Fräulein Link wollte durchaus, daß ich mit ihr auf einen großen Erfolg anstoßen sollte. Niemeyer Und dazu brauchten Sie Moët Chandon? Wer hat die Rechnung beglichen? Zedlitz Ich hatte noch grade ... mein Weihnachtsgeld. Niemeyer Ihr ... Weihnachtsgeld! ... Dann haben Sie Fraulein Link wohl ... begleitet. Zedlitz Ja. (im Kampf mit der kommenden Lüge) Bis an ihre Haustür. Niemeyer (wie befreit) Und dann sind Sie nach Hause gegangen. Zedlitz (schwer) Ja! Niemeyer (eindringlich) Kurt! Sagen Sie mir auch die Wahrheit! Die volle Wahrheit? Sie dürfen sie mir sagen. Zedlitz (nach letztem Kampf) Ich habe Ihnen alles ... was ich zu sagen habe ... gesagt! Niemeyer Ich glaube Ihnen, (bewegt) Aber Kurt ... wenn also die Sache auch nicht so schlimm gewesen ist, wie ich in meinem ersten Schmerz fast befürchtet hatte – haben Sie sich denn in Ihrem unverantwortlichen Leichtsinn garnicht überlegt, welche Deutung diese an sich ja gottseidank nicht allzu schwere Ausschreitung erfahren konnte? Ja, sie hat sie sogar schon erfahren! Sie wissen garnicht, wie sich mir das Herz zusammenkrampfte, als mir vor noch nicht einer halben Stunde in Gegenwart angesehener Bürger die nichtswürdigste Verleumdung über Sie entgegengeschleudert wurde. Lieber Kurt! Was ich Ihnen allen schon so manchmal in der Klasse gesagt habe: Wir müssen unsre Handlungen so einrichten, daß sie nicht nur vor uns selbst bestehn können, sondern auch, daß ihre Andersdeutung durch die Welt überhaupt garnicht möglich ist! Ich will Sie nicht verletzen. Aber wenn Sie nun einer ... Dirne in die Hände gefallen wären? Einem verworfenen Geschöpf, das Ihre blühende Jugend in den Kot gezerrt hätte! Sittliche Reinheit ist noch immer das Fundament einer gesunden Entwicklung. Für den Einzelnen, wie für die Gesamtheit. Sie wissen garnicht, vor welchem Abgrund Sie gestanden haben! Zedlitz (mühsam) Ich will an diesen Augenblick ... mein ganzes Leben denken. Niemeyer Sie werden wohl selbst fühlen, daß Sie eine Strafe verdient haben. Ich werde den Fall dem Lehrerkollegium unterbreiten und dieses mag entscheiden, ob Sie mit einer bloßen Karzerstrafe davonkommen. Sie sind mein Pensionär und ich will daher nicht Ihr Richter sein. Bis auf weiteres haben Sie Zimmerarrest. Sie werden auch nicht an unserm gemeinschaftlichen Tisch teil nehmen. Ich werde sehn, daß wir Ihrem Herrn Vater eine besondere Mitteilung ersparen. Olga (durch die Tür rechts). Niemeyer (scharf) Klopfen Sie vorher an! Olga Ich bitte um Entschuldigung. Herr Schimke ist draußen. Niemeyer Er soll reinkommen. (Olga ab. Zu Zedlitz) Gehn Sie jetzt auf Ihre Stube. Zedlitz (im Kampf mit sich, trotz allem die Wahrheit zu sagen) Herr Direktor ... ich ... ich ... Niemeyer Gehn Sie! (Zedlitz durch die Tür im Hintergrund ab). Schimke Fräulein Link is zu Hause jewesen. Sie wird jleich kommen. Niemeyer Schimke! Warum haben Sie mir eine falsche Meldung gemacht? Wissen Sie, daß ich Sie sofort entlassen sollte! Schimke Och, Herr Direktor. Niemeyer Sie sind ein ganz unzuverlässiger Beamter! Schimke (kläglich) Ich bin doch nu schon zwanzig Jahre hier ... Niemeyer Um so trauriger, daß Sie dann auf Ihre alten Tage noch Ihren Direktor belügen! ... Wann ist Zedlitz gestern nach Hause gekommen? Schimke Nu, is wird wohl schon so fast nach Zwölwe gewesen sein. Niemeyer Ich kann Ihnen ja von jetzt ab kein Wort mehr glauben! Schimke Och, Herr Direktor ... Niemeyer Wenn ich nicht sofort die schwersten Konsequenzen ziehe, so danken Sie dies lediglich der Rücksicht auf Ihre unschuldige Familie. Schimke Der junge Herr hat mir so leid getan. Niemeyer Sie haben in erster Linie Ihre Pflicht zu erfüllen! Schimke Ich wers ja auch nie mehr wiedertun. Aber wenn Se den armen Menschen jesehn hätten ... er hat so furchtbar jebettelt. Niemeyer Alter Kriegsveteran hat sein Herz zusammenzurucken! Wenn wir alle so handeln wollten – wo bliebe die Disziplin? ... Schimke! (dessen Augen immer nur den Boden gesucht halten) Sehn Sie mich mal an! ... In diesem Hause befindet sich eine Strickleiter. Schimke Och, Herr Direktor. Niemeyer Warum haben Sie mir das nie gemeldet? Schimke Dann müßt ich ihr doch schon jesehn haben. Niemeyer Sie hätten sie eben sehn müssen! Schimke Wenn doch keene da is! Niemeyer Es ist eine da! ... Sie versehn Ihr Amt nicht! Die Schüler betrügen Sie! Männer, auf die kein verlaß ist, kann der Staat nicht brauchen. Haben Sie mich verstanden? ... Also bessern Sie sich! (es klopft rechts) Herein? Olga Fräulein Link. Niemeyer Ich lasse bitten, (die Tür ist aufgeblieben, die Angemeldete ist eingetreten, Olga ab). Lydia Liebster Herr Direktor! Niemeyer (reserviert stumme Verbeugung. Zu Schimke) Sie können abtreten, Schimke. Schimke Ick dank ooch schön, Herr Direktor. (ab). Lydia Darf ich gratulieren? Hat unser Festspiel vor den schönen Augen unsres gestrengen Herrn Landrats Gnade gefunden! (ihm eine wundervolle Rose überreichend) Die dankbare Darstellerin dem gefeierten Dichter. Niemeyer (die Rose auf den Tisch legend) Fräulein Link ... ich ... habe Sie in einer etwas peinlichen Angelegenheit bitten lassen. Lydia Mein Gott, Sie wollen mir doch nicht meine Rolle nehmen? Niemeyer Von dem Stück ist jetzt nicht die Rede. Lydia Sie erschrecken mich. Niemeyer Sie sind gestern Abend in vorgerückter Stunde mit einem meiner Zöglinge in ... einem nicht ganz einwandfreien Lokal gesehn worden. Lydia Nun begreife ich Sie aber wirklich nicht, teuerster Herr Direktor. Davon weiß ich ja garnichts! Ich war mit einer kleinen Gesellschaft, der sich allerdings auf unsre Einladung auch Herr von Zedlitz angeschlossen hatte, in einem sehr freundlich ausgestatteten Restaurant gewesen, wo es mir äußerst gefallen hat, und wo, wie ich gesehn habe, nur das allerbeste Publikum verkehrt. Es waren mehrere Offiziere da ... Niemeyer Doch wohl nur in Zivil. Lydia Nun ja, du mein Gott, was ist denn da dabei? Das ist doch kein Verbrechen? Die Herren sind doch auch mal gern fröhlich! Niemeyer In keinem Fall gehörte ein Schüler von mir in dies Lokal. Lydia Aber verehrtester Herr Direktor! Sie werden doch Herrn von Zedlitz keinen Vorwurf daraus gemacht haben? Ein so liebenswürdiger junger Mann! Das würde ich mir aber nie verzeihen können! Niemeyer Die Einladung war also von Ihnen ausgegangen! Lydia Ich mache gar kein Hehl daraus! Ich wüßte garnicht, wie ich dazu kommen sollte! Er ist mein Partner seit vierzehn Tagen in unsern Festspielproben und es war mir ein herzliches Vergnügen, mal ein Stündchen mit ihm verplaudern zu können. Ich muß sagen, wirklich ein ganz charmanter junger Mann, der seinem Erzieher nur alle Ehre macht! Niemeyer Der junge Mensch hat jedenfalls durch den unerlaubten Besuch dieses Lokals aufs Schwerste gegen die Disziplin gefehlt und ist dadurch in eine Lage geraten, die für ihn vielleicht nicht ohne recht bedenkliche Folgen bleiben kann. Lydia O, das wäre ja aber schändlich! Das dürfen Sie ganz unmöglich zulassen, Herr Direktor! Wir haben in harmlosester Fröhlichkeit den Erfolg Ihrer entzückenden Festdichtung im Voraus gefeiert, es mag n bischen spät geworden sein und da war Herr von Zedlitz selbstverständlich so ritterlich, mich die paar Schritte bis nach Hause zu begleiten. Oder hätte er so ungalant sein sollen, dieses auch nicht zu tun? Um mich am Ende gar den zudringlichen Rohheiten nächtlicher Passanten auszusetzen! Niemeyer Es wäre mir im Interesse meines Schülers aufrichtig lieber gewesen, Sie hätten sich bereits vor dem Lokal verabschiedet. Lydia Herr Direktor, nun muß ich aber lachen! Soll ich Ihnen jetzt auch noch das Fürchterlichste verraten? Ihr kleiner Knabe wunderhold hat mir sogar das Schladebachsche Haustor aufgeschlossen! Ist das nicht schrecklich? Aber mein Hausschlüssel dreht sich manchmal wirklich zu schwer um. Niemeyer Liebes Fräulein, Ihre Heiterkeit ist mir der beste Beweis, daß ich mich über Sie nicht getäuscht habe. Aber sagen Sie selbst: wenn das nun Jemand gesehn hätte? Sie glauben ja garnicht: es ist wirklich manchmal, als ob die Menschen nicht mehr fähig waren, auch etwas harmlos zu deuten. Mindestens den einen Vorwurf der Unvorsichtigkeit darf ich Ihnen also nicht ersparen. Lydia Gott ja, son ganz kleines Rüffelchen mag ich ja vielleicht verdient haben. Aber Sie werden doch nicht einen erwachsenen jungen Menschen wie einen kleinen Quartaner abstrafen? Kann ich ihm denn garnicht helfen? Niemeyer Nun, wenn es Sie beruhigt, liebes Fraulein: so weit Sie unserm jungen Freunde überhaupt helfen können , haben Sie ihm bereits geholfen. Und zwar dadurch, daß Sie mir sein Geständnis, ohne es zu wissen, bestätigt haben. Lydia Mein Gott, das klingt ja wie eine Untersuchung! Niemeyer (der bie Rose vom Tisch genommen hat und nun an ihr riecht) Mein Fräulein – es war auch eine. Lydia (lachend) Gottseidank, daß sie vorüber ist! Sie verstehn ja ordentlich, einem gruslich zu machen ... Jadwiga (durch die Tür links) Störe ich? Lydia Gnädigste Frau Direktor? Jadwiga (zu Lydia) Sie entschuldigen. (zu Niemeyer) Kurt möchte Dich nochmal sprechen. (Lydia gespannt aufmerksam) Er ist ganz sonderbar. So aufgeregt! (zu Lydia) Ich muß für unsre Herren Jungens immer betteln, (mit einem Blick) wenn sie etwas (mit besonderer Betonung) auszubaden haben. Mein Mann ist wirklich mitunter zu streng. Lydia Bei einer solchen Fürsprecherin, gnädige Frau ... Jadwiga Auch bei einer solchen Fürsprecherin manchmal. (zu Niemeyer) Darf ich ihn Dir also runterholen? Niemeyer Zedlitz hat Zimmerarrest. Aber wenn Du meinst ... ich will nicht zu hart sein. Jadwiga Liebes Fräulein? Lydia Gnädigste Frau? Jadwiga (ab durch die Tür links). Niemeyer (zu Lydia, sie verabschieden wollend) Es war sehr liebenswürdig, daß Sie gekommen sind. Ich danke Ihnen. Lydia (nach einigem Zögern) Sollte ich Herrn von Zedlitz nicht am Ende doch noch einen Dienst erweisen können? Niemeyer Ich wollte Sie eigentlich nicht länger aufhalten. Aber vielleicht beruhigt es ihn in der Tat völlig, wenn er auch noch von Ihnen erfährt, daß er seinen Fehltritt, wie es scheint, schwerer nimmt, als schließlich unbedingt nötig ist. Lydia Wie kann die dumme Geschichte ihn blos so quälen! Niemeyer Das spricht nur für ihn. Er ist eben eine sehr feinfühlige Natur, (kleine Pause) Was hat eigentlich der Landrat gegen Sie? Lydia Herr von Kannewurf! Nichts, das ich wüßte. Niemeyer Hm. Er hat sich über Sie ... Bemerkungen erlaubt, die mich geradezu empört haben. Lydia Herr Direktor! Niemeyer Aber ich bitte Sie! Regen Sie sich doch nicht auf! Lydia Sie schulden mir auf der Stelle zu sagen, was Herr von Kannewurf sich über mich erlaubt hat! Niemeyer Aber liebstes Fraulein! Lydia Was hat Herr von Kannewurf über mich gesagt? Niemeyer Fräulein Link! Lydia Ich verklage den Herrn und verlange Sie als Zeugen. Dann müssen Sie's sagen! Niemeyer Um Gottes Willen! Nur nicht noch Gerichtssachen! Lydia Ich will es wissen! Ich muß es wissen! Niemeyer Versprechen Sie mir auch, daß Sie sich über diese Beleidigung hinwegsetzen? Lydia Ich verspreche es Ihnen. Niemeyer Er hat es gewagt ... Ihren guten Ruf anzutasten. Lydia Und Sowas soll ich auf mir sitzen lassen! Wo ich verlobt bin? Wo es sich um mein Lebensglück handelt? Das will ich nicht! Das kann ich nicht! Da verlangen Sie denn doch zu viel von mir, Herr Direktor! Niemeyer Beherrschen Sie sich doch! Der junge Mensch muß gleich eintreten! Lydia Lassen Sie ihn eintreten! Er soll eintreten! Ich verlange , daß er eintritt! Er muß mir sofort bestätigen, daß wir nichts miteinander gehabt haben! Aber auch nicht das geringste! Niemeyer Wer behauptet denn das? Das hat ja niemand gesagt! Lydia Doch! Doch! Sie behaupten es! Sie haben es gesagt! Das dulde ich nicht! Das lasse ich mir nicht gefallen! (stürzt auf die Thür links zu). Niemeyer Wo wollen Sie denn hin? (es klopft an der Tür im Hintergrund) Herein! Lydia (auf Zedlitz zu, der eintritt) Herr von Zedlitz, Sie werden mir bezeugen, daß wir nichts, garnichts mit einander haben! Herr von Kannewurf ist ein elender Verleumder! Warum nehmen Sie mich nicht in Schutz? Warum helfen Sie mir nicht? Man läßt doch nicht eine Dame beleidigen? So reden Sie doch! Zedlitz (vollständig ratlos). Lydia Ich habe Sie getroffen, wir sind in anständigster Gesellschaft gewesen. Sie haben mich bis vor mein Haus begleitet und dort haben Sie mir Adieu gesagt! Nicht wahr? So wars? So wars doch? Zedlitz Ja ... (die Lüge runter würgend) So wars. Lydia (ihm krampfhaft die Hand drückend) Ich wußt es ja: Sie sind ein lieber Kerl! Es tut nur so unendlich leid, daß Sie jetzt durch mich ... Niemeyer Ich bitte Sie. Die Sache ist ja erledigt. Sein Sie unbesorgt: es geschieht ihm schon nichts. Natürlich, ohne jede Sühne kann ich seine Schuld nicht lassen . Lydia Können Sie nicht ganz Gnade für Recht ergehn lassen! Niemeyer Nein. Lydia Auch wenn ich Sie sehr, sehr schön bitte! Niemeyer Auch dann nicht. Lydia Na, aber bis zur Aufführung wird unser Verbrecher doch seinen Kerker hoffentlich schon verbüßt haben! Niemeyer Die Aufführung wird nicht stattfinden. Lydia (wie aus allen Himmeln) ... Ja, warum denn nicht! Niemeyer Nach dem Vorgefallenen ist das wohl selbstverständlich. Lydia Schade ... Das tut mir aber schrecklich leid, (zu Zedlitz, der sie, erstaunt, groß angesehn hat) Wir sind wirklich beide ... die reinen Kinder gewesen! (wieder zu Niemeyer) Ich werde also Herrn von Kannewurf die Bestrafung erlassen. Es genügt mir, daß ich ihn verachte! (sich verabschiedend) Lieber Herr Direktor? Herr von Zedlitz? Niemeyer (der sie bis zur Tür begleitet hat) Ich bedaure, Ihnen eine so aufgeregte Auseinandersetzung bereitet zu haben. (Lydia ab. Kleine Pause) Nun, mein lieber Zedlitz? was drückt sie noch? Zedlitz Ich ... hätte nicht nochmal kommen sollen. Ich ... weiß garnicht, was ich machen soll ... Ich bin ein schlechter Mensch! (nach einem letzten Zögern) Ich wollte ... Sie nur nochmals ... um Verzeihung bitten. Niemeyer Aber liebster Kurt! Jetzt komme ich mir ja beinah vor, wie der Sünder, war ich zu hart vorhin? Habe ich Sie verletzt? Zedlitz O nein, nein! Ich möchte Sie sogar um eine recht strenge Strafe bitten! Niemeyer Sie machen es mir wirklich schwer, Sie überhaupt noch zu bestrafen. Zedlitz (kaum noch Herr seiner selbst) Ich verdiene Ihre Güte nicht! Niemeyer (ihm die Hand auf die Schulter legend; ihn beruhigend; gütig) Zedlitz!   (Vorhang). Dritter Akt Die »Mehlkiste« (alter Bäckerkeller; duster und grauslich. Oben im Mauerwerk rechts vergitterte Fensterlöcher in Staub und Spinnweben. Aus der Ecke links eine steile Steintreppe. Im Hintergrund ein weiterer Kellerraum, der von dem vorderen durch einen breitoffenen Bruchsteinbogen getrennt ist. In diesem hinteren Keller führt rechts eine zweite Treppe zu einer verräucherten Bohlentür; links aufgestapeltes Scheitholz; in der Mitte die Tür zum Backofen, in dem schon Feuer brennt. Im Vordergrund links, neben der Treppe, eine mächtige, außer Dienst gesetzte Mehlkiste, von der Decke auf Hängebrettern, wie auch sonst, allerhand Backgerät: Säcke, Mulden, Mehlschaufeln, Teigschüsseln u. s. w. Ueber der Mehlkiste ein Büffeltrinkhorn, unter den Kellerfenstern rechts, über zwei gekreuzten Schlägern, ein schwarzrotgoldnes Wappenschild; alles leicht abnehmbar. In der Mitte der Bühne, auf breitem Kreuzgestell, ein massiger Knettisch mit Holzschemeln. Die ganze unterirdische Romantik wird beleuchtet durch die Backofenglut auf dem Hintergrund und zwei dicke Talglichter auf den beiden Schmalseiten des Tisches. Um den Tisch, in roten Mützen mit schwarzrotgoldnen Bändern, die »Aktiven« der »ehrenfesten und freien Blutsverbindung Antityrannia.« Klausing an der rechten Schmalseite, ihm gegenüber Pöhlmann. Beide mit Schlägern. Das Getränk ist »schäumender Met« in Holzkrügen. Sämtliches Gebein dampft aus langen Befreiungspfeifen Revolutionsknaster. Während der Vorhang sich hebt, verklingt grade die schon vorher hörbar gewesene letzte Strophe des Ergo bibamus: »Es glänzen die Wolken, es teilt sich der Flor, da scheint uns ein Bildchen, ein göttliches, vor; wir klingen und singen: »Bibamus!«). Klausing Ein Schmollis den Sängern! (alles: »Fiduzit!« Stimmengewirr; allgemeines Zutrinken: »Vercingetorix, Heil!« »Heil Dir, Mucius Scävola!« »Sempronius Grachus! In tyrannos!« »In tyrannos, o Catilina!« »Spartacus! Die Freiheit!« »Die Freiheit, Widukind!« »Harmodios, die – Liebe!« »Die Liabe, Aristogeiton! Die Liabe!«). Spartacus-Klausing (mit dem Schläger dreimal auf den Tisch dröhnend) Silentium! ... Catilina, sind die Wachen in Ordnung! Pöhlmann-Catilina Erhabener Spartacus, sie sind es! Spartacus (abermals drei Schläge) Silentium! (eherne Stille) Brüder! Ein Freudentag ist es für unsre ehrenfeste und freie Blutsverdindung Antityrannia! Fern von dem verhaßten Druck unsres brillenbewaffneten Diktators feiern wir heute in sonniger Freiheit unser erhabenes zweites Stiftungsfest. Leider fehlt unsrer Festesfreude die funkelndste Perle: Brutus, unser großer Brutus, hat schnöden Zimmerarrest! Traumulus, der Tückische, hat ihn verhängt! Weil Brutus was wandelte? Die rosenbekränzten Pfade der Freiheit! Ha, ihr Brüder! (alles, wie ein Mann, mit erhobener Faust: »Ha!!!«) Rache! (alles wieder ebenso: »Rache!!!«) Beim nächsten Extemporale wird gemogelt, wie noch nie! Pereat Traumulus! (alles unisono: »Pereat!!!«) Und noch eine Trauerkunde: Schimke, unser Couleurfax, dem wir den fürstlichen Sold von monatlich fünf Reichs-Emm inklusive Stoff und Stinkadores in den sklavisch aufgesperrten Pedellrachen geschüttet haben, Schimke der Elende, Schimke der Feigling, Schimke der Schurke – streikt! (alles: »Nieder mit Schimke!!!« »Nieder!!!«) Traumulus hat ihm die Leviten gelesen! (»Jetzt hat er de Hosen voll!« »Jammerlappen!« »Angstfahne!« »Zitterrochen!« »Schlotterknochen!!«) Requiescat! ... Aber auch Wonne spenden uns die Götter in diesen heiligen Hallen! Vercingetorix und Mucius Scävola, ich fordre euch auf, nunmehr den nach Freiheit dürstenden Neuling in diesen gefesteten Kreis einzuführen. Die Sassenschaft erhebt sich! (sie tut es; Vercingetorir und Mucius Scävola ergreifen zwei Hellebarden, begeben sich nach der Tür im Hintergrund und geleiten durch diese den Obersekundaner Karl Wilhelm Frommelt, dessen beide Hände von einer klirrenden Kette gefesselt sind, vor die Mitte des Tisches) Karl Wilhelm Frommelt, unschuldiger Sohn Deines fluchbelasteten Vaters, hiesigen Professors und Oberlehrers Doktor Albert Eduard Frommelt, Prorektors und Ordinarius der Unterprima, unsres verhaßten Subtyrannen, Herausgebers der griechischen Syntax für Quarta, eines Mannes baar jeder menschlichen Gefühle: einstimmig haben wir beschlossen, Dich einzureihen in die geheime Phalanx unsrer geliebten Antityrannia. Catilina, eröffne das Schwurbuch! Harmodios und Aristogeiton, waltet Eures Amtes! Catilina (einen wuchtigen Schweinslederfolianten aufklappend, während Harmodios und Aristogeiton mit den beiden Talglichtern rechts und links neben ihn treten) Auf Befehl des Meisters! Karl Wilhelm Frommelt, willst Du schwören, zu Wasser und zu Lande, in Feuer und Luft, über und unter der Erde, unserm Bunde, seinen Satzungen und seiner Obrigkeit treu zu sein! Die zu lieben, die ihn lieben, die zu hassen, die ihn hassen, und Dich nicht beirren zu lassen von Traumulus, dem tückischen Dämon unsrer Freiheit? Dann rufe: Ich schwöre! Frommelt Ich schwöre! (gleichzeitig haben Vercingetorix und Mucius Scävola dreimal mit ihren Hellebarden aufgestoßen). Spartacus (zu Frommelt) Niedrige Knechtschaft hielt Dich bisher gefesselt. Jedes Glied dieser ehernen Kette hatte seinen verruchten Brandnamen. (die Kettenglieder klirren lassend) Dieses hieß Virgil, der Lederne, dieses Thukydides, der Kniffliche, dieses Sallust, der Freche, dieses bedeutete die infernalischen Mächte der Integralgewalten uud des binomischen Lehrsatzes ... erlasse mir die Gräul der übrigen. Das alles soll jetzt von Dir fallen. Widukind! Entfessle ihn! (geschieht) Sempronius Grachus, ritze ihm die Ader! (geschieht) Cassius! Sammle sein Blut in die Bundesurne! (geschieht) Karl Wilhelm Frommelt hießest Du, Möros seist Du von nun an genannt. Hier die Zeichen Deiner Würde: Den Dolch im Gewande, die Freiheitspfeife und den Revolutionsknaster! In Ermanglung eines Tyrannenschädels, berausche Dich aus diesem Prunkpokal! Als Erzieher wird Dir Catilina gesetzt. Heil Möros! (alle, ihm zutrinkend: »Heil Möros!«). Möros Heil, Ihr Brüder! (berauscht sich aus seinem Prunkpokal. Alle: »Heil!« Nimmt Platz). Spartacus Und nun den Päan der Freude! Das Traumuluslied! (dreimal mit dem Schläger aufrasselnd, was Catilina wiederholt) Vorsänger sei der zu den besten Hoffnungen berechtigende Dichter desselben, unser unsterblicher Catilina! Der erste Vers steigt! Catilina (das erste »o Traumulus« allein singend, alles übrige im Chor) O Traumulus! O Traumulus! Von Gold gleißt Deine Brille! Du glupst durch sie in den Homer, den deutschen Jüngling schmerzt das sehr! O Traumulus, o Traumulus! Jadwiga heißt Dein Wille! Spartacus Der zweite Vers! Ich bitte, gebührender Traumulus zu betonen! Catilina (wie vorhin) O Traumulus! O Traumulus! Längst schwanden Dir die Locken! Die Olga giebt Dir keinen Kuß, Du schmeckst zu sehr nach Aeschylus! O Traumulus! O Traumulus! Du bist ihr viel zu trocken! Spartacus Der dritte, letzte und schönste Vers! Catilina (wieder ebenso) O Traumulus! O Traumulus! Total bist Du verwittert! Du vorsindflu–tlich altes Haus, Dein Ahnherr war Herr Menelaus! O Traumulus! O Traumulus! Ein Schuft, wer vor Dir zittert! Spartacus Ein Schuft, wer vor ihm zittert! Cantus ex! Ein Schmollis den Sängern! (alles: »Fiduzit!«) Kolloquium! (wieder Stimmengewirr und allgemeines Zutrinken: »Heil, Möros!« »In tyrannos!« »Olga soll leben!« »Hoch Jadwiga!« »Nieder mit Sophokles!« »Hoch Sudermann!« Das Fäßchen Bier in der Ecke, von einem der Blutsbrüder fleißig gemolken, kluckert bereits bedenklich, der Qualm aus den Freiheitspfeifen wölkt sich immer dichter). Wache (mit hochgeklapptem Kragen und beschneiter Pelzmütze oben auf der Treppe links) Hannibal ante portas! Traumulus!! (Stimmengewirr: »Traumulus!« »Verrat!« »Licht aus!« »Tür zu!« »Zuriegeln!« »Los!« »Durch die Ankergasse!« Ein Teil der Blutsbrüderschaft will sich durch die Hintertür retten, andre werfen ihre Bänder und Mützen in die Mehlkiste, während einer die Embleme abhakt, Catilina und Spartacus blasen die Lichter aus) Is ja gar nischt! Dableiben! Setzen! ... Er is blos drüben in den Goldnen Pfau gegangen! Spartacus (wieder Mut in der Männerbrust, Schlägeraufschlagen) Ad loca, Ihr Memmen! (Stimmen: »Ad loca!« »Ad loca!«) Silentium! Licht an! (beide Tagelichter erstrahlen wieder) Trotzdem ist der Staat in Gefahr! wenn der blinde Greis jetzt auch nur nach der Pulle Sekt sucht, die unser Brutus gestern mit seiner Circe Lydia geleert – sein Spionenschritt schleicht fast über unsern Köpfen! (zu der Wache oben) Wo ist Maccabäus? Wache Maccabäus lauert an der Treppe! Wenn wir pfeifen – gleich hinten raus! (ab). Spartacus Heben wir die Sitzung auf, oder bleiben wir noch? Ich eröffne darüber die Debatte. Catilina (Hand hoch) Ich bitte ums Wort. Spartacus Unser Fuchsmajor Catilina hat das Wort! Catilina Herrschaften, es wäre doch verflucht faul, wenn wir abgefaßt würden. (Stimmen: »Um Gottes willen!« »Mein Alter reißt mir den Kopp ab!« »Dann schieß ich mich dodt!« Zedlitz hat uns nich verraten; das is natürlich klar wie Klosbrühe! (»Bist wohl verrückt!« »Dir piekts wohl!« »Zedlitz und verraten!«) Das sag ich ja! Dösköppe! Aber der goldne Pfau is doch nu mal keine hundert Schritt weit. Laßt den Ollen drüben blos ne Pulle Selterswasser gekübelt haben. Dann dammelt er uns, wenn er wieder vorbeikommt, de Treppe runter. Plumpst er womöglich mitten in die Mehlkiste! (»Schauerlich!« »Hör auf!«) Kinder, ich weeß nich, mir schmeckt nich mehr de Pfeife. Cassius (Hand hoch). Spartacus Cassius hat das Wort! Cassius Catilina is n oller Bammelfritze! (»Bravo!« Händeklatschen). Catilina Mondkalb! Cassius Pavian! (Stimmen: »Zur Ordnung!« »Is doch hier kein sozialistischer Parteitag?!«). Spartacus Ich bitte dringend, parlamentarisch zu bleiben! Cassius Ich stelle den Antrag, die Wachen zu verstärken! (»Bravo!« »Sehr gut!« Im Hintergrund schlägt eine Glocke an; nur ein einziger Ton). Spartacus Silentium! Schladebach kommt! (lautlose Erwartung). Schladebach (mit einem Licht durch die Tür im Hintergrund) Bundesbrüder – das Vaterland is jerettet. Traumulus hat sich dinne jemacht! (alle, donnernd: »Hurraah!!!« »Habemus Papam!!!«). Spartacus (dreimal mit dem Schläger dröhnend) Silentium strictissimum! Unser einziges Ehrenmitglied, unser geliebter Freund und Gönner, unser Mäcen und Metlieferant, Cromwell, der Mildtätige! Graalsgenossen! Dieser seltene Mann, der uns tief unter einer von elendem Knechtssinn durchtobten Phäakenstadt diese sichere Freistatt eröffnet, ihm werde eine ganz besondere Ehre! Ihm steige der erhabene Bank, jenes köstliche Symbolon, das uns Cassius aus den sagenhaften Gefilden des göttlichsten aller Bünde, der Schlaraffia, als geheiligtes Gastgeschenk aus den Weihnachtsferien gebracht hat. Der Bank steigt! Eins! Zwei! Drei! (der »Bank« wird genau nach dem Ritual des »Schlaraffenspiegels« einmal ausgeführt) wunderschöner Bankus exest! Mister Cromwell, dürfen wir Sie ersuchen, auf der Sella honoria Platz zu nehmen? Cassius! Die Ehrenpfeife! Cassius (das schwarzrotgoldbetroddelte Institut Schladebach überreichend. Schladebach, in der Längsmitte des Tisches, das bereits gestopfte Pfeifoid anrauchend, während Cassius den Fidibus hält) Was ist die Welt? Nur Rauch und Ruß. Hoch Cromwell, nieder Traumulus! Schladebach Lateinsch und Griechisch macht blos schwach. Hört auf den Bäcker Schladebach! (»Sehr richtig!« »Hört, hört!« »Ni. W.!« Gelächter) Ich kann blos n paar Minuten. Meine Meechens sind janz alleen im Laden! (Zwischenruf: »Is ja Sonntagsruhe!«) Bei uns de beste Betriebszeit! Wozu jiebt't Hintertüren? Cassius Kommen die beiden Damen wieder runter? (Stimmen: »Ach ja, Herr Schladebach!« »Ach ja!« »Famos!« »Feinfein!« »Wird das wieder gemütlich!« »Au, die Minka und die Mietze!«) . Schladebach (schmunzelnd) Wat, Jungens, die jefallen Euch wol? (Stimmen: »Och, Herr Schladebach!« »Da is doch nischt bei?« »Wir pussieren doch nich!« »Bitte, bitte!«) Kinder, watt jemacht werden kann, witt jemacht. Ick war ja ooch mal jung! (»Brav«!« »Prost, Cromwell!« »Meine Blume!« »Aufs Spezielle!« »N Halben!«) Auf meinem Wohle! (trinkt. Zuruf: »Prost!«) Herr Spartacus, ich möcht mal ums Wort jebeten haben. Spartacus Silentium! Cromwell hat das Wort! Cromwell, der Rundliche! Schladebach (aufgestanden) Bundesbrüder! Bismarck hat mal jesaacht, det Eenzje is de Jugend! Und det war jewiß n heller Kopp! Wenn er ooch in de Walhalla sitzt. Jloobt mir: der sieht jetz uf uns runter und freut sich, wat det hier für ne frische, fröhliche Jemietlichkeit is! Der hats ooch immer mit de Tirannen jehabt. Immer feste druff! Warum haben wir so ville Steuern? Det Mehl muß for de Bäcker jratis geliefert werden. De Fünfjroschenbrode sind zu jroß. De Polizei witt abjeschafft. Jeder kann sein Laden schließen und ufmachen, wenn er Lust hat. Jott, ick wer't nich mehr erleben. Abber Ihr! Dets eire sozjale Ufjabe. Darum haben wir uns hier versammelt. Ick erhebe mein Jlas und trinke uf det ewije Vivat Aquademia von unsre Antitirannja! Die Antitirannja – sie lebe hoch! Hoch!! Hoch!!! (alles hat mitgehocht und schüttelt ihm nun die Hände: »Herr Schladebach!« »In tyrannos!« »Prost, Dicker!« »Da lag noch Kraft drin!«) Kinder, drückt mir nich dodt. Ick hab schon so Asthma jenuch. wollt Ihr mir jlooben! Traumulus hat mir noch de Hand jejeben! (»Ach, nee!« »Wirklich?«) Nich de Bohne hat er jemerkt! Er is blos drüben in die olle Bude jewesen, hat son bisken int jrüne Zimmer jerochen und denn isser jleich wieder abjezogen. (»Wenn der wüßte!« »Wir haben keinen kleenen Schreck jekriecht!« »Das wär ne Bescheerung gewesen!« »Au Backe!« »Is doch n juter Kerl!« »Hoch Traumulus!« »Bravo!« »Hoch Traumulus!«) Richtig, Kinder! Lassen wirn leben! Ick schlage n Salachmander vor! (»Bravo!« »n Salachmander!« »Bravo!«). Spartacus (dreimal mit dem Schläger aufschlagend) Wir präparieren den »Salachmander!« Mützen ab! (selbst Cromwell entblößt seine Glatze) Blutsbrüder! Es ist ein natürlicher Kampf zwischen Lehrern und Schülern. Dieser Kampf ist gesund! Hie Antityrannia, hie Traumulus! Wenn wir beseelt, von unbezähmbarem Freiheitsdrang auch seine Tafeln zerbrechen wie die apulischen Sklaven die römischen Fasces – wir lieben und verehren ihn doch! (»Bravo!«) Unbewußt ist er die Wölfin, die in uns die jungen Löwen nährt, die mit ihrem Gebrüll einst die Welt in Schrecken setzen werden! Ad exercitium salamandris! Auf Traumulus!! Eins, zwei, drei, bibite! (der Salamander wird donnernd gerieben) Eins, zwei, drei, Salamander ex! Mützen auf! Cromwell hat nachgeklappt. Cromwell steigt in die Kanne! (Cromwell steigt hinein, alles singt: »Zieh, Schimmel, zieh! Zieh, Schimmel, zieh!«) Geschenkt! Schladebach Det hat jeschmeckt. Bäckergeselle (mit aufgekrämpelten Hemdsärmeln durch die Tür im Hintergrunde) Wie is dn det nu! Der Brodteich is bald fertich! Schladebach Jetz schon? Bäckergeselle Witt doch heut extra jebacken. Fräulein hat gesaacht is Allens alle. Schladebach (die ganze Antityrannia hat ehrfürchtig zugehört) Na! Denn muß ik mal (der Geselle verschwindet wieder) nach meinem Ofen sehn. (»Wir helfen!« »Selbstverständlich!« »Wir auch!« »Präsidium, tempus peto!« »Tempus peto!«). Spartacus »Habeas! Kolloquium! Schladebach (schiebt unter Mitwirkung der Antityrannia neues Scheitholz in den Ofen) Rin mit de Tyrannen! (Chorus: »Rin!« Stimmen, je mit Hineinbugsieren eines neuen Scheits: »Dets Cäsar!« Chorus: »Rin!« »Dets Dionys!« Chorus: »Rin!« »Napoljon!« Chorus: »Rin!« »Philipp von Spanien!« Chorus: »Rin!« »Iwan der Schreckliche!« Chorus: »Rin!« »Oberlehrer Schlammelschlag!« Chorus: »Rin!« »Bebel!« Chorus: »Rin!«) Dets erst recht eener! Und nich zu knapp! (»Herr von Kannewurf!«) Uf den hab ik't abjesehn! (Chorus: »Rin!« Alles singt, zum Teil unter Balletbewegungen a la Siouxindianer: »Nieder mit die Hunde! Nieder mit die Hunde! Nieder mit die Hunde von die Reaktion! Blut muß fließen knüppelknüppeldick! Es lebe hoch, es lebe hoch die deutsche Republik!« Schladebach, den Ofen geräuschvoll schließend) So, Brieder. Die übrijen Karnalljen det nächste Mal! (schon an der Treppe) Na, und det mit die Miete? Wie steht dn det nu? Is heut schon der Fuffzehnte! Spartacus Ach Gott, Herr Schladebach, wir wern ja schon berappen! (Stimmen: »Ich versetz meine Uhr!« »Ich verklopp mein griechisches Testament!« »Blutsauger!«). Schladebach Jut! Jut! Also det nächste Mal! (mit seinem Licht die Hintertreppe hoch) Is ja janz scheen, det mit de Blutsbriederschaft, man ... (Gebärde des Geldzählens) wovon soll der Schornstein rochen? (»Blutsauger!« Die Antityrannia singt: »So leb denn wohl, du altes Haus, du ziehst betrübt von uns hinaus!«). Spartacus (den Gesang unterbrechend) Ad loca! (»Ad loca!« »Ad loca!«) Sind die Humpen gefüllt? (»Sind!«) Brennt der Knaster? (»Brennt!«) Sind die Windharfen absolviert? (»Sind absolviert!« »Bravo!«) Catilina: Dein Epos! (»Aaah!«). Catilina (aufgestanden; aus einem riesigen Manuskript den Titel vorlesend) Romeo und Julie im Goldnen Pfau, oder (unter allgemeinem Beifallsgegrunz) Brutus nach Mitternacht! Traumulus – Trauertremolo in siebzehn Kapiteln! (»Aaaaah!!!«). Zedlitz (mit Hut und Mantel, beschneit, durch die Tür oben links. Alles aufgesprungen: »Hurrah, Zedlitz!« »Zedlitz!« »Zedlitz!«). Spartacus Großer Brutus, der Du dem Kerker entronnen, der Du die Ketten brachst, wir grüßen Dich! Heil! (»Ave Cäsar!« »Morituri te salutant!« »Heil!«) Begeisterung im Busen, überreiche ich Dir, unserm Stifter, was ich bisher nur für Dich verwaltete, das Präsidenschwert der Antityrannia! Zedlitz (der seine Sachen abgelegt hat, am Präsidenplatz; ein andrer setzt ihm die Mütze auf; er legt sie wieder auf den Tisch. Einen Augenblick ist er nachdenklich sitzen geblieben, dann steht er langsam auf) Liebe Freunde! Ich habe die mir auferlegte Strafe nicht durchbrochen, um mit Euch fidel zu sein. Ich bin hierhergekommen, um den Antrag zu stellen, unsre Verbindung aufzulösen. (»Nanu?« »Zedlitz!« »Bist Du verrückt geworden?«) Bitte, laßt mich ausreden! (»Ruhig!« »Ssst!« »Ssst!«). Catilina (mit dem Schläger aufschlagend) Silentium für Brutus! Zedlitz Ich begreife vollkommen, daß Ihr vielleicht meint, ich habe den Verstand verloren. Hätten wir unser Stiftungsfest gestern um diese Zeit gefeiert, ich glaube, ich hätte dem, der uns auch nur mit Aehnlichem gekommen wäre, nie mehr die Hand gereicht. (»Bravo!«) Ich denke jetzt nicht mehr so. Ich habe heute Vormittag mit Herrn Professor Niemeyer ein ... inneres Erlebnis gehabt, das mich – zu einem andern Menschen gemacht hat. Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß unser Direktor, den wir Tag für Tag auf das Schamloseste beschwindeln, den wir hintergangen haben, wo wir nur konnten, der beste Mensch ist. Einem bessern werden wir nie mehr im Leben begegnen! Wir sind dumme Jungens oder Schurken, wenn wir seine unglaubliche Gutheit in so schandbarer Weise noch weiter mißbrauchen ... Ich habe diese Nacht etwas getan, vor dem ich jetzt ausspucken möchte. Ich habe diesen Mann, der mir in seiner Herzensgüte voll vertraut, in der niedrigsten Art und Weise hintergangen! Einer ... Kanaille wegen! Und ich will heilfroh sein, wenn die einzige Folge meiner Gemeinheit die bleibt, daß ich ihn obendrein auch noch auf das Widerlichste belügen mußte! Ich würde sonst wissen, was ich zu tun hätte ... Ich bin kein anständiger Mensch mehr! (»Zedlitz!« »Mensch!« »Um Gottes Willen!« »Nu laß doch man!« »Sei doch kein Frosch!«). Catilina Ruhe! Zedlitz (hart) Ich will mich hier nicht weiß brennen. Ich bin mir vollständig klar darüber, daß ich mir meinen Reinfall in erster Linie selbst zuzuschreiben habe. Aber – und das soll mir Niemand ausreden – der ganze Rummel hier ist mit Schuld daran! (»Oho!« »Beleidigung!« »Andern Präsiden!« Heftig) Habe ich das Wort, oder nicht? Catilina (mit dem Schläger aufschlagend) Si–lentium! Zum Donnerwetternochmal! Kann nachher jeder quatschen, was er will! Zedlitz Ich wiederhole: der ganze Rummel hier ist mit Schuld daran! ... Glaubt doch ja nicht, daß ich als tränenklötriger Wimmerfritze Euch Moral pauken will. Fällt mir garnicht ein. Ihr wißt genau so gut wie ich, daß unser Direktor wegen einer Geschichte hierher versetzt wurde, die im Vergleich zu manchem, was wir hier schon getrieben haben, einfach harmlos war. Und zu alledem bin ich Euer Anführer gewesen! (»Blech!« »Unreif!« »Was machen wir denn!« »Wir stecken doch keine Häuser an!« »Wir bringen. doch keinen um!«) O, doch bringen wir vielleicht einen um! Es braucht blos der zehnte Teil von dem hier rauszukommen und unser Direktor ist gewesen! Cassius Denn kriegen wir eben n andern her. Sehr einfach! Zedlitz (durch die Zähne) Cassius! (kleine, lautlose Pause) Du weißt ja garnicht, wie gemein Du jetzt bist. Cassius (aufgesprungen) Das lasse ich mir nicht gefallen! Zedlitz wird das sofort zurücknehmen! (andre, ihn auf seinen Stuhl zurückdrücken: »Laß doch!« »Nu nimm doch Vernunft an!« »Das geht doch nicht?« »Du kennst doch Zedlitz!«). Zedlitz Ich nehme nichts zurück! (»Aufhören!« »Schluß!« »Schluß!«). Catilina Ich muß aber dringend bitten! Nicht blos um Ruhe, sondern auch daß Du Dich mäßigst, lieber Zedlitz! (»Bravo!« »Sehr richtig!« »Wir sind doch keine dummen Jungens!«). Zedlitz Kurz und bündig, ich wiederhole den Antrag, die Verbindung aufzulösen. Cassius (wie eine Wildkatze auf) Ich bitte ums Wort! Zedlitz Cassius hat das Wort. Cassius Auch kurz und bündig! Was geht das uns an, wenn Zedlitz dämliche Weiberkisten macht? Wir machen auch welche! Aber natürlich: wenns einer so schlau anstellt, sich mit seiner Dulzinea öffentlich drüben in den Goldenen Pfau aufzupflanzen, dann bringt er die ganze Mimik ins wackeln! Wißt Ihr, was das einfach für mich ist? Die haarsträubendste, aber auch die haarsträubendste Statutenverletzung! (»Bravo!« »Sehr richtig!« »Hoch Cassius!«) wir haben uns doch nich hier zusammengetan, um jedes Mal ne große Flennerei loszulassen, wenns einer mit der Angst kriegt, wir wollen doch mal Männer werden! Wenn Traumulus ne alte Drohmlade is – was können wir dafür? (»Bravo!«) Ich stelle kategorisch den Antrag, erstens auf Schluß der Debatte und zweitens, die unerhörte Unglaublichkeit von Zedlitz einfach abzulehnen! (»Bravo!« »Bravo!« »Bravo!«). Zedlitz Wer ist für Schluß der Debatte? (alle die Hand hoch) Die Debatte ist geschlossen, wer ist für den Antrag, die Verbindung aufzulösen! (Niemand rührt sich) Wer ist dagegegen? (Alle stehn auf) Ich lege hiermit mein Präsidium nieder und trete aus der Verbindung aus. Cassius (wütend) Das möchtest Du! Um Dich bei Deinem Herrn Direktor wieder lieb Kind zu machen! Du meinst wohl, das geht so! Da haben wir auch noch mitzureden! Zedlitz (sich nur noch mit Mühe zurückhaltend) Noch ein Wort, und ich ... Cassius Ich verlange, daß Zedlitz cum infamia aus unsrer Verbindung excludiert wird! (draußen ertönt ein Pfiff, der im Tumult überhört wird). Zedlitz (von den Andern mit Gewalt zurückgehalten) Laßt mich! (»Excludiert!« »Excludiert!« »Hoch Cassius!« »Nieder mit Zedlitz!« »Cum infamia!« »Cum infamia!« »Cum infamia!«) Die beiden Wachen (beschneit durch die Tür oben links) Die Polizei!!! Zedlitz (rausbrechend) Da habt Ihrs! Nu is ex! (»Herrgott!« »Wir Esel!« »Riegelt die Tür zu!« »durch die Ankergasse!« »Durch die Ankergasse!« Alles, außer Zedlitz, nach dem hinteren Ausgang rechts zu). Polizei (beschneit durch die Tür im Hintergrund) Zurück! (gleichzeitig von außen Schläge gegen die verriegelte Tür oben links) Aufmachen! Aufmachen! (ein Tritt sprengt das Schloß, die Treppe hinab, beschneit, Schutzmann Patzkowski. Am Eingang, wie am Ausgang je ein Posten). Patzkowski Alles zur Wache! (auf Zedlitz zu, Handbewegung) Der Herr Direktor wird ne Freude haben! Zedlitz (ruhig) Ich gehöre nicht mehr zur Verbindung. Patzkowski Sie! Sie sind der Schlimmste! Marsch!   (Vorhang). Vierter Akt Polizeiwache (Zimmer des Polizeiinspektors. Büreaukratisch öder Raum. Weiße Tünche, gelbes Tannenholzgemöbel. Im Hintergrund zwei Fenster, links eine Tür. Zwischen den Fenstern, unter der offiziellen Gipsbüste Kaiser Wilhelms des Zweiten, das Schreibpult des Sekretärs. An der Wand rechts ein vierschrötiger Kleiderschrank und ein Respekt einflößendes Aktenregal mit solide gebundenen Gesetzfolianten, aufgeschichteten Zeitungsstößen, geheimnisvollen Pappkästen und sonstigem Wust. Links, zwischen Tür und Fenster, ein glühender eiserner Füllofen, daneben eine primitive Waschvorrichtung und nach vorn zu eine schnurgerade Reihe Stühle. Im Vordergrund rechts der Tisch des Inspektors. An den Wänden Polizeiverordnungen, von der Mitte der Decke eine sparsame Gasflamme. Hinter den gardinenlosen Fenstern dichtes Schneegestöber, durch das zwei Stadtlaternen flackern. Das Ganze von trostlosester Nüchternheit). Landrat (im offenen Pelz) Sind sie Ihres Beamten also ganz sicher? Der Mann hat ihn wirklich mit ihr ins Haus gehn sehn? Hoppe (Polizeiuniform) Herr Landrat dürfen sich auf den Bericht vollkommen verlassen. Landrat Kanns nicht vielleicht doch n andrer gewesen sein? Solche Weiber wie die Link, lieber Hoppe, sind sehr vielseitig. Hoppe Der Schutzmann Patzkowski ist mein zuverlässigster Beamter. Außerdem kennt er den jungen Herrn von Zedlitz ganz genau. Landrat Nur um Gottes Willen nichts behaupten, was wir nicht ganz, aber auch ganz bestimmt beweisen können! Hoppe Jeder Zweifel ist ausgeschlossen, Herr Landrat. Herr von Zedlitz hat mit Fräulein Link das Schladebachsche Haus (in ein Altenstück sehend) um Ein Uhr fünfundzwanzig betreten und kurz nach Fünf allein wieder verlassen. Landrat Is doch wirklich n Skandal! Der alte Zedlitz kann mir leid tun. Hoppe Ja, sehr bedauerlich ... Den Backermeister Schladebach habe ich sofort verhaften lassen. Landrat Verhaften? Der Mann ist doch nicht fluchtverdächtig. Hoppe Das nicht, aber § 180. Der Kunde ist imstande und besticht die Zeugen. Landrat Ah so? Jajajajaja! Uebrigens ... mir Wurscht. Das s Kriminalsache. Damit mag sich das Königliche Landgericht rumärgern. Aber wenn der Herr Direktor hier nachher seine Jungens einsammelt, das is mein Ressort. Dann rufen Se mich. Hoppe Ich habe Ordre gegeben, sofort nachdem das Nest ausgehoben ist, Herrn Direktor Niemeyer aufs Revier zu bitten. Landrat Sehr schön. Hoppe Der Transport muß bald eintreffen. Landrat Schön. Ich werde also Ihrem Wachtmeister hinterlassen, mir n Boten rüberzuschicken. Ich bin im Kasino. Angenehmer Sonntagabenddienst für uns heute! Hoppe Herr Direktor Niemeyer wird überrascht sein. Landrat (achselzuckend) Ja, da können wir ihm nu nich mehr helfen! Hoppe Verzeihn, Herr Landrat. Diese Festnahme der Schüler ... Ich weiß wirklich nicht ... Landrat Darüber lassen sich keine grauen Haare wachsen. Maßregel mag hart erscheinen, Herren Väter werden Spektakel schlagen, aber – Biegen, oder Brechen! ... Uebrigens (schon im Begriff zu gehen) Patzkowski war also auch der findige Beamte, der die Mehlkiste rausgekriegt hat«. Hoppe Zu dienen, Herr Landrat. Es ist fast unerklärlich, wie uns dieser Dachsbau so lange hat entgehn können. Landrat Schlaue Bengels! Alles was recht is ... Also fuffzehn Mann und sechs davon Niemeyer. Das ganze Internat! Nu ... kann er ja drauf stolz sein. Aber an Patzkowski erinnern Sie mich. Möchte ihn zur Beförderung vorschlagen. Hoppe Zu Befehl, Herr Landrat. Fraulein Link ist übrigens draußen, wenn der Herr Landrat vielleicht ... Landrat Neenee! Um Gottes willen! Danke für Obst und Südfrüchte. Details Ihre Sache. Mahlzeit! (ab). Hoppe (der bem Landrat die Tür aufgemacht hat) Tamaschke! (aus dem Vorzimmer tiefe ehemalige Sergeantenstimme: »Herr Inschpekter!«) Die Zeugin soll reinkommen! (die Stimme: »Nu jehn Se man rin!«). Lydia (hinter ihr Tamaschke mit Protokollbogen) Ich begreift garnicht, Herr Inspektor, warum ich schon wieder belästigt werde. Diese Art der Behandlung! Ich habe Ihnen meine Aussage doch schon heute Nachmittag gemacht! Hoppe Weshalb ich Sie noch mal vernehme, ist meine Sache. Der Grund wird Ihnen bald klar sein. Setzen Sie sich! Lydia Sie könnten mir auch in etwas höflicherer Form Ihren abgescheuerten Stuhl anbieten. Ich werde mich natürlich nicht setzen! Hoppe Sammtpolster gibts hier nich! Lydia Bitte, setzen Sie Ihre Impertinenzen nur fort. Hoppe (hinter seinem Tisch aufgestanden; brüllend) Sie befinden sich hier auf dem Polizeibüreau! Lydia Das höre ich an Ihrer Grobheit. Hoppe Tamaschke! Warum schreiben Sie nich? Tamaschke Ich schreibe ja. Hoppe Also so schreiben Sie! In der Untersuchungssache gegen Schladebach etc. pp... Haben Se pp.? Tamaschke Zu Befehl, Herr Inschpekter! Hoppe ... wegen unerlaubter Verabreichung geistiger Getränke an Schüler des Königlichen Gymnasiums, Paragraph ... na, Se wissen ja schon. Tamaschke Ick weeß schon. Hoppe ... und wegen – Kuppelei ! Lydia Schreiben Sie nur hin, Herr Tamaschke. Schreiben Sies ruhig hin! Ich weiß schon, an wen ich mich wende. Nur schieben Sie dann, bitte, nicht mir die Schuld zu, wenn Ihnen das Ihre Stellung kostet! Hoppe ... erschien, wieder vorgeladen ... Lydia Sie wollen also Beide Ihr Amt los werden! Schön. Aber wenn Sie glauben, daß ich mir dann wieder abbitten ließe, dann irren Sie! Dann irren Sie! Hoppe ... die bereits vorvernommene Zeugin Lydia Link, Schauspielerin, protestantisch, etc. Wie schon ein Mal! Mit dem Uebrigen warten Se. (zu Lydia) Sie bewohnen beim Bäcker Schladebach zwei Zimmer. Lydia Drei, bitte, drei! Außerdem ist Herr Schladebach Konditor. Herr Tamaschke! Ich bitte das zu Protokoll zu nehmen! Im übrigen sage ich Ihnen gleich, Herr Hoppe: Sie können mich noch siebzig Mal in diese gräßliche Scheune hier schleppen lassen, Sie werden absolut nichts mehr aus mir herauskriegen. Ich weiß nichts mehr! Hoppe (auf den Tisch schlagend) Sie werden zunächst mal Ihre törichten Redensarten lassen! Weder ist das hier eine Scheune, noch lasse ich Sie hierher schleppen! Ich frage Sie anständig und Sie haben mir anständig zu antworten! Lydia Das tu ich ja! Hoppe Sie bleiben also bei Ihrer ersten Aussage? Herr von Zedlitz hat sich unter Ihrer Haustür von Ihnen verabschiedet? Lydia Ich bitte Sie! Wo soll sich Herr von Zedlitz sonst von mir verabschiedet haben? Ich bin doch keine Person? Hoppe Ich kann Sie zu einer anderen Aussage allerdings nicht zwingen. Ich mache Sie aber darauf aufmerksam, daß eventuell schon der Herr Untersuchungsrichter den ... Eid von Ihnen verlangen kann. Er wird ihn sogar verlangen! Und der ... Meineid wird mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren bestraft! vielleicht überlegen Sie sich die Geschichte noch? Lydia Kann ich jetzt gehn? Schutzmann (in der Tür, meldend) Der Kollege Patzkowski bringt die Gymnasiasten. Hoppe Ist der junge von Zedlitz dabei? Schutzmann Zu Befehl, Herr Inspektor. Hoppe (zu Lydia) Sie werden jetzt sofort wissen , wozu Sie hier sind! (zum Schutzmann) Lassen Sie ihn eintreten. Lydia Ich muß aber dringend ins Theater! Ich habe im letzten Akt eine größere Rolle. Hoppe (nach der Uhr sehend) Sie haben noch Zeit. Lydia Aber lieber Herr Inspektor! Herr von Zedlitz ist doch so ein junger Mann! Das ist mir im höchsten Grade peinlich. Hoppe Das hatten Sie sich früher überlegen sollen! Lydia (wieder ihren Kopf aufsetzend) Soso! Sie hoffen, Herr von Zedlitz wird sich mit mir in Widerspruch setzen? Das wollen wir doch mal abwarten ! Zedlitz (eintretend, beim Anblick Lydias stutzt er, ruckt sich aber sofort wieder zusammen. Grüßt sie stumm und kurz). Hoppe Herr von Zedlitz, der Schutzmann Patzkowski hat Sie gestern Nacht in Begleitung von Fräulein Link gegen halb Zwei das Schladebachsche Haus betreten und dasselbe kurz nach Fünf wieder verlassen sehn. Zedlitz (mit Gewalt seine Haltung bewahrend). Hoppe Fräulein Link behauptet, Sie hätten sich sofort unter der Tür von ihr verabschiedet, welche von den beiden Aussagen können Sie der Wahrheit gemäß bestätigen? Lydia (zu Zedlitz, der von der Wucht dieser Frage fast wie betäubt steht) Und da zögern Sie noch? Nachdem Sie mir vor dem Herrn Direktor bereits alles bezeugt haben? Daß wir nichts mit einander gehabt haben! Gar nichts? Absolut nichts? Daß dieser ... Herr Patzkowski ein Lügner ist? Hoppe (zu Lydia) Sind Sie fertig? Lydia (noch immer zu Zedlitz) Heute früh untergräbt Herr von Kannewurf öffentlich meine Mädchenehre, Herr Hoppe macht kaum ein Geheimnis, für was er mich hält, und nun ... lassen Sie mich auch noch im Stich? ... Haben Sie alles vergessen! Zedlitz (der die unerwartete Eröffnung, die Hoppe ihm gemacht hat, noch immer nicht verwunden hat) Verzeihung, Herr Inspektor ... Darf ich mir ... des Herrn Direktors wegen ... eine Frage gestatten! Hoppe Bitte sehr. Zedlitz Muß ich etwas aussagen? Hoppe Sie haben das Recht, über Tatsachen, deren Kundgabe Ihnen ... zur Unehre gereichen könnte, Ihre Aussage zu verweigern. Zedlitz (nach einigem Zögern) Dann ... verweigere ich die Aussage. Lydia Pfui! Hoppe Herr von Zedlitz, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß man in Ihrer Verweigerung eine indirekte Bestätigung der Eruierungen des Schutzmanns Patzkowski erblicken könnte. Bleiben Sie bei Ihrer Verweigerung? Zedlitz (schwer) Ich ... muß dabei bleiben. Lydia (»kocht«). Hoppe Tamaschke! Schreiben Sie! Die Zeugin beharrt bei ihrer Protokollerklärung. Der ebenfalls erschienene Zeuge Kurt von Zedlitz, Oberprimaner des hiesigen Königlichen Gymnasiums, verweigert die Aussage. (aus dem Vorzimmer Stimmengewirr) Schaffen Sie Ruhe draußen! (Tamaschke ab; zu Zedlitz) Unterschreiben Sie. Zedlitz (der eben unterschrieben hat und jetzt durch die einen Augenblick offene Tür deutlich die Stimme des Direktors hört: »Das ist mir alles gleich! Ueber meine Schüler habe ich allein zu befinden!« – zu Hoppe angstvoll) Der Herr Direktor? Hoppe Scheint so. Lydia Das ist ja das reine Komplott! Ich unterschreibe nichts! Patzkowski (in der Tür). Hoppe Patzkowski! Patzkowski Der Herr Direktor verlangt durchaus, daß wir die Schüler sofort nach Hause entlassen. Hoppe Sind sie alle protokolliert? Patzkowski Zu Befehl, Herr Inspektor. Hoppe Is zum Herrn Landrat nachm Kasino geschickt? Patzkowski Zu Befehl! Hoppe (achselzuckend) Ja ... wenn der Herr Direktor durchaus darauf besteht, können wir nischt machen. Gesetzlichen Grund, sie zurück zu halten, giebts nicht. Lassen Sie se laufen. Patzkowski Zu Befehl! Hoppe Und wenn der Herr Landrat kommt – melden Se ihm das sofort. Patzkowski Zu Befehl, Herr Inspektor! (ab). Zedlitz Darf ich nun gehn? Hoppe Ich habe nichts dagegen. Zedlitz (zögernd an der Tür, hinter der er den Direktor weiß). Lydia Und ich? Hoppe Sie warten, bis alle Schüler weg sind. Lydia Soll ich nicht vielleicht gleich über Nacht bleiben? Hoppe Ich habe jetzt Geduld genug mit Ihnen gehabt! Wenn Sie nicht den Mund halten, lasse ich Sie einstecken! Niemeyer (Pelz, Zylinder; in großer Erregung durch die Tür) Wie können Sie mir so etwas antun, Herr Inspektor! Meine Schüler gehören nicht auf die Polizei! Sie greifen mir in meine Rechte ein! Hoppe Bedaure, Befehl des Herrn Landrat. Niemeyer (der jetzt erst Zedlitz sieht) Zedlitz! ... Sie? ... Auch Sie? ... (sich an die Stirn fassend) Bin ich ... (auf ihn zu, ihn an die Schultern packend) Mensch!! (ihn schüttelnd) Ist das Ihr Zimmer arrest? So quittieren Sie's mir, daß ich Sie wie einen anständigen Menschen behandelt habe? ... (zu Lydia) Und Sie! Was tun Sie hier? Lydia Herr Direktor! Mißhandeln Sie mich nicht auch noch! (zu Hoppe) Warum dulden Sie das, Herr Hoppe? Ich muß fort! Niemeyer Sie bleiben! Ich muß Klarheit haben! Ich werde von allen Seiten hintergangen! Was haben Sie mit Zedlitz? (zu Hoppe) Herr Inspektor, warum befindet sich die Dame auf Ihrem Bureau? Hoppe Als Zeugin in der Untersuchungssache gegen den Bäcker Schladebach wegen Kuppelei. Niemeyer Wegen ... Kuppelei? Lydia (zu Hoppe) Dafür werden Sie sich zu verantworten haben! Empörend! Ich werde mich beim Herrn Justizminister beschweren! Der wird Ihnen zeigen, was es heißt, eine Dame beleidigen! Niemeyer Und ... mein Schüler? Hoppe Der Schutzmann Patzkowski hat auf seinen Diensteid genommen, daß Herr von Zedlitz gestern Nacht ... bei diesem Fräulein war. Lydia Das ist nicht wahr! Das ist eine ganz infame Lüge! Glauben Sie ihm nicht, Herr Direktor! Ich weiß nicht, was Herr Hoppe gegen mich hat! Herr Hoppe ist immer so! Ich habe ihm nie etwas getan! Niemeyer (um den sich noch alles »dreht«, zu Zedlitz) Sie haben mich also ... belogen. (Pause) Herr Polizeiinspektor ... Hoppe Herr Direktor! Niemeyer Ist die Anwesenheit dieser ... Dame noch nötig? Hoppe Nein. Niemeyer Dann befreien Sie mich, bitte, von ihrer Gegenwart. Hoppe (zu Lydia) Gehn Sie. Lydia (während sie hinausrauscht, zu Zedlitz, halblaut) Gentlemen. Niemeyer (zu Hoppe) Darf ich jetzt hier eine Depesche niederschreiben? Hoppe (ihm seinen Platz einräumend) Bitte sehr, Herr Direktor. Ich kann sie Ihnen ja gleich besorgen lassen. Niemeyer Danke. (wirft das Telegramm aufs Papier; es ihm überreichend) Wenn Sie also die Güte hätten. Hoppe (die Adresse lesend) Freiherr von Zedlitz ... verzeihen, Herr Direktor, es fehlt wohl der Bestimmungsort. Niemeyer (das Vergessene nachtragend) Mein Gott, ja ... Falkenau. Hoppe (das Telegramm in Empfang nehmend) Wird sofort erledigt werden. Niemeyer Danke sehr. (Hoppe ab. Pause) Sie werden noch heute mein Haus verlassen! Nicht eine einzige Nacht mehr will ich Sie unter meinem Dache wissen! Wie ich Ihren Herrn Vater kenne, wird er bereits den nächsten Zug benutzen und Punkt Elf hier sein. Halten Sie also Ihre Sachen bereit! ... Sie sind der sittlich verkommenste junge Mensch, der mich je meinen schweren Beruf noch schwerer empfinden ließ. Wenn Sie ahnen könnten, was dieser Augenblick eben in mir zertrümmert hat! Zedlitz Lieber Herr Direktor ... Niemeyer Sie wollen mich von Neuem belügen! Lügen Sie! Zedlitz Ich will jetzt die Wahrheit sprechen. Niemeyer Sie und die Wahrheit! Zedlitz Ich habe verdient, daß Sie so zu mir sind. Niemeyer Sie sollten Schauspieler werden! Die notwendigste erste Verbindung mit der Bühne hätten Sie ja bereits! Zedlitz Ich habe gefehlt, Herr Direktor. Ich bereue es! Niemeyer (bitter) Bereue es! (heftig) Was Sie angerichtet haben, schaffen Sie damit nicht aus der Welt! Zedlitz Ich weiß selbst nicht, wie ich mich so erniedrigen konnte ... Aber als ich mir heute früh darüber klar wurde, was mein Leichtsinn für Sie im Gefolge haben könnte, wenn mein schweres Vergehen bekannt wurde, glaubte ich, ich ... dürfte Ihnen garnicht die Wahrheit sagen. Niemeyer Ausgezeichnet! Also nun hätte ich Ihnen noch obendrein dankbar zu sein! (kaum noch an sich haltend) Wissen Sie auch, daß Sie mit Ihrer Frechheit jetzt bald das Maß zum Ueberlaufen bringen! Zedlitz ... Ich kam dann noch mal und wollte Ihnen die Wahrheit sagen; aber als Sie mich dann mit Ihrer ... Güte so unverdient überschütteten, da habe ich ganz einfach nicht mehr den Mut gehabt ... Niemeyer Den Mut ! (auflachend) Aber meine bodenlose Vertrauensseligkeit, Ihnen Zimmerarrest bei unverschlossner Tür zu geben, so zu belohnen ... den Mut, mich mit der gleichen, niederträchtigen Hinterhältigkeit a tempo noch einmal zu betrügen ... den Mut, den traurigen Mut, den hatten Sie !! Zedlitz (vergeblich nach Worten ringend). Niemeyer (maßlos) Unterbrechen Sie mich nicht! Ich habe genug von Ihnen! Ich kenne mich nicht mehr! (kleine Pause) Zedlitz Ich ... hatte ja die beste Absicht. Ich wollte meine Mitschüler ... Niemeyer Aah! ... Sehr fein ausgedacht! Sie verlieren die Fassung nicht. Soll ich Ihnen das Märchen, das Sie mir jetzt vorgaukeln wollen, nicht doch lieber gleich selbst erzählen? ... Sie sind mit beflügelter Tunika in das unterirdische Symposion enteilt, um Ihrem alten Lehrer den Kummer zu ersparen, in die geheiligten Mysterien der »Mehlkiste« durch die Polizei eingeweiht zu werden! Sie verfolgte Unschuld! ... Sagen Sie mal, warum haben Sie eigentlich nicht zur Zeit der Kreuzzüge gelebt? Was hätten Sie für eine Figur abgegeben! (mit verbissener Wut) Sie hatten um Fatima, die Liebliche, das heilige Grab an Saladdin verramscht, beim nächsten Frühstück hätten Sie sich diesen Unbequemen vom Halse geschafft mit Rattengift, zuletzt wären Sie Kalif von Rom geworden! Sie ... Edelmann, Sie! (Zedlitz zusammengezuckt) So müssen Sie sich nun mit mir altem, abgetakelten Schartekenpauker rumschlagen! Na, Ihr Käfig wird ja bald geöffnet werden. Ihr prosaischer Herr Vater hat auch keinen Sinn für Romantik, in Transvaal ist nichts mehr los, werden Sie eben, wie schon so viele Ihrer Herrn Sportskollegen, werden Se Kellner in Amerika! ... (losbrechend) Warum reden Sie nicht? Warum lassen Sie sich von mir beschimpfen? Haben Sie nicht mal so viel Ehrgefühl mehr, um sich zur Wehre zu setzen, wenn man Sie mit Peitschenhieben traktiert? Zedlitz Gegen Sie ... Herr Direktor ... wehre ich mich nicht. Niemeyer Na- tür lich! Solche Helden wie Sie, haben so viel Feingefühl, sich nur mit Leuten zu befassen, die zurechnungsfähig sind! Im Moment tanzen Ihnen wohl zu viel rote Blutskörperchen in mir! ... Und wenn ich hundert mal ruhiger geworden sein werde – an einen Menschen wie Sie, werfe ich meine Zeit nicht mehr weg! Gehn Sie sofort nach Hause! Ihr Zeugnis werde ich Ihnen auf Ihr Zimmer schicken! Ich wünsche nicht, daß Sie mir nochmal unter die Augen kommen! Ich will Sie nicht mehr sehn ! ... Warum zögern Sie noch? Haben Sie mich nicht verstanden! Zedlitz Ich bitte Sie, Herr Direktor ... mir zu verzeihen! Niemeyer Ich bin mit Ihnen fertig! Zedlitz Es ist meine letzte Bitte , Herr Direktor ... Niemeyer Sie haben jedes Bitten bei mir verwirkt! Danken Sie Gott, daß ich Ihnen rechts und links nicht noch einen Polizisten mitgebe! Sie sind ein Verbrecher! Hoppe (durch die Tür) Verzeihn Herr Direktor, der Herr Landrat wünscht Sie zu sprechen. Niemeyer Mich? Der Herr Landrat? Ich wüßte nicht, was ich mit dem Herrn noch zu verhandeln hätte! Am wenigsten auf diesem Boden hier! Wollen Sie ihm das mitteilen. Hoppe Offen gestanden, Herr Direktor, Ihr Auftrag ... Würden Sie nicht vielleicht Herrn Landrat gütigst selbst ... Niemeyer Wenn der Herr Landrat wünscht, werde ich ihm das auch ins Gesicht sagen! (Hoppe ab, durch die offene Tür der Landrat). Landrat (im Pelz; fragender Blick auf Zedlitz). Niemeyer (zu Zedlitz) Nun? Warum sind Sie noch hier? Landrat Herr Direktor ...? Niemeyer (zu Zedlitz) Ich begreife Sie nicht! Zedlitz Ich ... bitte Sie noch mal! Niemeyer Also dann muß ich raus! Zedlitz Verzeihn Sie. (ab). Niemeyer Sie haben Schüler meines Gymnasiums wie eine Horde Vagabunden auf die Polizeiwache schleppen lassen! Das setzt allerdings Ihrer ganzen Willkür gegen mich die Krone auf! Ich dachte, wir hätten das Tischtuch zwischen uns schon heute morgen zerschnitten! Was wünschen Sie noch? Landrat Ihren Schmerz möglichst kurz zu machen, Herr Direktor! Offen und ehrlich ... kommen Sie um Ihre Pensionierung ein. Niemeyer Sind Sie bei Sinnen? Landrat Auf Ihre Beleidigung reagiere ich nicht. Sie sitzen zu sehr in der Klemme. Ich wäre vielleicht noch gröber. Also ... machen Sie's. Niemeyer Und wenn Sie noch zehn mal so viel Trümpfe in der Hand hielten – den Gefallen tue ich Ihnen nicht! Landrat (der die Tür aufgemacht hat) Patzkowski! Patzkowski (draußen) Zu Befehl! Landrat Stellen Sie, bitte, sofort fest, ob der junge Herr von Zedlitz nach Hause gegangen ist. Patzkowski (draußen) Zu Befehl, Herr Landrat! Niemeyer Zedlitz steht zur Zeit noch unter meiner Autorität, Herr Landrat! Landrat Bestreit ich nicht. Aber der Vater is n alter Freund von mir. Und da möcht ich mich doch grade jetzt n bischen um den jungen Mann kümmern. Sah mir etwas ... sehr merkwürdig aus. Niemeyer Ich hätte meine Hand für ihn ins Feuer gelegt! Ich hätte tausend Eide geschworen! Ich habe an ihn mehr als an mich selbst geglaubt! Er hat mich belogen und betrogen! Vertrauen ist Wahnwitz! Güte ist Dummheit! Milde ist Verbrechen! Landrat Sie kennen nur Schwarz oder Weiß. Heute früh war er noch ein Lämmchen, jetzt is er n zweibeiniges Krokodil, das alte Oberlehrer frißt. Niemeyer Herr Landrat! Landrat Wenn ich mich recht entsinne ... ich denke, Sie wollten doch lieber auf Amt und Würden verzichten, als je den Glauben an Ihre Jungens verlieren. Haben Sie den immer noch! Niemeyer Ja! Und ich werde ihn verteidigen bis aufs Letzte! Landrat Trotz des lieblichen Ergebnisses Ihrer strengen Untersuchung? Niemeyer Trotz dem! Ich kann wegen dieses einen traurigen Ausnahmefalls nicht meine ganze Anschauung auf den Kopf stellen. Landrat Löblich, löblich. Na, und diese ... Horde Vagabunden, wie Sie vorhin beliebten! Die hat Ihrem rührenden Glauben also auch keinen Knax gegeben? Niemeyer Nein! Zu Vagabunden haben erst Sie diese jungen unverständigen Leute gemacht! Wenigstens in den Augen eines belustigten Pöbels, durch den meine Schüler wie Zuchthäusler transportiert wurden! Landrat Ach, das s ja reizend ! Also nu bin ich der Sünder! Ich! Niemeyer Ja! Hätten Sie mir, wie dies unbedingt Ihre Pflicht gewesen wäre, zu rechter Zeit von dem, was Sie wußten, Kenntnis gegeben – Sie hätten den Triumpf Ihrer heutigen Brutalität nicht genossen! Landrat Nu reißt mir aber die Geduld! Ich habe Ihnen in früheren Fällen Kenntnis gegeben! Ich habs! Wo's sich um ganz ähnliche Mimiken handelte! Wo Ihnen die Jungens genau so auf der Nase rumgetanzt hatten, wie heute! Was hats genützt? Nicht den kleinsten Fingernagel! Angeschnauzt haben Se mich! Angeschnauzt! Wurden Zwei hinterm Fliederbusch abgefaßt, dann hatte der Jüngling der Maid Geibelsche Gedichte vordeklamiert! Ihnen sohlten die Lümmels vor, sie wollten sich für ihren Körnerbund Scherrs »Blücher und seine Zeit« kaufen und was haben Sie sich erstanden? Mantegazza »Physiologie der Liebe«, Pierre Louys »Aphrodite« und ähnliche Klassiker! Haben Sie mal beim Buchhändler Bodenhammer nachgefragt? Erst ich mußte Ihnen das Verzeichnis dieser hervorragend vaterländischen Bibliothek schicken! Niemeyer Diese unsittlichen Bücher sind vernichtet worden! Landrat Jawohl! Nachdem sich an ihrer Lektüre auch noch die ganze höhere Töchterschule beteiligt hatte! Und wenn Sie in dem seligen Wahn lebten, Ihre begeisterte Schillerschaar berauschte sich vom hohen Olymp herab an Maria Stuart oder am Herrn von Wallenstein, wo schwelgte sie? Im Edengarten, bei Miß Pollini! Hoch das Bein! Niemeyer Das ist nicht wahr! Ich habe die Billets, die immer nur besondere Vergünstigungen waren, stets selbst besorgt. Landrat Gewiß. Und die fidele Firma Klausing, Pöhlmann \& Cie. verkloppte sie dann mit 50% Unterbilanz an die dadurch hoch beschmeichelten Herren Tertianer! Niemeyer Ich hatte dem Wirt vom Edengarten aufs strengste verboten, Schüler von mir in sein Lokal zu lassen. Landrat Nun, Sie erfahren ja jetzt, wie dieser Biedermann Ihr Verbot befolgt hat. Niemeyer Also abermals ein Disziplinarvergehen, das Sie mir verschwiegen haben. Landrat Zum Teufel nochmal, ich hatte es satt, daß Sie Ihre Schwefelbande immer wieder in Schutz nahmen! Ich habe mir darauf notgedrungen mein eignes Privat conto buch angelegt! Und jetzt ist die letzte Seite voll ! Mag ja sein, daß ich in der Form manchmal bischen Juchtenleder war. Großer Rhetoriker bin ich nich. Aber kein schlechter Verwaltungsbeamter! Das lassen Sie sich gesagt sein. Bei Ihnen is umgekehrt! Und wenn ich Ihnen jetzt weiß Gott als guter Freund den vernünftigen Rat gebe, nu is de höchste Zeit, nu gehn Se, sonst werden Se gegangen, dann halten Se mich fürn Wehrwolf, der Sie auffressen will. Dann schmeissen Se mir niedrige Denkart an den Kopp und sonstige antike Lorbeerkränze, wie heute früh im Kasino! Henkersdienste leisten, is kein Vergnügen, Auch fürn preußischen Landrat nicht. Gefühle haben wir auch! Aber wo's sein muß, wie jetzt, nach dieser Zedlitz- und Mehlkistengeschichte – los! Da kennen wir keine Rücksichten mehr! Verlassen Se uns also nich freiwillig ... Niemeyer Sie scheinen seit heute früh nicht mehr aus dem Kasino gekommen zu sein. Landrat Verlangen Sie doch nich, daß ich in solchem Augenblick wie ne Amsel flöte! Im Uebrigen, wenn Sie's erleichtert – packen Sie auf mich, was Sie Lust haben. Niemeyer Sie verrechnen sich! Sie verrechnen sich gewaltig! Dieser Tag wird Ihnen das Genick brechen! Landrat Ah so! Herr Rechtsanwalt Falk. Er hat also seine Weisheit schon bei Ihnen abgeladen? Niemeyer Ich hätte dieser »Weisheit« nach Dem, was Sie mir über Ihre Taktik bereits offenbart hatten, nicht erst bedurft. Trotzdem war Herrn Falks Angebot mir natürlich von Wert und ich habe es daher acceptiert mit Vergnügen! Landrat Also Ihre alte Methode. Sie drehn den Spieß um und hoffen nun, er wird ... mir durch den Leib gehn! Darauf hätte ich allerdings gefaßt sein können. Niemeyer Ihr System gegen mich war eine Perfidie! Landrat Herr! Niemeyer Eine Perfidie! Sie hätten mein Verbündeter sein sollen und erniedrigten sich zu meinem Spion! Staatsangestellte haben sich gegenseitig zu unterstützen und sich nicht in den Rücken zu fallen. Es giebt eine allgemeine Kameradschaft, die im Gesetz nicht kodifiziert ist, auch unter Beamten. Ich mag blind gewesen sein: Sie waren unehrlich! Landrat Ich habe Sie ausreden lassen. Unsre Hirne sind zu wenig congruent, als daß eine Diskussion über Metaphysik und Verwandtes zwischen uns Sinn hätte. Jedenfalls das Resultat – Sie gehn nicht. Niemeyer Nein. Landrat Also bon! Kampf bis aufs Messer! Wenn Sie glauben, daß Sie dabei sanfter fahren ... ich werde mich meiner Haut schon zu wehren wissen! Den Begriff Ihrer Kameradschaft, um Sie wenigstens da rüber zu beruhigen, kenne ich auch. Aber mit diesem Milchbrei waren Sie nicht zu kurieren . Es mußte Schwefelsäure sein! Und wenn ich jetzt mit Ihnen va banque spiele – in Dreiteufels Namen va banque! Niemeyer (der wieder ruhiger geworden ist) Den Rest überlassen wir jetzt wohl dem Ministerium. Sie werden Ihr Spiel verlieren. Landrat Abwarten! Tut mir leid, daß ich mich umsonst bemüht habe. Niemeyer Bedaure gleichfalls. Patzkowski (in Helm und Mantel durch die Tür) Zur Stelle! Landrat Nun? Patzkowski Herr von Zedlitz hat sich von hier nach Hause begeben. Dann war er ganz kurz auf seinem Zimmer und ist gleich wieder weggegangen. Landrat Wissen Sie wohin? Patzkowski Nein, Herr Landrat. Als ich hinkam, war er schon fort. Landrat (zu Niemeyer) Haben Sie irgend eine Vermutung, Herr Direktor? Niemeyer Nicht die geringste. Ich verstehe das garnicht ... Er hatte die strengste Weisung, das Haus nicht mehr zu verlassen. Patzkowski Herr Schimke hat sich gewundert, daß der junge Herr ohne Mantel fortging. Landrat Als Sie vorhin die Sistierung vornahmen, ist Ihnen da an dem jungen Herrn nichts aufgefallen? Patzkowski Nein, Herr Landrat. Er war der ruhigste von allen. Er behauptete sogar, er gehörte nicht mehr zum Verein. Er sei ausgetreten. Landrat Ausgetreten? Niemeyer (hastig) Hat er Ihnen einen Grund angegeben? Landrat Nun? Patzkowski Jawohl, Herr Landrat! Er war blos noch mal hingekommen, um seinen Kameraden ins Gewissen zu reden. Aber se haben ihn ausgelacht. Landrat Hat er Ihnen das blos selbst erzählt? Patzkowski Nein, Herr Landrat. Auch die andern haben das deponiert. Niemeyer (zum Landrat, schwer) Ich fürchte ... ich habe dem ... armen Jungen ... das schwerste Unrecht getan. Landrat Er wird doch keine Dummheit machen? Niemeyer (der erst jetzt voll die Situation erfaßt; verstört) Sie ... glauben doch nicht etwa ...? Um Gottes Willen! Landrat Patzkowski, wie viel Leute sind bei Ihnen frei? Patzkowski Außer mir noch Zwei. Schmiedel und Krebs. Landrat (Tür auf) Schmiedel! Krebs! (die Gerufenen in Helm und Mantel durch die Tür) Patzkowski! Sie nehmen den Hirschgrund, Schmiedel den alten Wall und Krebs die Obermühle. Patzkowski Zu Befehl! Niemeyer (stammelnd) Bester Herr Landrat ... Landrat (achselzuckend) Wir müssen ihn suchen gehn.   (Vorhang). Fünfter Akt Studierzimmer Niemeyers (auf dem Tisch brennt die Lampe). Niemeyer (Lodenmantel, Schlapphut; erschöpft durch die Tür im Hintergrund) Nichts! (nach dem Vordergrund zu; sich setzend) Nirgends! (nach seiner Uhr sehend) Dreiviertel elf! Olga (durch die Tür) Ich habe Sie garnicht kommen hören. Herr Direktor gehn doch jetzt nich noch mal fort? Niemeyer Ich muß mich erst ... einen Augenblick ausruhen. Olga (dem sich schwer Erhebenden den Mantel abnehmend) Der junge Herr wird schon kommen. Niemeyer Gott gebs! ... Meine Frau noch nicht da? Olga Die gnädige Frau ist eben aus dem Theater. Niemeyer (bitter) Aus dem Theater! ... Und mein Sohn? Olga Herr Fritz ist schon seit Nachmittag fort. Niemeyer Hat Kurt denn zu gar keinem mehr was gesagt? Olga Nein. Niemeyer Zu Niemand? Olga Nein, Herr Direktor. Kein Wort. Niemeyer Und seine Kameraden? Haben die Ihnen nicht wenigstens irgend eine Andeutung gemacht? Olga Nein. Die wußten auch nichts. Die haben blos immer gefragt, ob er schon da war, und dann sind sie gleich wieder weggelaufen. Niemeyer Wenns doch was nützen würde! Jadwiga (im Theatermantel in der Tür, leise ungeduldig) Ist denn noch immer alles in dieser Aufregung? (zu Olga, die ihr den Mantel abnimmt) Tragen Sie die Sachen raus. (Olga mit den Sachen Beider ab; Jadwiga, mit gemachter Besorgnis) Die Jungens sind auch noch nicht zu Bett. Soll denn das die ganze Nacht so gehn? Niemeyer (den ihr Eintritt kaum berührt hat) Hätt ich ihm doch geglaubt! Hätte ich ihn doch nicht so von mir gestoßen! Das erste Mal, daß ich hart war! Und so bitter soll ich gestraft werden! Jadwiga Mein Gott, Du tust wirklich, als hätte sich der Junge schon den Hals abgeschnitten! Dies ewige Kokettieren mit solchen Gräßlichkeiten! Das solltest Du doch bei Deinen Herren Primanern nachgerade schon gewohnt sein! Niemeyer (schmerzlich) Ja, wenns nicht Zedlitz wäre! Jadwiga Ach, Du machst viel zu viel aus ihm. Is ja n netter Mensch, von besten Manieren, ich hab ihn gewiß ganz gern; aber so haben wir schon viele gehabt! Niemeyer Nein. So haben wir noch keinen gehabt! Du kannst darüber wirklich nicht so urteilen. Ich werd es mir nie verzeihen, daß ich ihn so wenig verstanden habe! Jadwiga Ja, wenn ich das nicht beurteilen kann ... (nervös) ich geh also schlafen. Niemeyer (mühsam) Das weiß ich: kommt der Junge nicht zurück, ist das Schrecklichste wirklich geschehn – (sicher steigernd) das ertrage ich nicht! Nein, nein! Das kann ich nicht! (fast flüsternd) Dann ist es aus mit mir! Dann bin ich fertig! Jadwiga (vollständig verständnislos) Ich verstehe Dich nicht. Niemeyer (wieder wie zu sich selbst) Mit einer solchen Schuld auf dem Gewissen ... Jadwiga (fragendes Stutzen). Niemeyer Ich könnte niemand mehr unter die Augen treten. Jadwiga Was soll das heißen? Willst Du damit sagen, Du würdest Deine Entlassung einreichen? Niemeyer Ja! Jadwiga (von hier ab immer hysterischer) Eines solchen verzogenen Muttersöhnchens wegen? Wegen einer solchen Exaltiertheit? ... Und was soll aus uns werden? Aus Deiner Familie? Aus Deinem Sohn? Und aus mir? Niemeyer Wir würden unser Schicksal eben tragen müssen. Jadwiga Wir? Du bist wirklich köstlich! Was können wir denn dafür? Du wirst doch nicht verlangen, daß wir das Opfer Deiner Sentimentalität werden? Niemeyer (aufgestanden; erstaunt) Wie sprichst Du zu mir? Jadwiga Genau, wie Du es in diesem Augenblick verdienst. Du kannst noch zwanzig Jahre lang Direktor sein. Und Du wirst es sein. Dafür werde ich sorgen, wenn Du's nicht tust. Ich lasse mich nicht ins Unglück stürzen! Niemeyer Ich glaube ... wir verstehn uns wirklich nicht mehr. Jadwiga Ich bin mit Dir gegangen, als man Dich gemaßregelt hat! Kein Wort habe ich gesagt! Aber ich wehre mich, jawohl ich wehre mich, wenn Du mich jetzt auch noch zur Bettlerin machst! Niemeyer Zur ... Bettlerin? Jadwiga Du scheinst Dir so eine Pensionierung furchtbar einfach vorzustellen. Du bekommst die Hälfte von dem, was wir bisher hatten, Vermögen außer unsern Schulden (Niemeyer stutzt) hast Du nicht, unsre Pensionäre fallen auch weg, Dein Sohn steckt seine Carriere auf, ich fang n kleinen Blumenhandel an und Du suchst durch Kaisergeburtstagsprologe die allgemeine Finanzlage zu verbessern! Kann gemütlich werden. Niemeyer Wo haben wir Schulden? Bei wem haben wir Schulden? Jadwiga Wo! Bei wem! Du bist wirklich naiv! Glaubst Du, die Verminderung Deines Einkommens wäre so spurlos an uns vorüber gegangen? In welcher Welt lebst Du eigentlich? Und dann wunderst Du Dich, wenn Du nachher nicht blos Dich, sondern auch noch andere ruinierst! (Niemeyer »starr«) Du hasts doch eben selbst gesagt: den armen Zedlitz hast Du auch auf dem Gewissen! Niemeyer Wie? Du wagst es, mir diesen furchtbaren Schicksalsschlag vorzuwerfen? Du, die überhaupt alles Unglück über mich heraufbeschworen hat? ... Deine Eitelkeit war es, die mich zu dieser kindlichen Festspieldichterei gedrängt hatte! Ohne mein Wissen hattest Du Dich hinter das Komitee gesteckt! Hinter meinem Rücken wurde von Dir über mein Manuskript verfügt. Alle Hebel hast Du in Bewegung gesetzt! So daß ich schließlich gar nicht mehr anders konnte ! Und als ich dann auf jenen unglückseligen Einfall mit den Jungens verfiel, um mir diese aufgezwungene Last wenigstens erfreulicher zu machen, kröntest Du Dein Werk, indem Du mir diese ... Dirne aufschwatztest! Jadwiga (gezwungenes Lachen) Niemeyer (zornig) Schweig! ... Ich zittre hier um das Leben eines Menschen, ich härme mir das Herz aus dem Leib und Du feilschst um elende Groschen, wie ein Marktweib! Das ist niedrig! Das ist gemein! Kennst Du denn wirklich nichts Höheres, als Dein bischen Prunk und Bequemlichkeit? Geht Dir Dein Modejournal über mein Gewissen? Soll ich deswegen vor mir selbst zum Lumpen werden, weil Dich die Angst zerreißt, Du könntest nicht mehr im ersten Rang sitzen? Oder es könnte eine andre beim Kasinoball die Polonaise anführen? ... Ich habe Dir all den Flitter und Kram gegönnt die ganzen Jahre! Ich habe die Nächte durch hier gesessen und gerechnet und gerechnet, wie ichs schaffen könnte! Deinetwegen habe ich mir diese Pensionswirtschaft, unter der ich litt, keiner weiß wie, aufgebunden wie eine Zuchtrute! Und das Resultat? Jetzt? Das Resultat? Du, bei der ich in dieser schweren Nacht den letzten Halt, die letzte Zuflucht zu finden hoffte – Du bist die erste, die mich verläßt! Mein größter Feind war mit mir in Wetter und Schnee draußen, wildfremde Menschen haben mir auf der Straße ihre Hülfe aufgedrängt, unser einfaches Zimmermädchen ließ mich fühlen, wie ihr meine Sorge nahe ging! Du ließst mich allein und saßst im Theater! Und schon der bloße Gedanke jetzt, dies Leben aus dem Vollen könnte für Dich aufhören, macht Dich rasen. Ich verachte Dich! Jadwiga Du verachtest mich. Ah, sieh, das ist also der Dank dafür, daß ich Dir meine Jugend geopfert habe! Daß ich fünf Jahre mit einem Manne ausgehalten, dessen Sohn mein Bruder sein könnte! ... Soll ich Dir noch mehr sagen? (kleine Pause; mit letztem Haß) Darauf wartest Du. Ich erzähle nichts! Ich habe nichts zu erzählen! Und hätt ichs – ich täts nicht! Niemeyer Und Dich habe ich zu meiner ... Frau gemacht! Jadwiga Es war ein Verbrechen von Dir, mein bischen Lebensfreude an Deine fünfzig Jahre zu ketten! ... Und wenn Dein talentvoller Sohn Fritz hier seine Bummelferien verliedert, preßt er mich aus, daß ich nicht einmal meine Garderobenschulden bezahlen kann. Netter Herr Dein süßer Sohn von Deiner ersten lieben Frau! Niemeyer Sprich weiter! Jadwiga Ja, weiter! ... Damit Du's endlich mal erfährst: die Frau, die Du verachtest, hat dieses Bürschchen, das nicht sein Leder wert ist, vorm Zuchthaus bewahrt! Niemeyer Wie? Was? Bist Du ... Ich... (drohend auf sie zu). Jadwiga Ich habe einen gefälschten Wechsel bezahlt. Niemeyer (keuchend) Von meinem Sohn? Jadwiga Von Deinem Sohn. Auch in Deinem Sohn hast Du Dich verrechnet! Niemeyer (scheinbar wieder vollständig ruhig) Hast Du den Wechsel noch! Jadwiga Nein. Niemeyer Wo ist er? Jadwiga Ich hab ihn verbrannt. Niemeyer Eine Spielschuld? Jadwiga Ja. Niemeyer Wessen Unterschrift ... war gefälscht? Jadwiga Die Deine. Niemeyer Das hättest Du mir ... heute ... nicht sagen sollen. (kleine Pause. Es klopft). Jadwiga (angstvoll, flüsternd) Doch nicht Fritz? Daß Du ihm nichts sagst! (es klopft stärker, Niemeyer auf die Tür zu) Du richtest ihn sonst ... auch noch zu Grunde. Niemeyer (zu Schimke, der in der offenen Tür steht, hastig) Zedlitz? Schimke Leider noch nicht, Herr Direktor. Ne Depesche. Niemeyer (der das Telegramm sofort aufgerissen hat) Aus Falkenau (das Papier fliegt ihm in der Hand, er reicht es Schimke) Mir tanzt alles vor den Augen. Lesen Sie. Schimke Komme Elf-Uhr-Zug. Wünsche meinen Sohn sofort zu sprechen. Von Zedlitz. (Pause). Fritz (Mantel, Stock, blauweißrotes Band, blaue Mütze; schon hinter der Szene, nachdem er die Flurtür aufgeschlossen, hat man ihn die »Lindenwirtin« pfeifen hören; taucht jetzt, leicht angesäuselt, hinter Schimke im hell erleuchteten Corridor auf. Jadwiga macht ihm ein Zeichen, still zu sein) Nanu? Is hier n Biergericht? Nabend, Papachen. Tag, Mamachen. Moin, Schimke. Niemeyer (scharf) Geh auf dein Zimmer! Fritz (bleibt starr stehn). Niemeyer (zu Schimke) Wenn er noch kommen sollte, schicken Sie ihn sofort zu mir. Schimke Sehr wohl, Herr Direktor. (ab). Niemeyer Ich kann nicht mehr! Fritz (leise zu Jadwiga) Was dn los? Niemeyer (drohend) Geh auf dein Zimmer! Jadwiga (gedämpft) Fritz, geh! (Fritz ab) Er ist nur leichsinnig. Du hast ihm zu sehr die Zügel gelassen. Er hatte ja gar keinen Ausweg. Er mußte sein Ehrenwort einlösen. Niemeyer Und fälschte die Unterschrift seines Vaters! Möchtest Du mich nicht jetzt ... verlassen? Jadwiga Ich sehs ja ein. Ich hätts Dir nicht sagen sollen ... (zweimal ein scharfer Glockenton). Niemeyer Laß! Jadwiga Das wird endlich Kurt sein! (ab durch die Tür, die sie offen läßt). Niemeyer (wie ein Ertrinkender, der mit letzter Kraft wieder an die Oberfläche will) Kurt ... Kurt ... alles andre ... Falk (noch im Korridor) Entschuldigen Sie tausendmal, gnädige Frau, daß wir noch so spät ... Sanitätsrat (ebenfalls noch draußen, wo beide ihre Mäntel ablegen) Es wird Ihren Herrn Gemahl wenigstens beruhigen! Jadwiga (sie ins Zimmer einladend) Bitte meine Herren. Falk Danke, gnädige Frau, danke. (ins Zimmer tretend; Jadwiga ab) Liebster Herr Direktor! Wir bringen gute Nachricht. Es ist eben gesehn worden! Es wird noch alles gut werden! Sanitätsrat Ich hatte ja von der ganzen Geschichte nicht die blasse Ahnung! Erst vor fünf Minuten durch Herrn Rechtsanwalt erfahr ich ... ich hätte ja den jungen Mann sonst gleich in mein Koupé genommen! Ich kam von Obernaundorf. Ich rief ihm noch zu: He! Sie! Zedlitz! Wollen Se mit! (sich plötzlich besinnend) Mir fällt jetzt allerdings auf, er hatte keinen Mantel. Aber du lieber Gott, junges Blut! Ich nahm an, er war wieder bei Seckendorfs. Niemeyer Warum ist er nicht hier? Warum kam er nicht mit? Warum ... quält er mich so! Sanitätsrat Aber bester Herr Direktor! So beruhigen Sie sich doch! Ich sags Ihnen ja: ich habe sonst nicht das geringste Abnorme an ihm bemerkt. Mir wärs sicher aufgefallen! Es ist noch keine halbe Stunde her. Niemeyer Wir wollen gleich hin! Falk Was geschehn konnte, ist ja längst geschehn! Wir kommen eben von der Wache. Herr Hoppe ist sofort selbst losgefahren! Sanitätsrat Ich habe ihm natürlich meinen Wagen gegeben. Er kann ja nur den einen einzigen Weg kommen: den Steinbruch vorbei über die Langebrücke. Falk Herr Sanitätsrat hat sich auch nur heraufbemüht, damit Sie nicht den kleinsten Zweifel mehr hegen! Sanitätsrat Nicht wahr? Und nun peinigen Sie sich nicht länger! Sie sind ja ganz kaputt! Niemeyer Ich muß ihm entgegen! Ich kann doch nicht hier so tatlos ... Sanitätsrat Sie haben heute wahrhaftig genug hinter sich! Sie klappen uns sonst zusammen! (zu Falk) Herr Rechtsanwalt, Sie stehn mir dafür, daß unser lieber Freund sich endlich n paar Minuten Ruhe gönnt. (wieder zu Niemeyer) Als Arzt verbiete ich Ihnen einfach, daß Sie sich nochmal dieser Januarnacht aussetzen! Hören Sie? Ich verbiete es Ihnen! Sie werden Ihren Jungen schon zurückkriegen. Auch ohne daß Sie sich dabei ne Lungenentzündung holen. Morgen Abend stärken wir uns im Kasino durch ne Flasche Bernkastler Doktor! Abgemacht? Niemeyer (der ihm die Hand gereicht hat) Lieber Herr Sanitätsrat! Sanitätsrat Na, denn gute Nacht. Morgen Vormittag seh ich nach Ihnen. Niemeyer (der sich kaum noch aufrecht hält) Ich danke Ihnen. Ich danke Ihnen herzlich! Sanitätsrat Aber liebster Niemeyer! (anordnend) Herr Rechtsanwalt! Sie bleiben noch n bischen. Falk Versteht sich doch ganz von selbst! Sanitätsrat Also allerseits! Falk (ihm die Hand schüttelnd) Sie dürfen sich auf mich verlassen! (Sanitätsrat ab, Falk zurückkehrend) So. Und nun noch ein ganz klein wenig Geduld, Herr Direktor. Das Schwerste ist überstanden. Sie müssen doch schließlich auch an sich denken! Und an Ihre Familie! Niemeyer (bitter) Meine Familie! Falk (stutzt). Niemeyer (in einen Sessel gesunken; mit geschlossenen Augen) Ich bin ... wie zerbrochen! (Falk schweigt noch immer, wieder kleine Pause) Wer von uns ... hätte gedacht, ... daß der alte Lehrer ... mal bei seinem Schüler Trost suchen würde. Falk Lieber Herr Direktor. Sie machen mich glücklich. Niemeyer (wieder für sich) Mir ist Recht geschehn. Wozu war ich so blind? (ausbrechend) Und auch mit diesem Sohn ... Wozu bin ichs immer gewesen ! Erst jetzt fühle ich, was ich mit diesem Andern vielleicht ... schon vernichtet habe. Aus übertriebener Härte! Falk So regen Sie sich doch, bitte, nicht wieder von Neuem auf! Sie haben ja eben gehört: es ist alles in bester Ordnung! Niemeyer Ich gebe mir alle Mühe. Ich will ruhig sein. Ich bins ja! Aber wo war er die ganze Zeit, wo war er! Drei Stunden! Wir haben ihn überall gesucht! Falk Ja, wo war er! Das wird er Ihnen vielleicht selbst nicht sagen können! Er ist eben ziel- und planlos in die Nacht hineingelaufen. Das sind so Stimmungen. Das will überwunden sein. Niemeyer Dieser eine schreckliche Tag hat mehr über mich gebracht, als alle die Jahre ... (von neuem angstvoll) Er lebt also noch? Sie sind überzeugt , daß er lebt? Er lebt wirklich? Sie wollen mich nicht blos beruhigen? (entsetzt) Sie helfen mir doch nicht über etwas hinweg? Falk! Freund! Ich bitte Sie! Ich beschwöre Sie! Ich ginge daran zugrunde! Daran ginge ich zugrunde! Falk Aber liebster Herr Direktor, so hören Sie doch! Sie machen mich ja selbst ganz verzweifelt! Ich stehe Ihnen dafür ein, daß er zurückkommt! Ich hafte für ihn, wie für mich selbst! Niemeyer Ich würde ein neues Leben anfangen! Ich würde all diesen Schmutz, den man um mich aufgehäuft hat, vergessen! Meine fünfundfünfzig Jahre sind ja noch kein Alter! Was könnte ich noch wirken, was könnte ich noch schaffen! Meine ganze Aufgabe liegt ja noch erst vor mir! Ich habe mich noch gar nicht verständlich machen können! ... Zum ersten Mal heute habe ich den Glauben verleugnet, der mich getragen hat. Nein, nein, lieber Freund! Sie sind doch auch ein Beispiel! Ich halte fest an meiner Ueberzeugung, ich lasse sie nicht, auch jetzt nicht, selbst in dieser Stunde nicht: die Jugend durch Güte zu leiten und ihre Fehler nachzusehn und zu verstehn! Ihr zu verzeihn und nicht sie zu verdammen! Eine einzige Untreue gegen sich selbst kann doch unmöglich die ganze Summe eines langen, arbeitsschweren Lebens vernichten! Eines Lebens, nicht für sich, sondern in der hellen Freude an Andern! (vor sich hin; knirschend) Die Welt wäre ein blöder, brutaler Zufall! Falk Sie fiebern ja! Kommen Sie doch zu sich! Niemeyer Ich will mich nicht mehr selbst betrügen! Falk Es erregt Sie doch nicht, daß ich mir erlaubt habe ...? Niemeyer Aber mein lieber, guter Falk! Wir sind doch Freunde! Wo sollte ich welche finden, wenn nicht unter meinen alten Schülern? Falk Ihre treusten und besten. Auch wenn Sie sie vielleicht gar nicht kennen! Niemeyer Schaffen! Wirken! Fühlen, daß man nickt blos ins Leere lebt! ... Ja, Falk! Wenn mir das noch mal bescheert wäre! (Handbewegung) Lassen wir! Ich will ja aufrichtig froh sein, wenn ein Verhängnis, das entsetzlich wäre, mir jetzt nicht auch noch das Letzte antut! Falk Aber das ist ja gar nicht möglich! Niemeyer (erregt auf und ab; sich mit Gewalt in eine freudige Stimmung redend) Nein, Falk, das ist nicht möglich! Solche Dinge geschehn ja nicht! Solche Dinge können nicht geschehn! ... Um Elf kommt sein Vater. Ich werde ihn bitten, mir den Jungen noch zu lassen. Das wird heute noch ein Freudentag für ihn werden, für uns alle! Dieser Mann soll wissen , was er für einen Sohn hat! ... Sehn Sie! Und jetzt spüre ich auch die Kraft wieder, doppelt und dreifach, auszuharren auf meinem Posten, festzuhalten an meiner Ueberzeugung und mich nicht unterkriegen zu lassen von diesem seelenblinden Unverstand eines Menschen, der aus meinem Gymnasium eine Kaserne machen möchte! Falk (erfreut auf ihn zu und ihm die Hand schüttelnd) Lieber Herr Direktor! Jetzt sind Sie wieder ganz der Alte, dem unsre Jungensherzen nur so zuflogen. Jetzt haben Sie doch wieder Freude an sich selbst! Niemeyer Ja! Ja, die habe ich! Sie wissen garnicht, von welchem Entsetzlichsten Sie mich befreit haben! Falk Ich wollte Sie heute Abend nicht auch noch damit plagen! Aber jetzt, wo ich Sie wieder zuversichtlich sehe – was ich Ihnen schon heute Nachmittag sagte: ich komme auf meinen Vorschlag zurück! Warten wir nicht erst auf seinen Angriff , kommen wir ihm zuvor ! Eine so unerhörte Taktik gegen Sie kann und darf die Regierung nicht dulden! Reichen wir den Antrag schon morgen ein! Niemeyer Nachdem ich eben erst, wenn auch nur einen Augenblick, seine Hand gehalten? Nein! Mag er an mich rankommen! Ich werde jede Attacke zu parieren wissen. Dieser Tag soll mir eine heilsame Lehre gewesen sein. Ich stehe jetzt fester, als je. Ich habe mich selbst wieder! Falk Dann wäre dies ja heute trotz allem Ihr größter Glückstag! Niemeyer Ja, Falk! Das ist er! (immer konvulsivischer) Und ob Sie jetzt wollen, oder nicht und wenns zehntausendmal auf Mitternacht geht – diese Stunde muß bekränzt werden! Wir sind heut Nachmittag um unsre Burgunder gekommen! Brechen wir ihr jetzt den Hals! (ein Regal öffnend) Horaz und Pindar in Flaschenform! (mit Flasche und zwei Gläsern) Und die Griechen, siegestrunken, reichbeladen mit dem Raub ... glauben Sie doch nicht, daß ich blos Bücherwurm bin. (einschänkend) Carpe diem quam minimum credula postero! (sein Glas hoch) Und nun, lieber Falk ... Falk (ebenfalls sein Glas hoch) Auf einen frischen Kampf, auf einen fröhlichen Sieg! Niemeyer (aus seinem Rausch plötzlich erwacht, sein Glas langsam mit zitternder Hand wieder zurücksetzend) Ich ... kann nicht! Falk Ja ... was ist denn? Niemeyer Ich ... kann nicht! Das Glas ... würde zerspringen! Falk Ich glaube wirklich, Sie sind abergläubisch! Niemeyer Nennen Sie's wie Sie wollen, es käme mir vor ... wie ein Frevel! Falk Aber Sie dürfen sich doch nicht so von Ihrer Stimmung übermannen lassen! Ich begreife das ja! Man kann sich schwer solchen Dingen entziehn. In uns allen steckt noch so etwas. Eine Angst wie vorm Butzemann. Niemeyer (in noch immer sich steigernder Ausregung) Ich hätte nicht hierbleiben sollen! (sich vor die Stirn fassend) ... diese Polizei! Dieser Hoppe! Das war ja wie eine Verhaftung! Das war ja Irrsinn! Irrsinn! Ich hätte sofort nachfahren müssen! Nur mich durfte er sehn! Nur ich hätte ... (zusammenschreckend) Mein Gott! Falk (angstvoll) Was ist Ihnen! Niemeyer Haben Sie gehört? Was war das? Falk Ich habe nichts gehört! Wahrhaftig nicht! Wirklich nicht! Niemeyer Horchen Sie doch! Es zittert ja noch! Es war wie ein Knall. Ganz deutlich! Falk Es wird vielleicht das Eis gewesen sein. Vom Fluß her. Wir haben Mondwechsel. Es geht Südwind. Niemeyer Falk! Sie belügen mich! wenn ich auch sonst nichts mehr tauge – mein Gehör ist noch gut! Falk Kommen Sie zu sich. Sie phantasieren! Es ist ja nichts. Er kann jeden Augenblick kommen. Jede Sekunde muß er da sein! Niemeyer Sie belügen mich!! Falk (auf die Tür zu) Ich verschaffe Ihnen sofort Gewißheit. Niemeyer Bleiben Sie! Oeffnen Sie nicht die Tür!! Lassen Sie mich nicht allein! Haben Sie Erbarmen! Falk Ich will ja nur ... Es kann auch ein Wagen gewesen sein. Niemeyer Ein Wagen? (fern schlägt die Turmuhr) Es schlägt ja erst elf! Falk Allerdings. Der Herr Baron kann noch nicht hier sein. Niemeyer Nein, nein! Das war nicht das Eis. Das war auch kein Wagen! (fast flüsternd) Das war etwas Furchtbares. Falk Lieber, liebster Herr Direktor! Niemeyer Lassen Sie mich! (auf die Tür zu) Ich will selbst ... (zurücktaumelnd) Ich kann nicht! Ich will ... keine Gewißheit! Ich fürchte mich!! (schrilles Telephongeklingel) Großer Gott, nein, nein, nein! Nicht!! Nicht!! Falk (ans Telephon gestürzt) Hier Rechtsanwalt Falk bei Direktor Niemeyer. (Pause. Seine Hand mit dem Hörrohr zittert) Sie, Herr Hoppe? ... (zusammengezuckt) Nicht möglich! ... (hastig) ... Ist ein Arzt geholt« Niemeyer (schreiend) Falk!! Falk (Handbewegung, weiter telephonierend) So! Der Herr Landrat hat schon Meldung? ... Danke. (vom Telephon wieder weg) . Niemeyer (nicht mehr fähig, auch nur noch einen Laut hervorzubringen) . Falk (leise) Fassen Sie sich. Niemeyer (schwer in seinen Sessel fallend; stöhnt) . Falk Aber liebster Herr Direktor! Wer kann Ihnen einen Vorwurf machen? Das wäre ja ein Schurke! Niemeyer Nun ist alles vorbei! Falk Sie sind völlig frei von Schuld! Niemeyer (qualvoll) Nein!! Falk Es giebt keine Schuld! Wir sind willenlose Spielbälle eines unbegreifbaren Schicksals! Niemeyer Das sind ja nur Worte! Falk (flehentlichst) Herr Direktor! Niemeyer Ich bin sein Mörder! Falk Sie werden morgen ruhiger denken. Niemeyer Ich werde morgen ... mein Amt niederlegen! (ein scharfer Ton der Korridorglocke. Schimke öffnet dem Landrat die Tür). Landrat (erschüttert; auf Niemeyer zu, dessen Hand er sofort faßt) Lieber Herr Direktor! ... Wir sind keine Gegner mehr. Niemeyer (der sich mit letzter Kraft aufrichten will) Lebt er noch? Landrat Nein. Niemeyer (zusammenbrechend) Und noch heute soll ich ihn seinem Vater geben!   (Vorhang).