Verschiedene Autoren Die schönsten Weihnachtsmärchen der Welt Advents-, Weihnachts- und Winterszeit Brüder Grimm Von dem Schneider, der bald reich wurde Ein armer Schneider ging einmal zur Winterszeit über das Feld und wollte seinen Bruder besuchen. Unterwegs fand er eine erfrorene Drossel, sprach zu sich selber: »Was größer ist als eine Laus, das nimmt der Schneider mit nach Haus!«, hob also die Drossel auf und steckte sie zu sich. Als er an seines Bruders Haus kam, schaute er erst zum Fenster hinein, ob sie auch zu Haus wären, da sah er einen dicken Pfaffen bei der Frau Schwägerin sitzen vor einem Tisch, auf dem stand ein Braten und eine Flasche Wein. Indem klopfte es an die Haustür, und der Mann wollte herein, da sah er, wie die Frau den Pfaffen geschwind in einen Kasten schloß, den Braten in den Ofen stellte und den Wein ins Bett schob. Nunmehr ging der Schneider selbst ins Haus und hieß seinen Bruder und seine Schwägerin Willkommen, setzte sich aber auf den Kasten nieder, in dem der Pfaffe steckte. Der Mann sprach: »Frau, ich bin hungrig, hast du nichts zu essen?« »Nein, es tut mir leid, es ist aber heute gar nichts im Hause.« Der Schneider aber zog seine erfrorene Drossel heraus, da sprach sein Bruder: »Mein, was tust du mit der gefrorenen Drossel?« »Ei, die ist viel Geld wert, die kann wahrsagen!« »Nun, so laß sie einmal wahrsagen.« Der Schneider hielt sie ans Ohr und sprach: »Die Drossel sagt, es stünde eine Schüssel voll Braten im Ofen.« Der Mann ging hin und fand den Braten: »Was sagt die Drossel weiter?« »Im Bett stecke eine Flasche Wein.« Der fand auch den Wein: »Ei, die Drossel mögt ich haben, die verkauf mir doch.« »Du kannst sie kriegen, wenn du mir den Kasten gibst, worauf ich sitze.« Der Mann wollte gleich, die Frau aber sagte: »Nein, das geht nicht, der Kasten ist mir gar zu lieb, den geb ich nicht weg.« Der Mann aber sprach: »Stell dich doch nicht so dumm, was nützt dir so ein alter Kasten«, gab damit dem Bruder den Kasten für den Vogel. Der Schneider nahm den Kasten auf einen Schubkarren und fuhr ihn fort. Unterwegs sprach er: »Ich nehm den Kasten und werf ihn ins Wasser, ich nehm den Kasten und werf ihn ins Wasser!« Endlich regte sich der Pfaffe inwendig und sagte: »Ihr wißt viel, was in dem Kasten ist, laßt mich heraus, ich will Euch 50 Taler geben.« »Ja, dafür will ich es schon tun«, ließ ihn heraus und ging mit dem Gelde heim. Die Leute wunderten sich, wo er das viele Geld herhabe, er aber sprach: »Ich will euch sagen, die Felle stehen in so hohem Preis, da hab ich meine alte Kuh geschlachtet und fürs Fell soviel gelöst.« Die Leute im Dorf wollten auch davon profitieren, gingen hin und schnitten allen ihren Ochsen, Kühen und Schafen die Hälse ab und trugen die Felle in die Stadt, wofür sie aber blutwenig lösten, weil ihrer soviel auf einmal feilgeboten wurden. Da ärgerten sich die Bauern über den Schaden und warfen dem Schneider Dreck und ander schlechtes Zeug vor seine Tür. Der aber tat alles in seinen Kasten, ging damit in die Stadt in einen Gasthof und bat den Wirt, ob er ihm nicht den Kasten, worin die größten Kostbarkeiten wären, eine Zeitlang verwahren wolle, bei ihm wären sie nicht sicher. Der Wirt sagte: »Recht gern«, und nahm den Kasten zu sich. Einige Zeit danach kam der Schneider, forderte ihn wieder zurück und machte ihn auf, um zu sehen, ob noch alles darin wäre. Wie er nun aber voll Dreck ist, so tobte er abscheulich, beschimpfte den Wirt und drohte, ihn zu verklagen, so daß der Wirt, welcher Aufsehen scheute und für seinen Credit fürchtete, ihm gern hundert Taler gab. Die Bauern ärgerten sich wieder, daß dem Schneider alles zum Profit ausschlug, was sie ihm Leides antaten, nahmen den Kasten, steckten ihn mit Gewalt hinein, setzten ihn aufs Wasser und ließen ihn fortfließen. Der Schneider schwieg eine Weile still, bis er eine Ecke fortgeflossen war, dann rief er überlaut: »Nein, ich tu's nicht! Und ich tu's nicht! Und wenn's die ganze Welt haben wollte!« Das Geschrei hörte ein Schäfer und fragte: »Was willst du denn nicht tun?« »Ei«, sagte der Schneider, »da ist ein König, der hat die närrische Grille und besteht darauf, daß, wer in diesem Kasten den Strom hinuntergeschwommen kommt, seine einzige Tochter heiraten soll, aber ich hab einmal meinen Kopf darauf gesetzt und tu's nicht, und wenn's die ganze Welt haben wollt.« »Hört einmal, geht das nicht, daß sich ein anderer in den Kasten setzt und die Königstochter kriegt?« »O ja, das geht auch.« »So will ich mich an Eurer Stelle hineinsetzen.« Da stieg der Schneider aus, der Schäfer ein; der Schneider machte den Kasten noch zu, und der Schäfer ging bald unter. Der Schneider aber nahm die ganze Herde des Schäfers und trieb sie heim. Die Bauern aber wunderten sich, wie das zugegangen, daß er wiederkäme und obendrein die vielen Schafe hätte. Der Schneider sagte: »Ich war untergesunken, tief, tief! Da fand ich auf dem Grund die ganze Herde und nahm sie mit heraus.« Die Bauern wollten sich da auch Schafe holen und gingen miteinander hinaus ans Wasser. Den Tag war der Himmel ganz blau mit kleinen weißen Wolken, da riefen sie: »Wir sehen schon die Lämmer unten auf dem Grund!« Da sprach der Schulz: »Ich will erst hinunter und mich umsehen, und wenn es gut ist, will ich euch rufen.« Wie er nun hineinstürzte, rauschte es in dem Wasser: plump! Da meinten sie, er riefen ihnen zu: kommt!, und stürzten sich alle hinter ihm drein. Da gehörte das ganze Dorf dem Schneider. * Brüder Grimm Schneeblume Eine junge Königstochter hieß Schneeblume, weil sie weiß wie der Schnee war und im Winter geboren. Eines Tages war ihre Mutter krank geworden, und sie ging in den Wald und wollte heilsame Kräuter brechen. Wie sie nun an einem großen Baum vorüberging, flog ein Schwarm Bienen heraus und bedeckten ihren ganzen Leib von Kopf bis zu den Füßen. Aber sie stachen sie nicht und taten ihr nicht weh, sondern trugen Honig auf ihre Lippen, und ihr ganzer Leib strahlte ordentlich von Schönheit. * Nordisches Volksmärchen Der Kamerad Es war einmal ein Bauernbursch, dem träumte, er werde eine Prinzessin bekommen, weit, weit fort, und sie wäre so weiß wie Milch und so rot wie Blut und so reich, daß ihr Reichtum kein Ende hätte. Beim Aufwachen vermeinte er noch, sie stünde leibhaftig vor ihm, und sie war so schön und lieblich, daß er nicht weiterleben konnte ohne sie. Da verkaufte er alles, was er hatte, und zog aus und suchte sie. Er wanderte weit umher und kam schließlich zur Winterszeit in ein Land, wo alle Straßen geradeaus gingen und keinerlei Krümmung machten. Als er ein Vierteljahr lang geradeaus gewandert war, kam er in eine Stadt. Da lag außen vor der Kirchentür ein großer Eisklumpen, und mitten darin war eine Leiche, und die ganze Gemeinde spuckte im Vorbeigehen darauf. Der Bursche verwunderte sich darüber, und als der Pfarrer aus der Kirche kam, fragte er ihn, was das bedeuten solle. »Das ist ein übler Betrüger gewesen«, sagte der Pfarrer, »man hat ihn um seiner Sünden willen hingerichtet und hier zu Spott und Schande aufgestellt.« »Was hat er denn getan?« fragte der Bursche. »In seinem Erdenleben war er ein Weinhändler«, sagte der Pfarrer, »und er hat Wasser in den Wein geschüttet.« So schrecklich kam das dem Burschen nicht vor. »Wenn man ihn doch mit dem Leben hat dafür bezahlen lassen«, sagte er, »könnte man ihm jetzt doch ein christliches Begräbnis zukommen und den Toten ruhen lassen!« Aber darauf sagte der Pfarrer, das sei auf keine Weise zu machen. Um ihn aus dem Eis herauszubrechen, brauche man Leute; und man brauche Geld, um von der Kirche das Grab zu kaufen, und der Totengräber wolle Geld für seine Mühe, der Küster für die Glocken, der Kantor für den Gesang und der Pfarrer für die Leichenpredigt. »Glaubst du, daß es einen Menschen gibt, der all das viele Geld für einen solchen argen Sünder zahlen will?« fragte der Pfarrer. »Ja«, sagte der Bursche, wenn er ihm nur ein Begräbnis verschaffen könne, so wolle er schon den Leichenschmaus zahlen aus seinem schmalen Beutel. Der Pfarrer wollte erst nichts davon wissen, aber als der Bursche mit zwei Männern wiederkam und ihn in ihrem Beisein fragte, ob er das christliche Begräbnis verweigere, wagte er keinen Widerspruch mehr. Also befreiten sie den Weinhändler aus dem Eisklotz und legten ihn in geweihte Erde. Die Glocken läuteten, und es wurde gesungen, und der Pfarrer warf Erde auf den Sarg, und sie hielten einen Leichenschmaus, und es gab abwechselnd Tränen und Gelächter. Als aber der Bursche den Leichenschmaus bezahlt hatte, hatte er nicht mehr viele Groschen in der Tasche. Darauf machte er sich wieder auf den Weg. Aber er war noch nicht weit gegangen, als ein Mann hinter ihm herkam und ihn fragte, ob er es nicht langweilig finde, so allein vor sich hin zu gehen. »Nein«, sagte der Bursche, er habe immer etwas, woran er denken müsse. Der Mann fragte, ob er nicht einen Diener brauche. »Nein«, sagte der Bursche, »ich bin gewöhnt, mein eigener Diener zu sein, deshalb brauche ich keinen, und wenn ich auch noch so gern einen haben wollte, so könnte ich doch nicht, denn ich habe kein Geld für Kost und Lohn.« »Du hast aber doch einen Diener nötig, das weiß ich besser als du«, sagte der Mann, »und zwar brauchst du einen, auf den du dich im Leben und Tod verlassen kannst. Wenn du mich aber nicht als Diener haben willst, so nimm mich als Kameraden. Ich verspreche dir, es soll dein Schade nicht sein, und ich werde dich keinen Schilling kosten. Ich reise auf eigene Kosten, und um Essen und Kleider brauchst du dich auch nicht zu kümmern.« Unter diesen Umständen wollte er ihn gern als Kameraden annehmen, und so setzten sie die Reise zusammen fort, und der Mann ging gewöhnlich voraus und zeigte den Weg. Als sie lang durch die Lande gezogen waren, über Berge und Heiden, standen sie plötzlich vor einer Felswand. Der Kamerad klopfte an und bat um Einlaß. Da tat sich der Fels vor ihnen auf, und als sie ein gut Stück in den Berg hineingegangen waren, kam ihnen eine Hexe entgegen und bot ihnen einen Stuhl an: »Seid so gut und setzt euch, ihr werdet müde sein!« »Setz dich selbst!« sagte der Mann. Da mußte sie sich setzen und da sitzen bleiben, denn der Stuhl hatte die Eigenschaft, daß er alles festhielt, was ihm nahe kam. Inzwischen wanderten sie im Berg herum, und der Kamerad sah sich um, bis er ein Schwert erblickte, das über der Tür hing, das wollte er haben und versprach der Hexe, er wolle sie von dem Stuhl befreien, wenn sie ihm das Schwert überlasse. »Nein«, schrie sie, »bitte mich, um was du willst! Alles andere kannst du haben, nur das nicht, denn das ist mein Dreischwestern-Schwert!« (Es waren nämlich drei Schwestern, denen das Schwert zusammen gehörte.) »Dann kannst du hier sitzen bleiben bis an der Welt Ende!« sagte der Mann. Als sie das hörte, versprach sie ihm doch das Schwert, wenn er sie befreite. Er nahm das Schwert und ging damit fort und ließ sie doch sitzen. Als sie weit gewandert waren, über nackte Felsen und öde Heiden, kamen sie wieder an eine Felswand. Da pochte der Kamerad wieder und bat um Einlaß. Es ging wie das letzte Mal, der Fels tat sich auf, und als sie tief drinnen im Berg waren, kam ihnen eine Hexe mit einem Stuhl entgegen und hieß sie niedersitzen, sie seien doch müde, sagte sie. »Setz dich selbst!« sagte der Kamerad. Und es ging ihr wie ihrer Schwester, sie mußte sich setzen und konnte nicht mehr loskommen. Indessen gingen der Bursche und sein Kamerad im Berge umher, und er machte alle Schränke und Schubladen auf, bis er fand, was er suchte, nämlich ein Knäuel Goldfaden. Das wollte er haben und versprach der Hexe, sie von dem Stuhl loszulassen, wenn sie ihm das Knäuel geben wolle. Sie sagte, er könne all ihr Hab und Gut nehmen, aber das Knäuel könne sie nicht hergeben, das sei ihr Dreischwestern-Knäuel. Aber als sie hörte, daß sie bis zum Jüngsten Tag hier sitzen bleiben sollte, wenn sie das Knäuel nicht hergebe, so ging sie doch darauf ein. Da nahm der Kamerad das Knäuel und ließ sie trotzdem sitzen, wo sie saß. Darauf gingen sie manchen Tag durch Wald und Heide, bis sie wieder an eine Felswand kamen. Es ging gerade wie die beiden vorigen Male, der Kamerad klopfte an, der Berg tat sich auf, und drinnen kam ihnen eine Hexe mit einem Stuhl entgegen und hieß sie sitzen, sie seien wohl müde. Aber der Kamerad befahl: »Setz dich selber!« und da mußte sie sich setzen. Die beiden waren noch nicht durch viele Gemächer gegangen, da erblickte der Kamerad einen alten Hut an einem Haken hinter der Tür. Den wollte er haben. Aber die Alte wollte sich nicht davon trennen, denn es sei ihr Dreischwestern-Hut, wenn sie den hergebe, werde sie todunglücklich. Als sie jedoch hörte, daß sie hier bis an den Jüngsten Tag sitzen bleiben sollte, wenn sie den Hut nicht hergebe, so willigte sie endlich ein. Der Kamerad nahm den Hut und hieß sie dann sitzen bleiben, wo sie saß, wie ihre Schwestern. Schließlich kamen sie an einen Fluß. Da nahm der Kamerad das Knäuel und warf es so kräftig an den Berg auf der anderen Seite des Flusses, daß es wieder zurückflog, und als es mehrmals hin und wieder geflogen war, stand eine Brücke da. Darauf überschritten sie den Fluß, und als sie auf der anderen Seite ankamen, sagte der Mann zu dem Burschen, er solle so rasch wie möglich den Goldfaden wieder aufwickeln. »Denn wenn wir ihn nicht schnell wegschaffen, so kommen die drei Hexen herüber und reißen uns in Stücke.« Der Bursche wickelte so schnell, wie er konnte. Gerade als er am letzten Faden war, kamen die Hexen angefaucht. Sie stürzten sich ins Wasser, daß der Schaum hoch aufspritzte, und haschten nach dem Ende des Fadens. Aber sie konnten es nicht packen und ertranken im Fluß. Als sie wieder einige Tage gegangen waren, sagte der Kamerad: »Nun kommen wir bald an das Schloß, in dem sie wohnt, die Prinzessin, von der du geträumt hast, und wenn wir hinkommen, so mußt du ins Schloß hineingehen und dem König sagen, was du geträumt hast und was dein Reiseziel ist.« Als sie hinkamen, tat er das und wurde sehr gut aufgenommen. Er bekam ein Zimmer für sich und eins für seinen Diener, und als es Essenszeit war, wurde er an des Königs eigenen Tisch gebeten. Als er die Prinzessin erblickte, erkannte er sie nach dem Traumgesicht sofort wieder. Er sagte ihr auch, weshalb er gekommen sei, und sie antwortete, sie könne ihn gut leiden und wolle ihn gern nehmen, aber zuerst müsse er drei Proben bestehen. Als sie gespeist hatten, gab sie ihm eine goldene Schere und sagte: »Die erste Probe ist, daß du diese Schere nimmst und aufhebst und sie mir morgen mittag wiedergibst. Das ist keine sehr schwere Probe«, sagte sie und lächelte, »aber wenn du sie nicht bestehst, so mußt du sterben, so will es das Gesetz, und dein Körper wird aufs Rad geflochten und dein Kopf auf einen Spieß gesteckt, und es geht dir wie den Freiern, deren Schädel und Gerippe du draußen vor dem Schloß sehen kannst.« »Das ist doch keine Kunst«, dachte sich der Bursche. Aber die Prinzessin war so lustig und munter und trieb solchen Schabernack mit ihm, daß er die Schere und sich selbst darüber vergaß, und während sie lachten und scherzten, stibitzte sie ihm heimlich die Schere weg, ohne daß er es merkte. Als er am Abend in die Kammer kam und erzählte, wie es ihm gegangen war, was sie zu ihm gesagt hätte und was es mit der Schere, die sie ihm zum Aufheben gegeben hätte, auf sich habe, fragte der Kamerad: »Hast du die Schere auch noch?« Der Bursche suchte in allen seinen Taschen, aber es war keine Schere darin, und er war mehr als unglücklich, als er merkte, daß er sie verloren hatte. »Nun, nun, sei nur ruhig, ich will sehen, ob ich dir sie wieder verschaffen kann«, sagte der Kamerad und ging hinunter in den Stall. Da stand ein mächtiger Bock, der gehörte der Prinzessin und konnte viel schneller durch die Luft fliegen als auf ebener Erde gehen. Der Kamerad nahm das Dreischwestern-Schwert und gab ihm damit einen Hieb zwischen die Hörner und fragte: »Wann reitet die Prinzessin heut nacht zu ihrem Liebsten?« Der Bock meckerte und sagte, das traue er sich nicht zu sagen, aber als der Kamerad ihm noch einen Hieb gab, sagte er doch, die Prinzessin werde Punkt elf Uhr kommen. Der Kamerad setzte den Dreischwestern-Hut auf, da war er unsichtbar, und wartete auf die Prinzessin. Als sie kam, schmierte sie den Bock mit einer Salbe ein, die sie in einem großen Horn mitbrachte, und dann rief sie: »Auf! Auf! Über Giebel und Turm, über Land, über See, über Berg und Tal, zum Liebsten, der mich im Berg erwartet!« Wie der Bock aufflog, schwang sich der Kamerad hintenauf, und nun ging es wie der Wind durch die Wolken. Der Weg war nicht lang. Auf einmal waren sie vor einer Felswand, sie klopfte an, und dann ging die Fahrt in den Berg hinein zu dem Troll, der ihr Liebster war. »Jetzt ist ein neuer Freier gekommen, der mich haben will, Schätzchen«, sagte sie und tat dem Troll schön. »Ich habe ihm eine Probe auferlegt, und hier ist die Schere, die er aufheben und verwahren sollte. Verwahre du sie jetzt!« Da lachten die beiden, als wäre der Bursche schon aufs Rad geflochten. »Ja, ich will sie aufheben und gut verwahren, und ich will schlafen in Liebchens Arm, wenn den Burschen umkrächzt der Krähenschwarm!« sagte der Troll und legte die Schere in einen eisernen Schrein mit drei Schlössern davor. Aber in dem Augenblick, wo sie die Schere in den Schrein fallen ließen, nahm der Kamerad sie weg. Keiner konnte es sehen, denn er hatte den Dreischwestern-Hut auf. Also schloß der Troll den leeren Schrein sorgfältig zu, und die Schlüssel steckte er in einen hohlen Backenzahn, wo er noch andere Zauberdinge aufhob. Da würde der Freier sie gewiß nicht finden, meinte er. Nach Mitternacht machte sie sich auf den Heimweg. Der Kamerad schwang sich wieder hintenauf, und der Heimweg war nicht lange. Am nächsten Mittag wurde der Bursche zur königlichen Tafel geladen. Aber da hatte die Prinzessin ein so hochnäsiges Benehmen und war so stolz und schnippisch, daß sie fast gar nicht nach der Seite hinsah, wo der Bursche saß. Aber nachdem man gespeist hatte, machte sie ein recht feierliches Gesicht und fragte zuckersüß: »Du hast wohl die Schere noch, die ich dir gestern zum Aufheben gegeben habe?« »Ja, hier ist sie«, sagte der Bursche, zog die Schere heraus und schleuderte sie auf den Tisch, daß es nur so klirrte. Die Prinzessin hätte nicht mehr erschrecken können, wenn er ihr die Schere ins Gesicht geworfen hätte. Aber sie machte gute Miene zum bösen Spiel und sagte mit süßer Stimme: »Da du die Schere so gut verwahrt hast, wird es dir nicht so schwerfallen, mein Knäuel Goldfaden aufzuheben. Morgen mittag möchte ich es wiederhaben, aber wenn du es da nicht hast, so mußt du von Rechts wegen sterben«, sagte sie. Der Bursche meinte, das sei ja nicht so schwer, und steckte das Knäuel Goldfaden in die Tasche. Aber da fing die Prinzessin wieder an mit ihm zu scherzen und Spaß zu treiben, so daß er sich selbst und das goldene Knäuel dazu vergaß, und während sie mitten im lustigsten Spaß waren, entwendete sie ihm das Knäuel und hieß ihn dann gehen. Als er hinauf in die Kammer kam und erzählte, was sie gesagt und getan hatte, fragte sein Kamerad: »Du hast doch das Knäuel noch?« »Ja freilich«, sagte der Bursche und griff in die Tasche, in die er es gesteckt hatte. Aber da war kein Knäuel, und da kam er so in Verzweiflung, daß er nicht wußte, was anfangen. »Sei nur ruhig«, sagte der Kamerad, »ich will sehen, ob ich es nicht wiederbekommen kann.« Er nahm sein Schwert und seinen Hut und ging zu einem Schmied und ließ an sein Schwert noch zwölf Pfund Eisen anschmelzen. Als er dann in den Stall kam, gab er dem Bock damit einen Schlag zwischen die Hörner, daß er taumelte, und fragte ihn: »Wann reitet die Prinzessin heute nacht zu ihrem Liebsten?« »Punkt zwölf Uhr«, sagte der Bock. Der Kamerad setzte wieder seinen Dreischwestern-Hut auf und wartete, bis die Prinzessin mit dem Salbenhorn kam und den Bock einrieb. Dann sagte sie wieder wie das erste Mal: »Auf! Auf! Über Giebel und Turm, über Land, über See, über Berg und Tal, zum Liebsten, der mich im Berg erwartet!« Wie nun der Bock auffuhr, schwang sich der Kamerad hintenauf, und nun ging's wie der Blitz durch die Luft. Bald waren sie am Trollberg, und als sie drei Schläge getan hatte, ging es durch den Berg hindurch bis zu dem Troll, der ihr Liebster war. »Wie hast du denn die goldene Schere verwahrt, die ich dir gestern gab, mein Freund?« fragte die Prinzessin. »Der Freier hatte sie und gab sie mir wieder.« Das sei ganz unmöglich, sagte der Troll, denn er habe sie in einen Schrein mit drei Schlössern eingeschlossen, und die Schlüssel in seinen hohlen Zahn gesteckt. Aber als sie den Schrein aufschlossen und nachsahen, war keine Schere darin. Da erzählte die Prinzessin, daß sie ihm nun ihr goldenes Knäuel gegeben hätte. »Hier ist es«, sagte sie, »ich habe es ihm wieder abgenommen, ohne daß er es merkte, aber was sollen wir nun anfangen, wenn er sich auf solche Künste versteht?« Der Troll wußte auch keinen Rat. Aber als sie eine Weile nachgedacht hatten, kamen sie auf den Gedanken, ein großes Feuer anzuzünden und das Knäuel zu verbrennen, dann könne der Freier es gewiß nicht wiederbekommen. Aber wie sie es ins Feuer warf, stand der Kamerad auf dem Sprung und fing es auf, ohne daß es jemand sah, denn er hatte den Dreischwestern-Hut auf. Als die Prinzessin eine Weile bei dem Troll gewesen war und es gegen Morgen ging, fuhr sie wieder heim. Der Kamerad saß wieder hintenauf, und die Heimreise ging rasch und gut. Als der Bursche zu Tafel geladen wurde, gab der Kamerad ihm das Knäuel. Die Prinzessin war noch spitzer und spöttischer als das erste Mal, und nachdem man gegessen hatte, kniff sie den Mund ganz schmal und sagte: »Könnte ich nicht vielleicht mein goldenes Knäuel wiederbekommen, das ich dir gestern gab?« »Ja«, sagte der Bursche, »das kannst du haben, hier!«, und er warf es auf den Tisch, daß er dröhnte und der König vor Schrecken hoch in die Höhe fuhr. Die Prinzessin wurde weiß wie eine Leiche, aber sie machte gute Miene zum bösen Spiel und sagte, er habe seine Sache gut gemacht. Nun habe er nur noch eine kleine Probe zu bestehen: »Wenn du mir das, woran ich denke, bis morgen mittag beschaffen kannst, so sollst du mich haben und behalten.« Der Bursche kam sich vor wie ein zum Tode Verurteilter, denn es schien ihm ganz unmöglich zu wissen, woran die Prinzessin denke, und noch unmöglicher, den Gegenstand zu beschaffen. Und als er in seine Kammer kam, konnte ihn der Kamerad kaum beruhigen. Er sagte, er wolle die Sache wie die beiden ersten Male schon in die Hand nehmen. Schließlich beruhigte sich der Bursche und legte sich schlafen. Inzwischen ging der Kamerad wieder zu dem Schmied und ließ sich noch vierundzwanzig Pfund Eisen an sein Schwert anschmieden, und als das geschehen war, ging er in den Stall und hieb den Bock zwischen die Hörner, daß er an die andere Wand flog. »Wann reitet die Prinzessin heut nacht zu ihrem Liebsten?« sagte er. »Punkt ein Uhr«, meckerte der Bock. Als es Zeit war, stand der Kamerad mit seinem Dreischwestern-Hut im Stall, und nachdem sie den Bock eingerieben und ihren Spruch wie sonst auch gesagt hatte, ging es wieder durch die Luft davon, und der Kamerad saß hintenauf. Aber diesmal war er gar nicht sanft, sondern gab der Prinzessin bald hier einen Puff, bald dort einen Puff und beutelte sie fürchterlich. Als sie an die Felswand kamen, klopfte sie dreimal an, und der Berg öffnete sich, und sie fuhren hindurch bis zu ihrem Liebsten. Da beklagte sie sich sehr bei ihm und jammerte und sagte, sie hätte nicht gedacht, daß einen das Wetter so mitnehmen könne; es sei ihr vorgekommen, als fliege jemand mit, der auf sie und den Bock losschlüge, und sie sei gewiß am ganzen Leibe braun und blau, so bös sei er mit ihr umgegangen. Und dann erzählte sie, daß der Freier auch das Knäuel wieder gehabt habe. Wie das zugegangen war, konnte sich weder sie noch der Troll denken. »Aber weißt du, was ich mir ausgedacht habe?« sagte sie. Das konnte der Troll nicht wissen. »Ja«, sagte sie, »ich habe ihm gesagt, er solle mir das, woran ich denke, bis morgen mittag beschaffen, und das war dein Kopf. Glaubst du, lieber Freund, daß er das schaffen kann?« sagte die Prinzessin und tat dem Troll recht schön. »Das glaube ich nicht«, sagte der Troll, und er war seiner Sache ganz sicher und lachte und gluckste vor Vergnügen ganz bösartig, und er und die Prinzessin glaubten steif und fest, eher werde der Bursche aufs Rad geflochten und Futter für die Raben, als daß er den Kopf des Trolles herbeischaffen könne. Als es gegen Morgen ging, wollte die Prinzessin wieder nach Hause, aber sie hatte Angst, denn sie glaubte, es sei jemand hinter ihr her, und sie traute sich nicht allein zu reiten. Der Troll sollte sie begleiten. Er war auch bereit dazu und zog seinen Bock aus dem Stall – er hatte den gleichen wie die Prinzessin – und rieb ihn ein und salbte ihn auch zwischen den Hörnern. Als der Troll aufgestiegen war, saß der Kamerad bei ihm hintenauf, und dann ging es durch die Luft dem Königsschloß zu. Aber unterwegs schlug der Kamerad wacker auf den Troll und auf den Bock los und gab ihnen Hieb auf Hieb und Schlag auf Schlag mit dem Schwert, daß sie tiefer und tiefer hinuntergerieten und schließlich fast ins Meer gesunken wären, über das sie die Reise führte. Als der Troll merkte, wie bös es draußen zuging, begleitete er die Prinzessin bis zum Schloß und machte außen halt, um zu sehen, daß sie wirklich wohlbehalten heimkam. Aber in dem Augenblick, wo sie die Tür hinter sich zumachte, schlug der Kamerad dem Troll das Haupt ab und ging damit hinauf in die Kammer des Burschen. »Hier ist das Ding, an das die Prinzessin gedacht hat«, sagte er. Da war denn alles in schönster Ordnung, und als der Bursche zu Tafel geladen wurde und sie gegessen hatten, wurde die Prinzessin munter wie eine Lerche. »Hast du vielleicht das, woran ich gedacht habe?« fragte sie. »Freilich«, sagte der Bursche und zog das Haupt unter seinen Rockschößen hervor und schleuderte es hin, daß der Tisch mit allem, was darauf war, umfiel. Die Prinzessin wurde leichenblaß. Aber sie konnte nicht leugnen, daß das das Ding war, woran sie gedacht hatte, und nun mußte sie den Burschen nehmen, wie sie versprochen hatte. Also wurde die Hochzeit gefeiert, und es war große Freude im ganzen Königreich. Aber der Kamerad nahm den Burschen beiseite und sagte, in der Hochzeitsnacht dürfe er wohl die Augen zumachen und tun, als ob er schliefe, aber wenn ihm sein Leben etwas wert sei und er ihm folgen wolle, so dürfe er so lange kein Auge zutun, bis er nicht die Prinzessin von ihrer Trollhaut befreit hätte. Er müsse sie ihr mit neun neuen Birkenruten lospeitschen und dann noch in drei Milchbädern abstreifen. Erst solle er sie in einem Kübel volljähriger Molke abschrubben, dann in einem Kübel vollsaurer Milch abreiben und schließlich in einem Kübel voll süßer Milch abschwemmen. Die Birkenruten habe er unters Bett gelegt und die drei Kübel mit Milch in die Ecke gestellt. Es sei alles bereit. Der Bursche versprach, er wolle ihm folgen und tun, was er ihm gesagt hatte. Als sie sich abends ins Bett gelegt hatten, tat er, als ob er schliefe. Die Prinzessin richtete sich auf dem Ellenbogen auf, um zu sehen, ob er wirklich schlafe, und kitzelte ihn unter der Nase. Aber er schlief ganz fest. Da zupfte sie ihn am Haar und am Bart. Aber er schlief wie ein Sack, meinte sie wenigstens. Da zog sie unter ihrem Kopfkissen ein großes Schlachtermesser hervor und wollte ihm damit den Kopf abhacken. Aber da fuhr der Bursche auf, schlug ihr das Messer aus der Hand, packte sie an den Haaren und peitschte sie mit den Ruten und hörte nicht auf, bis keine einzige mehr ganz war. Darauf warf er sie in den Molkekübel, und da sah er, was für ein Tier sie war, denn sie war rabenschwarz am ganzen Körper. Aber als er sie in der Molke abgeschrubbt, in der Sauermilch abgerieben und in der süßen Milch abgeschwemmt hatte, da war die Trollhaut ganz weg, und sie war so wunderschön, wie sie zuvor noch nie gewesen war. Am folgenden Tag sagte der Kamerad, nun sollten sie reisen. Der Bursche war reisefertig und die Prinzessin auch, denn ihre Mitgift war schon lange bereit. In der Nacht brachte der Kamerad alles Gold und Silber und alle Kostbarkeiten, die der Troll im Berg hinterlassen hatte, ins Schloß, und als sie am Morgen fortreisen wollten, war der ganze Hof so voll, daß sie kaum durchkommen konnten. Diese Mitgift war mehr wert als das ganze Land des Königs, und sie hatten keine Ahnung, wie sie alles heimschaffen sollten. Aber der Kamerad wußte einen Ausweg aus der Verlegenheit. Der Troll hatte auch sechs Böcke hinterlassen, die durch die Luft fliegen konnten. Die belud er so reichlich mit Gold und Silber, daß sie auf der Erde gehen mußten und nicht stark genug waren, um sich in die Luft zu heben. Was die Böcke nicht mehr tragen konnten, mußte im Schloß zurückbleiben. So reisten sie eine lange Zeit, aber schließlich wurden die Böcke so müde und waren so hinfällig, daß sie nicht mehr weitergehen konnten. Der Bursche und die Prinzessin wußten sich nicht zu helfen. Aber als der Kamerad sah, daß sie nicht mehr von der Stelle kamen, nahm er die ganze Mitgift auf den Rücken, legte die Böcke obendrauf und trug das alles, bis man nur noch eine halbe Meile von der Heimat des Burschen entfernt war. Da sagte der Kamerad: »Nun muß ich mich von dir trennen. Ich kann nicht weiter bei dir bleiben.« Aber der Bursche wollte von einer Trennung nichts wissen und ihn um keinen Preis weggehen lassen. Also ging er noch eine halbe Meile mit, aber weiter konnte er nicht mehr, und als der Bursche in ihn drang und ihn nötigen wollte, mit ihm nach Hause zu kommen und dazubleiben oder doch wenigstens die Heimkehr mitzufeiern, da sagte er immer nur, nein, er könne nicht. Da fragte ihn der Bursche, was er denn haben wolle als Lohn für seine Begleitung und Hilfe. »Wenn ich mir etwas wünschen soll, so möchte ich die Hälfte haben von allem, was du in den nächsten fünf Jahren gewinnst«, sagte der Kamerad. Das wurde ihm auch zugesagt. Als der Kamerad fort war, versteckte der Bursche seinen ganzen Reichtum und zog spornstreichs nach Hause. Da feierten sie ein Heimkehrfest, daß man in sieben Königreichen davon sprach, und als das vorbei war, mußten sie den ganzen Winter lang mit den Böcken und mit den zwölf Pferden, die der Vater hatte, hin- und herfahren, um alles das Gold und Silber nach Hause zu schaffen. Nach fünf Jahren kam der Kamerad wieder und wollte sein Teil haben. Da schied der Mann seine ganze Habe in zwei gleiche Teile. »Aber ein Ding hast du nicht geteilt«, sagte der Kamerad. »Was wäre das?« fragte der Mann. »Ich glaubte, ich hätte alles geteilt.« »Du hast doch ein Kind bekommen«, sagte der Kamerad. »Das mußt du auch in zwei Teile teilen.« Ja, so war es wirklich. Er nahm also das Schwert, aber als er es aufhob und das Kind teilen wollte, packte der Kamerad die Schwertspitze, so daß er nicht zuschlagen konnte. »Freust du dich nicht, daß du nicht zuschlagen mußtest?« sagte er. »Ja, so froh war ich noch nie«, sagte der Mann. »So froh war auch ich, als du mich aus dem Eisklumpen befreitest«, sagte der Kamerad. »Behalte alles, was du hast. Ich brauche nichts, denn ich bin ein schwebender Geist.« Und er erzählte, er sei der Weinhändler, der in dem Eisklotz vor der Kirchentür lag und den alle anspien. Und er sei sein Kamerad geworden und habe ihm geholfen, weil der Bursche seine Habe drangegeben habe, um ihm Frieden und ein christliches Begräbnis zu verschaffen. Er habe ihn ein Jahr lang begleiten dürfen, und das sei bei ihrem ersten Abschied abgelaufen gewesen. Nun habe er ihn nochmals besuchen dürfen, aber jetzt müßten sie sich für immer trennen, denn nun riefen ihn die Himmelsglocken. * Hans Christian Andersen Der Schneemann »In mir knackt es ganz prächtig, es ist so wunderbar kalt!« sagte der Schneemann. »Der Wind kann schon Leben in einen beißen! Und die Glühende da, wie sie glotzt!« Damit meinte er die Sonne, die gerade unterging. »Die soll mich nicht zum Blinzeln bringen, ich kann meine Brocken wohl festhalten!« Das waren zwei große, dreieckige Ziegelbrocken, die ihm als Augen dienten; sein Mund war ein Stück von einer alten Harke, deshalb besaß er Zähne. Er war unter dem Hurra-Geschrei der Jungen geboren worden, Glöckchenklang und Peitschenknall hatten ihn von den Schlitten begrüßt. Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund und groß, hell und herrlich in der blauen Luft. »Da haben wir sie wieder von einer anderen Seite!« sagte der Schneemann. Er glaubte nämlich, die Sonne erschiene von neuem. »Ich habe ihr das Glotzen abgewöhnt! Jetzt darf sie da hängen und leuchten, damit ich mich selbst sehen kann. Wenn ich nur wüßte, wie man es anstellt, daß man von der Stelle kommt! Wie gern würde ich mich fortbewegen! Könnte ich das, dann rutschte ich auf dem Eis herum, wie ich es bei den Jungen sah; aber ich kann nun einmal nicht laufen!« »Weg! Weg!« kläffte der alte Kettenhund. Seit der Zeit, als er Stubenhund gewesen war und unter dem Kachelofen gelegen hatte, war er etwas heiser. »Die Sonne wird dir schon Beine machen! Das habe ich voriges Jahr bei deinem Vorgänger gesehen und bei dessen Vorgänger auch. Weg! Weg! Und weg sind sie alle!« »Ich verstehe dich nicht, Kamerad!« sagte der Schneemann. »Soll die da oben mir Beine machen?« Er meinte den Mond. »Ja, als ich sie starr ansah, da ist sie wirklich gelaufen, jetzt schleicht sie sich von der anderen Seite heran.« »Du hast keine Ahnung!« sagte der Kettenhund. »Aber du bist ja auch gerade erst zusammengeklatscht! Was du da siehst, das nennt man Mond; was weggegangen ist, das war die Sonne, sie kommt morgen wieder, sie wird dir schon beibringen, wie man in den Wallgraben läuft. Wir bekommen bald anderes Wetter, das kann ich in meinem linken Hinterbein merken, da sticht es. Das Wetter schlägt um!« »Ich verstehe ihn nicht!« sagte der Schneemann. »Aber ich habe so ein Gefühl, daß er etwas Unangenehmes sagt. Sie, die da glotzte und unterging, die er Sonne nennt, die ist auch nicht meine Freundin, das habe ich im Gefühl!« »Weg! Weg!« kläffte der Kettenhund, lief dreimal um sich selbst herum und legte sich dann in seine Hütte, um zu schlafen. Das Wetter änderte sich wirklich. Ein Nebel, ganz dick und feucht, legte sich in der Morgenstunde auf die ganze Gegend. Als es dämmerte, kam ein eiskalter Wind auf, der Frost biß ordentlich zu. Doch was für ein Anblick bot sich dar, als die Sonne aufging! Alle Bäume und Sträucher waren mit Rauhreif bedeckt, das war wie ein ganzer Wald von weißen Korallen; alle Zweige schienen wie mit strahlend weißen Blüten übersät. Jede einzelne der unendlich vielen und feinen Verzweigungen, die man im Sommer wegen der vielen Blätter nicht sehen kann, kam nun zum Vorschein; es war ein Spitzengewebe, so leuchtend weiß, als strömte aus jedem Zweig ein weißer Glanz. Die Hängebirke bewegte sich im Wind, so lebendig wie die Bäume zur Sommerzeit – es war eine unvergleichliche Pracht! Und als dann die Sonne schien, nein, wie funkelte das Ganze, als wäre es mit Diamantenstaub überpudert, und auf dem schneebedeckten Boden glitzerten die großen Diamanten, oder man konnte sie auch für unzählige, winzig kleine Lichter halten, noch weißer als der weiße Schnee. »Das ist wunderschön!« sagte ein junges Mädchen, das mit einem jungen Mann in den Garten kam und just neben dem Schneemann stehenblieb, um die schimmernden Bäume zu betrachten. »Etwas Schöneres gibt es im Sommer nicht zu sehen!« sagte sie mit leuchtenden Augen. »Und so einen Burschen wie den da gibt es dann gar nicht!« sagte ihr Begleiter und zeigte auf den Schneemann. »Das ist ein Prachtkerl!« Das junge Mädchen lachte, nickte dem Schneemann zu und tanzte dann mit ihrem Freund über den Schnee, der unter ihren Füßen wie Wäschestärke knirschte. »Wer waren die beiden?« fragte der Schneemann den Kettenhund. »Du bist schon länger auf dem Hof als ich, kennst du sie?« »Gewiß!« sagte der Kettenhund. »Sie hat mich doch gestreichelt, und er hat mir einen Fleischknochen gegeben; die beiße ich nicht.« »Aber was stellen sie hier vor?« fragte der Schneemann. »Brrrrr-rautleute!« sagte der Kettenhund. »Sie wollen in eine Hundehütte ziehen und zusammen Knochen nagen. Weg! Weg!« »Haben die beiden genausoviel zu bedeuten wie du und ich?« fragte der Schneemann. »Sie gehören doch zur Herrschaft!« sagte der Kettenhund. »Man ist wirklich sehr unwissend, wenn man gestern geboren wurde! Das kann ich dir anmerken! Ich habe Alter und Weisheit, ich kenne alle auf diesem Hof. Und ich habe eine Zeit gekannt, da stand ich nicht in der Kälte und an der Kette. Weg! Weg!« »Die Kälte ist herrlich!« sagte der Schneemann. »Erzähl, erzähl! Aber du darfst nicht mit der Kette rasseln, dann knackt es nämlich in mir!« »Weg! Weg!« kläffte der Kettenhund. »Ein Hündchen war ich, klein und niedlich, sagten die Leute. Da lag ich dort im Haus auf einem Samtstuhl, lag auf dem Schoß der höchsten Herrschaft, sie küßten mich auf die Schnauze und wischten mir die Pfoten mit einem gestickten Taschentuch; ich hieß ›Allerliebst‹ und ›Wauwilein‹, aber dann wurde ich ihnen zu groß! Da haben sie mich der Haushälterin gegeben, und so bin ich in die Kelleretage gekommen. Du kannst von deinem Platz aus hineinsehen, du kannst in die Kammer sehen, wo ich die Herrschaft war, denn das war ich bei der Haushälterin. Hier war es zwar kärglicher als oben, aber dafür auch angenehmer; ich wurde nicht gedrückt und von Kindern herumgeschleppt wie dort. Mein Futter war genauso gut wie vorher und viel reichlicher! Ich hatte mein eigenes Kissen, und dann war da ein Kachelofen, der ist zu dieser Zeit das Schönste auf der Welt! Unter den bin ich gekrochen, bis ich ganz verschwunden war. Oh, von diesem Kachelofen träume ich heute noch – weg! weg!« »Sieht ein Kachelofen so schön aus?« fragte der Schneemann. »Sieht er mir ähnlich?« »Der ist genau das Gegenteil von dir! Kohlschwarz ist er, hat einen langen Hals mit einer Messingtrommel. Er frißt Brennholz, daß ihm das Feuer aus dem Maul steht. Man muß sich an seine Seite halten, ganz dicht, und unter ihn kriechen, das ist überaus angenehm! Da, wo du stehst, mußt du ihn durchs Fenster sehen können.« Und der Schneemann sah, und tatsächlich sah er einen schwarzen, blankpolierten Gegenstand mit einer Messingtrommel, aus dem unten das Feuer leuchtete. Dem Schneemann wurde ganz sonderbar zumute; er hatte eine Empfindung, die er sich selbst nicht erklären konnte; etwas kam über ihn, das ihm unbekannt war, das aber alle Menschen kennen, sofern sie nicht Schneemänner sind. »Und warum hast du sie verlassen?« fragte der Schneemann. Er spürte, daß dies ein weibliches Wesen sein müsse. »Wieso konntest du einen solchen Ort verlassen?« »Dazu war ich wohl gezwungen«, sagte der Kettenhund. »Sie haben mich hinausgeworfen und hier an die Kette gelegt. Ich knabberte gerade an einem Bein, und der jüngste Junker stieß mich weg, dafür habe ich dann in sein Bein gebissen – Bein um Bein, denke ich! Aber das haben sie mir verübelt, und seit dieser Zeit bin ich angekettet und habe meine klare Stimme verloren, hör nur, wie heiser ich bin. Weg! Weg! Das war das Ende davon!« Doch der Schneemann hörte nicht mehr zu; er schaute noch immer in die Kelleretage, in die Stube der Haushälterin, wo der Kachelofen auf seinen vier Eisenbeinen stand und ihm an Größe ebenbürtig war. »In mir knackt es so seltsam!« sagte er. »Soll ich denn niemals zu ihr kommen? Das ist ein unschuldiger Wunsch, und unsre unschuldigen Wünschen werden doch sicher erfüllt. Es ist mein innigster Wunsch, mein einziger Wunsch, und es wäre fast ungerecht, wenn er unerhört bliebe. Ich muß dorthin, ich muß mich an sie lehnen, und müßte ich dafür das Fenster zerschlagen!« »Da kommst du nie hin!« sagte der Kettenhund. »Und wenn du zum Kachelofen kommst, dann bist du weg! weg!« »Ich bin so gut wie weg!« sagte der Schneemann. »Ich glaube, ich gehe kaputt!« Den ganzen Tag stand der Schneemann da und schaute ins Fenster. In der Dämmerung wurde die Stube noch einladender; aus dem Kachelofen leuchtete es so mild, wie nicht der Mond und nicht die Sonne, nein, wie nur der Kachelofen leuchten kann, sofern etwas in ihm ist. Wenn seine Tür geöffnet wurde, schlug die Flamme heraus, das war so ihre Gewohnheit; das weiße Gesicht des Schneemanns glühte ordentlich rot, der rote Schein reichte ihm bis zur Brust. »Das ertrage ich nicht!« sagte er. »Wie gut es ihr steht, die Zunge herauszustrecken!« Die Nacht war sehr lang, doch nicht für den Schneemann, er war in seine eigenen schönen Gedanken versunken, und die froren, daß sie knackten. Am Morgen waren die Kellerfenster zugefroren und mit den schönsten Eisblumen geschmückt, die ein Schneemann jemals verlangen konnte, doch sie verdeckten den Kachelofen. Die Scheiben wollten nicht auftauen, er konnte seine Dame nicht sehen. Es knackte, es knisterte, es war just ein Frostwetter, das einen Schneemann freuen mußte, aber er war nicht froh; er hätte sich so glücklich fühlen können und sollen, aber er war nicht glücklich, er hatte Kachelofen-Sehnsucht. »Das ist für einen Schneemann eine gefährliche Krankheit!« sagte der Kettenhund. »Ich habe auch daran gelitten, aber ich habe sie überstanden. Weg! Weg! – Und jetzt schlägt das Wetter um!« Und das Wetter schlug um, es kam Tauwetter. Es taute immer mehr, und der Schneemann wurde immer weniger. Er sagte nichts, er klagte nicht, und das ist das rechte Zeichen. Eines Morgens fiel er zusammen. Wo er gestanden hatte, steckte etwas wie ein Besenstiel, um den herum hatten die Jungen ihn einmal gebaut. »Jetzt kann ich das mit seiner Sehnsucht verstehen«, sagte der Kettenhund. »Der Schneemann hatte einen Feuerhaken im Leib! Das also hat sich in ihm gerührt, jetzt ist es überstanden; weg, weg!« Und bald war auch der Winter überstanden. »Weg, weg!« kläffte der Kettenhund. Doch die kleinen Mädchen auf dem Hof sangen: »Waldmeister, komm aus deinem Haus, Du, Weide, häng die Handschuh raus, Singt, Kuckuck, Lerche, in diesem Jahr Ist Frühling schon Ende Februar! Ich singe mit euch, daß es schallt! Komm, liebe Sonne, komme bald!« Und niemand denkt an den Schneemann! * Yingeangeut und der Erdmacher Sibirisches Volksmärchen Einst gingen Yingeangeut, Tschanaingaut, Kilu und Kitschimengeut, die Nieren-Frau, aus, um Beeren zu pflücken und Wurzeln zu graben. Sie schlugen in der Wildnis ein Zelt auf und lebten dort. Eines Morgens gingen die Mädchen Beeren lesen, und Yingeangeut trennte sich von ihren Freundinnen. Sie ließ ihren Korb auf der Erde liegen, entfernte sich, pflückte Beeren und kehrte zu ihrem Korbe zurück. Als sie ihren Korb sah, erblickte sie etwas Mark vom Beine eines Rentiers darin; dies aß sie. Yingeangeut wurde durch den Genuß dieses Markes schwanger und sagte am folgenden Tage zu ihren Schwestern: »Geht allein Beeren und Wurzeln suchen, ich werde zu Hause bleiben.« So gingen denn die Schwestern ohne sie in den Wald. Als sie fort waren, gebar Yingeangeut einen Knaben; sie legte ihn in einen Trog und brachte ihn in das Vorratshaus. Als ihre Schwestern am Abend heimkehrten, sagte Yingeangeut zu ihnen: »Ich habe keinen Mann gesehen und dennoch einen Knaben bekommen.« Am folgenden Tage sagte Kilu zu ihren Freundinnen: »Geht ihr Beeren suchen, ich will zu Hause bleiben.« Als sie fort waren, legte Kilu einen Hund in den Trog und brachte ihn in das Vorratshaus. Als am Abend ihre Freundinnen wieder heimkamen, sprach sie zu ihnen: »Auch ich habe keinen Mann gesehen und dennoch geboren.« Der Herbst kam heran. Die Brüder fuhren flußaufwärts in ihren Fellbooten, um ihre Schwester abzuholen; und sie beluden die Fellboote mit den Beeren, Wurzeln und Fliegenpilzen, welche die Mädchen gesammelt hatten. Als sie den Trog bemerkten, in welchem das Kind lag, und ihn in das Boot trugen, sagte Yingeangeut: »Seid vorsichtig mit dem Troge.« Ebenso bat Kilu ihren Bruder Illa, vorsichtig zu sein, indem sie auf den Trog wies, in welchem sich der Hund befand. llla brachte ihn in das Boot, doch er fiel dabei aus seinen Händen, weil er sehr schwer war; da heulte der Hund, doch Illa nahm den Trog wieder auf und verstaute ihn im Boote. Darauf fuhren die Brüder und Schwestern in ihren Ruderbooten den Fluß bis zur Mündung hinab, dort landeten sie und luden ihre Fracht in den Vorratshäusern ab; dann feierten sie das Walfischfest. Die Rentier-Leute kamen an, auch der Zwielicht-Mann, Frost-Mann, Neidisch, Nebel-Mann und andere kamen herbei. Der Große Rabe ließ sie alle sich versammeln und befahl, das Kind im Troge hereinzubringen. Er sprach zu dem Kinde: »Sieh dir die Rentier-Leute an. Ist dein Vater unter ihnen?« Das Kind aber wies auf keinen von ihnen. Darauf brachte Kilu den Trog mit dem Hunde herbei, und als er ihn öffnete, erkannte Ememqut den Hund als einen von denen, die ihm gehörten. Nach dem Walfischfeste zogen die Gäste davon. Eine Zeitlang lebte die Familie des Großen Raben allein. Eines Abends kam jemand auf einem Rentierschlitten herbeigefahren. Ememqut trat heraus, ihn zu begrüßen, und sah, daß der Fremde ein ganz junger Mann, beinahe noch ein Knabe war. Er hieß Erdmacher. Ememqut sprach zu ihm: »Du bist wohl gekommen, um dich nach deinem Sohne zu erkundigen?« »Allerdings«, erwiderte Erdmacher. »Ich bin gekommen, ihn zu sehen. Ich schämte mich, in menschlicher Gestalt zu Yingeangeut zu kommen und um sie zu werben. Ich habe mich daher in Rentiermark verwandelt, welches sie aß und wovon sie schwanger wurde.« Erdmacher trat in das Haus, blieb über Nacht dort, und am folgenden Morgen fuhr er zusammen mit Yingeangeut auf einem großen Zuge von Rentierschlitten nach Hause. Als Erdmacher auf sein Haus zugefahren kam, traten seine Verwandten heraus, um zu sehen, wer angekommen sei, und als sie die Yingeangeut mit einem Kinde auf dem Arm sahen, sprachen sie: »Diese Frau hat, ohne verheiratet zu sein, ein Kind bekommen.« Yingeangeut schämte sich so, daß sie in Stein verwandelt wurde. Als dies der Erdmacher sah, dachte er: »Jetzt ist Yingeangeut tot. Ich werde umkehren und die Rentiere dem Großen Raben zurückgeben.« So kehrte er denn gleich um und betrat nicht einmal das Haus. Als er beim Hause des Großen Raben angekommen war, sah er dort sogleich die Yingeangeut. »Hier bist du?« rief er. »Ich dachte, du wärest tot!« »Ich schämte mich vor deinen Verwandten«, erwiderte Yingeangeut, »daher habe ich mich in Stein verwandelt und bin allein hierhergekommen.« Am nächsten Tage fuhren sie wiederum fort. Als sie zum Hause des Erdmachers kamen, sahen sie dort noch den Stein stehen. Yingeangeut stieß ihn an, und eine zweite Yingeangeut stand da. Diese gaben sie dem Frost-Manne zur Frau. Von dieser Zeit an wurde Yingeangeut kränklich; der Erdmacher sorgte sich um sie und paßte nicht mehr auf seine Rentierherden auf. Eines Tages ging der Erdmacher aus und stolperte über einen großen Schneehaufen. Er sah näher hin, da entdeckte er den Eingang eines unterirdischen Hauses. Er blickte hinein und sah einen jungen Mann, welcher auf und ab ging. Dieser war der Wolken-Mann; als er ihn sah, rief er: »Erdmacher, bist du es?« »Freilich«, erwiderte der Erdmacher. »Komm herein«, sagte der Wolken-Mann. Erdmacher stieg in die Hütte hinab und erblickte einen alten Mann und eine alte Frau, welche schliefen; der Alte war der Aufseher, der Vater des Wolken-Mannes. Wolken-Mann fragte den Erdmacher: »Was denkst du? Warum mag deine Frau kränkeln?« »Ich weiß nicht«, erwiderte der Erdmacher. »Ihre Gesundheit läßt nach«, meinte der Wolken-Mann, »weil du das doppelköpfige Rentier nicht erlegt hast, das sich in der Herde deines Vaters befindet. Das hättest du tun sollen, bevor du deine Frau heimführtest. Jetzt sieh ins Herdfeuer, sieh, wie mein Vater deine Frau hineinwirft.« Er sah hinein und erblickte tatsächlich seine Frau, die auf Steinen saß, welche den Herd umgaben. Er sah auch kleine Knaben mit kurzen Riemen an den Daumen. »Siehst du diese kleinen Knaben?« sagte der Wolken-Mann, »das sind deine künftigen Kinder, sie werden zwar zur Welt kommen, aber nicht lange am Leben bleiben. Sieh nur, ihre Riemen sind kurz.« Ferner zeigte der Wolken-Mann dem Erdmacher ein Mädchen mit sechs Fingern, das auf dem Dachsparren eines Hauses saß, und sprach: »Wecke den alten Mann auf und bitte ihn um jenes Mädchen. Sie hat einen langen Riemen um den Hals, daher wird sie lange leben. Um die Knaben bitte ihn nicht.« Nun versuchte der Erdmacher, den Aufseher und dessen Frau aufzuwecken, doch mußte er lange rufen, bis der Aufseher erwachte. Erdmacher fragte ihn: »Warum schläfst du, warum gibst du nicht auf die Erde acht?« »Wir sind schlafen gegangen«, erwiderte der Aufseher, »weil du deine Frau mit nach Hause genommen hast und nicht bei dieser Gelegenheit für uns das doppelköpfige Rentier getötet hast. Daher schlafen wir und stoßen deine Frau ins Feuer.« Erdmacher erwiderte: »Sobald ich nach Hause komme, werde ich das doppelköpfige Rentier töten.« Darauf fragte der Aufseher den Erdmacher: »Möchtest du einen Sohn haben?« »Nein«, entgegnete dieser, »ich möchte keinen Sohn haben, gib mir eine Tochter mit sechs Fingern.« »Schön«, sagte der Aufseher, und nach einer Weile fügte er hinzu: »Geh jetzt nach Hause. Unterwegs wirst du einen Wolf erlegen. Das Wolfsfell mußt du deiner Frau geben.« Der Erdmacher ging aus dem Hause, und siehe, da war kein Schneehügel. Er befand sich im Himmel. Er blickte durch eine Öffnung auf die Erde hinunter und sah mehrere Dörfer, auch erkannte er sein eigenes Haus. Darauf kam er wieder zur Erde herab. Unterwegs rannte ein Wolf auf ihn zu; den erlegte er und nahm ihn mit nach Hause. Als der Erdmacher bei der Hütte seines Vaters angekommen war, begab er sich sogleich zu dessen Herde, ergriff das doppelköpfige Rentier und opferte es dem Wolken-Manne. Darauf wurde die Yingeangeut wieder gesund. Dann veranstalteten sie ein Wolfsfest. Yingeangeut legte das Fell des Wolfes an und umschritt den Feuerherd. Damit war das Wolfsfest beendet. Nicht lange hernach gebar Yingeangeut eine Tochter mit sechs Fingern. Eines Tages sagte der Erdmacher: »Jetzt will ich dich zu deinen Eltern bringen, sonst denken sie, daß du schon lange gestorben bist.« So machten sie sich denn reisefertig und besuchten den Großen Raben; dort fanden sie den Wolken-Mann, der um die Tschanaingaut warb. Erdmacher und Yingeangeut brachten ihre Tochter ins Haus; der Wolken-Mann sah sie an und fragte: »Wißt ihr, woher sie ihre Tochter erhalten haben?« Groß-Licht, ein jüngerer Sohn des Großen Raben, war ein Zauberer; der sagte: »Sie ist das Mädchen vom Dachsparren im Hause deines Vaters.« Bald darauf heiratete der Wolken-Mann die Tschanaingaut, und später erhielten sie einen Sohn. Danach sprach er: »Ich will gehen und meinen Vater von mir hören lassen.« So begab er sich denn in den Himmel und kam zum Aufseher. Sein Vater fragte ihn: »Nun, hast du dich verheiratet?« »Jawohl«, antwortete der Wolken-Mann, »ich habe sogar bereits einen Sohn.« Darauf begab er sich wieder zu seiner Frau. Als er ins Haus des Großen Raben kam, fragte ihn Groß-Licht: »Nun, ist dein Vater nicht böse wegen deiner Heirat geworden?« »Gar nicht«, erwiderte der Wolken-Mann. * Joseph Wenzig Von den zwölf Monaten Es war eine Mutter, die hatte zwei Töchter. Eine war ihre eigene, die andere ihre Stieftochter. Die eigene Tochter hatte sie sehr lieb, die Stieftochter konnte sie nicht einmal ansehen, weil Maruschka schöner war als Holena. Die gute Maruschka wußte von ihrer Schönheit nichts. Sie konnte sich gar nicht erklären, warum die Mutter so böse war, sooft sie sie ansah. Alle Arbeit mußte sie selbst verrichten: die Stube aufräumen, kochen, waschen, nähen, spinnen, weben, Gras zutragen und die Kuh allein versorgen. Holena putzte sich nur und machte sich einen schönen Tag. Aber Maruschka arbeitete gern, war geduldig und ertrug das Schelten, das Fluchen der Schwester und Mutter wie ein Lamm. Allein dies half nichts. Die Lage wurde von Tag zu Tag schlimmer, nur weil Maruschka je länger desto schöner, Holena desto garstiger ward. Die Mutter dachte: »Wozu sollte ich die schöne Stieftochter im Hause leiden, wenn meine eigene Tochter nicht auch so ist? Die Burschen werden auf Brautschau kommen: Maruschka wird ihnen gefallen, Holena werden sie nicht haben wollen!« Von diesem Augenblick an überlegten sie, wie sie die arme Maruschka loswerden konnten. Sie quälten sie mit Hunger, sie schlugen sie, doch Maruschka ertrug alles geduldig und ward von Tag zu Tag schöner – und dies, obwohl ihre Stiefmutter und deren Tochter sich Qualen für Maruschka ausdachten, wie sie braven Menschen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Eines Tages – es war in der Mitte des Eismonats wollte Holena Veilchen haben. »Geh, Maruschka, bring mir aus dem Walde einen Veilchenstrauß! Ich will ihn hinter den Gürtel stecken und an ihm riechen!« trug sie der Schwester auf. »Ach Gott, liebe Schwester, was fällt dir ein! Habe noch nie gehört, daß unter dem Schnee Veilchen wüchsen«, versetzte das arme Mädchen. »Du nichtsnutziges Ding, du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich wirst du in den Wald gehen, und bringst du keine Veilchen, so schlag ich dich tot!« drohte Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Tür hinaus und schloß diese hinter ihr zu. Das Mädchen ging bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgends war ein Fußstapfen zu sehen. Die Arme irrte, irrte lange herum: Hunger plagte sie, Kälte schüttelte sie. Sie bat Gott, er möchte sie lieber aus der Welt nehmen. Da gewahrte sie in der Ferne ein Licht. Sie ging dem Glanz nach und kam auf den Gipfel eines Berges. Auf dem Gipfel brannte ein großes Feuer, um das Feuer lagen zwölf Steine, auf den Steinen saßen zwölf Männer. Drei waren graubärtig, drei waren jünger, drei waren noch jünger, und die drei jüngsten waren die schönsten. Sie redeten nichts, sie blickten still in das Feuer. Die zwölf Männer waren die zwölf Monate. Der Eismonat saß obenan. Der hatte Haare und Bart weiß wie Schnee. In der Hand hielt er einen Stab. Maruschka erschrak und blieb eine Weile verwundert stehen. Dann aber faßte sie Mut, trat näher und bat: »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich!« Der Eismonat nickte mit dem Haupt und fragte sie: »Weshalb bist du hergekommen, Mädchen? Was suchst du hier?« »Ich suche Veilchen«, antwortete Maruschka. »Es ist nicht an der Zeit, Veilchen zu suchen, wenn Schnee liegt«, sagte der Eismonat. »Ich weiß wohl«, entgegnete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und die Stiefmutter haben mir befohlen, Veilchen aus dem Walde zu bringen. Bringe ich sie nicht, so schlagen sie mich tot. Bitte schön, ihr Hirten, sagt mir, wo ich welche finde!« Da erhob sich der Eismonat, schritt zu dem jüngsten Monat, gab ihm den Stab in die Hand und sprach: »Bruder März, setz dich obenan!« Der Monat März setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblick loderte das Feuer höher, der Schnee begann zu tauen, Bäume trieben Knospen, unter den Buchen grünte Gras, in dem Gras keimten bunte Blumen, und es war Frühling. Unter Gesträuch verborgen blühten Veilchen, und eh sich Maruschka versah, gab es so viele, als ob jemand ein blaues Tuch ausgebreitet hätte. »Schnell, Maruschka, pflücke!« gebot der März. Maruschka pflückte freudig, bis sie einen großen Strauß beisammen hatte. Dann dankte sie den Monaten und eilte froh nach Hause. Holena wunderte sich, auch die Stiefmutter wunderte sich, als sie Maruschka mit dem großen Veilchenstrauß sahen. Sie gingen, um ihr die Tür zu öffnen, und der Duft der Veilchen verbreitete sich in der ganzen Hütte. »Wo hast du sie gepflückt?« fragte Holena ungläubig. »Hoch auf dem Berge, dort wuchsen sie bündelweise«, erwiderte Maruschka. Holena nahm die Veilchen, steckte sie hinter den Gürtel, roch an ihnen und ließ die Mutter riechen. Zur Schwester sagte sie nicht einmal: »Riech auch!« Des andern Tages saß Holena gelangweilt am Ofen, und sie hatte großen Hunger auf Erdbeeren. »Geh, Maruschka, bring mir Erdbeeren aus dem Walde!« befahl Holena der Schwester. »Ach Gott, liebe Schwester, wo werde ich Erdbeeren finden! Habe nie gehört, daß unter dem Schnee Erdbeeren wüchsen«, versetzte Maruschka. »Du nichtsnutziges Ding, du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh in den Wald, und bringst du keine Erdbeeren, wahrlich, so schlag ich dich tot!« drohte die böse Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Tür hinaus und schloß diese fest hinter ihr zu. Das Mädchen ging bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgends war ein Fußstapfen zu sehen. Die Arme irrte, irrte lange herum: Hunger plagte sie, Kälte schüttelte sie. Da gewahrte sie in der Ferne dasselbe Feuer, das sie den Tag zuvor gesehen hatte. Frohen Mutes eilte sie darauf zu, und wieder kam sie zu dem großen Feuer, um das die zwölf Monate saßen. Der Eismonat saß obenan. »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich«, bat Maruschka. Der Eismonat nickte mit dem Haupt und fragte: »Warum bist du wieder gekommen, was suchst du?« »Ich suche Erdbeeren«, entgegnete Maruschka. »Es ist nicht an der Zeit, Erdbeeren zu suchen, wenn Schnee liegt«, sagte der Eismonat. »Ich weiß wohl«, antwortete Maruschka traurig, »allein Schwester Holena und meine Stiefmutter haben mir befohlen, Erdbeeren zu bringen. Bringe ich keine heim, so schlagen sie mich tot. Bitte schön, ihr Hirten, sagt mir, wo ich welche finde!« Der Eismonat erhob sich, schritt zum Monat, der ihm gegenüber saß, gab ihm den Stab in die Hand und sprach: »Bruder Juni, setz dich obenan!« Der schöne Monat Juni setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. In dem Augenblick schlug die Flamme hoch empor, der Schnee zerschmolz alsbald, die Erde grünte, Bäume umhüllten sich mit Laub, Vögel begannen zu singen, eine ganze Blumenpracht erfüllte den Wald, und es war Sommer. Weiße Sternlein gab es, als ob sie jemand dahin gesät hätte. Sichtbar aber verwandelten sich die weißen Sternlein in Erdbeeren, die schnell reiften, und ehe sich Maruschka versah, gab es so viele in dem grünen Rasen, als ob jemand Blut ausgegossen hätte. »Schnell, Maruschka, pflücke!« gebot der Juni. Maruschka pflückte eifrig, bis sie die Schürze voll hatte. Dann dankte sie den Monaten schön und eilte froh nach Hause. Holena wunderte sich, auch die Stiefmutter wunderte sich, als sie sahen, daß Maruschka Erdbeeren brachte und noch dazu die ganze Schürze voll! Sie liefen, um ihr die Tür zu öffnen, und der Duft der Erdbeeren verbreitete sich in der ganzen Hütte. »Wo hast du sie gepflückt?« fragte Holena mißtrauisch. »Hoch auf dem Berg, dort wachsen genügend unter den Buchen«, erwiderte Maruschka. Holena nahm die Erdbeeren, aß sich satt und gab auch der Mutter zu essen. Zu Maruschka sagten sie nicht einmal: »Probiere du doch auch!« Holena hatten die Erdbeeren geschmeckt. Am dritten Tag hatte sie Appetit auf rote Äpfel, »Geh in den Wald, Maruschka, und bring mir rote Äpfel!« befahl sie der Schwester. »Ach Gott, liebe Schwester, woher sollten im Winter Äpfel kommen?« versetzte die arme Maruschka. »Du nichtsnutziges Ding, du widersprichst, wenn ich befehle? Gleich geh in den Wald, und bringst du keine roten Äpfel, wahrlich, so schlage ich dich tot!« drohte die böse Holena. Die Stiefmutter faßte Maruschka, stieß sie zur Tür hinaus und schloß diese fest hinter ihr zu. Das Mädchen eilte bitter weinend in den Wald. Der Schnee lag hoch, nirgend war ein Fußstapfen zu sehen. Nun irrte Maruschka nicht umher, sondern ging geradewegs auf den Gipfel des Berges zu, wo das große Feuer brannte und wo die zwölf Monate saßen. Sie saßen dort, der Eismonat obenan. »Liebe Leute, erlaubt mir, daß ich mich am Feuer wärme, Kälte schüttelt mich«, bat Maruschka und trat zum Feuer. Der Eismonat nickte mit dem Haupt und fragte: »Weshalb bist du wieder gekommen, was suchst du hier?« »Ich suche rote Äpfel«, antwortete Maruschka. »Es ist nicht an der Zeit«, sagte der Eismonat. »Ich weiß wohl«, entgegnete Maruschka traurig, »aber Schwester Holena und meine Stiefmutter haben mir befohlen, rote Äpfel aus dem Wald zu bringen. Bringe ich keine, so schlagen sie mich tot. Bitte schön, ihr Hirten, sagt mir, wo ich welche finde!« Da erhob sich der Eismonat, schritt zu einem der älteren Monate, gab ihm den Stab in die Hand und sprach: »Bruder September, setz dich obenan!« Der Monat September setzte sich obenan und schwang den Stab über dem Feuer. Das Feuer glühte rot, der Schnee verlor sich, aber die Bäume umhüllten sich nicht mit Laub, ein Blatt nach dem anderen fiel ab, und der kühle Wind verstreute sie auf dem schon graugelb gewordenen Rasen, eins dahin, das andere dorthin. Maruschka hatte noch nie so viele bunte Blumen gesehen. Am Talhang blühte Altmannskraut, aber auch rote Nelken gab es, und im Tal standen gelbliche Eschen, unter den Buchen wuchs hohes Farrenkraut und dichtes Immergrün. Maruschka blickte nur nach roten Äpfeln umher. Tatsächlich gewahrte sie einen Apfelbaum und hoch auf ihm zwischen den Zweigen sah sie rote Äpfel durchschimmern. »Schnell, Maruschka, schüttle!« gebot der September. Maruschka schüttelte freudig den Apfelbaum; es fiel ein Apfel herab. Sie schüttelte noch einmal, da fiel ein zweiter herab. »Schnell, Maruschka, geh nach Hause!« gebot der Monat. Maruschka gehorchte, nahm die zwei Äpfel, dankte den Monaten noch einmal und eilte froh nach Hause. Wieder konnte es Holena gar nicht fassen, auch die Stiefmutter verwunderte sich, als sie sahen, daß Maruschka Äpfel brachte. Sie gingen und öffneten ihr die Tür. Maruschka gab ihnen die zwei Äpfel. »Wo hast du sie gepflückt?« »Hoch auf dem Berg. Sie wachsen dort, und noch gibt's dort genug davon«, erwiderte Maruschka. »Warum hast du nicht mehr gebracht? Oder hast du sie unterwegs gegessen?« fuhr Holena zornig gegen sie los. »Ach, liebe Schwester, ich habe keinen Bissen gegessen. Ich schüttelte einmal, da fiel ein Apfel herab. Ich schüttelte zum zweiten Mal, da fiel noch einer herab. Länger zu schütteln erlaubten sie mir nicht. Sie hießen mich nach Hause gehen.« »Daß der Donner in dich fahre«, fluchte Holena und wollte Maruschka schlagen. Maruschka brach in Tränen aus und bat Gott, er soll sie lieber zu sich nehmen und sie nicht von der bösen Schwester und Stiefmutter erschlagen lassen. Sie floh in die Küche. Die hungrige Holena ließ das Fluchen und begann, einen Apfel zu essen. Der Apfel schmeckte ihr so, daß sie versicherte, noch niemals in ihrem Leben so etwas Köstliches gegessen zu haben. Auch die Stiefmutter ließ sich's schmecken. Sie aßen die Äpfel auf, und das machte Appetit auf mehr. »Mutter, gib mir meinen Pelz! Ich will selbst in den Wald gehen«, sagte Holena. »Das nichtsnutzige Ding würde sie unterwegs essen. Ich will schon den Ort finden und sie alle herabschütteln, ob es jemand erlaubt oder nicht!« Vergebens riet die Mutter ab. Holena zog den Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf und eilte in den Wald. Die Mutter stand auf der Schwelle und sah Holena nach. Alles lag voll Schnee, nirgends war ein Fußstapfen zu sehen. Holena irrte, irrte lange umher. Ihr Heißhunger trieb sie immer weiter. Da gewahrte sie in der Ferne ein Licht. Sie eilte darauf zu. Sie gelangte auf den Gipfel, wo das Feuer brannte, um das auf zwölf Steinen die zwölf Monate saßen. Holena erschrak. Doch bald faßte sie sich ein Herz, trat näher ans Feuer heran und streckte die Hände aus, um sich zu wärmen. Sie fragte die zwölf Monate nicht: »Darf ich mich wärmen?« und sprach kein Wort zu ihnen. »Was suchst du hier, warum bist du hergekommen?« fragte brummig der Eismonat. »Wozu fragst du, du alter Tor? Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich gehe!« fertigte ihn Holena unwirsch ab und wandte sich vom Feuer in den Wald. Der Eismonat runzelte die Stirn und schwang seinen Stab über dem Haupt. Im gleichen Augenblick verfinsterte sich der Himmel, das Feuer brannte niedrig, und es begann zu schneien, als ob jemand ein Federbett ausgeschüttet hatte. Eisiger Wind wehte durch den Wald. Holena konnte nicht einen Schritt vor sich sehen. Sie irrte umher, stürzte in eine Schneewehe und ihre Glieder ermatteten, erstarrten. Unaufhörlich fiel der Schnee, eisiger Wind wehte, und Holena verfluchte die Schwester und zürnte dem lieben Gott. Ihre Glieder erfroren in dem warmen Pelz. Die Mutter wartete auf Holena, blickte zum Fenster hinaus, dann zur Tür hinaus, aber die Tochter war nirgends zu erblicken. Stunde auf Stunde verstrich, Holena kam nicht. »Vielleicht schmecken ihr die Äpfel so gut, daß sie sich nicht von ihnen trennen kann«, dachte die Mutter. »Ich muß nach ihr sehen!« Sie zog ihren Pelz an, nahm ein Tuch um den Kopf und ging, um Holena zu finden. Alles lag voller Schnee, nirgendwo war eine Spur zu entdecken. Sie rief nach ihrer Tochter, aber niemand antwortete. Sie irrte lange umher. Schnee fiel dicht, eisiger Wind wehte. Derweil kochte Maruschka das Essen und versorgte die Kuh. Doch weder Holena noch die Stiefmutter kamen. »Wo bleiben sie so lange!« sprach Maruschka zu sich und setzte sich zum Spinnrocken. Schon war die Spindel voll, schon dämmerte es in der Stube, aber weder Holena noch die Stiefmutter waren bis dahin aufgetaucht. »Ach Gott, was ist ihnen zugestoßen!« klagte das gute Mädchen und sah zum Fenster hinaus. Der Himmel strahlte voller Sterne, die Erde glänzte von Schnee. Doch ließ sich niemand sehen. Traurig schloß Maruschka das Fenster, machte das Kreuzzeichen und betete ein Vaterunser für die Schwester und die Mutter. Am anderen Morgen wartete sie auf beide mit dem Frühstück, wartete auf beide mit dem Mittagessen. Doch weder Holena noch die Stiefmutter kamen. Beide waren im Wald erfroren. Der guten Maruschka blieb die Hütte, die Kuh und ein Stückchen Feld. Später fand sich auch ein Hauswirt dazu, und beide lebten in Frieden glücklich miteinander. * Peter Christen Asbjørnsen Der Haushalt von Fuchs und Bär Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter gekauft, das wollten sie zu Weihnachten haben und verwahrten es daher unter einem dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten, sprang der Fuchs auf und rief: »Ja!« und damit lief er geradewegs zu dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Teil auffraß. Als er aber zurückkam und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, daß er so fett ums Maul wäre, sagte er: »Meinst du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten, du?« »Na so!« sagte der Bär. »Wie hieß denn das Kind?« »Angefangen«, sagte der Fuchs. Damit legten sie sich wieder schlafen. Nach einer Weile sprang der Fuchs abermals auf und rief: »Ja!« und lief wieder zu dem Butterviertel. Als er zurückkam und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er: »Ach, wurde ich denn nicht wieder zu Gevatter gebeten, du?« »Wie hieß jetzt das Kind?« fragte der Bär. »Halbverzehrt«, antwortete der Fuchs. Der Bär meinte, das wär ein hübscher Name; aber es dauerte nicht lange, so fing er wieder an zu gähnen und schlief ein. Als er nun ein Weilchen gelegen hatte, ging es wieder ebenso, wie die beiden vorigen Male. Der Fuchs sprang wieder auf und rief: »Ja!«, lief zu dem Butterviertel und fraß nun auch den letzten Rest auf. Wie er zurückkam, war er wieder zur Kindtaufe gewesen, und als der Bär wissen wollte, wie das Kind hieß, antwortete er: »Den-Boden-geleckt.« Damit legten sie sich wieder zur Ruhe und schliefen beide eine gute Weile. Danach wollten sie hingehen und sich nach ihrer Butter umsehen. Als es sich nun aber fand, daß sie rein aufgezehrt war, beschuldigte der Bär dafür den Fuchs, und der Fuchs beschuldigte wieder den Bären, und der eine behauptete immer, der andere sei bei der Butter gewesen, während er dagelegen habe und geschlafen. »Nun«, sagte Reineke, »wir wollen's bald erfahren, wer von uns die Butter gestohlen hat; wir wollen uns jetzt wieder auf den Hügel schlafen legen, und wer dann am fettesten unten beim Schwanz ist, wenn wir aufwachen, der hat sie gestohlen.« Ja, der Bär wollte gleich auf die Probe eingehen, und weil er bei sich selbst wußte, daß er die Butter nicht einmal gekostet hatte, legte er sich ganz ruhig auf dem Hügel schlafen. Da schlich Reineke sich aber fort nach dem Viertel und erwischte noch ein Klümpchen Butter, das in einer Ritze sitzen geblieben war; damit schlich er sich zurück zu dem Bären, bestrich ihn mit der Butter unten beim Schwanz und legte sich dann wieder schlafen, als wüßte er von nichts. Als nun beide aufwachten, hatte die Sonne die Butter geschmolzen, und da war's denn gleichwohl der Bär, der die Butter gefressen hatte. * Hans Christian Andersen Die Eisjungfrau I Der kleine Rudy Wir wollen die Schweiz besuchen, wir wollen uns umsehen in dem schönen Bergland, wo sich die Wälder die steilen Felsenhänge hinaufziehen; wir wollen zu den blendenden Schneefeldern aufsteigen und wieder hinunter zu den grünen Wiesen, wo Flüsse und Bäche davonbrausen, als hätten sie Angst, sie könnten das Meer nicht früh genug erreichen, um zu verschwinden. Die Sonne brennt im tiefen Tal, sie brennt auch auf der Höhe, so daß die schweren Schneemassen im Laufe der Jahre zusammenschmelzen, schimmernde Eisblöcke und rollende Lawinen werden oder sich zu Gletschern türmen. Zwei solche liegen in den breiten Felsenschluchten unter Schreckhorn und Wetterhorn, nicht weit von dem kleinen Bergdorf Grindelwald. Merkwürdig sind sie anzuschauen, und das lockt zur Sommerzeit viele Fremde aus aller Herren Länder an. Sie kommen über die hohen, schneebedeckten Berge, sie kommen aus den tiefen Tälern und steigen dann mehrere Stunden bergauf, und je höher sie steigen, um so tiefer hinab sinkt das Tal, bis sie es wie von einem Luftballon unter sich sehen. Oft hüllen Wolken die Gipfel der Berge wie schwere, dunkle Rauchgardinen ein, während unten im Tal, wo verstreut viele braune Holzhäuser liegen, noch ein Sonnenstrahl leuchtet und einen Fleck von glänzendem Grün hervorhebt, als wäre er transparent. Das Wasser braust, summt und rauscht in der Tiefe, das Wasser rieselt und klingt von der Höhe, es sieht aus, als flatterten Silberbänder von der Klippe. Holzhäuser stehen zu beiden Seiten des Weges, jedes hat seinen kleinen Kartoffelacker, und der ist auch notwendig, denn unter dem Dach sind viele Münder, die etwas wegessen können. Hier gibt es Kinder in Hülle und Fülle, sie wimmeln aus allen Häusern hervor und drängen sich um die Reisenden, die zu Fuß oder im Wagen kommen. Die ganze Kinderschar treibt Handel. Die Kleinen bieten hübsch geschnitzte Holzhäuser feil, wie man sie hier in den Bergen sieht. Ob es regnet oder ob die Sonne scheint, stets ist das Kindergewimmel da, um seine Waren zu verkaufen. Es ist zwanzig und noch ein paar Jahre her, da wollte hier manchmal auch ein kleiner Junge Handel treiben, der sich von den anderen Kindern stets etwas abseits hielt. Sein Gesicht war so ernst, und er hielt seine Spanschachtel mit beiden Händen fest, als ob er sie gar nicht hergeben wollte. Doch gerade weil der Bursche so ernst und so klein war, erregte er Aufmerksamkeit, ja, er wurde angerufen und machte häufig das beste Geschäft, ohne selbst den Grund dafür zu wissen. Sein Großvater, der die feinen, hübschen Häuschen schnitzte, wohnte höher am Hang. In seiner Stube stand ein alter Schrank, der ganz voll von solchen Schnitzereien war – da gab es Nußknacker, Messer, Gabeln und Schachteln mit prächtigem Laubwerk und springenden Gemsen; da gab es alles, was Kinderaugen erfreuen konnte. Doch der Kleine, Rudy mit Namen, schaute begieriger und sehnsüchtiger nach dem alten Gewehr unter dem Balken; das sollte er einmal bekommen, hatte Großvater gesagt, aber erst mußte er so groß und kräftig werden, daß er es gebrauchen konnte. Obwohl er noch klein war, sollte der Junge nun die Ziegen hüten, und Rudy war ein guter Hirte, wenn man darunter verstand, daß er mit seinen Tieren klettern konnte. Er kletterte sogar noch ein Stückchen höher und holte sich gern Vogelnester aus den Wipfeln; er war verwegen und keck, doch lächeln sah man ihn nur dann, wenn er am brausenden Wasserfall stand oder wenn er eine Lawine rollen hörte. Niemals spielte er mit den anderen Kindern und kam mit ihnen nur zusammen, wenn sein Großvater ihn zum Handeln schickte. Daraus machte sich Rudy nicht besonders viel, er kletterte lieber allein in den Bergen oder saß in der Stube und hörte zu, wenn Großvater von alten Zeiten und vom Menschenschlag in dem nahgelegenen Dorf Meiringen erzählte, aus dem er stammte. Dieser Menschenschlag hatte nicht seit Urzeiten dort gelebt, sagte Großvater, sondern war eingewandert, war aus dem hohen Norden gekommen, und dort lebte sein Geschlecht und wurde »Schweden« genannt. Wer das wußte, und das tat Rudy, der war klug und gescheit. Doch noch klüger wurde er durch anderen guten Umgang, und zwar mit den Hausbewohnern aus dem Geschlecht der Tiere. Da war ein großer Hund, Ajola, ein Erbteil von Rudys Vater, und da war ein Kater; der war für Rudy von besonders großer Bedeutung, er hatte ihn klettern gelehrt. »Komm mit aufs Dach!« hatte der Kater gesagt, und zwar ganz deutlich und verständlich; denn wenn man ein Kind ist und noch nicht sprechen kann, dann versteht man Hühner und Enten, Katzen und Hunde vorzüglich und ebensogut wie Vater und Mutter, nur richtig klein muß man sein; dann kann selbst Großvaters Stock wiehern und sich in ein Pferd verwandeln, mit Kopf, Schwanz und Beinen. Bei einigen Kindern hält sich diese Fähigkeit länger als bei anderen, und von ihnen wird gesagt, daß sie sehr zurückgeblieben und furchtbar lange Kinder seien. Es wird so vieles gesagt! »Komm mit, kleiner Rudy, hinaus aufs Dach!« Das war einer der ersten Sätze, die der Kater sagte und die Rudy verstand. »Alles nur Einbildung, das mit dem Herunterfallen; wer keine Angst hat, der fällt nicht. Komm, setz deine eine Pfote so, die andere so! Taste mit den Vorderpfoten, gebrauch deine Augen und sei geschmeidig! Wenn da eine Kluft ist, dann spring, und halt dich fest, wie ich es mache!« Und das tat Rudy auch. Deshalb saß er so oft mit ihm auf dem Dachfirst, er saß mit ihm im Baumwipfel, ja, er kletterte bis zum Felsenrand, wohin es der Kater nicht schaffte. »Höher! Höher!« sagten Bäume und Sträucher. »Siehst du, wie hoch wir klettern, wie hoch wir es schaffen, wie wir uns festhalten, noch an der äußersten schmalen Felsenspitze!« Und Rudy schaffte es bis zum Gipfel und war oft noch vor der Sonne dort, um seinen Morgentrunk, die frische, stärkende Bergluft zu genießen. So einen Trunk kann nur unser Herrgott brauen, und wenn die Menschen das Rezept dafür lesen, dann steht geschrieben: der frische Duft von Kräutern des Berges und von Krauseminze und Thymian des Tals. Alles, was schwer ist, saugen die hängenden Wolken in sich auf, und wenn sie dann von den Winden in den Tannenwäldern gereinigt sind, wird der Atem des Duftes zu Luft, leicht und frisch und immer frischer; sie war Rudys Morgentrunk. Die Sonnenstrahlen, die segenbringenden Töchter der Sonne, küßten ihn auf die Wangen, und der Schwindel lag auf der Lauer, wagte sich jedoch nicht näher heran, und die Schwalben von Großvaters Haus – es hatte nicht weniger als sieben Nester – schwangen sich zu ihm und seinen Ziegen auf und sangen dabei: »Wir und ihr! Und ihr und wir!« Sie brachten Grüße von daheim, sogar von den beiden Hühnern, den einzigen Vögeln zu ebener Erde, mit denen sich Rudy aber nicht einließ. Obwohl er so klein war, hatte er doch schon Reisen gemacht, und für so einen Knirps sogar ziemlich weite. Geboren war er im Kanton Wallis, und dann hatte man ihn über die Berge hierhergetragen. Neulich hatte er zu Fuß den nahen Staubbachfall besucht, der vor der schneebedeckten, blendend weißen Jungfrau wie ein Silberschleier in der Luft wogt. Und auf dem großen Gletscher von Grindelwald war er gewesen; aber das war eine traurige Geschichte, denn seine Mutter fand dabei den Tod. »Dort wurde dem kleinen Rudy der kindliche Frohsinn weggeblasen«, sagte Großvater. »In den Briefen seiner Mutter stand, daß er mehr lachte als weinte, als er noch kein Jahr alt war. Aber seitdem er in der Eisspalte gefangen saß, hat sich sein Gemüt völlig verändert.« Großvater sprach sonst kaum davon, doch auf dem ganzen Berg wußte man Bescheid. Rudys Vater war, wie wir wissen, Postknecht gewesen; der große Hund, der jetzt in der Stube saß, hatte ihn auf jeder Fahrt über den Simplon zum Genfersee begleitet. Rudy hatte noch einen Onkel, einen Bruder seines Vaters, im Rhônetal, im Kanton Wallis, der ein tüchtiger Gemsenjäger und ein wohlbekannter Bergführer war. Der Junge war erst ein Jahr alt, als er seinen Vater verlor, und nun wollte die Mutter mit ihm heim zu ihrer Familie im Berner Oberland. Einige Wegstunden von Grindelwald entfernt wohnte ihr Vater, der Holzschnitzer war und dabei soviel Geld verdiente, daß er sein Auskommen hatte. Im Monat Juni machte sie sich in Begleitung von zwei Gemsenjägern auf den Weg, um ihr kleines Kind über den Gemmi nach Hause, nach Grindelwald, zu tragen. Schon hatten die Wanderer die längste Strecke hinter sich, hatten die Schneefläche jenseits des Höhenrückens erreicht, schon war das heimatliche Tal mit all den vertrauten, verstreuten Holzhäusern zu erkennen, und als letzte Schwierigkeit war nur noch der oberste Teil des einen großen Gletschers zu überwinden. Der frischgefallene Schnee verdeckte eine Spalte, die zwar nicht bis zu dem tiefen Brunnen, in dem das Wasser brauste, hinunterreichte, aber doch tiefer, als ein Mensch groß war. Die junge Frau glitt mit ihrem Kind im Arm aus, versank und war verschwunden; ihre Begleiter hörten nicht einen Seufzer, nicht einen Schrei, nur das Weinen eines kleinen Kindes. Mehr als eine Stunde verging, bis sie aus dem nächsten Haus Seile und Stangen herbeigeschafft hatten, um, falls noch möglich, Hilfe zu bringen, und mit großer Mühe holten sie aus der Eisspalte zwei Körper herauf, zwei Leichen, wie es schien. Sie wandten alle Mittel an, und es gelang, das Kind, doch nicht die Mutter, ins Leben zurückzurufen. So geschah es, daß der alte Großvater nicht die Tochter, sondern einen Enkelsohn ins Haus bekam, den Kleinen, der mehr lachte als weinte. Aber das war ihm offenbar abgewöhnt worden, eine Veränderung schien mit ihm vorgegangen, während er in der Gletscherspalte war, in der kalten, sonderbaren Eiswelt, wo die Seelen der Verdammten eingeschlossen bleiben bis zum Jüngsten Tag, wie der Schweizer Bauer glaubt. Als wäre ein stürmisches Wasser erstarrt und zu grünen Eisblöcken zusammengepreßt worden, so ähnlich liegt der Gletscher da, ein großes Eisstück auf das andere gewälzt. Schmelzwasser von Eis und Schnee rauscht als reißender Strom in der Tiefe; riesige Höhlen, gewaltige Klüfte gibt es im Inneren, einen wunderbaren Eispalast, und darin wohnt die Eisjungfrau , die Gletscherkönigin. Sie, die Todbringende, Vernichtende, ist halb ein Kind der Luft, halb mächtige Herrscherin über den Fluß. Deshalb hat sie einmal die Fähigkeit, sich schnell wie die Gemse zum höchsten Gipfel des Schneegebirges emporzuschwingen, wo sich die kühnsten Bergsteiger als Halt Stufen ins Eis schlagen müssen. Ein andermal schwimmt sie auf einem dünnen Tannenzweig den reißenden Fluß hinunter, springt von einem Felsenblock zum andern und läßt sich von ihrem langen, schneeweißen Haar und ihrem blaugrünen Gewand umflattern, schimmernd wie das Wasser der tiefen Schweizer Seen. »Vernichten! Festhalten! Mein ist die Macht!« sagt sie. »Einen schönen Knaben hat man mir gestohlen, und ich hatte ihn geküßt, doch nicht zu Tode. Er ist wieder bei den Menschen, er hütet die Ziegen im Gebirge, klettert hinauf, immer hinauf, fort von den andern, nicht fort von mir. Mein ist er, ich hole ihn!« Und sie bat den Schwindel, ihr dabei zu helfen, denn zur Sommerzeit war es der Eisjungfrau im Grünen, wo die Krauseminze gedeiht, zu drückend heiß. Da erhob sich der Schwindel und bückte sich, es kam ein zweiter, es kamen drei – der Schwindel hat viele Geschwister, eine ganze Schar –, und die Eisjungfrau erkor sich den stärksten der vielen, die im Haus und außer Haus herrschen. Sie sitzen auf dem Treppengeländer und auf der Turmbrüstung, sie laufen wie Eichhörnchen über den Felsenrand, sie tun einen Sprung und treten Luft, wie ein Schwimmer Wasser tritt, und locken ihr Opfer zu sich und in den Abgrund. Der Schwindel und die Eisjungfrau, beide greifen sie nach den Menschen, wie der Polyp nach allem greift, was sich um ihn herum bewegt. Nun sollte der Schwindel Rudy greifen. »Ja, den greif mir mal«, sagte der Schwindel, »ich schaffe es nicht! Der Kater, dieser Schurke, hat ihm seine Künste beigebracht! Vor diesem Menschenkind steht eine Macht, die mich wegstößt; ich kann an den kleinen Knirps nicht heran, wenn er auf einem Zweig über dem Abgrund hängt, und wie gern ich ihn unter den Fußsohlen kitzeln oder ihm eine Luftdusche verpassen möchte ich kann es nicht!« »Wir können es!« sagte die Eisjungfrau »Du oder ich! Ich! Ich!« »Nicht, nicht«, ertönte es da, wie das Echo der Berge auf das Läuten der Kirchenglocken. Es war aber Gesang, es waren Worte, sie kamen von einem verschmelzenden Chor, von anderen Naturgeistern, sanften, liebevollen, guten, den Töchtern der Sonne. Sie lagern sich jeden Abend im Kranz auf den Gipfeln, breiten ihre rosenfarbenen Schwingen aus, die um so mehr erröten, je tiefer die Sonne sinkt – das nennen die Menschen »Alpenglühen«. Nach Sonnenuntergang ziehen sie sich in die Felsenspitzen zurück und schlafen dort im weißen Schnee, um bei Sonnenaufgang wieder hervorzukommen. Sie lieben vor allem die Blumen, die Schmetterlinge und die Menschen, und unter diesen hatten sie sich ganz besonders den kleinen Rudy auserwählt. »Ihr fangt ihn nicht! Ihr fangt ihn nicht!« sagten sie. »Größere und Stärkere habe ich gefaßt und gefangen!« sagte die Eisjungfrau. Da sangen die Töchter der Sonne das Lied vom Wandersmann, dem der Wirbelwind den Mantel wegriß und im stürmischen Flug entführte; der Wind nahm die Hülle, doch nicht den Menschen. »Ihr könnt ihn greifen, ihr Kinder der Kraft, doch ihr könnt ihn nicht festhalten; er ist stärker, er ist geistiger noch als wir! Er steigt höher als die Sonne, unsre Mutter. Er hat das Zauberwort, das Wind und Wasser bindet, sie müssen ihm dienen und gehorchen. Befreit ihn von der schweren, drückenden Last, und er wird sich noch höher erheben!« So herrlich tönte der glockenhelle Chor. Und jeden Morgen schienen die Sonnenstrahlen in das einzige kleine Fenster von Großvaters Haus und zu dem stillen Kind herein; die Töchter der Sonne küßten den Jungen, um jene Eisküsse aufzutauen, zu erwärmen und abzuwaschen, die ihm einst die königliche Gletscher-Maid gegeben, als er auf dem Schoß seiner toten Mutter in der tiefen Eisspalte lag und doch gerettet wurde, wie durch ein Wunder. II Die Reise in die neue Heimat Und nun war Rudy acht Jahre alt. Sein Onkel im Rhônetal, jenseits der Berge, wollte ihn zu sich nehmen, um ihm zu einer besseren Ausbildung und Förderung zu verhelfen. Das sah der Großvater ein und ließ den Jungen deshalb gehen. Rudy sollte nun fort. Nicht nur vom Großvater mußte er Abschied nehmen, sondern auch noch von anderen Hausbewohnern. Da war zuerst Ajola, der alte Hund. »Dein Vater war Postknecht, und ich war Posthund«, sagte Ajola. »Wir sind bergauf und bergab gefahren, auch jenseits der Berge kenne ich Hunde wie Menschen. Ich habe nie viele Worte gemacht; aber jetzt, wo wir wohl nur noch kurze Zeit miteinander reden können, will ich ein wenig mehr als sonst sprechen. Ich will dir eine Geschichte erzählen, an der ich all die Zeit geschleppt und herumgekaut habe. Begreifen kann ich sie nicht, und du kannst sie auch nicht begreifen, aber das mag nun einerlei sein, denn eins ist mir dabei klargeworden: So ganz richtig verteilt ist es nicht auf der Welt, weder für Hunde noch für Menschen! Nicht alle sind dazu geschaffen, auf dem Schoß zu sitzen oder Milch zu schlürfen; mir hat man so etwas nicht angewöhnt. Aber ich habe einen jungen Hund gesehen, der fuhr mit der Postkutsche und saß auf einem Menschenplatz. Die Dame, die seine Herrschaft oder deren Herrschaft er war, gab ihm aus einer Milchflasche zu trinken, und das Zuckerbrot, das er bekam, mochte er nicht einmal fressen, er schnupperte nur daran, und dann fraß sie es selber. Ich lief neben dem Wagen im Morast, hungrig, wie ein Hund hungrig sein kann, ich kaute an meinen eignen Gedanken, das war doch nicht richtig – aber es gibt wohl vieles, was nicht richtig ist! Ich wünsche dir, daß du auf dem Schoß sitzt und in der Kutsche fährst – aber das kann man sich nicht selbst aussuchen, ich habe es nicht gekonnt, da half kein Bellen und kein Maulaufreißen!« Das war Ajolas Rede, und Rudy umarmte den Hund und küßte ihn mitten auf seine feuchte Schnauze. Dann nahm er den Kater auf den Arm, der aber wand sich. »Du wirst mir zu stark, und gegen dich will ich meine Krallen nicht gebrauchen! Klettre du nur über die Berge, das Klettern habe ich dir ja beigebracht! Glaube nie, daß du hinunterfällst, dann wirst du dich schon halten!« Und dann eilte der Kater davon, denn Rudy sollte die Trauer nicht sehen, die in seinen Augen leuchtete. Die Hühner liefen hin und her. Das eine hatte seinen Schwanz verloren; den hatte ein Reisender, der Jäger sein wollte, abgeschossen, weil er das Huhn für einen Raubvogel gehalten hatte. »Rudy will über die Berge!« sagte das eine Huhn. »Er hat es immer so eilig«, sagte das andere, »und ich kann Abschiednehmen nicht leiden.« Und dann trippelten sie beide davon. Auch den Ziegen sagte Rudy Lebewohl, und sie riefen: »Mit! Mit! Mäh!« Und das war auch traurig. Es traf sich, daß gerade zwei tüchtige Führer aus dieser Gegend über die Berge und über den Gemmi auf die andere Seite wollten; ihnen schloß sich Rudy an, und zwar zu Fuß. Das war für so einen kleinen Burschen ein tüchtiger Marsch, aber er hatte Kräfte und ließ den Mut niemals sinken. Die Schwalben flogen ein Stück mit. »Wir und ihr! Und ihr und wir!« sangen sie. Der Weg führte über die reißende Lütschine, die in vielen kleinen Wasserläufen aus der schwarzen Kluft des Grindelwald-Gletschers hervorstürzt. Lose Holzstämme und Steinbrocken dienen hier als Brücke. Nun hatten die Wanderer das Erlengebüsch am anderen Ufer erreicht, und nicht weit von jener Stelle, wo sich der Gletscher vom Berghang gelöst hatte, machten sie sich an den Aufstieg. Als sie auf dem Gletscher waren, gab es Eisblöcke zu überwinden und zu meiden; Rudy mußte bald klettern, bald gehen, doch seine Augen strahlten vor Vergnügen, und er trat mit seinen eisenbeschlagenen Bergschuhen so fest auf, als wollte er Zeichen setzen, wo er gegangen war. Wo sich der Bergstrom ergossen hatte, war eine schwarze Erdablagerung geblieben, was dem Gletscher ein kalkiges Aussehen gab, aber das blaugrüne, glasartige Eis schimmerte hindurch. Sie mußten kleine Teiche umgehen, die von übereinandergeschobenen Eisblöcken eingedämmt waren, und dabei stießen sie an einen großen Stein, der locker auf dem Rand einer Eisspalte lag, aus dem Gleichgewicht geriet, fiel und rollte, daß es aus den hohlen, tiefen Gängen des Gletschers dröhnend widerhallte. Es ging bergauf, ständig bergauf. Der Gletscher reckte sich empor, als ob er ein Fluß aus wildaufgetürmten Eismassen wäre, eingeklemmt zwischen steilen Klippen. Rudy dachte einen Augenblick daran, was die Leute erzählten: daß er mit seiner Mutter in einer dieser kälteatmenden Spalten gelegen hatte; doch bald waren solche Gedanken wieder verschwunden, es kam ihm vor wie eine Geschichte, und davon hatte er viele gehört. Manchmal, wenn der Aufstieg für den kleinen Kerl ein bißchen zu schwierig erschien, reichten die Männer ihm die Hand; aber er war nicht müde und stand auf dem Glatteis so sicher wie eine Gemse. Bald gingen sie über Felsengrund, bald zwischen nackten Steinen, bald unter niedrigen Tannen und dann wieder auf der grünen Wiese; die Landschaft wechselte ständig, war ständig neu. Wie jedes Kind hier kannte Rudy die Namen der Schneeberge, die sich ringsum erhoben: Jungfrau, Mönch und Eiger. Nie zuvor war er in solcher Höhe gewesen, nie zuvor hatte er das große Schneemeer betreten; es lag mit seinen reglosen Schneewellen da, von denen der Wind einzelne Flocken wehte, wie von Meereswellen den Schaum. Die Gletscher halten sich bei den Händen, wenn man so sagen darf; jeder ist ein Glaspalast für die Eisjungfrau, welche die Macht und den Willen hat, zu fangen und zu begraben. Die Sonne brannte heiß, der Schnee blendete und war wie von weißblauen, glitzernden Diamantenfunken übersät. Hier lagen unzählige tote Insekten, vor allem Schmetterlinge und Bienen; sie hatten sich zu weit hinauf gewagt oder waren vom Wind so hoch getragen und hatten in dieser Kälte ihr Leben ausgehaucht. Das Wetterhorn war gleichsam von einem Büschel feiner schwarzer Wolle, einer drohenden Wolke eingehüllt; sie senkte sich unheilschwanger herab und enthielt einen Föhn, der, wenn er losbricht, in seiner Macht gewalttätig ist. Der Eindruck dieser ganzen Wanderung – das Nachtquartier in großer Höhe und der weitere Weg, die tiefen Felsenklüfte, wo das Wasser während eines so großen Zeitraums, daß es den Gedanken schwindelt, die Steinblöcke durchgesägt hatte – grub sich unvergeßlich in Rudys Gedächtnis ein. Ein verlassenes Steingebäude jenseits des Schneemeers gab den Wanderern für die Nacht Schutz und Zuflucht. Hier fanden sie Holzkohle und Tannenzweige, bald war ein Feuer angezündet und ein Nachtlager bereitet, so gut es ging. Die Männer setzten sich um das Feuer, rauchten ihren Tabak, tranken das warme, würzige Getränk, das sie selbst gebraut hatten, auch Rudy bekam sein Teil davon ab. Sie sprachen von den geheimnisvollen Wesen des Alpenlandes, den seltsamen Riesenschlangen in den tiefen Seen, dem Nachtvolk, dem Gespensterheer, das den Schlafenden durch die Luft zur wunderbaren schwimmenden Stadt Venedig trug; dem wilden Hirten, der seine schwarzen Schafe über die Weide trieb – hatte man sie auch nicht gesehen, so hatte man doch den Klang ihrer Glocken, das unheimliche Brüllen der Herde gehört. Rudy lauschte voller Neugier, doch ohne jede Furcht, die kannte er nicht, und während er lauschte, glaubte er das gespenstische, hohle Gebrüll zu vernehmen; ja, es wurde lauter und lauter, die Männer hörten es auch, unterbrachen ihr Gespräch, lauschten und sagten zu Rudy, er dürfe nicht schlafen. Es war ein Föhn, der heftige Sturmwind, der sich von den Bergen ins Tal hinunterwirft und mit seiner Gewalt Bäume knickt, als wären sie Schilfrohr, der Holzhäuser von einem Ufer des Flusses zum andern versetzt, wie wir eine Schachfigur setzen. Als eine Stunde vergangen war, sagten sie Rudy, es sei überstanden, jetzt könne er schlafen, und müde vom Marsch schlief er wie auf Befehl ein. Früh am Morgen brachen sie auf. Die Sonne beleuchtete für Rudy neue Berge, neue Gletscher und Schneefelder. Sie hatten den Kanton Wallis erreicht, waren über den Bergrücken gekommen, den man von Grindelwald aus sieht, aber noch weit von Rudys neuer Heimat entfernt. Hier gab es andere Bergklüfte, andere Wiesen, Wälder und Bergpfade, Rudy sah andere Häuser und andere Menschen. Doch was waren das für Menschen? Es waren Mißbildungen, unheimliche, fette, weißgelbe Gesichter, der Hals nur schweres, häßliches Fleisch, das aufgeschwollen herunterhing; es waren Kretins, die sich mit schwachen Kräften vorwärtsschleppten und mit dummen Augen auf die sich nähernden Fremden starrten; die Frauen sahen am schrecklichsten aus. Waren das die Menschen der neuen Heimat? III Der Onkel Als Rudy ins Haus seines Onkels kam, sahen die Leute gottlob genauso aus, wie er es gewohnt war. Hier gab es nur einen einzigen Kretin, einen armen närrischen Burschen, eins jener bedauernswerten, verlassenen, mittellosen Geschöpfe, die man im Kanton Wallis von einer Familie zur andern reicht und die in jedem Haus ein paar Monate bleiben. Bei Rudys Ankunft hielt sich gerade das arme Saperli hier auf. Der Onkel war noch ein kräftiger Jäger und betrieb außerdem das Böttcherhandwerk. Seine Frau, eine kleine, lebhafte Person, glich im Gesicht fast einem Vogel, hatte Augen wie ein Adler und einen langen, ganz mit Flaum bedeckten Hals. Alles war für den Jungen neu, Kleidung, Sitten und Gebräuche, sogar die Sprache, die aber würden seine Kinderohren bald verstehen lernen. Verglichen mit Großvaters Haus, herrschte hier Wohlstand. Die Wohnstube war größer, an den Wänden prangten Gemshörner und blankgeputzte Flinten, über der Tür hing das Bild der Muttergottes, geschmückt mit frischen Alpenrosen, und eine brennende Lampe stand davor. Wie schon gesagt, war der Onkel einer der tüchtigsten Gemsenjäger der Gegend und außerdem der erfahrenste und beste Bergführer. Nun sollte Rudy der Liebling seines Hauses sein, obgleich es einen solchen hier schon gab. Das war ein alter blinder, tauber Jagdhund, der keinen Nutzen mehr tun konnte, ihn aber in früheren Jahren tüchtig getan hatte. Das hatte man nicht vergessen, und deshalb gehörte er jetzt zur Familie und sollte seinen guten Lebensabend haben. Mit Fremden ließ er sich nicht mehr ein, und deshalb wollte er sich von Rudy nicht streicheln lassen, denn der war ihm noch fremd. Aber es dauerte gar nicht lange, da schlug der Junge Wurzeln in Haus und Herz. »In unserm Kanton Wallis ist es gar nicht schlecht«, sagte der Onkel. »Wir haben Gemsen, die sterben nicht so bald aus wie die Steinböcke. Uns geht es viel besser als in alter Zeit; man mag noch so viele Loblieder auf sie singen, unsre Zeit ist doch besser. Der zugeschnürte Sack ist aufgegangen, in unser eingeschlossenes Tal ist frische Luft gekommen. Wenn das Veraltete verschwindet, kommt immer etwas Besseres zum Vorschein«, sagte er. Und wenn der Onkel so recht ins Reden kam, erzählte er von seinen Kindheitsjahren, als sein Vater im besten Mannesalter war. Damals war das Wallis ein zugeschnürter Sack, wie er sagte, mit viel zu vielen kranken Leuten, jämmerlichen Kretins. »Dann aber sind die französischen Soldaten gekommen, das waren die rechten Doktoren; sie schlugen sofort die Krankheit tot und die Leute dazu. Schlagen können die Franzosen, einen Hieb führen auf vielerlei Weise, und das können ihre Mädchen auch!« Und dabei lachte der Onkel und nickte seiner Frau zu, die eine gebürtige Französin war. »Die Franzosen können auf die Steine schlagen, bis sie nachgeben. Sie haben die Simplonstraße in den Fels geschlagen und einen Weg gebahnt, daß ich jetzt zu einem dreijährigen Kind sagen kann: Geh mal nach Italien, halte dich nur an die Landstraße! Und das Kleine findet nach Italien, wenn es sich nur an die Landstraße hält.« Und dann sang der Onkel ein französisches Lied und rief hurra auf Napoleon Bonaparte. Da hörte Rudy zum ersten Mal von Frankreich, von Lyon, der großen Stadt an der Rhône, wo der Onkel gewesen war. In ein paar Jahren könne aus Rudy ein flinker Gemsenjäger werden, begabt dafür sei er, sagte der Onkel. Und er zeigte ihm, wie man die Flinte hält, wie man zielt und abdrückt. Wenn Jagdzeit war, nahm er ihn mit in die Berge, ließ ihn vom warmen Gemsenblut trinken, das den Jäger vor dem Schwindel bewahrt. Er lehrte ihn, wie man den Zeitpunkt erkennt, wann von den verschiedenen Berghängen Lawinen drohen, um die Mittags- oder zur Abendzeit, je nach der Wirkung der Sonne und ihrer Strahlen. Rudy lernte von ihm, recht auf die Gemsen achtzugeben und ihren Sprung nachzuahmen, auf die Füße zu fallen und Halt zu finden, und wenn ihn der Fuß in der Felsenkluft nicht finden konnte, dann mußte man sich mit den Ellbogen stützen, mußte sich mit den Muskeln von Waden und Schenkeln festklammern, selbst der Nacken konnte sich festbeißen, wenn es notwendig war. Die Gemsen waren klug und stellten ihre Vorposten auf; doch der Jäger mußte klüger sein und ihren Geruchssinn überlisten. Er konnte sie auch zum Narren halten: Wenn er Rock und Hut auf den Alpenstock hängte, hielt die Gemse das Kleid für den Mann. Diesen Spaß trieb der Onkel eines Tages, als er mit Rudy auf der Jagd war. Der Gebirgspfad war schmal, ja, fast gar nicht vorhanden, ein schmales Gesims nur, dicht am schwindelnden Abgrund. Der Schnee darüber war halbgetaut, das Gestein zerbröckelte unter den Füßen, weshalb sich der Onkel längelang auf den Boden warf und sich kriechend vorwärtsbewegte. Jeder Stein, der abbrach, fiel, prallte ab, hüpfte und rollte weiter, er machte viele Sprünge von Felsenwand zu Felsenwand, bis er in der schwarzen Tiefe zur Ruhe kam. Rudy, der einhundert Schritte dahinter auf dem äußersten festen Felsenvorsprung stand, sah in der Luft etwas näherkommen und den Onkel schwebend umkreisen. Es war ein riesiger Lämmergeier, der mit seinem Flügelschlag den kriechenden Wurm in den Abgrund stürzen und zu Aas verwandeln wollte. Während der Onkel nur auf die Gemse starrte, die sich mit ihrem Jungen jenseits der Kluft befand, behielt Rudy den Vogel im Auge, begriff, was er wollte, und hatte deshalb den Finger am Abzug. Da machte die Gemse einen Satz, der Onkel schoß und traf sie mit seiner tödlichen Kugel; doch das Junge jagte davon, als hätte es sein ganzes Leben Flucht und Gefahr erprobt. Beim Knall der Flinte erschrak der riesige Vogel und flog in eine andere Richtung; der Onkel wußte nichts von der Gefahr, bis ihm Rudy davon erzählte. Als sie nun in bester Stimmung heimwärts zogen, wobei der Onkel ein Lied aus seiner Kinderzeit pfiff, hörten sie plötzlich, gar nicht weit weg, ein merkwürdiges Geräusch. Sie schauten nach allen Seiten, sie schauten in die Höhe und sahen nun, daß sich auf einem schrägen Felsenabsatz die Schneedecke hob und zu wogen begann, wie ein ausgebreitetes Leinenstück, wenn der Wind darunterfährt. Die Wellenkämme zerbrachen, als wären es Marmorplatten, die sich in schäumendes, stürzendes Wasser auflösten, dröhnend wie gedämpfter Donner. Es war eine Lawine, die niederging, nicht auf Rudy und den Onkel, jedoch sehr nahe, allzu nahe. »Halt dich fest, Rudy«, rief der Onkel, »so fest du kannst!« Und Rudy umklammerte den nächsten Baumstamm, der Onkel kletterte in die Zweige und hielt sich dort oben fest. Die Lawine ging zwar viele Klafter entfernt von ihnen nieder, doch mit ihrem Luftzug, ihren Sturmflossen, knickte und zerbrach sie Bäume und Sträucher, als wären sie nur trocknes Schilf, und warf sie weit umher. Rudy kauerte auf der Erde; der Baumstamm, an dem er sich festhielt, war vom Sturmwind wie abgesägt und die Krone ein weites Stück fortgeschleudert. Dort, zwischen den zerknickten Zweigen, lag mit zerschmettertem Kopf der Onkel, seine Hand war noch warm, doch sein Gesicht nicht mehr zu erkennen. Blaß und zitternd stand Rudy davor; ihn befiel zum ersten Mal Entsetzen, es war die erste Schreckensstunde seines Lebens. Am späten Abend kehrte er mit der Todesbotschaft heim, und Trauer erfüllte nun das Haus. Die Gattin hatte keine Worte, keine Tränen, und erst als man die Leiche brachte, kam ihr Schmerz zum Ausbruch. Der arme Kretin verkroch sich ins Bett, war den ganzen Tag nicht zu sehen, und gegen Abend ging er zu Rudy. »Schreib Brief für mich! Saperli kann nicht schreiben. Saperli kann Brief zur Post bringen.« »Brief von dir?« fragte Rudy. »Und an wen?« »An den Herrn Christus!« »Wen meinst du damit?« Und der Halbverrückte, den die Leute den Kretin nannten, sah Rudy mit rührendem Blick an, faltete die Hände und sagte ganz feierlich und fromm: »Jesus Christus! Saperli will ihm Brief schicken, will ihn bitten, daß Saperli tot sein darf und nicht Mann im Haus!« Da drückte Rudy ihm die Hand. »Dieser Brief kommt nicht an. Dieser Brief bringt uns den Mann nicht zurück.« Es fiel Rudy schwer, dem Saperli diese Unmöglichkeit zu erklären. »Nun bist du die Stütze des Hauses«, sagte die Pflegemutter, und Rudy wurde es. IV Babette Wer ist der beste Schütze im Kanton Wallis? Ja, das wußten die Gemsen. »Nimm dich in acht vor Rudy!« konnten sie sagen. »Wer ist der schönste Schütze?« – »Ja, das ist Rudy!« sagten die Mädchen, doch sie sagten nicht: »Nimm dich vor Rudy in acht!« Das sagten nicht einmal die ernsthaften Mütter, denn ihnen nickte er ebenso freundlich zu wie den jungen Mädchen. Er war so keck und munter, mit braunen Wangen, leuchtend weißen Zähnen und glänzenden kohlschwarzen Augen – er war ein schmucker Bursche und nicht älter als zwanzig Jahre. Ihn biß das kalte Eiswasser nicht beim Schwimmen; wie ein Fisch konnte er sich im Wasser drehen, konnte klettern wie kein anderer, wie eine Schnecke konnte er sich an die Felsenwand festkleben. Daß er gute Muskeln und Sehnen besaß, zeigte er auch beim Springen, er hatte es zuerst vom Kater gelernt und dann von den Gemsen. Wollte man sich dem besten Bergführer anvertrauen, dann ging man zu Rudy; der hätte damit ein ganzes Vermögen verdienen können. Er hatte beim Onkel auch das Böttcherhandwerk erlernt, doch danach stand ihm nicht der Sinn; seine Lust und sein Verlangen war die Gemsenjagd, und die brachte auch Geld ein. Rudy war eine gute Partie, wie es hieß, er durfte nur nicht über seinen Stand hinausschauen. Beim Tanzen war er einer, von dem die Mädchen träumten, und so manche dachte auch wachend an ihn. »Er hat mich beim Tanz geküßt!« hatte Schullehrers Annette ihrer liebsten Freundin anvertraut; aber das hätte sie nicht erzählen sollen, nicht einmal ihrer liebsten Freundin. Dergleichen kann man nicht leicht für sich behalten, das ist wie Sand in einem durchlöcherten Sack und läuft aus. Wie brav und anständig Rudy auch war, so war doch bald bekannt, daß er beim Tanzen geküßt hatte; und dabei hätte er diesen Kuß viel lieber einer anderen gegeben. »Der hat es hinter den Ohren!« sagte ein alter Jäger. »Er hat Annette geküßt, er hat mit A angefangen und wird wohl das ganze Alphabet durchküssen.« Ein Kuß beim Tanz, mehr gab es vorerst über Rudy nicht zu klatschen, aber er hatte Annette geküßt, und sie war gar nicht die Blume seines Herzens. Unten in Bex, zwischen den großen Walnußbäumen, hatte am reißenden Bergflüßchen der reiche Müller sein Anwesen. Er wohnte in einem großen Haus mit drei Stockwerken und kleinen Türmen, das mit Schindeln gedeckt und mit Blechplatten beschlagen war, die in Sonnen- und Mondschein glänzten. Der größte Turm hatte als Wetterfahne einen blitzenden Pfeil, der sich durch einen Apfel bohrte; das sollte auf Teils Pfeilschuß deuten. Die Mühle sah schmuck und nach Wohlstand aus, man konnte sie sowohl zeichnen als auch beschreiben; das aber war bei der Tochter nicht möglich, hätte zumindest Rudy gesagt. Und doch war sie ihm ins Herz gezeichnet, ihre Augen leuchteten darin, daß es in hellen Flammen stand. Der Brand war so plötzlich ausgebrochen, wie Feuer sonst auch auflodert, und am merkwürdigsten dabei war, daß die Müllerstochter, die hübsche Babette, nicht das geringste davon wußte, sie hatte mit Rudy niemals auch nur zwei Worte gewechselt. Der Müller war reich, und dieser Reichtum hob Babette in eine solche Höhe, daß sie fast unerreichbar war. Doch nichts ist so hoch, sagte Rudy bei sich selbst, daß man es nicht erreichen könnte; man muß klettern, und man fällt nicht, wenn man nicht daran glaubt. Diese Weisheit hatte er zu Hause gelernt. Nun traf es sich, daß Rudy etwas in Bex zu besorgen hatte; dorthin war es eine ganze Reise, denn die Eisenbahn war zu jener Zeit noch nicht gebaut. Am Rhonegletscher beginnt das breite Wallistal mit der mächtigen Rhone, die häufig anschwillt, Felder und Wege überschwemmt und alles zerstört. Es erstreckt sich am Fuß des Simplonmassivs entlang, begrenzt von vielen und wechselnden Bergen, macht zwischen den Städten Sion und St-Maurice eine Biegung, krümmt sich wie ein Ellbogen und wird unterhalb von St-Maurice so eng, daß nur das Flußbett und die schmale Fahrstraße Platz darin haben. Als Schildwache für den Kanton Wallis, der hier zu Ende ist, steht auf dem Berghang ein alter Turm und schaut über die gemauerte Brücke zum Zollhaus auf der anderen Seite, wo der Kanton Vaud beginnt, und die nächste Stadt, nicht weit von hier, ist Bex. Wenn man weitergeht, sieht man bei jedem Schritt mehr Fruchtbarkeit und verschwenderische Fülle, man ist gleichsam in einem Garten von Kastanien- und Walnußbäumen; da und dort gucken Zypressen und Granatblüten hervor, hier ist es so südlich warm, als wäre man in Italien. Rudy hatte Bex erreicht, erledigte seine Besorgung und schaute sich um – doch nicht einen Gesellen von der Mühle, geschweige denn Babette bekam er zu Gesicht. Es war nicht so, wie es sein sollte. Als es Abend wurde, war die Luft vom Duft des wilden Thymians und der blühenden Linde erfüllt; die waldgrünen Berge waren wie von einem schimmernden, luftblauen Schleier umgeben. Eine Stille war ausgebreitet, nicht die des Schlafs, nicht die des Todes, nein, die ganze Natur schien den Atem anzuhalten, als fühlte sie sich aufgestellt, um vor dem blauen Himmelsgrund fotografiert zu werden. Hier und da standen zwischen den Bäumen auf grünem Feld Stangen; sie hielten den Telegrafendraht, der durch das stille Tal gezogen war. An einer von ihnen lehnte etwas, und zwar so reglos, daß man es für einen abgestorbenen Baumstamm halten mußte. Doch es war kein lebloses Stück Holz, sondern Rudy; er stand hier ebenso still, wie es in diesem Augenblick seine ganze Umgebung war, nicht schlafend und noch weniger tot. Doch ebenso, wie oft große Weltereignisse und bedeutsame Lebensmomente für den Einzelnen den Telegrafendraht durchfliegen, ohne daß ein Zittern oder Ton darauf hindeutet, so wurde Rudy von Gedanken durchflutet, die groß und überwältigend waren, er dachte an sein Lebensglück, an das, was von nun an sein ständiger Gedanke war. Sein Blick war auf einen Punkt im Laub geheftet, ein Licht, das in der Wohnstube des Müllers brannte – dort war Babette. So still stand er da, daß man annehmen konnte, er legte auf eine Gemse an; doch in diesem Moment glich er selbst einer Gemse, die minutenlang wie aus dem Fels gemeißelt dastehen kann, um dann plötzlich, sowie ein Stein rollt, aufzuspringen und davonzujagen und genau das tat Rudy, denn bei ihm rollte ein Gedanke. »Niemals verlieren!« sagte er. »Besuch in der Mühle! Guten Abend, Herr Müller, guten Tag, Babette. Man fällt nicht, wenn man nicht daran glaubt! Babette muß mich doch einmal zu sehen bekommen, wenn ich ihr Mann werden soll!« Und Rudy lachte, war guten Mutes und ging zur Mühle; er wußte, was er wollte, und das war Babette. Der Fluß stürzte eilig davon, Weiden und Linden neigten sich über sein weißgelbes Wasser; Rudy ging den Pfad entlang und, wie es in einem alten Kinderlied heißt: »– – – zum Müller hinein, War aber niemand zu Hause, Nur ein Kätzchen klein!« Die Stubenkatze stand auf der Treppe, machte einen Buckel und sagte: »Miau!« Doch Rudy achtete nicht auf diese Rede und klopfte an – niemand hörte, niemand öffnete die Tür. »Miau!« sagte die Katze. Wäre Rudy ein kleines Kind gewesen, dann hätte er die Sprache der Tiere und auch die Katze verstanden, die ihm sagte: »Hier ist keiner zu Hause!« So aber mußte er sich in der Mühle erkundigen, und dort gab man ihm Auskunft. Der Hausherr war verreist, in der fernen Stadt Interlaken – inter lacus, zwischen den Seen , wie der gelehrte Schulmeister, Annettes Vater, einmal erklärt hatte. So weit fort war der Müller, und Babette auch. Morgen sollte dort ein großes Schützenfest beginnen, das ganze acht Tage dauern und die Schweizer aus allen deutschen Kantonen versammeln würde. Armer Rudy, war da zu sagen, er war nicht zum günstigsten Zeitpunkt nach Bex gekommen; er konnte wieder umkehren, was er auch tat. Über St-Maurice und Sion kehrte er in sein Tal, zu seinen Bergen zurück, doch er war unverzagt. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, da hatte sich seine Stimmung längst aufgehellt, verdüstert war sie nie gewesen. »Babette ist in Interlaken, viele Tagesreisen weit«, sagte er zu sich selbst. »Auf der gebahnten Landstraße hat man lange zu gehen; aber wenn man über die Berge kraxelt, dann ist es kürzer, und dieser Weg ist für einen Gemsenjäger gerade richtig! Den bin ich schon einmal gegangen, dort drüben ist meine Heimat, wo ich als kleiner Junge beim Großvater war. Und in Interlaken ist Schützenfest! Da will ich der erste sein, und das will ich auch bei Babette sein, wenn die Bekanntschaft erst einmal gemacht ist.« Mit seinem leichten Ranzen, der den Sonntagsstaat enthielt, mit Gewehr und Jagdtasche stieg Rudy den Berg hinauf, den kurzen Weg, der doch von ziemlicher Länge war. Aber das Schützenfest hatte ja erst an diesem Tag begonnen und sollte noch über eine Woche dauern; der Müller und Babette wollten die ganze Zeit bei ihren Verwandten bleiben, hatte man ihm in der Mühle gesagt. Rudy ging über den Gemmi und wollte bei Grindelwald hinunter ins Tal. Rüstig und munter stieg er aufwärts, in der frischen, der leichten, der stärkenden Bergluft. Das Tal sank tiefer, der Gesichtskreis wurde weiter; hier ein Schneegipfel, da ein Schneegipfel und bald die schimmernde weiße Alpenreihe. Rudy kannte jeden Schneeberg; er steuerte auf das Schreckhorn zu, das seinen weißgepuderten Steinfinger in die blaue Luft emporreckte. Endlich hatte er den Höhenrücken überquert, die Wiesen senkten sich, vor ihm lagen die heimatlichen Täler. Die Luft war leicht, der Sinn war leicht; Berg und Tal strotzten von Blumen und Grün, das Herz war voller Jugendgedanken. Man wird niemals alt, man wird niemals sterben; leben, bestimmen, genießen! Frei wie ein Vogel, leicht wie ein Vogel, so war er. Und die Schwalben flogen vorüber und sangen wie in der Kinderzeit: »Wir und ihr! Und ihr und wir!« Alles war Fliegen und Freude. Dort unten lag die samtgrüne, mit braunen Holzhäusern bestreute Wiese, die Lütschine summte und rauschte. Er sah den Gletscher, seine glasgrünen Kanten im schmutzigen Schnee, die tiefen Spalten, er sah den oberen und den unteren Gletscher. Die Glocken der Kirche klangen zu ihm herüber, als wollten sie »Willkommen zu Hause« läuten. Sein Herz klopfte stärker und wurde so weit, so groß und erinnerungsvoll, daß Babette für einen Augenblick verschwand. Auf diesem Weg, den er jetzt wieder ging, hatte er als kleines Bürschchen mit den anderen Kindern am Grabenrand gestanden und geschnitzte Holzhäuser verkauft. Dort oben, hinter den Tannen, stand noch Großvaters Haus, von Fremden bewohnt. Kinder liefen auf ihn zu und wollten handeln, eins davon reichte ihm eine Alpenrose. Rudy nahm sie als ein gutes Zeichen und dachte an Babette. Bald hatte er die Brücke überquert, wo sich die beiden Lütschinen vereinen. Die Laubbäume mehrten sich, die Walnußbäume spendeten Schatten. Jetzt sah er wehende Fahnen, das weiße Kreuz auf dem roten Tuch, wie es die Schweizer und Dänen haben; und vor ihm lag Interlaken. Ein Prachtstadt wie diese gab es wirklich kein zweites Mal, fand Rudy. Das war eine Schweizer Stadt im Sonntagskleid und nicht wie andere Städte in der Provinz eine Anhäufung von schweren Steinhäusern, wuchtig, fremd und vornehm, nein, hier sah es aus, als wären die Holzhäuser von den Bergen ins grüne Tal gelaufen, zu dem klaren, pfeilschnellen Fluß, und hätten sich aufgereiht, ein bißchen vor, ein bißchen zurück, um Straßen zu bilden. Und die prächtigste von allen diesen Straßen, ja, die war freilich erst emporgewachsen, nachdem der kleine Rudy die Stadt verlassen; sie sah aus, als hätten sich die hübschen Holzhäuschen, die Großvater geschnitzt hatte und von denen der Schrank zu Hause voll gewesen war, dafür aufgestellt und wären an Kraft und Höhe gewachsen, wie die alten, uralten Kastanienbäume. Jedes Haus war ein Hotel, wie es hieß, mit Schnitzereien an Fenstern und Balkons, mit vorspringenden Dächern überaus hübsch und zierlich, und vor jedem Haus war ein ganzer Blumengarten, der an die breite, makadamisierte Straße grenzte. Die hatte jedoch nur auf der einen Seite Häuser, um nicht den Blick auf die frische grüne Wiese gegenüber zu versperren, wo die Kühe weideten und Glocken trugen, die wie auf den hochgelegenen Almen klangen. Rings um die Wiese standen hohe Berge, die unmittelbar vor einem gleichsam zur Seite traten, damit man den schönsten aller Schweizer Berge, die schimmernde, weißgekleidete Jungfrau, recht sehen konnte. Welch eine Menge geputzter Herren und Damen aus fernen Ländern, welch ein Gewimmel von Bauersleuten aus den verschiedenen Kantonen! Die Schützen hatten die Hüte mit ihren Nummern zum Schießen umkränzt. Hier gab es Musik und Gesang, Leierkästen und Blasinstrumente, Geschrei und Gelärm. Häuser und Brücken waren mit Versen und Emblemen geschmückt; Fahnen und Wimpel wehten, die Flinten feuerten unablässig – das war die beste Musik in Rudys Ohren, der bei alledem Babette, deretwegen er doch hierhergekommen war, vollkommen vergaß. Die Schützen drängten sich beim Scheibenschießen. Bald war Rudy unter ihnen und von allen der tüchtigste, der glücklichste; stets traf er mitten ins Schwarze. »Wer ist nur dieser fremde, blutjunge Jäger?« wurde gefragt. »Er spricht die französische Sprache, wie sie im Kanton Wallis gesprochen wird, und in unserem Deutsch macht er sich auch recht gut verständlich«, sagten einige. »Er soll als Kind in der Gegend von Grindelwald gewohnt haben«, wußte ein anderer. In diesem Burschen steckte Leben: seine Augen leuchteten, sein Blick war so sicher wie sein Arm, und deshalb traf er. Das Glück macht Mut, und den hatte Rudy immer. Schon bald hatte er einen ganzen Kreis von Freunden um sich gesammelt, er wurde geehrt und gefeiert, Babette war fast ganz aus seinen Gedanken verschwunden. Da spürte er den Schlag einer schweren Hand auf seiner Schulter, und eine grobe Stimme sprach ihn auf französisch an: »Seid Ihr nicht aus dem Kanton Wallis?« Rudy drehte sich um und erblickte ein rotes, vergnügtes Gesicht, einen dicken Kerl. Es war der reiche Müller aus Bex, der mit seinem breiten Körper die feine, hübsche Babette verdeckte, doch bald guckte sie mit ihren strahlenden Augen hervor. Der reiche Müller hielt es sich zugute, daß ein Jäger aus seinem Kanton am besten schoß und der Geehrte war. Rudy war wirklich ein Glückskind; was er bei seiner Wanderung vor sich gesehen, jedoch an Ort und Stelle fast vergessen hatte, das kam nun zu ihm. Wenn man fern der Heimat Leute von zu Hause trifft, dann kennt man sich, dann spricht man miteinander. Wie Rudy beim Schützenfest der Erste durch seine Treffer war, so war der Müller in Bex der Erste durch sein Geld und seine gute Mühle; und so drückten sich beide Männer die Hand, was sie noch nie getan hatten. Als auch Babette vertrauensvoll Rudys Hand ergriff, erwiderte er ihren Händedruck und sah sie an, und dabei wurde sie ganz rot. Der Müller erzählte von der langen Wegstrecke, die sie zurückgelegt, von den vielen großen Städten, die sie gesehen hatten. Das war eine ordentliche Reise: sie waren mit Dampfschiff, Dampfwagen und Postkutsche gefahren. »Ich bin den kürzeren Weg gegangen«, sagte Rudy. »Ich bin über die Berge gegangen; kein Weg ist so hoch, daß er nicht zu benutzen wäre!« »Aber man kann sich auch den Hals dabei brechen!« sagte der Müller. »Und danach seht Ihr mir gerade aus, so verwegen, wie Ihr seid!« »Man fällt nicht, wenn man nicht selbst daran glaubt!« sagte Rudy. Und die Verwandten, bei denen der Müller mit seiner Tochter zu Gast war, forderten Rudy auf, doch einmal vorbeizuschauen – wo er doch aus demselben Kanton wie ihr Vetter stammte. Das war ein gutes Angebot für Rudy das Glück war mit ihm, wie es stets mit jenem ist, der auf sich selbst vertraut und daran denkt: »Unser Herrgott gibt uns die Nüsse, aber er knackt sie nicht für uns!« Und Rudy saß bei der Verwandtschaft des Müllers, als gehörte er zur Familie. Ein Trinkspruch auf den besten Schützen wurde ausgebracht, und Babette stieß mit ihm an, und er bedankte sich. Als sie gegen Abend alle die schöne Straße mit den schmucken Hotels unter den alten Walnußbäumen entlanggingen, war dort eine solche Menschenmenge und ein solches Gedränge, daß es Rudy erlaubt war, Babette den Arm anzubieten. Er sei so froh, daß er Leute aus Vaud getroffen habe, Vaud und Wallis seien gute Nachbarkantone, sagte er mit einer solchen Innigkeit, daß Babette meinte, sie müsse ihm die Hand dafür drücken. Sie schienen fast so vertraut wie alte Bekannte, und lustig war sie, die kleine, reizende Person. Es stand ihr so hübsch, fand Rudy, wie sie auf das Lächerliche und Übertriebene in Kleidung und Gang der fremden Damen hinwies. Dabei wollte sie sich gar nicht über sie lustig machen, die Damen mochten ja äußerst rechtschaffen, ja, sogar lieb und freundlich sein, das wußte Babette, denn sie hatte eine Patentante, eine englische Dame, die auch sehr vornehm war. Die kostbare Nadel, die sie an ihrer Brust trug, hatte ihr die Tante vor achtzehn Jahren geschenkt, als sie zur Taufe nach Bex gekommen war, und zwei Briefe hatte sie ihr geschrieben, und in diesem Jahr wollten sie sich hier in Interlaken treffen, sie, die Tante und deren Töchter, das waren alte Mädchen, so an die dreißig, sagte Babette sie war ja erst achtzehn. Nicht einen Augenblick stand ihr hübsches Mündchen still, und jedes Wort erschien Rudy äußerst bedeutsam. Er erzählte nun seinerseits, was er zu erzählen hatte: Wie viele Male er in Bex gewesen, wie gut er die Mühle kenne und wie oft er Babette gesehen – doch sie habe ihn vermutlich nie bemerkt. Und als er letztens zur Mühle gekommen sei, mit so vielen Gedanken, die er nicht aussprechen könne, da sei sie mit ihrem Vater verreist gewesen, weit weg, aber doch nicht so weit, daß die Mauer, die den Weg verlängerte, unüberwindlich gewesen wäre. Ja, das sagte er, und er sagte so vieles; er sagte, daß sie ihm so sehr gefalle – – und daß er ihretwegen und nicht wegen des Schützenfestes gekommen sei. Babette wurde ganz still; was er ihr da anvertraute, das war wohl fest zu schwer zu tragen. Und währenddessen sank die Sonne hinter die hohe Felsenwand. Die Jungfrau erhob sich in Pracht und Glanz, vom waldgrünen Kranz der nahen Berge umgeben. Die vielen Leute blieben bei diesem Anblick stehen; auch Rudy und Babette betrachteten all diese Größe. »Nirgends ist es schöner als hier!« sagte Babette. »Nirgends«, sagte Rudy und schaute sie an. »Morgen muß ich zurück«, sagte er kurz darauf. »Besuchen Sie uns in Bex!« flüsterte Babette. »Da wird sich mein Vater freuen!« V Auf dem Heimweg Oh, wie vieles hatte Rudy zu tragen, als er am nächsten Tag über die hohen Berge in Richtung Heimat ging. Ja, er hatte drei Silberbecher, zwei vorzügliche Flinten und eine Kaffeekanne aus Silber, die konnte man bei der Gründung eines Hausstands gebrauchen. Aber das alles wog nicht am schwersten; auf seinem Weg über die hohen Berge trug er noch etwas – oder wurde von ihm getragen – , das hatte mehr Gewicht und Macht. Das Wetter war rauh, grau, regnerisch und trübe; wie ein Trauerflor senkten sich die Wolken auf die Berge und hüllten die schimmernden Gipfel ein. Aus dem Waldesgrund tönten die letzten Axtschläge, und die Stämme, die den Hang hinunterrollten, sahen von oben wie Kleinholz, aus der Nähe jedoch wie mastdicke Bäume aus. Die Lütschine ließ ihren einförmigen Akkord erklingen, der Wind brauste, die Wolken segelten. Plötzlich ging neben Rudy ein junges Mädchen, das er erst bemerkte, als sie an seiner Seite war, sie wollte ebenfalls über die Berge. Ihre Augen besaßen eine eigene Macht, man war gezwungen, in sie hineinzuschauen; sie waren so seltsam glasklar, tief und grundlos. »Hast du einen Liebsten?« fragte Rudy; denn er selbst dachte an nichts anderes als an sein Liebstes. »Den habe ich nicht«, sagte sie lachend; doch es klang, als wäre kein Wort davon wahr. »Laß uns einen anderen Weg gehen«, schlug sie vor. »Wir müssen weiter nach links, das ist kürzer.« »Ja, um in eine Eiskluft zu fallen!« sagte Rudy. »Weißt du nicht besser Bescheid und willst mich führen!« »Ich kenne den Weg sehr wohl«, sagte sie, »und habe meine Gedanken bei mir. Die deinen sind wohl unten im Tal. Hier oben muß man an die Eisjungfrau denken, sie ist den Menschen nicht gut, sagen die Menschen.« »Ich fürchte sie nicht«, sagte Rudy, »sie mußte mich loslassen, als ich ein Kind war; jetzt, wo ich älter bin, werde ich sie schon loswerden!« Und die Finsternis wuchs, der Regen strömte, dann kam Schnee, der leuchtete, der blendete. »Reich mir deine Hand, dann werde ich dir beim Aufstieg helfen!« sagte das Mädchen und berührte ihn mit eiskalten Fingern. »Du und mir helfen!« sagte Rudy. »Ich habe noch keine Frauenhilfe beim Klettern gebraucht!« Und er schritt rascher aus und ließ sie zurück. Das Schneegestöber schlug wie eine Gardine um ihn zusammen, der Wind brauste, und hinter sich hörte er das Mädchen lachen und singen – das klang ganz sonderbar. Gewiß war es Geisterspuk im Dienste der Eisjungfrau; Rudy hatte davon gehört, damals in seiner Kindheit, als er hier oben übernachtet hatte, auf der Wanderung über die Berge. Der Schnee fiel dünner, die Wolke lag unter ihm, und als er zurückschaute, war niemand zu sehen; doch er hörte ein Lachen und Jodeln, das nicht wie von einem Menschen klang. Als Rudy endlich jene Stelle im Gebirge erreichte, wo der Pfad direkt hinunter in das Rhônetal führt, erblickte er in dem klaren blauen Streifen Luft, wo fern Chamonix liegen mußte, zwei helle Sterne, die leuchteten und funkelten – und er dachte an Babette, an sich selbst und an sein Glück, und bei diesen Gedanken wurde ihm warm. VI Der Besuch in der Mühle »Vornehme Dinge bringst du ins Haus«, sagte die alte Pflegemutter, wobei ihre seltsamen Adleraugen blitzten und ihr magerer Hals seine merkwürdigen Drehungen noch schneller vollführte. »Das Glück ist mit dir, Rudy! Ich muß dich küssen, mein lieber Junge!« Und Rudy ließ sich küssen, doch seinem Gesicht war die Mühe anzusehen, mit der er sich in die Umstände, die kleinen häuslichen Schwierigkeiten schickte. »Wie schön du bist, Rudy!« sagte die alte Frau. »Setz mir keine Flausen in den Kopf!« sagte Rudy und lachte, aber es freute ihn trotzdem. »Ich sage es noch einmal«, erwiderte die alte Frau, »das Glück ist mit dir!« »Ja, diesmal will ich dir glauben«, sagte er und dachte an Babette. Noch nie hatte er so große Sehnsucht nach dem tiefen Tal gehabt. »Jetzt müssen sie wieder zu Hause sein«, sagte er bei sich selbst. »Es ist schon zwei Tage über ihre Ankunftszeit. Ich muß nach Bex!« Und als Rudy in Bex eintraf, waren die Müllersleute zu Hause. Sie empfingen ihn freundlich und richteten ihm Grüße von der Familie in Interlaken aus. Babette sprach nicht viel, sie war sehr still geworden, doch ihre Augen waren beredt, das war für Rudy mehr als genug. Der Müller, der sonst gern das Wort führte und daran gewöhnt war, daß seine Einfälle und Wortspiele stets belacht wurden, denn er war doch der reiche Müller, schien jetzt lieber Rudy zuzuhören. Der erzählte Jagdabenteuer, von den Mühen und Gefahren, denen sich die Gemsenjäger auf den hohen Bergspitzen aussetzen mußten, wie man über die unsicheren Schneegesimse zu klettern hatte, die Wind und Wetter an den Felsenrand klebten, wie man an den kühnen Brücken entlangkroch, die das Schneetreiben über die tiefen Abgründe warf. Rudy sah keck aus, und er erzählte mit leuchtenden Augen: vom Jägerleben, von der Klugheit und den kühnen Sprüngen der Gemsen, vom heftigen Föhn und den rollenden Lawinen. Er merkte wohl, daß er den Müller mit jeder neuen Beschreibung mehr für sich einnahm, doch den größten Eindruck machte sein Bericht über die Lämmergeier und die kühnen Königsadler. Nicht weit von hier, im Kanton Wallis, gab es ein Adlernest, das so klug unter die überhängende Felsenkante gebaut war, daß sich das Junge darin unmöglich fangen ließ. Ein Engländer hatte vor wenigen Tagen eine ganze Handvoll Gold dafür geboten, wenn Rudy ihm das Junge lebendig beschaffen könnte. »Aber alles hat seine Grenze«, sagte der, »das Adlerjunge ist unerreichbar, ein solcher Versuch wäre Irrsinn.« Und der Wein strömte, und die Rede strömte, der Abend erschien Rudy viel zu kurz, und doch war es nach Mitternacht, als er die Mühle nach diesem ersten Besuch verließ. Noch eine kurze Weile blinkten durch das Fenster und zwischen den grünen Zweigen die Lichter. Aus der offenen Dachluke kam die Stubenkatze, und über die Dachrinne kam die Küchenkatze. »Weißt du Neues aus der Mühle?« fragte die Stubenkatze. »Hier im Haus hat man sich stillschweigend verlobt! Vater weiß es noch nicht. Rudy und Babette haben sich den ganzen Abend unter dem Tisch auf die Pfoten getreten; zweimal haben sie mich getreten, aber ich habe trotzdem nicht miaut, das hätte Aufmerksamkeit erregt.« »Das hätte ich doch getan«, sagte die Küchenkatze. »Was sich in der Küche schickt, das schickt sich nicht in der Stube«, sagte die Stubenkatze. »Ich möchte nur wissen, was wohl der Müller sagt, wenn er von der Verlobung hört!« Ja, was würde der Müller wohl sagen, das hätte Rudy auch gern gewußt, und er konnte die Antwort darauf gar nicht erwarten. Deshalb saß er nur wenige Tage später im Omnibus, der zwischen den Kantonen Wallis und Vaud über die Rhônebrücke rumpelte, guten Mutes wie immer, und machte sich schöne Gedanken: ein Ja-Wort noch an diesem Abend. Und als es dann Abend wurde und der Omnibus in die entgegengesetzte Richtung fuhr, ja, da saß Rudy auch wieder darin und fuhr denselben Weg zurück. Doch die Stubenkatze in der Mühle hatte Neues zu berichten. »Hast du schon gehört, du aus der Küche? Jetzt weiß der Müller alles. Das hat ein hübsches Ende genommen! Als Rudy gegen Abend ankam, da hatte er mit Babette viel zu flüstern und zu tuscheln, sie standen im Flur direkt vor der Kammer des Müllers. Ich lag zu ihren Füßen, doch sie hatten für mich weder Augen noch Gedanken. ›Ich gehe gleich zu deinem Vater‹, sagte Rudy, ›das ist eine ehrliche Sache!‹ – ›Soll ich mitkommen?‹ bot Babette ihm an. ›Das wird dir Mut machen!‹ – ›Mut habe ich genug ‹, sagte Rudy, ›aber wenn du dabei bist, dann muß er milde sein, ob er will oder nicht.‹ Und dann sind sie in die Kammer gegangen, Rudy hat mir entsetzlich auf den Schwanz getreten, er ist so furchtbar ungeschickt! Ich habe miaut, aber weder er noch Babette hatten dafür ein Ohr. Sie machten die Tür auf, gingen alle beide hinein, ich vorneweg. Aber ich bin auf einen Stuhlrücken gesprungen, weil ich nicht wußte, wohin Rudy treten würde. Und dann hat der Müller getreten, das war ein guter Tritt! Zur Tür hinaus, auf den Berg zu den Gemsen! Auf die kann Rudy nun anlegen, und nicht auf unsre kleine Babette!« »Aber was wurde denn gesagt?« fragte die Küchenkatze. »Gesagt! – Es wurde alles gesagt, was sie so sagen, wenn sie auf Freierspfoten gehen: ›Ich habe sie lieb, und sie hat mich lieb, und wenn für einen Milch im Eimer ist, dann reicht es auch für zwei!‹ – ›Aber Babette sitzt für dich zu hoch!‹ hat der Müller gesagt, ›die sitzt auf Körnern, auf Goldkörnern, das weißt du doch. An die kommst du nicht heran!‹ – ›Nichts sitzt so hoch, daß man es nicht doch erreichen kann, wenn man nur will!‹ hat Rudy gesagt, denn beherzt ist er. ›Aber das Adlerjunge kannst du doch nicht erreichen, hast du letztens zugegeben. Babette sitzt höher!‹ – ›Ich hole sie alle beide‹, hat Rudy gesagt. – ›Ja, wenn du mir das Adlerjunge lebendig schenkst, dann will ich dir Babette schenken‹, hat der Müller gesagt und dabei so sehr gelacht, daß ihm die Tränen übers Gesicht liefen. ›Und jetzt bedanke ich mich für deinen Besuch, Rudy! Komm morgen wieder, dann ist niemand zu Hause. Leb wohl, Rudy!‹ Und Babette sagte auch Lebewohl, so kläglich wie ein kleines Kätzchen, das seine Mutter nicht sehen kann. ›Ein Wort ist ein Wort, ein Mann ist ein Mann!‹ hat Rudy gesagt. ›Weine nicht, Babette, ich bringe das Adlerjunge!‹ – ›Hoffentlich brichst du dir den Hals‹, hat der Müller gesagt, ›damit dein Gerenne zu uns aufhört!‹ Das nenne ich einen Tritt! Nun ist Rudy auf und davon, und Babette sitzt da und weint, und der Müller singt Deutsch, das hat er auf der Reise gelernt. Ich will jetzt nicht weiter darüber trauern, das hilft nichts.« »Aber es macht immerhin etwas her!« sagte die Küchenkatze. VII Das Adlernest Auf dem Bergpfad ertönte ein Jodeln, so lustig und laut, da schien einer gute Laune und frohen Mut zu haben. Es war Rudy, der zu seinem Freund Vesinand ging. »Du mußt mir helfen! Wir nehmen Ragli mit, ich muß das Adlerjunge vom Felsenrand holen.« »Willst du nicht erst das Schwarze vom Mond herunterholen? Das ist genauso leicht«, sagte Vesinand. »Du hast wohl gute Laune!« »Ja, ich denke nämlich ans Heiraten. Aber jetzt mal im Ernst, du mußt wissen, wie die Sache für mich steht!« Und bald waren Vesinand und Ragli in Rudys Vorhaben eingeweiht. »Du bist ein verwegener Kerl«, sagten sie. »Das ist unmöglich! Du brichst dir den Hals!« »Man fällt nicht, wenn man nicht daran glaubt!« entgegnete Rudy. Um Mitternacht zogen die Jäger los, mit Stangen, Leitern und Seilen; es ging durch Gebüsch und Gesträuch und über Geröll, immer bergauf, bergauf, in dunkler Nacht. Das Wasser rauschte unten, das Wasser rieselte von oben, feuchte Wolken trieben in der Luft. Als sie den steilen Felsenrand erreichten, wurde es noch dunkler, die Bergwände stießen fast zusammen, und nur hoch oben, in einem schmalen Spalt, war es ein wenig heller. Gleich neben ihnen war der tiefe Abgrund, in dem ein Wasser rauschte. Alle drei saßen sie still da und warteten, daß der Morgen graute und der Adler das Nest verließe. Den mußte man zuerst erlegen, sonst wäre das Junge niemals zu fangen. Rudy kauerte so still, als wäre er mit dem Stein, auf dem er saß, verwachsen; er hielt das Gewehr schußbereit vor sich und die Augen unverwandt auf die oberste Felsenkluft gerichtet, deren überhängender Rand das Adlernest verbarg. Die drei Jäger warteten und warteten. Da hörten sie hoch oben ein Knistern und Rauschen, etwas Großes, Schwebendes verfinsterte die Luft. Zwei Flintenläufe zielten auf den schwarzen Körper des Adlers, der aus dem Nest geflogen war, es fiel ein Schuß. Noch einen Augenblick bewegten sich die ausgebreiteten Schwingen, bevor der Vogel langsam tiefer sank, als wollte er mit seiner Größe und seiner Spannweite die ganze Kluft ausfüllen und dabei die Jäger mit sich reißen. Es knackte in Bäumen und Büschen, deren Zweige er auf seinem Weg in die Tiefe zerbrach. Und nun begann ein geschäftiges Treiben. Um an das Nest heranzukommen, banden die Jäger drei der längsten Leitern zusammen und stellten sie auf den äußersten festen Platz vor dem Abgrund, aber das reichte nicht. Die Felsenwand war noch viel höher und dazu glatt wie eine Mauer bis zu jenem höchsten Vorsprung, unter dem sich das Nest verbarg. Nach einigem Beraten wurden sie sich einig, daß hier nichts besseres zu tun sei, als von oben zwei zusammengebundene Leitern in die Kluft zu lassen und sie, wenn möglich, mit den dreien zu verbinden, die unten schon standen. Es kostete große Mühe, diese zwei Leitern hinaufzuschleppen, mit Tauen zu befestigen und sie so weit über den Felsenvorsprung hinauszuschieben, bis sie freischwebend über dem Abgrund hingen. Der Morgen war eiskalt, die Wolkenschleier stiegen aus der schwarzen Schlucht. Rudy saß auf der untersten Sprosse der Leiter, wie eine Fliege auf einem Strohhalm, der, von einem nistenden Vogel verloren, auf dem Rand eines hohen Fabrikschornsteins wippt – doch die Fliege könnte davonschwirren, falls sich der Halm löste, während Rudy sich nur den Hals brechen konnte. Um ihn herum brauste der Wind, und im Abgrund rauschte das Wasser, das aus dem schmelzenden Gletscher stürzte, aus dem Palast der Eisjungfrau. Nun begann Rudy mit der Leiter zu pendeln, wie eine Spinne, die von ihrem langen, schwebenden Faden aus auf ihre Beute lauert, und beim vierten Versuch gelang es ihm, das Ende der unteren drei Leitern zu packen und mit sicherer, kräftiger Hand an die zwei oberen zu binden, die jedoch unentwegt baumelten wie in verschlissenen Angeln. Die fünf langen Leitern, die nun senkrecht an der Felsenwand lehnten und bis zum Nest hinaufreichten, glichen einem schwankenden Rohr. Doch das Gefährlichste kam noch: es galt zu klettern wie eine Katze, aber das konnte Rudy auch, das hatte er vom Kater gelernt; er spürte den Schwindel nicht, der hinter ihm Luft trat und seine Polypenarme nach ihm ausstreckte. Jetzt stand er auf der obersten Leitersprosse und noch immer zu tief, um in das Nest hineinzuschauen, er konnte es nur mit der Hand erreichen. Nachdem er die Festigkeit der untersten ineinandergeflochtenen Zweige des Nestes ausprobiert hatte, sicherte er sich einen dicken, unerschütterlichen Zweig, schwang sich von der Leiter zu ihm empor und konnte Brust und Kopf über den Nestrand schieben. Doch da schlug ihm ein erstickender Aasgestank entgegen, Lämmer, Gemsen und Vögel lagen hier zerfetzt und verwest. Der Schwindel, der ihn nicht anzutasten vermochte, blies ihm giftige Dünste ins Gesicht, um ihn irrezumachen, und in der schwarzen, gähnenden Tiefe, auf dem reißenden Wasser, saß die Eisjungfrau selbst, mit ihrem langen, weißgrünen Haar und ihren Todesaugen, die wie zwei Flintenläufe starrten. »Jetzt fange ich dich!« In einem Winkel des Adlernestes hockte groß und mächtig das Adlerjunge, das noch nicht flügge war. Rudy heftete seinen Blick darauf, hielt sich mit der ganzen Kraft seiner einen Hand fest und warf mit der anderen die Schlinge – der junge Adler war lebendig gefangen, und die Schnur zog sich um seine Beine zusammen. Dann warf sich Rudy die Schlinge über die Schulter, so daß der Vogel ein ganzes Stück unter ihm hing, und hielt sich solange am Sicherheitstau fest, bis seine Fußspitze die oberste Sprosse der Leiter erreichte. »Halt fest! Glaub nicht, daß du fällst, dann fällst du auch nicht!« – Das war die alte Weisheit, und er befolgte sie, hielt sich fest, kletterte, war sich ganz sicher, daß er nicht fallen würde, und er fiel nicht. Nun ertönte ein Jodeln, so kraftvoll und fröhlich. Rudy stand mit seinem Adlerjungen auf festem Felsengrund. VIII Was die Stubenkatze an Neuem erzählen konnte »Hier ist das Verlangte!« sagte Rudy, beim Müller in Bex eintretend, und stellte einen großen Korb auf den Boden. Als er das Tuch davon abnahm, starrten zwei gelbe, schwarzumrandete Augen heraus und funkelten mit einer solchen Wildheit, als wollten sie sich, wohin sie fielen, recht festbrennen und festbeißen. Das Tier hatte den kurzen, kräftigen Schnabel gierig aufgerissen, sein Hals war rot und flaumig. »Das Adlerjunge!« rief der Müller. Babette schrie auf und sprang zur Seite, doch sie konnte den Blick weder von Rudy noch von dem Adlerjungen losreißen. »Du läßt dich nicht von ihm küssen!« sagte der Müller. »Und Ihr haltet allemal Wort!« sagte Rudy. »Jeder hat seine Eigenart.« »Aber wieso hast du dir nicht den Hals gebrochen?« fragte der Müller. »Weil ich festgehalten habe«, entgegnete Rudy, »und das tu ich noch immer! Ich halte an Babette fest!« »Da mußt du sie erst einmal haben«, sagte der Müller lachend; und wie Babette wußte, war das ein gutes Zeichen. »Jetzt wollen wir den jungen Adler aus dem Korb nehmen, das sieht ja gefährlich aus, wie der glotzt! Wie hast du den bloß erwischt?« Und Rudy mußte erzählen, und dabei wurden die Augen des Müllers immer größer. »Wer soviel Mut und soviel Glück hat wie du, der kann drei Ehefrauen versorgen«, sagte der Müller. »Danke, danke!« rief Rudy. »Aber Babette hast du noch nicht«, sagte der Müller und schlug dem Alpenjäger scherzhaft auf die Schulter. »Weißt du Neues aus der Mühle?« fragte die Stubenkatze die Küchenkatze. »Rudy hat uns das Adlerjunge gebracht und holt sich dafür Babette. Die beiden haben sich geküßt, und der Vater durfte zusehen, das ist so gut wie eine Verlobung. Der Alte hat nicht getreten, sondern die Krallen eingezogen und sich ein Mittagsschläfchen genehmigt und die beiden schmusen lassen. Die haben sich soviel zu erzählen, daß sie bis Weihnachten nicht fertig werden.« Und sie wurden auch nicht bis Weihnachten fertig. Das braune Laub wirbelte durch die Luft, der Schnee stiebte im Tal wie auf den hohen Bergen; die Eisjungfrau saß in ihrem stolzen Schloß, das sich zur Winterzeit ausdehnte. Die Felsenwände waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen; wo der Bergstrom im Sommer seinen Wasserschleier wehen ließ, hingen klafterdicke, elefantenschwere Eiszapfen, und über den schneebepuderten Tannen funkelten Girlanden aus phantastischen Eiskristallen. Die Eisjungfrau ritt auf dem brausenden Wind über die tiefsten Täler. Sie konnte bis hinunter nach Bex gelangen, weil die Schneedecke so weit reichte, und dort Rudy im Hause sehen, wo er jetzt häufiger war als sonst – er saß bei Babette. Im Sommer sollte die Hochzeit sein; den beiden klangen die Ohren, so oft ihre Freunde davon sprachen. Da schien die Sonne, die prächtigste Alpenrose glühte, die muntere, lachende Babette, schön wie der Frühling, der ihnen bevorstand: dann sollten alle Vögel vom Sommer, vom Hochzeitstag singen. »Wie können die beiden bloß so zusammenhocken!« sagte die Stubenkatze. »Jetzt habe ich dieses Miauen satt!« IX Die Eisjungfrau Der Frühling hatte seine saftiggrüne Girlande aus Walnuß- und Kastanienbäumen aufgehängt, und besonders üppig war sie zwischen der Brücke von St-Maurice und dem Ufer des Genfersees, wo mit rasender Geschwindigkeit die Rhône strömt, die ihren Ursprung unter dem grünen Gletscher, dem Eispalast, hat. Die Eisjungfrau, die darin wohnt, läßt sich vom scharfen Wind zum höchsten Schneefeld tragen und streckt sich im grellen Sonnenlicht auf den zusammengestiebten Polstern aus. Da saß sie auch jetzt und schaute mit weitem Blick in die tiefen Täler, wo sich die Menschen, wie Ameisen auf sonnenbeschienenem Stein, emsig regten. »Geisteskräfte nennen euch die Kinder der Sonne«, sagte die Eisjungfrau, »Gewürm seid ihr! Ein rollender Schneeball, und schon seid ihr mitsamt euren Häusern und Städten zerschmettert und ausgelöscht!« Und sie hob ihr stolzes Haupt noch höher und sah mit todblitzenden Augen in die Weite und Tiefe. Doch aus dem Tal drang Lärm herauf, von Felsensprengungen, Menschenwerk; dort wurden Wege und Tunnel für die Eisenbahn gebaut. »Sie spielen Maulwurf«, sagte sie, »sie graben Gänge, deshalb klingt es wie Flintenschüsse. Aber wenn ich meine Schlösser versetze, da dröhnt es noch lauter als der Donner!« Aus dem Tal stieg ein Rauch und bewegte sich durch das Tal wie ein flatternder Schleier; auf der neueröffneten Eisenbahnlinie zog die Lokomotive mit wehendem Federbusch pfeilschnell den Zug, diese sich windende Schlange, deren Glieder aneinandergehängte Wagen sind. »Sie spielen da unten die Herren, die Geisteskräfte«, sagte die Eisjungfrau. »Aber die Kräfte der Naturgewalten sind ihnen doch überlegen!« Und sie lachte, sie sang, es dröhnte im Tal. »Jetzt ist eine Lawine niedergegangen«, sagten die Menschen dort unten. Aber noch lauter sangen die Kinder der Sonne vom Menschen gedanken , der bestimmt und das Meer unters Joch zwingt, Berge versetzt und Täler ausfüllt; vom Menschengedanken, der Herr über die Naturkräfte ist. Gerade zu der Zeit, als die Eisjungfrau dort saß, kam über das Schneefeld eine Gesellschaft von Reisenden gezogen. Sie hatten sich mit Seilen aneinandergebunden, um auf der glatten Eisfläche, an den tiefen Abgründen gleichsam einen größeren Körper zu bilden. »Gewürm!« sagte die Eisjungfrau. »Ihr also wollt Herren über die Naturgewalt sein!« Und sie wandte sich von ihnen ab und warf einen spöttischen Blick in das tiefe Tal, wo der Eisenbahnzug vorüberbrauste. »Da sitzen sie, diese Gedanken! Sie sind den Naturkräften ausgeliefert. Jeden einzelnen kann ich sehen. – Einer sitzt stolz wie ein König – allein; dort sitzen sie in einem ganzen Haufen, dort schläft die Hälfte; und wenn der Dampfdrache anhält, steigen sie aus und gehen davon. Die Gedanken gehen in die Welt hinaus!« Und sie lachte. »Da ist wieder eine Lawine niedergegangen«, sagten die Leute im Tal. »Bis zu uns kommt sie nicht«, sagten zwei, die auf dem Rücken des Dampfdrachens saßen, ›zwei Seelen und ein Gedanke‹, wie es heißt. Es waren Rudy und Babette, und der Müller war auch dabei. »Als Gepäck!« sagte er. »Mich haben sie als notwendiges Übel mitgenommen.« »Dort sitzen die beiden«, sagte die Eisjungfrau. »So manche Gemse habe ich erschlagen, Millionen von Alpenrosen habe ich geknickt und gebrochen, mit Stumpf und Stiel vernichtet. Ich lösche sie aus! Die Gedanken! Die Geisteskräfte!« Und sie lachte. »Jetzt ist wieder eine Lawine niedergegangen«, sagten die Leute im Tal. X Die Patin In der nahen Stadt Montreux, die mit Clarens, Vernex und Crin eine Girlande um den nordöstlichen Teil des Genfersees bildet, wohnte Babettes Patin, die vornehme englische Dame. Sie war vor kurzem mit ihren Töchtern und einem jungen Vetter dort eingetroffen, doch der Müller hatte bereits seine Visite gemacht, Babettes Verlobung vermeldet und von Rudy und dem Adlerjungen, vom Besuch in Interlaken, kurzum, die ganze Geschichte erzählt. Das hatte die Tante im höchsten Grade erfreut und für Rudy und für Babette und auch für den Müller eingenommen; sie mußten alle drei unbedingt zu ihr kommen, und deshalb kamen sie nun. – Babette sollte ihre Patin, die Patin sollte Babette sehen. Das Dampfschiff, das von dem kleinen Ort Villeneuve am Ende des Genfersees abfährt, erreicht in einer halben Stunde Vernex, in unmittelbarer Nähe von Montreux. Diese Küste haben Dichter besungen; hier saß Byron unter Walnußbäumen am tiefen blaugrünen See und schrieb seine melodischen Verse über den Gefangenen im düstren Felsenschloß Chillon. Wo sich Clarens mit seinen Trauerweiden im Wasser spiegelt, wandelte Rousseau und träumte von Heloise. Unter Savoyens hohen, schneebedeckten Bergen strömt die Rhône hervor, und nicht weit von ihrer Mündung in den See liegt eine kleine Insel, ja, sie ist so klein, daß sie vom Ufer wie ein Schiff aussieht. Vor etwa hundert Jahren ließ eine Dame den Felsengrund mit Steinen eindämmen, mit Erde belegen und mit drei Akazienbäumen bepflanzen, die nun die ganze Insel überschatten. Babette war von diesem Fleckchen, das ihr während der ganzen Schiffsreise als das Lieblichste erschien, vollkommen hingerissen – dort müsse man hin, dort sei es gewiß zauberhaft schön, meinte sie. Doch das Dampfschiff fuhr vorbei und legte, wie es sollte, in Vernex an. Von hier aus wanderte die kleine Gesellschaft bergauf, zwischen weißen, sonnenbeschienenen Mauern, welche die Weingärten vor der kleinen Gebirgsstadt Montreux einfassen, wo Feigenbäume vor dem Haus des Bauern Schatten spenden und in den Gärten Lorbeerbäume und Zypressen wachsen. Die Patentante wohnte in einer Pension, die auf halbem Wege lag. Der Empfang war überaus herzlich. Die Patin war eine große, freundliche Frau mit einem runden, lächelnden Gesicht; als Kind mußte sie ein wahrer raffaelischer Engelskopf gewesen sein, jetzt war sie ein alter Engelskopf, mit silberweißen Löckchen in reicher Fülle. Der junge Vetter, der sie begleitete, war von Kopf bis Fuß ganz weiß gekleidet, hatte vergoldete Haare und so große vergoldete Koteletten, daß sie für drei Gentlemen ausgereicht hätten. Er erwies der kleinen Babette sogleich die allergrößte Aufmerksamkeit. Auf dem großen Tisch lagen kostbar eingebundene Bücher, Notenblätter und Zeichnungen verstreut, die Balkontür stand offen zum herrlichen weiten See, der so blank und reglos war, daß sich Savoyens Berge mit kleinen Ortschaften, Wäldern und Schneegipfeln umgekehrt darin spiegelten. Rudy, sonst immer keck, lebensfroh und unbefangen, fühlte sich hier gar nicht in seinem Element, wie man so sagt; er bewegte sich, als ginge er auf Erbsen über ein glattes Parkett. Wie mühsam sich die Zeit dahinschleppte, sie schien in einer Tretmühle zu stecken! Und jetzt ein Spaziergang, das war genauso langsam. Um mit den anderen Tritt zu halten, konnte Rudy zwei Schritte vor und einen zurück machen. Sie wanderten zu einer Felseninsel, um sich das alte, düstre Schloß Chillon anzusehen, mit Marterpfahl und Todesgefängnissen, verrosteten Ketten in der Felsenmauer, Steinlagern für die zum Tode Verurteilten und Falltüren, aus denen die Unglücklichen hinuntergestürzt worden waren, um von Eisenspitzen in der Brandung aufgespießt zu werden. Dies zu besichtigen nannten sie ein Vergnügen. Ein Richtplatz war das, durch Byrons Lied in die Welt der Poesie erhoben, das spürte Rudy mit seiner ganzen Seele. Er lehnte sich an den großen steinernen Fensterrahmen, sah auf das tiefe, blaugrüne Wasser und zu der kleinen einsamen Insel mit den drei Akazien – dorthin wünschte er sich und von der ganzen plappernden Gesellschaft frei. Babette dagegen war sehr fröhlich; sie habe sich prächtig amüsiert, sagte sie später und fand den Vetter »complet«. »Ja, ein kompletter Maulaffe!« entgegnete Rudy und hatte zum ersten Mal etwas gesagt, das ihr nicht gefiel. Der Engländer hatte Babette zur Erinnerung an Chillon ein kleines Buch verehrt, Byrons Dichtung »Der Gefangene von Chillon«, in die französische Sprache übersetzt, so daß sie es lesen konnte. »Das Buch mag ja recht gut sein«, sagte Rudy, »aber dieser feinfrisierte Bursche, von dem du es hast, der hat mir gar nicht gefallen!« »Der sah aus wie ein Mehlsack ohne Mehl«, sagte der Müller und lachte über seinen Witz. Rudy stimmte in sein Gelächter ein und fand, das sei gut und richtig gesagt. XI Der Vetter Als Rudy ein paar Tage später zu Besuch in die Mühle kam, traf er dort den jungen Engländer an. Babette setzte ihm gerade gekochte Forellen vor, die mit Petersilie herausgeputzt waren – das hatte sie bestimmt selber getan, um ihnen ein prächtiges Aussehen zu verleihen, was gar nicht nötig gewesen wäre. Was wollte der Engländer hier? Was sollte er hier? Sich von Babette bedienen und bewirten lassen? Rudy war eifersüchtig, und das fand Babette lustig; es machte ihr Spaß, alle Seiten seines Herzens zu betrachten, die starken wie die schwachen. Die Liebe war für sie noch ein Spiel, und sie spielte mit Rudys ganzem Herzen, und doch, das muß man sagen, war er ihr Glück, ihr Lebensgedanke, das Beste und Schönste auf dieser Welt. Trotzdem lachten ihre Augen, je mehr sich sein Blick verfinsterte. Sie hätte den blonden Engländer mit den vergoldeten Koteletten küssen mögen, nur um zu erreichen, daß Rudy wütend das Weite suchte – eben daran hätte sie gesehen, wie sehr er sie liebte. Das war von der kleinen Babette weder recht noch klug, doch sie war ja nicht älter als neunzehn Jahre. Sie machte sich keine Gedanken darüber, und noch weniger dachte sie darüber nach, wie der junge Engländer ihr Betragen auslegen könnte – lustiger und leichtfertiger, als es sich für die ehrbare, frischverlobte Müllerstochter just schickte. Wo die Landstraße von Bex am Fuße einer schneebedeckten Felsengruppe, in der Landessprache Les Diablerets genannt, entlang verläuft, war ein reißender Gebirgsbach zu sehen, der weißgrau wie schäumendes Seifenwasser war. Die Mühle lag nicht weit davon entfernt, wurde jedoch von einem kleineren Fluß angetrieben, der jenseits des Bergstroms vom Felsen stürzte. Er wurde unterhalb des Wegs von einem Steinwall aufgestaut, um sich durch eigene Kraft und Geschwindigkeit zu heben und dann in einem geschlossenen Bassin aus Balken, einer breiten Rinne, den reißenden Strom zu überqueren und das große Mühlenrad zu drehen. Diese Rinne enthielt soviel Wasser, daß sie überlief, und wem es einfallen konnte, sich an dieser Stelle den Weg zur Mühle abzukürzen, der ging auf nassem, schlüpfrigem Grund. Einen solchen Einfall hatte ein junger Mann, der Engländer, der sich, weißgekleidet wie ein Müllergeselle, in der Abendstunde ans Klettern machte und sich von dem Licht aus Babettes Kammer leiten ließ. Klettern hatte er nicht gelernt, und beinah wäre er kopfüber in den Fluß gestürzt, doch er kam mit nassen Ärmeln und bespritzten Hosen davon und langte pudelnaß und besudelt unter Babettes Fenstern an. Dann erklomm er eine alte Linde und ahmte die Eule nach – das war der einzige Vogel, den er nachahmen konnte. Das hörte Babette und guckte durch die dünnen Gardinen hinaus. Als sie aber den weißen Mann erblickte und sich wohl denken konnte, wer es war, da begann ihr kleines Herz vor Schreck, doch auch vor Zorn zu klopfen. Sie löschte in aller Eile das Licht, überprüfte sämtliche Fensterkrampen, und dann ließ sie ihn heulen und jammern. Wenn nun Rudy in der Mühle gewesen wäre, das wäre entsetzlich gewesen. Aber Rudy war nicht in der Mühle, nein, viel schlimmer noch, er stand direkt davor. Da fielen laute, zornige Worte; es sah nach Schlägerei, sogar nach Totschlag aus. Erschrocken öffnete Babette das Fenster, rief Rudy bei Namen und forderte ihn zum Gehen auf. Sie dulde ihn nicht hier, sagte sie. »Du duldest mich nicht hier!« rief Rudy aus. »Es gibt also eine Verabredung! Du erwartest gute Freunde, bessere als mich. Schäm dich, Babette!« »Du bist abscheulich!« sagte Babette. »Ich hasse dich!« Und dann brach sie in Tränen aus. »Geh! Geh!« »Das habe ich nicht verdient!« sagte er, und er ging, seine Wangen brannten wie Feuer, sein Herz war wie Feuer. Babette warf sich aufs Bett und weinte. »Und ich liebe dich so sehr, Rudy! Wie kannst du nur Schlechtes von mir denken!« Sie war wütend, sehr wütend, und das war gut für sie; denn sonst wäre sie tief betrübt gewesen. Nun konnte sie in Schlaf fallen, in den stärkenden Schlaf der Jugend. XII Böse Mächte Rudy verließ Bex, machte sich an den Heimweg, stieg auf die Berge, in die frische, kühlende Luft, wo der Schnee lag, wo die Eisjungfrau herrschte. Die Laubbäume tief unter ihm glichen Kartoffelkraut, Tannen und Büsche wurden kleiner, Alpenrosen wuchsen neben Flecken von Schnee, die aussahen wie Leinen auf der Bleiche. Ein blauer Enzian, der dort stand, wurde von Rudys Gewehrkolben zerschmettert. Als er etwas höher zwei Gemsen erblickte, bekamen seine Augen Glanz, seine Gedanken neuen Schwung; doch für einen sicheren Schuß war er nicht nah genug. Er kletterte weiter, bis nur noch hartes Gras zwischen den Steinblöcken wuchs, und spornte seinen Eifer an, während die Gemsen ruhig über das Schneefeld liefen. Dann senkten sich Wolkennebel um ihn herab, plötzlich stand er vor einer steilen Felsenwand, und der Regen begann zu strömen. Er spürte brennenden Durst, Hitze im Kopf, Kälte in allen Gliedern, und als er nach seiner Jagdflasche griff, war sie leer – daran hatte er nicht gedacht, als er die Berge hinaufgestürmt war. Nie im Leben war er krank gewesen, jetzt aber fühlte er sich so. Vor Müdigkeit hätte er sich am liebsten auf den Boden geworfen und geschlafen, doch alles triefte von Nässe. Er versuchte, sich zusammenzunehmen, denn die Dinge zitterten so seltsam vor seinen Augen. Plötzlich erblickte er ein kleines Haus, das es an dieser Stelle noch nie gegeben hatte, es war vor kurzem erst an den Felsen gebaut, und in der Tür stand ein junges Mädchen, wie er glaubte Schullehrers Annette, die er einmal beim Tanz geküßt. Aber sie war nicht Annette, und doch hatte er sie schon einmal gesehen, vielleicht an jenem Abend in der Nähe von Grindelwald, als er nach dem Schützenfest heimwärts gezogen war. »Woher kommst du?« fragte er. »Ich bin hier zu Hause«, sagte sie, »ich hüte meine Herde.« »Deine Herde, und wo weidet die? Hier gibt es nur Schnee und Felsen.« »Du kennst dich gut aus«, sagte sie lachend. »Dort hinten, ein bißchen tiefer, ist eine herrliche Weide. Dort sind meine Ziegen. Ich hüte sie gut, nicht eine geht mir verloren. Was mein ist, bleibt mein!« »Du bist keck!« sagte Rudy. »Du auch!« entgegnete sie. »Wenn du Milch hast, dann gib mir zu trinken! Ich bin fast verschmachtet.« »Ich habe etwas besseres als Milch«, sagte sie, »das sollst du bekommen. Gestern waren hier Reisende mit ihrem Führer, sie haben eine halbe Flasche von einem Wein vergessen, wie du ihn noch nie gekostet hast. Sie werden ihn nicht abholen, ich trinke ihn nicht, trink du ihn!« Und sie brachte den Wein, goß eine Holzschale davon voll und reichte sie Rudy. »Der ist gut!« sagte er. »Noch nie habe ich einen so wärmenden, so feurigen Wein getrunken.« Und seine Augen leuchteten, er wurde von einem Leben, einer Glut erfüllt, als sollten alle Sorgen und jeder Druck verfliegen; was sich in ihm regte, war die sprudelnde, frische Menschennatur. »Aber das ist ja doch Schullehrers Annette!« rief er aus. »Gib mir einen Kuß!« »Ja, gib mir den hübschen Ring, den du am Finger trägst! »Meinen Verlobungsring?« »Eben den!« sagte das Mädchen, goß Wein in die Schale, setzte sie an seine Lippen, und er trank. Da strömte Lebensfreude in sein Blut, er glaubte die ganze Welt zu besitzen – warum sich plagen? Alles ist zum Genießen da, und um uns glücklich zu machen. Der Strom des Lebens ist ein Strom der Freude, von ihm mitgerissen, von ihm davongetragen zu werden, das ist Glückseligkeit. Er betrachtete das junge Mädchen: es war Annette und doch nicht Annette und noch weniger jenes Trollphantom, wie er es nannte, das ihm bei Grindelwald begegnet war. Das Mädchen hier auf dem Berg war frisch wie Neuschnee, schwellend wie eine Alpenrose und leicht wie ein Kitz – doch allemal geschaffen aus Adams Rippe, ein Mensch wie er selbst. Und er umschlang sie mit seinen Armen und sah ihr in die seltsamen klaren Augen, ganz kurz nur, doch in dieser einen Sekunde – ja, erklär es, erzähl es, faß es in Worte – war es das Leben des Geistes oder des Todes, was ihn erfüllte; trug es ihn oder sank er hinab? – in den tiefen, tödlichen Eisschlund, tiefer, immer tiefer. Er sah Eiswände wie aus graugrünem Glas, ringsum gähnten unendliche Klüfte, und das Wasser, das mit dem Klang eines Glockenspiels tropfte, war perlenklar, leuchtend in blauweißen Flammen. Die Eisjungfrau gab ihm einen Kuß, daß es ihn eiskalt von den Rückenwirbeln bis in die Stirn durchrieselte. Er stieß einen Schmerzensschrei aus, riß sich los, taumelte und fiel, es wurde Nacht vor seinen Augen, doch er öffnete sie wieder. Böse Mächte hatten ihr Spiel getrieben. Verschwunden war das Alpenmädchen, verschwunden die bergende Hütte, Wasser strömte von der nackten Felsenwand, ringsum lag Schnee. Rudy zitterte vor Kälte, war durchgeweicht bis auf die Haut, und sein Ring war verschwunden, der Verlobungsring, den ihm Babette gegeben. Das Gewehr lag neben ihm im Schnee; er griff danach und wollte es abschießen, doch es versagte. Die Schlucht war von nassen Wolken wie von festen Schneemassen ausgefüllt, da saß der Schwindel und lauerte auf seine kraftlose Beute, und aus der tiefen Kluft darunter kam ein Geräusch, als ob ein Felsenblock fiele und alles zermalmte und mit sich risse, was ihn in seinem Fall aufhalten wollte. Doch in der Mühle weinte Babette: schon sechs Tage war Rudy nicht hier gewesen; wo er doch im Unrecht war, wo er sie doch um Verzeihung bitten müßte, denn sie liebte ihn von ganzem Herzen. XIII Im Haus des Müllers »Was machen die Menschen bloß für Geschichten!« sagte die Stubenkatze zur Küchenkatze. »Jetzt ist es zwischen Babette und Rudy wieder kaputt. Sie weint, und er denkt wohl nicht mehr an sie.« »Das gefällt mir nicht«, sagte die Küchenkatze. »Mir auch nicht«, sagte die Stubenkatze, »aber ich will nicht darüber trauern. Babette kann ja mit den roten Koteletten anbandeln. Der ist auch nicht wieder hier gewesen, seitdem er aufs Dach wollte.« Böse Mächte treiben ihr Spiel, um uns und in uns; Rudy hatte es zu spüren bekommen und darüber nachgedacht. Was war um ihn und in ihm geschehen, hoch oben im Gebirge? Hatte er Gesichte oder einen Fiebertraum gehabt? Fieber oder Krankheit hatte er nie gekannt. Einen Blick in sich selbst hatte er getan, als er sein Urteil über Babette sprach. Er dachte an die wilde Jagd in seinem Herzen, den heißen Föhn, der noch vor kurzem darin tobte. Wäre er fähig, vor Babette zu beichten – alles, jeden seiner Gedanken, der in der Stunde der Versuchung zur Tat werden konnte? Er hatte ihren Ring verloren, und sie hatte ihn gerade dadurch zurückgewonnen. Wäre sie fähig, vor ihm zu beichten? Das Herz drohte ihm zu zerreißen, wenn er an sie dachte. So viele Erinnerungen stiegen in ihm auf: er sah sie vor sich, lachend, ein ausgelassenes Kind. So manches liebe Wort, das sie aus überströmendem Herzen gesagt, flog wie ein Sonnenblitz in seine Brust, und bald schien die Sonne darin ganz für Babette. Sie müßte ihm eine Beichte ablegen können, und sie sollte es tun. Er ging zur Mühle, und es kam zur Beichte: sie begann mit einem Kuß und endete damit, daß Rudy als Sünder dastand. Es war sein großer Fehler gewesen, Babettes Treue zu bezweifeln – das war doch fast abscheulich! Mit solchem Mißtrauen, solcher Heftigkeit könnte er sie beide ins Unglück bringen. Ja, ganz bestimmt! – Und darum hielt ihm Babette eine kleine Predigt, was ihr selbst Spaß machte und ganz entzückend stand. Doch in einem gab sie Rudy recht: der Verwandte der Patin war ein Maulaffe! Sie wollte das Buch verbrennen, das er ihr geschenkt hatte, und nicht das geringste mehr besitzen, was sie an ihn erinnerte. »Jetzt ist es überstanden!« sagte die Stubenkatze. »Rudy ist wieder hier, sie verstehen sich, und sie sagen, das ist das größte Glück.« »Heute nacht habe ich von den Ratten gehört«, entgegnete die Küchenkatze, »daß es das größte Glück ist, Talglichter zu fressen und einen Vorrat an verdorbenem Fleisch zu besitzen. Wem soll man nun glauben, den Ratten oder den Liebesleuten?« »Keinem von ihnen!« sagte die Stubenkatze. »Das ist immer am sichersten.« Das größte Glück für Rudy und Babette kündigte sich gerade an, sie sahen dem schönsten Tag, wie man ihn nennt, entgegen, dem Hochzeitstag. Doch nicht in der Kirche von Bex, nicht im Hause des Müllers sollte die Hochzeit sein, sondern die Patin wünschte die Feier bei sich und die Trauung in der hübschen kleinen Kirche von Montreux. Dieser Wunsch, meinte der Müller, sei unbedingt zu erfüllen; er allein wußte, daß die Patin den Neuvermählten ein Hochzeitsgeschenk zugedacht hatte, das eine solche kleine Gefälligkeit gewiß wert war. Der Tag war festgesetzt. Schon am Vorabend wollten sie nach Villeneuve reisen, um morgens so zeitig nach Montreux überzusetzen, daß die Töchter der Patin die Braut schmücken könnten. »Dann wird die Nachfeier wohl hier stattfinden«, sagte die Stubenkatze. »Sonst gebe ich kein Miau auf das Ganze!« »Hier gibt es ein Festessen«, sagte die Küchenkatze. »Enten sind geschlachtet, Tauben erwürgt, ein ganzes Tier hängt an der Wand. Mir tropft der Zahn, wenn ich das sehe! – Morgen gehen sie auf die Reise.« Ja, morgen! – An diesem Abend saßen Rudy und Babette zum letzten Mal als Verlobte in der Mühle. Draußen glühten die Alpen, die Abendglocke klang, die Töchter der Sonne sangen: »Das Beste geschieht!« XIV Gesichte der Nacht Die Sonne war untergegangen, die Wolken senkten sich ins Rhônetal zwischen den hohen Bergen, der Wind kam von Süden, aus Afrika, über die hohen Alpen geweht, ein Föhn, der die Wolken zerriß. Als er sich ausgetobt hatte, wurde es einen Augenblick lang ganz still. Zwischen den bewaldeten Bergen und über der eilenden Rhône hingen die zerfetzten Wolken als phantastische Gestalten, als Seetiere der Urwelt, schwebende Adler der Lüfte, hüpfende Frösche der Sümpfe; sie senkten sich auf den reißenden Strom, schwammen auf ihm und doch in der Luft. Im Wasser trieb eine entwurzelte Tanne, und was vor ihr wie Strudel aussah, das war der Schwindel, und nicht nur einer, der sich auf dem davonbrausenden Strom im Kreise drehte. Der Mondschein fiel auf die verschneiten Gipfel, die dunklen Wälder und die weißen, seltsamen Wolken, Gesichte der Nacht, Naturkräfte-Geister. Der Bergbauer sah ihre Scharen durch die Fensterscheibe, sie schwammen vor der Eisjungfrau her, die aus ihrem Gletscherschloß erschienen war und auf dem gebrechlichen Schiff einer ausgerissenen Tanne saß, um sich vom Gletscherwasser stromab zum offenen See tragen zu lassen. »Die Hochzeitsgäste kommen!« sauste und sang es in Luft und Wasser. Gesichte draußen, Gesichte drinnen. Babette hatte einen seltsamen Traum. Ihr war, als sei sie Rudys Frau, und das schon seit vielen Jahren. Während er auf der Gemsenjagd war, saß sie daheim, und der junge Engländer mit den vergoldeten Koteletten leistete ihr Gesellschaft. Seine Augen waren so warm, seine Worte hatten Zauberkraft, er gab ihr die Hand, und sie mußte ihm folgen, weg von zu Hause, immer bergab! – Babette spürte eine Bürde auf ihrem Herzen, die immer schwerer wurde, sie versündigte sich an Rudy, sie versündigte sich an Gott. Plötzlich war sie allein und verlassen, ihre Kleider waren von Dornen zerrissen, ihr Haar war grau, und als sie in ihrem Schmerz zum Felsenrand sah, erblickte sie Rudy. – Sie streckte die Arme nach ihm aus, wagte jedoch nicht, ihn zu rufen oder zu bitten, und das hätte ihr auch nichts genützt, denn wie sie bald erkannte, war er es gar nicht. Es war nur sein Alpenstock, behängt mit seiner Jägerjacke und seinem Hut, wie ihn die Jäger aufstellen, um die Gemsen zu täuschen. Und Babette jammerte in grenzenlosem Schmerz: »Oh, wäre ich doch an meinem Hochzeitstag, an meinem glücklichsten Tag gestorben! Herr, du mein Gott, es wäre eine Gnade, ein Lebensglück gewesen! Dann wäre das Beste geschehen, was mir und Rudy geschehen konnte! Keiner weiß seine Zukunft!« Und in gottlosem Schmerz stürzte sie sich in die tiefe Felsenkluft. Eine Saite zerriß, ein Trauerton erklang. Babette erwachte, der Traum war zu Ende – und ausgelöscht. Doch sie wußte, daß es etwas Schreckliches gewesen war, und der junge Engländer war ihr erschienen, an den sie seit ihrer letzten Begegnung vor mehreren Monaten nicht mehr gedacht hatte. Ob er sich wohl in Montreux aufhielt? Würde sie ihn bei ihrer Hochzeit sehen? Ein kleiner Schatten glitt über den feinen Mund, die Stirn runzelte sich, doch bald lächelten und leuchteten ihre Augen wieder – die Sonne schien so schön, und morgen hielt sie mit Rudy Hochzeit. Als sie in die Wohnstube kam, war er schon da, und bald ging es davon, nach Villeneuve. Sie waren so glücklich, die beiden und der Müller auch, er lachte und strahlte und war bester Stimmung; er war ein guter Vater, eine ehrliche Seele. »Jetzt sind wir die Herrschaft im Hause«, sagte die Stubenkatze. XV Das Ende Es war noch nicht Abend, da trafen die drei fröhlichen Menschen in Villeneuve ein und hielten ihre Mahlzeit. Der Müller setzte sich mit seiner Pfeife in den Lehnstuhl und machte ein Nickerchen. Die jungen Brautleute verließen Arm in Arm die Stadt und wanderten den Fahrweg unter den buschbewachsenen Klippen am blaugrünen, tiefen See entlang. Im klaren Wasser spiegelte sich das düstere Chillon mit seinen grauen Mauern und schweren Türmen; die kleine Insel mit den drei Akazien lag näher am Ufer und glich einem Blumenstrauß auf dem See. »Dort drüben muß es zauberhaft sein«, sagte Babette, und wieder wollte sie so gern dorthin, und ihr Wunsch ließ sich sogleich erfüllen. Ein Boot lag am Ufer und war nur recht lose vertäut. Da niemand zu sehen war, den sie hätten um Erlaubnis bitten können, setzten sie sich ohne weiteres hinein, Rudy verstand wohl zu rudern. Wie Fischflossen schnitten die Riemen durch das fügsame Wasser, das so nachgiebig ist und doch so stark; es ist ein ganzer Rücken, um zu tragen, ein ganzer Mund, um zu schlucken, milde lächelnd, die Sanftmut selbst und doch furchterregend und von großer Zerstörungskraft. Das Kielwasser schäumte, in wenigen Minuten hatte das Boot die Insel erreicht, und sie stiegen an Land. Hier war nicht mehr Platz als für ein Tänzchen. Rudy schwenkte Babette zwei-, dreimal herum, dann setzten sie sich auf eine kleine Bank unter hängenden Akazienzweigen, sahen sich in die Augen und hielten sich bei den Händen. Alles ringsum erstrahlte im Glanz der sinkenden Sonne. Die Tannenwälder auf den Bergen färbten sich rotlila wie blühendes Heidekraut, und wo die Bäume aufhörten, war das nackte Gestein so glühend, als wäre der Fels transparent. Die Wolken am Himmel leuchteten wie rotes Feuer, der ganze See glich einem frischen, flammenden Rosenblatt. Die aufsteigenden Schatten ließen die schneebedeckten Savoyer Berge schwarzblau werden, während ihre höchsten Gipfel wie rote Lava schimmerten und noch einmal einen Moment der Gebirgsbildung zeigten, als sich diese Massen, glühend und noch nicht erloschen, aus dem Schoß der Erde hoben. Es war ein Alpenglühen, wie es Rudy und Babette noch nie gesehen zu haben glaubten. Die schneebedeckte Dent du Midi hatte einen Glanz wie die Scheibe des Vollmonds, wenn sie am Horizont heraufsteigt. »So viel Schönheit! So viel Glück!« sagten sie beide. – »Mehr hat die Erde mir nicht zu geben!« sagte Rudy. »Eine Abendstunde wie diese ist doch ein ganzes Leben! Immer, wenn ich mein Glück empfunden habe, wie ich es jetzt empfinde, dachte ich: Wenn jetzt alles zu Ende ginge, wie glücklich hätte ich dann gelebt! Wieviel Segen liegt auf dieser Welt! – Und der Tag ging zu Ende, und ein neuer begann, und den fand ich noch schöner. Der Herrgott ist doch unendlich gut, Babette!« »Ich bin so glücklich!« sagte sie. »Mehr hat die Erde mir nicht zu geben!« rief Rudy aus. Und die Abendglocken erklangen von den Savoyer Bergen, von den Schweizer Bergen, im Westen erhob sich im Goldglanz der schwarzblaue Jura. »Gott gebe dir das Herrlichste und Beste!« rief Babette aus. »Das wird er«, sagte Rudy. »Morgen habe ich es, morgen bist du ganz mein, mein liebe kleine, reizende Frau!« »Das Boot!« schrie Babette im gleichen Moment. Das Boot, das sie von der Insel zurückbringen sollte, hatte sich losgemacht und trieb auf den See hinaus. »Ich hole es«, sagte Rudy, warf seinen Rock ab, riß sich die Stiefel von den Füßen, sprang ins Wasser und schwamm mit kräftigen Zügen hinterdrein. Das klare, blaugrüne Eiswasser des Gletschers war kalt und tief. Rudy blickte hinunter, nur ein einziges Mal, und er glaubte einen Goldring rollen zu sehen, blinkend und blitzend – da dachte er an seinen verlorenen Verlobungsring, und der Ring wurde größer, erweiterte sich zu einem funkelnden Kreis, und in seinem Inneren leuchtete der klare Gletscher. Unendlich tiefe Spalten klafften, und das tropfende Wasser klang wie ein Glockenspiel und leuchtete mit weißblauen Flammen. Rudy sah in einem kurzen Moment, was wir mit vielen langen Wörtern beschreiben müssen: junge Jäger und junge Mädchen, Männer und Frauen, alle einmal in den Gletscherspalten versunken, ganz lebendig, mit offenen Augen und lächelndem Mund. Tief darunter läuteten in begrabenen Städten die Glocken, die Gemeinde kniete im Kirchenraum, Eisstücke waren die Orgelpfeifen, auf denen der Bergstrom spielte. Die Eisjungfrau saß auf dem klaren, durchsichtigen Grund, sie hob sich zu Rudy empor, um seine Füße zu küssen – da fuhr ein tödlicher Eishauch, ein elektrischer Stoß durch seine Glieder – Eis oder Feuer, das läßt sich bei einer kurzen Berührung nicht unterscheiden. »Mein! Mein!« hörte er rufen und in sich eindringen. »Ich habe dich geküßt, als du klein warst, habe dich auf den Mund geküßt. Jetzt küsse ich dich auf Zeh und Ferse, mein bist du ganz!« Und er war im klaren, blauen Wasser verschwunden. Alles war still; die Kirchenglocken stellten ihr Läuten ein, ihre letzten Töne erstarben mit dem Glanz der roten Wolken. »Mein bist du!« klang es in der Tiefe. »Mein bist du!« klang es in der Höhe, aus dem Unendlichen. Wie herrlich, von Liebe zu Liebe, von der Erde in den Himmel zu fliegen! Da zersprang eine Saite, ein Trauerton erklang, der Eiskuß des Todes hatte das Vergängliche besiegt; das Vorspiel war zu Ende, damit das Lebensdrama beginnen, der Mißklang sich in Harmonie auflösen konnte. Nennst du das eine traurige Geschichte? Arme Babette! Für sie war es die Stunde der Angst. Das Boot trieb immer weiter hinaus. Niemand an Land wußte, daß das Brautpaar zu der kleinen Insel gerudert war. Es wurde später, die Wolken sanken herab, die Dunkelheit brach herein. Allein, verzweifelt, jammernd stand Babette da. Ein schreckliches Unwetter drohte am Himmel, über den Jurabergen, über dem Schweizerland und über Savoyen war ein Wetterleuchten; zu allen Seiten Blitz auf Blitz, Donnerschlag auf Donnerschlag, das Dröhnen dauerte minutenlang. Bald war es so hell, daß man wie im Glanz der Sonne zur Mittagszeit jeden einzelnen Weinstock erkennen konnte, und gleich darauf brütete wieder die schwarze Finsternis. Die Blitze bildeten Schleifen, Schlingen, Zickzack, schlugen rundum im See ein und leuchteten allerorten, während der Donner durch das Dröhnen des Echos noch lauter wurde. Auf dem Festland wurden die Boote aufs Ufer gezogen; alles, was lebendig war, suchte Schutz. – Und dann strömte der Regen. »Wo sind denn nur Rudy und Babette bei diesem schrecklichen Wetter?« fragte der Müller. Babette saß da, die Hände gefaltet, den Kopf im Schoß, stumm vor Schmerz, vom Schreien und Jammern. »Im tiefen Wasser!« sagte sie bei sich selbst. »Tief unten, wie unter dem Gletscher, da ist er.« Sie dachte an Rudys Erzählung vom Tod seiner Mutter und seiner eigenen Rettung, wie man ihn als Leiche aus der Gletscherspalte gezogen hatte. »Die Eisjungfrau hat ihn wieder!« Da zuckte ein Blitz, so blendend hell wie Sonnenglanz auf weißem Schnee, und Babette fuhr auf. Im gleichen Moment erhob sich der See wie ein schimmernder Gletscher, da stand die Eisjungfrau, majestätisch, blaßblau, schimmernd, mit Rudys Leiche zu ihren Füßen. »Mein!« sagte sie, und ringsum war wieder Dunkel und Nacht und strömendes Wasser. »Grausam!« jammerte Babette. »Warum mußte er nur sterben, als der Tag unsres Glücks anbrechen sollte! Gott, erleuchte meinen Verstand und leuchte mir ins Herz! Ich begreife deine Wege nicht, irre blind in deiner Allmacht und Weisheit!« Und Gott leuchtete in ihr Herz hinein. Ein Gedankenblitz, ein Strahl der Gnade durchfuhr sie, ihr Traum letzte Nacht, ganz lebendig. Sie entsann sich ihrer eigenen Worte, daß sie für sich und Rudy das Beste wünschte. »Weh mir! War das der Samen der Sünde in meinem Herzen? Habe ich von einem künftigen Leben geträumt, dessen Saite zerreißen mußte, damit ich erlöst würde? Ich Elende!« So jammerte sie in pechschwarzer Nacht. In der tiefen Stille glaubte sie noch einmal Rudys Worte zu hören, die letzten, die er zu ihr gesprochen: »Mehr Glück hat die Erde mir nicht zu geben!« Sie erklangen in der Fülle der Freude, sie wiederholten sich im maßlosen Schmerz. ### Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Der See lächelt, die Ufer lächeln, am Weinstock schwellen die Trauben. Dampfschiffe jagen mit wehenden Fahnen vorüber, Jachten fliegen mit ihren beiden ausgespannten Segeln wie weiße Schmetterlinge über den Wasserspiegel. Die Eisenbahnlinie, die über Chillon und tief ins Rhônetal führt, ist eröffnet. An jeder Station steigen Fremde aus; sie tragen ihr roteingebundenes Reisebuch und lesen sich an, was sie an Merkwürdigem zu besichtigen haben. Wenn sie das Schloß Chillon besuchen, sehen sie die kleine Insel mit den drei Akazien und lesen in ihrem Buch von dem Brautpaar, das in einer Abendstunde des Jahres 1856 dorthin fuhr, vom Tod des Bräutigams, und: »Erst am nächsten Morgen hörte man am Ufer die verzweifelten Schreie der Braut.« Doch das Reisebuch vermeldet nicht, daß Babette seitdem zurückgezogen bei ihrem Vater lebt, nicht in der Mühle, die jetzt Fremde bewohnen, sondern in einem schönen Haus nahe dem Bahnhof. So manchen Abend schaut sie noch vom Fenster über die Kastanienbäume zu jenen Schneebergen hin, wo sich einst Rudy tummelte, und sieht das Alpenglühen. Dort oben lagern sich die Kinder der Sonne und wiederholen das Lied vom Wandersmann, dem der Wirbelwind den Mantel abriß und entführte: Er nahm die Hülle und nicht den Mann. Rosenglanz liegt auf dem Schnee des Gebirges, und Rosenglanz ist in jedem Herzen, das den Gedanken birgt: »Gott läßt das Beste für uns geschehen!« Doch nicht immer wird es uns so offenbart, wie es Babette im Traum widerfuhr. * Ludwig Bechstein Schneeweißchen Es war einmal eine Königin, die hatte keine Kinder und wünschte sich eins, weil sie so ganz einsam war. Da sie nun eines Tages an einer Stickerei saß und den Rahmen von schwarzem Ebenholz betrachtete, während es schneite und Schneeflocken vom Himmel fielen, war sie in so tiefen Gedanken, daß sie sich heftig in die Finger stach, so daß drei Blutstropfen auf den weißen Schnee fielen; und da mußte sie wieder daran denken, daß sie kein Kind hatte. »Ach!« seufzte die Königin, »hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee, so schwarz wie Ebenholz!« Und nach einer Zeit bekam diese Königin ein Kind, ein Mägdlein. Das war so weiß wie Schnee an seinem Leibe, und seine Wangen blüheten wie blutrote Röselein, und seine Haare waren so schwarz wie Ebenholz. Die Königin freute sich, nannte das Kind Schneeweißchen, und bald darauf starb sie. Da der König nun ein Witwer geworden war und kein Witwer bleiben wollte, so nahm er sich eine andre Gemahlin, das war ein stattliches Weib voll hoher Schönheit, aber auch voll unsäglichen Stolzes und auch so eitel, daß sie sich für die schönste Frau in der ganzen Welt hielt. Dazu war sie zumal durch einen Zauberspiegel verleitet, der sagte ihr immer, wenn sie hineinsah und fragte: »Spieglein, Spieglein an der Wand Wer ist die Schönste im ganzen Land?« »Ihr, Frau Königin, seid die Schönst' im Land.« Und der Spiegel schmeichelte doch nicht, sondern sagte die Wahrheit wie jeder Spiegel. Das kleine Schneeweißchen, der Königin Stieftochter, wuchs heran und wurde die schönste Prinzessin, die es nur geben konnte, und wurde noch viel schöner wie die schöne Königin. Diese fragte, als das Schneeweißchen sieben Jahre alt war, einmal wieder ihren treuen Spiegel: »Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönst' im ganzen Land?« aber da antwortete der Spiegel nicht wie sonst, sondern er antwortete: »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, Aber Schneeweißchen ist tausendmal schöner als Ihr.« Darüber erschrak die Königin zum Tode und war ihr, als kehre sich ihr ein Messer im Busen um, und da kehrte sich auch ihr Herz um gegen das unschuldige Schneeweißchen, das nichts zu seiner übergroßen Schönheit konnte. Und weil sie weder Tag noch Nacht Ruhe hatte vor ihrem bösen neidischen Herzen, so berief sie ihren Jäger zu sich und sprach: »Dieses Kind, das Schneeweißchen, sollst du in den dichten Wald führen und es töten. Bringe mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen, daß du mein Gebot vollzogen!« Und da mußte das arme Schneeweißchen dem Jäger in den wilden Wald folgen, und im tiefsten Dickicht zog er seine Wehr und wollte das Kind durchstoßen. Das Schneeweißchen weinte jämmerlich und flehte, es doch leben zu lassen, es habe ja nichts verbrochen, und die Tränen und der Jammer des unschuldigen Kindes rührten den Jäger auf das innigste, so daß er bei sich dachte: »Warum soll ich mein Gewissen beladen und dies schöne unschuldige Kind ermorden? Nein, ich will es lieber laufen lassen! Fressen es die wilden Tiere, wie sie wohl tun werden, so mag das die Frau Königin vor Gott verantworten.« Und da ließ er Schneeweißchen laufen, wohin es wollte, fing ein junges Wild, stach es ab und weidete es aus und brachte Lunge und Leber der bösen Königin. Die nahm beides und briet es in Salz und Schmalz und verzehrte es und war froh, daß sie, wie sie vermeinte, nun wieder allein die Schönste sei im ganzen Lande. Schneeweißchen im Walde wurde bald angst und bange, wie es so mutterseelenallein durch das Dickicht schritt, und wie es zum ersten Male die harten spitzen Steine fühlte, wie die Dornen ihm das Kleid zerrissen, und vollends, als es zum ersten Male wilde Tiere sah. Aber die wilden Tiere taten ihm gar nichts zuleide; sie sahen Schneeweißchen an und fuhren in die Büsche. Und das Mägdlein ging den ganzen Tag und ging über sieben Berge. Des Abends kam Schneeweißchen an ein kleines Häuschen mitten im Walde, da ging es hinein, sich auszuruhen, denn es war sehr müde, war auch sehr hungrig und sehr durstig. Darinnen in dem kleinen, kleinen Häuschen war alles gar zu niedlich und zierlich und dabei sehr sauber. Es stand ein kleines Tischlein in der Stube, das war schneeweiß gedeckt, und darauf standen und lagen sieben Tellerchen, auf jedem ein wenig Gemüse und Brot, sieben Löffelchen, sieben Paar Messerchen und Gäbelchen, sieben Becherchen. Und an der Wand standen sieben Bettchen, alle blütenweiß überzogen. Da aß nun das hungrige Schneeweißchen von den sieben Tellerchen, nur ein klein wenig von jedem, und trank aus jedem Becherchen ein Tröpflein Wein. Dann legte es sich in eins der sieben Bettchen, um zu ruhen, aber das Bettchen war zu klein, und sie mußte es in einem andern probieren, doch wollte keins recht passen, bis zuletzt das siebente, das paßte, da hinein schlüpfte Schneeweißchen, deckte sich zu, betete zu Gott und schlief ein, tief und fest wie fromme Kinder, die gebetet haben, schlafen. Derweil wurde es Nacht, und da kamen die Häuschensherren, sieben kleine Bergmännerchen, jedes mit einem brennenden Grubenlichtchen vorn am Gürtel, und da sahen sie gleich, daß eins dagewesen war. Der erste fing an zu fragen: »Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?« Der zweite fragte: »Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?« Der dritte fragte: »Wer hat von meinem Brötchen gebrochen?« Der vierte: »Wer hat von meinem Gemüslein geleckt?« Der fünfte: »Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?« Der sechste: »Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?« und der siebente fragte: »Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?« Wie die Zwerglein also gefragt hatten, sahen sie sich nach ihren Bettchen um und fragten: »Wer hat in unsern Bettchen gelegen?«, bis auf den siebenten, der fragte nicht so, sondern: »Wer liegt in meinem Bettchen?«, denn da lag das Schneeweißchen darin. Da leuchteten die Bergmännerchen mit ihren Lämpchen alle hin und sahen mit Staunen das schöne Kind und störten es nicht, sondern sie ließen den siebenten in ihren Bettchen liegen, in jedem ein Stündchen, bis die Nacht herum war. Da nun der Morgen mit seinen frühen Strahlen in das kleine, kleine Häuschen der Zwerglein schien, wachte Schneeweißchen auf und fürchtete sich vor den Zwergen. Die waren aber ganz gut und freundlich und sagten, es solle sich nicht fürchten, und fragten, wie es heiße? Da sagte und erzählte nun Schneeweißchen alles, wie es ihm ergangen sei. Darauf sagten die Zwergmännchen: »Du kannst bei uns in unserm Häuschen bleiben, Schneeweißchen, und kannst uns unsern Haushalt führen, kannst uns unser Essen kochen, unsre Wäsche waschen und alles hübsch rein und sauber halten, auch unsre Bettchen machen.« Das war Schneeweißchen recht, und es hielt den Zwergen Haus. Die taten am Tage ihre Arbeit in den Bergen, tief unter der Erde, wo sie Gold und Edelsteine suchten, und abends kamen sie und aßen und legten sich in ihre sieben Bettchen. Unterdessen war die böse Königin froh geworden in ihrem argen Herzen, daß sie nun wieder die Schönste war, wie sie meinte, und versuchte den Spiegel wieder und fragte ihn: »Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönst' im ganzen Land?« Da antwortete ihr der Spiegel: »Frau Königin! Ihr seid die Schönste hier, Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen, Bei den sieben guten Zwergen Das ist noch tausendmal schöner als Ihr!« Das war wiederum ein Dolchstich in das eitle Herz der Frau Königin, und sie sann nun Tag und Nacht darauf, wie sie dem Schneeweißchen ans Leben käme, und endlich fiel ihr ein, sich verkleidet selbst zu Schneeweißchen aufzumachen, und sie verstellte ihr Gesicht, und zog geringe Kleider an, nahm auch einen Allerhandkram und ging über die sieben Berge, bis sie an das kleine, kleine Häuschen der Zwerge kam. Da klopfte sie an die Türe und rief: »Holla! Holla! Kauft schöne Waren!« Die Zwerge hatten aber dem Schneeweißchen gesagt, es solle sich vor fremden Leuten in acht nehmen, vornehmlich vor der bösen Königin. Deshalb sah das Mägdlein vorsichtig heraus, da sah sie den schönen Tand, den die Frau zu Markte trug, die schönen Halsketten und Schnüre und allerlei Putz. Da dachte Schneeweißchen nichts Arges und ließ die Krämerin herein und kaufte ihr eine Halsschnur ab, und die Frau wollte ihr zeigen, wie diese Schnur umgetan würde, und schnürte ihm von hinten den Hals so zu, daß Schneeweißchen gleich der Odem ausging und es tot hinsank. »Da hast du den Lohn für deine übergroße Schönheit!« sprach die böse Königin, und hob sich von dannen. Bald darauf kamen die sieben Zwerglein nach Hause, und da fanden sie ihr schönes liebes Schneeweißchen tot und sahen, daß es mit der Schnur erdrosselt war. Geschwinde schnitten sie die Schnur entzwei und träufelten einige Tropfen von der Goldtinktur auf Schneeweißchens blasse Lippen, da begann es leise zu atmen und wurde allmählich wieder lebendig. Als es nun erzählen konnte, erzählte es, wie die alte Krämersfrau ihr den Hals böslich zugeschnürt, und die Zwerge riefen: »Das war kein anderes Weib als die falsche Königin! Hüte dich und lasse gar keine Seele in das kleine Häuschen, wenn wir nicht da sind.« Die Königin trat, als sie von ihrem schlimmen Gange wieder nach Hause kam, gleich vor ihren Spiegel und fragte ihn: »Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönst' im ganzen Land?« Und der Spiegel antwortete: »Frau Königin! Ihr seid die Schönst' allhier, Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen, Bei den sieben guten Zwergen, Das ist noch tausendmal schöner als Ihr.« Da schwoll der Königin das Herz vor Zorn, wie einer Kröte der Bauch, und sie sann wieder Tag und Nacht auf Schneeweißchens Verderben. Bald nahm sie wieder die falsche Gestalt einer andern Frau an, durch Verstellung ihres Gesichts und fremdländische Kleidung, machte einen vergifteten Kamm, den tat sie zu anderm Kram, und ging über die sieben Berge, an das kleine, kleine Zwergenhäuslein. Dort klopfte sie wieder an die Türe, rief: »Holla! Holla! Kauft schöne Waren! Holla!« Schneeweißchen sah zum Fenster heraus und sagte: »Ich darf niemand hereinlassen!« Das Kramweib aber rief: »Schade um die schönen Kämme!« Und dabei zeigte sie den giftigen, der ganz golden blitzte. Da wünschte sich Schneeweißchen von Herzen einen goldenen Kamm, dachte nichts Arges, öffnete die Türe und ließ die Krämerin herein und kaufte den Kamm. »Nun will ich dir auch zeigen, mein allerschönstes Kind; wie der Kamm durch die Haare gezogen und wie er gesteckt wird«, sprach die falsche Krämerin und strich dem Schneeweißchen damit durchs Haar; da wirkte gleich das Gift, daß das arme Kind umfiel und tot war. »So, nun wirst du wohl das Wiederaufstehen vergessen«, sprach die böse Königin und entfloh aus dem Häuschen. Bald darauf – und das war ein Glück – wurde es Abend, und da kamen die sieben Zwerge wieder nach Hause, hielten das arme Schneeweißchen für tot und fanden in seinem schönen Haar den giftigen Kamm. Diesen zogen sie geschwind aus dem Haar, und da kam es wieder zu sich. Und die Zwerglein warnten es aufs neue gar sehr, doch ja niemand ins Häuschen zu lassen. Daheim trat die böse Königin wieder vor ihren Spiegel und fragte ihn: »Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönst' im ganzen Land?« Und der Spiegel antwortete: »Frau Königin! Ihr seid die Schönst' allhier, Aber über den sieben Bergen, Bei den sieben guten Zwergen Ist Schneeweißchen – tausendmal schöner als Ihr.« Da wußte sich die Königin vor giftiger Wut darüber, daß alle ihre bösen Ränke gegen Schneeweißchen nichts fruchteten, gar nicht zu lassen und zu fassen und tat einen schweren Fluch, Schneeweißchen müsse sterben und solle es ihr, der Königin, selbst das Leben kosten. Und darauf machte sie heimlich einen schönen Apfel giftig, aber nur auf einer Seite, wo er am schönsten war, nahm dazu noch einen Korb voll gewöhnlicher Äpfel, verstellte ihr Gesicht, kleidete sich wie eine Bäuerin, ging abermals über die sieben Berge und klopfte am Zwergenhäuslein an, indem sie rief: »Holla! Schöne Äpfel kauft! Kauft!« Schneeweißchen sah zum Fenster heraus und sagte: »Geht fort, Frau! Ich darf nicht öffnen und auch nichts kaufen!« »Auch gut, liebes Kind!« sprach die falsche Bäuerin. »Ich werde auch ohne dich meine schönen Äpfel noch alle los! Da hast du einen umsonst!« »Nein, ich danke schön, ich darf nichts annehmen!« rief Schneeweißchen. »Denkst wohl gar, der Apfel wäre vergiftet? Siehst du, da beiße ich selber hinein! Das schmeckt einmal gut! So hast du in deinem ganzen Leben keinen Apfel gegessen.« Dabei biß das trügerische Weib in die Seite des Apfels, die nicht vergiftet war, und da wurde Schneeweißchen lüstern und griff nach dem Apfel hinaus, und die Bäuerin reichte ihn hin und blieb stehen. Kaum hatte Schneeweißchen den Apfel auf der andern Seite angebissen, wo er ein schönes rotes Bäckchen hatte, so wurden Schneeweißchens rote Bäckchen ganz blaß, und es fiel um und war tot. »Nun bist du aufgehoben, Ding!« sprach die Königin und ging fort, und zu Hause trat sie wieder vor den Spiegel und fragte wieder: »Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönst' im ganzen Land?« Und der Spiegel antwortete dieses Mal: »Ihr, Frau Königin, seid allein die Schönst' im Land!« Nun war das Herz der bösen Königin zufrieden, so weit ein Herz voll Bosheit und Tücke und Mordschuld zufrieden sein kann. Aber wie erschraken die sieben guten Zwerge, als sie abends nach Hause kamen, und ihr Schneeweißchen ganz tot fanden. Vergebens suchten sie nach einer Ursache, und vergebens versuchten sie die Wunderkraft ihrer Goldtinktur, Schneeweißchen war und blieb jetzt tot. Da legten die betrübten Zwerglein das liebe Kind auf eine Bahre und setzten sich darum herum und weinten drei Tage lang, hernach wollten sie es begraben. Aber da Schneeweißchen noch nicht wie tot aussah, sondern noch frisch wie ein Mägdlein, das schläft, so wollten sie es nicht allein in die Erde senken, sondern sie machten einen schönen Sarg von Glas, da hinein legten sie es und schrieben darauf: Schneeweißchen, eine Königstochter – und setzten dann den Sarg auf einen von den sieben Bergen, und hielt immer einer von ihnen Wache bei dem Sarge. Da kamen auch die Tiere aus dem Walde und weinten über Schneeweißchen, die Eule, der Rabe und das Täubelein. Und so lag Schneeweißchen lange Jahre in dem Sarge, ohne daß es verweste, vielmehr sah es noch so frisch und so weiß aus wie frischgefallener Schnee und hatte wieder rote Wängelein, wie frische Blutröschen, und die schwarzen ebenholzfarbenen Haare. Da kam ein junger schöner Königssohn zu dem kleinen Zwergenhäuslein, der sich verirrt hatte in den sieben Bergen, und sah den gläsernen Sarg stehen und las die Schrift darauf: Schneeweißchen, eine Königstochter – und bat die Zwerge, ihm doch den Sarg mit Schneeweißchen zu überlassen, er wolle denselben ihnen abkaufen. Die Zwerge aber sprachen: »Wir haben Goldes die Fülle und brauchen deines nicht! Und um alles Gold in der Welt geben wir den Sarg nicht her.« »So schenkt ihn mir!« bat der Königssohn. »Ich kann nicht sein ohne Schneeweißchen, ich will es aufs höchste ehren und heilig halten, und es soll in meinem schönsten Zimmer stehen; ich bitte euch darum!« Da wurden die Zwerglein von Mitleid bewegt und schenkten ihm Schneeweißchen im gläsernen Sarge. Den gab er seinen Dienern, daß sie ihn vorsichtig forttrügen, und er folgte sinnend nach. Da stolperte der eine Diener über eine Baumwurzel, daß der Sarg schüttelte und hätten ihn beinahe fallen lassen, und durch das Schüttern fuhr das giftige Stückchen Apfel, das Schneeweißchen noch im Munde hatte (weil es umgefallen war, ehe es den Bissen verschluckt), heraus, und da war es mit einem Male wieder lebendig. Geschwind ließ es der Königssohn niedersetzen, öffnete den Sarg und hob es mit seinen Armen heraus und erzählte ihm alles und gewann es nun erst recht lieb und nahm es zu seiner Gemahlin, führte es auch gleich in seines Vaters Schloß und wurde zur Hochzeit zugerüstet mit großer Pracht, auch viele hohe Gäste wurden geladen, darunter auch die böse Königin. Die putzte sich auf das allerschönste, trat vor ihren Spiegel und fragte wieder: »Spieglein, Spieglein an der Wand, Wer ist die Schönst' im ganzen Land?« Darauf antwortete der Spiegel: »Frau Königin, Ihr seid die Schönst' allhier, Aber die junge Königin ist noch tausendmal schöner als Ihr!« Da wußte die Königin nicht, was sie vor Neid und Scheelsucht sagen und anfangen sollte, und es wurde ihr ganz bange ums Herz und wollte erst gar nicht auf die Hochzeit gehen; dann wollte sie aber doch die sehen, die schöner sei als sie, und fuhr hin. Und wie sie in den Saal kam, trat ihr Schneeweißchen als die allerschönste Königsbraut entgegen, die es jemals gegeben, und da mochte sie vor Schrecken in die Erde sinken. Schneeweißchen aber war nicht allein die allerschönste, sondern sie hatte auch ein großes edles Herz, das die Untaten, die die falsche Frau an ihr verübt, nicht selbst rächte. Es kam aber ein giftiger Wurm, der fraß der bösen Königin das Herz ab, und dieser Wurm war der Neid. * Der große Narr aus Cuasan Irisches Volksmärchen Es lebte einst vor langer Zeit eine arme Witwe, die hatte einen einzigen Sohn. Er hieß Seághan. Er war einfältig, so schrecklich einfältig, daß, wenn er brauchbare Kleidung bekam, er gar nicht diese anzog, sondern das schäbigste Zeug. Seine Mutter hatte in der ganzen Welt nichts weiter zu versehen als zwei Ziegen und in der Zeit des Jahres, da die Binsen schwarz und kahl sind, ein Böckchen. Seághan lebte mit seiner Mutter, wie solche Leute leben: Einen Tag haben sie zu essen, einen Tag zu hungern. Doch ob gute oder schlechte Zeit war, Seághans Pflicht bestand darin, die Ziegen zu hüten. Am Morgen führte er sie hinaus, tagsüber bewachte er sie, und abends brachte er sie heim zum Melken. Eines Tages fiel Schnee. Denn es war Winterzeit. Seághan sollte mit den Ziegen hinaus. Aber als er sah, es hörte nicht auf zu schneien, rannte er heim und ließ die Ziegen zurück. Als die Mutter im Laufe des Tages merkte, daß das Schneetreiben nicht nachlassen wollte, befahl sie Seághan, nach den Ziegen zu sehen. Er sagte, daß es zu kalt sei. Sie riet ihm, sich fest in seinen großen Mantel zu wickeln und dann die Ziegen zu holen, damit sie nicht im Schnee erstickten. Seághan warf seinen Mantel um und ging über die Felder, die Geißen zu suchen. Am Ende der Felder kam er an einen hohen, großen Pfosten, der dort aufgerichtet stand. Aber wegen des darübergewehten Schnees erkannte er ihn nicht, sondern meinte, es wäre ein Mensch. Er ging schnurstracks darauf zu, grüßte ihn und fragte, was für ein Mißgeschick ihn veranlaßte, an einem solchen Schneetage dort zu stehen. Der Pfosten gab keinen Laut von sich. »Ach du Ärmster!« sagte Seághan. »Du tust mir leid. Du bist sicher erstarrt vor Kälte!« Er zog sich den Mantel von den Schultern, stellte sich auf die Zehen und warf seinen Mantel dem Pfosten über. »Der hat dir doch sicher gefehlt«, meinte er und ging dann weiter, den Pfosten hinter sich zurücklassend. Aber der Schnee wehte heftig. Seághan spürte die Kälte, nachdem er seinen großen Mantel los war. Er gab es auf, länger nach den Ziegen Ausschau zu halten, und rannte nach Haus zu seiner Mutter. »Sahst du die Ziegen?« fragte sie. »Nein.« »Wo ist dein Mantel?« »Den warf ich dem großen, alten Mann über, der mitten im Felde stand«, sagte er, »denn der Schnee peitschte ihn. Er tat mir leid.« »Geh, du Narr, und hol deinen Mantel wieder! Beeile dich, damit er dir nicht verlorengeht.« »Wirklich, nein!« gab Seághan zur Antwort. »Denn er hat ihn nötiger als ich.« Da hob die Mutter die Feuerzange und schlug Seághan damit ein paarmal über die Beine. Und da er weder Schuh noch Strümpfe anhatte, tat es ihm ganz schön weh. Heulend lief er zur Tür hinaus und wieder durch die Felder hin bis an den Fleck, an dem der Pfosten stand. Er war noch immer dort. Aber der Wind hatte den Mantel schon vor einem Weilchen in den Schnee geblasen, er war natürlich überweht, als Seághan kam. Er ergriff und schüttelte ihn: »Du verwünschter, häßlicher Stumpf!« schrie er den Pfosten an. »Warum gehst du so mit meinem Mantel um!« Der Pfosten gab keinen Laut von sich, und Seághan trat ein paar Schritte zurück. »Ich will dich schon zum Reden bringen, du häßlicher Stumpf. Was du für ein Kerl bist!« rief Seághan, rannte mit einer Schulter gegen ihn an und warf ihn um. »Nun hast du genug!« meinte er und blickte auf ihn nieder, wie er am Boden lag. Er merkte, der Alte rührte sich nicht, und so hielt er ihn für tot. Da sah er auf den Fleck, an dem er gestanden hatte, und entdeckte dort lauter hübsche Steinchen. Seaghan breitete seinen Mantel aus, bückte sich und sammelte all die Steinchen auf, bis er den Mantel bis obenhin gefüllt hatte. Dann faltete er ihn darüber zusammen und warf die Last über die Schulter. So trat er bei seiner Mutter ein. »Nun, Seághan, Liebling«, sagte sie, »was hast du da?« »Ich weiß es nicht«, sagte er, »aber ich habe ein paar sehr hübsche Steinchen.« »Zeige sie mir doch!« Er tat es. »Woher hast du sie, Seághan?« fragte sie aufgeregt, denn sie erkannte: Die Steinchen waren Gold! »Als ich diesmal herauskam, Mutter, hatte der Alte meinen Mantel abgeworfen, unten auf die Erde hin! Ich fragte ihn, warum. Er gab mir keine Antwort. Ich stieß ihn mit Händen und Füßen und warf ihn um. Als er umfiel, lagen unter ihm, dort, wo er gestanden hatte, all diese Steinchen.« »Ach, Seághan, liegt dort noch mehr davon?« fragte sie. »Viel!« antwortete er. »O mein Liebling, komm und zeige mir den Ort!« sagte die Mutter. Sie eilten beide zusammen an die Stelle, wo der umgefallene Pfosten lag. Dort waren noch eine Menge Steinchen. Sie sammelten alles auf, was sie fanden, und brachten es heim. In ihrem Hause stand eine alte Truhe – sonst hatten sie kein Möbelstück weiter – diese öffneten sie und schütteten alles Gold hinein. »Hör, Seághan«, sagte die Mutter, »wenn du irgend jemand erzählst, daß wir das hier fanden, dann zerschlage ich dir die Beine mit der Feuerzange.« »Ich will's gewiß nicht tun«, sagte er, »denn mir tun die Beine schon weh genug.« Mittlerweile war es natürlich Nacht geworden, und Seághan sagte seiner Mutter, sie sollte ihm Abendbrot geben, damit er schlafen gehen könnte. Er bekam es. Nach dem Essen befahl ihm die Mutter, vor dem Zubettgehen die Ziegen zu holen. Weinend machte er sich auf, denn ihm waren die Beine kalt. Er suchte lange, bis er die Geißen fand, und brachte sie heim. Dann wusch er sich die Füße und ging schlafen. Als er am nächsten Morgen aufstand, lag Schnee. Die Mutter trieb ihn an, die Ziegen auszuführen und zu hüten. Er ging, kam aber nicht weit. Ihn fror zu sehr, darum kehrte er um und sagte, er wollte nicht wieder bis zur Nacht draußen bleiben. Seine Mutter ergriff die Feuerzange und versetzte ihm damit ein paar Hiebe. So brachte sie ihn hinaus. Sie fürchtete nämlich, sie kämen irgendeinem Nachbarn ins Gehege und man könnte sie deshalb bestrafen. Weinend ging Seághan fort. Nicht weit von zu Hause fiel ihm der Alte ein, den er tags zuvor auf dem Felde umgeworfen hatte. Er wollte hingehen und sehen, ob er tot oder lebendig war. Als er auf das betreffende Feld kam, auf dem der Alte lag, erblickte er bei ihm einen vornehmen Mann mit der Jagdflinte. Dieser besah sich den Pfosten und wunderte sich, was ihn umgeworfen haben konnte. Er wollte sich gerade wieder fortwenden, als Seághan auf ihn zu trat. »Lebt er noch, Herr?« fragte er. »Wer?« fragte der Edelmann. »Ich weiß nicht, wer er ist, wenn du es nicht weißt«, sagte Seághan. »Wer sollte denn leben?« fragte der Herr. »Der Stumpf da von Mensch, der dort ausgestreckt liegt«, erwiderte Seághan. »Weißt du denn, was ihn umwarf?« fragte der Herr. »Sogar sehr gut! Ich tat es selber.« »Warum denn?« »Gestern kam ich heraus«, fing Seághan an, »um nach meinen Ziegen zu sehen, und da fand ich den dort mitten im Felde stehen. Der Schnee wehte über ihn, und er tat mir leid. Ich nahm meinen Mantel und warf ihm den um. Dann ging ich heim. Als ich nochmals herkam, hatte er meinen Mantel fortgeworfen, von oben herunter in den Schnee! Ich fragte ihn, warum er das getan hatte. Er gab mir keine Antwort, da machte ich mich an ihn heran so – mit der Schulter – und stieß ihn hin. Und da lagen, wo er gestanden hatte, lauter hübsche Steinchen.« »Und wo sind diese nun?« fragte der Herr. »Ich brachte meinen Mantel voll davon nach Hause zu meiner Mutter, und sie tat alle in die Truhe. Dann ging sie selbst hinaus mit mir, um davon mehr zu holen. Und diese taten wir auch in die Truhe, mit den andern zusammen.« »Wo ist deine Mutter?« »Zu Hause.« »Komm, wir gehen zusammen hin zu ihr«, sprach der Edelmann. »Ja, kommt!« sagte Seághan. Er war froh, eine Entschuldigung zu haben, um aus dem Schnee zu kommen. Sie gingen zum Hause der armen Frau. Der Herr grüßte sie, und sie erwiderte den Gruß. »Wo sind die Steinchen, die ihr gestern zusammen hereinbrachtet?« fragte der Herr die alte Frau. »Oh, in der Truhe, Herr«, gab sie zur Antwort. »Gib sie mir heraus.« »Ich kann nicht«, erwiderte sie. »Weißt du«, sprach er, »daß ich der Eigentümer des Landes bin?« »Ach nein, Herr.« »Ja«, sagte er, »ich. Und mir gehört jeder Schatz in diesem Boden, und nun gib mir die Steinchen in der Truhe, oder ich erschieße dich hier mit dieser Flinte!« »Aber wirklich, ich kann sie nicht herausholen, denn die Truhe ist zu tief. Nehmt selbst hier das Bänkchen dort unter die Füße. Vielleicht könnt Ihr sie dann herausheben.« Er tat es, stellte sich auf das Bänkchen und bückte sich zur Truhe nieder, um die Steinchen zu fassen. Gerade als er sich hinunterbeugte, gab die Frau dem Manne einen Schlag auf den Hinterkopf, und er fiel in die Truhe hinein und war tot. Sie machte die Truhe über ihm zu und ließ ihn dort liegen, bis es dunkelte. Als es Nacht geworden war, rief sie Seághan, und die beiden zogen den Gutsherrn aus dem Kasten. Die Frau wand einen starken Strick um ihn und befahl Seághan heranzutreten, damit sie ihm den Leichnam auf den Rücken binden konnte. »Was machen wir nun, Mutter?« fragte er, mit dem Herrn auf dem Rücken. »Wir wollen nordwärts bis nach Portach an Caoil«, sagte sie, »und dort setzen wir ihn ab.« Beide machten sich zusammen auf den Weg, bis sie in Portach anlangten. Sie entdeckten ein Moorloch im Gehölz. In dies stellten sie die Leiche und bedeckten sie mit Wasser und Schlamm. »Nun komm heim, Seághan«, sagte die Mutter, und beide gingen. Als sie zu Hause beim Feuerherd anlangten, packte ihn die Mutter am Schopf und ergriff dazu die Feuerzange. So zerrte sie ihn durch das Haus. »Wenn du über dich und mich das Elend bringst, irgendeiner lebenden Seele zu erzählen, daß wir den Edelmann töteten, wie du es ausgeschwätzt hast, daß wir die Steine an uns nahmen – reiße ich dir die Seele mit der Feuerzange aus dem Leib!« »Wirklich und wahrhaftig, ich will es nicht tun!« rief Seághan. »Du hast es nicht mehr nötig, es mir zu sagen. Ich habe schon genug von der Zange und bin mürbe von dem Mann. Gib mir seinetwegen nicht noch mehr. Ich will ins Bett gehen.« Er tat es, und die alte Frau blieb am Herd sitzen. Als sie merkte, daß Seághan fest schlief, raffte sie sich auf und eilte hinaus ins Freie. Sie ging zu den Ziegen. Ihren Stock hatte sie bei sich. Sie nahm das Böckchen, schlug es tot, ergriff es an beiden Hörnern und warf es sich auf den Rücken. Dann ging sie fort und hielt nicht eher an, als bis sie bei dem Moorloch anlangte, in dem der vornehme Mann stak. Sie hob ihn aus dem Loch und steckte dafür das Böckchen hinein. Nachdem sie es gut bedeckt hatte, zog sie mit dem Toten ab und brachte ihn an anderer Stelle unter. Denn sie traute Seághan nicht und fürchtete, er könnte doch verraten, daß sie den Edelmann getötet hatte. Danach kehrte sie erleichtert heim und ging schlafen. Am andern Morgen ging sie selbst mit den Ziegen hinaus, ohne daß Seághan darum wußte. Als es dann etwas später am Tage war, befahl sie ihm, nach den Ziegen zu sehen. Seághan erklärte, ihm seien die Füße wund nach der letzten Nacht, sie sollte lieber selbst nachsehen. Sie griff wieder nach der Zange. Und da diese ihm nicht nahe kam, ohne ihm Entsetzen einzuflößen, lief er zur Tür hinaus, als er sie nur sah. Etwa zwei Felder von dem Hause entfernt bemerkte er eine Menge Männer, die durch die Gegend streiften. Er ging quer hinüber zu ihnen und stellte sich vor sie hin. »Saht ihr irgendwo meine kleinen Ziegen?« fragte er. »Nein«, antworteten sie. »Sahst du irgendwo unsern Herrn?« »Wohin ist er gegangen?« fragte er. »Das wissen wir nicht. Aber gestern morgen ging er auf Vogeljagd. Seitdem sahen wir ihn nicht wieder.« »Vielleicht ist er der vornehme Herr, den meine Mutter gestern tötete«, meinte Seaghan. »Wo tötete sie ihn?« fragten sie. »Drinnen im Hause.« »Wie denn?« »Durch einen Schlag mit dem Stock«, war die Antwort. »Warum tötete sie ihn?« »Weil wir hübsche Steinchen fanden, meine Mutter und ich«, erwiderte Seághan, »und er sie uns wegnehmen wollte.« »Ach sicher, das ist doch ein Narr«, sprach einer der Männer. »Glaubt ihm nichts von alledem, was er sagt!« »Glaubt's nicht, wenn's euch gefällt«, meinte Seághan. »Mir ist das recht.« »Warum denn?« fragte einer. »Weil mich meine Mutter töten würde, wenn ich's erzählte, daß sie den Edelmann totschlug.« »Wo ist er nun?« fragte ein anderer. »Nordwärts, in Portach an Caoil, in ein elendes Loch gesteckt«, gab Seághan zurück. »Und ich bin mürbe und zerschlagen, seit ich ihn gestern abend nordwärts brachte.« »Zeig uns doch das Loch, Seághan«, sagte einer. »Bei meinem Wort, nein, das tu ich nicht«, sagte Seághan. »Dann bringt mich meine Mutter mit der Feuerzange um.« »Einer der Männer zog drei rote Pennies aus der Tasche. »Soviel gebe ich dir, Seághan«, sagte er, »wenn du mir das Loch zeigst, in dem der Herr steckt.« Seághan hatte großes Verlangen, die Pennies zu besitzen, und war bereit, den Weg zu zeigen. Aber die Pennies sollte man ihm vorher geben. Er bekam sie auch. Dann lief er vor den Männern her, und alle folgten ihm, bis er vor dem Loche haltmachte. »Hier habt ihr's!« sagte Seághan und zeigte auf das Loch. Sie hatten gar nicht Lust, den vornehmen Mann aus dem Schlamm zu heben, und fürchteten auch, Seághan hielt sie zum Narren. »Steige du hinab, Seághan«, meinte einer, »und zieh ihn uns heraus.« »Auf mein Wort, nein!« sprach Seághan. »Denn das war nicht unser Handel, sondern nur, daß ich euch die Stelle zeigen sollte. Und nun zieht ihn euch selbst heraus, oder laßt ihn drin!« Der Mann, der Seághan drei Pennies gegeben hatte, zog drei andere Pennies hervor und zeigte sie ihm. »Soviel geb ich dir, Seághan, wenn du ihn herausholst.« Der sprang hoch vor Freuden, als er das Geld sah. »Zuerst das Geld!« sagte er. Der Mann gab es ihm, und Seághan sprang ins Loch. Gebückt begann er mit den Händen zu wühlen. Das erste, auf das er stieß, waren die Hörner des Böckchens, und er hob den Kopf: »Hatte euer Herr Hörner?« fragte er. »Ich hab's ja gewußt«, sagte einer der Männer, »daß Seaghan zu schlau für euch war.« »Suche besser, Seághan!« meinte ein anderer. Er gehorchte. Das zweite, was er fand, war der Ziegenbart des Böckchens. Seághan hob den Kopf und sah die Männer an: »Hatte euer Herr einen Ziegenbart?« fragte er. »Laß du nun bald dein dreistes Hin- und Herfragen mit uns«, fuhr ihn der Mann an, der ihm das Geld gegeben hatte. »Zieh ihn zu uns herauf!« Seághan packte Hörner und Bart des Ziegenbockes, zog ihn mit einem Ruck herauf und warf ihn den Leuten auf den Sand. »Da habt ihr ihn!« sagte Seaghan. »Und ihr habt nicht mehr viel von ihm.« »Meiner Treu! Das ist nicht unser Herr!« rief der Mann, der Seághan Geld gegeben hatte, als er erkannte, was dieser aus dem Loche warf. »Mir ist's gleich, verdammt noch mal, wer das ist oder nicht ist!« sagte Seághan. »Ich will ihn aber nicht länger suchen.« Damit sprang er aus dem Loch und blickte auf das, was er soeben herausgeworfen hatte. Er erkannte sein eigenes Böckchen, rang die Hände und begann zu wehklagen: »Mag der Teufel euren Herrn holen!« rief er aus. »Es war böse von ihm, daß er kam und mein Böckchen tötete und es dann an seiner Stelle ins Loch warf.« Er weinte sich satt über sein Böckchen, während alle die Männer, über sich selbst ärgerlich, davongingen und den Jammernden zurückließen. Ein Weilchen später nahm Seághan sein Böckchen auf den Rücken und kehrte weinend zu seiner Mutter heim. »Sieh nur, Mutter«, begann er, »was der Edelmann gestern abend tat. Er mordete unser Böckchen und warf's an seiner Stelle ins Loch.« »Aber was für ein Unglück?« fragte die Mutter. »Und Seághan«, fügte sie bei sich selbst hinzu, »dir will ich auch nie mehr trauen!« Dann gab sie ihm drei rote Pennies und sagte, er solle gehen und nicht mehr zu ihr wiederkommen. Darüber weinte er heftig. Er wollte nicht fort und wollte auch nie mehr andern Leuten sagen, was sie ihm zu sagen verbot. Es fiel ihm nicht ein, ihr zu gehorchen und zu gehen, bis sie schließlich zur Feuerzange griff und ihm damit einen Hieb über seine Schenkel versetzte, mit dem Befehl, sich schleunigst auf die Beine zu machen und ihr für immer aus dem Wege und aus den Augen zu gehen. Da mußte der arme Seághan gehen. Eine ganze Woche lang reichten die Geldstücke aus, die er besaß, um sich damit etwas zu essen zu kaufen, ohne daß er bei jemand zu betteln brauchte. Er ging immer geradeaus den Weg, ohne zu wissen, wohin in aller Welt. Schließlich traf er einen Farmer, der zwölf Kühe hütete und ein kleines Lämmchen. Der Farmer grüßte Seághan, und er grüßte auch. »Was für einer bist du?« fragte der Farmer. »Ein Mensch wie ein anderer«, gab Seághan zur Antwort. »Oder siehst du etwas Absonderliches an mir?« »Ich sehe gar nichts«, meinte der Farmer. »Aber wissen möchte ich, ob du ein Knecht bist, der einen Herrn sucht, oder ein Herr, der einen Knecht sucht.« »Ich habe keine Arbeit für Knechte«, sagte Seághan. »Hättest du Arbeit für einen Herrn?« fragte der Farmer. »Ja«, antwortete Seághan, »wenn ich genug von ihm zu essen kriege.« »Was möchtest du denn essen?« »Etwas Hafermehl zu jeder Mahlzeit«, sprach Seághan. »Und wie viele Mahlzeiten am Tage?« fragte der Farmer. »Zwei«, war Seághans Antwort. »Die sollst du haben«, sprach der Farmer. »Was habe ich zu tun«, fragte Seághan, »wenn ich mich bei dir als Knecht verpflichte?« »Hier, diese zwölf Kühe sind zu weiden und das kleine Lämmchen.« »Das will ich gut besorgen«, sprach Seághan, »wenn ich einen Stock von dir bekomme.« »Der ist leicht zu haben«, sagte der Farmer. »Wie heißt du?« »Meine Mutter daheim nannte mich Seághan.« »So. Dann komm mit, Seághan, wo nun die Sache abgemacht ist«, sprach der Farmer, und die beiden gingen miteinander zum Haus des Farmers. »Was hast du da für einen Menschen?« fragte ihn seine Frau. »Einen Kuhhirten«, war die Antwort. »Da hast du aber einen sauberen«, meinte sie. »Ich bin gerade so sauber wie du«, sagte Seághan, »und laß dir das gleich sein, wie ich bin, wenn ich für dich arbeite. Aber gib mir etwas zu essen, ich habe Hunger.« Sie tat, als bemerkte sie ihn gar nicht. »Siehst du mich, Frau?« fragte Seághan. Sie gab keine Antwort, sondern ging durchs Haus, ihrer Arbeit nach. »Krieg ich was zu essen, Herr?« fragte Seághan. »Du sollst dein Essen haben«, sagte der Farmer und ging, um ihm etwas Hafermehl zu geben. Seághan aß es trocken auf. Dann eilte er hinaus, und sein Herr folgte ihm. »Gib mir einen Stock«, sagte Seághan. Der Farmer ging ins Haus zurück und brachte zwei oder drei Stöcke heraus. »Da, Seághan!« sagte er. »Wähle dir einen davon!« Seághan nahm den, der ihm am besten in die Hand paßte, und schüttelte ihn. Er brach gleich in Stücke. »Es taugt keiner davon recht was!« meinte Seághan. Der Herr ging zum zweitenmal ins Haus und brachte eine Axt an. »Da!« sagte er. »Geh und schneide dir selbst einen Stock, wie er dir gefällt.« »Nein«, sagte Seághan, »sondern geh zur Schmiede und mach mir einen Stock.« »Was für einen?« fragte der Herr. »Einen Eisenstab von sechs Fuß Länge«, gab Seághan ihm an, »und der Stock soll vierzehn Pfund Stahl schwer sein.« Der Herr ging fort, ließ einen solchen Stab machen und gab ihn am Abend Seághan. Der ergriff und schüttelte ihn. »Mir scheint's, der wird seine Arbeit schaffen«, sprach er. Als Seághannun am nächsten Morgen aufstand, sagte ihm sein Herr, er sollte einen Korb Torf hereinholen. Er aber antwortete, er wäre zu keiner anderen Arbeit da als zum Kuhhüten, »und«, fügte er hinzu, »mein Abendbrot war mir gestern nacht nicht eben freundlich gewährt.« Als Seághan gefrühstückt hatte, sagte sein Herr: »Nun komm, Seághan, daß ich dir zeige, wohin du die Kühe führen sollst.« Sie schritten beide hinaus. Seághan vergaß nicht seinen Stock. Der Herr zeigte ihm dann den Weideplatz der Kühe. »Und nun, Seághan«, sagte er, »will ich dir noch eins sagen: Laß keine Kuh dort hinten in den Wald hinein. Denn tust du das, kriegst du sie nicht mehr wieder und ich ebensowenig wie du.« »Was gibt's dort im Walde, das sie mir nehmen könnte?« fragte Seághan. »Drei Riesen«, gab der Farmer zur Antwort, »und jede Kuh, die in den Wald läuft, behalten sie. Zwanzig Kühe habe ich innerhalb eines Jahres verloren, und du kannst mir glauben, daß mich dies sehr geschädigt hat.« »Sicher«, meinte Seághan. Er ging nun mit den Kühen bis an den Wald und betrachtete ihn genau, auch die Umzäunung. An dem Tag ließ er keine Kuh ins Gehölz hinein, sondern brachte alle heim, ohne daß eine fehlte. Der Farmer war ihm sehr dankbar, daß er das Vieh so gut gehütet hatte. Er gab ihm dann sein Abendbrot. Am nächsten Morgen ging Seághan wieder aus mit den Kühen. Sein Herr folgte ihm. »Hör«, sagte er, »hier nahebei ist der Königspalast. Ich bekam Botschaft, mich heute dorthin zu begeben. Nun komm du mir mit keiner Entschuldigung, wenn heute abend nicht alle Kühe da sind!« »Keine Angst!« sprach Seághan. »Ich bring sie dir allesamt wohlbehalten wieder.« Der Herr ließ ihn allein zurück, und Seághan ging mit den Kühen bis an den Wald. Da er nun wußte, sein Herr war tagsüber nicht zu Hause, öffnete er ein Gatter in der Umzäunung zum Walde und ließ alle Kühe hinein. Als er kurze Zeit mit ihnen darinnen war, hörte er am Waldboden ein Geräusch, Gedröhn und Gepolter näherte sich. Es krachte im trockenen Gehölz von dem großen Riesen mit den drei Hörnern auf drei Köpfen, die auf drei langen, fetten Hälsen auf einem Körper saßen. »Verwünschter Wicht, du abscheulicher«, sagte der Riese, »was brachte dich her in meinen Obstgarten? Wie soll ich dir dafür heimzahlen?« »Auf mein Wort«, erwiderte Seághan, »die Weise, wie du mir heimzahlst, ist wohl die, daß ich's dir heimzahle.« »Je nun, da du so hoffnungsvoll bist«, meinte der Riese, »will ich dir das Heldenrecht lassen. Was ziehst du vor, ein hartes, wildes Ringen oder ein gründliches, tüchtiges Rippenstechen?« »Ich mag keins von beiden lieber.« »Ja, was denn?« fragte der Riese. »Mir ist mein Stock das liebste«, meinte Seághan. »Nun denn, schön«, sprach der Riese und machte sich mit seinem Schwert an Seághan heran. Dieser sprang beiseite, als er auf ihn einzuhauen versuchte. Mit einem zweiten Sprung näherte er sich dem Riesen wieder und schlug mit dem Stock auf ihn ein, ehe der andere Zeit hatte, nochmals auf ihn loszugehen. Seághan warf ihn nieder. »So«, meinte er, »von all der Prahlerei, die lange in dir steckte, bist du doch hübsch zahm, und jetzt will ich dir, wie mir's gefällt, die Köpfe abhauen.« »Beraube mich nicht meiner Köpfe und meiner Lebenskraft«, bat der Riese. »Ich will dir auch mein schlankes braunes Pferd geben und die Waffenrüstung mit Rock und die Zaubergerte, die hier in meinem Ohrloch steckt.« »Gib mir die Zaubergerte!« befahl Seághan, und er tat es. »Was kann die zaubern?« fragte er. »Wenn dir Waffenrüstung und Rock abhanden gekommen sind«, sagte der Riese, »kann sie dir die Gegenstände wieder herbeizaubern, sobald du dich mit dem Zauberstab selbst berührst.« »Deine Zaubergerte sowie deine Köpfe sind mein!« und sofort schlug Seághan mit einem Hiebe seines Stocks auf die drei Köpfe und Hälse des Riesen und trennte sie ab. Dann zog er eine Weißdornrute durch die Backen der drei Köpfe und hing sie oben auf einen Baumast. Darauf ging er zu seinen Kühen und trieb sie aus dem Walde. Denn er fürchtete, daß sie zuviel Gras gefressen hatten. Der Graswuchs war nämlich sehr üppig. Er brachte sie heim, denn sie waren sonst in Gefahr zu platzen. Der Herr kam nach Hause und fragte ihn, ob er noch alle Kühe beisammen hätte. Er sagte: »Ja.« »Du bist ein guter Kuhhirt!« meinte der Farmer. »Nein«, sagte Seághan, »denn ich habe Hunger. Gib mir mein Abendbrot.« Der Herr gab es ihm, und Seághan ging schlafen. Als Seághan am andern Morgen die Kühe hinaustrieb, sagte der Farmer, er müßte auch heute zum König. Er hoffe, daß Seághan gut auf die Kühe aufpaßte. »Oh, hab keine Angst, was die Kühe betrifft«, gab Seághan zur Antwort und zog mit dem Vieh ab. Sobald er merkte, sein Herr war fort, trieb er die Herde wieder in den Wald. Nicht lange, so vernahm er wieder das Poltern und Krachen abgebrochener Bäume. Sie wurden niedergerissen von dem Riesen mit fünf Hörnern auf fünf Köpfen, die ihm auf fünf fetten, langen Hälsen am Leibe saßen. Er kam auf Seághan zu. »Warst du gestern hier, du häßliches, kleines Ungeheuer?« fragte der Riese. »Und hast du meinen kleinen Bruder getötet? Er war nach draußen gesetzt, um den Obstgarten zu sehen, und fiel aus Mangel an Kraft aus seiner Wiege.« »Ihr hattet ein niedliches Wiegenkind«, sagte Seághan. »Wie alt war er denn?« »Nur erst dreihundert Jahre«, antwortete der Riese. »Na, wie alt bist du denn?« fragte Seághan. »Fünfhundert Jahre.« »Da bist du alt genug zum Sterben«, meinte Seághan. »Wahrhaftig, ich will dich erst töten«, gab der Riese zurück. »Hüte dich!« sagte Seághan. »Der von gestern machte ebensoviel Lärm.« »Laß du dein neckisches Plaudern mit mir«, rief der Riese. »Sage lieber, was du willst, ein hartes Ringen oder ein gründliches, tüchtiges Rippenstechen mit den scharfen blauen Schwertern?« »Mir ist mein Stock das liebste«, sagte Seághan. »Gut! Nimm den!« Und der Riese machte sich an Seághan heran mit seinem Schwerte. Doch der fing im rechten Moment den Hieb mit dem Stock auf. Der Riese versuchte nochmals auf ihn einzuhauen, und zwar auf seine Beine. Das brachte Seághan die Feuerzange in Erinnerung. Er flüchtete vor dem Riesen und lief durch den Wald. Nichts in der Welt nämlich versetzte ihn dermaßen in Schrecken, als wenn es jemand auf seine Schenkel abgesehen hatte wie seine Mutter. Bald hatte ihn der Riese mit großem Geschrei eingeholt. Als Seághan glaubte, der Riese war nahe herangekommen, drehte er sich plötzlich um und schlug mit einem Hieb auf ihn zurück, um sich selbst zu schützen. Er warf den Riesen zu Boden. Als er ihn dort liegen hatte, wandte er sich zu ihm und wurde sehr mutig. Er lief und sprang über den Boden weg, hieb ein zweites Mal auf den Riesen und streckte ihn völlig nieder. »Köpfe ab – du abscheulicher Kämpe«, rief Seághan. »Tu's doch nicht«, bat der Riese. »Raube mir nicht die Köpfe und das Leben. Ich will auch ewig dein Diener sein. Und ich schenke dir mein rotohriges braunes Pferd, das dich heil aus jedem Kampfe trägt, und meine Waffenrüstung und Gewandung obendrein.« »Wo hast du das?« fragte Seághan. »Dahinten in meinem Stall.« »Sie und deine Köpfe sollen mein sein!« Und damit schlug Seághan auf ihn los und hieb ihm die fünf Köpfe ab. Er nahm einen Weißdornstock, zog ihn durch die Wangen der fünf Köpfe und hing sie hoch oben auf einen andern Baumast. Dann trieb er wieder seine Kühe heimwärts. Sie hatten sich den Tag über dick und voll gefuttert. Seághan war hungrig, als er nach Hause kam. Trotzdem gab ihm die Herrin nichts zu essen. Erst spät in der Nacht kehrte der Herr heim und fragte Seághan nach den Kühen, ob alle da wären. Er sagte ja, aber seine Herrin verdiente es gar nicht, daß er sie ihr zurückbrachte. Denn noch hätte er kein Abendessen bekommen. »Du sollst es nun haben«, sagte sein Herr, und er bekam es auch. Als Seághan am nächsten Morgen die Kühe austrieb, folgte ihm der Farmer und sagte, er müßte heute wieder zum Königshause – er sollte wieder die Kühe hüten, »und ich bin dir sehr dankbar«, schloß er. »Oh, hab keine Angst«, meinte Seághan. Der Herr ging – während er das Vieh in den Wald trieb, diesmal ein Stückchen tiefer, da ihn nichts mehr in Furcht setzte. Nach den vollbrachten Heldenstücken der beiden Tage vorher war er hochgemut. Er war noch nicht lange im Gehölz, als er ein Getöse hörte. Das war doppelt so laut wie in den vergangenen Tagen. Er blickte sich um und sah bald eine alte Frau kommen. Sie hatte ein gefährliches Aussehen: Zwei rotflammende Augen hatte sie, und das Haar stand ihr steil hoch wie Schwerter. »Verwünschter Wicht, du garstiger!« rief sie. »Bist du es, der meine beiden Söhne umbrachte, gestern und vorgestern?« »Ja, und ich werde dich heute umbringen!« Sie ließ ihn gar nicht weiterreden, sondern rannte auf ihn los, und nun erst bemerkte er genauer, wie sie aussah und was sie gegen ihn vorhatte. Sechs Fuß lang war jeder Fingernagel an ihr. Bis zur Spitze war jeder sieben Pfund schwer. Sie versuchte, ihn zwischen ihren Klauen zu erfassen. Hätte sie ihn greifen können, sie hätte ihn mit den Nägeln quer durchbohrt, von einer Seite bis zur andern. Er war auf der Hut, sich mit seinem Stock gegen sie zu wehren, und sprang hin und her, während ihn die Alte dauernd verfolgte. So waren sie zwei Stunden lang bemüht, sich gegenseitig zu packen. Seághan war schon ganz mürbe. Hände und Nägel der Alten waren für seinen Stock zu lang, er konnte sie nicht treffen mit seinen Hieben. Indem er verzweifelt um sich guckte, entdeckte er in einiger Entfernung eine dicke Eiche. Mit einem Sprung war er dort und stellte sich dahinter. »Nun, du garstige Alte«, sagte er, »sicher kannst du jetzt nicht an mich kommen!« Mit einem Sprung setzte die Alte zu ihm hinüber. Sie wollte ihre Nägel durch Seághan stechen, quer durch den Baum. Indem sie sich auf ihn zuwarf, sprang er auf die andere Seite des Baumes. Da die Alte ihre Nägel mit aller Kraft bis zur andern Seite des Baumes hindurchgebohrt hatte, konnte sie sie nicht herausziehen. Seághan stand jenseits, und sobald er gesehen hatte, wie die Nägel am andern Ende des Baumes herausstaken, bog er sich vor und klopfte mit seinem Stock tüchtig darauf, bis alle festgeschlagen waren. »Nun, Alte«, sagte er, »was kannst du jetzt machen?« Da riß sie – man denke nur! – den Baum mit den Wurzeln aus! Als er das merkte, schlug er mit dem Stock auf sie los. Beim Hinfallen riß sie den Baum ganz und gar mit den Wurzeln aus, und so schlug sie mit dem Baume lang zu Boden. »Nun will ich dir in aller Ruhe den Kopf abhauen«, sagte Seághan. »Tu's nicht!« bat sie. »Ich gebe dir auch mein weißes schlankes Pferd, das so weiß leuchtet wie Schnee – und meine Waffenrüstung und Gewandung, die in keiner Schlacht Mißgeschick haben. Mein halbes Königreich gebe ich dir jetzt und mein ganzes nach meinem Tode.« »Das alles werde ich haben und deinen Kopf dazu, Alte«, sprach er, streckte sich und schlug ihr mit seinem Stock das Haupt ab. Dann zog er eine Weißdornrute durch ihre Wangen und hing den Kopf oben auf einen Baumast. Danach trieb er die Kühe heim. Das kleine Schaf war übermütig geworden nach dem üppigen Grasfutter des Waldes. Als die Kühe in der Nähe des Feldes waren und er schon beim Hause, ließ das Lämmchen die Kühe nicht zu ihm durchs Gatter. Er trieb es fort und verjagte es. Jetzt ging er hinter dem Vieh her, um es durchs Gatter zu treiben. Wieder war das Schaf da und vor ihm. Er ging abermals darauf zu. Es lief fort und er hinterher. Als er es fast erreicht hatte, schlug er mit dem Stock zu und tötete es auf der Stelle. Dann brachte er die Kühe durchs Gatter, warf das Lamm über seinen Rücken und trieb danach die Herde heim. Das Lamm brachte er der Herrin. Er dachte sich schon, daß es ihr Lieblingsschaf war! Sie kamen ja nie gut miteinander aus. Nun, das tote Lämmchen stärkte auch nicht ihre Freundschaft! »Das kocht nur jetzt für unser Abendbrot«, meinte er. »Denn ich kriegte noch kein bißchen Fleisch bei euch zu sehen, seit ich ins Haus kam.« Sie tat, als bemerkte sie ihn gar nicht, sondern ging die Kühe melken. Wie gewöhnlich gab sie ihm nichts zu essen. Der Farmer kam spät nach Hause. Als er eintrat, fragte er Seághan, ob alles in Ordnung wäre. »Nein.« »Was fehlt, Seághan?« »Nichts, außer daß ich von der da noch kein Essen erhalten habe!« »Oh, du sollst es haben!« sagte der Herr. Seághan bekam jetzt sein Abendbrot und ging schlafen. Als er sich am nächsten Morgen erhob, war der Farmer schon auf. »Ihr seid früh auf«, meinte Seághan. »Ich muß, Seághan. Ich bekam schlechte Nachricht.« »O weh, was ist es denn? Oder was fehlt Euch?« »Ach«, seufzte er, »die Königstochter soll heute sterben.« »Was bringt sie denn um?« »Alle sieben Jahr«, begann der Farmer, »wälzt sich ein Schlangenungeheuer aus dem Meer herauf, hier in den Hafen, auf unserer Südwestseite. Es würde das gesamte Volk überschwemmen, wenn es nicht ein Mägdlein zu fressen bekäme. Nun wurde wegen der zweiten Königstochter das Los geworfen, um zu erkunden, ob sie dem Ungeheuer ausgeliefert werden sollte. Sie muß nun an einen Baum gebunden werden, am Strand, und um zwölf Uhr wird die Schlange kommen und sie holen. Wenn ein wackerer Held erschiene und mit der Schlange drei Tage lang hintereinander kämpfte, wäre die Königstochter gerettet. Dann müßte nach sieben Jahren eine andere Frau für den Wurm da sein.« »Richtig wär's«, meinte Seághan, »wenn sich jemand im Volke fände, der um ihretwillen mit der Schlange kämpfte.« »Wahrscheinlich findet er sich nicht«, sagte der Farmer. »Es wird dort heute eine große Menschenmenge versammelt sein. Du mußt mich begleiten und dir die Schlange besehen. Denn sicher hast du nicht noch einmal Gelegenheit dazu.« »Auf mein Wort, ich geh nicht hin!« sprach Seághan. »Ich habe kein Verlangen danach. Wenn den Kühen irgend etwas zustößt, während ich fort bin, um mir die Schlange anzusehen, würdest du heute nacht der Geschädigte sein. Ich verstehe auch nicht, was für ein Vergnügen das sein soll, mit anzusehen, wie jene Schlange die Frau wegschleppt. Denn darum handelt es sich doch!« Daraufhin ging der Farmer. Seághan trieb die Kühe in den Wald. Er beeilte sich damit und ging dann auf die Suche nach dem Schloß der Riesen. Als er es gefunden hatte, entdeckte er auch Pferd, Rüstung, Waffen und Gewand des ersten Riesen, den er getötet hatte. Er zog die Kleidung an und bestieg das Pferd. Er vergaß auch nicht, seinen Stock mitzunehmen, denn dessen Hilfe vertraute er mehr als jeder andern Waffe. Ein mächtig hoher Hügel lag zwischen ihm und dem Hafen, von dem sein Herr gesprochen hatte. Dorthin sollte die Schlange kommen, um die Königstochter zu entführen. So trieb er denn sein Pferd dem Hügel zu, um zum Hafen zu gelangen. Als er den Hafen vor sich sah, erblickte er viele Menschen auf dem Abhang und auf dem Wällen ringsum. Gerade vor sich am Strande sah er die an einen Baum gefesselte Jungfrau. Er sprengte durch die Menschenmenge. Sie stoben nach allen Richtungen auseinander, als sie ihn so wild dahersprengen sahen. Erst dicht vor der Jungfrau hielt er an. »Was brachte dich hierher?« fragte der Ritter. »Oder was tut dir not?« »Mein Vater brachte mich hierher, und um dieser Ursache willen bin ich hier: Ein Schlangenungeheuer kommt sogleich, um mich zu holen und zu verschlingen.« »Warum mußt du für die Schlange hier sein?« »Weil auf mich das Los fiel«, antwortete sie. »Und wenn sie nicht alle sieben Jahre meinesgleichen zum Fortschleppen fände, würde sie das Volk überschwemmen.« »Gibt es eine Möglichkeit, dich zu retten?« fragte der Ritter. »Ja«, sagte sie. »Wenn ein wackerer Ritter käme und drei Tage lang für mich kämpfte, wäre ich gerettet. Ich würde ihn sogar heiraten, und er würde meines Vaters halbes Reich erhalten und das ganze nach seinem Tode.« »Ich will den Kampf versuchen«, sprach der Ritter. »Mache ich meine Sache nicht gut, so schade ich ihr auch nicht.« »Ehrenvoller Ritter«, sagte sie, »du scheinst erschöpft zu sein. Steige vom Pferd und lege dein Haupt auf meinen Schoß. Denn noch hast du eine Dreiviertelstunde Zeit, ehe die Schlange kommt.« Er willigte ein, band sein Pferd an den Baum, legte den Kopf in ihren Schoß und tat, als ob er in tiefen Schlaf fiel. Als sie annahm, er sei fest entschlummert, nahm sie ihm rasch die Kopfbedeckung ab, holte eine kleine scharfe Schere aus der Tasche, schnitt ihm eine Locke vom Scheitel und versteckte sie bei sich. Als die Zeit um war, vernahm sie aus dem Lärm auf den Anhöhen ringsum, daß die Schlange kam. Sie rief den Helden an und sprach: »Nun ist es Zeit für dich, Ritter! Sie nähert sich uns!« Der Recke sprang sofort auf, ergriff seinen Stock und trat an das Ufer des Meeres heran, der Schlange entgegen. Das Meer spaltete sich bergetief zu jeder ihrer Seiten, mit solcher Gewalt kam sie! Jedem, der sie erblickte, jagte sie Entsetzen ein, nur Seághan nicht. Als sie den Kopf heraushob aufs Ufer, stand er davor. Er reckte sich und schlug ihr krachend aufs Haupt mit seinem Stock. Sie sank ins Meer zurück. Alles versammelte Volk jubelte dem Helden nach der vollbrachten Tat zu. Keiner wußte, ob die Schlange nun kam oder ging. Sie sahen nur, das ganze Meer war von ihrem Blut gerötet. Der Ritter verweilte noch eine Weile am Ufer, bis er sicher war, sie kam den Tag nicht mehr zurück. Danach wandte er sich um, zog sein Schwert, das ihm am Waffenrock hing, und durchschnitt die Stricke, mit denen die Jungfrau gefesselt war. Dabei sprach er: »Kehre nun heim! Heute ist von der Schlange keine Gefahr mehr zu befürchten.« Mit einem Sprung schwang er sich aufs Pferd und wandte sich dem Hügel zu. »Geh nicht von uns«, bat die Jungfrau, »sondern begleite mich zu meinem Vater. Er würde dir gern für deine wunderbare Tat Ehren erweisen, und wenn du dich erbarmen willst, schütze mich auch morgen vor dem Schlangenungeheuer. »Hoffe auf morgen!« erwiderte Seághan. »Ich muß aber heut nach Hause zurückkehren.« Und schnell eilte er fort, zur Höhe des Hügels hinauf, und gelangte wieder zum Riesenschloß. Er warf Waffenrüstung und Rock ab und zog seine alten Lumpen an, rieb und reinigte sein Pferd und trieb das Vieh heim. Erst spät in der Nacht kam sein Herr wieder. Seághan wartete auf ihn und war sehr hungrig. Denn von seiner Herrin bekam er keinen Bissen zu essen. Der Farmer war voller Freuden, als er kam, und darauf begierig, dem Seághan die Tagesereignisse zu berichten. »Von deinen Neuigkeiten habe ich nichts«, sagte Seághan. »Aber gebt mir zu essen!« Der Herr brachte ihm das Abendbrot. Als Seághan am nächsten Morgen die Kühe austrieb, rief sein Herr ihn an: »Halt! Seághan! Wir wollen heute die Kühe auf ein anderes Feld treiben, aus dem sie nicht herauskönnen. Du mußt mit mir zum Hafen und das Schauspiel des heutigen Tages betrachten. Nie kam ein Held wie gestern. Ohne Zweifel wird er auch heute erscheinen, und es lohnt sich für jeden Menschen, ihn zu sehen.« »Auf mein Wort!« rief Seághan. »Ich habe kein Verlangen danach. Solch Schaustück macht mir nicht Spaß. Ja, Herr, Ihr mögt Euch über mich wundern und so etwas Vergnügen nennen. Wenn Ihr Spaß daran habt, ich nicht! Geht nur und mich laßt allein!« Dem Herrn blieb nichts anderes übrig als zu gehen. Als Seághan nun wußte, er war fort, trieb er die Kühe wieder in den Wald. Eilig ging er zum Palast der Riesen, fand dort Waffenrüstung und Rock des zweiten Riesen und legte sie an, ging schnell zum Stall und fand dort das Pferd. Dann nahm er seinen Stock, stieg aufs Pferd und ritt stattlich von dannen. Pferd und Gewandung waren von anderer Farbe als tags zuvor. Er wandte sich dem Hügel zu und von da aus nach dem Hafen. Sehr bald erreichte er ihn. Die Höhen rings um den Hafen waren schwarz von Menschen. Die Jungfrau war an gleicher Stelle gefesselt wie am vorhergehenden Tage. Seághan eilte auf sie zu und fragte sie, warum sie dort sei. Sie erzählte ihm, was sie dem Ritter von gestern erzählt hatte, und dann, daß am Tage zuvor ein Krieger erschienen war und sie gerettet hatte und daß sie hoffe, er kehre auch diesen Tag wieder, um sie zu beschützen. »Wenn jener von gestern kommt«, sprach der Ritter, »so lasse ich ihn mit der Schlange kämpfen. Andernfalls will ich mein Bestes für dich tun.« »Ihr scheint erschöpft zu sein«, sagte sie. »Steigt vom Pferd und bindet es hier an den Baum. Dann legt Euer Haupt in meinen Schoß. Ihr habt noch eine Stunde Zeit, bis die Schlange kommt.« Indem er vom Pferde stieg, erblickte sie seinen Stock und erkannte, er war der Ritter, der sie gestern gerettet hatte. Darüber war sie sehr froh. Nachdem er das Pferd angebunden hatte, legte er den Kopf in ihren Schoß und tat, als ob er in behaglichen Schlummer sank. Sie zog ihm die Kopfbedeckung ab und erkannte die Stelle der Haarlocke, die sie ihm tags zuvor abgeschnitten hatte. Sie nahm ihre kleine Schere und schnitt ihm eine zweite Locke ab. Diese versteckte sie auch bei sich. Als die Stunde um war, rief sie den Ritter und sagte: »Steht jetzt auf! Es ist Zeit, die Schlange muß bald kommen.« Der Ritter erhob sich und ging ans Meeresufer. Die Schlange sah er noch nicht kommen. Aber bald bemerkte er, wie sich das Meer bewegte. Doch geschah das nicht halb so heftig wie am Tag zuvor. Nach einiger Zeit sah er schließlich das Ungeheuer näher kommen. Es war lange nicht mehr so kraftvoll. Als er erkannte, wie geschwächt es war, zog er sich ein Stück vom Ufer zurück und ließ das Schlangentier halb auf den Strand. Dann holte er mit seinem Stock aus und hieb auf sie ein. Er versetzte ihr zwei Schläge, ehe es ihr gelang, sich ins Wasser zurückzuziehen. Schwach und matt sank sie hinab. Er stand dann noch und wartete eine Weile, bis er gewiß war, sie würde an dem Tage nicht wiederkehren. Danach wandte er sich zurück, durchschnitt die Fesseln, mit denen die Jungfrau festgebunden war, und hieß sie heimkehren. Er selbst trat an sein Pferd. Als sie merkte, er wollte fort, bat sie ihn, nicht von ihr zu gehen, sondern sie zu ihrem Vater zu begleiten und die Nacht bei ihnen zu bleiben. Sie fürchtete, etwas könnte ihn am nächsten Tage zurückhalten zu kommen. »Ach, ich kann Euch auf gar keinen Fall begleiten«, sagte der Ritter und war mit einem Sprung auf dem Rücken des Pferdes. Wieder wandte er sich dem Hügel zu und eilte zum Riesenschloß zurück. Er brachte das Pferd in den Stall, warf die Waffenkleidung ab und zog seine alten Lumpen an, die dort lagen. Dann trieb er die Kühe heim. Als sein Herr in der Nacht nach Hause kam, war es sehr spät. Seághan war an dem Tag sehr hungrig und wartete auf sein Abendbrot. Der Farmer war wieder begierig, die Tagesereignisse zu schildern, was für eine Tat der Ritter vollbracht und wie er für die Königstochter gekämpft hatte. »Schweigt nur«, sagte Seághan, »mir ist alles gleich, Ritter und Königstochter! Gebt mir doch mein Abendbrot und laßt Euch bitten, eine andere Nacht nicht so spät zu kommen!« Seághan bekam sein Abendbrot und ging schlafen. Als die Kühe am nächsten Morgen gemolken waren, ließ er sie hinaus, und der Herr folgte ihm nach, um zu fragen, ob er an dem Tage den Kampf mit ansehen wollte. Vergebliches Bemühen. Seághan legte keinen Wert darauf, sondern wollte seine Kühe hüten. Als er sah, der Farmer war fort, ließ er das Vieh wieder in den Wald, ging dann zum Schlosse der Riesen, zog die Waffenrüstung und Kleidung der Alten an und nahm ihr schlankes weißes Pferd, das die gleiche Farbe hatte wie seine Kleidung. Das Tier war so flink, daß es den vorauseilenden Wind einholte und der nacheilende Wind es nicht einholen konnte. Seághan sprang aufs Pferd und vergaß auch nicht seinen Stock. Wieder wandte er sich dem Hügel zu und jagte dahin, bis er den Hafen erreichte. Als ihn die rings um den Hafen versammelten Menschen erblickten, glaubten sie, er käme aus der andern Welt. Sie öffneten eine Gasse, durch die er hindurchritt, bis an die Jungfrau heran, die wiederum an den Baum gefesselt war. Sobald er in ihrer Nähe war, betrachtete sie ihn genau und erkannte ihn am Stock. Doch ließ sie es sich nicht merken. Er fragte sie, weshalb sie gefesselt war. Sie begann wieder ihre Geschichte und erzählte, wie am gestrigen und vorgestrigen Tage ein Ritter gekommen war und sie von dem Schlangenungeheuer befreit hatte und wie sie hoffe, daß, wenn heute kein anderer käme, er sie retten würde. »Ich will mein Bestes versuchen«, sprach der Ritter, »falls kein anderer kommt.« »Wahrscheinlich seid Ihr erschöpft«, meinte sie. »Steigt vom Pferde, bindet es an den Baum dort und legt Euer Haupt in meinen Schoß. Es ist noch lange hin, bis die Schlange kommt.« Er kam und tat, was sie ihm sagte, legte den Kopf auf ihren Schoß und tat, als sinke er tief in Schlaf. Als die Jungfrau glaubte, er schlief fest, nahm sie ihm die Kopfbedeckung ab und erkannte, daß die zwei Locken fehlten, die sie abgeschnitten hatte. Wieder zog sie ihre Schere hervor und schnitt ihm die dritte Locke ab, um sie für sich aufzubewahren. Als die Zeit herannahte, daß die Schlange kommen mußte, weckte die Jungfrau den Ritter. Er stand sofort auf. Als das Tier sich nicht so kraftvoll näherte wie die Tage zuvor, ging er eine halbe Stunde lang am Strand auf und nieder. Zuletzt sah er es langsam und schwerfällig ankommen. Er trat etwas beiseite und ließ es wieder auf den Strand. Mit weit aufgerissenem Rachen näherte es sich der Jungfrau, um sie zu verschlingen. Der Ritter trat dazwischen und schlug mit seinem Stock auf die Schlange ein, wieder und wieder, bis sie tot war. Er zog sein Schwert, das ihm an der Seite hing, und schlug der Schlange den Kopf ab. Dann spaltete er sie der Länge nach auf, vom Nacken bis zum Schwanze, teilte sie durch einen Querstrich in der Mitte und ließ sie in fünf Teilen zurück. Nachdem er dies getan hatte, zerhieb er die Fesseln, die die Jungfrau banden, und sagte ihr, sie sollte nun heimkehren. Noch ehe sie Zeit fand zu sprechen, war er auf dem Rücken seines Pferdes. Mittlerweile drängte alles Volk zum Strande hin auf ihn zu. Ganz hingerissen und dankerfüllt waren sie. Als er merkte, wie sie auf ihn losstürmten, jagte er schleunigst davon. Und da sein Pferd sehr wild und feurig war, mußten sie ihm Platz machen, ob sie wollten oder nicht. Er sprengte durch sie hindurch und ins Freie. Von der Höhe des Hügels entschwand er ihren Blicken, und es wuchs kein Gras unter den Hufen seines Pferdes, während er nun zum Schlosse der Riesen zurückkehrte. Er brachte das Tier in den Stall, wechselte die Kleider wie gewöhnlich und trieb darauf die Kühe heim. Wieder bekam er zu Hause nichts zu essen, da seine Herrin ihn ja nicht leiden mochte. Geduldig wartete er mit seinem Hunger, bis es schließlich späte Nacht geworden war. Da kehrte sein Herr heim. Voller Freude wollte er Seághan mitteilen, daß die Königstochter nun in den drei Tagen gerettet war. »Es ist mir doch gleich, ob sie's ist oder nicht«, erwiderte Seághan. »Gib mir nun endlich mein Abendbrot! Es wird Zeit!« »Hast du es denn noch nicht bekommen?« fragte der Herr. »Nein, wirklich nicht«, sagte Seághan. »Du hast ja solch eine reizende Frau, die immer nur tut, was ihr gefällt.« »Wir können sie nicht besser machen, Seághan«, seufzte der Herr und brachte ihm sein Abendessen. Er aß und ging schlafen. Als sich Seághan am nächsten Morgen erhob, war sein Herr schon auf. Denn es war ihm sehr eilig, zu den ersten zu gehören, die im Königshaus erschienen, um der Jungfrau ihre Aufwartung zu machen. Er ließ Seághan allein, und der trieb das Vieh hinaus. Er ließ die Kühe in den Wald und ging zu seinem Schloß hin. Er putzte und reinigte die Pferde, gab ihnen am Abend Futter und trieb dann wieder die Kühe nach Hause. Sein Herr war schon da. »Nun, hast du alles gut besorgt, Seághan?« »Um die Kühe habe ich mich gekümmert.« »Oh, da sind sie ja! Aber jetzt komm herein, Seághan, damit ich dir dein Abendbrot gebe.« Als sich Seághan am andern Morgen erhob, sagte sein Herr: »Nun, Seághan, heute mußt du mich begleiten. Denn vom König ist ein Ausruf erlassen, daß jeder aus seinem Reich an den Hof kommen soll. Wer auch der Krieger ist, der ihm seine Tochter vor der Schlange errettete, er bekommt sie zur Frau. Und dann gibt's dort ein herrliches Fest.« »Wahrhaftig, ich gehe nicht«, sagte Seághan. »Mich verlangt es gar nicht danach, ich will lieber meine Arbeit verrichten.« »Oh, wir treiben die Kühe an einen sicheren Ort«, meinte der Farmer. »Das will ich schon allein besorgen«, gab Seághan zur Antwort, »indem ich sie bewache.« Der Farmer mußte gehen und Seághan zurücklassen. Er trieb die Kühe hinaus, brachte sie in den Wald der Riesen, ging darauf wieder in seinen Palast und besah ihn sich und seine Pferde, bis der Abend ihn überraschte. Er trieb dann seine Kühe heim und fand seinen Herrn schon vor. »Du bist ein guter Kuhhirt«, sagte der. »Das sagt die Herrin nicht«, meinte Seághan, »sondern daß ich ein schlechter Hirt bin. Aber sie ist noch übler als ich!« »Kümmere dich nicht drum, was sie sagt. Geschwätz von Frauen besagt gar nichts!« »O aber doch, in der Tat«, widersprach Seághan. »Ist mir der Hunger kein Beweis dafür, daß sie mir nichts zu essen gab?« »Recht hast du«, meinte der Herr. »Ich habe immer recht. Aber seid Ihr nicht sehr bald wiedergekommen? Oder habt Ihr schon das herrliche Fest gehabt?« »Nein. Der Ritter, der die Schlange endlich tötete, ist nicht erschienen.« »So? Ach wirklich, kam er nicht?« »Nein«, sagte der Farmer. »Aber eine Menge Ritter kamen, und jeder von ihnen wollte die Schlange getötet haben. Aber die Jungfrau behauptete, keiner von ihnen allen hätte es getan.« »Er wird noch kommen«, sagte Seághan. »Vielleicht morgen«, meinte sein Herr. »Gib mir mein Abendbrot, denn ich bin hungrig. Von den Rittern hab ich nichts!« Seághan bekam sein Essen und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen war der Farmer schon fort, als Seághan aufstand. Er bekam von der Herrin kein Frühstück. Er trieb die Kühe in den Wald, ging zum Palast der Riesen und sah nach den Pferden. Zubereitete Nahrung, die er hätte essen können, fand er aber nicht im Schlosse. So mußte er warten und hungern, bis die Nacht kam und sein Herr heimkehrte. »Seághan«, begann er, »heute kam der Ritter!« »Welcher Ritter?« »Der die Schlange tötete.« »Es ist mir gleich, wer das ist, ob er kam oder nicht«, sagte Seághan. »Und Euch wär's auch gleich, hättet Ihr wie ich seit gestern abend nichts zu essen bekommen und müßtet hungern. Dann würde Euch der Ritter nicht ergötzen.« »O weh, o weh! Warum hast du sie nicht veranlaßt, dir zu essen zu geben?« »Ich hätte es getan und sie in einen solchen Zustand gebracht, daß ihr alles gleich gewesen wäre, Essen und Leben. Aber ich nahm Rücksicht auf Euch, Herr.« Seághan bekam nun sein Abendessen. Es war etwas Hafermehl. »Wo ist mein Frühstück, das mir noch von heute morgen zukommt?« fragte er. »Meiner Treu, du kannst das doch jetzt nicht auch noch essen«, meinte sein Herr. »Doch! Sehr gut!« – Und Seághan bekam noch mehr und aß es auf. Am nächsten Morgen fiel es ihm erst sehr spät ein aufzustehen. Da hatte sein Herr schon die Kühe hinausgetrieben. »Wohin wollt Ihr mit dem Vieh?« fragte Seághan. »Ich treibe sie aufs Feld mit den beiden Gattern.« »Warum?« »Weil heute die Königstochter mit dem Ritter vermählt wird, der die Schlange getötet hat. Und du mußt mich begleiten zu dem großen Essen – ob du magst oder nicht.« »Ich habe keine Schuhe an«, sagte Seághan, »und alle werden auf meine Füße gucken. Es ist besser für mich, wenn ich mich von der Stadt fernhalte.« »Was auch deine Füße oder dein Kopf dazu tun – du mußt mit zu der Hochzeit. Denn ich halte von dir soviel, daß ich dir gern deinen Teil Essen davon gönne.« »Meiner Treu! Ich komme mit, wenn's so ist. Vielleicht kriege ich da etwas Gutes zu essen.« Sie brachten nun die Kühe an einen sicheren Platz und machten sich dann beide auf zum Königshof. Ringsum fanden sie alles voller Menschen. Der Farmer ging ins Schloß hinein. Seághan wandte sich zu dem Haufen der Armen. Es wurde ihnen ein Gericht Fleisch gebracht. Sie rissen es sich gegenseitig weg, Seaghan erhielt nichts davon. Dann wurde ihnen das Getränk gereicht. Aber sie verschütteten es halb, indem sie es sich gegenseitig wegnahmen. Als Seaghan sah, wie schlecht sie sich benahmen, griff er nach seinem Stock und ging gegen sie an. Sie flüchteten alle vor ihm, und ihr Lärm und Gebrüll klang über den Platz hin. Denn Seághan hieb so dicht auf sie ein, wie er sie auf dem Anger treffen konnte. Das sah von einem Fenster aus die Jungfrau mit an, und sie rief ihrem Vater zu, er sollte den Menschen mit dem Stock holen und hereinführen lassen. Sie hatte nämlich den Verdacht, es könnte der Ritter sein, der für sie mit der Schlange gekämpft hatte. »Schweig still!« befahl ihr Vater. »Und sei vernünftig!« »Oh, dort ist der Verstand, der mir abhanden kam«, erwiderte die Tochter. »Denn der dort rettete mein Leben! Ich werde nicht den Mann heiraten, den du mir zudachtest, bis ihr mir jenen dort gebracht habt. Mit deiner Erlaubnis will ich es herausbekommen, daß der dort der Mann ist, der mit Gefahr seines Lebens meines rettete.« »Ach, Tochter, ach!« rief der Vater. »Schweige doch und rede nicht so ohne Sinn und Verstand! Wir können den halb verrückten Lumpenkerl doch nicht herauflassen. Er würde uns mit seinem Stock ja fast umbringen.« »Nun denn«, sprach die Königstochter, »so gehe ich selbst und hole ihn herauf.« Dabei erhob sie sich, um hinauszugehen. »Haltet sie fest!« sagte der Vater. »Sie ist von Sinnen. Und ist das nicht eine große Schande vor diesem ehrenwerten Ritter hier« – das war nämlich derjenige, welcher behauptet hatte, er wäre der Schlangentöter, um damit die Königstochter zur Frau zu bekommen. »Ich bin ganz und gar nicht verrückt«, sagte die Königstochter, »und auch nicht von Sinnen. Bringt ihn nur herein, und ich will es euch beweisen, daß der da draußen der rechte Mann ist!« Einige von des Königs Räten meinten, man sollte ihn hereinführen und einmal sehen, was für einen Beweis sie hätte. »Was für ein Zeichen hast du denn?« fragte der König. »Das sage ich vorher keinem Mann und keiner Frau. Erst bringt ihn mir herein. Wenn er vor euch steht, will ich euch den Beweis geben, und ihr werdet ihn dann allesamt anerkennen.« Seághan mußte hereingebracht werden. Als er eintrat, zog die Königstochter die drei Haarlocken hervor und rief ihren Vater heran. Sie trat auf Seághan zu, riß ihm den alten Hut ab, wies allen die drei Lücken in seinem Haupthaar, nahm die drei Locken und hielt jede davon an die richtige Stelle. Dann wandte sie sich an alle Anwesenden ringsum: »Das ist der Mann, der mich gerettet hat«, begann sie, »und es gibt in der ganzen Welt keinen Königssohn oder Ritter, den ich heiraten würde, außer ihn allein. Und du geh heim«, wandte sie sich an den Jüngling, der sie zu heiraten gehofft hatte. »Denn du warst weit fort von mir, als dieser Mann mir das Leben rettete.« Und der Jüngling schloß die Tür von draußen und mußte mit seinem ganzen Anhang heimziehen. Nun wandte sich die Königstochter an Seághan und sagte: »Du bist der Mann, den ich allen andern Männern vorziehe, den ich heiraten will – wenn du mich willst.« »Das sollst du aber nicht«, sagte Seághan, »ehe ich würdigere Kleidung anhabe.« »Zieh sie dir an, wenn wir verheiratet sind«, meinte sie. »Ich will ihm einen Anzug geben«, sprach der König. »Oh, keine Umstände«, sagte Seághan. »Gebt mir eine Stunde Zeit, und ich habe meine eigene Kleidung an.« »Es soll dir gern gewährt sein«, sprachen der König und sein hoher Rat. »Ich lasse dich nie mehr aus den Augen, wenn ich kann«, widersprach die Königstochter. »Wir haben genug Kleidungsstücke.« »Ich gebe dir hier meine Hand und mein Wort, daß ich keinen Augenblick länger bleibe als die festgesetzte Zeit«, sprach Seághan zu ihr. Sie mußten nun schließlich Seághan laufen lassen, und er machte sich auf den Weg. Noch bevor die Stunde verstrichen war, sah der König im Kreise seiner Großen, wie sich ihnen vom Talrand aus ein wilder, tollkühner Ritter nahte, auf einem Pferde, das weißer glänzte als ein Schwan. Die Ankunft von Pferd und Reiter war so gewaltig, daß der Boden erbebte, ehe sie heran waren. Er nahm weder Weg noch Steg, sondern sprengte über alle Unebenheiten hinweg, bis er vor dem Schlosse anlangte. Er wartete auch nicht, bis jemand ans Tor kam, sondern setzte mit einem Sprung über den Wall hinweg, der den Hof schützte. Da war denn der Jubel und Stolz des Königs groß, als er ihn erblickte. Denn an seiner Ankunft erkannte er ihn wieder. Ebenso war er angesprengt gekommen, um mit der Schlange zu kämpfen. Seághan trat ein, nahm die Königstochter bei der Hand und fragte: »Wie gefalle ich dir nun?« »Du gefielst mir ebensogut«, sprach sie, »da draußen, als du mit dem Stock auf das Bettelvolk losprügeltest. Denn ich erkannte wohl, daß in dir ein Held steckt.« Die Königstochter und Seághan wurden nun auf der Stelle verheiratet. Voll Staunen und Freude kehrte der Farmer von diesem Wettkampf heim zu seiner Frau, um ihr zu berichten, was für einen Kuhhirten sie gehabt hatten. Nicht lange darauf vermißte Seághan seinen ehemaligen Herrn und ließ ihn rufen. Er wollte ihm gern eine Gunst erweisen. Wie bekannt, hatte Seághan das halbe Königreich bekommen, und nun gab er seinem früheren Herrn frei und ohne Abgaben sein Gut auf Lebenszeit. Doch mußte er ihm versprechen, seiner Frau kein bißchen Nahrung mehr zu geben. Denn bei ihr hatten Knechte ein schlechtes Leben. Die Hochzeitsgesellschaft blieb nun eine ganze Woche zusammen, um zu feiern. Und sie schmausten und tranken. Dann sagte Seághan zu seiner Frau, sie sollte ihn begleiten zu seinem eigenen Palast. Das war das Riesenschloß. Sie lebten nun viele schöne Jahre behaglich zusammen, bis er an seine Mutter dachte, die er vor langer Zeit verlassen hatte. Der Tag fiel ihm ein, als sie ihn mit der Feuerzange fortgejagt und ihn seinem Schicksal überlassen hatte, zu leben oder zu sterben. Er erbat sich von seiner Frau Urlaub, um heimzureisen und nach seiner Mutter zu forschen. Sie ließ ihn ziehen. Er legte Waffenrock und Rüstung an wie am Tage seiner Hochzeit und ritt auf seinem weißglänzenden Rosse fort, bis er nach Cuasan kam. Die kleine Hütte war noch da. Aber seine Mutter mit den Ziegen fand er nicht mehr vor. Er wunderte sich, wo sie wohl sein mochten oder was für ein Ende sie genommen hatten, nachdem er fort war. Er ging zu den Nachbarn, die am nächsten der kleinen Hütte wohnten. Doch keiner erkannte ihn mehr. Er war ja so verändert und trat so vornehm auf. Er fragte sie nach der alten Frau, die in dem versteckten Hüttchen gelebt hatte vor einer guten Reihe von Jahren. Sie erzählten ihm, die Frau aus jenem Häuschen von Cuasan sei vor langer Zeit gestorben und habe viel, viel Geld hinterlassen, das sie irgendwo versteckt hätte. »Sie starb?« fragte Seághan. »Ja«, sagten die Leute. »Mir ist's gleich, wo sie ihr Geld versteckte, wenn sie selbst nur noch lebte!« sprach Seághan. Und damit drehte er sein Pferd herum und ritt zurück. Kein Mensch wußte, wer er war. Aber sie sahen, daß er weinte. Seághan kehrte nun nach Hause zurück, zum Schlosse der Riesen. Er und seine Frau lebten glücklich bis an ihr Lebensende, und nach ihnen lebten dort ihre Kinder. * Heinrich Pröhle Vom langen Winter Ein kluger Mann hatte eine dumme Frau. Er kaufte einen Ochsen und trug ihr auf, während er im Sommer und Herbst auf Reisen gehen mußte, ihn fett zu füttern für den langen Winter. Sooft er einmal nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: »Denk an den langen Winter! Füttere mir den Ochsen recht, damit er etwas Festes vorfindet, wenn er kommt, und greife mir das Geld nicht an, das ich hier in den Schubkasten lege, denn das ist auch für den langen Winter.« Und so geht er denn wieder in seinen Geschäften auf Reisen. Als der kluge Mann fort ist, da kommt an einem schönen Tage im Herbst einmal ein Fleischer zu der Frau und fragt, ob sie keinen Ochsen zu verkaufen hätte. Die Frau schaut ihn an und sieht, daß er sehr lang und groß ist, und fragt, wer er denn sei. »Ich bin der Fleischermeister Winter«, antwortet er, »für mich wird gar mancher Ochse fett gemacht.« »Also der lange Winter«, ruft die Frau aus und sagt, ja, wenn er der lange Winter wäre, da hätten sie auch einen Ochsen für ihn, er möge nur mit in den Stall kommen, sie wolle ihm das Tier sogleich übergeben. Sie gehen also miteinander in den Ochsenstall, und der lange Winter klopft dem Ochsen so recht wohlgefällig auf sein braunes Fell und sagt, das wäre doch einmal etwas für ihn, so etwas von Ochsen wäre lange nicht für ihn gemästet worden. Da wird die Frau ganz gerührt, daß der lange Winter mit ihrem Ochsen so zufrieden ist und sagt: »Ach, lieber Herr Winter, wenn Ihr wüßtet, wie oft ich an Euch gedacht habe, sooft mein Mann fort war! Den ganzen Tag hab ich den Ochsen gepflegt und gewartet, damit Ihr ein gutes Stück Fleisch fändet, wenn Ihr kämt. Mein Mann sagte mir aber auch jedesmal, wenn er hier war: ›Frau, denke an den langen Winter.‹ O, der hält große Stücke auf Euch, das könnt Ihr mir glauben.« Der lange Winter zwickte die Frau ein wenig in die Wangen, und sie wurde in ihrem Herzen ganz glücklich darüber, von einem solchen Mann so geehrt zu werden. Da glaubte der Fleischer, jetzt sei der Augenblick gekommen, wo er mit der Frau über den Preis verhandeln müsse. Er bot ihr wenig genug, weil er sie so gut gelaunt sah. Aber die Frau sagte: »Was denkt Ihr von uns? Das ist mir und meinem Mann an der Wiege nicht gesungen, daß wir Ochsen für Geld fett machen sollen, das tun wir nur aus Liebe. Ja, ja, aus Liebe für Euch, Herr Winter, haben wir den Ochsen fett gemacht. Wir haben auch Geld für Euch gespart, kommt mit herein in die Stube, in der Schublade da liegt es, es werden so nach und nach fünfzig Taler geworden sein.« Der Fleischermeister staunte, ließ sich aber den Ochsen geben und folgte der Frau in die Stube, auch die fünfzig Taler in die Tasche zu stecken. Wie sie in die Stube kamen, sagte die Frau: »Herr Winter, Ihr seid doch wirklich sehr lang. Ich bitte, stellt Euch einmal da an die Tür, damit ich Euch ordentlich messen kann.« Der große Fleischermeister stellte sich auch richtig an die Tür. Die Frau aber nahm etwas Kreide, stieg auf einen Stuhl und machte einen Strich über seinem Kopf an die Wand. Dann klatschte sie in die Hände und sprach: »Es ist mir lieb, daß ich Euch gemessen habe. Es wird immer soviel vom langen Winter gesprochen, und wenn nun wieder auf den die Rede kommt, so kann ich doch auch mitsprechen und sagen: soundso lang ist er, o, den kenn› ich recht gut.« Nun muß sich der lange Winter in den Lehnstuhl setzen, die Frau aber eilt in die Küche, knickt Holz und macht ihm einen Kaffee. Den trinken sie miteinander aus, und die Frau ist sehr vergnügt, daß sie nun auch sagen kann, der lange Winter hat einmal bei ihr Kaffee getrunken. Darauf zählt sie ihm die fünfzig Taler vor, und die steckt er in die Tasche. Nun hilft sie ihm, den Ochsen vom Futtertrog zu lösen, und sieht dem langen Winter noch eine Zeit nach, wie er so wohlgemut mit ihrem Ochsen und ihrem Geld dahinzieht. Bald darauf kam eine andere Frau zu ihr, der sollte sie etwas abkaufen. Da sagte sie ganz schnippisch: »Ich habe jetzt kein Geld. Wenn man Bekanntschaft hat mit dem langen Winter, wie mein Mann und ich, so kann man sein Geld besser gebrauchen.« Das war nun alles recht gut. Als aber der kluge Mann nach Hause kam, und die Frau ihm mit der Nachricht entgegensprang, daß der lange Winter dagewesen sei und sie ihm den Ochsen und das Geld geschenkt habe, da war er sehr unglücklich, denn er sah alle seine Hoffnungen, den Winter hindurch mit seiner Frau zu bestehen, auf einmal gescheitert. Er sagte zu ihr: »Von jetzt an sind wir geschieden, ich will nichts mehr mit dir zu schaffen haben und so lange gehen, bis ich einen dümmeren Menschen antreffe, als du bist. Hab ich den gefunden, so komme ich wieder zu dir. Bis dahin aber leb wohl.« Er macht sich also wieder auf den Weg und geht eine ganze Strecke weit, findet aber nirgends einen dümmeren Menschen als seine Frau. Endlich blies der Wind schon ganz winterlich übers Stoppelfeld, und da kommt eine Frau Amtmännin auf einem Schimmel dahergeritten. Da bleibt er stehen und sieht fortwährend gen Himmel. Nun ist eine Frau Amtmannin auch neugierig, so gut wie eine Tagelöhnerfrau, und will wissen, was in der Welt vorgeht. Darum hält die Dame ihren Schimmel an und fragt, was er denn da mache und warum er fortwährend gen Himmel sähe. Er aber winkte ihr: sie solle nur ruhig sein, er sei soeben vom Himmel gefallen und müsse das Loch im Auge behalten, wo er herausgefallen sei, damit er wieder hinein könne, denn hier auf der Erde könne er doch nicht bleiben, das sei nichts für ihn, wer erst einmal im Himmel gewesen sei, dem wäre es hier zu gewöhnlich. Wie die Frau Amtmännin das hört, fragt sie sogleich: Wenn er aus dem Himmel sei, ob er dann ihren Sohn nicht kenne, der vor zwei Jahren gestorben wäre. Ja, sagt er, den kenne er wohl, dem ginge es oben schlecht, denn weil er vom Lande sei und mit der Wirtschaft Bescheid wüßte, so müsse er oben Futter schneiden. Darüber fängt die Frau Amtmännin gewaltig an zu jammern, daß ein Amtmannssohn im Himmel Futter schneiden müsse. Sie sagt, das hätte sie nicht gedacht. Ob sie ihrem Sohn denn wohl nicht mit etwas Geld unter die Arme greifen könne? Sie hätte hier einen Beutel mit tausend Talern, den sollte sie von ihrem Mann ihrem Stiefsohn bringen, der fortwährend in großer Geldverlegenheit sei. Wenn sie nun wüßte, daß ihrem verstorbenen Sohne damit geholfen werden könne, so würde sie ihm auf der Stelle den Beutel mit in den Himmel schicken, denn er sei doch von ihrem eigenen Fleisch und Blut, und ihr Stiefsohn könne warten. Der kluge Mann sagt, das Geld wolle er schon besorgen, er sähe ihren Sohn im Himmel alle Tage. Die Frau gibt ihm also den Beutel. Er sagt: Da er nun einmal auf der Erde sei, so wolle er doch hier auch seine Verwandten einmal besuchen. Das Loch im Himmel, woraus er gefallen sei, hätte er sich genau gemerkt, und darauf könne sie sich verlassen, morgen um diese Zeit habe ihr Sohn im Himmel schon das Geld in Händen. Und damit geht er seiner Wege. Die Frau aber reitet nach Hause und erzählt ihrem Mann hocherfreut, daß sie Gelegenheit nach dem Himmel gefunden und ihrem rechten Sohn die tausend Taler mitgeschickt hat. Was will der Amtmann tun? Er besteigt sogleich den Schimmel, um den zu verfolgen, der seiner Frau die tausend Taler abgeschwatzt hat, und weil er ein sehr praktischer Mann gewesen ist und gern zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen hat, so steckt er von neuem tausend Taler ein, die will er bei der Gelegenheit seinem noch lebenden Sohn überbringen. Als der kluge Mann den Schimmel wieder ankommen sieht, versteckt er seinen Beutel mit den tausend Talern vor einer Hecke und geht ganz langsam. Als der Amtmann bei ihm ist, fragt er, ob er hier niemand so recht gefährlich habe laufen sehen, es habe hier einer seiner Frau tausend Taler abgenommen, der müsse hier wohl an ihm vorbeigerannt sein. O ja, sagt der kluge Mann, es sei jemand dahergerannt, als ob der Jäger hinter ihm wäre, und wie er den Schimmel gesehen, da sei er mit einem Satz durch die Dornhecke dort gesprungen, und dahinter müsse er sich wohl versteckt halten. Da dankt ihm der Amtmann vielmals, daß er ihm so gute Auskunft gegeben hat, und sagt: »Jetzt will ich den Halunken schon fassen.« Er steigt von seinem Schimmel herunter, bittet den klugen Mann, ihm den Schimmel ein wenig zu halten, und klemmt sich seinen dicken Amtmannsbauch mühsam durch die Dornhecke hindurch. Wie er mit ganz zerfetztem Rock endlich hindurch ist und auf jener Seite der Dornhecke den Spitzbuben sucht, holt der kluge Mann den Beutel mit den tausend Talern wieder hervor, die er versteckt hat, und tut sie zu den neuen tausend Talern, die der Amtmann seinem Sohn hat bringen wollen und die er in der Manteltasche hat stecken lassen. Darauf besteigt er den Schimmel, jagt heim zu seiner Frau und erzählt ihr, daß er einen Amtmann und eine Amtmännin gefunden hat, die noch dümmer seien als sie. An dem Tag, an dem er zurückkam, fiel der erste Schnee in diesem Jahre, und als nun der rechte lange Winter kam, da fand er mehr als der unrechte Winter gefunden hatte, und der kluge Mann lebte an den langen Winterabenden recht vergnügt mit seiner dummen Frau. Der Amtmann aber, als er an jenem Tage zu seiner Frau kam, sprach zu ihr: »Frau, nun hab ich unserem Sohn endlich die anderen tausend Taler mitgegeben und dazu den Schimmel, damit er oben doch auch reiten kann wie die andern Engel, für die er Futter schneiden muß.« Da war die Amtmännin beruhigt, denn sie meinte, es gehörte sich nicht für einen Engel, der ein Amtmannssohn sei, daß er im Himmel zu Fuß ginge. * Ignaz Zingerle Der Bär Vor Zeiten lebte ein Kaufmann und hatte drei Töchter. Davon war die Älteste ein herzensgutes, folgsames Kind, die zwei jüngeren waren aber stolz und bös und konnten ihre älteste Schwester nicht leiden. Da trug es sich einmal zu, daß ein Wintermarkt in der Nähe war, den der Kaufmann besuchen wollte. Er sprach beim Abschied zu seinen Töchtern: »Was soll ich euch vom Markte mitbringen?« Da verlangten die beiden Jüngeren schöne Kleider und andere Kostbarkeiten. Die Älteste aber sprach: »Lieber Vater, bring mir eine Rose als Marktkram! Ich habe diese Blumen am liebsten.« Sie dachte sich aber im Herzen: »Meinem Vater geht doch Geld genug auf. Eine Rose kostet ihn aber nichts, und mir macht sie doch viel Freude.« Der Kaufmann reiste nun auf den Markt und machte diesmal sehr gute Geschäfte. Er kaufte für seine zwei jüngeren Töchter schöne Kleider und andere Kostbarkeiten, allein umsonst forschte er nach einer Rose für sein ältestes Kind. Denn es herrschte kalter Winter, und knietiefer Schnee lag auf allen Gärten und Feldern. Das behagte dem Kaufmann gar nicht. Nachdem er seine Geschäfte erledigt hatte, trat er den Heimweg an und fuhr gar schnell über Schnee und Eis dahin. Wie er schon eine gute Strecke zurückgelegt hatte, kam er zu einem herrlichen Schlosse, das er früher noch nie gesehen hatte. Das schöne Gebäude war aber von einem stolzen Garten umgeben, in dem die lieblichsten Rosen zahllos blühten. Da dachte sich der Kaufmann: »Hier muß ich nach einer Rose schauen, denn ich möchte meinem ältesten Kinde doch eine Freude machen.« Er stieg deshalb aus dem Schlitten, ging in den Garten hinein und pflückte eine Rose. Dann wollte er wieder rasch zum Schlitten und von dannen fahren. Allein dies ging nicht so schnell; denn kaum hatte er die Rose gepflückt, so hörte er sich beim Namen rufen. Erstaunt sah er sich um und erblickte zu seinem großen Schrecken einen zotteligen Bären, der ihn anbrummte: »Du hast dich unterfangen, in meinen Garten einzubrechen und eine Rose zu stehlen, dafür sollst du büßen. Schickst du mir deine Tochter, für die du diese Rose gepflückt hast, binnen vierzehn Tagen hierher, so ist es recht. Tust du das nicht, so sollst du sehen, wie es dir und den Deinigen gehen wird.« Der Kaufmann erschrak über diesen unvermuteten Auftritt dermaßen, daß er, ohne eine Antwort zu geben, sich eiligst aus dem Staube machte. Er lief zu seinem Schlitten, schwang sich hinein und fuhr über Eis und Schnee seiner Stadt zu. Da hatten die drei Töchter große Freude, als sie ihren Vater kommen sahen. Sie sprangen ihm entgegen und begrüßten ihn herzlich. Sie bemerkten aber bald, daß ihr Vater ernst und trübe gestimmt sei, und das verdarb ihnen sogar die Freude an den schönen Geschenken. Sie fragten ihn nun so lange, was ihm fehle, bis er ihnen endlich erzählte, was der schreckliche Bär zu ihm gesprochen hatte. Da machten die zwei jüngeren Töchter gar hämische Gesichter und sprachen zur Ältesten: »Siehst du, wie es dir geht, weil du gerade eine Rose haben mußtest. Dir geschieht recht, wenn du eine Bärenbraut wirst. Mit den Leuten kannst du doch nicht umgehen.« So höhnten sie und hatten die größte Freude über das Unglück, das ihrer guten Schwester drohte. Doch diese blieb gefaßt, denn sie hatte ein reines Gewissen, und dachte sich: »Gar so bös wird der Bär nicht sein.« Sie brachte ihre Sachen in Ordnung und nahm am vierzehnten Tage von ihrem Vater und ihren Schwestern Abschied, und fuhr dann auf der Landstraße so lange, bis sie zum Schlosse des Bären kam. Dieser wartete schon auf sie am Eingange des Gartens und empfing sie freundlich. Dann führte er sie in das prächtige Schloß, bot ihr Erfrischungen und wies ihr die schönsten Zimmer zum Aufenthalt an. Da fand sie alles, was sie nur wünschen mochte, und es mangelte ihr an nichts. So lebte sie nun im Schlosse, und der Bär, der sich gar freundlich zeigte, leistete ihr Gesellschaft. Sie schickte sich bald in ihre Lage und lebte vergnügt und glücklich. Doch nach einiger Zeit ergriff sie eine starke Sehnsucht, ihren Vater wiederzusehen, so daß sie endlich dem Bären von ihrem Anliegen erzählte. Da brummte dieser anfangs und wollte von einem Besuch bei dem Vater nichts wissen. Als aber die Jungfrau von neuem bat, brummte der Bär: »Geh, wohin es dich zieht, aber länger als zwei Tage darfst du nicht bei den Deinen bleiben.« Dann nahm er einen Ring aus einem verborgenen Kästchen und gab ihn der Kaufmannstochter mit den Worten: »Wenn du dieses Ringlein am Abende vor deiner Abreise an den Finger steckst, so wirst du dich am folgenden Morgen in deinem Vaterhaus befinden. Bleib dann zwei Tage dort. Dann mußt du abends wieder das Ringlein anstecken, auf daß du am dritten Morgen schon wieder hier seist.« Die Kaufmannstochter war darüber hocherfreut und konnte den Abend kaum erwarten. Als es endlich dunkelte, steckte sie das Ringlein an ihren Finger und wollte dann einschlafen. Allein das ging nicht so schnell. Die Freude ließ ihr keine Ruhe und erst gegen Mitternacht fielen ihr die Augen zu. Als sie am nächsten Morgen erwachte, fand sie sich im Haus ihres Vaters. Sie war von ihren Angehörigen freundlich aufgenommen worden, und auch ihr Vater freute sich über das unerwartete Wiedersehen seiner Tochter sehr. Da gab es einen recht gemütlichen, heiteren Tag, und niemand dachte ans Abschiednehmen. Am nächsten Tage erst sagte die Tochter, die aus der Fremde gekommen war, daß sie am folgenden Morgen wieder beim Bären sein müsse. Da waren alle überrascht und drangen so lange in die Jungfrau, bis sie endlich beschloß, noch einen Tag beim Vater zu verleben. Am Abende des dritten Tages steckte sie erst das Ringlein an ihren Finger und schlief unter wehmütigen Gefühlen ein. Als sie am folgenden Tag erwachte, war sie im Schlosse des Bären. Sie stand nun auf und wollte zu ihrem Herrn gehen, um ihn zu begrüßen. Sie ging deshalb in sein Zimmer, das war aber leer. Dann suchte sie das Schloß durch von oben bis unten, konnte aber den Bären nirgends finden. Da ward sie sehr traurig, denn sie hatte das gute Tier liebgewonnen. Sie beschloß deshalb, noch einmal das ganze Schloß zu durchsuchen, um den Bären zu finden – und sie tat es. Da fand sie ihn endlich unter dem Brunnentrog, wo er wie halbtot lag. Sie zog ihn heraus, streichelte den Braunpelz und fragte ihn, warum er in diesem traurigen Zustand sei. Da antwortete er: »Ich habe schon gemeint, daß du nicht mehr kommen werdest, und darüber bin ich fast verzweifelt.« Als die Kaufmannstochter dies hörte, hatte sie noch größeres Mitleid mit ihm, streichelte ihn und sprach: »Sei nur nicht verzagt! Ich will immer bei dir bleiben und werde dich nie mehr verlassen, denn du bist mein Schatz.« Wie der Bär diese Rede hörte, sprang er hocherfreut auf und brummte: »Wenn ich dein Schatz bin, mußt du mich so lange schlagen, bis mir die Haut vom Leibe fliegt.« Dagegen sperrte sich die Jungfrau lange, doch endlich gab sie den Bitten nach und nahm eine Peitsche, die in der Nähe war. Diese schwang sie so kräftig, daß bald Hautfetzen vom Bären davonflogen. Auf die Bitte des Bären schlug sie immer und immer wieder zu, daß die Hiebe sangen. Als die Haut fast ganz weggepeitscht war, stand plötzlich ein wunderschöner Jüngling vor ihr. Er eilte auf sie zu, umarmte sie und dankte ihr für seine Erlösung. Dann führte er sie in das Schloß zurück und hielt mit ihr eine gar lustige Hochzeit. Dabei diente das alte Gesinde, das zugleich mit dem Herrn vom Zauber erlöst worden war. Die gute Kaufmannstochter war nun eine steinreiche Rittersfrau und hatte mit ihrem Mann ein gar herrliches Leben. * Die Rekkenk Sibirisches Volksmärchen Einst lebte ein Volk von Rekkenk (böse Geister), die viele Rentiere besaßen. Einer von ihnen wollte die Menschen besuchen und sagte zu seiner Frau: »Wir wollen zu den Menschen gehen.« Das Wetter war kalt, seine Frau erwiderte daher: »Es ist kalt.« Er aber sprach: »Es schadet nichts; laßt uns gehen, wenn wir richtige Jäger sind. Natürlich werden wir die Herde, die Hirten sowie das schwere Zelt hierlassen. Wir wollen nur ein leichtes Zelt mitnehmen, wenn wir sie besuchen.« So machten sie sich denn auf die Fahrt. Das obere Wesen sah, wie sich der lange Zug ihrer Schlitten dahinbewegte. Da sprach es: »Oh, wie wunderbar, sie sind schon wieder dabei, die Menschen zu töten. Die Menschen bitten mich immerfort um Hilfe, doch werden sie immer noch umgebracht. Das bekümmert mich, daher will ich wenigstens diesem einen bösen Geiste eine Lehre erteilen.« Damit nahm er seinen Stab und ging davon. Die Rekkenk und seine Frau waren unterwegs eingeschlafen. Das obere Wesen kam zu einem bedeckten Schlitten und hob die Decke auf, da sah er darunter ein kleines Kind schlafen, das etwa ein Jahr alt sein mochte und in einer kleinen Mütze lag. An deren Spitze war eine Troddel aus menschlichen Fingern befestigt. Er berührte die Troddel mit seinem Stabe, und die Finger klebten daran fest. Er nahm darauf das Kind fort und brachte es zu seiner Frau. »Siehst du, ich habe es hergebracht«, sagte er. »Es ist gut.« »Aber was sollen wir mit ihm anfangen?« »Ich weiß es nicht, ich habe niemals Kinder gehabt.« »Ich werde wohl zum Töter-Walfisch gehen müssen. Vielleicht weiß er einen Rat.« Der Töter-Walfisch und seine Frau wohnten in einem großen Steinhause; auch diese beiden hatten keine Kinder. Das obere Wesen kam zu ihrem Hause, legte das Kind nahe bei der Tür hin und ging davon. Als der Töter-Walfisch heraustrat, erblickte er das Kind, das noch schlief. Er freute sich darüber sehr und rief seiner Frau zu: »Ich habe einen Helfer gefunden, wir haben einen Helfer gefunden. Jetzt werden wir in unserm Alter nicht allein sein. Wir wollen versuchen, dies Kind großzuziehen.« »Einverstanden.« Nachdem die bösen Geister die Menschen aufgesucht und viele von ihnen umgebracht hatten, machten sie sich mit ihrer Beute beladen auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, schlugen sie ihr Zelt auf, und die Frau machte sich daran, das Schlafzimmer herzurichten. Ihr Gatte sagte: »Ich will doch einmal nach dem Kinde sehen.« Er hob die Decke des Schlittens auf; da erst bemerkten sie, daß das Kind verschwunden war. Der Gatte rief: »Heda!« »Heda!« antwortete seine Frau. »Wo ist das Kind? Hast du es in das Zelt gebracht?« »Nein, es muß im Schlitten sein.« »Es ist nicht hier.« »Wo mag es denn sein? Vielleicht haben es die Nachbarn genommen. Aber warum sollten sie ein Kind anderer Leute zu sich nehmen? Ich glaube, daß uns ein andrer diesen Streich gespielt hat, während wir schliefen. Was können wir da bloß tun?« Die Frau suchte einen Schamanen auf, der war ein Rabe und fragte, als sie ankam: »Wer ist gekommen?« »Ich bin es, mein Mann hat mich hergeschickt. Er sagte: ›Ich bin betrübt; laß den Wissenden kommen.‹« »A-ta-ta-ta, ich komme schon.« Als der Rabe bei den Rekkenk ankam, fragte der Mann: »Nun, bist du gekommen?« »Ja, ich bin gekommen. Was willst du?« »Jemand hat unser Kind fortgenommen. Vermagst du es zu finden?« »Ich werde es versuchen.« Der Rabe flog zum Hause des Töter-Walfisches. »Heda!« »Heda!« »Wer ist da?« »Ich bin es. Ich komme, um das Kind zu holen.« »Du bekommst es nicht.« »Gib es doch wieder, ich möchte es haben.« »Ich werde es nicht hergeben.« »So, du willst nicht?« Der Rabe flog in die Höhe und ließ einen großen Steinpfeiler auf das Haus herabfallen, doch dieser prallte zurück, denn das Haus des Töter-Walfisches war allzu fest gebaut. Der Rabe kehrte zu den Rekkenk zurück und sagte: »Es ist mir nicht gelungen.« »Ach«, sagte der Hausherr, »sogar du konntest nichts erreichen!« Am folgenden Tage sagte er wieder zu seiner Frau: »Ich bin betrübt. Geh und bringe zwei Winde herbei, den Westwind, den kalten, und den Ostwind, den schneidenden.« Die beiden Windbrüder kamen zu ihm und fragten: »Was willst du?« »Jemand hat mir mein Kindchen geraubt. Ihr seht doch alles. Wollt ihr nicht auch nach dem Kinde sehen?« »Ja«, sagten sie und gingen davon. Unterwegs kamen sie am Hause des oberen Wesens vorbei. Da sprach der Ostwind: »Warum gehen wir hier vorüber? Hier wohnt doch das obere Wesen. Wir wollen ihn doch wenigstens fragen. Was er wohl sagen wird? Heda!« »Heda!« »Höre, eine Familie von bösen Geistern hat ihr kleines Kind verloren, und sie grämen sich deswegen. Wir suchen nach ihrem Kinde. Weißt du vielleicht, wo es sein mag?« »Nicht wahr, jetzt grämen sie sich, und doch gehen sie jedes Jahr zu den Menschen und rauben viele von ihnen. Die Menschen nehmen dadurch ab. Es geschieht ihnen ganz recht. Aber wir wollen gehen.« Die Winde und das obere Wesen kamen darauf zu dem Hause der Töter-Walfische. »Heda!« »Heda!« »Ich bin gekommen, um das Kind abzuholen, das ich neulich hergebracht habe.« »Du sollst es nicht haben.« »Wieso sollte ich es nicht wiederbekommen, da ich es doch selber hergebracht habe? Gib es zurück!« »Ich will nicht, ich will es zu meinem Gehilfen erziehen.« »Aber wie kannst du es mir verweigern, da du doch mein Geschöpf bist? Ich habe deinen Augen die Gabe des Sehens verliehen. Wie darfst du es verweigern?« »Und doch verweigere ich es.« »So, du weigerst dich; dann tretet ein, Winde!« Die beiden Winde traten in das Haus des Töter-Walfisches, da wurde es schrecklich kalt, so daß die Töter-Walfische gar sehr froren. Sie froren so sehr, daß sie starben. Dann sagte das obere Wesen zu den Winden: »Nun geht hinaus.« Sie gingen hinaus, es wurde wärmer im Hause, und die Töter-Walfische wurden wieder lebendig. »Nun, wollt ihr das Kind zurückgeben?« »Ja, ja.« »Also flink, beeilt euch!« »Einen Augenblick.« »Da nimm es und bring es den Eltern wieder.« Von jener Zeit an kamen die bösen Geister nicht mehr in dies Land. * Peter Christen Asbjørnsen Die zwölf wilden Enten Es war einmal eine Königin, die fuhr einst bei Winterzeit, als eben frischer Schnee gefallen war, im Schlitten spazieren. Unterwegs fing ihr die Nase an zu bluten, und sie mußte daher aussteigen. Während sie nun da stand und sich an einen Zaun lehnte, betrachtete sie ihr rotes Blut, das auf den weißen Schnee gefallen, und dachte bei sich selbst: »Ich habe nun zwölf Söhne und keine einzige Tochter; hätte ich eine Tochter, so weiß wie Schnee und so rot wie Blut, dann wollte ich mich um die Söhne nicht weiter kümmern.« Kaum hatte sie das so leise vor sich hin gesprochen, als plötzlich eine alte Hexe vor ihr stand und sagte: »Eine Tochter sollst du bekommen, und diese soll so weiß sein wie Schnee und so rot wie Blut. Dann aber sollen deine Söhne mir gehören, du kannst sie jedoch so lange bei dir behalten, bis die Tochter getauft ist.« Nach einiger Zeit gebar die Königin wirklich eine Tochter, die war weiß wie Schnee und rot wie Blut, ganz so, wie die Hexe ihr verheißen hatte. Da war nun große Freude im Königsschlosse, und die Königin freute sich am meisten. Als sie aber gedachte, was sie der alten Hexe versprochen hatte, da ward ihr das Herz doch etwas schwer, und sie schickte zu einem Silberschmied, der mußte ihr zwölf silberne Löffel verfertigen, einen für jeden Prinzen, und für die neugeborene Prinzessin ließ sie auch einen Löffel machen. Nachdem nun die Prinzessin getauft war, wurden die Prinzen in zwölf wilde Enten verwandelt, flogen davon und wurden nicht mehr gesehen. Fort waren sie und fort blieben sie. Die Prinzessin wuchs indessen heran und wurde außerordentlich schön; aber sie war immer so ernst und so schwermütig, ohne daß jemand begreifen konnte, was ihr fehle. Eines Abends fragte sie die Königin: »Warum bist du immer so traurig, meine Tochter? Fehlt dir etwas, so sage es mir! Möchtest du vielleicht gern etwas haben, so sollst du es bekommen.« »Ach, liebe Mutter«, antwortete die Prinzessin, »es kommt mir hier immer so öde vor. Alle anderen Kinder haben Geschwister, aber ich habe keine, und darüber bin ich so betrübt.« »Meine Tochter«, erwiderte die Königin, »Du hast auch Geschwister gehabt. Ich hatte zwölf Söhne, welche deine Brüder waren. Aber ich habe sie alle dahingegeben, um dich zu bekommen«, und darauf erzählte sie ihr, wie sich alles zugetragen hatte. Als die Prinzessin hörte, wie es ihren Brüdern ergangen war, hatte sie zu Hause länger keine Ruhe, und wie sehr die Mutter auch weinen und bitten mochte, es half alles nichts, sie wollte und mußte fort, um ihre Brüder wieder aufzusuchen. Denn sie glaubte, sie wäre allein schuld an ihrem Unglücke. Zuletzt verließ sie heimlich das Schloß und wanderte in der Hoffnung, ihre Brüder aufzufinden, auf gut Glück in die Welt hinaus. Einmal war sie eine ganze Nacht hindurch in einem großen Walde umhergeirrt, bis sie gegen Morgen müde wurde, sich auf den Rasen hinsetzte und einschlief. Da träumte ihr, sie ginge noch weiter in den Wald hinein, bis sie zu einer kleinen hölzernen Hütte käme, in der ihre Brüder wohnten. Hierüber erwachte sie, und da sie vor sich einen gebahnten Fußsteig sah, so folgte sie dem Pfad, bis sie tiefer im Walde zu einem Häuschen kam, gerade so, wie sie es im Traume gesehen hatte. Als sie hineintrat, war dort niemand; aber es standen da zwölf Betten und zwölf Stühle, und auf dem Tische lagen zwölf Löffel, und von allen Sachen, die sich fanden, waren es immer zwölf Stück. Die Prinzessin war nun voller Freude, denn sie konnte sich wohl denken, daß ihre Brüder da wohnen müßten und daß sie es wären, denen die Betten und die Stühle und die Löffel gehörten. Sie machte nun Feuer im Kamin an, fegte das Zimmer aus und machte die Betten, kochte dann etwas zu essen und putzte alles aufs beste auf. Und als sie mit Kochen fertig war und die Sachen ihrer Brüder zurechtgemacht hatte, setzte sie sich selber hin und aß, legte dann ihren Löffel auf den Tisch und kroch unter das Bett des jüngsten Bruders. Bald darauf hörte sie ein gewaltiges Sausen in der Luft, und auf einmal kamen zwölf wilde Enten geflogen, die sich aber, sobald sie über die Türschwelle kamen, augenblicklich in die Prinzen, ihre Brüder, verwandelten. »Ach, wie gut hier alles aufgeräumt und wie es hier so schön warm ist!« sagten sie. »Gott lohne dem, der uns die Stube so schön geheizt und so herrliches Essen für uns gekocht hat!« Und mit diesen Worten nahm jeder seinen silbernen Löffel, um damit zu essen. Aber nachdem jeder den seinigen genommen hatte, blieb doch noch einer zurück, und der war den ihrigen so ähnlich, daß sie ihn nicht davon unterscheiden konnten. Da sahen die Prinzen einander an und verwunderten sich sehr. »Das ist der Löffel unserer Schwester«, sagten sie, »und ist der Löffel hier, so kann sie selber auch nicht weit sein.« »Ist es unsere Schwester, und sie findet sich hier«, sagte der älteste Prinz, »so soll sie sterben, denn sie ist schuld an all unserm Unglück.« »Nein«, sagte der jüngste Prinz, »es wäre Sünde, sie zu töten. Sie kann ja nichts dafür, daß wir Übles erdulden. Sollte jemand daran schuld sein, so ist es niemand anders als unsere eigene Mutter.« Sie fingen nun an ihre Schwester zu suchen, und als sie zu dem Bett des jüngsten Prinzen kamen, fanden sie die Prinzessin und zogen sie hervor. Der älteste Prinz verlangte erneut, daß sie getötet werden müsse. Aber sie bat inständig und sagte: »Ach, tötet mich doch nicht! Ich bin viele Jahre lang herumgewandert, um euch aufzusuchen, und wenn ich euch erlösen könnte, wollte ich gern mein Leben dafür lassen.« »Ja, wenn du uns erlösen willst«, sagte der Älteste, »so sollst du das Leben behalten. Denn du kannst uns erlösen, wenn du willst.« »Ja«, antwortete die Prinzessin, »sagt mir nur, wie ich es machen soll, dann will ich alles tun, was ihr verlangt.« »Dann mußt du die Dunen von der Butterblume sammeln und mußt sie kratzen und spinnen und weben, und wenn das Gewebe fertig ist, mußt du es zuschneiden und zwölf Mützen, zwölf Hemden und zwölf Halstücher davon machen, für jeden von uns ein Stück; aber solange du damit beschäftigt bist, darfst du weder sprechen noch weinen noch lachen. Kannst du das, so sind wir erlöst.« »Wo soll ich aber die vielen Dunen zu all den Hemden, Mützen und Tüchern herbekommen?« fragte die arme Prinzessin. »Das sollst du schon erfahren«, antworteten die Prinzen und führten sie hinaus auf eine große, große Wiese. Da standen so viele Butterblumen mit weißen Dunen, die nickten im Winde und glänzten im Sonnenschein, daß man den Glanz schon weit in der Ferne sehen konnte. Noch nie zuvor hatte die Prinzessin so viele Butterblumen gesehen, und sie fing sogleich an zu pflücken und zu sammeln, so viel sie nur fortschaffen konnte. Als sie am Abend nach Hause kam, begann sie sogleich die Dunen zu kratzen und Garn davon zu spinnen. So fuhr sie eine Zeitlang fort. Sie sammelte und kratzte jeden Tag die Dunen der Butterblumen und wartete dabei zugleich den Prinzen auf, kochte für sie und machte ihnen die Betten. Und jeden Abend kamen ihre Brüder als wilde Enten nach Hause geflogen, denn des Nachts waren sie Prinzen, des Morgens aber flogen sie wieder als wilde Enten davon. Als die Prinzessin wieder einmal auf die Wiese gegangen war, um sich Dunen von der Butterblume zu sammeln – wenn ich nicht irre, so war es das letzte Mal, daß sie welche sammeln wollte –, geschah es, daß der junge König, der das Land regierte, auf der Jagd an der Wiese vorbeiritt. Als er die Prinzessin erblickte, wunderte er sich sehr über die schöne Jungfrau, hielt still und redete sie an. Da er keine Antwort von ihr erhielt, wurde seine Verwunderung noch größer, und weil ihm das Mädchen so wohlgefiel, wollte er sie mit sich auf sein Schloß führen und sie zu seiner Gemahlin nehmen. Er gab daher seinen Dienern Befehl, sie auf sein Pferd zu setzen; die Prinzessin aber rang die Hände und deutete auf die Säcke, worin sie ihre Arbeit hatte; und als der König begriffen hatte, was sie meinte, so befahl er seinen Dienern, auch die Säcke mit aufzuladen. Als das geschehen war, gab die Prinzessin sich nach und nach zufrieden; denn der König war ein sehr schöner Mann und sehr sanft und freundlich gegen sie. Als sie aber aufs Schloß kamen, und die alte Königin, die Stiefmutter des jungen Königs, die Prinzessin erblickte, wurde sie neidisch und aufgebracht über ihre große Schönheit und sagte zum König: »Siehst du denn nicht, daß es eine Hexe ist, die du mitgebracht hast? Denn sie kann ja weder sprechen noch lachen noch weinen.« Der König aber kümmerte sich nicht darum, was seine Mutter sagte, sondern hielt Hochzeit mit der schönen Prinzessin und lebte mit ihr herrlich und vergnügt; die junge Königin aber unterließ es nicht, fortwährend an den Hemden zu nähen. Ehe das Jahr um war, kam die junge Königin mit einem Prinzen nieder. Darüber wurde die alte Königin noch neidischer und noch mehr erbittert und schlich sich in der Nacht, während die junge Königin schlief, in deren Zimmer, nahm ihr das Kind weg und bestrich ihr den Mund mit Blut; das Kind aber warf sie in die Schlangengrube. Als das geschehen, ging die böse Königin hinein zum König, ihrem Sohn, und sprach: »Komm jetzt und sieh, was es für eine ist, die du zur Frau genommen hast. Jetzt hat sie ihr eigenes Kind gefressen.« Da war der König so betrübt, daß er beinahe Tränen vergoß, und er sagte: »Ja, es muß wohl wahr sein, weil ich es mit meinen eigenen Augen sehe. Aber sie tut es bestimmt nicht wieder. Dieses Mal will ich sie verschonen.« Ehe das Jahr um war, gebar die Königin wieder einen Sohn, und mit diesem ging es ebenso wie mit dem ersten. Wieder schlich sich die Stiefmutter des Königs in der Nacht in das Zimmer der jungen Königin, während diese schlief, nahm ihr das Kind und bestrich ihr den Mund mit Blut und sagte dann zum König, seine Frau hätte wieder ihr eigenes Kind gefressen. Da ward der König so betrübt, daß du's gar nicht glauben kannst, meinte aber doch, diesmal wollte er es seiner Gemahlin noch verzeihen, da sie es sicher nicht wieder tun würde. Ehe das Jahr um war, kam die junge Königin mit einer Tochter nieder, und diese nahm die alte Königin ebenfalls, warf sie in die Schlangengrube und ging dann wieder hin zum König und sprach: »Komm jetzt und siehe, ob es nicht wahr ist, was ich sage, daß sie eine Hexe ist; denn jetzt hat sie auch ihr drittes Kind aufgefressen.« Da ward der König so betrübt, daß es gar nicht zu sagen ist. Denn jetzt konnte er sie nicht länger schonen, sondern mußte den Befehl geben, sie lebendig zu verbrennen. Als nun der Scheiterhaufen in Flammen stand und sie hinaufsteigen sollte, gab sie durch Mienen und Gebärden zu verstehen, sie sollten zwölf Bretter nehmen und sie um den Scheiterhaufen legen, und darauf legte sie die Hemden und die Mützen und die Tücher ihrer Brüder. Aber an dem Hemd des jüngsten Bruders fehlte noch der linke Arm, den hatte sie nicht fertig bekommen können. Kaum war dies geschehen, so hörte man ein Sausen und ein Brausen in der Luft, und darauf kamen zwölf wilde Enten über den Wald her geflogen, und jede von ihnen nahm ein Hemd, eine Mütze und ein Halstuch in den Schnabel und flog damit fort. »Siehst du nun«, sagte die böse Stiefmutter zu dem König, »daß sie eine Hexe ist? Mach jetzt schnell und verbrenne sie, ehe die Flammen das Holz verzehren.« »Damit hat's noch keine Eile«, sagte der König, »denn Holz haben wir genug, und ich bin gespannt, wie die Sache ein Ende nehmen wird.« In demselben Augenblick kamen die Prinzen geritten, so schön und so wohlgestalt, wie man sie nur sehen konnte, der jüngste Prinz aber hatte statt des linken Arms einen Entenflügel. »Was habt Ihr hier vor?« fragten die Prinzen. »Meine Frau soll verbrannt werden«, sagte der König, »weil sie eine Hexe ist und ihre eigenen Kinder gefressen hat.« »Sie hat ihre Kinder nicht gefressen«, sagten die Prinzen. »Sprich jetzt, Schwester! Nun hast du uns errettet, errette jetzt dich selbst!« Da tat die Königin den Mund auf und erzählte, wie alles sich zugetragen hatte, und daß jedesmal, wenn sie ins Kindbett gekommen, die alte Königin sich in ihr Zimmer geschlichen und ihr das Kind weggenommen und ihr den Mund mit Blut bestrichen habe. Und die Prinzen nahmen den König und führten ihn hinaus zu der Schlangengrube, da lagen die drei Kinder und spielten mit den Schlangen und den Nattern, und schönere Kinder als sie konnte man nicht sehen. Da nahm der König sie mit sich und brachte sie zu seiner Stiefmutter und fragte sie, was der wohl für eine Strafe verdient hätte, der eine unschuldige Königin und drei so allerliebste Kinder zu verderben getrachtet hätte. »Der verdiente, daß er von zwölf wilden Pferden vollkommen in Stücke gerissen würde«, sagte die alte Königin. Da antwortete der König: »Du hast dir selbst dein Urteil gesprochen und sollst die Strafe erleiden, die du verordnest hast.« Und so geschah es. Die alte böse Königin wurde an zwölf wilde Pferde gebunden und von diesen in Stücke zerrissen. Die junge Königin aber reiste mit dem Könige, ihrem Mann und ihren Kindern und den zwölf Prinzen, ihren Brüdern, nach Hause zu ihren Eltern und erzählte ihnen, was ihr alles begegnet war. Groß war die Freude und Jubel herrschte im ganzen Königreiche, weil die Prinzessin errettet war und sie auch ihre zwölf Brüder erlöst hatte. * Wilhelm Hauff Schneeweißchen und Rosenrot Eine arme Witwe, die lebte in einem kleinen Hüttchen, und vor dem Hüttchen war ein Garten, darin standen zwei Rosenbäumchen, wovon das eine weiße, das andere rote Rosen trug, und sie hatte zwei Kinder, die glichen den beiden Rosenbäumchen, und das eine hieß Schneeweißchen, das andere Rosenrot. Sie waren aber so fromm und so gut, so arbeitsam und unverdrossen, als noch jemals zwei Kinder auf der Welt gewesen sind, Schneeweißchen war nur stiller und sanfter als Rosenrot, das sprang lieber in den Wiesen und Feldern nach den Blumen und Sommervögeln, während Schneeweißchen daheim bei der Mutter saß, ihr vorlas oder im Hauswesen half. Sie hatten einander aber doch so lieb, daß, wenn sie zusammen gingen, sie sich an den Händen faßten und sagten: »Wir wollen uns niemals verlassen«, und die Mutter sprach dann: »Was das eine hat, soll's mit dem andern teilen!« Oft waren sie allein im Wald, wenn sie rote Bären sammelten, aber kein Tier tat ihnen etwas zuleid, sondern waren ganz vertraulich mit ihnen; manches Häschen nahm ein Kohlblatt aus ihren Händen, das sie ihm mitgebracht hatten, und manches Rehkälbchen kam und wollte bei ihnen grasen. Kein Unfall betraf sie, und wenn sie sich verspäteten und die Nacht sie überfiel, so faßten sie sich einander an und schliefen, bis der Morgen kam, und die Mutter wußte das und hatte keine Sorge um sie. Einmal, als sie so im Wald erwachten, sahen sie ein fremdes, schönes Kind, schneeweiß gekleidet, das sich vor sie hingesetzt hatte, damit sie in der Dunkelheit keinen Schritt weiter gegangen wären, weil sie sonst in einen Abgrund hinabgefallen wären. Es stand auf, sah sie freundlich an, sprach aber nicht und ging in den Wald hinein. Die Mutter sagte ihnen, das wäre der Engel gewesen, der für sie wache. Sie hielten das Hüttchen der Mutter so reinlich, daß es eine Freude war anzusehen. Im Sommer besorgte Rosenrot das Haus, und alle Morgen, wenn die Mutter aufwachte, stand ein schöner Blumenstrauß vor dem Bett, und von jedem Bäumchen eine Rose. War es Winter, so zündete Schneeweißchen das Feuer am Herd und hing den Kessel an den Feuerhaken, und der Kessel war von Messing, aber so rein, daß er wie Gold glänzte. Abends, wenn die Flocken fielen, sagte die Mutter: »Geh hin, Schneeweißchen, und schieb den Riegel vor«, und dann setzten sie sich an den Herd, die Mutter nahm die Brille und las aus einem großen Buch vor, und die beiden Mädchen spannen und nähten, ein Lämpchen lag neben ihnen auf dem Boden, und hinter ihnen auf einer Stange saß ein weißes Täubchen und hatte seinen Kopf unter den Flügel gesteckt. Nun trug es sich zu eines Abends, als sie beisammensaßen, daß jemand an die Tür klopfte, als wollte er eingelassen sein. Die Mutter sprach: »Mach auf, Rosenrot, es wird ein Wanderer sein, der Obdach sucht.« Rosenrot ging und schob den Riegel weg, aber es war kein Mensch, der eintrat, sondern ein schwarzer Bär streckte seinen dicken Kopf zur Tür herein. Rosenrot schrie laut und sprang zurück, das Lämmchen blökte, das Täubchen flatterte auf, und Schneeweißchen versteckte sich hinter der Mutter Bett. Aber der Bär fing an zu sprechen und sagte: »Fürchtet euch nicht, ich tue euch nichts zuleid, ich will mich nur ein wenig an eurem Feuer wärmen.« »So leg dich nur dahin«, antwortete die Mutter und rief die Kinder und sprach: »Schneeweißchen! Rosenrot! kommt nur her, der Bär tut euch nichts, er meint's ehrlich.« Da kamen die Kinder herbei, und das Lämmchen und das Täubchen verloren auch die Furcht und näherten sich. Nach einem Weilchen sagte der Bär: »Seid doch so gut, ihr Kinder, und klopft mir den Schnee ein wenig aus meinem Pelzwerk heraus.« Sie holten den Besen und kehrten den Bären ab, der streckte sich hin und brummte ganz vergnügt. Sie wurden endlich ganz vertraulich, zausten ihm sein Fell mit den Händen, oder setzten ihre kleinen Füßchen auf ihn und walgerten ihn hin und her oder holten eine Gerte und schlugen damit auf ihn los. Der Bär ließ sich alles gefallen, nur, wenn sie's gar zu arg machten, rief er: »Laßt mich nur am Leben, Schneeweißchen! Rosenrot! Schlägst dir den Freier tot!« Als Schlafenszeit war und die andern zu Bett gingen, sagte die Mutter zum Bär: »Du kannst in Gottes Namen da am Herd liegenbleiben, so bist du vor dem Wetter geschützt.« Am andern Morgen, als es Tag war, ließen ihn die Kinder wieder hinaus, und er trabte über den Schnee fort in den Wald. Von nun an kam der Bär jeden Abend zu der bestimmten Stunde und legte sich an den Herd, und sie waren so gewohnt an ihn, daß die Türe abends nicht eher zugeriegelt wurde, als bis der schwarze Gast angelangt war. Als das Frühjahr herangekommen und draußen alles grün war, sagte der Bär eines Morgens: »Nun muß ich fort und darf den ganzen Sommer nicht wiederkommen.« Sprach Schneeweißchen: »Wo gehst du hin?« »Ich muß in den Wald und meine Schätze vor den Zwergen hüten, im Winter, wenn die Erde hart gefroren ist, da müssen sie unten bleiben und können nicht durchbrechen, aber jetzt steigen sie heraus, suchen und stehlen, und was sie einmal in ihre Höhlen getragen haben, das kommt so leicht nicht wieder an den Tag.« Da öffnete ihm Schneeweißchen die Türe, und als der Bär sich hinausdrängte, blieb er an einem Türhaken hängen, und ein Stück von seiner Haut riß auf, und da war es Schneeweißchen, als hätte es Gold durchschimmern gesehen, aber es wußte es nicht recht, weil der Bär eilig fortgelaufen war. Nach einiger Zeit sagte die Mutter: »Geht, Kinder, und sammelt Reisig, unser Vorrat ist bald zu Ende.« Als sie draußen im Wald waren, sahen sie einen großen Baum, der gefällt auf der Erde lag, und an dem Stamm, zwischen dem Gras, sprang etwas auf und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden, was es war. Sie gingen näher herzu und sahen einen Zwerg mit einem alten und verwelkten Gesicht und einem Bart, der ellenlang und schneeweiß war. Aber das Ende des Barts war in eine Spalte des Baumstammes eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her, wie ein Hündchen an einem Riemen, und wußte nicht, wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten, feurigen Augen an und rief: »Was steht ihr da, könnt ihr nicht herbeigehen und mir Beistand leisten!« »Was hast du denn angefangen, du kleines Männchen?« fragte Rosenrot. »Neugierige Geschöpfe!« antwortete der Zwerg, »den Baum da habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz zum Kochen zu haben, bei einem dicken Klotz verbrennt gleich das bißchen Speise, das unsereiner braucht. Ich hatte einen Keil hineingetrieben, aber das verwünschte Stück Holz muß zu glatt gewesen sein, er sprang wieder heraus, und da fuhr der Baum wie der Blitz zusammen, und ich konnte nicht geschwind wieder zurück, da ist das Ende von meinem schönen, weißen Bart steckengeblieben. Ihr habt gut lachen mit euren albernen, glatten Milchgesichtern, pfui! wie garstig seid ihr!« Die Kinder zogen an dem Bart, aber umsonst, er steckte zu fest. »Ich will laufen und Leute holen«, sagte Rosenrot. »Ei was«, schnarrte der Zwerg, »wer wird gleich Leute herbeirufen, das wäre mir gelegen, dumme Gänse! wißt ihr keinen bessern Rat!« »Warte«, sprach Schneeweißchen, »ich will dir helfen«, holte seine Schere aus der Tasche und schnitt das Ende des Barts ab. Als der Zwerg sich frei fühlte, griff er nach einem Sack Gold, der unter dem Baum lag, brummte dabei: »Ungeschlachtes Volk! schneidet mir ein Stück von dem prächtigen Bart ab, lohn's euch der Guckuck!«, schwang den Sack auf seinen Rücken und ging fort, ohne zu den Kindern ein Wort Dank zu sagen oder sie nur einmal noch anzusehen. Ein andermal wollten Schneeweißchen und Rosenrot ein paar Fische zum Abendessen mit der Angel fangen. Als sie sich dem Bache näherten, sahen sie, daß etwas, wie eine Heuschrecke, in großen Sprüngen nach dem Wasser zu hüpfte, als wollte es hinein. Sie liefen herzu und erkannten den Zwerg. »Was hast du vor?« fragte Rosenrot. »Seht ihr's denn nicht? der verwünschte Fisch zieht mich ins Wasser.« Der Kleine hatte geangelt und der Wind seinen Bart mit der Angelschnur verflochten, nun hatte unglücklicherweise ein großer Fisch angebissen, und der Zwerg war nicht mächtig genug, ihn herauszuziehen, sondern der Fisch behielt die Oberhand und zog den Zwerg zu sich. Zwar hielt sich dieser an allen Halmen und Binsen fest, aber es half nicht, er mußte dem Fisch folgen und einen Sprung nach dem andern machen. Die guten Kinder kamen noch zu rechter Zeit und hielten den Kleinen fest; denn ein wenig später, so lag er im Wasser und es war um ihn geschehen. Sie versuchten den Bart von der Angelschnur freizumachen, aber es war nicht möglich, so sehr waren beide ineinander verwirrt. Es blieb nichts anderes übrig, als daß sie die Schere wieder hervorholten und den Bart abschnitten, dabei ging aber ein kleiner Teil dessen verloren. Als der Zwerg das sah, schrie er sie an: »Ihr Lorche, ist das Manier, einem das Gesicht zu schänden, erst habt ihr mir den Bart unten abgestutzt, jetzt schneidet ihr den schönsten Teil davon weg; ich darf mich ja vor den Meinigen nicht mehr sehen lassen! so wollt' ich, daß ihr laufen müßtet und die Schuhsohlen verloren hättet!« Dann griff er nach einem Sack Perlen, der da im Schilfe lag, und stillschweigens, ohne weiter ein Wort zu sagen, schleppte er ihn fort und verschwand unter einem Stein. Abermals, nicht lange darnach, schickte die Mutter die beiden Kinder nach der Stadt, sie sollten Zwirn und Nadeln, Schnüre und Bänder einkaufen. Als sie auf einer Heide anlangten, auf der hier und da große Felsenstücke lagen, sahen sie einen großen Vogel in der Luft, der langsam in Kreisen über ihnen sich schwang, und immer tiefer senkte, bis er endlich nicht weit bei einem Felsen niederstieß. Gleich darauf hörten sie ein erbärmliches Geschrei. Sie liefen herzu und sahen mit Erstaunen, daß der Adler den wohlbekannten Zwerg gehackt hatte, welcher eben aus einer Öffnung im Stein hervorgestiegen war, und daß er ihn forttragen wollte. Die mitleidigen Kinder packten gleich das Männchen fest und zerrten sich so lange mit dem Adler herum, bis er seine Beute mußte fahren lassen. Als der Zwerg sich vom ersten Schrecken erholt hatte, sprach er: »Konntet ihr mich nicht säuberlicher angreifen, gerissen habt ihr an meinem Röckchen, daß es an mehr als einer Stelle Löcher bekommen hat, zu täppiges Gesindel!« Dann nahm er einen Sack mit Edelsteinen und schlüpfte wieder in seine Höhle. Die Mädchen waren an seinen Undank schon gewöhnt, setzten ihren Weg fort und verrichteten ihr Geschäft in der Stadt. Als sie beim Heimweg wieder auf die Heide kamen, überraschten sie den Zwerg, der wohl gedacht hatte, so spät würde niemand mehr des Weges gehen. Er hatte sich ein reinliches Plätzchen ausgesucht und seinen Sack mit Edelsteinen ausgeschüttet. Da lagen sie ringsherum, und weil die Abendsonne drüber hin schien, schimmerten sie so prächtig in allen Farben, blau, rot, grün und gelb, daß die Kinder stehenblieben und sie betrachteten. »Was steht ihr da und habt Maulaffen feil!« schrie der Zwerg ärgerlich und wollte sie weiter ausschelten, als er etwas brummen hörte und in dem Augenblick auch ein Bär aus dem Wald dahertrabte. Erschrocken sprang er auf und wollte entfliehen, aber er konnte nicht mehr zu seinem Schlupfwinkel gelangen, der Bär war zu nah. Da rief er in Herzensangst: »Lieber Herr Bär, verschont mich, und ich will Euch alle meine Schätze geben, alle die Edelsteine, die da liegen; was habt Ihr an mir armen, kleinen Kerl, Ihr spürt mich nicht in den Zähnen, aber die beiden Mädchen da, das ist ein zarter Bissen, fett wie junge Wachteln! die freßt in Gottes Namen!« Der Bär kümmerte sich um seine Worte nicht und gab dem boshaften Geschöpf einen einzigen Schlag mit der Tatze, und es regte sich nicht mehr. Die Mädchen waren fortgesprungen, aber der Bär rief ihnen nach: »Schneeweißchen! Rosenrot! fürchtet euch nicht, bleibt stehen und wartet, ich will mit euch gehen. Sie erkannten die Stimme ihres alten Freundes und blieben stehen, da lief er herzu, und als er bei ihnen war, fiel die Bärenhaut von ihm ab, und ein prächtiger, ganz in Gold gekleideter Königssohn stand vor ihnen und erzählte, er sei verwünscht worden und erst durch den Tod des bösen Zwergs erlöst. Und Schneeweißchen ward seine Gemahlin und Rosenrot mit dem Bruder des Königs vermählt und war ebenso reich; denn sie erhielt das Gold, die Perlen und Edelsteine, die der Zwerg in seiner Höhle zusammengetragen hatte. Und die alte Mutter lebte ganz glückselig bei ihnen, und die zwei Rosenbäumchen hatte sie mitgenommen, und sie standen vor ihrem Fenster und trugen jedes Jahr die schönsten Rosen, weiß und rot. * Carl und Theodor Colshorn Vom großen Ziegenbock An einem Winterabend saßen im Krug zu Hüpede vier Männer. Unter ihnen war einer, Grüne mit Namen, welcher in Gestorf wohnte und diesen Abend noch dorthin zurück mußte. Sie waren aber sehr betrunken und dachten an nichts, als plötzlich die Glocke zwölf schlug, und der Wirt Feierabend ansagte. Nun taumelten sie hinaus, und die drei Hüpeder rieten dem Gestorfer, nicht mehr nach Hause zu gehen, denn es sei nicht geheuer auf dem Wege. Er jedoch erwiderte: »Ich muß noch nach Gestorf, und sollte ich auf einem Ziegenbock hinreiten!« Jene nahmen Abschied, und er machte sich auf den Weg. Als er ein wenig gegangen war, kam er an einen alten Zaun, und an dem Zaune stand ein Ziegenbock, der war so groß wie ein Ochs, hatte einen entsetzlichen feurigen Bart und ganz ungeheure Hörner. Grüne war plötzlich nüchtern vor Schreck, und der Ziegenbock hockte ihn auf, lief mit ihm fort und lief so rasch, daß dem Reiter fast der Atem ausging. Doch anfänglich war's noch einigermaßen zu ertragen. Bald aber kamen sie in den Wald, und der Ziegenbock sprang immer mitten durch die dicksten Büsche, so daß Grüne gar arg zerrissen und an den Kleidern zerfetzt wurde. Er versuchte auch oft, sich an einem Strauche zu halten. Doch alle Mühe, vom Bock auf den Boden zu gelangen, war vergebens. In kurzer Zeit hatten sie den Weg nach Gestorf zurückgelegt und waren bei Grünes Haus angelangt. Der Ziegenbock warf den ohnmächtigen Reitersmann in den Schuppen und war verschwunden. Der Reiter lag da eine halbe Stunde lang ohne Bewußtsein. Schließlich hörte seine Frau ihn ächzen und stöhnen und führte ihn ins Haus. Seitdem erscheint der große Ziegenbock jede Nacht um zwölf Uhr in Hüpede. Manchmal sitzt auch jemand darauf. In der letzten Zeit hat er sich seltener sehen lassen. * Peter Christen Asbjørnsen Wohl getan und schlecht gelohnt Es war einmal ein Mann, der fuhr mit einem Schlitten in den Wald und wollte sich Holz holen; da begegnete ihm der Bär. »Gib mir dein Pferd, oder sonst zerreiß ich alle deine Schafe diesen Sommer«, sagte der Bär. »Ach, Gott steh mir bei!« sagte der Mann. »Ich habe kein Stück Brennholz mehr im Hause; laß mich bloß erst diesen Schlitten heimfahren, denn sonst müssen wir alle totfrieren; morgen will ich mit dem Pferd wiederkommen.« Na, der Bär ließ ihn denn auch fahren; wenn er aber nicht wiederkäme, sagte er, dann sollt's kaputtgehen mit all seinen Schafen im Sommer. Der Mann fuhr nun mit seinem Holz nach Hause; aber er war nicht sehr vergnügt über den Zeitdruck, wie man sich wohl denken kann. Unterwegs begegnete ihm der Fuchs. »Warum bist du so betrübt?« fragte der Fuchs ihn. »Ach, mir ist der Bär im Wald begegnet«, sagte der Mann, »und ich hab ihm versprechen müssen, ihm morgen um diese Zeit mein Pferd zu bringen, sonst wollte er alle meine Schafe diesen Sommer zerreißen, sagte er.« »Nichts weiter als das?« fragte der Fuchs. »Willst du mir den fettesten Bock aus deinem Stall geben, so will ich dich von dem Bären befreien.« Ja, das wollte der Mann gern und gab dem Fuchs sein Wort. »Wenn du nun morgen mit deinem Pferd zu dem Bären kommst«, sagte der Fuchs, »so werde ich dort oben auf dem Berg jauchzen, und wenn dann der Bär dich fragt: ›Was ist das?‹, dann sagst du: ›Das ist Peter, der Schütz, der beste Jäger im ganzen Land‹, und nachher wirst du dir schon selbst weiterhelfen.« Als nun am andern Tag der Mann mit seinem Pferd zu dem Bären in den Wald kam, hörte man es bald oben auf dem Berg jauchzen. »Horch! Was ist das?« fragte der Bär. »Oh, das ist Peter, der Schütz, der beste Jäger im ganzen Land«, sagte der Mann, »ich erkenne ihn an der Stimme.« »Hast du keinen Bären hier gesehen, Erich?« rief es durch den Wald. »Sag nein«, sagte der Bär. »Nein, ich habe keinen Bären gesehen«, sagte Erich. »Was ist denn das, was da neben dir steht?« rief es im Walde. »Sag, es ist ein alter Kienstamm«, flüsterte der Bär. »Oh, es ist nur ein alter Kienstamm«, sagte Erich. »Solche Kienstämme pflegen wir bei uns auf den Schlitten zu werfen«, rief es im Walde. »Kannst du's nicht allein, so will ich kommen und dir helfen.« »Sag, du kannst dir schon selbst helfen und wirf mich auf den Schlitten«, sagte der Bär. »Nein, danke! Ich kann mir schon selbst helfen«, sagte der Mann und warf den Bären auf den Schlitten. »Solche Kienstämme pflegen wir nachher mit dem Strick festzubinden«, rief es im Walde. »Soll ich dir helfen?« »Sag, du kannst dir schon selbst helfen und binde mich fest«, sagte der Bär. »Nein, danke! Ich kann mir schon selbst helfen«, sagte der Mann und band den Bären fest mit all den Stricken, die er bei sich hatte, so daß er kein Glied rühren konnte. »Und nachher, wenn wir sie festgebunden haben, pflegen wir in solche alte Kienstämme unsere Axt zu hauen«, rief's im Walde, »dann steuern wir besser über die großen Berge.« »Tu, als ob du deine Axt in mich hautest«, flüsterte der Bär. Da nahm der Mann seine Axt und zerspaltete damit dem Bären die Hirnschale, so daß er nicht mehr muckte. Darauf kam Reineke hervor, und sie wurden gute Freunde miteinander. Als sie nicht mehr weit von dem Gehöft waren, sagte der Fuchs: »Ich habe keine Lust, dir weiter zu folgen, denn ich kann deine Hunde nicht gut vertragen; ich will aber hier auf dich warten, dann kannst du mir den Bock herbringen; nimm aber einen, der schön fett ist.« Der Mann gab ihm sein Versprechen und dankte ihm für seine Hilfe; und als er sein Pferd in den Stall gezogen hatte, ging er hinüber zu dem Schafstall. »Wo willst du hin?« fragte seine Frau. »Oh, ich will nur in den Schafstall und einen fetten Bock für den Fuchs holen, der mein Pferd gerettet hat«, sagte der Mann, »denn ich hab es ihm versprochen.« »Der Henker sollte dem Schelm einen Bock geben!« sagte die Frau. »Unser Pferd haben wir ja und den Bären dazu, und der Fuchs hat uns gewiß schon mehr Gänse gestohlen als der Bock wert ist, und hat er's noch nicht getan, so kann er's wohl noch tun. Nein«, sagte sie, »steck lieber ein paar von deinen bösesten Hunden in den Sack und schick ihm die auf den Pelz, dann werden wir den alten Schelm vielleicht dazu los.« Das schien dem Mann ein guter Rat, und er steckte zwei seiner bösesten Hunde in den Sack, und damit ging er fort. »Hast du den Bock?« fragte der Fuchs. »Ja, komm und nimm ihn!« sagte der Mann, machte seinen Sack auf und ließ die Hunde heraus. »Houf!« sagte der Fuchs und nahm einen Satz. »Es ist wohl wahr, was ein altes Sprichwort sagt: ›Wohl getan wird schlecht gelohnt‹«, und schwang die Fersen, während die Hunde hinter ihm drein waren. * Ingnaz Zingerle Warm und kalt aus einem Mund Es war einmal ein Mann, der schlug tief im Walde Holz. Zu diesem kam ein Waldmännlein, das gar freundlich zu ihm sprach. Es war aber sehr kalt, denn es war mitten im Winter, und den Mann, der Holz hackte, fror es sehr an seinen Händen. Oft legte er die Axt beiseite und hauchte in die hohlen Hände, um sie dadurch zu erwärmen. Das Waldmännlein sah dies und fragte ihn, was das zu bedeuten habe. Der Holzfäller erklärte ihm, daß er durch den Hauch seines Mundes seine erfrorenen Hände erwärmen wolle. Das Männlein glaubte es und war mit der Antwort zufrieden. Da kam endlich die Mittagszeit, und der Holzfäller machte sich dran, am Feuer sein Mittagsmahl zu bereiten, und kochte sich den fetten Schmarren. Noch immer war das Waldmännlein bei ihm und sah ihm neugierig zu. Der Holzfäller aber hatte großen Hunger und wollte nicht warten, bis die Speise abgekühlt war, sondern er aß davon vom Feuer her. Da die Speise aber noch recht heiß war, blies er mit seinem Munde auf jeden Löffel voll. Das Waldmännlein verwunderte sich darüber und sagte: »Ist der Schmarren vom Feuer her nicht warm genug, daß du noch daranbläst wie an deine erfrorenen Hände?« Der Holzfäller aber erklärte ihm, daß er dies tue, um den heißen Bissen abzukühlen. Das konnte das Waldmännlein nicht mehr fassen. Es sprach zum Holzfäller: »Du bist ein unheimliches Wesen. Aus deinem Munde kommt bald warm, bald kalt, bei dir mag ich nicht länger verweilen.« Und augenblicklich ging das Waldmännlein davon. * Brüder Grimm Der Wolf und der Fuchs Einmal war es im Winter ein sehr kalter Tag, da hatte der Wolf wieder einen entsetzlichen Hunger. Er lief daher allerwege im Walde herum, bis daß er endlich an einen Teich kam, allwo die Fischer große Fässer hatten und taten viel gefangene Fische hinein, die sie aus den Löchern im Eis gefischt hatten. Endlich, als sie nun voll waren, fuhren sie damit ab. Das sah der Wolf und lief in einer Entfernung hinter dem Wagen her und gab acht, ob nichts aus den Fässern heraushüpfen würde, weil sie oben offen waren. Endlich hüpften so viele Fische heraus, daß er sich satt fressen konnte. Einige davon nahm er mit sich, ging in den Wald, und augenblicks begegnete ihm der Fuchs, und da dieser die schönen Fische sah, sagte er: »Ei guten Tag, lieber Wolf, wo habt Ihr die schönen Fische her? Ich habe fürchterlichen Hunger. Sag mir doch, wo du solche geholt hast, damit ich mir auch holen kann!« »Ich habe sie im großen Teich gefangen. Du darfst nur hingehen und deinen Schwanz ins Wasser tauchen und ein Weilchen warten, dann werden sich eine Menge Fische daran festsetzen, und du kannst so viel herausfangen, als du nur magst.« Der Fuchs sagte, das sei leichte Mühe, bedankte sich beim Wolf und lief schnell zum Teich, hielt seinen Schwanz ins Wasser und dachte recht lange zu warten, damit sich auf einmal eine Menge ansetzen sollten. Als er beinahe eine Stunde gewartet hatte, wollte er endlich ziehen. Aber da war der Schwanz so fest ins Eis eingefroren, daß er nicht mehr herauszubringen war. Er biß und kratzte gewaltig um sich herum, aber das half nichts. Da kamen auf einmal die Fischer herbei und wollten noch mehr Fische fangen, sahen also den Fuchs, der im Eise eingefroren war, nahmen hierauf die dicksten Prügel und schlugen ihm rechts und links auf sein rotes Fell, und zwar so arg, daß er endlich den Schwanz im Stiche lassen mußte. So kam er nun beinah totgeschlagen zum Wolf in den Wald. »Du siehst ja abscheulich aus«, sagte der Wolf. »Ja, ich hatte kaum ein Viertelstündchen am Wasser gesessen, da war mir auf einmal hinten alles angefroren, und als ich mich losarbeiten wollte, kamen die Fischerleute und hieben so unbarmherzig auf mich, bis daß ich meinen Schwanz verloren und mit zerzaustem Fell die Flucht ergreifen mußte und froh war, nur mit dem Leben davongekommen zu sein.« »Du hast auch gar zu lang gewartet«, sprach der Wolf zu ihm, »und hättest mit weniger Fischen vorliebnehmen sollen.« Dann trennten sie sich, und der Wolf lachte heimlich und war erfreut, daß der naseweise Fuchs auch einmal etwas abbekommen hatte. * Das sechsfüßige Elentier Sibirisches Volksmärchen Einst, als Tunk-poch noch im Himmel lebte, unternahm er eine Jagd auf Elentiere, die zu jenen Zeiten noch mit sechs Füßen ausgestattet waren und daher schneller laufen konnten als heute. Da solch ein Elentier auf gewöhnlichen Schneeschuhen nicht einzuholen war, verfertigte Tunk-poch sich Schneeschuhe aus dem Holz eines heiligen Baumes. Dieser Baum war mit feinen länglichen Ritzen versehen, wodurch er von selbst und ohne äußere Ursache knarren und Laute von sich geben konnte. Ein Hund, der zufällig an einem solchen Baum vorbeilief, mußte stehenbleiben und den Baum stundenlang anbellen. Dadurch wurde man auf das Vorhandensein eines solchen Baumes im Wald aufmerksam gemacht. Die aus dessen Holz verfertigten Schneeschuhe vermochten ihren Besitzer pfeilschnell fortzutragen, dafür war es aber auch keine leichte Sache, ihren Lauf zu hemmen. Als daher Tunk-poch sich solche Schneeschuhe verfertigt hatte, schlug er, um sie lenken zu können, ein paar hölzerne Keile ein, die als Hemmschuhe dienen sollten. Wenn er schneller laufen wollte, dann brauchte er nur einige oder alle Hölzer aus den Schneeschuhen herauszuziehen; wenn er die Keile wieder in die Schuhe steckte, dann wurde sein Lauf langsamer. Auf diesen Schneeschuhen verfolgte nun Tunk-poch ein sechsfüßiges Elentier über den ganzen Himmel. Um seinem unermüdlichen Verfolger zu entgehen, lief das gehetzte Tier an der steinernen Landspitze bei Samarowo vom Himmel auf die Erde herunter und wurde hier von dem wilden Jäger eingeholt, der dem todmüden Tier die beiden Hinterfüße abhieb. »Das Menschengeschlecht wird immer kleiner und schwächer«, sagte er, »wie wird es ihm gelingen, sechsfüßige Elentiere zu erbeuten, wenn das selbst für mich keine leichte Sache ist? Mögen von nun an alle Elentiere und andere Tiere nur vier Füße haben.« Und sein Wille geschah. Das Elentier sprang indessen auf und lief nach Norden zu. Da Tunk-poch beim Herabsteigen auf die Erde an der genannten Landspitze einen seiner Schneeschuhe zerbrochen hatte, mußte er die Jagd auf dem andern allein fortsetzen, aus dem er nun alle Keile herauszog. Bei der Stadt Obdorsk hatte er das Tier wieder eingeholt. Das Elentier war nicht mehr imstande, sich weiterzubewegen und flehte Gott an, er möge es erretten. Und der allmächtige Gott, der die Gebete aller Geschöpfe erhört, verwandelte es in einen großen Stein. * Caoilte Cosfhada Irisches Volksmärchen In alten Zeiten lebte einmal ein Ehepaar, und zwar in Gráin-leathan, nahe Bailean-Locha in der Grafschaft Roscommon. Sie waren schon über zwanzig Jahre verheiratet und hatten keine Kinder. Eines Morgens ging Diarmuid – so hieß der Mann – aufs Feld, um zu versuchen, einen Hasen zu erwischen. Es war eine Menge Schnee gefallen, und der Nebel hing so dick, daß man auf eine halbe Rute nichts erkennen konnte. Diarmuid kannte sich auf jedem Zollbreit Boden gut aus, eine Meile ringsum. Aber trotzdem verirrte er sich. Er wollte zur Heide gehen, die am Rande eines Torfstichs lag. Dort pflegten Hasen zu sein. Er wanderte immerfort, stundenlang, und konnte den Rand des Moores nicht finden. Schließlich wollte er nach Hause. Aber er fand auch nicht den Heimweg. Er ging, bis er ganz müde war, und setzte sich dann hin. Da sah er einen alten Hasen herankommen. Er hob schon die Hand, um ihn niederzuschlagen. Doch der Hase sprang beiseite und sagte: »Halte deine Hand zurück, Diarmuid! Erschlag nicht deinen Freund!« Diarmuid wäre bald umgefallen, so schwach wurde er vor Schreck. Als er zu sich kam, stand der schwarze Hase vor ihm und sprach: »Hab keine Angst vor mir! Ich kam nicht, um dir zu schaden, sondern um dir zu nützen. Fasse Mut und höre zu: Du hast den Weg verloren, denn du bist auf den Irrhügel geraten. Du würdest im Schnee umkommen, wenn ich mich nicht um dich gekümmert hätte. Du weißt ganz gut, daß du viele meines Stammes umgebracht hast, und sie haben keine Rache an dir geübt. Ich werde dir sogar Gutes tun nach allem, was du an uns verübt hast! Sage mir deinen größten Herzenswunsch. Außer dem Himmelreich will ich dir alles verschaffen, was du dir wünschst!« Diarmuid besann sich ein Weilchen und sagte: »Über zwanzig Jahre bin ich schon verheiratet und habe keine Kinder. Ich und meine Frau werden niemand haben, der uns im Alter beisteht, der uns aufs Totenbett legt und uns betrauert. Es ist mein größter Herzenswunsch – und auch der meiner Frau – einen Sohn zu haben. Doch ich fürchte, jetzt sind wir schon zu alt.« »Wahrhaftig, nein«, sagte der Hase. »Deine Frau soll von heut in neun Monaten einen Sohn haben, und auf dem ganzen Erdenkreise wird nicht seinesgleichen zu finden sein. Jetzt folge meiner Schneespur, ich will dich heimführen. Aber was dir auch begegnet – erzähle keiner lebenden Seele, daß du mich sahst. Und dann versprich mir, von jetzt ab keinen Hasen mehr zu töten!« »Ich verspreche es dir!« sagte Diarmuid. Hierauf lief der Hase immer vor ihm her, bis sie an die Giebelseite des Hauses kamen. »Hier ist dein Haus«, sagte der Hase. »Geh hinein!« Als Diarmuid eintrat, hieß ihn Roise, seine Frau, willkommen und sagte: »Wo bist du nur den langen Tag über gewesen? Ich wollte schon gehen und dich suchen. Du bist vor Kälte erstarrt und halbtot vor Hunger.« »In der Tat, sei du glücklich, Frau, daß ich nicht im Sumpfloch oder in der Sandgrube untersank. Ich bin auf den Irrhügel geraten und fand mich nicht mehr zurecht. Aber verlaß dich auf mein Wort: Solange ich lebe, spüre ich keinem Hasen mehr nach!« Es war gut und war nicht schlecht. Diarmuid dachte an nichts weiter als an den Erben, der ihm zugedacht war. Als er merkte, daß Roise ihm gewiß ein Kind schenken würde, war er der glücklichste Mann, den man sich in der Welt nur denken kann. Er ließ eine Wiege bauen und alles herrichten für den jungen Erben, den er erwartete. Als die Nachbarn wahrnahmen, daß Roise schwanger war, fanden sie es sehr wunderbar, denn sie war schon über fünfzig Jahre alt und hatte kein bißchen Fleisch an sich. Ihr Körper war etwa wie bei einer Siebzigjährigen, so ausgetrocknet. Alle Leute redeten von Roise und Diarmuid. Als neun Monate vergangen waren, bekam Roise einen kleinen Sohn. Diarmuid schickte den alten Frauen des Ortes eine Einladung zum Festschmaus am Tage der Taufe. Er hätte sie besser da gelassen, wo sie waren! Als das Kind geboren wurde, war es gar nicht wie ein anderes. Es war vier Fuß lang, dünn wie ein Stock, mit Füßen, die mehr als einen Fuß Länge hatten. Die Frauen staunten, alt und jung: Solch ein Neugeborenes wie dies hier hatten sie noch nicht gesehen! Diarmuid gab ihnen Schnaps, und sie lobten das Kind, bis alles ausgetrunken war. Danach begannen sie, es schlechtzumachen. »Heißt es nicht Diarmuid?« fragte eine halb betrunkene Alte. »Nun«, meinte eine andere alte Frau, »es wäre recht verkehrt, ihn Diarmuid zu nennen. Caoilte Cosfhada sollte er vielmehr heißen!« »Wir wollen ihm diesen Namen geben«, sagte die erste Frau darauf. Roise hörte die Reden mit an und wurde zornig. Sie rief Diarmuid und sagte ihm leise ins Ohr, daß die Frauen heimlich über den jungen Diarmuid spotteten. Er sollte sie aus dem Hause jagen. Diarmuid ging auf die Frauen los und wollte sie hinauswerfen. Noch nie hat es in Gráin-leathan ein solches Gekeife gegeben wie das zwischen Diarmuid und den Frauen. Sie wollten keinen Fußbreit weichen. Diarmuid war gezwungen, ihnen erst noch ein Fläschchen Schnaps auszugeben, bevor sie sich in Bewegung setzten. Aber wie dem auch war, der Name »Caoilte Langfuß« blieb an dem jungen Diarmuid haften, solange er lebte. Als der Junge zehn Jahre alt war, hatte er mehr als sechs Fuß Länge. Dabei war er dünn wie eine Angelrute, und seine Füße maßen von den Knöcheln an anderthalb Fuß und waren schmal wie ein Daumen. Was das Laufen anbelangt, übertraf ihn kein Jagdhund oder Windspiel in ganz Irland. Er ging selten aus dem Hause, denn die Leute machten sich über ihn lustig. Beim Ballschleudern brauchte Caoilte keinen Krückstock, sondern er trieb den Ball mit den Füßen. Und hatte er ihn erst vor sich, so holte keiner ihn ein! Die Jahre vergingen, und Caoilte wuchs. Mit einundzwanzig Jahren hatte er eine Länge von mehr als siebeneinhalb Fuß. Aber er war noch nicht dicker geworden, als er mit zehn Jahren gewesen war. An ihm saß gerade soviel Fleisch wie an einer Zange. Dabei bekam er genug zu essen und zu trinken. Er verzehrte mehr als sieben Mann! Die Leute meinten, er wäre gar kein richtiger Mensch, sondern ein alter Lorgadan. Und Eingeweide hätte er auch nicht. Jedoch Diarmuid und Roise fanden, es gab im ganzen Lande keinen halb so ansehnlichen jungen Mann wie ihn, und sie meinten, er würde schon noch dicker und fetter werden, wenn er nur erst mit Wachsen aufhörte. Das Fleisch würde dann schon kommen. Indessen, es kam nicht. Eines Tages nun war Caoilte mit seinem Vater im Torfstich, um dort Torf aufzustapeln. Da sahen sie einen Hasen laufen, und zwar aus Leibeskräften. Ein Wiesel verfolgte ihn und kam ihm schon dicht auf den Pelz. Da schrie der Hase, so laut er konnte. Caoilte lief ihm nach und erwischte ihn, ehe ihn das Wiesel einholte. Nun war dies erbost und griff ihn an. Es zerriß und zerkratzte ihn und warf ihm Schaum ins rechte Auge, daß er davon erblindete. Dann lief das Wiesel fort und verschwand in einem Torfhaufen. Während der ganzen Zeit hatte sich der Hase an Caoiltes Brust verkrochen. Als das Wiesel fort war, sagte er: »Ich danke dir diesmal mein Leben, Caoilte, aber du selbst bist auch in Gefahr. Das Wiesel ist eine Hexe. Du hast jetzt nur ein Auge. Aber stecke deine Hand in mein rechtes Ohr, und du wirst darin ein Fläschchen mit Öl finden. Reibe damit dein Auge ein, so wirst du dein Augenlicht wiederhaben, und es wird so gut sein, wie es war.« Caoilte tat das und erlangte sein Augenlicht wieder. Dann fuhr der Hase fort: »Nun laß mich wieder meiner Wege gehen. Immer wenn du für die Jäger einen Hasen aufspüren willst, komm hin zum Binsensumpf am Seeufer. Dort werde ich sein. Kein Jagdhund der Welt, kein Windspiel kann mich einholen. Nur du kannst mich greifen, wenn du Lust hast. Aber bei allem, was dir begegnet, liefere mich nicht den Hunden oder Jägern aus! Und nun sei auf deiner Hut heute nacht! Das Wiesel wird dich aufsuchen und dir die Kehle zerschneiden, wenn du nicht den Kater von Brigid Ní Mathgamhain bei dir im Bett hast. Du wirst eine Stimme vernehmen, die sagt: ›Es ist der Kater von Brigid Nî Math'úin, Der den Speck fraß. Und es ist der Kater von Brigid Nî Math'úin, Der den Speck fraß.‹ Sobald du dies dreimal hintereinander gehört hast, laß den Kater los, und dann bist du ohne Gefahr!« Caoilte gab nun den Hasen frei und ging zu seinem Vater zurück. Er erzählte ihm, was sich zugetragen hatte. »Aha!« sagte der Vater. »Der Hase ist dein bester Freund! Befolge seinen Rat! Aber sieh dich selbst vor und erzähle nichts von ihm den Nachbarn! Gib ihnen keinen Anlaß zu Gerede! Denn erzählst du ihnen diese Geschichte, so kannst du weder in unserm Bezirk noch in den sieben nächsten ungestört leben!« »In der Tat, ich bin nicht so dumm«, sagte Caoilte. »Von Geburt an war ich kein Schwätzer. Aber ich bitte dich, daß du hiervon auch meiner Mutter nichts erzählst.« Jenen Abend ging er hin zum Hause der Brigid Ní Mathghamhain und wollte sie um ihren Kater bitten. Als er nahe am Hause war, bemerkte er einen Fuchs. Der hatte Brigids Gänserich gestohlen. Caoilte verfolgte ihn, und als er ihm dicht auf den Pelz kam, ließ der Fuchs den Gänserich fahren und entwischte selbst in einen kleinen Wald nahebei. Caoilte brachte den Gänserich zu Brigid und sagte zu ihr: »Der Fuchs hatte ihn schon gepackt, doch ich habe ihm seine Beute entrissen.« »Ich bin dir sehr dankbar«, antwortete sie ihm. »Wünschest du irgend etwas? Oft kommst du nicht auf Besuch!« »Ich wollte dich bitten, mir deinen Kater zu leihen. Unser Mehlsack ist von Mäusen zerbissen.« »Nimm ihn gern mit«, sagte sie, »und behalte ihn, bis er alle Mäuse im Hause getötet hat. Er ist ein Bursche, der's versteht, sie zu vertreiben!« Caoilte trug den Kater heim und ging ins Bett. Aber kein Schlaf kam in seine Augen. Etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht hörte er das Lied: »Es ist der Kater von Brigid Nî Math'úin, Der den Speck fraß. Und es ist der Kater von Brigid Nî Math'úin, Der den Speck fraß. Und es ist der Kater von Brigid Nî Math'úin, Der den Speck fraß.« Als er diese Worte das drittemal vernommen hatte, war die Stimme ganz dicht bei ihm. Aber der Kater war tüchtig, sprang hervor und sagte: »Du Lügenhexe! Nicht ich, sondern du hast den Speck gestohlen!« Und er griff das Wiesel an. Und so etwas von Beißen und Kratzen und Kreischen hat noch nie ein Mensch gehört! Die arme Roise war rein närrisch vor Angst und vermochte nichts weiter zu sagen als: »Still! Wirst du wohl raus, Katz!« Und das wiederholte sie, bis ihr die Kehle heiser war. Der Kampf dauerte an, bis der Tag dämmerte. Dann verließ das Wiesel das Schlachtfeld und verschwand in einem Loch. Der arme Kater war ohne Haut und Haare. Als Caoilte ihn anfassen wollte, sprach er: »Reibe mich mit dem Öl ein, das du im Ohr des Hasen fandest.« Das tat Caoilte und heilte ihn damit, so daß er gesund war wie vorher. »Nun«, sagte der Kater zu ihm, »jetzt ist dein Feind tot, fürchte ihn nicht mehr!« Caoilte gab dem Kater Milch. Er ging dann heim, während Caoilte einen Besen nahm und Haut und Haare auskehrte. Aber Blutspuren blieben am Boden. Alles Wasser im See hätte sie nicht fortwischen können! Eines Tages gab es in der Grafschaft Roscommon eine große Jagd, und der Hirsch wandte sich Gráin-leathan zu. Caoilte befand sich gerade auf dem Felde, als er sah, wie er kam und Hunde und Reiter hinterdreinstürmten. Caoilte setzte dem Hirsch nach, und einer der Jäger sagte zu ihm: »Gelingt es dir, ihn zurückzutreiben, ehe er über den Fluß setzt, gebe ich dir ein Goldstück.« Während er noch mit Caoilte redete, war ihnen der Hirsch schon weit voraus. Doch bald hatte Caoilte ihn eingeholt und trieb ihn dann zurück. Er hielt nun an, bis der Jäger herankam, und der gab ihm ein Goldstück. Der Hirsch lief dem See zu. Als die Hunde ihm ganz nahe waren, sprang er ins Wasser und schwamm auf die andere Seite. Die Hunde konnten ihm nicht mehr nach. Als die Jäger das Seeufer erreicht hatten, sagten sie zueinander: »Der Hirsch ist fort. Es gelingt uns nicht mehr, ihn heute noch aufzuspüren. Er entkam in den Wald von Loch Glinn.« Caoilte hörte ihr Gespräch mit an und sprach: »Ich wette meinen Kopf für zehn Penny, daß ich den Hirsch noch einhole und daß ich ihn zu euch zurücktreibe, noch ehe er halbwegs Loch Glinn erreicht. Wenn es euch recht ist, wartet hier eine halbe Stunde. Ich schaffe euch den Hirsch her – oder gebe euch die Erlaubnis, mir den Kopf abzuschlagen.« »Gut«, sagten sie, »wir werden eine halbe Stunde warten.« Nun lief Caoilte aus Leibeskräften und holte den Hirsch ein beim Hügel Breccna-Môr. Er trieb ihn zurück und hatte ihn bald wieder zum Seeufer gejagt. Als die Jäger sahen, wie der Hirsch ankam und Caoilte hinterdreinjagte, staunten sie und sagten, Caoilte sei ein Tacharân, man müßte ihn aus der Gegend vertreiben. Doch sie hatten jetzt keine Zeit, etwas gegen ihn zu unternehmen. Die Hunde jagten dem Hirsch nach, und sie selbst mußten folgen. Der Hirsch lief immer vor ihnen her und wandte sich Caislean Riabhach zu. Dann bog er ab in ein kleines Gehölz nahe bei Baile an Locha. Dort verloren sie ihn. Die Jäger gingen nach Caìslean Riabhach. Damit war die Jagd für den Tag zu Ende. Caoilte ging nach Hause und war sehr zufrieden mit dem Goldstück und seinem Tagewerk. Er gab es seinem Vater und erzählte ihm, was er erlebt hatte. Etwa eine Woche später war Caoilte im Moor, um Heidekraut für die Kuh zu ziehen. Da kamen dieselben Jäger wieder den Weg entlang. Sie fragten ihn, ob er einen Hasen gesehen hätte. »Nein«, gab er zur Antwort. »Aber ich weiß, wo ein Hase steckt.« »Spüre ihn für uns auf!« sagte einer. »Wir werden dir dafür den Preis von ein Paar Schuhen geben.« »Das ist etwas, das ich nicht brauche«, meinte Caoilte, »aber gebt mir den Preis von ein Paar Hosen.« »Ja«, sagten sie. »Gebt es mir vorher«, sprach Caoilte. »Vergangene Woche gewann ich zehn Penny von den Jägern, sie haben sie mir nicht gegeben. Bin ich auch wunderlich anzusehen, so bin ich doch kein Narr!« Sie gaben ihm fünf Geldmünzen und sagten ihm, er sollte ihnen nun den Hasen auftreiben. Da ging er zum Binsenloch am Seeufer und spürte seinen Freund, den Hasen, auf. Hunde und Jäger hetzten hinter ihm her. Er aber wandte sich dem Torfstich zu, und sie holten ihn nicht ein. Die Jäger kamen fünf Tage hintereinander, und Caoilte trieb alle Tage den Hasen für sie auf. Aber sie konnten ihn nie fassen. Am sechsten Tage sagten sie zu Caoilte, er sei ein Zauberer und habe ihnen immer einen verhexten Hasen zugetrieben. »Ist das eure Vermutung, so treibt euch selbst einen zu!« versetzte Caoilte. Da wollten sie ihn greifen. Doch er war zu flink für sie. Sie verfolgten ihn bis nach seinem Hause und forderten dort seinen Vater und seine Mutter auf, ihn herauszugeben, sie wollten ihn töten. »Was tat er euch?« fragte der Vater. »Er ist ein verhexter Tacharân«, erwiderten sie. Als Roise das vernahm, kam sie herausgelaufen, und seid versichert, sie setzte ihre Zunge in Bewegung! Aber ihr Reden half nichts. Die Männer riefen, wenn Caoilte nicht herauskäme, wollten sie das Haus in Brand stecken. Als Caoilte das hörte, griff er nach dem Schaufelstiel, Diarmuid nach der Zange und Roise nach dem Kesselhaken. Caoilte lief hinaus, griff sie mit seinem Spaten an und streckte sie nieder. Und allen, die er hinwarf, gab es sein Vater und seine Mutter mit Zange und mit Kesselhaken noch obendrein. Schließlich lagen alle Männer am Boden, unfähig, sich zu wehren. Allmählich kamen sie zu sich und verliefen sich nach und nach, bis auch der letzte fort war. Nach einigen Tagen gingen sie zum Priester und beklagten sich heftig über Caoilte und seine Eltern. »Ich werde hingehen zu Diarmuid«, sagte der Priester, »und über diesen Fall Erkundigungen einziehen.« Am Morgen darauf ging der Priester zu Diarmuids Haus und bekam dort die Ursache des ganzen Streites zu hören. Er ging heim und schickte zu den Leuten, die die Klage vorgebracht hatten. »Weder Diarmuid ist zu tadeln noch seine Frau noch der Sohn«, sagte er. »Hättet ihr nicht angefangen, sie hätten euch kein Unrecht zugefügt. Und ich rate euch, sie in Ruhe zu lassen.« Mit dem Rate des Priesters waren sie nicht zufrieden. Sie verschworen sich, heimlich bei der Nacht das Haus von Diarmuid anzuzünden, sobald er und seine Frau und der Sohn schliefen. Am selben Tage ging Caoilte zum Torfstich, um einen Korb Torf zu holen. Da traf er den Hasen, und der sagte: »Höre, Caoilte, heute nacht will eine Schar Leute zu eurem Hause, um dich, deinen Vater und deine Mutter abzufackeln. Doch ich werde über ihre Augen einen Nebel decken, daß sie irregehen. Sie werden den Weg zu deinem Haus nicht finden, auch nicht zu ihrem eigenen, bis der Morgen naht. Und wenn sie etwa noch einen Versuch gegen dich machen sollten, werden sie im See ertrinken.« An jenem Abend wurde von Haus zu Haus die Losung gegeben: Alle, die zu Diarmuids Hause wollten, um es anzuzünden, sollten sich vor Mitternacht am Kreuzweg treffen. Etwa zwanzig Mann versammelten sich an Ort und Stelle. Sie gingen in Richtung auf Diarmuids Haus zu. Aber sie fanden es nicht. Da wollten sie heimkehren. Aber sie konnten weder ihr Haus noch ein anderes finden. Das dauerte, bis der weiße Ring des Tages am Himmelsrand sichtbar wurde. Da sahen sie sich nach einer langen Nachtwanderung am selben Kreuzweg wieder, von dem sie ausgegangen waren. Von jener Nacht an belästigten sie weder Caoilte noch seinen Vater noch die Mutter. Aber sie mieden ihn, als wäre er ein Spion oder Dieb. Eines Tages nun war Diarmuid wieder beim Torfstich, als der alte schwarze Hase ankam, derselbe, der zu ihm gekommen war an jenem Morgen vor zweiundzwanzig Jahren, als er sich verirrt hatte. »Nun«, hub er an, »ich komme, um dir mitzuteilen, daß deine Lebenszeit und die deiner Frau nur noch kurz bemessen ist. Wenn ihr also etwas zu ordnen habt, macht das bald. Ihr habt nur noch eine Woche zu leben!« »Und was wird aus Caoilte«, fragte Diarmuid, »wenn er keinen Menschen hat, der ihn schützt?« »Sorge dich nicht um Caoilte«, sprach der Hase. »Er ist von meinem Stamm, und ich werde ihn zu mir nehmen. Und, nimm mein Wort darauf – er wird glücklicher sein als unter seinen Nachbarn! Nun brauchst du nicht mehr das Geheimnis zu bewahren, sondern kannst es jedem erzählen.« Diarmuid war auf dem Heimwege und tief betrübt, als er seinen Brudersohn traf. Er erzählte ihm die Geschichte von Anfang bis zu Ende. »In der Tat, wenn du diese Geschichte irgendeinem Menschen erzählst, ist deine Familie entehrt, und wir finden keinen Menschen dazu, euch zu begraben.« »Ich will sie keinem weiter erzählen, nur Roise und dem Priester«, sagte Diarmuid. Er ging nach Hause und erzählte Roise die Geschichte. Als er zu Ende war, überkam sie ein Hustenanfall, und daran erstickte sie. Diarmuid und Caoilte begruben sie. Am Ende derselben Woche starb auch Diarmuid. In der Nacht, nachdem er begraben war, ging Caoilte fort. Seitdem hat keiner mehr von ihm gehört. Diarmuids Neffe konnte das Geheimnis nicht bei sich behalten, und nach kurzer Zeit lief die Geschichte von Mund zu Mund durch das Land, so wie ich sie dir eben erzählt habe. Viele Leute behaupteten, sie hätten Caoilte oft am See gesehen. Mag dem sein, wie da will – wir aber wollen hoffen, daß sie alle im himmlischen Reich sind. * Ludwig Bechstein Das Märchen vom Schlaraffenland Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher auswandern, wüßte er, wo selbes läge und eine gute Schiffsgelegenheit. Aber der Weg dahin ist weit für die Jungen und für die Alten, denen es im Winter zu heiß ist und zu kalt im Sommer. Diese schöne Gegend heißt Schlaraffenland, auf Welsch Cucagna, da sind die Häuser gedeckt mit Eierfladen, und Türen und Wände sind von Lebzelten und die Balken von Schweinebraten. Was man bei uns für einen Dukaten kauft, kostet dort nur einen Pfennig. Um jedes Haus steht ein Zaun, der ist von Bratwürsten geflochten und von bayerischen Wursteln, die sind teils auf dem Rost gebraten, teils frisch gesotten, je nachdem sie einer so oder so gern ißt. Alle Brunnen sind voll Malvasier, und andre süße Weine, auch Champagner, die rinnen einem nur so in das Maul hinein, wenn er es an die Röhren hält. Wer also gern solche Weine trinkt, der eile sich, daß er in das Schlaraffenland hineinkomme. Auf den Birken und Weiden da wachsen die Semmeln frischbacken, und unter den Bäumen fließen Milchbäche; in diese fallen die Semmeln hinein und weichen sich selbst ein für die, so sie gern einbrocken; das ist etwas für Weiber und für Kinder, für Knechte und Mägde! Holla Gretel, holla Steffel! Wollt ihr nicht auswandern? Macht euch herbei zum Semmelbach und vergeßt nicht, einen großen Milchlöffel mitzubringen. Die Fische schwimmen in dem Schlaraffenlande obendrauf auf dem Wasser, sind auch schon gebacken oder gesotten und schwimmen ganz nahe am Gestade; wenn aber einer gar zu faul ist und ein echter Schlaraff, der darf nur rufen ›bst! bst!‹ – so kommen die Fische auch heraus aufs Land spaziert und hüpfen dem guten Schlaraffen in die Hand, daß er sich nicht zu bücken braucht. Das könnt ihr glauben, daß die Vögel dort gebraten in der Luft herumfliegen, Gänse und Truthähne, Tauben und Kapaunen, Lerchen und Krammetsvögel, und wenn es zu viel Mühe macht, die Hand darnach auszustrecken, dem fliegen sie schnurstracks ins Maul hinein. Die Spanferkel geraten dort alle Jahr überaus trefflich; sie laufen gebraten umher, und jedes trägt ein Transchiermesser im Rücken, damit, wer da will, sich ein frisches, saftiges Stück abschneiden kann. Die Käse wachsen in dem Schlaraffenlande wie die Steine, groß und klein; die Steine selbst sind lauter Taubenkröpfe mit Gefülltem oder auch kleine Fleischpastetchen. Im Winter, wenn es regnet, so regnet es lauter Honig in süßen Tropfen, da kann einer lecken und schlecken, daß es eine Lust ist, und wenn es schneit, so schneit es klaren Zucker, und wenn es hagelt, so hagelt es Würfelzucker, untermischt mit Feigen, Rosinen und Mandeln. Im Schlaraffenland legen die Rosse keine Roßäpfel, sondern Eier, große, ganze Körbe voll, und ganze Haufen, so daß man tausend um einen Pfennig kauft. Und das Geld kann man von den Bäumen schütteln, wie Kästen (gute Kastanien). Jeder mag sich das Beste herunterschütteln und das Minderwerte liegen lassen. In dem Lande hat es auch große Wälder, da wachsen im Buschwerk und auf Bäumen die schönsten Kleider: Röcke, Mäntel, Schauben, Hosen und Wämser von allen Farben, schwarz, grün, gelb (für die Postillions), blau oder rot, und wer ein neues Gewand braucht, der geht in den Wald und wirft es mit einem Stein herunter oder schießt mit dem Bolzen hinauf. In der Heide wachsen schöne Damenkleider von Sammet, Atlas, Gros de Naples, Barège, Madras, Taft, Nanking und so weiter. Das Gras besteht aus Bändern von allen Farben, auch ombriert. Die Wacholderstöcke tragen Brochen und goldne Chemisett- und Mantelettnadeln, und ihre Beeren sind nicht schwarz, sondern echte Perlen. An den Tannen hängen Damenuhren und Chatelaines sehr künstlich. Auf den Stauden wachsen Stiefeln und Schuhe, auch Herren- und Damenhüte, Reisstrohhüte und Marabouts und allerlei Kopfputz mit Paradiesvögeln, Kolibris, Brillantkäfern, Perlen, Schmelz und Goldborten verziert. Dieses edle Land hat auch zwei große Messen und Märkte mit schönen Freiheiten. Wer eine alte Frau hat und mag sie nicht mehr, weil sie ihm nicht mehr jung genug und hübsch ist, der kann sie dort gegen eine junge und schöne vertauschen und bekommt noch ein Draufgeld. Die alten und garstigen (denn ein Sprüchwort sagt: Wenn man alt wird, wird man garstig) kommen in ein Jungbad, damit das Land begnadigt ist, das ist von großen Kräften; darin baden die alten Weiber etwa drei Tage oder höchstens vier, da werden schmucke Dirnlein daraus von siebzehn oder achtzehn Jahren. Auch viel und mancherlei Kurzweil gibt es in dem Schlaraffenlande. Wer hier zu Lande gar kein Glück hat, der hat es dort im Spiel und Lustschießen, wie im Gesellenstechen. Mancher schießt hier alle sein Lebtag nebenaus und weit vom Ziel, dort aber trifft er, und wenn er der allerweiteste davon wäre, doch das Beste. Auch für die Schlafsäcke und Schlafpelze, die hier von ihrer Faulheit arm werden, daß sie bankrott machen und betteln gehen müssen, ist jenes Land vortrefflich. Jede Stunde Schlafens bringt dort einen Gulden ein und jedesmal Gähnen einen Doppeltaler. Wer im Spiel verliert, dem fällt sein Geld wieder in die Tasche. Die Trinker haben den besten Wein umsonst, und von jedem Trunk und Schlunk drei Batzen Lohn, sowohl Frauen als Männer. Wer die Leute am besten necken und aufziehen kann, bekommt jeweils einen Gulden. Keiner darf etwas umsonst tun, und wer die größte Lüge macht, der hat allemal eine Krone dafür. Hier zu Lande lügt so mancher drauf und drein und hat nichts für diese seine Mühe; dort aber hält man Lügen für die beste Kunst, daher lügen sich wohl in das Land allerlei Prokura-, Dok- und andre toren, Roßtäuscher und die der Handwerksleute, die ihren Kunden stets aufreden und nimmer Wort halten. Wer dort ein gelehrter Mann sein will, muß auf einen Grobian studiert haben. Solcher Studenten gibt's auch bei uns zu Lande, haben aber keinen Dank davon und keine Ehren. Auch muß er dabei faul und gefräßig sein, das sind drei schöne Künste. Ich kenne einen, der kann alle Tage Professor werden. Wer gern arbeitet, Gutes tut und Böses läßt, dem ist jedermann dort abhold, und er wird Schlaraffenlandes verwiesen. Aber wer tölpisch ist, gar nichts kann und dabei doch voll dummen Dünkels, der ist dort als ein Edelmann angesehen. Wer nichts kann als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird zum Grafen ernannt. Dem aber, welchen das allgemeine Stimmrecht als den Faulsten und zu allem Guten Untauglichsten erkannt, der wird König über das ganze Land und hat ein großes Einkommen. Nun wißt ihr des Schlaraffenlandes Art und Eigenschaft. Wer sich also auftun und dorthin eine Reise machen will, aber den Weg nicht weiß, der frage einen Blinden; aber auch ein Stummer ist gut dazu, denn der sagt ihm gewiß keinen falschen Weg. Um das ganze Land herum ist aber eine berghohe Mauer von Reisbrei. Wer hinein oder heraus will, muß sich da erst überzwerch durchfressen. * Die Sonne und der Mond Eskimomärchen Die Sonne und der Mond waren Geschwister. Einmal im Winter, als große Dunkelheit herrschte, vertrieb man sich in den Häusern die Zeit mit dem Lampenlöschspiel. War das Spiel beendet, führten die Männer die Frau, mit der sie sich bei gelöschten Lampen vergnügt hatten, vor das Haus, zündeten Fackeln an und waren gespannt, mit wem sie zusammengewesen waren. Als der Mond seine Gespielin hinausgeführt und eine Fackel entzündet hatte, sah er, daß es die Sonne, seine Schwester, war. Die Sonne schämte sich sehr, schnitt ihre Brüste ab und warf sie ihrem Bruder vor die Füße. »Wenn ich so nach deinem Geschmack bin, dann kannst du sie auch essen!« rief sie voller Zorn. Dann lief sie fort, und der Bruder setzte ihr nach. Beide hielten ihre brennenden Fackeln in den Händen. Plötzlich, als sie so dahinstürmten, begannen sie sich zu erheben und flogen auf den Himmel zu. Aber der Mond blieb zurück, und seine Fackel erlosch, so daß sie nur noch ein wenig glühte. Schließlich erreichten beide den Himmel. Die Sonne, die ihre Fackel brennend erhielt, ist leuchtend und heiß. Aber der Mond, dessen Fackel nur glüht, kann nur leuchten, ohne Wärme abzugeben. Im Himmel haben sie nun ihr Haus, das in zwei Räume geteilt ist. Im großen Sommer geht die Sonne niemals in ihr Haus hinein. Sie ist Tag und Nacht draußen. Und die Erde wird dann herrlich, wenn der Schnee fortschmilzt und die Blumen aus dem Boden sprießen. In dieser Zeit verläßt der Mond niemals sein Haus. Aber im Winter, wenn die Sonne ihre Wohnung nie verläßt, kommt die große Dunkelheit, und dann wird es den Menschen unheimlich. Der kalte Mond leuchtet dann ganz allein. Aber da er den Menschen auch auf andere Weise helfen soll, verschwindet er zeitweise. Dann muß er nämlich Fangtiere für die Menschen holen. Daher sagt man zum Neumond: »Hab Dank, daß du mit Beute gekommen bist!« Während der großen Dunkelheit fahren die Menschen nicht auf Fang, sie besuchen sich dann nur gegenseitig und singen Trommelgesänge. Nur wenn ein Bär in die Nähe der Häuser kommt oder sich im Loch eines Eisberges versteckt, zündet man große Fackeln an und jagt ihn. Wenn das Sternbild des Großen Bären der Morgendämmerung begegnet, werden die Menschen von übergroßer Freude erfüllt, denn dann kommt das Licht bald wieder. * Weihnachtstag und Christnacht Wilhelm Hauff Das Fest der Unterirdischen Herr! ich bin aus einem Lande, das weit gegen Mitternacht liegt, Norwegen genannt; wo die Sonne nicht, wie in deinem gesegneten Vaterlande, Feigen und Zitronen kocht; wo sie nur wenige Monde über die grüne Erde scheint und ihr im Flug sparsame Blüten und Früchte entlockt. Du sollst, wenn es dir angenehm ist, ein paar Märchen hören, wie man sie bei uns in den warmen Stuben erzählt, wenn das Nordlicht über die Schneefelder flimmert. In Norwegen, nicht weit von der Stadt Drontheim, wohnte ein mächtiger Mann, der mit Glücksgütern aller Art gesegnet war. Ein Teil der Umgegend war sein Eigentum, zahllose Herden weideten auf seinen Fluren, und ein großes Gefolge und eine Menge Diener zierten seinen Hof. Er hatte eine einzige Tochter, die Aslaug hieß, von deren Schönheit der Ruf weit und breit ging. Die vornehmsten Männer des Landes kamen und warben um ihre Hand, aber keiner war glücklich in seinen Bewerbungen; wer voll Vertrauen und Lust eingezogen war, ritt still und traurig wieder fort. Ihr Vater, welcher glaubte, sie wähle so lange, um den Besten herauszuwählen, ließ sie gewähren und freute sich ihrer Klugheit; doch, als endlich die Reichsten und Vornehmsten vergeblich, wie die andern, ihr Glück versucht hatten, so geriet er in Zorn, rief seine Tochter und sprach: »Bis dahin habe ich dir freie Wahl gelassen, aber da ich sehe, daß du jeden ohne Unterschied abweisest, und der beste Freier dir noch nicht gut genug deucht, so will ich nicht länger Nachsicht mit dir haben. Soll mein Geschlecht aussterben und mein Erbe in fremde Hände fallen? Ich will deinen Sinn brechen! Bis zum Feste der großen Winternacht gestatte ich dir Frist, hast du dann nicht gewählt, so will ich dich schon zwingen, dem deine Hand zu reichen, den ich dir bestimme.« Aslaug liebte einen Jüngling, der Orm hieß, und ebenso schön als tapfer und edel war. Sie liebte ihn mit ganzer Seele, und wollte lieber sterben, als einem andern ihre Hand reichen. Weil aber seine Armut ihn nötigte, an dem Hofe ihres Vaters zu dienen, so mußte sie ihre Neigung geheimhalten; denn ihr Vater war zu stolz auf Macht und Reichtum, als daß er seine Einwilligung zu einer Verbindung mit einem so unbemittelten Manne gegeben hätte. Als Aslaug sein finsteres Antlitz sah und seine zornigen Worte vernahm, ward sie leichenblaß; denn sie kannte seine Sinnesart und zweifelte nicht, daß er seine Drohungen erfüllen werde. Ohne ein Wort zu erwidern, ging sie zurück in ihre stille Kammer, sann und sann, wie sie das dunkle Wetter, das über sie herzog, abwenden könnte, aber sie sann vergeblich. Das große Fest rückte immer näher, und mit jedem Tage wuchs ihre Angst. Endlich entschlossen sie sich zur Flucht. »Ich kenne einen sichern Ort«, sagte Orm, »wo wir unentdeckt so lange verweilen können, bis wir Gelegenheit finden, das Land zu verlassen.« In der Nacht, als alles eingeschlafen war, führte Orm die zitternde Aslaug über Schnee- und Eisfelder hinaus in das Gebirge. Der Mond leuchtete ihnen auf dem Weg und die Sterne, die in der kalten Winternacht noch glänzender funkelten. Sie hatten ein paar Kleidungsstücke und Tierfelle unter den Armen, mehr konnten sie nicht tragen. Sie stiegen die ganze Nacht, bis sie zu einem einsamen, von hohen Felsenblöcken eingeschlossenen Platz gelangten. Hier leitete Orm die müde Aslaug zu einer Höhle, deren Eingang kaum bemerkbar, eng und niedrig war, die sich aber bald zu einer großen, tief in den Berg hineinreichenden Halle erweiterte. Er zündete Feuer an, und auf den Tierfellen ruhend, saßen sie in der tiefsten Einsamkeit, fern von aller Welt. Orm hatte diese Höhle, die man noch heutzutage zeigt, zuerst entdeckt, und da niemand davon wußte, so waren sie vor den Nachforschungen ihres Vaters völlig gesichert. Sie brachten den ganzen Winter in dieser Abgeschiedenheit zu. Orm ging auf die Jagd, und Aslaug saß daheim in der Höhle, unterhielt das Feuer und bereitete die nötige Speise. Manchmal stieg sie auf die Felsenspitzen, aber ihr Auge schweifte, so weit es reichen konnte, nur über glänzende Schneefelder. Der Frühling brach an, der Wald ward grün, die Wiesen färbten sich, und Aslaug durfte nur selten und vorsichtig die Höhle verlassen. Eines Abends kam Orm mit der Nachricht, daß er die Diener ihres Vaters in der Ferne erkannt habe und er ihren Augen, ohne Zweifel ebenso scharf als die seinigen, schwerlich unbemerkt geblieben sei. »Sie werden diese Gegend umringen«, sagte er, »und nicht ruhen, bis sie uns gefunden haben, ohne Zaudern müssen wir unsern Zufluchtsort verlassen.« Sie stiegen an der andern Seite des Gebirgs hinab und erreichten den Strand, wo sie glücklicherweise ein Boot fanden. Orm stieß ab, und das Schiff trieb in das offene Meer. Sie waren den Verfolgern entronnen, aber anderm Unglück preisgegeben. Wo sollten sie sich hinwenden? Landen durften sie nirgends; denn überall war Aslaugs Vater Herr der Küste, und sie wären unfehlbar in seine Hände gefallen. Es blieb nichts übrig, als das Schiff den Winden und Wellen zu überlassen. Sie trieben die ganze Nacht fort. Wie der Tag anbrach, war die Küste verschwunden, sie sahen nichts als den Himmel oben, das Meer unten, und die auf- und absteigenden Wellen. Sie hatten keinen Bissen Nahrung mitgenommen, und Hunger und Durst fingen an, sie zu quälen. Drei Tage schwebten sie in dieser Not, und Aslaugs Ermattung war so groß, daß sie den gewissen Tod vor sich zu sehen glaubte. Am Abend des dritten Tages entdeckten sie endlich eine Insel von ziemlicher Größe, sie war von einer Anzahl kleiner umringt. Orm steuerte sogleich darauf hin, doch, als er ziemlich nahe gekommen war, erhob sich plötzlich ein heftiger Sturmwind, und die Wellen wälzten sich immer höher entgegen. Er kehrte um, in der Absicht, von einer andern Seite sich zu nähern, aber es gelang nicht besser, sein Schiff wurde, sooft es herankam, wie von einer unsichtbaren Gewalt zurückgeschleudert. »Herr Gott!« rief er, und segnete sich und blickte auf die arme Aslaug, die vor seinen Augen zu verschmachten schien. Kaum aber war der Ausruf über seine Lippen gekommen, so hörte der Sturm auf, die Wellen legten sich, und das Schiff landete ungehindert. Orm sprang ans Ufer, und einige Muscheln, die er auf dem Strand suchte, stärkten und erquickten die arme Aslaug, so daß sie bald imstande war, das Boot zu verlassen. Die Insel war mit niedrigem Buschwerk bewachsen und schien unbewohnt, doch, als sie bis gegen die Mitte gekommen waren, entdeckten sie ein Haus, das nur halb über die Erde emporragte und halb unter der Erde zu stehen schien. In der Hoffnung, Menschen und Beistand zu finden, gingen sie näher. Sie horchten, ob sie einen Laut vernähmen, aber es herrschte das vollkommenste Schweigen. Orm öffnete endlich die Türe und sie traten ein, aber wie erstaunten sie, als sie alles zum Bewohnen völlig eingerichtet sahen, gleichwohl aber kein lebendes Wesen erblickten. Das Feuer brannte auf dem Herde, mitten in der Stube, und ein Kessel mit Fischen hing daran, der nur darauf zu warten schien, abgehoben und verzehrt zu werden. Die Betten waren gemacht und bereit, die Ermüdeten zu empfangen. Orm und Aslaug blieben eine Zeitlang zweifelhaft und mit einer gewissen Scheu stehen, doch, zuletzt vom Hunger überwältigt, holten sie die Speise herbei, und als sie sich gesättigt hatten, und in den letzten über die Insel hinstreifenden Abendstrahlen weit und breit kein menschliches Wesen zu erblicken war, gaben sie ihrer Müdigkeit nach und legten sich in die lang entbehrten Betten. Sie hatten geglaubt, in der Nacht von den heimkehrenden Eigentümern geweckt zu werden, doch, ihre Erwartung ging nicht in Erfüllung; sie schliefen ungestört, bis ihnen die Morgensonne in die Augen leuchtete. Auch in der Folge zeigte sich niemand, und es schien, als habe eine unsichtbare Macht das Haus im voraus für sie instand gesetzt. Sie verlebten den ganzen Sommer in vollkommener Glückseligkeit, zwar einsam, doch ohne die Menschen zu vermissen; sie hatten alles, was sie bedurften, die Eier der wilden Vögel und der Fischfang gewährten überflüssige Nahrung. Im Herbst gebahr Aslaug einen schönen Knaben. Mitten in der Freude über sein Dasein wurden sie durch eine wunderbare Erscheinung überrascht. Die Türe öffnete sich plötzlich, und eine alte Frau trat herein. Sie hatte ein schönes, blaues Kleid an; etwas Stolzes, aber auch etwas Seltsames und Befremdendes lag in ihrem Wesen. »Erschreckt euch nicht«, sagte sie, »daß ich so unerwartet bei euch erscheine, ich bin die Eigentümerin dieses Hauses und danke euch, daß ihr es so reinlich und wohl gehalten habt und ich alles in solcher Ordnung bei euch finde. Gerne wäre ich früher gekommen, aber es war nicht eher möglich, als bis dieser kleine Heide (dabei deutete sie auf das neugeborene Kind) zugegen war. Jetzt habe ich freien Zugang. Nur holt keinen Priester von dem festen Lande, der es tauft, sonst muß ich wieder fort. Wollt ihr euch aber in diesem Stück nach meinem Willen bequemen, so dürft ihr nicht bloß ferner hier wohnen bleiben, sondern ich will euch so viel Gutes tun, als ihr nur immer wünschen könnt. Was ihr anfangt, soll gelingen, ja, das Glück euch beständig auf den Fersen folgen. Erfüllt ihr aber jene Bedingung nicht, so seid gewiß, daß Böses auf Böses bei euch einkehren soll, selbst an diesem Kinde werde ich mich noch rächen. Bedürft ihr etwas, oder seid ihr in Gefahr, so nennt dreimal meinen Namen und ich will gleich erscheinen und euch Beistand leisten. Ich bin aus dem Geschlecht der alten Riesen und heiße Guru . Hütet euch aber, in meiner Gegenwart den Namen dessen zu nennen, den kein Riese hören darf, und wagt es nicht, das Zeichen des Kreuzes zu machen, oder es in einen Balken oder ein Brett im Hause einzuschneiden. Ihr könnt dieses Haus das ganze Jahr über bewohnen, nur seid so gut, und räumt es mir am Juleabend, wenn die Sonne am tiefsten steht, weil wir dann unser großes Fest feiern und weil dies die einzige Zeit ist, wo man uns vergönnt, lustig zu sein; wenigstens, wenn ihr nicht gerne hinausgehen wollt, haltet euch den ganzen Tag auf dem Boden so ruhig als möglich, schaut auch, so lieb euch das Leben ist, nicht in die Stube herab, bis Mitternacht vorüber ist. Hernach mögt ihr von allem wieder Besitz nehmen.« Als die Alte dies gesagt hatte, verschwand sie. Aslaug und Orm, beruhigt über ihre Lage, lebten ohne eine Störung vergnügt und heiter. Orm warf das Netz nicht aus, ohne einen reichlichen Zug zu tun, er schickte keinen Pfeil vom Bogen, der nicht sicher traf, was sie unternahmen, auch das Geringste, hatte ein sichtbares Gedeihen. Als Weihnachten herbeikam, reinigten sie das Haus aufs beste, stellten alles in Ordnung, zündeten Feuer auf dem Herde an, und stiegen bei herannahender Dämmerung auf den Boden, wo sie sich still verhielten. Als es dunkel geworden war, glaubten sie ein tönendes Zischen und Wiehern in der Luft zu hören, wie es Schwäne in der Winterzeit von sich zu geben pflegen. Über dem Herd, in dem Dach, war eine Lücke, die geöffnet und geschlossen werden konnte, teils um den Tag von oben einzulassen, teils um einen Zug für den Rauch zu erhalten. Orm hob den mit einer Haut überzogenen Deckel in die Höhe und streckte den Kopf hinaus. Welch ein wunderbarer Anblick bot sich seinen Augen dar! Die kleinen Inseln umher leuchteten sämtlich, es waren unzählige blaue Lichtchen, die sich unruhig bewegten, auf- und absprangen, dann nach dem Gestade hüpften, sich sammelten, und der großen Insel, wo Orm und Aslaug wohnten, immer näher kamen. Endlich langten sie an und ordneten sich in einen Kreis um einen großen Stein, der nicht weit vom Ufer stand und den Orm sehr wohl kannte. Wie erstaunte er aber, als er sah, daß der Stein itzt völlig die Gestalt eines Menschen, wenngleich eines ungeheuren und riesenhaften, angenommen hatte. Er konnte deutlich unterscheiden, daß die blauen Lichtchen von kleinen Zwergen getragen wurden, welche ihre bleichen, erdfarbigen Gesichter mit gewaltigen Nasen und roten Augen und sonst noch durch Vogelschnäbel oder Eulenaugen entstellt, auf unförmlichen Leibern trugen, hin- und herwackelten, beides, lustig und verdrießlich zu sein schienen. Plötzlich öffnete sich der Kreis, die Kleinen wichen nach beiden Seiten zurück, und Guru, nur größer und von Gestalt ebenso ungeheuer als jener Stein, kam mit mächtigen Riesenschritten heran. Sie schlang beide Arme um das steinerne Bild, welches sogleich anfing, Leben und Bewegung zu erhalten. Sowie die erste Regung sich zeigte, begannen die kleinen unter wunderlichen Sprüngen und Gebärden einen Gesang, oder, um es recht zu sagen, ein Heulen, das auf der ganzen Insel widerhallte, und vor dem sie zu erbeben schien. Orm zog bestürzt den Kopf zurück, und er und Aslaug verhielten sich in der Dunkelheit so still, daß sie kaum zu atmen wagten. Der Zug bewegte sich nach dem Hause, das konnte man deutlich an dem herannahenden Geschrei merken. Jetzt waren sie eingezogen, die Zwerge sprangen leicht und behend auf den Bänken herum, und schwer und mächtig klangen dazwischen die Tritte der Riesen. Man hörte den Tisch decken, die Schüsseln klappern und das Geschrei der Lust, womit die Mahlzeit gefeiert wurde. Als sie beendigt war und es auf Mitternacht zuging, begann ein Tanz zu jenem entzückenden, geistverwirrenden Elfenlied, das Menschen dann und wann in Felsenschlünden gehört und den Unterirdischen abgelauscht haben. Indem Aslaug diesen Gesang vernahm, empfand sie eine unwiderstehliche Begierde, den Tanz mit anzusehen, und Orm war nicht imstande, sie zurückzuhalten. »Laß mich schauen«, sagte sie, »sonst zerspringt mir das Herz.« Sie nahm ihr Kind und setzte sich an das äußerste Ende des Bodens, wo sie alles übersehen konnte, ohne daß jemand sie bemerkte. Lange und mit unverwandten Augen sah sie dem Tanze zu, den wunderbaren und kühnen Sprüngen der kleinen Geschöpfe, die in der Luft zu schweben, die Erde gar nicht zu berühren schienen, während die entzückende Melodie der Elfen ihre Seele erfüllte. Das Kind indessen, das in ihren Armen lag, ward schläfrig und holte tief Atem, und ohne an das zu denken, was sie der Alten versprochen, machte sie, was man pflegt, das Zeichen des Kreuzes über den Mund des Knaben und sprach: »Christ segne dich, mein Kind!« In demselben Augenblick, wo sie das Wort ausgesprochen hatte, erhob sich ein entsetzlicher durchdringender Schrei. Die Geister stürzten Hals über Kopf in furchtbarem Gedränge zur Tür hinaus, ihre Lichtchen erloschen, und in wenig Minuten war das ganze Haus von ihnen verlassen und wie verödet. Orm und Aslaug, heftig erschrocken, bargen sich in dem heimlichsten Winkel des Hauses. Erst bei Tagesanbruch wagten sie sich hervor, und als die Sonne durch die Lücke im Dach auf den Herd herabschien, hatten sie Mut genug, vom Boden herabzusteigen. Noch stand der Tisch gedeckt, so wie ihn die Unterirdischen gelassen hatten, und ihr Geschirr darauf, von Silber und auf das zierlichste gearbeitet. Mitten auf dem Boden ein mächtiger, kupferner Kessel, halb mit süßem Mete angefüllt, zur Seite ein Trinkhorn aus reinem Golde. In dem Winkel lehnte an der Wand ein besaitetes Instrument, einem Hackbrett nicht unähnlich, welches Riesenweiber, wie man glaubt, zu spielen pflegen. Sie starrten alles mit Verwunderung an, ohne daß sie sich getraut hätten, etwas davon anzurühren; in das höchste Erstaunen aber gerieten sie, als sie sich umwendend eine große Gestalt oben an dem Tische sitzen sahen, Orm erkannte sogleich den Riesen, welchen Guru in der Nacht durch ihre Umarmung belebt hatte. Jetzt war er harter und kalter Stein. Während sie davor standen, trat sie selbst in Riesengestalt zur Stube herein. Sie weinte so heftig, daß ihre Tränen auf die Erde herabrieselten. Vor Schluchzen konnte sie lang kein Wort hervorbringen, endlich sprach sie: »Großes Leid habt ihr mir zugefügt, und ich muß weinen, so lange ich lebe; doch, da ich weiß, daß ihr es nicht aus bösem Willen getan habt, so will ich euch verzeihen, obgleich es mir eine Kleinigkeit wäre, das ganze Haus über euch wie eine Eierschale zusammenzudrücken. Weh!« rief sie, »mein Hausherr, den ich mehr liebe, als mich selbst, dort sitzt er, auf immer erstarrt, niemals wird er seine Augen wieder aufschlagen! Dreihundert Jahre lebte ich bei meinem Vater auf der Insel Kunnan, glücklich in unschuldiger Jugend, als die schönste unter den Riesenjungfrauen. Mächtige Freier bewarben sich um mich, noch steht das Meer rings um jene Insel voll von großen Felsenstücken, welche sie im Zweikampf gegeneinander schleuderten. Andfind trug den Sieg davon, und ich verlobte mich mit ihm. Doch, als ich noch Braut war, da kam der abscheuliche Odin ins Land, überwältigte meinen Vater und vertrieb uns alle von der Insel. Vater und Schwestern flüchteten in das Gebirge, und seitdem hat sie mein Auge nicht wieder erblickt. Ich und Andfind, wir retteten uns hierher auf diese Insel, wo wir lange Zeit in Ruhe und Frieden lebten, und nie gestört zu werden glaubten. Aber das Schicksal, dem niemand entgeht, hatte es anders beschlossen. Oluf kam von Britannien. Sie nannten ihn den heiligen, und Andfind besorgte gleich, seine Fahrt werde den Riesen unheilbringend sein. Als er hörte, wie Olufs Schiff durch die Wellen heransauste, ging er hinab an den Strand, und blies aus allen Kräften das Meer ihm entgegen, und es stürmte heftig, daß die Wellen wie Berge sich erhoben. Aber Oluf war noch mächtiger, sein Schiff flog unaufhaltsam durch die Wogen, nicht anders als ein Pfeil, der, vom Bogen abgeschossen, dahinfährt. Es steuerte gerade auf unsere Insel, als es so nah war, daß Andfind es mit Händen zu erreichen glaubte, griff er mit der Rechten in den Vorderteil und wollte es hinab in den Grund ziehen, wie er oft mit andern Schiffen getan hatte. Doch Oluf, der entsetzliche Oluf, trat hervor und, die Hände kreuzweis übereinandergeschlagen, rief er mit lauter Stimme: »Steh da als ein Stein bis zum Jüngsten Tag!« Und in demselben Augenblick war der arme Andfind in harten Kiesel verwandelt. Ungehindert segelte das Schiff weiter und gerade auf den Berg los, den es durchschnitt und von dem es die kleine Insel abtrennte, die draußen liegt. Seitdem war mein Glück vernichtet, einsam und traurig habe ich meine Jahre verlebt. Nur in der Julenacht können versteinerte Riesen auf sieben Stunden das Leben zurückerhalten, wenn jemand aus ihrem Geschlecht sie umarmt und zugleich hundert Jahre von dem eigenen Leben aufzuopfern bereit ist. Doch, das tut selten ein Riese. Ich liebte meinen Hausherrn zu sehr, als daß ich nicht gerne jedesmal, wo ich es konnte, um den höchsten Preis ihn ins Leben zurückgerufen hätte, und ich wollte niemals nachzählen, wie oft ich es getan, damit ich nicht wüßte, wann die Zeit käme, wo ich selbst zu Stein werden und in dem Augenblick, wo ich die Arme um ihn schlänge, mit ihm zusammenwachsen würde. Doch, auch dieser Trost ist mir genommen! Ich kann ihn mit keiner Umarmung mehr aufwecken, nachdem er den Namen gehört hat, den ich nicht nennen darf, und er wird das Licht nicht wieder schauen, bis am Jüngsten Tag. Ich gehe nun fort, ihr werdet mich niemals wiedersehen. Was in dem Hause hier ist, alles schenke ich euch, nur mein Saitenbrett will ich behalten, weil es Andfind mir gegeben hat. Aber daß niemand es wage, auf den kleinen Inseln, die rings umher liegen, seinen Wohnsitz aufzuschlagen! Dort wohnen die kleinen Unterirdischen, die ihr bei dem Feste gesehen habt, und die will ich beschützen, solange ich lebe!« Mit diesen Worten verschwand Guru. Im nächsten Frühjahr fuhr Orm mit dem goldnen Horn und dem Silberwerk nach Drontheim, wo ihn niemand kannte, der Wert des edlen Metalls war so groß, daß er sich alles ankaufen konnte, was ein wohlhabender Mann bedarf, und damit beladen kehrte sein Schiff nach der Insel zurück, wo er lange Jahre in ungestörtem Glück zubrachte. Aslaugs Vater versöhnte sich bald mit dem reichen Schwiegersohn. Das steinerne Bild blieb in dem Hause sitzen, keine menschliche Kraft war imstande, es zu bewegen, und der Stein selbst so hart, daß Hammer und Axt absprangen, ohne es im geringsten zu verletzen. Der Riese saß da so lange, bis ein heiliger Mann auf die Insel kam, der durch ein einziges Wort ihn wieder an den Platz zurücksetzte, wo er früher gestanden hatte und wo er noch jetzt steht. Der kupferne Kessel, den die Unterirdischen zurückließen, wird als ein Andenken auf der Insel aufbewahrt, welche den Namen Hausinsel bis auf den heutigen Tag führt. * August von Löwis of Menar Der Kantelespieler Finnisches Märchen Es war einmal ein Bursche, der hatte keine Freundin. Da nahte das Weihnachtsfest. Die andern Burschen gingen alle zum Fest, er aber blieb zu Hause und war ganz allein. Da dachte er: »Was kann ich jetzt wohl machen?« Er kaufte sich eine Kerze und nahm die Kantele zur Hand, ging in die Badestube, steckte sich die Kerze an und stellte sie auf den Ofen. Dann fing er an zu spielen. Wie er eine Weile gespielt hatte, kam ein Mädchen zu ihm in die Badestube und begann zu tanzen. Dann ging sie auf den Burschen zu und gab ihm einen Kuß. Erst um Mitternacht verschwand sie. Den nächsten Abend ging der Bursche wieder in die Badestube und spielte dort. Das Mädchen kam wieder und tanzte und gab ihm einen Kuß. Am dritten Abend lud der Bursche seine alte Pate ein. Und die Pate belehrte ihn: »Häng dir ein Kreuz um den Hals, über den Rock. Wenn das Mädchen wiederkommt und dir einen Kuß gibt, nimm das Kreuz ab und häng es ihr um den Hals.« Als nun das Mädchen kam, um ihn zu küssen, hängte er ihr das Kreuz um den Hals. Da murmelte sie etwas zum Fenster hinaus, und andere Mädchen gaben Antwort, aber der Bursche erschrak und fiel bewußtlos hin. Als er am Morgen aufwachte, sah er, daß das Mädchen bei ihm saß. Er ging nach Hause und das Mädchen hinter ihm her. Er redete sie an, aber sie konnte nicht sprechen. Da ließen sie den Pfarrer kommen, und der Pfarrer las ihr aus der Bibel vor. Da begann das Mädchen zu erzählen, woher sie komme, daß sie aus dem Schlosse und die Tochter des Grafen sei. Und sie bat den Burschen: »Geh mit mir zu meinem Vater!« Dann machten sie sich zusammen auf mit einem Pferd und einem schlechten Wagen. Sie kamen jedoch nicht bis zum Schloß, der Wagen zerbrach, und das Pferd wurde müde. Da setzten sie ihren Weg zu Fuß fort, bis sie schließlich beim Schloß anlangten. Aber hier wurden sie nicht eingelassen. Da fragten sie: »Hat nicht der Graf ein hübsches kleines Kind?« »Ja, das hat er«, antwortete man ihnen. »Nun, des Kindes wegen kommen wir her.« Da ließ man sie vor. Der Graf fragte: »Was wißt ihr denn von dem Kinde?« Und sie sagten: »Wir wissen nicht mehr, als daß es 21 Jahre alt ist, und es wächst nicht und stirbt nicht. Es ist aber gar nicht Euer Kind, denn ich bin Eure Tochter.« »Du unser Kind?« sprach der Graf. »Wie kannst du denn unser Kind sein?« »Seht«, sagte das Mädchen, »eine Hexe hat mich entführt und Euch dieses Kind statt meiner in die Wiege gelegt. Ich bin jetzt 21 Jahre bei ihr.« Und das Mädchen fragte den Grafen: »Hattet Ihr nicht zu der Zeit einen Ball?« »Ja, das hatte ich.« »Wurde Euch damals nicht ein silberner Löffel gestohlen?« »Ja«, sagte der Graf, »den stahlen sie.« »Und was habt Ihr damals mit der Haushälterin gemacht?« »Wir haben sie wegen des Diebstahls bestraft.« »Nun, gabt Ihr ihr nicht später noch einen Ball? Stahlen sie Euch da nicht einen silbernen Becher?« Der Graf antwortete: »Ja, das taten sie.« »Die Haushälterin war nicht schlecht«, sagte das Mädchen, »wir waren es, wir haben Euch den Becher gestohlen! Jetzt seht Ihr doch, daß ich Eure Tochter bin, und diesen jungen Mann sollt Ihr mir zum Mann geben.« Da fragte der Graf: »Wie kommst du denn zu dem armen Burschen?« Und das Mädchen erzählte: »Es war am Weihnachtsabend, der junge Bursche spielte in der Badestube Kantele, wir kamen vorbei, und ich bat, ihm zusehen zu dürfen. Da schickten sie mich hinein, vor ihm zu tanzen, und befahlen mir, ihn zu küssen. Denn wir wollten ihn ein bißchen zum Narren halten. Aber er war gescheiter als wir, der Bursche. Zwei Abende nacheinander war ich dort. Am dritten Abend warf er mir ein Kreuz um den Hals, dann bin ich nicht mehr fortgegangen. Den folgenden Morgen lief ich ihm nach. Seht, so hat er mich erlöst.« Da erkannte der Graf das Mädchen als seine Tochter an. »Was sollen wir mit diesem Kind hier machen, das schon 21 Jahre bei uns ist?« fragte er. »Baut einen Scheiterhaufen und zündet ihn an, dann bringt mir das Kind!« Das Kind wurde ihr gebracht, und sie legte es auf eine Schippe und warf es in die brennenden Scheite. Da schrien die Hexen aus dem Fenster: »Verbrenn unser Kind nicht in dem Scheiterhaufen!« Hoch loderten die Flammen auf, da platzte dem Kinde die Haut vom Leibe, und ein Erlenstumpf blieb auf der Feuerstätte. Da ging das Mädchen zu dem Burschen und führte ihn an die Feuerstätte, und der Graf sagte zu ihm: »Geh und sieh nach deinem Hause!« Aber der junge Mann antwortete: »Ich habe keine Pferde, um hinzufahren.« Da kaufte ihm der Graf Pferde, dazu einen Wagen und gab ihm einen Kutscher. Dann fuhren sie zu dem Hause, wo der junge Mann wohnte. Seine Hütte war sehr ärmlich, und der Graf sagte: »Nach einem Monat sollst du ein Haus aus Stein haben.« Sie bauten ihm ein Haus aus Stein, dort zog er ein mit seiner jungen Braut, und jetzt leben sie noch immer in dem steinernen Haus. * Von einer Jungfrau, die den Jesusknaben sah Märchen aus dem Mittelalter Wir lesen, daß einst auf einer Burg eine vornehme Jungfrau lebte, die vierzehn Jahre alt war und der seligen Jungfrau frommen Herzens diente. Diese flehte zu Maria sieben Jahre lang, daß sie ihr in ihrer Huld den Jesusknaben zeigen möchte. Und als sie einst am Weihnachtstage allein in der Marienkapelle im Gebet verweilte, da erschien ihr die selige Jungfrau in wunderbarer Schönheit und hielt ihren Sohn, der noch viel schöner war, in den Armen auf ihrem Schoß und sprach zu der betenden Jungfrau: »Nimm mein liebes Kind und spiele mit ihm.« Und voll Freude langte die Jungfrau nach dem Knaben. Das Kind aber fragte sie: »Liebst du mich?« Und sie erwiderte: »Ich liebe dich, meinen allerliebsten Herrn, so innig, wie ich es nur vermag.« Und der Knabe fragte wieder: »Wie sehr liebst du mich?« Die Jungfrau antwortete darauf: »Mehr als die schönen Kleider, die ich trage.« Der Knabe fragte weiter: »Sag, ob du mich noch mehr liebst.« »Mehr«, rief die Jungfrau, »als mein eigenes Herz!« Jesus aber sprach: »Sag mir, wieviel mehr du mich liebst.« »Ich kann es nicht mit Worten ausdrücken«, erwiderte die Jungfrau, »aber mein Herz soll dir's selbst sagen, wie sehr es dich liebt.« Bei diesen Worten zersprang das Herz der Jungfrau vor übergroßer Liebe. Und der Jesusknabe nahm ihre Seele und trug sie unter dem Gesang der Engel hinauf zum Himmel. Von dem Gesange wurde die Familie der Jungfrau zur Kapelle gerufen, wo man sie tot fand. Ein unsagbarer Wohlgeruch aber erfüllte das ganze Haus. Und die Predigermönche, die zu jener Zeit auf der Burg weilten, sahen, daß das Herz der Jungfrau zersprungen war und daß mit goldenen Buchstaben in dieses Herz die Worte eingegraben waren: »Ich liebe dich mehr als mich, denn du hast mich erschaffen, du hast mich erlöst, du hast meine Seele zum Himmel getragen.« * Von der heiligen Eufemia Märchen aus dem Mittelalter Man liest in den Chroniken der Römer von einer edlen Jungfrau, die Eufemia hieß. Diese hatte in den Jahren ihrer Kindheit dem Herrn gelobt, als reine Jungfrau leben zu wollen, und sie hielt ihr Gelübde, indem sie vor Gott und den Menschen ein makelloses Dasein führte. Ihr Vater aber war ein ganz weltlich gesinnter Mann. Als dieser sah, daß sie eine schöne Jungfrau geworden war, verlobte er sie ganz gegen ihren Willen mit einem Grafen. Die Jungfrau aber eilte voll des heiligen Geistes in eine Kapelle und warf sich auf die Erde nieder und flehte zur Königin der Barmherzigkeit, daß sie ihr das Gelübde der Keuschheit wahren helfe. Und da sie sich überlegte, daß sie um ihrer Schönheit willen die jungfräuliche Reinheit verlieren sollte, ergriff sie ein Messer, und mit den Worten: »Du nichtige Schönheit, von nun an sollst du für mich keine Gefahr und Gelegenheit zur Sünde mehr sein!« schnitt sie sich die Nase und die Lippen ab. Als das ihr hartherziger Vater hörte, rief er einen rohen Bauern und übergab ihm seine Tochter, damit er sie in seinem Bauernhofe als Magd arbeiten lasse. Und er drohte ihm sogar mit seinem Zorne, wenn er sie bei der Arbeit schone. Der Bauer aber kannte kein Mitleid und quälte die edle Jungfrau mit maßlosen Arbeiten und Anstrengungen. Sie jedoch ertrug alles und dankte Gott für die Gnade, daß sie in einem solchen Leben ein wenig für ihren Herrn und Gott erdulden dürfe. So vergingen sieben Jahre, und der Weihnachtsabend kam heran. Als sich die Bauernfamilie am Abend, als die Sterne schienen, zu Tisch setzte, um, wie es bei manchen Leuten Sitte ist, ihr Mahl einzunehmen, da eilte Eufemia in den Stall, um zu ihrem Gotte zu beten. Doch der Bauer bemerkte ihren Weggang und nahm in seinem bösen Sinne, wie er es auch sonst tat, einen Stock und ging sie suchen. Aber als er in den Stall blickte, in dem er sie schon manches Mal, wenn er sie dort beim Gebete antraf, gezüchtigt hatte, da sah er Eufemia betend und den ganzen Stall hell erleuchtet von überirdischem Licht. Er glaubte, ein Feuer sei ausgebrochen, und eilte näher hinzu. Doch da sah er, wie die selige Jungfrau und eine Schar von Engeln und Jungfrauen um Eufemia herumstanden, und er hörte, wie Maria die Betende mit den Worten tröstete: »Sei beharrlich, Tochter Gottes. Für diesen Dienst wird dir das Himmelreich zum Lohn.« Der Bauer rief alsbald seine ganze Familie mit lauter Stimme, sie sollten herbeikommen und Eufemia ansehen, sie habe ihre Nase und ihre Lippen wiedererhalten, und ihr Antlitz sei genauso wie früher. Und alle, die sie sahen, lobten Gott wegen der wunderbaren Schönheit, die er ihr verliehen hatte. Auch ihr Vater vernahm davon. Und er kam und bat sie um Verzeihung und ließ an der Stelle des Stalles ein Jungfrauenkloster erbauen, in dem die heilige Eufemia Gott diente. Nach kurzer Zeit aber starb sie und ging zum Herrn ein. * Das Ulta-Mädchen Märchen aus Lappland Es waren einmal zwei Burschen, die um dieselbe Frau freiten. Als das Frühjahr kam, zogen die beiden und die Frau in Gemeinschaft mit anderen Leuten nach einer weit im Meere draußen gelegenen Insel, um Fische zu fangen. Auf der Insel waren auch Fischerhütten erbaut, da dieser Ort von alters her als ausgezeichneter Fischplatz bekannt war und die Leute in der Regel bis zum Herbste dort blieben. Das Mädchen und die beiden Burschen bewohnten dieselbe Hütte und fischten in demselben Boote. Allmählich begann jedoch der eine der Männer zu bemerken, daß die Frau ihm weniger Aufmerksamkeit schenke als seinem Kameraden. Hierüber ärgerte er sich und sann darüber nach, auf welche Weise er wohl seinen Nebenbuhler am besten aus dem Wege räumen könnte. Als die Fischer wieder die Heimreise antraten, richtete er es so ein, daß er, das Mädchen und sein Kamerad, die letzten waren, welche den Fischplatz verließen. Als nun auch sie alle ihre Sachen in das Boot gebracht hatten und schon zum Abrudern bereit waren, sagte der Bursch, um den das Mädchen sich nicht kümmerte, zu seinem Kameraden: »Ah, ich habe mein Messer oben in der Hütte vergessen; spring doch hinauf und hole es mir, dann bist du ein guter Kerl!« Dieser tat dies, ohne den geringsten Verrat zu ahnen, war jedoch noch nicht weit gekommen, als der Kamerad das Boot abstieß und mit dem Mädchen davonruderte. Er war nun ganz allein auf der Insel und besaß nichts anderes, womit er sich forthelfen konnte als das Messer, welches der Kamerad zurückgelassen hatte. Er machte sich einen Bogen, und mit diesem schoß er Strandvögel, die er am Feuer briet. Auf diese Weise fristete er sein Leben fort bis Weihnachten. Am Weihnachtsabend trug er eine größere Menge Brennholz zusammen und stapelte es gerade vor der Tür der Hütte zu einem großen Haufen auf, um nicht während der Weihnachtstage Holz holen zu müssen. Abends, als er mit dem Holzstoß fertig war, saß er eine Weile vor der Tür und blickte sehnsuchtsvoll nach dem Festlande hinüber. Da bemerkte er plötzlich ein Boot, welches auf die Insel zusteuerte. Der Bursch freute sich, glaubte er doch, daß es Menschen wären, die auf die Insel kämen. Als aber das Boot näherkam, schien es ihm allerdings etwas sonderbar auszusehen, und als es dann anlegte und die Leute ans Land stiegen, erkannte er bald, daß es nicht »Albma-olbmuk«, das heißt Leute von dieser Welt oder richtige Menschen, sondern Ulta-Leute waren. Er kroch deshalb hinter den Holzstoß und versteckte sich, jedoch so, daß er sie ungesehen beobachten konnte. Nun stiegen alle ans Land. Es war eine große Gesellschaft, die allerlei Kram bei sich hatte. Unter den Frauen befanden sich zwei junge Mädchen, die sehr schön und dabei auch hübsch gekleidet waren. Jedes trug einen Proviantkasten in der Hand, als die ganze Schar auf die Hütte zuging. Nachdem der ganze Kram in die Hütte geschafft war, kamen die beiden Mädchen wieder heraus, um sich auf der Insel umzusehen. Dabei entdeckten sie auch den Burschen, der hinter dem Holzstoß lag. Anfangs fürchteten sie sich ein wenig und wären beinahe wieder davongelaufen. Weil der Bursch aber ganz ruhig dalag, traten sie näher an ihn heran, begannen zu kichern und zu lachen und allerlei Scherz mit ihm zu treiben. Der Bursch hatte eine Stecknadel in dem einen Ärmel seiner Jacke. Als sie nun so um ihn herumsprangen und ihn von Zeit zu Zeit zupften, paßte er einen günstigen Augenblick ab und stach die eine in die Hand, so daß diese zu bluten begann. Die Gestochene begann nun laut zu schreien und zu jammern. Da kamen auch die übrigen aus der Hütte gelaufen, um zu sehen, was geschehen sei. Sowie sie ihn aber erblickten, stürzten sie wieder hinein, rafften in größter Eile und Hast von dem mitgebrachten Kram zusammen, was jedes erwischen konnte, und eilten davon. In einem Augenblick war alles verschwunden: die Leute, der Kram und das Boot; nur ein Schlüsselbund war auf dem Tisch liegengeblieben, und auch das eine Mädchen, welches der Bursch blutig gestochen hatte, stand noch da. Ganz kraft- und hilflos war es. »Nun mußt du mich zu deiner Frau machen«, sagte das Mädchen, »weil du mich blutig gestochen hast!« »Ja, ja, warum nicht«, antwortete er. »Das will ich gern tun. Aber wie glaubst du, daß wir den Winter über auf der Insel hier werden leben können?« »Damit hat es keine Not«, meinte das Mädchen, »wenn du mir nur versprechen willst, daß du mich zur Frau nimmst. Du bekommst ja reiche Verwandte!« Der Bursche versprach es, und so lebten sie denn miteinander auf der Insel bis zum Frühjahr, wo wieder Leute hinauskamen, mit denen sie nach dem Festland hinüberfuhren. »Wohin sollen wir uns jetzt begeben?« fragte das Mädchen den Burschen. »Das weiß ich nicht«, sagte er. »Was denkst du?« Das Mädchen meinte, ihr wäre es am liebsten, sich an einem Ort niederzulassen, wo ihre Eltern wohnten. »Aber nur, wenn du willst«, fügte sie hinzu. »Warum nicht?« antwortete der Bursch, und so reisten sie dahin und suchten sich einen bequemen Wohnplatz aus. »Nun mußt du selbst den Platz für das Haus ausmessen«, sagte das Mädchen, »du kannst ihn groß oder klein nehmen, wie du willst!« Der Bursch maß den Platz aus. Als sie sich des Abends schlafen legten, sagte das Mädchen: »Wenn du in der Nacht, während wir liegen und schlafen, etwas hören solltest, so darfst du nicht aufstehen und auch nicht nachsehen, was es sei!« In der Nacht hörte er, wie gemauert, gezimmert, gespalten und gehämmert wurde. Doch er rührte sich nicht vom Fleck. Des Morgens, als er und das Mädchen aufstanden und sich umsahen, stand das Haus in allen Teilen fertig da. »Nun mußt du den Platz für den Kuhstall ausmessen«, sagte das Mädchen am nächsten Tage, »aber nimm den Platz nicht zu groß und auch nicht zu klein!« Der Bursch maß. In der Nacht hörte er wieder, wie gezimmert, gespalten und gehämmert wurde. Am Morgen stand der Kuhstall vollkommen fertig da mit Ständern, Milcheimern und Kloben. Nur Kühe waren nicht drin. Nun bat das Mädchen den Burschen; er möchte den Platz für ein Vorratshaus ausmessen. Er könne es so groß haben, wie er selbst es wolle. Als auch das Vorratshaus fertig war, forderte sie ihn auf, zu ihren Eltern zu reisen. Sie wanderten denn auch dahin und blieben dort, solange sie wollten. Als sie aber wieder nach Hause reisen wollten, sagte das Mädchen zu dem Burschen: »Wenn wir Abschied genommen haben und daran sind, aus dem Haus zu treten, so gib gut acht und eile so schnell du kannst über die Türschwelle!« Der Bursche tat, wie das Mädchen gesagt hatte, und gerade in dem Augenblick, als er über die Schwelle stieg, warf der Vater des Mädchens einen großen Hammer nach ihm. Wäre er nicht so schnell gewesen und hätte er nur einen Augenblick verweilt, so würde ihr Vater ihm beide Beine abgeschlagen haben. Als sie eine Strecke weit auf dem Heimweg gewandert waren, sagte das Mädchen: »Nun darfst du dich nicht früher umsehen, als bis du in das Haus getreten bist, was immer du auch hören und wahrnehmen magst!« Der Bursche versprach es. Als er aber schon bei der Haustür angelangt war, konnte er sich nicht länger zurückhalten, sondern sah sich um. Da war gerade die Hälfte einer großen Viehherde, welche die Schwiegereltern ihnen nachgeschickt hatten, innerhalb des Zaunes gekommen, die andere Hälfte stand noch außerhalb. Die aber, welche außerhalb stand, war in demselben Augenblick verschwunden. Hierauf ließ sich das Paar von dem Priester trauen, und sie bekamen Kinder und lebten glücklich und zufrieden. Das einzige, was dem Mann nicht gefiel, war, daß seine Frau bisweilen verschwand, ohne daß es ihm möglich war zu erforschen, wohin sie gekommen sei. Als er sich deshalb eines Tages hierüber beklagte, sagte die Frau, welche ja ihren Gemahl recht lieb hatte: »Lieber Mann, wenn es dir nicht recht ist, daß ich manchmal fort bin, so schlage nur einen großen Nagel in die Türschwelle. Dann kann ich weder hinaus noch hinein, es sei denn, daß du selbst es willst!« * Peter Christen Asbjørnsen Vom Salz im Meer Es waren einmal zwei Brüder, der eine war reich, der andere arm. Als nun das Weihnachtsfest herankam, hatte der Arme kein Brot im Hause, ging daher zu seinem Bruder und bat um eine Kleinigkeit. Dieser war eben nicht sonderlich froh, denn es war nicht das erste Mal, daß seine Milde von jenem in Anspruch genommen wurde. »Willst du tun, was ich dir sage«, sprach er, »so sollst du einen ganzen Schinken haben, so, wie er im Rauch hängt.« Das wollte der Arme gern und bedankte sich. »Da hast du ihn!« sagte der Reiche, indem er ihm den Schinken zuwarf. »Nun geh zur Hölle!« »Hab ich es versprochen, so muß ich es tun«, sagte der Arme, nahm den Schinken und ging fort. Er wanderte den ganzen Tag; als es dunkel wurde, erblickte er vor sich einen hellen Lichtschimmer. »Hier muß es sein!« dachte er. Etwas weiter hin im Walde aber stand ein alter Mann mit einem langen weißen Bart und hackte Holz. »Guten Abend!« sagte der mit dem Rauchschinken. »Wo willst du hin?« fragte der Greis. »Oh, ich wollte nur zur Hölle, aber ich weiß nicht, ob ich recht gegangen bin«, versetzte der Arme. »Ja, du bist auf dem rechten Wege«, sagte der Alte, »das hier ist die Hölle.« Und weiter sagte er: »Wenn du nun hineinkommst, dann werden sie dir wohl alle deinen Schinken abkaufen wollen, denn Schweinefleisch ist ein seltenes Gericht in der Hölle, aber du sollst ihn für kein Geld verkaufen, sondern verlange dafür die alte Handmühle, die hinter der Türe steht. Wenn du dann wieder herauskommst, will ich dich auch lehren, wie du sie stellen mußt, denn die Mühle ist zu etwas gut, mußt du wissen.« Der Mann mit dem Schinken dankte für den guten Bescheid und klopfte beim Teufel an. Als er hineintrat, geschah es, wie der Alte ihm gesagt. Alle Teufel kamen um ihn herum, und der eine überbot den anderen auf den Rauchschinken. »Es war freilich meine Absicht, ihn zum Weihnachtsabend mit meiner Frau zu essen«, sagte der Mann, »aber weil ihr alle so erpicht darauf seid, will ich ihn euch wohl überlassen, doch verkaufe ich ihn für keinen andern Preis als für die Handmühle, die da hinter der Tür steht.« Damit wollte der Teufel nicht herausrücken und feilschte mit dem Mann hin und her, aber der war nicht umzustimmen, und so mußte der Teufel ihm schließlich die Mühle überlassen. Als der neue Besitzer der Mühle aus der Hölle herausgekommen war, fragte er den alten Holzbauer, wie er die Mühle stellen müsse, und als der es ihm gesagt hatte, bedankte er sich und machte sich wieder auf den Heimweg. Aber wie sehr er sich auch beeilte, so kam er doch nicht eher als Mitternacht zu Hause an. »Wo bist du gewesen?« fragte ihn seine Frau, als er in die Stube trat. »Du weißt doch, daß ich nicht einmal zwei Holzsplitter habe, um sie unter den Grützkessel zu legen und uns eine Weihnachtssuppe zu kochen.« »Oh«, sagte der Mann, »ich konnte nicht eher kommen, denn ich hatte ein Geschäft zu besorgen und mußte deshalb einen weiten Weg machen, aber jetzt sollst du sehen, was ich mitgebracht.« Nun stellte er die Mühle auf den Tisch hin und ließ sie mahlen, erst Lichter, dann ein Tischtuch, danach Essen und Bier und alles, was zu einem guten Schmaus gehört, und so wie er es der Mühle befahl, so mahlte sie. Seine Frau wollte unbedingt wissen, wo er die Mühle herbekommen, aber er antwortete bloß: »Das kann dir ganz gleich sein, woher ich sie habe, Frau, du siehst, daß sie gut ist und daß das Mahlwasser nicht ausgeht, und das ist gut.« So mahlte er alles, was gut schmeckt, für das ganze Weihnachtsfest, und am dritten Tag bat er seine Freunde zu sich, denn er wollte ihnen einen Gastschmaus geben. Als der reiche Bruder sah, was da alles an Speise und Trank bereitstand, lief es ihm heiß und kalt über die Haut, weil er seinem armen Bruder überhaupt nichts gönnte. »Wo hast du den Reichtum herbekommen?« »Hinter der Tür«, war die Antwort, denn er hatte keine Lust zu beichten. Aber gegen Abend, als er einen leichten Rausch bekommen hatte, konnte er sich nicht länger halten, sondern kam mit der Mühle zum Vorschein. »Da siehst du die Gans, die mir all den Reichtum gebracht hat«, sagte er, und ließ die Mühle bald dies, bald jenes mahlen. Als der Bruder das sah, wollte er ihm die Mühle sofort abkaufen. Aber der andere verspürte gar keine Neigung zu solchem Geschäft. Endlich aber, wie der Bruder so sehr darum anhielt, sollte er sie für 300 Taler haben, aber bis zum Juli, machte er mit ihm aus, wolle er sie noch behalten, denn – dachte er – habe ich sie noch so lange, kann ich mir Essen mahlen für viele Jahre. In dieser Zeit wurde die Mühle, wie man sich denken kann, nicht rostig, und als der Heumonat herankam, erhielt sie der Bruder, aber der frühere Eigentümer hatte sich wohlgehütet, ihm zu sagen, wie er sie stellen müßte. Es war am Abend, als der Reiche die Mühle nach Hause brachte, und am Morgen sagte er zu seiner Frau, sie sollte mit den Schnittern ins Feld gehen und Heu hinter ihnen kehren, er wolle indes das Mittagsmahl bereiten. Als es nun so gegen Mittag war, stellte er die Mühle auf den Küchentisch hin. »Mahle Hering und Milchsuppe!« sprach er, und die Mühle mahlte, was er verlangte, erst alle Schüsseln voll, und nachher so viel, daß die ganze Küche schwamm. Der Mann stellte und drehte die Mühle; aber wie er auch sie hantieren mochte, so hörte die Mühle nicht auf zu mahlen, und zuletzt stand die Milchsuppe schon so hoch, daß der Mann nahe daran war zu ertrinken. Nun riß er die Stubentüre auf; aber es dauerte nicht lange, so hatte die Mühle auch die Stube vollgemahlen, und nur mit knapper Not konnte der Mann noch die Türklinke in der Milchsuppenflut erfassen. Wie er nun die Türe aufgemacht hatte, stürzte er hinaus ins Freie, und Hering und Milchsuppe immer hinter ihm drein, so daß der ganze Hof und das Feld davonströmten. Indessen schien es der Frau, die das Heu auf dem Feld kehrte, ziemlich lange zu dauern, bis der Mann wiederkäme und sie zu Mittag riefe. »Wir wollen nun nach Hause gehen«, sagte sie zu den Schnittern, »denn ich kann mir gut vorstellen, daß er mit der Milchsuppe nicht allein fertig wird, und da muß ich ihm helfen.« Sie machten sich also auf und gingen nach Hause. Als sie aber hinter den Berg kamen, schwammen ihnen Hering und Milchsuppe und Brot entgegen, alles durcheinander, und der Mann lief immer voran. »Gott gebe, daß jeder von euch hundert Bäuche hätte, um etwas davon herunterzuschlingen!« rief er, »nehmt euch aber in acht, daß ihr nicht in meinem Mittagessen ersauft!« Und damit rannte er an ihnen vorbei, als wäre ihm der Teufel auf den Fersen, und hinüber zu seinem Bruder. Den bat er um Gottes willen, er möchte doch sogleich die Mühle wieder nehmen. »Denn mahlt sie noch eine Stunde dazu«, sprach er, »so versinkt das ganze Dorf in Hering und Milchsuppe.« Der Bruder aber wollte die Mühle nicht wieder nehmen, es sei denn, daß der andere ihm noch 300 Taler dazu bezahlte. Weil nun durchaus kein anderer Rat war, so mußte der Reiche mit dem Gelde herausrücken. Nun hatte der Arme sowohl Geld als auch die Mühle, und da dauerte es nicht lange, so hatte er sich ein Haus gebaut, noch prächtiger als das, worin der Bruder wohnte. Mit der Mühle mahlte er sich so viel Gold zusammen, daß er die Wände mit lauter Goldplatten bekleiden konnte, und das Haus lag so nahe am Strande, daß man den Glanz davon schon von weitem auf dem Meer sah. Alle, die da vorbeisegelten, hielten dort an, um den reichen Mann in dem goldenen Hause zu besuchen und die Wundermühle zu sehen, denn es ging davon der Ruf in alle Lande. Einmal kam auch ein Schiffer dort vorbei, er wollte ebenfalls die Mühle sehen, und als er sie gesehen, fragte er, ob sie wohl auch Salz mahlen könne. »Ja, Salz kann sie auch mahlen«, sagte der Mann. Nun wollte der Schiffer sie ihm unbedingt abkaufen, koste sie, was sie wolle. »Denn habe ich die«, dachte er, »dann brauche ich nicht immer so weit übers Meer zu segeln, um Salz zu holen, sondern kann mich zu Hause pflegen.« Anfangs wollte der Eigentümer sie aber überhaupt nicht hergeben, doch der Schiffer bat ihn so lange und so inständig, bis er sie ihm endlich für viele tausend Taler verkaufte. Als nun der Schiffer die Mühle bekommen hatte, blieb er nicht lange in der Gegend, denn er dachte, den Mann könne der Handel nachher wieder gereuen. Er ließ sich auch nicht einmal so viel Zeit, daß er ihn fragte, wie er die Mühle stellen müßte, sondern ging schnell auf sein Schiff und stieß vom Land. Als er ein Stück in die große See hinausgekommen war, nahm er seine Mühle hervor. »Mahle Salz!« rief er, und die Mühle mahlte Salz, daß es knisterte und sprühte. Als der Schiffer sein Schiff voll hatte, wollte er die Mühle stopfen, aber wie er's auch anfing und sie stellte und drehte, die Mühle mahlte immerfort, und der Salzhaufen wuchs höher und immer höher, und zuletzt versank das ganze Schiff im Meer. Da steht nun die Mühle auf dem Meergrunde und mahlt noch den heutigen Tag, und daher kommt es, daß das Meerwasser salzig ist. * Karl Müllenhoff Die Bishorster Märchen aus Schleswig Holstein Bishorst war ein Dorf, das zu der Haseldorfer Marsch gehörte, und soll seinen Namen davon erhalten haben, weil es dem Bischof Bicelin, wenn er verfolgt ward, zur Zuflucht diente. Jetzt ist Bishorst von der Elbe so weit weggerissen, daß nur noch eine Baumgruppe im Außendeich davon übrig ist, und eine Stelle im tiefen Wasser wird von den Schiffern der Bishorster Kirchhof genannt. Von den Bishorstern erzählen die Haseldorfer nun folgende Geschichte. In alten Zeiten war es gebräuchlich, am Morgen des heiligen Christtages vor Tagesanbruch zur Kirche zu gehen, um, wie man sagte, den frommen Hirten im Evangelium nichts nachzugeben. Um nun in der Dunkelheit den Weg zur Kirche zu finden, hatten die Bishorster ein Seil ausgespannt, daß sie den rechten Weg beibehielten. Ein Schalk aber wußte davon, und da er den Leuten einen Streich spielen wollte, leitete er das Seil statt nach der Kirchentür einmal zu einem tiefen Brunnen. Die Bishorster dachten an nichts Arges und gingen an ihrem Seil einer hinter dem andern her. Als nun der erste an den Brunnen kam, fiel er hinein, und das Wasser schlug ihm überm Kopf zusammen. Der Nächste meinte, es ist die Kirchentür und rief: »Plump in helgen Karken. Laat apen! Ik will ok h'rin!« und damit fiel auch dieser hinein. Und der Nächste dachte ebenso und sagte dasselbe, und er und die andern alle fielen bis auf den letzten in den Soot. Also kamen die Bishorster um. * De twe Bröder Märchen aus Schleswig Holstein Dar weern mal twe Bröder, de een weer rik, de anner arm, ganz arm. Do keem de arme Broder – dat weer jüs to Wihnachabend – to sin rike Broder un bä um en Gav. De rike Broder, de gar ni gut to spreken weer, dat son arm Stackel to em keem – den Armod schändt –, gung to Böhn, hal en Schinken raffer, gef de sin Broder hin un sä: »Gah dormit ton Düwel!« De arme Mann kummt to Hus. Seggt sin Fru: »Na, heß wat kregen?« »Ja«, seggt he, »ik hef en ganzen Schinken kregen, awers ik schall dormit ton Düwel gähn.« Seggt de Fru: »Ja, den muß du je los.« Den anner Morgen ganz bitiden makt he sik den mit sin Schinken op de Weg na'n Düwel. He kummt in en Holt rinner un bald bedüstert he dar. He klattert op en Bom un süht in'e Fiern en Licht. He klattert weller dahl und geit up dat Licht los. Do kummt he an en lütt Hus. In'e Dörnsch sitt en Fru to spinn. He kloppt an un se lett em in. Seggt he: »Kann Se mi seggen, wo de Düwel wahnt?« Antwurd se: »Ja, dat kann ik Em wul seggen. Awer hüt abnd kann He je doch ni mehr hinkam. He kann hir bi mi nacht bliben«, – un se sett em Äten un Drinken vor, un he blift dar öwer Nacht. Den annern Morgen seggt se em, wonehm he längs gähn schall, un dat he den bi den Barg kummt, wo de Düwel in wahnt. He geit nu los. Unnerwegens begegnet em en ole Mann, de gift em en Töwerstock: wenn he dormit de Barg anrührt, so deit de sik apen tun – is en ganz prächdi Slott, un de Düwel kummt den to em rut. Den schall he man to'n Düwel seggen: »Hir hef ik en Geschenk vor di, vun dorvör kanns du di den dre Deel wünschen un utsöken. Toers lopt dar en ganze Barg Höner. Darvan kanns du di een utsöken. Du muß awers de spotterichste nehm'n, de dr mank is. Den de leggt Goldstücken. Den kumms du in en Dörnsch rinner, wo ganz fein deckt is. Hir liggt afsids up en anner Disch en schidige Dischlaken, dat muß du ok mitnehm'n. Wenn du dat utbreden deis, so kanns du di dat schönste Äten wünschen; un dat is darop. In'e Eck liggt en grise Sack. Darin sünd söben Knüppeln, un wenn du den seggs: ›Söben Knüppeln ut'n Sack, slat mi de un de wat‹ – so kamt se rut ut de Sack, un prügelt den, de di wat dahn het, düchdi dör. Un wenn du den weller seggs: ›Söben Knüppeln in'e Sack!‹, so gaht se all weller rinner in'e Sack. Disse Sack muß du ok mitnehm'n.« He geit los un kummt an'e Barg. Mit sin Töwerstock berührt he de Barg. Do deit de Barg sik apen tun – vor em steit en ganz unmaten fein Slott, un darin wahnt de Düwel. As he rin geit na dat Slott, kummt de Düwel em jus in'e Möt, un he gift em den Schinken. Darvör kann he sik nu dre Deel mitnehm'n. Dar lopt en ganze Barg Höner un dar mank een son ganz spotteriche, de nimmt he. As em Äten vörsett ward, nimmt he dat schidige Dischlaken, wat ganz afsids liggt. In'e Eck liggt en grise Sack, de nimmt he ok mit, un dar geit he mit af. He kummt weller in dat lütt Hus bi de ol Fru an und verteilt ehr, wi em dat gähn un wat he kregen het. He bred ok gliks sin Dischlaken ut un wünscht sik dat schönste Äten, un de Olsch mut mit äten. Ok de spotteriche Hehn mut Goldstücken leggn un de Olsch kriggt welk af. Dar dat nu awers al lat worn is, un he dochen ni mehr to Hus kam kann, blift he dar weller öwer Nacht, un den annern Morrn geit he to Hus. Sin Fru freut sik, dat he weller dar is, un he verteilt ehr ok allens, wat he belevt het. As he awers sin Dischlaken usbred't un sik en schönes Äten wünscht, blift dat Laken lerri. Un as de Hehn Goldstücken leggen schall, deit se dat ni. De ol Fru harr em Hehn und Dischlaken umtuscht. Do nimmt he sin Sack, geiht t'rügg na de ol Fru un seggt: »Söben Knüppel ut de Sack, slat't ol Wif wat!« Do kamt de söben Knüppeln rut ut de Sack un prügelt de ol Fru so däger vör, bet se de Hähn un dat Dischlaken weller rafgift. Nu geit he weller to Hus. Un de arme Broder het nu op eenmal noch un is ok rik. Un wenn he ni dot is, so levt he noch. * De ol Fritz un de Jung Märchen aus Schleswig Holstein De ol Fritz is jimmer mit sin Krückstock losgahn un hett denn allerlei opgrepen. Wenn denn abends de Generals bi em weern, denn hett he so'n Döntjes herkregen. He is mal los un dröppt'n Jung, de hödd Gös. »Na, Jung, höddst Gös?« »Ja.« »Levt din Vader noch?« »Ja.« »Wat makt din Vader denn?« Dat is'n Bessenbinner we'n. »De makt ut een twee.« »Hest ok noch'n Moder?« »Ja.« »Wat makt de denn?« »De backt vöreten Brot.« »Hest ok noch'n Broder un Swester?« »Ja, min Broder is Jäger. De he grippt smitt he weg, un de he nich grippt, nimmt he weller mit.« »Un din Swester?« »De schreet ümmer achter Wiehnachten an.« »Dar kann ik ni klok ut ward'n. Hier hest'n Daler, nu verteil.« »Ja, Vader snitt sik in't Holt so vel to een‹ Bessen, dat dar in't Hus twee ut ward. Un wi sünd ganz arm. Moder hett sik Brot lehnt, un wenn se backt, is't al weller op.« »Un din Broder?« »Dat is'n Ümdriff, de hett'n Barg Untüg op'n Liev. De he griepen deit, smiet he weg, un de he nich griepen deit, nimmt he mit.« »Ja, un din Swester?« »Ja, de hett sik mit'n Mann afgeben, de hett er lopen laten. De Kerl heet Wiehnachen, dar schriggt se ümmer achteran.« »Een‹ Daler hest du weg«, seggt Fritz, »dat seggst du ehr ni weller, ehr du mi hunnertmal sehn hest.« As Fritz to Hus kummt, gifft he sin Generals dat als Radeis op. De dat rad, kriggt wat. Se seht to, ut wat von Dor he rut gahn is, un toletz dreppt een de Jung. »Dat muß du mi vertelln«, seggt he, »ik gev di 'n Daler.« »Ne, den‹ ik dat verteil, de hett mi al'n Daler geben, un ik schall dat ehr ni vertelln, ehr ik em hunnertmal sehn heff.« He gifft em 100 Daler. »Ne, een‹ Daler hett Moder al utgeben, 99 makt dat al voll.« De General rad dat, un Fritz is weller hen na den Jung. »Wat hest du makt, dat schuß du doch ni.« »Ja, ik heff di 100 mal sehn. Ik heff di do sehn un nu ok«, un 98 Daler teilt he em hen. »Du büst to klock achter de Gös, du schaß mit mi.« »Ja.« He hett wat lehrt un is'n groten Herrn warn. * Die Weihnachtsmesse Märchen aus dem Mittelalter Ein guter Priester verehrte innig die selige Jungfrau Maria. Er hatte aber zwei Kirchen zu besorgen. Und als er einst an einem Weihnachtsmorgen seine erste Messe gelesen hatte und in die zweite Kirche gehen wollte, um dort die Messe zu lesen, die mit den Worten beginnt: »Ein Licht wird heute erscheinen«, da kam ihm auf dem Wege ein schönes Mädchen entgegen und sprach zu ihm: »Meine Herrin schickt mich zu dir. Du sollst ihr eine Messe lesen.« Und als er fragte: »Wer ist deine Herrin?«, da antwortete das Mädchen: »Sie heißt Maria.« Der Priester entgegnete: »Wenn du so schön bist, wie wunderbar schön muß dann deine Herrin sein.« Damit band er sein Pferd am Wege fest und folgte ihr in eine prächtige Kirche. Dort fand er die Gottesmutter in wunderbarem Glanze umgeben von ihren Jungfrauen. Der Priester traf die Vorbereitungen und begann die Messe: »Ein Licht wird heute erscheinen.« Als er bei der Opferung war, opferte Maria mit all ihren Jungfrauen jede ein Goldstück. Nach der Messe erhielt der Priester die Erlaubnis, zu seiner Kirche heimzukehren, um dort das Hochamt zu singen, und das Mädchen geleitete ihn zu seinem Pferde zurück. Er war aber über hundert Jahre fort gewesen, und doch schien ihm seit der letzten Messe nur eine Stunde vergangen zu sein. Und wieder war es ein Weihnachtstag. Als er heimkam, fand er in seinem Dorfe alles anders. Er trat in die Kirche und wollte das Hochamt singen. Doch dort traf er einen alten Priester, der ihn hinderte und sprach: »Seit fünfzig Jahren verwalte ich diese Kirche, und nie habe ich dich gesehen.« Der andere entgegnete: »Heute morgen ging ich zur Nachbarkirche, um dort die Messe zu lesen, und nun kehre ich zurück.« Da glaubten die Leute, daß er von Sinnen wäre. Endlich aber erinnerten sich einige alte Bauern, daß sie eine derartige Geschichte von ihren Eltern gehört hatten, und sie rechneten aus, daß er hundert Jahre fort gewesen sein müsse. Da erkannte der Priester, daß es wirklich die selige Jungfrau gewesen war, vor der er die Messe gelesen hatte. Und er ging in ein Kloster der grauen Mönche, wies dort die Goldstücke vor und erzählte, was er erlebt hatte. Dann trat er in den Orden ein und diente der seligen Jungfrau treu bis an sein Ende und erwarb sich so das ewige Leben. * Brüder Grimm Von dem Sommer- und Wintergarten Ein Kaufmann wollte auf die Messe gehen, da fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Die älteste sprach: »ein schönes Kleid«. Die zweite: »ein paar hübsche Schuhe«. Die dritte: »eine Rose«. Aber die Rose zu verschaffen, war etwas Schweres, weil es mitten im Winter war, doch weil die jüngste die schönste war und sie eine große Freude an den Blumen hatte, sagte der Vater, er wolle zusehen, ob er sie bekommen könne, und sich rechte Mühe darum geben. Als der Kaufmann wieder auf der Rückreise war, hatte er ein prächtiges Kleid für die älteste und ein paar schöne Schuhe für die zweite, aber die Rose für die dritte hatte er nicht bekommen können, wenn er in einen Garten gegangen war und nach Rosen gefragt, hatten die Leute ihn ausgelacht: ob er denn glaube, daß die Rosen im Schnee wüchsen. Das war ihm aber gar leid, und wie er darüber sann, ob er gar nichts für sein liebstes Kind mitbringen könne, kam er vor ein Schloß, und dabei war ein Garten, in dem war es halb Sommer und halb Winter, und auf der einen Seite blühten die schönsten Blumen groß und klein, und auf der andern war alles kahl und lag ein tiefer Schnee. Der Mann stieg vom Pferd herab, und wie er eine ganze Hecke voll Rosen auf der Sommerseite erblickte, war er froh, ging hinzu und brach eine ab, dann ritt er wieder fort. Er war schon ein Stück Wegs geritten, da hörte er etwas hinter sich herlaufen und schnaufen, er drehte sich um und sah ein großes schwarzes Tier, das rief: »Du gibst mir meine Rose wieder, oder ich mach dich tot, du gibst mir meine Rose wieder, oder ich mache dich tot!« Da sprach der Mann: »Ich bitt dich, laß mir die Rose, ich soll sie meiner Tochter mitbringen, die ist die schönste auf der Welt.« »Meinetwegen, aber gib mir die schöne Tochter dafür zur Frau!« Der Mann, um das Tier loszuwerden, sagt ja und denkt, das wird doch nicht kommen und sie fordern, das Tier aber rief noch hinter ihm drein: »In acht Tagen komm ich und hol meine Braut.« Der Kaufmann brachte nun einer jeden Tochter mit, was sie gewünscht hatten; sie freuten sich auch alle darüber, am meisten aber die jüngste über die Rose. Nach acht Tagen saßen die drei Schwestern beisammen am Tisch, da kam etwas mit schwerem Gang die Treppe herauf und an die Türe und rief: »Macht auf! Macht auf!« Da machten sie auf, aber sie erschraken recht, als ein großes schwarzes Tier hereintrat: »Weil meine Braut nicht gekommen und die Zeit herum ist, will ich mir sie selber holen.« Damit ging es auf die jüngste Tochter zu und packte sie an. Sie fing an zu schreien, das half aber alles nichts, sie mußte mit fort, und als der Vater nach Haus kam, war sein liebstes Kind geraubt. Das schwarze Tier aber trug die schöne Jungfrau in sein Schloß, da war's gar wunderbar und schön, und Musikanten waren darin, die spielten auf, und unten war der Garten halb Sommer und halb Winter, und das Tier tat ihr alles zuliebe, was es ihr nur an den Augen absehen konnte. Sie aßen zusammen, und sie mußte ihm aufschöpfen, sonst wollte es nicht essen, da ward sie dem Tier hold, und endlich hatte sie es recht lieb. Einmal sagte sie zu ihm: »Mir ist so angst, ich weiß nicht recht warum, aber mir ist, als war mein Vater krank oder eine von meinen Schwestern, könnte ich sie nur ein einziges Mal sehen!« Da führte sie das Tier zu einem Spiegel und sagte: »Da schau hinein«, und wie sie hineinschaute, war es recht, als wäre sie zu Haus. Sie sah ihre Stube und ihren Vater, der war wirklich krank, aus Herzeleid, weil er sich Schuld gab, daß sein liebstes Kind von einem wilden Tier geraubt und gar von ihm aufgefressen sei, hätt' er gewußt, wie gut es ihm ging, so hätte er sich nicht betrübt. Auch ihre zwei Schwestern sah sie am Bett sitzen, die weinten. Von dem allen war ihr Herz ganz schwer, und sie bat das Tier, es sollte sie nur ein paar Tage wieder heimgehen lassen. Das Tier wollte lange nicht, endlich aber, wie sie so jammerte, hatte es Mitleiden mit ihr und sagte: »Geh hin zu deinem Vater, aber versprich mir, daß du in acht Tagen wieder dasein willst.« Sie versprach es ihm, und als sie fort ging, rief es noch: »Bleib aber ja nicht länger als acht Tage aus.« Wie sie heimkam, freute sich ihr Vater, daß er sie noch einmal sähe, aber die Krankheit und das Leid hatten schon zu sehr an seinem Herzen gefressen, daß er nicht wieder gesund werden konnte, und nach ein paar Tagen starb er. Da konnte sie an nichts anderes denken vor Traurigkeit, und hernach ward ihr Vater begraben, da ging sie mit zur Leiche, und dann weinten die Schwestern zusammen und trösteten sich, und als sie endlich wieder an ihr liebes Tier dachte, da waren schon längst die acht Tage herum. Da ward ihr recht angst, und es war ihr, als sei das auch krank, und sie machte sich gleich auf und ging wieder hin zu seinem Schloß. Wie sie aber wieder ankam, war's ganz still und traurig darin, die Musikanten spielten nicht, und alles war mit schwarzem Flor behangen; der Garten aber war ganz Winter und von Schnee bedeckt. Und wie sie das Tier selber suchte, war es fort, und sie suchte allerorten, aber sie konnte es nicht finden. Da war sie doppelt traurig, und wußte sich nicht zu trösten, und einmal ging sie so traurig im Garten, und sah einen Haufen Kohlhäupter, die waren oben schon alt und faul, da legte sie die herum, und wie sie ein paar umgedreht hatte, sah sie ihr liebes Tier, das lag darunter und war tot. Geschwind holte sie Wasser und begoß es damit unaufhörlich, da sprang es auf und war auf einmal verwandelt und ein schöner Prinz. Da ward Hochzeit gehalten, und die Musikanten spielten gleich wieder, die Sommerseite im Garten kam prächtig hervor, und der schwarze Flor ward abgerissen, und sie lebten vergnügt miteinander immerdar. * Jón Árnason Die Geschichte von Steinn Thruduvangi Isländisches Volksmärchen Im Ostlande war ein Gehöft, welches Thruduvangi hieß. Dort wohnte ein Bauer mit Namen Steinn. Seine Frau hieß Gudrun und seine Kinder Illugi und Sigridur. Der Pfarrer ihrer Gemeinde hieß Steingrimur und wohnte auf Steingrimsstadir. Steinn galt als ein sehr frommer Mann, auch trug sich diese Geschichte bald nach der Einführung des Christentums in Island zu, und es hing daher den Leuten noch viel heidnisches Wesen an, wenn es auch nicht stark in die Augen fiel. Damals herrschte die Sitte, die sich auch noch lange erhalten hat, daß am Weihnachtsabend Messe gelesen wurde. Gudrun, die Frau des Bauern Steinn, war sehr gottesfürchtig. Sie besuchte oft die Kirche, ihr Mann aber hielt wenig vom Kirchgang. An einem Weihnachtsabend redete sie ihm sehr zu, er möge doch mit ihr zur Messe gehen, denn das Wetter war dunkel und kein anderer erwachsener Mann da, um sie zu begleiten. Er war nicht sehr bereitwillig, indessen sagte er, er wolle nach Steingrimsstadir mit ihr gehen, aber nicht an der Messe teilnehmen. Sie machten sich also zu dritt auf den Weg, Steinn und Gudrun und ihr Sohn Illugi. Als sie bis an das Gehege von Steingrimsstadir gekommen waren, trennten sie sich. Steinn trat den Heimweg an, Mutter und Sohn aber gingen weiter. Am anderen Tag, als Gudrun und Illugi wieder nach Hause kamen, lag der Bauer im Bett. Gudrun beugte sich über ihn, allein er rührte sich nicht. So war es noch nie mit ihm gewesen. Sie fragte ihn, ob er krank sei. »Das hat nicht viel zu sagen«, meinte er, »aber ich glaube nicht, daß ich gestern abend so bald umgekehrt wäre, hätte ich damals schon das gewußt, was ich jetzt weiß.« Gudrun kam dies wunderlich vor, doch erfuhr sie diesmal nichts weiter darüber. Es kam nun das nächste Christfest heran, ohne daß sich inzwischen etwas Merkwürdiges begeben hätte. An diesem Weihnachtsabend war schlimmes Wetter und Schneegestöber. Gudrun bat wieder ihren Mann, sie zur Kirche zu begleiten. Er tat es, war aber sehr schweigsam. Als sie die Kirche erreicht hatten, bat er seinen Sohn Illugi, mit ihm umzukehren. »Es ist der Lauf des Schicksals, daß du noch mehr Weihnachtsfeste erleben sollst, mit mir aber wird es wohl nicht mehr lange dauern; für dich mag es daher gut sein, heute nacht etwas zu sehen, wenn es mir auch nichts mehr nützt.« IIlugi ging nun mit seinem Vater heimwärts, doch war ihm sehr bange. Zu Hause kamen sie zuerst an ein Außengebäude, welches einzeln auf dem Vorplatze stand. Steinn ging sogleich in dieses Haus, und Illugi folgte ihm. Dort warteten sie eine kleine Weile. Da war es IIlugi, als weiche die Giebelwand von dem Raum. Er schaute hinaus und blickte gen Osten. Da sah er zwei weißgekleidete Männer kommen, die zwischen sich einen Sarg trugen. Über den Sarg war eine Decke gebreitet, durch die man nicht hindurchsehen konnte. Sie begaben sich ins Haus ein und stellten sich dort auf. Und nun bewegte sich von allen Seiten ein Gewimmel von Geistern heran. Sie fragten einander nach Neuigkeiten und trieben es so die ganze Nacht hindurch. Illugi hörte, daß sie von guten und von bösen Menschen sprachen, und besonders von den Kindern. Sie nannten auch den Namen seines Vaters und von ihm redeten sie Gutes. IIlugi entnahm ihren Gesprächen, daß schlechte, gottlose Menschen ihnen am besten gefielen, gute und gottesfürchtige Sitten dagegen schienen ihnen nicht zuzusagen. Dann sagten sie, nächste Weihnachten würden sie den Bauern Steinn in ihrem Sarge forttragen. Illugi verspürte einen kalten Schauder vor diesen Gästen, und ihr Anblick machte ihn grausen. Plötzlich aber, ehe er sich's versah, entstand ein starkes Getöse, und es wurde stockdunkel, während es zuvor ganz hell gewesen war. Da entsetzte sich Illugi und fiel ohne Besinnung nieder. Als er wieder zu sich kam, lag er in seinem Bett, wohin ihn sein Vater getragen hatte. Steinn starb bald darauf, und die Leute meinten, es sei mit ihm nicht alles ganz richtig gewesen. Illugi erzählte allen sein Erlebnis und was er in dem Hause gehört und gesehen hatte. Da erkannten die Leute, daß jene Geister zu den Wesen gehören, die Weihnachtsgesellen genannt werden. Sie durchstreifen um Weihnachten die bewohnten Gegenden und sind gefährliche Gäste, raubgierig und heimtückisch, besonders gegen Kinder, weshalb man diesen auch oft mit ihnen droht. Illugi ließ sich das Gesicht zur Warnung dienen, wie es seines Vaters Absicht gewesen war. Er wurde ein alter Mann, besuchte fleißig die Kirche und hing treu an seinem Glauben. Nie sah er die Weihnachtsgesellen wieder, noch fügten sie ihm und seiner Mutter je Schaden zu. Auch werden sie selten sichtbar, und stets nur gottlosen Menschen, und schlimm ist es, in ihren Sarg zu kommen. * Theodor Storm Unter dem Tannenbaum Eine Dämmerstunde Es war das Arbeitszimmer eines Beamten. Der Eigentümer, ein Mann in den Vierzigern, mit scharf ausgeprägten Gesichtszügen, aber milden, lichtblauen Augen unter dem schlichten, hellblonden Haar, saß an einem mit Büchern und Papieren bedeckten Schreibtisch, damit beschäftigt, einzelne Schriftstücke zu unterzeichnen, welche der danebenstehende alte Amtsbote ihm überreichte. Die Nachmittagssonne des Dezembers beleuchtete eben mit ihrem letzten Strahl das große schwarze Tintenfaß, in das er dann und wann die Feder tauchte. Endlich war alles unterschrieben. »Haben Herr Amtsrichter sonst noch etwas?« fragte der Bote, indem er die Papiere zusammenlegte. »Nein, ich danke Ihnen.« »So habe ich die Ehre, vergnügte Weihnachten zu wünschen.« »Auch Ihnen, lieber Edelmann.« Der Bote sprach einen der mitteldeutschen Dialekte; in dem Tone des Amtsrichters war etwas von der Härte jenes nördlichsten deutschen Volksstammes, der vor wenigen Jahren, und diesmal vergeblich, in einem seiner alten Kämpfe mit dem fremden Nachbarvolke geblutet hatte. – Als sein Untergebener sich entfernte, nahm er unter den Papieren einen angefangenen Brief hervor und schrieb langsam daran weiter. Die Schatten im Zimmer fielen immer tiefer. Er sah nicht die schlanke Frauengestalt, die hinter ihm mit leisen Schritten durch die Tür getreten war; er bemerkte es erst, als sie den Arm um seine Schulter legte. – Auch ihr Antlitz war nicht mehr jung; aber in ihren Augen war noch jener Ausdruck von Mädchenhaftigkeit, den man bei Frauen, die sich geliebt wissen, auch noch nach der ersten Jugend findet. »Schreibst du an meinen Bruder?« fragte sie, und in ihrer Stimme, nur etwas mehr gemildert, war dieselbe Klangfarbe wie in der ihres Mannes. Er nickte. »Lies nur selbst!« sagte er, indem er die Feder fortlegte und zu ihr emporsah. Sie beugte sich über ihn herab; denn es war schon dämmerig geworden. So las sie, langsam, wie er geschrieben hatte: »Ich bin wieder gesund und arbeitsfähig – glücklicherweise; denn das ist die Not der Fremde, daß man den Boden, worauf man steht, sich in jeder Stunde neu erschaffen muß. So schlecht es immer sein mag, darin habt Ihr es doch gut daheim; und wer wäre nicht gern geblieben, wenn er nur ein Stück Brot und jenes unentbehrliche ›sanfte Ruhekissen‹ des alten Sprichworts sich hätte erhalten können.« Sie legte schweigend die Hand auf seine Stirn, während er, der ihren Augen gefolgt war, das Blatt umwandte. Dann las sie weiter: »Der guten und klugen Frau, die Du vorige Weihnachten bei uns hast kennenlernen, bin ich so glücklich gewesen, durch die Vermittlung eines Vergleichs mit ihrem Gutsnachbarn einen wirklichen Dienst zu leisten; der schöne, so sehr von ihr begehrte Wald ist seit kurzem endlich in ihren Besitz gelangt. Hätten wir morgen für Deinen Freund Harro nur eine Tanne aus diesem Walde! Denn hier ist viele Meilen in die Runde kein Nadelholz zu finden. Was aber ist ein Weihnachtsabend ohne jenen Baum mit seinem Duft voll Wunder und Geheimnis?« »Aber du«, sagte der Amtsrichter, als seine Frau gelesen hatte, »du bringst in deinen Kleidern den Duft des echten Weihnachtsabends!« Sie langte lächelnd in den Schlitz ihres Kleides und legte ein großes Stück braunen Weihnachtskuchen vor ihm auf den Tisch. »Sie sind eben vom Bäcker gekommen«, sagte sie, »prob nur; deine Mutter backt sie dir nicht besser!« Er brach einen Brocken ab und prüfte ihn genau; aber er fand alles, was ihn als Knaben daran entzückt hatte; die Masse war glashart, die eingerollten Stückchen Zucker wohl zergangen und kandiert. »Was für gute Geister aus diesem Kuchen steigen«, sagte er, sich in seinen Arbeitsstuhl zurücklehnend; »ich sehe plötzlich, wie es daheim in dem alten, steinernen Hause Weihnacht wird. – Die Messingtürklinken sind womöglich noch blanker als sonst; die große gläserne Flurlampe leuchtet noch heller auf die Stuckschnörkel an den sauber geweißten Wänden; ein Kinderstrom um den andern, singend und bettelnd, drängt durch die Haustür; vom Keller herauf aus der geräumigen Küche zieht der Duft des Gebäckes in ihre Nasen, das dort in dem großen kupfernen Kessel über dem Feuer prasselt. – Ich sehe alles; ich sehe Vater und Mutter – Gott sei gedankt, sie leben beide! –, aber die Zeit, in die ich hinabblicke, liegt in so tiefer Ferne der Vergangenheit! – Ich bin ein Knabe noch! – Die Zimmer zu beiden Seiten des Flurs sind erleuchtet; rechts ist die Weihnachtsstube. Während ich vor der Tür stehe, horchend, wie es drinnen in dem Knittergold und in den Tannenzweigen rauscht, kommt von der Hoftreppe herauf der Kutscher, eine Stange mit einem Wachslichtendchen in der Hand. – ›Schon anzünden, Thoms?‹ Er schüttelt schmunzelnd dem Kopf und verschwindet in die Weihnachtsstube. – Aber wo bleibt denn Onkel Erich? – Da kommt es draußen die Treppe hinauf; die Haustür wird aufgerissen. Nein, es ist nur sein Lehrling, der die lange Pfeife des ›Herrn Ratsverwandters‹ bringt; ihm nach quillt ein neuer Strom von Kindern; zehn kleine Kehlen auf einmal stimmen an: ›Vom Himmel hoch, da komm' ich her!‹ Und schon ist meine Großmutter mitten zwischen ihnen, die alte, geschäftige Frau, den Speisekammerschlüssel am kleinen Finger, einen Teller voll Gebäckes in der Hand. Wie blitzschnell das verschwindet! Auch ich erwische meinen Teil davon, und eben kommt auch meine Schwester mit dem Kindermädchen, festlich gekleidet, die langen Zöpfe frisch geflochten. Ich aber halte mich nicht auf; ich springe drei Stufen auf einmal die Treppe nach dem Hofe hinab.« Es war allmählich dunkel geworden; die Frau des Amtsrichters hatte leise einen Aktenstoß von einem Stuhl entfernt und sich an die Seite ihres Mannes gesetzt. »Drüben in dem Seitengebäude ist das Arbeitszimmer meines Vaters. Auf die Vordiele dort fällt heute kein Lichtschein aus dem Türfenster der Schreiberstube; der alte Tausendkünstler ist von meiner Mutter drinnen bei den Weihnachtsgeheimnissen angestellt. Aber ich tappe mich im Dunkeln vorwärts; denn gegenüber in seinem Zimmer höre ich die Schritte meines Vaters. Er arbeitet schon nicht mehr. Ich öffne leise die Tür; wie deutlich sehe ich ihn vor mir, ihn selbst und das große, verräucherte Gemach, in dem der harte Schlag der alten Wanduhr pickt! Mit einer feierlichen Unruhe geht er zwischen den mit Papieren bedeckten Tischen umher, in der einen Hand den Messingleuchter mit der brennenden Kerze, die andere vorgestreckt, als solle jetzt alles Störende ferngehalten werden. Er öffnet die Schublade seines kleinen Stehpults und nimmt die große goldene Tabatiere aus der Fischhautkapsel, einst ein Geschenk der Urgroßmutter an ihren Bräutigam, dann nach des Urgroßvaters Tode eine Ehren- und Vertrauensgabe an ihn. Aber er ist noch nicht fertig; aus dem Geldkörbchen werden blanke Silbermünzen für die Dienstboten hervorgesucht, eine Goldmünze für den Schreiber. ›Ist Onkel Erich schon da?‹ fragt er, ohne sich nach mir umzusehen. – ›Noch nicht, Vater! Darf ich ihn holen?‹ – ›Das könntest du ja tun.‹ Und fort renne ich durch das Wohnhaus auf die Straße, um die Ecke am Hafen entlang, und während ich drunten aus der Dämmerung das Pfeifen des Windes in den Tauen der Schiffe höre, habe ich das alte Giebelhaus mit dem Vorbau erreicht. Die Tür wird aufgerissen, daß die Klingel weithin durch Flur und Pesel schallt. – Vor dem Ladentisch steht der alte Kommis, der das Detailgeschäft leitet. Er sieht mich etwas grämlich an. ›Der Herr ist in seinem Comptoir‹, sagt er trocken; er liebt die wilde naseweise Range nicht. Aber, was geht's mich an. – Fort mach' ich hinten zur Hoftür hinaus, über zwei kleine finstere Höfe, dann in ein uraltes seltsames Nebengebäude, in welchem sich das Allerheiligste des Onkels befindet. Ohne Unfall komme ich durch den engen dunkeln Gang und klopfe an eine Tür. – ›Herein!‹ Da sitzt der kleine Herr in dem feinen braunen Tuchrock an seinem mächtigen Arbeitspult; der Schein der Comptoirlampe fällt auf seine freundlichen kleinen Augen und auf die mächtige Familiennase, die über den frischgestärkten Vatermörder hinausragt. – ›Onkel, ob du nicht kommen wolltest!‹ sage ich, nachdem ich Atem geschöpft habe. – ›Wollen wir uns noch einen Augenblick setzen!‹ erwidert er, indem seine Feder summierend über das Folium des aufgeschlagenen Hauptbuches hin abgleitet. – Mir wird ganz behaglich zu Sinne, ich werde nicht ein bißchen ungeduldig; aber ich setze mich auch nicht; ich bleibe stehen und besehe mir die Englands- und Westindienfahrer des Onkels, deren Bilder an der Wand hängen. Es dauert auch nicht lange, so wird das Hauptbuch herzhaft zugeklappt, das Schlüsselbund rasselt und: ›Sieh so‹, sagt der Onkel, ›fertig wären wir!‹ Während er sein spanisches Rohr aus der Ecke langt, will ich schon wieder aus der Tür; aber er hält mich zurück. ›Ah, wart doch mal ein wenig! Wir hätten hier wohl noch so etwas mitzunehmen.‹ Und aus einer dunkeln Ecke des Zimmers holt er zwei wohlversiegelte, geheimnisvolle Päckchen. Ich wußte es wohl, in solchen Päckchen steckte ein Stück leibhaftigen Weihnachtens; denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, und er trat nicht mit leeren Händen an den Tannenbaum. So nie gesehenes, märchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir später niemals wieder vorgekommen. Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unserm Hause hinauf. Ein paar Augenblicke verschwindet er mit seinen Päckchen in die Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezündet, aber durch die halb geöffnete und rasch wieder geschlossene Tür glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen Dämmerung. Ich schließe die Augen, denn ich will nichts sehen, und trete in das gegenüberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Duft der braunen Kuchen und des heute besonders fein gemischten Tees erfüllt ist. Die Hände auf dem Rücken, mit langsamen Schritten, geht mein Vater auf und nieder. ›Nun, seid ihr da?‹ fragt er stehenbleibend. – Und schon ist auch Onkel Erich bei uns; mir scheint, die Stube wird noch einmal so hell, da er eintritt. Er grüßt die Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester die Tasse ab, die sie ihm auf dem gelblackierten Brettchen präsentiert. ›Was meinst du‹, sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, ›es wird wohl heute nicht viel für uns abfallen!‹ Aber er lacht dabei so tröstlich, daß diese Worte wie eine goldene Verheißung klingen. Dann, während in dem blanken Messingkomfort der Teekessel saust, beginnt er eine seiner kleinen Erzählungen von den Begebenheiten der letzten Tage, seit man sich nicht gesehen. War es nun der Ankauf eines neuen Spazierstocks oder das unglückliche Zerbrechen einer Mundtasse, es floß alles so sanft dahin, daß man ganz davon erquickt wurde. Und wenn er gar eine Pause machte, um das bisher Erzählte im behaglichsten Gelächter nachzugenießen, wer hätte da nicht mitgelacht! Mein Vater nimmt vergeblich seine kritische Prise; er muß endlich doch mit einstimmen. Dies harmlose Geplauder – es ist mir das erst später klar geworden – war die Art, wie der tätige Geschäftsmann von der Tagesarbeit ausruhte. Es klingt mir noch lieb in der Erinnerung, und mir ist, als verstände das jetzt niemand mehr. – Aber während der Onkel so erzählt, steckt plötzlich meine Mutter, die seit Mittag unsichtbar gewesen ist, den Kopf ins Zimmer. Der Onkel macht ein Kompliment und bricht seine Geschichte ab; die Tür und die gegenüberliegende Tür werden weit geöffnet. Wir treten zögernd ein; und vor uns, zurückgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit seinen Flittergoldfähnchen, seinen weißen Netzen und goldenen Eiern, die wie Kinderträume in den dunkeln Zweigen hängen.« »Paul«, sagt die Frau, »und wenn wir ihn noch so weit herbeischaffen sollten, wir müssen wieder einen Tannenbaum haben. Der arme Junge hat sich selbst einen Weihnachtsgarten gebaut; er ist nur eben wieder fort, um Moos aus dem Eichenwäldchen zu holen.« Der Amtsrichter schwieg einen Augenblick. – »Es tut nicht gut, in die Fremde zu gehen«, sagte er dann, »wenn man daheim schon am eigenen Herd gesessen hat. – Mir ist noch immer, als sei ich hier nur zu Gaste, und morgen oder übermorgen sei die Zeit herum, daß wir alle wieder nach Hause müßten!« Sie faßte die Hand ihres Mannes und hielt sie fest in der ihrigen, aber sie antwortete nichts darauf. »Gedenkst du noch an einen Weihnachten?« hub er wieder an, »ich hatte die Studentenjahre hinter mir und lebte nun noch einmal, zum letzten Mal, eine kurze Zeit als Kind im elterlichen Hause. Freilich war es dort nicht mehr so heiter, wie es einst gewesen; es war Unvergeßliches geschehen, die alte Familiengruft unter der großen Linde war ein paarmal offen gewesen; meine Mutter, die unermüdlich tätige Frau, ließ oft mitten in der Arbeit die Hände sinken und stand regungslos, als habe sie sich selbst vergessen. Wie unsere alte Margreth sagte, sie trug ein Kämmerchen in ihrem Kopf, drin spielte ein totes Kind. – Nur Onkel Erich, freilich ein wenig grauer als sonst, erzählte noch seine kleinen freundlichen Geschichten, und auch die Schwester und die Großmutter lebten noch. Damals war jener Weihnachtsabend; ein junges schönes Mädchen war zu der Schwester auf Besuch gekommen. Weißt du, wie sie hieß?« »Ellen«, sagte sie leise und lehnte den Kopf an die Brust ihres Mannes. Der Mond war aufgegangen und beleuchtete ein paar Silberfäden in dem braunen seidigen Haar, das sie schlicht gescheitelt trug, schmucklos in einer Flechte um den Schildpattkamm gelegt. Er strich mit der Hand über dies noch immer selten schöne Haar. »Ellen hatte auch beschert bekommen«, sprach er weiter; »auf dem kleinen Mahagonitische lagen Geschenke von meiner Mutter und was von ihren Eltern von drüben aus dem Schwesterlande herübergeschickt war. Sie stand mit dem Rücken gegen den brennenden Baum, die Hand auf die Tischplatte gestützt; sie stand schon lange so; ich sehe sie noch« – und er ließ seine Augen eine Weile schweigend auf dem schönen Antlitz seiner Frau ruhen –, »da war meine Mutter unbemerkt zu ihr getreten; sie faßte sanft ihre Hand und sah ihr fragend in die Augen. – Ellen blickte nicht um, sie neigte nur den Kopf; plötzlich aber richtete sie sich rasch auf und entfloh ins Nebenzimmer. Weißt du es noch? Während meine Mutter leise den Kopf schüttelte, ging ich ihr nach; denn seit einem kleinen Zank am letzten Abend waren wir vertraute Freunde. Ellen hatte sich in der Ofenecke auf einen Stuhl gesetzt; es war fast dunkel dort; nur eine vergessene Kerze mit langer Schnuppe brannte in dem Zimmer. ›Hast du Heimweh, Ellen?‹ fragte ich. – ›Ich weiß es nicht!‹ – Eine Weile stand ich schweigend vor ihr. ›Was hast du denn da in der Hand?‹ – ›Willst du es haben?‹ – Es war eine Börse von dunkelroter Seide. ›Wenn du sie für mich gemacht hast‹, sagte ich; denn ich hatte die Arbeit in den Tagen zuvor in ihren Händen gesehen und wohl bemerkt, wie Ellen sie, sobald ich näher kam, in ihrem Nähkästchen verschwinden ließ. – Aber Ellen antwortete nicht und gab mir auch nicht ihr Angebinde. Sie stand auf und putzte das Licht, daß es plötzlich ganz hell im Zimmer wurde. ›Komm‹, sagte sie, ›der Baum brennt ab, und Onkel Erich will noch Zuckerzeug bescheren!‹ Damit wehte sie sich mit ihrem Schnupftuch ein paarmal um die Augen und ging in die Weihnachtsstube zurück, und als wir dann später am Pochbrett saßen, war sie die Ausgelassenste von allen. Von meinem Weihnachtsgeschenk war weiter nicht die Rede. – »Aber weißt du, Frau?« – und er ließ ihre Hand los, die er bis dahin festgehalten –, »die Mädchen sollten nicht so eigensinnig sein; das hat mir damals keine Ruh gelassen; ich mußte doch die Börse haben, und darüber ...« »Darüber, Paul? – Sprich nur dreist heraus!« »Nun, hast du denn von der Geschichte nichts gehört? Darüber bekam ich nun auch noch das Mädchen in den Kauf.« »Freilich«, sagte sie, und er sah bei dem hellen Mondschein in ihren Augen etwas blitzen, das ihn an das übermütige Mädchen erinnerte, das sie einst gewesen, »freilich weiß ich von der Geschichte, und ich kann sie dir auch erzählen; aber es war ein Jahr später, nicht am Weihnachts-, sondern am Neujahrsabend, und auch nicht hüben, sondern drüben.« Sie räumte das Tintenfaß und einige Papiere beiseite und setzte sich ihrem Manne gegenüber auf den Schreibtisch. »Der Vetter war bei Ellens Eltern zum Besuch, bei dem alten prächtigen Kirchspielvogt, der damals noch ein starker Nimrod war. – Ellen hatte noch niemals einen so schönen und langen Brief bekommen als den, worin der Vetter sich bei ihnen angemeldet; aber so gut wie mit der Feder wußte er mit der Flinte nicht umzugehen. Und dennoch, tat es die Landluft oder der schöne Gewehrschrank im Zimmer des Kirchspielvogts, es war nicht anders, er mußte alle Tage auf die Jagd. Und wenn er dann abends durchnäßt mit leerer Tasche nach Hause kam und die Flinte schweigend in die Ecke setzte – wie behaglich ergingen sich da die Stichelreden des alten Herrn. – ›Das heißt Malheur, Vetter; aber die Hasen sind heuer alle wild geraten!‹ – oder: ›Mein Herzensjunge, was soll die Diana einmal von dir denken!‹ Am meisten aber – du hörst doch, Paul?« »Ich höre, Frau.« »Am meisten plagte ihn die Ellen; sie setzte ihm heimlich einen Strohkranz auf, sie band ihm einen Gänseflügel vor den Flintenlauf; eines Vormittags – weißt du, es war Schnee gefallen – hatte sie einen Hasen, den der Knecht geschossen, aus der Speisekammer geholt, und eine Weile darauf saß er noch einmal auf seinem alten Futterplatz im Garten, als wenn er lebte, ein Kohlblatt zwischen den Vorderläufen. Dann hatte sie den Vetter gesucht und an die Hoftür gezogen. ›Siehst du ihn, Paul? Da hinten im Kohl; die Löffel gucken aus dem Schnee!‹ – Er sah ihn auch; seine Hand zitterte. ›Still, Ellen! Sprich nicht so laut! Ich will die Flinte holen!‹ Aber als kaum die Tür nach des Vaters Stube hinter ihm zuklappte, war Ellen schon wieder in den Schnee hinausgelaufen, und als er endlich mit der geladenen Flinte heranschlich, hing auch der Hase schon wieder an seinem sichern Haken in der Speisekammer. – Aber der Vetter ließ sich geduldig von ihr plagen.« »Freilich«, sagte der Amtsrichter und legte seine Arme behaglich auf die Lehne seines Sessels, »er hatte ja die Börse noch immer nicht!« »Drum auch! Die lag noch unangerührt droben in der Kommode, in Ellens Giebelstübchen. Aber – wo die Ellen war, da war der Vetter auch; heißt das, wenn er nicht auf der Jagd war. Saß sie drinnen an ihrem Nähtisch, so hatte er gewiß irgendein Buch aus der Polterkammer geholt und las ihr daraus vor; war sie in der Küche und backte Waffeln, so stand er neben ihr, die Uhr in der Hand, damit das Eisen zur rechten Zeit gewendet würde. – So kam die Neujahrsnacht. Am Nachmittage hatten beide auf dem Hofe mit des Vaters Pistolen nach goldenen Eiern geschossen, die Ellen vom Weihnachtsbaum ihrer Geschwister abgeschnitten; und der Vetter hatte unter dem Händeklatschen der Kleinen zweimal das goldene Ei getroffen. Aber war's nun, weil er am andern Tage reisen mußte, oder war's, weil Ellen fortlief, als er sie vorhin allein in ihrem Zimmer aufgesucht hatte – es war gar nicht mehr der geduldige Vetter –, er tat kurz und unwirsch und sah kaum noch nach ihr hin. – Das blieb den ganzen Abend so; auch als man später sich zu Tische setzte. Ellens Mutter warf wohl einmal einen fragenden Blick auf die beiden, aber sie sagte nichts darüber. Der Kirchspielvogt hatte auf andere Dinge zu achten, er schenkte den Punsch, den er eigenhändig gebraut hatte; und als es drunten im Dorfe zwölf schlug, stimmte er das alte Neujahrslied von Johann Heinrich Voß an, das nun getreulich durch alle Verse abgesungen wurde. Dann rief man ›Prost Neujahr!‹ und schüttelte sich die Hände, und auch Ellen reichte dem Vetter ihre Hand; aber er berührte kaum ihre Fingerspitzen. – So war's auch, da man sich bald darauf gute Nacht sagte. – Als das Mädchen droben allein in ihrem Giebelstübchen war – und nun merk auf, Paul, wie ehrlich ich erzähle! –, da hatte sie keine Ruh zum Schlafen; sie setzte sich still auf die Kante ihres Bettes, ohne sich auszukleiden und ohne der klingenden Kälte in der ungeheizten Kammer zu achten. Denn es kränkte sie doch; sie hatte dem Menschen ja nichts zuleid getan. Freilich, er hatte sie gestern noch gefragt, ob sie den Hasen nicht wieder im Kohl gesehen; und sie hatte dazu den Kopf geschüttelt. – War es etwa das, und wußte er denn, daß er den Hasen schon vor drei Tagen selbst hatte mit verzehren helfen? – Sie wollte den schönen Brief des Vetters einmal wieder lesen. Aber als sie in die Tasche langte, vermißte sie den Kommodenschlüssel. Sie ging mit dem Lichte hinab in die Wohnstube, und von dort, als sie ihn nicht gefunden, in die Küche, wo sie vorhin gewirtschaftet hatte. Von all dem Sieden und Backen des Abends war es noch warm in dem großen dunkeln Räume. Und richtig, dort lag der Schlüssel auf dem Fensterbrett. Aber sie stand noch einen Augenblick und blickte durch die Scheiben in die Nacht hinaus. – So hell und weit dehnte sich das Schneefeld; dort unten zerstreut lagen die schwarzen Strohdächer des Dorfes; unweit des Hauses zwischen den kahlen Zweigen der Silberpappeln erkannte sie deutlich die großen Krähnennester; die Sterne funkelten. Ihr fiel ein alter Reim ein, ein Zauberspruch, den sie vor Jahr und Tag von der Tochter des Schulmeisters gelernt hatte. Hinter ihr im Hause war es so still und leer; sie schauerte; aber trotz dessen wuchs in ihr das Gelüste, es mit den unheimlichen Dingen zu versuchen. So trat sie zögernd ein paar Schritte zurück. Leise zog sie den einen Schuh vom Fuße, und die Augen nach den Sternen und tief aufatmend sprach sie: ›Gott grüß dich, Abendstern!‹ – Aber was war das? Ging hinten nicht die Hoftür? Sie trat ans Fenster und horchte. – Nein, es knarrte wohl nur die große Pappel an der Giebelseite des Hauses. – Und noch einmal hub sie leise an und sprach: Gott grüß dich, Abendstern! Du scheinst so hell von fern, Über Osten, über Westen, über alle Krähennesten. Ist einer zu mein Liebchen geboren, Ist einer zu mein Liebchen erkoren, Der komm, als er geht, Als er steht, In sein täglich Kleid! Dann schwenkte sie den Schuh und warf ihn hinter sich. Aber sie wartete vergebens; sie hörte ihn nicht fallen. Ihr wurde seltsam zumute, das kam von ihrem Vorwitz! Welch unheimlich Ding hatte ihren Schuh gefangen, eh' er den Boden erreicht hatte? – Einen Augenblick noch stand sie so; dann mit dem letzten Restchen ihres Mutes wandte sie langsam den Kopf zurück. – Da stand ein Mann in der dunkeln Tür, und es war Paul; er war richtig noch einmal auf den unglücklichen Hasen ausgewesen!« »Nein, Ellen«, sagte der Amtsrichter, »du weißt es wohl; das war es denn doch diesmal nicht; er hatte nur, wie du, auch keine Ruh gefunden; aber nun hielt er den kleinen Schuh des Mädchens in der Hand; und Ellen hatte sich am Herd auf einen Stuhl gesetzt, mit geschlossenen Augen, die Hände gefaltet vor sich in den Schoß gestreckt. Es war kein Zweifel mehr, daß sie sich ganz verloren gab; denn sie wußte wohl, daß der Vetter alles gehört und gesehen hatte. – Und weißt du auch noch die Worte, die er zu ihr sprach?« »Ja, Paul, ich weiß sie noch; und es war sehr grausam und wenig edel von ihm. ›Ellen‹, sagte er, ›ist noch immer die Börse nicht für mich gemacht?‹ – Doch Ellen tat ihm auch diesmal den Gefallen nicht; sie stand auf und öffnete das Fenster, daß von draußen die Nachtluft und das ganze Sterngefunkel zu ihnen in die Küche drang.« »Aber«, unterbrach er sie, »Paul war zu ihr getreten, und sie legte still den Kopf an seine Brust; und noch höre ich den süßen Ton ihrer Stimme, als sie so, in die Nacht hinaus nickend, sagte: ›Gott grüß dich, Abendstern!‹« Die Tür wurde rasch geöffnet; ein kräftiger, etwa zehnjähriger Knabe trat mit einem brennenden Licht ins Zimmer. »Vater! Mutter!« rief er, indem er die Augen mit der Hand beschattete. »Hier ist Moos und Efeu und auch noch ein Wacholderzweig!« Der Amtsrichter war aufgestanden. »Bist du da, mein Junge!« sagte er und nahm ihm die Botanisiertrommel mit den heimgebrachten Schätzen ab. Frau Ellen aber ließ sich schweigend von dem Schreibtisch herabgleiten und schüttelte sich ein wenig wie aus Träumen. Sie legte beide Hände auf ihres Mannes Schultern und blickte ihn eine Weile voll und herzlich an. Dann nahm sie die Hand des Knaben. »Komm, Harro«, sagte sie, »wir wollen Weihnachtsgärten bauen!« Unter dem Tannebaum Der Weihnachtsabend begann zu dämmern. – Der Amtsrichter war mit seinem Sohne auf der Rückkehr von einem Spaziergange; Frau Ellen hatte sie auf ein Stündchen fortgeschickt. Vor ihnen im Grunde lag die kleine Stadt; sie sahen deutlich, wie aus allen Schornsteinen der Rauch emporstieg; denn dahinter am Horizont stand feuerfarben das Abendrot. – Sie sprachen von den Großeltern drüben in der alten Heimat; dann von den letzten Weihnachten, die sie dort erlebt hatten. »Und am Vorabend«, sagte der Vater, »als Knecht Ruprecht zu uns kam mit dem großen Bart und dem Quersack und der Rute in der Hand!« »Ich wußte wohl, daß es Onkel Johannes war«, erwiderte der Knabe, »der hatte immer so etwas vor!« »Weißt du denn auch noch die Worte, die er sprach?« Harro sah den Vater an und schüttelte den Kopf. »Wart nur«, sagte der Amtsrichter, »die Verse liegen zu Haus in meinem Pult; vielleicht bekomm' ich's noch beisammen!« Und nach einer Weile fuhr er fort: »Entsinne dich nur, wie erst die drei Rutenhiebe von draußen auf die Tür fielen und wie dann die rauhe borstige Gestalt mit der großen Hakennase in die Stube trat! Dann hub er langsam und mit tiefer Stimme an: Von drauß vom Walde komm' ich her, Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Allüberall auf den Tannenspitzen Sah ich goldene Lichtlein sitzen. Und droben aus dem Himmelstor Sah mit großen Augen das Christkind hervor. Und wie ich so strolcht' durch den dichten Tann Da rief's mich mit heller Stimme an; ›Knecht Ruprecht‹ rief es, ›alter Gesell, Hebe die Beine und spute dich schnell!‹ Die Kerzen fangen zu brennen an, Das Himmelstor ist aufgetan, Alt' und Junge sollen nun von der Jagd des Lebens einmal ruhn; Und morgen flieg' ich hinab zur Erden, Denn es soll wieder Weihnachten werden!‹ Ich sprach: ›O lieber Herre Christ, Meine Reise fast zu Ende ist; Ich soll nur noch in diese Stadt, Wo's eitel brave Kinder hat.‹ ›Hast denn das Säcklein auch bei dir?‹ Ich sprach: ›Das Säcklein, das ist hier; Denn Apfel, Nuß und Mandelkern Fressen fromme Kinder gern!‹ ›Hast denn die Rute auch bei dir?‹ Ich sprach: ›Die Rute, die ist hier! Doch für die Kinder nur, die schlechten, Die trifft sie auf den Teil, den rechten!‹ Christkindlein sprach: ›So ist es recht, So geh mit Gott, mein treuer Knecht!‹ Von drauß vom Walde komm' ich her; Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr! Nun sprecht, wie ich's hierinnen find'? Sind's gute Kind, sind's böse Kind? »Aber«, fuhr der Amtsrichter mit veränderter Stimme fort, »ich sagte dem Knecht Ruprecht: Der Junge ist von Herzen gut, Hat nur mitunter was trotzigen Mut!« »Ich weiß, ich weiß!« rief Harro triumphierend; und den Finger emporhebend und mit listigem Ausdruck setzte er hinzu: »Dann kam so etwas!« »Was dich in großes Geschrei brachte; denn Knecht Ruprecht schwang seine Rute und sprach: ›Heißt es bei euch denn nicht mitunter: Nieder den Kopf und die Hosen herunter?‹« »Oh«, sagte Harro, »ich fürchtete mich nicht; ich war nur zornig auf den Onkel!« Über der Stadt, die sie jetzt fast erreicht hatten, stand nur noch ein fahler Schein am Himmel. Es dunkelte schon; aber es begann zu schneien; leise und emsig fielen die Flocken, und der Weg schimmerte schon weiß zu ihren Füßen. Vater und Sohn waren eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen. – »Am Abend darauf«, hub der Amtsrichter wieder an, »brannte der letzte Weihnachtsbaum, den du gehabt hast. Es war damals eine bewegte Zeit; sogar das Zuckerwerk zwischen den Tannenzweigen war kriegerisch geworden: unsere ganze Armee, Soldaten zu Pferde und zu Fuß! – Von alledem ist nun nichts mehr übrig!« setzte er leiser und wie mit sich selber redend hinzu. Der Knabe schien etwas darauf erwidern zu wollen, aber ein anderes hatte plötzlich seine Gedanken in Anspruch genommen. – Es war ein großer bärtiger Mann, der vor ihnen aus einem Seitenwege auf die Landstraße herauskam. Auf der Schulter balancierte er ein langes stangenartiges Gepäck, während er mit einem Tannenzweig, den er in der Hand hielt, bei jedem Schritt in die Luft peitschte. Wie er vorüberging, hatte Harro in der Dämmerung noch die große rote Hakennase erkannt, die unter der Pelzmütze hinausragte. Auch einen Quersack trug der Mann, der anscheinend mit allerhand eckigen Dingen angefüllt war. Er ging rasch vor ihnen auf. »Knecht Ruprecht!« flüsterte der Knabe, »hebe die Beine und spute dich schnell!« Das Gewimmel der Schneeflocken wurde dichter, sie sahen ihn noch in die Stadt hinabgehen; dann entschwand er ihren Augen; denn ihre Wohnung lag eine Strecke weiter außerhalb des Tores. »Freilich«, sagte der Amtsrichter, indem sie rüstig zuschritten, »der Alte kommt zu spät; dort unten in der Gasse leuchteten schon alle Fenster in den Schnee hinaus.« Endlich war das Haus erreicht. Nachdem sie auf dem Flur die beschneiten Überkleider abgetan, traten sie in das Arbeitszimmer des Amtsrichters. Hier war heute der Tee serviert; die große Kugellampe brannte, alles war hell und aufgeräumt. Auf der säubern Damastserviette stand das feinlackierte Teebrett mit den Geburtstagstassen und dem rubinroten Zuckerglase; daneben auf dem Fußboden in dem Komfort von Mahagonistäbchen mit blankem Messingeinsatz kochte der Kessel, wie es sein muß, auf gehörig durchgeglühten Torfkohlen; wie daheim einst in der großen Stube des alten Familienhauses, so dufteten auch hier in dem kleinen Stübchen die braunen Weihnachtskuchen nach dem Rezept der Urgroßmutter. – Aber während die Mutter nebenan im Wohnzimmer noch das Fest bereitete, blieben Vater und Sohn allein; kein Onkel Erich kam, ihnen feiern zu helfen. Es war doch anders als daheim. Ein paarmal hatte Harro mit bescheidenem Finger an die Tür gepocht, und ein leises »Geduld!« der Mutter war die Antwort gewesen. Endlich trat Frau Ellen selbst herein. Lächelnd – aber ein leiser Zug von Weh war noch dabei – streckte sie ihre Hände aus und zog ihren Mann und ihren Knaben, jeden bei einer Hand, in die helle Weihnachtsstube. Es sah freundlich genug aus. Auf dem Tische in der Mitte, zwischen zwei Reihen brennender Wachskerzen, stand das kleine Kunstwerk, das Mutter und Sohn in den Tagen vorher sich selbst geschaffen hatten, ein Garten im Geschmack des vorigen Jahrhunderts mit glattgeschorenen Hecken und dunkeln Lauben; alles von Moos und verschiedenem Wintergrün zierlich zusammengestellt. Auf dem Teiche von Spiegelglas schwammen zwei weiße Schwäne; daneben vor dem chinesischen Pavillon standen kleine Herren und Damen von Papiermaché in Puder und Kontuschen. – Zu beiden Seiten lagen die Geschenke für den Knaben; eine scharfe Lupe für die Käfersammlung, ein paar bunte Münchener Bilderbogen, die nicht fehlen durften, von Schwind und Otto Speckter; ein Buch in rotem Halbfranzband; dazwischen ein kleiner Globus in schwarzer Kapsel, augenscheinlich schon ein altes Stück. »Es war Onkel Erichs letzte Weihnachtsgabe an mich«, sagte der Amtsrichter; »nimm du es nun von mir! Es ist mir in diesen Tagen aufs Herz gefallen, daß ich ihm die Freude, die er mir als Kind gemacht, in späterer Zeit nicht einmal wiedergedankt; nun haben sie mir den alten Herrn im letzten Herbst begraben!« Frau Ellen legte den Arm um ihren Mann und führte ihn an den Spiegeltisch, auf dem heute die beiden silbernen Armleuchter brannten. Auch ihm hatte sie beschert; das erste aber, wonach seine Hand langte, war ein kleines Lichtbild. Seine Augen ruhten lange darauf, während Frau Ellen still zu ihm emporsah. Es war sein elterlicher Garten; dort unter dem Ahorn, vor dem Lusthause standen die beiden Alten selbst, das noch dunkle volle Haar seines Vaters war deutlich zu erkennen. Der Amtsrichter hatte sich umgewandt; es war, als suchten seine Augen etwas. Die Lichter an dem Moosgärtchen brannten knisternd fort; in ihrem Schein stand der Knabe vor dem aufgeschlagenen Weihnachtsbuch. Aber droben unter der Decke des hohen Zimmers war es dunkel; der Tannenbaum fehlte, der das Licht des Festes auch dort hinaufgetragen hätte. Da klingelte draußen im Flur die Glocke, und die Haustür wurde polternd aufgerissen. »Wer ist denn das?« sagte Frau Ellen; und Harro lief zur Tür und sah hinaus. Draußen hörten sie eine rauhe Stimme fragen: »Bin ich denn hier recht beim Herrn Amtsrichter?« Und in demselben Augenblicke wandte auch der Knabe den Kopf zurück und rief: »Knecht Ruprecht, Knecht Ruprecht!« Dann zog er Vater und Mutter mit sich aus der Tür. Es war der große bärtige Mann, der den beiden Spaziergängern vorhin oberhalb der Stadt begegnet war; bei dem Schein des Flurlämpchens sahen sie deutlich die rote Hakennase unter der beschneiten Pelzmütze leuchten. Sein langes Gepäck hatte er gegen die Wand gelehnt. »Ich habe das hier abzugeben!« sagte er, indem er auch den schweren Quersack von der Schulter nahm. »Von wem denn?« fragte der Amtsrichter. »Ist mir nichts von aufgetragen worden.« »Wollt Ihr denn nicht näher treten?« Der Alte schüttelte den Kopf »Ist alles schon besorgt! Habt gute Weihnacht beieinander!« Und indem er noch einmal mit der großen Nase nickte, war er schon zur Tür hinaus. »Das ist eine Bescherung!« sagte Frau Ellen fast ein wenig schüchtern. Harro hatte die Haustür aufgerissen. Da sah er die große dunkle Gestalt schon weithin auf dem beschneiten Wege hinaus schreiten. Nun wurde die Magd herbeigerufen, deren Bescherung durch dieses Zwischenspiel bis jetzt verzögert war; und als mit ihrer Hilfe die verhüllten Dinge in das helle Weihnachtszimmer gebracht waren, kniete Frau Ellen auf dem Fußboden und begann mit ihrem Trennmesser die Nähte des großen Packens aufzulösen. Und bald fühlte sie, wie es von innen heraus sich dehnte und die immer schwächer werdenden Bande zu sprengen strebte; und als der Amtsrichter, der bisher schweigend dabeigestanden, jetzt die letzten Hüllen abgestreift hatte und es aufrecht vor sich hingestellt hielt, da war's ein ganz mächtiger Tannenbaum, der nun nach allen Seiten seine entfesselten Zweige ausbreitete. Lange schmale Bänder von Knittergold rieselten und blitzten überall von den Spitzen durch das dunkle Grün herab; auch die Tannäpfel waren golden, die unter allen Zweigen hingen. Harro war indes nicht müßig gewesen, er hatte den Quersack aufgebunden; mit leuchtenden Augen brachte er einen flachen, grünlackierten Kasten geschleppt. »Horch, es rappelt!« sagte er; »es ist ein Schubfach darin!« Und als sie es aufgezogen, fanden sie wohl ein Schock der feinsten weißen Wachskerzchen. »Das kommt von einem echten Weihnachtsmann«, sagte der Amtsrichter, indem er einen Zweig des Baumes herunterzog, »da sitzen schon überall die kleinen Blechlampetten!« Aber es war nicht nur ein Schubfach in dem Kasten; es war auch obenauf ein Klötzchen mit einem Schraubengang. Der Amtsrichter wußte Bescheid in diesen Dingen; nach einigen Minuten war der Baum eingeschroben und stand fest und aufrecht, seine grüne Spitze fast bis zur Decke streckend. – Die alte Magd hatte ihre Schüssel mit Äpfeln und Pfeffernüssen stehenlassen; während die andern drei beschäftigt waren, die Wachskerzen aufzustecken, stand sie neben ihnen, ein lebendiger Kandelaber, in jeder Hand einen brennenden Armleuchter emporhaltend. – Sie war aus der Heimat mit herübergekommen und hatte sich von allen am schwersten in den Brauch der Fremde gefunden. Auch jetzt betrachtete sie den stolzen Baum mit mißtrauischen Augen. »Die goldenen Eier sind denn doch vergessen!« sagte sie. Der Amtsrichter sah sie lächelnd an: »Aber, Margreth, die goldenen Tannäpfel sind doch schöner!« »So, meint der Herr? Zu Hause haben wir immer die goldenen Eier gehabt.« Darüber war nicht zu streiten; es war auch keine Zeit dazu. Harro hatte sich indessen schon wieder über den Quersack hergemacht. »Noch nicht anzünden!« rief er, »das Schwerste ist noch darin!« Es war ein fest vernageltes hölzernes Kistchen. Aber der Amtsrichter holte Hammer und Meißel aus seinem Gerätkästchen; nach ein paar Schlägen sprang der Deckel auf, und eine Fülle weißer Papierspäne quoll ihnen entgegen. – »Zuckerzeug!« rief Frau Ellen und streckte schützend ihre Hände darüber aus. »Ich wittere Marzipan! Setzt euch; ich werde auspacken!« Und mit vorsichtiger Hand langte sie ein Stück nach dem andern heraus und legte es auf den Tisch, das nun von Vater und Sohn aus dem umhüllenden Seidenpapier heraus gewickelt wurde. »Himbeeren!« rief Harro, »und Erdbeeren, ein ganzer Strauß!« »Aber siehst du es wohl?« sagte der Amtsrichter, »es sind Waldbeeren; so welche wachsen in den Gärten nicht.« Dann kam, wie lebend, allerlei Geziefer; Hornissen und Hummeln und was sonst im Sonnenschein an stillen Waldplätzen umherzusummen pflegt, zierlich aus Dragant gebildet, mit goldbestäubten Flügeln; nun eine Honigwabe – die Zellen mochten mit Liqueur gefüllt sein –, wie sie die wilde Biene in den Stamm der hohlen Eiche baut; und jetzt ein großer Hirschkäfer, von Schokolade, mit gesperrten Zangen und ausgebreiteten Flügeldecken. »Cerbus lucanus!« rief Harro und klatschte in die Hände. An jedem Stück war, je nach der Größe, ein lichtgrünes Seidenbändchen. Sie konnten der Lockung nicht widerstehen; sie begannen schon jetzt den Baum damit zu schmücken, während Frau Ellens Hände noch immer neue Schätze ans Licht förderten. Bald schwebte zwischen den Immen auch eine Schar von Schmetterlingen an den Tannenspitzen; da war der Himbeerfalter, die silberblaue Daphnis und der olivinfarbige Waldargus, und wie sie alle heißen mochten, die Harro hier vergebens aufzujagen gesucht hatte. – Und immer schwerer wurden die Päckchen, die eins nach dem andern von den eifrigen Händen geöffnet wurden. Denn jetzt kam das Geschlecht des größern Geflügels; da kam der Dompfaff und der Buntspecht, ein paar Kreuzschnäbel, die im Tannenwald daheim sind; und jetzt – Frau Ellen stieß einen leichten Schrei aus – ein ganzes Nest voll kleiner schnäbelaufsperrender Vögel; und Vater und Sohn gerieten miteinander in Streit, ob es Goldhähnchen oder junge Zeisige seien, während Harro schon das kleine Heimwesen im dichtesten Tannengrün verbarg. Noch ein Waldbewohner erschien; er mußte vom Buchenrevier herübergekommen sein; ein Eichhörnchen von Marzipan, in halber Lebensgröße, mit erhobenem Schweif und klugen Augen. »Und nun ist's alle!« rief Frau Ellen. Aber nein, ein schweres Päckchen noch! Sie öffnete es und verbarg es dann ebenso rasch wieder in beiden Händen. »Ein Prachtstück!« rief sie; »aber nein, Paul; ich bin edelmütiger als du; ich zeig's dir nicht!« Der Amtsrichter ließ sich das nicht anfechten; er brach ihr die nicht gar zu ernstlich geschlossenen Hände auseinander, während sie lachend über ihn wegschaute. »Ein Hase!« jubelte Harro, »er hat ein Kohlblatt zwischen den Vorderpfötchen!« Frau Ellen nickte: »Freilich, er kommt auch eben aus des alten Kirchspielvogts Garten!« »Harro, mein Junge«, sagte der Amtsrichter, indem er drohend den Finger gegen seine Frau erhob; »versprich mir, diesen Hasen zu verspeisen, damit er gründlich aus der Welt komme!« Das versprach Harro. Der Baum war voll, die Zweige bogen sich; die alte Margreth stöhnte, sie könne die Leuchter nicht mehr halten, sie habe gar keine Arme mehr am Leibe. Aber es gab wieder neue Arbeit. »Anzünden!« kommandierte der Amtsrichter; und die kleinen und großen Weihnachtskinder standen mit heißen Gesichtern, kletterten auf Schemel und Stühle und ließen nicht ab, bis alle Kerzen angezündet waren. Der Baum brannte, das Zimmer war von Duft und Glanz erfüllt; es war nun wirklich Weihnachten geworden. Ein wenig müde von der ungewohnten Anstrengung saß der Amtsrichter auf dem Sofa, nachsinnend in den gegenüber hängenden großen Wandspiegel blickend, der das Bild des brennenden Baumes zurückstrahlte. Frau Ellen, die ganz heimlich ein wenig aufzuräumen begann, wollte eben die geleerte Kiste an die Seite setzen, als sie wie in Gedanken noch einmal mit der Hand durch die Papierspäne streifte. Sie stutzte. »Unerschöpflich!« sagte sie lächelnd. – Es war ein Star von Schokolade, den sie hervorgeholt hatte. »Und, Paul«, fuhr sie fort, »er spricht!« Sie hatte sich zu ihm auf die Sofalehne gesetzt, und beide lasen nun gemeinschaftlich den beschriebenen Zettel, den der Vogel in seinem Schnabel trug: »Einen Wald- und Weihnachtsgruß von einer dankbaren Freundin!« »Also von ihr!« sagte der Amtsrichter, »ihr Herz hat ein gut Gedächtnis. Knecht Ruprecht mußte einen tüchtigen Weg zurücklegen; denn das Gut liegt fünf ganze Meilen von hier.« Frau Ellen legte den Arm um ihres Mannes Nacken. »Nicht wahr, Paul, wir wollen auch nicht undankbar gegen die Fremde sein?« »Oh, ich bin nicht undankbar; aber ...« »Was denn aber, Paul?« »Was mögen drüben jetzt die Alten machen!« Sie antwortete nicht darauf; sie gab ihm schweigend ihre Hand. »Wo ist Harro?« fragte er nach einer Weile. Harro war eben wieder ins Zimmer getreten; aus einer Schachtel, die er mit sich brachte, nahm er eine kleine verblichene Figur und befestigte sie sorgfältig an einen Zweig des Tannenbaums. Die Eltern hatten es wohl erkannt; es war ein Stück von dem Zuckerzeug des letzten heimatlichen Weihnachtsbaums; ein Dragoner auf schwarzem Pferde in langem graublauen Mantel. Der Knabe stand davor und betrachtete es unbeweglich; seine großen blauen Augen unter der breiten Stirn wurden immer finsterer. »Vater«, sagte er endlich, und seine Stimme zitterte, »es war doch schade um unser schönes Heer! – Wenn sie es nur nicht aufgelöst hätten – ich glaube, dann wären wir wohl noch zu Hause!« Eine lautlose Stille folgte, als der Knabe das gesprochen. Dann rief der Vater seinen Sohn und zog ihn dicht an sich heran. »Du kennst noch das alte Haus deiner Großeltern«, sagte er, »du bist vielleicht das letzte Kind von den Unsern, das noch auf den großen übereinander getürmten Bodenräumen gespielt hat; denn die Stunde ist nicht mehr fern, daß es in fremde Hand kommen wird. – Einer deiner Urahnen hat es einst für seinen Sohn gebaut. Der junge Mann fand es fertig und ausgestattet vor, als er nach mehrjähriger Abwesenheit in den Handelsstädten Frankreichs nach seiner Heimat zurückkehrte. Bei seinem Tode hat er es seinen Nachkommen hinterlassen, und sie haben darin gewohnt als Kaufherren und Senatoren oder, nachdem sie sich dem Studium der Rechte zugewandt hatten, als Bürgermeister oder Syndici ihrer Vaterstadt. Es waren angesehene und wohldenkende Männer, die im Lauf der Zeit ihre Kraft und ihr Vermögen auf mannigfache Weise ihren Mitbürgern zugute kommen ließen. So waren sie wurzelfest geworden in der Heimat. Noch in meiner Knabenzeit gab es unter den tüchtigeren Handwerkern fast keine Familie, wo nicht von den Voreltern oder Eltern eines in den Diensten der Unserigen gestanden hätte; sei es auf den Schiffen oder in den Fabriken oder auch im Hause selbst. – Es waren das Verhältnisse des gegenseitigen Vertrauens; jeder rühmte sich des andern und suchte, sich des andern wert zu zeigen; wie ein Erbe ließen es die Eltern ihren Kindern; sie kannten sich alle, über Geburt und Tod hinaus, denn sie kannten Art und Geschlecht der Jungen, die geboren wurden, und der Alten, die vor ihnen dagewesen waren.« – Der Amtsrichter schwieg einen Augenblick, während der Knabe unbeweglich zu ihm emporsah. »Aber nicht allein in die Höhe«, fuhr er fort, »auch in die Tiefe haben deine Voreltern gebaut; zu dem steinernen Hause in der Stadt gehörte die Gruft draußen auf dem Kirchhof; denn auch die Toten sollten noch beisammen sein. – Und seltsam, da ich des inne ward, daß ich fort mußte, mein erster Gedanke war, ich könnte dort den Platz verfehlen. – Ich habe sie mehr als einmal offen gesehen; das letzte Mal, als deine Urgroßmutter starb, eine Frau in hohen Jahren, wie sie den Unserigen vergönnt zu sein pflegen. – Ich vergesse den Tag nicht. Ich war hinabgestiegen und stand unten in der Dunkelheit zwischen den Särgen, die neben und über mir auf den eisernen Stangen ruhten; die ganze alte Zeit, eine ernste schweigsame Gesellschaft. Neben mir war der Totengräber, ein eisgrauer Mann. Aber einst war er jung gewesen und hatte als Kutscher, den schwarzen Pudel zwischen den Knien, die Rappen meines Großvaters gefahren. Er stand an einen hohen Sarg gelehnt und ließ wie liebkosend seine Hand über das schwarze Tuch des Deckels gleiten. ›Dat is min ole Herr!‹ sagte er in seinem Plattdeutsch, ›dat weer en gude Mann!‹ Mein Kind, nur dort zu Hause konnte ich solche Worte hören. Ich neigte unwillkürlich das Haupt; denn mir war, als fühlte ich den Segen der Heimat sich leibhaftig auf mich niedersenken. Ich war der Erbe dieser Toten; sie selbst waren zwar dahingegangen; aber ihre Güte und Tüchtigkeit lebte noch und war für mich da und half mir, wo ich selber irrte, wo meine Kräfte mich verließen. – Und auch jetzt noch, wenn ich – mir und den Meinen nicht zur Freude, aber getrieben von jenem geheimnisvollen Weh auf kurze Zeit zurückkehrte, ich weiß es wohl, dem sich dann alle Hände dort entgegenstreckten, das war nicht ich allein.« Er war aufgestanden und hatte einen Fensterflügel aufgestoßen. Weithin dehnte sich das Schneefeld; der Wind sauste; unter den Sternen vorüber jagten die Wolken; dorthin, wo in unsichtbarer Ferne ihre Heimat lag. – Er legte fest den Arm um seine Frau, die ihm schweigend gefolgt war; seine lichtblauen Augen lugten scharf in die Nacht hinaus. »Dort!« sprach er leise; »ich will den Namen nicht nennen; er wird nicht gern gehört in deutschen Landen; wir wollen ihn still in unserm Herzen sprechen, wie die Juden das Wort für den Allerheiligsten.« Und er ergriff die Hand seines Kindes und preßte sie so fest, daß der Junge die Zähne zusammenbiß. Noch lange standen sie und blickten dem dunkeln Zuge der Wolken nach. – Hinter ihnen im Zimmer ging lautlos die alte Magd umher und hütete sorgsamen Auges die allmählich niederbrennenden Weihnachtskerzen. * Jeremias Gotthelf Merkwürdige Reden, gehört zu Krebslingen zwischen zwölf und ein Uhr in der Heiligen Nacht Unter den Ziegen bin ich geboren und unter den Kühen aufgewachsen, Schmutzhausen ist meine Heimat, das Fürstentum Dünkellust mein Vaterland. Was man auf den Ofentritten erzählte, war mir alles bekannt, sonst aber meine Bildung nicht weit her. Aber einen großen Drang fühlte ich von jeher in mir: ich vergaß, was dahinten, und streckte mich nach dem, was davornen, und ward eine sehr bedeutende Person. Wie und welche, ein ander Mal. Ich arbeitete, daß man meinen Schweiß zwanzig Schritte weit in die Nase kriegte, und doch kam ich bei unserm Fürsten in Ungunst, andere wurden mir vorgezogen. Um diesem Unglanze zu entgehen und so oft als möglich in dem Glanze zu stehen, der mir gebührte, machte ich mich gerne abseits, suchte Aufträge, die mich aufs Land führten; dort konnte ich mich zeigen, als der ich war, und da warf niemand einen Schatten über mich, und wer für einen Tag verschickt wird und nicht zwei daraus zu machen weiß, der muß ein Lümmel sein. Am liebsten entfernte ich mich über die Festtage. Unser Fürst war noch altgläubig, ich aber über solche altvaterischen Dinge hinaus. Man kann sich daher leicht vorstellen, wie peinlich es mir war, tun zu müssen, als sei ich ein Christ, mir, der ich über solche Dinge weit hinaus war. Daher suchte ich mich über diese Zeiten zu entfernen; auf dem Land sah mir niemand nach, und während die andern vor einem, den sie den Höchsten nennen, knien, trage ich doch das schöne Bewußtsein in mir, daß ich weithin in der weiten Runde der Höchste sei. So war ich im vorigen Jahre über die Weihnacht auch verreiset; ich wußte, daß zu Krebslingen Bezirksgericht sei. Ich fand mich dort ein wegen Dringendem, und meine Erscheinung erregte große Freude; sie traktierten mich wie üblich mit gutem Weine, ich sie dagegen mit leutseliger Freundlichkeit, und beidseitig waren wir glücklich und vergnügt dabei. Meine Anwesenheit entband natürlich den Wirt von der gesetzlichen Ordnung, und es schlug gerade zwölf Uhr, als ich den letzten Bezirksrichter vor der Türe mit freundlichem Neigen verabschiedete und dem zündenden Wirte sagte, er solle nur hineingehen, ich werde gleich nachkommen. Es war eine herrliche Nacht, und die Natur leuchtete sehr hell und kühl, und mir war sehr warm. Romantisch bin ich nicht, aus andern Gründen ging ich etwas neben's Haus. Dort hörte ich auf einmal gar seltsame Laute; es war, als ob Mäuse pfiffen und gixten, wie sie es tun, wenn man ihnen auf den Stiel trappet; aber die seltsamen Töne, welche hinter einer Ecke hervor aus einem Kellerloch zu kommen schienen, verstand ich. »Es ist unerträglich!« quixte eine dünne Stimme, »will der Gstabi nicht bald ins Nest? Am Tage verfolgen uns Menschen und Katzen, und die Nächte macht man uns immer kürzer. Es wird noch dahin kommen, daß wir verreblen müssen.« »Rufe doch eine die Polizei!« quixte eine andere. »Du Narr!« quixte eine dritte, »die hat man ja vorgestern wegen Mangel an Platz versteigert und hat verflümert daraus gelöst.« »Wer ist Narr gnug gewesen, um darauf zu bieten?« »Die Bauren fraßen sich fast darum«, antwortete ein Stimmchen. »Sie sagen, die Vögel achteten sich ihrer alten Bündengschücher nichts mehr, weil sie daran gewohnt seien, sie müssen neue haben auf die Äcker von wegen den Krähen und Tauben, und so wüßten sie keine bessern als die abgestandene Polizei. Aber packt auf! Er geht hinein!« Ich war nämlich erbittert worden und wollte den Wirt zur Rede stellen, wer so anzügliche Reden führe mit verstellter Stimme. »Und wenn er schon hineingeht, so geht er doch nicht ins Bett«, quixte es. »Der trinkt noch mit dem Wirte ein Gläschen Cognac und fragt nach der Stimmung. Wenn wir etwas wollen, so müssen wir anderswohin, sonst graut der Morgen, ehe wir ein Brösmeli haben.« Dies hörte ich noch, als ich um die Ecke zur Türe schwenkte, vor welcher der Hund saß und ins Blaue boll. Aber wie versteinert stand ich, als ich in rauhem Basse die Frage hörte: »Warum billst du diese Nacht nicht?« Und durch die Lüfte antwortete eine Stimme: »Wir haben heute geküchelt, und ich habe keine Küchli bekommen; nun werde ich künftig nicht mehr so fleißig sein mit Wachen und Bellen.« »Bhüt di Gott, leb wohl, Blaß!« flüsterte eine zärtliche Stimme, und eine große schwarze Katze strich dem Hund um die Beine, während eine kleinere mit aufgehobenem Schweife unter der Türe stand. »Wo zum Schinder willst du hin?« frug der Blaß. »Fortwill ich. Seitdem kein Feierabend mehr ist, sind keine Mäuse mehr zu kriegen, und jetzt bleiben unsere Jungfrauen wieder da, und solange die da sind, ist's für uns Katzen mit dem übrigen Mausen aus; die pfuschen uns schrecklich ins Handwerk. So will ich fort und an einem bessern Orte mein Brot suchen. Komm mit, Blaß!« Da sah Blaß mich in der Ecke stehen und boll mit fürchterlicher Stimme nach mir hin: »Wottsch fürt, du Schelm!« Unwillkürlich fuhr's mir in die Beine, ich sprang der Scheune zu, die nicht weit vom Hause lag. Ein seltsames Tönen stellte meine Flucht. Dieses Tönen war feierlich, grauenhaft, kam vom Roßstalle her, und daraus wickelten sich folgende Worte hervor: »Zwölfe hat's vom Turm geklungen. Brüder, Schwestern, auf, erwacht! Seht, die Bande unsrer Zungen Sind mit einem Riß zersprungen Vor der unsichtbaren Macht, Der die Engel einst gesungen In der Christen Heilgen Nacht! Auf, erwacht!« Da fiel mir ein aus meiner Jugend her, daß die Tiere in der Heiligen Nacht eine Stunde sollten reden können. Ich hatte es längst nicht mehr geglaubt, nebst noch vielem andern nicht, und jetzt auf der obersten Stufe der Aufklärung sollte mir so etwas begegnen! Ich wollte mich überreden, es treibe jemand mit mir Schindluder, und es dünkte mich, wenn ich nur die Polizei bei mir hätte. Aber ich konnte nicht ab Platz, und es war mir selbst, als hätten wir sie in den letzten Tagen versteigert. Und kaum hatte ich das gedacht, so erscholl, Welten durchzitternd wie verhaltener Donner, aus gewaltigen Kehlen der Spruch: »Ja, wir fühlen's, luftdurchdrungen, Daß das schwere Band der Zungen Mit dem ersten Glockenklang Gleich des Kornes Hülse sprang. Ja, wir sind, wir sind erwacht; Auf, benutzt der Stunde Macht!« »Lebst du noch, du alter Kratten?« frug aus dem verhallenden Chor eine mutwillige Stimme. »Als wir uns letztes Jahr in Hallau trafen, dachte ich nicht, daß du an deinem Kachelicharren die heutige Stunde erleben werdest.« »Ich auch nicht«, antwortete das angesprochene Roß. »Aber es ging mir im vergangenen Jahre gut. Jetzt bin ich ein Staatsroß und fordere Respekt.« Da lachten alle, daß der Boden unter den Füßen mir wackelte. »Du ein Staatsroß?« »Ja. Ein Lohnkutscher sah mich und kaufte mich. Er bedient einen Herrn, der von Rossen nichts versteht, alle verderbt, aber vornehm fahren möchte wie ein vornehmer Herr. Der lag dem Kutscher schon lange an, er sollte doch einen Stümper kaufen, die langen Schwänze könne er nicht leiden, man werde immer gespritzt. Mein Herr wußte, wo der Has im Pfeffer lag, kaufte mich um dreizehn Gulden Reichsgeld und spannt mich nun dem vornehmen Herrn ein als Staatsroß. Er sagte ihm, ich sei ein vornehmer Engeländer, koste siebenundvierzig Louisdors, ein Lord habe mich in Baden verspielt. Nun hat mein Herr Respekt vor mir, fast wie vor einem vornehmen Herrn, macht mit mir Staat im Lande herum, füttert mich brav, hat immer Angst, er könnte mir übertun und siebenundvierzig Louisdors auf seinen Buckel fallen. So habe ich's gut in meinen alten Tagen, schlage alle Tage zweimal aus, dann sagt mein Elerr: ›La, la!‹, und wenn es gegen einen Ort, besonders ein Städtchen geht, so setze ich mich in kurzen Galopp, der meinen steifen Beinen am besten zusagt, dann sagt mein Herr: ›Na, na!‹ und wenn er aussteigt, stellt er sich neben mich, um vom Wirt den schönen Stümper rühmen zu hören, und dann erzählt er von den siebenundvierzig Dublonen und dem Engländer, daß ich den Wirt nicht ansehen darf aus Furcht, er lache mir ins Gesicht.« Ich wußte nicht, träumte oder wachte ich, als mein Roß mich so runtermachte, aber antworten konnte ich nicht. Hingegen hörte ich eine andere Stimme, und die sprach: »Ach, ich möchte doch auch so ein Staatsroß werden für einen vornehmen Herrn, das Musterlimitieren verleidet mir je länger je mehr. Ehedem suchte mein Herr hie und da ein Mädchen mehr, als er sollte, aber, was ich um so mehr zu ziehen hatte, das konnte ich um so langsamer fahren, und die Tagreisen wurden alle Tage kürzer. Jetzt aber fährt mein Herr wie ein Jude und führt neben seinen Musterkarten Packer zentnerweise mit sich. Er führt einen Zentner Traktätlein mit sich und teilt sie mit gottseligen Reden an fromme Krämersweiber aus, einen Zentner Aargauer Großratsgeschwätz und regaliert damit naseweise Krämer, einen Zentner gut katholischer Schriften und bahnt sich damit Weg, wo man es nicht glauben sollte. Jetzt hat er noch einen Zentner Genferpapier, und auf Ostern hat er zwei Zentner Zürcherschriften bestellt, die noch nicht gedruckt sind, so daß ich mehr zu ziehen habe als ein Kacheler und des Lebens satt bin. Und wenn er sich mit den einen wegen Wieland, mit den andern wegen Frey-Herose, mit den dritten wegen Scherr, mit den vierten wegen Leu und Papst verdampet hat, so soll ich mit Springen die Zeit einbringen. Wenn ich wüßt, wie machen, ich schmisse meinen Herrn in ein Loch, wo er nicht wieder rauskäme.« »Ach du meine Güte!« fing eine andere Stimme an, »verständige dich doch mit Wünschen! Gerade so wünschte ich vor einem Jahre, als ich noch bei meinem letzten Herrn war und der mir des Nachts keine Ruhe gönnte und herum sprengte wie ein Nachtgeist, weil er mit den Wirten am besten handeln könne, wenn es Feierabend sein sollte. Da stolperte ich expreß; auf einige Plätze ab kam es mir nicht an, wenn er den Hals gebrochen hätte. Er ist aber nicht dumm, er verkaufte mich einem andern Hause, das einem jungen Reisenden kein kostbares Roß anvertrauen wollte. Das Haus hat seinen Kredit verloren, es lieferte die Ware anders, als die Muster waren, drängte mit Wechseln, überschüttete seine Schuldner mit Waren, bis sie ruiniert waren, kurz, brauchte alle möglichen Kniffe. Als der Kredit abnahm, meinte es, der Reisende sei schuld, und stellte einen andern an, der meint, es sei noch nie so einer gewesen, wie er werden will. Der will nun Absatz zwingen, hält vor allen Krämerladen, bindet mich an den Zaun, denn ins Wirtshaus geht er so wenig als möglich, weil er auch wohlfeiler reisen will als die andern alle. Ist er einmal ausgestiegen, so will er nicht wieder herein. Er packt alle seine Muster aus; will man nicht von diesem, so soll man von jenem nehmen: hätte man Seidenband nicht nötig, so wäre mit Koriander ein guter Schick zu machen, und mag man nicht Zucker, so hätte er vortreffliches Salatöl, und will man nicht Salatöl, so hat er Muster von extra feinem Teufelsdreck. So geht es oft stundenlang, daß ich manchmal sehe, wenn ich von weitem gegen ein Haus komme, und man hat uns gesehen, wie das zu allen Türen hinausfliegt und niemand daheim sein will. Der Krämer soll über Land sein, die Frau über Feld, der Sohn ist auf dem Acker, die Tochter im Bohnenplätz, und die Magd will nicht wissen, wenn das ein oder andere zurückkommt. Mein Junge will Geschäfte machen und meint, die Magd solle ihm den Weg zeigen in den Bohnenplätz zu der Tochter. Aber die Magd will nicht, sie muß hüten; da steht mein Junge eine halbe Stunde verlegen da, weiß nicht, soll er fahren, soll er warten, erbost guckt der Krämer zur Stalltüre aus, die Krämerin lauscht am Küchenfenster, und ich muß da stehen, im Sommer der Brämen Speis, im Winter erfriere ich, und noch jetzt bin ich an den Füßen nicht erwärmet und kann wieder stundenlang stehen in Eis und Schnee, und am Ende, wenn mein Junge nicht Geschäfte macht, nur das kleine Ordinäri! Es ist ein verfluchtes Leben! Zehnmal lieber wollte ich springen, daß die Funken stöben.« Da seufzte es tief auf gerade neben dem Redner. »Was seufzest du so hart«, fragte das vorige Roß, »und wie kommst du daher? Dem Kreuze nach bist du ja eine Siebentalerin aus dem Bernbiet? Übel muß es dir nicht gegangen sein, denn du bist ja speckfeiß!« »Ach, sonst ging es mir gut«, antwortete ein niedliches Mährli in der Siebentalersprache, »mein Herr war stolz auf mich, und weiter als bis auf Thun mußte ich nicht springen, und wenn es hie und da nach Bern ging, so kehrte mein Herr so oft ein, daß mir die Reise nicht beschwerlich war. Aber gestern ist es gerade vier Wochen, da wird ihm seine Frau krank, und seither habe ich das elendeste Leben, ich gönnte es keinem Hund. Tag und Nacht geht es von einem Doktor zum andern, sollte immer im Gestreckten gehn, und wenn ich nicht mehr mag, kriege ich gar die Geißel, von der ich früher gar nichts wußte.« »Dein Herr wird so ein junger Narr sein, der meint, wenn eine Frau gestorben, gebe es keine andere?« »Selb nicht«, antwortete die Siebentalerin, »er hat sie schon zwanzig Jahre und sechs Kinder von ihr.« »Was ist denn das für ein Narr? Bei uns im Schwarzwald strapliziert wegen einer kranken Frau keiner sein Roß, je mehr Weiber, desto mehr Ehesteuern, meint man.« »Ja, das ist darum bei uns nicht so«, sagte die Siebentalerin, »aber nicht von wegen der Liebe, sondern von wegen dem Geld. Von wegen, wenn einem seine Frau stirbt, so muß er alles das vorhandene Gut zu gleichen Teilen mit seinen Kindern teilen, und das kommt manchen unkommod, und mein Herr wäre übel zweg, wenn er teilen müßte.« Da bezeugten sämtliche Rosse ihre Verwunderung, wie dumm die Männer im Siebental sein müßten, daß sie so was täten. Jetzt begehrte aber die Siebentalerin auf und wollte das nicht glauben. Es Konträri, sagte sie, es gebe im ganzen Kanton nicht durchtriebenere Männer als im Siebental, aber niene so listige und fini Wyber als dort, das sig ebe dr Tüfel. Vor vielen hundert Jahren schon hätten die Weiber gesehen, wie es reiche Männer machen, wenn sie Witwer werden, wie sie d Narre machten, mit dem Reichtum großen Staat und den jungen Mädchen alles anhängten und zuletzt so einen Gauggel heirateten, so daß ihre Kinder unwert würden, nicht mehr Platz im Hause hätten und zuletzt nichts erbten, entweder weil der Vater alles vertan oder die letzte Frau alles ihren Kindern anhängen täte. Da seien die Weiber rätig geworden, den Männern das Nägeli zu stecken und für ihre Kinder zu sorgen und auch für sich selbst, und hätten eine lustige Geschichte ersonnen. Die Männer seien in die Falle getrappet, und zum Landrecht sei erhoben worden, daß bei dem Tode einer Frau das sämtliche vorhandene Gut zwischen Mann und Frau zu gleichen Teilen sollte geteilt werden. »Bald merkten die Männer den Latsch, den sie am Halse hatten, und wollten ausschlüpfen, aber die Weiber hatten ihn zureitig angemacht, und die Männer mußten warten. Sie wußten sich nicht anders zu helfen, als ihre Weiber recht lieb zu haben, und je reicher um so lieber. Wenn einer der Finger wehtut, so läuft man zum Doktor, und wenn eine Bauchweh kriegt, so spannt man ds Mähri an, und das muß springe, als ob alle vier Beine absollten. Nun wurden wir schon am ersten Erlenbacher Herbstmärit mit den Hammen fertig, und seither kränkelt unsere Frau immer mehr und mehr und wird immer magerer, und dem Mann immer ängster, und ich muß immer strenger laufen und kann nicht sagen, er soll doch metzgen lassen, es bessere denn vielleicht wieder. Solang der alte Fuchs in der Nähe lebte, ging es mir nicht so bös, so aber muß ich springen immer weiter. Zu rechten Doktoren hat mein Herr keinen Glauben, es muß ein Gütterler oder ein Hexenmeister sein, und denen fährt er nach wie eine Surrfliege dem Roßmist. Jetzt hat er da von ein paar Hexenmeistern da draußen in dem Stinkland gehört, wo aller Haber nach Sauerkabis riecht, die brauchen kein Gütterli und keine Büppi, auf welche sie die Hand legen, die haben über die Geister Macht und können sie senden, wohin sie wollen, Kranke zu heilen und gesund zu machen. Einen solchen Geist will mein Herr kaufen, und vielleicht soll ich ihn noch heimführen; da wäre erst der Schinder los, und ich riskiere den bösen Luft vom Geiste her, werde geschwollen und muß sterben trotz allem Springen.« Da seufzte es grimmig und hohl nebenbei, und das Siebentalermähri glaubte, es sei der Geist, und sprang zitternd auf; aber als es genauer hinsah, war es nur eine alte Füllimähre aus einem andern Tal, und als das Siebentalerli schnauzte, warum die Alte so unflätig und grobiänisch seufzte, da sagte die Alte, sie dürfe es fast nicht sagen, aber unter guten Freunden wolle sie es doch. Sie schäme sich grusam. Sie sei ihr Lebtag ein ehrlich Bauernroß gewesen, jetzt habe sie letzthin ihres Meisters Söhnen einen gestohlenen Trämel zur Säge müssen führen helfen. Sie hätte es nicht gewußt, sonst hätte sie keinen Strick angezogen und den unsaubern Gesellen mit Schlägen und Beißen Verstand machen wollen. Die Sache sei ausgekommen, und jetzt müsse sie dem Geschäft nachsprengen und habe da den Handel vernommen, es sei ihr geschmuecht worden, und sie dürfte sich fast nicht mehr auf der Straße zeigen. Wenn sie schon nur eine Füllimähre sei, so habe sie doch noch Scham im Leibe. »Aber trotz dieser Scham muß ich jetzt allen denen nachsprengen, von denen mein Meister glaubt, sie können wohlschmeckend machen, was stinkt, und aus Mist Heu. Denn der Meister flucht gräßlich, nicht über die, welche gestohlen oder vielmehr gefrevelt, sondern über die, denen der Trämel gestohlen oder vielmehr gefrevelt wurde, und über die, welche es ausgebracht. Mit List, Geld und Prozedieren will er das Krumme grad machen. Jetzt mußte ich zum Bezirksrichter sprengen, denn wenn einer einem Schelm einen guten Rat weiß, so ist es der. Weit und breit kommen die Leute zu ihm zu Rat, noch viel weiter her als zu einem Gütterler. Sie müssen oft zwei Tage warten, bis sie vorkönnen, und so wird es auch meinem Meister gegangen sein, denn ich sollte um fünfe geschirrt sein und bin es dato noch; die volle Sau von Stallknecht hat gedacht, am Morgen hätte ich meinen schweren Kommet schon an.« Das letztere vernahm ich nur noch mit halbem Ohr. Als ich vom Bezirksrichter hörte, dachte ich, da sei was zu notieren, woran ich könnte dem Fürsten und andern demonstrieren, wie wohltätig meine Reisen für die allgemeine Wohlfahrt wären und wie nützlich dem Vaterlande meine Popularität; doch stockte meine Hand in der Tasche, als ich dachte, wie aufbegehrisch der Fürst sei, und, wenn er mit Donnerwettern auf den Richter losfahre, was ich mit einer alten Füllimähre gegen einen Rechtskundigen beweisen wolle, die noch dazu in einer halben Stunde kein vernünftig Wort mehr reden könne. Während ich noch mit der Hand in der Tasche tiefsinnigen Gedanken nachsann, begann die alte Mähre erbärmlich zu schreien: »Ach meine Ohren! Die sind verloren! Ach meine Mähnen! Mit blanken Zähnen Packt mich und rüttelt, Reißt mich und schüttelt Das Ungeheuer, Der Bläß Allgäuer!« Eine helle Stimme tönte in das Geschrei: »Abschaum der Mähren! Ich will dich lehren Die Ehr verkehren, Das Lügen mehren! Du alte Schelle, Du Schmach der Ställe! Ich will dich lehren, Die Wahrheit ehren!« Da übertönte das Streitgeschrei ein mächtiger Chor: »Friede sei in dieser Stunde Mit der Tiere großem Bunde! Laßt ihr nicht das Streiten schweigen, Werden wir den Meister zeigen! Friede sei in dieser Stunde Mit der Tiere großem Bunde!« Und als das Chor, welches nach einer Krauskopfschen Melodie gesungen war, schwieg, sagte mein Pferd: »Bist du auch da, du hässiges Ketzerli vo Allgäuerli, und kannst das Streiten selbst in dieser Stunde nicht lassen, willst du dich denn nie bekehren?« Da sprach das Ketzerli von Allgäuerli mit kräschlender Stimme: »Was bekehren? Das Bekehren ist an euch. Was tut ihr? Eins ums andere verleumdet seinen Herrn. Geht und hört, wie eure Herren euch rühmen, eure Fehler verschweigen und jeder das beste Roß haben will! Jetzt kömmt noch die alte Mähre und verleumdet zu seinem Herrn noch den meinigen, wo doch der humanste Richter ist im ganzen Fürstentum und zu einem jeden Halunk Sorge trägt, als ob er seinesgleichen wäre. Es dünkt mich, wir hätten von wichtigern Dingen zu reden als von solchen Partikularitäten und Persönlichkeiten, und was gehen uns die Richter an? Sind nicht die Stallknechte von ganz anderer Bedeutung für uns, gleichsam unsere Hauptpersonen? Und es hat mich schon lange wundergenommen, daß niemand von denen reden will, und was man gegen die für Maßregeln vorkehren wolle; es ist je länger je weniger dabeizusein, es hat keine Gattig mehr. Es gibt verflucht brave Stallknechte, warum nicht, ich könnte nacheinander ein halbes Dutzend aufsagen. Aber viel andere werden alle Tage voller und nie mehr nüchtern, und dann sind sie die wüstesten Hunde gegen uns, stüpfen uns in den Bauch, schlagen uns aufn Kopf und mißhandeln uns mit dem Gebiß im Maul, daß uns Hören und Sehen vergeht, es ist himmelschreiend! Und immer mehr, scheint mir, schlage ihnen der Wein auf das Gehör, und so viele hören nicht mehr wohl. Ich hörte schon manchmal, daß mein Herr ein ganzes Immi befahl und kriegte nur ein halbes, und wenn der Herr das große Ordinäri befahl, gab man mir nur das kleine. Wenn dann das Stubenmädchen den Herrn fragte, was er für das Roß befohlen, so sagte er richtig: ›Das große Ordinäri!‹ und mußte es auch bezahlen. Dann baggelt man allenthalben an Maß und Gewicht. So hat man namentlich in der Schweiz, wo mein Herr oft hinreiset, das Pfund kleiner gemacht und das Immi größer. Wenn nun mein Herr für einen Batzen Brot befehlen tut, so kriege ich richtig drei Bissen weniger, ich habe das schon manchmal gezählt.« »Aber immer das gleiche Immi?« »Ds Konträri, es scheint mir, auch das sei kleiner, werden wahrscheinlich verschossen sein, als sie es größer machen wollten, oder sie machen noch immer aus einem Malter achtundvierzig Immi statt nur vierzig. So wird unsere Lage alle Tage schlimmer, und ich möchte zu bedenken geben, was da zu machen sei. Ich habe schon manchmal mit Beißen und Schlagen versucht, die Stallknechte humaner zu machen; aber erstlich sind mir die Ketzere z'gleitig, selbst wenn sie voll sind, es gelang mir selten, einem eins ordentlich abzustrecken, und zweitens mußte ich jeden Versuch zur Selbsthülfe schrecklich büßen. Ich wurde abgeschlagen zuerst und kriegte nichts zu fressen, um mir den Mut zu nehmen, und das nächste Mal, wenn ich wiederkam, wurde ich, sobald der Herr den Rücken kehrte, frisch geprügelt und auf halbe Portion gesetzt. So ist das Schlagen mir verleidet, und doch kann es nicht länger so gehen. Weiß niemand Rat?« Da sagte das ältere Gummiroß: »Ich habe auch schon lange darüber nachgedacht und wüßte keinen bessern Rat, als wenn man auf irgendeine Weise ein Gesetz bewirken könnte, daß von nun an die Stallknechte zu Stubenmeitlene gemacht werden sollten und die Stubenmeitleni zu Stallknechten. Erstlich gefallen mir die Stubenmeitleni im ganzen genommen selbst besser als die Stallknechte, zweitens würden sie manierlicher mit einem umgehen, und drittens würden unsere Herren viel häufiger daran denken, daß sie ein Roß im Stall hätten, daß sie nachsehen müßten, ob es seine Sache habe, ja, mancher ließe sich aus lauter Zärtlichkeit für sein Roß seinen Schoppen in den Stall zum ehemaligen Stuben-, gegenwärtigen Stallmeitli bringen. Das ist meine Meinung; wenn jemand eine bessere hat, so sage er sie auch!« Aber da redete keiner verständlich, freudige Töne widerhallten an den Wänden, es war, als ob sie klatschen wollten in voller Herzensfreude. Endlich artikulierte sich ihre Freude: »Ja, ja, ja, so ist es recht: In die Stube mit dem Knecht! Mit der Stubenmagd in Stall 's ist ein nagelneuer Fall. Alsdann wird's im Stalle besser: Hier die Küfer, Säufer, Fresser, Herr und Roß in einer Hut, Das tut beiden wohl und gut. Drum, Brüder, drum faßt frischen Mut! Laßt fröhlich springen das alte Blut! Ein neu Gesetz bringt in den Stall Die Stubenmädchen Knall und Fall Und macht uns von der Quälerei Der liebeleeren Knechte frei; Drum, Brüder, drum faßt frischen Mut! So ist es recht, so kommt es gut!« Die Begeisterung drang immer tiefer in die Töne ein, durch die Töne durch – da schlug es am Kirchturme eins. Und stille ward's plötzlich im Stalle, stille ringsum. Ich war wie in einer andern Welt. Ich sah den Mond wieder scheinen, sah, wie der Wirt vorsichtig ums Haus schlich, er wollte mich suchen und hätte mich nicht gern überrascht; und ergriffen, wie ich war, hätte ich gerne ohne ihn mich ins Bett gedrückt. Ich wartete, bis er hinter dem Hause war, aber wie ich zur Vordertüre leise eintrat, kam er zur Hintertüre herein, begrüßte mich mit den üblichen Worten und sagte, es werde mir wohl noch ein Gläschen belieben? Ich dankte, nahm ein Licht und ließ den Wirt stehn, der nun ein Gläschen für mich und eins für sich wird getrunken haben. Ich aber erlebte eine erbärmliche Nacht. Alles, was ich ehemals geglaubt hatte und jetzt nicht mehr, gramselte mir vor den Augen herum, machte seine Rechte geltend, trieb mir der Hölle heißen Pfahl in die Seele, und ich konnte mich mit nichts wehren als mit einem öden Nichtsglauben, der keine Gründe hatte und vor jedem Gespensterwesen davonfloh und feige sich barg. Und zu der Angst kam die Neugierde, wie die Pferde zu einem solchen Gesetz hätten kommen wollen, und wessen Verwendung sie angesprochen, wem sie die Redaktion übertragen hätten? Dann das Leid über die menschliche Beschränktheit, welche die Ohren, besonders wenn Baumwolle darin ist, nur an einem Orte haben kann. Ich hatte in den Kuhställen brummen hören, grunzen bei den Schweinen, sogar die Hühner schienen leise Gespräche zu rühren, aber wegen den Pferden konnte ich die alle nicht hören, und mit Schlag ein Uhr war alles aus. Es plagte mich die Verlegenheit, ob ich etwas von dem Gehörten erzählen solle oder alles für mich behalten und den Ungläubigen fortspielen. Wo so viel einen Menschen plagt, da kann man denken, wie elend es dem Menschen wird. Es waren Nadeln im Bette, ich mußte aufstehen. Ich schrieb das Erlebte nieder und alle meine Peinigungen. Ich will es fest verwahren; bei meinen Lebzeiten wird es kaum ein Mensch erblicken, und ob meine Enkel es erblicken werden, hängt von der Weise ab, in der ich sterbe. Aber leben möchte ich noch ein Jahr, um zu vernehmen, wie und was Kühe und Hühner sprechen. Ein Mann wie ich muß alles wissen, und eines jeden Geschöpfes Stimmung sollte er kennen. * Zwischen Weihnachten und Neujahr Carl und Theodor Colshorn Vom Helljäger Ein Schäferbursch in Ribbesbüttel hat nebst seiner Mutter am Sonntage zwischen Weihnachten und Neujahr seine Base besucht, welche in Rötgesbüttel gewohnt hat. Als sie spät abends zurückwandern und ins Auckenrod kommen, einen Forst, der zwischen beiden Orten liegt und den ein furchtbarer Sturm krachend durchströmt hat, da hören sie urplötzlich in der Ferne ein entsetzliches Getöse. Rasch kriechen Mutter und Sohn unter einen dichten Wacholderbusch und lugen durch dessen Zweige empor. Im Nu ist über ihnen ein großer Gespensterzug dahingefahren, gar schrecklich anzusehen und anzuhören: Auf fahlem kopflosen Pferde hat ein Jägersmann gesessen mit umgedrehtem Hals und hat geblasen und mit der Peitsche geklatscht und geknallt und »hoho!« gerufen. Und viele Treiber sind hinterhergekommen und haben geschrien und mit Klappern gelärmt, und zwischendurch haben große Hunde in der Luft gebellt und gebelfert; und mehr als tausend kleine Hunde sind unter dem Eichenlaub hingelaufen, rascher, als wenn so der Sturm trockene Blätter übers Eis hinweht, und haben mit dem Laube gerasselt und mit feiner, feiner Stimme ›geklifft‹ und ›gejifft‹. Das hat aber alles nur einen Augenblick gedauert, denn während der Knabe gefragt hat, ob er einen kleinen Hund fangen soll, ist schon alles vorüber gewesen und tosend in der Ferne verschwunden. Der Schäfer, der mir in meiner Kindheit diese Geschichte als von ihm selbst erlebt zu wiederholten Malen erzählt hat, lebt noch heute und hat mir noch in diesem Sommer [1852] unter dem Gesumse der Bienen in dem blühenden Heidekraut aufs neue versichert, daß er sie vor etwa fünfzig Jahren miterlebt habe. * Jón Árnason Draußensitzen am Kreuzwege Isländische Volkssage Derjenige, der beschlossen hatte, »draußen zu sitzen«, um Tote aufzuwecken und von ihnen die Zukunft zu erforschen, mußte sich am Silvesterabend dazu ausrüsten und eine graue Katze, ein graues Schafsfell, eine Walroß- oder Bullenhaut und eine Axt mitnehmen. Mit all diesem mußte der Beschwörer auf einen Kreuzweg hinausgehen, von wo vier Wege, jeder geradeaus und ohne sich zu teilen, auf vier Kirchen zuführen. Wo sie alle zusammentreffen, da soll der Beschwörer liegen, sich gut mit der Haut bedecken und sie auf allen Seiten unter sich schlagen, so daß von seinem Körper nichts daraus hervorsehe. Die Axt muß er in beiden Händen halten, fest auf die Schneide starren und weder zur Rechten noch zur Linken sehen, was um ihn herum geschehen möge, auch kein einziges Wort antworten, wenn er auch angeredet wird. In dieser Stellung soll der Mann totenstill liegen, bis am anderen Morgen der Tag anbricht. Wenn der Beschwörer sich auf diese Weise vorbereitet hatte, konnte er mit den Zauberformeln und Beschwörungen beginnen, die dazu dienten, Tote zu beschwören. Hierauf kamen seine Verwandten zu ihm, wenn welche von ihnen tatsächlich bei einer oder mehreren der vier Kirchen begraben lagen, nach welchen die Kreuzwege hinführten. Sie sagten ihm alles, was er zu wissen wünschte, Vergangenes und Künftiges über viele Menschenalter hinaus. War der Beschwörer standhaft genug, um die Axtschneide anzustarren und niemals den Blick abzuwenden und kein Wort zu reden, was auch um ihn herum vorging, so behielt er nicht nur alles, was die Verstorbenen ihm sagten, in seinem Gedächtnis, sondern er konnte auch später, wann er nur wollte, ohne Gefahr sich von ihnen Auskunft über alle Dinge verschaffen, die er gern wissen wollte, indem er »draußen saß«. Soviel ich weiß, wissen die Leute von niemandem zu erzählen, der ohne Schaden davongekommen wäre, wenn er auf dem Kreuzwege gesessen oder gelegen hatte; wenn auch wenig daran fehlte, daß es dem gewaltigen Wahrsager Jon Krukk ganz hübsch gelungen wäre. Die Geschichten von Jons Draußensitzen scheinen mehr dem Eiben- und Gespensterglauben anzugehören, wie hier gezeigt werden soll, und doch lebte Jon am Anfange des sechzehnten Jahrhunderts. Da hierzulande der Glaube allgemein war, daß die Huldenleute in der Neujahrsnacht ihre Umzüge bewerkstelligten, so mußte man gerade diese Nacht wählen, um am Kreuzwege zu sitzen, wollte man von ihnen angetroffen werden. Sie können dann nicht an demjenigen vorbei, der am Wege sitzt, und bieten ihm viele Kostbarkeiten an, Gold und andere wertvolle Sachen und ausgesuchte Leckerbissen aller Art. Schweigt der Mensch zu dem allem, so bleiben die Kostbarkeiten und die Leckerbissen bei ihm liegen, und er kann sie behalten, wenn er bis zum Tagesanbruch aushält. Einstmals setzte sich ein Mann in der Neujahrsnacht auf einen Kreuzweg. Er hieß Jon, wenn auch einige seinen Namen nicht anführen. Er saß dort die ganze Nacht dem Eibenvolk im Wege, so daß keiner wußte, was mit ihm war, bis er am andern Morgen nach Hause kam und berichtete, was er erlebt hatte. Sobald es am Silvesterabend dunkel geworden war, sagte er, seien die Huldenleute in Scharen zu ihm gekommen und hätten ihm Gold und Silber, gute Kleider und die leckersten Gerichte angeboten. Lange sei er standhaft geblieben und habe geschwiegen, was ihm auch geboten worden sei. Da seien die ersten fortgezogen und hätten das bei ihm zurückgelassen, was sie ihm angeboten, und so sei es die ganze Nacht bis gegen Morgen gegangen. Zuletzt aber war eine Frau zu ihm gekommen mit einer Kelle voll heißer Fettbrühe oder, wie manche sagen, Fleisch und Brühe. Jon aber liebte heißes Fett über alles. Da, sagte er, sei es ihm widerfahren, daß er hingeblickt und gesagt habe: »Selten habe ich fette Brühe genossen.« Dadurch verlor er alle Kostbarkeiten und Leckerbissen, die ihm zuvor angeboten waren und bei ihm lagen. Er stand nun auf, und da graute der Tag. Von der Zeit an wurde er verwirrt und schwachköpfig, doch hatte er fortan die Gabe, zukünftige Dinge voraussagen zu können, wenn er zuvor ganze Nächte draußen lag. Man sagt, er habe dazu vornehmlich die Weihnachtszeit gewählt, zum Beispiel die Christnacht, die Neujahrsnacht, die Dreizehntenacht, einzelne Male aber auch die Mittwinternacht und die der Jonsmesse. Dieser Jon wurde später Krukk vom Kreuzwege genannt und ist in Island allgemein bekannt unter diesem Namen wegen der Wahrsagungen, die von ihm in »Krukksspa« (Krukks Weissagung) und in mündlichen Berichten überliefert sind. Unter anderm hat dieser Jon prophezeit, die Klippe, welche über dem Gehöft Ellidi in der Stadarsveit emporragt und von der schon große Lavablöcke herabgefallen sind, die nun um das Gehöft herumliegen, werde gänzlich darüber hinstürzen, wenn ein Bauer auf Ellidi wohne, der sieben Söhne habe, und wenn diese sieben Söhne alle auf einmal mit sieben Schwestern Hochzeit hielten. In Krukksspa soll auch stehen, die Domkirche in Reykjavik werde versinken, wenn in ihr neun Geistliche gleichzeitig in Amtstracht vor dem Altar ständen, und der Bischof dazu als der zehnte. Doch hat sich diese Prophezeiung im Jahre 1849 am 12. August nicht erfüllt, als Bischof Helgi Gudmundsson dort sieben Pfarrer weihte und im ganzen mit den Weihzeugen neun Geistliche vor dem Altar standen außer dem Bischöfe. Das aber glaubt man bemerkt zu haben, daß dabei weniger andere Leute in der Kirche waren, als sonst bei einer so festlichen Gelegenheit der Fall zu sein pflegt, und man meint, jener Aberglaube sei schuld daran. In der Tat bezeichneten einige törichte Leute es als eine Tollkühnheit, an jenem Tage nicht vom Kirchenbesuche abzulassen. * Königin und Teufel Märchen aus dem Mittelalter Es lebt einst ein König, der über drei Reiche herrschte. Der hatte einen einzigen Sohn, den er auf die hohe Schule nach Paris schickte. Als dieser König starb, erhoben sich alle Barone, Ritter und Adligen gegen die Königin und nahmen alle Länder, Städte, Burgen und Kastelle und ließen ihr nur eine einzige kleine Stadt, die keinen Zins brachte. Da kam der Königin in ihrem tiefen Leide der Gedanke, sich dem Teufel zu übergeben, um mit Hilfe der bösen Geister das geraubte Gut wiederzugewinnen und sich an ihren Feinden zu rächen. Das merkten die zwanzig obersten Teufel, und ihr Herr, Asmodeus mit Namen, ein Jüngling von herrlicher Mannesgestalt, erschien der Königin und sprach: »Wenn du tun willst, was du dachtest, dann wirst du mit unserer Hilfe alles wiedererlangen. Sieh, obwohl man uns Teufel nennt, sind wir doch so schöne Wesen, und wir haben ein ewiges Reich, das aller Herrlichkeit voll ist. Blicke aufwärts!« Sie blickte in die Höhe und sah Bilder von unsagbarer Wonne. »Zu dieser Wonne werden wir dich führen, dorthin werden wir nach deinem Tode Leib und Seele geleiten.« So sprachen die Teufel. Die Königin versprach sich ihnen mit Leib und Seele. Dann fuhren die Teufel fort: »Wenn du uns angehören willst, dann schwöre ab dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste und jener Maria, die den weiten Mantel trägt.« Und sie schwor ihnen ab, und die Teufel nahmen unter ihrer Zunge ein wenig Blut und schrieben zur Bekräftigung einen Vertrag, und einer von ihnen trug ihn alsbald zu Luzifer, ihrem Herrn. Die anderen aber sprachen: »In deinem Palast wirst du in allen Ecken Schätze finden: in der einen Gold, in der anderen Silber, in der dritten prächtige Edelsteine, in der vierten andere Kleinode. Mit diesen Schätzen kannst du alle deine Gegner überwinden. So wird dir im ersten Jahre wieder das erste Königreich in die Hände fallen. Daraus sollst du alle Kleriker und Priester und alle Mönche vertreiben, dann die Kirchen zerstören und die Laien, die ein eheloses Leben gelobten, zur sündigen Ehe verführen.« Die Königin ging in ihren Palast und fand eine ungeheure Menge Gold und Silber und wertvolle Sachen, wie ihr gesagt worden war, und unterwarf sich das Land und erfüllte alle Befehle des Teufels. So wurde sie im ersten Jahr wieder Herrin des ersten Königreiches. Dann vertrieb sie alle Kleriker, zerstörte die Kirchen und verführte die Menschen zur Sünde. Im zweiten Jahre erschienen ihr die Teufel wieder und sprachen: »Wenn du das zweite Reich wiedererhalten willst, dann bringe alle, die in den beiden Reichen leben, dazu, daß sie ihre Ehe auflösen und mit Mutter und Schwester und Verwandten sündigen, daß sie kein Gesetz mehr anerkennen, sondern wie die Tiere untereinander leben.« Sie unterwarf sich auch das zweite Reich und erfüllte die Befehle der Teufel. Im dritten Jahre erschienen die bösen Geister wieder und sprachen: »Wenn du das dritte Reich zurückhaben willst, dann lasse alle Armen in den drei Reichen zusammenrufen, laß vierzig oder fünfzig Gruben machen mit dem Vorgeben, du wolltest so viele Kirchen stiften für das Seelenheil deines Gatten, und wenn sie kommen, dann sollen sie in jene Gruben hineingestürzt werden.« Und sie unterwarf sich auch das dritte Reich und tat, was die Teufel befohlen hatten. Da seht nun diese Sünderin, die sich in solche Verbrechen stürzt, indem sie zuerst Gott und seiner lieben Mutter abschwört, dann die Geistlichen vertreibt und die Kirchen zerstört, dann die Ehen schändet und endlich die Armen umbringt. Wie soll sie die Barmherzigkeit Gottes und seiner Mutter finden, um der ewigen Pein zu entgehen? Ihr Sohn, der noch auf der hohen Schule war, hörte von diesen Vorgängen, und da er in der schwarzen Kunst wohlerfahren war, rief er einen Teufel herbei und beschwor ihn, daß er ihm offenbare, wie seine Mutter aus der Herrschaft vertrieben worden und nun wieder aus ihrer Armut zur Herrschaft über die drei Reiche gelangt sei. Da sprach der Teufel: »Sie hat Gott und seine Mutter, die selige Jungfrau, verleugnet und sich uns mit Leib und Seele verschrieben, und wir haben ihr dazu verholfen.« Das betrübte den Sohn von Herzen, und er beschwor den Teufel von neuem, daß er ihn ohne Schaden bis zum Hahnenschrei vor den Palast der Mutter brächte. Der Teufel mußte es tun. Am Morgen wurde er vor seine Mutter vorgelassen und fand nach langer Trennung als einziger Sohn eine herzliche Aufnahme. Jenen Tag verlebten sie voll Freude, und der Sohn sprach noch nicht von dem, was ihm am Herzen lag. Am folgenden Tage aber richtete er sich an seine Mutter und fragte: »Wie ist das alles zugegangen? Wo sind deine Geistlichen, wo die Kirchen?« Und die Mutter erwiderte ausweichend: »Ich habe Schätze gefunden, die dein Vater verborgen hatte, und damit alle meinem Dienste unterworfen.« »O Mutter, welch Unglück es ist, daß du um solchen irdischen Prunk dich zur ewigen Qual verkauft und dem Teufel mit Leib und Seele überliefert hast! Laß ab von deinem Verbrechen, teuerste Mutter, und tue Buße.« Doch seine Mutter antwortete: »Wie könnte ich für so viele Verbrechen Buße tun, lieber Sohn, nachdem ich Millionen Seelen in die Hölle gestürzt habe?« Der Sohn aber entgegnete: »Die Barmherzigkeit Gottes ist groß, er verwirft keinen reuigen Sünder.« »Gott und seiner Mutter habe ich abgeschworen«, entgegnete die Königin, »wie kann ich von ihnen Barmherzigkeit erlangen?« »Folge meinem Rate. Auch ich will in tiefem Schmerz bis zum Ende meines Lebens für dich büßen.« Mit diesen und ähnlichen Worten rief der Sohn im Herzen seiner Mutter innige Reue wach. Sobald aber die Teufel merkten, daß sie von Reue ergriffen wurde, kamen sie herbei und trugen sie lebendig mit Leib und Seele von dannen, aber nicht in die Hölle, weil sie sich nach dem Rate ihres Sohnes in herzlicher Reue bekehrt hatte. Von da an führte der Sohn in seinem Schmerz ein äußerst strenges Leben in der Einöde und tat so in Gebeten, Fasten und Tränen zehn Jahre lang Buße für seine Mutter. Nach zehn Jahren aber kam er nach Rom und trat vor den heiligen Papst Silvester und offenbarte ihm das Leben seiner Mutter von Anfang bis zum Ende. Dann bat er ihn, er möchte ihm mit seiner heiligen Gewalt helfen. Da nahm der heilige Silvester einen dürren Zweig und gab ihn dem Büßer mit den Worten: »Gehe mit diesem Zweige auf den Berg Caelion, und wenn er Äpfel als Früchte trägt, so ist dies ein Zeichen, daß du deiner Mutter Hilfe bringen kannst.« Das tat der Büßer auch. Dann ging er wieder für drei Jahre in die Einöde und übte strenge Buße. Darauf kehrte er zurück, um nach dem Zweig zu sehen, und er fand, daß es ein stattlich hoher Baum geworden war, der acht Äpfel trug. Doch wegen seiner Höhe konnte er die Äpfel nicht pflücken. Da betete er: »O lieber, barmherziger Gott und du gütige Mutter der Barmherzigkeit, wenn das ein Zeichen eurer Erbarmung ist, dann gebt, daß ich auch von dem Baume eine Frucht pflücken kann, um sie zum heiligen Silvester zu tragen, der mir den dürren Zweig gereicht hat.« Und alsbald neigte sich der Baum, bis er drei Äpfel gepflückt hatte. Diese trug er zum heiligen Silvester nach Rom. Da sprach der Papst zu ihm: »Sieh, dies sind Worte des heiligen Geistes und Zeichen der Erbarmung Gottes. Bleibe bei mir, und du sollst die heiligen Weihen empfangen. Dann wirst du als Priester durch die Hilfe der heiligen Meßopfer die Seele deiner Mutter aus ihren Qualen befreien können.« Als er zum Priester geweiht worden war und seine erste Messe feierte, wurde er während der heiligen Handlung entrückt und sah, von einem Engel geleitet, seine Mutter an einer besonderen Stätte nahe der Hölle in unaussprechlichen Qualen, und hundert Fuß hohe Flammen schlugen über ihr empor. Der Anblick erfüllte den Sohn mit Schmerz und Schrecken. Die Mutter aber lachte in ihren Qualen. Da sprach der Sohn: »Mutter, wie kannst du in solcher Pein noch lachen?« Und sie erwiderte: »Ich kann froh sein und lachen, weil ich würdig gewesen bin, einem solchen Sohne das Leben zu schenken, der mich durch seinen Zuspruch zur Reue bestimmte, der mich durch seine Buße und Gebete vor der Höllenpein errettet hat und durch dreißig Messen aus meiner Qual erlösen wird. O du mein lieber Sohn, wenn du dreißig Messen für die Verstorbenen und die letzte zu Ehren der seligen Jungfrau gelesen haben wirst, die allein den mit meinem Blute geschriebenen Vertrag von Luzifer zurückerhalten kann, dann wird dieser Vertrag auf den Altar herniederfallen. Daran sollst du erkennen, daß ich ganz von meinen Qualen erlöst bin.« Darauf kam der Sohn wieder zu sich und tat, wie ihm die Mutter gesagt hatte. Und Luzifer brachte den Vertrag zurück, und die Mutter ward erlöst. Der Sohn aber wurde ein vortrefflicher Lehrer des Wortes Gottes und bekehrte die drei Reiche, die seine Mutter vom Glauben abtrünnig gemacht hatte, zum Glauben Christi und dazu noch drei andere Reiche, baute die Kirchen wieder auf und richtete überall den Gottesdienst wieder ein. So hatte er seine Mutter erlöst und ging selbst nach einem seligen Ende ins Reich Christi ein. * Dat Mäten un de Röwer Schleswig-Holsteinisches Volsmärchen Mal 'n Möller west, de is mit sin Fru un sin beiden Söhns to Kirch föhrt up 'n Nijahrsdag, un de Dochter blift alleen in 't Hus. De lütt Möhhl'nsted‹ hett an 't Holt legen, an 'n Dik, dat is 'n Watermöhl west. Un nu blift dat Mäten ins buten un sucht, dat dar so vel Gestalten herum lur't in dat Holt. Se kümmt bi un makt all‹ de holten Luken vor de Finstern un versekert de Dör'n un Finstern un denkt: »So, nu kann so lich nümm's rinne kam'n.« Un nu kümmt dar 'n olen Mann vor de Dör kloppen un bidd't ehr, se schall em inlaten. Un dunn erbarmt se sik dar öwer, hett kên Ahnung, dat dat de Röwerhauptmann is, he hett 'n falschen Bart, un lett 'n in. Un do lett se em in de Stuw gahn un freu't sik, dat se 'n beten Gesellschaff hett. Se will na Kök un 'n beten Supp kaken. Un nu hört se em ümmer hen un her gahn in de Stuw. Un do kikt se dör de Rut, dar is so 'n Rut dör de Stub'ndör, un do hett he den falschen Bart afnam'n, do steiht 'n jung'n Mann in de Stuw mit 'n Dolch in de Hand. Do ward ehr schruteri to Môd‹. Do löppt se na Kök un nimmt 'n scharp Bil in de Hand bi 'n Stöl un stellt sik achter 'n Eck hen. Un as he dunn in de Kök kümmt, do haugt se em vör 'n Kopp. Do fall't he dal. Un do bidd't he ehr, se schall em doch sin Leben laten. Awer kên Erbarm'n: se makt 'n dot. Un dat dur't 'n half Stunn‹, do fangt de grot Kedenhund buten so fürchterli an to bell'n. Do sücht se dör 'n Finster, dat dar noch söb'ntein Mann kam'n sünd. Un dünn ward se weller ganz ängsli un beklumm'n to Môd‹ üm 't Hart. Un do gaht wilk vun de Röwers in de Well‹ lank, na de Kök tô geiht de Well, un dunn denkt se: »Du drüchs di up din scharp Bil.« Un stell't sik mit dat Bil vör de Well‹ hen. Un so as dar ên hendör slept, haugt se tô un haugt 'n dot, un slept 'n dunn hendör. Un dat hett se söß hendör slept, do kümmt den söwten dat rod‹ Blôt al entgegen, un dunn gaht se wa‹ trüch. Un do kümmt ehr Vadder un Mudder ut de Kirch un de beiden Bröder. Un do wull se de kaum inlaten, so bang‹ is se west. Se lat ne af, un se lett ehr in. Supp hett se je gar kregen, dat lett sik je denken. Un de en Söhn ritt forten weg na de Stadt, un de mell't dat. Un de annern gaht je mit rin. Un do hett se ehr dat je wis't un vertell't. Do kamt dar je Schandarm'n ut de Stadt un Polizisten. Un do forscht se dat je na in den Wald, sökt se de Röwerhöhl. Do sünd dar in ganzen dörti Mann west. Söb'n sünd je dot west. Un do ward se je mitnam'n. Un wat se up 'n Dutt stahl'n hebbt, ward ehr afnam'n. Un afhört un gestaht je, wat se all‹ gegahn hebbt. De Gegend is so unsicher west. Un do ward se henricht. Un dat Mäten ehr Heldentaten sünd berühmt in de ganze Gegend. * Der Huldrekönig auf Selö Isländische Volkssage Eines Sommers waren einige Leute wie üblich zum Fischen auf Selö im Reydarfjord. Und es traf sich, als der getrocknete Fisch ans Land gebracht wurde, daß ein großer Teil der Fische des Pfarrers von Holme in der Fischbude zurückblieb. Das Wetter verschlechterte sich in dem Maße, daß man an die Fische nicht herankonnte, bis im Herbst wieder gutes Seewetter wurde. Da zogen sie hinaus, um sie zu holen, und begannen sofort, die Fische aus der Hütte ins Boot zu tragen. Die Bootsleute sagten, sie würden gern nach der anderen Seite der Insel gehen, um nachzusehen, ob etwas ans Land getrieben sei. Einer von ihnen erklärte sich bereit zu gehen, während die anderen die Fische hinuntertrugen. Er ging also, und die anderen trugen die Beute in das Boot. Plötzlich stieg das Wasser so gewaltig, daß es ihnen nur mit knapper Not gelang, die Fische in das Boot zu schleppen. Sie schifften sich alle ein und warteten eine Weile auf den Abwesenden. Als er aber kam, war es der Brandung wegen unmöglich, ihn ins Boot zu ziehen. Da riefen sie ihm zu, daß er nun dableiben müßte, sie würden ihn aber am nächsten Tag holen, wenn Seewetter wäre. Sie glaubten wohl, daß es am besten sei, an ihr eigenes Leben zu denken, und steuerten dem Lande zu. Er aber blieb hilflos zurück. Es stellten sich Tauschnee und Windstille ein, und der Mann ging deshalb nach der Fischerhütte, ohne einen Ausweg zu wissen, und dort blieb er bis zum Abend. Da begann er zu verzweifeln und dachte, es läge ihm näher, sich das Leben zu nehmen, als dort vor Hunger zu sterben, und er lief aus der Hütte hinaus. Da entdeckte er einen freundlichen Stern. Er glaubte aber, daß es in dieser wolkenschwarzen Nacht kein Himmelsstern sein könnte, und als er anfing, genauer hinzusehen, schien er ihm einem Licht in einem Fenster zu ähneln. Er lief eine kleine Weile, bis er an ein Haus kam, das so prächtig war, daß es einer Königshalle glich. Er hörte, wie drinnen gesagt wurde: »Ja, Mädchen, kein andrer als der unglückliche Mensch, der heute auf der Insel zurückgelassen worden ist, ist an das Haus gekommen. Geh hinaus und hol ihn. Denn ich will nicht, daß er vor meiner Tür stirbt.« In demselben Augenblick trat ein junges Mädchen zu ihm. Sie führte ihn hinein und sagte ihm, daß er seine Schneekleider ablegen solle. Dann führte sie ihn eine sehr hohe Treppe hinauf, in einen sehr schönen Saal, der mit Gold und Edelsteinen geschmückt war. Da sah er viele Frauen, und eine unter ihnen war die schönste von allen. Er begrüßte sie mit Anstand, und sie erwiderten seinen Gruß. Da erhob sich die schöne Jungfrau und geleitete ihn in eine kleine, aber hübsche Kammer, setzte ihm Wein und Nahrung vor und ging dann wieder fort. Es wird nicht erzählt, wo ihm abends sein Schlaflager angewiesen wurde. Die Nacht verging. Am nächsten Morgen kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie nicht zu seinem Vergnügen dort bleiben dürfe, gab ihm aber sonst alles, was zu seinem Zeitvertreib dienen konnte. So verging der Winter bis Weihnachten. Am Heiligabend kam die schöne Jungfrau zu ihm und sagte, wenn er glaube, daß sie ihm etwas Gutes erwiesen hätte, dann müßte er ihr eine Bitte gewähren und dürfe sie ihr nicht abschlagen. Wenn am nächsten Tage ein großes Tanzfest stattfände und ihr Vater sie rufen ließe, um sich das Spiel anzusehen, dürfe er nicht neugierig sein und zum Fenster hinaussehen. Sie würde ihm schon genug bringen, damit er sich hier drin zerstreuen könne. Er versprach ihr, nicht neugierig zu sein. Am ersten Feiertag morgens brachte sie ihm Wein und was sonst zu seiner Nahrung dienen konnte, bot ihm Lebewohl und ging ihres Weges. Aber gleich darauf hörte er Gesang und Saitenspiel. Da dachte er bei sich, was für eine große Freude dort wohl herrsche und daß es gewiß nichts schaden könnte, wenn er einen Augenblick hinausschaute. Es brauchte ja niemand zu sehen. Da kletterte er in die Höhe, um den Tanz sehen zu können, und als er hinausblickte, sah er eine große Menge Menschen. Einige tanzten, andere führten allerlei Saitenspiel aus, und mitten im Gedränge sah er einen königlichen Mann sitzen, eine Krone auf dem Haupt und eine Frau zu jeder Seite. Er dachte, das müßten die Königin und die Tochter des Königs sein. Diese aber erkannte er wieder. Er wagte nun nicht länger hinauszusehen und ging vom Fenster fort. Der Tanz dauerte bis zum Abend. Als die Jungfrau aber dann zu ihm hereinkam, war sie entgegen ihrer Gewohnheit schweigsam. Doch sagte sie ihm, daß er sein Versprechen, nicht hinauszusehen, schlecht eingehalten habe, obgleich sie es so habe einrichten können, daß ihr Vater es diesmal nicht gemerkt habe. Es ging nun auf Neujahr, ohne daß etwas geschah. In der Silvesternacht kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß sie am nächsten Tage mit ihrem Vater hinginge, um sich den Tanz anzusehen, und daß er ihr gegenüber sein Wort besser halten müßte, als er es zu Weihnachten getan habe, und nicht neugierig sein dürfe. Er versprach nun bei allem, was ihm heilig war, daß er diesmal nicht hinausblicken würde. Sie brachte ihm wieder Wein und Nahrung und allerlei Zeitvertreib und ging fort. Als es aber Morgen geworden war, hörte er noch mehr Lärm und Freude draußen als zu Weihnachten. Da sagte er sich, daß er jetzt nicht hinaussehen wolle, denn es wäre ja dasselbe wie zu Weihnachten, und viel verstrich vom Tage, während er ruhig dasaß. Da begann ihn aber die Neugierde zu quälen – so gar nichts von der großen Freude zu erfahren –, und er spähte hinaus und sah, daß der Tanz viel reizvoller als das vorige Mal war, denn es tanzten viele strahlende Ritter vor der Königin und dem König. Da zog er sich eiligst vom Fenster zurück, sah aber, daß niemand das Auge nach seinem Fenster wandte, und so ging es bis zum Abend. Als die Jungfrau dann am nächsten Abend zu ihm kam, war sie aufgebracht und machte ihm Vorwürfe, daß er sie abermals getäuscht hätte. Trotzdem trübte dies das Verhältnis zwischen ihnen nicht. Denn sie war ihm genauso gut wie vordem. Der Winter verstrich, und so ging es auf Ostern. Am Osterheiligabend kam die Jungfrau zu ihm, sprach ihn freundlich an und bat ihn, am nächsten Tag ja nicht neugierig zu sein, auch wenn er hören sollte, daß die Freude groß wäre. Denn wenn ihr Vater merke, daß sie ein männliches Wesen bei sich hätte, dann würde es sie das Leben kosten. Am Ostermorgen kam sie zu ihm und brachte ihm alles, was er sich nur hätte wünschen können, bot ihm Lebewohl und verließ ihn dann. Die Belustigung begann wieder wie zuvor. Aber als der Tag verging, begann die Einsamkeit ihn zu langweilen, und er ging aus seiner Kammer in die danebenliegende hinein. Er dachte, die Jungfrau würde es nicht merken, wenn er von dort aus hinausschaute. Einen Augenblick später tat er das und sah alles genauso wie zu Neujahr. Dann ging er in seine Kammer und blieb dort, bis die Jungfrau abends hereinkam. Da war sie unwillig gegen ihn und sagte, daß er sie heute im Stich gelassen hätte wie das vorige Mal. Sie wüßte nicht, ob ihr Vater Wind von seinem Aufenthalt bekommen hätte, aber kühler als sonst wäre er schon gegen sie gewesen. Sie hätte nicht erwartet, daß er ihr so untreu sein würde, und er werde es wohl später in anderen Dingen auch sein. Der Frühling näherte sich, und am letzten Winterabend kam die Jungfrau zu ihm und sagte, daß morgen der erste Sommertag wäre, und daß dann Leute vom Festland kämen, um ihn zu holen, weshalb er in der Frühe nach der Fischerhütte gehen sollte. Aber um eins wollte sie ihn bitten, wenn er Wert darauf lege, daß sie ihm das Leben während des Winters erhalten hätte: Er sollte das Kind anerkennen, das sie jetzt durch ihn erwarte; denn es gälte ihr Leben, und wenn sie den Vater nicht angeben könne, dann würde ihr Vater sie töten. Sie bitte ihn nun um weiter nichts, als daß er sich ihr gegenüber in dieser Angelegenheit treu erweisen solle. Das versprach er ihr und sagte, es werde nie geschehen, daß er leugne, der Vater des Kindes zu sein. Es koste ihn ja nichts, da er keine Ungelegenheit davon hätte. Er sagte ihr dann Lebewohl und dankte ihr für alle ihre Wohltaten während des Winters. Früh am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg, und als er ein kleines Stück gegangen war, wollte er sich nach der Halle umsehen, aber er sah weiter nichts als steinige Hügel und Felsen am südlichen Teil der Insel. Dann ging er nach der Fischerhütte. An diesem Tage war mildes Wetter und die See ruhig, und als der Tag etwas verstrichen war, sah er ein Boot vom Lande herkommen; als die Bootsleute aber an die Insel gekommen waren, ging er ihnen entgegen. Als sie ihn erblickten, fürchteten sie sich, denn er war sehr dick und fett, und sie glaubten deshalb, daß es sein Geist sei. Sie vermuteten, daß er im Winter gestorben wäre. Niemand wagte, ihn anzusprechen, viel weniger, zu ihm ans Land zu kommen. Schließlich aber stieg der Bootsführer doch an Land und fragte ihn, ob er ein lebendiger Mensch sei oder ein Geist, oder ob er derselbe sei, der im Herbst auf der Insel zurückgeblieben wäre. Er sagte, daß er derselbe Mann wie im Herbst sei, als sie ihn dort zurückgelassen hätten. Der andere aber sagte, daß er nicht verstehen könne, wie er so lange ohne Nahrung hätte leben können. Der Inselmann sagte, daß der Seetang auf Selö keine schlechtere Nahrung sei als die Wassergrütze auf Holme. Mehr wollte er ihnen nicht erzählen. Er stieg dann zu ihnen ins Boot, und sie ruderten ihn zurück nach Holme. Die meisten wunderten sich, ihn lebendig zurückkommen zu sehen, und viele Fragen wurden ihm gestellt, wie er den Winter über hätte leben können, niemand aber bekam mehr von ihm zu wissen, als jene auf der Insel von ihm erfahren hatten. Spät im Sommer war es eines Sonntags schönes Wetter, und es kamen viele Leute zur Kirche, und an diesem Tage wollte auch der Knecht dorthin. Als aber der Pfarrer und die ganze Gemeinde in die Kirche gekommen waren, stand eine Kinderwiege neben dem Altar, ehe man es sich versah, und eine golddurchwirkte Decke war über das Kind gebreitet, aber kein Mensch war zu sehen, nur sah man, daß eine schöne Frauenhand auf dem Rande der Wiege ruhte. Alle wunderten sich hierüber und sahen sich an. Der Pfarrer nahm das Wort und sagte, daß dies Kind getauft werden wolle und daß es wohl nicht irrig wäre, daß irgend jemand in der Kirche in Beziehung zu ihm stehe, und am ehesten glaube er dies von seinem Knecht, daß er es im Frühjahr auf Selö zurückgelassen habe. Der Knecht aber bestritt, etwas davon zu wissen. Da sagte der Pfarrer, er wolle es mit dem Namen des Knechts taufen, der aber leugnete wieder und sagte, er habe nichts mit der Sache zu tun. Der Pfarrer erwiderte, daß er doch nicht ohne Menschenhilfe auf der Insel hätte leben können; der Knecht aber sagte, daß er das Kind nie anerkennen würde, und verbot dem Pfarrer, es mit seinem Namen zu taufen. Da wurde die Wiege fortgerissen und verschwand im selben Augenblick, und zugleich ertönte heftiges Weinen, das sich allmählich aus der Kirche verlor. Der Pfarrer und die anderen gingen ihm aus der Kirche nach. Da hörten sie das Weinen und das Schluchzen in der Richtung nach dem See verschwinden, die Decke aber lag auf dem Boden der Kirche und wurde auf Holme noch lange nach dieser Zeit benutzt. Alle wunderten sich über das Geschehene, am tiefsten jedoch war der Pfarrer davon ergriffen. Der Knecht aber verfiel später in Tiefsinn. Der Pfarrer fragte ihn, wie das denn käme, und dann erzählte er ihm alles, daß er den Winter über bei einem König und seiner Tochter gewohnt hätte und daß es ihn sein Leben lang gereuen würde, daß er das Kind nicht anerkannt habe. Der Knecht war von diesem Tage an nicht mehr derselbe, und hiermit endet die Erzählung von dem Huldrekönig auf Selö. * Jón Árnason Die denkwürdige Neujahrnacht Isländische Volkssage Sæmundur hatte eine Tochter namens Margret. Diese hatte in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr mit den Mägden ein Gespräch gehabt und sich gewünscht, sie würde zu Neujahr dahin entrückt, wo in der Welt das größte Vergnügen und die schönste Kurzweil wäre. Am Silvesterabend, als Margret ihrem Vater das Bett machte, war dieser bei ihr in der Stube. Da fragte er sie, was sie an jenem Abend, den er ihr bezeichnete, oben im Bodenzimmer mit den Mägden gesprochen habe. Sie sagte, daß sie sich dessen nicht mehr entsinne. Saemundur erinnerte sie daran, daß sie sich gewünscht habe, dorthin zu gelangen, wo das größte Neujahrsvergnügen stattfinde, und da meinte sie, ja, das habe sie sich gewünscht. Er sagte nun, er wollte mit ihr nach jenem Orte reisen. Sie sollte sich zurechtmachen, denn sie müßten sich eine kleine Strecke vom Hause entfernen. Margret ging und kleidete sich an, und wie sie fertig war, sagte Saemundur zu seiner Frau, Margret und er wollten schnell ein wenig verreisen, vor der Messe würde er aber morgen wieder zurück sein. Vater und Tochter gingen nun hinab an die See. Dort rief Sæmundur den Teufel an und erinnerte ihn daran, was sie miteinander abgemacht hatten. Da stand sogleich ein graues Pferd am Strand. Sæmundur schwang sich hinauf und hieß Margret sich hinter ihm aufsetzen, flüsterte ihr aber dabei zu, sie sollte auf keinen Fall, wie es auch gehen möge, sich Hilfe von oben erbitten. Dann befahl er dem Teufel, ihn an den bezeichneten Ort zu bringen, und das tat der Teufel. Dabei ließ der Teufel dreimal sein Hinterteil in die See tauchen und wollte sie versenken. Sæmundur aber gab ihm jedesmal einen Schlag mit Davids Psalmenbuch, und da fuhr der Teufel mit ihnen vorwärts dem Lande zu. Als sie dort angelangt waren, stiegen sie von dem grauen Pferd ab und gingen in die Stadt. Da war viel los, es herrschte eine ungeheure Fröhlichkeit, und sie hatten beide viel Spaß die ganze Nacht. Als es aber Sæmundur an der Zeit fand heimzukehren, rief er Margret und sagte, sie solle mit ihm kommen. Sie brachen auf, und wie sie an den Strand kamen, stand der Graue wieder da, und sie saßen beide auf wie zuvor. Mitten auf der See jedoch begann der Teufel wiederum zu tauchen und zu versinken und trieb es so zweimal, Sæmundur aber schlug ihn jedesmal mit dem Psalter. Beim dritten Male aber brachte der Teufel sein ganzes Hinterteil ins Wasser und gebärdete sich sehr unruhig. Da begann Margret den Himmel um Hilfe anzurufen, allein Sæmundur warnte: »Nimm dich zusammen, Marga. Was brauchst du dich zu fürchten? Er strauchelte ja nur über einen Rochen«, und dabei versetzte er dem Grauen einen gewaltigen Schlag mit dem Psalter. Da brachte sie der Teufel dann ans Land, und Saemundur kam vor der Messe nach Oddi und versah am Neujahrstag sein Amt. *