Sagen der Chassidim Ausgewählt von Alexander Eliasberg Meinem Sohn Paul Inhalt 1. Der Wundertäter Adam 2. Die geheimnisvollen Handschriften 3. Seelenwanderung 4. Noch ein Fall von Seelenwanderung 5. Das verzauberte Pferd 6. Auferweckung der toten Braut 7. Baal-Schem und der Zauberer 8. Wie der Baal-Schem ins Heilige Land reisen wollte 9. Noch eine Reise ins Heilige Land 10. Das Gebet um den Messias 11. Seelen der Märtyrer 12. Vom Disputieren 13. Rosse helfen nicht 14. Der gefährliche Geburtstag 15. Die Seuche von Stanow 16. Eine Märtyrerin 17. Blutschande 18. Der vergessene Brief 19. Baal-Schem als Ehestifter 20. Der gottgefällige Tanz 21. Von der Macht des Arztes 22. Starkes Gottvertrauen 23. Die verschmähte Braut 24. Das Gleichnis vom Ofenheizer 25. Das Gebet um Speise 26. Der Prozeß gegen Gott 27. Das Verdienst des Buchbinders 28. Die ausgeschüttete Suppe 29. Brot für Seelenheil 30. Vom Selbstlob 31. Der störrische Rabbi 32. Die wunderbare Lichtanzündung 33. Durch die Hinterpforte 34. Eine Bekehrung 35. Schwur gegen Schwur 36. »Sollst leben!« 37. Die verkaufte Sünde 38. Die Fürbitte des Trunkenbolds 39. Rasche Reise nach Wien 40. Bekehrung eines Denunzianten 41. Von übertriebener Frömmigkeit 42. Rabbi Mojsche-Lejb und das verlassene Kind 43. Rabbi Mojsche-Lejbs Trauermusik 44. Von der wahren Gastfreundschaft 45. Von den falschen Messiassen 46. Der Zaddik als Makler 47. Die gestohlenen Brautkleider 48. Die drei Geschichten des Rabbi Levi-Jizchok 50. Die Friedhofsvergrößerung Glossar 1. Der Wundertäter Adam Es war einmal ein Meister des göttlichen Namens (Wundertäter) namens Reb Adam. Er hatte in einer Höhle Handschriften gefunden, die allerlei verborgene Geheimnisse der Thora enthielten. Er war aber sehr arm: er wohnte mit seinem Weibe in einem einzigen Kämmerchen, und beide hatten fast nichts anzuziehen. Einmal sagte das Weib: »Was soll ich anziehen, um ins Bethaus zu gehen?« Und er antwortete: »Geh in die Kammer und wähle dir dort ein Kleid nach deiner Herzenslust aus; wenn du aber vom Beten heimkommst, sollst du das Kleid sofort in die Kammer zurückhängen.« Sie tat so und ging jeden Tag ins Bethaus in einem neuen Kleide. Die Leute konnten nicht verstehen, wie das Weib eines armen Mannes zu solchen Kleidern kam, und sie fragten sie danach. Das Weib eröffnete ihnen das Geheimnis. Die Sache kam dem Kaiser zu Ohren; er prüfte sie nach und sah, daß alles, was die Leute erzählten, stimmte. Der Kaiser berief Reb Adam an seinen Hof und gewann ihn lieb, doch dieser blieb arm. Unter den Hofleuten war aber einer, der alle Juden haßte und den es verdroß, daß der Kaiser dem Reb Adam gewogen war. Reb Adam sagte einmal zum Kaiser: »Ich will dich zu einem Mahle laden.« Das verdroß jenen Höfling noch mehr. Der Kaiser nahm aber die Einladung an. Als der festgesetzte Tag kam, fuhr der Kaiser mit seinem ganzen Hofe zum Festmahle; auch der Feind Reb Adams war darunter. Dieser Höfling versuchte den Kaiser zu überreden, daß er umkehre: »Der Mann will uns allen Schande antun. Wie ist es möglich, daß ein so armer Mensch ein Mahl für den Kaiser und den ganzen Hof beschaffen kann?« Doch der Kaiser gab nichts auf alle seine Worte. Als man vor der Stadt anlangte, in der Reb Adam wohnte, schickte der Kaiser Boten voraus, um zu sehen, ob für ihn und sein Gefolge genügend Zimmer vorbereitet seien. Die Boten kamen zurück und berichteten, daß nichts vorbereitet sei, weder Zimmer noch ein Mahl; sie hätten nur das kleine Stübchen gesehen, in dem Reb Adam mit seinem Weibe wohnte. Der Kaiser setzte aber trotzdem die Reise fort, denn er sagte sich: »Er wird uns wohl ein großes Wunder zeigen!« Um die gleiche Zeit wollte der König eines andern Landes ein großes Mahl für einen andern König bereiten; für dieses Mahl wurde zwei Jahre lang ein eigener Palast gebaut. Im Palaste waren allerlei Speisen vorbereitet, goldene und silberne Schüsseln und Becher, Diener und alles, was zu einem königlichen Mahle gehört. Und an dem Tage, für den Reb Adam den Kaiser eingeladen hatte, hob sich dieser Palast mit allem, was darin war, von der Erde weg und flog zum Ort, wohin Reb Adam den Kaiser geladen hatte. Wie der Kaiser in die Stadt kam, fand er einen großen Palast vor, der überaus kostbar ausgestattet war. Der Kaiser trat ein, und die Diener bereiteten ihm und seinem Gefolge einen prächtigen Empfang. Reb Adam ging aber durch die Säle und sprach zu seinen Gästen: »Eßt und trinkt, doch niemand von euch soll sich von seinem Platze rühren.« Und später sagte er: »Nun soll jeder von euch seine Hand in die Tasche stecken: er wird darin finden, was sein Herz will.« Der Kaiser und alle Hofleute taten so, und jeder fand in seiner Tasche das, wonach sein Herz gelüstete. Als aber der Höfling, der Reb Adam haßte, seine Hand in die Tasche steckte, fand er in ihr nur Kot. Und seine Hand roch so übel, daß es niemand ertragen konnte und daß man ihn hinausjagte. Da bat der Höfling die andern Hofleute, sie möchten sich bei Reb Adam verwenden, daß seine Hand nicht mehr stinke. Reb Adam sagte: »Wenn er sich verpflichtet, das Volk Israel nicht mehr zu hassen, wird der üble Geruch verschwinden.« Der Höfling gab das Versprechen, und Reb Adam befahl, daß irgendein Jude ihm auf die Hand spucke; als dies geschehen, verschwand sofort der üble Geruch. Bevor die Gäste das Schloß verließen, nahm der Kaiser zwei goldene Becher zu sich. Später las man in den Zeitungen, daß ein König einen andern König zu einem Mahle laden wollte, daß man dazu zwei Jahre lang einen Palast gebaut hatte, daß der Palast plötzlich mit allem, was er enthielt, verschwunden war und nach einigen Tagen wieder auf seinen Platz zurückkehrte; nur zwei goldene Becher waren von der Tafel verschwunden. Und der Kaiser schrieb dem König: »Ich kenne einen Juden, der das getan hat. Und zum Beweis habe ich die beiden verschwundenen Becher bei mir.« 2. Die geheimnisvollen Handschriften Reb Adam hatte einen Sohn, und zu dem sprach er vor seinem Tode folgendes: »Ich hinterlasse dir sehr wertvolle Handschriften, du bist aber noch nicht würdig, in ihnen zu lesen. Darum sollst du nach der Stadt Okup reisen und dort einen Menschen aufsuchen, der Israel heißt und vierzehn Jahre alt ist. Und ihm sollst du die Handschriften anvertrauen. Und wenn du die Gnade findest, wird er mit dir in diesen Handschriften lesen.« Als Reb Adam gestorben war, fuhr sein Sohn nach Okup und kehrte im Hause des Gemeindevorstehers ein. Dieser fragte ihn: »Was führt Euch her?« Und Reb Adams Sohn antwortete: »Mein Vater ist gestorben und hat mir vor dem Tode befohlen, daß ich mir ein Weib aus Eurer Stadt nehme.« Man schlug ihm verschiedene Partien vor, und schließlich nahm er sich die Tochter eines sehr reichen Mannes. Bald nach der Hochzeit begann er, den Israel, zu dem er gesandt war, zu suchen. Der Bethausdiener fiel ihm auf; es schien ihm, daß er der betreffende Israel sein müsse, und er begann ihn aufmerksam zu beobachten. Er bat seinen Schwiegervater, er möchte ihm eine Klause am Bethause anbauen, damit er für sich allein studieren könne. Der Schwiegervater tat so und stellte den Bethausdiener Israel als Diener bei seinem Schwiegersohne an. Wenn der Sohn Reb Adams nachts schlief, stand Israel auf und studierte die Thora und betete, wie es seine Gewohnheit war. Und als Israel einmal einschlief, nahm Reb Adams Sohn ein Blatt von seinen Handschriften und legte es neben den Schlafenden. Als Israel erwachte und das Blatt sah, begann er zu zittern und nahm das Blatt zu sich. Am nächsten Tag legte er ihm wieder ein Blatt hin, und Israel nahm es wieder zu sich. Nun begriff der Sohn des Rabbi, daß sein Vater diesen Israel gemeint hatte. Reb Adams Sohn rief nun Rabbi Israel zu sich heran und sagte ihm: »Sollst wissen, daß mein Vater mir Handschriften hinterlassen hat, die ich dir anvertrauen soll, doch unter der Bedingung, daß du sie mit mir studierst.« Darauf antwortete Rabbi Israel: »Gut, es soll aber niemand etwas davon erfahren. Ich werde wie bisher dein Diener sein.« Reb Adams Sohn bat nun seinen Schwiegervater, er möchte ihm eine Klause außerhalb der Stadt bauen lassen, damit er in voller Einsamkeit leben könne. Dieser erfüllte den Wunsch. Als die Leute sahen, daß Reb Adams Sohn mit seinem Diener wie mit einem Freund umging, hielten sie es für eine große Ehre für diesen. Und sie gaben Rabbi Israel eine der Töchter der Stadt zum Weibe; sie starb aber bald nach der Hochzeit. Reb Adams Sohn und Rabbi Israel saßen ganze Tage in der Klause außerhalb der Stadt und studierten die Gemara und die Kabbala. Einmal bat Reb Adams Sohn Rabbi Israel, er möchte den Fürsten der Gelehrsamkeit vom Himmel herabrufen, damit sie mit ihm gemeinsam studierten. Rabbi Israel wollte es seinem Schüler ausreden und sagte: »Es ist eine große Gefahr dabei, denn wir können uns in den Beschwörungen irren.« Reb Adams Sohn bat aber sehr inständig. Also fasteten sie von Sabbat zu Sabbat, reinigten Leib und Seele, und beim Sabbatausgang nahmen sie die nötigen Andachtsübungen vor. Plötzlich rief Rabbi Israel aus: »Wehe, wir haben uns geirrt: der Fürst des Feuers fährt vom Himmel herab! Er wird die ganze Stadt verbrennen! Laufe schnell in die Stadt und sage den Leuten, daß sie sich und ihr Hab und Gut aus den Häusern retten!« Seit der Zeit betrachteten die Leute der Stadt Rabbi Israel als einen Wundertäter, denn ohne seine Warnung wäre alles verbrannt. Einige Zeit darauf bat Reb Adams Sohn Rabbi Israel wieder, er möchte den Fürsten der Gelehrsamkeit herabrufen, und Rabbi Israel ließ sich wieder dazu bewegen. Als sie mit den Übungen begonnen hatten, schrie Rabbi Israel auf: »Wehe! Es ist über uns beiden der Tod beschlossen worden. Es gibt aber eine Rettung: nämlich, wenn wir diese Nacht nicht schlafen.« Sie durchwachten die Nacht, doch kurz vor Tagesanbruch schlief Reb Adams Sohn ein und starb. Rabbi Israel lief in die Stadt und rief: »Der Sohn Reb Adams ist in Ohnmacht gefallen!« Die Leute liefen herbei, versuchten ihn zur Besinnung zu bringen, doch er war schon tot. 3. Seelenwanderung In den Tagen des heiligen Rabbi Israel ben Elieser, des Baal-Schem, lebte in Miedziborz ein Talmudgelehrter, der Tag und Nacht studierte. Er war sehr arm und lebte mit seiner ganzen Familie von der Mildtätigkeit anderer Leute. Sein Weib, das sehr fromm war, verlangte von ihm niemals, daß er sich nach einem Verdienst umsehe, denn sie wollte nicht, daß er sein Studium aufgebe. Als aber die Kinder erwachsen waren, sagte das Weib zu ihm: »Es ist ja wahr, daß wir immer im Vertrauen auf die Hilfe des Herrn lebten und daß er uns bisher nicht verlassen hat. Was sollen wir aber jetzt tun, da die Kinder schon erwachsen sind? Es ist nicht schön, daß unsere großen Töchter noch unverheiratet herumgehen!« Der Mann sagte darauf: »Was soll ich tun, solange der Herr seine Hilfe nicht gesandt hat?« Und das Weib erwiderte: »Folge mir, mein Mann: in unserer Stadt lebt ja der heilige Baal-Schem, der schon so vielen Menschen geholfen hat. Du siehst ja: die Leute aus den andern Städten stürzen sich in Unkosten und reisen zu ihm. Warum sollst du nicht auch zu ihm gehen, wo wir in der gleichen Stadt wohnen? Laß deinen Stolz, beuge dich vor dem heiligen Rabbi, und es wird dir geholfen werden!« Der Gelehrte war ein Gegner der chassidischen Lehre und glaubte nicht an die Wunderkraft des heiligen Rabbi. Doch was sollte er tun, da seine Frau ihm keine Ruhe gab und auch die Not sehr schwer war? Er ging also zum Baal-Schem und erzählte ihm von seiner großen Not und Armut; auch daß die Kinder erwachsen seien und die Töchter unter die Haube müßten, er aber keinen Heller besitze. Der Baal-Schem sagte ihm darauf: »Fahre in die Stadt Kazimierz und erkundige dich dort nach einem Handwerker mit Namen so und so.« Er sagte ihm den Namen und den Vatersnamen des Handwerkers und gab ihm noch andere Zeichen, damit er den Mann leichter finden könne. In diesem Handwerker werde er ein Heilmittel für seine Not finden, und er werde dann seine Lage recht verstehen. Der Gelehrte beschloß, die vom Baal-Schem befohlene Reise anzutreten. Er hatte aber gar kein Geld und wanderte daher zu Fuß von Stadt zu Stadt, bis er in Kazimierz anlangte, wohin ihn der heilige Rabbi geschickt hatte. Es ist ja allgemein Sitte, daß, wenn ein Armer in eine Stadt kommt, er sich zuallererst in ein Bethaus begibt, um dort auszuruhen. Und wie der Gelehrte in ein Bethaus kam, traf er dort sehr viele Menschen, und er begann sie sofort nach dem Handwerker auszufragen, von dem ihm der Baal-Schem gesprochen hatte. Die Leute sagten ihm aber: »In unserer Stadt gibt es keinen Handwerker mit diesem Namen.« Der Gelehrte seufzte ob der großen Mühe, die ihm die Reise gemacht hatte und die nun vergeblich sein sollte. Er erkundigte sich noch in einem andern Bethause und bekam die gleiche Antwort, daß es einen solchen Handwerker in dieser Stadt gar nicht gebe. In diesem zweiten Bethause saßen aber einige Greise; sie riefen den Gelehrten zu sich heran und fragten ihn noch einmal nach dem Namen und den anderen Kennzeichen des Handwerkers. Und dann sagten sie ihm: »Lieber Freund! Was erkundigt Ihr Euch nach diesem Bösewicht? Er ist ja schon seit sechzig Jahren tot. Ein Handwerker mit diesem Namen hat einmal wirklich in dieser Stadt gelebt, er war aber ein großer Bösewicht und Denunziant, und es gibt keine noch so große Sünde, die der Mann nicht getan hätte. Als er vor sechzig Jahren starb, freute sich die ganze Stadt darüber. Wozu braucht ihr also diesen Mann, und warum fragt Ihr nach ihm?« Als der Gelehrte das hörte, erkundigte er sich noch bei andern alten Leuten, und alle sagten ihm dasselbe. Der Gelehrte war sehr bestürzt und machte sich auf den Heimweg, ohne Hilfe gefunden zu haben, und sehr traurig. Als er ganz müde und erschöpft zu Hause anlangte, begab er sich zum heiligen Rabbi Baal-Schem, um ihn zu fragen, wozu er ihn nach Kazimierz geschickt hatte; er erzählte ihm alles: wie er in die Stadt kam, wie er sich nach dem Handwerker mit dem und dem Namen erkundigte und wie ihm alle Leute sagten, daß der Mann vor sechzig Jahren gestorben wäre und daß er bei Lebzeiten ein großer Bösewicht gewesen sei, der keine noch so große Sünde ungetan gelassen hätte. Darauf antwortete ihm Baal-Schem: »Du bist ja ein gottesfürchtiger Mensch und glaubst wohl an die Gemara und die Weisen, die die Seelenwanderung lehren, daß nämlich ein Mensch verwandelt werden kann, um im neuen Dasein seine Vergehen abzubüßen und das im ersten Dasein nicht Erfüllte zu erfüllen?« Und als der Gelehrte bestätigte, daß er an alle diese Dinge glaubte, fuhr der heilige Baal-Schem fort: »Wisse, daß du dieser selbe Bösewicht bist, der vor sechzig Jahren gestorben ist und der jede Sünde, die es nur gibt, auf dem Gewissen hatte! Und nun frage ich dich: willst du wirklich, daß es dir gut gehe und daß du Reichtum und Ansehen genießest, wo du alle die Sünden abbüßen mußt, die du in deinem ersten Dasein getan hast? Denn die Not, die du jetzt leidest, ist nur eine Sühne für die großen Sünden deines früheren Daseins!« Als der Gelehrte das hörte, war er sehr erschrocken. Er weinte vor dem heiligen Baal-Schem und bat ihn, er möchte ihm die Verzeihung für die früheren Sünden erwirken. Und er gab sich noch mehr der heiligen Thora hin, betete und studierte und wurde zu einem der berühmtesten Schüler des heiligen Baal-Schem. Aus dieser wunderlichen Geschichte soll jeder die Lehre entnehmen, daß man gegen sein Schicksal nicht murren darf, sondern zum Schöpfer um Vergebung aller Sünden beten und auf ihn vertrauen soll. Der Herr möchte uns helfen, alle unsere Sünden und Vergehen abzubüßen und gutzumachen, auf daß uns schnelle Hilfe komme. Amen. 4. Noch ein Fall von Seelenwanderung Rabbi Jizchak Luria, der Begründer der Kabbala, war einmal zu einer Hochzeit geladen. Der Bräutigam war ein berühmter junger Gelehrter, ein sehr frommer Mann, heilig und rein von Sitten, ausgezeichnet durch Gottesfurcht und alle Tugenden. Nach der Trauung war ein großes Festmahl. Als der Neuvermählte sich ein Stückchen Huhn nahm, blieb ihm ein Knochen im Halse stecken, so daß er daran erstickte und starb. Alle Anwesenden jammerten und weinten, nur Rabbi Jizchak allein weinte nicht und schien sogar erfreut. Alle waren darob sehr erstaunt und fragten den heiligen Rabbi, warum er so froh sei. Darauf antwortete der Heilige: »Wisset, daß die Seele des jungen Mannes soeben nach allen Verwandlungen für immer erlöst wurde. Der junge Mann war schon in einem früheren Dasein ein frommer, reiner und heiliger Mann gewesen, ausgezeichnet durch alle Tugenden, und hatte bei Lebzeiten alle Makel, die seiner Seele von früheren Verwandlungen anhafteten, reingewaschen. Und daß dieser heilige Mann dennoch eine neue Verwandlung durchmachen mußte, hatte folgende Ursache. Der Mann war in seinem vorigen Dasein ein Stadtrabbiner und hatte als solcher über verschiedene rituelle Fragen zu entscheiden. Um jene Zeit irrte aber in der Welt eine unerlöste Seele umher. Da erging ein Beschluß des himmlischen Gerichtshofes, daß diese Seele in einen reinen, koscheren Vogel kommen soll; und daß, wenn der Vogel die Gnade findet, von einem heiligen und frommen Mann am Sabbat oder bei einem Fest verzehrt zu werden, sie endgültig erlöst werden soll. Und so geschah es: die Seele kam in ein Huhn, das von einem gottesfürchtigen Gelehrten zum Sabbat gekauft wurde. Der Seele war dadurch eine große Gnade geschehen, und sie glaubte sich schon erlöst. Doch die Köchin des Gelehrten hatte irgendeinen Zweifel, ob das Huhn ordnungsgemäß geschächtet sei und ob man es essen dürfe. Sie ging darum, wie es üblich ist, zum Stadtrabbiner, damit er über diese Frage entscheide. Der Stadtrabbiner untersuchte das Huhn nicht sorgfältig genug und entschied, daß man es nicht essen dürfe, obwohl er bei näherer Untersuchung hätte zugeben müssen, daß es durchaus koscher sei. So blieb die arme Seele unerlöst und mußte noch weiter in der Welt umherirren. Sie trat vor den himmlischen Gerichtshof und erhob Anklage gegen den heiligen Rabbiner: dieser hätte die Schuld, daß sie noch unerlöst sei; denn sie habe wirklich die Gnade gehabt, von einem gottesfürchtigen Mann zum Sabbat gekauft zu werden, sie sei auch wirklich koscher gewesen und hätte somit die sichere Aussicht gehabt, erlöst zu werden; doch der fromme Rabbiner habe durch sein Urteil die Sache verdorben; der himmlische Gerichtshof möge ihn daher verurteilen. Und der himmlische Gerichtshof beschloß, daß der fromme Rabbiner noch eine Verwandlung durchmachen müsse, um in seinem neuen Dasein die Seele zu erlösen. Und die unerlöste Seele kam wieder in einen Vogel, nämlich in das Huhn, das der fromme Gelehrte bei seiner Hochzeit verzehren sollte. Als der Gelehrte das Huhn zu verzehren begann, wurde die arme Seele sofort erlöst; auch er selbst hatte nichts mehr auf dieser Welt zu tun, da er den Zweck dieses Daseins erfüllt hatte. Selig ist seine Seele, die in jungen Jahren alles erfüllt hat, was sie zu erfüllen hatte!« Daraus kann man lernen, daß man nicht trauern soll, wenn ein frommer Mann in jungen Jahren stirbt. Denn der Herr ist gerecht und weiß, was für die Menschenseele gut ist. Dasselbe zeigt uns auch folgendes Gleichnis: Ein König hatte eine Tochter, die er sehr liebte. Er wollte, daß sie alle Weisheit der Welt erlerne, und schickte sie daher in ein fernes Land, wo sie bei Weisen lernen sollte. Die andern Schüler und Schülerinnen der Weisen gewannen sie sehr lieb und lebten mit ihr freundschaftlich wie mit einer Schwester. Als die Königstochter ausgelernt hatte, ließ sie ihr Vater, der König, wieder abholen, denn er wollte, daß sie in seinem Königsschlosse unter Würdenträgern, Prinzen und Prinzessinnen wohne und nicht in der Fremde, unter einfachen Leuten. Doch die Königstochter hatte sich an das fremde Land gewöhnt und ihre Freunde liebgewonnen, und ebenso hatten diese sie liebgewonnen. Die Trennung fiel allen sehr schwer, und die Königstochter weinte sehr, weil sie von ihren Freunden wegziehen mußte, und die Freunde weinten, weil sie sie verließ. Ein Weiser sagte aber ihnen: »Was weint ihr jetzt? Ihr solltet euch doch freuen, daß sie ausgelernt hat und ins Königsschloß zurückkehren darf, um an der Seite des Königs zu sitzen! Ihr wißt ja, daß sie eine Königstochter ist und daß der König sie hergeschickt hat, damit sie Weisheit lerne, um später zwischen Würdenträgern und Prinzessinnen sitzen zu können. Da sie das nun erreicht hat und zum Königshofe kommt, sollt ihr nicht weinen! Ihr müßt euch freuen, daß eure geliebte Schwester zu solchen Ehren kommt, und wenn es euch auch dünkt, daß die Trennung zu schnell gekommen ist und daß sie noch länger bei euch hätte bleiben sollen. Wißt aber, daß sie in der kurzen Zeit so viel gelernt hat, wie andere in vielen Jahren lernen. Darum sollt ihr nicht trauern und nicht weinen!« Die heilige Menschenseele ist die Königstochter; sie ist vom Schöpfer – gelobt sei Er, und gesegnet sei sein Name! – auf diese Welt gesandt, um Thora zu lernen und göttliche Gebote zu erfüllen; und wenn sie das alles erfüllt hat, nimmt sie der Herr wieder zu sich, und wenn das auch in ihren jungen Jahren geschieht, darf der Mensch dagegen nicht murren, denn der Herr ist gerecht, und seine Urteile sind gerecht. Der Herr sei uns gnädig und lasse uns viele gute und gottgefällige Werke tun. Amen. 5. Das verzauberte Pferd Der heilige Baal-Schem kam auf einer seiner Reisen in ein Dorf, wo ein Pächter wohnte, der sein eifriger Anhänger war. Der Pächter ließ für den Gast ein feines Mahl bereiten. Während des Mahles unterhielt sich Baal-Schem mit ihm über seine Wirtschaft und fragte ihn: »Hast du gute Pferde?« Und als der Pächter das bejahte, schlug der Rabbi vor: »Wollen wir in den Stall gehen und deine Pferde sehen.« Im Stalle gefiel dem Rabbi ein kleines Pferdchen ganz besonders, und er bat den Pächter, er möchte es ihm schenken. Darauf sagte der Pächter: »Dieses kleine Pferd ist mir besonders lieb, denn es kann mehr als drei andere Pferde leisten. Wo drei Pferde einen Wagen nicht herausziehen können, zieht es ihn ganz allein heraus, wie ich es schon oft erlebt habe. Wenn Ihr ein anderes Pferd wollt, so will ich Euch das beste aus meinem Stalle schenken.« Der Baal-Schem erwiderte nichts. Sie sprachen über andere Dinge, und nach einer Stunde fragte der Rabbi den Pächter, ob ihm die Leute viel schuldeten. Der Pächter sagte, er habe viele Schuldner. Der Baal-Schem sagte ihm darauf: »Zeige mir, bitte, die Schuldscheine.« Der Pächter brachte alle Schuldscheine, und als der Rabbi einen gewissen Schuldschein sah, sagte er zum Pächter: »Schenke mir diesen Schuldschein!« Der Pächter darauf: »Rabbi, was taugt Euch dieser Schuldschein? Der Mann, der ihn gezeichnet hat, ist schon längst tot, und er hat nichts hinterlassen, womit man seine Schulden bezahlen könnte.« Doch der Rabbi wiederholte seine Bitte, und der Pächter schenkte ihm den Schuldschein. Der Baal-Schem nahm den Schuldschein und zerriß ihn in kleine Fetzen: so erlöste er den Verstorbenen von seiner Schuld. Dann sagte er zum Pächter: »Geh, schau jetzt nach deinem kleinen Pferde!« Der Pächter ging in den Stall und sah, daß das kleine Pferd tot war. Er begriff, daß die Sache nicht so einfach war, und der Baal-Schem erklärte sie ihm: »Über den Mann, der dir den unbezahlten Schuldschein zurückließ, wurde am himmlischen Gerichtshofe beschlossen, daß er dir die Schuld abarbeiten soll. Da wurde er in ein Pferd verwandelt und hat dir als solches zu deiner Zufriedenheit gedient. Als du mir aber den Schuldschein schenktest und ich diesen zerriß, wurde er frei von seiner Schuld. Darum ist nun das Pferd tot, und seine Seele ist erlöst.« 6. Auferweckung der toten Braut Der heilige Baal-Schem war einmal mit seinen Leuten auf der Reise. Da befahl er plötzlich, einen neuen, ihnen unbekannten Weg zu fahren, und niemand begriff, was er vorhatte. So fuhren sie eine ganze Woche, und an einem Mittwochabend hielten sie bei einem Wirtshause, wo sie auch zur Nacht blieben. Der Wirt fragte sie, wer sie seien, und der Baal-Schem antwortete: »Ich bin ein berühmter Prediger. Ich hörte, daß ein sehr reicher Mann in Berlin seine Hochzeit feiert, und will auf Sabbat hinkommen; vielleicht werde ich dort etwas Geld verdienen können.« Und der Wirt entgegnete: »Was sprecht Ihr? Von hier bis Berlin sind noch fünfzig Meilen. Wie wollt Ihr es machen, um noch bis Sabbatanbruch hinzukommen?« Und der Baal-Schem darauf: »Ich habe ein sehr gutes Pferd und werde vor Sabbatanbruch in Berlin sein.« Der Wirt lachte und sagte: »Das ist ganz unmöglich! Außer Ihr werdet durch die Lüfte fliegen.« Und der Baal-Schem wiederholte: »Ich sage Euch, daß wir zu Sabbat in Berlin sein werden.« Der Wirt erinnerte sich, daß er in einer Stadt, die einige Meilen weit auf der nach Berlin führenden Straße lag, zu tun hatte, und er sagte sich: »Ich will doch lieber zusammen mit dem Prediger bis zur Stadt, in der ich zu tun habe, fahren. So werde ich vor Sabbat ankommen. Denn bis Berlin wird der Prediger sicher nicht kommen.« Und er sagte zum Rabbi: »Vielleicht könnt Ihr mich mitnehmen? Auch ich habe in Berlin zu tun.« Und der Baal-Schem versprach, ihn mitzunehmen. Am nächsten Morgen betete der Rabbi ebensolange wie immer und ließ sich dann Essen kochen. Der Wirt sagte: »Was säumt Ihr noch, wenn Ihr zu Sabbat in Berlin sein wollt?« Doch der Baal-Schem beeilte sich gar nicht. Erst gegen Abend fuhren sie ab, und der Wirt fuhr mit. Sie fuhren die ganze Nacht durch, und als der Wirt am Morgen sich umsah, erkannte er die Gegend bei Berlin, und bald waren sie wirklich in Berlin. Der bestürzte Wirt wußte nicht, was er sich davon denken sollte. Der heilige Baal-Schem zog in eine Herberge, die sehr weit von der Wohnung des Reichen lag, der Hochzeit feierte. Und der Wirt ging in der Stadt herum und wußte nicht, was er da tun sollte. Plötzlich hörte er die Leute erzählen, daß die Braut des Reichen in Ohnmacht gefallen sei und daß man sie nicht zur Besinnung bringen könne. Alle Leute liefen hin, und der Wirt lief auch hin. Und er sah, daß die Braut wie tot dalag und daß viele Ärzte sich um sie zu schaffen machten. Der Bräutigam war mehr tot als lebendig und wußte nicht, was er anfangen sollte. Doch der Wirt, der mit dem Baal-Schem angekommen war, sagte ihm: »Sei unbesorgt. Ich bin gestern nachts aus einer Stadt fortgefahren, die fünfzig Meilen von hier liegt, und war schon heute früh hier. Schicke nach dem Mann, der mich hergebracht hat: ich hörte, daß er auch Krankheiten heilt; vielleicht wird er deiner Braut helfen können.« Und der Bräutigam lief zum Baal-Schem und bat ihn, er möchte sich seine Braut ansehen, und versprach ihm viel Geld. Doch der Rabbi wollte das Geld nicht nehmen. Er ging aber mit, und wie er die Braut ansah, sagte er zum Bräutigam: »Schicke sofort auf den Friedhof, daß man ihr ein Grab vorbereite!« Er befahl auch der Beerdigungsbrüderschaft, sich der Leiche anzunehmen. Und er sagte: »Ich werde mit euch zum Grabe gehen, und ihr werdet sehen, was geschehen wird.« Und er befahl, die für die Trauung vorbereiteten Kleider ebenfalls auf den Friedhof mitzunehmen. Man machte alles so, wie er sagte. Im Trauerzuge ging auch der Baal-Schem, und ihm folgte die ganze Gemeinde, um zu sehen, was auf dem Friedhofe geschehen würde. Als man am Grabe anlangte, ließ der Baal-Schem die tote Braut ins Grab betten; das Grab sollte man aber nicht zuschütten. Dann mußten sich zwei starke Männer am Grabe, das Gesicht zur Toten gewandt, hinstellen, und er sagte ihnen: »Sobald ihr in ihrem Gesichte eine Veränderung sehen werdet, sollt ihr sie sofort aus dem Grabe herausziehen.« Er selbst beugte sich, auf seinen Stock gestützt, über das Grab und blickte auf die Tote. Als sie so eine halbe Stunde gestanden hatten, bemerkten plötzlich die beiden Männer, daß das Gesicht der Braut sich zu röten begann. Der Baal-Schem gab ihnen ein Zeichen, und sie zogen sie sofort aus dem Grabe heraus. Der Baal-Schem schrie sie an: »Geh zur Trauung!« Und man führte sie zum Trauhimmel, und der heilige Baal-Schem mußte bei der Trauung den Segen sprechen. Als die Braut seine Stimme hörte, hob sie ihren Schleier auf und sagte: »Das ist der Mann, der mich vom Tode errettet hat!« Der Baal-Schem schrie sie aber an, und sie wurde still. Nach der Trauung erzählte die Braut, wie es sich zugetragen hatte. Der reiche Mann war nämlich schon einmal verheiratet gewesen, und zwar mit der Muhme seiner jetzigen Braut. Als die Muhme erkrankt war und den Tod vor Augen sah, begriff sie, daß ihr Mann nach ihrem Tode das junge Mädchen heiraten würde, das sie in ihrem Hause großgezogen hatte. Sie war auf sie eifersüchtig und bat ihren Mann, ihr zu versprechen, das Mädchen nicht zu heiraten. Er versprach es ihr. Doch sie glaubte es ihm noch nicht, und er mußte ihr seine Hand darauf geben, und ebenso das junge Mädchen. Sobald sie aber gestorben war, achteten beide auf das gegebene Versprechen nicht, sondern verlobten sich. Als das Mädchen schon unter dem Trauhimmel stand, wollte die Verstorbene sie töten, weil sie das Versprechen nicht gehalten hatte. Und als man sie ins Grab gebettet hatte, wurde der Fall vom himmlischen Gerichtshof dem heiligen Baal-Schem zur Entscheidung übergeben. Und der Baal-Schem entschied, daß die Lebenden recht haben. Denn sie mußten der Sterbenden das Versprechen geben, damit sie in ihrer Sterbestunde nicht unnötig leide. Mit den Worten: »Geh zur Trauung!« hatte er sie lebendig gemacht. Als sie später unter dem Trauhimmel stand und er den Segensspruch sprach, hatte sie seine Stimme wiedererkannt. Darum lüftete sie den Schleier, um ihn zu sehen. 7. Baal-Schem und der Zauberer Nachdem der Baal-Schem die Braut auferweckt hatte, blieb er noch über den Sabbat in Berlin, wo man ihm die größten Ehren erwies. Am Sonntag früh reiste er ab, und die ganze Gemeinde gab ihm das Geleite. Am Dienstag gegen Abend hielt er vor einem Wirtshause und wollte da einkehren. Der Wirt schien sehr bekümmert, und es brannten viele Lichter in seiner Stube. Er begrüßte den Rabbi, den er nicht kannte. Und der Baal-Schem fragte ihn: »Kann ich bei Euch zur Nacht bleiben?« Der Wirt antwortete: »Nein.« Und der Rabbi fragte weiter: »Warum seid Ihr so traurig? Erzählt es mir, vielleicht werde ich Euch helfen können, denn ich bin der Baal-Schem.« Und der Wirt erzählte ihm: »Diese Nacht muß ich durchwachen, denn morgen will ich meinen neugeborenen Sohn beschneiden lassen. Es sind mir aber schon fünf Kinder genau um Mitternacht vor dem Beschneidungstage ganz plötzlich gestorben. Ich weiß gar nicht, woher das kommt, denn an den Kindern war gar keine Krankheit zu sehen. Nun ist schon die zehnte Abendstunde, und ich fürchte, daß mir wieder das Unglück zustößt. Darum bin ich so traurig, und darum will ich für diese Nacht keinen Gast aufnehmen.« Und der heilige Rabbi sagte ihm: »Seid unbesorgt, denn es wird Euch diesmal nichts zustoßen. Bereitet alles zur Beschneidungsfeier vor.« Dann befahl der Baal-Schem zweien von seinen Begleitern, sich mit einem offenen Sack in den Händen neben der Wiege des Kindes hinzustellen. Und seinen übrigen Leuten befahl er, die ganze Nacht zu wachen und in heiligen Büchern zu lesen; sie dürften um Himmels willen nicht einschlafen; und wenn etwas in den Sack fallen würde, sollten sie den Sack sofort zubinden und ihn, Baal-Schem, aufwecken. Und er schärfte ihnen noch einmal ein, für keinen Augenblick einzuschlafen. Die Leute taten alles, wie er ihnen geheißen. Gegen Mitternacht begannen die Lichter, eines nach dem andern, von selbst zu verlöschen. Doch die Schüler des Baal-Schem blieben stark und wachten weiter. Genau um Mitternacht fiel eine große Katze in den Sack. Sie banden den Sack sofort zu und weckten den Rabbi. Dieser befahl, den Sack mit noch einem Strick zu umbinden. Und als das geschehen war, mußten zwei Männer den Sack eine Zeitlang mit Stöcken prügeln. Dann befahl der Rabbi, den Sack aufzubinden und auf die Straße hinauszuwerfen. Und sie taten so. Dem Kinde war nicht der geringste Schaden geschehen. Am nächsten Tage fand die Feier statt, und der Baal-Schem hielt als Pate das Kind während der Beschneidung auf seinem Schoße. Nachher bat der Wirt den Rabbi, er möchte auch zum Festmahle bleiben; er selbst müsse aber noch ins Schloß zum Gutsherrn gehen, um ihm ein Stück vom Honigkuchen, der zum Feste gebacken war, zu überbringen; dieser Gutsherr sei ein sehr böser Mensch, und alle Juden hätten vor ihm Angst. Der Baal-Schem sagte ihm: »Gehe in Frieden!« Und er ging. Wie der Wirt auf den Schloßhof kam, sagte man ihm, daß der Herr verwundet sei und krank im Bette liege. Der Jude bat aber die Diener, sie möchten ihrem Herrn melden, daß er Honigkuchen gebracht habe. Als man das dem Gutsherrn meldete, befahl er, den Gastwirt vorzulassen. Er nahm ihn recht freundlich auf und fragte ihn: »Wen hast du bei dir im Hause zu Gast?« Und der Wirt antwortete: »Es ist ein gar feiner Jude aus Polen. Er hat mir mein Kind vom Tode errettet.« Und er erzählte dem Gutsherrn die ganze Begebenheit. Darauf sagte der Gutsherr: »Geh nach Hause und bitte deinen Gast, daß er zu mir kommt. Ich will mit ihm sprechen.« Der Wirt ging erschrocken heim. Wie er zurückgekehrt war, fragte ihn der Baal-Schem: »Warum bist du so erschrocken?« Und der Wirt erwiderte: »Ich bin in großer Sorge, denn der Gutsherr befahl mir, Euch zu ihm zu schicken. Ich fürchte, daß er Euch ein Leid antut, denn er ist ein böser Mensch. Ich würde Euch raten, sofort abzureisen. Dem Gutsherrn werde ich sagen, daß Ihr keine Zeit gehabt hättet und schon abgereist wäret.« Doch der Baal-Schem antwortete: »Ich habe vor ihm keine Angst. Gleich nach der Mahlzeit will ich zu ihm gehen.« Wie der Rabbi vor den Gutsherrn trat, sagte ihm dieser: »Das ist doch wirklich keine Kunst, mich so plötzlich zu überfallen! Ich war ja gar nicht vorbereitet.« Der Gutsherr war nämlich ein gar böser Zauberer; er pflegte sich in irgendein Tier zu verwandeln und die Kinder des Gastwirtes zu erwürgen. »Wenn du dich mit mir messen willst, so will ich gerne ins freie Feld zu einem Zweikampf hinaustreten. Dann werden wir sehen, wer der größere Zauberer ist, ich oder du!« Darauf sagte der Baal-Schem: »Wenn du mit mir streiten willst, so werde ich meine Schüler um mich versammeln und zu dir kommen. Und du schare um dich deine Genossen, und nach einem Monat werden wir beide zum Zweikampf hinaustreten. Dann wirst du sehen, daß es einen großen Gott gibt, der vor jedem Zauber beschützt!« Und sie taten so. Der Baal-Schem kam nach einem Monat mit allen seinen Schülern, und der Zauberer versammelte um sich noch andere Zauberer, und sie traten alle ins freie Feld. Der Baal-Schem zog zwei Kreise um sich und noch einen besonderen Kreis um seine Schüler. Und den Schülern schärfte er ein: »Wendet eure Augen nicht von mir. Und wenn ihr mein Gesicht verändert seht, fangt sofort an, inbrünstig Bußgebete zu sprechen.« Auch der Zauberer zog einen Kreis um sich und seine Genossen. Sie standen weit voneinander, und der Zauberer begann, aus seinem Kreise allerlei Tiere gegen den Rabbi zu schicken. Doch wie die Tiere zum ersten Kreise kamen, verschwanden sie alle spurlos. Und das dauerte den ganzen Tag, jeden Augenblick kam eine neue Art von wilden Tieren, doch sie alle verschwanden zu nichts, sobald sie den ersten Kreis erreichten. Zuletzt sandte der Zauberer gegen den Rabbi Wildschweine, die aus ihren Rachen Feuer spieen. Diesen Wildschweinen gelang es, den ersten Kreis zu überschreiten. Da bemerkten die Schüler in Baal-Schems Gesicht eine Veränderung, und sie beteten sofort mit großer Inbrunst zum Herrn, gesegnet sei sein Name. Wie nun die Wildschweine zum zweiten Kreis kamen, verschwanden sie wie Rauch. Und der Zauberer wiederholte das dreimal, und jedesmal verschwanden die Wildschweine vor dem zweiten Kreise. Da sagte der Zauberer zum Rabbi: »Genug, ich habe keine Kraft mehr, und mit meiner Kunst ist es zu Ende. Nun weiß ich, daß du mich mit einem Blick umbringen wirst, und ich nehme Abschied von meiner Welt.« Und der Baal-Schem antwortete: »Hätte ich dich umbringen wollen, so wäre von dir längst nichts übriggeblieben. Ich wollte dir aber zeigen, daß es einen Gott auf der Welt gibt, und daß ich ganz ohne Zauberei mehr erreichen kann, als du mit deinen Künsten. Erhebe deine Augen und schau auf den Himmel!« Und wie der Zauberer seine Augen aufhob, kamen zwei Rehböcke gelaufen und stachen ihm mit ihren Hörnern beide Augen aus. Er blieb blind bis zu seinem Tode und konnte nicht mehr Zauberer sein. Er hatte begriffen, was für einen Gott wir haben. 8. Wie der Baal-Schem ins Heilige Land reisen wollte Der heilige Baal-Schem wollte mit seiner Tochter und mit Rabbi Hirsch Sofer ins Heilige Land reisen und kam gerade vor dem Pessachfeste in Konstantinopel an. Da ihn dort noch niemand kannte, wurde er nirgends eingeladen und hatte nichts, um das Fest feiern zu können. Am Vorabend des Festes fragte ihn seine Tochter: »Was werden wir an den Feiertagen tun? Wir haben ja nichts von den Sachen, die man zum Feste braucht!« Und der Baal-Schem erwiderte darauf: »Der Herr, gesegnet sei sein Name, wird uns helfen.« Den ganzen letzten Tag vor dem Feste verbrachte der heilige Rabbi im Bethause, und seine Tochter blieb in der Wohnung, die sich der Rabbi in Konstantinopel gemietet hatte. Und als es schon dunkelte, kam ein polnischer Jude gefahren und fragte überall nach: »Wo wohnt hier Rabbi Israel Baal-Schem aus Polen?« Und man zeigte ihm das Haus. Er fuhr mit seiner Frau hin und fragte des Rabbis Tochter, wo ihr Vater sei. »Im Bethause«, antwortete sie. Darauf fragte er: »Ist es mir nicht möglich, mit euch das Fest zu verbringen? Ich habe alles, was notwendig ist, mit auf meinem Wagen. Ich möchte das Pessachfest gern mit dem heiligen Rabbi feiern.« Und sie antwortete: »Ihr könnt dableiben, mein Vater wird nichts dagegen haben.« Der Gast ließ alles von seinem Wagen heruntertun, packte aus und zündete zu Ehren des Festes viele Lichter an. Auch bereitete er einen schönen Ehrensitz für den heiligen Rabbi. Darauf ging er ins Bethaus, und als er wieder zurückkam, warteten sie noch eine Weile auf den Baal-Schem, der im Bethause zurückgeblieben war; denn er pflegte sehr lange zu beten. Als der heilige Baal-Schem spät am Abend aus dem Bethause zurückkam, sagte er zu niemandem ein Wort, sondern sprach sofort das Kidduschgebet über den Wein und setzte sich zum Pessachmahl, wie es sich gehört. Erst nach dem zweiten Becher Wein begrüßte er den Gast und sagte ihm: »Ich kenne dein Verlangen: du hast keine Kinder. Da du mir aber diese Freude verschafft hast, schwöre ich dir, daß du noch in diesem Jahre ein Kind bekommen wirst, einen Sohn von deinem Weibe, das neben dir sitzt!« Und der Gast sagte: »Mein halbes Vermögen würde ich darum geben!« Und sie saßen noch länger beisammen und waren guter Dinge. Da hörte aber der Baal-Schem eine Stimme vom Himmel, daß er, Rabbi Israel Baal-Schem, seines Anteiles am ewigen Leben verlustig geworden sei, weil er geschworen habe, daß sein Gast einen Sohn gebären werde; dieser Mann sei aber von Geburt auf zeugungsunfähig und seine Frau unfruchtbar. Doch da er es schon einmal geschworen habe, wolle man im Himmel nicht, daß er meineidig werde; also werde man die Zeugungsunfähigkeit des Mannes und die Unfruchtbarkeit der Frau rückgängig machen; doch er, Baal-Schem, habe sein Seelenheil verscherzt. Als der Baal-Schem dieses Urteil hörte, war er nicht im mindesten bestürzt, er war sogar erfreut und sagte zu sich selbst: »Nun kann ich dem Allmächtigen noch besser dienen, als ich es bisher getan habe, nämlich ganz ohne Lohn, wie es auch geschrieben steht: \&›Seid wie die Knechte, die ihrem Herrn ohne Lohn dienen!‹« Und er sagte zu seinem Gast: »Ich wußte zwar nicht, daß du zeugungsunfähig bist. Sei aber unbesorgt: meine Worte werden mit Gottes Hilfe in Erfüllung gehen.« Und da der Baal-Schem beschlossen hatte, auch fernerhin dem Herrn, ganz ohne Lohn, zu dienen und sich darüber sogar freute, erging ein neuer Befehl vom Himmel, ihm alle seine Verdienste und auch seinen Anteil am ewigen Leben wiederzugeben. Sie verbrachten alle zusammen die beiden ersten Pessachtage, und am ersten Zwischenfeiertage reiste der Gast sehr vergnügt nach Hause ab. Der Baal-Schem wollte an diesem selben Tage nach dem Heiligen Lande weiterreisen. Da es aber gerade kein Schiff gab, sagte er zu Rabbi Hirsch Sofer: »Wenn du willst, breite ich mein Tuch auf dem Wasser aus, und wir fahren darauf über das Meer ebenso schnell wie mit einem Schiff. Du mußt nur während der Fahrt ununterbrochen die göttlichen Worte im Sinne haben, die ich dich zuvor lehren werde. Wenn du aber auch nur für einen Augenblick diese Worte vergißt, sind wir verloren. Doch da es sich um eine Reise ins Heilige Land handelt, will ich gern mein Leben aufs Spiel setzen.« Aber Rabbi Hirsch Sofer wollte nicht zugeben, daß der heilige Baal-Schem sein Leben aufs Spiel setze, und sagte: »Nein, ich will nicht. Wollen wir lieber warten, bis es ein Schiff gibt.« Und wie sie weiter durch den Hafen von Konstantinopel gingen, fanden sie auch wirklich ein gutes Schiff, das gerade nach dem Heiligen Lande abgehen sollte. Sie bezahlten dem Kapitän die Überfahrt und gingen alle aufs Schiff. Das war am Abend des ersten Zwischenfeiertages von Pessach. Und am nächsten Morgen erhob sich ein Sturm, das Schiff wurde durch den Wind von der Fahrtrichtung abgetrieben, und niemand wußte, wohin es trieb. Der Baal-Schem betete sehr inbrünstig zu Gott, und am zweiten Tage legte sich der Sturm, und das Schiff kam zu einer Insel. Der Kapitän ließ die Anker werfen, und alle Fahrgäste gingen ans Ufer. Auch der Baal-Schem und Rabbi Hirsch lustwandelten auf der Insel; sie gingen aber zu weit und verirrten sich, so daß sie den Rückweg nicht mehr finden konnten. Und der Baal-Schem sagte: »Das ist nicht ohne Grund, das muß irgendeine Bedeutung haben!« Und wie sie weitersprachen, wurden sie von Räubern überfallen, die sie fesselten, um sie nachher umzubringen. Die Räuber spürten aber Hunger; darum legten sie die Gefesselten nebeneinander auf den Boden, setzten sich ihnen gegenüber und begannen zu essen. Da sagte Rabbi Hirsch Sofer zum heiligen Baal-Schem: »Warum handelt Ihr jetzt nicht so, wie Ihr könnt? Ist denn jetzt die Zeit zu schweigen?« Und der heilige Baal-Schem antwortete darauf: »Ich weiß gar nicht, was ich tun soll, denn mir ist meine ganze Kraft genommen worden. Wenn du noch etwas von dem, was ich dich gelehrt habe, weißt, so erinnere mich bitte daran!« Und Rabbi Hirsch sagte: »Ich habe alles vergessen. Nur das Alphabet weiß ich noch.« Da rief der Baal-Schem aus: »Was schweigst du? Sprich doch mit mir das Alphabet!« Und Rabbi Hirsch Sofer begann das hebräische Alphabet aufzusagen: »Aleph, Bejs, Gimmel usw.« Und der Baal-Schem sprach es mit großer Inbrunst und sehr laut nach. Er sagte: »Das sind die heiligen Buchstaben, mit denen die heilige Thora geschrieben ist!« Und während er die Buchstaben aufsagte, gewann er seine Kräfte wieder, so daß er die Fesseln hätte zerreißen können. Doch in diesem Augenblick begann eine Glocke zu läuten, und die Räuber liefen erschrocken davon. Es kam ein alter Schiffskapitän, der ihre Fesseln löste und sie auf sein Schiff nahm. Das Schiff brachte sie nach Konstantinopel zurück, und der Baal-Schem begriff, daß es dem Himmel nicht gefällig war, ihn nach dem Heiligen Lande reisen zu lassen. Und sie reisten beide heim. Ihr Segen ruhe auf uns. Amen. 9. Noch eine Reise ins Heilige Land Rabbi Wolf Kizes, ein Schüler des heiligen Baal-Schem, wollte einmal ins Heilige Land reisen. Er ging zu seinem Meister, um von ihm Abschied zu nehmen. Der Baal-Schem gab ihm seinen Segen für die Reise und sagte ihm folgende Worte: »Reb Wolf, seid vorsichtig in Eurer Rede und überlegt Euch, was ihr antwortet.« Reb Wolf Kizes machte sich auf den Weg und ging auf ein Schiff. Das Schiff landete bei einer Insel und blieb da für einige Stunden liegen. Die Leute gingen an Land, kauften sich Speisen und Getränke und kehrten bald wieder aufs Schiff zurück. Auch Reb Wolf Kizes ging an Land, um dort sein Gebet in aller Andacht zu verrichten. Und er betete so lange und mit solcher Inbrunst, daß er alles in der Welt vergaß und das Schiff ohne ihn seine Reise fortsetzte. Reb Wolf blieb allein auf der Insel zurück. Als er mit seinen Gebeten zu Ende war, sah er sich um und merkte, daß er allein zurückgeblieben war. Er sah einen schmalen Fußpfad und ging ihm nach. Und der Pfad führte ihn zu einem Hause. Er trat ein und traf in der Stube einen alten Juden. Der Greis begrüßte ihn und wandte sich an ihn mit diesen Worten: »Reb Wolf, warum seid Ihr so bekümmert?« Reb Wolf Kizes antwortete: »Wie soll ich nicht bekümmert sein, wenn mein Schiff weggegangen ist und ich allein auf der Insel zurückgeblieben bin?!« Und der Greis tröstete ihn und sprach: »Reb Wolf, seid unbesorgt! Ihr werdet hier den Sabbat verbringen. Nach dem Sabbat wird ein anderes Schiff kommen und Euch mitnehmen. Ein Bad und eine Betstube werdet Ihr bei mir finden.« Und so war es auch. Reb Wolf Kizes verbrachte dort den Sabbat, und am Sonntag kam ein anderes Schiff und hielt vor der Insel. Reb Wolf Kizes ging zum Hafen, und der Greis begleitete ihn. Reb Wolf fürchtete, daß das Schiff wieder ohne ihn weggehen würde. Der Greis sagte ihm: »Reb Wolf, ich vergaß Euch zu fragen: wie geht es den Juden in Eurem Lande?« Und Reb Wolf, der noch immer wegen des Schiffes besorgt war, antwortete dem Greise kurz: »Gott verläßt sie nicht!« Und mit diesen Worten ging er aufs Schiff, und das Schiff stach in See. Als das Schiff schon eine Strecke gefahren war, bekam Reb Wolf Gewissensbisse, daß er dem Greis eine so unbedachte Antwort gegeben hatte, und er erinnerte sich der Worte, die ihm sein Meister Baal-Schem auf den Weg gegeben hatte: »Warum erzählte ich ihm nicht vom großen Elend, in dem die Juden in meinem Lande leben? Doch geschehen ist geschehen.« Und Reb Wolf Kizes beschloß, seine Reise ins Heilige Land nicht fortzusetzen, sondern zum Baal-Schem zurückzukehren. Er reiste zurück und kam zum Baal-Schem. Der heilige Rabbi begrüßte ihn und sagte ihm: »Der Greis, den du sahst, war unser Vater Abraham. Der heilige Erzvater tritt jeden Tag vor den Herrn und fragt ihn: \&›Schöpfer der Welt, wie geht es meinen Kindern?‹ Und der Schöpfer antwortet ihm: \&›Ich verlasse sie nicht. Und wenn du eine Bestätigung haben willst, so wisse, daß Reb Wolf Kizes bald ins Heilige Land reist. Er ist ein ehrlicher Mann, und ihn kannst du fragen.‹ Wenn du dem Vater Abraham von den großen Leiden seiner Kinder in der Verbannung erzählt hättest, so wäre allen Juden die Rettung gekommen. Du hast aber meinen Rat vergessen, und darum werden die Leiden der Verbannung noch fortdauern.« Der Herr, gelobt sei sein Name, möchte sich unser bald erbarmen. Amen. 10. Das Gebet um den Messias An einem Jom-Kippur kam der heilige Baal-Schem nicht zu der frühen Morgenstunde ins Bethaus, wie er es sonst zu tun pflegte, und die ganze Gemeinde betete nicht, sondern wartete auf seine Ankunft. Erst als es schon recht spät am Tage war, kam er ins Bethaus, setzte sich auf seinen Platz und legte seinen Kopf auf das Betpult, ohne zu beten. Nach einer Weile hob er den Kopf und legte ihn dann wieder aufs Betpult, und so dauerte es eine ganze Weile. Endlich gab er ein Zeichen, daß man mit dem Beten anfangen solle, und alle beteten den ersten Teil des Morgengebets. Den zweiten Teil des Morgengebets, den Mussaf, pflegte am Jom-Kippur immer Rabbi Dovid Pirkos vorzubeten. Der Baal-Schem rief aber aus: »Wer wird heute den Mussaf vorbeten?« Die Gemeinde wußte zwar, daß Rabbi Dovid vorbeten sollte, fürchtete aber, es dem heiligen Baal-Schem zu sagen, und alle schwiegen. Er wiederholte immer wieder die Frage: »Wer wird den Mussaf vorbeten?« Und man antwortete ihm schließlich: »Rabbi Dovid pflegt den Mussaf vorzubeten.« Da begann der heilige Baal-Schem auf Rabbi Dovid zu schreien: »Du, Rabbi Dovid, willst am Jom-Kippur den Mussaf vorbeten? Wie kommst du dazu?« Und er schimpfte auf ihn etwa eine halbe Stunde, daß es gar nicht zu beschreiben ist. Es verdroß die Gemeinde sehr, daß der heilige Rabbi einen Menschen so beschimpfte, und dazu noch einen so frommen und gelehrten Mann, und das an einem Jom-Kippur. Doch vor großer Angst wagte niemand ein Wort zu sagen. Schließlich sagte der Baal-Schem: »Wenn niemand anderer vorbeten kann, so bete du vor, Rabbi Dovid!« Rabbi Dovid war sehr betrübt, denn er glaubte, daß der Baal-Schem auf ihn einen Zorn habe oder auf seiner Stirne irgendeine große Sünde gelesen hätte. Und er stellte sich vor das Vorbeterpult und begann vorzubeten mit großer Zerknirschung, und weinte während des Gebets so sehr, daß man es gar nicht beschreiben kann. Am Abend, nach Jom-Kippur-Ausgang, versammelten sich alle, wie es alljährlich Sitte war, beim Baal-Schem, und er erzählte vor der ganzen Gemeinde, was sich zugetragen hatte: »Rabbi Dovid hat sich vor Jom-Kippur durch Kasteiungen und lange Fasten, die von Sabbat zu Sabbat währten, auf das Mussaf-Gebet am Jom-Kippur vorbereitet, denn er hatte in Sinnen, während dieses Gebets mit aller Gewalt darauf zu bestehen, daß der Messias noch in diesem Jahre kommen sollte. Kein Mensch hat von diesem Entschluß des Rabbi Dovid gewußt. Doch der Satan hat auch einen Entschluß gefaßt und hat sich mit andern bösen Geistern an den Straßen, auf denen die Gebete zum Himmel hinaufsteigen, aufgestellt, um alle Gebete abzufangen. Darum ging ich nicht ins Bethaus, denn ich wollte nicht, daß die Gebete dem Satan dargebracht werden. Erst als es mir gelungen war, einen neuen Weg für die Gebete zu bahnen, ging ich ins Bethaus. Und als es zum Mussaf kam, fürchtete ich, daß, wenn Rabbi Dovid das Gebet, auf das er sich so sehr vorbereitet hatte, sprechen würde, auch der Satan seine ganze Kraft zusammennehmen würde, um dem ganzen Volke Israel etwas Arges anzutun. Denn es ist noch nicht die Zeit für den Messias, und man muß jetzt andere Mittel suchen, um dem Volke Israel ein erträgliches Leben zwischen den andern Völkern zu verschaffen. Darum mußte ich Rabbi Dovid von seinem Vorhaben und von jedem Gedanken an den Messias abbringen, und ich beschimpfte ihn, damit er glaubte, daß ich auf seiner Stirne eine Sünde gelesen hätte. Nun sage ich es vor allen, daß ich nur an das Wohl des ganzen Volkes Israel dachte. Da Rabbi Dovid ein Mann von großer Frömmigkeit ist, würde der Satan vor seinem Gebet große Angst haben und alles aufwenden, um dem Volke Israel zu schaden. Darum soll mir nachgesehen werden, daß ich Rabbi Dovid so sehr beschämt habe. Und Rabbi Dovid bestätigte alles, was der Baal-Schem von seinem Vorhaben und seinen Vorbereitungen zum Mussaf-Gebet erzählt hatte. 11. Seelen der Märtyrer In der Stadt Pawlicz war einmal, unserer großen Sünden wegen, eine durch falsche Anschuldigungen hervorgerufene große Judenverfolgung, und viele unserer heiligen Rabbis wurden erschlagen. Die Rabbis aus den anderen Städten entflohen, denn die Verfolgung war sehr grausam. Auch Rabbi Dovid von Korobatsch wollte nach der Walachei entfliehen. Als er unterwegs nach Miedziborz zum heiligen Rabbi Israel, dem Baal-Schem, kam, wollte ihn dieser aufhalten und sagte ihm, daß allen die Rettung kommen würde. Da bekam aber Rabbi Dovid einen Brief, daß noch viele Rabbis erschlagen worden waren und daß man sie zuvor gemartert hatte. Das war an einem Freitag, und der Baal-Schem war den ganzen Tag über sehr traurig. Als er ins Bad kam, hub er zu weinen an, und als er später das Nachmittagsgebet sprach, zitterte er an allen Gliedern. Alle meinten, daß er sich zum Sabbatanbruch aufheitern werde, doch er empfing den Sabbat in Trauer und Beben und sprach das Kidduschgebet über den Wein mit Tränen. Und gleich nach diesem Gebete verließ er die Tafel, ging in seine Schlafkammer und warf sich auf die Erde. So lag er sehr lange, und die Gäste und das Hausgesinde warteten auf ihn mit dem Essen. Da ging sein Weib zu ihm in die Kammer und sagte ihm, daß die Lichter bald ausbrennen würden. Doch er erwiderte: »Sollen die Leute essen und nach Hause gehen.« Nun ging Rabbi Dovid von Korobatsch zur Türe der Schlafkammer und stellte sich hin, um zu sehen, was der heilige Rabbi tun würde, denn in der Türe war ein Spalt. Er mußte sehr lange warten, und als er müde wurde, zu stehen, nahm er einen Schemel, rückte ihn zur Türe heran und setzte sich hin. Gegen Mitternacht hörte er, wie der Baal-Schem zu seinem Weibe sagte: »Bedecke dein Gesicht!« Und im gleichen Augenblick wurde es in der Kammer hell, und durch den Spalt in der Türe kam ein Lichtschein. Und der Baal-Schem rief: »Gesegnet sei dein Kommen, Rabbi Akiba!« Und so begrüßte er die Seelen aller erschlagenen Märtyrer, und nannte einen jeglichen beim Namen. Und er sagte zu ihnen: »Ich beschließe, daß ihr an dem grausamen Verfolger, dem Senator, der euch zum Tode verurteilt hat, Rache nehmen sollt!« Und die Märtyrer flehten ihn an und sprachen: »Wir bitten Euch, daß diese Worte, die Ihr eben sprachet, nicht mehr über Eure Lippen kommen, und daß Ihr Euren Beschluß zurücknehmt. Ihr wißt selbst nicht, wie groß Eure Macht ist. Denn als Ihr am Sabbat so traurig wart, da ging ein großes Rauschen durch alle Welten. Wir wußten gar nicht, was das zu bedeuten hatte. Wir stiegen in immer höhere Himmelsregionen, doch überall war das gleiche Rauschen. Und als wir in eines der höchsten Himmelsgemächer kamen, wurde uns befohlen: \&›Steigt hinab und stillet die Tränen des heiligen Israel Baal-Schem!‹ Nun wollen wir Euch sagen, daß alle Leiden, die der Mensch in seinem Leben erleidet, nichts sind im Vergleich mit den Martern, die wir nach unserm Tode, mit dem wir den Namen des Herrn heiligten, gelitten haben. Denn der Böse Trieb trübte unsere Gedanken, obwohl wir ihn mit beiden Händen wegstießen. Wie sehr wir uns auch wehrten, machte er sein böses Zeichen auf unseren Gedanken, und wir mußten für eine halbe Stunde in die Hölle. Und alle Marter, die wir auf der Welt gelitten haben, sind nichts gegen die Marter, die wir in dieser halben Stunde in der Hölle erfuhren.« »Und als wir später ins Paradies kamen, sagten wir uns: \&›Nun wollen wir Rache an unsern Feinden nehmen!‹ Man sagte uns aber: \&›Ihre Zeit ist noch nicht gekommen. Wenn ihr aber dennoch sofort Rache nehmen wollt, so müßt ihr in einer neuen Verwandlung noch einmal auf die Erde zurückkehren.‹ Doch wir antworteten: \&›Wir loben den Herrn, gesegnet sei sein Name, und danken ihm, daß wir den Märtyrertod erlitten haben. Wir haben schwere Marter erlitten und waren eine halbe Stunde in der Hölle. Und wenn wir jetzt wieder in einem neuen Dasein auf die Erde kommen, werden wir vielleicht schlechter werden, als wir waren. Darum wollen wir nicht aufs neue verwandelt werden.‹ Nun bitten wir Euch, Rabbi, daß Ihr Euren Beschluß zurücknehmt und uns nicht zwingt, Rache zu nehmen!« Da fragte der heilige Baal-Schem: »Warum hatte man mir nicht vom Himmel gesagt, daß ihr erschlagen sein werdet? Es sah doch gar nicht so bedenklich aus.« Und sie antworteten: »Man fürchtete im Himmel, es Euch zu sagen, damit Ihr durch Eure Fürbitte den himmlischen Beschluß nicht umstößt. Denn hättet Ihr das getan, so wäre ein noch viel größeres Unglück geschehen. Darum gab man Euch keine Nachricht.« 12. Vom Disputieren Als der fromme und gelehrte Rabbi Jechiel als Rabbiner nach Horodnja berufen wurde, begleitete ihn der heilige Israel Baal-Schem auf seiner Reise zum Amtsantritt. Sie fuhren an einem Donnerstagabend ab. Unterwegs verirrten sie sich. Es war sehr finster, und der Baal-Schem stieg vom Wagen und ging den Weg suchen. Etwas später stieg auch Rabbi Jechiel vom Wagen und machte sich ebenfalls auf die Suche nach dem Weg. Und er sah, wie der Baal-Schem auf der Erde ausgestreckt lag und unter Tränen betete, daß der Himmel ihn vor Entweihung des herannahenden Sabbats behüten möchte. Und Rabbi Jechiel sagte zu seinen Leuten: »Seht nur, wie fromm er ist! Er liegt und betet, daß er den Sabbat nicht entweihe, doch selbst will er sich nicht helfen!« Sie kamen glücklich in Horodnja an, und Rabbi Jechiel hielt am Sabbat seine erste Predigt. In dieser Stadt lebte aber ein gelehrter Mann, namens Reb Michel, und dieser fing an, mit Rabbi Jechiel während seiner Predigt zu disputieren. Da bat ihn Rabbi Jechiel, er möchte bis zum Sabbatausgang warten; dann werde er ihm bei der Abendmahlzeit alle seine Fragen beantworten. Die Gemeinde von Horodnja besaß eine eigene Stube, in der die gemeinsamen Sabbatabend-Mahlzeiten abgehalten wurden. Alle versammelten sich in dieser Stube, und Reb Michel setzte sich neben den neuen Rabbiner. Aber Rabbi Wolf Kizes, der sich unter den Begleitern des Baal-Schem befand, setzte sich an eine entfernte Tischecke. Da sagte ihm der Baal-Schem: »Ich liebe solche Bescheidenheit nicht. Setze dich zu uns!« Rabbi Jechiel fing an, seine Predigt zu erklären, und Reb Michel begann mit ihm zu disputieren. Nun mischte sich auch Rabbi Wolf Kizes in das Gespräch ein, und Reb Michel mußte ihm unterliegen. Er fuhr aber fort zu streiten und disputierte mit unehrlichen Mitteln. Da sagte der Baal-Schem: »Hört doch auf und stört nicht die Mahlzeit!« Am nächsten Tage fuhren der Baal-Schem, Rabbi Jechiel und Rabbi Wolf Kizes zu einer Beschneidungsfeier, und Reb Michel drängte sich ihnen auf und fuhr ebenfalls mit. Beim Festmahle fing Reb Michel an, über Astronomie zu reden, denn er dachte sich, daß es mit ihm darin niemand aufnehmen könne. Doch Rabbi Wolf Kizes zeigte ihm, daß er von Astronomie viel mehr verstand als Reb Michel selbst. Da sagte dieser: »Es ist doch wirklich seltsam, daß ein Chassid so viel von Astronomie versteht!« Als der heilige Baal-Schem das Fest verließ, fürchtete er, daß Reb Michel den neuen Rabbiner Rabbi Jechiel durch sein Disputieren in den Augen der Gemeinde beschämen würde. Darum richtete er es so ein, daß Reb Michel plötzlich sein ganzes Wissen vergaß. Wie er einen Talmudband aufschlug, konnte er sich darin plötzlich gar nicht zurechtfinden; er glaubte, das käme daher, weil er etwas zu viel getrunken habe. Er schlug das Buch zu, steckte sich eine Pfeife an und disputierte nicht mehr. Als er am nächsten Morgen ins Bethaus kam und nach dem Beten seiner Gewohnheit gemäß ein Talmudkapitel durchnehmen wollte, merkte er wieder, daß er nichts mehr verstand. Da begriff er, daß das die Strafe war, weil er Rabbi Jechiel öffentlich beschämen wollte. Nun reiste er sofort zum Baal-Schem und bat ihn, daß er ihm sein Wissen zurückgebe. Der heilige Baal-Schem strafte ihn für sein Benehmen. »Und doch«, fügte er hinzu, »hat der Herr, gesegnet sei sein Namen, dem Volke Israel die Thora gegeben, damit man über sie disputiert und einander besiegt.« Reb Michel versprach, von seiner Art zu disputieren zu lassen, und wurde von nun an ein ehrlicher Mann. 13. Rosse helfen nicht Ein gewisser Reb Eliahu aus Saklikow hörte einmal in seiner Jugend sagen: wenn einer will, daß sein Gebet zum Herrn hinaufsteige, so muß er zusammen mit dem heiligen Israel Baal-Schem Wort für Wort beten. Reb Eliahu tat so: er stellte sich einmal neben den Baal-Schem, als dieser betete, und sprach Wort für Wort mit. Doch bei der Stelle im 32. Psalm: »Rosse helfen nicht, und ihre große Stärke errettet nicht« verweilte der heilige Rabbi sehr lange und wiederholte diese Worte mehrere Male mit großer Inbrunst und sehr andächtig. Reb Eliahu schlug in den Büchern nach, ob dieser Stelle eine besondere Bedeutung zukomme und ob man bei ihr mit besonderer Andacht verweilen müsse, doch in den Büchern stand nichts dergleichen. Und da der Baal-Schem noch immer bei dieser Stelle blieb, gab Reb Eliahu das gemeinsame Beten auf und betete für sich weiter. Später einmal kam er zum heiligen Baal-Schem, und dieser fragte ihn: »Warum hast du damals aufgehört, mit mir zu beten?« Reb Eliahu sagte ihm, daß er es getan habe, weil der heilige Rabbi jenen Vers so oft wiederholte. Darauf erklärte ihm der Baal-Schem: »Die Sache war so: ein Mann wurde auf einer Reise vom Sabbatanbruch überrascht und mußte daher im Freien übernachten. Ein Räuber erfuhr, daß der Jude im Felde geblieben war, und nahm ein Pferd, um ihn zu überfallen. Doch als ich den Vers \&›Rosse helfen nicht‹ mit solcher Inbrunst sprach, verirrte sich der Räuber im Felde und irrte solange herum, bis der Sabbat zu Ende war und der Jude seine Reise fortsetzen konnte.« 14. Der gefährliche Geburtstag In Alt-Konstantinow lebte ein Mann, der keine Kinder hatte. Er gehörte zu den Anhängern des heiligen Israel Baal-Schem und bat ihn mehrmals, daß er ihm einen Sohn vom Himmel erflehe. Einmal sagte ihm der Heilige, daß er ein Kind haben werde, und er möchte ihn sofort nach der Geburt davon benachrichtigen. Als das Kind zur Welt kam, begab sich der Mann zum Baal-Schem, um es ihm zu melden; er glaubte, der heilige Rabbi würde sehr erfreut sein, weil sein Wort sich erfüllt hatte. Aber der Baal-Schem fing zu weinen an. Der Vater erschrak und fragte: »Was weint Ihr?« Und der heilige Baal-Schem antwortete: »Ich sehe, daß dein Sohn an seinem dreizehnten Geburtstage ertrinken wird. Es gibt aber noch ein Mittel, dies abzuwenden: man soll auf ihn an diesem Tage gut aufpassen und ihn von jedem Wasser fernhalten. Wenn dieser Tag glücklich vorübergeht, ist er errettet; ich habe aber Angst, daß du bis zu seinem dreizehnten Geburtstage meine Warnung vergißt. Darum will ich dir ein Zeichen geben: er wird an diesem Tage zwei Strümpfe auf einen Fuß anziehen und den Strumpf für den andern Fuß suchen. Das soll dich daran erinnern, daß du ihn diesen ganzen Tag vom Wasser fernhalten sollst. Das sollst du auch deinem Weib und deinem Hausgesinde einschärfen, damit sie sich daran erinnern.« Es vergingen dreizehn Jahre, und der Vater und das ganze Hausgesinde hatten die Warnung vergessen. Am dreizehnten Geburtstage des Jungen begab sich der Vater frühmorgens, als der Sohn noch schlief, ins Bethaus. Und als er vom Beten heimkam, sah er, daß der Knabe etwas in allen Winkeln suchte. Er fragte ihn: »Was suchst du?« Und der Sohn antwortete: »Einen Strumpf! Ich weiß gar nicht, wo er hingekommen ist.« Der Vater sah, daß der Sohn zwei Strümpfe auf einen Fuß angezogen hatte. Da fielen ihm die Worte des heiligen Baal-Schem ein, und er gab von nun an acht, daß der Sohn nicht zum Wasser ginge. Es war aber ein sehr heißer Tag, und alle Leute gingen zum Fluß baden. Der Junge stahl sich aus dem Hause und lief gleichfalls zum Fluß. Man merkte das aber noch zur rechten Zeit, fing ihn ein und brachte ihn nach Hause zurück. Der Vater sah, daß der Knabe durchaus zum Wasser wollte. Darum sperrte er ihn in eine Kammer und nahm den Schlüssel zu sich. Der Knabe schrie den ganzen Tag: »Vater, hab Erbarmen! Mir ist so heiß, laß mich baden gehen!« Später flehte er: »Ich habe solchen Durst!« Der Vater fürchtete aber, ihm auch einen Schluck Wasser zu geben, damit er nicht beim Trinken ersticke. Am Nachmittag gingen die Leute wieder zum Fluß baden, denn die Hitze war sehr groß. Und alle sahen, wie sich aus dem Flusse ein Kopf mit zwei Armen erhob. Die Gestalt schlug mit den Armen auf das Wasser und rief: »Meiner ist nicht gekommen!« Und alle haben das gesehen und gehört. Und gleich darauf verging dem Knaben die Lust, zum Wasser zu laufen; er beruhigte sich und schlief ein. Als der Tag zur Neige gegangen war, war auch das böse Schicksal abgewendet, wie es der Baal-Schem prophezeit hatte. Und der Knabe wuchs auf und erlebte viel Gutes, und es ist ihm kein Haar gekrümmt worden. 15. Die Seuche von Stanow Die Einwohner der Stadt Stanow schickten einmal zum heiligen Israel Baal-Schem Boten mit der Bitte, er möchte zum Herrn – gelobt sei sein Name – beten, daß die Seuche, die in der Stadt wütete, aufhöre. Die Boten merkten, daß der Baal-Schem selbst nach Stanow kommen wollte; darum begaben sie sich nach Hause und schickten dem Rabbi einen Brief, in dem sie ihm schrieben, daß sie ihn zu sich in ihre Stadt einluden. Der Baal-Schem erfüllte ihren Wunsch und kam nach Stanow. Gleich nach seiner Ankunft schickte er in alle Häuser suchen und nachforschen, ob nicht irgendwo eine Sünde sei; wenn man die Sünde abschaffte, würde die Seuche sofort aufhören. Die Leute forschten überall nach, fanden aber nirgends eine so große Sünde, daß man die Seuche ihr hätte zuschreiben können. Als der Baal-Schem hörte, daß man nirgends eine solche Sünde gefunden hätte, hieß er auf dem Friedhofe nachforschen und alle Grabsteine untersuchen; vielleicht würde man dort ein Zeichen finden. Die Leute gingen auf den Friedhof, und ein altes Grab fiel ihnen auf: der Grabstein war so alt, daß man die Inschrift nicht lesen konnte, und er war von seinem Platze verrückt und lag zerbrochen da. Sie kamen zum heiligen Rabbi und erzählten ihm das. Der Baal-Schem begab sich nun mit einigen Menschen auf den Friedhof und trat vor das alte Grab. Er sah lange auf das Grab und befahl dann seinen Begleitern, das Grab zu öffnen. Man öffnete das Grab. Der Tote lag da mit unverwestem Körper und unversehrten Kleidern und sah so aus, als ob man ihn erst eben begraben hätte. Der Baal-Schem blickte einige Minuten unverwandt ins Grab, und plötzlich stand der Tote auf und sagte zum Baal-Schem: »Friede mit dir, mein Lehrer und Meister!« Alle, die dabeistanden, waren sehr erstaunt. Und der Baal-Schem sagte zum Toten: »Ich weiß nicht, ob ich dein Lehrer bin: vielleicht bist du gar mein Lehrer!« Doch der Tote erwiderte: »Nein, du bist mein Lehrer, denn du bist mächtiger als ich.« Der Baal-Schem sagte darauf: »Und wenn es so ist, so bitte ich dich, daß du eine Fürbitte für die Leute dieser Stadt einlegst, auf daß die Seuche aufhöre.« Der Tote entgegnete: »Wie kann ich für die Leute Fürbitte einlegen? Ich bin ja ihnen allen böse!« Da fragte der Baal-Schem: »Wofür bist du ihnen böse?«, und der Tote antwortete: »Ich zürne den Totengräbern dieser Stadt, weil sie sich ungehörig aufführen. Sie betrinken sich oft und machen ihre Sache schlecht. Erst neulich begruben sie eine Leiche neben meinem Grabe und gaben nicht acht und berührten mit dem Spaten meine Gebeine und brachen mir einen Zahn aus und zerstörten mein Grab. Darum zürne ich den Leuten.« Da sagte der Baal-Schem: »Zeig mir den Zahn. Ich verspreche dir, daß ich ihn dir wieder zurückgebe.« Der Tote gab ihm den Zahn, und der Baal-Schem sprach zum Toten: »Ich will dir deinen Zahn erst auf jener Welt zurückgeben, und nicht hier. Und jetzt bitte ich dich und befehle dir, daß du beim Herrn – gelobt sei sein Name – Fürbitte einlegst, daß die Seuche aufhöre und daß es keine zwei Todesfälle an einem Tage und keine zwei Erkrankungen zur gleichen Stunde mehr gebe.« Und der Baal-Schem bat den Toten, daß er sich wieder in sein Grab lege. Der Tote fügte sich und legte sich ins Grab, und man schüttete das Grab wieder zu. Und man brachte das Grab und den Grabstein wieder in Ordnung, und die Seuche hörte sofort auf. Der heilige Baal-Schem erfüllte auch sein Versprechen: als sein Tod nahte, befahl er, daß man den Zahn, den er bei sich verwahrte, zu ihm ins Grab lege. Die heiligen Verdienste des Baal-Schem mögen uns und allen Juden beistehen. Amen. 16. Eine Märtyrerin In der Stadt Tetjew lebte einmal ein sehr geachteter Mann namens Reb Schabsaj. Und er hatte keine Kinder. Er gehörte zu den Nächsten des heiligen Israel Baal-Schem, und es versteht sich, daß er bei jedem seiner Besuche den Baal-Schem bat, er möchte ihm vom Himmel Kinder erflehen. Der Baal-Schem wies ihn jedesmal zurück und sagte ihm, er solle nicht um Kinder bitten. »Wenn ich wüßte«, sagte er, »daß du dessen würdig bist, so hätte ich dich auch selbst gesegnet.« Der Mann ließ aber nicht ab, und der Baal-Schem hatte Mitleid mit ihm und versprach ihm, daß er ein Kind haben werde. Und so geschah es. Sein Weib gebar bald darauf eine sehr schöne Tochter, und Reb Schabsaj freute sich darüber sehr. Doch das Kind erkrankte plötzlich sehr schwer und lag im Sterben. Reb Schabsaj bat den Baal-Schem, er möchte sich bemühen und zu ihm ins Haus kommen. Der Heilige erfüllte die Bitte, und Reb Schabsaj wies ihm in seinem Hause ein eigenes Zimmer an, so wie es sich gehört. Doch im gleichen Augenblick, als der Baal-Schem ankam, starb das Mädchen. Man legte die Leiche, wie es Sitte ist, auf den Boden, und alle weinten sehr. Nun trat der Baal-Schem mit einem seiner Begleiter in das Zimmer, wo die Tote lag, und stand einige Augenblicke unbeweglich, sich auf seinen Stock stützend, da. Und alle Leute sahen, wie das Gesicht des verstorbenen Kindes sich veränderte. Und das Kind wurde lebendig und stand vom Boden auf. Alle, die diese Auferweckung der Toten sahen, waren sehr verwundert, und einige Leute gingen zum Baal-Schem und fragten ihn, warum er das getan habe: das sei doch gegen den Willen des Herrn. Doch der heilige Rabbi antwortete: »Wer für würdig befunden wird, noch einige Jahre zu leben, der wird sehen, daß ich das für den Herrn selbst getan habe, auf daß sein Name geheiliget werde.« Im Jahre, in dem der Baal-Schem starb, heiratete das Mädchen einen Mann; sie gebar jedes Jahr einen Sohn und hatte im ganzen sieben Söhne. Sieben Jahre nach dem Tode des Baal-Schem, im Jahre, als die junge Frau ihren siebenten Sohn gebar, kamen in die Gegend die Kosakenhorden des Gonta, verflucht sei sein Name! Die Mörder vergossen viel jüdisches Blut und zogen brennend, raubend und mordend durchs Land. Gonta kam auch in die Stadt Tetjew; er tötete alle angesehenen Leute, raubte ihr Vermögen und erschlug dann auch alle übrigen Juden. Auch Reb Schabsaj wurde damals erschlagen, ebenso wie seine Frau und sein Schwiegersohn. Die Tochter des Reb Schabsaj war aber eine schöne Frau. Sie gefiel dem Mörder Gonta, und er sagte ihr: »Du siehst doch, daß ich Kaiser bin. Wenn du dich taufen läßt, nehme ich dich zum Weibe, und du wirst Kaiserin.« Und Reb Schabsajs Tochter antwortete ihm: »Ich will gerne deinen Wunsch erfüllen, doch was soll mit meinen sieben Söhnen geschehen? Laß meine sieben Söhne erschlagen, dann werde ich allein zurückbleiben und dein Weib werden.« Diese Worte gefielen dem Mörder, und er ließ ihre sieben Söhne erschlagen. Als die Frau sah, daß ihre sieben Söhne erschlagen waren, öffnete sie ihren Mund in Weisheit und sprach zum Mörder: »Glaubst du wirklich, daß ich von meinem Glauben, vom Glauben an den ewigen Gott ablasse und dich heirate? Nein, nein nein! Für nichts in der Welt werde ich den Glauben an den lebendigen und wahren Gott vertauschen. Ich bin bereit, mein Leben zur Heiligung seines Namens zu lassen. Meine sieben Söhne ließ ich vorher ermorden, damit du sie nicht zwingst, deinen Glauben anzunehmen. Jetzt, da ich allein übriggeblieben bin, kannst du mit mir tun, was du willst, doch von meinem Glauben lasse ich nicht!« Der Mörder erschlug sie, und mit ihrem Tode heiligte sie den Namen des Ewigen. Nun verstand jeder, daß der Baal-Schem dies in seinem heiligen Geiste vorausgesehen hatte und sie dazu vom Tode auferweckt hatte, damit sie später durch ihren Tod den Namen des Ewigen heilige. Reb Schabsaj, seine Frau, sein Schwiegersohn und seine Tochter mit ihren sieben Söhnen wurden in seinem Hause begraben. Ihre Verdienste mögen uns beistehen für alle Ewigkeit. Amen. 17. Blutschande Einmal sagte der heilige Israel Baal-Schem zu seinen Schülern: »Wir wollen in die Stadt fahren, um einen Trauernden zu trösten, der ein Bastard und ein frommer Gelehrter ist.« Die Sache verhielt sich so: Es starb ein reicher Mann und hinterließ einen Sohn und eine Tochter; beide waren unverheiratet, und die ganze Erbschaft fiel ihnen zu. Und der Böse Trieb verführte den Jüngling, sich an seiner Schwester zu versündigen und mit ihr wie mit einer Frau zu leben, damit die ganze Erbschaft ihnen beiden bleibe: denn wenn sie einen fremden Mann heiratete, würde ihr Anteil an der Erbschaft diesem zufallen. Und der Böse Trieb verleitete auch das Mädchen. Und sie lebten zusammen, und die Schwester wurde schwanger. Als die Leute das merkten und darüber zu munkeln anfingen, schämten sich die beiden und bereuten ihre Tat. Es war aber nicht mehr zu helfen, und der Jüngling sagte zum Mädchen: »Wir haben töricht gehandelt, und jetzt gebe ich diesen Rat: sobald du das Kind geboren hast, sollst du mit deinem Teil der Erbschaft in eine fremde und ferne Stadt ziehen, wo man dich nicht kennt. Und wenn wir beide nicht mehr zusammen sind, wird man die ganze Geschichte bald vergessen. Doch bis du das Kind geboren hast, sollst du bei mir bleiben.« Und der Bruder machte ein Kästchen, um das Kind gleich nach der Geburt hineinzulegen; in das gleiche Kästchen tat er viertausend Rubel und einen Brief folgenden Inhalts: »Hier in diesem Kasten liegt ein jüdisches Kind; es ist geboren an dem und dem Tag. Und der Jude, der das Kind findet, soll es zu sich nehmen und es am achten Tag nach der Geburt beschneiden. Und er soll das Kind einer Amme geben und, nachdem es entwöhnt ist, in seinem Hause wie ein eigen Kind großziehen. Später soll er das Kind durch einen Lehrer unterrichten lassen. Für alle seine Mühe soll der, der das Kind gefunden hat, die Hälfte des Geldes nehmen, das sich im Kasten befindet. Und die andere Hälfte gehört dem Kinde. Wenn das Kind groß geworden ist und bei dem, der es gefunden hat, bleiben will, so soll es bleiben; will es aber fortziehen, so soll man es nicht zurückhalten.« Als die Schwester einen Knaben gebar, legte man ihn in das Kästchen, ebenso das Geld und den Brief. Und man schickte das Kästchen nachts mit einem zuverlässigen Boten in eine nahe Stadt, damit er es dort vor der Türe des Bethauses niederlege. Wer von den Stadtleuten am nächsten Morgen zuerst zum Beten gehen würde, der würde auch das Kästchen finden und wohl alles erfüllen, was im Briefe stand. So geschah es auch. Der Bote brachte das Kästchen mit dem Kinde in die nächste Stadt, legte es vor die Türe des Bethauses und ging ins Gasthaus, um zu übernachten. Am nächsten Morgen ging ein Lehrer sehr früh ins Bethaus und fand das Kästchen. Die wunderliche Nachricht verbreitete sich bald in der ganzen Stadt. Der Bote wartete nur darauf. Als das Gerücht, daß der Lehrer ein Kästchen mit einem Kinde und viertausend Rubeln gefunden hatte, auch ihm zu Ohren kam, tat er so, als ob er nichts von der Sache wüßte. Er fuhr heim und erzählte seinem Auftraggeber, daß das Kind von einem Lehrer, der ein sehr ordentlicher Mensch war, gefunden worden sei. Der Vater freute sich darüber sehr. Der Lehrer, der das Kind fand, erfüllte alles, was im Briefe stand. Er ließ das Kind am achten Tage beschneiden, nahm eine Amme auf und zog das Kind wie ein eigenes groß. Der Knabe selbst wußte nichts davon und hielt den Lehrer für seinen richtigen Vater. Als der Knabe drei Jahre alt war, begann man ihn zu unterrichten. Er hatte treffliche Fähigkeiten und lernte besser als alle andern Kinder. Deswegen waren alle Kinder neidisch, und als es sich einmal traf, daß der Knabe sich mit einem andern Knaben zankte, sagte ihm dieser: »Glaube nicht, daß du ein Sohn des Lehrers bist: du bist ein Bastard, und der Lehrer fand dich in einem Kästchen vor dem Bethause liegen. Das hörte ich von meinem Vater und auch von andern Leuten!« Diese Worte drangen dem Knaben tief ins Herz. Er grämte sich sehr und trat vor den Lehrer und sagte ihm: »Warum hat mich der Knabe so beschämt? Er sagte mir, daß ich gar nicht dein Sohn bin, sondern ein Bastard. Sage mir die volle Wahrheit und verheimliche nichts!« Der Lehrer versuchte anfangs zu leugnen, doch der Knabe drang auf ihn sehr ein; schließlich erzählte er ihm die ganze Wahrheit und zeigte ihm auch den Brief, der im Kästchen gelegen war. Der Knabe war sehr bestürzt, als er das alles hörte. Und er sagte dem Lehrer: »Ich werde dein Haus verlassen. Nimm dir die Hälfte des Geldes, das im Kästchen lag, und die andere Hälfte will ich mitnehmen.« Der Lehrer widersprach ihm nicht und gab ihm das Geld. Der Knabe zog in eine andere Stadt, wo es eine berühmte Lehrstätte gab, und widmete sich ganz der Wissenschaft. Er sagte niemandem, wer er war und woher er stammte. In kurzer Zeit war er der beste Schüler in der ganzen Stadt. Später zog er in eine andere Stadt, wo es eine noch berühmtere Lehrstätte gab, und studierte dort weiter. Bald wurde er sehr gelehrt und kannte den ganzen Talmud und viele geheime Bücher. Nun kehren wir zur Mutter des Kindes zurück. Sie verließ bald nach der Niederkunft die Stadt, wie es ihr Bruder geraten hatte, und zog in eine andere Stadt in einem fremden Lande, wo man sie nicht kannte und nichts von ihrem Fehltritt wußte. Sie gab sich für eine Witwe aus und wollte eine neue Heirat, entsprechend ihrem Vermögen, eingehen. Man schlug ihr verschiedene gute Partien mit reichen, gelehrten und vornehmen Leuten vor, doch die meisten gefielen ihr nicht; und die Partien, die ihr gefielen, kamen nicht zustande. Die Jahre gingen hin, und die Frau beschloß, in eine Stadt mit einer großen und berühmten Lehrstätte zu fahren und sich dort unter den Studierenden einen passenden Mann auszuwählen. Sie wollte einen gelehrten, frommen und auch geschäftstüchtigen, wenn auch ganz armen Jüngling finden. Sie fuhr in die Stadt, wo ihr Sohn studierte, ging zum Rektor der Lehrstätte und erzählte ihm, sie sei eine reiche und vornehme Witwe aus der und der Stadt und wolle einen mit allen Vorzügen ausgezeichneten, wenn auch armen Jüngling heiraten; er möchte ihr einen solchen Jüngling empfehlen. Für seine Bemühungen versprach sie ihm ein schönes Geldgeschenk. Der Rektor ging auf ihre Bitte ein und wählte von allen seinen Schülern den besten aus, d. h. den Sohn der angeblichen Witwe. Die Frau gefiel dem Jüngling sehr gut, und auch er gefiel ihr, und sie verlobten sich. Die Frau gab dem Jüngling Geld, damit er sich standesgemäß kleide, und bald darauf feierten sie Hochzeit nach dem Gesetze Mosis und Israels. Nach der Hochzeit zogen sie in die Stadt, in der die Frau zuletzt gewohnt hatte. Doch jedesmal, wenn es zwischen ihnen zu der großen Sünde der Blutschande kommen sollte, richtete es der Herr so ein, daß die Frau von einer Unreinheit befallen wurde und der Mann sie nicht berühren durfte. Der Gatte wunderte sich sehr darüber und begann sie auszufragen, aus welcher Stadt und aus welcher Familie sie stamme. Die Weiber haben ja im allgemeinen wenig Verstand, und so erzählte die Frau ihrem Mann, den sie sehr liebte, die ganze Wahrheit: daß sie vor vielen Jahren von ihrem leiblichen Bruder ein Kind geboren, daß sie es in einem Kästchen mit einem Brief in eine andere Stadt geschickt hatte und so weiter. Als der junge Mann das alles hörte, begriff er, daß es seine eigene Mutter war; denn er hatte ja noch den Brief bei sich, den man damals im Kästchen gefunden hatte. Und er dankte dem Herrn, daß er die Sünde zwischen Mutter und Sohn nicht zugelassen hatte. Seiner Frau sagte er aber nichts davon, daß er ihr Sohn war. Und er entschloß sich, von ihr zu entfliehen. Er nahm etwas Geld mit und verließ das Haus. Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum ihr Mann sie verlassen hatte, und sie weinte bittere Tränen. Der junge Mann beschloß, von nun an ohne Obdach zu leben und im Lande herumzuirren, um die Sünde abzubüßen. Auch hatte er keine Freude am Leben mehr. Und er tat so. Er gab sich nirgends für einen Witwer, sondern nur für einen gewöhnlichen Bettler aus. Einmal kam er in ein Dorf und hielt sich dort im Wirtshause zwei Wochen auf. Der Gastwirt wunderte sich sehr, daß der junge Mann sich so lange in einem Dorfe, wo er nichts zu tun hatte, aufhielt, und auch darüber, daß er jeden Tag für zwei Stunden das Haus verließ und irgendwohin verschwand. Der Gastwirt ging ihm einmal nach und merkte, daß der junge Mann in einen nahen Wald ging. Er folgte ihm in den Wald und sah, daß der Mann vor einem Baume stand und sich mit dem Kopf gegen den Baumstamm schlug. Der Gastwirt fürchtete, daß der junge Mann sich etwas antun würde; darum lief er hinzu, faßte ihn bei den Händen und sagte ihm: »Warum tut Ihr das? Darf man denn sein Leben solcher Gefahr aussetzen? In der Schrift heißt es doch: \&›Ihr sollt eure Seelen schonen.‹ Ihr seht mir nicht so aus, als ob Ihr in Eurem Leben eine so schwere Sünde begangen habt, daß Ihr für sie so schwer büßen müßtet.« Der junge Mann kam zur Besinnung, gab aber dem Wirt keine Antwort. In den nächsten Tagen blieb er zu Hause. Dann sagte er zu seinem Gastwirt: »Ich habe bei mir eine Summe Geld. Ich will Euch das ganze Geld schenken, wenn Ihr mir den Keller, den Ihr unter Euerem Hause habt, auf ewig vermietet. Ich will mit meinen Gebetriemen, meinem Gebetmantel, einem Brot und einem Krug Wasser in den Keller gehen, und Ihr sollt den Keller von außen verschließen und den Schlüssel auf den Misthaufen werfen, so daß ihn niemand findet. Ihr sollt niemals nachschauen, ob ich noch am Leben bin, und den Keller niemals aufsperren. Wenn Ihr mir versprecht, diese Bedingungen genau zu erfüllen, und mir die Hand darauf gebt, schenke ich Euch mein ganzes Geld.« Der Gastwirt ging darauf ein und versprach, alles zu erfüllen. Der junge Mann gab ihm sein ganzes Geld, nahm seine Gebetriemen, den Gebetmantel, ein Brot und einen Krug Wasser und ging damit in den Keller. Der Gastwirt verschloß den Keller und warf den Schlüssel auf den Misthaufen. Es verging eine lange Zeit, und der Gastwirt dachte nicht mehr an den jungen Mann; er sah auch nie im Keller nach und hielt so sein Versprechen ein. Um diese Zeit starb in einer großen Stadt ein berühmter und frommer Rabbi. Und er hinterließ keinen Sohn, der sein Amt übernehmen könnte. Die Gemeinde beschloß, zwei gelehrte und kluge Männer als Boten auszusenden, damit sie das ganze Land bereisen und einen Gelehrten suchen, der würdig wäre, das Amt des Rabbi in ihrer Stadt zu übernehmen. Die Boten fuhren von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf, hielten sich überall einige Tage auf und fragten nach einem frommen und gelehrten Mann. So kamen sie auch in jenes Dorf und in das Wirtshaus, in dessen Keller vor Jahren der junge Mann eingeschlossen wurde. Die Boten übernachteten im Wirtshause und kamen am nächsten Morgen mit dem Gastwirt ins Gespräch. Sie fragten ihn auch, ob er nicht einen frommen und gelehrten Mann wüßte, der würdig wäre, in ihrer Stadt Rabbi zu sein. Da erinnerte sich der Gastwirt an den jungen Mann, den er in seinen Keller eingesperrt hatte, und es schien ihm, daß dieser der geeignete Mensch sei. Den Boten erzählte er aber davon kein Wort. Doch die Boten, die kluge Männer waren, merkten gleich, daß der Gastwirt verlegen wurde und daß er etwas wußte. Sie begannen ihn zu bitten, daß er ihnen sage, was er wisse, doch der Gastwirt wollte nichts sagen. Einer von den Boten ging auf den Hof hinaus und trat vor den Misthaufen. Da sah er einen Schlüssel liegen. Er hob den Schlüssel auf, brachte ihn in die Stube und sagte zum Gastwirt: »Es ist doch sonderbar, daß ein Schlüssel, der wohl zu einer Stube gehört, auf dem Misthaufen liegt!« Der Gastwirt nahm den Schlüssel in die Hand und erkannte, daß es der Schlüssel vom Keller war. Und er erschrak sehr, weil er begriff, daß es eine himmlische Fügung war. Die Boten sahen, daß sich sein Gesicht veränderte, als er den Schlüssel wiedererkannte, und baten ihn sehr, daß er ihnen alles erzähle. Und er erzählte ihnen die ganze Geschichte vom jungen Mann, der ihm so fromm und gottesfürchtig schien und der sich mit seinen Gebetsachen, einem Brot und einem Krug Wasser im Keller einsperren ließ: »Es ist kaum möglich, daß er noch am Leben ist. Und wenn er noch am Leben ist, so ist es ein Zeichen, daß er ein göttlicher Mensch ist.« Die Boten und der Gastwirt gingen zum Keller, sperrten ihn auf und begannen die Stufen hinabzugehen. Da kam ihnen aber der junge Mann, angetan mit Gebetmantel und Gebetriemen, selbst entgegen und begrüßte sie. Die Boten sprachen ihn mit Rabbi an und legten ihm ihre Bitte vor, in ihre Stadt als Rabbi zu kommen; sie sagten ihm, daß sie auf alle seine Bedingungen eingehen würden. Der junge Mann antwortete ihnen: »Ich will Euer Rabbi sein. Doch es ist mir unmöglich, gleich auf der Stelle zu Euch zu reisen. Aber ich verspreche Euch, an dem und dem Tag dieses und dieses Monats zu Euch zu kommen.« Mit diesen Worten verabschiedete er sich von ihnen, stieg wieder in den Keller hinab und befahl dem Gastwirt, den Keller wieder zu verschließen. Die Boten reisten heim und freuten sich, daß sie einen so heiligen und göttlichen Mann als Rabbi gewonnen hatten. Der festgesetzte Tag rückte heran. Die vornehmsten Leute der Stadt gingen dem neuen Rabbi entgegen und empfingen ihn mit den größten Ehren. Und man führte ihn in einen Festsaal, den man für ihn vorbereitet hatte. Die Leute hatten schon von den Boten gehört, daß der Rabbi in einem Keller gelebt hatte und daß er ein göttlicher Mann ist; darum blickten sie zu ihm mit Ehrfurcht empor. Und er regierte als Rabbi, und man folgte ihm in allen Dingen, weil man sah, daß alle seine Entschlüsse stets in Erfüllung gingen. Auch aus fremden Städten reisten die Leute zu ihm, damit er sie segne, denn sein Ruhm war groß im ganzen Lande. Nun wollen wir auf die Mutter des Rabbi zurückkommen. Sie saß eine lange Zeit als verlassene Frau da und konnte kein einziges Rabbinergericht finden, das ihren verschollenen Mann für tot und die Ehe für aufgehoben erklären wollte. Sie konnte also nicht wieder heiraten und mußte ihr Leben vertrauern. Weder ihr Reichtum noch ihr Leben freute sie. Als sie einmal hörte, daß in eine große Stadt ein neuer Rabbi eingezogen sei, von dem man verschiedene Wunder erzählte, kam ihr der Gedanke, zu diesem Rabbi zu reisen und ihm ihren Fall zu erzählen; vielleicht würde er ihr helfen können: er würde ihr seinen Segen geben, und ihr verschollener Mann würde bald zu ihr zurückkehren; oder er würde ihr sagen, wo sich ihr Mann befindet. Sie reiste also in die große Stadt und kehrte in ein Gasthaus ein. Beim Gastwirt erkundigte sie sich nach dem neuen Rabbi, und dieser berichtete ihr von einigen Wundern, die der Rabbi verrichtet hatte; er sagte ihr auch, daß der Rabbi erst seit kurzem in dieser Stadt sei, daß viele Leute zu ihm mit ihren Anliegen kämen und daß er allen helfe. Der Gastwirt riet der Frau, zum Rabbi zu gehen und Geld mitzunehmen, um es seinen Dienern zu geben, damit sie sie vorließen. Doch der Rabbi erfuhr durch seinen heiligen Geist, daß seine Mutter in die Stadt gekommen war und ihn besuchen wollte. Und er gab seinen Dienern den strengsten Befehl: falls eine Frau kommt, die so und so aussieht und zum Rabbi vorgelassen zu werden verlangt, soll man sie um nichts in der Welt vorlassen; selbst wenn sie noch so sehr weinen oder Geld anbieten würde. So geschah es auch. Die Frau zog ihre teuersten Kleider an und ging zum Rabbi. Und sie bot seinen Dienern viel Geld, wenn sie sie vorlassen würden. Doch die Diener stießen sie zurück. Als sie sah, daß alle andern Leute, wie Männer so Weiber, vorgelassen wurden, war sie sehr betrübt und fing zu weinen an und sagte: »Warum bin ich ärger als alle andern Juden?« Und die Diener mußten ihr erzählen, daß der Rabbi selbst ihnen befohlen hatte, sie um nichts in der Welt vorzulassen. Sonst hätten sie sie ganz gewiß vorgelassen; sie könnten also nichts dafür. Die Frau kam sehr betrübt in ihr Gasthaus zurück und erzählte dem Gastwirt von ihrem großen Kummer. Der Mann hatte Mitleid mit ihr und gab ihr den Rat, es am nächsten Tage wieder zu versuchen, doch nicht in ihrer reichen Kleidung, sondern in ärmlichen Kleidern: dann würden sie die Diener nicht wiedererkennen. Sie tat so und ging am andern Tag in ärmlicher Kleidung wieder hin. Und es gelang ihr zugleich mit den andern Leuten zum Rabbi zu kommen. Als der heilige Rabbi fühlte, daß seine Mutter zu ihm gekommen war, stand er erschrocken auf und begann zu weinen und zu schreien: »Herr der Welt, warum tust du mir das an?« Die Leute konnten gar nicht verstehen, warum der Rabbi so weinte und schrie. So weinte er vor dem Herrn, gelobt sei sein Name. Die Frau verlor im gleichen Augenblick die Besinnung, fiel zu Boden und starb. Alle Leute, die dabei waren, erschraken. Und man hob die Frau auf, trug sie in ein anderes Zimmer und versuchte sie wieder zur Besinnung zu bringen. Doch sie war tot. Der Rabbi ließ sie begraben und verrichtete alle Trauergebräuche, die man nach dem Tode einer Mutter verrichtet. Das erfuhr der Baal-Schem durch seinen heiligen Geist und reiste mit seinen Schülern hin, um den Rabbi, der ein frommer Gelehrter und ein Bastard war, in seiner Trauer zu trösten. Die Verdienste der beiden Heiligen mögen uns beistehen. Amen. 18. Der vergessene Brief Der heilige Baal-Schem kam einmal auf einer Reise in ein Wirtshaus in der Nähe der Stadt Brody. Der Pächter des Wirtshauses gehörte zu seinen Anhängern und bereitete ihm daher einen sehr schönen Empfang und rüstete ein feines Mahl für den Baal-Schem und alle seine Reisegenossen. Alle verbrachten die Nacht in diesem Wirtshause, und am nächsten Morgen, nach dem Essen, sagte der Baal-Schem zum Pächter: »Vielleicht hast du irgendein Anliegen? Ich kann für dich jetzt alles erwirken.« Der Pächter antwortete: »Ich habe, gottlob, gar kein Anliegen. Nur daß ich immer gesund und stark bleibe, denn jetzt fehlt mir nichts.« Darauf erwiderte der Baal-Schem: »Da du keine Bitte an mich hast, so möchte ich dich um etwas bitten, aber du sollst mir meine Bitte nicht abschlagen.« Und der Pächter sprach: »Ich werde ganz gewiß alles tun, was ich für den Rabbi tun kann.« Der Baal-Schem setzte sich an den Tisch, schrieb einen Brief, faltete ihn zusammen, versiegelte ihn und sagte zum Pächter: »Diesen Brief will ich nach Brody schicken, und ich bitte dich, ihn dorthin zu bringen.« Der Pächter antwortete: »Für den Rabbi tue ich es sofort!« Und er nahm den Brief aus des heiligen Rabbis Hand und tat ihn zu sich in die Tasche. Da sagte der Baal-Schem: »Nun muß ich weiterreisen, und du wirst mich wohl eine Strecke begleiten wollen.« Und der Pächter sagte: »Ja!« und lief nach Hause, um seinen Wagen einzuspannen. Und wie sich der Pächter im Pferdestalle bückte, um Stricke zu nehmen, mit denen er die Pferde einspannen wollte, fiel ihm der Brief aus seiner Brusttasche heraus und in den Kasten, in dem er die Stricke verwahrte, hinein. Und er spannte ein, begleitete den heiligen Baal-Schem ein Stück des Weges und kehrte heim; den Brief vergaß er aber vollständig. Und als er nach einiger Zeit in irgendeiner Sache den Baal-Schem besuchte, gedachte dieser mit keinem Worte des Briefes. Und es vergingen viele Jahre, der Baal-Schem war inzwischen gestorben, dem Pächter ging es aber sehr schlecht, und er wurde arm wie ein Bettler. Er mußte nach und nach seine ganze Habe verkaufen, und schließlich besaß er nichts mehr, was er hätte verkaufen können. Es waren aber schon siebzehn Jahre nach dem Tode des Baal-Schem vergangen. Da ging der Pächter zur Kiste, die er in seinem Hause stehen hatte, nachzusehen, ob er in ihr nicht doch etwas finden würde, was er verkaufen könnte. Und er fand in der Kiste den Brief, den ihm der Baal-Schem einst übergeben hatte. Wie er die Hand des heiligen Rabbi erkannte, kam er schier von Sinnen; er weinte und klagte und sprach: »Nun weiß ich, warum mich das Unglück betroffen hat!« Und er betrachtete den Brief, las, an wen er gerichtet war, hatte aber Furcht, ihn zu erbrechen. Und er sagte sich: »Ich will den Brief nach Brody bringen, vielleicht wird er noch dem nützen, an den er gerichtet ist. Vielleicht steht ein Geheimnis darin; darum will ich ihn lieber nicht öffnen.« Und er begab sich zu Fuß nach Brody, und der Weg dauerte drei Tage. In Brody ging er in den Tempel und fragte die alten Leute, ob sie sich erinnerten, wer vor zwanzig Jahren die Gemeindevorsteher gewesen waren, und er nannte ihnen die beiden Namen, die auf dem Briefe standen. Doch die alten Leute antworteten: »Solange wir leben, hat es hier keine Gemeindevorsteher mit diesen Namen gegeben.« Und er fragte einen andern und einen dritten, und alle antworteten ihm dasselbe. Er war sehr betrübt und zeigte den Brief den Alten, doch niemand wagte es, den Brief zu erbrechen. Da sagte jemand zum Spaß: »Gerade in diesem Augenblick finden in der Großen Schul neue Wahlen von Gemeindevorstehern statt. Vielleicht werden die Leute gewählt, deren Namen auf deinem Briefe stehen!« Und alle lachten darüber, doch der Scherz wurde zur Wahrheit. Es kamen Jungen aus der Großen Schul gelaufen und riefen: »Gut Glück! Die und die Leute sind zu Gemeindevorstehern erwählt worden.« Der Pächter fragte noch einmal nach den Namen und hörte die gleichen Namen, die auf dem Briefe standen. Und er war sehr verwundert und beriet mit den Leuten, was er nun tun solle. Und die alten Leute sagten ihm: »Warte eine Weile, bis die Gemeinde sich aus der Gemeindestube entfernt hat, wohin man die neuen Vorsteher geführt hat. Dann wirst du ihnen den Brief übergeben, sie werden ihn öffnen, und da wird man sehen, ob der Brief an sie gerichtet ist oder nicht.« Er tat so, wie man ihm sagte, ging in die Gemeindestube und fragte, wer die neuen Vorsteher seien, und man zeigte sie ihm. Und der Pächter sagte ihnen »Meine Herren, ich habe euch einen Brief vom heiligen Baal-Schem, seligen Angedenkens, zu bestellen.« Und die beiden Vorsteher spotteten seiner und sagten: »Woher kommt Ihr, närrischer Mensch, der Ihr uns eine solche Lüge sagt? Der Baal-Schem ist ja schon seit siebzehn Jahren auf der wahren Welt, und wir sind nur zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt. Wie ist es nun möglich, daß der Baal-Schem uns einen Brief geschickt hat?« Und der Pächter erwiderte darauf: »Glaubt mir, ihr Herren, ich wundere mich auch selbst darüber, doch die Sache verhält sich so und so.« Und er erzählte ihnen die Sache. Und die Vorsteher nahmen den Brief aus seiner Hand und öffneten ihn. Im Briefe stand aber folgendes: »An Herrn Soundso und Herrn Soundso, die Gemeindevorsteher von Brody. Wenn der Überbringer dieses Briefes, mit Namen soundso, zu euch kommen wird, so nehmt euch seiner, bitte, an. Er ist ein ordentlicher Mann und war bisher reich. Nun ist er verarmt. Ihr sollt ihm helfen, wie ihr nur könnt, weil ich, der Baal-Schem, euch darum bitte. Und für den Fall, daß ihr zweifelt, ob ich, der Baal-Schem, diesen Brief wirklich geschrieben habe, gebe ich euch ein Zeichen: Eure beiden Weiber liegen jetzt in Kindesnöten, und gleich wird man euch ansagen kommen, daß die eine einen Sohn und die andere eine Tochter geboren hat. Dies sei euch ein Zeichen, daß ich den Brief wirklich geschrieben habe. Israel Baal-Schem.« Kaum hatten die Vorsteher den Brief zu Ende gelesen, als ein Bote mit der Nachricht kam, von der im Briefe stand. Als die Gemeinde von Brody von diesem wunderlichen Begebnis erfuhr, schickten alle Leute dem Pächter Geldgeschenke und machten ihn reich. Und die beiden Gemeindevorsteher schenkten ihm noch mehr als die Gemeinde, und so fuhr er beglückt heim. Diese Geschichte zeigt die Allmacht des Schöpfers, der auch einem von einem Weibe Geborenen solche Seherkraft verleihen kann. Er bleibe uns stets gnädig. Amen. 19. Baal-Schem als Ehestifter Der heilige Rabbi Awrohom-Jaakow von Sadagora erzählte einmal folgende Geschichte: Vor Zeiten, als Polen noch von eigenen Königen regiert wurde, hatte jeder Gutsherr auf seinem Gute die gleiche Gewalt wie ein Kaiser. Er tat, was er wollte, wie Gutes so auch Böses. Er durfte strafen und er durfte begnadigen. In einem Dorfe wohnte um diese Zeit ein jüdischer Pächter, der dem Gutsherrn die Pachtrate nicht rechtzeitig bezahlen konnte. Der Gutsherr wartete einige Jahre; der Pachtzins wuchs immer an, und die Schuld des Pächters betrug schließlich vierhundert Rubel. Da der Jude diese Summe nicht bezahlen konnte, ließ ihn der Gutsherr samt Weib und Kindern in den Kerker werfen. Sie sollten soundso lange im Kerker sitzen und nichts als trockenes Brot und Wasser bekommen. Später sagte sich der Gutsherr, daß er davon doch gar nichts haben würde, wenn der Pächter im Kerker verschmachtete. Darum beschloß er folgendes: er ließ den Pächter, dessen Weib und Kinder in Ketten legen und befahl seinem Verwalter, die Gefesselten durch die nächsten größeren Städte zu führen. In jeder Stadt sollte er das Volk zusammentrommeln und einen Aufruf vorlesen, den der Gutsherr selbst verfaßt und unterschrieben hatte: »Wenn sich kein Jude findet, der die Gefangenen für dreihundert Rubel auslöst, so werden sie sämtlich erschlagen werden.« Der Verwalter tat so, wie ihm geheißen: er brachte die mit Ketten beladenen Gefangenen in die nächste größere Stadt und ließ Trommel schlagen; als viel Volk zusammengekommen war, las er den Aufruf des Gutsherrn vor. Die Gefangenen weinten und flehten die Juden der Stadt an, daß sie mit ihnen Mitleid haben und sie auslösen, denn der Gutsherr würde sie sonst erbarmungslos umbringen lassen. Die Leute, die das hörten, hatten alle Mitleid mit den armen Gefangenen, doch es fand sich unter ihnen und selbst unter den reichsten Leuten der Stadt niemand, der das Lösegeld erlegen wollte: jeder seufzte über die Armen und ging weiter. Die Gefangenen weinten und jammerten, doch niemand wollte ihnen helfen. In dieser Stadt lebte ein armer, einfacher Jüngling. Er war Diener bei einem reichen Manne und hatte während seiner Dienstzeit hundertundfünfzig Rubel zusammengespart. Als der Jüngling von den armen Gefangenen hörte, daß sie nur noch diesen einen Tag zu leben haben, entbrannte sein Herz in Mitleid, und er beschloß, seine ganzen Ersparnisse zu opfern, um die Menschen vom sicheren Tode zu retten. Da aber seine ganzen Ersparnisse nur die Hälfte des nötigen Lösegeldes ausmachten, beschloß er, sich an ein armes Mädchen zu wenden, das er kannte und das als Dienstmädchen gleichfalls hundertundfünfzig Rubel zusammengespart hatte. Er ging also zu dem Mädchen und sagte: »Ich habe mich entschlossen, meine ganzen Ersparnisse für das gottgefällige Werk der Erlösung von Menschenseelen vom sicheren Tode zu opfern, und ich rate dir, daß auch du deine Ersparnisse für das gleiche gottgefällige Werk opferst. Denn wir beide sind ja einfache Menschen und haben noch nichts Gottgefälliges getan. Und da uns der Herr, gelobt sei sein Name, die Gelegenheit geboten hat, dieses seltene gottgefällige Werk zu tun, wollen wir diese Gelegenheit ergreifen.« Das gute Mädchen erklärte sich dazu bereit und brachte sofort ihre hundertundfünfzig Rubel. Er tat sie zu seinem Gelde und bezahlte dem Verwalter das ganze Lösegeld von dreihundert Rubeln. Der Verwalter befreite sofort die Gefangenen, und sie gingen heim und dankten Gott für ihre Befreiung. Und der Jüngling sprach zum Mädchen: »Auch wir müssen dem Herrn danken, weil er uns dieses gottgefällige Werk verrichten ließ. Da du aber auf meinen Rat dein letztes Geld weggegeben hast, so ist es meine Pflicht, nun auch für dich zu sorgen. Und ich rate dir dieses: ich habe in einer nahen Stadt einen Onkel, und wenn wir beide zu ihm kommen, so wird er sich bemühen, dir und mir irgendwelche Stellungen zu verschaffen.« Das Mädchen willigte ein. Sie nahmen ihre kleinen Bündel mit ihrem ganzen Hab und Gut und machten sich auf den Weg nach der nächsten Stadt, wo der Onkel des Jünglings lebte. Sie gingen zu Fuß und kamen gegen Abend zu einer Herberge. Sie beschlossen, da zu übernachten. Ob des seltenen gottgefälligen Werkes, das diese beiden einfachen und armen jungen Leute getan hatten, gab es im Himmel ein großes Rauschen und Frohlocken, und der Name des höchsten Gottes wurde in allen Regionen geheiligt. Darum wurde vom Himmel dem heiligen Israel Baal-Schem befohlen, daß er sich sofort zu der Herberge begebe, wo die jungen Leute übernachteten, daß er Hochzeitskleider für den Jüngling und für das Mädchen mitnehme und die beiden nach dem Gesetze Mosis und Israels verheirate. Der Baal-Schem tat, wie ihm geheißen. Er nahm Kleider für den Bräutigam und für die Braut, machte sich auf den Weg und kam am gleichen Abend zu der Herberge. Der Wirt empfing ihn mit Ehrfurcht und sagte ihm: »Rabbi, übernachtet diese Nacht in meiner Herberge!« Der Baal-Schem trat ein, und der Wirt gab ihm ein Zimmer. Der Baal-Schem rief den Wirt zu sich herein und befahl ihm, sofort ein Hochzeitsmahl vorzubereiten, denn er werde noch diese Nacht in seiner Herberge ein junges Paar verheiraten. Der Wirt machte sich sofort an die Arbeit und richtete ein Mahl für ein Brautpaar und zehn Hochzeitsgäste. Er war so mit dieser Arbeit beschäftigt, daß er sich gar nicht fragte, wo das Brautpaar sei. Als der Jüngling und das Mädchen vor der Herberge anlangten, setzten sie sich draußen hin, um etwas auszuruhen. Da sie beide gewohnt waren, im Hause und in der Küche zu arbeiten, boten sie dem Gastwirt, als sie seine Vorbereitungen zum Festmahle sahen, ihre Hilfe an. Sie wollten sich nützlich machen, um dafür einen Bissen Brot und Unterkunft zu bekommen. Der Jüngling half dem Wirt bei der Arbeit, und das Mädchen ging in die Küche und half kochen, braten und backen. Nach einigen Stunden trat der Wirt vor den Rabbi und meldete: »Rabbi, das Hochzeitsmahl ist fertig.« Der Baal-Schem fragte ihn, ob er viel fremde Gäste in der Herberge hätte. Der Wirt antwortete, es sei niemand da, außer einem jungen Diener und einem jungen Dienstmädchen. Und der Baal-Schem befahl dem Wirt: »Bringe mir die beiden her!« Als sie zum heiligen Rabbi ins Zimmer kamen, gab er ihnen die mitgebrachten Hochzeitskleider, ließ sie die Kleider anziehen und sich setzen. Er sagte ihnen, daß bald ihre Hochzeit gefeiert werden würde. Die Braut und der Bräutigam saßen so an die zwei Stunden. Da kamen zur Herberge einige Kutschen, und ihnen entstiegen sieben Männer von ehrwürdigem Aussehen. Mit dem Rabbi, dem Bräutigam und dem Gastwirt waren es also genau zehn Männer, wie es sich bei einer Trauung gehört. Der Wirt war darüber sehr erstaunt. Die sieben Gäste waren aber unsere heiligen Väter: Abraham, Isaak, Jakob, Moses, Aharon, David und der Prophet Elias. Der heilige Israel Baal-Schem sprach bei der Trauung die Segenssprüche, und dann setzten sich alle zu Tisch. Man aß und trank mit großer Freude. Nach dem Essen wurden von den Gästen, der Sitte gemäß, die Hochzeitsgeschenke ausgerufen. Der Gastwirt sah der Feier zu und schwieg; doch das Ganze war ihm ein Wunder. Einer der Gäste rief mit lauter Stimme: »Ich schenke dem jungen Paare den Ochsenstall des Gutsherrn. Das schenke ich dem jungen Paare.« Und ein anderer Gast rief mit lauter Stimme: »Ich schenke dem jungen Paare das Schmuckkästchen mit den Perlen und Edelsteinen der alten Gutsherrin. Das schenke ich dem jungen Paare.« Und der Baal-Schem rief mit lauter Stimme: »Ich schenke dem jungen Paare diese Herberge auf ewige Zeiten. Das schenke ich dem jungen Paare.« Dann sprach man das Tischgebet, und alle Gäste nahmen Abschied und fuhren fort. Nur das junge Paar und der Baal-Schem blieben in der Herberge. Die Neuvermählten hielten alle die versprochenen Geschenke für Trug. Denn augenblicklich besaßen sie gar nichts. Lieber Leser, nun kannst du sehen, wie sehr die Fürsorge des Herrn und seine Wunder jede menschliche Vorstellung übertreffen. Der Gutsherr, dem das Dorf gehörte, hatte einen einzigen Sohn im Alter von zehn Jahren, den er mehr als sich selbst liebte. Nun traf es sich zwei Tage vor der Hochzeit, daß der Knabe plötzlich verschwand. Der Vater war wie irrsinnig. Er ließ die ganze Gegend absuchen, doch das Kind war nirgends zu finden. Als der junge Ehemann am Morgen nach der Hochzeit aufstand, sagte er zum Wirt: »Ich will Euch um etwas bitten: leiht mir Euer Fuhrwerk, damit ich in die nächste Stadt zu meinem Onkel fahre. Ich will meinen Onkel um eine Stellung für mich bitten, damit ich mein junges Weib ernähren kann. Ich werde bald wiederkommen und Euch das Fuhrwerk zurückgeben.« Da der Wirt sah, wie sehr sich der heilige Baal-Schem um den jungen Mann bemüht hatte, konnte er ihm die Bitte nicht abschlagen und lieh ihm sein Fuhrwerk. Und der junge Mann fuhr von dannen. Unterwegs mußte er über eine Brücke. Da hörte er von unter der Brücke ein leises Wimmern und Stöhnen. Anfangs erschrak er, dann ging er aber unter die Brücke und sah aus dem Sumpfe den Kopf eines Kindes herausragen. Das Kind war bewußtlos, doch noch am Leben. Der Mann zog es mit großer Mühe aus dem Sumpfe heraus. Es war das Söhnchen des Gutsherrn, das seit drei Tagen verschwunden war. Der Mann hatte Mitleid mit dem Kinde; er reinigte es vom Schmutz und bekleidete es mit seinen eigenen Kleidern. Als der Knabe zu sich kam, sagte er: »Ich bin der Sohn des Gutsherrn. Ich weiß, daß mein Vater mich überall sucht. Bringt mich, bitte, zu meinem Vater.« Der Mann tat so und fuhr mit dem Knaben, der ihm den Weg zeigte, zum Gutshof. Als sie dort ankamen, gab es eine große Freude. Der Knabe rief: »Vater, Mutter, wenn nicht dieser Jude, so wäre ich nicht mehr am Leben!« Die Eltern waren sehr gerührt, und der Gutsherr schenkte dem Manne die Herberge auf ewige Zeiten; und die Gutsherrin schenkte ihm den Ochsenstall mit den Ochsen. Und die Mutter des Gutsherrn, die Großmutter des Kindes, schenkte ihm ihr Schmuckkästchen mit allen ihren Perlen und Diamanten. So gingen die Versprechen der wunderbaren Hochzeitsgäste in Erfüllung. Und das Paar lebte bis an sein Ende in großem Reichtum. 20. Der gottgefällige Tanz Der heilige Baal-Schem, seligen Angedenkens, saß einmal Freitag abends mit seinen Schülern beim Mahl, mit dem der Einzug des Sabbats gefeiert wird. Er pflegte bei solchen Mahlzeiten mit seinem ganzen Wesen bei Gott, gesegnet sei sein Name, zu sein. Er war nicht mehr auf dieser Welt, sondern alle seine heiligen Gedanken waren beim Allmächtigen. Kaum war der Segensspruch über den Wein gesprochen, als der Baal-Schem plötzlich in Gelächter ausbrach. Die Schüler waren darüber höchst erstaunt, denn sie hatten bei ihm dergleichen noch nie erlebt. Sie wagten aber aus Ehrfurcht nicht, ihn nach dem Grunde seines Lachens zu fragen, und schwiegen. Doch mitten in der Mahlzeit fing der heilige Baal-Schem wieder zu lachen an, und die Schüler waren von neuem erstaunt. Und so geschah es dreimal. Niemand wußte die Ursache dieses Gebarens. Unter den Schülern befand sich der heilige Rabbi Wolf Kizes, den der Baal-Schem sehr liebte. Rabbi Wolf durfte ihm jeden Sabbatabend die Tabakspfeife anzünden, und der Baal-Schem pflegte ihm dabei zu erzählen, was er während des Sabbats alles im Geiste erlebt hatte. Als nun der Sabbat zu Ende ging, baten alle Schüler den frommen Rabbi Wolf, er möchte den Baal-Schem fragen, welche Bewandtnis es mit seinem Lachen gehabt habe. Rabbi Wolf fragte den heiligen Baal-Schem danach, doch dieser gab keine Antwort, sondern befahl allen Schülern, die Werktagskleider anzuziehen und mit ihm ein wenig aus der Stadt hinauszufahren. Die Schüler taten so, wie ihnen geheißen, doch sie wußten nicht, wohin er mit ihnen fahren würde. Der Baal-Schem fuhr mit ihnen die ganze Nacht durch und kam erst am Morgen in die Stadt Kozienice. Dort begab er sich mit seiner Begleitung in das Haus des Gemeindevorstehers, der ihn und seine Schüler mit großen Ehren aufnahm, denn der Name des heiligen Baal-Schem war damals groß in der ganzen Welt. Bald kamen ins Haus alle angesehenen Gemeindemitglieder, doch der Rabbi begann sein Morgengebet zu verrichten. Und als er damit fertig war, befahl er, daß man ihm den Buchbinder Reb Schabsai und dessen Weib hole. Darüber waren alle sehr erstaunt, denn Reb Schabsaj war zwar ein ordentlicher Mensch, doch durchaus einfach und ungebildet. Als der Buchbinder und seine Frau vor dem heiligen Baal-Schem standen, sagte dieser: »Ich bitte dich, erzähle mir alles, was du am letzten Freitagabend gemacht hast. Du sollst aber nichts verheimlichen.« Darauf antwortete der Buchbinder Rab Schabsaj: »Ich bitte Euch, Rabbi, vielleicht habe ich etwas nicht recht getan, so mögt Ihr es mir sagen. Ich will Euch aber alles erzählen, wie es gewesen ist. Ich bin Handwerker und habe mich immer von der Arbeit meiner Hände ernährt und noch niemals fremder Hilfe bedurft. Es war bei mir Sitte, daß ich schon am Donnerstag alles anschaffte, was wir für den heiligen Sabbat brauchten. Am Freitag begab ich mich immer schon um zehn Uhr früh in den Tempel und las das Hohelied und die Psalmen bis zum Abend. Und so feierte ich den Sabbat nach meinem ganzen Vermögen. Jetzt aber, da ich alt geworden bin, habe ich nicht mehr die frühere Kraft und kann nicht viel arbeiten, und so mußte ich meine ganze Habe verkaufen, um mich zu ernähren. Und zuletzt kam es so, daß ich nichts mehr zu verkaufen hatte, um mir für den Erlös wenigstens ein Stück Brot für den Sabbat zu kaufen. Den ganzen letzten Donnerstag hoffte ich noch, daß der Allmächtige mir etwas bescheren würde, womit ich den Sabbat begehen könnte. Denn hätte er meine Lage jemandem offenbart, so wäre mir geholfen: das heilige Volk der Juden würde es ja nicht zulassen, daß ich am Sabbat faste. Da ich aber nicht wollte, von der Gnade eines Wesens aus Fleisch und Blut etwas zu nehmen, hatte ich beschlossen, am Sabbat lieber zu fasten. Der Herr könnte mir aber auch im letzten Augenblick noch helfen. Nun fürchtete ich, daß mein Weib die Sache den Nachbarn erzählen könnte; darum nahm ich ihr, bevor ich in den Tempel ging, das Versprechen ab, niemandem etwas von unserer Lage zu erzählen. Auch sagte ich ihr, ich werde später als sonst aus dem Tempel heimkommen, denn ich wollte abwarten, bis alle gegangen sind: wäre ich mit den andern Menschen heimgegangen und hätte mich jemand gefragt, warum in meinem Haus kein Licht brennt, so wüßte ich nicht was zu antworten. Ich ging also wie gewöhnlich um zehn Uhr ins Bethaus und las das Hohelied und die Psalmen. Mein Weib begann indessen das Haus aufzuräumen, den Staub abzuwischen und die Stube zu kehren. Und beim Aufräumen fand sie ein Paar Ärmel, in denen silberne Knöpfe steckten. Diese Ärmel hatten wir vor sehr langer Zeit verloren, und nun kamen sie ganz plötzlich wieder zutage. Sie verkaufte sofort die Knöpfe, und der Erlös reichte gerade, um alles für den Sabbat anzuschaffen: Weißbrot, Lichter, Fische und alles übrige, wie es bei uns im Hause immer Sitte war. Sie hatte aber diesmal längere Lichter gekauft, denn sie wußte, daß ich später als sonst aus dem Bethause kommen würde. Wie ich nun abends heimgehe, sehe ich schon aus der Ferne, daß es bei mir im Hause sehr hell ist, und sage mir: mein Weib hat sich sicher nicht beherrschen können und hat etwas den Nachbarn erzählt, und diese haben ihr Lichter geschenkt. Und wie ich ins Haus komme, sehe ich den fein gedeckten Tisch mit Brot und Wein, und ich denke mir, daß das doch sicher das Geschenk eines Wesens von Fleisch und Blut ist; und doch hatte mir mein Weib mit Handschlag gelobt, niemandem ein Wort zu sagen. Ich wollte aber nicht den Sabbat stören und sie gleich zu Beginn streng fragen, woher alle die Dinge kämen. Darum begrüßte ich sie wie sonst, sprach das Gebet über den Wein und setzte mich essen. Doch während der Mahlzeit sagte ich ihr: \&›Du hast dich doch nicht beherrschen können und die Prüfung nicht bestanden!‹ – Doch sie erwiderte darauf: \&›Kannst du dich noch erinnern, daß wir einmal vor Jahren ein Paar Ärmel mit silbernen Knöpfen verloren haben? Diese habe ich jetzt gefunden und verkauft, und der Erlös reichte gerade für den Sabbat.‹ Nun sah ich, daß der Herr niemanden verläßt, der auf ihn statt auf menschliche Hilfe baut. Und als ich das begriff, wurde ich voller Freude ob der großen göttlichen Gnade, und ich nahm mein Weib bei der Hand und tanzte mit ihr eine ganze Weile. Und so tat ich dreimal vor großer Freude, daß der Herr mir alles gegeben hat, was ich für Sabbat brauchte, ohne daß ein Wesen von Fleisch und Blut mir hat helfen müssen. Nun bitte ich Euch, Rabbi, wenn es nicht recht von mir war, daß ich mit meinem Weib am Sabbat tanzte, so sagt es mir. Ich tat es aber aus vollem Herzen, um den Herrn zu loben.« Als der Buchbinder mit seiner Erzählung fertig war, sagte der heilige Baal-Schem zu seinen Schülern: »Glaubt mir, es war eine große Freude in allen Himmeln und bei allen Heerscharen!« Nun verstanden die Schüler, warum er dreimal gelacht hatte. Dann fragte der Baal-Schem die Frau des Buchbinders, was sie lieber haben möchte: Reichtum, daß sie ihr Leben in Ehren beschließen könnte, oder einen Sohn. Denn die Buchbinderleute waren kinderlos und schon in älteren Jahren. Und die Frau sagte, daß sie lieber einen Sohn haben möchte. Der Baal-Schem versprach ihr darauf: »Du wirst einen Sohn gebären, und sein Name wird leuchten auf der ganzen Welt. Du sollst ihn Israel nennen, so wie ich heiße, und wenn er zur Welt kommt, sollst du mich wissen lassen. Dann werde ich zur Beschneidungsfeier kommen und werde sein Pate sein.« Und so geschah es. Die Frau des Buchbinders wurde Mutter des berühmten Maggids Israel von Kozienice, und was dieser für ein heiliger Mann und Wundertäter gewesen ist, ist jedem bekannt. Er war sein Leben lang schwach und kränklich, weil er von alten Eltern geboren war. Er lag fast immer im Bette, doch sooft die Stunde des Gebets kam, sprang er auf wie ein Löwe. Sein Segen sei auf uns, und es möchte uns vergönnt sein, Gott zu dienen und viel Freude zu erleben. Amen. Aus dieser Geschichte kann man lernen, wie wichtig es ist, den Sabbat zu heiligen, denn dadurch kann man der Gnade teilhaftig werden, berühmte Wundertäter und Gelehrte zu Söhnen zu haben. Amen. 21. Von der Macht des Arztes Ein Wilnaer Jude kam einmal zum großen und heiligen Rabbi Dojw-Ber von Mizricz, den man gewöhnlich den Maggid von Mizricz nennt. Der Mann gehörte nicht zu den Chassidim und glaubte nicht an die Wunderkraft des Maggids. Da er aber viel von seiner Weisheit gehört hatte, besuchte er ihn, um ihn zu prüfen. Kaum war er eingetreten, als der heilige Maggid ihm sagte: »Merke dir, mein Kind, daß es nicht die Arzneien sind, die den Kranken heilen, sondern die Ärzte selbst: denn jeden Arzt begleitet ein Engel, und den größten Arzt – der Engel Raphael selbst.« Der Mann aus Wilna begriff nicht, was der heilige Maggid damit sagen wollte. Er sagte sich: »Was hat er mir da gesagt? Ich bin ja, gottlob, gesund und brauche keinen Arzt. Was meinte er damit?« Und als er den Maggid verlassen hatte, überlegte er sich noch lange hin und her, wie er diese Worte verstehen müsse, konnte aber den Sinn nicht erfassen. Und er vergaß bald den Ausspruch des heiligen Dojw-Ber von Mizricz. Er verbrachte noch drei Monate auf Reisen, und als er nach Wilna zurückkam, wurde er schwer krank. Niemand konnte erraten, woher diese Krankheit kam, und keiner der Ärzte, die man herbeirief, konnte ihm helfen. Und es ging ihm von Tag zu Tag schlimmer, so daß man glaubte, es sei sein Ende. Der Mann war aber in Wilna sehr beliebt, und die Leute hatten um ihn große Sorge. Als man hörte, daß er im Sterben lag, kamen so viele Leute zu ihm, daß das Haus voll war und viele auf der Straße stehen mußten. Und wie sie so standen, ging plötzlich das Gerücht, daß der König von Preußen nach Wilna gekommen sei. Die Leute beschlossen, zum König zu gehen und ihn zu bitten, er möchte erlauben, daß sein Leibarzt den Kranken aufsuche; vielleicht werde er ihn retten können. Und die ganze Gemeinde begab sich zum König und brachte durch einen Hofbeamten die Bitte vor. Der König gab die Erlaubnis, und der Leibarzt begab sich zum Kranken. Als er seinen Zustand sah, wurde er böse, daß man ihn gerufen hatte. »Bin ich denn ein Gott«, sagte er, »daß ich einen Toten lebendig machen soll?« Und er wollte das Krankenzimmer verlassen, konnte es aber nicht, denn die Leute, die mit ihm zugleich gekommen waren, standen so dicht gedrängt, daß er nicht einmal zur Türe gelangen konnte. Also blieb er noch eine Weile im Zimmer. Und wie er noch einmal nach dem Kranken sah, merkte er, daß sein Zustand sich ein wenig gebessert hatte, so daß er es nicht mehr für unmöglich hielt, daß eine Arznei helfen könnte. Also setzte sich der Arzt hin, schrieb ein Rezept und schickte es mit einem Boten in die Apotheke. Und wie er wieder nach dem Kranken sah, merkte er, daß sein Zustand sich noch mehr gebessert hatte, so daß das erste Rezept nicht mehr nötig war. Er schrieb ein neues Rezept und schickte einen andern Boten, der den ersten einholen sollte. Und kaum war der zweite Bote fort, als der Arzt sah, daß auch das zweite Rezept nicht mehr nötig war. Man rief den Boten zurück, und der Arzt schrieb ein drittes Rezept. Und so ging es mehrere Male. Der Arzt war sehr erstaunt, denn er hatte dergleichen noch nie erlebt. Und wie er so steht und sich wundert, richtet sich der Kranke plötzlich im Bette auf, setzt sich hin und sagt: »Ich bitte Euch, bleibt noch ein wenig bei mir. Eure Anwesenheit ist's, was mich heilt. Denn der heilige Rabbi hat mir gesagt, daß den großen Arzt der Engel Raphael begleitet. Also kann ich ganz ohne Arzneien gesund werden. Damals verstand ich nicht, was der Rabbi meinte, doch heute sehe ich, daß er die Wahrheit gesprochen hat.« Der königliche Leibarzt war aber Jude. Er fragte den Kranken, von welchem Rabbi er spreche; und dieser sagte, es sei der Maggid Dojw-Ber von Mizricz gewesen. Und der Arzt meinte, daß der Maggid, der solches gesagt habe, ein heiliger Mann sein müsse. Und der Leibarzt reiste später zum heiligen Maggid nach Mizricz und wurde mit der Zeit selbst ein heiliger Rabbi und Wundertäter. Die göttliche Vorsehung sei mit uns, und wir möchten der Gnade teilhaftig werden, recht bald Zion und Jerusalem zu schauen. Amen. 22. Starkes Gottvertrauen Der heilige Maggid Dojw-Ber von Mizricz strafte einmal einen Chassid vor der ganzen Gemeinde, weil er zu wenig Gottvertrauen zeigte. Der Chassid sagte: »Lehrt mich, Rabbi, wie man Gottvertrauen erlangt, vielleicht werde ich es lernen können.« Der Rabbi antwortete darauf: »Fahre nach Hause und bereite dich auf eine weite Reise vor; dann komme wieder her, und ich schicke dich an einen Ort, wo du lernen wirst, was Gottvertrauen heißt.« Der Mann fuhr nach Hause, packte seine Sachen zusammen und kam wieder zum heiligen Maggid, der ihm befahl: »Reise nach Berditschew und kehre bei dem und dem Manne ein, der als sehr reich bekannt ist; von diesem reichen Manne kannst du lernen, was Gottvertrauen ist. Du sollst aber gut aufpassen, denn der Reiche ist sehr verschlossen.« Der Chassid fuhr nach Berditschew und kehrte beim Reichen ein. Dieser nahm ihn sehr freundlich auf und fragte ihn nach seinem Begehren. Der Chassid erwiderte: »Der heilige Maggid von Mizricz hat mich mit einem geheimen Auftrag hergeschickt und hat mir befohlen, bei Euch einzukehren.« Der Reiche gab ihm ein Zimmer in seinem Hause und befahl seinen Dienern, alle seine Wünsche zu erfüllen. Der Gast verbrachte eine Woche im Hause des Reichen und sah, daß dieser auf großem Fuße lebte, sehr viel Almosen gab und große Geschäfte führte: täglich kamen Leute mit seinen Schuldscheinen, die er immer sofort und bar bezahlte. Der Chassid sagte sich: »Es ist gar nicht schwer, Gottvertrauen zu haben, wenn man so reich ist!« Er konnte auch gar keine Beweise für dieses Gottvertrauen entdecken. Nur eine Sache erschien ihm wunderlich: der Reiche hatte viele Diener, einen Buchhalter, einen Kassierer und einen Schreiber, und doch verwahrte er den Schlüssel von einem bestimmten Zimmer immer bei sich und vertraute ihn selbst seinem Weibe und seinen Kindern nicht an. Der Gast fragte das Hausgesinde, und man sagte ihm, daß in diesem Zimmer die Geldtruhe des Reichen stehe, und darum erlaube er niemandem, das Zimmer zu betreten. Der Gast konnte seine Absichten nicht länger verheimlichen und erzählte dem Reichen, wozu ihn der heilige Maggid hergeschickt hatte und daß er bei seinem Gastgeber noch nichts von Gottvertrauen habe wahrnehmen können. Der Reiche führte ihn in das verschlossene Zimmer und sagte ihm: »Schau dir gut die Geheimnisse des Zimmers an, denn hier ist der Schatz, aus dem ich Gold schöpfe.« Der Gast sah sich im Zimmer um und sah nichts als einen Tisch, einen Stuhl, ein Bett und ein kleines Kästchen. Der Reiche öffnete das Kästchen, und der Gast sah, daß darin nur ein Büchlein lag, in dem der Reiche seine Ausgaben für milde Werke verzeichnete, und außerdem einige Rechnungen; sonst lag darin nichts. Er dachte anfangs, daß das Kästchen ein verborgenes Fach habe, konnte aber ein solches nicht finden. Und der Reiche sagte: »Mein ganzes Hausgesinde glaubt, daß ich hier einen Schatz verwahre, aus dem ich Gold schöpfe. Du siehst aber selbst, daß ich nichts besitze. Mein Gottvertrauen ist so stark, daß, wenn ich eine Schuld oder sonst etwas zu zahlen habe, ich mich in diesem Zimmer einschließe, mich auf diesen Stuhl setze und mit großer Zerknirschung bete: \&›Schöpfer der Welt, ich muß heute soundso viel zahlen, und ich hoffe auf dich, daß du mir helfen wirst, damit ich mein Versprechen erfülle!‹ Und so geschieht es immer: der Herr hilft mir im selben Augenblick. Du begreifst jetzt wohl, daß der heilige Maggid dich nicht umsonst zu mir geschickt hat, damit du von mir Gottvertrauen lernst. Wohl ist dem Menschen, der auf Gott und nicht auf Menschen vertraut!« Und wie sie so sprachen, klopfte ein Diener an die Türe und sagte dem Reichen, daß ein Bote vom Gutsherrn mit einem Wechsel über eine große Summe gekommen sei und daß er auf das Geld warte. Der Reiche befahl, daß der Bote bis zum Abend warten solle. Darauf wandte er sich wieder zu seinem Gast und sagte ihm: »Ich muß heute noch eine Schuld von tausend Dukaten bezahlen und habe keinen Pfennig. Ich hoffe aber auf den Schöpfer, daß er mir bald helfen wird. Wollen wir hinausgehen, und du wirst bald sehen, welche Wunder der Schöpfer denen tut, die auf ihn vertrauen.« Sie gingen beide in das Wohnzimmer. Der Reiche setzte sich vor den Tisch und begann Rechnungen nachzuprüfen. Der Gast saß ihm gegenüber und sah zu. Da kam wieder der Diener herein und meldete, daß ein Schiffskapitän gekommen sei und den Reichen sprechen möchte. Er befahl ihn vorzulassen. Der Schiffskapitän trat ein und sagte: »Ich möchte Euch zehntausend Dukaten in Verwahrung geben, denn ich bekam heute den Befehl, in den Krieg zu fahren. Ich will kein Geld mitnehmen, denn vielleicht falle ich in einer Schlacht. Kinder habe ich nicht, und da ich gehört habe, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid, will ich das Geld Euch in Verwahrung geben, bis ich wiederkehre. Für Eure Mühewaltung schenke ich Euch tausend Dukaten. Und ich bitte Euch, wenn ich nicht zurückkehre, das Geld für gottgefällige Werke zu verwenden, die mir auf jener Welt nützen können.« Der Reiche nahm das Geld im Empfang, gab dem Kapitän einen Schuldschein auf neuntausend Dukaten, begleitete ihn hinaus und wünschte ihm, daß der Herr ihn unversehrt heimbringen möchte. Der Gast saß indessen sehr verwundert da. Der Reiche kam zurück und sagte: »Also siehst du selbst, wie der Allmächtige hilft, wenn man auf ihn vertraut. Nun ist es Zeit, daß du heimfährst. Miete dir einen Wagen, und der Herr wird dich wohlbehalten nach Hause bringen und dir Gottvertrauen geben.« Der Gast sagte, daß er gar kein Geld für die Reise hätte. Der Reiche lachte darüber: »Du hast wohl noch nicht genügend gelernt!« Und er schenkte ihm zweihundert Dukaten, nahm von ihm Abschied und wünschte ihm noch einmal, daß seine Reise nicht umsonst sein sollte. Der Chassid verließ Berditschew und wunderte sich sehr darüber, daß man so große Geschäfte führen könne, ohne einen Pfennig Geld zu besitzen. Unterwegs hörte er plötzlich ein fürchterliches Geschrei. Er sprang aus dem Wagen, lief hin und sah, daß man zwei Weiber, mit Ketten gefesselt, führte; ihre Kinder liefen ihnen nach und schrien jämmerlich. Der Mann fragte die Weiber, wohin man sie führe, und sie gaben ihm weinend zur Antwort: »Wir sollen gehenkt werden, weil wir seit zwei Jahren dem Gutsherrn keine Pachtzinsen zahlen konnten. Unsere Männer sind entflohen, und nun führt man uns zum Galgen.« Der Mann bekam großes Mitleid mit den Frauen und sagte ihnen: »Hört auf zu weinen, ich werde mit Gottes Hilfe für euch bezahlen.« Und er wandte sich zu den Schergen und sagte: »Führt mich zu eurem Herrn, ich will die Schuld dieser Weiber bezahlen.« Man brachte ihn vor den Gutsherrn, und er fragte, wie groß die Schuld der Weiber sei, und man antwortete ihm: »Zweihundertundfünfzehn Dukaten.« Der Mann versuchte etwas davon abzuhandeln, doch der Gutsherr wollte keinen Pfennig nachlassen. Der Chassid gab also dem Gutsherrn die zweihundert Dukaten, die er besaß, und für den Rest von fünfzehn Dukaten gab er ihm als Pfand seinen Gebetmantel, seine Gebetriemen und die übrigen Habseligkeiten, die er bei sich hatte. Die Weiber wurden freigelassen, und sie lobten den Herrn und dankten dem Mann, der sie vom Tode errettet hatte. Der Chassid reiste weiter; er gedachte der Worte, die ihm der Reiche auf den Weg gegeben hatte, und vertraute auf Gott. Gegen Abend kam er in Chmelnik an und kehrte in ein Wirtshaus ein, um da über Nacht zu bleiben. Bevor er sich schlafen gelegt hatte, kam in das gleiche Wirtshaus ein Kaufmann und legte sich im gleichen Zimmer schlafen. Wie es auf Reisen geht, kamen die beiden ins Gespräch, und der Kaufmann fragte den Chassid, woher er sei. Dieser antwortete, er sei aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Tocz. Da fragte der Kaufmann: »Wie heißt du und wie hieß dein Vater? Denn ich stamme aus derselben Stadt und bin vor fünfundzwanzig Jahren von dort weggezogen.« Der Chassid gab Antwort, und der Kaufmann sagte: »Ich kannte deinen Vater sehr gut. Und wie geht es deinem Bruder? Und wie geht es dir?« Und als er auf alle Fragen Antwort bekommen hatte, sagte er noch: »Ich will dich um etwas bitten: ich habe einen armen Verwandten in der Stadt, durch die du reist. Neulich ist einer unserer gemeinsamen Verwandten gestorben und hat eine große Erbschaft hinterlassen. Seinen Teil der Erbschaft will ich ihm nun durch dich schicken. Ich kenne deine Familie und weiß, daß du fremdes Geld nicht veruntreuen wirst.« Der Chassid übernahm den Auftrag, und der Kaufmann gab ihm eine große Geldsumme und einen Brief an seinen Verwandten. Außerdem gab er ihm für seine Mühe ein schönes Geldgeschenk. Inzwischen wurde es Tag, und der Kaufmann fuhr weg. Auch der Chassid reiste weiter und kam in die Stadt, wo er das Geld abliefern sollte. Er suchte den Betreffenden, konnte ihn aber nicht finden, und die ältesten Leute, die er befragte, sagten ihm, daß ein solcher Mensch in dieser Stadt niemals gelebt habe. So verbrachte er zwei Tage in der Stadt, forschte überall nach, doch immer ohne Erfolg. Das kränkte ihn sehr. Schließlich fuhr er nach Hause und von dort nach Mizricz zum heiligen Maggid Dojw-Ber. Er erzählte ihm die ganze Geschichte und sagte, daß er jetzt nicht wisse, was er mit dem Gelde anfangen solle. Der heilige Maggid antwortete ihm: »Das Geld gehört dir. Der Kaufmann, der es dir gab, war kein einfacher Mensch, sondern ein Engel, den man dir geschickt hatte, weil du Menschenseelen vom sicheren Tode errettet hast und weil du stark auf den Herrn hofftest. Nun sollst du mit dem Gelde gute Werke tun, so weit du kannst. Und wenn du immer das gleiche Gottvertrauen haben wirst, wird dich der Herr, gesegnet sei sein Name, nicht verlassen.« Aus dieser Begebenheit kann man sehen, wie wichtig das Vertrauen auf den Herrn, gesegnet sei sein Name, ist. Die Verdienste der Frommen mögen über uns leuchten, und der Herr schicke uns alles Gute. Amen. 23. Die verschmähte Braut Es war einmal ein frommer Chassid, der oft zum Rabbi Israel von Kozienice, den man gewöhnlich den Kozienicer Maggid nennt, zu fahren pflegte; und der heilige Rabbi liebte ihn sehr. Der Mann hatte keine Kinder, und er bat oft den Rabbi von Kozienice, er möchte ihm vom Himmel Kinder erflehen. Der Rabbi gab ihm aber darauf niemals Antwort. Das Weib dieses Mannes war darob sehr betrübt, und sie sagte immer, ihr Leben sei ihr nichts wert, wenn sie keine Kinder hätte. Und sie erklärte sich bereit, alles zu tun, was der Rabbi ihr auferlegen würde; doch der Rabbi sagte gar nichts. Als der Chassid einmal wieder aus Kozienice zurückkam, fing die Frau zu weinen an und sagte, sie wolle weggehen und in der Welt herumirren, wenn der Mann vom Kozienicer Maggid nichts erreichen würde. Und sie weinte so lange, bis der Mann wieder nach Kozienice fuhr und dem Maggid sagte, er könne das Weinen seiner Frau nicht länger aushalten, es durchbohre ihm den Kopf; er werde nicht eher heimfahren, als bis der Maggid ihm endlich einen Bescheid geben würde. Und der Maggid sagte ihm: »Wenn du bereit bist, dein ganzes Vermögen zu verlieren, kannst du Kinder haben.« Und der Chassid antwortete darauf: »Ich will erst mein Weib fragen.« Er fuhr nach Hause und erzählte seinem Weib, was ihm der Maggid gesagt hatte. Das Weib sagte: »Was taugt mir der ganze Reichtum, wenn ich keine Kinder habe! Ich will lieber arm an Geld und reich an Kindern sein.« Der Mann fuhr wieder nach Kozienice und meldete dem Maggid die Antwort seiner Frau. Der Maggid befahl ihm, nach Hause zu fahren, sein ganzes Vermögen zu holen und wieder zurückzukommen. Dann werde er ihm sagen, was er weiter tun müsse. Er tat so, sammelte sein ganzes Geld zusammen und kam wieder zum Maggid. Dieser sagte ihm nun, er solle nach Lublin fahren, dort den heiligen Lubliner Rabbi Jizchok aufsuchen und ihn fragen, was er tun müsse, um Kinder zu bekommen. Der Mann fuhr nach Lublin, ging zum heiligen Rabbi Jizchok und sagte ihm: »Der Kozienicer Maggid hat mich zu Euch geschickt, daß Ihr mir sagt, was ich tun muß, damit mir der Herr – gesegnet sei sein Name! – Kinder schenke.« Der Rabbi hieß ihn warten, und der Mann blieb einige Zeit in Lublin. Nach einiger Zeit ließ ihn der Lubliner Rabbi holen und sagte ihm: »Du warst von Kind auf mit einem Mädchen verlobt, doch als du groß wurdest, gefiel dir deine Braut nicht mehr, und du verschmähtest sie. Solange du deine frühere Braut nicht um Vergebung gebeten hast, wirst du keine Kinder haben. Doch die Braut wohnt sehr weit von hier, und du mußt weit reisen, um sie zu suchen. Ich will dir aber einen Rat geben: fahre nach Balta zum Jahrmarkt und erkundige dich überall nach ihr; dort wirst du sie vielleicht finden. Du mußt sie dann um Verzeihung bitten, und wenn sie es dir verzeihen wird, wirst du Kinder haben. Der Kozienicer Maggid wußte das ebenso gut wie ich, doch er wollte es dir nicht sagen.« Der Mann tat, wie ihm geheißen, und reiste nach Balta. Unterwegs erkundigte er sich nach seiner früheren Braut, doch niemand konnte ihm Auskunft geben. Er kam nach Balta einige Wochen vor dem Jahrmarkte. Er mietete sich ein Stübchen im Gasthaus und saß den ganzen Tag da, studierte den Talmud und weinte viel. Nur einige Stunden am Tage ging er in den Straßen umher, in der Hoffnung, irgend etwas zu erfahren, erfuhr aber nichts. Als der Jahrmarkt begann, ging er den ganzen Tag von früh bis spät in den Straßen umher, hörte aber nichts von seiner früheren Braut. Der Jahrmarkt ging zu Ende, und der Mann wollte schon heimfahren, er gedachte aber der Worte des Lubliner Rabbi, der ihm gesagt hatte, daß er nicht eher von Balta wegreisen dürfe, als bis er seine frühere Braut gefunden haben würde. Und er nahm sein ganzes Gottvertrauen zusammen. Gegen Abend wollte er in sein Gasthaus zurückkehren, als plötzlich ein starker Regen begann; der Mann wollte in einen Kaufladen gehen, um den Regen abzuwarten. Man ließ ihn aber in den Laden nicht hinein, also blieb er vor dem Laden stehen. Dort standen auch viele andere Menschen. Und der Mann bemerkte neben sich eine jüdische Frau mit reichem Schmuck und prächtig gekleidet. Er rückte von ihr etwas weg. Die Frau merkte das, begann zu lachen und sagte zu ihrer Freundin, die neben ihr stand: »Dieser Mann rückt immer von mir weg. Als ich klein war, war ich seine Braut, doch er verschmähte mich. Nun danke ich dem Herrn, gelobt sei sein Name, daß ich reicher bin als er und daß er vor mir flieht.« Als er dies hörte, wandte er sich zu ihr und fragte sie aus. Und sie sagte ihm: »Erkennst du mich denn nicht? Ich bin ja deine frühere Braut Esther-Schifroh!« Und sie sagte ihm noch verschiedene Anzeichen, und er erkannte sie. Und sie fragte ihn: »Wie geht es dir? Bist du reich? Hast du Kinder?« Und er antwortete: »Um die Wahrheit zu sagen, bin ich nur dazu hergekommen, um dich um Vergebung zu bitten, denn der Rabbi von Lublin hat mir gesagt, daß ich nur dann, wenn du mir verzeihst, Kinder haben werde.« Und er bot ihr soviel Geld sie wollte, wenn sie ihm verziehe. Doch sie sagte: »Ich brauche kein Geld, denn ich bin durch Gottes Hilfe selbst reich. Ich habe aber einen Bruder, er ist Talmudgelehrter und wohnt in einem Dorfe bei Suwalki. Er muß jetzt eine Tochter verheiraten, hat aber keinen Pfennig Geld. Fahre zu ihm hin und gib ihm zweihundert Dukaten für die Mitgift. Dann werde ich dir verzeihen, und der Herr – gelobt sei sein Name – wird dir gewiß helfen, und du wirst fromme und gelehrte Kinder haben.« Der Mann sagte ihr: »Ich will die zweihundert Dukaten dir übergeben, damit du sie ihm mit der Post schickst. Warum soll ich noch die weite Reise machen? Mich hat die Reise nach Balta fast mein ganzes Vermögen gekostet.« Sie erwiderte aber: »Tu, wie du willst. Ich kann meinem Bruder das Geld mit der Post nicht schicken: wenn es seine Gläubiger erfahren, werden sie ihm alles wegnehmen, und er wird wieder nichts haben, um die Tochter zu verheiraten. Und ich selbst kann nicht hinfahren. Wenn du mir folgen willst, so fahre schnell hin und mache ihm die Freude. Und ich will dir noch sagen, daß ich bald von hier wegfahre und jetzt keine Zeit mehr habe. Reise hin, grüße meinen Bruder, und der Herr wird dir fromme und gelehrte Kinder schenken.« Und mit diesen Worten ging sie von ihm weg. Er ging ihr nach und bat sie, sie möchte ihm doch die weite Reise ersparen; sie geriet aber in einen Haufen von Weibern, und er konnte sie nicht mehr finden. Also mußte er ein Fuhrwerk nach Wilna mieten. Es versteht sich von selbst, daß diese Reise ihn den Rest seines Vermögens kostete, außerdem mußte er ja zweihundert Dukaten dem Bruder der Frau geben. Doch viel schwerer als das war für ihn die Reise durch fremde Gegenden, in denen er noch niemals gewesen war. Mit Gottes Hilfe kam er aber nach Wilna und fand dort eine Fuhre nach Suwalki. Wie er nach Suwalki kam, erfragte er das Dorf und kam direkt zum Bruder seiner früheren Braut, der Pächter war. Der Pächter war sehr traurig; er begrüßte den Fremden, sagte ihm aber sonst kein Wort. Der Fremde fragte ihn: »Warum seid Ihr so traurig? Sagt es mir, vielleicht werde ich Euch irgendwie helfen können.« Der Pächter erwiderte: »Was werde ich davon haben, wenn ich es Euch erzähle? Kein Mensch kann mir helfen, nur der Herr selbst.« Der Gast drang in ihn ein, und der Pächter erzählte: »Meine Tochter ist mit einem vornehmen Mann in Suwalki verlobt, und ich hatte zweihundert Silberrubel Mitgift und die ganze Aussteuer versprochen. Ich hatte das Geld schon zusammengespart, doch vor dem Pessachfeste geschah mir das Unglück: der Besitzer des Dorfes erhöhte den Pachtzins und verlangte das Geld für ein ganzes Jahr voraus. Ich habe aber viele Schulden und kann die Pacht nicht lassen. Also mußte ich alle meine Ersparnisse weggeben und kann jetzt die Tochter nicht verheiraten. Gestern bekam ich vom Vater des Bräutigams einen Brief mit dem Verlobungsvertrag; er schreibt mir, daß, wenn ich die Mitgift nicht innerhalb dreier Tage einzahle, er seinen Sohn mit einem andern Mädchen verheiraten wird. Meine Tochter vergießt Tränen, denn der Bräutigam ist ein trefflicher Jüngling, wie man seinesgleichen in der Stadt nicht mehr findet. Auch mir ist es bange ums Herz. Was kann ich aber tun? Ich gehe umher mit zerbrochenem Herzen, vielleicht wird sich der Herr meiner erbarmen.« So sagte der Pächter zum Gast. Und der Gast antwortete ihm: »Seid unbesorgt: ich will Euch zweihundert Dukaten geben, und Ihr werdet genug für die Mitgift und alle Auslagen haben.« Der Pächter fragte: »Warum wollt Ihr mir so viel Geld schenken?« Und der Gast antwortete: »Ich war einmal mit Eurer Schwester Esther-Schifroh verlobt, habe sie aber nicht geheiratet. Nun bin ich zu ihr gefahren, um sie um Verzeihung zu bitten, sie wollte mir aber nur unter der Bedingung verzeihen, daß ich Euch zweihundert Dukaten gebe.« Als der Pächter das hörte, geriet er in Zorn und sagte: »Geht weg, denn Ihr spottet meiner: meine Schwester ist seit fünfzehn Jahren tot.« Doch der Chassid sagte zum Pächter: »Ich schwöre Euch, daß ich nicht spotte. Es ist aber möglich, daß Ihr nicht der Mensch seid, zu dem man mich geschickt hat. Sagt mir also bitte, ob Ihr Reb Lejb heißt und ob Ihr eine Schwester namens Esther-Schifroh habt.« Und der Pächter sagte: »Das stimmt. Kommt, ich will Euch das Grab meiner Schwester zeigen. Sagt mir aber, wie und wo Ihr sie gesehen habt.« Der Chassid antwortete: »Nehmt das Geld, das mir Eure verstorbene Schwester Euch zu bringen befahl.« Und er erzählte ihm die ganze Geschichte, die wir oben geschildert haben. Nun sah auch der Bruder, daß der Mann die Wahrheit sprach, und er dankte dem Schöpfer, der ihm in einer so schwierigen Lage geholfen hatte. Der Chassid nahm Abschied vom Pächter und reiste in seine Heimat. Er ging zum Kozienicer Maggid und erzählte ihm alles, was er erlebt hatte. Und der Maggid sagte ihm: »Es hat gar nicht anders sein können. Weil du einst deine Braut verschmäht hast, wurde über dich die Strafe verhängt, daß du niemals Kinder haben sollst. Wir beteten aber für dich, und darum sandte man die Braut vom Himmel herab, damit du sie um Vergebung bitten konntest. Und da du ihren Wunsch erfüllt hast, wird dich der Himmel mit frommen und gelehrten Kindern belohnen.« Und so geschah es auch. Darum soll man es nicht für gering halten, eine Verlobung zu lösen. 24. Das Gleichnis vom Ofenheizer Als der heilige Rabbi Sussje noch ein junger Mann war, verkehrte er viel mit den Anhängern des heiligen Rabbi Dojw-Ber von Mizricz. Er verbrachte ganze Tage in Wäldern und Einöden, sang Psalmen, tat Buße mit großer Inbrunst und heißer Andacht. Er war mit seinem ganzen Herzen und allen seinen Gedanken ständig mit dem Herrn, gelobt sei sein Name, und diente ihm mit seiner ganzen Liebe Tag und Nacht. Sein Bruder Rabbi Elimelech gehörte um jene Zeit noch nicht zu den Chassidim; er saß den ganzen Tag im Bethause und studierte den Talmud und andere Bücher. Er sah das merkwürdige Gebaren seines Bruders, der immer in sich versunken war, und fragte ihn, warum er nicht gleichfalls den Talmud studierte, wie alle anderen Juden. Und Rabbi Sussje sagte darauf: »Mein Bruder, ich will dir eine wunderliche Geschichte erzählen, die dir alles erklären wird. In einem Lande war einmal ein sehr weiser König, und alle Leute liebten ihn sehr. Und im gleichen Lande lebte ein Handwerker, der durch seine Arbeit reich geworden war. Eines Tages sagte sich der Handwerker: \&›Was habe ich von meinem großen Vermögen? Von Vergnügungen halte ich von Jugend auf nichts. Alles, was ich von meinem vielen Gelde habe, ist das Brot, das ich esse, und das Kleid, das ich trage.‹ Und er beschloß, seinen ganzen Besitz zu verkaufen und mit dem Gelde in die Hauptstadt zu ziehen. Mit seinem vielen Gelde würde er es vielleicht erreichen, den König jeden Tag zu sehen. Das würde seine größte Freude sein. Er tat so, verkaufte seinen ganzen Besitz und zog in die königliche Stadt. Und er ging zu allen Höflingen und fragte, ob nicht irgendeine Stellung bei Hofe frei wäre, die er hätte übernehmen können. Man antwortete ihm, daß es keinerlei Stelle gäbe, nur die Stelle eines Ofenheizers sei frei. Dieses Amt sei aber sehr wichtig und dürfe nur mit Einverständnis des Königs selbst besetzt werden. Der Handwerker sagte sich: \&›Ich bin ja hergekommen, nur um ständig in der Nähe des Königs zu sein und ihn jeden Tag sehen zu können, weil ich ihn so sehr liebe. Welcher Unterschied ist nun, was für eine Stellung ich einnehme? Ich will zu den Hofleuten gehen und ihnen Geld geben, damit sie mir die Stelle des Ofenheizers verschaffen. Ich will zufrieden sein, wenn ich dem König auch mit einem so gemeinen Dienst diene, denn ich liebe den König mit meinem ganzen Herzen.‹ Er tat so, und die Hofleute verschafften ihm wirklich die Stelle eines Ofenheizers beim König. Jedesmal, nachdem er eingeheizt hatte, horchte er an der Tür des Gemachs, in dem sich der König befand, um zu hören, was der König über das Heizen sagt: ob es zu warm oder zu kalt oder gerade recht sei. Er bemühte sich mit allen Kräften, den König zufriedenzustellen; er beschäftigte sich den ganzen Tag mit dem Holz, er wog und maß die Holzscheite, damit die Wärme alle Tage gleichmäßig sei. Dem König fiel die schöne gleichmäßige Wärme auf, und er fragte die Hofleute, wer die Öfen heize. Die Hofleute erzählten ihm: \&›In deinem Reiche, o König, lebt ein Mann, der mit solcher Liebe an dir hängt, daß er seinen ganzen Besitz verkaufte und es sich viel Geld kosten ließ, um irgendeine Stelle bei Hofe zu bekommen. Und da es keine andere Stelle gab, stellte man ihn als Ofenheizer an. Der Mann taugt auch zu keinem andern Amt, denn er kann weder schreiben noch fremde Sprachen sprechen; er ist ein ganz einfacher und ungebildeter Mensch. Und da er dich, König, sehr liebt, ist er nur auf das eine bedacht, wie er dich mit seinem Heizen zufriedenstellte.‹ Das gefiel dem König sehr gut, und er ließ den Ofenheizer zu sich kommen, denn er wollte den Menschen, der seinen König so sehr liebt, kennenlernen. Als der Ofenheizer vor ihm erschien, fragte ihn der König: \&›Sag mir, Geliebter, mit welchen Ehren kann ich dich für deine große Liebe zu mir belohnen?‹ Und der Mann antwortete: \&›Ich will keine Ehren und Titel. Ich liebe den König so sehr, daß ich mein ganzes Vermögen opferte, nur um den König bedienen zu können. Doch um eine Gnade bitte ich den König: er möchte mir erlauben, daß ich jedesmal, wenn ich in Liebe zu ihm entbrenne, sein Antlitz sehen darf.‹ Der König freute sich sehr darüber, daß der Mensch mit solcher Liebe an ihm hing. Doch er konnte sich nicht entschließen, den Wunsch des Ofenheizers zu erfüllen: denn es paßt nicht, daß der König sich einem niedrigen Knechte so oft zeigt, wie dieser es wünscht: selbst die höheren Diener bekommen den König höchstens einmal in der Woche und viele nur einmal im Jahr zu sehen. Darum sagte der König zum Ofenheizer: \&›Deinen Wunsch kann ich nur so erfüllen, daß man oben in die Decke meines Gemachs ein Loch bohrt und in dieses Loch ein Vergrößerungsglas hineinsetzt, das alle Dinge tausendmal vergrößert. Und sooft du mich sehen willst, kannst du zu diesem Vergrößerungsglas gehen und hineinsehen, doch dich wird niemand sehen.‹ Der Ofenheizer bedankte sich für die Gnade und ging an seine Arbeit. Und sooft er den König sehen wollte, ging er zum Vergrößerungsglas und sah mit Freuden das Antlitz des Königs. Einmal machte der König ein Mahl für seinen ganzen Hof, und sein einziger Sohn war auch bei der Tafel. Der Königssohn trank zuviel Wein und begann bei der Tafel solche Worte zu sprechen, die man nicht sprechen darf. Der König erzürnte und jagte seinen Sohn aus dem Saal; und er verbot ihm, ein ganzes Jahr vor seine Augen zu treten. Es vergingen einige Monate, und der Königssohn sehnte sich sehr nach seinem Vater, doch er durfte ihn nicht sehen. Einmal sah er, wie der Ofenheizer auf den Dachboden hinaufging, sich neigte und hinuntersah. Er fragte den Ofenheizer, was er sehe, und dieser erzählte ihm die ganze Geschichte mit dem Loch und dem Vergrößerungsglas. Der Königssohn bat den Ofenheizer, daß er auch ihn hineinschauen lasse, und er sah hinein und sah das Antlitz seines Vaters. Und der Ofenheizer sagte zum Königssohn: \&›Ich bin ein ganz einfacher und ungebildeter Mensch, und es ziemt sich nicht, daß ich den König jeden Tag sehe. Und doch sprach ich mit dem König, und er zürnte mir nicht ob meiner Bitte und erlaubte mir, daß ich das Loch mit dem Vergrößerungsglas mache und ihn sehe, sooft ich will. Und du bist der einzige Sohn des Königs, weise und erfahren in vielen Wissenschaften, und du saßest beim königlichen Mahle neben dem König; und doch konntest du nicht auf deine Rede achtgeben: du hast den König mit deinen Worten erzürnt, und darum hat er dich von seinem Antlitz verbannt. Nun sollst du auf deine Worte besser achtgeben; dann wirst du bei ihm wieder Gnade finden und sein Antlitz ständig sehen dürfen.‹« Rabbi Sussje schloß seine Erzählung und sagte zu Rabbi Elimelech: »Mein Bruder, mein Bruder! Du weißt, daß ich in keiner Wissenschaft erfahren, einfältig und ungebildet bin; darum muß ich wie ein gemeiner Knecht arbeiten, um das Antlitz des Königs sehen zu dürfen. Doch du, der du weise und gelehrt bist, mußt ständig auf deine Worte, deine Gelehrsamkeit und deine Gebete achtgeben, daß deine Gedanken immer eins sind mit deinen Worten, deiner Gelehrsamkeit und deinen Gebeten. Nur dann wirst du an der Tafel des Herrn sitzen und sein Antlitz immer schauen.« Beide Brüder reisten bald darauf nach Mizricz zum heiligen Rabbi Dojw-Ber, und Rabbi Sussje wurde dessen Schüler. 25. Das Gebet um Speise Der heilige Rabbi Sussje von Annopol pflegte nach dem Morgengebet niemals seinen Dienern zu befehlen, daß sie ihm sein Essen bringen; er setzte sich einfach hin und sagte: »Schöpfer der Welt! Sussje ist hungrig und will essen. Laß ihm sein Essen geben.« Sobald seine Diener diese Worte hörten, brachten sie ihm das Essen. So hatte es der alte Rabbi eingeführt. Einmal verabredeten sich aber seine Diener und beschlossen folgendes: solange er sich nicht ausdrücklich an sie wendet und ihnen befiehlt, das Essen zu reichen, werden sie es ihm nicht reichen. Wenn er sich an den Herrn, gelobt sei sein Name, wendet, so soll ihm auch der Herr das Essen geben. In der Stadt Annopol waren nach jedem Regen die Straßen so schmutzig, daß man schwer von einer Straßenseite auf die andere gelangen konnte. Darum waren an verschiedenen Stellen Bretter quer über die Straße gelegt. An dem Tage, als die Diener beschlossen hatten, dem Rabbi nicht eher sein Essen zu bringen, als bis er es ihnen ausdrücklich befehlen würde, begab sich der Rabbi frühmorgens noch vor dem Morgengebet ins Bad, wie er es jeden Morgen zu tun pflegte. Ein Mann, der in der Stadt fremd war, kam ihm entgegen. Der Mann kannte Rabbi Sussje nicht. Sie trafen sich auf einem der Fußsteige, die über die Straße führten. Als der fremde Mann den Greis in ärmlichen Kleidern sah, wollte er sich über ihn lustig machen. Und er stieß den Rabbi vom Fußsteig hinunter, so daß dieser in den Straßenkot fiel und seine Kleider beschmutzte. Der Mann lachte darüber, und als er später in sein Gasthaus kam, erzählte er dem Gastwirt von dem schönen Streich, den er einem alten Manne gespielt hatte. Der Gastwirt erkundigte sich, wer der Greis gewesen sei, und der Fremde beschrieb sein Aussehen und seine Kleidung. Da begriff der Gastwirt, daß es der Rabbi gewesen war. Der Gastwirt schrie den Fremden an: »Was habt Ihr getan? Das war doch der heilige Rabbi Sussje, der in der ganzen Welt berühmt ist!« Der Fremde erschrak, obwohl er sonst nicht besonders gottesfürchtig war. Es wurde ihm bange ums Herz, und er bereute seine Tat. Er bat den Gastwirt um Rat, was er tun solle, um vom Rabbi Verzeihung zu erwirken, denn er fürchtete den Zorn des Rabbi. Und der Gastwirt sagte ihm: »Hört mich an: wir, die wir hier wohnen, kennen die Gewohnheiten des Rabbi. Nach dem Morgengebet ißt er gerne ein Stück Honigkuchen und trinkt dazu ein Gläschen süßen Branntwein. Also rate ich Euch, ihm, nachdem er sein Morgengebet gesprochen und ein Talmudkapitel durchgenommen hat, diese Dinge in sein Zimmer zu bringen und ihn zugleich um Verzeihung zu bitten. Wir kennen ihn gut und wissen, daß es sehr leicht ist, von ihm Verzeihung zu erwirken.« Der Fremde tat so, wie ihm der Gastwirt geraten. Er kam zum Rabbi, gerade als dieser mit dem Beten und dem Talmud fertig war und zu essen begehrte. Der Rabbi sagte wie jeden Tag: »Schöpfer der Welt! Sussje ist hungrig und will essen. Lasse ihm sein Essen bringen!« Das sagte er einigemal; doch die Diener taten so, wie sie beschlossen hatten, und brachten ihm nichts. In diesem Augenblick ging die Türe auf, und ein fremder Mann brachte Honigkuchen und süßen Branntwein. Der Fremde reichte dem Rabbi diese Sachen und bat ihn um Verzeihung für seinen Streich. Der Rabbi verzieh ihm und kostete vom Honigkuchen und vom Branntwein. Als die Diener das sahen, erschraken sie sehr und wagten nie wieder, gegen den Rabbi widerspenstig zu sein. Seine Verdienste mögen uns beistehen. Amen. 26. Der Prozeß gegen Gott In den Tagen des heiligen Rabbi Elimelech von Lezaisk erließ der Kaiser von Österreich ein Gesetz, nach dem jeder Jude, der seine Tochter verheiratete, eine Abgabe von vierhundert Gulden an die Staatskasse zu zahlen hatte. Es ist aber bekannt, daß vierhundert Gulden um jene Zeit ein ganzes Vermögen bedeuteten, und daß ein Mann, der vierhundert Gulden besaß, zu den Reichen gezählt wurde. Als das Gesetz in Kraft getreten war, mußten viele Mädchen, deren Eltern die nötigen vierhundert Gulden nicht besaßen, unverheiratet bleiben, und wegen der grausamen Verordnung war ein Geschrei im ganzen Lande. In einem Dorfe bei Lezaisk lebte ein frommer, doch armer Jude, der eine Tochter zu verheiraten hatte. Der Bräutigam war bereit, das Mädchen ganz ohne Mitgift zu nehmen, wenn der Vater die Steuer von vierhundert Gulden bezahlt. Der Vater war sehr arm, und darum konnte die Heirat nicht zustande kommen. Vater und Tochter waren sehr betrübt: wer weiß, ob sich wieder einmal eine ebenso vorteilhafte Partie finden wird! Das Mädchen war aber nicht mehr ganz jung. Der Vater ging nach Lezaisk, um den Rabbi um Rat zu bitten. Als er in das Zimmer zum Rabbi eintrat, sagte er in seinem Kummer und seiner großen Aufregung: »Rabbi, ich habe eine Klage gegen den Herrn, gelobt sei sein Name!« Doch er bereute sofort seine Worte: »Was habe ich da gesagt! Welcher Mensch kann mit dem Herrn prozessieren und gegen den Herrn recht behalten! Und vor wem habe ich diese Worte gesprochen? Vor unserem heiligen Rabbi!« Und er bereute seine Worte, denn er fürchtete, daß der Rabbi erzürnen und ihn hinauswerfen würde. Er wollte schon selbst aus dem Zimmer laufen, als der Rabbi sich an ihn mit stiller und freundlicher Stimme wandte: »Bleibe, mein Sohn. Du wolltest, daß ich deinen Rechtsstreit mit dem Herrn, gelobt sei sein Name, schlichte. Du weißt doch, daß ein einzelner Richter nicht richten darf. Gehe darum zu meinen Beisitzern und sage ihnen, daß sie sofort zu mir kommen: es sei eine Rechtsstreitigkeit zu erledigen.« Der Mann erschrak sehr. Es war aber nichts mehr zu machen: dem Rabbi mußte man gehorchen; als der heilige Rabbi noch lebte, hatten alle Menschen Furcht vor ihm, denn alle seine Beschlüsse wurden vom Himmel bestätigt. Darum ging der Mann zu den Gerichtsbeisitzern und sagte ihnen im Namen des Rabbi, daß sie sofort kommen sollten; denn es sei eine Rechtsstreitigkeit zu erledigen. Die Beisitzer gingen gleich mit dem Manne mit und setzten sich zu beiden Seiten des Rabbi. Und der Rabbi sagte zum Kläger: »Bringe deine Klage vor, daß wir sie anhören.« Und der Mann erzählte: »Der Herr, gelobt sei sein Name, gab uns die Thora mit den sechshundertdreizehn Geboten. Das erste Gebot lautet: Seid fruchtbar und mehret euch. Nun hat der Kaiser verordnet, daß man für jede jüdische Ehe vierhundert Gulden Steuer zahlen muß; wer besitzt aber heute vierhundert Gulden? Und wenn man nicht mehr heiratet, so ist auch das erste Gebot nichtig. Darum muß der Herr, gelobt sei sein Name, das kaiserliche Gesetz nichtig machen.« Als der Kläger fertig war, sagte der heilige Rabbi zu seinen Beisitzern: »Was der Herr darauf entgegnen kann, wissen wir ja selbst. Also wollen wir gleich mit der Beratung beginnen. Nach dem Gesetz müssen beide Parteien für die Dauer der Beratung den Gerichtssaal verlassen. Doch der Herr, gelobt sei sein Name, erfüllt die ganze Welt, und es gibt keinen Ort, wo er nicht gegenwärtig wäre; denn wer könnte ohne Gott auch nur einen Augenblick leben? Andererseits geht es nicht an, daß nur die eine Partei den Gerichtssaal verläßt, und die andere bleibt. Da der Herr während unserer Beratung im Zimmer bleibt, darf auch der Kläger im Zimmer bleiben.« Mehr sagte der Rabbi nicht. Er saß auf seinem Sessel mit geschlossenen Augen, und sein Gesicht war rot wie Feuer. So saß er eine Viertelstunde. Dann erwachte der Rabbi gleichsam aus einem Traum und ließ sich den Talmudtraktat »Von den Scheidungen« geben. Er schlug den Band auf und nahm mit seinen Beisitzern den Fall des Mannes, der zur Hälfte Knecht und zur Hälfte frei ist, laut durch. Es ist dies folgender Fall: »Ein kanaanitischer Knecht gehört zweien jüdischen Herren zugleich, von denen ihn der eine frei gemacht und der andere nicht frei gemacht hat. Dieser Knecht darf keine kanaanitische Magd heiraten, denn er ist zur Hälfte Jude; und er darf keine Jüdin heiraten, denn er ist zur Hälfte Kanaanite. Also darf der Mann gar nicht heiraten. Gott hat aber die Welt erschaffen, damit sie sich mit Menschen fülle. Darum muß der zweite Herr gezwungen werden, den Knecht gleichfalls frei zu machen, damit er heiraten könne.« Als der Rabbi die Worte sprach: »Darum muß der zweite Herr gezwungen werden«, hob er die Augen und beide Arme gen Himmel. Es heißt aber: Was der Gerechte beschließt, bringt der Herr in Erfüllung; und was der Herr beschließt, kann der Gerechte umstoßen. Also sagte der Rabbi zum Kläger: »Geh heim, denn der Kaiser hat seinen Erlaß zurückgezogen.« Der Mann ging nach Hause und begegnete unterwegs seinen Angehörigen, die ihm die Nachricht überbrachten, daß das Gesetz aufgehoben sei. So mögen auch wir der Gnade teilhaftig sein, vom Himmel gute, hilfreiche und trostreiche Nachrichten zu vernehmen. Amen. 27. Das Verdienst des Buchbinders Der heilige Rabbi Elimelech von Lezaisk war einmal krank und hatte während der Krankheit einen sehr langen Ohnmachtsanfall. Seine Seele kam damals in den Himmel. Im Himmel wurde ihm gesagt, daß die Seelen, die von der Erde hinaufkommen, zuallererst in die Lehrstätte des seligen Rabbi Schmelke geschickt werden. Also ging auch Rabbi Elimelech zu dieser Lehrstätte. Vor der Türe traf er einen Mann, den er gleich erkannte: es war ein einfacher Buchbinder namens Mordechaj aus Lezaisk, der erst vor kurzem gestorben war. Rabbi Elimelech fragte ihn: »Mordechaj Buchbinder, was tust du hier? Womit hast du es verdient, daß man dich ins Paradies gelassen hat?« Und der Buchbinder antwortete: »Rabbi, wenn man im Himmel hört, daß Ihr mich Mordechaj und nicht Rabbi Mordechaj nennt, so wird man Euch bestrafen: denn es ist im Himmel verkündet worden, daß ich jetzt nicht mehr Mordechaj, sondern Rabbi Mordechaj heiße.« Der heilige Rabbi Elimelech sprach ihn nun mit Rabbi an und fragte: »Rabbi Mordechaj, wie kommt Ihr her zu Rabbi Schmelkes Lehrstätte? Ihr seid ja ein einfacher und ungebildeter Mensch!« Darauf antwortete Rabbi Mordechaj: »Es ist wahr, daß ich ein einfacher Mensch bin, ich will Euch aber alles erzählen, was mit mir gewesen ist: Gleich nachdem ich gestorben war, begann man hier meine Sünden und meine gottgefälligen Werke abzuwägen. Und da die Sünden überwogen, schickte man mich in die Hölle. Da ich aber die abgeschnittenen leeren Ränder der heiligen Bücher, die ich einband, niemals vernichtete, sondern in Säcke tat und auf dem Boden verwahrte, rief man mich bald aus der Hölle wieder vor den himmlischen Gerichtshof. Ich erkannte gleich meine Säcke, und man legte sie auf die Waagschale zu den gottgefälligen Werken, und diese Waagschale wog über. Man befreite mich aus der Hölle und schickte mich ins Paradies. Und gleich darauf wurde im Himmel verkündet, daß man mich von nun an Rabbi Mordechaj nennen solle. Aber um im Paradiese zu sein, muß man Wissen haben. Darum studierte man mit mir zuerst die offenbaren Wissenschaften. Und jetzt, da ich diese schon ausstudiert habe, schickt man mich in die Lehrstätte des heiligen Rabbi Schmelke, damit ich auch die geheimen Wissenschaften studiere.« 28. Die ausgeschüttete Suppe Als der heilige Rabbi Menachem-Mendel bei seinem Lehrer, dem heiligen Rabbi Elimelech, studierte, war er noch niemandem als Wundertäter und Mann des heiligen Geistes bekannt. An einem Sabbat saß er mit den übrigen Jüngern an der Tafel des Meisters. Als der Diener die Suppe auftrug, nahm Rabbi Elimelech die Schüssel und schüttete die ganze Suppe aus. Rabbi Menachem-Mendel erschrak und rief aus: »O wehe, mein Rabbi, jetzt wird man uns alle in den Kerker werfen!« Die Jünger, die dabeisaßen, wären beinahe in ein schallendes Gelächter ausgebrochen, und nur die Ehrfurcht vor dem Meister hielt sie davon ab. Rabbi Elimelech antwortete aber: »Sei unbesorgt, mein Sohn, habe keine Angst: wir sind ja alle hier beisammen!« Rabbi Elimelech erzählte nun, was vorgefallen war: »Einer der kaiserlichen Beamten hatte böse Absichten gegen die Juden des ganzen Landes. Er hatte schon einigemal Denunziationen und Erlasse gegen die Juden verfaßt, um sie seinem Kaiser vorzulegen, damit er sie mit einem Siegel versehe. Doch jedesmal passierte ihm dabei ein Schreibfehler oder sonst irgendein Unglück, und das Papier fiel so aus, daß es dem Kaiser gar nicht vorgelegt werden konnte. Heute gelang es ihm aber, ein Schriftstück anzufertigen, das ganz ohne Fehl war, so daß er es dem Kaiser hätte vorlegen können. Als er mit dem Schreiben fertig war, ergriff er das Sandfaß, um auf das Papier Sand zu streuen. In diesem Augenblick kehrte ich die Suppenschüssel um, damit er dasselbe tue. Und er vergriff sich und nahm statt des Sandfasses das Tintenfaß und schüttete die Tinte auf das Papier aus. Menachem-Mendel hat das alles gleich mir im Geiste gesehen. Es kam ihm vor, als ob ich es gewesen wäre, der die Tinte ausgeschüttet hatte. Darum erschrak er so sehr und glaubte, daß man uns alle ins Gefängnis werfen würde.« An jenem Tage begriffen alle, daß der junge Menachem-Mendel im Geiste Dinge sehen konnte, die sonst niemand sah. 29. Brot für Seelenheil Als der heilige Rabbi Menachem-Mendel von Romanow in seiner Jugend in der Stadt Pristik lebte, litt er mit seiner jungen Frau große Not. Und sooft der Rabbi fastete, fastete auch die Frau mit. Der Rabbi saß den ganzen Tag im Bethause und studierte, und die Frau spann und ernährte mit dem Verdienst sich und die Ihrigen. Einmal traf es sich, daß sie drei Tage nacheinander nichts verdient hatte; sie hatte nicht einmal ein Stück trockenes Brot, und beide fasteten. Und die Frau sagte sich: »Wenn das so weitergeht, können wir beide Hungers sterben. Ich will versuchen, zum Bäcker zu gehen und ihn zu bitten, mir ein Stück Brot zu borgen. Ich will es dann meinem Manne bringen, der im Bethause studiert und schon seit drei Tagen nichts gegessen hat.« Wie sie aber zum Bäcker kam und ihm ihre Bitte vorbrachte, wollte er ihr nichts borgen, weil sie ihm noch von früher her Bezahlung schuldete. Sie ging aus dem Bäckerladen, und Tränen rollten ihr die Wangen herab. Als der Bäcker sah, daß die Frau von ihm wegging, überlegte er sich die Sache, rief sie zurück und sagte ihr: »Wenn du mir deinen Anteil am ewigen Leben abtrittst, gebe ich dir das Brot.« Die Frau dachte nach, was zu tun sei. Schließlich sagte sie sich: »Ich will nicht meinen Mann Hungers sterben lassen. Komme, was kommen mag!« Dann wandte sie sich an den Bäcker und sagte ihm: »Gib mir Brot und Käse, und ich trete dir dafür meinen Anteil am ewigen Leben ab.« Der Bäcker gab ihr, was sie verlangte, und sie ging damit ins Bethaus. Sie legte das Brot und den Käse auf den Tisch, vor dem ihr Mann saß, und blieb selbst bei der Türe stehen. Der Mann wusch sich die Hände, sprach das Gebet und aß. Dann fragte er sie: »Warum stehst du noch da?« Denn sie pflegte sonst, wenn sie ihm Essen brachte, gleich wieder wegzugehen. Die Frau begann zu weinen und sagte: »Mein teurer Mann! Du weißt doch, wie müde und elend ich bin. Meine einzige Hoffnung war das ewige Leben im Jenseits. Und nun habe ich meinen Anteil am ewigen Leben verkauft.« Und sie erzählte dem Manne die ganze Begebenheit. Und er tröstete sie und sagte: »Weine nicht! Denn einen Augenblick, bevor du hergekommen bist, wurde ich von heftigen Hungerkrämpfen befallen, und hättest du mir das Brot nicht gebracht, so wäre ich gestorben. Du hast dir also einen neuen Anteil am ewigen Leben erworben, indem du das Brot kauftest und mir damit das Leben rettetest. Denn wer einen Juden vom Tode rettet, ist gleich einem, der eine ganze Welt rettet. Was hast du nun zu trauern und den verkauften Anteil am ewigen Leben zu beweinen?« 30. Vom Selbstlob Als der berühmte Rabbi Schmelke als Rabbiner in die Stadt Nikolsburg berufen wurde und diesen Ruf annahm, bat er die Vertreter der Gemeinde, daß man ihm gleich nach seiner Ankunft zwei Stunden Ruhe gönnen möchte; dann erst werde er die Gemeindemitglieder empfangen und mit ihnen reden, wie es beim Einzuge eines neuen Rabbiners in eine Stadt Sitte ist. Die Leute willigten darauf ein und ließen ihn in Ruhe. Aber einige Neugierige versteckten sich im Zimmer, in das sich der neue Rabbi zurückzog, um zu sehen, was er in diesen zwei Stunden tun würde. Und die Leute hörten, wie Rabbi Schmelke an sich selbst folgende Rede richtete: »Gegrüßt seiest du, unser Meister, Herr und Rabbi, gegrüßt seiest du, neuer Rabbiner von Nikolsburg!« Und so fort, was man eben sagt, wenn man einen großen und berühmten Rabbi im Namen einer Gemeinde begrüßt. Während er diese Rede hielt, seufzte und ächzte er, und das dauerte die ganzen zwei Stunden, für die er sich zurückgezogen hatte. Als später die Gemeindemitglieder zu ihm kamen, empfing er sie sehr schön und hörte ihre Begrüßungsansprachen an. Die Leute, die sich versteckt hatten, erzählten den Großen der Stadt, was sie vorhin gehört hatten, als der Rabbi zwei Stunden allein war. Die Vorsteher der Gemeinde baten Rabbi Schmelke, er möchte ihnen sein sonderbares Gebaren erklären. Und er sagte ihnen: »Die Worte des Weisen: \&›Die Ehre deines Nächsten sei dir wie deine eigene Ehre‹ haben neben dem offenbaren Sinn, nämlich daß man die Ehre seines Nächsten ebenso heilig halten soll wie seine eigene Ehre, – noch einen geheimen Sinn. Mit diesen Worten wollte der Weise dem Menschen sagen, daß, wenn ihm jemand Ehre erweist, er sich darüber nicht freuen, sondern seufzen und ächzen soll. Es ist ja selbstverständlich, daß, wenn ein Mensch sich selbst alle möglichen Ehren erweist und sich mit Lob überschüttet, ohne daß es irgend jemand hört, er davon nicht die geringste Freude hat. Denn Lob bereitet Freude nur, wenn es von andern Menschen und in Gegenwart von andern Menschen ausgesprochen wird, nicht aber von sich selbst und ohne Zeugen. Die Worte des Talmuds sind nämlich auch so zu verstehen: Die Ehre deines Nächsten – das heißt die Ehre, die dir dein Nächster erweist – sei dir wie deine eigene Ehre, das heißt wie die Ehre, die du dir selbst erweist. Das Lob aus fremdem Munde sei dir ebenso wenig wert, wie das Lob aus eigenem Munde; und wenn dich jemand lobt und ehrt, sollst du nicht hochmütig werden. Als ich hier ankam, fürchtete ich, daß, wenn ihr mich gleich bei meiner Ankunft mit Reden begrüßtet, ich dadurch leicht hochmütig werden könnte. Darum habe ich mich für einige Zeit zurückgezogen und habe mir selbst Ehre erwiesen und alle die Lobreden gehalten, von denen ich wußte, daß ihr sie mir halten werdet. Und es wurde mir schließlich übel von allen diesen Worten. Und als ich später dieselben Lobreden aus eurem Munde hörte, machten sie auf mich schon gar keinen Eindruck und waren mir ebensowenig wert, wie früher, als ich sie mir selbst brachte.« 31. Der störrische Rabbi Rabbi Schmelke von Nikolsburg hatte in seiner Jugend einen Freund, der sehr gelehrt und gottesfürchtig war. Dieser Freund wurde später Rabbiner von Janow. Der Rabbi war sehr fromm und diente eifrig dem Herrn, doch er hatte einen Fehler: er war sehr starrköpfig. Was er sich einmal in den Kopf geschlagen, konnte ihm kein Mensch auf der Welt ausreden. Einmal verheiratete dieser Rabbi seinen Sohn mit der Tochter eines andern Rabbi aus einer fremden Stadt. Als der Tag der Hochzeit kam, bat der Rabbi die vornehmen Leute und die Gemeindevorsteher seiner Stadt, daß sie mit ihm zur Hochzeit seines ältesten Sohnes fahren. Um den Rabbi zu ehren, ließen alle vornehmen Leute und Gemeindevorsteher ihre Kutschen einspannen und fuhren zur Hochzeit. Der Rabbi fuhr auf einer eigenen, besonders guten Kutsche mit seinem Sohn und dem Vorsteher der Gemeinde; er nahm noch einen gelehrten jungen Mann mit auf seine Kutsche, um unterwegs über göttliche Dinge sprechen zu können. Als die Zeit zum Nachmittagsgebet kam, stieg der Rabbi mit seinen Begleitern vom Wagen, um das Gebet zu verrichten. Es war in einem Walde. Nach dem Gebet ging der Rabbi etwas abseits, während seine Begleiter zum Wagen zurückgingen. Sie warteten auf den Rabbi, doch er kam nicht. Die Sonne ging unter, der Rabbi kam immer nicht. Der Bräutigam, der Gemeindevorsteher und der junge Gelehrte gingen in den Wald, den Rabbi zu suchen: sie dachten sich, daß er irgendwo im Walde das Abendgebet verrichte. Sie konnten ihn aber nicht finden und erschraken sehr, weil es inzwischen dunkel geworden war. Sie gingen zu ihrem Wagen zurück. Indessen kamen noch einige Wagen mit Hochzeitsgästen gefahren, und als die Leute sahen, daß eine Kutsche mitten auf dem Wege steht, hielten sie an und fragten, was los sei. Und man erzählte ihnen, daß der Rabbi verschwunden sei. Die Leute sagten: »Seid unbesorgt: wir sahen, daß ein reicher Mann aus unserer Stadt uns vorausgefahren ist. Er sah wohl den Rabbi im Walde stehen und nahm ihn auf seiner Kutsche mit.« Als die Begleiter des Rabbi das hörten, beruhigten sie sich, stiegen in ihren Wagen und setzten die Fahrt fort. Unterwegs erkundigten sie sich überall nach dem Rabbi, doch alle Leute meinten, daß er wohl mit dem reichen Manne vorausgefahren sei. Als sie aber in die Stadt kamen, wo die Hochzeit gefeiert wurde, fanden sie den Rabbi nicht vor. Alle waren sehr traurig. Einige Leute meinten, daß der Rabbi sich vielleicht im Walde verirrt habe und dann einem Wagen begegnet sei, der zurückfuhr; mit diesem Wagen sei er zurückgefahren, um nicht seine Zeit, die er mit Talmudstudium ausfüllen könnte, im Walde zu verlieren; um so mehr, als er wisse, daß die Hochzeit auch ohne ihn stattfinden würde. Man feierte die Hochzeit ohne ihn, doch alle waren sehr betrübt. Nach der Hochzeit fuhren die Leute wieder heim und fragten unterwegs überall nach, ob man nicht den Rabbi gesehen hätte. Doch niemand hatte ihn gesehen. Und als sie zu Hause in Janow ankamen, fanden sie den Rabbi auch da nicht vor. Die Leute von Janow schickten nun Boten nach allen Städten in der Nähe, den Rabbi zu suchen, doch alles war umsonst. Der Rabbi hatte sich im Walde verirrt. Und als er auf den Weg zurückkommen wollte, ging er irre und kam immer tiefer in den Wald hinein, so daß er sich einige Meilen vom Wege entfernte. Der Wald war aber sehr groß, viele Meilen lang und breit. Und der Rabbi verbrachte im Walde einige Wochen. Er lebte von Waldfrüchten und schlief auf der Erde. In seiner großen Aufregung und Seelenangst vergaß er, wann Sabbat ist: er irrte sich in seiner Berechnung um einen Tag, so daß er einen Freitag für den Sabbat hielt und ihn auch wie einen Sabbat heiligte. Der Herr beschirmte ihn wegen seiner Gelehrsamkeit und seiner Mildtätigkeit vor wilden Tieren und andern Gefahren, und nach einigen Wochen gelang es ihm, aus dem Walde herauszukommen. Mit großer Mühe kam er nach Janow und erzählte seinen Leuten alles, was er erlebt hatte. Am Donnerstagabend begann sich der Rabbi zum Sabbatanbruch zu rüsten. Und er wunderte sich sehr über seine Angehörigen, daß sie gar keine Vorbereitungen für den Sabbat machten. Die Angehörigen sagten ihm, daß er sich in einem Irrtum befinde und daß heute Donnerstag und nicht Freitag sei. Doch der Rabbi war, wie gesagt, sehr eigensinnig: er behauptete, daß seine Angehörigen und alle Leute sich irrten. Und es gelang niemandem, ihn davon zu überzeugen, daß er sich im Walde verrechnet hätte und daß heute Donnerstag und nicht Freitag sei. Der Rabbi hielt hartnäckig an seiner Meinung fest; seine Angehörigen glaubten, daß er nicht bei voller Vernunft sei, und waren darüber sehr betrübt. Man mußte sich ihm fügen und alles für den Sabbat vorbereiten. Am Donnerstagabend ging der Rabbi ins Bethaus und sprach die Gebete, die man bei Sabbatanbruch spricht. Viele Leute lachten darüber. Den nächsten Tag, der ein Freitag war, feierte der Rabbiner wie einen Samstag und sprach auch die Sabbatgebete. Als aber am Abend dieses Tages die andern Leute den richtigen Sabbatanbruch feierten, schimpfte er auf sie. Am richtigen Sabbat sprach er die Wochentagsgebete und verrichtete jede Arbeit. So war die Freude der Angehörigen über seine Wiederkehr durch dieses Gebaren getrübt. Es vergingen viele Wochen, doch der Rabbi blieb immer bei seiner Meinung. Viele Rabbiner aus anderen Städten besuchten ihn und versuchten ihm zu beweisen, daß er sich in einem Irrtum befand. Doch er gab auf alle ihre Gründe nichts. Sonst war er ja ein vernünftiger Mensch, aber in dieser Sache benahm er sich wie ein Verrückter. Die Sache kam schließlich dem Rabbi Schmelke, der um jene Zeit Rabbiner von Sinow war, zu Ohren. Er reiste nach Janow und kam zu seinem Jugendfreund an einem Donnerstag, den jener für einen Freitag hielt. Der Rabbi von Janow freute sich sehr über den Besuch und fragte den Gast, ob er bei ihm den Sabbat zu verbringen gedenke. Rabbi Schmelke erwiderte, daß er eigens dazu hergekommen sei. Der Rabbi von Janow gab seinem Hausgesinde den Befehl, alles für den Sabbat vorzubereiten. Auch befahl er ihnen, guten, alten Wein anzuschaffen. Am Donnerstagnachmittag gingen die beiden Rabbis ins Bad, zogen dann ihre Sabbatkleider an und gingen ins Bethaus. Die Leute von Janow staunten, daß auch Rabbi Schmelke sich von ihrem störrischen Rabbi überreden ließ, daß heute Freitag sei. Im Bethause betete der Rabbi von Janow die Gebete vor, mit denen man den Sabbat begrüßt, doch Rabbi Schmelke und die andern Leute beteten wie an einem Wochentage. Nach dem Beten gingen sie nach Hause, und viele Leute kamen zum Rabbi, um den teuren Gast zu begrüßen. Dann sprach der Hausherr den Sabbatsegensspruch, und man setzte sich zu Tisch. Bei Tische sprachen sie über göttliche Dinge, und Rabbi Schmelke meinte, daß der Rabbi von Janow zur Feier seiner wunderbaren Errettung aus dem Walde recht viel Wein auftragen lassen sollte. Der Hausherr befahl seinen Leuten, Wein aufzutragen. Rabbi Schmelke sagte ihm, er solle nur tüchtig trinken; er selbst werde nicht zurückbleiben. Und er gab den Leuten einen Wink, daß sie dem Hausherrn vom ältesten und stärksten Wein einschenkten. Der Rabbi von Janow trank von diesem Wein und schlief bei Tische ein. Rabbi Schmelke gab dem Hausgesinde einen Wink, daß man dem Schlafenden vorsichtig ein Kissen unter den Kopf schiebe. Dann steckte sich Rabbi Schmelke eine Pfeife an und sagte zu den übrigen Gästen: »Geht jetzt nach Hause, und alles wird mit Gottes Hilfe gut werden. Doch morgen abend, also am richtigen Freitagabend, kommt wieder um die gleiche Stunde her!« Und er blieb beim schlafenden Rabbi sitzen und gab acht, daß ihn niemand, nicht einmal ein Vögelchen weckte. Und der Rabbi von Janow schlief die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag. Am nächsten Abend kamen wieder alle Leute zur Tafel, doch der Rabbi von Janow schlief noch immer. Rabbi Schmelke und die Gäste aßen mit großer Freude die Festmahlzeit, wie es bei Sabbatanbruch üblich ist, und sprachen bis zur Mitternacht von der Thora und anderen göttlichen Dingen. Um Mitternacht weckte Rabbi Schmelke den Rabbi von Janow und sagte ihm: »Rabbi von Janow, nun wollen wir das Tischgebet sprechen.« Der Rabbi von Janow sprang auf und sagte: »Mir scheint, ich habe lange geschlafen.« Dann wusch er sich die Hände und unterhielt seinen Gast mit klugen Reden über die Thora; zuletzt sprachen alle das Tischgebet. Der Rabbi von Janow erfuhr bis an sein Lebensende nichts davon, daß er eine Nacht und einen Tag durchgeschlafen hatte. Er rühmte sich sogar, daß er seine Ansicht durchgesetzt hatte und daß nun alle Welt den Sabbat nach seiner Berechnung feierte. Er dankte auch dem Rabbi Schmelke, weil dieser ihm geholfen hätte, die Leute zu seiner Meinung zu bekehren und von ihrer dummen Sabbatberechnung abzubringen. Das glaubte er bis an sein Lebensende. Nach Sabbatausgang kamen die Stadtleute zu Rabbi Schmelke und dankten ihm. Rabbi Schmelke verpflichtete sie aber, kein Wort davon, wie sich alles zugetragen hatte, ihrem Rabbi zu erzählen. Von jener Stunde an wurde Rabbi Schmelke berühmt im ganzen Lande. Seine Verdienste mögen über uns ewig leuchten. Amen. 32. Die wunderbare Lichtanzündung Rabbi Jehoschua-Heschel von Opatow kam einmal auf einer Reise in die Nähe der Stadt Mohilew. Und er sagte zu seinen Begleitern: »Wollen wir in die Stadt hineinfahren, um die fromme Frau Mirjam, die Schwester der heiligen Brüder Rabbi Schmelke und Rabbi Pinchos, zu begrüßen.« Die Begleiter des Rabbi eilten voraus und kamen ins Haus zu der frommen Frau. Als sie den Lärm hörte, fragte sie, was los sei, und die Leute antworteten ihr: »Der Rabbi von Opatow kommt her.« Als der Rabbi ankam, empfing ihn Frau Mirjam mit großen Ehren und bot ihm einen Ehrensitz an. Rabbi Jehoschua-Heschel bat sie, daß sie etwas von ihren heiligen Brüdern erzähle, und sie erzählte den Gästen eine prächtige Geschichte. Die Geschichte war so: »Es ist jedermann bekannt, daß mein Bruder Rabbi Schmelke niemals schlief. Er studierte Tag und Nacht göttliche Wissenschaft. Wenn er viele Wochen lang nicht geschlafen hatte, spürte er große Müdigkeit, doch er fürchtete, sich aufs Bett zu legen, um nicht einzuschlafen. Er hatte auf dem Tische vor sich ein Glas Wasser stehen und pflegte seine Stirne auf das Glas zu stützen, um sich wach zu halten. Und wie er einmal an seinem Tische saß und studierte, wurde er so müde, daß er nicht mehr studieren konnte. Und er stützte seine Stirne auf das Glas Wasser, wie er es immer zu tun pflegte. Da ging plötzlich sein Licht aus. Er sprang sofort auf und sah, daß das Licht erloschen war. Das machte ihm großen Kummer. Das Zimmer, in dem er studierte, befand sich im Obergeschoß und hatte eine Altane. Rabbi Schmelke war darüber, daß das Licht ausgegangen war und er nicht weiterstudieren konnte, so sehr betrübt, daß er gar nicht wußte, was er tat. Er nahm den Leuchter in die Hand und lief auf die Altane hinaus, um von dort hinunterzugehen und Feuer zu holen. Als er auf die Altane hinaustrat, reichte ihm jemand von unten ein brennendes Licht hinauf und sagte ihm, er solle daran sein Licht anzünden. Er tat so, kehrte in sein Zimmer zurück und studierte weiter. Als er sich etwas beruhigt hatte, sagte er sich: \&›Die Altane ist doch sehr hoch, viel höher als ein Mensch. Wie konnte mir der Mann das Licht hinaufreichen?‹ Der Rabbi wunderte sich sehr und sagte sich, daß das wohl kein gewöhnlicher Mensch gewesen sei. Und er verrichtete Andachtsübungen und betete, daß man ihn vom Himmel benachrichtige, wer das gewesen sei. Und man sagte ihm vom Himmel: Als sein Licht ausgegangen war, entstand im Himmel eine große Unruhe, weil Rabbi Schmelke nicht mehr studieren konnte und es plötzlich an wahrer göttlicher Wissenschaft fehlte. Darum schickte man vom Himmel den Propheten Elias herab, damit er ihm Licht bringe. Als mein Bruder das hörte, fing er zu weinen an. Und er tat lange Zeit Buße, weil man seinetwegen den Propheten Elias bemüht hatte.« So erzählte Rabbi Schmelkes Schwester dem Rabbi von Opatow in Gegenwart von vielen Männern, Frauen und Kindern, die die ganze Stube füllten. Der Rabbi von Opatow stand weinend auf und rief aus: »Habt ihr gehört von der großen Sünde des Rabbi Schmelke? Er hielt es für Sünde, daß man wegen seines göttlichen Studiums den Propheten Elias bemüht hatte!« Und der Rabbi von Opatow warf sich zu Boden, weinte sehr bitter und sagte: »Wenn Rabbi Schmelke sich wegen einer solchen Sünde so sehr kasteit hat, wie sollen dann wir unsere Sünden büßen?« Und fast alle Leute, die dabei waren, weinten mit ihm. Seine Verdienste mögen uns beistehen. Amen. 33. Durch die Hinterpforte Zum heiligen Rabbi Pinchos von Korez kam einmal ein junger Mann, der schwer lungenleidend war. Seine Krankheit war von Tag zu Tag schlimmer geworden, so daß er sich in größter Lebensgefahr befand. Dieser Mann hatte schon verschiedene heilige Rabbis besucht, doch keiner von ihnen hatte ihm geholfen. Rabbi Pinchos gab dem Mann seinen Segen und versicherte ihn, daß er nun gesund werden würde. Und so geschah es auch: der Mann genas vollständig. Rabbi Pinchos sagte zu den Leuten, die um ihn waren: »Glaubt nur nicht, daß ich größer und heiliger bin als alle die frommen Rabbis unserer Zeit, die der junge Mann vorher aufgesucht hat. Gott behüte! Wisset aber, daß ich wie ein Dieb handelte, der einen unterirdischen Gang gräbt und so ins Haus gelangt. Ich versuchte anfangs genau wie die andern Rabbis, in den Himmel durch das Tor der Heilung zu gelangen; doch man verschloß vor mir das Tor, weil man im Himmel nicht wollte, daß der junge Mann am Leben bleibt. Darum begab ich mich zum Tor des Lebensunterhaltes und fand das Tor und alle Kammern offen: denn Lebensunterhalt wollte man dem jungen Mann gewähren. Nun ging ich zum Tore der Heilung zurück und brachte vor, daß man Lebensunterhalt doch nur einem Lebenden geben könne. Also mußten sie mir am Tore der Heilung nachgeben und dem jungen Manne auch Leben zugestehen.« 34. Eine Bekehrung Rabbi Pinchos von Korez hatte in vielen Städten Anhänger, die durch jährliche Zahlungen für seinen Lebensunterhalt sorgten. Der Rabbi stellte alljährlich eine Liste zusammen mit den Beiträgen, die jeder einzelne zu zahlen hatte, und zwei seiner Schüler bereisten mit dieser Liste die Städte und Dörfer und sammelten die Gelder ein. Einmal setzte der Rabbi auf seine Liste statt eines gewissen reichen Mannes, der ihm immer viel zu zahlen pflegte, dessen Sohn. Die Schüler wunderten sich darüber sehr. Doch als sie in die Stadt kamen, wo der Reiche wohnte, erfuhren sie, daß er soeben gestorben war und sein Sohn das ganze Vermögen geerbt hatte. Dieser Sohn zahlte dem Rabbi den Betrag, der auf der Liste stand. Einige Jahre später setzte der Rabbi auch diesen Sohn nicht mehr auf seine Liste. Die Schüler erschraken sehr, denn sie erinnerten sich noch, was geschehen war, als der Rabbi den Vater nicht eingetragen hatte. Wie sie in die Stadt kamen und sich bei den Leuten nach dem Manne erkundigten, sagten die Leute: »Sprecht lieber nicht von ihm: er ist mit seiner ganzen Familie dem jüdischen Glauben abtrünnig geworden und hat in Kleidung und Essen alle Gebräuche der Christen angenommen.« Und als die Schüler fragten, wieso das geschehen sei, gab man ihnen zur Antwort: »Das kommt davon, daß sein Vater nur mit christlichen Gutsbesitzern zu handeln pflegte. Als der junge Mann alle Geschäfte übernahm, gewöhnte er sich auch alle Sitten der Gutsbesitzer an.« Nach einigen Jahren setzte der Rabbi diesen Mann wieder auf seine Liste. Die Schüler wunderten sich darüber sehr, denn sie hatten jedes Jahr gehört, daß der Betreffende sich vom jüdischen Glauben immer mehr und mehr entfernte. Als sie in die Stadt kamen und sich nach dem Manne erkundigten, sagte man ihnen, daß er sich ganz plötzlich bekehrt hätte, daß er und seine Angehörigen sich wieder nach jüdischer Sitte kleideten und daß ihre ganze Lebensführung rein und jüdisch geworden sei; doch die Ursache dieser Bekehrung wußte niemand anzugeben. Die Schüler begaben sich sofort zum Manne; er ging ihnen entgegen, empfing sie mit großen Ehren und fragte, mit welcher Summe er auf der Liste stünde. Und die Schüler sagten ihm: »Wir wollen dich nach einer geheimen Sache fragen. Solange du nicht auf der Liste des Rabbi standest, hörten wir, daß du auf schlechten Wegen wandeltest. Und nun hat dich der Rabbi wieder auf seine Liste gesetzt.« Der Mann antwortete: »Ich will euch die ganze Wahrheit sagen, wie sich alles zugetragen hat. Eines Tages schlief ich bei mir zu Hause ein, und es träumte mir, daß ich auf einer Reise sei: denn ich bin ja gewohnt, in meinen Geschäften viel zu reisen. Und es träumte mir, daß ich Hunger bekommen hätte. Schließlich kam ich in eine Stadt, kehrte in ein Gasthaus ein und ließ mir sofort Essen geben, sogar eine Speise, die uns Juden verboten ist. Kaum hatte man mir das Essen aufgetragen, als zu mir ein Mann kam und mir sagte: \&›Ich komme, Euch vors Gericht zu rufen, denn es ist jemand da, der eine Klage gegen Euch hat.‹ Ich sagte darauf: \&›Wenn jemand von mir etwas zu fordern hat, so soll er zu mir kommen und mir meinen Schuldschein vorzeigen. Dann werde ich ihn bezahlen; aber vors Gericht gehe ich nicht.‹ Doch der Mann erwiderte: \&›Wenn sich jemand mit Euch vor dem Gerichte auseinandersetzen will, so ist es doch besser, wenn Ihr mir folgt und hingeht.‹ Da der Mann mir große Ehrfurcht einflößte, ließ ich mein Essen stehen und ging zum Gericht. Vor der Gerichtsstube kam mir ein Diener entgegen und sagte mir: \&›Es ist wahr, daß man Euch vors Gericht geladen hat. Doch der Gerichtshof hat jetzt keine Zeit. Geht nach Hause und kommt später wieder.‹ Ich ging also in mein Gasthaus zurück und ließ mir wieder mein Essen geben. Doch bevor ich es noch anrührte, kam der Mann wieder und rief mich wieder zum Gericht. Ich wurde zornig und sagte ihm, daß ich soeben dort gewesen sei und daß man mich nach Hause geschickt habe. Der Mann hatte aber auf mich solchen Einfluß, daß ich mein Essen wieder stehen ließ und zum Gericht ging. Dort kam mir wieder der Diener entgegen und sagte mir, daß der Gerichtshof noch immer keine Zeit habe und daß ich später wiederkommen solle. Ich wurde sehr böse; wie ich aber ins Gasthaus zurückkam und mir das Essen wieder auftragen ließ, kam der gleiche Mann zum drittenmal und rief mich wieder vors Gericht. Diesmal wollte ich schon um keinen Preis mitgehen; da mich aber der Mann versicherte, daß man mich nun bestimmt vorlassen würde, und da er mir großes Vertrauen einflößte, ging ich schließlich doch mit. Nun ließ man mich wirklich vor. Ich kam in einen sehr schönen Saal, und um einen Tisch herum saßen mehrere Greise von sehr ehrwürdigem Aussehen. Einer von ihnen sagte mir: \&›Es ist hier jemand da, der eine Klage gegen dich vorbringen will.‹ Aus einer Seitentüre trat nun ein Mensch herein, der alle meine Sünden und Vergehen, die ich je begangen, und besonders diejenigen, die ich in den letzten Jahren begangen hatte, aufzuzählen begann. Viele von den Sünden hatte ich schon vergessen, doch der Mann erinnerte mich an jede einzelne von ihnen, so daß ich nichts zu leugnen vermochte. Als er fertig war, stand ich da und zitterte. Da sprach einer der Greise zu den andern: \&›Was wollen wir über ihn beschließen?‹ Und ein anderer sagte: \&›Soll er nur dableiben und warten, bis wir einen Beschluß gefaßt haben.‹ Obwohl alles im Traume war, begriff ich doch ihre Absicht: daß mein Schlaf ein ewiger Schlaf sein solle. Ich begann zu weinen und sagte, daß ich ja noch nicht alt sei und daß ich alle meine Sünden noch abbüßen könne. Und einer von den Greisen trat für mich ein und sagte, daß man mich ins Leben zurückschicken solle; ich werde die Sünden noch abbüßen. Ich sah den Greis an und erkannte den heiligen Rabbi Pinchos von Korez. Er sagte noch, daß ich ihn immer mit reichen Gaben bedacht hätte und daß er darum für mich eintreten müsse. Die andern Greise mußten schließlich dem heiligen Rabbi Pinchos nachgeben. Also verkündeten sie ihren Spruch: \&›Bringt ihn zurück!‹ Und in diesem Augenblicke fiel ich vom Bette und erwachte. Ich behielt aber das ganze schreckliche Gesicht in Erinnerung. Wie wäre es nun möglich, daß ich nicht Buße täte und mich nicht bekehrte?« Diese Geschichte zeigt, welche Gewalt der heilige Rabbi Pinchos von Korez hatte, selbst vor dem himmlischen Gerichtshofe. Seine Verdienste mögen uns und allen Juden beistehen. Amen. 35. Schwur gegen Schwur Unter den Anhängern des heiligen Rabbi Arje-Lejb von Schpola, der gewöhnlich der Schpoler Sejde (Großvater) genannt wird, war ein Chassid, der keine Kinder hatte. Der Mann verfolgte den Rabbi immerwährend mit seinen Bitten, daß er ihm vom Himmel Kinder erflehe. Doch der Schpoler Sejde wies ihn immer zurück. Der Chassid kam einmal wieder nach Schpola und nahm sich vor, den Rabbi nicht eher in Ruhe zu lassen, als bis ihm dieser die Erfüllung seines Wunsches versprechen würde. Als er zum Rabbi kam, war dieser gerade in seine göttlichen Gedanken vertieft. Der Chassid bat ihn: »Rabbi, helft mir, daß ich ein Kind bekomme!« Und der Rabbi antwortete: »Laß ab von mir, denn ich bin jetzt mit einem großen Werk beschäftigt, das das ganze Volk Israel betrifft. Und für dich habe ich keine Zeit.« Als der Chassid das hörte, sagte er sich: »Wenn der Rabbi das ganze Volk Israel in Sinnen hat, so muß jetzt wohl die Stunde der göttlichen Gnade sein. Darum will ich von ihm nicht ablassen, bis er mir verspricht, zum Herrn zu beten, daß ich ein Kind haben soll.« Er bedrängte also den Rabbi noch mehr mit seinen Bitten. Der Rabbi sagte ihm noch einmal: »Ich bitte dich, laß ab von mir! Es wird sonst ein schlechtes Ende nehmen!« Doch der Chassid ließ nicht ab und fuhr in seinen Bitten fort, so daß der Rabbi zornig wurde. Und als der Rabbi es nicht länger aushalten konnte, sagte er zum Chassid: »Ich schwöre dir, daß du dein Leben lang keine Kinder haben wirst, weil du mich so geärgert hast.« Der Chassid sah, daß seine Sache beim Rabbi verloren war, und fuhr heim mit zerbrochenem Herzen. Denn er wußte, daß die Worte des heiligen Schpoler Sejde im Himmel erhört werden. Und er gab jede Hoffnung auf, je ein Kind zu bekommen. Einmal fuhr dieser Chassid zu einem Jahrmarkt nach Korez. Und nach dem Markt ging er ins Bethaus, wo der heilige Rabbi Pinchos von Korez zu studieren pflegte. Rabbi Pinchos war um jene Zeit noch unbekannt. Der Chassid war aber ein kluger Mann: als er sah, wie Rabbi Pinchos studierte, begriff er sofort, daß er einen großen und heiligen Zaddik vor sich hatte. Er fragte nach, wer der Mann sei, und man sagte ihm, er sei ein Bettler. Es war gerade vor dem Pessachfeste, und Rabbi Pinchos hatte nichts, um das Fest begehen zu können. Doch er sorgte nicht darum, sondern seufzte nur, weil er schließlich das Studium hätte unterbrechen müssen, um für das Fest zu sorgen. Als der Chassid den Rabbi seufzen hörte, sagte er sich, daß es nun Zeit sei, ein gutes Werk zu tun. Er ging also in die Wohnung des Rabbi Pinchos und fragte dessen Frau, ob sie schon etwas fürs Fest vorbereitet habe. Und sie antwortete ihm, sie hätte nichts. Der Chassid sagte darauf: »Ich möchte gerne das Fest mit Eurem Mann verbringen, und darum bitte ich Euch, auf meine Kosten alles, was man für das, Fest braucht, anzuschaffen.« Und sie kauften Mazzes, Wein, Fleisch, Geflügel, auch einen Tisch und Stühle, und er bat die Frau, daß sie ihrem Mann nichts davon sage. Und man bereitete alles vor, und der Chassid kam jeden Tag, nachzusehen, ob alles schön gerichtet sei. Auch kaufte er große Lichter, damit bei der Pessachtafel alles vornehm sei wie bei reichen Leuten und der Rabbi ein frohes Fest habe. Der heilige Rabbi Pinchos wunderte sich sehr, daß seine Frau ihn in Ruhe ließ und von ihm nichts für das Fest verlangte. Doch er fragte nicht und tat so, als ob er sich um das Fest gar nicht kümmerte. Denn er fürchtete, deswegen von seinem göttlichen Studium ablassen zu müssen, und das wäre für ihn ein großer Kummer. Am Vorabend des Festes ging der Rabbi ins Bad und setzte sich dann wieder über seine Bücher bis zum Abendgebet. Der Chassid schaffte indessen Wein an und schöne Kleider für die ganze Familie und ein Festgewand für den Rabbi selbst. Und als der Rabbi zum Abendgebet ging, ging der Chassid nicht zum Beten, sondern machte die letzten Vorbereitungen und zündete viele Lichter an, so daß es sehr schön war. Als der Rabbi aus dem Bethause nach Hause kam und den schöngedeckten Tisch und die vielen Lichter sah, wurde er sehr lustig und fragte, woher das alles käme. Und seine Frau antwortete ihm: »Das hat alles unser teurer Gast vorbereitet.« Rabbi Pinchos begrüßte den Gast, fragte ihn aber nach nichts, um seine Gedanken nicht von der heiligen Pessachtafel abzulenken. Auch der Chassid sagte nichts und hatte große Freude an der Festtafel. Erst nach dem zweiten Becher Wein fragte Rabbi Pinchos den Gast, ob er nicht irgendeinen Wunsch habe; er könne ihm die Erfüllung eines jeden Wunsches erwirken, weil er ihm solche Freude bereitet hätte. Der Chassid erzählte dem Zaddik alles, was er mit dem Schpoler Sejde erlebt hatte, und sagte: »Jetzt bitte ich Euch, heiliger Rabbi, zu erwirken, daß der Schwur des Schpoler Sejde zurückgenommen wird.« Und der heilige Zaddik Pinchos antwortete ihm: »Ich nehme alle meine guten Werke und Verdienste zusammen, und ich schwöre Euch, daß Euer Weib noch in diesem Jahre ein Kind gebären wird!« Und so war es auch, und der Chassid bekam im selbigen Jahre ein Kind. Diese Geschichte erzählte der heilige Rabbi von Sadagora, und er fügte ihr noch hinzu: Als der heilige Rabbi Pinchos geschworen hatte, daß der Chassid ein Kind bekommt, ging ein großes Rauschen durch alle Himmel: der heilige Schpoler Sejde hatte ja geschworen, daß der Mann niemals ein Kind bekommt, und der heilige Rabbi Pinchos hatte das Gegenteil geschworen, nämlich daß er doch ein Kind bekommt. Was war da zu tun? Die Sache kam vor den himmlischen Gerichtshof, und es wurde beschlossen: wer von den beiden Heiligen noch niemals geschworen hat, dessen Schwur soll in Erfüllung gehen. Man forschte in den Büchern nach, in denen alle Taten der beiden heiligen Zaddikim verzeichnet waren, und fand, daß der heilige Rabbi Pinchos noch nie geschworen hatte. Darum ging sein Schwur, daß der Chassid ein Kind bekommen soll, in Erfüllung. Die Verdienste des heiligen Zaddiks mögen uns beistehen. Amen. 36. »Sollst leben!« Als der heilige Rabbi Jaakew-Jizchok von Lublin berühmt wurde, begannen die Chassidim aus der ganzen Gegend, zu ihm zu fahren. So stahl sich auch ein junger Mann hinter dem Rücken seiner Frau und seiner Schwiegereltern aus dem Hause und fuhr zum Sukkosfeste nach Lublin. Als er zum Rabbi kam und ihn begrüßte, sagte ihm dieser: »Du sollst hier nicht bleiben, sondern sofort nach Hause zurückkehren.« Der junge Mann begann zu bitten: »Rabbi, es hat mich doch solche Mühe gekostet, mich hinter dem Rücken meiner Frau und meiner Schwiegereltern aus dem Hause zu stehlen, nur um hier das Fest verbringen zu können! Warum soll ich nun vor dem Feste wieder zurückfahren?« Der Rabbi ließ ihn aber nicht viel reden, sondern sagte: »Fahre heim!« Und der junge Mann mußte sich fügen. Auf der Heimreise kehrte er in ein Gasthaus ein, um da zu übernachten. Er hatte großen Kummer wegen der Sache und sagte sich: »Warum schickt mich der heilige Rabbi nach Hause? Das muß doch einen Grund haben. Nun bleibt mir keine Zeit, um noch vor dem Feste nach Hause zu kommen.« So lag er schlaflos da und wünschte, daß schon der Tag kommen möchte. Inzwischen versammelten sich im Gasthause viele Chassidim, die sämtlich nach Lublin zum heiligen Rabbi fuhren. Einige von den Leuten erkannten den jungen Mann und fragten ihn: »Wann bist du denn von zu Hause weggefahren, daß du noch immer unterwegs bist?« Er sagte ihnen: »Ich fahre schon zurück.« Und er erzählte ihnen die ganze Geschichte. Die Leute ließen sich Branntwein geben, tranken einander zu und sagten dabei: »Sollst leben!« Und ein jeder von ihnen drückte dem jungen Mann die Hand, trank auch ihm zu und sagte: »Sollst leben!« Und sie sagten ihm noch: »Brauchst nicht nach Hause zurückzukehren, sondern fahre mit uns wieder nach Lublin zum heiligen Rabbi und sei unbesorgt!« Und sie zechten weiter bis zum Morgen. Als es Tag wurde, beteten sie das Morgengebet und fuhren alle, auch der junge Mann mit ihnen, nach Lublin zum Rabbi und waren lustig und guter Dinge. Wie sie in Lublin ankamen, begaben sie sich zum Rabbi, um ihn zu begrüßen. Auch der junge Mann ging mit ihnen. Als der heilige Rabbi ihn wieder bei sich sah, sagte er ihm nicht mehr, daß er nach Hause zurückfahren solle, sondern fragte ihn: »Sag mir, bei welchem heiligen Rabbi bist du inzwischen gewesen?« Der Mann sagte, er sei bei gar keinem Rabbi gewesen, und erzählte, was er unterwegs erlebt hatte: wie die Chassidim mit ihm im Wirtshause gezecht und ihn dann überredet hatten, wieder nach Lublin zu fahren. Der heilige Rabbi sagte darauf: »Nicht umsonst habe ich immer gesagt, daß zehn Chassidim mehr wirken können als der heiligste Rabbi!« Der Rabbi hatte nämlich in seinem heiligen Geiste gesehen, daß im Himmel der Tod des jungen Mannes beschlossen war. Darum schickte er ihn nach Hause, damit er nicht in der Fremde, sondern bei sich zu Hause sterbe. Doch dadurch, daß die Chassidim auf sein Wohl getrunken und ihm Leben gewünscht hatten, wurde der himmlische Beschluß umgestoßen und sein Leben verlängert. 37. Die verkaufte Sünde In der Stadt Ostrog lebten zwei Juden, die ihre Geschäfte stets zusammen betrieben. Sie waren auch sonst gute Freunde. Einmal hörten sie, daß eine Fürstin im Innern Rußlands zu einem sehr wohlfeilen Preise Leinwand zu verkaufen habe. Also reisten sie hin. Wie sie ankamen, wollte sie die Fürstin anfangs nicht empfangen; darum ließen sie ihr sagen, daß zwei jüdische Kaufleute angekommen seien, die ihre ganze Leinwand aufkaufen wollten. Sie schickte ihnen ihren Diener heraus, und mit diesem wurden sie handelseinig und übergaben ihm auch den Kaufpreis. Als der Diener das Geld seiner Herrin überbrachte, fragte sie ihn, wie diese Juden aussehen. Denn sie hatte noch nie in ihrem Leben einen Juden gesehen. Der Diener sagte ihr, daß sie genau wie andere Menschen aussehen, worauf sie erwiderte: »Ich hörte aber immer von meinen Eltern, daß alle Juden Mörder und Räuber seien, denn sie haben unsern Heiland getötet!« Der Diener sagte ihr darauf: »Falsch haben dich deine Eltern unterrichtet! Denn die Juden sind genau so wie die anderen Menschen: es gibt unter ihnen Heilige und Nichtheilige, Kluge und Närrische, Ehrliche und Diebische – wie bei allen andern Völkern.« Nun sagte die Fürstin, daß sie sich diese Juden ansehen möchte, und ging zu ihnen hinaus. Einer von den beiden war aber sehr schön von Gestalt, und sein Antlitz leuchtete wie der Morgenstern. Als die Fürstin ihn erblickte, entbrannte sofort ihr Herz, es gelüstete sie nach seiner Schönheit, und sie konnte von ihm ihre Augen nicht wenden. Sie rief ihn zu sich heran und zog ihn in ein Gespräch. Er sprach aber recht gut russisch. Kurz und gut, die Fürstin war in den Juden so sehr verliebt, daß sie vor Liebe erkrankte. Die Kaufleute übernahmen indessen die Ware und mieteten Fuhren, um sie nach Hause zu fahren. In diesem Dorfe konnten sie aber nicht genügend Fuhren auftreiben, darum fuhr der eine von ihnen in ein anderes Dorf, um noch mehr Fuhren zu suchen. Der andere Kaufmann aber, der schöne, blieb zurück, um die gekaufte Ware aufzuladen. Als nun die Fürstin hörte, daß er allein geblieben war, ließ sie ihn des Nachts zu sich kommen. Und als er kam, sagte sie ihm, was sie von ihm verlangte, und sie schenkte ihm das ganze Geld, das sie von den beiden als Kaufpreis für das Leinen bekommen hatte. Und sie gab ihm noch mehr Geschenke, damit er ihr zu Willen sei. Er konnte der Versuchung nicht widerstehen. Und sie schenkte ihm noch viel Geld. Am nächsten Morgen verließ er sie und ging zu den Fuhren, um den Rest der Ware aufzuladen. Da kam auch sein Freund an mit den neugemieteten Fuhren; sie luden alles auf und fuhren vergnügt nach Hause. Der Jude bleibt aber doch immer Jude: er hat gesündigt, und es wird ihm gleich davon bange. Er nahm sich die Sache sehr zu Herzen und begann bald zu weinen und zu jammern. Und als sein Freund ihn nach der Ursache fragte, sagte er ihm jedesmal einen anderen Grund. Da verstand der Freund, daß es etwas Wichtiges sein mußte, und zwang ihn, die Wahrheit zu sagen. Er erzählte ihm die ganze Begebenheit mit der Fürstin und zeigte ihm auch das Geld, das sie ihm geschenkt hatte. Der Freund versuchte ihn zu trösten und sagte ihm: er könne durch Reue die Sünde wiedergutmachen, auch solle er das empfangene Geld an Arme verschenken. Da aber der andere nicht aufhörte zu weinen und zu jammern, schlug ihm der Freund vor: »Weißt du was? Ich will dir deine Sünde abkaufen! Was gibst du mir, wenn ich sie auf mich nehme?« Der Sünder willigte gerne ein und sagte: »Ich gebe dir dafür das ganze Geld, das ich von der Fürstin bekommen, und noch meine Hälfte der Leinwand dazu.« Kurz und gut – sie wurden schnell handelseinig, schlossen einen Kaufvertrag ab, und der, der die Sünde begangen hatte, wurde sofort ruhig. Als sie wieder nach Ostrog kamen, verkaufte derjenige, der die Sünde gekauft hatte, die ganze Leinwand mit großem Gewinn und wurde sehr reich. Er konnte sich aber dessen nicht lange freuen, denn einige Jahre darauf starb er. Als er nun vor dem himmlischen Gerichtshofe stand und man ihm seine Sünden vorrechnete, wurde unter seinen Sünden auch die Buhlerei mit der Tochter eines fremden Volkes genannt. Er sagte, daß er eine solche Sünde niemals begangen habe. Darauf antwortete man ihm: »Du hast diese Sünde deinem Freunde abgekauft.« Und er: »Warum soll ich für die Sünde aufkommen müssen, die der andere begangen hat?« Nach vielen Reden wurde endlich beschlossen, daß der Tote sich mit dem Lebenden, der ihm seine Sünde verkauft hatte, vor Gericht auseinandersetzen müsse. Der Tote erschien dem Lebenden im Traume und rief ihn vor den himmlischen Gerichtshof. Doch der Lebende weigerte sich und sagte: »Ich habe mit dir nichts zu verhandeln, denn ich habe dir die Sünde verkauft, und damit ist die Sache erledigt.« Doch der Tote ließ nicht ab und erschien ihm jede Nacht im Traume, so daß der Lebende vor Aufregung krank wurde. Um jene Zeit lebte in Ostrog der große Wundertäter Rabbi Schmuel Edels, genannt Maharscho. Der Kranke verlangte, daß man ihn mit seinem Bette zum Rabbi hintrage, denn er wolle ihm vor seinem Tode etwas anvertrauen. Und man tat so. Der Kranke erzählte dem Rabbi die ganze Sache und bat ihn um Rat, wie er sich vom Toten retten solle. Und der Rabbi sagte: »Geh nach Hause, und wenn er dir wieder erscheint, so sage ihm, daß diese Sache vor einen irdischen Gerichtshof gehört, und wenn er sich mit dir auseinandersetzen will, so soll er mit dir zu mir kommen, und ich werde den Fall entscheiden. Und wenn er sich weigert, so sag ihm, daß ich seinen Geist bannen werde, so daß er aufhören wird, zu dir zu kommen.« Als der Tote wieder dem Kranken erschien, sagte ihm dieser, was der Rabbi befohlen hatte. Der Verstorbene sagte darauf: »Gut, soll sein, wie du sagst. Ich werde zur Verhandlung beim Rabbi kommen.« Der Kranke bat noch den Verstorbenen, er möchte ihn für einen Monat in Ruhe lassen, damit er sich erholen könne. Nach einem Monat war der Mann genesen. Er ging zum Rabbi und sagte, daß er bereit sei, zur Gerichtsverhandlung zu kommen. Der Rabbi ließ die angesehensten Bürger der Stadt sowie die ganze Gemeinde laden und schickte den Synagogendiener auf den Friedhof, um am Grabe des Verstorbenen zu verkünden, daß die Zeit der Gerichtsverhandlung gekommen sei. Er ließ auch im Hause, wo die Verhandlung stattfinden sollte, einen abgesonderten Platz für den Verstorbenen vorbereiten. Als alles fertig war und alle erschienen waren, befahl der Rabbi, daß der Lebende beginnen solle. Und dieser sagte zum Toten: »Es ist wahr, daß ich die Sünde begangen habe; ich habe sie aber sofort bereut, und wenn du sie mir nicht abgekauft hättest, so hätte ich so lange Buße getan, bis man sie mir verziehen hätte. Da ich mich aber von der Sünde frei glaubte, habe ich keine Buße getan. Warum soll ich jetzt die Strafe für diese Sünde erleiden?« Und der Tote erwiderte darauf: »Ich wußte nicht, daß man eine Sünde rechtmäßig kaufen kann, und ich wollte sie auch gar nicht kaufen. Da ich aber deinen großen Kummer sah, tat ich das aus Mitleid mit dir, damit du dich erleichtert fühlst. Allerdings schulde ich dir noch das Geld, das du mir gezahlt hast; ich will darum meinen Erben befehlen, daß sie es dir zurückgeben. Und jetzt lasse mich in Ruhe.« Und sie redeten noch viel hin und wider, und als beide nichts mehr vorzubringen hatten, verkündigte Rabbi Maharscho das Urteil: »Kauf bleibt Kauf und kann nicht rückgängig gemacht werden. Denn hättest du ihm die Sünde nicht abgekauft, so hätte er sie schon längst abgebüßt.« Kaum hatte der Rabbi das gesagt, als alle ein schreckliches Weinen hörten, und der Tote sprach: »Wehe mir! Ich dachte mir: da mein Freund am Leben ist, kann er noch vieles gutmachen. Ich kann mir aber nicht mehr helfen. Man hätte beschließen sollen, daß er Buße tun soll. Ich habe genug eigene Sünden, für die ich aufkommen muß. Nun hat aber der heilige Rabbi sein Urteil schon gesprochen.« Die ganze Gemeinde weinte vor Mitleid, und alle flehten den Rabbi, er möchte für den Toten etwas tun. Und der Rabbi sagte zu ihm: »Ich werde mich bemühen, für dich etwas zu tun. Doch das Urteil, das ich nach den Gesetzen der Thora gefällt habe, bleibt bestehen.« Kaum hatte er das gesagt, als die Gemeinde sah, wie sich der Raum mit Rauch füllte, und als sich der Rauch verzog, war der Tote verschwunden. Aus dieser Geschichte kann man ersehen, daß es nichts Geringes ist, wenn man das Seelenheil kauft und verkauft, wie es manche Menschen tun. Denn daraus kann nichts Gutes herauskommen. Der Herr, gesegnet sei sein Name, möge uns vor allem Bösen behüten und auf einen guten Weg führen. Amen. 38. Die Fürbitte des Trunkenbolds Über alle Juden war einmal eine grausame Verfolgung hereingebrochen, und aus allen Städten eilten Abgesandte zum heiligen Rabbi Boruch von Miedziborz, dem Enkel des heiligen Baal-Schem, damit er vom Allmächtigen Hilfe für das Volk Israel erflehe. Und Rabbi Boruch befahl ihnen, sofort in ein gewisses Dorf, einige Meilen von Miedziborz entfernt, zu fahren und dort einen Mann aufzusuchen, der mit seinem Namen und Vatersnamen soundso hieße. Sie sollten ihn um jeden Preis aufsuchen, und sobald sie ihn gefunden hätten, nicht eher ruhen, als er zum Allmächtigen um die Errettung des Volkes Israel beten würde. Als die Abgesandten Rabbi Boruch, seligen Angedenkens, verließen, glaubten sie in ihren Herzen, daß der Mann, zu dem sie geschickt waren, ein gar heiliger Wundertäter sein müsse. Wie sie in das Dorf kamen, fragten sie die Leute: »Wo wohnt hier der wundertätige Rabbi mit Namen soundso?« Niemand konnte ihnen aber Antwort geben, und alle sagten, daß es in ihrem Dorf keinen Rabbi mit diesem Namen gebe. Die Abgesandten waren sehr verwundert; da sie aber wußten, daß ihr heiliger Rabbi Boruch sich nicht irren konnte, fragten sie die Dorfleute, ob bei ihnen überhaupt ein Mann mit diesem Namen und Vatersnamen wohne. Und sie fragten so lange herum, bis sie schließlich jemand fanden, der ihnen sagte: »Ich kenne wohl einen Menschen mit diesem Namen. Er ist aber ein großer Trunkenbold. Was kann euch der Trunkenbold nützen? Er liegt ständig betrunken da und weiß überhaupt nicht, was sich um ihn tut!« Die Abgesandten begaben sich trotzdem ins Haus des Trunkenbolds und erzählten, daß sie vom heiligen Rabbi Boruch geschickt seien. Die Frau des Trunkenbolds sagte ihnen: »Meine lieben Juden, macht euch doch über mich nicht lustig! Seht selbst: mein Mann liegt betrunken. Wie sollte der heilige Rabbi zu ihm schicken?« Und die Frau erzählte ihnen, daß ihr Mann früher sehr reich gewesen wäre und erst, nachdem er zu trinken angefangen habe, verarmt sei. Er pflege sich täglich zu betrinken und sich dann sofort schlafen zu legen; und sobald er seinen Rausch ausgeschlafen habe, sich sofort einen neuen anzutrinken; so lebe er schon seit mehreren Monaten. »Und wenn ihr mit ihm reden wollt«, sagte das Weib, »müßt ihr warten, bis er aufwacht, denn nur in diesem Augenblick, bevor er sich wieder angetrunken hat, könnt ihr mit ihm reden. Wenn ihr aber weggeht, so wird er sich gleich nach dem Aufwachen wieder betrinken, und ihr werdet mit ihm gar nicht reden können.« Die Abgesandten wunderten sich sehr. Sie erkundigten sich auch nach seiner früheren Lebensweise und bekamen über seine ganze Vergangenheit kein einziges gutes Wort zu hören. Sie konnten daher gar nicht verstehen, warum die Fürbitte eines solchen Menschen im Himmel wirksam sein könnte. Nur weil ihr Vertrauen zu Rabbi Boruch sehr stark war, blieben sie da, um den Mann zu bewegen, das von Rabbi Boruch befohlene Gebet zu sprechen. Endlich war der Trunkenbold erwacht. Er griff sofort nach einer Branntweinflasche, um sich wieder zu betrinken. Die Boten faßten ihn aber bei den Händen und sagten ihm, daß der heilige Rabbi Boruch sie zu ihm geschickt hätte, damit er vom Himmel Abhilfe gegen das große, über das ganze Volk hereingebrochene Unglück erflehe. Der Trunkenbold sagte darauf: »Ich will aber zuvor etwas Branntwein trinken!« Doch die Abgesandten erwiderten: »Wir lassen dich nicht trinken, bevor du das Gebet gesprochen hast.« Da sprach der Trunkenbold: »Der Schöpfer möchte in seiner großen Gnade das Unglück von euch abwenden! Und jetzt laßt mich in Ruhe.« Die Abgesandten merkten sich genau die Stunde, in der er diese Worte gesprochen hatte, und reisten heim. Da erfuhren sie, daß im selben Augenblick, als der Trunkenbold seine Bitte ausgesprochen hatte, dem Volke Israel geholfen wurde. Darob waren sie nicht wenig erstaunt; sie gingen zum heiligen Rabbi Boruch und sagten ihm: »Die Sache ist uns sehr wunderlich, denn der Mann ist ein großer Trunkenbold und Taugenichts. Wir erkundigten uns auch nach seinem jetzigen und früheren Lebenswandel und bekamen kein gutes Wort zu hören. Der Mann versteht beinahe nicht mehr zu beten, und er betet auch nicht. Und schließlich sahen wir doch die wunderbare Wirkung seiner Fürbitte: kaum hatte er die Worte gesprochen, als uns sofort geholfen wurde. Wie ist das zu erklären?« Der heilige Rabbi Boruch, seligen Angedenkens, sagte ihnen darauf: »Ich werde euch erzählen, welche Kraft man durch ein gottgefälliges Werk erlangen kann. Der Mann war früher Großkaufmann und hatte ein sehr großes Geschäft. Dabei war er ein so stattlicher Mann, wie man nicht oft einen zweiten sieht. Einmal kam er zu einer vornehmen Gräfin, einer Witwe. Und als sie ihn erblickte, gefiel er ihr sehr, denn er war ein sehr schöner Mann. Die Gräfin sagte ihm: \&›Ich will dich zum Mann haben. Was taugt dir deine Frau? Ich bin aber eine vornehme Gräfin, und alle meine Städte und Dörfer werden dir gehören. Viele hohe Würdenträger werden dir die größten Ehren erweisen, und du wirst sie durch deine Weisheit alle übertreffen‹. Der Jude versprach der Gräfin, sie zum Weib zu nehmen, verlangte aber von ihr, daß sie zuerst ein großes Fest mache und alle Grafen und Fürsten einlade, damit sie ihn als vornehmen Herrn kennenlernten. Und die Gräfin versprach ihm, dieses Verlangen zu erfüllen. Sie bestimmten also den Tag für das Fest, und in den Tagen vor dem Feste überlegten sie sich beide ihr Vorhaben. Der Jude entschloß sich, die Gräfin zu heiraten, denn es gelüstete ihn sehr nach den Ehren im Staate. Am Tage des Festes kam er zur Gräfin und traf dort viele Grafen, Fürsten und hohe Würdenträger. Alle unterhielten sich sehr gut den ganzen Tag und die ganze Nacht. Am Morgen nach dem Feste trat der Jude in den Hof hinaus, um wie ein Herr und Besitzer nach der Wirtschaft zu sehen. Wie er durch den Schloßhof ging, hörte er aus einem Verließ Ächzen und Stöhnen von Menschen. Er trat näher und fragte die Leute wofür sie eingekerkert seien. Und sie antworteten ihm, sie seien Juden, und die Gräfin hätte sie in den Kerker geworfen, weil sie die Pachtzinsen nicht pünktlich bezahlt hätten; sie säßen schon seit langer Zeit da und gingen schuldlos zugrunde. Der Mann fühlte großes Mitleid mit den Menschen. Er eilte zur Gräfin und sagte ihr, daß er an seinem Freudentage kein Seufzen hören wolle, und die Gräfin möchte daher den Eingekerkerten ihre Schulden erlassen und die Freiheit wiedergeben. Die Gräfin sagte ihm darauf: \&›Du darfst tun, was dir beliebt, denn von nun an gehört alles dir.‹ Der Mann ließ sofort mehrere Wagen anspannen, setzte die gefangenen Schuldner auf die Wagen und entließ sie alle in Frieden. Er schenkte noch einem jeden Geld für die Wegzehrung. Als nun der Mann die Leute aus dem Kerker befreit und viele jüdische Seelen vom Tode erlöst hatte, begann ihm dieses gute Werk auf dem Herzen zu brennen. Und er sagte sich: \&›Was tue ich da? Soll ich mich wirklich mit der Tochter eines fremden Volkes versündigen und dafür ewige Qualen in der Hölle leiden? Nein, eine so große Sünde werde ich nicht tun!‹ Und er nahm seinen Wagen und verließ den Schloßhof, ohne gesündigt zu haben. Als er diese beiden gottgefälligen Dinge getan hatte, – er hatte nämlich erstens Menschen aus dem Kerker befreit und jüdische Seelen vom Tode errettet, und zweitens sein Vorhaben bereut, der Versuchung widerstanden und sich mit der fremden Frau nicht versündigt, – wurde am himmlischen Gerichtshof der Beschluß gefaßt, daß jede Bitte, die er vorbringen würde, zu erfüllen sei. Darob gab es einen großen Lärm bei den himmlischen Heerscharen, und der himmlische Ankläger machte beim Gerichtshof den sonst wenig gottgefälligen Lebenswandel des Mannes geltend. Darauf faßte der himmlische Gerichtshof einen zweiten Beschluß, nämlich daß der Mann dem Trunke verfallen solle: im Trunke werde er niemals wissen, was er bitten solle und welche Beschlüsse des himmlischen Gerichtshofes durch seine Fürbitte rückgängig zu machen seien.« Und Rabbi Boruch sagte noch zu den Leuten: »Es ist fürwahr sehr bedenklich, sich an diesen Mann zu wenden, damit er die Beschlüsse des Himmels rückgängig mache. Da es sich aber um ein ganz großes Unglück handelte, das über das ganze Volk Israel hereingebrochen war, mußte ich euch zu diesem Menschen schicken.« Aus dieser Geschichte kann man lernen, wie groß die Kraft eines guten Werkes ist, denn man kann dadurch im Himmel vieles erreichen. Der Schöpfer möchte uns in seiner großen Gnade helfen, immer gute Werke zu tun. Amen. 39. Rasche Reise nach Wien Der heilige Rabbi Lejb Sores kam einmal für sechs Wochen in die Stadt Buntusch bei Mohilew in Rußland. Er war ständig auf der Wanderung. In Buntusch wohnte er bei einem sehr reichen Pächter. Als die Stadtleute seine Gottesfurcht sahen, gewannen sie große Achtung vor ihm. An einem Freitagnachmittag, als Rabbi Lejb aus dem Bade nach Hause gekommen war, bat er den Pächter, er möchte für ihn einen Wagen einspannen lassen und ihm seinen Diener mitgeben, denn er wolle ins freie Feld hinausfahren. Der Pächter tat so und befahl seinem Diener, den Rabbi zu fahren, wohin dieser verlangen würde. Und als sie aus der Stadt herausgefahren waren, schien es dem Diener plötzlich, als ob sie durch die Luft flögen, und er sah unten Städte und Dörfer. So fuhren sie zwei Stunden. Endlich kamen sie in eine große Stadt, der Rabbi stieg vom Wagen und befahl dem Diener, auf ihn zu warten. Der Diener stand wie ein Verrückter da und wußte nicht, wo er war: ob unter Menschen oder unter Geistern. Als er einen Juden vorbeigehen sah, fragte er ihn nach dem Namen der Stadt. Und der Jude antwortete ihm: »Das ist die kaiserliche Stadt Wien.« Bald kam Rabbi Lejb Sores zurück und befahl dem Diener, wieder zurückzufahren. Als sie aus der Stadt herausgekommen waren, ging die Reise wieder sehr schnell, und bald kehrten sie in die Stadt Buntusch zurück, aus der sie herausgefahren waren. Der Diener erzählte von der wunderlichen Reise seinem Herrn, dieser wollte aber daran nicht glauben. Am nächsten Freitag bat der Rabbi den Hausherrn wieder, er möchte seinem Diener erlauben, ihm den Wagen einzuspannen und ihn zu begleiten. Der Hausherr erlaubte es und gab dem Diener Geld, damit er ihm in Wien ein Taschenmesser kaufe; er solle aber die Rechnung vom Händler mitbringen. Sie fuhren ebenso wie am vergangenen Freitag und kamen nach Wien. Der Diener ging sofort in einen Laden, kaufte ein Taschenmesser und ließ sich vom Verkäufer eine Rechnung ausstellen. Und wie sie wieder heimkamen, übergab der Diener seinem Herrn das Messer und die Rechnung, und dieser wunderte sich darob sehr. Der Hausherr wandte sich an den Rabbi und fragte ihn danach. Und der Rabbi antwortete: »Alles, was der Diener erzählt, ist wahr. Ich kenne wirklich einen sehr kurzen Weg nach Wien und fahre jeden Freitagnachmittag wegen einer gewissen Sache hin, die ich dort zu besorgen habe.« Am dritten Freitag bat ein Schwiegersohn des Hausherrn den Rabbi, er möchte auch ihn mitnehmen. Und sie fuhren zu dritt ab. Wie sie nach Wien kamen, sagte der Rabbi zum Schwiegersohn des Hausherrn, er möchte auf ihn beim Wagen warten. Der Schwiegersohn gehorchte aber nicht und ging dem Rabbi nach. Der junge Mann geriet in große Lebensgefahr. Der Rabbi merkte aber, daß er ihm folgte, und befahl ihm, er solle sich an seinem Gürtel festhalten. Der junge Mann tat so und entronn der Gefahr. Und der Rabbi zeigte dort große Wunder und Zeichen. 40. Bekehrung eines Denunzianten In einer Stadt lebte einmal ein Denunziant, von dem alle Leute sehr zu leiden hatten. Der Denunziant war beim Gutsherrn, dem die Stadt gehörte, sehr beliebt. Er fürchtete sich aber, allein durch die Stadt zu gehen, weil er in der Stadt nur Feinde hatte. Darum gab ihm der Gutsherr zwei Kosaken mit, die ihn überall zu begleiten hatten. Einmal erfuhr der Denunziant von einer Sache, von der er wußte, daß, wenn er sie dem Gutsherrn anzeigte, dieser ihn reich belohnen würde. Er spannte seinen Wagen ein und fuhr zum Gutsherrn; die beiden Kosaken fuhren mit. Als sie eine Meile weit gefahren waren, wurde es schon dunkel; bis zum Gutshofe war aber noch eine halbe Meile Wegs. Darum kehrte der Denunziant in ein Wirtshaus ein, um das Nachmittagsgebet zu sprechen. Wie er aber im Gebet der Achtzehn Segenssprüche zur Stelle kam: »Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt«, fiel ihm plötzlich sein Vorhaben ein: er fuhr doch zum Gutsherrn, um einige Juden anzuzeigen, die der Gutsherr grausam bestrafen würde. Während er das Gebet: »Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt«, sprach, hatte er die Absicht, eine neue Sünde zu begehen! Und als er noch mehr darüber nachdachte, begriff er, daß er gar tief in die Sünde hineingeraten war. Und er weinte sehr und leistete das Gelübde, nie wieder einen Juden beim Gutsherrn anzugeben, selbst wenn ihn dieser dafür in Stücke schneiden würde. Und dann sprach er das Gebet der Achtzehn Segenssprüche zu Ende. Als die beiden Kosaken den Mann so stehen und weinen sahen, glaubten sie, er sei betrunken. Sie fragten im Wirtshause nach, doch man sagte ihnen, daß er noch keinen Tropfen Branntwein getrunken habe. Sie sprachen ihn an, doch er antwortete nicht, sondern fuhr fort zu beten und zu weinen. Sie warteten, bis er mit dem Gebet zu Ende war, und fragten ihn: »Was hast du?« Und er antwortete: »Mein Kopf tut mir weh, und ich will nach Hause zurückfahren.« Doch die Kosaken sagten: »Das geht nicht. Du mußt mit uns zum Gutsherrn fahren und ihm alles sagen, was du ihm zu sagen hast.« Der Mann versuchte die Kosaken mit Geld zu bestechen, sie wollten aber nichts annehmen und brachten ihn zum Gutsherrn. Wie er vor den Gutsherrn trat und dieser ihn fragte: »Nun, was gibt es Neues?«, antwortete er ihm: »Ich weiß nichts Neues: doch ich will bei dir Weizen kaufen.« Aber die Kosaken sagten dem Gutsherrn: »Als er mit uns von zu Hause wegfuhr, sagte er uns, daß er dir viel Neues zu erzählen habe. Später begann er in einem Wirtshause zu beten, zu weinen und zu jammern. Und dann sagte er uns, er wolle nach Hause zurückkehren.« Als der Gutsherr dies alles hörte, geriet er in Zorn und begann den Juden zu schlagen, damit er ihm die Wahrheit sage. Doch der Jude nahm alle Schläge hin und sagte kein Wort. Nun versuchte der Gutsherr ihn im Guten zu überreden, doch der Mann wollte nichts sagen. Der Gutsherr befahl, ihm fünfzig Stockschläge zu geben, er nahm aber auch die Stockschläge hin und sagte nichts. Der Gutsherr ließ ihn hinauswerfen, die beiden Kosaken mußten aber bleiben, damit der Jude ohne Begleitung heimfahre. Der Jude setzte sich auf seinen Wagen, fuhr heim und freute sich über alles, was er erlitten. Wie er durch einen Wald fuhr, hörte er plötzlich ein Jammern und Schreien um Hilfe. Er fuhr auf das Geschrei hin und erblickte eine nackte jüdische Frau. Sie stand da und schrie jämmerlich. Er fragte sie: »Was ist mit Euch?« und sie antwortete: »Ich fuhr mit meinem Mann aus. unserm Dorfe hierher, weil es bei uns im Dorfe kein Bad gibt. Ich habe mich ausgekleidet und bin in den Teich gegangen, um zu baden. Inzwischen ist das Pferd mit dem Schlitten, auf dem meine Kleider lagen, durchgegangen. Mein Mann lief weg, um das Pferd einzufangen. Als er lange nicht zurückkehrte, ging ich ihn suchen und verirrte mich dabei im Walde. Und nun bin ich halb erfroren.« Der Jude zog seinen Schafspelz aus, gab ihn der Frau, nahm sie zu sich auf den Wagen und brachte sie in ihr Dorf. Dann fuhr er, ihren Mann suchen, fand ihn und sagte ihm: »Euer Weib ist schon zu Hause.« Der Mann freute sich darüber und dankte ihm. Und dann fuhr ein jeder zu sich nach Hause. Wie der bekehrte Denunziant nach Hause gekommen war, erkrankte er plötzlich sehr schwer. Die Leute der Stadt wußten nichts von seiner Bekehrung und freuten sich sehr, als sie von seiner Erkrankung hörten, denn er hatte ihnen früher viel Böses getan. Sie meinten, er würde sterben, und sie wollten ihm nach seinem Tode Schimpf und Schande antun. Der Mann starb auch wirklich am Abend desselben Tages. Doch der Rabbi der Stadt war ein heiliger Mann, und er wollte nicht leiden, daß man dem Denunzianten nach seinem Tode Schimpf antue. Darum ließ er in der Stadt ansagen, daß kein Mensch sich dergleichen erlauben dürfe. Die Leute mußten sich fügen, doch bei der Beerdigung ging die ganze Stadt mit, und alle dankten Gott, daß sie nun vom Denunzianten erlöst seien. Am nächsten Morgen kam in die Stadt der Mann, dessen Frau der Denunziant gerettet hatte, und befragte den Rabbi, ob er mit ihr noch weiter zusammenleben dürfe, denn sie hätte eine ganze Nacht mit dem Denunzianten allein verbracht; dieser war aber bei Lebzeiten ein großer Sünder gewesen; und der Mann wußte nicht, ob der Denunziant sich nicht an seiner Frau versündigt habe. Der Rabbi konnte ihm keinen Rat geben und betete zu Gott, daß er ihm die Antwort im Traume eingeben möchte. Und vom Himmel ward ihm der Bescheid, daß die Frau rein sei; da der Denunziant Buße getan habe, hätte man ihm zur Belohnung die Gelegenheit verschafft, eine Menschenseele vom Tode zu retten; da man aber fürchtete, der Mann könnte wieder auf Abwege geraten, habe man seinen Tod beschleunigt. Nun sei er im Paradiese. 41. Von übertriebener Frömmigkeit Es war einmal ein alter, reicher Mann, der einen einzigen Sohn hatte. Als er die Stunde nahen fühlte, wo er von der Welt Abschied nehmen mußte, rief er seinen Sohn herbei und sagte ihm: »Mein geliebter Sohn! Dank dem Ewigen kann ich dir ein großes Vermögen hinterlassen, von dem du und die Deinigen euer ganzes Leben lang genug zu essen und zu trinken haben werdet. Ich will dir aber noch ein Vermächtnis geben: nimm dich in acht vor Heuchlern, das ist vor Menschen, die übertriebene Frömmigkeit zeigen, dabei aber unreinen Herzens sind. Sie sind wie ein gefärbtes Kleid, das von außen schön aussieht, aber inwendig voller Fehler ist. Solche Menschen sind die größten Bösewichter. Darum sage ich dir, daß du dich vor ihnen in acht nehmen sollst.« Der alte Vater starb, und der Sohn erbte ein großes Vermögen. Er heiratete bald darauf eine arme Waise, die sehr schön von Gestalt war und als sehr fromm und keusch galt. Eine lange Zeit nach der Hochzeit sagte der Mann eines Tages zu seinem Weibe: »Steh auf, und wir wollen etwas ausgehen, um zu sehen, was es alles auf Gottes Welt gibt.« Das Weib antwortete: »Ich will nicht unser Haus verlassen und auf die Straße treten, denn ich möchte nicht, daß mich jemand sieht. Ich werde mich grämen, wenn die Menschen, die mich erblicken, mit den Augen sündigen. Auch will ich keinen fremden Mann sehen, damit ich nicht an jemand andern denke.« Als der Mann diese Worte hörte, erbebte ihm das Herz, und er sagte sich: »Vielleicht gehört sie zu jenen Menschen, vor denen mich mein Vater warnte? Solche Menschen erscheinen fromm und keusch, doch wer kennt ihr Herz?« Der Mann wollte nun sein Weib auf die Probe stellen, und er sagte ihr: »Ich muß in eine ferne Stadt reisen, um ein großes Geschäft abzuschließen. Bereite mir Speise vor für den Weg!« Und das Weib sagte ihm: »Reise in Frieden!« Und sie bereitete ihm Wegzehrung vor. Der Mann ging indessen zu einem Schlosser und ließ sich mehrere Schlösser mit je zwei Schlüsseln machen. Er brachte die Schlösser an den Türen seines Hauses an und übergab den einen Schlüsselbund seinem Weibe; er sagte ihr aber nichts davon, daß er noch einen zweiten Schlüsselbund zu den gleichen Schlössern hatte. Dann nahm er Abschied und verließ das Haus. Das Weib glaubte, daß er wirklich nach der fernen Stadt weggereist sei, von der er ihr erzählt hatte. Als der Mann eine halbe Meile weit aus der Stadt herausgefahren war, ließ er den Fuhrmann umkehren. Er kehrte in die Stadt zurück und wartete, bis es ganz finster wurde. Etwa eine Stunde nach Anbruch der Nacht ging er leise zu seinem Hause, öffnete mit seinen Schlüsseln das Tor und alle Türen und kam so zur Schlafkammer seiner Frau. Und er sah, daß die Frau mit einem Nichtjuden sündigte. Als das Weib ihren Mann plötzlich eintreten sah, sagte sie zum Nichtjuden, mit dem sie sündigte: »Sei stark und mutig wie ein Löwe, ziehe dein Schwert und töte meinen Mann!« Der Mann sah, daß der Buhle seiner Frau gegen ihn das Schwert erhob, erschrak sehr und flüchtete aus seinem Hause. Und er lief auf den Markt, um abzuwarten, bis der Morgen anbricht. Vor großem Kummer befiel ihn aber der Schlaf, und er schlief mitten auf dem Markte ein. Nun traf es sich, daß in der gleichen Nacht einige Diebe in die kaiserliche Schatzkammer eingedrungen waren und eine große Menge Gold und Edelsteine gestohlen hatten. Der Kaiser befahl seinen Dienern, alle Gassen und Häuser der Stadt abzusuchen, ob sie nicht eine Spur von den Dieben finden würden. Die Knechte des Kaisers zogen durch alle Gassen und fanden den jungen Mann mitten auf dem Markte liegen und schlafen; sie schleppten ihn ins Gefängnis und sperrten ihn ein. Die Knechte sagten sich, daß der junge Mann, den sie nachts auf dem Markte gefunden hatten, sicher der Dieb sein müsse, der des Kaisers Schatzkammer bestohlen hatte. Und sie fingen ihn zu schlagen an, damit er gestehe, daß er der Dieb sei. Doch er fühlte sich rein von jeder Schuld und litt alle Schläge und Marter, ohne auch ein Wort zu gestehen. Als die Knechte müde wurden, ihn zu schlagen, beschlossen sie, ihn wie einen Dieb zu hängen. Man führte ihn, wie es Sitte ist, durch alle Gassen der Stadt, damit die Leute den Verurteilten sehen und Furcht bekommen. An seiner Seite ging der vornehmste Priester des Landes, den der Kaiser für seinen treuesten Diener hielt. Der Priester suchte den jungen Mann zu überreden, daß er sein Verbrechen beichte und den christlichen Glauben annehme; dann werde er nur in die oberste Abteilung der Hölle kommen. Wie sie so durch die Straßen gingen, kamen sie zu einem Misthaufen, der mitten auf dem Wege lag und in dem es viele Würmer gab. Da sagte der Priester, der zur rechten Hand des Verurteilten ging, zum Henker, der zu dessen linken Hand ging: »Führe ihn nicht durch den Mist, denn er könnte dabei mit seinen Füßen einige der Würmer zertreten. Das wäre aber eine große Sünde, denn es steht geschrieben: \&›Der Gerechte erbarmt sich des Viehs.‹ Und der Herr hat Mitleid mit allen seinen Geschöpfen.« Als der junge Mann diese frommen Worte des Priesters hörte, sagte er sich: »Der Priester gehört sicher zu jenen Heuchlern, vor denen mich mein Vater warnte.« Und er sagte zum Henker, daß er ihn vor den Kaiser führen solle, denn er möchte ihm nun sein Verbrechen gestehen. Man brachte ihn vor den Kaiser, und der junge Mann sagte: »Herr Kaiser! Wisse, daß wir beide– ich und der Priester – die Schatzkammer bestohlen haben.« Man ergriff den Priester, sperrte ihn ins Gefängnis und durchsuchte sein Haus. Und man fand in seinem Hause alles, was aus der Schatzkammer gestohlen war. Da sagte der Kaiser zum jungen Mann: »Du mußt mir erklären, wie du zu der großen Ehre kommst, daß der Priester dich zu seinem Vertrauten gemacht hat, und ihr gemeinsam meine Schatzkammer ausgeraubt habt.« Und der junge Mann erwiderte: »Herr Kaiser! Glaube mir, daß ich mit dem Diebstahl nichts zu tun habe, denn ich gehöre nicht zu den Leuten, die dergleichen tun. Die Sache war aber so.« Und er erzählte dem Kaiser vom Vermächtnis seines Vaters, vom Erlebnis mit seiner Frau und von der übertriebenen Frömmigkeit des Priesters. »Der Priester zeigte dieselbe Frömmigkeit wie mein Weib, und darum sagte ich mir, daß er wohl am Diebstahl beteiligt sein müsse.« Der Kaiser schickte sofort seine Diener, damit sie die Frau des jungen Mannes fassen. Man untersuchte die Sache und fand, daß der Mann die Wahrheit gesprochen hatte. Und der Kaiser befahl, die Frau hinzurichten und ihren Leichnam in Stücke zu schneiden und den Priester zu erhängen. Den jungen Mann ließ er aber mit großen Ehren nach seinem Hause geleiten. Und der junge Mann war voller Freude und dankte dem Herrn, daß er ihn vom Tode errettete, indem er ihm den Gedanken eingab, daß der Priester, der übertriebene Frömmigkeit zeigte, der Dieb sein müsse. Dies alles geschah ihm, weil er das Vermächtnis seines Vaters treu bewahrt hatte. 42. Rabbi Mojsche-Lejb und das verlassene Kind Einmal, am Vorabend des Versöhnungstages, versammelte sich die ganze Gemeinde des Rabbi Mojsche-Lejb ins Bethaus. Doch der Rabbi selbst kam nicht. Er hatte aber ein für allemal befohlen, daß man auf ihn niemals mit dem Beten warten solle. Darum stimmte man das Kol-Nidrej-Gebet ohne ihn an. Später erschien der Rabbi doch. Die Leute forschten nach, warum er so spät gekommen war und das so wichtige Gebet versäumt hatte, und erfuhren folgendes: Als der Rabbi zum Beten ging, hörte er unterwegs in einem Hause ein Kind weinen. Er ging hinein und sah, daß die Mutter zum Beten weggegangen war und das Kind allein gelassen hatte. Der Rabbi hatte Mitleid mit dem Kinde und spielte mit ihm so lange, bis es müde wurde und einschlief. Erst dann ging er ins Bethaus, das Kol-Nidrej zu beten. 43. Rabbi Mojsche-Lejbs Trauermusik Rabbi Mojsche-Lejb von Sassow verhalf einmal einem armen Brautpaare zur Heirat. Bei der Hochzeit war er sehr lustig. Als die Spielleute eine neue Weise anstimmten, sagte er, er möchte gerne, daß man diese Weise bei seiner Beerdigung spiele. Es vergingen viele Jahre, und alle vergaßen die Worte des Rabbi. Am Tage, an dem er starb, fuhren dieselben Spielleute zufällig nach Brody, um bei einer Hochzeit zu spielen. Plötzlich gingen die Pferde mit dem Wagen durch und rannten über Berg und Tal, so daß man sie gar nicht einhalten konnte. Erst vor einem Friedhofe hielten sie still. Die Spielleute sahen, daß auf dem Friedhofe sehr viele Juden versammelt waren, und sie fragten, wie diese Stadt heiße und wer beerdigt werde. Und man sagte ihnen, daß es die Beerdigung des Rabbi Mojsche-Lejb von Sassow sei, und allen fielen die Worte des Rabbi ein. Die Leute beschlossen, daß die Spielleute jene Weise spielen sollten. Und sie erinnerten sich an die Weise und spielten sie. Der Segen des heiligen Rabbis sei über uns. Amen. 44. Von der wahren Gastfreundschaft Der heilige Rabbi Levi-Jizchok von Berditschew kam einmal nach Lemberg. Er ging zu einem reichen Manne und bat ihn, er möchte ihm erlauben, in seinem Hause zu übernachten. Der reiche Mann wußte nicht, wen er vor sich hatte, und sagte, daß es in Lemberg doch genug Gasthäuser gäbe. Der Rabbi bat ihn noch einmal um Nachtquartier und sagte, daß sein Geldbeutel ihm nicht erlaube, in einem Gasthause abzusteigen. Der Reiche nahm ihn trotzdem nicht auf, sondern schickte ihn zu einem gewissen Lehrer. Der Rabbi wollte sich nicht zu erkennen geben und ging zum Lehrer, der ihn sehr gastfreundlich aufnahm. Am nächsten Morgen wurde in Lemberg bekannt, daß der Berditschewer Rabbi angekommen sei, und viele Leute kamen vor das Haus des Lehrers, um den Heiligen zu begrüßen. Unter den Leuten befand sich auch der reiche Mann; er sagte zum Rabbi: »Ich bitte Euch, Rabbi, kommt in mein Haus: denn alle großen Männer, die nach Lemberg kommen, pflegen immer bei mir abzusteigen.« Der heilige Rabbi Levi-Jizchok antwortete darauf: »Welcher Unterschied ist zwischen Abraham und Lot? Alle preisen die Gastfreundlichkeit und Barmherzigkeit Abrahams, der die drei Engel mit Butter, Milch und Fleisch bewirtete; von Lot heißt es ja auch, daß er die Engel aufnahm und ihnen ungesäuerte Kuchen buk. Lot lud die Engel doch ebenso freundlich zu sich ein wie Abraham. Der Unterschied ist der: Von Lot heißt es: \&›Die zwei Engel kamen gegen Sodom, und da Lot sie sah, stund er auf ihnen entgegen.‹ Lot wußte also, wen er vor sich hatte. Von Abraham heißt es aber: \&›Und als er seine Augen aufhub, sah er, da stunden drei Männer vor ihm.‹ Die Engel erschienen Abraham also als gewöhnliche Menschen; und doch nahm er sie gastfreundlich auf. – So war es auch mit Euch: als ich zu Euch als gewöhnlicher Mensch kam, wolltet Ihr mir kein Obdach gewähren. Und jetzt, da Ihr mich als den Berditschewer Rabbi seht, ladet Ihr mich zu Euch ein.« 45. Von den falschen Messiassen Ein Freidenker spottete einmal in Gegenwart des heiligen Rabbi Levi-Jizchok über die Tannaïm und sagte, daß selbst Rabbi Akiba den Aufrührer Bar-Kochba für den Messias gehalten und ihm seine Kleider nachgetragen habe. Der Rabbi erzählte darauf folgendes Gleichnis: »Es war einmal ein Kaiser. Er hatte einen einzigen Sohn, den er wie seinen Augapfel liebte. Dieser Sohn aß einmal von einer nicht ganz frischen Speise und wurde gefährlich krank. Man berief zu ihm die berühmtesten Ärzte, doch keiner konnte ihm helfen. Schließlich berief man ein Konsilium von den größten Ärzten und Gelehrten. Einer von diesen meinte, daß man den Kranken nackt in ein mit einer sehr scharfen Salbe eingeschmiertes Laken einhüllen müsse; wenn er so eine ganze Nacht läge, würde die Salbe die Krankheitskeime aus seinem Körper herausziehen. Ein zweiter Arzt wandte ein, daß der Kranke die großen Schmerzen, die die Salbe verursacht, nicht aushalten können werde, denn er sei zu sehr geschwächt. Ein dritter Arzt schlug vor, die Salbe des ersten Arztes anzuwenden, dem Kranken aber zuvor einen Schlaftrunk zu geben, damit er die ganze Nacht schlafe und die Schmerzen nicht spüre. Ein vierter Arzt bemerkte, daß der Kranke ein schwaches Herz habe und daß ihm daher ein Schlaftrunk gefährlich werden könne. Den besten Rat gab der fünfte Arzt, welcher sagte, daß das Laken mit der scharfen Salbe und der Schlaftrunk vortreffliche Mittel seien; nur solle man den Schlaftrunk nicht auf einmal, sondern in kleinen Dosen geben: der Kranke würde einschlafen, nach zwei Stunden aufwachen und vor großen Schmerzen schreien; dann solle man ihm wieder etwas vom Schlaftrunk geben, so daß er wieder zwei Stunden lang schlafen würde. Und so solle man es die ganze Nacht machen. Man folgte diesem Rate, und der Kranke wurde gesund. Als der Herr der Welt sah, daß die Seele seines geliebten Volkes Israel gefährlich erkrankte und alle Arzneien, die ihm die heiligen Ärzte gaben, nicht mehr halfen, berief er die himmlischen Heerscharen zu einem Konsilium. Auf diesem Konsilium wurde beschlossen, die Juden in die Finsternis der Verbannung zu werfen; da aber das Herz des Volkes zu schwach war, um alle die Marter und Verfolgungen auszuhalten, wurde gleichzeitig verordnet, das Volk einzuschläfern und alle zwei – drei Stunden durch den Posaunenstoß eines falschen Messias aufzuwecken, um es dann wieder einzuschläfern. Und so wird es gemacht werden, bis die ganze Nacht der Verbannung abläuft und der wahre Messias erscheint. Darum werden auch die Augen der größten heiligen Männer, wie die des Rabbi Akiba, zuweilen geblendet, damit sie sich irren und einen falschen Messias für einen wahren ansehen.« 46. Der Zaddik als Makler Der heilige Rabbi Levi-Jizchok von Berditschew war immer darauf bedacht, die Dornen aus dem jüdischen Garten auszureißen; so oft er hörte, daß jemand seinem Nächsten unrecht getan hatte, wandte er alle Mittel an, um den Schlechten auf den richtigen Weg zu bringen und ihn durch Weisheit und Predigt zu bekehren. Ein kleiner Makler sah auf einem Markte einen Wagen mit Waren, für die sich keine Käufer fanden. Und als er gleich darauf einen andern Markt besuchte, sah er dort einen Wagen mit anderen Waren, für die ebenfalls keine Käufer waren. Und wie der Makler diese Waren betrachtete, fiel ihm ein, daß es für beide Kaufleute sehr günstig wäre, die Waren auszutauschen: ein jeder würde die Ware des andern in seiner Stadt gut verkaufen können. Da er aber ein kleiner Makler war und fürchtete, daß die Kaufleute auf seinen Vorschlag nicht eingehen würden, wandte er sich an einen großen, bekannten Makler mit dem Vorschlag, den Tausch zu vermitteln; den Verdienst würden sie aber unter sich teilen. Der große Makler vermittelte das Geschäft, wollte aber nachher dem kleinen Makler seine Hälfte des Gewinns nicht bezahlen. Dieser verklagte ihn beim Rabbi Levi-Jizchok. Als der große Makler auf alles Zureden des Rabbi nicht eingehen wollte, sagte ihm dieser folgendes: »Du sollst wissen, daß auch ich Makler bin zwischen dem Herrn und den Juden. Ich pflege die jüdischen Verdienste in den Himmel zu bringen und dafür in Tausch himmlischen Lohn zu vermitteln. Ich sah bei den Juden dreierlei schlechte Waren: Sünden, Verbrechen und Vergehen; und im Himmel sah ich dreierlei gute Waren: Verzeihung, Vergebung und Versöhnung. Und ich bemühte mich sehr, diese Waren gegeneinander einzutauschen. Wie ich mit diesem Vorschlag vor den Herrn kam, sagte er mir, ich solle zuerst mit den Juden sprechen. Und wie ich zu den Juden kam, wollten sie auf mich gar nicht hören; sie sagten, daß ihre Waren ihnen gut genug seien und sie sie gar nicht tauschen wollten. Ich gab ihnen die Versicherung, daß der Herr gerne noch etwas draufgeben würde, nur damit sie auf den Tausch eingingen. Schließlich gelang es mir nach großer Mühe, die Juden zu bewegen, auf meinen Vorschlag einzugehen. Wie ich wieder vor den Herrn trat, um ihn um die Draufgabe zu bitten, sah ich bei ihm noch drei Gattungen von Waren liegen, für die man im Himmel gar keine Verwendung hat; diese Waren heißen: Kindersegen, Leben und Einkommen. Ich bat nun den Herrn, daß er diese Waren auf den Tausch draufzahle, und er ging mir zuliebe darauf ein. Wie ich wieder weggehen wollte, sagte mir der Herr: \&›Levi-Jizchok, es gefällt mir gut, daß du dich so sehr für die Juden bemühst. Sag mir, womit ich dich dafür belohnen soll.‹ Ich antwortete, daß ich es nicht des Lohnes wegen tue. Als der Herr das hörte, sagte er mir: \&›Die dreierlei Waren: Kindersegen, Leben und Einkommen, die ich ihnen auf deine Fürbitte draufgegeben habe, sollen in deiner Hand liegen. Du darfst sie nach deinem Gutdünken verteilen und entziehen.‹« »Und nun sage ich dir jetzt, du großer Makler: wenn du dich mir fügst, gebe ich dir Leben. Und wenn du mir nicht folgst, so kann ich dich mit dem Gegenteil strafen, weil du den kleinen Makler um sein Einkommen betrogen hast.« Der große Makler folgte aber dem Rabbi nicht und ging erbost weg. Bald darauf wurde er gefährlich krank und schickte dem Rabbi sagen, daß er ihn um Verzeihung bitte und sich seinem Beschluß fügen wolle. 47. Die gestohlenen Brautkleider Unter den nächsten Anhängern des heiligen Rabbi Levi-Jizchok von Berditschew war ein Mann, der in einem Dorfe bei Berditschew wohnte. Dieser Mann wollte einmal seine Tochter verheiraten und besuchte natürlich zuvor Rabbi Levi-Jizchok, daß er ihn segne. In der Nacht von Sonntag auf Montag gruben Diebe einen unterirdischen Gang in sein Haus und stahlen die ganze Aussteuer der Braut. Am Montag früh fand man die Brauttruhe leer stehen, und alle waren darüber sehr betrübt. Der Brautvater begab sich sofort zum Rabbi Levi-Jizchok und klagte ihm sein Leid. Er sagte ihm, daß die Hochzeit noch in dieser Woche sein müsse und daß daher keine Zeit bleibe, neue Brautkleider anzufertigen. Der Rabbi tröstete ihn und sagte, daß der Herr, gelobt sei sein Name, ihm sicher helfen werde, die gestohlenen Sachen wiederzufinden. Der Brautvater fuhr heim und hoffte den ganzen Montag, die Sachen wiederzubekommen. Am Dienstag fuhr er wieder zum Rabbi und sagte, daß er die Sachen noch immer nicht gefunden habe und daß die Hochzeit morgen oder übermorgen stattfinden müsse. Der Rabbi schickte ihn zu seinen Gehilfen, den Beisitzern des geistlichen Gerichts. Der Brautvater erzählte ihnen seinen Fall, doch die Richter sagten, die Sache sei doch nicht so, daß sie irgendein Urteil fällen könnten. Er ging wieder zum Rabbi und sagte ihm, daß die Richter in dieser Sache kein Urteil fällen könnten. Rabbi Levi-Jizchok ließ sich nun einen Bogen Papier geben und schrieb in jede der vier Ecken: »Du sollst nicht stehlen!« Er faltete das Papier zusammen, gab es dem Mann und sagte: »Fahre nach Hause und sei unbesorgt. Mit Gottes Hilfe wirst du nun das Gestohlene finden.« Der Mann nahm das Papier und fuhr nach Hause. Doch er verstand nicht, wie ihm die Hilfe kommen sollte. Sein Haus stand neben einem Walde, und wie er in die Nähe seines Hauses kam, sah er, wie man durch den Wald etwas trug und wie etwas Weißes zwischen den Bäumen schimmerte. Der Mann eilte in den Wald und fand alle gestohlenen Brautkleider, in ein weißes Laken gehüllt, im Walde liegen, und es fehlte gar nichts. Er brachte alle die Kleider nach Hause und feierte mit großer Freude die Hochzeit seiner Tochter, doch er begriff noch immer nicht, warum ihn der Rabbi zu den Richtern geschickt und warum er auf allen vier Ecken des Papiers »Du sollst nicht stehlen!« geschrieben hatte und wieso ihm die Hilfe gekommen war. Bald darauf fuhr er nach Berditschew zum heiligen Rabbi Levi-Jizchok, um ihm zu melden, daß er das Gestohlene wiedergefunden habe, und ihm zu danken. Er fragte den Rabbi, wie sich alles zugetragen hatte, und der Rabbi sagte ihm folgendes: »Ich wußte, daß die Diebe die Kleider in ein Laken eingewickelt und in die Erde vergraben hatten, um sie später wieder auszugraben. Ich schickte dich zu den Richtern in der geheimen Hoffnung, sie würden ein Urteil fällen, daß die Erde das gestohlene Gut nicht annehmen solle. Und wenn es die Diebe noch so tief vergraben hätten, müßte die Erde auf einen solchen Beschluß hin das Gestohlene wieder herausgeben. Doch die Richter verstanden meine Absicht nicht. Darum nahm ich den Bogen Papier und schrieb mein eigenes Urteil, das ich über die Erde verhängte: Du sollst nicht stehlen! Und die Erde mußte sich mir fügen und spie die vergrabenen Sachen wieder aus. Als die Diebe zu der Stelle kamen, wo sie die Sachen vergraben hatten, fanden sie sie oben auf dem Erdboden liegen. Die Diebe vergruben nun die Sachen an einer anderen Stelle und fanden sie dann wieder oben auf der Erde liegen. Du sahst sie gerade, wie sie die Sachen trugen, um sie an einer dritten Stelle zu vergraben. Und so wurde dir geholfen. Es ist gar kein Wunder, sondern nur die Wirkung eines auf Grund der Thora erlassenen rechtmäßigen Beschlusses, denn die ganze Schöpfung und auch die Erde unterliegt den Gesetzen der Thora.« 48. Die drei Geschichten des Rabbi Levi-Jizchok Ein Mann mußte einmal aus seiner Stadt fliehen, weil er dem Gutsherrn den Pachtzins nicht bezahlen konnte. Er ließ seine ganze Familie (er hatte auch viele unverheiratete Töchter) zurück und verbrachte zwölf Jahre als Lehrer in der Fremde. Als er zwölf Jahre von seiner Heimat weggeblieben war und mit dem Stundengeben neunhundert Rubel verdient hatte, beschloß er, heimzureisen und seine Töchter zu verheiraten. Wie er durch Berditschew kam, ging er in das Bethaus des heiligen Rabbi Levi-Jizchok. Und er sah, mit welcher Andacht der Rabbi betete, und er fühlte, wie sein Herz sich an den heiligen Rabbi heftete. Nach dem Beten begrüßte der Rabbi den Fremden und lud ihn zu sich zum Essen ein. Nach dem Essen sagte der Rabbi zum Lehrer: »Ich will dir drei Geschichten erzählen, wenn du sie mir gut bezahlst. Du mußt mir für jede Erzählung dreihundert Rubel im voraus geben.« Der Lehrer war erstaunt, doch er sagte sich: »Komme, was kommen mag. Ich kann mir ja auch sagen, daß ich um dreihundert Rubel weniger verdient habe.« Und er zahlte dem Rabbi dreihundert Rubel. Der Rabbi erzählte ihm darauf die erste Geschichte: »Merke dir: wenn ein Mensch zwischen zwei Wegen zu wählen hat, so soll er den Weg zur rechten Hand wählen.« Und gleich darauf sagte der Rabbi zum Lehrer: »Wenn du die zweite Geschichte hören willst, mußt du mir wieder dreihundert Rubel im voraus bezahlen.« Der Lehrer war sehr erstaunt über die erste Geschichte. Wer weiß, wie die zweite Geschichte sein wird! Da er aber den Rabbi mit seiner ganzen Seele liebte, zahlte er ihm die dreihundert Rubel, und Rabbi Levi-Jizchok erzählte die zweite Geschichte: »Merke dir: ein alter Mann und ein junges Weib bedeuten einen halben Tod.« Und der Rabbi fragte wieder: »Willst du auch die dritte Geschichte hören? Dann mußt du mir wieder dreihundert Rubel zahlen.« Der Lehrer raufte sich die Haare: was hat er da für Geschichten zu hören bekommen? Wie wird er nun nach Hause zu seinem Weibe und seinen erwachsenen Töchtern zurückkehren? Er hat ja jetzt im ganzen nur noch dreihundert Rubel. Soll er das Geld dem Rabbi geben? Oder soll er damit nach Hause fahren? Und was nützen ihm jetzt die dreihundert Rubel? Und er entschloß sich, die letzten dreihundert Rubel dem Rabbi zu geben, und Rabbi Levi-Jizchok erzählte ihm die dritte Geschichte: »Merke dir: du sollst nichts glauben, was du nicht mit eigenen Augen gesehen hast.« Und dann sagte ihm der Rabbi: »Jetzt gehe in Frieden. Der Herr gebe dir Glück!« Der Lehrer verließ den Rabbi ohne einen Pfennig Geld. Alles, was er während der zwölf Jahre zusammengespart hatte, hatte er nun für die drei schönen Geschichten ausgegeben. Soll er mit diesen Geschichten seine hungernde Familie speisen und seine Töchter verheiraten? Doch er hatte starkes Zutrauen zum Rabbi und sagte sich schließlich, daß an den drei Geschichten doch etwas sein müsse. Und er merkte sich gut die drei Geschichten. Nun ging er aus der Stadt und überlegte sich, ob er die Arbeit von vorne beginnen oder heimfahren sollte. Wie er so ging und sich den Kopf zerbrach, holten ihn einige Männer ein und fragten ihn, ob er nicht eine Räuberbande gesehen hätte, die eben vorbeigelaufen sei, und welchen Weg die Räuber eingeschlagen hätten? Die Räuber hätten irgendwo eine sehr große Summe geraubt. Der Lehrer hatte zwar gar keine Räuber gesehen, aber ihm fiel die erste Geschichte des Rabbi Levi-Jizchok ein, und er sagte den Leuten, daß die Räuber nach rechts gelaufen wären. Die Verfolgenden schlugen den Weg nach rechts ein, ereilten die Räuber und nahmen ihnen das Geraubte weg. Dem Lehrer zahlten sie aber als Lohn sechshundert Rubel. Nun erkannte er den Wert der ersten Geschichte. Der Lehrer setzte seinen Weg fort und kam abends zu einem Gasthause. Der Gastwirt war ein alter Mann und hatte eine junge Frau. Der Lehrer wollte im Gasthause übernachten, doch die Frau des Gastwirts ließ ihn nicht herein. Er suchte ein anderes Gasthaus im gleichen Dorfe, fand aber keins und kehrte zum ersten zurück. Das Gasthaus war aber schon versperrt, und der Lehrer legte sich draußen unter dem Dachvorsprunge schlafen. Denn er wußte, daß die Wirtin ihn nicht hereinlassen würde und daß der Wirt selbst krank in einem andern Zimmer lag. Gegen Mitternacht hörte der Lehrer, wie ein Wagen vorfuhr, dem einige Männer entstiegen. Sie klopften an, und die Wirtin ließ sie sofort ein. Dann hörte er, wie einer von den Leuten flüsterte: »Draußen liegt ein Mann. Vielleicht stellt er sich nur schlafend, um uns zu belauschen!« Ein anderer meinte: »Der Mann ist sicher betrunken.« Sie gingen hinaus und stießen den Lehrer hin und her; da er nicht erwachte, sagten sie sich, daß er gewiß betrunken sei. Sie kehrten in die Stube zurück und hielten Rat. Da erinnerte sich der Lehrer an die zweite Geschichte des Rabbi. Und als er sah, daß die Männer zum Zimmer gingen, wo der alte Mann schlief, um ihn im Einverständnis mit der Wirtin zu erschlagen, machte er großen Lärm und weckte den Mann. Die Mörder entflohen. Der Lehrer erzählte dem Wirt, was er gesehen und gehört hatte, und der Wirt fragte ihn: »Welchen Lohn willst du dafür, daß du mir das Leben gerettet hast?« Und der Lehrer antwortete: »Dreihundert Rubel, und außerdem den Lohn im Jenseits.« Der Wirt gab ihm die dreihundert Rubel. Der Lehrer hatte also das ganze Geld, das ihm die drei Geschichten gekostet hatten, wieder. Wie er sich seiner Heimat näherte, begann er sich bei den Leuten nach seiner Familie und seinem Hause zu erkundigen; doch er sagte niemand, wer er war. Er war ja zwölf Jahre ausgeblieben, und niemand erkannte ihn. Und man erzählte ihm, daß der Mann seit zwölf Jahren verschollen sei und daß die Frau inzwischen den rechten Weg verlassen habe und liederlich geworden sei. Doch der Lehrer erinnerte sich an die dritte Geschichte des Rabbi Levi-Jizchok, daß er nichts glauben solle, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Und er begriff, daß der Rabbi diesen Fall gemeint hatte. Und er verkleidete sich als Bettler und bat seine Frau um Unterkunft. Die Frau ließ ihn ein. Abends stellte sich der Mann betrunken, fiel unter den Tisch und tat so, als ob er schliefe. Nun hörte er, wie nachts jemand ans Fenster klopfte, und er sah, wie seine Frau einen schönen Jüngling einließ und sich mit ihm in einem andern Zimmer einschloß. Erst am Morgen ging der Jüngling fort. Und das wiederholte sich drei Nächte nacheinander. Der Lehrer wußte gar nicht, was er darüber denken sollte, denn er sah darin eine Bestätigung dessen, was ihm die Leute erzählt hatten. Aber er gedachte wieder der Worte des Rabbi Levi-Jizchok, daß er nur das glauben solle, was er mit eigenen Augen gesehen hätte. Und er wußte, daß der Rabbi in seinem heiligen Geiste alles vorausgesehen hatte und daß die dritte Geschichte sich auf diesen Fall bezog. Darum ging er von seinem Hause weg, kam nach einigen Tagen wieder, doch diesmal in seiner wahren Gestalt, und gab sich seinen Angehörigen zu erkennen. Die Freude war sehr groß. Die Frau rief nur in einem fort: »Mein Mann! Mein Mann!« Auch die Kinder freuten sich über die Rückkehr des Vaters. Doch der Lehrer schrie seine Frau an: »Was freust du dich so über meine Rückkehr? Die Leute erzählen ja über dich dies und das. Auch ich selbst habe mich davon überzeugt, denn ich sah, wie du an drei Nächten hintereinander einen Jüngling einließest.« Die Frau antwortete aber darauf: »Du hättest nicht so voreilig urteilen sollen. Du erinnerst dich wohl noch, daß wir, als du von uns weggingst, noch ein kleines Söhnchen hatten? Dieses Kind nahm der Gutsbesitzer zu sich als Pfand für den Pachtzins, den du ihm schuldetest. Und das Kind ist beim Gutsbesitzer aufgewachsen. Ich überredete unsern Sohn, jede Nacht zu mir zu kommen, damit ich ihn in der Heiligen Schrift unterrichte und beten lehre. Sonst würde er ja als Christ aufwachsen. Und wenn du mir nicht glaubst, so kannst du dich mit eigenen Augen überzeugen: übernachte hier, und du wirst sehen, daß ich die Wahrheit spreche.« So war es auch. Der Jüngling klopfte nachts ans Fenster, und die Mutter ließ ihn ein und unterrichtete ihn wie jede Nacht. Nun begriff erst der Mann die Worte des Rabbi und erkannte den Jüngling als seinen Sohn. Die Freude darüber war sehr groß. Und der Mann bezahlte dem Gutsherrn seine Schuld, bekam seinen Sohn zurück und lebte mit seiner Frau vom Rest des Geldes. 50. Die Friedhofsvergrößerung In einer Stadt lebte ein von allen geachteter Mann namens Reb Jossje. Keine Gemeindeangelegenheit wurde ohne seinen Rat unternommen, auch war er Vorstand der Beerdigungsbrüderschaft. Reb Jossje gehörte zu den Anhängern des heiligen Rabbi Israel von Rishin, den er mehrmals im Jahre besuchte und ohne dessen Rat er nichts unternahm. In der gleichen Stadt lebte ein sehr reicher alter Mann, der sich um die Gemeindesachen gar nicht kümmerte. Dieser Mann schenkte einmal der Beerdigungsbrüderschaft zwei sehr schöne und große silberne Leuchter und wählte sich dafür noch bei Lebzeiten ein Grab auf dem Friedhofe aus. Die Leuchter bekam Reb Jossje in Verwahrung. Der alte Mann starb und wurde auf der Stelle beigesetzt, die er sich bei Lebzeiten ausgewählt hatte. Bald darauf merkten die Stadtleute, daß der Friedhof zu klein geworden war und vergrößert werden mußte. Man beauftragte Reb Jossje, nach Rishin zu fahren und den heiligen Rabbi zu bitten, daß er sich in ihre Stadt bemühen möchte, um ein neues Stück Land dem Friedhof zuzuteilen. Und sie versprachen dem Rabbi für seine Mühe die beiden silbernen Leuchter. Doch der Rabbi weigerte sich, mitzufahren, und sagte, daß er nur bei Gelegenheit, wenn er irgendwo in der Nähe zu tun haben werde, auch zu ihnen kommen würde, um den Friedhof zu vergrößern. Reb Jossje fuhr also allein heim. Nach einiger Zeit drängten ihn wieder die Stadtleute, daß er zum heiligen Rabbi fahre und ihn mitbringe. Er fuhr wieder nach Rishin, doch der Rabbi sagte ihm, daß, solange er nicht zu ihnen käme, sie ihren Friedhof gar nicht zu vergrößern brauchten, d. h. es werde kein Mensch sterben. Reb Jossje fuhr heim und überbrachte den Stadtleuten die Antwort des Rabbi. Es verging ein ganzes Jahr, und kein Mensch starb in der Gemeinde. Nun traf es sich, daß der heilige Rabbi Motele von Tschernobyl durch diese Stadt fuhr und da zur Nacht blieb. Reb Jossje war an diesem Tage abwesend. Die Stadtleute kamen zu Rabbi Motele und baten ihn, daß er die Friedhofsvergrößerung vornehmen möchte; und sie boten ihm zum Geschenk die beiden silbernen Leuchter an. Rabbi Motele versprach ihnen, am nächsten Morgen ihren Wunsch zu erfüllen. Gegen Abend kam aber Reb Jossje zurück. Seine Frau erzählte ihm, daß Rabbi Motele in der Stadt sei und daß die Leute von ihm die Vergrößerung des Friedhofes erwirkt hätten. Das gefiel Reb Jossje gar nicht, und er hielt es für einen Angriff auf die Ehre des heiligen Rabbi Israel von Rishin. Am nächsten Morgen kamen die Stadtleute zu ihm und verlangten die Herausgabe der Leuchter. Er wollte aber die Leuchter nicht herausgeben, denn er hätte sie doch bereits mit Einverständnis der Gemeinde dem heiligen Rabbi von Rishin versprochen. Die Stadtleute kamen zu Rabbi Motele und sagten ihm, daß Reb Jossje die Leuchter nicht herausgeben wolle. Rabbi Motele ließ nun Reb Jossje zu sich kommen und fragte ihn, warum er ihm die Leuchter nicht geben wolle. Dieser antwortete, daß er sie bereits mit Einwilligung der Gemeinde dem Rabbi von Rishin zugesagt hätte. Rabbi Motele sagte ihm noch einigemal, daß er ihm die Leuchter geben solle, doch Reb Jossje blieb bei seiner Weigerung. Da wurde Rabbi Motele böse und sagte: »Höre einmal, Jossje, wenn du mir die Leuchter nicht gibst, wirst du dieses Jahr sterben.« Reb Jossje antwortete: »Mag kommen, was kommen will, ich kann aber die Leuchter niemandem geben, weil ich sie bereits dem Rabbi von Rishin versprochen habe.« Rabbi Motele verließ die Stadt in großem Zorn, ohne die Friedhofsvergrößerung vorgenommen zu haben. Da Reb Jossje den Fluch Rabbi Moteles sehr fürchtete, fuhr er zum Rabbi von Rishin und erzählte ihm die ganze Geschichte. Der Rishiner Rabbi tröstete ihn und sagte ihm, er solle nichts fürchten, und es werde ihm nichts Böses zustoßen. Er warnte ihn aber, Rabbi Motele je vor die Augen zu treten. Wenn er sich vor Rabbi Moteles Blick in acht nähme, würde ihm gar nichts passieren. Und so war es auch. Reb Jossje nahm sich vor Rabbi Motele in acht, und sooft dieser in die Stadt oder in irgendeine Stadt in der Nähe kam, blieb er zu Hause und ging nicht zum Rabbi. Als der Rishiner Rabbi seinen Sohn mit der Tochter Rabbi Moteles verheiratete, fuhr auch Reb Jossje zur Hochzeit. Er nahm sich aber sehr in acht und ging nicht zur Tafel, solange Rabbi Motele bei der Tafel saß. Doch am siebten Tage der Hochzeitsfeier hielt er es nicht länger aus und ging zur Tafel. Er stellte sich hinter den Rishiner Rabbi, so daß ihn Rabbi Motele nicht sehen konnte. Rabbi Motele begann an die Gäste Wein zu verteilen, und als er allen, die vor ihm standen und saßen, eingeschenkt hatte, wandte er sich um, um auch den hinter ihm Stehenden Wein zu geben. Er erblickte Reb Jossje und wunderte sich sehr, daß er hergekommen war. Er sah ihn genauer an und sagte sich: »Nein, er ist es doch nicht!« Etwas später sah er ihn noch einmal an und sagte: »Das ist doch Jossje!« Und gleich darauf sagte er sich wieder: »Nein, das ist er doch nicht!« Und er wandte sich wieder zur Tafel. Als sich aber Rabbi Motele zum drittenmal nach Reb Jossje umwandte, ergriff ihn Rabbi Israel von Rishin bei der Hand und sagte: »Ich bitte Euch, Vetter, laßt von ihm ab und stört mir nicht meine Freude!« Und Rabbi Motele wandte sich nicht mehr um. Nach Tisch ging Reb Jossje zum Rishiner Rabbi, um von ihm Abschied zu nehmen. Der Rabbi strafte ihn, weil er seine Warnung nicht beachtet hatte, und sagte: »Wisse, daß du heute in großer Lebensgefahr warst. Doch ich hatte Mitleid mit dir und gab dir in deinen Körper eine neue Seele ein: darum erkannte dich Rabbi Motele nicht. Als ich aber sah, daß er sich nach dir immer wieder umwandte, wurde mir für dich bange. Darum mußte ich ihn bei der Hand ergreifen und ihn bitten, daß er von dir ablasse. Sonst hätte er dich mit seinem Blick töten können.« Glossar Aramäisch . Semitisches Idiom, dem Hebräischen nahe verwandt. Zur Zeit Jesu wurde es im ganzen Vordem Orient, auch in Palästina, gesprochen. Ein Teil des Talmud ist aramäisch abgefaßt. Baal-Schem-Tow. Herr des guten Namens (= Gottesnamen). Soviel wie Wundertäter, Zauberer. Beiname des Israel ben Elieser, des Begründers des Chassidismus. Auch in abgekürzter Form: Baal-Schem. Oft auch als Anagramm: Beseht = B-aal Sch-em T-ow. Chassid, pl. Chassidim. Fromm, der Fromme; Anhänger der chassidischen Sekte. Hauptwort: Chassidut, mit latinisierter Endung Chassidismus. Benennung einer bestimmten Form volkstümlicher Mystik vor allem der Juden in der Ukraine seit dem 18. Jahrhundert. Gabbai, pl. Gabbaim. Armenpfleger, Synagogenvorstand. Im Haushalt des Wunderrabbi Haushofmeister und Sekretär. Gemara. Wörtlich Vollendung, Abschluß. Feste Bezeichnung für einen Teil des Talmud, der in die Mischna und die die Mischna kommentierende Gemara zerfällt. Halacha. Wörtl. Gang, Weg. Der Gesetzesteil des Talmud, der daneben auch Sagen, Anekdoten, Parabeln etc. enthält. Hebräisch. Semitisches Idiom, in welchem die Bibel und große Teile des nachbiblischen Schrifttums der Juden abgefaßt ist. Jiddisch. Im wesentlichen mittelalterliches Deutsch, mit semitischen und slawischen Elementen angereichert. Volks- und Bildungssprache der Ostjuden bis zur Hitlerzeit. Es gibt eine reiche jiddische Literatur. In der UdSSR, wo anfangs die Eigenkultur der vielen Sowjetvölker gefördert wurde, gab es bis in die vierziger Jahre sogar noch jiddische Schulen und heute noch eine jiddische Zeitschrift. Jom Kippur. Wörtl. Tag der Sühne. Höchster Fast- und Bußtag des jüdischen Kalenders. Fällt meist in den September. Kabbala. Wörtl. Empfängnis, Überlieferung. Feste Bezeichnung für jene jüdische Mystik, die im 13. Jahrhundert in der Provence und in Spanien entstand. Kiddusch. Wörtl. Heiligung. Gebet zur Einweihung des Sabbat, verbunden mit einem Weinsegen. Kol Nidrej. Wörtl. Alle Gelübde ... Anfangsworte des Einleitungsgebets am Jom Kippur. Koscher. Rein, tauglich. Nach dem Ritualgesetz zum Genuß erlaubt. Maggid. Wanderprediger. Maskil. Aufgeklärt, der Aufgeklärte. Hauptwort Haskala. Feste Bezeichnung für eine bestimmte aufklärerische Richtung und Literatur, teils in hebräischer, teils in jiddischer Sprache, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Osteuropa. Wendet sich vor allem auch gegen den »chassidischen Aberglauben«. Mazze. Flaches, ungesäuertes Osterbrot, das die Juden zum Andenken daran verzehren, daß ihre Vorfahren vor dem Exodus aus Ägypten nicht mehr dazu kamen, ihr Brot zu säuern. Melamed. Kleinkinderlehrer für Hebräisch. Mesusa. Eine am Türpfosten eines jeden jüdischen Hauses befestigte Hülse, die ein Pergament mit zwei Ausschnitten aus dem 5. Buch Mose (6, 4–9; 11, 13–21), die das Bekenntnis zur Einzigkeit Gottes aussagen, enthält. Midrasch. Der poetische und homiletische Teil des Talmud und der nachtalmudischen Literatur. Mitnaged. Wörtl. Gegner. Gemeint ist in Osteuropa immer der Gegner des Chassidismus. Rabbi, Reb etc. Von Raw = mächtig, erhaben. Bezeichnung respektierter, gebildeter Männer. Die volle Form Rabbi, jiddisch Rebbe, ist dem approbierten Rabbiner oder dem chassidischen Zaddik vorbehalten. Allenfalls nennen kleine Knaben auch ihren Melamed Rebbe. Die Kurzform Reb, einem Namen vorangestellt, also Reb Rosenthal etc., wird jeder Respektsperson gegenüber gebraucht. Schechina. Wörtl. Einwohnung. Im Talmud Einwohnung Gottes. Später auch weibliches Element der Gottheit, in der mystischen volkstümlichen Literatur sogar sichtbar auftretend in Form einer verhüllten trauernden Frau. Sofer. Schreiber, Schriftgelehrter. Im Jiddischen nur der Schreiber der pergamentenen Thorarollen. Spaniolen oder Sefarden. Die aus Spanien stammenden Juden. Nach der spanischen Inquisition wohnten sie, bis zur Vernichtung in den Hitlerjahren, hauptsächlich auf dem Balkan. Sukkos. Laubhüttenfest. Fällt in den Spätherbst. Talmud. Umfängliches nachbiblisches Kompendium. Umfaßt Mischna und Gemara. Entstand in vielhundertjähriger mündlicher Überlieferung. Wurde gegen 500 n. Chr. in Babylon kodifiziert. Ist teils hebräisch, teils aramäisch geschrieben. Enthält neben Kommentaren zum Bibelgesetz auch Legenden, Parabeln, Sagen, Erbauliches etc. Das Ritualgesetz der Juden basiert auf dem Talmud. In Osteuropa pflegten alle Knaben etwa vom achten Jahr an den Talmud im Originaltext zu studieren. Tannaim. Die Gesetzeslehrer des Talmud vom 1. bis 3. nachchr. Jahrhundert. Thora. Wörtlich Lehre. Sec. die fünf Bücher Mose. Thora-Rolle: In der Synagoge wird der Text der Thora aus handgeschriebenen Pergamentrollen vorgelesen. Trefe. Wörtl. das Gerissene. Gemeint: das gerissene Tier, das, neben vielem andern, nicht gegessen werden darf. Sec. alles, was man nach dem Ritualgesetz nicht essen oder berühren darf. Zaddik, pl. Zaddikim: Gerecht, heilig, auch substantivisch der Gerechte, der Heilige. Hauptwort: Zaddikut: Heiligkeit, auch Tätigkeit des Wunderrabbi. Zaddik ist im jüdischen Osten die feste Benennung für den chassidischen Wunderrabbi.