Frederik van Eeden Der kleine Johannes 1921 Erstes Buch Ich will euch etwas von dem kleinen Johannes erzählen. Meine Geschichte erinnert zwar sehr an ein Märchen, aber dennoch ist alles in Wirklichkeit so geschehen. Sobald ihr das nicht mehr glaubt, sollt ihr nicht weiter lesen, denn ich schreibe dann nicht für euch. Auch dürft ihr nie zu dem kleinen Johannes darüber sprechen, wenn ihr ihm jemals begegnen solltet, denn das würde ihm Kummer bereiten und ich würde es bereuen, euch dies alles erzählt zu haben. Johannes wohnte in einem alten Hause, das von einem großen Garten umgeben war. Es war schwer sich dort zurecht zu finden, denn in dem Hause waren viel dunkle Gänge, Treppen, Stübchen und geräumige Bodenkammern, und im Garten gab es allenthalben Spalierwände und Treibhäuser. Für Johannes bedeutete dieser Garten eine ganze Welt. Er konnte weite Streifzüge darin unternehmen, und allem, was er entdeckte, gab er einen Namen. Für das Haus hatte er lauter Namen aus dem Tierreich gefunden: da war der Raupenspeicher, weil er dort eine Raupenzucht trieb; und das Hühnerstübchen, weil er dort einmal ein Huhn gefunden hatte. Das war zwar nicht von selber dahin gekommen, sondern die Mutter des kleinen Johannes hatte es dort zum Brüten hingesetzt. Für den Garten wählte er lauter Namen aus dem Pflanzenreich, und beachtete dabei vornehmlich die Erzeugnisse, die für ihn von Bedeutung waren. So unterschied er einen Himbeerberg, einen Birnenwald und ein Erdbeertal. Ganz hinten war ein kleines Fleckchen, welches er das Paradies nannte, und dort war es natürlich besonders schön. Da war ein großes Wasser, ein Teich, auf dem weiße Lilien trieben und an dessen Ufern das Schilf flüsternd lange Gespräche mit dem Winde führte. Jenseits lagen die Dünen. Das Paradies selber bestand aus einem kleinen Rasen am diesseitigen Ufer, der von Buschholz umringt war; üppig schoß der Waldkerbel daraus empor. Dort lag Johannes oft im dichten Grase und spähte durch das wogende Schilf nach den Dünenspitzen jenseits des Wassers. An warmen Sommerabenden war er dort immer und konnte stundenlang so daliegen und schauen und schauen, ohne daß ihm jemals die Zeit lang wurde. Er dachte an die Tiefe des stillen klaren Wassers, das da vor ihm sich ausbreitete – wie traulich es dort sein mußte zwischen den Wasserpflanzen in dem seltsamen Dämmerlicht, und dann wieder an die fernen wunderbar gefärbten Wolken, die langsam über die Dünen dahinzogen – und was dahinter wohl sein mochte, und ob es köstlich sein würde dorthin fliegen zu können. Wenn die Sonne eben untergegangen war, türmten sich die Wolken dort so hoch übereinander, daß sie den Eingang zu einer Grotte zu formen schienen, und in der Tiefe jener Grotte erglänzte der Schein eines mattroten Lichtes. Das war es, wonach Johannes sich sehnte. O, könnte ich doch da hineinfliegen! dachte er dann bei sich. Was dort hinten wohl sein mag? Ob ich wohl je, jemals dahin werde gelangen können? ... Doch so oft er sich das wünschte, fiel die Grotte in fahle dunkle Wölkchen zusammen, ohne daß er sich ihr zu nähern vermochte. Dann ward es kalt und feucht am Ufer des Teiches und er mußte sein dunkles Stübchen in dem alten Hause wieder aufsuchen. Er wohnte dort nicht ganz allein; er hatte einen Vater, der gut für ihn sorgte, einen Hund, der Presto und einen Kater, der Simon hieß. Natürlich liebte er seinen Vater am meisten, aber Presto und Simon achtete er durchaus nicht so viel geringer, wie das ein Erwachsener tun würde. Ja, er vertraute Presto sogar mehr Geheimnisse an als seinem Vater, und Simon gegenüber empfand er eine ehrfurchtsvolle Scheu. Nun, und das war auch kein Wunder. Simon war ein großer Kater mit glänzend schwarzem Fell und einem dicken Schwanz. Man konnte es ihm ansehen, daß er von seiner eigenen Erhabenheit und Weisheit vollkommen überzeugt war. Er blieb stets vornehm und würdevoll, sogar dann, wenn er sich einmal dazu herabließ, einen Augenblick mit einem rollenden Korken zu spielen oder hinter einem Baum einen vergessenen Heringstopf zu verzehren. Angesichts der tollen Ausgelassenheit Prestos kniff er verächtlich die grünen Augen zu und dachte: »Nun ja, die Hunde wissen es eben nicht besser.« Könnt ihr es jetzt verstehen, daß Johannes Respekt vor ihm hatte? – Mit dem kleinen braunen Presto ging er viel vertraulicher um. Der war kein schönes oder vornehmes, dafür aber ein ganz besonders gutmütiges und kluges Hündchen, das sich niemals weiter als um zwei Schritte von Johannes entfernte und den Mitteilungen seines Herrn geduldig lauschte. Ich brauche euch wohl nicht zu sagen, wie sehr Johannes an Presto hing. Trotzdem aber war in seinem Herzen auch noch sehr viel Raum für andere. Findet ihr es merkwürdig, daß sein dunkles Schlafkämmerlein mit den kleinen Fensterscheiben darinnen auch einen großen Platz einnahm? Er liebte die Tapete mit den großen Blumengebilden, in denen er lauter Gesichter sah und deren Formen er so oft schon aufmerksam studiert hatte, wenn er krank war oder wenn er des Morgens wachend im Bett lag. Ganz besonders liebte er das eine kleine Gemälde, das dort hing und auf dem steife Spaziergänger abgebildet waren, die in einem noch steiferen Garten an spiegelglatten Teichen entlang wanderten, aus denen himmelhohe Fontänen aufspritzten und darinnen kokette Schwäne schwammen; – die große Wanduhr indessen liebte er am meisten. Er zog sie stets sorgfältig auf und hielt es für eine Pflicht der Höflichkeit, daß er sie ansah, während sie schlug. Das ging natürlich nur, so lange Johannes nicht schlief. War die Uhr durch irgend ein Versehen stehen geblieben, dann fühlte sich Johannes sehr schuldig und bat sie tausendmal um Verzeihung. Ihr würdet am Ende gar lachen, wenn ihr die Gespräche belauschen könntet, die er mit seinem Zimmer führte. Aber, gebt einmal acht, wie oft ihr mit euch selber sprecht! Das erscheint euch nicht im mindesten lächerlich. Überdies war Johannes davon überzeugt, daß seine Zuhörer ihn vollkommen begriffen; eine Antwort brauchte er nicht. Indessen wartete er doch wohl hin und wieder ganz heimlich auf eine Antwort von der Uhr oder von der Tapete. Schulkameraden hatte Johannes wohl, aber Freunde konnte man sie eigentlich nicht nennen. Er spielte mit ihnen und zettelte in der Schule Verschwörungen mit ihnen an, und im Freien bildete er Räuberbanden mit ihnen, aber so recht zu Hause fühlte er sich erst, wenn er mit Presto allein war. Dann verlangte es ihn nimmer nach andern Knaben und er fühlte sich vollkommen frei und geborgen. Sein Vater war ein weiser ernster Mann, der Johannes des öfteren mitnahm auf lange Streifzüge durch die Wälder und die Dünen; dann sprachen sie nur wenig und Johannes ging um etwa zehn Schritt hinter seinem Vater her und grüßte die Blumen, denen er auf seinem Wege begegnete und die alten Bäume, die immer und immer auf demselben Fleck stehen bleiben mußten, und freundlich strich er ihnen mit seiner kleinen Knabenhand über die rauhe Rinde. Und rauschend dankten ihm alsdann die gutmütigen Riesen. Manchmal schrieb sein Vater während des Gehens Buchstaben in den Sand, einen nach dem andern, und Johannes buchstabierte dann die Worte, die sich formten, und hin und wieder machte der Vater auch wohl einen Augenblick Halt und lehrte Johannes den Namen einer Pflanze oder eines Tieres. Und Johannes fragte auch oftmals, denn er sah und hörte viel Rätselhaftes. Dumme Fragen stellte er häufig: er fragte, warum die Welt so sei wie sie sei und warum die Tiere und Pflanzen sterben müßten, und ob Wunder geschehen konnten. Der Vater des kleinen Johannes war ein weiser Mann; er sagte nicht alles was er wußte, und das war gut für Johannes. Des Abends vor dem Schlafengehen sprach Johannes stets ein langes Gebet. Das hatte ihn die Kinderfrau so gelehrt. Er betete für seinen Vater und für Presto. Simon habe es nicht nötig, meinte er. Er betete auch sehr lange für sich selber und den Schluß bildete meistens der Wunsch, es möge doch einmal ein Wunder geschehen. Und nachdem er das Amen gesprochen, blickte er gespannt in dem halbdunklen Stübchen umher, auf die Figuren der Tapete, die in dem matten Dämmerlicht noch seltsamer erschienen als sonst, auf die Türklinke und auf die Uhr, an der nun das Wunder sich vollziehen würde. Allein die Uhr tickte unaufhaltsam ihre nämliche Weise und die Türklinke rührte sich nicht. Es war völlig dunkel und Johannes fiel in Schlaf, ohne daß das Wunder gekommen. Einmal aber würde es dennoch geschehen, das wußte er. Am Ufer des Teiches war es warm und totenstill. Die Sonne, rot und abgemattet von der Arbeit des Tages, schien sich einen Augenblick am fernen Dünenrand auszuruhen, bevor sie unterging. Beinahe vollkommen spiegelte das glatte Wasser ihr leuchtendes Angesicht wieder. Die weit über den Teich herabhängenden Blätter der Buche nützten die Stille, um sich einmal so recht andächtig im Spiegel zu beschauen. Der einsame Reiher, der zwischen den breiten Blättern der Wasserlilie auf einem Bein stand, vergaß, daß er ausgegangen war um Frösche zu fangen, und starrte in Gedanken versunken vor sich hin. Da kam Johannes auf den kleinen Rasenplatz, um die Wolkengrotte zu sehen. Plumps! plumps! – sprangen die Frösche vom Ufer fort. Der Spiegel warf Falten, das Sonnenbild zerfiel in breite Streifen und die Buchenblätter raschelten verstört, denn mit ihrem Anschauen waren sie noch lange nicht zu Ende. An den nackten Wurzeln der Buche festgebunden lag ein altes kleines Boot. Man hatte Johannes streng verboten es zu besteigen. O, wie war an diesem Abend die Versuchung groß! Schon formten sich die Wolken zu einer ungeheuren Pforte, hinter der die Sonne zur Ruhe gehen würde. Leuchtende Reihen kleiner Wölkchen scharten sich ringsumher wie eine goldgepanzerte Leibwache. Auch die Wasserfläche leuchtete und durch das Schilf am Ufer schossen rote Funken, Pfeilen gleich. Langsam löste Johannes das Tau des Bootes von den Wurzeln der Buche. O, dort zu treiben, mitten in jener Pracht! Presto war bereits in das Boot gesprungen, und bevor sein Herr es noch selber wollte, teilte sich das Schilf langsam, ganz langsam, und beide trieben sie davon in die Richtung der Abendsonne. Johannes lag auf dem Vordersteven und starrte in die Tiefe der Lichtgrotte. – Flügel! dachte er – jetzt Flügel zu haben! und dann dorthin! Die Sonne war verschwunden. Die Wolken glühten noch immer. Im Osten war der Himmel dunkelblau. Dort standen Weiden in einer Reihe längs des Ufers. Regungslos streckten sie ihre hellen schmalen Blättchen in die stille Luft. Von dem dunklen Hintergrunde hoben sie sich ab wie prächtige mattgrüne Spitzenarbeit. Still! was war das? Wie ein Säuseln zog es über den Wasserspiegel – wie ein leichter Windstoß, der in das Wasser eine schmale Furche gräbt. Es kam von den Dünen, von der Wolkengrotte herüber. Als Johannes sich umschaute, saß auf dem Rande des Bootes eine große blaue Wasserlibelle. Solch eine große hatte er nimmer gesehen. Sie saß still, aber ihre Flügel zitterten unaufhaltsam in weitem Kreis. Es schien Johannes, als bildeten die Spitzen ihrer Flügel einen leuchtenden Ring. »Das muß ein Feuerfalter sein«, dachte er, »die sind sehr selten.« Allein der Kreis ward größer und immer größer und die Flügel zitterten so rasch, daß Johannes sie nur noch wie in einem Nebel sah. Und allmählich sah er aus jenem Nebel zwei dunkle Augen hervorleuchten und eine lichte schlanke Gestalt in einem zartblauen Kleidchen saß dort, wo die Libelle gesessen. Auf dem Blondhaar lag ein Kranz aus weißen Winden und die Schultern trugen Flügel aus Gaze, die, einer Seifenblase gleich, in tausenderlei Farben schillerten. Ein Wonneschauer durchzuckte Johannes. Das war ein Wunder! »Willst du mein Freund sein?« flüsterte er. Das war allerdings eine absonderliche Art und Weise einen Fremden anzureden – aber hier ging eben alles ein wenig ungewöhnlich zu. Und ihm war es, als müsse er dieses seltsame blaue Wesen schon lange kennen. »Ja, Johannes«, hörte er dann sagen, und die Stimme klang wie das Rauschen der Halme im Abendwind oder wie Regen, der auf die Blätter im Walde langsam herniedertropft. »Wie soll ich dich nennen?« fragte Johannes. »Ich bin in dem Kelch einer Winde geboren. Nenne mich Windekind!« Und Windekind lachte und schaute Johannes so vertraulich in die Augen, daß es ihm wunderbar selig zu Mute ward. »Heute ist mein Geburtstag,« sagte Windekind. »Ich bin hier in der Gegend geboren, aus den ersten Strahlen des Mondes und den letzten der Sonne. Zwar sagt man, daß die Sonne weiblich sei, aber das ist nicht wahr. Denn sie ist mein Vater.« Johannes nahm sich vor, am folgenden Tage in der Schule von dem Sonne zu sprechen. »Und sieh! Dort kommt das runde weiße Gesicht meiner Mutter schon zum Vorschein. Guten Tag, Mutter! O, o, wie gütig und bekümmert sie wieder aussieht!« Er wies nach dem östlichen Horizont. Groß und leuchtend stieg dort der Mond am grauen Himmel auf, hinter dem Spitzenwerk der Weiden, das sich von der hellen Scheibe dunkel abhob. Seine Mutter machte wahrlich ein sehr betrübtes Gesicht. »Aber Mutter, Mutter, das tut nichts. Ihm kann ich ja vertrauen.« Lustig ließ das liebliche Wesen seine Gazeflügel erzittern und gab Johannes mit der Irisblume, die es in der Hand hielt, einen leichten Schlag auf die Wange. »Ihr ist es nicht recht, daß ich zu dir gekommen bin. Du bist der erste. Aber dir vertraue ich, Johannes. Du darfst nie, niemals einem Menschen meinen Namen nennen oder über mich sprechen. Gelobst du mir das?« »Ja, Windekind,« sagte Johannes. Es war ihm alles noch so fremd. Er fühlte sich unaussprechlich glücklich, aber ihm bangte, ob er sein Glück nicht wieder verlieren würde. Träumte er? – Neben ihm auf der Bank lag Presto, friedlich schlafend. Der warme Atem seines Hündchens beruhigte ihn. Die Mücken tanzten über dem Wasser, in der schwülen Luft, genau so wie immer. Um ihn her war alles so klar und so deutlich. Es mußte Wahrheit sein. Und immerfort fühlte er, wie Windekinds vertraulicher Blick auf ihm ruhte. Da erklang wiederum die süß raunende Stimme: »Ich habe dich hier schon oft gesehen, Johannes. Weißt du wo ich war? – Oft saß ich auf des Teiches sandigem Grunde zwischen den dichten Wasserpflanzen und blickte zu dir hinauf, wenn du dich über das Wasser neigtest, um zu trinken oder um die Wasserkäfer und Salamander dir anzuschauen. Mich aber sahest du nie. Oftmals auch blickte ich aus dem dichten Schilf zu dir hinüber. Dort bin ich sehr häufig. Wenn es warm ist, schlafe ich da auch meistens in dem leeren Nest einer Rohrdrossel. Ja, das ist schön weich.« Windekind wiegte sich vergnügt auf dem Rande des Bootes und schlug mit seiner Blume nach den Mücken. »Jetzt komme ich, dir ein wenig Gesellschaft zu leisten. Dein Leben ist sonst gar so eintönig. Wir wollen gute Freunde sein und ich werde dir mancherlei erzählen. Viel bessere Dinge als die, welche dir die Schulmeister weismachen. Die verstehen ja gar nichts. Und wenn du mir nicht glaubst, so werde ich dich das alles selber sehen und hören lassen. Ich werde dich mitnehmen.« »O Windekind, lieber Windekind, kannst du mich dorthin mitnehmen?« rief Johannes und wies in die Richtung, wo soeben noch das purpurne Licht der untergehenden Sonne durch die goldene Wolkenpforte gestrahlt hatte. Schon begann das wunderherrliche Gebilde in grauem Nebel zu zerfließen. Dennoch aber drang der mattrote Glanz noch aus tiefsten Tiefen zum Vorschein. Windekind starrte in das Licht, das über sein seines Gesichtchen und sein Blondhaar einen goldenen Schimmer wob und schüttelte langsam den Kopf. »Jetzt nicht, Johannes, jetzt nicht! Du mußt nicht gleich zu viel verlangen. Ich selber bin noch niemals bei Vater gewesen.« »Ich bin immer bei meinem Vater«, sagte Johannes. »Nein, das ist dein Vater nicht. Wir sind Brüder. Mein Vater ist auch der deine. Aber die Erde ist deine Mutter und daher sind wir beide sehr verschieden. Auch bist du in einem Hause geboren bei Menschen, ich hingegen in dem Kelch einer Winde. Das Letztere ist sicherlich besser. Aber wir werden uns dennoch gut verstehen.« Dabei sprang Windekind behende auf die Seite des Bootes, das sich nicht regte unter der Last, und küßte Johannes! Ihm war, als wandle sich alles um ihn her. Was für ein seltsames Empfinden kam da über Johannes! Ihm war, als wandle sich alles um ihn her. Er sähe jetzt alles viel besser und viel richtiger, meinte er. Er sah, wie der Mond jetzt viel freundlicher dreinschaute – und er sah auch, daß die Wasserlilien Gesichter hatten, mit denen sie ihn verwundert und forschend anstarrten. Er begriff nun plötzlich, warum die Mücken so lustig auf und nieder tanzten, immer umeinander her, auf und nieder, auf und nieder, bis sie mit ihren langen Beinen das Wasser berührten. Er hatte schon manchmal darüber nachgedacht, aber jetzt begriff er es ganz von selbst. Er hörte auch, was das Schilf raunte und wie die Bäume am Ufer leise klagten, weil die Sonne untergegangen. »O, Windekind, ich danke dir, das ist köstlich. Ja, wir beide werden uns sicherlich gut verstehen.« »Gib mir deine Hand,« sagte Windekind und breitete die vielfarbigen Flügel aus. Dann zog er Johannes in dem Boot mit sich fort über das Wasser und durch die großen Blätter der Seeblumen, die im Mondenlicht schimmerten. Hier und dort saß ein Frosch auf einem Blatte. Jetzt aber sprang er nicht ins Wasser, wenn Johannes kam. Er machte nur eine leichte Verbeugung und sagte: »Quack!« Johannes verneigte sich gleichfalls sehr höflich – denn er wollte vor allen Dingen nicht hochmütig erscheinen. Nun kamen sie an das Schilfrohr – das war breit und das ganze Boot verschwand darin, ohne daß sie das Ufer erreichten. Johannes aber klammerte sich fest an seinen Begleiter, und so kletterten sie an Land zwischen hohen Halmen hindurch. Johannes meinte zwar, daß er kleiner und leichter geworden sei, aber das war am Ende nur Einbildung. Dennoch entsann er sich nicht, daß er jemals an einem Schilfrohr hatte emporklettern können. »Paß jetzt gut auf«, sagte Windekind, »dann wirst du was hübsches sehen.« Sie wandelten zwischen dem hohen Grase unter dunklem Buschholz, das hier und dort einen schmalen leuchtenden Streif des Mondenlichtes durchschimmern ließ. »Hast du des Abends in den Dünen die Grillen schon einmal gehört, Johannes? Es ist gerade, als gäben sie ein Konzert, nicht wahr? Und niemals kann man hören, woher der Laut kommt. Nun, zu ihrem Vergnügen singen sie allerdings niemals, aber der Lärm kommt aus der Grillenschule, wo Hunderte von kleinen Grillen ihre Lektionen auswendig lernen. Jetzt aber sei ganz still, denn wir sind beinahe da.« Srrr! srrr! Das Buschholz begann sich zu lichten, und als Windekind mit seiner Blume die Halme auseinanderschob, sah Johannes eine hellbeleuchtete offene Stelle und die kleinen Grillen, die eben dabei waren, zwischen dem dünnen schmächtigen Dünengras ihre Aufgaben auswendig zu lernen. Srrr! srrr! Eine große dicke Grille erteilte den Unterricht und überhörte. Die Schüler sprangen einer nach dem andern auf die behäbige Grille zu, immer einen Sprung vorwärts und dann in einem Sprung wieder an ihren Platz zurück. Wer verkehrt sprang, mußte auf einem Krötenpilz am Pranger stehen. »Hör jetzt gut zu, Johannes, dann kannst du vielleicht auch etwas lernen«, sagte Windekind. Johannes verstand recht gut, was die kleinen Grillen antworteten. Aber das alles lautete ganz anders, als was ihm sein Lehrer in der Schule beibrachte. Zuerst kam die Geographie an die Reihe. Von den verschiedenen Weltteilen wußten sie nichts. Sie brauchten nur 26 Dünen und 2 Teiche zu kennen. Von allem übrigen könne niemand etwas wissen, sagte der Lehrer, und was davon erzählt würde, sei eitel Phantasie. Darauf ging er zur Botanik über. Auf diesem Gebiet wußten sie alle sehr viel, und es wurden vielerlei Preise verteilt, ausgesucht junge und zarte Grashalme von verschiedener Länge. Über die Zoologie indessen wunderte sich Johannes am meisten. Die Tiere wurden in springende, fliegende und kriechende eingeteilt. Die Grillen konnten springen und fliegen und standen infolgedessen obenan. Dann folgten die Frösche. Vögel wurden mit allen Anzeichen des Abscheus als höchst gefährlich und schädlich bezeichnet. Endlich wurde auch der Mensch besprochen. Der sei ein großes unnützes und schädliches Tier, das sehr niedrig stände, da es weder fliegen noch springen könne, das aber zum Glück nur ziemlich selten hierher komme. Eine kleine Grille, die noch niemals einen Menschen gesehen hatte, bekam drei Schläge mit einem Röhrchen, weil sie den Menschen irrtümlich unter die unschädlichen Tiere zählte. So etwas hatte Johannes noch nie gehört. Da rief der Lehrer plötzlich: »Ruhe! Springübung!« Sofort hörten sämtliche Grillen mit dem Lernen ihrer Lektionen auf und begannen sehr geschickt und emsig »Bock, steh fest« zu spielen. Allen voran der dicke Lehrer. Das war ein so lustiger Anblick, daß Johannes vor Freude in die Hände klatschte. Bei diesem Lärm stob die ganze Schule in weniger als einem Augenblick in die Dünen, und auf dem kleinen Rasenplatz ward es totenstill. »Ja, das kommt davon, Johannes, du mußt dich auch nicht so plump benehmen. Man kann es doch wohl merken, daß du bei den Menschen geboren bist!« »Es tut mir leid, ich werde mir alle Mühe geben. Aber es war auch so reizend!« »Es wird noch viel reizender,« sagte Windekind. Sie schritten über den Rasen und bestiegen die Düne von der andern Seite. Uff, wie schwer es sich ging durch den dicken Sand! – aber als Johannes Windekind bei seinem leichten blauen Kleidchen faßte, flog er schnell und mühelos hinauf. Auf halbem Wege zum Gipfel war eine Kaninchenhöhle. Das Kaninchen, das dort zu Hause war, streckte den Kopf und die Vorderpfoten aus dem Eingang heraus. Noch blühten die Dünenrosen, und ihr seiner zarter Duft gesellte sich dem des Thymian, der an den Dünenhängen wuchs. Johannes hatte oftmals Kaninchen in ihre Höhle verschwinden sehen und dann stets bei sich gedacht: wie mag es dort drinnen wohl aussehen? Wie viele mögen dort wohl zusammen hocken? Und ob es nicht gar warm und dumpfig sein mag in ihrer engen Behausung? So freute er sich denn ungemein, als er seinen Gefährten das Kaninchen fragen hörte, ob sie sich die Höhle einmal ansehen dürften. »Was mich angeht, natürlich«, sagte das Kaninchen. »Aber es trifft sich schlecht, da ich gerade heute Abend meine Höhle zur Veranstaltung eines Wohltätigkeitsfestes abgetreten habe und daher sozusagen nicht mehr Herr in meinem eigenen Haufe bin.« »So, so, ist denn ein Unglück geschehen?« »Ach ja,« antwortete das Kaninchen wehmütig, »uns hat ein schweres Mißgeschick betroffen, das wir wohl Jahre lang nicht überwinden werden. Etwa um tausend Sprünge von hier hat man eine Menschenwohnung gebaut, so groß! so groß! – Und jetzt wohnen Menschen darin, mit Hunden. Es sind schon mindestens sieben Mitglieder meiner Familie dabei umgekommen und noch dreimal so viel ihrer Höhlen beraubt. Und um das Geschlecht Maus und die Familie Maulwurf ist es noch schlimmer bestellt. Auch die Kröten haben schwer gelitten. – Nun haben wir zu Gunsten der Hinterbliebenen ein Fest veranstaltet. Jeder tut das Seine. Ich trete meine Höhle ab. Man muß für seine Mitgeschöpfe doch etwas übrig haben.« Das mitleidige Kaninchen seufzte und zog sich mit der rechten Vorderpfote das lange Ohr über den Kopf, um sich eine Träne aus dem Auge zu wischen. Ihm diente das als Taschentuch. Da raschelte es in den Halmen und eine dicke schwerfällige Gestalt schleppte sich langsam bis zur Höhle hin. »Sieh,« rief Windekind, »da kommt Papa Kröte auch angewackelt. So, so, wagst du dich so spät noch auf den Pfad, Padde?« Die Padde nahm von diesem Wortspiel keinerlei Notiz. Witze, die auf ihren Namen gemacht wurden, langweilten sie aufs äußerste. Bedächtig legte sie eine reife Kornähre, die fein säuberlich in ein dürres Blatt eingewickelt war, am Eingang nieder und stieg dann geschickt über den Rücken des Kaninchens in die Höhle hinab. »Dürfen wir eintreten?« fragte Johannes, der sehr neugierig war. »Ich will auch etwas geben.« Er entsann sich, daß er noch einen Zwieback in der Tasche hatte. Einen kleinen runden Zwieback von Huntley \& Palmers. Als er den zum Vorschein holte, bemerkte er erst recht, wie klein er geworden war. Denn er vermochte ihn kaum mit beiden Händen aufzuheben und begriff überhaupt nicht, wie er jemals in seiner Hosentasche Platz gefunden hatte. »Das ist etwas sehr Kostbares und sehr Seltenes,« sagte das Kaninchen, »ein fürstliches Geschenk!« Ehrfurchtsvoll gab es den beiden den Eingang frei. In der Höhle war es dunkel und Johannes zog es vor, Windekind vorangehen zu lassen. Alsbald sahen sie, wie ein mattgrünes Lichtlein sich näherte. Es war ein Glühwürmchen, das sich bereitwillig erbot, ihnen voran zu leuchten. »Der Abend verspricht sehr genußreich zu werden,« sagte das Glühwürmchen, während es seinen Weg verfolgte. »Es sind schon viele Gäste da. Ihr seid Elfen, wie mir scheint, nicht wahr?« Dabei blickte das Glühwürmchen Johannes ein wenig mißtrauisch an. »Du kannst uns als Elfen anmelden,« antwortete Windekind. »Wißt Ihr, daß Euer König dem Feste beiwohnt?« fuhr das Glühwürmchen fort. »Ist Oberon hier? Was du nicht sagst! Das freut mich aber aufrichtig!« rief Windekind aus. »Ich kenne ihn persönlich.« »Ah?« sagte das Glühwürmchen, – »ich wußte nicht, daß ich die Ehre hatte« ... Und vor lauter Schrecken wäre sein Lichtlein beinahe erloschen. – »Ja, S. Maj. pflegt die frische Luft sonst vorzuziehen, aber sobald es einem wohltätigen Zweck gilt, ist er stets zu allem bereit. Das Fest wird gewiß sehr prunkvoll werden.« Und so war es auch in der Tat. Der große Saal in der Kaninchenhöhle war prächtig ausgeschmückt. Der Boden war festgestampft und mit duftendem Thymian bestreut. Quer vor dem Eingang hing eine Fledermaus an ihren Hinterbeinen. Diese rief die Namen der Gäste ab und diente gleichzeitig als Vorhang: das war eine Sparsamkeitsmaßregel. Die Wände waren mit dürren Blättern, Spinngeweben und kleinen hängenden Fledermäusen geschmackvoll dekoriert. Dazwischen und an der Decke entlang krochen unzählige Glühwürmchen, die eine entzückende bewegliche Beleuchtung bildeten. Am Ende des Saales war aus kleinen Stückchen morschen Holzes, die Licht ausstrahlten, ein Thron errichtet. Das war ein gar prächtiger Anblick! Es hatten sich viele Gäste eingefunden. Johannes fühlte sich nicht recht heimisch in dieser fremden, seltsamen Menge und wich nicht von Windekinds Seite. Er sah lauter erstaunliche Dinge. Ein Maulwurf unterhielt sich aufs eifrigste mit einer Feldmaus über die schöne Beleuchtung und die Dekorationen. In einer Ecke saßen zwei dicke Kröten und klagten sich kopfschüttelnd ihre Not über das anhaltend trockne Wetter. Ein Frosch versuchte Arm in Arm mit einer Eidechse durch den Saal zu wandeln, was ihm indessen nicht recht gelingen wollte, da er nervös und verlegen war und jedesmal zu weit sprang, wodurch er die Wandverzierungen hin und wieder gründlich in Unordnung brachte. Auf dem Thron saß Oberon, der Elfenkönig, umringt von seinem Elfengefolge, das ein wenig verächtlich auf die Umgebung herabblickte. Der König selber war nach Fürstenart außerordentlich leutselig und unterhielt sich freundlich mit verschiedenen Gästen. Er kam von einer Reise aus dem Orient und trug ein seltsames Gewand aus leuchtend-farbigen Blumenblättern. Solche Blumen wachsen hier nicht, dachte Johannes. Auf dem Kopf trug er einen kleinen tiefblauen Blumenkelch, der noch einen frischen Duft ausströmte, gleich als sei er soeben erst gepflückt. In der Hand hielt er als Szepter den Staubfäden einer Lotosblume. Alle Anwesenden waren voll des stillen Lobes über seine Güte. Er hatte das Mondenlicht in den Dünen gerühmt und gesagt, daß die hiesigen Glühwürmchen fast ebenso schön seien wie die morgenländischen Feuerblumen. Auch hatte er mit sichtlicher Genugtuung die Wanddekorationen betrachtet, und ein Maulwurf wollte sogar beobachtet haben, daß er anerkennend mit dem Kopfe genickt. »Geh mit mir,« sagte Windekind zu Johannes, »ich werde dich vorstellen.« Und sie bahnten sich einen Weg bis zu des Königs Thron. Oberon breitete voller Freude die Arme aus, als er Windekind erkannte, und küßte ihn. – Darob entstand ein Geflüster unter den Gästen, und im Gefolge der Elfen konnte man manch neidischen Blick auffangen. Die beiden dicken Kröten in der Ecke murmelten etwas, das wie »Schmeichler« und »kriechen« und »nicht lange dauern« klang, und nickten einander vielsagend zu. Windekind sprach lange in einer fremden Sprache mit Oberon und winkte darauf Johannes, daß er näher treten solle. »Gib mir deine Hand, Johannes,« sagte der König, »Windekinds Freunde sind die meinen. Ich werde dir beistehen, wo immer ich es vermag. Ich will dir ein Merkmal unseres Bundes geben.« Und dabei löste Oberon von seiner Halskette ein kleines goldenes Schlüsselein und reichte es Johannes, der es voller Ehrfurcht entgegennahm und es fest mit seiner Hand umschloß. »Dies Schlüsselein kann dein Glück bedeuten,« fuhr der König fort. »Es paßt zu einem kleinen goldenen Schrein, der kostbare Schätze enthält. Aber wer den Schrein besitzt, das kann ich dir nicht sagen, du mußt nur recht fleißig suchen. Wenn du mit mir und mit Windekind gut Freund bist und wenn du stets treu und standhaft bleibst, so wird es dir wohl glücken.« Dabei nickte der Elfenkönig freundlich mit dem schönen Köpfchen, und Johannes dankte ihm überglücklich. Da begannen drei Frösche, die auf einer kleinen Anhöhe aus feuchtem Moose saßen, die Einleitung zu einem langsamen Walzer zu singen, und es bildete sich ein Pärchen nach dem andern. Die nicht tanzten, wurden von einer grünen Eidechse, die das Amt eines Zeremonienmeisters bekleidete und geschäftig hin und her eilte, schleunigst beiseite geschoben – zum größten Ärger der beiden Kröten, die sich beklagten, daß sie nichts sehen könnten – und dann begann der Tanz. Das war aber drollig! Ein jeder tanzte auf seine eigene Art und bildete sich natürlich ein, daß er es viel besser mache als alle anderen. Die Mäuse und die Frösche sprangen auf ihren Hinterbeinen in die Höhe, eine alte Ratte drehte sich so wild im Kreise herum, daß alle Tänzer vor ihr zur Seite wichen, und auch eine fette Baumschnecke wagte ein Tänzchen mit einem Maulwurf, gab es indessen alsbald wieder auf unter dem Vorwand, daß sie Seitenstechen davon bekäme. – In Wahrheit aber nur deshalb, weil sie sich auf die Kunst nicht allzu gut verstand. Es vollzog sich indessen alles sehr ernst und feierlich. Man betrachtete das alles als eine Ehrensache und blickte gespannt zum König hinüber, ob auf seinem Antlitz nicht der Ausdruck des Wohlwollens zu entdecken wäre. Der König indessen fürchtete Unzufriedene zu machen und blickte starr vor sich hin. Die Elfen seines Gefolges stellten ihre Tanzkunst viel zu hoch, als daß sie sich in diesem Kreise daran beteiligt hätten. Johannes war angesichts dieser feierlichen Würde lange ernst geblieben. Als er dann aber sah, wie eine kleine Kröte sich mit einer langen Eidechse im Kreise drehte, die das unglückliche Krötchen oft hoch über die Erde emporhob und es in der Luft einen Halbkreis beschreiben ließ, brach er endlich in ein schallendes Gelächter aus. Das verursachte allgemeine Bestürzung. Die Musik verstummte. Der König blickte verstört um sich. Der Zeremonienmeister eilte so geschwind, wie er nur irgend konnte, auf den Lacher zu und ersuchte ihn dringend, sich ein wenig anständiger zu benehmen. »Der Tanz ist eine ernsthafte Sache,« sagte er, »und dabei gibt's nichts zu lachen. Es ist hier eine vornehme Gesellschaft, in der nicht etwa nur zum Spaß getanzt wird. Ein jeder tut, was er kann, und keiner will ausgelacht werden. Das ist eine Grobheit, übrigens wohnen wir hier einem Feste bei, das aus recht traurigen Gründen veranstaltet wurde. Hier sollte sich ein jeder anständig benehmen und nicht etwa so wie bei den Menschen.« Darob erschrak Johannes sehr. Allüberall sah er haßerfüllte Blicke. Seine Vertraulichkeit mit dem König hatte ihm manchen zum Feinde gemacht. Windekind zog ihn beiseite: »Es ist wohl besser, wir gehen, Johannes,« flüsterte er. »Du hast die Sache wieder einmal gründlich verdorben. Ja, ja, das kommt davon, wenn man bei den Menschen erzogen ist.« Geschwind schlüpften sie unter den Flügeln der Fledermauspförtnerin hindurch und gelangten in den dunklen Gang. Das höfliche Glühwürmchen erwartete sie bereits. »Habt ihr euch gut unterhalten?« fragte es, »habt ihr König Oberon gesprochen?« »O ja, es war ein sehr lustiges Fest,« sagte Johannes. »Mußt du denn immer hier in dem dunklen Gang bleiben?« »Das ist meine freie Wahl,« sagte das Glühwürmchen in wehmütig-bittrem Ton. »Mir machen solche Nichtigkeiten keinen Spaß mehr.« »Ach was,« sagte Windekind, »das meinst du ja gar nicht.« »Doch, es ist so wie ich sage. Früher – ja früher hat es eine Zeit gegeben, da auch ich Festlichkeiten besuchte und tanzte und mich mit solchen Spielereien abgab. Jetzt aber bin ich durch Kummer geläutert, jetzt...« Und das Glühwürmchen war so gerührt, daß sein Lichtlein wiederum erlosch. Zum Glück waren sie dem Ausgang ganz nahe und das Kaninchen, das sie kommen hörte, trat ein wenig zur Seite, so daß das Mondenlicht voll hineinströmen konnte. Sobald sie draußen bei dem Kaninchen angelangt waren, sagte Johannes: »Erzähle uns doch mal deine Geschichte, Glühwürmchen.« »Ach,« seufzte das Glühwürmchen, »die ist einfach und traurig und wird euch sicherlich nicht belustigen.« »Aber erzähle sie, erzähle sie trotzdem!« riefen alle. »Nun: – euch allen ist es ja wohl bekannt, daß wir Glühwürmchen ganz außergewöhnliche Wesen sind. Ja, ich glaube sogar, niemand würde wagen, es in Abrede zu stellen, daß wir Glühwürmchen unter allem, was da lebt, am reichsten begabt sind.« »Warum denn? Davon weiß ich nichts,« sagte das Kaninchen. Und voller Verachtung fragte das Glühwürmchen: »kannst du denn etwa Licht ausstrahlen?« »Nein, das allerdings nicht,« mußte das Kaninchen eingestehen. »Aber wir strahlen Licht aus. Alle! Und wir können es nach Willkür leuchten lassen und auslöschen. Licht ist die schönste Gabe der Natur und Licht verbreiten das Höchste, wozu ein lebendes Wesen es bringen kann. Sollte uns da wirklich jemand den Vorrang streitig machen wollen? Wir Männchen haben außerdem auch noch Flügel und können meilenweit fliegen.« »Das kann ich auch nicht,« gestand das Kaninchen demütig ein. »Und weil wir die göttliche Gabe des Lichtes besitzen,« fuhr das Glühwürmchen fort, »schonen uns auch die übrigen Tiere. Kein Vogel wird uns jemals überfallen. Nur ein einziges Tier, das niedrigste von allen, sucht uns und nimmt uns mit sich. Das ist der Mensch, das scheußlichste Ungeheuer der Schöpfung.« Bei diesem Ausspruch blickte Johannes Windekind verständnislos an. Dieser aber bedeutete ihm lächelnd, daß er schweigen solle. »Einst flog ich lustig umher wie ein Helles Irrlichtchen zwischen dunklem Gesträuch. Und auf einem einsamen feuchten Rasenplatz, am Rande eines Grabens, wohnte sie, deren Dasein mit meinem Glück unzertrennlich verknüpft war. Wunderbar leuchtete sie in mattem Smaragdglanz, wenn sie zwischen den Grashalmen umherkroch, und sie bezauberte mein junges Herz mit aller Macht. Ich flog um sie herum und gab mir alle Mühe durch den Wechsel meines Glanzes ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Voller Dankbarkeit sah ich, wie sie meinen Gruß gewahrte und sittsam ihr Lichtlein verdunkelte. Vor Rührung zitternd war ich im Begriff meine Flügel zusammenzulegen und verzückt auf meine strahlende Geliebte herabzusinken, als ein entsetzlicher Lärm die Luft erfüllte. Dunkle Gestalten näherten sich. Es waren Menschen. Erschreckt ergriff ich die Flucht – sie jagten hinter mir her und schlugen nach mir mit großen dunklen Gegenständen. Doch meine Flügel waren schneller. Als ich zurückkehrte...« Hier versagte des Erzählers Stimme. Nach einem Augenblick tiefster Ergriffenheit fuhr das Glühwürmchen fort, während die drei Zuhörer ehrfurchtsvoll schwiegen: »Ihr werdet es wohl schon vermuten. Meine zarte Braut – die strahlendste und schönste unter allen – war verschwunden, fortgeschleppt von den bösartigen Menschen. Das stille feuchte Rasenplätzchen war zertreten und ihr Lieblingsfleckchen am Graben dunkel und verödet. Ich war allein auf der Welt.« Bei diesen Worten zog sich das empfindsame Kaninchen wiederum ein Ohr über den Kopf, um sich eine Träne aus dem Auge zu wischen. »Von dem Augenblick an bin ich anders geworden. Alle eitlen Vergnügungen flößen mir seither Abscheu ein. Ich denke nur an sie, die ich verloren habe und an die Zeit, da ich sie wiedersehen werde.« »So, hast du noch immer Hoffnung?« fragte das Kaninchen erfreut. »Mehr sogar als Hoffnung, – ich habe Gewißheit. Dort oben werde ich meine Geliebte wiedersehen.« »Aber...« wollte das Kaninchen einwenden. »Kaninchen,« sprach das Glühwürmchen ernsthaft, »ich kann mir denken, daß der, welcher in der Dunkelheit umhertasten muß, zu zweifeln beginnt. Aber wenn man sehen, mit eigenen Augen sehen kann, dann ist mir jegliche Ungewißheit ein Rätsel. Dort oben,« fuhr das Glühwürmchen fort, während es voller Ehrfurcht zu dem sternenfunkelnden Himmel emporblickte, »dort oben sehe ich all meine Vorväter, all meine Freunde und auch sie in noch herrlicherem Glanz erstrahlen als hier auf Erden. Ach, wann werde ich mich aus diesem niederen Dasein emporschwingen können, um zu ihr zu fliegen, die mir lockend winkt? Ja, wann? wann?« Seufzend verließ das Glühwürmchen seine Zuhörer und kroch wiederum in die dunkle Höhle zurück. »Armes Geschöpf,« sagte das Kaninchen, »ich will nur hoffen, daß es recht behält.« »Ja, das hoffe ich auch,« fügte Johannes hinzu. »Mir ist ein wenig bange davor,« sagte Windekind, »aber es war wirklich sehr ergreifend.« »Lieber Windekind,« hub Johannes nun an, »ich bin sehr müde und schläfrig.« »So komm zu mir, damit ich dich mit meinem Mantel bedecke.« Windekind nahm sein blaues Mäntelchen und breitete es über Johannes und über sich selber aus. So streckten sie sich hin in das duftende Gras am Dünenhang und hielten sich inniglich umschlungen. »Ihr liegt mit dem Kopf ein wenig tief,« sagte das Kaninchen, »wollt ihr euch auf mich stützen?« Und das taten sie. »Gute Nacht, Mutter,« sagte Windekind zum Monde. Darauf umschloß Johannes sein goldenes Schlüsselein fest mit der Hand, grub seinen Kopf tief in das flaumige Fell des Kaninchens und schlief ruhig ein. »Wo ist er denn, Presto?« – Wo ist das kleine Herrchen denn? – was für ein Schrecken, in dem Boot zu erwachen, mitten im Schilf und gänzlich allein und zu sehen, daß der Herr spurlos verschwunden ist. Wahrlich, dabei konnte einem ganz angst und bange werden. Und läufst du nun schon so lange umher, um ihn zu suchen, winselnd und klagend, du armer Presto? Wie konntest du auch nur so fest schlafen und es gar nicht merken, daß dein Herr das Boot verließ? Sonst pflegst du doch immer sofort aufzuwachen, bei der leisesten Bewegung schon. Kaum vermochtest du zu erkennen, wo dein Herr an Land gegangen war, und hier in den Dünen hast du nun gänzlich die Spur verloren. Und alles eifrige Schnüffeln hilft dir nichts. Was für ein Entsetzen! Der Herr fort! Spurlos verschwunden! – So such' doch, Presto, such' ihn doch! Halt! Da gerade vor dir, an dem Dünenhang, liegt da nicht eine kleine dunkle Gestalt? Schau mal gut hin!« Einen Augenblick steht das Hündchen unbeweglich und blickt gespannt in die Ferne. Dann streckt es plötzlich den Kopf vor und rennt und rennt, was es nur rennen kann, mit seinen vier dünnen Pfötchen nach der dunklen Stelle am Dünenhang. Und als es sich wirklich herausstellte, daß das so schmerzlich vermißte Herrchen dalag, wollten ihm all seine Bemühungen, seine Freude und Dankbarkeit so recht zum Ausdruck zu bringen, noch unzureichend erscheinen. Er wedelte mit dem Schwanz, wand seinen ganzen kleinen Körper hin und her, sprang, winselte, bellte und stieß dem lange Gesuchten seine kalte Nase leckend und schnüffelnd ins Gesicht. »Kusch dich, Presto, in deinen Korb!« rief Johannes halb schlafend. Wie dumm von dem Herrn! Da war weit und breit kein Korb zu sehen. Da begann es in des kleinen Schläfers Seele langsam zu dämmern. Prestos Schnüffeln – das war er jeden Morgen so gewohnt – allein vor seinem Geiste hingen noch lichte Traumbilder von Elfen und Mondenschein, wie Frühnebel um eine Dünenlandschaft. Er fürchtete, des Morgens kalter Atem könne sie verscheuchen. »Nur fest die Augen zu«, dachte er, »sonst sehe ich gleich wieder die Uhr und die Tapete, wie immer.« Aber er lag so eigentümlich. Er fühlte, daß er keine Decke auf sich hatte. – Langsam und vorsichtig öffnete er die Lider. Ein ganz klein wenig nur. Helles Tageslicht. Blauer Himmel. Wolken. Da öffnete Johannes die Augen sperrangelweit und sagte: »Ist es denn doch wahr?« Ja, er lag mitten in den Dünen. Milder Sonnenschein wärmte ihn, er atmete die frische Morgenluft, und noch waren die fernen Wälder von einem seinen Nebel umschleiert. Er sah nur die hohe Buche am Teich und das Dach seines Hauses, das über all das Grün hinausragte. Bienen und Käfer umschwirrten ihn, über ihm sang die hochaufsteigende Lerche, aus der Ferne klang das Bellen eines Hundes und das Lärmen der entlegenen Stadt herüber. Es war alles greifbare Wirklichkeit. Aber was hatte er denn nur geträumt und was nicht? Und wo war Windekind? Und das Kaninchen? Er sah keinen von beiden. Nur Presto saß so dicht wie möglich neben ihm und schaute ihn erwartungsvoll an. »Sollte das Nachtwandeln gewesen sein?« murmelte Johannes leise vor sich hin. Neben ihm war ein Kaninchenbau. Aber in den Dünen gab es ihrer unzählige. Er richtete sich auf, um ihn aufmerksam anzusehen. Was fühlte er da in seiner fest geschlossenen Hand? Ein Zucken durchfuhr ihn vom Scheitel bis zur Sohle, als er die Hand öffnete. Darinnen leuchtete ein kleines goldenes Schlüsselein. Eine Weile blieb er sprachlos. »Presto«, fagte er dann, während ihm die Tränen in die Augen traten, »Presto, so ist es dennoch wahr?« Presto sprang auf und versuchte seinem Herrn durch Bellen zu verstehen zu geben, daß er Hunger habe und nach Hause wolle. Nach Hause? Ja, daran hatte Johannes noch gar nicht gedacht; und er verspürte auch herzlich wenig Lust dazu. Alsbald aber hörte er von verschiedenen Stimmen seinen Namen rufen. Da begann er zu verstehen, daß man sein Betragen durchaus nicht brav und artig finden würde und daß er wohl nichts weniger als freundliche Worte zu erwarten habe. Einen Augenblick schien es, als ob sich seine Freudentränen mit einem Schlage in Tränen der Reue und der Angst wandeln wollten. Dann aber dachte er an Windekind, der nun sein Freund war, sein Freund und sein Vertrauter, an das Geschenk des Elfenkönigs und an die köstliche unantastbare Wahrheit alles dessen, was geschehen war. Und ruhig und auf alles gefaßt trat er den Heimweg an. Die Begegnung war indessen noch schlimmer, als er sie sich vorgestellt. Gar so arg hatte er sich die Unruhe und die Angst seiner Hausgenossen denn doch nicht gedacht. Er mußte feierlich geloben, nimmermehr so unfolgsam und so unvorsichtig sein zu wollen. »Das kann ich nicht«, sagte er entschlossen. Darob wunderte man sich gar sehr. Man fragte ihn aus, flehte ihn an, drohte ihm sogar. Er aber dachte an Windekind und blieb standhaft. Was kümmerten ihn alle Strafen der Welt, wenn ihm nur Windekinds Freundschaft erhalten blieb – und was hätte er um Windekinds willen wohl nicht alles erdulden wollen! Fest preßte er das Schlüsselein an seine Brust und biß die Zähne zusammen, während er eine Frage nach der anderen mit einem Achselzucken beantwortete. »Ich kann nichts versprechen,« sagte er immer wieder. Allein sein Vater sprach: »Laßt ihn jetzt nur in Frieden, es ist ihm ernst. Ihm muß etwas Seltsames widerfahren sein. Einst wird er es uns schon erzählen.« Johannes lächelte, verzehrte schweigend sein Butterbrot und schlich dann in sein Kämmerlein. Dort schnitt er ein Stück von der Gardinenschnur ab, band das kostbare Schlüsselein daran fest und hing es sich auf die nackte Brust. Darauf wanderte er getrost zur Schule. An jenem Tage erging es ihm in der Schule herzlich schlecht. Er konnte keine einzige von seinen Aufgaben und war nicht im mindesten aufmerksam. Unaufhörlich irrten seine Gedanken zum Teiche hinüber und zu den wunderseltsamen Ereignissen des vorigen Abends. Er konnte es sich kaum vorstellen, daß ein Freund des Elfenkönigs jetzt wieder verpflichtet sein sollte, Rechenexempel zu lösen und Zeitwörter zu konjugieren. Dennoch aber war alles wahr gewesen und keiner von allen, die um ihn her waren, wußte etwas davon, oder würde es glauben oder auch nur verstehen können, nicht einmal der Lehrer, mochte er auch noch so grimmig dreinschauen und Johannes auch noch so verächtlich einen faulen Schlingel schelten. Freudig ließ er die Tadel über sich ergehen und freudig machte er die Strafarbeit, die ihm seine Zerstreutheit eingetragen. »Sie verstehen es doch nicht, keiner von allen. Sie mögen mich schelten so viel sie wollen. Ich bleibe Windekinds Freund und Windekind gilt mir mehr als sie alle zusammen. Jawohl, der Lehrer mit inbegriffen.« Das war nichts weniger als ehrerbietig von Johannes. Aber die Achtung vor seinen Mitmenschen war nach all dem Üblen, das er am vorigen Abend über sie hatte anhören müssen, nicht gerade gewachsen. Allein, wie das öfter zu gehen pflegt: er wußte seine Weisheit noch nicht vernünftig genug anzubringen oder besser gesagt, zu verschweigen. Als der Lehrer erzählte, daß nur der Mensch von Gott mit Vernunft begabt und als Herrscher über alle andern Tiere gestellt sei, fing er zu lachen an; was ihm eine schlechte Zensur und eine ernsthafte Ermahnung einbrachte. Und als sein Nachbar aus einem Aufgabenheft das Folgende vorlas: »Das Alter meiner mutwilligen Tante ist groß, aber nicht so groß wie das der Sonne« – rief Johannes laut: » Des Sonne.« Alle lachten ihn aus und der Lehrer, der über solch eine anmaßende Dummheit, wie er es nannte, höchlichst erstaunt war, ließ Johannes nachsitzen und hundertmal den Satz schreiben: »Das Alter meiner mutwilligen Tante ist groß, aber nicht so groß wie das der Sonne. – Am größten indessen ist meine anmaßende Dummheit.« Die Schüler waren gegangen und Johannes saß einsam in dem großen Schulzimmer und schrieb. Das Sonnenlicht schien lustig hinein, ließ Tausende von Stäubchen auf seinem Wege erglänzen und bildete auf der weißgetünchten Wand helle Lichtflecken, die, dem Wechsel der Stunden gemäß, langsam weiterkrochen. Auch der Lehrer war gegangen und hatte die Türe unwirsch hinter sich zugeworfen. Johannes war bereits bei der zweiundfünfzigsten mutwilligen Tante angelangt, als ein kleines flinkes Mäuschen mit kohlschwarzen Äuglein und seidenweichen Öhrchen aus dem fernsten Winkel des Schulzimmers unhörbar an der Wand entlang geschlichen kam. Johannes verhielt sich totenstill, um das reizende Tierchen nicht zu verscheuchen. Das aber war garnicht furchtsam, sondern kam ganz dicht an Johannes heran. Dort spähte es eine Weile mit seinen kleinen klaren Äuglein scharf umher – und sprang dann behende in einem Satz auf die Bank und in einem zweiten auf das Pult, an dem Johannes schrieb. »Ei, ei,« sagte dieser, halb zu sich selber, »du bist mal ein tapferes Mäuschen.« »Ich würde auch nicht wissen, vor wem ich mich zu fürchten hätte«, antwortete ein feines Stimmchen – und dabei zeigte das Mäuschen die Zähne, gleich als lächle es. Johannes war bereits an viel Wunderliches gewöhnt – aber jetzt sperrte er die Augen doch wieder ganz weit auf. So bei hellerlichtem Tage und in der Schule, – es war unglaublich! »Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten,« sagte er leise, aus Angst, er könne das Mäuschen dennoch erschrecken, – »kommst du von Windekind?« »Ich komme, um dir zu sagen, daß der Lehrer ganz recht hat und daß du deine Strafarbeit reichlich verdient hast.« »Aber Windekind sagte doch, daß die Sonne männlich sei. – Die Sonne sei unser Vater,« sagte er. »Jawohl, aber das braucht doch kein anderer zu wissen. Was geht das die Menschen an! Du sollst mit den Menschen niemals über so zarte Dinge sprechen. Dazu sind sie viel zu grob. Der Mensch ist ein erstaunlich bösartiges und ungeschlachtes Geschöpf, das am liebsten alles, was in seinen Bereich kommt, einfangen und zertreten möchte. Darüber können wir Mäuse ein Wörtchen mitreden.« »Aber Mäuschen, warum bleibst du denn in ihrer Nähe? Warum ziehst du nicht fort, weit fort in die Wälder?« »Ach, das können wir jetzt nicht mehr. Wir haben uns viel zu sehr an die Stadtluft gewöhnt. Und wenn man vorsichtig ist und immer hübsch aufpaßt, daß man ihren Fallen und ihren plumpen Füßen aus dem Wege geht, dann ist es unter den Menschen ganz gut auszuhalten. Wir sind ja Gott sei Dank ziemlich flink. Am schlimmsten ist es, daß der Mensch seiner eigenen Schwerfälligkeit zu Hilfe kommt, indem er mit der Katze einen Bund schließt. – Das ist eine schwere Heimsuchung – aber im Walde gibt es Sperber und Eulen, und sterben müssen wir ja doch alle einmal. Nun, Johannes, sei meines Rates eingedenk – da kommt der Lehrer!« »Mäuschen, Mäuschen, geh nicht fort. – Frage Windekind, was ich mit meinem Schlüsselein tun soll. Ich habe es mir um den Hals gehängt, auf meine nackte Brust. Aber jeden Sonnabend zieht man mir reine Wäsche an, und ich fürchte so sehr, daß irgend jemand es dann bei mir entdecken wird. Sage mir doch, wo ich es sicher bergen kann, mein liebes, liebes Mäuschen!« »Unter der Erde – immer unter der Erde – da ist alles am sichersten aufgehoben. Soll ich es für dich verwahren?« »Nein, nicht hier in der Schule.« »So vergrabe es draußen in den Dünen. Ich werde meiner Base, der Feldmaus, sagen lassen, daß sie acht darauf geben soll.« »Ich danke dir, Mäuschen.« Bum bum, da kam der Lehrer angeschritten. Und während Johannes seine Feder eintauchte, war das Mäuschen auch schon im Nu verschwunden. Der Lehrer, der selber gern heimgehen wollte, erließ Johannes achtundvierzig Sätze. Während der zwei folgenden Tage lebte Johannes in steter Angst. Man bewachte ihn aufs Strengste und nahm ihm jede Gelegenheit, in die Dünen zu entwischen. Es ward Freitag und noch immer ging er mit dem kostbaren Schlüsselein umher. Am nächsten Abend würde man ihm reine Wäsche anziehen, das Schlüsselein entdecken und es ihm wegnehmen – ihn schauderte bei dem Gedanken. Im Hause oder im Garten wagte er es nicht zu verbergen – kein einziges Fleckchen erschien ihm sicher genug. Es ward Freitag Abend und die Dämmerung begann hereinzubrechen. Johannes saß in seinem Kämmerlein am Fenster und schaute sehnsüchtig hinaus über die grünen Sträucher im Garten und nach den fernen, fernen Dünen. »Windekind, Windekind, so hilf mir doch!« flüsterte er angstbeklommen. Da rauschte neben ihm ein leichter Flügelschlag, er roch den Duft von Maiblumen und hörte plötzlich die wohlbekannte süße Stimme. Windekind saß neben ihm auf dem Fenstersims und ließ die Glöckchen einer Maiblume auf schlankem Stengel sich wiegen. »Bist du endlich da? Ich habe mich so nach dir gesehnt,« sagte Johannes. »Komm mit mir, Johannes, wir wollen das Schlüsselein vergraben.« »Ich kann nicht«, seufzte Johannes betrübt. Allein Windekind nahm ihn bei der Hand, und er fühlte, wie er, leichter noch als der Samen einer Pferdeblume, durch die stillen Abendlüfte davonschwebte. »Windekind«, sagte Johannes während des Schwebens, »ich habe dich doch so lieb. Ich glaube, daß ich alle Menschen für dich hergeben möchte und Presto auch.« Windekind sagte: »Und Simon?« »Ach, dem Simon liegt nicht so viel daran, ob ich ihn lieb habe oder nicht. Ich glaube, daß er das zu kindisch findet. Simon liebt nur die Fischfrau, und auch nur dann, wenn er gerade Hunger hat. Glaubst du, daß Simon ein ganz gewöhnlicher Kater ist, Windekind?« »Nein, früher ist er ein Mensch gewesen.« Huh, huh! bums! – da prallte ein dicker Maikäfer gerade gegen den kleinen Johannes. »Kannst du denn nicht besser aus den Augen sehen?« brummte der Maikäfer. »Das Elfenvolk fliegt nur so umher als ob es den ganzen Himmel in Pacht genommen hätte. Das hat man von solchen Nichtstuern, die immerfort nur zu ihrem Vergnügen herumschwirren. Unsereiner, der wie ich seine Pflicht tut, der immerwährend Nahrung sucht und so viel frißt wie er nur eben vermag, gerät dadurch ganz außer Kurs.« Unter lautem Gesumme flog er weiter. »Nimmt er es uns übel, daß wir nicht essen?« fragte Johannes. »Ja, das ist nun einmal Maikäfergewohnheit. Bei den Maikäfern wird es als die höchste Pflicht erachtet viel zu essen. Soll ich dir einmal die Geschichte eines jungen Maikäfers erzählen?« »Ach ja, Windekind, tue das.« »Es war einmal ein schöner, junger Maikäfer, der eben erst aus der Erde hervorgekrochen war. Nun, und das war für ihn eine große Überraschung. Ein ganzes Jahr lang hatte er unter der dunklen Erde gesteckt und auf den ersten warmen Abend gewartet. Und als er seinen Kopf aus den Erdschollen hervorstreckte, da brachten ihn all die wogenden Grashalme und das junge Grün und die singenden Vögel gänzlich in Verwirrung. Er wußte nicht, was er eigentlich anfangen sollte. Er betastete die kleinen Grashalme rings umher mit seinen Fühlhörnern, die er fächerförmig ausbreitete. Daran merkte er, Johannes, daß er ein Männchen war. Er war in seiner Art sehr schön, hatte glänzende schwarze Beine, einen dicken bestäubten Hinterleib und einen Brustschild, der wie ein Spiegel glänzte. – Zum Glück traf er schon bald in ganz geringer Entfernung einen anderen Maikäfer, der zwar nicht so schön, dafür aber um einen Tag früher ausgeflogen und infolgedessen schon sehr alt war. Bescheiden und zaghaft, weil er noch gar so jung, rief er diesen an. »Was gibt's Freundchen?« antwortete der zweite, sehr von oben herab, weil er sofort sah, daß er es mit einem Neuling zu tun hatte, »wolltest du mich nach dem Weg fragen?« »Ach nein, das nicht,« sagte der Jüngere sehr höflich, »aber ich weiß nicht, was ich hier eigentlich anfangen soll. Was treibt man denn so als Maikäfer?« »So, so,« sagte der andere, »also das weißt du nicht? Nun, ich nehme dir das nicht weiter übel, denn ich bin selber auch so gewesen. Nun höre mir mal aufmerksam zu, dann werde ich es dir sagen. Das Wichtigste in einem Maikäferdasein ist das Fressen. Nicht weit von hier ist ein köstlicher Lindenhag, der ist um unsretwillen dort hingepflanzt, damit wir so fleißig wie möglich davon essen.« »Wer hat den Lindenhag denn dorthin gepflanzt?« fragte der junge Käfer. »Ei nun, ein großes Wesen, das es sehr gut mit uns meint. Jeden Morgen kommt es an dem Hag vorüber, und die, die am meisten gefressen haben, nimmt es mit sich in ein herrliches Haus, wo ein schönes helles Licht leuchtet und wo alle Maikäfer glücklich beisammen leben. Wer aber, anstatt zu fressen, während der ganzen Nacht umherfliegt, der wird von der Fledermaus eingefangen.« »Wer ist das?« fragte der Neuling. »O, das ist ein furchtbares Ungeheuer mit scharfen Zähnen; es kommt ganz plötzlich hinter uns hergeflattert und frißt uns unter abscheulichem Gekrache auf. Während der Käfer dies sagte, hörten sie über sich ein schrilles Piepen, das ihnen durch Mark und Bein ging. »Huh, da ist sie«, rief der Ältere, »nimm dich vor ihr in acht, junger Freund, und sei mir dankbar, daß ich dich bei Zeiten gewarnt habe. Du hast eine ganze Nacht vor dir, vergeude sie ja nicht. Je weniger du frißt, desto mehr Gefahr läufst du, von der Fledermaus verschlungen zu werden. Und nur die, die sich einen ernsten Lebensberuf erwählen, gelangen in das Haus mit dem hellen Lichtschein. Sei dessen eingedenk: einen ernsten Lebensberuf!« Darauf kroch der Käfer, der um einen ganzen Tag älter war, zwischen den Grashalmen weiter und ließ den andern betroffen zurück. »Weißt du, was das ist, ein ernster Lebensberuf, Johannes? Nicht? Nun also, das eben wußte der junge Käfer auch nicht. So viel begriff er wohl, daß es mit dem Essen in irgend einem Zusammenhang stand. Wie aber sollte er zu dem Lindenhag gelangen? Dicht neben ihm strebte ein schlanker kräftiger Grashalm empor, der sich leicht im Abendwinde wiegte. An den klammerte er sich so fest wie möglich mit seinen sechs krummen Beinchen. Von unten gesehen, schien er ein hoher Koloß zu sein, und außerdem recht steil; dennoch wollte der Maikäfer hinauf. »Das ist ein Lebensberuf!« dachte er und begann mutig emporzuklimmen. Es ging langsam – unzählige Male rutschte er zurück, kam aber dennoch vorwärts; und als er endlich die höchste Spitze erklommen hatte und sich hoch oben auf ihr schaukelte und wiegte, da fühlte er sich zufrieden und glücklich. Was für eine Aussicht hatte er von dort! Ihm war es, als überschaue er die ganze Welt. Wie selig war es, so an allen Seiten von Luft und Himmel umgeben zu sein! Gierig zog er den Hinterleib voll. Wie wunderlich ward ihm dabei zu Mute! Er wollte noch höher hinauf. Voller Entzücken lüftete er die Deckschilder und ließ die Flügel einen Augenblick erzittern – höher wollte er hinauf! noch höher! – Wiederum erzitterten seine Flügel – die Beinchen ließen den Grashalm los und – o Wonne! ... hu huh! da flog er – frei und fröhlich durch die stille warme Abendluft.« »Und dann?« fragte Johannes. »Was dann geschah, das ist nicht lustig. Das will ich dir lieber später einmal erzählen.« Sie waren während dessen über den Teich dahingeflogen. Ein paar verspätete weiße Falterchen begleiteten sie flatternd. »Wohin geht die Reise, ihr Elfen?« fragten sie. »Zu der großen Dünenrose, die dort drüben am Abhang blüht.« »Wir gehen mit, wir gehen mit.« Von weitem schon war sie sichtbar mit ihren unzähligen, mattgelben seidenweichen Blüten. Die Knospen waren leicht gerötet und die geöffneten Blumen zeigten schmale rote Streifen, als Merkmale aus jener Zeit, da sie noch Knospen waren. In einsamer Ruhe blühte die wilde Dünenrose und erfüllte die ganze Luft mit ihren wundersüßen Düften. So köstlich sind die, daß die Dünenelfen von ihnen allein sich nähren. Die Falter flogen auf sie zu und küßten eine Blüte nach der andern. »Wir kommen, um dir einen Schatz anzuvertrauen,« rief Windekind, »willst du ihn uns behüten?« »Warum denn nicht? warum denn nicht?« flüsterte die Dünenrose. Gerne will ich ihn bewachen, und niemals gedenke ich von hier fortzugehen, wenn man mich nicht holt. Auch habe ich scharfe Dornen.« Da kam die Feldmaus, die Base jenes Mäuschens, das in der Schule gewesen, und grub unter den Wurzeln der Rose einen tiefen Gang und trug das Schlüsselchen hinein. »Wenn du es nun wieder haben willst, dann mußt du mich nur rufen. Du brauchst der Rose dann keinerlei Schaden zuzufügen.« Die Rose schloß ihre dornigen Zweige dicht über dem Eingang zusammen und gelobte feierlich das Schlüsselein getreulich zu behüten. Die kleinen Falter waren Zeugen. Am nächsten Morgen erwachte Johannes in seinem eigenen Bettchen, bei Presto, der Uhr und der Tapete. Die Schnur, die er um den Hals getragen, war verschwunden und auch das Schlüsselein, das daran gehangen hatte. »Sapperlot, wie ist solch ein Sommer doch schauderhaft langweilig!« seufzte einer der großen Öfen, die auf dem Boden des alten Hauses in einem dunklen Winkel griesgrämig beisammen standen. »Seit Wochen schon habe ich keine lebende Seele mehr gesehen und kein vernünftiges Wort gehört. Und dazu diese innere Leere! Es ist geradezu abscheulich.« »Ich bin ganz mit Spinngeweben bedeckt,« sagte der zweite, »das könnte mir während des Winters auch nicht passieren.« »Und ich bin so staubig, daß ich mich zu Tode schämen muß, wenn zu Anfang des Winters der schwarze Mann wieder erscheint.« – Diese Weisheit hatte der dritte Ofen natürlich von Johannes aufgeschnappt, wenn dieser, an langen Winterabenden beim Ofen sitzend, seine Verslein hersagte. »Du mußt nicht so respektlos von dem Schmied sprechen,« sagte der erste Ofen, der älteste von den Dreien, »ich kann das nicht leiden.« Auch einige Feuerhaken und Schippen, die hier und dort am Boden lagen, sorgfältig mit Papier umwickelt, damit sie nicht rostig würden, gaben ihre Entrüstung über diese leichtfertige Ausdrucksweise deutlich zu erkennen. Plötzlich aber verstummte das Gespräch, denn die Dachluke wurde geöffnet und bis in den dunklen Winkel drang ein Lichtstrahl, der die ganze Gesellschaft in ihrem staubigen Durcheinander hell beleuchtete. Es war Johannes, der sie in ihrer Unterhaltung störte. Der Bodenraum hatte für ihn stets eine ganz besondere Anziehungskraft besessen. Jetzt, nach all den seltsamen Ereignissen der letzten Zeit, flüchtete er sich gar häufig dorthin. Hier fand er Ruhe und Einsamkeit. Auch gab es da ein Fenster, das durch eine Luke verschlossen war und das nach der Dünenseite hinausging. Es war köstlich, diese Luke aufzustoßen und nach dem geheimnisvollen Halbdunkel des Bodenraums plötzlich die weite, lichtüberstrahlte, von der weißleuchtenden, sandwogenden Dünenreihe begrenzte Landschaft vor sich zu sehen. Seit jenem Freitag Abend waren drei Wochen verflossen, ohne daß Johannes etwas von seinem Freunde gemerkt hätte. Das Schlüsselein war nun auch fort, und somit hatte er keinen einzigen sicheren Beweis mehr dafür, daß er nicht geträumt hatte. Oftmals vermochte er die Furcht, daß das alles doch nur Einbildung gewesen, kaum zu bannen. Er ward still und in sich gekehrt, und besorgt meinte sein Vater, daß Johannes sich in jener Nacht in den Dünen sicherlich eine Krankheit geholt habe. Johannes indessen sehnte sich nach Windekind. »Ob er mich wohl ebenso lieb hat wie ich ihn?« dachte er sinnend, während er auf dem Bodenraum vor dem Fenster stand und über den grünen blumenreichen Garten schaute. »Warum er denn wohl nicht öfter und nicht länger zu mir kommt? Wenn ich könnte ... Aber vielleicht hat er auch noch andere Freunde. Ob er die auch lieb hat? Und mehr als mich? Ich habe keine andern Freunde ... keinen einzigen. Nur ihn habe ich lieb. So sehr, ach so sehr!« An dem tiefblauen Himmel sah er eine Schar weißer Tauben vorüberziehen, die mit klapperndem Flügelschlag langsam über das Haus dahinschwebten. Es schien fast, als würden sie von einem einzigen Gedanken getrieben, so rasch und so gleichzeitig änderten sie immer wieder ihren Kurs, als wollten sie das Meer von Sonnenlicht, darinnen sie schwebten, voll und ganz genießen. Da plötzlich flogen sie auf Johannes' kleines Dachfensterchen zu und strichen mit vielem Geflatter und lautem Flügelschlagen auf die Dachrinne nieder, wo sie geschäftig kirrend unablässig hin und her trippelten. Eine von ihnen trug in ihrem Flügel eine kleine rote Feder. Sie zog und zupfte so lange daran, bis sie sie im Schnabel hielt. Dann flog sie auf Johannes zu und gab sie ihm. Kaum hatte Johannes sie genommen, da fühlte er auch schon, daß er so leicht und so behende ward wie der Tauben eine. Er streckte die Glieder – der Taubenschwarm flog auf, und Johannes schwebte mit ihnen durch die freie frische Luft und den hellen Sonnenschein. Um ihn war nichts als das reine Blau und der leuchtende Glanz der weißen Flügel. Sie flogen über den großen Garten zu dem Walde, dessen dichte Baumwipfel in der Ferne hin- und herwogten wie die Wellen eines grünen Meeres. Johannes schaute hinunter und sah seinen Vater, der in dem Wohnzimmer vor dem offenen Fenster saß. Simon lag friedlich auf dem Fenstersims und sonnte sich voller Wohlbehagen. »Ob sie mich wohl sehen?« dachte er bei sich – allein er wagte nicht zu rufen. Presto rannte kreuz und quer über die Pfade des Gartens, schnüffelte an jedem Strauch und hinter jeden Zaun und kratzte ungeduldig an jeder der kleinen Türen, die in das Treibhaus oder in die Orangerie führten, um sein Herrchen zu suchen. »Presto, Presto!« rief Johannes. Das Hündchen blickte auf und begann schwanzwedelnd kläglich zu wimmern. »Ich komme zurück, Presto, warte nur,« rief Johannes. Allein er war schon zu weit fort. Sie schwebten über dem Walde, und die Krähen flogen krächzend aus den hohen Wipfeln, darinnen sie ihre Nester hatten. Es war mitten im Sommer, und voll und schwer stieg der Duft der blühenden Linden aus dem grünen Walde auf. In einem leeren Nest, in dem höchsten Wipfel einer hohen Linde saß Windekind, um die Stirn den Kranz aus Windenkelchen. Er nickte Johannes zu. »Bist du da? Das ist recht,« sagte er. »Ich habe dich holen lassen. Jetzt können wir lange zusammen bleiben – wenn du willst.« »Ich möchte schon gerne,« sagte Johannes. Darauf dankte er den freundlichen Tauben, die ihm das Geleit gegeben und schwebte mit Windekind in den Wald hinab. Dort war es kühl und schattig. Die Goldamsel sang – immerfort das Gleiche und dennoch stets ein wenig anders. »Der arme Vogel,« sagte Windekind, »einst war er ein Paradiesvogel, das kannst du noch jetzt an seinem seltsamen gelben Gefieder erkennen – aber er hat sich gewandelt und ist aus dem Paradiese verjagt worden. Es gibt ein Wort, das ihm sein einstiges, wunderbares Gewand wiedergeben und ihn in das Paradies zurückführen kann. Das Wort aber hat er vergessen. Jetzt versucht er Tag für Tag es wieder zu finden. Es gleicht dem andern zwar wohl, aber das rechte ist es nicht.« Unzählige Fliegen glitzerten wie schwebende Kristalle in den Sonnenstrahlen, die das dunkle Laubwerk durchzitterten. Wenn man aufmerksam lauschte, konnte man ihr Summen hören wie ein großes eintöniges Konzert, das den ganzen Wald erfüllte. Es war als sängen die Sonnenstrahlen. Dichtes dunkelgrünes Moos bedeckte die Erde, und Johannes war wiederum so klein geworden, daß es ihm schien, als sei aus dem Boden des großen Waldes ein neuer Wald erstanden. Was für zierliche kleine Stämme! – und wie dicht wuchsen sie nebeneinander! Es war schwer hindurch zu gelangen, und der Mooswald schien ungeheuer groß zu sein. Da kamen sie an einen Ameisenweg. Hunderte von Ameisen liefen geschäftig hin und her – einige von ihnen trugen Holzstäbchen oder Blättlein oder Grashalme im Kiefer. Es war solch ein Gewimmel, daß es Johannes beinahe schwindelte. Es dauerte lange, bevor ihnen eine der Ameisen Rede und Antwort stehen wollte. Sie waren alle gar so beschäftigt. – Endlich trafen sie eine Alte, deren Amt es war, die kleinen Blattläuse zu bewachen, aus denen die Ameisen den Honigtau ziehen. Da ihre Herde sich ganz ruhig verhielt, konnte sie sich schon ein Weilchen um die Fremden kümmern und ihnen das große Nest zeigen. Es war, am Fuß eines alten Baumstammes angelegt, sehr groß und enthielt hunderte von kleinen Gängen und Kammern. Der Blattlaushirt gab Auskunft und führte die Besucher überall umher, sogar bis in die Kinderstuben, wo die jungen Larven aus ihrer weißen Hülle hervorkrochen. Johannes war erstaunt und entzückt. Die alte Ameise erzählte, daß man in großer Unruhe lebe wegen des Feldzuges, der binnen kurzem bevorstehe. Man wolle eine andere Ameisenkolonie unweit von hier mit starker Übermacht angreifen, das Nest vernichten und die Larven rauben oder töten; das würde sicherlich alle Kräfte vollständig in Anspruch nehmen, und man müsse daher zunächst die dringlichste Arbeit verrichten. »Wozu soll der Feldzug unternommen werden?« fragte Johannes. »Ich finde das gar nicht schön.« »O doch,« sagte der Laushirt, »es ist ein sehr schönes und verdienstliches Unternehmen. Bedenkt doch nur, daß es die Kriegsameisen sind, die wir angreifen wollen – wir wollen ihr Geschlecht ausrotten, und das ist ein sehr gutes Werk.« »Seid ihr denn keine Kriegsameisen?« »O Gott bewahre, wo denkt ihr hin? Wir sind Friedensameisen.« »Aber was bedeutet denn das Alles?« »Wißt ihr das nicht? So werde ich es euch erklären. Einst lebten sämtliche Ameisen in beständigem Kampf – es verging kein Tag, ohne daß große Schlachten geschlagen wurden. Da kam eine gute kluge Ameise, die sich ausgedacht hatte, wie viel Mühe man sich sparen könne, wenn die Ameisen untereinander das Abkommen träfen, sich nicht mehr zu bekämpfen. Als sie das sagte, fand man es sehr sonderbar und begann sie in lauter kleine Stückchen zu zerbeißen. Später tauchten dann noch einige andere Ameisen auf, die derselben Ansicht waren. Auch die wurden in lauter kleine Stückchen zerbissen. Endlich gab es ihrer so viele, daß das Zerbeißen den Andern zu mühsam wurde. Da nannten sie sich Friedensameisen und behaupteten sämtlich, daß die erste Friedensameise Recht gehabt habe; und wer das bestritt, der wurde seinerseits in Stücke zerbissen. Auf diese Weise sind heutzutage beinahe alle Ameisen Friedensameisen geworden, und die Überreste der ersten Friedensameise werden sorgfältig und voller Ehrerbietung aufbewahrt. Wir haben den Kopf der echten. Wir haben schon zwölf andere Kolonien vernichtet, die behaupteten den echten Kopf zu besitzen. Jetzt gibt es ihrer nur noch vier, die das tun. Sie nennen sich Friedensameisen, aber es sind natürlich Kriegsameisen, denn wir haben den echten Kopf und die Friedensameise hatte nur einen. Nun machen wir uns demnächst auf, um die dreizehnte Kolonie zu verheeren. Das ist doch gewiß ein gutes Werk.« »Ja, ja,« sagte Johannes, »es ist sehr merkwürdig.« Im Grunde genommen war ihm ein wenig ängstlich zu Mute geworden, – und er fühlte sich erst ruhiger, als sie dem diensteifrigen Hirten dankend lebewohl gesagt hatten und fern von dem Ameisenvolk auf einem Grashalm im Schatten eines zierlichen Farrenblattes rasteten. »Huh,« seufzte Johannes, »das war aber eine blutdürstige und dumme Gesellschaft.« Windekind wiegte sich lächelnd auf seinem Grashalm. »O,« sagte er, »du mußt sie nicht dumm nennen. Menschen gehen zu den Ameisen, um klug zu werden.« So zeigte Windekind Johannes all die Wunder des Waldes – sie flogen bis zu den Vögeln, die in den Baumwipfeln und in den dichten Gebüschen nisteten, stiegen in die kunstvollen Wohnungen der Maulwürfe hinab und betrachteten das Bienennest in dem alten Baumstamm. Endlich gelangten sie an eine Lichtung, die von niedrigem Buschholz umgeben war. Geißblatt wuchs dort in Hülle und Fülle. Allüberall wanden sich die üppigen Zweige durch die Sträucher, prangten die duftenden Blumenkränze zwischen dem Grün. Ein Meisenschwarm flog aus und flatterte, laut piepend und zwitschernd, unruhig zwischen den Blättchen umher. »Laß uns hier ein wenig bleiben,« bat Johannes, »hier ist es köstlich.« »Schön,« sagte Windekind, »dann wirst du auch etwas Spaßiges sehen.« Am Boden wuchsen blaue Glöckchen im Grase. Johannes setzte sich neben eines von ihnen und begann eine Unterhaltung über die Bienen und die Schmetterlinge anzuknüpfen. Das waren des kleinen Glöckchens gute Freunde und daher kam die Unterhaltung auch alsbald in Fluß. Aber was war das? Plötzlich legte sich ein großer Schatten über das Gras und etwas wie eine weiße Wolke schwebte auf das Glöcklein hernieder ... Kaum, daß Johannes Zeit hatte, sich aus dem Staube zu machen. – Er flog zu Windekind, der in einem hochblühenden Geisblatt saß. Da sah er, daß die weiße Wolke ein Taschentuch war – und, bums! da setzte sich auch schon eine dicke Madam auf das Taschentuch und auf das arme Glöckchen, das darunter blühte. Er hatte nicht einmal Zeit es zu bedauern, denn in der Lichtung des Waldes hörte man plötzlich ein lautes Stimmengewirr und das Krachen von Ästen und Zweigen war allüberall vernehmbar. Eine Menge Menschen näherten sich. »Jetzt werden wir lachen,« sagte Windekind. Da kamen sie, die Menschen. – Die Frauen mit Körben und Schirmen in der Hand, die Männer mit schwarzen steifen Hüten auf dem Kopf. Sie waren fast alle schwarz, furchtbar schwarz gekleidet. In dem grünen sonnigen Walde nahmen sie sich aus wie häßliche große Tintenkleckse auf einem wundervollen Gemälde. Es wurden Sträucher auseinander gebogen, Blumen zertreten, noch viele weiße Taschentücher ausgebreitet, und die kleinen gefügigen Grashalme und die geduldigen Moospflänzchen gaben seufzend nach unter der Last, die sie zu tragen bekamen und fürchteten, daß sie sich von solchem Schlage nimmer erholen würden. Zigarrenrauch schlängelte sich über die Geisblattsträucher und verscheuchte boshaft den zarten Duft ihrer Blüten. Laute Stimmen vertrieben den fröhlichen Meisenschwarm, der, erschreckt und entrüstet, laut zwitschernd in den nächsten Bäumen seine Zuflucht suchte. Ein Mann erhob sich aus der Menge und stellte sich auf eine kleine Anhöhe. Er hatte langes blondes Haar und ein bleiches Gesicht. Er sagte etwas, und darauf öffneten sämtliche Menschen ihren Mund sehr weit und begannen zu singen, so laut, daß die Krähen krächzend aus ihren hochgelegenen Nestern aufflogen und die neugierigen Kaninchen, die von den Dünen hergekommen waren, um einmal Umschau zu halten, erschreckt davonliefen und wohl noch eine Viertelstunde lang so weiter rannten, als sie längst schon wieder sicher und wohlgeborgen in den Dünen waren. Windekind lachte, während er den Zigarrenqualm mit einem Farrenzweig forttrieb. Johannes traten die Tränen in die Augen. Daran war indessen nicht der Rauch schuld. »Windekind,« sagte er, »ich möchte fort, es ist hier alles so laut und so häßlich.« »Nein, wir müssen noch dableiben. Es wird noch viel spaßiger, paß mal auf, wie du lachen wirst.« Jetzt hörte man zu singen auf, und der bleiche Mann begann zu sprechen. Er schrie laut, auf daß ihn alle verstehen könnten, aber was er sagte, klang recht freundlich. Er nannte die Menschen Brüder und Schwestern und sprach von der herrlichen Natur und den Wundern der Schöpfung, von Gottes Sonnenschein und von den lieblichen Vögeln und Blumen ... »Was ist das?« fragte Johannes, »wie kommt es, daß er darüber spricht? kennt er dich? ist er dein Freund?« Windekind schüttelte verächtlich das bekränzte Köpfchen. »Er kennt mich nicht – ebensowenig wie die Sonne, die Vögel und die Blumen. Alles, was er sagt, ist Lüge.« Die Menschen hörten ihm alle sehr aufmerksam zu. Die dicke Madam, die auf der Glockenblume saß, fing mehrmals zu weinen an und wischte sich, da sie ihr Taschentuch nicht zur Hand hatte, mit einem Zipfel ihres Kleides die Tränen aus den Augen. Der bleiche Mann sagte, daß Gott ihrer Zusammenkunft zu Liebe die Sonne so lustig habe scheinen lassen; da lachte Windekind und warf ihm aus dem dichten Blätterwerk eine Eichel auf die Nase. »Na, der soll aber mal anderen Sinnes werden,« sagte er, »als ob es meinem Vater einfallen würde, für ihn zu scheinen. Was der sich wohl einbildet!« Allein der blasse Mann hatte sich viel zu sehr in Feuer geredet, als daß er die Eichel beachtet hätte, die aus der Luft herabzufallen schien – er sprach lange, und je länger desto lauter. Endlich ward er rot und blau im Gesicht, ballte die Fäuste und schrie so laut, daß die Blätter erzitterten und die Grashalme entsetzt hin und herschwankten.« Als er sich endlich beruhigt hatte, begannen alle wiederum zu singen. »Pfui,« sagte eine Amsel, die sich von einem hohen Baum aus den Lärm mit anhörte. »Ist das ein abscheulicher Spektakel! Da ist es mir wahrhaftig noch lieber, wenn die Kühe in den Wald kommen. Pfui! Pfui!« Nun, und die Amsel ist eine Kennerin und hat einen feinen Geschmack. Nachdem der Gesang beendet, förderten die Menschen aus Körben, Tüten und Schachteln allerhand Eßwaren zutage. Es wurden Papiere ausgebreitet und Brötchen und Apfelsinen verteilt. Auch Flaschen und Gläser kamen zum Vorschein. Darauf rief Windekind seine Bundesgenossen herbei und begann mit ihrer Hilfe die schmausende Gesellschaft zu belagern. Ein tapferer Frosch sprang einer alten Jungfer auf den Schoß, dicht neben das Brötchen, das sie gerade verzehren wollte und blieb dort sitzen, gleichsam erstaunt über seine eigene Verwegenheit. Die Dame stieß einen markerschütternden Schrei aus und starrte den Angreifer entsetzt an, ohne daß sie den Mut gehabt hätte, sich auch nur zu rühren. Dieses mutige Vorbild fand alsbald Nachahmung. Grüne Raupen krochen unerschrocken über Hüte, Taschentücher und Brötchen und riefen allüberall Angst und Entsetzen hervor; große dicke Kreuzspinnen ließen sich an schimmernden Fäden in Bierseidel, auf Köpfe und auf Hälse hinunter, und ihr Angriff ward stets von lautem Geschrei begleitet; unzählige kleine Fliegen stürmten regelrecht auf die Gesichter der Menschen los und opferten ihr Leben für die gute Sache, indem sie sich auf Speisen und Getränke stürzten und sie durch ihren Körper ungenießbar machten. Endlich kamen auch die Ameisen in ungezählten Scharen herbei und griffen den Feind zu Hunderten und meist an denjenigen Stellen an, wo er es am wenigsten vermutete. Das verursachte Entsetzen und eine ungeheure Verwirrung. Eiligst sprangen Männer und Frauen von den allzu lange bereits zerdrückten Moos- und Graspflanzen auf; auch die arme kleine Glockenblume ward befreit, nachdem zwei Ohrwürmer einen wohlgelungenen Angriff auf die Beine der dicken Madam gewagt hatten. Die Verzweiflung wuchs: Tanzend und springend und unter den absonderlichsten Geberden versuchten die Menschen ihren Verfolgern zu entrinnen. Der blasse Mann bot lange Widerstand, während er mit einem schwarzen Stöckchen um sich schlug; allein ein paar mutwillige Meisen, die kein Angriffsmittel zu gering erachteten, und eine Wespe, die ihn durch seine schwarzen Hosen hindurch in die Waden stach, machten ihn kampfunfähig. Da konnte die lustige Sonne nicht länger ernst bleiben: sie verbarg ihr Angesicht hinter einer Wolke. Große Regentropfen fielen auf die kämpfenden Parteien herab. Es war, als schösse durch den Regen plötzlich ein Wald von großen schwarzen Pilzen aus der Erde hervor. Das waren die Regenschirme, die aufgespannt wurden. Frauen schlugen die Kleider über den Kopf, so daß weiße Unterröcke, weiß bestrumpfte Beine und Schuhe ohne Absätze sichtbar wurden. O, wie sich Windekind amüsierte! Er mußte sich vor lauter Lachen an dem Blumenstengel festhalten. Dichter und dichter strömte der Regen herab und begann den Wald bereits mit einem schimmernden grauen Schleier zu umhüllen. Dünne Wasserstrahlen rannen klatschend von Regenschirmen, Zylindern und schwarzen Röcken, die wie die Schilder des Wasserkäfers glommen, während sich die Stiefel in dem durchweichten Boden festsogen. Da gaben die Menschen es auf und zogen in kleinen Gruppen schweigend von dannen, während sie eine Menge Papier, leere Flaschen und Apfelsinenschalen als häßliche Spuren ihres Besuches hinterließen. Die Lichtung im Walde lag wiederum einsam da, und alsbald hörte man nichts mehr, als das eintönige Rauschen des Regens. »So, Johannes, nun haben wir die Menschen gesehen. Warum lachst du sie nicht auch aus?« »Ach, Windekind, sind denn alle Menschen so?« »O, es gibt ihrer noch viel schlimmere und viel häßlichere. Oft rasen und toben sie und vernichten alles, was schön und herrlich ist. Sie fällen Bäume und bauen an ihrer Statt plumpe viereckige Häuser. Mutwillig zertreten sie die Blumen und töten zu ihrem Vergnügen jedes Tier, das in ihren Bereich kommt. In ihren Städten, wo sie dicht aufeinandergedrängt zusammenhocken, ist alles schwarz und schmutzig, und die Luft von Rauch und Gestank vergiftet und verpestet. Sie haben sich ihren Mitgeschöpfen und der Natur völlig entfremdet. Deshalb bilden sie auch solch eine traurige und lächerliche Figur, wenn sie zu ihr zurückkehren.« »Ach, Windekind, Windekind!« »Warum weinst du, Johannes? Du mußt nicht weinen, weil du bei Menschen geboren bist. Schau, ich habe dich ja lieb und ich habe dich auserkoren vor allen Andern. Ich habe dich gelehrt die Sprache der Falter und der Vögel und den Blick der Blumen zu verstehen. Der Mond kennt dich, und die gute, milde Erde hat dich lieb wie ihr teuerstes Kind. Warum solltest du nicht froh sein, da du doch mich zum Freunde hast?« »O, Windekind, das bin ich ja, das bin ich wirklich. Aber trotzdem muß ich über all die Menschen weinen.« »Warum? Du brauchst nicht bei ihnen zu bleiben, wenn dich das traurig macht. Du kannst hier wohnen und mir allzeit Gesellschaft leisten. Wir werden im dichtesten Walde hausen, in den einsamen sonnigen Dünen oder im Schilf am Ufer des Teiches. Allüberall werde ich dich hinführen, auf den Grund des Wassers zwischen die Algen, in die Paläste der Elfen und in die Wohnungen der Heinzelmännchen. Ich werde mit dir durch Wälder und Felder schweifen, nach fernen Ländern und über weite Meere. Ich werde dir von den Spinnen feine Gewänder weben lassen, und Flügel will ich dir geben, so wie ich selber sie trage. Von Blumendüften werden wir leben und mit den Elfen im Mondenlicht tanzen. Und wenn der Herbst kommt, dann werden wir mit dem Sommer ziehen, dorthin, wo die hohen Palmen wachsen, wo bunte Blütendolden über Felswände herabhängen und der dunkelblaue Meeresspiegel in der Sonne glitzert. Und immer und immerfort werde ich dir Märchen erzählen. Willst du das, Johannes?« »Soll ich dann nimmermehr bei den Menschen wohnen?« »Bei den Menschen harren Leid und Kummer, Langeweile, Sorgen und Mühsal deiner. Tagaus tagein wirst du dich quälen und unter des Lebens Bürde seufzen. Mit ihrer Grobheit werden sie deine zarte Seele verletzen und ihr wehe tun. Sie werden dich zu Tode foltern. Liebst du die Menschen denn mehr als mich?« »Nein, nein, Windekind, ich will bei dir bleiben.« Nun konnte er zeigen, wie sehr er Windekind liebte. Ja, er wollte um seinetwillen alle und alles verlassen, was er lieb hatte: sein Stübchen, Presto und seinen Vater. Freudig und fest entschlossen wiederholte er seinen Wunsch. Der Regen ließ nach. Durch graues Gewölk erstrahlte das helle Lächeln der Sonne über dem Walde und auf den feuchtschimmernden Blättern und auf den Tropfen, die an jedem Zweiglein und an jedem Halme funkelten und die Spinngewebe zierten, die über dem Eichenlaube ausgespannt waren. Langsam stieg ein feiner Nebel aus dem feuchten Boden zwischen dem Buschholz auf, süße, traumschwere Düfte mit sich führend. Die Amsel flog jetzt in den höchsten Baumwipfel und grüßte die untergehende Sonne mit kurzen, lieblichen Weisen, gleich als wolle sie zeigen, welcher Sang zu dieser feierlichen Abendstille und zu der zarten Begleitung der fallenden Tropfen passe. »Ist das nicht schöner als Menschenstimmen, Johannes? Ja, die Amsel versteht es wohl, den rechten Ton zu treffen. Hier ist alles Harmonie, so vollkommen wirst du sie bei den Menschen niemals finden.« »Harmonie? Was ist das, Windekind?« »Das ist genau dasselbe wie Glück. Es ist das, wonach alles strebt, auch die Menschen. Allein sie sind wie Knaben, die einen Schmetterling einfangen wollen, und verscheuchen sie durch ihre täppischen Bemühungen.« »Werde ich sie bei dir finden?« »Ja, Johannes, aber dann mußt du die Menschen vergessen. Bei den Menschen geboren zu sein, das ist ein böser Anfang. – Aber du bist noch jung – du mußt jede Erinnerung an dein Menschenleben verbannen. Bei ihnen würdest du irren und in Kampf und Not und Wirrsal geraten – es würde dir genau so ergehen wie dem jungen Maikäfer, von dem ich dir erzählte.« »Was ist denn weiter noch aus dem geworden?« »Er hat den leuchtenden Schein gesehen, von dem ihm der alte Käfer gesprochen: er glaubte nichts Besseres tun zu können, als schnurstracks dorthin zu fliegen. So flog er denn regelrecht in ein Zimmer und fiel in Menschenhände. Drei Tage lang ist er dort gefoltert und gequält worden – er hat in Pappschachteln gesessen – man hat ihm Fädchen an die Beine gebunden und ihn so fliegen lassen – dann hat er sich losgerissen und einen Flügel und ein Beinchen verloren – hilflos ist er dann auf einem Teppich umhergekrochen, und während er sich noch vergebens mühte, den Garten zu erreichen, hat ihn ein schwerer Fuß zermalmt. »All die Tiere, Johannes, die in der Nacht umherirren, sind, ebensogut wie wir, Kinder der Sonne. Und wenngleich sie ihren leuchtenden Vater nimmer von Angesicht zu Angesicht gesehen, so treibt sie dennoch eine unbewußte Erinnerung hin zu allem, dem Licht entstrahlt. Und tausend und abertausend arme Geschöpfe der Finsternis finden durch diese Liebe zur Sonne, der sie so lange schon fern und entfremdet sind, einen jämmerlichen Tod. So stürzt eine unverstandene, unwiderstehliche Neigung die Menschen ins Verderben in den Trugbildern jenes großen Lichtes, das sie entstehen ließ und das sie nicht mehr kennen.« Fragend blickte Johannes zu Windekind auf und schaute ihm tief in die Augen. Die aber waren unergründlich und geheimnisvoll wie der dunkle Himmel zwischen den Sternen. – »Meinst du Gott?« fragte er endlich schüchtern. »Gott?« – durch die tiefen Augen zuckte ein Lächeln. – »Ich weiß, an was du denkst, Johannes, wenn du diesen Klang aussprichst. An den Stuhl, der vor deinem Bett steht und an dem du Abend für Abend dein langes Gebet sprichst – an die einförmig grünen Vorhänge, die vor dem Kirchenfenster hängen und zu denen du an jedem Sonntag morgen so andächtig emporblickst – an die großen Buchstaben deiner Bibel – an den Klingelbeutel mit dem langen Stock – an häßlichen Gesang und muffigen Menschengeruch. Was du unter jenem Namen verstehst, Johannes, ist ein lächerliches Trugbild – statt der Sonne eine große Petroleumlampe, an der hunderte und tausende von kleinen Mücken hilflos festgeklebt sitzen.« »Aber wie heißt denn das große Licht, Windekind? Und zu wem soll ich denn beten?« »Johannes, das ist genau so, als wollte mich ein Schimmelpflänzchen fragen, wie denn die Erde heiße, die sich mit ihr herumdreht. Gäbe es eine Antwort auf deine Frage, so würdest du sie verstehen, wie ein Regenwurm die Musik der Sterne. – Doch beten will ich dich lehren.« Und mit dem kleinen Johannes, der in stiller Verwunderung über diese Worte grübelte, flog Windekind aus dem Walde empor, so hoch, daß über den Dünen ein langer, funkelnder, goldener Streif sichtbar ward. Sie flogen weiter, die seltsam beschatteten Dünen glitten unter ihren Blicken hinweg und breiter und immer breiter ward der Lichtstreif. Die grüne Färbung der Düne schwand, fahl war das Schilf und dazwischen wuchsen wunderseltene mattblaue Pflanzen. Noch eine hohe Hügelkette, ein langgestreckter schmaler Sandstrich, und dann das weite, gewaltige Meer. Blau war die ungeheure Fläche, bis an den Horizont, aber unter der Sonne leuchtete ein schmaler Streif in blendend rotem Glanze. Ein langer flaumweißer Schaumrand umsäumte die Meeresfläche, so wie blauer Sammet von weißem Hermelin umsäumt wird. Und am Horizont trennte eine wundersam zarte Linie Himmel und Wasser. Wie ein Wunder erschien sie: gerade und dennoch gebogen, scharf und dennoch unbestimmt, sichtbar und dennoch unerforschlich. Sie war wie der Ton einer Harfe, der lange und träumerisch nachklingt, der langsam hinzusterben scheint und der dennoch verweilt. Da setzte sich der kleine Johannes auf den Rand der Düne und schaute – schaute in langem regungslosem Schweigen, bis es ihm war, als müsse er sterben, als täten sich die großen goldenen Tore des Weltalls feierlich auf und als schwebe seine kleine Seele dem ersten Lichtstrahl der Unendlichkeit entgegen. Bis die Tränen, die in seine weitgeöffneten Augen emporquollen, die schöne Sonne umflorten und die Pracht des Himmels und der Erde langsam in eine düstere zitternde Dämmerung entschwanden ... »So sollst du beten,« sagte Windekind. Habt ihr wohl einmal an einem schönen Herbsttage den Wald durchstreift, wenn die Sonne das buntfarbige Laub so still und klar bescheint, wenn die Äste knacken und die dürren Blätter unter euren Füßen rascheln? Dann scheint der Wald so müde: er vermag nur noch zu grübeln und in alten Erinnerungen zu leben. Ein blauer Nebel umhüllt ihn wie ein Traum mit geheimnisvoller Pracht, und die glitzernden Herbstfäden weben in träger Schwingung schöne stille Träume durch die Lüfte. Doch aus dem feuchten Boden zwischen Moos und dürren Blättern erheben sich dann plötzlich und rätselhaft die wunderlichen Gestalten der Pilze, einige fleischig und unförmig, andere wieder hoch und schlank mit geringtem Stiel und leuchtend buntem Hut. Das sind wunderseltsame Traumgebilde des Waldes. Und dann sieht man auch auf morschen Baumstämmen unzählige kleine weiße Stümpfchen mit schwarzen Spitzen, gleichsam als seien sie verbrannt. Es gibt kluge Leute, die sie für eine Art von Schwämmen halten. Johannes indessen wurde eines Besseren belehrt: Es sind kleine Kerzen. Die brennen in stillen Herbstnächten – und leuchten den Heinzelmännchen, die in winzigen Büchelchen lesen. Das lehrte ihn Windekind an solch einem stillen Herbsttage, und mit dem dumpfigen Geruch, der aus dem Waldboden aufstieg, atmete Johannes zugleich eine seltsame Traumstimmung. »Wie kommt es, daß die Blätter der Esche so schwarz gefleckt sind?« »Ja, daran sind auch die Heinzelmännchen schuld«, sagte Windekind. »Wenn sie des Nachts geschrieben haben, gießen sie am Morgen den Rest aus ihren Tintenfässern über die Blätter aus. Den Baum können sie nicht leiden. Aus Eschenholz werden kleine Kreuze und die Stiele der Klingelbeutel gemacht.« Johannes ward ganz neugierig auf die kleinen emsigen Heinzelmännchen und ließ sich von Windekind versprechen, daß er ihn zu einem von ihnen hinführen würde. Lange Zeit schon war er bei Windekind gewesen und er fühlte sich in seinem neuen Leben so glücklich, daß er sein Gelübde, alles das zu vergessen, was er zurückgelassen, nur selten noch bereute. Es gab keine Augenblicke der Angst oder der Einsamkeit, während welchen die Reue sich stets einzuschleichen pflegt. Windekind verließ ihn niemals, und bei ihm ward jedes Fleckchen ihm zur Heimat. Ruhig schlief er in dem schwanken Nest einer Rohrdrossel, das zwischen den grünen Schilfhalmen hing, ob auch die Drossel schrie und die Krähen noch so unheilkündend krächzten. Keinerlei Angst empfand er bei dem klatschenden Regen und dem pfeifenden Sturm – dann suchte er in einem hohlen Baume Schutz oder in einer Kaninchenhöhle und schlüpfte unter Windekinds Mäntelchen und lauschte seiner Stimme, die Märchen erzählte. Und jetzt sollte er die Heinzelmännchen sehen. Dazu war es gerade der rechte Tag. So still! So still! Johannes glaubte ihre feinen Stimmchen und das Scharren ihrer Füßchen bereits zu hören. Allein es war erst Mittag. Die Vögel waren beinahe alle fort, nur die Drosseln schmausten noch an den roten Beeren. Eine saß in einem Strick gefangen. Mit ausgebreiteten Flügeln hing sie dort und zappelte, bis das scharf umklemmte Füßchen beinahe auseinander gerissen ward. Johannes befreite sie alsbald und freudig zwitschernd flog sie schleunigst davon. Die Pilze waren in eifriger Unterhaltung begriffen. »Schaut mich doch nur an«, sagte ein dicker Satanspilz, »habt ihr jemals dergleichen gesehen? Seht nur, wie dick und weiß mein Stiel ist und wie mein Hut glänzt. Jetzt bin ich der größte von allen. Und das nach einer Nacht!« »Bah«, sagte der rote Fliegenschwamm, »du bist sehr plump. So braun und so grob. Ich wiege mich auf meinem schlanken Stengel wie ein Schilfrohr. Leuchtendrot bin ich wie die Vogelbeeren und zierlich gesprenkelt. Ich bin schöner als alle anderen.« »Still«, sagte Johannes, der diese Pilze von früher her recht wohl kannte, »ihr seid beide giftig.« »Das ist eine Tugend«, sagte der Fliegenschwamm. »Bist du etwa ein Mensch?« brummte der Dicke höhnisch, »dann wäre es mir ganz recht, wenn du mich verspeistest.« Das tat Johannes indessen nicht. Er nahm ein paar dürre Zweige auf und steckte sie durch den fleischigen Hut. Das sah gar drollig aus, und alle lachten; auch eine Anzahl dünner Pilze mit braunen Köpfen, die allesamt in ein paar Stunden emporgeschossen waren und sich jetzt gegenseitig verdrängten, um in die Welt hineinzuschauen. Der Satanspilz wurde ganz blau vor Arger. Dadurch trat seine giftige Art so recht zutage. Erdsterne erhoben auf getupften Postamenten ihre runden aufgedunsenen Köpfchen, aus deren Öffnung von Zeit zu Zeit eine kleine Wolke äußerst feinen Staubes flog. Wohin der Staub auf den feuchten Boden fiel, da sollten sich Fäden durch die schwarze Erde schlingen und im kommenden Jahr hunderte neuer Erdsterne emporschießen. »Was für ein schönes Dasein!« sagten sie zueinander. »Stäuben ist der höchste Lebenszweck! Welch eine Lust, stäuben zu können, solange man lebt!« Und voll andächtiger Hingebung trieben sie ihre kleinen Staubwölkchen in die Luft. »Haben sie recht, Windekind?« »Warum denn nicht? Was kann es für sie wohl Höheres geben? Es ist ein Glück für sie, daß sie nicht mehr verlangen, denn sie sind zu nichts Anderem imstande.« Als sich die Nacht herabgesenkt hatte und die Schatten der Bäume zu gleichmäßigem Dunkel zusammengeflossen waren, hörte das geheimnisvolle Waldleben noch immer nicht auf. Die Zweige knackten und krachten, und hier und dort raschelten dürre Blättchen im Grase und in dem dichten Gestrüpp. Johannes fühlte das Streifen unhörbarer Flügelschläge und war sich der Nähe unsichtbarer Wesen bewußt. Jetzt aber hörte er ganz deutlich Stimmen flüstern und Füßchen trippeln. Und siehe, dort in der dunkeln Tiefe des Gebüsches blitzte flüchtig ein kleiner blauer Funke auf und verschwand. Da wieder einer, und noch einer! Still ... Wenn er aufmerksam horchte, hörte er ganz in der Nähe ein Rascheln in den Blättern – dort bei dem dunkeln Baumstumpf. Und dahinter kamen blaue Lichtlein zum Vorschein und machten auf der Spitze Halt. Allerorten sah Johannes jetzt glänzende Lichtchen glitzern – sie schwebten zwischen dem dunklen Laube, tanzten in kleinen Sprüngen über den Boden hin, und in der Ferne leuchtete eine große funkelnde Masse wie ein blaues Freudenfeuer. »Was für ein Feuer ist das?« fragte Johannes. »Das brennt ja wundervoll.« »Das ist ein morscher Baumstamm«, sagte Windekind. Sie gingen auf ein stilles, helles Lichtlein zu. »Jetzt werde ich dich dem Wistik vorstellen. Er ist der älteste und gescheiteste unter den Heinzelmännchen.« Als Johannes näher kam, sah er ihn neben einer kleinen Kerze sitzen. Deutlich vermochte man in dem bläulichen Schein das runzlige Gesichtchen mit dem grauen Bart zu erkennen. Er las laut und mit schwer gerunzelten Brauen. Auf dem Kopf trug er ein Eichelkäppchen mit einer kleinen Feder – vor ihm saß eine Kreuzspinne und hörte seinem Vorlesen zu. Als die beiden sich näherten, blickte das Heinzelmännchen, ohne den Kopf zu heben, von seinem Büchelchen auf und zog die Brauen in die Höhe. Die Kreuzspinne kroch langsam fort. »Guten Abend«, sagte das Heinzelmännchen, »ich bin Wistik. Und Ihr beiden?« »Ich heiße Johannes. Ich wollte gerne deine Bekanntschaft machen. Was liest du da?« »Das ist nicht für deine Ohren bestimmt«, antwortete Wistik, »das ist nur für Kreuzspinnen.« »Laß es mich doch auch mal sehen, lieber Wistik«, bat Johannes. »Das darf ich nicht. Es ist das heilige Buch der Spinnen – ich habe es in Verwahrung und darf es niemals weggeben. Ich habe die heiligen Bücher der Käfer und Schmetterlinge und Igel und Maulwürfe und aller derer, die hier leben. Sie können nicht alle lesen – und wenn sie nun etwas wissen wollen, dann lese ich es ihnen vor. Das ist eine große Ehre für mich, ein Vertrauensposten, verstehst du wohl?« Das Männlein nickte mehrmals sehr ernsthaft, während es den Zeigefinger emporstreckte. »Und was triebst du soeben?« »Ich las die Geschichte des Kritzelflink, des großen Helden unter den Kreuzspinnen, der vor langen, langen Zeiten lebte und ein Netz besaß, das über drei Bäume ausgespannt war und darinnen er an einem Tage Millionen von Fliegen fing. Vor Kritzelflinks Zeiten machten die Spinnen keine Netze, sondern lebten nur von Gras und kleinen toten Tieren: Kritzelflink aber war ein kluger Kopf und wies nach, daß auch lebendige Tiere zum Futter für die Spinnen geschaffen seien. Alsdann erfand Kritzelflink, dank seinen langwierigen komplizierten Berechnungen, die kunstvollen Netze, denn er war ein großer Mathematiker, und die Kreuzspinnen machen ihre Gewebe noch heute genau so, wie er es sie gelehrt – ein Fädchen neben dem andern – nur viel kleiner. Denn das Geschlecht der Spinnen ist stark entartet. Kritzelflink fing in seinem Netz große Vögel und mordete Tausende seiner eigenen Kinder, ja, er war wirklich eine große Spinne. Endlich hat sich dann ein furchtbarer Sturm erhoben, der Kritzelflink mitsamt seinem Netz und den drei Bäumen, über denen es ausgespannt war, mitschleppte durch die Lüfte nach fernen Wäldern, wo er jetzt um seiner wilden Mordgier und seiner Behendigkeit willen ewiglich verehrt wird.« »Ist das alles wirklich wahr?« fragte Johannes. »Es steht in dem Buch«, antwortete Wistik. »Glaubst du es?« Das Heinzelmännchen kniff ein Auge zu und legte den Zeigefinger an die Nase. »In den heiligen Büchern der anderen Tiere wird Kritzelflink vielfach als ein abscheuliches und verächtliches Ungeheuer bezeichnet. Aber ich mische mich grundsätzlich nicht hinein.« »Gibt es auch ein Heinzelmännchenbuch, Wistik?« Wistik blickte Johannes ein wenig mißtrauisch an. »Was für ein Wesen bist du eigentlich, Johannes? Du hast so etwas – so etwas – Menschliches an dir, möchte ich sagen.« »Nein, nein, du kannst ganz ruhig sein, Wistik, sagte Windekind rasch, »wir sind Elfen. Johannes hat allerdings einst viel Menschen gesehen. Du kannst ihm aber dennoch vertrauen.« »Ja, ja, das ist alles gut und schön – aber ich gelte als der Klügste unter den Heinzelmännchen, und ich habe lange und eifrig studiert, bevor ich das wußte, was ich heute weiß. Nun muß ich mit meiner Weisheit sehr sparsam umgehen. Denn wenn ich allzu viel erzähle, so ist's um mein Ansehen geschehen.« »Aber in welchem Büchlein mag denn das Richtige stehen? Was glaubst du?« »Ich habe viel gelesen, aber ich glaube nicht, daß ich jenes Büchlein jemals unter die Augen bekommen habe. Es ist nicht das Elfenbuch – auch nicht das Heinzelmännchenbuch. Aber existieren muß es dennoch.« »Vielleicht das Menschenbuch?« »Das kenne ich nicht: aber ich glaube es kaum. Denn das echte Büchlein muß großes Glück und großen Frieden bringen – darin muß ganz ausführlich beschrieben sein, warum alles so ist, wie es ist, so daß niemand mehr etwas fragen oder wünschen kann. Nun, und so weit sind die Menschen denn doch nicht, glaube ich.« »O nein!« rief Windekind lachend. »Gibt es denn wirklich solch ein Büchlein?« fragte Johannes begierig. »Ja, ja«, flüsterte das Heinzelmännchen, »ich weiß es aus alten alten Geschichten. Und – horch! – ich weiß auch, wo es ist und wer es zu finden vermag.« »O Wistik, Wistik!« »Warum hast du es denn noch nicht?« fragte Windekind. »Nur Geduld – es wird schon kommen. Nähere Einzelheiten weiß ich noch nicht. Aber alsbald werde ich es finden. Ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet und danach gesucht. Denn dem, der es findet, wird das Leben wie ein ewiger Herbsttag erscheinen – oben blauer Himmel und bläulicher Nebel ringsumher – allein kein fallendes Blatt wird rascheln, kein Zweiglein wird knacken und kein Tröpfchen fallen – die Schatten werden sich nicht wandeln und das Gold auf den Baumkronen wird nicht erblassen. Was uns hell erscheint, wird finster sein und was uns glücklich dünkt, wird den, der dies Büchlein gelesen hat, traurig stimmen. Ja, das alles weiß ich, und ich werde es auch einst finden.« Der Kobold zog die Augenbrauen nun ganz in die Höhe und legte den Finger auf die Lippen. »Wistik, könntest du mich wohl lehren ...?« begann Johannes; doch bevor er ausgesprochen hatte, fühlte er einen heftigen Windstoß und gewahrte über sich ein großes schwarzes Etwas, das schnell und unhörbar vorüberschoß. Als er sich wieder nach Wistik umschaute, sah er gerade noch ein Füßchen in dem Baumstamm verschwinden. Schwupp, da war das Heinzelmännchen mitsamt seinem Büchlein in seine Höhle gesprungen. Das Lichtlein begann immer matter und matter zu leuchten, bis es plötzlich erlosch. Ja, das sind sehr seltsame Kerzen. »Was war das?« fragte Johannes, der sich in der Dunkelheit ängstlich an Windekind klammerte. »Eine Nachteule«, sagte Windekind. Sie schwiegen beide eine Weile. Dann fragte Johannes: »Glaubst du das, was uns Wistik gesagt hat?« »Wistik ist nicht gar so klug wie er selber wohl meint. Solch ein Büchelchen findet er nimmermehr, und du auch nicht.« »Aber besteht es denn überhaupt?« »Das Büchelchen besteht so wie dein Schatten besteht, Johannes. Du magst noch so schnell laufen und noch so behende haschen, doch wirst du ihn nimmer einholen oder greifen können. Bis du endlich gewahr wirst, daß du dich selber suchst. Sei nicht töricht und vergiß das Gnomengeschwätz. Ich werde dir hundert schönere Geschichten erzählen. Komm mit mir! Wir wollen an den Waldessaum treten und sehen, wie unser guter Vater die weißen Taudecken von den schlafenden Wiesen hebt. Komm mit!« Johannes kam, aber Windekinds Worte vermochte er nicht zu verstehen, und seinen Rat befolgte er nicht. Und während er den strahlenden Herbstmorgen langsam erwachen sah, grübelte er über das Büchelchen, darinnen beschrieben stand, warum alles so ist wie es ist, und leise murmelte er vor sich hin: »Wistik! ...« Während der folgenden Tage wollte es ihm scheinen, als sei es bei Windekind, im Wald und in den Dünen nicht mehr gar so schön und lustig. Seine Gedanken waren nicht mehr so gänzlich erfüllt von alledem, was ihm Windekind zeigte und sagte. Immer und immer wieder mußte er an jenes Büchelchen denken – und wagte doch nicht davon zu sprechen. Was er sah, wollte ihn nicht gar so schön und so wundersam mehr dünken wie zuvor. Die Wolken waren so schwarz und so schwer – und er fürchtete sich vor ihnen, gleich als würden sie auf ihn herniederfallen. Es tat ihm weh, wenn der Herbstwind unablässig an den armen müden Bäumen rüttelte und schüttelte, so daß die blasse Rückseite der grünen Blätter sichtbar ward und gelbes Laub und dürre Zweige durch die Luft wirbelten. Was Windekind ihm erzählte, vermochte ihn nicht zu befriedigen. Vieles begriff er nicht, und nimmermehr erhielt er eine vollkommen klare und befreiende Antwort, wenn er eine seiner alten Fragen stellte. Dann mußte er wiederum an jenes Büchelchen denken, in dem alles so klar und so einfach beschrieben war, und an den ewig sonnigen stillen Herbsttag, der dann folgen würde. »Wistik! Wistik!« Windekind hörte es. »Johannes, ich fürchte, du wirst doch immer ein Mensch bleiben. Sogar deine Freundschaft ist wie die der Menschen. – Der erste, der nach mir zu dir gesprochen, hat gleich schon dein ganzes Vertrauen gewonnen. Ach, meine Mutter hatte wahrlich recht!« »Nein, Windekind! Aber du bist so viel klüger als Wistik – du bist so klug wie jenes Büchelchen. Warum sagst du mir denn das alles nicht? Nun sieh, warum fährt der Wind durch die Bäume, daß sie sich neigen und immer wieder neigen müssen? Sieh – sie können nicht mehr – ihre schönsten Zweige werden geknickt und zu Hunderten lösen sich die Blätter ab, trotzdem sie noch grün und frisch sind. Sie sind so müde und können sich nicht mehr halten, und dennoch werden sie immer und immer wieder von dem rauhen wütenden Winde gepeitscht und geschlagen. Warum denn nur? Was will der Wind?« »Armer Johannes! du sprichst die Sprache der Menschen.« »Laß es still werden, Windekind! ich will Ruhe und Sonnenschein!« »Du fragst und du willst wie ein Mensch, aber dafür gibt es weder Antwort noch Erfüllung. Wenn du nicht besser fragen und wünschen lernst, so wird jener Herbsttag für dich nimmer anbrechen und du wirst sein wie die Tausende und Abertausende von Menschen, die den Wistik gesprochen haben.« »Gibt es ihrer so viele?« »Jawohl, Tausende! Wistik tat sehr geheimnisvoll, aber er ist dennoch ein Schwätzer, der sein Geheimnis nicht für sich behalten kann. Er hofft das Büchelchen bei den Menschen zu finden und teilt seine Weisheit einem Jeden mit, der ihm möglicherweise helfen könnte. Dadurch hat er schon Viele unglücklich gemacht. Sie glauben ihm und fangen an das Büchelchen zu suchen mit demselben Eifer, mit dem manch Einer die Kunst des Goldmachens zu ergründen sucht. Sie opfern alles dafür auf – vergessen ihre Arbeit und ihr Glück – und schließen sich mit dicken Folianten und allerhand sonderbaren Werkzeugen und Apparaten ein. Ihr Leben und ihre Gesundheit setzen sie aufs Spiel. Sie vergessen den blauen Himmel und die milde gütige Natur und auch ihre Mitmenschen. Hin und wieder finden sie schöne und nützliche Dinge, wie Goldklumpen, die sie dann aus ihren Höhlen an die Oberfläche der lichten sonnigen Erde werfen: sie selber aber kümmern sich nicht darum und lassen andere davon genießen, während sie ruhelos und fieberhaft in der Dunkelheit weiter graben und wühlen. Nicht Gold suchen sie, sondern das Büchelchen. Manche von ihnen werden durch die Arbeit ganz stumpfsinnig, vergessen ihr Ziel und ihre Wünsche und verirren sich in jämmerliche Tändeleien. Dann hat der Kobold sie kindisch gemacht. Man sieht sie kleine Türme aus Sand erbauen und zählen, wie viel Körner dazu nötig sind, bis sie umfallen. Sie machen Wasserfälle und berechnen ganz genau jede Krümmung und jede Welle, die das Wasser bilden wird; sie graben Gruben und verwenden all ihre Geduld und all ihren Scharfsinn darauf, sie recht schön glatt und ohne Steinchen herzustellen. Wenn man diese armen Verirrten in ihrer Arbeit stört und sie fragt, was sie treiben, so schütteln sie den Kopf und murmeln: »Wistik! Wistik!« Ja – an alledem ist dieser kleine garstige Kobold schuld. Hüte dich vor ihm, Johannes!« Johannes indessen starrte vor sich hin auf die schwanken ächzenden Bäume; über seinen klaren Kinderaugen zogen sich tiefe Runzeln durch die zarte Haut. Noch niemals hatte er so ernsthaft dreingeschaut. »Und du hast ja selber gesagt, daß das Büchelchen bestände? O, ich weiß es ganz sicher: darin steht auch etwas von dem großen Licht, das du mir nicht nennen willst.« »Armer, armer Johannes!« sagte Windekind und über des Sturmes wildem Rauschen klang seine Stimme wie ein friedlicher Choral, der von fernher ertönte. »Habe mich lieb, habe mich lieb mit deinem ganzen Sein. In mir findest du mehr als das, was du dir wünschest. Du wirst verstehen, was du dir nicht denken kannst und du selber wirst das sein, was du zu kennen begehrst. Himmel und Erde werden deine Vertrauten, die Sterne deine Nächsten und die Unendlichkeit wird deine Wohnung sein. Habe mich lieb, habe mich lieb, umschlinge mich wie die Hopfenranke den Baumstamm, bleibe mir treu wie das Meer seinem Boden – denn nur in mir ist all deine Ruhe, Johannes!« Windekinds Worte verhallten; allein es war als klänge der Choral noch fort. Aus weiten Fernen schien er heranzuschweben, feierlich und gleichmäßig dem Rasen und Toben des Windes trotzend, friedlich wie das Mondenlicht, das durch die jagenden Wolken schimmerte. Windekind breitete die Arme aus und Johannes schlief an seiner Brust, von dem blauen Mäntelchen freundlich beschirmt. In der Nacht aber erwachte er. Plötzlich und unmerklich hatte sich die Stille auf die Erde herabgesenkt, war der Mond hinter dem Horizont verschwunden. Regungslos hing das erschöpfte Laub – schweigende Finsternis erfüllte den Wald. Da kehrten die Fragen in rascher und gespenstischer Folge in den Kopf des kleinen Johannes zurück und trieben das noch gar junge Vertrauen vor sich her. Warum waren die Menschen so? Warum mußte er sie verlassen? Warum ihre Liebe verlieren? Warum mußte es Winter werden? Warum mußten die Blätter fallen und die Blumen sterben? Warum? Warum? Da fingen tief unten im Gestrüpp die blauen Lichtlein wiederum zu tanzen an. Sie kamen und gingen. Gespannt starrte Johannes ihnen nach. Er sah das große klare Lichtlein auf dem dunklen Baumstumpf erglänzen. Windekind schlief fest und ruhig. »Noch eine Frage!« dachte Johannes, während er unter dem blauen Mäntelchen wegschlüpfte. »Bist du da schon wieder?« sagte Wistik und nickte ihm herzlich zu. »Das freut mich sehr. Wo ist dein Freund?« »Dort drüben. Ich wollte dich bloß noch Eines fragen. Willst du mir meine Frage beantworten?« »Du bist bei den Menschen gewesen, nicht wahr? – ist es dir um mein Geheimnis zu tun?« »Wer wird jenes Büchelchen finden, Wistik?« »Ja, ja, das ist es! das ist es! – Willst du mir helfen, wenn ich es dir sage?« »Wenn ich kann, sicherlich.« »So höre denn, Johannes!« Wistik sperrte die Augen erstaunlich weit auf und zog die Brauen noch höher hinauf als sonst. Darauf flüsterte er hinter der vorgehaltenen Hand: »Menschen haben den goldenen Schrein, Elfen haben das goldene Schlüsselein, Elfenfeind findet es nicht, Menschenfreund nur vermag ihn zu öffnen. Zur Lenznacht ist's die rechte Zeit und Rotkehlchen weiß den Weg.« »Ist das wahr? ist das wahr?« flüsterte Johannes; während er seines Schlüsseleins gedachte. »Ja«, sagte Wistik. »Warum hat es denn noch niemand gefunden? So viele Menschen suchen doch danach.« »Ich habe keinem einzigen Menschen gesagt, was ich dir anvertraut habe. Noch niemals bin ich einem Elfenfreund begegnet.« »Ich habe es, Wistik! ich kann dir helfen!« Und jauchzend klatschte Johannes in die Hände. »Ich werde Windekind darum bitten.« Und fort flog er über Moos und dürre Blätter. Doch immer wieder strauchelte er und sein Gang war schwer. Dicke Zweige knackten unter seinem Fuß, während sich sonst nicht das kleinste Hälmchen neigte. Da war das dichte Farrenkraut, unter dem sie geschlafen hatten – es erschien ihm gar niedrig. »Windekind!« rief er. Allein er erschrak vor dem Laut seiner eigenen Stimme. »Windekind!« – Das klang wie eine Menschenstimme. Ein scheuer Nachtvogel flog kreischend auf. Unter dem Farrenkraut war alles leer. – Johannes sah nichts. Die blauen Lichtlein waren verschwunden: um ihn her war es kalt und undurchdringlich dunkel. Über sich sah er die schwarzen Schatten der Baumwipfel, die sich vom Sternenhimmel abhoben. Noch einmal rief er. Dann wagte er es nicht mehr. In dieser Stille war seine Stimme Entweihung und Windekinds Name klang wie ein Hohn. Da fiel der arme kleine Johannes nieder und schluchzte in verzweiflungsvoller Reue. Der Morgen war kalt und grau. Die dunklen glänzenden Zweige weinten, vom Sturm entblättert, im Nebel. Hastig schritt der kleine Johannes über das nasse niedergeschlagene Gras und starrte dorthin, wo der Wald lichter ward, gleich als sähe er dort ein Ziel. Seine Augen waren vom Weinen gerötet und starr vor Angst und Jammer. So war er die lange, lange Nacht umhergeirrt, gänzlich allein und nach dem Lichte suchend – mit Windekind war auch das sichere heimatliche Gefühl geschwunden. An jedem dunklen Fleckchen lauerte das Gespenst der Verlassenheit – und er wagte sich nicht umzuschauen. Endlich gelangte er an den Waldessaum. Er blickte über eine Wiese, auf die ein feiner Staubregen langsam herniederrieselte. Mitten auf der Wiese stand ein Pferd neben einer kahlen Weide. Unbeweglich stand es da, den Kopf gebeugt, und von seinen glänzenden Weichen und aus der zusammengeklebten Mähne troff das träge Wasser. Johannes lief weiter am Walde entlang. Mit mattem, ängstlichem Blick schaute er auf das einsame Pferd und den grauen Regennebel und stöhnte leise. »Jetzt ist alles aus«, dachte er, »die Sonne wird nie mehr wiederkommen. Für mich wird jetzt alles stets so bleiben, wie es hier ist.« Doch hatte er in seiner Verzweiflung nicht den Mut, stille zu stehen – denn dann – so glaubte er – würde das Fürchterlichste kommen. Da sah er ein großes Gitter, das einen Landsitz umzäunte, und unter einem Lindenbaum mit hellgelben Blättern ein friedliches Häuschen. Er schritt durch die Pforte und ging durch breite Alleen, wo die braunen und gelben Lindenblätter den Boden mit einer dicken Schicht bedeckten. An den Rasenflächen entlang wuchsen violette Astern und andere buntfarbige Herbstblumen wild durcheinander. Er kam an einen Teich. Dort stand ein großes Haus mit Glastüren und hohen Fenstern, die bis zur Erde reichten. Efeu und Rosensträucher wuchsen an den Wänden entlang. Alles war geschlossen und das Haus lag wie ausgestorben da. Halb entblätterte Kastanienbäume standen regungslos rings umher, und auf dem Boden, zwischen dem abgefallenen Laube, sah Johannes die glänzend braunen Kastanien schimmern. Da verließ ihn das frostige, totenähnliche Empfinden. Er dachte an sein eigenes Heim – auch dort standen Kastanienbäume, und um diese Zeit pflegte er stets die glatten Früchte aufzusammeln. Und plötzlich überkam ihn eine Sehnsucht, gleich als habe er wohlbekannte Stimmen rufen hören. Er setzte sich auf eine Bank, die vor dem großen Hause stand und weinte, weinte, bis es ihm ruhiger ums Herz ward. Ein eigentümlicher Geruch veranlaßte ihn aufzublicken. Neben ihm stand ein Mann; der hatte eine weiße Schürze vor und eine Pfeife im Munde. Um den Gürtel trug er lange Lindenbaststreifen, womit er die Blumen aufband. Johannes kannte diesen Geruch gar wohl; er erinnerte ihn an seinen eigenen Garten und an den Gärtner, der ihm so schöne Raupen brachte und die Stareneier für ihn ausnahm. Er erschrak nicht, trotzdem es ein Mensch war, der neben ihm stand. Er erzählte dem Manne, daß er verlassen sei und daß er sich verirrt habe und folgte ihm dankbar in die kleine Wohnung, die unter dem gelbblättrigen Lindenbaum lag. Dort drinnen saß die Gärtnersfrau und strickte schwarze Strümpfe. Über dem kleinen Torffeuer, das im Herde brannte, hing ein großer Kessel mit kochendem Wasser. Auf der Matte vor dem Herd saß eine Katze mit verschränkten Vorderpfoten, genau so wie Simon dagesessen hatte, als Johannes sein Heim verließ. Johannes wurde ganz dicht an das Feuer gesetzt, damit er sich die Füße trockne. »Tick! tack! tick! tack!« sagte die große Wanduhr. Johannes blickte auf den Dampf, der zischend aus dem Kessel aufstieg, und auf die kleinen Feuerzungen, die neckisch und behende die großen Torfstücke beleckten. »Jetzt bin ich unter Menschen«, dachte er. Das war durchaus nicht unangenehm. Er fühlte sich ruhig und zufrieden. Die Leute waren gut und freundlich und fragten ihn, was er denn nun wohl am liebsten wolle. »Am liebsten möchte ich hier bleiben«, antwortete er. Hier hatte er Ruhe; wenn er aber nach Hause ginge, so würden die Tränen und der Kummer nicht ausbleiben. Er würde gezwungen sein, zu schweigen und man würde ihm sagen, daß er unrecht getan habe. Er würde alles wieder sehen und über alles noch einmal nachdenken müssen. Wohl sehnte er sich nach seinem Stübchen, nach seinem Vater und nach Presto – aber lieber noch wollte er dies stille Verlangen hier ertragen als das peinliche qualvolle Wiedersehen, das seiner dort harrte. Und ihm war es, als würde er hier ungestört seines Windekind gedenken können – daheim aber nicht. Windekind war jetzt sicherlich fortgegangen. Weit fort nach dem sonnigen Lande, wo sich die Palmen über dem blauen Meere wiegen. Er wollte hier Buße tun und auf ihn warten. Daher flehte er die beiden guten Menschen an, ob er bei ihnen bleiben dürfe. Er wolle auch ganz gehorsam sein und für sie arbeiten. Er wolle bei der Pflege des Gartens und der Blumen helfen. Nur diesen einen Winter. Denn im Stillen hoffte er, daß Windekind mit dem Lenz wiederkehren würde. Der Gärtner und seine Frau meinten, daß Johannes davon gelaufen sei, weil man ihn daheim schlecht behandele, und da er sie dauerte, versprachen sie ihm, daß er bleiben dürfe. So blieb er denn und half den Garten und die Blumen pflegen. Man gab ihm ein kleines Schlafstübchen mit einer Bettstelle aus blauem Holz. Von dort aus sah er des Morgens die nassen gelben Lindenblätter am Fenster entlang streichen und des Nachts die dunklen Äste, hinter denen die Sterne Versteck spielten, leise hin- und herschwanken. Jetzt gab er den Sternen Namen und den allerleuchtendsten unter ihnen nannte er: Windekind. Den Blumen, die er fast alle von zu Hause her kannte, erzählte er seine Geschichte: den ernsten großen Astern und den buntfarbigen Zinnien und den weißen Chrysanthemen, die auch während des rauhen Herbstes noch gar so lange blühten. Als alle anderen Blumen schon tot waren, standen die Chrysanthemen noch immer – ja sogar, nachdem eines Morgens der erste Schnee gefallen war und Johannes sich in aller Frühe nach ihnen umschaute, hoben sie lustig ihre Köpfchen zu ihm empor und sagten: »Ja, ja, wir sind noch immer da, das hättest du wohl nicht gedacht!« Sie hielten sich tapfer; allein zwei Tage später waren sie alle tot. In dem Gewächshaus aber prangten noch stets die Palmen und Baumfarren, und die wunderseltsamen Blütendolden der Orchideen hingen schwer in der feuchten Schwüle. Voller Staunen blickte Johannes in ihre prachtvollen Kelche und dachte an Windekind. Wie kalt und farblos erschien ihm dann alles, wenn er hinausblickte, der nasse Schnee mit den schwarzen Fußtapfen und die knarrenden, triefenden Baumgerippe. Nur wenn die Schneeflocken stunden- und stundenlang sachte und unablässig herabgefallen waren, so daß die Zweige sich neigten unter der stets wachsenden Last, hielt Johannes sich gerne in der violettfarbenen Dämmerung des schneebeschatteten Waldes auf. Das war Stille, nicht aber Tod. Und fast noch schöner war es als sommerliches Grün, wenn sich das blitzende glitzernde Weiß der gespreizten Ästlein vom hellblauen Himmel abhob oder wenn ein allzu schwer beladener Strauch das schneeige Laub von sich abschüttelte, so daß es, in einer kleinen glänzenden Wolke zerstiebend, langsam herabglitt. Eines Tages während eines Spazierganges, als er so weit gegangen war, daß er um sich her nichts anderes mehr sah als Schnee und schneetragende Zweige – halb weiß, halb schwarz, – und jeder Laut und alles Leben unter der glitzernden Hülle erstorben zu sein schien, geschah es, daß er glaubte, ein kleines weißes Tierchen rasch vor sich herlaufen zu sehen. Er folgte ihm – es glich keinem der Tiere, die er kannte – doch als er es greifen wollte, verschwand es schleunigst in einen Baumstumpf. Johannes spähte in die runde schwarze Öffnung, darinnen es verschwunden war und dachte bei sich: »Sollte das am Ende der Wistik sein?« Er dachte nicht oft an ihn. Das dünkte ihn schlecht und er wollte seine Buße nicht beeinträchtigen. Und das Leben bei den beiden guten Menschen regte ihn wenig zum Fragen an. Wohl mußte er des Abends aus einem dicken Buch vorlesen, in dem viel von Gott gesprochen wurde, allein er kannte das Buch und las gedankenlos. Nach jenem Spaziergang durch den Schnee aber lag er während der Nacht wachend in seinem Bett und blickte auf den kalten Mondenschein, der über den Fußboden spielte. Da sah er plötzlich zwei kleine Händchen, die sich über seine Bettstelle emporreckten und sich fest an den Rand klammerten. Dann erschien die Spitze eines weißen Pelzmützchens zwischen den beiden Händchen, und endlich gewahrte er unter hochgezogenen Brauen ein paar ernsthafte Äuglein. »Guten Abend, Johannes,« sagte Wistik, »ich wollte dich nur rasch an unsere Verabredung erinnern. Du kannst das Büchelchen natürlich noch nicht gefunden haben, denn der Lenz ist noch nicht gekommen. Aber du hast es doch nicht etwa vergessen? Was ist das für ein dickes Buch, in dem ich dich habe lesen sehen? – Das kann das echte nicht sein, glaube das nur ja nicht.« »Das glaube ich auch nicht, Wistik,« fügte Johannes. Dabei drehte er sich um und legte sich aufs Ohr, denn er wollte schlafen. Allein der Gedanke an das Schlüsselein wollte ihm nicht mehr aus dem Kopf. Und künftighin dachte er, während er aus dem dicken Buche vorlas, über alles nach, und nun erkannte er es ganz deutlich, daß es das echte nicht war. »Jetzt wird er kommen,« dachte Johannes, als der Schnee zum erstenmal geschmolzen war und die Schneeglöckchen hier und dort in kleinen Gruppen zum Vorschein kamen. »Ob er jetzt wohl kommen wird?« fragte er die Schneeglöckchen. Die aber wußten es nicht und blickten nach wie vor mit ihren hängenden Köpfchen zu Boden, gleich als ob sie sich, beschämt über ihre Voreiligkeit, am liebsten sogleich wieder verkrochen hätten. Wenn sie es doch nur könnten! – Der eisige Ostwind begann alsbald wieder zu blasen, und hoch türmte sich der Schnee über den voreiligen Geschöpfchen. Viele Wochen später kamen die Veilchen. Ihr süßer Duft hing in dem Gebüsch, und nachdem die Sonne warm und lange den moosigen Boden beschienen hatte, erblühten auch die bunten Primeln zu Hunderten und Tausenden. Die schüchternen Veilchen mit ihrem starken Duft waren die geheimnisvollen Vorboten kommender Herrlichkeit; die luftigen Primeln indessen die fröhliche Wirklichkeit selber. Die erwachte Erde hatte die ersten Sonnenstrahlen festgehalten und wob aus ihnen einen goldenen Zierat. »Jetzt aber! jetzt kommt er doch sicherlich,« dachte Johannes. Und voller Spannung betrachtete er die Knospen an den Zweigen, wie sie von einem Tag zum andern langsam anschwollen und sich aus der Borke lösten, bis die ersten mattgrünen Spitzchen zwischen den braunen Schuppen sichtbar wurden. Lange, lange schaute Johannes auf die grünen Blättchen. Niemals sah er, daß sie sich regten, und dennoch schienen sie ihm schon größer geworden, wenn er sich auch nur auf einen Augenblick umgewendet hatte. »Wenn ich sie ansehe, haben sie nicht den Mut,« dachte er bei sich. Schon begann das Laub Schatten zu spenden, und noch immer war Windekind nicht gekommen, und keine Taube war vor ihm niedergestrichen und kein Mäuschen hatte zu ihm gesprochen. Wenn er die Blumen anredete, nickten sie nur flüchtig, antworteten ihm aber nicht. »Ich habe meine Strafe noch nicht abgebüßt,« dachte er bei sich. Da gelangte er an einem sonnigen Lenzmorgen zu dem Teich und dem Hause. Die Fenster waren alle weit geöffnet. Sollten da wohl Menschen ihren Einzug gehalten haben? Der Vogelkirschbaum, der am Ufer des Teiches stand, war schon über und über mit zarten Blättchen bedeckt, und alle Zweige hatten feine grüne Flügelchen bekommen. Auf dem Rasen vor dem Vogelkirschbaum lag ein Mädchen. Johannes sah nur ihr hellblaues Kleid und ihr Blondhaar. Ein Rotkehlchen, das auf ihrer Schulter saß, pickte aus ihrer Hand. Da plötzlich wandte sie den Kopf und blickte Johannes an. »Guten Tag, Kleiner,« sagte sie und nickte ihm freundlich zu. Wiederum durchzuckte es Johannes vom Scheitel bis zur Sohle. Das waren Windekinds Augen, das war Windekinds Stimme. »Wer bist du?« fragte er. Seine Lippen zitterten vor Rührung. »Ich bin Robinetta! Und dies hier ist mein Vogel. Er wird sich vor dir nicht fürchten. Liebst du die Vögel?« Das Rotkehlchen fürchtete sich nicht vor Johannes. Es flog ihm auf den Arm. Das war genau so wie einst. So mußte dieses blaue Wesen also doch wohl Windekind sein. »Und nun erzähle mir mal wie du heißt, Kleiner,« sagte Windekinds Stimme. »Kennst du mich nicht? Weißt du nicht, daß ich Johannes heiße?« »Wie sollte ich das wohl wissen?« Was hatte das zu bedeuten? War es doch die wohlbekannte süße Stimme! Waren es doch die dunkeln himmelstiefen Augen! »Warum siehst du mich so an, Johannes? Hast du mich je zuvor gesehen?« »Ja, ich glaube wohl.« »Das hast du sicherlich geträumt.« Geträumt? dachte Johannes. Sollte ich denn all das andere geträumt haben? Oder träume ich jetzt? »Wo bist du gehören?« fragte er. »Sehr weit von hier, in einer großen Stadt.« »Bei Menschen?« Robinetta lachte. Es war Windekinds Lachen. »Ich glaube es wohl. Du nicht?« »Ach ja, ich auch.« »Tut dir das leid? Hast du die Menschen nicht gern?« »Nein, wer sollte die Menschen denn wohl gern haben?« »Wer? Aber Johannes, du bist wirklich ein komischer Bursche. Hast du die Tiere denn lieber?« »O ja, viel lieber – und die Blumen auch.« »Im Grunde genommen ergeht es mir zuweilen auch so. Ein einzelnes Mal. Aber es ist nicht gut. Wir sollen die Menschen lieben, sagt Vater.« »Weshalb ist das nicht gut? Ich liebe den, den ich lieben will, ob es gut ist oder nicht.« »Pfui, Johannes, hast du denn keine Eltern oder sonst jemanden, der für dich sorgt? Und hast du wirklich niemanden lieb?« »Doch,« sagte Johannes nachdenklich, »meinen Vater habe ich lieb, aber nicht, weil er gut ist, und auch nicht, weil er ein Mensch ist.« »Aber warum denn?« »Das weiß ich nicht – weil er nicht so ist wie die anderen Menschen, weil auch er die Blumen und die Vögel liebt.« »Das tue ich auch, Johannes, das siehst du ja.« Und dabei sprach Robinetta dem Rotkehlchen, das auf ihrer Hand saß, freundlich zu. »Das weiß ich,« sagte Johannes. »Und dich habe ich auch sehr lieb.« »Jetzt schon? Das geht aber schnell,« meinte das Mädchen lachend. »Wen hast du denn eigentlich wohl am liebsten?« »Wen? ...« Johannes zögerte. Sollte er Windekinds Namen nennen? – Die Furcht, daß dieser Name ihm einen Menschen gegenüber entschlüpfen könne, war unzertrennlich von all seinem Denken. Und dennoch – war dieses blonde Wesen in dem blauen Kleidchen nicht Windekind? Wer hätte es sonst wohl vermocht, ihm dieses Gefühl der Ruhe und des Glückes zu geben? »Dich,« sagte er plötzlich, und dabei senkte er einen langen Blick in die tiefen Augen. Mutig wagte er diese vollkommene Hingebung, aber ein wenig ängstlich war er trotzdem und wartete voller Spannung, was für eine Aufnahme seinem kostbaren Geschenk wohl bereitet würde. Wiederum ließ Robinetta ihr helles Lachen erschallen: zugleich aber faßte sie seine Hand und ihr Blick ward nicht kühler, ihre Stimme nicht minder innig. »Ei, Johannes,« sagte sie, »womit habe ich denn das so rasch verdient?« Johannes antwortete nicht, sondern schaute sie nur unablässig an, mit stets wachsendem Vertrauen. Robinetta stand auf und legte den Arm um Johannes' Schulter. Sie war größer als er. So wandelten sie durch den Wald und pflückten große Büsche Schlüsselblumen, bis sie sich gänzlich hätten verstecken können hinter dem Berge gelber Blüten. Das Rotkehlchen flog mit ihnen von Ast zu Ast und schaute sie mit seinen glänzenden Äuglein an. Sie sprachen nicht viel, sondern blickten sich nur hin und wieder verstohlen von der Seite an. Sie waren beide erstaunt über ihre Begegnung und halb im Ungewissen, was sie wohl voneinander zu halten hätten. Allein Robinetta mußte alsbald heim – es tat ihr leid. »Jetzt muß ich fort, Johannes. Aber willst du nicht ein ander Mal wieder mit mir spazieren gehen? Du bist wirklich ein netter Bursche,« sagte sie beim Abschiednehmen. »Wiet! Wiet!« machte das Rotkehlchen und flog hinter ihr her. Als sie verschwunden und nur ihr Bildnis noch bei ihm zurückgeblieben war, zweifelte er nicht mehr daran, wer sie sei. Sie war dieselbe, der er seine ganze Freundschaft geschenkt; der Name »Windekind« klang ihm matter in den Ohren und ward allmählich eins mit Robinetta. Und um ihn her ward alles wieder so, wie es zuvor gewesen. Die Blumen nickten lustig, und ihr Duft vertrieb ihm die wehmütige Sehnsucht nach seinem Daheim, die er bisher empfunden und fleißig genährt hatte. Inmitten all des zarten Grüns in der linden, lauen Lenzesluft fühlte er sich plötzlich heimisch wie ein Vogel, der sein Nest gefunden hat. Er mußte die Arme ausbreiten und tief aufatmen; so glücklich war er. Auf dem Heimweg schwebte die lichte, blaue Gestalt mit dem Blondhaar vor ihm her, immerfort vor ihm her, wohin er auch schauen mochte. Es war, als habe er in die Sonne geschaut und als begleite das Sonnenbild seinen Blick allüberall. Von jenem Tage an ging Johannes an jedem schönen Morgen zum Teich herüber. Er ging in aller Frühe, sobald er von dem Gezwitscher der Spatzen geweckt wurde, die in den Efeuranken vor seinem Fenster beisammen sahen, und von dem Pfeifen der Stare, die sich in dem jungen Sonnenschein tummelten. Dann eilte er behende durch das feuchte Gras bis an das Haus und wartete dort hinter den Fliederbüschen, bis sich die Glastüre öffnete und er die lichte Gestalt auf sich zukommen sah. Dann durchstreiften sie den Wald und die Dünen, die den Wald begrenzten. Sie plauderten über alles, was sie sahen, über die Bäume und die Pflanzen und die Dünen. Den Johannes überkam ein ganz seltsames schwindelähnliches Gefühl, während er neben ihr herging; ab und zu glaubte er wiederum so leicht zu sein, daß er durch die Lüfte hätte fliegen können. Allein das geschah niemals. Er erzählte die Geschichten, die er durch Windekind von den Blumen und den Tieren wußte. Doch er vergaß, wie er sie gelernt, und Windekind existierte nicht mehr für ihn, bloß noch Robinetta. Er war selig, wenn sie ihn anlächelte und er in ihren Augen Freundschaft las, und er sprach zu ihr, so wie er früher zu seinem Hündchen gesprochen: – Und alles, was ihm einfiel, sagte er ihr, ohne Scheu und ohne Zögern. Während der Stunden, da er sie nicht sah, gedachte er ihrer, und bei jeder Arbeit, die er verrichtete, fragte er sich, ob Robinetta das wohl gut und schön finden würde. Und sie selber schien stets so erfreut, wenn sie ihn sah; dann lächelte sie und ging eiligeren Schrittes. Sie hatte ihm auch gesagt, daß sie mit niemandem so gern umherwandere, wie mit ihm. »Aber, Johannes,« sagte sie eines Tages, »woher weißt du denn das alles? Woher weißt du, was die Maikäfer denken, was die Drosseln singen, und wie es in der Kaninchenhöhle und auf dem Grunde des Wassers aussieht?« »Sie haben es mir erzählt,« antwortete Johannes. »Ich bin selber in einer Kaninchenhöhle und auf dem Grunde des Wassers gewesen.« Robinetta runzelte die seinen Brauen und blickte ihn halb spöttisch an. Doch sie fand, daß er ohne Falsch sei. Sie saßen unter dem Fliederbusch, dessen schwere violettfarbene Blütendolden sich tief herabneigten. Vor ihnen lag der Teich mit seinem Schilf und seinem Entengrün. Sie sahen die schwarzen Käfer kreisförmig über die Oberfläche gleiten und rote Spinnen geschäftig auf- und niedertauchen. Es wimmelte dort unten von emsigem Leben. Johannes blickte, in Erinnerungen versunken, in die Tiefe und sagte: »Einst bin ich dort untergetaucht; ich ließ mich an einem Schilfrohr hinabgleiten und gelangte auf den Grund. Der ist ganz mit dürren Blättern überdeckt und es geht sich darauf so leicht und so sacht. Dort herrscht allzeit Dämmerung, grünliche Dämmerung, denn das Licht fällt durch das Entengrün, dessen lange weiße Wurzeln ich über mir herabhängen sah. Salamander schossen um mich her, denn die sind sehr neugierig. Es ist seltsam, wenn so große Tiere so über einem herschwimmen – weit konnte ich nicht sehen, denn vor mir war es dunkel, aber gleichfalls alles grün. Und aus jenem Dunkel kamen die Tiere wie schwarze Schatten zum Vorschein. Wasserkäfer mit Rudern und platte Wasserläufer und ab und zu auch ein ganz kleines Fischlein – ich ging sehr weit – wohl stundenweit, glaube ich, und mitten darin war ein großer Wald von Wasserpflanzen, an denen Schnecken emporkrochen und große Wasserspinnen ihre glitzernden Nestchen bauten. Stichlinge schossen mitten hindurch und starrten mich oftmals mit weitgeöffnetem Munde und zitternden Flossen an – so erstaunt waren sie. Dort habe ich die Bekanntschaft eines Aales gemacht, dem ich aus Versehen auf den Schwanz trat. Der hat mir von seinen Reisen berichtet: er sei sogar bis ins offene Meer hinausgekommen. Darum habe man ihn zum König des Teiches ernannt – denn keiner sei so weit gereist, wie er. Er lag immerfort im Schlamm und schlief immer, nur dann nicht, wenn ihm die anderen etwas zu fressen brachten. Er fraß entsetzlich viel. Und zwar, weil er König war – man wollte gerne einen recht dicken König haben, weil sich das so gut ausnahm. O, in jenem Teich war es gar zu herrlich!« »Warum kannst du denn jetzt nicht mehr dahin gehen?« »Jetzt?« fragte Johannes und blickte sie mit großen sinnenden Augen an. »Jetzt? Jetzt kann ich nicht mehr. Ich würde darin ertrinken. Aber es ist auch nicht nötig. Ich bin lieber hier unter dem Fliederbusch und bei dir.« Robinetta schüttelte verwundert das blonde Köpfchen und strich Johannes über das Haar. Darauf blickte sie zu dem Rotkehlchen hinüber, das am Ufer des Teiches allerhand Leckerbissen zu finden schien. Es blickte flüchtig auf und schaute die beiden mit seinen klaren Äuglein an. »Verstehst du etwas davon, Vögelein?« Scheu blickte das Vöglein sich um und fuhr dann fort zu suchen und zu picken. »Erzähle mir weiter, Johannes, was du sonst noch gesehen hast.« Das tat Johannes gerne, und Robinetta hörte ihm zu, aufmerksam und gläubig. »Aber warum hat denn das alles aufgehört? Warum kannst du jetzt nicht mit mir dorthin gehen? Ich möchte es auch gar so gerne.« Johannes versuchte sich zu erinnern; allein ein sonniger Flor deckte den dunkeln Abgrund, den er überschritten. Er wußte nicht mehr so recht, wie er sein einstiges Glück verloren hatte. »Ich weiß es nicht – ein kleines häßliches Wesen hat alles verdorben. Aber jetzt ist alles wieder gut. Und noch besser als zuvor.« Aus den Sträuchern schwebte der Duft des Flieders auf sie herab, und das Summen der Fliegen auf dem Wasserspiegel und die stillen Sonnenstrahlen wiegten sie in eine süße Betäubung. Bis eine Glocke aus dem Hause mit greller Schwingung zu läuten begann und Robinetta hurtig davoneilte. Als Johannes an jenem Abend in sein Stübchen kam und die Mondschatten auf den Efeublättern und an den Fensterscheiben vorübergleiten sah, schien es ihm, als würde leise an das Fenster gepocht. Johannes meinte, es sei wohl ein Efeublatt, das im Nachtwind erzitterte. Allein es klopfte so vernehmlich, immer dreimal nacheinander, daß Johannes endlich leise das Fenster öffnete und sich behutsam umschaute. Die Efeublätter, die sich an dem Häuschen emporrankten, schimmerten in bläulichem Schein – unter ihnen lag eine düstere geheimnisvolle Welt, da waren Höhlen und Schluchten, in die das Mondenlicht kleine blaue Funken warf, die ihre Dunkelheit nur noch dunkler erscheinen ließen. Nachdem Johannes lange in diese wundersame Schattenwelt gestarrt, gewahrte er endlich dicht neben dem Fenster, hinter einem großen Efeublatt verborgen, die Gestalt eines kleinen Männleins. Sogleich erkannte er Wistik an den großen verwunderten Augen unter hochgezogenen Brauen. Auf Wistiks lange Nasenspitze warf der Mond einen seiner kleinen Funken. »Hast du mich vergessen, Johannes? Warum denkst du jetzt nicht daran? Die Zeit ist günstig. Hast du Rotkehlchen nicht nach dem Wege gefragt?« »Ach, Wistik, warum sollte ich es wohl fragen? Ich habe alles, was ich mir wünschen kann. Ich habe Robinetta.« »Das aber wird nicht lange währen, und du kannst noch glücklicher werden – und Robinetta sicherlich auch. Und soll das Schlüsselein denn dort liegen bleiben? Denke doch nur, wie wundervoll es wäre, wenn ihr beide das Büchelchen fändet. Frage du nur das Rotkehlchen danach; ich werde dir helfen, so ich es vermag.« »Ich kann es ja immerhin mal fragen,« sagte Johannes. Wistik nickte und kletterte behende hinab. Bevor er zu Bette ging, schaute Johannes noch lange auf die dunkeln Schatten und die glänzenden Efeublätter. Am folgenden Tage fragte er das Rotkehlchen, ob es den Weg wisse zu dem kleinen goldenen Schrein. Robinetta hörte staunend zu. Johannes sah, wie das Rotkehlchen nickte und Robinetta verstohlen anschaute. »Hier nicht! Hier nicht!« sang das Vöglein zwitschernd. »Was meinst du doch eigentlich, Johannes?« fragte Robinetta. »Weißt du denn nichts davon, Robinetta? Weißt du nicht, wo es zu finden ist? Wartest du nicht auf das goldene Schlüsselein?« »Nein, nein, aber erzähle mir doch einmal! Was ist denn das?« Johannes erzählte, was er von dem Büchelchen wußte. »Und ich habe das Schlüsselchen; und ich glaubte, du hättest den kleinen goldenen Schrein. Ist dem nicht so, lieb Vögelein?« Das Vöglein aber tat, als höre es nicht, und flatterte unruhig in dem Laubwerk der jungen grünen Buchen umher. Sie saßen an einem Dünenhang, an dem kleine Buchen und Tannen wuchsen. Ein schmaler grüner Pfad führte schräge hinauf und sie saßen an dessen Rande in dichtem, dunkelgrünem Moos. Sie konnten über die Wipfel der niedrigsten Bäume hinwegblicken und auf ein grünes Laubmeer mit hell und dunkel gefärbten Wogen. »Ich glaube wohl, Johannes,« sagte Robinetta nachdenklich, »daß ich das, was du suchst, für dich zu finden vermag. Aber was meinst du denn eigentlich mit dem Schlüsselein? Wie kommst du darauf?« »Ja, wie war das doch? Wie war das doch gleich?« murmelte Johannes vor sich hin, während er über das Grün hinweg in weite Fernen starrte. Gleich als wären sie aus dem sonnigen Blau erstanden, tauchten plötzlich zwei weiße Falter vor seinen Blicken auf. Sie flatterten und zitterten und glitzerten in dem Sonnenlicht in unbestimmtem, jäh wechselndem Fluge. Allein sie kamen näher. »Windekind! Windekind!« flüsterte Johannes, sich ganz seiner Erinnerung hingebend. »Wer ist das, Windekind?« fragte Robinetta. Das Rotkehlchen flog zwitschernd auf, und die Maßliebchen, die vor ihnen im Grase wuchsen, schienen Johannes mit ihren weitgeöffneten weißen Äuglein entsetzt anzustarren. »Hat der dir das Schlüsselein gegeben?« fragte das Mädchen weiter. Johannes nickte schweigend; sie aber wollte mehr wissen. »Wer war das? Hat der dich das alles gelehrt? Wo ist er?« »Jetzt ist er nicht mehr da. Jetzt ist es Robinetta, nichts anderes als Robinetta, nur Robinetta allein.« Er umfaßte ihren Arm und preßte seinen Kopf dagegen. »Dummer Bub«, sagte sie lachend, »ich werde dir helfen, daß du das Büchelchen findest – ich weiß, wo es ist.« »Aber dann muß ich erst gehen und den Schlüssel holen, und der ist weit fort.« »Nein, nein, das ist nicht nötig, ich finde es auch ohne Schlüsselein. Morgen, morgen, ich verspreche es dir.« Als sie heimgingen, flatterten die kleinen Falter vor ihnen her. In jener Nacht träumte Johannes von seinem Vater, von Robinetta und von vielen anderen. Sie alle waren ihm gute Freunde: sie umringten ihn und blickten ihn innig und voll Zutrauen an. Doch plötzlich wandelten sich ihre Züge, ihre Blicke wurden kühl und spöttisch – er schaute sich ängstlich um – und sah an allen Seiten grausame feindliche Gesichter. Ihn befiel eine namenlose Angst, und weinend erwachte er. Lange schon saß Johannes wartend da. Die Luft war kühl und große Wolken trieben dicht über der Erde in endloser stattlicher Folge. Sie breiteten ihre düstergrauen weitwogenden Mäntel aus und kräuselten ihre stolzen Köpfe in dem klaren Licht, das dort oben erstrahlte. Wunderbar schnell wechselten Sonnenlicht und Schatten auf den Bäumen einander ab, wie ein stets von neuem aufloderndes Feuer. Johannes ward es ganz ängstlich zumute; er sann über das Büchelchen nach und wollte nicht recht daran glauben, daß er es heute finden würde. Zwischen den Wolken, viel höher, unendlich hoch, sah er das klare, straffe Blau und darauf zarte, weiße, flaumgleiche Wölkchen in friedlich-unbeweglicher Ruhe hingestreckt. »So muß es sein«, dachte er, »so hoch, so licht, so still.« Da kam Robinetta; das Rotkehlchen war nicht bei ihr. »Es ist gut, Johannes«, rief sie laut, »du darfst kommen und das Buch sehen.« »Wo ist das Rotkehlchen?« fragte Johannes zweifelnd. »Das ist nicht mitgekommen, wir gehen ja doch nicht spazieren.« Er folgte ihr und dachte immer und immerfort: »Es kann nicht sein; so kann es nicht sein, es müßte alles ganz anders sein.« Dennoch folgte er dem schimmernden Blondhaar, das vor ihm herleuchtete. Ach! und jetzt erging es dem kleinen Johannes gar traurig. Ich wünschte, daß seine Geschichte hier zu Ende wäre. Habt ihr wohl einmal wunderbar herrlich geträumt von einem Zaubergarten, von Blumen und Tieren, die euch lieb hatten und die zu euch sprachen? Und ist euch dann auch wohl einmal im Traum plötzlich das Bewußtsein gekommen, daß ihr alsbald erwachen und all jene Herrlichkeit verlieren würdet? Dann müht ihr euch vergeblich, sie festzuhalten, und wollt das kalte Morgenlicht nicht sehen. Solch ein Gefühl beschlich Johannes, während er Robinetta folgte. Er kam in das Haus, in einen Flur, in dem seine Schritte kräftig widerhallten. Er roch den Duft von Speisen und Kleidern: er dachte an lange Tage, die er daheim hatte verbringen müssen – an Schulaufgaben und an alles das, was jemals in seinem Leben kalt und düster gewesen. Er betrat ein Zimmer, in dem sich Menschen aufhielten. Wieviele es waren, das sah er nicht. Sie plauderten, doch als er eintrat, ward es plötzlich ganz still. Er blickte auf den Teppich, darauf prangten große Blumen in grellen Farben. Sie waren ebenso seltsam und so mißgestaltet, wie die auf der Tapete daheim in seinem Schlafstübchen. »Ist das nun der kleine Gärtnerbursche?« fragte eine Stimme, ihm gerade gegenüber. »Komm du nur her, Freundchen, du brauchst dich nicht zu fürchten.« Und plötzlich erklang neben ihm eine andere Stimme: »Du, Robbi, da hast du dir aber einen netten Schatz ausgesucht.« Was hatte das alles zu bedeuten? – Wiederum legten sich tiefe Schatten über Johannes' dunkle Kinderaugen, und erschreckt und ratlos blickte er um sich. Da saß ein schwarz gekleideter Mann, der ihn mit kalten, grauen Augen ansah. »So, so, du wolltest also das Buch der Bücher kennen lernen? Es wundert mich, daß dein Vater, den ich als einen frommen Mann kenne, dir das nicht gegeben hat.« »Sie kennen meinen Vater nicht – der ist weit fort.« »So – nun, das ist ganz gleich. Sieh, mein kleiner Freund, hierin sollst du fleißig lesen, es wird dir auf deinem Lebenswege ...« Johannes aber hatte das Buch bereits erkannt. So konnte er auch nicht dazu gelangen, das mußte ganz anders zugehen. Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein, das ist es nicht, was ich meine. Dieses kenne ich. Dies ist es nicht.« Er hörte Ausrufe des Staunens und fühlte die stechenden Blicke, die ihn von allen Seiten trafen. »Wie? Was meinst du denn eigentlich, du kleiner Mann?« »Ich kenne dieses Buch, es ist das Menschenbuch. Aber es ist nicht das rechte – denn sonst würde unter den Menschen Ruhe und Frieden herrschen, und die sind nirgendwo zu finden. Ich meine etwas anderes – etwas, an dem niemand zweifeln kann, der es sieht. Ich meine ein Buch, in dem beschrieben steht, warum alles so ist, wie es ist, ganz klar und deutlich.« »Wie ist das nur möglich? Wo hat der Junge das her?« »Wer hat dich das gelehrt, Freundchen?« »Ich glaube, daß du ganz verkehrte Bücher gelesen hast, mein Junge, und daß du das alles jetzt nachschwätzest.« So und ähnlich klangen die Stimmen. Johannes fühlte, wie seine Wangen erglühten. Ihn schwindelte. Das Zimmer drehte sich vor seinen Blicken und die großen Blumen im Teppich schwebten auf und nieder. Wo war das Mäuschen, das ihn in der Schule an jenem ersten Tage so getreulich gewarnt hatte? Jetzt brauchte er es gar nötig. »Ich schwätze nichts aus Büchern nach, und der mich das alles gelehrt hat, gilt mehr, als Ihr alle zusammen. Ich kenne die Sprache der Blumen und der Tiere, ich bin ihr Vertrauter. Ich weiß auch, was Menschen sind und wie sie leben. Ich kenne all die Geheimnisse der Feen und der Heinzelmännchen, denn mich haben sie lieber als die Menschen.« Mäuslein! Mäuslein! Um sich her und hinter sich hörte Johannes Kichern und Lachen. In seinen Ohren summte und sauste es gar seltsam. »Er scheint Andersen gelesen zu haben.« »Er ist nicht recht gescheit.« Der Mann ihm gegenüber sagte: »Wenn du Andersen kennst, Kleiner, dann müßtest du doch wohl etwas mehr Ehrfurcht vor Gott und seinem Worte hegen.« »Gott«, dieses Wort kannte er, und er gedachte der Lehren Windekinds. »Ich hege keine Ehrfurcht vor Gott. Gott ist eine große Petroleumlampe, durch die Tausende irregeführt werden und verunglücken.« Kein Gelächter – dafür aber eine beklemmende Stille, in der Abscheu und Entsetzen fühlbar umgingen. Johannes fühlte die stechenden Blicke, die auf ihm ruhten. Ihm war zumute wie in dem Traum der verflossenen Nacht. Der schwarz gekleidete Mann erhob sich und packte ihn beim Arm. Das tat weh und hätte ihm beinahe den Mut zerbrochen. »Höre mal, mein Junge, ich weiß nicht, ob du nicht recht gescheit oder ob du durch und durch verdorben bist. Aber solche Gottlosigkeit dulde ich hier nicht – geh jetzt, und komm' mir nicht wieder unter die Augen, das sage ich dir. Ich werde nicht verfehlen, Nachfrage nach dir zu halten, aber in diese Gegend setzest du keinen Fuß mehr. Verstanden?« Aller Blicke waren kalt und feindlich, genau so wie in der verflossenen Nacht. Ängstlich schaute Johannes um sich. »Robinetta! Wo ist Robinetta?« »Jawohl, ich werde mir mein Kind verderben lassen! Nimm dich in acht, wenn du je wieder mit ihr zu sprechen wagst.« »Nein, laßt mich zu ihr, ich will sie nicht verlassen. Robinetta!« rief Johannes weinend. Die aber saß angstbeklommen in einer Ecke und blickte nicht auf. »Mach, daß du fortkommst, Schlingel, hörst du denn nicht? Und daß du dich nicht unterstehst, jemals hierher zurückzukommen!« Und die derb und schmerzhaft zugreifende Hand führte ihn durch den schallenden Flur – die Glastür klirrte – und Johannes stand draußen unter dem dunkeln, tief herabhängenden Gewölk. Er weinte nicht mehr, sondern starrte nur still vor sich hin, während er langsam weiterging. Die trüben Schatten über seinen Augen hatten sich vertieft und verloren sich nicht mehr. Das Rotkehlchen saß in einem Lindenbaum und blickte ihn an. Er stand stille und blickte schweigend zu ihm herüber. Allein es sprach kein Zutrauen mehr aus den scheuen, spähenden Äuglein, und als er um einen Schritt näher trat, flog das flinke Tierchen eiligst von dannen. »Fort, fort, ein Mensch!« zwitscherten die Spatzen, die auf dem Gartenpfad beisammen saßen, und schleunigst stoben sie auseinander. Auch die aufgeblühten Blumen lachten nicht, sondern schauten ernst und gleichgültig drein, so wie sie es jedem Fremden gegenüber zu tun pflegen. Johannes aber verstand dieses Zeichen nicht, sondern dachte nur an die Kränkung, die ihm von den Menschen widerfahren. Ihm war, als habe man ihm sein Innerstes, Heiligstes mit kalten, harten Händen entweiht. »Sie sollen mir glauben«, dachte er; »ich werde mein Schlüsselein»holen und es ihnen zeigen.« »Johannes! Johannes!« rief plötzlich ein seines Stimmchen. Da war ein kleines Vogelnest in einem Myrthendorn, und Wistiks große Augen schauten über den Rand. »Wo willst du hin?« »Es ist alles deine Schuld, Wistik,« sagte Johannes. »Laß mich in Ruhe.« »Warum sprichst du denn auch mit Menschen darüber? Menschen verstehen dich doch nicht. Warum erzählst du den Menschen diese Dinge? Das ist sehr dumm von dir.« »Sie haben mich ausgelacht und mir wehe getan. Es sind abscheuliche Geschöpfe, ich hasse sie.« »Nein, Johannes, du liebst sie.« »Nein, nein!« »Sonst würde es dich weniger schmerzen, daß sie anders sind als du; und was sie sagen, würde dir ganz gleichgültig sein. Du mußt dich weniger um die Menschen kümmern.« »Ich will mein Schlüsselein: ich will es ihnen zeigen.« »Das mußt du nicht tun, sie würden dir doch nicht glauben. Wozu denn?« »Ich will mein Schlüsselein holen, unter dem Rosenstrauch. Weißt du den zu finden?« »Ja, ja, dort drüben am Teich, nicht wahr? Ja, ja, ich weiß wohl.« »So führe mich dorthin«, bat Johannes. Wistik kletterte Johannes auf die Schulter und zeigte ihm den Weg. Sie liefen den ganzen Tag – es ging ein starker Wind, und von Zeit zu Zeit fiel ein Regenschauer herab; allein gegen Abend wurden die Wolken still und dehnten sich zu langen goldiggrauen Streifen. Als sie an die Düne kamen, die Johannes kannte, ward es ihm weich ums Herz und er flüsterte einmal übers andere: »Windekind! Windekind!« Da war der Kaninchenbau – und die Düne, an deren Hang er einst geschlafen hatte. Das graue Renntiermoos war weich und feucht und raschelte nicht unter seinem Fuße. Die Rosen waren aufgeblüht und die gelben Nachtkerzen mit ihrem süßlichen betäubenden Duft streckten ihre Kelche zu Hunderten empor. Höher noch erhoben sich die langen stolzen Fackeldisteln mit ihren dicken filzigen Blättern. Suchend spähte Johannes nach dem seinen bräunlichen Laub der Dünenrose. »Wo ist sie, Wistik? ich sehe sie nicht.« »Davon weiß ich nichts«, antwortete Wistik. »Du hast das Schlüsselein verborgen, nicht ich.« Wo einst die Rose geblüht, war jetzt ein Feld voll gelber Blumen, die seelenlos hinaufblickten. Johannes befragte sie und auch die Fackeldisteln. Die aber waren viel zu stolz, denn ihre langen Blütendolden ragten hoch über ihn empor und so fragte er denn die kleinen dreifarbigen Veilchen, die auf dem sandigen Boden wuchsen. Allein niemand wußte etwas von der Dünenrose. Sie alle stammten aus diesem Sommer. Sogar die eingebildete Fackeldistel, die so hoch gewachsen war. »Ach, wo ist sie? wo ist sie?« »Also hast auch du mich gefoppt«, sagte Wistik. »Ich dachte es mir beinahe, so ergeht es Einem immer mit den Menschen.« Und er ließ sich von der Schulter des kleinen Johannes herabgleiten und eilte davon durch die Halme. Verzweifelt schaute Johannes um sich her. – Dort stand ein kleiner Dünenrosenstrauch. »Wo ist die Rose?« fragte Johannes. »Die große, die hier früher gestanden?« »Wir sprechen nicht mit Menschen«, antwortete der kleine Strauch. Das war das Letzte, was er hörte – alles Lebendige um ihn her schwieg, nur die Halme rauschten leise in dem sanften Abendwind. »Bin ich ein Mensch?« dachte Johannes. »Nein, das kann nicht, das kann nicht sein. Ich will kein Mensch sein, ich hasse die Menschen.« Er war müde und sein Denken trübe. Er streckte sich am Rand des kleinen Feldes auf weiches graues Moos hin, das einen starken feuchten Duft ausströmte. »Jetzt kann ich nicht zurückkehren, und auch Robinetta werde ich nicht wiedersehen. Ob ich nicht sterben werde, wenn ich sie nicht habe? Ob ich wohl am Leben bleibe und ein Mensch wie jene andern, die mich auslachten?« Da sah er plötzlich wieder die beiden weißen Falter, die von dorther, wo die Sonne unterging, zu ihm herüberflatterten. Gespannt folgte er ihrem Fluge. Ob sie ihm wohl den Weg weisen würden? Sie flogen über seinem Kopfe dahin, näherten sich einander, trennten sich dann wieder und umkreisten sich beständig in launigem, neckischem Spiel. Langsam entfernten sie sich von der Sonne und schwebten endlich über den Dünenrand dem Walde zu; nur dessen höchste Wipfel flammten noch in der Abendglut, die grellrot unter den langen düsteren Wollenzügen brannte. Johannes folgte ihnen. Aber als sie über den ersten Bäumen waren, da sah er, wie ein dunkler Schatten ihnen in unhörbar flatterndem Fluge folgte und sie einholte. Im nächsten Augenblick waren sie verschwunden. Der schwarze Schatten flog auf ihn zu, und angstvoll bedeckte er das Gesicht mit beiden Händen. »Ei, Kleiner, was sitzest du da und weinst?« klang eine scharfe spöttische Stimme dicht neben ihm. Johannes hatte eine große Fledermaus auf sich zufliegen sehen, aber als er aufblickte, da stand auf der Düne ein schwarzes Männlein, das nicht größer war als er selber. Er hatte einen großen Kopf mit langen Ohren, die sich dunkel vom lichten Abendhimmel abhoben und einen hageren Körper auf dünnen Beinen. Von seinem Gesicht sah Johannes nur die kleinen funkelnden Augen. »Hast du etwas verloren, Kleiner? dann will ich dir suchen helfen,« sagte er. Johannes aber schüttelte schweigend den Kopf. »Sieh mal! soll ich dir das schenken?« hub er dann von neuem an, während er die Hand öffnete. Darinnen sah Johannes etwas Weißes, das sich von Zeit zu Zelt flüchtig regte. Es waren die kleinen weißen Falter, die sterbend mit den zerrissenen gebrochenen Flügelchen schlugen. Johannes fühlte einen Schauder, gleich als blase ihm jemand heftig gegen den Hinterkopf, und voller Entsetzen blickte er zu dem seltsamen Wesen auf. »Wer bist du?« fragte er. »Möchtest du meinen Namen wissen, Kleiner? Nun, nenne du mich nur Klauber. Kurzweg Klauber. Ich habe zwar noch schönere Namen, aber die verstehst du doch nicht.« »Bist du ein Mensch?« »Nun hör doch bloß einer an! Ich habe doch wahrhaftig Arme und Beine und einen Kopf – und sieh mal, was für einen Kopf! – und nun fragt mich solch ein Bürschlein, ob ich ein Mensch sei. Aber, Johannes, Johannes!« und dabei lachte das Männchen mit schrillem piependem Klang. »Wie weißt du denn, wer ich bin?« fragte Johannes. »O, das ist ein Leichtes für mich, ich weiß noch viel, viel mehr. Ich weiß auch, woher du kommst und was du hier suchst. Ich weiß erstaunlich viel, beinahe alles.« »Ach, Herr Klauber!« »Klauber, kurzweg Klauber, bitte keine Umstände.« »Wißt ihr denn auch ...« Aber plötzlich verstummte Johannes. »Er ist ein Mensch«, dachte er. »Von deinem Schlüsselein, meinst du? Ja, freilich.« »Und ich glaubte doch, daß Menschen davon nichts wissen könnten.« »Dummer Junge! Und Wistik hat es doch schon so vielen verraten!« »Kennst du den Wistik denn auch?« »O ja, er ist einer meiner besten Freunde – und ich habe viele Freunde. – Aber das wußte ich auch schon ohne Wistik. Ich weiß viel mehr als Wistik. Wistik ist ein guter Kerl, aber dumm, außerordentlich dumm. Ich aber nicht, ganz im Gegenteil.« – Und dabei schlug sich Klauber mit seinen mageren Händchen selbstgefällig auf den großen Kopf. »Weißt du, Johannes«, fuhr er fort, »was Wistiks größtes Gebrechen ist? Du darfst es ihm aber niemals sagen, sonst wird er sehr ärgerlich.« »Nun, was denn?« fragte Johannes. »Daß er gar nicht besteht. Das ist natürlich ein großes Gebrechen, das er aber nicht eingestehen will. Und er behauptet von mir, daß ich nicht bestehe – aber das lügt er. Und ob ich bestehe! Teufel noch mal!« Und dabei steckte Klauber die Schmetterlinge in seine Tasche und stellte sich plötzlich vor Johannes auf den Kopf. Dabei grinste er gar scheußlich und streckte eine lange Zunge heraus. Johannes, den es ohnehin schon grauste, mit diesem wunderlichen Wesen bei hereinbrechender Nacht so ganz allein in den Dünen zu sein, zitterte jetzt vor Angst. »Das ist eine reizende Art und Weise sich die Welt anzusehen«, sagte Klauber, noch immer auf dem Kopf stehend. »Wenn du willst, so werde ich es dich auch lehren. Man sieht alles dann viel schärfer und viel natürlicher.« Und dabei zappelte er mit den spindeldürren Beinchen in der Luft umher und drehte sich auf seinen Händen um und um. Als der rote Abendschein auf das umgekehrte Gesicht fiel, fand Johannes es abscheulich. Die kleinen Äuglein zwinkerten im Licht und zeigten das Weiß an der Seite, wo man es in der Regel nicht zu sehen pflegt. »Siehst du, so erscheinen die Wolken wie der Boden – und die Erde wie der Deckel der Welt. Man kann das ebenso gut behaupten wie das Gegenteil. Es gibt doch weder ein Oben noch ein Unten. Schön müßte es sich wandeln lassen dort auf den Wolken.« Johannes blickte hinauf zu den langen Wolkenzügen. Er fand, daß sie einem gepflügten Acker voll roter Furchen glichen, und es war, als quelle Blut daraus empor, über dem Meer leuchtete das Tor der Wolkengrotte. »Kann man dorthin gehen und da hinein gelangen?« fragte er. »Unsinn!« sagte Klauber, der zu des Johannes großer Beruhigung plötzlich wieder auf den Füßen stand. »Unsinn! wenn du dort bist, ist alles genau so wie hier – und dann scheint all das Schöne wieder um ein wenig weiter fortgerückt zu sein. In jenen schönen Wolken ist es kalt und grau und neblig.« »Ich glaube dir nicht,« sagte Johannes. »Jetzt sehe ich es erst so recht, daß du ein Mensch bist!« »So, so, du glaubst mir also nicht, mein bester Junge, weil ich ein Mensch bin? Ja, sag mal, bist du denn etwa selber was gar so Besonderes?« »Ach, Klauber, bin ich denn auch ein Mensch?« »Ja, was glaubst du denn? Ein Elfe etwa? Elfen verlieben sich nicht.« Und Klauber setzte sich dem Johannes gerade gegenüber, kreuzte die Beine und grinste ihn unverwandt an. Johannes fühlte sich unter diesem Blick unsäglich verlegen und beklommen, und am liebsten hätte er sich verkrochen oder unsichtbar gemacht. Allein er vermochte die Augen nicht abzuwenden. »Nur Menschen verlieben sich, Johannes, hörst du wohl? Und das ist auch gut so, denn sonst würde es schon längst keine mehr geben. Und du hast dich bis über die Ohren verliebt, so jung wie du bist. An wen denkst du jetzt eben?« »An Robinetta!« flüsterte Johannes kaum hörbar. »Nach wem sehnst du dich am meisten?« »Nach Robinetta.« »Ohne wen glaubst du nicht leben zu können?« Johannes' Lippen flüsterten fast lautlos: »Robinetta!« »Ei nun, Kleiner,« sagte Klauber grinsend, »wie kommst du denn dazu, dir einzubilden, du seist ein Elfe? Elfen verlieben sich nicht in Menschenkinder.« »Aber es war Windekind ...« stammelte Johannes in seiner Verlegenheit. Da schaute Klauber mit einem Mal entsetzlich falsch drein und packte Johannes mit seinen knochigen Händchen bei den Ohren. »Was ist das für ein Unsinn! Wolltest du mich etwa mit dem Kauz bange machen? Der ist noch viel dümmer als Wistik – viel, viel dümmer. Der weiß überhaupt nichts. Und was viel schlimmer ist, er besteht gar nicht und hat niemals bestanden. Nur ich bestehe, begreifst du mich? Und wenn du mir nicht glaubst, so werde ich es dich schon fühlen lassen, daß ich da bin.« Und dabei zupfte er den armen Johannes ganz empfindlich an den Ohren. Der rief: »Aber ich kenne ihn doch schon so lange, und so weit, so weit bin ich mit ihm fortgezogen.« »Du hast geträumt, sage ich dir. Wo ist denn dein Rosenstrauch und dein Schlüsselein, he? – Aber jetzt träumst du nicht, fühlst du das wohl?« »Au! au!« rief Johannes; denn Klauber kniff ihn. Es dunkelte bereits und die Fledermäuse strichen unter schrillem Kreischen dicht an ihren Köpfen vorüber. Der Himmel war schwer und schwarz – im Walde regte sich kein Blättlein. »Darf ich heim gehen?« bat Johannes flehentlich. »Zu meinem Vater?« »Zu deinem Vater? Was willst du denn dort?« fragte Klauber. »Der Mann wird dich wohl nicht allzu freundlich empfangen, nachdem du so lange fort geblieben bist.« »Ich sehne mich nach Hause,« sagte Johannes, und er gedachte des traulichen hellerleuchteten Wohnzimmers, in dem er so oft mit seinem Vater gesessen und dem Kritzeln seiner Feder gelauscht hatte. Dort war es friedlich und behaglich. »Ja, dann hattest du nur nicht fortgehen und fortbleiben sollen. Um dieses Einfaltspinsels willen, der überhaupt gar nicht einmal besteht. Jetzt ist es zu spät. Und es macht auch gar nichts, ich werde schon für dich sorgen. Ob ich das tue oder dein Vater, das ist im Grunde genommen genau dasselbe. So 'n Vater, – das ist alles doch nur Einbildung. Hast du ihn dir etwa selber ausgesucht? Glaubst du denn, daß es nicht andere gibt, die ebenso gut und ebenso klug sind? Ich bin ebenso gut und viel klüger, – viel klüger noch.« Johannes hatte nicht den Mut zu antworten. – Er schloß die Augen und nickte müde. »Und von jener Robinetta hast du auch nichts zu erwarten,« fuhr der kleine Mann fort. Er legte Johannes die Hände auf die Schultern und sprach, jetzt ganz dicht an seinem Ohr: »Das Kind hat dich ebenso gut zum Narren gehalten wie die Andern. Sahst du denn nicht, daß sie still in ihrer Ecke sitzen blieb und kein Wort sagte, während man dich auslachte? Sie ist um kein Haar besser als all die übrigen. Sie fand, daß du ein nettes Bürschlein seist und hat mit dir gespielt und zwar so, wie sie mit einem Maikäfer spielen würde. Ihr lag nichts daran, ob du fortgingst oder nicht, und von jenem Büchelchen wußte sie gar nichts. Ich aber wohl – ich weiß wo es ist, und ich will dir suchen helfen. Ich weiß beinahe alles.« Und Johannes begann ihm zu glauben. »Kommst du mit? Willst du mit mir suchen?« »Ich bin so müde,« sagte Johannes, »laß mich doch irgendwo schlafen.« »Ich bin im allgemeinen kein Freund vom Schlafen,« sagte Klauber, »dazu bin ich viel zu lebhaft. – Ein Mensch soll immerfort denken und aus den Augen schauen. Aber ein kleines Weilchen will ich dir doch Ruhe gönnen – auf morgen also.« Darauf machte er das freundlichste Gesicht, das er zu machen imstande war, und Johannes blickte starr in die glitzernden Äuglein – bis er nichts anderes mehr sah. Der Kopf wurde ihm schwer, und müde lehnte er sich an den moosbewachsenen Dünenhang. Die Äuglein schienen aus immer weiterer und weiterer Ferne zu leuchten, bis sie Sterne am stillen Nachthimmel wurden. Ihm war, als höre er den Klang ferner Stimmen, als weiche die Erde unter seinen Füßen – dann hörte sein Denken auf. Noch bevor er so recht wach war, überkam ihn das unbestimmte Empfinden, daß etwas Seltsames mit ihm geschehen sein müsse, während er schlief. Dennoch trieb es ihn nicht, es zu wissen und um sich her zu schauen. Er wollte wieder zurück in den Traum, der wie ein träger Nebel langsam schwand – in dem Traum war Robinetta wieder zu ihm gekommen und hatte ihm sanft übers Haar gestrichen, so wie einst – und seinen Vater hatte er wiedergesehen, und Presto in dem Garten, darinnen der Teich lag. »Au!« das tat weh. Wer das wohl tun mochte? – Johannes öffnete die Augen und sah in der grauen Morgendämmerung dicht neben sich einen kleinen Menschen, der ihn an den Haaren zupfte. Er lag in einem Bett und das Licht war matt und unbestimmt, wie in einem Zimmer . Allein das Gesicht, das sich über ihn neigte, führte ihm mit einem Schlage wieder all das Elend und die ganze Trostlosigkeit des gestrigen Tages vor Augen. Es war Klaubers Gesicht, weniger spukhaft und menschlicher jetzt – aber genau so häßlich und unheimlich wie am Abend zuvor. »Aber nein, laß mich doch träumen,« bat er. Klauber aber rüttelte ihn unsanft: »Bist du denn von Sinnen, du Faulpelz? Träumen ist Torheit, damit kommt man nicht weiter. Der Mensch soll arbeiten und denken und streben. Dafür bist du eben ein Mensch.« »Ich will aber kein Mensch sein. Ich will träumen.« »Das nützt alles nichts. Du mußt. Du stehst jetzt unter meiner Obhut, und vereint mit mir sollst du suchen und arbeiten. Nur mit mir kannst du das finden, wonach du dich sehnst. Und ich werde dich nicht eher verlassen, bis wir es gefunden haben.« Den Johannes überkam ein unbestimmtes Grausen. Allein ihm war, als werde er von einer Übermacht unterdrückt und bezwungen. Willenlos unterwarf er sich. Fort waren Dünen, Bäume und Blumen. Er befand sich in einem kleinen matt erleuchteten Kämmerlein – dort draußen aber sah er, so weit sein Blick reichte, Häuser, nichts als Häuser, grau und düster, in langen eintönigen Reihen. Überall stieg der Rauch in dicken Säulen auf, um dann rote ein bräunlicher Nebel in den Straßen niederzuschlagen. Und in diesen Straßen liefen die Menschen wie große schwarze Ameisen hastig durcheinander. Aus ihrer Mitte stieg, dumpf und unablässig, ein verworrenes Geräusch auf. »Sieh mal, Johannes,« sagte Klauber, »ist das nun nicht sehr nett? Das sind lauter Menschen und all die Häuser, so weit du sehen kannst – viel weiter noch als jener blaue Turm dort – sind auch voller Menschen, von oben bis unten voll. Ist das nicht seltsam? Dies ist denn doch noch ein wenig anders als ein Ameisenhaufen.« Johannes lauschte in ängstlicher Spannung, gleich als zeige man ihm ein großes entsetzliches Ungeheuer. Ihm war es, als stände er auf dem Rücken des Monstrums, als sähe er das schwarze Blut träge durch die Adern rinnen und aus Hunderten von Nasenlöchern den dunkeln Atem aufsteigen. Und ihm ward bange vor dem Unheil kündenden Knurren dieser ungeheueren Stimme. »Sieh nur, wie rasch all die Menschen laufen, Johannes,« fuhr Klauber fort. »Du kannst wohl sehen, daß sie es eilig haben und etwas suchen, nicht wahr? Aber es ist ergötzlich, daß keiner so recht weiß, was er eigentlich sucht. Und wenn sie dann erst eine ganze Weile gesucht haben, begegnen sie jemandem – der heißt: Hein ...« »Wer ist das?« fragte Johannes. »Ach, ein guter Freund von mir; ich werde dich gelegentlich mal mit ihm bekannt machen. Nun, und dieser Hein sagt dann: »Suchst du mich?« Und darauf pflegen die meisten zu antworten: »O nein ... dich meinen wir nicht!« Aber darauf antwortet Hein dann wieder: »Etwas anderes als mich werdet ihr aber nicht finden.« Und dann müssen sie sich eben wohl oder übel mit dem Hein zufrieden geben.« Johannes begriff, daß er vom Tode sprach. »Und geht das immer, immer so fort?« »Gewiß, immer. Es kommt allerdings jeden Tag eine Menge neue hinzu, und die fangen dann auch wieder an, tagein tagaus zu suchen, ohne zu wissen wonach, und suchen und suchen, bis sie endlich Freund Hein finden – so ist das schon eine ganze Weile gegangen, und so wird es vorläufig auch wohl noch weiter gehen.« »Werde ich auch nichts anderes finden, Klauber, nichts anderes als ...« »Ja, den Freund Hein wirst du sicherlich auch einst finden, aber das tut nichts. Such du nur, such du nur immer fleißig!« »Aber das Büchelchen, Klauber, du wolltest mich doch das Büchelchen finden lassen.« »Nun, wer weiß! Ich habe nicht widersprochen. Wir müssen suchen, suchen. Wir wissen doch wenigstens, wonach wir suchen. Das hat uns der Wistik gelehrt. Es gibt aber viele, die ihr ganzes Leben lang suchen, um zu ergründen, was sie eigentlich suchen. Das sind die Philosophen, Johannes. Aber wenn Freund Hein dann kommt, ist es auch mit ihrem Suchen vorbei.« »Das ist entsetzlich, Klauber.« »Aber nein, durchaus nicht. Hein ist ein sehr guter, freundlicher Mann. Aber er wird verkannt.« Draußen hörte man jemanden die Treppe hinaufpoltern. Klapp! klapp! klang es auf den hölzernen Stufen. Klapp! klapp! klang es näher und immer näher. Dann wurde an die Tür gepocht, und es war, als ob Eisen gegen Holz schlage. Ein großer Mann trat ein. Er hatte tiefliegende Augen und lange hagere Hände. Ein kalter Zugwind fuhr durch das Kämmerlein. »So, so!« sagte Klauber. »Bist du da? setz dich! Wir sprachen gerade von dir. Wie geht's, wie steht's?« »Viel zu tun, viel zu tun,« sagte der große Mann, während er sich den kalten Schweiß von der knochigen, bleichen Stirne wischte. Scheu und regungslos starrte Johannes in die tiefliegenden Augen, die unverwandt auf ihn gerichtet waren. Sehr ernst und sehr düster schauten sie drein, aber weder grausam noch feindselig. Nach einigen Augenblicken atmete er wieder freier auf und das Pochen seines Herzens begann nachzulassen. »Dies ist Johannes,« sagte Klauber. »Er hat von einem gewissen Büchelchen gehört, in dem geschrieben steht, warum alles so ist, wie es ist. Und das wollen wir jetzt zusammen suchen, nicht wahr?« – Und dabei lachte Klauber sehr vielsagend. »So, so, nun, das ist recht!« sagte der Tod freundlich, indem er Johannes zunickte. »Er fürchtet, daß er es nicht finden wird – aber ich sagte ihm, daß er nur erst mal fleißig suchen solle.« »Natürlich,« sagte der Tod, »fleißig suchen, das ist das beste.« »Er meinte, daß du gar grausig seiest – nun siehst du doch wohl, daß du dich geirrt hast, nicht wahr, Johannes?« »Ach ja!« sprach der Tod wohlwollend, »man sagt mir recht viel übles nach. Meine Erscheinung ist nicht einnehmend – aber trotzdem meine ich es gut.« Er lächelte matt, wie einer, dessen Gedanken bei Ernsterem verweilen, als dem, wovon er gerade spricht. Dann wandte sich sein düsterer Blick von Johannes ab und schweifte sinnend hinaus über die große Stadt. Lange Zeit wagte Johannes nicht zu sprechen. Dann sagte er endlich leise: »Willst du mich jetzt mitnehmen?« »Wie meinst du das, mein Junge?« fragte der Tod, aus seinem Grübeln erwachend. »Nein, jetzt noch nicht. Erst sollst du heranwachsen und ein guter Mensch werden.« »Ich will kein Mensch werden, so wie die andern.« »Nun, nun,« sagte der Tod, »daran ist nichts zu ändern.« Man konnte es ihm anhören, daß dies eine seiner alltäglichen Redensarten war. Dann fuhr er fort: »Mein Freund Klauber wird dich lehren, wie man ein guter Mensch wird. Man kann das auf ganz verschiedene Weise anfangen; aber der Klauber versteht es vorzüglich zu lehren. Ein guter Mensch zu werden, ist etwas sehr Schönes und Begehrenswertes. Das darfst du nicht gering achten, mein kleiner Freund!« »Suchen, Denken, Schauen,« sagte Klauber. »Gewiß, gewiß,« sagte der Tod, und dann zu Klauber gewandt: »Zu wem gedenkst du ihn zu führen?« »Zum Doktor Ziffer, meinem einstigen Schüler.« »Ach ja, der ist ein vortrefflicher Schüler. Ein sehr schönes Vorbild von einem Menschen. Beinahe vollkommen in seiner Art.« »Werde ich Robinetta wiedersehen?« fragte Johannes zitternd. »Wen meint der Kleine?« fragte der Tod. »Ach, er hat sich bereits verliebt und bildete sich trotzdem ein, daß er ein Elfe sei. Hi! hi! hi!« lachte Klauber hämisch. »Nein, mein bester Junge, das geht nicht,« sagte der Tod, »solcherlei Dinge wirst du dir beim Doktor Ziffer hübsch abgewöhnen. Wer das sucht, was du suchst, muß alles andere aufgeben. Alles oder nichts.« »Ich werde aus ihm einen Menschen aus einem Guß machen – ich will ihm mal zeigen, was Verliebtheit im Grunde genommen ist. Dann wird er sich schon hindurchklauben.« Und Klauber lachte vergnügt. – Der Tod aber richtete wiederum seine dunkeln Augen auf den armen Johannes, der sein Schluchzen nur mühsam zu unterdrücken vermochte: denn er schämte sich vor dem Tod. Dieser erhob sich plötzlich. – »Ich muß fort,« sagte er. »Ich verplaudere meine ganze Zeit, und es gibt hier noch viel zu tun. Leb wohl, Johannes, wir werden uns schon einmal wiedersehen. Du sollst dich vor mir nicht fürchten.« »Ich fürchte mich nicht vor dir; ich wünschte nur, du nähmest mich mit. Bitte, bitte, nimm mich doch lieber mit!« Der Tod aber wies ihn sanft zurück. An derlei Bitten war er gewöhnt. »Nein, Johannes, geh du jetzt an deine Arbeit. Schau um dich und suche! Bitte mich jetzt nicht länger. Ich fordere nur einmal auf, und das ist zeitig genug.« Als er verschwunden war, benahm sich der Klauber wiederum ganz ausgelassen. Er sprang über Stühle, schlug Purzelbäume, kletterte auf den Schrank und den Kaminsims und führte vor dem offenen Fenster die halsbrecherischesten Künste aus. »Das war nun Hein, mein lieber Freund Hein!« rief er. »Hat er dir nicht gut gefallen? Äußerlich zwar ein wenig häßlich und griesgrämig, aber er kann auch ganz lustig sein, wenn seine Arbeit ihm Spaß macht. Aber oftmals langweilt sie ihn. Es ist auch wohl ein wenig eintönig.« »Wer sagt ihm, wohin er gehen soll, Klauber?« Klauber heftete einen falschen, forschenden Blick auf den kleinen Johannes. »Warum fragst du das? Er geht seinen eigenen Weg – er nimmt, was er bekommen kann.« Späterhin hat Johannes das anders sehen gelernt. Jetzt aber wußte er es nicht besser, als daß Klauber in allem die Wahrheit spräche. Sie gingen auf die Straße und drängten sich durch die wimmelnde Menge. Die schwarzen Menschen liefen alle durcheinander und plauderten und lachten so lustig, daß Johannes höchlichst erstaunt war. Er sah, daß Klauber vielen zunickte: aber niemand erwiderte seinen Gruß. Alle blickten sie starr vor sich hin, als hätten sie nichts gesehen. »Jetzt gehen sie lachend einher,« sagte Klauber, »gleich, als kenne mich keiner unter ihnen. Aber das sieht nur so aus. Wenn ich mit ihnen allein bin, dann können sie mich nicht verleugnen und dann sind sie auch lange nicht so lustig.« – Während des Gehens ward Johannes sich dessen bewußt, daß jemand hinter ihm herschritt. Und als er sich umsah, gewahrte er den großen, bleichen Mann, der sich unhörbaren Schrittes unter den Menschen bewegte. Er nickte Johannes zu. »Sehen die Menschen ihn auch, Klauber?« fragte Johannes. »Ja, gewiß, alle; aber ihn wollen sie auch nicht kennen. Nun, den Hochmut gönne ich ihnen.« Das Gewirr und das Getöse versetzten Johannes in eine Art von Betäubung, die ihn seinen Kummer vergessen ließ. Die engen Straßen und die hohen Häuser, die das Himmelsblau in lange gerade Streifen zerschnitten, die Menschen, die an ihm vorübergingen, das Geräusch der Schritte und das Rasseln der Wagen, das alles zerstörte die alten Visionen und den Traum der verflossenen Nacht, wie ein Sturm die Bilder in einem Wasserspiegel. Es war ihm, als gäbe es nichts anderes als Mauern, Fenster und Menschen – als müsse auch er mit all den anderen durch dies unruhige, atemlose Gewühl eilen. Endlich gelangten sie in ein stilles Viertel, wo ein großes Haus mit grauen, schmucklosen Fenstern stand. Es sah streng und unfreundlich aus. Drinnen war es still, und Johannes roch eine Mischung von seltsamen, starten Düften – durchsetzt von einem muffigen Kellergeruch. In einem Zimmer saß ein einsamer Mann, umringt von wunderlichen Instrumenten, Büchern, Gläsern und Messinggeräten, die Johannes allesamt fremd waren, über seinen Kopf hinweg fiel ein einziger Sonnenstrahl in das Zimmer und funkelte auf Flaschen mit buntfarbigem Inhalt. Der Mann schaute gespannt durch ein Messingrohr und blickte nicht auf. Als Johannes näher kam, hörte er ihn: »Wistik! Wistik!« murmeln. Neben dem Mann lag auf einer schmalen Bank etwas Weißes, Wolliges, das Johannes nicht recht zu unterscheiden vermochte. »Guten Morgen, Doktor,« sagte Klauber. – Der Doktor indessen blickte noch immer nicht auf. Da erschrak Johannes, denn der weiße Gegenstand, auf den er so gespannt starrte, geriet plötzlich in eine krampfhaft zuckende Bewegung. Und was er gesehen, das war das weiße, flaumige Bauchfell eines Kaninchens. Das Köpfchen mit der beweglichen Nase lag rücklings in Eisen geklemmt, und die vier Pfötchen waren fest an den Körper angebunden. Kurze Zeit nur währte der verzweifelte Versuch, sich zu befreien; dann lag das Tierchen wieder still, und nur das hastige Zucken der blutigen Kehle bewies, daß es noch lebte. Und Johannes sah das runde, gutmütige Auge, das in machtloser Angst so weit geöffnet starrte, und ihm war es, als erkenne er es. Ach, war das nicht das weiche Körperchen, an dem er in jener ersten seligen Elfennacht geruht? Alte Erinnerungen drängten sich gewaltsam ihm auf. Er stürzte auf das Tierchen zu: »Warte, warte, mein armes Kaninchen, ich werde dir helfen.« Und hastig versuchte er die Schnüre zu lösen, mit denen die zarten Pfötchen festgebunden waren. In demselben Augenblick aber wurde er, auch schon an beiden Händen festgepackt und dicht an seinem Ohr erklang ein scharfes Lachen. »Was bedeutet das, Johannes? Bist du noch so kindisch? Was wird der Doktor wohl von dir denken?« »Was will der Junge? Was hat er hier zu suchen?« fragte der Doktor erstaunt. »Er wollte ein Mensch werden, daher führte ich ihn zu dir. Aber er ist noch ein wenig klein und kindisch. Dies ist nicht der rechte Weg, um das zu finden, was du suchst, Johannes!« »Nein, dies ist der rechte Weg nicht,« sagte der Doktor. »Herr Doktor, binden Sie das Kaninchen los!« Klauber aber kniff ihm die beiden Hände so fest, daß er sich krümmte vor Schmerz. »Wie lautete unsere Verabredung, Kleiner?« zischte er ihm ins Ohr. »Wir wollten suchen, nicht wahr? Wir sind hier nicht in den Dünen bei Windekind und bei dummen Tieren. Wir wollten Menschen sein – Menschen! Verstehst du mich wohl? Wenn du ein Kind bleiben willst, wenn du nicht stark genug bist, um mir zu helfen, dann lasse ich dich im Stich, such du dann nur allein!« Johannes schwieg und glaubte. Er wollte stark sein. Er schloß die Augen, um das Kaninchen nicht zu sehen. »Mein lieber Junge,« sagte der Doktor, »du scheinst mir noch recht empfindsam zu sein. Es ist ja wahr, zum ersten Male so etwas mit anzusehen, ist recht fatal. Ich selber sehe es stets ungern und vermeide es so viel wie möglich. Aber hin und wieder ist es unumgänglich notwendig. Und du mußt auch wohl verstehen: daß wir Menschen sind und keine Tiere, und daß an dem Heil der Menschheit und der Wissenschaft mehr gelegen ist, als an ein paar Kaninchen.« »Hörst du!« sagte Klauber, »die Wissenschaft und die Menschheit!« »Der Mann der Wissenschaft,« fuhr der Doktor fort, »steht höher als alle anderen Menschen. Dafür muß er aber auch die kleinen Empfindsamkeiten der Alltagsmenschen der einen großen Sache – der Wissenschaft – zum Opfer bringen. Willst du ein solcher Mensch werden? Glaubst du, daß das deine Bestimmung ist?« Johannes zauderte – er wußte noch nicht so recht, was eine Bestimmung eigentlich war, ebensowenig wie jener junge Maikäfer. »Ich möchte das Büchelchen finden,« sagte er, »von dem Wistik sprach.« Der Doktor blickte erstaunt auf und sagte fragend: »Wistik?« Klauber aber sagte rasch: »Er will es, Doktor, ich weiß es. Er will die höchste Weisheit suchen, er will das Wesen aller Dinge ergründen lernen.« Johannes nickte. »Ja!« Soweit er es zu verstehen vermochte, war das wirklich seine Absicht. »Nun, Johannes, dann mußt du stark sein, und nicht klein und weichherzig. Dann will ich dir helfen. Aber sei dessen eingedenk: alles oder nichts.« Und mit zitternden Händen half Johannes ihm, die halbgelösten Schnüre wieder fester um die Pfötchen des Kaninchens zu knoten. »Wir wollen doch mal sehen,« sagte Klauber, »ob ich dir nicht ebenso viel Schönes zeigen kann wie Windekind.« Und nachdem sie dem Doktor Lebewohl gesagt und ihm versprochen hatten, bald einmal wieder zu kommen, führte er Johannes allüberall in der großen Stadt umher – zeigte ihm, wie das riesige Monstrum lebt, wie es atmet und sich nährt, wie es sich selber verzehrt und aus sich selber wieder ersteht. Eine ganz besondere Vorliebe aber hegte er für die düsteren Armenviertel, wo die Menschen dicht aufeinandergedrängt hausen, wo alles grau und schmutzig und die Luft schwer und dumpf ist. Er trat mit ihm in eines der großen Gebäude, aus dem der Rauch aufstieg, den Johannes am ersten Tage schon gesehen hatte. Dort herrschte ein betäubender Lärm – überall rasselte und klapperte und stampfte und dröhnte es – große Räder drehten sich und lange Riemen schoben sich in schlängelnder Bewegung unablässig vorwärts. Der Boden und die Wände waren schwarz, die Fenster bestäubt oder zerbrochen. Hoch ragten die gewaltigen Schornsteine über dem schwarzen Gebäude empor und sandten dicke, sich kräuselnde Rauchsäulen aus. In diesem Gewirr von Rädern und Maschinen sah Johannes eine Anzahl Menschen mit blassem Antlitz, die Hände und die Kleider geschwärzt, schweigend und unablässig arbeiten. »Wer sind sie?« fragte er. »Räder, gleichfalls Räder,« antwortete Klauber lachend, »oder Menschen, wie du willst. Was sie da tun, das tun sie tagein tagaus. Man kann auch auf diese Weise Mensch sein!« – Und sie gelangten in schmutzige Gäßchen, wo der Streifen Himmelsblau, der hier so schmal erschien wie ein Finger, noch durch ausgespannte Kleider verdunkelt ward. Dort wimmelte es von Menschen; sie verdrängten sich gegenseitig, schrieen, lachten und sangen auch hin und wieder. Die Stübchen in den Häusern waren so klein und die Luft so dumpf, daß Johannes kaum zu atmen wagte. Er sah zerlumpte Kinder auf dem kahlen Fußboden umherkriechen und junge Mädchen mit wirrem Haar, die mageren, blassen Säuglingen ein Liedchen summten. Er hörte Keifen und Schelten – und die Gesichter um ihn her sahen entweder müde oder dumm und gleichgültig aus. Da ergriff Johannes ein namenloses Weh. Mit seinem früheren Kummer hatte das nichts gemein – dessen schämte er sich jetzt. »Klauber,« fragte er, »haben die Menschen immer hier gelebt, so elend und so jammervoll? Auch als ich ...« Er wagte nicht weiter zu sprechen. »Gewiß – und das ist ein Glück. Ihr Leben ist durchaus nicht so elend und so jammervoll. Sie sind daran gewöhnt und kennen es nicht besser. Sie sind wie dummes, gleichgültiges Vieh. Sieh die beiden Frauen, die dort vor ihrer Türe sitzen. Sie schauen so zufrieden auf die schmutzige Gasse hinaus, wie du früher auf die Dünen. Um diese Menschen brauchst du nicht zu weinen. Dann könntest du wohl ebensogut um die Maulwürfe weinen, die das Tageslicht niemals zu sehen bekommen.« Und Johannes wußte nichts zu antworten, und wußte auch nicht, warum er dennoch weinen mußte. Und inmitten dieses lärmenden Treibens sah er den bleichen, hohläugigen Mann lautlosen Schrittes einherschreiten. »Er ist doch ein guter Mann, nicht wahr?« sagte Klauber, »daß er die Menschen von hier fortholt. Und dennoch fürchten sie sich hier eben so sehr vor ihm.« Als sich die Nacht herabgesenkt hatte und hunderte von Lichtlein zitternd im Winde erglänzten und schwanke Bilder in das dunkle Wasser streuten, durchschritten die beiden die stillen Straßen. Die alten hohen Häuser schienen, müde aneinander gelehnt, zu schlafen. Die meisten hatten die Augen geschlossen. Nur hier und dort schimmerte noch ein Fenster in fahlem, gelblichem Glanz. Klauber erzählte dem Johannes lange Geschichten von denen, die dahinter wohnten, von dem Schmerz, der dort gelitten, und von dem Kampf, der zwischen Lust und Jammer gekämpft wurde. Er ersparte ihm nichts – das Düsterste und Traurigste und Abstoßendste suchte er aus – und grinste vor Freude, wenn Johannes bei seinen entsetzlichen Schilderungen erbleichend schwieg. »Klauber,« fragte Johannes da plötzlich, »weißt du etwas von dem großen Licht?« Er glaubte, daß diese Frage ihn aus der Dunkelheit befreien würde, die stets dichter und drückender sich um ihn ballte. »Geschwätz, lauter Geschwätz von Windekind!« sagte Klauber. »Hirngespinste und Träumereien! Es gibt nichts anderes, als die Menschen – und mich. Glaubtest du denn etwa, daß ein Gott oder sonst wer Spaß daran finden würde, solchen Rummel zu regieren, wie das hier auf Erden ist? Und solch ein großes Licht würde doch auch nicht so viele hienieden im Dunkeln lassen.« »Und die Sterne, die Sterne?« fragte Johannes gespannt, gleich als erwarte er, daß diese sichtbare Größe ihm all das Niedere würde verklären können. »Die Sterne? Weißt du denn eigentlich wohl, wovon du da redest, kleiner Mann? Die Lichtlein dort oben sind nicht etwa wie die Laternen, die du hier um dich her siehst. Das sind lauter Welten, und jede von ihnen ist um vieles größer, als diese Welt mit ihren lausenden von Städten. Und mitten darin schweben wir wie ein kleines Stäubchen, und es gibt weder ein Oben noch ein Unten, und an allen Seiten sind Welten, endlose, unendliche Welten, und das hört nimmer, nimmer auf.« »Nein, nein!« rief Johannes angstvoll, »sage das nicht, sage das nicht! Ich sehe über mir die Lichtlein auf einem großen dunkeln Felde.« »Ja, sehen kannst du auch nichts anderes als Lichtlein. Und wenn du dein ganzes Leben lang hinausstarren wolltest, so würdest du doch nichts anderes sehen, als über dir die Lichtlein aus einem großen dunkeln Felde. Aber wissen sollst du es, daß es Welten sind, in denen dieses Erdenklümpchen mit seinem armseligen, wimmelnden Menschenhäuflein nichts bedeutet – und wie ein Nichts verschwinden wird. Sprich also nicht mehr von den »Sternen«, gleich als gäbe es ihrer ein paar Dutzend. Das ist Torheit.« Johannes schwieg. Das Erhabene, das ihm das Niedere verklären sollte, zermalmte es. »Komm,« sagte Klauber, »wir wollen uns jetzt einmal etwas Lustiges ansehen.« Hin und wieder drangen die Klänge einer lieblich schleppenden Musik zu ihnen herüber. An einer dunkeln »Gracht« lag ein großes Haus, dessen unzählige hohe Fenster in strahlendem Licht erglänzten. Eine lange Wagenreihe hielt davor. Das Stampfen der Pferde tönte hohl durch die nächtliche Stille und mit ihren Köpfen schienen sie ja! ja! zu nicken. Glitzernde Lichter spiegelten sich in dem silbernen Geschirr und in dem glänzenden Lack der Wagen. Drinnen strahlte ein Meer von Licht. Halb geblendet schaute Johannes auf das Schimmern der unzähligen Flammen, der bunten Farben, der Spiegel und Blumen. Lichte Gestalten glitten an den Fenstern vorüber und verneigten sich lächelnd und mit anmutiger Gebärde voreinander. Bis an das äußerste Ende der Säle rührten sich die reichgeschmückten Menschen langsamen Schrittes oder in rascher, wiegender Bewegung. Ein verworrenes Geräusch von Gelächter und fröhlichen Stimmen, von schleppenden Schritten und rauschenden Gewändern drang, getragen von den Wellen der weichen, einschmeichelnden Musik, die Johannes bereits von ferne gehört hatte, bis auf die Straße hinaus. Draußen, ganz nahe an den Fenstern, standen ein paar dunkle Gestalten, deren Gesichter von dem Glanz, in den sie begehrlich starrten, seltsam, fast spukhaft beleuchtet wurden. »Das ist schön! Das ist herrlich!« rief Johannes aus. Er schwelgte in dem Anblick von so viel Farbe, Licht und Blumen. »Was geht da vor sich? Dürfen wir hinein?« »So, dies findest du also doch schön? Oder ziehst du am Ende einen Kaninchenbau vor? Sieh, wie die Menschen dort lachen und sich strahlend verneigen; wie glatt und vornehm die Männer, und wie schön und geschmückt die Frauen sind. Und welch eine Andacht beim Tanzen! Gleich als gelte es die wichtigste Sache der Welt.« Johannes dachte zurück an den Ball im Kaninchenbau, und sah mancherlei, was ihn daran erinnerte. Nur daß hier alles viel größer und viel prunkhafter war. Die jungen geschmückten Frauen schienen ihm schön wie Elfen, wenn sie die langen weißen Arme emporhoben und den Kopf während des Tangens leicht zur Seite neigten. Die Diener gingen würdevoll umher und boten mit ehrerbietiger Verneigung köstliche Getränke an. »Wie wundervoll! Wie herrlich!« rief Johannes. »Ja, sehr hübsch!« sagte Klauber. »Aber jetzt sollst du auch mal ein wenig weiter schauen, als deine Nase lang ist. Du siehst hier jetzt nur freundliche, lächelnde Gesichter, nicht wahr? Nun, im großen und ganzen ist dieses Lächeln nichts anderes als Lüge und Verstellung. Die freundlichen alten Damen sitzen da wie Angler an einem Teich. Die jungen Frauen sind die Köder, die Herren sind die Fische. Und wie liebenswürdig sie auch miteinander plaudern mögen, dennoch mißgönnen sie sich gegenseitig jeden Fang. Wenn eine dieser jungen Frauen sich amüsiert, so geschieht es nur, weil sie schöner gekleidet ist oder mehr Herren um sich schart als die andern. Und all diese entblößten Arme und Nacken bilden das besondere Vergnügen der Herren. Hinter all diesen lachenden Augen und freundlichen Blicken lauert etwas ganz anderes. Sogar die ehrerbietig dreinschauenden Diener denken oft nichts weniger als ehrerbietig. Wenn es sich einmal plötzlich herausstellte, was sie alle in Wahrheit denken, dann würde es um das schöne Fest alsbald geschehen sein.« Und nachdem Klauber ihn auf all das aufmerksam gemacht, erkannte Johannes auch ganz deutlich das Gekünstelte in den Mienen und Geberden und die Eitelkeit und die Langeweile, die hinter der lächelnden Maske hervorlugten, oder plötzlich zum Vorschein kamen, wenn diese einmal für einen Augenblick abgelegt wurde. »Nun«, sagte Klauber, »man muß sie eben gewähren lassen. Die Menschen wollen sich doch amüsieren, und auf andere Weise verstehen sie es nicht.« Johannes fühlte, daß jemand hinter ihm stand. Er blickte sich um. Es war die wohlbekannte große Gestalt. Das bleiche Antlitz war von dem hellen Glanz seltsam beleuchtet, so daß die Augen große dunkle Flecken bildeten. Leise murmelte er vor sich hin und wies mit dem Finger in den hellerleuchteten Saal. »Schau«, sagte Klauber, »der ist wieder einmal beim Aussuchen.« Johannes sah, in welche Richtung der Finger wies, und er sah auch, wie die alte Dame während des Sprechens flüchtig die Augen schloß und die Hand an die Stirn führte, und wie das schöne junge Mädchen, das lässig einherschritt, einen Augenblick innehielt und leicht erschauernd vor sich hinstarrte. »Wann?« fragte Klauber den Tod. »Das ist meine Sache«, antwortete dieser. »Ich möchte dem Johannes diese nämliche Gesellschaft gern noch einmal zeigen«, sagte Klauber, während er grinsend mit den Augen zwinkerte. »Wäre das wohl möglich?« »Heute abend?« fragte der Tod. »Warum nicht?« sagte Klauber. »Es gibt weder Zeit noch Stunde. Was jetzt ist, ist allzeit gewesen, und was werden wird, ist bereits da.« »Ich kann nicht mit«, sagte der Tod, »ich habe zu viel zu tun. Aber du brauchst nur den Namen dessen zu nennen, den wir beide kennen, und dann wirst du auch ohne mich den Weg finden.« Darauf gingen sie eine Strecke weiter durch die einsamen Straßen, wo die Gasflammen im Nachtwinde flackerten und das kalte, dunkle Wasser klatschend gegen die Steinwälle der Gracht schlug. Die weiche Musik erklang immer matter und matter, bis sie endlich in der großen Ruhe erstarb, die über der Stadt lag. Da ertönte aus der Höhe mit weithin schallendem metallischem Klang ein lautes und feierliches Lied. Plötzlich fiel es herab von dem hohen Turm auf die schlafende Stadt – und in die traurige, düstere Seele des kleinen Johannes. Erstaunt blickte er auf. Der Glockensang währte fort mit hellem, ruhigem Klang, der jubelnd emporstieg und die totenähnliche Stille sieghaft zerriß. Seltsam erklangen ihm diese frohen Töne, dieser Festgesang inmitten stillen Schlafes und düsterer Trauer. »Das ist die Uhr«, sagte Klauber, »die ist immer gleich fröhlich, jahrein, jahraus. Zu jeder Stunde singt sie dasselbe Lied mit der gleichen Kraft und Freudigkeit. Und während der Nacht klingt es froher als bei Tage – gleich als jauchze die Uhr, weil sie nicht zu schlafen braucht, weil sie immer- und immerfort glücklich zu singen vermag, während Tausende unter ihr weinen und leiden. Am allerfreudigsten aber erklingt sie, wenn einer gestorben ist.« Abermals erhob sich der jubelnde Ruf. »Einst, Johannes«, fuhr Klauber fort, »wird hinter einem solchen Fenster in einem stillen Kämmerlein ein schwaches Lichtchen brennen. Ein trübes Lichtlein, das sinnend zittert und die Schatten an der Wand umherirren läßt. In dem Kämmerlein wird außer einem hin und wieder ertönenden Schluchzen keinerlei Geräusch vernehmbar sein. Es wird ein Bett darin stehen mit weißen Vorhängen, in deren Falten sich lange Schatten dehnen werden. Und in jenem Bett wird etwas liegen – weiß und still: Das wird der kleine Johannes gewesen sein. O, und dann wird dieses nämliche Lied plötzlich laut und freudig durch die kleine Kammer tönen und die erste Stunde nach seinem Tode besingen.« Zwölf schwere Schläge dröhnten in langen Zwischenräumen durch die Luft. Bei dem letzten überkam Johannes plötzlich ein Gefühl, als träume er – er ging nicht mehr, sondern schwebte hoch über der Straße an Klaubers Hand. In rascher Fahrt glitten die Häuser und Laternen an ihm vorüber. Die Häuser standen jetzt weniger dicht beieinander. Sie bildeten alleinstehende Reihen – und dazwischen waren dunkle, geheimnisvolle Löcher, darinnen der Schein der Gasflammen Gruben, Lachen, Schutt und Gebälk unheimlich beleuchtete. Endlich kam eine große Pforte mit schweren Säulen und einem hohen Gitter. In weniger als einem Augenblick waren sie darüber hinweggeschwebt und langten dann auf feuchtem Grase neben einem großen Sandhaufen an. Johannes glaubte in einem Garten zu sein, denn er hörte ringsumher das Rauschen von Bäumen. »Paß jetzt gut auf, Johannes, und dann behaupte du noch einmal, ich könne nicht mehr als Windekind.« Darauf rief Klauber mit lauter Stimme einen kurzen, düster klingenden Namen, der Johannes erschauern machte. Ringsumher und allenthalben wiederholte die Dunkelheit den Klang, und der Wind trug ihn empor in gellendem Wirbel, bis er am hohen Himmel verhallte. Und Johannes bemerkte, wie ihm die Grashalme bis über den Kopf ragten und wie der kleine Stein, der soeben noch zu seinen Füßen gelegen, ihm jetzt die Aussicht benahm. Klauber neben ihm, und ebenso klein wie er, ergriff den Stein mit beiden Händen und wälzte ihn unter Aufbietung all seiner Kräfte um. Von dem nun frei gewordenen Erdboden stieg ein verworrenes Rufen seiner, hoher Stimmchen auf: »Heda? Wer tut das? – Was soll das bedeuten? – Du Grobian!« So klang es wirr durcheinander. Johannes sah kleine dunkle Gestalten hurtig umherirren. Er erkannte den behenden schwarzen Laufkäfer, den leuchtend braunen Ohrwurm mit seinen feinen Zangen, die Kellerassel mit ihrem runden Rücken und schlangengleiche Tausendfüßler. Mitten zwischen ihnen zog sich ein langer Regenwurm blitzschnell in seinen Gang zurück. Klauber ging quer durch die lärmende, keifende Bande auf die Höhle des Regenwurms zu. »Heda, du langer, nackter Schlingel, komm mal zum Vorschein mit deiner roten Spitznase!« rief Klauber. »Was willst du?« antwortete der Wurm aus der Tiefe. »Du mußt heraus, weil ich hinein will. Verstehst du mich wohl, du armseliger Sandfresser!« Vorsichtig reckte der Wurm seinen spitzen Kopf aus der Öffnung, tastete mehrmals damit umher und zog darauf den nackten geringelten Leib langsam an die Oberfläche. Klauber warf einen prüfenden Blick auf die anderen Tiere, die sich neugierig um ihn scharten. »Einer von euch soll mitgehen und uns leuchten. Nein, du schwarzer Käfer, du bist zu dick und du mit deinen tausend Füßen würdest mich schwindlig machen. – Aber du da, Ohrwurm, dein Gesicht gefällt mir. Gehe mit und trage das Licht in deinen Zangen. Laufkäfer, lauf! und suche uns ein Irrlicht oder hole eine Fackel aus morschem Holze.« Die Tiere bekamen Respekt vor seiner gebieterischen Stimme und gehorchten ihm. Darauf stiegen sie in den Würmergang hinab. Voran der Ohrwurm mit dem leuchtenden Holz, darauf Klauber und zuletzt Johannes. Dort unten war es eng und finster. Johannes sah die Sandkörner, die von einem matten bläulichen Schimmer schwach beleuchtet waren. Sie erschienen groß wie Steine und halb durchsichtig: der Regenwurm hatte sie mit seinem Körper zu einer festen glatten Wand gescheuert. Der Letztere folgte neugierig. Johannes sah hinter sich seinen spitzen Kopf, der sich ab und zu rasch vorstreckte und dann wieder wartete, bis der lange Leib näher herangezogen war. Schweigend stiegen sie hinab – lange und tief. Wo der Pfad für Johannes zu steil ward, stützte Klauber ihn. Es schien kein Ende nehmen zu wollen; immerfort neue Sandkörner – und immer weiter und weiter kroch der Ohrwurm, mit des Ganges Windungen sich beugend und windend. Endlich ward der Weg breiter und die Wände wichen voneinander. Die Sandkörner wurden schwarz und feucht; oben bildeten sie ein Gewölbe, an dem entlang Wassertropfen glitzernde Streifen zogen und durch das sich Baumwurzeln streckten, gleich erstarrten Schlangen. Da plötzlich erhob sich vor Johannes' Blicken eine senkrechte Wand, hoch und schwarz, die den ganzen Raum vor ihnen abschloß. Der Ohrwurm drehte sich um. »So! nun gilt es, dahinter zu gelangen. Das wird der Regenwurm schon verstehen, der ist hier zu Hause.« »Komm, zeig uns den Weg!« sagte Klauber. Langsam schob der Regenwurm den vielgegliederten Leib bis an die schwarze Wand, die er suchend betastete. Johannes sah, daß sie aus Holz war. Hier und dort war sie in bräunlichen Staub zerfallen. An der Stelle bohrte sich der Wurm hinein und der lange geschmeidige Leib glitt in drei Zwischenräumen langsam hinab. »Jetzt du!« sagte Klauber, während er Johannes in die kleine runde Öffnung stieß. Einen Augenblick glaubte dieser in dem weichen feuchten Mulm ersticken zu müssen; dann fühlte er, wie sein Kopf frei ward und mühsam arbeitete er sich gänzlich aus der engen Öffnung heraus. Ein großer Raum schien ihn zu umgeben. Der Boden war hart und feucht, die Luft dick und unerträglich beklemmend. Johannes wagte kaum zu atmen und wartete in namenloser Angst. Er hörte Klaubers Stimme, die hohl klang, wie in einem großen Keller. »Hierher, Johannes, folge mir!« Vor sich fühlte er den Boden zu einem Berge sich erheben. Den erklomm er, von Klauber geführt, in tiefster Dunkelheit. Ihm war, als wandle er über einen Teppich, der nachgab unter seinen Schritten. Er strauchelte über Gruben und Hügel, indem er Klauber folgte, der ihn mit sich zog bis zu einer ebenen Stelle, wo er sich an lange Halme festklammerte, die wie biegsames Rohr in seiner Hand waren. »Hier stehen wir gut! – Licht!« rief Klauber. Da dämmerte in der Ferne das matte Licht, das mit seinem Träger sank und stieg. Je näher es kam und je mehr der fahle Schimmer den Raum erfüllte, desto entsetzlicher ward des Johannes Beklemmung. Der Berg, den er erstiegen hatte, war weiß und lang gestreckt; der Halm, den er umklammerte, war braun und träufelte sich nach unten zu in glänzenden Wellenlinien. Er erkannte die gestreckte Gestalt eines Menschen, und die kalte Fläche, auf der er stand, war die Stirne. Vor ihm lagen, zwei tiefen dunklen Gruben gleich, die eingesunkenen Augen und das bläuliche Licht schien auf die dünne Nase und die grauen Lippen, die in schauerlich-starrem Totengrinsen geöffnet waren. Aus Klaubers Mund erklang ein schrilles Lachen, das sogleich in den feuchten Holzwänden erstarb. »Dies ist nun eine Überraschung, Johannes!« Zwischen den Falten des Leichentuches kam der lange Wurm herangekrochen: vorsichtig schob er sich an dem Kinn entlang und glitt dann über die starren Lippen in die schwarze Mundhöhle. »Dies ist nun die schönste aus der Tanzgesellschaft –, die, welche du noch schöner fandest als die Elfen. Damals entströmten ihrem Kleide und ihren Haaren süße Düfte, damals erstrahlten ihre Augen und ihre Lippen lachten. – Und sieh jetzt einmal!« Trotz all seines Entsetzens sprach doch auch Ungläubigkeit aus des Johannes Blicken. – So schnell? – Diese Pracht war soeben noch: und dennoch jetzt schon ...? »Glaubst du mir nicht?« fragte Klauber grinsend. »Zwischen damals und jetzt liegt ein halbes Jahrhundert. Es gibt weder Zeit noch Stunde. Was einst war, wird allzeit sein und was werden wird, ist allzeit gewesen. Denken kannst du das nicht, aber du sollst es glauben. Hier ist alles Wahrheit, alles, was ich dir zeige, ist wahr! wahr! Das konnte Windekind nicht behaupten.« Kichernd sprang Klauber auf dem Totenantlitz umher und trieb dort die abscheulichsten Späße. Er saß auf der Augenbraue und zog das Augenlid an den langen Wimpern in die Höhe. Das Auge, das Johannes so freudig hatte glänzen sehen, starrte trübe und runzlig-weiß in den fahlen Dämmerschein. »Nur vorwärts!« rief Klauber, »es gibt noch mehr zu sehen.« Langsam kroch der Wurm aus dem rechten Mundwinkel hervor, und die bange Wanderung ward fortgesetzt. Nicht zurück – sondern über neue ebenso lange und ebenso grausige Wege. »Jetzt kommt ein Alter«, sagte der Wurm, als wiederum eine schwarze Wand den Weg abschloß. »Der ist hier schon sehr lange.« Das war weniger entsetzlich als das erste Mal. Johannes sah nur eine verworrene Masse, aus der bräunliche Knochen herausstaken. Hunderte von Würmern und Insekten waren schweigend bei der Arbeit. Das Licht zeitigte Aufruhr. »Von wo kommt ihr? wer bringt Licht hierher? – Das brauchen wir nicht.« Und rasch schossen sie von dannen in Furchen und Höhlen. Allein sie erkannten einen Stammgenossen. »Bist du schon hier nebenan gewesen?« fragten die Würmer. – »Das Holz ist noch hart.« Der erste Wurm verneinte. – »Er will den Extra-Leckerbissen für sich allein behalten«, sagte Klauber lachend zu Johannes. Und weiter zogen sie – Klauber erklärte dem Johannes alles und zeigte ihm die, die ihm bekannt waren. Nun kam ein mißformtes Gesicht mit starren Augen, hervorquellenden Augen und aufgedunsenen schwarzen Lippen und Wangen. »Der hier war ein feiner Herr«, sagte er belustigt – »den hättest du sehen sollen – so reich, so vornehm und so eingebildet. – Seine Aufgeblasenheit hat er beibehalten.« So ging es weiter. Da waren auch hagere abgezehrte Gestalten mit weißem Haar, das in dem matten Licht bläulich schimmerte, und kleine Kinder mit großen Köpfen und ältlichen Denkerzügen. »Sieh, die sind erst nach ihrem Tode alt geworden«, sagte Klauber. Sie kamen zu einem Mann mit vollem Bart und emporgezogenen Lippen, hinter denen man die weißen Zähne blitzen sah. Mitten in der Stirn hatte er ein kleines rundes schwarzes Loch. »Dieser hier hat Freund Hein ins Handwerk gepfuscht. Warum denn nicht ein wenig Geduld? Er wäre auch ohnedies hierher gekommen.« Und wiederum kamen Gänge und immer neue Gänge, und wiederum gestreckte Gestalten mit starren grinsenden Gesichtern und regungslos übereinander gelegten Händen. »Jetzt gehe ich nicht weiter«, sagte der Ohrwurm, »ich weiß hier den Weg nicht mehr.« »Laßt uns umkehren«, sagte der Wurm. »Noch einen! noch einen!« rief Klauber. Und weiter ging der Zug. »Alles das, was du hier siehst, besteht«, sagte Klauber, während sie weitergingen, »es ist alles wahr. Nur eines nicht, und das bist du selber, Johannes. Du bist hier nicht und du kannst hier nicht sein.« Und als er sah, wie angstvoll und hilflos Johannes ihn bei diesen Worten anblickte, brach er in ein schallendes Gelächter aus. »Dies ist der Letzte! wirklich der Letzte!« »Es ist hier eine Sackgasse – ich gehe nicht weiter«, sagte der Ohrwurm mürrisch. »Ich will aber weiter!« sagte Klauber, und begann da, wo der Gang endete, mit seinen beiden Händen zu graben. »Hilf mir, Johannes!« – Der gehorchte, durch sein Entsetzen völlig willenlos geworden, und grub die feuchte feine Erde aus. Schweigend und keuchend arbeiteten sie weiter, bis sie auf das schwarze Holz stießen. Der Wurm hatte den Kopf eingezogen und war nach rückwärts verschwunden. Der Ohrwurm ließ das Licht fallen und ging zurück. »Wir können nicht hinein – das Holz ist zu neu«, sagte er, während er fortging. »Ich will aber«, sagte Klauber und dabei riß er mit seinen kralligen Fingern lange weiße Splitter krachend aus dem Holze. Eine entsetzliche Beklemmung bedrückte Johannes. Allein er mußte, – er konnte nicht anders. Endlich lag der dunkle Raum frei. Klauber nahm das Licht und kroch eiligst hinein. »Hierher! hierher!« rief er, während er an das Kopfende trat. Doch als Johannes bei den Händen anlangte, die still übereinander gefaltet auf der Brust lagen, mußte er ruhen. Er starrte auf die weißen mageren Finger, deren obere Seite schwach beleuchtet war. Plötzlich erkannte er sie, erkannte die Form und die Linien der Finger und den Wuchs der langen Nägel, die sich dunkelblau verfärbt hatten. Am Zeigefinger erkannte er ein kleines braunes Fleckchen. »Hierher! hierher!« ertönte Klaubers Stimme vom Kopfende. »Sieh mal – erkennst du ihn?« Es waren seine eigenen Hände. Noch versuchte der arme Johannes sich wieder aufzurichten und auf das Licht zuzugehen, das ihm winkte. Allein er vermochte es nicht mehr. Das Lichtlein verglomm zu vollkommener Dunkelheit, und ohnmächtig brach er zusammen. Er fiel in einen schweren Schlaf, und sank langsam in jene Tiefen hinab, wo es keine Träume mehr gibt. Und als er sich aus diesen Finsternissen erhob – sachte – dem grauen kühlen Licht des Morgens entgegen, träumte er bunte zarte Träume aus längst vergangener Zeit. Er wachte auf, und sie glitten von seiner Seele wie die Tautropfen von einem Blumenkelch. Ruhig und freundlich war der Ausdruck seiner Augen, die halb noch in den Anblick der lieblichen Bilder versunken waren. Doch schmerzgequält, wie einer, der das Licht scheut, schloß er sie wieder vor dem fahlen Tageslicht. Er sah, was er auch am vorigen Morgen gesehen hatte. Es schien ihm fern, und vor langen langen Zeiten geschehen. Allein eine Stunde nach der andern kam seiner Erinnerung wieder – von Anbeginn des trüben Morgens bis zu der schaurigen Nacht. Er konnte es nicht glauben, daß all diese Schrecknisse in einem einzigen Tage ihm erschienen sein sollten. Der Anfang seines Elends dünkte ihn so fern und in graue Nebel gänzlich versunken. Spurlos glitten die lieblichen Träume von seiner Seele ab. – Klauber rüttelte ihn unsanft – und der trübe Tag begann – träge und farblos – der Vorläufer vieler vieler anderer. Allein das, was er am Vorabend auf jener bangen Wanderung gesehen hatte, wollte nicht von ihm weichen. War es nur eine abscheuliche Vision gewesen? Als er Klauber zögernd darob befragte, blickte dieser ihn höhnisch und verwundert an. »Wie meinst du das?« fragte er. Allein Johannes sah nicht den Spott in seinem Blick und fragte ihn, ob sich denn nicht alles in Wirklichkeit so zugetragen habe, gar scharf und deutlich sähe er es noch vor sich. »Nein, Johannes, wie du aber dumm bist! Solche Dinge können ja gar nicht geschehen!« Und Johannes wußte nicht, was er denken sollte. »Wir wollen dich möglichst rasch an die Arbeit setzen. Dann wirst du wohl nicht mehr so törichte Fragen stellen.« Und sie gingen zum Doktor Ziffer, der Johannes das finden helfen sollte, wonach er suchte. Allein in den belebten Straßen machte Klauber plötzlich Halt und zeigte Johannes einen Menschen aus der Menge. »Kennst du den?« fragte Klauber, und er brach in ein lautes Gelächter aus, als Johannes erbleichte und dem Manne entsetzt nachstarrte. In der vergangenen Nacht hatte er ihn gesehen, tief unter der Erde. Der Doktor empfing sie freundlich und teilte Johannes seine Weisheit mit. Stundenlang lauschte er ihm an diesem Tage – und an manch anderem noch, der diesem folgte. Was er suchte, hatte der Doktor noch nicht gefunden. Er habe es aber beinahe, sagte er. Er wolle Johannes soweit bringen, wie er selber gekommen sei, und dann würden sie wohl gemeinsam zum Ziel gelangen. Johannes lernte und lauschte, fleißig und geduldig – Tage und Monate lang. Er hegte nur wenig Hoffnung – sah indessen wohl ein, daß er jetzt fortfahren müsse, um so weit wie möglich zu kommen. Er fand es seltsam, daß es, während er doch das Licht suchte, um ihn stets dunkler ward. Das erste von allem, was er lernte, war das Beste, doch je tiefer er durchdrang, desto öder und finsterer ward es um ihn her. Er begann mit den Pflanzen und den Tieren und mit allem, was um ihn her lebte – und wenn er lange Zeit auf sie hin gestarrt hatte, wurden sie zu Ziffern. Alles fiel in Ziffern zusammen – in große Bogen voller Ziffern. Das fand der Doktor Ziffer ganz köstlich, und er sagte, daß es um ihn licht werde, sobald die Ziffern kämen – für den Johannes aber bedeuteten sie Finsternis. Klauber verließ ihn nicht und trieb und peitschte ihn vorwärts, sobald er mutlos und müde zu werden begann. Jeden Augenblick des Genusses oder der Bewunderung verdarb er ihm. Johannes staunte und freute sich, als er sah und lernte, wie fein die Blumen gebaut waren, wie sie Früchte bildeten und wie die Insekten ihnen unbewußt bei dieser Arbeit halfen. »Das ist doch wundervoll«, sagte er. »Wie genau ist das alles berechnet und wie fein und zweckmäßig eingerichtet.« »Jawohl, erstaunlich zweckmäßig«, sagte Klauber, »schade nur, daß der größte Teil dieser Feinheit und Zweckmäßigkeit zu nichts führt. Aus wie vielen Blüten werden denn Früchte? und wie viel Kerne bringen Bäume hervor?« »Es scheint aber doch alles nach einem großen Plan angelegt zu sein«, antwortete Johannes. »Sieh nur! die Bienen suchen den Honig für sich selber und wissen nicht, daß sie dabei den Blumen helfen – und die Blumen locken die Bienen durch ihre Farbe an sich. Das ist ein regelrechter Plan und sie alle arbeiten daran mit, ohne es zu wissen.« »Das erscheint ja alles sehr schön, aber es fehlt doch mancherlei daran. Sobald es den Bienen möglich ist, beißen sie ein Loch in den unteren Teil der Blume und machen die ganze komplizierte Einrichtung zu nichte. Ist das etwa ein gescheiter Projektenmacher, der sich von einer Biene zum Narren halten läßt?« Angesichts des wunderbaren Organismus von Menschen und Tieren erging es ihm noch schlimmer. An allem, was Johannes schön und kunstvoll erschien, wies er die Unvollkommenheit und die Mängel deutlich nach. Das ganze Heer der Qualen und Leiden, die sowohl Mensch wie Tier befallen können, zeigte er ihm und suchte dabei mit Vorliebe das Widerwärtigste und Abscheulichste aus. »Der Projektenmacher war zwar ganz klug, Johannes, aber bei allem, was er machte, vergaß er irgend etwas – und die Menschen haben alle Hände voll zu tun, um diese Schäden zu flicken, so gut es eben gehen will. Sieh dich doch nur um! ein Regenschirm, eine Brille, ja sogar Kleider und Häuser, das alles ist menschliches Flickwerk. Das gehört durchaus nicht mit in den Plan hinein. Aber der den Plan entwarf, hat nicht daran gedacht, daß die Menschen frieren und Bücher lesen und tausenderlei andere Dinge tun würden, für die sein Plan nicht taugte. Er hat seinen Kindern Kleider gegeben, ohne daran zu denken, daß sie herauswachsen würden. Jetzt sind schon fast alle Menschen ihren natürlichen Kleidern entwachsen. Jetzt machen sie alles selber und kümmern sich nicht im geringsten mehr um den Projektenmacher und seine Pläne; was er ihnen nicht gegeben hat, das machen sie sich frech zu eigen und da, wo es ihm ersichtlich darum zu tun war, sie sterben zu lassen, entgehen sie dem Tod durch allerhand Kunstgriffe oftmals auf lange Zeit.« »Aber daran sind doch die Menschen selber schuld«, rief Johannes aus, »warum weichen sie mutwillig von der Natur ab?« »O, du dummer Johannes! Wenn eine Kinderwärterin ein törichtes Kind mit Feuer spielen läßt und es brennt sich – wer trägt dann die Schuld? Das Kind, das kein Feuer kannte, oder die Wärterin, die wußte, daß das Kind sich verbrennen würde? – Und wer trägt die Schuld, wenn die Menschen sich in Jammer und Unnatur verirren? Sie selber oder der allweise Projektenmacher, mit dem verglichen sie wie unwissende Kinder sind?« »Aber sie sind nicht unwissend, sie wußten ...« »Sieh, Johannes, wenn du zu einem Kinde sagst: »rühre das Feuer nicht an, es tut weh,« – und wenn das Kind es dann trotzdem tut, weil es nichts von Weh und Schmerzen weiß, kannst du dich dann etwa von aller Schuld freisprechen und sagen: »Das Kind war nicht unwissend!« Du wußtest doch, daß es deinen Rat nicht beherzigen würde. Menschen sind töricht und dumm wie die Kinder. Glas aber ist spröde, und Lehm ist weich. Und wer Menschen erschafft und ihrer Torheit nicht Rechnung trägt – ist wie einer, der Waffen aus Glas fertigt und nicht bedenkt, daß sie zerbrechen werden, und Pfeile aus Lehm, ohne sich dessen bewußt zu sein, daß sie biegen müssen.« Diese Worte fielen wie Tropfen flüssigen Feuers in die Seele des kleinen Johannes, und in seiner Brust schwoll das große Leid, das ihn all seine früheren Schmerzen vergessen und ihn so häufig aufschluchzen ließ in den stillen, schlaflosen Stunden der Nacht. Ach, der Schlaf! der Schlaf! – Nach langen Tagen kam eine Zeit, da ihm der Schlaf von allem das Liebste ward. Darinnen gab es keinen Gedanken und keinen Kummer; und seine Träume führten ihn stets und allzeit in sein früheres Leben zurück. Köstlich erschien ihm es, wenn er davon träumte: allein tagsüber vermochte er sich nicht mehr vorzustellen, wie es gewesen war. Nur das eine wußte er, daß sein Kummer und seine Sehnsucht von damals besser gewesen, als das tote, öde Gefühl, das er jetzt kannte. Einst hatte er voll schmerzlichen Verlangens auf Windekind gewartet, einst hatte er Stunde auf Stunde sich nach Robinetta gesehnt. Wie köstlich war das gewesen! Robinetta! – Sehnte er sich auch jetzt noch? – Je mehr er lernte, desto mehr schwand sein Verlangen. Denn auch das wurde zerlegt und zergliedert, und Klauber setzte ihm auseinander, was die Liebe eigentlich war. – Da schämte er sich, und Doktor Ziffer fagte ihm, daß er bis jetzt daraus noch keine Ziffern machen könne, daß das aber auch wohl alsbald kommen werde. So ward es stets dunkler und dunkler um den kleinen Johannes. Ein schwaches Gefühl der Dankbarkeit empfand er dafür, daß er Robinetta auf seiner grauenvollen Wanderung mit Klauber nicht erkannt hatte. Als er dem Klauber davon sprach, antwortete dieser nichts, sondern lächelte nur schlau. Johannes aber begriff sehr wohl, daß das nicht etwa geschehen sei, um ihn zu schonen. Die Zeit, da Johannes weder lernte noch arbeitete, gebrauchte Klauber dazu, um ihm die Menschen zu zeigen. Er wußte ihn allüberall hinzuführen – in die Krankenhäuser, wo die Kranken in großen Sälen darniederlagen – lange Reihen bleicher, abgezehrter Gesichter mit müdem oder schmerzgequältem Ausdruck – und wo eine trübselige Stille herrschte, die nur von Husten und Stöhnen hin und wieder unterbrochen ward. Und Klauber zeigte ihm diejenigen unter ihnen, die diese Säle nimmer verlassen würden. Und wenn zu einer bestimmten Stunde Scharen von Menschen das Haus betraten, um ihre kranken Anverwandten zu besuchen, sagte Klauber: »Sieh, die wissen alle, daß auch sie eines Tages in dieses Haus und in diese trüben Säle gelangen müssen, um in einer schwarzen Kiste wieder hinausgetragen zu werden.« »Wie können sie denn jemals noch froh sein?« dachte Johannes. Und Klauber führte ihn in einen kleinen, höher gelegenen Saal, wo ein wehmütiges Halbdunkel hing und in den die fernen Klänge eines Klaviers aus einem benachbarten Hause unaufhörlich und träumerisch herüberklangen. Dort zeigte ihm Klauber unter vielen anderen einen Kranken, der stumpfsinnig vor sich hinstarrte auf einen schmalen Sonnenstreif, der träge an der Wand entlang kroch. »Der liegt dort schon sieben lange Jahre,« sagte Klauber. »Er ist Seemann gewesen und hat Indiens Palmen, Japans blaue Meere und Brasiliens Wälder gesehen. Jetzt freut er sich schon seit sieben Jahren während all der langen Tage einzig und allein an diesem Sonnenstreifchen und dem Klavierspiel. Er kommt hier nie mehr heraus; aber es kann vielleicht noch mal so lange dauern.« Von dem Tage an war es des Johannes bangster Traum, plötzlich in jenem kleinen Saal zu erwachen, in dem wehmütigen Halbdunkel, bei den träumerischen Klängen, um bis zu seinem Ende nichts anderes mehr zu sehen, als das Kommen und Gehen des schmalen Lichtstreifs. Klauber führte ihn auch in die großen Gotteshäuser und ließ ihn dem lauschen, was dort verkündet wurde. Er führte ihn auf Feste, zu großen feierlichen Veranstaltungen und in die inneren Gemächer mancher Häuser. Johannes lernte die Menschen kennen, und oftmals geschah es, daß er an sein einstiges Leben zurückdenken mußte, an die Märchen, die ihm Windekind erzählt, und an seine eigenen Erlebnisse. Da waren Menschen, die ihn an das Glühwürmchen erinnerten, das in den Sternen seine verstorbenen Gefährten zu sehen glaubte – oder an jenen Maikäfer, der um einen Tag älter war als der andere, und der so mancherlei über die Bestimmung seines Lebens gesprochen. Und er hörte Geschichten, die in ihm die Erinnerung an Kritzelflink, den Helden der Kreuzspinnen, wachriefen, oder an den Aal, der nichts tat und nur immerfort von den anderen ernährt wurde, weil sich ein dicker König gar vornehm ausnahm. Sich selber verglich er mit dem jungen Maikäfer, der nicht wußte, was eine Bestimmung sei und der mitten in das Licht hineinflog. Ihm war es, als kröche er hilflos und verstümmelt auf dem Teppich umher, und als sei ihm um den Leib ein scharfes Fädchen geschnürt, an dem Klauber unaufhörlich riß und zerrte. Ach, den Garten würde er wohl nie mehr finden – wann würde der schwere Fuß kommen und ihn zermalmen? Klauber verhöhnte ihn, wenn er von Windekind sprach, und allmählich begann er zu glauben, daß es niemals einen Windekind gegeben. »Aber, Klauber, dann besteht das Schlüsselchen auch nicht, dann besteht überhaupt gar nichts!« »Nichts! nichts! Ja, Menschen und Ziffern gibt es, das ist alles wahr, das besteht, endlos viele Ziffern.« »Aber Klauber, dann hast du mich ja betrogen. Laß mich aufhören – laß mich nicht mehr suchen – laß mich allein!« »Weißt du nicht mehr, was der Tod gesagt hat? – Ein Mensch solltest du werden, ein vollkommener Mensch.« »Ich will aber nicht – es ist entsetzlich.« »Du mußt – du hast es doch einst gewollt. Sieh dir doch den Doktor Ziffer an – findet der es denn etwa entsetzlich? So werde doch wie er.« Das mußte er zugeben. Doktor Ziffer erschien allzeit ruhig und glücklich. Unermüdlich und unbeirrt ging er seines Weges, lernend und lehrend, zufrieden und gleichmütig. »Nimm dir an ihm ein Beispiel,« sagte Klauber, »er sieht alles und sieht dennoch nichts. Er betrachtet die Menschen, als wäre er selber ein ganz anderes Wesen, das mit ihnen nichts gemein hat. Zwischen Qual und Elend schreitet er einher wie ein Unverletzbarer, und mit dem Tode verkehrt er wie ein Unsterblicher. Er wünscht nur das zu begreifen, was er sieht, und alles, was ihm offenbart wird, ist ihm willkommen. Er ist mit allem zufrieden, sobald er es versteht. So mußt auch du werden.« »Aber das kann ich niemals.« »Ja, das ist doch nicht meine Schuld.« Das war immer und allzeit das hoffnungslose Ende ihres Gespräches. Johannes wurde stumpf und gleichgültig und suchte und suchte, – indes er wußte nicht mehr, warum und wonach. Er wurde so wie all die vielen, die mit Wistik gesprochen hatten. Es ward Winter, und er merkte es kaum. An einem kalten, nebelgrauen Morgen, als der nasse, schmutzige Schnee auf den Straßen lag und von Bäumen und Dächern troff, machte er mit Klauber seinen täglichen Rundgang. Auf einem Platz traf er ein paar junge Mädchen mit Schulbüchern in der Hand. Die bewarfen einander mit Schnee und lachten und neckten sich. Hell klangen ihre Stimmchen über den beschneiten Platz. Man hörte keinerlei Geräusch von Fußstapfen oder Wagen. Nichts als die klingenden Schellen der Pferde und ab und zu das Klappen einer Ladentür. Hell tönte das lustige Lachen durch die Stille. Johannes sah, wie ihn eines der Mädchen anblickte und ihm noch lange nachschaute. Sie trug ein Pelzmäntelchen und einen schwarzen Hut. Ihr Gesicht kannte er recht wohl, wußte aber trotzdem nicht, wer sie war. Sie nickte ihm zu, einmal, und dann nochmals. »Wer ist sie? Ich kenne sie.« »Ja, das ist schon möglich. Sie heißt Maria. Einige nennen sie auch Robinetta.« »Nein, das kann nicht sein, denn sie sieht dem Windekind nicht ähnlich. Sie ist ein Mädchen wie alle andern.« »Hahaha! Sie kann doch nicht einem Niemand ähnlich sehen. Aber sie ist eben, wer sie ist. Du hast dich so sehr nach ihr gesehnt, jetzt will ich dich zu ihr führen.« »Nein, ich will aber nicht. Viel lieber hätte ich sie tot gesehen, so wie die andern.« Und Johannes schaute sich nicht mehr um, sondern lief eilig weiter und murmelte vor sich hin: »Das ist das Letzte! Es besteht nichts! Nichts!« Das klare, warme Sonnenlicht eines jungen Lenzmorgens überflutete die große Stadt. Helle Strahlen drangen in das Kämmerlein, das Johannes bewohnte, und an der niedrigen Decke zitterte und schwankte ein großer Lichtflecken – die Spiegelung des sich kräuselnden Kanalgewässers. Johannes sah am Fenster im Sonnenschein und schaute über die Stadt, die jetzt so gänzlich anders aussah. Aus dem grauen Nebel war ein strahlend blauer Sonnendunst geworden, der die langen Straßen und die fernen Türme umhüllte. Die Schieferdächer glitzerten silbern-weiß und alle Häuser zeigten im Glanz des Sonnenlichtes klare Umrisse und lichte Flächen – an dem zartblauen Himmel war es wie ein Funkeln und Blitzen. Das Wasser schien lebendig geworden, die braunen Knöspchen der Ulmen waren dick und glänzend, und lärmende Spatzen flatterten unablässig zwischen den Zweigen umher. Und während er so schaute, ward es Johannes gar seltsam zumute. Der Sonnenschein brachte eine süße Betäubung über ihn. Darinnen lag Vergessenheit und unmittelbare Wollust. Träumerisch blickte er auf das Glitzern der kleinen Wogen und auf die schwellenden Knöspchen des Ulmenbaumes, und er lauschte dem Zwitschern der Spatzen, das ihm Freude kündete. So weich gestimmt war er schon lange nicht mehr gewesen; so glücklich hatte er sich seit langem nicht gefühlt. Das war der alte Sonnenschein, den er wieder erkannte, das war die Sonne, die ihn einst hinausgelockt in den Garten, wo er sich dann in dem Schutz eines alten Gemäuers aus den durchwärmten Boden hingestreckt – und lange Zeit all das Licht und all die Wärme genossen – auf die Hälmchen blickend, die sich's in der Sonne wohl sein ließen. Ihm war so selig zumute in diesem Licht, und es überkam ihn ein gar heimatliches Gefühl, wie er sich erinnerte, daß er es vor vielen, vielen Jahren in den Armen seiner Mutter gekannt. An alles Vergangene mußte er zurückdenken, allein er weinte oder sehnte sich nicht. Er saß still da und träumte, nichts anderes wünschend, als daß die Sonne auf immer so scheinen möge. »Was sitzest du da und träumst, Johannes?« rief Klauber. »Du weißt doch, daß ich das nicht leiden kann!« Johannes richtete seine nachdenklichen Augen flehentlich auf ihn. »Laß mich doch noch ein kleines Weilchen hierbleiben!« bat er. »Die Sonne ist so gut.« »Was findest du doch eigentlich an dieser Sonne?« fragte Klauber. »Sie ist doch im Grunde genommen nichts anderes als eine große Kerze – ob du in Kerzenlicht schaust oder in den Sonnenschein, das kommt auf eins heraus. Sieh, diese Schatten und die hellen Flecken auf der Straße, das ist doch nichts anderes als der Schein eines Lichtes, das ruhig brennt, ohne zu flackern. Und dieses Licht ist in Wahrheit nur ein kleines Flämmchen, das nur ein ganz kleines Stückchen von der Welt bestrahlt. Dort, dort, vorüber an jenem Blau und unter und über uns ist es dunkel, kalt und dunkel. Dort ist es jetzt Nacht, jetzt und allzeit!« Allein seine Worte machten keinen Eindruck auf Johannes. Die stillen Sonnenstrahlen erwärmten ihn und erfüllten seine ganze Seele – und in ihm war es licht und friedlich. Klauber nahm ihn mit in das frostig-kalte Haus des Doktor Ziffer. Eine Weile noch schwebten ihm die Sonnenbilder vor Augen, bis sie allmählich verblaßten und es um die Mittagszeit völlig dunkel ward in ihm. Doch als der Abend kam und er wiederum durch die Straßen der Stadt wanderte, war die Luft schwül und von feucht-süßen Frühlingsdüften erfüllt. Alles duftete stärker, und in den engen Straßen ward ihm gar beklommen zumute. Auf den offenen Plätzen aber roch er das Gras und die Knospen des Waldes, und über der Stadt gewahrte er den Lenz in den ruhigen Wölkchen und dem zarten Rot des westlichen Himmels. Die Dämmerung breitete einen weichen, grauen Nebel voll zarter Färbungen über der Stadt aus. In den Straßen ward es still. Nur in der Ferne spielte eine Drehorgel eine wehmütige Weise. Die Häuser hoben sich, dunkeln Schatten gleich, von dem rötlichen Abendhimmel ab und reckten ihre seltsam geformten spitzen Dächer und Schornsteine wie unzählige Arme empor. Dem Johannes schien es wie ein freundliches Lächeln der Sonne, als sie zum letztenmal über der großen Stadt leuchtete – freundlich wie das Lächeln, das eine Torheit verzeiht. Und die warme Schwüle streichelte dem kleinen Johannes liebkosend über die Wangen. Da beschlich eine große Wehmut sein Herz, so groß und so schwer, daß er nicht weiterzugehen vermochte und tiefaufatmend sein Antlitz gen Himmel erhob. Der Frühling rief ihn, und er hörte es. Er wollte antworten, daß er kommen werde. In ihm war alles Reue und Liebe und Verzeihung. Sehnsuchtsvoll starrte er hinaus, und Tränen entquollen seinen trüben Augen. »Aber, Johannes, sei doch nicht so töricht, die Menschen sehen dich schon alle an«, sagte Klauber. Düster streckten sich die langen eintönigen Häuserreihen zu beiden Seiten hin. Wie ein Jammer klang es durch die schwüle Luft, wie ein Wehruf durch des Lenzes Locken. Die Menschen saßen vor ihren Häusern, um den Frühling zu genießen. Das erschien Johannes wie Hohn. Die schmutzigen Türen standen offen, und der dumpfe Raum dort drinnen harrte ihrer. Noch ließ die Orgel in der Ferne ihre wehmütigen langgezogenen Töne erklingen. »O, wenn ich doch von hier fortfliegen könnte, weit fort zu den Dünen und zu der See!« Allein er mußte mit in das hohe, kleine Stübchen, und jene Nacht verbrachte er wachend. Er mußte an seinen Vater denken und an die langen Wanderungen, die er mit ihm gemacht, wenn er um zehn Schritt hinter ihm ging und sein Vater ihm allerhand Buchstaben in den Sand schrieb. All der Fleckchen entsann er sich, wo die Veilchen zwischen dem Gestrüpp wuchsen, und der Tage, da er sie mit seinem Vater gesucht. Die ganze Nacht hindurch glaubte er das Gesicht seines Vaters zu sehen, so wie es aussah, wenn er ihn des Abends beim stillen Schein der Lampe anblickte und dem Kritzeln seiner Feder lauschte. Und jeden Morgen bat er Klauber inständig doch noch einmal zurückkehren zu dürfen in sein Heim und zu seinem Vater, um nur einmal noch seinen Garten und die Dünen zu schauen. Jetzt merkte er, daß er seinen Vater inniger geliebt hatte als Presto und sein Kämmerlein – denn nur um seinetwillen war es, daß er bat. »Sage mir nur das Eine: wie es ihm geht und ob er mir noch böse ist, weil ich so lange fortgeblieben bin.« Klauber zuckte die Achseln. – »Und wenn du das wüßtest, was würde es dir nützen?« Allein der Lenz fuhr fort ihn zu rufen, lauter und immer lauter. In jeder Nacht träumte ihm von dem dunkelgrünen Moose, das an den Dünenhängen wuchs, und von den Sonnenstrahlen, die durch das zarte, junge Grün schimmerten. »So kann das nicht länger gehen«, dachte Johannes, »ich kann es nicht ertragen.« Und oftmals, wenn er nicht schlafen konnte, erhob er sich leise, ganz leise, und trat ans Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Und er sah, wie die zarten, flaumigen Wölkchen langsam an der Mondscheibe vorüberzogen und friedlich in einem Meer von sanftem Glanz sich badeten. Und er dachte daran, wie jetzt dort in der Ferne die Dünen schlummerten in der schwülen Nacht, wie köstlich es sein müsse in dem jungen Gebüsch, wo sich keins der Blättchen regte und wo es nach feuchtem Moos und jungen Birkenreisern duftete. Von weitem glaubte er den wogenden Chor der Frösche zu hören, der so geheimnisvoll durch die Felder rauscht – und das Lied des einzigen Vogels, der die feierliche Stille begleiten darf, der seinen Sang so sanft und klagend beginnt und so jäh beendet, daß die Stille nur noch um so stiller erscheint. Und alles, alles rief ihn. Tief beugte er den Kopf auf das Fenstersims herab und schluchzte herzzerbrechend. »Ich kann nicht! Ich kann es nicht ertragen! Wenn ich nicht kommen darf, so werde ich wohl alsbald sterben.« Als ihn Klauber am folgenden Tage weckte, saß er noch am Fenster, wo er eingeschlafen war, den Kopf auf die Arme gestützt. Die Tage schwanden und wurden lang und warm – und nichts änderte sich. Allein Johannes starb nicht, und seinen Kummer mußte er tragen. Eines Tages sagte Doktor Ziffer zu ihm: »Willst du mitgehen, Johannes? ich muß einen Kranken besuchen.« Doktor Ziffer war allgemein als ein gelehrter Mann bekannt und viele baten ihn um seine Hilfe gegen Tod und Krankheit. Johannes hatte ihn schon oft begleitet. An jenem Tage war Klauber ganz besonders aufgeräumt. Immer wieder stellte er sich auf den Kopf, schlug Purzelbäume und trieb allerhand tolle Späße. Er kicherte fortwährend geheimnisvoll, wie einer, der einem anderen eine Überraschung bereitet hat. Wenn er in dieser Stimmung war, fürchtete Johannes ihn am meisten. Doktor Ziffer indessen blieb ernst wie immer. Sie legten einen weiten Weg zurück. Erst mit der Bahn und dann zu Fuß. Sie gingen weiter als sonst; noch niemals hatten sie Johannes bis vor die Tore der Stadt mitgenommen. Es war ein warmer, sonniger Tag. Johannes sah die weiten, grünen Wiesen vorüberziehen mit ihrem hochgewachsenen, gefiederten Grase und ihren weidenden Kühen. Er sah, wie weiße Falter über die blumenbesäten Lande dahinschwebten, und wie die ganze Luft in der Sonnenglut erzitterte. Doch plötzlich durchfuhr ihn ein Zucken – dort erstreckte sich die lange, wogende Dünenreihe! »So, Johannes«, meinte Klauber kichernd, »jetzt bekommst du doch noch deinen Willen, siehst du wohl!« Halb ungläubig starrte Johannes auf die Dünen. Sie kamen näher und immer näher. Die langen Gräben zu beiden Seiten schienen sich um ihren eigenen Mittelpunkt zu drehen, und blitzschnell flogen die Wohnungen vorüber, die vereinzelt am Wege lagen. Dann kamen die Bäume: dicht belaubte Kastanien, an denen Tausende von weißen und roten Blütendolden üppig prangten – bläulich-grüne Tannen – große, stattliche Linden. Es war also dennoch wahr: er sollte seine Dünen wiedersehen. Der Zug hielt, und nun setzten die drei ihren Weg unter schattenspendenden Bäumen zu Fuß fort. Da war das dunkelgrüne Moos, da waren die runden Sonnenflecken auf dem Waldboden, da war der Duft der Birkenreiser und der Fichtennadeln. »Ist es denn wahr? Ist es denn wirklich wahr?« dachte Johannes, »ob jetzt das Glück wohl kommen wird?« Seine Augen leuchteten und sein Herz pochte heftig. Er begann an sein Glück zu glauben. Diese Bäume, diesen Waldgrund kannte er – und wie oft war er über diesen kleinen Pfad gegangen! Sie waren allein auf dem Wege. Indes Johannes mußte sich immer und immerfort umschauen, gleich als folge ihnen jemand. Und es war ihm, als sähe er zwischen dem Laubwerk der Eichen die dunkle Gestalt eines Menschen, die jedesmal wieder hinter der letzten Biegung des Pfades verborgen blieb. Klauber blickte ihn arglistig und geheimnisvoll an. Doktor Ziffer machte große Schritte und starrte schweigend vor sich hin. Der Weg wurde ihm stets vertrauter – jeden Stein, jeden Strauch kannte er. – Und plötzlich erschrak Johannes heftig, denn er stand vor seinem eigenen Hause. Der Kastanienbaum breitete seine großen handförmigen Blätter schattenspendend aus. Bis hinauf in den höchsten Wipfel prangten die prächtigen weißen Blüten zwischen dem vollen üppigen Laube. Er hörte das Geräusch der sich öffnenden Türe, das er gar wohl kannte. Ja, das war sein einstiges Heim. Und er erkannte den Flur, die Türen, alles Stück für Stück – und ihn beschlich ein schmerzliches Gefühl um unwiederbringlich verlorenes, vertrautes Glück. Das alles bildete einen Teil feines Lebens, seines einsamen verträumten Kinderlebens. Zu all diesen Gegenständen hatte er gesprochen; er hatte mit ihnen gelebt in seinem eigenen Gedankenleben, in das er keinen Menschen einließ. Jetzt aber fühlte er sich von dem ganzen alten Hause getrennt und losgelöst, von dem alten Hause mit seinen Stuben, seinen Gängen und seinen Winkeln. Er fühlte, daß die Trennung unwiderruflich war, und ihm war trübselig und wehmütig ums Herz, gleich als betrete er einen Kirchhof. Wenn ihm doch bloß der Presto entgegengesprungen wäre, dann würde das alles viel weniger schrecklich sein – aber Presto war gewiß fort oder gar schon tot. Aber wo war denn sein Vater? Er blickte zurück nach der geöffneten Türe und in den sonnigen Garten da draußen und sah den Mann, der ihnen auf ihrem Wege immerfort zu folgen schien, langsam auf das Haus zuschreiten. Er kam näher und immer näher und schien größer zu werden, je näher er kam. Als er bei der Türe angelangt war, fiel ein großer frostiger Schatten in den Hausflur. Da erkannte Johannes den Mann. Im Hause war es totenstill, und schweigend gingen sie die Treppe hinauf. Da war eine Stufe, die unter jedem Schritt knarrte, das wußte Johannes. Und auch jetzt hörte er sie dreimal knarren – das klang wie ein schmerzliches Stöhnen. – Unter dem vierten Schritt aber war es wie ein dumpfes Schluchzen. Und oben hörte Johannes ein Ächzen, leise und so regelmäßig wie das langsame Ticken einer Uhr. Unheimlich und qualvoll war es anzuhören. Die Tür zu Johannes' Stübchen stand offen. Er warf flüchtig einen scheuen Blick hinein. Die seltsamen Blumengebilde der Tapete starrten ihn erstaunt und wesenlos an. Die Wanduhr stand still. Sie gingen in das Zimmer, aus dem das Ächzen drang. Es war seines Vaters Schlafzimmer. Lustig schien die Sonne hinein auf die geschlossenen grünen Vorhänge des Bettes. Simon, der Kater, saß auf der Fensterbank im Sonnenschein. In dem Raume hing ein beklemmender Duft von Wein und Kampfer. Ganz nahe hörte man jetzt das leise Wimmern. Johannes vernahm flüsternde Stimmen und das Schlürfen behutsamer Schritte. Dann wurden die grünen Vorhänge zurückgeschlagen. Er sah das Gesicht seines Vaters, das er in der letzten Zeit so oft vor sich gesehen. Allein ganz anders war es jetzt. Der freundliche ernste Ausdruck war gewichen, und starr und angstvoll schaute es drein. Es war fahlbleich, mit tiefen dunkeln Schatten. In dem halb geöffneten Munde waren die Zähne sichtbar und unter den nicht gänzlich geschlossenen Lidern das Weiß der Augen. Der Kopf war tief in die Kissen vergraben und richtete sich bei jedem Stöhnen mühsam auf, um dann sofort wieder ermattet zurückzusinken. Regungslos stand Johannes an dem Bett und schaute weit geöffneten starren Auges auf das wohlbekannte Gesicht. Er wußte nicht was er dachte – wagte kaum einen Finger zu rühren – wagte die alten welken Hände nicht zu fassen, die schlaff auf dem weißen Linnen lagen. Um ihn her ward alles schwarz, die Sonne und das helle Zimmer, das Grün da draußen und der blaue Himmel, den er soeben noch geschaut und alles, was hinter ihm lag, wurde schwarz und trübe und undurchdringlich. Und in jener Nacht sah er einzig und allein den bleichen Kopf, der da vor ihm lag. Und konnte immerfort nur an das arme Haupt denken, das so müde schien und das sich doch immer und immer wieder schmerzlich stöhnend aufrichten mußte. Da kam für einen Augenblick eine Veränderung in die regelmäßige Bewegung. Das Stöhnen ließ nach, die Augenlider öffneten sich langsam, der Blick irrte suchend umher und die Lippen versuchten zu sprechen. »Guten Tag, Vater!« flüsterte Johannes, während er ängstlich zitternd in die suchenden Augen starrte. Da weilte der müde Blick einen Augenblick auf ihm und über die hohlen Wangen spielte ein mattes, mattes Lächeln. Die schmale weiße Hand hob sich von dem Linnen empor und machte eine unsichere tastende Bewegung zu Johannes hin; dann fiel sie wieder kraftlos zurück. »Ach was!« sagte Klauber, »bitte keine Szenen hier!« »Mach mir Platz, Johannes,« sagte Doktor Ziffer, »wir müssen sehen was hier zu tun ist.« Und der Doktor begann seine Untersuchung: Johannes aber trat von dem Bett weg ans Fenster. Er blickte hinaus auf den sonnenbeschienenen Rasen und den leuchtenden Himmel und die breiten Kastanienblätter, auf denen dicke Fliegen saßen, die im Sonnenschein bläulich schillerten. Und mit derselben Regelmäßigkeit hub das Stöhnen wieder an. Eine schwarze Amsel hüpfte zwischen dem hohen Grase im Garten umher – große rot und schwarzgesprenkelte Falter flatterten über den Blumenbeeten, und aus dem Laubwerk der höchsten Bäume klang das sanfte einschmeichelnde Girren der Holztauben Johannes ans Ohr. Hier drinnen hielt das Stöhnen an – immerfort und unaufhaltsam. Er mußte darauf hören – es kam regelmäßig und unabwendbar wie der fallende Tropfen, der Einen zum Wahnsinn bringen kann. Gespannt wartete er während jeder Pause, und immer kam es wieder, entsetzlich wie der Schritt des nahenden Todes. Und dort draußen warmer Sonnenfrieden. Alles genoß freudig sein Dasein. Die Gräser erzitterten und die Blätter raschelten voll süßer Wollust – über den hohen Wipfeln der Bäume, tief in dem wimmelnden Blau, schwebte ein Reiher mit ruhigem Flügelschlag. Johannes begriff es nicht – es war ihm alles ein Rätsel. – In seiner Seele war es so verworren und so düster. – »Wie ist es nur möglich, daß sich das alles zugleich in mir regt?« dachte er. – »Bin ich wirklich ich? und ist das mein Vater, mein eigener Vater? Mein Vater, der Vater des Johannes?« Es war ihm, als spräche er von einem Fremden. Das alles war eine Geschichte, die er mit angehört hatte. Er hatte jemanden erzählen hören von Johannes und von dem Hause, in dem er gewohnt, und von seinem Vater, den er verlassen hatte und der nun im Sterben lag. Er war es nicht selber – er hatte es nur erzählen hören. Es war wohl eine traurige, gar traurige Geschichte, aber ihn ging sie nichts an. Ja – ja, oder doch! Er war es selber, er, Johannes! »Ich kann mir die Sache nicht erklären,« sagte Doktor Ziffer, indem er sich wieder aufrichtete, »der Fall ist mir völlig rätselhaft.« Klauber trat neben Johannes. »Willst du dir die Sache nicht mal anschauen, Johannes? Es ist ein interessanter Fall, der Doktor versteht ihn nicht.« »Laß mich,« sagte Johannes, ohne sich umzuwenden, »ich kann nicht denken.« Klauber aber stellte sich hinter ihn und flüsterte ihm, seiner Gewohnheit gemäß, scharf ins Ohr: »Nicht denken? glaubst du, du könntest nicht denken? da irrst du dich aber. – Du mußt denken. – Und wenn du auch noch so starr auf all das Grün und in den blauen Himmel schaust, das nützt dir alles nichts. Windekind kommt doch nicht, und der kranke Mann da muß doch sterben. Das hast du ebenso gut gesehen wie wir. Aber woran mag er wohl leiden? was glaubst du?« »Ich weiß es nicht! ich will es nicht wissen.« Johannes schwieg und horchte auf das Stöhnen. Das klang klagend und vorwurfsvoll. Doktor Ziffer machte eifrig Notizen. Am Kopfende des Bettes saß die dunkle Gestalt, die ihnen gefolgt war, den Kopf geneigt, die lange Hand nach dem Kranken ausgestreckt und die tiefliegenden Augen fest auf die Uhr gerichtet. Wiederum klang das scharfe Flüstern an sein Ohr. »Warum schaust du so traurig drein, Johannes? jetzt hast du doch deinen Willen. Dort liegen die Dünen, da sind die Sonnenstrahlen, die durch das Grün schimmern, und allüberall flatternde Falter und singende Vögel. Was willst du noch mehr? – wartest du auf Windekind? Wenn er irgendwo ist, so muß er doch dort sein. Warum kommt er denn jetzt nicht? Sollte er sich etwa vor diesem düsteren Freunde fürchten, der am Kopfende des Bettes sitzt? Der war doch allzeit da. Siehst du nun wohl, daß es alles Einbildung gewesen ist. Johannes?« »Hörst du das Stöhnen? Es klingt schon leiser als zuvor. Man kann merken, daß es bald gänzlich aufhören wird. Nun, was soll das? Es haben schon so viele gestöhnt, auch während du ruhig hier draußen zwischen den Dünenrosen umherwandeltest. Warum stehst du jetzt so traurig da? Warum gehst du nicht in die Dünen, so wie einst? Sieh, alles duftet und blüht und singt da draußen, gleich als ob hier drinnen gar nichts geschähe. Warum nimmst du nicht teil an all der Fröhlichkeit und dem jungen Leben?« »Erst klagst du und sehnst dich – jetzt führe ich dich dorthin wo du sein wolltest, und nun ist es dir wiederum nicht recht. Sieh, ich gebe dich frei. Gehe hin und wandle durch das hohe Gras und strecke dich in den kühlen Schatten und laß die Fliegen um dich hersummen und atme den Duft der jungen Kräuter ein. Ich gebe dich frei – so geh doch und mach dich auf die Suche nach Windekind!« »Du willst nicht? Glaubst du denn jetzt doch einzig und allein an mich? Sag mir, ist es wahr, was ich dir erzählt habe? Wer hat gelogen? Windekind oder ich?« »Hör nur das Stöhnen! so kurz und so schwach. Bald wird es gänzlich stille werden.« »Aber schau dich doch nicht so ängstlich um, Johannes. Je eher es still wird, desto besser. Jetzt wird es keine langen Wanderungen mehr geben – jetzt wirst du keine Veilchen mehr mit ihm suchen. Mit wem mag er wohl spazieren gegangen sein, während der zwei Jahre, da du fortwarst? was meinst du?« »Ja, jetzt kannst du ihn nicht mehr danach fragen, und niemals wirst du es erfahren. Jetzt mußt du dich schon mit mir zufrieden geben. Hättest du mich ein wenig früher gekannt, so brauchtest du jetzt nicht so jämmerlich drein zu schauen. Du bist noch lange nicht so wie du sein solltest. Glaubst du etwa, daß der Doktor Ziffer in deinem Fall so unglücklich aussehen würde? Es würde ihn ebenso traurig machen wie jene Katze, die dort im Sonnenschein schnurrt. Und es ist gut so. Wozu dient all die Verzweiflung? Haben die Blumen sie dich etwa gelehrt? Die trauern auch nicht, wenn eine von ihnen gepflückt wird. Ist das nicht glücklich? Sie wissen nichts, darum sind sie so. Du hast nun einmal angefangen, etwas zu wissen, jetzt mußt du, um glücklich zu werden, auch alles erfahren, und dazu kann nur ich dir verhelfen. Alles oder nichts.« »Höre mich an. Was tuts, daß das dein Vater ist? Es ist ein Mensch, der stirbt – das ist ein ganz alltägliches Ereignis.« »Hörst du das Stöhnen noch? Ganz matt, nicht wahr? Es wird jetzt wohl bald zu Ende gehen.« Voll banger Beklommenheit schaute Johannes nach dem Bette. Simon, der Kater, sprang von der Fensterbank herunter, reckte und streckte sich und legte sich dann schnurrend ins Bett neben den Sterbenden. Das arme müde Haupt regte sich nicht mehr – still lag es in die Kissen zurückgesunken – allein aus dem halbgeöffneten Munde drang noch immer das kurze kaum hörbare Stöhnen. Es wurde leiser und immer leiser. Da wandte der Tod die dunklen Augen von der Uhr zu dem eingefallenen Kopf hinüber und hob die Hand auf. Dann ward es still. Ein fahler Schatten breitete sich über das starre Antlitz. Stille – dumpfe, leere Stille. Johannes wartete und wartete. Allein das regelmäßige Geräusch kehrte nicht wieder. Es blieb still – ringsumher eine große, säuselnde Stille. Die Spannung des Horchens, die er während der letzten Stunde empfunden, ließ nach, und es war Johannes, als werde seine Seele freigegeben, als stürze sie herab in eine dunkle bodenlose Tiefe. Er fiel tiefer und tiefer. Um ihn her ward es immer stiller und düsterer. Da erklang Klaubers Stimme, gleichsam wie aus weiter Ferne. »So, diese Geschichte wäre also auch wieder mal zu Ende.« »Das ist ganz gut,« sagte Doktor Ziffer, »jetzt kannst du feststellen, was es gewesen ist. Ich überlasse das dir. Ich muß fort.« Noch immer halb im Traum sah Johannes funkelnde Messer blitzen. Der Kater machte einen hohen Rücken. Neben dem Körper ward es kalt, und so suchte er wiederum die Sonne auf. Johannes sah, wie Klauber ein Messer nahm, wie er es aufmerksam betrachtete und dann damit auf das Bett zuschritt. Da schüttelte Johannes die Betäubung von sich ab. Noch bevor Klauber das Bett erreicht hatte, stand er vor ihm. »Was willst du tun?« fragte er. Seine Augen waren vor Entsetzen weit geöffnet. »Wir wollen sehen, was es gewesen ist,« antwortete Klauber. »Nein,« sagte Johannes, und seine Stimme klang tief wie die eines Mannes. »Was soll das heißen?« fragte Klauber mit grimmig funkelnden Augen. »Du willst mir etwas verbieten? weißt du denn nicht, wie stark ich bin?« »Ich leide es aber nicht,« antwortete Johannes. Er biß die Zähne zusammen und holte tief Atem. Festen Blickes schaute er Klauber an, während er die Hand nach ihm ausstreckte. Allein Klauber trat näher. Da packte Johannes ihn an beiden Pulsen fest und rang mit ihm. Klauber war stark, das wußte er; noch niemals hatte er ihm widerstanden. Aber er ließ nicht nach und sein Wille zerbrach nicht. Das Messer blitzte vor seinen Augen; er sah Funken und rote Flammen vor seinen Blicken tanzen, allein er gab nicht nach, sondern fuhr fort zu ringen. Er wußte, was kommen würde, wenn er unterläge. Er kannte es, er hatte es schon oft gesehen. Allein was da hinter ihm lag, das war sein Vater, und das wollte er nicht sehen. Und während sie keuchend mit einander rangen, lag hinter ihnen der tote Körper regungslos ausgestreckt, so wie er in dem Augenblick gelegen, als die Stille kam, das Weiß der Augen sichtbar wie ein schmaler Streif, die Mundwinkel zu einem starren Grinsen verzerrt. Nur wenn die Beiden in ihrem Kampf gegen das Bett stießen, wackelte der Kopf leise hin und her. Noch blieb Johannes standhaft, aber der Atem ging ihm aus und er sah nichts mehr. Vor seine Augen legte sich ein Schleier aus blutrotem Licht. Dennoch blieb er standhaft. Da begann der Widerstand der beiden Pulse unter seinem Griff allmählich schwächer zu werden. Seine Muskeln entspannten sich – die Arme hingen ihm schlaff am Körper herab, und seine geschlossenen Hände waren leer. Als er aufblickte, war Klauber verschwunden. Nur der Tod saß am Bett und nickte. »Das war recht von dir, Johannes,« sagte er. »Wird er wiederkommen?« Der Tod schüttelte den Kopf. »Nie. Wer einmal den Kampf mit ihm aufgenommen hat, der sieht ihn nicht wieder.« »Und Windekind? Werde ich Windekind jetzt wiedersehen?« Lange Zeit schaute der düstere Mann Johannes an. Sein Blick war jetzt nicht mehr grauenerregend, sondern ernst und milde, und Johannes schien er lockend wie eine endlose Tiefe. »Nur ich kann dich zu Windekind führen. Mit mir allein kannst du das Büchelchen finden.« »So nimm mich mit – jetzt ist niemand mehr da – nimm auch mich jetzt mit, so wie die Andern – ich wünsche nichts anderes mehr ...« Abermals schüttelte der Tod den Kopf. »Du hast die Menschen lieb, Johannes. Du wußtest es nicht, aber du hast sie allzeit lieb gehabt. Du sollst ein guter Mensch werden. Es ist schön ein guter Mensch zu sein.« »Ich will nicht, – nimm mich mit ...« »Das ist nicht wahr. Du willst. Du kannst nicht anders ...« Da zerfloß die große dunkle Gestalt langsam in Nebel – ein dünner grauer Nebelschleier durchschwebte das Gemach und zog hinaus, an den Sonnenstrahlen vorüber. Johannes neigte den Kopf über den Rand des Bettes und weinte bei dem toten Manne. Nach langer Zeit richtete er sich wieder auf. Die Sonnenstrahlen fielen schräge hinein und hatten einen rötlichen Glanz. Sie waren wie gerade goldene Stäbe. »Vater! Vater!« flüsterte Johannes. Draußen erfüllte die Sonne die ganze Natur mit einer Wolke aus golden-leuchtender Glut. Die Blättlein hingen regungslos, und alles schwieg in feierlicher Sonnenweihe. Und von dem Licht getragen, schwebte ein sanftes Säuseln hinein. Es war als sängen die lichten Strahlen: Sonnensohn! Sonnensohn!« Johannes richtete den Kopf auf und lauschte. In seinen Ohren rauschte es: »Sonnensohn! Sonnensohn!« Es klang wie Windekinds Stimme. – Nur der hatte ihn so genannt – ob er ihn jetzt wohl rief? Allein er blickte auf das Antlitz an seiner Seite – und wollte nicht hören. »Armer, lieber Vater!« sagte er. Plötzlich aber klang es wieder um ihn her, – von allen Seiten um ihn her – so stark und so eindringlich, daß er vor wundersamer Rührung erzitterte. »Sonnensohn! Sonnensohn!« Johannes erhob sich und blickte hinaus. Was für ein Licht! was für ein strahlendes Licht! Es ergoß sich über die vollen Baumkronen, es funkelte in den Grashalmen und leuchtete an dunklen schattenreichen Stellen. Die ganze Luft war davon erfüllt, bis hoch hinauf in den blauen Äther, wo sich die ersten zarten Abendwölkchen formten. Über den Nasen hinweg erblickte er die Dünenhänge zwischen den grünen Bäumen und Büschen. Auf ihren Spitzen lag rotes Gold und in ihren Schatten hing des Himmels Bläue. Ruhig lagen sie dort hingestreckt in einem Gewand aus zarten Färbungen. Das sanfte Wogen ihrer Umrisse war friedenkündend wie ein Gebet. Wieder fühlte Johannes, wie es war, als ihn Windekind einst das Beten gelehrt hatte. War sie da nicht; die lichte Gestalt im blauen Gewande? – Sieh, dort mitten in dem Licht, das da schimmert in einem Dunst aus Blau und Gold. Ist das nicht Windekind, der ihm winkt? Johannes eilte hinaus in den Sonnenglanz. Dort hielt er einen Augenblick inne. Er empfand des Lichtes heilige Weihe und wagte kaum sich zu regen, so still war das Laub. Allein da vor ihm war sie wieder, die lichte Gestalt. Es war Windekind, sicherlich! er war es. Das strahlende Köpfchen ihm zugewandt, die Lippen halb geöffnet, gleichsam als wolle er rufen. Er winkte ihm mit der rechten Hand, in der linken hielt er etwas empor. Hoch streckte er es hinauf mit den schlanken Fingerspitzen, daß es blitzte und funkelte in seiner Hand. Mit einem jauchzenden Jubelruf eilte Johannes auf die geliebte Erscheinung zu. Die aber stieg empor und schwebte vor ihm her mit lachendem Antlitz und winkenden Händen. Hin und wieder berührte sie, langsam herniederschwebend, flüchtig die Erde; dann aber stieg sie wiederum auf, leicht und schnell, und schwebte weiter, wie der Samen, der vom Winde fortgetrieben wird. Johannes wollte sich gleichfalls erheben und schweben, so wie einst in seinem Traum. Die Erde aber zog seine Füße an sich und schwer blieb sein Schritt auf dem grasbewachsenen Boden. Mühsam mußte er sich seinen Weg bahnen durch die Sträucher, deren Laubwerk raschelnd seine Kleider streifte und deren Zweige ihm das Antlitz peitschten. Keuchend erklomm er die moosigen Abhänge der Dünen. Allein er folgte unermüdlich, und unverwandt hing sein Auge an Windekinds strahlender Erscheinung und an dem, was dort in der hochgehobenen Hand erglänzte. Jetzt war er mitten in den Dünen. In den glutgetränkten Tälern blühten die Dünenrosen und schauten mit ihren unzähligen mattgelben Kelchen in das helle Licht. Auch viele andere Blümlein blühten dort, hellgelbe, mattblaue und purpurfarbene – und in den kleinen Tälern hing eine schwüle Hitze, die die duftenden Kräuter umfing. Starke harzige Düfte schwebten durch die Luft. Johannes roch sie, während er weiterging – den Duft des Thymians atmete er ein und des trockenen Renntiermooses, das unter seinen Schritten knisterte. Es war berauschend schön. Und vor dem lieblichen Bilde, dem er folgte, sah er die bunten Dünenfalter einherflattern. Kleine schwarze und rote Schmetterlinge und das Sammetäuglein, das muntere Falterchen mit den seidenweichen Flügeln von zartestem Blau. Um seinen Kopf surrten die goldenen Käfer, die auf der Dünenrose leben, und dicke Hummeln schwirrten summend über dem halbversengten Dünengrase. Wie köstlich war es und wie glücklich würde er sein, wenn er doch nur bei Windekind wäre! Windekind aber schwebte weiter und immer weiter fort. Atemlos mußte er folgen. Die großen blaßblättrigen, dornigen Gebüsche hielten ihn zurück und kratzten ihn mit ihren Dornen: die fahlen, molligen Königskerzen schüttelten die langen Köpfe, wenn er sie in seinem eiligen Lauf beiseite drängte. Er erklomm die sandigen Hänge und verletzte sich die Hände an den stachligen Halmen. Er drang durch die niedrigen Birkenwäldchen, wo ihm das Gras bis an die Kniee reichte und die Wasservögel aus den kleinen Teichen aufflogen, die zwischen den Sträuchern erglänzten. Weißblühender Schlehdorn mischte seinen Duft dem des Birkenlaubes und der Krauseminze bei, die aus dem sumpfigen Boden üppig emporschoß. Dann aber hörten die Wälder, das Grün und die bunten Blumen auf. Nur die wunderlich mattblaue Meeresdistel wuchs noch zwischen den fahlen, dürren Halmen. Auf dem Kamm der letzten hohen Dünenreihe sah Johannes Windekind winken. Blendend glänzte das Ding in seiner hocherhobenen Hand. Geheimnisvoll lockend ertönte ein starkes unablässiges Rauschen, von einem kühlen Winde herüber getragen. Es war das Meer. Johannes fühlte, daß er sich ihm näherte, und langsam erstieg er den letzten Hügel. Dort oben fiel er auf die Knie und lange, lange schaute er über die See. Als er sich über den Dünenrand erhob, umgab ihn eine rote Glut. Die Abendwolken hatten sich um des Lichtes Ausfahrt geschart. Wie ein weiter Ring aus gewaltigen Felsblöcken mit rotglühenden Rändern umgaben sie die untergehende Sonne, über das Meer zog sich ein breiter Weg von lebendigem Purpurfeuer – ein flammender glitzernder Lichtweg, der hinführte bis an die Pforte des fernen Himmels. Hinter der Sonne, wohin das Auge noch nicht zu blicken vermochte, wimmelten in der Tiefe der Lichtgrotte zarte Schattierungen von Blau und Rosenrot durcheinander. Dort draußen an dem ganzen weiten Himmel leuchteten rote Flammen und Streifen, lichte Flöckchen blutigen Flaumes und Glutflecken wie zerfließendes Feuer. Johannes wartete – bis die Sonnenscheibe den glühenden Weg, der bis zu ihm führte, an seinem äußersten Ende berührte. Dann blickte er herab, und ganz nahe war ihm das lichte Bild, dem er gefolgt war. Ein Fahrzeug, klar und glitzernd wie Kristall, trieb auf der breiten Feuerbahn. An dem einen Ende des Bootes stand Windekinds schlanke Gestalt und hielt den goldenleuchtenden Gegenstand in der Hand. An dem andern erkannte Johannes den düsteren Tod. »Windekind! Windekind!« rief Johannes. Doch während er sich dem wundersamen Fahrzeug näherte, blickte er nach dem Horizont. Inmitten des lichten Raumes, von großen feurigen Wolken umgeben, sah er eine kleine dunkle Gestalt. Die ward größer und immer größer – langsam näherte sich ein Mensch, ruhig über die feurigen, wogenden Wasser daherschreitend. Die rotglühenden Wellen hoben und senkten sich unter seinem Fuß; allein still und ruhig kam er näher. Es war ein Mensch: sein Antlitz war bleich und sein Auge tief und dunkel. So tief wie die Augen Windekinds, doch aus ihrem Blick sprach eine unendlich sanfte Wehmut, so wie Johannes sie immer in andern Augen gesehen. »Wer bist du?« fragte Johannes, »bist du ein Mensch?« »Ich bin mehr,« sagte er. »Bist du Jesus? bist du Gott?« »Nenne jene Namen nicht,« sagte die Gestalt, »die waren rein und heilig wie Priestergewänder und köstlich wie nährendes Korn. Jetzt aber sind sie zum Träber für die Schweine geworden und zum Narrenkleid für die Toren. Nenne sie nicht, denn ihr Sinn ward Verirrung und ihre Weihe Spott und Hohn. Wer mich kennen will, werfe jene Namen von sich und höre auf die Stimme seines Innern.« »Ich kenne dich! ich kenne dich!« sagte Johannes. »Ich war es, der dich um die Menschen weinen ließ, während du deine Tränen nicht begreifen konntest. Ich war es, der dich lieben hieß, während du deine Liebe nicht verstandest. Ich bin bei dir gewesen und du hast mich nicht gesehen. Ich habe deine Seele bewegt und du hast mich nicht gekannt.« »Warum sehe ich dich erst jetzt?« »Viele Tränen müssen die Augen erhellen, die mich sehen werden, und nicht nur um dich selber allein, sondern auch um mich sollst du weinen, dann werde ich dir erscheinen und du wirst mich erkennen wie einen alten Freund.« »Ich kenne dich. Ich habe dich wiedererkannt. Ich will bei dir sein.« Johannes streckte die Hände aus. Der Mensch aber wies auf das leuchtende Fahrzeug, das langsam weiter zog auf seinem feurigen Wege. »Sieh,« sagte er, »dies ist der Weg zu alledem, was du ersehnt hast. Einen andern gibt es nicht. Ohne diese Leiden wirst du es niemals finden. So wähle jetzt. Dort ist das große Licht. Dort wirst du selber das sein, was du zu kennen begehrst. Dort – und er wies auf den dunklen Osten – wo die Menschheit ist und ihr Weh, dort ist mein Weg. Nicht das Irrlicht, das du ausgelöscht hast, wird dich begleiten, sondern ich. So, jetzt weißt du es, und nun wähle.« Da wandte Johannes langsam den Blick von Windekinds winkender Gestalt und streckte die Hände dem ernsten Menschen entgegen. Und mit seinem Begleiter trat er, gegen den frostigen Nachtwind kämpfend, den schweren Weg nach der großen finsteren Stadt an, wo die Menschheit wohnt und ihr Weh. Möglich, daß ich euch ein andermal noch mehr von dem kleinen Johannes erzähle, aber einem Märchen wird es alsdann nicht mehr gleichen. Zweites Buch Ich sagte euch ja, daß ich euch vielleicht noch mehr von dem kleinen Johannes erzählen wolle. Ihr habt sicherlich nicht gedacht, daß ich Wort halten würde, nicht wahr? Heutzutage sind die Menschen, ob jung oder alt, nicht mehr allzu vertrauensselig und auch nicht mehr gar so geduldig. Jetzt aber will ich euch alle beschämen und euch erzählen, was ihm weiterhin widerfuhr. So merkt denn wohl auf, es lohnt sich der Mühe. Und was das Beste von allem ist: es klingt ganz wie ein Märchen, fast mehr noch als das, was ich euch bereits erzählt habe. Und dennoch ist auch dies alles wirklich geschehen. Wahr und wahrhaftig, es ist geschehen. Ihr werdet das nun vielleicht wieder nicht glauben, aber wenn ihr erst älter seid, dann werdet ihr es begreifen – wenn ihr viel, viel älter seid – und es ist so viel schöner, es zu glauben, daß ich euch von Herzen wünsche, ihr möchtet dazu imstande sein. Will's nicht gehen, so tut es mir leid um euretwillen, aber ihr sollt deswegen nicht lügen. Ihr dürft dies alles trotzdem lesen. Und wenn ihr dem Johannes begegnet, so dürft ihr ihn auch wohl befragen und ihm meine Grüße bestellen. Möglich ist es, daß ihr keine Antwort bekommt, aber sicherlich wird er nicht ärgerlich sein. Er ist zwar immer noch klein, aber doch um ein gut Stück größer geworden. Das schöne Wetter dauerte an jenem Abend nicht lange. Die prächtigen Wolken, die Johannes über der See gesehen und aus denen die dunkle Gestalt herausgetreten war, kündeten ein Unwetter. Noch ehe er wieder mitten in den Dünen war, wurden Abendrot und Sternenhimmel verdüstert, und er fühlte sich von einem milden warmen Winde fortgetrieben, der von einem nebelfeinen Staubregen begleitet war. Hinter ihm über der See zuckte ein Wetterleuchten, und dort rollte und donnerte es, gleich als würde der Himmel eingerissen und als würfe man all seine Bretter auf einen großen Speicher. Johannes aber war sehr glücklich und fürchtete sich nicht im mindesten. Er fühlte eine warme, kräftige Hand, die die seine festhielt. Ihm war es, als habe er noch niemals eine solche Hand in der seinen gehalten, ja sogar Windekinds Hand erschien ihm, mit dieser verglichen, zart und zerbrechlich und unwirklich. Er meinte, daß er jetzt an das Ende all seiner Wirren und Mühseligkeiten gelangt sei. Vielleicht habt auch ihr das geglaubt. Indes, wie würde das wohl möglich sein, da er doch erst ein ganz kleiner Mann war und noch kaum die Hälfte von all den wunderlichen Dingen begriffen hatte, die ihm widerfahren waren? Vielleicht ist euch das alles klar gewesen, ihm aber nicht, wenngleich er es sich jetzt einbildete. Er war ja aber auch noch ein ganz kleiner Mann ohne Bart und ohne Schnurrbart und mit einer hohen Stimme. »Freund«, sagte er zu seinem Begleiter, »ich weiß jetzt, daß ich schlecht gewesen bin, furchtbar schlecht sogar. Aber jetzt seid ihr doch zu mir gekommen und ich darf eure Hand in der meinen halten. Kann ich denn noch alles gut machen? Ist es noch nicht zu spät?« Schweigend schritt die dunkle Gestalt neben ihm her durch Sturm und Finsternis. Johannes konnte weder seine Augen noch sein Gesicht sehen; er hörte nur das seltsame klatschende Geräusch seiner Kleider, die schwer waren vom Regen. Dann fragte er wiederum und diesmal ein wenig beklommen, weil der Trost, nach dem er sich sehnte, länger auf sich warten ließ, als er gedacht: »Oder darf ich euch nicht Freund nennen? Bin ich dessen noch nicht würdig? Ich habe immer so gerne einen Freund haben wollen. Das sei das Schönste im Leben, meinte ich, eigentlich das Einzige, woran mir wirklich etwas gelegen war. Und jetzt habe ich alle meine Freunde verloren. Mein Hündchen, Windekind und meinen Vater. Bin ich zu schlecht, um einen echten Freund zu haben?« Da kam eine Antwort: »Wenn du ein echter Freund sein kannst, Johannes, so wirst du sicherlich auch einen finden.« Der weiche tiefe Klang der Stimme war ihm Trost. Wer mit solchem Klange sprach, vergab und hatte lieb. Allein die Worte waren quälend. »Schlecht, schlecht,« murmelte Johannes vor sich hin, indem er die Zähne zusammenbiß. Er hätte wohl weinen mögen, aber er konnte es nicht. Dazu hätte er Mitleid mit sich selber haben müssen, und das flößte ihm die Antwort seines Begleiters nicht ein. Er war kein guter Freund gewesen, weder seinem Hündchen, noch Windekind, noch seinem Vater. Nun hätte er das alles am liebsten gleich wieder gut gemacht, aber ganz so einfach war das nicht. Das wurde ihm jetzt völlig klar. In den Dünen war es unwirtlich und stockfinster. Man hörte den Sturm durch die Zwergpappeln und die Halme heulen, aber zu sehen war nichts. Wie fern erschien jetzt das stille Sonnenlicht und die fröhlichen Tiere und Blumen! Hastig und schweigend schritten die Beiden weiter an vielfach gewundenen Wagenspuren entlang durch den dicken feuchten Sand, hin und wieder stolpernd und strauchelnd. Dieser Weg führte nach der Stadt. »Ich werde ...« begann Johannes wieder, indem er entschlossen den Kopf erhob; allein er stockte. »Wer kann sagen: ich werde? Wer ist da, der weiß, was er wird? Kann Johannes sagen: ich bin?« »Ich bin betrübt und ich bin beschämt, und ich will mich bessern,« sagte Johannes. »So ist's recht,« sprach die tiefe weiche Stimme, und Johannes traten die Tränen in die Augen. Er schmiegte sich dicht an seinen Begleiter an, während er zitternd weiter ging. »So lehre mich, Vater; ich will lernen, wie ich mich bessern kann.« »Nicht ›Vater‹, Johannes, wir beide haben einen Vater. Bruder sollst du mich nennen.« Bei diesem Wort blickte Johannes scheu zu seinem Begleiter auf, mit gespannten Zügen und weitgeöffneten Augen. Ein bläulich-weißer Blitz durchzuckte den Himmel, und Johannes sah den bleichen Kopf mit den dunklen Augen, der sich freundlich zu ihm wandte. Die Haare waren feucht, vom Regen triefend, so auch der dunkle Bart und Schnurrbart. Das Haar klebte an der weißen leuchtenden Stirne. Aus den Augen strahlte innige Glut. Johannes empfand eine unendliche Liebe und Verehrung und zugleich eine unaussprechliche Trauer. »Mein Bruder,« dachte er, »o, du großer, guter Mann!« Und er sagte: »Du wirst so naß, binde meine Jacke über deinen Kopf, ich kann sie ganz gut entbehren.« Allein seine Hand ward in der Dunkelheit sanft zurückgehalten, und sie eilten weiter, bis sich Schweiß und Regen auf ihrem Antlitz mischten. Da sprach sein Begleiter nach einer Weile also: »Johannes, höre mich aufmerksam an. Denn jetzt werde ich dir etwas sagen, was du behalten mußt.« »Dein eigentliches Leben beginnt erst jetzt, und gut zu leben, ist sehr schwer. Wenn du behalten könntest, was ich dir jetzt sage, dann würdest du nie mehr unglücklich sein. Weder das Leben noch die Menschen vermöchten dich jemals unglücklich zu machen. Aber das wird nicht so sein, und zwar nur deshalb, weil du vergessen wirst.« Ein kurzes Schweigen, darinnen nur das Rauschen des Windes, das Rascheln ihrer Kleider und ihr hastiges Atmen hörbar waren. Denn sie gingen schnell. »So übe dein Gedächtnis, denn ohne ein starkes und gutes Gedächtnis wird kein Heil gewonnen. Das aber merke dir wohl: Nicht des Kleinen und Zeitlichen sollst du eingedenk sein, sondern des Großen und Ewigen.« Da zuckte ein Wetterleuchten, gleich als würde das ganze Weltall mit weißen Flammen geschlagen, und unmittelbar darauf grollte ein entsetzlicher Donner gerade über ihren Köpfen. Johannes aber dachte voller Inbrunst über die Worte nach, die er soeben gehört, und war weder ängstlich noch beunruhigt. Er hob den Kopf, stolz und froh, daß ihm nicht bange war. Und starrte weitgeöffneten Auges in die hohe düstere Himmelskuppel. »Dies ist das Große und Ewige, nicht wahr? Dessen werde ich eingedenk sein.« Sein Begleiter aber sagte: »Nicht an Blitz und Donner sollst du denken, denn die sind zeitlich und werden viele Male wiederkommen. Aber daß du dich nicht gefürchtet und dein Angesicht mutig emporgerichtet hast, das sollst du nicht vergessen, und auch nicht, warum du das getan. Denn Donner und Blitz werden wiederkommen und dich furchtsam finden. Doch kann dich der Blitz erschlagen, auch in diesem Augenblick. Warum fürchtest du dich jetzt nicht?« »Weil ich dich bei mir habe,« antwortete Johannes. »Nun wohl, Johannes, so sei dessen eingedenk, daß du mich allzeit bei dir hast.« Sie schwiegen lange und Johannes dachte über diese herrlichen Worte nach. Allein ihren Sinn vermochte er nicht zu ergründen. Denn wenn er ihn allzeit bei sich hatte, wie würde er ihn denn jemals vergessen können? Da fragte er, obgleich er schon im voraus wußte, wie die Antwort lauten würde: »Wirst du denn jetzt immer bei mir bleiben?« »So, wie ich immer bei dir geblieben bin.« Also lautete die erwartete Antwort. »Aber damals sah ich dich nicht!« »Und sehr bald wirst du mich wieder nicht sehen und ich werde dennoch bei dir sein. Deshalb sollst du dein Gedächtnis üben, auf daß es spreche, wenn deine Augen schweigen. Wer kann vergessen und getreu sein? Du bist niemals getreu gewesen, Johannes, und auch mich wirst du vergessen. Ich aber werde dir treu bleiben, und du wirst dich meiner erinnern. Dann wirst du einen Bruder haben und einen Freund, wenn du erst selber gelernt hast zu gedenken und ein treuer Freund zu sein.« Jetzt wurde der Weg beschwerlicher, und in der Ferne sahen sie die Lichter der Stadt. Ganz in der Nähe schimmerten viereckige Fleckchen gelblichen Lichtes still und ängstlich in Regen und Dunkelheit, erleuchtete Fenster von Wohnungen, die selbst noch unsichtbar waren in der Nacht. Jetzt sahen sie Pfützen glänzen, und sie begegneten einem Menschen. Ein schwerer hastiger Schritt, das rotglühende Glimmen einer Zigarre. Johannes roch den ihm wohlbekannten verhaßten Menschengeruch von nassen Kleidern und Tabaksqualm. Und bei dem Schein des grellen Wetterleuchtens sah er sich plötzlich von kleinen weißen und grauen Menschenwohnungen umringt, sah den blinkenden Weg, der sich weit, weit hinzog, sah Heubündel und Scheunen, einen Meilenstein am Wege, und das alles mit einem Male grell und häßlich beleuchtet. Da wandelte sich etwas. Und plötzlich gewahrte er alles, so wie man erwachend eine Stimme ganz anders hört, als man sie im Traume vernommen hat. Er fühlte sich wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Genau so wie alle andern. Und auch sein erhabener Begleiter war ein ganz gewöhnlicher Mann geworden. Er sah sich und ihn so, wie die Vorübergehenden sie beide sehen würden: ein Mann, der einen Knaben an der Hand führte, vom Regen durchnäßt. Windekind wurde nicht naß im Regen. Die Vorstadt kam und mit ihr immer mehr Licht und immer mehr Lärmen. Es war nicht die große Stadt, in der Johannes mit Klauber gewohnt hatte, sondern die kleinere, in deren Umgegend er geboren war und in der er die Schule besucht hatte. Und als die beiden näher kamen, hörten sie trotz prasselnden Regens und rollenden Donners ein verworrenes Geräusch, dessen Johannes sich von früher her gar wohl entsann. Es war ein Durcheinander von Stimmen, Gesang, anhaltendem Drehorgelgeleier, unterbrochen von kurzen, scharfen Klängen, Trompeten und Flöten und knallenden Schwärmern und Schüssen – hin und wieder ein schrilles mißtönendes Pfeifen oder das Läuten einer Glocke. Es war Jahrmarkt. »Paß jetzt auf, Johannes,« sagte sein Gefährte, »jetzt kommen die Menschen.« Johannes erschrak. Jetzt würde seine Aufgabe beginnen. Er durfte die Menschen nicht mehr schmähen und auch seine eigene menschliche Herkunft nicht verleugnen. Er wußte nun, daß er gefehlt hatte und war entschlossen, sich zu bessern. Hatte ihm der gute Tod nicht gesagt, daß es sich wohl der Mühe verlohne, ein guter Mensch zu werden? So würde er denn jetzt unter Menschen kommen und versuchen, ein guter Mensch zu sein, ihr Weh und ihre Schmerzen zu lindern und in ihr häßliches trostloses Leben das Glück und die Schönheit zu tragen. War es nicht das, was er lehrte, er, an dessen segensreicher Hand er fortan gehen würde? Allein ihm war sehr beklommen zu Mute, denn er wußte schon so ziemlich, wie die Menschen waren. Ihn fror in seinen nassen Kleidern. »Kommt die Furcht schon jetzt? Denke daran, wie tapfer du soeben noch warst. Und nicht der Worte sollst du eingedenk sein, sondern der Dinge.« »Ich will stark sein und tapfer, ich will ein Mensch sein unter Menschen, und ein guter Mensch, der den Menschen Gutes tut.« Also sprechend ermannte sich Johannes und ging sicheren Schrittes zur Stadt hinein. Dort sah es gar traurig aus. Das Wasser klatschte aus den Dachrinnen auf die Straße. Alles glänzte vor Nässe, und von dem Segeltuch der Buden rannen dicke Strahlen hernieder. Allein die Menschen waren ausgegangen, um sich zu vergnügen, und wollten das nun auch erzwingen, mit aller Gewalt und um jeden Preis. Sobald sich die Türe einer Kneipe öffnete, sah man drinnen die roten Gesichter dicht zusammengedrängt, von blauem Tabaksqualm umhüllt, und man hörte Singen und Schreien und lautes Getrampel. Unter den vorspringenden Dächern der Buden suchte die Menge Schutz, und die Menschen drängten sich langsam aneinander vorüber in das helle Licht der Lampen. Johannes und sein Begleiter traten in ihre Mitte, um dem Regen zu entgehen. Johannes mochte den Jahrmarkt gern. Stets, wenn die Schiffe mit dem Holzwerk für die Buden und Karussells auf der Gracht festlagen, freute er sich und schaute lange zu, wie die Bauten für eine einzige Woche ineinander gefügt wurden. Das alles war so voller Erwartung von seltsamen und phantastischen Vergnügungen. Er liebte all die bunte und lustige Festlichkeit, die komischen Aufschriften an den Karussells, die geheimnisvollen Zeltwagen, in denen Kirmesleute hausten, und vor allem liebte er die kleinen Buden, in denen Naturwunder und seltsame Tiere gezeigt wurden, die sich traurig verirrt zu haben schienen in diesen holländischen Ort, und deren stille Gefangenschaft seltsam abstach von dem johlenden Lärmen ringsumher. Und jeden Sommer tat es ihm von neuem leid, wenn er sah, wie all der bunte Kram wieder aufgeräumt wurde. Nicht, als ob er sich jemals nach dem Jahrmarkt gesehnt hatte, als er bei Windekind war – aber von alledem, was er bei den Menschen erlebt, schien ihm der Jahrmarkt doch noch am allerschönsten. Und auch jetzt erfreute er sich an dem wohlbekannten Anblick der erleuchteten Buden mit ihren Spielwaren, den Kuchen mit ihrer dicken Schicht aus rosafarbenem Zucker und ihren weißen Aufschriften, an all dem blitzenden Kupfergerät der Waffelbuden, an den kleinen Zelten, die auf einsameren Plätzen standen und in denen braune geräucherte Aale einladend zwischen eisernen Stangen mit Messingknöpfen lagen, an den Schießständen und den lärmenden buntfarbigen Karussells. Auch all die Gerüche und den Gestank fand er nicht übel, der alten Erinnerungen wegen, die daran hafteten, den Duft von in Fett gebackenen Kuchen, von qualmenden Lichtchen, und dann den eigentümlichen, geheimnisvollen Geruch von Ställen und wilden Tieren, der aus dem Zirkus drang. Die Kinder liefen wie immer mit ihren roten Luftballons umher, tuteten auf kleinen Trompeten und drehten Klappern, während die Mütter des Regens wegen die Röcke hoch über den Kopf schlugen. Hin und wieder kam eine Bande von Männern und jungen Mädchen daher, die Hüte und Mützen tief in den Nacken geschoben, vergnügt und ausgelassen und laut schreiend: Hi ha! hi ha! Dann traten die ruhigen Spaziergänger für einen Augenblick bei Seite, um sich gleich darauf die Kuchen und andern Auslagen wieder anzusehen. Und da Johannes gerne lachte, blieb er immer da stillstehen, wo es etwas zu lachen gab: bei dem Kasperle-Theater und bei den Clowns, die vor dem Zirkus standen und die Bauern zum Besten hielten. So stand er da an der Hand seines Begleiters zwischen einer Gruppe von Menschen mit aufgespannten Regenschirmen und schaute um sich. Ringsumher sah er starräugige Gesichter, die von der heftig surrenden Petroleumfackel vor dem Zelt grell beleuchtet wurden. Die Menschen sähen sehr dumm aus, meinte er, so wie sie dastanden und gafften, ab und zu alle plötzlich laut auflachend, wenn der Clown irgend einen dummen Witz machte. Die Front des Zeltes war mit häßlichen Bildern bemalt, die entsetzliche Kämpfe zwischen Menschen und Tigern darstellten, und allüberall Blut. Von der Ballustrade blickte ein kleiner Affe sehr ernsthaft auf die Menschen herab und heftete einen raschen Blick auf einen in der Nähe stehenden Knaben, um zu sehen, ob der mit seiner ausgestreckten Hand was Gutes oder was Böses im Sinne habe. Hinter dem Tischchen, dicht an dem Vorhang, der den Eintritt zu der Bude versperrte, saß eine dicke Frau in einem schwarzen Seidenkleid. Sie hatte dunkles glänzendes Haar, das fest an ihre Stirne geklebt war, und ein breites, rundes Gesicht. Sie war nicht häßlich, aber Johannes mußte unwillkürlich an die Wachspuppen denken, die man oft in den Schaufenstern der Friseure sieht. Plötzlich hörte Johannes, wie der Clown zu ihm sprach: und die Menschen wandten alle den Kopf um und schauten ihn grinsend an. »Nur näher, junger Herr, immer näher,« sagte der Hanswurst, »wollen Sie sich das Schauspiel nicht auch mal ansehen? Fragen Sie nur Ihren Herrn Papa, ob Sie das Schauspiel nicht mal sehen dürfen. Junge Mädchen sind auch da, sehr was Nettes für junge Herren. Sehen Sie nur, was für schöne junge Mädchen!« Dabei wies er auf die dicke Frau hinter dem Tischchen, die durchaus nicht lachte, sondern aufmerksam ihre Ringe mit falschen Juwelen besah, während sie den Vorhang öffnete, gleichsam um Johannes einzuladen; und dann wies der Hanswurst auf ein blasses, mageres Mädchen, dessen blondes seidenweiches Haar ihr bis über den Gürtel reichte. Sie stand vor dem Zelt in einem schmutzig-weißen, mit Silberplättchen benähten Anzug: und trug ein kurzes Röckchen und weiße Strümpfe, die ihre langen mageren Beinchen nicht allzu straff umschlossen. »Hallo, nur immer näher!« rief die Kleine mit einem schrillen scharfen Stimmchen, während sie in die Hände klatschte. Ha, wie wurde die Aufmerksamkeit des kleinen Johannes nun plötzlich gefesselt! Ihn überkam ein wunderbares Gefühl von Zärtlichkeit und Mitleid, während er auf das blasse Mädchen blickte. Sie trug ein silbernes Krönchen auf dem beinahe weißblonden Haar, und auch ihre Augen waren hell, grau oder hellblau, das konnte er nicht ganz genau sehen. »Willst du hinein?« fragte ihn sein Begleiter. Johannes nickte, ohne ihn anzusehen. Sie bahnten sich langsam einen Weg durch die Menschen, und Johannes bemerkte, wie das Mädchen ihn immerfort unverwandt anschaute, gleichsam als ob ihr an seinem Kommen mehr gelegen sei als an dem der andern. Wie wunderlich ging es in seinem Kopfe zu während der wenigen Sekunden, in denen er durch die dichtgedrängte übelriechende Menge schritt, um sich dem Zirkus zu nähern! Er dachte an seinen toten Vater, und daß er jetzt zu einer Jahrmarktsvorstellung ging. Sofort aber gedachte er auch der großen Wandlung und seiner Befreiung von Klauber, und daß er nicht zu seinem Vergnügen in diese Schaustellung ginge wie ein gewöhnlicher Schuljunge, sondern daß er sich jetzt unter die Menschen begäbe, um sie gut und froh zu machen und um ihnen zu helfen, ihr Leid zu bekämpfen. Gleichzeitig empfand er einen furchtbaren Ekel vor all diesen rohen, groben, übelriechenden Leuten. Dann wieder heftete er seinen Blick auf das bleiche Mädchen, das ihn gerufen hatte und ihn erwartete. Sie war doch auch ein Mensch, und sein ganzes Herz neigte sich ihr zu, so dürftig und so ernsthaft und so klug sah sie aus. Was für ein Leben mochte sie hinter sich haben, und was mochte sie wohl denken und fühlen?! Für einen Augenblick vergaß er, an wessen Seite er noch immer einherging. Er hatte die teure Hand zwar noch nicht losgelassen, aber doch nicht bedacht, wer es war, den man hier für seinen Vater hielt und der ihn in einen Zirkus führte. »Was habe ich zu bezahlen?« hörte er die tiefe ernste Stimme seines Begleiters die Frau fragen. Aber das blasse Mädchen, das den Blick nicht von ihm gewandt, rief plötzlich kurz und entschlossen: »Es ist Markus!« Die dicke Frau blickte flüchtig von dem Mädchen auf die beiden Besucher, und schlug dann mit ihrer dicken, weißen, beringten Hand auf das Tischchen, daß der Geldkasten klirrte. »Jesus Maria, bist Du's denn? wahr und wahrhaftig, Vissie? Woher kommst du denn so plötzlich hergeschneit? und wo hast du den Kleinen aufgegabelt? Nichts zu bezahlen, geh du nur hinein mit deinem Jungen. Auf den ersten Rang natürlich. Ich sehe dich wohl nachher noch.« Darauf blickte sie Johannes mit ihren schwarzen Augen gerade ins Gesicht. Ihn schauderte vor diesem harten kalten Blick. Sie aber lachte freundlich und sagte: »Adieu, Kleiner.« Johannes fühlte, wie ihm der Schweiß ausbrach vor Schrecken und Verwirrung. Nie war es nur möglich, daß er den Erhabenen, den er über die glutbeschienenen Wasser der See hatte daherschreiten sehen und dessen Hand er nicht losgelassen, auf solche vertrauliche Weise von diesem gräßlichen Weib anreden hörte, wie einen guten, alten Bekannten? War er denn ganz und gar von Sinnen? Hatte er geträumt? Und war sein Begleiter nichts anderes als der erste beste Jahrmarktsvagabund? Erst als er auf seinem Platze saß und sein Herz nicht mehr gar so heftig pochte, wagte er es, seine Augen, die nichts von der Umgebung in sich aufgenommen, auf seinen Begleiter zu richten. Dieser sah ihn an, scheinbar seit einer geraumen Zeit schon. Und dieser erste Blick genügte. Johannes sah dasselbe bleiche Antlitz, dieselben etwas müden und doch klaren Augen voll inniger Glut, vertrauend und vertraulich, durch ihren Blick allein schon Trost und Ruhe spendend. Aber er war ein ganz gewöhnlicher Mann, ein Mensch wie alle andern. Er hatte eine braune Mütze auf mit Ohrenklappen, die über dem Kopf zusammengebunden waren, und trug einen alten, verschossenen Mantel, aus dem das Regenwasser auf seinen Sitz troff. Seine Schuhe waren durchweicht und beschmutzt: plump und viereckig standen sie auf dem hölzernen Fußboden, seine Hose war ausgefranzt und hatte keine ausgesprochene Farbe mehr aufzuweisen. Johannes wollte ihn ansprechen, aber seine Lippen zitterten so, daß er kein Wort herauszubringen vermochte und ihm die Tränen über die Wangen liefen. Noch immer saßen sie Hand in Hand. Zum Sprechen kam es nicht. Und Johannes fühlte, wie ihm die Hand gedrückt wurde, und wie sich langsam, ganz langsam aus jenen gütigen Augen eine überirdische Ruhe und Ermutigung bis auf den Grund seines Herzens senkten. Sein Begleiter bedeutete ihm lächelnd, daß er sich die Vorstellung und die Zuschauer ansehen solle – und langsam und tief aufatmend wandte Johannes den Blick dorthin. Aber was da vor sich ging, betrachtete er teilnahmslos, fast unbewußt. Und immer und immer, wenn er nur irgend den Mut dazu fühlte, mußte er wieder auf seinen Begleiter schauen, auf seine ärmlichen, durchnäßten Kleider, auf seine Hände, die nicht grob waren, aber seltsam rauh, mit schwarzem Daumen und Zeigefinger, auf sein bleiches, geduldiges Gesicht und seine an den Schläfen festgeklebten feuchten Haare. Und dann begannen ihm wiederum die Lippen zu zittern, und die Kehle war ihm wie zugeschnürt, und langsam und unbezwingbar kamen ihm die Tränen, bis er leise zu schluchzen begann. Aber da sah er plötzlich, wie ein großes weißes Pferd in die runde Arena galoppierte, in der ringsumher die Zuschauer saßen, und daß das blasse, blonde Mädchen auf seinem Rücken stand. Sie hatte jetzt mehr Farbe und sah viel hübscher und frischer aus. Sie sprang behende von dem großen weißen Pferde auf und kniete dann ebenso rasch wieder darauf nieder, während sie es durch schrille Zurufe anfeuerte. Jetzt empfand Johannes nicht nur Mitleid und Zärtlichkeit für sie, sondern auch etwas wie Bewunderung und Ehrfurcht. Denn sie schien kaum älter zu sein als er selber und war dennoch nicht im mindesten verlegen, und auf ihre Kunst verstand sie sich trefflich. Und die Menschen klatschten Beifall, und dann führte sie die kleinen schmalen Händchen abwechselnd an die Lippen und grüßte erst nach links und dann nach rechts, mit unbefangener Grazie. Der Hanswurst verneigte sich tief vor ihr, schnitt allerlei dumme Grimassen und zeigte sich außerordentlich ehrfurchtsvoll: sie aber bestrafte ihn mit einem hochmütigen Lächeln wie eine Prinzessin. Johannes vermochte die Augen nicht von ihr abzuwenden. »Wer mag sie wohl sein?« fragte er seinen Begleiter, »ist sie wirklich so reizend?« »Sie heißt Marion«, antwortete dieser, »und ist ein recht gutes Kind. Aber zu schwach für ihre Arbeit.« »Ich möchte gern etwas für sie tun«, sagte Johannes. »Das ist recht, Johannes, wir werden nachher zu ihr gehen.« Um die Vorstellung kümmerte Johannes sich nicht mehr viel. Er dachte voller Erwartung an das bevorstehende Gespräch mit dem Zirkusmädchen. Die Welt, in der sie lebte, hatte für ihn etwas Lockendes, und sie selbst erschien ihm in diesem Augenblick unter allen Menschen als die einzige, der er so recht von ganzem Herzen helfen und etwas Gutes tun möchte. Nachdem die Zuschauer den Zirkus verlassen, schlüpfte er mit seinem Begleiter hinter den Vorhang, aus dem die Pferde zum Vorschein gekommen. Und dort hinten in dem dämmrigen Raum, wo eine kleine Lampe ihr mattes Licht verbreitete und man das Schnauben und Stampfen der Pferde deutlich vernahm, sah Johannes sie sitzen. Sie kauerte vor einer Kiste, auf der ein paar Teller mit Essen standen und hatte ihren schönen Anzug noch an. Es war niemand bei ihr. »Guten Tag, Markus«, sagte sie, während sie Johannes' Begleiter die Hand reichte. »Wer ist der Junge?« »Das ist Johannes, er wollte dich gern kennen lernen und dir etwas Gutes antun.« »So?« meinte das Mädchen lachend, »nun, dann soll er meine Groschen nur in Goldstücke verwandeln.« Johannes wußte nicht, was er darauf antworten sollte, und fühlte sich so verlegen, wie kaum je zuvor. Allein Marion blickte ihn mit ihren großen hellen Augen freundlich lächelnd an. »Komm, mein Junge, sei doch nicht so blöde. Willst du was essen? – Dann nur rasch, ehe meine Schwester kommt. Du solltest nur bei uns bleiben, wir gehen diese Woche nach Delft. Kommt ihr mit, Markus?« »Das wäre nicht unmöglich«, sagte Markus, »aber erst wollen wir jetzt mal sehen, daß wir irgendwo zum Schlafen unterkommen. Johannes wird wohl keinen Hunger haben, nicht wahr, Johannes?« Johannes schüttelte den Kopf. »Er hat großen Kummer gehabt, Marion, sein Vater ist soeben gestorben.« Marion blickte ihn von neuem an, sanft und gütig jetzt, und streckte ihm die Hand hin, mit derselben raschen Geberde des Vertrauens, wie ein kleiner Affe, der seinen Herrn erkennt. »Auf morgen also,« sagte sie, als die Beiden durch eine Hintertür das Zelt verließen. Draußen schien der Mond, und die Jahrmarktsbesucher waren, nachdem es zu regnen aufgehört, wieder lustiger und lärmender geworden. O, o, wie waren sie häßlich! Wie tanzten sie plump und wie sangen sie schlecht! Gruppenweise standen Männer und Frauen jetzt beisammen, possierlich ausstaffiert, der Eine mit des Anderen Hut auf dem Kopf, und sie hüpften und sprangen umher, während sie mit heiserer Stimme laute Gesänge ohne Sinn und Melodie gröhlten. Ihr Ausdruck war widerlich, dumm und roh und zügellos. Fast alle Gesichter waren durch Trunk oder Erregung stark gerötet. Auch sah Johannes, wie Mütter mit Säuglingen auf dem Arm und kleinen Kindern an der Hand aus den Waffelbuden traten und sich mühsam durch die Menge fortschleppten. Ab und zu wurden die Türen der Kneipen geöffnet und rohe Menschen stürmten heraus. Hier und dort keiften einige an einer Straßenecke, von einem dichten Menschenknäuel umringt. Etwas Schönes oder Reizvolles oder Liebliches gab es nicht mehr zu sehen. Alles schrie und brüllte und johlte, und tausenderlei Mißklänge und ekelhafte Gerüche erfüllten die Luft. Nur sechs Soldaten sah man ruhig und ohne Lärmen gleichmäßigen Schrittes in Reih und Glied durch die Menge gehen. Das war die Patrouille, so viel Johannes wußte, und er empfand bei ihrem Anblick etwas wohltuend Beruhigendes, gleich als sei unter den Menschen doch nicht alles Liederlichkeit und Grobheit, als sei doch noch ein ganz klein wenig Würde und Selbstbeherrschung übrig geblieben. Hoch oben schien der Mond licht und majestätisch über dem rötlichen Flackern und Leuchten, sehr still und über all dem kleinlichen Lärmen gänzlich erhaben. Sehnsüchtig blickte Johannes in das ruhige Licht. Er fand seine Aufgabe entsetzlich schwer und die Menschen noch schlimmer als er erwartet hatte. Aber eines einzigen Mägdleins gedachte er dennoch voller Zärtlichkeit, und um derentwillen wollte er ausharren. »Wir wollen doch schlafen gehen, nicht wahr?« bat er dringend. »Mir ist's recht«, sagte sein Begleiter, während er die Tür zu einer kleinen Gastwirtschaft öffnete. Da drinnen war es dumpfig und die Luft von Rauch und Schnapsgeruch verpestet. Sie bahnten sich einen Weg durch die Gäste und traten an den Schenktisch. »Haben Sie Logis für uns, Frau Schimmel?« fragte Johannes' Begleiter. »Logis? Nun ja, weil ihr es seid, Markus, aber sonst nicht, hört ihr wohl! Kommt jetzt nur mit.« Sie krochen auf einen kleinen dunklen Speicher und bekamen dort ein paar Matratzen, die die Frau selbst hinaufgeschleppt hatte, und auf die sie sich hinstreckten. Bis in den lichten Morgen hinein lag Johannes wachend da und horchte auf das Schreien und Singen und Johlen der Leute dort unten. Den Tag, den er durchlebt, der ihm lang wie ein Jahr erschien und der voll großer und gewichtiger Dinge gewesen, überdachte er nochmals von Anfang bis zu Ende. Er lag da und sann und grübelte, die weitgeöffneten Augen starr ins Dunkel gerichtet, still und keineswegs beunruhigt. Bis der Morgen kam und mit ihm das Sonnenlicht, das einen rötlich-goldenen Schein über die gegenüber liegende Mauer breitete – und bis das Lärmen dort unten schwächer geworden und dann völlig erstorben war. Da fiel er in Schlaf, während er an Marion dachte, an ihre hellen Augen und ihr silbernes Krönchen. Es waren freudigere Geräusche, die ihn aus dem Schlaf weckten. Etwas Hoffnungsfrohes und Liebliches war in ihm und um ihn, als er die Augen wieder aufschlug und sich in dem engen dunklen Bodenraum umsah. Ein helles Bündel Sonnenstrahlen stand wie ein schräger Pfeiler auf das kleine Dachfensterchen gerichtet. Johannes sah die glitzernden Stäubchen umhertanzen. Draußen und drunten hörte Johannes Frauen singen und laut und fröhlich schwatzen, so wie sie es zu tun pflegen, wenn sie des Morgens im Hof oder in der Küche eifrig bei der Arbeit sind. Die Unordnung von gestern wurde fortgeräumt und alles zu einem neuen Jahrmarktstage hergerichtet. Neben ihm lag sein Begleiter und schlief ruhig. Er hatte nur seinen Rock ausgezogen und sich damit zugedeckt, und seine Schuhe, die neben der Matratze standen. Aber er schlief vollkommen fest und ruhig, den Kopf auf seinem aufgerollten Mantel. Das lockige Haar war jetzt getrocknet, und es lag etwas mehr Farbe auf seinen Wangen. Andächtig betrachtete Johannes die rechte Hand, die unter dem dünnen Rock zum Vorschein kam und seitlings von der Matratze auf den Boden herabhing. Es war eine schlanke feine Hand mit kurzgeschnittenen Nägeln – aber die schwarzen Flecken, die Johannes gestern darauf gesehen, waren auch jetzt noch da – die ließen sich nicht mehr fortbringen: die Arbeit hatte sie hineingegraben. Still schlich Johannes hinunter und wusch sich an der kleinen Pumpe, die im Hof stand. Um ihn her war fröhliche Geschäftigkeit; es wurde geputzt und gescheuert und gespült und gewaschen. Der Sommermorgen war warm und frisch zugleich, die Welt hell und nüchtern, und in ihr nichts von Traum und Phantasie. Die Frau am Schenktisch goß ihm eine Schale Kaffee ein und fragte so beiläufig, ob sein Kamerad noch schliefe und auf welche Weise Johannes ihm eigentlich begegnet sei. »Ach, ganz zufällig«, antwortete Johannes, während er heftig errötete. Nicht nur weil er log, sondern weil dieser Punkt ihm selber gar zart und geheimnisvoll erschien und so über alle Maßen gewichtig. »Wer ist er denn eigentlich?« fragte er darauf mit einem Gefühl, als übe er Verrat. »Wer er ist?« rief die Frau mit lauter Stimme und solchem Nachdruck, daß die andern Frauen aufblickten und für einen Augenblick in ihrer Arbeit innehielten – »hört ihr das? er fragt wer Markus ist!« »Meinst du Markus Vis?« fragte eine junge, schmutzige Arbeiterin. »Jawohl, den meint er«, antwortete die Wirtin. Die Frauen blickten einander flüchtig an und begannen dann gleich darauf wieder zu scheuern und im Wasser herumzuplantschen. »Jetzt weiß ich noch immer nichts«, sagte Johannes, schon ein wenig offenherziger. »Wir wissen's auch nicht«, sagte das schmutzige Mädchen, »weißt du es vielleicht, Bet?« »Ich weiß nur, daß er ein verdammt guter Kerl ist«, antwortete Bet. »Manch einer behauptet, daß es mit ihm nicht ganz richtig sei«, meinte eine der andern Frauen. »Na, nicht richtig mag er meinetwegen sein, aber daß er das Rechte tut, das sage ich«, meinte Bet. Das klang zwar nicht ganz klar, aber Johannes begriff es dennoch. »Der hat solch gesunden Verstand wie ihr alle vier zusammen«, sagte die Wirtin entrüstet. »Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen bei der Tochter von Sannes, dem Zinkgießer, bei der schon vier Ärzte gewesen waren, die sie alle aufgegeben hatten, denn es war nur noch ein kleines Fünkchen Leben in ihr, aber da hat Markus das Kind auf den Schoß genommen, und dann ist all der Schleim losgekommen, und gestern habe ich das Kind auf der Kirmes gesehen mit der Mutter.« »Na, und neulich erst ...« sagte das schmutzige Mädchen, »als der große Knelis vom Gemüsemarkt wieder betrunken war, du weißt schon: der ekelhafte Raufbold mit der weißen Klappe an der Mütze, da hat er ihn ganz einfach beim Arm gepackt und zu seiner Alten gebracht, und der Kerl lief mit, wie eine Ziege am Strick.« So folgte eine Erzählung der andern, und alsbald wußte Johannes, wie angesehen und beliebt sein Begleiter bei den Kirmesleuten war und bei den Arbeitern und Tagelöhnern, ja sogar bei den Ladeninhabern und Schankwirten – trotzdem er ein schlechter Kunde war. »Und was treibt er denn eigentlich?« fragte Johannes. »Weißt du denn das nicht einmal?« fragte die Frau höchlichst erstaunt, »und dabei glaubte ich, du seiest zu ihm in die Lehre gekommen. Er ist Scherenschleifer. Sein Wagen steht hier im Schuppen.« Johannes fühlte, wie sein Herz wiederum zu klopfen begann, denn er hörte, wie sich der näherte, von dem sie soeben sprachen. Er hatte kaum den Mut, ihn anzusehen; die Wirtin aber rief: »Guten Morgen, Markus! sagt mal, der Bengel da ist aber auch nicht allzu schlau, der weiß ja noch nicht mal, was für ein Handwerk ihr betreibt.« Und Markus sagte: »Guten Morgen beisammen. Kann ich wohl ein wenig Kaffee haben? Er hat ja auch noch Zeit genug, das zu hören. Das Drehen lernt man rasch.« »Muß er drehen?« fragte die Frau, »habt ihr denn keine Tretmaschine?« Markus stellte seine Kaffeeschale vorsichtig auf einen kleinen Tisch zwischen lauter ausgespülte Schnapsgläser und setzte sich hin, während die Frau Brot schnitt. Da wechselten Johannes und er einen Blick voll tiefen Einverständnisses. Markus hatte mit seiner ernsten wohllautenden Stimme ganz unbefangen gesprochen, ohne daß die Menschen, mit denen er redete, etwas Besonderes aus seinen Worten vernommen hätten. Aber sie hörten ihm gerne zu, das merkte man. Sobald seine Stimme erklang, pflegten die andern ihr Gespräch meist kurzweg abzubrechen und allem, was er im Ernst oder im Scherz sagte, und sei es auch das geringste, wurde die größte Aufmerksamkeit gezollt. »Jawohl,« sagte Markus, »ich habe jetzt einen Wagen mit einer Tretmaschine: aber es gibt heutzutage noch viel schönere mit Glaswänden ringsherum und einem großen Rad, das ein anderer drehen muß.« »Blitz noch mal,« sagte die Frau, »wollt ihr so hoch hinaus? Wohl eine Erbschaft gemacht? oder das große Los gezogen?« »Nein, Frau Schimmel, aber ich dachte so bei mir: Ihr Geschäft scheint in der letzten Zeit recht gut zu gehen – und wenn Sie jetzt doch nächstens zum Bankier müssen mit Ihrem Geld, dann leihen Sie mir vielleicht hundertundfünfzig Gulden auf Abzahlung. Einen Gulden pro Woche; ist Ihnen das recht?« Die Frauen lachten. Frau Schimmel lachte gleichfalls und rief: »So'n Jude!« fügte dann aber nach kurzem Zögern hinzu: »Na, meinetwegen denn. Aber dann sollt ihr mir dafür auch gleich meine Messer schleifen, auf Abzahlung – und haarscharf, hört ihr wohl?« Und als Markus und Johannes ihr Brot verzehrt hatten, wurde der alte Wagen aus dem Schuppen geholt und abgestaubt; der Riemen wurde angefeuchtet, die Achsen geölt und die Messer geschliffen. Und aufmerksam sah Johannes zu, wie geschickt und behende Markus den Stahl drehte und wandte, bis er scharf und blank war, und ein goldner Sprühregen von Funken aus dem Stein aufstieg. Darnach zogen sie zusammen des Weges, denn jetzt mußte Geld verdient werden. Langsam schritt Markus, seinen Wagen weiterschiebend, durch die sonnigen Straßen, die schon sehr belebt waren. Von Zeit zu Zeit schrie er laut: »Scheren–schlei–ei–eifen«, daß es alles Wagengerassel und alles Lärmen übertönte, während er aufmerksam links und rechts ausschaute, ob sich etwa jemand zeige, der etwas zu schleifen hatte. Und Johannes lief voran und klingelte an allen Häusern und brachte die Scheren und Messer herbei. Eifrig tat Johannes, was in seinen Kräften stand. Er fühlte, daß für ihn das echte schwere Leben erst jetzt begänne. Er mußte arbeiten ums tägliche Brot und Geld verdienen. Noch niemals hatte er über Geld und Geldverdienen nachgedacht. Allein die Wirklichkeit wurde immer nüchterner und unerbittlicher. Alle Menschen um ihn her sprachen von Geld und Geldverdienen, und seinen erhabenen Begleiter sah er arm und dürftig und zu harter unermüdlicher Arbeit gezwungen, wollte er nicht verhungern. Jetzt ward das Leben ernst. Gesprochen wurde nur wenig zwischen den Beiden, denn sie hatten zu viel zu tun. Johannes verrichtete seine Arbeit fröhlich und guter Dinge; er empfand es als etwas Heldenhaftes und Gewichtiges, daß er, der Jüngling, der eine vornehme Schule besucht hatte, jetzt als Scherenschleifergehilfe umherzog – und wenn die Dienstmädchen seinen hübschen Anzug mit erstaunten Blicken maßen, ertrug er es tapfer. Wenn er aber einem alten Schulkameraden begegnete, so war ihm das äußerst peinlich. Gegen zwölf Uhr wurde er müde und hungrig. Mit einem Gefühl, das er niemals gekannt, ging er jetzt an den Bäckerläden vorüber. Es wollte ihm fast scheinen, als habe man ihm etwas genommen, als habe er auf jenes Brot seinen Anspruch zu erheben. Da gelangten sie zu dem Zirkus, in dem Marion hauste. Und da saß sie mit ihrer dunkeläugigen Schwester. Das hellblonde Haar trug sie jetzt in dicken Flechten um den Kopf gelegt. Johannes hörte das Geräusch eines eisernen Kessels, der geschüttelt wurde, und er wußte, daß das Kartoffeln bedeutete. Auch Speck gab es und zusammengekochtes Gemüse. An all diese Dinge dachte Johannes zunächst und mit dem größten Interesse. Das kam daher, weil er so hungrig war. Er vermochte an nichts anderes zu denken, bis er gegessen hatte, schnell und gierig. Dann blickte er auf, ein wenig beschämt. Sie saßen draußen zwischen den Rückwänden der Buden unter einem Segeltuch, das zum Schutz gegen die grellscheinende Sonne ausgespannt war. Ganz in ihrer Nähe stand der Zeltwagen, der grün bemalt und mit bunten Verzierungen geschmückt war. Da stand ein Käfig mit einem Kanarienvogel auf dem kleinen Balkon zwischen den Blumentöpfen, und lustig sang der Vogel. Jetzt fand Johannes es schön und gut unter den Menschen. Da saß das lichte Wesen mit dem bleichen Gesichtchen, den großen grauen Augen und dem weißlich-blonden Haar, das ihr in Flechten wie ein Diadem um den Kopf lag. Es war Johannes, als strahle ein herrlicher Glanz von ihr aus, ein Licht, das zugleich süß schmeckte und köstlich duftete. Und konnte sie nicht wundervoll reiten und durch Reifen springen und mit ihren mageren Händchen geschickt Teller in die Luft werfen und sie wieder auffangen und balancieren lassen? Und sie schaute Johannes oft und lange an und schien Gefallen an ihm zu finden. Neben ihr saß Markus, ernst und ruhig, und aß, den Kopf leicht vornüber geneigt, während sich das dunkle Haar in seinem Nacken kräuselte: das erschien Johannes gar vertraut. Und neben ihm Marions Schwester. Vor ihr fürchtete Johannes sich ein wenig. Sie saß dicht neben ihm und aß sehr hörbar. Sie schöpfte Johannes die Speise auf den Teller und klopfte ihm hin und wieder auf die Schulter, indem sie ihn zum Essen ermunterte. Dann blickte sie ihn an, freundlich zwar, aber zugleich auch kalt und durchdringend und wie mit einer beklemmenden Absicht. Ihre Augen schienen beinahe schwarz, und ihr Haar war leuchtend schwarz wie Ebenholz, aber ihre Haut zart und weiß, fast wie Wachs. Jedesmal, wenn sie sich bewegte, raschelten ihre Kleider, und um sie her war ein süßlich-fettiger Duft von allerhand Essenzen. Hinter Marion saß der kleine Affe und verfolgte mit seinem scharfen ernsthaften Blick aufmerksam das Auf- und Niedergehen der stählernen Gabeln. Hin und wieder sagte Marion etwas zu ihm, und dann knurrte er in gieriger Erwartung des Essens. Diese Viertelstunde war köstlich. Johannes mußte oftmals zu Marion herüberschauen und sich darauf besinnen, wem sie doch gleiche und warum es ihm so scheinen wolle, als kenne er sie schon lange. Und es tat ihm wohl und er fühlte sich geschmeichelt, wenn sie zu ihm sprach und vertraut mit ihm tat wie mit einem kleinen Freunde. Ja, er empfand sogar wieder etwas von dem alten Gefühl, das er bei Windekind empfunden, von dem traulichen Freundschaftsgefühl. Allein er sah wohl, daß sie Windekind nicht glich; er sah auch, daß ihre Nägel nicht ganz sauber waren und bemerkte, daß sie manchmal häßliche Worte gebrauchte, ja, daß sie sogar hin und wieder fluchte. Aber dennoch klang ihre Sprache nicht platt und gemein, sondern wohllautend und mit einem fremdländischen Akzent; und ihre Bewegungen waren beinahe immer anmutig, wenngleich sie manches tat, was ihm, weil es schlechte Manieren bedeutete, niemals gestattet worden war. Der Nachmittag, der jetzt folgte mit derselben Arbeit – es galt wiederum die sonnige Stadt zu durchkreuzen – war beschwerlich. Zuletzt vermochte er kaum noch zu denken und seine Füße schmerzten ihn heftig. Müde und traurig sank er auf die steinernen Stufen einer Treppe hin, als die Schatten tiefer und kühler wurden, und dachte an den kleinen dunklen Bodenraum, auf dem er auch in der kommenden Nacht wieder schlafen würde. »Nur Mut, Johannes, wir haben unsern Tagelohn schon beinahe verdient, und dann gehen wir zu Frau Schimmel, um unser Brot zu essen.« »Wieviel haben wir verdient?« fragte Johannes, der Trost erhoffte von dem Reichtum, den die schwere Arbeit ihm eingebracht haben würde. »Zwei Gulden siebenundvierzig,« sagte Markus. »Ist das genug?« »Solange wir umsonst bei Frau Schimmel schlafen und umsonst im Zirkus essen können, wohl, aber das geht nicht immer.« Da kam eine tiefe Entmutigung über Johannes. So müde schon und erst so wenig getan! Noch nicht einmal den Lebensunterhalt verdient! Wie würde er da wohl jemals Kraft für die Menschen übrig behalten? Den Kopf in die Hände gestützt, blickte er träumerisch vor sich hin. »Müde?« fragte Markus leise. Johannes nickte. Und dann sagte Markus: »Bedenke nur, mein Junge, daß dies dein erster Tag ist. Du wirst dich daran gewöhnen und dann wird es besser gehen.« Johannes sah auf und blickte seinen Begleiter, der geduldig damit beschäftigt war, etwas an der Wagenachse in Ordnung zu bringen, mit müden, mutlosen Augen an. »Aber dein erster Tag ist es doch nicht, nicht wahr, Markus? Für dich kann es nie besser kommen. Und wie soll das dann werden? Ach, es wird niemals gehen.« Und ein seltsam-bittrer Gedanke kam in Johannes auf, gleich als sei das alles nur Trug und Torheit, und als werde er zum Narren gehalten. Was war das für ein Mann, der da an dem Wagen herumbastelte, mit den langen Haaren, der häßlichen alten Mütze und der ausgefranzten Hose? Markus wandte sich um und blickte ihn an. Sofort schämte er sich seiner Gedanken und zugleich überkam ihn ein furchtbares namenloses Mitleid, daß er, der dort vor ihm stand, sich so abquälen mußte in Armut und Häßlichkeit. Diesmal brach er in leidenschaftliches Schluchzen aus. Er war so müde, so abgespannt, und wiederholte laut weinend immer wieder: »Warum denn? Ich begreife es nicht ... Es wird nie gehen ... nie ... nie!« Markus schwieg und tröstete ihn nicht, sondern sagte ihm nur streng und leise, daß sie den Wagen weiterschieben und nach Hause gehen wollten, weil die Menschen schon anfingen, sie zu beobachten. Johannes legte sich früh schlafen, und sein Begleiter tat wie er. Der Kirmestrubel begann von neuem, und hell und klar schien der Mond in den Bodenraum hinein. Die beiden Freunde lagen auf ihren harten Matratzen und redeten leise miteinander, Hand in Hand. Und jetzt sprachen sie wieder in der alten feierlichen Weise, nicht die häßliche alltägliche Sprache, der sich alle Menschen bedienten, sondern so wie Johannes einst mit Windekind gesprochen hatte. »Was ist es doch, das mich so traurig macht, wenn ich dich anschaue, mein Bruder?« fragte Johannes. »Ach, wenn ich deine ärmliche Kleidung sehe und deine schmutzigen Hände, wenn ich höre, wie diese armen verwahrlosten Menschen zu dir wie zu ihresgleichen sprechen, wenn ich sehe, wie du ihr hartes und häßliches Leben mitlebst, dann vermag ich mein Schluchzen nicht zu unterdrücken. Es tut mir so leid, daß ich mich dumm benommen und die Aufmerksamkeit der Menschen erregt habe, aber es ist auch so entsetzlich.« »Es ist auch entsetzlich, Johannes, aber nicht um meinetwillen, sondern weil es nötig ist.« »Wie kann es denn nötig sein, daß du so häßlich und traurig bist? Ist das Häßliche und Traurige denn gut?« »Nein, Johannes, das Häßliche und Traurige ist schlecht, das Schöne und Freudige allein ist gut und das Einzige, wonach wir streben sollen.« »Aber du kannst doch schön und freudig sein, lieber Bruder, was könntest du wohl nicht? Ich weiß es ja doch, daß ich dich über die leuchtende See habe schreiten sehen. Das war doch kein Trug, nicht wahr?« »Nein, das war kein Trug.« »Ich habe damals nur dein Angesicht gesehen, nicht dein Gewand. Nur dein Angesicht, und das war schön und erhaben. Und wenn du über die See schreiten kannst, dann kannst du doch sicherlich auch schön und freudig und erhaben sein, wenn du es so willst, auch unter den häßlichen Menschen.« »Das kann ich auch, Johannes, aber ich will es nicht, denn ich habe die häßlichen und traurigen Menschen lieb. Ich will viel mehr, gerade weil mir so viel Kraft gegeben ist. Ich will ihr Bruder sein, auf daß sie mich kennen sollen.« »Mußt du denn deswegen niedrig sein und traurig?« »Ich bin nicht niedrig und nicht traurig. Meine Seele ist erhaben und mein Herz freudig – und weil ich so stark bin, kann ich mich herabneigen zu jenen, die da niedrig und traurig sind, auf daß sie zu mir, und mit mir zu dem Lichte gelangen.« Die Augen geschlossen, nickte Johannes befriedigt vor sich hin und schlief ein, die Hand seines Freundes in der seinen haltend. Am Ende der Woche, des Mittags von zwölf bis ein Uhr läuteten die Glocken zum Zeichen, daß die Kirmes vorüber sei. Die Zelte und Schaubuden blieben geschlossen, und alles wurde hastig aufgeräumt und abgeschlagen. Die Pfähle und Bretter wurden auf die Schiffe geladen, die im Kanal bereitlagen, und dort boten auch die hölzernen Löwen der Karussells einen traurigen Anblick. Sie glichen durchaus nicht mehr den großen grimmigen Tieren vom Tage zuvor, und man begriff nicht, wo all die bunte herrliche Pracht geborgen war. Die wirklichen lebendigen Löwen und die Menschen, alle in ihren eigenen Wagen, zogen in einer langen Karawane über die Chaussee bis zur nächstliegenden Stadt, wo jetzt die Kirmes von neuem begann. Denn für Kirmesleute dauert die Kirmes während des ganzen Sommers. Johannes und Markus waren schon einige Tage vorher über die Chaussee gezogen, denn mit ihrem schweren Karren konnten sie nicht so rasch vorwärts kommen wie die bespannten Wagen. Das Wetter war klar und trocken geblieben, und das Umherziehen auf der Chaussee von Dorf zu Dorf, in der erwartungsvollen Spannung, ob man Arbeit finden und etwas verdienen würde, mit den kurzen Ruhepausen auf der sonnigen Landstraße, mit dem Bade in einem einsamen Flüßchen und hin und wieder einem Stück Brot und einer Tasse Kaffee in der Küche eines Bauernhofes, das alles war neu und reizvoll, so daß Johannes wieder fröhlich und guter Dinge ward. Kurz vor der nächsten Stadt holte die Zirkusgesellschaft sie ein. Es war nur eine kleine Truppe. Der große Schimmel zog den grünen Wagen und zwei scheckige Pferdchen einen zweiten. Der Hanswurst ging nebenher, nichts weniger als komisch jetzt, sondern fluchend und mit sauertöpfischer Miene. Zuletzt kamen noch ein paar Männer mit einigen Pferden. Johannes lag im Grase und blickte nach Marion aus. Dort lief sie, in der Hand einen großen blätterreichen Erlenzweig, mit dem sie die Fliegen von dem Schimmel verscheuchte. Schläfrig schlenderte sie einher und blickte mit gleichgültiger Miene auf die vorübergehenden Bauernkinder, die sie verwundert anstarrten. Aber als sie Johannes sah, wurden ihre Augen groß und weit, und sie grüßte ihn freundlich mit ihrem Zweige. Da sprang er auf und lief auf sie zu, und sie gab ihm neckend einen Schlag mit dem Erlenzweig. Dann, mit einer plötzlichen anmutigen Bewegung, küßte sie ihn. Schüchtern küßte Johannes sie wieder. Die Bauernkinder waren erstaunt, aber Kirmesleute sind nun mal immer gar so wunderlich. Hinter dem Fensterchen des grünen Wagens, zwischen zwei kleinen Tüllvorhängen sah Johannes die kohlschwarzen funkelnden Augen von Marions Schwester, die mit einem seltsamen Lächeln auf sie gerichtet waren. Und Johannes und Marion gingen Hand in Hand weiter und erzählten sich gegenseitig ihre Erlebnisse der letzten Tage. Und während Marion von ihren Vorstellungen berichtete, und wie sie ihre Künste erlernt habe und wie häufig sie gestürzt sei, hörte er ihr so ehrfurchtsvoll zu, als werde er in die Geheimnisse eines fürstlichen Hofes oder einer Landesregierung eingeweiht. Also Hand in Hand neben dem weißen Pferde einhergehend, näherten sie sich der Stadt immer mehr. Und an der Landstraße lagen die niedrigen langgestreckten Villen mit ihren sorgfältig gepflegten Gärten und ihren Sommerlauben, wie man sie in der Nähe holländischer Städte noch vielfach findet. Sie führen holländische Namen durchweg und erinnern einen unwillkürlich an die alten Zeiten, da die Bürger noch mit ihren großen Pfeifen gemächlich spazieren gingen und die duftenden Veilchen auf den Stadtwällen blühten. Zwischen den Fenstern dieser Häuser sind an einem krummen eisernen Stabe kleine Spiegel befestigt, in denen die Bewohner der Häuser, die am Fenster sitzen, sehen können, wer vor der Haustüre steht oder wer von weitem herankommt. Sie heißen Spione, und der Vorübergehende sieht nur das Gesicht des Bewohners in dem Spiegelchen. In solchem kleinen Spiegel sah Johannes plötzlich ein Gesicht vor sich, über das er erschrak. Und dennoch war es kein unangenehmes Gesicht. Es war blaß und bebrillt und umrahmt von zwei steifen langen Locken und einer Spitzenhaube, deren lilafarbene Bänder an den Ohren entlang und über die Schultern herabhingen. Zwei sehr klare, freundliche und dennoch ernsthafte Augen schauten ihn unentwegt an, und Johannes erschrak, weil er das Gesicht gar so gut kannte. Es war das Gesicht seiner Tante. Es war Tante Serena, da konnte kein Zweifel sein. Sie war oftmals daheim zum Besuch gewesen, und jetzt erkannte Johannes auch das Landhaus, das sie bewohnte. Er hatte auch einmal dort logiert und warf nun einen scheuen Blick auf das Haus. Jawohl, das war die weißgestrichene einstöckige Villa mit den niedrigen Zimmern und den Glastüren, die in den Garten hinausführten. Er entsann sich des Gartens mit den herrlichen Buchen. Zwischen dem Hause und dem Wege zog sich ein grüner Graben hin, und auf dem verschnörkelten eisernen Gitter stand der Name ›Vredebest‹. Ja, er entsann sich all dieser Dinge jetzt sehr wohl, und das machte ihn unruhig und verlegen. »Warum wirst du so blaß, Hanni?« fragte Marion, »ist dir nicht wohl?« »Hier wohnt eine Tante von mir,« sagte Johannes heftig errötend. »Hat sie dich gesehen?« fragte Marion, die die Situation viel schneller überschaute. »Ganz sicher.« »Sieh dich nicht um,« sagte Marion, »geh nur ruhig weiter. Können sie dir was anhaben?« Daran hatte Johannes noch gar nicht gedacht. Er mußte sich heimlich eingestehen, daß er sich geschämt hatte, neben dem Kirmeswagen einherzugehen, weil Tante Serena ihn sah. Allein er ermannte sich und ergriff Marions Hand, die er einen Augenblick losgelassen hatte. Zum Glück ließ Markus ihn auf ›Vredebest‹ nicht fragen, ob es vielleicht etwas zu schleifen gäbe. Aber das blasse Gesicht mit den Hängelocken, der Brille, den klaren Augen und der mit lilafarbenen Bändern geschmückten Haube, das er in dem kleinen Spiegel gesehen hatte, verfolgte Johannes in beängstigender Weise. Der kleine Spion war doppelseitig, und Johannes wußte ganz genau, daß Tante jetzt auf der andern Seite saß und daß die starren Augen ihm noch lange nachblickten. »Hast du keine Tante, Marion?« »Was weiß ich, vielleicht wohl,« sagte Marion lachend. »Und dein Vater? Ist der tot?« Marions Stimme klang ein wenig weicher und ernster, während sie begann, Johannes vertraulich und gewichtig das Folgende zu erklären: »Das weiß ich nicht, Hanni, meine Mutter ist tot. Die war Löwenbändigerin und ist verunglückt. Sie liegt in Köln. Aber mein Vater war ein reicher Mann und der lebt am Ende wohl noch. Siehst du, und daher kann ich vielleicht wohl Tanten haben und am Ende einen ganzen Haufen, und wer weiß, wie reiche.« »Hast du deinen Vater nie gesehen?« fragte Johannes jetzt auch ganz leise. »Nein, nie, aber Lorum sagt« (Lorum war der Hanswurst), »daß er ein Graf war und daß er ein Schloß hatte.« »Das dachte ich mir schon,« sagte Johannes, indem er sie innig anblickte. »Ja, aber Lorum bindet einem auch manchmal einen Bären auf.« Diese Bemerkung wirkte wie ein kaltes Sturzbad auf die schönen Phantasien des kleinen Johannes. Später sollte er es noch sehr oft erfahren, daß Lorum einem auch manchmal »einen Bären aufband«. Es war ein heißer Nachmittag, als sie ihren Einzug in die Stadt hielten. Die zu Fuße gingen, waren müde und verstimmt, und während des üblichen Besuches bei der Obrigkeit wurde nicht wenig gekeift und geflucht. Die dunklen Zimmer der vornehmen Häuser sahen kühl und einladend-ruhig aus. Die hellgekleideten Dienstmädchen traten vor die Türen, um das Kirmesvolk zu sehen, und schwatzten kichernd miteinander. Vor der Stadt wurde ihnen ein großes grasbewachsenes Terrain angewiesen, auf dem die Wohnwagen stehen durften. Und alsbald sah man sie dort alle in einem Kreise beisammensitzen, wohl zwanzig oder mehr. Von den schönen großen, mit zwei Pferden bespannten Wagen, die sich, frisch angemalt, mit ihren sauberen Vorhängen, Blumentöpfen und allerhand Zierat, Vogelbauern und Schnitzwerk sehr hübsch ausnahmen, bis zu den ganz ärmlichen, die aus alten Brettern zusammengezimmert waren und von einem Mann und einem Hund gezogen wurden. Dann wurden die verschwitzten und bestaubten Pferde ausgespannt, das zusammengebettelte oder gestohlene Heu ausgebreitet, die Feuer angezündet und hastig gegessen. In dem Lager ging es lebhaft zu. Markus war auch da. Sein neuer Schleifwagen mit den Glaswänden stand blitzend in der Sonne neben Marions Wagen. Er selbst wandelte mit Johannes ruhig inmitten der Menschen, überall einen Gruß austauschend und kurze Gespräche führend. Seinen Mantelkragen und seine Mütze trug er nicht mehr, wohl aber noch denselben Rock und die alte Hose, denn er besaß keine andere. Auf dem Kopf trug er jetzt einen sehr breitrandigen Strohhut, wie man sie auf den Jahrmärkten für zwei Groschen ersteht. Johannes sah ihn darin viel lieber, und war froh, daß ihn dieser Hut zu seinem langen dunklen Haar so trefflich kleidete. Wohin er kam, brachte er eine bessere Stimmung. Das Keifen hatte noch längst kein Ende, und allenthalben hörte man heftige grobe Worte, auch aus Kindermund. Aber sobald Markus erschien, wurden die Reden gemäßigt, und drohende Raufereien unterblieben. Man hatte ihn lange Zeit nicht gesehen, und er wurde mit vertraulichen Ausrufen freudiger Überraschung begrüßt und mit allerhand Fragen überschüttet, die er scherzend beantwortete. »Hallo, Vis, wo hast du denn so lange gesteckt? Bist wohl untergetaucht?« »Ich war bei Hofe, Dirk Volders, sieh nur, was für ein schönes Geschenk ich mitgebracht habe.« Und bei diesen Worten wies er auf seinen neuen Wagen. »Du hast sicherlich die Kuponscheren mal wieder schleifen müssen?« »Nein, die Nagelscheren, Dirk. Dazu wird es hier auch die höchste Zeit.« Wo Markus ging und stand, hatte er stets eine Schar von Kindern um sich. Ohne ersichtlichen Grund und ohne daß die Hoffnung auf Süßigkeiten oder Leckerbissen sie lockte, gab es stets eine Anzahl Kinder, die unermüdlich hinter ihm her trotteten, oft stundenlang, und sich mit ihren schmutzigen Händchen an seinen Rockschoß oder seine Hose festklammerten. Mit ernsthaftem Gesicht horchten sie auf seine Worte, beobachteten jede seiner Bewegungen und stritten sich heimlich um den Vorrang. Wer seinen Rock einmal gefaßt hatte, ließ ihn nicht wieder los, und wo immer er erschien, krochen die ungewaschenen verwahrlosten Kleinen unter den Wagen und hinter den Kisten hervor und streckten ihm ihre Händchen entgegen. Es war doch immerhin möglich, daß er plötzlich hier oder dort niederhocken und der kleinen schmutzigen Zuhörerschar etwas erzählen würde. Dann öffneten sich die unsauberen Mündchen weit in stiller Andacht, und die mit einer alten Brotkruste oder einer zerfetzten Puppe gefüllten Händchen hingen schlaff herab, während die Kleinen gespannt lauschten. Und noch niemals hatte jemand Markus auf einem ärgerlichen oder ungeduldigen Wort an seine lästigen kleinen Bewunderer ertappt. Niemals hatten unfreundliche, ungerechte Eltern ihr Kind damit kränken können, daß es so ungezogen sei, daß selbst Markus nichts von ihm wissen wolle. Johannes beobachtete das alles mit großer Bewunderung und voll Aufmerksamkeit. Anfangs erschien es ihm wunderbar und übernatürlich. Verstockte, bösartige Kinder wurden fügsam, unliebenswürdige, lästige Kinder umgänglich, und die rohen, unmanierlichen und zügellosen Äußerungen der Kleinen wurden gemäßigt. Wie war es nur möglich, daß ein Mensch stets geduldig blieb, während die schmutzigsten, unerzogensten Kinder der Welt ihn fortwährend belästigten und umringten? Allein horchend und forschend begriff Johannes allmählich das Unbegreifliche. Es war vermöge der Hingebung, daß sich dies Wunder vollzog. Es gab nichts im Denken und Fühlen dieser verwahrlosten kleinen Wesen, aber Markus zeigte Interesse dafür und widmete ihm freundlich seine volle Aufmerksamkeit. Dadurch ward die irrende Kinderseele plötzlich befriedigt und gefesselt, zur Ruhe gebettet und für Leitung empfänglich gemacht. Aber wenngleich er selbst es auch auf andere Weise erklärte, so blieben die Eltern, die ihre Kinder nicht zu lenken vermochten, dennoch dabei, daß Markus etwas in seinen Augen und in seinen Händen haben müsse – eine »Biologie«, wie sie es nannten – womit er die Kinder in seinen Bann zwinge. Und diese Überzeugung schlug noch tiefere Wurzel, als man erfuhr, welch eine bereitwillige und segensreiche Hilfe er den Kranken zuteil werden ließ. Es herrschte unter diesen Leuten ein großes Mißtrauen gegen Ärzte, und das Einzige, was sie Markus zum Vorwurf machten, war, daß er nach ihrem Geschmack noch viel zu oft Kranke an den Doktor und das Hospital verwies. Er könne das ganz gut selbst besorgen, meinten sie. Aber er fürchte wohl, in Teufels Küche zu kommen. Dies war die einzige Auslegung, bei der sie sich beruhigten, denn das Vergnügen gönnten sie der Justiz denn doch nicht. Trotzdem versuchten sie bei allen Qualen, und handelte es sich auch um ein gebrochenes Bein, Markus dazu zu überreden, daß er ihnen ohne Doktor oder Hospital helfen möge. Und da, wo der kranke Körper kostspieliger Pflege oder eines mechanischen Apparates nicht bedurfte, half Markus denn auch mit seinen einfachen Mitteln aus. Es hieß allgemein, »daß er bespreche«; allein man sah oder hörte ihn niemals bei einem Kranken beten. Wohl saß er manches Mal sehr lange in tiefer Andacht an dem Lager eines Leidenden, der von Schmerzen oder Unruhe gequält wurde, seine Hand auf dem Kopf oder dem schmerzenden Gliede, oder in der Hand des Patienten, oft stundenlang. Und nur selten kam es vor, daß er fortging, ohne daß die Schmerzen und die Unruhe gewichen oder doch gelindert waren. Johannes hatte sich das schon von Marion erzählen lassen, und auch jetzt sah er die Mütter mit ihren schreienden Säuglingen herbeikommen und ihn um Rat fragen. Und gespannt paßte er auf, neugierig, was Markus wohl sagen würde. Das kleine Würmchen schrie und zappelte in heftigem Widerstand, denn es war lichtscheu und wollte die kranken Augen hinter Mutters Arm verborgen halten. Allein Markus mußte sie sehen. Die armen kleinen Augen waren rot und dick angeschwollen und gänzlich mit Schmutz verklebt. Johannes erwartete nichts anderes, als daß Markus über sie hinstreichen würde, auf daß sie sich öffneten. Allein er sagte: »Das ist eine alte schmutzige Geschichte, Mütterchen. Es gibt doch in Leyden eine gute Augenklinik? Aber hier ist auch eine, und dorthin müßt ihr schleunigst gehen; noch heute.« Die Mutter, eine robuste grobknochige Frau, blickte mit mürrischen, unzufriedenen Augen durch die Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht fielen. »Gott verdamm mich, die Quacksalber! tu du's lieber, du kannst es ebenso gut.« »Nein, ich tue es nicht, auf keinen Fall. Und denk daran, wenn du nicht schnell gehst, wird dein Kind stockblind werden – und zwar durch deine Schuld.« »Aber Markus, kannst du's nicht oder wagst du's nicht, daß du mich zu den Mördern schickst?« Markus sah sie lange an und sagte dann leise: »Du bist selbst schuld daran, das weißt du recht gut. Ich darf dir nicht helfen – aber nicht etwa wegen der Polizei. Die in der Stadt werden dir einen guten Rat geben. Geh jetzt nur schnell, sonst hast du die Blindheit deines Kindes auf dem Gewissen.« Die Frau wandte sich murrend ab, und Johannes fragte schüchtern: »Sind jene Ärzte denn klüger als Markus?« »Hierfür wissen sie genug«, antwortete Markus kurz. Am heißen Nachmittag legten sich die Kirmesleute schlafen, überall lagen sie umher im Schatten der Wagen, auf Stroh oder Lumpen, in häßlichen, plumpen Haltungen, und schnarchten. Aber die Kinder blieben wach, und allenthalben ward Weinen und Schreien hörbar. Niedergeschlagen irrte Johannes umher. Sich zwischen diese Menschen zu legen und zu schlafen, so wie Markus es tat, das war ihm nicht möglich. Es roch überall so schlecht, und außerdem fürchtete er sich vor Ungeziefer. Ob er ein wenig spazieren ging, in dem Stadtpark oder auf den sonnigen Wiesen? Aber er schämte sich fortzulaufen, und konnte doch nicht ruhig dableiben. Wieder überkam ihn das entsetzliche Gefühl der Ohnmacht angesichts seiner großen Aufgabe. Er war zu schwach, zu empfindsam. Mit einer fast schmerzenden Sehnsucht dachte er an die kühlen, ruhigen, vornehmen Zimmer in den städtischen Häusern, in denen die Möbel von sauberen Dienstmädchen abgestaubt wurden. Er dachte auch an Tante Serena und an ihr schönes altes Haus und den großen schattenreichen Garten, in dem die Himbeeren nun sicherlich schon reif waren. Doch seht, da gelangte er, während er mißmutig einherschlenderte, zu dem grünen Wagen und sah Marion ruhig schlafend daliegen. Sie lag auf einer rauhen, gelb und rot gestreiften Pferdedecke, und ihr magerer Hals und ihre dünnen Ärmchen waren entblößt. Sie schlief ganz ruhig, so daß man nicht recht wußte, ob sie am Ende wachend daläge, mit geschlossenen Augen, die Knie hochgezogen, das Gesicht auf beide Hände gestützt. Dicht neben ihr hockte das Äffchen in der grellen Sonne und spielte in behaglicher Gemütsruhe mit einer Kokusnußschale. Da ward Johannes gerührt und setzte sich nieder und lehnte sich gegen das Rad des Wagens. Er blickte das reizende Mädchen an und dachte über ihr unstätes Wanderleben nach. Und vergaß seines eigenen Kummers. Und langsam wandelte sich seine tiefe Verzagtheit in eine zärtliche Wehmut voller Mitleid. In seinem Innern wurden Worte geboren, die er sorgfältig festhielt. Er dachte an einen Falter, den er einst über den Strand hatte seewärts fliegen sehen und flüsterte, indem er an Marion dachte, leise vor sich hin: »Über See ein weißer Falter flog, »Die Sonne ihn fort von der Küste zog, »Nun muß er flattern mit allen Winden, »Kann Ruhe nicht finden.« Und während er die letzten Worte wiederholte, wurde er sehr gerührt und fühlte, wie ihm die Tränen über die Wangen rannen. Er wiederholte die Verse wieder und wieder und machte neue dazu, bis er sich gänzlich in dies süße Spiel verlor. So schwand der Sommernachmittag langsam dahin, und Johannes suchte in dem Schleifwagen nach Papier und Bleistift, um niederzuschreiben, was ihm in den Sinn gekommen war. Er fürchtete, daß er es sonst wieder vergessen könne. »Was machst du da?« fragte Marion erwachend, »zeichnest du mich?« »Ich mache Verse«, sagte Johannes gewichtig. Marion mußte das Gedicht lesen, und als sie es gelesen hatte, wollte sie es singen. Sie holte eine Zither aus dem Wagen und begann, leise vor sich hinsummend, Akkorde zu suchen. Johannes saß in gespannter Erwartung da. Endlich hatte Marion eine wehmütige und zugleich feurige Weise gefunden, die Johannes so erklang, als kenne er sie von altersher; und dann sangen sie zusammen das Lied: »Über See ein weißer Falter flog, »Die Sonne ihn fort von der Küste zog, »Nun muß er flattern mit allen Winden, »Kann Ruhe nicht finden. »O Falter, kleiner Falter, »Suchst du überall nach dem grünen Tal, »Kehrst du nimmer, ach nimmer, »Zu den Dünenhöh'n, wo die Blumen stehn? »Der Sonne zu, von der Küste fort, »Seewärts getrieben von wilden Winden, »Muß er flattern fort und fort, »Darf Ruhe nicht finden. »O Falter, lieber Falter, »Ob durch Himmel blau, ob durch Wolken grau, »Findest nimmer, ach nimmer, »Zu den Dünenhöh'n, wo die Rosen steh'n.« Die Kinder sangen es einmal und zweimal und dreimal, denn einige der Menschen waren aufgewacht und kamen nun herbei und lauschten und baten sie, es zu wiederholen. Und wie in einer plötzlichen Erleuchtung seines Verstandes und seines Gemütes begriff Johannes, daß er etwas Gutes getan. Die armen, schmutzigen, verwahrlosten Menschen und Kinder lauschten. Er hatte das Gedicht gemacht, und es hatte ihm Glück gegeben. Jetzt schien es auch den traurigen Menschen ein wenig Freude zu machen. Und das stimmte ihn froh. Es war zwar nicht viel, aber er konnte doch etwas. Der Abend kam, die Luft ward kühler, ein duftender Wind strich von der See her über die grasbewachsenen Polder, und über den Dünen begann langsam ein mattroter Nebel aufzusteigen. Der breite Kanal, an dem das Lager aufgeschlagen war, spiegelte sich glitzernd im Abendlicht: ringsumher ward es lärmender, und auch von der Stadt klangen schrillere Geräusche von Drehorgeln und Wagengerassel herüber. Die Kirmesleute bildeten einen Kreis und, begierig noch mehr zu hören, baten sie Markus, etwas zu spielen. Markus nahm eine Harmonika zur Hand und spielte allerlei Weisen. Aufmerksam lauschten Männer und Frauen, niederkauernd oder lang hingestreckt, die Ellenbogen auf den Boden und das Kinn in die Hände gestützt. Und wenn die Kinder, ohne die Musik zu beachten, mit irgend einer Bitte zu den Eltern kamen, wurde ihnen ungeduldig gewehrt. Als Markus aufhörte, rief ein Mann mit heiserer Stimme: »Nur los, ihr Leute, singt jetzt auch mal was! Das Lied von den armen Teufeln zum Beispiel.« Und gehorsam sangen sie gleich alle, während Markus die Melodie angab, das folgende Lied mit: »Wir Leutchen ohne Heim und Land, »Wir sind gar arme Käuze, »Nur wer mehr Geld hat als Verstand, »Genießt des Lebens Reize! »Wir springen kreuz, wir springen quer, »Wir müssen Künste machen, »Wir tanzen, weil der Magen leer, »Wer Geld hat, der kann lachen.« »Einst stand der König obenan, »Von wegen unsrer Sünden, »Jetzt ist er nur ein nicht'ger Mann, »Hat seinen Meister funden. »Denn tut mit Kron' und Szepter wer »Auch hoheitsvoll stolzieren, »Und springt er kreuz und springt er quer, »Das Geld wird stets regieren.« »Es kommandiert der General, »Er lehrt die Menschen morden, »Die tapferen Helden allemal »Sind gar gehorsam worden. »Und doch hat all die mächt'ge Wehr »Kein Jota mehr zu sagen, »Springt man auch kreuz, springt man auch quer, »Geld herrscht seit ew'gen Tagen.« »Ein Vaterland? ein eigen Dach? »Wo würd' uns das wohl winken? »Wir zeigen Künste, Tag für Tag, »Dort, wo die Groschen blinken; »Und brechen wir zuletzt den Hals, »Dann soll'n auch wir was kriegen, »Ne Handvoll Erde allenfalls, »Ein Fleckchen, still zu liegen.« Als das letzte Wort des Liedes verklungen war, rief die heisere Stimme: »Ihr könntet ruhig dazu sagen, daß die Kirchhöfe alle zehn Jahre geräumt werden müssen.« »Alle zwanzig«, rief da ein anderer. »Kinder«, sagte Markus, während er sein Instrument einen Augenblick behutsam beiseite stellte, »Kinder, jetzt hört mir mal aufmerksam zu.« »Vom Geld haben wir gesungen und von den Menschen, die mehr Geld haben als Verstand. Aber habt ihr denn mehr Verstand als Geld? Und welches von beiden ist euch lieber?« »Gib mir nur Geld her!« schrie die heisere Stimme. »Und mir auch!« fügte eine andere hinzu. »Dann gebe ich dem Affen da noch lieber das Geld. Der wirft es ins Wasser und besauft sich nicht,« sagte Markus. »Kinder«, fuhr er fort, und Johannes hörte wie allmählich der warme Klang in seine Stimme kam, der so tief erschütterte und zu atemlosem Hören zwang – »wo Geld ist ohne Verstand, da ist Unheil, und wo Verstand ist, da ist Segen. Denn die Weisheit wird des Geldes nicht entraten. »Ihr seid wahrlich arme Schelme und werdet mißhandelt und betrogen. »Aber niemand erhält, was ihm nicht zukommt. Ihr sollt also darob nicht rasen und fluchen. »Der Weise ist stark und kann nicht mißhandelt werden. Der Weise ist schlau und kann nicht betrogen werden. Der Weise ist gut und bestiehlt nicht, noch läßt er sich bestehlen. »Ihr seid schwach und unklug, darum werdet ihr betrogen. »Aber ihr selbst könnt nichts dafür, ihr Armen, das weiß ich wohl. Denn die Kinder leiden um dessentwillen, was die Eltern und die Großeltern getan. »Dennoch erhält niemand das, was ihm nicht zukommt. »Wir büßen für unsere Eltern und Großeltern. Nennt das nicht unrecht, denn der Weise hat seine Eltern lieb und will gerne gut machen, was sie verbrochen. »Und wir alle können das gut machen, worin unsere Eltern gefehlt. Ja, an unseren Eltern können wir es gut machen, auch dann noch, wenn sie gestorben sind. »Das Grab ist keine Falle, ihr Kinder, in der die Seelenvögel gefangen werden. Vater und Mutter leben noch und gedeihen durch unsere Fürsorge. »So sorget denn, daß eure Kinder gut sind, denn sie werden euch nötig sein. Ja, denen, die als Dummköpfe, als Dirnen und als Säufer sterben, werden die guten Kinder am meisten nötig sein. »Und keiner, der der Buße der guten Kinder enträt, wird sich darob beschweren, und da ist auch keiner, der durch ihre Hilfe nicht weiser werden könnte. »Wenn zwei Reisende durch Nacht und Kälte irren und der eine hat Holz und der andere hat Streichhölzer und sie verstehen einander nicht, dann werden sie dennoch beide erfrieren und sich verirren. »Und wenn zwei Schiffbrüchige nichts anderes haben als eine einzige Kokusnuß, und der eine nimmt die Milch und der andere nimmt das Fleisch, dann werden sie beide umkommen, der eine vor Hunger und der andere vor Durst. »So ist es auch mit der Weisheit – und kein Mensch auf Erden kann allein weise werden.« Markus' Stimme klang laut und klar, und es war totenstill auf dem Rasen, auf dem all die zerlumpten Menschen lagerten. Eine Weile schwieg er, und Johannes weinte still vor sich hin vor Rührung, obgleich er gar nicht so recht begriff, was das Gesagte eigentlich zu bedeuten hatte. Endlich erklang wieder die heisere Stimme – aber leiser jetzt: »Ich will verdammt 'ne Gurke sein, wenn ich ein Wort davon verstehe, aber es wird wohl wahr sein.« »Kinder«, sagte Markus, »ihr braucht mich nicht zu verstehen, und ihr braucht mir nicht zu glauben. Aber wollt ihr um meinetwillen das, was ich euch soeben gesagt habe, Wort für Wort behalten und es eure Kinder lehren? Dann will ich euch danken.« Und leise ließ sich hier und dort eine Stimme vernehmen – »Ja – jawohl!« »Spielst du uns dann auch noch etwas?« fragte ein Mädchen mit großen dunklen Augen. »Ja, ich werde spielen, und du darfst tanzen«, sagte Markus mit freundlichem Lächeln. Da nahm er einem der Musikanten die Geige aus der Hand und begann seine schönste Tanzmusik zu spielen, so schön, daß die Spaziergänger auf der Landstraße stehen blieben, um zu lauschen. Ja, ein Schöffe sagte sogar zu seinem Freunde, dem Notar, mit dem er des öfteren Duette für Klavier und Geige spielte, daß unter den fahrenden Leuten wohl ein echter Zigeuner sein müsse, denn nur ein solcher vermöchte so zu spielen. Und das Völkchen tanzte in einem großen Kreise. Die Männer faßten die Mädchen mit dem rechten Arm unter die Achsel und drehten sich so im Kreise herum mit linkischem ungeschicktem Schwung, ohne aufzuhören, bis ihnen der Schweiß über die roten, ernsten Gesichter rann. Die Kinder und die älteren Leute saßen ringsumher. Es wurde auch zwischendurch gesungen und viel gelacht, und man unterhielt sich königlich. Allein mitten in der Freude kamen plötzlich ein paar Kinder atemlos dahergerannt. Das größte war ein Mädchen von ungefähr acht Jahren mit einem schmutzigen, von weißlich-blonden Locken umrahmten Engelsgesichtchen; sie trug eine alte Jungenshose, die ihr, durch ein paar Hosenträger notdürftig emporgehalten, bis auf die bloßen Füßchen herabhing, so daß sie beim raschen Laufen fast darüber stolperte. »Pickelhauben!« rief das größte der beiden Mädchen gänzlich außer Atem, und das zweite ihr nach: »Pickelhauben!« Dies Wort, das Johannes kaum im vollen Umfang seiner Gewichtigkeit begriffen hatte, übte auf diese Menschen etwa dieselbe Wirkung aus, wie ein Adler in hohen Lüften auf einen Schwarm Meisen oder Stare. Zwar war die Anwesenheit von einem oder zwei Feldhütern auf dem Wege vor dem Lager nichts Ungewöhnliches. Aber jetzt kamen sie in größerer Zahl, und allen voran schritt ein vornehm aussehender Beamter im schwarzen Rock und mit einem Kneifer auf der Nase – am Ende war es gar der Bürgermeister! – und mit jenem kriegerischen Schritt, der ein erhöhtes Pflichtbewußtsein andeutete, infolge der Erwartung, daß hier energisch aufgetreten werden müsse. Die Musik und das Lachen verstummten, man hörte zu tanzen auf, und ein jeder blickte dahin, wo die gemeinschaftliche Gefahr drohte, und legte sich ängstlich die Frage vor, wer wohl die größte Chance habe, das Schlachtopfer zu werden, oder aber erwog die Möglichkeit eines völlig ungefährlichen Verlaufs dieser Begebenheit. Nur Johannes dachte sich nichts Besonderes dabei, und vermochte den Grund zu diesem gespannten Interesse nicht zu erraten. Indessen – nachdem die Feldhüter und der mutmaßliche Bürgermeister vor dem Eingang zum Lager eine Weile Halt gemacht und Erkundigungen eingezogen hatten – kamen sie schnurstracks auf Marions Wagen zu. Da plötzlich gewahrten sie Marion und Johannes, und Johannes ward es mit einem Schlage klar, daß das alles ihm gelte. Es war eine unangenehme Empfindung, etwa wie die Furcht vor der Schande. Und trotzdem er sich einer Schuld nicht bewußt war, so empfand er doch ganz deutlich, daß er etwas Schlechtes getan haben müsse, und daß nun das Gericht, das Gericht kam, um ihn zu holen und zu bestrafen. »Donnerwetter, Hanni – nun wird's dir aber schlecht gehen«, sagte Marion, »sie hat dich also doch gesehen.« »Wer?« fragte Johannes, bleich und verwirrt und nichts von alledem begreifend. »Na, die verfluchte Tante natürlich.« Johannes hörte seinen Namen nennen und wie man ihn aufforderte, mitzukommen. Während er ängstlich und zögernd schwieg, begann Marions Schwester mit scharfer Stimme zu kreischen. Allein die Feldhüter taten, als hörten sie das gar nicht, und der Brigadier sagte mit würdevoller, ermahnender Stimme: »Junger Mann, Sie sind noch nicht großjährig. Sie müssen den Befehlen Ihrer Familie Folge leisten. Sie sind hier nicht unter Ihresgleichen. Ihre Tante ist eine sehr edle und angesehene Dame. Sie haben es dort viel besser als hier. Ihre Tante ist reich, und Sie müssen tun, was sie verlangt.« In seiner Verwirrung sah Johannes sich nach Markus um und fragte ihn: »Was soll ich tun?« Allein Markus blickte ihn ernsthaft an und sagte, ohne ihm den geringsten Trost zu gewähren: »Glaube nur ja nicht, Johannes, daß ich dir jedesmal sagen werde, was du tun sollst. Das würde dich nicht klüger machen. Tue, was dich gut dünkt, mein Junge, und fürchte dich nicht.« »Komm du nur, Freundchen, hier gibt's nicht viel zu wählen«, sagte darauf der würdige Herr, »du darfst hier ganz einfach nicht bleiben, und damit basta.« Als Johannes ihm folgen wollte, fiel Marion ihm um den Hals und begann zu weinen. Das Kirmesvolk schalt und murrte. Allein Johannes weinte nicht. Er dachte an Tante Serenas schönes Haus und das kühle geräumige Schlafzimmer mit dem großen Bett und den grünen Vorhängen und der dicken Bettquaste. »Sei tapfer, Marion«, sagte er, »ich werde dich nicht vergessen. Auf Wiedersehen!« Und so ging er mit den drei Beamten nach »Vredebest«, während er sich noch oftmals umschaute, um der weinenden Marion zuzuwinken. »Nun, nun, junger Herr«, sagte Daatje, das alte Dienstmädchen, während sie die warme Bettflasche zwischen die frischen leinenen Laken legte, »da sind Sie, weiß Gott, noch gut davon gekommen.« »Das ist soviel wie aus dem Fegefeuer ins Paradies, von dem schmutzigen Volk zu unserer Dame. Das ist wohl wahrhaftig ein Glück für Sie, ja, ja!« Feuchte Laken sind ungesund, sogar im heißesten Sommer, und Daatje war von ihrer Herrin stets zur größten Sorgfalt für ihre Gäste angehalten worden. Daatje trug eine schneeweiße Haube und ein lilafarbenes Kattunkleid. Sie hatte ein runzliges Gesicht und noch viel runzligere Arme und Hände. Sie war eine erstaunlich lange Zeit, vielleicht wohl schon vierzig Jahre, bei Tante Serena in Dienst gewesen und ließ nicht nach, Johannes in allen Tonarten klar zu machen, was für ein vortreffliches Wesen seine Tante sei. Immer liebenswürdig und freundlich, immer hilfsbereit, ein Segen für arme Menschen, eine Zufluchtsstätte für einen jeden aus der Umgegend, von allen, die sie kannten, auf Händen getragen und fromm wie ein Engel. »Ein veränderter Mensch«, sagte Daatje, »ja, ja, so recht ein veränderter Mensch. Man kann fragen, wen man will, so wie sie leben nicht viele.« Johannes begriff, daß in diesem Fall »verändert« »sehr gut« bedeutete. Nach Daatjes Ansicht war der natürliche Mensch nicht gut, und es mußte sich ein jeder erst »verändern«, ehe er etwas taugte. Lange Zeit, bevor er einschlief, dachte Johannes darüber nach, während er sich in seinem großen stillen Schlafgemach umschaute. Knisternd brannte ein nachdenkliches Nachtlichtchen in einem Glase, das halb mit Öl, halb mit Wasser gefüllt war, hinter milchweißen undurchsichtigen kleinen Scheiben, auf denen infolge ihrer ungleichen Dicke seltsame traumartige Landschaften erschienen, sobald die kleine Flamme angezündet wurde. Das Zimmer roch altfränkisch-muffig, und die Möbel waren von einer altmodischen, steifen Vornehmheit. In die grünen Bettvorhänge war ein eigentümliches Muster eingewebt, wie halbgeöffnete Augen – beklemmend anzusehen. Die große Bettquaste hing still herab, unwirsch und würdevoll wie der Schwanz eines Löwen, der oben auf dem Betthimmel die Wache hielt. Johannes fühlte sich zwar sehr behaglich, aber um ihn her war etwas Gespenstisches, das ihm nicht zusagte. Der schwere Leinenschrank aus dunklem Holz schien sich vollkommen einig zu sein mit der großen Kommode mit Messinghandgriffen, auf der unter einer Glasglocke ein Körbchen mit Wachsfrüchten stand. Was die Gemälde darstellten, konnte man in der Dunkelheit nicht erkennen, aber sie schienen auch in alles eingeweiht zu sein, genau so wie der Nachttisch mit dem gehäkelten Deckchen, und das riesengroße Bett. Und jede halbe Stunde erklang es »Kuckuck! Kuckuck!« durch das stille Haus, gleich als wären sie dort im Korridor und im Hausflur auch über alles orientiert. Nur der kleine Kerl, der dort zwischen den gewärmten Laken mit reinem Unterzeug und in einem viel zu großen Nachthemd wachend um sich schaute, hatte mit alledem nichts zu schaffen. Er bildete hier zwischen all diesen gediegenen, wichtigen, stattlichen Gegenständen eine gar komische Figur! Er fühlte, daß er auf höfliche Weise zum Narren gehalten wurde. Es blieb doch noch sehr abzuwarten, ob man ihn nach seinen mehr oder minder unpassenden Abenteuern jemals des allgemeinen Vertrauens würdig erachten würde. Das ganze Haus beobachtete allem Anschein nach eine, wenn auch nicht gerade feindliche, so doch äußerst reservierte Haltung. Er behielt die Bettquaste im Auge und war immerfort darauf bedacht, den Schwanz des Löwen wedeln zu sehen. Allerdings müsse er hierfür sicherlich erst »verändert« werden, genau so wie Tante. Allein mit dem erwachenden Tage gestaltete sich das neue Leben über alle Erwartung angenehm. Tante Serena saß am Frühstückstisch, auf dem Tee, frische Brötchen, Korinthenbrot und schwarzes Roggenbrot ihn erwarteten. Auf den von der Sonne beschienenen Pfeilertischen standen blaue japanische Vasen mit großen runden Sträußen aus Rosen, Reseda und bunten Ziergräsern. Die Glastüren waren weit geöffnet, und der würzige Geruch von frischgemähtem Grase strömte aus dem Garten in das Zimmer, in dem es schon nach Rosen, Reseda und aromatischem Tee köstlich duftete. Die Tante sprach weder von dem gestrigen Tage noch von dem Tode seines Vaters. Sie war voll der gütigsten Fürsorge und fragte Johannes freundlich, aber dennoch in sehr bestimmtem Ton nach allem, was er in der Schule gelernt und wer ihm Religionsunterricht erteilt habe. Jetzt sei Ferienzeit, und er dürfe erst noch ein Weilchen nur seinem Vergnügen leben, dann aber würden die Schule und der Religionsunterricht wiederum in ihre Rechte treten. Bis zu dieser Stunde hatte Johannes von seinem feierlichen Vorhaben, die Menschen höher zu schätzen, freundlich mit ihnen zusammen zu leben und ihnen wohlgesinnt zu sein, nur noch wenig Freude gehabt. Diesmal aber ward es ihm leicht. Das schöne, behagliche Haus, der Sonnenschein, die aromatischen Düfte, die Blumen, die frischen Brötchen und der Tee, das alles stimmte ihn freundlich, und er war schon auf dem besten Wege, Tante in dem Lichte von Daatjes Verherrlichung zu sehen. Voller Zutrauen blickte er in die blitzenden Gläser ihrer Brille und half ihr den großen Arbeitskorb tragen, aus dem sie die vielfarbigen Wollfäden zum Vorschein holte, die sie zu ihren sehr umfangreichen und langwierigen Tapisseriearbeiten brauchte. Aber der Garten, der Garten! Das war das Wunder, die Gnade seines neuen Lebens. Als er, bis zum zweiten Frühstück von der Tante entlassen, wie ein junger Hund hinausrannte und all die kleinen Pfade, Alleen, Beete, Lauben, Hügel und den kleinen Teich entdeckte, da fühlte er sich beinahe in Windekinds Reich zurückversetzt. Da war eine schattenreiche Lindenallee, die zwei große Windungen machte und dadurch sehr, sehr lang erschien. Da waren kleine Wege zwischen üppigen, jetzt bereits aufgeblühten Fliederbüschen und Jasminsträuchern, die mit weißen und farbigen Blumen gänzlich überdeckt waren. Da war ein Hügel mit einer Bank und einer herrlichen Aussicht nach Westen über die benachbarten Blumistereien. Denn Tante liebte das Schauspiel der untergehenden Sonne. Da war ein Beet mit Rosen, stark duftend und groß wie eine Hand. Da waren hochgewachsene Mohnblumen mit rauhem Stengel, tiefblauer Rittersporn, lilafarbene Akeleien, hohe Stockrosen, die wie aus Papier gefaltet erschienen und seltsam dufteten. Da waren lange Reihen Saxifraginen, ein paar große dunkle Buchen und allüberall, wie köstliche Überraschungen, Obstbäume: Äpfel, Birnen, Pflaumen, Nüsse, Mispeln, Kornellen und Haselnüsse, die zwischen den nicht Obst tragenden Bäumen verstreut lagen. Ei, jetzt schien ihm die Welt doch gar so übel nicht. Ein vollkommenes menschliches Wesen zu vollkommener menschlicher Bewunderung erschaffen, eine Menschenwohnung voller Luxus und Bequemlichkeit und dicht daneben eine liebliche Nachbildung von Windekinds Reich. Und dennoch Pflichterfüllung und keinerlei Abweichung von der vorgeschriebenen Bahn. Wahrlich, Johannes hatte das Leben mit allzu düsteren Augen angesehen. Das war beschämend. Gegen zwölf Uhr hörte man Daatje in der Küche sehr geräuschvoll den Kaffee mahlen, und Johannes wagte es für einen Augenblick ihre Domäne zu betreten, in der ringsum Kupfergeräte blitzten und funkelten. Über einem kleinen Hof hingen an der dicht mit Efeu bewachsenen Mauer viel Vogelkäfige, darunter einer mit einer Lerche, die, den Schnabel emporgerichtet, auf einen kleinen Grashaufen starrte. Oben in dem Käfig war ein weißes Tuch ausgespannt. »Das ist für seinen Kopf«, sagte Daatje, »für wenn er es vielleicht mal vergessen sollte, daß er in einem Käfig sitzt und in die Luft fliegen will.« Daneben hingen Finken in sehr vielen kleinen Käfigen. Sie hüpften immerfort hin und her, hin und her, von einem Stöckchen auf das andere. Mehr Platz hatten sie nicht. Und dabei riefen sie »pink, pink«. Hin und wieder schlug einer laut. Und so ging das während des ganzen Tages. »Die sind blind«, sagte Daatje, »dann singen sie schöner.« »Warum?« fragte Johannes. »Aber Menschenskind – dann können sie doch nicht sehen, ob es Morgen oder Abend ist, und dann singen sie eben immerzu.« »Sind Sie auch verändert, Daatje?« fragte Johannes. »Jawohl, junger Herr, ich werde der Gnade teilhaftig. Ich weiß, wohin ich einst komme. Und das können nur wenige von sich sagen.« »Wer denn zum Beispiel?« »Na, ich und unser Fräulein und Pfarrer Kraalboom.« »Tut ein veränderter Mensch manchmal auch noch etwas Böses?« »Etwas Böses – na, das ist mir auch 'ne schöne Frage. Nein, beileibe nicht. Ich kann nichts Böses mehr tun, und wenn Sie sich auch auf den Kopf stellen und ihre Füße ausruhen wollten. Aber laufen Sie mir jetzt doch nicht mit den schmutzigen Stiefeln durch die Küche. Der Fußkratzer steht draußen. Bitte sehr. Dazu ist mir meine Küche denn doch zu gut.« Das zweite Frühstück war nicht weniger einladend. Frisches Weißbrot, Rauchfleisch, Kuchen und Käse und köstlicher Kaffee, der durch's ganze Haus duftete. Tante sprach über den Kirchgang, über einen zu wählenden Beruf, über brav und rein leben. Und Johannes vermied jeglichen Widerspruch und war geneigt, alles gut zu heißen. Des Mittags, während er in der schattenreichen Lindenallee saß und träumte, kam Tante mit einem Tablett, auf dem neben einem kleinen Kuchen ein Gläschen Weichselwein stand. Um halb fünf kam das Mittagessen. Daatje war eine vorzügliche Köchin, und alle Gerichte, die in geringer Abwechslung stets an bestimmten Tagen wiederkehrten, waren ausgezeichnet zubereitet. Nudelsuppe mit Klößen, Hackbraten mit Blumenkohl und Griesmehlpudding mit Fruchtsauce: das war das erste Mahl, das sich späterhin des öfteren wiederholte. Tante betete und dankte, und Johannes tat so etwa desgleichen, die Augen niedergeschlagen, den Kopf leicht geneigt und zum Schein die Lippen bewegend. An einem langen dämmerigen Abend saßen Tante und Johannes einander gegenüber, jeder vor einem der beiden kleinen »Spione«. Tante war sparsam, und da die Straßenlaterne ihren Schein in das Zimmer warf, begann sie ihr eigenes Öl nicht allzu früh zu brennen. Nur das Lichtchen unter der Teekanne schimmerte bescheiden hinter kleinen Scheiben aus Milchglas, auf dem ähnliche Landschaften zu sehen waren wie auf dem Nachtlicht. In vollkommener Gemütsruhe saß Tante in ihrem Sessel, die Hände übereinander gelegt, hin und wieder in langen Zwischenräumen ein Wörtchen sagend, bis Daatje mit der Frage eintrat: ob das Fräulein denn noch nicht Abend machen wolle? Dabei zog Daatje die Patentöllampe auf, die ein Geräusch machte, als würde sie erwürgt. Eine Viertelstunde später wurde sie angezündet, und sobald der gemütliche runde Lichtschein auf der roten Tischdecke sichtbar ward, sagte Tante Serena wohlzufrieden: »Da ist die liebe Lampe wieder.« Um halb zehn kam ein Butterbrot und ein Glas Milch für Johannes, Daatje stand schon mit der Kerze bereit, und oben warteten das Nachtlicht, die Kommode mit den Wachsfrüchten, die grünen Bettvorhänge und die imposante Bettquaste. Johannes entdeckte als etwas neues eine große Bibel auf seinem Nachttisch. Von seiten des Mobiliars empfand er noch immer nicht die leiseste Annäherung. Auch der Kuckuck wandte sich noch eben so ausschließlich an das stille nächtliche Haus und nahm von Johannes auch nicht die geringste Notiz. Dieser aber nahm sich das nicht mehr allzu sehr zu Herzen und schlief alsbald fest ein. Der nächste Morgen brachte nur die eine Veränderung, daß auf dem Frühstückstisch Bibeln bereitlagen, daß Daatje eintrat, daß sie, die halbentblößten runzligen Arme verschränkt, feierlich Platz nahm, und daß Tante vorlas. Gestern war Tante von dieser Gewohnheit abgewichen, da sie nicht recht wußte, wie Johannes das wohl aufnehmen würde. Jetzt aber, nachdem sie ihn so artig und manierlich gefunden, glaubte sie ruhig damit fortfahren zu können. Es war ein Kapitel aus Jesaia, voll schauderhafter Drohungen, die Daatje sehr zu behagen schienen. Aus ihren Zügen sprach höchste Anerkennung, und ab und zu nickte sie mit dem Kopf, die Lippen fest aufeinander gepreßt und energisch durch die Nase schnaubend. Johannes erschien das alles ohne rechten Zusammenhang, und er vermochte beim besten Willen nicht aufmerksam zu bleiben. Er lauschte dem Pfeifen der Staare auf dem Dache und dem Girren einer Holztaube, die in der Buche saß. Vor sich sah er einen Stahlstich, der eine junge Frau darstellte, wie sie, in ein langes Hemd gekleidet, mit ausgebreiteten Armen an einem steinernen Kreuz hing, das aus einem wildbewegten Meer herausragte; von oben herab leuchtete ein Lichtbündel, in das sie voller Vertrauen emporblickte. Die Unterschrift lautete: »Der Fels der Ewigkeiten«, und Johannes vertiefte sich ganz in den Gedanken, wie diese Dame dort wohl hingeraten sein mochte und, vor allem, wie sie wieder von dort wegkommen würde. Denn es war nicht anzunehmen, daß sie es in dieser unbequemen Haltung lange aushalten würde. Sicherlich keine Ewigkeiten. Und dann erschien diese Zuflucht doch wahrlich sehr kümmerlich. Es sei denn, daß mit jenem Lichtbündel etwas besseres getan werden könnte. An derselben Wand hing zwischen unzähligen Blumen und Schmetterlingen ein in farbigen Lettern gemalter Spruch, der also lautete: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Dieserhalb erwachten in Johannes unehrerbietige Gedanken, und als die Bibellektüre beendet war, fand er plötzlich den Mut zu einer Bemerkung: »Tante Serena,« sagte er, und er fühlte, daß er errötete und daß ihm ob seines Freimutes ein wenig bang ums Herz ward, »ist es nur, weil der Herr dein Hirte ist, daß dir nichts mangelt?« Aber die Frage sollte ihm schlecht bekommen. Tante machte ein sehr ernsthaftes Gesicht, rückte unruhig an ihrer Brille und sagte: »Lieber Johannes, ich will gern zugeben, daß ich in mancher Hinsicht unverdientermaßen reich gesegnet bin. Aber solltest du, der du solch einen guten und bescheidenen Vater gehabt hast, nicht wissen, daß es jungen Menschen nicht geziemt, über das Leben Älterer zu urteilen, deren Heimsuchungen und Segnungen ihnen fremd sind?« Da saß nun Johannes tief beschämt und schalt sich selber einen dummen vorlauten Knaben. Aber Daatje stand auf, und während sie langsam auf die Türe zuschritt, in leicht gebückter Haltung, und wie es ihr eigen war, die Hände in die Hüften gestemmt, sagte sie mit Nachdruck: »Soll ich Ihnen mal was sagen, Fräulein? Sie sind viel zu gut. Übergelegt müßte er werden, ganz einfach übergelegt.« Und mit diesen Worten ging sie in die Küche. In Tante Serenas Leben gab es regelmäßig wiederkehrende Abwechslungen. Da war in erster Reihe der Kirchgang. Der bildete das große Ereignis der Woche. Und der Kirchenzettel wurde stets andächtig studiert. Dann machte die mit Seidenbändern garnierte Spitzenhaube einem Hut mit Gazeschleier Platz, und Daatje sorgte dafür, daß Gesangbuch, Mantel und Handschuhe rechtzeitig bereitlagen. Meistens ging Daatje mit; wenn nicht, dann wurde die Predigt ihr ausführlich erzählt. Folgsam begleitete Johannes die Tante und versuchte, nicht ohne geringen Erfolg, das, was zwischen ihnen gesprochen wurde, nach Gebühr zu schätzen. Pfarrer Kraalbooms Besuche waren nicht minder wichtig. Da sah Johannes voller Staunen, wie die sonst so würdevolle, stattliche Tante sich nicht genug tun konnte an ehrerbietiger und untertäniger Bewunderung. Sie behandelte diesen Mann, in dem Johannes kaum etwas anderes zu sehen vermochte als einen ganz gewöhnlichen freundlichen Herrn mit grauem leichtgelocktem Haar und dicken glattrasierten Backen, wie ein höheres Wesen, und der also Verehrte ließ sich das allem Anschein nach sehr gern gefallen. Das Beste, was Tante an seinem Wein, Kuchen und Likör im Hause hatte, wurde ihm vorgesetzt, und da der Pfarrer ein starker Raucher war, hatte Daatje nach jedem seiner Besuche zwischen ihrer Ehrfurcht vor dem Diener des Wortes und ihrem Abscheu vor umhergestreuter Asche und nach Tabak riechenden Vorhängen einen schweren Kampf zu kämpfen. Einmal wöchentlich fand das Kränzchen statt, zu dem Tantes Freundinnen erschienen. Das waren lauter mehr oder minder bejahrte und ohne Ausnahme sehr reizlose Frauen, zwischen denen Tante Serena mit ihrer aufrechten Haltung und dem seinen blassen Gesicht sich sehr gut ausnahm und augenscheinlich auch als gewichtige Hauptperson galt. Es wurden Cremetörtchen und warmer Punsch herumgereicht. Zweck dieser Zusammenkünfte war die Wohltätigkeit. Man verfertigte unter lebhaften Gesprächen eine ganze Anzahl unnützer und meistens auch geschmackloser Gegenstände, wie Antimarkassen, Nadelkissen, Blumentopfhüllen, Photographierahmen aus getrockneten Blumen und dergleichen mehr. Davon wurde alsdann eine Lotterie, Tombola genannt, veranstaltet; ein jeder mußte möglichst viel Lose an den Mann bringen, und der Erlös kam abwechselnd einer kranken Witwe, einem Krankenhaus oder der Missionssache zugute. An solchen Abenden saß Johannes schweigend in seiner Ecke mit einer der illustrierten Zeitschriften, von denen Tante einen großen Schrank voll besaß. Er lauschte den Gesprächen, indem er versuchte, etwas Edles und Gutes darin zu finden, und schaute auf die geschäftigen Finger. Man kümmerte sich nicht um ihn, und er trank seinen Punsch und aß seine Kuchen, froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Denn er fühlte sich zu keiner der Blumen aus diesem Kranze hingezogen. Tante Serena aber glaubte, ihre Lebenspflichten damit noch nicht erfüllt zu haben. Sie machte eifrig Besuche in allen Familien, ob reich oder arm, wo sie glaubte Gutes tun zu können. Und Johannes war hocherfreut, als sie ihm auf seine Bitte, sie doch einmal begleiten zu dürfen, herzlich antwortete: »Gewiß, mein lieber Junge, warum denn nicht?« Voller Spannung ging Johannes das erste Mal mit. Jetzt würde er eingeweiht werden in das »Wohltun«, in das »Ein guter Mensch sein«. Dies war eine schöne Gelegenheit. So zogen sie denn zusammen aus, und Johannes trug eine Tasche mit lauter kleinen Säckchen voller Graupen und Reis und Zucker und Erbsen. Und auch eine Flasche Wein und ein großes Stück Rauchfleisch für die Kranken. Zuerst gingen sie zu Frau Stok, die etwa hundert Schritte von Tantes Haus entfernt auf dem »Franschepad« wohnte. Frau Stok rechnete allem Anschein nach auf solche Besuche und war äußerst redselig. Ihren Worten zufolge hätte man meinen sollen, daß es auf der ganzen Welt kein edleres Wesen gäbe als Tante Serena, und kein anständigeres, dankbareres und zufriedeneres Geschöpf als Frau Stok. Auch dem Pfarrer Kraalboom wurde über alle Maßen gehuldigt. Darauf machten sie Krankenbesuche in muffigen Kellerwohnungen, die in engen dunkeln Gäßchen gelegen waren, und überall wiederholte sich die untertänige Dankbarkeit und Zufriedenheit der Beschenkten und die einstimmige Verherrlichung der Tante Serena, so daß Johannes mehr und mehr fühlte, wie ihm die Augen feucht wurden. Die Graupen und Erbsen wurden dort zurückgelassen, wo sie am Platz zu sein schienen, ebenso wie der Wein und das Rauchfleisch. Außerordentlich zufrieden kehrten Tante und Johannes heim. Tante erfreut über ihren fügsamen und alles anerkennenden Jungen, Johannes beglückt durch diese wohlgelungene Probe von Menschenfreundlichkeit. So würde es schon gehen. Fröhlich und guter Dinge rannte er in den Garten und verträumte den köstlichen Nachmittag zwischen den reichbeladenen Himbeersträuchern. »Tante«, sagte Johannes, wahrend man bei Tische saß, »der arme Junge in der Achterstraat mit den kranken Augen und dem schwärenden Bein, ist das ein frommer Junge?« »Ja, Johannes, so viel ich weiß, wohl.« »Und ist der Herr denn auch sein Hirte?« »Ja, Johannes.« Seiner früheren Bemerkung eingedenk, sprach Tante diese Worte sehr ernsthaft. Aber Johannes fuhr unbefangen fort, gleichsam ganz in seine eigenen Gedanken vertieft. »Wie kommt es denn, daß ihm so vielerlei mangelt? Er hat niemals die Dünen oder die See gesehen. Er kennt nur die schmutzige kleine Kammer und geht von seinem Stuhl in sein Bett und von seinem Bett auf seinen Stuhl.« »Der Herr weiß am besten was uns not tut, Johannes. Wenn er fromm ist und es bleibt, so wird ihm einstmals nichts mangeln.« »Meinst du, wenn er tot ist? Ja, aber Tante, wenn ich fromm bin, so komme ich doch auch in den Himmel, nicht wahr?« »Gewiß, Johannes.« »Aber Tante, dann habe ich doch bei dir schon ein schönes Leben gehabt mit Himbeeren und Rosen und gutem Essen, und er hat nichts gehabt als Schmerzen und Armut, und das Ende ist das gleiche. Das würde doch nicht gerecht sein, meinst du wohl, Tante?« »Der Herr weiß, was uns not tut, Johannes. Die am schwersten geprüft wurden, sind ihm am teuersten.« »Dann ist es auch kein Segen, es gut zu haben, dann müssen wir uns nach Heimsuchungen und Entbehrungen sehnen.« »Wir müssen uns abfinden mit dem, was uns beschieden ist«, sagte die Tante ein wenig beunruhigt. »Und dennoch dankbar sein, Tante, für all das Gute und Schöne, trotzdem wir wissen, daß Heimsuchungen besser sind?« Johannes fragte es ernsthaft, ohne den leisesten Anflug von Spott, und die Tante, erfreut, das Gespräch hiermit beenden zu können, antwortete ihm rasch: »Jawohl, Johannes, stets dankbar sein, frage du nur den Herrn Pfarrer Kraalboom danach.« Am Abend kam Pfarrer Kraalboom, und als Tante ihm Johannes' Fragen wiederholte, gruben sich dieselben Furchen in seine Züge wie des Sonntags, wenn er auf der Kanzel stand, und sein etwas schiefer Mund sprach mit rollendem R und mit dem Ausdruck behaglicher Gewißheit das Folgende: »Mein guter Junge, was du da in deiner kindlichen Einfalt fragst, das ist in der Tat ... in der Tat das große Problem, über das die Frommen aller Jahrhunderte gegrübelt haben und im Zweifel gewesen sind. Jawohl, gegrübelt und im Zweifel gewesen. Wir sollen dankbar das Gute genießen, das uns Gott in seiner unendlichen Barmherzigkeit zu schenken beliebt, ohne darob hochmütig zu werden. Wir sollen das Leid, das er andere erleiden läßt, nach Kräften zu lindern versuchen und die Leidenden gleichzeitig lehren, daß sie sich in das Unvermeidliche fügen. Denn er weiß, was uns allen not tut, und gibt die Kraft, das Kreuz zu tragen.« Da meinte Johannes: »Also Sie und Tante und ich, wir haben es jetzt gut, weil uns all das Elend nicht not tut, und dem kranken Jungen tut es wohl not? Ist es so, Herr Pfarrer?« »So ist es, mein Junge.« »Und tun Daatje denn auch noch Entbehrungen not? Daatje sagte, daß sie verändert sei, ebenso wie Sie und Tante.« »Daatje ist eine gute, fromme Seele, die glücklich und zufrieden ist mit dem, was ihr der Herr zugeteilt hat.« »Ja, aber Herr Pfarrer,« fagte Johannes, und er sprach mit zitternder Stimme, »ich bin noch nicht verändert, wirklich nicht, ich bin durchaus noch nicht gut. Warum wird mir denn soviel mehr zugeteilt als Daatje? Daatje hat nur eine ganze kleine Bodenkammer, und ich wohne in der großen Fremdenstube. Die muß arbeiten und in der Küche essen, und ich esse drinnen und bekomme viel mehr gute Sachen. Und das tut nicht der liebe Gott, sondern Tante.« Pfarrer Kraalboom trank schweigend aus seinem grünen mit Rheinwein gefüllten Kelch, während er einen scharfen Blick auf Johannes richtete. Tante schaute mit einer gewissen Spannung auf des Pfarrers Lippen, von denen alsbald das folgende Orakel ertönen und die Unsicherheit verscheuchen würde. Als der Pfarrer wieder zu sprechen anfing, klang seine Stimme viel weniger freundlich. Er sagte: »Ich glaube, Freundchen, es war die höchste Zeit, daß deine Tante dich in ihr Haus nahm. Du bist allem Anschein nach sehr schädlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen. Gewöhne dich daran, zu glauben, daß ältere und klügere Menschen besser wissen, was gut für dich ist, als du selber, und sei dankbar für alles Gute, ohne allzuviel über die Dinge nachzudenken. Gott hat einen jeden an den Platz gestellt, an dem er zu seinem eigenen Heil und zu dem seiner Mitmenschen tätig sein soll.« Mit einem tiefen Seufzer nahm Tante Serena ihre Handarbeit wieder auf. Und der Pfarrer beeilte sich, eine frische Zigarre anzuzünden und das Gespräch auf die bevorstehende Tombola zu lenken. In jener Nacht lag Johannes lange Zeit wachend und unruhig in dem großen Bett. Seine Gedanken waren licht und feurig und sein Gemüt war in Aufruhr. So wollte es doch noch nicht recht gehen. Etwas stimmte da nicht, aber was, das wußte er nicht. Die Möbel in dem stillen nächtlichen Hause hatten jetzt ein beinahe drohendes und feindliches Aussehen. Der Kuckuck kündete Unheil. Und gegen drei, vier Uhr, als das kleine Nachtlicht bereits erloschen war, lag er immer noch wachend da und starrte auf die Bettquaste, die, größer und dicker als gewöhnlich, in den Strahlen der ersten Morgendämmerung unheimlich sichtbar ward. Und plötzlich ... ja, wahrhaftig, da sah er es ganz deutlich, wie sie sich bewegte: Ein leichtes Zucken, eine krampfhaft schlängelnde Bewegung wie der Schwanz einer nervösen Katze. Und hurtig und ohne das geringste Geräusch sah er einen kleinen Schatten an der Bettquaste hinunterhuschen. War es eine Maus? Darauf hörte er ein feines Stimmchen: »Johannes, Johannes!« Das Stimmchen kannte er. Er blickte scharf hin, während er den Kopf aufrichtete. Ganz unten an der Bettquaste, rittlings auf dem Griff saß Wistik, sein alter, kleiner Freund. Er sah noch genau so aus wie früher und schaute noch ebenso gewichtig drein, ja sogar mit einem ganz absonderlichen, beinahe erschreckten Ausdruck der Spannung auf dem runzligen Gesichtchen. Auf dem Kopf trug er keine Eichel mehr, sondern ein hübsches Mützchen, das in der Dämmerung schwarz erschien. »Eine große Neuigkeit,« rief Wistik, »eine große Neuigkeit, komm sogleich mit!« »Guten Tag, Wistik,« flüsterte Johannes, sehr zufrieden und behaglich. Er lag warm und wohlig unter den Decken und freute sich, seinen Freund wieder zu sehen. Jetzt sollten der Schrank und der Kuckuck nur ruhig böse sein. Er hatte nun wieder einen Freund. »Soll ich mitgehen? Wie denn und wohin?« »Hierhin, mit hinauf,« antwortete Wistik flüsternd, »ich habe etwas gefunden, über das du höchlichst erstaunt sein wirft. Gib mir nur deine Hand, es geht ausgezeichnet. Deinen Körper kannst du so lange hier liegen lassen.« »Das würde was schönes sein,« antwortete Johannes. Aber es ging wirklich famos. Er streckte seine Hand aus und saß im Nu neben Wistik auf der Bettquaste. Und als er hinunterschaute, sah er, wahrhaftig! seinen eigenen Körper, der ruhig schlafend dalag. Durch die kleeblattförmigen Löcher in den Fensterläden drang ein Lichtstrahl und beleuchtete seinen schlafenden Kopf. Johannes meinte, daß das ein allerliebstes Gesichtchen und daß er selber ein reizender Junge sei, so wie er dort in den Kissen lag mit dem dunklen lockigen Haar und den leichtgerunzelten Brauen. »Glaubst du. daß ich sehr schlecht bin, Wistik?« fragt er, während er sich selber immerfort anstarrte. »Nein,« erwiderte Wistik, »das müssen wir uns niemals weis machen lassen. Ich bin auch nicht schlecht, durchaus nicht. Darüber bin ich mir nun vollkommen klar. O, ich habe seit dem letztenmal so vielerlei entdeckt. Aber wir wollen uns selber deshalb doch nicht bewundern. Das würde töricht sein. Und nun komm, denn wir haben nur wenig Zeit.« Gleich darauf kletterten sie zusammen an der Bettquaste hinauf. Es ging sehr bequem und gänzlich ohne Mühe, denn Johannes war klein und leicht und arbeitete sich behende an der rauhen Schnur empor. Aber in seinen Händen fühlte sie sich warm und haarig und wie lebendig an. Oben angelangt schoben sie sich durch die Falten des Betthimmels hindurch Dort aber hörte die Bettquaste noch immer nicht auf. Nein, nein, sie setzte sich weiter und weiter fort und verbreitete sich immer mehr und mehr, und dann... ja, was sie dann sahen, werde ich euch in einem folgenden Kapitel erzählen. Es war in der Tat der Schweif eines Löwen und keine Bettquaste. Johannes und Wistik saßen jetzt auf dem Rücken des gewaltigen Tieres, über ihnen war alles dunkel, aber vor ihnen, dort, wohin der Löwe schaute, begann es langsam zu dämmern. Behutsam ließen sie sich auf den Boden gleiten. Sie waren in einer großen Grotte. Johannes sah die Wassertropfen an den Felswänden glitzern. Wie sehr sie sich auch bemühten, leise und unbemerkt an dem Untier vorüberzuschleichen: es gewahrte sie dennoch und drehte ihnen mit einer raschen Bewegung seinen riesigen Kopf zu, mißtrauisch und aufmerksam. »Er tut nichts,« sagte Wistik, und der Löwe sah sie an, gleich als wären sie ein paar Fliegen, die zu verzehren sich nicht der Mühe lohnte. Sie traten hinaus; grell schien dort die Sonne. Und nachdem er einige Augenblicke völlig geblendet gewesen, sah Johannes eine weite herrliche Berglandschaft vor sich. Sie standen auf der Seitenwand eines hohen, felsigen Berges, und sahen tief unter sich lachende grünende Täler, aus denen das Rauschen von Bächen und Wasserfällen zu ihnen emporklang. In der Ferne ein blitzendes blendendes Funkeln von Sonnenlicht auf einem dunkeln kobalt-blauen Meer. Den Strand konnten sie sehen, und auch wie die sich brechenden Wogen weißer und immer weißer wurden. Aber ganz geräuschlos schien das alles. Es war zu weit entfernt, als daß sie etwas zu hören vermocht hätten. Hoch oben ein klarer Himmel – aber die Sonnenscheibe konnte Johannes nicht sehen. Ringsumher alles still; die blauen und die weißen Blumen zwischen den Felsen regten sich nicht, nur das Rauschen der Wasser in den Tälern war hörbar. »Nun, Johannes, was sagst du denn hierzu? Das ist doch noch schöner als die Dünen, nicht wahr?« fragte Wistik, indem er befriedigt mit dem Kopf nickte. Johannes war entzückt und empfand eine seltsame Freude, während er diesen weiten, weiten Raum mit den Felsen, den Blumen, den Schluchten und dem Meere vor sich sah. »O, Wistik, wo sind wir hier?« fragte er leise und voller Entzücken. »Hier habe ich nun meine neue Mütze her,« sagte Wistik. Johannes blickte ihn an. Das hübsche Mützchen, das in der Dämmerung schwarz erschienen war, leuchtete jetzt hellrot. Es war eine phrygische Mütze. »Phrygien?« fragte Johannes, denn er wußte sehr wohl, wie diese Mützen hießen. »Wohl möglich,« sagte Wistik, »ist das nicht ein prächtiger Fund? und ich weiß auch schon,« hier flüsterte er Johannes wieder gewichtig etwas ins Ohr, »daß sie hier von dem goldenen Schlüsselein und dem kleinen Buch, das wir beide suchen, mancherlei wissen.« »Ist das Büchelchen hier?« fragte Johannes. »Das weiß ich noch nicht,« antwortete Wistik ein wenig zaghaft, »das habe ich nicht gesagt. Aber die Menschen hier wissen etwas davon, das ist sicher.« »Sind hier Menschen?« »Ja natürlich, Menschen und Nymphen und Elfen und allerhand Tiere. Und sie alle wissen darum.« »Ist Windekind auch hier, Wistik?« »Das denke ich wohl, Johannes, aber ich habe ihn noch nicht gesehen. Wollen wir mal suchen?« »Ach ja, Wistik. Aber wie kommen wir dort hinunter? es ist so steil, wir werden uns den Hals brechen.« »Aber nein, wenn du dich nur nicht fürchtest. Laß dich nur schweben, es geht wundervoll.« Anfangs hatte Johannes nicht den Mut. Er war völlig wach, er träumte nicht. Und wenn man sich vollständig wachend von einem hohen Felsen herabstürzt, dann fällt man sich tot; aber wenn man träumt, dann schadet es nicht. Wenn er jetzt nur wüßte, ob er träumte oder wachte. »Komm, Johannes, wir haben nicht viel Zeit.« Da wagte er es und ließ sich hinunterschweben. Und es ging leicht und herrlich. Langsam glitt er hinab durch die weiche stille Luft, während er Arme und Beine wie ein Schwimmer bewegte. »Sollte es denn doch nur ein Traum sein?« fragte er sich, während er aufmerksam die schöne blühende Welt betrachtete, die sich unter ihm breitete. »Wie meinst du das?« fragte Wistik. »Du bist doch Johannes, und was du siehst, das sieht Johannes. Dein Körper liegt allerdings schlafend im Hause deiner Tante. Aber hast du jemals bei Tage etwas so deutlich gesehen wie dies?« »Nein,« sagte Johannes. »Nun also, dann könntest du Tante Serena und ihr Landhaus wohl ebensogut einen Traum nennen.« Ein großer Vogel, ein Adler, umkreiste sie mit leisem Flügelschlag, während er sie mit seinem spähenden Blick beäugte. Unter ihnen, in dem dunkeln Grün des Tales, ward ein kleiner leuchtender Säulentempel sichtbar. Daneben stürzte ein Bergstrom rauschend herab. Still und kerzengerade standen hohe Zypressen rings umher mit ihren mattgrauen Stämmen und ihrem schwärzlich-grünen Laubwerk. Ein feiner, feuchter Nebel stieg aus dem niederrauschenden Wasser auf und blieb zwischen den leuchtend-grünen Myrten und Magnolien hängen, von einem feinen Regenbogen umkränzt. Nur dort, wo das Wasser aufspritzte, fuhr ein leichtes Zittern durch die Blätter. Sonst alles regungslos. Aber allüberall erklang aus den Sträuchern und Büschen das Gezwitscher von Vögeln. Die Finken schlugen ihren hellen Schlag und die Amseln pfiffen unermüdlich ihr stets neues Liedchen. Doch horch! das war kein Vogel. Das war ein weiserer innigerer Sang, eine Melodie, die etwas kündete, etwas, das Johannes zu Herzen ging wie die Worte eines Freundes. Es war das liebliche Spiel einer Flöte oder Schalmei. So konnte kein Vogel singen. »O, Wistik, wer tut das? Das ist schöner noch als Amsel und Nachtigall.« »Pst,« sagte Wistik, die Augen weit geöffnet, »das ist erst die Flöte. Aber nachher wirst du sie singen hören.« Sie schwebten in ein breites Tal, auf eine Bergwiese herab. Der klare, bläulich-grüne Strom zog sich durch die sonnenbeschienene Rasenfläche hin, inmitten blutroter Anemonen, gelber und weißer Narzissen und violetter Hyazinthen. Zu beiden Seiten standen dichte runde Azaleenbüsche, gänzlich mit duftenden rötlichen Blüten überdeckt. Weiße Schmetterlinge flatterten darüber hin. Dahinter erhoben sich hoch die Lorbeerbäume, die Myrten, die Oliven, die Kastanien, und höher hinauf die Zedern und Pinien, bis zu halber Höhe der rötlich-grauen granitenen Bergwand. Es war so still, so friedlich; große blaue Libellen wiegten sich mit dunkeln Flügeln über den gelben Narzissen, die am Strome entlang nickten. Da sah Johannes einen Hirsch entfliehen, rasch, leichtfüßig, gleichsam von den Soden emporschnellend – dann wieder einen – und noch einen! Und näher erklang das Flötenspiel – jetzt auch von Gesang begleitet. Es erscholl aus dem schattenreichen Kastanienwalde und widerhallte herrlich von den Bergwänden, begleitet von dem ernsten, gleichmäßigen Rauschen des Stromes. Man hörte die Stimmen von Männern und Frauen. Kraftvoll-streng und lieblich-klar – und hin und wieder das laute Aufjubeln hoher freudiger Kinderstimmchen. Und da kamen sie herbei, die Menschen: ein froher buntfarbiger Zug. Sie alle trugen Blumen – Kränze auf dem Kopf – Guirlanden in den Händen oder um die Schultern gewunden: die Flötenspieler, die Männer, die Frauen und die Kinder. Und sie selber glichen bunten Blumen in ihren hellfarbigen zierlichen Gewändern. Sie hatten alle dichtes lockiges Haar, das im Sonnenschein wie dunkles Gold erglänzte. Ihr Körper und ihre Gesichtszüge waren von der Sonne gebräunt, aber wenn die Falten ihrer Gewänder hinwegglitten, so schimmerte ihr Leib darunter weiß wie Milch. Die Älteren schritten langsam und majestätisch einher nach den Rhythmen der Musik, und die Kinder trugen Körbchen mit Früchten, Bändern und grünen Zweigen; die jungen Frauen und Männer aber tanzten, während sie vorübergingen, so, wie Johannes noch niemals hatte tanzen sehen. Sich wiegend bewegten sie ihre Körper mit kleinen Sprüngen, hin und wieder einen Augenblick stillstehend in anmutiger Haltung, indem sie die Arme abwechselnd über den Kopf erhoben und das lose Gewand leicht lüfteten, um es dann wieder in zierlichen Falten zusammenzufügen. Und wie schön sie waren! Nicht einen einzigen sah Johannes, mochte er nun alt oder jung sein, der nicht jene edlen feinen Züge und jene klaren feurigen Augen besaß, in denen der tiefe Sinn zu finden war, den er stets und immerfort im Antlitz der Menschen suchte. Das, was ihm einen Menschen sogleich zum Freunde machte, was in ihm das Verlangen erweckte, innig und vertraut mit ihm zu werden, das Feuer, das er zum erstenmal in Windekinds Augen gesehen und das er in all den häßlichen Menschengesichtern, zwischen denen zu leben er verdammt war, so schmerzlich vermißte, sie hatten es alle: Mann und Frau, Greis und Kind. »O, Wistik,« flüsterte er, während er vor Rührung kaum zu sprechen vermochte, »sind dies Menschen und keine Elfen? Können Menschen denn so schön sein? Sie sind viel schöner als Blumen, viel schöner als Tiere. Sie sind schöner als alles hier in der Natur.« »Nun, was habe ich dir gesagt?« antwortete Wistik, während er sich vergnügt die dünnen Beinchen rieb. »Menschen passen sehr gut in die Natur, ausgezeichnet sogar. Aber wir haben bisher nur die verkehrte Marke zu sehen bekommen, den Ausschuß, Johannes, den Abfall. Die Richtigen aber sind so übel nicht, das habe ich dir doch stets gesagt.« Johannes entsann sich dessen nicht, wollte aber seinem kleinen Freunde nicht widersprechen. Er hoffte jetzt nur, daß diese herrlichen Menschen zu ihm kommen, ihn als Ihresgleichen erkennen und in ihren Kreis aufnehmen würden. Dann würde er glücklich sein und die Menschen sehr lieb haben und stolz sein auf sein eignes Menschtum. Allein der schöne Zug kam näher und glitt vorüber, ohne daß ihn auch nur ein einziger bemerkte. Auch hörte Johannes, daß sie in einer fremden, ihm unverständlichen Sprache sangen. »Darf ich sie nicht anreden?« fragte er erregt. »Würden sie mich wohl verstehen?« »Aber nein, Johannes,« antwortete Wistik entrüstet, »wo denkst du hin? – Dies ist hier weder ein Märchen noch ein Traum. Es ist echt, alles echt.« »Muß ich denn wieder zurück zu Tante und zu Daatje und zum Herrn Pfarrer?« »Jawohl,« sagte Wistik verlegen. »Und das Schlüsselein? und das Büchelchen? und Windekind?« »Die können wir noch suchen.« »Siehst du,« sagte Johannes, »so ist es nun immer mit dir, du versprichst wunder was und es endet jedesmal mit einer Enttäuschung.« »Dafür kann ich nichts,« antwortete Wistik. Sie gingen weiter, schweigend und beide ein wenig entmutigt. Da gewahrten sie auch Menschenwohnungen zwischen all dem Grün. Einfache Bauwerke aus dunklem Holz und leuchtendem Stein, kunstvoll verziert und bemalt. Der Wein wucherte an den Säulen, und von den Dächern hingen Ranken einer seltsamen dickblättrigen Pflanze mit tiefroten Blüten herab, so daß es schien, als ob die Mauern bluteten. Allüberall nisteten Vögel, und in den Marmornischen sah man kleine vergoldete Statuen stehen. Da waren keine Türen und keine Gitter – nur hier und dort hing ein bunter schwerer Teppich vor einem Durchgang. Leer und still war es – denn alle waren fort – aber sie hatten bei ihrem Weggehen nichts verschlossen oder aufgehoben. Vor den Häusern schwelten in bronzenen Becken feine Essenzen, deren blaue Rauchsäulen sich langsam durch die stille Luft emporkräuselten. Dann zogen sie weiter in den Wald hinein, der hinter den Häusern lag. Dort hing dämmeriger Schatten und eine geheimnisvolle feierliche Stille. Üppig wucherte das Moos auf den schweren Felssteinen, zwischen denen gewaltige Kastanienbäume und Zedern wuchsen. Schäumende Bächlein rauschten abwärts – und immerfort war es Johannes, als sähe er dieses oder jenes Wesen, einen Hirsch oder ein anderes Tier ihn verstohlen anblicken und dann schleunigst wieder zwischen den Stämmen verschwinden. »Sind das Hirsche?« fragte Johannes. »Nein, nein,« antwortete Wistik, während er einen Finger emporstreckte. »hör' nur, wie sie lachen. Hirsche lachen nicht.« Und in der Tat hörte Johannes jedesmal, wenn er eine Gestalt in der Dämmerung des Waldes verschwinden sah, ein leises Raunen, das deutlich wie das Lachen eines Menschen erklang. »Gib jetzt gut acht, jetzt werden wir ihn sehen,« sagte Wistik. »Wen?« fragte Johannes. »Pst,« flüsterte Wistik geheimnisvoll, während er auf einen lichten Fleck am Waldesrande deutete. Dort erblickte Johannes ein so reizendes Bild, daß er sprachlos stehen blieb, um die Lippen ein flüchtiges Lächeln des Staunens und der Freude. Der Wald zeigte dort eine Lichtung, und die Sonne schien hell auf eine grasbewachsene blumenreiche Stelle. In der Mitte stand ein einsamer ungeheuer dicker Kastanienbaum, um dessen Fuß sich ein klares Bächlein wand, das von weißen Narzissen umsäumt war. Ringsum prangten hohe Rhododendron mit ihren glänzenden dunkeln Blättern und Hunderten von purpurnen halbrunden Blütendolden. Am Fuße des Baumes saß im Schatten seines Laubes eine seltsame Gestalt, dunkel und zottig, von zarten weißen Wesen umringt. Johannes wußte nicht, was er von ihnen denken sollte. Sie waren gar licht und lieblich und lagen in allerhand anmutigen Stellungen zwischen hohen Gräsern und Narzissen. Es waren Menschen, wie es schien, aber ganz klein, und so weiß wie der Schaum des Büchleins. Und ihre langen Haare waren so leicht, daß sie in der windstillen Luft ihre Köpfchen sacht zu umschweben schienen. In ihrer Mitte saß die dunkle, zottige Gestalt, die Arme um die Knie gelegt, die Hände ausgestreckt. Er hatte einen langen grauen Bart, ein altes runzliges freundliches Gesicht, trug große goldene Ohrringe, auf dem Kopf eine Blätterkrone, um die Schultern ein rotes Blumengewinde, das mit lebendigen gelben Faltern verziert war, und hatte nackte braune Arme, eine breite dicke rauhhaarige Brust und gänzlich mit einem rotbraunen wolligen Fell bedeckte Beine. Auf jeder Hand hielt er einen Finken, und die beiden Vögel schlugen der Reihe nach ihren längsten Schlag; und dann lachte der Alte und nickte wohlwollend und befriedigt, und die kleinen, weißen Wesen um ihn her lachten mit ihm. Auf seiner Schulter saß ein Eichhorn und schälte Kastanien, so daß die Schalen in seinen grauen Bart fielen. »O, Wistik,« rief Johannes halb lachend, halb weinend vor Freude. »Ich weiß, wer das ist, ich kenne ihn. Das ist Pan, Vater Pan.« »Das ist wohl möglich,« sagte Wistik mit einem sehr klugen Gesicht. » Der wird uns gewiß Rede stehen, versuch' es nur einmal.« Schüchtern trat Johannes näher. Aber kaum hatte er den ersten Fuß auf die blumenbewachsene Lichtung gesetzt, als die kleinen weißen Nymphchen auch schon im Handumdrehen auseinanderstoben, so rasch und so unhörbar, als wären sie Eidechsen; und nur ihr helles leises Spottgelächter und ein leichtes Rauschen im Schatten der dunkeln Rhododendron war noch hörbar. Auch die beiden Finken flogen davon, und die gelben Falter aus seinem Blumenkranz, und das Eichhorn schoß mit seinen scharfen Nägeln in den nächsten Baum. Pan aber blieb ruhig dasitzen, mit gesenktem Kopf, herabhängenden Händen und freundlich spähenden Äuglein. »Ich kenne dich wohl,« klang es aus seinem breiten Munde, während er, den dicken Kopf ein wenig zur Seite geneigt, Johannes immerfort nickend anblickte. »O, Vater Pan,« sagte Johannes, zitternd vor Ehrfurcht und Staunen, »kennt Ihr mich? Wollt Ihr mir antworten? Wo sind wir hier?« Pan nickte noch immer wohlwollend und beruhigend. »Phrygien,« sagte er. »Goldenes Jahrhundert! – jawohl.« »Und kennt Ihr Wistik auch und Windekind? und wißt Ihr um das Schlüsselein und das Büchelchen?« »Wistik – jawohl, – wüßt ich nur alles! Du kannst aber mal gierig fragen, du Allesfrager. Wistik und Allesfrager, ein schönes Paar.« Und Pan lachte laut mit einem erstaunlich großen Mund voll großer weißer Zähne. »Wer ist doch dieser Windekind, Vater Pan?« »Mein süßer Liebling – mein herziges, schönes Söhnchen ist er! Zwei Dottern aus einem Ei – wenngleich ich alt, plump und zottig bin, und er glatt und fein und schön.« »Werde ich ihn jemals wiedersehen?« »Warum denn nicht? er kommt oftmals hierher. Und dir gefällt es hier doch gut, nicht wahr?« »Aber Wistik sagt, daß ich hier nicht bleiben kann.« »Das kannst du jetzt auch nicht. Aber warum solltest du nicht eines Tages wiederkommen?« »Wäre das wohl möglich?« Pan machte ein drollig-erstauntes Gesicht und blies die Backen auf. »O du lieber, kleiner Allesfrager, komm', gib mir dein Pfötchen –« Vertraulich legte Johannes seine kleine Hand in die breite, offene Handfläche, die außen rauh und dunkel, innen aber weiß und glatt war. »Weißt du das noch nicht? So laß dich von Vater Pan durch ein einziges Wort glücklich machen. Gut behalten, hörst du wohl? Allesfrager kann, was Allesfrager will. – Alles , wenn er nur weiterhin geduldig wollen wird. Aber nun sage du mir einmal, wie kennst du mich?« »Ich sah vielerlei Bilder von Euch.« »Und waren die ähnlich?« »Nein,« sagte Johannes, »ich finde Euch viel schöner. Auf den Bildern gleicht Ihr dem Teufel –« »Hahaha,« lachte Pan, während er die großen Hände hart über seinem Kopf zusammenschlug. »Der bin ich selber, Allesfrager. Sie haben einen Teufel aus mir gemacht, um die Menschen von mir abzubringen. Aber sag mal, glaubst du nun, daß ich schlecht bin? – noch ein Pfötchen, so – und noch eins!« Johannes legte seine beiden Hände in Pans Riesenhände und sagte mutig: »Ich weiß, wer Ihr seid. Ihr seid gut. Ihr seid die Natur.« »Halt doch deinen Mund, du kleiner Schwätzer mit deinen pedantischen Modeworten. Schämst du dich denn gar nicht?« Johannes errötete heftig, die Tränen traten ihm in die Augen, und er hatte ein Gefühl, als möchte er sich verkriechen, gleichviel wohin. Pan aber zog ihn an sich und streichelte ihm die Wangen. »Nun, nun, weine nur nicht. Das ist nicht so schlimm. Du kommst auch aus einem schauderhaften Nest. Ich bin nicht schlecht und Wistik auch nicht. Uns kannst du ruhig vertrauen.« »Das habe ich ihm auch gesagt,« sagte Wistik gewichtig und mit Nachdruck. »Du kleiner Allesfrager,« fuhr Pan dann sehr ernsten Blickes fort. »Es gibt allerdings wohl einen schlechten Teufel, aber der ist viel häßlicher als ich, nicht wahr, Wistik? – Du kennst ihn ja. Ist er nicht häßlicher? So sag' doch!« – Niemals vergaß Johannes Wistiks Gesichtsausdruck, als Vater Pan ihn dies laut fragte, mit starrem funkelndem Blick. Der kleine Kerl ward totenbleich, sein Mündchen öffnete sich, er preßte beide Hände auf den Magen und flüsterte kaum hör bar mit zitternden Kiefern: »Abscheulich!!« »Ah so,« sagte Pan. »Und das bin ich nicht. Wistik soll ihn dir nur mal zeigen. Und der sieht den dummen Menschen, von denen du jetzt kommst, viel ähnlicher als ich.« »Tante Serena?« fragte Johannes erstaunt, »ist die denn nicht gut und vortrefflich? ist die ein dummer Mensch?« »Nun, nun, mein lieber kleiner Allesfrager,« sagte Pan begütigend, »alles ist relativ. Aber daß sie dem bösen Teufel mehr gleicht als ich, das ist sicher.« »Wie ist das denn möglich?« fragte Johannes in großem Staunen. Pan wurde ein wenig ungeduldig. »Ist dir das denn ein solches Rätsel? So frage sie nur, sie möchte dir mal das kleine Bäumchen zeigen, das sie in ihrem Schrank stehen hat, und an dem die goldenen Äpfel wachsen; aber vergiß es nicht!« »Recht so, recht so,« murmelte Wistik, während er vor Freude in die Händchen klatschte. Da erklang plötzlich in der Ferne ein unheimliches Lärmen, ein kurz ausgestoßenes heiseres Gebrüll, das im Walde widerhallte. »Der Löwe!« rief Wistik aus, und er lief, was er nur laufen konnte. Auch Johannes fühlte sich angstbeklommen. Er begriff, daß seine Zeit gekommen war. Aber er wollte noch nicht. Flehentlich fragte er: »Vater Pan, werde ich das Büchelchen finden?« »Sei meiner Worte eingedenk,« sagte Pan. »Allesfrager kann alles, was Allesfrager will. Wollen ist Können. Aber es muß das rechte Wollen sein.« Wieder erklang das grausige Gebrüll. Viel näher jetzt. Johannes streckte die Hände aus – im Zwiespalt zwischen heftig sich steigernder Angst und dem heißen Wunsch den Augenblick noch auszunützen. » Eine Frage noch!« rief er: »Wer ist Markus?« Da sah er, wie Pans Augen sich weit öffneten und ihn voll tiefer Rührung anstarrten. Wild und traurig war sein Blick, wie der eines verwundeten Tieres, und Johannes bemerkte zum erstenmal, was für schöne große Augen er hatte. Dann hob er die ausgebreiteten Hände empor, bedeckte damit sein Antlitz und begann zu weinen mit lautem Jammergeheul. Die Luft ward dick und dunkel und ein schwerer Regen prasselte hernieder. Da brüllte der Löwe zum drittenmal ... »Es ist wahrhaftig Sünde und Schande,« sagte Daatje mit ihrer schrillen Stimme, während sie mit einem lauten Ruck den dritten Fensterladen aufstieß. – »Vorwärts, Junker Faulpelz, schon halb zehn und das noch dazu am Sonnabend, wo das Zimmer hier gründlich rein gemacht werden soll. Na, das wird mir was schönes absetzen bei Tante. Halb zehn, 's ist wahrhaftig Sünde und Schande!« Johannes war über diese Predigt nichts weniger als erbaut, und murmelte, ohne selbst so recht zu verstehen, was er eigentlich damit meinte, während des Ankleidens vor sich hin: »Jetzt ist es aus.« Wenn es bei Tante was absetzte, dann ging es ganz anders zu, als wenn im Kirmeßzelt mal etwas nicht stimmte. Dann wurde nicht geflucht und nicht gescholten und nicht getobt, und es flogen auch keine Töpfe und Pfannen aus dem Fenster. Aber Tante war um einen Schatten bleicher als sonst: ihre feinen Züge waren starr und kalt wie Marmor, und es kamen von ihren Lippen nur sehr wenige Worte mit leiser knapper Stimme. Aber sie wußte es auf diese Weise einem Menschen so unbehaglich zu machen, daß es Johannes viel lieber gewesen wäre, wenn sie ihm eine Tasse an den Kopf geworfen hätte. Johannes aber fühlte sich weder reumütig, noch zeigte er sich so. Im Gegenteil: er war sehr widerspenstig. Nicht frech, aber eigentümlich gleichgültig, auch nicht mürrisch, sondern freudig und diensteifrig – weil er immerfort von dem Gedanken an das schöne Land mit den edlen Menschen und dem guten Vater Pan erfüllt war. Tante geriet dadurch ein wenig aus der Fassung. An jenem Abend erschienen die Kränzchenfreundinnen in vollzähliger Schar. Da war Fräulein Frederike, die Free genannt wurde, groß und verwachsen, das graue Haar sorgfältig in ein Netz gesteckt, – da war Pietekoo, die immer lachte und furchtbar freundlich tat, die sich aber oft plötzlich von einer ganz andern Seite zeigen konnte, – da war Suze, die allgemein für sehr musikalisch gehalten wurde, die sich darauf sehr viel einbildete, und trotzdem sie schon hoch in den sechzig war, noch stets Klavierstunden nahm, – da war die fromme Koos, die schon einmal in einem Anfall religiösen Wahnsinns ins Wasser gegangen war, und die die Predigt stets Wort für Wort nacherzählen konnte, – da war die stille Neeltje mit ihren etwas hohen Schultern und ihrer stets unordentlichen Kleidung, Neeltje, die niemals etwas sagte und stets mit Freiern geneckt wurde, – da war die Witwe Slot, die mit grober Stimme kurze trocken-komische Witze erzählte, meist auf Kosten der armen Neeltje, – da war Miebet, die Schönheit der Gesellschaft, vor der Johannes ein ganz besonderes Gruseln empfand, – sie alle kamen mit ihren Handarbeiten und waren alsbald in eifrigster Unterhaltung begriffen. Johannes ward freundlich begrüßt als »mein lieber Junge« und »mein bester Junge«, im übrigen aber wie stets seinem Schicksal überlassen. Wenn man ihre Gespräche mit anhörte, so schien es wirklich, als ob in ihrer aller Herzen Liebe und Sanftmut ungetrübt herrschten. Es war ein ununterbrochener, edelmütiger Wettstreit in bezug auf Fußschemel, bequeme Plätze, feinste Kuchen und Zuerstbedientwerden. Miebet sagte, daß sie nur einen Fehler habe, und zwar den, daß sie stets zuerst an andere und zuletzt an sich selber dächte. Aus diesem einzigen Gebrechen konnte man vergleichender Weise die Art und die Anzahl ihrer Tugenden ableiten. Mit der Frömmigkeit von Koos verglichen, mußten, ihrer eigenen Aussage zufolge, sogar Daatje und Tante unterliegen. Sie konnte das lange Schlußgebet des vorigen Sonntags Wort für Wort wiederholen und stand in dieser frommen Fertigkeit einzig da. Johannes bemerkte, daß sie weder lesen noch schreiben, ja nicht einmal auf die Uhr sehen konnte, daß sie diese Unwissenheit aber durch allerhand geschickte Mittelchen schlau zu verbergen wußte. Fräulein Frederike war unermüdlich in der Schilderung der Qualen, die ihre schlechte Gesundheit ihr bereitete, und der himmlischen Geduld, mit der sie diese unerträglichen Heimsuchungen und die Gleichgültigkeit, die die Welt ihren Leiden gegenüber zur Schau trug, zu ertragen wußte. Um sieben Uhr kam der Pfarrer; er wurde wieder voller Ehrfurcht und zärtlichster Sorgfalt empfangen, tat allerhand liebenswürdige und leutselige Fragen nach der Gesundheit und den Erlebnissen der Anwesenden, bewunderte und pries die Erzeugnisse weiblichen Kunstfleißes und verkündete mit lauter Stimme bedeutsame Sittenlehren, denen mit stummer Andacht gelauscht wurde. Johannes hatte vom Pfarrer einen kühlen Händedruck erhalten. Er fühlte, daß er durchaus nicht in seiner Gunst gestiegen war. Auch Tantes Unfreundlichkeit war noch nicht gewichen, und sie blickte ihn hin und wieder unruhig an, als wünsche und erwarte sie, daß er Reue und Niedergeschlagenheit zur Schau tragen solle. Und es wollte ihm fast scheinen, als ob das ganze Kränzchen sich weniger um ihn kümmere denn je. Er aber saß still in seiner Ecke und blätterte in seinem Penny-Magazine, das Herzchen tapfer und nicht im mindesten beunruhigt. Allein von den Illustrationen sah er nicht viel, und er fühlte sich mehr denn je dazu gedrängt, den Gesprächen zu lauschen. Da geschah es, daß Tante feierlich alle die kleinen Handarbeiten und Nippessachen aufzählte, die dieses Mal für die Tombola zusammengekommen waren. Durch die andächtige Stille erklang es: »Drei Serviettenringe, zwei Kissenschoner, ein Papierkorb mit Tapisserie, sieben Antimarkassen, ein Stricknadelfutteral, ein Lampenschirm, zwei Schlummerrollen, der schöne Ofenschirm von Free, zwei Photographierahmen, vier Nadelkissen, ein Nadelbuch, ein Paar Pantoffeln von Miebet, ein Ridikule, eine bemalte Teetasse, zwei Blumensträuße aus Brot geknetet, ein Etui mit Muscheln, ein Knäuelbecher aus Stroh, siebzehn Lesezeichen, zwei gestickte Zigarrentaschen, ein Aschenbecher. – So, das wäre glaube ich alles.« »Tante«, sagte Johannes, über seine Zeitschrift gebückt, »weißt du, was du eigentlich noch hinzutun müßtest?« Das war ein spannender Augenblick. Aller Gesichter wandten sich ihm zu. Tante blickte ihn erstaunt, aber freundlich fragend an, der Pfarrer argwöhnisch, mit gerunzelten Brauen. »Was denn, mein bester Junge?« fragte Tante. »Ein paar goldene Äpfel von deinem Bäumchen.« Peinliche Stille. Tante aber sagte gefaßt und strenge: »Welches Bäumchen meinst du, Johannes?« »Das Bäumchen, das du in deinem Schrank stehen hast und an dem die goldenen Äpfel wachsen.« Wiederum Stille. Aber man begriff, – das war klar. Pietekoo und die andern blickten sich verstohlen an, während sie die Augen vielsagend verdrehten. Tantes bleiches Gesicht rötete sich merklich, und sie richtete über ihre Brillengläser hinweg einen ängstlichen Blick auf den Pfarrer. Der Pfarrer indessen nahm die Sache ruhig auf, blickte Johannes mit kühler Verachtung an, als ob er sagen wollte, daß er ihn schon längst aufs Korn genommen habe und kniff dann lächelnd die Augen zu, indem er Tante durch eine leichte Handbewegung zu verstehen gab, daß sie so etwas nur lieber gar nicht berücksichtigen solle. Darauf sagte er mit erkünstelter Unbefangenheit und sehr lauter Stimme: »Dies wird in der Tat eine sehr schöne Tombola.« Aber so ließ sich Tante denn doch nicht abfertigen. Mit nervös zitternder Hand warf sie die raschelnden lilaseidenen Bänder ihrer Haube zurück, was bei ihr die heftigste Erregung verriet – stand auf und winkte Johannes, daß er ihr in den Hausflur folgen solle. »Johannes«, sagte sie, während sie die Zimmertüre hinter sich schloß und ihre Stimme kaum noch in der Gewalt hatte. »Johannes, ich darf es nicht dulden, daß du mich vor andern lächerlich machst, und das, nachdem ich so viel Gutes an dir getan. Darfst du deiner alten Tante denn solch einen Kummer bereiten? – Pfui, Johannes, das ist schlecht und undankbar von dir.« Johannes, beinahe ebenso blaß wie die Tante, blickte ihr unverwandt in die blitzenden Brillengläser. Ihre Stimme hatte tränenerfüllt geklungen, und wahrhaftig, da sah Johannes die Tränen auch schon dick und glänzend unter der Brille zum Vorschein kommen und langsam über die fein gerunzelten Wangen herabrinnen. Nun vermochte auch er sich nicht mehr zu beherrschen. Seine Gefühle irrten verworren durcheinander. Wer hatte nun recht, Vater Pan oder Tante Serena? Er saß so in der Klemme, daß er am liebsten auf die Straße hinausgelaufen wäre, um nie mehr wiederzukehren. Die Haustüre war nur angelehnt; der Spätsommerabend dämmerte trübe und ein seiner Sprühregen fiel herab. Daatje stand draußen und sprach mit jemandem. »Tante«, sagte Johannes, während er sich mit aller Kraft zu beherrschen versuchte – »ich weiß wohl, daß ich schlecht bin – aber ich will doch wirklich gut sein, wirklich – wenn ich nur wüßte ...« Da hörte er plötzlich draußen ein Geräusch – und ein bebender Schauer durchfuhr ihn. Er fühlte ein seltsames Zucken und Prickeln im Hinterkopf und in den Beinen und glaubte in die Kniee sinken zu müssen. Er hörte das scharfe kratzende Geräusch von Stahl, der gegen einen Schleifstein gehalten wird, und durch die Türspalte sah er das Blitzen der schönen goldenen Funkenfontäne. Es klang ihm wie eine gesegnete Botschaft, wie der Gnadenruf einem Verurteilten. »Das ist Markus«, rief er hochrot und leuchtenden Auges. Tante ging an die Tür und öffnete sie. Da stand Markus, über seine Arbeit gebeugt. Das Rad des alten Karrens setzte er durch die Tretmaschine in Bewegung, und wie früher troff das Wasser aus seiner alten Mütze und dem abgetragenen Überzieher. Sein Antlitz sah müde aus, und tiefe Furchen hatten sich um seine Lippen gegraben. »Markus«, rief Johannes und lief eilends auf ihn zu, um seine Arme um ihn zu schlingen und seinen Kopf gegen seine nassen Kleider zu drücken. »Herr und Vater, Junge, bist du denn verrückt geworden?« sagte Daatje. »Was sind das für lächerliche Einfälle?« »Ach, Tante«, sagte Johannes, »darf er einen Augenblick hereinkommen? Er ist so durchnäßt und so müde. Er ist ein guter Mann, mein bester Freund.« Daatje stemmte die Hände in die Seiten und stellte sich quer vor der Tür und Tante Serena auf. »Nun hör' bloß mal einer an, möge mich der liebe Heiland bewahren! So'n schmieriger, dreckiger Zigeuner in meinem schönen Marmorflur! Das hat mir gerade noch gefehlt!« Tante aber sagte mit ihrer ernsten Stimme, die für Daatje stets ein Gebot gewesen war, das keinen Widerspruch duldete: »Daatje, gehen Sie nur in Ihre Küche, ich werde das weitere schon befolgen.« Und darauf zu Markus: »Wollen Sie sich drinnen einen Augenblick ausruhen?« Langsam richtete Markus sich auf. »Jawohl, Fräulein«, sagte er, legte seine Schere aus der Hand, nahm die Mütze ab und trat ein. Für dies eine Mal war Daatje ungehorsam, denn sie ging nicht in ihre Küche, sondern blieb da stehen, die Hände noch immer in die Seiten gestemmt, und schaute den Eindringling unter wiederholtem Kopfnicken voller Abscheu an, besonders seine Füße und den alten Rock, der an den Kleiderständer gehängt wurde. Und als Tante ihn wahrhaftigen Gottes sogar ins Zimmer nötigte, verweilte sie ängstlich lauschend hinter der angelehnten Türe. Dort drinnen entstand Totenstille. Der Pfarrer machte ein unbeschreiblich erstauntes Gesicht, zog die Brauen hoch und schob unzufrieden die Unterlippe vor, Pietekoo verbarg vor lauter kichernder Verlegenheit das Gesicht in ihre beiden Hände, die andern blickten abwechselnd mit äußerst bedenklicher Miene auf Markus, mit ungewisser Spannung auf Tante, mit Mißtrauen auf Johannes, mit vielsagendem Augenzwinkern auf einander und dann mit geheuchelter Aufmerksamkeit auf ihre Handarbeit. Die Stille dauerte fort. »Wollen Sie etwas genießen?« fragte Tante leise. »Ja, Fräulein, ein Stückchen Brot«, antwortete Markus ruhig und gleichfalls mit leiser Stimme. »Wollen Sie nicht ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen?« »Nein, Fräulein, wenn Sie es mir nicht übelnehmen, lieber ein Stück trocknes Brot.« Der Pfarrer achtete es an der Zeit, sich ins Mittel zu legen. Ihn reizte die Mißbilligung, die aus Markus' Weigerung sprach. »Die heilige Schrift lehrt, mein Freund, daß wir, wo wir zu Gaste sind, das essen sollen, was uns vorgesetzt wird.« »Halten Sie mich für einen Schriftgelehrten? oder für einen Apostel?« fragte Markus. »Der ist nicht auf den Mund gefallen«, ließ sich Frau Slots grobe Stimme vernehmen. Markus fuhr fort mit jenem harmonischen Klang in der Stimme, dem Johannes stets atemlos lauschte: »Ich will sogar mit Hexen an einem Tische sitzen, aber darum noch nicht aus ihrer Küche essen.« »He! he! he!« sagte der Pfarrer und die Damen riefen: »Gott bewahre uns!« und noch mehr Ausrufe des Ärgers und der Entrüstung wurden laut. »Sprich etwas weniger roh, Freundchen, du bist hier nicht bei deinesgleichen.« »Schriftgelehrte danken Gott doch für manche rohe Wahrheit und wissen Gleichnisse zu deuten: sogar ein Apostel braucht bei den Kannibalen kein Menschenfleisch zu essen.« Die Witwe Slot, die als einzige aus dem Kreise ihre Kaltblütigkeit bewahrt zu haben schien, sagte hierauf rasch: »Wir machen wahrhaftig noch keine allzu großen Fortschritte.« Markus wandte sich zu ihr und sagte mit starkem Nachdruck: »Wer sind sie, die ihr Teil schon erhalten haben? sind es nicht die Ärmsten, die Wein trinken und Kuchen essen und die noch kein trockenes Brot hervorbringen können? Sie geraten mit jedem Tag in tiefere Schuld. Ich esse am liebsten unbeschwerte Speise.« »Du irrst dich. Mann, ich habe keine Schulden«, rief Tante mit bebenden Lippen. »Aber Tante, das meint er ja gar nicht so«, sagte Johannes rasch. »Kinder sollten hier schweigen«, meinte der Pfarrer gereizt. »Wenn die Kinder hier schweigen, wer sollte dann wohl vernünftig sprechen?« fuhr Markus fort, und dann zur Tante gewandt, mit sanfter eindringlicher Stimme: »Wer die Kinder nicht anhören will, der wird auch den Vater nicht verstehen. Ich sprach in Bildnissen, einfach, für einfache Menschen. Die ganze Welt ist ein Bild und nicht einfach. Wenn wir ein solch einfaches Bildnis noch nicht verstehen, dann muß die Welt wohl ein trauriges Rätsel bleiben.« Der Pfarrer schwieg und rauchte heftig. Tante aber dachte nach und sagte, vor sich hinschauend: »Alle Erkenntnis kommt durch das Licht der Gnade.« Markus nickte freundlich: »Ja ja, für den, der die Läden aufsperrt und die Fenster öffnet. Die Sonne will auch wohl durch kleine Fenster scheinen.« Darauf schwieg er und aß sein Brot. Niemand sprach mehr, es sei denn mit flüsternder Stimme zum Nächstsitzenden. Als Markus gegessen hatte, erhob er sich und sagte: »Schönen Dank und guten Abend.« Auch Johannes stand auf und fragte ängstlich: »Markus, du gehst doch nicht fort?« »Ja, Johannes, ich gehe. Lebe wohl und auf Wiedersehen!« Darauf ging er schweigend hinaus, nahm seine Mütze und seinen Rock, und Daatje öffnete ihm die Türe. Johannes hörte sie fragen: »Was bekommen Sie?« und als Markus demütig antwortete: »Einen Groschen«, da schnitt es ihm ins Herz. Solange das Piepen seines Rades hörbar blieb, sprach drinnen niemand ein Wort. Dann sagte der Pfarrer laut und mit erzwungener Ruhe: »Das war ein Wagstück, mein liebes Fräulein, Sie müssen in Zukunft mit Ihrer allzu großen Menschenliebe doch ein wenig vorsichtiger sein. Dieser Mann ist als ein gefährliches Individuum bekannt.« Ausrufe des Staunens und des Schreckens. »Grundgütiger Himmel!« riefen mehrere Damen wie aus einem Munde, »kennen Sie ihn denn?« »Ja, natürlich«, antwortete der Pfarrer, indem er sehr geringschätzig die Achseln zuckte, »eine höchst verdächtige Persönlichkeit, einer jener Schwärmer, die das Volk aufwiegeln und den Volkscharakter vergiften. Ein Nihilist.« »Ein Nihilist?« wiederholten die Damen voller Abscheu. Der arme Johannes lauschte Pfarrer Kraalbooms Worten mit qualvoller Andacht. Das Wort »Nihilist« schreckte ihn nicht, aber diese allgemeine Bekanntheit bedeutete für ihn eine bittere Enttäuschung. Es war ihm, als ob damit all das Geheimnisvoll-Erhabene von seinem lieben Freunde fortgenommen sei. War denn doch alles nur Trug gewesen? Als das Kränzchen gegangen war und Tante sich gerade zu Bett begeben wollte, sah er, wie Daatje voller Besorgnis die silbernen Löffel zählte, ob auch keiner fehle. »Hören Sie mal, Fräulein,« sagte Daatje am nächsten Morgen, als man im Begriff war, den Kirchgang anzutreten. »Ich habe Ihnen jetzt schon vierzig Jahre treu und ehrlich gedient, aber ich wollte Ihnen nur sagen, daß, wenn Sie in Zukunft noch mal solche Heiden und Hottentotten ins Haus holen und noch dazu in die gute Stube, daß ich dann ins Spittel gehe, so sicher wie das Amen in der Kirche.« »So, Daatje,« sagte Tante trocken, während sie um ihr Gesangbuch bat. Johannes war steif in seinen sonntäglichen Kragen gezwängt und strich sich mühsam die Zwirnhandschuhe über den Fingerspitzen glatt. Darauf begab sich das Terzett unter zwei Regenschirmen auf den Weg. Pfarrer Kraalboom saß bereits auf der Kanzel, fuhr sich mit der vollen Hand über die frischrasierten Wangen und beobachtete aufmerksam das Eintreten seiner Schafe. Es fehlte keines. Die regendurchnäßten Kleider der Gemeinde verbreiteten einen eigenartigen Geruch, die Stühle wurden mit häßlichem Knarren über die blauen Fliesen geschoben, während das leise Orgelspiel das Scharren der Füße und das Auf- und Zuschlagen der Türen überstimmte. Alsbald gewahrte der Pfarrer auch Johannes, und der kleine Mann hätte wirklich eitel werden können, so viel Aufmerksamkeit zollte ihm der Herr Pfarrer. Innerlich sagte sich Johannes, daß er sich das wohl nur einbilde – denn was konnte solch großem Manne wohl an so einem kleinen Knaben gelegen sein – aber es hatte den Anschein, als ob die ganze Predigt für Johannes gemacht und als ob sie auch insbesondere an ihn gerichtet sei. Der Text lautete: »Wer wird die Irrungen verstehen? Reinige mich von dem Verborgenen.« Der Pfarrer sprach über die Sünden der Hoffart, und wie viele junge Menschen da hineingerieten, ehe sie es selber wüßten, und wie sehr sie wünschen sollten, davon gereinigt zu werden. Junge Menschen seien eitel, sagte der Pfarrer, und anmaßend und voller Sünden, die sie selber nicht kennen. Sie glaubten alles besser zu wissen als ältere Menschen, und sie hörten viel zu gerne auf verderbliche Theorien, die alle Menschen gleich machen, und die königliche und göttliche Autorität aus der Welt schaffen wollten, die die Menschen aufrührerisch stimmten und unzufrieden mit dem Platz, an den sie Gott gestellt. »Der wahre Christ«, sagte der Pfarrer, »fragt nichts nach Geld und Gut, sondern seine Wünsche zielen höher. Ist er damit gesegnet, so wird er es gut verwalten, denn es ist nur ein Lehen! In der Armut aber wird er nicht murren und klagen, wohl wissend, daß alles zum Guten gefügt, und daß der wahre Reichtum nicht von dieser Welt ist.« Es war eine schöne Predigt. Johannes und Tante lauschten andächtig, der Küster blickte zufrieden drein, und die fromme Koos nickte wiederholt vor sich hin. Nur Neeltje schlief, aber das war, wie allgemein bekannt, die Folge eines Nervenleidens. Bei dem Gesang stimmte die ganze Gemeinde begeistert mit ein, während sich der Pfarrer sichtlich befriedigt niedersetzte. Johannes blickte sich um, und siehe, da gewahrte er dicht neben der Tür, der Kanzel schräg gegenüber, einen gesenkten, dunkelhaarigen Kopf, der auf eine schmale Hand gestützt war. Er kannte diese Hand gar wohl und wußte sogleich, wem der dunkle Kopf angehörte. Immer wieder mußte er dort hinschauen. Die Gestalt blieb unbeweglich in ihrer gebückten Haltung dastehen. Als aber der Gesang beendet war und der Pfarrer sich langsam anschickte, seine Predigt fortzusetzen, wahrlich, da erhob sich plötzlich das dunkle Haupt. Markus heftete einen trüben Blick auf die Gesichter ringsumher und richtete sich dann langsam auf. Johannes begann das Herz zu schlagen. »Geht er fort? Was wird er tun? O Gott, o Gott!« Markus aber begann, die Pause benützend, wahrend der eine Kirchengemeinde hustet, sich schnauzt und sich dann wieder andächtig in ihren Stühlen zurechtsetzt, mit seiner klaren klangvollen Stimme zu sprechen. »Meine Freunde, verzeiht mir, wenn ich ungerufen spreche, aber ihr werdet wohl wissen, daß es allzeit erlaubt ist, von dem Vater Zeugnis abzulegen, wenn man solches in Wahrheit tun kann.« Bestürzt blickte die Gemeinde von dem Sprecher auf Pfarrer Kraalboom. Auch der Küster richtete seine Augen voller Schrecken auf die Kanzel, als erwarte er von dort Hilfe in dieser unerwarteten Verlegenheit. Pfarrer Kraalboom wurde sehr rot und sagte mit seiner eindringlichsten Stimme, und das »R« schlechter aussprechend denn je, denn er war wirklich sehr böse: »Ich ersuche Sie, die Ordnung in diesem Gotteshause nicht zu stören.« Markus indessen gab nicht im mindesten acht auf diese Worte. Hell und klar klang seine Stimme von neuem durch den hohen kalten Raum. Die Menschen lauschten, und dem Pfarrer blieb keine andere Wahl, als zu schweigen oder den andern zu überschreien, welch letzteres Mittel er im Hinblick auf seine Amtswürde verwarf. »Meine armen Freunde,« sagte Markus, »erschreckt es euch nicht, daß es Irrungen gibt, die ihr nicht versteht? ist es nicht traurig, schuldig zu sein, ohne es zu wissen?« »Wir armen Menschen vergeben dem, der sich, ohne es zu wissen, an uns verging. Sollte denn unser Vater uns nicht auch verzeihen? »Indessen, Irrwege sind Irrwege und keine geraden Pfade. Und wer irrt, ob er es gleich nicht weiß, der geht nicht den geraden Weg, wenn er auch tausendmal glaubt, den geraden Weg zu gehen. »Und wer fortfährt zu irren, der geht verloren, denn des Vaters Gerechtigkeit ist unfehlbar und unerschütterlich. »Und dennoch, meine armen Freunde, ist bei dem Vater Verzeihung für einen jeden, auch für den ärmsten Sünder. Er hat Gnade für alle. Und sein Verzeihen heißt Wissen und der Name seiner Gnade lautet Erkenntnis. »Die werden einem jeden zuteil, der sie nicht verwirft, und niemand geht verloren, der erhalten sein will. »Daher auch bat der Psalmensänger, daß man ihn von seinem Uebel reinige. Er wußte, daß wir nicht wissen, wie sehr wir schuldig sind. Und er wußte, daß des Vaters Gnade das erleuchtende und läuternde Feuer der Erkenntnis ist. »Hat es jemals einen Durstigen gegeben, der fortfuhr von der Quelle abzuirren, nachdem er sein Irren erkannt? »Wer unter uns sollte die Gnade nicht begehren und die Seligkeit nicht? Wer würde wohl, nach der Erkenntnis, zu irren fortfahren? »So erkennet denn und gelanget zur Einsicht. Dafür ist es nimmer zu spät. »Wir sind schuldig, meine armen Freunde, erkennet das, und Ihr werdet Verzeihung erlangen, nicht aber ohne die Erkenntnis. Und der Geringste unter euch kann es verstehen, wenn er nur will. »Nicht der Vater hat euch gewollt wie Arme und Reiche, die Armen arm und tätig, die Reichen reich und müßig. Das zu sagen ist eine verdammenswerte Gotteslästerung. Glaubt ihnen nicht und meidet sie, die euch damit zu locken versuchen, gleich Aussätzigen. »Nicht göttliche Fügung, sondern menschliche Schuld, Bösartigkeit und Torheit haben die Armut und den Reichtum in dieser Menschenwelt also werden lassen. »Erkennet dies, denn wahrlich, es wird keine Verzeihung geben für den, der des Vaters Verzeihung verwirft.« Hier winkte Pfarrer Kraalboom dem Küster und dem Vorsänger, die heftig gestikulierend miteinander flüsterten, während sie dem Sprecher wütende Blicke zuwarfen. Der Küster hüstelte und bestieg die Kanzel. Der Pfarrer wechselte einige Worte mit ihm und nahm darauf resigniert, mit halbgeschlossenen Augen und einem äußerst strengen Gesichtsausdruck wieder Platz. Festen Schrittes durchmaß der Küster die Kirche und verließ dann das Haus, während ihm alle Anwesenden voller Spannung nachblickten. Markus fuhr unbefangen fort: »Meine armen Freunde, hat wohl jemals ein Künstler ein großes Kunstwerk geschaffen und dann begehret, daß niemand es schaue? »Sollte denn der Vater Wälder und Berge, Seen und Blumen, Gold und Juwelen geschaffen und dennoch begehret haben, daß wir das alles verachten und verwerfen? »Nein, das höchste Gut ist nicht von dieser Welt, aber die Schönheit alles dessen, was erschaffen wurde, ist ebenfalls nicht von dieser Welt. Dennoch sollen wir sie in dieser Welt kennen und bewundern lernen, denn wozu wären wir sonst in diese Welt gestellt? »Wir sollen aber nicht Holz und Saiten bewundern sondern die Musik, nicht Leinwand und Farbe, sondern die ewige Schönheit, die dadurch ausgedrückt wird. »So sollen wir auch die Welt lieb haben und bewundern um dessentwillen, was uns der Vater durch sie gesagt hat. Er spricht zu uns durch die Stimme der Welt, und wer die Welt verachtet, verachtet die Stimme des Vaters. »Wenn einer einen Brief erhält von seiner fernen Liebsten, wird er dann nicht das dürre Papier küssen und es mit seinen Tränen netzen? »Sollten wir denn die Welt hassen, durch die allein der Vater uns seine ganze Schönheit offenbaret?« Markus' Stimme war so klangvoll und so süß zu hören, daß viele der Hörer bewegt waren, wenngleich sie ihn nur zur Hälfte verstanden. Aus Johannes' weitgeöffneten, leuchtenden Augen strömten mild die Tränen. Auch Tante war gerührt und sogar Neeltje war aufgewacht. Der Pfarrer runzelte die Brauen, schwer, mit geschlossenen Augen, wie jemand, der im Begriff steht, seine Geduld zu verlieren. Der Vorsänger blickte unruhig auf die Tür. Wieder hub Markus an: »Und wie, meine armen Freunde, soll der Arme, der gezwungenerweise sich müht, und der Reiche, der um seiner selbstwillen ihn sich mühen läßt, des Vaters heilige Botschaft verstehen? »Müssen sie doch beide taub und blind bleiben für das Schönste und Beste, was es zu sehen und zu hören gibt. »Eher kann das Sonnenlicht durch drei doppelte Kerkertüren scheinen, als daß das Licht von des Vaters Gnade, das Licht der Erkenntnis und der Glanz seiner Schönheit in die Seele des abgestumpften Arbeiters dringen. »Auf dem Meeressande wachsen keine Rosen und keine Trauben. Und im Herzen dessen, der arbeiten und Entbehrungen erleiden muß, wächst weder Schönheit noch Weisheit. »Und der Reiche, der Andere des Vaters Wohltaten beraubt, der sie dienen läßt, ohne selbst zu dienen, der ißt, ohne zu arbeiten, und der sein Haus auf dem Jammer anderer aufbaut: wie wird der des Vaters Gerechtigkeit verstehen? »All die überflüssige Süßigkeit in seinem Magen wird zu Galle werden, die gestohlene Schönheit wird ihn foltern wie eine Qual, die zu Unrecht erworbene Weisheit wird sich in ihm in Verzweiflung und Wahnsinn wandeln. »Denn der Reiche ist wie einer, der tausend andere ihres Lichtleins beraubt, um selbst für immer warm zu bleiben. Aber die Hitze verzehrt ihn. Er will alles Wasser für sich haben, auf daß es ihn nimmermehr dürste. Allein er ertrinkt. Doch der Vater hat Licht und Wasser gegeben für alle in gleichem Maße. »Und niemand entrinnet des Vaters Gerechtigkeit. Die Reichen haben ihren Lohn weg und werden in der Notdurft jene beneiden, die sie bestohlen haben, als sie noch in der Welt lebten. »So erkennet denn, meine armen Freunde, erkennet, daß es nicht der Wille des Vaters war, der Armut und Reichtum schuf, sondern eure eigene Bosheit und Arglist, eure Unverträglichkeit und Unvernunft, eure Herrschsucht und eure sklavische Unterwürfigkeit. »Erkennet, und da wird Verzeihung sein auch für den Schuldigsten. Beugt und demütigt euch und ihr werdet aufgerichtet werden. Seid fröhlichen Herzens und fürchtet nichts, und ihr werdet geborgen sein. Oeffnet die Fenster und das Licht wird hineinströmen.« Da endlich knarrte die große Kirchentüre, die durch ein mit einem Bleistück beschwertes Seil geschlossen gehalten wurde. Lange piepte der Block, mehrmals, bevor die Tür mit einem dumpfen Schlage zufiel. Wieder reckten sich aller Hälse in jene Richtung. Auch der Pfarrer blickte scheinbar erleichtert auf, und Johannes sah mit starrem Entsetzen, wie zwei Gendarmen, zwei ganz gewöhnliche Schutzleute, mit berufsmäßiger Strenge, wenngleich in ziemlich nachlässiger Haltung, hinter dem Küster her und auf Markus zuschritten. Ja, ja, jetzt würde es geschehen. Die Gemeinde sah in atemloser Spannung zu; der Küster war barsch, die Gendarmen bereiteten sich scheinbar zögernd auf einen nahenden Kampf vor. Aber bevor noch die ausgestreckte Hand des helmtragenden Gendarmen auf Markus' Schulter herabgeglitten war, blickte dieser sich um und nickte ihnen freundlich zu, gleichsam als habe er sie erwartet. Darauf sah er sich nochmals in der Gemeinde um und grüßte mit einem herzlich-tröstenden Abschiedsblick, der allen sehr unerwartet zu kommen schien. Es war viel eher, als würde er von zwei Lakeien zu einem Feste abgeholt, als von den Dienern der Gerechtigkeit, die ihn auf die Wache bringen würden. Als er fortging, packten ihn die beiden Männer jeder an einem Arm, gleich als seien sie fest entschlossen, ihn nicht entwischen zu lassen. Das machte infolge ihrer linkischen Art und Markus' fast freudiger Bereitwilligkeit einen so komischen Eindruck, daß verschiedene der Anwesenden unwillkürlich lächelten. Der Pfarrer sprach noch einige Worte und ein langes Schlußgebet, dem indessen keine allzu große Aufmerksamkeit mehr geschenkt wurde. Die Gemeinde hatte viel zu sehr den Wunsch, über das Geschehene plaudern zu können, was denn auch schleunigst und sogar schon beim Verlassen der Kirche seinen Anfang nahm. Tante und Johannes aber legten, ohne auch nur ein Wort oder einen Blick zu wechseln, unter beklemmendem Schweigen den Heimweg zurück. Johannes hatte eine Eigenheit, die er sich selber sehr verübelte. Seine guten Einfälle und heldenhaften Entschlüsse kamen seiner Ansicht nach meist ein wenig zu spät. Er würde wohl noch ein ganz guter Junge sein, meinte er, wenn die Dinge nur nicht gar so schnell geschähen, damit er doch wenigstens Zeit genug hätte, gründlich nachzudenken, bevor es ans Handeln ging. So geschah es auch jetzt, daß es ihm, während er Tante Serena ruhig am Frühstückstisch gegenübersaß und mit sich zu Rate ging, ob es nach dem erschütternden Geschehnis des heutigen Morgens wohl anginge, daß er sein erstes Brötchen wie gewöhnlich mit weichem Käse und sein zweites mit Kuchen belegte, plötzlich klar zu werden begann, was für ein feiger, treuloser Knabe er gewesen und wie sich jeder rechtschaffene und aufrichtige Mensch an seiner Stelle sofort erhoben und diesem schändlichen Vergehen an seinem lieben Bruder mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht widersetzt haben würde. Ja natürlich, er hätte energisch auftreten müssen, anstatt sich so zu stellen, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an und ruhig und artig mit Tante den Heimweg anzutreten. Wie war es doch nur möglich, daß er das erst jetzt einsah? Er würde am Ende auch gar nichts erreicht haben. Aber das kam hier nicht in Frage. Handelte es sich nicht um seinen treuesten Freund? und hatte er den nicht feige im Stich gelassen? Saß der nicht jetzt im düstern Diebesloch, von plumpen Gendarmen unsanft behandelt, während er in Tantes behaglichem Haus ruhig seinen Kaffee trank? Das ging nicht an. Er empfand es jetzt als etwas völlig Gewisses. Und da sich Johannes, wie wir bereits bemerkt haben, nicht fürchtete zu handeln, wenn er nur erst mit seinen Gedanken im Reinen war, blieben nicht nur die Brötchen und der Käse, sondern auch der Kuchen und der Kaffee unberührt. Er erhob sich plötzlich und sagte: »Tante Serena!« »Was gibt's, mein Junge?« »Ich will fort.« Tante legte den Kopf ein wenig zurück, um ihn durch ihre Brillengläser scharf ansehen zu können, während sich ein gequälter Ausdruck über ihre Züge breitete. »Wie meinst du das?« fragte sie endlich nach einer langen Pause. »Ich will weg, fort von hier, ich kann es hier nicht aushalten, ich will bei meinem Freunde sein.« »Glaubst du denn, daß der besser für dich sorgen wird als ich, Johannes?« »Das weiß ich nicht, Tante; aber er wird ungerecht behandelt. Er ist im Recht.« »Ich will mir nicht anmaßen,« sagte Tante stockend ... »zu sagen, daß er im Unrecht war, dazu bin ich nicht klug genug. Ich bin nur eine alte Frau und habe nicht viel gelernt, wenn ich auch viel nachgedacht und viel erlebt habe. Ich will gern eingestehen, daß ich vielleicht schuldig war, ohne es zu wissen. Ich tat mein Bestes nach bestem Wissen und Gewissen. Aber wie viel Bessere gibt es als ich, die deinen Freund im Unrecht glauben!« »Sind sie auch besser als er?« »Wer vermöchte das wohl zu sagen? Wie lange kennst du deinen Freund und wen unter den Menschen kennst du außer ihm? Aber wenn dein Freund auch recht hätte, was kümmert das mich? und was könnte das für mich zu bedeuten haben? Soll ich etwa mit meinen vierundsechzig Jahren alles verschenken, was ich besitze und zu fremden Leuten in Dienst gehen? Meinst du, daß ich das tun sollte, Johannes?« Johannes wurde verlegen. »Das sage ich ja nicht, Tante.« »Aber was sagst du denn wohl? Was verlangst du von mir?« Johannes schwieg. »Sieh mal, Johannes,« fuhr Tante Serena fort, und sie schaute ihn jetzt nicht an, sondern starrte unentwegt vor sich hin, während ihre Stimme stets heiserer und heiserer klang »Ich habe niemals Kinder gehabt, und alle Menschen, die ich einst sehr lieb hatte, sind entweder fort oder tot. Mir wird ja allerdings von meinen Freunden viel Herzlichkeit erwiesen ... An meinem letzten Geburtstage habe ich vierundvierzig Besuche, zweihundertelf Karten und Briefe und wohl fünfzig Geschenke bekommen ... Aber das alles ist dennoch nicht das Rechte für mich. Das Leben eines alten Menschen ist so düster, so öde, wenn daneben nichts Junges aufwächst. Ich habe mich nie darüber beklagt, sondern mich stets gottergeben mit meinem Schicksal abgefunden. Aber als ... du ... vor ein paar Monaten ... da glaubte ich, daß es eine Gnade für mich sei, eine Fügung Gottes ...« Tante stotterte so sehr und ihre Stimme ward so heiser, daß sie es vorzog zu schweigen und ein wenig in ihrem Arbeitskorb herumzukramen. Johannes empfand jetzt eine große Zärtlichkeit für sie. Aber ihm war es, als sei er in diesen wenigen Augenblicken viel älter und viel klüger geworden. Ja! als sei er sogar sichtlich gewachsen, und größer jetzt als zuvor. Er sprach so würdevoll, wie er noch niemals gesprochen hatte. »Liebe Tante, ich bin wirklich nicht undankbar. Ich finde, daß du ein guter Mensch bist. Zu mir bist du so gut gewesen, wie kaum jemand zuvor. Aber ich muß dennoch fort. Mein Gewissen sagt mir, daß ich nicht bleiben darf. Ich möchte wohl bleiben wollen, weißt du, aber ich will dennoch fort. Wenn du mir jetzt sagst: das darfst du nicht, dann kann ich nichts daran ändern. Aber ich glaube, daß ich dann doch heimlich davonlaufen werde. Es tut mir wirklich leid, wenn ich dir dadurch Verdruß bereite, aber du wirst leicht einen anderen Jungen oder ein anderes Mädchen finden, an dem du mehr Freude erlebst. Ich muß zu meinem Freunde, das sagt mir mein Gewissen. Wirst du mir nun sagen, daß ich das nicht darf, Tante?« Tante holte ihre Handarbeit zum Vorschein und stellte sich so, als vergleiche sie aufmerksam die verschiedenfarbigen Wollfäden. Darauf sagte sie langsam: »Nein, das werde ich nicht sagen, mein lieber Junge, wenn du wenigstens reiflich darüber nachgedacht hast.« »Ja, Tante, das habe ich,« sagte Johannes. Seine Ungeduld war so groß, daß er am liebsten sofort gehen wollte, um zu fragen, wohin man Markus gebracht. Danach wollte er zur Tante zurückkehren. Ängstlich und halb widerwillig betrat er die steinernen Stufen, die zu der Polizeiwache führten, vor der die Gendarmen auf Stühlen draußen saßen und ihn, ihrer Gewohnheit gemäß, nicht allzu höflich empfingen. Der Brigadier blickte Johannes nach dessen schüchterner Frage unwirsch an, als wolle er sagen: »Was geht das dich an? und wo habe ich dich doch schon mal gesehen?« Dennoch erfuhr Johannes, daß man den »Arrestanten« bereits wieder »auf freien Fuß« gesetzt habe. In welche Richtung er den »freien Fuß« dann fortbewegt habe, das müsse Johannes nur selber auskundschaften. Da er für sein Interesse keinen anderen Grund anzugeben wußte, als den, daß der Arrestant sein Freund sei, und da diese Freundschaft nicht gerade dazu angetan war, sein Ansehen in den Augen der polizeilichen Macht zu erhöhen, verspürte keiner der Beamten Lust dazu, ihm irgendwie auf die Spur zu helfen. Man vermute, daß der Scherenschleifer die Jahrmärkte bereisen würde, das war alles, was er in Erfahrung brachte. Erregt und entmutigt kehrte Johannes zur Tante zurück. Dort wurde ihm besser geholfen, denn die gute Tante hatte bereits ausfindig gemacht, daß man Markus aus der Gemeinde ausgewiesen und daß er mit seinem Wagen die Utrechtsche Fahrstraße eingeschlagen habe. Es lag schon eine große altmodische Tasche aus behaartem Leder bereit, eine Art Jagdtasche, die man umhängen konnte und die mit sauber eingewickelten Butterbroten und hartgekochten Eiern gefüllt war. Und in das Innenfutter einer Weste hatte Tante ein kleines Täschchen eingenäht, das eine Börse mit fünf Goldstücken enthielt. »Mehr will ich dir nicht geben, Johannes, denn wenn du das aufgebraucht hast, dann wirft du schon wissen, ob du wirklich für immer wegbleiben oder ob du wiederkommen willst. Schäme dich nicht, wenn du den Wunsch haben solltest, zurückzukehren. Von mir sollst du niemals ein Wort darüber zu hören bekommen.« »Ich werde dir auch alles auf Heller und Pfennig zurückgeben, Tante, wenn ich es nur erst verdient habe.« Dies war ihm völlig ernst, aber eine bestimmte Vorstellung von dieser Möglichkeit hatte er ebenso wenig wie die Tante. Johannes lief noch rasch in den Garten, um all seinen teuren Fleckchen, den heimlichen versteckten Pfaden und den Blumen Lebewohl zu sagen. Schnell und verstohlen, um nicht gesehen zu werden, eilte er an der Küche entlang, wo Daatje unter frommem Gesang geräuschvoll Spinat hackte. Darauf umarmte er Tante Serena zum ersten- und zum letztenmal im Hausflur. »Kuckuck, Kuckuck!« klang es, als die Uhr zwei schlug, höhnend und triumphierend von der oberen Treppe. Dann schloß sich die gediegene grün gestrichene Haustüre zwischen ihm und der Tante. Das war nur für einen Augenblick quälend; alsbald ward es in Johannes' Herzen weit und fröhlich. Ein Gefühl der Freiheit, wie er es nie zuvor gekannt. Er fühlte sich beinahe erwachsen. Er hatte sich freigemacht aus weichen gefährlichen Fesseln. Er ging in die weite Welt hinein. Er würde seinen lieben Bruder wiederfinden, und er hatte eine Tasche voller Brötchen und in seiner Weste fünf Goldstücke bei sich. Die waren ihm allerdings nur geliehen. Er wollte sich das Geld verdienen und es dann der Tante wiedergeben. Es war ein stiller, schwüler Augusttag, und voll tiefer Freude erblickte Johannes sein schönes Vaterland, wie es unter dem seinen grauen Himmel in weichem Lichte dalag: die baumbewachsenen Deiche, die dunklen und die weißen Kühe, die braunen Schiffe auf den spiegelglatten Kanälen. Er lief eilig und fragte überall nach Markus, dem Scherenschleifer. Vor einem Wirtshaus, unweit der Stadt, saßen drei junge Herren, allem Anschein nach Schreiber in Regierungs- oder Postdiensten, die ihren Nachmittagsspaziergang gemacht hatten und jetzt behaglich ihren Wein tranken. Johannes versuchte bei dem Kellner, der den Wein brachte, Erkundigungen einzuziehen, erhielt indessen keinen Bescheid. Eines der Herrchen, das seine Frage gehört hatte, sagte zu seinem Genossen: »Donnerwetter ja, habt Ihr das schon gehört? Der Kerl hat heute in der Neuen Kirche plötzlich angefangen zu predigen, und zwar schnurstracks gegen den Pfarrer.« »Was für'n Kerl?« fragte der andere. »Herrgott, kennst du denn den nicht? Der halb Verrückte mit dem schwarzen Lockenkopf. So was macht der öfters.« »Weiß Gott, das ist nicht übel. Und was sagte der Pfarrer?« »Na, dem war es nichts weniger als angenehm. Denn der Kerl konnte es, verdammt! genau so gut wie er selber, und der Landstreicher tat es umsonst, und von solch schmutziger Konkurrenz will der Pfarrer natürlich nichts wissen, das versteht sich.« Die drei Freunde lachten laut auf. »Und wie ist die Sache abgelaufen?« fragte einer von ihnen. »Er hat ihn ohne weiteres aus der Kirche rausschmeißen lassen durch den Küster und zwei Diener der Gerechtigkeit.« »Das finde ich aber kindisch, sie hätten gegeneinander ankrähen sollen. Wer's am lautesten kann, gewinnt.« »Jawohl, das kannst du dir denken. Der Pfarrer wird sich schön hüten, sie könnten am Ende mal den andern wählen –« »Na, ob man nun von einem Pfaffen oder von einem Scherenschleifer beschwatzt wird, das kommt schließlich auf eins raus.« Johannes dachte einen Augenblick darüber nach, ob es jetzt schön und gut sein würde, das zu tun, wozu er nicht übel Lust verspürte, nämlich sich auf diese Menschen zu stürzen und sie tüchtig zu verprügeln. Aber er beherrschte sich und ging ruhig seines Weges, nachdem er sich überlegt hatte, daß er sonst am Ende wohl allzuviel zu tun bekommen könnte. Fünf Stunden ging er so weiter, ohne durch sein Fragen viel klüger zu werden. Einige behaupteten, Markus gesehen zu haben, andere wußten von nichts. Johannes begann zu fürchten, daß er ihn am Ende schon überholt habe, denn sonst müßte er ihn jetzt sicherlich schon getroffen haben. Es fing bereits zu dämmern an, und vor ihm dehnte sich ein großer Fluß, über den er sich mit einer Fähre übersetzen lassen mußte. Jenseits des Flusses lag eine Hügelkette, die mit Buschholz und hochstehendem violettfarbigem Heidekraut dicht bewachsen war. Der Fährmann wußte bestimmt, daß er an diesem Tage keinen Scherenschleifer übergesetzt habe. Aber in dem Städtchen drüben, das eine Stunde vom Fluß gelegen war, beginne morgen der Jahrmarkt, vielleicht würde Markus dazu wohl auch hinkommen. Johannes ließ sich am Wegrand mitten in der dunkeln, mit Millionen kleiner purpurner Blümchen überwachsenen Heide nieder. Wundervoll färbte die untergehende Sonne Land und Nebel und das glitzernde ruhig dahinfließende Wasser. Eri war müde, aber nicht mutlos, und aß sein Brot wohlzufrieden, und fest davon überzeugt, daß er Markus finden würde. Der Weg war still und einsam geworden. Wie schön war es, so frei zu sein und so allein und gänzlich vertraut mit der weiten Natur! Am liebsten wollte er draußen im Buschholz nächtigen. Aber als er sich gerade niederlegen wollte, sah er die Gestalt eines Mannes, der, die Hände in den Taschen, und den Hut im Nacken, langsam dahergeschlendert kam. Johannes richtete sich auf und wartete, bis er ganz nahe war. Dann erkannte er ihn. »Guten Abend, Herr Direktor«, sagte Johannes. »Schön guten Abend auch«, antwortete der andere. »Was machst du denn hier? hast du dich verirrt?« »Nein, ich suche die Freunde. Ist Markus bei euch?« Der Mann war der Direktor eines Flohtheaters, ein kleiner Kerl, der mit heiserer Stimme sprach und dessen Augen infolge der feinen Arbeit stark entzündet waren. »Markus? Nein. Aber komm du nur mit, möglich, daß er doch da ist.« »Suchen Sie neue Zöglinge?« fragte Johannes. »Hast du am Ende welche? Du weißt ja, für die ganz großen zahle ich fünf Cents.« Sie gingen zusammen zu dem unweit der Stadt gelegenen Platz, auf dem die Wohnwagen standen. Johannes traf dort lauter alte Bekannte. Da war die dicke Frau, die einen Teller auf ihren Busen setzen und so davon essen konnte. Augenblicklich aß sie indessen nur von einer Kiste, genau so wie die andern, weil kein Publikum da war. Da waren die Mutter und die Tochter, die abwechselnd das lebende Meerweibchen darstellten, weil eine es nicht so lange aushalten konnte. Da war der Besitzer eines Raritätenkabinetts, ein armer, buckliger Tropf, dessen ganzer Reichtum in einem ausgestopften Krokodil, einem Walroßzahn und einem Sechsmonatskinde in Spiritus bestand. Da waren die zwei wilden Männer, die unter entsetzlichem Gebrüll Glas und lebende Kaninchen verschlangen, und die nur während der Dunkelheit, wenn die Gassenjungen fort waren, aus dem Wagen herauskommen durften. Jetzt saßen sie nichts weniger als wild im flackernden Schein einer trüben Laterne und spielten mit unbeschreiblich schmutzigen Karten ihre Partie. Endlich führte der Flohbändiger Johannes an Marions Wagen. »Jotte doch,« rief Lorum, der ziemlich gut gelaunt schien und rauchend am Wege saß, »da ist unser verliebter junger Herr ja wieder. Da werden sich die Mädchens aber freuen.« Hinter dem Wagen erklang zur Zitherbegleitung eine weiche Stimme, und durch den traumstillen Abend hörte Johannes das Liedchen ganz deutlich. Es wurde schmelzend und wehmütig gesungen nach einer bekannten Drehorgelmelodie, aber mit hinreißender Leidenschaft: »Sie haben mein Leben zerstört, Sie wollten, daß wir uns ließen: Hätt' ich seine Stimm' nie gehört, Ich würd' keine Tränen vergießen. – Ach Du! Ach Du! Wie konntest Du mich lassen? Ach Du! – Ach Du! – Wo ist jetzt meine Ruh?« – Es war eine Weise, die Johannes schon oftmals von Kindermädchen gehört zu haben glaubte. Aber weil er die liebliche Stimme erkannte und vielleicht auch wohl, weil er vermutete, worauf sich das Liedchen bezog, rührte es ihn tief. »Heda!« rief Lorum jetzt laut, »das verlorene Schaf ist wieder zurück. Du brauchst jetzt nicht mehr zu flennen!« Da kam Marion hinter dem Wagen zum Vorschein und eilte auf Johannes zu. Gleichzeitig ging die Wagentür auf, und in der lichtüberfluteten Öffnung sah Johannes Marions Schwester stehen, in ihrer Nachtjacke, mit dicken bloßen Armen. Nach jener ersten Nacht, die er mit Windekind in den Dünen verlebt, hatte Johannes noch manch liebes Mal unter freiem Himmel geschlafen, und er fürchtete sich auch jetzt nicht davor. Unter dem Wagen wollte er liegen, auf einem Heubündel. Er war müde und würde schon einschlafen. Aber das ging so schnell nicht. Die Abenteuer in der Menschenwelt schienen ihm aufregender und verwirrender als die in Windekinds Elfenland. Er war von seinem gewichtigen und ungewohnten Zustand gänzlich erfüllt und mußte, ob er nun wollte oder nicht, auf das seltsame menschliche Leben um sich her achten. Ueber sich hörte er Füße auf den Planken des Wagens scharren, und er sah, wie das Volk in den warmen, schmutzigen Wagen zusammenkroch, alle nebeneinander und durcheinander. Er mußte dem Geplauder, dem Gesang, dem Gelächter und dem Gezanke lauschen, das immerfort noch hier und dort ertönte. Eine einsame Okarina klang unermüdlich weiter, als längst schon alles schwieg. Ihn fröstelte. Er hatte von Tante nur ein dünnes Mäntelchen mitbekommen, und eine Pferdedecke konnte nicht entbehrt werden. Er fand zwar ein paar leere Hafersäcke, aber die waren viel zu kurz. Als alles schlief und er noch immer zitternd und wachend dalag und seine Mundwinkel sich bereits bedenklich herabzusenken begannen, hörte er, wie die Wagentür leise geöffnet wurde. Eine flüsternde Stimme rief ihn. Johannes kroch unter dem Wagen hervor und erkannte Marions schwarze Schwester. »Warum kommst du nicht herein, kleiner Kerl?« fragte sie. In Wahrheit fürchtete sich Johannes besonders vor der schlechten Luft und den Flöhen. Aber da er diesen verletzenden Grund nicht angeben mochte, antwortete er, in der Meinung sehr anständig und würdevoll zu sein: »Aber das geht doch nicht – ich zu euch!« Nun wird es allerdings mit der Förmlichkeit in einem Wohnwagen nicht allzu genau genommen. In den sehr vornehmen findet man zwar hin und wieder einen Vorhang, durch den des Nachts der Wohnraum in zwei Schlafzimmer umgeschaffen und der Wohlanständigkeit auf solche Weise Genüge getan wird. Meistens aber macht man es so wie die Vögel, die nur einmal im Jahr ihr Kleidchen wechseln, und auch dann nur ganz mählich, und wie die Mäuse, bei denen auch nicht jede eine Schlafkammer für sich hat. »Ach was, Junge, du bist wohl verrückt! Vorwärts, komm du nur ruhig. Du darfst wirklich, hörst du wohl?« Und als Johannes noch immer beschämt und verlegen zögerte, fühlte er plötzlich einen dicken schweren Arm um seinen Nacken und auf seiner Wange ein Paar kühle weiche Lippen. »Komm du nur, Kerlchen, genier dich nicht. Du bist gewiß noch ein ganz Grüner, da wird es hohe Zeit, daß ich dich ein wenig klüger mache.« Nun gab es nichts, was Johannes mehr zu schätzen gelernt hatte als Klugheit und Klügerwerden; das war etwas, wozu er mit Freuden jede Gelegenheit ergriff. In diesem Augenblick aber bekam er von der Existenz einer nichts weniger als begehrenswerten Klugheit eine sehr deutliche Vorstellung. Er hatte keine Zeit diese wunderliche Entdeckung aufmerksam zu erwägen. Zum Glück aber kam seinem trägen Gedankengang diesmal ein sehr starkes Gefühl des Abscheus zu Hilfe, so daß er ausnahmsweise einmal rechtzeitig wußte, was er zu tun hatte. So sagte er denn sehr laut und bestimmt: »Nein, danke, ich liege da ganz gut« und kroch wiederum unter den Wagen. Das schwarzäugige Weib schien das durchaus nicht freundlich von ihm zu finden, denn sie fluchte und sagte: »Meinetwegen kannst du verrecken,« während sie wieder hineinging. Johannes nahm sich das nicht allzusehr zu Herzen, obwohl es ihm sehr ungerecht erschien. Er schlief indessen ebensowenig wie zuvor, und das Gefühl der soeben erlittenen Berührung, und der unangenehme Duft von schlechtem Parfüm, den die Frau an sich hatte, blieben beklemmend um ihn haften. Sobald es zu dämmern begann, öffnete sich die Wagentür von neuem. Johannes blickte auf. Marion kam barfuß hinausgeschlichen, ein altes lilafarbenes Umschlagetuch um die hageren Schultern. Sie setzte sich neben Johannes auf die Erde. »Was hat sie getan?« fragte sie flüsternd. »Wer?« fragte Johannes zurück. Aber das war nur Verlegenheit, denn er wußte sehr gut, wen sie meinte. »Na, das weißt du doch wohl; glaubst du etwa, ich hätte geschlafen? hat sie dich geküßt?« »Ja,« nickte Johannes. »Wo? Auf deinen Mund?« »Nein, auf die Backe.« »Gott sei dank,« sagte Marion. »Und wirst du sie das nie wieder tun lassen? Sie ist ein gemeines Weib.« »Ich konnte nichts dafür,« sagte Johannes. Marion blickte ihn mit ihren klaren hellgrauen Augen eine Weile nachdenklich an. »Wagst du zu stehlen?« fragte sie dann ganz unvermittelt. »Nein,« sagte Johannes, »ich wage es wohl, aber es ist schlecht.« »Denkt gar nicht dran,« antwortete Marion mit großer Bestimmtheit. »Es hängt nur davon ab von wem. Von einander stehlen ist gemein, aber von dem Publikum stehlen, das darf man. Von dem Weib darf ich nicht stehlen, und auch nicht von Lorum. Aber du darfst von dem Weib stehlen. Wenn du doch nur den Mut dazu hättest!« »Darfst du denn auch von mir stehlen?« fragte Johannes. Marion blickte ihn plötzlich verwundert an und lächelte anmutig, während sie ihre weißen gleichmäßigen Zähnchen zeigte. »Früher wohl, aber jetzt nicht mehr, jetzt gehörst du zu mir. Aber das Weib hat eine Menge Geld und du nicht.« »Ich habe auch Geld, fünfzig Gulden, die hat mir Tante gegeben.« Marion sog die Luft mit ihren Lippen ein wie einen köstlichen Leckerbissen. Ihr bleiches Gesichtchen erstrahlte vor Freude. »Fünf Goldfüchschen, ist das wahr? Aber Hanni, dann sind wir ja fein raus. Dann brennen wir ganz einfach durch. Ist dir's recht?« »Jawohl,« sagte Johannes langsam, »aber eigentlich wollte ich Markus suchen.« »Schon recht,« antwortete Marion, »das trifft sich gerade gut. Dann suchen wir zusammen.« »Gehen wir jetzt gleich?« fragte Johannes. »Nein, du kleiner Dummkopf. Dann würde man uns ja sofort wieder zurückholen. Aber heute Abend, sobald es dunkel wird, können wir ein ganzes Ende weiterkommen. Ich werde dir schon rechtzeitig Bescheid sagen.« Es begann langsam zu tagen, – ein klarer frischer Morgen mit warmer und dennoch frischer Augustsonne. Allüberall blitzten die taubenetzten Spinngewebe wie funkelnde Sternenkränzlein auf dem dunkeln Heidegesträuch. Im Wohnlager glommen noch die Feuer vom Vorabend, und es roch nach Holzbrand und Honig. Johannes war zufrieden. Auch in ihm brannte ein Feuerlein mit lustiger Glut. Er fühlte, daß es gut sei, zu leben und freudig zu kämpfen. Es war ein langer, seltsamer Tag, aber er hatte Geduld und freute sich heimlich auf die Flucht mit Marion. Das dunkeläugige Weib war wieder sehr freundlich zu ihm. Er half den ganzen Tag im Zirkus und hatte keine Gelegenheit Marion zu sprechen. Aber hin und wieder schauten sie einander voll heimlichen Einverständnisses an, und das war köstlich. Etwas so köstliches hatte Johannes im Alltagsleben noch niemals empfunden. An jenem Abend fand eine Vorstellung statt, und Marion zeigte ihre Künste. Johannes fühlte sich stolz und gewichtig, weil er mit zur Truppe gehörte und vom Publikum als ein Reiter oder Clown angesehen wurde; er durfte nämlich in Stulpstiefeln und mit einer Peitsche in der Hand am Stalleingang stehen. Aber er verstand sich auf keine einzige Kunst, ja, nicht einmal mit der Peitsche konnte er knallen. Als es ganz dunkel war und alles wieder schlief, kam Marion, um ihn zu rufen. Er vermochte ihre Gestalt kaum zu erkennen, erriet aber an einem leisen Knurren, daß sie Kees, ihr Äffchen, auf dem Arme trug. Sie drückte Johannes ihre Guitarre in die Hand und sagte leise: »Und nun los.« Hastig und schweigend eilten sie davon. Marion gab die Richtung an. Erst über die große Chaussee, dann über einen Fußweg den Fluß entlang, dann bei einer Fähre behutsam ein kleines Boot losgemacht und sich so stromabwärts treiben lassen. »Aufpassen, Hanni, und gut ausschauen!« »Wir werden angefahren werden,« sagte Johannes, dem durchaus nicht behaglich zumute war. »Fürchtest du dich?« »Nein, das gerade nicht,« sagte Johannes, obgleich er in Wirklichkeit sich nur nicht fürchten wollte . »Aber wo werden wir denn hingeraten, und wie sollen wir ausweichen, wenn ein Boot kommt? Wir haben ja gar keine Ruder.« »Ich wollte nur, daß eins käme, dann führen wir mit.« »Wohin möchtest du denn, Marion?« »Na, natürlich über die Grenze, sonst kriegen sie uns doch zu packen.« »Und Markus?!« »Den werden wir später schon finden, wenn wir nur erst mal fort sind.« Schweigend ließen sich die beiden Kinder forttreiben über das dunkle stille Wasser, das im Vorüberfließen hier und dort leise gegen eine Planke oder eine Tonne klatschte. Weit und geheimnisvoll war alles ringsumher, stockfinster und windstill die Luft, kaum, daß das Schilf am Ufer leise seufzte. Der kleine Kees piepte kläglich und unzufrieden – ihn fror. »Wer ist Markus doch eigentlich, Marion? weißt du das nicht?« »Danach darfst du nicht fragen, Hanni, du mußt ihm vertrauen, das tue ich auch.« Da plötzlich ertönte von weither ein dumpfes Poltern und Lärmen und kam näher und näher, und in der Ferne sah Johannes rote und weiße Laternen aufleuchten. »Ein Dampfer!« rief er, »was sollen wir jetzt bloß anfangen?« »Singen,« sagte Marion, ohne zu zögern. Der Dampfer fuhr sehr langsam, und hinter ihm gewahrte Johannes eine lange Reihe kleiner Lichtchen wie eine Sternenschnur. Es war ein Schleppdampfer, der eine schwere Fracht von Rheinschiffen hinter sich herzog. Ächzend und stöhnend schien der Dampfer gegen den mächtigen Strom anzukämpfen. Das kleine Boot blieb ein Ende seitwärts vom Schlepper, aber die folgenden Schiffe, die groß und schwerfällig in einem weiten Bogen hinterher schwenkten, kamen immer näher und näher. Marion nahm ihre Guitarre und begann zu singen, daß es fein und klar durch die stille Nacht erklang, trotzdem das Wasser mächtig rauschte und das Stoßen des Dampfers immer näher kam. Sie sang eine bekannte deutsche Melodie, aber mit den folgenden Worten: »Auf tiefen dunkeln Fluten »ist mir doch nimmer bang – »ich weiß, ich werd zum Guten »gelenkt mein Lebenlang.« »Seid Ihr denn ganz verrückt oder habt Ihr genug vom Leben, daß Ihr euch so ohne Licht quer ins Fahrwasser legt?« schrie von einem der Schiffe eine Stimme übers Wasser. »Helft uns, werft uns ein Tau zu!« rief Marion zurück. »Helft uns, helft uns!« – rief auch Johannes. Klatsch! In weitem Bogen kam da ein Tau über das Schiff daher geflogen. Auf gut Glück griff Johannes danach und arbeitete sich in die Richtung des Schiffes. Der Steuermann, der an dem riesengroßen hochgebogenen Steuer stand, spähte, eine Laterne in der Hand, aufmerksam über Bord. »Von was für einer Hochzeit kommt Ihr denn eigentlich?« Johannes und Marion bestiegen das Schiff und Marion stieß das kleine Boot ab. »Zwei Buben?« fragte der Steuermann. »Und ein Affe« – fügte Marion hinzu. Johannes blickte sich nach ihr um. Im Licht der Laterne sah er eine kleine Gestalt, die er kaum zu erkennen vermochte: Ein zart gebauter Knabe mit einer Mütze auf kurz geschnittenem Haar. Ihr seidenweiches Blondhaar hatte sie der Flucht zum Opfer gebracht. Kees streckte seinen Kopf aus ihrem Kittel heraus und blinzelte im grellen Schein der Laterne. »Ach so, Kirmesvolk,« brummte der Schiffer, »und was soll mit dem Boot werden?« »Das weiß den Weg nach Hause,« sagte Marion. Damit Ihr ruhig und aufmerksam weiter lesen könnt, will ich euch nur gleich erzählen, daß Johannes und Marion Mann und Frau werden, noch bevor dies Buch zu Ende geht. Aber als ihnen der alte Schiffer in dem Roof der langen Rhein-Aake ein behagliches Schlafplätzchen anwies, hatten sie davon noch nicht die leiseste Ahnung, und müde, wie sie waren, lagen sie beide alsbald wie zwei kleine Brüder in tiefem Schlaf. Keesje, jetzt warm und zufrieden, in ihrer Mitte. Als es hell zu werden begann, schien die ganze Welt verschwunden. Johannes erwachte durch das Gerassel von Ankerketten, und als er hinausblickte, sah er an allen Seiten nichts als weißes dunstiges Licht. Kein Himmel, keine Ufer, nur dicht unter den kleinen Fensterchen das gelbe fliehende Wasser. Aber er hörte Dorfglocken läuten und sogar Hähne krähen. Die Welt war also doch noch da, ebenso schön wie stets, aber von einem dichten weißen Nebel umhüllt. Die Schiffe lagen still, man konnte nicht fahren. Wenn man das Wasser des Rheines nicht um die Ankerketten hätte brausen sehen, würde man vom Windstrich nichts gewußt haben. So blieben sie stundenlang in dem stillen, weißen, schweren Licht und lauschten den gedämpften Geräuschen, die vom Ufer her aus dem Dorf zu ihnen herüberklangen. Die beiden Kinder liefen auf dem langen Schiff auf und ab und amüsierten sich königlich. Der Schiffer hatte sich bereits mit ihnen angefreundet, besonders nachdem er erfahren, daß sie ihre Reise bezahlen konnten. Sie aßen Brot und Wurst und starrten gespannt in den Nebel, ob sie nicht ein kleines Boot kommen sähen mit Lorum und dem schwarzen Weib, die sie zurückholen wollten. Denn sie konnten noch nicht weit von ihrer letzten Wohnstätte entfernt sein. Endlich ergriffen die immer dünner und dünner werdenden Nebel vor dem leuchtenden Sonnenantlitz die Flucht, und während die Erde noch stets in einem dichten Weiß verborgen blieb, begann dort oben bereits alles in herrlichem Blau zu erstrahlen. Jetzt brach für Johannes ein schöner Tag an. Seufzend und ächzend, wie mit heftigem Widerwillen begann der Schleppdampfer seine Ladung von neuem stromaufwärts zu stauen. Der stille Sommertag ward warm, die breite Stromfläche glitzerte in der Sonne, und zu beiden Seiten glitten die Ufer, die mit ihrem graugrünen Schilf, mit ihren Weiden und Pappeln frisch und taubenetzt aus dem Nebel emporstiegen, träge vorüber. Johannes lag auf Deck und starrte auf Strom und Ufer, während Marion neben ihm saß und Keesje, der sich im Takelwerk die Zeit vertrieb, vergnügte Kehllaute ausstieß und hin und wieder ernsten Blickes auf einen vorüberfliegenden Vogel oder auf ein Insekt starrte. »Marion,« sagte Johannes, »wie wußtest du gestern denn so gewiß, daß du dich nicht zu fürchten brauchtest?« »Weil auf mich aufgepaßt wird,« sagte Marion. »Durch wen denn?« fragte Johannes. »Durch Vater.« Johannes blickte sie an und fragte dann leise: »Meinst du deinen eignen Vater?« Aber Marion deutete mit einer leichten Kopfbewegung auf die grünenden Ufer, das fließende Wasser, den blauen Himmel und die strahlende Sonne, und sagte danach mit seltsamer Betonung, gleich als müsse es jetzt ganz klar und deutlich sein: »Nein, ich meine Vater.« »Ist das der Vater, von dem Markus spricht?« »Ja, natürlich,« erwiderte Marion. Johannes schwieg eine Zeit lang und blickte träumerisch auf den raschen Lauf des Wassers und den immer träger und träger werdenden Gang der Dinge, die dahinter lagen. Sein Kopf war voller Gedanken und jeder begehrte ausgesprochen zu werden. Aber es ist eine Wonne so dazuliegen und im sonnenklaren Licht auf ein vorüberziehendes Land zu schauen und die Gedanken ganz ruhig herankommen zu lassen und sorgfältig diejenigen unter ihnen auszuwählen, die es wert sind mit Wortklang bekleidet zu werden. Viele sind zu zart und zu schwach, um dieser Ehre teilhaftig zu werden, und dennoch sind das nicht die schlechtesten. Johannes wählte zunächst einen Nebengedanken aus, der ihm zwar nicht sehr tief erschien, aber doch ausgesprochen werden wollte. »Hast du das aus dir selber?« fragte er. Marion war diesmal mit ihrer Antwort auch nicht allzu schnell bei der Hand. »Aus mir selber? – nein. Markus hat es mir gesagt, aber ich wußte es selbst auch schon längst. Ich wußte es, aber er sagte es. Er hat es aus mir herausgeholt. Ich behalte alles, was er sagt. Alles. Auch wenn ich nichts davon verstehe.« »Nützt das denn etwas?« fragte Johannes ein wenig unbesonnen. Marion blickte ihn verächtlich an und sagte dann: »Donner und Doria, du bist ja genau wie Kees. Der weiß auch nicht, daß er mit einem Groschen mehr anfangen kann als mit einem Pfennig. Als ich meinen ersten Groschen bekam, begriff ich auch nichts davon. Aber da merkte ich doch bald, daß ich viel mehr Süßigkeiten dafür bekommen konnte, als für einen Pfennig. Und fing an, besser darauf zu achten. So verwahre ich jetzt sorgsam alles, was Markus gesagt hat, alles.« »Hast du ihn gerade so lieb wie ich?« fragte Johannes. »Noch lieber,« sagte Marion. »Das ist nicht möglich.« Dann wiederum eine lange Pause. Der Dampfer hatte es nicht eilig. Die Sonne ebensowenig. Und auch der breite Strom sputete sich nicht. So nahmen sich auch die Kinder alle Zeit für ihr Gespräch. »Ja, aber weißt du wohl,« begann Johannes dann wieder, »wenn die Menschen von unserm Vater sprechen, so meinen sie Gott, und Gott ist ...« Was hatte Windekind doch gleich von Gott gesagt? Der Gedanke kam und bat um sein altes Wortgewand. Aber Johannes zögerte. Das Gewand kleidete ihn nicht. »Nun, was ist Gott?« ... fragte Marion. Dann also doch nur her mit dem alten Kleidchen. Ein besseres war nicht da. »... eine Petroleumlampe, an der die kleinen Fliegen festkleben.« Marion ließ einen schrillen gebieterischen Pfiff ertönen. Ein Zirkuskommando. Kees, der, in dem kurzen Schiffsmast hockend, aufmerksam seinen ausgestreckten Hinterfuß inspizierte, fuhr unverzüglich auf und ließ sich mit pflichtgemäßer Eile an dem Stahldraht heruntergleiten. »Hierher, Kees, aufgepaßt!« Kees brummte bestätigend und war sofort ganz und gar Aufmerksamkeit, denn er war gut dressiert. Kaum, daß seine scharfen braunen Äuglein auch nur für eine Sekunde von dem Gesicht seiner Herrin wegblinzelten. »Der junge Herr hier behauptet, daß er weiß, was Gott ist ... weißt du's?« Kees schüttelte mit einer raschen Bewegung den Kopf und zeigte grinsend all seine scharfen weißen Zähnchen. Man hätte meinen können, daß er lachte, aber seine Äuglein blickten ernsthaft wie immer von Marions Mund auf ihre Hand. Da gab es nichts zu lachen. Hier galt es aufpassen, das wußte er. Und es würde entweder ein Leckerbissen oder eine Tracht Prügel folgen. Aber Marion lachte laut auf. »Hierher, Kees, brav gemacht!« Es folgte ein Leckerbissen, und die Mahlzeit wurde unter lautem Schmatzen hoch oben im Mast verzehrt. Der Erfolg dieser Neckerei kam Marion gänzlich unerwartet. Johannes, der, das Kinn in die Hände gestützt, auf Deck lag, starrte eine Zeitlang betrübt auf den Horizont und verbarg dann das Gesicht in die verschränkten Arme, während es schien, als ob sein ganzer Körper vor Weinen zuckte. »Aber ich bitte dich, Hanni, bist du denn verrückt? Wie kannst du darüber nur weinen?« fragte Marion erschreckt, während sie versuchte seine Arme von seinem Gesicht zu entfernen. Aber Johannes schüttelte den Kopf. »Still, laß mich denken,« sagte er. Marion ließ ihm wohl eine Viertelstunde Zeit. Dann sagte sie leise und herzlich, gleich als wolle sie ihn trösten: »Ich weiß ganz gut, was du sagen wolltest, mein lieber Junge. Darum spreche ich auch immer vom Vater. Ich kann das am besten verstehen. Denn weißt du, meinen Vater habe ich niemals gekannt, aber der muß wohl viel besser gewesen sein als andere Väter.« »Warum denn?« fragte Johannes. »Weil ich selbst viel besser bin als all das Volk um mich her und als das gemeine schwarze Weib, das einen andern Vater gehabt hat.« Marion sagte das ganz einfach und unumwunden, weil sie es so empfand. Mit einem bescheidenen Stimmchen sagte sie es, fühlte aber dennoch, daß sie wohl noch eine Erklärung hinzufügen müsse. »Nicht als ob ich gar so brav wäre, ach herrjeh, nein! Aber ich bin doch besser als all die andern, und das kommt durch Vater, denn meine Mutter war auch nur eine Kirmesfrau, und jetzt ist das schönste, was ich sagen kann, »Vater«, und das sagte Markus auch.« Johannes blickte sie mit noch stets traurigen Augen an. »Ja, aber all das Gemeine und all das Häßliche und all das Traurige, das Vater dennoch immerfort geschehen läßt? ... Erst schickt er uns in die Welt hinein, dumm wie wir sind, und er sagt uns nichts, und wenn wir dann Böses tun, weil wir es nicht besser wissen, dann werden wir bestraft. Ist das etwa väterlich?« Marion aber antwortete: »Ja, natürlich. Kees bekommt auch Strafe, damit er lernt, aber jetzt, wo er klug ist und gut gezogen, kriegt er fast gar keine Schläge mehr und nur noch was Gutes, gelt, Kees?« »Aber hast du mir nicht selbst erzählt, Marion, wie du Kees gefunden hast, mager und verschüchtert und voller Räude und sein ganzes Fell kaput vor Hunger und Schlägen, weil ihn ein paar abscheuliche Jungens mißhandelt hatten, und wie er dann noch lange, lange Zeit scheu geblieben ist?« Marion nickte und sagte: »Es gibt abscheuliche Menschen und Teufelskinder, und es wird auch wohl einen Teufel geben. Aber ich bin ein Kind meines Vaters und fürchte mich nicht vor ihm, was immer er auch mit mir tun mag.« »Und wenn er dich nun krank macht, und wenn er es ruhig mit ansieht, wie dich die Menschen mißhandeln, und wenn er dich eine Sünde begehen und vor Reue weinen und dich dann wahnsinnig werden läßt?« Keesje hatte sich ganz langsam von dem Mast heruntergleiten lassen. Zögernd und vorsichtig betastete er Marions Knabenanzug mit seinen schwarzen schmutzigen Händchen. Er wollte schlafen und war an einen weichen Schoß gewöhnt. Allein seine Herrin nahm ihn auf und barg ihn in ihrem Kittel. Darauf gähnte er behaglich wie ein altes Männchen, schloß sogleich die Augenlider und schlief langsam ein, mit einem devoten Gesichtchen und fromm emporgezogenen Augenbrauen. Marion sagte: »Wenn ich es mir einfallen ließe, Keesje zu mißhandeln, so würde er fürchterlich toben, aber er würde trotzdem bei mir bleiben.« »Ja, aber das würde er ebensogut auch bei einem gemeinen Schuft tun,« sagte Johannes. Marion aber schüttelte zweifelnd den Kopf. »Kees ist zwar dumm, viel dümmer als du und ich, aber doch nicht ganz dumm. Er weiß genau, wer es gut mit ihm meint. Auch daß ich ihn nicht zu meinem Vergnügen mißhandle. Und siehst du, Hanni, daß der Vater mich nicht ohne Grund mißhandeln wird, das weiß ich gewiß, ganz gewiß.« Johannes faßte ihre Hand und fragte erregt: »Wie weißt du das? wie weißt du das denn?« Marion lächelte und richtete einen sanften Blick auf ihn. »Genau so gut wie ich weiß, daß du ein braver Junge bist, der mich lieb hat. Das sehe ich dir an, an allerhand Dingen, die ich nicht einmal erklären könnte. Eins kommt zum andern. So kann ich auch sehen, daß Vater es gut mit mir meint. An den Blumen, an den Wollen, an dem glitzernden Wasser. So deutlich, daß ich manchmal fast darüber weinen muß.« Da entsann sich Johannes, wie er einst beten gelernt hatte, und es kam mehr Ruhe in seine aufrührerischen Gedanken. Dennoch aber konnte er, weil er schon gar so lange mit Klauber verkehrt hatte, – es nicht unterlassen zu fragen: »Und warum kann das kein Trug sein?« Keesje wachte plötzlich auf und schaute sich erschreckt nach Johannes um. »Ach, du bist ein Schaf,« sagte Marion ungeduldig. »Das ist nun gerade so, als wenn du fragen wolltest, warum der Sommer nicht mal zufällig der Winter sein kann. Ich erkenne Vater gerade daran, daß er nicht betrügt. Wenn Markus doch jetzt da wäre, dann würdest du tüchtig was abbekommen.« »Ja, wenn er doch da wäre!« sagte Johannes seufzend und schien sich gar nicht davor zu fürchten, daß er »was abbekommen« würde. Darauf ließ Marion freundlicher folgen: »Weißt du, was Markus sagt, Hanni? ... Wenn der Teufel sich vor Gott hinstellt, so durchbohrt das aufrichtige Vertrauen ihm das Herz.« »Soll ich denn etwa dem Teufel vertrauen?« fragte Johannes. »Aber nein, wie wäre das wohl möglich? Das kann niemand. Du sollst nur dem Vater vertrauen. Aber wenn du zufällig den Teufel mal für Vater ansiehst, so schadet das auch noch nichts, denn der weiß mit aufrichtigem Vertrauen nichts anzufangen. Das geht quer durch ihn hindurch und langt schließlich doch beim Vater an.« »O Marion, Marion,« sagte Johannes, während er voll tiefer Rührung die Hände faltete. Sie lächelte glückselig und sagte: »Siehst du, das war nun ein Groschen aus meiner Sparbüchse.« Es ward wirklich ein sehr schöner Tag für Johannes. Er sah die großen hochgetürmten Wolken, die schlanken Bäume in dem weichen Sonnenlicht, die stillen Häuschen am Ufer und den gewaltigen rastlos fortgleitenden Strom, golden glitzernd und violett glänzend, und über sich das tiefe, tiefe Blau, und er flüsterte: – »Vater, Vater.« In einem einzigen Augenblick erkannte er plötzlich in allem, was er sah, die herrlichen wunderbaren Gedanken seines Vaters, die er allzeit anstaunen und jetzt, ganz flüchtig, auch begreifen durfte. Vater sagte ihm das alles wie ein ungeheures Mahnen, daß Er da sei, schön und wahrhaftig, ewig sorgend, allzeit harrend und auch hinter dem Häßlichen und Trügerischen auffindbar. »Wirst du immer bei mir bleiben, Marion?« fragte er innig. »Ja, Hanni, das will ich wohl. Und du bei mir?« Da begann der kleine Johannes kühn und unerschrocken alles mögliche zu versprechen, als wüßte er wirklich alles, was da kommen würde, und als besitze er die Herrschaft über sein ganzes unbekanntes kleines Wesen. »Ja, liebe Marion, ich verlasse dich nicht mehr. Ich verspreche dir, daß wir zusammenbleiben. Aber wie zwei Freunde, ist dir das recht? Keine Liebelei.« »Schön, Hanni, wie du willst,« sagte Marion. Danach ward sie sehr still. Abend ward es, und sie näherten sich dem deutschen Lande. Die Häuschen am Ufer sahen jetzt nicht mehr so frisch und hellfarbig, sondern grau und schmutzig aus. Sie kamen an ein Städtchen, das einen gar häßlichen verwahrlosten Eindruck machte mit seinen braunroten Mauern und grauen Häusern, an denen in verschnörkelten Buchstaben allerhand Aufschriften zu lesen waren. Die Schiffe legten sich auf dem Strom vor Anker und es kamen Zollbeamte. Da sagte Marion, allmählich aus dem stillen Grübeln erwachend, in das sie des Johannes letzte Frage versetzt hatte: »Wir müssen singen, Hanni, denke doch daran, daß Tantes Geld bald alle sein wird, wir müssen uns was verdienen.« »Ob das wohl gehen wird?« fragte Johannes. »Ganz leicht. Du sorgst für die Worte und ich für die Musik. Und wenn es auch nicht gar so schön klingt, das tut nichts, du wirst mal sehen, daß es Groschen regnet, wenn sie auch nichts davon verstehen.« Marion kannte ihr Publikum. Es kam genau so wie sie es vorausgesagt hatte. Als sie zu singen begannen, lauschten ihnen die barschen Zollbeamten, und der alte Schiffer lauschte und die Schiffsleute der umliegenden Schiffe lauschten und die Heizer der Schleppdampfer streckten ihre schwarzen berußten Gesichter aus der Luke des Maschinenraums und lauschten gleichfalls, denn die beiden jungen Stimmen klangen wohllautend und harmonisch über die ruhige Stromesfläche, und es war etwas gar zierliches um diese beiden zarten Bürschlein, etwas Feines und Vornehmes, das ganz anders war als bei anderem fahrenden Volk, und das sofort auffiel, wenngleich sich niemand so recht zu erklären vermochte, woran es eigentlich lag, und man von dem Gesungenen weder den Sinn noch die Worte verstand. Sie sangen erst ihre alten Lieder. Das Falterlied und das wehmütige Liedchen, das Marion allein gemacht hatte und das Johannes ein wenig verächtlich das »Kindermädchenlied« nannte, und auch das, das Marion sich eines Abends im Boot ausgedacht hatte. Aber da sagte Marion: »Jetzt mußt du etwas Neues machen.« Johannes schaute sie ernsthaft an und sagte: »Verse kann man nicht machen, die werden geboren, genau so wie kleine Kinder.« Marion errötete, lächelte verlegen und antwortete: »Was redest du doch für dummes Zeug, Hanni! Es ist nur gut, daß das Weib dich nicht hört; die würde dir ordentlich ihre Meinung sagen.« Aber nachdem sie eine Weile geschwiegen, fuhr sie fort: »Ich glaube doch, daß du Unsinn sagst, Hanni. Wenn ich Lieder mache, dann kommt die Musik wohl von selbst, aber dann muß ich sie doch zurecht machen, ich muß sie machen, ausdenken, weißt du. – Es ist gerade so«, fuhr sie nach kurzer Pause fort, »als käme eine Horde Kinder hereingestürmt, alle wild durcheinander, und als ob ich sie dann genauso wie eine Schullehrerin je zu zweien und in einer Reihe gehen lasse und ihnen die Kleider glatt streiche und ihnen Blumen in die Hände gebe und sie so marschieren lasse. So mache ich Lieder, und so mußt du Verse machen – versuch's doch mal so.« »Nun ja,« sagte Johannes, »aber die Kinder müssen dann doch erst von selber kommen.« »Sind die denn nicht schon da, Hanni?« Johannes dachte nach und starrte in die weite Kuppel des abendlichen Himmels, an dem die bleichen Sterne zu leuchten begannen. Er dachte nach über seinen schönen Tag und über alles, was ihm durch den Sinn gegangen war. »Uebrigens,« – sagte Marion ziemlich trocken – »wirst du wohl müssen, ob du willst oder nicht, um nicht zu verhungern.« Da ging Johannes, durch diese Möglichkeit scheinbar aufs äußerste erschreckt, und suchte Papier und Bleistift. Und wahrlich, da kamen die Kinder auch schon in ungeordneten Trupps daher und wurden von ihm in Reih und Glied aufgestellt und mit Blumen geschmückt. Erst schrieb er dies: »Was ist der lichte Sonnenschein, »der große ruhelose Rhein, »das Land mit seinem Leben, »des Stromes Glanz, der Falter Tanz, »der sommerliche Himmel ganz, »daran die Wölkchen schweben? »Der Vater denkt, und seinen Traum »in Sonn' und Himmel, Feld und Baum »läßt ewig er mich schauen – »ich hab' die Botschaft wohl empfah'n »und all mein Herze wird fortan »dem Wunder still vertrauen.« Marion las es und sagte langsam, während sie nachdenklich mit dem Kopf nickte: »Nicht übel, Hanni, aber ich fürchte, daß ich dazu kein Liedchen machen kann, wenigstens jetzt nicht. Ich muß etwas haben, in dem mehr Leben und Bewegung ist. Dies ist so schwermütig. Ich muß etwas haben, das tanzt. Kannst du nicht etwas von den Sternen sagen? Die gefallen mir immer so gut, oder von dem Fluß oder von der Sonne oder vom Herbst?« »Ich werde es versuchen.« sagte Johannes, während er auf die glitzernden Pünktlein schaute, die in immer größerer Zahl an dem dunkler und dunkler werdenden Nachthimmel aufleuchteten. Darauf machte er das folgende Lied, dem Marion sofort eine Melodie gab, und das darauf von ihnen gemeinsam gesungen wurde. »Die stillen Sterne klommen »gen Himmel, zwei zu zwei'n, »Und ihre Füßchen glommen »wie Gold auf blauem Stein. »Und als hinauf sie kamen »und schauten herab von dem Kranz, »da sangen sie zusammen »ein Lied von lauter Glanz.« Das klang gut. Ihre jungen Stimmen flossen zusammen, wanden sich wie zierliche Guirlanden, wie zwei geschmeidige spielende Fischlein in klarem Wasser und umflatterten sich wie zwei Falter im Sonnenschein. Der alte gebräunte Schiffer schmunzelte vergnügt und die Heizer mit ihren berußten Gesichtern blickten sich lächelnd an. Sie verstanden es zwar nicht, hielten es aber ganz bestimmt für ein luftiges Liebesliedchen. Wohl drei-, viermal wiederholten die Kinder den Gesang, bis sich die Nacht langsam herabsenkte. Aber Johannes hatte noch mehr zu sagen. Die Sonne und der köstliche Sommertag, der nun dahingeschwunden, hatten in ihm ein süßes wehmütiges Verlangen gewellt, und das wollte er nun besingen. Er lag auf Deck und schrieb im matten Schein der Schiffslaterne die folgenden Verse: »O Sommerlicht, o Sonnenschein, »ach! Könntet Ihr doch bei mir sein »in langer banger Winternacht. »Der schönste Glanz ist Euch zerronnen, »und nicht mehr wecket hehre Wonnen »Euer flammend Schreiten. »Und allerorten klinget sacht »ein Todesläuten.« Während er sie vorlas, begann seine Stimme bei der letzten Zeile vor Rührung zu zittern. »Das ist schön, Hanni,« sagte Marion, »das wird mir bald gelingen.« Und nachdem sie etwa ein halbes Stündchen gesucht und probiert, hatte sie eine süße sehnsüchtige Weise gefunden, nach der das Lied gesungen werden sollte. Und sie sangen es in der Dunkelheit und wiederholten das vorige, bis ein ganzer Trupp Straßenmusikanten lärmend aus einer am Ufer gelegenen Kneipe kam und ihre zarte Stimmung durch einen sehr laut und sehr falsch geblasenen Kriegermarsch verscheuchte. »Still jetzt,« sagte Marion, »gegen den Spektakel können wir doch nicht ankommen. Aber das tut nichts. Wir haben jetzt schon zwei, das Sternenliedchen und das Herbstlied. Wenn's so weiter geht, werden wir reich. Und aus dem Vaterlied werde ich wohl auch was machen können. Morgen vielleicht, heute haben wir wenigstens unser Tagesgeld verdient und können uns zufrieden aufs Ohr legen. Gehst du mit, Hanni?« »Marion,« sagte Johannes nachdenklich und einen Augenblick zögernd, ehe er ihr folgte, »weißt du, wer Klauber ist?« »Nein,« sagte Marion kurz. »Weißt du, was der sagen würde?« »Nun?« fragte Marion gleichgültig. »Daß du ganz und gar unmöglich bist.« »Unmöglich? warum denn?« »Weil du nicht bestehen kannst, würde er sagen. Solche Wesen bestehen nicht und können nicht bestehen.« »O, der meint gewiß, daß ich nur fluchen und stinken und Schnaps trinken kann, ist's nicht so? Weil ich ein Kirmesmädel bin, he?« »Ja, so etwas Aehnliches würde er sagen, und auch das vom Vater würde er lauter Geschwätz nennen. Wolken bestehen aus Wasserdampf und der Sonnenschein aus Schwingungen, sagt er, und das ist alles. Daß jemand damit etwas zum Ausdruck bringen sollte, das ist lauter Unsinn, sagt er.« »Das sagt er denn doch gewiß auch von einem Heft Notenpapier voller Noten?« fragte Marion. »Das weiß ich nicht,« antwortete Johannes, »aber wohl sagt er, daß das Licht und die Dunkelheit im Grunde genommen eins sind.« »O, dann kenne ich ihn schon. Sag der nicht auch, daß es dasselbe ist, ob man auf dem Kopf oder auf den Füßen steht?« »Ja, ja, der ist es,« sagte Johannes erfreut. »Und was hast du darauf zu erwidern?« »Daß er meinetwegen auf seinem Kopf stehen bleiben und verrecken kann.« »Ist das alles?« fragte Johannes zaghaft. »Aber natürlich,« antwortete Marion sehr bestimmt. »Soll ich ihm denn etwa auseinandersetzen, daß es am Tage hell und in der Nacht dunkel ist? Aber wie kommst du denn mit einemmal auf den Duckmäuser zu sprechen?« »Ich weiß nicht,« sagte Johannes, »vielleicht durch die Musikanten.« Darauf stiegen sie in den Schiffsroof hinab, wo Keesje bereits zusammengekauert und leise schnarchend auf der breiten ledergepolsterten Bank lag, die den beiden Kindern als Schlafstätte diente. Um zweiten Tage kamen sie am großen Dom vorüber, der damals zum Glück noch nicht fertig war und Johannes an einen wundervollen, rauh bewachsenen Fels erinnerte. Und als er hörte, daß man ihn wirklich fertig machen wolle bis zum höchsten Türmchen, da empfand er eine große Ehrfurcht vor diesen kühnen Menschen und ihrer herrlichen Schöpfung. Er wußte damals noch nicht, daß die Menschen oftmals besser daran täten, es bei schönen Phantasien zu lassen, weil vollendete Werke auf Erden oft nüchterner und weniger schön sein können als unausgeführte Pläne. Und als er endlich am dritten Abend in die Berge kam, war er gänzlich erfreut. Das war einmal eine lustige Welt. Zu beiden Seiten fuhren hell erleuchtete Dampfer über den Rhein, die mit fröhlichen, essenden und singenden Menschen überfüllt waren. Mattrot erglänzte die Flut in dem Abendlicht zwischen den dunklen Weinbergen. Musik erklang auf dem Wasser, Musik erklang von beiden Ufern. Die Menschen saßen auf den Terrassen am Wasser und in den Lauben, von buntfarbigen, brennenden Lampen umgeben, und tranken goldgelben Wein aus grünen Kelchen. Vom Ufer her hörte man leises Lachen und Gläserklirren. Und singend kamen sie von den Bergen herunter, in Hemdsärmeln, während sie den Rock an einem krummen Stabe über der Schulter trugen. Der Abendhimmel flammte im Westen und rot erglühten der Porphyr und das Rebenlaub der weinbewachsenen Felsen. Hurra, hier durfte man fröhlich sein. Hier schien das Leben wahrlich eitel Freud und Hopsasa! Johannes und Marion gingen an Land und sagten ihrem treuen Fahrzeug Lebewohl. Johannes war sehr wehmütig gestimmt, als er das liebe Schiff verlassen sollte, denn er war noch ein gefühlvoller kleiner Kerl, der sofort mit ganz feinen Fädchen dort festwuchs, wo er glücklich war. Und dann tat Scheiden weh. Jetzt gingen sie an die Arbeit, um sich ihr Brot zu verdienen. Auch um Keesjes faule Tage war es nun geschehen. Er bekam sein rotes Röckchen wieder an und mußte in die Bäume klettern und auf einem kleinen Teller das Geld einsammeln. Und die Kinder mußten ihre Liedchen singen, bis Johannes sie gar nicht mehr schön, sondern entsetzlich langweilig fand. Aber sie verdienten viel, viel mehr als Markus mit seinem Scherenschleifen. Die dicken Herren mit ihren aufgezwirbelten Schnurrbärten und die geputzten parfümierten Damen, die auf den Terrassen der Hotels saßen, betrachteten sie allerdings wohl unerträglich herausfordernd und machten allerhand schlechte Witze über sie, die Johannes nur halb verstand, und die sie selbst aus vollem Halse belachten – aber zum Schluß gaben sie doch meistens etwas, manchmal Kupfer, aber hin und wieder auch Silbergeld, bis die tadellos frisierten Kellner in ihren schwarzen Fracks und weißen Oberhemden sie wütend davonjagten, sicherlich weil sie fürchteten, daß ihre eigenen Trinkgelder dadurch geschmälert werden könnten. Es war Marion, die anordnete, was geschehen sollte, die niemals verlegen war, die den Kellnern schlagfertige Antworten gab und die allzeit Rat wußte. Und wenn sie ein wenig allzuviel gesungen hatten, dann begann sie mit Tellern zu werfen und zu balancieren. Die fremde Sprache beherrschte sie vollkommen, und sie war es auch, die stets für ein Nachtquartier sorgte. Ueber das Publikum, diese dummen, hochmütigen, selbstzufriedenen Menschen, die einzig und allein an ihr eigenes Vergnügen zu denken schienen, ärgerte Marion sich weniger als Johannes. Wenn ihm die Tränen in den Augen standen ob ihrer Grobheit und ihres Hochmutes, oder wenn er wütend ward über ihre dummen Witze, dann lachte Marion laut auf. »Aber fühlst du das denn nicht, Marion?« fragte Johannes entrüstet, »stört dich denn das nicht, daß sie alle zu denken scheinen, daß sie schöne vornehme glückliche Menschen und etwas viel Besseres sind als du und ich? Während sie im Grunde genommen dumm sind und häßlich.« Und er dachte an die Menschen, die ihm Wistik gezeigt. »Nun, und was kümmert mich das?« sagte Marion fröhlich, »wir leben doch davon. Wenn sie nur zahlen, im übrigen können sie mir gestohlen werden. Kees ist noch viel häßlicher. Und den lachst du aus, ebenso wie ich. Warum lachst du denn die dummen Menschen nicht auch aus?« Nach langem Nachdenken erwiderte Johannes: »Kees macht mich niemals wütend, aber manchmal, wenn er einem Menschen sehr ähnlich sieht, dann muß ich über ihn weinen, weil er so 'n armes schmutziges Kerlchen ist. Die Menschen aber machen mich wütend, weil sie sich so furchtbar viel einbilden.« Marion schaute ihn sehr innig an und sagte: »Was für ein guter Junge bist du doch! Sieh mal, die Menschen – und das Publikum – habe ich immer nur als die Leute angesehen, von denen man sein Geld haben muß. Dabei fühle ich nichts anderes als: Geld. Im übrigen pfeife ich auf sie. Aber du pfeifst nicht auf sie, und darum bist du besser als ich. Darum habe ich dich lieb.« Und schüchtern schmiegte sie ihr blondes Köpfchen mit dem glänzenden kurz geschnittenen Haar an seine Schulter, ein wenig ängstlich seiner harten Mahnung »keine Liebelei« eingedenk. Die Tage waren lustig, weil das Leben so frei und ungebunden war und weil es so viel Freude machte, Geld zu verdienen, und weil der Spätsommer in den Bergen so wunderbar schön war. Die Nächte aber waren weniger spaßhaft. O, mit was für schmutzigen Kammern und Betten mußten sie fürlieb nehmen, weil Kirmesleute sich nun einmal nichts Besseres leisten können. Es stank dort immer so nach Zwiebeln und gebratenem Fett und nach viel Schlimmerem noch. An der Wand neben dem Kopfkissen waren oft so verdächtige Flecken und die dicken Bettdecken waren so warm und so weich und so unsauber. Auch ohne tatsächlichen Grund, vor lauter Einbildung, juckte es Johannes schon am ganzen Körper, wenn ihnen ihr zweifelhaftes Nachtquartier mit viel Aufhebens als ein »sehr sauberes Zimmer« angepriesen wurde. Marion nahm das alles viel ruhiger auf und schlief stets sofort ein, während Johannes oft stundenlang wach lag und vor lauter Unruhe über den Schmutz nicht einschlafen konnte. »Wenn man nur nicht daran denkt, dann schadet's nicht,« sagte sie, »all die andern Menschen leben doch auch darin.« Und was Johannes ferner noch an Marion bewunderte, das war, daß sie deutschen Beamten, Gendarmen, Offizieren und sich sehr vornehm dünkenden Bürgern gegenüber stets so unerschrocken auftrat. Ehrlich gestanden, fürchtete Johannes sich sehr vor dieser Art von Menschen. Ein Bahnbeamter mit seiner barschen, unfreundlichen Stimme, ein Schutzmann mit seinen unverbindlichen Manieren, ein hochbrüstig einherschreitender links und rechts auf die Welt herabblickender Offizier, ein sich laut räuspernder Herr mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und edelsteingeschmückten Fingern, der sich mit weithin schallender Stimme Schaumwein bestellte und von sich selber außerordentlich eingenommen zu sein schien – sie alle erweckten in Marion Spottlust und in Johannes eine heimliche Angst. Er fürchtete sich vor all diesen Wesen wie vor unbekannten gefährlichen Tieren, und konnte es nicht begreifen, wie Marion ihnen gegenüber stets so ruhig, ja manchmal sogar recht unverschämt sein konnte. Als ein Gendarm sie eines Tages nach ihren Pässen fragte, hatte Johannes das Gefühl, als sei nun alles verloren. Der schnarrenden Stimme, der breiten Brust mit den blitzenden Metallknöpfen und der entschiedenen Forderung gegenüber, die Papiere stehenden Fußes vorzuzeigen, hatte Johannes die Empfindung, als befände er sich der Gesamtmacht des großen Deutschen Reiches gegenüber, und als habe er in Ermangelung des Verlangten keinerlei Gnade mehr zu erhoffen. Aber voller Bewunderung hörte er, wie ihm Marion auf holländisch zuflüsterte: »Ach was, Junge, laß dich doch durch den dummen Kerl nicht einschüchtern.« Daß sie den Mut hatte, solch eine einflußreiche Persönlichkeit einen »dummen Kerl« zu nennen, das war in seinen Augen eine bewundernswerte Kühnheit, und er schämte sich seiner eigenen Feigheit gar sehr. Und wirklich gelang es Marion, den Vertreter der deutschen Macht mit der größten Zungenfertigkeit und nach Vorzeigung einiger Geldstücke zu einem etwas sanfteren Ton zu bewegen und seiner Aussicht endlich völlig zu entrinnen. Anders aber erging es ihnen, als Keesje es eines Tages in sein dummes Affenköpfchen bekam, hinter dem Rücken eines nichts ahnenden Leutnants, auf dessen Stuhllehne sitzend, über die blitzende Epaulette hinweg nach seiner dicken Zigarre zu greifen, wahrscheinlich um doch endlich einmal festzustellen, was für ein geheimnisvoller Genuß wohl in solch einem Ding verborgen sein mochte. Statt der Zigarre bekam Keesje den hoch aufgezwirbelten Schnurrbart zu packen und hielt ihn in seinem nervösen Schrecken, und als er merkte, daß er etwas Unrechtes getan, krampfhaft fest. Ein erschreckter, gepeinigter und endlich von allen Seiten ausgelachter Leutnant war so etwa das Entsetzlichste, was sich Johannes in menschlicher Gestalt vorzustellen vermochte. Er erwartete also nicht viel weniger als ein Vorspiel zum jüngsten Gericht – das Ende aller Dinge. Was dann geschah, das vermochte er in seiner Erinnerung nicht mehr genau auseinander zu halten. Es gab einen allgemeinen Aufruhr, ein Knarren und Klirren eiserner Stühle und Tische und ein gewaltiges Gekreische von feiten Keesjes, der sich anstellte wie die ermordete Unschuld. Aus des Leutnants hochrotem Antlitz hörte Johannes zuerst ein Wort, das andeutete, er habe ihn wegen Ungeziefers im Verdacht. Das ließ ihn indessen völlig kalt, denn er freute sich gerade ganz besonders darüber, daß er bisher ohne Läuse davongekommen war. Darauf sah er, wie nicht der schreiende Kees, sondern Marion selbst, die den Affen an sich gerissen hatte und mit ihm flüchten wollte, gepackt und tüchtig durchgeprügelt wurde. Da wandelten sich plötzlich seine Gefühle, gleich als würde in dem Theater seiner Seele die Szenerie »Gefängnis« links und rechts weggeschoben, um einer »Gebirgslandschaft im Gewitter« Platz zu machen. Im nächsten Augenblick schon befand er sich auf dem Rücken des langen Leutnants und schlug, schlug aus Leibeskräften drauf los. Erst auf etwas, das zu wenig nachgab, nämlich auf einen blitzenden schwarzen Helm, danach auf weichere Dinge, vermutlich auf Hals und Ohren. Und gleichzeitig fühlte er sich während einiger Sekunden außerordentlich froh und glücklich. Indessen wandelte sich auch dieser Zustand wieder im Handumdrehen, denn plötzlich fühlte er sich von Griffen, wie aus Eisen bezwungen und auf die staubige Landstraße geschleudert, die sich vor der Terrasse hinzog. Darauf Marions Stimme, leise und hastig: »Hast du dir weh getan? Kannst du gehen? Schnell dann, aber wie der Teufel!« Ohne zu begreifen warum, tat Johannes was sie ihn geheißen. Die Kinder rannten schleunigst den Abhang hinunter, krochen durch das Strauchgewächs eines Parks, kletterten über ein paar niedrige Mauern und flüchteten dann in ein kleines am Ufer des Flusses gelegenes Haus, wo eine alte Frau mit einem schwarzen Kopftuch gerade damit beschäftigt war, Hühner zu rupfen. Arme und Geringe hatten Johannes und Marion stets freundliche Hilfe zuteil werden lassen, und auch jetzt wurden sie nicht abgewiesen, trotzdem sie sofort eingestanden, daß die Polizei ihnen vermutlich wohl nachspüren würde. »Ja, Ihr Racker,« sagte die alte Frau mit verschmitztem Lächeln, »dann müßt Ihr nur in den Schweinestall. Da suchen sie nicht, denn da stinkt es ihnen zu sehr. Aber paßt auf, wenn ihr mir die Rike wach macht oder wenn euer Gorilla etwa anfängt mit ihr zu raufen!« Da saßen die beiden nun im Stall bei der dicken Rike, dem Schwein, das die Gäste grunzend willkommen hieß. Es begann zu regnen und sie verhielten sich mäuschenstill, auch Keesje, der es unbestimmt zu empfinden schien, daß er an diesem traurigen Zustand schuld war. Marion flüsterte: »Wer hätte wohl gedacht, Hanni, daß du so viel Kurage haben würdest? – Jetzt war ich bange und du schlugst ihm auf den Kopf. Famos, weißt du – darf ich dir jetzt einen Kuß geben?« Schweigend ließ sich Johannes diesen Dank gefallen. Dann fuhr Marion fort: »Aber wir sind beide dumm gewesen, ich, weil ich während der Musik nicht auf Kees geachtet habe, und du, weil du mich verraten hast.« »Verraten?« fragte Johannes verwundert. »Natürlich,« sagte Marion, »du hast doch gerufen, daß ich ein Mädchen bin.« »Habe ich das getan?« fragte Johannes. Er hatte es schon ganz vergessen. »Ja,« sagte Marion, »und jetzt sitzen wir wieder in der Tinte, ganz und gar, weißt du das wohl? Denn hier darf man sich nicht verkleiden, das ist noch viel schlimmer, als wenn man einen Leutnant prügelt. Wir müssen wieder durchbrennen.« »Hat er dich arg geschlagen?« fragte Johannes, »tut es dir noch weh?« »Ach,« antwortete Marion leichthin, »ich habe in meinem Leben schon schlimmere Haue bekommen.« An jenem Abend wurden sie, sobald es zu dunkeln begann, durch den Winzer, den Sohn der alten Frau, aus Rikes gastfreundlicher Behausung befreit und in einem kleinen Ruderboot über den Rhein gesetzt. An einem stillen sonnigen Frühmorgen gelangten sie in einen kleinen mitten in den Bergen gelegenen Badeort. Es war noch nicht sieben Uhr. Ein leichter Nebel hing um die dunkelgrünen Wipfel, und Tau glänzte auf dem schönen grünen Rasen und auf den flammend roten Geranien, den weißen purpursternigen Nelken und den süßriechenden Reseden, die im Park wuchsen. Die Musik spielte zwar lustig und die elegant gekleideten Damen und Herren ergingen sich in einer mit Marmorfliesen belegten Wandelbahn, nachdem sie, um gesund zu werden, pflichtmäßig, wie man es ihnen befohlen, das warme salzige Wasser aus der Quelle getrunken hatten. Marion suchte stets solche Orte auf, weil es dort am meisten zu verdienen gab. Es waren auch schon ein paar Konkurrenten da. Ein Kraftmensch mit seiner kleinen Tochter; sie trugen beide rosafarbene Trikots, und schwarze, mit Flittern benähte Samthosen. Aber ach, die sahen gar so schmutzig und geflickt aus. Das Mädchen war viel jünger als Marion und hatte ein dummes freches Gesicht. Sie lief auf den Händen, so daß ihre Beinchen über ihrem dunkeln Lockenkopf hin und her baumelten. Johannes war diese Begegnung nichts weniger als angenehm. Marion und er gehörten zu den Vornehmen unter dem fahrenden Volk. Ihre Kittel und ihre Mützen sahen allerdings auch nicht gerade mehr allzu frisch und neu aus. Aber was sie trugen, das war doch wenigstens ganz, auch ihre Schuhe; Johannes hatte noch immer seinen hübschen Stadtanzug, und Marion trug einen samtnen Jungenskittel aus dem Zirkus. Mit dem schofeln Herkules und seinem Töchterchen ließen sie sich nicht ein. Marion allerdings nur aus Aerger über die Konkurrenz, Johannes aber aus Stolz, das fühlte er sehr wohl. Ihm taten sie leid, der grobe Mann mit dem brutalen Gesicht und das arme halb stumpfsinnig gewordene Akrobatenkind. Aber daß er selbst nun ihr Fachgenosse und in den Augen all dieser vornehmen Badegäste ihresgleichen war, das wollte ihm nicht in den Sinn. Es stimmte ihn traurig. Er wollte nicht singen und ging träumerisch zwischen den Blumenbeeten einher, ungeborene Verse und eine tiefe Wehmut im Herzen. Er dachte an sein väterliches Haus und den Gemüsegarten, an die Dünen, an den Herbsttag, da er zu dem Gärtner auf Robinettas Landgut gekommen, an Windekind, an Markus und an Tante Verenas Blumengarten. Die Blumen schauten ihn an mit ihren weit geöffneten ernsthaften Aeuglein. Die Nelken, die steifen Zinnien, die gelbflammigen Sonnenblumen. Sie alle waren allem Anschein nach voll tiefen Mitgefühls, und ihm war es, als flüsterten sie sich heimlich zu: »Seht mal den armen kleinen Johannes! Wißt ihr noch, wie er im Elfen- und Blumenreich unser Gast war? So jung und so froh! Jetzt ist er traurig und verlassen. Ein armer Kirmesjunge, der singen muß, um sich sein Brot zu verdienen. Ist das nicht entsetzlich?« Und die weißen Nelken mit dem purpurnen Herzen wiegten sich mitleidig, und die großen Sonnenblumen ließen den Kopf hängen und blickten traurig vor sich hin. Die Sonne schien so still und so prächtig, die spitzen Resedadolden dufteten so süß, und als Johannes an ein Beet voll schmachtend blauer Lobelien kam, die vor lauter Mitleid blitzende Tautränen in den Augen hatten, da überkam ihn auch ein solches Mitleid mit dem kleinen Johannes, daß er sich auf eine Bank setzte und laut zu weinen begann. Und gleichsam, als hätten der dicke Kapellmeister und seine Musikanten, welche, die goldgestickten Mützen auf dem Kopf, in dem hinter grünen Büschen versteckten Musiktempel spielten, seinen Zustand gar wohl erraten, ließen sie eine sehr gefühlvolle wehmütige Volksweise ertönen. Marion indessen vergaß die Geschäfte nicht, sondern jonglierte eifrig auf der Marmoresplanade mit Tellern, Aepfeln und Eiern. Johannes sah das und schämte sich wohl ein wenig. Er versuchte Verse zu machen und begann also: »Ach roter Geranium, wohl mir vertraut, »Lobelia, so zart und blau, »Wie kommt's, daß so trüb' ihr ins Aug' mir schaut? »Um wen weint im Morgenlicht »Denn euer Angesicht »Tränen, die funkeln gleich Tau? »Ach, kennt ihr mich noch?« ... Aber weiter kam er nicht, weil es ihm gar zu wehmütig ums Herz war und er auch kein Papier bei sich hatte. Da kam Marion auf ihn zu: »Was sitzt du nun da und träumst, Hanni, und läßt mich allein für alles sorgen? Wenn es nachher was zu essen gibt, dann wirst du wohl zur Stelle sein.« Sie sprach ein wenig scharf, und so war es kein Wunder, daß Johannes verdrießlich antwortete: »Ich denke eben nicht immer an Geld und an Essen so wie du.« Das traf sie empfindlicher, als er gedacht hatte, und die Sonne funkelte jetzt nicht nur in dem Tau der Lobelien, sondern auch auf klaren Tröpflein in zwei hübschen Mädchenaugen. Marion wurde indessen gar nicht böse, sondern sagte sanft: »Machtest du Verse?« Johannes nickte schweigend. »Sei mir nicht böse, Hanni, darf ich mal hören?« Und Johannes hub an: »Ach roter Geranium, wohl mir vertraut, »Lobelia, so zart und blau, »Warum denn so innig ins Aug' ihr mir schaut? »Warum schon im Morgenlicht weint euer Angesicht »Tränen, die funkeln gleich Tau? »Ach, denkt ihr noch alter Zeit? ...« Und wiederum blieb er stecken und schwieg, während er trüben Blickes vor sich hinschaute. »Willst du das fertig machen?« fragte Marion voll heimlichen Respektes. »Bleib du nur hier, dann werde ich ihnen schon allein was vorgaukeln.« Und sie begab sich wiederum zu der Pantoffelparade, mit Keesje, ihren Aepfeln und ihren Eiern. Da blickte Johannes auf, und vor sich sah er plötzlich etwas so Anmutiges und Liebliches, daß ihn eine gänzlich unbekannte Empfindung überkam. Es war ihm, als habe er bisher in einem Zimmer mit bemalten Wänden gewohnt, auf denen Bäume und Berge und Wasserfälle und ein blauer Himmel abgebildet gewesen – und als ob nun diese Wände plötzlich verschwänden und er den echten blauen Himmel und echte Wälder und Flüsse um sich her sähe. Der sonnige blumenreiche Park des Badeortes war von steilen Porphyrfelsen begrenzt. An ihrem Fuß längs des dunkelklaren Wassers eines kleinen Stromes waren sie mit Schatten spendendem Buschholz dicht bewachsen. Da kam ein schmaler Pfad aus den Bergen, und auf dem Pfade gingen zwei Kinder Hand in Hand, mit seinen Stimmchen sich eifrig unterhaltend. Es waren zwei kleine Mädchen von neun und zehn Jahren. Sie trugen schwarze Sammetkleidchen, die durch einen Gürtel aus buntem Bande – die eine hatte ihn rot, die andere elfenbeinfarben – gehalten wurden, hübsche glatt anschließende Strümpfe in derselben Farbe wie der Gürtel und feine, ausgeschnittene Schuhe. Sie gingen beide barhäuptig und hatten dickes goldblondes Haar, das in schweren glänzenden Wellen über den schwarzen Sammet herniederfloß. Die Musikanten – gleich als hätten sie auch das schon wieder erraten – spielten jetzt eine liebliche Tanzweise, und die beiden Mädchen rührten mit spielerischer Fröhlichkeit ihre schlanken Beinchen nach dem Takt. Eins, zwei, drei, eins, zwei, drei tanzten sie – den Dreischritt, wie die Kinder zu sagen pflegen – die Hände ineinander verschlungen. Und was Johannes empfand, als er das sah und hörte – ich will nicht einmal versuchen, euch das zu schildern, denn er selbst hat es auch niemals vermocht. Denkt euch nur, daß es etwas sehr Wunderbares war und auch etwas Geheimnisvolles, denn es erinnerte ihn an Windekinds Elfenland – er wußte selber nicht warum. Zum erstenmal schien es ihm, als sei aus jenem Herrlichen Lande, dem Lande von Windekind und Vater Pan, etwas in das gewöhnliche Menschenleben herübergekommen. Das waren die beiden Mädchen, die auf dem Bergpfad einhergingen und ihre schlanken Füßchen nach dem Takt der Musik bewegten. So gingen die Kinder Hand in Hand durch den Park, ab und zu ein wenig rascher laufend, und sie lachten hin und wieder und machten auch wohl bei einer Blume oder einem Schmetterling Halt, bis sie endlich zwischen all die auf- und abwandelnden Menschen gerieten und in einem großen Hotel verschwanden. Johannes war ihnen gefolgt, sich wundernd, worüber sie sich wohl so eifrig unterhalten mochten, voller Aufmerksamkeit für ihre vornehmen Manieren, ihre reizenden Stimmchen und anmutigen Bewegungen, ihre kostbare Kleidung, ihre schönen Haare und ihre schlanken Gestalten. Als er zu Marion zurückkehrte, mußte es ihm wohl auffallen, wie viel weniger schön sie war mit ihrem dürftigen mageren Körper und den blassen Zügen, mit ihren großen Händen und Füßen und dem kurzgeschnittenen weißblonden Haar. Seine Begegnung erwähnte Johannes mit keinem Wort; aber er war sehr still und in sich gekehrt. Und infolgedessen war auch Marion längst nicht so lustig wie sonst. Als sie an jenem Nachmittag wieder die Runde durch den kleinen Ort machten, um bei den Familien zu sammeln, die vor den Hotels und in den Lauben saßen und deutscher Sitte gemäß Kaffee mit Kuchen genossen, da fühlte Johannes, wie ihn in der Nähe des großen Hotels, in dem die beiden Mädchen verschwunden waren, eine seltsame Unruhe überkam. Sein Herz klopfte laut und er konnte nicht mehr singen. Und jawohl, als sie näher kamen, hörte er die nämlichen zwei Vogelstimmchen, die ihm den ganzen Tag in den Ohren geklungen, fröhlich aufjauchzen. Das galt nicht dem kleinen Johannes, sondern Keesje. Es war das erstemal, daß Johannes ernstlich eifersüchtig auf ihn ward. Eine wohllautende Stimme rief sanft, aber ermahnend zwei Namen: »Olga! – Frieda!« Johannes war aber viel zu befangen und zu bestürzt, um gut wahrzunehmen, was er sah. Sie waren es, die beiden lieben Kinder, die er des Morgens zum erstenmal erblickt hatte, und sie traten dicht an ihn heran und sprachen mit Keesje. Ihre Mutter rief sie zurück, und da baten und bettelten die Kinder mit ihren süßen Schmeichelstimmchen, ob der reizende Affe denn nicht ein wenig näher kommen dürfe und ob sie ihm Kuchen geben dürften und ob er nicht ein paar seiner Künste zeigen könne. Es war Johannes, als wandle er durch einen Nebel, als wäre alles ringsumher undeutlich und verschwommen. Dasselbe Gefühl hatte er damals gehabt, als er in Robinettas Haus den feindlichen Menschen gegenüberstand. Aber damals war es qualvoll und entsetzlich gewesen, jetzt aber war es schön und freudig. Er hörte wie aus weiter Ferne ein lautes Stimmengewirr und das Klirren von Flaschen und Schüsseln und Geschirr. Er fühlte die Berührung der weichen Mädchenhände und wurde zu dem Tischchen geführt, von wo die mahnende Stimme erklungen. Dort saßen eine Dame und ein Herr. Keesje bekam was Gutes zu essen. »Kannst du singen?« fragte eine Stimme auf Deutsch, Da erst fiel es Johannes ein, daß die beiden Mädchen Englisch gesprochen hatten. Marion stimmte ihre Guitarre und versetzte ihm einen derben Rippenstoß, weil sie fand, daß er sich wieder gar so unbeholfen anstellte. Da sangen sie das letzte Liedchen, das Johannes am Morgen gedichtet und das Marion sofort in Musik gesetzt hatte. »Ach roter Geranium, wohl mir vertraut, »Lobelia so zart und blau, »Wie kommt's, daß so trüb' ihr ins Auge mir schaut? »Um wen weint im Morgenlicht denn euer Angesicht »Tränen, die funkeln gleich Tau? »Ach, wißt ihr's wohl noch aus alter Zeit, »Da die liebliche Nachtigall sang, »Da die Elfen tanzten in duftigem Kleid, »Und das Mondlicht so still und der Himmel so weit, »Und die Welt so jung und so bang? »Ach roter Geranium, wohl mir vertraut, »Lobelia so zart und fein, «Die Sonne ward finster, der Himmel grau, »Der Nachtwind geht kalt und die Welt wird alt, »Bald wird Herbst gekommen sein.« Johannes hatte jetzt wieder mit klarer Stimme gesungen. Nun, da es darauf ankam, war die Angst plötzlich aus seiner Kehle gewichen. Da hörte er den Herrn voller Staunen sagen: »Sie singen Holländisch«; und sie mußten ihr Liedchen wiederholen. Johannes sang voller Begeisterung, wie noch nie zuvor. Seine ganze Traurigkeit und all seine unbestimmte Sehnsucht sang er jetzt hinaus. Marion begleitete ihn bescheidentlich, indem sie leise in die Saiten griff und die zweite Stimme dazu sang. Aber die Musik war doch ganz und gar von ihr. Der Eindruck, den sie auf die Familie an dem kleinen Tischchen machten, war auch ein völlig anderer als der, den sie bisher auf die anderen gemacht. Die vornehme Dame ließ mit sanfter hoher Stimme ein langgerecktes »Ah« vernehmen und sah sich das Pärchen durch eine Lorgnette, die an einem langen Schildpattgriff befestigt war, aufmerksam an. Der Herr sagte aus holländisch: »Vortrefflich«, »Sehr eigenartig.« Die kleinen Mädchen klatschten in die Hände und riefen einmal übers andere: »Bravo, bravo!« Johannes fühlte, wie seine Wangen vor Freude und Genugtuung glühten. »Kommt mal ein wenig näher, ihr jungen Leutchen«, sagte darauf die vornehme Dame, während sie ihre langstielige Lorgnette in den Schoß legte. Sie sprach jetzt auch holländisch, aber mit einem fremdländischen Akzent, der Johannes sehr vornehm in die Ohren klang. »Erzählt mir mal«, sagte sie freundlich, »woher ihr kommt und wo ihr das schöne Liedchen herhabt.« »Wir kommen aus Holland, gnädige Frau«, antwortete Johannes bescheiden und ein wenig verwirrt, »und das Liedchen haben wir selbst gemacht.« »Selbst gemacht?« wiederholte die Dame mit liebenswürdigem Erstaunen, während sie den neben ihr sitzenden flüchtig anblickte, »die Worte oder die Musik?« »Beides«, sagte Johannes, »ich die Worte und mein Freund die Musik.« »So, so, so«, sagte die Dame, während, sie seine spaßige Selbstzufriedenheit freundlich belächelte. Dann durften sie sich beide an den kleinen Tisch setzen, und bekamen Kaffee und Kuchen. Johannes fühlte sich glücklich und verherrlicht. Aber seine beiden lieben Mädchen hatten nur noch Augen für Keesje, den sie vorsichtig zu streicheln versuchten. Wenn Kees dann ein wenig ungestüm den Kopf wandte oder sie mit seinen stechenden braunen Äuglein scharf anblickte, zogen sie scheu und erschreckt und mit kleinen belustigenden Angstrufen ihre Händchen zurück. Wie eifersüchtig war Johannes auf Kees! Marion zeigte den ernsten gleichgültigen Gesichtsausdruck, der ihr im gewöhnlichen Leben stets eigen war. »Erzählt uns jetzt noch ein wenig mehr«, sagte die vornehme Dame, »ihr seid doch gewiß keine gewöhnlichen Landstreicher?« Johannes blickte ihr in das seine Gesicht mit den vor Kurzsichtigkeit leicht zugekniffenen Augen. Es schien ihm, als habe er noch niemals solch eine vornehme und edle Dame gesehen. Sie war noch gar nicht alt, etwa dreißig Jahre, und wundervoll gekleidet, mit einer Wolle aus Spitzen um Schultern und Handgelenke, und sie trug eine Menge funkelnder Armbänder und Fingerringe und Perlen um den Hals. Feine Düfte umschwebten sie, und als Johannes von ihr so vertraulich angesehen und angeredet wurde, fühlte er sich gänzlich entzückt und verwirrt, und begann, ihrem Ersuchen gemäß, in freudiger Erregung von sich selbst und seinem Leben, von dem Tode seines Vaters, von Tante Serena und von seiner Begegnung und seiner Flucht mit Marion zu erzählen. Aber doch war er noch besonnen genug, weder Windekind noch seine erste Begegnung mit Markus zu erwähnen. Die kleine Gesellschaft hörte ihm aufmerksam zu. Marion aber blickte währenddessen gleichgültig vor sich hin und beschäftigte sich eingehend mit Keesje. »Wie außerordentlich interessant!« sagte die Mutter der beiden kleinen Mädchen, während sie sich an den Herrn wandte, der neben ihr saß. »Finden Sie nicht, Herr van Lieverlee? Wirklich sehr interessant!« »Jawohl, Gnädigste, dies ist echt. Etwas ganz Außergewöhnliches. Ein wahrer Fund. Wie heißt du, mein Junge?« »Ich heiße Johannes.« »So, so, du bist doch nicht etwa der kleine Johannes, der Freund von Windekind?« Johannes errötete und stotterte verlegen: »Jawohl, mein Herr!« Plötzlich stieß Keesje einen häßlichen Schrei aus, so daß der Herr und die Dame nervös zusammenfuhren. Vermutlich hatte Marion ihn in den Schwanz gekniffen, was sie sonst doch nur sehr selten zu tun pflegte. Seht, das kommt nun davon, wenn man das nicht tut, um was ich so ausdrücklich gebeten hatte. Herr van Lieverlee wußte recht wohl, daß ich den kleinen Johannes darüber nicht angesprochen wissen wollte, und nun geschah es dennoch und hatte, wie ihr hören werdet, die bedenklichsten Folgen. Herr van Lieverlee war nur um etwa sechs Jahre älter als Johannes. Er hatte große blaue Augen, ein weißes, zartes Gesicht, ein kleines blondes Spitzbärtchen und dickes gelblich blondes Haar, das kunstvoll in die Stirne gekämmt war. Eine Busennadel mit funkelnden blauen Saphiren blitzte auf seiner breiten dunkelvioletten Krawatte, ein hoher schneeweißer Kragen reichte bis über sein Nackenhaar, und seine beringten Hände ruhten auf dem schön geschnitzten Elfenbeinknopf eines Spazierstockes aus kostbarem Ebenholz. Vor ihm auf dem Tisch lag ein feiner hellgrauer Filzhut, und sein Beinkleid war von derselben Farbe. Nachdem Johannes sein Bekenntnis abgelegt, schwiegen sie alle während einiger Augenblicke. Dann holte Herr van Lieverlee ein elegantes Taschenbuch zum Vorschein, auf dem ein zierliches Monogramm aus kleinen Diamanten prangte, machte ein paar Notizen und sagte zu der Dame: »Wir dürfen wohl mit Bestimmtheit behaupten, daß dies kein Zufall ist. Sein Karma ist allem Anschein nach sehr günstig. Daß er gerade hierher kommt, zu uns, die wir seine Geschichte kennen und seine Seele begreifen, ist das Werk der erstklassigen Intelligenzen, die ihn leiten. Wir müssen den Wink verstehen.« »Der Fall ist sicherlich interessant genug, um darüber nachzudenken«, sagte die Dame zögernd, »wo wohnt Ihr?« »Dort drüben, über das Bahngeleise weg, im Volkslogis«, sagte Marion rasch. Die Dame schaute ein wenig streng vor sich hin und sagte dann: »So, so, geht dann jetzt nur nach Hause! Hier habt ihr jeder drei Mark. Und willst du dann das Liedchen mal für mich aufschreiben, Johannes? es spricht wirklich eine reizende Wehmut daraus, sehr sympathisch.« »Ja, gnädige Frau, das werde ich tun. Und darf ich es Ihnen dann selbst bringen?« »Gewiß, gewiß«, sagte die Dame, während sie gleichzeitig seine Kleidung scharf prüfend durch die langstielige Lorgnette betrachtete. Als sie gegangen und außer Sehweite waren, lief Marion sofort nach dem hintern Eingang des Hotels zurück und begann sich mit dem dort beschäftigten Personal zu unterhalten, so lange, bis sie jemanden fand, der über die vornehme Dame und die beiden hübschen Mädchen etwas Genaueres zu berichten wußte. »Meinst du die Gräfin?« fragte ein hochmütiger Oberkellner höhnisch. »Gehörst du etwa auch zur Familie?« »Nun, und warum denn nicht?« sagte Marion sehr selbstbewußt, »es sind schon mehr als einmal Gräfinnen mit Oberkellnern durchgebrannt.« Der Koch und die Zimmermädchen lachten. »Scher' dich fort«, sagte der Kellner. »Was für Landsleute sind es denn?« fragte Marion weiter. »Die haben kein Vaterland. Der Graf war ein Pole, und sie ist aus Amerika. Jetzt wohnt sie in Holland.« »Witwe oder geschieden?« fragte eines der Zimmermädchen. »Geschieden natürlich, das ist viel vornehmer.« »Und der junge Holländer? ist der mit ihr verwandt?« »Ach was, das ist ein Reisefreund, den hat sie hier kennen gelernt.« – »Wollen wir jetzt nur weiterziehen, Hanni?« fragte Marion, während sie zu ihrer Abendmahlzeit Graubrot und Käse verspeisten, in derselben muffigen, rauchigen Stube, in der auch der Herkules mit seinem Töchterchen saß; sie trugen jetzt beide ärmliche bürgerliche Kleidung, und hatten jeder ein Glas Bier vor sich stehen. »Ich sollte ja mein Liedchen noch hinbringen«, sagte Johannes. »Schick' ihnen das nur lieber, ich habe mit solchem Volk nichts im Sinn.« Johannes verzehrte schweigend sein Abendbrot. Sein Gefühl für Marion war indessen durchaus nicht herzlicher geworden, und seine Meinung über sie sank bedenklich. Sie war entweder eifersüchtig oder für das Schöne und Edle bei den Menschen durchaus nicht empfänglich. Sie hatte auch schon gar so lange unter schmutzigem und rohem Volk gelebt. O, die beiden lieben Mädchen, das waren edlere und feinere Geschöpfe! Und leise und innig wiederholte Johannes ihre Namen: »Olga!« »Frieda!« Da kam wahrhaftig ein galonierter kleiner Bursche aus dem Hotel und brachte einen Brief, der so stark duftete, daß das muffige Zimmer im Nu ganz von dem Duft erfüllt war, und die Biertrinker verwundert zu schnüffeln begannen. Er war von Herrn van Lieverlee, der Johannes ersuchte, zu ihm zu kommen – aber ohne den Affen. »Geh' du nur«, sagte Marion. »Kees darf nicht mit, weil er ein anderes Parfüm an sich hat. Und sage ihnen, daß ich das von Kees vorziehe.« – Herr van Lieverlee trank gerade starken schwarzen Kaffee aus einer kleinen silbernen Tasse und rauchte dazu eine türkische Pfeife mit Bernsteinmundstück. Das Wasser gurgelte bei jedem Zuge. Er trug schwarze Seidenstrümpfe und Lackschuhe und ließ Johannes neben sich auf dem breiten Diwan Platz nehmen. Dann hielt er ihm, nachdem er eine Weile geschwiegen, die folgende Ansprache: »So, Johannes, setz' dich jetzt mal ruhig hierher und versuche dich – solange wir nicht miteinander reden – in der obersten Seelensphäre zu halten.« Danach hielt Herr van Lieverlee seine gurgelnde Pfeife eine Zeitlang schweigend in der Hand. »Bist du jetzt da?« Johannes war seiner Sache zwar nicht ganz sicher, nickte aber dennoch bejahend, weil er viel zu gerne wissen wollte, was jetzt wohl kommen würde. »Dich kann ich das fragen, Johannes, weil wir beide uns sofort verstehen. – Du und ich ... weißt du ..., du und ich, wir kannten einander schon, bevor wir in unserem jetzigen Körper steckten. Nun brauchen wir nicht erst Bekanntschaft zu machen wie gewöhnliche banale Menschen. Wir können gleich so tun wie Windekind und du. Wir lernen uns nicht kennen, sondern wir kennen uns.« Voller Andacht lauschte Johannes diesen hochgewichtigen und außergewöhnlichen Berichten. Er blickte den also Sprechenden ehrfurchtsvoll an und versuchte, ihn in der Tat zu erkennen; jedoch ohne Erfolg. »Du wirst dich gewiß schon darüber gewundert haben, daß ich um dein Lebensschicksal wußte. Nun ist das allerdings nicht gar so verwunderlich, denn es gibt jemanden, dem du davon erzählt zu haben scheinst. Weißt du, wen ich meine?« Johannes wußte sehr wohl, wen er meinte. »Das hättest du eigentlich nicht tun sollen. Als ich es hörte, sagte ich sofort, daß das sehr schade sei. Die Welt ist dazu viel zu grob und zu oberflächlich. Die Menschen begreifen doch nichts davon. Man muß das Allerzarteste und Seltsamste nicht von den schmutzigen Fingern der blöden Menge entweihen und besudeln lassen. Verstehst du mich?« Johannes nickte. Während die Pfeife noch stärker gurgelte als zuvor, nahm Herr van Lieverlee einen kleinen Schluck Kaffee. Darauf fuhr er fort, mit lebhafterer Stimme jetzt, und indem er seine schlanken weißen Hände nervös hin und her bewegte: »Majas Schleier, Johannes, umhüllt den Blick alles dessen, was erschaffen ist, alles dessen, was da atmet und sich sehnt, alles dessen, was da genießt und leidet. Wir müssen uns davon befreien – trinkst du auch Kaffee?« »Ich bitte sehr«, sagte Johannes. »Eine Zigarette? oder rauchst du noch nicht?« »Nein, noch nicht.« »Ach so, 's ist ja wahr, Windekind liebte den Tabaksqualm nicht. Aber ich tue es auch nicht so wie das gewöhnliche Volk, etwa weil es mir gut schmeckt oder weil es mir Spaß macht. Nein, ich lasse es durch meine niedrigsten Bestandteile, durch die achten und neunten Glieder, die Kama-Rupa, tun. Meine höheren Bestandteile, der vierte und fünfte, haben nichts damit zu schaffen, genau so gut wie ein Herr von dem Balkon seines Landhauses aus sein Vieh weiden sieht. Die Kühe tun nichts anderes als das Gras fressen, wiederkäuen und was dann darauf folgt. Der Herr macht daraus ein Gedicht oder ein Gemälde.« Eine Pause, von lautem Pfeifengegurgel ausgefüllt. »Nun, und wir – ich sagte dir das bereits – wir müssen die Perlen unserer höheren Stimmungen und Sensationen nicht vor die Säue werfen. Wir, Johannes, du und ich, die wir schon sehr viel Inkarnationen hinter uns haben, wir sind alte Seelen und haben den Schleier bereits so lange getragen, daß er fadenscheinig zu werden beginnt. Wir blicken hindurch. – Jetzt müssen wir uns aber auch mit den jungen Neulingen, die eben erst dahinter treten, nicht allzusehr einlassen. Wir würden sonst Rückschritte machen und unsere köstlichsten Errungenschaften langsam wieder einbüßen.« Das alles erschien Johannes sehr einleuchtend und äußerst schmeichelhaft. Jetzt ward es ihm auch klar, warum er mit den Menschen nicht besser fertig werden konnte. Er war eine bejahrte Seele unter lauter Unmündigen. »Wir, Johannes«, begann van Lieverlee darauf von neuem, »wir gehören sozusagen zu den Lebensveteranen. Wir tragen die Narben zahlloser Inkarnationen, die Tressen vieljährigen – oder sagen wir lieber Jahrhunderte alten Dienstes. Wir müssen unsern Rang hochhalten und dürfen unsere Würde und unser Ansehen nicht leichtfertig preisgeben. Das aber tut man, wenn man all seine intimsten Regungen an die große Glocke hängt, und dazu besitzest du, wenn ich nicht irre, noch stets eine recht kindliche und sehr bedenkliche Neigung.« Johannes dachte an seine vielen Mißgriffe und Unbesonnenheiten, wie er in der Schule ganz arglos seine Weisheiten ausgeplaudert und vor den Menschen Windekinds Namen genannt, und beschämt starrte er in seine leere Kaffeetasse. » Enfin ! – diesmal hat das allem Anschein nach so sein sollen, damit du uns begegnetest – mir und der Gräfin Dolores. Du mußt nämlich wissen, daß du ein paar Seelen von äußerster Feinheit gefunden hast. Gerade das, was du brauchst.« »Ja, sie ist so vornehm und ihre Kinder sind so entzückend«, sagte Johannes, ihm eifrig beipflichtend. »Nicht etwa, weil sie eine Gräfin ist«, sagte van Lieverlee mit verächtlicher Geberde. In unsern Augen bedeuten diese Titel nichts. Mein Geschlecht ist vielleicht noch vornehmer als das ihre. Aber sie ist unsere Seelenschwester, und in ihr ist eine seltsame Mischung von wilder, glutroter Leidenschaft und keuscher, lilienweißer Reinheit.« Bei diesen schönen Worten, die van Lieverlee wohlgefällig und nachdrücklich betonte, fühlte Johannes, daß er vor Verlegenheit errötete. Wie konnte ein Mensch es doch nur wagen, solche Worte wie etwas ganz Selbstverständliches auszusprechen! »Sind Sie ein Dichter?« fragte er schüchtern. »Gewiß bin ich das. Aber das bist du auch, mein Junge. Wußtest du das nicht? Nun, so will ich es dir sagen. Sieh' mal, du bist jetzt das häßliche junge Entchen, das zum erstenmal einem Schwan begegnet. Weißt du das wohl? Fürchte nichts, Johannes, fürchte ihn nicht, den Bruder Schwan! Richte du deinen gelben Schnabel nur empor, ich werde dich nicht töten, sondern umarmen.« Johannes richtete seinen gelben Schnabel auf, aber statt ihn zu umarmen, holte van Lieverlee das brillantengeschmückte Taschenbuch zum Vorschein und begann eifrig zu schreiben. Darauf sagte er lächelnd, während er Buch und Bleistift wieder einsteckte: »Gute Einfälle muß man festhalten. Die sind kostbar.« »Nun wohl«, fuhr er dann fort, während er seine Pfeife von neuem an die Lippen führte: »Du hättest wirklich nirgends besser zurechtkommen können, um dein großes Ziel zu erreichen, als bei uns. Wir wissen die Erklärung für all die seltsamen Ereignisse mit Windekind, und wir können dir den sicheren Weg weisen zu dem, was du suchst. Wir gehen nämlich zusammen.« War dies nun keine erfreuliche Neuigkeit für Johannes? Wie dumm von Marion, daß sie nicht mitgewollt! Gespannt lauschte er weiter: »Höre mir gut zu, Johannes, dann werde ich dir erzählen, wer all die Wesen sind, denen du begegnet bist: ich werde dir ihre Macht enträtseln und dir sagen, was uns weiter zu tun bleibt.« Da öffnete sich die Tür und Gräfin Dolores trat mit ihren Kindern ein. Sie war blendend schön mit ihrem entblößten Nacken, auf dem prächtige Juwelen funkelten. Die Kinder waren in Weiß gekleidet. Die große Table d'hôte war soeben abgelaufen und jetzt kamen sie zu van Lieverlee, um mit ihm seinen arabischen Kaffee zu trinken. »Ah«, sagte die Gräfin, während sie Johannes scharf lorgnettierte, »Sie haben Besuch? – wir stören doch nicht? Aber Sie bereiten solch delikaten Kaffee. Den Hotelkaffee kann ich nun einmal nicht vertragen.« »Wo ist der Affe? wo ist der Affe?« riefen die beiden Kinder wie aus einem Munde, während sie auf Johannes zueilten. Johannes erhob sich verwirrt. Die beiden anmutigen Kinder umringten ihn und er roch den feinen Duft ihres üppigen Haares und ihrer kostbaren Kleider. Er fühlte ihren warmen Atem und ihre weichen Händchen. Er war gänzlich bezaubert, von so viel köstlichen Empfindungen völlig überwältigt. Die kleinen Mädchen schmiegten sich schmeichelnd an ihn und fragten immerfort nach dem Affen, bis wieder das sanfte ermahnende »Olga!« »Frieda!« erklang. Darauf setzten sie sich neben Johannes auf den Diwan, jede an eine Seite. Die Mutter zündete sich eine Zigarette an. »Fahren Sie nun, bitte, in Ihrer Unterhaltung fort«, sagte sie, »damit ich etwas lernen kann.« Und dann auf Englisch: »Wenn ihr artig sein und ruhig zuhören wollt, Kinder, dann dürft ihr dableiben.« Van Lieverlee war aufgestanden, hatte seine türkische Pfeife weggelegt, hielt mit der linken Hand den Aufschlag seines schoßlosen Dinerrockes und gestikulierte mit der Rechten vor Johannes und der Gräfin umher. »Ich wollte ihm gerade erklären, wer Windekind, Wistik und Klauber sind, gnädige Frau. Sie kennen doch diese Figuren aus Johannes' Leben?« »Ich ... ich entsinne mich nicht mehr ganz genau«, sagte die Dame, »aber das schadet nichts. Sprechen Sie nur ruhig, kümmern Sie sich nicht um mich. Ich zähle nicht mit, ich bin nur ein dummes Geschöpf.« »Ach, wenn die Menschen doch erst alle zu Ihrer Dummheit gelangt wären! – Also Johannes, Windekind, Wistik und Klauber sind nichts anderes als Dewas oder Elementare, die durch eine höchste Willensäußerung materialisiert wurden. Es sind personifizierte oder besser gesagt personalisierte Naturkräfte, die plasmatisch aus der kristallklaren Ureinheit auftauchen. Windekind ist die harmonische Poesie oder vielmehr die poetische Harmonie, das ursprüngliche Aufblühen, oder besser gesagt die aufblühende Ursprünglichkeit unseres planetarischen Urbewußtseins. Wistik dagegen oder Klauber verkörpern die dämonische Antithese, die ewig skeptische Verneinung oder die verneinende Skepsis. Sie sind wie Ebbe und Flut, wie der hin und her schwingende Pendel, wie Winter und Sommer, sich ewiglich bekämpfend. Sie sind allzeit mordende und stets wieder neuschaffende Lebenselemente, die unentbehrlichen, sich gegenseitig ausschließenden und sich doch auch wieder ergänzenden Urprinzipien des dualistischen Monismus oder des monistischen Dualismus.« »Wie interessant«, sagte die Gräfin, und sich dann lebhaft an Johannes wendend. »Und bist du diesen Elementaren wirklich begegnet?« »Ich, ich ... ich glaube es wohl«, sagte Johannes. »Aber, Herr van Lieverlee, dann gehört er höchst wahrscheinlich zu den Sensitiven, meinen Sie nicht auch?« »Zu denen zweiten Grades, gnädige Frau, zweifellos. Und es ist sogar möglich, daß er durch Studium und sorgfältige Kultur den ersten Grad erreicht.« »Aber wäre es dann nicht gut, wenn wir ihn in die Plejaden einführten?« Und dann ließ sie, sich liebenswürdig an Johannes wendend, darauf folgen: »Wir haben nämlich einen Verein gegründet, weißt du, zur Ausübung der höheren Wissenschaften und zur gemeinsamen Verbesserung unseres Karma.« »Eine ideale Gemeinschaft mit einem gemeinschaftlichen Ideal«, fügte van Lieverlee ergänzend hinzu. Das klang Johannes äußerst verlockend. Ob Frieda und Olga wohl auch dazu gehörten? Indessen sagte er nur, so höflich und bescheiden wie möglich: »Aber, Frau Gräfin, sollte ich denn da wohl am Platze sein?« Seine Art gefiel der Gräfin. Sie lächelte anmutig und sagte: »Gewiß, mein Junge, da, wo es die höheren Wissenschaften gilt, kommen Standesunterschiede nicht in Frage.« Und darauf sagte sie in der eigentümlich kühlen hoheitsvollen Art der Engländer, die stets glauben, daß der Zuhörer ihre Sprache nicht versteht, auf Englisch zu van Lieverlee: »Er ist wirklich nicht übel, gar nicht so sehr vulgär.« Johannes aber hatte in der Schule Englisch gelernt, und weil er noch ein kleiner Kerl war, ohne viel Selbstbewußtsein, fühlte er sich geschmeichelt, anstatt gekränkt. Er sagte jetzt auch auf Englisch: »Ich bin noch nicht gut, aber ich will mir gerne alle Mühe geben, es zu werden.« Auch dieses Wort fiel bei Mutter und Töchtern wieder auf guten Boden. Johannes war gänzlich erfüllt von dem glorreichen Gefühl, daß er Eroberungen machte, er, der kleine Johannes, vor kurzem noch Scherenschleifergehilfe, jetzt Straßenfänger, in einer Welt von höchst verfeinerten Seelen, bei einer schönen juwelengeschmückten Gräfin und ihren beiden entzückenden Töchterchen. Und das nicht infolge von Herkunft oder Protektion, sondern einzig und allein durch seine eigene persönliche Macht. Wenn er jetzt Wistik wiedersähe, wollte er sich ihm gegenüber mal tüchtig aufspielen. Da fiel ihm – zu seiner Ehre muß es gesagt sein – plötzlich etwas ein. »Aber, mein Kamerad, Frau Gräfin, darf der mit?« Die Gräfin sah ein wenig verstimmt aus und fragte: »Wer ist jener Kamerad? wie bist du zu dem gekommen?« Wer Johannes jetzt hätte sprechen hören, der würde nicht geglaubt haben, daß er kurz zuvor etwas weniger freundlich über seine kleine Freundin gedacht hatte. Voll inniger Wärme verteidigte er sie, schilderte ihre natürliche Güte und ihre außergewöhnliche Begabung und spielte sogar auf ihre vermutlich gräfliche Herkunft an, bis er das Herz der Gräfin Dolores völlig erweicht hatte. Aber in seinem Feuereifer sprach er abwechselnd von »ihm« und von »ihr«, so daß eines der Mädchen plötzlich aufhorchend fragte: »Warum sagst du sie? ist es denn ein Mädchen?« Da gestand Johannes alles, in der festen Überzeugung, daß das hier, bei solchen edeln Menschen, nichts schaden könne. Heftiger denn je errötend, sagte er: »Ja, sie ist eigentlich ein Mädchen, sie hat sich verkleidet, um nicht erwischt zu werden.« Van Lieverlee richtete, ohne ein Wort zu sagen, einen langen bedenklichen Blick auf Johannes, während die Mädchen voller Begeisterung ausriefen: »Wie spaßig! Oh wie spaßig!« Die Gräfin lächelte ein wenig nervös. »So, so, das ist aber romantisch, beinahe pikant. Nun, laß sie dann nur kommen, aber ohne Verkleidung, wenn ich bitten darf.« »Und der Affe, Mammi, kommt der Affe auch?« fragte Olga, die Älteste. »O wie wundervoll, wie wundervoll!« rief Frieda, freudig in die Händchen klatschend. »Nein, Kinder, daran ist nicht zu denken. Daß du uns nur recht verstehst, Johannes: der Affe darf auf keinen Fall mitkommen. Das würde einen sehr schädlichen Einfluß ausüben, nicht wahr, Herr van Lieverlee?« Der also Angeredete schüttelte nachdenklich den Kopf und sagte dann mit feierlich abwehrender Handbewegung: »Es würde ganz einfach vernichtend auf alle höheren Einflüsse wirken. Wir müssen jedes niedere und unreine Fluidum sorgfältig ausschließen. Der Affe, Johannes, hat im allgemeinen eine sehr niedere und ungünstige Aura oder medianimische Sphäre, was man schon an seinem fatalen Geruch bemerken kann.« »Ich würde krank werden«, sagte die Gräfin, die sich schon bei dem bloßen Gedanken das Taschentuch vor die Nase preßte. So wanderte Johannes denn an jenem Abend nach Hause, den Kopf voll stillen Glückes und leuchtender Vorstellungen – gleichzeitig aber mit einem Auftrag für Marion belastet, der ihn immer mehr und mehr zu bedrücken begann, je weiter er sich von dem großen Hotel entfernte und je mehr er sich dem kleinen Volksasyl näherte. Nun glaubt ihr sicherlich, daß es an jenem Abend in dem engen Kämmerlein noch sehr erregt zuging und daß sich zwischen Marion und Johannes eine Szene mit viel Tränen und viel Gezanke abspielte. Aber dann irrt ihr euch diesmal doch gründlich. Noch bevor er zu Hause anlangte, war ihm die Aufgabe bereits zu schwer geworden. Als er Marion dasitzen sah mit ihrem stillen mürrischen Gesicht, so wie sie scheinbar den ganzen Abend dagesessen hatte, einsilbig und unlustig, schwand auch seine ganze freudige Erregung und damit die Neigung zur Mitteilsamkeit dahin. Er würde doch keinen Widerhall und kein Interesse finden, das wußte er schon im voraus. Und was für eine Aussicht hatte er wohl, Marion dazu zu bestimmen, daß sie Keesje wegen der Plejaden im Stich lassen solle, solange er nicht einmal das kleinste Fünkchen seiner feurigen Bewunderung für all das Schöne und Interessante, das er erlebt, auf sie zu übertragen vermochte? Er sagte also nichts, und da Marion nichts fragte, kam es zu einem sehr friedlichen und ruhigen Schlafengehen. Johannes indessen lag noch lange wach und dachte über die herrliche Eroberung nach, die er in der Welt gemacht, und über die beängstigenden Schwierigkeiten, die das zur Folge hatte. Marion würde nicht mitgehen, das stand fest; und sollte er sie denn etwa wieder verlassen? Oder sollte er all das Schöne, das Schönste, was er bisher auf der Welt gefunden, ganz einfach preisgeben? Ihr müßt indessen auch nicht glauben, daß Johannes allzu große Erwartungen hegte von dem, was ihm Herr van Lieverlee vorgespiegelt. Trotzdem er mit sehr begreiflicher Ehrfurcht zu einem Menschen emporblickte, der um so viele Jahre älter war als er, der sich so elegant und vornehm kleidete, und der so bereist und so viel belesen und so beredt war, war Johannes doch klug genug, um einzusehen, daß hier nicht alles Gold war, was glänzte. Allein jene beiden reizenden Mädchen und ihre schöne Mutter zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht zu sich hin. Wenn es in der Welt etwas Schönes und Gutes gab, so war es dies. Und durfte er freiwillig darauf verzichten? Hatte der allgütige Vater ihm jemals schönere Geschöpfe gezeigt, und durfte er wohl irgendwelche Treue für heiliger erachten, als die, die er dem Vater gelobt, von dem ihm Markus gesprochen, und der sich doch nur an der Schönheit seiner Schöpfungen erkennen ließ? Am nächsten Tag war er mit seinen Gedanken noch nicht um einen Schritt weiter gekommen. Marion fragte noch immer nichts und gab Johannes keinerlei Gelegenheit, etwas zu berichten. Keesje schlürfte geräuschvoll und mit großem Wohlbehagen süßen Milchkaffee aus Marions Untertasse, während er auch die kleinsten Überreste mit der flachen Hand aufwischte und die dann gierig ableckte, so ruhig und wohlzufrieden, als gäbe es auf der Welt weder Plejaden noch höhere Wissenschaften. Konnte Johannes sich nun wohl mit ihnen an die tägliche Arbeit begeben? Er fühlte sich nicht dazu imstande, und da sie gestern doch sechs Mark extra verdient hatten, sagte er, daß er allein spazieren gehen wolle, um zu denken. »Vielleicht bringe ich ein neues Gedicht mit nach Hause«, fügte er hinzu, trotzdem er diesbezüglich selber keine allzu großen Erwartungen hegte. Er würde schon froh sein, wenn er einen Ausweg aus seiner großen Bedrängnis fände. Er ging in die Berge, um dort Rat zu suchen. Gab es nicht auch hier noch ein unentweihtes Fleckchen in der Natur, so wie in den Dünen seines Vaterlandes, an der See? Auf Marions bleichem Gesichtchen war die Betrübnis darüber, daß er ohne sie sein wollte, deutlich zu lesen. Jetzt war ihr Starrsinn gebrochen, sie hätte ihn gar zu gern ein wenig ausgefragt, aber sie hielt sich tapfer und sagte nur: »Tue, was du nicht lassen kannst, aber verlauf dich nicht.« Johannes schlug den Weg nach dem Bergpfade ein, auf dem er die beiden Mädchen zum erstenmal gesehen hatte. Es war ein schöner, etwas nebliger Septembertag. Die Farrenkräuter unter dem Buschholz waren schon braun geworden, und die schwarzen Brombeeren glänzten taubenetzt zwischen ihren rotumrandeten Blättern. Und wieviel Spinngewebe zwischen dem Laube! Es war ein ernstes Schweigen allüberall, aber als Johannes höher emporklomm, hörte er das Wasser beständig rauschen, und auf den kleinen Bergwiesen und an den Lichtungen des Waldes sah er viel kleine Bächlein geschäftig murmelnd unter dem Grase glitzern. Noch weiter hinauf, dort wo der Wald dichter ward und die Berge einsamer, hörte er hin und wieder das Geräusch eines fliehenden Hirsches und sah auch wohl ein feines Rehköpfchen mit großen Ohren und erschreckten Augen auf sich gerichtet. Endlich gelangte er auf einen schmalen Pfad, der sich dicht an einem kleinen Bache hinzog. Links und rechts dunkle Felsen, feucht glänzend und zierlich bewachsen mit den verschiedensten Moosarten, kleinen rosettenförmigen Farren und dem feinen Frauenhaar, das in dem Sprühregen des herabstürzenden Quellwassers leicht erzitterte. Höher hinauf begann das überhängende Krüppelholz und das dornige Brombeerengesträuch, und nur hin und wieder wurden die hohen Bergwände mit den knorrigen Wurzeln ihrer schweren Tannen und Buchen sichtbar. Der kleine Pfad wollte kein Ende nehmen; er schlängelte sich immerfort über den Boden der Felsschlucht hin und folgte dem Bächlein, und ward hin und wieder über ein paar große Steine weitergeführt, um dann am jenseitigen Ufer wieder fortgesetzt zu werden. Und es ward stiller und stiller zwischen den Bergen, der blaue Himmel war nur selten noch sichtbar, und das Sonnenlicht drang leicht verschleiert durch das Laub der Vogelbeere und des Haselstrauchs. Hohe Fingerhutgewächse mit roten und gelben Blütendolden schauten aus den schattenreichen Tiefen des Gesträuches mit ihren giftigen Blicken scheinbar drohend auf den kleinen Johannes herab. Wo war er? Er empfand eine seltsame Erregung, halb beklemmend, halb köstlich. Hier war es wie in Windekinds Wunderland. Er lief weiter und immer weiter und begriff nicht, wie es so lange dauern konnte, bis eine Veränderung kam. Bis er müde ward und völlig verängstigt. Und nun begann er in der großen Stille ganz allmählich ein undeutliches Lärmen zu vernehmen. Anfangs schien es ihm, als sei es nur das Summen und Rauschen seines Blutes und das Pochen seines Herzens, das ihm in den Ohren klang. Aber es ward immer starker und deutlicher. Ein Geräusch, gleichmäßig und beständig, und dazwischen ein dumpfes Dröhnen wie anhaltender Donner oder die Brandung der See – und auch ein höherer Ton, der hin und wieder, wie Glockengeläute bei starkem Winde, stoßweise herüberdrang. Und hört! Jetzt kam ein schwerer dumpfer Laut wie ein Schuß, so daß der ganze Boden schwankte. Wie gehetzt lief Johannes weiter, sich immerfort umschauend. Aber es ging kein Wind, alle Halme, alle Blätter waren regungslos. Da war nur das Rauschen des Wassers, und das Rauschen ward stärker und immer stärker. Da sah er vor sich einen kleinen Wasserfall, der das Rauschen hören ließ. Der Bach stürzte über eine Felswand und fiel klatschend zwischen die Farren herab. Es schien fast, als verlöre sich der Pfad völlig im Dunkeln. Hinter dem Wasserfall, von der weißen glitzernden Flüssigkeit wie durch einen Vorhang verdeckt, lag eine Grotte, durch die sich der Pfad weiterschlängelte. Und jetzt vernahm Johannes die Geräusche deutlich, und es war ihm, als kämen sie aus der Erde hervor. Das tiefe Dröhnen, ab und zu die kurzen Donnerschläge, und das Glockenläuten, unablässig und regelmäßig. Er kauerte am Wege nieder, in großer Rührung und vom schnellen Gehen keuchend, und starrte durch den Wasserschleier in die dunkle kühle Grotte. So saß er lange und lauschte und lauschte und wußte nicht, ob er sich noch weiter wagen oder ob er umkehren solle. Und langsam, ganz langsam begann ihn eine große rätselhafte Traurigkeit zu umfangen. Er sah auch, wie der Nebel still aus dem Tale ausstieg und wie eine dichte graue Wolkenmasse das lustige Sonnenlicht schweigend verhüllte. Da hörte er ganz in der Nähe ein leises Geräusch, einen angstvollen Seufzer, ein Jammern, ein verzweifeltes Schluchzen. Und neben sich auf dem Felsstein sah er seinen kleinen Freund Wistik sitzen. Er schaute ihm gerade auf das kahle Köpfchen mit den spärlichen grauen Haaren. Denn der arme kleine Kerl hatte seine rote Mütze abgenommen und preßte sie mit seinen beiden Händen vors Gesicht. Und er schluchzte zum Herzzerbrechen, so daß die Tränen aus seinem langen Spitzbärtchen langsam auf die Erde hernieder rannen. »Wistik!« rief Johannes gerührt und bekümmert, »was gibt es denn, mein Freund? Mein guter kleiner Freund, was gibt es denn?« Aber Wistik schüttelte den Kopf und konnte vor Weinen kein Wort hervorbringen. Endlich ermannte er sich, entfernte die Mütze von seinem Gesicht und setzte sie, von Tränen durchnäßt, wieder auf den Kopf. Darauf ließ er sich, sein Schluchzen mühsam unterdrückend, von seinem Sitz heruntergleiten und schritt über die Steine, die im Bache lagen. Dort ergriff er mit beiden Händchen den funkelnden Schleier aus fallendem Wasser, machte einen großen Riß hinein, wandte sein verweintes Gesichtchen Johannes zu und winkte ihm schweigend, daß er ihm folgen solle. Dieser trat in die dunkle Spalte und kam gänzlich trocken hinein, während Wistik das Wasser auseinander hielt. Nicht das kleinste Tröpfchen war auf seinem Kopf zu sehen. Dann schritten sie tiefer in die Höhle hinein. Wistik voran, denn der war an die Dunkelheit gewöhnt und kannte den Weg. Johannes folgte ihm, während er sich an einem Zipfel seines Rockes festhielt. Es war vollkommen dunkel und so blieb es geraume Zeit, während sie auf einem ebenen harten Wege merklich abwärts schritten. Die dumpfen Geräusche ringsumher wurden immer stärker und stärker. Das Dröhnen, die Donnerschläge, das Glockengeläute – das alles übertönte jetzt das Rauschen des Wassers. Da schimmerte Licht in der Ferne. Eine graue Dämmerung, fahl wie nebliges Morgenlicht. Der Tag leuchtete hinein, so daß die nassen Steine funkelten und blitzten. Ein gewaltiges donnerähnliches Getöse drang jetzt bis in den Felsengang. Auch ließ sich das Toben und Heulen eines Sturmwindes vernehmen. Darauf standen sie draußen, an einem düsteren Tage. Ringsumher eine Wildnis mit gewaltigen Felsblöcken, grau und vom Wasser verwittert: keine Pflanze, kein Grashalm wuchs dazwischen. Vor ihnen brüllte und raste eine wütende See mit hochbrandenden Wogen. Immerfort sah Johannes den weißen Gischt emporspritzen, und er sah auch, wie große zuckende Massen abgerissen und durch den Sturm von Fels zu Fels getrieben wurden. Am Himmel entlang fegten schwarz-graue Wolken wie ausgefranzte Fetzen, sich umformend in blitzschneller Fahrt. Die fuhren dicht über die kochende See dahin und der weiße Dampf, der aus den schweren Wogen aufstieg, schien sie beinahe zu berühren. Wenn die Brandung gegen den Fels schlug, zitterte der Boden, und der Wind heulte und raste und tobte in den Spalten und Rissen, daß es klang wie der Schrei eines verzweifelten Menschen. Wenn sich die dunkeln Wolkenmassen flüchtig teilten, kam ein angstvoll-bleicher Abendhimmel zum Vorschein. Durch den heftigen Wind beklommen, vom Schaum geblendet, flüchtete Johannes mit Wistik in eine Felsspalte und überschaute das wüste Land. Es schien Abend zu sein. Über der See, aber an der äußersten linken Ecke, wo Johannes es nimmer zu sehen vermochte, war das Sonnenlicht merkbar. Und während eines flüchtigen Augenblickes sah man das Sonnenantlitz selber, traurig und blutrot, nicht weit mehr vom Horizont entfernt. Wie glühende kupferne Stützbalken standen Strahlenpfeiler unter ihr, zwischen Meer und Wolken. Und an der andern Seite, sehr hoch, ward hin und wieder an dem bleichen Himmel das noch viel bleichere Antlitz des Mondes, tödlich blaß, hoffnungslos traurig, regungslos und gelassen, zwischen den wutentbrannten Wolkenscharen sichtbar. Voll unbeschreiblicher Beklommenheit blickte Johannes seinen kleinen Freund an. »Wistik – was ist das? – wo sind wir? – was geschieht denn –?« Allein Wistik schüttelte den Kopf und richtete seine rotgeweinten Äuglein und seine geballten Fäuste in stummem Schmerz gen Himmel. Hoch über dem Rasen des Sturmes und der See erklangen noch die dumpfen Geräusche wie Böllerschüsse und das Läuten einer Glocke. Johannes schaute sich um. Hinter ihm stand das Gebirge, schwarz und drohend, das himmelhohe Haupt stolz den rufenden Wolkenzügen entgegenstreckend, so daß sie sich meilenhoch zu einer schwarzen schwergeballten Masse emporstauten. Darinnen blitzte es immerfort in bläulichem Glanz, und dann wieder ertönten die entsetzlichen Donnerschläge. Und wenn einer der höchsten Gipfel sich aus dem Nebelmantel befreite, sah Johannes ihn in Feuer stehen, in nimmer erlöschender orangefarbener Glut, die immer leuchtender und weißer ward. Das Glockengeläute klang von der Landseite her, unbestimmt, gleich als ließen hunderttausend Kathedralen ihre Glocken nach einem Rhythmus erschallen. Da machten sich Wistik und Johannes auf den Weg landeinwärts und kletterten über das rauhe Gestein, und klammerten sich in dem wild tobenden Sturme aneinander fest. Die See brandete noch wilder, und der Sturm schrie und heulte wie in äußerster Raserei, wie ein gefangener Wahnsinniger, der an seinem Gitter rüttelt. »Es hilft nichts,« jammerte Wistik, »es hilft nichts, er ist tot! – tot! – tot!« Da hörte Johannes den Wind sprechen, so wie er früher Blumen und Tiere hatte sprechen hören. »Er soll leben,« schrie der Wind, »ich will nicht, daß er stirbt.« Und die See rief: »Ich werde vernichten, die ihn bedrohen. Ich werde seine Feinde verschlingen. Ich werde die Berge zerschellen und alle Tiere ausrotten.« Da sprach das Gebirge: »Es ist zu spät. Die Zeiten haben sich erfüllt. Er ist gestorben.« Und nun hörte Johannes, was die Glocken läuteten. Sie riefen über die ganze Erde und in den dunklen Himmel hinein: »Pan ist tot! Pan ist tot!« Und der bleiche Mond sprach leise und kläglich: »Weh dir, arme Erde, wo ist deine Schönheit? Jetzt werden wir weinen, weinen, weinen.« Endlich sprach auch die Sonne: »Das Ewige wendet sich nicht. Ein neuer Tag folgt. Ergebet euch darein.« Und plötzlich ward es still, totenstill. Der Wind legte sich mit einem Schlage, die Luft ward so regungslos, daß die schillernden Schaumköpfe unstät hin und her schwebten, gleichsam nicht wissend, wo sie niederstreichen sollten. Ein banges Schweigen lastete auf dem ganzen totenähnlichen Lande. Nur die wilde See konnte so rasch nicht zur Ruhe kommen und schlug noch immer in schwerer Brandung gegen die Küste. Aber dann ward auch sie still und eben, so eben, daß Mond und Sonne sich in ungetrübtem Bilde in ihr widerspiegelten wie in Quecksilber. Der Donner über dem Vulkan verstummte und alles wartete. Allein die Glocken riefen noch immer laut und mit ehernem Schall: »Pan ist tot! Pan ist tot!« Jetzt formten die Wolken eine dunkle wollige Schicht, über den Bergen einen weichen schwarzen Trauerflor. Daraus fiel senkrecht ein feiner Regen herab, gleich als weine der Himmel stille Tränen. Über der See ward der Himmel klar, und Mond und Abendstern standen hoch am grünlich-bleichen Firmament. Die rote Sonne, in wolkenloser Sphäre erglühend, näherte sich dem Horizont. Als Johannes den Blick von ihr wandte und auf das Gebirge schaute, das jetzt von grauem Regen dicht verschleiert war, umzingelte ein riesengroßer doppelter Regenbogen mit seinen grellen Farben das fahle Land. Da kam aus einer tiefen Talschlucht, die die Berge wie mit Schwerthieb spaltete und an deren Wänden Johannes dunkle Wälder zu sehen glaubte, ein träger Zug langsam näher. Seltsame schemenhafte Gestalten flatterten wie große Nachtfalter voran und flogen geräuschlos und gespenstisch umher. Dann kamen riesenhafte Tiere mit schwerem, behutsamem Schritt, Elefanten mit schwankenden Rüsseln, auf und nieder sich bewegenden plumpen Köpfen und dickfaltiger Haut – Nashörner mit niedergebogenem Kopf und bösartig funkelnden Augen – schnaubende Nilpferde mit ihrem wässerigen grausamen Blick, ungeschlachte grimmige Untiere mit schwülstigen Fleischbäuchen auf dünnen Beinchen – und Schlangen glitten daher, kleine und große, im Zickzack wie eine wimmelnde Flut – Scharen von Hirschen und Antilopen und Gazellen, alle scheu und ängstlich und einander verdrängend – Büffel- und Rindertrupps, stoßend und schiebend – Löwen und Tiger, jetzt schleichend, dann wieder in behenden Sprüngen über den unruhigen Zug hinauseilend, wie aufgescheuchte Fischlein über wogendes Wasser schießen – und rings um den seltsamen Zug tausende und abertausende von Vögeln: einige strichen mit schwerem, langsamem Flügelschlag immer wieder auf die Felsblöcke nieder, andere schwebten und flatterten unaufhörlich hin und her, auf und ab – und endlich kamen Milliarden von Insekten, Käfern und Fliegen und Bienen und Schmetterlingen, wie große Wolken, grau und weiß und vielfarbig, rastlos in Bewegung. Und alles, was in dieser Menge einen Laut von sich zu geben vermochte, klagte auf seine Weise. Am lautesten erscholl das angstbeklommene, halb unterdrückte Brüllen der Rinder, das Heulen der Wölfe und Hyänen, das schrille Uhuhu der Eulen. Das Ganze war wie eine einzige trübe Masse voll traurigen Lärmens, ein Jammern und Klagen und Wehrufen, das das beständige dumpfe Brummen und Summen übertönte. »Dies ist erst die Vorhut,« sagte Wistik, dessen Verzweiflung angesichts dieses lebendigen Schauspiels ein wenig zu weichen schien. »Dies sind erst die Tiere, jetzt kommen die Tiergeister.« Da erschien, von allen Tieren ehrfurchtsvoll gemieden, eine Schar seltsamer und wunderbarer Gestalten. Sie alle hatten Tierformen, waren aber größer und besser gestaltet. Auch sahen sie klüger und stolzer aus – und bewegten sich nicht mit Hilfe von Beinen oder Flügeln, sondern schwebten wie Schemen, während ihre Augen und ihre Köpfe ein Licht auszustrahlen schienen wie die See in dunkeln Nächten. »Tritt näher,« sagte Wistik, »sie kennen uns.« Und wirklich war es Johannes, als ob die Tiergeister ihn grüßten, ernst und traurig. Aber nur die ihm bekannten Tiere aus seinem Vaterland. Und es fiel ihm seltsam auf, daß die, welche von den Menschen durchaus nicht als die höchsten anerkannt wurden, die schönsten und größten waren. »O sieh nur, Wistik, sind das Schmetterlingsgeister? Wie schön und groß sind die!« Es waren herrliche Wesen, groß wie ein Haus, mit strahlenden Augen und einem wunderbaren Flügelschmuck in bunten, leuchtenden Farben. Aber jetzt schleppten sie alle mühsam ihre Flügel, gleich als wären sie durchnäßt, und blickten Johannes ernst und schweigend an. »Gibt es auch Pflanzengeister, Wistik?« »O ja, Johannes, aber die sind sehr groß und unbestimmt und sehr flüchtig, sieh nur, dort schweben sie.« Und Wistik zeigte ihm die dünnen nebelhaften Gestalten, die Johannes als erste vor dem Zuge gesehen hatte. »Jetzt kommt er, jetzt kommt er, oh, oh!« rief Wistik, während er sein Mützchen abnahm und von neuem zu schluchzen begann. Und unter leisem und traurigem Klagegesang, von weinenden Nymphen begleitet, die sich umschlangen und deren langes Haar und deren welke Blumenkränze vom Regen troffen, kam die große Bahre aus rauhen Stämmen, auf der Vater Pan unter Efeu, Mohn und Veilchen ruhte. Junge starksehnige Faune trugen ihn; ihr gerötetes Antlitz schien verzerrt durch unterdrücktes Schluchzen. Eine Schar ernster Zentauren folgte reitend, den Kopf auf die Brust gesenkt, stumm und langsam, sich hin und wieder mit ihren groben Fäusten die Flanken schlagend, daß es wie Drommeten erklang. Ein Eichhörnchen lag zusammengekauert auf Pans rauher Brust, gleich als wollte es ihn nimmermehr verlassen, ein Rotkehlchen saß an seinem Ohr und zwitscherte ohn' Unterlaß, wehmütig und geduldig, von der unbestimmten Hoffnung beseelt, daß er es dennoch hören möge. Allein das große gütige Antlitz mit dem breiten Lächeln blieb unbeweglich. Als Johannes das sah und seinen guten Vater Pan erkannte, brach auch er in lautes Schluchzen aus, und seine Tränen flossen. »Jetzt kommen die Ungeheuer,« flüsterte Wistik ihm zu, »die Ungeheuer aus der Vorwelt.« Hu, das war ein grauenerregendes Schauspiel. Ungeheuer und Drachen, größer als zehn Elefanten zusammen, mit schauderhaften Hörnern und Zähnen und stachligen Panzern, gewaltig langen Hälsen, auf denen ein kleiner Kopf mit großen dummen Augen und scharfen Zähnen saß, und unbestimmten graugrünen und schwarzen Farben, hier und dort grellrot oder smaragdgrün gesprenkelt auf der dickfaltigen knotigen oder schleimig glatten Haut – die zogen jetzt vorüber, schleppenden Schrittes oder mit schwerfälligen Sprüngen, meist stumm – und stießen nur ab und zu ein lautes weithin tönendes Geheul aus. Und seltsame Tiere wie riesenhafte Fledermäuse mit hakenförmigem Schnabel und gekrümmten Klauen durchstrichen in plumpem flatterndem Fluge mit ihren dunkelgelben Flügeln die Lüfte. Als endlich die ganze Schar an den weiten Felsstrand gelangt war, durchzuckten tausende und abertausende kleiner und großer Kreise die spiegelblanke Meeresfläche, soweit das Auge reichte: die behenden Delphine sprangen in zierlichen Bogen aus dem Wasser und in das Wasser, die spitzen Finnen von Hai- und Braunfischen durchschnitten schnurgerade die glatte Oberfläche, indem sie weit sich hinziehende Furchen zurückließen, und brausend stauten gewaltige dunkelglänzende Walfischköpfe das Wasser vor sich her, daß der weiße Gischt hoch aufspritzte und es wie zischender Dampf erklang. Die Sonne berührte den Horizont, der Regen ließ nach und die Nebel teilten sich, so daß immer mehr und mehr Sterne sichtbar wurden. Über dem Krater stand eine dunkle Rauchsäule und darunter glühte das Feuer, jetzt weißlich-siedend und ohne Getöse. Da ward all das lebendige Geräusch schwächer und schwächer, bis nur mehr ein dumpfes Jammern und Stöhnen hörbar war. Dann endlich völlige Stille. Pans Totenbahre stand am Ufer des Meeres, und ringsum alles, was da lebte. Die roten Sonnenstrahlen beschienen die große Leiche, die Baumstämme, auf denen sie ruhte und die dunklen Haufen dürren Laubes und welkender Blumen. Aber sie schossen auch funkelnd hinauf zu dem erhabenen Gebirge und brannten dort mächtig auf dem rauhen Basalt. Wistik starrte mit großen weitgeöffneten Augen und bleichen Angesichts auf den rötlich erstrahlenden Bergesgipfel und rief mit halberstickter Stimme: »Knie nieder, Johannes, knie nieder. Sie kommt, unsere heilige Mutter kommt.« Zitternd vor Ehrfurcht blickte Johannes auf. Was er sah, vermochte er anfänglich nicht zu deuten. War es eine Wolke, bläulich-weiß? Aber wie kam es denn, daß die nicht rot war im abendlichen Glühen? War es ein Gletscher? Doch siehe, das Bläulich-Weiße senkte sich langsam herab wie eine Schneelawine. Scharf sich abhebend von den roten Bergwänden. Da schien es ihm, als ob die sinkende Wolke sich teile. Ihre linke Seite, die größere, war dunkler, blau und bläulichgrün, die rechte leuchtend weiß. Jetzt sah er es deutlich, es waren zwei Gestalten in glänzenden lichtausstrahlenden Gewändern. Ihr Licht ward durch den Abendsonnenglanz nicht getrübt. Grün strahlte das Gewand der größeren Gestalt, aber um ihr Haupt war eine Aureole himmelsblauen Lichtes. Die andere trug weißschimmernde Gewänder. Sie waren so ungeheuer groß, daß sie in einem einzigen Augenblick von den Bergen herabschwebten, so wie eine Taube aus dem Wipfel einer Buche auf den Acker niederstreicht. Als sie an der Totenbahre standen, schaute Johannes der Größeren ins Angesicht, und da wußte er, daß sie ihm vertraut war und teuer wie eine Mutter. Es war seine Mutter, Mutter Erde. Sie schaute auf den Toten und segnete ihn. Sie schaute auf all das Lebende und sann und sann. Dann schaute sie in das Sonnenantlitz, bevor es verschwand, und lächelte. Und sich nach dem Vulkan umwendend, winkte sie. Die Wand des Kraters spaltete sich mit donnerähnlichem Getöse und der siedende Lavastrom schoß hernieder wie ein Blitz. Danach ward für Johannes alles Nacht und Nebel und Finsternis. Er sah die Totenbahre in Feuer stehen, zu einem Scheiterhaufen verzehrt, von dickem schwarzem Rauch umqualmt. Aber er sah auch als Letztes von allem die weiße strahlende Gestalt, die neben Mutter Erde einherschritt, hoch aufleuchten über Nacht und Rauch. Er sah wie sie sich ihm näherte und ihr schimmerndes Antlitz über ihn neigte, bis es den ganzen Himmel erfüllte. Da erkannte er seinen Begleiter. Drittes Buch Noch flossen die warmen Tränen um Vater Pan Johannes über die Wangen, als er seine Augen aufschlug, mit einem Gefühl, als erwache er. Was er sah, war noch völlig das Gleiche, das er zuletzt gesehen: das tröstende Angesicht seines erhabenen Bruders und rings umher fahler Qualm und Rauch. Aber anders sah es jetzt aus, gleich als werde es mit andern Sinnen wahrgenommen – wie dieselbe Erzählung in einer andern Sprache, wie dieselbe Melodie auf einem andern Instrument, in einer andern Tonart. Nicht schöner und wirklicher, sondern mehr nüchtern, hart und platt. Er befand sich an einem Bergesrand und sah Markus, der sich über ihn neigte. Die Sonne war untergegangen, und das Tal lag in Dämmerung. Aber in dieser Dämmerung sah man qualmende Hochöfen glühen und große Fabrikschornsteine, aus denen sich dicker gelblich-schwarzer Rauch emporträufelte, daß es aussah wie schmutzige Wolle. Das ganze Tal war von dem Rauch erfüllt, und was da wuchs auf dem Bergeshang, war schwärzlich beschlagen. Ein unablässiges Surren und Summen, Stampfen und Dröhnen stieg auf aus jener Stadt voll kahler, schwarzer Baukolosse. Aus den Hochöfen schlugen von Zeit zu Zeit bläulich-gelbe und violette Flammen wie glühende Wimpel, und hin und wieder stieß einer meilenweit leuchtende grelle Funkenströme in die graue Luft hinauf. Das Land sah düster und trostlos aus, gleich als wäre es durch Lava verwüstet. »Markus,« sagte Johannes noch stets beklommenen Gemütes. »Pan ist tot.« »Pan ist tot,« antwortete Markus, »aber sein Bruder lebt.« »Gott sei Dank, daß du hier bist. Was machst du hier?« »Ich bin bei den Bergleuten, Johannes, und bei den Fabrikarbeitern. Die brauchen mich.« »O, mein Bruder, aber auch ich brauche dich. Ich weiß den Weg im Leben nicht zu finden ... und Pan ist tot.« Johannes umfaßte Markus' rechten Arm und blieb eine Zeitlang schweigend neben ihm sitzen, den Kopf an seine Schulter gelehnt. Er starrte in das neblige Tal mit dem riesengroßen Minentrichter, den schwarzen Schornsteinen und Öfen, den dunklen, bläulich-gelben und weißen Rauchbüscheln – den großen eisernen Hallen und vielfenstrigen Gebäuden ohne Schmuck und Farbe. Ringsum konnte er noch sehen, wie die Flanken der Berge durch große klaffende Wunden entstellt, wie die schöne grüne Natur versengt, die Bäume gefällt, die Felsen zerklüftet und zerschellt waren. Noch standen einzelne Tannen auf dem Bergeskamm dicht an dem Rand der Grube, durch die der Berg ausgehöhlt war, wie eine von Wespen angefressene Frucht. Alsbald würden auch diese letzten Waldeskinder fallen und drüben das Echo der Explosionen durchs Gebirge hallen, gefolgt von einem entsetzlichen Lärmen wie von herabstürzendem Gestein – wenn die Bergleute die Felsen mit Dynamit sprengten. Pan ist tot, sein schönes Wunderland ging zugrunde. Und in dem neuen Leben, das auf den Trümmern des alten zu erblühen begann, wußte Johannes nicht den Weg. Es erschreckte und verwirrte ihn. Aber hatte er nicht seinen Bruder wiedergefunden und ihn zum zweitenmal geschaut in verherrlichter Gestalt und glitzernden Gewändern? Und fühlte er nicht seine warme trostbringende Nähe? Das beruhigte ihn und machte ihn erstarken. »Mein Bruder,« sagte er, »wer hat Pan getötet?« »Niemand. Seine Zeit war erfüllt.« »Aber warum denn war er so traurig, als ich ihn nach dir fragte?« »Soll die Frucht reifen, so muß die Blume sterben. Auch ein Kind weint, wenn die Nacht kommt und mit ihr der gute Schlaf, denn es will länger spielen und weiß nicht, um wie viel besser die Ruhe ist. Alle Menschen, die noch wie die Kinder sind, weinen um den Tod, und doch ist er nur eine Geburt und voll freudiger Erwartung.« »Haben Pan und Windekind dich gekannt, Bruder?« »Nein, aber sie haben mich gefürchtet, so wie der Geringere den Höheren fürchtet.« »Wird dein Reich denn schöner sein als das ihre?« »Um so viel, als die Sonne schöner ist denn der Mond. Aber das Weiche und Zarte und Scheue, das zur Nachtzeit lebt, wird dies nicht erkennen und die herrliche Sonne fürchten.« Lange Zeit dachte Johannes darüber nach. In dem weiten raucherfüllten Tal voller Bergwerke und Fabriken schlug eine Uhr, und dort drüben noch eine, und eine dritte in der Ferne. Dann kreischten schrille Dampfpfeifen, läuteten weithin hallende Glocken. Man sah das Volk in Scharen zu den Werkstätten eilen. »Wie düster!« sagte Johannes. Markus lächelte. – »Düster ist auch die schwarze Saat in der dunklen Erde, und dennoch wächst aus ihr eine frohe Sonnenblume.« »Mein Bruder,« sprach Johannes flehentlich, »so rate mir doch, was ich tun soll? Die Schönheit kommt vom Vater, ist es nicht so?« »So ist es, Johannes.« »Muß ich denn nicht jetzt dem Allerschönsten folgen, das ich je in der Menschenwelt gesehen habe? So sage es mir doch!« »Ich sage dir nichts als dies: Du mußt der Stimme des Vaters folgen da, wo sie dir am lautesten zu sprechen scheint.« »Und wenn ich zweifle?« »Dann mußt du fragen mit deiner ganzen Inbrunst und lauschen, totenstill wie eine Blume, mit deiner ganzen Andacht.« »Aber wenn ich dann handeln soll?« »Keinen Augenblick darfst du schwanken, sondern deiner und seiner Liebe, die eins ist, sollst du vertrauen und in des Vaters Namen es wagen.« »Und kann ich dann nicht irren?« »Ja –, aber wenn du um seinetwillen irrst, so wird er dir Augen und Ohren öffnen. Fürchtest du um deiner selbst willen und vergissest du ihn, dann allein kannst du verloren gehen.« »So zeige mir denn, welcher dein Weg ist, mein Bruder!« »Gut, Johannes, komm mit mir! –« Sie stiegen zusammen hinab in das Tal. Der Boden war dort überall schwarz von Kohlen, Asche und Schlacken, und schwarz wie Tinte das Wasser, das in den Pfützen stand. Von allen Seiten erklang das Geräusch schwerer Schritte. Es schien fast, als wolle die schwarze Stadt leerströmen. Hunderte von Männern liefen hin und her, alle mit schwerem, müdem und dennoch hastigem Schritt. Scheinbar liefen sie alle durcheinander, jeder in eine andere Richtung, aber es herrschte dennoch keine Unordnung. Ein jeder schien genau zu wissen, wohin er gehen mußte. Die meisten sahen schmutzig aus, schwarz und mit Kohlenstaub und Rauch gänzlich besudelt. Ihre Joppen und Hüte glommen von schwärzlichem Wasser. Zumeist schwiegen sie: nur hin und wieder riefen sie einander etwas zu, kurz und mit rauher Stimme, wie Menschen, die ihre ganze Kraft schon verbraucht und die zum Plaudern und Scherzen nichts mehr übrig haben. Einzelne traten bereits aus den Waschhäusern, gereinigt, in ihrer dunklen Arbeitskleidung. Auffallend bleich sahen ihre gewaschenen Gesichter aus in dem trüben Halblicht zwischen ihren noch schmutzigen Kameraden, aber um ihre Augen lagen dunkle Schatten, die sich nicht fortbringen ließen. Johannes und Markus gingen an den Bergwerken, den Kohlenminen, den Schmelzöfen entlang, bis sie an die endlose Reihe kleiner Häuser kamen, in denen Tausende und Abertausende von Arbeiterfamilien wohnten. Dorthin strömte jetzt auch das Volk. Die Lichtchen hinter den kleinen Fenstern begannen überall zu scheinen, wo die Frau mit dem Mahl wartete. Darauf betraten Markus und Johannes einen großen kahlen Saal mit niedriger holzgetäfelter Decke. Im Vordergrund verbreiteten zwei Gasflammen einen flackernden Schein, der übrige Raum lag im Halbdunkel. Es standen viele Bänke da, aber es war noch niemand anwesend. Die Wände waren kahl und schmutzig, und nur hier und dort sah man einzelne Sprüche und Anschlagzettel. Eine halbe Stunde saßen die Beiden dort, ohne ein Wort zu sprechen. Ein trüber Eindruck von Häßlichkeit prägte sich Johannes tief in die Seele. Das war schlimmer noch, als sein langweiliges Schulzimmer: es schien ihm entsetzlicher, hier leben zu müssen, als in der wildesten unwirtlichsten Wildnis von Pans Reich. Dort war es allzeit schön und erhaben – wenn auch noch so grausig. Hier war es schlimmer, eng und drückend und häßlich und kahl. Hier waren die Greuel eines bangen Traumes, das Entsetzlichste, was Johannes kannte. Es dauerte eine Stunde; dann begann sich der große Saal langsam mit Arbeitern zu füllen. Schlendernden Schrittes kamen sie daher, ein wenig verlegen; mit ihren Pfeifen im Munde, den Mützen und Hüten auf dem Kopf, blieben sie anfangs im dunklen Hintergrunde stehen und ließen sich dann allmählich hier und dort auf den Bänken nieder, während sie links und rechts und hinter sich schauten und hin und wieder auf den Boden spieen. Grobe müde Gesichter, rauhe breite Hände, die größtenteils geöffnet herabhingen, mit schwarzen Nagelrändern. Gedämpfte Reden und ab und zu ein leises Auflachen. Auch Frauen kamen mit ihren Kindern auf dem Arm, einzelne noch jung und frisch und ein wenig bunt geputzt, aber auch schwache, ausgemergelte Mütter sah man mit verunstaltetem Körper, spitzer Nase, bleichen Wangen und hohlen Augen, und endlich auch abstoßende Weiber mit harten Zügen und selbstsüchtigem Blick. Der Saal war voll, und Aller Gesichter starrten durch den Tabaksqualm, gespannt und erwartungsvoll, was nun wohl kommen würde. Ein Arbeiter, ein großer, kräftig gebauter Mann mit rotem Bart, stellte sich in den Schein der Gasflammen und begann zu sprechen. Anfangs stotterte er und stieß mit seinem rechten Arm immerfort in die Luft, gleich als wolle er die Worte herauspumpen. Aber dann ging es immer fließender und fließender, und die Hunderte von Gesichtern im Saal folgten seinen Mienen und Gebärden mit banger Spannung, so daß man seinen Zorn und sein Lachen sich gleichsam in all diesen Zügen widerspiegeln sah. Und wenn er mit einem scharf hinausgestoßenen fragenden Wort einen Satz abbrach, dann begannen die Füße im Saal zu scharren und zu trampeln, mit einem Getöse, das bisweilen zu heftigem Donner anschwoll; und dazwischen laute Ausrufe und »ja ja«, wählend die Gesichter lachend und mit bedeutungsvollem Blick sich hin und her wendeten, wohl um Beifall kund zu tun und ihn auch unter den Mithörern zu suchen. Johannes konnte das Gesprochene nicht gut verstehen. Er hatte zwar Deutsch gelernt, aber das nützte ihm hier nicht viel, weil der Redner gar so schnell und noch dazu im Dialekt sprach. Auch wurde seine Aufmerksamkeit fast ebenso durch die Zuhörer wie durch den Redner gefesselt. Dennoch aber ward ihm die große Sache, um die es sich handelte, immer klarer. Die Erregung des Redners teilte sich seinen Hörern mit und wurde dort hundertfach verstärkt und schwoll an zu einer großen Woge der Gemütsbewegung, die alle Anwesenden und auch den kleinen Johannes mit sich riß. Er sah die Gesichter immer bleicher und die Züge immer gespannter werden, die Augen begannen schärfer und immer schärfer zu blitzen, und die Lippen regten sich unwillkürlich wie zum Mitsprechen. Ab und zu begann ein Kind zu weinen, aber das störte nicht. Im Gegenteil, der Redner schien solchen Laut sozusagen in seine Rede mit aufzunehmen und ihn seinen Absichten dienstbar zu machen. Ergriffen sah Johannes wie zwei Tränen in den roten Bart rannen, hörte er die grobe Stimme zittern, als der Redner mit beiden Händen auf das weinende Wurm wies, so daß alles, was an solchem Kinderlärmen belustigend oder störend sein kann, wie mit einem Schlage verschwand. Das eine ward Johannes klar, daß diese Menschen Unrecht erlitten, daß sie sich auflehnen wollten, und daß diese Auflehnung gefährlich war, äußerst gefährlich sogar, so daß ihr Leben und ihre Existenz, wie die ihrer Frauen und Kinder auf dem Spiele standen. In ihren leidenschaftlichen Blicken und zornigen Gebärden las er das Gefühl eines lange erduldeten Unrechts. Er sah die atemlose Furcht bei dem Gedanken an die Gefahr, die sie und ihre Lieben bedrohte, wenn sie sich auflehnen würden, er sah das stolze Aufblitzen der Augen und die kühn aufgerichteten Köpfe, nachdem der innere Streit geschlichtet, nachdem die Furcht besiegt war und die Heldenhaftigkeit triumphiert hatte. Sie würden kämpfen, jetzt wußten sie es. Die große Glutwelle von Mut und Begeisterung ließ keinen Zweifler unberührt. Aufmerksam betrachtete Johannes die Gesichter, aber da war keines, auf dem noch Angst oder Zweifel zu lesen war. Der entbrannte Geist erleuchtete alle wie eine mächtige Flamme. Da ward auch des Johannes Seele feurig, und in seinem Herzen ward es licht. Die ersten Strahlen der Schönheit, die schlummernd unter diesem dunklen Schleier trüber Häßlichkeit glomm, begannen ihm sichtbar zu werden. Nach diesem Redner sprachen noch andere, die sich von ihren Plätzen erhoben, ohne indessen in den Vordergrund zu treten. Kein einziger wagte es, das heilige Feuer löschen zu wollen. Sie sprachen alle über den kommenden Streik wie über eine beschlossene Sache. Aber jetzt sah Johannes mit einem Gefühl, das ihn die Fäuste ballen ließ, gleich als läge ihm des Feindes Hand bereits an der Kehle, wie ein kräftiger, breitschultriger Mann mitten in seiner Rede stecken blieb und zu schluchzen begann – und das war nicht aus Furcht, nein! sondern aus bitterem Zorn um die erlittene Schmach und die Erniedrigung und um des unerträglichen Verdachtes willen, daß er seinen Kameraden abtrünnig geworden. Johannes begriff seine Geschichte auch ohne Worte. Man hatte ihn betrogen und ihn in einer Zeit des größten Elends, da seine Frau krank darniederlag, durch lockende Versprechungen dazu gebracht, daß er an dem Kampf seiner Genossen nicht teilnahm. Und es jauchzte in Johannes, als er sah, wie in einer Anwandlung ehrlicher Rührung auch schöne Regungen von selber entstehen, und wie die ganze ernste Menge, von einem einstimmigen Edelmut beseelt, den scheinbaren Verräter beruhigte und ihm verzieh. Und als die Arbeiter im Begriff waren, auseinander zu gehen mit dem strengen und dennoch freudigen Ernst derer, die fest entschlossen sind, einen gerechten Kampf aufzunehmen, da sah Johannes zu seiner großen Freude, daß auch Markus sprechen wollte. Man kannte ihn und es entstand sofort tiefe Stille. Es lag in der freudigen Bereitwilligkeit, mit der diese deutschen Bergleute ihre Plätze wieder einnahmen, um ihm zuzuhören, ein kindliches Vertrauen und ein ruhiger Ernst, wie Johannes sie nimmer unter den Jahrmarktsleuten, ja auch niemals in seinem eigenen Lande gesehen hatte. Und da Markus mit der sorgfältigen Langsamkeit und Deutlichkeit eines Menschen sprach, der nicht zu dem Lande gehört, konnte Johannes jetzt alles verstehen. »Meine Freunde«, sagte Markus. »Man hat euch in euren Schulen und Kirchen gelehrt, daß es einen Geist der Wahrheit gibt, der als Tröster der Menschheit kommen werde. Nun wohl, was euch soeben ergriffen, und was euer aller Herzen die Stärke gegeben und euer aller Augen erhellt hat, das ist jener Tröster, der Geist der Wahrheit, der heilige Geist. Denn Wahrheit und Gerechtigkeit sind Eins und kommen von Einem. Und an euren freudigen und beherzten Blicken sehe ich es, daß ihr wißt, ganz sicher wißt, mit eurem Gewissen, daß es die Wahrheit ist, die euch bewegt hat, und die Gerechtigkeit, für die ihr euer Leben wagen wollt. Und daß jener Geist ein Tröster ist, das werdet ihr erfahren, so ihr nur getreulich standhaltet. »Dies aber sage ich euch jetzt, weil ihr es nicht wißt, so wie ich es weiß, daß die Wahrheit ist wie ein Bergpfad zwischen zwei Abgründen, und daß es bei ihr auf Reinheit noch mehr ankommt als bei dem Ton einer Geige. »Ihr habt Unrecht erlitten, aber ihr habt auch Unrecht getan. Denn es ist Unrecht zu unterdrücken, aber es ist auch Unrecht, Unterdrückung zu dulden. Man hat es euch anders gelehrt und euch gesagt, daß da geschrieben steht, man solle Unrecht erdulden. Aber so dies auch geschrieben stünde, der Geist der Wahrheit wird es ungeschrieben machen. Ich sage euch, wer Unrecht tut, ist ein Missetäter, und wer Unrecht billigt, ist sein Mitschuldiger. »Aber es gibt einen Stolz, der den Menschen Ehre bringt in Gottes Augen, und es gibt einen Hochmut, der ihn wird straucheln lassen und zu Fall bringen. Dies sagt der Geist der Wahrheit. Ihr sollt euren Wert kennen und keine Demütigung erdulden, die gegen die Wahrheit ist. Doch wer sich überschätzt, wird fallen und Gott wird ihn nicht aufrichten.« Nach diesen Worten, die kräftig widerhallten wie ein beinahe drohendes Ermahnen, setzte Markus sich nieder und stützte den Kopf in die Hand. Nachdem sie noch eine Weile in feierlicher Stille verharrt, teilte sich die Menge, ohne Beifall oder Zustimmung kund zu geben, flüsternd und langsamen Schrittes. »Darf ich bei dir bleiben?« fragte Johannes leise, fürchtend, daß er seinen Begleiter stören könne. »Und dein kleiner Kamerad?« fragte Markus, »sollte der nicht unruhig werden? Komm mit, ich werde dir den Rückweg zeigen.« Und sie fanden zusammen den nächtlichen Weg durch den Wald zu dem kleinen Badeort und dem Volkslogierhaus. Aber außer einem Gutenachtwunsche wurde zwischen ihnen kein Wort mehr gewechselt, und in seiner großen Ehrfurcht wagte Johannes auch nicht mehr zu fragen, wie denn Markus um all das wisse, was ihm widerfahren. Am nächsten Morgen roch es in dem schmutzigen Saal des kleinen Gasthauses wiederum nicht nur nach frischem Kaffee und kaltem Rauch, sondern auch nach Moschus und Waldveilchen – und ein mit blauer Tinte geschriebener mattvioletter Brief erwartete Johannes. Er öffnete ihn und las das folgende: »Mein sehr geliebter Seelenbruder!« »Komm heute, sobald Du kannst, auf den Flügeln unserer Dichterfreundschaft zu mir. Gräfin Dolores ist gestern mit ihren Töchterchen und ihrer Dienerschaft abgereist, aber sie hat etwas für Dich hinterlassen, das Dir Freude machen wird und das ich Dir persönlich überreichen möchte. »Sieh hier die erste zarte flaumige Frucht unserer Seelenwiedervereinigung: Hymen mysticum »An den kleinen Johannes »Gar schwungvoll stattlich schwimmen unsere beiden »Kohlschwarzen Seelen gleich Mysteriums-Schwänen »Auf abgrundtiefer See von wilden Leiden, »Voll herber, nie vergoss'ner Wehmutstränen. »O größtes aller bittrer Meere! »Entfaltend eure liliengleiche Qual, »Schleppen wir durch Himmels Bahn, die hehre, »Mit uns die Schmerzenslast vom Weltenall. »Umschlinge, Bruder, mit dem Halse weich »Den meinen, daß wir taumelnd uns noch wiegen, »Wahnblinde Völker unsern Tang belauschen. »Laß uns in faltenweicher Zartheit, gleich »Den welken Lilien zärtlich uns umschmiegen, »In Todesschluchzen selig uns berauschen.« Sollte Deine Freundin dies nicht in Musik setzen können? Ich hoffe auch sie bald näher kennen zu lernen. Dein Seelenverwandter Walter v. L. t. E. Kurhotel 8. Sept.                        (van Lieverlee tot Endegeest) Ich möchte hier nun wohl gerne hinzufügen, daß Johannes den Brief und das Gedicht sofort Marion zeigte und daß er sich gemeinsam mit ihr darüber lustig machte. Aber leider läßt die Wahrheit das nicht zu. Und ich würde mich dessen, um meines kleinen Helden willen, euch gegenüber sehr schämen, wenn ich sicher wäre, daß keiner unter euch beim Lesen so naiv gewesen ist wie er, nämlich um es durchaus ernst zu nehmen und sogar in Zweifel darüber zu geraten, ob es nicht eigentlich ein wunderschöner Vers sei, wohl ein wenig zu hoch für seine Begriffe und daher auf den ersten Blick nicht ganz verständlich. Sollte wirklich keiner unter euch so einfältig sein, darauf hereinzufallen? – Wirklich nicht? – Nun wohl, so wollet denn freundlichst in Betracht ziehen, daß Johannes noch gar jung war und daß die Zeiten inzwischen sehr fortgeschritten sind, dank den unermüdlichen und übereifrigen Bestrebungen unserer zahlreichen literarischen Beurteiler. Johannes erwähnte das Briefchen nicht, sondern sagte nur, als er Marion kommen sah: »Und was glaubst du wohl, wen ich gestern getroffen habe?« Da kam plötzlich Leben in Marions schlaffe Züge. Klar und fest blickten ihre Augen Johannes unverwandt an. »Markus«, sagte sie. Johannes nickte, und darauf sie wieder: »Gott sei Dank, ich habe es mir gedacht. Ich hörte, daß die Arbeiter unweit von hier sich in den Kampf begeben, und da hatte ich gleich die Idee ... Jetzt wird sicherlich alles wieder gut werden.« Darauf schwieg sie und aß ihr Brot befriedigten Blickes. »Wann gehen wir? Ist's weit? Was hast du verabredet?« fragte sie darauf. »Ich habe nichts verabredet«, antwortete Johannes, »aber ich will sogleich mit dir zu ihm gehen, es ist nicht weit.« Und mit erkünstelter Ungezwungenheit fügte er hinzu: »Ich muß nur noch rasch etwas im Hotel bestellen.« »Ach Herrje, das wird wieder was Schönes werden,« brummte Marion vor sich hin. Johannes traf Herrn van Lieverlee bereits im Park. Er stand auf dem Rasen, den Blick auf die Berge gerichtet, vor einem welkenden Ginsterstrauch und war in cremeweißen Flanell gekleidet; in der Brusttasche trug er ein mattviolettes Taschentuch. Mit der einen Hand stützte er sich auf den Spazierstock aus Ebenholz, mit der andern machte er rhythmische Bewegungen, während er Daumen und Zeigefinger aneinanderlegte und den kleinen Finger emporstreckte. Als er Johannes sah, grüßte er mit einem Kopfnicken und halb geschlossenen Augen, wie in schweigendem Einvernehmen. »Superb, findest du nicht? ganz superb!« Johannes wußte nicht recht, was er meinte, ob das Gedicht, das er ihm geschickt, oder die gegenüberliegenden Berge oder den wirklich sehr schönen Septembermorgen. Er wählte daher das landläufigste und sagte: »Ja, das Wetter ist herrlich.« Van Lieverlee sah ihn starr an, als wüßte er nicht sicher, ob er nicht etwa zum Narren gehalten würde, und sagte darauf langsam: »Du scheinst für den Akkord: Weiß-Violett-Gelblich-Braun nicht sehr empfänglich zu sein.« Und da Johannes für Farbenstimmungen gerade sehr empfänglich zu sein glaubte, schämte er sich, daß er den betreffenden Akkord nicht bemerkt hatte. Jetzt sah er ihn deutlich: den weißen Flanell, das violettfarbene Taschentuch, den gelblich-braunen, welkenden Strauch. Daß van Lieverlee sich selber in dieser Farbenskala mitzählte, erschien ihm als eine äußerst hohe Anschauungsweise. »Ich war gerade damit beschäftigt, in Harmonie mit diesem Farbenakkord ein Poem zu machen,« sagte van Lieverlee, und fügte dann, als ihn Johannes ein wenig unsicher anblickte, hinzu: »Weißt du nicht, was ein Pantoem ist?« »Nein, daß weiß ich nicht.« »Aber mein Junge, und das will ein Dichter sein! Und was du heute morgen bekommen hast, weißt du denn vielleicht, was das ist?« »Ein Sonett,« sagte Johannes stolz. »Ah so! – Und fandest du das schön?« Das war eine beklemmende Frage. Johannes wurde ganz verlegen. Aber es wollte ihm fast scheinen, als ob man unter Dichtern solche Fragen wohl stellen dürfe. So überwand er also das, was er für ein kindisches Empfinden hielt, und sagte: »Ich glaube, daß es wundervoll ist.« »So, glaubst du das? – Nun, ich weiß es. – Wir brauchen daraus unter uns kein Geheimnis zu machen. Was gut ist, das nenne ich gut, ob ich es gemacht habe oder ein anderer.« Das erschien Johannes sehr einleuchtend und sehr aufrichtig. Nun, da er wieder bei van Lieverlee war und ihn mit solcher Bestimmtheit und so leichtflüssig und gewandt reden hörte – jetzt erschien er ihm wieder durchaus nicht lächerlich, sondern im Gegenteil sehr vornehm und bewundernswert. Er wußte, daß Marion darüber ganz anderer Ansicht sein würde, aber sein Vertrauen in ihr Urteil nahm ab, je mehr sein Zutrauen zu van Lieverlee wuchs. »Ich habe etwas für dich, Johannes, worüber du dich wahrhaftig wohl freuen kannst,« sagte van Lieverlee, während er aus einem eleganten rotledernen Taschenbuch, das köstlich nach Juchten duftete, einen mit blauem Lack versiegelten und mit einer Krone geschmückten kleinen Brief zum Vorschein holte. »Gräfin Dolores hat ihn eigenhändig geschrieben und ich weiß, was darin steht. Lies ihn mit Ehrfurcht.« Und bevor van Lieverlee ihm den Brief überreichte, führte er ihn mit einer theatralischen Gebärde an die Lippen. Johannes schalt sich selber einen plumpen Lümmel, weil er wohl fühlte, daß er nicht imstande sein würde das jemals nachzumachen. In dem Brief lud die Gräfin Johannes sehr kurz, aber freundlich ein, in einiger Zeit, wenn sie mit ihren Kindern nach England in ihr Landhaus zurückgekehrt sein würde, zu ihr zu Besuch zu kommen. Auch lag in dem Brief ein schönes Papier, so wie Johannes noch niemals eines gesehen hatte. Das bedeutete Geld. »Wie gut von ihr!« rief er hocherfreut. Das war eine große Ehre für ihn. Indessen er dachte sofort an Markus und an Marion und an Keesje. Wie das wohl alles gehen würde? Aber irgend ein Ausweg mußte gefunden werden: eine Weigerung war unmöglich. »Nun? »sagte van Lieverlee, »du scheinst dich nur halb darüber zu freuen. Oder kannst du es noch nicht glauben? Aber, wirklich, ich scherze nicht.« »Nein, nein, das weiß ich wohl,« sagte Johannes. »Dein Freund darf mit, das weißt du ja ... oder will er nicht?« »Ich habe ihn noch nicht gefragt,« antwortete Johannes, »denn Sie müssen wissen ... wir haben nun endlich – wir haben ihn gefunden ...« »Was meinst du? Wovon redest du denn eigentlich? Sprich dich offen aus, mein Junge, vor mir brauchst du keine Geheimnisse zu haben.« »Es sind auch keine Geheimnisse, Herr van Lieverlee,« stammelte Johannes in größter Verlegenheit. »Nun, und warum stotterst du denn so? und warum sagst du »Herr van Lieverlee?« Habe ich dir nicht meinen Namen geschrieben? oder nimmst du meine Brüderschaft etwa nicht an?« »Ich will Ihre Brüderschaft gern annehmen. Aber ich habe noch einen Bruder, den ich sehr, sehr lieb habe. Der war es, den wir suchten, mein Kamerad und ich. Und jetzt haben wir ihn gefunden.« »Einen richtigen, ganz gewöhnlichen Bruder?« »O nein,« sagte Johannes, und fügte dann nach kurzem Zögern leise, aber nachdrücklich hinzu: »... Es ist ... Markus ... wissen Sie, wen ich meine?« – »Markus? – Wer ist Markus?« fragte van Lieverlee beinahe ungeduldig, gleich als wisse er davon nicht das allergeringste. »Wer er ist, das weiß ich nicht,« sagte Johannes enttäuscht. »Ich hoffte, daß Sie es wissen würden, weil Sie so klug sind und schon so viel gesehen haben.« Und er erzählte, was ihm widerfahren, nachdem er an der Seite der dunklen Gestalt den Weg eingeschlagen habe zu der Stadt, wo die Menschheit wohnt und ihr Weh. Van Lieverlee hörte ihm zu, anfangs ein wenig ungläubig und ungeduldig vor sich hinblickend, während er von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf Johannes richtete. Endlich lächelte er. »Es ist ganz klar, wer das ist,« sagte er darauf langsam und entschieden. »Wer denn?« fragte Johannes in atemloser Spannung. »Nun, natürlich ein Mahatma, ein Mitglied der heiligen Brüderschaft aus Tibet. Den werden wir zweifellos auch in die Plejaden einführen. Dort wird er sich heimisch fühlen.« Das alles klang außerordentlich erfreulich und beruhigend. Sollte denn jetzt wirklich das große Rätsel gelöst sein? Und alle Schwierigkeiten beseitigt? »Aber,« sagte Johannes zögernd, »Markus fühlt sich eigentlich nur unter armen und geringen Menschen wohl, unter Arbeitern und fahrendem Volk. Er selbst sieht auch ganz wie ein Arbeiter aus ... beinahe wie ein Landstreicher ... so arm! so arm! Ich kann es noch immer nicht mit ansehen, ohne daß ich weinen möchte. Ganz anders wie Sie. Ganz anders!« »Das tut nichts, das will nichts heißen,« sagte van Lieverlee, indem er ungeduldig den Kopf schüttelte, »das ist Vermummung.« »Aber Sie finden doch auch,« sagte Johannes zaghaft, während er mit sichtlicher Anstrengung fortfuhr: »... Aber du findest es doch auch, nicht wahr, Walter, daß die Armen unterdrückt werden, und daß der Reichtum ungerecht ist?« Van Lieverlee warf den Kopf in den Nacken und beschrieb mit dem rechten Arm eine breite Geste. »O, mein bester Junge, in dem Punkt kannst du mich nichts lehren. Ich war schon Sozialist, ehe du zu denken anfingst. Natürlich! welcher gutherzige Mensch beginnt denn nicht mit solchen kindlichen Vorstellungen! Die Armen werden betrogen und die Reichen sind schlecht. Das weiß heutzutage jeder Zeitungsbengel. Aber wenn man erst ein wenig älter und klüger geworden ist, und wenn man anfängt, die Dinge vom esoterischen Standpunkt aus anzusehen, dann ist die Sache so einfach nicht.« Na ja, natürlich, dachte Johannes. So wie Markus die Sache erklärte, war sie auch viel zu einfach, um wahr zu sein. »Vergiß nicht,« begann van Lieverlee dann von neuem, »daß wir alle mit einem eigenen Karma zur Welt kommen. Daran läßt sich nichts ändern. Ein jeder muß seine Vergangenheit mit sich tragen und für sie büßen oder durch sie genießen. Wir alle bekommen eine Aufgabe mit, die wir zu vollenden haben. Die Armen und Unterdrückten haben ihr trauriges Los dem unvermeidlichen Ergebnis früherer Handlungen zuzuschreiben, und ihre Prüfungen sind das beste Mittel, um sie zu läutern und von der Sünde zu reinigen. Andere hingegen sehen ihren Lebensweg lichter und geebneter vor sich, weil sie den schwersten Kampf schon hinter sich haben. Natürlich empfinde ich tiefes Mitleid mit dem unglücklichen Proletarier, aber darum darf ich mich doch unter keinen Umständen zu seinem jämmerlichen Zustand erniedrigen. Die Leitung der Welt will ihn dort und mich hier, jeden von uns auf seinem Posten. Er bedarf noch des materiellen Elends, um klüger zu werden, ich aber nicht mehr, weil ich in früheren Inkarnationen schon genug gelernt habe. Meine Aufgabe besteht darin, die Schönheit zu erhalten und sie zu steigern und zu verfeinern. Dazu bin ich ausersehen, und darum bin ich an einen bevorzugten Platz gestellt. Ich bin ein Wächter in der heiligen Domäne der Kunst. Die muß rein und unversehrt bleiben in dem großen häßlichen Wirrwarr von groben schmutzigen und gefühllosen Gesellen, die die Mehrzahl der Menschheit ausmachen. Diese Schönheitskultur, das ist mein geweihter Beruf. Ihr muß ich mich hingeben in allen Dingen und zu allen Zeiten. Schönheit! Schönheit! in höchster Verfeinerung, beim Aufstehen und beim Schlafengehen, in Stimme und Bewegung, in Nahrung und Kleidung, das ist mein Dasein – und an dem gemessen muß ich alles andere als untergeordnet erachten.« Er hielt diese Rede mit großem Pathos, während er langsam über das kurz geschnittene weiche Gras schritt und die Kadenz der sorgsam gewählten Sätze mit breiten Taktschlägen des Spazierstockes aus Ebenholz begleitete. Johannes war gänzlich überzeugt. So sehr sogar, daß er darin nichts anderes zu hören glaubte als eine Ergänzung dessen, was ihn Markus bisher gelehrt hatte. Ja, jetzt durfte er zu seinen Kindern gehen. Er wußte es sicher, Markus würde es gut heißen. »Ich wünschte nur, Marion könnte Sie mal hören,« sagte er. »Marion, ist das dein kleiner Kamerad? Nun, und warum kommt er denn nicht? Alle Wetter, da fällt mir eben ein, das war ja wohl ein Mädchen? Sag mir mal, wie ist das eigentlich zwischen euch Beiden?« Van Lieverlee stand still, blickte Johannes forschend an und zupfte an seinem kleinen hellblonden Bärtchen. »... Findest du eigentlich nicht, Johannes,« sagte er dann endlich mit gedehnter Stimme und vielsagendem Lächeln, »findest du nicht, daß ihr ein wenig sehr – ich will mal sagen ... ein wenig voreilig seid? ...« »Wie meinen Sie das?« fragte Johannes, während er ihm ohne Arg gerade ins Gesicht schaute. Wieder blickte van Lieverlee ihn an, gleich als wolle er ihn fragen, ob er ihn etwa zum Narren halte. »Du bist aber ein pfiffiger Kumpan, Johannes, und kannst dich merkwürdig gut verstellen. Aber bei mir brauchst du dir wirklich diese Mühe nicht zu machen. Ich gehöre nicht zu den beschränkten alltäglichen Menschen. Solcherlei Dinge bedeuten für mich gar nichts, nicht einmal so viel wie ein dürres Blatt. Das hat gar nichts zu sagen; aber ich wollte dich nur an die Schwierigkeiten erinnern. Wir dürfen unsern esoterischen Standpunkt nicht verraten. Es gibt zu viele, die nichts davon verstehen und uns allerlei Unannehmlichkeiten bereiten würden. Gräfin Dolores zum Beispiel ist in dieser Beziehung noch sehr rückständig.« Von dieser ganzen Ansprache begriff Johannes so gut wie gar nichts. Er fürchtete aber für sehr dumm gehalten zu werden, wenn er es zeigte. Und so antwortete er denn nur ganz im allgemeinen: »Ich werde mir alle Mühe geben.« Van Lieverlee lachte laut auf und Johannes lachte mit, froh, weil er etwas Drolliges gesagt zu haben glaubte. Dann nahm er Abschied und suchte Marion auf, um sich mit ihr zu den Bergleuten zu begeben. Das Häuschen hatte viel dickere Mauern als holländische Arbeiterhäuser. Die kleinen Scheiben mit den weißen Mullvorhängen lagen tief in den Fensterrahmen, und auf jedem Gesims stand eine blühende Pflanze, ein Geranium oder eine Begonia. Während Johannes und Marion einen Blick durch das Fenster warfen, saß Markus drinnen am Tisch. Die Hausfrau stand neben ihm mit aufgestreiften Ärmeln; auf dem linken Arm trug sie ein halb schlafendes Kind, während sie dem Markus mit der rechten eine Portion Essen auf den Teller schöpfte. Ein etwas älteres Kind stand dicht neben ihm und blickte unverwandt auf die dampfende Speise. Mutters Wangen waren bleich und ihre Züge vor Kummer verzerrt: ihre Augen weinten still. »Es wird ja nichts Rechtes daraus,« sagte sie seufzend; »wenn er doch bloß klüger gewesen wäre. Aber die verdammten Kerls haben ihn beschwatzt. Das kommt von all den Versammlungen. Wäre er doch nur zu Hause geblieben, der Mann gehört ins Haus.« »Nicht so verzagt sein, Mütterchen,« sagte Markus. »Er hat getan, was er aufrichtigen Herzens für gut hielt. Und die das tun, können allzeit ruhig sein.« »Auch wenn sie Hungers sterben?« fragte die Frau bitter. »Ja, auch wenn sie Hungers sterben. Denn besser ist es, ehrlich zu sterben als von dem Betrug zu leben, den man an sich selber verübt.« Die Frau schwieg einen Augenblick, scheinbar nicht unempfindlich für Markus' Worte. Dann sagte sie: »Ja, wenn die Kinder nicht wären ...« und ihre Tränen flossen milder. »Es ist gerade um der Kinder willen, Mutter. Wenn es gute Kinder sind, so werden sie dem Vater danken, der für sie kämpfte, wenn es gleich vergebens war. Und für sie ist ja wohl noch etwas da, denn sonst dürftest du es mir, dem Fremden, doch nicht geben ...« Markus blickte sie lächelnd an, und die Frau lächelte gleichfalls. »Du ... du bekommst unseren letzten Bissen,« sagte sie herzlich, und dann nach dem Fenster blickend: »Was stehen denn da für Bengels? Und ein Affe ist auch dabei!« Da schaute sich auch Markus um, und sobald die Beiden da draußen seine Züge erkannten, riefen sie »Hurrah« und stürmten hastig hinein, ohne auch nur anzuklopfen. Marion flog Markus um den Hals und küßte ihn. Johannes hielt seine Hand, ein wenig befangen, Keesje schaute sich suchend im Zimmer um und betrachtete namentlich die kleinen Kinder voller Mißtrauen. Dann folgten aufgeregte verworrene Mitteilungen in holländischer Sprache. Die sämtlichen Erlebnisse mußten berichtet werden, und Marion war fröhlich und gesprächig. Die Mutter blieb stehen und schaute, von eigenem Leid erfüllt, unzufriedenen Blickes zu. Das halb schlafende Kind war durch den Lärm aufgewacht und begann zu weinen. Da kam der Mann heim, mürrisch und gereizt. »Was ist das hier für'n höllischer Spektakel?« fragte er, und die beiden schwiegen, langsam begreifend, daß sie in einem von Sorgen erfüllten Hause waren. Gespannt blickte Johannes auf die müden, abgezehrten Züge des Mannes, in das bleiche, angsterfüllte Angesicht der Mutter, wartend, was nun wohl geschehen würde. »Holländer?« fragte der Bergmann, während er sich an den Tisch setzte und einen Teller vor sich hinhielt. »Ja, Freunde von Markus«, antwortete die Frau. Und darauf mit erzwungener Ruhe: »Gibt's was neues?« »Alles in Ordnung«, sagte der Mann mit erkünstelter Freudigkeit. »Wir gewinnen sicher, wir gewinnen sicher, 's ist gar nicht anders möglich. Was meinst du, Markus?« Allein Markus blickte schweigend hinaus. Da fluchte der Mann, weil die Speise nicht nach seinem Geschmack war, und begann zu essen. Marions Fröhlichkeit war geschwunden. Die Frau schüttelte traurig den Kopf und küßte ihr Kind. »Ihr müßt euch in acht nehmen, Bengels«, sagte da der Mann plötzlich, »es wird nach euch gesucht. Habt ihr gestohlen? Und wer von euch ist das verkleidete Mädchen?« »Ich!« sagte Marion. »Was wollen sie denn eigentlich von mir? wenn ich doch keine andern Kleider habe!« »Bist du ein Mädchen?« fragte die Frau, »du solltest dich was schämen.« »Ob Frau Huber nicht vielleicht ein Kleidchen übrig hat?« sagte Markus: »die hat so viele Töchter.« »Es wird wohl alles im Pfandhaus sein«, meinte die Frau, und Johannes rief mit gewichtiger Stimme: »Wir können bezahlen, wir haben Geld!« »Ei, ei«, sagten die andern, während Markus lächelte. Da bekam Marion ihre Mädchentracht wieder in Gestalt eines häßlichen karrierten Kleidchens; nur Keesje freute sich über diese Veränderung. – – »Habt ihr viel gesungen?« fragte Markus. »Ja, wir singen jeden Tag«, antwortete Marion, »und Johannes hat hübsche neue Lieder gemacht.« »Das ist recht«, sagte Markus, und darauf sich an Mann und Frau wendend: »Dürfen sie hier was singen?« »Singen? – dazu ist's wohl gerade die rechte Zeit«, meinte die Frau hämisch. »Warum denn nicht?« sagte der Mann, »ein hübsches Liedchen kommt niemals ungelegen.« »Das meine ich auch«, sagte Markus, »man will doch nicht nur Seufzen hören.« Marion stimmte leise ihre Guitarre, und während der Mann am Kachelofen saß und seine Pfeife rauchte, und die Frau ihr jüngstes Kind ins Bettchen legte, begannen die zwei ihr Lied zu singen, das letzte, das sie zusammen gemacht hatten. Es war ein wehmütiges Lied, wie alles, was sie während der letzten Wochen gesungen, und lautete also: »Wenn ich will klagen, was mein Schmerz, »versteht mich keines Menschen Herz, »doch Rosenstrauch und Nachtigall, »die kennen meinen Kummer all. »Der Nachtwind, mit dem sanften Weh'n, »der raunt mir zu ein still Verstehn. »Mit Sternenschrift seh ich's gezogen, »so strahlend hell am Himmelsbogen. »Ich weiß ein Land, wo jeder Schmerz »als goldnes Lied zieht himmelwärts, »wo Rosen mit dem roten Mund »verheilen jede Herzenswund. »Das Land ist gar nicht weit von hier, »doch bleibt es stets verschlossen mir. »Da ist es nicht, wo ich jetzt bin, »und niemand weiß, wie mir zu Sinn.« »Ist das nun holländisch?« fragte der Arbeiter, »ich verstehe kein Jota davon. Und du, Frau?« Die Frau weinte und schüttelte verneinend den Kopf. »Was heulst du denn so, wenn du 's doch nicht verstehst?« »Ich verstehe es zwar nicht, aber ich muß doch darüber weinen, und das tut mir gut«, sagte die Frau. »Also vorwärts denn, wenn 's dir gut tut, dann wollen wir 's noch mal hören.« Und die Kinder sangen ihr Lied zum zweiten Mal. – Als sie fortgingen, war mehr Frieden im Hause. Markus ging zwischen den beiden Kindern, Keesje saß auf seiner Schulter, das eine Händchen vertraulich auf seine Mütze gelegt, und blickte andächtig auf das dunkle Haar, das sich an den Schläfen kräuselte. »Markus«, sagte Johannes, »das verstehe ich nicht. Was hat mein Kummer denn eigentlich mit dem ihren zu schaffen? Und doch schien es fast so, als ob sie über mein Gedicht weinten. Aber mein Kummer ist doch nur so ganz, ganz klein, und sie sorgen sich um so große Dinge.« »Ich verstehe das sehr gut«, sagte Marion, »früher konnten sie mich so viel prügeln, wie sie nur wollten, und ich gab keinen Laut von mir: aber als sie mich eines Tages wieder tüchtig verhauen hatten, da sah ich ein kleines armseliges Kätzchen, das genau so unglücklich aussah wie ich, und da begann ich ganz jämmerlich zu weinen, und das half.« »Fühlt ihr es denn nun, ihr Kinder, daß alles Leid, das gelitten wird, ein Leid ist? So aber ist auch alle Freude eine Freude. Der Vater leidet alles mit, und wer ein armes Kätzchen tröstet, tröstet den Vater.« Diese Worte trafen Johannes mit wundersamer Erleuchtung, und tief und lange mußte er über sie nachdenken. Er sah nichts mehr um sich her, bis sie in ihrem Logis anlangten, das aus zwei kleinen Kammern in einer alten unbewohnten Mühle bestand. Die Tochter aus einem nahe gelegenen Gasthaus brachte ihnen ein paar Schlafdecken. Jetzt schlief Marion allein und Johannes mit Markus in einer Kammer. Als sie am nächsten Morgen in der dunklen Gaststube des Wirtshauses ihren Kaffee tranken, mußte er denn doch endlich sagen, was er auf dem Herzen hatte. Das duftende mattviolette Briefchen kam zum Vorschein, und auch das mit der Krone und dem blauen Siegellack geschmückte. Johannes war verlegen; sogar seine Hoffnung auf Markus' Beistimmung war wieder ganz bedenklich gesunken. »Ich rieche es schon«, sagte Marion, »das ist wieder der Friseurgestank von dem dummen Kauz mit seiner Haartolle.« Johannes ward ärgerlich. »Du könntest dich freuen, wenn du solche Verse machen könntest wie »der dumme Kauz.« Und verstimmt über die Beleidigung, die man seinem neuen Freunde angetan, stand er auf und begann das Gedicht mit großem Ernst vorzutragen. Die Aufgabe war schwerer, als er geglaubt. Markus hörte ihn an, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, Marion war einigermaßen außer Fassung geraten und schaute Markus an. Der aber schwieg. »Soll ich dir mal was sagen?«, rief sie endlich aus, »ich glaube nichts davon, kein Wort!« »Und dann sage ich dir«, antwortete Johannes schnippisch, »daß du viel zu roh und viel zu grob bist, um erhabene Dinge zu verstehen.« »Wohl möglich!« erwiderte Marion mit ihrem gleichgültigsten kältesten Gesicht. Da wandte sich Johannes ausschließlich an Markus, in der Hoffnung, daß dieser ihn wohl verstehen würde. Was er sagte, brach sich leidenschaftlich Bahn, gleich als habe er es schon lange in sich aufgenommen, und seine Stimme klang wie von Tränen durchzittert. »Ich habe es mir schon lange gedacht, Markus, schon lange. Das kann so nicht gehen. Alles Rohe und Grobe ist mir zuwider, und sie ist roh und grob. Und alles, was ich bei den Menschen sehe, ist roh und grob. Das ist doch nicht schön und nicht gut. Das kann der Vater nicht wollen. Und jetzt sehe ich etwas Köstliches, das fein ist und zart und edel. Soll ich denn das nicht suchen? Ich hätte niemals geglaubt, daß es unter den Menschen etwas so Schönes geben könnte. Es ist das schönste, was ich bei ihnen jemals gesehen habe. Das Haar meiner beiden Kinder ist wie Gold, Markus, die Elfen haben es nicht schöner, und ihre Füßchen sind so schlank und ihre Hälschen so zart. Ich muß immerfort daran denken, wie reizend stolz sie den Kopf aufrichten, und an die feinen Lippen und die fein geschwungene Linie um ihre Mundwinkel und an den lieblichen Klang ihrer Stimme, wenn sie mich etwas fragen. Sie tanzten zusammen nach der Musik, die Hände ineinandergeschlungen, und dann kamen die feinen Strümpfe unter ihren Sammetkleidchen jedesmal gleichzeitig zum Vorschein. Mir wurde ganz seltsam zu Mute. Die eine hat blaue Augen und dickere rötere Lippen: die ist am sanftesten und am unschuldigsten. Die andere hat graue kluge Augen und schmalere Lippen, die ist klüger und schalkhafter, und hat auch eine zartere Haut und feine Sommersprossen dicht unter den Augen. Und dann müßtest du sie sehen, wie sie ihre Mutter umschmeicheln, jede an einer Seite, und dann fällt all das Haar in schweren Wellen über sie in Schattierungen von Gold, Braungold und Lichtgold, und das wogt und wallt wie ein Fluß, und die Diamanten auf ihrer Mutter Hals sah ich mitten darin aufblitzen. Du müßtest sie englisch sprechen hören, so fließend und ohne Akzent; aber sie sprechen auch holländisch, und das höre ich fast noch lieber. Die eine, die unschuldigste, lispelt ein wenig, die hat auch das dichteste welligste Haar. Aber mit der andern würde ich besser reden können, die ist verständiger. Und die Mutter ist so vornehm in allem was sie tut. Alles was sie sagt, ist fein und edel, und jede ihrer Bewegungen ist anmutig. Man fühlt so recht, daß sie weit über einem steht, ganz weit, und dennoch tut sie so, als sei sie die geringere. Ist das nicht schön, Markus? So soll es doch sein, nicht wahr?« Markus antwortete nicht, sondern blickte ihm gerade in die Augen, mit tiefer Innigkeit und rätselschwerem Ausdruck. Freundlich, aber Johannes völlig unverständlich. In seiner Erregung fuhr Johannes fort: »Jetzt erst habe ich eine Menschenwelt kennen gelernt, von der ich bisher nichts wußte. Und in der Welt lebt er, mein Freund Walter, der dieses Gedicht gemacht hat. Von jener Welt hat sie keinen Begriff« – auf Marion zeigend – »sie kann nichts dafür, denn ich hatte ja auch keine Ahnung davon. Aber ich bin nicht störrisch wie sie, und es fällt mir nicht ein, darauf zu schimpfen, weil es mir unerreichbar ist. Das ist eine Welt voll Schönheit und Verfeinerung, eine dichterische Welt voll Kunst und Erhabenheit. In die Welt will Walter mich einführen, und nun finde ich es furchtbar kindisch von ihr, daß sie darüber spottet. Findest du das nicht auch, Markus?« Markus' Augen indessen schauten ihn noch immer innig und geheimnisvoll an, während sein Mund schwieg. Johannes blickte von dem einen auf den andern, der Antwort gewärtig. Endlich fagte Markus: »Und was sagt Marion?« Diese, die in gebückter Haltung dagesessen hatte, richtete den Kopf auf. Sie blickte jetzt nicht mehr gleichgültig drein. Ihre Wangen glühten, und ihre Augen schienen hinter trockenen roten Rändern zu brennen. Sie starrte harten Blickes vor sich, wie im Fieber, und sprach: »Was ich sage? Ich habe nichts zu sagen. Er findet mich zu roh und zu grob. Das ist ganz gut möglich. Ich fluche manchmal, und Keesje stinkt. Bei den Leuten halte ich es einfach nicht aus, und sie wollen mich auch gar nicht, und Keesje erst recht nicht. Wenn Hanni nun feinere Gesellschaft braucht, dann muß er eben nur dahin gehen.« »Nein, Marion, du verstehst mich nicht oder du willst mich nicht verstehen«, sagte Johannes bekümmert. »Es ist nicht, weil ich sie brauche, sondern weil es gut ist. Es ist gut, in ein schöneres Leben zu kommen, in eine erhabenere Welt. Ist es nicht so, Markus? du begreifst mich doch wohl?« »Ich begreife«, sagte Markus. »So sage ihr doch, daß sie mitkommen soll, daß es besser ist.« »Ich finde es nicht besser, und ich gehe ganz gewiß nicht mit«, sagte Marion. »So sage du uns, Markus, denn jetzt haben wir dich doch bei uns: sage du uns, was wir tun sollen, und wir werden gehorchen.« »Das weiß ich noch nicht«, sagte Marion. Da lächelte Markus und sprach, während er Marion zunickte: »Schau, schau, sie weiß schon, daß wir niemandem Gehorsam versprechen dürfen. Wer einem andern Gehorsam verspricht, der sagt dem Vater den Gehorsam auf.« »Aber du bist so viel klüger als wir, Markus.« »Ist es genug, daß ich klüger bin, Johannes? Willst du denn nicht selbst klüger werden? Willst du von mir getragen sein, weil ich besser gehen kann? Wie würdest du dann wohl jemals gehen lernen?« Marion blickte ihn starr an mit ihren funkelnden brennenden Augen, und auf ihrem bleichen Gesichtchen flammten zwei rote Flecken. Sie ging auf Markus zu und legte ihm die Hand auf den Mund, während sie leidenschaftlich ausrief: »Sage es nicht! ich weiß, was du sagen willst, sage es nicht! Denn dann tut er es – und das darf nicht! ... das darf nicht! ...« Laut rief sie diese Worte aus, während sie ihr Gesicht an Markus' Schulter barg. Markus legte seine Hand auf ihren Kopf und sprach sanft: »Gönnst du ihm denn nicht, was du für dich selber verlangst? – Daß er tut, was er selbst für gut hält und nicht, was einen anderen gutdünkt?« Marion blickte auf: ihre Augen waren ohne Tränen. Johannes lauschte schweigend, und Markus fuhr fort: »Es gibt entsetzliche Mißgeschicke, ihr Kinder, aber die meisten sind so schlimm nicht, wie sie scheinen. Nur die Furcht davor ist schlimm. Das einzige Wirrsal aber, das ihr wirklich zu fürchten habt, entsteht dadurch, daß ihr nicht das tut, was ihr selber für gut haltet, ihr selber Kinder, allein mit dem Vater. Vater spricht zu uns auch durch die Menschen und durch ihre Weisheit und ihre Worte. Aber das sind Umwege. In uns selber haben wir ihn ohne Umwege, so wie du jetzt an meiner Brust liegst, Marion. Das will er, und da müssen wir ihn suchen, mehr und mehr. Nun gibt es viel Selbstbetrug. Selbst ist lange schon blind und taub – und sie halten des Teufels Stimme manchmal für Gottes Stimme, und sie sehen den Erzfeind für den Vater an. Aber wer sich so sehr fürchtet zu verirren, der rührt sich nicht von seinem Platz und findet niemals den rechten Weg. Wer beim Schwimmen nicht den Mut hat, andere loszulassen, ertrinkt in Not. Habt den Mut die Menschen loszulassen, ihr Kinder, sie alle loszulassen um des Vaters willen, wenn der in eurem Innern spricht. Laßt sie alle böse nennen, was euch selber gut dünkt. Tut es und Vater wird euch nicht beschämen. Aber versteht mich wohl, verschließt eure Ohren niemandem, denn die Wahrheit kommt aus allen Ecken, und Gott spricht überall. Bittet einen jeden um sein Urteil, aber bittet niemanden, daß er für euch urteile. – –« Alle schwiegen eine Zeitlang. Endlich stand Marion langsam auf mit abgewandtem Gesicht und strich sich das kurze weißblonde Haar aus der Stirn. Sie ging auf Keesje zu, der, an einem Stuhl festgebunden, Nüsse schälte, und machte seine Kette los, während sie leise und innig sagte: »Gehst du mit, Keesje? Jetzt weiß ich wohl, was geschehen wird.« Darauf ließ sie ihn auf ihre Schulter springen und trat auf die Straße hinaus, ohne sich umzuschauen. »Weißt du es auch, Johannes?« fragte Markus. »Ja«, sagte Johannes kurz entschlossen, »ich gehe.« So verließ denn der kleine Johannes seinen Geleiter und seine Freundin und ging, um ein schöneres Menschenleben und eine edlere Menschenwelt zu suchen. Er tat es jetzt nicht mehr leichtfertig, so wie er einst seinen Vater und alsdann Windekind verlassen hatte, auch nicht halb gezwungen, so wie er »Bredebest« den Wohnwagen der Kirmesleute hatte vorziehen müssen. Jetzt handelte er seiner Ansicht nach vollkommen freiwillig, und zwar nicht aus Leichtsinn, sondern aus Überzeugung. Man würde meinen, nicht wahr, daß er schon ein ganzes Stück vorwärts gekommen war? und so dachte auch er. Er entsann sich auch sehr wohl des ersten Gespräches über Erinnern und Vergessen, das er während des Gewitters mit Markus geführt hatte. Indessen wollte ihm das, was er jetzt tat, nicht als Untreue erscheinen. Er verließ Freunde, aber er folgte dem, was er für die Stimme seines liebsten Freundes hielt; und so hatte Markus es ihn gelehrt. Er mußte den Menschen helfen ihr Weh zu bekämpfen, dazu war er fest entschlossen. Aber zu allererst mußte er auch selber ein guter Mensch werden, und darin stimmte er mit van Lieverlee vollkommen überein, daß ein guter Mensch auch ein schöner Mensch sein und ein schönes Leben führen müsse. Aber einem schönen Menschen glich er bisher noch viel zu wenig. An seinem Gesicht konnte er vorläufig nicht viel ändern; er hatte die unbestimmte Vorstellung, daß das recht häßlich sei. Um so mehr Sorgfalt mußte er daher auf seinen Anzug verwenden. Jede Blume, jeder Vogel sah besser aus als er. Seine Mütze und sein Kittel waren von schlechtem Schnitt und außerdem verregnet und verschossen, seine Schuhe unförmig und mit schief getretenen Absätzen. Der Gedanke, daß er in solchem Aufzuge zu einer Gräfin zu Besuch gehen und neben van Lieverlee erscheinen müsse, drückte ihn schwer. Zum Glück hatte er nun ein wenig Geld. Zwar nicht viel, denn er mußte davon reisen, aber etwas konnte er sich wohl trotzdem noch anschaffen. Und für Johannes ward es ein lange währendes und schweres Nachdenken, was er nun wohl am besten taufen solle, um sich mit möglichst geringen Kosten möglichst hübsch auszustaffieren. Die erste Anschaffung bestand in einem weißen gestärkten Vorhemd und einer fertig gebundenen Krawatte – einer schwarzen – denn an Farben wagte er sich nicht heran, des wundervollen Halsschmuckes eingedenk, den van Lieverlee zu tragen pflegte. Zu dem Vorhemd kaufte er sich ein paar Knöpfe mit grünen Steinchen, die aus Glas waren und Smaragden vorstellen sollten. Die Knöpfchen brauchte er zwar nicht, denn das Vorhemd wurde hinten geschlossen, aber ihr bescheidenes Glitzern sollte für Johannes' guten Willen, äußerlichen Schmuck zu pflegen, beredtes Zeugnis ablegen. Ferner kaufte er sich einen steifen Hut, einen Mantelkragen und ein Paar neue Stiefel. Daß diese letzteren ihn drückten, ertrug er gern, und er freute sich über den Geruch von frischem Leder, den sie verbreiteten, und über ihr lautes Krachen. Anfangs krachten sie gar nicht, zu seiner größten Enttäuschung. Aber nach ein paar Stunden, jawohl, da begannen sie zu knarren und zu krachen, als wollten sie so recht zu verstehen geben, daß künftighin ein erhabeneres Leben in einer schönen Menschenwelt gelebt werden sollte. Und endlich ... Glacéhandschuhe. Aber die wagte er nicht zu tragen als er sie einmal hatte. Ebensowenig aber mochte er sie auslassen, denn sie hatten sehr viel Geld gekostet, und das durfte doch nicht nur so mir nichts dir nichts hinausgeworfen sein. Daher endete er damit, daß er einen trug und einen in der Hand behielt, und er glaubte sich zu erinnern, daß dies auch in der Tat der Mode entspreche. Ein kleiner Reisekoffer erschien ihm jetzt noch als das höchste Ideal, als der Gipfel aller Vornehmheit, aber er besaß nichts, was er hätte hineinlegen können: den nötigen Inhalt dazu zu kaufen, daran konnte er nicht denken, und ihn nur zum Schein mitzunehmen, das widersprach seinem Empfinden von Ernst und Ehrlichkeit doch allzusehr. Die alte Tasche von Tante Serena hinterließ er Marion. Der Abschied war ihm nicht schwer, o nein, so gänzlich erfüllt war er von dem schönen Leben, das seiner wartete. Noch niemals hatte er so die volle Überzeugung gehabt, daß er auf dem rechten Wege wandle und daß das, was er tun wollte, gut sei. Markus hatte gefügt, das Frohe und Glückliche sei auch das Gute, das wir suchen müssen. Und jetzt fühlte sich Johannes so froh und so leicht, wie nie zuvor, seitdem er Windekind verlassen. Sollte das denn nicht bedeuten, daß er auf dem guten Wege war? Und welches war denn die Stimme des Vaters, von der Markus sprach, so nicht diese innere Freudigkeit? Es war doch keine gewöhnliche hörbare Stimme, die einen Laut von sich gab und holländisch oder irgend eine andere Sprache sprach. So stand es zwar in der Bibel geschrieben, aber so war es jetzt nicht. Dann mußte es also wohl dies Gefühl sein, dies Gefühl der Freude und der glücklichen Erwartung, das ihn jetzt gänzlich erfüllte. Seht ihr nun wohl, daß Johannes Fortschritte gemacht hatte? Ich glaube nicht, daß ihr besser hättet urteilen können als er. Und wenn ihr nicht in die Patsche geraten wäret, so wie er, so würde das jedenfalls mehr Glück als Verstand gewesen sein. Van Lieverlee hatte anfangs versprochen, daß er ihn begleiten wolle. Im letzten Augenblick aber schrieb er ab, ohne zu sagen, aus welchem Grunde, und ließ Johannes allein ziehen. In einem Waggon dritter Klasse fuhr er, still in eine Ecke gedrückt, durch die fremden Lande zu den fremden Menschen. Er war ruhig und zufrieden, weil er zu den beiden Kindern ging. Das war ihm ebenso, als reise er in das elterliche Heim. Wo die lieben schönen Seelen weilten, da war seine Heimat. Die Menschen dieses fremden Volkes betrachtete er voller Interesse. Sie schienen ihm weniger grob und plump, und weniger häßlich als seine eigenen Landsleute. Sie waren so viel fröhlicher und manierlicher und auch viel zuvorkommender untereinander. Johannes war eifrig bemüht, an dieser allgemeinen Höflichkeit teilzunehmen, so oft es eben anging. Aber da er die fremde Sprache nicht beherrschte, saß er zumeist in freundlicher Stimmung, in den Mantelrock gehüllt, in seinem Eckchen, und hörte auf die lebhafte Unterhaltung rings umher, die unter lautem Gelächter in dem rüttelnden und schüttelnden Wagen geführt wurde. Während der Nacht schlief er wiederum auf der ledergepolsterten Bank eines Schiffes. Jetzt aber nicht auf dem flachen Rhein, sondern auf dem gewaltigen wogenden Meer. Rings um ihn her waren lauter Menschen, mit denen er nichts zu schaffen hatte. Nur sein Nachbar auf der Lederbank ersuchte Johannes, er möge ihm doch nur ja nicht gegen den Kopf stoßen. Da lag er weiter so still und so klein wie nur irgend möglich. Um Mitternacht blickte er auf und sah sich in der Kajüte um, nicht wissend, ob er denn wirklich geschlafen habe. Die Menschen lagen ruhig, einzelne gaben komische Laute von sich, die meisten aber schienen zu schlafen. In dem Raum hing ein Halbdunkel; geheimnisvoll schaukelten die Lampen hin und her, und die Blattpflanzen auf dem Tisch schwankten und zitterten. Überall hörte man dumpfes Krachen und Klirren, während die Maschinen stampften und dröhnten. Draußen rauschte und klatschte das Seewasser gegen die Flanken des rastlos weiterkeuchenden Schiffes. Am Tisch saß ein einziger Passagier, eine lange dunkle Gestalt, unbeweglich, den Kopf in die Hände gestützt. Johannes blickte ihn aufmerksam an. Er schien einen erstaunlich weiten faltenreichen Mantel zu tragen, und auf dem Kopf einen breiten Filzhut. Die eine Hand, die Johannes zu unterscheiden vermochte, schien sehr weiß und hager. Wie kam es, daß ihm der Mann so bekannt erschien? Dem Johannes war es, als müsse er sogleich eine bekannte Stimme vernehmen. Er dachte an Markus ... dann an seinen Vater ... Da plötzlich fiel die magere Hand schlaff herab, und das Gesicht wandte sich Johannes zu. Nur der weiße Bart kam dadurch in den Lichtkreis: alles übrige blieb im Schatten des breitrandigen Hutes. Da erkannte ihn Johannes. »Freund Hein«, sagte er, und ihm war nicht im mindesten bange. »Guten Tag, Johannes«, sagte der Tod, und nickte. Um wie viel freundlicher sieht er jetzt doch aus, um wie viel menschlicher! dachte Johannes bei sich. Kein Knochenmann mit einer Sense, nein, viel eher ein lieber, alter, sehr sehr alter Mann. »Was machst du denn hier?« fragte Johannes. »Geschäfte«, antwortete der Tod trocken. »Werden wir Schiffbruch erleiden?« Johannes zog diese Schlußfolgerung, ohne sich besonders zu ängstigen: vielmehr wollte es ihm als ein interessantes Abenteuer erscheinen. »Nein, nein«, sagte der Tod, »möchtest du das so gerne?« »Ich möchte es nicht, aber ich fürchte mich auch nicht davor.« »Das letzte Mal, Johannes, batest du mich doch, ich möge dich mitnehmen.« »Jetzt würde ich dich nicht darum bitten. Das Leben fängt nun erst an schön zu werden.« »Fürchtest du dich denn jetzt nicht vor mir, Johannes?« »Nein, denn du siehst jetzt so viel freundlicher aus.« »Ich bin auch freundlich, Johannes. Je mehr du dich bemühst, schön zu leben, desto freundlicher werde ich.« »Aber wie kommt das denn, Freund Hein? Ich würde gerade denken, je schöner das Leben, desto schwerer das Scheiden.« »Es muß die rechte Schönheit sein, Johannes, die rechte Schönheit.« »Dann suche ich jetzt doch sicherlich nach der rechten Schönheit, daß du mir um so viel freundlicher erscheinst, nicht wahr?« »Wohl suchst du sie, Johannes, aber gib acht, daß du sie auch findest. Hüte dich! hüte dich! Wenn ich wiederkomme, möchte ich so recht zufrieden aussehen, und dafür mußt du sorgen, mein lieber Johannes.« »Wie denn, Freund Hein? wie soll ich denn die rechte Schönheit erkennen? wie kann ich denn dafür sorgen, daß du zufrieden aussiehst, wenn du wiederkommst?« Allein der Tod wandte sein bleiches Antlitz wieder ab. schüttelte flüchtig den Kopf und blieb unbeweglich und schweigend dasitzen. Nochmals redete Johannes ihn fragend an – aber es half nichts. Da ward sein Kopf wieder dumpf und seine Augen schwer, und alles verschwand in einem Schleier von Schlaf, während sein Lager dröhnend und zitternd hin- und herschwankte. Als er am folgenden Morgen hinaufkam, sah die Welt wieder hell und lustig aus. Wärmend beschien die Sonne das Deck, das frische blaue Meer glitzerte im Licht, und da vor ihm lag das fremde Land wie eine endlos lange Reihe mattgrauer Küsten, die sich in der Oktobersonne wärmten. Kleine Häuser sah Johannes auf den Hügeln stehen, und er gedachte des ganzen kleinen Lebens, das sich in jenen Häuschen abspielte, des Lebens mit Zubettgehen und Aufstehen, mit Ankleiden und Essen und Zurschulegehen – alles so alltäglich und so klein dort, wo für ihn alles so fremd und groß war. Sie fuhren einen breiten Fluß hinauf, der noch viel, viel breiter war als der Rhein. Kreischend flogen die Möwen über das gelbliche Wasser und strichen dann rastend auf die Sandbänke und die glitschigen Ufer nieder. Hierhin und dorthin lavierten die Fischerboote rings um sie her, und unzählige Schiffe und Dampfer kamen ihnen entgegen. Endlich tauchte in der Ferne eine riesenhafte Stadt auf, gänzlich in Nebel gehüllt, mit einem dunklen Wirrwarr von Schiffstakelagen, Fabrikschornsteinen und Türmen. Düster, gewaltig, unbegreiflich. Wäre Johannes nicht so ganz von dem Gedanken an seine beiden Kinder erfüllt gewesen, so würde er der Stadt sicherlich größere Andacht gewidmet haben. So aber nahm er sie nur flüchtig wahr, wie einen unerwarteten Schatten, dessen Herkunft man nicht begreift, wie eine unheilkündende Ahnung, wie das Schwanken des Bodens vor einem Erdbeben – einen Augenblick später ist der Schrecken vorüber und man glaubt nicht mehr daran. So vergaß auch Johannes die große Stadt und die Bergleute und alles andere, sobald er die Stimmen seiner beiden süßen Mädchen hörte. Sie wohnten in einem Landhause, das Johannes wunderbar erschien wie ein kleiner Palast. Es war aus rotem Backstein und grauem Sandstein erbaut und stand auf einem Hügel, in unmittelbarer Nähe der Meereslüfte. Im Garten wuchsen dunkle Cedern und Steineichen und große Mengen Rhododendron. Das Gras war kurz geschnitten und glatt, so glatt wie grüner Sammet, und mitten hindurch zogen sich die sauber gehaltenen gelben Kiespfade. Es war kein leichter Tag für Johannes und längst nicht so schön, wie er ihn sich gedacht hatte. Von einem Lakaien abgeholt zu werden, wenn man ohne Koffer aus einem Coupé dritter Klasse steigt, das war kein Vergnügen. Solcherlei Prüfungen hatte Johannes noch niemals bestanden. Im Hause herrschte eine vornehme Stille. Die Kinder hatten Unterricht und ließen sich während der ersten Stunde nicht blicken. Johannes bekam einen bangen Eindruck von überwältigender Pracht und beklemmender Vornehmheit, von der er selber gar lächerlich abstach. Er wünschte nur, daß er niemals hierher gekommen wäre, und seine hoffnungsfrohe und übermütige Stimmung war mit einem Schlage geschwunden. Er stolperte über weiße Bärenfelle und lief gegen eine Glastüre, in der Meinung, daß sie offen sei: wie eine Hummel hinter einer Fensterscheibe. Er dachte darüber nach, wie er wohl am schnellsten wieder von hier fortkommen könne und wünschte sich bloß, daß er doch noch bei Markus in der kleinen Wirtsstube sei. Vom Weinen war er nicht allzuweit mehr entfernt. In einem kleinen Salon lag die Gräfin vor einem leise knisternden Kaminfeuer auf einem breiten Diwan. Johannes ging mit großen Schritten auf sie zu und machte eine linkische Verbeugung. Eine ganze Menge Hündchen, es mochten ihrer etwa sieben sein, umringten ihn kläffend. Er dachte an sein Vorhemd und die grünen Glasknöpfe, und daß sie hier in dieser Umgebung sicherlich durchaus keinen eleganten Eindruck machen würden. Die Gräfin blickte ihn an, gleich als entsinne sie sich nicht mehr so recht, wer er sei, und wozu er eigentlich käme. »Setz dich,« sagte sie auf englisch mit müder Stimme und einem gekünstelten Lächeln. »Ich hoffe, daß du eine gute Reise gehabt hast.« Johannes setzte sich und bemerkte erst jetzt, daß noch jemand in dem Zimmer war; und vor diesem Jemand versuchte er sich zu verneigen, was indessen nicht bemerkt wurde. Das war eine sehr imposante Persönlichkeit. Sie lag in einen Fauteuil zurückgelehnt und trug so viel weiße Spitzen, Schwanenpelz und Tüll, daß sie noch viel größer und dicker erschien, als sie in Wirklichkeit war. Auf ihrem Kopf prangte ein riesenhafter Hut, mit lebensgroßen Pflaumen und Pfirsichen, künstlichen blauen Blumen – Vergißmeinnicht und Kornblumen – und einem blauen Gazeschleier verziert. Ihr Gesicht war groß, von Natur hochrot, aber durch viel Puder zu einem Mattrosa gedämpft und mehr oder weniger bärtig. Ihre dicken roten Händchen waren steif vor Juwelen, und trotzdem es durchaus nicht warm war, fächelte sie sich unaufhörlich mit einem großen Fächer aus weißen Straußenfedern, auf dem grüne und violettfarbene Edelsteine funkelten. Die sonderbarsten Ziergegenstände aus Gold und Silber, kleine Schweinchen, Herze, Kreuze und Münzen hingen ihr an langen, vielschnürigen Ketten in einem dicken Bündel auf den Busen herab. Ein dünner Krückstock mit goldenem Griff stand neben ihrem Stuhl, und auf dem Tischchen saß, dicht neben ihrer Hand, ein kleiner grüner Papagei und aß Trauben. Die sieben Hündchen, die sämtlich weiß waren und hellblaue Schleifen auf dem Kopf trugen, gehörten augenscheinlich ihr, denn sie umringten sie in drohendem Kreis wie Wächter und blickten voller Bosheit auf die Beine des Johannes. »Was will der Junge hier?« fragte sie mit dröhnender Stimme, ohne sich auch nur nach Johannes umzusehen; und bevor sie noch eine Antwort erhalten hatte, rief sie laut: »Alice!« Sogleich kam, wie auf der Bühne, hinter einer schwerfälligen Portiere eine elegante Kammerzofe zum Vorschein, schwarz gekleidet, mit blitzend weißen Manschetten und einer weißen Haube; die schwebte geräuschlosen Schrittes herbei und reichte der großen Dame ein Riechfläschchen, an dem diese eifrig zu schnauben begann. Johannes war tödlich verlegen. Er fühlte, daß dieses kostbare Riechfläschchen aus Kristall auf ihn gemünzt war. Das rief mit der glitzernden Sprache seiner unzähligen geschliffenen Facetten: »Du stinkst nach der dritten Klasse!« Wie gelähmt saß er da und blickte auf die Flasche, und heimlich wünschte er, daß es eine Dynamitbombe sein möge, die ihn und das schöne Haus und all seine schönen Illusionen alsbald in die Luft sprengen würde. Da kam ihm Gräfin Dolores zu Hilfe. »Meine liebe Lady Crimmetart,« sagte sie mit ihrer einschmeichelndsten Stimme, »dies ist ein sehr interessanter junger Mann, äußerst interessant sogar. Es ist ein junger Dichter, der seine eigenen Kompositionen singt. Nicht wahr, Johannes? Und so reizend wehmütig, wirklich allerliebst. Sie müßten es bloß mal hören, liebe Freundin, ich weiß sicher, daß es Ihnen gefallen würde.« »Wirklich?« sagte die grobe Stimme, und das unheimlich große Gesicht mit den blauen hervorquellenden Augen blickte Johannes an. »O ja, Lady Crimmetart, aber das ist noch nicht alles. Johannes ist auch ein Medium, ein Sensitiver, der allerhand Elementare sehen kann, oft sogar bei hellerlichtem Tage: nicht wahr Johannes?« Johannes fühlte sich so bedrückt und gequält, daß er nur resigniert zu nicken vermochte. »Wirklich?« sagte Lady Crimmetart nochmals mit einer Stimme, die klang wie die eines Schiffskapitäns bei stürmischem Wetter. »Dann muß er nächsten Sonnabend zu meiner Gesellschaft kommen.« »Hörst du es, Johannes? – das ist eine große Ehre für dich. Lady Crimmetart ist eine der klügsten Frauen der Welt, und in ihrem Salon versammelt sich die Elite des intellektuellen England.« »Junger Mann,« sagte Lady Crimmetart, »ich werde dich mit Ranji-Banji-Singh von der Universität Benares, dem großen Philosophen, und mit Professor von Pennewitz aus Moskau bekannt machen.« Man kann sich leicht denken, was für ein herrlicher Ausblick sich da dem kleinen Johannes eröffnete. Aber Lady Crimmetart bat nicht; sie befahl. Es schien sich daran nichts ändern zu lassen. Da kam eine zweite Zofe, ebenso zierlich und behende und geräuschlos wie die erste, und servierte Tee mit dünnen Butterbrötchen und heißem Gebäck. Erregt paßte Johannes auf, wie man damit wohl umgehen müsse, und versuchte es ebenso zu machen, warf aber natürlich unter dem kühlen beobachtenden Blick der zierlichen Zofe die Milchkanne um. »Der Bischof kommt auch,« sagte Lady Crimmetart nach einer Weile, »der Engel!« Johannes glaubte, daß er in dieser Abendgesellschaft sicherlich die Mitra und den Krummstab zu sehen bekommen würde und mußte unwillkürlich an St. Nikolaus denken. Darauf unterhielten sich die Damen über kirchliche Angelegenheiten, über Abendmahl und Altar, über die Wahlen und die Ein- und Ausfuhr-Gesetze, bis er ihnen nicht mehr zu folgen vermochte. Endlich wurde dann Alice wiederum gerufen, der Wagen bestellt, die Riechflasche in einen großen Beutel gesteckt, die sieben Hündchen wie Perlen an einer langen blauseidenen Schnur aufgereiht, und so entfernte sich der Zug, während der Papagei auf der Schulter der Kammerzofe saß. An der Tür wandte sich die große Dame, deren Gang ein wenig gichtisch zu sein schien, nochmals um und brüllte Johannes zu, während sie sich noch immer befächelte: »Pünktlich kommen, hörst du wohl, und vergiß dein Instrument nicht!« »Eine Frau aus Millionen,« sagte Gräfin Dolores, nachdem sie gegangen war. »Ist sie nicht eine wundervolle Frau. Johannes? So gut und so klug.« »Ja, ja,« sagte Johannes gehorsam, während er voller Angst an das Instrument dachte, das er mitbringen sollte. Da endlich, endlich hörte er ein lebhaftes Gezwitscher hoher Stimmchen und leichte Füßchen, die durch das stille Haus eilten. Sein Herz begann laut zu klopfen. Da öffnete sich die Tür, und nach wenigen Sekunden fühlte er, wie ihn die sanften teuren Händchen berührten, hörte er, wie ihre lebhaften hohen Stimmchen auf ihn eindrangen. Das gab Trost. Und als sie ihn mit hinauszogen und er mit ihnen im frischen Abendwind über die grünen Klippen am weiten Meere entlang wanderte, an jedem Arm eines der Kinder, da begann die Beklemmung allmählich von ihm zu weichen, und er fühlte etwas von dem neuen Glück, das er erhofft hatte. Des Nachts aber konnte er nicht schlafen, und als der Morgen bereits erwachte, lag er noch immer regungslos da und starrte gespannt auf die schöne Decke aus dunkelbraunem Holz, auf der kleine goldene Sternchen sichtbar waren. Er, der kleine Johannes, war bei einer Gräfin zu Gast, war eingeführt in eine schöne Welt und befand sich bei den reizendsten Geschöpfen, die unter den Menschen zu finden waren. Zwar war er jetzt bei seinen Kindern, aber er fühlte sich dennoch nicht glücklich. Er war ja viel zu arm und zu dumm und würde hier jämmerlich beschämt werden. Sobald er an die funkelnde kristallene Riechflasche dachte und an das umgefallene Milchkännchen, verbarg er sein Gesicht in die Kissen, zornig und verlegen. Und als er endlich gegen Morgen in einen leichten Schlaf fiel, da träumte ihm von einem großen Laden, in dem einzig und allein Schwimmhosen zu kaufen waren, in hunderterlei Stoffen und Farben, aus Tuch, Leder, Hermelin und Sammet, mit Pelz verbrämt und mit Schleifen und Monogrammen verziert. Und als Johannes eintrat, um sich für die Abendgesellschaft eine auszusuchen, stand ein riesenhafter Mann mit einem langen Bart und einer hohen Pelzmütze hinter dem Ladentisch. Das war Professor von Pennewitz, und der begann ihn zu examinieren. Johannes aber wußte nichts, rein gar nichts. Er mußte durchfallen. Da bekam er eine Violine ohne Saiten, auf der sollte er spielen, und als das nicht glückte, nahm von Pennewitz seine Pelzmütze ab und setzte sie ihm auf, so daß Johannes gänzlich darin verschwand und vor Wärme und Beklommenheit glaubte ersticken zu müssen ... Da ertönte ein kräftiges »tick! tack! tick! tack!« und er wachte auf, in kalten Angstschweiß gebadet. Noch bevor er »ja« gerufen (anstatt »yes«, so wie er es sich doch ausdrücklich vorgenommen hatte) wurde die Tür geöffnet, und das Zimmermädchen trat ein mit einem großen silbernen Tablett in der Hand. Sie sah noch hübscher und sauberer aus als gestern, gleich als habe sie während all der Zeit unter einer Glasglocke gestanden, und ohne die geringste Verlegenheit kam sie auf Johannes zu, um ihm den Tee zu reichen. O weh, das war aber eine hochnotpeinliche Angelegenheit! So etwas war ihm nicht mehr widerfahren, seitdem er den Keuchhusten gehabt hatte, damals als seine Mutter noch lebte und sie ihm Tee und Zwiebäcke ans Bett brachte. Daatje pflegte auch hin und wieder hereinzukommen, um ihn zu wecken, und darüber ärgerte er sich stets sehr, weil es den Anschein erweckte, als sei er noch ein kleines Kind. Mit Daatje war das aber auch etwas ganz anderes. Die erinnerte mehr an eine Kinderfrau. Aber dieses wildfremde elegante Persönchen mit dem zierlich frisierten Haar und der Haube mit schneeweißen Bändern, das ihn hier so mir nichts dir nichts überfiel, während er frisch und gesund im Bett lag, und sein Vorhemd noch einsam über der Stuhllehne hing, und die grünen Glasknöpfchen gleichsam erschreckt die übrigen dürftigen Kleidungsstücke anstarrten, die auf dem Tisch ausgebreitet lagen, das verschaffte ihm bange Augenblicke. Heftig errötend dankte er für den Tee, und verhielt sich mäuschenstill, während sein Zimmer aufgeräumt wurde. Bei jedem seiner dürftigen Kleidungsstücke, die unter das Auge oder die Hände des koketten Zimmermädchens gelangten, fühlte er ihre unausgesprochenen höhnischen Gedanken. Er verkroch sich bis zur Nase unter die Decken, und der Schweiß brach ihm aus. Als die Tür sich hinter ihr geschlossen, atmete er erleichtert auf und blickte verwundert auf die großen Kannen mit heißem Wasser und die schneeweißen Badelaken, die sie für ihn hinterlassen, wahrend er darüber nachdachte, was er nun wohl, der allgemeinen Erwartung entsprechend, mit alledem anfangen solle. Ja, es war wahrlich keine Kleinigkeit für Johannes, dieser Eintritt in ein schöneres Menschenleben und in eine edlere Menschenwelt. Während des Vormittags wurde es ein wenig besser; denn er blieb allein mit den zwei Kindern und ihrer deutschen Gouvernante. Das war eine einfache freundliche Person, in deren Nähe Johannes sich behaglicher fühlte, und die er bezüglich seiner Kleidung und alles dessen, was man in solch einem vornehmen Hause zu tun und zu lassen habe, um Rat zu fragen wagte. Die Gräfin selber bekam er erst am Nachmittag zu sehen. Durch Vermittlung der Zofe erhielt er eine Aufforderung, zu der gnädigen Frau zu kommen. Sie wünsche sich mit ihm zu unterhalten. Wieder lag sie auf dem Sofa und bedeutete ihm, daß er sich neben sie setzen solle. Johannes meinte, daß sie ihn etwas zu fragen habe, aber nein! sie wünschte nichts anderes als unterhalten zu werden – womit, das war seine Sache. Sobald Johannes dies bemerkte, fiel ihm natürlich nicht das geringste ein, und nach einer peinlichen Viertelstunde, in der er kaum etwas Anderes hören ließ als »Ja, Frau Gräfin« und »Nein, Frau Gräfin«, wurde er entlassen, noch unglücklicher als zuvor. Die Hauptmahlzeit, die abends um halb acht Uhr eingenommen wurde, war nicht weniger feierlich und beklemmend. Es war still wie bei einem Begräbnis; man sprach leise, fast flüsternd, und unhörbar schritten die Diener einher. Die Gouvernante hatte Johannes gesagt, daß er »Toilette machen« müsse, aber, ach, der Arme! was hatte er denn wohl, um »Toilette« zu machen? Und während er hinter seinem Stuhl stand in seinem ärmlichen Kittel und dem Vorhemd, und die Kerzen mit ihren rosafarbenen Lichtschirmchen die Blumen und das glitzernde Tafelgerät beschienen, und die Frau Gräfin in ihrem seidenen Gewande in den großen halbdunklen Speisesaal rauschte, da fühlte er sich wiederum zum Sterben unglücklich. Mit dem Englischen wollte es auch nicht so recht gehen und holländisch schien hier nicht sehr beliebt zu sein. Bei jedem Gericht wußte er, daß er etwas Ungeschicktes tat, und wenn die Lakaien sich beim Servieren der Schüsseln über ihn neigten, bliesen sie ihm ihre Verachtung in den Nacken. In der zweiten Nacht schlief er alsbald ein, ermüdet, wie er war, nach vielen schlaflosen Nächten. Aber in der zweiten Hälfte der Nacht begann es furchtbar und unheimlich in seinen Träumen zu spuken. Ich brauche euch gewiß nicht zu sagen, wie spanisch es dabei zugehen kann. Wütende Tiere, denen er ausweichen wollte und die er doch immer wieder auf sich zukommen sah, sobald er einen neuen Weg einschlug. Einsame Zimmer mit Türen, die sich von selbst öffneten, und um die Ecke ein Schritt und ein Schatten: das war das Es. Bahngeleise und ein Zug in der Ferne, und plötzlich nicht mehr weiter können, heftiges Klopfen an die Tür und Rufe »Johannes! Johannes!« und dann aufwachen und tödliche Stille, und dann bemerken, daß sich in dem Zimmer etwas sehr Seltsames aufhält, etwas Allerwunderlichstes, eine Hose, die sich plötzlich in Bewegung setzt, und in einer Ecke eine unheimliche Fratze. Und dann das blitzschnelle Begreifen, daß man noch nicht ganz wach ist, und die verzweifelten Anstrengungen, es zu werden. All dies Bange durchlebte Johannes in jener Nacht. Und als er dann endlich wirklich aufwachte mit einem Schrei, den er selbst noch lange durch die Stille gellen hörte, und während er da lag und auf das Klopfen seines Herzens lauschte, da hörte er wahrhaftig, wie ein leises Echo seines Angstschreies, ein banges unterdrücktes Jammern und Stöhnen durch die stillen Gänge des nächtlichen Hauses hallte. Als es wieder still geworden, glaubte er, daß das noch sein Traum gewesen sei. Aber da begann es wieder, während er vollkommen wachend dalag, und er fühlte, wie ihm eine Gänsehaut über den Leib fuhr, so schaurig klang es. Dann wiederum Stille. »Es wird ein Hund gewesen sein,« dachte er. Aber da begann es von neuem. So stöhnt kein Hund, das war eine menschliche Stimme. Ob Olga am Ende krank war? oder Frieda? Aber als es wieder kam, da hörte er, daß es weder Olga noch Frieda sein konnte. Es war die Stimme eines viel älteren Menschen und nicht die eines Kranken, sondern eines, der in Todesangst schwebt, der bedroht wird und um Erbarmen fleht. Etwas wie »Oh! – Oh! – Oh! – Oh! Gott – Oh! Gott – Gnade!« Aber andere Worte konnte er nicht verstehen, denn es klang alles nur sehr matt zu ihm herüber. Er glaubte, daß ein Mord verübt werde, und erinnerte sich, daß der Tod mit ihm gereist war. Er sprang aus dem Bett und trat auf den dunklen Korridor hinaus. Dort war alles still. Das Geräusch kam von oben. Jetzt hörte er auch als Antwort auf das Stöhnen eine ruhige, weiche, tröstende Stimme, ermahnend und liebkosend. Eine Tür wurde geöffnet – ein schwacher Lichtschein drang heraus – und dann eine andere, die schleunigst wieder geschlossen wurde. Dies alles schien anzudeuten, daß Johannes' Dazwischenkunft durchaus nicht notwendig sei und daß er vielleicht eine gar komische Rolle spielen würde, wollte er hier plötzlich als Retter auftreten. So legte er sich denn wieder schlafen, in einer trüben, schwermütigen Stimmung befangen. Am nächsten Morgen saßen die beiden Mädchen und die Gouvernante beim Frühstück mit Tee und Hafergrütze und geröstetem Brot und Schinken und Eiern, gleich als sei nichts geschehen. Die Mutter blieb wiederum bis zum Nachmittag unsichtbar. Frieda und Olga saßen still und artig da und aßen wie außerordentlich wohlerzogene Kinder. Endlich vermochte Johannes nicht länger zu schweigen, und er fragte die deutsche Gouvernante: »Ist heute nacht etwas Schlimmes geschehen?« »Nein,« antwortete diese, während sie auf ihren Teller blickte, »wir haben eine Kranke im Hause.« »Hast du Helene gehört?« fragte Olga, während sie Johannes ernsthaft anblickte. »Ich höre sie nicht mehr, früher wohl, aber jetzt wache ich gar nicht mehr davon auf. Arme Helene!« »Arme Helene!« flüsterte Frieda ihr pflichtgetreu nach, indem sie fleißig ihre Hafergrütze weiter löffelte. Wahrend des Nachmittags wurde Johannes wiederum in den Salon befohlen. Er hatte einen langen Spaziergang am Strande gemacht, ganz allein, und war jetzt ein wenig ruhiger. Er hatte sich vorgenommen, zu fragen, ob er wieder fortgehen dürfe, da er ja doch nicht hierher gehöre und sich unglücklich fühle. Und die Abendgesellschaft, die morgen bei Lady Crimmetart stattfinden würde und zu der er mit seinem Instrument erwartet wurde, flößte ihm eine namenlose Angst ein. Er mußte unter allen Umständen vorher fortgehen. Aber bevor er noch Gelegenheit hatte, in diesem Sinne zu sprechen, begann die Gräfin also: »Lieber Johannes, hast du dich heute Nacht erschreckt? Hast du etwas gehört?« Johannes nickte. »Nun wohl, da ich Vertrauen zu dir hege, will ich dir mein düsteres Geheimnis verraten. So höre denn.« Und die vornehme, anmutige Frau winkte ihm mit ihrem reizendsten Lächeln, daß er näher treten solle, und hieß ihn auf einem kleinen Schemel neben dem Sofa niedersitzen. Da war es Johannes, als werde er, halb erfroren, in ein warmes Zimmer geführt. Es prickelte ihm wohlig durch den Rücken, und ihn überkam plötzlich ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Die Gräfin legte ihre weiche schlanke Hand auf die seine und blickte ihm freundlich in die Augen. Wie schön sie war! und was für eine sanfte, einschmeichelnde Stimme sie hatte! All die Bedrängnis der letzten Tage war mit einem Male von ihm gewichen. »Ich werde nun so zu dir sprechen, mein lieber Johannes, als wärest du viel älter. Du scheinst mir für deine Jahre wirklich außergewöhnlich reif und klug zu sein. Ist es nicht so?« Johannes fühlte sich äußerst geschmeichelt. »So wisse denn, daß ich in meinem Leben unendlich viel gelitten habe. Das Leid ist sozusagen von meiner Kindheit an mein treuester Begleiter gewesen.« Das Herz des kleinen Johannes entbrannte bereits in tiefem Mitleid. Die Gräfin fuhr fort, in wohlgepflegtem Stil und fließendem Englisch, das Johannes mehr bewunderte, als er es zu verstehen vermochte: »Meine Ehe war sehr unglücklich. Von meinen Eltern gezwungen, heiratete ich einen reichen Mann, den ich nicht liebte. Jetzt ist er tot – ich will ihm nichts Böses nachsagen.« Schon jetzt war Johannes vollkommen davon überzeugt, daß jener Mann eine nichtswürdige Kreatur gewesen. »Ich will dich auch nicht mit der Schilderung all unseres Jammers quälen. Laß mich dir nur das eine sagen, daß wir nicht zueinander gehörten und uns gegenseitig das Leben verbitterten. Nach einer sechs Jahre langen Folterung – denn etwas Anderes war es nicht – geschah etwas... was in solchen Fällen meist zu geschehen pflegt... verstehst du, was ich meine?« Johannes verstand es nicht, was er sehr bedauerlich fand und weswegen er sich selber dumm und töricht schalt. »Ich gewann einen andern lieb ... wirst du mich darum verachten?« »Nein, nein!« Johannes schüttelte sehr energisch den Kopf. »Gott sei Dank kann ich hinzufügen, mein lieber Junge, daß ich mir nichts vorzuwerfen habe und daß ich meinen Kindern ohne Scham in die Augen blicken darf. Der Mann, den ich liebte, war ebenso unglücklich verheiratet wie ich ... wir haben uns niemals wieder gesehen, nicht einmal als...« Eine Pause, während welcher die schöne Sprecherin einen Augenblick stockte und mühsam schluckte, während ihre Augen von einem feuchten Nebel umflort waren. Das Herz des kleinen Johannes schmolz gänzlich in Mitgefühl dahin. »Nicht einmal, als ich frei war. Mein Mann fand in diesem Vorfall eine Veranlassung, mir meine Kinder wegzunehmen. Jahre lang habe ich von ihnen getrennt gelebt, in Armut und Entbehrungen, allein mit einem alten treuen Diener, der mich nicht verließ, trotzdem ich ihm nur einen kärglichen Lohn bewilligen konnte. »In jener Zeit, mein Junge – es wird dich vielleicht wundern, dies zu hören – sehnte ich mich nicht nur nach meinen Kindern mit einem schmerzlichen Verlangen, sondern sogar nach ihm, der mir solch unendlichen Kummer bereitet hatte. Die Eltern, die sich gemeinsam an süßen Kindern erfreuen, werden durch ein wundersames Band verbunden, das niemals völlig zerreißt. Ich würde ihm alles verziehen haben, wenn er mich zurückgerufen hätte.« Eine Stille, in der sich das zur Bewunderung so sehr geneigte Gemüt des kleinen Johannes diesem Empfinden völlig hingab. Die Gräfin fuhr fort: »Ich bin zurückgerufen worden, aber leider zu spät. Man depeschierte mir, daß er krank sei und mich zu sprechen wünsche. Aber als ich kam, lag er bereits in wilden Phantasien und kehrte nicht mehr zum Bewußtsein zurück. Drei Tage und drei Nächte habe ich an seinem Bett gesessen, fast ohne Schlaf, um das aufzufangen, was er mir hatte sagen wollen. Er aber phantasierte, phantasierte, phantasierte, – wirren Unsinn mit einer leise murmelnden Stimme. Zwar erkannte er mich, aber er blickte ebenso hart und kalt, ebenso bitter und boshaft drein, und oft sogar voll scharfen Hohnes. Jene Nächte werde ich nie vergessen. »Bei meinen beiden Kindern traf ich ein älteres Mädchen, das ich nie zuvor gesehen hatte. Man sagte mir, daß es ein Kind aus der ersten Ehe meines Mannes sei. Ich hatte nie davon gehört. Wo sich die Mutter aufhielt, vermochte man mir nicht zu sagen. Man glaubte, daß sie tot sei. Jenes Mädchen zählte damals ungefähr fünfzehn Jahre. Sie war schön, mit wundervollem Teint, einem feinen Profil und üppigem schwarzem Haar ... »Schöner als Frieda und Olga?« Die Gräfin lächelte: »Eine ganz andere Schönheit. Viel düsterer und schwermütiger. Als ich zu ihr kam, weinte sie und wollte nichts von mir wissen. »Sie können mich alle nicht ausstehen«, sagte sie immer und immer wieder und wiederholte das den ganzen Tag. Immerfort lief sie voller Unruhe hin und her und schrie und quälte sich. Nur mit größter Mühe war sie des Morgens dazu zu bewegen, aufzustehen und sich anzukleiden; und abends wollte sie sich nicht schlafen legen. Sie war gemütskrank, und das ist mit der Zeit immer schlimmer geworden. Mein Mann starb, und ich blieb mit den drei Kindern zurück und sorgte für sie, so gut ich konnte.« Da betrachtete die Gräfin eine Weile aufmerksam ihre schönen juwelengeschmückten Hände und fuhr langsam fort: »Von ihrer Mutter wußte Helene nicht viel: aber sie blieb stets dabei, daß sie lebte und zurückkommen würde und auch... daß ihr Vater mit ihr verheiratet sei ...« Wiederum eine lange Stille. Gräfin Dolores blickte Johannes mit ihren halbgeschlossenen Augen forschend an, ob er sie auch wohl verstehe, aber allem Anschein nach verstand er sie nicht und wartete geduldig, was nun wohl kommen würde. »Fühlst du, Johannes, was dies bedeuten würde, für mich? ... für meine Kinder? ... wenn es wahr wäre?« Johannes fühlte nur, daß er die Gräfin verwirrt und ein wenig blöde anstarrte. »Bigamie, Johannes, ist ein schweres Verbrechen.« Halt, da ging ihm ein Licht auf, wenn auch nur ein ganz schwaches. Seine lieben Kinder würden dann nicht legitim sein, unecht, natürlich, oder wie das genannt wurde. Ja, das wäre wohl gar entsetzlich, wenngleich man es ihnen ja nicht ansehen konnte. Aber die Gräfin half ihm noch weiter. »Der Gedanke, von dem Gelde anderer zu leben, ist für eine ehrbare Frau unerträglich, Johannes.« Schon wieder etwas! das Geld anderer! Also gehörte diese ganze Pracht am Ende gar der armen wahnsinnigen Helene. Und seine reizenden Kinder und ihre schöne Mutter waren nur unrechtmäßige Eindringlinge, die mit den Besitztümern anderer wucherten. Johannes bemühte sich ehrlich, all diese verworrenen und seltsamen Dinge so zu empfinden, wie die Gräfin sie zu empfinden schien. Allein es wollte ihm nicht glücken. Da sagte er, ganz erfüllt von dem Bedürfnis zu trösten, mutig das, was ihm einfiel, in einem gebrochenen Englisch, das er endlich gar nicht mehr zu meistern vermochte. »Nein, Frau Gräfin, Sie müssen sich das nicht zu Herzen nehmen. Sie sind schön und Ihre Kinder sind schön, und daher kommt all das Schöne Ihnen zu. Von dieser Schande glaube ich nichts, denn ich habe nichts davon gesehen. Wenn es eine Schande gäbe, dann würde ich sie doch auch bemerken müssen. Aber wer merkt denn etwas davon, ob irgend was auf einem Papier geschrieben steht, und Gott weiß wo? Sind Sie und Frieda und Olga darum weniger schön, weniger gut, weniger reizend? Ich kümmere mich gar nicht darum, nicht im geringsten.« Da lachte die Gräfin so herzlich und drückte seine Hand so innig, daß Johannes ganz verlegen wurde. »O, du süßer Bengel!« rief sie, noch immer lachend, »o du spaßiger reizender Bengel! Du machst mich wirklich ganz fröhlich; so lustig bin ich schon seit langer Zeit nicht mehr gewesen.« Johannes war stolz auf diesen Erfolg und freute sich herzlich. Gräfin Dolores trocknete ihre Lachtränen mit einem eleganten Spitzentuch und hub darauf von neuem an: »Aber laß uns jetzt einen Augenblick ernst sein. Es wird dir jetzt gewiß auch begreiflicher erscheinen, warum ich mich so sehr für alles interessiere, was mit Theosophie und Spiritismus zusammenhängt, und warum ich den Vorträgen des Herrn van Lieverlee und der Lady Crimmetart so gerne lausche. Warum ich jenen Kreis der Plejaden im Haag aufsuche, und auch, Johannes, warum ich mich so freute, dir begegnet zu sein, als ich hörte, daß du auch ein Medium seiest, und daß du bei hellem Tage Elementare sehen könnest.« »Aber warum denn, Frau Gräfin?« fragte Johannes ein wenig beklommen. »Mein lieber Junge, wie kannst du nur so etwas fragen? Nichts auf der ganzen Welt vermag mir meine Gemütsruhe wiederzugeben: nur ein Wort von ihm, von jenseits des Grabes.« Ach, das war ein schwerer Schlag für Johannes. Nicht so sehr verdroß es ihn, daß man ihn also nur mit einer Nebenabsicht hier zu Gaste gebeten hatte – so stolz war er noch nicht – wohl aber, daß er diese liebe Frau jetzt sicher bitterlich würde enttäuschen müssen. Er seufzte und blickte verlegen vor sich hin. »Wollen wir die Kranke mal besuchen?« fragte die Gräfin, während sie sich erhob. Johannes nickte und folgte ihr. Kaum hatte sich die Tür zu dem Krankenzimmer geöffnet, als auch schon aus einer der Ecken ein entsetzliches Geschrei ertönte. Das arme Mädchen saß zusammengekauert in ihrem weißen Nachthemd am Boden, und die langen schwarzen Haare hingen ihr wirr über Gesicht und Rücken. Ihre schönen dunklen Augen waren weit geöffnet, und aus ihren Zügen sprach eine tödliche Angst. »O Gott – jetzt kommt's!« schrie sie zitternd – »jetzt wird's geschehen! – O Gott, ja, jetzt wird's wirklich kommen! Ich wußte es ja – habe ich es nicht gesagt? – jetzt wird's geschehen! – oh! – oh! – oh!« Die Pflegerin tröstete sie und mahnte zur Ruhe. Allein das arme geplagte Geschöpf bebte am ganzen Leibe und schrie so fürchterlich und sah so verängstigt aus, daß Johannes in der größten Erregung bat, doch wieder umkehren zu dürfen. Es schien fast, als ob sie sich vor ihm so fürchtete. »Nein, mein Junge«, sagte die Gräfin, »daran bist du nicht schuld. Sie tut das bei jedem, der hereinkommt. Bei allem, was sie sieht und was sie hört. Sie hat immerfort Angst, Angst, Angst!« Während des ganzen weiteren Tages und eines großen Teiles der Nacht grübelte Johannes immer und immerfort über diese eine Frage: »Wovor mag sich dies arme Mädchen denn nur so sehr fürchten?« Johannes ging nicht fort und der Tag der gefürchteten Gesellschaft kam. Allmählich ein wenig freimütiger geworden, hatte er seine Not geklagt, und da war der Wagen vorgefahren, und in dem nahe gelegenen Städtchen hatte man für ihn die passende Kleidung zum Fest eingekauft. Allein damit war seine Unruhe noch nicht gewichen. »Wollen Sie dann auch bitte sagen, liebe Frau Gräfin«, bat Johannes an jenem Nachmittage, als er mit den Kindern und ihrer Mutter zusammen war, »daß ich wirklich kein Instrument spielen kann. Sorgen Sie doch bitte dafür, daß ich mich still verhalten darf, bitte!« »Aber, Johannes«, sagte die Gräfin, »das würde doch wirklich sehr unangenehm für mich sein, nach allem, was ich von dir erzählt habe. Man erwartet etwas von dir.« »Ich kann aber nichts«, sagte Johannes bedrückt. »Er lügt, Mammi!« rief Olga, »er kann mit Kastagnetten klappern und Tiere nachmachen.« »O ja, allerlei Tiere, so furchtbar nett!« rief Frieda dazwischen. »Ist das wahr, Johannes? Na, also!« Es war allerdings wahr, daß Johannes zur Belustigung seiner beiden kleinen Freundinnen während ihres gemeinsamen Spazierganges den Laut von allerlei Tieren wie Pferd, Esel, Kuh, Hund, Katze, Schwein, Schaf und Ziege nachgemacht hatte. Auch den Pfiff der Vögel konnte er geschickt genug nachahmen, um den beiden Mädchen die größte Bewunderung abzuzwingen. Und in der Tat spielte er auch ein einziges Instrument in sehr verdienstlicher Weise und zwar die echten Klopfer, die jeder Schul- und Gassenjunge in Holland während einiger Monate des Jahres in der Tasche trägt. An manchem Herbsttage hatte er sich, von der Schule heimwärts schlendernd, den Weg gekürzt durch ein scharfes und klares ununterbrochenes ricketick! ricketick! ricketick tack! Jetzt bettelten die Mädchen, daß er es ihrem Mütterchen auch mal vormachen solle. So holte er denn seine Klopfer, die er selbst verfertigt hatte, und rasselte lustig drauf los. »Schön!« sagte die Gräfin. »Jetzt müßtest du eigentlich noch dazu tanzen und singen wie die Spanier.« Tanzen, das ginge nicht, meinte Johannes, wohl aber singen. So sang er denn allerhand Gassenhauer zu der Begleitung der schrillen klappernden Musik. Die Kinder fanden es wundervoll. Durch ihre Begeisterung angeregt, begann er lauter Unsinn zu improvisieren. Die Mädchen klatschten in die Hände und wurden immer lustiger und lustiger. Johannes stellte sich in Positur und kündigte seinen Vortrag an, gleich als stände er vor einem Publikum. Die Gräfin setzte sich mit ihren Töchterchen in eine Reihe, und die kleinen Mädchen waren vor Freude ganz ausgelassen. »Skizzen aus dem Tierleben«, verkündete Johannes, und dann begann er unter beständiger Klapperbegleitung nach der bekannten Melodie des »Karneval von Venedig« zu singen: »Ne Henne, die aus Japan kam, beschwor ein Frosch, der dick und lahm, sie möcht' ihn doch zum Manne nehmen, dazu wollt' sie sich nicht bequemen.« Die Mädchen jauchzten und trampelten vor Freude. »Noch mehr, Johannes, noch mehr! noch mehr!« »Köstlich!« rief die Gräfin, jetzt ebenfalls holländisch sprechend. »Ein Nashorn einer Laus zurief, es würde platt sie treten; die Laus gar schnell nach Hause lief, so kam sie nicht in Nöten.« »Herr Heuschreck. der im Grase saß, sprach zum Schimpansen: »He! erlaubt mir euren Rock zum Spaß, ich will zum Bal masqué!« »Ein Hecht, der auf der Schwelle stand, fragt' seinen Freund beim Mahl, ob Haar' er in der Suppe fand, das sei ein Mordsskandal.« »Die Krabbe, jedem Witze hold, gibt der Mama 'nen Stoß, so daß sie von der Treppe rollt, die Krabbe lacht: »Famos!« »O pfui!« schrieen die Mädchen. »Wie ungezogen! Noch mehr, Johannes, noch mehr!« »Ein stumm geborener Stockfisch sprach einst Fräulein Bückling an: Ich weiß, daß mir der Kopf fehlt, ach! und das hast du getan!« »Der Bandwurm eines Landgendarm, sprach: Lieber Brigadier! Wie ist's in deinem Darm so warm, nie geh' ich mehr von dir!« »Halt! halt! fi donc!« rief die Gräfin, »jetzt wirst du ordinär.« »Aber nein, Mammi, das ist ja gerade spaßig!« riefen Frieda und Olga aus einem Munde. Weiter, weiter, es ist so furchtbar komisch, bitte, bitte, Mama!« Johannes aber war durch diese Ermahnung ein wenig in Verwirrung geraten, und die Skizzen aus dem Tierleben wurden nicht weiter fortgesetzt. Des Abends fuhren die Gräfin und Johannes in der Staatskarosse zu Lady Crimmetart. Diese bewohnte ein großes Haus, das in einem schönen Park gelegen war. Johannes sah schon von weitem die vielen hellerleuchteten Fenster und die unzähligen Wagen, die am Eingang warteten. Man hatte eine Art Baldachin ausgespannt und einen langen hellroten Läufer gelegt, damit die Gäste gut beschützt aus ihren Wagen in die prächtige Vorhalle gelangen könnten. Zu beiden Seiten standen die Lakaien in einer Reihe, wohl zwanzig an jeder Seite. Sie sahen sehr imposant aus, alle groß und breitschultrig, und trugen Beinkleider aus gelbem Sammet und gallonierte rote Fracks. Johannes wunderte sich darüber, daß sie alle schon so alt zu sein schienen, denn ihre pomadisierten Haare waren schneeweiß. Das kam indessen nur von dem Puder und gehörte sich so, der Vornehmheit wegen. Wie fühlte Johannes sich klein und erbärmlich, während er diese Reihe von Livreen durchschritt! Drinnen erstrahlte blendendes Licht. Verlegen erstieg Johannes die breiten Stufen einer hochgewölbten Treppe aus vielfarbigem Marmor. Er sah mit halbem Auge Blumen, elektrische Lampen, bunte Teppiche, breite glänzend weiße Herrenoberhemden unter schwarzen Fracks, entblößte Frauennacken, mit Juwelen und weißem Pelz geschmückt. Und er hörte ein gedämpftes Stimmengewirr, das Rauschen seidener Gewänder und das regelmäßige Abrufen unzähliger Namen. Oben an der Treppe sah man das aufgedunsene Gesicht der Lady Crimmetart leuchten, wie ein unsicheres Signal auf einem gefährlichen Bahntrajekt. Sämtliche Gäste kamen auf sie zu: dann wurden ihre Namen abgerufen, und sie bekamen eine Hand und verneigten sich. »Ihr Name, mein Herr?« fragte ein Riesenlakai, während er sich seitlings zu ihm herüberbeugte. Johannes stammelte etwas, das die Gräfin indessen anders wiederholte. »Professor Johannes aus Holland!« hörte er rufen. Er verneigte sich, bekam einen Händedruck und sah das gepuderte Gesicht, zu einem süßlich grinsenden Lächeln verzerrt. Lady Crimmetarts Hals und Arme waren so entsetzlich dick und nackt, daß Johannes erschrak und kaum hinzusehen wagte. Eine ungeheure Menge von Edelsteinen funkelte darauf. Große flache, gleichmäßig viereckige Diamanten wechselten mit birnenförmigen Perlen ab. In ihrer Haartour schwankten drei weiße Straußenfedern. Sie hatte keine Tiere bei sich, wohl aber ihren Fächer und ihren Krückstock mit dem goldenen Griff. »Wie geht es dir?« fragte die grobe Stimme. Aber um eine Antwort schien es ihr nicht zu tun zu sein, denn bevor Johannes noch hatte antworten können, daß er sich recht wohl fühle, grinste sie bereits dem nächsten entgegen. Neben ihr stand ein untersetzter dicker Herr mit einem glänzenden kahlen Schädel und rotem Gesicht mit scharfen Furchen und einer großen knochigen Nase; genau so wie die Köpfe, die man bisweilen an den Griffen von Spazierstöcken und Regenschirmen zu sehen pflegt. Das war Lord Crimmetart, und er verabfolgte Johannes einen derben Händedruck. Mehrere Stunden irrte Johannes jetzt traurig und einsam durch die unruhig wogende Menge, bis er beinahe krank wurde von all dem gedämpften Geräusch, dem Geplauder, dem Kleiderrauschen, dem Funkeln von Licht und Edelsteinen, dem Schimmern von seidenen Gewändern, Livreen, entblößten Nacken und weißen Oberhemden, dem betäubenden Duft von Essenzen und Blumen. Es war so voll, daß er sich hin und wieder kaum zu rühren vermochte, und die Herren und Damen redeten alle ganz nahe an seinen Ohren. Wie sehnte er sich nach einem stillen Winkel und einem ganz alltäglichen Menschen! Ein jeder sagte etwas, nur er nicht, niemand ging so verlassen umher wie er. Aber er begriff nicht, was die andern sich wohl alle zu erzählen haben mochten. Denn wenn er hin und wieder ein paar Worte eines Gespräches auffing, dann hörte er, daß man sich über den Lärm in dem Saal und über die wundervolle Gesellschaft unterhielt. Aber die Menschen konnten doch unmöglich zusammengekommen sein, um sich das zu sagen. Um wieviel reizender erschien Johannes jetzt das Elfenfest in dem Kaninchenbau in den Dünen! Jetzt erklang die Musik eines Streichorchesters, das hinter grünen Lorbeersträuchern verborgen war. Die Klänge weckten in Johannes ein beinahe schmerzliches Verlangen, und unbemerkt setzte er sich ganz dicht in die Nähe und ließ die Menschen immerfort an sich vorüberziehen, während er träumend und feuchten Auges vor sich hinstarrte und der stillen Dünen gedachte und des rauschenden Meeres in mondheller Nacht. »Professor Johannes, ich möchte Sie mit Professor von Pennewitz bekannt machen,« dröhnte es ihm plötzlich in den Ohren. Da stand Lady Crimmetart neben einem kleinen Männchen mit spärlichen grauen Locken, die ihm bis über den Kragen fielen. Dem Traumbild des kleinen Johannes glich er nicht im mindesten. »Dies ist ein Wunderkind, Professor von Pennewitz, ein junger Dichter, der seine eigenen Kompositionen vorträgt, und außerdem ein berühmtes Medium. Sie werden sicherlich interessante Dinge mit ihm zu besprechen haben.« Darauf eilte Lady Crimmetart wieder zu ihren übrigen Gästen und ließ die beiden zurück, die sich eifrig voreinander verneigten. Johannes, konfus und verlegen, während von Pennewitz sich die Hände rieb und lächelnd von einem Fuß auf den andern wippte. Jetzt wird das Examen beginnen, dachte Johannes. Und er wartete geduldig, wie ein Schlachtopfer, durch was für gelehrte Fragen dieser große Mann ihn nun wohl in seiner ganzen Dummheit an den Pranger stellen würde. »Äh ... kennen Sie die Familie hier schon lange?« fragte von Pennewitz, während er immerfort durch die gespitzten Lippen die Luft ausblies, mit gespreizten Fingern an seiner Brille herumrückte und darüber hinweg forschende Blicke auf Johannes richtete. »Nein, gar nicht,« antwortete Johannes leise und kopfschüttelnd. »Nicht?« antwortete von Pennewitz, während er sich vergnügt die Hände rieb und noch immer von einem Fuß auf den andern wippte. Und dann fuhr er in schlechtem Englisch fort: »So, so, das freut mich, ich auch nicht. Komische Menschen, finden Sie nicht auch, junger Mann?« Johannes, den die Vertraulichkeit dieses großen Mannes ein wenig aufmunterte, bejahte zögernd. »Gibt es in Holland auch solche Typen? – dann doch sicher in bescheideneren Grenzen – ha! ha! ha! – diese sind erstaunlich reich. Haben Sie ihren Champagner schon gekostet? – nicht? Na, dann müssen Sie mal mitkommen ans Büfett – es ist der Mühe wert, das kann ich Ihnen sagen.« Froh, daß er sich nun doch wenigstens endlich einem Menschen anschließen konnte, folgte Johannes dem kleinen Mann, der ihn mit sich durch das Gedränge schleppte. Am Büfett tranken sie Champagner. »Aber, Herr Professor,« sagte Johannes, »ich habe doch gehört, daß Lady Crimmetart so sehr klug sein soll.« »So, so,« sagte der Professor, während er wiederum über seine Brillengläser hinweg einen scharfen Blick auf Johannes richtete, und fuhr dann kopfschüttelnd fort: »Ja, ja, darüber will ich auch nichts sagen. Viel gereist, – Papa Besitzer einer Erziehungsanstalt – überall was aufgeschnappt – aus der Zeitung kann man heutzutage auch allerhand lernen – lesen Sie Zeitungen, junger Mann?« »Nicht oft, Herr Professor,« antwortete Johannes. »Schön, seien Sie damit auch nur recht vorsichtig. Ich möchte Ihnen einen doppelt guten Rat geben: Lesen Sie wenig Zeitungen und essen Sie wenig Austern. Vor allen Dingen essen Sie in Rom keine Austern. Ich bin soeben Zeuge eines fatalen Falles von Austernvergiftung gewesen. Es handelte sich um einen Studenten in Rom.« Johannes nahm sich vor, in Rom alles andere lieber zu essen als Austern. »Ist Lord Crimmetart auch so klug, Herr Professor?« fragte Johannes. »Aalglatt ist er jedenfalls – um Lord und vielfacher Millionär zu werden, und das nur durch die Erfindung sogenannter blutreinigender Pillen, dazu muß man entschieden ein schlauer Racker sein. Versuchen Sie es doch mal! Ha! ha! ha!« Der Professor lachte herzlich, blies und schnaubte, schob sein künstliches Gebiß hörbar hin und her und trank sein Glas aus. Darauf sagte er: »Aber denken Sie daran, junger Mann, daß Sie dann nicht heiraten, ehe Sie ihr Schäfchen im Trocknen haben. Das war ein dummer Streich von ihm. Er könnte jetzt natürlich was viel schöneres bekommen, er könnte sogar Gräfin Dolores bekommen, wenn er wollte.« Johannes fühlte, wie ihm das Blut zu Kopf stieg. »Dort bin ich zu Gast, Herr Professor,« sagte er ein wenig verletzt. »So, so, so,« sagte der Professor und nickte. »Na, ich habe ja auch nichts schlechtes von ihr gesagt. Eine reizende Frau, eine bildschöne Frau! Sie wohnen also bei ihr? So! so! so!« »Seine Gnaden der Bischof,« rief die schwere Stimme der Lady Crimmetart im Vorübergehen, während sie sich eiligst zum Eingang drängte. Neugierig blickte Johannes nach der Mitra und dem vergoldeten Krummstabe aus. Aber er sah nur einen großen, ganz alltäglich aussehenden Herrn in einem schwarzen Anzug mit Gamaschen und einem glattrasierten, wohlgepflegten gekünstelt lächelnden Gesicht, der in der Hand einen komischen platten Hut trug, dessen Rand durch kleine Fäden in die Höhe gehalten wurde, gleich als ob er ihm sonst über die Nase rutschen könne. Lady Crimmetart empfing ihn ebenso herzlich wie Tante Serena den Pfarrer zu empfangen pflegte. Johannes wünschte von ganzem Herzen, daß er doch noch bei Tante Serena wäre. »Mein Herr,« flüsterte ihm da jemand ins Ohr, »Mylady läßt fragen, ob Sie Ihr Instrument mitgebracht haben, und ob Sie jetzt nicht anfangen möchten.« Erschreckt blickte Johannes sich um. Es war ein vornehmer Herr mit aufgezwirbeltem Schnurrbart, Kniehosen aus schwarzem Atlas und einem roten Frack. Am Ende gar ein Zeremonienmeister. »Ich habe kein Instrument bei mir,« stotterte Johannes – und dabei fühlte er die Klopfer in seiner Tasche. »Ich kann nichts,« wiederholte er sehr unglücklich. Der schöngekleidete Herr blickte sich nach rechts und nach links um, ob er sich etwa geirrt haben könne. Darauf ging er auf einen Augenblick fort, und kam dann in Begleitung der Gräfin Dolores zurück. »Was soll das denn heißen, lieber Johannes? du darfst uns jetzt nicht im Stich lassen.« »Aber, Frau Gräfin, ich kann wirklich nichts.« Der elegante Herr stand da und blickte kühl und ernsthaft vor sich hin, gleich, als seien ihm solche Launen von Wunderkindern nichts neues. Johannes fühlte, wie seine Stirn kalt und feucht wurde. »Aber, gewiß, Johannes, du wirst großen Erfolg haben.« »Was darf ich ankündigen?« fragte der Herr. Johannes begriff die Frage nicht, und so erteilte die Gräfin die gewünschte Antwort. Und alsbald stand er in einem Kreis von Gästen neben einem Klavier und sah hunderte von Augen, teils mit Augengläsern, teils ohne, auf sich gerichtet. Neben Lady Crimmetart saß der Bischof und schaute ihn streng und bedenklich an mit hartem kalten Blick aus hellfarbigen Augen. Der Zeremonienmeister rief mit lauter Stimme: »Holländische Nationalhymnen!« und da mußte der arme kleine Johannes klappern und singen, so viel er nur konnte. Um sich Kraft zu geben, blickte er nur immerfort in das schöne Antlitz der Gräfin, und versuchte sich einzubilden, daß er nur zu ihrem Vergnügen sänge. Er tat wirklich, was er konnte, begann erst mit den traurigen Liedern »O Mutter, der Seemann« und »Wir gehen nach Amerika« und sang dann »Die Henne aus Japan« und »Der zufriedene Bandwurm« – sein ganzes Repertoir. Man hörte ihm zu, und starrte ihn an, gleich als sei er ein Wundertier. Aber niemand lachte; weder die blauen, hervorquellenden Augen der Hausfrau, noch die strengen Augen des Bischofs, keines der hunderte von Augenpaaren der reich geschmückten und vornehmen Herren gab auch nur das allermindeste Zeichen einer fröhlichen Regung kund. Das war nun zwar kein Wunder, weil sie die Worte nicht verstanden – aber ermutigend war es keineswegs. Alsbald blickten die meisten ihn nicht mehr an, und begannen unter sich zu plaudern und zu lachen. Als er aufhörte, erscholl zu seinem großen Erstaunen einiger Applaus, und Gräfin Dolores kam auf ihn zu und reichte ihm die Hand, indem sie ihn zu seinem »wundervollen Erfolg« beglückwünschte. Auch Lady Crimmetart brüllte ihm zu, daß es »ungeheuer interessant« gewesen sei. Eine große hagere junge Dame in weißem Atlaskleid, deren heraustretende Schlüsselbeine durch eine zehnfache Perlenschnur nur notdürftig verborgen wurden, drückte ihm mit allerliebstem Lächeln die Hand. Sie sei so froh, sagte sie, daß sie den Karneval von Venedig nun endlich einmal in der Originalsprache und von einem Einwohner der Stadt habe vortragen hören. »Außerordentlich interessant! Es muß doch nett sein, Professor, in einer Stadt zu wohnen, die gänzlich im Wasser liegt und wo alle Menschen auf Holzpantinen umhergehen. »War dies nun alles eigene Komposition, Professor Johannes?« fragte eine häßliche, gutmütig aussehende Dame in einem einfachen schwarzen Kleide. Und mehrere andere Damen reiferen Alters baten ihn freundlich, ob sie sich ihm selbst vorstellen dürften. Diese Zeichen des Beifalls munterten ihn ein wenig auf, trotzdem er nicht recht daran glauben konnte, daß es wirklich so gemeint war. Als er sich indessen einer kleinen Gruppe großer, breitschultriger Briten näherte, mit hohen Stehkragen, gesundfarbigen, glattrasierten Wangen und tadellos frisiertem welligem Blondhaar, welche, die eine Hand lässig in der Hosentasche, eifrig damit beschäftigt waren. Champagner zu trinken – hörte er Ausdrücke wie »infam! abscheulich! und Humbug«, und begriff sehr wohl, daß er das auf sich zu beziehen hatte. Gleich darauf sollte es ihm klar werden, was hier denn wirklichen Beifall fand. Eine üppige junge Dame mit sehr kunstvoll frisiertem Haar und schönen weißen Zähnen sang ein deutsches Lied mit Klavierbegleitung. Sie machte mit ihrer Stimme Triller und Läufer wie eine Spieldose. Den Kopf bewegte sie unaufhörlich hin und her, und ihr Mund öffnete sich sehr weit – der Klang, der ihm entquoll, ging Johannes durch Mark und Bein. Was ihr Gesang bedeutete, war schwer zu verstehen, denn sie sprach ein gar wunderliches Deutsch; aber allem Anschein nach regte sie sich heftig auf über einen ungetreuen Geliebten und wollte schier vergehen vor lauter Leidenschaft. Als sie geendet hatte und sich freundlich lächelnd verneigte, erklang ein viel lebhafterer Applaus, und man rief: »bis!« und »encore!« was Johannes nach seinen Vorträgen nicht gehört hatte, und was er jetzt auch nicht rufen mochte. In seiner Verstimmung suchte er Gräfin Dolores auf. War sie doch hier für ihn der einzige Quell der Vertraulichkeit und des Trostes. Er bat, ob er nicht heimgehen dürfe, da er müde sei und ja doch wohl nicht hierher passe. Gräfin Dolores sah auch nicht allzu befriedigt aus. Sie hatte keine Ehre mit ihm eingelegt. Dennoch sagte sie: »Aber, mein Junge, du mußt dich nicht entmutigen lassen: du hast ja noch andere Talente. Hast du Ranji-Banji-Singh schon gesprochen?« Vor einer Weile hatte Johannes den langen Indier hochaufgerichteten Hauptes mit stattlichem Schritt durch die bunte Menge gehen sehen. Er hatte breite Nasenflügel, schöne große, leicht umschleierte Augen, eine hellbraune Haut, wundervolles bläulich-schwarzes Lockenhaar und einen dünnen Bart. Seinen weißen Turban und das Gewand aus gelber Seide trug er mit vornehmer Würde, und wenn ihn jemand anredete, so verneigte er sich tief und graziös, schloß die Augen und lächelte aufs verbindlichste, während er seine schlanke Hand mit den leicht auswärts gebogenen Fingerspitzen auf die Brust legte. Johannes hatte ihm mit großer Aufmerksamkeit nachgeblickt, wie einem Menschen, zu dem er sich mehr hingezogen fühlte als zu allen andern, und es hatten sich ihm Visionen aufgetan von tiefblauen Himmeln, majestätischen Elefanten, rauschenden Palmen und schimmernden Marmorpalästen an heiligem Stromufer. Er hatte indessen nicht den Mut gehabt ihn anzureden. Jetzt aber suchten ihn die Gräfin und Johannes gemeinsam auf und fanden ihn bei Lady Crimmetart in einem Kreis von Damen, denen er abwechselnd und mit höflichem Lächeln Rede zu stehen schien. »Herr Ranji-Banji-Singh«, sagte Gräfin Dolores, »sind Sie schon mit Professor Johannes aus Holland bekannt geworden? Er ist ein ausgezeichnetes Medium und wird Ihnen sicherlich sympathisch sein.« Wieder zeigte der Indier liebenswürdig lächelnd seine blitzend-weißen Zähne und reichte Johannes die Hand. Der aber fühlte, daß es ihm nicht von Herzen kam. »Sie sind doch gewiß auch Medium, Herr Singh?« fragte eine der Damen, »ein so berühmter Theosoph wie Sie.« Ranji-Banji-Singh warf den Kopf zurück, machte mit den fest zusammengeschlossenen Fingern eine abwehrende Bewegung und sagte dann in gebrochenem Englisch: »Theosophen nicht Mediums. Medium ist Orgeldreher, Theosoph Komponist. Mediumkünste stehen tief, Straßenkünstler für Geld. Theosoph und Jogi kann alles ebensogut, kann viel mehr, aber zeigt es nicht. Das ist gering und unwürdig.« Die schlanke braune Hand gestikulierte sehr verächtlich vor Johannes' Nase umher, und die dunklen Züge des Indiers verzogen sich, gleich als müsse er etwas Bitteres herunter schlucken. Das war Johannes denn doch ein wenig zu arg. Verdrießlich sagte er, da er sich von dem einzigen, vor dem er gerade eine gute Rolle zu spielen gehofft hatte, so verkannt sah: »Ich mache niemals Künste, mein Herr, ich zeige nichts, ich bin kein Medium.« »Nicht professionell, kein Berufsmedium«, sagte Gräfin Dolores, um die Sache zu retten. »Also Sie befassen sich nicht mit Tischrücken oder Geisterschriften oder Blumen regnen lassen?« fragte der Indier, indem seine Züge sich erhellten. »Nein, mein Herr, durchaus nicht«, sagte Johannes mit Nachdruck. »Das hätte ich nur wissen sollen!« rief Lady Crimmetart laut, während ihr die Augen beinahe aus dem Kopf zu rollen schienen. »Aber Herr Singh, können Sie uns denn nicht für dies eine einzige Mal etwas vorführen? etwas ganz Außergewöhnliches? ein fliegendes Tamburin oder eine Violine, die von selbst spielt, wenn wir Sie so freundlich darum bitten und wenn ich Sie mal ganz lieb ansehe, ach bitte, bitte!« Und dabei warf sie dem Herrn Ranji-Banji-Singh einen verliebten Blick zu, der Johannes nichts weniger als eifersüchtig machte. Der Theosoph verneigte sich wieder lächelnd mit halbgeschlossenen Augen und schwer gerunzelten Brauen, gleich als fühle er sich gänzlich gegen seinen Willen dazu gezwungen, schließlich doch nachzugeben. Darauf begab man sich in ein Boudoir mit Glaswänden und exotischen Pflanzen, eine Art kleinen Wintergartens, der in ein weiches Dämmerlicht gehüllt war. Dort setzte man sich um einen Tisch, während der Indier mitten in dem Kreise Platz nahm. Johannes wurde von ihm sofort mit den Worten ausgeschlossen: »Antipathisch – schlechter Einfluß.« »Daran ist gewiß Keesje noch immer schuld«, dachte Johannes bei sich. Darauf wurden Schiefertafeln beschrieben, die von dem Herrn Singh mit einer Hand unter den Tisch gehalten wurden. Man hörte das Kratzen des Griffels, und dann kamen die Tafeln zum Vorschein, beschrieben mit Sprüchen in allerhand fremden Sprachen: Englisch, Lateinisch und Sanskrit, die von dem Indier übersetzt wurden und sehr weise und erhabene Lehren zu enthalten schienen. Aber da hatte Johannes das Unglück, zu bemerken, daß der Theosoph die Tafeln, die beschrieben werden sollten, schleunigst vertauschte, in dem Augenblick, da er die Aufmerksamkeit aller Anwesenden durch andere Dinge fesselte. Und zu dieser unheilvollen Wahrnehmung fügte Johannes die noch schlimmere Unvorsichtigkeit, laut und triumphierend auszurufen: »Ich sehe es schon, er vertauscht die Tafeln.« Es entstand Verwirrung. Ranji-Banii-Singh indessen führte mit der denkbar größten Ruhe die angeblich vertauschte Tafel wieder zu Tage und zeigte mit triumphierendem Lächeln, daß sie unbeschrieben sei. Johannes war verblüfft; er wußte doch ganz genau, daß er den Betrug gesehen hatte, und rief laut: »Und ich habe es doch gesehen!« »Du solltest dich was schämen,« donnerte die Stimme der Lady Crimmetart, und sämtliche Damen riefen entrüstet aus: »Es ist ein Skandal! es ist ein Skandal!« Ranji-Banji-Singh indessen sagte mit höhnischem Lächeln: »Ich habe nur Mitleid, Yogi kennt nicht Haß, sondern beklagt Missetäter. Schlechtes Karma, unglücklicher Mensch dieser.« Das stimmte nun allerdings durchaus nicht mit der Ansicht des Herrn van Lieverlee überein, der das Karma des Johannes als ein außerordentlich günstiges bezeichnet hatte. Aber jetzt sah auch Gräfin Dolores ein, daß sie an ihrem Schützling hier keine Freude mehr erleben würde, und so ging sie denn mit ihm fort, gutmütig genug, ihm keinen Vorwurf daraus zu machen. Im Gegenteil, sie versuchte sogar noch scherzend, ihn zu trösten. In der Halle von Gräfin Dolores' Hause sah Johannes eine Menge Zeitungen liegen, und entgegen dem Rat des Professors von Pennewitz begann er sie eifrig zu durchblättern. Da blieb sein Blick auf einem Bericht aus Deutschland haften, in dem mitgeteilt wurde, daß der Streik der Bergleute beendet sei. Die Arbeiter hatten verloren. Lang währte ihm die schlaflose Nacht. Auch die arme Helene war unruhig und weinte unaufhörlich. Nun müßt ihr tapfer sein, denn meine Geschichte wird jetzt gar düster und schauerlich. Die Wahrheit kann manchmal recht finster dreinschauen. Aber wenn wir ihr nur fest in die Augen zu blicken wagen, dann lächelt sie zuguterletzt doch licht und freundlich. Nur wer sich vor ihr fürchtet und auf halbem Wege umkehrt, der wird in die Fesseln der Finsternis und der Häßlichkeit geschlagen und darin festgehalten. Daß es mit Johannes' schönem, neuem Leben vollständig verfehlt war, und daß er sich gründlich geirrt und die Spur völlig verloren hatte, habt ihr gewiß schon längst begriffen. Nun, und er selber begriff es auch, wenngleich er es sich auch noch nicht eingestehen mochte. So war sie doch nicht des Vaters Stimme gewesen, jene hoffnungsfreudige Erwartung, und er wußte jetzt, daß auch das sicherste Gefühl trügerisch sein kann. Aber damit war ihm noch nicht geholfen. Jetzt wiederum bekennen, daß er sich geirrt hatte, dies Leben aufgeben und zu Markus und Marion zurückkehren, das ging so leicht nicht. Hier waren weit mächtigere Anziehungskräfte, als die Himbeeren und frischen Brötchen bei Tante Serena einst für ihn gewesen. Wenn er an den Garten bei »Bredebest« dachte, ach, wie gerne würde er wieder dort sein. Aber was ihn hier lockte, das fesselte ihn mit stärkeren Banden, denn er wollte es sich selber nicht einmal eingestehen, daß es wohl besser sein würde, dies alles zu verlassen. Und vor allem anderen erfüllte ihn Tag und Nacht der Gedanke, daß er ein vertrauter kleiner Freund dieser schönen, vornehmen Frau zu werden begann. Habt Ihr wohl einmal des Abends spät ein sehr spannendes Buch gelesen, zu einer Zeit, da Ihr schon längst hättet schlafen sollen? Dann wißt Ihr recht wohl, daß das nicht gut ist und daß Ihr es späterhin bereuen werdet. Ja, am Ende findet Ihr das Buch sogar dumm und häßlich. Aber Ihr könnt dennoch nicht aufhören und wollt immer wieder ein Kapitel weiter lesen, um zu wissen, wie wohl alles enden wird. So erging es Johannes in dem schönen Landhause der Gräfin Dolores. Er blieb dort eine Woche nach der andern, einen Monat nach dem andern. Und schrieb nicht nach Holland, weder an Tante Serena, noch an seinen Bruder, noch an Marion. Es sei, weil er nicht wußte, was er schreiben sollte, es sei, daß er sich schämte. Denn immerfort waren all seine Gedanken nur auf eines gerichtet: wann er wieder mit der Gräfin Dolores sprechen, und was sie ihm dann sagen, und was er antworten würde. Und ob sie ihm dann die Hand geben würde, und ihm übers Haar streichen, oder ihn gar küssen, wie sie das schon einmal getan hatte, zugleich mit ihren beiden Töchterchen. Vielleicht seid Ihr noch niemals verliebt gewesen. Und dann wißt Ihr auch nicht, was das alles zu bedeuten hat. Aber, glaubt mir, es ist keine Kleinigkeit und wahrlich, es ist Spott damit zu treiben. Was in seinem Innern vorging, begriff Johannes selber nicht recht. Er wußte nur, daß er sich in seinem ganzen Leben noch niemals so beklommen und so verwirrt gefühlt hatte. Es war auch alles gar so wunderlich. Es bereitete Schmerz, heftigen Schmerz sogar, und dennoch war es süß, und er wollte es haben. Es bedrückte und beängstigte, und dennoch wollte er ihm nicht entgehen. Es war so widersinnig, so völlig verwirrend. An einem schwülen stürmischen Abend ging er allein über die Klippen am Strande entlang, auf dem schmalen Pfad, der dicht an dem steilen grauen Abhang vorüberführt, gegen den die Brandung donnernd schlägt. Er sah die Sonne untergehen hinter den großen wilden Wolkenzügen, so, wie er es auch früher stets so gerne sah. Aber wie anders erschien es ihm jetzt! wie fremd und kalt! Er stand jetzt gänzlich außerhalb, denn das Leben, das erbarmungslose Menschenleben hatte ihn mit all seinen Leidenschaften und Verworrenheiten in seinen Bann geschlagen. Es erschien ihm beängstigend und entsetzlich wie ein großes Ungeheuer, das ihn verfolgt und bis an den Rand des Meeres weitergehetzt hatte. Und jetzt war ihm die Natur fremd und unwirtlich geworden. Er streckte seine Hände aus und rief die Wolken an: »So helft mir doch, ihr Wolken, ihr silbern-umsäumten!« Aber die Wolken zogen ruhig weiter, gleich als seien sie gänzlich in das Spiel vertieft, neue wunderliche Gestalten zu bilden, immer wieder fremd und seltsam, mit glitzerndem Gold verziert. Auch die See rauschte unablässig weiter, gleich als kenne sie Johannes gar nicht mehr. Nachdem Johannes die Worte ausgerufen hatte: »So helft mir doch, ihr Wolken, ihr silbern-umsäumten!« blieben sie ihm im Geiste haften. Und wie lichte Engel winkten sie andere Worte herbei, ihre Schwestern, die noch in den Tiefen von Johannes' Seele zauderten, daß sie gleichfalls ans Licht kommen sollten. Und so kamen sie eines nach dem andern in leuchtenden Reihen und scharten sich zueinander. Und ihr Antlitz war so ernst, wie er es an seinen eigenen Worten noch nimmer gesehen. »O, helft mir, ihr Wolken mit dem Silberrand! »Rettet mich, Sonne, sturmgepeitschtes Meer! »ich flüchte mich zu euch aus engem Menschenland! »Mich traf mit seiner roten Flammenhand »das grause Leben, ach, so bitter schwer. »Ich war doch Freund euch einst, der euch vertraute, »der glücklich war in eurer Einsamkeit, »der ohne Furcht den ew'gen Raum durchschaute, »ätherische Paläste drin erbaute, »aus lauter Sternenglanz und Sturmgeläut. »In eurer strengen Hoheit fand ich Frieden »an eurer weiten Wildnis rauher Brust, »jetzt schleppt mich fort des Lebens Zorn hinieden, »ein siedender Vulkan ward mir beschieden »anstatt des klaren Meeres eurer Lust. »Weh mir, ihr liegt in eigener Pracht versunken, »kühl wie ein Leu, der sich die Klauen leckt, »träg wandelt sich die Wolke, lichtestrunken, »der Seeleib wälzt sich unter grellen Funken, »mit goldnem Panzer scheint er überdeckt. »Ach, schönste Welt! wie treulos, wie uneigen »schwebst du dahin vor meinem trüben Blick! »Still rauscht das Meer, und Sonn' und Wolken schweigen, »seh' ohne Trost des Tages Licht sich neigen, »es läßt mich in noch bangrer Nacht Zurück. »Wann werd' ich meines Vaters Seele finden, »die hinter Sonne, Meer und Wolken thront, »muß an der Freudlosen, unsel'ger Blinden »verlorener Schar ich nun mein Schicksal binden »bis Alles-Schlichter zeigt wo Frieden wohnt.« Wen Johannes mit dem »Alles-Schlichter« meinte, war ihm selber nicht klar. Auch war er sich keineswegs dessen bewußt, daß er mehr gegeben habe als früher. Während der Nacht aber begann er es zu begreifen, daß er wohl den Tod gemeint habe, und auch, daß in ihm etwas erstanden sei wie eine aufblühende Blume. Er fühlte, daß das Gedicht als Lied gesungen werden könne, aber die Melodie hörte er nicht, oder doch nur ganz matt, wie einen vom Wind verwehten Klang aus weiter Ferne. Des Nachts in seinem Traum hörte er den volltönenden Sang, aber des Morgens hatte er ihn völlig wieder vergessen, und Marion war nicht da, um ihm zu helfen. Bedenkt nun wohl, daß der kleine Johannes nicht mehr gar so klein war. Es waren schon etwa vier Jahre verflossen seit jenem Tage, da er in den Dünen erwacht war, mit dem goldenen Schlüsselein in der Hand. Er konnte es nicht lassen, das Gedicht am folgenden Tage der Gräfin vorzulesen. Nachdem er es gemacht und geschrieben und nochmals abgeschrieben, war die Unruhe, aus der es entstanden war, von ihm gewichen. Jetzt war er begierig, was andere wohl dazu sagen würden, vor allem aber sie, an die er stets denken mußte. »Ach ja«, sagte sie, nachdem er es vorgelesen hatte, »das Leben ist entsetzlich, und ich vermag mich nur noch nach jenem Allerletzten zu sehnen. Ich stimme vollkommen mit dir überein.« Diese Worte vermochten Johannes zu seiner eigenen Verwunderung nur wenig zu erfreuen, so freundlich sie auch gemeint sein mochten. Er wollte etwas anderes hören. »Finden Sie es schön?« fragte er darauf, von dem unbestimmten Empfinden erfüllt, daß er so etwas eigentlich gar nicht fragen solle, weil ihm das Gedicht so recht von Herzen gekommen war. Und wenn einem etwas so recht von Herzen kommt, dann fragt man nicht, ob es schön ist, ebensowenig, wie es einem Menschen einfallen würde, zu fragen, ob er schön geweint habe. Allein, er wollte es doch gar zu gern wissen. »Das weiß ich nicht, Johannes. Du mußt von mir keine Kritik verlangen. Den Gedanken finde ich sehr sympathisch und die Form scheint mir auch recht dichterisch. Aber ob es gute Poesie ist oder nicht, danach müßtest du Herrn van Lieverlee fragen. Der ist ein Dichter.« »Kommt Herr van Lieverlee bald?« »Ja, ich erwarte ihn binnen kurzem.« Eines schönen Tages traf Herr van Lieverlee denn auch wirklich ein mit sehr vielen neuen, angenehm knarrenden und köstlich nach Leder duftenden gelben Koffern, einem dito Zylinderfutteral, einem gewandten, glattrasierten Bedienten und einer dunkelroten Rose mit mattgrünem Nelkenlaub im Knopfloch. Er war sehr gut gelaunt und aufgeräumt und schien sich des Johannes nicht mehr ganz genau zu erinnern. Am Abend las Johannes ihm das Gedicht vor. Van Lieverlee hörte ihn zerstreut an, während er nervös mit den Fingern auf die Lehne des niedrigen Sessels trommelte, auf dem er sich bequem hingestreckt hatte. Es wollte fast scheinen, als ob ihn das Gedicht sehr ungeduldig mache. Als es aus war und Johannes voll peinlicher Spannung wartete, schüttelte er sehr energisch den Kopf. »Das ist alles Rhetorik, mein werter Freund, Bombast. »Oh« und »weh« und »ach«, das sind lauter machtlose Schreie, die beweisen, daß die Sache deine Kraft übersteigt. Hat man die Stimmung bewältigt, dann schreit man nicht so, dann bildet und formt und knetet und schafft man. Plastik! Plastik! – Die Plastik, Johannes, das ist das Wahre. Die Vision, die Farbe, das Bildnern. – Bei diesem Gedicht sehe ich nichts, ich will was sehen und tasten, denk mal an das Sonett von mir: jede Zeile voll Gestaltung, voll Leben, voll wirklicher Dinge. Bei dir lauter unbestimmte Äußerungen, kraftloses Geschwätz, über die Seele deines Vaters und so weiter, bei dem man sich rein gar nichts denken kann. Und um den Effekt herbeizuführen, rufst du bei jedem zweiten Wort »ach« und »weh« und »oh!« als ob das was helfen könnte. Das kann jeder Trottel rufen, wenn er ins Wasser fällt, das ist keine Poesie!« Johannes fühlte sich gänzlich geschlagen, und ob auch seine liebenswürdige Wirtin ihn zu trösten versuchte, indem sie ihm versicherte, daß es später wohl besser gehen würde, wenn er sich nur rechte Mühe gäbe, denn er sei doch noch gar so jung – es half alles nichts, denn Johannes wußte bereits, daß es völlig fruchtlos ist, sich Mühe zu geben, solange nicht etwas anderes mithilft, und zwar etwas, dem sich nicht befehlen läßt. Seine Nacht war trübe, denn die ernsten Versworte kamen ihm beständig wieder in den Sinn, und die Schmach, die man diesen Worten angetan, quälte ihn. Sie ließen sich nicht abweisen, sondern handhabten standhaft ihre Würde, und daher wollte er, daß auch andere sie ebenso schätzen sollten wie er selber. Und seine Machtlosigkeit und sein Zweifel wurden ihm zu bitterer Qual. Nach Mitternacht fiel er in einen leichten Schlaf. Wohl nur auf wenige Minuten. Aber als er wiederum erwachte, da war es ihm, als ob sein Zimmer gänzlich voll sei. Voll Gesellschaft. Aber was für eine Gesellschaft das war; ob Menschen oder andere Wesen, das vermochte er nicht zu sagen. Er sah sie nicht, denn gerade dort, wohin er blickte, war niemand. Und er konnte auch nicht dorthin schauen, wohin er schauen wollte; es war ihm beinahe, als würde er daran durch eine fremde Macht gehindert. Er hörte Lachen, und der Klang dieses Lachens war ihm wohlbekannt. Eine häßliche Erinnerung aus alter Zeit. Es war Klaubers Lachen. Ob Klauber sich etwa im Zimmer aufhielt? Mit aller Anstrengung versuchte Johannes dorthin zu blicken, von wo das Lachen kam. Mit großer Mühe vermochte er endlich etwas zu erkennen: keine ganze Gestalt, sondern lauter Händchen, zwei, vier, sechs Händchen, die eifrig dabei waren, etwas zu untersuchen. Höher hinauf, zu dem, was über diesen Händchen war, konnte er nicht schauen – aber daß Klaubers Händchen dabei waren, das wußte er ganz gewiß. Diese Händchen hielten etwas fest, ein kleines weißes Band, und waren emsig damit beschäftigt, auf allerlei Weise Knoten hinein zu legen: und dabei wurde fortwährend gelacht und gekichert, voll heimlicher Freude. Was mochte das wohl zu bedeuten haben? Johannes fühlte, daß ihn etwas bedrohte. Das Spiel dieser Händchen bedeutete für ihn Gefahr. Das weiße Band sah er am deutlichsten von allem, ein ganz gewöhnliches weißes Schnürband. Da verließen die Händchen das Zimmer und Johannes mußte ihnen nach. Und in einem andern Zimmer, das Helenens Pflegerin bewohnte, sah er sie wiederum an der Arbeit, diesmal mit einer Schere. Die Schere war neben den Toilettentisch gefallen und stak mit einer Spitze im Teppich, und da lachten die Unsichtbaren wieder und grinsten und kicherten, und all die sechs Händchen deuteten gleichzeitig auf die Schere. In Helenens Zimmer brannte Licht, aber das arme, kranke Mädchen klagte jetzt nicht. Es war still dort. Die Tür wurde geöffnet, die Pflegerin trat heraus und ließ die Türe offen stehen. Darauf ging sie in ihr eigenes Zimmer und suchte etwas. Sie suchte sehr lange und konnte es nicht finden. Sicherlich die Schere. Diese stak noch immer mit einer Spitze im Teppich hinter dem Toilettentisch, und die sechs Händchen wiesen auf sie. Allein die Suchende sah das nicht und schien auch das Lachen nicht zu hören. Johannes konnte ihr nicht helfen. Er mußte den Händchen folgen. Er hörte wiederum lebhaftes Flüstern und Kichern und sah sie dann fortgehen. Die Treppe hinunter, durch die Halle und hinaus. Draußen war es noch sehr dunkel. Nur die Sterne funkelten hell und unbeweglich am nachtschwarzen Himmel. Da ward auf der Terrasse eine Gestalt sichtbar, eine große dunkle Gestalt. Nach ihr vermochte er wohl zu schauen, besser als nach all den kichernden Wesen, und er erkannte sie sofort. Er war es, mit dem er über See gereist war. Diese dunkle Gestalt ging jetzt langsamen und sicheren Schrittes vor ihm her. Klauber neben ihm. Aber zwischen diesen beiden da war ein Drittes, und nach diesem Dritten vermochte Johannes gar nicht zu schauen. Sobald er es versuchte, befiel ihn eine namenlose Angst. Dies Dritte – ja! ihr werdet es sicherlich wohl kennen, das war ES, wißt ihr, ES, das hinter der Türe wartet, wenn ihr träumt oder in einem dunklen Zimmer allein seid und um Hilfe rufen wollt und doch nicht dazu imstande seid. ES, das Allergrausigste, so grausig, daß kein Mensch es anzusehen noch zu schildern vermag. Diese Drei gingen nun durch die dunklen Alleen des Parkes, bis sie an den düsteren Teich kamen, der tödlich starr und in stiller Erwartung unter dem Sternenlicht schimmerte. Dort ließen sie sich nieder und warteten. Es war vollkommen still, kein Blatt raschelte. Die Sternenbilder im Wasser hoben sich scharf wie feine Lichtpünktchen aus abgrundtiefem Schwarz. »Hübsch ausgedacht, nicht wahr?« sagte Klauber. ES grinste brummend. Darauf sagte der gute Tod mit sanfter ruhiger Stimme: »Es wird doch alles gut!« Dann saßen sie wiederum sehr still. Johannes wartete, gleich ihnen, er konnte nicht anders. Und dann, plötzlich, hörte man das Knarren einer Tür durch die stille Nacht, und eine weiße Gestalt näherte sich raschen und unhörbaren Schrittes. Johannes erkannte in dem matten Schein der Sterne das schlanke Mädchen in dem weißen Nachtgewand mit ihrem üppigen schwarzen Haar. Nur einen Augenblick machte sie Halt am Ufer des Teiches. Johannes sah ihre Augen flüchtig aufblitzen, angstvoll und freudig zugleich. Wie ein zu Tode gehetzter Mensch war sie, dem Rettung winkt. Er wollte rufen, sich rühren, allein er vermochte es nicht. Da schritt das Mädchen ins Wasser, die Arme ausgebreitet, gleich als wolle sie es umschlingen. Sie ging behutsam, so daß das Wasser weder klatschte noch aufspritzte. Nur die funkelnden Sterne brachen erschreckt auseinander in langen Streifen und kleinen Lichtschlangen, die noch lange auf und nieder tanzten, bis von dem Weißen nichts mehr sichtbar war. »So, die hätten wir,« sagte Klauber. »Das bleibt noch abzuwarten,« antwortete der gute Tod ... Plötzlich fühlte Johannes, daß er in seinem eigenen Bett erwachte. Er wurde durch einen lauten Lärm geweckt, durch Rufen ängstlicher Stimmen, eiliges Hin- und Herlaufen in den Gängen des Hauses, durch das Geräusch von Türen, die eiligst geöffnet und geschlossen wurden. »Helene! Helene!« klang es durch die Gänge, durch den Garten, durch den Park. »Helene! Helene!« Johannes kleidete sich an, nicht übereilt, denn er wußte, daß es zu spät war. Die Hausgenossen hatten sich bereits in der großen Vorhalle versammelt. Die arme Pflegerin kam totenblaß aus dem Garten zurück. »Nicht zu finden,« jammerte sie, »und es ist meine Schuld, meine Schuld!« Sie setzte sich und begann zu schluchzen. »Aber ich bitte Sie, Liebste, machen Sie sich doch keine Vorwürfe. Es ist ja möglich, daß sie gleich wieder zurückkommt, oder daß die Diener sie im Dorf finden.« »Nein, nein,« erwiderte die Ärmste schluchzend, »sie hat es schon lange tun wollen. Ich wußte es. Niemals ließ ich ihre Türe unverschlossen, aber heute – ich glaubte nur wenige Augenblicke fortzubleiben – sie hatte ein Band verknotet und ich wollte meine Schere holen, aber die konnte ich nicht finden ... und da ... o Gott, wie konnte ich auch nur so unvorsichtig sein! Ich verzeihe es mir nie, niemals, mein ganzes Leben nicht. O Gott! o Gott!« Konnte Johannes denn jetzt nicht schleunigst nach dem Teich laufen und sagen, was er wußte? Nein. Denn er wußte eben so sicher, daß es zu spät war, und bevor er es noch hatte tun können, kamen die Männer auch schon und berichteten, daß sie gefunden sei. Er sah sie ganz flüchtig, während man sie in einen buntkarrierten Schal eingewickelt ins Haus trug. Und als er sah, wie man sich bemühte, sie ins Leben zurückzurufen, da sagte er, daß er fürchte, das würde wohl alles nichts nützen, und ließ gleich darauf folgen: »Eigentlich fürchte ich es nicht, sondern ich hoffe es.« »Für sie ,« sagte die Gräfin. »Natürlich für sie,« antwortete Johannes, beinahe verwundert. Van Lieverlee hatte sich nicht blicken lassen. Aber als das schöne Mädchen auf ihrem Totenbette lag, die schlanken Hände über der Brust gefaltet, die noch feuchten Haare in schwarzen Flechten um das seine gelblich-weiße Gesichtchen gelegt, die dunklen Wimpern beinahe geschlossen, und weiße Lilien und Schneeglöckchen rings um sie her, da kam er, um sie zu sehen. »Sieh,« fagte er zu Johannes, »dies ist sehr schön. Das Auffischen wollte ich nicht sehen, Ertrunkene sind beinahe immer häßlich. Sogar das schönste Mädchen wirkt abstoßend und possierlich zugleich, wenn sie an einem Bein aus dem Wasser gezogen wird, die Haare und das Gesicht voller Schlamm und Schmutz. Aber dies ist der Mühe wert. Paß' mal auf, was ich dir sage, Johannes: echte Künstler haben immer Glück. Die Schönheit kommt ihnen überall entgegen. So etwas wie dies hier, das ist ein ganz außergewöhnlicher Glücksfall für einen Dichter.« – Während der folgenden Tage schrieb Johannes eifrig Verse. Aber seine Seele blieb verschlossen und voller Angst. Er vermochte keine Worte zu finden für das, was ihn quälte. »Ist es nicht ein entsetzlicher Gedanke, meine Freunde?« sagte Gräfin Dolores einige Tage später, während sie mit ihren beiden Gästen den Nachmittagstee einnahm, »daß das arme Wesen auch jetzt noch keine Ruhe findet und daß sie für ihre sündige Tat büßen muß?« »Das kann ich nicht glauben,« sagte Johannes. »Aber es ist doch eine Sünde.« »Die würde ich ihr gewiß verzeihen.« »Daran erkennen wir, Dolores,« fiel van Lieverlee ein, »daß Johannes viel gutherziger ist als sein lieber Gott.« »Aber warum kannst du uns denn nicht die Gewißheit verschaffen, um die ich dich schon so oft gebeten habe?« fragte die Gräfin darauf. »Kannst du dich denn nicht mit ihr verständigen?« »Nein, Frau Gräfin,« sagte Johannes. »Aber dein Mahatma, Johannes,« sagte van Lieverlee, »kann das natürlich wohl. Für ihn ist es ja Kinderspiel.« »Von wem sprechen Sie?« fragte die Gräfin, während sie van Lieverlee gespannt anblickte. »Nun, von seinem Mahatma natürlich. Hat er Ihnen denn noch nie von seinem Mahatma erzählt?« »Mit keinem Wort,« sagte die Gräfin verstimmt, während Johannes beschämt schwieg. »Nun also, Johannes kennt einen Weisen, einen Yogi, einen großen Magier. Er hat ihn heranschreiten sehen über die Nordsee – diese Erscheinung nennt man Levitation – und er ist mit ihm gereist in einer Vermummung.« »Aber Johannes, warum hast du mir denn das nie erzählt? das finde ich gar nicht nett von dir. Du wußtest doch, wie sehr ich mich nach dem Rat eines solchen Wesens sehne.« Johannes wußte darauf nicht viel zu erwidern, da diese Frage gerade das Verwirrendste und Beängstigendste seines Zustandes betraf. In ihm war ein Etwas, das ihn stets davon zurückhielt, über Markus zu sprechen, ja, das ihm sogar das Denken an ihn erschwerte. Und dennoch, wie sehnte er sich nach ihm! Aber diese Sehnsucht, das fühlte er wohl, war mit den anderen Wünschen, die ihn hier festhielten, unvereinbar. »Ich glaube,« sagte er endlich schüchtern, »daß es ihm nicht recht ist, wenn ich von ihm spreche.« »Natürlich,« sagte van Lieverlee, »aber das gilt nur für die Uneingeweihten, für die alltägliche Menschheit.« »Rechnest du mich denn auch dazu, Johannes?« fragte die Gräfin mit ihrer einschmeichelndsten Stimme. »Nein, nein,« beeilte sich Johannes zu versichern. »Aber ich weiß auch gar nicht, wo er ist.« »Er weiß aber wohl, wo wir sind,« sagte van Lieverlee, »und wenn wir ihn zu sehen wünschen, so wird er kommen.« »Hierher kommt er gewiß nicht,« sagte Johannes. »Und warum denn nicht?« Johannes konnte das nicht so recht erklären; die Gräfin aber sagte: »Dann werden wir nach Holland gehen und ihn in unsern Kreis aufnehmen.« Da erfüllte eine große Freude das Herz des Johannes. Ach, er wußte gar wohl, wie sehr die Schönheit, die ihn hierher gelockt, verblaßt und erloschen war. Seine beiden Kinder waren noch eben so reizvoll, aber sie machten ihn nicht mehr so glücklich wie zuvor, und van Lieverlee begann er allmählich recht unausstehlich zu finden. In Holland bewohnte Gräfin Dolores eine Villa, die zwischen einer großen Stadt und dem Meere gelegen war. Und als Johannes dorthin zurückkehrte und trotz seines besseren Wissens dem Wiedersehen mit seinen geliebten Dünen voller Spannung entgegensah, da merkte er es erst so recht, daß Pan tot und daß Windekinds Reich zu Ende war. Die Menschen hatten die Dünen erobert. Langgestreckte kahle Straßen mündeten da hinein, und ein Häuschen lag neben dem andern, alle gleichförmig und häßlich. Der Sand stob durch die öden gepflasterten Straßen, und sobald man in die Dünen kam, sah man allüberall Scherben und Blechbüchsen und große Fetzen Tapetenpapier. Und noch immer wurde weiter gebaut. Von dem Schönen und Geheimnisvollen der Dünen war nichts mehr übrig; es waren nur noch lauter häßliche, kahle Sandhaufen. Auch das Meer schien Johannes verdorben, denn es war da stets ein großes Lärmen von Menschen, die kamen, um sich gegenseitig zu sehen oder um die Musik zu hören. Auch wenn sie fort waren, standen da noch all die häßlichen Gebäude, die sie dahingesetzt hatten. Gräfin Dolores meinte, daß sie Johannes seine Enttäuschung und seinen Widerwillen recht gut nachfühlen könne; van Lieverlee indessen nicht im geringsten. Er war hier so recht in seinem Element, kleidete sich so elegant und zierlich wie nur möglich, machte Besuche und verkehrte viel in den vornehmsten Klubs und Restaurants. »Die Romantik ist tot, Freundchen,« sagte er, »es gibt nur noch das Leben. Das Leben mit einem fettgedruckten Anfangsbuchstaben. Das Leben ist die Leidenschaft. Kunst ist Leidenschaft. Das Leben ist Kunst. Das rohe echte Leben, hier in Luxus erstrahlend, dort abstoßend und brutal! Du mußt nicht in Vergangenheiten träumen, sondern das Heute durchleben, und dann mußt du alles sehen, alles mitmachen, alles genießen und alles verachten. Du mußt das Leben beim Schopf packen und es deinem obersten Willen dienstbar machen. Besaufe dich am Leben, speie es wieder aus, schlage es platt, schleudre es durch die Wolken, spiele drauf wie auf einer Geige, stecke es dir wie eine Gardenia ins Knopfloch, wälze dich mit ihm in der Gosse und feiere Orgien der höchsten Leidenschaft mit ihm. Studiere es in seiner abstoßendsten Nacktheit, in seinem häßlichsten Schmutz, und mache es deinen höchsten Visionen aus Gold und Blut dienstbar.« Diese Rede hielt van Lieverlee eines Abends, nachdem er mit mehreren Freunden gespeist hatte, und späterhin machte Johannes dann die Entdeckung, daß van Lieverlee die abstoßende Häßlichkeit des Lebens am liebsten aus der Entfernung zu studieren und sich vorzugsweise an dessen angenehmste und bequemste Seiten zu halten schien. In die Villa Dolores kamen Besucher aus vornehmen Kreisen, und noch bevor die Sitzungen der Plejaden abgehalten werden sollten, war Johannes bereits bei den Empfangstagen mit den Mitgliedern der idealen Gemeinschaft mit dem gemeinschaftlichen Ideal bekannt geworden. Es waren ihrer natürlich fünf außer der Gräfin und van Lieverlee, und als Johannes seine Bedenken äußerte, diese Siebenzahl zu vergrößern, bemerkte man, daß das Siebengestirn ebenfalls acht deutlich sichtbare Sterne aufweise und außerdem eine große Menge von solchen, die dem bloßen Auge nicht erkennbar seien. Die Hauptperson war ein General mit einem goldenen Kragen und grauem kurz gestutztem Schnurrbart. Diese Persönlichkeit hatte eine mächtige heroische Stimme und sprach mit großer Ehrfurcht von dem Fürstenhause. Johannes wunderte sich darüber, daß er überhaupt an etwas anderes dachte als an Kanonen und Schlachten. Allein es stellte sich heraus, daß er außerordentlich sanftmütig und sehr begierig war, von dem übersinnlichen und dem Leben jenseits des Grabes etwas näheres zu erfahren. Indessen schien er doch wohl selber zu empfinden, daß sein blutrünstiger Beruf mit seinen philosophischen Neigungen nicht so recht harmonierte und wollte es daher gern möglichst geheim halten, daß er dieser idealen Gemeinschaft angehörte, eine Schwäche, die beinahe allen Mitgliedern der Plejaden eigen war. Ferner war da ein Staatsrat mit seiner Frau, die beide sehr vornehm wirkten. Der Mann mit sorgfältig frisiertem grauem Haar und schönem weißem Bart, schlanken Händen und mageren Beinen. Die Frau, die leidend war, hatte eine matte Stimme, einen unzufriedenen Zug im Gesicht und zeigte sich sehr nervös und erregt, sobald die höheren Angelegenheiten der Vereinigung zur Sprache kamen. Dann war da ferner Professor Bommeldoos, der mit seiner stattlichen Erscheinung sicherlich die Hauptrolle gespielt haben würde, wenn es nicht bekannt gewesen wäre, daß er im Grunde genommen über diese Art von Untersuchungen mit der größten Verachtung sprach. Er beteiligte sich daran auf das dringende Ersuchen der Gräfin, für deren Schönheit er nicht unempfänglich war, und die ihn als den Vertreter der echten Wissenschaft unter allen Umständen dabei haben wollte. Professor Bommeldoos war ungeheuer gelehrt, sprach Griechisch wie seine Muttersprache, beherrschte alle nur denkbaren philosophischen Systeme und war von sich selber so außerordentlich eingenommen, daß er in einem Gespräch niemals auf das achtete, was ihm geantwortet wurde, sondern nur auf das, was er selber sagte. Und sobald er bemerkte, daß man ihm nicht sofort beipflichtete, oder daß man sogar geneigt war, ihm zu widersprechen, drehte er sich kurzerhand um und erklärte seinen Zuhörer für einen Dummkopf. So bildete er mit seinen schlechten Manieren unter den so außerordentlich wohlerzogenen Plejaden eine seltene Ausnahme, aber man nahm das ruhig hin wie ein notwendiges Attribut seiner großen Gelehrtheit. Das siebente Gestirn endlich war ein nicht mehr ganz junges Freifräulein von altem Adel, dick, reizlos und ebenso unwissend wie Professor Bommeldoos gelehrt war. So wurde denn auch jede ihrer Bemerkungen von ihm mit kalter Verachtung oder mit irgend einer dunklen Anspielung vernichtet, worauf die Dame dann stets mit blödem Lächeln schwieg, während sie ein Gesicht machte, als erkläre sie sich doch noch längst nicht für besiegt. Der ersten Sitzung sah Johannes mit großer Spannung entgegen, besonders wegen der Möglichkeit, daß Markus seinen Wunsch erraten haben könne und daß er hier plötzlich auftauchen würde, so wie van Lieverlee es vermutete. Die Gesellschaft fand sich zwanglos zusammen, gleich als gelte es nur einen heiteren Abend gemeinsam zu verleben. Der Staatsrat, der einen dreifachen Namen führte – und den ich daher nur kurzerhand »Staatsrat« nennen will – unterhielt sich mit dem dicken Freifräulein über das Klima an der Riviera, die er aus Gesundheitsrücksichten mit seiner Frau bereist, und von wo er sie noch kränker nach Hause zurückgebracht hatte als sie fortgegangen. Der General sprach von den ersten jungen Erbsen. Van Lieverlee plauderte leise auf Französisch mit Gräfin Dolores, worüber sich Johannes heimlich ärgerte. Niemand schien von dem Zweck, der sie hier vereint hatte, etwas wissen zu wollen. Allein diese Heuchelei wurde mit roher Hand entlarvt und zwar durch Professor Bommeldoos, der kaum eingetreten, mit seiner Stentorstimme ausrief: »Also vorwärts, Ihr Anhänger von Allan Kardec! Wo ist der Pförtner, der uns die Tore öffnen wird, durch die wir aus dem Reich der drei Dimensionen in das der vier Dimensionen hinüberschreiten sollen?« Dabei blickte er die Anwesenden forschend an. Man lächelte einigermaßen verlegen und blickte auf den General. Dieser begann, nachdem er sich kräftig geräuspert hatte: »Wenn Sie etwa unser Medium meinen, Herr Professor, das ist noch nicht da, aber wir könnten vielleicht ... hm, könnten vielleicht einstweilen anfangen – hm – den Kreis zu bilden ... um uns auf diese Weise ... hm ... um uns einigermaßen vorzubereiten ...« Unter beklemmendem Schweigen schleppten mehrere der anwesenden Herren einen runden Tisch mit Marmorplatte in das Zimmer. Die Hilfe dienstbarer Geister wurde abgelehnt, weil sie hier nicht recht am Platze schien. »Sehen Sie nur, was für ein Sprung das vorige Mal hereingekommen ist,« flüsterte das Freifräulein. »Wissen Sie noch? damals fuhr er ganz schnell in die Luft. Wir konnten ihn trotz aller Bemühungen nicht unten halten.« »Muß das Licht nicht gelöscht werden?« fragte der Professor, der noch keiner Sitzung beigewohnt hatte. »Nein! nein!« rief der General, »nur ein wenig kleiner geschraubt.« »Hm, hm,« brummte der Professor. »Der Professor darf durch seine Ironie nicht entgegenwirken,« sagte die Gräfin freundlich. »Frau Gräfin«, sprach der Professor feierlich, »dem Philosophen erscheint für seine Untersuchungen nichts zu gering und nichts zu lächerlich. Er steht sämtlichen Erscheinungen wie einem unbeschlagenen Spiegel gegenüber. Darwin ließ vor einem Publikum von aufkeimenden Gartenbohnen den Kontrabaß spielen, um den Einfluß der Musik auf den Pflanzenwuchs festzustellen. Und wenn Sie mein Buch über »Plotinus« gelesen haben ...« »Pardon, Herr Professor, das habe ich nicht ...« »Was sagen Sie da? Dann aber doch sicherlich das über »die materielle Basis der Begriffe?« »Auch das nicht.« »Aber dann müssen Sie doch durchaus mein Buch über »Magie« lesen. Denken Sie daran, sonst komme ich das nächste Mal nicht wieder. Plotinus sagt ...« Hierauf folgte ein griechisches Zitat, das ich euch nur lieber schenken will und das voller Ehrfurcht angehört wurde. Dann sagte das Freifräulein plötzlich: »Wollen wir nicht etwas singen? das ist so gut für die Stimmung.« Alle waren damit einverstanden, aber niemand wollte anfangen. Der General setzte sich behaglich an den Tisch und stützte die gespreizten Hände darauf. Mit erkünstelter Unbefangenheit folgte einer nach dem andern. Endlich wurde auch Johannes aufgefordert. »Ist der junge Mann ein Neuling auf psychischem Gebiet?« fragte der Staatsrat verbindlich. »Mein Freund Johannes muß starke medianimische Kräfte besitzen; ich hoffe, daß die Anwesenden nichts dagegen einzuwenden haben,« sagte die Gräfin. »O nein, durchaus nicht, durchaus nicht,« beeilte sich der General zu erwidern. »Wir sind in dieser Sache alle unwissend wie die Kinder.« »Darin stimme ich durchaus nicht mit Ihnen überein, Herr General,« schrie Bommeldoos. »Haben Sie die sämtlichen Schriften des Philippus Aureolus Paracelsus Theophrastus Bombastus ab Hohenheim gelesen, der im Jahre 1493 geboren wurde und im Jahre 1541 gestorben ist?« »Nein, Herr Professor,« gestand der Kriegsmann kleinlaut. »Nun, aber ich habe sie gelesen und das ist keine Kleinigkeit. Die Magie bildet eine, und zwar eine geringfügige Rubrik der Philosophie; und in meiner Bibliothek besitze ich hundert und fünfundsiebzig Bände ausschließlich über diese Rubrik, d.h. über magische Themata, von Apolonius van Tyane bis zu Swedenborg, Hellenbach und du Prel. Nennen Sie das etwa kindlich unwissend?« »Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sagte das dicke Freifräulein, um doch wenigstens auch ein Zitat zum Besten zu geben. »Na, ich werde sie gewiß nicht fortjagen,« sagte Bommeldoos, »wenn sie sich nur nicht einbilden, daß sie ebensoviel wissen wie ich.« Johannes war weit davon entfernt, sich das einzubilden, sondern wartete, die Hände auf die Tischplatte gestützt, ganz bescheiden und geduldig, bis die Offenbarung kommen würde. Es verging eine geraume Zeit, ohne daß etwas Besonderes geschehen wäre, bis van Lieverlee endlich leise, aber dennoch hörbar zu der Gräfin sagte: »Mit den magischen Kräften des Johannes scheint es auch nicht weit her zu sein.« Da endlich erschien das Medium, eine verlegene, kleinbürgerliche Frau, die eifrig nach links und nach rechts knixte und sich in dieser vornehmen Gesellschaft gar nicht wohl zu fühlen schien. Kaum hatte sie sich an den Tisch gesetzt, als die Frau des Staatsrats auch schon mit einem halb unterdrückten Schrei ausrief: »Ich fühle es schon, er bewegt sich!« »Gewiß, eine richtige Erschütterung,« bestätigte das Freifräulein mit bewegter Stimme. »Ruhe!« rief der General ermahnend. Der Tisch begann zu drehen und zu wippen und nun wurden allerhand Fragen gestellt. Der erste Geist, der erschien, erteilte ganz im allgemeinen den Rat, fleißig in der Bibel zu lesen und die Kirche zu besuchen, was allem Anschein nach auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. Nach seinem Namen gefragt, antwortete der Geist »Moses«. Dies veranlaßte Professor Bommeldoos, sofort zu fragen, ob er den Pentateuch selber geschrieben habe. »Ja!« antwortete Moses. Aber als ihm der Professor auf Hebräisch zu Leibe ging, erklärte Moses, daß er sich einen Augenblick ausruhen müsse, und überließ dann nach dieser Ruhepause das Wort einem andern. Darauf erschienen Homer und Cicero, die es beide beklagten, daß sie den wahren Glauben nicht gekannt, und darauf Napoleon, der über das viele durch ihn vergossene Blut große Reue an den Tag legte. Man konnte merken, wie dies den General nachdenklich stimmte. Aber nicht nur, daß all diese Personen die Frömmigkeit und Gottesfurcht dringend empfahlen, nein, sie bezeichneten auch einstimmig Johannes und die Gräfin Dolores als diejenigen, von deren Zusammenwirken die bedeutendsten Resultate zu erwarten seien. Sie müßten diese Sachen gründlich studieren und sich auf die automatische Schrift verlegen. Da mußte sich Johannes neben die Gräfin setzen und ihre Hand in der seinen halten und so, gemeinsam mit ihr, die Berichte der Geister niederschreiben. Für Johannes bedeutete dies zugleich etwas Köstliches und eine süße Prüfung. Ob Markus jetzt wohl kommen würde? Allein Markus kam nicht, ebensowenig wie ein Bericht von der armen Helene oder ihrem Vater. Ein Geist aber offenbarte sich, der sehr unfreundlich und barsch gegen die ideale Gesellschaft auftrat. Er nannte sich Thomas und wollte auf des Professors Frage, ob er Thomas der Apostel oder Thomas Aquinas oder Thomas a Kempis oder Thomas Morus sei, keine Antwort erteilen. »Kennt ihr uns?« fragte der Staatsrat. »Jawohl, lauter Heiden und Verrückte,« antwortete Thomas. »Wollt ihr uns helfen?« »Beichtet, betet und tuet Buße,« antwortete Thomas. »Wollt ihr uns etwas über das Jenseits berichten?« fragte die Gräfin Dolores, während sie erbleichte. »Über die Hölle, wenn ihr so fortfahrt,« antwortete Thomas. »Was soll ich denn tun?« fragte Dolores zitternd. »Euch bekehren,« lautete die Antwort. »Das ist alles sehr gut und schön,« sagte Bommeldoos, »aber ich kenne mindestens zwölf Religionen und zweimal soviel philosophische Systeme. Wozu sollen wir uns denn bekehren?« »Schweige, du Ketzer,« bekam der Professor zur Antwort. Solch eine Behandlung ging dem Gelehrten denn doch über den Spaß, und er erklärte, daß er genug davon habe und seine Zeit besser anwenden könne. Die Gesellschaft war sich darüber einig, daß die Resultate an diesem Abend nicht günstig seien, was das Medium dem Umstand zuschrieb, daß sie schlecht disponiert sei. Sie habe den ganzen Tag an heftigen Kopfschmerzen gelitten, und außerdem machten sich auch ungünstige Einflüsse geltend, das fühle sie ganz deutlich. Während sie dies sagte, warf sie einen vorwurfsvollen Blick auf den Professor. »O, das vorige Mal war es viel interessanter,« sagte das Freifräulein. »Nicht wahr, Herr General? geradezu wunderbar!« »Man kann die Erscheinungen nicht zwingen,« sagte der General, »wir müssen Geduld haben. Es ist besser, daß wir für heute nur lieber schließen.« Dieser Vorschlag wurde einstimmig angenommen, und man vereinigte sich an einer zierlich gedeckten Tafel, nachdem sich das Medium unter vielen Bücklingen verabschiedet hatte. Johannes behielt seinen Platz neben der Gräfin, und die Erinnerung an ihre schlanke, weiche Hand, die er so lange in der seinen hatte halten dürfen, machte ihn sehr glücklich. Er war nicht im mindesten enttäuscht, o nein, im Gegenteil, er fühlte sich ganz erleichtert. Er fand, daß seine vornehme Freundin so schön und so gut und zu ihm geradezu entzückend sei. Ein neues holländisches Dienstmädchen, das ein schwarzes Kleid und eine schneeweiße Haube trug, bediente. Johannes beachtete sie nicht weiter, bemerkte aber, daß van Lieverlee sie wiederholt aufmerksam ansah. »Fandest du den Abend nicht sehr eigenartig?« fragte die Gräfin, nachdem die Gäste gegangen und sie allein zurückgeblieben waren. »Ich fand ihn wundervoll,« sagte Johannes aufrichtig. »Man nannte ihn nicht gelungen,« sagte die Gräfin »Ich aber habe einen ganz anderen Eindruck gewonnen, ich fühle mich sehr gerührt.« »Ich auch,« sagte Johannes. »So, das freut mich. Also du fühlst es auch , daß wir der Bekehrung bedürfen?« »Das meine ich nicht,« sagte Johannes. »Aber Sie sind so gut zu mir gewesen.« Gräfin Dolores antwortete nicht, sondern drückte ihm nur freundlich lächelnd die Hand, die Johannes lange festhielt, während er ihr voll leidenschaftlicher Hingebung in die Augen blickte. Das Dienstmädchen stand am Büfett und war damit beschäftigt, das Silbergerät wegzuräumen. Dann wandte sie sich um, und als Johannes sie ein wenig beschämt anblickte, um zu sehen, ob sie seine allzu zärtliche Haltung und seine Worte am Ende gar bemerkt habe, starrte er plötzlich in zwei wohlbekannte hellgraue Augen. Es waren Marions Augen, und ihr Blick war unaussprechlich traurig und voller Angst. Es war Johannes, als höre sein Herz zu schlagen auf, und er war gänzlich fassungslos. Wie gelähmt blieb er dasitzen, bis ihm die Hand seiner Freundin entglitt. Er schien sich erheben, schien etwas sagen zu wollen ... Allein Marion legte ihren Finger auf die Lippen und fuhr ruhig in ihrer Arbeit fort. Zu den fleißigen Besuchern der Villa Dolores gehörte auch ein katholischer Prälat, ein Freund des verstorbenen Grafen. Er war ein breitschultriger, jovialer Mann, der niemals über religiöse Dinge sprach, hin und wieder als gemütlicher Tischgenosse an den Mahlzeiten teilnahm und stets lustige und interessante Dinge erzählte, denen Johannes begehrlich lauschte. Er war ein viel liebenswürdigerer Mann als Pfarrer Kraalboom, und Johannes mochte ihn viel lieber. Er wußte viel von Blumen und Tieren, von Gedichten, Gemälden und Musik, und verstand es, sich über das schöne Italien und das heilige Rom zu unterhalten, das er oft bereist und wo er studiert hatte. Zu den »Plejaden« gehörte er natürlich nicht, und wenn dieser Kreis ausnahmsweise einmal in seiner Gegenwart genannt wurde, dann schwieg er, denn er war ein vorsichtiger Mann von feiner Lebensart. Doch nach der ersten Zusammenkunft, von der ich im vorigen Kapitel erzählte, wollte es dem Johannes erscheinen, als käme er öfter denn zuvor, und zwar außerhalb der gewöhnlichen Besuchsstunden. Und wenn Johannes dann eintrat, bemerkte er, daß das Gespräch zwischen der Gräfin und dem Priester plötzlich stockte, und er sah auch, daß seine liebenswürdige Wirtin mehr Röte auf den Wangen hatte als sonst. Allem Anschein nach hatten sie gar wichtige Dinge besprochen. »Dein Mahatma kommt nicht,« sagte Dolores eines Tages, nachdem der Priester gegangen, zu Johannes, »er läßt uns im Stich.« »Ja, Frau Gräfin,« mußte Johannes eingestehen. »Zum Glück glaube ich bereits einen klugen Mann gefunden zu haben, der mir helfen kann.« »Meinen Sie den Pater Canisius?« »Ja. Weißt du, was der sagt? Er sagt, daß wir mit unseren Untersuchungen auf einem gefährlichen Wege seien. Das sei lauter Teufelswerk, behauptet er, und alles, was er sagt, stimmt auch ganz genau mit dem überein, was wir an jenem Abend gehört haben. Möchtest du nicht auch mal mit ihm sprechen?« Allein Johannes zauderte. Er hatte Marion noch nicht gesprochen und hoffte von ihr sicherlich etwas über seinen Bruder zu hören. Marion ging ihm beharrlich aus dem Wege, und noch hatte er keine Gelegenheit gefunden, sie allein zu sprechen. Klopfenden Herzens ging er jeden Tag in seine kleine Stube hinauf in der Hoffnung, daß er sie dort finden würde, während sie beim Aufräumen war. Aber dann war sie meistens schon damit fertig, und er fand nur noch die Spuren ihrer Sorgfalt. Wie sie seine Kleider gebürstet und zusammengelegt, seine Wäsche nachgesehen und in den Schrank geräumt, und eine kleine Vase mit Blumen auf seinen Tisch gestellt hatte. Er bemerkte das alles sehr wohl, und es rührte ihn. Aber sie sorgte stets dafür, daß sie in Gesellschaft der übrigen Dienstboten war, und dann benahm sie sich so streng und so kühl, wie das koketteste und zugleich prüdeste und bestgeschulte Kammerzöfchen. Mit keinem Wort, keinem Blick und keiner Bewegung verriet sie, daß sie Johannes kannte. Und oftmals hörte er die Gräfin ihren Besucherinnen erzählen, daß sie noch niemals das Glück gehabt habe, in Holland so schnell ein so gutes Dienstmädchen zu finden. Auch van Lieverlee hatte sie nicht erkannt; nur waren ihm ihre eigenartigen, ein wenig ausländischen Manieren aufgefallen, und so fragte er denn die Frau des Hauses eines Tages, ob sie über die Herkunft dieses Mädchens vielleicht etwas Näheres wisse. »Nein,« sagte die Gräfin, »sie ist mir von einer alten Freundin empfohlen worden, und, wie ich sehe, mit gutem Grund.« Aber des Johannes Sehnsucht nach Markus ward mit jedem Tage größer. Er fürchtete sein Kommen, und dennoch verlangte es ihn danach. Und von diesem Zweifel wollte er befreit sein, um jeden Preis. So daß er nicht aufhörte, eine Gelegenheit zu suchen, um Marion endlich einmal unter vier Augen zu sprechen. Eines Abends traf er sie im Korridor und redete sie unter dem Vorwande an, daß er ihr wegen seiner Stiefel etwas zu sagen habe. »Wo hast du Keesje gelassen?« fragte er leise. »Das kannst du dir doch wohl denken,« antwortete Marion kurz angebunden und ebenso leise. Johannes konnte es sich in der Tat auch denken. Aber gerade deshalb hatte er danach gefragt. »Ja, aber wo ist er denn mit Keesje?« »Ich weiß es nicht, und wenn ich es wüßte, so würde ich »es doch nicht sagen. Er kennt seine Zeit.« In diesem Augenblick kam Gräfin Dolores vorüber. »Johannes«, sagte sie, »ich bin jetzt gerade in einer Unterhaltung mit Pater Canisius begriffen. Wenn du willst, so darfst du daran teilnehmen.« Johannes befragte Marion mit den Augen. Aber vor ihre Blicke legte sich wiederum jener undurchdringliche Flor, der ihr innerstes Seelenwesen jedem Fremden verbarg. Im Salon saß Pater Canisius in einem niedrigen Sessel, die schwarze Soutane straff um den robusten Körper gespannt und die breiten Füße mit den Schnallenschuhen weit von sich gestreckt. Er putzte die Gläser seiner Brille mit seinem Taschentuch, und als Johannes eintrat, setzte er sie schleunigst wieder auf und blickte mit seinen großen Augen gespannt nach der Tür. Als Johannes sich ihm näherte, nahm er ihn freundlich bei der Hand und zog ihn zu sich hin. Johannes blickte ihm in das breite glattrasierte Gesicht mit der stumpfen Nase und den klugen Augen. »Hast du niemals eine gute Leitung gehabt, mein Junge? Dann ist das Leben schwer und gefährlich.« »Ich habe wohl eine gute Leitung gehabt«, sagte Johannes. »Aber ich wollte gern meinen eigenen Weg suchen, und ließ die Leitung dann immer wieder im Stich.« »Aber war das wohl wirklich eine gute Leitung?« fragte der Pater. »Ich hatte einen guten Vater, und später fand ich einen sehr guten Freund. Aber ich habe sie alle beide verlassen.« »Und aus welchem Grunde? Vermochte das, was sie dich lehrten, dich nicht zu befriedigen? Was zog dich von ihnen fort?« Johannes schwankte. »Waren sie zu streng?« Johannes schüttelte verneinend den Kopf. »Was war es denn, was du bei ihnen nicht fandest, wohl aber anderswo?« »Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll. Freude ist es nicht, denn ich will gerne viel Kummer darum erleiden. Und dennoch ist es das Herrlichste, was ich kenne. Ich denke, daß es das ist, was man unter Schönheit versteht.« Nachdem er dies gesagt, fiel es ihm plötzlich ein, daß es doch nicht nur die Schönheit gewesen, um derentwillen er seinen Vater verlassen, und daß man das Gefühl, das er für die beiden kleinen Mädchen empfunden, und das ihn von Markus weggelockt hatte, auch wohl Liebe nennen könne. »Vielleicht nennt man es auch wohl Liebe«, sagte er. Pater Canisius dachte nach. Dann sagte er, während er einen scharfen Blick auf die Gräfin heftete: »Empfandest du denn nicht genug Liebe für jenen guten Vater und jenen guten Freund?« »O ja. Aber gerade sie hatten mich gelehrt, daß ich dem folgen solle, was mir von ganzem Herzen als das Schönste erschien, und daß ich das tun müsse, was ich wahrhaft für das Beste hielt.« Der Pater ließ Johannes' Hand los und faltete seine fleischigen Hände übereinander, während er, tief aufseufzend, den großen Kopf schüttelte und Gräfin Dolores noch immer mit sehr ernster Miene ansah. »Armer Junge«, sagte er darauf, »armer, armer Junge!« Und fügte dann hinzu, indem er den Kopf aufrichtete und Johannes fest in die Augen sah: »Nein, Johannes, das waren keine guten Führer. Ich kenne sie nicht und will sie nicht verurteilen. Das aber kann ich dir mit der größten Bestimmtheit sagen, daß du durch eine solche Lehre und unter einer solchen Leitung zugrunde gehen mußt , wenn du nicht einer ganz ungewöhnlichen Gnade teilhaftig wirst.« Es folgte eine lange Stille. Johannes war bewegt und erschrocken. »Wie meinen Sie das?« brachte er endlich stammelnd und mit bebenden Lippen hervor. »Höre gut zu, Johannes«, sagte Gräfin Dolores, »Pater Canisius ist ein weiser Mann mit einer großen, reichen Lebenserfahrung.« »Glaubst du an Gott?« fragte der Priester. »Ich weiß, daß ich einen Vater habe, der mich kennt,« sagte Johannes langsam. »Einen himmlischen Vater, meinst du? Schön, damit ist schon viel gewonnen. Aber dann wirst du auch wohl gemerkt haben, daß es einen Bösen gibt, einen Satan, der uns betrügt.« »Ja«, sagte Johannes ohne Zögern, während er all seiner Enttäuschungen gedachte, »das habe ich gemerkt, das ist so.« »Nun wohl, der Satan lauert stets auf uns, wie der Wolf auf die Schafe. Ein jeder Mensch, der nur der eigenen Kraft und der eigenen Einsicht vertraut, ist wie ein Schaf, das von der Herde abirrt. Und dann macht der Wolf sich die gute Gelegenheit zunutze. Und dann ist solch ein Schaf rettungslos verloren, es sei denn, daß Gott ein Wunder geschehen läßt.« Johannes fühlte, wie ihn eine namenlose Angst befiel. Er vermochte nicht zu sprechen. »Das Nahen dieses Wolfes wird uns zuerst durch ein entsetzliches Gefühl verkündet. So warnt uns Gott. Jenes Gefühl ist der Zweifel. Hast du den Zweifel gekannt, Johannes?« Johannes nickte, kurz und gänzlich bestürzt; er ballte die Fäuste und biß die Lippen zusammen. Ja! ja, ja, er hatte den Zweifel gekannt. »Das dachte ich mir«, sagte Pater Canisius ruhig, »es ist ein entsetzliches Gefühl, nicht wahr? Es ist ...« fuhr er mit lauter Stimme fort, »wie Wolfsgeheul, das einem verirrten Schaf aus der Ferne erklingt. Laß dich nicht vergeblich warnen, Johannes.« Und dann nach einer Pause: »Der Zweifel selbst ist Sünde. Wer zweifelt, befindet sich auf der schiefen Ebene, die zum Untergang führt. Hast du wohl einmal von dem scheußlichen Octopus gehört, von jenem weichen Seeungeheuer mit seinen großen Augen, seinen acht Fangarmen, mit denen er die Glieder des Schwimmers, eines nach dem andern, umschlingt und ihn so in die Tiefe hinabzieht? Ja? Solch ein Octopus ist der Satan. Unmerklich streckt er seine Fangarme aus und saugt sich damit an den Gliedern fest, bis er einem seinen scharfen Schnabel ins Herz bohren kann. Der Zweifel ist nicht nur eine Warnung, sondern ein Beweis dafür, daß der Satan schon Einfluß gewonnen hat. Er ist der Beginn seiner Macht. Das Ende ist ewiges Leiden und Verdammnis.« Johannes richtete den Kopf auf und sah den Priester an, der sorgfältig beobachtete, was für einen Eindruck seine Worte wohl hervorrufen würden. Trotz seiner Beklemmung entstand in Johannes' Herzen plötzlich etwas wie ein Widerstand. Er fühlte, daß man ihn bange zu machen versuchte, und das wollte er sich denn doch nicht gefallen lassen, trotzdem er nur ein kleiner Kerl war. »Diejenigen, die in gutem Glauben irren, verdammt mein Vater nicht«, sagte er. Pater Canisius bemerkte, daß er durch sein wohl etwas allzu schroffes Vorgehen Widerstand geweckt hatte und wurde vorsichtiger. Mit leiser Stimme hub er von neuem an: »Gewiß, Johannes, Gott ist unendlich gut und gnädig. Aber hast du nicht auch gemerkt, daß es eine Gerechtigkeit gibt, der man nicht entrinnen kann? Und glaubst du, daß ein Irregeführter sagen kann: »Ich habe keine Schuld, denn ich bin irre geführt worden.« Nein, Johannes, das nimmst du denn doch allzu leicht. Auf Sünde folgt Strafe, das ist Gottes unerbittliche Ordnung. Und das würdest du nur dann grausam oder unrecht nennen dürfen, wenn Er uns nicht gewarnt und uns Seinen Willen nicht klar und deutlich offenbart hätte. Aber wir sind gewarnt worden, wir sind eines Besseren belehrt, wir können der guten Leitung folgen. Und wenn wir auch dann noch irren, so ist es unsere eigene Schuld und wir dürfen uns nicht beklagen.« »Sie meinen wohl die Bibel, nicht wahr, Herr Pater?« »Die Bibel und die Kirche«, antwortete der Pater, von dem Ton dieser Frage nicht sehr angenehm berührt. »Ich begreife sehr gut, daß du, mein Junge, mit deinem dichterischen Gemüt und deinem Schönheitssinn in dem dürren, kalten Protestantismus keine Befriedigung finden konntest. Die katholische Kirche aber bietet dir alles: Liebe, Schönheit, Wärme und erhabene Poesie. Nur in ihr wirst du Frieden und vollkommene Geborgenheit finden. Du weißt doch, nicht wahr, daß die Herde eines Hirten bedarf, und auch, wer jener Hirte ist?« »Meinen Sie den Papst?« »Ich meine Christus, Johannes, unsern Erlöser, den der Papst in seiner menschlichen Gestalt nur vertritt. Kennst du jenen Hirten, kennst du Jesus Christus nicht?« »Nein, Herr Pater«, sagte Johannes ohne Arg, »den kenne ich gar nicht.« »Oh, das habe ich mir wohl gedacht, und darum nannte ich dich einen armen Jungen. Aber wenn du den Wunsch hast, ihn kennen zu lernen, dann will ich dir gerne helfen.« »Warum nicht?« sagte Johannes. »Gut, so beginne damit, daß du die Gräfin begleitest, wenn sie zur Kirche geht, so wie sie es mir versprochen hat. Das ist doch abgemacht, nicht wahr?« »Jawohl, Pater«, antwortete die Gräfin. »O, ich freue mich von ganzem Herzen, daß Sie sich so meiner annehmen. Johannes wird Ihnen sicherlich auch allzeit dankbar dafür bleiben.« Darauf empfahl sich Pater Canisius, nachdem er seinen beiden neuen Schülern, mit einem Ausdruck stiller Befriedigung auf den Zügen, warm die Hand gedrückt. Die Kinder kamen herein, und an jenem Tage wurde diese Sache zwischen Johannes und seiner Freundin nicht mehr besprochen. Aber sie war viel heiterer als sonst und zu Johannes ganz besonders freundlich. Ja, sie küßte ihn sogar wiederum beim Schlafengehen, so wie sie es schon einmal getan, zugleich mit ihren Kindern. Johannes konnte nicht schlafen und war in starker Erregung befangen. Als es still ward um ihn und die einsame, geheimnisvolle Nacht sich näherte, da kamen mit ihr auch die Furcht und der Zweifel und die Verzagtheit. Er zweifelte, ob er zweifelte, und fürchtete den Zweifel um des Zweifels willen. Er hörte das Heulen des Wolfes, der dem verirrten Schaf auflauert, er fühlte die weichen, schleimigen, geschmeidigen Fangarme, die sich unbemerkt an seinen Gliedern festgesogen hatten, er sah die großen gelben Augen des Octopus mit der langen, schlitzförmigen Pupille, und fühlte, wie der scharfe Papageienschnabel nach seinem Herzen suchte und tastete. Schaudernd und zähneklappernd lag er wachend unter den Decken, und der Angstschweiß brach ihm aus. Da hörte er die Stufen der Treppe leise knarren und einen leichten Schritt, der sich näherte. Seine Tür wurde geöffnet und eine kleine dunkle Gestalt trat behutsam an sein Bett. Da fühlte er eine warme weiche Hand auf seiner feuchtkalten Stirne und er hörte Marions flüsternde Stimme: »Wirst du getreu sein, Hanni, und dich nicht bange machen lassen? Vater will treue, tapfere Kinder haben.« »Ja, Marion«, sagte Johannes, und die schaudernde Angst wich von ihm, und eine wohlige Wärme durchstrahlte seinen ganzen Körper, und so bald fiel er in Schlaf, daß er sich nicht entsinnen konnte, ihr Weggehen bemerkt zu haben. »Spring heraus!« rief Wistik, sehr erregt, während er mit seinem roten Mützchen schwenkte, »spring heraus, aber schnell!« Johannes sah dazu keine Möglichkeit. Das Fenster war hoch und viel zu klein. Dann nur lieber noch ein wenig höher klettern, vielleicht, daß dort ein Ausweg war. Eine Treppe hinauf, dann wiederum ein Bodenraum, ein enger, kleiner Gang, und noch eine Treppe hinauf. Da sah er Wistik wieder, rittlings auf dem großen Adler. »Schnell, Johannes!« rief er, »du mußt nur Mut haben, dann passiert nichts.« Johannes wollte wohl gerne Mut haben, aber er konnte es nicht. Das kleine Fenster war wiederum unerreichbar. Nochmals zurück. Leere Bodenräume, steile Treppen ohne Ende, ohne Ende. Und dort drinnen war der Octopus, das wußte er. Immer wieder sah er einen von den langen Fangarmen mit den Hunderten von Saugnäpfen auf sich gerichtet. Hier und dort lag einer am Boden, so daß er über ihn hinwegsteigen mußte, dann wieder wand sich einer die Treppe hinauf, die Johannes kreuzen mußte. Das ganze Haus war davon erfüllt. Und dort draußen schien die Sonne, winkte der freie blaue Himmel. Dort schwebte Wistik um das Haus herum, auf dem großen Adler sitzend, demselben, dem sie einst in Phrygien begegnet waren. Und dort draußen erklang auch Marions Stimme. Horch! sie sang; auch sie war draußen in der frischen, freien Luft. Sie schien ganz allein ein Liedchen gemacht zu haben, sowohl die Worte wie auch die Melodie, denn beides war dem Johannes fremd. »Sonnenlicht hoch und rein, »friedlich und weich! »Mich trugen Flügelein »hin in dein Reich. »Flüg'lein, gar leichte Zier, »weiß wie der Mond, »wuchsen der Schulter mir »nächtlicher Stund. »Kann nun der Möwe gleich »flattern und schweben, »fühl' mich von Wolken weich »schützend umgeben.« Ach! das konnte Johannes noch nicht. Er hatte keine Flügel. Wohl sah er hier und dort Lichtstrahlen hineindringen und auch ab und zu ein Stückchen blauen Himmels; aber er konnte nicht hinaus. Es war unmöglich. Und wieder ging es treppauf, treppab, durch weite Portale und über große Bodenräume, um den Ausgang zu finden. Und überall lagen die Fangarme. Da sang Marion wieder: »Wunderblau Himmelszelt, »schwing mich zu dir, »nebelgrau schwand die Welt »tief unter mir. »Welten entschwinden hier »gleich Wunderland. »Neue erstehen mir »zahllos wie Sand. »Bläue der Höhen! »Bläue der Tiefen! »Werd' nun verstehen, »wie sie mich riefen.« Johannes hörte auch, daß ihn die Bläue rief, aber das Wunderwort konnte er noch nicht verstehen. Er lag jetzt auf den Knien vor einem kleinen Bodenfenster, durch das er nur die Arme herauszustrecken vermochte. Hinter sich hörte er etwas rascheln und scharren. Das war auch schon wieder einer von den Fangarmen. »Es ist ein Skandal«, sagte Wistik, während sich sein Gesichtchen vor Zorn heftig rötete, »wie man mich verlästert hat. Ich sei ein Handlanger des Bösen, behauptet man, weil ich dich nicht in Frieden ließe. Willst du mich los sein, Johannes?« »Nein, Wistik, ich glaube, daß du gut bist, trotzdem du mich gar oft enttäuscht hast und mich sehr unruhig machst. Du hast mir so viel Schönes gezeigt. Aber warum hilfst du mir denn jetzt nicht? Wenn du mich rufst, dann mußt du mir auch helfen.« »Nein«, sagte Wistik, »du mußt dir selber helfen. Du sollst tapfer sein, tapfer. Du weißt, daß ES hinter dir ist, nicht wahr?« »Ja! ja!« schrie Johannes. »Aber, Junge, so schreie mich doch nicht an, sondern lieber ES. ES fürchtet sich vor dir noch viel mehr als du dich vor dem ES fürchtest.« Das war ein guter Gedanke. Johannes biß die Zähne zusammen, ballte die Fäuste, kehrte sich um und rief: »Zurück! sage ich dir, zurück, du häßliches Scheusal!« Ich glaube sogar, daß er fluchte und »verdammtes Scheusal« sagte. Aber das muß man ihm schon verzeihen, weil er es in der ersten Erregung tat. Als er sah, daß die Fangarme immer kleiner und kleiner wurden und sich langsam zurückzogen, daß es still ward im Hause, daß das Sonnenlicht sich Bahn brach und ein weiter blauer Himmel sichtbar ward, da wich die Beklemmung von ihm, und er war auch gar nicht mehr so zornig, sondern schämte sich ein wenig, weil er wohl allzuheftig gewesen. »Recht so,« sagte Wistik, »aber nicht unartig werden, nicht schimpfen, das ist häßlich. Sicher auftreten und dennoch Mitleid haben.« Johannes war jetzt auch nicht mehr zornig, sondern weinte vor Glück. Ja, ihm war, als müsse er wegschmelzen in Tränen der Dankbarkeit, so weit ward ihm das Herz mit einem Male. O, der herrliche blaue Himmel! »So, jetzt weißt du es ein für allemal,« sagte Wistik. Da erklang wiederum Marions Singstimme. Aber jetzt ganz anders. Es war die Melodie eines ihrer alten Liedchen, die leise gesummt ward. Ein weicher, gedämpfter Sang. Und darauf folgte ein »tick! tick! tick!« auf seine Zimmertür, um ihm anzukünden, daß es halb acht sei und daß er aufstehen müsse. An jenem Tage war Johannes von frischer Lebenskraft, von einem überquellenden Gefühl der Heiterkeit und des Frohsinns gänzlich erfüllt. Er wollte handeln, er wollte etwas tun, um seiner schwierigen Lage selbst ein Ende zu bereiten. Zunächst suchte er die Gelegenheit van Lieverlee zu sprechen. Mutig ging er zu ihm in seine Zimmer, die er noch niemals betreten hatte. In diesen Zimmern zeigte sich ein sehr wirres und ungleichartiges Durcheinander. Ein paar kostbare alte Möbel und orientalische Teppiche, eine große Sammlung von Pfeifen und Waffen, einige moderne Bücher – aber nicht viel – an der Wand Skizzen, aus denen Johannes nicht recht klug werden konnte, französische Reklamebilder, auf denen frivole Dämchen abgebildet waren, und daneben fromme mittelalterliche Darstellungen von Heiligen in Ekstase, Gipsabgüsse lüsterner Frauengestalten, und ausgezehrte Mönchsköpfe, und Christusbilder in abstoßender Nacktheit und einige Steindrucke und Abgüsse, deren wahnsinnige und gruselige Seltsamkeit Johannes an seine bangsten Träume erinnerte. »Was willst du?« fragte Herr van Lieverlee tot Endegeest, der mit einer leeren Pfeife im Munde und einem sehr mißvergnügten Gesicht lang ausgestreckt auf dem Fußboden lag. »Ich möchte Sie etwas fragen,« fagte Johannes, ohne recht zu wissen, wie er eigentlich anfangen solle. »Nicht disponiert,« sagte van Lieverlee. Gestern noch würde Johannes sich nach einem solchen Empfang schleunigst zurückgezogen haben. Heute aber tat er das nicht. Er setzte sich und dachte an das, was ihm Wistik gesagt hatte: Sicher auftreten. »Ich will nicht länger warten,« hub er an, »ich habe schon viel zu lange gewartet.« »Der große Pater hat dich wohl zu fassen gekriegt, nicht wahr?« fragte van Lieverlee, jetzt schon mit etwas lebhafterem Interesse. »Ja,« antwortete Johannes, »wie wissen Sie das? Was halten Sie von ihm?« Van Lieverlee nickte, gähnte, und sagte dann gedehnt: »Ein Gewichster! Der kann so bleiben. Bizeps! – weißt du, Bizeps – physisch und intellektuell! Repräsentativ für seine ganze Organisation. Man muß Respekt davor haben, Johannes; wie der es versteht, die Menschen zu überrumpeln, davor kann man, weiß Gott, den Hut ziehen. Im Vergleich damit bedeutet der ganze reformierte Heiligenkram gar nichts, das ist alles halbe Arbeit, alles ein zaghaftes Geben und Nehmen – kritakrita – so wie wir im Sanskrit sagen. Ob du Böses oder Gutes tun willst, tue es immer ganz, niemals halb, sonst wirst du selbst das Opfer. Willst du den Menschen den Daumen auf das Auge setzen, so setze ihn ihnen ganz darauf. Eine Kirche bilden wollen und zugleich von Gewissensfreiheit reden, wie die Protestanten das tun, das ist Unsinn, das kann nie was Gutes geben. Das sieht man an ihren Resultaten. Jedes Dutzend Protestanten hat eine eigene Kirche mit einem eigenen Dogma und einen allein seligmachenden Glauben, dem anderthalb Auserkorene anhängen. Nein, da ist die katholische Kirche doch wenigstens ein respektableres Stück Arbeit, eine Sache aus einem Guß.« »Glauben Sie daran?« fragte Johannes. Van Lieverlee zuckte die Achseln. »Darüber muß ich erst noch einmal reiflich nachdenken. Wenn ich es schön finde, daran zu glauben, dann tue ich es, aber dann in der alten echten Kirche, mit Adam und Eva und der Sonne, die sich um die Erde dreht – nicht in diesen modernen Up-to-date-Kirchen die an der Hand von wissenschaftlichen Ergebnissen mit elektrischem Licht und der Hereditätslehre modifiziert sind. Das ist widerlich. Nein, die Kirche von Dante will ich haben, mit einer echten Hölle voll Feuer und Gestank hier unter der Erde, und Galilei darin.« »Aber danach habe ich Sie ja gar nicht gefragt,« sagte Johannes, der konsequent bleiben wollte. »Ich bin nicht zufrieden, und Sie müssen mir helfen. Alles, was ich bisher in den Plejaden und von dem Pater gehört habe, vermag mich nicht zu befriedigen, und ich weiß auch ganz sicher, daß ich meinen Freund auf solche Weise nicht wiederfinden werde. Ich will ihn aber durchaus finden.« »Wo wolltest du ihn denn suchen?« »Das weiß ich schon,« sagte Johannes, »wenn er irgendwo zu finden ist, so ist es bei den Armen, bei den Arbeitern.« »So, so, wolltest du dich der Arbeiterbewegung anschließen? Na, das kann dir blühen. Aber ich verspreche dir nicht, daß ich mitgehe. Du weißt, wie ich über die Sache denke. Den Sozialismus muß es geben, das weiß ich wohl, aber ich kümmere mich nicht darum. In den proletarischen Sphären stinkt es mir noch zu sehr. Ich freue mich über die Geburt der neuen Gesellschaft, aber eine Geburt ist stets eine unappetitliche Geschichte. Die überlasse ich lieber den Wehmüttern. Ich warte mit der Bekanntschaft, bis das Kindchen gründlich gewaschen und gesäubert ist.« »Aber ich wollte ja meinen Freund suchen.« Van Lieverlee richtete sich auf und reckte die Glieder. »Du bist fade,« sagte er, »mit deinem ewigen Geschwätz über diesen Freund.« »Sicher auftreten,« dachte Johannes bei sich, und er fuhr fort: »Sie haben mir versprochen, daß Sie mir den Weg zeigen würden zu Dem, was ich suche, und daß sie mir alles Rätselhafte erklären wollten, was mir widerführe. Aber ich bin noch um keinen Schritt weitergekommen.« »Deine eigene Schuld, Freundchen, das sind die Folgen von Hochmut und Selbstsucht. – Warum hast du dich so wenig um mich gekümmert? Du gingst immer nur mit diesen beiden kleinen Mädchen, glaubtest du etwa, durch die klüger zu werden?« »Vielleicht ebensogut wie durch Sie,« antwortete Johannes. Van Lieverlee blickte verwundert auf. Das war Insubordination, offenkundiger Widerstand. Indessen schien es ihm besser, das gar nicht zu bemerken, und so sagte er nur: »Wenn du dich aber jener Arbeiterbewegung anschließen willst, so mußt du es selbst wissen. Ich werde dich nicht zurückhalten. Geh du nur auf die Suche nach deinem Mahatma.« »Aber wie soll ich das denn anfangen? Sie haben so viele Freunde. Wissen Sie denn niemanden, der mir helfen kann?« Van Lieverlee dachte nach, während er Johannes noch immer unverwandt anblickte. Dann sagte er langsam: »Jawohl, einen weiß ich, der steckt mitten drin. Willst du zu dem gehen?« »Ja, bitte, und am liebsten sofort.« »Gut,« sagte van Lieverlee. Und so machten sie sich zusammen auf den Weg. Der betreffende Herr war Redakteur einer Zeitung, Doktor der Philologie, und hieß Felbeck. In seinem Bureau sah es nichts weniger als luxuriös aus. Die Stufen der Treppe waren ausgetreten und die Flurmatte abgenutzt. Es war ein öder kahler Raum, an dessen Wänden man große Anschlagzettel und Karikaturen gewahrte und dessen ganzes Mobiliar aus einem mit Zeitschriften und Broschüren völlig überdeckten Tisch, ein paar Schreibpulten und mehreren Rohrstühlen bestand. Zwei Schreiber saßen da und schrieben, während ein paar Männer sich, den Hut auf dem Kopf und die Zigarre im Munde, eifrig unterhielten. Es war dort ein immerwährendes Kommen und Gehen von Setzerjungen und Männern in Schlapphüten. Dr. Felbeck selber hatte ein blasses, mageres Gesicht, vorstehende Backenknochen, borstiges Haar und einen schwarzen Schnurr- und Kinnbart. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen und blickten Johannes forschend an, in einer Weise, die ihn weder ruhig noch vertraulich stimmte. »Dieser junge Mann,« sagte van Lieverlee, »wünscht, wie Sie das zu nennen pflegen, seine bürgerliche Herkunft zu verleugnen und in die Reihen des kämpfenden Proletariats zu treten. So heißt es ja wohl, nicht wahr?« »Nun,« sagte Dr. Felbeck, »dessen braucht er sich nicht zu schämen, und Sie könnten sich ein Beispiel an ihm nehmen, van Lieverlee.« »Wer weiß, was ich noch tun werde,« antwortete van Lieverlee, »wenn das Proletariat nur erst gelernt hat, sich zu waschen.« »Was?« sagte Felbeck, »Sie behaupten, ein Dichter zu sein, und wollen gewaschene Proletarier mit Stehkragen und steifen Hüten sehen? Nein, mein Freund, mit schmutzigen, schwieligen Fäusten werden sie die verfeinerte bürgerliche Gesellschaft zusammenhauen wie eine Etagere voller Nippsachen in einem Salon.« Und dabei schlug Dr. Felbeck mit seiner Faust durch die Luft auf die vermeintliche Etagere. Einer der Schreiber wurde aufmerksam und hielt in seiner Arbeit inne. Auch auf van Lieverlee schienen diese Worte ihren Eindruck nicht zu verfehlen. »Eine Revolution würde mir schon passen,« sagte van Lieverlee, »mit Barrikaden, und darauf Kerls mit roten Fahnen, flatternden Haaren und blutunterlaufenen Augen. Das ist nicht übel. Aber euer Zukunftsstaat! Gott mag mich vor dem öden Rummel bewahren. Dann will ich noch zehnmal lieber ein fetter, stinkend reicher Bankier mit Brillantringen sein, der sich von unglücklichen Schluckern mästen läßt und auf Korfu Villen baut, als solch ein Zukunftsbürger.« »Das verstehen Sie nun einmal nicht,« sagte Felbeck mit verächtlichem Lächeln. »Sie müssen solche Gedanken haben, weil Sie der bürgerlichen Klasse angehören, deren Nachkömmling Sie sind. Sie müssen bürgerlich denken und bürgerlich dichten, das ist nicht anders möglich. Die proletarische Kultur der Zukunft können Sie nicht begreifen. Sie wird sich aus der proletarischen Klasse entwickeln, zu der wir gehören, und der sich Ihr junger Freund anschließen will, wie ich zu meiner Freude höre.« Der Schreiber kam ein wenig näher, um die Ansprache seines Chefs besser hören zu können. Er war ein kleiner, noch junger Mann mit pomadisiertem schwarzem, in der Mitte gescheiteltem Haar, einer krummen Nase, auf der er einen Kneifer trug, und ein paar dicken Lippen, zwischen denen, auch während er sprach, unaufhörlich eine Zigarre baumelte. Er trug einen eleganten Anzug, sehr spitze Schuhe und Gamaschen. »Darf ich mich vielleicht vorstellen?« sagte er. »Mein Name ist Käse. Parteigenosse Isidor Käse.« »Angenehm!« sagte van Lieverlee. Und auch Johannes bekam einen Händedruck. »Kommen Sie, um sich einschreiben zu lassen?« fragte darauf der Parteigenosse. »Worin denn einschreiben?« fragte Johannes, der noch nicht recht orientiert war. »In die proletarische Klasse?« »Nein, als Mitglied der Partei,« sagte Käse. »Was hat das denn zu bedeuten?« fragte Johannes zaghaft. »Das hat zu bedeuten,« sagte Felbeck, »daß man auf die Vorrechte der Klasse, der man ursprünglich angehörte, verzichtet, daß man das rote Banner hochhalten, in die Reihen der internationalen Arbeiterpartei treten und sich dem kämpfenden Proletariat, der Klasse der Zukunft, anschließen will.« »Und was muß ich dafür tun?« »Unterschreiben, einen kleinen Beitrag bezahlen, die Versammlungen besuchen, unsere Zeitung lesen, Propaganda machen und für unseren Kandidaten stimmen, wenn es erst so weit ist, daß du stimmen darfst.« »Weiter nichts?« fragte Johannes. »Ist dir das etwa noch nicht genug?« »Aber Sie sprachen doch von Vorrechten, auf die ich verzichten müsse.« »Na, na,« sagte Parteigenosse Käse, »stellen Sie sich das nur nicht allzu schlimm vor. Lassen Sie sich dadurch nicht abschrecken, vorläufig wird von Ihnen nichts anderes verlangt.« »O, ich fürchtete mich durchaus nicht davor,« sagte Johannes ein wenig ärgerlich, weil man ihn so gar nicht zu begreifen schien. »Ich hoffte sogar, daß ich mehr würde tun müssen.« »Um so besser, um so besser,« sagte Käse, während er an sein Pult zurücktrippelte und eifrig seine Feder auswischte. »Also die Sache wäre in Ordnung – Ihr Name, wenn ich bitten darf?« Aber Johannes war heute nicht sehr willfährig gestimmt. Seit er es mit dem Octopus aufgenommen, führte er ein viel größeres Wort. »Nein, ich kam aus anderem Grunde. Ich habe einen guten Freund, der für die Armen und Unterdrückten lebt und arbeitet. Den suche ich. Zuletzt sah ich ihn bei dem großen Bergarbeiterstreik in Deutschland. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Aber ich weiß ganz sicher, daß er sich unter den Arbeitern aufhalten muß. Und Herr van Lieverlee sagte mir, Sie stünden mitten in der Arbeiterbewegung.« »Wie heißt er?« fragte Dr. Felbeck. »Er ist unter dem Namen Markus bekannt,« antwortete Johannes zögernd; es kostete ihm große Mühe, den teuren Namen hier auszusprechen. »Markus?« widerholten die Herren nachdenklich, »ganz einfach Markus?« »Markus Vis,« sagte Johannes, noch widerwilliger als zuvor. »Ach so, der!« sagte Parteigenosse Käse. »Markus Vis?« sagte Felbeck, während er sich fragend an die übrigen wandte, die im Bureau anwesend waren, »ist das etwa ...?« »Jawohl,« sagte Käse, »derselbe, der unlängst den Skandal auf der Börse gemacht hat.« »Donnerwetter, der verdammte Anarchist!« rief einer der rauchenden, Schlapphut tragenden Männer. »Ist das ein Freund von dir?« fragte Dr. Felbeck, mit einem häßlichen Zug um die Nase. »Jawohl, und mein bester Freund sogar,« sagte Johannes mutig. »Nun, da scheinst du mir eigentümliche und gefährliche Freunde zu haben, das muß ich sagen.« »Wissen Sie, wo er ist?« fragte Johannes, ohne sich beirren zu lassen. »Ich nicht,« sagte Felbeck verächtlich, »weiß es vielleicht jemand von den anderen Herren?« »Ich denke irgendwo in der Nähe von Meerenberg ,« sagte einer der anderen Männer. »Trommel!« rief Felbeck dann einem der andern Schreiber zu, der ruhig bei seiner Arbeit geblieben war. »Wo steckt Vis denn augenblicklich?« »Markus Vis?« wiederholte Parteigenosse Trommel fragend. »Der ist momentan im Bureau einer Eisenfabrik beschäftigt: er hat eine Anstellung gefunden.« »Das sieht ihm ähnlich«, sagte einer der rauchenden Männer. »Paßt mal auf, was für ein Speichellecker der noch mal wird, wenn er nur erst einen Kragen trägt.« »In welcher Fabrik?« fragte van Lieverlee. »In der Fabrik »Der Reiter«, bei Ihrem Onkel, Herrn van Trigt«, sagte Parteigenosse Trommel. »Wann ist er dorthin gekommen?« fragte van Lieverlee. »Ich denke, so etwa vor drei Wochen.« »Ist es so'n großer, dunkler Kerl mit einem Bart und lockigem Haar und einem Sporthemd an?« »Jawohl – stimmt«, sagten mehrere gleichzeitig. Van Lieverlee wandte sich um, stellte sich ans Fenster, legte den Kopf zurück, holte sein Taschentuch zum Vorschein und begann laut zu prusten, so daß die Umstehenden nicht recht wußten, ob er nieste oder lachte oder ob er krank war. »Nehmen Sie's, bitte, nicht übel!« rief er aus. »Mir fällt eben so was Spaßiges ein.« Und wieder prustete er in sein Taschentuch, und jetzt sah ein jeder es deutlich, daß es Lachen war. »Ein Mahatma!« hörte man ihn murmeln, »weiß Gott, das ist nicht übel! ein Mahatma!« Die Anwesenden beobachteten diese Ausbrüche schweigend und ein wenig verdutzt, gleich als erwarteten sie eine nähere Erklärung. »Hättest du mir diese Beschreibung nur früher gemacht, Johannes«, sagte van Lieverlee, während er sich allmählich von seinem Lachanfall erholte, »dann hätten wir die Herren hier nicht zu bemühen brauchen. Dein Freund arbeitet bei meinem Onkel im Bureau. Ich habe ihn dort schon mehrmals gesehen.« »Wollen Sie mich denn dorthin führen?« fragte Johannes. Noch sprach er mit fester Stimme, aber ich gebe euch die Versicherung, daß die Tränen seinen Augen recht nahe waren. Er wollte mit aller Gewalt tapfer bleiben, weil ihn all diese Männer und Parteigenossen so scharf beobachteten. »Gewiß, gewiß, gelegentlich«, fügte van Lieverlee – und dabei begann er wahrhaftig schon wieder zu lachen, mit einem lauten, halb unterdrückten Geschnaube, so daß Johannes ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte. Das tat er indessen nicht, sondern ging ruhig mit van Lieverlee die Treppe hinunter, ohne der proletarischen Klasse beigetreten zu sein. »Na, also, adieu dann«, sagte van Lieverlee, unten angelangt, während er Johannes mit übertriebener Herzlichkeit die Hand schüttelte. »Ich muß in den Klub – gelegentlich gehen wir dann in die Fabrik – ich will mich erst mal erkundigen. Aber wir gehen ganz sicher.« Die Lippen noch spöttisch verzogen, schritt er davon, während er mit erkünstelter Gleichgültigkeit vor sich hinsummte. An jenem Abend suchte Johannes die Eisenfabrik allein auf. Aber das Bureau war bereits geschlossen und dunkel, und niemand war da, der ihm hätte Auskunft erteilen können. In seinem Zimmer fand er einen kleinen Trost: eine Vase mit Vergißmeinnicht von Marion. »Lieber Wistik«, sagte Johannes, »laß mich deine Hand fassen. Du bist mir doch ein gar lieber und treuer Freund. Jetzt bereue ich es nicht mehr, daß ich unter Windekinds Mäntelchen weggeschlüpft bin, um dir zu lauschen –« »Man soll sich nicht selbst rühmen, das habe ich dir schon einmal gesagt«, antwortete Wistik, »aber es ist und bleibt eine große Wahrheit, daß ich sehr gut bin und all die üble Nachrede durchaus nicht verdiene. Und was wahr ist, das darf auch gesagt werden, und wenn es hundertmal Großsprecherei genannt wird. Nicht Großsprecherei und auch nicht Kleinsprecherei; Rechtsprecherei, das ist meine Idee.« Dabei nickte das Männchen stolz und setzte sich seine Mütze ein wenig fester auf den Kopf. Sie saßen an einer felsigen Küste. Grell beschien die Sonne eine rötliche Felswand zu ihrer Linken, rechts stieg die Anhöhe sanfter hinan, und auf ihr wuchsen Bäume mit feinblättrigem graugrünem Laube. Vor ihnen lag das weite leichtbewegte Meer, unter dem frischen Winde und in dem funkelnden Licht immerfort blitzend und wogend. Da war nichts zu sehen als roter Fels und blauer Himmel und Wasser. Das blaue, kristallklare Wasser umspülte klatschend und gurgelnd die ausgehöhlten und angefressenen Steine, die ihnen zu Füßen lagen, und verschwanden dann in Spalten und Grotten, wo Algen wuchsen und rote Korallen. Wie hell war es! wie frisch! wie weiß! »Windekind sehe ich niemals wieder«, sagte Johannes, »und das ist gar traurig, denn Pans Reich war schön. Aber ich füge mich darein, und ich glaube jetzt, daß es noch viel, viel schönere Dinge gibt. Fand ich nicht einst die Dünen am schönsten von allem? und fürchtete ich nicht, daß ich mich anderswo niemals heimisch fühlen konnte? Jetzt aber finde ich dieses fremde Land viel großartiger, und ich fühle mich auch hier heimisch. Wo sind wir, lieber Wistik?« »Was tut's«, sagte Wistik, der es niemals gerne zeigte, wenn er etwas nicht wußte. »Es tut auch nichts«, sagte Johannes. »Die Hauptsache ist, daß ich weiß, daß ich es bin, ich, Johannes, und daß ich alles sehr gut und sehr deutlich weiß. Wie ich gestern in jenem Bureau war und Markus in der Eisenfabrik gesucht habe, und wie man mich jetzt könnte schlafen sehen. Und dennoch träume ich nicht, denn ich bin ganz wach, ganz, ganz wach, und ich erinnere mich an alles.« »Jawohl«, sagte Wistik, »weißt du denn auch noch, was Markus von der Erinnerung sagte?« Er zögerte einen Augenblick und fuhr dann mit feierlicher, stets leiser werdenden Stimme fort: »Die Erinnerung, Johannes, ist etwas sehr Heiliges. Denn sie macht die Vergangenheit gegenwärtig. Jetzt noch die Zukunft ... und dann wären wir ...« »Wo denn, Wistik?« »An jenem stillen Herbsttage, da das Gold auf den Baumkronen nicht erblaßt und kein Zweiglein raschelt. Weißt du es noch?« flüsterte Wistik, kaum hörbar. Johannes nickte schweigend. Nach einer Weile sagte er: »Es ist schon so köstlich, Wistik, daß ich auch während der Nacht mich an alles erinnern, und daß ich wissen und wach sein kann, wenn auch mein Körper im Bette schläft. Ich will nicht tot sein und daliegen wie ein Stein und alles vergessen, so wie man das im Schlaf zu tun pflegt. Ich will auch nicht lauter Torheiten und Unsinn träumen, als müßte ich jede Nacht wahnsinnig werden. Das ist eine Schande, das will ich nicht.« »Recht so, Johannes, niemand will gern tot sein, und niemand will gern wahnsinnig sein. Und wenn die Menschen schlafen, sind sie tot, und wenn sie träumen, sind sie wahnsinnig. Dafür würde ich mich auch bedanken.« »Ich will versuchen, in meinem Schlaf zu leben und weise zu sein in meinen Träumen«, sagte Johannes. »Aber es ist gar schwer, und die Zeit so flüchtig.« Er betrachtete seine Hände, seine Beine und seinen ganzen Körper. Er trug seinen schönsten Anzug. Erstaunt fragte er: »Was ist das für ein Körper, Wistik? den ich mit mir schleppe? und wie komisch, daß ich Kleider trage! Was sind das für Kleider?« »Siehst du das denn nicht? Es sind deine eigenen Kleider.« Und so war es. Johannes erkannte sie genau. Und in seiner Hand hielt er eine von Marions blauen Vergißmeinnichtblüten. »Das begreife ich nicht, Wistik. Daß ich einen Traumleib habe, der des Nachts mit dir auf Reisen geht, das begreife ich wohl. Aber wie kommen meine Kleider hierher? Träumen meine Kleider denn auch?« »Warum nicht?« sagte Wistik. Verwundert dachte Johannes hierüber nach. Das Wasser umspülte noch immer die ausgehöhlten Steine. Das zarte Zwitschern eines Zeisigs erklang lockend zwischen den großen Felsblöcken. »Aber wenn alles träumen kann, dann muß auch alles leben, meine Hose auch und meine Schuhe auch.« »Warum nicht?« sagte Wistik wieder. »Beweise mir mal, daß das nicht möglich ist.« Dazu sah Johannes keine Möglichkeit. »Oder vielleicht«, begann er von neuem, »mache ich jetzt alles: die Felsen und das Meer und die Kleider! Eines von beiden: Entweder ich träume, und ich mache es, oder es träumt alles selber und macht sich selber.« »Etwas anderes ist nicht möglich«, stimmte Wistik bei. »Aber dann würde ich auch etwas anderes machen können, wenn ich das wollte.« »Das glaube ich auch«, sagte Wistik. »Eine Violine zum Beispiel. Würde ich eine Violine machen und dann auf jener Violine spielen können?« »Versuch es doch einmal«, erwiderte Wistik. Und sieh, da war die Violine auch schon, und Johannes spielte auf ihr, als habe er es bereits seit Jahren getan, und fuhr mit dem Bogen über die Saiten. Da ertönte die herrlichste Musik, so schön wie er sie nur je gehört hatte. »O, Wistik, hörst du es? wer hätte wohl je gedacht, daß ich solche Musik machen könnte?« »Allesfrager kann, was Allesfrager will, sagte Pan.« »Ja,« sagte Johannes sinnend, und vergaß darob seine Violine, die sogleich wieder verschwand, als er nicht mehr an sie dachte. »Pan sprach auch von dem echten Teufel, weißt du wohl? Er sagte mir, daß ich dich bitten solle, ihn mir mal zu zeigen.« Wistik hatte seine kleinen Knie hinaufgezogen und seine Arme darum gelegt, während ihm der lange Bart über die Schienbeine hing. So warf er von seitwärts einen flüchtigen Blick auf Johannes, um zu sehen, ob es ihm auch wirklich ernst sei. Dann fuhr ihm ein heftiges Zittern durch den kleinen Körper. »Wollen wir ein wenig über das Meer fliegen?« fragte er darauf. Aber Johannes ließ sich nicht irre machen. »Nein, ich möchte den echten Teufel sehen.« »Möchtest du das wirklich, Johannes?« »Ja«, antwortete dieser mit fester Stimme. Nachdem er es mit dem Octopus aufgenommen, fühlte er sich wie ein Held. »Überlege es dir gut«, sagte Wistik. »Wie sieht er aus?« »Was glaubst du?« »Ich denke«, sagte Johannes, während er starr und zornig vor sich hinblickte, »ich denke, daß er Marions Schwester, dem gemeinen, schwarzen Weib, ähnlich sieht.« »Warum?« fragte Wistik. »Weil ich sie hasse. Weil sie mir alles verdirbt, was ich schön finde, nur durch die Erinnerung. Aber sie gleicht auch jener reizenden Freundin, an die ich immerfort denken muß, und dennoch ist sie's nicht, denn sie ist häßlich und gemein. Sie hat mir einmal einen Kuß gegeben, und das hat mein Leben verdorben.« »Falsch geraten, Johannes, so sieht er ganz und gar nicht aus«, sagte Wistik. Plötzlich bemerkte Johannes, wie das helle Licht sich verdunkelte und die kolossalen Felsen zu zittern und zu schwanken begannen, gleich als würden sie durch heiße Luft gesehen, oder durch ungleichmäßig gegossenes Glas, oder durch fließendes Wasser. Und plötzlich wußte er, ohne etwas davon zu merken, nur durch ein inneres Gefühl namenloser Beklemmung, daß ES hinter ihm war. ES, ihr wißt es noch gut, nicht wahr? ES, das auch am Ufer des Teiches saß, als sich das arme Mädchen ertränkte. ES saß hinter ihm, groß und totenstill. Sonnenlicht und See und Felsen – das ganze schöne Land verschwand in Dunst und Nebel. »Er ist da, Johannes, er ist da«, flüsterte Wistik, »hinter uns. Sei tapfer, Johannes, du hast es selbst gewollt.« »Was soll ich tun?« flüsterte Johannes, jetzt sehr erregt und erschrocken. »Nicht bange sein, um Gottes willen nicht bange sein, sonst bist du verloren.« »Soll ich Gott anrufen? oder Jesus? oder soll ich ein Kreuz schlagen?« »Das kümmert ihn nicht im geringsten; er lacht darüber. Er kennt das alles ganz genau. Er amüsiert sich selber mit Beten und Kreuzschlagen. Die Hauptsache ist: wach bleiben und nicht ängstlich sein. Er wird sehr freundlich zu dir sprechen und dir viel Schönes und Interessantes zeigen, und er wird versuchen, dich schläfrig und bange zu machen. Aber du darfst dich nicht fürchten und nicht vergessen. Halte vor allen Dingen Marions Blume gut fest, und hier ... sieh mal.« Wistik kramte in einem kleinen Täschchen, das er immer an einem Band über der Schulter trug, und förderte zwischen allerlei Plunder, wie Steinchen, Scheren, Bleistiften und getrockneten Pflanzen, mit seinen vor Erregung zitternden Fingerchen einen kleinen Spiegel zutage, in dessen Leiste sein Name hübsch säuberlich eingraviert war. Darauf sagte er mit bewegter Stimme und beinahe sprachlos vor Rührung: »Halte das gut fest, hörst du wohl? das ist deine Rettung – und jetzt geh, mein lieber Junge, geh!« Das gute Männchen weinte. »Gehst du nicht mit?« fragte Johannes hastig. »Ich bin sein ärgster Feind«, sagte Wistik, »er kann mich nicht ausstehen. Aber ich bleibe in deiner Nähe. Rufe mich nur von Zeit zu Zeit, und ich werde dir antworten. Du weißt dann, daß du geborgen bist ...« »Willkommen, Johannes«, sagte eine freundliche sanfte Stimme, und eine warme weiche Hand umfaßte die seine. »Du bist doch, wie ich hoffe, vor mir nicht verlegen?« War das nun der Böse? Dieser nette, höfliche Mann mit den einnehmenden Manieren und der einschmeichelnden Stimme! Verwundert blickte sich Johannes nach der Stelle um, wo ES war. Er vermochte nichts scharf zu unterscheiden und auch dem Sprecher nicht gerade ins Gesicht zu sehen, aber der erschien ihm wie ein ganz gewöhnlicher biederer Herr mit einem freundlich lächelnden Gesicht. Er trug einen braunen Phantasieanzug und einen Strohhut. »Wolltest du mich und mein Museum mal kennen lernen?« fuhr er nach einer kleinen Pause fort, »das ist recht, es wird dir gewiß gefallen. Aber was hast du da in deiner Hand? Doch nicht etwa einen Spiegel? Pfui! den mußt du wegwerfen. Solche Spiegel werden bei mir nicht geduldet. Die sind mir in den Tod zuwider. Die züchten nur Eitelkeit.« Die weiche Hand wollte ihm den Spiegel wegnehmen. Allein Johannes hielt ihn fest umklammert und sagte bestimmt: »Den Spiegel behalte ich.« Kaum hatte er das gesagt, da blitzte auch schon ein Ausdruck unbeschreiblicher Bosheit über das rechtschaffene lächelnde Antlitz. Ganz flüchtig nur, aber deutlich genug, um Johannes mit Schaudern zu erfüllen und ihm so recht klar zu machen, daß es wohl in der Tat der Böse war. Aber sogleich blickte das brave Gesicht wieder freundlich drein, und er sprach: »Meinetwegen denn, wie du willst – wir wollen zunächst mal mit meinen Untergebenen Bekanntschaft machen. Lauter Freunde, Kameraden oder Anverwandte.« Da hörte Johannes wieder das bekannte Kichern und Flüstern, das er in jener Nacht vernommen, als er all die Händchen an der Arbeit sah. An allen Seiten scharrte und raschelte es, er hörte Atmen und Pusten und Schnarchen und allerlei komische menschliche Geräusche, als ob es rings umher von lauter Geschöpfen wimmelte. Allein er sah noch immer nichts. »Du hattest dir wohl gedacht, daß ich ganz anders aussehen müsse, nicht wahr, Johannes? mit Hörnern und einem Schwanz? Das ist alles veraltet, daran glaubt heutzutage kein Mensch mehr. Die törichte Scheidung von Gut und Böse haben wir Gott sei Dank völlig überwunden. Das ist unhaltbarer Dualismus. Mein Reich ist so gut wie das andere.« »Wie nennt man Sie?« fragte Johannes. »Man nennt mich König Wahn, Johannes. Ja! ja, ich bin ein König, trotzdem ich so einfach aussehe. All der äußerliche Prunk ist auch aus der Mode gekommen. Ich bin ein konstitutioneller, bürgerlicher, demokratischer König. Hierher, Bängling, komm mal her. Dies ist mein vertrautester Helfer, meine rechte Hand.« Unwillkürlich schauderte Johannes, als er Bängling sah. Ein häßliches, verschrumpeltes, blasses, schmutziges Bübchen mit rotumränderten Augen, die immerfort scheu nach links und nach rechts spähten, aber niemals gradeaus blickten. Seine mageren Knie schlotterten, und jeden Augenblick zuckte sein in Lumpen gehüllter Körper vor Schrecken zusammen, während er ausrief: »O Gott! O Jesus! Da haben wir's! Jetzt wird's passieren! Jetzt ist's zu spät! Jetzt ist's zu spät!« – Dies immerfort anzuhören und anzusehen, ohne selbst ängstlich zu werden, war nicht leicht. Aber Johannes drückte seine Blume fest an die Brust und rief: »Wistik!« »Ja, ja!« hörte er seinen guten Freund antworten. Aber die Stimme klang aus der Ferne und gleich als käme sie von oben. Und plötzlich hatte Johannes das deutliche Gefühl, als fiele er blitzschnell in abgrundtiefe Räume hinunter. Aber alles rings umher blieb bei ihm. – »Fallen wir herunter?« fragte er. König Wahn lächelte – ein falsches, süßliches Lächeln. »Nicht so unbescheiden fragen, wenn man auf Besuch ist.« »Zurück!« schrie Johannes Bängling entgegen, der jetzt stöhnend und zitternd dicht neben ihm stand. Hinter ihm drängte sich eine Menge unheimlicher Gestalten. Grinsende, verzerrte, mißformte Gesichter, einige mit dicker blauer Nase, andere mit geifernden Lippen, wieder andere blaß und still, mit geschlossenen Augen und höhnisch murmelndem Munde, versuchten ihm nahe zu kommen. Johannes kannte diese Gestalten gar wohl. Er hatte sie als Kind in seinen Träumen häufig gesehen, und manche von ihnen werdet auch ihr wohl gesehen haben, in den Nächten, bevor die Masern bei euch ausbrachen, oder wenn ihr mal des Abends allzuviel Torte gegessen hattet. Aber dann fürchtetet ihr euch sehr vor ihnen, nicht wahr? Ebenso wie Johannes früher auch. Aber jetzt fürchtete er sich gar nicht mehr. Wenn sie ihm zu nahe kamen, dann rief er mit dröhnender Stimme: »Zurück!« und dann erbleichten sie und schrumpften zusammen wie ausgetrocknete Pilze. »Dies ist Kicherer!« sagte der Teufel, indem er auf ein beständig lachendes mädchenhaftes Geschöpf wies, das mit offenem Munde und dummen Augen dastand und mit zwei Fingern in einer großen Nase herumstocherte. »Auch eine vortreffliche Helferin. Hier haben wir Memme und Weichherz, reizende Zwillinge, gänzlich aus Güte und Liebe zusammengesetzt. Sieh nur, alles an ihnen zittert und ist labberig wie Gelee; Knochen haben sie nicht: etwas Böses taten sie nie. Wenn die nicht in den Himmel gehören, dann wüßte ich nicht, wer sonst wohl.« »Verstand haben sie natürlich nicht«, sagte Johannes. »Aber sieh mal diesen hier. Das ist doch ein alter Bekannter von dir. Glaubst du vielleicht, daß der auch keinen Verstand hat?« Wen sah Johannes da? Klauber – seinen alten Feind Klauber! Aber sein Blick war längst nicht so scharf und stechend mehr wie früher. Als er Johannes sah, verkroch er sich eiligst hinter dem Rücken eines dicken, plumpen Dämons. »Geh du mal ein bißchen aus dem Weg, Schlendrian«, sagte der König zu dem dicken Dämon, »Johannes möchte seinen alten Freund gern sehen.« Allein Schlendrian rührte sich nicht – denn er war sehr faul. Klauber rief: »Weiß der Tod das wohl, Johannes, daß du schon hier bist?« »Was ist das hier denn eigentlich?« rief Johannes, »die Hölle? Ist Dante hier gewesen?« »Dante?« fragte der Teufel und seine sämtlichen Höflinge flüsterten und kicherten und schnatterten: »Dante? Dante? Dante?« »Sicherlich wirst du«, begann der König, »jenen schönen und prunkvollen Ort meinen, wo es so heiß ist und so stinkt, wo Sand glüht und Blutflüsse sieden und kochendes Pech sprudelnd hervorquillt, wo sie schreien und rufen und fluchen und klagen und sich selber verwünschen.« »Ja«, sagte Johannes, »davon hat Dante erzählt.« »Aber, Freundchen«, sagte der Teufel, »das ist hier nicht, das siehst du doch wohl. Das ist mein Reich nicht. Das ist das Reich jenes andern, von dem sie behaupten, daß er Liebe heiße. Bei mir wird nicht gelitten, ich bin so grausam nicht. Ich bereite niemandem Schmerzen.« »Das begreife ich wohl«, sagte Johannes, »denn so lange ich Schmerzen habe, lebe ich und werde gewarnt. Ist's nicht so, Wistik?« »Ja«, rief die Stimme des Männchens, die jetzt wie aus weiter, hoher Ferne erklang. »Wir fallen immer tiefer hinunter«, sagte Johannes voller Spannung. »Denke nicht daran; wirst du schwindlig? Ich habe dich für so tapfer gehalten. Schau jetzt mal her. Hier kommt mein Raritätenkabinett.« Und bevor Johannes noch wußte, daß er irgendwo eingetreten war, befand er sich bereits in einem sehr kleinen dumpfen Kämmerchen. Es war wie ein kleines Badezimmer mit niedriger Decke und hell erleuchtet. »Das hast du wohl nicht gedacht, daß wir hier eine so gute Beleuchtung hätten, nicht wahr?« »Künstliches Licht!« rief Wistiks Stimme, jetzt von ganz hoch oben. »Sieh, hier liegt auch eine Bekannte von dir.« Und dabei zeigte König Wahn auf eine weiße Gestalt, die regungslos hingestreckt auf den Steinfliesen lag: es war Helene, und Johannes sah, daß sie ruhig schlief. Zwei Dämonen standen neben ihr und beobachteten sie: der eine war Bängling, der andere ein ebenso kleines und schmutziges Bübchen, das beständig an seinen Nägelchen herumkaute. Auf einem viel zu großen Kopf mit unförmlichen Ohren trug es ein anilinblaues Samtbarett mit roten Schleifen, ferner einen schottisch-karrierten fahlgrünen Kittel und eine kurze Hose, lilafarben wie verdorbener Fruchtsaft. »Der heißt Degeneration«, sagte Wahn, »die beiden zusammen haben sie hergebracht. Ein verdienstliches Werk. Wir hoffen, sie hier zu behalten. Sieh nur, wie ruhig sie schläft.« Der Anblick der bleichen stillen Schläferin mit dem aufgelösten schwarzen Haar machte auch Johannes schläfrig. Allein er schaute in sein Spiegelchen, während er die Augen mit aller Kraft offen hielt, und rief »Helene«! Flüchtig hoben sich die langen dunklen Wimpern. »Still! Mund halten!« sagte der König. »Hier kommen wir zu Numero zwei; das ist etwas sehr Schönes und Kunstvolles.« Durch eine kleine Tür, die so eng und niedrig war, daß Johannes sich nur mühsam hindurchwinden konnte, gelangten sie in einen kleinen Raum. Es war eine entzückende Kirche, wie eine Puppenkirche. Die Wände waren weiß und kahl, und Kerzen brannten. Auf der Kanzel stand ein kleiner Pfarrer und predigte eifrig mit lebhaften Kopf- und Armbewegungen. »Das ist Pfarrer Kraalboom!« rief Johannes, »zu wem spricht er?« »Gut gesehen, Johannes«, sagte Wahn. »Du mußt aber nicht glauben, daß er tot ist. Niemand braucht auf den Tod zu warten, um hierher zu kommen. Und siehst du nicht, zu wem er spricht? Schau mal gut hin.« »Lauter Spiegel«, sagte Johannes. In der Tat war die kleine Kirche leer, aber überall waren reizende Spiegelchen angebracht, und jedes dieser Spiegelchen warf das Bild des mit einem Heiligenkranz geschmückten Kopfes zurück. »Die Spiegel sind eigenes Fabrikat, die benütze ich vielfach, nur das importierte Zeug kann ich nicht leiden. Sieh nur, hier ist das Pendant.« Wiederum eine kleine Kirche, ebenso hübsch und hell und schmuck. Aber hier waren viel mehr Kerzen und auch Blumen und Bilder. Die Wände waren bunt bemalt, und Pater Canisius stand in prunkhaftem, goldgesticktem Gewande murmelnd und betend vor dem Altar. Johannes blickte zu den gemalten Fenstern auf. Dahinter war es stockfinster. »Was ist da draußen?« fragte er. »Ich möchte gern mal hinaus sehen.« Und es wollte ihm scheinen, als höre er wieder jenes Kichern und Flüstern der Dämonen, die von draußen durch die Fenster lugten. »Nicht anrühren! Ruhe!« gebot der König streng. »Wistik!« rief Johannes. »Ja!« erklang es jetzt ganz fein und fern. Sie fielen, fielen noch immer. Durch einen niedrigen engen Gang gelangten sie zu der folgenden Nummer. Dort roch es nicht sehr angenehm, und Johannes bemerkte alsbald, daß dieser Raum dem gleich kam, den man in seinem elterlichen Hause »das Kämmerchen« zu nennen pflegte. Mitten auf dem weißen hölzernen Fußboden stand ein umgestülpter Eimer. Ringsherum bildete eine dicke, schmierige Flüssigkeit eine Lache. »Hier unten«, sagte König Wahn, »sitzt eines der seltsamsten Exemplare meiner Sammlung. Es ist ein kleines Tier, das die Gewohnheit hat, alles, was es sieht, ganz genau zu beschreiben. Sein Wahlspruch lautet: Wahrheit über alles . Etwas Besseres kann man sich doch gar nicht denken. Ich mache damit sehr interessante Experimente. Ich bringe es nun mal hier und dann mal dort hin. Jetzt habe ich es zur Abwechslung hier unten hin gesetzt, und hör' nun mal.« Ein leises Stimmchen erklang eintönig unter dem Eimer her. »Fettig und grau-violettfarben-bräunlich sich abhebend von milchweiß-käsigen gestollten Streifen, seihen lange wappernde, sich schlängelnde Fäden matt-gelb-verschwimmend aus dunkel-topasfarbenen Schleimgrotten-Gewölben, weich und flaumig grünlich-grau hindämmernd« ... Und so fuhr das Stimmchen fort, bis Johannes ganz schläfrig davon zu werden begann. »Nett, nicht wahr? Kürzlich habe ich es in einen Spucknapf gesetzt, das hättest du mal hören sollen! Hier ist seine Etikette.« Und dabei zeigte er auf eine hübsche kleine Tafel, auf der geschrieben stand: Abteilung schöne Künste. Naturalist, var. Wortkünstler. Fundort: das Festland von Europa. Ziemlich selten. »Ist van Lieverlee hier auch?« fragte Johannes. »Jawohl, der sitzt ein paar Lichtewigkeiten weiter und macht Sonette«, sagte der Böse. »Es ist hier alles sehr groß, wenn es auch nicht so erscheint. Ich kann dir nur einen kleinen Teil davon zeigen.« Dann gelangten sie an die Abteilung Wissenschaften , und der Teufel sagte: »Sieh mal, das ist was für dich, du Weisheitsucher!« Und durch einen winzig schmalen Spalt ließ er Johannes in ein kleines hell erleuchtetes Zimmer sehen, das gänzlich mit Büchern angefüllt war. Dort stand Professor Bommeldoos auf seinem Kopf. »Das hat Klauber ihn gelehrt. – Und siehst du wohl den kunstvollen Apparat, den er aus Spiegeln und Messingröhren verfertigt hat? Damit will er sich in das eigene Hirn sehen, er glaubt, daß er dann noch klüger wird.« Professor Bommeldoos war gänzlich in seinen komplizierten Apparat vertieft und starrte mit aller Anstrengung durch ein merkwürdig gewundenes Rohr, dessen Ende auf seinem Hinterkopf stand. Da hörte Johannes ein leises Rauschen und Heulen, wie von einem Windstoß. »Stille!« rief der Teufel wütend. Allein das Windgeheul hielt an und wurde stärker. »Was ist das?« fragte Johannes. »Das ist der Tod,« sagte der Teufel ärgerlich. »Man nennt ihn meinen Bundesgenossen, aber jeden Augenblick bringt er mir hier alles in Unordnung. Die schönsten Exemplare aus meiner Sammlung holt er mir zu Tausenden weg, besonders die Verrückten.« »Sie sind hier alle verrückt,« sagte Johannes. »Ja, aber die man auch bei Tage verrückt nennt, die schnappt er mir alle weg. Hier kommen wir zu der Abteilung » Glück «. Dies ist der reichste Mann der Welt. Willst du ein Vergrößerungsglas?« Der Verschlag, in dem der reichste Mann der Welt saß, war aus lauterem Gold, aber so klein, daß Johannes unmöglich selber hinein konnte. Der reichste Mann hatte einen großen Kopf, gänzlich kahl und sehr bleich, und darunter einen kleinen, schmächtigen Körper. Er bewegte sich langsam hin und her, wie eine Raupe, die sich einspinnt, und aus seinen dünnen Lippen quollen goldene Fäden, die er wie einen Kokon um sich her spann. Johannes schauderte: »Armer Mann!« sagte er. »Ach was, Unsinn!« sagte der Teufel. »Sie sind hier alle glücklich. Sie wissen's nicht besser. Ich quäle niemanden, so wie der andere mit seiner ewigen Liebe. So habe ich hier z.B. die Abteilung: »Krieg«. Man sollte doch meinen, daß sie sich dort sehr unglücklich fühlen müßten. Aber im Gegenteil. Ich bin im allgemeinen ein Feind des Krieges, ich ziehe den Frieden vor, das wirst du nachher sehen. Aber dieser Krieg macht den Menschen selber Spaß, und deshalb gehört er hierher.« Und jetzt kamen eine ganze Reihe sehr kleiner Verschläge, in denen es rumorte, genau so wie in einem Hühnerstall, wenn die Hühner des Abends schlafen gehen. Auf jedem Verschlag stand eine Aufschrift: Religionsstreit, Parteistreit, Klassenstreit . Und wenn Johannes durch ein kleines Fensterchen hineinschaute, sah er ein einziges Männchen, das sehr rot und aufgeregt vor einem Spiegel hin und her scharmützelte, der sein eigenes Bild so seltsam zurückwarf, daß es ein ganz anderer zu sein schien. In dem dritten Verschlage sah Johannes Dr. Felbeck. Mit hocherhobenen Fäusten stürzte der kleine Mann immer wieder auf den Spiegel los, und hieb um sich und schimpfte und tobte, bis ihm der Schaum vor die Lippen trat. Dann kam ein sehr langer, immer schmaler und schmaler werdender Saal, über dessen Eingang die Aufschrift stand: Liebe und Frieden . »So,« sagte der Teufel, »hier können wir lauter sprechen, hier werden sie so bald nicht wach. Nett und behaglich ist es hier, nicht wahr? Es gibt auch eine Abteilung Reines Leben und Frömmigkeit und Wohltätigkeit .« In dem Saal standen viele kleine Bettchen, wie in einem Krankensaal. Und Johannes sah, wie Memme und Weichherz emsig hin und her schlürften in ausgetretenen Filzpantoffeln, und überall kleine Tassen mit warmem Tee und Löffelchen voll sirupartigen Trankes austeilten. Die Wesen in den Bettchen leckten die Löffel ab und schliefen dann sogleich wieder ein. Draußen schrien und kicherten die Dämonen viel lauter jetzt, und das Hinunterstürzen machte sich nun so deutlich bemerkbar, daß es Johannes schwindelte. »Hier schadet der Tod mir auch sehr,« sagte der Teufel. Johannes blickte ihn an. Er sah jetzt gänzlich verändert aus. Sein brauner Anzug war verschwunden, und er hatte einen geschmeidigen, glatten Körper, glitzernd wie eine Schlangenhaut und irisierend wie Wasser, auf das Teer herabträufelt. Auch war der Ausdruck seines Gesichtes längst nicht mehr so verbindlich. Das sah jetzt hohl und grimmig aus und begann einem Totenkopf zu gleichen. »Ihr seid der echte Tod,« sagte Johannes, »der andere ist ein guter Freund von mir, den fürchte ich nicht mehr.« Der Teufel lachte und streckte die Hand nach seiner Blume aus. Johannes aber preßte sie fest an seine Brust. Sie hing schon ganz schlaff jetzt und schien verwelken zu wollen. Das Spiegelchen zitterte so sehr in seiner Hand, daß es ihn Mühe kostete, es festzuhalten. »Wistik!« rief er. Er horchte: allein er hörte nichts. Jetzt schien es hinunter zu gehen in sausender Fahrt. Des Johannes bemächtigte sich eine große Angst. Der lange Saal mit den vielen Bettchen zog sich immer weiter hin und wurde stets enger und enger. »Wistik! Wistik! Marion! heraus, heraus, Freiheit!« »Ich habe auch eine Abteilung » Freiheit «, sagte der Teufel, und dabei wies er auf ein kleines Männchen, das damit beschäftigt war, sich ein langes Band, auf dem die Worte » Freiheit und Recht « zu lesen waren, um Kopf und Arme und Beine zu schlingen, bis er kein Glied mehr rühren konnte. »Nein!« schrie Johannes und schlug mit seinen beiden Händen, die das Spiegelchen und die Blume noch fest umschlossen hielten, auf eine harte Tür. Auf jener Tür stand: » Schuld und Sünde «. »Nimm dich in acht!« sagte der Teufel, »siehst du denn nicht, was darauf steht?« »Es ist mir gleich,« sagte Johannes; und er schlug aus Leibeskräften weiter. »Paß auf! Paß doch in Gottes Namen auf!« rief Bängling. »Helft mir, Wistik! Marion! Helft mir!« rief Johannes, und er trat die Tür ein ... Da sah er vor sich eine grundlose schwarze Nacht. Aber um ihn her war es weiter, und er fühlte, wie die Beklemmung von ihm wich. Und all die Dämonen sah er jetzt hinter sich herkommen, und sie spielten mit Etwas, etwas Glitzerndem, das sie einander zuwarfen. Sie zogen und zerrten daran und spuckten darauf und taten noch viel schlimmere Dinge damit, so wie es nur sehr schmutzige und brutale Geschöpfe zu tun pflegen. Es war ein Buch, und darauf sah Johannes seinen Namen stehen. Seinen Zunamen, der »Der Reisende« lautete. Endlich packte einer der Dämonen das Buch an einem Blatt und schleuderte es hoch in die Luft, damit es zerreiße. Die Blätter flatterten und schimmerten, aber sie gingen nicht entzwei. Und das Buch fiel nicht herab, sondern stieg immer höher und höher in die dunkle Nacht hinauf, bis es wie ein ferner kleiner Stern erschien. Noch lange blickte Johannes andächtiglich danach und ihm war, als sei es ein leichtes Stück Holz oder eine Luftblase, die aus ungeheuren Tiefen des Meeres immer rascher und rascher an die Oberfläche steigt. Da ward der Himmel licht und blau. Und endlich trieb er in den vollen Tag hinein. Noch öffneten seine Augen sich nicht, aber er fühlte, daß er in seinen Tageskörper zurückgekehrt war, und er verblieb noch eine Weile in dem stillen, seligen Halbschlaf eines Genesenden, oder eines, der nach banger Wanderung todesmatt heimkehrt. »Wollen wir an den Strand gehen heute Morgen?« fragte Gräfin Dolores beim Frühstück, »es wird dort gewiß kühl und erfrischend sein.« Es wurde ein lustiger Morgenausflug. Die beiden Mädchen gingen mit, und Johannes trug einen Klappstuhl und das Buch seiner Freundin. Dann setzte sie sich in einen Strandstuhl, und Johannes ließ sich zu ihren Füßen nieder und las ihr vor, während die beiden Mädchen mit ihren Eimern und Schippen mit Sand und Wasser spielten, die Kleidchen hochgeschürzt und die Beine und Füßchen nackt, weiß und rosenfarbig schimmernd im strahlenden Licht. Rings umher war alles Licht und Sonnenschein, und alles zeigte feine helle Farben, das aufgebundene Haar der Kinderköpfchen gegen den zartblauen Horizont, ihre großen weißen Strandhüte und das Meer ein etwas tieferes Blau und darin die bunten Gestalten der Badenden in ihren roten und blauen Schwimmanzügen, und links und rechts der reine weiße Sand und der schneeige Schaum. Er hatte sich an das, was ihn anfangs so sehr gestört: die Entweihung des Meeres durch die Menschen, – allmählich gewöhnt, und es waren jetzt glückliche Stunden für ihn. Er hatte die Absicht, sich an diesem Morgen wieder nach Markus zu erkundigen, sobald er dazu auch nur die Möglichkeit sähe. Aber sie hatten noch nicht allzulange am Strand gesessen, als van Lieverlee dahergeschlendert kam; er war in weißen Flanell gekleidet, trug keine Weste, dafür aber einen breiten schwarzseidenen Gürtel, ein violettes Oberhemd und einen Strohhut. Er grüßte die Gräfin schwungvoll und vertraulich und wandte sich darauf an Johannes, jetzt ohne den geringsten Spott: »Ich habe mich heute Morgen schon bei meinem Onkel erkundigen lassen. Aber dein Freund ist nicht mehr da. Er hat gerade am vorigen Sonnabend den Laufpaß bekommen, wegen seines rebellischen Auftretens.« »Was hat er getan?« fragte Johannes. »Er hat in der Börse eine Ansprache gehalten, während er dort notabene einen geschäftlichen Auftrag auszuführen hatte. Nun..« sagte van Lieverlee, während er die Gräfin lächelnd anblickte, »und daß ein Geschäftsmann solche Angestellten nicht in seinen Diensten behalten kann, ist wohl ziemlich klar, und noch dazu mein Onkel van Trigt, der sich vor jedem kleinsten Skandal fürchtet.« »Ich verstehe das ganz gut,« sagte Dolores, »es hängt aber doch ein wenig davon ab, was er gesagt hat.« »Nein, in der Börse spricht man über Geschäfte, nicht über Verstand oder Moral. Alles zur rechten Zeit und am rechten Ort. Mein Onkel war im übrigen ganz zufrieden mit ihm. Er hätte ihn zu solchen Dingen für viel zu anständig gehalten, sagte er mir. Aber der Mann hat eine ganz besondere Neigung, auf öffentlichen Plätzen Ansprachen zu halten.« »Und wo ist er jetzt?« »Wo ist ein Arbeitsloser, der soeben den Laufpaß bekommen hat? Doch wohl unterwegs, um eine neue Stellung zu suchen, sollte ich meinen.« »Ist dein Freund so arm?« fragte Gräfin Dolores mit geheimnisvollem Flüstern, so wie man über die Schande eines Blutsverwandten zu sprechen pflegt. »Natürlich,« antwortete Johannes mit herausfordernder Miene. »Und er würde sich schämen, wenn er nicht arm wäre.« »Diese Art Menschen kann ich nicht ausstehen,« sagte van Lieverlee. »Man sieht ihnen, um mit Sokrates zu sprechen, die Eitelkeit durch die Löcher ihrer Kleider an. Bevor sie auch nur den Mund geöffnet haben, scheinen sie einen jeden schon zu tadeln und zu maßregeln. Ich hasse diese Sorte. Es sind die ekelhaftesten und gefährlichsten Menschen.« Johannes hatte van Lieverlee noch nie so zornig gesehen. Er aber blieb ganz gelassen und ärgerte sich nicht im mindesten. Die Gräfin sagte gedehnt: »Auf jeden Fall ist es sehr übertrieben. Ich kann auch nicht behaupten, daß ich diesen Typus besonders goutiere.« Johannes schwieg, während die beiden anderen eine Weile miteinander plauderten. Die Kinder kamen herbei und legten sich in den Sand, das Gespräch belauschend. Es war ein heller, freundlicher Kreis, denn alle waren weiß gekleidet – mit Ausnahme von Johannes. Endlich verabschiedete sich van Lieverlee, und Dolores hielt seine Hand in der ihren, während sie ihn mit vielsagender Freundlichkeit fragte: »Sie kommen doch zum Diner heute?« »Ganz sicher,« erwiderte van Lieverlee. Nachdem er gegangen, herrschte während einiger Augenblicke eine gezwungene Stille. Eine gewisse Spannung, die sich so deutlich bemerkbar machte, daß sich sogar die Kinder, ihrer sonstigen Gewohnheit entgegen, schweigend verhielten, und, still im Sande spielend, auf ein Etwas warteten, das gesagt werden müsse. Johannes begann allmählich auch zu begreifen, daß irgend etwas im Werke war. Aber er hatte nicht die geringste Vermutung, was es wohl sein könne. Endlich sagte die Gräfin, ein wenig zögernd, während sie mit ihrem spitzengarnierten Sonnenschirm allerlei Figuren in den Sand zeichnete: »Hast du noch nichts gemerkt, Johannes?« »Gemerkt? Nein, Frau Gräfin,« antwortete Johannes, ein wenig verlegen. Er hatte in der Tat noch nichts gemerkt. »Ich wohl,« sagte Olga resolut, ohne aufzublicken. »Und ich auch,« lispelte Frieda ihr nach. »Man höre doch bloß mal solch naseweise Dinger an,« sagte die Gräfin, während sie verlegen lächelte und errötete. »Nun, und was habt ihr denn gemerkt?« »Einen neuen Papa,« sagte Frieda. Johannes blickte seiner Freundin erstaunt und verständnislos in die schönen lächelnden Augen und das feine errötende Gesicht. Ihr Lachen war Zustimmung, und mit fragendem Kopfschütteln fuhr sie fort: »Hast du es wirklich noch nicht erraten?« »Nein,« antwortete Johannes allen Ernstes. »Wer ist denn der neue Papa?« »Dort geht er,« sagte Olga, während sie mit ihrem kleinen Finger auf van Lieverlees weiße Gestalt wies; und auch Frieda streckte ihre Händchen in dieselbe Richtung. »Pfui, Kinder, nicht mit Fingern zeigen!« sagte die Gräfin vorwurfsvoll. Jetzt begann Johannes zu begreifen, genau so wie jemand, der aus dem Fenster gefallen ist oder einen Stein auf den Kopf bekommen hat, langsam wieder zu denken und zu begreifen anfängt. Und seine erste Verwunderung galt, wie stets in solchem Fall, einzig und allein der Betrachtung, aus welchem Grunde er wohl solch eine entsetzliche Erschütterung verspüre, und wie es nur möglich sei, daß er noch am Leben war. Der blaue Himmel, das Meer, der Sand, die leuchtende Dünenkette, die Häuser, die weißen Gestalten, alles tanzte und wirbelte durcheinander und wurde endlich gänzlich schwarz. Er vermochte zu guterletzt nicht mehr zu denken, und begriff nur noch das Eine, daß er sich sehr wenig wohlfühle und schleunigst fortgehen müsse. Während er aufstand, hörte er noch die Worte: »Wie blaß du wirst!« Das war das Letzte. Dann eilte er davon, am Strande entlang, und hörte nichts mehr als Rauschen, Rauschen, Rauschen: das Rauschen des Wassers und das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Er ging unsicher und schwankenden Schrittes, gleich als habe er zu viel getrunken, und fragte sich verwundert, woher das wohl kommen möge. Endlich sah er keine Menschen mehr um sich her und keine Häuser, sondern nur noch Wasser, Sand und Himmel. Das schien seine Absicht gewesen zu sein, denn matt und kraftlos streckte er sich in den weichen Sand und schlief ein. Solch ein Schlummer ist kein rechter Schlaf und vermag auch nicht zu erquicken. Als Johannes nach einer Viertelstunde wieder erwachte, war seine Kehle trocken, und er hatte das Gefühl, als sei ihm das Herz in der Brust zusammengeschrumpft. Behutsam versuchte er über das nachzudenken, was vorgefallen war. Aber es war gar zu bitter und abscheulich, und müde blickte er auf den weichen Sand, auf dem er soeben gelegen, gleich als wolle er von neuem schlafen. Aber jetzt konnte er das nicht mehr, sondern er mußte wach bleiben. Er richtete sich halb auf und starrte auf das Meer und dann auf die Dünen. Was war ihm doch nur widerfahren? Sehr lange, wie lange, das wußte er selber nicht, blieb er also schauend dasitzen. Dann stand er auf, und seine Glieder waren steif und schwer, wie nach langer, ermüdender Wanderung. Träge und ziellos schlenderte er durch die Dünen und versuchte auf die Käfer und die Blumen zu schauen. Hin und wieder glückte ihm das für einen Augenblick, aus Gewohnheit gleichsam. Aber dann kam sofort wieder jenes große Unheimliche, das ihm den betäubenden Schlag versetzt hatte. Niemals war es ihm in den Kopf gekommen, daß er etwa selber seine Freundin heiraten könne. Wie kam es denn, daß ihm jetzt so zumute war, als habe man ihn weggeworfen und mit Füßen getreten, nun, da ein anderer den Platz ihres Mannes einnehmen würde? »Es kann nicht sein! Es kann nicht sein! Es kann nicht sein!« rief er immer wieder und wieder. Zwar wußte er recht gut, daß die Welt sich nicht immer um seine Gedanken kümmerte, und daß es im täglichen Leben nicht so zuging, wie in seinen nächtlichen Träumen, in denen alles nach seinem Wunsch und Willen sich regelte. Dieses aber war seinen Wünschen und Gedanken so durchaus zuwider, daß es ihm schien, als müsse sich die Welt darum kümmern. Natürlich aber fiel das der Welt gar nicht ein, denn der Weltgedanke ist viel größer und mächtiger, als der des kleinen Johannes. Und wenn er jetzt verständig gewesen wäre, dann würde er dies bescheidentlich anerkannt haben, weil es wahr ist. Und dann hätte diese Wahrheit ihn höchstens traurig gemacht. Aber so verständig war er noch nicht. Und er wollte es nicht einsehen, daß sein Willen und sein Gedanke im Vergleich zu dem großen Weltgedanken ganz erbärmlich klein und schwach waren. Und daher wurde er nicht nur traurig, sondern auch zornig. Urteilt jetzt nicht zu hart über ihn, denn er war noch viel mehr Knabe als Mann. Und wie wenig Männer gibt es nur mit solch einem starken und ungetrübten Verstande, daß sie es ihrer eigenen Schwäche und Dummheit zum Vorwurf machen und nicht zornig und verbittert oder mutlos werden, wenn die Welt etwas anderes will als sie! Johannes also wurde zornig, furchtbar zornig sogar. Das war sicherlich nicht vernünftig, aber es bewies doch immerhin, daß er mehr Knochen im Leibe hatte, als Memme und Weichherz. Und seine ganze Wut galt dem, der ihn von dem Platz verdrängt hatte, an dem er so lange schon gesessen zu haben schien, ohne daß er selber es wußte. Van Lieverlee erschien ihm jetzt nicht nur wie ein langweiliger Patron, sondern auch wie ein abscheuliches, schreckliches Ungeheuer, das von der Welt vertilgt werden müsse. Und wenn er dann seine Gedankenbilder noch weiter ausmalte und an jenes andere, ihm so bitter verhaßte Wesen, Marions Schwester, dachte, und dann wieder an van Lieverlee und seine liebe, schöne, vornehme Freundin, dann geriet er in eine stets drückendere und schrecklichere Verwicklung unleidlicher Vorstellungen, wie in einer Feuerstadt, deren Straßen und Gassen stets enger und glühender und sengender werden. Weinen konnte er nicht. Sonst flossen seine Tränen doch rasch genug, das habt ihr sicherlich schon gemerkt, aber jetzt schienen auch seine Augen versengt zu sein. Seine Augen, sein Herz, sein Hirn und seine Gedanken, das alles war heiß und starr und trocken und schmerzend. Des Abends kehrte er heim, ohne von Zeit oder Stunde auch nur die geringste Ahnung zu haben. – Er hatte nicht gegessen und war nicht hungrig, wohl aber durstig. Wo er so lange gewesen war, hätte er nicht zu sagen vermocht. Er ging in sein Stübchen und kramte ein wenig in seinen Zeichengerätschaften, seinen Büchern und seinen Sammlungen umher. Denn er war ein Sammler. Die Gräfin kam und klopfte an die Tür und fragte ihn, was ihm fehle und wo er gewesen sei, und warum er am Nachmittag seine Stunden versäumt habe. Johannes aber ließ sie nicht eintreten, sondern sagte ihr, daß er allein sein wolle. Und sie, die Wahrheit halb erratend und darob verlegen, drang nicht weiter in ihn. Da fand Johannes unter seinen Zeichenutensilien einen großen Zirkel, dessen einen Schenkel man herausnehmen konnte, um statt dessen eine Reißfeder darin zu befestigen. Und dieser losgemachte Zirkelschenkel bestand aus einem blitzenden dreieckigen haarscharfen Stückchen Stahl, das etwa einen Finger lang war. An das Stückchen Stahl befestigte er einen Griff, den er aus Holz und Leder zusammengebastelt; und nun hatte er einen Dolch. Einen echten, bösen, gefährlichen Dolch. Er tat das nur so zum Zeitvertreib. Aber als er fertig war, dachte er darüber nach, was er mit solchem Dolch wohl alles tun könne . Und dann, was er wohl damit tun möchte . Und endlich, wie er es tun würde, wenn er es einmal täte. So war er schon recht weit geraten. Der Octopus, dem er so tapfer die Stirne geboten, legte ihm einen Fallstrick, dessen er sich nicht versehen hatte, denn er besitzt viel mehr als acht Arme, und es gibt noch viel mehr gefährliche Dinge, als die, welche Johannes bereits kennen gelernt hatte. Er würde van Lieverlee entgegentreten und ihm sagen: »Sie oder ich!« Und wenn van Lieverlee ihn dann auslachen würde, was er für das Wahrscheinlichste hielt, dann würde er ihn totstechen. Wirklich, solcherlei Gedanken gingen in dem Kopf des kleinen Johannes um. Denn ich sagte euch ja bereits, daß man mit der Verliebtheit keinen Spott treiben soll. Gott sei Dank liegt nun wohl stets eine große Kluft zwischen Gedanken und Tat; sonst würde auf dieser Welt noch weit mehr Unglück geschehen. Als es bereits nach Mitternacht war und er noch immer dasaß und bastelte und putzte und schliff, da hörte er wieder das Knarren der Treppe, das er nun sogleich erkannte; und dann Marions Schritt draußen im Flur. Sie öffnete die Türe, und Johannes blickte in ihr bleiches Gesichtchen und die weit geöffneten angstvollen Augen. Ihr blondes Haar hing ihr lose um die Schultern, und ihr langes weißes Nachtkleidchen reichte bis auf ihre nackten Füße. »Was machst du doch eigentlich, Hanni?« fragte sie. »Ich bin so in Unruhe über dich. Was ist denn geschehen heute? Wo hast du den ganzen Tag gesteckt? Warum ißt du nichts? Und warum sitzest du hier noch mit Licht bis nach Mitternacht?« Johannes schwieg verlegen und erschreckt. Den Dolch hielt er noch in der Hand, allein er versuchte ihn unbemerkt fortzulegen oder in seiner Tasche zu bergen. Aber Marion sah es und fragte mit gepreßter Stimme: »Was hast du da?« »Nichts«, sagte Johannes, beschämt und verwirrt, wie ein ertapptes Kind. Eilends entfernte Marion das Taschentuch und blickte von dem blitzenden kleinen Ding auf Johannes mit einem trüben Ausdruck des Kummers und des Entsetzens. Lange blickten sie einander in die Augen. Marion forschend, ängstlich und flehentlich, bis Johannes den Blick abwandte und den Kopf tief herabsenkte. »Für wen?« fragte sie flüsternd, »für dich selbst?« Johannes schüttelte den Kopf, ohne zu sprechen oder aufzublicken. Marion stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. »Für wen denn?« fragte sie weiter, »für ihn ?« Johannes nickte. Darauf sagte sie: »Armer Hanni!« Das erklang ihm seltsam; denn in der Verbitterung kennt man kein Mitleid, nicht einmal mit sich selber. Auch glaubte er durch seinen blutdürstigen Plan viel eher Abscheu zu erwecken. Aber sie sagte es so innig und so aufrichtig, daß es ihm weicher ums Herz ward, wenngleich er dem Weinen noch nicht nahe. »Wirst du es nicht tun? Es hilft dir ja doch nichts. Und du würdest... du würdest mich so furchtbar unglücklich machen.« »Ich kann es nicht ertragen, Marion, ich kann es nicht.« Marion kniete vor dem Tisch nieder und legte ihr Kinn auf die Hände. Ihre klaren offenen Augen richtete sie jetzt fest auf Johannes und ihr Blick wurde ruhiger, während sie zu sprechen begann. Johannes schaute sie unverwandt an, unschlüssig wie ein Verzweifelter, der nicht weiß, ob er an eine Rettung noch glauben soll. »Armer Hanni«, sagte Marion dann nochmals, und darauf langsam und in größeren Zwischenpausen: »Weißt du, warum ich das so sagen kann? Ich weiß ganz genau, was du fühlst. Ich habe es auch gefühlt. Ich glaubte nicht, daß alles so gehen würde, wie es jetzt gegangen ist. Ich dachte nur: Sie bekommt ihn und ich bekomme ihn nicht. Und da sagte ich ebenfalls: das kann nicht, das kann nicht sein – aber es hätte doch ganz gut sein können – und jetzt sagst du: es kann nicht sein – aber es kann ebenso gut.« Hier machte sie eine längere Pause und Johannes blickte sie aufmerksamer und schon weniger zweifelnd an. »Und hör' jetzt mal gut zu, Hanni – du wolltest den Narren da tot stechen, nicht wahr? und du weißt wohl, daß ich ihm nie so recht getraut habe. Aber denk jetzt doch nur daran, daß ich tage- und wochenlang auch so etwas gewollt habe.« »Was?« fragte Johannes erstaunt. Marion barg ihr Gesicht in den Händen und sagte: »Es ist wahrhaftig wahr, Hanni, nicht ihn... Aber sie...« »Das kann ja nicht dein Ernst sein, Marion«, sagte Johannes mit ehrlicher Entrüstung. »Aber natürlich war es mein Ernst. Ich weiß sogar nicht einmal mehr genau, ob ich deshalb zu ihr in Dienst gegangen bin, oder aus irgend einem besseren Grunde.« »Gott, wie furchtbar!« sagte Johannes entsetzt und tief bewegt. »Ja, darüber bist du nun außer dir und vielleicht sogar böse. Natürlich, du findest sie reizend und du hast sie lieb. Und jetzt schäme ich mich auch. Ja, tüchtig sogar.« Wiederum schwieg sie. Und in den beiden jungen Köpfen gingen vielerlei und leidenschaftliche Gedanken um. »Und weißt du, was mir am meisten dazu verholfen hat, daß ich es ließ? Nicht Angst vor der Strafe oder vor dem Gericht, denn vor nichts fürchtete ich mich so sehr, wie vor dem Allerschlimmsten: daß sie dich bekommen würde. Aber es half mir, als ich daran dachte, daß du sie so reizend fändest und daß du so weinen würdest und so traurig sein, wenn du sie tot würdest liegen sehen.« Wieder senkten sich ihrer beider Blicke tief ineinander und beider Augen waren von Tränen umflort. Da sagte Marion: »Und jetzt, Hanni, jetzt denk mal: Ich mache mir nicht viel aus dem Kerl und du auch nicht. Und vielleicht wäre auch wohl nicht viel an ihm verloren. – Aber sie macht sich wohl etwas aus ihm. – Und wenn du ihn jetzt erstächest, dann würdest du ja machen, daß sie ihn tot liegen sähe und weinen müßte. Willst du das denn?« Johannes' Augen öffneten sich weit, und er starrte schweigend in das Licht. »Ja, aber ...« sagte er langsam... »sie betrügt sich und er betrügt sie... Er ist ganz anders als sie glaubt.« Da nahm Marion ihre beiden Hände vom Tisch und legte sie auf Johannes' Arm und rief beinahe laut: »Aber Hanni! aber Hanni! es ist ja alles anders als wir glauben. Wer sieht denn so recht, wie die Dinge wirklich sind? Ich fand die Frau abscheulich und du fandest sie reizend, du findest den Kerl abscheulich und sie findet ihn reizend. Glaube mir, Hanni, nur Vater weiß, wie die Dinge sind. Nur Vater allein. Glaube mir das. Wir sind nur arme Menschen, wir wissen nichts, nichts.« Und bei diesen Worten legte sie auch ihr Köpfchen mit dem seinen Blondhaar auf seinen Arm und schluchzte zum Herzzerbrechen, und Johannes, jetzt auch gänzlich gebrochen und weich geworden, weinte mit ihr. Da hörten sie, wie draußen auf dem Flur eine Tür geöffnet ward. Sollten sie in ihrer Erregung am Ende wohl zu laut gesprochen haben? Marion entfloh eiligst. In einem ruhigeren Augenblick wäre sie dazu viel zu schlau gewesen. Und Johannes löschte sein Licht aus. Aber da sah er durch die Türritze, daß jemand draußen im Korridor war, und es fand eine Begegnung statt, und Johannes hörte ein kurzes heftiges Zwiegespräch, das in halbgedämpftem zornigem Ton geführt wurde. Das letzte, was er hörte war: »Morgen fortgehen«. In den Tagen, da sich dies alles ereignete, fand auch ein anderes Geschehnis statt, dessen sich die meisten unter euch gewiß noch recht gut werden entsinnen können. Es geschah nämlich zu jener Zeit, da der König heiratete, und zwar, wie das gebräuchlich ist, mit der Königin. Das war die Zeit, zu der allerorten Ehrenpforten errichtet und Umzüge veranstaltet wurden, und es allenthalben nach Tannenzweigen und Fettnäpfchen duftete. Und der König und die Königin führten ein ganz anderes Leben als der kleine Johannes. Sie mußten sich immer wieder und wieder anziehen lassen, und dann wieder ausziehen und paradieren, und in Staatskleidern dasitzen und langweilige Ansprachen anhören und endlosen Gastmählern beiwohnen und sich immerfort verneigen und verneigen und liebenswürdig mit der Hand winken. Für Johannes bildete all das geschäftige Lärmen und das lustige Festgepränge nur einen bunten Hintergrund, von dem sich sein eigener Kummer um so düsterer abhob. Wenngleich sich ein jeder um den König und die Königin und niemand um den kleinen Johannes kümmerte, so fand er sich selber und seinen eigenen Verdruß darum doch nicht minder gewichtig. Ihr wißt, daß diese Feste mehrere Wochen dauerten und in sämtlichen Städten des Landes gefeiert wurden. Und am Abend, der dem Tage folgte, von dem ich euch zuletzt erzählt, gab es am Strande ein großes Feuerwerk, und Johannes sah es sich an im Kreise der ganzen Familie. Und dort, mitten in dem Lärmen und Treiben, konnte er zum erstenmal wieder ein paar Worte mit seiner lieben Freundin wechseln, die ihm so großen Kummer bereitet. Marion hatte er nicht gesehen und so wußte er nicht, ob sie bereits fortgegangen. Aber die Gräfin schien ihm ebenso freundlich und aufgeräumt wie sonst, und sie hatte ihn nach nichts gefragt. Auf der Terrasse, von wo sie die goldenen Feuerpfeile zischend emporsteigen sahen und die Funkensonnen knistern und knallen hörten, während aus der dunklen unruhig wogenden Menge immer wieder ein ah! ah! ah! aufstieg, wagte er es endlich sie leise anzusprechen. »Was haben Sie gestern wohl von mir gedacht, Frau Gräfin?« »Nun«, antwortete die Gräfin ziemlich kühl, während sie sich das Feuerwerk aufmerksam ansah. »Ich kann nicht gerade behaupten, daß du mich angenehm enttäuscht hättest, Johannes.« »Wie meinen Sie das? Warum nicht?« fragte Johannes. »Nun, das wirst du dir doch wohl denken können. Ich wußte zwar wohl, daß du bürgerliche Beziehungen hast und daß du von nicht allzu vornehmer Herkunft bist, aber ich hoffte, das alles durch meinen Einfluß einigermaßen wett machen zu können. Aber für so ordinär hätte ich dich denn doch nicht gehalten.« »Aber was meinen Sie doch nur?« Die Gräfin blickte ihn verächtlich an. »Soll ich dir das nochmals Wort für Wort wiederholen? – Liaisons mit Untergebenen! und das in deinem Alter, fi donc! –« Das war für Johannes eine Erleichterung. »Aber Frau Gräfin, Sie irren sich ganz und gar. Ich bin durchaus nicht verliebt in jenes Mädchen, aber sie ist mein einstiger kleiner Kamerad und hängt sehr an mir, und als sie gestern sah, daß ich unglücklich war, kam sie, um mich zu trösten –« »Trösten?« wiederholte die Gräfin ein wenig zögernd und nicht ohne Ironie, was Johannes indessen nicht bemerkte. »Jawohl, Frau Gräfin, ohne sie würde ich verzweifelte Dinge getan haben. Sie hat mich davon zurückgehalten –sie ist ein braves Mädchen.« Darauf berichtete er noch mehr von ihr. Gräfin Dolores glaubte ihm und wurde allmählich ein wenig freundlicher gestimmt. Sie sagte mit jener einschmeichelnden Stimme, die Johannes so unglücklich gemacht hatte und die ihn auch jetzt wieder völlig bezauberte: »Warum warst du denn so unglücklich, mein Junge?« »Begreifen Sie das denn nicht, Frau Gräfin? Sie wissen doch, was Sie mir gestern erzählt haben.« Sie begriff ihn recht gut. Und Johannes war glückselig darüber, daß sie ihn so freundlich anhören wollte. Sie aber gab vor, noch immer nicht zu verstehen, gleich als schiene ihr so etwas undenkbar, obwohl sie sich im Grunde genommen recht geschmeichelt fühlte. »Aber wie kannst du denn darüber verzweifelt sein, mein Junge? Ich habe ja nicht gesagt, daß du deswegen mein Haus verlassen müßtest.« »Frau Gräfin, glaubten Sie wirklich, daß ich bei Ihnen bleiben könnte, wenn das geschieht? Glaubten Sie, daß ich das ertragen könnte? Aber es wird nicht geschehen, nicht wahr? Es war nur ein Scherz. Sie wollten mich nur ein wenig necken. Bitte, bitte, sagen Sie mir, daß Sie mich nur necken wollten.« Jetzt wurde es ihr allzu klar und deutlich gesagt, als daß sie sich noch länger hätte verstellen können. Sie schüttelte den Kops, halb freundlich, halb mitleidig. »Aber mein Junge, mein Junge«, sagte sie, »was setzest du dir doch für Sachen in den Kopf?« Johannes legte seine beiden Hände auf ihren Arm und sagte flehentlich: »Es war doch nicht Ihr Ernst, nicht wahr?« Sie aber machte sanft seinen Arm los und sagte: »Doch, Johannes, es war mein Ernst.« Jetzt erst merkte sie, daß er noch immer gehofft hatte. »Habe ich nicht die allergeringste Hoffnung?« Die Gräfin lächelte kopfschüttelnd. »Nein, mein bester Junge, wirklich nicht, schlage dir das nur aus dem Sinn, und für immer.« Die letzten Raketen stiegen mit entsetzlichem Gezische empor und platzten hoch oben unter dem dunklen Himmel mit leicht knisterndem und hellem Funkensprühen auseinander. Dann war es aus: die Musik spielte »Wilhelmus von Nassaue« und in die dunkle Menge kam mehr Bewegung, während die Straßenjungen sich allenthalben mit schrillem Pfeifen oder langgereckten Zurufen wie »Jaaaaan!« und »Gerreeet!« verständigten. Dumpfen Sinnes ging Johannes durch all dies Lärmen, völlig betäubt von diesem neuen Schmerz. Die Gräfin sagte, jetzt sehr mitleidig: »Weißt du wohl, Johannes, was mir Pater Canisius versprochen hatte? Er wollte dich lehren, wer Jesus ist. Willst du nun morgen mit mir zur Kirche gehen? Das wird gewiß dein bester Trost sein.« Ein böser Gedanke zuckte Johannes durch den Kopf. Er wollte eine Frage stellen; jedoch den verhaßten Namen vermochte er nicht auszusprechen. »Geht sonst noch jemand mit?« »Ja, mein zukünftiger Gatte geht mit. Er ist jetzt auch vollkommen davon überzeugt, daß man nur in der heiligen Kirche Ruhe zu finden vermag. Er wird katholisch, ebenso wie ich und meine Kinder.« Danach sprach Johannes den ganzen Abend kein Wort mehr. Aber er schlief ruhiger als in der verflossenen Nacht. Die Kirche war schon voll, als Johannes im Kreise der gesamten Familie eintrat. Er sowie auch die andern waren festlich gekleidet und van Lieverlee trug einen sehr langen schwarzen Rock und einen Zylinder. Den nahm er bei Eintreten ehrfurchtsvoll ab und sein bleiches Gesicht, das jetzt ganz glatt rasiert war, zeigte einen ernsten, beinahe starren Ausdruck. Kühl und dunkel und feierlich war es dort drinnen. Die Sonnenstrahlen waren durch die Fensterscheiben gelb und blau gefärbt und warfen seltsame Flecken auf die Gesichter und die Körper der Menge, die bereits wartend da saß oder sich flüsternd unterhielt. Weihrauchdüfte hingen rings um den Altar und die Orgel spielte. Die Kirche war zwar nicht alt, aber mit ihren Malereien und ihrem Blumenschmuck immerhin schön genug, um Johannes' Herz zu rühren, und er war so traurig und mutlos gestimmt, daß es ihn Mühe kostete, angesichts dieses farbigen Schimmers und beim Ertönen der feierlichen Klänge sein Schluchzen zu unterdrücken. Pater Canisius, der sich gerade in die Sakristei begab, und der, obwohl er noch nicht im Ornat, auf seinen Zügen und in seinem Schritt doch schon den priesterlichen Ernst zur Schau trug, machte einen Augenblick Halt, um sie anzusprechen, und lächelte freundlich. Flüchtig fühlte Johannes seinen scharfen Blick, der hinter den Brillengläsern leuchtete. »Sehen Sie wohl, Pater,« sagte die Gräfin, »jetzt kommen wir dennoch, um Jesus zu suchen. Auch Johannes.« »Er wartet Ihrer,« sagte der Pater feierlich, während er auf das große Kreuzbild wies, das über dem Altar hing. Darauf verschwand er in der Sakristei. Johannes richtete seine Augen unverzüglich auf jenes Bildnis und schaute es andächtig und unverwandt an. In der dämmerig-dunklen Kirche hing es im schärfsten Licht. Es war allem Anschein nach aus Holz, mattrosafarben bemalt, und wies seltsame braune und blaue Schatten auf: die Wunden in der Seite und unter den Dornen in der Stirn waren übertrieben kraß dargestellt, rötlich-violett und dick angeschwollen, mit Blutströmen wie aus dunkelrotem Lack. Das Gesicht mit den geschlossenen Augen sah weinerlich und verängstigt aus, und ein possierlich großer Ring aus Gold und Edelsteinen prangte auf den rotbraunen korkzieherförmigen, gleichmäßigen Locken. Das Kreuz selber war glitzernd vergoldet, mit Ornamenten an den vier Ecken und auf einem fein säuberlich gekräuselten Zettel über dem Kopf waren die Buchstaben I. N. R. I. zu lesen. Man konnte sehen, daß das Ganze funkelnagelneu vergoldet und bemalt war. Guirlanden und Sträuße aus Papier zierten den Altar. Lange Zeit, vielleicht wohl eine Viertelstunde, hielt Johannes den Blick auf jenes Bildnis geheftet. »Das also ist Jesus,« murmelte er vor sich hin. »Wie oft habe ich den Namen schon gehört! Ihn werde ich jetzt kennen lernen, und Er wird mich trösten. Der also hat die Welt erlöst.« Und wie oft er es auch wiederholte, und sich selbst zu überzeugen versuchte, weil er gar zu gerne überzeugt und erlöst werden wollte: dennoch vermochte er nichts anderes zu sehen als eine abstoßende, blutigrote grellfarbige Holzpuppe. Und das stimmte ihn noch viel, viel trauriger und mutloser. Lange Zeit hatte er so dagesessen und gegrübelt, und rings um sich her hörte er die Menschen reden über den Preis, den sie für ihren Platz bezahlt hatten und über das Aufbehalten und Abnehmen der Hüte und über die reservierten Bänke für die vornehmen Familien – da wurde die Tür der Sakristei geöffnet und heraus traten die Chorknaben mit ihren Weihrauchfässern und der Meßner und die Geistlichen in ihren bunten reichgestickten Gewändern. Und während die Menge niederkniete, tat Johannes desgleichen. Und seht, als Johannes, ebenso wie alle andern, auf den eintretenden Zug geblickt hatte und die Augen dann wieder auf den großen Altar richtete, da sah er zu seinem Erstaunen, daß vor dem weißen Altar eine dunkle Gestalt kniete. In dem dämmerigen Licht war es deutlich zu sehen, wie sie dalag, die Arme auf den Altar gestützt und das Gesicht hinter den Armen verborgen. Es war ein Mann in einem gewöhnlichen dunklen Arbeiteranzug. Niemand, weder Johannes noch irgend ein anderer in der Kirche hatte ihn dort hingehen sehen. Aber jetzt wurde er plötzlich von allen entdeckt, und man hörte, wie ein leises Flüstern durch die Reihen ging, wie ein Windstoß über ein Kornfeld. Als der Zug der Chorknaben und Geistlichen in die Nahe des Altars gekommen war, trat der Meßner hastig aus der Reihe und eilte auf den Altar zu, um dem Fremden zu bedeuten, daß er sich aus übertriebener Devotion, vielleicht auch weil er mit den kirchlichen Gebräuchen nicht vertraut, einer unstatthaften Übertretung schuldig mache. Er klopfte dem Mann auf die Schulter; der aber rührte sich nicht. In der atemlosen Stille, die jetzt folgte, hörte man deutlich ein tiefes, herzzerbrechendes Schluchzen. »Ein Büßer! – ein Betrunkener! – ein Bekehrter!« hörte man die Menge flüstern. Der Meßner wandte sich in seiner Verlegenheit um und winkte dem Pater Canisius, der gewichtigen Schrittes in vollem Ornat näher kam, imposant wie eine Fregatte mit weißen, golddurchwobenen Segeln. »Dieser Platz gebührt Ihnen nicht,« sagte der Priester mit seiner schweren Stimme, aber freundlich und nicht besonders laut. »Gehen Sie nach hinten in das Schiff der Kirche.« Es kam keine Antwort, und der Mensch rührte sich nicht. Aber durch die jetzt noch tödlicher werdende Stille klang sein Weinen so verzweifelt, daß viele der Anwesenden erschauerten. »Hören Sie mich nicht?« sagte der Priester jetzt mit etwas lauterer zorniger Stimme. »Daß Sie bereuen, ist gut. hierher aber gehören nur Geweihte, nicht Büßer.« Also sprechend faßte er den Fremden mit seiner großen breiten Hand bei der Schulter. Darauf hob dieser langsam, ganz langsam den Kopf von den Armen auf und wandte sein Angesicht dem Priester zu. Und was alsdann geschah, das wird euch von jedem der hunderte von Zeugen sicherlich anders geschildert werden. Und von denen, die es später hörten, verstand ein jeder es anders und ein jeder glaubte nur das, was er glauben wollte. Aber ich will euch erzählen, was Johannes sah und hörte, ebenso klar und deutlich wie ihr heutigen Tages noch eure Hausgenossen und eure Freunde seht und hört. Er sah seines Bruders Antlitz bleich und leuchtend, gleich als trüge er ein strahlend Bündel klaren Sonnenlichtes um die Stirn. Und die Betrübnis, die aus seinem Angesicht sprach, war so tief und unaussprechlich, so bitter und dennoch so zart, daß Johannes vor Schmerz seine beiden Hände aufs Herz preßte und die Zähne zusammenbiß, während er ihn mit weitgeöffneten tränenumflorten Augen starr anblickte, alles vergessend, außer diesem leuchtenden Antlitz voller Trübsal. Eine Zeitlang war es still, totenstill; und der Mensch und der Priester sahen sich an. Bis endlich der erstere sprach und fragte: »Wer seid Ihr? und in wessen Namen kommt Ihr?« Wenn zwei Menschen einander so gegenüberstehen und so zueinander sprechen, jeder mit der ganzen Kraft seines Ernstes und vor einer Menge, die sie anhört, dann ist da stets Einer, der unmittelbar von allen als der Stärkere erkannt wird, auch ohne daß man die Kraft ihrer Worte mißt. Ein jeder fühlt sich im Bann dieser Überlegenheit, wenngleich viele sie späterhin wieder vergessen und leugnen werden. Ist das Übergewicht nicht sehr stark, dann erweckt es Zorn und Verstimmung. Indessen, wenn es sehr stark ist, dann hinterläßt es vorübergehend Ruhe und Gefügigkeit. Hier nun war das Übergewicht so stark, daß der Priester sogar die sichere Haltung verlor, mit der er aufgetreten war, und das tat, was er sich selber später als eine Schwäche zum Vorwurf machte: nämlich, daß er Rechenschaft ablegte, indem er sagte: »Ich bin ein geweihter Priester des dreieinigen Gottes und spreche im Namen unseres Herrn Jesu Christi, unseres Heilandes und Erlösers.« Es folgte eine lange Stille, während der Johannes nichts anderes sah als das leuchtende Menschenangesicht und die Augen, die den prunkhaft gekleideten Priester mit bitterem Lächeln und voller Mitleid und Betrübnis unverwandt anblickten. Der letztere rührte sich nicht, sondern stand mit schlaff herabhängenden Händen und weitgeöffneten Augen da, gleich als wisse er nicht recht, was er nun tun oder sagen solle, um seine Würde zu wahren. Aber er schwieg und wartete, was nun wohl kommen würde, gleich wie Johannes und alle in der Kirche atemlos warteten, wie in einen übermächtigen Bann geschlagen. Die folgenden Worte kamen, und während sie erklangen, kannte niemand etwas anderem seine Aufmerksamkeit schenken, weder der ärmlichen Kleidung dessen, der da sprach, noch der unfaßlichen Unterwürfigkeit des prunkvoll Gekleideten, der ihm zuhörte. »Aber ihr seid noch kein Mensch und ihr wollt ein Priester des Allerhöchsten sein? »Ihr seid noch nicht erlöst und niemand unter euch ist erlöst. Wagt ihr es denn, im Namen eines Erlösers zu sprechen? »Ging euer Heiland auf Erden in gold- und silbergestickten Gewändern umher? Da ist noch keine Erlösung, weder für euch noch für einen der euren. Es ist noch nicht an der Zeit, goldgestickte Gewänder zu tragen. »Spottet nicht und lästert nicht. Euer Prunk ist eine Verspottung des Allerhöchsten und eine Lästerung eures Heilandes. »Seht ihr das Gottesreich als einen Fetzen, ein Nichts an, daß ihr prunkt und jubelt, während die Welt noch in Wahn und Fesseln liegt? »So spielt das kleine Mädchen mit der Puppe und nennt sich Mütterchen. Es liebkost ihr Kindchen und putzt es auf. Aber es besteht aus Holz und Farbe. Und die echte Mutter, die die Schmerzen und die Freuden kennt, lächelt darob. »Ihr aber verleugnet das nackte lebendige Kindchen um der aufgeputzten Puppe willen. Und die Mutter weint blutige Tränen. »Wie Pfauen schreitet ihr einher in euren marmornen Kirchen, glitzernd in Vergoldung, aber das Königreich Gottes laßt ihr wie einen verwahrlosten Wicht nackt und ausgezehrt auf ungewaschenen Tüchern liegen. »Und der Teufel hat seine Freude an euren Kirchen und Messen und Gebeten und Psalmen und Schätzen und Gewändern, denn das Kindlein liegt nackend vor eurer Tür, bei den Hunden, und schreit nach der Mutter. »Weinet wie ich, weinet bittere Tränen, denn zweitausend Jahre ist das Kindlein alt und liegt noch immer da, ohne gereinigt und geliebkost zu sein. »Was protzt ihr mit eurer Weihe, was sprecht ihr von eurem Erlöser? Noch seufzt euer Heiland unter dem harten Kreuz, und all eure Kirchenpaläste habt ihr noch auf das schwere Kreuz hinaufgebaut. »Ihr tragt die Mitra der Perser und Ägypter und den Tabbert der Juden und ihr führet auch die Geißel, mit der die Juden ihn gegeißelt haben. »Sie haben ihn gebunden, angespieen, gekreuziget und gestochen: ihr aber habt ihn zweitausend Jahre lang vor einem langsamen Feuer geröstet. »Vor dem Feuer eurer Lügen und eurer Verdrehungen, eurer Falschheit und eures Hochmutes, eurer Grausamkeiten und eures Wahns, eurer Pracht und eurer Opfergaben, eurer Schändungen und eurer Angriffe des Gottes, der die Wahrheit ist. »Euch ist geheißen, eurem Vater zu dienen im Geist und in der Wahrheit, und ihr habt ihm gedient in der Lüge und nach dem Buchstaben. »Seine Propheten, die die Wahrheit mehr liebten als ihr Leben, habt ihr verbrannt und zu Märtyrern gemacht. »Aber vor der Welt, die zu verachten ihr vorgebt, habt ihr den stolzen Nacken gebeugt. Weise habt ihr verbrannt und eingekerkert im Namen des Vaters, aber eure Weisheit habt ihr wieder verschlingen müssen, als die Welt euch das Messer der Schande an die Kehle gesetzt. »Denn die Welt, die ihr verachtet und verleugnet habt, ist klüger als ihr und schöner als ihr und heiliger als ihr. »Schwarz wie die Raben, schwarz wie die Käfer, wie die Maulwürfe, wie die Tiere, die im Schlamm leben, schmutzigschwarz sucht ihr euren heimlichen Weg durch die lichte Welt. Aber in euren Kirchen thront ihr und prunkt wie Könige in Violett und Gelb und Purpur und Goldbrokat. »Aber man hat euch nicht geheißen, ein Königreich zu gründen für euch Wenige, ein Königreich der Geweihten und Auserkorenen in einer Welt voller Unheiliger und Unmündiger. »Man hat euch geheißen, das Königreich Gottes über die ganze Welt zu verbreiten und es zu allen denen zu tragen, die da trauern und unterdrückt sind. »Man hat euch nicht geheißen, die Welt zu verachten und zu verleugnen, sondern die Welt zu heiligen. »Was zerreißt und zerspaltet ihr die Welt, indem ihr von Geweihten und von Ungeweihten sprecht? Euer Heiland lebte zwischen Verbrechern und starb zwischen Mördern – dennoch hat er ihnen das Paradies verheißen. »Nicht bevor ein jeder Mensch geweiht ist und jeder Tag ein heiliger Tag und jedes Haus ein Gotteshaus, dürft ihr von Erlösung sprechen und euch mit weißen und goldgestickten Gewändern schmücken. »Weh euch, ihr Weltverleugner! Ist die Welt euch nicht vom Vater gegeben? Ist sie nicht das Herrlichste und Kostbarste der Geschenke von dem allerteuersten Freund? »Wie wagt ihr es, sie zu verachten? »Einen Groschen eures Feindes werdet ihr sorgsam verwahren, aber das herrlichste Geschenk des Allerhöchsten beachtet ihr nicht. »Sprecht ihr im Namen des dreieinigen Gottes? Aber den Vater habt ihr ins Angesicht geschlagen, den Sohn habt ihr gefoltert und dem heiligen Geist habt ihr Gewalt angetan. »Man hat euch gelehrt, daß Gott die Wahrheit ist. Ihr aber habt euch der Wahrheit widersetzt mit der Gewalt von Folterzangen und Kerkern und Scheiterhaufen. »Den Menschensohn habt ihr zu einem Spottbilde gemacht, zu einem Schild für Lüge und Gewalt, zu einem Vorwand für Krieg und Blutvergießen, zu einem Götzen der Unnatur. »Und aller Sünden ärgste, das Vergehen wider den heiligen Geist, das ist das Brot, das ihr esset, und das Wasser, darinnen ihr schwimmt. »Ihr schlaget den Geist in Fesseln und duldet seine Freiheit nicht. Dies ist der Sünden ärgste, ihr wißt es. »Wo Gott allein das freie Menschenherz regieren darf, dorthin stellt ihr euch selbst mit euren Gesetzen und Theorien und Schriften und Dogmen. »Meint ihr denn, ihr Unsinnigen, daß die Weisheit des Ewigen in einem Kerker von geschriebenem und gedrucktem Papier sich festhalten lassen kann. »Nicht mehr als Schmutz und Spinngewebe bedeuten ihm eure heiligen Bücher. Denn Er lebt und bewegt sich lediglich und kann weder durch ein Buch, noch durch ein Hirn verstanden werden. Wie fließendes Wasser ist Gottes Weisheit, das ist euch gesagt worden. Ewig wechselnd, ewig die gleiche, vermag kein festes Wort Seine allzeit sich wandelnde Weisheit zu bildnern. »In dem schüchtern gestammelten Wörtchen eines armen Heidenkindes wird mehr von des Vaters Weisheit sein, als in all euren Dekreten und Bullen und Konzilien. »Wollt ihr dem Vater Sprachrohre an den Mund setzen, auf daß er spreche, wo es euch beliebt? Er aber wird sprechen, wo es Ihm beliebt. »Wollt ihr Ihn mit dem Finger anweisen und sagen: »Hier, dieser wird in deinem Namen sprechen, und diesem sollst du Weisheit geben, und diesem Verstand einblasen und diesen sollst du retten und Jenen verdammen. »Er aber wird eurer Weisung achten, wie die Lava aus einem Vulkan der Wegweiser und Kreuze achtet, die auf den Hügeln aufgepflanzt sind. »Aber euer Wahn und euer Hochmut ist schon gerächt, denn die Welt befiehlt euch wie der Jäger seinem Hunde, wie der Kirmesgeselle seinem Affen. Ihr zieht den Wagen von Fürsten und Geldmännern, und vor den Mächtigen schneidet ihr Grimassen. »Sie bauen euch Kirchen, und ihr lest ihnen Messe, und wenn sie der Satan selber wären. »Die Welt heiligt sich ohne euch, und ihr heiliget euch um der Welt willen. »So eure Päpste nicht mehr liederlich sind und eure Prälaten nicht mehr verschwenderisch und eure Mönche nicht mehr faul, so ist es, weil die Welt euch gezwungen hat. Ihr aber habt die Welt zu nichts gezwungen. »Gegen Wucher habt ihr euch aufgelehnt, aber die Welt wollte wuchern, und ihr wuchert mit der Welt. So seid ihr die Affen und die Knechte der Welt. »Und wo ihr Nebenbuhler habt, da zeigt ihr euch sittsam. Aber wo ihr ohne Nebenbuhler seid, da verpestet ihr die Lande wie ehedem. »So fahret ihr hinter der Welt her, wie ein gefangener Haifisch hinter einem segelnden Schiff. Ihr zappelt und wälzt euch, aber die Welt weist den Weg, nicht ihr. »Wie ein Kessel, von Straßenjungen an den Schwanz eines Hundes gebunden, so rasselt ihr hinter der Fahrt der Welt einher mit hohlen Drohungen. Ihr erschreckt, aber ihr leitet nicht. »Ja, der Heiligung der Welt widersetzt ihr euch, denn das göttliche Feuer der Erkenntnis wollt ihr vor den Blicken der Menge mit euren Händen bedecken. Allein die Flamme schlägt durch eure Finger und verzehrt sie. »Was habt ihr getan für die Schafe, die euch anvertraut waren? Für die Armen und Beraubten? Für die Unterdrückten und Enterbten? »Unterwürfig zu sein, habt ihr sie gelehrt, jawohl, unterwürfig dem Mammon. Ihr habt sie gelehrt, sich demütiglich vor Satan zu verneigen. »Gottes Licht, das Licht der Erkenntnis, habt ihr ihnen vorenthalten. Weh euch! »Betteln habt ihr sie gelehrt und die Rute küssen, die sie schlug. Die Schande des Almosen habt ihr bemäntelt, und die Unehre der Sklaverei habt ihr beschönigt. »So habt ihr den Menschen erniedrigt und die Menschenseele entstellt. »Und von den Früchten ihrer Hände habt ihr eure Kirchen geschmückt und eure nichtswürdigen Körper aufgeputzt. »Den Teufel habt ihr aufgerufen in den Herzen, den Teufel der Furcht vor Hölle und Verdammnis. Und das zu Gott-Streben des freien Herzens habt ihr getötet, das brennende Gewissen habt ihr eingelullt mit Beichte und Ablaß. »Aus der Liebe zum Vater habt ihr einen Handel gemacht, einen schmutzigen Handel. Nicht aus Liebe, sondern um des süßen Lohnes willen lehret ihr sie das Rechte tun. Denen, die nach eurem Rat handeln, versprecht ihr Seligkeiten. Allein ebensogut könnt ihr Mond und Sterne verschenken. »Ist euch nicht gesagt worden, daß ihr Böses mit Gutem vergelten sollt? Und ist Gott weniger als ein Mensch, daß Er anders tun sollte? »Ein Glück für euch ist es, daß Er nicht anders tut, denn wo wäre eure Rettung? »Denn ihr, und ihr allein seid noch die Natternbrut, gegen die Jener gewütet hat, der selbst für Ehebrecher und Mörder Milde walten ließ.« Während er sprach, hatte sich der Mensch in voller Länge aufgerichtet und erschien jetzt sehr groß in aller Augen. Und nachdem er dies gesprochen, streckte er die rechte Hand nach rückwärts und packte das große vergoldete Kreuzbild am Fuß. Es zerbrach wie Glas, und er warf es auf die marmornen Fliesen, dem Priester vor die Füße. Das Bild brach in viele Stücke, denn es war nicht aus Holz, sondern nur aus Gips. »Sacrilegium!« rief die Stimme des Priesters, die sich ihm nur mühsam aus der Kehle rang. Sein breites Gesicht war purpurrot und seine Augen traten aus ihren Höhlen. Der Mensch antwortete ruhig: »Nein! Nur mein Recht. Denn du bist der Gotteslästerer und Heiligschänder, der aus dem Menschensohn ein abstoßendes Spottbild macht.« Da trat der Priester vor und faßte Markus um den Puls. Dieser wehrte sich nicht, sondern rief mit sehr lauter Stimme, daß es durch die ganze Kirche schallte: »Tue dein Werk, Kaiphas!« Darauf ließ er sich wegführen in die Sakristei. Und während die Menschen noch wie betäubt und regungslos auf ihren Sitzen blieben, bahnte Johannes sich eilends einen Weg durch die Bänke und die erregte Menge. Pater Canisius kam zurück, viel ruhiger jetzt und weniger rot. Und während der Meßner mit einem großen Besen die Stücke des zerbrochenen Kreuzbildes zusammenfegte und in einen Korb warf, wandte sich der Pater mit den folgenden Worten an die Anwesenden: »Habt Mitleid mit einem armen Wahnsinnigen. Wir wollen für ihn beten.« Darauf wurde der Gottesdienst ohne weitere Störung zu Ende geführt. In einem der abgelegensten Stadtviertel steht am Ende einer langen öden Straße ein großes, düsteres Gebäude. Die einförmigen Fenster sind aus mattem Glase, und das Haus ist von einer hohen Mauer umringt. Was hinter jener Mauer vor sich geht, das wissen die Nachbarn nicht, nur hin und wieder hören sie seltsame Geräusche, lautes Singen, Schreien, unheimliches Lachen und eintöniges Murmeln dahinter emporsteigen. Vor dem Hause standen Johannes und Marion schweigend und mit ernster Miene. Marion trug ein einfaches dunkles Kleidchen; sie hatte Keesje auf dem Arm. Die Tür wurde von einem Pförtner geöffnet, der eine Uniformmütze trug. Der Mann blickte sie zweifelnd und bedenklich an, besonders den Affen. »Das geht aber nicht«, sagte er kurz. »Die Kleinen müßt ihr zu Hause lassen, wenn ihr hierher zu Besuch kommt.« »Ach, bitte«, sagte Marion, ohne über seinen Scherz zu lachen. »Fragen Sie nur mal den Direktor. Mein Bruder hat ihn so furchtbar gern, und ich wage ihn nicht zu Hause zu lassen.« Eine Zeitlang mußten sie im Vorflur warten. Sie verhielten sich totenstill, auch Keesje. »Kees ist mager geworden«, sagte Johannes leise, während er dem Äffchen über den Kopf streichelte. »Er hustet«, sagte Marion. Endlich kam der Pförtner in Begleitung des Direktors zurück. Sogleich erkannte Johannes den großen, hageren Herrn mit dem schlecht sitzenden Anzug, der goldenen Brille und den langen weißen Haaren. Es war Dr. Ziffer, sein alter Freund. »Zu wem wollen sie?« fragte er. »Zu dem Neuen, der gestern eingeliefert ist. Vierte Klasse, Männerabteilung.« »Unruhig?« fragte der Doktor. »Nein, ruhig, Herr Doktor. Aber sie wollen ihren Affen mitnehmen.« »Was soll denn das bedeuten?« fragte Dr. Ziffer, während er mit bedenklich gerunzelten Brauen über seine Brille hinweg auf den Affen blickte, so daß Keesje schon ganz unruhig zu werden begann. »Kennen Sie mich denn nicht mehr, Doktor Ziffer?« fragte Johannes. »Halt mal,« sagte der Doktor, wahrend er ihn scharf ansah. »Bist du nicht der Junge, der mir mal eine Zeitlang assistiert hat, und der dann davongelaufen ist? Du hießest ja wohl Johannes, wenn ich nicht irre.« »Jawohl, Herr Doktor.« »Ja, ja«, sagte der Doktor nachdenklich, »ein bißchen eigentümlich warst du ja allerdings; aber zweifellos begabt. Und jetzt ist ein Bruder von dir hier? Ja, ja, ich habe es mir immer gedacht, daß in deiner Familie erbliche Momente sein müßten. Ein eigentümlicher Junge warst du.« »Es kann doch nicht schaden, wenn unser kleiner Affe mitgeht, nicht wahr, Herr Doktor?« fugte Marion. »Er ist ganz still und gehorsam.« Der Doktor ließ kopfschüttelnd und mit geschlossenen Lippen ein gedehntes Brummen ertönen, um dadurch zu verstehen zu geben, daß er es auch nicht allzu gefährlich fände. »Ich habe den Patienten noch nicht gesehen. Wir wollen erst mal den zweiten Arzt fragen, ob er Besuch haben darf. Aber nicht länger als zehn Minuten, hört ihr wohl!« Dr. Ziffer verschwand mit dem Pförtner; und wieder warteten die drei eine geraume Zeit. Darauf kam der Pförtner in Begleitung eines Wärters zurück, der mit weißer Joppe und Schürze bekleidet war. Der ging ihnen voran durch lange Gänge, und dreimal mußte er mit dem Schlüssel, den er in der Hand trug, Türen und Gitter aufschließen, so daß es Johannes erschien, als drängen sie stets tiefer und tiefer in das Gebiet des Wahns und der Unfreiheit ein. Aber es war still dort, traurig still. Kein wüster Lärm von Rasenden, so wie Johannes es sich vorgestellt hatte. Hin und wieder begegneten sie einem Kranken in seiner dunkelblauen Tracht, der einen Korb oder einen Eimer trug; der sah sie einen Augenblick argwöhnisch an und ging dann leise murmelnd weiter. Endlich ein düsteres Sprechzimmer ohne Ausblick, mit spärlichem Oberlicht, einem hölzernen Tischchen und vier Rohrstühlen. Dort wurden sie allein gelassen in qualvoller Spannung. Noch eine sehr lang erscheinende Wartezeit, und dann wurde in demselben kleinen Raum durch einen anderen Wärter eine andere Tür aufgeschlossen, und dann endlich, endlich! durfte der kleine Johannes wieder an der Brust seines geliebten Bruders ruhen. Aber schneller noch als Johannes war ihm Keesje an die Schulter gesprungen, und so wurde er denn auch als Erster begrüßt. »Aber Markus, sagst du Kees denn eher guten Tag als uns?« fragte Marion während sie durch Tränen lachte. »Bist du eifersüchtig?« fragte Markus. »Er ist mir solch ein guter, treuer Kamerad gewesen.« Er setzte sich und nahm Keesje zu sich, während Johannes und Marion zu seinen beiden Seiten niederknieten. Lange Zeit blickten die beiden jungen Menschen ihn an, ohne ein Wort zu sprechen. Das tat wohl. »Nur zehn Minuten!« sagte Johannes seufzend, »und ich habe so viel zu sagen und zu fragen.« »Beunruhige dich nicht, Johannes«, sagte Markus, »ich werde hier nicht lange bleiben.« »Ist es hier nicht grauenhaft?« fragte Marion. »Dies sind die traurigsten Plätze auf Erden. Aber hier gibt es keinen Betrug. Und ich fühle mich hier glücklich, denn ich kann viel trösten.« »Aber es ist doch ein entsetzliches Unrecht, daß man dich hier mit den Irren zusammensperrt«, sagte Marion. »Die Elenden!« – Und dabei ballte sie ihr kleines Händchen. »Das ist nur ein kleiner Teil des großen Unrechts. Und sie handeln nach bestem Wissen.« »Markus«, sagte Johannes, »dies wollte ich dich fragen: Ich habe die arme Helene im Reich des Bösen gesehen. Weißt du, wen ich meine? Ja? Was bedeutet das? Und wird sie daraus erlöst werden?« »Ich weiß, wen du meinst, Johannes, aber vergiß nicht, daß wir alle im Reich des Bösen sind. Nur am Herzen des Vaters sind wir frei. Der Vater läßt den Wahn Macht haben über alle die, welche ihn für einen Augenblick aus den Augen verloren haben. Über alle – auch über mich.« »Aber doch nicht für immer, Markus?« »Nein, wie sollte das wohl möglich sein? Die Schwermütigen sind wie Auserkorene, sie tragen kostbares Leid. Aber nur, wenn sie wissen, daß es um des Vaters willen ist, dann heiligt es; sonst aber vernichtet es. Manche lernen das erst durch den Tod. So war auch Helene.« »Markus«, sagte Marion darauf, »wir haben beide so häßliche Dinge im Kopf gehabt. Wird uns das jemals verziehen werden?« »Erzähle«, sagte Markus. »Ich weiß es schon. Aber du sollst es mir dennoch erzählen.« »Wir haben morden wollen, aus Mißgunst, aus Eifersucht. Er und ... und ich auch.« »Also tun Hirsche und Büffel und Hähne«, sagte Markus, »die morden sich gegenseitig um ihres Liebchens willen. Der Stärkste bleibt am Leben und verspürt nicht die mindeste Reue, und es wird ihm verziehen.« »Aber wir sind Menschen, Markus«, sagte Johannes. »Das ist schön, mein lieber Johannes, daß du das jetzt selber sagst. Und du hast auch nicht gemordet, nicht wahr?« »Nein, aber gewollt habe ich es.« »So recht gewollt, und von Herzen?« »Das nicht«, sagte Johannes. »Nein, denn sonst würdest du dich jetzt nicht nach der Verzeihung sehnen. Die Verzeihung ist schon da, denn die Einsicht ist die Verzeihung.« Die beiden jungen Menschen schwiegen und blickten ihn an, nachdenklich und mit halbgeschlossenen Augen. Dann endlich sagte Marion: »Aber wenn wir es nun wirklich getan hätten, dann würde uns noch früher verziehen sein, denn dann hätten wir noch früher eingesehen, daß es schlecht war.« »Dann hättet ihr die Lust und die Befriedigung der Tat genossen und die Scheu davor verloren. Dann wäret ihr bereits von neuem mit zwei Fesseln gebunden, und die Kraft zum Verstehen würde geschwächt sein.« »Aber es gibt doch Dinge, die wir tun müssen, um einzusehen, daß sie schlecht sind«, sagte Johannes. »Gibt es solche Dinge?« fragte Markus. »Nun, so tue sie doch, aber beklage dich dann nicht, wenn die Lektion hart ist. Es gibt auch Kinder, die Vater und Mutter nicht glauben wollen, wenn sie ihnen sagen, daß Feuer brennt und daß Brennen weh tut. Aber solche Kinder weinen trotzdem, wenn sie sich verbrennen.« »Warum ist es doch so unerträglich, zu denken, daß ein anderer das bekommen wird, was wir lieb haben? Ist das schlecht?« fragte Marion. »Es ist nicht schlecht, nach Liebe und Ehre und Macht zu verlangen. Aber nur dann, wenn diese Dinge uns zukommen, weil wir gut sind und weise. Aber was er begehrt, das kommt dem Eifersüchtigen nicht zu, auch nicht dem Herrschsüchtigen oder dem Ehrgeizigen. Das Verlangte wird ihnen schlecht bekommen, durch ihren Wahn. Auch Essen und Trinken ist nicht schlecht, aber nur für die, welche es benötigen.« Da wurde die verschlossene Türe wiederum von außen geöffnet, und der Wärter kam, um zu sagen, daß es Zeit sei. »Vielleicht dürft ihr morgen wiederkommen«, fügte er hinzu. »Ob er wohl hier wird bleiben müssen?« fragte Marion, während sie wieder die lange Reise durch die Gänge antraten. »Na«, sagte der Wärter, »dann könnten sie ruhig eine ganze Menge mehr einsperren. Er kann mit den Tobenden besser fertig werden als der Professor. Einer war hier, mit dem wußten wir alle nichts anzufangen, weil er absolut nicht essen wollte. Mir hat er seinen Teller ins Gesicht geschmissen – seht nur, was für ein Schnitt! – aber euer Bruder hat ihn dazu gebracht, daß er aß – innerhalb zehn Minuten.« »Ob er wohl bald freigelassen wird?« fragte Johannes. »Sie sollten ihn nur zum Professor machen – morgen wollen sie ihn untersuchen, so viel ich gehört habe.« Johannes und Marion sprachen wenig, während er sie nach dem Hause zurückbegleitete, in dem sie jetzt wohnte. Es war bei einem von Markus' Freunden, einem Arbeiter aus der Eisenfabrik. Der Mann hieß Jan van Tyn und war Vormann bei dem Hammerwerk. Er verdiente wöchentlich sechzehn Gulden und hatte neun Kinder. Seine Wohnung bestand aus drei kleinen Stuben und einer Küche, und darin mußten also jetzt zwölf Personen schlafen: Vater, Mutter, neun Kinder und der Kostgänger. Aber Tyns Frau war noch jung. Sie hatte ein frisches, blühendes Gesicht und ein paar kräftige Arme, und sie sah darin weiter keine Schwierigkeit. »Wenn jetzt noch mehr rein sollen«, sagte Jan, »dann fangen wir bei der zweiten Schicht an.« Jan hatte einen langen blonden Schnurrbart und ein paar lustige Augen, und er sprach entsetzlich platt. Marion schlief in der kleinen Küche, und da Jans ältestes Töchterchen noch nicht sechzehn Jahre alt war, konnte Marion der Frau tüchtig zur Hand gehen. »Habt ihr ihn losbekommen?« fragte Jan, der ihnen, eben aus der Fabrik heimkehrend, begegnete. Und als sie kopfschüttelnd verneinten, begann er entsetzlich zu fluchen. »Donner und Doria, hat man jemals solche Schweinehunde gesehen? Man möchte sie wahrhaftig mal feste durchhauen. Kann so 'n Perfesser das denn nicht riechen, daß Markus mehr Grips unter seiner Mütze hat, als all die Drüsen von der Akkedemie zusammen? Weil er mal 'nem Pater die Leviten gelesen hat und 'nen Heiligen für 'n paar Groschen kaput geschmissen, muß er darum ins Narrenhaus? Verflucht noch mal!« Jan wurde entsetzlich wütend und schlug vor, man solle den gelehrten Herren unverzüglich klar machen, daß sie zweifellos Unrecht hatten. »Morgen wird er untersucht«, sagte Johannes, um ihn ein wenig zu beruhigen. Aber Jan rief höhnisch: »Untersucht! untersucht! – ich will ihnen lieber ihren Hirnkasten mal untersuchen mit einer dreidaumendicken Drillbohre. Wenn was anderes herauskommt als Kleie, dann will ich hier auf der Stelle tot bleiben.« Er sagte noch viel mehr, was ich hier nur lieber nicht wiederholen will. Johannes kehrte den ganzen Tag nicht wieder in die Villa Dolores zurück, weil er sich dort gar zu unbehaglich fühlte. Und er hielt sich jetzt auch viel lieber bei der armen Familie mit den vielen Kindern auf und sah dort zu, wie die junge Mutter unter ihrem unruhigen Häuflein Ordnung hielt und wie sie wohlgemut und unverzagt den ganzen Tag über bei der Arbeit war, Schwierigkeiten ertragend und überwindend, die andere sicherlich völlig mutlos und verzweifelt gestimmt hätten. Johannes aß mit, und es schmeckte ihm, trotzdem er infolge der Erregung keinen großen Hunger hatte. Und als in den Nachmittagsstunden Kaffee getrunken wurde und die kleinsten Kinder schon zu Bett waren und van Tyn von seiner Arbeit heimkehrte und sich mit einer gewissen Andacht seine Pfeife stopfte und sie schweigend rauchte, da überkam den Johannes ein wunderliches Gefühl des Friedens, so wie er es seit langen Zeiten nicht mehr gekannt. Es wurde wenig gesprochen. Draußen begann es zu dämmern, während drinnen nur das kleine Lichtchen unter der Kaffeekanne brannte. Die Frauen ruhten sich, gleichfalls von ihrer Arbeit ermüdet, ein wenig aus und horchten auf das Lärmen und Treiben da draußen. Und Johannes wußte, daß sie alle des Freundes gedachten, der im Irrenhause war. Als er am Abend in die schöne vornehme Villa kam, war ihm alles fremd und zuwider. Van Lieverlee saß mit einer unleidlich-hochmütigen Hausherrnmiene in dem von vielen buntfarbig umhüllten Lämpchen erleuchteten Salon, ganz nahe bei der Frau des Hauses, und plauderte leise mit ihr. Johannes wollte nur einen flüchtigen Gutenachtgruß entbieten. »Hast du deinen armen Freund gefunden?« fragte van Lieverlee in liebenswürdigstem Ton. »Jawohl«, sagte Johannes, und dann nach kurzem Zögern: »Sollte es nicht möglich sein, daß er bald freigelassen wird?« »Mein bester Junge«, antwortete van Lieverlee, »das wäre nicht zu wünschen, weder für die Gesellschaft, noch für ihn selber. Ich bin kein Arzt, aber daß er dort hingehört, das sehe ich auf den ersten Blick, und das kann jeder vernünftige Laie sehen. Was meinst du, Liebste?« Dolores sah ihn an und sagte: »Es ging mir ans Herz, denn der Mann hatte ein hübsches Gesicht. Und hast du wohl gemerkt, Walter, was für einen wundervollen Baritonklang er in der Stimme hat?« »Ja, es ist wirklich ein Jammer, daß er verrückt ist«, sagte van Lieverlee. »Was für ein glänzender Wagnersänger könnte sonst aus ihm werden! Ein ausgezeichneter Parsifal. Was meinst du, Dolores?« »Ja, ein herrlicher Parsifal. Vielleicht kann er doch noch geheilt werden«, sagte die Gräfin. »O nein«, meinte van Lieverlee, »diese Art von Prophetenwahnsinn ist unheilbar. Soviel verstehe ich auch davon.« Einen Augenblick blieb Johannes zögernd stehen. Sollte er das aussprechen, was ihm in der Brust kochte? Aber er war jetzt nicht gar so jung mehr, und er beherrschte sich. Doch während er schlafen ging, beschloß er im Stillen: »Dies ist meine letzte Nacht hier.« Wieder standen sie vor dem düsteren Gebäude, zu dritt, Marion, Johannes und Keesje. Es war ein kalter Tag, und Keesjes schwarzes, mageres Gesichtchen blickte traurig aus einem dicken Umschlagetuch hervor. »Wollt ihr einen Augenblick in Herrn Doktors Zimmer gehen?« sagte der Pförtner, »der Herr Doktor möchte euch sprechen. Der Herr Professor ist auch da,« fügte er gewichtig hinzu. Und als Marion sich anschickte mitzugehen, streckte er den Arm aus, um sie zurückzuhalten, und sagte: »Nein – die Dame und der Kleine sind nicht mit eingeladen.« Marion wandte sich um, ohne ein Wort zu erwidern, und sagte zu Johannes: »Dann warte ich eben zu Hause auf dich. Kommst du bald?« In dem öden, unfreundlichen Arbeitszimmer mit den grünverhängten Bücherregalen und den Gipsbüsten von Galenus und Hippokrates und anderen alten Heilkünstlern saßen zwei dunkel gekleidete Herren. Sie saßen einander gegenüber, jeder in einem Bureaustuhl, und waren in eifrigem Gespräch begriffen. Auf dem großen Schreibtisch lagen mehrere aufgeschlagene Bücher und blitzende Metallinstrumente, die zur Messung und Untersuchung dienten. »Setz dich, Freundchen,« sagte Professor Bommeldoos mit seiner harten Stimme, »wir kennen einander schon, nicht wahr? Es ist nicht das erste Mal, daß wir zusammen eine Untersuchung leiten.« Johannes nahm schweigend Platz. »Ich möchte dich gern ein wenig orientieren,« sagte Dr. Ziffer leiser und freundlicher. »Wir, Professor Bommeldoos und ich – sind gerichtlicherseits beauftragt worden, den Geisteszustand deines Bruders ärztlich zu untersuchen. Er hat ein Verbrechen begangen; zwar ist es kein schweres, aber dennoch nicht ganz ohne Bedeutung. Und ohne Zweifel müßte es mit Gefängnis bestraft werden. Allein der Geistliche hielt ihn für unzurechnungsfähig und ließ einen Arzt aus der Anstalt kommen. Diesem wollte dein Bruder durchaus nicht Rede stehen. Er schwieg hartnäckig.« Johannes nickte. Er wußte das bereits. »Das veranlaßte uns, ihn vorläufig hier abzusondern. Jetzt habe ich selbst den Patienten auch gesehen, aber ich bedaure, sagen zu müssen, daß ich nicht weiter komme als mein Kollege. Wenn ich ihn etwas frage, sieht er mich gar sonderbar an und schweigt hartnäckig.« »Ich begreife nicht, Kollege,« sagte Bommeldoos, »daß Sie das nicht sofort als ein megalo-maniakalisches Symptom diagnostiziert haben.« »Ja aber verehrter Kollege,« antwortete Dr. Ziffer, »zu den Wärtern und den anderen Patienten spricht er wohl. Er ist diensteifrig und hilfsbereit; sie mögen ihn alle gern leiden, sehr gern sogar.« »Das stimmt genau mit meiner Diagnose überein,« sagte Bommeldoos. »Hat er öfters solche Launen, Johannes?« fragte Dr. Ziffer, »daß er nicht sprechen will?« »Launen hat er überhaupt nicht,« antwortete Johannes kurz. »Warum will er denn nicht antworten?« »Ich glaube,« sagte Johannes, »daß Sie mir auch nicht antworten würden, wenn ich Sie fragte, ob Sie verrückt sind.« Die beiden Gelehrten lächelten einander zu. »Das Verhältnis ist doch auch wohl einigermaßen anders,« sagte Bommeldoos von oben herab. »Solche plumpen Fragen sind nicht an ihn gerichtet worden,« sagte Dr. Ziffer. »Ich fragte ihn nach seiner Abstammung, seinem Alter, dem Gesundheitszustand seiner Eltern, nach seiner eigenen Jugend und so weiter, kurzum die gewöhnliche Anamnese. Willst du uns jetzt diesbezüglich etwas näher informieren? Denke stets daran, daß es im Interesse deines Bruders geschieht.« »Herr Doktor,« sagte Johannes, »von alledem weiß ich ebensowenig wie Sie selbst. Und wenn ich es auch wüßte, so würde ich Ihnen doch nicht sagen, was er Ihnen selbst nicht sagen will.« »Aber, mein Junge,« sagte der Professor, »du wirst uns doch hier nicht zum Narren halten. Weißt du denn nicht, woher du stammst? weißt du nichts über deine Eltern und deine Jugendzeit?« Johannes zögerte und überlegte im Stillen, ob es nicht am besten sei, so zu tun wie Markus und allen Fragen ein beharrliches Schweigen entgegenzusetzen. Aber was ihn selber betraf, darauf durfte er wohl antworten. »Ich weiß das alles wohl von mir selber, aber nicht von ihm,« sagte er. »Seid ihr denn nicht Brüder?« fragte der Doktor. »Nein, wenigstens nicht so, wie Sie es meinen.« Doktor Ziffer blickte Bommeldoos fragend an, gleichsam um festzustellen, was der wohl von dieser Antwort halten mochte. Dann drückte er auf einen Klingelknopf und sagte: »Es scheint mir wohl am besten, Kollege, daß wir die beiden konfrontieren. Möglich, daß wir dann weiter kommen als mit jedem einzeln.« Bommeldoos nickte feierlich und fuhr sich mit der Hand über die mächtige Stirn. Ein Wärter trat ein. »Bringen Sie mir den Patienten Vis aus der ruhigen Männerabteilung 4. Klasse her.« »Jawohl, Herr Doktor.« Der Mann verschwand, und in dem Studierzimmer blieb es jetzt minutenlang totenstill. Die Gelehrten blickten starr vor sich hin, gänzlich in Gedanken versunken, und ohne Unruhe wartend, so wie vieldenkende Menschen das zu tun pflegen. Johannes hörte die Uhr auf dem Kaminsims ticken und draußen den schwachen Klang eines Musikkorps, das einen fröhlichen Marsch spielte, und Hurrarufe und dröhnende Hufschläge. Die königlichen Hochzeitsfeierlichkeiten waren noch immer im Gange, und Johannes dachte daran, wie wohl die beiden Menschen in diesem Augenblick winkend und sich verneigend in ihrem Wagen sitzen mochten. Da wurde geklopft. Der Wärter trat ein und sagte: »Hier ist der Patient.« Darauf ließ er Markus eintreten und blieb noch einen Augenblick stehen. »Ich werde klingeln, wenn es so weit ist,« sagte Dr. Ziffer, während er ihm durch einen Wink zu verstehen gab, daß er gehen solle. Markus war mit dem dunkelblauen Leinenanzug bekleidet, den sämtliche Patienten der vierten Klasse trugen. Er stand hochaufgerichtet da, und seine Züge waren weniger bleich und traurig als sonst, meinte Johannes. Das Blau kleidete ihn gut zu seinem dunklen lockigen Haar, und Johannes fühlte Ruhe und Freude, während er ihn dort stehen sah, so stolz und schön und ruhig anzusehen. »Setzen Sie sich,« sagte Dr. Ziffer. Markus aber tat, als höre er das nicht, und blieb stehen, während er Johannes freundlich und vertraulich zunickte. »Beachten Sie vor allen Dingen den Hochmut,« sagte Professor Bommeldoos auf Lateinisch zu Dr. Ziffer. »Die Hochmütigen finden Hochmut und die Traurigen Traurigkeit – die Freudigen aber finden Freudigkeit und die Bescheidenen Demut,« sagte Markus. Dr. Ziffer erhob sich, nahm seine Messungsinstrumente vom Tisch und sagte verbindlich: »Wollen Sie uns gestatten, Ihre Schädelmaße zu nehmen? Es ist zu einem wissenschaftlichen Zweck.« »Es tut nicht weh,« fügte Bommeldoos hinzu. »Nicht physisch,« sagte Markus. »Es liegt auch nichts Verletzendes darin,« sagte Dr. Ziffer, »ich habe es sogar mehrmals an mir selber machen lassen.« »Es gibt einen Wahn und eine Dummheit, die verletzen.« Bommeldoos wurde feuerrot: »Wahn und Dummheit! bei mir etwa? Man höre doch bloß einen solchen Ignoranten an! Wahn und Dummheit!« »Herr Kollege,« warf Dr. Ziffer mit leicht ermahnender Stimme ein. Darauf gab er die Vermessungszahlen an, indem er Markus' Kopf mit dem blitzenden Schädelzirkel umspannte. Es verlief eine geraume Zeit, während der man nichts anderes hörte als die leise Stimme des Doktors, der dem Professor Zahlen diktierte. Dann glaubte der schlaue Arzt, so beiläufig während der Arbeit, von einer »gefügigen Laune« seines Patienten – wie er das zu nennen pflegte – Gebrauch machen und die günstige Chance ausnützen zu müssen, indem er fragte: »Ihre Eltern haben gewiß im Auslande gelebt, nicht wahr? in einem südlicheren gebirgigen Lande?« Markus aber entfernte des Doktors Hand von seinem Kopf und blickte ihn durchdringend an. »Warum sind Sie nicht aufrichtig?« fragte er darauf leise, aber mit starkem Nachdruck. »Wie kann man durch Unwahrheit die Wahrheit ergründen?« Dr. Ziffer war verwirrt und tat, ebenso wie Pater Canisius, etwas, das er späterhin bereute: er antwortete: »Aber wenn Sie mir nicht unumwunden antworten wollen, dann muß ich schon versuchen, auf Umwegen zu der Wahrheit zu gelangen.« Markus aber sprach: »Ein krummes Schwert geht nicht tief in eine grade Scheide.« Professor Bommeldoos wurde ungeduldig und raunte dem Doktor leise zu: »Nicht argumentieren, Kollege, nicht argumentieren. Megalomanen sind gefaßter und besitzen oftmals subtilere dialektische Fähigkeiten als Sie. Lassen Sie mich die Untersuchung lieber leiten.« Und darauf begann er nach einem lauten »hm! hm!« zu Markus zu sprechen. »Schön, mein Freund, ich werde also ganz offen und unumwunden mit Ihnen sprechen. Ist das besser? Werden Sie mir dann auch ganz offen antworten?« Markus sah ihn einen Augenblick scharf an und fügte darauf: »Sie können es nicht.« »Was kann ich nicht?« fragte Bommeldoos, »was kann ich nicht?« »Sprechen,« sagte Markus. »So, kann ich nicht sprechen? – kann ich nicht sprechen? Kollege, wollen Sie das bitte mal notieren. – Ich könne nicht sprechen, meinen Sie. So, und was tue ich denn jetzt?« »Stammeln,« sagte Markus. »Natürlich! natürlich! alle Menschen stammeln. Der Doktor stammelt und ich stammle und Hegel stammelte und Kant stammelte...« »So ist es,« sagte Markus. »Nur Herr Vis kann sprechen, so ist es doch, nicht wahr?« »Mit Ihnen nicht,« sagte Markus. »Um sprechen zu können, muß man einen Zuhörer haben, der einen versteht.« Dr. Ziffer flüsterte Professor Bommeldoos lächelnd und halb spöttisch zu: »Nehmen Sie sich in acht, Herr Kollege, Sie scheitern ebenfalls an der Dialektik.« Aber Bommeldoos schüttelte zornig seinen runden Kopf mit den dicken Backen und fuhr fort: »Sie wollen also damit sagen, daß Sie sich selber für klüger halten als alle anderen Menschen, nicht wahr? Notieren Sie seine Antwort, Kollege.« »Ich halte mich für klüger als Sie,« sagte Markus. »Nun müssen Sie nur selbst entscheiden, ob das auch klüger als alle Menschen bedeutet.« »Ich habe die Antwort notiert,« sagte Dr. Ziffer, während er schmunzelnd etwas vor sich hinbrummte. Der Professor aber nahm von dieser ironischen Bemerkung keine Notiz und fuhr fort: »Sagen Sie mir jetzt mal ganz offen und ehrlich, mein Freund, sind Sie ein Prophet? ein Abgesandter Gottes? sind Sie am Ende der König? oder Gott selber?« Markus schwieg. »Warum antworten Sie mir nicht?« »Weil ich nicht gefragt werde.« »So, Sie werden nicht gefragt? und was tue ich denn jetzt?« »Toben.« sagte Markus. Bommeldoos wurde wiederum feuerrot. Er begann seine Ruhe zu verlieren. »Hören Sie mal, Freundchen, Sie dürfen mir aber nicht frech werden. Bedenken Sie wohl, daß wir hier über Ihr Schicksal zu entscheiden haben ...« Markus richtete den Kopf auf mit einer fragenden Gebärde, und so ernsthaft, daß der Professor einen Augenblick innehielt. »Bei wem steht die Entscheidung über unser Schicksal?« sagte Markus, und dann mit dem Finger auf ihn weisend: »Glaubten Sie etwa bei Ihnen ?« Die beiden Gelehrten schwiegen, für einen Augenblick aus der Fassung gebracht. Markus fuhr fort: »Warum antworten Sie denn jetzt nicht? Und würden Sie vielleicht anders entscheiden, wenn ich nicht frech wäre?« Dr. Ziffer ergriff das Wort. »Nein, nein, so ist das nicht gemeint, aber es steht Ihnen nicht an, daß Sie einen Gelehrten wie den Professor derartig beleidigen. Wir widmen uns hier einer ernsten wissenschaftlichen Aufgabe. Sie machen den Eindruck eines durchaus gebildeten Menschen, ob Sie krank sind oder nicht, Sie sollten doch Ehrfurcht vor der Wissenschaft hegen und vor all denjenigen Menschen, die ihre ganze Kraft und ihr ganzes Leben in deren Dienst stellen.« »Wissen Sie wohl,« sagte Bommeldoos, und seine Stimme klang jetzt beinahe bewegt. »Wissen Sie wohl, was der Mann, den Sie einen dummen und eingebildeten Schwätzer nennen, was der Mann schon alles gearbeitet und geschrieben hat?« Da breitete sich über Markus' Züge ein sanfterer vertraulicherer Ausdruck, und er nahm einen Stuhl und setzte sich neben seine beiden Untersucher: »Seht,« sagte er, während er ihnen die flache ausgestreckte Hand hinhielt, »seht, eure nackten Empfindlichkeiten schauen an allen Seiten unter dem Gewand eurer Weisheit hervor. Wie hätte ich euch sonst wohl verletzen können?« »Ihre um so viel größere Weisheit machte Sie doch auch nicht unempfindlich gegen unsern Wahn und unsere Dummheit,« sagte Professor Bommeldoos, zwar noch immer scharf. aber doch schon ein wenig höflicher. »Gottes allerhöchste Weisheit macht ihn nicht unempfindlich gegen unser Leid und unser Übel,« sagte Markus. »Die Weisheit ist ein Gewand, das gegen kein Leid unempfindlich ist, das aber jedes Leid erträglich macht.« »Immer diese Bilder,« sagte Bommeldoos, »Bilder beweisen nichts. Ein schwacher kindlicher Verstand arbeitet stets mit Bildern. Die Wissenschaft verlangt reine Vernunft und logische Beweisführung.« »Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie nun wiederum verletze,« sagte Markus leise und freundlich, während er dem Professor seine Hand auf den Arm legte. »Aber das ist ja gerade Ihre Schwäche, daß Sie nicht fragen können. Wissenschaft ist das Licht des Vaters, wie sollte ich davor wohl keine Ehrfurcht hegen? Und ich weiß auch, was Sie gelehrt und geschrieben haben. Aber die meiste Arbeit, die Sie getan, besteht aus mangelhaften Fragen, die sich für vollkommene Antworten ausgeben. Es wundert Sie, daß man Ihre Antworten so schwer und so unbefriedigend findet, weil Sie die Unvollkommenheit Ihrer Fragen nicht erkennen. Aber die herrlichsten und klarsten, einen jeden befriedigenden und einem jeden begreiflichen Antworten warten, bis man besser fragen gelernt hat. Wenn ich mich für klüger halte als Sie, so ist das nur, weil ich weiß, daß wir nichts anderes haben als Bilder, und daß wir versuchen müssen, all diese Bilder zu deuten, geduldig und bescheiden, wie einen Bericht des Vaters, während Sie glauben, daß man durch Ihre Worte und Beweisführungen seine lebendige Gegenwart begreifen könne.« »Mit Ihrer gütigen Erlaubnis,« fiel ihm hier der Professor ins Wort, »Sie scheinen doch nicht gelesen zu haben, was ich über die logische Notwendigkeit einer unbegreiflichen Basis der wahren Wirklichkeit geschrieben habe. Hielten Sie mich für einen solchen Stümper, daß ich das nicht einmal begriffe?« »Davon sprechen heißt noch nicht es verstehen,« sagte Markus. »Und wenn man so davon spricht, ist es ein Beweis, daß man es nicht versteht.« »Ich weiß sehr wohl, was der menschliche Verstand erfassen kann und was nicht. Und in meinem letzten Werk »Über das Wesen der Materie« glaube ich das Äußerste gegeben zu haben, was menschliche Vernunft zu erfassen imstande ist,« sagte Professor Bommeldoos. »So zogen die Ägypter die äußersten Grenzen der Welt an dem ersten Nilfall, dessen Fluten aus den Himmeln stürzten, wie man glaubte. Und tausende und abertausende von Jahren vergingen, bevor sie es unternahmen, jene Grenze zu überschreiten. Und nun, da die Welt anfängt sich zu verbrüdern, nun sind die Grenzpfähle der Welt in unendliche Fernen gerückt. Wer vermöchte da wohl das äußerste zu nennen von dem, was menschliche Vernunft erfassen kann?« »Es bleibt eine Grenze, die durch unsere materielle Beschaffenheit gezogen wird ebensogut wie unserer Anwesenheit auf dieser Erdkugel, die wir nicht verlassen können, eine Grenze gezogen ist,« sagte Professor Bommeldoos laut und gewichtig, während er sein Kinn fest mit der Hand umschloß, wie er das während wissenschaftlicher Diskussionen stets zu tun pflegte. Er schien völlig vergessen zu haben, daß er einen Patienten zur Untersuchung vor sich hatte. »Ihr lest das Buch des Lebens von rückwärts,« sagte Markus, »und seht die Welt verkehrt. Was faselt Ihr von einer toten Materie, die dem Leben des Geistes die Grenzen ziehen sollte? Aber alle Materie ist ein Machwerk des lebendigen Gedankens und nichts ist leblos oder ohne Leben geformt. Berge und Seen sind die Gedanken der Erde und die Planeten und Sonnen, und alles was da lebt, sind Gedanken Gottes. Der Stein zu euren Füßen scheint euch tot, aber die Ameise, die euch über die Hände kriecht, gewahrt auch darin das Leben nicht. Ihr habt euren Körper aufgebaut ...« »Aus vorhandenem Material,« rief der Professor aus. »Es war nichts vorhanden außer den Wirkungen eines anderen Lebens, das ihr nicht zu ergründen vermögt. Und eure Lebenswirkung stößt allüberall auf die Wechselwirkungen anderen Lebens. Aber es ist alles Geist und Leben. Wird denn ein Bauherr sagen, daß das Haus, das er gebaut hat, die Grenzen bestimmt, die zu überschreiten er nicht vermag?« »Aber eine Rasse, wie die Menschenrasse, behält ihre ganz bestimmten Merkmale bei,« warf Dr. Ziffer ein. »Was nennen wir bestimmt, wir Wesen von einem Tage? Nichts ist bestimmt, und es gibt keine bleibenden Rassen. Das Leben ist strömendes Wasser und flammendes Feuer, niemals in der nächsten Sekunde wie in der vorangegangenen. Ihr aber schafft diese bestimmten Scheidungen in eurem Unverstand mit toten Worten und glaubt damit das Leben umfassen zu können.« Einen Augenblick herrschte Stille. Dann sagte Markus noch: »Ihr selber macht den Tod und zieht die Grenzen. Eure Worte sind krank und faulend. Und mit jenen Worten wollt ihr das Leben zergliedern. Würdet ihr denn eine Operation ausführen mit unsauberen Messern? Mit euren toten Worten aber schneidet ihr ins Leben ein und verbreitet den Tod –« Wiederum Stille. Und darauf: »Reiniget Eure Gedanken und Eure Worte. Werfet das Schmutzige von euch, denn das ist das Überflüssige. Macht eine Wissenschaft des Wortes, so wie ihr eine Wissenschaft der Sterne gemacht habt, so genau und so sorgfältig. »Ihr habt durch das Zusammenwirken und die Verbrüderung unter den Weisen eine Lehre der Verhältnisse geschaffen, die sich Mathematik nennt. Schafft so eine Lehre der Bedeutungen, denn ihr werft mit euren Worten planlos nach dem schönsten und zartesten Leben, sowie Kinder mit Mützen und Netzen Schmetterlinge einzufangen versuchen. Und kraft der Verbrüderung und des Zusammenwirkens werdet ihr dann Fragen stellen, deren Antworten euch erklingen werden wie eine Offenbarung und wie ein Evangelium: klar, freudebringend, wunderbar – – –« Markus schwieg und schien in weite Fernen zu blicken. Eine Weile warteten sie alle, ob er wohl noch weitersprechen würde, voller Ehrfurcht; denn sie hatten ihm gern zugehört. Darauf sagte Dr. Ziffer mit leiser Stimme: »Ihre Betrachtungen sind es sicherlich wert, daß über sie nachgedacht wird. Ich habe mich also nicht getäuscht, indem ich Sie für einen gebildeten und hochstehenden Menschen hielt. Aber ich möchte Sie doch daran erinnern, daß wir uns hier im Interesse einer ärztlichen Untersuchung aufhalten. Zweifellos werden Sie uns jetzt wohl die einfachen Fragen beantworten wollen, die ich an Sie richten werde.« Markus hob flüchtig den Kopf und blickte Johannes, der in atemloser Andacht totenstill gelauscht hatte, lächelnd an. Darauf sagte er zu dem Gelehrten: »Ich habe nicht für Sie gesprochen, denn das würde fruchtlos sein. Ich sprach für ihn.« Darauf sagte er kein Wort mehr. Doktor Ziffer fragte mit sanfter Beharrlichkeit, Professor Bommeldoos mit energischem Nachdruck. Allein Markus schwieg und schien nicht einmal mehr zu bemerken, daß sich noch andere in dem Zimmer aufhielten. »Ich bleibe bei meiner Diagnose, Kollege«, sagte Professor Bommeldoos. Dr. Ziffer klingelte und ließ den Wärter kommen. »Bringen Sie den Patienten wieder nach seiner Abteilung. Er bleibt vorläufig unter Beobachtung.« Und Markus ging, nachdem er Johannes kurz aber vertraulich zugenickt. »Willst du uns denn jetzt nicht erzählen, was du von dieser Persönlichkeit weißt?« fragte Dr. Ziffer. »Herr Doktor«, sagte Johannes, »ich weiß von Markus fast nicht mehr als Sie selber. Ich bin ihm vor zwei Jahren begegnet und er ist mein liebster Freund. Aber ich sah ihn wenig und nach seinem Leben und seiner Herkunft habe ich ihn niemals gefragt.« »Merkwürdig«, sagte Dr. Ziffer. »Ich wiederhole Ihnen, Kollege, ich bleibe bei meiner Diagnose: Initielle Paranoia mit megalo-maniakalischen Symptomen auf der Basis hereditärer Minderwertigkeit mit Genialität gepaart.« Der König und die Königin waren noch immer nicht getraut. Das geht in solch hohen Kreisen nicht so schnell. Sie mußten noch vielen Gastmählern beiwohnen, noch viele Ansprachen anhören und sich noch unzählig viele Male verneigen. Sie mochten meiner Schätzung nach ungefähr auf halbem Wege sein. Und während die meisten Menschen so taten, als ob sie das gut und angenehm fänden und die Feste mitfeierten, gab es doch auch solche, die zusammenkamen, um zu sagen, daß ihnen das nicht recht sei. Solche Zusammenkünfte nennt man Protestversammlungen. Dort protestieren sie dann nicht etwa gegen die Heirat dieser beiden Menschen, denn dagegen haben sie nichts einzuwenden, wohl aber gegen den Prunk, der dabei entfaltet wird, gegen all die Leckereien, die verzehrt werden, gegen die schönen Kleider, das Weintrinken und das Festefeiern. Das alles finden sie unnötig und zu teuer. Sie finden auch das Halten eines Königs und einer Königin teuer und unnötig. Dies ist nun allerdings eine sehr außergewöhnliche und unerhörte Meinung, denn wie ihr wißt, fanden sogar die Tiere in dem Teich, in den Johannes mit Windekind untergetaucht war, es nötig, einen König zu haben, der recht viel essen konnte. Nun, und als dann Jan van Tyn mit seiner Frau zu einer dieser Protestversammlungen ging, wollte Johannes sie gern begleiten, denn er war neugierig, was es dort wohl zu hören geben mochte. Johannes war jetzt gleichfalls Kostgänger geworden, wie Marion, und zwar bei Freunden von Jan, einem kinderlosen Ehepaar, das ein kleines Abstinenzlercafé betrieb. Der Mann hieß Roodhuis und war groß und kräftig gebaut, mit einem frischen Gesicht, hellen Augen und einem kleinen blonden Schnurrbärtchen. Er sprach nur wenig und empfand gegen Alkohol und Soldaten eine unüberwindliche Abneigung. Seine Frau sprach auch nicht viel, war aber sehr freundlich und fleißig. Sie hatten durch das kleine Café gerade ihr Auskommen, waren überall da zu sehen, wo es die Arbeiterbewegung galt und empfingen in ihrer kleinen Gaststube deren sämtliche Vorkämpfer und Redner. Auch wurden in jenem kleinen Saal Gesangschöre eingeübt und Theaterstücke aufgeführt, soviel wie möglich mit der Tendenz gegen den Alkohol und Soldaten und für das Nahen der feurig herbeigesehnten Freiheit und Verbrüderung. Dort also gab sich Johannes in die Kost und brauchte die nicht einmal zu bezahlen, wenn er dafür im Geschäft ein wenig mithelfen wollte. Einen schweren Gang hatte er hinter sich. Er hatte seinen Kindern Lebewohl gesagt. Zwar waren sie inzwischen größer und weniger zart geworden, und es waren nicht mehr seine allerliebsten Kinder, so wie sie ihn anfangs bezaubert hatten und ihm ans Herz gewachsen waren, aber dennoch war das Scheiden traurig. »Warum gehst du fort, Jonny? und wo wirst du jetzt wohnen?« fragten sie. »Ich bin arm und ich muß arbeiten, um mir mein Brot zu verdienen.« »O, aber Mammi wird dir schon Geld geben, nicht wahr, Mammi? Und du kannst hier immer bei uns essen und wohnen, dann brauchst du nicht zu arbeiten,« sagte Olga. »Du darfst auch jeden Tag meine halbe Portion Hafergrütze essen, ich bekomme doch immer mehr als ich mag,« fügte Frieda hinzu. »Nein, Kinder,« sagte ihre Mutter, »es ist nicht schön und gut von dem zu leben, was uns ein anderer gibt, ohne daß wir selbst arbeiten. Das ist ein Wucherleben und eine Sünde vor Gott. Das weiß Johannes auch wohl, und darum hat er ganz recht, wenn er arbeiten will, weil er arm ist.« »Na also, lieber Jonny,« sagte Olga, »dann werde ich für dich beten, daß der liebe Gott dich bald reich macht, genau so reich wie wir sind: dann brauchst du nicht mehr zu arbeiten, und dann kommst du wieder zurück.« »Ich finde es gar nicht nett vom lieben Gott, daß er Jonny arm gemacht hat und uns reich,« sagte Frieda. »Pfui, Frieda, so darfst du aber nicht sprechen,« sagte die Gräfin ermahnend. Und dann ging Johannes rasch und tapfer fort, bevor die Tränen kamen. Später hörte er, daß Herr van Lieverlee, von dem er sich nicht verabschiedet hatte, überall erzählte, Johannes sei von ihm wegen seiner weitgehenden Eitelkeit des öfteren gerügt worden und habe sich daher aus lauter Anstellerei bei Proletariern ein Unterkommen gesucht. In der Gaststube des Abstinenzler-Cafés »Die Zukunft« hatte sich ein großer Kreis von Geistesverwandten versammelt. Jan van Tyn war da mit seiner Frau, die einen Säugling auf dem Arm trug, und dem ältesten Töchterchen. Auch Marion war da. Eine Nachbarin hatte sich erboten, die van Tynschen Kinder während dessen zu warten. Ferner saßen da noch ungefähr zwanzig Männer und Frauen in dem kleinen Saal mit der schmutzig-grauen Tapete. Sie hatten alle Tee und Schokolade auf kleinen Tischen vor sich stehen. Viele Mütter hatten ihre Säuglinge bei sich. Es wurde wenig gesprochen und viel geraucht. Denn daß man den Tabak ebenso wie den Alkohol verbannte, war fürs erste noch allzuviel verlangt. »Na, und was haben sie bei ihrer Untersuchung gefunden?« fragte Jan van Tyn, sobald er Johannes das kleine verräucherte Café betreten sah. »Er ist noch nicht frei,« sagte Johannes, »aber sie werden ihn wohl loslassen müssen. Er hat sie schließlich beide zum Schweigen gebracht.« »Famos,« sagte Jan. »Komm du nur immer rein, dann sollst du auch 'ne gute Tasse Kaffee haben, willst du?« sagte Frau Roodhuis zu Johannes. »Nanu,« sagte darauf ein Mann mit gelbem Gesicht und schwarzem Bart, der einen braunen Manchesteranzug, ein Sporthemd mit lose geschlungener Krawatte und ein paar Sandalen an nackten Füßen trug. »Ihr braucht euch nicht einzubilden, daß der frei kommt. Wenn man sich mal unterstanden hat, gegen diese Gottespest zu wettern, dann hat man die ganze Bande auf dem Hals. Das Pack kennt sich, alle, ob sie nun Pfarrer oder Pastor oder General oder Professor heißen. Alles dasselbe Pack. Und wenn sie einen einmal in den Klauen haben, dann kommt man nicht mehr raus. Ins Loch oder ins Irrenhaus oder ins Hospital, genau so lange, bis sie einen ins Jenseits befördert haben.« »Sollten sie ihn wirklich vergiften?« fragte eine Frau entsetzt. »Womit denn?« »Natürlich vergiften sie ihn,« antwortete der braune Mann, »oder sie quälen ihn tot oder sie hungern ihn aus. Sie haben genug Mittel und Künste, die Schweinehunde!« Es war erst halb acht und die Protestversammlung sollte um neun Uhr beginnen. Daher wurde der Vorschlag gemacht, man wolle sich inzwischen die Zeit mit Vorträgen und Gesang kürzen. Und so geschah es. Erst sang einer allein ein Lied von dem armen Konskribierten, der in den Kampf hinausziehen sollte und dagegen allerhand moralische Bedenken hegte. Darauf sangen sie alle zusammen ein Freiheitslied. Dann trug ein junger Typograph mit viel Begeisterung ein Gedicht vor, in dem beschrieben wurde, wie sich die Juden ein Vergnügen daraus machten, Jesus auf Golgatha sterben zu sehen. Wie sie sogar ihre Kinder mitnahmen und hofften, daß die Qualen recht lange dauern möchten. Die Vorstellung dieser Grausamkeit, die mit lauter Stimme hinausgeschrieen wurde, machte tiefen Eindruck, und die Anwesenden lauschten alle mit größter Aufmerksamkeit, trotzdem sie das Gedicht bereits oft gehört hatten. Und als es aus war, begannen sie alle wie wild zu trampeln. In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle des kleinen Saales stand Markus. »Hurrah!« rief Johannes und die andern, die soeben »Hurra für Golgatha!« geschrieen hatten, schrieen jetzt »Hurra für Markus!« weil sie sich in einer sehr erregten Stimmung befanden, und sich aufrichtig darüber freuten, daß er frei war. »Guten Abend,« sagte Markus, ohne selbst eine besondere Freude zur Schau zu tragen. Er hatte seinen gewöhnlichen Arbeiteranzug wieder an. Von allen Seiten wurden ihm Hände entgegengestreckt. »Das hätten wir nicht gedacht,« sagte Jan, »daß sie dich noch mal aus ihren Klauen lassen würden. Wie hast du's angestellt?« »Laß ihn nun erst mal was essen,« sagte Frau Roodhuis. »Bist du nicht hungrig, Mann? Es wird da wohl keine Fetttöpfe für dich gegeben haben.« »Ich könnte da überhaupt keinen Bissen essen, bei all den Verrückten,« sagte eine andere Frau, »und wenn sie einen dann noch vergiften wollen obendrein.« »Ja, ich habe Hunger,« sagte Markus. Und er bekam Brot und Milch. »Wie bist du doch eigentlich wieder hierher gekommen?« fragte Marion. »Ich hatte noch etwas zu sagen.« Das war alles, was Markus antwortete. Als er gegessen hatte, fragte er: »Findet heute abend eine Versammlung statt? und wer hat sie einberufen?« »Die Politiker,« antwortete der junge Typograph. »Felbeck will Präsident der Republik werden,« sagte der braune Mann. »Gibt's Diskussion?« fragte Markus. »Na, und ob. Hakkema kommt auch. 's wird hoch hergehen,« sagte Jan. »Du mußt auch sprechen, Markus,« meinte Roodhuis. »Du mußt den verdammten Raufbolden auch mal was auf den Kopf geben, genau so wie den Gottesdienern.« »Gottesdienern habe ich niemals etwas auf den Kopf gegeben,« sagte Markus. »Das ist schade genug, Gott verdamm mich!« sagte der Sandalenmann. »Die Gottespest ist an allem Übel schuld.« »Nein, der Militarismus,« sagte Roodhuis. »Nein, der Alkohol,« rief der junge Typograph. »Auch nicht – das Fleischessen ist dran schuld,« sagte eine blasse zarte Frau, die kaum zwanzig Jahre zählen mochte. »Erst werden Tiere geschlachtet, dann wird Fleisch gegessen, dann wird getrunken und dann gestohlen und gemordet. Das eine entsteht aus dem andern.« »Und ich sage, solange sich das Volk ducken und aussaugen läßt von Königen und Priestern, und solange sie noch vor einem Herrn katzbuckeln, ob der nun Prinzipal heißt oder Gott, das kommt auf eins raus, solange bleiben wir im Elend.« »Na, Markus,« sagte Jan, »sag' du jetzt auch mal was. Du verstehst es besser als die alle zusammen, sollte ich meinen.« »Ich will euch wohl eine kleine Geschichte erzählen,« sagte Markus, »wenn ihr mir versprechen wollt, sie gut zu behalten und keine Erklärung dafür zu verlangen.« »Warum keine Erklärung?« fragte der Braune, »was hat das nun wieder zu bedeuten? Ist's am Ende ein Rätsel?« »Ich will auch ebenso gerne schweigen,« sagte Markus. »Vorwärts, schieß los, Markus! Wir werden auch kein Wort mehr fragen als das, was du uns sagen willst.« »So hört denn,« sagte Markus, und er begann mit einer Stimme, die alle zum Zuhören zwang: »Es lebten einst arme Feldarbeiter, die waren sehr arm, so arm, daß sie, wenn man sie fragte, wie sie doch eigentlich mit all ihren Kindern ihr Auskommen hätten, zur Antwort gaben: Der Kirchhof hilft auch mit. »Sie hatten einen reichen Gutsherrn und es gab Überfluß an Land. Aber sie mußten tagein tagaus so lange und so schwer arbeiten, daß sie nichts lernen konnten, auch nicht, wie man am besten säet, pflügt und erntet. Sie verrichteten einzig und allein die Arbeit, die ihnen aufgetragen wurde. So blieben sie dumm, weil sie arm waren und arm, weil sie dumm waren. Und es schien, als ob das so bleiben sollte bis in alle Ewigkeit. »Der Gutsherr aber wurde durch die Arbeit seiner vielen Arbeiter reicher und reicher. Und je reicher er wurde, desto habsüchtiger und liederlicher und träger wurde er... Und er verlangte, daß seine Arbeiter noch schwerer arbeiten sollten, weil er immer mehr und mehr verbrauchte. »Allein das konnten sie nicht, und der Kirchhof half so sehr schon mit, daß sie das Entsetzen packte. »Da fiel infolge der großen Not ein Fünklein Licht in einen unter ihnen, und der sagte zu den andern: »Brüder, dies ist nicht gut, denn wenn das so weiter geht, werden wir alsbald gestorben sein. Wir haben jetzt lange genug gehungert. Laßt uns ihn totschlagen und uns die Schätze zu eigen machen, die wir für ihn aufgehäuft haben.« »Der Plan erschien den andern gut, und sie wunderten sich, daß sie darauf nicht schon früher gekommen waren. Darauf erschlugen sie den reichen Gutsherrn und verteilten seinen Reichtum. Aber da dieser verschwenderisch gelebt hatte, und da sie selber nicht wußten, wie sie wohl am besten säen und pflügen und ernten könnten, waren sie nach Verlauf von kurzer Zeit noch ärmer als zuvor. »Da kehrte der Sohn des Gutsherrn zurück, der geflohen war, und er sprach also zu ihnen: »Seht, es war dumm von euch, euren Herrn zu erschlagen, denn jetzt werdet ihr sterben müssen, weil ihr euch nicht selbst zu helfen wißt.« »Da antworteten sie: »So sei du uns ein besserer Herr und wir werden dich am Leben lassen.« »Und der Sohn des Gutsherrn, der die Kenntnisse seines Vaters besaß, ließ sie arbeiten mit kluger Umsicht. Und er wurde reich und sie blieben arm, so arm, daß noch immer der Kirchhof helfen mußte, wenn auch nicht mehr so bis zum äußersten wie zuvor. Dennoch gab es Land im Überfluß. »Allein das Fünklein des Wissens, das in jener äußersten Not aufgeleuchtet war, glomm weiter, und jener eine Arbeiter sprach wiederum zu den andern: »Brüder, es ist doch noch nicht gut. Denn wenngleich wir noch nicht Hungers sterben, so sterben doch unsere Kinder. Und wenn es nicht gut ist, seinen Herrn zu erschlagen, warum sollte es dann wohl gut sein, ihn so reich zu machen, daß er faul und liederlich und übermütig wird? Wir arbeiten hart und er sammelt Reichtümer durch unsere Arbeit. Aber er behält ihn nicht, denn als wir seinen Vater totschlugen, fanden wir nicht einmal so viel, daß wir uns eine Woche davon hatten ernähren können. Wir dürfen das nicht dulden, denn unsere Frauen und Kinder könnten von dem leben, was er vergeudet.« »Da sagte ein anderer: »Den Gutsherr brauchen wir nicht, wohl aber seinen Verstand. Denn als wir unsern Herrn erschlagen hatten, da fanden wir den Reichtum nicht mehr, den wir erarbeitet, und auch nicht den Verstand, um neuen Reichtum zu schaffen. Daher sind wir jetzt ebenso elend wie zuvor.« »Darauf sagte ein Dritter: »Ohne unsere Arbeit muß er sterben, aber ohne seine Kenntnisse müssen wir sterben. Lasset uns zu ihm gehen und ihm sagen, daß wir ihm unsere Arbeit nicht geben wollen, wenn er uns seine Kenntnisse nicht gibt. Weigert er sich, dann werden wir mit ihm sterben, stimmt er ein, dann werden wir mit ihm leben.« »Also taten die Arbeiter. Und der junge Gutsherr, der den Tod fürchtete, lehrte einen jeden, der ihn danach fragte, wie er säen und wie er das Land düngen und bewässern solle, und die Geheimnisse des Betriebes lehrte er sie, auf daß sie leben könnten. Und er gab auch einem jeden, der ihn darum bat, ein Stück Land zum Bebauen und eine Handvoll Getreide. »Denn mit so wenigem haben auch meine Vorfahren begonnen,« sagte er. »Da nahmen einige die Handvoll Saatkorn und aßen sie auf, weil sie so arm und so gierig waren, und das Stückchen Land verschacherten sie und um die Kenntnis des Betriebes kümmerten sie sich nicht. »Und andere eigneten sich die Kenntnisse an und bebauten ihr Stückchen Land mit dem bißchen Korn. Und den Ertrag der Ernte verjubelten sie, weil sie so lange schon Not und Entbehrung gelitten hatten. Und jene ersten, die wiederum arm geworden waren, nahmen sie zu sich in Dienst. Und so wurde aus einem jeden von ihnen ein Gutsherr, und dem ersten Gutsherrn gaben sie ein Teil des Ihrigen. Und so wurde der erste Gutsherr sehr reich, und auch andere bereicherten sich, und nur die Allerärmsten blieben elend wie zuvor. Und alles, was bisher geschehen war, das Faulenzen und das Vergeuden und das Erschlagen, begann von neuem. Und der Kirchhof mußte auch fürderhin helfen. »Allein der Funke des Wissens, der einmal aufgelodert war, leuchtete weiter. Und einer der Arbeiter sagte zu den anderen: »Brüder, noch ist es nicht gut. Denn wir bleiben Unglückliche, die Reichen sind unglücklich durch ihren Überfluß, und die Armen durch ihre Armut. Wie soll das wohl jemals anders werden?« »Darauf sagte ein anderer: »Brüder, wir haben unserm Gutsherrn seine Macht genommen und wir haben ihm seine Kenntnis genommen. Wir brauchen ihn nicht mehr. Aber welcher Herr ist es denn, den wir brauchen? denn sind wir nicht ebenso elend wie zuvor?« »Da sagte ein anderer: »Brüder, wir brauchen dennoch einen Herrn, aber einen, der uns Weisheit lehrt und Liebe. Denn ist es nicht Torheit, die manche dazu gebracht hat, ihr Saatkorn aufzuessen? und ist es nicht Lieblosigkeit, die viele dazu bringt, ihre ganze Ernte zu vergeuden und sich die Ärmsten dienstbar zu machen?« »Da wählten sie sich einen Herrn, der sie die Weisheit lehrte und die Liebe, und dieser sagte: »Ihr werdet kein Land in volles Eigentum geben, denn es ist alles ein Lehen, und von eurer Ernte sollt ihr nicht mehr verzehren, als euch und den eurigen nötig ist, um gesund zu leben, und alles übrige sollt ihr von neuem säen, denn es gibt Land genug. Und niemand soll für einen andern arbeiten, der ebenfalls arbeiten kann, aber es nicht tut.« »Und sie handelten nach diesem Befehl. Und unter diesem Herrn gründeten sie ein Reich des Überflusses, das Freiheit hieß.« Markus schwieg, und mit ihm alle Anwesenden während einer ganzen Weile. Endlich sagte der Mann in dem braunen Anzug: »Na, das hätten sie aber doch auch ohne Herrn und ohne Befehl tun können.« »Sag mal, Markus!« rief Jan van Tyn, »wenn du etwa solchen Herrn weißt, dann schreib mich nur mit auf die Bewerberliste. Mein Wort drauf, daß ich bei dem nicht in Streik gehen würde.« »Jesus Christus noch mal, bist du Anarchist?« sagte der andere. »Du schmeißt ja alle deine Prinzipien über Bord.« Jan blickte ihn flüchtig an. »Ich hör' noch nichts fallen,« sagte er trocken. Und dann links und rechts auf seine Nachbarn schauend: »Hört ihr was?« Die Gesellschaft lachte, und Markus sagte, während er ihn ernsthaft anschaute: »In den Dienst kannst du sofort eintreten, Jan, ebenso gut wie jeder andere.« »Was für'n dummer Kerl,« sagte der mit dem braunen Anzug. Auf dem Wege zum Versammlungslokal kamen sie an dem königlichen Palast vorüber. Dort waren alle Fenster erleuchtet, denn es hatte soeben ein Festmahl stattgefunden, und die Heirat war somit wiederum ein wenig näher gerückt. Die Lakaien blickten mit geringschätzigem Lächeln aus dem Fenster auf die dichtzusammengedrängte Menge. Die Husaren saßen hoch aufgerichtet zu Pferde, den Karabiner auf der Hüfte. Die Menge rief. Man wollte das Brautpaar sich wiederum verneigen sehen. Und nach einer Weile wurden die Balkontüren geöffnet und genau so wie der Kuckuck in der Kuckucksuhr beim Schlag der Stunde, traten der König und die Königin auf den Balkon hinaus und begannen sich zu verneigen – aber viel, viel mehr Male, als die Uhr Stunden schlug. Da hatte die Menge ihren Willen und jauchzte befriedigt. Und Johannes empfand auch ganz deutlich etwas wie Begeisterung, aber gleichzeitig auch Mitleid, denn es wollte ihm fast scheinen, als habe die Menge ihren Spaß daran, diese beiden armen Menschen sich immerfort verneigen zu lassen, ohne sich zu fragen, ob sie dazu auch wohl Lust verspürten, sogleich nach dem Essen und nach einem so unruhigen Tage. In dem Versammlungslokal war es sehr voll und warm. Die Menge staute sich vor dem Eingang. Dort drinnen sah man über einer dicken Wolke von Tabaksqualm Dr. Felbeck an einem mit grünem Tuch bezogenen Tisch sitzen. Vor ihm stand ein schwarzer Hammer und eine Wasserflasche mit ein paar Gläsern. Der Tisch stand auf einer kleinen Bühne zwischen Kulissen, die einen Wald im Mondenschein darstellten. Im Saal ging es sehr lebhaft zu. Überall schrien die Kolporteure mit marktschreierischem Ruf ihre Wochenblätter und Broschüren aus: »Der Bahnbrecher, zehn Pfennige die Nummer.« »Thron, Börse und Altar oder das Diebskomplott entlarvt! neueste Nummer fünf Pfennige!« »Lest die Gottespest oder der Ursprung alles Übels!« »Wer sind die Mörder? interessante Enthüllungen!« Dr. Felbeck sah sich mit seinen dunklen stechenden Augen im Saale um wie ein Feldherr, der das Schlachtfeld überschaut. Hin und wieder sprach er ein paar Worte mit dem Vorsitzenden, der gleichfalls Parteigenosse war, allem Anschein nach über diesen oder jenen Förderer oder Widersacher, den er im Publikum bemerkte. Ab und zu nickte er lächelnd in den Saal. Die Türen wurden geschlossen; der Saal war überfüllt. Ein paar behelmte Schutzleute stellten sich an der Tür auf. Der Vorsitzende, ein sympathisch aussehendes junges Herrchen, rückte an seinem Kneifer, ergriff den Präsidentenhammer mit der linken Hand, klopfte auf den Tisch und sprach ein paar Worte. Allmählich begann es still zu werden. Da erhob sich Dr. Felbeck, die beiden Hände auf die Tischplatte gestützt, den Kopf zurückgeworfen wie eine sprungbereite Katze. Dann richtete er sich in seiner ganzen Länge auf, musterte die Reihen der Zuschauer herausfordernd und anscheinend sehr siegessicher und begann dann: »Genossen!« Die Rede dauerte anderthalb Stunden. Was er sagte, deckte sich so ungefähr mit dem, was Johannes bei der ersten Begegnung aus seinem Munde gehört hatte. Das mißhandelte Proletariat solle sich endlich zum Kampf gegen seine Unterdrücker rüsten, zum Kampf gegen die verrottete bürgerliche Gesellschaft, gegen die Besitzer der Geldschränke, die von Soldaten und Geistlichen gestützt und von der Krone vertreten würden. Das Volk müsse sich seiner Macht bewußt werden, denn das Volk sei der Ursprung alles Reichtums, und dem Volke gehöre die Zukunft. Wenn die Arbeiter sich nur zusammentun wollten, so würden sie bald in der Lage sein, ihre Gesetze zu diktieren. Sie seien doch weitaus in der Mehrheit. Sie müßten das Parlament bilden, die Soldaten befehligen, von den aufgespeicherten Reichtümern Besitz ergreifen, und dann würden sie bessere Gesetze machen und den Herren ihre unverdienten Vorrechte entreißen, und es würde die Zeit der Freiheit und der Verbrüderung anbrechen. Dabei rechnete Dr. Felbeck aus, wieviel Gulden der König in jeder Minute zu verzehren habe, und wie ganze Arbeiterfamilien eine Woche lang von demselben Betrage leben müßten. Er wies nach, wie viele Menschen unaufhörlich hart arbeiten müssen, damit all diese Pracht und Herrlichkeit bezahlt werden könne. Er schilderte ausführlich, wie die Reichen leben und wieviel Köstliches sie besitzen, und wie doch ein jeder Mensch auf all das Schöne und Gute sein Anrecht habe. Und mit Tränen in der Stimme schilderte er dann, wie der arme Tagelöhner mit seinem kärglichen Lohn auskommen müsse. Und er sagte, die Arbeiter müßten lernen ihre Feinde zu hassen, und sie dürften sich um keinen Preis von bestechlichen Friedensaposteln ködern lassen, denn auf solche Weise würden sie ewig im Elend bleiben. Und sie müßten doch auch endlich mal ihre Freude am Leben haben, sie, die bisher stets am kürzesten Ende gezogen. Mit gespannter Aufmerksamkeit folgte die Versammlung Dr. Felbecks Ausführungen. Die Zuhörer wurden immer aufmerksamer und der Redner immer erregter. Hin und wieder brach in der Menschenmenge ein lautes Gelächter aus, und der Saal dröhnte vom Klatschen und Trampeln: ab und zu wurde auch laut gejubelt. Und als der Redner mit einem feurigen Satz schloß, und begeistert zum Anschluß an das große Arbeitsheer, die Internationale sozialdemokratische Arbeiterpartei, aufforderte, da entstand ein Lärmen, bei dem Johannes Hören und Sehen verging. Der Redner setzte sich wieder, sehr befriedigt; aber dennoch erwartete er voller Spannung, was die nun folgenden Redner wohl zu sagen haben mochten. Wiederum Hammerklopfen. »Bittet noch jemand um das Wort?« Drei, vier Hände streckten sich gleichzeitig empor. »Hakkema hat das Wort.« »Ach so,« sagte Jan van Tyn, »jetzt geht's los.« Hakkema war ein kleiner vierschrötiger Mann mit langem Haar, das er gerade nach hinten gekämmt trug und das ihm bis in den Nacken fiel. Seine Stimme klang rauh und heiser von allzu vielem Sprechen, und während er redete, legte er den Kopf zurück, so daß sein struppiger Bart weit vorragte. Er begann leise, beinahe zaghaft, sich dem vorigen Redner scheinbar anschließend. Aber alsbald merkte das Publikum, daß er ihn tüchtig zum besten hielt. Und seine grobe Stimme klang stets lauter und rauher, und seine Scherze wurden stets beißender und höhnischer. Und das Publikum, das sich mit fortreißen ließ, brach gleichfalls zum großen Teil in lautes und höhnisches Gelächter aus, während einige versuchten, diesem Skandal durch Zischen und Pfeifen ein Ende zu bereiten. Der Spott richtete sich vornehmlich dagegen, daß der Vorredner sich zwar Proletarier nenne, daß er aber nichtsdestoweniger eine Villa in Driebergen besäße und seinen Sohn Jura studieren ließe und sehr selbstlos die Interessen des Volkes vertreten wolle, wenn das Volk dann nur so freundlich wäre, ihn mit vierzig Gulden wöchentlicher Diät in die Zweite Kammer zu schicken. Daß, wenn der König Dr. Felbeck morgen zum Minister ernenne, mit einem Gehalt von achttausend Gulden, daß Dr. Felbeck das dann annehmen würde aus lauter Liebe zum Arbeiterstande. Und dann könne der Arbeiter zum Minister Felbeck in Audienz gehen und ihn fragen, warum denn die Portionen an den Arbeitertischen noch immer so klein blieben, und wann denn eigentlich die allgemeine Alimentation von Staatswegen beginnen würde. Und nachdem er etwa eine halbe Stunde in dieser Weise gesprochen, endete der Redner mit der Ermunterung zu einem reineren Klassenstreit, der unter den Proletariern keine »Herren« dulden, und der die Wölfe im Schafsfell – dabei wies er auf Dr. Felbeck, der höhnisch lächelnd seinen Bleistift spitzte – ein für allemal ausschließen würde. Zu einem Klassenstreit, der jeder Herrschaft, jedem Zwang und auch der Tyrannei einzelner Parteien den Krieg erklären würde. Und so lange solle das währen, bis man eine freie Gemeinschaft erreicht habe, in der sich ein jeder das aneigne, was ihm zusage, ohne Herren, ohne Prinzipale, ohne Geldschränke, ohne Götter und ohne Gesetze. Der Applaus für diesen Redner war nicht weniger donnernd, aber doch von schrillem Pfeifen und Rufen wie »So'n Hund!« und »Schmeißt ihn raus!« unterbrochen. Allein Felbeck stand seinen Mann. Und mit grimmigen Gebärden und derben Faustschlägen auf den grün bekleideten Tisch erklärte er seinen Widersacher für einen Volksverräter, einen Mann ohne Verstand und Gewissen, einen Feind des Arbeiters, einen Zwietrachtssäer, der niemals etwas anderes würde zuwege bringen können, als Unordnung und Verwirrung. Das Publikum wurde immer unruhiger. Zehn, zwanzig Redner erhoben sich gleichzeitig von ihren Sitzen. Scharfe Worte flogen hin und her. Ein jeder glaubte, daß es nun auch für ihn an der Zeit sei, etwas zu sagen. Die Frauen begannen ängstlich zu werden, und die Polizisten blickten ihre Vorgesetzten an, gleich als erwarteten sie das Zeichen, daß sie der Sache ein Ende machen sollten. Während all der Zeit hatte Markus zwischen Marion und Johannes gesessen, ohne auch nur im allergeringsten Zustimmung oder Mißbilligung zu äußern. »Hast du zugehört. Markus?« fragte Marion, da es ihr schien, als sei er mit seinen Gedanken ganz wo anders. Er nickte bejahend. »Dann sprich du doch jetzt mal,« sagte Marion. »Ach ja, tu das doch,« bat Johannes, »sage du ihnen, wer recht hat.« »Vorwärts, Markus, wer's weiß, der muß es jetzt sagen,« rief van Tyn. »Das ist nicht leicht,« sagte Markus, während er sich erhob. Seine Gestalt zog, wie immer, so auch jetzt die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, und der geschickte Leiter einer unruhigen Versammlung fühlt sofort, wem er das Wort erteilen muß, um die Ruhe wieder herzustellen. So erklangen Markus' erste Worte durch die allmählich entstehende Stille wie durch einen Sturm, der sich legt, und während er sprach, ward es endlich ganz still. Aber es wurden keinerlei Zeichen des Beifalls oder der Mißbilligung hörbar. »Es sind hier Väter und Mütter,« begann Markus, »die wissen, was verdorbene Kinder sind. Das verdorbene Kind, das stets verzogen und mit Süßigkeiten gefüttert wurde, sobald es weinte, wird launisch, bösartig und krank. »Aber sollen wir denn miteinander tun, was wir mit unsern Kindern nicht tun dürfen? Dem Volke wird geschmeichelt mit Lobhudeleien auf seine Macht und Kraft, es wird mit der Süßigkeit schöner Worte über sein allzu lang erduldetes Unrecht und sein Anrecht auf Besitz und Lebensfreude gefüttert. Das hört ihr alle gern, nicht wahr? »Aber was man gern hört, das ist darum noch nicht das Beste, was gesagt werden kann. Es gibt auch harte Dinge, die gesagt und angehört werden müssen. »Ich weiß, daß ihr mir nicht zujubeln werdet wie jenen beiden andern, und dennoch bin ich euch ein besserer Freund als sie. »Ihr erduldet Unrecht. Aber darauf solltet ihr euch nichts zugute tun, sondern ihr müßtet euch dessen schämen. Denn wer dauernd Unrecht erduldet, der ist entweder zu schwach oder zu dumm und zu gleichgültig, um es abzuwerfen. »Ihr solltet nicht fragen: »Warum wird es uns angetan? sondern: warum können wir es nicht abwerfen?« Und die Antwort auf diese Frage lautet: »Schwachheit, Dummheit, Gleichgültigkeit.« »Ich mache euch keinen Vorwurf, aber ich sage euch: Macht nicht andern einen Vorwurf statt euch selber, das allein ist der Weg zur Besserung. »Ist hier einer unter euch, ein einziger nur, der mir feierlich zu versichern wagt, daß er, wenn ihm von seinem Prinzipal ein ehrenvolles Amt angetragen würde, um seiner guten Arbeit und seines tüchtigen Verstandes willen, ein ehrenvolles Amt, das besser bezahlt wird als das seiner Kameraden – der dann antworten würde: »Nein, Prinzipal, das nehme ich nicht an, denn dann würde ich meine Kameraden verraten und zu der andern Partei übergehen.« Ist hier ein solcher ? dann soll er sich erheben.« Aber niemand rührte sich; und es blieb sehr still. »Nun wohl,« fuhr Markus fort, »dann ist hier auch kein einziger, der das Recht hätte, die Reichen zu schmähen, die er würde hassen und zertreten müssen. Denn ein jeder unter euch würde tun, so wie jene Reichen, wenn er an ihrer Stelle wäre. Und es würde in der Welt nicht besser aussehen, wenn Ihr dort ständet, wo sie jetzt stehen. »Warum laßt ihr euch schmeicheln und ködern? Ihr hört immerfort, daß ihr die unterdrückte Unschuld seid, die so furchtbar leiden müsse, die so viel besseres verdiene, die so gut und so mächtig sei, die die Welt so trefflich regieren würde, und die es jetzt endlich auch einmal gut und schön haben müsse. »Und wenn dem auch wirklich so wäre, ihr Männer! Ist es dann wohl gut, euch das immer und immerfort zu wiederholen? Wird man auf diese Weise nicht eingebildete Toren aus euch machen? Wird die Wirklichkeit sich nicht furchtbar rächen an euch und an jenen Schmeichlern? »Denn es ist Lüge und Einbildung. »Ihr würdet die Welt nicht besser regieren, ihr habt dazu noch nicht die Weisheit, auch nicht die Liebe. Ihr seid nicht bedauernswerter als eure Unterdrücker, denn mögen sie auch eurem Körper schaden; so schaden sie doch auch ihrer eigenen Seele, und der Reiche wandelt auf gefährlicheren Wegen als der Arme, und es ist immer noch besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun. »Und das Gute der Welt kommt euch noch nicht zu, denn ihr würdet ebensolchen Mißbrauch damit treiben wie sie, gegen die man euch in den Kampf hetzt. »Führet den Kampf und höret nicht auf zu kämpfen bis zu eurem Tode. Aber es muß der Kampf sein von Gerechten gegen Ungerechte, von Klugen und Liebevollen gegen Dumme und Rohe. Und fragt nicht, woher eure Kampfgenossen kommen, denn ihr seid nicht die einzigen Unglücklichen, ihr seid nicht allein menschlich unter den Menschen, und guter Wille und Aufrichtigkeit sind nicht im ausschließlichen Besitz der Armen.« Obgleich es Johannes scheinen wollte, daß Markus' Stimme nicht so wunderbar ergreifend klang wie sonst, hatten die Menschen ihm doch sehr aufmerksam zugehört. Und als er abbrach und sich niedersetzte, ohne einen besonders oratorischen oder packenden Schluß gemacht zu haben, waren sie doch alle während vieler Augenblicke totenstill. Und keine Hand rührte sich. Aber gerade diese Stille reizte Dr. Felbeck. »Wir brauchen nicht zu fragen, Genossen«, begann er in seinem höhnischsten Ton, »aus welchem Loch hier der Wind weht. Das ist noch einer von jener altmodischen Gruppe bürgerlicher Idealisten, die die Welt mit Traktätchen und Predigten reformieren und die Arbeiter durch Unterwürfigkeit artig und geduldig halten wollen. Ich frage euch, ihr Arbeiter, seid ihr nicht lange genug geduldig gewesen? Habt ihr nicht ein Anrecht an die Lebensfreude? sollt ihr etwa den Bauch eurer armen hungernden Kleinen mit Schwätzereien über Weisheit und Liebe füllen?« »Nein, nein,« brüllte darauf die Menge, sogleich wieder aus dem Bann der Ehrfurcht befreit, der sie einen Augenblick gefangen gehalten hatte. »Laßt euch durch dieses Geschwätz, das den Klassenstreit aus der Welt schaffen will, nicht irre machen. Ach, so was hören die Herren vom Geldschrank nur allzu gern, denn vor dem Klassenstreit fürchten sie sich nicht schlecht. Aber wenn sie diesen Herrn hier sprechen hörten, dann würden sie jubeln. Paßt mal auf, der wird's noch weit bringen. Es wird auch eines Tages wohl noch ein Orden für ihn abfallen.« »Und eine kleine Pension«, meinte Hakkema, während das Publikum lachte. »Er ist ein verkappter Pastor«, sagte der Mann mit dem Manchesteranzug. »Und du willst, Gott verflucht! ein Arbeiter sein?« rief eine Stimme ganz hinten im Saal, »und willst mir weismachen, daß es meine Schuld ist, wenn meine Kinder vor Hunger verrecken, und nicht die Schuld dieser verfluchten Aussauger? Ein ganz verdammter Pestkopf bist du, aber kein Arbeiter!« Markus saß ganz still und blickte gerade vor sich hin in die Flamme eines Gaslichtes. Aber Johannes sah, daß er totenbleich war und daß seine Augen immer tiefer in ihre Höhlen zu sinken schienen. Schweißtropfen perlten an seinen Schläfen. Hakkema erhob sich. »Ich weiß zufällig, Genossen, daß dieser Mann soeben aus dem Irrenhause entsprungen ist. Das ist ein mildernder Umstand, sonst ...« fuhr Hakkema fort, während er seine geballte Rechte aus der Tasche holte und sie vor sich hinstreckte, »sonst möchte ich ihm wohl gern mal die Faust vor die Schnauze halten und ihn fragen, ob er denn gar kein Gefühl im Leibe hat, daß er dem Arbeiter nicht mal ein kleines bißchen Freude in der Welt gönnt – nach all dem Vergnügen, nicht wahr, nach all dem köstlichen Vergnügen, das wir uns schon haben leisten können, von zweihundert Cents pro Tag.« »Hanswurst!« rief da der junge Typograph zu Markus hinüber, derselbe, der das Gedicht über Golgatha vorgetragen hatte. »Ich werde dich mal zu mir einladen – dann sollst du sehen, wie's bei mir zu Hause aussieht mit meinen sechs Kindern und dem siebenten in Sicht, und die Kleider im Pfandhaus und seit drei Tagen kein warmes Essen – dann kannst du mal sehen, wie gut ein Arbeiter es hat.« »Scheußlicher, ekelhafter Sodomiter – Brotsozialist – die Gurgel werde ich dir abbeißen – dein Blut will ich saufen, du Scheusal«, so erklang es von allen Seiten; und die Menge wurde immer erregter. Der Mann in dem braunen Anzug schrie unaufhörlich Scheltwörter wie: Dieb, Schurke, Luder! und das Allerschlimmste, was er sich nur ausdenken konnte, und war so erregt, daß ihm die Tränen über die blassen verzerrten Wangen rannen. Der Lärm wurde betäubend. Johannes ballte die Fäuste und starrte in die bleichen zornigen Gesichter mit den bösartig funkelnden Blicken, die ihn von allen Seiten bedrohten. Neben ihm saß Marion mit vor Entsetzen weit geöffneten Augen. Markus verharrte unbeweglich. Die Schweißtropfen auf seiner Stirn und an seinen Schläfen wurden so zahlreich, daß Johannes sein Taschentuch zum Vorschein holte und sie ihm abwischte. Jan van Tyn erhob sich, fühlte aber sogleich, daß er diesem Sturm nicht gewachsen war. Er begann: »Sagt mal, seid ihr denn ganz und gar ...« allein man überschrie ihn, und drohte, daß man ihm die Hirnschale einschlagen würde. Und bereits sah man hocherhobene Fäuste und Stühle durch die Luft schwirren. Da gab der Inspektor endlich den Wink, auf den die Schutzleute schon längst gewartet hatten, und erklärte mit einer harten, gleichmäßigen Stimme, daß das Lakai geräumt werden solle. Und diese Arbeit wurde in kurzer Zeit verrichtet, mit der ruhigen Selbstzufriedenheit der Beamten, die wohl gehofft hatten, daß es wieder so ablaufen würde wie gewöhnlich. Die Familie Roodhuis und van Tyns blieben mit Marion und Johannes ein wenig zurück. Roodhuis und van Tyn würden Markus schon beschützen, wenn Not am Mann wäre, sagten sie. Markus aber antwortete darauf nur: »Keine Gefahr.« »Glaube du jetzt nur ja nicht, Markus,« sagte Jan van Tyn, »daß das so viel zu bedeuten hat – ich kenne die Arbeiter, es steigt ihnen immer alles rasch zu Kopf. Aber morgen schreien sie wieder anders. Sie sind so übel nicht, nur ein wenig roh, weißt du, noch so'n bißchen wie halbe Wilde. Willst du mir glauben, Markus, und sie deshalb doch nicht verachten?« »Nein, Jan, ganz gewiß nicht, wenn ich nur genug Kräfte habe«, sagte Markus, und seine Stimme klang heiser und unsicher. An einem frostigen Herbsttage saßen sie zu dritt in einer düsteren Gaststube beisammen, so wie einst in dem Dorf der Bergleute. Und auch ein vierter war noch dabei, aber um den war es gar traurig bestellt Keesje lag auf Markus' Schoß, in eine kleine Decke aus altem verschossenem mattrotem Flanell gehüllt. Sein dunkles Gesichtchen war voller Falten wie ein alter Schuh; er war klapperdürr, und sein Atem pfiff und keuchte. Ein behaartes Ärmchen kam aus dem roten Flanell zum Vorschein, und ein langes mageres Händchen umfaßte Markus' Daumen. Und wenn Markus seine Hand flüchtig gebrauchen mußte, dann sah man das schwarze Affenhändchen tasten und suchen, und die braunen Äuglein unruhig umherspähen, gleich als ob nun alles Gefühl der Geborgenheit gewichen sei. Sie hielten sich in dem Abstinenzler-Café auf, denn Roodhuis gewährte Markus noch stets Gastfreundschaft, obwohl das für sein Geschäft nichts weniger als vorteilhaft war. Nach jener Protestversammlung hatte Markus' Anwesenheit bei Roodhuis sämtliche Genossen dazu veranlaßt, das Wirtshaus zu meiden; mit Ausnahme von van Tyn und einigen wenigen Unabhängigen kam von den alten Kunden keiner mehr. Roodhuis wollte es aber trotzdem durchaus nicht dulden, daß Markus etwa fortgehen solle. »Jetzt wirst du dich nie mehr vor diesem Vieh erniedrigen, das dich doch nicht versteht, und das deiner nicht wert ist«, sagte Marion mit dem Stolz einer, die weiß, wie es in vornehmen Kreisen zugeht, und die sich selbst von besserer Herkunft glaubt. »Was würdest du tun, Johannes? erzähle mir das mal«, sagte Markus freundlich, während er Keesjes Händchen in den seinen wärmte. »Ich weiß nicht, Markus«, sagte Johannes. »Es war ein gräßlicher Abend, denn ich konnte es nicht ertragen, daß es dir galt. Aber wenn sie es mir angetan hätten, so würde es mir ganz gleichgültig gewesen sein.« »Das ist recht«, sagte Markus, »und glaube jetzt nur ja nicht, lieber Johannes, daß ich weniger demütig bin als du. So eingebildet bist du doch wohl nicht, nicht wahr?« Johannes verneinte kopfschüttelnd. »Nun denn, es ist nicht die Schmach, die erniedrigt, sondern das niederträchtige Handeln. Und jene Menschen sind meiner Hilfe nicht weniger wert als zuvor. Böse Neigungen sind verirrte gute Neigungen.« »Dann gibt es auch keine schlechten Menschen«, sagte Marion. »Ei ei, gibt es denn etwa keine Nacht, weil es kein schwarzes Licht gibt? Nenne du einen Bösewicht nur getrost einen Bösewicht, und sorge nur dafür, daß du selber es nicht bist, Marion.« »Für den Vater gibt es doch keine Bösewichter, nicht wahr?« fragte Johannes. »Sollte es für den Vater nicht geben, was es für uns wohl gibt? Er aber weiß um das Wie und Warum, das wir nicht kennen.« »Aber ich habe gesehen wie du gelitten hast, Markus, an jenem entsetzlichen Abend, und das darf doch nicht sein. Darfst du denn das Hohe und Edle so verkennen und besudeln lassen?« Markus schwieg und neigte den Kopf über das hustende Äffchen. Darauf sagte er leise: »Ich habe gelitten, meine Teuren, weil Vater mir nicht genug Kraft gegeben hat. Saht ihr nicht, wie sie mich einen Augenblick anhörten und mir vertrauten? Aber darauf gab Vater dem Bösen wiederum die Macht, so wie er es häufig tut, ohne daß wir verstehen, weshalb. Hätte ich mehr Weisheit gehabt, so würde ich so gesprochen haben, daß sie mich verstanden hätten. Darum litt ich doppelt durch ihre Bosheit und Torheit, aber ich schämte mich auch, nicht ihretwegen, sondern nur um meiner Schwäche willen. Und ich sage dies, Johannes, auf daß du wissen sollst, was einem geziemt, der doch stärker ist, als du es jemals werden wirst.« Johannes blickte ihn lange andächtig an, das Kinn auf die gefalteten Hände gestützt, und flüsterte dann: »Ich glaube, lieber Bruder, daß ich verstehe.« So wohnten sie einige Zeit beisammen und sahen einander viel. Johannes und Marion verrichteten ihr Tagewerk in dem Kosthause, und Markus begab sich tagein tagaus auf die Arbeitssuche. Johannes aber gewahrte voll Unruhe und Betrübnis, daß er bleicher und müder aussah als sonst, und wenn Johannes während der Nacht wachend dalag, hörte er seinen Bruder, der bei ihm schlief, oftmals seufzen und leise stöhnen. Und eines Morgens ging Markus nicht aus, denn Keesje lag still und regungslos da und starrte vor sich hin, und konnte sich nicht rühren und nichts essen. Aber sobald Markus seine Hand von ihm nahm, begann er kläglich zu piepen, und dann mußte er so furchtbar arbeiten, um den Schleim aus seiner Kehle loszubekommen. Markus setzte ihn in das bißchen Sonnenschein, das durch das Oberlicht hinten auf den Ladentisch fiel. Und dort lebte er ein wenig auf und schaute nach den Fliegen, die, durch die Kälte träge geworden, langsam an seinem Kopf vorbei und über den Ladentisch krochen. Allein gegen Abend, als Marion heimkam, hatte Keesje ausgelitten. Er war gänzlich zusammengeschrumpft, und so leicht war er geworden wie ein Bündelchen Heu. Sie legten ihn in ein Zigarrenkistchen und begruben ihn am Abend zu dritt bei dem matten Schein einer kleinen Laterne in dem kleinen schwarzen fettigen Stückchen Erde, das einen Garten vorstellen sollte, und auf dem Abfall und Scherben den Platz von Bäumen und Blumen einnahmen. Marion und Johannes versuchten tapfer zu bleiben, aber es wollte ihnen nicht gelingen, und einer nach dem andern begannen sie zu weinen. »Eigentlich dumm, nicht wahr?« sagte Johannes noch immer schluchzend, »wegen solch eines kleinen Tierchens zu weinen. Es sterben so viel tausend Menschen jeden Tag.« Markus aber antwortete: »Es sterben hier Tausende, und endlos viele allüberall in Vaters Welten. Aber dennoch weint niemand eine Träne zu viel, der so weint, wie ihr jetzt weint. Denn die Tränen, die die Engel um Johannes weinen werden, wird er ebenso nötig brauchen als Keesje die seinen.« Nachdem sie endlich genug gelächelt, getafelt und gefeiert hatten, sollten der König und die Königin in der großen Kirche getraut werden, am Vormittag um elf Uhr. Und der Tag würde ein großer Festtag sein, und für den Abend war in sämtlichen Städten des guten niederländischen Reiches eine glänzende Illumination geplant. Es war nicht wahr, was Hakkema von Markus gesagt hatte, nämlich, daß er aus der Anstalt entsprungen sei. Man hatte ihn ganz einfach freigelassen, weil man ihn für ungefährlich hielt und weil man in den Irrenanstalten heutzutage um Gäste gerade nicht verlegen ist, besonders nicht in der vierten Klasse. Aber man hatte ihm aufs strengste angesagt, daß man ihn auch fernerhin scharf beobachten und bei der geringsten Ruhestörung wieder einsperren würde. Nach jener Protestversammlung war die Polizei denn auch schon mehrmals bei Roodhuis gewesen, um sich nach Markus zu erkundigen. Es wurde hinzugefügt, daß man ihm anrate, nicht mehr öffentlich zu sprechen, weil das leicht seine unmittelbare Verhaftung zur Folge haben könne. Und so hatte Markus denn nicht mehr öffentlich gesprochen, sondern war auf die Arbeitssuche gegangen. Er wanderte zu Fuß in die benachbarten Städte, oft stundenweit. Allein es war alles vergebens. Nicht immer übernachtete er bei Roodhuis, sondern hin und wieder auch wohl in irgend einem andern Ort, bei einem gutherzigen und vertrauten Freunde. Und Johannes bemerkte, daß Markus sehr arm wurde, denn er mußte von dem leben, was ihm die Freunde gaben, und die konnten auch nicht allzuviel entbehren. »Warum gehen wir denn nicht alle drei auf Reisen?« fragte Johannes, »so wie früher? Wir werden uns schon wieder unser Brot verdienen.« »Ja, das war eine schöne Zeit,« sagte Marion, »und wenn Markus jetzt mitgeht, dann wird es noch viel schöner. Er macht noch viel bessere Musik als wir. Wir werden viel Geld verdienen.« Allein Markus schüttelte den Kopf. »Nein, meine lieben Kinder, die gute Zeit kommt für uns drei nicht wieder. Für mich ist die Zeit des Singens vorüber und ich muß hier noch bleiben, denn meine Aufgabe ist noch nicht erfüllt. Aber doch binnen kurzem.« »Und gehen wir dann zusammen?« fragte Marion. »Nein, dann gehe ich allein,« sagte Markus, »binnen kurzem.« »Und wir?« Marion und Johannes sprachen diese beiden Worte beinahe gleichzeitig aus und in traurigem Ton. Dann war es eine Weile still. Darauf sagte Markus: »Ihr werdet getreu sein und meiner Worte gedenken, und genau so handeln, als wäre ich bei euch. Ist's nicht so?« Sie seufzten, und während jener Zeit waren ihre Gespräche meist kurz und traurig, und sie sangen gar nicht mehr. Aber an dem Morgen jenes Festtages, als in ganz Holland die Glocken von allen Kirchen läuteten, betrat Markus die kleine Gaststube mit einem Gesicht, so freudig, wie Johannes es noch niemals an ihm gesehen hatte. Seine Augen strahlten, und in seinen Blicken leuchtete ein Lächeln. »Hörst du die Glocken, Johannes?« fragte er. »Es ist ein Festtag.« Johannes hatte noch gar nicht an den Festtag gedacht. »Wie schön Markus, daß du so froh bist. Gibt's was Gutes?« »Hast du was gefunden?« fragte Frau Roodhuis. »Gott sei Dank, Mann.« »Das Schlimmste ist überstanden,« sagte Markus. »Jawohl, Frau Roodhuis, ich werde heute an die Arbeit gehen.« Und nachdem er sein Brot verzehrt, sagte er: »Johannes, geh' du mal zu van Tyn und frage, ob Marion mitkommen darf. Wir wollen gehen und uns den König und die Königin ansehen, wenn ihr wollt.« »Wohin gehen wir denn?« fragte Johannes. »In die Kirche, Johannes. Der Küster ist ein guter Freund von mir und hat mir ein Plätzchen für euch versprochen, oben im Chor, bei den Sängern.« Über den feierlichen Akt will ich euch hier nur lieber nicht ausführlich berichten, denn ihr habt das alles ja ganz genau in den Zeitungen lesen können. Wie das Gotteshaus dicht gefüllt war mit den vornehmsten und reichsten Bewohnern Hollands, und wie einer noch schöner gekleidet war als der andere. Daß die Firma so und so den Blumenschmuck geliefert habe, daß die Menschen am Abend zuvor schon vor den Türen gestanden, um des Morgens als erste Einlaß zu erhalten: daß das Brautpaar unter den Klängen das Mendelssohnschen Hochzeitsmarsches eintrat, und wie bezaubernd die Braut ausgesehen, nur sei sie ein wenig blaß gewesen. Wie ein imposanter Zug von goldstrotzenden Militärpersonen und Staatsbeamten dem Paar gefolgt und ringsum Platz genommen, so daß die Kirche einen wundervollen Anblick geboten. Wie ehrfurchtsvoll die Menschen sich alle erhoben, und wie bewegt sie alle waren. Wie der Pfarrer eine kurze aber gefühlvolle Ansprache hielt, die tiefen Eindruck machte. Wie würdevoll sich der König und wie anmutig sich die Königin während der gebräuchlichen Formalitäten benahm. Wie die Königin das »Ja« gesprochen, mit einer Stimme, die alle Anwesenden durchzitterte und tief bewegte. Wie der König darauf ein paar Worte gesprochen und wie er gelobt, daß er all seine Kräfte seinem teuren Volke widmen wolle. Wie er Gottes Segen für seine schwere, erhabene Aufgabe herabgefleht, und wie endlich ein donnerndes »Es lebe der König« und »Es lebe die Königin« erklungen sei, daß das ganze große Gebäude davon dröhnte. Das alles haben euch die Zeitungen ausführlich berichtet. Aber vielleicht entsinnt ihr euch, daß einzelne Blätter noch etwas hinzufügten, eine kleine Störung betreffend, die verursacht wurde durch das Auftreten eines Menschen, der allem Anschein nach nicht ganz bei Verstand war. Dem Vorfall sei indessen, wie die Blätter hinzufügten, nicht die allergeringste Bedeutung beigemessen, und er sei sofort wieder vergessen worden. Solche Dinge ereignen sich ja so häufig bei dergleichen Feierlichkeiten, denen eine große Menge beiwohnt. Der Ruhestörer sei, den Zeitungsberichten zufolge, ein Mann, der seines absonderlichen Betragens wegen schon längere Zeit polizeilicherseits scharf beobachtet werde. Alsbald sei er denn auch in sicheren Gewahrsam genommen worden, und die Polizei habe nicht wenig Mühe gehabt, ihn gegen die Volkswut zu schützen. Das hohe Paar habe diesem kleinen Zwischenfall nicht die geringste Bedeutung beigemessen und sei, freundlich lächelnd und grüßend, durch die begeisternd jubelnde Menge nach seinem Heime gefahren. So wurde es in einzelnen Blättern berichtet, nicht einmal in allen. Doch, jetzt werde ich euch einmal erzählen, wie sich die Sache in Wirklichkeit zugetragen hat. Ich weiß es ganz genau von Johannes und Marion, die durch Vermittlung des Küsters im Chorgestühl der Kirche einen sehr guten Platz erhalten und alles gesehen haben. Und von ihnen habe ich es gehört. Durch das Mittelschiff der Kathedrale zieht sich über den Bogen der Seitenschiffe und unter jedem der hohen Fenster eine ganz schmale Galerie mit einer steinernen Balustrade hin. Auf jene Galerie kann man nur durch ganz kleine Türen gelangen, die Mönchslöcher genannt werden, weil die Klosterbrüder in alten Zeiten von dort aus den kirchlichen Feierlichkeiten beizuwohnen pflegten. Nachdem nun der König seine kurze Ansprache gehalten hatte und alle Anwesenden augenscheinlich tief bewegt und ehrfurchtsvoll schwiegen, erschien plötzlich dort oben auf der schmalen Galerie ein Mann, der einen weiten, aschgrauen Mantelkragen und um den Hals ein weißes Tuch trug. Und plötzlich rief jener Mann, mit einer Stimme, die viel voller und mächtiger klang als die des Königs, so daß es durch die tiefe Stille bis in den fernsten Winkel des großen Tempels hallte, die Worte: »König der Menschen!« Alle blickten ihn an, auch der König und die Königin, die ihm gerade gegenüber standen. Er aber schien sie nicht zu sehen. Den Kopf hatte er leicht zurückgeworfen, so daß das dunkle Haar sich über dem weißen Tuch lockte; seine Augen starrten, mit halb geschlossenen Lidern, in das Licht, das durch die Bogenfenster fiel, gleich als wolle er die innere Sehkraft vor allzu scharfem Lichte schützen. Seine Gestalt trug er hochaufgerichtet, während er die eine Hand auf die weiße Balustrade stützte und die andere mit majestätischer Gebärde emporhob. Noch einmal erklang es: »Heil dem König der Menschen!« Der Zeremonienmeister mit seinem weißen Stabe und die goldstrotzenden Generäle und Diplomaten blickten alle verwundert, abwechselnd erst den Redner, dann einander, und endlich auch das königliche Paar an, nicht recht wissend, ob dies am Ende eine besondere Programmnummer sei, von der man offiziell nichts berichtet hatte. Aber da es großen Eindruck machte und der Stimmung der Anwesenden völlig angepaßt zu sein schien, lauschten alle mit gespannter Aufmerksamkeit. Und der Dirigent des Kinderchores, der gerade hatte einsetzen sollen, lauschte gleichfalls und wartete. Und unbekümmert sprach Markus das folgende: »Heil ihm, der der Menschenkönig genannt werden darf. Gesegnet, wer jenen Namen verdient. »Denn ihn krönet die Gnade Gottes, die die Weisheit ist. Sein Szepter heißt Liebe und sein Thron Gerechtigkeit. »Unter den Millionen, die klagend umher irren, ist er der Starke und Weise, der ihnen freudig voranschreitet und ihren Weg erleuchtet. »Gesegnet ist sein Gang, denn er zieht mühelos Hunderttausende mit sich. »Gesegnet sind seine Gedanken, denn weiter als alle anderen schaut er vor sich in die Wunder des Vaters. »Gesegnet ist sein Wort, denn er ist der Dichter, der Welten schafft nach des Vaters Vorbild, er ist Gottes Dolmetscher. »Er ist freudig in aller Betrübnis, glücklich in allem Mißgeschick, denn wo er geht, da geht er im Schatten des Ewigen und höret über sich seine Flügel rauschen. »Unter den zahllosen Krüppeln und Mißgestalteten, unter der Menge der Schwachen und Gebrechlichen ist er der einzig Vollkommene, der dartut, was der Mensch zu werden vermag. »Stark ist er und schön gebaut und stolz und bescheiden, wagemutig und geduldig, klug im Großen und verständig im Kleinen, streng in seinen Handlungen, weichen Gemütes, voll unbegrenzter Liebe, sanft und dennoch nimmer weich. »Denn er ist die einzige unversehrte reinfarbige Blume in dem Felde voller Bleichen und Mißformten. Ehre sei ihm! Erwählet ihn und umringet ihn mit Huld und Sorgfalt. Denn in ihm lebt die Zukunft und das ganze Geschlecht. »Er ist der Richter über der Menschen Wege, er trägt die Last ihres Leidens und ihrer Verwirrung, unentwegt, denn er weiß um das Ende und die Rettung. »Er ist es, der Ordnung in der Menschen Zusammenhang schafft und sie handhabt. Weil er weiß und begreift, und ihre Wünsche und Regungen vor seinem Geiste sieht wie eine sorgfältig gezeichnete Landkarte. »Er wirkt nicht durch Drohungen oder Gewalt, sondern durch die Überlegenheit seines Geistes, die ein jeder empfinden muß. »Er ist der Regler der menschlichen Arbeit, sie lehrend wie sie produzieren und verteilen sollen, ohne daß der eine in Überfluß schwelgt, während der andere in Mangel und Entbehrungen sein Dasein fristet, ohne daß der eine faulenzt, während sich der andere überarbeitet. Er entwirft und befestigt den Verband, der einem jeden seinen Platz in dem großen Haushalt sichert. So daß das Leben schön wird und leicht und geordnet, wie die Figuren eines wohlgeübten Tanzes. »So ist der König der Menschen. Seine Macht ist ihm verliehen, nicht durch den törichten Wahn Unmündiger, die Sklaven der Gewohnheit und eitler eingeprägter Furcht sind – sondern vermöge der vernünftigen Einsicht der Millionen, die in ihm ihrem besseren Ich folgen und es verehren. »Nicht schreitet er im Glanz äußerlichen Prunkes einher, noch trägt er eine goldene Krone, aber um sein Haupt strahlt, einem jeden erkennbar, die Gnade Gottes, die da ist die Weisheit, die Liebe und die Schönheit.« Nachdem Markus dies gesagt hatte, begann man hier und dort unruhig zu werden. Der Zeremonienmeister winkte, daß es genug sei, und schickte einen Lakaien zu dem Kapellmeister, um fragen zu lassen, warum denn noch nicht gesungen würde, so wie es vorgesehen sei – und einen andern an die Tür, um nachzusehen, ob die Equipagen bereits vorgefahren seien. Allem die Equipagen waren noch nicht da, und die Kinder, die den Chor singen sollten, blieben gänzlich betroffen und mit offenem Munde dastehen und starrten auf die fremde Gestalt, die mit solch wunderbarer Stimme sprach, gleich als käme sie aus dem Himmel – so daß der Kapellmeister nicht dazu imstande war, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, und allmählich einzusehen begann, daß es mit seinem so mühevoll einstudierten Gesang sicherlich wohl nichts mehr werden würde. Markus beachtete weder die zunehmende Erregung noch die wütenden Gebärden des Zeremonienmeisters, der ihm das Schweigen aufzuerlegen versuchte, sondern erhob seine Stimme jetzt so laut, daß sie donnernd durch das hohe Gewölbe widerhallte: »Wo ist ein König der Menschen? »Wo ist der Menschen König? Wo ist der Menschen Königin? Seinesgleichen, die ihn stützt und ihm ebenbürtig ist. »Suche sie, du unglückliches Menschtum! denn nimmer hast du ihrer so sehr bedurft, denn jetzt. »Sucht sie in allen Landen, ihr Unglücklichen, denn der Jammer und die Häßlichkeit und die Dürre und die Verwirrung lassen sich so nicht lange mehr ertragen. »Sucht sie in den Städten und auf dem Lande, sucht sie auch in den Armenvierteln und in den Spelunken, ja, sucht sie sogar in den Gefängnissen und Zuchthäusern. Denn so groß ist eure Wirrsal.« Und dann rief Markus, den Kopf leicht herabneigend, während er den funkelnden Blick auf das gekrönte Paar richtete und dann auf die Schar der geputzten und vornehmen Menschen ringsumher, mit gewaltiger Stimme: »Aber, sucht ihn nicht hier! Hat das Licht von Gottes Gnade hierher gewiesen? »Ist die Gnade Gottes hier allen erkennbar geworden, wie eine strahlende Aureole... die Weisheit, die Liebe, die Schönheit? »Was seid ihr für Kinder, ihr dort in euren Prunkgewändern und mit den Abzeichen eurer Würde, daß ihr glaubt, Einen zum König machen zu können, auch wenn Gott seine Gnade nicht offenbaret hat? »Werdet ihr, indem ihr euch auf einen eitlen Klang, auf einen Namen verlaßt, in eurer Vermessenheit verkünden: hier ist ein König, und hier muß sich auch die Gnade Gottes offenbaren, weil wir es also wünschen? »Werdet ihr wie Kinder und Eitle eurem Gott befehlen und Ihm sagen, wo Er seine Gnade zu gewähren hat? »Wer hat die Weisheit, die Schönheit, die Liebe und die Kraft dieses armseligen Menschenpaares gesehen, die doch die sichtbaren Zeichen von Gottes Gnade sind? »Zittert ihr denn nicht unter der entsetzlichen Verantwortung, die ihr auf euch ladet, auf euch und auf jene beiden Bedauernswerten, bei diesem gotteslästerlichen Puppenspiel?« Jetzt begann die Unruhe sich zu steigern. Wenn König und Königin, Grafen und Barone, Generäle und Hofmarschalle, Staatsräte und Minister kindisch und eitel genannt werden, so zeitigt das Aufruhr. Der König wurde rot, hustete vernehmlich hinter seinem weißen Handschuh und warf dem Zeremonienmeister einen zornigen Blick zu. Die Königin hingegen erbleichte und zupfte nervös an den Falten ihrer kostbaren Robe aus weißem Atlas, während sie sich halb umwandte. Ein gefaßter Höfling winkte dem Organisten zu und rief »Musik!« – Ein General – Johannes erkannte ihn von den Plejaden her – wollte versuchen, seinen Gebieter zu beschirmen, und rief mit der ganzen dramatischen Wucht und dem barschen Kommandoton seiner Stimme: »Schweige, du Bösewicht!« Allein ein jeder mußte einsehen, daß dies vielmehr possierlich als imposant wirkte, und keiner unter den Höflingen, Militärpersonen und Beamten traute sich selber genug persönliche Macht zu, um mit Stimme und Gebärde gegen diesen gewaltigen Redner aufzutreten. Jeder fühlte, daß er theatralisch wirken würde, während jener graugekleidete Mann dort oben nicht theatralisch war. Und das Publikum bot keinerlei Hilfe; das saß da, gänzlich bestürzt, und befand sich, wie jede große Menschenmenge, völlig unter dem Bann der mächtigen Persönlichkeit, und sei es auch nur vorübergehend. Endlich begriff der Organist, was man von ihm in dieser verzweifelten Situation erwartete, und er zog sämtliche Register und setzte mit einem schweren, dröhnenden Choral ein. Mittlerweile wurden eiligst zwei Polizisten hinaufgeschickt, um den unerwünschten Redner zum Schweigen zu bringen. Allein die ernste Musik klang wie eine feierliche Bestätigung der Worte, die Markus gesprochen. So wenigstens wollte es Johannes und sehr vielen unter den Anwesenden erscheinen. Markus schwieg, in Gedanken versunken. Die Polizisten kamen unverrichteter Sache zurück. Die Galerie war nur über einen dicken Balken zu erreichen, dessen Lehne morsch und zerbrochen, und der drei Meter oberhalb des Bodens angebracht war. Dort hatte die Schutzleute ein Schwindel befallen, so daß sie sich weigerten, nochmals hinaufzugehen. So mußten denn Feuerwehrleute herbeigeholt werden. Die Musik verstummte, und noch immer nahm die Zeremonie keinen Fortgang. Und noch immer stand Markus dort oben und blickte mit seinen, Johannes so wohlbekannten, traurigen Augen auf die Menge herab. Und nochmals fing er an, leiser jetzt, aber scharf und qualvoll durchdringend: »O, ihr Armen und Ärmsten, o, ihr Sklaven des Teufels, mit Namen Gewohnheit. »Ihr wißt es nicht besser und ihr könnt nicht anders. Ihr glaubt, das zu tun, was eure Pflicht, und das zu fühlen, was gut und heilig ist. »Wie würde es euch wohl möglich sein, einen König zu suchen? Und wie würdet ihr die Ordnung, die heilige Ordnung, ohne diese beiden Leutchen handhaben? Ohne sie, die ihr jetzt auf gut Glück König nennt, ebensogut wie ihr irgend einen Findling zum König hättet ernennen können. »Aber dennoch habt ihr alle es gefühlt, daß ich die Wahrheit sprach soeben. Und daß ihr diese glitzernde Lüge trotzdem handhaben werdet, weil ihr es nicht anders wagt, und nicht anders könnt. »Aber bedenkt, ihr Unglücklichen, daß Feigheit und Schwäche euer Tun nicht entschuldigen werden, wenn ihr wissend der Lüge anhängt und, die Wahrheit schauend, sie dennoch verlasset. »Was ihr traget, ist entsetzlich. Noch bedauernswerter erscheint ihr mir als das verwahrloste Volk, aus dessen Elend ihr euren Prunk gesogen habt. »Dies arme Menschenpaar beladet ihr mit dem Königsnamen, der doch nur dem allerstärksten, dem allerklügsten Menschen gebühret. »So Zerschmettert ihr ihre schwachen Seelen mit dieser Last, die nur der Stärksten einer zu tragen vermag. Ihr entheiligt den Königsnamen, ihr lästert Gott, der seine Gnade nicht auf euren Wunsch gewährt. »Euer verwahrlostes Volk blendet ihr mit dem leuchtenden Schein, daß ihnen ist, als hätten sie wahrlich einen König. Aber das alles ist eitles Spiel im Dienste eines ungesunden Friedens, einer mangelhaften Ordnung. Denn es ist niemand unter euch, der die Weisheit und die Kraft besitzt, dieses Volk der Gerechtigkeit entgegen zu führen. Und dennoch tragt ihr alle die Verantwortung für ihre Verwahrlosung, ihre Unwissenheit, ihre Roheit und ihr Elend. »Und sie sind am wenigsten schuldig, denn um eures Überflusses willen mangelt ihnen die Gelegenheit zum Lernen. »Ihr aber pocht auf euer Wissen und eure Bildung. Ihr wißt, wie der Arme hungert und der Reiche auf Müßiggang ein Anrecht hat. Ihr wißt, daß ihr euren Überfluß der Not der Verwahrlosten zu danken habt. Ihr wißt um das Unrecht, und ihr laßt es geschehen. Und diese beiden Unglücklichen beladet ihr mit der Verantwortlichkeit und der Lüge. »Aber ihr wißt! – und euch soll nicht verziehen werden. »Und ihr beiden armen Menschen, die ihr begraben seid unter der Last eurer Scheingröße – du armer Mann! und du, armes, armes Weib! die übermenschliche Kraft, der es bedarf, um die Lüge rings um euch her zu zerbrechen, werdet ihr nicht besitzen. Möge euch der gute Vater, der euch Seine Gnade nicht schenkte, mit verzeihendem Erbarmen umhüllen.« Da zog ein äußerst erregter junger Adjutant einen Revolver zum Vorschein und rief: »Er beleidigt die Königin!« Ein etwas gesetzterer Diplomat hielt, eine Panik befürchtend, seine Hand zurück. Allein der Ruf »er beleidigt die Königin!« wurde bis an den Eingang der Kirche wiederholt, und dort draußen hörte man wüstes Lärmen, denn bei der Ankunft der Feuerwehrleute hatte die aufgeregte Menge etwas aufgefangen, das klang wie von einem Mörder oder einem Wahnsinnigen, der dort oben in der Kirche saß. Da erschienen die behelmten Männer auf der schmalen Galerie und rissen Markus beiseite. Unverzüglich fesselten sie ihn mit starken Stricken, da sie fürchteten, daß er sie sonst in die Tiefe hinabstoßen könnte. Darauf schritt erst der eine über den dicken Balken und ließ Markus erst folgen, als er selbst schon drüben angelangt war. Dann kam der andere, so behutsam wie möglich. Das Publikum konnte dies alles nicht sehen, da es sich in dem dunkeln First des Seitenschiffes abspielte. Aber es atmete erleichtert auf, als die mächtige Stimme dort oben schwieg, die Orgel wieder einsetzte und das Königspaar, dem der Zeremonienmeister voranschritt, sich endlich dem Ausgang näherte. Denn jetzt waren die Wagen vorgefahren. Der Kinderchor ließ sich nicht mehr hören. Im übrigen aber hat es sich alles so zugetragen, wie es die Tageszeitungen berichteten. Markus aber wurde, scharf gefesselt, durch eine Seitentür hinausgeführt. Aber doch nicht ganz so heimlich, daß die Menge, die noch immer draußen harrte, es nicht bemerkt hätte. Und alsbald sammelte sich ein lärmender Auflauf um die beiden Feuerwehrleute und ihren Gefangenen. »Er hat die Königin beleidigt!« schrien sie. »Schlagt ihn tot!« – »Hoch lebe das Haus Oranien!« – und dabei drangen sie auf ihn ein. Als Johannes und Marion sich atemlos durch die dichtgedrängte Menge gewunden hatten, sahen sie in der Ferne die blitzenden Helme über dem Menschenknäuel sich ganz langsam fortbewegen. Hände, Hüte, Spazierstöcke und Regenschirme sah man darüber aufragen und dann wieder langsam herabsinken. In furchtbarer Erregung versuchten die beiden dorthin zu gelangen, aber es war ihnen nicht möglich. Sie sahen die roten, wütenden Gesichter der Frauen und Männer und hörten Schreie, wie »Totschlagen« und »Hoch lebe das Haus Oranien« – und endlich sahen sie zu ihrer großen Erleichterung eine ganze Kolonne von Schutzleuten näher kommen, die sich mit dem Stockdegen den Weg bis zu dem Menschenknäuel bahnten. Jetzt drängte sich die Gruppe vor den Eingang einer ganz schmalen Gasse, in der ein Polizeirevier gelegen war, und Johannes sah, wie ein Mann einen großen eisernen Aschenkübel ergriff, der an der Ecke der Gasse vor einem Hause stand, und ihn mitten in den Menschenknäuel schleuderte, gerade dorthin, wo Markus gehen mußte. Das wirbelte eine große Wolke weißlich-gelben Aschenstaubes auf – Gelächter und Jauchzen – die Polizisten sperrten die Gasse ab, und langsam zerstreute sich die Menge mit dem Triumphschrei »Hoch lebe das Haus Oranien!« Und als Johannes in das schmale Gäßchen starrte, durch die Reihe der Schutzleute hindurch, die ihn nicht passieren lassen wollten, sah er Markus nicht gehen, wohl aber gewahrte er, wie die Feuerwehrleute mühsam einen schweren Körper weiterschleppten. Marion und Johannes warteten geduldig, wohl eine Viertelstunde, die ihnen wie eine Stunde erschien. Dann endlich bekamen sie die Erlaubnis, sich auf das Polizeirevier zu ihrem Bruder zu begeben. Ein Polizist, der am Eingang saß, verwies sie, mit dem Mundstück seiner Pfeife über die Achsel deutend, nach einem düstern Winkel der Wachtstube. Dort lag Markus bewußtlos auf dem Fußboden, seine Kleider waren in Fetzen gerissen, sein Haar, sein Bart, seine Augenlider gänzlich weiß von Asche, und darüber schwärzlich-rote Streifen geronnenen Blutes. Sein Atem ging schwer, niemand war bei ihm, und er lag da, unversorgt und ungewaschen, die Hände noch immer gefesselt. Johannes und Marion baten um Wasser, durften indessen nichts tun, sondern mußten warten, bis der Bezirksarzt kam. Fest hielten sie einander bei der Hand und warteten, den Blick starr auf ihren Freund gerichtet. Endlich kam der Doktor und schnitt die Stricke entzwei. Zum Sterben würde es wohl noch nicht kommen, meinte er. Sie sahen die weißüberdeckte Tragbahre kommen, auf die Markus gelegt wurde. Hand in Hand schritten sie neben ihr einher, bis an die Tür des Hospitals, und sprachen kein Wort. An jenem Abend gab es in allen Städten und Dörfern des guten Holland große Feste und glänzende Illuminationen. Allüberall brannten die Fetttöpfchen, knallten die Raketen, und aus tausend und abertausend Kehlen erklang es immer wieder: »Hoch lebe das Haus Oranien!« Der König und die Königin waren froh, daß sie diesen Tag endlich hinter sich hatten. Bis zum Abend hielten sich Johannes und Marion tapfer und verrichteten ihr Tagewerk, so gut es eben gehen wollte, und erzählten den wenigen, die Markus treu geblieben, was sich zugetragen habe. Aber als die einsame Nacht kam und sie von einander Abschied nehmen sollten auf wenige Stunden, da sagte Johannes: »Nein, du darfst jetzt nicht von mir gehen. Wie sollte ich es wohl ertragen, so ganz allein mit meinen Gedanken zu sein, und ohne dich?« Sie waren in der kleinen Küche, in der Marion schlief. Eine Petroleumlampe ohne Glocke stand auf dem kleinen Tisch neben einem schmutzigen Kaffeekessel. Nachdem Johannes das gesagt, blickte Marion ihn lange an, mit unsicher blinzelnden Augen, gleich als verstände sie ihn nicht recht und als versuche sie langsam zur Besinnung zu kommen. Dann sank sie auf ihr Bettchen, vergrub das Gesicht in die Hände und begann jämmerlich zu weinen. Und nun war es auch um des Johannes Ruhe geschehen, und er weinte mit ihr, ratlos und verzweifelt, während er neben ihrem ärmlichen eisernen Bettchen niederkniete. Da sagte Johannes: »Was sollen wir nur anfangen Marion, wenn wir ihn nicht mehr haben?« Marion antwortete nicht. »Weißt du es noch, wie er gesagt hat, daß er uns bald verlassen würde?« »Wenn wir ihn doch nur pflegen dürften,« sagte sie. »Ob er sterben wird?« fragte Johannes ganz leise. »Er kann sterben so gut wie wir. Ist er denn nicht von Fleisch und Blut?« »Aber er stirbt doch niemals wirklich.« »Wir auch nicht, Hanni, aber was nützt das alles? ich kann nicht sein ohne ihn.« Und wiederum begann sie verzweifelt zu schluchzen. »Vielleicht ist es nicht gar so schlimm,« meinte Johannes, »wir werden ihn morgen besuchen, und mich wird man sicherlich zu ihm lassen.« So sprachen sie noch eine Weile. Dann sagte Johannes: »Laß mich bei dir bleiben, Marion, es ist mir wirklich so, als könnte ich dich nie mehr verlassen.« Marion blickte ihn durch ihre Tränen an, und sie lächelte. »Aber Hanni, das geht jetzt nicht mehr so wie früher. Wir sind doch keine Kinder mehr. Ich bin schon achtzehn, und du auch.« »So laß uns Mann und Frau werden, dann geht es wohl,« sagte Johannes. »Liebst du denn jene andere nicht mehr?« »Ich glaube es nicht, Marion, denn die würde von alledem nichts verstehen und unseren Kummer sicherlich nicht teilen.« »Aber, Hanni, wir sind doch viel zu jung, um Mann und Frau zu werden.« »Das verstehe ich nicht, Marion. Erst findest du uns zu alt, um zusammen zu bleiben, und jetzt bin ich dir wieder zu jung. Und dennoch will ich bei dir sein. Wie fangen wir das bloß an?« »Hör mal, Hanni, früher hast du mal zu mir gesagt: Keine Liebelei, und das hat mir sehr, sehr weh getan, denn ich liebte dich viel mehr als du mich. Warum bist du denn niemals zärtlicher zu mir gewesen?« »Weil ich immer an das häßliche schwarze Weib denken mußte. Ich konnte es nicht ertragen, daß sie bei dir war.« Marion dachte einen Augenblick nach und sagte dann: »Das ist doch kein Grund, Hanni, um unfreundlich zu mir zu sein. Ich bin nicht gemein, so wie sie.« Johannes schwieg, und darauf sagte sie wieder: »Aber dann weiß ich was, Hanni, du darfst hier bleiben, aber jetzt werde ich sagen »keine Liebelei« und ganz hart zu dir sein, bis du das häßliche Weib vergessen hast. Ist dir das recht?« »Ja, Marion,« sagte Johannes. Und sie gab ihm ein Kissen und eine Decke, und so lag er auf dem Boden der harten Küche, die ganze lange Nacht. Und hin und wieder, sobald der eine merkte, daß der andere noch wach war, sprachen sie ganz leise von ihrem armen Freund und versuchten einander zu trösten. Und so geschah das, was ich euch sagte, nämlich, daß sie Mann und Frau wurden, noch bevor dies Buch zu Ende geht. Aber wann Johannes das häßliche Weib vergessen hatte, das sage ich euch nicht, denn es geht niemanden etwas an. Die kleine ärmliche Küche in der ersten fahlen Dämmerung, die durch das schmutzige unverhängte Fenster drang, die beiden Rohrstühle, das farblose Tischchen mit der Petroleumlampe und dem schmutzigen Kaffeekessel. Marions eisernes Bettchen, das hin und her schwankte, sobald sie sich nur regte. Ihr Atem ging jetzt tief und regelmäßig, denn endlich war sie eingeschlafen. Draußen das erste Zwitschern der Spatzen. Vor Johannes' geistigem Auge steht das bleiche, durch Blut und Asche besudelte Antlitz seines Bruders, in seinen Ohren dröhnt die mächtige Stimme, die das Kirchengewölbe durchhallte und dazwischen das Schreien des wütenden Volkes. Sein Körper steif und schmerzend auf den harten Planken. Da plötzlich ... helles goldenes Sonnenlicht, ein tiefblaues hochgewölbtes Firmament, eine laue köstlich duftende Luft, aller Schmerz geschwunden, ein geschmeidiger federleichter Körper und stattliches Meeresrauschen. Wo war er? – wo? wo? O, er wußte es wohl, er fühlte es in seinem Innersten, wo er war. Er erkannte dies Gefühl an seinen Empfindungen, wenngleich er seine Umgebung nicht erkannt hatte. Aber er hörte das Meer rauschen, so schön wie es nur an flachen sandigen Küsten rauscht, und das Säuseln des Windes durch die Halme. Und er sah das Spiel der grünlich-grauen Wogen, wie sie heranrollen, von weißem Gischt gekrönt, wie sie ihre glatten Köpfe in langen Reihen kräuseln und dann wühlend und brandend auf das flache Sandfeld herniederbrausen. Das hatte er vor Jahren schon genau so gesehen. – Und es ging so fort, jeden Tag und von Jahrhundert zu Jahrhundert. Und als er um sich blickte, ob er Wistik auch sähe, seinen kleinen Freund, den er hier zu finden hoffte, siehe, da gewahrte er neben sich eine kleine lichte Gestalt, die saß still und schaute über die See. Es war nicht Wistik, nein! dieser trug große Gazeflügel an den Schultern und ein mattblaues Mäntelchen, das sich im Seewind leicht blähte. »Windekind!« sagte Johannes. Da blickte das lichte Wesen ihn an, und Johannes erkannte die lieben rätseltiefen Augen und das feine Haar, blond und duftig wie aus lauter Goldglanz gewoben und mit dem Blütenkranz aus Weiß und Grün geschmückt. »Da sind wir wieder,« sagte Windekind. »Bist du denn nicht mit Vater Pan gestorben?« fragte Johannes. »Ich lebe ewig«, antwortete Windekind. Johannes dachte über diese Antwort nach. Er war jetzt wieder so ruhig wie allzeit hier. Das häßliche qualvolle Leben schien jetzt so fern. Er fühlte eitel Ruhe und Wohlbehagen, wenngleich er wohl wußte, daß sein Körper noch auf harten Planken lag. »Wird das nicht langweilig?« fragte er Windekind leise. Dieser lachte und streckte die Blume, die er als Stab in der Hand trug, vor sich hin. Es war keine Iris, sondern eine wunderseltene Blume, eine Lilie oder Orchidee, blau, weiß und golden schillernd. »Dummer Junge«, sagte er. »Sich langweilen heißt müde sein und nicht mehr genießen können. Ich bin kein Mensch, der nach ein paar Jahren müde wird. Ich werde der Freude nicht müde.« »Niemals?« fragte Johannes. »Das weiß ich nicht,« erwiderte darauf Windekind, »aber jetzt noch nicht. Würde ich müde, dann würde ich sterben und zu Vater zurückkehren, der kann niemals müde werden.« »Und wirst du dann auch noch klüger?« Da blickte Windekind Johannes zärtlich und zugleich ernsthaft an. »Siehst du meine Blume?« fragte er. »Dies ist meine alte Iris nicht. Diese ist viel schöner. O, Mutter Erde hat sich sehr gewandelt. Und ich auch.« Johannes schaute um sich. Jedoch alles sah so aus wie einst, die lange mattgrüne Dünenkette, der Himmel voll weißer Wolken, die zierlichen Möven, die sich mit ihrem Schrei der großen einsamen Freiheit im Winde wiegten. Allein auf dem Meere war kein Segel zu sehen, und am Strande kein Mensch. »Wie köstlich, daß ich dich wiedersehe,« sagte Johannes. »Ich bin so betrübt gewesen um Vater Pan, und jetzt bin ich so besorgt um meinen armen Bruder.« Allein während Johannes dies sagte, fühlte er sich dennoch ruhig und friedlich, und das befremdete ihn. Windekind sah ihn mit geheimnisvollem Lächeln an. »Das ist schon sehr lange her«, sagte er. Und als Johannes ihn verwundert anblickte, fügte er hinzu: »Sehr lange, wohl tausend Jahre.« »Tausend Jahre?« murmelte Johannes zweifelnd. »Jawohl, tausend Jahre«, sagte Windekind bestimmt. »Ich bin alt geworden, obgleich du es mir nicht ansiehst. Aber die meines Geschlechtes werden stets jünger an Art und Wesen, je länger wir leben. Lerne du das auch, Johannes, es ist gut. Ich bin mit den Jahrhunderten widerstandsfähiger und klüger und sanfter geworden. So soll es sein. Ich habe jetzt auf Erden keine Feinde mehr. Ich habe mich mit jenem kleinen Heinzelmännchen ausgesöhnt. Wistik ist ein ganz gutes Kerlchen.« »Nicht wahr?« sagte Johannes erfreut. »Das habe ich auch gemerkt.« »Ja,« sagte Windekind, »wenn er die richtige Leitung hat. Ich habe mich auch mit den Menschen ausgesöhnt.« »O, wie köstlich, wie köstlich!« rief Johannes aus. »Ich weiß wer das getan hat.« »Richtig,« sagte Windekind, »das hat dein guter Bruder getan.« Und dann sah Johannes die Möven in großen Scharen herbeifliegen von allen Seiten, und schreiend versammelten sie sich um ein Etwas, das aus der Ferne über die See herbeikam, wie ein großer Vogel auf riesenhaften, still ausgebreiteten Flügeln sich wiegend. Das grelle Sonnenlicht glänzte darauf mit hellen Lichtblitzen, wie auf poliertem Gold und glitzerndem Metall. Und als es näher kam, da sah Johannes, daß es die schönen Farben einer Schwalbe hatte: stahlblau und braun-weiß, jedoch mit goldenem Schnabel und Klauen, und daß lange bunte Federn oder Bänder in raschem Fluge hinterher flatterten. Scharf hob sich das feine Weiß der flatternden, kreischenden Möven von dem großen dunklen Rumpf ab. Ein sanfter gläserner Klang von Glöckchen, die auf Akkorde gestimmt waren, ertönte von oben. »Was ist das für ein riesiges Tier?« fragte Johannes, denn sein Schatten flog über die See wie der einer Wolke. »Das ist kein Tier,« fügte Windekind, »es sind Menschen. Aber jetzt nicht mehr im mindesten häßlich oder lächerlich. Sieh nur.« Und jetzt sah Johannes an der unbeweglichen Haltung, daß der Vogel kein Vogel war, sondern ein riesiges Luftschiff in Gestalt eines Vogels. Jetzt sah er auch deutlich, wie die hellgekleideten Gestalten an Bord auf und ab gingen und den Möven Nahrung zuwarfen, die sie auffingen, während sie schreiend zusammenflogen. Da änderten die großen leuchtenden Flügel ihren Stand und in zierlicher, sanft sich herabsenkender Bahn fuhr das riesengroße Gebilde abwärts und strich in stets langsamerer Fahrt, wohl hunderte von Metern weit, dicht über den flachen sandigen Strand. Endlich stand es und Johannes konnte den herrlichen Bau bewundern, die glitzernde Vergoldung, die glänzenden stahlblauen Verzierungen, die vielfarbigen Banner und, Wimpel mit goldenen Sprüchen, die im Seewind flatterten. »Steige ein,« rief Windekind, »bevor sie wieder weitergehen, denn lange werden sie nicht verweilen.« »Gehst du mit?« fragte Johannes. »Ja«, antwortete Windekind. »Bei diesen Menschen bin ich zu Hause. Aber bedenke wohl, daß sie uns noch nicht sehen können, ebensowenig wie die vor tausend Jahren. Es sind immer nur noch Menschen.« Johannes schwebte an Windekinds Hand zu dem Luftschiff und barg sich in der goldenen Krone auf dem Vogelkopf. So konnten sie aus sicherer Höhe auf das Tun der Menschen herabschauen. Diese waren schön und kraftvoll, genau so wie die in Vater Pans Reich. Allein ihr Haar war dunkler und ihre Züge ernster, mit Augen voller Gedanken. Und alle glichen sie Johannes' Bruder, gleich als bildeten sie eine Familie seiner Anverwandten. Ihre Gewänder waren beinahe alle gleich – sehr einfach, aus ein und demselben Stoff, der dem Linnen glich, in den schönen ruhigen Farben einzelner Vögel, wie Holztaube und Edelfalke, gehalten und mit sein gearbeiteten hellfarbigen Ornamenten verziert. Auch trugen sie beinahe alle Blumen. Und über dem ganzen Schiff hingen dicke Blumengewinde herab, schon halb verwelkt, und verbreiteten einen scharfen, süßlichen Rosenduft. Ihre Köpfe waren unbedeckt und ihre Haare nicht lang, aber dicht und wellig. In der Tracht der Männer und Frauen war nur wenig Unterschied, aber die erwachsenen Männer trugen alle lange Bärte, die Frauen Flechten um den Kopf gewunden. Sie verließen jetzt auf kurze Zeit ihr Fahrzeug und liefen fröhlich lachend am Strande entlang, sich der Bewegung freuend. Und Johannes sah, daß sie Sandalen trugen, genau so wie der braune Mann bei Roodhuis, und er mußte ob dieser Erinnerung lachen. Die Jüngeren gingen barfuß. Nachdem sie gebadet und gespielt hatten, bestiegen sie wiederum das Schiff und setzten sich alle zusammen und sangen ein Lied, der See zugewendet. Und wenngleich Johannes die Worte nicht verstand, so begriff er doch wohl, was es sagen wollte. Es klang wie ein Psalm, aber so schön und ernsthaft, wie er nimmer einen gehört. »Das ist das Dankeslied, das sie stets singen nach einer sicheren Reise über das große Wasser«, sagte Windekind. »Ja, es kommt ihnen von Herzen, denn sie alle kennen den Vater. Sieh nur, wie sie es meinen.« Und Johannes sah die tiefe Bewegung auf ihren ernsten Zügen und die Tränen, die den jüngeren Frauen in den Augen glitzerten, und er hörte, wie ihre vollen klangvollen Stimmen vor Rührung erbebten. Da stieg der große prächtige Vogel langsam wieder auf mit einem seltsamen Klappern seiner ausgebreiteten Flügel, die schnurrten wie unsichtbare Räder, mit einem Klingelingeling gläserner Glöckchen, und richtete den goldenen Schnabel und die starren kristallenen Augen landwärts. »Wie bewegt er sich doch eigentlich?« fragte Johannes. »Würdest du deinen Voreltern begreiflich machen können, wie ein elektrisches Fahrzeug aus deiner Zeit sich bewegt? Frage also nicht, sondern sieh lieber, wie schön dein Land geworden ist.« Die lange Küstenlinie wurde nun sichtbar, während sie aufwärts stiegen und Johannes sah in regelmäßigen Zwischenräumen große schwarzgraue Steinwälle in die See ragen, an denen der weihe Gischt der Brandung hoch aufspritzte. »Das ist nicht schön, aber notwendig,« sagte Windekind. »Aber jetzt kommen unsere Dünen.« Und siehe, die waren so frei und schön wie in alter Zeit. Eine weite rauhe Wildnis ohne Gitter oder Pfähle, ohne Scherben oder Abfall. Dicht grünten die Gebüsche in den Tälern, der Maidorn blühte weiß, und der Sang von hundert Nachtigallen erklang bis in die höchsten Sphären. Johannes sah wie von altersher die weißen Schwänzchen Tausender von Kaninchen über die graugrünen Moosfelder wippen, und auch sah er Menschen, oft zu zweien und dreien, oft auch in größeren Gruppen. Allein sie störten nicht die Harmonie der ruhigen Wildnis, und ihre mattgrauen hellbraunen und grünen Gewänder verunzierten die zarten Färbungen der Landschaft nicht. Dann kam das grüne Land dahinter, und wie erfreut war Johannes, als er das sah von seinem hohen Fluge aus, wie einen großen blumenreichen, schattenspendenden Park. Die hellgrünen Felder waren noch da, und die geraden langgestreckten Gräben und Kanäle. Aber allüberall waren Bäume. Hin und wieder alleinstehend mächtige schattenspendende Riesen, dann wieder in großen Wäldern in Gruppen beisammen, weite Laubmassen, kühl und rauschend, darinnen die Nachtigall sang und die Holztaube girrte. Bunte Blumen und üppig blühende Sträucher, so wie sie Johannes nur in Gärten gesehen, wuchsen jetzt allüberall wild umher. In so großen Mengen, daß sie, von oben gesehen, glutroten oder tiefblauen Teppichen glichen. Und die kleinen weißen Menschenhäuser lagen ringsumher zwischen dem Grün und den Blumen, gleich als habe ein Riese sie dort ausgestreut mit geschmeidiger Hand. Aber an den Ufern des Wassers, der Seen, Flüsse und Kanäle lagen sie am dichtesten zusammen. Das bläulich glänzende Wasser schien der Magnet zu sein, der die kleinen viereckigen Blöckchen angezogen. »Siehst du nun wohl, Johannes,« sagte Windekind, »daß die Menschen selber schuld daran waren, als sie die Natur so verunzierten? Denn sie hatten keine Ehrfurcht vor ihr, und verdarben sie aus Dummheit. Jetzt haben sie von ihr gelernt, wie sie selbst schön und natürlich sein müssen, und sie haben sie sich zum Freund gemacht. Ihre Kinder haben sie gelehrt, von frühester Jugend an, daß sie keine Blume und kein Blatt nutzlos schänden und kein Tier nutzlos töten, und daß sie allzeit dafür sorgen sollen, all dieser schönen Blumen und Tiere würdig zu sein. Heilige Ehrfurcht vor allem Schönen und allem Lebenden ist jetzt bei ihnen das strengste Gebot. So ist Frieden entstanden zwischen Mensch und Natur. Sie leben jetzt mit der Natur in innigem Verkehr und stören einander nicht.« »Aber, Windekind, wo sind denn die Städte geblieben? Ich sehe nur verstreute Häuser und Kirchen. Und wo sind die Züge mit ihren eisernen Bahnen? und ihren schwarzen Bahnhöfen? und wo sind die Fabriken mit ihren schmutzigen Schornsteinen und ihrem schwarzen Rauch?« »Lieber Johannes, sollte man häßliche Dinge denn wohl länger imstande halten als nötig?« »Sind Züge und Fabriken und Städte denn nicht nötig?« »Fabriken gibt es noch immer, aber sie brauchen nicht häßlich zu sein. Es gibt ihrer, die schöner sind als mancher Palast vor tausend Jahren. Und wozu Eisenbahnen, wenn die weiten Luftbahnen offen sind? Und wozu in hohen Käfigen zusammenwohnen, solange es Raum gibt zwischen Grün und Blumen? Und so dumm waren die Menschen denn doch nicht, daß sie nicht den Weg gefunden hatten, um all das Häßliche fortzuräumen und ihre Maschinen zu treiben, ohne daß sie schmutzige, tief verborgene Steinkohlen zu brennen brauchten. Aber es gibt noch viele Wege, sieh nur!« Und Johannes sah, wie alle Wohnungen durch Wege verbunden waren; einzelne waren vierfach und breit, von dunkelroter Färbung, andere wie schmale weiße Bündchen, die sich von Haus zu Haus durch das Gras schlängelten. Und die Menschen bewegten sich darauf einher, entweder zu Fuß oder auf kleinen Fuhrwerken in raschester Gangart. »Es ist ein Festtag,« sagte Windekind, »und jetzt gibt es wirklich frohe und heilige Tage, ohne die tödliche Langeweile von einst.« Überall sah Johannes Kirchen mit spitzen Türmchen in alt-holländischem Stil. Aber sie waren jetzt mit Schnitzwerk und allerhand Zierat überladen. Und die Türen standen offen und die Menschen gingen hinein. Und Johannes hörte aus jenen kleinen Kirchen Musikklänge erschallen, so rein und so schön, wie die schönste Musik, die er je gehört. »O, Windekind, wie gerne würde ich hineingehen und dieser herrlichen Musik lauschen!« sagte Johannes. Allein Windekind legte den Finger auf die Lippen und sagte: »Still, wir werden noch besseres hören. Unsere Reisenden ziehen zu einer viel größeren Kirche, wo die allerschönste Musik zu hören ist. Es sind Pilger, so wie sie jedes Jahr um diese Zeit aus allen Ländern herbeiströmen, um das große Fest zu feiern.« »Sehe ich dort nicht noch ein Luftschiff, Windekind? und noch eines?« fragte Johannes. »Ja, vielleicht geht wohl eines mit uns,« antwortete Windekind, »das ist lustig.« Und wahrlich kam alsbald ein zweites Luftschiff, ein großer Brudervogel, und schwebte neben ihnen her. Dort flatterten die Fahnen auf und nieder, und breite dunkelblaue Wimpel mit silbernen Sprüchen flatterten hin und her. Die Menschen winkten einander zu und jubelten laut. Und als die Zwillingsvögel so dicht beieinander waren, daß die Spitzen ihrer großen leuchtenden Flügel sich beinahe berührten, da stimmten die Menschen auf Johannes' Schiff einen Sang an, ein lautes kräftiges Lied, und unmittelbar darauf wurde von dem andern Schiff durch einen Gegengesang geantwortet. Und so ging das geraume Zeit in wechselndem Spiel. Warm wurde es dem Johannes ums Herz bei diesem süßen Einvernehmen zwischen Menschen und Menschen, einander gänzlich fremd. »Sprechen jetzt alle Menschen eine Sprache?« fragte er seinen Freund. »Hörst du nicht, was sie singen? Diese Sprache haben sich alle Menschen erwählt als die schönste natürliche Sprache. Es ist Griechisch.« »Ich kann kein Griechisch,« sagte Johannes bekümmert. »Aber dann sieh nur mal, was auf den Wimpeln jenes andern Schiffes steht. Was ist das?« »Das ist Holländisch, Windekind, ganz gewöhnliches Holländisch,« rief Johannes erfreut, und er las: »Da ist kein Tod« und »Es ist alles Freude, was da währet.« Und dann las er den Namen des Schiffes »Der Reiher«. Da strich sein eigenes Schiff wieder nieder auf eine ebene Rasenfläche dicht neben große Gebäude aus grauem Quaderstein, zierlich behauen, und dort lag das Fahrzeug lange Zeit still, aus geheimnisvollem Grunde. Der treibenden Kraft wegen, meinte Johannes. Und die Pilger machten von dem Aufenthalt Gebrauch, um in anmutigen Reihen auf dem Rasen zu tanzen und die welken Blumengewinde durch frische zu ersetzen. Dann stiegen sie wieder hinauf und durchschnitten die stille sommerliche Luft in sausender Fahrt dem Süden entgegen. Und Johannes bemerkte, wie nicht viel mehr als die Hälfte des Landes noch aus Acker und Gemüse- und Obstgärten bestand, während alles übrige Wald und Park und Blumenhain war. Und wie nirgends Gitter oder Zaun oder Mauern waren, außer denen, daran Trauben und Pfirsiche wuchsen. Und wohl sah er noch die braunen und weißen Segel auf Seen und Flüssen, jenes schöne wohlbekannte Schauspiel, aber die hohen vierflügligen Mühlen waren verschwunden, und das war schade. »Man kann nicht alles verlangen,« sagte Windekind. Riesengroße Räder, wie liegende Schöpfräder, die in der Sonne glänzten, sah er sich beständig drehen, wie von geheimer Kraft getrieben. Das war doch immer noch besser als rauchende Schornsteine. Und nirgends Schmutz, nirgends die kahle Armut, nirgends die totenähnliche Häßlichkeit und die öde Trübsal der Städte. Er sah keine verwahrlosten schmutzigen Menschen, keine unansehnlichen Orte mit Abfall und Plunder. Dort, wo er wußte, daß einst die Städte gewesen, waren jetzt grünende Wildnisse, voller Vogelsang, oder fruchtbare wohlgepflegte Äcker und Gärten. »Der Weltenhaushalt ist jetzt gut in Ordnung, lieber Johannes,« sagte Windekind. »Es hat ein wenig lange gedauert und recht viel Mühe gekostet, aber jetzt ist doch alles so weit. Ich habe selbst meine rechte Freude daran.« Und von seinem goldenen Sitz aus überschaute er die Lande wie ein kleiner schöner König, der mit einem Blumenszepter seine Domäne regiert, stolz und zufrieden. »Gib acht, jetzt steigen wir höher hinauf. Wir müssen über die Berge.« Und das Schiff stieg, bis drunten die Menschen nicht mehr sichtbar waren und die Häuser ebensowenig. Es wurde kalt, und sie spalteten den weißen Nebel der großen Wolken. Windekind legte Johannes sein blaues Mäntelchen um die Schultern, wie einst. Und so ging es stundenlang weiter, durch Dunst und Nebel, und das mächtige Fahrzeug erzitterte infolge der ungeheuren Schnelligkeit seines Ganges. Die Reisenden waren still. Durch Regen und durch Schneestürme rasten sie dahin. Aber für wenige Augenblicke zeigten sich dem Blick weite gewaltige Landschaften mit grünen Landen, schäumenden Bächen, Schneebergen und Gletschern und blauen Seen. »Ist die ganze Welt jetzt so schön und so wohlversorgt wie mein eigenes Land?« fragte Johannes. »Menschenwerk ist niemals vollkommen,« antwortete Windekind, »und es ist gut so um ihres Hochmutes willen. In Asien und in Afrika ist längst noch nicht alles in Ordnung, und dazu wird es auch wohl niemals kommen. Aber es ist doch schon recht schön so; recht schön! Vor tausend Jahren würde man das nicht gedacht haben.« Wie lange sie so weiter eilten, vermochte Johannes nicht zu sagen, es wollte ihm wie viele Stunden erscheinen. Da verflüchtigte sich das Wolkenfeld immer mehr und mehr, und drunten wurde wiederum das grüne Land sichtbar und das blaue, tiefblaue Meer. »Ist dies Italien?« fragte Johannes. Windekind nickte und Johannes hoffte, daß sie hier Halt machen würden, damit er dies schöne Land sehen könne, von dem ihm der Pater erzählt. Das Schiff senkte sich, bis Menschen und Häuser wieder zu unterscheiden waren. Und da bot sich Johannes ein Anblick, so großartig und so überwältigend, daß er völlig verwirrt war und sprachlos. Das einzige, was er sagen konnte, war: »o, wie werde ich jemals dies alles beschreiben können.« – Und er dachte an Marion. Denn es zeigte sich in einer Fülle und Verschiedenheit, die keine Zeit ließ zu aufmerksamem Betrachten. Es war Landschaft und Weltstadt zugleich. Ein ungeheures Tal, in das das Schiff herabschwebte. Und jenes Tal war voll mit Bäumen, Grün, Blumen, Gebäuden, Bildwerken und Menschen. Dicht vor sich sah er eine riesengroße Azalea, gänzlich mit roten Blüten überdeckt, weiter hinauf einen langen efeubewachsenen Bogengang, der bis auf den Boden des Tales herabreichte. Dann einen Tempel mit sehr hohen dünnen weißen Säulen, gleichfalls mit Efeu bewachsen. In der Mitte des Tales stand ein riesengroßes Bildwerk, nur eine Büste. Johannes sah die Sonne darauf leuchten. Und weiterhin allüberall Gebäude und Tausende von Menschen. Und das alles zusammen verschaffte einen Eindruck von Glück und Schönheit, der unbeschreiblich war. Johannes rief einmal übers andere: »Wie herrlich! wie wundervoll!« und strengte sich aufs äußerste an, um alles in sich aufzunehmen, damit er es späterhin Marion schildern könne. Allein er fühlte, daß das seine Kräfte übersteigen würde, und er war so erregt, daß er ausrief: »Es ist zu herrlich! ich kann es nicht ertragen!« – Und verwundert fragte er sich, ob das Schiff hier wohl Halt machen würde. Allein sie hielten nicht an, sondern schwebten weiter, den felsigen Küsten folgend, jetzt nicht sehr hoch mehr über dem Erdboden. Und Johannes erkannte den roten Fels und die Küste, an der er mit Wistik gesessen, als der Teufel erschien. Und das Land sah gleichfalls wohlgepflegt aus, und auf dieselbe Weise bewohnt, wie sein eigenes Land. Da flogen sie wiederum über das dunkelblaue Meer und sahen, wie es von sehr großen raschen Fahrzeugen ohne Segel oder Dampf befahren wurde, die über das Wasser hinzugleiten schienen und, den weißen Schaum hoch aufspritzend, vor ihrem scharfen Bug hertrieben. Da stieg, nach langer Fahrt, eine große Insel aus der See, wie ein violettfarbener Schatten, und, trotzdem es heller Tag war, schien es, als ob ein klarer weißlich-gelber Stern über jenem Eiland funkelte. »Das ist unser Ziel,« sagte Windekind. »Paß gut auf, jetzt wirst du etwas Schönes sehen.« Und als sie näher kamen, wußte Johannes nicht, was er sah, wußte nicht, ob das Eiland ein Gebilde der Natur oder ein Wunderwerk von Menschenhand war. Denn das ganze große Eiland, das von weitem wie ein Gebirge erschien, war, als sie naher kamen, gänzlich mit Bauwerken überdeckt: eine Anhäufung von Säulen und Kuppeldächern, die sich übereinander erhoben und sich hinaufzogen bis in eine ungeheure Kuppel, die in der klaren sonnigen Luft funkelte und glitzerte mit den Umrissen einer stilisierten Wolke, mit der silbernen lichtgrünen und dunkelblauen Pracht eines Gletschers, von Tausenden schön behauener aufstrebender Eiszapfen überdeckt, und auf deren Gipfel das gelblich-weiße Licht erstrahlte, das wie ein Stern bei hellem Tage erschien. Jene Bauwerke waren so großartig und so zahlreich, daß man nicht wußte, wie die natürliche Form des Eilandes gewesen, und was durch Menschenhand entstanden war. Und, noch näher kommend, sah man allüberall grüne Laubmassen, die den ganzen Raum zwischen den Bauwerken ausfüllten, bis hoch hinauf. So daß das Eiland ein wunderbar schönes Ganze bildete aus Natur und Kunst, aus schimmernden Säulen, aus silbernen und blauen, grünlich-bronzefarbenen und goldenen Kuppeldächern, und dazwischen das dunkle Grün dichter Wälder und Sträucher, aus denen auf schwankem leichtgebogenem Stamm Palmenkronen sich wiegten. »O Windekind,« rief Johannes. »Ist dies ein Märchen?« »Es ist ein Märchen,« sagte Windekind, »so schön, wie ich dir niemals eines erzählt habe. Aber dies ist echt. Die Menschen haben es erst von mir erzählen hören, und dann haben sie beschlossen, es erstehen zu lassen, sobald sie Zeit hätten und der menschliche Haushalt nur erst in Ordnung wäre. Es könnte noch viel schöner sein, aber es ist doch schon recht hübsch ausgefallen, besonders wenn man bedenkt, daß sie erst hundert Jahre daran arbeiten konnten, und daß ein Erdbeben ihr Werk vernichtete, als sie auf halbem Wege waren.« »Was leuchtet dort oben auf jener hohen Kuppel, auf der Spitze des Eilandes, das aus der Ferne wie ein Stern erscheint? Ist es Feuer?« »Das ist kein Feuer, Johannes, sondern Metall, eine goldene Flamme. Ein Stück vergoldeten Metalles, das allzeit so leuchtet, als wäre es Feuer. Mit jener Flamme wollen die Menschen ihre brennende Liebe kennbar machen.« »Zu wem, Windekind? zu einander? oder zu Gott?« »Darin kennen sie keinen Unterschied, Johannes,« sagte Windekind. Die Pilger blickten freudigen Angesichts auf das Eiland, und jauchzten und begannen von neuem zu singen. Nur einige wenige der ältesten unter ihnen schienen das Eiland schon früher gesehen zu haben. Die See war hier mit großen weißen Schiffen bedeckt, die rasch ab- und anfuhren, und auch die Luftschiffe sah man hier aus allen Windstrichen herbeifliegen wie Reiher an ihren Nistort. Da ließ Johannes' Fahrzeug sich herab auf eine große grasbewachsene Ebene, ein Stück Weges von der Küste entfernt, und die Pilger stiegen aus, jetzt schüchtern und verlegen durch alles das, was sie umringte, und die Menge von Luftfahrzeugen und Menschen, unter denen sie sich fremd und beklommen fühlten. Hunderte von Luftschiffen standen dort, ein glänzendes Schauspiel; alle bunt aufgetakelt und verziert und in vielerlei Gestalten gebaut. Da waren Falken und Adler und riesengroße Käfer, ganz aus goldähnlicher Bronze, und Fliegen mit grünlichem Metallglanz, und Libellen mit schillernden Glasflügeln, Wespen mit schwarz und gelb geringelten Leibern, und Falter mit gelben Flügeln, groß wie Häuser, von denen lange schwarze und rote Wimpel herniederflatterten. Und auf dem Rasenplatz bildeten all die Kommenden, die ihren Weg suchten, ein lebhaftes Gewühl. An der Küste, rings um das ganze Eiland, zog sich eine fast ununterbrochene Reihe kühler Terrassen unter weißen Säulengängen hin, von den hellilafarbenen Blüten der Glyzine überschattet, und dahinter kleine weißgetünchte Räume mit dem Ausblick über das Meer. Dort wurden die Hunderttausende, die alljährlich zu dem Fest zusammenkamen, gespeist und beherbergt. Johannes sah, wie sie an langen Tafeln saßen, auf denen Früchte, Brot und Blumen standen. Überall erscholl das Geräusch fröhlichen Plauderns, Gelächter, Gesang und Guitarrenspiel hoch über dem Rauschen der Brandung, die mit ihrem kristallblauen Wasser die mattroten Felsen umschäumte. Höher hinauf war das Eiland licht und offen mit sonnigem Park, kleinen blütentragenden Sträuchern, und dazwischen vereinzelte hohe Palmen, und überall Tempel und Bauwerke mit vielerlei Bestimmungen. Johannes schwebte darüber hin an Windekinds Hand und vermochte das Viele, das er sah, nicht zu umfassen. Ganz unten, ganz nahe an der Küste, sah er große Arenen für Leibesübungen und Wettstreite, und langgestreckte Gebäude mit tausenden von Sälen, in denen nützliche und praktische Gegenstände und Werkzeuge aller Art ausgestellt wurden. Ein wenig höher hinauf kamen die Gärten mit Pflanzen und Tieren, die Museen, die Sternwarten, die ungeheuren Büchereien und die überdeckten Wandelhallen und Versammlungssäle für die Gelehrten. Darauf die Theater in hellenischer Form, halbkreisförmig mit Sitzplätzen aus weißem Marmor. Und das alles voller Menschen in schönen und zierlichen Gewändern. Da waren auch gelbe und braune Rassen, ja sogar ganz dunkel gefärbte mit funkelnden Augen, stolzem Gang und kräftigem Körperbau, und die trugen hellfarbige rote und grüne mit Gold verzierte Seidengewänder, aber alles, was blond und von blanker Hautfarbe war, ging einfach gekleidet, in ruhigen, vornehmen Farben. Noch höher hinauf waren die Sammlungen von Bildwerken aus Marmor und Gold; viele standen draußen in dem Park zwischen Blumen, Agaven und rauschenden Wasserwerken, mehr noch unter langen Säulenhallen – und in großen niedrigen Gebäuden das Gezeichnete und Gemalte, das aus Metall Geschmiedete und aus Holz Geschnitzte. Und endlich noch höher hinauf, und dicht bei dem großen mittleren Tempel, der wie die Krone des Eilandes war, lagen die Musiktempel in der stilleren ernsteren Umgebung von dunklen Lorbeer- und Myrtenhainen. Sie waren verschiedenartig, einige leichter und zierlicher gebaut aus hellerem Gestein, mit spitzem goldenem Dach, andere streng und wuchtig mit Säulen aus grünem und rotem Granit, grauem Kalkstein und einem gewölbten Dach aus Bronze. Und Windekind zeigte Johannes, wie ein jeder Tempel ausschließlich einem einzigen Tondichter geweiht war, und voller Freude hörte er Namen, die ihm noch wohlbekannt waren von einst. »Welchen wollen wir wählen, Johannes?« fragte Windekind. »So schön wie in diesem Tempel ist ihr Werk auf Erden niemals zu hören gewesen.« Und während er noch zögerte und den Namen Beethoven schon auf den Lippen hatte, sah er, wie über den grasbewachsenen Pfad, zwischen den rotblühenden Oleandern, fünf stattliche Menschen sich näherten. Es waren große kräftige Gestalten, vier Männer und eine Frau, die Männer schon ziemlich alt mit dichtem grauem – ja bei einem von ihnen sogar schon silberweißem Haar, die Frau jünger, und alle unbeschreiblich stolz und schön. Sie trugen alle einen Mantel von derselben amarantroten Farbe, auf dem Kopf einen schmalen Kranz aus grünen Myrten und in der Hand eine Blume. Sie gingen langsam und würdevoll, und wohin sie kamen, grüßten alle Menschen. Die Sprechenden schwiegen ehrfurchtsvoll, die da lagen, erhoben sich, wer auf ihrem Wege stand, wich eilends zur Seite. »Wer sind diese fünf Menschen, Windekind?« fragte Johannes. »Das sind die fünf Könige. Siehst du nicht, daß sie meine Blume in ihren Händen tragen? Das ist die Königslilie, Blau-Weiß-Gold. Die haben die Menschen gezüchtet. Früher hat es die nicht gegeben. Dies sind die Klügsten, die Edelsten, die Stärksten, die Würdigsten unter den Menschen. In ihnen sind alle menschlichen Fähigkeiten zu vollkommenster Harmonie vereinigt. Sie sind Dichter, Meister des Wortes, Weise, die die Sitten läutern und adeln, Regler der Arbeit, Wegweiser für Handel und Gewerbe, für Geschmack, für Wissenschaft. Nicht alle sind sie gleich vortrefflich, und nicht immer gibt es ihrer so viele. Man sucht und erhebt die Besten. Aber sie haben keinen Staat, keinen Hof, keinen Palast, kein Heer, kein Reich. Ihr Thron ist, wo sie sich niederlassen, ihr Reich ist die ganze Welt, ihre Macht ist die Schönheit ihres Wortes, ihre Weisheit und die Liebe aller Menschen. Sieh, wie man sie verehrt. Und sieh nur, wie sich die törichten Frauen wieder betragen! Unter jungen Frauen wird es doch ewig solche Närrinnen geben!« Und Windekind zeigte ihm die schwärmerischen jungen Mädchen, die die Hände dieser Fünf küssen wollten, und wie sie ihnen Blumen hinreichten, auf daß sie sie berühren und dadurch zu Reliquien machen sollten. Allein die Weisen wiesen sie lächelnd zurück und betraten den größten Musiktempel, einen mächtigen Bau aus milchweißem Marmor, schmucklos, aber wunderbar harmonisch in den Proportionen, rund geformt, mit einem bronzenen Dach ohne Seitenfenster, und das Licht nur von oben erhaltend. Über dem Eingang stand in großen goldenen Lettern: »Bach .« Und als die Fünf eintraten, erhoben sich alle Menschen und warteten, bis sie sich in den fünf für sie bestimmten Sesseln niedergelassen hatten. Und dort hörte Johannes alsdann eine sehr schöne Musik, und Windekind sagte: »Dieser Bach ist noch nicht versiegt und wird auch wohl in Ewigkeit nicht versiegen.« Und als sie dann wieder hinaustraten und das Glück all dieser Menschen sahen und die feierlich weihevolle Stimmung, in die diese Melodien sie alle versetzt, da befiel Johannes plötzlich eine tiefe Traurigkeit, und er rief aus: »O Windekind, was nützt es mir, daß ich dies alles gesehen habe, daß ich weiß, wie die Menschen leben können, wenn sie gut und weise sind, da ich doch zurück muß in jenes Jammerland voll Häßlichkeit und Torheit und Unrecht? – Und ach! was nützt es auch diesen Armen, die vielleicht dieses schöne Leben vorbereiten, ohne es jemals zu schauen?« Angstvoll und flehentlich blickte Johannes seinen Freund an, der nachdenklich schwieg, während sie langsam noch höher hinaufschwebten durch einen dichten Wald aus dunklen Lorbeeren, zwischen denen auch die glücklichen und frohgestimmten Menschen ihren Weg suchten zu dem größten und höchsten Tempel. Windekind sagte: »Noch verstehst du die Einheit des Lebens nicht. Wie schön dies alles dir auch erscheinen möge, es bedeutet doch nur einen kleinen Schritt weiter. Dies sind auch Menschen und bleiben Menschen, mit Krankheit und Tod, mit Zwist und Zerwürfnis, mit Wahn und Unrecht. Alles, was dir jetzt so erhaben und wunderbar erscheint, ist nichtig wie ein Strohhalm, verglichen mit der Herrlichkeit des Vaters, zu dem wir alle zurückkehren. Nicht hier liegt die Überwindung, sondern höher. Und wer an der Vorbereitung mitgearbeitet hat, wie bescheidentlich auch, er wird seinen rechtmäßigen Anteil haben an dem endlichen Siege.« Johannes begriff ihn nicht ganz, trank aber dennoch gierig den Trost aus diesen geheimnisvollen Worten. Und während er noch darüber grübelte, trat er aus dem dunklen Laubwald auf einen ungeheuren Platz hinaus und sah vor sich den großen Tempel, der die Spitze des Eilandes bildete. Überwältigend, beinahe schaudererregend und beklemmend hehr war dieser Anblick, und er sah die nahenden Menschen wie versteinert Halt machen. Nicht anders als flüsternd wagten sie zu sprechen. Der Platz war so groß, daß sie, an den Saum des Waldes gelangend, die Hände und die Köpfe der Menschen, die den Tempel betraten, nicht mehr zu erkennen vermochten. Der Platz war gänzlich frei: da stand kein Bildwerk, da wuchs keine Pflanze. Es war die künstlich geebnete Spitze des natürlichen Felsens aus rötlich-grauem Granit, glatt poliert und langsam ansteigend in sehr niedrigen Stufen, die zwölf Schritt breit und einen Fuß hoch waren. Düster und großartig war der Unterbau des Tempels. Es war ein längliches Viereck, am längsten von Norden nach Süden, und es umfaßte eine endlose Reihe schwerer gedrungener Lotossäulen aus demselben rötlich-grauen Gestein. Dazwischen verlor sich der Blick wie in einen dunklen Säulenhain. Man sah, wie ihr Schatten die lichten Pünktchen der menschlichen Gestalten in den noch immer herbeiströmenden Scharen verschlang. Diese mächtigen Säulen trugen auf geraden flachen Verbindungsblöcken eine breite Terrasse, die sich um den ganzen Tempel hinzog. Und auf dieser Terrasse war Erde, und darauf gedieh ein üppiger Pflanzenwuchs von Bäumen und Sträuchern, großen runden Sykomoren, hochragenden Zypressen und schlanken Palmen, alles von einem Schleier aus blüten- und blätterreichen Schlingpflanzen überwachsen. Dann folgte, stufenweise, höher hinauf eine zweite Säulenreihe, die wiederum eine mit kleinen Büschen bewachsene Terrasse trug, und darüber eine dritte. Diese Säulen waren aus hellerem lichtgrünem und grauem Gestein, die höchste Reihe war weiß, und hell hob sich das Grün der Pflanzen davon ab. Und darüber wölbte sich schlank und kühn eine Anhäufung von Bogengewölben mit tausenden zierlicher Spitzen und Pinakeln, die einem Wald von Stalagmiten glichen, ein ovales Ganze formend, dessen bedeutendste Farben aus funkelndem Metallblau, Hellgrau und Silber bestanden, so daß es wie eine Wolke erschien oder wie eine Gletscherspitze, jedoch von Menschenhand harmonisch geformt. Und darüber funkelte auf einem riesengroßen Dreifuß die goldene Flamme, das Liebes- und Lebenssymbol. Wenngleich Tausende von Menschen unaufhörlich von allen Seiten in den Tempel strömten und zwischen den dunklen Säulen verschwanden, war es sehr still. So still, daß man, trotz des Scharrens der Füße, noch deutlich das Rauschen der Bäche hörte, die von den bewachsenen Terrassen herabstürzten und nach den vier Ecken des Platzes strömten. Johannes versuchte den flüsternd geführten Gesprächen der Menschen zu folgen, allein er vermochte die Sprache nicht zu verstehen. Aber da wies ihm Windekind drei Männer, einen breitschultrigen Vater von etwa fünfzig Jahren, und seine beiden Söhne, kaum zwanzigjährige Jünglinge, und er sagte: »Höre, was sie sprechen.« Und es war Holländisch, reines wohllautendes Holländisch. Der Vater sagte: »Sieh, Gerbrand, die untersten Säulen sind so dick, daß zehn Männer sie nicht umspannen können. Aber in dem Innern des Tempels, in dem großen ovalen Mittelsaal, stehen hundert viel größere Säulen, die bis an den Boden der dritten Terrasse reichen. Auf jenen Säulen stehen, von gewölbten Bogen getragen, doppelt so viel kleine, die ein wenig höher reichen als die Galerie der dritten Terrasse und durch eine Anordnung von Stützbogen damit verbunden find. »Auf jenen zweihundert kleineren Säulen ruht die enorme Mittelkuppel, die den ganzen Raum überwölbt. Jene Kuppel besteht gänzlich aus Metall. Das Dunkelblaue ist Stahl, das Graue Aluminium, das Hellgrüne Bronze, die Pinakelverzierungen des Bogens sind aus Silber oder versilbertem Stahl. In den vier Ecken zwischen Quadrat und Oval stehen vier Türme, das sind jene kleinen gänzlich vergoldeten Kuppeln. Darinnen gehen Fahrstühle auf und ab, und durch sie wird auch das Wasser zu den Terrassen hinaufgeführt. »Der hohe Dreifuß mitten auf der Kuppel ist aus Bronze, und die Flamme aus vergoldeter Bronze. Die Flamme allein ist zwölf Meter hoch, ihre Spitze ragt um 180 Meter über diesen Platz hinaus.« Und Gerbrand, der jüngste der beiden Söhne, sprach in grübelndem Schauen und voll freudiger Bewunderung: »Wie viel Menschen haben wohl daran gearbeitet, Vater?« Und der Vater wieder: »O, wohl mehr als Hunderttausend, beinahe ein Jahrhundert lang. Aber wenn der Tempel jetzt wieder einstürzen würde, wie das schon einmal geschehen ist, dann würden ihrer jetzt zehnmal so viel kommen und ihn voller Begeisterung neu errichten in der Hälfte der Zeit.« Und näher kommend, unterschied Johannes unter dem steinernen Sims auf der ersten Terrasse silberne römische Lettern. An der Front wurde ein Teil eines Spruches sichtbar, der sich allem Anschein nach um den ganzen Tempel hinzog, und dessen feierlicher Klang Johannes im Ohr haften blieb, wenngleich er seinen Sinn noch nicht erfaßt hatte. An der vorderen Seite stand: Redeunt Saturia Regna und an der östlichen Seite las er die ersten Worte: Iam Nova Progenies ... Mehr vermochte er nicht zu unterscheiden. Sie betraten den Säulenwald, und Johannes folgte den Dreien so dicht wie möglich. In dem feierlichen Halbdunkel drängte sich alles zu den Treppen hin, die zu den lichteren Terrassen führten. Auf der zweiten Terrasse standen tausende von Standbildern großer und berühmter Menschen aus allen Zeiten, und es belustigte Johannes, zu hören, was die Söhne und ihr Vater über sie sprachen. Die Tondichter kannten sie am besten, dann die dramatischen Dichter, die Bildhauer, Maler und Gelehrten. Vor den Staatsmännern standen sie zumeist verlegen. Gerbrand sagte: »Hier steht ein Kämpfer, Vater, Bismarck ist sein Name. Wann hat der gelebt, und was hat er gemacht?« Da sprach der Vater zu dem ältesten Sohn: »Weißt du nicht, wann Bismarck lebte und was er gemacht hat, Hugo?« Hugo antwortete: »Ich denke, Vater, daß er zu Bachs Zeiten lebte, aber was er gemacht hat, das weiß ich nicht.« Der Vater wieder: »Ja, er lebte so ungefähr in der Zeit Bachs, oder besser gesagt, in der von Brahms, und er hat das deutsche Reich gemacht.« Darauf Gerbrand: »Das Deutsche Reich, Vater? Wo ist das?« Und der Vater: »Das Deutsche Reich besteht nicht mehr, Gerbrand, trotzdem es Millionen Deutsche gibt. Solche Reiche gibt es heute nicht mehr. Aber zu jener Zeit wurden sie als etwas besonders Schönes erachtet.« Und Hugo: »War es so schön wie die chromatische Phantasie, Vater? oder wie die Pyramiden?« Und darauf der Vater: »Es war etwas ganz anderes, mein Junge, aber sicherlich nicht so schön, denn es war nicht so dauerhaft.« Auf der dritten lichtesten Terrasse zog sich unter dem höchsten Säulengang aus weißem Marmor ein Fries mit halb erhabenem Bildwerk hin, der um den ganzen Tempel lief. Und darauf sah man wunderherrlich gemeißelte Gruppenbilder, die die Geschichte der ganzen Menschheit darstellten. Hier waren es die kriegerischen Schauspiele, vor denen die Jünglinge am längsten Halt machten. »Sieh, Vater,« rief Gerbrand, »hier wird wieder ein Mann ermordet. Warum geschieht das? was hat er Böses getan?« »Dies ist Pertinax,« sagte der Vater, »ein römischer Kaiser, der von seinen Soldaten ermordet wurde, weil er gerecht war.« »Wie kann man einen Kaiser ermorden, weil er gerecht ist?« sagte Hugo lächelnd. »Sie haben ja auch den Sokrates ermordet, weil er weise war, nicht wahr Vater? das haben wir ja soeben gesehen.« »Ja, aber Gerbrand,« sagte Hugo, »sie haben auch oft aus guten Gründen gekämpft, nicht wahr, Vater? Sokrates selber hat gekämpft, und Sophokles.« »Und Äschylos,« sagte der Vater. »Bei Marathon wurde ihm die Hand abgehackt. Auch Dante hat gefochten, und Byron.« »Shelley auch?« fragte Hugo. »Nein, mein Junge.« »Aber, Vater,« fügte Gerbrand darauf, »wann ist es denn gut, zu kämpfen, und wann nicht?« »Es ist gut, ihr Knaben, wenn es gilt, das Beste und Heiligste, was man besitzt, gegen Angreifer zu verteidigen. Etwas, was uns noch lieber ist als unser Leben. Das glaubten Äschylos, Sokrates und Dante tun zu müssen. Sie kämpften für die Freiheit, die höchste Freiheit ihrer Zeit. Und wenn jetzt Wesen kämen, die das angriffen, was wir unsere Freiheit und unser Recht nennen, dann würden auch wir dafür kämpfen.« »Ich wollte nur, daß das geschähe«, sagte Gerbrand. Und Hugo und der Vater lachten. »Hat Beethoven gekämpft?« fragte Hugo. »Nein. – Denn er hat, ebensowenig wie Shelley einen Kampf um die wahre Freiheit miterlebt, einen Kampf um das, was er für die wahre Freiheit hielt.« »Aber Beethoven trug einen schwarzen Zylinder, nicht wahr, Vater? Und Bach ließ sich sein Haar abschneiden, und trug eine Perrücke.« »Und Mozart auch, nicht wahr, Vater? Ich begreife nicht, daß Könige so komische Dinge tun konnten.« »Wie ist es nur möglich,« sagte Gerbrand, »daß die Menschen einander ansehen konnten, ohne sich halb tot zu lachen, mit ihren Zylindern und ihrer komischen schwarzen Kleidung.« »Meine lieben Jungens,« sagte der Vater, »nichts ist so komisch und so schlecht und so häßlich, daß es nicht die besten Menschen ertrügen, wenn es nur von vielen gleichzeitig gehandhabt wird, wenn es eine allgemeine Verwirrung der Zeit bedeutet. Und jene Zeit war eine ganz seltsame Zeit. Während so große und weise Könige lebten wie Goethe, Shelley und Beethoven, fristeten neunzig von hundert Menschen ihr Dasein wie die Tiere. Sie wuschen ihren Körper niemals.« »O pfui!« riefen die beiden aus. »... Sie trugen schmutzige, häßliche Kleider, waren plump und schlecht erzogen und hatten kein Verständnis für Musik und Poesie.« »Wie ist das möglich? wie ist das nur möglich!« riefen die beiden Söhne aus. »Weil man glaubte, daß das gute Menschenleben nur für ganz vereinzelte Menschen, für einen unter hundert oder einen unter tausend möglich sei. Ihr findet das jetzt recht dumm, nicht wahr? aber damals dachte ein jeder so, sogar die Könige.« »Shelley doch nicht!« rief Hugo aus. »Nein. Shelley nicht«, fagte der Vater. »Aber es ist beinahe Mittag, wir müssen sorgen, daß wir in den Saal der hundert Säulen kommen. Hierüber sprechen wir dann ein andermal noch, bei Mutter und den Kleinen daheim.« Die Wände waren mit Sprüchen in vielerlei Sprachen bedeckt, und jede dieser Sprachen wies ihre eigenen zierlichen Schriftzeichen auf. Er erkannte das Sanskrit, die chinesische, arabische, hebräische und griechische Schrift. Von den Sprüchen verstand er nur wenige, und er behielt die folgenden, ohne sie indessen zu verstehen: » In La Sua Volontade E Nostra Pace «. Und » Mite Et Cognatum Est Homini Deus« . Der Saal der hundert Säulen hatte von allen Seiten Zugänge, die zu ebener Erde lagen, durch die untersten Kolonaden und auch über Treppen, die von sämtlichen Terrassen herabführten. Der Boden des Saales glich einem weißen Schneefeld, so leuchtend war der Marmor, und die astronomischen Figuren, mit denen er eingelegt, waren aus Silber. Die hundert Säulen, nach denen der Saal benannt wurde, waren aus rotem Granit und trugen die mittlere Kuppel, die sich wie ein Wundergebilde von Bogen auf Bogen über dem ungeheuren Raum wölbte. Da waren keine Glasfenster, sondern das Licht fiel von oben durch die offenen Bogen und die weißen und hellblauen Säulchen der Kuppel, ohne daß man indessen von unten aus den Himmel zu sehen vermochte. Der Saal war bereits von einer ungeheuren Menschenmenge erfüllt, und noch stets strömten Tausende und Abertausende flüsternd herbei und machten voll stiller Erwartung Halt. Johannes folgte seinen Landsgenossen. »Seht ihr, Jungens,« sagte der Vater, »diese Säulen sind aus einem Stück, es sind die größten Steinsäulen der Welt. Zwei hat es einst in alter Zeit in Rom gegeben, als die Menschen auch wunderherrlich zu bauen verstanden, und eine fanden wir halb losgelöst an der Küste von Korsika. Da machten wir selbst noch siebenundneunzig dazu und stellten sie auf zu Gottes Ehre.« »Vater,« flüsterte Gerbrand, »jetzt sind wir doch die glücklichsten und mächtigsten Wesen der ganzen Welt, nicht wahr?« Der Vater blickte ihn zornig an und sagte: »Schäme dich, mein Junge, wir sind arme, blinde Erdenwürmer, und all unser Glück ist Elend, und all unser Ruhm ist Schein, mit der Schönheit und dem Glück der Wahrheit verglichen. Es ist nur ein matter Abglanz von dem, was wirklich ist. Um das zu sagen, kommen wir alljährlich hier Zusammen, und damit ihr das lernen sollt, habe ich euch hierher geführt. Blickt empor und lest was dort geschrieben steht.« Und Johannes folgte der Richtung seiner erhobenen Hand, und sah einen griechischen Spruch in riesigen goldenen Lettern, der sich rings um die Kuppel hinzog. Der Vater der beiden Jünglinge übersetzte ihn. Da stand: »Dem alleinigen Gott, der allein ist in der Wahrheit und dem wahrhaft Bestehenden, unserem Vater, den wir lieben mit unserem ganzen Herzen und unserem ganzen Verstande und um dessentwillen wir einander lieben wie uns selber.« Da zeigte der Mann seinen Kindern eine große goldene Zahl am nördlichen Ende des Saales, auf die aller Augen gerichtet waren, und er sagte: »Paßt auf, das ist die Stundenziffer, aber darunter steht: Es gibt weder Zeit noch Stunde. Seht ihr es wohl? Bedenket das euer Lebenlang. Und bedenket auch, warum wir heute hierher gekommen sind. In wenigen Minuten steht die Sonne in sommerlichem Stillstand, auf ihrem höchsten Punkt. Der Tempel ist so gebaut, daß gerade in jenem Augenblick sein Licht durch eine Öffnung in der Kuppel auf jene goldene Zahl fällt. Dann werden wir, die wir zu Tausenden und Abertausenden aus allen Orten der Welt hier zusammengekommen find, uns wiederum feierlich und mit Gesang in treuer Liebe zu einander und unser Aller Vater verbinden.« Danach schwiegen die beiden Söhne und starrten unablässig auf die goldene Zahl, gleich wie alle anderen. Es wurde still, totenstill in der ganzen unzählbaren Menge, in dem ganzen ungeheuer großen Raum. So still, wie im Walde vor einem Unwetter, wenn die Blätter nur noch hin und wieder leise rascheln. Da begann eine schwere Uhr mit gewaltig dröhnenden Schlägen die Stunde zu schlagen, und alle zählten ihre Schläge in größter Spannung. Und vor dem letzten Schlage flammte die goldene Stundenziffer feurig auf im Licht des hellen Sonnenscheins. Da stimmten alle einmütig und ohne Zögern einen mächtigen Choral an, ernst feierlich und erhaben – der wie eine einzige Stimme hinaufstieg in die lichten Gewölbe, wie ein Dankeslied und ein Gelübde zugleich, eine Erneuerung des Liebesbandes zwischen Gott und den Menschen für den neuen Jahreskreis. Und die Rührung war so groß und so tief, daß einzelne, gleichsam überwältigt, in die Knie sanken oder Kopf und Hände auf die Schultern derer stützen mußten, die vor ihnen waren. Die meisten aber standen hochaufgerichtet, sangen laut und mit klarer Stimme, und schauten frohen und mutigen Blickes empor. Und Johannes selber fühlte sich über alle Begriffe dankbar und glücklich, wie ein Kind in seinem lieben Heim unter dem Segen des Vaters ... Rrrrrrr!!! Da läutete der Wecker auf dem schwarzen Sims über dem Herde in Marions kleiner Küche. Das eiserne Bettchen knarrte und ächzte, und Marion fuhr auf, mit der noch halb verschlafenen mechanischen Hast eines Menschen, der an frühzeitige Arbeit gewöhnt ist, und stellte den Wecker ab. Da stand das häßliche Tischchen, die Petroleumlampe und der schmutzige Kaffeekessel, und das alles begann Marion nun aufzuräumen. Und aus dem stockfinsteren Alkoven kamen nacheinander sieben van Tynsche Kinder zum Vorschein, um sich in der Küche unter der Pumpe zu waschen und sich an einem einzigen schmutzigen Handtuch abzutrocknen. Zweimal bereits waren sie an den Besuchstagen im Krankenhaus gewesen. An einem Mittwoch und an einem Sonnabend. Aber man wollte sie nicht zu Markus lassen. Er sei noch stets bewußtlos, und der Arzt wisse noch nicht, ob eine Operation notwendig sein würde, so lautete der Bescheid. Und wie sehr Johannes auch bat und flehte, man möge ihn doch nur für einen flüchtigen Augenblick des Freundes Gesicht sehen lassen, damit er die Sicherheit gewänne, daß er noch am Leben sei – es nützte alles nichts. Daß er Dr. Ziffer und Professor Bommeldoos kannte, machte hier nicht den geringsten Eindruck. Man war nicht zu dem allerleisesten Entgegenkommen geneigt. Die feindliche Gesinnung gegen seinen Bruder war allgemein und drang sogar bis in die humane und wissenschaftliche Sphäre des Siechenhauses, so daß man auch Johannes kühler behandelte, weil er mit dem Manne verwandt zu sein schien. Denn sogar Ärzte und Krankenpflegerinnen mögen nicht in den Verdacht geraten, daß sie anders empfinden als die große Menge. Johannes und Marions Erregung und Traurigkeit waren so groß, daß jeder sich um den andern sorgte, ob er nicht krank werden würde; so wenig aßen sie, und so schlecht sahen sie aus, und so hohl wurden ihre Wangen, die doch niemals allzu frisch und blühend gewesen. Dann endlich durften sie das dritte Mal mit dem Strom der Besucher eintreten, an einem Mittwoch nachmittag zwischen zwei und vier Uhr. Marion mit ein paar weißen und violettfarbigen Astern, Johannes mit einer Weintraube, die er für sein mühsam Pfennig um Pfennig zusammengespartes Geld erstanden hatte. Angstvoll überschauten sie beim Eintreten den Saal mit den zwei langen Bettreihen. Sie suchten nach dem bekannten Antlitz, allein sie fanden es nicht. Schüchtern wandten sie sich an die Pflegerin, die schreibend mitten im Saal an einem kleinen Tischchen saß, auf dem allerhand Verbandszeug umher lag. Ohne zu antworten, zeigte sie auf ein Bett. Da erst sahen sie die dunklen Augen und das freundliche Lächeln auf sich gerichtet. Sie hatten ihn nicht erkannt, weil sein Haar ganz kurz abgeschnitten und sein Kopf verbunden, und sein Gesicht mit Pflastern bedeckt war. Er winkte ihnen mit seiner mageren weißen Hand und streckte sie ihnen entgegen. Sie eilten auf ihn zu. Zwei junge Männer standen an seinem Bett, Studenten. Der eine, der Markus soeben untersucht zu haben schien, sah plump und derb aus und hatte ein aufgedunsenes Gesicht. Die Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirn. Der andere stand, die Hände in den Taschen, gleichgültig daneben. »Hast du es schon raus?« fragte der letztere. »Gott bewahre, nein,« antwortete der andere, während er sich mit seinem Ärmel über die Stirn fuhr. »Es ist ein verflucht komplizierter Fall. Ein Schädelbruch ist zweifellos vorhanden, aber das mit der Paralyse begreife ich nicht im geringsten. Ein ekelhafter Streich von Snyman, daß er mir gerade so was aussucht, natürlich nur um mich reinzulegen. Du sollst es sehen, ich falle mit Pauken und Trompeten durch.« »Ach was, Mensch, du bist wohl verrückt. Dies ist ja gerade ein schöner Fall. Damit läßt sich renommieren. Komm' du nur heute Abend zu mir, dann wollen wir die Gehirnanatomie noch mal zusammen durchnehmen. Bring' dein großes Werk mit. Ich werde dir's so einpauken, daß sie alle perplex sind. Aber jetzt mußt du mit, denn da ist Besuch.« Und dabei nahm er seinen Kommilitonen, der seufzend seine Instrumente einpackte, unter den Arm und verließ mit ihm den Saal. »Na, Kinder, was sagt ihr dazu, wie sie mich zugerichtet haben?« sagte Markus heiter, während er Marions Blumen in die linke Hand nahm, weil er die rechte nicht bewegen konnte. Aber weder Marion noch Johannes vermochten zu sprechen. Sie standen da und schluckten, und um ihre Lippen zuckte es. Da setzten sie sich jeder an eine Seite des Bettes, und Marion legte ihre Stirn auf seine bleiche kraftlose Hand. Johannes streckte ihm die Trauben hin und versuchte einen Gruß zu sprechen, allein er konnte es nicht. »Kinder«, sagte Markus, sanft und strenge zugleich. »Ich sehe euch viel zu viel weinen. Weißt du noch Johannes, wie du damals auf der Straße neben dem Schleifwagen niedersaßest, und wie ich es dir verbot. Wenn man gar so rasch weint, dann will es fast so scheinen, als ob man das große Leid der Menschheit nicht empfände. Wer das einmal empfunden hat, weint nicht mehr um eigenen Kummer, denn dann würde er sich wohl um des großen Leides willen Tag und Nacht in Tränen baden müssen.« Bei diesen Worten ermannten sich die beiden, und Marion sagte: »Aber dies ist doch keine Kleinigkeit, was man dir angetan hat.« »Daß die Welt so ist, daß dies geschehen mußte, das ist keine Kleinigkeit. Das ist entsetzlich. Aber es ist und bleibt ebenso entsetzlich, ob dies mich nun betroffen hat, oder nicht. Und daß ich es getan und ertragen habe, das ist ein Grund zur Freude und nicht zum Weinen.« Und darauf Johannes: »Aber lieber Markus, was hat es genützt und was wird es nützen? Niemand empfindet Reue darüber, niemand wird jemals einsehen, was dies alles zu bedeuten hatte. Niemand denkt in diesem Augenblick mehr an dich, noch an deine Worte.« Und während Markus seinen Blick mit innigem Ausdruck auf ihn heftete, gleichsam um ihn zu tieferem Nachdenken zu ermahnen, sagte er: »Aber Johannes, entsinnst du dich denn nicht mehr der Geschichte jener kleinen Saat, der nichtigsten unter allen Saaten? Sie fällt zu Boden, sie wird zertreten, niemand achtet ihrer, sie scheint in der schmutzigen Erde gänzlich verloren und vernichtet zu sein. Allein, wenn ihre Zeit gekommen, beginnt sie zu keimen und wird zur Pflanze, und die Pflanze trägt neue Saaten, die der Wind mit sich führt. Und aus den neuen Saaten entstehen neue Pflanzen, und die ganze Erde wird zu klein für die gewaltige Macht dessen, was aus jener winzig kleinen Saat hervorgegangen. Hat Johannes mich und meine Worte vergessen?« Johannes schüttelte den Kopf: »Nun wohl, Johannes und Marion sind doch nicht die einzigen Menschen mit Ohren um zu hören. Das Fünkchen ist gefallen und im Verborgnen glimmt es weiter; die kleine Saat liegt in der dunklen Erde und harret ihrer Zeit.« Allmählich begann der Saal sich zu füllen. An jedem Bett saßen jetzt Anverwandte, Frauen und Mütter mit kleinen und großen Kindern, einzelne auch mit Säuglingen an der Brust. Und ein dumpfes Murmeln erfüllte den Saal, in dem sich der Gestank von alten und lange getragenen Kleidern mit dem scharfen Geruch der Desinfizierstoffe vermengte. »Bleibt bei mir, ihr Kinder,« sagte Markus, »solange es euch vergönnt ist. Das Instrument ist geborsten und wird binnen kurzem keinen Ton mehr hören lassen. So lauscht denn, solange es klingt.« »Wirst du uns verlassen, Markus?« fragte Johannes, die Zähne fest zusammenbeißend, um tapfer zu bleiben. »Ich habe meine Aufgabe erfüllt«, sagte Markus. »Jetzt schon? jetzt schon?« fragten die beiden fast gleichzeitig. »Aber wir können dich nicht missen, wohl für eine Weile, aber nicht für immer.« »Wo ist dein Gedächtnis, Johannes? Du hast mich für immer. Und einstmals noch viel näher als jetzt.« »Aber Markus, wie kann ich denn ohne dich den Menschen in ihrem Kummer beistehen? Weiß ich doch den Weg noch lange nicht. Mir ist es, als ob ich wochenlang, Tag und Nacht würde fragen müssen.« »Lieber Johannes, ich habe genug gesagt. Tag und Nacht fragen würde dir nicht mehr nützen, als Tag und Nacht nachdenken über alles das was ich dir gesagt habe. Es scheint so, als hätte ich wenig gesprochen und unter den Menschen wenig ausgerichtet, nicht wahr? Aber bedenke wohl, daß dasselbe seit uralten Zeiten gesagt wurde und daß es niemals klarer geworden ist durch viel Worte, sondern stets nur dunkler. Wo die einfachen Gebote nicht schwer genug gewogen haben, da haben auch schwülstige Reden zu nichts geführt. Ist das Beste nicht schon vor zweitausend Jahren gesagt worden? Und Millionen haben einander bekämpft und gefoltert, wegen der Erläuterungen und Verdrehungen und Erklärungen. Und das einfache Gebot, das sie alle kannten, das haben sie nicht befolgt. Um die Kleidchen haben sie sich gerissen und das Kindlein haben sie bei den Hunden und den Säuen gelassen.« Sie blieben den ganzen Tag, denn man hatte ihnen erlaubt, ihren Besuch auszudehnen; und Johannes erzählte, wo er in jener Nacht gewesen, die dem Hochzeitstage folgte. Und Marion, die dies mit angehört hatte, fragte: »Markus, wenn er wirklich die Welt gesehen, die kommen wird, warum sah er denn nichts von Markus?« Aber Markus schloß die Augen, gleichsam vom Zuhören ermüdet, und legte friedlich lächelnd den Kopf zurück, während er leise die Worte sprach: »Einem guten Baumeister liegt nicht sein eigener Name, sondern das schöne Werk am Herzen.« Darauf gab er ihnen durch einen Wink zu verstehen, daß er ruhen wolle, und nachdem sie heimlich einen Blick ausgetauscht, standen sie langsam auf und gingen fort, langsamen Schrittes und in schweigendem Grübeln. Als sie am Sonnabend wiederkamen, richteten sie sofort ihren Blick auf sein Bett, nun wissend, wo er lag. Und ein eisiger Schrecken durchfuhr ihre Glieder, als sie unter dem weißen Verband sein Gesicht sahen, wachsgelb, mit den geschlossenen, eingesunkenen Augen. Sie glaubten, daß er tot sei. Aber als sie zaghaft und zitternd näher traten, winkte ihnen der Patient, der auf der Pritsche neben Markus lag, daß sie nur kommen sollten. »Kommt ihr nur«, sagte der Mann, ein alter verkommener Kerl mit einem Verband um den kahlen Kopf, einer halb weggezehrten Nase und einem struppigen Bart, der gelblich-braun war vom Tabakkauen. »Er ist noch nicht kalt, aber er schläft fortwährend fest wie ein neugeborenes Kind. Nicht wahr, Isaak?« Und Isaak, der Kranke, der an der andern Seite neben ihm lag, ein Trunkenbold mit einem gebrochenen Bein und dem Gesicht voll roter Pickeln, rief aus: »Na und ob, ich kann's nach zwei Maß nicht besser.« »Wartet nur einen Augenblick«, sagte der Alte. »Macht 's euch bequem. Es würde mir leid tun, wenn ihr wieder wegginget.« »Ein bißchen ruhig da, Numero acht!« rief die Wärterin, »leise sprechen!« »Ist's euer Bruder?« fragte Isaak, jetzt flüsternd. Johannes nickte. »Sie haben ihn verdammt zugerichtet«, sagte der Alte. »Genau so wie mich. Aber ich glaube doch, daß sie bei mir mehr an den Rechten gekommen sind.« »Viel wünsche ich mir nicht mehr,« sagte Isaak. »Aber wenn wir beide hier jetzt doch für immer in der Kost liegen müssen, er und ich, dann möcht' ich wohl zu unserm lieben Gott beten, daß er ihn nicht vor mir krepieren läßt. Denn wenn ich hier allein bleiben muß mit der alten Faulnase und meinem eigenen sündigen, auf ewig verdammten Wanst, dann ... hi! hi! hi!« Und dann kam ein plötzlicher laut schluchzender Ausbruch der Trunkenboldsreue, der durch die ihm auferlegte Totalabstinenz hervorgerufen wurde. »Ruhe!« rief die Schwester streng. Markus erwachte und grüßte seine beiden Teuren. Darauf blickte er auf seinen Nachbar zur Linken und sagte: »Warst du schon wieder am Flennen, Isaak? Ich habe dich wohl gehört. Niemand ist für allzeit verdammt, du nicht und der alte Bram auch nicht. Wenn du nur sorgst, daß du künftighin nur Wasser heulst und keinen Schnaps.« »Das schwör' ich dir, Markus; bei Gott und Vater,« sagte Isaak, während er sich auf die Brust schlug. »Das kannst du nicht, und das hilft auch nichts. Nach einem halben Glas Bier hast du all deine Schwüre vergessen.« »Auch kein Bier«, sagte Isaak, »bei Gott und ...« »Sei jetzt nur still, Isaak, nicht sprechen, sondern handeln« »Marrekus«, sagte der alte Bram mit heiserer, zitternder Stimme, während er sich mühsam aufrichtete und mit der knochigen Hand in die Wolldecke griff, »sprich jetzt mal frisch von der Leber weg – kann es das wohl geben, daß ein altes Luder wie ich nicht für ewig verdammt sein sollte? Die Pastoren haß' ich wie die Pest, aber ich bin doch als Christenmensch großgezogen, und weil ich hier jetzt keinen hinter die Binde gießen kann, schwitze ich jede Nacht in meinem Bett und schüttle mich wie ein Rammgerüst. Denn wenn ich nicht hinein soll, dann können sie sich mit ihrer ganzen glühenden Verdammnis fortscheren, oder die Engelshemdchen davor trocknen, oder Kuchen drin backen ...« »Na, Alter, jetzt hör' du mich mal gut an«, sagte Markus freundlich. »Ich werde ganz nach meinem Herzen sprechen, wirst du mir dann auch glauben?« »Das werde ich, Markus«, fügte der Alte ernsthaft, während er eine seiner dürren Klauen emporstreckte. »Wenn ich droben vor dem Vater stehe, und er will mich in den Himmel einlassen, dann werde ich sagen: ich will nicht hinein, bevor der alte Bram auch aus der Hölle erlöst ist, und wenn er auch zu allerletzt an die Reihe kommen sollte.« Der Alte blickte Markus eine Weile zweifelnd in die ernsten Augen, dann verzog er sein Gesicht zu einem wunderlichen Grinsen und ließ sich mit einem Ruck hintenüber auf sein Kissen fallen. So blieb er liegen, während er starr auf die Decke blickte, grinsend, murmelnd und kopfschüttelnd. Johannes hörte ihn flüstern: »Gott soll mich – Jesus Christus! – Jesus Maria! – Gott soll mich ewig!« – und so fort. Marion fragte leise und nicht ohne Verstimmung: »Aber Marius, ist der das nun wirklich wert? Der Kerl ist ja schon halb stumpfsinnig.« Markus antwortete: »Und Keesje? Hast du denn um den keine Tränen geweint? Hier aber ist mehr.« Das brachte die zwei zu grübelndem Schweigen. Endlich seufzte Johannes tief auf und sagte: »O wie viele Rätsel gibt es doch! Das goldene Schlüsselein scheint mir jetzt viel ferner als einst.« »Doch bist du ihm näher gekommen«, sagte Markus, »weil du Mich erwählt hast und das Leben, statt Windekind und den Tod. »Die Lilie der ewigen Weisheit ist eine zarte Blume, die langsam und aus sich selber wachsen muß. »Vater hat uns alle ausgeschickt, um sie zu suchen, aber niemand vermag sie allein zu finden. »Die ewige Weisheit ist wie eine schüchterne Frau. Wer ihr zu ungestüm nachjagt, dem entflieht sie. Wer sich abwendet und erst der Liebe folgt, den wird sie heimlich suchen.« Nachdem Markus diese Worte gesprochen, sagte Marion kurz: »Johannes und ich werden Mann und Frau.« Markus nickte, ohne Verwunderung. »Willst du uns trauen, Markus?« fragte Johannes. »Kann ich Treue geben, Johannes, wo die nicht ist?« fragte Markus. »So meine ich das nicht«, sagte Johannes verlegen. »Aber ich will versprechen, ihr treu zu bleiben, in deinem Beisein.« »Überlege deine Worte wohl, Johannes. Ein Versprechen ist wie eine Prophezeiung. Aber wer vermöchte wohl ohne vollkommene Kenntnis zu prophezeien? Er dort neben mir versprach nicht mehr zu trinken. Es war ihm ernst. Aber was ist sein Versprechen wert ohne die Kenntnis? Und hast du von deiner dauerhaften Treue Kenntnis? So sage denn: »ich will treu sein« und sei es. Aber versprich nicht, denn wer ein eitles Versprechen gibt, ist schuldig und wer ein lügenhaftes Versprechen hält, ist schuldiger als der, welcher es bricht.« Darauf sagte Marion zu Johannes: »Ich will von dir keine Versprechungen, aber ich will deine Treue. Wenn deine Treue nicht ohne Versprechungen stand hält, dann will ich sie nicht. Kannst du jemanden lieben, nur weil du es versprochen hast? An solcher Liebe ist mir nichts gelegen.« »So will ich doch sagen, daß ich Treue fühle, so tief, wie ich mich selber kenne«, sagte Johannes, »und ich will dennoch versprechen, daß ich alles tun werde, was in meiner Macht liegt, um treu zu bleiben.« »Das ist schon bedachtsamer gesprochen«, sagte Markus. »Aber wovon unser kleiner Haushalt bestehen soll, das sehe ich noch nicht«, sagte Marion. »Er Piccolo und ich Dienstmädchen, aber das bringt nicht viel ein. Ich denke, daß wir schließlich noch in einem Tingeltangel landen werden.« »Mir ist es gleich, wo wir landen, wenn ich nur weiß, daß ich etwas zu dem guten Leben beitrage, zu dem Glück all dieser schönen und teuren Menschen, die ich habe leben sehen. Und dazu bietet sich mir doch wenig Aussicht als Piccolo oder in einem Tingeltangel.« »Kinder«, sagte Markus. »Aus dem Wort wächst die Tat, und aus der Tat das Leben. Und ein jeder, der das Wort spricht, läßt die Tat entstehen und das Leben erblühen!« »Gut«, sagte Johannes, »wir werden das Wort sprechen zu allen denen, die Ohren haben, so lange wir leben, und wo immer wir uns auch aufhalten mögen. Aber ich habe doch nicht nur einen Mund, sondern auch Hände, die etwas tun wollen.« »Die Hände werden stets etwas zu tun finden, und immer mehr und mehr, denn Wort und Tat sind wie der Wald und der Regen. Der Wald zieht den Regen an, und der Regen bringt Wachstum dem Walde.« »Aber wie? wie denn?« rief Johannes aus. »Ich sehe noch nicht den rechten Weg für meine Taten.« »Entsinnst du dich, was ich dir von den Feldarbeitern erzählte? Darin liegt der ganze Weg vorgezeichnet. Und dies sage ich dir Johannes: Unüberwindlich macht die gleichmäßige Liebe, das feste Gedächtnis und die Geduld. Einem, der zu dem Vater gelangen will und der dessen eingedenk ist und stets denselben Willen besitzt, solch Einem, und möge er auch noch so schwach sein, zeigt Gott allzeit die Wege trotz aller Wirrsal und allen Widerstandes. Er ist wie einer, der allgemach und unablässig in die gleiche Richtung weiter drängt, durch Scharen, die nicht wissen, wohin. Er wird Fortschritt zeitigen, da, wo die andern zurückbleiben. Und bedenket, Kinder! das Höchste und Herrlichste, was ihr euch wünschen könnt, das ist immer noch armselig und traurig im Vergleich zu dem, was ihr durch ruhige und standhaft wollende Liebe erreichen könnt.« Die Vier-Uhr-Glocke, die den Besuchern kund getan, daß es zum Gehen Zeit sei, war längst verklungen, und der Saal beinahe leer. Die Oberwärterin klatschte leise in die Hände, um Johannes und Marion zu bedeuten, daß sie fort müßten. Widerwillig erhoben sie sich. Da wurde die Türe geöffnet und Professor Snyman trat ein, von zwei Assistenten gefolgt. Professor Snyman war ein großer Mann mit bartlosem Gesicht und braunem lockigem Haar. Er hatte einen herausfordernden harten Blick, über dem nur zum Schein etwas wie vornehme Liebenswürdigkeit gebreitet lag. Mit kleinen Schritten ging er auf Markus' Bett zu, gefolgt von zwei Männern mit blonden Spitzbärten, seinen Assistenten, die blitzsaubere weiße Leinenkittel trugen. »So! so! noch Besuch?« sagte der Professor. »Geht's so ziemlich? Ja, wir machen nur langsame Fortschritte, nicht wahr?« Dabei musterte er Markus mit dem kühlen berechnenden Blick eines Gärtners, der im Stillen überlegt, ob er den Baum ausgraben oder stehen lassen soll. Da nahm er Markus' halbgelähmte Hand in die seine, umfaßte sie und dachte nach. »Mir scheint, meine Herren, wir sollten doch ruhig mal versuchen, was das Messer hier vermag, meinen Sie nicht auch? – Es ist ja doch ein casus perditus. – Und wer weiß? ... Entfernung des Knochensplitters ... Aufhebung des Druckes auf das motorische Zentrum ... wir werden vielleicht ein glänzendes Resultat erzielen, sind Sie nicht auch meiner Ansicht?« Die Assistenten nickten einander und dann dem Professor flüsternd zu. Markus sagte: »Herr Professor, möchten Sie mich nicht lieber in Ruhe lassen. Ich habe mich vollständig mit meinem Zustand abgefunden. Ich weiß doch, daß es verlorene Mühe ist, und ich lasse mich nicht gern betäuben.« »Ach was, ach was!« sagte der Professor, in halb befehlendem, halb erkünstelt freundlichem Ton. »Nicht so mutlos, nicht so schwarzseherisch! Wir wollen mal sehen, ob Sie die Hand nicht doch wieder gebrauchen können. Sie brauchen sich nicht zu fürchten; alles schmerzlos. Möchten Sie das denn nicht, daß Sie sich wieder selbst Ihren Kittel anziehen und Ihr Fleisch schneiden und Ihre Pfeife stopfen könnten? Nur Mut! nur Mut! – Schwester, morgen um zehn Uhr im Operationssaal.« Und dann zu Marion und Johannes gewandt: »Vorwärts! vorwärts! es ist schon nach Vier. Ihr müßt schleunigst fort.« Markus streckte seine Hand aus, die sie beide küßten, und sagte: »Auf Wiedersehen, ihr Kinder.« Als sie am nächsten Mittwoch wieder um zwei Uhr mit dem Strom der Besucher eintraten, und mit der Hast Durstiger, die wissen, wo sie einst Wasser fanden, nach dem Saal eilten, wo Markus lag, sahen sie schon gleich beim Eintreten, daß rings um sein Lager drei grüne Bettschirme standen. Sie wußten noch nicht, was das in einem Krankenhaus zu bedeuten hat, und traten daher wie immer eilends auf das Bett zu, hoffend, daß sie ihn jetzt vielleicht ohne Zeugen würden sprechen können. Aber Isaak, von Numero sechs, sah sie kommen und schüttelte seinen roten Kopf mit mitleidig hochgezogener Oberlippe. »Fort«, sagte er. Und der alte Bram an der andern Seite sagte: »Gerade einen Augenblick zu spät. Seit heute morgen fort.« »Fort?« fragte Johannes erschreckt und noch nicht begreifend. »Wohin?« »Ja,« sagte Isaak, »wenn Sie mir das jetzt mal rasch erzählen wollten, dann wäre ich schon wieder um ein gutes Ende weiter.« Und Bram, der Isaak nicht sehen konnte infolge der Bettschirme, sagte zu Marion: »Er hat's mir versprochen,« – und dabei schlug er mit seiner Faust auf die Wolldecke – »'s ist mir verdammt alles gleichgültig – versprochen hat er's mir – und ich rechne drauf – verdammt noch mal!« »Was ist denn geschehen?« fragte Marion, die langsam zu verstehen begann. »Sie haben ihn operiert,« sagte Isaak, »den Aschenkübel haben sie ihm aus dem Gehirn rausgeholt. Wenn er jetzt nur noch lebte, dann könnte er wieder gehen, wenn er nur noch lebte ...« »Komm mit, Marion,« sagte Johannes, indem er sie mit fortzog, und darauf leise: »Wollen wir fragen, ob wir ihn noch mal sehen dürfen?« Und darauf Marion, totenbleich, aber gefaßt: »Ich nicht, Hanni, ich will das Leben vor Augen behalten, als letzte Erinnerung, nicht den Tod.« Johannes, der ebenso bleich war wie sie, stimmte ihr bei in stillem Einverständnis. Darauf ging Johannes auf die Oberschwester zu und fragte leise und bescheiden: »Wann wird die Beerdigung stattfinden, Schwester?« Die Schwester, eine kleine blasse, bebrillte Dame, mit einem etwas harten aber nicht unfreundlichen Gesicht, blickte die beiden mit flüchtigem Augenaufschlag an und sagte ein wenig zögernd: »Ach – so – Sie meinen – Numero sieben – nicht wahr? – ja, wir wußten nichts – er hat ja keine Verwandte gehabt – es war kein Geburtsschein da – nichts – gar nichts – eine Beerdigung – eine Beerdigung findet nicht statt ...« »Keine Beerdigung, Schwester?« sagte Marion, »aber was denn? Was geschieht denn mit ihm, Schwester?« Darauf sagte die Pflegerin strenge und wahrscheinlich härter, als sie beabsichtigt hatte: »Die Leiche kommt auf die Anatomie, Fräulein.« Eine Weile standen die beiden sprachlos, gänzlich bestürzt und verwirrt. An die Möglichkeit hatten sie nicht gedacht. Sie waren auf nichts vorbereitet, sie empfanden es beide als einem unerträglichen Greuel, nun sie plötzlich dem gegenüber standen, und waren ratlos. »Ist denn dabei nichts zu machen, Schwester?« stammelte Johannes, »kann es nicht ... kann es nicht ... von der Armenpflege aus?« Er begriff, daß es nur eine Geldfrage war, und fand keinen Ausweg. Marion, praktischer als er, fragte sofort: »Was würde es wohl kosten, Schwester?« »Es tut mir leid, Fräulein,« sagte die Pflegerin, die jetzt wirklich Mitleid mit ihnen hatte, »aber ich fürchte, daß Sie zu spät kommen. Sie hätten vorher darüber sprechen müssen. Der Professor hat schon ausdrückliche Order gegeben.« »Fünfundzwanzig Gulden, Schwester, sollte das wohl genug sein?« fragte Marion. Die Schwester zuckte die Achseln. »Vielleicht – wenn Sie den Professor fragen – und wenn Sie nachweisen können, daß Sie zur Familie gehören – aber ich fürchte, es wird zu spät sein.« Schweigend gingen die beiden fort. »Was sollen wir nun tun, Marion?« fragte Johannes, als sie draußen angelangt waren. »Zu dem Professor gehen, das nützt nichts,« fagte Marion, »der ist ein eingebildeter Kerl, der seinen Willen haben will. Aber hier kommt's auf Geld an.« »Ich habe nichts, Marion,« sagte Johannes. »Ich auch nicht,« sagte Marion, »aber wir müssen uns an Menschen wenden, die wohl was haben. Du kennst sie.« »Das ist eine schreckliche Arbeit, Marion.« »Das ist es auch. Aber wir werden vielleicht noch schwerere Arbeit zu verrichten haben, um seinetwillen. Meinst du nicht auch?« »Ja, natürlich, und ich werde ihr auch nicht aus dem Wege gehen. Ich gehe, hörst du!« »Ich weiß wohl, wohin du mich haben willst.« »Gut, das sind die Reichsten, nicht wahr? Aber ich gehe auch los. Es könnte dort am Ende mißglücken.« »Wohin gehst du?« »Wo Geld steckt, Hanni. Nach dem Zirkus und nach Bredebest.« »Kannst du denn so weit kommen?« »Ja, soviel habe ich gerade noch.« Groß war die Entrüstung in den Familien Roodhuis und van Tyn, als sie von dem Vorfall hörten. Die ganze übergroße Empfindsamkeit, die Freude am Gruseln und die Anhänglichkeit an die alte Tradition brachen sich bei den guten Frauen Bahn. Und aus den dürftigen Börsen wurden sofort mit Mühe und Not drei Gulden und vierundzwanzig Cents zusammengescharrt. Während dessen begab sich Johannes in die Villa Dolores. In den Salon, wo sich van Lieverlee vor einem lustig brennenden Kaminfeuer aufs Angeregteste mit zwei Damen unterhielt, während die Gräfin den Tee eingoß, trat er ein mit seinem traurigen Herzen und seiner düsteren Bitte. Er sprach hastig, ungeschickt, plump und beachtete weder die verächtlichen Blicke der Besucherinnen, noch die sehr deutlich merkbare Verstimmung, die seine ärmliche Erscheinung, sein ungeschicktes Auftreten und seine trübe Kunde bei der Hausfrau und dem Hausherrn erweckten. »Aber Johannes,« sagte van Lieverlee, »ich hätte gedacht, daß du philosophischer wärest und höherstehende Begriffe hättest. Mir scheint, daß es für deinen Freund, der sich selbst für einen Magier hielt, und für dich selber, der du an ihn glaubtest, herzlich wenig zu bedeuten haben kann, was mit dem Stofflichen geschieht, auf dem sein vergängliches irdisches Dasein aufgebaut war.« »Und ich glaubte,« sagte Johannes, »daß Sie, nun, da Sie katholisch sind, vielleicht wohl Gefühl dafür haben würden.« »Gewiß,« sagte van Lieverlee, »wenn dein Freund auch katholisch war. War er das?« »Nein,« antwortete Johannes. »Aber Johannes,« sagte die Gräfin, »warum war dein Freund nicht in einer Beerdigungskasse? Heutzutage kaufen sich doch alle Menschen aus seinem Stand dort ein. Habe ich nicht recht, Baronesse?« »Natürlich,« antwortete die Baronesse, »jeder Arme ist in einer Kasse. Es ist erstaunlich – die Menschen klagen fortwährend über ihre Armut und dabei sind sie doch so unbedacht und so sorglos.« »Ja, ganz erstaunlich,« wiederholte die zweite Besucherin seufzend. »Also Sie wollen nichts für mich tun?« fragte Johannes nicht ohne bitteren Trotz in der Stimme. Die Gräfin blickte van Lieverlee an, der stirnrunzelnd den Kopf schüttelte. »Nein, lieber Johannes, in anderen Dingen herzlich gern, aber dies scheint uns wirklich nicht genügend motiviert.« Eine Nacht und ein Tag vergingen, und es konnte während dieser Zeit nichts getan werden, da Marion noch nicht zurück war und die drei Gulden vierundzwanzig nur ganz langsam zu etwa fünfen anwuchsen. Bis endlich, am Sonnabend Vormittag, ein Wagen vor dem Abstinenzlercafé hielt; und diesem Wagen entstieg eine vornehme schwarze Gestalt, die, mit ihrem altmodischen Perlenhut, dem rauschenden schwarzseidenen Kleide, der weiten Mantille und dem Lavendelduft, der an alte Leinenschränke und vergilbte Andenken erinnerte, den kleinen engen Hausflur gänzlich füllte. »Tante Serena!« rief Johannes aus, und es drängte ihn, sie mit warmer Herzlichkeit in seine Arme zu schließen. »Da ist sie selbst,« sagte Marion freudig erregt über ihr gutes Gelingen. »Und ich habe auch zehn Gulden von dem schwarzen Weibe; die ist doch nicht so übel wie ich dachte.« Tante Serena bekam eine Tasse Kaffee und machte sich sehr beliebt bei der Familie Roodhuis. Mit demselben Wagen, mit dem sie gekommen war, fuhren Marion und Johannes alsdann nach dem Hospital, eines guten Resultates völlig sicher, da sie sich nun auf Tantes Reichtum stützen konnten. Aber es wird euch wohl nicht verwundern zu hören, daß sie zu spät kamen, und daß der Pförtner und der Doktor, der die Wache hatte, ihnen die ausdrückliche Versicherung gaben, daß jetzt um keinen Preis mehr von einer Beerdigung die Rede sein könne, da niemand mehr würde feststellen oder zusammensuchen können, was zu dem Körper ihres Freundes gehört hatte. »Die Elenden!« murmelte Marion vor sich hin, während sie sich heimwärts begaben. Johannes aber rief aus: »O Marion! Marion! die Zeit, da die Menschen ihren Königen Ehre erweisen, ist noch nicht gekommen!« Wahre Trauer wurde nur in dem dunklen Alkoven empfunden, der hinter der Gaststube des Abstinenzlercafés lag, denn das Schluchzen und die Seufzer dort kamen von Herzen. Bevor sie wieder fortging, fagte Tante Serena: »Seht, nun fandet ihr doch wohl, daß die goldenen Äpfel von meinem Bäumchen zu etwas gut sein können, nicht wahr?« »Ach, Tante Serena,« fugte Johannes, »halte mich nicht für stolz. Wenn ich nicht früher zu dir kam, so war es, weil ich mich doch schämte, trotzdem du mir gesagt hattest, daß das nicht nötig sei. Aber von Ihm habe ich jetzt gelernt, daß wir nicht auf andere herabblicken dürfen, weil sie noch nicht so denken wie wir.« »Werdet ihr denn auch nicht zu stolz sein, um für mein Apfelbäumchen zu sorgen, wenn ich es bei meinem Tode in euer Gärtchen hinüberpflanze?« Und lächelnd ließ sie darauf folgen: »Das ist gar nicht so freundlich gemeint, wie es wohl aussieht, müßt ihr wissen. Ich habe geradezu meine Schadenfreude daran, an eure Verlegenheit zu denken, wenn ihr nicht wissen werdet, was ihr besseres damit anfangen sollt, als ich.« »Das ist aber ein häßlicher Streich von dir, Tante Serena,« sagte Marion. »Eines weiß ich,« fügte Johannes. »Daß ich die Äpfelchen ausstreuen werde, damit neue Bäumchen daraus wachsen. Das hat Er uns gelehrt.« »Gut, dann mußt du auch noch mal zu mir kommen, und mir das erklären,« sagte Tante, »Gott segne euch beide – und Gott segne eure Arbeit, ihr Kinder!« »Gott segne dich, Tante, – grüß Daatje von uns!«   Hiermit habe ich euch alles erzählt, was ich euch von dem kleinen Johannes zu erzählen hatte.