Franz Freiherrn Gaudys poetische und prosaische Werke Neue Ausgabe Fünfter Band Venetianische Novellen Der öffentliche Erzähler von der Riva degli Schiavoni Der flüchtige Reisende, welcher der Königin der Meere, Venetia, nur wenige Tage huldigt, der es verschmäht, die Schwelle ihrer Marmortempel zu überschreiten, in die inneren, langsam verwitternden Räume zu dringen, wird, von der Größe der herrlichen Erscheinung geblendet, die Runzeln und Falten auf der gebleichten Stirn der Gebieterin übersehen, ihr ohnmächtiges Hinträumen für Wachen halten. Und in Wahrheit, Wochen können ihm vergehen, eh' er seiner Täuschung inne wird, eh' er nur das Herz der Stadt, in welchem allein noch ein flüchtiges Leben zuckt, eh' er den Markus-Platz, die Piazzetta, und den an diesen stoßenden Kai der Slavonier verläßt, um sich in das finstere Gewirr der düsteren, kaum ellenbreiten Gassen und Gäßchen zu stürzen, oder den bettelstolzen Jammer der verödeten Paläste eines Blickes zu würdigen. Wochen können entschwinden, ehe der Fremdling den mächtigen Eindruck gewältigt, ehe er sich entschließen kann, den wundersamen Bann jener Riesengebäude zu brechen, ehe er ermüdet, die fürstlichen Hallen der Prokurazien, die goldschimmernden Gewölbe der Markuskirche, ihre morgenländischen Kuppeln, die seit einem halben Jahrtausend vor ihrem Bogen Wache haltenden Rosse, den frei aus der Erde wachsenden Markusturm, jenen Mast des Gigantenschiffes Venedig, anzustaunen. Und dann wird er sich zögernd von der unvergänglichen Herrlichkeit jener Wunder wenden, aber nur um wenige Schritte. Schon unter den Arkaden der Zecca, am äußersten Ende der Piazzetta, wurzelt sein Fuß, und er wird dem Briten beipflichten, welcher seine Nebelinsel verließ, nur um den Zauberblick des Markusplatzes einzusaugen, und nach diesem einzigen Bilde kein anderes mehr zu sehen begehrte, und sich wieder heimwärts wandte. Unvergeßliche Stunden habe ich dort verträumt. Vor mir der wunderbare Fürstensitz mit seinen doppelten, auf phantastischen Säulenknaufen ruhenden Gängen, mit dem musivischen rot und weißen Marmorgewande; rechts des Hafens durchsichtige Flut, auf der die bewimpelten Masten der Kauffahrer schaukelten, über welche sich die schwarzen Gondeln pfeilschnell hinschwangen; jenseits des Wassers die über die Giudecca ragenden Kuppeln von Il Redemtore und delle Zitelle, die aus dem Meer auftauchenden Inseln von San Giorgio; in weiter Ferne die von klarster Himmelsbläue umflossenen Zinnen von Salvolo, der Turm des Klosters von San Lazzaro. Und nun neigt die Sonne sich allmählich hinter der Giudecca dem Meere zu. Die Feierstunde lockt die Bewohner Venedigs aus ihren dumpfigen Schreibstuben und Läden – eine große Familie, versammeln sie sich allabendlich auf den nämlichen Räumen, später erst unter den Prokurazien und den Fliesen des Markusplatzes, früher bereits und schon bei Tageslicht auf dem Kai der Slavonier; jener ist der Vereinigungspunkt der Reichen, der Müßiggänger, welche, an kein Geschäft gebunden, nur in den herrlichen Nächten zu leben brauchen, dieser für die Gewerbtreibenden, denen die Stunden der Muße zugemessen sind, für Kaufleute, Mäkler und Schiffseigentümer. Der Markusplatz trägt einen aristokratischeren, exklusiveren Charakter; er ist, um mich des modernsten Ausdruckes zu bedienen, der Salon der Löwen, welche sich um ihr geflügeltes Vorbild scharen; die Riva der Tiger. Sie ist aber auch die äußerste Schranke des Komforts und der Sitte. Mit jedem, ostwärts auf dem Molo nach dem Arsenal zu, gerichteten Schritte sinken die Vergnügungsörter, bis sie zuletzt in Tummelplätze des Lasters, in Höhlen der lichtscheuen Verworfenheit ausarten. Vor dem ersten Kaffeehause, welches jenseits der Ponte dei Sospiri auf der Riva degli Schiavoni liegt, war in der Dämmerstunde ein besonders reges Leben bemerkbar. Die Leinenzelte, welche vor dem Hause zum Schirm gegen die Sonne errichtet waren, wurden nicht leer von Besuchern aller Nationen, welche dort oder im Schatten eines breitästigen Maulbeerbaumes, eines der wenigen, deren Venedig sich rühmen darf, ihren Kaffee und ihre Limonade zu sich nahmen und behaglich den Tabak der Zigarre, wie den des roten Türkenkopfs verglimmen ließen. Haufenweise werden dort die Goldbälle der Messineser Orangen, der Melonen und Feigen aufgestapelt; Papageien, welche schreiend im Käfig auf und nieder klettern, an der Kette tanzende Affen, Austern und Patellen, Meerspinnen und seltsam gestaltete Fische werden feilgeboten; der Anschlag des linnenen Puppentheaters verheißt die unübertreffliche Tragödie Andromache oder die hundert Könige von Troja, als Nachspiel aber die Krönungsfeier Arlechinos und Kolombinens; der Improvisatore beginnt pathetisch das Schicksal der Dido und das Lob des Schnupftabaks zu besingen, der Ciarlatano seine Wunderelixiere auszutrompeten, der Erzähler eine erstaunenswürdige, erst in den letzten Tagen in Venedig vorgefallene Begebenheit, ein Märchen oder eine ältere Novelle vorzutragen. Dem schnell um den letzteren gebildeten Kreise mich anzuschließen, verabsäumte ich niemals. Der Novellist war der erklärte Liebling des Publikums. Bei seiner Erscheinung verödete das Marionettentheater, büßte der Dichter seine Bewunderer, der Marktschreier seine Kunden ein, und alle Rohrsessel drängten sich hastig um den Alten. Er verdiente die Volksgunst mit vollem Recht durch sein wohlklingendes, schmiegsames Organ, durch Lebendigkeit des Vortrages und angemessenes Gebärdenspiel, vor allem aber durch den unerschöpflichen Reichtum seiner Erfindungskraft, welche ihn täglich einen neuen Stoff zu seinen Unterhaltungen finden ließ. Lebhaft vergegenwärtigte er mir die Erzähler des Morgenlandes; ich lernte begreifen, wie ihre Geschichten die Quellen der Glückseligkeit für ein körperlich phlegmatisches, mit glühender Einbildungskraft begabtes, den Büchern entfremdetes Volk werden können, wie sie die Zuhörer begeistern, mit sich fortreißen müssen; und der Sohn der Wüste konnte nicht größerer Andacht an den bärtigen Lippen seines Behlul al Raoui hängen, als die Schiffer, die Matrosen, welche in malerischer Gruppierung den Kreis bildeten, an denen des alten Venetianers. Scherz wechselte mit Ernst in den Erzählungen des Novellisten. Das Element der meisten war ein leichter, harmloser Humor. Nicht selten erregte ein schlagender Witz allgemeines Gelächter, rief den schallenden Bravoruf hervor; in den häufigsten Fällen blieb er leider, als ein auf Lokalitäten bezüglicher, dem Fremden unverständlich. Öfters steigerte sich die Rede zur poetischen, und dann stand dem Erzähler ein seltener Reichtum an Bildern, ein oft wahrhaft erhabener Schwung zu Gebot. Er besaß ein lebendiges Gefühl für das Große und Schöne. Seine Sprache befeuerte sich, sein Auge glänzte, und die Begeisterung, mit welcher er sprach, teilte sich unwiderstehlich den Umstehenden mit. Er redete von dem alten Venedig, wählte seine Stoffe aus der Periode des Glanzes, der Herrschermacht; er deutete auf den herzoglichen Palast. Von jenem Söller hatte sich der Doge Morosini herabgebeugt; hier, an den Stufen des Kais war der Sieger Dandolo unter dem Jauchzen des Volkes gelandet. Die Steine waren noch Zeugen jener Erscheinungen gewesen. Er sprach von jener gewaltigen Zeit wie von einem Gestern – und wir teilten die Illusion. Er wies auf die Säulen des San Marko-Löwen und des San Teodoro, zwischen denen die Leichen der Verbrecher ausgestellt wurden, er ließ den Helden über die in den Lüften schwebende Seufzerbrücke in die ewigen Kerker der Inquisition schleppen, ließ ihn auf windschneller Gondel entfliehen, führte seltsame, fremdartige Zaubergestalten an unserm Auge vorüber. Ponte dei Sospiri verband noch jetzt den Dogenpalast mit den Kerkern, jeden Augenblick huschten Barken über die Lagune – die orientalischen Trachten drängten sich bis in unseren Kreis. Er erzählte Märchen, aber er entlieh die Farben von der Wirklichkeit, von der Gegenwart – und das Unwahrscheinliche gewann an Glaubwürdigkeit, und die Geisterwelt verkörperte sich. Dieser Mann ist es, aus dessen Munde ich die Motive zu den nachfolgenden Erzählungen aufs geratewohl sammelte, den ich meinen Lesern als Redner vorführe. Ich liefere nur farblose Konturen, ich fühle es deutlich. Aber was ist der kalte Buchstabe gegen das lebendige Wort? Wo sind die glänzenden Dekorationen des Schauspieles, wie ich es erschaute, wo die von der untergehenden Sonne bestrahlten, feenhaften Paläste, wo das weite Meer, wo die begierig lauschenden Zuhörer, sie, deren verklärte, freundlich leuchtende Gesichter wiederum Begeisterung erweckten? Ich habe an den Straßenecken Roms, auf den hallenden Plätzen von Florenz unter den Bildern der Madonna elende Bänkelsänger gehört, welche mit einförmiger Stimme einen Gesang zur Violine improvisierten – und er verfehlte nie seine Wirkung auf mich. Ich war im Norden Zuhörer bei den Kunstleistungen reisender Professoren, die zur Begleitung des Piano über jedes gegebene Thema in gebundener Rede sprachen. Sie waren exaltiert, der Schweiß perlte auf ihrer Stirn; sie tranken Zuckerwasser in Strömen; der stürmische Applaus der Anwesenden krönte ihre Schnelldichtungen. Ich vermochte das allgemeine Entzücken nicht zu teilen, ich blieb kalt – mir fehlte der ewig blaue Himmel Italiens. Und ach! ich vermisse ihn nicht allein unter der dumpfigen Decke der Konzertsäle! – Nur um die ewig quälende, an meinem Leben zehrende Sehnsucht nach dem gelobten Lande in Schlaf zu lullen, schrieb ich diese Novellen nieder. Antonello, der Gondolier Wir haben gestern wiederum das Fest der heiligen Lucia gefeiert. Ich hege keinen Zweifel, daß wir es nicht alle als gute Christen begangen, daß jeder von uns seine Messe gehört und die wunderthätige Heilige um milde Fürsprache angefleht habe, um ferneren Schutz und Schirm des Lichts seiner Augen, als deren Schutzpatronin unsre heilige Kirche die Märtyrin erkennt. Den unleugbarsten Beweis aber, wie gnadenvoll die himmlische Helferin unser aller Bitten aufgenommen habe, und wie barmherzig sie jederzeit über unser herrliches Venedig wache, finde ich mit Flammenschrift in den Augen meiner holdseligen Zuhörerinnen verziffert, in dem hellstrahlenden Glanz jener zauberisch glimmenden Gestirne, welche sich jetzt verschämt hinter das Seidennetz der langen, schwarzen Wimpern flüchten, jener Sterne, denen Venedig von je her den Ruf der irdischen Milchstraße verdankt, und durch deren Zauber es auch fernerhin den Beinamen la dominante und die ungeteilte Herrschaft über die Herzen der Männer behaupten wird, wenn auch jüngere, vom Glück begünstigtere Nebenbuhlerinnen ihr den Dreizack streitig machen sollten. Die heiligste Lucia sei dafür in Ewigkeit gebenedeiet! Auch ich war gestern in San Moise, um daselbst meine Messe lesen zu lassen. Auch ich habe die gnadenreiche Märtyrin angefleht, mir bis an mein Lebensende den schwachen Schimmer des altersmüden Auges zu lassen, einen hinreichenden wenigstens, um die alten Chroniken entziffern zu können, um aus dem Novellenschatz der italienischen Meister auch noch ferner jene Goldkörner, mit deren Gespinnst ich Eure Abendstunden zu umflechten bemüht bin, auszulesen, nur genug des Lichtes, auch ohne führenden Hund den Weg nach der Riva degli Schiavoni zu finden. Die Messe aber galt dem Seelenheile meines vor fünfzig Jahren dahingeschiedenen Vaters. Ja, meine geliebten Freunde, mit dem gestrigen Tage beschloß das halbe Jahrhundert, seit ich dem zärtlichsten Vater die Augen zudrückte, ihm, dem liebevollsten Gatten, dem redlichsten Venetianer seiner Zeit. Ihr Alle habt ihn nicht mehr gekannt. Wohin ich rings um mich her blicke, strahlen mir feurige Augen, von Gesundheit, von Jugendfülle strotzende Wangen entgegen. Schon umgiebt mich eine zweite, dritte Generation – wie ein altes Römerbild rage ich aus der Vergangenheit in die Gegenwart – ich stehe allein. Aber wenn Ihr, hochverehrte Freunde, meinen Vater Antonello auch gekannt hättet, wenn Ihr auch Zeitgenossen des wackersten Burschen der Republik gewesen wäret, des geschicktesten Mandolinenspielers, des besten Tasso-Sängers, des gewandtesten Gondoliers, dessen Ruder jemals die Wellen des Canalazzo peitschte, des jedesmaligen Siegers bei der Regatta – Ihr hättet ihn doch längst schon vergessen. Und wahrlich, die Zeit rauscht jetzt mit so schnellem Flügelschlage um die Erde, daß ein halbes Jahrhundert mehr als hinreichend ist, um die Namen der Großen und Mächtigen, der Feldherren und Fürsten zu unleserlichen zu machen, geschweige denn den eines armen venetianischen Gondelführers. Übt Nachsicht daher, meine Gönner und Freunde, Nachsicht mit dem Sohne, wenn die Gefühle der Dankbarkeit gegen den Entschlafenen ihn verleiten, dessen Angedenken aus dem Schutt der Jahre an das Licht zu ziehen, wenn er mit vielleicht parteiisch erscheinendem Stolze seines Erzeugers gedenkt, wenn er Euch am heutigen Abende nur von ihm, und dem wunderbarsten Abenteuer seines Lebens unterhält. Mein Vater fühlte sein Ende nahen. Mit geschlossenen Augen lag er auf dem von Maisstroh gestopften Pfühl, in den welken Händen den Rosenkranz, und die bleichen Lippen zum lautlosen Gebet bewegend. Im Zimmer herrschte eine Totenstille; sie ward nur von dem heimlichen Schluchzen der Mutter und Kinder unterbrochen. Das Glockenspiel von Santa Maria dei Gesuiti tönte langsam und traurig aus der Ferne herüber, und dann und wann hallte durch das geöffnete Fenster der einförmige Ruf der um die Ecken biegenden Gondoliere vom Kanal herauf. Die Strahlen der Abendsonne brachen durch das Weinspalier, welches unser Häuschen umflocht, und über das Gesicht des Sterbenden flogen abwechselnd rosenrote Lichter, bald wieder die Schatten der breiten Blätter. Da schlug er die großen, schwarzen, tief in der Höhle liegenden Augen noch einmal auf, schaute sich langsam im Kreise um, als wolle er die Angehörigen mustern und überzählen, ob auch keiner von den Seinigen fehle, machte mehrere vergebliche Versuche, seine erloschene Stimme zur vernehmlichen zu steigern, und begann dann endlich, matt und häufig durch Erschlaffung unterbrochen, seine Rede: Schon seit Jahren war ich willens, Euch, meine Lieben, zu Vertrauten einer wundersamen, fast unglaublichen, in meine Jugendzeit fallenden Begebenheit zu machen. Ich verschob es von Tag zu Tage, teils Deine sattsam bekannte Geschwätzigkeit, mein gutes Weibchen, befürchtend, teils auch in der Hoffnung, Euch, meine teuren Kinder, noch dereinst als erwachsene, verständige Menschen um mich versammelt zu sehen, und dann um so achtsamere Ohren, um so verschwiegenere Lippen zu finden. Ich zauderte zu lange. Der Himmel ruft mich schon früher ab. Meine Augenblicke sind gezählt – weiß ich doch nicht einmal, ob mir der Tod noch eine hinreichende Frist gestattet, um Euch jenes langbewahrte Geheimnis zu entdecken. So vernehmt denn – aber zuvor schwört, schwört in die Hand des Sterbenden, daß Ihr vor Ablauf voller fünfzig Jahre keinem Menschen von dem jetzt Vernommenen eine Silbe entdecken wollt. Der Erbe einer großen, mächtigen Familie ward in mein Schicksal verflochten, das Tribunal der Inquisition – setzte er kaum hörbar hinzu – ward genötigt, einzuschreiten. Ein unbedachtsames Wort stellt Eure Hütte der Willkür eines zuchtlosen, gewaltigen Adels bloß, Eure Häupter der Strenge des heiligen Ufficio. Schwört ein fünfzigjähriges Schweigen. Bis dahin können jene stolzen Namen erloschen sein; im Verlauf eines halben Jahrhunderts ist vielleicht ein anderer, beglückterer Marino Falieri erstanden, ein Mann, welcher die Ketten des durch ein volles Jahrtausend erdrückten Volkes bricht, und den Schrecknissen jenes geheimnisvollen Blutgerichts ein Ziel setzt. Schwört! – Wir gehorchten dem letzten Befehle unsers Vaters, wir legten die Hände in seine kalten, absterbenden – wir sprachen das zungenfesselnde Gelübde aus. Wir haben es treulich gehalten, meine Mutter, die Geschwister bis an ihren Tod, ich, der alle Überlebende, bis der Termin erloschen, bis die Prophezeiung des Sterbenden in Erfüllung gegangen, und der Erzähler von der Riva degli Schiavoni weder die Rache der Nobili, noch die Tyrannei des Rates der Zehn zu befürchten hat, wo er keine andere Furcht kennt, als die, seinen vielgeliebten Zuhörern durch die verfehlte Wahl des Stoffes, durch den matten Vortrag mißfällig zu werden. Doch, was rede ich? Sind es denn nicht meine großmütigen Gönner, vor denen ich stehe? Sind sie es nicht, welche sich schon seit Jahren die Erzählungen des Greises mit nachsichtigem Wohlwollen gefallen ließen? Sie werden es auch heute verschmähen, den strengen, kritischen Maßstab an meine schmucklose Berichterstattung zu legen, sie werden, wie in früheren Tagen, den redlichen Willen der Leistung zurechnen. Doch nun zur Sache. Es war in der dritten Stunde eines schwülen Sommernachmittags – begann mein Vater seine Erzählung – als ich an dem Postament der Granitsäule, welche den heiligen Teodoro trägt, in dem langsam wachsenden Schatten lag, und meine faulen Glieder auf den Steinplatten der Piazzetta dehnte. Mein halbes Schock Patellen knackend und die frischen, leckern Muscheltierchen einschlürfend, zählte ich mit schläfrigem Auge die Säulen des Dogenpalastes herauf und wieder herunter, verzählte mich Mal auf Mal, und fühlte, daß mir die Augenlider bei jeder Nummer schwerer wurden. Der unter der Kolonnade wachhaltende Arsenalotto schlich immer matter und schwerfälliger auf und nieder. Die Hallen der Zecca waren völlig ausgestorben, wenn man nicht etwa das halbe Dutzend Türken, welche mit gekreuzten Beinen auf den Polstern hockten, den dünnen Rauch der Pfeife schläfrig in die Luft bliesen und regungslos vor sich hinstarrten, in Anschlag bringen wollte. Dann und wann schwirrte eine der Tauben des Markusplatzes über mein Haupt, und eilte, sich vor der sengenden Glut in die Luken der Markuskirche zu flüchten. Es war so still, daß man die aufhüpfenden Wellchen gegen den Schnabel der Gondeln klatschen hören konnte. Die ganze Welt hielt Siesta, und ich war auf dem besten Wege, ein gleiches zu thun, als der Ruf: »Heda! Antonello, auf! Eine Stunde auf dem Kanal grande!« mich aus meinem Hindämmern aufschreckte. Der Rufende war der Nobile Orazio Memmo, der liebenswürdigste Taugenichts von ganz Venedig. Dreiundzwanzig Jahre alt, hoch und schlank gewachsen, ein feines, blasses Gesicht mit den schwärzesten, glänzendsten Augen von der Welt, ebenso gewandt als verwegen, reich und abgesagter Feind des baren Geldes, kecker Spieler, leidenschaftlicher Verehrer der Frauen und allezeit von ihnen begünstigter – dies war das treue Bild meines Gönners. Mißtrauisch gegen die Gondoliere seines Oheim-Senators, in denen er nicht ohne Grund Spione seines Thuns und Treibens witterte, bedurfte der junge Wüstling bei seinen Abenteuern eines gewitzten, furchtlosen Burschen, eines verschwiegenen, unerschütterlich treuen Helfers – in mir hatte er seinen Mann gefunden. Ach, wenn ich noch jener alten, guten Zeit gedenke, jener herrlichen Karnevali, jener Nachtschwärmereien und Serenaden der geheimnisvollen Rendez-vous in den Gärten der Giudecca! Väter und Ehemänner fürchteten und verwünschten Messer Orazio ärger, als den Großtürken, und manche Handvoll Philippen flog in meine Mütze, wenn meine vogelschnelle Gondel den Verfolgten dem ihm mit blanker Waffe nachstürmenden Feinde entführt, wenn ich den beglückten Liebhaber unentdeckt in der Casa Memmo ans Land gesetzt hatte. Schnell wie der Wind war ich beim Schall der wohlbekannten Stimme auf den Beinen, löste die Kette vom Pfahle und trieb, nachdem die Exzellenza sich rückwärts durch das Kajütenpförtchen gedrängt und auf den üppigen Kissen niedergelassen, mit mächtigem Fußtritt von der Riva. Eine halbe Stunde mochte die Barke bereits über das Wasser geglitten sein, ruhig und lautlos, wie ein treibendes Blatt. Unhörbar griff das Ruder in die grünen Fluten – hatten wir doch keine Eile, und mein Padrone keinen Zweck, als ein Stündchen im behaglichen Far niente zu verträumen – da schwirrte eine fremde Gondel mit hastigen Ruderschlägen hinter uns her, rauschte hastig heran und flog ebenso schnell vorüber. Das Felce Die Dachverzierung der Gondeln. war mit silber- und rotgestreiftem Teppich bekleidet, und die von der Decke herabhängenden schweren Seiden-Troddeln streiften die Fläche des Wassers. Beide Ruderer waren in gleichfarbige, reiche Stoffe gehüllt. Keinem der fremden Gesandten, die einzigen, welchen das bekannte Gesetz der Republik das Vorrecht zugestand, das unsern Gondeln verordnete Schwarz mit lachenden Farben zu vertauschen und sie nach Willkür zu schmücken, gehörte die vorbeieilende an. Vor der Kajüte saß auf Brokat-Kissen ein Mohrenknabe mit breitem, goldnem Halsbande und an blinkender Kette schwebendem Dolch, auf der Faust einen rotschillernden, kreischenden Papagei wiegend. Die Jalousieen waren zu beiden Seiten aufgezogen, und das Auge konnte im Vorüberstreifen die innern Räume übersehen. Auf den Polstern ruhte ein himmlisch schönes Weib. Den schlanken Leib umspannte ein goldstoffnes, enganliegendes Oberkleid, und weite, faltige Beinkleider nach morgenländischer Art fielen über die kleinen, zierlich mit Blumen gestickten Pantöffelchen. Das lange, goldgelbe Haar floß frei von der blendend weißen Stirn hernieder und ringelte sich in vollen Locken über Schulter und Busen. Wollt Ihr aber eine Ahnung von dem Liebreiz jenes verführerischen Antlitzes haben, von dem feuchten Glanz des schwarzen Auges, von dem Lächeln, welches den kleinen granatenfrischen Mund umgaukelte – dann geht in den Dogenpalast, laßt Euch die Sala del scrutinio aufschließen und richtet Euer verzücktes Auge auf die schöne üppige Jungfrau in Jacopo Palmas jüngstem Gericht – sie gleicht der in der Gondel, wenn auch nur von weitem. Als die fremde Barke an der unsrigen vorüber schwebte, ließ die Schöne die langgehalste Guzla, auf deren Goldsaiten die weißen Fingerchen geklimpert hatten, einen Augenblick sinken, schnellte mit geschicktem Wurf eine Feuerlilie in unsere Kajüte und rief dann ein paar fremdartig tönende Worte. Die Barcaroli griffen mit weitausholenden Ruderschlägen ein, und im Nu waren sie uns um einige hundert Palmen voraus. »Nach, nach, Antonello!« schrie der Patrizier. »Hol' sie ein – wir müssen sie erreichen! Zwanzig Zechinen sind Dein, wenn wir sie im Auge behalten, wenn wir die Wohnung jener engelschönen Fremden auskundschaften.« – »Verlaßt Euch auf mich, Exzellenza. Ihr sollt Euch in Eurem getreuen Antonello nicht getäuscht haben; so lange das Ruder nicht bricht und die Flechsen meiner Arme nicht reißen, soll uns das schöne Heidenkind nicht entschlüpfen.« Nun galt es, das gegebene Wort zu lösen, meinen alten Ruhm aufrecht zu erhalten. Flüchtig wie Tauben stoben die rot und silbernen Fremden vor uns her, wie ein blutdürstiger Falk stürmten wir hinterdrein. Links bogen sie in eine der Seitenstraßen, hemmten dann aber ihre Flucht, nicht anders, als wollten sie sich vergewissern, ob wir ihre Spur auch nicht verloren hätten, als wollten sie verfolgt werden – und dann ging es von neuem in wilder Hast durch große und kleine Kanäle, rechts und links und wieder gerade aus, an San Nicola vorüber, bis endlich beide Gondeln sich in der Lagune auf dem Wege nach Fusina wiegten. Gaukelnd, wie ein schillernder Schmetterling, wand sich das fremde Bot zwischen den Pfählen, welche die seichte Wasserstraße bezeichnen, hindurch. Oft war es nicht anders, als schösse ein funkelnder Stern vor uns her, so prächtig strahlte die Sonne auf die glitzernde Decke, und ich mußte geblendet das Auge schließen und im Rudern innehalten. Dann trieb aber der Padrone wiederum zur Eile, und ich warf mich aufs Knie und drängte das Ruder tief in die Wellen ein, und der Schaum quirlte hoch bis an den Eisenkamm des Schnabels auf. Aus der Ferne dröhnten die Glocken von den Türmen von Malamocco herüber und ihre Klänge zerflossen leise über den Wassern. Aus der verfolgten Gondel schallte ab und zu der heisere Schrei des Papageis, dann wieder einzelne Lauten-Akkorde, zu denen der Mohrenknabe mit den Schellen des Tamburins rasselte, und dazwischen die zauberisch lockende Stimme der Morgenländerin, der die fremdartige Betonung unserer Sprache einen neuen, wunderbaren Liebreiz verlieh. Sie sang: Wo der Oleanderbüsche Volle Kelche purpurn glimmen, Wo die goldgeschuppten Fische In dem Marmelbecken schwimmen, Nachtigallen- Lieder schallen Zu der Mädchen hellen Stimmen – Dort, dort Findest Du des Rätsels Wort. Wo der Sonne goldne Pfeile Nie durch Myrtenlauben dringen, Wo um schlanke Marmorsäule Sich des Epheus Ranken schlingen? Wo die hellen Silberquellen Stäubend sich zum Himmel schwingen– Dort, dort Findest Du des Rätsels Wort. Herr Orazio Memmo, einer der gewandtesten Improvisatoren seiner Zeit, ergriff meine Zither und antwortete unverzüglich in derselben Weise: Folgen muß ich Deinem Sterne, Süßes Rätsel, durch die Wogen, Willenlos in duft'ge Ferne Deinem Leuchten nachgezogen; Doch am Strande, Holde, lande. Und wenn Ahnung nicht gelogen – Dort, dort Ist Erlösung Losungswort. Wir näherten uns mehr und mehr der zauberhaften Gondel. Der Schnabel der unsrigen teilte aufs neue die Flut, noch ehe die Spuren der fliehenden in den Wellen zerronnen waren, und der nachquellende Schaum schien eine Silberschnur, welche die erste ausgeworfen, um die unsere, einer gefangenen gleich, nach sich zu schleppen. So liefen wir denn gemeinschaftlich in den Kanal der Brenta ein, flogen an den blitzenden Villen und frischen Lusthainen der reichen Venetianer vorüber, und hielten vor einem hohen Marmorportal, durch dessen vergoldete Lanzenstäbe wir in einen weiten, mit fürstlicher Pracht angelegten Garten schauen durften. Die Fremde stieg aus. Bei San Marco! ein wunderschönes Weib, das mußte ihr der Neid lassen – eine edle, schlanke Gestalt mit verführerischer Anmut in jeder Bewegung, mit feinen und doch so süß schwellenden füllreichen Gliedern. Langsam wandte sie das zarte, von holdseligstem Lächeln verklärte Gesicht, die schwarzen schimmernden Gazellenaugen noch einmal nach meinem Herrn um und schwebte dann voran. Den gespreizten Sonnenschirm über das Haupt seiner Gebieterin und den farbigen, plauderhaften Vogel auf der Faust haltend, folgte der kleine Mohr. Die Thüren flogen auf, schlugen klirrend hinter dem Paar zusammen, es zog langsam durch die breiten, von Lorbeer- und Myrtenhecken gebildeten Alleen dem leuchtenden Schlosse zu und verschwand. »Göttlich schön!« rief Signole Memmo, zuerst von uns aus seiner Betäubung erwachend. »Und wem gehört das Schloß, der Garten?« »Mir völlig unbekannt, Exzellenza. Heute seh' ich beides zum erstenmal.« »Du kennst sie nicht? und wir sind doch auf dem Kanal der Brenta?« – »Tausende von Malen bin ich ihn schon herauf- und heruntergerudert, kenne jedes Thor, jede Villa, jeden Gondelpfahl, jeden Strauch – aber, bei San Antonio, von diesem Schloß habe ich noch keinen Ziegel geschaut. Glaubt mir, Illustrissimo, in dem dort geht's nicht mit rechten Dingen zu. Teufelsspuk ist's, nichts weiter. Sprecht nur ein Pater, und der ganze Zauber verdampft wie ein Nebelstreifen. Habt Ihr noch niemals von Vampyren gehört? Ja fragt nur die griechischen und illyrischen Schiffer; die werden Euch erzählen, wie die Gespenster der Kindesmörderinnen sich in jugendliche, blühende Frauenleiber stehlen, und junge Männer mit Liebesgunst verlocken und ihnen im Schlummer das Herzblut aussaugen. Und solch ein Vampyr war die morgenländische Prinzessin dort, darauf nehme ich das Sakrament. O corpo di Bacco ! hätte ich nur das Säckchen mit der Knoblauchzehe umgebunden – mir schwante es ordentlich heute in der Frühe – Ihr würdet Wunderdinge erleben. Folgt meinem Rat, Exzellenza. Laßt uns heimkehren, und zwar so schnell als möglich. Wir stehen hier auf argem Boden.« Ich sah mich nach der Silbergondel um; sie war mitsamt den beiden Gondolieren spurlos verschwunden, nicht anders, als ob sie die Brenta eingeschlungen hätte. Ich machte es Herrn Memmo bemerklich – er schalt mich einen abergläubischen Pinsel. Weil sich der Patrizier nicht zum Gebet verstehen mochte und immerfort, just wie verzaubert, durch das Gitter starrte, so begann ich denn leise mein Ave herzusagen. Mochte ich nun aber in der Bestürzung ein oder ein paar Worte ausgelassen haben, oder waren's recht ausgepichte Teufel, die hier ihr Unwesen trieben, und Gott und allen Heiligen ein Schnippchen schlugen – so viel war richtig, daß Schloß und Ringmauer ruhig stehen blieben. Schwarze Cypressen schauten mit langen Hälsen über die Wand, und Feigenbäume streckten ihre Zweige wie verwunderlich gekrümmte Finger aus, just als ob sie nach uns Krallen und uns zu sich hineinzerren wollten. Glänzende Eidechsen schlüpften steil die Mauer hinan, sahen sich mit funkelnden Augen nach uns um und schwänzelten dann hurtig in den Garten. Sie mochten wohl rapportieren, daß wir noch wie behext draußen standen und nicht von der Stelle könnten. Auf dem Sims standen recht häßliche Fratzen von Marmelstein: bocksfüßige Heidengötter, die uns Gesichter schnitten, und kleine bucklige Zwerge mit dreieckigen Hütchen, Jäger, die aus vollen Pausbacken die Waldhörner bliesen, Damen mit Reifröcken und Pferdeköpfen, Urnen, um die sich Molche, Drachen und anderes giftiges Gewürm mit weit aufgesperrtem Rachen und roten spitzigen Zungen ringelte, und was nun dergleichen diabolisches Zeug mehr war. Zwischen den grinsenden Larven aber spazierte ein Pfau mit lang hintennach schleppendem Schweif ernsthaft auf und nieder, und ließ, widrig krächzend, seinen blauen Hals in der Sonne schillern. »Wie nun in den Garten gelangen?« fragte Messer Orazio träumerisch vor sich hinstarrend. »Das Gitter wäre noch zu ersteigen, ein kecker Sprung, und – –« »Wohin denkt Ihr, Erzellentissimo?« warnte ich. »Um der allerheiligsten Madonna willen, gebt diesen Vorsatz auf. Ihr setzt Euren Leib, Eure unsterbliche Seele aufs Spiel. Glaubt mir, Exzellenz«, der Teufel geht auf Erden umher wie ein brüllender Löwe, und suchet, wen er verschlinge.« Meine Warnung klang in taube Ohren. Schon war Signor Orazio aus der Gondel gesprungen, hatte schon das Ruder an die Mauer gestemmt, um sich an ihm die Höhe zu schwingen, als das Gitterthor aufsprang, und ein ältlicher Mohr mit tiefer Verneigung und kreuzweis gefalteten Armen vor den Nobile trat; er überbrachte ihm die Einladung seiner Gebieterin, der Signora Smeralda, sie in ihrem Garten mit seinem Besuch beehren zu wollen. Vergebens hielt ich den blind und rasend Verliebten am schwarzseidenen Mantel zurück, vergeblich suchte ich, Unheil ahnend, mich von der Begleitung loszusagen. Der Patrizier stürmte durch die Pforte, zerrte mich ungestüm mit sich fort, wählend der alte Sklave als Wächter bei der Gondel zurückblieb. Betäubende Duftwolken wogten uns aus allen Hecken und Büschen entgegen. Wunderliche, vordem noch nirgends erblickte Blumen, wie sie wohl sonst nur noch in den Gärten des Großmoguls oder des Priesters Johann wachsen mochten, nickten mit ihren schlanken Stengeln, und schienen uns durch Verneigung ihrer funkelnden Kronen begrüßen zu wollen. Buntfarbige Vögel flogen uns von Ast Zu Ast voran, zwitscherten, sangen und schrieen mit fast menschlicher Stimme, nicht anders, als ein lustiger, plauderhafter Mädchenchor durcheinander. Dann warf sich einmal wieder eine häßliche Meerkatze, mit dem Wickelschwanz an einen Ast geklammert, vom Baume herab, fletschte grinsend die Zähne gegen uns, und schnellte sich wieder in das Blätterdickicht zurück. Aus einem der Seitengänge kam ein purpurfarbener Storch gravitätisch, wie ein Haushofmeister, hervorgeschritten, verdrehte den langen Hals zum manierlichen Kompliment hin und her, scharrte mit den dürren Beinen hinten aus, und stapfte dann wacker als Führer vor uns her, wobei er sich immerfort nach uns umguckte, ob wir auch folgten. In einem der Marmorbecken stürzte ein steinerner Winzer das Faß um, und der helle Gischt, der dem Spund entströmte, sprudelte in das breite Gesicht des schlürfenden Buben; in einem andern blies ein Götzenbild, das in gewundenem Fischschwanz endete, aus der Muschel den hellen Strahl in die Luft, und die verstäubenden Tropfen strahlten von der Sonne beglänzt wie funkelnde Demanten und Rubinen. Weiße Tempel mit von Epheu umsponnenen Säulen blitzten aus den Hecken hervor. Alles, was uns die fremde Schöne im Liede aus der Gondel zugesungen, zeigte sich vor unseren Augen in wunderseltsamer Herrlichkeit. Auch der Padrone schien des Gesanges und dessen verlockender Verheißung zu gedenken, und summte den Schlußreim leise vor sich hin. Ich aber folgte wie ein Träumender, widerstrebend, und dennoch wie von einer unerklärlichen Zaubermacht vorwärts getrieben. Da standen wir plötzlich vor einem mächtigen, fremdartigen Baum mit breiten, glänzenden Blättern und silberweißen, glockenartigen Blüten über und über behangen. Im Schatten seiner weit hinausgeschwungenen Äste aber lagen kostbare persische Teppiche und rotsamtene, mit Perlen gestickte Polster, und auf ihnen ruhte die schöne Heidenprinzessin anmutig hingestreckt, und hieß mit verführerischem Lächeln und dem Wink der blütenweißen Hand meinen Herrn willkommen. Der kleine Mohrenknabe stand ihr zu Häupten und fächelte mit breitem Wedel von weißen Pfauenfedern Kühlung zu. Der rote Storch aber, welcher bis jetzt vor uns hergezogen, spreizte die Beine weit aus, stieß den langen Schnabel vor sich in die Erde und erhob die Schwingen als Armlehnen zum Sessel für Herrn Orazio, der sich auch auf den Wink der Dame auf diesen fabelhaften Sitz niederließ. Jetzt ließ Donna Smeralda sich von dem schwarzen Sklaven die Laute reichen. Anfänglich entzitterten nur leise lispelnde Töne dem Saitenspiel und verschwebten im Grün; dann schwollen die Laute, klangen immer voller und mächtiger; die Blätter des zauberischen Baums, unter welchem die schöne Hexe ruhte, wiegten langsam auf und nieder, und die Tulpenglocken schwangen sich nach der Tonweise leise hin und her. Je hellere Klänge aber den Goldsaiten entquollen, um so stürmischer schaukelten aber Blatt und Blüte an den Stengeln. Da sank eine der silberstrahlenden Glocken vom Zweige, entfaltete im Fallen die Blätter und flatterte als schneeweißes Vöglein in die Luft und um den Baum; eine zweite, eine dritte Tulpe rang sich los und verwandelte sich im Niedersinken. Bald rieselte es wie Blütenschnee von Wipfel und Ast, und jeder Blumenkelch ward zum gaukelnden, singenden, in Licht sprühenden Kreisen umherschwirrenden Vogel. Darauf begann die Prinzessin in das Spiel der Laute mit ihrem wundersüßen Gesang einzufallen, und alsbald senkte sich eins der Vöglein auf den Rasen, schüttelte die Schwingen, dehnte sich, wuchs zusehends in die Höhe, und die silbernen Federn wurden zu schillernden Gewändern, der Vogel zum allerliebsten Mägdlein. In wenigen Augenblicken waren die Übrigen gleichfalls aus der Luft herniedergestiegen, hatten die doppelte Umwandlung vollbracht, und ein Schwarm der niedlichsten Kinder schwebte in zierlichem Reigen um ihre Herrin, fiel mit lieblicher Stimme als Chor ein, verstummte, so wie die Fee schwieg, löste den Kreis und verschlüpfte traumgleich in den blühenden Hecken und Sträuchern. Lautlos, im Anstarren der schönen Smeralda verloren, hatte Herr Orazio ihr gegenüber gesessen; regungslos hatte ich hinter seinem Vogel-Dreifuß gestanden – da trat der Mohrenknabe mit einem goldenen, künstlich gearbeiteten Becher voll dunkelen, rotschäumenden Weins auf meinen Herrn zu. »Trinkt nicht von jenem Höllengebräu, Signore!« flüsterte ich leise, und fühlte mich zu gleicher Zeit von den weißen Armen eines kleinen wunderlieblichen Hexchens, die mir einen ähnlichen Pokal darbot, umschlungen. Meine erste Regung war, das allerliebste Teufelskind von mir zu stoßen, den Zaubertrank zu verschütten – aber da duftete der Wein so würzig, schaukelte so lockend innerhalb der goldenen Wände, leuchtete so hell und wunderschön. Die Augen des Elfchens glänzten so bittend, so lieb und schmachtend, ihre Ärmchen schlangen sich so zärtlich um meine Schultern – – ach, meine Kinder, der Geist ist wohl willig, aber das Fleisch ist schwach. Darum wachet und betet, daß Ihr nicht in Versuchung geratet. So Ihr dereinst zu Männern reift, unterliegt Ihr ohne allen Zweifel. Nur ein einzig Mal nippen, dachte ich bei mir, nur die Zungenspitze naß machen – das wird doch den Hals nicht gleich kosten. Wissen muß ich doch, welche Sorte, welchen Jahrgang der Teufel in seinem Keller liegen hat. Und ich nippte, ich züngelte, schlürfte, ich sog, ich schluckte den Becher in mich hinein, rein und bis auf die Nagelprobe, ich fiel der niedlichen Besucherin um den Hals, sah nur noch, wie mein Herr vor der reizenden Smeralda auf den Knieen lag, und der rote Storch den Schnabel aus der Erde zog, die Flügel wieder zusammenklappte und ehrwürdig abtruppte – ich berührte die heißen Lippen der kleinen Elfe – mir vergingen im seligen Taumel die Sinne – – da stürzte der Negerknabe atemlos aus dem Gebüsch und schrie: »Rettet Euch! Rettet Euch! Alles ist verloren! Porporinazzo, unser allergnädigster Gebieter naht. Er wütet!« Ach, die warnende Stimme ertönte zu spät; kaum war sie verhallt, als auch schon ein kurzes, kugelrundes, gleißendes Ungetüm, in der Form und Farbe eines dunkelroten Riesen-Apfels, durch den Gang und bis dicht vor Smeralda und ihren sie inbrünstig umschlingenden Amante rollte. Bei genauerer Betrachtung ließen sich zwar an den Extremitäten des Ungeheuers gewisse Andeutungen von Gliedmaßen, welche auf Kopf, Arme und Beine zu schließen berechtigten, entdecken, um aber aus den Grübchen, Höckerchen und einem schwarzen gekrümmten Strich am Nordpol dieses Globus, Mund, Augen, Nase und Schnauzbart herausfinden zu können, dazu war schon eine überaus regsame Einbildungskraft erforderlich. »Ist dies der Dank, Schlange, für das Dir gezollte Vertrauen?« gurgelte Porporinazzo in dumpfen Kehllauten der schreckensbleichen Smeralda zu. »Ist dies der Lohn für meine treue, beständige Liebe? Du buhlst um die Gunst jenes ungläubigen Hundes, und mich, mich, den Don Porporinazzo, den grand maître de la garderobe des Sultans von Taprobana, läßt Du unerhört verschmachten? Und was seh' ich? Mein Tulpenbaum ohne Glocken – mein ganzer Serail in alle vier Winde! Ha, bei Mahoms heiliger Leibkatze, das schreit um blutige Rache! Sklaven herbei!« Sechs Neger mit diabolischen Physiognomiken, mit entblößten Armen und Säbeln, stürzen aus den Hecken hervor, werfen sich auf Messer Orazio und mich und binden uns mit Stricken die Hände auf dem Rücken. Vergebens beruft Herr Memmo sich auf seine Unverletzlichkeit als Venetianischer Nobile, vergebens droht er mit dem Zorn des Dogen, des ganzen Senates, und der Rechenschaft, die dieser für den ungeheueren Frevel fordern würde. – »Er möge sie fordern!« erwidert hochmütig der Taprobaneser grand maître , winkt mit den Ärmchen – ein Blitz, ein Säbelzuck – und unsere beiden Häupter rollen auf die Erde. Meine Schöne hatte sich längst hinter den grünen Koulissen der Myrtenhecken verkrümmelt, Signora Smeralda das stereotype Auskunftsmittel der Frauen in desperaten Lagen ergriffen – sie war in Ohnmacht gefallen, der Tyrann Porporinazzo aber zog sich, stolz auf seine blutige That, mit den Henkersknechten in den Palast zurück. Ich konnte alles sehen, denn mein Haupt war mit himmelwärts gerichteter Nase auf den Rasen gekollert; ein paar mal haschte ich mit zuckenden Armen danach, um es mir wieder fest auf den Rumpf zu stülpen – die Hände fingen aber nur leere Luft und sanken nach einigen vergeblichen Versuchen schlaff herab. Für meinen Zustand giebt es keine Worte; es kann ihn niemand ahnen, als wer sich in gleicher Lage mit mir befunden und seinen Körper in so unbilliger Entfernung vom Kopf gesehen hat. Derjenige, welcher sich in seinem Leben schon einmal ungeheuer betrank, aber auch ganz ungebührlich, hat nur eine ungefähre schwache Ahnung von der höchst fatalen Situation, in welcher ich mich befand. Der kugelrunde grand maître de la garderobe hatte kaum den Rücken gewandt, als auch Smeralda aus ihrer Ohnmacht erwachte, in Thränenströme ausbrach, verzweiflungsvoll die Hände rang und ihr schönes blondes Haar ganz rücksichtslos ausraufte. Zu gleicher Zeit duckte auch meine feldflüchtige Geliebte wieder auf, hielt sich aber nicht lange bei hohlen Tröstungen und nichtssagenden Gemeinsprüchen auf, sondern drang hastig in ihre Herrin, die kostbaren Augenblicke nicht ungenützt verstreichen zu lassen. »Nur von der schleunigsten Hilfe,« rief sie, »ist allein Rettung zu hoffen. Ums Himmels willen, Signora, den Kopf behalten. Sendet nach einem Arzt, nach dem geschicktesten. Eilt! Mit jeder Sekunde erkaltet das Blut mehr und mehr. In fünf Minuten ist es schon zu spät. Der Wunderdoktor Bartolinetto von Padua wäre ganz der Mann, die locker gewordenen Köpfe wieder zu verlöten. Aber nur rasch, rasch!« – »Doch wie schaffen wir ihn in so kurzer Frist zur Stelle?« – Die Zofe wußte für alles Rat: »Schickt Don Flamingo als Kurier nach Padua. Auf seine Gewandtheit, auf seinen Diensteifer dürfen wir bauen.« – »Glücklicher Einfall, Libella,« erwiderte die Prinzessin, »rufe den Don.« Das Elfchen klatschte dreimal in die Hände. Der rote Storch stolperte hastig heran, streckte lauschend den langen Hals aus, ließ sich ein paar Worte ins Ohr flüstern, nickte zum Zeichen, daß er den Auftrag wohl begriffen, und schwang sich dann krächzend in die Lüfte. Vier Paar Augen starrten in bänglicher Erwartung gen Himmel. Eine furchtbare Pause, während welcher die beiden Frauen nicht zu atmen wagten, und wir Dekollierten es nicht vermochten, trat ein. Sie währte etwa so lange, als erforderlich, um ein Paternoster beten, oder, um weiche Eier sieden zu können, da rauschte es hoch in der Luft, und mit mächtigem Flügelschlag sauste der wackere Storch, den Doktor Bartolinetto wie ein Wickelpüppchen im Schnabel haltend, hernieder und setzte den Requirierten, ein kleines, hageres, schwarzbraunes Männchen, säuberlich und wohlbehalten, wenngleich ein wenig außer Atem, auf dem Rasen ab. Ein flüchtiger Hinblick genügte, um den gelehrten Professor mit dem Stande der Sachen bekannt zu machen. Hastig griff er den beiden Kadavern nach dem Puls, fühlte, daß dieser noch schwach, wenn gleich intermittierend schlage, zog das berühmte Pulver Perlimpimpino, seine unsterbliche Erfindung, aus der Tasche, krempte die Rockärmel auf, zankte dazwischen immerfort, ohne sich im mindesten in seiner Geschäftigkeit stören zu lassen, auf das undelikate Verfahren, einen Professor legens so à l'improvistà mitten aus dem Collegio del Bo schleppen zu lassen, eine Vorlesung über Pathologie, Abschnitt III, von der Pathogenie, zum Entsetzen des versammelten Auditorii, mitten in der Periode gewaltsam zu unterbrechen, wehklagte über seine deraugierte Koiffüre, welche während des Sturmfluges total entpudert worden, packte dabei meinen Kopf bei der Nase, streute das Perlimpimpino-Pulver auf den zerhackten Hals, paßte ihn mit leichtem Schlage auf die defekte Stelle, griff nach Orazios Haupt, that ihm ein gleiches – wir niesten dreimal nachdrücklichst, sprangen munter von der Erde auf, schüttelten uns, niesten abermals – die Kur war vollbracht! Begeistert fliegen die Frauen in unsere Arme; auf meiner Wange brennt der Kuß der wunderschönen Smeralda, Libella hält den Patrizier umschlungen – aber küssen, sich losreißen, entsetzt zurückprallen, hell aufschreien, sind eins. Entsetzlicher Mißgriff! Der Doktor hat sich in der Eile versehen, hat meinen Kopf auf Orazios Körper, den des Nobile auf den Rumpf des armen Gondoliers gepfropft. – Die Mädchen haben sich in zärtlicher Ekstase durch die Kleider irre fuhren lassen – allgemeines Erstarren. Von der ersten Bestürzung zurückgekommen, gehen wir dem Professor wütend zu Leibe. Der Edelmann verheißt ihm zweihundert gewichtige Stockprügel, ich ihm den längsten Messerstich, der jemals unterhalb der kurzen Rippen versetzt wurde, wofern er uns nicht unverzüglich wieder austauschte und jedem das Seinige erstatte. Der geängstigte Bartolinetto zuckte die Achseln bis über die Ohren, fleht himmelhoch um Verzeihung, will uns mit dem Sophism: Kopf sei Kopf! beschwichtigen, aber weder Männer noch Frauen lassen seine Entschuldigung gelten – Smeralda heißt ihn einen jämmerlichen Charlatan, die Zofe droht ihm die Augen auszukratzen. Vergeblich schreit er über Undank – seine Klage wird übertönt, seine Forderung für Kurkosten mit Hohngelächter zurückgewiesen. Auf ein Zeichen Libellas packt der Storch Don Flamingo den Dottore beim Kragen, zwickt, zaust, schüttelt ihn hin und her, und fährt endlich mit dem kläglich Wimmernden ab und wieder nach Padua zurück. Die Wut der Verwechselten wendete sich nunmehr gegen einander. Wilde Flüche, Verwünschungen, Drohungen jagen sich – sie wären in thätliche Feindseligkeiten ausgeartet, wenn nicht jeder Rücksicht auf seinen verborgten Leib genommen und befürchtet hätte, sich selber im Feinde abzuprügeln. Wer ist jetzt Orazio, wer Antonello? Wer Edelmann, wer Gondelführer? Mein Kopf beruft sich auf den nobilitierten Kadaver, als die größere Halbscheid, und behauptet, der Bau der Schiffe entscheide allein über ihren Namen, die aufgehißte Flagge aber sei nur unwesentliches Beiwerk. Ein Austernkahn bleibe Austernkahn, und wenn auch zehn Admirals-Flaggen von seinem Hinterdeck flatterten. Mein Gegner vergleicht sich dagegen mit einer Säule, bei welcher lediglich das Kapital entscheide, zu welcher Ordnung sie zu zählen sei; das seinige aber sei unläugbar ein adliges Korinthisches, folglich auch das Ganze ein solches. Die Schönen sollen den Streit schlichten – sie sind selber verwirrt, finden bei dem Gezänk ihre Rechnung nicht, und erteilen uns den Rat, vorläufig nach Venedig zurückzukehren, um dort den Zwiespalt vor Gericht ausgleichen zu lassen. Wir nehmen einen ziemlich kühlen Abschied und treten hadernd und grollend den Heimweg an. Vorher haben meine Finger, entweder von der Intelligenz des dirigierenden Memmoschen Hauptes, oder vom alten Antonelloschen Instinkt geleitet, den Rest des Pulvers Perlimpimpino, welcher dem im Storchschnabel zappelnden Doktor entglitt, eingesackt. Antonello-Orazio, oder der bürgerliche Kopf auf dem adligen Rumpf, wirft sich faul und vornehm auf die Kissen der Gondel und kommandiert dem Orazio-Antonello gebieterisch, zurück zu rudern. Zähneknirschend muß der Patrizier gehorchen, denn seine plebejen Arme verstehen allein das Ruder zu schwingen, das Ruder zu lenken – er schwört aber, diesen Schimpf blutig zu rächen, und die mit roter Gondoliermütze bedeckte Exzellenza verhöhnt auf den Polstern den mit adligem Federhut und Perücke stolzierenden, keuchenden, schwitzenden Barcarol. Wir landen an der Piazzetta. Nachlässig ziehe ich die Börse, die ich in meinen neuen Kleidern vorfinde, und werfe dem Ruderer eine Zechine zu. »Gieb mir mein Geld wieder!« schreit der Undankbare, »gieb mir meine Ringe, meine Uhr, meinen Kopf!« »Ehrfurcht, elender Sklave, vor dem Seidenmantel des Nobile! Erfrechst Du Dich, Hand an meine geheiligte Person zu legen? Zur Hilfe, zur Hilfe gegen den spitzbübischen Barcarol!« schreit auch er. – Zahllose Haufen von Gaffern versammeln sich im Nu. Jeder nimmt für einen oder den andern Partei, die Mehrzahl für das stadtkundige Edelmanns – Gesicht. Der Doge spaziert just den Säulengang des Palastes auf und nieder, hört den Skandal und sendet den Messer-Grande mit seinen Sbirren ab. Wir werden arretiert, in die mittleren Kerker der Inquisition, in die Quadri, abgeführt, und schon an demselben Abende vor Gericht gestellt. Der Staats-Prokurator beschuldigt uns nicht nur der schwarzen Magie, er erhebt auch gegen uns noch außerdem die gravierendere Klage als Störer der öffentlichen Ordnung, als Verschworene gegen die Sicherheit des Staats. »Wohin soll es mit uns kommen,« fragt er »wenn Senatoren und Patrizier anfangen, ihre Schädel so oft wie Perücken zu wechseln, wenn sie sich nicht entblöden, mit roten Schiffertappen bedeckte von der Hefe des Pöbels zu leihen? Den Kopf verlieren ist menschlich. Die Geschichte der erlauchten Republik ist nicht arm an Beispielen, daß Senatoren und Feldherren, ja sogar Dogen selber dieses Unglück betroffen – einen fremden Kopf aber, einen gemeinen, dagegen wieder aufzusetzen, ist unerhört. Welches unabsehbare Verderben erwächst nicht unserer Verfassung von dem Augenblick an, wo adliges und bürgerliches Blut sich in einem Kadaver vermischt! Welcher Wirrwarr von aristokratischen und demokratischen Grundsätzen in einem und demselben Leibe? Wo bleibt dann die eiserne Konsequenz, mit welcher wir ein volles Jahrtausend hindurch unbeweglich auf einem Flecke stehen blieben! Der Staat ist bedroht, die Republik sinkt in Trümmer, wenn wir uns im vorliegenden Falle von unzeitiger Milde leiten lassen, wenn wir den furchtbaren Krebsschaden nicht im Entstehen ausbannen. Ich stimme für den Tod beider Verbrecher, für die Enthauptung der Wechselbälge.« Zehn schwarze Kugeln, welche in den Beutel rollten, bezeugten dem Redner, daß das Gewicht seiner Gründe von seiten des Tribunals erkannt worden, daß seine Beredsamkeit eine kopfabschlagende sei. Der Sekretär der Inquisition verkündigte uns das Urteil: um Mitternacht sollten wir die Faselei des Paduaners mit dem Leben büßen. Welchen Sterblichen hat jemals ein dem unsrigen gleiches Mißgeschick betroffen? Wer kann sich rühmen, gleich uns im Zeitraum von vierundzwanzig Stunden zweimal geköpft worden zu sein? Der Kerkermeister Salvadore war mir von altersher befreundet. Ich hatte ihm in früheren Zeiten ein Kind aus der Taufe gehoben, und wir hatten jederzeit getreulich und als gute Gevattersleute zusammengehalten. Mein unerhörtes Pech rührte ihn zu Thränen, er versuchte, mich zu trösten, so gut es gehen wollte, schwur mir hoch und teuer zu: der Schmerz beim Köpfen sei nicht der Rede wert, eine Art von Elektrisieren, ein pikanter Kitzel, nichts weiter – wie's that, wußte ich besser als er – die heiligen Sakramente, fügte er hinzu, würden mir vor dem Tode in der Kapelle der Quadri gereicht werden, er wolle aus seiner eigenen Tasche sechs Messen für meine Seele lesen lassen. Ich schüttelte nur traurig den Kopf und weinte leise vor mich bin. Da durchzuckte es wie ein Blitz meine Seele. »Gevatter,« rief ich, »bei den heiligen Banden, die uns verketten, beschwöre ich Dich, rette mich, rette den Mobile! Nimm hier die volle Börse als Aufgeld. Herr Memmo ist splendid, er zahlt Dir das doppelte, das vierfache nach – jetzt aber eile zu ihm, mahne ihn an den eingesteckten Rest Perlimpimpino und laß Dir die Gebrauchsanweisung mitteilen. Vollführst Du alles genau, so sind wir noch einmal durch.« – Salvadore wog den schweren Beutel, schüttelte ungläubig den Kopf, drückte mir schluchzend die Hand und ging. Schwerfällig wälzten die Minuten sich hin. Ich versuchte den Rosenkranz abzubeten und brachte es in meiner Herzensbeklemmung nicht über drei Kugeln. Bängliche Zweifel, ob das Pulver seine wunderthätige Kraft auch in Abwesenheit des Dottore äußern werde, ob dessen geheimnisvolle Sprüche nicht die Hauptsache bei dem Hokuspokus, ob der Gevatter auch die erforderliche Geschwindigkeit und Akkuratesse beobachten werde, stürmten mir wild durch den Kopf. Die Lampe, welche mein niedriges Gewölbe erleuchtete, brannte so finster und verdrießlich vor sich hin, als warte sie ungeduldig, bis ich erst expediert sei, um gleichfalls einschlafen zu dürfen. Ich buchstabierte die zahllosen Inschriften und Klagen meiner Vorgänger an den Wänden – eine trübselige Lektüre. Verzweifelnd warf ich mich auf den Marmorblock, das Lager der Eingekerkerten, und schloß die Augen – aber der Strahl des unseligen Beils blitzte durch die festgekniffenen Wimpern. Da pochte der Gefängniswärter an die Thür: »Wach' auf, Antonello, der Priester wartet! Laß Dich erst ein einziges Mal köpfen, Gevatter, nachher schlaf' aus nach Gefallen.« Die Erinnerung an Beichte und Absolution, an Henkersknecht und den gräulichen Block hat die entsetzliche Todesangst spurlos aus meiner Gedächtnistafel verwischt. Ich weiß nur, daß ich heftig nieste, die Augen aufschlug, mich in meinem gewöhnlichen Kostüm um Säulenfuß im Schatten des heiligen Teodoro liegend wiederfand, daß ich zu meinen Füßen den Patrizier Orazio Memmo stehen sah, daß ich seinen Zuruf: »Heda, Antonello, auf! Eine Stunde auf dem Kanal grande!« vernahm. »Exzellenz«! Und Ihr verlangt noch einmal nach dem Zaubergarten des Don Porporinazzo? Und wir sind beide am Leben und auf freien Füßen? Und die Konfusion mit unseren Köpfen ist glücklich beseitigt?«– Der Mobile maß mich mit großen Augen, schüttelte anscheinend verwundert den Kopf, that, als ob er nichts begreifen könne und fragte barsch: ob ich noch träume, oder ob der wohlfeile Vincentiner mein Gehirn umnebele? – Kleinlaut löste ich die Kette, stieß ab und ruderte den Edelmann auf und nieder. Keine rot- und silbergestreifte Gondel ließ sich weit und breit spüren, Herr Orazio verschlief mit einer mir unerklärlichen Seelenruhe die bedungene Stunde. Ich landete, weckte ihn, beschwor ihn leise, flüsternd noch einmal, mir zu sagen, ob wir auch wirklich fortan keine Verfolgungen von seiten des Tribunals zu befürchten hätten? Ob er nicht ein Paar Messerspitzen des Pulvers Perlimpimpino für etwaige Fälle gerettet habe? – Der Illustrissimo beharrte dabei, sich fremd zu stellen, hieß mich einen Narren, und ich begriff nunmehr, daß ihm von seiten der Inquisition ein eisernes Stillschweigen über das Vergangene auferlegt worden sei, daß er absichtlich Unwissenheit heuchle, und von dem ärgerlichen Kopftausch nichts weiter wissen wolle. So drängte ich denn jede Frage in meine Brust zurück, bezwang meine Neugier, erwähnte ferner weder gegen den Nobile noch gegen eine andere Christenseele des Abenteuers mit einer Silbe, und Ihr, meine Kinder, seid die ersten, welchen ich es auf dem Totenbette unter dem Siegel des Eides anvertraue. Wenn ich seit jener Stunde nicht an meinem rauhen Halse, an einem empfindlichen Jucken in der Gegend der doppelten Wunde, zumal beim Wechsel der Witterung, laboriert hätte, – ich würde vielleicht selber die ganze Geschichte für einen wüsten Traum halten – so aber läßt sich nicht füglich daran zweifeln und die Wahrheit derselben ist mir nur allzu einleuchtend geworden. Mit diesen Worten schloß mein Vater seine Erzählung: sie hatte seine ohnehin schon erschöpften Kräfte vollends aufgerieben. Schleunigst sandten wir nach dem Pfarrer von San Moise. Er erschien mit dem heiligen Viatikum, hielt eine wundervolle Rede, bei welcher wir sämtlich in Thränen zerflossen, und salbte die Stirn des Sterbenden, der auch bald darauf seinen letzten Seufzer verhauchte. Friede sei mit der Seele des Redlichen! Das Modell Wohl nur die Minderzahl von Euch, Ihr hochgeehrten Gönner und Freunde, hat jemals die sieben Hügel von Rom beschritten und die ehrwürdigen Überreste altrömischer Größe, die wunderbaren Schöpfungen der neueren Kunst mit eigenen Augen anzustaunen Gelegenheit gehabt. Ich kann mich täuschen – die bekannten Gesichter unter meinen teuren Zuhörern gehören indessen zur Halbscheid den begüterten Kaufleuten aus der Merceria, den Besitzern jener glänzenden Seidenwaren – Handlungen, oder den reichen Goldschmieden vom Ponte de Rialto an – und diese wackern Männer befinden sich wohl in Venedig und gönnen dem heiligen Vater in Rom ein gleiches, denken aber nicht daran, sich durch den Augenschein davon überzeugen zu wollen. Die andere Hälfte besteht nun zwar aus weitgereisten Leuten, aus Schiffskapitänen und Reedern, die wohl schon allerwärts gewesen sein mögen, in Triest und Sinigaglia, in Livorno und Civita-vecchia, in Messina und Lavaletta, wohl gar in Smyrna und Tunis – nach Rom aber, nach der Weltstadt, sind sie nimmer gekommen – sie machen lieber dreihundert Miglien zur See, als drei auf dem festen Lande – und doch ist Rom die denkwürdigste Stadt auf dem weiten Erdenrunde (wohlverstanden nach unserm herrlichen Venedig), und wer weder unsere von dem Meergott gegründeten Mauern, noch den Tempel des Kapitolinischen Jupiters gesehen, darf nicht sagen, daß er etwas gesehen habe. – Zweimal war ich in Rom, oder richtiger gesagt, anderthalbmal. Den halben Versuch machte ich in Begleitung der Lady Nuthook, einer jungen, englischen Peeresse, welche mutterseelenallein durch die Welt streifte, und mich hier auf der Riva degli Schiavoni kapern ließ, um ihr während der Reise als Dolmetscher zu dienen. Sie verstand kein Wort italienisch, ich noch weit weniger englisch; bei den von mir geforderten Dienstleistungen konnten wir jedoch jeglicher Sprache füglich entbehren. Meine Padrona verließ ihren Wagen weder bei Tag noch bei Nacht, weder zum Essen, noch zum Schlafen, und ließ nur in den Städten ausnahmsweise die Stores nieder, um mir die Goldbörse ans dem Kutschenfenster zu reichen. Ich bezahlte Extrapost und Kameriere, kaufte ihr den Wegweiser und Plan des Orts, und dann ging's weiter. In vier Tagen waren wir von Fusina nach la Storta, der letzten Station vor Rom, gekommen. Dort ließ Mylady halten, stieg aus der Karosse und winkte mir zu folgen. Wir erklommen einen kahlen Hügel und überschauten die öde, traurige Kampagna, Lady Nuthook schob einen Dollond weit auseinander und visierte nach der Kuppel von San Pietro, welche soeben, vom letzten Strahl der Abendsonne beleuchtet, aus der Dämmerung ragte, rümpfte vornehm das Näschen, zuckte die Achseln, und stieg wieder, ohne eine Silbe zu verlieren, in die Karosse, um unverzüglich umlenken zu lassen, in einem Strich nach Genua zu kutschieren und sich dort einzuschiffen. Auf meiner nächsten Reise bekam ich dagegen Rom nicht bloß beinahe zu sehen, sondern gelangte auch wirklich hinein und verweilte lange genug, um die dortigen Merkwürdigkeiten in Augenschein nehmen, um sie dem Gedächtnis einprägen zu können. Mein neuer Prinzipal war gleichfalls Engländer und hieß Milordo Venthyfolly. Während seines Aufenthaltes in Venedig hatte er keinen Abend bei den Conversazioni, welche ich dem verehrungswürdigen Publikum sowohl hier, als auf der Piazza di San Marco zu geben die Ehre habe, gefehlt. Und ich kann wohl beteuern, daß ich selten einen aufmerksameren, andächtigeren Zuhörer als ihn gehabt habe. Er sollte, nach Beendigung des großen giro durch Europa, seine Stelle im Parlament einnehmen und gedachte dort als Redner zu glänzen. Meine lebensvolle Deklamation, meine oratorischen Talente hatten ihn frappiert; er studierte meine Gebärden, meine Betonung, Silbenfall, Affekt, wie wir es wohl von Malern den Meisterwerken der venetianischen Schule gegenüber sehen. Ihr belächelt, meine Freunde, einen so argen Mißgriff? Ihr habt nicht unrecht. Erwägt aber, daß es ein Forestiere, ein Milordo war, der in diesen Irrtum verfiel, – daß ein solcher nie zurechnungsfähig ist, daß er ewig unsre Nachsicht, unser Mitleid in Anspruch nimmt. Nicht zufrieden, mich während eines vollen Monats in Venedig als Modell benutzt zu haben, verlangte der Lord, ich solle ihn auf Reisen begleiten, um unterwegs die letzte Feile an seine Rednergabe zu legen, ihm mit Bequemlichkeit die Kunstgriffe beizubringen, wie er die allgemeine Aufmerksamkeit erregen und sie fesseln, wie er schnarchende Zuhörer aufschrecken und durch die Gewalt der Suade mit sich fortreißen könne. Er wollte sich meinen körnigen und doch graziösen Stil, wie er ihn nannte, zu eigen machen, englische Gründlichkeit und italienische Glut verschmelzen. Nach langem Sträuben willigte ich endlich ein, gegen eine tägliche Vergütigung von zehn Guineen mich auf drei Monate aus den Armen meiner heimischen Gönner reißen zu wollen. Wir fuhren nach Rom. Im Fond der Karosse saßen der Lord und ich, auf dem Rücksitz, und zwar mit starken Ketten angeschlossen, der Leibaffe Sr. Herrlichkeit, eine große, boshafte Bestie, welche den Namen Master Daniel O'Connel führte. Lord Venthyfolly, ein wütender High- Tory, war nämlich willens, bei seiner Rückkehr nach Alt-England dem zum Paten des Pavians gepreßten Agitator hart zu Leibe zu gehen, und erprobte vorläufig seine parlamentarischen Donnerkeile gegen den grinsenden, gräuliche Gesichter schneidenden Täufling. Ob er späterhin dem verhaßten Originale mit gleichem Erfolg die Stirn geboten, ist mir unbekannt geblieben; ich kann nur als Augenzeuge bekräftigen, daß er sich weder durch das boshafte Zähnefletschen, noch durch die entsetzlichsten Grimassen des gelehrten Mitgliedes für Kilkenny aus der Fassung bringen ließ, stundenlange Reden gegen Master Dan hielt, oder sie mich halten ließ, wobei wir abwechselnd nach jedem Komma hört! hört! schrieen, daß er scharf beobachtete, bei welchem Tonfall, welcher Gestikulation der Pavian am meisten in Affekt geriet, wo er die Fäuste ballte, wo er erschöpft niedersank. Gab sich der Master bald überwunden, so wurde seine Fügsamkeit mit Apfelsinen belohnt, verharrte er dagegen verstockt bei der Opposition, so gab es echt torystische Peitschenhiebe. Es war schon eine überaus denkwürdige Reise. Doch es würde mich zu weit von meinem Ziele abführen, wenn ich aller der eingebrachten und siegreich durchgefochtenen Bills, unserer mannigfachen Abenteuer, der Irrungen von seiten der Paß- und Zolloffizianten, welche alle Augenblicke den Master Dan für den Peer ansahen, und der daraus entspringenden Verdrießlichkeiten gedenken wollte, um so mehr, da weder der edle Lord Viskount Venthyfolly, noch der sehr ehrenwerte und gelehrte Master O'Connel die Helden meiner heutigen Erzählung sind, und ich beider eigentlich nur episodisch erwähnte, als der Reisegefährten, mit welchen ich nach Rom, dem Schauplatz einer während meines dortigen Aufenthalts vorgefallenen Begebenheit, gelangte. Die Erzählung ist übrigens ernster als der bisherige Eingang sie vielleicht glauben ließ. Ich halte es für meine Pflicht, die verehrten Anwesenden davon zu benachrichtigen, um sie nicht in ihren Erwartungen zu täuschen. Noch steht es ihnen frei, den Kreis zu verlassen, und ohne Murren will ich auch auf das Honorar der Ausharrenden verzichten, wenn ich so unglücklich sein sollte, durch die Wahl des Stoffes ihr Mißfallen bewirkt zu haben. Wer aus der Porta San Sebastiano tritt, und den zwischen Vignen mit ihren altrömischen Trümmern führenden Weg verfolgt, an dem Kirchlein Domine quo vadis und der über dem Eingang zu den Katakomben erbauten Basilika San Sebastiano vorüberschreitet, wird ohne Zweifel von dem Anblick des prachtvollen Grabmals der Cäcilia Metella, welches ihm schon von weitem in die Augen fallen muß, gefesselt werden. Er wird, selbst wenn er im Wagen säße, und auf einer Fahrt nach Anzio und Nettuno begriffen wäre, gewiß nicht ermangeln, sich aus dem Schlage zu biegen, und den mächtigen viereckigen Unterbau, ebenso wie das großartige runde Gebäu von Travertin-Quadern mit dem Fries von Blumenkränzen und Ziegentöpfen anzustaunen; noch weniger aber wird er verfehlen, falls er ein Fußwanderer ist, vom Wege abzulenken, den Hügel zu erklimmen, einen Blick in das Monument, welches vordem den Sarkophag überwölbte, zu werfen, oder auf die angebauten, mittelalterlichen Mauern mit Zinnen und Epheukränzen und von dort auf den räumigen Zirkus des Caracalla in der Thalsenkung, auf das berühmte Wäldchen der Egeria, und über die meilenweite Kampagna bis nach dem Monte-Cavo zu schauen. Wenigstens that dies ein wohlgebildeter, höchstens zwanzigjähriger Mann in der achtzehnten Stunde eines heiteren Apriltages, Seine Kleidung war völlig die eines römischen Jägers, sowohl in Hinsicht auf den Strohhut mit breiter Krempe und die olivenfarbige Manchesterjacke mit den vervielfältigten Seitentaschen, als auch auf die ledernen Gamaschen, welche den Fuß gegen Dornen und Schlangenbiß schützen sollten, auf Pulverhorn, Waidsack und die spanische Entenflinte mit dem langen Rohre, welche ihm über der Schulter hing. Sprach nun aber das Kostüm des jungen Mannes auch für den echten Sohn der Kampagna, so genügte doch der erste Hinblick auf die goldgelben Locken und weiße Gesichtsfarbe, auf das hellblaue Auge, um ihm das südliche Vaterland abzusprechen, und in ihm den Fremden, den Transalpiner, zu erkennen. Er war ein Deutscher, der von hoch aus dem Norden nach Rom gekommen war, um sich in der Malerkunst zu vervollkommnen, Federigo hieß, von den Römerinnen aber seines stillen, traurigen Wesens halber gewöhnlich il bello malinconico genannt wurde. Die Deutschen sind ein gar kurioser, wenn auch im allgemeinen ganz gutherziger Schlag Menschen. Sie haben Geld, sehr viel Geld, und geben ohne Sperren und Zieren auch das letzte her, lassen sich überhaupt viel bieten, ehe sie sich entschließen können, die Zähne zu weisen, sind aber freilich, wenn sie erst einmal anfangen, rabiat zu werden, wahre Teufel. Niemand glaubt einem aufs Wort leichter, als so ein Deutscher; wird er nun angeführt, so wundert er sich über die Maßen. Still und geduldig dämmert er vor sich hin, und kennt im grunde genommen keine größere Freude, als so recht traurig zu sein. Wenn so ein Trinkeswaine in dem finstersten Winkel des Zimmers sitzt, den Kopf auf den Arm stützt, trübselig auf den Fußboden starrt und an die spitzigen Dächer seiner Heimat und an die ewig verschneiten Tannenwälder zurückdenkt, dann ist er just in seiner besten Laune und man kann alles von ihm verlangen. Solch ein seltsamer Kauz war nun auch der Maler Federigo, So oft er nicht hinter seiner Staffelei saß, konnte er stundenlang unter einer Pinie in der Villa Borghese liegen und den ziehenden Wolken und fliegenden Dohlen nachgucken, oder auf dem Campo-Vaccino unter den Ruinen umherschlendern, vor den zerfallenen Trümmern stehen bleiben und tief seufzen, um so kläglicher, je älter und unkenntlicher das Gemäuer nun gerade war. Die hübschesten Mädchen mochten ihn beim Vorüberstreifen freundlich anblinzeln, alte Weiber ihm zuschwören, daß diese oder jene sich in Liebe für ihn verzehre – er ließ sich nichts anfechten, blieb still und kalt, und machte sich aus den Schönen so wenig, als einer der wasserspeienden Granitlöwen auf der Piazza del Popolo. Tag für Tag schlich er genau um die nämliche Stunde nach dem Monte Testaccio, kehrte ein wie allemal in dieselbe Kellerwirtschaft ein, pflanzte sich einsam auf denselben Stuhl, just auf den nämlichen Fleck, wo er den ersten Tag gesessen, schluckte stillschweigend seine Foglietta von der alten Sorte, und bezahlte auch täglich ohne Widerrede das dreifache, seitdem ihm der Wirt bei dem ersten Besuch für den Wein den dreidoppelten Preis abgefordert hatte. Daß der Maler an jenem Tage seine Schritte statt nach der Porta San Paola bis vor das Thor San Sebastiano gelenkt, durfte freilich für ein halbes Wunder gelten. Auch mochte es ihm selber wohl ganz sonderbar vorkommen, daß er nicht zur gewohnten Stunde unter der breiten Ulme mit dem Gesicht nach der Pyramide des Cestius sitze, und nun über die weite Kampagna mit ihren Warttürmen und den kreuz und quer durcheinanderlaufenden Wasserleitungen schaue und auf die violettblauen Berge, und auf vordem nie betretenen Wegen feldein wandre. Daß die Jagdlust nur den geringsten Anteil an diese Absonderlichkeit habe, war wohl augenscheinlich. Schnepfen und wilde Enten stiegen ihm zu ganzen Dutzenden dicht vor der Nase auf, ohne daß er es der Mühe wert erachtet hätte, nur einmal die Flinte vom Rücken zu nehmen. Bald guckte er aufmerksam den grauen Eidechsen nach, wie sie scharenweis durch die Halme rannten und behend in ihre Ritzen schlüpften, bald irgend einem bunten Schmetterling, als müsse er genau wissen, auf welchen Strauch dieser sich niedersetzen werde. Dann starrte er einmal wieder auf die grauen Stiere, welche träg im Riedgras lagerten, oder auf einem flinken Kampagnareiter, der auf seinem Pferdchen über Hügel und Thal dahinjagte, die Hunde anhetzte und die verstreute Herde zusammentrieb. Vor jedem der alten Steinhaufen, die mit Brombeer überrankt auf der öden Fläche zerfallen, blieb er nachdenklich stehen, bog das Gestrüpp auseinander und schaute lange und andächtig in die finstern Löcher, als gedenke er in dem verwitterten Gemäuer, dem Versteck für Füchse und giftiges Gewürm, wunder was für Schatze ausfindig zu machen. Die Maler sollen dergleichen fabelhafte Promenaden zum öfteren machen und es »Motive sammeln« heißen. So mochte der Deutsche wohl ein paar Stunden über die kahle Ebene in der Richtung von Torre di mezza via geirrt sein, als ihm ein altersgraues Gebäude auf einem kleinen Hügel ins Auge fiel. Zur Heidenzeit mochte es als Grabmal gedient haben; die späteren Römer hatten einen viereckigen Turm mit Zinnen und Schießruten darangebaut, und nachdem auch dieser von den Wächtern verlassen worden, war er von den Kampagnahirten, so gut es gehen wollte, zur Winterwohnung eingerichtet worden. Die Schafherde hatte die ausgespannten Netze verlassen und weidete einzeln im hohen Gras des Abhanges unter den gelbblühenden Ginstersträuchern oder in den Binsen des moorigen Bächleins in der Tiefe, während die kletternden Ziegen auf Trümmern und Zacken herumsprangen und die Blätter der dornigen Brombeersträuche abrupften. Der alte Hirt im Wams von Schaffellen aber schlief auf der Steinbank vor seiner Schwelle im dünnen Schatten eines Feigenbaumes, ohne sich von dem Gekrächz der Dohlen, welche die Turmzinnen zu Hunderten umschwärmten, in seiner Ruhe stören lassen. Ein andrer ehrlicher Christ hatte sich nun bei der ganzen Geschichte nichts weiter gedacht, als was man sich bei Schafen, Ziegenhirten und räucherigen Spelunken eben denken mag – dem Maler aber mochte wohl etwas ganz apartes beim Anblick der Herde und des alten Hauses aufgegangen sein, denn er legte Gewehr und Tasche neben sich ins Gras, zog aus der Waidtasche ein kleines Büchlein voll weißen Papieres und begann die ganze Wirtschaft mit Bleistift abzuzeichnen. Er war aber noch nicht gar zu weit mit seiner Arbeit gekommen, als ihn die Hunde witterten und mit wütendem Geheul auf ihn losstürzten. Sie hätten ihn auch ohne Zweifel in Stücke zerrissen, wie denn die Wolfshunde der Kampagna von einer gar wilden, blutdürstigen Rasse sind, trotzdem daß Federigo noch schnell genug Skizzenbuch und Stift wegwarf und die Flinte an die Backe riß, wenn nicht der alte Schäfer aus dem Schlafe erwacht wäre, und mit gellendem Pfiff die rasenden Bestien Zurückgelockt hätte. »Schießt nicht, Exzellenza! Schont die Hunde! Zurück, Diavolo, Brigante! Wollt ihr wohl gleich gehorchen! San Nereo? Ist es doch, als ob der leidige Satan in die verdammten Tiere führe, so oft sie etwas Fremdes wittern. Zurück, ihr Köter, sage ich. Seid ohne Furcht, Exzellenza. So lange ich hier bin, soll Euch kein Haar gekrümmt werden. Tretet näher, wenn's Euch beliebt, und ruht in meinem schlechten Hause aus. Ihr werdet müde und der Kampagnasonne ungewohnt sein. Wenn ich auch nur ein armer Pächter bin, und die Herde dem Hospital von San Spirito zugehört, trockenen Mundes sollt Ihr deshalb doch nicht an meinem Kasale vorüberziehen.« Langsam ließ der Maler das Gewehr herabsinken, setzte den Hahn wieder in Ruh und folgte der Einladung des alten Gio, welcher den aus der Entfernung knurrenden Hunden noch einmal den knotigen Schäferstock zuschleuderte. Über dem Eingang des Gebäudes prangte ein hölzernes Kreuz und an der Thür ein Holzschnitt mit dem Namenszuge der Madonna und der Unterschrift: Evviva Maria! Drinnen aber war alles wüst und leer. In einem Winkel lag der harte mit Fellen überdeckte Pfühl von Maisstroh; etliche Bottiglien und Topfscherben standen in den Nischen, und ein eiserner Kessel brodelte am Feuer. Der Schäfer langte durch den Rauch, welcher das Gemach durchqualmte, eine mit Schilf umflochtene Flasche vom Sims. »Ein Glas findet Ihr nicht bei unsereinem, Signor; ei nun, der Wein fließt ja ebenso gut auch aus der Flasche. Aber kommt nur wieder ins Freie. Eine Kampagna-Wirtschaft ist nichts für einen so vornehmen, fremden Herrn.« Bald saßen Wirt und Gast auf der Steinbank vor dem Hause. Gio wußte eine Menge Geschichten von Fremden, welche sich leichtsinnigerweise ohne Waffen und Begleitung herausgewagt, zu erzählen, und wie sie von schlechten Menschen angefallen und ermordet worden, oder von wütenden Büffeln zu Tode gestampft. Der Maler berichtete wiederum gar wunderbares vou seiner Heimat, wie dort die Sonne nur ein halbes Jahr lang scheine, während es die andere Hälfte hindurch pechschwarze Nacht bleibe, und neun Monate Winter, die drei andern aber bitter kalt seien, und was nun dergleichen Kuriositäten mehr sein mochten. Dazu wanderte die bauchige Flasche von einem zum andern – es war nicht anders, als ob die beiden schon jahrelang einander gekannt hätten. Während dessen kam über die Wiese eine junge Dirne mit hochgeschürztem Unterkleide auf die Hirtenwohnung zugeschritten, winkte schon von fern dem Alten mit der Hand, und löste rasch, und über und über rot werdend, sobald sie den Fremden gewahr wurde, den Gürtel, um das allzusehr verkürzte Gewand herniedersinken zu lassen. »Du kommst zur guten Stunde, Töchterchen,« rief ihr Gio freudig schon von weitem zu. »So hast Du Dich doch endlich einmal losmachen können, um Deinen alten Vater aufzusuchen. Seh' nur einer, wie frisch meine Virginia aussieht, und das neue Tuch, und die blauen seidenen Bänder am Mieder – richtig, auch schon einen silbernen Kamm! Was nicht alles in der Stadt aus einem armen Schäfermädel werden kann.« – Während dessen der Alte sich nach seinem Bruder Pietro, nach dessen Frau Teresa und allen Sippen in der Stadt erkundigte, warf er dem Federigo gelegentlich die Nachricht zu, daß Pietro einen schönen Weinberg zu Rom in Pacht habe, wie die kinderlosen Eheleute seine Virginia nach dem Tode ihrer Mutter zu sich genommen, sie wie ihr eigenes Kind hielten und ordentlich auf den Händen trügen, was ihnen Madonna in Ewigkeit gesegnen möge. »Aber wo in aller Welt bleibt denn der Arcangiolo,« flüsterte die hübsche Dirne halblaut, »und streift er schon wieder im Lande umher?« – »Ei, mein verliebtes Täubchen,« erwiderte Gio lachend, »wenn Dein Besuch nicht mir und nur dem wilden Burschen galt, dann hast Du den weiten Weg vergeblich gemacht. Dein Bräutigam ist nach Ostia gegangen, um dort Büffel für den Ghetto aufzukaufen. Morgen Abend erst kehrt er zurück.« – Das Mädchen schüttelte mißmutig das Köpfchen, dem Federigo aber war es ordentlich ein Stich durchs Herz, als er vernahm, daß die schöne Virginia schon versagt sei; es däuchte ihm, als habe er zeitlebens keine reizendere Jungfrau geschaut. Als Maler mochte er sich wohl am besten auf Schönheit verstehen; jeder andere aber hätte auch nicht anders urteilen können, wenn er der Dirne in das feine blasse Gesichtchen mit den dunkel glühenden Sternen der schwimmenden Augen geblickt hätte, oder auf das glänzende Haar und den feinen Arm, der weit und breit nicht seinesgleichen fand. Ich habe schon erwähnt, daß der Deutsche bisher so viel als gar nichts auf Frauen gegeben und ihnen wohl eher geflissentlich aus dem Wege gegangen sei – jetzt aber war er mit einemmale wie umgewandelt; er ward ganz munter und redselig, konnte sich gar nicht an dem lieblichen Bilde satt sehen und nicht aufhören, ihr allerhand Schönes vorzuschwatzen. Wenn ihm damals einer gesagt hätte, er sei in das Mädchen zum Sterben verliebt, so hätte er wohl ungläubig den Kopf geschüttelt, und doch war es nicht anders, Virginia aber hörte die freundlichen, einschmeichelnden Reden mit heimlichem Wohlgefallen an, lachte und scherzte wohl oft über die wunderliche Aussprache des hübschen Fremden, plauderte dazwischen frisch, wie ihr das Schnäbelchen gewachsen war, und vergaß zuletzt des abwesenden Liebhabers über dem anwesenden. Es war ihr, als könne sie sich der Zeit nicht erinnern, wo sie so aus Herzensgrund vergnügt gewesen sei. Als die sinkende Sonne die zertrümmerten Bogen der Wasserleitungen purpurrot zu färben begann, und das Angelusläuten von allen Türmen der Stadt schwach über die Kampagna klang, rüstete Virginia zur Heimkehr. Federigo durfte ihr das Geleit bis ans Thor geben, dort aber hieß sie ihn mit scheuem Zaudern, des ärgerlichen Geredes halber, zurückbleiben, und wollte ihm, so inständig er auch bat, nicht einmal die Vigna ihres Oheims nennen. Es schien, als möge sie sich selber gar nicht eingestehen, daß sie dem Fremden gewogen sei, und so riß sie sich, um nur den innerlichen Kampf zu enden, plötzlich los, wandte sich dann schelmisch lächelnd und mit dem Händchen winkend noch einmal um, wünschte ihm die felicissima notte und schlüpfte davon. Der Maler blickte ihr so lange nach, bis das weiße Kopftuch und das Scharlachmieder in der Dämmerung verschwanden. Dann zog er stumm und träumerisch nach Hause, konnte die Nacht über kein Auge zuthun, war mit dem ersten Sonnenstrahl wieder auf den Beinen, versuchte das Bild der schönen Virginia zu entwerfen, zerriß ein halbes Dutzend Anfänge, schob endlich Papier und Bleistift ganz verdrießlich bei Seite, rannte nach der Porta San Paolo, dort, wo er das Mädchen zum letztenmale gesehen, harrte einen halben Tag lang in der tollsten Sonnenhitze, ohne nur eine Fingerspitze von seiner Schönen erblickt zu haben, seufzte und klagte, mit einem Worte, er trieb alle Thorheiten, die nur jemals ein rasend Verliebter angestellt hat. Von nun an war es mit Federigos nachmittäglichen Besuchen auf dem Monte Testaccio vorbei. Tag für Tag durchstreifte er den Monte Celio, Aventino, Esquilino, oder wo nur jemals ein Weinstock gegrünt hatte, erkaufte sich den Zutritt zu jeder Vigna unter dem Vorwande, Ruinen zu zeichnen, warf die Paoli zu ganzen Dutzenden fort, überkletterte mit Lebensgefahr trotz Wächtern, Hunden und Fußangeln die Mauern und Hecken – es war vergebens, Virginia ließ sich nirgends erblicken. Er rannte wiederum in die Kampagna zu dem alten Gio hinaus und versuchte, ihn auszuhorchen. Der mochte aber wohl merken, wo der Forestiere hinaus wollte, und eben kein besonderes Wohlgefallen an der thörichten Liebschaft haben, wenigstens war er nicht halb so freundlich gegen den Maler als das erste Mal, brach kurz ab, so oft dieser auf die Tochter zu reden kam, und erzählte dagegen in einem fort von Arcangiolo, was das für ein braver, prächtiger Bursche sei, und Mut habe, wie zehn Teufel, und eifersüchtig sei, wie zwanzig. Das konnte aber alles den Deutschen auf keinen andern Gedanken bringen, und wann hätte denn auch jemals ein Verliebter Vernunft angenommen? So verstrichen Federigo einige Monate unter unermüdlichen, jederzeit vergeblichen Nachforschungen. Er grämte und härmte sich dabei ab und ward immer trauriger und blasser. Die Römerinnen nannten ihn nicht mehr den bello malinconico , sondern den Melancholischen kurzweg, und keiner fiel es mehr ein, ihn, wie wohl früher geschehen, mit Blumen zu bewerfen, wenn er abends unter ihrem Balkon vorüberstreifte, oder ihm zärtliche Einladungen zuzusenden. Die Weiber sahen Federigo kaum mehr an – er ward der Veränderung nicht einmal gewahr. Da erschien das Fest des heiligen Johannes Battista. An jenem zieht der heilige Vater zu Fuß in großer Prozession um die Kathedrale von San Giovanni in Laterano. Ganz Rom und das Landvolk von vielen Meilen weit in der Runde strömt nachmittags zu dieser Feierlichkeit. Auch Federigo schloß sich teils auf Zureden seiner Freunde, mehr aber noch in der geheimen Hoffnung, die lange Gesuchte dort anzutreffen, dem Menschenstrom an, der sich durch die Via di San Giovanni nach der Basilika wälzte. Es war einer der schwülsten Junitage. Weißlichgraue Gewitterwolken lagerten drohend über den Sabinerbergen, und zogen gar manchen ängstlichen Blick der um ihren Feststaat besorgten Römerinnen auf sich. Eine unzählbare Menge wogte auf dem Platze wild durcheinander. Dort führte der Minente mit schwarzer Samtjacke und roter Schärpe seine mit goldnem Strahlenkamm festlich geschmückte Geliebte, welche mit gespreiztem Fächer sich hastig Kühlung zuwehte; dort schritt der Weltgeistliche mit dreieckigem Hut und langem Rohrstocke gravitätisch einher, und die Schnitterin aus den pontinischen Sümpfen mit dem Kopftuche von grobem Fries, und der päpstliche Pontonier mit Bärenmütze und breiter Axt auf der Schulter. Langbärtige Maler zeichneten verstohlen irgend eine fremdartige Tracht oder ein nettes Landdirnchen, Soldaten drängten vergeblich das stets wieder zusammenflutende Volk auseinander; Eiswasser-Verkäufer schrieen ihre Limonade aus, die Stuhlvermieter ihre Rohrsessel, zwischen welchen die Prozession vorüberziehen sollte; hier wurden Heiligenbilder, dort getrocknete Kürbiskerne ausgeboten, hier heulte ein zudringlicher Bettler, dort ein mit Orangen beladener Esel. Es war schon der buntscheckigste Wirrwarr von der Welt, und wer nicht selber einem römischen Kirchenfeste beigewohnt hat, wird sich schwerlich einen Begriff davon machen können. Endlich begann denn unter dem Geläute aller Glocken die Prozession. Die Waisenknaben schritten voraus, ihnen folgten paarweis die regelmäßigen Orden mit brennenden Kerzen, Kreuzen und Kirchenfahnen, die Seminaristen, die Pönitenziarii der Basiliken, diesen die Kapläne, die Marschälle, bis zuletzt, umringt von den Hellebardieren der Schweizergarde, der Baldachin einherschwankte, unter welchem der Papst, mit der Gold-Monstranz in den Händen, langsam durch die Reihen der Knieenden schritt. Kaum war jedoch der Umzug vollendet, und der heilige Vater mit seinem Gefolge wieder in den Lateran zurückgetreten, als auch die ersten schweren Tropfen fielen, und bald darauf das Ungewitter mit voller Wut losbrach. In wilder Hast flüchtete das Volk nach der Stadt zurück; es entstand ein entsetzliches Gedränge in der schmalen Straße. Wiehern und Schnauben der geängstigten Rosse, Toben und Fluchen der blind durch das Volk jagenden Kutscher, Kindergeschrei und Weibergekreisch tönten betäubend durcheinander, und wurden wieder von dem furchtbaren Rollen des nimmer verhallenden Donners verschlungen. Minutenlang glühte der Himmel im falben Licht der ineinander verschwimmenden Blitze. Ein Pferd ward scheu, stieg in die Höhe, schleuderte den Reiter zu Boden, und brach mit gewaltigen Sätzen, mit wildflatternder Mähne durch die auseinander stäubende Menge. »Sant Antonio! Sant Antonio!« erscholl es zu gleicher Zeit aus tausend Kehlen – aber das Unglück war schon geschehen: Ein junges Mädchen war von dem Rosse zu Boden geworfen worden und lag ohnmächtig im Schoß einer ältlichen Frau, welche sich unter Thränenströmen bemühte, die Scheintote zu erwecken, das aus der Stirn stromweis' hervorquellende Blut zu stillen. In diesem Augenblick schritt Federigo an der Gruppe vorüber, erkannte auf den ersten flüchtigen Blick in der Verwundeten seine Virginia, stürzte hell aufschreiend hinzu, rief aber schnell besonnen einen seiner Landsleute herbei, hob mit dessen Hilfe das Mädchen auf, und trug sie, von der voranschreitenden Muhme geleitet, nach ihrer nicht allzufernen Wohnung. Es war die dem Kloster von Santa Maria sopra Minerva zugehörige Vigne auf der Via di San Sebastiano, welche Pietro, der Oheim der schönen Virginia in Pacht hatte, und wohin die beiden Deutschen die Bewußtlose brachten. Nach kurzer Frist erwachte Virginia von ihrer Betäubung, sah sich mit verbundener Stirn auf ihrem Bett unter dem Bild der Madonna liegen, und den Maler Federigo, wie er mit verstörtem Gesicht auf den Fliesen kniete, ihren Arm umklaftert hielt und ängstlich jeden der matten Pulsschläge zu zählen schien. Die alte Teresa rannte in geschäftiger Hast, bald nach den mit heilsamen Kräutern auf dem Herde kochenden Töpfen, bald nach dem lieben Pflegekinde schauend, hin und her, und stieß ein lautes Freudengeschrei aus, als sie das Mädchen wiederum die schönen Augen aufschlagen, und leise vor sich hinlächeln sah. Das Gewitter war vorübergezogen und der Donner murrte halb besänftigt aus der Ferne herüber. Breite goldene Sonnenstreifen brachen schon wieder durch die Regenwolken, und beglänzten die weitläufigen Trümmer der Thermen des Caracalla und die Lorbeer- und Jelängerjelieberstauden, die hoch auf dem Gemäuer wucherten. In das offene Fenster nickten die vom Regen glänzenden Weinblätter, und die Singvögel schlüpften wiederum, die Federn schüttelnd, aus ihrem Versteck hervor. »So habe ich Dich endlich wieder, Du liebes schönes Bild, nach dem ich mich so lange, so lange gesehnt habe!« flüsterte Federigo halblaut und küßte den weißen herniederhängenden Arm. »Jetzt will ich auch nicht wieder von Dir lassen. Ach Virginia, ich liebe Dich so sehr!« – Die Jungfrau überließ ihm holdselig ihre Hand und drückte sie matt an seine heißbrennenden Lippen. Der Maler war unaussprechlich glücklich. Von nun an war Federigo täglicher Gast auf der Vigne, wich nicht vom Lager des Mädchens, und verträumte halbe Tage mit ihr unter süßem Geplauder und Kosen. Ihre Verletzung war keine gefährliche gewesen, und schon nach Wochenfrist geheilt. Sie stand wieder auf, bleicher, aber mir um so reizender in den Augen des jungen Mannes. Bald war ihm auch die Trennung auf die wenigen Stunden, welche er in seiner Wohnung verbrachte, zur Qual geworden, und er ruhte nicht, mit Bitten und Verheißungen in den alten Pietro zu dringen, bis ihm dieser ein helles, freundliches Erkerstübchen eingeräumt hatte, und er mit seinen sämtlichen Malergerätschaften eingezogen war. Jetzt begann für ihn eine gar schöne Zeit. Seine Lust an der Kunst erwachte mit neuer Lebendigkeit, und er gab sich ihr wiederum mit ganzer Seele hin. Es war ihm, als fühle er jetzt erst recht deutlich, daß er wahren Beruf zur Malerei habe, und oft erstaunte er selber über die Leichtigkeit, mit welcher er arbeitete, über die herrlichen Gedanken, welche ihm in unerschöpflicher Fülle zuströmten. Seine Frauenbilder glichen wohl alle der schönen Virginia – brauchte er doch nur aus dem Fenster in den Garten hinab zu sehen, wo sein liebliches Musterbild auf der Säulentrümmer im Schatten der Lorbeerhecke, den Rocken spinnend, saß, und mit heller Stimme eine fröhliche Canzonetta anstimmte, und es kaum erwarten konnte, bis die Abenddämmerung der Arbeit ihres Freundes ein Ziel setze, bis er herabsteige und die herrlichen Sternennächte mit Gesang und Zitherspiel und liebendem Geschwätz verschwelge. Oft trafen die ersten Streiflichter des Morgens das glückliche Paar noch unter der Weinlaube. Federigo meinte, das Leben sei allzuflüchtig und doch zu schön, um es dumpf zu verschlafen – kaum daß er während der Schwüle der Mittagszeit in der dämmernd kühlen Stube einige Stunden verträumte. Virginia erwiderte die Liebe des Malers aus vollem Herzen. Ihr Verhältnis zu Arcangiolo erschien ihr wie ein wüster, wirrer Traum – es war ihr ein Rätsel, wie sie sich jemals dem rohen wilden Menschen habe zuneigen, wie sie ihm gar ihre Hand habe geloben können. Sie waren als Kinder zusammen aufgewachsen; er hatte sich um sie beworben, als sie noch draußen in der öden Kampagna zusammen lebten, als sie noch keinen Mann außer ihm gekannt hatte. Mit Federigos Liebe war ihr ein neues Leben aufgegangen. Ohne sich selber sagen zu können, wie es zugegangen, war sie eine Andere geworden, die träumende Knospe war vom Strahl der Liebessonne aus ihrem Schlaf geweckt worden und hatte sich zur herrlichen Blüte entfaltet. Und eben weil das Mädchen wohl fühlte, daß sie Alles, was sie jetzt sei, dem Geliebten allein verdanke, hing sie ihm auch um so leidenschaftlicher an. Nur mit geheimer Furcht mochte sie in die Vergangenheit zurückblicken, des älteren Bündnisses gedenken; sie hielt es für gelöst, und glaubte deshalb, sich willig täuschend, daß auch Arcangiolo es als solches betrachten werde. Schon seit Monden hatte er nichts von sich hören lassen. Virginias Vater war mit den andern Hirten während der Sommermonde aus der verbrannten Kampagna in die schattenkühlen Sabiner Bergthäler gezogen – sie verschob «3 von Tag zu Tag, ihn aufzusuchen. Die Muhme Teresa begünstigte schweigend das Liebesverständnis, teils von dem Golde des reichen freigebigen Fremden, welcher einen bisher nie gekannten Wohlstand in die Hütte brachte, geblendet, teils aus rein weiblichem Mitgefühl mit jeder zärtlichen Neigung. Ihr Gatte aber hatte längst den blonden, gutherzigen Deutschen liebgewonnen, und haßte, wie alle ruhigen ansässigen Leute, wüste Herumstreicher und das verwegene, unheimliche Treiben des Kampagna-Hirten Arcangiolo. In der Nachbarschaft galt es für ausgemacht, daß Virginia binnen kurzer Zeit den deutschen Maler heiraten werde. Das Geheimnis ihrer Liebe hatte die Mauern überflattert und, so stillselig das besprochene Paar auch in seiner Einsamkeit für sich hin lebte, sich doch nur allzuschnell verbreitet – wie denn die Menschen für alle den Nächsten betreffenden Angelegenheiten einen wundersamen Scharfsinn hegen, und mit heimlicher Schadenfreude gerade auf die Liebesblüten, welche wir ihrem Blick zu entziehen streben, am begierigsten stoßen, bis sie dieselben mit schonungsloser Neugier zerfasert und entblättert haben. So waren die glühenden Sommermonate, in denen Rom wie von Fieberträumen befangen schlummert, herangekommen. Die Adligen hatten sich auf ihre, von frischer Seeluft durchwehten Villen am Meeresstrand geflüchtet, oder nach den umwaldeten Höhen des Albaner Gebirges. Die Straßen der Stadt waren verödet, Thüren und Jalousieen geschlossen, und nur sparsam schlich eine matte bleiche Gestalt über die glühenden Quadern und durch die vor Hitze zitternden Luftwellen, so dicht als möglich an die Schattenseite der Häuser geschmiegt, bis die Sonne ins Meer herniedergesunken war, und die Römer aus ihren dunklen Verstecken auftauchten, unter Gesang und Lautenspiel über die mondscheinbeglänzten Plätze wandelten, die sprühenden Fontänen umkreisten, und erst mit dem anbrechenden Morgen wieder in ihren Steinhöhlen Schutz vor der verpesteten Luft suchten. Federigo war in den verwichenen Jahren gleich den andern zur Villeggiatura hinausgezogen, bis die Gewitter des Septembers die Glut zerrissen und der Strom der Auswanderer nach der kühleren Stadt zurückfluten durfte. In diesem Sommer kam er nicht dazu. Er wartete nur auf Briefe aus seiner Heimat, um dem Bunde der Liebe die Weihe durch Priesters Mund erteilen zu lassen; jeder Tag konnte die Antwort bringen, und dann wollte er mit der angetrauten Jungfrau vor den alten Gio treten, und die Verzeihung und den Segen des Überraschten erflehen. So hatte er es mit Virginia und deren Verwandten abgeredet. Unterdessen kam er gar nicht mehr aus seiner Einsamkeit, und lebte nur für die Liebe und seine Kunst. Seit kurzem hatte er ein großes Gemälde aus der altrömischen Geschichte begonnen. Es stellte den Virginius dar, wie er seine Tochter Virginia ersticht, um sie nicht in die Hände des Decemvir Appius Claudius fallen zu lassen. Das Gesicht der sterbenden Jungfrau war nach dem der Braut gebildet. Ein italienischer Maler hätte sich gewiß aus Scheu vor der üblen Vorbedeutung gehütet, der Ermordeten die Züge der Geliebten zu leihen, zumal, wenn diese einen gleichen Namen mit dem blutigen Konterfei führte. Die Deutschen dünken sich aber in solchen Sachen stets klüger als wir, verspotten uns, wenn wir das böse Auge fürchten, tragen kein Hörnchen bei sich und verschmähen es, beim Lobe die Fica zu machen. So lachte denn auch Federigo, als ihn Teresa des bedenklichen Spiels halber zur Rede stellte, und arbeitete nur noch emsiger fort. Schon mehrere Male hatte ihm Virginia zum Kopf der altrömischen Jungfrau gesessen; jetzt gedachte er die in der Todesangst weit ausgebreiteten Arme, den entblößten Busen zu malen, und drang inständig flehend in das Mädchen, ihm auch hierbei als Modell dienen zu wollen. Lange Zeit weigerte sich Virginia, verschämt errötend, des Ansinnens, bis ihr Verlobter ihr denn zuletzt gestand, wie es keinem Maler gegeben sei, ohne ein lebendes Musterbild in der Kunst etwas gutes zu leisten, und wie er, wenn sie sich seinen Bitten weigere, ein fremdes Mädchen zu diesem Dienste dingen müsse. Mochte es nun innere Überzeugung sein, daß Federigos Wünsche wirklich aus reinem Herzen stammten, und daß sie sich ja doch in wenigen Tagen ihm ganz zum Eigentum übergebe, mochte vielleicht auch geheime Eifersucht auf das angedrohte Modell mit im Spiel sein – genug, Virginia flüsterte endlich mit gesenkten Augen und widerstrebenden Herzens ihre Einwilligung. Es war in einer der Frühstunden des folgenden Tages, wo das Mädchen zum ersten Mal dem Verlangen des jungen Mannes nachgab. Die untern Scheiben waren zum Teil gegen das falsche Licht versetzt, teils durch Jalousieen geblendet. In das kühle lauschige Zimmer fiel durch die oberen, offenen, mit Weinlaub dicht umflochtenen Fenster eine wunderbare Beleuchtung, und bestrahlte die auf den Steinfliesen des Bodens liegenden Malergerätschaften, die halbfertigen, an den Wänden umherstehenden Bilder, und die von Goldrahmen umfunkelten aufgehangenen, bereits vollendeten. Virginia kniete mit erhobenen Armen, den schönen Kopf zurückgebogen, den Mund wie zum Schrei halb geöffnet, auf einem Kissen. Die schwarz glänzenden Locken rollten in üppiger Fülle lose über den entfesselten, ängstlich atmenden Busen, und ein hellbuntes Obergewand hing von der blendend weißen Schulter hernieder und schleifte in weichen, künstlich von Federigos Hand geordneten Falten auf der Erde. Den Maler überlief ein Schauer des Entzückens beim Anblick des herrlichen Weibes, sein Herz pochte voll ungestümen Sehnens, und oft war es ihm, als müsse er Pinsel und Palette von sich werfen und an die Brust der Geliebten fliegen; dann aber gedachte er wieder des gegebenen Versprechens, und wie unwürdig es sei, das Vertrauen des Mädchens zu täuschen, und er verharrte emsig bildend an der Staffelei. Es war Totenstille im Gemach, und man vernahm nur das Schrillen der Zikaden draußen im Garten. Da springt die Thür auf – ein junger, wutbleicher Mann, die Jacke leicht über die Achsel geworfen, stürzt herein, hält einen Augenblick mit geballten Fäusten und verzerrtem Munde auf der Schwelle. »Arcangiolo!« schreit Virginia, entsetzt vom Boden aufspringend und flieht, die Augen mit den Händen verdeckend, in die fernste Ecke. Mit gierigem Sprunge wirft sich der Fremde wie ein Löwe auf seine Beute – Federigo reißt den Wütenden bei dem schwarzen Kraushaar zurück – es ist zu spät, ein Messerstich hatte das Herz des Mädchens durchbohrt. Mit entsetzlichem Lachen jauchzt Arcangiolo, indem er die Gemordete ihrem Verlobten zuschleudert: »Hier, Maler, hast Du das wahre Modell!« ringt sich aus den umklasternden Armen, und entspringt. Das Messer steckte noch in dem Busen des unglücklichen Mädchens; noch einmal seufzte sie tief auf – sie war tot. Zwei Tage später schwankte eine offene, mit goldgestickter Samtdecke überhängte Bahre aus der Vigne. Virginia ruhte mit gefalteten Händen auf den Kissen, fromm und wunderschön. Von den Ecken nickten leise rauschende Blumensträuße und zitternde Goldflittern, welche seltsam beim Schimmer der Fackeln leuchteten. Der Zug der vermummten Brüderschaft trug sie zu Grabe und versenkte sie im Chor der Kirche zu Santa Maria della Consolazione. Federigo war dem Leichenbegängnis gefolgt. Stumm, kalt, thränenlos schaute er in die Grube, auf den schlichten Sarg, welcher die tote Braut umschloß, harrte, bis die Steinfliesen wiederum eingefügt und verkittet waren, dann richtete er seine Schritte nach dem Passionisten- Kloster von San Giovanni e Paolo, um es nie wieder zu verlassen. Als ich den Klostergarten in Begleitung des Lord Venthyfolly besuchte, sah ich einen jungen, sehr blassen Mönch in der schwarzen Ordenstracht mit dem Kreuz über dem weiß eingefaßten Herzen auf der Brust, auf einer Steinbank an der niedrigen Mauer sitzen und aus erloschenen Augen nach der Wasserleitung des Nero und den Thermen des Caracalla, welche durch die Bogen schimmerten, hinüber starren. Der begleitende Laienbruder nannten ihn uns als den Confrater Virginius a corde transfixo , und wußte seinen frommen, heiligen Wandel nicht genug zu rühmen. Er erzählte ferner, wie der Bruder Virginius ans Deutschland gebürtig sei, in der Welt Federigo geheißen und welches betrübte Ereignis ihn in den Orden geführt. »Von der Vergangenheit,« setzte er hinzu, »spricht er niemals, und schüttelt nur stumm den Kopf, so oft die Rede darauf kommt. Stundenlang kann er auf jenem Fleck träumen und nach der Vigne, wo er gelebt und gemalt, wo die schöne Virginia ermordet wurde, hinüber schauen. Wenn auf seiner Zelle die Sonnenstrahlen durch die Blätter und Blüten der dichtgedrängt im Hofe stehenden Orangenbäume, die mit ihren Zweigen bis Fenster reichen, brechen, und er die Sonnenstäubchen auf- und niedertanzen sieht, oder wenn er abends nach den zerrissenen, sich rosig färbenden Wölkchen aufblickt, dann lächelt er still vor sich hin, und bildet sich ein, er male, nennt uns auch alle die Bilder, die, er unter der Hand habe, und schildert die heiligen Gestalten, die er mit Sonnengold und Karmin und Himmelsblau erschaffe. Wir müssen oft über seine wundersame Einbildung staunen. Sonst ist er schweigsam und verschlossen und klagt nie.« Der Bruder Virginius a corde transfixo lebt noch jetzt im Passionisten-Kloster. Wer nach Rom kommt, kann ihn dort aufsuchen; die Geschichte seiner unglücklichen Liebe ist in Jedermanns Munde. Arcangiolo ging unter die Räuber und hauste lange Zeit in den Bergen, bis ihm ein Gensdarm beim Überfall der Agresanischen Diligence den Schädel spaltete. Seine Gebeine bleichen auf einem Pfahl rechts vom Wege nach Terracina. Eine schöne Ballade in ottave rime , welche mit Licenz der Obern gedruckt und verkauft wirb, schildert seine Thaten und sein Ende. Ich selber besitze ein Exemplar davon. Canaletta In einer der Osterien des dritten, oder gar noch tieferen Ranges, an welchen es auf der Riva dei Schiavi, unterhalb der Kaserne, nach dem öffentlichen Garten zu, keinen Mangel hat, rannte der Wirt mißmutig auf der Diagonale seiner Schenkstube hin und her, rückte dann und wann einen Sessel zurecht, trat wieder an den Schenktisch zurück, überflog die doppelte Buchhaltung der Kreide-Hieroglyphen, das Album der bösen Zahler, und stockte dann wieder den Kopf lauschend aus dem Fenster. »Wo sie nur heute bleiben mögen, meine wackeren Jungen?« brummte er verdrießlich. »Die dritte Nachmittagsstunde muß schon längst begonnen haben, wenn den hämmernden Riesen an der Markusuhr die Armee nicht eingeschlafen sind, und auch nicht eine Seele läßt sich in meinem silbernen Kabeljau blicken! Demonio ! Heute am ersten Februar, wo meinen flotten Teerjacken die Monatsgage gezahlt worden ist. Irgend ein spitzbübischer Gevatter muß den Matrosen wieder ein neugemaltes Schild in den Weg gehängt haben, und so was zieht meine Seehunde an, wie die Wetterstange den Blitz. Und – Testa die Bacco ! Seit wann wohnt denn in meinem Hause ein General, daß ich eine Schildwacht vor der Thür habe. Rennt doch die Blauhose schon seit einer halben Stunde mit verdrehtem Halse auf und nieder. Ob er nun endlich das Osteria e cucina auf dem Schilde herausbuchstabiert haben wird? Die schnauzbärtige Vogelscheuche verjagt mir mit seinem ewigen Patrouillieren noch alle Gäste. Was nur der Ungar hier zu suchen hat? Der muß auch noch nicht wissen, daß nur Schiffsleute ohne zerschlagenen Kopf aus meinem Hause kommen. Nun tritt er gar herein. Gut, Söhnchen, an Erfahrung sollst Du gewinnen, das schwöre ich Dir beim Löwen des heiligen Markus.« Der Soldat schritt durch die Thur. warf sich, ohne den Wirt einer besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen, in einen der Rohrsessel, langte die kurze, ungarische Pfeife, den mit Quasten und Stickereien verzierten Tabaksbeutel aus der Bärenmütze, stülpte sie sich wieder auf, und rief, nach einigen raschen Zügen, welche das Zimmer mit Rauch füllten, nachlässig über die Schulter nach Wein. Der Inhaber der Osteria zuckte verächtlich die Achseln, riß hustend die Fenster auf, um der frischen Luft den Zugang zu gestatten, schob aber doch, da er, ungeachtet seiner riesigen Statur, sich nicht getraute, im Einzelkampf es mit dem Ungar aufzunehmen, die verlangte Flasche auf den Tisch. Ein tiefes Schweigen trat ein. Der Soldat strich sich den mächtigen Schnurrbart, abwechselnd dampfend und schluckend. Der dicke, wohlbekannte Wirt, Meister Pio, auch von den Matrosen Zio Pio genannt, räusperte sich und begann so etwas von einer Konversation, erhielt aber keine Silbe Antwort, und wandte sich mit einem halblauten Fluche von dem Weintrinker wieder ab. Es war ein kräftiger, untersetzter Bursch, von etwa dreißig Jahren. Die kleinen, pechschwarzen Augen lagen tief in dem gelbbraunen, pockennarbigen Gesicht. Über dem Munde lag, einem schwarzen Schlagbaum vergleichbar, der ungeheure, steifgewichste Schnurrbart. Ein Künstler hatte allenfalls die blauen, prall anliegenden Beinkleider des Ungarn als Studium für ein Schneiderschild, oder die unverhältnismäßig langen Arme zu einem Gibbon benutzen können, sonst aber hätte der Soldat sich wohl nur höchst unvollkommen zu einem Modell geeignet. In der Rangierrolle war er als Stefan Oglinovits, aus dem Zipser Komitat, Gemeiner bei der dritten Grenadierkompanie des dreizehnten ungarischen Infanterieregiments (Freiherr von Gumpoldikirchner) eingetragen. Eine Viertelstunde mochte dieses lautlose Tête à Tête gewährt haben, als die Thür aufsprang, und ein Dutzend nicht eben allzunüchterner Teerjacken und Gondoliere hereinstürmte. »Willkommen, tausendmal willkommen!« jauchzte Zio Pio hinter dem Schenktische hervor, sprang seinen Gästen freudig aufatmend entgegen und schüttelte ihnen der Reihe nach die harten Hände. »Wein! Salami! Austern! Makkaroni! Merluzza!« rief der eintretende Chor wild durcheinander, drängte sich heftig um den Tisch und sog stehend oder sitzend aus den schnell erteilten Bottiglien. »Aber wen zum Teufel hast Du da herein gelassen, Zio?« fragte ein hagrer Traboccoloführer, welcher sich dem Ungar gerade gegenüber niedergelassen hatte. »Seit wann dürfen sich denn solche weißen Landsperlinge in unser Nest drängen? He?« Der Wirt zum silbernen Kabeljau riß mit dem Zeigefinger das Augenlid niederwärts und schnitt dem Stefan Oglinovits hinterrücks ein flämisches Gesicht. Die Übrigen steckten die roten und blauen Schiffermützen zusammen und murmelten untereinander, während sie böswillige Blicke auf den unschuldigen, vor sich hindämmernden Fremdling warfen. »Zio,« schrie der Traboccoloführer Marcello, »die Pest über Dich, daß Du nicht reines Haus hältst – und obendrein heute am Ersten, wo die Zwanzigkreuzer meinen Jungen in der Tasche klingeln und sie überall die Könige spielen wollen. Noch eine Bottiglie, Meister, und hundert Stück Austern – frische, das rat' ich Dir.« Pio zuckte die Achseln bis an die Ohren, schob den Weidenkorb mit den schönen Muscheln vor Marcello auf den Tisch und begann alsbald mit dem krummen Messer die Schalen aufzubrechen – ohne, trotz seiner langgeübten Fertigkeit in diesem Geschäft, den von allen Seiten nach der leckern Speise langenden Händen genügenden Stoff bieten zu können. Die Matrosen starben nun zwar vor Lust, dem schuldlosen Stefan die Wucht ihrer Fäuste fühlen zu lassen, und ihn hinterher aus ihrem Heiligtum zu werfen. Gebildete Leute – und auch unsere Seekrabben machen in jetziger Zeit auf diesen Titel Anspruch – werden jedoch, eh' sie Händel anfangen, nie ermangeln, vorher für einen giltigen Vorwand zu sorgen. Vor der Hand ließ sich aber gegen Stefan Oglinovits, außer seiner unberufenen Anwesenheit, noch nichts sagen. Er saß ruhig wie ein Marmorlöwe, trank ohne Muck seinen Wein und bezahlte jede Fogliette prompt und bar mit den Centesimi, welche er aus seinem ledernen Tabaksbeutel krebste. Auch er hatte an diesem Tage seinen Monatssold empfangen, und wollte sich für die drei Zwanziger, welche ihm nach Abzug an Kreide, Lack und Stiefelwichse übrig geblieben waren, einmal eine Güte anthun – was wir ihm übrigens nicht verdenken wollen. »Clemente,« rief der hagere Traboccoloführer einem seiner Genossen zu, wobei er ihm zum Zeichen des Einverständnisses mit den Augen zuzwinkerte, »hast Du schon die neue Geschichte von dem ungarischen Soldaten und seinem Leutnant gehört?« »Nicht ein Wort, Marcello. Heraus damit.« »Ja, her damit!« riefen auch die übrigen Händelsüchtigen. »Denkt Euch, Kinder, der Offizier schilt seinen Burschen tüchtig aus, weil er ihm das letzte Mal unbrauchbare Schwefelhölzchen gebracht hat. Blauhose nimmt den Ausputzer ruhig hin, und denkt bei sich: wart', das woll'n wir schon besser kriegen. In der nächsten Nacht kommt der Tenente spät nach Hause, taucht in die Zündflasche eins, zehn, alle hundert Stück – kein einziges will Feuer fangen. Mit Fußtritten weckt er den Kalfaktor aus dem Schlaf und nennt ihn einen wilden Esel, der nicht einmal ein Bund Schwefelhölzer einzukaufen verstehe. Halten zu Gnaden, stammelt der Buffalo, sind Hölzer gut. Hab' ich sie alle hundert probiert, hat keines versagt.« Die Matrosen brachen in ein wildes Gelächter aus – Stefan verzog keine Miene und paffte. Elemente wollte eine noch bessere Geschichte wissen, ein dritter die allerbeste. Jeder gab mit höhnischen Seitenblicken auf das gemeinsame Stichblatt einen jener höchst vortrefflichen Züge, welche Nachbarvölker einander, Hasenschwänzchen gleich, anhängen, zum besten. Jedem wurde ein tosender Beifall zu teil – nur Stefan verzog keine Miene und paffte. » Cospetto di Nettuno !« schrie Marcello, der, vom genossenen Wein und dem Schweigen des Soldaten kecker gemacht, es nunmehr an der Zeit hielt, die unverschleierte Offensive zu ergreifen. » Cospetto di Nettuno ! Der blaustrumpfige Eisbär dort schläft wohl – oder sollte er gar tot sein? Ja, bei den armen Seelen im Fegefeuer, er geht schon in Verwesung über. Vielleicht gelingt mir ein Wunder, und ich erwecke ihn von den Toten!« – Dies sprechen und dem Ungar die Schale einer eben ausgeschälten Auster ins Gesicht werfen, war eins. Nächst der Geduld war Kenntnis fremder Sprachen die schwächste Seite unsers Stefan Oglinovits. In der Unsrigen hatte er es wenigstens noch nicht über die beiden Grundelemente »Wein und Speck« gebracht – der Grund, weshalb auch die von allen Seiten geschleuderten Witzbrocken an dem kasemattierten Gewölbe seines Hirnschädels erfolglos abgeprallt waren. Das Wurfgeschütz des Traboccoloführers hingegen zündete. Bedächtig klopfte der Ungar seinen schwarzen Podreczaner Pfeifenkopf aus, trat an die Thür, drehte den Schlüssel zweimal herum, versenkte ihn in die Tasche, und zog seinen guten Säbel vom Leder. Und nun begann der denkwürdigste Kampf, welcher seit Abel und Kains Duell von der Sonne beschienen worden war. Ich habe den Orlando furioso und innamorato von Alpha bis Omega mit Andacht durchlesen, um mich zu einer meines Gegenstandes würdigen Begeisterung hinauf zu schrauben. Ich bin außerdem noch heute Morgen in den Palazzo Ducale gegangen und habe in der Sala del maggior consiglo die Land- und Seesiege, welche unsre glorreichen Vorfahren erfochten, und die Pinsel der unsterblichen Meister Tintoretto, der beiden Palma und Zucchari verewigten, angeschaut, um meine Einbildungskraft zu entflammen, sie mit heroischen Bildern zu befruchten. Aber wie so matt erscheinen mir die transzendenten Farben der Dichter, wie blaß die materiellen der Maler gegen diejenigen, deren ich bedarf, um das Bild jenes einzigen Kampfes zu kolorieren. Ich sehe es wohl ein, die Größe meiner Aufgabe überwiegt menschliche Kräfte. Die Zunge, die Sprache selber werden an mir zu Verrätern. Beschämt lasse ich den Griffel sinken, und kann nur im nüchternsten Zeitungsstile die stupenden Waffenthaten des Stefan Oglinovits berichten. Der Homer, auf welchen der Grenadier die gerechtesten Ansprüche hat, schlummert noch. Die Fenster waren noch geöffnet – die Thür verschlossen. An der letztern stand Stefan Oglinovits wie der Engel mit dem feurigen Schwerte, und fuchtelte mit entsetzlichen Schwadronhieben auf die Adamiten los. Wo aber ein Ungar hin haut, dort blühen fortan weder Mimosen noch Kamelien. Herkules vermag, dem Sprichworte zufolge nichts gegen zwei – Stefan mußte demnach ein sechsfach mächtigerer Held sein. Nicht geballte Fäuste, nicht Schemelbeine, nicht von allen Seiten gezückte Messer vermochten ihn einzuschüchtern. Unaufhaltsam drang er vorwärts, ein rüstiger Schnitter durch die Garben. Der Traboccoloführer, das ganze Dutzend der Gegner mußten durch das Fenster springen – kein anderer Weg führte ins Freie. Das Feld war rein. Der Sieger steckte den Flamberg beruhigt ein, und zerrte den halb zertretenen Zio Pio unter dem Tische hervor. Ehe der Triumphator jedoch den Ambrosianischen Lobgesang zur würdigen Feier der Völkerschlacht angestimmt hatte, hielt er es für geraten, die glorios erkämpfte Beute in Sicherheit zu bringen. Er trank hastig die Neigen der Matrosen aus und bedeutete den Wirt, ihm den Rest der im Korbe gebliebenen Austern zu öffnen. So alt er geworden, hatte er doch von jener Zauberspeise bisher erst eine Schale gekostet, diejenige nämlich, welche ihm der Marcello an den Kopf warf. Pio gehorchte demütigst. Stefan setzte die Austern mit leidlichem Geschick an den Mund – schlürfte – schüttelte verwundert den Kopf – ließ sich die zweite reichen – schlürfte – verzog das Gesicht zu einem grausenerregenden, weinerlichen Lächeln, und langte nach der dritten. Mit einem Wort, frische Austern schmeckten ihm ganz gut. Stefan Oglinovits war keineswegs so dumm, als er aussah. In kurzer Zeit war der Korb geleert bis auf eine einzige, riesengroße Auster, welche Stefan als würdigen Schlußstein des lukullischen Frühstücks bezeichnet und bis zuletzt aufgespart hatte. Ebenso wie an Größe, übertraf sie jedoch ihre Schwestern an Sperrkraft ihrer Schalen – sie war schlechterdings nicht aufzubrechen. Zio Pio ließ erschöpft die Arme sinken, Stefan riß ihm ungeduldig das Messer aus der Hand – die Klinge brach. Nun zog er den Pallasch und machte einen neuen Versuch, mit jener andern Tizonada das Thor der bestürmten Veste zu sprengen. Es war vergebens. Mit starrer Verwunderung sahen, sich Gast und Wirt an. Beide schienen sich auch ohne Worte zu verstehen, und einander beizupflichten; die Auster müsse behext sein. Eh'jedoch noch einer von den beiden das rechte Wort gefunden, um den Bann zu lösen, stürmte ein zweiter ungarischer Grenadier atemlos ins Zimmer, und schrie dem Austernesser zu: »Mach, daß Du in die Kaserne kommst, Stefan, der Feldwebel läßt Dich überall suchen, Horia Scapary ist auf der Hauptwache krank geworden; Du bist zur Ablösung bestimmt.« – Stefan Oglinovits war ein zu guter Soldat, als daß er den Dekretalen des Papstes seiner Kompanie nur das leiseste Bedenken entgegenzusetzen hätte wagen wollen. Flugs schob er die Riesenauster in seine Patrontasche, um auf der Wachtpritsche einen kleinen Zeitvertreib zu haben, drückte dem Zio Pio mit so kräftiger Rührung die Hand, daß dieser vermeinte, zeitlebens keinen Zapfen mehr aus dem Fasse ziehen zu können, und flog nach der Kaserne. Schon nach zehn Minuten schulterte er unter den Arkaden des Dogen-Palastes, dicht neben den Kanonen, mit Anstand und der ihm eigentümlichen Würde. Nacht war's. Der zitternde Schimmer der an der Wand glimmenden Lampe vermochte kaum die Tabaks-Wolkenschichten, welche den Dampfkessel der Wachtstube bis zum Platzen füllten, zu durchbrechen, ein Teil der Wachtmannschaft wagte es, bei dieser geisterartig-nebelhaften Beleuchtung einen aus gebräunten Kartenblättern bestehenden kohärierenden Körper durch energisches Melieren zu spalten, und nächstdem den mystischen Inhalt dieser Papyrusrollen zu entziffern. Die größere Hälfte ruhte in malerischen Attitüden auf Bänken und Schemeln von den Anstrengungen der nächtlichen Promenade. Unter den letzteren befand sich auch Stefan Oglinovits, welcher von seiner Thaten Gebirgslast und den ungewöhnlichen Massen konsumierten Weines erdrückt, auf der Pritsche lag, und trotz des vielfachen Rüttelns seiner Kameraden schnarchte, daß das Gewölbe von dem Schall seiner Nasen-Posaune erdröhnte. Da wurde dem Schlummernden ein seltsames Traumgesicht, ein um so seltsameres, da seine gesunde Konstitution und das schöne Gleichgewicht seiner Seele ihn bisher noch niemals zum Träumen hatte kommen lassen. Er sah die gerettete Auster, an deren Sprengung ihn der K.K. Nachtdienst und die Müdigkeit gehindert hatten, von selber die Kiefern öffnen, und der klaffenden Spalte ein winziges, wunderliebliches Mädchen entschweben. Die Kleine, welche nach des Geistersehers Aussage nicht größer als eine scharfe Patrone gewesen, gaukelte, einer Mücke gleich, auf und nieder, schwirrte ihm ein paarmal um die Nase und ließ sich endlich gemächlich auf einem Zipfel seines steifgedrehten Schnurrbarts mit gekreuzten Beinchen nieder. Stefan konnte späterhin nicht genug erzählen, wie lieblich und anmutig das kleine Hexchen anzuschauen gewesen sei. Leider war er in der Wahl seiner Metaphern und Gleichnisse ziemlich beschränkt, und so lief denn gewöhnlich die Beschreibung darauf hinaus, daß die Austern-Prinzessin noch schwärzere Augen, weit zierlichere Händchen und ein viel weißeres Gesicht als die Marcoletta gehabt habe. Besagte Marcoletta war eine unserer Wasserträgerinnen, welche in ihre zwei kupfernen Kessel das spärliche Wasser des Dogenbrunnens sammeln und in die Häuser vertragen. Ich kann übrigens dem Ungar zu seinem Ruhme nachsagen, daß sein Gleichnis nicht so ganz übel gewählt war. Ich habe selber das Mädchen gekannt, und beschwöre es, daß selten eine nettere Dirne mit dem Krummholz über den Markusplatz trippelte, daß nicht Einer der schwarze Mannshut mit Blumen und Bändern so verwegen auf dem schwarzen Lockengeflecht saß, und daß aus keinem roten Röckchen ein Paar niedlichere Füßchen hervorguckten. Stefan Oglinovits hatte ihr schon lange mit funkelnden Augen und einem absonderlichen Grinsen nachgestarrt. Seine Blödigkeit beim weiblichen Geschlecht und der Mangel an Sprachkunde hatten ihn jedoch leider gezwungen, auf dieser ersten Stufe des Kourmachens stehen zu bleiben. Nachdem die auf dem Schnurrbart wippende Kleine sich das Haar und einige Falten ihres blaßblauen Röckchens geglättet, hob sie mit einem glockenhellen Stimmchen an: »Stefan! Stefan Oglinovits, höre mir zu. Gieb acht, was ich Dir sagen werde. Ich meine es gut mit Dir. Aber vor allen Dingen schnarche nicht so grimmig, Du derangierst meine Koiffüre, und ich kann vor Deinem Schnauben mein eigen Wort nicht verstehen.« Der galante Ungar gehorchte, und zog das Schnarrregister ein. Die Kleine fuhr fort: »Wisse, daß ich einer der Elementargeister bin, die in den Gewässern herrschen, eine Undine, und Canaletta heiße. Mein Reich ist der Kanal der Giudecca bis an die Lagunen hin. Ich kenne Dich wohl und habe Dich oft belauscht, wenn Du am Fenster der Kaserne vor dem Rasierspiegel standest, und Deinem Schnurrbart die gehörige Schwungkraft mittelst schwarzen Wachses verliehst. Dein martialisches Äußere frappierte mich gleich – ich ahnte nicht, wie sehr ich Dir dereinst verpflichtet sein werde. Du hast mich heute vom Verderben gerettet. Höre – aber,« hustete sie, »nimm mir's nicht übel, Ihr raucht doch hier famos schlechten Tabak. Kaum kann ich's in dem Qualm aushalten. Ich muß mich kurz fassen. – Also: mein Grenznachbar, der Meermann Lagunazzo, verfolgt mich schon seit längrer Zeit mit seinen Liedesanträgen. Der ungeschlachte, rohe Bewerber, welcher in dem ewigen Umgang mit Bootsknechten und anderem Gesindel total verwildert ist, und sich auf die liederliche Seite geworfen hat, ist mir jedoch in der Seele verhaßt. Wo ich nur konnte, ging ich ihm bisher aus dem Wege, vermied schon seit Jahr und Tag die Konversazioni und Bälle der Nixen, entsagte sogar, so sauer es mir auch wurde, dem letzten Meer-Karneval, und langweilte mich in meinem Revier auf das entsetzlichste. Heute früh war ich ausgegangen, um mir ein neues Kollier Perlen einzusammeln, und hatte suchend und verwerfend in der Zerstreuung die Grenzen meines Reichs überschritten. Lagunazzo erblickt mich, stürzt wie ein Haifisch auf mich los – kaum daß ich noch Zeit habe, in eine leere Austernschale zu schlüpfen und fest zuzuklappen. Vergeblich flucht, vergeblich beschwört mein verhaßter Amante mich, mein Kloset zu öffnen. Wiederholt trägt er mir seine Hand an, und detailliert mir die politischen Vorteile, welche unseren respektiven Reichen aus der Verschmelzung erwachsen müßten, spricht von Zollverband, von Arrondierung und dergleichen mehr. Ich stecke mir die Finger in die Ohren und antworte nicht, da ergrimmt der boshafte Lagunazzo und schleudert mich in meiner Schale in das Boot eines über uns hinwegziehenden Austernfischers; dieser aber rudert, als wenn er mit meinem Feinde einverstanden wäre, unverzüglich zurück, und verhandelt mich mit dem ganzen Fange an den Wirt zum silbernen Kabeljau. Meine Lage war eine desperate. Es wird Dir nicht unbekannt sein, daß wir Wassergeister das Licht der Sonne nicht ertragen können, und in ihm trotz Fischen absterben. Nur unter dem Schutz der Nacht ist es uns vergönnt, unser Element mit der Luft zu vertauschen. Was wäre aus mir geworden, wenn es dem rohen Matrosenpöbel gelungen wäre, die Wände meines Zufluchtsortes zu sprengen! Ich segnete den plumpen Gesellen, der Dich beleidigte, noch mehr Deine Riesenkraft, welche die ganze Bande ans dem Fenster jagte, ich umklammerte mit letzter Kraftanstrengung die Pfosten, als auch Du gewaltsam einzudringen versuchtest – und bin nun, wie durch ein Wunder, gerettet. – Aber die Tabaks- und Branntweingerüche sind wirklich unerträglich – ich muß fort. Stefan Oglinovits, mittelbar hast Du mich geschützt – ich will es Dir vergelten. Verlange fortan, was Du willst, nur nicht das unmögliche. Versteh mich recht. Jeder, auch der kühnste Deiner Wünsche, wenn er nicht die Kräfte des Elementargeistes übersteigt, geht augenblicklich in Erfüllung: die erste Forderung aber, welche meine Macht, oder vielmehr die Schranken der Möglichkeit überschreitet, beraubt Dich meines Schutzes auf immer. Verscherze nicht Dein Glück, Stefan, ich warne Dich. Und nun, Adio!« – Canaletta verschwand spurlos. Stefan erwachte, richtete sich auf und rieb verdutzt die Augen. Sein erster Griff war nach der Auster in der Patrontasche – die Schale stand sperrangelweit offen. »Bassa teremtete!« fluchte der wachthabende Korporal, »was schneidest Du für eine Fratze, Oglinovits? bist Du toll, daß Du leere Austernschalen in die K. K. Patrontasche steckst? Kennst nicht 's Reglement?« »Ei, so wollt' ich doch,« brummte der Soldat dämisch den Kopf kratzend, »daß doch gleich dreimalhunderttausend Tonnen silbergrauer Teufel – oder halt' einmal, die können mir auch nichts helfen – daß ich eine tüchtige Portion Stockfisch und eine Flasche Cyperwein zur Hand hätte!« »Nun, so sperr' doch die Augen auf, Esel!« erwiderte der Unteroffizier, »Da steht Dir ja Alles vor der Nase.« »So? Nun, das trifft sich ja gerade recht. Wollen's gefälligst zulangen, Herr Korporal? Der Morgen rückt nachgerade heran, und ein Schluck auf den nüchternen Magen könnte auch nicht weiter schaden,« Der wackere Wacht-Kommandant ließ sich nicht zweimal nötigen, und des mit der K. K. Patrontasche getriebenen Frevels wurde nicht weiter gedacht. Mit wüstem Kopf ging Stefan Oglinovits am folgenden Morgen umher, Undine, Stockfisch, Prügelei und der boshafte Meermann spukten unter seinem Hirnschädel wild durcheinander. Halb und halb war er, trotz des Zauberfrühstücks, schon zu der Überzeugung gediehen, daß die ganze Hexenwirtschaft ihre Heimat allein in der Bottiglia habe. Zweifelnd strich et sich den Bart, beguckte die Spitze, als ob noch eine Spur der Schaukelnden darauf zu finden sein müsse, langte die Austernschale wieder hervor und schüttelte nachdenklich den Kopf. »Alles, was ich wünsche, sollte ich haben, versprach die kleine Hexe, nur nicht das Unmögliche. Verdammt! Was ist denn nun solch einem fingerlangen Teufelskinde möglich, und was nicht? Und wenn ich nun jetzt, Spaßes halber – na, was denn nun gleich – ja, wenn ich mir einen neuen Tabaksbeutel voll guten, ächten, Ungarischen wünsche - ist denn das auch zuviel?« – Der Beutel baumelte schon zum Platzen voll an seinem Säbelgehenke. – »Schau, schau. Das Blitzmädel hält Wort. Nun, da will ich denn auch mit Ruhe und Vernunft überlegen, was ich noch allenfalls brauchen könnte.« Stefan Oglinovits war, trotz seines leicht reizbaren Temperaments, so weit eine gute ehrliche Haut, und inklinierte im allgemeinen mehr zum Phlegmatiker, als zum Sanguiniker, So gab er denn auch der Undine keine Ursache, sich über die Unbescheidenheit ihres Schützlings zu beschweren. Tage, ja Wochen gingen hin, eh' er wieder einen Wunsch auf's Tapet zu bringen wagte. In den meisten Fällen wurden sie durch Gewährung einer herzhaften Portion Makkaroni, einer Fogliette, eines Stückchens Lack, um die Tasche spiegelblank zu erhalten, realisiert. Sah er seine scheu aus der Ferne verehrte Marcoletta viertelstundenlang am Markusbbrunnen harren, bis ihre Kessel vollgetröpfelt waren, dann wünschte er ihr wohl mitleidigen Herzens, daß sie nur halb so lange zu warten brauche, und lachte heimlich, wenn sie das Gefäß ganz verwundert heraufwand. Leider traf es sich einmal, daß ihm von seiten des Kapitäns Einhundert mit dem Haselstocke als gerechte Strafe für eine, an seinem Schnürstiefel fehlende Öse zudiktiert worden waren. Gern hätte der ehrliche Stefan auch in diesem intrikaten Fall die Vermittelung seiner Freundin in Anspruch genommen, da er jedoch nicht mit sich einig war, ob die Dame das Recht habe, in militärischen Angelegenheiten zu intervenieren, so zog er lieber die Jacke aus und zählte ohne Muck bis siebenundneunzig. »Ich wollte doch, daß die Prügel zu Ende waren,« seufzte er halbvergessen vor sich hin – und kaum hatte er das Wort gesprochen, als der Hauptmann »Gnade« rief, und der Profoß den furchtbaren Szepter senkte. Oglinovits dankte reglementsmäßig für gnädige Strafe, und freute sich wie ein Kind, drei vollständige Hiebe erspart zu haben. So führte denn Stefan das herrlichste Leben von der Welt – kein Prinz konnte es besser wünschen. Er zog auf Wache, putzte sein Gewehr, hatte Tabak und Kommißbrot vollauf, und besuchte regelmäßig an jedem Sonntage das Wirtshaus zum silbernen Kabeljau. Um dort von seiten des Zio Pio und der Matrosen mit freundlichem Gesicht gesehen zu werden, bedurfte es nicht einmal der Zauberkräfte Canalettas – die langen Arme, welche so heillos zu walken verstanden, lebten noch in gutem Angedenken. Dort saß er eines Abends und lauschte andächtig dem Gespräch der Gäste, ohne eben sonderlich viel davon zu verstehen. Die Sitzung war lebhaft; es wurde viel gezankt, noch mehr getrunken. Jeder Anwesende klagte über das unerhörte Unglück, welches ihn verfolge, jeder wolle am härtesten vom Schicksal getroffen worden sein. Der Meister Marcello jammerte über den Verlust seines Traboccolo, welches bei Nachtzeit vom Dampfschiff in Grund und Boden gesegelt worden war; ein Gondolier über die Seltenheit verliebter Intriguen, bei denen allein noch etwas zu verdienen sei; eine Teerjacke über die Mäßigkeitsvereine, denen sein Kapitän beigetreten, und ihm nun, statt den deputatsmäßigen Rum zu liefern, den Leib mit Kakao aufschwemme. Da sprang ein junger Mann, mit schlichten, schwarzen Haaren, auf dessen blassen Wangen eine hektische Röte flackerte, aus dem Winkel, in dem er bisher unbemerkt gesessen, und schrie im grellsten Falsett: »Nein, Signori, ich, ich bin der unglücklichste Sterbliche von Euch allen, ach, wohl gar unter der Sonne. Vernehmt die Ursache, und Ihr werdet mir den Dornenkranz nicht rauben wollen. Ich bin Dichter – Bescheidenheit verbietet mir zu sagen, bekannter, oder wohl gar berühmter – ich schreibe eine Elegie, in welcher sich das trostlose Los, welches den Stockfischen zu teil geworden ist, beseufze. Mein gerechter Zorn entbrennt, daß der boshafte Tyrann Mensch sich gegen jenes harmlose Völkchen mit platten Köpfen verschwören habe, die fettesten desselben einfange, sie schlachte, einpökle, oder respektive dörre; ja, daß das Gefühl der Nationalität mit Füßen getreten werde, indem der etc. Tyrann die Bürger eines und desselben Stammes, je nachdem Willkür und Grausamkeit sie traktiert, nach ihrem Tode mit den verschiedenen Namen Kabeljau, Laberdan, Klippfisch und Schellfisch taufe – ich beschwöre zum Schluß die Unsterblichen, sich der schmachvoll Unterdrückten anzunehmen. Ich lese meine Dichtung in der Akademie meiner Vaterstadt Legnago vor. Ein ungeheurer, ein wütender Applaus färbt meine Wangen mit holder Schamröte – Kränze fliegen mir von allen Seiten zu. Alle stürmen auf mich ein: ein Meisterwerk, wie dieses, müsse der Vergessenheit entrissen werden, müsse im Munde der Mit-, der Nachwelt leben – ich solle meine Elegie der Presse übergeben. Widerstrebend willige ich ein, sende mein Manuskript der Ober-Zensurbehörde in Mailand – und erhalte den zerschmetternden Bescheid: Obwohl dergleichen hochverräterische Anspielungen, wie »ein harmloses Völkchen mit platten Köpfen«, »der Tyrann«, »das mit Füßen-Treten der Nationalität«, eigentlich die schärfste Ahndung verdienten, so wollen wir doch, in Erwägung Ihrer Jugend und Dummheit, es für dieses Mal mit einem strengen Verweis und Verbot, die quastionierte Elegie dem Druck zu übergeben, bewenden lassen. – Ist eine solche Grausamkeit erhört? frage ich – meinen Ruhm, meine Dichtung in Windeln zu ermorden? Mitglied der Accademia della Crusca, degli Arcady hätte ich werden müssen – und nun – oh! Zehn Napoleonsdor gäbe ich darum, wenn ich die Handschrift gedruckt wüßte. O, ich Elender!« – Die hellen Thränen rannen über seine Wangen. Mit großen Augen starrte ihn die Mehrzahl der Zuhörer an. Keiner hatte so recht verstanden, was er wolle. Stefan Oglinovits am wenigsten. »Was fehlt denn dem Mageren dort, daß er so heult?« befragte er den wieder genesenen Horia Scapary, welcher ihm bei der Flasche Gesellschaft leistete. »Werd' aus der Alfanzerei nicht klug,« war die Antwort. »Weiß nur, daß er zehn Napoleons ausbietet, und ein langes und breites über Stockfische und Nationalität geredet hat.« »Zehn Stück Napoleons, ein hübsches Stück Geld,« erwiderte Stefan, »hab' sie noch nicht auf einem Haufen gesehen. Und was soll der thun, der das Geld verdienen will?« Horia murmelte so was von Tyrannen, Plattköpfen, einsalzen und schlachten, Stefan hörte kaum darauf, und gedachte nur der zehn Goldstücke. Die könntest Du Dir selber holen, meinte er bei sich, und lallte halbtrunken: »Seejungfer, Du da, ich will, daß der kreideweiße Mensch dort seinen Willen haben soll!« In dem nämlichen Augenblick empfing er von unsichtbarer Hand eine ungeheure Ohrfeige, und in seinen brummenden Ohren tönte Canalettas Stimme: »Dummkopf, Du hast das Unmögliche verlangt. Den Ausspruch der Mailänder Ober-Zensurbehörde vermögen nicht Götter, geschweige denn Elementargeister umzustoßen. Fort, Unglücklicher, ich verstoße Dich!« Die erzürnte Undine hielt Wort, und Stefan Oglinovits muß bis auf den heutigen Tag, so oft ihn die Reihe trifft, vor dem Palazzo Ducale schultern. Wunsche hat er noch täglich, aber die hegen ja auch wir, und weder ihm noch uns gehen sie in Erfüllung. Schloß Pizzighetone Auf dem Wege zwischen Lodi und Cremona liegt hart an den Ufern der Adda die kleine Stadt Pizzighetone, eine der traurigsten, armseligsten Ortschaften der Lombardei. Sie besteht aus nicht viel mehr als einer Reihe nüchternweiß angetünchter Häuser mit ungeschlachten Eisenbalkonen und noch ungeschlachteren Arkaden von Backsteinen. Die Fenster sind sämtlich mit ölgetränktem Papier verklebt, dessen Fetzen im Winde flattern. Die eine Hälfte der Einwohnerschaft sieht aus, als ob sie auf dem Punkt stehe, vor Hunger zu sterben: die andere Hälfte, als ob aus Langeweile. Es ist schon ein unheimlicher Ort, und kaum gut genug, um durchzufahren. Noch unheimlicher aber ist das auf dem jenseitigen Ufer liegende Kastell, eine altertümliche, rohe Steinmasse mit runden plumpen Türmen, au welche wiederum zwei, drei kleinere, wie säugende Junge an eine Bache hängen. Mich fröstelte beim bloßen Anblick der dicken Mauern, der Fallgatter, der düstren gewölbten Thore, der Eisenstangen an den Fenstern, und der Gedanke an Kerker und Henkersknechte überkam mich unwillkürlich. Kein Laut wird auf dem öden Hofraum gehört, als das Gekrächz der in den Mauerlücken nistenden Dohlen, und der hallende Tritt,der auf- und niederschreitenden ungarischen Schildwacht: und ich dankte meinem Schutzpatron, als der Wagen erst wieder über die dröhnende Zugbrücke rasselte, und ich dem verwünschten Schlosse den Rücken zuwenden durfte. Aber nicht jedem wird es so gut, mit einer fünf Minuten währenden Festungsstrafe davon zu kommen, und so mancher hat bereits Ursach gehabt, über die unwillkommene Gastfreiheit im Kastell Pizzighetone schmerzliche Klage zu führen. Besonders häufig aber war dies in früheren Zeiten der Fall, wo die Veste von den spanischen Regenten vorzugsweise zum Staatsgefängnis benutzt wurde. So schritt denn auch an einem Herbstabend des Jahres 1523 ein Ritter, welchen die goldnen Sporen als einen solchen bezeichneten, in ernstes Sinnen versunken, in dem weiten, hallenden Saal auf und nieder. Er war hoch und schlank gewachsen, und stand in der schönsten Periode des männlichen Alters. Die regelmäßigen edlen Gesichtszüge wurden durch ein feuriges, geistvolles Augenpaar belebt, durch einen wallenden, zierlich gepflegten Bart verschönt. Das ganze Wesen des Mannes zeugte von Kraft und Entschlossenheit, jede seiner Bewegungen von Leichtigkeit und ritterlichem Anstand. Er trug das Gepräge eines Edelmannes ohne Furcht und Tadel. Die dem Jahrhundert eigentümliche malerische Tracht war gewählt und kostbar zu nennen. Um seinen Nacken schlang sich eine schwere goldne Kette, an welcher sich das Bildnis des schwertzückenden Erzengels Michael schaukelte. Außer dem Ritter befand sich im Gemach nur noch ein ungestalteter verwachsener Zwerg in buntgestreifter Narrentracht mit Schellenmütze und Kolben, welcher, schweigsam und mürrisch in einen Winkel gekauert, den Bewegungen seines Herrn mit den Augen folgte, und augenscheinlich nur auf die günstige Gelegenheit wartete, um seiner üblen Laune in grollenden Worten Luft zu machen. Nach einigen raschen Gängen durch das Gemach trat der Ritter an die feinen Spitzbogenfenster und ließ sein Auge über die weiten Ebenen der Lombardei schweifen. Auch in der schönsten Zeit des Jahres bieten sie nur wenig mehr als das einförmige Grün der Reisfelder, der Maulbeerbäume und Ulmen, welche in langen Reihen die Äcker umstellen, und untereinander durch Weinranken verflochten sind. Zu jener Zeit begann das Laub sich schon zu entfärben; die meisten Felder waren unbebaut und wüst. Die Fruchtbäume lagen zum Teil gefällt und halb verkohlt am Boden, während verdorrte Weinreben wild um die Stämme der noch stehenden hingen. Das jetzige Städtchen Pizzighetone lag in einen Schutthaufen verwandelt, und in einigen elenden Schilfhütten am Ufer fristeten die wenigen Einwohner, welche dem Feuer und Schwert entgangen waren, auf den Trümmern ihrer Habe ihr armseliges Dasein. Der Stempel eines verheerendes Krieges war der ganzen Gegend aufgeprägt; das Land glich einer Scheinleiche, in deren Adern nur noch ein mattes, ohnmächtiges Leben zuckt. – Ohne gerade behaupten zu wollen, daß der Anblick zerstörter Ernten oder eingeäscherter Städte einen Ritter des sechzehnten Jahrhunderts eben besonders zur Wehmut gestimmt habe, so läßt sich annehmen, daß er für ihn just kein erheiternder gewesen sei, und wohl am wenigsten geeignet, den Mißmut eines Gefangenen zu zerstreuen. Doch nur auf Augenblicke ließ sich der feste Mannssinn durch das erlittene Mißgeschick, durch den Gedanken an die schöne ferne Heimat und die trauernden Seinigen niederbeugen. Wie von einem lichthellen Gedanken durchzuckt, richtet er sich stolz auf, zog einen Diamant vom Finger und schrieb mit ihm auf das Fenster die Worte: Alles verloren, nur die Ehre nicht! Auch ohne jene berühmte Devise wird wohl schon mancher meiner Zuhörer nach dem gegebenen Bilde und durch Vergleichung der Örtlichkeit und Zeit den Namen des gefangenen Ritters erraten haben. Es war Franz der Erste, König von Frankreich, welchem neuerdings auf dem Schlachtfelde von Pavia das Glück den Rücken gewandt hatte, der mit dem Siege zugleich auch die Freiheit einbüßte, und welchen nunmehr Kaiser Karl der Fünfte im Kastell Pizzighetone gefangen hielt. Es war, als habe der König in dem chevaleresken Denkspruch, welchen er in das Glas schnitt, hinreichende Kraft gefunden, um seinem bösen Schicksal Trotz bieten und den Verlust seiner Freiheit und Macht mit männlicher Standhaftigkeit ertragen zu können. Die letzte Wolke des Unmuts war von seiner Stirn gewichen, und diese wiederum zum Spiegel des unerschütterlichen Gleichmuts und festen Sinns geworden. Er verließ das Fenster, warf sich dem Zwerge gegenüber in den Lehnsessel, maß die unschöne, durch Verdruß nichts weniger als verlieblichte Physiognomie mit spöttischem Lachen, und begann dann heiter scherzend, indem er auf des Narren Kappe und Kolben wies: »Nun fürwahr, Freund Triboulet, wer gleich Dir noch Szepter und Krone aus dem Schiffbruch rettete, hat doch meines Erachtens keine Ursach, mit dem Schicksal zu hadern.« »Nun fürwahr, Freund König,« sprach der mürrische Narr, »wer gleich Dir im Schiffbruch Szepter und Krone einbüßte, hat meines Erachtens eben keinen besonderen Grund zum Lachen.« »Wer aber,« fuhr der Monarch fort, »ist von uns Beiden der Weise, derjenige, welcher das unabänderliche mit Standhaftigkeit erträgt, oder der, welcher um fremdes Leid sauertöpfisch die Nägel kaut?« »Und wer,« antwortete Triboulet mit der Freimütigkeit, zu welcher ihn sein Amt und eine langjährige, unverbrüchliche, treue Anhänglichkeit berechtigte, »wer, frage ich, ist von uns Beiden der Narr, derjenige, welcher Land und Krone, Freiheit, das Leben vielleicht einer unsinnigen Rauflust zu Liebe hinwarf, oder welcher sich das Mißgeschick seines Herrn zu Herzen nimmt?« »Foi de Gentilhomme,« lachte Franz, »das nenne ich einmal den Mund tüchtig voll nehmen: Land und Krone, Freiheit und Leben! Land und Krone – wie hätte ich sie denn verwirkt? Herrsche ich denn nicht über Frankreich und Navarra vom Kastell Pizzighetone aus so gut, als von meinem königlichen Schlosse zu Fontainebleau? Leben – Pah? Wagst Du's, meinen Bruder Karl, den Beherrscher zweier Welten, einen feigen Banditen zu schelten? Und die Freiheit – wie lange wird er es wagen wollen, mich hier gefangen zu halten? Zwei Wochen, drei höchstens – eine flüchtige Wolke in dem sonnighellen Ritterleben.« »Der irrende Ritter dürfte irren,« spottete Triboulet, »wenn er seinen Bruder Karl für den großmütigen Narren hielt, der den tollkühnen nur deshalb einfing, um ihn wieder freizugeben und ihn aufs neue gegen sich anrennen zu lassen. Der kaiserliche Vogelsteller weiß besser als Du, daß man die gefangene Schnepfe rupft und brät, und wohl Dir, wenn er nur das erstere thut, und Dich noch mit gestutztem Fittich heimhüpfen läßt.« – Die Erwiderung des gefangenen Monarchen unterbrach der Eintritt des Kommandanten der Zitadelle, des Feldobersten Don Hernandez de Silveyra, eines hagern, stolzen Kastilianers. Zwei Hellebardiere stellten sich an der Thür auf, und stießen klirrend den Schaft ihrer Waffe auf die Fliesen, während der Spanier mit feierlichen Schritten an den König trat, den Hut mit der roten langwallenden Feder bedächtig vom Schädel zog und sich nach streng zugemessener Verneigung starr und steif wieder aufrichtete. Kein Laut kam über seine Lippen. Vergeblich fragte der König nach seinem Begehren. Statt der Antwort winkte der Oberst nach der Thür, worauf ein junger Page mit silbernem Becken und Gießkanne eintrat, sich vor dem Monarchen auf das Knie niederließ, schweigend ihm Wasser und Tuch darreichte, und dann wieder hinauseilte, um die Vorbereitungen zur Abendtafel zu treffen. Noch einmal machte Franz den Versuch, seinem schweigsamen Wächter Rede abzugewinnen. Ein ernstes Kopfschütteln und einige spanische an den Edelknaben gerichtete Worte waren der einzige Erfolg der Anrede. »Don Hernandez de Silveyra,« begann leise und schüchtern in wohlklingendem Französisch der Knabe, »trägt mir auf, Ew. Majestät zu sagen, daß der Spanier nie die Zunge des Feindes seines Herrn rede.« Der König zuckt verächtlich lächelnd die Achseln, und wandte seinen Blick von dem eingedörrten Spanier auf den freundlichen Pagen. Es war ein gar feiner schlanker Knabe von etwa vierzehn, fünfzehn Jahren, dessen zarter Wuchs jedoch hinter seinem Alter zurückgeblieben war. Schwarze wallende Locken fielen ringelnd auf den gezackten Spitzenkragen, und umschlossen ein schönes, bleiches Oval; lange, blöde gesenkte Wimpern verschatteten die Glut der dunklen Augen. Ein wehmütiges, verlegenes Lächeln zuckte um den kleinen, feinen Mund. Mit Wohlgefallen musterte Franz die freundliche Erscheinung. Die Schüchternheit im Benehmen des Pagen deutete er auf die Befangenheit des Unerfahrenen, welcher zum erstenmal dem Hochgestellten gegenübertritt, auf die Neulingsschaft in seinem Amte. Mit zitternden Händen goß der Page den dunklen Wein in den Goldbecher, kostete mit kaum merklicher Berührung der Lippe und überreichte ihn wiederum knieend dem König. »Wie nennt man Dich, mein schmucker Knabe?« fragte dieser freundlich. »Sanchez de Silveyra,« war die leise Antwort. »Ein Sohn jenes gestrengen Feldobersten dort?« – Der Page bejahte stumm. »Wer wollte nun noch,« fuhr der Monarch scherzend fort, »von dem Stamme auf die Frucht schließen, wenn er den Schleedorn Weintrauben treiben sieht. Sei mir nicht gram, mein Kind, wenn ich Dich auf Kosten des Vaters herausstrich. Ich wollte ihn damit nicht schmähen, und den Künstler soll man ja nach seinen Werken richten, nicht nach seinem Aussehen.« Verwirrt senkte der knieende Page das Haupt – die dunklen Locken wallten über dem jugendlichen Antlitz zusammen. Freundlich strich der König mit der flachen Hand über den Scheitel des Jünglings. »Nun steht nur auf, Don Sanchez, sprach er. An unserm Hofe ist es nicht Brauch, den Herrscher gleich einem Gott auf den Knieen zu bedienen, und unsere Edelknaben pflegen das ihrige nur vor schönen Damen zu beugen.« Liebreich erhob er den widerstrebenden Pagen vom Boden; das sonst so bleiche Gesicht war mit Purpur übergossen. Des Verlegenen schonend, brach der König das Gespräch ab. Der Knabe vollzog sein Geschäft mit Eifer und Gewandtheit, bis er sich nach beendeter Tafel unter Vortritt des Kommandanten wiederum zurückzog. »Wie bedünkt Dich unser Hüter?« fragte der König seinen Narren, als sie sich wiederum allein befanden. »Wie ein kaiserliches, allerungnädigstes Handschreiben,« brummte Triboulet, »signiert von Deinem Bruder Karolus, worin er Dir zur Abkühlung Deines allzuhitzigen Blutes eine Haft von zwei, drei Jährchen verordnet.« »Einen zäheren Löwenwärter,« bemerkte der König, »konnte Karl nicht wählen.« »Und schwerlich auch ein liebenswürdigeres Hündlein, wie das, welches er als Spielwerk des Löwen in den Käfig ließ.« »Du denkst von Deiner Hundenatur verzweifelt günstig. Bursch!« »Fehlgeschossen, Gevatter. Von dem alten treuen Haustier, welches seinen Herrn in der Not nicht verlassen wollte, und von ihm dafür zum Lohne mit Füßen gestoßen wird, ist hier nicht die Rede, wohl aber von dem kleinen, zottigen Bologneserhündlein, welches so niedlich zu apportieren und aufzuwarten weiß, und wedelnd und anbetend vor dem Löwen Franz niederkniete.« »Wie häßlich wieder der Neid aus Dir spricht. Sage doch, was hat Dir jener liebe, freundliche Knabe angethan? Hat es etwa Deine Eifersucht erregt, daß ich mir seine willigen Dienste gefallen ließ, oder wurmt es Dich vielleicht, mit Deiner Häßlichkeit dem hübschen Jungen als Folie dienen zu müssen? Was lachst Du, Narr?« »Über Deinen königlichen Scharfblick, welcher in dem Wolfspelz nicht das Schäfchen erkannte.« »Sprich deutlicher, jener Edelknabe wäre –« »Ein ganz erträglich hübsches Edelfräulein. Und es nimmt mich nur Wunder, daß mein Herr und Gebieter, den die Leute dort in Frankreich für einen so gewiegten Kenner des weiblichen Geschlechts ausgeben wollen, meines blöden Auges bedurfte, um sich auf die richtige Fährte bringen zu lassen.« »Wie denn – Sanchez, ein Mädchen?« rief überrascht der König. »Unmöglich! Und wozu diese Mummerei? Du irrst, Triboulet, es kann nicht sein. Und dennoch wär' es wunderlich genug, wenn Du recht gesehen hättest,« setzte er nachsinnend hinzu, indem er sich das Bild des schönen Edelknaben und dessen Befangenheit lebhaft vergegenwärtigt »Und jener steife Spanier, ihr Vater, meinst Du, auch er habe eine Rolle in jenem Fastnachtsspiel übernommen?« »Die des Herrn Pandaros von Troja.« Pandaros von Troja, der Schutzpatron der Kuppler. »Pfui über Dich und Deinen Menschenhaß. Wann wirst Du einmal aufhören, die Menschen nach Deinem eigenen boshaften Herzen zu beurteilen und zu lästern?« »Sobald Du anfangen wirst, Gevatter, Dich nicht länger von ihnen anführen zu lassen.« – Von der Natur körperlich verwahrlost, als Narr die Zielscheibe des allgemeinen Spotts und Neckerei, hatte in Triboulets Herzen eine tiefe, finstere Bitterkeit, ein Groll gegen die gesamte Menschheit Wurzel geschlagen. Sie hatte sich ihm jederzeit feindselig gezeigt, und so stellte auch er sich ihr feindselig gegenüber; sein junges Leben war ein unablässiger Kampf mit der gesamten Welt. Nur einem von allen hing er mit unerschütterlicher Treue an – seinem König; auf ihn hatte er alle Liebe übertragen, deren sein verbittertes Herz fähig war, und so hatte er sich denn auch danach gedrängt, das Schicksal seines Herrn teilen und ihm in den Kerker folgen zu dürfen. – Er hatte richtig gesehen, der Edelknabe war die Tochter des Kommandanten, nur darin, daß er diesem jene unwürdige Absicht zuschrieb, war er von seiner menschenfeindlichen Stimmung irre geleitet worden. Als Don Hernandez de Silveyra den Auftrag erhalten hatte die Bewachung des gefangenen Königs zu übernehmen, sah er wohl ein, wie gefährlich es sein würde, zu dessen Bedienung ein zahlreiches fränkisches Gefolge ins Kastell einzunehmen. Ihm selber war die französische Sprache fremd geblieben, ungeachtet sie die Muttersprache seiner verstorbenen Gattin gewesen war. In den Wirren des Krieges einen geeigneten Dolmetscher herbeizuschaffen, war nicht gleich möglich gewesen, und so war denn Don Hernandez auf den Einfall gekommen, seine einzige Tochter Sanchica unter der Maske eines Pagen beim Monarchen einzuführen, und durch diese das doppelte Amt des Edelknaben und Sprachvermittlers versehen zu lassen. Seine stete Gegenwart bei Ausübung ihres Berufs genügte nach seiner Meinung, um jede etwaige Mißdeutung im Keim zu ersticken. Sanchica war mehr nach der französischen Mutter als dem spanischen Vater geartet. Der finstere Haß des letzteren für alles Fremdländische hatte die Vorliebe für das Vaterland ihrer Mutter nicht unterdrücken können. Vor allem war das ritterliche, offene Wesen des Königs von Frankreich ihrer Einbildungskraft im blendendsten Lichte erschienen, sie hatte sich unter seinem Namen ein Ideal aller männlichen Vorzüge und Tugenden gebildet, und hing an jenem Traumgebilde mit der Leidenschaftlichkeit eines eben erblühten, in der Einsamkeit aufgewachsenen und zur Schwärmerei geneigten Mädchens. Vor Entzücken schauernd, vernahm sie aus ihres Vaters Munde ihre Bestimmung. Ohne es klar ins Auge gefaßt zu haben, welche Wendung ihr Verhältnis zum Könige nehmen könne, hegte sie die Überzeugung, daß sich in dieser unerwarteten Annäherung des Schicksals Stimme offenbare, und daß sie für sich selber wie für den Monarchen von entscheidenden Folgen sein müsse. Jene erste Zusammenkunft hatte die Bezauberung vollendet, seine männliche Schöne die des Traumbildes übertroffen, seine schöne, klangvolle Stimme, sein ganzes einnehmendes Wesen einen unauslöschlichen Eindruck auf ihr Herz gemacht. Was sie früher im dunkel geahnt hatte, war ihr auf einmal klar geworden: sie sah in jener romantischen Neigung ihrer Kinderjahre Vorherbestimmung, und gewann die Überzeugung, daß sie allein zur Befreiung ihres gekrönten Geliebten berufen sei. Mit jener Berührung, als der König leis' über ihre Locken strich, wähnte die Schwärmerin die heilige Weihe erhalten zu haben. Sie betrachtete sich von nun an als unauflöslich an ihn gekettet, als sein geistiges Eigentum, als bestimmt, sich für ihn zu opfern. Es konnte nicht fehlen, daß die nur allzu wahrscheinliche Vermutung Triboulets auch die Phantasie des Königs auf das lebhafteste erregen mußte. Zu galanten Intriguen geneigt, und mit dem leichten Sinne des Franzosen begabt, würde schon die einfache Erscheinung Sanchicas seine Aufmerksamkeit gefesselt haben, wie viel mehr aber in der Abgeschlossenheit eines Gefängnisses und unter so mysteriösen Verhältnissen. Er konnte den folgenden Mittag und die Erscheinung des lieblichen Pagen kaum erwarten. Der Schloßkommandant säumte nicht, zur gehörigen Zeit sich mit derselben Umgebung wie am verwichenen Tage einzustellen, jede seiner abgezirkelten Bewegungen zu wiederholen und sich mit dem nämlichen schweigsamen Ernst hinter den Sessel des Königs zu pflanzen. Dieser beachtete kaum die Automaten ähnliche Figur, und heftete sein durchdringendes Auge auf die anmutige Gestalt der dienenden Tochter. Mit der Ungeduld eines Königs beschloß er, das Rätsel in kürzester Zeit zu lösen! Spielend zog er den Diamantring vom Finger und ließ ihn auf die Erde rollen. Sanchica erhob ihn und überreichte ihn dem Eigentümer, dieser aber steckte ihn mit leichter, anmutiger Verneigung an den Finger des Mädchens, indem er ihr zuflüsterte: »Nehmt ihn hin, mein Fräulein, er ist in allzu schöner Hand, um in die meinige zurückkehren zu dürfen.« Sanchica sah sich entlarvt, aber es überraschte sie nicht. Ihr leidenschaftlich fühlendes Herz hatte schon längst der Stimme ihres Geschlechts gehorcht und der männlichen Verkleidung vergessen. In lieblicher Verwirrung überließ sie dem König ihre bebende Hand, ohne eines Wortes des Dankes mächtig zu sein. Blieb nun auch die Rede des Monarchen dem spanischen Obersten unverständlich, so sprach doch die Handlung um desto klarer. Wenige kalte Worte richtete er an seine Tochter, worauf diese den Goldreif wieder vom Finger zog und ihn dem Könige zurückstellte. »Don Hernandez de Silveyra,« sprach sie mit leiser trauriger Stimme, »trägt mir auf, Ew. Majestät zu sagen, daß der Spanier zu stolz sei, um von dem Feinde seines Herrn eine Gabe anzunehmen.« Der König errötete vor Unmut über das hochmütige Betragen, welches sein Wächter sich gegen ihn herausnahm, und wandte sich tief verletzt ab. Als er wieder aufblickte, sah er das Auge des Mädchens in Thränen, deren Hervorquellen sie vergebens zu hemmen strebte. Don Hernandez mochte sie in seiner verknöcherten Gravität wohl kaum bemerkt haben, oder sie doch höchstens dem weiblichen Schmerz eines blitzenden Schmuckes beraubt zu sein, zuschreiben. Einen tiefern Blick in das Herz des Mädchens warf der König; er erkannte, daß hier eine mächtige Leidenschaft obwalte, er las in Sanchicas Auge, daß jene Thränen weniger der Gabe, als dem Unwillen des Gebers galten. Anscheinend kalt sich gegen Triboulet wendend, fragte er: »Versteht niemand im Zimmer Frankreichs Sprache, außer uns Dreien?« – »Niemand«, antwortete Sanchica. – »Du hast etwas auf dem Herzen, gutes Mädchen,« fuhr in demselben Tone der König fort. »Weißt Du kein Mittel, Dich mir zu vertrauen, ohne von mißgünstigen Ohren belauscht zu werden?« – »Gesang!« war die leise Erwiderung, als sie die Tafel bedienend sich ihm nähern konnte, Franz nickte stumm zum Zeichen des Einverständnisses. Noch an demselben Abend ließ sich unter dem Fenster eine weiche Stimme zur Laute vernehmen. Sie sang eine spanische Romanze von den Kämpfen der Abenceragen und kastilianischen Ritter. Die Absicht, die Aufmerksamkeit des Königs auf die Sängerin zu locken, und ihn zur lauten Nachfrage nach derselben zu bewegen, war erreicht. Don Hernandez glaubte am folgenden Tage den ausgesprochenen Wunsch des Königs, jene Stimme in der Nähe zu hören, gewähren zu müssen, und gebot Sanchica, ihre Zither zu bringen. Sie trug zuerst ein unverfängliches spanisches Lied vor, und begann dann auf des Monarchen Frage: ob sie keinen fränkischen Gesang kenne? nach der Melodie eines allgemein bekannten Liedes einen improvisierten Vortrag. Ein Kritiker hätte wohl manche Härte des Reims, manche ungefüge Wendung oder ähnliche Sünden gegen Prolodie und Poetik rügen mögen, und Don Hernandez wahrscheinlich die ganze Chanson unterdrückt, wenn sie ihm in der Übersetzung vorgelegt worden wäre. Zum Glück verstand er keine Silbe französisch, und so passierte denn das Lied unangefochten die Zesur. Ich kann meinen Helden nicht in Fesseln sehen, lautete der Sinn der Worte, kann nicht dulden, daß Frankreichs reine Lilie in dumpfem Kerker welke. Die Hand der Jungfrau wird die entwürdigenden Fesseln zerbrechen, sie wird den ritterlichen König auf den Thron seiner Väter zurückführen. Vernimm es, König Franz, in drei Tagen wirst Du frei sein. Auf einer Strickleiter wirst Du das Gefängnis verlassen, ein Kahn wird Dich an das jenseitige Ufer der Adda tragen. Dort warten die Rosse Deiner. Laß mich Dir folgen, mein Herr, mein alles. Laß mich mit Dir, Du kühner Adler, den Strahlen der Sonne zufliegen, und sollte ich auch geblendet in den Abgrund stürzen und sterben. Die Hand, welche ich auf das für Dich schlagende Herz legen werde, sei Dir das Zeichen, daß die Stunde der Befreiung geschlagen hat. – Die Zuhörer werden nach jener wunderlichen Probe eben keine allzu große Idee von den poetischen Talenten der Improvisatrice gefaßt haben, und ich gestehe willig ein, daß auch ich nach jenem fabelhaften Gemisch von Exaltation und Materialismus, von Sonnenflug und Strickleitern nicht dafür gestimmt haben würde, der Verfasserin, wie der berühmten Corinna, den Lorbeerkranz auf dem Kapitol aufzusetzen. Wir dürfen uns aber auch nicht verschweigen, daß diese Verse in französischer gebundener Rede sich wahrscheinlich besser, als wie jetzt in nüchterner Prosa ausgenommen haben werden, und daß sie ferner nicht zur Veröffentlichung bestimmt waren, sondern nur für das Ohr des Königs, welchem sie holdseliger als Sphären-Melodieen vorkamen. Mühsam nur vermochte es der Gefangene über sich zu gewinnen, die Freude, welche ihm der Inhalt der Dichtung gewährte, unter einer Lobeserhebung des gelungenen Vortrags zu verbergen, und die Sängerin mit freundlich kaltem Dank zu entlassen. Alle Saiten seines Herzens waren wohlthuend berührt worden. Nichts konnte ihm als König schmeichelhafter sein, als jene enthusiastische Verehrung seines Ruhmes, nichts dem Manne als diese zauberschnelle Eroberung eines weiblichen Herzens, nichts konnte seiner chevaleresken Denkungsart mehr zusagen, als die Aussicht auf ein phantastisches Abenteuer, welches die Märchen der Tafelrunde zu verwirklichen verhieß. »Ich werbe befreit, und schon in wenigen Tagen,« rief er jauchzend dem Zwerge zu, »ich werde es durch die Hand einer reizenden Jungfrau, und königlich soll der König die Rettung des Ritters vergelten.« »Wenn ich der ganzen Komödie ihren romantischen Lampenschimmer nehme,« fiel Triboulet ein, »so bleibt mir nur eine liebetolle Närrin, die einem Abenteurer zu Liebe ihrem Vater entläuft, ein wankelmütiger Liebhaber, welcher der Retterin in den ersten vier Wochen überdrüssig wird, und ein alter Narr, der sich aus Gefälligkeit bei dem Rettungsversuche den Hals brechen dürfte.« »Frankreich wird der Heroin Altäre weihen,« rief der leidenschaftlich erregte König, ohne die Zwischenrede des Zwerges zu beachten. »Eine andere Johanna von Orleans, wird die spanische Jungfrau auf ewige Zeiten im Herzen, im Munde eines jeden Franzosen leben. Ich sehe mich wieder an der Spitze meiner Ritterscharen; und dann, Karl, dann gilt es einen zweiten Gang.« »Und ich,« lautete die Antistrophe, »sehe im glücklichsten Falle der Entweichung in dem Mädchen nur ein neues Opfer Deiner sultanischen Laune, welchem, wenn es ihr wahrer Ernst mit ihrer wahnsinnigen Liebe ist, das Herz brechen wird, und wenn sie wie alle Weiber ist ...« »Nun dann?« »Nicht wert ist, daß ich ihrethalben ein Wort verliere.« – Die bestimmten drei Tage schienen dem König nicht enden zu wollen. Er verbrachte sie in der ungeduldigsten Spannung auf die Lösung des Abenteuers, phantastische Luftschlösser erbauend, und sie von der Hand seines bitteren Narren wieder einreißen sehend. Endlich war der letzte der Abende erschienen. Sanchica verrichtete schweigend ihren Dienst, und selten nur warf sie dem Monarchen einen furchtsamen Blick zu. Scheidend legte sie bei der Verneigung die Hand auf das Herz und erhob dann wie absichtslos zwei Finger. Das erwartete Zeichen war erfolgt, um zwei Uhr in der Nacht sollte die Flucht gewagt werden. Dichte Regenwolken stoben in eilendem Fluge über den sternlosen Himmel. Der Wind peitschte schwere Tropfen gegen die bleigefaßten Scheiben, wirbelte die knarrenden Wetterfahnen im Kreise und rauschte durch die Zweige der Weiden am Ufer. Früher als sonst schienen die Schildwachen der Außenposten eingezogen worden zu sein, oder Schutz vor dem herannahenden Unwetter in den Gewölben gesucht zu haben. Alles vereinigte sich, um die Flucht zu begünstigen. Unter heimlichen Verwünschungen stand Triboulet mit der Schnur, welche die Strickleiter heraufziehen sollte, am Fenster. Endlich fühlte er, daß ein Gewicht sich an den losen Faden hänge – die Leiter stieg herauf. Gewandt schwang der König sich aus dem Bogenfenster und klomm auf den Seilen hinab – schwerfällig folgte der Zwerg, Sanchica stand unten, deutete schweigend auf einen von den hochschlagenden Wellen geschaukelten Nachen. Geräuschlos wurde er gelöst und vom Lande abgestoßen – sie schwammen dem jenseitigen Ufer zu. Da schlang der König im Rausch der Liebe und wiedergewonnenen Freiheit die Arme um den Nacken der Jungfrau, zog sie an sein Herz und berührte ihre Lippe im glühenden Kuß. Die Welt um sich vergessend, ruhten die Glücklichen Brust an Brust. Die gewaltige Strömung des angeschwollenen Flusses verlangte jedoch einen geübteren Fährmann als den Zwerg, sie spottete seiner Anstrengungen, die Flut zu durchschneiden, und riß die leichte Barke im wilden Tanze mit sich fort. Mit leiser ängstlicher Stimme rief Triboulet den König zu Hilfe. Lange nicht vernommen, kam der Beistand des Stärkeren zu spät. Der Strom schleuderte das Bot gegen einen aus dem Wasser ragenden Pfahl – es schlug um. In allen körperlichen Übungen vollkommen, teilte der König mit rüstigem Arm die Flut, während er mit dem andern das Mädchen umschlungen hielt. Nach hartem Kampfe erreichte er das jenseitige Ufer. In seinen Armen lag die leblose Sanchica. Verzweifelnd kniete er neben ihr nieder – alle Mittel, sie ins Leben zurückzurufen, blieben fruchtlos – sie war ein Opfer ihrer Liebe geworden. – Triboulet hatte sich an eine herabhängende Weide geklammert und gerettet. Er eilte zu seinem Herrn und beschwor ihn, die günstige Gelegenheit nicht entrinnen zu lassen, die Pferde zu besteigen, zu entfliehen. Seine Stimme drang nicht zu den Ohren des untröstlichen Königs, der sich mit dem Ungestüm des Schmerzes weigerte, von der Leiche der Unglücklichen zu lassen. So geschah es denn, daß die zu seiner Verfolgung ausgesandten Soldaten, nachdem die Entweichung ruchbar geworden, ihn noch an derselben Stelle fanden, wo er die arme Sanchica ans Land getragen hatte. Tief gebeugt folgte er ihnen ohne Weigerung in den Kerker zurück, welchen er zwar wenige Tage darauf wieder verließ, aber nur, um ihn auf Jahre gegen einen spanischen zu vertauschen. Gianettino l'Inglese Nach den Niederlagen, welche der österreichische General Bianchi dem König Murat im April des Jahres 1818 bei Ferara, und kurz darauf in den ersten Tagen des Mai unfern von Macercata beigebracht hatte, zerstreute sich das, in der Eile zusammengeraffte, neapolitanische Heer nach allen Richtungen hin. Die Mehrzahl warf ihre Waffen von sich und suchte in wilder Flucht auf den über die Apenninen und Abruzzen führenden Straßen ihre Heimat zu erreichen. Nachzügler, welche die Engpässe bereits von Feinden besetzt fanden, durchstreiften in kleineren oder größeren Abteilungen unter einem aus ihrer Mitte gewählten Führer das Flachland, und wurden aus schlechten Soldaten ganz vorzügliche Räuber. Die Landstraße war noch zu keiner Zeit unsicherer gewesen, und die zahlreichen Detachements der Österreicher, welche die Provinz unaufhörlich durchzogen, vermochten nur unvollkommen dem Unwesen zu steuern, indem die Briganten nicht allein durch genaue Ortskenntnis den Eifer ihrer Verfolger zu hintergehen wußten, sondern auch nur allzuoft in dem Landmann, der in den Rächern nur den fremden Eindringling sehen wollte, einen nachsichtigen Warner und Hehler fanden. Zu jener Zeit begab es sich, daß ein hochbepackter Reisewagen auf dem Wege zwischen Bologna und Florenz schwerfällig über den Kamm der Apenninen zog. In allen den kleinen, schmutzigen Dörfern, welche über den Bergweg verstreut sind, standen die Einwohner auf den Schwellen und starrten mit stumpfer Neugier auf die Vorüberziehenden, auf die vier schwerbewaffneten Karabiniere, welche die Reisenden in Bologna zu ihrem Schutz gedungen, und die jetzt ihre Gäule am Zügel führend, den jähen Abhang mühselig mit ihren hohen Steifstiefeln erklommen, auf den schweren Wagen mit Vache und Felleisen, mit Mohr und Kammerjungfer auf dem Bock, auf die fünf, unter der Peitsche des Postknechts seufzenden Pferde, welche nicht imstande waren, die mächtige Last den steilen Bergpfad hinanzuwinden, und zu deren Hilfe am Fuße einer jeden neuen Anhöhe ein Zug silbergrauer, zu diesem Zwecke in Bereitschaft gehaltener Stiere vorgehängt wurde. Jene elenden Dorfschaften auf den Apenninen sind das unheimlichste, was man sich nur denken kann, wahre Räuberhöhlen. Graue, rauchschwarze, von verwittertem Stein erbaute Häuser mit morschen Dächern und kleinen mit Lumpen verstopften Fenstern, vor denen zerrissene Wäsche hängt, oder hier und da ein kümmerlicher Blumentopf vegetiert, enge finstere Gassen, durch welche der Wagen sich kaum zu winden vermag, zerfallene steinerne Treppen, auf denen das schwarzbraune zerlumpte Gesindel hockt, Männer, die dem Fremden und seiner Habe mit boshaft habsüchtigen Blicken nachstieren, selten ein junges, strohflechtendes Mädchen, desto häufiger scheußliche alte Weiber und nackte Kinder, die den Wagen mit widrigem Geheul umschwärmen, um der Madonna willen betteln, und so oft sie sich in der Erwartung getäuscht finden, dem Reisenden gellende Verwünschungen nachkreischen: dies ist das Schauspiel, welches in jedem dieser Ortschaften sich wiederholt. Mißtrauisch biegt sich der Fremde aus dem Wagen, um sich zu vergewissern, ob Koffer und Mantelsack noch nicht abgeschnitten worden sind, und atmet erst frei auf, so wie er das dunkle Häusergewirr hinter sich weiß. Es war einer von jenen ernsten, kalten Inselbewohnern, Sir Robert Fitz-Alvyne, welcher mit seiner Gattin, Lady Penelope, und seinem vierjährigen Sohne Johnnie den innern Raum der Karosse einnahmen. Im Vertrauen auf seine Waffen und die gleichfalls mit Gewehr versehene Bedienung, hatte der Baronet keinen Anstand genommen, die Reise fortzusetzen. Alle die Gerüchte, welche ihm von der Unsicherheit der Straßen, und der ebenso zahlreichen als verwegenen Bande des Pippo Ceccarelli, der sie gefährden sollte, zu Ohren gekommen waren, glaubte er entweder als gänzlich aus der Luft gegriffen, oder mindestens übertrieben verwerfen zu dürfen; er schrieb den größten Teil der Abmahnungen auf Rechnung des Eigennutzes seines Wirts in der Aquila nera zu Bologna, und war nur mit Mühe durch die inständigsten Bitten der Lady zu bewegen, daß er sich die Eskorte der Karabiniere bis nach dem Florentinischen Grenzzollamt Filigara gefallen ließ. So hatten die Reisenden langsam die Höhe der Apenninen erreicht. Der Weg wand sich durch herrliche Kastanienwälder, welche auf dem Gebirge noch in voller Blüte standen, nachdem in der Ebene ihre Flüchte schon längst gereift waren. Unter ihrem Schatten weidete hier und dort eine verstreute Ziegenherde, deren verschlafener Hirt vom Rollen des Wagens erwachte und die faulen Glieder dehnte – sonst war aber kein Mensch,weit und breit zu sehen. Sir Robert schob ein langes Perspektiv auseinander, ließ den Wagen halten, legte das Fernrohr phlegmatisch erst zum rechten, dann zum linken Wagenschlag hinaus und visierte schweigsam vom Berggipfel aus, über die teils waldigen, teils kahlen Höhlen und Abhänge, welche sich allmählich dem Thale zu verflachten und auf den einzelnen Spitzen ein Kapellchen trugen, in die Ferne. »Wohl, sehr wohl!« sprach er. »Das Thyrrhenische Meer rechts – das Adriatische links – mit einem Blick. Erste Merkwürdigkeit auf der Tour – werden zwischen Filigara und Pietromala auf die zweite stoßen, Lady – an den Monte di Fo – kleiner Vulkan – Flamme sechs Fuß hoch – nur bei Nacht sichtbar – unterirdisches Getöse.« – »Wohl, sehr wohl, Sir!« antwortete die Lady, und seufzte aus beklommener Brust beim Anblick der vielen Holzkreuze, die zu beiden Seiten der Straße standen und den Wanderer mahnten, für das Seelenheil der hier Erschlagenen ein Pater zu beten. Der Zug setzte sich wieder in Marsch und bog um die Ecke. Auf der einen Seite des Hohlweges erhob sich ein Fels, auf dessen Spitze etliche Granatenbüsche und Ginsterstauden schwankten. Da fiel ein Schuß. Der Postillion stürzte mit zerschossener Kniescheibe vom Pferde und heulte erbärmlich. Die Karabinieri saßen blitzschnell auf, richteten ihre erschrockenen Blicke nach dem Ort, wo der Pulverdampf zerfloß, gewahrten ein Dutzend im Sonnenschein blinkender Flintenläufe, wandten ihre Gäule und jagten, als ob sie die ganze Hölle auf ihren Fersen hätten, davon. Die Eskortengelder waren pränumerando gezahlt worden – konnte man also von den friedlichen Helden verlangen, daß sie sich noch für ihre Schützlinge totschießen lassen sollten? Die Ochsentreiber hatten schon früher die Stränge abgeschnitten und das Weite gesucht. Mit raschen Sätzen sprangen einige zwanzig sonnenverbrannte Kerle mit spitzen, bandumflatterten Hüten, die Muskete in der Faust, Dolch und Pistolen im Gürtel, vom Felsen in den Hohlweg hinab. Der Vorderste warf sich an den Wagen, riß den Schlag auf und schrie dem Engländer das bekannte: faccia in terra! zu. Statt aller Antwort feuerte der Baronet, ohne eine Miene zu verziehen, ein Pistol auf ihn ab, verfehlte zwar den Hauptmann, faßte aber dagegen den Hinterstehenden um so schärfer. Matteo stürzte mit zerschmettertem Kopf gegen die Steine. Eh' jedoch der Engländer das zweite Pistol ergreifen konnte, war er ziemlich unsanft aus dem Wagen gerissen, zu Boden geworfen und nach einigen nachdrücklichen Kolbenstößen und Fußtritten geknebelt worden. Lady Penelope lag in Ohnmacht, der kleine Johnnie umfaßte schreiend ihre Kniee. Das Kammerkätzchen hatte in der Todesangst die Arme um den nebensitzenden Mohren geschlungen, drängte sich fest an ihn, als wolle sie ihr bleiches Gesichtchen in der Nacht des Afrikanischen begraben und dergestalt unsichtbar werden, während Ali sich vergebens wand, die würgende Umarmung abzuschütteln und seinem Herrn zu Hilfe zu eilen. In fünf Minuten waren Koffer und Mantelsäcke vom Wagen geschraubt, geschnitten und aufgesprengt – Briganten besitzen in solchen Affairen eine ausnehmende Handfertigkeit – und Kleider, Wäsche, Damenhüte, Shawls, Toilettengegenstände lagen in bunter Verwirrung quer über der Straße – jeder Liebhaber langte zu. Endlich schrie der Hauptmann, welcher eine spezielle Visitation der Taschen des Wagens, wie deren des sehr edlen Baronets angestellt hatte, der Bande zu: »Nichts als Plunder, nirgends Gold! Diese verdammten Engländer führen nichts als unleserliche Kritzeleien bei sich. Einerlei, so mögen sie für uns zum Wechsler traben. – Signora!« schrie er der Lady ins Ohr. » Corpo di Madonna! Sie liegt noch immer in Ohnmacht. Heda, Antonio, gieb mir die Branntweinflasche. Aufwachen muß sie, und sollte ich sie mit dem Messer kitzeln. Halt, der Branntwein wirkt schon. Signora werden nach Florenz fahren – verstanden? – Was schreien Sie? Wer thut der Signora etwas zu Leide. Ich bin ein Galant uomo . Also Signora werden innerhalb zwei Tagen – heute ist Mittwoch – verstanden? – eintausend Doppien, wohlgezählt, in der sechsten Stunde – ich meine in der dritten Stunde nach Mitternacht, nach französischer Uhr – man muß den Balordi-Milordi alles haarklein vorsagen, sonst geben sie nichts als Tölpeleien an – also in der dritten Stunde nach Mitternacht werden Madonna tausend Stück Doppien in einem Sack bei dem nächsten Obelisk an der Kirche Santa Maria Novela zu Florenz niederlegen lassen. Verstanden? Ich meine den Platz, wo die Wagen rennen. Wißt Ihr's nicht, so fragt – jedes Kind giebt Euch Bescheid. Still, kein Wort! – Damit aber Signora sich in der Bestürzung nicht etwa zu unserem Schaden verrechne, so bleibt der Herr Gemahl und der Bambino so lange bei uns. Ich will den Sack schon gemeinschaftlich mit dem Milordo überzählen. Still, sage ich. Wir sind ehrliche Leute, und ich bin der Pippo Ceccarelli. Wer kann von ihm sagen, daß er jemals sein Wort gebrochen habe? Also tausend Napoleoni, Signora, nicht eine Grazie drüber oder drunter – eine Lumperei für einen Milordo und seinen Sohn. Schweigt, sage ich. Der Matteo dort, war er ein Hund, um sich von einem englischen Ketzer ohne Beichte und Absolution totschießen zu lassen. He? Macht mich nicht wild. Und nun fort – die Zeit ist edel. Wozu das Abschiednehmen, das Weinen? Kinderei. Zahlt, zählt richtig und in achtundvierzig Stunden habt Ihr die beiden wieder. Seid aber pünktlich, das rate ich, wo nicht, so laßt nur immerhin ein Dutzend Seelenmessen für die Eurigen lesen – doch ich vergaß, daß Ihr Ketzer seid. Gleichviel. Pippo Ceccarelli spaßt nicht. Und nun zieht mit Gott,« Der Brigante riß den vergeblich sich sträubenden Knaben aus dem Arm seiner Mutter, warf ihn leicht wie einen Bündel über die Achsel und sprang wie eine Gemse die Bergwand hinan. Die übrigen Räuber richteten den Baronet auf und trieben ihn hurtig mit sich fort. Es ging rasch. Der Milordo schwur keuchend und im breitesten Italienisch: er habe sein lebelang noch keine englische Meile zu Fuß gemacht – er sei kein Epsomer Wettrenner. Eine gespannte Pistole, welche ihm mit einer verteufelten Miene an die Schläfe gesetzt wurde, schlug alle Einwendungen nieder und beflügelte seine Schritte. Er trabte zuletzt ganz wacker. Unterdessen war es dem Mohren Ali gelungen, sich aus dem Arm der nervenschwachen Kammerjungfer zu ringen, den verwundeten Postillion auf den Bock, den Rest des wohl oder übel zusammengerafften, chiffonierten Flitterstaats seiner Herrin in den Wagen, und sich auf den Sattelgaul zu werfen. Dann hieb er ganz barbarisch auf die Pferde los. Gegen Abend waren sie bereits in Florenz. Mylady hatte sich nicht bei der zweiten Merkwürdigkeit des Weges, bei dem feuerspeienden Berge aufgehalten; ebenso wenig war sie aber auch von der Dogana zu Filigare aufgehalten worden. Die Beamten der letzteren hatten so viel Einsehen, daß die Ährenlese für patentierte Spitzbuben nach der Ernte der unpatentierten selten viel abwerfe. Lady Penelope war gleich nach ihrer Ankunft zu dem englischen Gesandten geeilt und hatte ihn in ihrer Verzweiflung beschworen, sie ohne Verzug zu dem nächsten Friedensrichter zu führen, um dort den gottlosen Briganten verklagen zu können. Giltige Zeugen könne sie stellen, den Mohren Ali und die Kammerjungfer Arabella. Der Ambassadeur ließ sie, ohne sein Gesicht zu verändern, austoben und bedeutete sie hierauf: der beste Rat, den er in diesem verdammten Lande – in einem englischen Munde ist nämlich das Epithet verdammt von Italien unzertrennlich – ihr geben könne, sei: das Geld bei Schilling und Pence auf die Piazza di Maria novela zur bestimmten Stunde tragen zu lassen. »Der sehr ehrenwerte Baronet,« setzte er hinzu, »ist in den Händen eines römischen Räubers, wir Mylady, befinden uns aber dermalen bekanntlich in Toskana. Man könnte zwar zu dem päpstlichen Stuhl Rekurs nehmen, und dieser würde gewiß nicht Anstand nehmen, sich mit der Delegation von Bologna, der bewußten Entführung halber, in Korrespondenz zu setzen.« – »Ah, ich atme auf!« rief die sanguinische Lady. – »Hierauf wäre es auch nicht unwahrscheinlich,« fuhr der Gesandte gelassen fort, »daß, wenn der Tatbestand gehörig ermittelt, der Legat Sr. Heiligkeit eine Patrouille von Karabinieren beordern würde.« – »Ha, diese Elenden« unterbrach ihn die Engländerin – »sie flohen, ohne nur den Säbel gezückt zu haben! Dennoch aber, Mylord, wie lange würde es währen, bis die päpstliche Soldateska auf die Beine und die Räuber vor die Assisen gestellt würden?« »Dem Gange der Geschäfte zufolge bezweifle ich nicht, binnen heute und anderthalb Jahren das Kommando ausrücken zu sehen.« »Aber, mein Gott, bis dahin sind ja mein Sohn und Sir Robert schon tausendmal von jenen Ungeheuern ermordet worden!« »Höchst wahrscheinlich, Mylady,« erwiderte die Exzellenz gelassen, »und deshalb erteilte ich ihnen auch gleich von Hause aus den wohlmeinenden Rat, die tausend geforderten Goldstücke zu zahlen, wozu ich mir die Ehre gebe, Ihro Gnaden meine Bürgschaft bei einem hiesigen Bankier anzutragen.« Mit schwerem Herzen entfernte sich die unglückliche Dame und fuhr zu einem der ersten Florentiner Handlungshäuser, um das traurige Geschäft abzuschließen, »Tausend Stück Louisd'or,« seufzte sie, »diesen vermaledeiten Schurken. Tausend schöne blanke Stück! Und mein armer Johnnie! Das süße, zarte Kind! Sir Robert ist ein Mann – aber mein Kind, mein Johnnie!« – Der Mohr Ali erhielt die Anweisung, das Geld abzuliefern. Er war ein beherzter Bursch, seinem Herrn treu ergeben, und hatte gewiß, wenn ihm nicht damals Miß Arabella die Kehle zusammengeschnürt, manchen wackern Briganten dem Signore Matteo nachgesandt – vielleicht auch die Sache schlimmer gemacht – wer kann's wissen. Er stand pünktlich zur anberaumten Zeit auf dem öden Platz, klirrte manchmal zum Zeitvertreibe mit dem schweren Sack, und brummte gleich seiner Herrin höchst verdrießlich: »Tausend schöne Stück Napoleons an solche Lumpenkerle, die kein ganzes Hemd auf dem Leibe haben. Und nun obenein auf den Schuft bis um drei Uhr nach Mitternacht, einer Stunde, wo jeder ehrliche Diener in den Federn steckt, warten und passen zu müssen! Ob man den Spitzbuben nicht noch bitten sollte, einen Sack Gold gefälligst abholen zu lassen? Niemand kommt. Doch halt – da schleicht mir solch ein verdächtiger Patron wie ein Kater um den Brei. Er will sicher gehen, der Galgenschwengel. Ich muß die Lockpfeife noch einmal erschallen lassen. – Was gilt's, er kommt!« – Und dabei schlug er kräftig mit dem Geldsacke gegen das Marmor-Piedestal des Obelisken. Wirklich schien dies, durch die ganze Welt verständliche Signal nicht in taube Ohren geklungen zu sein. Ein bärtiger Kerl mit über die Schulter geworfenem Mantel und tief in die Stirn gedrücktem Hut schlich behutsam heran, nistete sich endlich hart an den Diener, und hob vertraulich an: »Eine schöne Nacht, Gevatter. Wartet Ihr vielleicht auf Euer Schätzchen, der Ihr den Sack voll Nüsse dort versprochen habt?« Einen vermaledeiten Hund von Italiener erwarte ich,« erwiderte ärgerlich Ali, »dem ich lieber einen Stich in das Gekröse, als den zehnten Teil von einem Pence gönne.« Der Italiener fuhr hastig mit der Faust in die Brusttasche, ließ aber gleich darauf die Hand langsam sinken. »Schwarzer Hund,« murmelte er giftig, »wenn Dein Rußgesicht die Nacht nicht noch finsterer machte, so müßtest Du mich von den Apenninen her wiedererkennen. Wie ist's, bringst Du das Geld? Ich habe keine Zeit zum Scherzen. Der Tag muß gleich anbrechen.« Der Bediente reichte langsam bedächtig den Sack, entriß ihn jedoch wieder den hastig danach langenden Klauen, und rief: »Sachte! Da könnte ein jeder kommen, Tausend Napoleoni sind nicht so leicht zu verdienen. Womit kannst Du Dich als den echten Boten ausweisen! Euch Galgenpack traue der Teufel.« Dem Brigante mochte wohl mehr darum zu thun sein, das Geld in die Hände, als Händel zu bekommen; so verschluckte er denn zum zweitenmal seinen Groll, und hielt dem Bedienten einen unkenntlichen Gegenstand vor die Augen. »Kannst Du sehen, Schwarzer, kannst Du's erkennen?« »Nichts,« war die Antwort. »Dort brennt eine Laterne. Dorthin laß uns gehen.« Wenige Schritte von dem Obelisken glimmte eine Lampe vor dem Bilde der Santa Annunziata. Der Bandit zog seinen Hut tief vor der heiligen Schutzpatronin von Florenz, schlug das Kreuz und murmelte ein Gebet zwischen den Zähnen – dann riss er eine goldene Kette mit Uhrschlüssel aus der Weste und übergab sie dem Mohren. Ali erkannte sie für das Eigentum des Baronets, händigte dem Räuber nach kurzem Bedenken das Geld ein, und entfernte sich mit einem kräftigen englischen Fluch. Mit zwei Sätzen war ihm Santo wieder auf den Fersen: »Die Kette, schwarzer Hund! Her damit, sie ist mein.« »Ho? Und wie sollte mir Mylady glauben, daß ich das Gold nicht unterschlagen, wenn ich ihr nicht ein Zeichen bringe? Ho? Mach', daß Du heim kommst, sonst schieß' ich Dir eine Kugel durch die Ohren. Denkst Du, Dummkopf, daß ich ohne Waffen hierher kommen würde?« Aus dem Wamse eine lange Reiterpistole ziehen, sehr verfänglich mit dem Hahn knacken und die Mündung dem Briganten mit grinsendem Lächeln unter die Nase halten, war das Werk einer Sekunde. Der Bandit schwankte einen Augenblick, ob er die schöne Kette in der Hoffnung aus Entschädigung von seiten des Kapitäns fahren oder ob er es mit dem Gereizten bis aufs äußerste kommen lassen solle. Das letztere schien ihm doch nicht eben rätlich, und so schleuderte er denn noch einmal die fünf Finger gegen den in schußfertiger Positur Stehenden, und verschwand mit einem raschen Sprung in der Dunkelheit. – Die Sonne neigte sich allmählich zum Untergang, und vergoldete die Gipfel des Höhenzuges, die Spitzen der vereinzelten Pinien. Es war der Abend des nämlichen Tages, an welchem das Lösegeld für Vater und Sohn dem Boten eingehändigt worden war. Mit einbrechender Nacht war aber auch der Termin abgelaufen, und das unglückliche Paar dem Tode verfallen. In einem von Kastanienbäumen beschatteten Bergthale, durch welches ein von hohen, schroffen Felsufern eingeengtes Wasser über Blöcke strudelte, war es, wo die Bande des Pippo Ceccarelli ihr Lager aufgeschlagen hatte. Ein verwittertes Haus, welches schon längere Zeit leer gestanden haben mochte, und dessen mit Steinen beschwertes Schieferdach zum größten Teil von Stürmen entblättert worden war, gewährte ein günstiges Versteck, und verhinderte wenigstens, daß das Tag und Nacht lodernde Feuer nicht zum Verräter der Verfehmten werde. In der Hütte saß ein junges hübsches Weib mit einem Säugling an der Brust. Die oft gewundenen Korallenschnüre, die silbernen Kreuze und Medaillen, welche an ihrem Halse schaukelten, die goldenen Ohrringe und der feinere Kopfschleier ließen in ihr die Frau des Häuptlings erkennen. Nächst der Pflege ihres Töchterleins lag ihr die Bereitung der Abendmahlzeit ob, welche in einem mächtigen, schwarzen Kessel über dem Feuer brodelte. Ihr Gatte lehnte sich finster brütend und mit verschränkten Beinen an den Thürpfosten, und blies den Dampf aus einem kurzen Thonpfeifchen vor sich hin. Einzelne Briganten lagen auf dem Rasen um eine bauchige Flasche Chianti gereiht, und spielten unter Fluch und Zank mit schmutzigen Karten. Zwei andere, die Karabiner nachlässig zwischen den Beinen haltend, saßen auf einem Baumstamm und bewachten den armen Baronet, welcher mit düsterer Miene vor sich hinstarrte, und von Zeit zu Zeit die blonden Locken seines schlummernden Sohnes streichelte. »Pippo,« rief das Weib, »das Essen ist gar. Komm herein, ruf auch die andern, und vergiß mir nicht den Milordo und seinen kleinen blonden Engel. Sei ein galant'uomo. Gefangene dürfen nicht verschmachten.« Der Hauptmann fuhr rasch auf, warf noch einen erwartungsvollen Blick in die Ferne, schüttelte verdrießlich den Kopf, und trat dann an den Engländer: »Signore, zum Abendbrot, wenn's gefällig wäre.« – Der Baronet verneinte durch Zeichen. – »Signore, da drinnen steht eine Bottiglia echter Aleatico. Trinkt eins auf die Reise.« – Abermaliges Verneinen, – »Nun, wie Ihr wollt, Milordo,« brummte der Räuber, satt oder nüchtern – sterben müßt Ihr doch!« – Und damit trat er in die Hütte zurück, ergriff den eisernen Schaumlöffel, langte ein tüchtiges Stück Ziegenfleisch heraus, die strohumflochtene Flasche vom Sims und that beiden Bescheid. »Der Santo kommt nicht,« murrte er vor sich hin, »in einer Viertelstunde ist die Zeit um. Lumpenhunde, diese Engländer. Mann und Kind für elende tausend Napoleoni zu opfern!« – »Nun, so warte noch einen Tag länger,« wandte Mariuccia ein. »Wer weiß« – »Warten und mich hängen lassen,« schnaubte sie der Mann an. »Die vertrackten Deutschen spuken überall herum. Schon zwei Tage verdämmern wir in diesem Winkel – Sanguinaccio di Dio! – und nicht ein Grano verdient. Und der Matteo tot! – Wenn ich das dem Ketzer vergebe – ich will ohne Sakrament sterben.« Mariuccia hatte während dessen das Haus verlassen und war freundlich an den Briten getreten. Sie wiederholte ihre Einladung und fragte, als auch sie eine ablehnende Antwort erhalten hatte, ob sie nicht wenigstens dem kleinen Bambino einen Bissen geben dürfe. Der Baronet warf einen kummervollen Blick auf seinen Liebling: »Er schläft so schön!« antwortete er. »Ei laßt mich nur machen, Herr,« erwiderte das gutmütige Weib. »Ich bin Mutter und liebe den kleinen Krauskopf wie meine eigene Peppina.« – Damit hob sie das schlaftrunkene Kind vom Schoße des Vaters, küßte es zärtlich und trug es in die Spelunke. Die letzte Viertelstunde war verronnen. Ceccarelli trat mit der Uhr in der Hand aus der Thüre, den Karabiner über der Schulter. »Die Zeit ist um, Signore,« rief er mit dumpfer Stimme Sir Robert zu. »Macht Euch fertig.« Der Engländer biß sich auf die Lippe und erwiderte kein Wort. »Nun, wird's?« fragte der rohe Hauptmann. Da rang sich der Seufzer: »Mein Johnnie! Mein einziges Kind!« aus der schmerzerdrückten Brust. »Das dankt Ihr Eurer sauberen Frau allein, Zeit genug hab' ich ihr gelassen. Ich aber muß Wort halten, sonst kann ich nur gleich mein Gewerb aufgeben und Melonenschalen in den Schmutzwinkeln suchen. Pippo Ceccarelli brach noch niemals sein Wort. Vorwärts!« Der unglückliche Vater rang die Hände. »Schont meines Sohnes,« rief er, »gewährt meinem Kinde wenigstens noch eine vierundzwanzigstündige Frist. Meinen Tod will ich Euch vergeben – aber mein Kind, mein einziges Kind« – »Sorgt nicht für den Knaben,« entgegnete der Fühllose und riß den Engländer von seinem Sitze auf. »Nur zu bald seid Ihr wieder mit ihm vereinigt im Himmel oder« – wie er dumpf murmelnd hinzusetzte – »in der Hölle. Fort! Hier an den Rand stellt Euch hin. Ich möchte Euch nicht gern lange quälen. Seid ein Mann.« »Barmherziger Gott! Mein Kind! Schonung für meinen Johnnie!« rief der verzweifelnde Vater, und breitete die Arme weit aus – da riß der Bandit ein Pistol aus dem Gurt und drückte es ab. Der Widerhall dröhnte dumpf aus den Schluchten. Der Baronet schlug mit der Hand an das getroffene Herz, schwankte und wäre vornüber gefallen, Pippo sprang jedoch wie ein Tiger auf seine Beute, packte ihn mit starker Faust und stürzte ihn rücklings hinab in den Waldstrom. Zweimal noch schlug der Körper schwer auf – dann ward es still. »Der Alte wäre aufgehoben,« rief der Mörder» »nun kommt's an den Jungen. Wo hast Du die Ketzerbrut versteckt, Mariuccia?« schrie er in die Hütte hinein. »Was? den Knaben, meinen süßen Engel, willst Du schlachten, Du verlorene Seele!« rief das Weib, indem sie ihrem Mann leidenschaftlich in die Arme fiel. »Ich leid' es nun und nimmermehr. Er ist mein Kind; er hat an meiner Brust gelegen. Unterstehe Dich's und rühre meine Aprikosenblüte an – die Augen reiß ich Dir aus.« »Fort Weib,« erwiderte Pippo, »das Kind stammt von ketzerischen Eltern. Die ganze Rotte zu vertilgen, erwürbe uns den Himmel. Denk' an die Worte des Pater Girolamo.« »Nein, sag' ich, nein! Das Kind ist kein ketzerisches. Nein. Es trägt um den Hals ein Kreuz von roten Korallen. Als ich den Knaben auf dem Schoß hatte, hab' ich das Kruzifix in den Händen gehabt, hab' es geküßt. Gutkatholischer Eltern Kind ist der Kleine. Madonna weiß am besten, wo sie ihn geraubt haben mögen.« . Unschlüssig ließ der Mann die Arme sinken »Pippo, süßer Pippo,« hob das Weib schmeichelnd an. »Laß mir den Bambino. Jetzt so alt müßte unser Gianettino jetzt sein, wenn ihn nicht das arge Fieber – O, mein ewiger Jesus! – Laß ihn leben; die Heiligen führten ihn aus den Händen der Irrgläubigen zu guten Christen. Ein Wunder ist's – lade nicht den Zorn des Himmels auf Dein Haupt – vergreife Dich nicht an seinem schuldlosen Engel.« »Zeig' mir das Kruzifix, Weib, dann will ich glauben.« Mariuccia eilte in den Winkel, in welchem der zitternde Kleine kauerte, nahm ihn unter freundlichen Liebkosungen auf den Arm und enthüllte seine weiße Brust. Sie hatte wahr gesprochen. Der Knabe trug ein goldgefaßtes Kreuzchen von Korallen, auf welchem die wohlbekannte Chiffre I.H.S. von Engelsköpfen umgeben zu sehen war, am seidenen Bande um den Hals. Pippo warf den Kopf zurück, und hing zum Zeichen, daß er dem Kleinen das Leben schenke, die Büchse an die Wand. Dann kehrte er zur Flasche zurück, und stieß noch einige Flüche gegen den Santo aus, welcher wahrscheinlich in irgend einer Osteria betrunken liege, wenn er nicht überhaupt mit dem Gelde durchgegangen sei, und ebenso viele gegen die Engländer, welche guten Christen die Kinder stehlen. Mit der letzten Verwünschung wäre Pippo vielleicht minder freigebig gewesen, wenn er hätte ahnen können, daß die Eltern des nunmehr adoptierten Kindes Irländer und ebenso eifrige Katholiken als er selber waren. Doch, daß es außerhalb Italiens noch gute Christen geben könne, das überstieg die Kenntnisse des würdigen Häuptlings. Mariuccia war selig über den errungenen Triumph, überhäufte den verschüchterten Kleinen mit Liebkosungen, und sagte ihm in einem Atem zwanzig fromme Lügen vor, wie sein Vater verreist sei, und morgen wiederkomme, und ihm Weintrauben und Orangen mitbringen werde. Schade nur, daß der Knabe außer der englischen Sprache keine andere verstand, und demzufolge alle die schönen Tröstungen bei ihm verloren gingen. Ein anderer wirksamerer Trost senkte sich jedoch bald auf ihn hernieder – der Schlaf. Mariuccia bettete ihn in die breiteste Futterschwinge, die sie auffinden konnte, rückte den bald Einschlummernden an ihr Lager, schlug drei Kreuze über ihn, und empfahl ihn andächtig ihrem Schutzheiligen. Der Kapitän aber nahm den Hut mit Bändern und Heiligenbildern vom Kopf, kniete davor nieder, und begann seinen Rosenkranz anzubeten – da stolpert? der lange, vergebens erwartete Bote über die Schwelle. »Sohn eines Hundes!« fuhr Pippo ihn grimmig an. »Wo bleibst Du so lange? Betrunken bist Du. Und wo hast Du das Geld gelassen? Her damit!« ^ , , »Pah,« erwiderte Santo mit unsicherer Stimme, indem er einen festen Standpunkt an der Maner zu gewinnen suchte – »ich betrunken? Was wollen die sieben elenden Foglietten sagen? He? bin ich ein Maulesel, daß ich bei Tag und bei Nacht, ohne einen Bissen zu genießen, auf den Beinen sein solle? Nach Florenz traben – zurück – sich an dem Ketzergold halb lahm schleppen – gehetzt werden wie ein Fuchs – Corpo di Giove – was denkt Ihr? Da habt Ihr den verwünschten Sack, und nun gebt mir zu trinken.« Er warf den schweren Beutel klirrend auf die Erde, packte, ohne eine Erlaubnis abzuwarten, die Aleatico-Flasche und setzte sie an den Mund. Mit stumpfem Blick starrte der Kapitano ihn an. Nach einem viertelstündigen Schluck warf Santo die geleerte Flasche aus der Thür, und sich auf die Erde. Nur mit Mühe war dem Trunkenen der Grund seines Zuspätkommens abzufragen. Er hatte sich unverzüglich nach Empfang des Geldes auf den Weg begeben, und war noch zur Nachtzeit aus der Porta San Gallo gelassen worden. Bei Tagesanbruch, nachdem er schon Fiesole im Rücken hat, und sich in der Höhe von Villa Gerini befindet, begegnet er einem Karabiniere. Der sieht ihn mit ganz sonderbaren Blicken von der Seite an, reitet aber doch, rückwärts schauend, vorüber. Santo beschleunigte seine Schritte, und mochte nun das Geld geklimpert, oder der Teufel sonst sein Spiel gehabt haben – genug, der Gensdarm lenkt sein Pferd um, und jagt dem Verdächtigen nach. Santo wirft sich auf die Gefahr, lebendig geschunden zu werden, in eine Cypressenwand, arbeitet sich mit wütender Anstrengung durch, springt durch den Olivenwald und erreicht glücklich eine Höhle – nicht viel größer als ein Fuchsbau. Tort rutschte er herein und harrt sechs, sieben Stunden, bis er voraussetzen darf, daß sich der gelangweilte Karabiniere zurückgezogen haben werde. Halbtot vor Hunger und Durst kriecht er hervor, erreicht das Wirtshaus delle tre Maschere , und läßt sich dort ein Stück Salami und eine halbe Fogliette geben. Aus der halben werden sieben ganze. Santo erinnert sich endlich seiner Mission, rennt über Hals und Kopf die Berge hinan, und langt eine Stunde zu spät an, um den Engländer zu retten. Pippo Ceccarelli blickte düster während der oft unterbrochenen Erzählung in die verglimmenden Kohlen. Mariuccia weinte laut. »Hab' ich Dir nicht geraten,« schluchzte sie, »noch einen Tag oder zwei zu warten. Warum hörtest Du auch nicht. Poverello! « »Schweig, Weib, schweig! Du machst mich toll. Sein böser Stern trug die Schuld – nicht ich. – Ich muß Wort halten. Wort auf die Minute, sonst gilt im Flachlande mein Name keinen Melonenkern mehr. Schweig. Es war ja nur ein Ketzer – ein Kinderräuber. Er verdiente es nicht besser. Und den Jungen da – wir können ihn nicht wieder herausgeben – wie sollten wir auch? Behalt' ihn, Mariuccia. Er mag das Geld erben – mag unser Sohn bleiben – unsere Beppina dereinst heiraten. Besser für ihn, als daß er zu dem ketzerischen Weibe wiederkehrt.« Das Verschwinden eines vornehmen Engländers und seines Kindes, ihr fast gewisserMord, waren jedoch auch in jenen bewegten Zeiten nicht so leicht verklungen, als daß die Behörden sich nicht hätten verpflichtet fühlen sollen, Nachforschungen anzustellen und verlockende Belohnungen für den Verräter anzubieten. Der zerschmetterte, fast unkenntliche Leichnam war das einzige Resultat derselben. Pippo war kurz darauf aus der Gegend verschwunden. Er mochte wohl einsehen, daß er nach dem begangenen Mord auf keine Ranzion mehr zu hoffen habe. Sein Name und der des kleinen Johnnie verschollen. Die Bande zerstreute sich, um sich andern anzuschließen. – Es war im Jahre 1832. Die österreichische Intervention hatte bereits die von Bologna aus nach Rom rückenden Massen der Insurgenten zersprengt, und die Ruhe im Lande wenigstens scheinbar wieder hergestellt. Die päpstliche Regierung war jedoch fürs erste noch allzusehr mit Pazifikation der Gemüter und Konfiskation der Güter, mit Prozessionen und Proskriptionen in der Hauptstadt beschäftigt, als daß sie ihre väterlichen Blicke über die Ringmauern hinaus hätte richten können. So geschah es denn, daß eine Menge heimatloser Verzweifelter sich wieder in Banden zusammenthaten, irgend einen unzugänglichen Felsen der Albaner-, Marser- oder Volskergebirge zu ihrem Horst erkoren, und von Zeit zu Zeit in die Kampagna herniederstiegen, um den Krieg gegen Mantel- und Geldsäcke bis dicht unter die Nase des heiligen Petrus auszudehnen. Die gefürchtetste Brigantenhorde war die des Gianettino l'Inglese. Der Name ihres Anführers verbreitete Schrecken bis an die Schwelle des Quirinals, paralysierte die kecksten, in der napoleonischen Schule gebildeten Gensdarmen, und war hinreichend, die Ausflüge der Reisenden und Maler wochenlang zu verzögern, wenigstens so lange, bis die seinigen eine entgegengesetzte Richtung genommen hatten. Sein Wohnsitz war in einer der wildesten Gebirgsschluchten, zwischen Riofreddo und Carzoli, just auf der päpstlichen und neapolitanischen Grenze. Das Volk beschwur es mit tausend Eiden, daß Gianettino ein Zauberer sei, sich an zwei Orten zugleich befinden, sich auch nach Umständen unsichtbar machen könne, und jederzeit auf einen Bajocco wisse, wie viel Pachtgeld der Pächter abzuliefern habe. Die Mehrzahl der letzteren schätzten sich glücklich, mittelst eines Jahrgeldes den Schutz des Gefürchteten erkaufen zu können, und beeiferten sich, ihn und seine Gefährten reichlich mit Lebensmitteln zu versorgen. Er war der König des Sabiner- und Marser-Gebirges. Die rohen Sagen des Landvolks fanden bald in dem klatsch- und wundersüchtigen Rom Eingang, und gingen mit den wunderlichsten Übertreibungen von Mund zu Mund. Gianettino sollte ein junger Mann von höchstens zwanzig Jahren sein, schön wie ein Apoll, tapfer wie Cäsar, schlau wie der General Miollis, verwegen dem Tod ins Antlitz schauend, die Piaster zu ganzen Händen wegwerfend. Seinen Zunamen l'Inglese erklärte das Gerücht dadurch, dasß er ein englischer Prinz von Geblüt sei, welcher aus Passion für die freie, unstäte Lebensart das Metier eines Brigantenhäuptlings erkoren habe. Man erinnerte sich an den bekannten Alfonso Piccolomini, Herzog von Monte-Mariano, welcher aus Rachsucht gegen das Ende des 16. Jahrhunderts gleichfalls Räuberhauptmann geworden war, und seinem Amte zehn Jahr lang auf das nobelste vorgestanden – und fand am Ende das Gerede höchst wahrscheinlich. In Rom ist nichts so unsinnig, als daß es nicht Glauben finden solle. – In jenem Jahr war es, wo an einem der Juli-Morgen eine ältliche, schwarzgekleidete Dame aus dem Albergo Fenice zu Vicovaro trat. Ohne die abmahnenden Erzählungen der Padrona von der Unsicherheit der Wege zu beachten, ließ sie sich von einem ältlichen Mohren mit ausgebleichtem Teint und grauem Wollhaar in den Damensattel ihres Maultiers heben, und verlangte einen Führer nach Riofreddo. Lange Zeit wollte sich, ungeachtet des verheißenen hohen Botenlohnes, kein Vicovarese zu dem mißlichen Gange bereitwillig finden lassen; endlich meldete sich aber doch noch ein krausköpfiger, verschmitzter Bursche von etwa fünfzehn Jahren, trieb sein Eselchen herbei, schwang sich der Quer auf das sattellose, nur mit einem Strick gezäumte Tier, und jagte im Galopp der Dame voran, wobei er aus voller Kehle, wenn auch gerade nicht allzulieblich seine Ritornelle sang. Stillschweigend und in Gedanken folgte die Dame. Sie war von großer Statur und hager. Von ihrem Gesicht hatte Comino trotz seiner schwarzen Luchsaugen, eines, dichten Schleiers halber, noch nichts erlauschen können. Als die Reisende das Kloster San Cosimato erreicht hatte, apostrophierte sie der Bursche: »Wie war's, Signora, wir machten eine kleine Rast bei den ehrwürdigen Vätern Franziskanern. He? ein kleines Frühstück – ein rifresco . Werden nachher weit und breit kein Haus mehr zu sehen bekommen, und die Felsen hier herum sind kein presciutto , der Spiagvia-Fluß kein Orvieto. Ein schönes Kloster, San Cosimato! Liebe, herrliche Väter – eine schöne Kirche – wunderthätiges Madonnenbild.« – Die Dame schüttelte verneinend und gab dem Führer das Zeichen, weiter zu ziehen. »Der Böse mag's wissen,« brummte Comino vor sich hin, »was das Weib in unsern Bergen zu suchen hat! – Signora,« fuhr er laut fort, »werfen Sie einen Blick auf die malerischen mit immergrünen Eichen bewachsenen Felsen, auf den malerischen Fall des Baches, vor allem auf die wunderschönen Aloen, die dort in der Schlucht wachsen.« Die Fremde lüftete einen Augenblick den Schleier, überflog die romantische Gegend mit kaltem Blick und ließ den Vorhang wieder fallen. Cominos Neugierde war gestillt, er murmelte etwas von einer vecchia puttana zwischen den Zähnen, und wollte eben wieder voraussprengen, da befragte ihn die Dame, ob er den Räuberhauptmann Gianettino l'Inglese kenne. »Ob ich ihn kenne, Madonna?« war die Antwort. »Wie meinen Bruder. Seht nur, mein Schwager Gianbattista hat eine Kousine, die Cattarina, deren Onkel Bartolo, oder Bartolone, wie wir ihn zum Unterschied von dem schiefen Bartolino nennen, den Tommaso Spina-Vivaldi, einen Brillanten bei Gianettos Bande, zum Gevatter hat. Nun seht Ihr doch, daß ich ihn kennen muß.« »Wohlan denn, so wirst Du auch wissen, wo er sich gewöhnlich aufhält, und mich zu ihm führen können.« Comino riß die Augen tellergroß auf: »Euch zu ihm führen? Andere Leute danken ihrem Schutzheiligen, wenn er den Gianettino nur recht weit von ihnen fortführt – und Ihr wolltet« – »Wie ich sagte. Ich muß ihn sprechen. Doch Du giebst vor, ihn zu kennen. Wie steht er aus? Beschreibe mir ihn genau.« Der Junge schwur bei den wunderthätigen Gebeinen seines Patrons von Compostella, wie er mehr als fünfzigmal dem Kapitän einen, mit Artischocken beladenen Esel von seiten des Filippo Ricci, des reichen Negoziangte ti campagna habe zuführen müssen, und begann auch sofort eine Schilderung zu entwerfen, welche jedoch das Gepräge des Abenteuerlichen und Unglaublichen allzusehr trug, als daß das Geschwätz die Aufmerksamkeit der Fremden lange hätte fesseln können. »Eine alte Liebschaft, eine verzweifelt alte« – lachte Comino für sich. »Nein, da haben wir sie doch in den Bergen besser. Was sich die alte Katze nur einbildet. – Hört einmal, Signora, da Ihr Euch so viel aus dem Räuberprinzen zu machen scheint, so werdet Ihr auch schon wissen, daß er verheiratet ist,« »Vermählt,« rief die Dame hastig, »und mit wem?« »Ei mit der schlanken Peppina, Tochter des selig am Galgen verstorbenen Pippo Ceccarelli, ehemals famosen Briganten-Häuptlings. Eine liebe, prächtige Frau – aber eifersüchtig wie der Böse. Hütet Euch vor der. Hat auch schon ein Paar Kinder – zwei Buben, schön wie die Engel.« – Die Reisende brach in Thränen aus und schluchzte laut. »Nun, da haben wir Lichtmeß!« rief heimlich der Bube mit höhnischer Grimasse. »Richtig, wie ich's mir dachte. Eine verlassene reiche Alte, die dem Messer Gianettino jetzt die Ohren vollschreien will. Das wird eine göttliche Komödie abgeben – nicht für fünf Paoli möchte ich sie missen.« Der Weg wurde immer steiler und rauher, die Gegend zur Wildnis. Sparsam ließen sich nur noch einzelne Ölbaumpflanzungen an den Hügellehnen entdecken; desto üppiger wucherten die mit Epheu umrankten Eichen, desto dichter drängten die mit Traubenbüscheln belasteten Kastanienbäume ihre Zweige ineinander. Die Sonnenstrahlen prallten glühend von den nackten Felsrändern ab. Es war bereits die dritte Nachmittagsstunde. Die Donna schien alle Lust zu weiteren Fragen verloren zu haben, und flüsterte nur dann und wann dem begleitenden Mohren einige Worte leise zu. Comino lenkte jetzt von der Straße ab, seitwärts in eine Schlucht, hielt dann plötzlich sein Tier an und wandte sich an die Reisende. »Ist es noch immer Euer fester, unumstößlicher Wille, den Hauptmann zu sprechen?« – »Gewiß.« – »Nun, dann sitzt ab. Laßt Euer Tier hier unter Obhut des schwarzen Kameriere. Auf diesem Wege kommt es so nicht fort, der ist nur für Räuber und Ziegen gemacht. Aber hört, Madonna, Euch kann's gleichgiltig sein – gebt mir lieber den Führerlohn gleich hier – ich meine nur, aus Gianettinos Revier spazieren die Börsen selten so schwer heraus als hinein.« Die Dame nahm keinen Anstand, die Bitte des Knaben zu gewähren. Comino drehte die empfangenen Scudi mißtrauisch herum, und machte dann plötzlich einen freudigen Luftsprung: »Ihr müßt eine Engländerin sein, Exzellenza!« rief er. »Wer bezahlte sonst so generös. Ah, Ihr sollt auch wie eine Prinzessin bedient werden, verlaßt Euch darauf. Wartet hier einen kleinen, kleinen Augenblick. Ich springe voraus und melde Euch an.« – Er pfiff gellend auf dem Daumen, und sprang lustig den steilen Abhang hinan. In wenigen Sekunden belebte sich die Einöde. Der Pfiff wurde erwidert; Hunde schlugen laut an. Auf der Höhe rannten wilde, verbrannte Kerle und halbnackte Kinder hin und her, beugten sich über die Felswand und schauten mit starrer Neugier auf die Ankommende. Kurz darauf hüpfte auch Comino den Felspfad hinab, schwenkte schon von weitem den Strohhut, und rief überlaut: »Kommt nur, kommt, Exzellenza, Gianettino ist daheim. Er will Euch sprechen. Fürchtet Euch nicht vor ihm – er scheint mir heute bei Laune.« »Ich mich fürchten, und vor ihm?« seufzte die Engländerin schmerzlich. – Kurz darauf stand sie vor einer niedrigen, von Epheu und wildem Hopfen dicht überwachsenen Hütte, welche als Verlängerung und Wetterdach an eine tiefe Felsgrotte angebaut war. Auf der Schwelle saß ein junger kräftiger Mann im reichen, phantastischen Kostüm der Briganten, um den Hals eine Menge goldener und silberner Ketten, an denen Heiligenbilder und Talismane hingen, in dem Gurt zwei lange Pistolen neben dem breiten Messer, eine rote Schärpe um die Hüften, Pelzsandalen mit Riemen statt der Schuhe. Sein regelmäßiges, feines, wenngleich stark von der Sonne verbranntes Antlitz stach seltsam gegen die wilden, gemeinen Gesichter der umstehenden Gefährten ab. Das blaue Auge ward von düsteren, gerunzelten Brauen beschattet; das lockige Haar war lichtgelb. In den Händen hielt er nachlässig die Zither und den Federkiel, mit welchem er noch kurz zuvor die Saiten gestrichen haben mochte. Ihm zur Seite saß ein üppig schönes Weib in der Gebirgstracht, mit rabenschwarzen, in Zöpfe geflochtenen Haaren, und schaukelte ein in der Schwinge schlummerndes Kind, während sie den Rocken spann. Ein zweiter Knabe wälzte sich nackt zu ihren Füßen. Die Engländerin blieb regungslos vor dem berüchtigten Banditenhäuptling stehen – ihr Busen arbeitete heftig – der Mund rang lange vergebens nach Worten, bis sie endlich in abgerissene englische Laute ausbrach. »Sprecht Italienisch, Signora,« erwiderte Gianettino, »Englisch hab' ich einmal gekonnt, aber längst schon vergessen. Sagt's in meiner Sprache, was Ihr von mir begehrt.« »Englisch hast Du gesprochen« – stammelte die Britin mit erhobenen Händen – »und Du trägst ein rotes Korallenkreuz auf der Brust mit vier Engelsknöpfen und Flügeln« – Der Häuptling fuhr verwirrt auf, riß aus dem Busen das bezeichnete Kreuz und rief sichtlich erschrocken: »Woher wißt Ihr – ist es dies, welches Ihr meint?« »Ewiger Gott!« rief die Dame außer sich, »so ist denn meine entsetzliche Ahnung eingetroffen, und so muß ich Dich wiederfinden. Du kennst mich nicht? Johnnie – Johnnie! Du erkennst Deine unglückliche Mutter nicht?« L'Inglese fuhr mit der Hand über die Stirn, und streckte sie dann abwehrend gegen die leidenschaftlich heranstürzende Frau aus. Lady Penelope lag auf den Knieen vor dem verlorenen Sohne. Sie führte ihm den Räuberanfall in den Apenninen, das Bild seines ermordeten Vaters ins Gedächtnis zurück. Sie beschwor ihn bei allen Heiligen, von seinem ruchlosen Treiben zu lassen – ihr zu folgen – die reichen Besitzungen in Irland zu übernehmen. Und immer verharrte der Räuber in seinem finstern Schweigen. Als nun aber Peppina verstand, wie ihr der Gatte entführt werden solle, warf sie sich mit der vollen Leidenschaftlichkeit einer gereizten Neapolitanerin zwischen den Mann und dessen weinende Mutter: »Und was soll aus mir werden?« schrie sie, »was aus Deinen Kindern? Verlassen willst Du uns – uns verkaufen? Ein Unglück über jenes Weib, welches uns trennen will!« »Ruhig, Peppina,« entgegnete der Gatte. »Wer spricht davon, Italien zu verlassen. Signora, hier steht mein Weib, hier sind meine Kinder – meine herzlichlieben Knaben. – Eure Geldsäcke wiegen die nicht auf. Sie mit mir nehmen – Ihr könnt nicht daran denken – mein Weib stürbe, fern von ihrem Vaterlande – unter jenen kalten, vornehmen Leuten – Sie ist eines Räubers Tochter – eines Räubers Weib. Ich selber – nein, ich ertrüg' es nicht. Ihr habt mich fünfzehn Jahre als tot beweint – glaubt noch ferner, ich sei's – haltet alles für einen bösen Traum. Hier bin ich frei, frei wie der Adler in der Luft – dort – nein, nein. – Und Ihr, meine Mutter, meine wahre Mutter, die mich gesäugt hat.« – Er wandte sich von der trostlos zusammengesunkenen Gestalt und verhüllte sein Gesicht. Plötzlich raffte er sich auf, und stürzte sich, unfähig, den Anblick länger zu ertragen, in das Gebüsch. Peppina hob mit Hilfe der Räuber die ohnmächtige Lady auf. Ihr Gefolge trug sie nach Riofreddo zurück. Nach einem halben Jahre starb sie im Kloster der englischen Fräulein zu Rom am gebrochenen Herzen. Über Gianettinos fernere Schicksale schweigt die Geschichte. Daß er die römischen Gebirge unmittelbar nach dem unseligen Wiederfinden verlassen habe, steht fest – wahrscheinlich wandte er sich südwärts nach den Abruzzen, wo er wohl noch bis auf diese Stunde, vielleicht unter fremdem Namen, hausen mag. Viele Leute, welche stets verlangen, daß seltsame Menschen und Verhältnisse auch stets ein seltsames Ende nehmen müssen, behaupten, daß Gianettino sich späterhin noch eines bessern besann, sich nach Irland begab, und jetzt, als reicher Grundbesitzer und Parlaments-Mitglied, wider die Orangemen mit eben der Kühnheit und Gewandtheit, als ehedem gegen die päpstlichen Karabiniere, fechte. Ich für meinen Teil halt' es für Lüge. Die Gefangenen Wenn Ihr, meine hochverehrten Freunde und Gönner, von Rom nach Civita-Vecchia reiset, so werdet Ihr auf der Hälfte des Weges, der Poststation Monteroue schräg gegenüber, einen weitläuftigen Palast, dessen vorspringende Flügel vom Meere bespült werden, bemerkt haben; er überragt wenigstens bei weitem das Pinienwäldchen, welches in seinem Rücken, also nach der Kampagna zu, liegt, das erste Grün, an welchem sich das Auge nach der meilenlangen, trostlosen Einöde erholen darf. Besser könnt Ihr freilich das Gebäude in Augenschein nehmen, wenn Ihr zu Kahn längs der Küste hinfahrt, und Ihr werdet Euch, trotz des allmählich um sich greifenden Verfalls, ebenso sehr über die verschwendete fürstliche Pracht wundern, als über die sonderbare Idee, ein Schloß mit so vielen bedeutenden Kosten an der Grenze der trübseligsten Gegend auf Gottes Erdboden aufzuführen. Ein Engländer hätte keine wunderlichere Wahl treffen können. Was indessen die sinnlosen Einfälle anbelangt, so dürfen unsere großen Herren sich mit allen andern messen, so weit die Sonne scheint. Das erwähnte Schloß – sein Name ist – ist – kann ich doch jetzt auf den verwünschten Namen nicht gleich kommen. Ihr müßt einem alten Mann schon etwas zu gute halten – das Gedächtnis ist noch ganz leidlich, bis auf die unseligen Namen. Doch der thut im Grunde nichts zur Sache. Diejenigen, welche das Terrain kennen, wissen, welche Villa ich meine – wer dort fremd ist, dem kann an dem Namen auch nicht sonderlich viel liegen. Das besagte Schloß also wurde in den 1720er Jahren von dem alten Principe Cesare di Testa-Capriola bewohnt. Die Exzellenza besaß zwar noch drei schöne, weitläuftige Paläste in Rom, an der Piazza del Monte Citorio, in der Via Bocca di Leone, und auf der Lungara. Alle drei aber hatte er vermietet, den ersten an einen russischen Fürsten, den zweiten einem portugiesischen Juden, welcher mit seinen Dublonensäcken die Gitter des Ghetto sprengen durfte, und dort mit seiner Mätresse hauste, den dritten an eine Gesellschaft junger, lediger Engländer, welche dort eine Heidenwirtschaft führten, und deren Schornstein in der Fastenzeit, der verlockenden Bratengerüche halber, allen guten Christen ein Ärgernis gab. Dem Principe war die gottlose Entweihung seiner Schlösser keineswegs unbekannt – rührte ihn aber weiter nicht. Hätte der Antichrist seine Villa am Meeresstrand zu mieten verlangt, er wäre schnurstracks ausgezogen, und hätte auf den Kirchenschwellen kampiert. Ihm war es um das leidige Geld zu thun – denn was den Geiz anbelangte, so suchte die Exzellenza ihresgleichen. Den Rosenkranz abbeten, die Messe in der Schloßkapelle hören, seine Zecchinen blank putzen und nach Jahrgängen sortieren, und wieder den Rosenkranz beten, dies war der regelmäßige Kreislauf, in welchem sich die Beschäftigungen des Prinzen drehten – er genügte seinen bescheidenen Ansprüchen an das Leben. Rosabella, seine einzige sechzehnjährige Tochter, schien dagegen in diesem Punkt himmelweit verschiedene Ansichten zu hegen. Ihr war der Aufenthalt auf dem verwünschten Schlosse unerträglich. Ebenso gern wollte sie, wie sie sagte, in den Katakomben von San Sebastiano wohnen. Bis zum Tode der Principessa hatte die Familie in Rom gewohnt. Die Hochselige, ein vollendetes Gegenstück zu ihrem Gemahl, liebte es, ein glänzendes Haus zu machen. Da gab es Konversazioni, Bälle, Korsofahrten, Villeggiaturen, Theater, da wurde der Karneval mit aller rauschenden Lust gefeiert. Die Dame führte nämlich das Regiment im Hause, und der Illustrissimo war ein Papataci im vollsten Sinne des Wortes. Das war nun Alles seit einem Jahre vorbei. Das arme Prinzeßchen hatte keine anderen Konversazioni, als die krächzenden der Dohlen, welche zu tausenden das Schloß umschwirrten, kein anderes Schauspiel, als das unabsehbar weite Meer mit seinen Möven und Fischernachen, keine anderen Spazierfahrten, als die einsamen Spaziergänge nach dem nahgelegenen Pinienwäldchen oder den benachbarten Höhen, welche sich längs der Küste hinzogen. Das arme Kind langweilte sich zum Sterben. Der Vater hatte jedoch für alle ihre Klagen kein Ohr. Er konnte nicht ermüden, die frische gesunde Seeluft zu preisen, sie hoch über die aria cativa der Dominante zu setzen, und seiner Tochter die Versicherung zu geben, daß er sich, seitdem er das wüste Treiben mit der ruhigen Villa vertauscht habe, ordentlich verjüngt fühle. Darauf ließ sich freilich nichts erwidern. Ein schöner Apriltag lockte Rosabella ins Freie. Der Himmel war unbewölkt und der kühlende Seewind linderte die Nachmittagsschwüle. Myrtenhecken und Granatenstauden standen in voller Blüte. Die Prinzessin durchschritt das Gitterthor und eilte durch das verworrene, am Bergabhang wuchernde Gestrüpp einem auf der Anhöhe zerfallenden Wartturme zu, welcher dort noch aus der Normannenzeit her stehen mochte. Von dort aus hatte man eine unermeßliche Aussicht über das Meer und die Kampagna. Dort hatte Rosabella schon manche Stunde verträumt, Blumen zerpflückend, von der Vergangenheit träumend; Luftschlösser aufführend: es waren die glücklichsten in ihrem freudeleeren Dasein gewesen. Sie hatte den Gipfel erklommen, und blickte wehmütig über die stille, azurne Fläche. Am Horizont lag ein Schiff regungslos vor Anker. Es war ein Feiertag und die spärlichen Felder von Arbeitern leer – da fühlte sie sich von zwei nervigen Armen rückwärts umklammert und aufgehoben – ihren Schrei erstickte ein breites Tuch, welches sich um Mund und Augen schlang. Sie ruhte auf den Schultern zweier Männer, welche im hastigen Lauf den Hügel hinabrannten. Das Gesträuch streifte ihre Gewänder. Gleich darauf lag sie in einem schaukelnden Kahn, die Ruder griffen klatschend in die Wogen, die Barke flog pfeilschnell dahin. Nach einer Viertelstunde ward die Binde gelöst – Rosabella richtete sich auf, und sah sich von einem Dutzend halbnackter, gelbbrauner, schmutziger Kerle umgeben – sie erkannte sie als maurische Piraten. Das Land lag schon eine halbe Miglie entfernt. Ihre Stimme hätte es kaum erreicht – jeder Hilferuf wäre überdies vergeblich gewesen. Sie sank verzweifelnd auf eine der Querbänke und weinte still vor sich hin. Ein kleiner, magerer Mann, mit hervorstehenden Backenknochen, geschlitzten Augen und nackten, krummen Beinen, welcher sich von seinen Gefährten durch einen grünen Turban und größere Häßlichkeit auszeichnete, faltete die Hände kreuzweis über die Brust, machte der Principessa eine tiefe Verbeugung und schwur ihr in der Lingua franca zu, daß sie sich glücklich schätzen dürfe, in die Hände des berühmten Sidi Mehmed Ben-Hamet, des ersten Piraten im ganzen mittelländischen Meere, gefallen zu sein – ein Trost, welcher die Thränenströme der armen Gefangenen keinesweges zu stillen vermochte. Der galante Seeräuber machte ihr hierauf die zierlichsten Komplimente über ihre Schönheit, verglich ihr Haar mit Rabenfedern, ihr Auge mit dem der Gazelle, ihren schlanken Wuchs mit dem der Palme. Auch die Schmeicheleien wollten nicht verfangen. Noch vor einer halben Stunde hatte Rosabella einen Rettungsengel herbeigefleht, der sie aus dem Majoratssitz der Langenweile erlöse – solch einen gelbbraunen, krummbeinigen hatte sie freilich nicht gemeint. Die Barke legte an Bord der Tartane, welche Sidi Mehmed befehligte, an. Der Pirat, welcher überhaupt keine geringe Meinung von seiner Liebenswürdigkeit hegen mochte, war fest überzeugt, daß die reizende Gefangene von dem Augenblick au, wo sie sein Schiff betreten haben wurde, in sich gehen und ihr Geschick segnen müsse, daß ein so bedeutender Mann sie zu kapern geruht habe. Ohne weitere Vorreden erklärte er ihr daher seine glühende Leidenschaft – Piraten pflegen in Liebesangelegenheiten wenig Umstände zu machen –- und eröffnete ihr, wie er nicht abgeneigt sei, sie zum Range seiner ersten Gemahlin zu erheben. Anstatt aber sie, vom Gefühl der Dankbarkeit überwältigt, auf die Kniee stürzen zu sehen, wie Sidi sicher gerechnet hatte, vernahm er sehr verwundert, wie ihn Rosabella einen schamlosen birbaccione nannte, der sich ihr aus den Augen packen solle, widrigenfalls sie ihm die eigenen auskratzen werde. »Ick bin das einzige Kind des reichen Principe Testa-Capriola,« fügte sie mit gerümpftem Näschen hinzu. »Hört Ihr's. das einzige. Unverzüglich sendet, ich befehl's Euch, einen Boten zu meines Vaters Exzellenz, und bestimmt mein Lösegeld. Er zahlt Euch, was Ihr verlangt. Fordert zwanzigtausend Zecchinen – er giebt sie Euch mit Freuden,« – Prinzeßchen schien demnach von ihrer Liebenswürdigkeit einen viel geringeren Begriff als Sidi Mehned von der seinigen zu haben. Ven-Hamet kratzte sich den Kopf und begann reiflich in Erwägung zu ziehen, was ihm wohl ersprießlicher sei, eine augenauskratzende Schöne oder zwanzigtausend Zecchinen. Zwar wußte er aus langjähriger Erfahrung, daß das Augenauskratzen nur Redensart sei, ein Extrem, zu welchem, den Annalen seiner Vaterstadt Tunis zufolge, es noch kein Mädchen habe kommen lassen. Zwanzigtausend Goldstücke, vermeinte er, findet man auch in keiner Austernschale. Wir wollen zusehen, was der Alte zu dem Vorschlage meint. Die Dame zu behalten, dazu bleibt uns noch immer Zeit genug. Nachdem er dergestalt mit sich aufs reine gekommen war, bat er die Prinzessin, der besseren Beglaubigung halber, um ein paar Zeilen an ihren durchlauchtigen Papa. Rosabella hätte auch gewiß nicht Anstand genommen, den verlangten Wechsel auf ihre Person auszustellen – leider war sie nur im Schreiben niemals unter- richtet worden, aus Furcht, sie könne die erlangte Kunstfertigkeit zu verliebter Briefstellerei mißbrauchen. Der Gesandte mußte demnach ohne Kreditiv absegeln. Bei Anhörung der Trauerpost erstarrte der Principe. Den ersten Gebrauch, welchen er von der allmählich wiedererlangten Fähigkeit, seine Glieder zu bewegen, machte, war, sich nachdrücklich in die Nase zu kneipen, in der Hoffnung, aus dem boshaften Traume, der ihn narre, zu erwachen. Die tief auf das hochfürstliche Riechorgan eingeprägten Spuren der Nägel vermochten jedoch keineswegs den barbaresken Unhold zu bannen. »Zwanzigtausend Zecchinen!« schrie die händeringende Exzellenz: »das ist ja mehr als meine höchstselige Gemahlin in zwei Karnevali durchgebracht hat. Zwanzigtausend Zecchinen – nicht zwanzigtausend Bajocchi gebe ich, nicht zweitausend – nicht zweihundert. Umsonst soll mir Dein sauberer Patron die mißratene Dirne herausgeben, sonst verklage ich ihn beim Gerichtshof der Rota, Hetze ihm sämtliche Sbirren des heiligen römischen Stuhls auf den Hals.« Vergebens. Der Spitzbube verzog keine Miene und blieb, wie ein Papagei, bei seinen eingelernten zwanzigtausend Zecchinen. Wir wollen nicht den ersten Stein wider den armen Papa aufheben, denn die Wahrheit zu gestehen, heißt das die Thorheit des Töchterleins, welche den Mund ohne Not zu voll nahm, doch etwas teuer bezahlen. Nachdem Drohungen und Bitten vergeblich verschwendet worden waren, legte die Exzellenz sich aufs Handeln und bot successive bis auf zehntausend Scudi. Der Tuneser wollte anfangs nicht recht dran, entschloß sich aber doch, seinen Kapitän von dem Gebote in Kenntnis zu setzen. Angelangt, schnaubte ihn dieser wütig an, und ließ den Illustrissimo fragen: ob er ihn für einen Juden halte? Neue Botschaft, neuer Jammer. Den ganzen Tag hindurch ging der Postkurs von der Tartane nach der Villa und wieder zurück, regelmäßiger als die Gondeln über den Kanal der Giudecca. Endlich hatten Vater und Räuber sich schon bis auf das Goldagio geeinigt – da ließ sich am Horizont zum Unglück für die arme Prinzessin eine Korvette blicken, welche Sidi Mehmed von übler Bedeutung schien. Um daher nicht Gold, Schöne und Leben auf einmal zu verlieren, lichtete er hurtig die Anker, setzte alle Segel bei – und fort war er. Die Verzweiflung des Papa Testa - Capriola wäre grenzenlos gewesen, wenn ihm nicht die zwanzigtausend geretteten Goldaugen einigen Trost zugeblinzelt hätten. Prinzeß Rosabella flog unterdes mit dem günstigsten Winde nach Tunis. Bei Sidi Mehmet erwachte, seitdem die solidere Spekulation fehlgeschlagen, die Liebe wieder mit voller Gewalt, ohne daß grade seine Erfolge mit dem verwandten Eifer gleichen Schritt gehalten hatten. Er war auch wirklich gar zu häßlich. Unerwartet erhielt die Gepeinigte eine negative Bundesgenossin, die sie wenigstens vorläufig vor der Indringlichkeit des Piraten schützte – es war dies die Seekrankheit, welche den Gegenstand der Sehnsucht zu einem des Erbarmens machte. Aber auch diese quälende Alliierte ward der Verlassenen untreu, als die Tartane am siebenten Tage bei Galata vor Anker ging. Der Kapitän besaß dort ein leidlich wohnliches Haus. Rosabella ward ohne Verzug in den Harem geführt und begegnete den giftigen Blicken dreier bisher beglückter Nebenbuhlerinnen, und dem griesgrämigen ihres Wächters, eines schwarzen Eunuchen, der mit seinem Gebieter um den Preis der Häßlichkeit konkurrieren durfte. Sidi Mehmed erneuerte innerhalb seiner vier Pfähle seine Liebesbewerbungen mit einer wahren rabbia , konnte es aber auch durch die gewandtesten Schiffsmanöver nicht dahin bringen, die kapriziöse Brigg zu entern. Sie machte ihn mit ihren Launen halb toll. Er erklärte es für den ärgsten Mißgriff in seinem Leben, die Hände nach dem eigensinnigen Mädchen ausgestreckt zu haben, und schalt sich einen Tölpel, daß er sie dem Vater nicht gleich beim ersten Gebote zuschlug. Halb und halb war er schon entschlossen, die widerhaarige Prinzessin auf den Sklavenmarkt zu schicken und um jeden Preis zu verkaufen; anders jedoch stand es im Buche des Schicksals geschrieben. Die bisherigen Erfahrungen hatten Sidi belehrt, daß Geschenken eine ausnehmende Überredungskraft inne wohne, eine um so wirksamere, je kostbarer sie wären. So hatte er denn auch in der ersten Periode seinen Huldigungen Ohrringe, Kachemirs, Goldstoffe und Perlen-Kolliers als Wortführer seiner Leidenschaft an die eisige Schöne abgesandt. Eine Jüdin, Namens Lea, welche einen ausgebreiteten Handel mit Frauenschmuck trieb, aus diesem Grunde in allen Harems Zutritt hatte, bei Gelegenheiten Heiraten zu stiften suchte und überhaupt durch eminentes Talent zum Einfädeln einer Herzensintrigue berühmt war, hatte jene Kostbarkeiten geliefert und beim Überbringen ihre Zungenfertigkeit im Preisen des Gebers auf das Eklatanteste bewahrt. Mit wie ungünstigem Erfolge, ist uns bereits bekannt. Ein Frost aber, welchen weder die Sonnenstrahlen der Diamanten, noch der Mondglanz der Perlen zu schmelzen vermochte, war ihr in langjähriger Praxis noch nicht vorgekommen. Sie teilte das Phänomen ihrem Vetter, dem Opium-Lieferanten des Dey von Tunis unter dem Siegel der Verschwiegenheit mit, der Vetter einem Ischoglan oder Pagen, dieser einem schwarzen Verschnittenen, der Eunuch dem Leibpfeifenstopfer, der letztere dem Dey. Dieser Bericht erweckte im zweiundsiebzigjährigen Herzen Sr. Hoheit eine unbezwingliche Neugier, das besprochene Meerwunder kennen zu lernen. Er sandte deshalb an einem schönen Morgen vier schwarze Sklaven mit einer haltbaren, grünseidenen Schnur an Sidi Mehmed Ben-Hamet. Letzterer machte beim Anblick des verhängnisvollen Präsents eine tiefe Verbeugung, setzte sich auf dem Polster mit gekreuzten Beinen zurecht, lobte Gott und dessen Propheten, und legte sich eigenhändig die Schlinge um den Hals. Mit bewunderungswürdiger Schnelligkeit und Akkuratesse drehten die Neger zu, und gewährten ohne weitern Gewaltstreich, bloß durch ihre geschickte Manipulation, der Hoheit das Vergnügen, Prinzessin Rosa ihrem Harem einverleiben zu können. Ich muß nämlich befürworten, daß der Dey während der Sommermonate mit seinem vollständigen weiblichen, männlichen und halbmännlichen Hofstaat in Galata residierte, und daß nach einem alten, löblichen Herkommen die beweglichen und unbeweglichen Güter der Hingerichteten dem Fiskus anheimfallen. Fiskus heißt aber auf Tunesisch der Dey. So sah sich denn unsere Heldin nach Verlauf von zwei Wochen aus den Klauen des Piraten befreit und in einen standesmäßigen Harem versetzt. Statt einer Sklavin hatte sie fortan deren zwölf zur Bedienung, statt eines Eunuchen ein volles Dutzend zu Wächtern, statt drei Rivalinnen zweiundsiebzig. Die wollenen Tapeten ihres Gemachs hatten sich in goldgewirkte umgewandelt. Von der Decke hing ein Schock Straußeneier. Mit Scherbet und Konfitüren durfte sie sich den Magen nach Herzenslust verderben. War das arme Kind deshalb aber besser dran? Der Dey von Tunis, Muley Achmet, war, wie bereits erwähnt, ein Zweiundsiebziger, welchem eine dreifache Pilgerfahrt nach dem heiligen Kaaba den Ehrentitel el Hadschi errungen hatte. In seiner Jugend war er Wasserträger gewesen. Eine eminente Fertigkeit im Kopfabschlagen hatte die Augen des vorigen Dey auf ihn gelenkt. Späterhin, nachdem Muley Achmet zum Vezier befördert worden, hatte der Beschützer Gelegenheit, sich von der ausgebildeten Technik seines Zöglings zu überzeugen, indem letzterer ihn mit höchsteigener Hand köpfte, und sich hierauf ohne Widerrede zum Herrscher proklamierte. Seitdem regierte er mit Gewandtheit und Energie. Rosabella fand Gnade vor den Augen des Muley Achmet el Hadschi. Nach den ersten vierundzwanzig Stunden ihrer Installierung empfing sie das Patent als Favorite, und der Dey versäumte keinen Tag, die Zeit zwischen dem dritten und vierten Gebet bei ihr zuzubringen. Daß er ihr den Hof auf eine andere Manier als jener ungeschliffene Pirat machen würde, ließ sich von seinem gesetzten Alter erwarten. Mehr jedoch als dieses, legte seine übermächtige Korpulenz den leiblichen wie geistigen Anstrengungen Hemmzügel an. So begnügte er sich denn damit, sich vis-à-vis der Schönen auf den Divan nieder zu lassen, sie mit seinen kleinen, im fetten, gedunsenen Gesicht fast verquollenen Augen anzublinzeln, von Zeit zu Zeil seinen weißen, bis auf den Magen hinabreichenden Bart zu streicheln, und ihr Tabakswolken aus einer sieben Schuh langen Pfeife ins Gesicht zu blasen. Wenn er in das Gemach der Principessa trat, versäumte er niemals sein: Allah akbar! d. h. Gott ist groß, mit andächtiger Miene zu stöhnen; dasselbe, wenn er sich empfahl – darauf beschränkte sich die ganze Konversation. Gähnte Rosabella ihm unverhohlen ins Gesicht, so meinte er, es geschehe aus Koketterie, um ihre Perlenzähnchen zu zeigen. Schlief sie ein, so schwelgte er in dem süßen Wahne, sie schwimme in ekstatischer Verzückung für ihn. Jammerschade, daß der Dey seine Bestimmung verfehlt hatte – zu einem italienischen Ehemann war er wie geboren. Freilich hätte Rosabella dann ihre Zeit besser benutzen können. An dem äußersten Ende des zum Harem gehörigen Gartens lag ein von Palmen und Platanen beschatteter Kiosk. Er hatte die Aussicht auf den Hafen von Galata, seine Fenster waren aber durch hölzernes Schnitzwell dicht vergittert, so daß die Frauen ins Freie sehen konnten, ohne gesehen zu werden. Dieser reizende Versteck war Rosabellas Lieblingssitz während der Freistunden, in denen ihr zweiundsiebzigjähriger Anbeter sie nicht einräucherte. Das Gewimmel des Hafens, das Durcheinanderwogen der seltsamen, bunten Gestalten, des schwarzen Negers und des schlanken Arabers, des stattlichen Türken, wie des fränkischen Handlungsherrn, das Landen und Abstoßen der Barken, das Ein- und Ausladen der Ballen ließ sie auf Augenblicke wenigstens ihren Gram vergessen. Ein größeres Kauffahrteischiff war seit kurzem vor Anker gegangen. Es hatte für Rechnung Selims, eines der reichsten Handelsleute von Gallata, geladen. Jetzt wurde der Raum geleert und die Kisten und Fässer in den unfern gelegenen Speicher gebracht. Einige zwanzig Sklaven, schwarze wie weiße, dienten dabei als Zugvieh, als ihr Treiber, ein boshafter Maure, ein unermüdlicher Kameriere, welcher es nicht satt bekommen konnte, von Sonnenaufgang bis in die sinkende Nacht den Staub aus den Jacken seiner Untergebenen mittelst eines armdicken Bambusrohres zu klopfen. Wer sein Purgatorium auf Erden abzubüßen Lust hat, beliebe sich gefälligst von den Barbaresken gefangen nehmen zu lassen. Er erspart seinen Angehörigen vieles Geld für Seelenmessen, und hat die unzweifelhaftesten Ansprüche auf schnelle Beförderung ist den Himmel. Unter den Gefangenen, welche täglich vorübergetrieben wurden, war Rosabella ein junger, schlanker Schwarzkopf mit vornehmfeinen Zügen aufgefallen. Trotzig ertrug er sein Elend, und weder die übermenschlichen Anstrengungen, noch die grausamsten Mißhandlungen seines Peinigers vermochten ihm ein Wort, einen Seufzer zu erpressen. Rosabella fühlte das innigste Mitleid mit dem schönen, bleichen Jüngling; jeder Schlag, welcher auf seinen Rücken krachte, war ihr ein Stich durchs Herz. Sie vergaß ihr eigen Unglück über das größere des Fremdlings. Als die Sklaven eines Tages von dem Waarenmagazin leer zurückkehrten, vernahm Rosa, wie einer der Leidensgefährten dem jungen Manne einige italienische Worte zurief, und dieser mit einem kurzen, raschen » No « antwortete. Er verstand demnach ihre Sprache, mußte ihr Landsmann sein, und wurde ihrem Herzen nur noch teurer. Denkt Euch ein junges, sechzehnjähriges, lebendiges Mädchen, eine Italienerin, ihrem Vaterlande entrissen, eingesperrt, auf jedem Schritt und Tritt von schwarzen Ungeheuern bewacht, von keinem Menschen verstanden, keinen verstehend, täglich in Verzweiflung gebracht durch den Anblick des widerwärtigsten aller Amanten – und Ihr werdet mir einräumen, daß es wirklich hätte wunderbar zugehen müssen, wenn sie sich nicht in den ersten acht Tagen zum Sterben in den jungen Mann verliebt hätte, gesetzt auch, er wäre nicht einmal halb so hübsch gewesen, als er in der That war. Ebenso werdet Ihr mir zugestehen, daß der bloße Anblick eines mit gewichtigen Prügeln täglich überschütteten Geliebten einer Liebenden schwerlich auf die Länge genügen könne, und daß ihr ganzes Denken und Sinnen sich darauf richten müsse, auf welche Weise der junge Mann von seiner gemachten Eroberung in Kenntnis zu setzen, wie ein näheres Verhältnis herbeizuführen sei. Eine verteufelt kitzlige Aufgabe. In Tunis gehen die jungen Damen nicht in die Messe, dort wird kein Weihwasser gereicht, dort ist von keinem Karneval die Rede, dort giebt es keine mitleidigen Blumenstraußverkäuferinnen, keine dienstfertigen verschmitzten Gondoliere, nicht eine von allen den Brücken, welche sich hierzulande zwischen zwei getrennte Herzen aufschlagen lassen, oder wenigstens, in meiner Jugendzeit, aufschlagen ließen. Wie es jetzt hergeht, weiß ich nicht mehr zu sagen. Ich bin ein alter Mann und habe jenen süßen Schnurrpfeifereien schon seit einem halben Jahrhundert valet gesagt. – Ja, was ich sagen wollte, in Tunis, da ist es anders. Da sitzen die Frauen hübsch ruhig und abgeschieden in ihrem Gemach, und unbefugte Kourmacher werden ohne weitere Komplimente gespießt. Das ist dort so in der Ordnung. Unsere kleine Principessa konnte sich nun zwar nicht verhehlen, daß ihre Leidenschaft so ziemlich an Wahnsinn grenze, – sie deshalb aber zu unterdrücken, fiel ihr nicht einmal im Traume ein. Unmöglichkeit ist ein Wort, welches im Lexikon eines sechzehnjährigen, verliebten Mädchens total fehlt. Eine vollkommene Woche verbrachte Rosabella mit dem Schmieden der abenteuerlichsten Pläne – bloß um den achten Tag sämtliche als unausführbar wieder zu verwerfen. In ihrer Seelenangst warf sie sich auf die Kniee, betete zu ihrer Schutzpatronin und gelobte ihr, wenn diese ihr zu einem halbwege praktischen Einfall, durch den sie die Freiheit erlangen könne, verhelfen wolle, ein Paar Wachskerzen, welche dem Dey an Dicke um keinen Daumenbreit nachgeben sollten. Da durchzuckte sie ein Gedanke, wie ein Blitz – die Heilige hatte ihr Flehen vernommen, erhört. Rosabella hatte bei ihrer Entführung ihr Gebetbuch gerettet. Zu jener Zeit herrschte nämlich die löbliche Sitte, daß jedes junge Mädchen von früh bis spät die Litanei mit sich in der Tasche führte, um den Bösen unverzüglich in den Augenblicken der Versuchung mit jener geweihten Waffe bekämpfen zu können. Diesmal sollte das Gebetbuch ihrer Liebe als Dolmetscher dienen. Zuvörderst bat sie die beteiligten Heiligen, der notgedrungenen Profanation halber, inständigst um Verzeihung, riß dann die letzten Blätter ab, schnitt die einzelnen Buchstaben aus, setzte sich mittelst dieses Alphabets die Worte zusammen, welche sie dem jungen Manne wissen lassen wollte, und klebte sie mit Gummi auf ein Platanenblatt. Wir haben schon berichtet, daß Rosabella durch ihre Erziehung keinesweges berufen war, um als Schriftstellerin zu glänzen. Es war daher eine mühselige Arbeit. Am meisten grämte sich jedoch die Setzerin, daß der mangelnde Raum ihr eine lakonische Kürze vorschrieb. Folgende Worte pappte sie auf: »Ich heiße Rosabella di Testa-Capriola, bin sechzehn Jahre alt, Gefangene im Harem des Dey, und frage, ob Ihr Euch und mich retten wollt. Für Geld kann ich sorgen. Kreuzt Ihr im Vorübergehen die Arme über die Brust, so nehme ich es für ein Zeichen der Einwilligung.« Für ihr Leben gern hätte die Prinzessin, um den Eifer des Befreiers zu spornen, noch einen kleinen Steckbrief von sich angefertigt, und unter anderm bemerkt: wie ihre schwarzen Haare allgemeine Bewunderung erregt, daß ihre Zähne blendend, ihr Mund proportioniert, die Taille zum Umspannen wäre – auf ein Platanenblatt ließ sich jedoch nicht viel schreiben, und dann bedachte sie noch, daß die Erwähnung der sechzehn Jahre wohl hinreichende magnetische Kraft besitzen werde, um so mehr, da es sich nicht erwarten ließ, daß der Dey sich die Mühe gegeben haben sollte, eine Häßliche einzusperren – die gehen überall frei aus. Nun lauerte die Kleine mit hochschlagendem Herzen auf einen günstigen Augenblick, in welchem sowohl sie, als auch der Gemeinte weniger beobachtet werden würden – glücklicherweise fand er sich schon den nächsten Tag. Der Fremde kehrte sinnend, das dunkle Auge auf die Erde geheftet, von dem Speicher zurück. Rosabella rollte das Blatt zusammen, schob es durch eins der kleinen Luftlöcher und beschwor alle Zephyre, es richtig an die Behörde abzuliefern – sie waren so galant. Der Brief flatterte dicht vor die Füße des Italieners. Dieser hob ihn rasch auf, warf einen scheuen Blick um sich und steckte das Blatt hastig in den Busen. Gegen Abend war es ihm gelungen, die etwas anomale Orthographie der Prinzessin enträtselt zu haben. Ohne das Auge aufzuschlagen, faltete er im Vorübergehen die Arme zum Kreuz. Eine leichte Röte überflog sein schönes Antlitz. Rosabella fühlte sich im siebenten Himmel. Am folgenden Tage wagte die Liebende den Versuch, ihrem neuen Freunde die ersten Subsidien zu dem bevorstehenden Befreiungskriege in die Hand zu spielen. Jede Odaliske empfängt nämlich ein monatliches Nadelgeld. Die Mehrzahl der Frauen legt es zurück, und erstattet es ihrem Herrn und Gebieter, um sich bei ihm einzuschmeicheln. Rosabella fühlte zu dieser captatio benevolenciae , wie die Lateiner sagen würden, wenig Beruf, und zog es vor, ihr Geld im eigentlichsten Wortsinn aus dem Fenster zu werfen. Sie bröckelte von dem Holzgitter so viel los, um ihr Händchen durchzwingen zu können, wickelte zehn Zecchinen in ein Tuch, und schleuderte das Päckchen dem Erkornen zu. Die Geldsendung lief weniger glücklich als die briefliche ab. Sie fiel dem Sklaven-Aufseher dicht vor der Nase hin. Dieser langte hurtig darnach, verdrehte seinen langen, braunen flechsenreichen Hals wie ein Kranich, schüttelte verdutzt den Kopf, mutmaßte, da er den unbekannten Wohlthäter nirgends entdecken konnte, daß dies Präsent ihm unmittelbar aus den Wolken zur Belohnung seiner Frömmigkeit zugefallen sei, lobte Gott und den Propheten, und prügelte kannibalischer als jemals auf seine Sklaven los. Rosabella war untröstlich. Es dürfte wohl kaum einen unter Euch, meine verehrten Zuhörer, geben, welcher nicht jene reizende Episode im Don Quixote, ich meine die Erzählung des Gefangenen, der die schöne Zoraide, Tochter des reichen Mauren Agimorata, entführte, auswendig wisse und nicht mit sich und mir darüber einverstanden wäre, daß alle die tausend und aber tausend Nachahmungen jener ersten aller Novellen, mit ihr verglichen einen ziemlich faden Beigeschmack hatten. Auch gleichen sie sich alle, wie ein Centesimo dem andern. Eine verliebte Gefangene, ein schöner junger Dito, ein hilfreicher Renegat, ein geprellter Dey oder Bey – das ist immer und ewig das alte Lied, und wenn Euch diese Erzählung nicht so recht munden will, so bin ich der letzte, der es Euch verdenkt. Ich bitte nur inständigst, mir auf mein ehrliches Gesicht hin zu glauben, daß es mir nicht in den Sinn kam, mit Cervantes konkurrieren zu wollen, daß gleiche Motive notwendig auch ähnliche Bilder geben müssen, und daß Ihr mir nur noch einen Augenblick Gehör schenket und mit dem Rücken Eurer Rohrsessel anstehet, bis ich die Geschichte beendet habe. Sie ist ohnehin gleich aus. Ich war bei der trostlosen Rosabella stehen geblieben. Sie begriff nur allzuwohl, daß sie ihre Zwecke niemals erreichen könne, so lange sie isoliert dastände. Ein Mittelsperson mußte gefunden werden. Ihr Wahl fiel auf die Jüdin Lea, auf dieselbe, durch deren mittelbare Empfehlung sie dem Harem des Deys eingebürgert wurde; – eine bessere aber konnte die Principessa nicht treffen. Abgerechnet das jederzeit rege Mitgefühl mit den Schmerzen unglücklicher Liebe, so war Lea auch ganz die Frau, um die drei Erzväter für einen Para zu verschachern. Eine schönere Gelegenheit zu einem Geschäftchen bot sich aber nicht so leicht dar. Nach wenigen Tagen hatte Lea bereits ermittelt, daß der Italiener ein Venetianer Nobile sei, Gaetano Pesaro heiße, und als jüngerer Sohn in den Malteser-Orden habe treten müssen. Auf seiner ersten Karavane stürzte er beim verunglückten Entern eines Barbaresken-Piraten ins Meer, ward von den Mauren aufgefischt und nach Tunis geschleppt. Seine Ranzion war auf sechstausend Zechinen angesetzt. Der Orden aber löste keinen seiner Ritter aus, und der ältere Pesaro ließ wenig Lust spüren, seine Schatulle zu Gunsten des Johanniters leichter zu machen. Es war schon das dritte Jahr, seit Gaetano im Bagno schmachtete. Mit unermüdlichem Eifer wurde nunmehr die Versilberung aller Pretiosen und beweglichen Effekten von seiten der Frauen begonnen, um das Lösegeld für den Venetianer und seinen Freund Rainiero Sperone zu erlangen. Zwei mußten nämlich losgekauft werden, wenn die Entführung glücken sollte, und Gaetano hatte den Genannten als das passendste Werkzeug bezeichnet. Die Geschenke Sidi Mehmeds, wie die des Muley Achmet wanderten durch Leas Hand. Armbänder, Perlen, Ohrgehänge – kurz, was Gold war und Goldeswert hatte, mußte über die Klinge springen. In acht Wochen war die erforderliche Summe beisammen, trotzdem, daß die ehrliche Jüdin die Hälfte wenigstens für ihre Mühewaltung zurückbehalten hatte. Die Gefangenen wurden ranzioniert. Ein Boot, welches sie nach einem auf der Reede liegenden französischen Kutter bringen sollte, lag im Hafen bereit. Die nächste Nacht war zur Befreiung der Prinzessin anberaumt. Sie sollte sich eine halbe Stunde nach dem Abendgebet nach dem Pavillon verfügen. Für Leitern, Brecheisen, Waffen, für den ganzen Entführungsapparat war gesorgt – es fehlte an nichts. Meine Damen und Herren! Wie ich in alten Büchern gelesen, war es in Rom zur Heidenzeit Gebrauch, daß in den Kampfspielen, wo auf Tod und Leben gefochten wurde, der Sieger, ehe er dem Überwundenen das Schwert in die Brust stieß, zu den Zuschauern aufblickte und ihre Einwilligung vorher einholte. Hielt die Mehrzahl den Daumen der rechten Hand aufwärts gekehrt, so war dies ein Zeichen, daß sie den Gegner begnadigt wünschte, drückte sie ihn niederwärts, so hieß es: Stoß zu! Ich befinde mich in gleicher Lage mit den römischen Gladiatoren. In Eurer Macht liegt es, Don Gaetano den Pavillon glücklich ersteigen, und ihn mit seiner Inamorata glücklich entkommen zu lassen, oder irgend einen verräterischen Eunuchen aufzurütteln. Entscheiden Sie gütigst. Sie schweigen? Sie stimmen weder für noch gegen? Wohlan denn, so trete die historische Wahrheit in ihre Rechte und der letzte, traurige Fall ein. Der Verschnittene erwacht beim Gepolter der erbrochenen Gitter. Das liebende Paar wird, noch ehe es sich die ersten Komplimente gemacht hat, noch eh' Gaetano von seinem Erstaunen über Rosabellas Schönheit zu sich gekommen ist, gepackt, auf Befehl des erbosten Deys in einen weitläuftigen Sack gesteckt und in eine Barke geworfen. Was das Paar bei diesem forzierten Rendez-vous verabredet, darüber kann ich, da kein Dritter in diesem Bunde zugelassen wurde, nichts berichten. Ich weiß nur, daß der Kahn eine Viertelstunde weit in die See sticht, daß der Sack über Bord geworfen wird, daß die aufgeregten Wellenringe sich wieder verziehen, und die Henkersknechte mit größter Gewissensruhe nach Galata zurückrudern. Sie entsetzen sich, meine teuern Zuhörer? Ihre Stirnen bewölken sich? Sie zürnen mir? Ich bitte, ich beschwöre Sie, konnte ich denn anders? Ein Wink von Ihnen, und ich hätte das liebende Paar mit vollem, steifem Winde nach der Villa des Prinzen Testa-Capriolo geführt, ihnen den väterlichen Segen erteilen lassen, den Nobile Pesaro zum Dogen von Venedig, die schöne Rosabella zur Dogaressa gemacht, ihren Kindeskindern das Leben bis auf den heutigen Tag gefristet. Sie allein, meine verehrten Gönner, sind an allem Elend schuld, Sie allein haben es zu verantworten, wenn sich die Haifische an dem Zwillichsacke, welcher die Unglücklichen umschließt, die Nasen wund stoßen, wenn die Jüdin Lea unbarmherzig erwürgt, und der alte Principe vom Deckel seines Geldkastens erschlagen wird. Ich für meinen Teil wasche meine Hände in Unschuld, und habe die Ehre, Ihnen allerseits eine gute Nacht zu wünschen. Frau Venus Zu der Zeit, als der grausame Can Signorio della Scala nach Ermordung seines Bruders Can Grande des Zweiten über Verona herrschte, begab es sich, daß in einem adeligen Schloß, welches unweit des Castelvecchio und der vom Gothenkönig Theodorich erbauten Türme auf der Anhöhe lag, ein junger Edelmann mit Namen Ottaviano Sagramoso seine Vermählung mit der schönen Vergogna Castellani feierte. Die Geschlechter, denen das Brautpaar angehörte, durften sich eines gleich alten Adels rühmen; beide wurden zu den angesehensten von Verona gerechnet; ihre Güter und Reichtümer mochten einander die Wagschalen halten – Grund genug, um zwischen beiden Stämmen Eifersucht und Neid zu erregen, um jahrhundertwierigen erbitterten Haß und verderbliche Kämpfe zu entzünden. Nie erblickte man die beiden Familien auf Einer Seite. Hatten die Castellani für die Guelfen gestimmt, so traten die Sagramosi zu den Ghibellinen über; fochten die Ersten für den Kaiser, so standen die Zweiten unter den Panieren der Päpstlichgesinnten. Die Schwerter beider Parteien hatten sich bereits unzählige Male, sowohl auf dem offenen Schlachtfelde als in Zweikämpfen, gekreuzt, ihre Dolche sich nur allzu oft schon mit dem Blute der verhaßten Nebenbuhler gefärbt. Jedes Opfer aber heischte seine Sühne, seinen neuen Mord, und so schien die Blutrache mit dem Untergange beider Geschlechter erlöschen zu wollen. Da geschah es, daß der junge Ottaviano Sagramoso, des Familien-Ältesten Scipione Sohn und dereinstiges Stammhaupt, die Tochter des Gianfilippo Castellani bei einer Prozession in der Kathedrale von San Fermo maggiore erblickte, für die herrliche Vergogna in Liebe entzündet wurde, bald ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und nach jahrelangen Huldigungen ihr Herz sich geneigt zu machen wüßte. Die Hindernisse, welche sich dem Bunde der Liebenden entgegenstemmten, schienen unübersteigliche. Nur dem inständigen Flehen des jungen Mannes, seinem unerschütterlichen Beharren bei der einmal getroffenen Wahl, der dringenden Fürsprache Can Signorios, welcher nichts sehnlicher wünschte, als die feindlichen Stämme zu versöhnen, um in Frieden über die beruhigte Stadt herrschen zu dürfen, gelang es endlich, die Einwilligung der Väter zu jener Verbindung zu erschmeicheln, beiden Geschlechtern das Gelübde eines ewigen Vergessens der Vergangenheit und der wechselseitig zugefügten Unbilden zu entlocken. Nachdem die zahlreichen Sippen der Sagramosi und Castellani im Dom gemeinschaftlich das Sakrament zum Zeichen der Einigkeit und Liebe genommen, und der Erzbischof die Trauung des glücklichen Paares vollzogen, waren die Geschlechter, so wie der größte Teil der Veroneser Edlen, welche alle den jetzt verschmolzenen Familien durch Freundschaft oder Blutsverwandtschaft näher oder ferner standen, dem jungen Bräutigam auf sein väterliches Schloß gefolgt. Ein prächtiges Festmahl war dort zur Feier des Tages veranstaltet worden, und Can Signorio selber verschmähte es nicht, daran teil zu nehmen. Es war ein heller, sonniger Maitag. Einzelne flockige Wölkchen ruderten langsam über das durchsichtige Blau des Himmels; ein kühler Nordwind, der sich von den Alpen herniedersenkte, trieb sie, wie ein Knabe die schillernden Schmetterlinge vor sich her und über die reichen Ebnen der Lombardei; die Kronen der ernsten Cypressen und Stecheichen, welche die Höhe mit ihrem dunkelgrünen Gewand umkleideten, ließen sich wohl kaum von den über sie hinziehenden Luftströmen aus ihrer träumerischen Ruhe stören. Verstummend tauchten die Singvögel in der Blätternacht unter, und nur das Schrillen der Cikaden rauschte aus allen Zweigen und Hecken in seiner betäubenden Einförmigkeit, Zahlreiche Dienerscharen rannten eifrig hin und her, stürzten mit geschäftiger Hast aus dem Schloßthor, und zogen dann wieder, die silbernen Schüsseln und Schwenkkessel, die goldenen, künstlich getriebenen Polale bedächtig in den Händen wägend, über die Steintreppen zu den Gastierenden hinein. Durch die geöffneten Fenster schallten die Wirbel der Pauken, das gelle Schmettern der Zinkenbläser, und verkündete den in dichten Haufen um das Schloß gescharten Dienstleuten, daß wiederum unter lautem Jubel der Gäste ein Trinkspruch zu Ehren der Neuvermählten oder auf die Verzweigung der edlen Stämme ausgebracht werde, bis endlich die Erscheinung festlich geschmückter Ritter und blühender Frauengestalten, welche sich aus den Spitzbogenfenstern herniederbogen oder auf dem steinernen Söller ins Freie traten, das Ende des Mahles verkündete. Bald darauf öffneten sich auch die Flügelthüren; der ganze Schwarm der Geladenen rauschte über die Marmorstufen in den Garten, welcher das Schloß umgab, und verteilte sich, bald vom Zufall, öfter noch von Neigung geleitet in einzelne Gruppen. Ein Kranz lieblicher Frauenbilder lagerte sich, umdrängt von jungen Edeln, im Schatten der dichtbelaubten Eichen, und Scherze und anmutige Erwiderungen, täuschende Rätsel und sinnreiche Lösungen flatterten, farbigen Schmetterlingen gleich, in der Runde. Dann ergriff auch wohl einer der Jünglinge die Zither und stimmte ein keckes, herausforderndes Liedchen an, bis ihm aus schönem Munde die zarte, gesänftigte Antwort zurückklang, und die fröhlichen Stimmen der Übrigen beim Rundreim einfielen. Ein anderer Kreis reihte sich um einen sinnigen Erzähler und lauschte den wundersamen Abenteuern zweier durch unerhörte Unglücksfälle von einander gerissener, nach langjährigen Prüfungen endlich vereinigter Liebenden. In einiger Entfernung von den Zuhörern gaukelte ein zierlich tanzendes Paar und begleitete die leichten, anmutigen Bewegungen mit dem Takt der klappernden Kastagnetten und dem dumpfen Wirbel des Tamburins. Edelfalken, welche auf den Händen der zuschauenden Frauen ruhten, klingelten, die Flügel schüttelnd, mit den silbernen Glöcklein der Kappe lustig dazwischen, und junge Männer strebten in dem fröhlichen Wirrwarr manch zärtliches Wort in ein achtsames Ohr zu flüstern, seltener in der Umgebung, als in der flugs erglühenden Stirn der Hörerin einen Verräter findend. Andere erstiegen die freie Anhöhe, und schauten in das weite, sonnige Thal hinab, auf die goldene Schlange des Adige, welche sich durch die Stadt ringelte, strebten, von den Spitzen der altersgrauen Türme geleitet, die Giebel der eigenen Wohnungen auszuforschen, überflogen die blauen Spitzen der Voralpen, oder ließen ihre Blicke über die grüne, üppige Ebene bis nach den fernen Kuppeln von Mantua streifen. Einzelne Paare durchzogen die schattigen Gänge, Liebende bei traulichem Geflüster, junge Mädchen im eifrigen Austausch ihrer Geheimnisse, ergraute Krieger unter weitschweifiger Berichterstattung von Feldlagern und Reitergefechten und Belagerungen. Mehrere junge Männer vereinigten sich beim Spiel, die Kugeln in kunstvoller Schwingung über den Rasen und dem Ziele zuzurollen; Andere wieder erprobten ihre Gewandtheit und Ausdauer im Scheinkampf mit abgestumpften Klingen; ein dritter Haufe stand sich gegenüber, um mit kraftvollem Schlage den ledernen Ballon in die Luft zu schnellen und zurück zu treiben. Unter den letzteren befand sich auch Filippino Castellani, der Bruder der Braut, ein schöner Jüngling, welcher die gesamten Mitspieler an Stärke und Behendigkeit bei weitem übertraf. Lauter Jubel und Bravoruf der Umstehenden begleitete jeden seiner Schläge und es war eine herrliche Lust, den schlanken, kräftigen Filippino zu sehen, wie er, des fesselnden Obergewandes bar, die Brust und den nervigen Arm entblößt, das blühende, erhitzte Gesicht nach oben gewandt, den herabsinkenden Ball mit blitzenden Augen verfolgte, die geschmeidigen Glieder nach der Richtung des fallenden dehnte, und mit mächtigem Schlage ihn im schönen Bogen die eben durchlaufene Bahn zurückfliegen ließ. »Brav gegeben, Filippino!« rief ihm Tebaldo Sagramoso von der Gegenpartei zu. »Du bist der König der Veroneser Ballonschläger, zum mindesten ihr Vizekönig, denn mein Vetter Ottaviano möchte wohl so ziemlich der einzige sein, der es mit Dir aufnehmen darf.« »Das gälte wohl noch die Frage,« erwiderte Filippino leicht hin. »Noch sind wir uns zeither in so friedlichem Kampfe nicht begegnet. Gern will ich jedoch in meinem Schwager den Meister erkennen, aber nur nicht auf das Wort eines Dritten hin. Er möge mich zuvor aus dem Felde schlagen, ehe ich ihm den Kranz zugestehe.« »Nun dazu könnte wohl Rat werden,« lachte Tebaldo, »Sieh' nur, dort tritt er just zur rechten Zeit, Dein reizendes Schwesterlein am Arm, hinter dem Springbrunnen hervor. Den Arm um die schlanke Hüfte schlingend, predigt er der andächtigen Zuhörerin ganz leise das Evangelium von ewiger Liebe und Treue ins Ohr. O San Zeno! Jetzt absolviert er das fromme Kind von der Sünde, seinen Worten Glauben geschenkt zu haben, mit einem heiligen Kuß! Scheint es doch, als könne der Beichtvater nach so süßer Beichte es kaum erwarten, das Abendmahl auszuteilen. Geduld, Vetter, Geduld! Siehst Du denn nicht die Schatten der Pappeln als riesige Herolde der kürzesten Nacht voraustraben?« Der Scherz des Vetters fand seinen tosenden Wiederhall im Gelächter der ausgelassenen Jünglinge. Ihr einstimmiger Jubel begrüßte den stolz einherschreitenden Bräutigam, die beschämt zur Erde blickende Braut. »Nur näher heran, Ottaviano!« rief ihm Filippino von weitem zu. »Es gilt, den parteiischen Tebaldo Lügen zu strafen, Dir die angemaßte Krone vom Haupte zu reißen. Tritt in die Schranken mit mir, wenn Du es wagst, oder bekenne Dich überwunden.« Ottaviano erhob die Hand seiner Braut und rief: »Wer so herrlichen Preis schon gewonnen, der mag wohl der andern leicht entraten.« »Ei, das nenne ich mir noch einen zärtlichen Gatten,« erwiderte Filippino scherzend, »der dem Bruder den Sieg einräumt, seit er über die Schwester triumphierte, der über die Braut völlig die Hochzeitsgäste vergißt. Du magst immerhin Deinem frommen Edelfalken auf ein Viertelstündchen die Kappe lüften, Schwesterchen. Wir bringen ihn Dir fröhlich und wohlbehalten zurück und werden dafür Sorge tragen, daß er auf kein anderes Wild stoße. Auch wir verlangen des Gastgebers Gegenwart.« Ein Schwarm junger Frauen, welcher zu gleicher Zeit nahte, umringte und entführte die Neuvermählte, Ottaviano leistete der Aufforderung, wenn auch mit widerstrebendem Herzen, Folge, warf das Obergewand von sich, schob den breiten, hölzernen, mit Stacheln umdornten Ring an den Unterarm, und schleuderte, von dem abschüssigen Brett herablaufend, den ihm zugeworfenen Ball hoch in die Luft. Meisterhafte Schläge wechselten auf beiden Seiten – der Sieg blieb unentschieden. »Und doch behaupte ich,« rief Tebaldo, »daß mein Vetter heut seine früheren Leistungen nicht erreicht. Seine Gedanken sind allzufern vom Spiele.« »Ich mag es nicht leugnen,« versetzte Ottaviano. »Aber die etwaige Zerstreutheit ist es nicht allein, welche mir diesen Vorwurf zuzieht – ich will's Euch nur sagen: die Hand schwoll von der raschen Bewegung, und nun preßt der ungewohnte Trauring. Dies sind aber Unbequemlichkeiten des Ehestandes, von denen Ihr Gelbschnäbel freilich Euch nichts träumen laßt.« – »Ei, so lege doch den fatalen Trauring ab,« antwortete der fröhliche Tebaldo. Versuch's einmal wieder als Junggesell. Gieb mir den Goldreifen während des Spiels zum Aufbewahren, und Du wirst Dich wundern, mit welchem Anstande ich die Fessel zu tragen weiß, welches grämliche Großpapagesicht ich mit dem Ringe am Finger schneiden will.« »Bewahre der Himmel!« versetzte der Bräutigam; »keinem Sterblichen vertraue ich das köstliche Pfand. Soll es ja auf Augenblicke von meinem Finger weichen, so sei die Frau Venus dort in der Halle seine Wächterin, und die einzige Schöne, welche sich rühmen könne, es aus meiner Hand empfangen zu haben.« Mit behendem Schritt eilte der junge Mann dem Tempel zu. Schlanke, ionische, von Rosen und Jelängerjelieber-Ranken umflochtene Säulen, die noch der Meißel der Alten glättete, trugen die leichte, von breitästigen Bäumen überschattete Kuppel. Auf dem Piedestal in der Mitte stand die Göttin der Schönheit und Liebe, ein altes griechisches Meisterbild. Sie schien soeben dem Meere entstiegen zu sein, hob mit der Rechten das faltige Gewand vom Boden, um die schwellenden Hüften, den in süßer Scham in sich geschmiegten Leib zu verschleiern, wahrend ihre linke Hand sich vergeblich öffnete, um den Anblick des jungfräulichen Busens Lauschenden zu entziehen. Kaum merklich den Kopf senkend, schien die Göttin in die Ferne zu spähen, mit dem Verhüllen ihrer Reize zu zögern. Während die Hände der ersten Bewegung aufgeschreckter Weiblichkeit gehorchten, verriet der träumerische Blick, die zum Lächeln sich rundende Lippe, den zunächst aufkeimenden Gedanken – heimliches Schmachten, verstohlenes Herbeisehnen der Gefahr. Wohl oftmals hatte Ottaviano in früheren Jahren vor dem wunderbaren Bilde im Anschauen der überirdischen Schönheit verloren gestanden, hatte sich schmeichelnden Träumereien des sehnsüchtigen liebeahnenden Herzens hingegeben, und die einstige Geliebte und Gattin mit dem Liebreiz des wonnigen Gebildes begabt. Mit der Erscheinung Vergognas waren die Ausgeburten einer jugendlich regen Einbildungskraft in ihr Nichts zurückversunken. Lächelnd gedachte er jetzt der einstigen Thorheit, und nur die keusche Holdseligkeit des geliebten, endlich errungenen Weibes stand in aller ihrer Glorie vor seiner Seele. »Jetzt darf ich es ja wohl wagen,« sprach er, »mich mit Dir, Du schönes, starres Bild, zu verloben, den Ring der Trene an Deinen zarten Finger zu stecken. Bewahre ihn treulich, Du kaltes Liebchen meiner Jugend – bald fordre ich ihn mir zurück.« Fröhlich kehrte er zu den Genossen und dem Spiel zurück, und nur zu bald mußte Filippino dem frohlockenden Tebaldo zugestehen, daß das von ihm gespendete Lob ein wohlbegründetes sei, daß er in seinem Schwager den Meister anerkenne. Von neuem schmetterten die Trompeten vom Schlosse durch das Gewimmel – sie riefen zum Nachtmahl. Hastig eilte Ottaiviano, nicht ohne heimliche Vorwürfe, zu lange Zeit den Gefährten geopfert zu haben, nach dem Tempel der Venus, um das anvertraute Pfand zu lösen – aber der Finger des Marmorbildes, welcher den Goldring trug, war gekrümmt, die Steinhand fest geschlossen. Entsetzt bebte der Jüngling zurück und verdeckte die Augen – er wollte den stürmisch erregten Blutwellen Frist gönnen, sich zu ebnen, den Nebelgestalten der aufgeschreckten Einbildungskraft zu verfließen. Und zum zweitenmale streckte er den Arm aus, um den Ring abzustreifen – aber der Finger blieb gebogen und die Hand der Venus schien sich nur noch fester an den Busen zu schmiegen, gleich als ob sie den begangenen Raub sichern wolle. Die vollen Strahlen der untergehenden Sonne fielen in die Halle und übergossen das Bild der Göttin mit einem wundersamen Glanz. Ein zauberhafter Lebensschimmer überflog den Stein; in den weißen Armen schien das Blut zu wallen, der Busen sich leise, atmend zu heben, zu senken, die Lippe sich zum wollüstigen Kuß erschließen zu wollen, im Tau des zärtlichen Verlangens zu zittern. Der wiederholte Ruf der Trompeten, welcher mahnend von dem Söller herabklang, riß Ottaviano aus seiner Erstarrung; mit bebender Hast stürzte er zu den Seinigen zurück und flüchtete sich an die Seite seiner Braut, als suche er in der Nähe des blühenden Lebens Schutz gegen den unheimlichen Spuk, welcher sein helles Glück zu verdüstern drohte. Zu mächtig aber hatten die Schrecken der Geisterwelt das Gemüt des jungen Sagramoso ergriffen, als daß seine Züge nicht das Gepräge der tiefsten Erschütterung hätten tragen sollen. Schweigend, bleich und verstört saß er zur Seite seiner Gattin, hatte nur flüchtige kalte Worte der Beruhigung für ihr besorgliches Fragen, nur ein frostiges, erzwungenes Lächeln für die mutwilligen Scherze der Freunde, welche die Verstimmung des Bräutigams zärtlicher Ungeduld zurechnen wollten. In raschen Zügen schlürfte er den feurigen Wein – er wollte sich betäuben, die Erscheinung bannen, sich ermutigen, dem Grauen der Unterwelt die Stirn zu bieten. – Das Mahl war beendet. Ottaviano hieß die vertrautesten unter seinen Dienern sich mit Fackeln und Hämmern versehen, und stürmte ihnen mit der Hast des Verzweifelnden voran, entschlossen, dem zauberischen Bilde den Ring zu entreißen, und wenn er es auch vorher zertrümmern müsse. Die rote Glut der Kienbrände erhellte die Rotunde – regungslos stand die Statue auf ihrem Sockel, starrte unbeweglich vor sich hin – die linke Hand war wiederum zum Schirm des Busens entfaltet – der Ring spurlos verschwunden. Vernichtet wankte Ottaviano nach dem Schlosse zurück, trat, das wüste Gewirr und Tosen der Gäste meidend, in ein entlegenes Gemach und blickte in dumpfer Betäubung hinaus in die Nacht. Der Sturm hatte sich erhoben, rauschte wild durch die Äste der alten Eichen und bog die Kronen der Pappeln. Ottaviano wähnte allerhand seltsame Stimmen in den Gängen des Gartens schrillen und pfeifen zu hören, mochte aber nicht unterscheiden, ob sie nicht vom Gekreisch der Nachtvögel herrührten, oder vom Knarren der windgedrehten Wetterfahnen. Dann däuchte es ihm wieder, als gleite eine weibliche Gestalt über den Rasen, winkte ihm mit weißer Hand und verschwinde wieder in den Taxushecken. Die Entfernung des Bräutigams war den Gästen das Zeichen zum Aufbruch gewesen. Der lärmende Abschied, der Ruf nach den Dienern, das Schnauben der ungeduldig harrenden Rosse, der rasche Hufschlag der Davonsprengenden dröhnte von dem Schloßhof herauf. Flackernde Windlichter, deren Funken der Wind versprühte, beleuchteten das bunte Gedränge. Bald verhallten die Stimmen im Thal, die Fackeln blitzten, irrenden Sternen gleich, aus den Krümmungen des Weges ferner und ferner, und verschwanden zuletzt im Dunkel. Auf dem Schlosse ward alles still. Keines bestimmten Gedankens bewußt, hatte Ottaviano lange Zeit am Fenster gestanden, bald in das schlummernde Thal hinunter starrend, bald wieder zum Himmel auf, an welchem schwere Wolken vorübersausten. Endlich raffte er sich auf und eilte mit unstäten Schritten, mit seltsam beklommenem Herzen dem Schlafgemach zu. Wer sein starres Auge, die bleiche Wange, die unsichere Hast seiner Bewegungen beobachtete, hätte wohl eher einen mit Blutschuld belasteten Flüchtling, als den beglückten Gatten, welcher der Brautkammer zufliegt, in ihm zu erblicken vermeint. – Ein dämmerndes Lampenlicht verstreute seine zitternden Strahlen durch das enge Gemach. Vergogna lag bereits schlummernd auf dem Pfühl, den feinen Arm über dem matt gesenkten Haupte, von welchem die glänzenden, schwarzen Locken in reicher Fülle herniederrollten. Eine leichte Seidendecke verhüllte die Züchtige, und nur die Umrisse der zarten Glieder schimmerten verräterisch aus den weichen Falten. Regungslos blieb Ottaviano auf der Schwelle stehen, ohne das Auge von dem teuern Bilde verwenden zu können. Alle die Schrecken, welche sein Herz zugeschnürt hatten, waren bei dem Anblick des schönen, zärtlich geliebten Weibes, die er nun ganz die Seine nennen durfte, verweht. Vergogna erwachte, schlug die langen Wimpern auf, und schloß sie wiederum, von süßer bräutlicher Scham durchschauert. Da stürzte Ottaviano in leidenschaftlicher Bewegung vor dem Lager auf das Knie, ergriff die weiße Hand, preßte sie an seine Lippen, an sein Herz: »Nein, nein, Du über alles Geliebte, nichts vermag uns fortan zu scheiden. Du bist, Du bleibst die Meinige. Keine höllische Macht soll Dich aus meinen Armen reißen können.« – »Was ist es, das Euch so seltsam bewegt und verwirrt, mein teurer Herr und gemahl?« entgegnete leise die Braut. »Wer könnte an dem Tage unserer heiligen Verbindung daran denken, sie wieder zu lösen? Wohl bin ich Euer demütig ergebenes Weib und will es bleiben bis an meinen Tod.« – Schmeichelnd strichen ihre Finger über die dunklen Locken des Knieenden – er sank in ihre Arme, er drückte sie mit sehnsüchtigem Verlangen an seine Brust, und die Augenlider schlossen sich vor unsäglicher Wonne – da fühlte er ein loses, unsicheres Abdrängen, fühlte, wie seine umschlingenden Arme leise gelöst wurden. – »Vergogna,« flehte er schmachtend, »meine Vergogna, Du entziehst Dich mir, und jetzt?« – Bittend schlug er die Augen auf. Ein duftiger, milchweißer Nebel lagerte sich zwischen ihn und seine Braut, verdichtete sich mehr und mehr, verkörperte sich in die Gestalt des Venusbildes, umschloß den jungen Mann mit kalten Armen und flüsterte leise: »Nicht Vergogna ist Deine Braut. Mir hast Du Dich verlobt. Der Göttin der Liebe hast Du den Ring geschenkt, hast Dich der Venus eigen gegeben. An Deiner Brust, Du Schöner, will sie erwarmen.« Entsetzt riß Ottaviano sich vom Lager auf, und stürzte mit dumpfem Schrei, mit brechenden Knieen an die Wand, das Auge stier auf die gespenstische Erscheinung gerichtet. »Um Gottes und aller Heiligen willen,« rief Vergogna ängstlich, »was ergreift Dich? Brich dies furchtbare Schweigen. Was ist Dir begegnet?« Sprachlos wies Ottaviano mit zitternder Hand auf die Kissen. »Mein Gemahl, mein teuerer Gatte, ich fasse Dich nicht. Was treibt Dich von meiner Seite? Woher dieser Abscheu gegen Deine Vergogna?« »Dort – dort!« stammelte der Jüngling schaudernd. »Hart an Deiner Seite – Vergogna, Du siehst nichts?« »Nichts. Was sollte ich sehen? Wir sind allein. Du träumst. An meiner Seite? Luft, ringsum Luft« – »Luft? Die Ausgeburt der Hölle ist es – sie, die Liebesgöttin – das gespenstische Marmorbild. Der Goldreifen blinkt an ihrem Finger, sie breitet die Arme nach mir aus – ihr – ihr bin ich verfallen.« Gell aufschreiend wand sich Vergogna aus den Teppichen, und wollte sich in die Arme des Gatten werfen. »Fort von mir, Vergogna! Um der Madonna willen – bleib mir fern – das Gespenst drängt sich Dir vor – drohend steht es jetzt zwischen uns – es naht zugleich mit Dir. – Siehst Du es nicht, das üppige Weib mit der verzehrenden Glut im Blick, hörst Du nicht ihr heimliches Flüstern, ihre sinnverwirrenden Verheißungen? Vergogna, bete, daß die Entsetzliche weiche, daß die Hölle von mir ablasse.« Totenblaß und an allen Gliedern zitternd, sank die Braut auf den Gebetschemel zu Häupten des Bettes, umklammerte das Kruzifix und flehte die himmlischen Helfer um Beistand in ihrer Not. »Ja, sie weicht,« keuchte Ottaviano matt aufatmend, »sie verschwebt – sie ist fort.« –- Halb ohnmächtig sank er in die Kniee – seine Gattin flog herbei und trocknete den kalten Schweiß, der von seiner Stirn troff. Langsam schlug er die Augen auf, lallte mit gebrochener Stimme Worte des Dankes – riß sich jäh aus dem Arm des treuen Weibes, und taumelte mit sträubendem Haar in die entfernteste Ecke des Zimmers. »Ha! schon wieder, schreckliches Wesen! Fort, fort! Du hast keinen Teil an mir! Vergogna, hilf!« – Von Schrecken überwältigt, wandte er das Haupt, und wehrte, die gespreizten Hände vorhaltend, das Nebelbild von sich ab.– Die ersten Strahlen der Frühsonne blitzten neugierig durch die runden Scheiben der Bogenfenster in das Brautgemach. Auf dem Vorsaal ward es allmählich laut. Hin- und herschleifende Schritte, dumpfes Geflüster und das Stimmen der Saiteninstrumente ließ sich auf dem Gange undeutlich vernehmen. Da hoben die jungen Mädchen mit heller, fröhlicher Stimme ein Lied als frischen Morgengruß an, und die Jünglinge sangen den zweiten Vers, während das Schwirren der Geigen, das Geklingel der Triangel lustig die Melodie begleiteten. Der Gesang der Jungfrauen beklagte scherzend, daß nunmehr die Schönste aus ihrer Mitte geschieden sei, die jungen Männer priesen und neideten das Glück des Bräutigams. In der Brautkammer aber regte sich Nichts. Die mutwilligen Jünglinge hießen Ottaviano einen Langschläfer, einen Unersättlichen, und drohten in das Gemach einzubrechen. Lauter als Alle rief Filippino Castellani bald den Schwager, bald die Schwester bei Namen, riß, als keine Antwort erfolgte, ungeduldig die Thür auf – da sah er Vergogna, wie sie mit blassem, verweintem Gesicht leise und eifrig betend vor dem Kruzifix kniete, wie fern von ihr, mit verstörten Zügen, der Gatte stand, nicht wagend der Geliebten zu nahen, um nicht die furchtbare Erscheinung von neuem heraufzubeschwören, scheu jedes Wort der Liebe zurückdrängend. Erschrocken starrten die Hereinstürmenden auf das Paar; die Stimmen der Sänger erstarben, die Klänge der Instrumente vertönten. »Wie deute ich das?« rief Filippino betroffen. »Das sind keine bräutlichen Gesichter, die ich hier erblicke. Meine Schwester in Thränen – Ottaviano fern von ihr, mit finsterer, grimmiger Geberde? Hat es ein Sagramoso gewagt, um eine Tochter unseres Stammes zu freien, nur um ihr Schimpf anzuthun? Freunde, Brüder, sollen wir diese Schmach dulden?« – Ein dumpfes Murren erhob sich von seiten der Castellani, während die Sagramosi sich stürmisch um ihren Verwandten drängten, um ihn vor den Ausbrüchen der ersten Wut zu schirmen, und Gewalt mit Gewalt zu vertreiben. Schon blitzten die blanken Klingen, als sich Vergogna in die Arme ihres Bruders warf, und ihn beschwor, des schuldlosen Gatten zu schonen, als ihr inständiges Flehen die gereizten Gemüter wieder beschwichtigte und sie, bebend den ängstlichen Blick nach der Ecke des Zimmers gerichtet, den Ungläubigen, Kopfschüttelnden die Erscheinung ihrer gespenstischen Nebenbuhlerin vertraute. Die Kunde von jenem furchtbaren Rätsel flog in kurzer Zeit von Mund zu Mund, denn die Verwandten des Brautpaares hatten sich allmählich wieder auf dem Schloß zu den Festlichkeiten, deren Dauer auf eine volle Woche angesetzt war, eingefunden. Da drängte sich denn ein Jeder mit gutem Rat, was hierbei zu thun, hervor, und Jeder pries sein Mittel als das allein untrügliche. Der eine schlug vor, das Bett der Neuvermählten mit Weihwasser zu besprengen, und im Brautgemach eine Messe lesen zu lassen. Der zweite wollte, daß geweihte Kerzen über Nacht angezündet würden, der dritte eine Reliquie von San Zeno an der Bettsponde, oder doch wenigstens über den Thürpfosten aufgehängt wissen. Die Mehrzahl riet, die Trauung noch einmal zu vollziehen, wobei sie darauf drangen, daß die Trauringe mit den Namen der drei Könige des Morgenlandes bezeichnet würden. Einige alte Jungfern von den Castellani kreuzigten und segneten sich, und behaupteten geradezu, daß eine Ehe, welche unter so unheimlichen Vorbedeutungen beginne, und in welcher der Teufel so frank und frei schalten dürfe, nun und nimmer zum guten führen könne. Hier bleibe nichts übrig, als daß die Braut ins Kloster gehe, und die Sünde, sich mit einem teuflischen Amanten verlobt zu haben, durch ein der Buße geweihtes Leben sühne. Messer Scipione Sagramoso, ein erfahrener, weltkluger, Mann, welcher sich in seiner Jugend vielfach versucht, nach Jerusalem gepilgert, und längere Zeit sich im Morgenlande aufgehalten hatte, schüttelte zu allen diesen Ratschlägen den Kopf; dann erhob er seine Stimme und sprach: »Ihr lieben Verwandten und Freunde, schenkt mir ein kurzes Gehör, und ich will Euch sagen, was ich von dem Handel denke. Wofern mein Sohn mutwilligerweise den Bösen versucht hätte, oder sich wohl gar in fremden Umgang mit den Geistern der Hölle eingelassen, und sich ihres Beistandes zu verruchten Zwecken bedient – dann möchte ich wohl nicht lange anstehen, ihn von mir zu stoßen, und ihn dem heiligen Gerichte zu wohlverdienter Strafe zu überantworten. So aber hat Ottaviano sich jederzeit betragen, wie es einem guten Christen und dem Sprossen eines alten adeligen Geschlechts ziemt, wie denn auch keiner auftreten kann, der das Gegenteil bezeuge. Die Schuld, die er auf sich geladen, beging er arglosen Sinns, und wir sollen ihn deshalb nicht allzu streng richten. Der Erbfeind aber ist voller Arglist und Tücke, und stellt den Menschenkindern gar seine Schlingen; wer ihnen entrinnen mag, der preise die Heiligen und seinen günstigen Stern in Demut, und überhebe sich nicht trotzig seines Verdienstes halber, denn es giebt der Stunden, wo den Geistern der Verdammnis gestattet ist, ans Erden zu wandeln, uns schwache Sterbliche zu verlocken, und die Willfährigen zu verderben; in einer solchen steckte Ottaniano aber dem Zauberbilde den Ring an. Hier gilt es zuvörderst, den Versucher mit seinen eigenen Waffen zu bekämpfen, und nur wenn diese nicht ausreichen, wollen wir die Hilfe unserer heiligen Kirche anrufen. Hört denn. Mir ist in der Nähe von Verona ein in seltenen Heimlichkeiten wohl bewanderter Mann mit Namen Palumbo bekannt. Er ist seiner Wissenschaft ein Arzt, und gar manches Wunderbare von seiner Kunst und seinem Wissen kam mir bereits zu Ohren. Die Rede geht, er sei ein Maure, und aus dem fernen Königreiche Granada eingewandert. Ihm möge mein Sohn sich anvertrauen, und bei ihm sich Rath erholen. Versagt er uns seinen Beistand, oder sollte dieser sich als ungenügend beweisen, dann geschehe nach Euerem Willen, und keins der vorgeschlagenen Mittel, um den Zauber zu lösen und den verwirkten Ring wieder zu erlangen, soll unversucht bleiben,« – Hiermit waren denn Alle wohlzufrieden, vornehmlich aber Ottaviano, welcher sich alsbald voller Hoffnung aufmachte, um den Schwarzkünstler aufzusuchen. Auf dem Schlosse ward es immer öder und stiller. Die Geladenen, welche sich mit fröhlichen Erwartungen eingefunden hatten, begriffen wohl, daß weder Ort noch Zeit zu hochzeitlicher Lust und Scherz günstig seien, und zerstreuten sich, nachdenklich die Köpfe schüttelnd. Bergogna hatte sich in ihre Gemächer geflüchtet und harrte unter andächtigen Gebeten der Entscheidung. Nur allein Herr Scipione war guten Muts, und gab jedem der Abgehenden die Versicherung: wie er zu der Weisheit und Willfährigkeit des Palumbo ein festes Vertrauen hege, daß sich alles noch freudiglich lösen werde, und wie sie dann die gestörte Lust doppelt und dreifach einbringen wollten. Während dessen war Ottaniano Sagramoso über den Ponte bei Navi geritten, den bezeichneten Weg zum Zauberer verfolgend. Die Häuser der Vorstadt lagen schon hinter ihm, als er sich von der großen, nach Picenza führenden Heerstraße abwandte, und einen schmalen, von hohen weißen Mauern begrenzten Weg, der nach den Bergen zu leitete, einschlug. Bald hörten auch die Steinwände zu beiden Seiten auf, und nun irrte er unschlüssig auf engem Fußpfade zwischen Gräben und blühenden Hecken von Jelängerjelieber und Hartriegel, von Grundstück zu Grundstück umher. Durch das Laub der Maulbeerbäume und hohen Ulmen, deren Gezweig durch volle Weinranken untereinander verflochten war, schimmerte dann und wann das blaue duftige Gebirge, die Zinne eines alten Schlosses oder die Kuppel einer fernliegenden Kirche. Leiser Glockenklang wehte aus den Thälern herauf und ein schwacher Windatem spielte mit den silbergrauen Blättern der Olivenbäume, schaukelte die glänzenden Maisstauden hin und her, und hob und senkte die hochaufgeschossenen Halme der Saat, so daß sie wie ein wogendes, schimmerndes Meer anzuschauen waren. Über der ganzen Gegend schwebte ein milder, seliger Friede. Ottaviano fühlte sich seltsam bewegt; er vermochte zum erstenmale wieder recht freudig aufzuatmen und sich der auf ihm lastenden Beklemmung zu entschlagen. Da gewahrte er einen ältlichen Mann in ärmlicher Bauerntracht, welcher beschäftigt war, die überwuchernden Blätter der Weinreben zwischen den Bäumen abzuknicken. Diesen befragte er nach der Wohnung des weltberühmten maurischen Arztes Palumbo, von welcher ihm gesagt, daß sie hier herum sein müsse. Der Alte maß den jungen Edelmann mit prüfendem Blick, deutete dann vorwärts auf ein kleines, weißes Häuschen, welches aus dem Grün der Hecken hervorlauschte, band das Roß des Fremden an das Spalier, und zog ihm schweigend voran. »Hier also haust der gerühmte Nekromant!« rief Ottaviano und schaute sich verwundert um in der einfachen Wohnung, deren Gerät mehr an das Gewerbe eines schlichten Winzers, als an die Werkstätte eines Gelehrten und Magiers erinnerte. »Wohlan denn, guter Freund, geht hinein und meldet dem weisen Palumbo, wie ein junger Veroneser Nobile seiner harre und seines Beistandes begehre.« »Er erwartet Euch bereits, Herr Ottaviano Sagramoso,« war die Erwiderung. »Mich erwartet er?« fragte der Jüngling staunend; »und woher wäre mein Anliegen dem Meister bekannt? Und auch Ihr kennt meinen Namen, guter Alter?« »Was sollte ich nicht,« entgegnete der Greis mit trübem Lächeln, »bin ich doch selber der Palumbo, den Ihr aufsucht.« Befremdet trat Ottaviano zurück und maß den armen Weinbauer stumm mit starrem Blick, als erwarte er, wie der geheimnisvolle Maure seine Gestalt verändern und sich ihm als mächtiger Herrscher der Geisterwelt enthüllen solle. Er irrte. Der Greis verharrte in seiner unscheinbaren Kleidung, behielt den gebeugten Nacken, die gefurchte Stirn, die bleiche Wange, das erloschene Auge. Ein tiefer Kummer schien ihn niederzudrücken. »Ihr mögt wohl noch immer zweifeln, Messer Ottaviano,« hob er nach einer Pause an, »ob ich auch wirklich der Rechte sei, und ob ein Mann wie ich, der so wenig der irdischen Schätze besitzt, und bedarf, imstande sei, Euch mit Rat und That beizustehen. Es gilt ja den Versuch. Setzt Euch, und blättert einstweilen in jenem Buch, während ich für Euch arbeiten will.« Der Veroneser that, wie ihm geheißen, und schlug den dargereichten Folianten auf. Jedes Blatt trug als Überschrift den Namen eines Menschen, bekannter, wie fremder, darunter aber war ihr Lebenslauf mit enger feiner Schrift verzeichnet. Auch den eigenen Namen fand er auf, las mit Staunen, wie alles, was ihm bisher begegnet, sogar die Abenteuer der verwichnen Nacht bereits eingetragen waren, und wie er jetzt auf der Vigne des Palumbo sitze, und im Lebensbuche blättere. Er las auch die Namen des Scipione Sagramoso, Vergognas und aller seiner Sippen – sobald er aber einen Blick in ihre Begebnisse that, begannen die Buchstaben auf eine seltsame Art zu zittern und durcheinander zu wirren, wie wenn ein leiser Wind über den Spiegel des Sees streift und die stille Fläche rieselt – er konnte keine Zeile entziffern. Die Singvögel gaukelten draußen in den sonnedurchglänzten Zweigen, oder pickten die Körner auf, welche für sie auf das Fenster gestreut waren. Palumbo zeichnete emsig fremdartige Zeichen mit bunten Farben auf ein Pergamentblatt, ohne von seiner Arbeit aufzuschauen, Ottaviano blickte abwechselnd auf das allwissende Buch und auf die bäurische Tracht des Alten, auf das ärmliche Gemach und die rohen Gerätschaften, er konnte sich in dem Gemisch von gewöhnlichem und wunderbarem gar nicht zurecht finden. Bald darauf erhob sich der Meister und reichte dem Jüngling einen mit sieben grünen Siegeln petschierten Brief. »Sobald von Euern Türmen die Abendglocken geläutet werden,« sprach er, »machst Du Dich ohne Begleitung auf den Weg nach Brescia und besteigst in dem Fischerdorf Peschiera einen leichten Kahn. Du selber mußt ihn lenken, und bis auf die Mitte des Gardasees rudern. Gegenüber der Landspitze von Sermione, auf welcher die alten Ruinen aus der Römerzeit ruhen, hältst Du an. Es sind jene Trümmer, von denen die Sage geht, daß sie von einer Villa herrühren, in welcher der heidnische Dichter Catullus ein wüstes, schwelgerisches Leben geführt, und die Göttin Venus vor allen anderen mit Festen und Gesängen verehrte. Dort harrest Du der mitternächtlichen Stunde. Dann wird sich seltsames begeben. Du wirst einen nebelhaften gespenstischen Zug vorüberwallen sehen, unheimliche, oft erschreckliche Gestalten. Laß Dich nichts anfechten, denn du bist auf guten Wegen – aber schweig. Harre, bis der Fürst und Herr der Geisterschar vorüberzieht. – Du wirst ihn an seinem funkelnden Stirnbande erkennen. – Dem Reiche schweigend diesen Brief. Steh' keiner Frage Red' und Antwort – jedes Wort würde Dein Verderben nach sich ziehen. Und nun geh', mein Sohn, und der Gott Deiner Väter möge Dich bei Deinem Gange geleiten.« – Die Glockenklänge, welche die Stunde vor der mitternächtlichen von den Kirchen der Stadt Lazise verkündigt hatten, waren bereits verhallt, als auch Messer Ottaviano schon im schwankenden Fischerkahn, dem bezeichneten Vorgebirge gegenüber, auf dem Lago di Garda schaukelte. Jetzt hob er die Ruder aus der Flut und griff nur mit seltenen Schlägen wieder ein, so oft der leise Zug der Strömung die Barke an das Ufer zurückzutreiben versuchte. Der Himmel war unbewölkt; kein Luftzug kräuselte die weite Fläche des Sees und die silbernen Sterne schwammen ruhig träumend auf dem feuchten Spiegel. Am Stande irrten noch einzelne sprühende Lichter umher, verstreuten ihre roten Streifen über das Wasser und verschwanden. Kein Laut unterbrach das nächtliche Schweigen, wenn nicht in den Gehöften am Ufer ein Hund anschlug, oder ein silberner Fisch sich aus der Tiefe aufschnellte und plätschernd wieder versank. Da wälzten sich von dem Gipfel des Monte Baldo, der wie ein schwarzes Riesenhaupt in den Kessel herniederschaute, finstere Gewölke herab, entrollten ihre undurchsichtigen Schleier, und verhingen die Ampeln des Himmelszeltes. Aus den Tyroler Schluchten schnob ein eisiger Wind über das Wasser, wiegelte die Wellen auf, und schaukelte den Nachen des unter bangem Herzklopfen harrenden Ottaviano. Die Glocken riefen seufzend den Beginn der Geisterstunde aus, und ein langer weißer Nebelstreif zog von der Mündung des Mincio langsam und gerade dem mehr und mehr wachsenden Sturme entgegen über den Lago nach dem Promontorio von Sermione zu. Einzelne schneeweiße Möven schossen wie leuchtende Funken dem neblichten Duft voraus, zogen krächzend ihre Kreise über den Wellen, schwangen sich zu dem näher herangleitenden Gewölk zurück, und stoben dann im hastigen Fluge wieder vorwärts. Bald hatte der befremdlich leuchtende Nebelzug die Höhe des Nachens erreicht, und sonderte sich allmählich in fabelhafte, unerhört seltsame Gestalten, welche sämtlich von dem ihnen entströmenden falben Lichte umflossen wurden. Es war der Geisterzug, welchen der maurische Arzt verkündigt hatte. Voran schwammen dichte Haufen überaus großer und fremdartig gebildeter Fische. Einigen von ihnen wuchsen lange, mit Zacken versehene Schwerter aus dem Kopfe, und diese zogen wie Hellebardiere, gleichsam um den Weg zu bahnen, voraus. Dann wimmelte eine wüste Menge hinterdrein, mit breiten Häuptern und häßlichen, fast menschlichen Gesichtern, welche den Ottaviano mit ihren hervorquellenden grasgrünen Augen weit anstarrten, und mit den langen roten Flossen wie mit Armen wunderlich hantierten. Oft, wenn sie einige Schritte vorwärts geschwommen, richteten sie sich auf, und schritten, mit den Schweifen schlenkernd, in sonderbaren, unbeholfenen Bewegungen über die Fläche hin, stülpten dann wieder um, tauchten mit dem Kopf unter und segelten vorüber. Ungeheure Hummern griffen mit breiter Schere zur Linken weit aus, krallten sich in die Wellen ein, und schleppten sich dann, mit der winzigen Rechten nachstemmend, über das Wasser. Bunte Muscheln strichen wie leichte Kähne einher, und gräuliche Meerspinnen schoben, die langen rauhen Beine weit von sich gestreckt, blitzschnell über den See. Dann zogen paarweise Delphine mit hoher, kluger Stirn vorüber, und sprudelten aus den Nasenlöchern helles Wasser auf. Ihnen schloß sich ein langbärtiger Mann, dessen Leib in einem mit Schuppen überdeckten, geringelten Schweif endete, an; er blies aus voller Macht in eine gewundene Muschel, und obwohl kein Laut vernehmbar wurde, so däuchte es dennoch dem Ottaviano, als tönten die gespenstischen Klänge in sein Ohr, und betäubten es mit ihrem wilden Gekreisch. Jetzt folgte ein Schwarm gar feiner Mädchen mit langen, von der Nässe triefenden Haaren, hoben bald ein weißes Ärmchen, bald eine blendende Schulter aus den Wellen, schlüpften dann wieder wie verschämt in den feuchten Krystall zurück, und tauchten neugierig und lüstern lächelnd wieder auf. Manche, in losen, flatternden Gewändern, ritten auf Meerwundern, begrüßten mit Winken der zarten Hand den staunenden Jüngling und lockten ihn, sich dem wallenden Zuge anzureihen, während andere Nixen die Arme um bleiche, aus gläsernen Augen vor sich hinstarrende Knaben schlangen, und die kalt und frostig nebenher Schwimmenden vergeblich mit süßen Küssen zu erwärmen strebten. Ottaviano ahnte in den jungen Männern die ertrunkenen Fischer, die den Geistern des Sees verfallen waren, zu erblicken, und so war er denn auch zu seiner eigenen Verwunderung mit allen den gespenstigen Erscheinungen bekannt und vertraut, und alle ihre Namen waren ihm geläufig, ohne daß er sich recht besinnen konnte, ob er dieselben irgendwo schon gehört oder nur von ihnen geträumt habe. Er wußte auch, jetzt müsse der Herrscher über jenes spukhafte Gesindel erscheinen, und das grausige Rätsel sei seiner Lösung nahe. Dabei wurde er immer ruhiger und kälter, obwohl es ihn zu gleicher Zeit befremdete, baß ihn die Schauer der Geisterwelt nicht zu überwältigen vermochten. Kaum daß er diesen Gedanken ausgedacht, als auch ein zweirädriger Wagen, mit breiten Schaufeln starr der Speichen, durch die Wellen rauschte. Vier grüne, glänzende Seerosse schwammen schnaubend vor ihm her, und wo sie die Wellen zerstampften und die Räder das Wasser aufwühlten, dort verstäubten die Tropfen wie flüssiges Feuer. Im Wagen aber stand der Herrscher mit funkelndem Stirnband, eine riesengroße, furchtbar schöne Gestalt. »Ottaviano Sagramoso,« rief er dumpf, »was schaffst Du in meinem Reiche? Weshalb stellst Du Dich mir in den Weg? Nenne mir Dein Begehren!« Der junge Edelmann zog den Brief aus dem Busen und hielt ihn, ohne ein Wort zu erwidern, hin. Daraus plätscherte ein Triton bis an den Kahn, nahm das Schreiben in Empfang und überreichte es seinem Fürsten. Als dieser die sieben Siegel gelöst und den Inhalt überschaut, hob er die Arme gen Himmel und rief mit lauter Stimme: »O Palumbo, Palumbo! Wirst Du denn nimmer von Deiner Bosheit lassen? Hast Du denn ganz vergessen, daß Deine Frist schier abgelaufen?« – Damit gab er tief aufseufzend einen Wink und stürmte wild vorüber, so daß die den Gewässern entsprühenden Funken ihm wie ein Feuerregen nachstoben. Der Triton aber schwamm zu einer hinterdrein gleitenden, von Schwänen gezogenen Muschel. Dort thronte Frau Venus, das reiche Haar mit Perlenschnüren durchflochten, sonst aber ganz wie das Bildwerk im Garten sie darstellte, mit der Rechten das luftige, durchsichtige Gewand erhebend, mit der Linken den Busen verdeckend, den zärtlich schmachtenden Blick auf den Jüngling gerichtet. Als sie das Geheiß ihres Herrn und Gebieters vernahm, begann sie laut zu klagen und bitterlich zu weinen; dann beschwor sie den jungen Mann flehentlich, seiner irdischen Liebe zu entsagen und ihr zu folgen, wo sie ihm dann ewige Freude und Wonne verhieß. Als aber Ottaviano von allen Bitten und Lockungen ungerührt blieb, und nur schweigend den Kopf schüttelte, rang sie verzweifelnd die schneezarten Hände, ward immer bleicher und nebelartiger, und streifte endlich schluchzend den Goldreifen vom Finger, mit welchem auch der Meermann unverzüglich zu dessen früherem Eigentümer zurückruderte. Kaum hatte Ottaviano den Trauring wieder aufgesteckt, als die ganze Erscheinung verstob, und er sich wieder einsam auf dem Lago di Garda befand. Der Sturmwind legte sich, die Wellen zitterten leise aus und die Gestirne tauchten wiederum aus den Wolken und spiegelten sich in der geglätteten Fläche. Frohen Mutes ruderte der junge Mann auf Peschiera zurück. Als er am folgenden Tage den Zauberer Palumbo von dem glücklichen Erfolge seiner Fahrt und den Worten, die der Höllenfürst gesprochen, in Kenntnis setzte, ward jener sehr traurig, denn er merkte wohl, daß nunmehr sein Stündlein geschlagen habe. Kurz darauf stand auch die Vigne leer, und der Maure war spurlos verschwunden. Der Frau Venus Steinbild aber war über Nacht vom Gestell herabgestürzt und lag in unkenntlichen Trümmern auf dem Boden. Seitdem hat sich das Gespenst nicht wieder unterfangen, die Ruhe der jungen Eheleute zu verstören. Manches Jahrzehnt hindurch haben sie noch in einer reichgesegneten Ehe gelebt, und ihre Nachkommen werden in Verona noch bis auf diese Stunde zu den angesehensten und reichsten Edelleuten der Stadt gezählt. Der Liebeszauber Die Wirtshäuser und Weinschenken, welche sich am Fuß des Posilippo längs des Golfs von Neapel hinziehen, sind seit undenklichen Zeiten berühmt. An Sonn- und Festtagen rudern die Barken vom Molo und Santa Lucia unaufhörlich mit neuen Schwärmen lebenslustiger Neapolitaner hin und wieder. Die Zimmer, die Vorhallen, die Veranden, jeder Raum ist mit Tischen besetzt, jeder Tisch mit Schmausenden, Zechenden, Singenden und Jubelnden. Wer zum erstenmale die lustige Wirtschaft zu sehen bekommt, möchte wohl glauben, hier sei das wahre Schlaraffenland, von dem die Dichter so appetitliche Schilderungen entwerfen. Die älteste und von jeher besuchteste unter diesen Kantinen heißt die Mergellina. Sie liegt in der Nähe jenes alten, rauchschwarzen Gebäudes, oder vielmehr jener Ruine, welche man den Palast der Königin Johanna nennt, und von dessen Zinnen diese Fürstin ihre Liebhaber in die Wellen stürzen ließ. Die in den Fels gehauenen Keller, welche zur Mergellina gehören, sind die räumigsten am ganzen Posilippo; der Wein soll sich in ihnen frischer noch als in den übrigen erhalten; den Kapritaner findet man auf der Insel selber kaum reiner, wenigstens nirgends ältere Jahrgänge, und in der Küche pflanzen sich, wie die Feinschmecker behaupten wollen, ganz besondere Geheimnisse in Betreff der Makkaroni- und Fritti-Bereitung, seit dem Tage, wo zum erstenmale das Schild über der Thür prangte, bis auf die gegenwärtige Zeit, von Generation zu Generation fort – mit einem Worte, die Mergellina verdient ihren Ruf und Zulauf in vollem Maße, Ich selber habe dort gar manche frohe Stunde verträumt, doch nicht von ihnen, sondern von einer auf jene Örtlichkeit bezüglichen Geschichte, welche ich in der Neapolitanischen Chronik las, und die mir des Wiedererzählens nicht unwürdig scheint, sei jetzt die Rede. Es war noch zur Zeit der spanischen Vizekönige, als ein junger Florentiner Edelmann, Namens Don Vincenzio Altagnardia, sich einmal von seinen Büchern und Pergamenten losgerissen hatte, um einen der schönsten September-Nachmittage im Freien zu verbringen. Er war von seinem Vater auf die zu jener Zeit hochberühmte Universität von Neapel gesandt worden, um sich des Studiums der Rechtsgelehrsamkeit zu befleißigen. Früherhin war er nur wenig aus dem elterlichen Hause und in Berührung mit der Welt gekommen. Die Reise nach Neapel war sein erster Ausflug gewesen. Da jedoch Don Vincenzio ein gottesfürchtig erzogener, gutgearteter junger Mann war, so blieben ihm auch die guten Lehren und Ermahnungen, die ihm der Vater beim Scheiden mit auf den Weg gegeben hatte, in gutem Gedächtnis. Belehrt, wie leicht die Grenze erlaubter Freuden in Lust und Taumel überschritten werde, und wie schwer es dem Verirrten sei, wieder einzulenken, beschloß er, der Versuchung lieber aus dem Wege zu gehen. Die dem Neuling und unverdorbenen jungen Manne eigene Schüchternheit hielt ihn ohnehin von dem Umgang mit seinen Alters- und Standesgenossen zurück, und so saß er denn, anstatt wie die anderen jungen Kavaliere seine Zeit in thörichten Zerstreuungen und noch weniger löblichen Ausschweifungen zu vergeuden, den Tag über fein geruhig auf seinem Kämmerlein, studierte mit Eifer Institutionen und Pandekten, statt Roße zu tummeln, Brett und Würfel zu spielen, und verbrachte die Nächte beim Ulpian und Trebonian, wenn jene ihren Schönen Ständchen brachten, in den Weinschenken umherschwärmten und sich mit der Scharwacht rauften. Durch diesen schönen Eifer brachte Don Vincenzio es auch in wenigen Jahren dahin, daß er von jedermann als der fleißigste und sittsamste Studiosus der Universität gepriesen und anderen jungen Leuten von ihren Eltern und Erziehern als Vorbild aufgestellt wurde. Die Briefe des Dekans an den alten Herrn Stefano Altaguardia strömten von Lobeserhebungen über; Don Vincenzio wurde in ihnen das blühendste Lorbeerreislein der Akademie benannt, und den Eltern, so ihn erzeugt, so wie der Stadt, in der er zuerst das Licht erblickt, ganze Füllhörner voll Heil und Segen prognostiziert, welche dieser echte und untadelhafte Zögling der pierischen Jungfrauen, wenn er dereinst zu männlichen Jahren gereift, über sie ausschütten werde. Herr Stefano war als ein ernster, gelassener, weiser Mann von jeher bekannt. Der seinem Söhnlein fortwährend gestreute Weihrauch berauschte ihn jedoch dermaßen, daß er seinem früherhin streng bewahrten Stoizismus völlig untreu wurde, und sich vor Freuden über seinen wohlgeratenen Erben nicht mehr zu lassen wußte. Mit jedem dieser neapolitanischen Schreiben rannte er zu Verwandten und Bekannten, las es in der Barbierstube und auf der Piazza del Granduca vor, hielt die Leute auf der Straße beim Wams fest, um ihnen seine Seligkeit zu vertrauen, und sich seiner pädagogischen Talente halber über alle Väter zu erheben, und langweilte die lieben Mitbürger mit seinem Tugendspiegel von Sohn dermaßen, daß sie dem jungen Phönix die größere Hälfte der sieben Todsünden an den Hals wünschten, um nur endlich einmal des ewigen Rühmens und Stolzierens überhoben zu sein. Don Vincenzio war bereits zum Baccalaureus promoviert. Die Zeit seines Abganges von Neapel war anberaumt. Die noch übrigen Wochen sollte er auf Geheiß seines Vaters mit dem Anschauen der Merkwürdigkeiten der Hauptstadt, der nahegelegenen Denkmäler des Altertums und der schönen Umgebung Neapels in wohlverdienter Muße verbringen. Wollte nun gleich diese Anweisung dem jungen Bücherwurm, dem sein Tintenfaß lieber als der Golf von Neapel war, und der die schweinsledernen Folianten den strohumflochtenen Foglietten vorzog, nicht recht in den Kopf, so war er doch ein viel zu gehorsamer Sohn, um nicht den väterlichen Befehlen Folge zu leisten. So machte er sich denn mit schwerem Herzen auf, streifte schüchtern und verlegen längs den Häusern von Santa Lucia hin, ließ sich Von einem zudringlichen Marinaro beim Mantel haschen, ohne Widerstand in die Gondel schieben, und nach der Mergellina rudern. Dort war lauter Leben und Lust. Die Zithern und Becher erklangen; Gäste und Aufwärter schrieen um die Wette; die Gesellschaft wälzte und drängte sich jauchzend und tobend durcheinander – der arme Vincenzio war der Einzige, welcher sich unbehaglich fühlte, keine Menschenseele kannte, von keiner gekannt ward, der auf Gottes Welt nicht wußte, was er in diesem Gewirr anfangen solle, wie er sich wieder hinausfinden könne. Zagend stand er an einen Pfeiler gedrückt, als ein geschäftiger Kellner auf ihn zuflog, ihm ein Dutzend Weinsorten und doppelt so viel Gerichte zur Auswahl vorschnarrte, ohne eine Antwort erlauscht zu haben, wieder fortsprang, mit Flasche und Teller wiederkehrte, den Verblüfften auf einen Stuhl drückte und, von Fünzigen zugleich gerufen, mit gellendem eccolo! wieder verschwand. Dem jungen Baccalaureus fiel ein mächtiger Stein von der Brust. Jedem Ruderschlag, der ihn der Osterie näher brachte, hatte er mit bangem Herzklopfen gelauscht. Er sollte dort unter das wildfremde Volk treten, Gerichte und Wein wählen, bestellen, bedingen, sich von naseweisen Kellnern anfahren, von zudringlichen Maulaffen anstarren, von frechen Buben verhöhnen lassen – er verzweifelte, mit dieser Herkules-Arbeit jemals zu stande kommen zu können. Und siehe, kaum gelandet, saß er schon unter einer prächtigen Laube von Weinranken, deren Trauben ihm fast in den Mund hingen, und just wie im Märchen vom Tischchendeckdich stand herrlich funkelnder Wein und ein verführerisch dampfender Fisch ihm vor der Nase. Er atmete frei auf. Das hätte er niemals gedacht, daß sich so leicht mit den Menschen verkehren lasse. Ganz tapfer schenkte Herr Vincenzio sich den Becher voll. Der Wein war trefflich. Ihn überkam ein ganz eigenes Gefühl von Wohlsein und Behaglichkeit. Mit heimlichem Lächeln und verklärtem Auge guckte er sich in Gottes freier Welt ringsum. Durch das Geflecht der Weinblätter schaute der klare blaue Himmel. Kein Lüftchen kräuselte das Meer; es lag so still und träumend, als hielte es Siesta, und die Wellen sanken, so wie das hurtige Boot sie durchschnitten hatte, wiederum träg und ermattet in ihre selige Ruhe zurück. Über den Golf her winkte der Vesuv mit dem grünen Gürtel von Weinbergen, dem kleinen duftigen Rauchwölkchen, welches kaum merklich zum Himmel aufstieg, und zu seinen Füßen die flimmernde Kette der Städte Portici, Resina und Torre del Greco. So prächtig glaubte er die Erde noch niemals gesehen zu haben, und das dunkle Bewußtsein, als ob das Weinglas das wahre Fernglas sei, um Naturschönheiten mit Liebe und Wärme zu betrachten, begann in ihm aufzudämmern. Mit dem zweiten Becher wuchs dem Neuling der Mut, Er wagte dreist, die Augen unter der Menge umherschweifen und auf den mannigfachen bunten Gruppen ruhen zu lassen. Bald war es eine Fischerfamilie, welche seine Aufmerksamkeit fesselte, Vater, Mutter, fünf, sechs Kinder, die andächtig um einen riesigen Napf mit Makkaroni gereiht die gelben glänzenden Fäden mit den Fingern fischten und sie rückwärts gebogenen Halses hinunter gleiten ließen; bald ein schlankes Pärchen, welches nach dem Takt der klappernden Kastagnetten und dem Schellengerassel des Tamburins die Tarantella tanzte; hier eine volle, üppige Procidanerin, welche in ihrer griechischen Festtracht, dem langen, roten goldbesetzten Gewand, zum Besuch herüber gekommen; dort ein hagerer spanischer Soldat im geschlitzten Wamse mit Stoßdegen und Federhut, der stolz und schweigsam auf das lustige Völkchen herabsah und die Zipfel des riesigen Schnauzbartes in die Höhe schraubte. Anfänglich schüttelte Vincenzio noch ganz ehrbar den Kopf zu dem lärmenden Treiben, brummte auch wohl vor sich hin, wie dies Alles doch gar zu thöricht und der Beachtung des ernst und wissenschaftlich gebildeten Mannes unwürdig sei. Das Kopfschütteln ward jedoch immer seltener, das Gebrumm allmählich durch leises Lächeln verdrängt – die fröhlichen Leutchen erschienen ihm gar nicht mehr so hirnlos, und zuletzt ertappte er sich sogar auf dem verstohlenen Gedanken, wie es doch ganz hübsch sein müsse, wenn man sich unter das jubelnde Volk mischen und dessen Herzensfreudigkeit teilen könne. Freilich war es erst die Besprengung mit einem dritten Becher, welche diese Geistesblüten zeitigte; – meine geehrten Zuhörer werden jedoch aus der schnellen Entfaltung eines so lange Jahre schlummernden Keimes entnehmen können, daß der Held der Geschichte wirklich ein Genie und das ihm erteilte Lob nicht so ganz ohne Grund war. So war es denn auch kein Wunder, wenn das vierte und letzte Glas der Flasche seine Keckheit hinreichend steigerte, um mit lauter Stimme bei dem soeben vorüberschlüpfenden Aufwärter eine neue Bottiglia zu bestellen, ja sogar einem freundlichen Blumenmädchen einen schönen vollen Strauß abzukaufen, und ihm das doppelte des geforderten Preises zu zahlen, lediglich um ein dankbares Lächeln zu erringen. Während Don Vincenzio solchergestalt mit Riesenschritten auf dem bisher noch nie betretenen Gebiet des Lebensgenusses vordrang, und immer freier die so lange zusammengepreßten Schwingen, gleich einem der Puppe entschlüpften Schmetterling, bewegte, landete eine neue Barke, aus welcher eine schöne, junge Dame, von einem die Schleppe tragenden Mohrenknaben und einer dienenden Alten gefolgt, an das Ufer stieg. Aller Augen flogen der Ankommenden entgegen, Ihr Anzug erregte ebenso wohl durch die Kostbarkeit der Stoffe, als durch den absonderlichen, fremdartigen Schnitt und Faltenwurf die allgemeine Aufmerksamkeit. Ein halblautes Murmeln durchlief die Versammlung; die Frauen steckten die Köpfe zusammen, um sich ihre Bemerkungen über das schwere, geblümte Seidenzeug des Kleides, die Spitzen des Steifkragens, die schweren Goldohrringe und Ketten zuzuwispern; die Männer, um ihre Bewunderung des schönen, fein geschnittenen Gesichts, des dunklen, flammenden Auges, des füllreichen Nackens auszusprechen. Allen imponierte das vornehme Wesen der ganzen Erscheinung; ihr höherer Stand wurde als unbezweifelt angenommen, und die abenteuerlichsten Vermutungen flogen von Mund zu Mund. Allmählich verstummten Kastagnetten und Tamburin. Ein weiter Kreis von Gaffern zog sich um die Fremde, welche diese Huldigungen als etwas längst Gewohntes mit Gleichgültigkeit aufzunehmen schien, und sich nach einigen, der Alten zugeflüsterten Worten nachlässig unter der Veranda niederließ. Nach wenigen Augenblicken kehrte die Abgesandte von dem zerknirschten Padrone der Mergellina begleitet zurück. Unter wehmütigem Achselzucken, kläglichen Mundwinkelzügen und devotesten Verbeugungen stotterte der Wirt sein unendliches Bedauern hervor, daß gerade die geheischten Speisen und gerade am heutigen Tage nicht vorhanden seien; beschwor die Exzellenza bei allen Heiligen, dieses unglückseligen Zufalls halber seinen Groll auf ihren unterthänigsten Knecht zu werfen und sich eine Auswahl unter den vorhandenen Gerichten gefallen zu lassen. Die Dame warf mit vornehmer Geringschätzung das Köpfchen zurück, entließ den Padrone mit kurzer Handbewegung, und gab dem Mohrenknaben einen flüchtigen Augenwink, worauf dieser nach der Gondel sprang und sogleich mit einem schweren Korbe zurückkehrte, aus dem er, zum nicht geringen Erstaunen der Anwesenden, silberne Becher, Besteck, Konfitüren, seltene Früchte, geschliffene Karaffen, mit einem Worte eine ausgesuchte Kollation hob, diese ordnete, und dann nach einer tiefen Verneigung wieder hinter seine Herrin trat, um mit dem Fächer von weißen Pfauenfedern dem schönen Gesicht Kühlung zuzuwedeln. Von allen Anwesenden ward wohl Niemand mächtiger von den Reizen der Fremden ergriffen als Don Vincenzio. Solch ein Wesen hatte er noch nie gesehen, solche Schönheit sich nicht einmal träumen lassen. Als habe ihn die Meduse versteinert, so sprachlos saß er der Donna mit allen Symptomen der tiefsten Bewunderung gegenüber. Verworrene Anklänge an den in der Schule durchgepeitschten Ovid flogen ihm durch den Kopf. Er gedachte der Göttinnen der Heidenzeit, wie diese sich oftmals zu den beglückten Sterblichen herniedergelassen und sah mit beklommenem Herzen dem Augenblick entgegen, wo seine Frau Venus in einem Wolkenwagen wiederum auf- und davonfahren werde. Die fremde Dame schien jedoch nicht das mindeste Verlangen zu hegen, ihren stummen Anbeter auf eine so luftige Art zu verlassen. Ihr Auge hatte kalt und gleichgültig die Runde in dem gaffenden Kreis gemacht; es war überall nur auf stumpfe, in ausdruckslose oder gemeine Züge geprägte Neugier gestoßen. Nur dem Anstaunen des jungen Florentiners schien ein tieferes, geistiges Motiv zu Grunde zu liegen. Verlieblichte nun gleich das maskenartige Starren den sonst recht hübschen Krauskopf keineswegs, so lag doch eben in dieser paralytischen Regungslosigkeit eine feinere Schmeichelei auf die Donna, als in einem Bande auf ihre Schönheit gedrechselter Sonette. Das ganze Wesen Don Vincenzios trug zudem noch das Gepräge der Unerfahrenheit und Neulingsschaft, und dies soll, wie manche behaupten wollen, gerade der wirksamste Empfehlungsbrief in weiblichen Augen sein. Mochte es daher nun jener den Frauen eigentümliche pädagogische Trieb sein, welcher sie nach Verabschiedung der Puppen antreibt, die Männer in die Lehre zu nehmen, oder Laune, oder momentane Leere, oder Gott weiß was – kurzum, sie wünschte Vincenzios Bekanntschaft zu machen. Wohl aber einsehend, daß wenn nicht sie die Initiative ergriffe, an ein Entgegenkommen des blöden Schäfers nimmer zu denken sei, sandte sie den Mohrenknaben an den schwarzgekleideten, jungen Herrn, um diesen im Namen der Donna Rosaura de Mirafiores y los Valles, Gräfin von Sierradragone, um einige der Blumen, welche er vor sich liegen habe, zu ersuchen. Don Vincenzio erschrak bei diesem Kompliment nicht anders, als ob ihm unversehens ein Eimer mit Eiswasser über den Kopf gegossen worden wäre, stammelte unterschiedlichen Unsinn und legte, am ganzen Leibe zitternd, den Blumenstrauß in die Hände des schwarzen Cupido. Ein süßes Lächeln, ein holdseliger Gruß mit dem Fächer ward dem Konsternierten zum Lohn für das gebrachte Opfer – es eigenhändig darzureichen, wie dies jeder andere Kavalier gethan hatte, war ihm nicht zuzumuten. Wollte also die Dame nicht in diesen ersten Laufgräben stehen bleiben, so mußte sie sich wohl oder übel zu einer zweiten Botschaft entschließen. Sie lautete; Donna Rosaura de Miraflores y los Valles, Gräfin von Sierradragone, wünsche dem galanten Geber mündlich ihren Dank für die freundliche Gabe abzustatten. Dies Gebot konnte nun freilich nicht umgangen werden, und so stolperte denn Don Vincenzio purpurrot und schwerfällig, als wäre er mit der Kette der Galeere entsprungen, auf die Gräfin zu. Wäre die Dame nicht ebenso gewandt und sicher in ihrem Benehmen gewesen, als der Kavalier verlegen und hölzern war, so dürfte es wohl traurig um die Unterhaltung ausgesehen haben – so aber ergriff Donna Rosaura mit der Leichtigkeit und Überlegenheit einer Dame der großen Welt die Zügel des Gesprächs, lenkte sie nach ihrem Wohlgefallen, und hatte schon nach Verlauf von fünf Minuten Alles erfahren, was sie von Vincenzio zu wissen begehrte. Ebenso geschickt verstand sie auch dem Florentiner dasjenige mitzuteilen, was sie von eigener Persönlichkeit und Verhältnissen zu seiner Kenntnis bringen wollte, und so erfuhr er denn auf jenen sicher zum Ziel führenden Umwegen, wie sie Spanierin, aus Valladolid gebürtig und Nichte des Herzogs von Lerma sei, daß sie sich ferner seit dem Tode ihres Gatten zu ihrem Vergnügen in Neapel aufhalte, und wie diese Stadt eine so mächtige Anziehungskraft auf sie ausübe, dass sie sich nicht zur Abreise entschließen könne, trotzdem daß ihre Verwandten sie nur allzu dringend aufforderten, nach Spanien zurückzukehren und sich der Verwaltung ihrer weitläuftigen Güter zu unterziehen. Don Vincenzio fühlte sich über die Maßen geschmeichelt, die Aufmerksamkeit einer so hochstehenden Dame auf sich gezogen zu haben, blieb in einer fortwährenden Ekstase über die Leutseligkeit, Liebenswürdigkeit und frohe Laune der Gräfin, am meisten aber über sich selber, weil er es in so kurzer Zeit zum vollendeten Hofmann gebracht, mit der Tochter eines Granden erster Klasse ganz kordial über das blaue Meer und das schöne Wetter zu reden und in ihrer Gegenwart Nüsse zu knacken vermöge. Und in Wahrheit, für einen Anfänger gebärdete er sich leidlich genug, wurde immer freier, dreister, gesprächiger – er war nicht wiederzuerkennen. Die Schatten verlängerten sich, ohne daß der von Liebe und vielleicht auch etwas vom hitzigen Malvasier berauschte Vincenzio es gewahr wurde. Schon glänzten die Weinblätter der Veranda von den schrägeren Strahlen der Abendsonne, eine menschenschwere Barke kehrt nach der anderen nach Neapel zurück – die ältliche Begleiterin der Gräfin gähnte durch die Nase, der Mohrenjunge ganz unverhohlen – und immer noch war die Unterhaltung nicht erschöpft, oder schien vielmehr von Minute zu Minute an Lebendigkeit gewinnen zu wollen. Da läuteten die Glocken zum Angelus. Die Gräfin fuhr auf und rüstete sich zum Aufbruch. Vincenzio wollte nicht glauben, daß bereits drei Stunden seit dem Anknüpfen der neuen Bekanntschaft verstrichen seien. Donna Rosaura dankte ihm in den verbindlichsten Ausdrücken für den angenehmen Abend, äußerte die Hoffnung, noch mehrere dergleichen mit ihm verleben zu dürfen, lud ihn gütigst ein, sie in ihrer Wohnung zu besuchen, und schied mit vielsagendem Blick und Wink der Hand. Wie ein Verzückter starrte Vincenzio dem durch die Wellen streifenden Kahne nach, bis er in der Nacht verschwunden war. Die Mahnung des Kameriere, daß das Haus geschlossen werde und er die Rechnung noch zu berichtigen habe, weckte ihn aus seinen Träumereien. Er eilte nach Hause, um in der Erinnerung des schönsten Tages, des ersten, an welchem sich ihm die goldnen Pforten des Lebens erschlossen, die Nacht zu verschwelgen. Welche himmelweite Kluft zwischen dem Vincenzio, welcher des Morgens aufgestanden, und dem, welcher sich jetzt schlaflos im Bett wälzte zwischen dem schüchternen, nüchternen Baccalaurens, dem mit Schulstaub eingepuderten Pedanten, und dem jungen Edelmann, der mit einer Gräfin zu konversieren wußte, vor ihren Augen Gnade gefunden, dem sie augenscheinliche Beweise von Wohlwollen gegeben. Er blickte mit Schaudern in die Vergangenheit zurück und konnte nicht begreifen, wie es möglich gewesen sei, dieses Leben so lange zu führen, ohne vor Langeweile gestorben zu sein; er schaute dann in die sonnighelle Zukunft, sah sich als den Günstling, den Erkorenen, den Gemahl der Gräfin, als Grande vor dem König von Spanien mit bedecktem Haupte stehen, als Vizekönig nach Neapel zurückkehren. Das Avancement verliebter Träumer geht bekanntlich ziemlich rasch, und wer weiß, ob Don Vincenzio sich noch am Schluß seiner Karriere mit der päpstlichen Tiara begnügt hätte, wenn ihm die Augen nicht vorher schon vor Müdigkeit zugefallen wären. Schon in den Morgenstunden des nächsten Tages stieg Don Vincenzio Altaguardia den Toledo entlang nach dem Largo dello Spirita santo, an welchem die Gräfin Sierradragone wohnen sollte. Er mußte sich unterwegs fortwährend vorpredigen, wie es Ehrensache sei, den Erwartungen seiner holden Gönnerin zu entsprechen, wie ein längeres Säumen seinen gelobten Eifer verdächtigen könne – denn die sanguinischen Hoffnungen, mit denen er am verwichenen Abend entschlummert war, hatten sich, die Wahrheit zu gestehen, so ziemlich verflüchtigt. Er fühlte nicht geringe Anwandlungen von alter Blödigkeit und Schüchternheit, wenn er sich vergegenwärtigte, wie er den Palast der Gräfin betreten werde, die frechneugierigen Fragen der Dienerschaft aushalten müsse, wie die Augen des ganzen Gefolges auf ihn, den Fremdling, gerichtet sein würden. Oft genug war er versucht, wieder umzukehren, – Liebe und Ehrgeiz stachelten ihn wieder zum Vorwärtsschreiten. Es war schon ein saurer Gang. Endlich hatte er den Platz und die bezeichnete Wohnung erreicht. Statt aber vor dem erwarteten weitläuftigen Palast mit Säulengängen, Hofräumen und steinernen Wappenschildern stand er vor einem alltäglichen hohen, zwei Fenster breiten Bürgerhause. Er glaubte irre gegangen zu sein, aber die bezeichnete Nummer 43 stand groß und breit über der Eingangsthür. Er mußte sich notwendig am gestrigen Tage verhört haben – es konnte nicht anders sein. Doch gleichviel, eine Dame, wie Gräfin Rosaura, müßte in dem ganzen Viertel sattsam bekannt sein. Es galt eine Anfrage. Und so klomm er denn, mit den Händen vortastend die dunkle, steile Treppe hinan. Ein grämliches altes Weib schaute mißtrauisch durch die Thürspalte und fragte nach dem Begehren des Klopfenden. Kaum aber hatte sie den Namen der Gräfin Rosaura von Miraflores und Sierradragone vernommen, als sie mit einem unverständlichen Gebrumm, das fast wie eine Verwünschung klang, die Thür vor der Nase des Fragenden zuschlug. Betreten tappte Vincenzio die Stiegen wieder hinab, beschaute das Haus noch einmal von unten, und wollte soeben kopfschüttelnd sich an den Nachbar wenden, als er unter einem Haufen Straßenbuden den Mohrenknaben der Gräfin, »Kopf oder Schrift« um in die Luft geworfene Kupfer-Grani spielend, erblickte. Wäre nicht die schwarze Hautfarbe an dem ehrlichen Pompejus zur Verräterin geworden, so hätte es wohl schwer gehalten, in dem zerlumpten Burschen von heute den gestern so reich staffierten Pagen wiederzuerkennen. Ziemlich verdrießlich verließ der Junge auf Vincenzios Zuruf sein Spiel, bestätigte jene Nummer 42 als die wirkliche Behausung der Donna, sprang die Hühnerstiege wie eine Katze voran, rief gellend den Namen des Florentiners durchs Schlüsselloch, erbettelte ein Trinkgeld für den geleisteten Dienst und stürzte sich wieder auf den Platz, um mit dem erbeuteten Gelde sein weiteres Heil zu versuchen. Vincenzio blieb eine geraume Weile im Dunkeln. Er vernahm drinnen eine scheltende weibliche Stimme, kreischende Erwiderung, das Gebelfer eines Schoßhündchens, Zustoßen von Schubladen und wildes Rumoren mit allerlei Gerät. Endlich ging die Thür auf. Die schon von der Mergellina her bekannte Alte trat dem Florentiner entgegen, bat den geehrten Gast, das Säumen ihrer Gebieterin mit deren verspätetem Aufstehen entschuldigen zu wollen, und beurlaubte sich, indem sie das baldige Erscheinen der Sennora verhieß. In der Stube sah es wüst genug aus. Es war offenbar, daß ein so früher Besuch nicht erwartet worden war. Auf dem bestaubten Spinett lagen unordentlich hingeworfene Seidenkleider; das Korsett hing über der Stuhllehne; Kämme, Schminkdöschen, künstliche Blumen und andere Toilettengegenstände ruhten unter dem durch Rostflecken entstellten Wandspiegel neben einem ganz allerliebsten Pantoffel-Pärchen; die Pagode von Speckstein auf dem Kaminsims lag umgestürzt und mit der Nase in der Schokolade; aus den halbgeöffneten Schubladen der Kommode bauschten Bänder und Wäsche; der Papagei scharrte in dem leeren Blechnapf vergeblich nach Futter und hieß abwechselnd den Herrn Baccalaureus einen Narren. Fast wollte es diesen bedünken, als ob der Vogel nicht so ganz unrecht habe – da öffnete sich die Seitenthür, Donna Rosaura trat im reizendsten Negligé und strahlend wie der junge Tag hervor, und nötigte Don Vincenzio in das anstoßende Zimmer. Trug dieses nun gleich weniger sichtbare Spuren von Vernachlässigung, so sah es dennoch für das einer Frau von Range noch immer genial genug aus. Die Gräfin ließ jedoch dem jungen Mann zu Beobachtungen und Reflexionen keine Zeit und beeilte sich, ihm den Schlüssel zu dem allerdings befremdlichen Rätsel zu geben. »Ihr werdet, Don Vincenzio,« hob sie mit dem einschmeichelndsten verführerischesten Lächeln an, »meine Wohnung, meinen ganzen Hausstand unter Eurer Erwartung finden. Gewiß glaubtet Ihr mich in einem jener weitläufigen, herzlosen, mit Schnörkeln überladenen Säle wieder zu treffen, umgeben von einem Schwarm galanter Müßiggänger und Spione, und seht statt dessen nur ein ziemlich beschränktes Gemach im dritten Stockwerk und meine Dienerschaft auf dem schwarzen Pompejus und die treue Alte, meine frühere Amme, beschränkt. O glaubt mir, Don Vincenzio, das Glück flieht jene vergoldeten Prunkgemächer, jene Schar feiler Söldlinge, Je kleiner das Haus, sagt ein alter Weiser, je größer die Ruhe. In dem Palast meines Vaters, des Herzogs von Bejar, in dem eigenen zu Valladolid, in jenen öden Gemächern, in denen man sich zu verlieren fürchtet, lernte ich die drückende Last des hohen Ranges, des Reichtums erkennen. Dort ward meine Grafenkrone zur Dornenkrone. Hier lebe ich frei, lebe ich glücklich, lebe meinen Neigungen, meinen Launen nach, ohne das Ausspähen müßiger Lauscher zu befahren, ohne das mürrische Grämeln einer verwitterten Duenna, das lästige Hofmeistern des Hauskaplans, die ewigen Litaneien des Major-Domus anhören zu müssen. Hier, nur hier bin ich Herrin – dort in drückendere Fesseln geschmiedet, als die ärmste meiner Sklavinnen zu Veracruz. Habe ich nicht recht, jenen falschen Schimmer gegen wahres Glück zu vertauschen? Sprecht!« Don Vincenzio hatte seinen philosophischen Kursus allzugründlich absolviert, um sich nicht nicht von der Wahrheit dieses Syllogismus vollkommen durchdrungen und von dem Vortrag der schönen Bekennerin der Stoa hingerissen zu fühlen. Er fand zuletzt, mit Begeisterung zu dem ihm aus so schönem Munde gepredigten Evangelium schwörend, daß der wackelnde Tisch, ein fehlender Henkel an einem nur zum Teil verdeckten Geschirr und das Brandloch in dem Bettvorhang unerlässige Bedingnisse wahrer Weisheit und Glückseligkeit seien. – Nachdem Donna Rosaura de Miraflores ihren jungen Proselyten hinreichend in der neuen Lehre befestigt glaubte, schlug sie ihm vor, in Puzzuoli, wo es im Gasthause zum Ponte di Caracalla anerkannt den trefflichsten Falerner und Seefische gäbe, zu Mittag zu speisen. Don Vincenzio willigte mit Entzücken ein, und nach einer halben Stunde flogen Schüler und Lehrerin auf einem kleinen zweirädrigen Kabriolet durch die Grotte des Pausilipp. Vier Wochen waren seit dem Anknüpfen der Bekanntschaft verstrichen; sie war immer unauflöslicher geworden. Don Vincenzio war der tägliche Begleiter der Gräfin auf Ausflügen und Luftfahrten, und verließ sie nur in später Nacht, um am nächsten Morgen aufs neue mit ihr jene glückseligen Gefilde zu durchfliegen. Jeder Tag ward ihnen zum Zauberfest. Er konnte nicht mehr ohne sie, sie nicht ohne ihn leben. Nur an drei Abenden in jeder Woche blieb die Schöne für ihren Kavalier unzugänglich. Nach ihrer Aussage fesselte sie ein Gelübde, diese im Gebet für das Seelenheil ihres Vaters in der Einsamkeit zu verbringen. Vincenzio war aber zu guter Christ, um gegen so vollgiltige Gründe ankämpfen zu wollen. – Seine in der Lebensweisheit mittlerweile gemachten Fortschritte waren stupend zu nennen. Zwar hatte der philosophische Kursus die Unannehmlichkeit, ein wenig kostspielig zu sein; denn wem konnte die Zahlung für Wagen, Barken, seine Soupers, abgebrannte Feuerwerke und bestellte Serenaden anders zur Last fallen, als dem Kavaliere servente. Und so machte es sich denn ganz natürlich, daß, nachdem die Kasse des jungen Stoikers gesprengt war, erst die überflüssigen Bücher zum Antiquar wanderten, nächstdem alle Bücher für überflüssig erklärt, und zuletzt durch Vermittlung eines ehrlichen Hebräers einige Anleihen auf die ihm zustehende Grafschaft Sierradragone eröffnet wurden. Diese letztere konnte ihm aber nicht entgehen, denn schon längst hatten sich die gleichgestimmten Seelen als solche erkannt. Vincenzio hatte seine glühende Liebe gestanden, Erhörung gefunden, den Widerwillen der Gräfin gegen eine zweite Heirat glücklich zu besiegen gewußt, mio stand jetzt auf dem Punkt, die kühnen Träume, welche ihm am ersten Abend nach der Heimkehr von der Mergellina vorgaukelten, verwirklicht zu sehen. Um diese Zeit war es, wo an einem und demselben Tage zwei Schreiben gar verschiedenen Inhalts bei dem Herrn Stefano Altaguardia einliefen. In dem ersten bat ihn sein im sechsten Himmel schwelgender Sohn um die Erlaubnis, in den siebenten einfahren zu dürfen, nämlich in den der Ehe mit Donna Rosaura de Miraflores y los Balles, Gräfin von Sierradragone, einzigen Tochter des Herzogs von Bejar und der Nichte des Duque de Lerma. Der zweite Brief war von der Hand des Dekans der Universität, und vermeldete: daß der junge Herr Vincenzio Altaguardia sich leider seit kurzer Zeit einem gar anstößigen Lebenswandel ergeben habe, welches um so mehr zu beklagen, als besagter Don Vincenzio, wie bereits oftmals vermeldet, zeither der Ruhm und Stolz der gesamten Universität gewesen, und erst vor nicht langer Zeit mit der Würde eines Baccalaureus der beiden Rechte feierlichst bekleidet worden. Der einst so ehr- und sittsame Jüngling sei nämlich in die Schlingen einer arglistigen Circe, einer jungen, spanischen Tänzerin, geraten, welche ihn dermaßen umgarnt hielte, daß keine warnende Stimme mehr zu ihm zu dringen vermöge. Ganze Wochen lang schweife er mit der Dirne im Lande umher, gebe ihr schwelgerische Festmahle, lasse dazu von gedungenen Zinkenbläsern aufspielen und vergeude dergestalt die kostbare Zeit und das schwere Geld des Herrn Vaters. Besagte Tänzerin habe bereits zwei junge Wüstlinge zu Grunde gerichtet und zehre noch von den Spolien des letzteren, eines Kalabreser Marchese; mutmaßlich werde das mißleitete Söhnlein das dritte Schlachtopfer, so diese Scylla verschlinge, werden. Außerdem habe er, der Dekan, noch bittere Klage darüber zu führen, daß der junge Baccalaureus, allen Gesetzen der Universität zum Hohn, keiner der ihm durch den Pedell gebührend zugekommenen Citationen Folge geleistet. Möge demnach der Herr Vater baldigst zum Rechten sehen, widrigenfalls bemeldetes Söhnlein zweifelsohne zum Teufel fahren, vorher aber noch aus den Listen der Baccalaurei der hohen Universität zu Napoli gestrichen werden werde. Die frommen Wünsche der Florentiner waren in Erfüllung gegangen; Herr Stefano wurde mit einem Male gewaltig kleinlaut, las die empfangenen Briefe weder auf dem großherzoglichen Platz noch in den Barbierstuben vor, und erwiderte auf alle Erkundigungen nach dem Befinden seines Wunderkindes kurzhin und in den allgemeinsten Ausdrücken, daß er dieses binnen kurzem zurückerwarte. Wirklich hatte er auch einen Brief an Don Vincenzio abgehen lassen, worin er ihm mit wenigen dürren Worten anbefahl, sich angesichts Dieses auf den Weg nach Florenz zu machen. Einen weiteren Grund, als väterlichen Willen, anzugeben, hielt er für unnötig, und sparte ebenso alle Vorwürfe der Ankunft des Apostaten auf. Herr Vincenzio, welcher auf die väterliche Einwilligung so sicher wie auf den Aufgang der Sonne gerechnet hatte, war beim Empfang jenes wortkargen, seiner Liebe gesprochenen Todesurteils wie vom Donner gerührt. Er konnte sich gar nicht zusammenreimen, was den sonst so liebevollen Vater bewegen könne, das Lebensglück seines einzigen Sohnes mutwillig mit Füßen zu treten. Der letzte Brief mußte verloren gegangen sein, oder sonst ein ungeheures, ihm räthselhaftes Mißverständnis obwalten. Mochte dem nun sein, wie ihm wollte, der junge Weltweise faßte den Vorsatz, den Befehlen seines Vaters nicht zu gehorchen, und in Neapel ruhig abzuwarten, bis es dem Herrn Papa belieben werde, von der vorgefaßten Idee zurückzukommen und seinen Irrtum einzusehen. Ebenso beschloß er, seiner Geliebten nichts von dieser Vereitelung, oder vielmehr Vertagung ihrer Glücksträume zu sagen, um ihrem liebenden Herzen einen unnötigen Kummer zu sparen. So viel Mühe er sich aber auch gab, seine Verstimmung zu bemeistern, so war doch die Nachwirkung des fatalen Briefes allzu sichtbar, als daß sie dem scharfen weiblichen Blicke hätte entgehen können. Das Paar saß an jenem Tage wiederum in der Mergellina. Donna Rosaura gedachte jenes Abends, wo sie sich hatten kennen lernen; sie vergegenwärtigte sich jeden Blick, jedes Wort, und wollte gleich im ersten Moment, wo sie Vincenzio zu sehen bekommen, sich gesagt haben, dieser oder keiner, und was nun dergleichen halb bewußtloser, halb absichtlicher Lügen, welche jedes liebende Weib bei der Hand hat, mehr waren. Als aber Vincenzios Lächeln immer gezwungener, seine Beteuerungen immer gedehnter und frostiger wurden, begann Donna Rosaura Verdacht zu schöpfen. Die erste Vermutung, auf welche in solchen Fällen das Weib stößt, ist jederzeit, daß die Liebe im Abnehmen sei, und sie eine beglückte Nebenbuhlerin haben müsse. So eröffnete sie denn unverzüglich alle Schleusen weiblicher Beredsamkeit, Anschuldigungen, Vorwürfe, Klagen, Seufzer, Thränen, bis der geängstigte Vincenzio nicht umhin konnte, den wahren Grund seines Kummers zu nennen und zu seiner Beglaubigung den unseligen Brief im Original vorzulegen. Wenn der Geliebte auf der einen Seite gerechtfertigt dastand, so war das Elend auf der andern nur desto großer. Der alte Herr Stefano bekam die Ehrentitel eines Barbaren, eines Tyrannen, eines Tigers, Herr Vincenzio die eines Lieblosen und Wankelmütigen, welcher nur auf diese Gelegenheit gepaßt habe, um Neapel und sie zu verlassen. Da halfen keine Beteuerungen, keine Schwüre. Sie hatte sich einmal in den Kopf gesetzt, zu verzweifeln, und gegen die desperate Laune eines Weibes helfen bekanntlich Beschwörungen ebenso wenig, als gegen schlechtes Wetter – beide wollen ihr Recht haben und sich ausregnen. Die Angaben des Universitäts-Rektors waren freilich nur allzu begründet gewesen. Donna Rosaura war eine der ausgezeichnetsten und beliebtesten Tänzerinnen des Teatro nuovo , Spanierin von Geburt, und als Findelkind von so gutem Adel, wie der König selber, wenn nicht von noch besserem. Waren die Paläste Bejar und Sierradragone auch nur spanische Schlösser im sprichwörtlichen Sinne, so konnte doch der Thatbestand, daß die Theaterprinzessin zwei Edelleute total ruiniert habe, um so weniger im Zweifel gezogen werden, als er in Neapel jedermann bis auf Don Vincenzio bekannt war. Ebenso war er auch vielleicht der Einzige, welcher in seiner Zurückgezogenheit von der verführerischen Ballerina nichts vernommen hatte. Seitdem sie ihn aber umstrickt hielt, war er der übrigen Welt wo möglich noch unzugänglicher geworden. Sie hatte ihm das Versprechen abgelockt, an jenen drei Abenden der Woche, wo sie, unter dem Vorwande, für den verstorbenen Herzog von Bejar zu beten, ihre Beinfertigkeit in dem kürzesten Röckchen von der Welt beklatschen ließ, den weltlichen Zerstreuungen zu entsagen. Bei einem so unerfahrenen, so blind verliebten Anbeter war daher eine Entdeckung so bald nicht zu befürchten. Rosaura war übrigens mehr leichtsinnig als herzlos und verderbt. Gewohnt von einem Tag zum andern zu leben, mochte sie sich selber noch keine Rechenschaft gegeben haben, wohin jenes Verhältnis führen werde und wie es zuletzt enden müsse. Hatte sie den Neuling auch gleich beim ersten Blick durchschaut, und ihn angeködert, vielleicht bloß um ein Spielwerk für den müßigen Nachmittag zu haben, so war doch das Interesse für den jungen Mann, wie ihr noch niemals ein so treuherziger, aufrichtiger, leidenschaftlich liebender vorgekommen war, schnell gestiegen und zuletzt in warme Anhänglichkeit und Leidenschaft übergegangen. Frauen, welche die Liebe methodisch behandeln, sollen, wie man sagt, am empfänglichsten für romantische Schwärmerei sein, und dann dem einmal erkorenen Gegenstand mit um so heftigerer Leidenschaft anhängen, je mehr sie gewohnt sind, in dem gewöhnlichen Umgang mit Männern nur mit falscher Münze zu zahlen und bezahlt zu werden. Und so waren denn auch die Anschuldigungen des Dekans, daß die Tänzerin auf den Ruin Don Vincenzios ausgehe, jedenfalls zu hart. Noch reichten die dem Kalabreser entlockten Geschenke zu ihren Bedürfnissen – neue von dem Florentiner anzunehmen, hatte sie sich aber bisher standhaft geweigert: und half sie ihm getreulich, den aufgeborgten Beutel leeren, so durfte dies einem so flatterhaften, gedankenlosen Wesen, einer Eintagsfliege, welche für den Wert des Geldes keinen Sinn hat, wohl schwerlich allzu hoch angerechnet werden. Mit roten, vom Weinen geschwollenen Augen kehrte Rosaura abends nach Hause. Die alte Giustina, welche die Rollen der Vermittlerin und Aufwärterin abwechselnd bei ihr spielte, rannte erschrocken herbei. »Um der Wunder des heiligen Rosenkranzes Willen,« rief sie, »welches Unglück ist Euch widerfahren? Sprecht, Signora, welcher Gram bedrückt Euer Herzchen? Wer konnte es wagen, mein Zuckerengelchen zu kränken, den hellen Guckäuglein bittere Thränen zu entlocken? Möge ihn dafür ein Unheil treffen, den schwarzen Bösewicht!« »Möge Deine Zunge für den unseligen Wunsch verdorren!« entgegnete Rosaura heftig. »Auf wen rufst Du das Unheil anders herab als auf meinen herzlieben Freund, auf meinen Cenzo, ohne den ich einmal nicht leben kann, und der jetzt fort soll, um nie wiederzukehren. Wäre ich doch lieber niemals geboren, oder als Findelkind in der Nacht vor Durst und Kälte umgekommen, als daß ich jetzt so schmähliches Leid erdulden solle.« »Nun, nun, Kindchen, Täubchen,« schmeichelte die Alte, »fasse Dich nur. Noch ist ja Dein Freund nicht fort. Wer kann's wissen, wer kann's raten, was noch geschieht. Das Glücksrad ist rund und dreht sich oft so schnell und wunderlich. Und wenn nun auch der Student abzieht, ist denn das ein Grund, weshalb sich mein Lämmchen bleich und hager grämen und die Augen mit Weinen trüben sollte? Laß ihn doch laufen, den armen Schlucker. Geht der eine hin, kommt der andere her. Hat mir doch der Marchese Spinelli noch heute zehn blanke Dukaten geschickt, auf daß ich bei meinem Goldkinde ein gutes Wort für ihn einlegen soll, und der französische Herr, der immer auf seinem Apfelschimmel vorbeireitet, läßt Euch sagen –« »Geh' mir aus den Augen, Du schwarze Hexe,« fiel ihr Rosaura leidenschaftlich ins Wort. »Ich will von keinem etwas hören, von niemandem wissen, als von meinem süßen Freund, von meinem Cenzuccio, von meinem Augapfel. Geh' mir aus den Augen, Du Verworfene, wenn Du keinen andern Trost weißt!« – Und damit begann sie aufs neue in Thränen auszubrechen, krampfhaft zu schluchzen, und vom unbändigsten Schmerz ergriffen, ihr schönes Gesicht zu zerschlagen. »Heilige Madonna von Pie di Grotta,« wimmerte Giustina, indem sie sich bemühte, die Hände ihrer Gebieterin festzuhalten, »erbarme Dich meines unschuldigen Töchterleins, schütze es vor Jammer und Verzweiflung! Rosaura, süßes Engelchen, Herzblättchen, laßt doch ab, gegen Euer holdseliges Antlitz zu wüten! Ihr sollt ja den Florentiner haben, Ihr sollt ihn ja behalten. Geduldet Euch doch. Hört mich doch nur ein Augenblickchen an. Ei ja doch, wofür gäb's denn kein Mittel, ausgenommen wider den Tod, für den freilich kein Kräutlein gewachsen ist. So einen Springinsfeld aber, den wollen wir schon halten und binden und ketten, so daß er ewig und einen Tag zu den Füßen meines Hermelinchens schmachten soll, ja meiner Treu! Wischt aber nur die Thränen aus Euren Augen und trocknet Eure rosigen Wänglein ab. San Genaro! Wie die Stirn glüht und das Herzchen pocht! Die liebe, liebe Jugend! Ja, da hat unsereine schon ihre liebe Not, um es ihr immer recht zu machen. Ja, was ich sagen wollte, laßt ihn ziehen, den Junker, laßt ihn nur in Gottes Namen wandern. Es sollen Euch keine drei Tage vergehen, so habt Ihr ihn wieder, und dann soll er nicht mehr von Euch lassen können, und wenn er so unbeständig als der Scirocco selber wäre. Ei ja doch, der wäre nicht der erste, den wir kirre gemacht hätten. Aber nun stellt auch das Weinen und Klagen ein. Mit Thränen röstet man keine Maiskolben, Wenn der Aschermittwoch kommt, ist der Karneval zu Ende. Gegen den Husten helfen gebratene Äpfel, und gegen den Liebeskummer etwas anderes.« Rosaura hatte sich während der Rede der alten Giustina ein wenig beruhigt und begann, sich nach dem verheißenen Mittel, den Flüchtling zurückzulocken, ungeduldig zu erkundigen, »Was die Jungen nicht wissen, wissen die Alten; und Ihr mögt Euch immerhin gegen den guten Rat sträuben wie die Wachtel im Netz, zuletzt werdet Ihr doch zahm und kirre, und gebt noch gute Worte. Hast denn Du noch niemals von der weisen Frau am Lago di Agnano gehört? Und was solltest Du auch! War doch bisher Dein Netzchen kaum räumig genug, um all die Zugvögel aufzunehmen, die vor Lust zappelten, sich von Dir fangen zu lassen. Ans Entrinnen dachte aber keiner, eh' wir ihn gehörig gerupft hatten. Nun sei nicht bös, Liebchen; Narren und Kastanien müssen geschält werden, das ist einmal so in der Ordnung. Ja also, um auf die kluge Frau zurückzukommen – die wäre hier gerade die rechte. Ein Tränkchen von ihr bei zunehmendem Mond gebraut, und fünf Tropfen davon eingegeben, und Ihr werdet Wunderdinge erleben – denkt an die alte Giustina. Nun sprecht, Herzchen, wie wär's denn damit? Ihr nickt ja? Bravo! – Wird denn aber mein süßes Liebesäpfelchen Mut genug haben, sich allein um Mitternacht zu der weisen Frau zu wagen? He? Ich darf Euch nur bis an die Schwelle geleiten – bei solchen Heimlichkeiten ist der Dritte jederzeit vom Übel. Ihr bleibt mutterseelenallein bei ihr – nicht, daß Ihr etwas zu fürchten hättet – ei, bei Leibe nicht! Die Mutter Maddalena ist die wackerste Frau jenseits des Posilippo, und Gräfinnen und Prinzessinnen erholen sich Rats bei ihr. Wie nun aber die jungen Mädchen einmal sind – das fürchtet sich vor jeder Maus. Bin ich doch selber einmal jung gewesen, und muß das am besten wissen,« Rosaura war viel zu ungestüm in ihrer Leidenschaft, um nicht alle Bedenklichkeiten und Einwände bei Seite zu schieben, um lange auf den versprochenen Liebeszauber zu harren; und so wurde denn beschlossen, in der nämlichen Nacht das Abenteuer zu wagen, nach dem sich Giustina durch einen Blick in den Kalender überzeugt hatte, daß der Mond im Zunehmen sei. In der dritten Stunde der Nacht bestieg die Spanierin in Begleitung der Alten den Wagen, der sie nach dem Lago di Agnano bringen sollte. Bald hatten sie die belebten Straßen hinter sich und fuhren in die nachtschwarze Gruft des Posilippo ein. Die wenigen Lampen, welche den langen Gang erhellen, waren mit einem trüben dampfigen Schimmer umgeben. Das Rasseln der Räder dröhnte dumpf zwischen den engen Felswänden – keine Seele ließ sich so spät auf der dunklen Gasse blicken. Rosaura bebte vor Furcht und klammerte sich ängstlich an die vergeblich zuredende Giustina. Endlich kamen sie wieder ins Freie. Die Nacht war mild und sternenhell. Einzelne leichte Wolken flogen über die Mondsichel hin und verhüllten sie auf Augenblicke, bis sie den Fahrenden hinter den hohen mit Weinranken behangenen Ulmen völlig verschwand. Zwischen den Bäumen glomm hier und da das Feuer einer Wächterhütte; die Hunde schlugen an, als der Wagen vorüberfuhr, und die schwarz vermummten Gestalten der Hüter richteten sich schlaftrunken empor. Die Fahrt schien nicht enden zu wollen. Da deutete Giustina auf den regungslosen Spiegel des Sees von Agnano und auf ein hart daran zwischen Kastanien und Rohrstauden stehendes Häuschen, hieß ihre Pflegebefohlene aussteigen und dreist an die Thür pochen. »Weiter darf ich mich nicht wagen,« murmelte sie. »Es wär' auch besser für unsereine, im warmen Bett zu liegen, als bei Nacht und Nebel Eurer tollen Liebesgrillen halber im Freien zu sitzen und zu frieren, und sich Husten und Schnupfen und noch Ärgeres zu holen. Das junge Volk will aber nun einmal keine Vernunft annehmen, und geht's denn über die Alten her, die müssen das Bad ausbaden. Geht nur, geht nur. Es hätte not gethan, das Kohlenbecken mitzunehmen – ja wer auch an alles denken könnte.« Mit dem dreisten Anpochen war es übrigens so ein eigen Ding. Das arme Kind zitterte wie Espenlaub, hob zehnmal die Hand nach dem Klopfer, um sie ebenso oft wieder sinken zu lassen. Ein Schubfensterchen öffnete sich in der Thür, und ein großmächtiges, leuchtendes Augenpaar, wie das eines Katers, starrte Rosaura entgegen. Entsetzt fuhr sie zurück, da öffnete sich die Pforte; ein kleines, kaum vier Spannen hohes Weib mit seltsam stierem Blick und widernatürlich großem Kopf, der fast die Hälfte der ganzen Gestalt einnahm, trat heraus, faßte das bebende Mädchen mit widrigem Gekicher beim Arm, und zog es mit sich in das Innere der Hütte. Das vom Kaminfeuer erhellte Gemach war mit wunderlichem Hexengerät ausstaffiert. Rosaura war nicht in der Stimmung, all die fabelhaften Fratzen zu mustern. Sie konnte die Augen nicht von der unförmlichen, grauenerregenden Figur der alten Maddalena verwenden. Bald kam ihr diese gar nicht mehr wie ein menschliches Gebild vor. Einmal glaubte das Mädchen eine gewaltige Ohreule, die mit den Flügeln rauschend den Kopf hin und her wiegte, vor sich zu sehen; dann wieder eine ungeheure aufrecht stehende Kröte, zuletzt gar nur einen rohen, narbigen Baumstamm, an welchem ein unförmliches Gesicht ausgehauen war. Der Rauch, welcher qualmend vom Herd durch das Zimmer zog, oder der Duft, welcher dem brodelnden Kessel entstieg, mochten sie betäuben und ihre Sinne verwirren. Ihr war zu Mut, als befinde sie sich im Sturm auf hoher See. – Alles schwankte und wogte hin und her. Dazwischen gellte immer wieder das häßliche Gelächter und Fledermaus-ähnliche Pfeifen der Alten, welche das Mädchen alles Sträubens ungeachtet nicht los ließ, immerfort mit den tellergroßen, unbeweglichen Augen anstarrte und befragte, und wieder dazwischen kicherte. Rosaura mußte auf alle Fragen antworten, sie mochte wollen oder nicht. Der starre Blick hatte es ihr angethan. Was aber die Hexe gesprochen, was sie selber erwidert, war ihr später nicht mehr erinnerlich. Plötzlich fühlte Rosaura in der Gegend des Herzens einen schmerzlichen Stich, schrie hell auf und fiel in Ohnmacht. Als sie wieder erwachte, wehte ihr die frische Nachtluft ins Gesicht. Sie saß wieder zur Seite ihrer Dienerin in dem nach Neapel zurück rollenden Wagen. Ihr war es, als sei sie aus einem aberwitzigen Fiebertraum erwacht. Giustina schlief, oder nahm doch den Schein einer Schlafenden an, und antwortete auf keine der schüchternen Fragen ihrer Gebieterin. So schwieg auch sie zuletzt und versuchte gleich vergeblich über das Erlebte sich Rechenschaft abzulegen und aus der Erinnerung zu bannen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Rosaura am folgenden Morgen die Augen aufschlug. Giustina stand an ihrem Lager und reichte ihr ein seltsam duftendes Gebäck, »Nehmt,« sprach die Alte, »ich habe mich den ganzen Morgen damit gequält.« »Was ist's?« Was soll's damit?« »Nun, der Zauberkuchen ist's, den der Florentiner essen soll, der ihn bindet. Hättet Ihr Euch nicht gestern wie ein albernes Kind betragen, so müßtet Ihr's so gut wissen, als ich.« Rosaura hielt den Teller unschlüssig in der Hand; sie mühte sich vergeblich, die Erscheinungen der verwichenen Nacht klar hervor zurufen, sie zu ordnen. Alles wirrte und floß wild durcheinander. »Sprich, Giustina, ich will's wissen, was ich hier halte. Aber nein, geh! ich mag nichts damit zu thun haben. Nimm's fort, es ist nichts Gutes.« »Einfältige Kinderei,« grollte die Alte ungeduldig »Wer war's denn, der sich gestern das Haar zerraufte und in Thränen um einen albernen Schulbuben zerfloß. Wer gebärdete sich denn so verwogen und trutzig und wollte es um des Zaubers willen mit dem Bösen selber aufnehmen? Wer hat denn die alte Giustina um Mitternacht hinausgejagt, wie man's keinem Hunde anthun möchte? Wer? frage ich. Und nun soll aller Plack und Qual wieder für nichts und wieder nichts sein? Sucht Euch Eure Närrinnen anderswo. Ich hab's satt,« »Sei gut, bitte, bitte, liebe Giustina,« schmeichelte das Mädchen, »sei nur wieder gut. Ich will ja alles thun – sag' mir nur das eine: was ist es, das ihn ketten soll?« »Was wird's sein? Ein Tropfen Herzblut ist drunter, was weiter.« Rosaura erinnerte sich des gefühlten Stichs und zuckte heimlich zusammen, »Und nun, was soll ich weiter thun?« »Deine Guckäugelein fest auf den Kuchen heften und mir Wort für Wort nachsprechen. Merk' auf: Wer mein Herzblut hat gegessen – Hörst Du's? »Wer mein Herzblut hat gegessen, Kann mich nimmermehr vergessen, Ist fest, fest an mich gebannt, Muß mir folgen über Meer und Land.« Mit innerlichem Schauder sprach Rosaura die Reime Silbe für Silbe nach. »Und jetzt?« »Jetzt ist's richtig, Pompejus mag's gleich hintragen. Frische Fische, gute Fische. Schlaft, Kindchen, schlaft nur wieder ein, verschlaft Sorge und Schreck und Not und wacht mir mit klaren Augen und roten Wänglein wieder auf. Es wird noch alles gut werden. Ei ja doch, ist das ein Herzeleid um solch einen Gimpel, als ob's der leibhaftige Paradiesvogel wäre. Nun, mag er doch sehen, wie er wieder loskommt. Was kümmert's mich.« Don Vincenzio empfing die Botschaft seiner Geliebten ziemlich kalt, hörte den Mohrenknaben auf der Treppe mit zerstreuten Ohren an und schob mit stummem Kopfnicken das vielfach eingewickelte Gebäck in die Tasche. Sein Sinn stand jetzt nicht auf Liebesscherz und Tändeleien, denn vor einer halben Stunde war sein Herr Vater in eigner Person angelangt, um dem vorausgesandten Mahnbriefe den gehörigen Nachdruck zu geben. Ohne dem guten Herzen Don Vincenzios zu nahe treten zu wollen, glaube ich doch dreist behaupten zu können, daß ihm die Erscheinung seines Papas zu andern Zeiten willkommener gewesen wäre. Das Herz pochte ihm mächtig, aber nicht vor Freude, und die Umarmung fiel etwas hölzern aus, Herr Stefano that, als wenn er nichts bemerke, und wiederholte mit den kältesten, nüchternsten Worten den Befehl, sofort zusammen zu packen und ihm nach Florenz zu folgen. Kein Vorwurf, kein Tadel kam über seine Lippen. Der Alte that, als wisse er von gar nichts, ließ sich auf keine Erklärungen ein, drängte nur immerfort zur Abreise und vertröstete den vergeblich Fragenden auf den Weg, wo sich satt-ame same Zeit zu Erläuterungen darbieten werde. Ebenso schien er gar nicht zu bemerken, wie das Einpacken mit so geringen Schwierigkeiten verbunden, und das beste von den Habseligkeiten längst zum Juden gewandert sei. Höflich, fast liebevoll erkundigte er sich bei dem verdutzten Söhnlein, ob er nicht vielleicht zufällig hier und da noch einige Schulden habe, ermunterte ihn aufs verbind- lichste, nur dreist mit der Sprache herauszurücken, und zog, als dieser stotternd und schwitzend einen Posten nach dem andern bekannte, den Beutel, um den Hebräer zu beschwichtigen. In zwei Stunden war alles abgethan; Vater und Sohn saßen auf ihren Pferden und trabten ganz rüstig zur Porta Capuana hinaus. Zehn Miglien mochten sie wohl schon geritten sein, ohne ein Wort gewechselt zu haben. Vincenzio war allzu bekümmert, daß er von seiner Herzliebsten geschieden, und sogar ohne ihr Lebewohl sagen zu dürfen, um zur Konversation besonders aufgelegt zu sein. Stefano summierte im Geist die bezahlten Summen, und studierte an der Rolle, die er seinen Mitbürgern gegenüber zu spielen habe, wenn diese hinter die Geschichte von dem verlorenen Sohne kommen würden. Hinter Aversa aber hielt der Alte seinen Gaul an, schwang sich aus dem Sattel, und hieß seinen Sohn ein gleiches thun, und sich an seiner Seite im Schatten eines Baumes niederlassen. Dann begann er: »Du wirst Dich, mein liebes Kind, über mein bisheriges Verfahren gewundert, und im Geheimen nicht wenig über den barbarischen Vater, welcher den Sohn aus den Armen einer spanischen Herzogstochter, ja fast vom Traualter reißt, geseufzt habe». Nimm hier den Schlüssel zum Rätsel, den Brief des Dekan«; lies ihn mit Bedacht und sage mir Dank, wenn ich die Dohne, in welcher Du gimpelhaft genug zappeltest, kurz und entschlossen zerriß.« Vincenzio las, ward totenblaß und stammelte einige Worte von schmählicher Verläumdung, Der Alte führte ihm dagegen mit größter Seelenruhe die unbegreifliche Verblendung, mit der er sich in so plumpem Lügengewebe habe fangen lassen, zu Gemüt, setzte ihm haarklein auseinander, daß er sich trotz seiner Baccalaurenswürde wie ein Pinsel betragen, und entkräftete die schwächlichen Einwürfe so bündig, daß Herrn Vincenzio zuletzt die Schuppen von hen Augen fielen, und er sich ganz vernichtet fühlte. Nichts ist demütigender für einen Mann, als die Erkenntnis, sich von einem Weibe überlistet zu sehen, nichts schmerzlicher, als ein früher geliebtes Wesen verachten zu müssen. Dies mochte der Alte wohl erkennen, und so hielt er denn, ungeachtet es ihn nicht wenig wurmte, daß sein Tugendspiegel von Sohn sich so gewaltig habe übertölpeln lassen, das quälende Selbstbewußtsein für hinlängliche Strafe, und schenkte dem ohnehin schon tief Gebeugten vor der Hand alle weiteren Vorwürfe und Predigten. Er forderte ihn vielmehr auf, für jetzt, da das Geschehene doch einmal nicht zu ändern sei, der Vergangenheit nicht weiter zu gedenken und statt dessen zum Frühstück zu schreiten. Zu gleicher Zeit langte er aus der Satteltasche ein gutes Stück kalter Pastete nebst einer räumigen Weinflasche und ging seinem Erben mit gutem Beispiel voran, wie man über einem Hühnerflügel alles Herzeleid vergessen müsse. Herr Vincenzio blieb in stoischer Ertragung seines Mißgeschickes weit hinter dem Vater zurück. Der Einladung zum Frühstück Folge zu leisten, fühlte er sich nicht stark genug, – Der Appetit war ihm total »ergangen. Beim Anblick der Hühnerpastete gedachte er des ihm am Morgen von Rosaura gesandten Backwerks, Er zog es aus der Tasche, um es verächtlich von sich zu schleudern. In demselben Augenblick hob sein grasender Hengst den Kopf, näherte sich schnuppernd dem duftenden Gebäck und begann es zu benagen. – Vincenzio ließ ihm seinen Willen. Das Tier schlang den Kuchen mit wunderbarer Hast und Begierde bis auf die letzte Krume in sich. Kaum aber war er verschluckt, als auch der Zauber seine Wirkung zu äußern begann. Der Gaul spitzte die Ohren, schüttelte die Mähnen, wieherte laut, riß sich aufbäumend los, und jagte zuletzt, als wenn er den Teufel im Leibe hätte, nach Neapel zurück. Vincenzio wollte sich hurtig auf das andere Pferd werfen und dem Ausreißer nachjagen. Herrn Stefano mochte aber wohl noch zur rechten Zeit einfallen, daß dem Verfolger nach jener Himmelsgegend zu nicht recht zu trauen sei, daß, wenn ferner Vincenzio es mit seiner Jagd nicht ehrlich meinte, er gar leicht um beide Rosse und den Sohn noch obenein kommen könne, und dann zu Fuß den Flüchtigen nachtraben müsse. Somit hielt er sein ungeduldiges Fleisch und Blut beim Ärmel zurück, und hieß es, als er die den Hufschlägen entquellende Staubwolke ans dem Gesicht verlor, sich hinter ihn auf den eigenen Gaul schwingen. Ob Herrn Stefanos Stoizismus auch bei diesem letzten Unfall standgehalten, und ob er nicht in ziemlich vernehmliche Verwünschungen über Neapel und alles, was drum und dran hängt, ausgebrochen, hat sich niemals ermitteln lassen, und nur, daß Vater und Sohn nach vierzehntägiger Reise zwar wohlbehalten, aber in der übelsten Laune von der Welt in Florenz anlangten. Mittlerweile war der Hengst, von der zauberischen Liebesglut gestachelt, wie rasend den Weg entlang gejagt. Mit Schaum bedeckt stürzte er durch das Thor; der wachthabende Soldat hielt ihm die Partisane vor, er rannte ihn über den Haufen und den Toledo entlang nach dem Largo San Spirito, stürmte donnernd die Treppe hinauf, sprengte mit dem Hufe die Thür, warf die aufkreischende Giustina zu Boden, fuhr wie ein böser Dämon in dem engen Gemach umher, setzte über Tisch und Stühle, und, als er die gesuchte Tänzerin nirgends fand, wieder die Treppe hinunter, Rosaura feierte eben im Teatro nuovo als Psyche ihren Triumph und wirbelte auf der Spitze des niedlichsten Fußes wie ein Wetterhahn im Kreise, als das verzauberte Roß ihre Spur verfolgend nachstürmte, an dem vergeblich protestierenden Kassierer vorüberflog und in das Parterre einbrach, Ein tausendstimmiger Schrei des Entsetzens vermochte den unbefugten Eindringling nicht zu erschüttern. Flüchtig stob alles, wie beim Wettrennen der Barberi, vor dem schnaubenden, stampfenden, schlagenden Gaul auseinander. Die Frauen fielen in Ohnmacht, die Männer sprangen auf die Bänke und versuchten mit Schnupftüchern den ungebetenen Gast hinauszuwedeln; der Barigello rief seinen Häschern mit donnernder Stimme zu, den Störenfried zu arretieren – die Haltefeste dagegen guckten sich zaghaft und kopfschüttelnd an und salvierten sich in den hintersten Winkel. Anstatt sich mit der Rolle eines gewöhnlichen Theater-Enthusiasten zu begnügen und von seinem Sitz ans mit den Hufen Beifall zu trommeln, drängt das Pferd unaufhaltsam vorwärts, setzt über die Barriere, welche das Orchester scheidet, richtet einen gräulichen Wirrwarr unter Baßgeigen und Pauken an, und springt endlich über die Lampen auf die Bühne, dort läßt es sich demütig vor der vor Schrecken halbtoten Tänzerin auf das Knie nieder, blickt mit schmachtenden Augen zu ihr hinauf, schmiegt sich mit dem schlanken Hals an ihr Gewand, stöhnt auf das beweglichste, und macht ihr dergestalt vor dem versammelten Publikum seine Liebeserklärung in allen Formen. Rosaura will sich vor der exzentrischen Huldigung hinter die Koulissen flüchten – das Pferd verrennt ihr den Weg. Die Theaterdiener fallen mit Prügeln und Stangen über den Dilettanten her – er setzt sich wie ein echter Ritter mit Hufen und Zähnen gegen das profane Gesindel zur Wehr, jagt den rohen lieblosen Schwarm in die Flucht, und sinkt dann wieder lammfromm zu den Füßen der Geliebten seiner Seele. Keine menschliche Gewalt vermag den blind Verliebten zur Vernunft zu bringen, ihm den Gegenstand seiner Leidenschaft zu entreißen. Vergebens besprengt ein herbeigerufener Kapuziner den Besessenen ans der Entfernung mit Weihwasser. Der Satan bleibt hartnäckig und spottet der Beschwörungen wie der ihm vorgehaltenen Reliquien. Der Vizekönig, welcher zugegen ist, giebt, wütend über die Unterbrechung seines Lieblingsballets, von der Loge aus den Befehl, den vierbeinigen Liebhaber zu erschießen. Ein in Krieg und Gefahren ergrauter spanischer Hakenschütz wagte es, die Todessentenz zu vollziehen, ladet eine geweihte Kugel in den Lauf, zielt, drückt ab und durchbohrt das liebeglühende Herz des treuesten Anbeters – er sinkt zurück, wirft einen unaussprechlichen Blick der Wehmut auf seine Geliebte und verscheidet. Die Sache hatte zu vielen Lärm gemacht, als daß man nicht den Motiven einer so unerhörten Leidenschaft hätte nachspüren sollen. Die Inquisition witterte Unrat, ließ die arme Ballerina vorladen, nahm ihr augenblickliches, reuiges Bekenntnis zu Protokoll und begnügte sich mit seltener Milde, die junge hübsche Delinquentin in die Besserungsanstalt dell' Annunziata zu sperren. Nach einigen Tagen war sie von dort verschwunden. Die alten und rechtgläubigen Neapolitaner schrieben ihre Entweichung den Zauberkünsten des ihr dienstbaren Teufels zu. Die jüngeren und namentlich die sogenannten aufgeklärten wollten es freilich besser wissen, ließen keinen Zauber, als den ihrer Schönheit gelten, und die Ballerina von einem reichen Marchese nach dessen Landgut entführen. Mutter Maddalena, welche als alt und häßlich auf keine Nachsicht von seiten des Tribunals rechnen konnte, wurde feierlichst mit allen üblichen Zeremonien als Hexe verbrannt. Giustina war noch glücklich genug den Armen der geistlichen Justiz entgangen, indem sie an der vom Pferde erhaltenen Kopfwunde schon am folgenden Tage starb. Don Vincenzio pries, als er die tragische Entwickelung seines Romans vernahm, den Himmel, Satans Schlingen so glücklich entronnen zu sein, wurde ein Jahr lang jedesmal feuerrot, so oft das Gespräch auf Spanien und Gräfinnen kam, und vergaß endlich seine erste Liebestäuschung in den Armen einer liebenswürdigen Florentinerin. Herr Stefano wollte aber von Stund an nichts mehr von überaus frommen und wohlgeratenen Söhnen wissen, schüttelte jedesmal bedenklich den Kopf, so oft Eltern ihre Kinder als von dummen Streichen eximierte priesen, und pflegte zu äußern: ein gewisser periodischer Wahnsinn sei einmal das Erbteil aller Adamssöhne; früh oder spät müsse ein jeder der Natur diesen Tribut zollen und ausrasen; je frühzeitiger aber dieser Parozysmus eintrete, um so unschädlicher sei er, und um so sicherer dürfe man auch auf radikale Heilung des Patienten rechnen. Die Brenta-Blume In keinem Jahre waren seit Menschengedenken die jungen Paduaner, und namentlich die Herren Studenten der weltberühmten Universität so gottesfürchtig gewesen, als gerade im Jahre 1808. Ich will damit bei Leibe nicht gesagt haben, daß die männliche Jugend des alten ehrwürdigen Patavium vor und nach jener Epoche just, was man so nennt, gottlos gewesen sei, sondern nur, daß ihre Frömmigkeit nicht die der andern ehrlichen Menschenkinder, sondern etwas aparter oder wohl mehr unscheinbarer Natur zu sein pflegt. Den Grund dieser Abweichung aber glaube ich allein darin zu finden, daß für Doktoren der Rechtsgelehrsamkeit oder Weltweisheit ein Tag von vierundzwanzig Stunden viel zu kurz ist; denn wie soll ein junger Mann nur zum Beten des Rosenkranzes kommen, wenn er die Hälfte des Tages über Folianten brüten muß, und wie in die Kirche, wenn er die andern zwölf Stunden im Weinhause liegt? Das Jahr 1808 brachte aber, wie bereits gemeldet, eine segensvolle Umwandlung bei allen denjenigen zuwege, welche der Tortur des einmaligen wöchentlichen Rasierens unterworfen waren. In der elften Morgenstunde stand das alte Collegio del Bo verlassen, und der Bienenschwarm seiner Zöglinge umsummte die Reiterstatue des Generals Gatamelata, auf der Piazza di Sant' Antonio, stopfte die Kirchenthüren, das Haupt- und die Seitenschiffe und drängte sich dermaßen in der Kapelle des Santo, wie bekanntlich die Paduaner ihren Heiligen schlechtweg zu nennen pflegen, daß dort keine Stecknadel zur Erde konnte. Der Grund dieses außerordentlich frequenten Besuches war aber weder in einem allgemeinen Ablaß, oder in einem Jubeljahre zu suchen, nicht einmal in der Furcht vor der Cholera, (welche sonst die Gewissen junger Wüstlinge wunderbar zu schärfen pflegt) indem die Erfindung dieser Eisenbahnkrankheit zwanzig Jahre später fällt, sondern nur in der Hoffnung, die schöne neunzehnjährige Eufemia Pappagalli um jene Stunde in der Messe zu sehen. Nun sind zwar, Dank dem wundertätigen Schutzpatron, in Padua schöne Mädchen eben keine Seltenheit, wohl aber Mädchen von so seltener Schönheit. Wenn ein Fremder in der Stella d'oro oder im Imperatore romano abstieg und sich beim Lohnbedienten nach den Merkwürdigkeiten der Stadt erkundigte, so war es der Name der reizenden Eufemia Pappagalli, welcher regelmäßig den ersten Platz einnahm; dann erst folgte der Santo, der Prato della Valle , der Palazzo della giustizia , und die anderen Kuriositäten bis auf Petrarchs ausgestopfte Katze in Arqua herab. Und, bei der Seele des heiligen Filippo Neri! diese Ehrenstelle verdiente sie mit vollem Fug und Recht. Es war die reizendste Blondine, die man sich denken konnte. Das Goldgitter der Wimpern fiel von tiefblauen Augen herab; ihr Mund – ihr Wuchs – – doch was schwatze ich! Eine Opera des famosen Maestro Rossini will gehört, ein Mädchen wie Eufemia gesehen werden. Ich könnte Euch erzählen, wie ihre Stirn die der Kapitolinischen Venus, ihr Arm den der Hebe von Canova in Palazzo Albrizzi bei weitem an Schönheit übertroffen habe. Das sind aber nur Worte, frostige, hohle Worte. Jeder meiner verehrten Zuhörer denke sich die erste Geliebte seiner Jugend, wenn er eines Gleichnisses bedarf; jede meiner schönen Zuhörerinnen wolle sich ihr eigenes Spiegelbild vergegenwärtigen – so und nicht anders kann es mir gelingen, Ihnen ein treues Bild von der holden Brenta-Blume, wie Eufemia von allen genannt wurde, zu entwerfen. Eufemias Vater, Herr Pantaleone Pappagalli, war Barbier – aber kein gewöhnlicher. Nicht nur als Vater einer so ausgezeichneten Schönheit, sondern auch, weil er alle Tugenden und Laster seines Standes zu einem ungewöhnlichen Grade ausgebildet hatte. Sein Barbier-Salon, oder wie er ihn am liebsten nennen hörte, sein Studio, welcher hart an die Casa-Tronto-Pappa-Fava grenzte, war jederzeit von Kunden und Neugierigen überfüllt. Ich weiß wirklich nicht, wer von beiden größere Ursache hatte, mit der Bedienung des Signore Pantaleone zufrieden zu sein. Daß die Hand des Meisters mit dem schärfsten Birminghamer Messer über die Wange der Kunden leicht wie eine Schwalbe über den Teich fliege, und Flaum wie Stoppeln so gründlich vertilge, daß man sich im haarbefreiten Kinn spiegeln konnte – darüber herrschte nur eine Stimme. Zwanzig venetianische Dukaten hatte der Meister in öffentlichen Blättern demjenigen verheißen, welcher eidlich erhärten könne, von ihm geschnitten worden zu sein – das Geld lag aber fester als ein verzauberter Schatz. Adern an Arm und Bein schlug er niemals anders als mit verbundenen Augen, wie dies auch das herrliche Gemälde des Aushängeschildes den Vorübergehenden verkündete. Doch nicht allein am Bart, sondern auch am Haupthaar bekundete er seine Meisterschaft. Niemand außer ihm und seinem Sohn Toma, der schönen Eufemia Zwillingsbruder, – in Parenthese gesagt, ein langer, schlaffer Bengel, – besaß eine gleiche Kunstfertigkeit, der sprödesten Borste jede nur ersinnliche Schwingung zu verleihen, das spießartigste Flachshaar himmelan zu spornen, es mittelst Lucceser und Florentiner Essenzen zu einem ambulanten Orangenhain umzuwandeln. Für Müßiggänger, welche sich zu halben Tagen in Pantaleones Studio herumtrieben, war nicht minder gesorgt. Sie hatten die Auswahl zwischen der Mailänder und Venetianer Zeitung, dem Padovaner Kurier, der Brescianer Plaudertasche, und weiß der Himmel was für Zeitschriften noch. Die Reime und Karrikaturen auf den Pappfähnchen, mit denen die Gäste sich Kühlung zufächern, waren stets die neuesten und witzigsten. An den Wänden hingen einige Guitarren, mit welchen Meister Pappagalli in den spärlichen Frei-Momenten seine jederzeit improvisierten Ritornelle oder Kanzonetten begleitete. Doch nur in seltenen Fällen füllten die Anwesenden ihre müßigen Augenblicke mit Ausübung der edlen Tonkunst, indem sie es fast durchgängig vorzogen, der anziehenden Konversation des Bartkünstlers ein andächtiges Ohr zu leihen. Und wahrhaftig, die genaue Kenntnis des alten Pantaleone von allem, was sich in der Stadt und in der Umgegend zutrug, grenzte an Allwissenheit. Auch Diejenigen, welche es weder mit der Chronique scandaleuse, noch mit Journal-Lektüre hielten, fanden dort ihre Rechnung. Das Nebenstübchen barg nämlich ein vollständiges Assortissement zierlich geschliffener Flaschen, welche allerhand Lüsternheit erweckende Etiketten zur Schau tragen, als da ist Rosoglio, Aqua doppia d'amandorle, Coniac, Marsala u.s.w. Und da die Preise der bicchierini auf das mäßigste gestellt waren, so füllte sich auch das Seitenkabinett mit Verschmachtenden zu jeder Tageszeit. Daß der Wohlstand des Meisters Pappagalli unter so bewandten Umständen täglich zunehmen mußte, ist leicht begreiflich. Das Haus, welches er bewohnte, war schon seit längerer Zeit sein Eigentum. Nach und nach hatte er noch zwei Vignen und eine allerliebste Villeta vor dem Vicentiner Thor dazu gekauft, und außerdem wollten sonst ganz gut unterrichtete Leute wissen, wie nicht nur auf dem Palast Zaborello eine hübsche runde Summe von ihm stehe, sondern daß er auch in der letzten Zeit nicht unbeträchtliche Fonds in der Kasse des Monte di pietà niedergelegt haben solle. Kurzum Pantaleone war, was man so nennt, ein gemachter Mann. Wenngleich nun auch der Meister den größten Teil seines Vermögens dem erfreulichen Fortgang seines Gewerbes zu verdanken hatte, so kann man doch nicht verschweigen, daß er schon vor der Zeit, wo er seine Barbierstube eröffnete, einen ganz anständigen Grund dazu legte. Meister Pappagalli war nämlich einige zwanzig Jahre hindurch das Faktotum der Herren Studenten gewesen. Kleider bürstend und Stiefeln putzend fing er an, wußte aber in kurzer Zeit durch die Gewandtheit, mit der er sich der intrikatesten Kommissionen entledigte, seinen Kunden sich unentbehrlich zu machen. War der Wechsel ausgeblieben, so schaffte Pantaleone jederzeit Rat, hatte stets eine mitleidige, geldvorschießende Seele in petto , oder war selber der Helfer – eine Gefälligkeit, der er sich mit klassischer Uneigennützigkeit unterzog, wofür unter anderem schon das spricht, daß er nur ein einzigesmal mehr als 75 Prozent für seine Mühe verlangt haben soll. Galt es einer verliebten Intrigue, so war es wiederum Pantaleone, welcher alle Hindernisse zu beseitigen verstand. Er wußte genau von jedem Vater einer hübschen Tochter, wann er auf das Kaffeehaus, und sie in die Messe gingen, konnte die Namenstage der schönen Paduanerinnen an den Fingern hersagen, sorgte für Konfitüren und Blumensträuße, sekundierte auf der Mandolina, hielt waghalsigen Fensterkletterern die Leiter, drückte Schlüssel in Wachs ab, steckte die Prügel der Rivalen ein – mit einem Wort, er war der Leporello der halben Universität. In späteren Jahren wollte freilich Meister Pappagalli von jener abenteuerlichen Periode seines Lebens nicht viel mehr wissen. Saß er des Abends mit einigen Altersgenossen im Nebenzimmer allein, wo der Vino di Braganza die Nasen zu röten und die Zungen zu lösen begann, dann mochte es sich wohl treffen, daß er mit heimlichem Lächeln dieses oder jenes Abenteuer zum besten gab. Diese vertraulichen Mitteilungen wurden jedoch um so seltener, je mehr seine Kinder heranwuchsen. Dagegen konnte er stundenlang wie ein Buch gegen die Sittenverderbnis der jetzigen Jugend losziehen, und die gute alte Zeit in den Himmel erheben. Mit spezieller Bitterkeit glossierte er das Treiben der Herren Studenten und die Torturen, welche jeder Vater einer nur halbwege hübschen Tochter von ihnen zu erdulden habe. Und ganz unrecht hatte er nicht. An jedem Morgen fand der Meister, sowie er die Bude aufschloß, sein Haus von oben bis unten mit Sonetten bekleistert, alle zu Ehren der Brenta-Blume; wohin er sah, nichts als Reime wie flore, amore; sospiri, martiri . Cremona konnte für die, nächtlicherweile vor dem Hause gesprengten Mandolinensaiten kaum hinreichenden Ersatz schaffen, Siena ebenso wenig für die von den Rivalen zersplitterten Klingen. Daß vor lauter Musizieren und Rappieren keine Seele von der Nachbarschaft zum Schlafen kommen konnte, versteht sich von selber. Der Podesta erteilte dem vergeblich protestierenden Papa, jenes Unfugs halber, einen Wischer nach dem anderen, und hieß ihn die Tochter verheiraten oder ins Kloster stecken. Der Gescholtene zankte dann seine Frau aus und diese wiederum die Tochter. Ward aber jemals ein Verweis ungerechterweise erteilt, so war es der letztere. Schuldloser war niemand an allem Lärmen als die schöne Eufemia selber. Wenn sie nach der Frühmesse ging, so war ihr holdseliges Antlitz mit dem weißen Schleier verhängt; trat sie in die Kirche, so trippelte sie, ohne die schönen, blauen Augen weder rechts noch links zu wenden, nach dem Grabe des heiligen Antonio, preßte ihre blühenden Lippen andächtig an die Porphyrplatten, kniete zum Gebet oder zur Beichte nieder, und kehrte dann fromm und heilig wieder nach Hause. Sonst aber setzte sie den Fuß nicht über die Schwelle und ließ sich ebenso wenig am Fenster blicken. Noch konnte sich nicht einer der jungen Männer eines freundlichen Blickes von ihr rühmen. So standen die Sachen bis zum Juli 1808, dem Monat, in welchem bekanntlich der große Markt mit dem Pferderennen auf dem Prato della Valle abgehalten wird. Es ist dies das Hauptvolksfest der Paduaner, und die Fremden strömen meilenweit zu dessen Feier herbei. Ich darf wohl voraussetzen, daß auch die Mehrzahl von Euch, meine hochgeehrten Zuhörer, wenigstens einmal während jener Zeit mit dem Postschiff auf dem Kanal der Brenta nach Padua geschwommen sei, und brauch' Euch demnach weder den prächtigen Platz, noch dessen 80 Marmorstatuen großer Paduaner, welche dort im Schatten der Ulmen stehen, ebenso wenig als die angrenzende Kirche Santa Giustina weitläuftig zu schildern. Solltet Ihr aber das Fest bisher versäumt haben, so kann ich Euch nur raten, das nächste Mal die sechs Lire, welche die Hin- und Herfahrt kostet, nicht zu scheuen – es lohnt der Mühe, sage ich Euch. In dem erwähnten Jahre 1808 wurde das Fest feierlicher als jemals begangen. Der Zudrang der Menschen war ungeheuer. Von den Balkonen und Fenstern aller Häuser und Paläste, welche im weiten Kreise den Platz umstehen, hingen die reichen, kunstvoll gewebten Teppiche, deren buntschimmernde Farben bald die Wappen der Eigentümer, bald Gegenstände aus der heiligen wie aus der profanen Geschichte darstellten. Längs der Häuser und rings um den Kanal zogen sich in dreifachen Reihen die hölzernen Gerüste für Städter und Landvolk, während der Adel und die Reichen ihre Schaulust von den Söllern und Fenstern ihrer Schlösser aus befriedigten. Die festlich geschmückte Menge gewährte einen zauberischen Anblick. Alle die pittoresken Trachten der Landleute aus dem venetianischen und lombardischen Distrikten fanden sich auf dem Prato della Valle vereinigt. Hunderte von Karossen rollten in zwei Reihen langsam auf und nieder. Händchen und Fächer blieben in einem Winken und Grüßen nach den Fenstern hinauf, nach den Wagen hinab. Alles drängte sich lustig lärmend durcheinander und freudige Erwartung spiegelte sich auf jedem Gesicht. Endlich rückte eine Abteilung Kavallerie gravitätisch über die mit Sand bestreute Straße, um die Menge zu zerteilen und Raum für das Rennen zu schaffen, und Jeder beeilte sich, auf dieses Zeichen einen der noch unbesetzten Plätze auf den Tribünen, welche die Vermieter mit kreischender Stimme austrompeteten, zu erreichen. Die Wagen verloren sich, und die Barberi wurden unterm Geleit der Polizei vorübergeführt. Dreizehn Pferde waren es, welche um den Preis laufen sollten. Große auf ihre Hüften gemalte Nummern bezeichneten sie; Flittern und Rauschgold raschelte glitzernd in den mit Band durchflochtenen Mähnen. Es waren herrliche Tiere, und nur mit Mühe gelang es den Stallknechten, sie zu führen und die mit Stacheln versehenen Riemen, welche die Rennenden spornen sollten, über ihrem Rücken schwebend zu erhalten. Mit lautem Jubel begrüßte das Volk die edlen Rosse, welche unter der Tribüne des Podesta aufgestellt wurden. Endlich gab dieser das Zeichen, der hemmende Strick fiel, und mit Pfeilesschnelle flogen die gestachelten Renner die Bahn entlang – ein Blitz, und sie waren vorüber. Das Volk stürzte von den Tribünen und flutete dem Ziel zu, um den Ausgang des Wettkampfs zu vernehmen. Auch Eufemia, welche zur Seite ihrer Mutter Santa dem Schauspiel beigewohnt hatte, stieg von ihrem Sitz, aber das Gewühl riß sie mit fort, und drängte sie aus dem mütterlichen Arm. Zu spät bedauerte sie, ihren sichern Standpunkt aufgegeben zu haben und schaute sich ängstlich nach einem Bekannten um, unter dessen Schutz sie sich begeben könne. Da erscholl aus tausend Kehlen der Angstruf: Ein Pferd! Ein Pferd! Es war einer der Renner, welcher am Ziele nicht aufgefangen worden war und nun wie rasend auf der durchmessenen Bahn zurückstürmte. Mit Schaum und Blut überdeckt brach er durch die dichten Haufen; das tausendstimmige Geschrei machte ihn nur noch wilder. Rechts und links stäubten die Massen mit eigentümlicher Behendigkeit vor dem schnaubenden Rosse auseinander. Eufemia, welche verwirrt und zitternd unter der Menge stand, sah sich plötzlich frei auf der Straße stehen und das Pferd auf sich losjagen. Halb bewußtlos deckte sie die Augen mit der Hand – da sprang ein junger Mann aus dem Gedränge, riß das Mädchen zurück und führte einen gewaltigen Schlag mit dem Rohrstock gegen die Stirn des Rosses. Betäubt prallte dieses zurück und ließ sich von den nachkeuchenden Knechten geduldig einfangen; der junge Mann aber bot der halb Ohnmächtigen den Arm, um sie nach Hause zu geleiten. Während dessen hatte sich auch Signora Pappagalli wieder herangefunden, erschöpfte sich in Danksagungen gegen den rettenden Engel, und forderte ihn im ersten Enthusiasmus der Erkenntlichkeit auf, ihr geringes Haus mit seinem Besuch beehren zu wollen – eine Einladung, welche sich der schnurrbärtige Genius nicht zweimal sagen ließ. Sein Name war Emidio di Castell-Viscardo ans Vicenza, wo sein Vater als einer der reichsten Kaufleute lebte. Er selber hielt sich der Studien halber in Padua auf, und war unter den Serenadenbringern, Blumenstreuern, Sonettendrechslern, welche der Brenta- Blume huldigten, einer der eifrigsten. Es war ein schöner blasser Mann mit dem schwärzesten Auge und Bart von der Welt, in Hinsicht auf Eleganz des Anzugs ein wandelndes Modejournal, saß mit Anstand zu Pferde, tanzte wie ein Gott, wußte angenehm und witzig zu plaudern, hatte Geld, viel Geld, war freigebig – kurzum, ein Amante, wie er im Buche steht. Nach jahrelangem, vergeblichem Schmachten vor der Schwelle seiner Schönen wähnte Emidio sich in den siebenten Himmel versetzt, als er zum erstenmal zur Seite der lieblich errötenden Eufemia saß, und aus ihrem Munde die verwirrt gestammelten Danksagungen vernahm. Edlen weiblichen Seelen ist es aber die süßeste Pflicht, ihre Dankbarkeit an den Tag zu legen, namentlich wenn der Verpflichtende ein hübscher junger Mann ist, und fast schien es, als übertreibe die Schöne selber um ein weniges sowohl die Gefahr als die bewiesene Geistesgegenwart, nur um ihre Erkenntlichkeit in gleichem Maße steigern zu dürfen. Er war leidenschaft verliebt, sie blieb nicht gleichgiltig, die Eltern waren die Freundlichkeit und Schmiegsamkeit selber – was wunder, wenn das junge Paar schon nach Wochenfrist das Geständnis zärtlicher Zuneigung, die Schwüre ewiger Treue austauschte. Ob die alten Pappagalli jene bisher unerhörte Nachsicht und Willfährigkeit nur als gerechte Vergeltung des geleisteten Dienstes betrachteten, ob ihnen ein Vicentiner Vöglein ein herzensgewinnendes Lied von den Geldsäcken des alten Castell-Viscardo vorgesungen, bleibe dahingestellt. Den jungen Leuten blieb das Motiv gleichgiltig. Liebende sind blind, um so blinder, weil sie wähnen, daß die Mitwelt es ebenfalls sei. Diesen allgemeinen Irrtum teilte denn auch unser seliges Paar, und war über die Maßen verwundert, als es vernahm, daß die Kunde von ihrer Liebe und Verlobung schon seit Wochenfrist der Gegenstand des Stadtgespräches sei: als ob es nicht vielmehr mit einem Wunder hatte zugehen müssen, wenn es dem Scharfblick der Tausende von jugendlichen verliebten Müßiggängern entgangen wäre, wie Eufemia ausschließlich von dem jungen Castell-Viscardo das Weihwasser annahm, wie sie genau die Minute, wo er vorüberreite, kannte, und seine Guitarre unter Hunderten zu unterscheiden wußte. So kam denn auch die Nachricht von der ihm bevorstehenden Schwiegertochter zu den Ohren des Papa Vicente Viscardo um vieles früher, als das verliebte Söhnlein es gerade gewünscht haben mochte. Da nun aber dergleichen Botschaften häufiger von Raben als von Tauben überbracht werden, oder doch durch so viele Hände laufen, ehe sie an die Adresse gelangen, daß sie nie anders als gehörig angeschwärzt einpassieren, so war es auch eben nicht befremdend, daß der Bankier sich auf das entschiedenste den Heiratsplänen seines einzigen Erben opponierte. Die väterliche Epistel war eine Bouillontafel von Gift und Galle, Er begreife nicht, schrieb der Alte, wie ein Vicentiner Nobile (dort ist nämlich Jedermann Graf oder wenigstens von Adel), wie ein Glied eines so erlauchten Stammes als der seinige, so niedrig denken könne, daß er sich um die Tochter eines Bartkratzers bewerbe – eine Schmach, über welche die drei tanzenden Meerkatzen seines Wappens vor Scham erblaßten. Hierauf folgten noch diverse Androhungen von Fluch und Enterbung nebst homogenen Floskeln, mit denen unholde Väter höchst spendabel zu sein pflegen, und zum Schluß der gemessene Befehl, angesichts dieses nach Vicenza zurückzukehren. Begreiflich wär' es gewesen, wenn der leidenschaftliche Liebhaber in Padua den Bannstrahlen seines ungnädigen Papstes Trotz geboten und es vorgezogen hätte, in den Fesseln seiner Armida zu schmachten, anstatt im Vaterlande sich von dem Feuer und Flamme speienden Drachen anschnauben zu lassen. Es bleibt aber nur verdrießlich, daß letztere einen unwiderstehlichen Zauber besitzen, mittels dessen sie widersetzliche, in der Fremde herumvagierende Söhne an sich zu ziehen und die Sehnsucht nach der Heimat so mächtig anzuregen wissen, daß die dezidiertesten Opponenten über Hals und Kopf zurückrennen müssen – jener wundersame Bann besteht im festen Zuschnüren des Geldbeutels, im Vorenthalten der benötigten Subsidien. Emidio vermochte ihm so wenig als ein ander Sterblicher zu widerstehen. Über alle die weiteren Folgen jenes fulminanten Briefes schlüpfe ich leise hinweg, schweige von der Bosheit des Meisters Pantaleone gegen den Kaufmann, der ihm den Scherbeutel aufmußte, über die Galle der Mama Santa wegen Vereitlung ihres Lieblingsplanes, und will weder den Thränentau im Auge der Brenta-Blume, noch die Liebesschwüre des verzweifelnden Emidio herzählen, und, statt den ganzen gewöhnlichen Romanenjammer auseinander zu zerren, nur kurz und bündig berichten, wie an einem schönen Morgen der trostlose Emidio mit der Vettura nach Vicenza zurückkutschierte, und sehr weit entfernt war, die Herzensfreudigkeit seines, mit lustigem Gebell vorantanzenden Schafpudels zu teilen. Ein freudloses Jahr war den unglücklich Liebenden seit ihrer Trennung verstrichen. Emidio saß den Tag über in dem Büreau eines Advokaten und langweilte sich nach besten Kräften bei Institutionen und Pandekten. Seine Briefe an Eufemia waren unbeantwortet geblieben, vielleicht auch durch seinen argwöhnischen Vater aufgefangen worden. Außer dem Gerücht, daß seine Geliebte seit Monaten kränkele, war ihm keine Kunde von ihr zu Ohren gekommen. In den tyrolischen Nachbarlanden ging es zu jener Zeit gar blutig her. Andreas Hofer war aus der Höhle im Passeyr-Thal wieder hervorgetreten, und hatte die Fahne für seinen alten Herrscher und die Befreiung seines Vaterlandes geschwungen. Das Volk hatte ihm zugestanden und die fremden Eindringlinge verjagt. Die Rüstungen zur Fortsetzung des Kampfes wurden von beiden Teilen mit unermüdlichem Eifer betrieben. Allein in dem Königreich Italien wurden 15000 neue Streiter ausgehoben. Das Los traf, den Wehklagen des alten Castell-Viscardo und den drei Meerkatzen seines Wappens zum Trotz, auch unseren Emidio. Überglücklich, der dumpfigen Schreibstube und ihren vermoderten Akten entschlüpfen zu können, warf er das Tintenfaß an die Wand und die Büchse über die Schulter und zog jubelnd mit dem ersten Rekruten-Transport zu seinem Voltigeur-Regimente. Es fehlte viel, daß die Kunde von der bevorstehenden Aushebung in dem Studio des Meister Pappagalli mit demselben freudigen Enthusiasmus aufgenommen worden wäre, als in dem des Vicentiner Juristen. Auch Toma, der Zwillingsbruder Eufemias, traf, dem Alter gemäß, die Reihe, sich zur Konskription zu stellen, und es bleibt unerörtert, wessen Herzblut bei dem Gedanken, daß er die fatale schwarze Kugel ziehen könne, mehr gerann, das eigene oder das der Mama Santa, deren Augapfel der fromme Jüngling war. Toma hatte sich mit lobenswertem Eifer in das Geschäft seines Vaters hineingearbeitet, wußte Schere und Seifpinsel mit gleicher Fertigkeit zu handhaben, war fast ebenso reich an Klatschereien und Lügen als jener, und bestimmt, nach zurückgelegtem vierundzwanzigsten Jahre die ganze Wirtschaft für eigene Rechnung zu führen. Der alte Pantaleone gedachte sich dann auf seine Villeta zurückzuziehen, um als Rentier seine Tage zu beschließen. Man begreift demnach leicht, welches entsetzliche Loch die Wahlkugel in die gemütlichen Familienpläne reißen mußte. Mutter Santa hatte ihrem blassen Liebling, eh' er nach dem Rathaus zur Ziehung abging, ein Stück von den wahren Unterbeinkleidern des heiligen Rochus in den rechten Ärmel genäht, drei Messen für seine Erlösung lesen, und ihn von dem Pater Eusebio reichlich mit Weihwasser besprengen lassen. Ich habe bereits zu Anfang Toma einen langen, schlaffen Bengel genannt, und kann es nicht zurücknehmen, obwohl seine Ähnlichkeit mit der holden Zwillingsschwester unverkennbar war. Was aber bei Frauen schön ist, kann oft bei Männern höchst widerwärtig erscheinen, und so fand sich denn die zarte Weiblichkeit des Mädchens in fade Weibischkeit bei dem Bruder verkehrt – der ganze Junge sah aus wie eine schlechte Parodie seiner Schwester. Übrigens war er einer von denjenigen, welche das Küchenfeuer dem Kartätschenfeuer bei weitem vorziehen, und jede Verwendung des Stahls, außer zu Rasiermessern und Brenneisen, für sündlichen Mißbrauch erklären. Mit leichenfahlem Gesicht stand Toma in dem großen Saale des Justizpalastes, wo die Losung vorgenommen wurde, und vernahm in der Todesangst weder die Seufzer der Gepreßten, noch den Jubel der Glücklichen, welche die weiße Kugel gezogen hatten und an ihm vorüberstürmten. Als sein Name aufgerufen wurde, glaubte er in den Boden versinken zu müssen, griff mit der zitternden Linken in die Urne und zog sie mit der schönsten pechschwarzen Kugel wieder heraus. Entsetzt spreizte er die Finger auf, nicht anders, als ob er eine giftige Spinne gepackt habe, und wollte in Ohnmacht sinken – da fiel ihm ein, daß er ja mit der linken Hand statt mit der rechten, an welcher die schützende Reliquie hing, gezogen habe. »Noch einmal! Noch einmal!« schrie er verzweiflungsvoll. »Ich habe mich vergriffen, Padroni! Bei den Wundern der Heiligen flehe ich Euch an, laßt mich noch einmal ziehen. Es gilt nicht!« – Der Kommissario und die Gensdarmen lachten ihm ins Gesicht und hießen ihn einen Pinsel. Wie er nach Hause gekommen, wußte er nicht. Schade, daß der Kaiser Napoleon nicht Augenzeuge von dem Elend war, in welches die Familie Pappagalli durch jenen unseligen Fehlgriff gestürzt wurde. Hätte er die Wehklagen der Mutter Santa, die Verwünschungen des Vaters Pantaleone, das Ächzen des angehenden Kriegsgottes vernommen – so zweifle ich keinen Augenblick, daß er nicht die ganze Konskription aufgehoben, wenn nicht gar auf ewige Zeiten Frieden geschlossen haben würde. So aber saß er in Paris oder Fontainebleau, oder Gott weiß wo, und ließ sich von dem Jammer, den er angerichtet, nichts träumen. Einen Stellvertreter herbeizuschaffen, Wie es Papa Pappagalli nur gar zu gern wollte, ging nicht mehr an, theils weil die remplaçans schon zu jener Zeit übermäßig im Preise gestiegen waren und die Militär-Behörden sich nur ungern zur Annahme eines solchen bewegen ließen, teils weil auch die Zeit dazu viel zu kurz war, und Toma schon am folgenden Tage abmarschieren mußte. Auf dem Thränenstrome seiner Eltern schwamm er aus Padua. Ein Dutzend Gensdarmen mit blanken Pallaschen umzingelte den Trupp Konskribierter, um erforderlichen Falls jede Regung der Reue in der jungen Heldenbrust mit Energie und ohne Verzug ersticken zu können. Der erste Tagemarsch der Kolonne ging bis Vicenza. Ein weitläuftiges, seit dem Frieden von Campo-Formio leerstehendes Kloster war dem Rekruten-Transport als Quartier angewiesen worden. Gleich nach dem Einrücken der Vaterlandsverteidiger wurden die Thore gesperrt und zwei Mann mit scharfgeladenen Karabinern davor gestellt. Innerhalb der Ringmauern dagegen genossen die Konskribierten eine um so uneingeschränktere Freiheit, und jeder durfte nach Belieben sein Quartier in der Kirche, der Sakristei oder in einer der leerstehenden Zellen aufschlagen. Toma saß auf einem der Steinsitze des offnen Kreuzganges, leise vor sich hin weinend, und ohne an dem wüsten Treiben seiner Kameraden Anteil zu nehmen. Der Wein war reichlich verteilt worden. Ein halbes Dutzend ultra-liberal denkender Jungfrauen hatte sich hochherzig entschlossen, das Gefängnis der Rekruten zu teilen und sie über den Verlust ihrer Freiheit nach Kräften zu trösten. Das Kreuzgewölbe hallte vom Gesang der trunkenen Soldaten, von den gellenden Tönen der Querpfeifen, vom Gelächter der ausgelassenen Dirnen. Die geleerten Flaschen flogen klirrend an die Mauer und an die Bilder verstorbener Mönche, welche zürnend über die sündliche Entweihung des Heiligtums aus den Rahmen herniederschauten. Dem Steinbild eines Märtyrers war mit frevelhaftem Spott eine Voltigeur-Mütze aufgesetzt, eine leere Bottiglia in die Arme gelegt worden. An der wieder angeglommenen ewigen Lampe zündeten die schnell Verwilderten ihre Tabakspfeifen an. Ein schauriger Wind pfiff durch die Gänge, bewegte flitternd an den Zellenthüren die zerfetzten Holzschnitte, welche die Wunder der Heiligen darstellten, und drückte den Rauch eines mächtigen Kochfeuers, welches im innern Raum des Kreuzganges loderte und an dem Fuß der einsamen hundertjährigen Cypressen leckte, zu Boden. Die ganze Szene war eine recht unheimliche. »Voltigeur Pappagalli!« rief eine rauhe Stimme, welche das zügellose Treiben übertönte. »Voltigeur Toma Pappagalli! Wo steckt er?« – »Sitzt im Winkel,« schallte eine Antwort, »und beweint den Verlust des mütterlichen Zuckerbreis.« Ein wieherndes Gelächter lohnte dem Spötter. Toma fuhr aus seinen elegischen Träumen auf und beantwortete den Ruf mit einem kläglichen: hier! Ein bärtiger Sergeant, welcher eine dicht verschleierte Dame ehrerbietig am Arme führte, trat auf ihn zu: »Pappagalli, die Signorina wünscht Dich zu sprechen.« – Mit einer tiefen Verbeugung gegen die Begleitete trat er zurück. »Toma, erkenne mich,« flüsterte das Mädchen, »ich bin's,« – »Maria und Josef! Eufemia, Du?« – »Schweige und folge mir. Ich habe Dir wichtiges zu vertrauen.« – Toma gehorchte seiner schönen Schwester und entführte sie den Blicken der Neugierigen in eine der verlassenen Zellen. »Den Jammer der trostlosen Eltern,« hob sie an, »kann ich nicht langer ertragen. Die unüberwindliche Begierde, Dich noch einmal zu sehen, Dir Geld und so manche in der Eile des Abmarsches vergessene Bequemlichkeit nachzubringen, dies waren die Vorwände, unter welchen ich heute Mittag Padua verließ – der wahre Grund meines Ankommens aber ist, um mit Dir zu tauschen. Laß uns rasch die Kleider wechseln, kehre zurück zu den Eltern, die Dich im Geschäft nicht entbehren können – ich will statt Deiner in den Krieg ziehen. Ich ähnle Dir, bin von Deiner Größe und stark genug, um die Beschwerden ertragen zu können. Entschließe Dich rasch, Bruder, die Zeit drängt. An der Klosterpforte steht das Kabriolett, welches mich hierher brachte. Aber eile, in kurzem werden die Thore geschlossen.« Der ehrliche Toma rieb sich verlegen die Hände, schlenkerte bald mit dem rechten, bald mit dem linken Fuß in der Luft und schämte sich etwas Weniges, sich von einem Mädchen an Mut übertroffen zu sehen. Das ungeduldige Drängen der Schwester beschleunigte jedoch den Ausgang des Kampfes zwischen Scham und Lebenslust – die letztere behielt die Oberhand. In wenigen Sekunden war die Umwandlung bewerkstelligt und Toma verließ dicht verschleiert und das Taschentuch wie heftig schluchzend vor die Augen haltend, die Zelle. Der galante Sergeant bot ihm den Arm, führte ihn unter kernigen Trostsprüchen aus dem Thore und hob ihn selber in das Kabriolett. Ohne Unfall langte er um Mitternacht in Padua an. Die Überraschung raubte den alten Pappagallis die Sprache. Anfänglich wußten sie nicht, ob sie den Kindertausch für Gewinn oder für Verlust halten, ob sie sich freuen oder beklagen sollten. Klug genug, um einzusehen, daß Geschehenes nicht mehr zu ändern sei, machten sie jedoch gute Miene zu bösem Spiel, priesen den Heiligen, daß er ihnen wenigstens den Liebling mit heiler Haut zurückgebracht, und stifteten zum leiblichen und Seelenheil ihrer martialischen Tochter eine ewige Lampe vor dem Altare der heiligen Eufemia. In Padua wunderte sich jedermann, am folgenden Morgen den verlegen lächelnden Konskribierten wiederum in der Barbierstube mit vorgebundener weißer Schürze, den Kamm in den Haaren und dem Schermesser in der Hand wieder zu sehen. Man wünschte dem Alten Glück, wenn er es Jedem, der es hören wollte, erzählte, wie er für schweres Sündengeld einen Stellvertreter aufgetrieben und dem Transport nachgeschickt habe, und zuckte betrübt die Achseln, wenn man zugleich vernahm, daß die schöne Blume der Brenta, aus Verzweiflung über den Verlust ihres Zwillingsbruders, in dem Kloster Santa Annunziata zu Ferrara den Schleier genommen. Mit Blitzesschnelle verbreitete sich diese letztere Kunde in Padua, und zwar zur größten Freude Derjenigen, welche in der Nähe des Palastes Tronto-Pappa-Fava wohnten, denn von nun an wurde ihre nächtliche Ruhe weder durch das Schwirren der Guitarren, noch durch das Klirren der Raufdegen gestört, Blumen, Saiten und Klingen fielen im Preise – aber auch in demselben Verhältnis die Frömmigkeit der Studierenden, welche wiederum, statt vor der Kirche des Santo zu antichambrieren, in den dunkeln, mit Wappenschilden geschmückten Hallen des Bo, oder in den noch dunkleren, mit Bottiglien ausstaffierten der Fiaschatterien saßen. Häufiger denn je durfte Vater Pantaleone die Zither von der Wand langen, um sich die Grillen hinwegzusummen, denn die Augenblicke der Muße häuften sich mehr, als es ihm just erwünscht war. Nur allzu schmerzlich erkannte er, daß der Hauptmagnet, welcher seine Barbierstube bisher gefüllt hatte, weder die Gelenkigkeit seiner Hand, noch die Rosoglioflaschen im Nebenzimmer, wohl aber die holdselige Brenta-Blume gewesen sei. Ein neuer Beweis, daß der Nimbus, welcher die Schädel der Väter schöner Töchter umzirkelt, nur ein erborgter, eine Art Mondglanz ist, welcher mit dem Versinken der Tochter-Sonne spurlos erblindet. Jetzt hätte der Meister den Tausch gern rückgängig gemacht, wenn's nur angegangen wäre. In Abwesenheit seiner Frau nannte er das Söhnlein einen coglione – war die Signora zugegen, so durfte er's freilich nicht wagen. Er war schon recht malkontent. Als die Konskribierten am folgenden Tage Vicenza verließen, klopfte der Sergeant dem falschen Toma Pappagalli auf die Schulter, und versicherte diesen, seiner hübschen Schwester halber, fortan seiner speziellen Protektion. »Aber nur keck und unverzagt mußt Du sein,« fuhr er fort, »an Vater und Mutter zu denken, ist nicht mehr Zeit; jetzt heißt's der Kaiser und die Ehre. Meiner Treu, will es mich doch fast bedünken, als ob Du schon halb getröstet wärest. Siehst noch einmal so frisch und keck als gestern aus, noch einmal so hübsch. Mort de ma vie! Nur vier Wochen Kampagne, und Du bist der fixeste Voltigeur in der Kompagnie, Hab's nicht besser gemacht, als ich ausgehoben wurde, und nun sieh mich an. Drei Chevrons und das Kreuz! – Und nun laß uns einen Schluck nehmen, das gehört mit zum Soldaten.« Wenn jedoch das Trinken allein den guten Soldaten gemacht hätte, so wäre Eufemia zweifelsohne der kläglichste in dem ganzen Regiment gewesen. Zum Glück wogen ihre übrigen guten Eigenschaften, – die Leichtigkeit, mit der sie den Dienst erlernte, die Willfährigkeit, mit welcher sie sich ihm unterzog, die unermüdliche Dienstfertigkeit gegen ihre Kameraden, – jenes böse Verschmähen der Flasche auf. Die Offiziere waren ihr alle gewogen und zeichneten sie bei jeder Gelegenheit aus. Die Voltigeurs hatten ihr wegen ihres scheuen, zurückhaltenden Wesens den Spitznamen »Prinzessin Pappagalli« gegeben. Vier Wochen waren im Depot zu Bassano unter steten Übungen in den Waffen verstrichen. Daß Eufemia anfänglich beim Abdrücken ihres Karabiners die Äuglein zugekniffen, läßt sich nicht in Abrede stellen; bald jedoch wurde sie beherzter, und schoß ihre Kugel so gut wie ein anderer ins Schwarze. So viel wenigstens stand fest, daß sie sich beim Abdrücken des Gewehres den Schnurrbart nicht versengen konnte; behaupteten doch die aus ihrer Heimat gebürtigen Soldaten gerade zu: der Vater Pappagalli hätte seinem Söhnlein vor dem Ausmarsch den Bart gleich auf die ganze Kapitulations-Zeit im voraus abgenommen. Eufemia war es nicht unbekannt geblieben, daß Emidio Castell- Viscardo in dem nämlichen Regiment diene. Wie sie aber zu dieser Kunde gelangt, und ob sie nicht vielleicht ein Hauptmotiv zum Stellentausch gewesen sein möge – dies sind zwei Fragen, die ich unbeantwortet lassen muß. Ihr Freund war ihr bisher unsichtbar geblieben. Die Voltigeurs marschierten und fochten in einzelnen Kompanieen, wurden bald dieser, bald jener Abteilung beigegeben, und stießen selten anders als nach Beendigung des Feldzugs wieder zusammen. Keine wußte eben viel von der anderen. In Napoleons Armee war das Korrespondieren nicht an der Tagesordnung. Es ging ein dumpfes Gerücht, daß die Vicentiner Kompagnie schon längst in Tyrol eingerückt und schon ein paarmal tüchtig im Feuer gewesen sei. Die Blume der Brenta ließ das Köpfchen tief hängen. Endlich bekam denn doch auch ihr Detachement den Befehl zum Aufbruch. Es verstummte aber doch so mancher von den fröhlich trällernden Voltigeurs, als sie die Höhe mit der Schanze Cavallo erklommen hatten und nun den Scheideblick auf das schöne Italien warfen. Jeder mochte sich wohl fragen, ob er nicht auf immer von seinem Heimatlande Abschied nahm, von den Olivenhainen, von den mit Weinranken umflochtenen Ulmen, von dem ewig blauen Himmel; denn der Krieg, in welchen sie zogen, war der verderblichste, der seit Menschengedenken geführt worden war. Es galt nicht Heer gegen Heer, wohl aber Volk gegen Volk, Vertilgung der Fremden oder der Eingeborenen, morden oder gemordet werden. Wenn die Kolonnen sich schweigend durch die engen Felsenpässe, durch die düstern Tannenwälder wanden, dann knallten die Büchsen aus den Schluchten, und die Felsen schüttelten ihre grauen Häupter, und Blöcke und Baumstämme donnerten von der Höhe und zermalmten diejenigen, welche die Kugel verschont hatte. Die Glocken, deren Klänge über die Wiese zogen, geleiteten nicht den stilldemütigen Zug der Kirchgänger, ihr ängstliches Gewimmer mahnte den Landmann, den Stutzen von der Wand zu reißen, mit Weib und Kind in die Wildnis zu flüchten und den Brand in die eigene Hütte zu werfen. Die Schlacht am Berge Isel war am 13. August geschlagen worden. Das Gebirgsvolk hatte gesiegt, aber die Lücken in den Gliedern der Franken wurden durch die, von allen Seiten hinzuströmenden Kämpfer schnell ergänzt. Die Kampfeswut der Eindringlinge wuchs mit der Verzweiflung der Landesbewohner. Eine französische Heeresabteilung schickte sich mit Sonnenaufgang an, das Biwak zu verlassen und auf die Straße nach Insbruck vorzurücken. Der Befehlshaber hatte die in der Umgegend vereinzelten Detachements und die Reserve herangezogen – über Nacht waren sie eingetroffen. Die Feuer erloschen allmählich. Noch war das Zeichen zum Aufbruch nicht gegeben; die Soldaten irrten in wildem Gewirr von Fahne zu Fahne, um ihre Landsleute aufzusuchen, zu begrüßen, oder reinigten beim trüben Schein der Brände ihre Waffen vom Nachttau. Unter den Ankömmlingen befand sich auch Emidio, Eufemia hatte es vernommen. Mit hochklopfendem Herzen weilte sie bei ihrer Abteilung: es war ihr unmöglich, dem geliebten Freund auch nur einen Schritt entgegen zu gehen. Jetzt, wo ihr heimliches, so lang genährtes Sehnen in Erfüllung gehen sollte, jetzt wünschte sie sich wieder meilenweit hinweg. Wie sollte sie ihm, der keine Ahnung von ihrem Wagnis hatte, unter die Augen treten? Was sollte er von ihr denken? Frei atmete sie erst wieder auf, als die Wirbel der Trommel, der Ruf der Hörner die verstreuten Soldaten zu ihren Fahnen rief und die Kolonne sich schwerfällig in Marsch setzte. Es war ein trüber Septembermorgen. Aus den Schluchten und Tannenwäldern wälzten sich dichte Nebelsäulen himmelwärts: dann und wann riß der Wolkenschleier, und einer der Schneegipfel streckte sein glänzendes Silberhaupt aus den Nebelfalten. Der Sturm sauste durch die Föhrenwälder, und über die Felsblöcke rauschte zur Seite des Weges in wilder Flucht ein hochgeschwollener Gießbach. Die Truppen rückten lautlos vor, machten Halt, bis die vorangesandten Plänkler die Wälder und Hohlwege durchstreift hatten, und zogen dann wieder vorsichtig weiter. So betraten sie ein von schroffen Felsen umstelltes Thal. Einzelne Häuser lagen am Bach verstreut. Aus ihrem hölzernen Giebel schlug die Lohe himmelan. Sie konnten nur eben erst von den Bewohnern verlassen worden sein. Da prasselte das kleine Gewehrfeuer von den Höhen.Von allen Seiten schlugen die Kugeln in die dichtgedrängte Heerschar. Aus den Schluchten tauchten einzelne Gestalten auf, kecke Jäger, mit grünen, federgeschmückten Hüten, zielend, treffend, spurlos verschwindend. Das Blei der Franzosen prallte von den steinernen Schilden ab, welche die Tyroler schirmten; sie sahen sich geopfert, ohne Rache nehmen zu können, wehrlos hingeschlachtet – ihre Reihen begannen zu schwanken. Da heißt der französische General sämtliche Voltigeur-Kompanieen die Anhöhe erstürmen, die schroffen Zacken erklimmen, den Feind aus seinem Verstecke zu verjagen. Der Befehl ist gewisser Tod, Eufemia befindet sich unter den vorrückenden Tirailleurs. Mit schallendem »Vive l'Empereur!« werfen die Tapferen sich gegen die steinernen Wälle, klettern von Zacke zu Zacke, von Vorsprung zu Vorsprung, stürzen durchbohrt von Kugeln, zermalmt von Steinen in die Abgründe zurück. Neue Stürmer drängen sich jauchzend in den Tod, allen voran ein jugendlich schöner Offizier – es ist Emidio, Eufemia erkennt ihn, sieht ihn in demselben Augenblicke mit der geballten Faust wider die Brust schlagen, getroffen hinstürzen, schleudert das Gewehr von sich, fliegt laut aufschreiend durch den Kugelregen auf ihren Freund zu, hebt ihn vom Boden auf und trägt die teure Last aus dem Feuer. Eine Kugel ereilt die Rettende und streift ihr den Arm, sie aber läßt nicht von dem Geliebten, bis sie ihn im Schutz der befreundeten Scharen weiß, bis sie ihn zu Füßen des steinernen Muttergottesbildes mit den sieben Schwertern im Herzen niederlegt – dann erst schwinden ihre Kräfte und der lähmende Hauch der Ohnmacht löst ihre Glieder. Etwa drei Monate später war an einem Sonntagmorgen ganz Padua auf dem Beinen und scharte sich Kopf an Kopf gedrängt auf den Platz vor der Kirche des heiligen Antonius. Die Neugierde der Paduaner war in diesem Falle eine sehr verzeihliche, denn daß ein Leutnant einen gemeinen Voltigeur heiratet, ist zweifelsohne ein Fall, der in den Annalen der Kriegsgeschichte zu den seltensten gehört. Der Leutnant war der seiner Wunde halber entlassene Emidio und der bräutliche Soldat die schöne Blume der Brenta. Jene Ohnmacht war an ihr zur Verräterin geworden und hatte ihr den ehrenvollsten Abschied ausgewirkt. Jetzt zog sie zur Seite ihres glücklichen Bräutigams mit der Myrtenkrone im Haar durch die Evviva! rufende Menge. Die Väter Vicente und Pantaleone folgten Arm in Arm; das Blut des Heldenmädchens hatte die drei tanzenden Meerkatzen des Wappens mit dem Scherbeutel ausgesöhnt. Eufemia verließ bald darauf ihre Vaterstadt, um dem Gatten in die seinige zu folgen. Ihr Gedächtnis wird aber dem Herzen eines jeden Paduaners unvergeßlich bleiben, und meines Erachtens verdient sie nach dem Tode eine Statue auf dem Prato della Valle so gut als Antenor, Titus Livius und sonst einer der achtzig Berühmten. Vor der Hand aber ist sie auf jene Ehre nicht im mindesten begierig und wünscht nichts weiter, als die möglichst lange Dauer ihrer gesegneten Ehe. Die Maske Die endlose Reihe der Säle und Prunkgemächer in den neuen Prokurazien war festlich erleuchtet. Tausende von Wachskerzen funkelten von den Girandolen und strahlten, ins unendliche vervielfältigt, von den mit Spiegeln bekleideten Wänden zurück. Das geblendete Auge des Eintretenden mochte sich nur allmählich an diese Verschwendung von Glanz und Schimmer gewöhnen. Es war einer der Karnevals-Abende des Jahres 1730. Alles, was in Venedig auf Adel der Geburt, auf körperliche Vorzüge Anspruch machen durfte, fand sich in den Prokurazien vereinigt – die Dominante befand sich aber zu jener Zeit auf dem Gipfel der Macht und war weltberühmt durch die Reize ihrer Töchter – der einzige Ruhm, welcher sich noch nicht überlebte. Waren nun mich sowohl die Gesellschaft, als der Ort ihrer Versammlung zu feierlich, als daß man hier noch jenen sprudelnden, ausschweifenden Karnevals-Taumel, wie er auf dem Markusplatz, in den Theatern und anderen öffentlichen Orten niederen Ranges überschäumte, hätte bemerken können, so gab es doch keinen der Anwesenden, der sich dem elektrischen Zauber, welcher jener schönsten Zeit des Jahres ausströmt, gänzlich entziehen konnte, keinen, der nicht durch ein lebendigeres, keckeres Wesen, durch Empfänglichkeit für Scherz, durch die Lust, sich immer wieder in den farbigen Wirbel zu stürzen, den Abglanz der allgemeinen Freudigkeit bekundet hätte. Jeder fühlte sich beglückt, die Fesseln der Alltäglichkeit wenigstens auf Stunden abstreifen zu dürfen: der Patrizier, der strengen Etikette seines Standes, die Schöne, der Aufsicht mürrischer Väter oder eifersüchtiger Gatten entronnen zu sein. Der Schwarm der Masken wogte bunt durcheinander. Die Kavaliere beeiferten sich, mit einschmeichelnden Worten ihre Huldigungen den Damen zu bringen, bald den ihnen aus schönem Munde geheimnisvoll zugeflüsterten Verheißungen lauschend, bald in mutwilligem Wortstreit ihren schönen Gegnerinnen die Spitze bietend. Andere, bei denen zärtliche Empfindungen nur einen untergeordneten Rang einnahmen, drängten sich um die mit Gold belasteten Tafeln, an welchen die Patrizier im vollen Ornat Bank hielten. Bekanntlichermaßen genossen zu jener Zeit nur die Nobili das Vorrecht, ihren Mitbürgern öffentlich das Geld abzunehmen; und die dichten Massen, welche jederzeit die verlockend aufgetürmten Schätze umstanden, die beträchtlichen Summen, welche gewagt wurden und verloren gingen, bewiesen, daß jenes Privilegium ein ersprießliches, und demnach die Vorrechte der patrizischen Abstammung kein leerer Wahn seien. Einen seltsamen Kontrast mit dem geräuschvollen, bewegten Treiben der Versammlung bildete ein junger, vorteilhaft gebildeter Mann von einigen zwanzig Jahren, welcher sich mit verschränkten Armen und in düsteres Hinbrüten versunken, in eine der Fensterbrüstungen lehnte. Aus den Öffnungen der Maske blitzte ein dunkles, geistvolles Augenpaar, welches, um für schön zu gelten, nur eines gesänftigteren Ausdrucks bedurft hätte – der vorherrschende deutete jedoch auf geistige Unruhe, auf eine feindselige Stimmung. Der sich Isolierende war ein junger Nobile, Namens Ugo Gricci. Wenn ein einundzwanzigjährigre, lebenslustiger Patrizier an einem Karnevals-Abend seinen bisherigen Gewohnheiten untreu wird, den Cyper verschmäht, die Schönen keines Blickes würdigt, und anstatt die verführerischen Zauberblätter durch die Finger gleiten zu lassen, in einem Winkel an den Nägeln kauet, und über die Nichtigkeit des menschlichen Treibens, die Vergänglichkeit irdischer Güter philosophiert, so muß diesem anomalen Lebensüberdruß wohl eine gewichtige Veranlassung zum Grunde liegen. Ich habe jederzeit gefunden, daß junge Leute für tiefsinnige, moralische Betrachtungen ausgezeichnet empfänglich sind, so lange sie kein Geld haben – und dieser Fall traf leider auch bei Herrn Ugo Gricci ein. Vor einer halben Stunde hatte er im Bassette sein Taschengeld bis auf die letzte Zecchine verloren und außerdem noch hundert Stück auf Parole – wie er aber diese Ehrenschuld tilgen sollte, war ihm noch höchst unklar. Nach der Berechnung irgend eines gelehrten Mathematikers kommen auf jeden Vater, welcher sich ein Vergnügen daraus macht, die Spielschulden seines Sohnes zu tilgen, fünf Phönixe, zehn Basilisken und einundzwanzig Einhörner; der alte Baldessare Gricci war aber der geizigste Pantaleone im ganzen, weiten Gebiet der Republik. Von dieser Seite war für den jungen Edelmann nichts zu hoffen. Nun existiert zwar noch ein zweites Mittel, wie man auch ohne bares Geld alte Schulden bezahlen kann, nämlich neue zu machen. Signore Ugo grämte sich auch keineswegs darüber, daß er zu diesem zweiten Auswege schreiten solle, und nur deswegen, daß er es nicht könne, weil er jene schöne Hilfsquelle der lockern Söhne filziger Väter schon bis auf den Grund erschöpft hatte, und in ganz Venedig auch keine Lira mehr geliehen bekam. Meines Erachtens hatte er demzufolge vollkommenes Recht, seinen Unstern zu verfluchen und seinen Herrn Vater in den Himmel, oder sich selber in die siebzehnte Hölle zu wünschen. Ein leichter Schlag mit dem Fächer schreckte den Träumer aus seinen melancholischen Grübeleien ans. Zwei weibliche, in Schwarz gekleidete Masken hatten sich ihm unbemerkt genähert, und schienen jetzt mit heimlichem Lächeln das Resultat ihrer galanten Herausforderung abzuwarten. Sie glichen einander zum Verwechseln, es war dieselbe Größe, derselbe schlanke Wuchs, dieselbe Schwärze des Haares. Eine vollkommen gleich gewählte Kleidung, welche bei aller Einfachheit doch vom feinsten Geschmack und gesuchter Eleganz zeugte, vollendete die Illusion. »Und wodurch,« fragte der Patrizier, »habe ich eine so strenge Ahndung, wie die aus schöner Hand mir gewordene, verwirkt!« »Gerechte Strafe,« erwiderte die eine der Masken, »für fahrlässige Kavaliere, welche sich von schutzlosen Damen an ihre Ritterpflichten mahnen lassen.« »Ich habe von einem alten Volke gehört,« sprach die zweite, »daß es die Gewohnheit hatte, bei Festmahlen einen Totenkopf auf die Tafel zu stellen und sich durch den Anblick jenes unvermeidlichen Dereinst zum lebendigen Genuß der Gegenwart zu begeistern – und so hege ich denn die Vermutung, daß Signor Ugo Gricci hierher zu gleichem Zweck auf Befehl des hohen Senats aufgestellt worden sei.« »Oder,« fiel die erste ein, »als Warnungspiegel für die Bewohner des schönen Venedigs, als erschreckendes Beispiel, wie tief die Galanterie bei unsern jungen Nobili im Preise gefallen sei.« »Allerdings muß ich mich als straffällig bekennen,« erwiderte der Patrizier. »Sollte aber das Gefühl des eigenen Unwertes mir nicht als Entschuldigung dienen? Wie konnte ich bei einer so zahlreichen, glänzenden Nebenbuhlerschaft ahnen, daß die Damen den ungefügigsten Ritter zu ihrem Champion erküren würden.« »Hohle Worte!« entgegnete die erste Maske. »Wir kennen die Eitelkeit unserer jungen Herren besser, als daß wir uns durch die lügenhafte Demut des Illustrissimo bethören lassen sollten. Doch gesetzt auch, der Geist der Selbsterkenntnis wäre urplötzlich über Herrn Ugo Gricci gekommen, so soll uns das nicht hindern, ihn für den heutigen Abend zu unserm Cavaliere servente zu wählen. Ein bescheidener Ritter, oder wenigstens eine Bescheidenheit heuchelnder, ist uns nur so erwünschter.« Der Patrizier erwiderte durch eine tiefe Verbeugung, bot den Masken den Arm und ließ sich von ihnen in das dichteste Gewühl entführen. Seine Galanterie behielt jedoch einen mehr negativeren als positiven Charakter; nur zu deutlich ging aus seiner Schweigsamkeit hervor, daß er die übernommene Ritterpflicht mehr um ihrer selbst, als um der eskortierten Damen willen ausübe. Es ist ein trauriges Zeichen der menschlichen Schwäche, daß auch der Geistreichste, Vorurteilsfreieste den Mangel an Geld so tief empfindet, und sich, mit dem Bewußtsein einer leeren Börse, einer schülerhaften Befangenheit, einer lähmenden Verstimmung nicht erwehren kann. So versank denn auch der Nobile, trotz der größten Anstrengung, mit der ausgelassenen Laune seiner Damen zu wetteifern, immer wieder in seine fatale Morosität. Seine Scherze blieben erzwungen, seine Artigkeiten frostig. »Es ist eine vergebliche Mühe,« begann nach einigen Gängen durch die Säle die erste Maske zu ihrer Gefährtin, »die wir uns nehmen, unsern Kavalier aus seiner Lethargie zu wecken. Tiefer Liebesgram drückt ihn zu Boden. Es ist offenbar, daß die Gebieterin seines Herzens das Rendezvous nicht gehalten hat, oder, was noch verdrießlicher wäre, daß sie jetzt eintraf und den Treulosen mit eifersüchtigen Blicken durchbohrt. Wir bemitleiden Euch, Signore, und entbinden Euch hiermit der gezwungenen Dienstleistung.« »Ihr thut mir unrecht, Madonna. Mein Wort zum Pfande, daß ich frei im vollen Sinne bin. Und wenn ich einen Kummer empfinde, so ist es nur der, daß ich die Damen, welche sich so holdselig des Verlassenen annahmen, nicht kenne, und nicht weiß, wem ich für diese unschätzbare Gnade verpflichtet bleibe.« »Ei seht doch,« erwiderte die erste Dame, »wie galant er sich herauswindet. Wahrhaftig. Nun, ich will meinen Verdacht so wenig als Euern Arm aufgeben. Kommt, laßt uns an die Bank des Ludovico Contarini treten. Wisset, das Spiel ist das wirksamste Gegengift gegen unerwiderte Liebe. Ich habe es mir vorgenommen, Euer Arzt zu werden. Kommt, kommt. Unglück in der Liebe bedeutet Glück im Spiel, und ich wage es auf das Eurige hin. Wir sind Moitié!« Eine fatalere Proposition hätte unserm völlig von Geld entblößten Nobile nicht leicht gemacht werden können. Ein Glück war es, daß er die Maske trug, sonst hätte die Dame gesehen, wie ihm alles Blut ins Gesicht schoß; so aber bemerkte sie seine Verwirrung nicht, oder nahm doch den Schein an, sie zu ignorieren, hing sich nur noch fester an seinen Arm und drängte ihn nach der bezeichneten Bank. Sie war diejenige, welche bisher die glücklichsten Geschäfte gemacht hatte, und deshalb auch stets von der größten Zahl der Pointeurs umlagert. Die Maske ließ Herrn Gricci nicht Zeit, das beschämende Bekenntnis von den verlornen Dukaten hervorzustottern, und warf rasch vier Goldrollen auf eine Karte. Sie gewann auf den Abschlag. Die kühne Spielerin verdoppelte, verdreifachte den Satz – ihr Wagnis wurde vom Glücke gekrönt. Jede Karte, welche sie oder der aufatmende Ugo wählten, fiel in den Gewinnst. In halbstündiger Frist häufte sich das Gold vor ihnen. »Das Spiel regt mich zu sehr auf,« begann die Maske leichthin. »Laßt uns einen Gang machen, Signore, und tragt Sorge für unsere Kasse.« Ugo schob so viel Gold in seine Taschen, als sie zu fassen vermochten, ließ sich über den Rest vom Bankier einen Wechsel ausstellen, und beeilte sich, die rätselhafte Schöne wieder einzuholen. Zwischen einem Liebhaber mit leerer Tasche und einem mit gefüllter ist ein mächtiger Unterschied. Alle Beklemmung war von dem Patrizier gewichen. Er war wie umgewandelt, und ganz wieder der lebensfrohe, witzige, galante Ugo Gricci, welcher seit Jahren der Gegenstand des Neides für sämtliche Venetianerinnen gewesen war. Mit Ungestüm drang er jetzt in die Unbekannte, welche er in einem Atem seinen Schutzgeist, wohlthätige Fee, und der Himmel weiß wie weiter nannte, sich ihm jetzt zu erkennen zu geben. »Untröstlich wäre ich, Signora, wenn ich den Namen der wunderbaren Zauberin, welche mich ihrer Huld würdigte, nicht erführe, wenn mir die Gelegenheit versagt würde, ihr durch lebenslängliche Dienste zu beweisen, daß sie keinen Undankbaren verpflichtete.« »Sachte, sachte, Illustrissimo,« war die Antwort. »Woher wißt Ihr denn, daß ich der sogenannte Genius bin? Vielleicht ist es auch meine Freundin – woran wollt Ihr uns unterscheiden?« Der Nobile hatte sich zwar nur einen Augenblick von den beiden entfernt, und während des Spiels stets nur mit einer der Damen gesprochen – um so mehr frappierte ihn dieser unvorhergesehene Einwurf, und er vermeinte anfänglich wirklich, sich an die Unrechte gewandt zu haben: ein Irrtum, welchen außer der bereits erwähnten äußeren gleichförmigen Erscheinung, ein ähnliches, oder unter der Maske leicht zu verstellendes Organ begünstigte. ^ »Ich weihe meine Dienste,« erwiderte nach kurzem Besinnen Ugo, »derjenigen von Ihnen, welche zuerst mir die Ehre erwies, mich anzureden, und, wenn mich mein Gehör nicht völlig täuscht, so sind Sie es, Madonna.« »Sie dürften es vielleicht bereuen,« versetzte die angeredete Maske, welche wirklich die vom Patrizier gemeinte war, »dem täuschbarsten aller Sinne vertraut zu haben. Doch sei's, ich nehme Ihre Dienste an, ohne weiter erörtern zu wollen, ob ich dies Anerbieten dem Fächerschlage, oder meinem Spielglück zu verdanken habe. Nichtsdestoweniger rate ich Ihnen, uneigennützig wie ich bin, es doch nicht ganz mit meiner Gefährtin zu verderben. Es könnte die Zeit kommen, wo Sie Ihr Mißgriff bitter schmerzen würde. Wir beide scheinen einander völlig zu gleichen, und dennoch –« »Waltet,« fiel ihr die andere lachend in die Rede, »ein bedeutender Unterschied zwischen uns. Eine nämlich hat gerechte Ansprüche, für schön gehalten zu werden, während die zweite frappant häßlich ist. Seht Euch demnach vor, Herr Ugo, daß Ihr die richtige Wahl trefft, und nicht die Dohle statt der Taube einfangt.« »Paris hatte ein leichtes Spiel,« entgegnete der Edelmann, »da die Göttinnen durch ein gefälliges Demaskieren ihm jeden Zweifel benahmen. Ich darf mich nur auf den geheimen Zug des Herzens verlassen, und dieser, Signora, spricht zu Euern Gunsten. Euch, Madonna, würde ich den Apfel reichen, wenn ich dadurch Eure Freundschaft nicht zu kränken befürchten müßte.« »Wahrlich nicht,« erwiderte die Verschmähte fröhlich. »Doch bedenkt, daß wir Euch beim Worte halten.« »Darum flehe ich Sie an. Doch wie,« fragte Ugo ungeduldig weiter, »soll ich dies liebliche Rätsel lösen? Und woran erkenne ich die Gebieterin meines Herzens wieder?« Die erste Dame reichte dem jungen Manne einen blitzenden Diamantring und erbat sich ein gleiches Zeichen von ihm. »Merkt Euch, Signore Gricci, daß Ihr fortan auf Lebenszeit der Besitzerin Eures Türkises verfallen seid, und daß, wenn die Begierde, den Gegenstand Eurer Wahl näher kennen zu lernen, nicht bis übermorgen verkühlt ist, Ihr in der dritten Stunde Um zehn Uhr nachts. vor der Kirche San Giovanni e Paolo, dicht bei der Reiterstatue des Feldherrn Coleoni, erwartet werdet. Eine Gondel wird zur bezeichneten Stunde landen. Der Barcarol giebt Euch die Losung: Il pazzo – Ihr gebt die Gegenlosung: per amore .« »Ein ominöses Erkennungszeichen, Madonna.« »Sind denn die Liebenden nicht alle mehr oder weniger thöricht? Und nun lebt wohl.« »Aber Euer Geld, Signora.« »Übermorgen rechnen wir ab. Bis dahin Adio!« Die Masken machten sich los, winkten ihm mit dem Fächer den Abschiedsgruß und verschwanden im Gedränge. Wenn ich für jede Verwünschung, welche von jeher von Wartenden über die Länge und Langsamkeit der Zeit ausgestoßen wurde, nur einen Centesimo hätte, ich wäre imstande, nur die Republik Venedig mit den drei zugehörigen Königreichen Cypern, Candia und Morea, von denen uns bekanntlich nichts als die drei roten Mastbäume vor der Markuskirche geblieben sind, zu erstehen. Auf jeden Fall hätte Signor Ugo Gricci den größten Teil zu jenem Verwünschungsfond, und zwar bloß durch die während jener zwei Tage verwirkten Centesimi, beisteuern müssen. Seine Ungeduld war grenzenlos. Am nächsten Morgen durchirrte er sämtliche Kirchen Venedigs, des Abends die Theater, um die geheimnisvolle Unbekannte zu finden – sie blieb unsichtbar. Er spielte und gewann – vermochte aber vor innerer Bewegung nirgends auszudauern. Er mußte sich selber fragen, wie es nur habe zugehen können, daß er so eine urplötzliche Leidenschaft zu einer Unbekannten, deren Gesicht er nicht einmal gesehen, habe fassen können; und blieb sich die Antwort schuldig, ohne daß deshalb sein Liebeseifer nur im mindesten abgekühlt worden wäre. Die einfachste Lösung jenes Rätsels ist, daß die mysteriöse Erscheinung seine Neugierde erregt, seine Einbildungskraft entflammt hatte, und daß er sich so lange vorredete, wie er sterblich in die Unbekannte verliebt sei, bis er selber daran wie an ein Evangelium glaubte – eine Selbsttäuschung, welche mit zu den Erbfehlern unseres Geschlechts gehören soll. Am Tage des Rendezvous stand Herr Ugo wiederum an dem Eingänge der Markuskirche an einem der Pfeiler gelehnt, und musterte die scharenweis' der Messe zueilenden Venetianerinnen. Zu jener Zeit trug das weibliche Geschlecht durchgängig noch die gleichförmige Vesta di Zendale , eine an und für sich gar löbliche Sitte, welche zum großen Leidwesen der Väter und Ehemänner durch Pariser und Wiener Moden verdrängt worden ist, die aber an jenem Morgen den verliebten Ugo zur Verzweiflung brachte. Hundertmal wähnte er seine Dame in der Eintretenden zu erkennen, hundertmal spitzte er die Finger, um ihr das Weihwasser anzubieten, hundertmal ließ er die Hand wieder sinken. Da wisperte ihm eine Stimme die Worte ins Ohr: »Exzellenza, ich flehe um einen Augenblick Gehör.« Der Nobile blickte sich unwillig um. Es war ein kleiner, dürftig gekleideter Mann, mit nicht besonders zu empfehlender Physiognomie, welcher ihn, auf den Zehen sich hebend und reckend, anredete. Der Kavalier, welcher in dem Kleinen einen Spion des heiligen Uffizio, oder mindestens doch einen Kuppler vermutete, wandte sich verächtlich von ihm ab, ohne ihn einer Antwort zu würdigen. – »Exzellenza,« flüsterte das Männlein wieder, »heute erscheint sie nicht.« »Wer? Sie?« fuhr ihn der Patrizier an. »Von wem redest Du? Was hast Du mit mir zu verhandeln?« »Geruht mir nur zu folgen, Illustrissimo.« Der Kleine trippelte voran, und drückte sich unter dem Portal des Dogen-Palastes in eine der Nischen, in denen die öffentlichen Schreiber ihr Bureaus aufzuschlagen pflegen, die aber des Karnevals halber verlassen stand. Furchtsam blickte er sich nach allen Seiten um, ob er auch nicht belauscht werde, und zischelte dann: »Ich wiederhole Euch, Exzellenza, Ihr wartet vergebens. Heute kann sie die Kirche nicht besuchen.« »Bei allen Teufeln, wen meinst Du mit Deiner Sie?« »Wen anders, als die schwarze Maske, gnädiger Herr, dieselbe, welche Euch im Spiel jenes unerhörte Glück brachte.« »Und woher weißt Du? Wie heißt sie? Sprich! Ihr Name wiegt zehn Zecchinen.« Der Spion schmunzelte verschmitzt, als er die schönen Goldstücke in die Tasche gleiten ließ: »Exzellenza verpflichtet mich durch ihre überreiche Gabe zur Dankbarkeit, zur Aufrichtigkeit. Euch nur das Geringste zu verhehlen, wäre ein Judasstreich. So wißt denn: die unbekannte Dame ist Teresa Foscari, Witwe des Proveditore Diego Mazzini. Von ihrem Reichtum müßt Ihr bereits gehört haben, und ebenso gewiß auch von der Strenge, mit welcher der Verstorbene seine Gattin behandelte. So lange er lebte, durfte sie keinen Schritt über die Schwelle wagen. Man hat allerlei gemunkelt von eifersüchtigen Grillen, mit denen der Selige sich geplagt habe – ich kann es Euch besser sagen. Der einzige Grund, weshalb der Proveditore Donna Teresa geheiratet hatte, war ihr unermeßliches Vermögen, derjenige, weswegen er sie wie eine türkische Sklavin bewachte – ihre Häßlichkeit. Ja, Exzellenza, der Verstorbene schämte sich, an der Seite seiner Frau gesehen zu werden, die von der Natur Verwahrloste in die Zirkel der Noblesse einzuführen.« – »Mensch, Du lügst,« schrie der junge Patrizier und packte den Kleinen ungestüm bei der Kehle. »Josef! Maria! Ihr würgt mich, Illustrissimo! Ist dies der Dank für meine Aufrichtigkeit? Laßt los, ich beschwöre Euch!« »Ei,« fuhr er atemholend fort, »wie kann man so leidenschaftlich sein? Das ist nicht galant, gnädigster Herr. Kann ich denn dafür, daß Donna Teresa einen so ausgesprochenen Bart auf der Oberlippe und ein Feuermal auf der linken Wange habe?« »Aber ihr Wuchs, ihre Haltung, ihre Locken.« – »Lassen nicht das mindeste zu wünschen. Deswegen eben geht Donna Mazzini aber auch en masque auf Eroberungen aus. Und dann noch eins: Luigi Mazzini, Bruder des Verstorbenen Proveditore, ist jetzt Staats-Inquisitor. Ihm muß der Erbschaft halber daran liegen, daß seine Schwägerin sich nicht zum zweitenmal verheirate. Bedenkt jetzt, welche ernsthafte Folgen aus jener Intrigue für Euch erwachsen dürften, wie leicht es Sr. Exzellenz werde, dem unwillkommenen Schwager ein freies Logis unter den Bleidächern anzuweisen. Doch Basta! Für zehn Zecchinen habe ich genug gesagt. Wir sind quitt. Unterthänigster Diener!« Mit diesen Worten entschlüpfte der Vertraute gleich einer Eidechse unter einem Schwarm eintretender Masken und ließ den Patrizier in äußerster Verwirrung zurück. Die Angaben des Spions hatten leider nur zu viel Wahrscheinlichkeit für sich. Der Reichtum des verstorbenen Proveditore, wie der der Familie Foscari, war weltbekannt, ebenso war die Unsichtbarkeit der Donna Teresa schon längst ein Gegenstand der Glossen für Venedigs Müßiggänger gewesen. Nur zu wohl erinnerte er sich, wie sie ihn auf ihre Häßlichkeit vorbereitet hatte, und gedachte des heutigen Rendezvous, bei welchem sie unter dem Schutz der Nacht die Mystifikation fortzusetzen willens schien. Sein erster Gedanke war, die ganze alberne Intrigue abzubrechen, nicht nach der Kirche San Giovanni e Paolo zu gehen, und jede spätere Einladung unberücksichtigt zu lassen. Dann fiel ihm aber wieder das unselige Gold, welches er von ihr in Händen habe, auf die Seele. In seinem Unmut sah er es für das Handgeld an, mit dem sie ihn sich habe erkaufen wollen. Der Gewinnst des vorigen Tages hatte ihn glücklicherweise in stand gesetzt, sich der gehässigen Verpflichtung zu entledigen. Hatte er nun auch gleich vollkommene Ursache, sein günstiges Geschick zu preisen, daß er den Schlingen einer reizlosen Kokette und den gefährlichen Verfolgungen ihres Schwagers entgangen sei, so schmerzte ihn doch die Vereitelung des schönen Traumes, welchem er sich so voreilig hingegeben hatte, nicht minder lebhaft. Er war in Verzweiflung. Mit dem dritten Glockenschlage stand der verstimmte Ugo an dem Piedestal der bezeichneten Statue. Der Platz vor der Kirche war verödet. Alles Leben hatte sich nach dem Mittelpunkt der Dominante, dem Markusplatz und der Piazzetta, deren Mauern von der tosenden Brandung der Karnevalslust widerhallten, zurückgezogen. Selten nur strich eine tief verhüllte Maske den Kai entlang, selten nur huschte eine Gondel mit buntschimmerndem Papierballon vorüber – nach ewig langem Harren auch eine schwarze, lichtlose. Sie landete. Der Gondolier sprang ans Land, ging auf den Patrizier zu, und flüsterte das Losungswort: » Il pazzo .« »Er redet nur zu wahr,« murmelte Ugo vor sich hin. »Ein Narr war ich – noch aber ist es Zeit zu genesen.« Noch einmal fragte der Barcarol, wie an der richtigen Person zweifelnd: » Il pazzo ?« » Per amore !« tönte die dumpfe Antwort. »Folgt mir, Exzellentissimo, Ihr werdet in der Gondel erwartet.« – Ugo Gricci schlüpfte durch das Pförtchen, fühlte sich von zwei weichen Armen umschlungen, an glühende Lippen, an einen stürmisch wogenden Busen gepreßt. »Schweig, schweig, mein Herz!« waren die einzigen Laute, welche die Schöne flüsterte. Undurchdringliche Nacht herrschte in der Kajüte. Süßschmeichelnde Liebkosungen erstickten jedes Wort. Die Gondel stieß ab und schwamm weich nach den Lagunen hinaus. Ugo hielt ein jugendliches, zur holdesten Blüte entfaltetes, nach Liebe schmachtendes Weib in den Armen. Die Warnungen des Spions, die eigenen Vorsätze waren spurlos verweht. Entschlüsse fassen und sie ausführen ist bekanntlich zweierlei, und nur so viel gewiß, daß der Mann, welcher der Versuchung Widerstand leistet, seit dem heiligen Antonius noch geboren werden soll. Zwei Stunden waren den Liebenden im Rausch der beglückenden und beglückten Liebe wie ein Traum entschwunden. Die Gondel hielt wieder am Kai. »Und wann werde ich Dich wiedersehen, Geliebte?« fragte Ugo im Scheidekuß. »Wann wird der Beglückte Dein holdseliges Antlitz erschauen dürfen?« »Morgen, mein Liebling, soll das Rätsel sich lösen. Morgen um die nämliche Stunde sollst Du mir beweisen, daß Deine Liebe eine wahre sei.« Daß der junge Mann es an Beteuerungen und Schwüren für die Aufrichtigkeit seiner Leidenschaft nicht werde haben fehlen lassen, begreift sich leicht. »Morgen, morgen!« wiederholte die Schöne und drängte ihn leise von sich ab. »Wir müssen uns trennen. Lebe wohl!« – Berauscht von seinem Liebesglück flog der Nobile nach Hause. Die Nacht verging ihm unter wachen Träumen von jenen wonnigen Stunden der erhörten Leidenschaft. Mit Unwillen drängte er die wieder aufkeimende Erinnerung an die boshaften Einflüsterungen des Spions zurück. Er war zu selig gewesen, um sein Glück nicht vollkommen zu wähnen. »Nein,« rief er, »nur ein jugendlichschönes Weib ist so zu lieben fähig. Wehe dem verdammten Ruffiano, wenn er jemals mir wieder in die Hände fällt. Ermorden lasse ich ihn für die Lästerungen jenes Engels. Einen Bart dichtete der schamlose Hund ihr an, als ob in Venedig ein Lippenpaar zarter, üppiger, schwellender, als das von mir tausendmal geküßte wäre! Eine dämonische Lüge ist es – aber ich werde dies Gewebe zerreißen, die Intriguen irgend eines hämischen Rivals entlarven – ich will – ich muß - « u.s.w. Den phantastischen Galimathias der Monologe eines exaltierten Liebhabers zu wiederholen, werden meine günstigen Zuhörer mir erlassen. Es genügt, wenn ich berichte, daß Signore Gricci verliebter als jemals aufstand, und schon drei Viertelstunden vor der anberaumten Frist vor dem alten Bartolomeo Coleone gleich einer Schildwacht auf- und niederrannte. Die so sehnlichst erwartete Gondel langte endlich an. Der Patrizier nahm sich kaum Zeit, das Erkennungszeichen hervorzustottern, stürzte in die Gondel – und fand sie leer. Der Barcarol zupfte den Sprachlosen eine Viertelstunde lang beim Ärmel, um ihm zu bedeuten, daß Madonna ihn in ihrer eigenen Casa erwarte, ehe er die freudige Botschaft fassen konnte. Dann aber war er wieder vor Entzücken und Ungeduld außer sich. Man erzählt sich, er habe die Füße und den spanischen Rohrstock fest an den Fußboden gestemmt, um den Kahn schneller fortzuschieben. Wahrhaftig, Donna Teresa hatte nicht so unrecht, wenn sie dem jungen Manne die Devise: »Der Narr aus Liebe« als Losungswort gab. Die Gondel wand sich durch die nachtschwarzen Kanäle und unter dem Ponte dei Ospici ins Freie hinaus. Die Riva dei Schiavi, der Dogenpalast, die Zecca glüheten von dem zitternden Schimmer der ringsumher in den Eisenringen lodernden Pinienfackeln. Bald von rötlichem Schein beleuchtet, bald in Schatten untertauchend, schwirrten Tausende von Masken über den Kai, und gleich dem hohlen Brausen des nahenden Sturmes zogen die dumpfverworrenen Stimmen der ausgelassenen Menge über das Wasser. Einzelne Sterne schaukelten sich abspiegelnd in der Flut, aus welcher jeder Ruderschlag jene in unseren Gewässern gewöhnlichen phosphorischen Lichtstreifen lockte. Die Gondel flog über den Kanal, umkreiste die Dogana und landete am südlichen Ufer der Giudecca. »Stets geradeaus!« rief einer der Kondottieri dem Aussteigenden nach. Ugo stürmte durch den Garten. Bunte, leuchtende Glaskugeln schlangen sich, Fruchtschnüren gleich, von Ast zu Ast und verstreuten einen wunderbaren Glanz auf die aus den Blütenbüschen hervorlauschenden Marmorbilder, auf den Strahl der Fontänen. Der Patrizier betrat die Schwelle des Marmorpalastes – kein lebendes Wesen ließ sich erblicken. Schwere Seidenstoffe, edle Steine, Vergoldungen, von Meisterhand gefertigte Gemälde schimmerten von allen Wänden. Ohne sich bei der Musterung der rings verstreuten Schätze aufzuhalten, durchschritt Herr Gricci hastig die lange Reihe der Gemächer, deren jedes das vorige an Pracht überflügelte, riß die letzte Thür auf – und erblickte die Herrin dieses Zauberschlosses. Sie ruhte auf einem goldstoffnen Divan in einer Nische. Seltene, wunderliche Blumen neigten von allen Seiten die leuchtenden Kelche wie huldigend vor ihrer Königin. Dasselbe schwarze Seidengewand, in welchem Ugo sie zum erstenmale erblickt hatte, umschloß die schönen Glieder, aber wie an jenem Tage verhüllte auch die Halbmaske und kostbare Bauta ihr Gesicht. Der Jüngling flog auf die Geliebte zu, sank vor ihr auf das Knie und preßte die weiße Hand, an deren Finger sein Türkis schimmerte, inbrünstig an die Lippen. »Teresa,« seufzte er wonnetrunken, »Zauberin, wie bist Du so über Alles schön! Löse nun auch die Maske, laß mich Dein Antlitz in aller seiner Holdseligkeit sehen!« »Fordre es nicht, Liebling meiner Seele,« erwiderte Teresa, »ich bitte Dich. Deine Liebe wird erkalten, wenn Du mein Gesicht erblicktest. Ach, muß ich denn das schmerzliche Bekenntnis wiederholen, daß ich nicht schön sei!« »Doch, doch, Geliebte. Wie kannst Du Deine eigenen Reize schmähen! Nimm sie ab, die neidische Maske, ich beschwöre Dich.« »Was könnte ich Dir versagen, mein Freund?« seufzte Donna Mazzini, löste die Bänder der Larve – wie vom Blitz getroffen fuhr der Patrizier auf und drei Schritte zurück. Ach – der Spion hatte fürchterlich wahr geredet: Donna Teresa war häßlich, abstoßend häßlich. Weder das feuerfarbene Muttermal auf der linken Wange, noch der schwarze, auf der Oberlippe wuchernde Schatten waren erfunden. Durch welchen boshaften Zauber kam ein so reizender Körper zu jenem widerwärtigen Antlitze? Ugo barg das Gesicht in den Händen. Er gedachte der gestrigen Gondelfahrt und seiner geträumten Seligkeit – er war vernichtet. »Was ist Dir, mein Ugo, mein zärtlicher Freund,« rief Donna Teresa und breitete sehnsüchtig die Arme nach dem schaudernd sich Abwendenden. »Wie? Meine Ahnung wäre Wahrheit geworden? Deine Liebe wäre erloschen, seit ich Deinem Verlangen nachgegeben habe? Ugo, es ist nicht möglich. Ich liebe Dich mehr als mein Leben! Meine Güter, meine Schätze, nimm sie hin – nimm Alles hin – nur verlasse mich nicht!« »Ich bin der unglücklichste Sterbliche,« seufzte der Patrizier; »ich bin strafbar, da ich die reizende Täuschung mutwillig vernichtete – aber ich kann an Euch nicht zum Lügner werden, Madonna. Behaltet Eure Schätze – lebt wohl – und vergeßt den Undankbaren.« Wie ein Verzweifelnder stürzte er aus dem Hause und schritt, bis zum Tode unglücklich, das Ufer entlang. Da traten zwei Männer von üblem Aussehen aus dem Dunkel und nisteten sich hart an Herrn Gricci. – »Was wollt Ihr? Wen sucht Ihr?« fragte er, mit der Hand nach dem Messer greifend. »Euch, Exzellenza. Im Namen des Uffizio. Ihr seid unser Gefangener. Gebt Euch gutwillig.« Hätte jene schmähliche Enttäuschung nicht die Kraft des jungen Nobile gebrochen, er würde jener Annäherung schwerlich so willig Folge geleistet haben. Von Schmerz gebeugt ließ er die Hand von der Waffe und, ohne ein Wort zu sprechen, sich von den Häschern fesseln und die Augen verbinden. Sie geleiteten den Gefangenen in einen Nachen, ließen nach einer halben Stunde landen, und führten Herrn Gricci mehrere Treppen hinauf. Das Klirren des Schlüsselbundes verriet die Nähe des Kerkermeisters. Ein verrostetes Schloß wurde aufgesperrt – die Thür flog wieder zu. – Der Patrizier sah sich in einem matt erleuchteten Gewölbe allein. Von seinem Unstern zu Boden gedrückt, sank er auf eine Holzbank. Nur kurze Zeit war er den demütigenden Anklagen seines Gewissens überlassen geblieben, als die Kerkerthür abermals geöffnet wurde und ein ältlicher Mann in der Tracht der Senatoren in das Gemach trat. »Ugo Gricci,« begann der Fremde, »der Staats- Inquisitor Luigi Mazzini steht vor Dir, der Schwager jenes unglücklichen Weibes, welches durch ihren Liebeswahnsinn unsere Familie entehrte. Vernimm, was ich Dir sagen werde. Bei Dir allein steht es, Deine Freiheit wieder zu erlangen, oder jahrelang unter den Bleidächern zu schmachten. Meine Späher haben mich von allem unterrichtet – Leugnen wäre vergeblich. Mir, als Bruder des im Grabe Verratenen und als Inquisitor, liegt die doppelte Pflicht ob, jene Schmach, jene Verletzung der Sitte zu ahnden. Vor dem heiligen Tribunale werde ich jene Thörin anklagen und darauf dringen, daß sie in klösterlicher Abgeschiedenheit ihren Leichtsinn büße. Die ehrwürdigen Väter der erlauchten Republik werden keinen Anstand nehmen, meinem gerechten Verlangen zu willfahren. Wirst Du vor Gericht die Wahrheit bezeugen, wirst Du eingestehen, auf welche Weise Du irre geleitet wurdest, so verbürge ich Dir die Freiheit, aber auch nur durch ein offenes Bekenntnis kannst Du sie Dir erringen. Jetzt wähle.« »Angeber eines Weibes, eines unglücklich liebenden; sollte ich werden?« rief der entrüstete Ugo. »Ist sie nicht schon durch mein Zurücktreten unglücklich genug, und mein Zeugnis soll sie noch der Rachgier ihrer Feinde überliefern? Sucht Eure Verräter anderswo. Geht! Über meine Lippen kommt kein Wort gegen die Arme.« Da flog die Thür auf, und ein junges engelschönes Weib warf sich an die Brust des jungen Edelmannes: »Ich bin Diejenige,« rief sie, »welche zu verraten Du Dich weigertest, die Dich über Alles liebt, die wahre Teresa Mazzini. O vergieb, Du mein süßer Freund, daß ich Dich zu prüfen wagte, daß ich die Überzeugung gewinnen wollte, ob Deine Liebe der reichen Erbin oder dem geliebten Weibe gelte. Meine ältere unvermählte Schwester, mein edler Schwager Luigi hier willigten ein, die Rollen dieses von mir ersonnenen Spieles zu übernehmen. Der Spion, die verkleideten Häscher sind meine Dienstboten, dieser Kerker ist mein Haus – von nun an das Deinige. Wirst Du der kecken Laune zürnen, mein Ugo? Ich war ja allzugewiß, daß Du die Probe bestehen müßtest, daß ich mich in Dir nicht geirrt habe.« Donna Teresa flehte nicht vergebens. Die Freude, einer drohenden Gefahr entronnen zu sein und ein schönes, reiches, leidenschaftlich liebendes Weib errungen zu haben, können einen schon zur Versöhnlichkeit stimmen. Die Hochzeit der Liebenden wurde noch vor dem Beginn der Fastenzeit vollzogen. Ich glaube bereits erwähnt zu haben, daß meine Geschichte sich vor etwa hundert Jahren zugetragen hat. In der jetzigen Zeit würde es fabelhaft klingen, wenn man einem jungen Manne zumuten wollte, eine Reiche auszuschlagen, wäre sie auch älter als der Bucentaur, häßlicher als eine Meerkatze. Nur Geld, Geld muß sie haben, ruft jeder Freier, und weil auch ich, ohne ein solcher zu sein, das nämliche Bedürfnis fühle, so mögen meine hochzuverehrenden Gönner es mir nicht verargen, wenn ich jetzt mit meinem Zinnteller die Runde in der edlen Versammlung mache. Kalabresische Feindschaft Wie ich zeither den Stoff zu meinen abendlichen Konversazioni den alten Chroniken entlehnte, oder eine jener Novellen, welche so alt als die Welt sind, und von Zeit zu Zeit, von Volk zu Volk wanderten, zurechtstutzte und sie meinem geehrten Publikum, mit einem Tüpfchen aufs i von meiner Invention verbrämt, wieder vortrug; wenn ich manchmal mich sogar unterfing, meinen Zuhörerkreis in Ermangelung der besseren mit eigener Fabrikware unterhalten zu wollen – Versuche, welche ihren unverhofft günstigen Erfolg allein nur in der Langmut und Nachsicht, die meine teuren Gönner mit dem alten Erzähler von der Riva dei Schiavi haben, verdanken – so will ich am heutigen Abend einmal die Fabelwelt mit der Wirklichkeit vertauschen, die nebelumhüllte Vergangenheit mit der jetzigen Zeit, will, statt aus schweinsledernen Folianten, aus den Tagesblättern schöpfen und eine Begebenheit, welche der Mehrzahl meiner Zuhörer aus einzelnen Zeitungsberichten noch wohl erinnerlich sein wird, im Zusammenhange vortragen. Klingt übrigens unserm Ohr der Inhalt einer Thatsache fabelhaft oder mindestens unwahrscheinlich, welche auf dem Schauplatze der Bühne, wo sie sich ereignete, zu den alltäglichen gerechnet wird, so dürfte dies nur beweisen, daß wir Venetianer uns unter dem Schutz einer weisen, gerechten, väterlich gesonnenen Regierung befinden und der Barbarei des Mittelalters um Jahrhunderte früher als die Bewohner der südlichen Provinzen entwachsen ??? für beides aber dem Himmel nicht dankbar genug sein können. Der Schauplatz ist das kleine kalabresische Städten Misura. Die Zeit fällt in das Jahr 1837, sage ein tausend achthundert und siebenunddreißig. Nicht nur in den Annalen der mächtigen, italienischen Staaten begegnen wir ans jedem Blatte jenen blutigen Zügen, welche unser schönes Vaterland Jahrhunderte hindurch zum Schauplatz innerlicher Zwietracht, des Blutvergießens und der Fremdenherrschaft machen – auch die Geschichtsbücher der kleineren Städte und Ortschaften spiegeln sie uns zurück und zeigen überall das betrübende Schauspiel der um die Herrschaft kämpfenden Edlen, von Parteihaß zerrissener Mauern, von Verbrechen, die, von Leidenschaft eingegeben, straflos unter dem Deckmantel der Gesetze verübt wurden, von Bürgern, welche sich auf den Wink ihrer Tyrannen hinschlachteten, statt ihre vereinten Kräfte gegen ihre Unterdrücker zu wenden. So war auch Misura seit undenklichen Zeiten Zeuge der Kämpfe zweier adliger Geschlechter gewesen und durch die Feindschaft der Familien Longobuco und Polizzi zerspalten worden. Von den jedesmaligen Zeitverhältnissen bedingt, hatten die Farben der Streitenden gewechselt – der Bewegungsgrund, der Haß war der alte geblieben. Als die Ritter von ihren Felsennestern in die Städte hinabstiegen und den Eisenharnisch mit dem Bürgergewand vertauschten, war jener unversöhnliche Groll ihr treuer Begleiter geblieben. Ihre Waffe wurde statt des Schwertes die Feder, das Schlachtfeld ihrer Fehden die Gerichtsstube, und die wechselseitige Erbitterung wurde durch den gesetzlichen Schein, mit welchem jede Partei ihre Angriffe zu rechtfertigen suchte, nur noch gesteigert. Die Häupter der Familien waren in der letzten Zeit Felice Longobuco und Aloisio Polizzi, welcher das Amt eines Stadt- Syndikus bekleidete. Letzterer war verheiratet und Vater einer Tochter, während Don Felice noch unvermählt war und sein Hauswesen von einer älteren Schwester verwalten ließ. Misura ist nicht groß genug, als daß zwei Todfeinde sich ausweichen könnten, der öffentlichen Orte sind zu wenig, um nicht eine tägliche Begegnung zu bedingen. Eine jede aber war nur ein neuer, in die offene Wunde geträufelter Gifttropfen, ein um so tiefer ätzender, je weniger die verfeinerte Sitte den rohen Ausbruch der Leidenschaft gestattete, je mehr Don Aloisio auf Bewahrung seiner obrigkeitlichen Würde bedacht sein mußte und Don Felice Longobuco die Verletzung der obersten Magistratsperson zu scheuen hatte. Eines Abends trafen die Feinde sich wieder in dem einzigen Kaffeehause des Ortes. Don Felice spielte Domino; hinter seinem Sessel stand zufällig der Syndikus mit andern Gästen, anfänglich ohne das Spiel zu beachten, späterhin gedankenlos dem Aufdecken und Aneinanderreihen der Steine zuschauend; er mochte nicht einmal eine Ahnung von der Nähe seines Widersachers haben. Don Felice war im Unglück. Ist nun aber an und für sich schon jeder Spieler mit irgend einem Aberglauben behaftet, so ist es der Verlierende gewiß im noch höheren Grade und gleich bereit, sein Mißgeschick weniger den begangenen Fehlern oder der Ungunst des Glückes, als zufälligen äußeren Einwirkungen zuzuschreiben. Mißlaunig wandte sich Don Felice um und wurde seinen Gegner gewahr. Die Gelegenheit, seinem Unmut auf Kosten seines Feindes Luft zu machen, war günstig. »Ihr stört mein Spiel, Don Aloisio,« hob er mit gebieterisch-wegwerfendem Tone an, »und würdet mich verpflichten, wenn Ihr den eingenommenen Platz gegen einen andern tauschtet.« Im Syndikus keimte augenblicklich der Entschluß, dem Zufall, welcher ihn auf diesen Platz geführt hatte, den Anschein der Absichtlichkeit zu leihen. Weit entfernt daher zu weichen, lehnte er sich vielmehr auf dem in den Boden gebohrten Rohrstock vor, maß Don Felice kalt verachtend vom Wirbel bis zur Zehe und warf schweigend um ein weniges den Kopf zurück, als halte er den Gegner einer Antwort für unwürdig. »Hört Ihr nicht, was ich sage, Don Aloisio?« wiederholte mit steigendem Ingrimm Herr Longobuco. »Eure Nähe ist mir lästig. Ihr steht mir im Wege, – hier wie überall.« »Gereicht Euch meine Nähe zum Ärgernis,« erwiderte Polizzi höhnisch, »so hoffe ich zu Gott, daß es Euch in den ersten zwanzig Jahren nicht daran fehlen solle. »Vielleicht ließe die Frist sich noch abkürzen,« war die Antwort. Dieser Wortwechsel war laut genug geführt, um von jedem der Anwesenden vernommen worden zu sein. Die Feindschaft der beiden Stammhäupter war jedoch zu offenkundig, und Reibungen hatten zu häufig stattgefunden, als daß diese neue feindselige Begegnung eben besondere Sensation hervorgebracht hätte. Am nächstfolgenden Morgen ritt Don Aloisio Polizzi nach seinem, fünf Miglien von der Stadt gelegenen Landgute Monfelice. Der mit niedrigen Steinmauern eingefaßte Weg führte ihn durch eine Olivenwaldung bergan. Es war in der Mitte des Sommers. Weit und breit war kein lebendes Wesen zu sehen. – Alles hatte sich vor der höher und höher steigenden Glut der Sonne geflüchtet, und nur das betäubende Schrillen der Zikaden, welches aus den Karruben und Myrtensträuchern tönte, unterbrach das Schweigen. In Gedanken versunken und von der Hitze erdrückt, ließ der Reiter die Zügel des lässig bergan klimmenden Gauls aus der Hand schlüpfen. Da hörte er sich laut beim Namen rufen, fuhr auf und sah einen wilden, bärtigen Kerl mit spitzigem, reich bebändertem Hut und angeschlagenem Gewehr hinter der Mauer stehen. Don Aloisio griff rasch zum getreuen Karabiner, ohne welchen kein Kalabrese sich nur eine Viertelstunde Weges über Land wagt, und spannte knackend den Hahn. »Fort mit der Flinte!« schrie der Brigant. »Macht keinen unnötigen Lärm. Wir sind unserer Zehn.« Wirklich tauchte auch hinter den Steinen und Aloestauden ein halbes Dutzend sonnenbrauner, bis an die Zähne bewaffneter Gesellen als Bürgen für das Wort des Redners hervor. Das Auge des Syndikus überflog die Rotte. Einen Moment lang schwankte er, ob er nicht rasch seinen Schutz abgeben, das Pferd herumwerfen und sein Heil in der Flucht suchen solle. Da übersprang der erste die Mauer, warf mit trotziger Sicherheit sein Gewehr über die Schulter, und ging phlegmatisch, als ob es sich um die harmlosesten, gleichgiltigsten Gegenstände handele, auf den Reiter zu. »Nehmt Vernunft an, Don Aloisio,« sprach er, »steigt ab, legt die Waffe nieder und fürchtet nichts. Wir sind Galant-'uomi.« Der Syndikus überzeugte sich wohl nun, daß Widerstand und Flucht gleich unmöglich seien und folgte der Anweisung des Räubers. Die übrigen hatten sich mittlerweile genähert. »Ich kenne Dich wohl,« sprach Herr Polizzi zum ersten, »Du heißest Valentino mit dem Beinamen Monocolo, und hast schon einmal vor zwei Jahren wegen Straßenraubes zu Misura im Gefängnisse gesessen.« »Wenn Ihr mich so gut kennt,« versetzte der Einäugige, »so werdet Ihr auch wissen, daß ich von jeher zu stolz zum Leugnen war.« »Und Du,« wandte sich Don Aloisio zu dem Nächststehenden, »bist Marco Donnola, und wurdest zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurteilt wegen« – »Wegen einer Kinderei,« lachte Marco. »Machten da nicht die Herren vom Gericht ein Wesen über einen elenden Messerstich im Streit, als ob ich die heilige Hostie selber durchstochen hätte. Und wenn die Wache der Granili nicht so jämmerliche Wichte, meine Brüder dagegen so wackere Bursche waren, so säße ich wohl noch heute hinter den Gittern. Aber jetzt, alter Herr, hat sich das Blatt gewandt; jetzt sitzen wir zu Gericht und Ihr seid der Gefangene. Wir aber schreiben nicht mit Tinte, sondern mit Blut!« »Was soll das Geschwätz, Signor!« unterbrach ihn der Einäugige. »Don Aloisio ist ein Mann, und einen Mann schüchtern Worte nicht ein. Hat er uns gleich vor die Schranken gezogen, so that er's als Richter und erfüllte seinen Beruf, wie wir jetzt den unsrigen. Schweig', sag ich Dir. Dem Hahn, der morgens kräht, wird abends der Hals abgeschnitten. Wer weiß denn, ob sie nicht sich noch vertragen, und dann wird uns Exzellenza nicht vergessen, daß wir gegen ihn wie Ehrenmänner gehandelt haben. Hast Du den Richter zum Gevatter, sagt das Sprichwort, so darfst Du die Schwarzröcke bei der Nase zupfen.« »Ihr seid von Don Felice Longobuco angestellt worden?« fragte der Syndikus, »Gesteht es nur ein.« »Ihr kennt den Vogel am Gesänge,« antwortete Marco. »Und wie viel hat er für meinen Fang geboten?« »Wenig, spottwenig,« brummte Monocolo. Aber was hilft's, ist der Handel einmal geschlossen, so hinkt das Markten wie ein lahmer Gaul hinter dem Wagen. Zweihundert Dukati bringt Ihr uns ein, Exzellenza, keinen Quattrino mehr. Spottgeld, wahres Spottgeld.« »Ich zahl' Euch das doppelte, wenn Ihr mich frei laßt.« Ein unwilliges Murren lief durch die Bande. »Wir sind Männer, Don Aloisio,« rief der Einäugige, »und halten auf Manneswort. Geht, Signor, das schmeckte einmal wieder nach der Schreibstube. Laßt uns das nicht wieder hören – und nun vorwärts.« »Noch eine Frage denn,« rief der Sindako: »seid Ihr gedungen, mich zu ermorden? Sprecht!« »Euch zu morden! Die heilige Madonna behüt' uns. Wo denkt Ihr hin? Don Felices Auftrag lautet, Euch zu greifen. Euch sicher zu verwahren. Was er mit Euch vorhat, wer kann's wissen! Ihr werdet's ja noch zeitig genug erfahren. Von uns habt Ihr nichts zu befahren. Und nun kommt, laßt Euch die Augen verbinden, es geht nach unserem Mausloch. Wenn Ihr auch den Weg dahin nicht verraten werdet, so – San Gennaro, welch ein schönes Seidenschnupftuch habt Ihr da! Verkauft's mir nachher – ich zahle Euch bar und was Ihr wollt. Mein Weib hat mir schon lange um ein solches Tuch in den Ohren gelegen.« Nach einem halbstündigen, beschwerlichen Steigen, während dessen Don Aloisio von zwei der Briganten geführt wurde, machte der Trupp Halt. Die Binde fiel von den Augen des Gefangenen, er stand in einer räumigen Höhle. Weiber, erwachsene Dirnen und Kinder lagerten um ein flackerndes Feuer, an welchem der Kessel brodelte, starrten ihn mit stumpfer Neugier an und flüsterten dann heimlich untereinander. In der hinteren Vertiefung lagen andere Gesellen schlafend und in einem Haufen welker Blätter halb versteckt. Ein hagerer, hartknochiger Greis richtete sich im Winkel auf, trat an den Syndikus und hieß ihn willkommen. Don Aloisio nickte stumm. »Ihr scheint mich nicht zu kennen, Exzellenza,« fuhr der Alte fort. »Freilich war der graue Fuchs Euch bis jetzt zu schlau, um in Euer Eisen zu gehen. Mein Name wird Euch aber wohl kaum unbekannt sein, sollte ich meinen. Zwischen Neapel und Reggio leben nicht viele, die noch nie von dem alten Trenta-tre hörten.« Aloisio war eben kein schwachnerviger, verzärtelter Mann; als er jedoch den Namen des Räubers vernahm und seine Rechte von dessen eiserner Faust geschüttelt fühlte, überlief ihn doch ein Schauder. Trenta-tre war der hartherzigste, gefürchtetste Bandit in den Abruzzen – seinen Namen führte er von der Zahl der dreiunddreißig von ihm verübten Mordthaten. »Seid ohne Furcht, Don Aloisio,« fügte der Brigant hinzu, »ohne Not soll Euch kein Haar gekrümmt werden. Befehlt über mich, über die Meinigen, über die ganze Wirtschaft – Ihr seid Padrone.« Der Charakter des kalabresischen Briganten ist ein wunderliches Gemisch von Rohheit und feinerem Gefühl, von Verworfenheit und Ehrgeiz. In der Ausübung seines Handwerks sieht er nur den ehrenvollen Kampf des Unterdrückten gegen den Gewalthaber, des Bedürfnisses gegen den toten Buchstaben des Gesetzes; er gefällt sich, seinem Treiben einen schimmernden, fast möcht' ich sagen, chevaleresken Anstrich zu geben, gegen Arme den Großmütigen zu spielen, den Gastfreien seinem Gefangenen gegenüber. Er ist Räuber und Mörder – beides aber als Galant'uomo; Trenta-tre und seine Gefährten wetteiferten in Aufmerksamkeiten gegen den Syndikus. Ein Fürst, welcher das Haus eines Vasallen mit seinem Besuch beehrt, hätte nicht ehrerbietiger aufgenommen, nicht sorgsamer bedient werden können. Wohl fühlend, wie bedrückend ihre Nähe für den unfreiwilligen Gast sei, räumten die Söhne des Gebirges ihre Höhle, um sich auf einem freien Platz vor derselben im Kreise zu lagern. Dort machte der weingefüllte Schlauch den Umgang; in einförmigem Takt rasselten die Bleche des Tamburins, knatterten die Kastagnetten; Bursch und Dirne traten paarweise zur Tarantella an und gaukelten in zierlichen Wendungen aneinander vorüber. Weithin schallte das Jauchzen der Ausgelassenen durch die Schluchten. Die Schatten verlängerten sich, als ein Fremder in die Höhle trat, langsam auf Don Aloisio zuschritt und mit verschränkten Armen vor ihm stehen blieb. Es war Don Felice Longobuco. Der Syndikus sah auf, warf seinem Gegner einen Blick des tötlichsten Hasses zu und richtete wiederum das Auge auf die in Asche versinkende Kohlenglut. Jeder fühlte das Gewicht der verhängnisvollen Stunde, und wie der lebenswierige Kampf nun der Entscheidung nahe; jeder wog im Geiste die Worte, die er dem Todfeinde zuschleudern wolle, und sann, wie er den Stachel der Rede schärfen, das fressendste Gift in die Wunde des Gegners träufeln möge. Longobuco brach das Schweigen zuerst. »Ihr seid in meiner Gewalt, Polizzi. Der langersehnte Augenblick erschien, wo ich meine Rache befriedigen, wo ich Euch vernichten kann. Und ich will's – ich werd' es.« »Vielleicht,« entgegnete Don Aloisio verächtlich, »wenn Ihr den Mut dazu hättet.« »Meint Ihr? In Wahrheit? Ein Wort von mir, und Trenta-tre wird an Euch zum Trenta-quattro.« »Ihr kämt mir nur zuvor.« »Hört mich an, Polizzi. Ich bin nicht hierher gekommen, um Eure knabenhaften Großsprechereien mit anzuhören und meinem Groll auf Weiberart mit Scheltworten Luft zu machen. Ich hasse Euch tötlich und Ihr mich nicht minder. Nebeneinander können wir nicht bestehen. Schweigt! Einer von uns muß das Feld räumen, und dieser eine seid Ihr. Es kostet mich nur einen Wink, um Euch ermorden zu lassen – wenn ich ihn nicht gebe, so geschieht es lediglich, um Euch lebenslänglich mit dem Bewußtsein zu martern, daß Ihr jeden Atemzug der Gnade Eures Feindes verdankt. Schweigt, sage ich. Kein Wort! Ihr tretet mir Euer Landgut Monfelice ab – gerichtlich, versteht mich wohl. Ein Scheinkauf sichert mir den Besitz. Ihr verkauft Haus und Hof in Misura – Ihr wandert aus – wohin, gleichviel – so weit als möglich – über die Grenze. Das Königreich hat nicht Raum für uns Beide. Habt Ihr mich verstanden? Antwortet! Wollt Ihr?« Polizzi warf bitter lachend den Kopf zurück. »Ich habe Eure Weigerung erwartet,« fuhr Longobuco fort, indem er seinem Gegner um einen Schritt näher trat. »Ich würde ebenso wenig als Ihr auf den Vorschlag eingegangen sein. Hört denn den zweiten. Erwägt ihn wohl, Ihr habt nur zwischen ihm und dem Tode die Wahl. Eure Tochter Vittoria ist schön – gebt sie mir zum Weibe,« »Eher dem elendesten Schurken aus Trenta-tres Bande,« fuhr der Syndikus auf, »als einem Longobuco!« »Polizzi, ich warne Euch, reizt mich nicht, bei der Seele der Madonna, Ihr seid sonst verloren.« »Lieber tot, als mein Kind dem Feind unseres Geschlechtes opfern,« erwiderte Don Aloisio. »In Wochenfrist dürftet Ihr vielleicht kälter über diesen Punkt urteilen. So lange geb' ich Euch Bedenkzeit. Auf Wiedersehen, Herr Sindaco!« Drei Tage waren bereits seit dem Ausbleiben Polizzis verstrichen. Die Bestürzung der Seinigen wuchs mit der Wiederkehr eines jeden der nach Monfelice gesandten Boten. Niemand wollte den Syndikus weder dort noch unterwegs gesehen haben. Frau Gonegonda Polizzi kannte den Charakter ihrer Landsleute, besonders den des Feindes ihres Gatten zu genau, als daß sie einen Augenblick hätte in Zweifel bleiben sollen, von welcher Seite der Streich geführt worden sei. Ebenso wohl wußte sie aber auch, daß das Einschreiten der öffentlichen Behörde nur dazu dienen könne, die Rachsucht des Gegners zu stacheln und die tragische Katastrophe zu beschleunigen. Die Rettung ihres Gatten hing lediglich von der Willkür Don Felices ab, und wie wenig auch von dieser Seite zu hoffen war, so hielt es Signora Polizzi dennoch für Pflicht, wenigstens einen Versuch zu machen, den Feind des Hauses umzustimmen. In Trauergewändern zog sie mit ihrer Tochter nach dessen Hause und drang in das Zimmer von Longobucos Schwester. Dort warfen die beiden Frauen sich auf die Kniee und erhoben, ohne ein Wort hervorzubringen, flehend die Hände. Marina Longobuco teilte die feindseligen Gesinnungen, welche ihr Geschlecht gegen die Polizzi hegte. Das erste Gefühl der Kalabreserin war das des Triumphs über die verhaßte Familie, des befriedigten Stolzes, Gattin und Tochter des feindlichen Stammhauses tief gebeugt zu ihren Füßen zu sehen. Später erst machte die Weiblichkeit ihre sanfteren Rechte geltend. »Signora, Ihr eine Bittende, eine Knieende? Und vor mir – vor einer Longobuco! Steht auf – redet. Was führt Euch zu mir?« Die beiden verharrten lautlos weinend in ihrer demütigen Stellung. Verwirrt trat Fräulein Marina an die Mutter und ersuchte sie dringend, ihre entwürdigende Stellung aufzugeben. Mildere, gütigere, ihr unwillkürlich entschlüpfende Worte bezeugten, daß ihr Herz für jenen stummen Jammer nicht unempfindlich bleibe. Allmählich begann sie die Feindin über die Unglückliche zu vergessen, und beschwor diese dringend, ihr den Grund ihrer Thränen zu vertrauen; was in ihrer Macht stände, um sie zu trocknen, gelobe sie heilig, zu thun. «Meinen Gatten! Meinen Vater!« riefen die Frauen. »Gebt ihn uns zurück. Euer Bruder hält ihn gefangen. Seid barmherzig, Signora. Bei den Schmerzen der Madonna beschwören wir Euch - bittet ihn frei!« Marina erschrak heftig. Sie kannte den Haß und den rachsüchtigen Charakter ihres Bruders zu gut, als daß sie ihn nicht eines gewaltsamen Ausbruchs seiner Leidenschaften hätte fähig halten sollen. Die Kunde von dem letzten Streit war auch ihr zu Ohren gekommen, erst jetzt aber brachte sie das rätselhafte Verschwinden des Syndikus mit jenem Wortwechsel in Verbindung. »Ihr äußert da einen entsetzlichen Verdacht, Signora,« erwiderte sie mit zitternder Stimme. »Ich weiß gar wohl, daß mein Bruder mit dem Syndikus in Feindschaft lebte – einen so gewaltthätigen, verbrecherischen Schritt aber – Nein, nein. Steht auf, Signora. Augenblicklich verfüge ich mich zu Don Felice. Er muß sich in Euren Augen rechtfertigen; er ist es Euch schuldig, mir, sich selber. Erwartet mich hier.« Nach einer Viertelstunde kehrte Marina von ihrem Bruder zurück. Er hatte sie mit harten Worten angelassen und sie gescholten, daß sie sich für die Mitglieder jenes feindseligen Stammes verwende. Von dem Syndikus wisse er nichts. Sei er verschollen – um desto besser. Er für seinen Teil habe keine Schuld daran. Die Heftigkeit, mit welcher er sich weigerte, diese Versicherung den beiden Frauen mündlich zu geben, ja sie nur sehen zu wollen, war jedoch seiner Schwester in einem zweideutigen Lichte erschienen und hatte sie im Verdacht, als ob Don Felice doch wohl nicht so ganz schuldlos bei jenem Handel sein könne, nur noch bestärkt. Mit ungeheuchelter Bekümmernis unterrichtete sie Mutter und Tochter von dem unbefriedigenden Erfolg ihres Fürworts. Einen anderen Trost aber, als ihre aufrichtige Teilnahme, vermochte sie ihnen nicht zu reichen. Andere fünf Tage vergingen und noch immer war keine Spur vom Syndikus ausfindig gemacht worden. Die übrigen Familienglieder und Anhänger der Polizzi teilten den Verdacht der Frau Gonegonda und sprachen ihn unverhohlen aus. – Keiner aber wollte den ersten Schritt wagen und den gefürchteten Gegner zur Rechenschaft ziehen. Ihre moralische Überzeugung, daß Don Felice das Haupt ihres Stammes bei Seite geräumt habe, konnte den Mangel an gerichtlichen Beweisen nicht aufwiegen. Da beschlossen Gonegonda und Victoria noch einen zweiten Versuch zur Befreiung ihres Gatten und Vaters zu wagen, und sich geradezu an Don Felice zu wenden. Sie ersahen den Augenblick, wo er die Treppe hinabstieg, fielen ihm zu Füßen und umklammerten, noch ehe er sich ihrer erwehren konnte, schluchzend und wehklagend seine Kniee. Vergeblich strebte der verwirrte Longobuco sich loszumachen und seine unverkennbare Bestürzung unter der Maske des Zorns zu verbergen. »Was wollt Ihr von mir, wahnsinniges Weibervolk?« schrie er mit unsicherer Stimme und abgewandtem Gesicht. »Laßt mich los! Was hängt Ihr Euch an meine Kleider, Vittoria? – Laßt mich – sage ich Euch – ich kann nichts mehr thun – Ihr kommt zu spät!« Als Frau Gonegonda jenes unwillkürliche Zugeständnis und die grausame Bestätigung ihres Verdachtes vernahm, stieß sie einen lauten Schrei aus und sank in Ohnmacht. Andere Hausbewohner eilten hilfreich herbei. – Zeuge von Longobucos Worten war keiner gewesen. Am Morgen des nämlichen Tages war der Marchese Santaspina, einer der reichsten Gutsbesitzer von Misura, auf die Jagd geritten. Die Hunde waren bereits losgekoppelt und durchstreiften schnuppernd das Dickicht, mit gespanntem Hahn stand der Marchese auf dem Anstand, des Augenblicks gewärtig, wo das Wild durchbrechen solle; da vernahm er das mit Bellen untermischte, klagende Geheul eines seiner Spürer. In der Meinung, daß dieser auf einen der in den Bergen nicht seltenen wilden Eber gestoßen und von diesem geschlagen worden sei, gebot er seinen Dienern hinzuspringen, brach selber durch das Gestrüpp und gelangte, von des Hundes Stimme geleitet, auf einen kleinen, baumfreien Rasenplatz. Das Tier stand vor einem dampfenden Aschenhaufen, sprang seinem Herrn entgegen, zerrte ihn nach der Brandstelle und brach wiederum in ein klägliches Winseln aus. Mit Schaudern erkannte der Marchese in der Asche halbverbrannte Knochen – der noch vollkommen kenntliche Schädel löste jeden Zweifel, daß jene Gebeine einem Menschen angehört hatten. Eine furchtbare Greuelthat ahnend, hieß der Marchese seine Diener mit genauester Sorgfalt den Ort durchsuchen und jedes Kennzeichen, welches zur Spur führen könne, beachten. Einzelne Stücke Tuch waren verkohlt und zerfielen bei der leisesten Berührung – sie konnten keinen Aufschluß geben. Endlich erblickte einer der Jäger einen kleinen auf der Asche liegenden Schlüssel. Der Marchese Santaspina nahm ihn zu sich und machte, heimgekehrt, augenblickliche Anzeige von seinem Funde bei der obrigkeitlichen Behörde. Der Schlüssel ward von Frau Polizzi als das Eigentum ihres Gatten anerkannt und öffnete auch ohne Schwierigkeit die Schatulle, zu welcher er der Angabe nach passen sollte. Es blieb kein Zweifel mehr, daß der Syndikus ermordet, daß seine Leiche verbrannt worden sei. Die Witwe klagte Don Felice Longobuco als den Mörder ihres Gatten an. Der Angeschuldigte ward zur Haft gebracht und die Untersuchung eingeleitet. Ein Ziegenhirt aus der Gegend stellte sich aus freiem Antrieb als Zeuge und sagte aus: »Im Laufe der vergangenen Woche habe ich Don Felice zu wiederholten Malen in den Bergen gesehen, und einmal auch im eifrigen Gespräch mit dem mir wohlbekannten Briganten Trenta-tre. In der Dämmerung des Morgens, an welchem der Marchese die Überreste des Ermordeten auffand, trieb ich meine Herde an dem genannten Gebüsch vorüber. Auf einem kleinen Platz im Gehölz saßen mehrere Männer um ein mächtiges Feuer, von welchem der Wind mir einen widrigen, brandigen Geruch zuwehte. Als ich mich dem verdächtigen Orte näherte, sprangen zwei von jenen Männern auf und riefen mir mit vorgehaltenem Gewehr zu, mich augenblicklich zu entfernen. Ich zog mich tiefer in die Berge, jene beiden aber gehörten zu Trenta-tres Gefährten.« Auf Befehl des Governatore wurde die Guardia civica aufgeboten und das Gebirge umstellt. Zwei Räuber fielen in die Hände der Gensdarmen; es waren dies der Einäugige und Marco Donnola, Der Erstere gestand augenblicklich, daß Trenta-tre von Longobuco den Auftrag erhalten hätte, den Syndikus zu fangen. »Wir vollzogen den Befehl,« lautete das Geständnis, »und brachten Don Aloisio nach der Höhle. Herr Longobuco erschien an dem Abend des nämlichen Tages, um sich mit dem Syndikus zu besprechen. Der Streit der beiden war laut genug geführt, daß man ihn draußen vernehmen konnte. Don Felice verlangte von seinem Gegner Abtretung der Güter und Entfernung aus dem Königreich, und, als dieser den ersten Vorschlag verwarf, die Hand seiner Tochter. Als Don Felice unverrichteter Sache aus der Grotte trat, hörte ich ihn zu Trenta-tre sagen, daß er sich am folgenden Morgen die versprochenen zweihundert Dukati abholen lassen könne. Meine Frau ging nach Misura, empfing das Geld bar und richtig aus Longobucos Händen und noch obenein eine hübsche buen' mano . Unseren Gefangenen haben wir jederzeit wohlgehalten – er hat wahrlich keine Ursache gehabt, über uns zu klagen. Nach Verlauf von vier Tagen kam Herr Longobuco wieder und besprach sich abermals mit seinem Feinde, ohne sich jedoch mit ihm einigen zu können. Nach anderen drei Tagen erschien er zum letztenmal. Der Wortstreit war heftiger als jemals. Don Felice trat mit zornbleichem Gesicht aus der Grotte und an Trenta-tre. »Der Starrkopf,« sprach er, »will sich nicht beugen. Sein Blut komme über ihn. Ich übergebe ihn Dir. Mach's kurz. Jede Spur von ihm muß vertilgt werden.« – Der Alte fragte noch einmal leise wegen des Preises an; Don Felice fuhr ungeduldig auf. »Ich habe Dir's schon einmal gesagt – vierhundert!« – worauf Trenta-tre sich begütigt abwandte und Longobuco sich aufs Pferd warf, um heimzujagen. Kurz darauf ging unser Hauptmann zu dem Gefangenen und verkündigte ihm, daß er sterben müsse. Er ließ ihm noch zwei Stunden Zeit, um sich mit dem Himmel zu versöhnen, lieh ihm auch seinen eigenen geweihten Rosenkranz. Nach Ablauf jener Frist vollzog er das Gebot. Wir trugen die Leiche ins Gebüsch, wo wir sie auf zusammengetürmtes Reisig warfen und verbrannten. Einem neugierigen Hirten habe ich selber mit der Kugel gedroht, wenn er nicht unverzüglich seiner Wege ginge.« Marco Donnolas Verhör gab im wesentlichen dieselben Resultate als das des Einäugigen. Beider Aussagen, so wie die des Hirten wurden Longobucu vorgehalten, und von den Briganten ihm ins Angesicht wiederholt, ohne jedoch den Angeschuldigten zum Geständnis bewegen zu können. Man brachte ihm seine eigenen Worte, welche er gegen die Witwe geäußert: »wie es jetzt zu spät sei,« in Erinnerung. Er leugnete, sie jemals ausgesprochen zu haben, andere Zeugen hatten sie aber nicht gehört, und die Aussagen der Gattin und Tochter hatten nach neapolitanischem Gesetz keine Kraft. Als dem König der Bericht über den Handel vorgelegt ward, befahl er, daß ein außerordentlicher Kriminalhof für diese Angelegenheit eingesetzt werde. Dieser darf ohne Appellation über Tod und Leben entscheiden, vorausgesetzt, daß eine entschiedene Mehrzahl sich Für oder Wider herausstelle. Longobuco ward nach Neapel abgeführt. Er gewann dort Don Aurelio Tosta, den geschicktesten Anwalt der Hauptstadt, für seine Sache, und verhieß ihm 5000 Dukati, wenn er seine Lossprechung bewerkstellige. Hierauf bewies Don Aurelio: daß die Aussage zweier Verwandten von keiner Glaubwürdigkeit, die zweier Räuber ungiltig, und die des einzigen Hirten bei einem Kapitalverbrechen ungenügend sei; daß ferner jener Schlüssel des Syndikus von dessen Angehörigen später und aus Rachsucht gegen seinen Klienten auf die Brandstelle gelegt worden sei, indem er auf der Asche gelegen und nicht innerhalb derselben. Die Stimmen des Kriminalhofes wurden durch diese, 5000 Dukati schwere Folgerung hinreichend geteilt, um den Prozeß dem Appellationshofe überweisen zu können. Dieser hat Don Felice Longobuco wegen Mangels an giltigen Beweisen von der Anschuldigung des Mordes freigesprochen. Don Felice ist seitdem nach Misura zurückgekehrt und nimmt dort, von seinem lästigen Nebenbuhler befreit, die Stelle der ersten Standesperson im Orte ohne Widerrede ein. Seit kurzem spricht man davon, ihn an der Stelle des verschollenen Polizzi zum Syndikus zu erwählen. Villa Tornaquinci Hart an der großen Straße, welche von dem berühmten, die Casa des heiligen Franziskus von Assisi umschließenden Kloster Santa Maria degli Angeli nach Foligno führt, liegt auf einer der Anhöhen des Appenninen-Vorgebirges die alte Stadt Spello, ein finsteres, rauchschwarzes, unheimliches, verödetes Nest von beinahe mehr Häusern als Einwohnern. Wer von fern einen Blick auf den mit Gebäuden wie mit Giftpilzen dicht überwachsenen Bergkegel wirft, auf das graue, zerfallende Gemäuer, auf die Bäumchen und Sträucher, die nach Herzenslust auf Dächern und Zinnen sprießen, dem kommt es vor, als ob die alten verwitterten Häuser selber auf der Höhe sich tötlich gelangweilt und versucht hätten, rasch ins Thal hinab zu klettern, um davon zu rennen, dann aber plötzlich, von den Epheu- und wilden Weinranken zurückgehalten, nicht weiter gekonnt hätten, und nun in ihrer tristen Versteinerung den glücklichen Vorüberziehenden neidischen Herzens nachschauten und sich dehnten und gähnten, oder als ob der Ort zur Zeit der Guelfen- und Ghibellinenkriege mit Feuer und Schwert verwüstet worden, wo dann kein Mensch den Fuß seitdem hineingesetzt, und nur Füchse und Eulen und Dohlen in dem Trümmer-Wirrwarr hausen könnten. Die hunger- oder fieberbleichen Einwohner, welche, in ihre zerlumpten Mäntel gewickelt, sich mit trübseliger Miene an die Porta consolare lehnen, scheinen mehr als Wächter dorthin gestellt, um jeden Fremden von dem Eintritt zurückzuscheuchen. Wenn ja noch ein wißbegieriger Maler es wagen möchte, die dunklen, winkligen Straßen bergan zu klimmen, um die Wandmalereien des Pinturicchio in der Domkapelle zu betrachten, so kneift er gewiß nach den ersten zehn Schlitten schon wieder die Augen zu, um nur nicht die rauchschwarzen Arkaden, die Eisenbalkone vor den scheibenlosen, papierverklebten Fenstern, die zerbröckelnden Simse, die überall geborstenen Mauern, das ausgefahrene, von Gras hoch überwachsene Steinpflaster und den ganzen wüsten Jammer länger mit anzuschauen, und rennt dann wieder, als ob ihm der Kopf brenne, nach dem Thor zurück, um so rasch als möglich in die draußen harrende Bettura zu springen. Die Toten sind in Spello schon schlimm genug daran, um wie viel mehr erst die Lebenden. Dicht an der Stadt und am Abhang der mit Ölbäumen bepflanzten Berge liegt eine in Trümmer zerfallene Villa, welche früherhin den Namen Tornaquinci nach ihrem dermaligen Besitzer führte. Als wir an ihr vorüber fuhren, wies der Vetturin mit dem Peitschenstiel nach dem grauen Gemäuer und erzählte mir eine dort vor ungefähr sechzig Jahren vorgefallene Begebenheit, welche er noch von seinem Großvater gehört zu haben vorgab, und deren Wahrheit er bei den elftausend Jungfrauen beschwor. Vetturins-Worte find nun zwar just kein Evangelium, doch das geht mich weiter nichts an. Hat der Schelm gelogen, so mag er's auch vertreten – ich wasche meine Hände in Unschuld und erzähle auf seine Verantwortung das Gehörte so schlicht und kunstlos, wie ich's vernommen habe, wieder. Im letzten Dritteil des vorigen Jahrhunderts lebte der alte Conte Flavio Tornaquinci, der letzte seines Geschlechts, mit seiner Gemahlin Donna Pompea und ihrem einzigen Töchterlein Simonetta auf jener Villa. Der Graf hatte von seinem hochseligen Herrn Vater außer einem fürstlichen Vermögen noch zwei Leidenschaften geerbt, von denen jede, einzeln genommen, schon hinreicht, eine doppelt so große Erbschaft zu verschlingen – es waren dies Baulust und Prozeßsucht. Kaum hatte der alte Graf Ercole die Augen geschlossen, als sein Sohn mit einer wahren Wut die ihm zugehörigen Schlösser und Villen auf allen Gütern und in den Städten schleifen ließ, um sie nach neuem Plan von Grund aus wieder aufzuführen. In seiner Passion fragte er nicht immer danach, ob er auch auf eigenem Grund und Boden baue, bekam zu den vom Vater überkommenen Prozessen von allen Seiten neue, fing noch andere wegen ihm vorgeblich zustehender Lehen an, und begann auch gleich die streitigen Landgüter, noch ehe ihm diese zugesprochen waren, mit neuen Schlössern im grandiosesten Stil zu schmücken. Jedermann mußte ihm einräumen, daß er seltene architektonische Kenntnisse besitze und mit vielem Geschmack zu bauen wisse; die Lehnsvettern, welche den Rechtsstreit au dem Tage gewannen, wo der letzte Palast beendet war, und diesen geruhig bezogen, waren namentlich damit einverstanden. Graf Tornaquinci hätte nun gewiß nicht einen Augenblick angestanden, den nach Verlauf von zwanzig Jahren zu seinem Nachteil entschiedenen Prozeß wieder aufzunehmen, wenn nicht zufälligerweise sein Vermögen zu gleicher Zeit sein Ende erreicht hätte. Wenn aber Schweizer nicht ohne Geld zu haben sind, so gilt dies noch weit mehr von Juristen. Die Advokaten zuckten frostig lächelnd die Achseln und versicherten dem Kläger, daß seine Sache schon von Hause aus eine rettungslos verlorene gewesen sei; sie hätten ihm oft genug geraten, davon abzustehen, er habe nur nicht hören wollen – eine Warnung, von der der arme Conte die erste Silbe zu hören vermeinte. Von allen seinen Gütern war ihm nur jene Villeta bei Spello übrig geblieben. Die weitaussehenden Pläne und großartigen Unternehmungen, die ihn bisher beschäftigten, hatten ihn kaum an die unbedeutende Besitzung denken lassen, und so war sie zu seinem Heil der Umwälzung, welche die übrigen Schlösser betraf, entgangen. Es war an einem regnigen Herbstnachmittag, als eine mit Maultieren bespannte Karosse vor dem Thor der Villa hielt; sie brachte den aus Rom von seinen Gläubigern vertriebenen Grafen in Begleitung der Signora Pompea und der damals siebenjährigen Simonetta. Der alte Giovacchino, früher Kammerdiener bei dem Vater des Grafen, und der einzige, welchen der Sohn aus dem Bediententrosse beibehalten hatte, war vorausgesandt worden und stand bereits mit dem langen Rohrstock und dem zerfaserten Silberbandelier unter dem Portal. Hatten nun gleich sechzig Sommer ihm die Farben aus Livree und Wangen gezogen, so waren sie doch nicht imstande gewesen, die dunkelrote Nasenspitze, welche wie der abendsonnenbeglänzte Gipfel des Soracte aus der Winterlandschaft des blassen Gesichts ragte, zu bleichen. Wer des greisen Leibdieners hageres, totenlarven-ähnliches Gesicht, über dessen starre Unbeweglichkeit nur selten ein weinerliches Grinsen wie ein Heuschreckenschwarm über die arabische Wüste flog, zum erstenmale sah, und das unstäte Irren der zwei verschiedenfarbigen Augensterne, sowie die ganze himmellange, bis zur Durchsichtigkeit magere, ungelenke Gestalt betrachtete, der fühlte sich geneigt, dem allgemein verbreiteten Glauben beizupflichten, daß die Mutter des Giovacchino, als dieser noch unter ihrem Herzen ruhte, sich an einer Gartenstatue von Stuck, vou welcher die Bekleidung abgefallen, versehen habe. Nachdem der Alte seinen Pflichten als Schweizer genügt und die eisernen, in ihren verrosteten Angeln kreischenden Gitter aufgerissen, trat er das Amt als Kammerdiener an und hob die gräfliche Familie aus der Karosse, um sie in das Haus zu geleiten. Wohlgefällig machte er die Exzellenzen aufmerksam, wie er überall, wo der Regen durch die Lücken des morschen Daches zu dringen pflege, sorgsam Fässer und Eimer untergesetzt, und schwankte hierauf mit seltsam eckigen Bewegungen hinaus, um zuförderst seinen Obliegenheiten als hochgräflicher Mundkoch vorzustehen, und späterhin als Hofmarschall die beiden Maultiere mit Maisstroh zu speisen. Die Gräfin Pompea war eine überaus vornehme, strenge, kalte Dame, und im höchsten Grade schweigsam, welches letztere der böse Leumund allein auf Rechnung ihres auch sogar mit Worten kargenden Geizes schreiben wollte. Sie wandte langsam das welke, grämliche Gesicht nach allen Seiten und musterte die abgeschabten Tapeten von gepreßtem Leder, den verschossenen Damast der wurmstichigen Sessel, die gigantischen Rostflecke auf dem grünlich schillernden Spiegel und die Risse des Deckengemäldes, welche dem schlummernden Endymion über die Nase gingen. »Villa Tornaquinci,« hob der Graf Flavio mit festgekniffenen Augenwimpern und süßlichem Lächeln an, »ward in der letzten Zeit von unserer erlauchten Familie um ein weniges gegen die übrigen Besitzungen zurückgesetzt.« – »Es will den Anschein gewinnen,« erwiderte die Gräfin, »als ob Exzellenza nicht zu viel behaupteten.« »Wir werden jedoch Sorge tragen, Exzellenza,« fuhr der Conte fort, »daß die Casa in kürzester Frist unserm Range gemäß eingerichtet werde. Der Plan zu einer neuen Baute ist bereits entworfen. Nach Beendigung unseres großen Prozesses soll unverzüglich damit begonnen werden.« Die Gräfin senkte verstummend den Kopf, ließ sich auf einem Fauteuil nieder und schien die Regentropfen, welche in abgemessenen Pausen von der Decke in die vollen Zuber klatschten, zu zählen. Der Graf zog eine ellenlange Sporteltaxe ans der Tasche und ging kopfschüttelnd die Posten durch; die kleine Simonetta war längst reisemüde auf dem Kanapee eingeschlafen. Es konnte nicht fehlen, daß die Ankunft einer so erlauchten Familie die Gemüter der Spellaner auf das lebhafteste beschäftigen mußte und sämtliche Zungen in Bewegung setzte, um die Fragen, ob der Graf sich als Mitglied des Kasino aufnehmen lassen, ob er den Konversazioni beiwohnen, ob er selber welche in seiner Villa geben werde, für und wider zu besprechen. Schon der nächste Sonntag sollte diese Rätsel schon zum Teil lösen. An jenem Tage rollte die gräfliche Staatskarosse, deren Schnitzwerk unleugbare Spuren einstmaliger Vergoldung trug, durch die Porta consolare. Von den Häuptern der beiden Maultiere, welche den Wagen zogen, nickten großmächtige, rotwollene Büschel; Schellen und Bleche, welche an ihrem Halse klingelten, waren zwar nur von unscheinbarem Messing, im Auge des Kenners hingegen von unschätzbarem Werte, indem sie, nach der Versicherung de« Grafen, aus Benvenuto Cellinis Werkstatt hervorgegangen sein sollten. Zwei starke, weiße Ochsen waren als Vorspann vorgelegt, um die kolossale Kutschen-Arche den steilen Bergpfad zum Dom hinanzuschroten. Die Fenster hatte man der zerschlagenen Spiegelscheiben halber heruntergelassen, und Spellos Gaffer konnten mit Bequemlichkeit den fürstlichen Anstand der beiden im Fond thronenden Exzellenzen anstaunen. Vor dem Wagen keuchte der alte verwitterte Giovacchino, mit Armen und Beinen schlenkernd und auf seinen kupferbeschlagenen Rohrstock gestützt, als Läufer, und schwenkte, so oft er atemschöpfend stillstand, unter greulichen Ge bärden den Prügel, um die gnädige Herrschaft gegen den bei dereinstiger Bevölkerung möglichen Zudrang des Pöbels zu schützen. Solchen Glanz, solche Pracht hatte Spello nie geahnt. Als nun vollends nach Beendigung des Gottesdienstes die Frau Gräfin zwölf Bettler, zu Ehren der zwölf Apostel, jeden mit einem Bajocco zu begaben geruhte, erreichte die Exaltation der Einwohner ihren Gipfel, und die gerührtesten Segenswünsche der Völker lallten der heimwärts rumpelnden Karosse noch aus weiter Ferne nach. Derselbe Festzug wiederholte sich eine Stunde vor dem Ave Maria, als das hohe Paar dem Governatore und dem Luogotenente die Staatsvisite machte, und bei beiden Honorationen Eis und Schokolade einzunehmen sich herabließ. Der Graf trug zum Staunen der Anwesenden die Relation seines höchst verwickelten, jetzt der Entscheidung nahen Prozesses vor; der Gegenstand desselben war eine Schuldforderung von anderthalb Millionen Scudi, die einer der gräflichen Ahnherren dem päpstlichen Stuhl zur Zeit Alexanders des Sechsten vorgestreckt hatte. Die Frau Gräfin konnte sich zwar nicht entschließen, an der Unterhaltung teil zu nehmen, verzehrte dagegen auf das huldreichste Konfitüren und gelato, so lange beides vorhalten wollte. Man war allgemein von dem feinen Hofton, der echt noblen Zurückhaltung der Dame, von den schwebenden anderthalb Millionen, von den tiefen juridischen Kenntnissen des Grafen bezaubert. Letzterer rechnete auf das Vergnügen, seine gütigen Wirte auf seinem Kasino bei sich zu sehen, sobald er mit den unerläßlichen Bauten aufs reine gekommen. Der Plan zu einem neuen Salon, welchen er bei dieser Gelegenheit entrollte, erregte die gerechte Bewunderung der Anwesenden, sowohl durch seine kolossalen Dimensionen, als durch die feenhafte Pracht, mit welcher er ausgestattet werden sollte. Den folgenden Sonntag dieselbe Morgenfahrt in die Messe, gleich verschwenderische Almosenspende, erneuerte Visite bei den Standespersonen, Wiederholung des Alexandrinischen Prozesses, abermalige weitschweifige Auseinandersetzung des Salonplans. Dritter, zehnter, fünfzigster und alle folgenden Festtage glichen dem ersten wie ein Ei dem andern. Die Einwohner von Spello erschöpften sich vergeblich in Konjekturen über die Gründe, weshalb die Rota romana mit ihrem Endspruch so lange zögere, wo Architekt, Mauermeister und Handlanger zur Gründung des verheißenen Zauberschlosses blieben, unterstanden sich aber dennoch nicht, das Wort Sr. Exzellenz des Grafen Flavio Tornaquinci, Ritter des goldenen Sporns, in Zweifel zu ziehen, und schlichen nur dann und wann ganz heimlich an das Thor, um mit langen Hälsen durch das Eisengitter und über die zertrümmerten Mauern nach der Villa zu spähen. Dort aber herrschte eine Totenstille. Sie sahen meistens nur die verwilderten Taxushecken, welche ihr Gezweig um die kopflose Pomona von Stein schlangen, das Becken einer ausgedörrten Fontäne, in deren Mitte ein Delphin in der Sonne briet, und manchmal um die Mittagszeit ein dünnes Rauchwölkchen sich aus den Spalten des Schornsteins emporringeln. Wenige vom Glück Begünstigte erblickten noch das hohe Ehepaar, wie es in der Dämmerung vor der Villa, auf der Terrasse oder auf den mit buntem Sand bestreuten Gängen zwischen den mit schimmernden Glaskorallen ausgelegten Beeten feierlich auf- und niederspazierte, und wußten nicht genug zu rühmen, wie galant der Graf seine Gemahlin mit spitzen Fingern geführt, wie vornehm das einem farbigen Tulpenbeet gleiche Seidenkleid der Gräfin hinterdrein gerauscht habe, wie der alte Giovacchino einen weiten zersplissenen Schirm, wenn auch die Sonne schon längst untergegangen war, über die Frisur seiner Gebieterin haltend nachgeschlichen, und eine breitzinkige Harke am Hosenbund hinter sich hergeschleift habe, um mittelst dieser sinnreichen Maschinerie jede Spur der Tritte sogleich wieder zu verwischen. Nur einer der Inquilinen von Spello durfte sich rühmen, freien Zutritt zu dem verwünschten Schlosse zu haben. Es war dies der Minorit Dom Luis Sans Obispo, ein gelbbrauner, melancholischer Hispanier, der Beichtvater des gräflichen Paares. Der Conte nannte ihn ein unschätzbares Juwel, und sagte nicht zuviel, denn wohl niemand verstand besser Schokolade zu kochen, als Dom Luis, und bewies eine eiserne Ausdauer bei den Vorträgen des Grafen, mochte dieser nun ihm seine Prozesse mit Suppliken, Repliken, Sentenzen und Dekreten, und den ganzen Schwall von bezüglichen Paragraphen der Gesetzsammlungen vortragen, mochte er ihm die Beschreibung der einst zu erbauenden Paläste machen und dabei Vitruv und Palladio der Pfuscherei bezichtigen. Wenn Graf Flavio bei diesen abendlichen Unterhaltungen allein das Wort zu führen pflegte, zupfte die Gräfin einst und lautlos Goldfäden; der Minorit saß mit gefalteten Händen und gesenkten Augen auf einem Tabouret am Ende der Tafel; Simonetta spielte mit einem ausgestopften Bologneserhündchen, dem einstmaligen Günstling der Gräfin, der unter den Händen des Kindes stockweise Haare ließ, seit die Motten in sein Fell gekommen: Giovacchino aber war unermüdlich, unter seltsamem Grinsen Gast und Herrschaft mit silberklarem Wasser zu versehen, denn der Brunnen von Villa Tornaquinci war weit und breit berühmt und der Stolz des alten Kammerdieners. Daß der Spanier um das Glück, tägliches Glied dieses auserwählten Kreises geworden zu sein, beneidet wurde, bedarf wohl kaum der Erwähnung. Die Zahl der Neider wuchs aber mit jedem Jahr, welches sich in bleierner Einförmigkeit über Villa Tornaquinci wälzte, und während welcher Simonetta zur wunderlieblichen Jungfrau reifte. Ein poetischer Sekretario des Luogotenente, Ehrenmitglied der Akademie der Arkadier zu Rom, feierte ihre Schönheit in einem Dutzend Sonette, in denen er geistreich auseinandersetzte, daß nicht nur sie, sondern auch er eine Simonetta sei. Er verglich sich nämlich mit dem berühmten Echo bei Mailand, indem er stündlich zu Hunderten von Malen diesen süßen sentimentalen Namen wiederhole. Die Augen der jungen Spellaner waren während der Messe nur auf das schöne Kind gerichtet; an der Kirchenthür entstand ein mörderisches Gedränge, um nur die Finger ins Weihwasser tauchen und es ihr dergestalt reichen zu können, und seitdem Simonetta nach dem Beispiel ihrer Frau Mama die zwölf Deputat-Bajocchi verteilte, war es nichts Seltenes, daß die schlankesten, gesundesten jungen Männer sich als Krüppel vermummten, nur um aus ihrem weißen Händchen den Kupferdreier zu empfangen. Eins nur blieb den Leuten unerklärlich, nämlich, wie ein so morscher Stammbaum, als der hochgräfliche, noch eine so reizende, lebensfrische Blüte wie Simonetta habe treiben können. Man mußte nur das allerliebste Kind Sonntags im Dom knien sehen, wie es mit den neugierigschlauen Kolombinen-Augen über den Fächer hinwegschielte oder mit den zarten Fingerchen den schwarzen Schleier graziös so weit lüftete, daß das volle, frische Antlitz sichtbar wurde, und rechts und links die Aschermittwochs-Gesichter der Alten, wo sich die Tochter wie ein Bändchen Petrarca-Sonette zwischen zwei pergamentzähen Kasnisten in groß Folio ausnahm; oder wenn sie aus dem Kokon der altfränkischen Seidenwimpeln, welche aus der mütterlichen Garderobe für die Kleine zurecht geschnitten waren, wie aus einer seltsamen Maske schelmisch lächelnd hervorguckte und den steifen Gewändern zum Trotz gleich einem bunten Stieglitz unter den Blumen umherflatterte; wenn sie hinter den steinernen Vasen mit Aloestauden über die niedrige Mauer lauschte und den Vorüberziehenden Sträuße ans ihrem Versteck nachwarf, oder wenn sie auf das einzige gräfliche Haustier, den lahmen Storch im Garten die noch weit lahmere Vogelscheuche Giovacchino hetzte: – und jedem fielen gewiß die Kindermärchen von Elfen, die zur Strafe eine Zeitlang auf Erden ausdauern müssen, von verwunschenen Prinzessinnen und schatzhütenden Drachen ein. Es war wohl nicht einer, der nicht gern hätte die rechte Stunde und das rechte Wort erlauern mögen, um den Zauber zu lösen und Simonettina zu entführen. Dabei war sie nicht allein ein Wunderkind an Schönheit, sondern auch, in Erwägung der Anforderungen, die man an ihre vornehme Abstammung machen durfte, ein weit größeres von wissenschaftlicher Ausbildung. Dom Luis Sans Obispo hatte ihr nicht nur die Klosterlitanei und das Lesen beigebracht, sondern sie auch eine leidlich unleserliche Hand zu schreiben gelehrt; durch ihren Herrn Vater war sie mit den Namen aller derjenigen, welche jemals über Recht und Rechtsverdrehung geschrieben, vertraut geworden, während die Frau Gräfin streng darauf gehalten hatte, daß ihr Töchterlein nicht nur die Grundregeln der Heraldik, sondern auch sämtliche Namen ihres großmächtigen Stammbaumes, welcher eine Wand im Vorsaale einnahm, an den Fingern hersagen könne. Nur in der Genealogie des ersten Dutzend Ahnherren von Äneas abwärts irrte das schöne Kind noch ab und zu, weil nämlich ihre Namen fast das ganze Jahr hindurch hinter aufgeschütteten Artischoken und Kürbissen begraben lagen. Über Simonettas dereinstige Bestimmung gingen die widersprechendsten Gerüchte. Die eine Hälfte der Spellaner wollte aus guter Hand wissen, Graf Flavio erwarte nur die glückliche Entscheidung seines famosen Prozesses, um dann unter den regierenden Häuptern Europas, wohlverstanden unter den stiftsfähigen, einen standesgemäßen Eidam zu erküren. Die andere Halbscheid dagegen wollte gehört haben, wie das Fräulein schon als Windelpüppchen von Donna Pompea der Madonna gelobt worden sei, und nur das siebzehnte Jahr erwarte, um den Schleier zu nehmen. So war der Namenstag des heiligen Franziskus von Assisi wieder einmal herangekommen. Scharen von Wallfahrern stiegen von den Bergen hernieder und zogen nach dem Kloster Maria degli Angeli und an der Villa vorüber. Für Simonetta war es ein Fest, den einzelnen mit Pilgerstab und Muschelhut Vorüberwallenden, so wie den bunten Prozessionen ganzer Dorfschaften, welche paarweis mit Musik und Gesang, mit Fahnen und Kreuzen des Weges gingen, über die steinerne Balustrade nachschauen zu dürfen. Oftmals stimmte sie wohl mit glockenheller Stimme ein Liedchen an und freute sich kindisch, wenn die Vorüberziehenden lange Hälse machten, um die Sängerin hinter den dichten Cypressenwänden zu erlauschen, bis darüber einem nach dem andern die Bußgesänge in der Kehle sitzen blieben, und der Vorsänger sich die ersinnlichste Mühe gab, hie eingefrorene Melodie wieder in Fluß zu bringen. Als sie eines Tages wiederum auf ihrem Lieblingsplätzchen saß, gewahrte sie unter den Vorübergehenden einen jugendlichen, wohlgekleideten Reiter, der, still vor sich hinträumend, die Zügel schlaff über den Hals seines Braunen hängen ließ und weder den mit grauen Olivenwäldern bedeckten Bergen, noch der sonnigglänzenden Ebene, weder der mit Epheu überwachsenen Bergstadt, noch der verwitternden Villa eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken schien. Es war dies ein junger, reicher Edelmann aus Florenz mit Namen Lancilotto Torrigiani, welcher von Rom kam und jetzt langsam des Weges zog, weil er an jenem Tage nicht weiter als bis nach dem nahgelegenen Assisi wollte. Simonetta ließ neckend eine Orange aus der Hand und bis vor die Füße des Pferdes rollen. Das Tier schreckte zusammen, prallte seitwärts und stieg, als es der unwillige Reiter mit dem Sporn strafte, der harten Behandlung ungewohnt, in die Höhe. Ein unwillkürlicher Schrei entschlüpfte dem geängstigten Mädchen und lenkte das Auge des Kavaliers auf die verwirrt und verlegen stehende Simonetta. Bald hatte indessen der in allen ritterlichen Künsten Geübte sein Roß beruhigt und sprengte, den Federhut tief vor der verschämt Errötenden abziehend, vorüber. Nach einigen Schritten lenkte er aber wieder um, grüßte noch verbindlicher, empfing mit sichtlicher Freude den blöden Gegengruß und näherte sich dann galant dem Söller, weil er sich, nach seiner Aussage, verpflichtet fühlte, das Fräulein des verursachten Schreckens halber um Verzeihung zu bitten. Die Bekanntschaft war gemacht. Der Florentiner war so freundlich und bescheiden und wußte seine Worte so zierlich und anmutig zu setzen, daß Simonetta gar nicht müde werden konnte, ihm zuzuhören; dabei war er der hübscheste Mann, den sie jemals gesehen hatte. Es war ihr, als könne sie ihm keine Frage schuldig bleiben oder ihm etwas verhehlen. So hatte denn der gewandte Lancilotto in fünf Minuten alle Verhältnisse halb erraten, halb aus dem Munde des zutraulichen Mädchens erfahren und nach abermals fünf Minuten ihr das Versprechen entlockt, des Abends wiederum auf dem Balkon erscheinen zu wollen. Das Abenteuer bedünkte dem Kavalier zu lieblich, um nicht die Weiterreise zu vertagen, und so zog er denn, da er völlig unabhängig war und nur zu seinem Vergnügen reiste, nach einem unscheinbaren, unfern des Weges gelegenen Wirtshause, mit dem festen Entschluß, so lange in der Nähe des jungen Fräuleins zu verweilen, als er unentdeckt bleiben würde, und ihn das seltsam angesponnene Verhältnis zu fesseln vermöge. Pünktlich stand er, sobald das Angelus eingeläutet worden war, an der Mauer – Simonetta war ihm schon zuvorgekommen. Nach kurzer Zeit klagte Lancilotto, daß die Unterredung mit rückwärts gebogenem Hals doch auf die Länge sehr lästig falle; das Mädchen war von der Richtigkeit dieser Bemerkung vollkommen durchdrungen. Er erbat sich die Erlaubnis zu einem Versuch, mit Hilfe der Epheuranken an den zerbröckelten Steinen hinaufzuklettern – auch dagegen fand sie nichts einzuwenden, und war vielmehr von ganzem Herzen erfreut, als er ihr zur Seite in der dichtesten Oleanderlaube auf der von Moosflechten überwachsenen Steinbank saß. Was dort gesprochen wurde, darüber beobachtet die Sage das tiefste Stillschweigen. Authentisch ist nur, daß dieser erste Besuch nicht der letzte blieb, daß Lancilotto, so oft sein Liebchen in der Villa zurückgehalten wurde und eine schwerseufzende Zuhörerin bei den väterlichen Erläuterungen der Pandekten abgeben mußte, entweder auf den breiten Blättern der Aloe einige zärtliche Worte gekritzelt fand, oder ein unorthographisches Billet im Rachen des Stein-Delphins, mit einem Worte, daß er sich zum Sterben in sie verliebte und Simonetta um kein Härchen minder in ihn. So viel hatte Herr Torrigiani wohl begriffen, daß er, trotz seiner adligen Geburt und der nicht unbeträchtlichen Güter, weder von dem Grafen noch von der Gräfin Tornaquinci als Werber allzufreundlich aufgenommen werden werde. Da er nun aber kein sonderlicher Liebhaber von Körben war und er es auch überhaupt liebte, kurz und entschieden zu Werke zu gehen, so schlug er seiner Geliebten das Auskunftsmittel der Entführung vor. Zwei-, dreimal rund abgeschlagen, fand der Vorschlag zum vierten Male ein geneigteres Ohr. Simonetta fand den Garten mit seinen schwarzen Cypressen und nasenlosen Faunen, mit dem ausgetrockneten Bassin und den Schnörkeln von Glaskorallen mit einem Male ganz abscheulich langweilig; noch langweiliger die gähnerlichen Karyatiden an der Villa und ihr durchlauchtiges Dach, durch welches ihr nur allzuoft ins Bettchen regnete; am allerlangweiligsten aber das ewige Goldfädenzupfen, das Memorieren des verschimmelten Stammbaumes, das Schokoladen-Gequirle des Dom Luis und das Wasserkredenzen des rotnasigen Gliedermanns Giovacchino. Der Geliebte hingegen erschloß ihr die weite Welt; folgte sie ihm, so durfte sie mit den Wolken und Vögeln auf munterem Pferdchen über Berg und Thal fliegen, durch prächtige, blitzende Städte rollen, in schimmernden Palästen in Lebens- und Liebeslust schwelgen – welche Wahl für ein flatterhaftes, unerfahrenes, blind verliebtes, fünfzehnjähriges Mädchen? Eines schönen Abends durchhinkte Giovacchino den ganzen Garten, um die junge Gräfin aufzusuchen; mit kläglicher Unkenstimme rief er sie zur Abendunterhaltung, drohte mit allerungnädigstem Stirnrunzeln, durchstöberte jeden Myrtenstrauch, wandte jedes Artischokenblatt um – vergebliche Mühe. Die Vermißte saß längst zu Roß und galoppierte lustig mit Herrn Torrigiani auf dem nächsten Wege nach Livorno, um sich von dort nach Marseille einzuschiffen. Mit weinerlichem Stottern und unter entsetzlichen Grimassen stattete der greise Kammerdiener den Exzellenzen Bericht von seinen erfolglosen Nachforschungen ab und überreichte als einzige Ausbeute eine auf dem Steintisch vorgefundene Visitenkarte. Nachdem Donna Pompea die mit Bleistift gekritzelten Worte: »Lancilotto Torrigiani et Simonetta Tornaquinci pour prendre congé« mühsam entziffert hatte, lehnte sie sich langsam mit weit offenen, starr vor sich hinblickenden Augen in den Sessel zurück, und ihre schlaff herabsinkenden Hände ließen das halbzerzupfte Stückchen Goldbrokat auf die Erde fallen. Graf Flavio erwachte zuerst aus seiner Betäubung, zitierte mit festgeschlossenen Wimpern und im grellsten Falsett alle auf Mädchenraub bezüglichen Stellen aus dem alten und neuen römischen Recht, sprach Fluch und Enterbung über die mißratene Komtesse aus, gelobte eine halbe Million Scudi nach Entscheidung des großen Alexandrinischen Prozesses Demjenigen zu zahlen, der den ruchlosen Verführer zur Stelle schaffe, die ganze Million aber zum Bau eines Kerkers zu verwenden, gegen welchen die Stahltürme in Ariosts und Bojardos Dichtungen elende Kartenhäuser sein sollten – – da unterfing sich der greise Diener, den Rockschoß seines zürnenden Gebieters zu küssen und ihn um die Gnade anzuflehen, daß er für einen Augenblick geruhen möge, den Strom der Rede zu hemmen; seinen plebejen Sinnen wolle es nämlich unzweifligermaßen fast bedünken, als ob Donna Pompea maustot sei und Exzellenza seit einer halben Stunde mit einer Leiche die Konversation zu führen beliebe. Der Conte schlug langsam die Augen auf, betrachtete prüfend den bläulichen Streifen, welcher sich über die Schläfe seiner Gemahlin zog, sprach noch einige verwirrte, abgebrochene Worte von einem prachtvollen zu gründenden Mausoleo, tunkte darauf mit zitternder Hand die Feder in das Tintenfaß, um auf dem riesigen Stammbaum ein Kreuz hinter den Namen von Frau und Tochter zu malen, und sank rücklings über. Er war zu seinen Vätern versammelt worden. Giovacchino zog die noch nasse Feder aus der erkalteten Hand und setzte das dritte Kreuz unter das Wappenschild des Grafen Flavio Tornaquinci, hob die Leiche behutsam auf, löschte die Messinglampe aus und verschloß hinter sich die Thür. Am nächstfolgenden Sonntage fuhren die beiden Exzellenzen mit den alten Maultieren, dem Vorspann der weißen Ochsen und dem rotnasigen Giovacchino als Läufer zur gewohnten Stunde in die Messe, und zwar zur eigenen Totenmesse. Ganz Spello war bei der Feierlichkeit gegenwärtig und bejammerte aufrichtig die Langsamkeit der Nota romana, welche durch ihr Zögern die Gegend um eine fürstliche Villa, die Einwohner selber um die versprochenen Konversazioni gebracht habe. Die beiden Särge wurden dicht vor dem Altar eingesenkt, nachdem Dom Luis Sans Obizpo sie geweiht hatte, und nach vierundzwanzig Stunden gedachte außer dem grauen Giovacchino seine Seele mehr des hochseligen Paares. Der Kammerdiener kehrte nach der Villa Tornaquinci zurück, ohne sie je wieder mit einem Schritt zu verlassen, verschloß und verrammelte das Thor, ließ es in den Angeln rosten, das Wohngebäude vollends zerfallen und den Garten nach Herzenslust verwildern. Herr Lancilotto war unterdessen mit dem Fräulein glücklich in Marseille angelangt. Damals waren nämlich noch goldene Zeiten für junge, entführungslustige Kavaliere; sie konnten die halbe Welt durchstreifen, ohne daß es jemandem einfiel, sie zu fragen, wes Geistes Kind und wie sie zu ihrer Begleiterin gekommen wären. Seitdem die Pässe Mode geworden und in jeder Stadt dreimal visiert werden, soll es ein passionierter Liebhaber wohl bleiben lassen, mit seinem Schätzchen in die weite Welt hinaus zu laufen. Der nächste Gendarm fängt die reiselustige Schöne ab und bringt sie auf das höflichste wieder heim, noch ehe sie Zeit gehabt hat, sich um einen Kuß bitten zu lassen. Wer die ruhigen Nächte, welche Eltern und Vormünder fortan genießen, in Erwägung zieht, wird nicht länger leugnen können, daß die Welt mit Riesenschritten vorwärts eile und mithin immer wohnlicher werde. Vor sechzig Jahren aber nutzte sie noch gewaltig im argen liegen, da das liebende Paar nicht nur, wie bereits erwähnt, ungehindert Marseille und späterhin sogar Paris erreichen durfte, sondern sogar auch in letzterer Stadt einen Priester sehr bereitwillig fand, sie so schön und fest zu kopulieren, als wenn Se. Heiligkeit der Papst selber die Training vollzogen hätte. Nunmehr begann ein Leben voller Freude und Herrlichkeit für das junge Ehepaar. Prächtige Gastmähler und Bälle folgten einander auf dem Fuße, und von allen war die schöne Simonetta Königin. Sie wähnte, den Himmel auf Erden gefunden zu haben, und die Erinnerung an Villa Tornaquinci und ihre in diesem gräflichen Hungerturme durchgähnten Jugendjahre erwachte höchstens nur noch im Traume. Signore Lancilotto war der liebenswürdigste, galanteste Gatte von der Welt und liebte seine Frau so zärtlich und treu, als nur irgend ein Ehemann thun kann, das heißt noch volle vier Wochen nach der Trauung. Von dieser Epoche an ließ er zwar in der Galanterie nicht im mindesten nach, verdoppelte sie wohl eher im Gegenteil – nur geschah dies leider gegen andere Frauen als die seinige. Die junge Signora besaß noch zu wenig Welt, um das freisinnige Benehmen ihres Mannes richtig würdigen zu können; sie nahm sich vielmehr jene kleine Zerstreutheit zu Herzen, grämte und härmte sich ab und verfiel zuletzt auf den unseligen Gedanken, dem Gemahl unter Thränenströmen die bittersten Vorwürfe zu machen. – Weiberthränen sind aber anerkannt das zweckdienlichste Mittel, um eheliche Flammen bis auf das letzte Fünkchen auszugießen. Hatte nun Signore Torrigiani die Tage außerhalb des Hauses verbracht, so fing er von da an, auch die Nächte zu verschwärmen. Außerdem war er leidenschaftlicher Spieler und, weil er es jederzeit mit Anstand war, auch unglücklicher. In Jahresfrist hatte das edle Landsknechtspiel nicht allein die mitgebrachten Gelder verschlungen, sondern auch die Florentiner laufende und vorauserhobene Gutspacht, und, da es ohne Geld in Paris schwer ist, als großer Herr zu leben – freilich anderwärts auch nicht viel leichter - so mußte Herr Lancilotto sich wohl, wenngleich mit der übelsten Laune von der Welt, entschließen, mit dem einzigen Schatz, der ihm von seinen früheren übriggeblieben war, mit seiner Frau nämlich, bei Nacht und Nebel ohne viel Geräusch sich in den Wagen zu setzen, um in seiner Heimat die Wiederkunft besserer Zeiten, so gut es gehen wollte, abzuwarten. In Livorno erfuhr Simonetta den plötzlichen Tod ihrer Eltern. Schon seit dem Augenblick, wo sie anfing, sich unglücklich zu fühlen, hatte sich die Reue über ihre Flucht eingefunden, wie sich denn überhaupt die Gewissensbisse jedesmal zu unrechter Zeit einzustellen pflegen. Auch ohne die nahe Verbindung, in welcher dieser Verlust mit ihrer Entweichung aus dem väterlichen Hause stand, zu kennen, überließ sie sich den Ausbrüchen der schmerzlichsten Verzweiflung und beschwor ihren Gatten bei allen Heiligen, zuerst nach Villa Tornaquinci zu gehen, um auf dem Grabe ihrer Eltern Thränen der bittersten Reue vergießen, um die Schatten der schwer Gekränkten um Verzeihung anflehen zu dürfen. Der Florentiner willigte kalt ein; ihm war es ziemlich gleichgiltig, in welchem Zufluchtsorte er die begangenen Thorheiten abbüßen solle, und der versteckteste däuchte ihm noch der beste. Es war in der Dämmerung eines Novembertages, als das junge Ehepaar vor dem Thore der Spellaner Villa hielt. In Simonettas Seele erwachte die Erinnerung an jenen Abend, wo sie mit ihren aus Rom flüchtigen Eltern hier angelangt war. Wie damals goß der Regen in Strömen, zogen weißliche Nebelwolken aus den Schluchten der Appenninen, schwankten die Wipfel der Cypressen im Sturm, kämpften die Krähen schwerfällig gegen den Wind an. Der Epheu, der die Mauer umrankte, war voller geworden, die Mehrzahl der steinernen Vasen lag zertrümmert am Boden, Signore Torrigiani sprang aus dem Wagen und versuchte vergeblich den verrosteten Klingeldraht zu ziehen, das Gitterthor zu öffnen. Kein lebendes Wesen ließ sich innerhalb der Ringmauern spüren. Laut rief er den Namen des alten Kammerdieners – keine Antwort. Der Sturm sauste, die nassen Zweige der Myrtenstauden rauschten; die welken Blätter wirbelten durch die Luft. Ungeduldig riß der Edelmann eine Pistole aus dem Wagen und drückte sie gegen das Thor ab, um das Schloß zu sprengen. Da wankte mit behutsam schlorrendem Schritt eine schwarze, fabelhafte Gestalt, ein langes spanisches Gewehr im Anschlag an der Backe haltend, einher – es war Giovacchino, welcher den ersten, der Miene mache, das Thor mit Gewalt zu öffnen, mit dem Tode bedrohte. »Fort mit der Flinte, alter Narr,« zürnte Lancilotto, »Deine Gebieter sind es, welche an der Pforte stehen und augenblicklich eingelassen zu werden verlangen.« Da ließ der hagere Greis langsam das Rohr herabsinken und entgegnete mit widriger Freundlichkeit: »Ei, ei, Exzellenza, welch unverhofftes Glück! Willkommen auf Villa Tornaquinci, Signora höchst willkommen! So kehren Illustrissimi nach einem kleinen Ausfluge doch wieder zurück – werden vieles verändert finden« – – »Was soll dies unersprießliche Geschwätz?« fuhr Lancilotto auf. »Und wie lange sollen wir in diesem vermaledeiten Wetter im Freien stehen? Aufgemacht!« »Wird sich schwerlich machen lassen, Exzellenz«. Den Schlüssel hab' ich an dem Tage, wo der Herr Graf und die Frau Gräfin beigesetzt wurden, in den Brunnen versenkt – was hatte ich alter Mann noch in der Welt zu thun? – Und daß die gnädige Herrschaft je wiederkehren werde, wer konnte daran denken?« Scheltend und wetternd rüttelte der Kavalier an den Eisenstäben – sie blieben reglos; jedes Werkzeug aber, das Schloß zu erbrechen, mangelte. – »Vielleicht lassen sich der Signor Kavaliere herab,« hob Giovacchino nach einer Pause mit boshaftem Lächeln an, »die Mauern zu überklettern. Hochdieselben haben es ja nicht zum erstenmale versucht, und auch Signora werden wohl noch geruhen, sich des früher eingeschlagenen Weges zu erinnern. Ich wollte darauf schwören, es ginge um vieles leichter hineinzukommen, als hinaus.« – »Der welke Schuft,« murmelte Torrigiani giftig, »verspottet uns noch. Mög' ihn ein Unglück treffen!« – Er sprang nach dem Wagen, um das zweite Pistol zu ergreifen. Simonetta aber fiel ihm in den Arm und bat ihn, von seinem Vorhaben abzustehen. »Wir haben viel abzubüßen,« sprach sie mild, »laß uns nicht damit beginnen, neues Unrecht zu begehen. Übe Nachsicht mit dem alten Diener des Hauses – er ist treu wie Gold – morgen ist er gewiß wie umgewandelt. Komm, mein teurer Freund, es wird schon gehen. Laß uns eilen. Mich verlangt aus der feuchten kalten Luft – ich fühle mich recht krank.« Zähneknirschend ließ der Florentiner von der Waffe, erklomm die niedrige Gartenmauer und hob mit Hilfe des Fuhrmanns sein fieberschauerndes Weib hinüber. Giovacchino hatte sich unterdessen entfernt. Der Garten war zur Wildnis geworden. Dichtes Gras wuchs durch den Kies der Gänge: breitblätteriges Unkraut überwucherte die einzeln und wie verloren stehenden Blumen, und die nassen Zweige der freirankenden Sträucher schlugen dem mühsam vordringenden Paare entgegen. Auf einer Marmorbank saß der alte, lahme Storch und zerriß eine zuckende Schlange. Simonetta erkannte den Platz wieder: am Abend der ersten Zusammenkunft mit Lancilotto hatte sie dort gesessen. Sie deutete furchtsam auf den Fleck, ihr Gatte aber warf mißlaunig den Kopf zurück und zog das bleiche Weib schweigend mit sich fort. – Giovacchino stand bereits unter dem Thore der Villa und umspann die Ankommenden mit endlosen, kriechenden Bewillkommnungsphrasen, bei denen die Angeredeten in Zweifel blieben, ob sie dieselben nicht als bittern Hohn zu nehmen hätten. Herr Torrigiani schnitt die weitschweifige Rede kurz ab und hieß den Alten Kaminfeuer anlegen. Lange Zeit wollte das herbeigeschleppte nasse Bündel Weinreben nicht zünden; nachdem es endlich angeglommen, druckte der Sturm den Rauch herab und erfüllte das Zimmer mit unleidlichem Qualm. Die Flamme mußte gelöscht und Thür und Fenster aufgerissen werden. Lancilotta stand finster brütend auf der Schwelle und sah die schweren, grauen Wolken sich träge über den Himmel wälzen und die Bläschen der Regentropfen im gesammelten Wasser zerspringen, Simonetta saß auf dem verblichenen Damastkanapee, verdickte ihr Gesicht mit der Hand und weinte leise vor sich hin. Der grauköpfige Diener setzte die vierarmige Messinglampe auf den Tisch, und erbat sich Befehle, welches Zimmer er für die Herrschaft in stand setzen solle. »Das erste beste,« herrschte ihm der Kavalier zu, »Meinethalben dieses hier, vorausgesetzt, daß wir nicht über Nacht vom Regen hinweggeschwemmt werden.« »Dies wäre nun wohl die geringste Sorge,« grinste der Kammerdiener, »wenn nur nicht – indessen Exzellenza haben zu befehlen.« – Er murmelte noch allerhand Unverständliches vor sich hin, und begann hierauf langsam und umständlich die Vorbereitungen zur Nacht zu treffen. Nachdem er die Lagerstätte bereitet, zog er sich auf die Schwelle zurück mit einer Miene, als ob er noch gar manches auf dem Herzen habe, und nur auf die erste Gelegenheit um loszubrechen harre. Lancilotto schritt, in düsteres Sinnen verloren, heftig im Gemach auf unb nieder, und bemerkte erst spät Giovacchinos Verweilen. »Nun, was soll es noch?« fragte er den Alten rauh. Der Angeredete wiegte den Kopf hin und her, und begann endlich, nachdem er lange vergeblich nach der ihm passend scheinenden Einleitung gehascht hatte: »Demnach dürfte auch füglich jenes Kreuzlein dort auf dem Stammbaum, welches den Namen der Signora als einer Verstorbenen bezeichnet, wiederum gelöscht werden.« Aufschreckend blickte Simonetta nach der bezeichneten Richtung, der Kammerdiener aber fuhr mit ingrimmiger Kälte fort: »Bitte nicht etwa den Verdacht zu hegen, als ob ich mich unterfangen, jenes Zeichen auf die Tafel zu malen. Es waren des Herrn Vaters Exzellenz», welche mit letzter Armzuckung Ihro Gnaden dies Denkmal zu setzen geruhten.« – »Um der Madonna willen,« rief Simonetta, bleich und verstört auf den Stammbaum zustürzend, »mein Vater, mein eigener Vater« – – »Wie Signora sagen. Und zwar an jenem Abende, wo die gnädige Frau ihre Reise ins Ausland anzutreten beliebten, und die Frau Gräfin aus Alteration darüber vom Schlage gerührt wurde.« – »Wahnsinniger Unmensch,« fuhr Lancilotto auf den Bedienten ein, »willst Du mein Weib morden?« Aber Simonetta hatte die letzten Worte kaum vernommen, und lag in tiefer Ohnmacht auf dem Boden. Der Florentiner stieß den hämisch vor sich hin lächelnden Graukopf wütend aus dem Zimmer und flog zu seiner unglücklichen Gattin, um ihr alle mögliche Hilfe zu gewähren. Nach einigen Minuten erwachte sie, rang verzweiflungsvoll die Hände und warf sich auf die Kniee, um unter Vergießung von Thränenströmen zu beten. Nur mit Mühe konnte Lancilotto die Erschöpfte bewegen, sich zur Ruhe zu begeben. Die Nacht war mittlerweile hereingebrochen; im Hause herrschte ein eisernes Schweigen, draußen tobte der Sturm fort, rasselte mit den Ziegeln des Daches, und warf in kurzen Zwischenräumen einen offenstehenden Laden gewaltsam gegen das Fenster. Die Lampe glimmte düster und erhellte nur spärlich das wüste Gemach, in dem die Reise-Effekten unordentlich verstreut umherstanden. Die soeben erlebte erschütternde Szene, der Gedanke an die eigene verzweifelte Lage ließen Lancilotto keine Ruhe finden. Mit unstäten Schritten wandelte er über die knisternden Fliesen und warf bald einen Blick auf das in fieberhaft unruhigem Schlaf liegende Weib, bald auf das unheimliche Zimmer und den morschen, bettelhaften Trödelkram, der es ausfüllte. Sein Entschluß, die Villa mit Tagesanbruch auf immer zu verlassen, stand fest. Da erhob Simonetta sich plötzlich vom Lager und schlich auf den Zehen leise und mit weit ausgreifenden Schritten hinter Torrigiani her, umklammerte ihn krampfhaft von hinten und streckte, ohne ein Wort vorzubringen, den Zeigefinger weit vor sich hin. Ihr Gesicht war leichenfahl, das Auge stier. »Um Gottes willen, was ist es, was fällt Dir ein?« fragte der erschrockene Gatte. »St! st!« flüsterte die Frau ganz heimlich, »sieh nur! sieh nur dorthin! Sie sind's ja.« »Wer? sie?« – »Närrchen, die Alten,« erwiderte schaudernd und mit irrem Lächeln Simonetta. »Schau' doch nur genau hin, Lancilotto, wie die Mutter Goldfäden zupft – jetzt läßt sie den Rest fallen – legt sich langsam zurück – hu, wie die Augen weit offen stehen! Mich graust. Sieh nur den blauen Fleck am Halse – sie ist tot – und der Vater – er steht auf, setzt auf den Stammbaum das Kreuz neben den Namen der Mutter – und jetzt macht er auch mir das Todeszeichen – Vater! Vater! Halt ein! Ich lebe ja noch!« Mit den Gebärden des Wahnsinns stürzte Simonetta vorwärts, als wolle sie der Erscheinung in den Arm fallen. Ihre umherirrende Hand stieß die Lampe um, Lancilotto packte, außer sich vor Entsetzen und mit sträubendem Haar die auf dem Tische liegende Pistole und drückte sie, wie um das Grauen zu gewältigen, mit fest geschlossenen Augen ab. Dem Knall folgte ein tiefes, schmerzliches Stöhnen – er hatte sein Weib erschossen. Simonetta ruht im Dom von Spello zur Seite ihrer Eltern. Den Kavaliere Lancilotto will man nach vielen Jahren als Kroupier bei einer der Pariser Spielbanken gesehen haben, und noch lange nach der traurigen Katastrophe behaupteten die Spellaner, daß in dem Garten der Villa Tornaquinci eine lange, aschfarbige Gestalt von Zeit zu Zeit hinter den Gesträuchen auftauche und wieder versinke: ob es aber der alte Haushofmeister, ob es ein Gespenst gewesen, hat keiner zu untersuchen gewagt. Die Villa ist seitdem unbewohnt geblieben und vollends zerfallen. Der Schatzgräber In der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte zu Murano in einem ziemlich baufälligen Hause, welches am Kanal unweit der Kirche San Pietro e Paolo steht, ein alter Fischer mit Namen Nicolo. Er war die ehrlichste Haut von der Welt, stets nüchtern wie ein Kabeljau, dienstfertig gegen seine Nachbarsleute, versäumte an keinem Festtage die Messe, war des Morgens schon mit den Schwalben auf den Beinen und hantierte noch mit seinem Kahne und den Netzen, wenn man kaum noch die Hand vor Augen erkennen konnte – war aber einer von denen, die es trotz aller Plackerei und Mühseligkeit zu nichts bringen. Es war ihm nun einmal, wie man zu sagen pflegt, nicht an der Wiege vorgesungen worden, daß er Glück haben solle. Wo die anderen Fischer sich vor Fang nicht zu lassen wußten, saß er halbe Nächte lang, ohne daß nur eine Gräte ihm ins Netz gegangen wäre; machte er endlich einmal einen schweren Zug, und er holte ausnahmsweise keinen vermoderten Klotz herauf, so konnte er darauf rechnen, daß zum mindesten drei Dutzend Maschen rissen, und die ganze Herrlichkeit durch das unbillige Loch wieder ins Wasser zurückplumpste, oder daß der schönste Fisch abstarb, eh' er ihn nach Venedig zu Markte gebracht hatte, ebenso wie er sicher war, niemals Austern zu fangen, ausgenommen im August, wo sie keine Christenseele mehr mochte. Auf alles, was der alte Nicolo anfing, legte der Teufel hurtig seinen Schwanz und verkehrte die Freude in Heulen und Zähneklappern. An einem gehörigen Hauskreuze fehlte es ihm denn auch nicht. Seine Ehefrau Catterina hatte nämlich zu vielen höchst löblichen Eigenschaften den gewaltigen Fehler, ein allzu getreues Gedächtnis zu besitzen; da sie nun die vielfachen Verluste ebenso schmerzlich als ihr Mann empfand, und keinen derselben ihm vorzurücken vergaß, so wurde das Lamento mit jedem Abend länger, und der geplagte Nicolo dankte oft seinem Himmel, wenn er den blassesten Schimmer des Frühlichts erwittern konnte, um nur hastig in die Lagunen hinaus zu stechen. Sein größtes Leiden aber hatte er mit seinem einzigen Sohne Masetto, einem kräftigen achtzehnjährigen Schlingel, mit dem auf Gottes Welt auch nicht das mindeste anzustellen war, und dies war auch der einzige Punkt, in welchem die Eheleute übereinstimmten; nur war die Mutter der Meinung, daß Masetto ein unverbesserlicher Faulpelz sei, während ihn der Vater für den pinselhaftesten Dummkopf im Gebiet der Republik erklärte. Der Himmel hatte ihm ein Paar gesunde, starke Arme verliehen, jedoch noch einen weit stärkeren Magen; die ersteren schien Masetto nur als unnütze Anhängsel, als ein Paar angenehmer Schnörkel am menschlichen Kadaver zu betrachten, so lange er sie nicht zum Augenausreiben, oder um die Speise nach dem Munde zu führen, verwandte, und noch bis auf den heutigen Tag ist in Murano Masetto der Held der Sage, so oft es gilt, mit Beispielen zu belegen, welche Fassungskraft ein sterblicher Magen besitze. Außerdem war die Natur mit der Gabe des süßesten Schlummers gegen diesen ihren Liebling verschwenderisch gewesen, und es kostete den wackeren Jüngling nur geringe Anstrengung, um von der Siesta bis zur Vesperglocke zu schlafen, und von dieser wiederum bis zur Siesta. Weise, alte Frauen wollten aus dieser eminenten Anlage zum großen Herrn folgern, daß er dereinst auch einer werden müsse – damit war aber den beiden Alten vor der Hand nur wenig gedient. Eines Nachmittags saß der alte Nicolo vor seinem Hause im Flicken schadhafter Netze vertieft. Frau Catterina spann, wobei sie den zierlichen Flachsfaden so wenig als den des Gesprächs abreißen ließ. Die Nachbarinnen saßen unter den Thüren und fädelten kleine Muscheln zu Halsbändern, oder die roten, durch die ganze Welt berühmten Glaskorallen auf. Die Muraneser Jugend plätscherte halbnackt in dem Kanal und ließ stattliche Flotten von Rinde mit Papiersegeln vom Stapel laufen, ober balgte sich schreiend um die Schalen der abgenagten Wassermelonen, ohne jedoch mit allem Lärmen, ebenso wenig als die Frauen mit ihrem Zungen-, und die Türme durch ihr Glockenspiel den wackeren Masetto aus dem tiefen Schlummer, in welchen er über dem Erbsenlesen versunken war, erwecken zu können. Während dessen kam ein ungewöhnlich und ausländisch gekleideter Mann langsam über die hölzerne Brücke gegangen, und schritt den Kai, auf welchem Nicolos Häuschen lag, entlang. Eine so fremdartige Erscheinung konnte nicht verfehlen, in dem einförmigen Murano allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen und das Geklatsch der Weibsleute auf sich zu lenken. Ein langer, glänzender, bis auf die Brust reichender Bart, der schwarze, turbanähnliche, Bund auf dem Kopf, das faltige Obergewand mit den weiten Ärmeln, der lange Rohrstock, auf welchen der Fremdling sich mit der Rechten stützte, während die Linke eine prächtige Pfeife mit Bernstein-Mundstück hielt, verrieten ihn als Morgenländer. Die einen rieten deshalb auf einen Türken, obwohl diese sich nur selten aus dem Sestiere della Croce weiter entfernen, als um in eins der Kaffeehäuser unter den Prokrazien zu gehen; andere hielten ihn dagegen für einen armenischen Mönch von San Lazzaro, ohne zu erwägen, daß ein solcher wohl schwerlich Dolch und Pistolen im Gürtel tragen werbe, noch andere wieder, doch ebenso grundlos für einen Juden. Der Besprochene näherte sich gemächlich schlendernd, zog höflich grüßend vorüber, kehrte aber nach einigen Schritten schon wieder um, und knüpfte im reinsten Italienisch ein gleichgiltiges Gespräch über Wind und Wetter, über Glasperlen und Arbeitslohn mit den Frauen an. Die Kinder drängten sich im dichten Kreis neugierig um den langbärtigen, buntgekleideten Mann, worauf dieser lächelnd in den Gürtel griff, eine Handvoll Kupfermünzen über die maulaufsperrende Jugend regnen ließ, und seine herzliche Freude über das Schreien, Raufen und Beinzappeln der kleinen Manna-Sammler zu erkennen gab. Nachdem er sich satt gelacht, äußerte er den Wunsch, nach einem guten, nicht allzufernen Kaffeehause gewiesen zu werden, wobei er dem Führer eine Venetianische Lirazza als Ehrensold verhieß. Zwölf Dutzend Lirazzenfreunde meldeten sich augenblicklich zu dem vakanten Posten. Der Fremde musterte lächelnd den dienstwilligen Kreis, und äußerte dann gegen Frau Catterina gewandt: »Dort im Schatten schnarcht ja noch ein angenehmer junger Mann, welcher bei der vorigen Spende leer ausgegangen; ließe dieser sich nicht vielleicht bewegen, mir den begehrten Liebesdienst zu erweisen?« »Ach, lieber Herr,« erwiderte seufzend die Mutter, »vom Bewegen ist er eben zu meinem Herzeleid kein großer Freund, und wie Ihr ihn dort seht, so liegt er des Tages nicht viel weniger als vierundzwanzig Stunden. Es ist schon ein Jammer und Elend mit solch einem Kinde. Aber wollt ihr nicht lieber den Alten zum Führer nehmen? Heda Nicolo, Ohren auf! Der fremde Herr wünscht für eine Lirazza nach dem Café-Fenice geführt zu werden. »Ei nicht doch, liebe Frau,« entgegnete der Langbärtige, »laßt Euern guten Mann nur bei seinen Netzen. Besser, er verdient seinerseits, und der Sohn gleichfalls; und auf ein Stück Kuchen soll mir's auch weiter nicht ankommen, um den armen Schelm für den eingebüßten Schlummer zu entschädigen.« »Nun, das muß wahr sein,« brummte Nicolo, »daß dem Dummen das Glück im Schlafe kommt. Auf, Masetto, auf!« indem er dem Träumer einen väterlich wohlwollenden Rippenstoß versetzte, »auf die Beine, sag' ich! Ach guter Herr! seht nur, um der Madonna willen, diese Nachtmütze von einem Menschen! Sperrt er nicht das Maul auf, als wollte, er den ganzen Hafen San Giorgio mitsamt dem Leuchtturm und der Dogana verschlucken, Laßt den heillosen Dummkopf liegen und folgt mir. Es sind nur ein paar Schritte.« »Väterchen, Väterchen,« versetzte der Morgenländer, »Ihr seid gegen Euern Sohn zu barsch, zu rauh. Ihr verschüchtert ihn ja ganz und gar. Ich sage Euch, der Junge ist gar nicht nicht so übel, und gewiß nicht halb so dumm, wie Ihr ihn ausschreit. Hab' ich nicht recht, mein Söhnchen – wie heißt Du doch?« »Masetto, Ew. Gnaden zu dienen,« antwortete die Mutter. »San Tommaso, sein Schutzpatron, muß aber, als der Schlingel über das Taufbecken gehalten wurde, just geschnarcht haben – Gott verzeih mir die Sünde – sonst wüßte ich nicht, von wem er den Austernschlaf her haben sollte.« »Nun wohlan, Masetto,« nahm der Fremde wiederum das Wort, »nicht wahr, Du möchtest gern Deine Lirazza und ein schönes breites Stück Küchen haben?« Der Bengel kämmte mit den Fingern die glatt über die Stirn hängenden Haare, und fing dann aus breitem Maul an zu lachen. – »Seht Ihr wohl, Mutter, Euer Sohn hat mich vollkommen begriffen. Ich wiederhole es, er ist nicht so dumm, wie er aussieht. Laßt mich nur machen; wir werden schon miteinander fertig werden. Und nun, mein flinker Masettino, komm und laß uns nach dem Café-Fenice wandern.« Masetto setzte sich schwerfällig in Bewegung, um dem Ausländer den Weg zu weisen, und sämtliche Muraneserinnen pflichteten einstimmig der Mutter Catterina bei, als diese behauptete: der Fremde müsse ein türkischer Nobile, ober wohl gar Senator sein, daß er auf jeden Fall eine Perle von einem Verdammten wäre, und die schönsten Zähne von der Welt zeige, so oft er lache. Nach einer kleinen halben Stunde kehrte das seltsame Paar zurück, der Fremde aus seiner langen Pfeife wohlgemut blaue Ringel vor sich hin blasend, Masetto aus vollen Backen an einem Stück Torte kauend. »Mein guter Alter,« sagte der Morgenländer sich an Nicolo wendend, »Ihr habt da einen Prachtjungen von einem Sohn; der kann Euch mehr als Brot essen.« – »Glaub's, Illustrissimo, auch Kuchen, wenn er ihm so ins Maul schneit.« – »Nein, nein, was ich sage, ist mein vollkommener Ernst. Und wenn's Euch recht ist, so mag Masetto mich nach Venedig hinüber rudern. Ich wohne im Scudo di Francia am Canalazzo, und drei Lire geb' ich von Herzen gern, sowie ich ans Land gesetzt worden bin.« Der Alte schüttelte nachdenklich die braune Fischermütze und erwiderte: »Ich zweifle nicht einen Augenblick, daß der Herr sein Versprechen wird halten wollen, desto mehr aber, ob's bis zum Halten kommt. Ich für meinen Teil mag dem Masetto keine leere Wassertonne anvertrauen, geschweige denn eine Gondel. Es ist ein Erbarmen, wie vernagelt der Junge ist.« Zu allem dem lächelte der Fremde, welcher sich für den Handelsmann Michali aus Negroponte ausgab, und meinte, sie sollten ihm nur den Jungen überlassen; im Notfall verstehe er ja selber sein Ruder zu führen. – Da mußte sich denn der Fischer, dem die drei Lire auch am Herzen lagen, wohl fügen. Der Kaufmann kroch in die Gondel, Masetto stieß ab, ganz Murano guckte mit langen Hälsen nach und konnte sich vor Verwunderung nicht beruhigen, als es die Barke hübsch geradeaus, ja sogar ziemlich schnell vorwärts kommen sah, und sie bald nachher auch aus dem Gesichte verlor. Masetto rechtfertigte das Vertrauen der Negropontiners auf das glänzendste, empfing seine drei Lire, wollte eben wieder abstoßen, als ihn der Padrone befragte, ob er nicht Lust spüre, einen kleinen Imbiß einzunehmen. Solche Aufforderung ließ aber der edle Jüngling nie vergebens an sich ergehen, nickte, mit dem ganzen Gesicht feixend, seine Einwilligung, pflanzte sich hinter einen wohlbesetzten Tisch und aß für vier Mann, wobei er für noch einmal so viel trank. Michali schien das größte Wohlgefallen an der Kapazität seines Schützlings zu finden, nötigte, so oft Jener Miene machte, zu pausieren, und befragte ihn am Schluß der reichlichen Mahlzeit, ob er wohl heute Nacht ebenso leicht als das frühere Geld noch eine Zecchine verdienen möchte? Er langte bei diesen Worten ein vollgerändertes Goldstück aus der Börse und legte es schmunzelnd auf das linke Auge. Der ehrliche Masetto konnte sich überhaupt nicht erinnern, jemals eine Zecchine gesehen, geschweige denn besessen zu haben, und glotzte den Goldmann mit weit aufgerissenen Augen an. »Sieh nur, mein Söhnchen, eine Zecchine gilt nach dem jetzigen Kurs 15 Lire und 50 Danari, und diesen ganzen Haufen Geldes kannst Du im Umsehen erlangen, wenn Du mir den Gefallen thun willst – doch Du weißt doch das Arsenal? Schön. Hast auch schon die weißen, steinernen Löwen vor dem Thor gesehen? Scharmant. Du bist ein kluger, anstelliger Junge. Also das Goldstück ist Dein, wenn Du Dich entschließen kannst, dem größten der Löwen, ich meine den linker Hand sitzenden, eine Viertelstunde lang den Kopf zu krauen. Versteh' mich recht, Du sollst mit dem Tiere schön thun, es sacht hinter den Ohren kratzen, es leise streicheln, und Dich bei Leibe hüten, die Bestie zu zausen, oder ihr auf irgend eine Art weh zu thun; sie ist nämlich gegen unzarte Behandlung sehr empfindlich, und könnte leicht – doch Du bist ja ein vernünftiger Mensch, wirst Deine Sache schon machen und kein Unheil anrichten wollen. Gelt?« Der Fischerjunge starrte dämisch vor sich hin, nickte aber, ohne zu wissen, wo das hinaus wolle, oder ob der Kaufmann nur seinen Scherz treibe, mit dem weinschweren Kopf und schlich indolent nach dem nächsten Sofa, auf welchem er in wenigen Augenblicken in das Reich der Träume hinüberschlummerte. Die Markusuhr hatte halb zwölf geschlagen, als Michail den Schnarchenden, nachdem alles Rütteln vergeblich gewesen, mittelst eines ins Gesicht gegossenen Glases Wasser aufweckte und ihn bedeutete, jetzt sei es an der Zeit, die Zecchine beim alten Marmor- Löwen zu verdienen. Schlaftrunken taumelte Masetto hinter dem voranschreitenden Kaufmann über den Markusplatz und die Piazzetta, hier über die Riva degli Schiavoni und so weiter den Kai entlang. Dichte Wolken trieben über den Himmel und verhüllten den Vollmond, der nur selten einmal einen Lichtblitz auf die menschenleeren Straßen warf. Außer dem Arsenalotto am Zeughause war weit und breit kein lebendiges Wesen zu spüren. Der Negropontiner hemmte seine Schritte, faßte Masetto beim Ohrläppchen und wiederholte ihm langsam das Gesagte, wobei er ihn bei jedem Artikel nachdrücklich zupfte, um ihm die Vorschriften besser zu imprimieren. »Also Du hast gehört: was sich auch begeben möge, keinen Muck, das rate ich Dir, sonst bist Du verloren und ich mit. Verstanden?« »Ja!« »Vorwärts.« Der griechische Kaufmann trat dicht an das Zeughaus, fragte anscheinend gleichgiltig den wachthabenden Posten, wie spät es sei, dankte für die Auskunft und bot ihm im Abgehen eine Prise ächten St. Omers an. Der Soldat schnupfte, taumelte aber, noch ehe er es bis zum Niesen gebracht hatte, in sein Schilderhaus zurück und ließ das Gewehr klirrend auf die Quadern fallen – im Handumdrehen schlief er wie ein Toter. Hierauf zog Michali ein kleines Fläschchen aus dem Gurte, goß ein Paar Tropfen daraus auf die Erde, streute in die der Flüssigkeit entsprühenden blauen Flämmchen eine Fingerspitze dürrer Kräuter, welche im Verbrennen keinen allzu lieblichen Geruch von sich gaben, und murmelte dazu etliche fabelhafte Redensarten in den Bart. Da schlug es Zwölf. Mit dem letzten Glockenschlage sperrte der größte der sitzenden Löwen den Rachen weit auf und gähnte so recht aus Herzensgrund, so verführerisch, daß Masetto es ihm nachthun mußte, und wenn es ihm Kopf und Kragen gekostet hätte. Hierauf richtete der Löwe sich auf die Hinterbeine, sprang, da ihm das Piedestal für dergleichen Leibesübungen zu kurz wurde, herunter, schüttelte die Mähne, dehnte sich, wedelte mit dem Schweife hin und her und fing an, sich die Tatzen zu belecken. Allmählich wurden auch die andern drei Marmor-Löwen, groß wie klein, munter, machten sich gleichfalls von ihren Gestellen auf die Erde, brummten vor Freude, sich wieder zu sehen, drängten und schmiegten sich ganz behaglich aneinander und streckten sich zuletzt der Länge nach auf die Fliesen, um die vom langen Stehen und Sitzen steif gewordenen Gliedmaßen mit Bequemlichkeit zu recken. Dabei rollten den Tieren die großmächtigen Augen wie Feuerräder im Kopfe und leuchteten weit hin. Jetzt gab Michali dem ganz verdutzt stehenden Masetto einen Wink, daß er nunmehr die Operation des Kopfkrauens beginnen möge. Diesem bedäuchte jedoch das Unternehmen ein verzweifelt riskantes, wenigstens schien ihm die Größe des Wagnisses mit der Verheißung in keinem richtigen Verhältnis zu stehen, und so schüttelte er denn mit einem weinerlichen Grinsen, nicht anders, als ob er in eine grüne Pomeranze gebissen, den Kopf, und wollte sich ganz sacht auf und davon machen. Der Zauberer, denn dies war der angebliche Kaufmann, zog ein recht satanisch-boshaftes Gesicht, schnitt dem Flüchtling den Rückzug ab und ließ, indem er ihn beim Wams packte, ein ganz verdammt spitzes Messer funkeln, mit dem er den Zitternden von Zeit zu Zeit subtil in den Rücken kitzelte, und ihn dergestalt, ohne Zwang gebraucht oder ein unfreundliches Wort gesprochen zu haben, bis dicht an den großen Löwen bugsierte. Masetto guckte in seiner Todesangst bald das kolossale, griesgrämige Tier, bald mit flehmütigen Gebärden den giftigen Magier an, streckte fünfzigmal die Hand aus, so oft die Spitze des Dolches ihm durchs Hemde drang, und zog sie ebenso oft wieder zurück, wenn jener ihm Luft ließ. Als Michali aber doch gar zu empfindlich stichelte, beschloß der hartgequälte Junge, da er doch nur die Wahl zwischen dem Tode durch den Stahl oder dem durch die Zähne hatte, es mit dem minder boshaften Ungeheuer zu wagen, und mit der äußersten Fingerspitze ganz leise auf die stattliche Mähne zu tippen. Das Tier schien es gar nicht zu bemerken, Masetto strich nun schon etwas dreister, wenn auch nur mit schwebender Hand und immer zum Sprunge bereit, über die Haare – der Löwe rührte sich nicht und fing endlich, als der Bursche ganz beherzt auf und nieder streichelte und durch die Mähne mit dem fünffingrigen Kamm fuhr, vor Wohlbehagen wie eine Hauskatze an zu schnurren, zu spinnen und die Augen fest zuzukneifen. Ihr habt alle gewiß schon tausendmal die besagten Löwen, die großen wie die kleinen, gesehen und wißt auch, daß unsere glorreichen Vorfahren sie als Denkmal ihrer Viktorien aus Griechenland herüber brachten. Den Aufmerksameren unter Euch wird es nicht entgangen sein, daß auf den Schultern des Größten, von dem ich eben erzählte, daß Masetto ihn magnetisieren mußte, ein seltsam verschlungenes und verwickeltes Band, welches sich über den Rücken zieht, eingemeißelt ist. Ohne Zweifel habt Ihr auch innerhalb desselben die krause, konfuse Schrift bemerkt, deren Striche und Kreuze kunterbunt durcheinander gesäet sind, und aus denen unsereiner so wenig als aus den Krähenspuren im Schnee klug werden kann. Die Gelehrten können es freilich erst recht nicht. Da kommen die einen und halten die Sprache für Arabisch, andere meinen wieder, sie sei Alt-Griechisch, noch andere, glaub' ich gar, Böhmisch – lesen aber kann's nicht einer. Der Zauberer Michali wußte besser als die modernen Professoren, was er davon zu halten habe. Er war früher griechischer Mönch gewesen, hatte an dem Berge Athos gelebt und sich dem Studium der weißen und schwarzen Magie ergeben. Als er vermeinte, genug zu wissen, um sich mit seinen Teufelskünsten durch die Welt zu helfen, hatte er seine Zelle in Brand gesteckt, und sich in der Tracht eines armenischen Kaufmanns nach Venedig begeben. Er hatte nämlich aus seinen Büchern ersehen, daß zur Zeit, wo die Normannen in Athen hausten, einer ihrer Herzoge am Fuß der Akropolis einen reichen Schatz von Goldmünzen, den er in Bithynien und Griechenland zusammengeraubt, vergraben und die Angabe des Ortes, wo er läge, ganz genau in Zaubercharakteren auf dem Rücken des im Piräus stehenden Marmorlöwen habe verziffern lassen; wie ferner diese Schrift in der Johannisnacht für Denjenigen, welcher dem Löwen ein stundenwieriges Leben einzuhauchen und ihn zu zähmen wisse, zur lesbaren werde. Michali war sich nun wohl der Mittel bewußt, um das Marmorbild für jene Zeit zu beseelen, fühlte jedoch, daß es dem Einzelnen unmöglich sei, das Tier zum Stillhalten zu vermögen und zu gleicher Zeit die Runenschrift zu kopieren. So hatte er sich denn einige Tage in Venedig herumgetrieben, um einen möglichst dummen Helfer ausfindig zu machen, und nach dem ersten Blick auf Masetto ganz richtig geschlossen, daß dieser das brauchbarste Werkzeug bei seiner Beschwörung sein müsse. Während nun der Muraneser die samtweiche Mähne des ungeheuren Tieres strich, während der zweite Löwe im Knäuel schnarchte, und die kleinen Löwchen sich auf dem Rücken wälzten und um die Alten spielten, hatte der Nekromant eine Schreibtafel hervorgezogen und die Schlangenschrift, welche auf dem wie Silber schimmernden Fell in goldenen Funken glitzerte, abgezeichnet. Als er mit diesem Geschäft zu stande gekommen, verspritzte er von neuem einiges flüssiges Feuer aus der Phiole und begann eine zweite Räucherung und, nachdem die Kräuter verglommen, richteten sich die gesamten Bestien auf, dehnten, reckten, schüttelten sich, schlichen hierauf schlaftrunken auf ihre Postamente zurück, gähnten noch einmal und rückten sich in ihre alten Posituren zurecht. Allmählich erlosch die Glut ihrer Augen – in zwei Minuten waren sie wieder versteinert. Der Ex-Mönch trat dicht an den größten Löwen, betrachtete ihn aufmerksam von allen Seiten, und versetzte ihm, als er auch nicht das mindeste Zeichen von Leben mehr gewahrte, einen herzhaften Nasenstüber. Zu gleicher Zeit erwachte auch der Arsenalotto im Schilderhause, raffte hastig die entglittene Muskete auf und rieb sich verlegen die Augen. Um die Ecke hallte der feste, dröhnende Schritt der Ablösung. Der Mond brach hell aus den Wolken. Michali gab seinem Gehilfen das Zeichen zum Rückzug; und so schlichen die Beiden, ohne ein Wort über die seltsame Beschwörung zu wechseln, nach dem Scudo di Francia zurück. Die blanke Zecchine in der einen Hand und einen Teller mit Presciutto in der andern, trat der Negropontiner überaus freundlich lächelnd am Morgen an das Kanapee, auf welchem Masetto die Nacht über kampiert hatte. Der Fischerjunge langte gierig nach Beidem und ließ Goldstück und Schinken fast mit gleicher Behendigkeit verschwinden. »Nun, mein Herzenssöhnchen,« hob der Magier schmunzelnd an, »mein Dienst scheint Dir so weit recht wohl zu gefallen. Wie war's, Du hieltest noch ein bis zwei Wochen bei mir aus, wobei ich nur verlange, daß Du Dich pumpsatt issest, und zur Verdauung so lange schläfst, bis Dich der Hunger wieder aufweckt: um Dich aber einigermaßen wenigstens für diese Strapazen zu entschädigen, empfängst Du jeden Abend regelmäßig Deine Zecchine. Nun, Täubchen, wie bedünkt Dich der Vorschlag?« – Masetto entwickelte im breitmäuligen Lachen ein blendend weißes Gebiß. »Du begleitest mich,« fuhr der Negropontiner fort, »auf einer kurzen Reise nach Athen, hilfst mir dort ein halbes Stündchen graben, sitzest nach vierzehn Tagen wieder in Murano und läßt die goldenen Vögel in Deiner Tasche singen.« »Aber die Mutter Catterina und der Vater« – – »Hörst Du denn nicht,« fiel ihm der Grieche in die Rede, »Salami und Pasta-frolla, Mavioli und Polenta, Stracchino und Makkaroni, Vicentiner und Cyperwein – was Dein Herz nur begehrt, und dies zwei volle Wochen hindurch. Übrigens hat der Vater Nicola seine Einwilligung zur Reise gegeben; als Du die große Gondel losbandest, sagte er mir's ganz heimlich ins Ohr. Hast Du denn nichts bemerkt? Und nun folge mir nach dem Porto-franco, das Schiff ist schon segelfertig.« Nunmehr war Masetto vollkommen beruhigt, schleppte das Gepäck seines neuen Herrn in die Barke, und schwamm, ohne sich mit weiterem Nachdenken zu plagen, nach dem im Hafen harrenden Kauffahrer. Der Wind war der günstigste und brachte das Schiff schon nach Verlauf von acht Tagen nach Athen. Schade nur, daß Masetto während der ganzen Zeit von den verheißenen und dargeboten gastronomischen Schätzen auch nicht eine Gabelspitze voll zu sich nehmen konnte. Sich krümmend zwischen Leben und Sterben, mit festgeschlossenen Augen leise vor sich hinwimmernd, sein elendes Dasein und den Negropontiner verfluchend, und zur Mutter nach Murano zurück verlangend, hatte er die volle Woche hindurch seekrank in der Koje gelegen. Totenbleich stieg er ans Land, taumelte wie ein Betrunkener hin und her und glaubte den ganzen Boden unter seinen Füßen schwanken zu fühlen. Obwohl der Sohn eines Fischers, war er doch noch nie auf der hohen See gewesen. Es bedurfte wenigstens eines achtundvierzigstündigen Schlafs, um die Lust am Leben und Essen wieder in ihm zu erwecken. Michali hatte diese Frist benutzt, um sich in der Stadt umzusehen, und nach den mitgebrachten Nachweisungen die mutmaßliche Lage des Schatzes zu erforschen. Die äußeren Zeichen stimmten vollkommen. Wer mit dem Rücken an der ersten Säule rechts vom Eingang in den Minervatempel stand, und das Auge thalwärts auf den dritten Bogen einer alten Wasserleitung richtete, würde in der Mitte zwischen beiden Punkten ein kleines Haus erblicken; zwölf Schritt von dem letzteren, in der Richtung nach der westlichen Spitze des Piräus, war der Ort, wo der Schatz verscharrt liegen sollte. Säule, Bogen und Haus hatte Michali ausfindig gemacht, hatte die Wünschelrute gesenkt und an ihrem Zucken erkannt, daß die Angabe richtig sei, hatte hierauf den Ort mit dürrem Reisig bezeichnet und die nächste Nacht zur Hebung des Schatzes festgesetzt. Maulend und verdrossen schlich Masetto mit Schaufel und Hacke in der elften Nachtstunde auf Michalis Fersen nach dem bezeichneten Platz. Die Nacht war rabenschwarz, ein naßkalter Wind pfiff landeinwärts und drohte, die Blendlaterne des Magiers auszublasen. Aus dem verfallenen Gemäuer klagte ein Käuzchen, und die herrenlos durch die Straßen irrenden Hunde fielen mit wüstem Geheul ein. Es war ein freier, öder Platz, auf welchem jenes kleine, unbewohnte Haus, umringt von traurigen Cypressen, lag. Dort machte der Negropontiner Halt, zog einen magnetischen Ring hervor, ließ ihn an seidenem Faden schaukeln und machte wohlbedächtig die Runde. Der Reifen schwankte hin und her – endlich stand er unbeweglich fest. Hier mußte es sein. Unverzüglich schritt er zur Arbeit, schwang die Hacke und hieß den verschlafenen Masetto seinem Beispiel folgen. Schon waren fast zwei Stunden unter der angestrengtesten Arbeit verflossen, und noch hatte das Paar nichts weiter als Erdklöße, Wurzeln und Mauerziegel an das Licht gefördert. Masetto stöhnte jämmerlich und fühlte kaum noch seine Arme; da stieß sein Spaten klirrend auf einen harten Gegenstand – es war eine Eisenkiste – in den Deckel war ein Ring eingefügt – der Schatz war gefunden. Es mangelte in der kleinen Grube an Raum, um den ganzen Kasten herauszuheben, gesetzt auch, daß die Kräfte zweier Männer diesem Unternehmen gewachsen waren. Michali schob deshalb den Diener aus dem Loch und sprengte, vor Begierde zitternd, den Riegel. Lederne Säcke füllten die Truhe, einer dicht an dem andern. Der Negropontiner reichte den ersten, den zweiten, den dritten Beutel dem außerhalb Harrenden – er blickte sich nach dem vierten – da fing die lockere Erde an, sich loszubröckeln, und unmittelbar darauf stürzten auch zwei Wände mit dumpfem Gepolter zusammen und verschütteten über und über den Zauberer mitsamt dem schönen Schatz. Masetto war mit dem einsinkenden Rande ins Rutschen gekommen, raffte sich jedoch bald wieder in die Höhe und wischte sich sprudelnd die Erde aus Mund und Augen; hierauf guckte er mit verlängertem Halse in das Loch, – von seinem Herrn war keine Haarspitze mehr zu sehen. Er rief ihn bei Namen, anfangs leise, dann immer lauter, schüttelte nachdenklich den Kopf, als er keine Antwort bekam, bedachte jedoch, daß Signore Michali wahrscheinlich das gefundene Geld dort unten überzählen und am folgenden Morgen an der andern Seite wieder herauskriechen werde, und schlenderte, nachdem er es zu diesem befriedigenden Resultat gebracht, faul und träge mit seinen drei Lederbeuteln nach dem Wirtshause zurück. Er saß am folgenden Morgen in der rosenfarbensten Laune vor dem Kaffeehause im Sonnenschein, that ein paar Züge aus dem Rohrpfeifchen, nahm dann wieder einen Schluck des schönsten Kaffeedolce und brummte den Refrain seines Leibliedchens: Nina, Nina, Nina, Nina, non dir di nò! vor sich hin, wobei er mit den baumelnden Beinen den Takt schlenkerte, – als ein ziemlich wohlgekleideter Mann, den man, auch ohne Rückblick auf farbige Schärpe und Kommandopfeife an silberner Kette, schon an seinem gesperrten Gange und dem etwas gebückten Nacken für einen Seemann erkennen mußte, vorüberstrich und den glücklichen Taugenichts einen Augenblick mit ganz besonderem Lächeln musterte: »Ei, ei, Landsmann,« sprach er, »so lobe ich mir die Matinen, wie Du sie singst. Sprich doch, Brüderchen, welcher Wind hat Dich denn von Venedig hierher verschlagen?« Masetto staunte den Schiffskapitän ganz verdutzt an, ohne begreifen zu können, wie jener ihm gleich an der Nase angesehen, daß er Venetianer sei. Es fiel ihm nicht ein, daß man just kein Hexenmeister zu sein brauche, um den Vogel an den Federn zu erkennen, und aus dem kurzen schwarzen Wams, den blauen Pluderhosen, der roten Wollmütze und dem bekannten Volksliede auf einen Venetianischen Schiffer zu schließen – doch das Nachdenken war Masettos schwächste Seite. »Nun, Signore,« erwiderte er langsam und gedehnt, »wenn Ihr mich so genau kennt, so müßt Ihr doch auch wissen, daß ich mit dem Kaufmann Michali aus Negroponte nach Athen gezogen bin, um hier einen alten, vergrabenen Schatz zu heben, und daß ich nur auf meinen Herrn warte, um wieder nach Murano zurückzukehren. Ich werde vom Vater Nicolo und der Mutter Catterina schon Schelte genug bekommen, daß ich so lange weggeblieben bin.« »Freilich, freilich weiß ich das alles, mein Söhnchen,« entgegnete der Schiffer schmunzelnd, »meine vorige Frage war nur Scherz. Komm ich doch in diesem Augenblick erst von Herrn Michali, mit dem Auftrage seinerseits, daß Du mit dem Gelde – Du hast's doch noch?« »I, was werd' ich denn nicht. Die Säcke liegen ruhig unter dem Bette.« »Scharmant. Also, der Dir sagen läßt, daß Du mit dem Gelde ja vorsichtig umgehen und keinem Menschen, außer mir, trauen mögest. Vor allen Dingen aber sollst Du nur in Gottes Namen nach Venedig zurückkehren, wohin er in diesen Tagen nachfolgen wird. Wenn's Dir also angenehm ist, so steige nur bald in meine Tartane. In fünf Minuten werden die Anker gelichtet.« »Ei ja,« war die Antwort, »das klingt alles recht gut und schön, wer zahlt mir denn aber die acht Zecchinen, die ich noch vom Herrn Michali zu fordern habe? He?« »Wer sonst als ich. Hier, nimm das Geld. Acht Stück bar und richtig. Und nun komm, mein Jüngchen – wie heißt Du denn gleich? Mein Namensgedächtnis ist nach dem letzen Fieber ganz miserabel eingeschwunden.« »Masetto.« »Ganz richtig, Masetto. Nun komm und laß uns nach dem Gelde sehen. Du sagtest vorhin, es wären – wie viel?« – »Drei Säcke, Signore.« »Mit Gold?« »Das weiß ich nicht zu sagen. Schwer waren sie.« »Bravo! Wir wollen sie doch gleich aufs Schiff tragen, dort sind sie am sichersten aufgehoben.« Daß der aus Chioggia gebürtige Schiffskapitän Rocco Merluzzo der ärgste Spitzbube im ganzen Freistaat Venedig war, in früheren Jahren ganz ungescheut einen einträglichen Handel mit Ebenholz wie die Neger in der Sprache der Seelenverkäufer heißen, getrieben, und sich jetzt durch das Einschmuggeln von Salz und anderer Kontrebande nährte, wußte vielleicht, außer unserem Masetto, jedes Kind. Schon das schielende linke Auge, welches aus dem gelbbraunen, gekniffenen Gesicht, wie ein Fuchs ans seinem Bau, hervorguckte, war eben nicht geeignet, Vertrauen zu erwecken – Masetto aber verstand sich schlecht auf Physiognomik, tanzte lustig und guter Dinge nach dem Wirtshause voraus, belud sich mit den Schätzen und schwang jubelnd seine rote Kappe, als der Anker herauf gewunden wurde und es wieder nach Murano zurück ging. Die Heimreise ging ebenso glücklich von statten als die Hinfahrt, und wohl eher noch besser, denn Masetto wurde nicht wieder von der fatalen Seekrankheit belästigt und durfte sich den delikaten Tisch des Kapitäns nach besten Kräften zu nutze machen. Außerdem war Rocco Merluzzo die Freundlichkeit selber und wußte seinem Passagier so drollige Geschichten zu erzählen, daß dieser sich mit Thränen im Auge die Seiten halten mußte, und oft vor Lachen zu schlafen vergaß. »Aber sage mir Masetto,« fragte Rocco eines Abends, als die Tartane sich Venedig zu nähern begann, »sage mir, mein Hühnchen, wie kommt es, daß Du gegen mich noch niemals Deines guten, biedern Oheims Diego Malvivente gedacht hast? Meiner Treu, ein so guter Sohn wie Du, sollte doch so nahe Verwandte seiner Mutter nicht ganz und gar vernachlässigen, und obendrein eine so ehrenwerte Familie, wie die der Malviventi.« Masetto wußte nicht, wie er diesen Vorwurf verwirkt habe; hörte er doch jenen Namen zum erstenmal in seinem Leben. »Wie? ist es möglich,« rief der Kapitän verwundert, »Du kennst nicht den reichen Diego Malvivente, den Gastwirt zum goldenen Schnellgalgen, und auch nicht seine wackere Frau Maddelena und ihre allerliebsten Töchter Rosa, Nina und Marcoletta? Dacht' ich doch, als ich Dich vor dem Kaffeehause zu Athen das Lied von der Nina singen hörte, es gelte Deinem niedlichen Mühmchen, meiner Braut, und wollte deshalb schon auf Dich eifersüchtig werden. Du schüttelst mit dem Kopf? Aha, ich glaube den Zusammenhang erraten zu haben. Der alte Prozeß zwischen Deiner Mutter und ihren Verwandten wird noch nicht entschieden sein, Daher also dieser Groll. Hm, hm! Höre, mein Sohn, es ist doch nicht hübsch, wenn Blutsverwandte miteinander hadern und in jahrelanger Feindschaft leben. Ihr müßt Euch schlechterdings wieder versöhnen. Und weißt Du was, ich will die Sache ausgleichen – das heißt ein gottgefälliges Werk thun – will Dich bei den Malviventis einführen. Folge mir blindlings. Was gilt die Wette, sie nehmen Dich mit offenen Armen auf, und Du bist in der ersten Stunde dort wie ein Kind im Hause. So nahe Verwandte sich nicht kennen – ei, ei, das ist doch zu stark. Nur Geduld, Masettino, laß mich nur machen, und morgen Abend soll die Versöhnung schon zu stande gebracht sein. Du wirst Dich wundern.« Die Tartane ging bei Chioggia vor Anker. Signore Merluzzo ließ sich zuerst ans Land setzen, um, wie er sagte, die Familie Malvivente auf die Erscheinung des Vetters vorzubereiten, kehrte auch schon nach Stundenfrist auf das Schiff zurück, und rief mit freudestrahlendem Gesicht: »Nun, hab' ich's nicht gesagt, Junge? Alles ist vergeben und vergessen. Herrliche, liebe Leute, Deine Verwandten – sie können's kaum erwarten, Dich in ihre Arme zu schließen. Komm nur rasch, Freundchen, und vergiß nicht, Deine Siebensachen gleich mit Dir zu nehmen.« Die Gondel hielt vor einem ziemlich räuchrigen Hause in einem der engsten Kanäle von Chioggia. In der Hausthür stand ein kurzer, ungewöhnlich fetter Mann in Hemdsärmeln, auf dem Kopf die wollene Schiffermütze, mit kurzen, an den Knieen aufgeknöpften Beinkleibern und gewaltigen silbernen Schuhschnallen. Kaum hatte Kapitän Rocco ihm den erwarteten Vetter vorgestellt, als er die Fäuste wie wütend um Masettos Nacken schlang und ihn unter den zärtlichsten Küssen an sein gleißendes Gesicht preßte. »Komm heraus, Maddelena,« schrie er, »heut ist ein Freudentag! Der Sohn unserer vielgeliebten Muhme beehrt mein schlechtes Haus mit seiner Gegenwart. Wo steckt ihr Mädels, Rosa, Nina und Du Marcoletta? Weshalb ziert ihr Euch, hervorzukommen – seid doch sonst nicht so blöde. Seht dort Euern nächsten Verwandten, den wackern Masetto! Ja, der ist der Muhme Catterina so recht aus den Augen geschnitten, der ist von unserm echten Fleisch und Blut. Heißt ihn willkommen, Kinderchen, und aus vollem Herzen.« Mama Maddelena, welche ihrem Gatten an spezifischem Gewicht nur wenig nachgab, wälzte sich aus der Lokanda, begleitet von den kichernd hinterdrein trippelnden Mühmchen, alle drei in taffetnem, grell bunten, ziemlich weit ausgeschnittenen Kleidern, hochfrisiert und mit prachtvoll geschminkten Backen. Nun ging's an ein Händedrücken, Umarmen und Erkundigen nach der lieben Muraneser Verwandtschaft – die Liebkosungen wollten kein Ende nehmen. »Denke Dir, Frau.« rief der ehrliche Diego, »unsere Muhme Catterina kann noch immer die fünfzehntausend Fiorini, um die wir prozessieren, nicht verschmerzen. Ei so wollt' ich doch, daß der Hund von Advokaten, der mich zum Rechtsstreit beredete, in der Hölle briete. Das doppelte gab' ich ja gern mit Freuden, wenn ich damit das alte, gute Verhältnis zurückrufen könnte.« Masetto war über solche ehrenwerte Gesinnungen ganz entzückt und konnte sich nicht genugsam wundern, sowohl über den warmen Anteil, den die Malviventi an den Seinigen nahmen, als die Vertrautheit mit allem, was ihn selber betraf, und wie sie sogar schon wußten, daß Fegato alla Veneziana seine Leibspeise sei. – Liebe Menschen, diese Chioggianer – dachte er bei sich. – Die Alten thun ihnen doch ein himmelschreiendes Unrecht. »Nun, Kinderchen,« fuhr Diego fort, »haltet Euch nicht zu lange bei den Komplimenten auf. Der Vetter wird rechtschaffenen Hunger haben, darauf wollte ich schwören, denn die scharfe Seeluft zehrt. Kommt, kommt in hen Eßsaal.« – Da folgten denn Alle dem würdigen Familienvater und reihten sich um den runden, unter Schüsseln fast brechenden Tisch. Masetto kam zwischen Rosa und Marcoletta zu sitzen. Beide Mädchen schienen ganz vernarrt in ihn, legten ihm die besten Bissen vor, wurden nicht müde, ihn zum Trinken zu nötigen und stets von frischem wieder einzuschenken, dem Vetter die Hände zu drücken und ihm schmelzende Blicke zuzuwerfen. Der alte Diego wollte es gleich weghaben, daß Masetto eine Auge auf seine Jüngste habe. Mutter Maddelena behauptete dagegen, daß Rosa die glückliche sei. Masetto lachte blöde und verschämt vor sich hin, ließ die verliebten Kousinen schalten und walten, fand aber doch, daß die Mädchen von Chioggia zehnmal mehr Vernunft besäßen, als die von Murano, welche ihn jederzeit eine Nachtmütze geheißen hatten. Kaum war das Tischtuch abgehoben, als der Kapitän Merluzzo sich aus den Armen seiner zärtlichen Braut Nina wand, und den Rest des Abends bei einem freundschaftlichen Spielchen zu verbringen vorschlug. »Verstehst Du Faro, Söhnchen?« wandte er sich an Masetto, indem er einen Beutel mit Zecchinen und Colonnati auf den Tisch schüttete und die schmutzigen Karten aus der Tasche zog. »Nein? Nichts leichter als dies. Sieh, das Geld kannst Du Alles gewinnen, wenn Du Glück hast. Du wählst die erste beste Karte, ich schlage links und rechts ab. Die erste Hälfte verliert für Dich, die zweite gewinnt für mich. Begriffen? Gelt, das kann ein Kind spielen. Aber Glück muß der junge Mensch haben, das ist die Hauptsache.« Dies schien aber dem guten Masetto völlig abzugehen. Nach ein paar Abzügen hatte er die vom Kapitän empfangenen acht Zecchinen verloren, und fand das Spiel bei weitem nicht so unterhaltend, als er sich anfänglich vorgestellt hatte. »Sollst morgen Revanche haben,« rief Merluzzo, ein viel zu galanter Bankier, als daß er den Geldlosen zum Weiterspielen hatte nötigen sollen, »morgen geht's vielleicht besser. Für heute, dächte ich, suchtest Du das Bett – die Augen fallen Dir ja vor Müdigkeit zu. Kommt, Gevatter Diego, laßt uns dem Vetter das Geleit geben. Noch ein Glas und dann gute Nacht! Packt ihn rechts, den ehrlichen Masetto, ich will ihn unter dem linken Arme fassen. Gerade aus, Junge; was lavierst Du denn? Ja, ja, der Vicentiner ist ein verteufelt hitziger Wein, der einem so jungen Burschen wohl zu Kopf steigen kann. Nun, laß gut sein, Brüderchen, morgen ist alles wieder gut.« Mit schwerem Kopf und matt nachschleppenden Beinen stolperte Masetto am Arm seiner würdigen Führer drei enge Treppen hinauf in das für ihn bereitete Gemach. Diego lehnte den Trunkenen aufs Bett und schärfte ihm nur noch ein, daß er im anstoßenden Gemach, falls er während der Nacht Durst verspüren sollte, Wasser zur Genüge vorfinden werde. Hierauf wünschten die beiden Ehrenmänner ihm wohl zu ruhen, und polterten lachend und die Hände reibend die Treppe hinunter. Die Voraussetzung des Onkels Diego ging in Erfüllung. Nach einigen Stunden erwachte Masetto vom entsetzlichsten Durst gepeinigt, kämpfte lange mit seiner Faulheit, ob er den Anforderungen des ausgedörrten Gaumens Gehör geben solle, und erhob sich zuletzt, unfähig, die Qual länger zu erdulden, nicht ohne Mühe vom Lager. Mit vorgehaltenen Händen im lichtlosen Zimmer umhertaunmelnd, erfühlte er endlich die angewiesene Thür, klinkte auf, schritt vorwärts, – und schlug wie ein Sack die ganze Höhe des Hauses hinunter. Sonder Zweifel wäre er in den Kanal, auf welchen die verräterische Thür hinausführte, gestürzt und im Schlamme erstickt, wie dies auch die Hoffnung des liebevollen Oheims und dessen Freundes Rocco Merluzzo gewesen war, wenn nicht just in demselben Moment ein hoch mit Heu beladener Kahn den Kanal entlang gefahren wäre. Auf diesen fiel Masetto, ohne weiteren Schaden, betastete halb schlaf-, halb weintrunken seine Gliedmaßen, fand sie noch im leidlichen Zustande, schloß hieraus, sein Fall könne nur Traum gewesen sein, und streckte sich so bequem als möglich aus, um auf dem Wasser wiegend die Fortsetzung des im dritten Stockwerk begonnenen Schlummers zu liefern. Es war schon heller, lichter Tag, als Masetto erwachte. Der Kahn lag unfern der Kirche San Pietro e Paolo zu Murano, dem Hause des alten Nicolo gegenüber. Masetto rieb sich die Augen, blinzelte verwundert Kahn, Kirche und Haus an, ohne recht fassen zu können, wie er hierher gekommen. Der Kopf war ihm jedoch viel zu wüst, als daß er ihn noch hätte mit Lösung dieses Rätsels belästigen sollen, und so kroch er denn bedächtig aus seinem Heuneste, trat über die Schwelle, sah die Mutter am Herde beschäftigt und erkundigte sich teilnehmend, was sie zum Mittag koche. Frau Catterina brach in Freudenthränen aus, als sie das verlorene Söhnlein so unverhofft wiedersah, der Vater hingegen, welcher weniger zur Sentimentalität inklinierte, griff nach einem zähen Eichenprügel, um seinem Sprößlinge das unerlaubte Herumtreiben für's erste zu verleiden. »Sprich, Du ungeratener Schlingel,« schnaubte er ihn grimmig an, »wo hast Du diese vierzehn Tage über gesteckt, und wo hast Du vor allen Dingen die drei Lire gelassen, welche Dir der Kaufmann Michali für die Überfahrt bezahlte?« Masetto erschrak, griff verlegen in die Taschen, drehte eine nach der anderen um und erfischte endlich ein in blaues Papier gewickeltes Päckchen, welches er dem zürnenden Alten hinreichte. Es waren richtig die drei Lire des Negropontiners, welche glücklicherweise in ihrem Versteck dem liebreichen Unterricht des Kapitäns Rocco entgangen waren. »Das ist Dein Heil,« murrte der halbbesänftigte Vater. »Wärest Du ohne Geld heimgekehrt, so hätte ich Dich –« und zu seinem Weibe gewandt, setzte er leise hinzu: »Der Junge ist am Ende doch nicht so uneben. Vierzehn Tage belustigt er sich selber und bringt das Geld unangetastet zurück. Ich will doch die Hoffnung nicht ganz aufgeben, daß er noch werden könne.« – – Und der Schatz? – Ja, der liegt noch bis auf diese Stunde unter dem Gerippe des Zauberers Michali, zwölf Schritte von dem verfallenen Häuschen in Athen. Wer sich die Mühe geben will, auf Grund meiner Nachweisung dort nachzugraben, wird mir es Dank wissen; ich rechne aber darauf, daß er den Erzähler von der Riva degli Schiavoni mit einem Scherflein bedenken werde, und zwar ehe das noch jetzt blühende, weit verbreitete Geschlecht der Malviventi den glücklichen Finder bei seinen Lebzeiten beerbt. Die Calvi Unter den patrizischen Geschlechtern, welche in Venedig vor etlichen Jahrhunderten blühten, nahm das der Calvi im goldenen Buche der Nobili den ersten Rang ein; keines durfte sich eines älteren Adels rühmen, keines einer größeren Anzahl von Stammesgenossen, keines übertraf es an Reichtum und Macht. Sein Name ist längst erloschen, ja, in der neueren Zeit bis auf die letzte Spur verweht, seitdem ein reicher Engländer den Palast der Familie, freilich aus der zehnten, zwölften Hand erstand, die Marmortafeln der Façade, die Treppen, die Balkone, Säulen, Fenster bis auf die Dachziegel abbrechen, sorgfältig numerieren und nach England schleppen ließ, um dort in dem finstersten Winkel seines nebligen Landgutes die ganze Herrlichkeit wieder aufzubauen. Ich erinnere mich der Casa Calvo noch gar wohl. Sie stand unweit der Rialtobrücke und war in den letzten Zeiten verräuchert und zerfallen, genug: rohe, hölzerne Bretter bedeckten die scheibenlosen Fenster; an die Pfosten des Wasserthores hatte seit Menschengedenken kein, Gondolier mehr seine Barke angebunden, und von den alten trichterförmigen Schornsteinen rauchte nur noch einer, nämlich der über dem Feuerherde des alten Casimirio Pozzo nero, welcher in Venedig bis zur Stunde, wo er das Haus dem Milordo verschacherte, anerkannt die besten Makkaroni und Capillini verfertigte. Wie gesagt, es war ein altes wackeliges Gebäude, in dem keine Ratte mehr aushalten mochte; mich schmerzte es aber doch, als ich es schleifen und stückweise ins Schiff laden sah; es war, als stürbe mir wiederum ein alter guter Bekannter ab. Das an seiner Stelle neuerbaute Assekuranz- Kompanie-Gebäude von Lloyd mit seinen weißen Wänden und hohen blitzenden Fenstern will mir gar nicht gefallen. – Doch das gehört wohl schwerlich hierher; also rasch und ohne Umschweife zur Sache. Das Haupt der im Eingang erwähnten Familie Calvo war in der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts Herr Mauro Calvo ein finsterer, hartherziger, menschenfeindlicher Greis. In früheren Jahren war er einer der Staatsinquisitoren gewesen, hatte sein Amt mit unerbittlicher Härte verwaltet und sich den Nobili sowie dem Volke verhaßt gemacht, am meisten aber den Mitglieder, seiner Sippschaft. Er war unverheiratet geblieben; die einen wollten wissen, es sei aus Geiz geschehen, die anderen, weil er unfähig wäre, irgend einen Menschen zu lieben, die besser unterrichteten aber, weil er in seiner Bewerbung um die schöne Maria Contarini unglücklicher gewesen sei, als sein jüngerer Bruder Alessio, welcher sie zum Altar führte. Auf diesen und dessen zahlreiche Kinder hatte nun Herr Mauro den finstersten Haß geworfen, und suchte in Verzweiflung darüber, daß sein Vermögen Fideikommiß und mithin unantastbar sei, seinen Bruder in weitläuftige Prozesse zu verwickeln, dessen Ruf, wo er es nur irgend konnte, zu schmälern, mit einem Wort, ihm alles mögliche Herzeleid anzuthun. Tagelang mit solchen boshaften Plänen sich tragend und über Unheil brütend, saß der alte Staatsinquisitor einsam und so viel als möglich selbst von der zitternden Dienerschaft gemieden, in der Casa Calvo. Wer es nicht unumgänglich mußte, hütete sich, den alten Wolf in seiner Höhle aufzusuchen: ja sogar diejenigen, welche auf dem Canalazzo unter dem Hause vorüber fuhren, warfen mißtrauische, furchtsame Blicke nach oben und atmeten erst freier, wenn sie sich wiederum aus dem Bereich des grauen Bösewichts wußten. Nur die Söhne des Messer Alessio mieden die Nähe des verrufenen Palastes nicht und suchten ihn vielmehr geflissentlich auf, ohne ihn jedoch jemals zu betreten. Jung, mutwillig, ausgelassen, wie sie waren, ergriffen sie jede Gelegenheit mit Freuden, um ihrem Oheim seinen Haß nach Kräften zu vergelten, und ihn recht aus Herzensgrunde ärgern zu können. So fuhren sie bei Tage in festlich geschmückten Barken mit lustigen Gesellen und lockeren Dirnen zechend und singend unter den Fenstern des Herrn Mauro vorüber, oder brachten ihm Nachtständchen auf verstimmten Geigen, quäkenden Pfeifen, wozu sie mit Kesseln und Pfannen ein höllisches Getöse machten, und wußten sich vor Freude nicht zu lassen, wenn der Alte scheltend und wetternd mit der Nachtmütze auf dem Balkon erschien, nach seinen Knechten schrie, sie mit Spießen und Stangen die Ruhestörer verjagen hieß, und diese dann jauchzend und unter schallendem Hohngelächter in den vogelschnellen Gondeln nach allen Winden zerstoben. Meine Zuhörer werden nach dieser Lieblingsbelustigung der jungen Calvi eben kein allzugünstiges Urteil über deren Sittlichkeit und Bescheidenheit gefällt haben, und wirklich ließ sich von ihrem Lebenswandel auch nur wenig Lobenswürdiges berichten. Auf Erhaltung des Rufes, die wildesten, zügellosesten Nobili der Republik zu sein, wachten sie mit Eifersucht. Man hieß sie nur die Meerraben des Canalazzo, und sie thaten sich auf diesen Namen, wie auf einen Ehrentitel etwas zu gute. Gab es Händel und Raufereien, wurde die Tochter eines ehrsamen Bürgers entführt, und der zur Hilfe eilende Vater halb totgeschlagen, so konnte man mit Gewißheit annehmen, daß die Calvi den Unfug angezettelt oder wenigstens die Hand mit im Spiele gehabt hatten. In jenen Zeiten war der Seidenmantel eines Nobile noch eine Art von Tarnkappe, welche den Frevler in den Augen der Gerechtigkeit unsichtbar machte. Dieses Vorrechts bedienten sich aber die übermütigen Junker in seiner schrankenlosesten Ausdehnung. Sie waren der Schrecken aller Väter und Ehemänner, und jeder ruhige Bürger schlug bei dem Namen Calvo heimlich das Kreuz. Nur ein Einziger wurde von den Verwünschungen, welche das ganze Geschlecht belasteten, nicht betroffen; es war dies der jüngste von den sechs Söhnen des Messer Alessio, welcher Marcantonio hieß und ein stiller, freundlicher, bescheidener Jüngling war. Weit entfernt, die Ausschweifungen der älteren Brüder zu teilen, that er alles, was in seinen Kräften stand, um das angerichtete Unheil zu hintertreiben und zu vergüten, mahnte die übrigen, obwohl ohne sonderlichen Erfolg, von ihrem verzweifelten Treiben ab und machte allezeit, wenngleich mit nicht größerem Glück, den Fürsprecher der Unterdrückten und Gemißhandelten bei seinem Vater. Herr Alessio war aber auch eben nicht die Behörde, welche für dergleichen Klagen ein allzeit offenes Ohr hatte. Nachsichtig gegen das Treiben seiner älteren Söhne, meinte er, die Jugend müsse ihr Recht haben und austoben; ein venetianischer Nobile dürfe sich schon manches herausnehmen, und es sei im Gegenteil ganz heilsam, dem allzu üppigen Bürger von Zeit zu Zeit in Erinnerung zu bringen, daß es in Venedig noch Patrizier gebe. Er selber war in seinen jüngeren Jahren ein toller Geselle gewesen. – Verspottet von den wilden Brüdern, von dem gleichgesinnten Vater gering geschätzt, stand Herr Marcantonio unter den Seinigen allein, ging seinen eigenen Weg und teilte seine Zeit zwischen löblichen, eines Edelmannes würdigen Beschäftigungen und unschuldigen Zerstreuungen. Zu diesen gehörte vor allem die Lust, sich selber mit einem leichten Nachen in die Lagunen hinauszurudern und dort zu angeln. An einem schönen Sommernachmittag hielt er mit seinem Kahn in der Nähe der kleinen Insel Santa Catterina. Wer je in Venedig war, wird sie wohl kennen. Wenn man nach Fusina fährt, bleibt sie zur rechten Hand liegen. Das Kloster nimmt den ganzen Raum der kleinen Sandbank ein. Die Mauern werden ringsum von den Wellen bespült; die vielen Bäume und blühenden Gesträuche, welche über sie hervorragen und dichtgedrängt das Kirchlein umgeben, verleihen dem Inselchen das Ansehen eines im Meere schwimmenden Blumenkorbes. Jetzt werden die leeren Gebäude zu Pulvermagazinen verwandt; zur Zeit des Marcantonio aber hatten sie noch ihre ursprüngliche Bestimmung als Kloster der Benediktinernonnen bewahrt. Marcantonio hatte unter den Klostermauern, vor dem Wind geschützt, die Ruder eingezogen und die Angel ausgeworfen, blickte andächtig auf die von den hüpfenden, glänzenden Wellchen geschaukelte Feder, und nur selten unwillig in die Höhe, wenn ein schwerbeladenes Traboccolo Küstenfahrzeug. oder eine flüchtige Gondel vorüberrauschten, wenn der gewaltsame Ruderschlag die Oberfläche der See mit Schaum bedeckte, und dann die vorüberstreichenden Fische verscheucht auseinander stoben. Da rieselte plötzlich ein Schnee von Orangenblüten auf ihn hernieder. Er sah auf und bemerkte noch, wie der geschüttelte Zweig des Zitronenbaums zurückschnellte und eine weibliche Gestalt im Gebüsch untertauchte. Eine Störung wie diese war allzu anmutig, als daß sie nicht auch dem eifrigsten Angler hätte willkommen sein sollen. Herr Marcantonio Calvo sah wohl ein, daß es hier gelte, die Rolle des Angelnden mit der des Geangelten zu vertauschen, und konnte es kaum erwarten, daß sich die reizende Lockung wieder zeige, um herzhaft anzubeißen. Wir haben vorhin seiner Sittsamkeit und Bescheidenheit alle Gerechtigkeit widerfahren lassen und preisen ihn noch jetzt, trotz jenes Verlangens, als einen wohlgeratenen, tugendsamen Jüngling, als die Perle der damaligen jungen Venetianer. Wer an seiner Stelle, anstatt einer so hübschen Aufforderung Gehör zu geben, und ein so gefälliges Abenteuer verfolgen zu wollen, die Ruder einsetzt und heimwärts jagt, der möge den ersten Stein auf meinen Helden werfen. Ich für meinen Teil habe es noch nicht vergessen, daß ich einmal zwanzig Jahr alt war, und hätte es um kein Haar anders gemacht, als Messer Calvo, welcher Fische Fische sein ließ und durch die Finger nach der Mauerzinne hinaufblinzelte. Es währte nicht allzu lange, so tauchte ein junges, feines Mädchen mit verlängertem Hälschen schüchtern und behutsam aus den Sträuchern auf und streckte eben den Arm aus, um den Fischer zum zweiten Mal mit Blüten zu überschütten, als dieser rasch aufblickte und die kleine Delinquentin auf der That ertappte. Sie ward über und über rot, und das stand dem zarten Gesichtchen gar lieblich. Ihr Gewand war das der Laienschwestern des Klosters; sie konnte nur erst Novize oder wohl gar nur Kostgängerin sein, wie ihrer denn gar viele aus den angesehensten Familien Venedigs vorzugsweise nach Santa Catterina gesandt wurden, teils weil die Benediktinerinnen im Rufe standen, als verständen sie die Erziehung am besten zu leiten, teils weil die Abgeschiedenheit des vom Meere umringten Klosters sich besonders eignete, die jugendlichen Herzen vor den Lockungen der Welt zu sichern. Statt sich an der Verwirrung der schönen Kostgängerin lange zu werden, begann Herr Marcantonia sofort, sich mit zierlichen Worten für die ihm geschenkte Aufmerksamkeit zu bedanken, und ihr mit geläufiger Zunge eine Menge schöner Dinge über ihre Anmut und Reize und dergleichen mehr zu sagen. Ob der Diskurs gerade viel neue und geistreiche Sentenzen enthalten, möchten wir bezweifeln. In solchen Fällen kommt es jedoch weniger darauf an, durch Originalität zu glänzen, als zu schwatzen und der Schönen Zeit zu lassen, sich auf die passendste Antwort zu besinnen oder sie überhaupt mit der Redseligkeit anzustecken. Rede abgewonnen, alles abgewonnen. Geraume Zeit hindurch blieb Herr Marcantonio freilich auf den Monolog beschränkt. Das junge Mädchen senkte die langen Wimpern, spielte mit dem Rosenkranz am Gürtel und sagte nichts. Da riefen die Glocken zur Hora; die Schöne schrak zusammen und wandte sich zum Gehen. »Ihr scheidet, Madonna!« rief der Patrizier mit beweglichster Stimme und bittend gefalteten Händen; »soll ich Euch nie wiedersehen, habt Ihr mir nur deshalb Euer holdseliges Antlitz zugewandt, um es mir wieder auf immer zu entziehen, mich zum unglücklichsten Sterblichen zu machen?« – »Wir sehen uns wieder,« flüsterte die Kleine, »bald – vielleicht morgen – um die nämliche Stunde. Lebt Wohl!« – Sie schlüpfte davon. Herr Calvo ruderte zurück. Er hätte vor innerer Freude und Seligkeit laut aufjauchzen mögen. Früher war er noch nie in Liebe gewesen. Hatte er gleich seinen wüsten Brüdern gar häufige und ernstgemeinte Vorwürfe wegen ihrer galanten Intriguen und sündigen Umgangs mit den Frauen gemacht, so konnte er sich doch nicht verschweigen, daß ein wenig heimlicher Neid damit im Spiele gewesen sei. Ohne die Neigung zu fühlen, jenes zügellose Treiben mitzumachen, hätte er doch gar gern gewußt, wie es thue, sich von einem herzigen Wesen geliebt zu wissen und es in allen Ehren wieder zu lieben. Jetzt glaubte er das Ziel seines unbestimmten Sehnens erreicht zu haben, Er vergegenwärtigte sich das Bild des jungen Mädchens, ihre großen leuchtenden Augen, ihre hohen, fein gezirkelten Augenbrauen, das freundliche, verschämte Lächeln des Mundes, das braune Haar, welches verstohlen ans dem Kopfschleier hervorblickte, und vermeinte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Er redete sich vor, daß er sterblich verliebt sei, und dies so oft, bis er es wirklich wurde. In solchen Fällen thut der Glaube Wunder. Hielt Herr Marcantonio am folgenden Tage die Stunde des Stelldichein pünktlich inne, so muh man es der jungen Kostgängerin rühmend nachsagen, daß auch sie ihn nicht allzu lange warten ließ. Bei dem gestrigen Schütteln des Blütenzweiges hatte sie wohl ursprünglich nichts Arges, und nur einen harmlosen Scherz im Sinne gehabt, einen wohl verzeihlichen für ein junges, lebensfrohes Mädchen, welches jahraus, jahrein nichts als graue Klostermauern, grämliche Nonnen, vorüberziehende Wolken und Schiffe sah. Die Worte des Nobile, des ersten Mannes, von welchem sie dergleichen zu hören bekam, hatten jedoch auf das unbefangene Kind ihren Eindruck nicht verfehlt. Sie fühlte sich geschmeichelt, die ernstere Aufmerksamkeit eines jungen, schönen Mannes erregt zu haben, von ihm als begehrenswerter Gegenstand angesehen zu werden. Die Neuheit des Verhältnisses, die Heimlichkeit desselben vollendete die Bezauberung und so stimmten denn ihre Gefühle mit denen des jungen Mannes so ziemlich überein. Diesmal war sie beredter, Herr Marcantonio erfuhr von ihr ohne Mühe, daß sie Claudia heiße und die Tochter eines venctianischen Nobile sei. Über ihre Geburt walte aber noch, wie sie sagte, ein tiefes Geheimnis; ihren Vater kenne sie nicht, der Mutter wisse sie sich nur dunkel zu entsinnen, indem sie schon in frühester Kindheit nach Santa Catterina gebracht worden sei. Übrigens habe ihr die Priorin vertraut, daß sich jenes Rätsel losen werde, sobald sie das siebzehnte Jahr erreicht habe und sie dann auch aus dem Kloster genommen werden solle. Bis dahin seien aber noch zwei ewig lange Jahre, und sie wolle nicht in Abrede stellen, daß sie sich innerhalb der Ringmauern zum Sterben langweile. Marcantonio wollte, wie billig, über ein so tragisches Verhältnis außer sich geraten und gab ihr vorläufig, als wirksamstes Mittel gegen die tätliche Langeweile, die Versicherung, daß er sie über Alles liebe und nicht ohne sie leben könne. Diese Aussage bekräftigte er mit tausendfachen feurigen Schwüren, und zwar so lange, bis die Wahrheit derselben der jungen Claudia einleuchtete, und sie ihm dieselbe beseligende Versicherung zurückgab. Die Gelübde, welche die beiden wechselten, kamen aus aufrichtigem, übervollem Herzen, wie alle Schwüre einer ersten Liebe, und hätte es in Marcantouios Macht gestanden, so würde er die Geliebte noch an demselben Tage aus dein Kloster und geradeswegs nach dem Traualtar gefühlt haben. Leider fallen bei Erbverteilungen den jüngeren Söhnen außer den Lustschlössern wenig andere zu; Herr Alejsio Calvo erfreute sich überdies noch einer gedeihlichen Gesundheit und so eröffneten sich denn in dieser Beziehung für das liebende Paar eben keine besonders erfreulichen Aussichten. Die Zukunft ließ sich aber über das Glück der Gegenwart, in deren Zauberkelch sich das liebende Paar berauschte, wohl leicht vergessen. Sie sahen sich täglich, wenn nicht das Wetter zu abscheulich war und den jungen Piloten am Auslaufen hinderte und wechselten die zärtlichsten Blicke und Worte über die Mauer, bis die melancholische Glocke die junge Kostgängerin in den Betsaal rief und Herrn Marcantonio nach Venedig, allwo er auf der Pesceria die seltensten Fische für sein schweres Geld einhandelte, um nicht bei der Heimkehr in das väterliche Haus als unglücklicher Angler ausgelacht zu werden. Um diese Zeit war es, wo Italien von einer furchtbaren Pest heimgesucht wurde. Sie war von armenischen Kaufleuten nach Marseille geschleppt worden, und zog jetzt verheerend von Stadt zu Stadt den nördlichen Provinzen zu. Viele Tausende hatte schon das entsetzliche Gespenst hingerafft, eine gleich große Zahl vielleicht, die ihr vorauseilende Verbündete – die Furcht. Näher und näher rückte sie den Grenzen der Republik, schien aller gegen sie errichteten Barrieren zu spotten und erschien plötzlich dort, wo sie am wenigsten erwartet worden war. Venedig befand sich in tiefer Gährung Die Väter der Stadt verwachten Nächte hindurch, um die Vorschläge zur Abwehrung des todbringenden Ungeheuers zu prüfen und zu verwerfen, zugleich aber auch, um die geeigneten Vorkehrungen gegen etwaige Umtriebe der bei allgemeinen Unglücksfällen stets geschäftigen Mißvergnügten und Unruhestifter zu treffen. Die Kirchen waren mit Betenden überfüllt, Prozessionen zogen von Altar zu Altar. Die Beichtväter hatten nicht Ohren genug, um die Bekenntnisse eingerosteter Gewissen zu vernehmen; die Schreibfinger der Notare erlahmten beim Aufsetzen von Testamenten, die der Ärzte bei Anfertigung von unfehlbaren Rezepten und Verhaltungsmaßregeln. Geizige zogen ihre ausstehenden Kapitalien ein, um das Geld zu verscharren, während die jungen Wüstlinge das ihrige verpraßten und im fortwährenden Taumel sich gegen die Todesfurcht zu betäuben suchten, Messer Marcantonio war vielleicht der einzige Venetianer, welcher die allgemeine Unruhe nicht teilte, nach wie vor zum Liebchen ruderte und im süßen Geplauder mit ihr die Welt und ihre Sorgen vergaß. Da stürzte eines Tages der Haushofmeister des Herrn Mauro Calvo zu dessen Bruder und überbrachte ihm, vor Schrecken bleich, die Nachricht, wie sein Herr soeben eines plötzlichen Todes verblichen sei.»Eine verdächtige Beule,« brachte er stotternd hervor, »habe sich auf der Brust gezeigt; bald darauf sei der Kranke von einem nicht zu stillenden Durst befallen worden und Zunge und Gaumen ihm geschwollen. Der hinzugerufene Arzt habe bebend erklärt, wie hier keine Rettung möglich sei, indem die Pest sich mit ihren tötlichsten Symptomen offenbare, worauf er mit eiligen Schritten das Haus verlassen. Nach Stundenfrist habe Herr Mauro unter den entsetzlichsten Qualen den Geist aufgegeben.« Hatten nun gleich die beiden Brüder in steter Feindschaft gelebt, so konnte dennoch eine so unerwartete, von so schaurigen Nebenumstanden begleitete Nachricht nicht verfehlen, einen gewaltigen Eindruck auf Herrn Alessio zu machen. Tief erschüttert verhüllte er das Gesicht. Kann sein, daß der Todesfall ihn minder lebhaft berührt haben würde, wäre nicht die entsetzliche Überzeugung, daß die gefürchtete Seuche nunmehr auch in Venedig ausgebrochen sei, damit verknüpft gewesen. Wie viel Anteil das eine oder andere Gefühl an seinem Schmerz hatte, mochte Gott allein wissen; ich berichte nur der Wahrheit gemäß, daß der Gedanke an die ihm zugefallene Erbschaft, für den Augenblick wenigstens in den Hintergrund trat und der ernsten Trauer sich kein fremdes, entwürdigendes Element gesellte. Schweigend winkte er dem Haushofmeister, sich zu entfernen. Aus dem Hause tretend begegnete dieser den älteren Söhnen des Messer Alessio, welche soeben lärmend und von Wein glühend von einem Gelag heimkehrten. Die Nachricht von dem Tode ihres Oheims ward von den trunkenen Gesellen mit wildem Jubel aufgenommen; freilich hatten sie dem Verstorbenen ferner gestanden, waren im Haß gegen ihn auferzogen worden und kannten ihn nicht als den Bruder ihres Vaters, nur als den unversöhnlichen Erbfeind ihres ganzen Geschlechts. Besonders Jacopo, der älteste und entartetste von allen, kannte in schmähenden Verwünschungen des eben Dahingeschiedenen und in seiner Freude über die ihnen zugefallenen reichen Güter keine Grenzen. Unverzüglich wollte er im Namen seines Vaters die Erbschaft antreten und die Casa Calvo durch ein prächtiges Gastmahl würdig einweihen. Den greisen Hausverwalter schauderte bei diesen fühllosen Reden. Vergeblich war es, daß er den jungen Wüstlingen den Schmerz des eigenen Vaters zu Gemüt führte, daß er sie beschwor, sich wenigstens bis nach dem Leichenbegängnis zu gedulden. Die rohen Junker rissen den Alten mit sich in eine Gondel, hießen diese nach dem Trauerhause rudern, stürmten tobend und lachend die Marmortreppe hinauf und bis in das Gemach, in welchem die Leiche des alten Mauro Calvo mit verhülltem Antlitz auf dem Ruhebette lag. »Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg!« lachte Cesarill, der zweite Calvo, indem er sich wohlgefällig in dem reich verzierten Zimmer umsah. »Die Pest soll leben!« jauchzte Filippo, der dritte Bruder; »sie meint es redlich mit unserem Hause und hat ein Meisterstück gemacht, indem sie gleich mit dem ersten Streich unseren giftigsten Gegner traf.« – Es war, als ob die Brüder sich in ihrem wahnsinnigen Taumel durch frevelhafte, lästerliche Reden zu überbieten suchten, bis endlich Jacopo hart an die Leiche trat, mit grausenerregendem Hohn den Toten um Erlaubnis bat, das teure Antlitz des gnädigen Oheims noch einmal betrachten zu dürfen, und zugleich die Decke hinwegzog. In dem Augenblick aber, wo er das geschwollene, von Pestflecken schrecklich entstellte Gesicht enthüllte, erhob sich der aus langer Ohnmacht erwachte Greis und starrte mit tief in den Höhlen liegenden Augen die Leichenschänder an. Hell aufschreiend und mit allen Gebärden des Entsetzens taumelten die Frevler zurück. »Ruchlose Buben, die Ihr meinen Tod nicht erwarten konntet,« rief der Alte mit heiserer, röchelnder Stimme, »schaudernd sollt Ihr gewahr werden, daß ich Euch zu früh starb!« Mit kaum vernehmlicher Verwünschung sank er in die Kissen zurück und hauchte die Seele aus. Der Fluch des Oheims schien in Erfüllung zu gehen. Nach wenigen Tagen ward Jacopo von der Pest hingerafft, ihm folgte Cesario, diesem eine seiner Schwestern, kurz darauf auch die Mutter. Filippo ging, von Gewissensbissen und Todesfurcht gequält, in ein Kloster und hoffte durch Buße und Kasteiungen das Racheschwert von seinem Haupte abzuwenden. Das schöne Venedig bot zu jener Zeit einen fürchterlichen Anblick dar. Tag und Nacht loderten hohe Feuer auf Plätzen und Straßen, um die Luft zu reinigen. In den Kanälen kreuzten sich die mit Leichen hastig davoneilenden Gondeln; die meisten toten Körper wurden in das Meer versenkt. Auf den Gassen sah man nur die mit dem Viatikum zu Sterbenden eilenden Priester, die sich täglich mindernde fromme Brüderschaft des Todes, deren Gelübde die Pflege der Kranken, vorschreibt, die in schwarzes Wachstuch gegen Ansteckung gehüllten Ärzte und den Auswurf des Pöbels oder Galeerensklaven, welche zur Beerdigung der Leichen gedungen waren und ihr Handwerk mit empörender Fühllosigkeit betrieben. Niemand wagte sich mehr aus dem Hause; jeder wich der Berührung des Nächsten aus. Die Furcht hielt den Gatten von der Gattin, den Vater vom Kinde entfernt. Alle dachten nur an sich und wie sie der schrecklichen Gefahr entgehen möchten. Blieb nun gleich kein Haus von der fürchterlichen Heimsuchung verschont, und hatte auch jede Familie den Verlust eines oder mehrerer Mitglieder zu beweinen, so war dennoch nicht eine in Venedig, in welcher die Pest grausamere Verheerungen angerichtet hätte, als in der der Calvi. Der Tod wütete gegen die Nebenäste so grausam als in der Krone; es schien, als habe er die Vernichtung des ganzen Stammes beschlossen. Das empörende Benehmen der älteren Söhne bei Mauros Leiche war ruchbar geworden; man brachte ihren früheren wüsten Lebenswandel, sowie die Härte und Grausamkeit des ehemaligen Staatsinquisitors in Erinnerung und sah in dem raschen Hinsterben eines entarteten und verhaßten Geschlechts den Finger Gottes. So lange die Pflege der Seinigen oder die Betrübnis des tiefgebeugten Alessio nicht seine Pflichten in Anspruch nahmen, war Marcantonio täglich nach Santa Catterina hinansgerudert. Eines Abends kehrte er tief betrübt zurück. Seine Geliebte war nicht erschienen; er gab den finstersten Vermutungen Raum. Wieder und immer wieder lenkte er die Barke nach dem Kloster, aber Claudia zeigte sich ihm nicht mehr. Er betrauerte sie als gestorben. Sein weiches Gemüt war von Allen durch den Tod seiner Angehörigen am tiefsten erschüttert worden; nun war auch die letzte Lebensfreude von ihm gewichen. Er verfiel in eine tiefe Schwermut, glaubte auch sich wie! seine übrigen Stammesgenossen dem Tode geweiht und sah ihm mit kalter Gleichgiltigkeit entgegen. In dem armenischen Kloster der Mechitaristen auf der Insel San Lazzaro lebte zu jener Zeit ein in der Arzneikunde und manchem heimlichen wissen wohlerfahrener Mönch, Namens Basilia. An diesen wandte sich Messer Alessio in seinem Unglück und befragte ihn um seine aufrichtige Meinung, ob ihm irgend ein Mittel bekannt sei, den ans den Seinigen ruhenden, verderblichen Fluch zu lösen, oder ob auch er den Glauben hege, daß er nur durch den Tod des letzten Calvo gesühnt werden könne. Er bekannte ihm zugleich mit aufrichtiger Reue die Feindschaft, in welcher er mit seinem verstorbenen Bruder gelebt habe, den Frevel seiner stets mit strafwürdiger Nachsicht behandelten Söhne und die Fehltritte der eigenen stürmischen Jugend. Der Mönch erwiderte hierauf: »Ihr erzählt mir da entsetzliche Dinge, Herr! Euer Geschlecht hat schwer gesündigt, es hat sich ungeheurer Verbrechen gegen die göttlichen und menschlichen Gebote zu Schulden kommen lassen und somit die strengste Ahndung verwirkt. Die gerechte Strafe des Herrn ist nicht ausgeblieben und hat Euch tief darnieder gebeugt. Ob aber der Untergang Eures sündigen Stammes beschlossen ist, ob es der Himmel an der Euch auferlegten Buße bewenden und sich von Eurer Reue versöhnen läßt, vermag das schwache Geschöpf Euch nicht zu verkünden. Gehet heim, vertraut Eure Sache dem Herrn und lasset mich nachforschen, ob ich in meiner Kunst und Wissenschaft Trost und Hilfe finden möge.« Am folgenden Abend erschien der Pater Basilio im Hause des Messer Alessio Calvo und hieß diesen seine Söhne so wie alle noch übrigen männlichen Glieder des Geschlechts zusammenberufen: was er ihnen zu verkünden habe, gehe Alle an und müsse gemeinschaftlich beraten werden. Die Stammesgenossen waren schon längst versammelt und immer noch flogen die Blicke der ungeduldig Wartenden nach der Thür, ob nicht die Fehlenden bald eintreten würden. Als nun aber Herr Alessio als Ältester der Familie erklärte, sie dürften auf keinen mehr rechnen, da erkannten die Überlebenden erst recht lebhaft, wie furchtbar der Tod ihre Reihen gelichtet habe und Alle brachen in Thränen und Wehklagen ans, denn das ganze hochberühmte, einst so weit verzweigte Geschlecht bestand nur noch aus neun Männern. Jetzt begann der Pater Basilio: »Ich habe nicht als Geistlicher zu Euch zu reden, will somit auch der Vergangenheit nicht gedenken und es Eurem Gewissen überlassen, inwiefern es Euch Schuld giebt, den Tod auf so viele Eurer Brüder herabgerufen zu haben, und wie Ihr fortan durch Gebet und Nutze Eure Vergehungen sühnen möget. Mir liegt es hier nur ob, Euch mitzuteilen, was Ihr zu thun habt, um dem gewissen Aussterben des Geschlechts vorzubeugen, Euer aller Leben zu fristen. Die Schriften der Weisen und Naturkundigen aller Völker und Zeiten bestätigen, daß es oftmals den Geistern der Bösen und unbußfertig Dahingeschiedenen gestattet werde, auf Erben zu wandeln, dem Satan zu dienen und Unheil und Verderben anzustiften. Die einen bedienen sich der menschlichen Gestalt, vornehmlich der von schönen Weibsbildern, um unerfahrene Jünglinge anzulocken und ihr Herzblut auszusaugen; die andern streifen bei nächtlicher Zeit durch die Häuser und töten die Schlafenden durch giftigen Anhauch. Diese bösen Geister heißt man Vampire, und werden von ihnen allerorten gar furchtbare Dinge berichtet. Man will wissen, daß der erste an der Pest Verstorbene in seiner Heimat zu einem solchen Vampir werde, wachend im Sarge liege und sein Leichentuch benage; ehe er dieses aber nicht ganz verzehrt habe, sei auch ein Aufhören der Pest nicht zu erhoffen. Oftmals zieht das Scheusal bei Nacht durch die Gassen, zeichnet dem Tode die Häuser, wo er einkehren solle, mit grüngelben Flecken, ruft auch wohl die Opfer bei Namen und wedelt sie, wenn sie dem Rufe Gehör geben, mit rotem Tuche an, worauf sie vergiftet niedersinken. So vermeldet die hungarische Chronika, daß in Temesvar ein vor der Stadt wohnender Schäfer, ein gottloser Gesell, zuerst an der Pest verstorben. Der sei dann als solch ein greulicher Spuk umgegangen und habe die Einwohner bei Hunderten in das Grab gestürzt. Endlich habe der Rat den Befehl erteilt, den Körper des Schäfers wieder aufzugraben. Obschon drei Wochen seit seinem Tode verstrichen, hat man ihn doch noch warm und rot im Sarge gefunden, worauf der Freiknecht ihm einen spitzigen Pfahl durch das Herz gestoßen. Das Gespenst hat einen kläglichen Schrei ausgestoßen, ist aber von Stund an wahrhaft tot gewesen, worauf auch das Sterben urplötzlich aufgehört. In unserer Stadt war Herr Mauro Calvo der erste Pesttote. Ich sage es frei und unverhohlen; es war ein böser, harter Mann; er schieb, ohne die heiligen Sterbesakramente empfangen zu haben, mit Haß im Herzen, mit Verwünschungen auf der. Lippe Somit halte ich denn nach meiner vollen, gewissenhaften Überzeugung den verstorbenen Mauro Calvo für einen Vampir. Einige Mitglieder seines Geschlechts haben sich unerhörter Vergehen gegen den Toten schuldig gemacht. Seine Rache hat bereits mehrere der Verbrecher ereilt und sie wird auch die andern treffen. Er lebt noch im Grabe und wird es so lange, bis er an dem letzten von Euch die Weissagung erfüllt hat: wie die Calvi schaudernd gewahr werden sollten, daß er zu früh gestorben sei. Hier gilt es, nunmehr dem teuflischen Scheinleben ein Ende zu machen, der verruchten Mordlust Einhalt zu thun. Euch, den Sippen, den nächsten Opfern liegt es ob, Euch und Eure Mitbürger zu retten. Die Macht der Hölle und des blutdürstigen Vampirs muß durch dessen Enthauptung gebrochen werden. Ein anderes Mittel aber kenne ich nicht. Entscheidet durch das Los, wer der Vollstrecker sein soll.« Auch die wildesten, trotzigsten Männer erschraken bei dieser Zumutung. Stumm und blaß blickte einer den andern an; keiner wollte zuerst das Wort nehmen; jeder fühlte aber gar wohl, daß ihm nur die Wahl bleibe, das Ungeheure zu vollbringen oder das Los seiner Brüder zu teilen; denn die Sage von dem unheimlichen Treiben solcher Vampire war männiglich gar wohl bekannt. Mittlerweile hatte der Pater Basilio neun Papierstreifen geschnitten, das eine mit schwarzem Kreuz bezeichnet und die Lose in seinem Barett gemischt. Er hielt es Herrn Alessio zuerst vor. Mit einem verzweifelnden Blick gen Himmel griff dieser zu und entfaltete die Rolle – das Papier war weiß. Es zog ein zweiter, ein dritter – auch sie blieben von der blutigen Pflicht verschont. Das grausame Schicksal traf Marcantonio. Atmeten nun auch die übrigen frei auf, des furchtbaren Amts überhoben zu sein, so war doch nicht einer, welcher nicht des stillen, gutherzigen Jüngling bemitleidet und lieber einen andern als Vollstrecker gewünscht hätte. Das Papier entsank Marcantonios Händen; er bedeckte sein erbleichendes Gesicht und stieß einen dumpfen Schrei aus. Seine Brüder drängten sich an ihn und versuchten ihm Mut einzusprechen. Er wehrte sie aber leise ab, schüttelte wehmütig den Kopf und sprach: »Laßt ab mit Euern Trostworten; sie können das Unabänderliche nicht ändern, nicht mildern. Ich will nicht mit dem Geschick hadern, daß es just mir die furchtbare That zuwälzt, ich will nur daran denken, daß ich sie zu Euer aller Rettung unternehme. Der Himmel möge mir Kraft verleihen, das Gräßliche zu vollziehen. Ich bin bereit, sagt mir nur, was ich zu thun habe.« Der Pater Basilio nahm jetzt das Wort: »Jede Stunde Verzuges kann einem oder dem anderen das Leben kosten. Was zu thun ist, möge gleich geschehen. So umgürte Dich denn, mein Sohn, mit dem schärfsten Schwerte; laß uns Fackeln nehmen und in Euer Erbbegräbnis unterhalb der Kirche dei Frati hinabsteigen. Ich will Dir bei diesem ernsten Gange treu zur Seite stehen.« – Geleitet von dem Segen seines greisen Vaters und nur von einem Diener gefolgt, machte sich Marcantonio auf den Weg. Die Erde schien unter seinen Füßen zu schwanken, als er die unterirdische Halle betrat. Ohne den stützenden Arm des Mönchs wäre er zusammengesunken. »Sei ein Mann!« rief ihm dieser leise zu. »Eile, jede versäumte Minute kann das Leben Deines Vaters, Deiner Brüder gefährden. Fort, schon die Luft ist vergiftet! Fort, sage ich Dir! Kommt es dem Manne des Friedens zu, Dir Mut einzusprechen?« Der Pater Basilio riß Marcantonio durch die schmale Gasse der nebeneinander gereihten Särge mit sich fort. Die letzten Wochen hatten die ohnehin beschränkten Räume entsetzlich verengt. Der rötliche Schimmer der Fackel flog zitternd über die modertropfenden Wände, an denen menschliches Gebein auf schauerliche Weise zu Festons verschränkt war. In den Nischen ruhten übereinander getürmte Totenschädel. Die späteren Särge waren in wilder Unordnung zusammengerückt und übereinander gesetzt, die untern, morschen waren unter der Last gebrochen. Die furchtbare Zeit hatte den Tod der ihn sonst umgebenden feierlichen Würde entkleidet, und nun zeigte sich dieser in seiner widerwärtigsten Blöße. Marcantonio wollte die Ruhestätte seiner Mutter, seiner Geschwister aufsuchen. Der Mönch trieb dagegen mit ängstlicher Hast zur Eile, deutete schweigend auf einen einsam im Winkel stehenden Bleisarg und gab dem begleitenden Diener das Zeichen, dessen Deckel zu lüften. Lange Zeit mühte sich der Knecht vergeblich, das Sprengeisen in die Fugen zu bohren, um die Truhe aufzusperren. Eine von innen dawiderstrebende Macht schien seinen Anstrengungen zu spotten. Nur den vereinten Anstrengungen der drei gelang es, den Sarg zu sprengen. Mit geballten Fäusten, mit weit offenen, stieren Augen lag die Leiche des greisen Mauro Calvo auf den Kissen; ein abscheuliches Grinsen schien den verzerrten Mund zu beleben. Es war ein furchtbarer Anblick, bei welchem den Zuschauern das Blut in den Adern gerann. »Das Schwert aus der Scheide!« schrie der Mönch, »nicht gezaudert! Meine Ahnung hat mich nicht betrogen. Er ist wahrhaftig ein Vampir! Zugehauen – sonst ist's um Dich und uns geschehen!« –- Mit dem Mute der Verzweiflung fühlte Marcantonio einen rasenden Streich gegen den Sarg und fiel ohnmächtig zu Boden. Mehrere Wochen waren vergangen, als der junge Mann zum erstenmal vom Krankenlager, auf welches ihn die Schrecken jener Nacht geworfen hatten, erstand, Er sah auf dem Söller der Casa Calvo im Schatten der Myrten und Orangenbäume, und blickte stillsinnend auf das bunte Treiben des Canalazzo, auf die schnell vorübergleitenden Gondeln, auf die vor Lust jauchzende Menge. Die Wut der Pest war durch Enthauptung des Vampirs gebrochen worden; nach wenigen Tagen war die Krankheit erloschen. Durfte Marcantonio nun auch das Bewußtsein hegen, wie er durch seine kühne That der Wohlthäter seiner Mitbürger geworden sei, so fühlte er dennoch nicht minder klar, daß die Erinnerung an jene entsetzliche Nacht ihm fortan einer düsteren Wolke gleich nachziehen werde, und daß der Farbenglanz des Lebens für ihn ein für allemal erloschen sei. Indem er so trüben Betrachtungen nachhing, ward ihm ein Brief überbracht. Er war von Claudia, der totgeglaubten. Sie schrieb: »Wenige Tage nachdem die Pest in Venedig ausgebrochen war, legte eine Gondel bei unserer Klosterinsel an. Eine hohe, edle Frau in Trauerkleidern stieg ans Land und verlangte, zur Priorin geführt zu werden. Bald darauf ward ich zu dieser gerufen und der Fremden vorgestellt. Diese umarmte mich unter einem Strom von Thränen und gab sich mir als meine Mutter zu erkennen; zu gleicher Zeit unterrichtete sie mich aber auch, daß ich keinen Vater mehr habe, indem dieser ein Opfer der Pest geworden sei. Sie führte mich mit sich nach Venedig, wo wir in tiefster Verborgenheit lebten. Mehr noch als die verhängnisvolle Zeit zwang uns der Haß der mächtigen Familie meines Vaters, welche mit dem Verstorbenen in offener Feindschaft gelebt hatte, zu dieser Zurückgezogenheit. Um den verhaßten Erben seine Güter zu entziehen, hatte er sich mit der Tochter eines edlen, aber verarmten Hauses vermählt – heimlich, um durch einen unerwarteten Erbfolger die Hoffnungen seiner Feinde um so grausamer täuschen zu dürfen. Ich blieb der einzige Sprößling dieser Ehe. – Mittlerweile betrieb es meine Mutter im geheimen, daß ihre Ehe als giltig anerkannt, und ich in meine Rechte eingesetzt werde. Erst wenn das Gericht zu meinen Gunsten entschieden, sollte ich des Vaters Namen erfahren und zugleich mit allem Glanz der reichen Erbin aus der Dunkelheit hervortreten. Da stürzte meine Mutter vor einigen Tagen in entsetzlicher Gemütsbewegung in mein Zimmer, und ich erfuhr aus ihrem Munde, daß der unmenschliche Haß der Sippen ihres Gatten diesen noch über das Grab hinaus verfolge, daß einer seiner Neffen Hand an die Leiche gelegt und die blutigste Greuelthat begangen habe. Die Verzweiflung entriß meiner Mutter ihr Geheimnis, Mein Vater war Mauro Calvo – der Leichenschänder seid Ihr! Morgen nehme ich den Schleier. Ich darf nicht sagen: Lebt wohl!« Als unter dem Geläut der Klosterglocken von Santa Catterina die Locken der unglücklichen Claudia fielen, als sie mit dem Bahrtuche bedeckt wurde, zum Zeichen, daß sie für die Welt gestorben sei, segelte ihr unglücklicherer Liebhaber an den Klostermauern vorüber, um in Malamocco die Brigantine zu besteigen, die ihn nach Rhodos abführen sollte. Dort angelangt, nahm er das Kreuz und ward wenige Monate darauf, beim Entern einer maurischen Felucke, erstochen. Fiel nun auch das Vermögen des alten Mauro unverkürzt an seinen Bruder und dessen Kinder, so schien doch ein Unsegen auf dem Erbteil zu ruhen. Durch Unglücksfälle aller Art, mehr aber noch durch eigene Schuld sank das Geschlecht der Calvi von Jahr zu Jahr und ging zuletzt in Armut und Elend unter. Der letzte fristete sein Leben als Bettler auf den Marmorstufen der Casa Calvo. An einem harten Wintermorgen fand man seine abgezehrte Leiche auf der Schwelle des Palastes seiner Ahnherren. Die Braut von Ariccia Erst mit dem Ende des Junimondes reift dessen schönste Blüte für den Römer und den Bewohner des Albaner Gebirges – ich meine damit das weltberühmte, wunderherrliche Blumenfest zu Genzano. Von weit und breit strömen an jenem Tage die Leute nach dem nach der neapolitanischen Straße gelegenen Bergstädtchen, wohl nur der kleinere Teil aus Andacht, bei weitem der größere aus Neugier, um zu sehen und gesehen zu werden. Wirft man einen Blick auf die Wagenreihen, auf die Schwärme der Reiter zu Roß und Esel, auf die Fußwanderer, welche vom frühen Morgen an aus der Porta San Giovanni ziehen, die Appische Straße bedecken, die von Velletri heraufkommen, von Rocca di Papa herniedersteigen, auf die Prozessionen, welche sich durch die Olmata von Genzano drängen – so begreift man kaum, wie alles das Volk in dem engen Städtchen unterkommen will; es ist, als ob die Menschen die Häuser verdrängen müßten. Und bei der Seele des heiligen Francesco von Assisi, ich kann es den Leuten nicht verdenken, wenn sie an jenem Tage den letzten Paolo für die Vettura springen lassen – ist doch im ganzen Jahre kein Fest, welches sich mit diesem messen darf. Ich war Zeuge, wie Se. Heiligkeit der Stadt und der Welt von dem Balkon des Lateran herab den Segen erteilte, wie er ein andermal unter dem Donner der Kanonen von der Engelsburg um den Platz der Peterskirche getragen wurde. Ich habe der kolossalen Grobheit der Schweizersoldaten und ihren Hellebardenstoßen, mit denen sie namentlich gegen gut katholische Christen recht freigebig sind, herrisch Trotz geboten, um mich am Ostertage in die Sixtinische Kapelle zu drängen – und dennoch gestehe ich frei und unumwunden, daß ich die Feier des Blumenfestes dem Pomp jener hochheiligen Tage bei weitem vorziehe. Ist dies Bekenntnis Sünde, so hoffe ich, daß sie mir dereinst nicht allzu hoch wird angerechnet werden. Die Gelehrten behaupten von dem Blumenfest, daß sein Ursprung und die Sitte, die Straßen mit Blumen zu bestreuen, noch aus dem grauen Heidentume herstamme, und halten auch zur Verteidigung ihrer Meinungen ein Dutzend Citate ans alten, römischen Schriftstellern in Bereitschaft. Ich für meinen Teil habe nichts dagegen einzuwenden, und weiß nur, daß die Feier jenes Tages schon uralt ist, wie dies auch eine Begebenheit, die sich im Jahre 1582 zutrug, beweist. Die Geschichte lebt noch jetzt im Munde des Volkes, und ich erzähle sie wieder, wie ich sie von dem Gärtner des dem Fürsten Chigi zugehörigen orto di mezzo vernommen habe. In dem gemeinten Jahre waren m den Nachmittagsstunden des 25. Juni die Straßen der Stadt wieder mit einer unübersehbaren Menschenmasse gefüllt. Das Auge fühlte sich beim Anblick der bunten, durcheinander wogenden Menge verwirrt. Alle die schimmernden Festtrachten des Stadt- und Landvolks strömten dort auf und nieder, der kecke Adelige mit gebauschtem Seidengewand, mit Spitzenkragen und schwanken Federn auf dem Barett, der Weltgeistliche im schwarzen Talar, die Landsmannschaften der fremden Maler, der kräftige Bewohner von Trastevere mit roter Schärpe um die Hüfte und buntseidenem Haarnetz, die Bewohner von Grotta ferrata oder Civita la Vigna mit vollen roten Nelken hinter dem Ohre, der derbe Kampagnaschäfer mit Sandalen und der keulenförmigen Mazarella, der winselnde Bettler und der Mönch mit dem riesigen Rosenkranz, dessen Kreuz er den Andächtigen zum Kuß reichte. Dort bewegte sich die Albaneserin mit dem silbernen Pfeil im rabenschwarzen Haare und dem weißen, gebrochenen Kopftuch, dort das Mädchen von Ariccia, kenntlich an den blauen Bändern des Jäckchens, das scharlachrot gekleidete Weib von Nettuno, die schöne Velletrinerin mit freiem Nacken und dem Blumenkranz im Haar. Alles schob und drängte sich durcheinander, schüttelte die Hände, nickte Willkommen und Lebewohl. Die einen freuten sich der gewirkten Teppiche, welche in farbiger Pracht von allen Balkonen hingen, und der noch weit herrlicheren der überall herniederlauschenden schönen Mädchen. Andere wieder stiegen auf den Schloßberg nach den mit Myrten umflochtenen Säulen, unter denen der von Kerzen umfunkelte Hochaltar mit dem Bilde der Madonna ruhte. Noch andere wanden sich mühsam längs der Häuser hin, um nicht den Blumenteppich, der die Straßen bedeckte, zu beschädigen, und musterten neugierig die zarten, leuchtenden Gemälde, welche der Fleiß der Genzaneserinnen aus feingepflückten Blüten zusammengestellt hatte. Es war ein wunderbar schöner Anblick. Wer vor der Kirche Santa Trinita steht, sieht die drei Hauptstraßen des Städtchens sich gerade und regelmäßig von diesem Punkt wie ein Fächer ausbreiten und den Berg hinanklimmen. Alle waren sie von oben bis unten mit jenem bunten, duftenden Mosaik ausgelegt. Die dunkeln Blätter der Stechpalmen, Myrten und Lorbeern bildeten den Grund, in dem die von Rosen umfaßten Gemälde lagen. Es waren Steine, Rosetten, Springbrunnen, in welchen sich Tauben baden, das Gotteslamm mit der Fahne, Altäre mit flammenden Herzen, seltsam verschlungene Namenszüge, die Wappen des Papstes oder des damals über Genzano und Ariccia herrschenden Geschlechtes der Savelli, und alle Abstufungen von Licht zu Schatten wurden durch einzelne Blättchen abgespiegelt. Am durchsichtigblauen Himmel war kein Wölkchen zu spüren, und auch nicht das leiseste Lüftchen ging, welches die Blütengemälde hätte zerstreuen können. Wer seine Schaulust auf der Straße befriedigt hatte, suchte ein Plätzchen in den Osterien, um beim Spiel und dem glänzenden, süßen Genzaneser-Wein die Stunden bis zum Beginn der Prozession zu verbringen. Zu den letzteren gehörten auch zwei städtisch, wenn auch gleich nur nach der Weise der minder wohlhabenden Bürger, gekleidete Männer. Der ältere von ihnen hatte eine von den Physiognomieen, welche man nie wieder vergißt, wenn man auch nur einmal mit ihnen in Berührung gekommen ist; ein lauerndes, rastlos bewegliches, überall hinspähendes Auge, hämisch gekniffene Lippen, eine hohe, kahle Stirn. Abstoßender noch war seine kleine magere Gestalt. Er war am ganzen Leibe verschroben, ohne daß man doch just hätte sagen können, daß und wo er verwachsen gewesen wäre. Die Gliedmaßen wollten nirgends zu einander passen – es schien, als habe er sie auf den Auktionen zusammengekauft. Der jüngere war ein großer, hübscher Blondin von höchstens achtzehn Jahren, dessen regelmäßige Züge und seiner Teint seltsam genug gegen die sonnenverbrannten, bartumbuschten Gesichter der Schäfer und Landleute, welche das Wirtshaus füllten, abstach. Nur mit heimlichem Widerwillen schien er dem ältern zu folgen und sich in der allerdings mehr als gemischten Gesellschaft nicht besonders heimisch zu fühlen. Ohne sich jedoch an das Mißbehagen seines Gefährten zu kehren, zog ihn der Kleine an einen noch unbesetzten Tisch und kommandierte mit der trotzigen Sicherheit des Stammgastes die Bottiglia und Artischocken. Die Grüße, welche er rechts und links verteilte, die Gegengrüße: Willkommen, Signor Carlo! Wir freuen uns, Herrn Pagnotto in unserer Mitte zu sehen! bewiesen zur Genüge, daß seine Persönlichkeit eine sattsam bekannte sein müsse, und in der That hatte er auch als Verwalter des Fürsten Savelliin Ariccia sattsam Gelegenheit gehabt, mit den Bewohnern des Albaner Gebirges, welches damals fast ausschließlich von seinem Herrn beherrscht wurde, in Berührung zu kommen. Ob diese aber jederzeit eine freundliche gewesen, läßt sich, nach dem Amte zu urteilen, welches Pagnotto mit unumschränkter Vollmacht während der Abwesenheit seiner Gebieter bekleidete, mit ziemlicher Glaubwürdigkeit bezweifeln. Wenigstens verkündeten die scheuen, mißtrauischen Blicke, welche die Anwesenden von Zeit zu Zeit auf ihn warfen, und die Eile, sich wieder aus seinem Bereich zu entfernen, daß jene Begrüßungen wohl mehr aus Furcht, als aus Verehrung herstammten, und daß Jeder bei sich zu denken schien: es bleibe doch immer ratsam, dem Teufel dann und wann eine Kerze anzuzünden. Wirklich blieb der Tisch, an welchem die Beiden saßen, verödet. Alles drängte sich in die entfernteren Ecken des Zimmers, so daß die Gemiedenen ihre Bemerkungen ungestört austauschen durften. Eine Weile hindurch schien das wilde Treiben den Jüngling zu belustigen, bald aber flüsterte er seinem Begleiter mit wegwerfendem Kopfnicken zu: »Laß uns gehen, Carlo, dies Toben des betrunkenen, schwarzbraunen Gesindels, das Brüllen beim Moraspiel, dies Gedränge, und vor allem diese verdickte Atmosphäre sind mir unerträglich. Fort von hier.« Der kleine Pagnotto hielt den Aufstehenden beim Ärmel zurück. »Ei nicht doch, Bossignoria, wo denkt Ihr hin? Jetzt, wo die schönste Lust beginnen soll, treibt Ihr zum Gehen. Schaut doch nur auf diesen ehrwürdigen Bruder Kapuziner, dem der Wein zu Kopfe gestiegen, und wie köstlich er zwischen den handküssenden Bauern umhertaumelt. Werft einen Blick auf dies frische Bauerweib aus Albano, mit Ketten und Ohrringen. Sie ist die Frau des Filippo Agnolo – er wohnt hart am Springbrunnen. Sollte die Euerm Geschmack nicht zusagen? Betrachtet nur den vollen üppigen Busen, den blendenden Nacken. Ha! Corpo die Mercurio ! Als ich in Eurem Alter war – – oder weiter rechts das nette Dirnchen mit der Silbernadel im Haar. Sie ist noch nicht verlobt – Ihr seht's an der geballten Hand am Knopf der Nadel ist auch erst dreizehn Jahre. Mariuccia heißt sie, Tochter des Vignarolen Testi.« »Ja, ich räume Dir's ein. Du hast mir nicht zu viel von der Schönheit der Gebirgsbewohnerinnen gesagt – herrliche, stolze Gestalten, zärtliche Augen! Doch wenn man mich in dieser Umgebung sähe, mich erkennte. In Genzano findet sich Alles meilenweit zusammen – die Römer – die Römerinnen – sie würden es mir nimmer vergeben.« »Unbesorgt, Exzellenza,« wisperte der Alte. »Hier zu Lande denkt man tolerant über dergleichen. Erwägt außerdem nur, daß Ihr erst seit Wochenfrist aus Mailand zurückkehret, und wer wird in dem achtzehnjährigen jungen Manne den sechsjährigen Bambino, als welcher Ihr dorthin zoget, wiedersuchen wollen? Wer will in dieser Bauernkneipe, in Eurem schlichten, braunen Gewande, in meinem angeblichen Neffen, den Fürsten Orlando Savelli wiedererkennen? Werft Zweifel und Zagen von Euch und genießet das Leben mit vollen Zügen. Ich habe Euch Götterlust versprochen, und beim Haupte des Apollo, ich will mein Wort lösen. Wartet doch wenigstens die Prozession ab, wo Ihr all' die holden Gestalten an Euch vorüberziehen seht, und – was gilt die Wette – sie wiegen Eure Mailänderinnen auf. Wie kann sich ein junger Mann, der auf Abenteuer ausgeht und seinen Ovid an den Fingern herzusagen weiß, an die Verkleidung stoßen, oder an das rauchschwarze Gewölbe und all' dieses heillose Lumpenpack? Nicht die schmutzige Muschel ist es, nach der man fischt, wohl aber nach der verborgenen Perle. Ja freilich hängen in dem alten Theater des Marcellus, Euerem Fürstensitze zu Rom, in Eueren Schlössern zu Ariccia und Genzano seidene Vorhänge, wo hier nur Spinnweben. Freilich klirren dort auf den Marmorfliesen Rittersporen und Degen, und hier in der lichtlosen Osteria nur Gläser und Flaschen. Eure Damen tragen Straußen- und Reiherfedern auf dem Kopf, unsere Landdirnen begnügen sich mit dem panno und der Nadel. Was sind aber alle die angehängten Reise gegen die angeborenen und in diesen nehmen es Eure Landestöchter mit allen Herzoginnen und Marchesinnen der Welt auf. Fühlt Ihr Euch nicht ein Halbgott in dem Bewußtsein, unumschränkter Herr und Gebieter eines so übervollen Blütenwaldes zu sein, keines anderen Werbens, als eines gnädigen Augenwinks zu bedürfen, keiner Liebeserklärung als eines Fingerzeigs? Und ich weiß Euch ein Vöglein, das Euch zum Schlagen bringen soll, Ha! Corpo di Verere ! Wenn die Henne gackelt, so ist das Ei nicht mehr weit. Wahrlich, dort kommt sie, die Mutter der Schönsten der Schönen, die alte Benedetta – und hier der Vater! Willkommen, Battista Romagnoli! Willkommen, Frau Benedetta! Hierher geschaut! Verkennt Ihr Euren allen Freund Pagnotto? Nur immer näher heran und trinkt ein Glas auf das Wohlsein Eures Töchterleins. Wo habt Ihr sie gelassen? doch nicht in Ariccia? Die Sünde vergab' Euch die Heilige nimmermehr, wenn Ihr ihrem Feste die lieblichste Blüte entzogen hättet. Oder schweift sie mit ihrem Bräutigam, dem wackeren Mario Camucci, noch in der Stadt umher? Reicht mir Eure Hand. Seht hier meinen Schwestersohn, den Giorgio Squaldo; ist erst seit acht Tagen aus Mailand, wo er in dem Park der Visconti die Gärtnerei erlernte, zurück. Aber, meiner Treu! Da folgen ja auch die Kinder. Bravo! Gesegnet sei mein holdes Täubchen immerdar und einen Tag, und auch Du, mein schmucker Mario. Immer heran nur, hier ist Raum und Wein für uns Alle.« Die herzugetretenen Ariccianer folgten der dringenden Einladung. Die schöne Braut kam zwischen dem angeblichen Gärtnerburschen und ihrem Verlobten zu sitzen. Es war ein reizendes Geschöpf. Ihr glänzendes Schwarzhaar war von keinem Schleier verhüllt und nur durch den silbernen Pfeil mit der offenen Hand zusammengehalten. Das brennende Augenpaar, welches aus langen Wimpern hervorstrahlte, die hohe, kühne Stirn, der frische, wollustatmende Mund, der Busen, auf dessen füher Fülle die rote Korallenschnur wogte, das weiße Tuch, welches in hundert zierlichen Falten von dem Nacken herabrollte, die anmutsvolle, königliche Gestalt – der Fürst vermeinte, noch nie etwas Reizenderes gesehen zu haben. Und jetzt ihm so nahe: das Säuseln ihres Atems streifte seine Wange, ihre Hand berührte die seinige, als er ihr den gefüllten Becher reichte, sie lächelte ihn dankend an – wie verzaubert hingen seine Blicke an dem Mädchen. »Aber sage mir, Giorgio,« lachte der Verwalter dem Prinzen zu, »seit wann hast Du die Sprache verlernt? Magst Dich auch wohl besser aufs Pflanzen des Rosmarins als auf das der Myrte verstehen. Nun, laß es gut sein, es war nicht so übel gemeint.« Und dann zu dem alten Romagnoli wie entschuldigend gewandt: »Es ist ein braver, tüchtiger Bursch – aber nur noch blöde, schüchtern wie ein zwölfjährig Mädchen. Angestoßen, Freunde!« Die Plaudereien des kleinen Pagnotto und einige hastig hinuntergestürzte Gläser halfen dem jungen Prinzen glücklich über die erste Befangenheit hinweg. Binnen kurzem hatte er seine Gesprächigkeit, seine weltmännische Gewandtheit wieder erlangt, und die freundlichen Blicke der schönen Lätitia bekundeten nur allzu deutlich, wie sehr die Unterhaltung nach ihrem Wunsche sei. Nur der Bräutigam ward immer schweigsamer und finsterer, verwandte seine argwöhnischen Blicke nicht einen Moment von den Scherzenden und rückte unruhig auf der Holzbank hin und her. Es war ein nerviger Bursch, mit düsterem, tückischem Blick; der spitze Hut mit dem Marienbilde und den bunten Bändern saß ihm verwegen in den krausen, schwarzen Locken, ein wilder Bart, welcher sein Kinn umflocht, die behaarte Brust, die Muskeln des aufgestreiften Armes zeugten von nicht gewöhnlicher Kraft. Leicht möglich, daß er zur Stunde die vermeintlichen Eingriffe in seine Bräutigamsrechte geahndet hätte, wenn nicht auch zu gleicher Zeit die Glocken von allen Türmen das Beginnen der Prozession ausläuteten. Die Familie stürzte hinaus, der Fürst wollte sich der Schönen anschließen, fühlte sich aber am Arm zurückgehalten, und sein unwilliger Blick begegnete dem bedeutungsvollen Zeichen Pagnottos, welcher das Augenlid mit dem Finger herunter riß. »Laß mich, Carlo, ich muß ihr nach! Sie entschlüpft uns in dem Gewühl, vielleicht auf immer.« »Halt, Exzellenza! Keinen Schritt von hier. Seid Ihr bei Sinnen? Wollt Ihr die Tochter unter den Augen der Eltern entführen? Hattet Ihr kein Auge für den Bräutigam, für seine kaum verhehlte Wut, für sein Verstummen, seine Blässe? Nicht von der Stelle lasse ich Euch, Wollt Ihr denn gleich einen Messerstich zwischen die Rippen haben? Corpo di Giove, über das junge Blut! Setzt Euch und hört – aber nein, Ihr seid zu ungeduldig. So kommt denn ins Freie und laßt uns die Prozession mit ansehen, und, wenn Ihr darauf besteht, dem Mädchen auch von weitem folgen, aber auch nur aus der Ferne. Kein Wort mehr für heute, Ihr kennt sie jetzt, ich weiß, wo sie wohnt, ich stehe für den günstigsten Erfolg – in drei Wochen längstens ist sie die Eurige. Hat der alte Carlo Pagnotto wohl jemals die Unwahrheit gesprochen? Kommt, Prinz, aber ruhig, ruhig Chi va piano, va lontano . In einer halben Stunde sag' ich Euch das Weitere,« Sie traten hinaus, Orlandos Blicke vermochten weder die mit wallenden Kirchenfahnen über die Blumenstraße langsam einherziehenden Brüderschaften, noch die Knaben mit Weihkesseln und Lichtern auf sich zu ziehen. Ohne einen thätlichen Wink des Verwalters hätte er es versäumt, sich vor dem vorüberziehenden, riesengroßen Kruzifix auf die Kniee zu werfen. Nicht der Bischof unter dem blumengeschmückten Baldachin, welcher die Monstranz in den Händen hielt, nicht die Knaben, welche sich hinter ihm herdrängten, und die von seinem Schritt geweihten Blätter hastig aufrafften, vermochten seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Der Zug der Frauen und Mädchen strömte hinterdrein. Tausende von weißen Kopfschleiern drängten sich aneinander die Bergstraße schien wie mit Schnee überdeckt zu sein. Lätitia aus diesem Schwarm zu finden, war unmöglich. Die Prozession wallte langsam dem flimmernden Hochaltar zu. Es begann zu dämmern. Die Gruppen lösten sich und wanden sich unter Scherz und Gesang der Heimat zu. Orlando ergriff mißmutig den Arm seines Begleiters und drängte ihn durch die Eichenalleen vor dem Thor nach Ariccia zurück. »Und so seid Ihr denn urplötzlich in so gewaltige Leidenschaft zu der schönen Romagnoli entzündet worden, mein Prinz?« schmunzelte lauernd Pagnotto, als sie in den Ulmenwald von Genzano hinabstiegen. »Das Mädchen ist ein Engel des Himmels! Sie muß die meinige werden, sie muß, sage ich Dir. Versucher, Du hast sie mir gezeigt, Du hast diese Stürme in meiner Brust geweckt – wehe Dir, wenn Du sie nicht zu beschwichtigen weißt,« » Dio mio !« seufzte der Kuppler kopfschüttelnd, »das ras't und schäumt und tobt wie die Wellen gegen den Monte-Circello. Dämpft, wenn es Euch beliebt, Eure Liebeswut mit einem winzigen Pulver Geduld, und Ihr sollt an mir sehen, was ein alter, treuer Diener des Hauses vermag, Lätitia ist Braut« – »Bei allen Dämonen der Unterwelt, erinnere mich nicht daran« – »Sie ist in ihren Mario vernarrt,« fuhr der Verwalter kaltblütig fort, »und demnach wenig Aussicht, daß sie, für's erste wenigstens, Ew. Fürstliche Gnaden jenem ungeschlachten, schwarzäugigen Lümmel vorziehen wird. Ihr, Exzellenza, seid aber zu ungestüm, um Euch bis zu jenem Mondeswechsel des Herzens mit trocknem Schmachten begnügen zu wollen, also« – »Also?« »Also muß der Bauer beiseite geschafft werden.« »Bei allen Heiligen, was meinst Du, Carlo?« fragte Savelli erschrocken. »Ihn ermorden lassen? Nun und nimmer.« »Ruhig doch, Herr. Wer spricht, wer denkt denn an Mord. Beiseite schaffen meinte ich, den Schlingel entfernen, auf ein halbes Jährchen höchstens. Dann mag er loskommen – nach Ariccia zurückkehren und sich am Abhub der fürstlich Savellischen Tafel den Magen nach Herzenslust verderben. Laßt mich nur machen, Principe, Es müßte ja mit Zauberei zugehen, wenn ich dem Signor Amoroso nicht ein freies Quartier und Kost, letztere freilich mäßiger noch als Fastenspeisen, verschaffte. Er hat ein Häuschen, unfern der Porta Romana bei uns, und ein Gärtchen in der Vertiefung von Valle d'Ariccia, mit einem Dutzend Broccoli und Artischockenstauden, weiter nichts. Mit diesem Bettelkram reitet er jeden Markttag nach Rom – dort laßt mir freie Hand. Hat der Vogel erst einmal den Kopf durch die Schlinge der Porta San Giovanni gesteckt, so mögt Ihr mich auf die Galeeren schicken, wenn er sich nicht den Hals zuschnürt. Er muß Händel anfangen.« »Und wenn er nun harmlos und friedfertig wieder heimkehrt?« »Er muß, sag' ich Euch, Herr. Kennt Ihr denn Eure Landsleute so wenig, daß Ihr ihnen noch Lammsblut in den Adern zumutet? Mario ist ein verteufelt hitziger Bursch, an dessen Pelz wir schnell genug eine Klette werfen wollen. Und ist er erst so weit – Corpo di Mercurio ! – wofür wär't Ihr denn Fürst Savelli, der Neffe des Senators, wenn Ihr nicht meinen birbaccione am Fuße des Kapitols einquartieren könntet? Hat er erst ein Dutzend Wochen die Vorübergehenden durch das Gitter angebettelt und mit dem leinenen Sack an der Schnur nach halben Bajocchi geangelt – was gilt's, der Tölpel wird kirre und fragt fortan nach dem Vergangenen so wenig, als nach den Wolken des verwichenen Jahres.« Signore Carlo Pagnotto war einer von denen, welchen man kein Unrecht thut, wenn man jeden vor ihnen, als vor den von Gott Gezeichneten, warnt. War sein Äußeres abschreckend, so war es sein Inneres gewiß noch zehnmal mehr. Er war der hartherzigste Schurke im ganzen Latium. Durch Kriecherei und ehrlose Dienstleistungen hatte er sich unter dem verstorbenen Fürsten nun Savelli zu dem Posten des Verwalters aufgeschwungen, hatte seine Untergebenen auf das schamloseste ausgesogen und durch Bestechungen der nächsten Umgebungen seines Herrn jede Klage zu ersticken gewußt. Wohl ahnend, daß nach dem Tode des alten Fürsten alle Stimmen sich wider ihn erheben würden, hatte er sich beeilt, dem Erben unter dem Scheine ehrfurchtsvoller Huldigung bis Mailand entgegen zu gehen, in der That aber, um dessen Schwächen zu erforschen und, seinen Neigungen schmeichelnd, ihn sich geneigt zu machen. In kurzer Frist hatte der schlaue Pagnotto erkannt, daß Trägheit und Sinnlichkeit und eine gewisse negative Gutmütigkeit, wie sie den meisten Sinnlichen inne wohnt, die geistigen Hauptelemente seines Gebieters seien – ihm die erwünschteste Entdeckung. Jetzt begann er dem fürstlichen Weichling die verführerischen Sirenentöne von Herrscherlust, von unbegrenzter Macht vorzusingen, von der Schönheit der Frauen seines Gebiets, von dem Himmel auf Erden, den er ihm erschließen wolle. Kaum in Rom angelangt, überredete er den jungen Savelli, das Blumenfest verkleidet zu besuchen, fest überzeugt, daß unter den Tausenden reizender Latinerinnen gewiß doch eine den am üppigen Mailänder Hofe Auferzogenen fesseln werde. Mit heimlichem Entzücken gewahrte er, wie schnell sein Plan reifte, wie er der einzige Vertraute der Schwäche seines Herrn, wie er ihm fortan unentbehrlich sei. Mario Camucci rückte, wie Pagnotto es vorhergesagt hatte, am nächsten Mittwochmorgen durch die Porta San Giovanni, nachlässig auf seinem Esel hinter den vollen Gemüsekörben hängend und mit den Beinen baumelnd. Ein aus Ariccia gebürtiger Diener der Savelli begann unter dem Thore ein gleichgiltiges Gespräch mit dem Reiter, während die Lanzenknechte – eine zu allen schlechten und boshaften Streichen aufgelegte Nation, besonders auf der Wache, wo sie Muße haben, neue auszuhecken – dem Esel heimlich ein Bündel getrockneter Disteln unter den Schwanz banden. Das sonst so langmütige Tier hatte kaum die Verleihung dieses molestierenden Distelordens empfunden, als es auch auf das entschiedenste dagegen protestierte, und, erbärmlich brüllend, erst mit dem rechten, dann mit dem linken Hinterfuß ausschlug und zuletzt, den Kopf zwischen die Beine nahm und das ganze Hintergestell so ungebührlich erhöhte, daß Reiter, Kohlköpfe und Artischocken unter dem schallenden Gelächter der Soldateska zu Boden kollerten. Mario raffte sich wütend und ein maledetto über das andere fluchend, auf, warf einen zornsprühenden Blick auf das zum erstenmale rebellische Saumtier und entdeckte auch augenblicklich die Ursache dieser Widersetzlichkeit. Da biß er auf den Knöchel, schleuderte die fünf gespreizten Finger den Hohnlachenden entgegen und sprudelte gegen sie alle Ehrentitel und Verwünschungen, welche sich just seinem Gedächtnis darboten, aus. Es waren ihrer genug, um die Soldaten aufzubringen, sie zu bewegen, ihn mit den Schäften der Hellebarden zu Boden zu schlagen und ihn als unmittelbaren Beleidiger der Wachtmannschaft, als mittelbaren Er. Heiligkeit des damals regierenden Papstes Gregor XIII, zu kurbeln und in den Kerker unterhalb des Kapitals zu schleppen. Der von seiner Doppellast befreite Esel galoppierte, die Ohren schüttelnd, nach Ariccia zurück, und brüllte die Tauerbotschaft von dem Verschwinden seines Herrn dessen Angehörigen zu. Nur über das Wie und Wo vermochte der zur Wahrheit wohl Ermahnte keine Rechenschaft abzulegen. Pagnotto säumte keinen Augenblick, den Prinzen von dem Gelingen seines Planes in Kenntnis zu setzen, und dieser ebenso wenig, nach Ariccia zu eilen, um in der Familie Romagnoli die Rolle des Trösters zu übernehmen. Er erschien wieder als der arme Gärtnerbursche Giorgio Squaldo, erst wöchentlich, bald täglich. Angeblich diente er in einer Vigna unterhalb Marino. Er nahm so herzlich an dem Kummer der Schwiegereltern teil, so herzlich an dem der verlassenen Braut, wußte seine Worte so hübsch zu setzen, that so bescheiden, brachte so niedliche Sächelchen aus Mailand mit – sie mußten ihm wohl gewogen werden. Pagnotto hatte dem alten Battista mit gewichtigem Stirnrunzeln zugeraunt, wie Giorgio einst sein einziger Erbe werde: Mario war und blieb verschollen; die Braut hatte sich bereits an die häufigen Besuche des gewandten, blonden Giorgio gewöhnt – und von der Gewöhnung bis zur Liebe soll es ja, wie man sagt, nicht weiter, als vom rechten Augenwinkel bis zum linken sein. Wer weiß, was noch geschehen, wenn nicht Lätitia eines schönen Tages nach Rom gekommen wäre und auf der Piazza Montanara, gegenüber dem alten Theater des Marcellus, ihren Spargel und Salat zum Verkauf ausgeboten hätte. Eben war sie beschäftigt, ihre in der Hitze welkenden Gemüse mit dem Wasser des dortigen Springquells zu befeuchten, als aus dem Palast ein stolzer Zug Kavaliere sprengte – an ihrer Spitze der blonde Giorgio im seidenen Wams und Mantel, mit lang nachwallenden Federn, dem ritterlichen Schwert an der Seite. Der Korb entsank ihren Händen. »Um der Madonna willen,« stöhnte sie, »wie deute ich das? Täucht mich mein Auge? Sprecht, ich bitte Euch,« sich zu einem an der Fontäne gähnenden Facchino wendend, »sprecht, wer ist der Reiter auf dem stattlichen Rappen, der eben vorbei reitet?« »Ei nun, den pflegt ja sonst jedes hübsche Mädchen zu kennen, ebenso wie er wiederum alle kennt, Prinz Orlando Savelli ist's, der junge Erbe,« Lätitia schüttelte verstummend das Köpfchen - sie mußte sich geirrt haben. Da lenkte der Fürst noch einmal um und flüsterte einem in dem Thor stehenden Diener ein paar flüchtige Worte zu – der Diener aber war kein anderer, als der häßliche Pagnotto. Nun blieb kein Zweifel mehr – sie war auf das schmählichste hintergangen, ihr Bräutigam das Opfer der Falschen geworden. Wie eine Rasende stürzte Lätitia über den Platz und durch die Straßen. Die Leidenschaftlichkeit der Südländerin kennt keine Schranken. Vor den Augen schwimmt es ihr wie Nebel – von dem stürmisch wogenden Busen ist der Achtlosen das Tuch entglitten, die Silbernadel aus dem Geflecht der Haare, die nun wie schwarze Wellen hinter ihr herrauschen. Willenlos führt ihr Fuß sie dem Thore zu. Schon hat sie das Campo oaccino erreicht – da fällt ihr irrer Blick auf den Turm des, Kapitals und ein Gedankenblitz durchzuckt ihre Seele: Hin zum Senator, dem obersten Richter Roms – er muß mir Gerechtigkeit schaffen. Schon hat sie die Salita mit fliegendem Fuß erklommen, da tönt der Ruf: »Lätitia, meine Lätitia!« in ihr Ohr. Sie blickt auf – ein bleiches, verwildertes Gesicht starrt durch das Gitter des Erdgeschosses – sie erkennt es, es gehört ihrem Mario – sie stiegt auf ihn zu, umklammert die gekreuzten Stangen, preßt ihr vor Wut, vor Entzücken glühendes Gesicht an das kalte Eisen. Thränen stürzen aus ihren Augen und versiegen auf den erhitzten Wangen, Seufzer, Verwünschungen, Ausrufe des freudigsten Taumels drängen sich auf ihren Lippen – langer Frist bedarf es, ehe sie die gemachte Entdeckung, den Argwohn des zwiefachen Betrugs hervorstammeln können. Und nun kommen die Furien der Wut übel den Gefangenen. Krampfhaft schüttelt er die Kerkerstäbe – er knirscht mit den Zähnen – sein Auge rollt – er wird leichenbleich, »Rache! blutige Rache!« lallt er. »Nein, nicht zum Senator, Lätitia. Meinst Du, daß der hochmütige Nobile für das Krümmen des getretenen Wurms Gefühl habe? Rache an dem fürstlichen Heuchler, an dem Teufel von einem Kuppler! Frei muß ich sein – heute Nacht noch. Schnell, Mädchen, eine Feile. Verbirg sie in der Foglietta – reiche sie mir durch's Gitter im Vorübergehen, wenn erst die Stunde der Siesta für die Lanzenknechte geschlagen hat. Um Mitternacht bin ich in Ariccia.« Er war's. Ohne die leiseste Ahnung zu haben, daß der den Liebenden freundliche Zufall sein arglistiges Gewebe ermittelt habe, ritt der Prinz in Begleitung seines Mephistophles-Pagnotto am Abend des folgenden Tages nach Ariccia. Mit Erstaunen gewahrten sie das bisher leer gebliebene Haus des Mario Camucci hell erleuchtet und von Menschen umdrängt. Ausgelassene Knaben schwangen jauchzend sprühende Kienbrände auf der Straße, feuerten Pistolen ab und warfen die zischenden Schwärmer in die Höhe. Die Frauen hoben sich auf den Zehen, um durch die Fenster zu schauen und von innen tönte das lustige Schwirren der Mandoline, das Klirren bei Tambourinschellen, das Jauchzen der Fröhlichen. Die fragenden Blicke der beiden Reiter begegneten sich. Da trat der alte Romagnoli mit seiner Frau aus der Thür und begrüßte die Ankömmlinge mit herzlichem Handschlag: »Kommt Ihr doch zur Verherrlichung unseres Festes wie gerufen, Ihr guten Herren und Freunde. Steigt ab, steigt ab und tretet ein. Heut, ist der Ehrentag unserer Lätitia. In der gestrigen Nacht kehrte der Mario aus dem verdammten Rom zurück – hat lange genug im Gefängnis schmachten müssen, der arme Schelm – und weshalb? Oh sanguinaccio di Dio! – weil er die Landsknechte – ha, möge sie ein Unheil treffen – Spitzbuben hat er sie geheißen. Wie? Drei Monate Kerker für die Wahrheit? Es war wohl billig, daß wir seinem Verlangen nachgaben, und ihn gleich heute Hochzeit machen ließen. Aber so steigt doch von den Pferden,« »Thut's, Principe,« flüsterte Pagnotto seinem Herrn heimlich ins Ohr. »Macht gute Miene zum üblen Spiel, welches uns der Teufel höchsteigenhändig gemischt haben muß. Faßt Euch – noch ist nichts verraten – nichts verloren,« »Nichts verloren,« grollte Orlando zähneknirschend – »und was wäre jetzt noch zu gewinnen?« »Das reizende Weib – vielleicht noch die Braut. Bis zur Mitternacht ist es noch weit.« Der Jüngling folgte dem Versucher ins Gemach. Dort führte das glückliche Paar unter dem evviva ! und bravi ! der Anwesenden den Saltarello auf. Mit gesenktem Haupt und zierlich gebogenen Armen gaukelte Mario um seine Schöne, deren reizende Formen im anmutigen Tanze nur noch verführerischer hervortraten. Die linke Hand in die Hüfte gestemmt, mit der rechten das Seidentuch schwingend, dem Geliebten entgegen gleitend, ihn schamhaft fliehend und wieder mit vor Glück und Zärtlichkeit leuchtenden Augen nahend, schwebte sie mit bezaubernder Grazie über den Boden. Orlando befand sich in namenloser Aufregung. Die Qualen verschmähter Liebe, Wut, so nahe am Ziele gescheitert zu sein, glühende Begierde kreuzten sich wild in seinem Busen. Mit stierem Blicke und geballten Fäusten stand er auf der Schwelle. Carlos ängstliches Zureden glitt unvernommen an seinem Ohr vorüber. Der Tanz war beendet. Mario ging frei und ungezwungen auf den Fürsten zu, bot ihm die Haud und gab ihm mit herzlichen Worten die Freude über seinen Besuch zu erkennen. Niemand hätte aus seinen Zügen lesen können, was in der Seele des Rachedurstigen vorging – noch hatte die Stunde der Vergeltung nicht geschlagen. Lätitias Auge flammte, als sie den Heuchler erblickte, doch schnell gefaßt, hieß auch sie ihn willkommen und brach dann kurz das Gespräch ab, um sich wieder ihrem Gatten zuzuwenden. Und unaufhörlich schwirrte die Zither, dröhnte das Tambourin, drehten sich Tänzerpaare im Reigen, unaufhörlich kreisten die Becher voll feurigen Albaner Weins. Lätitia ruhte vom Tanz. Wie eine Schlange wand sich Orlando hinter ihren Stuhl; die Worte versagten sich ihm über dem Anschauen der irischen, glutatmenden Gestalt, »Habe ich das um Euch verdient?« flüsterte er ihr endlich mit bebender Stimme zu. »So falsch konntet Ihr sein? Anderes verhießen Eure Blicke zu jener Zeit, als ich noch allein um Euch war – damals ließen sie mich das schönste, das einzige Erdenglück hoffen.« Langsam wandte Lätitia das dunkle Flammenauge nach dem Flehenden um. »O Lätitia, nur eine Viertelstunde Gehör gewährt mir. Heute – jetzt sind wir unbemerkt in dem Gewühl – eine flüchtige Viertelstunde nur. Mein Leben, meine Seligkeit hängt von der Gewährung ab. Lätitia, ich liebe Euch so sehr, so sehr!« Das Mädchen wiegte nachdenkend den Kopf; wie plötzlich entschieden, erwiderte sie mit scharfer Stimme: »Es sei darum. Verlaßt jetzt das Zimmer. In einer halben Stunde erwartet mich an der Porta Romana, drei Häuser von hier. Geht und seid verschwiegen.« Freudestrahlenden Blickes stammelte der Verführer seinen Dank über diese unverhoffte Gunst und drängte sich durch die Menge dem Stelldichein zu. Mit unaussprechlichem Hohn blickte die Braut dem Abgehenden nach, sprach einige leise Worte mit ihrem Gatten und verschwand wenige Augenblicke darauf mit ihm im Nebengemach. Der Jubel der jungen Männer schallte den Entfliehenden nach. Die Gäste zerstreuten sich allmählich. Mit vor Ungeduld hochschlagendem Herzen harrte der Prinz am Thore. Ein schweres Gewitter zog übel die Ebene; seine falben Gluten spiegelten sich im Meere, erhellten die öde Kampagna mit ihren vereinzelten Pinien und Ruinen und Warttürmen und ließen auf Augenblicke das schon damals zerfallene Stammschloß der Savelli am Fuße des Berges aus der Nacht auftauchen. Düster blickte sein Besitzer in die Tiefe zu seinen Füßen und wandte dann wieder den finsteren Blick auf die Straße und das in Nacht versunkene Häuschen des verhaßten Mario. Die Frist, innerhalb welcher die Braut erscheinen wollte, war bereits verflossen, »Sollte sie mich hintergehen wollen?« murmelte er dumpf in sich hinein. »Woher aber die so schnelle, so willfährige Zusage. Nein, fort mit jedem Zweifel, sie hält Wort, sie erscheint. Schon erkenne ich ihren wehenden Schleier, ihr weißes Busentuch. »Lätitia, meine Geliebte!« – Mit ausgebreiteten Armen eilte er ihr entgegen, preßte sie stürmisch an sein Herz, fühlte sich von nerviger Faust gepackt, und ein Dolch fuhr in seinen Nacken. Stöhnend sank er zu Boden. Als man am folgenden Morgen die Leiche fand, klagte jedermann den bösen Pagnotto, welcher aus gerechter Besorgnis vor gleich blutiger Ahndung über Nacht landesflüchtig geworden war, des Mordes an. Daß Mario Camucci, in die Gewänder seiner Braut vermummt, die That vollbracht haben könne, fiel keinem ein – hatten doch alle den Glücklichen mit seiner schönen Lätitia der Brautkammer zufliegen sehen, wußte doch keiner, welchen Anlaß zur Rache ihm der Ermordete gegeben hatte. Erst auf dem Sterbebette bekannte er sein Verbrechen.