Die Schelmenkappe Zeichnungen von Hans von Volkmann (1860-1927) Gute Schwänke, lustige Geschichten und herzhafte Worte aus den Schriften des ehrenfesten Johann Peter Hebel und vieler anderer deutscher Erzähler gesammelt von Carl Ferdinands Die Wachtel J. P. Hebel Zwei wohlerzogene und ehrbare Nachbarn lebten sonst miteinander immer in Frieden und Freundschaft, jetzt zwar auch noch, aber einer von ihnen hatte eine Wachtel. Zu ihm kommt endlich der Nachbar und sagt: »Freund, begreift Ihr nicht, daß mir Euer Lärmenmacher, Euer Tambour da, sehr ungelegen sein kann, wenn ich morgens noch ein Stündlein schlafen möchte, und daß Ihr Euch unwert macht bei der ganzen Nachbarschaft?« – Ihm erwiderte der Nachbar: »Ich begreife das Gegenteil. Ist's nicht aller Ehren wert, daß meine Wachtel der ganzen Nachbarschaft den Morgen umsonst ansagt und die Gesellen weckt, auch sonst Kurzweil macht, und ich trage die Atzungskosten allein?« Als alle Vorstellungen nicht verfangen wollten, und die Wachtel immer früher schlug und immer heller, kommt endlich der Nachbar noch einmal und sagt: »Freund, wär' Euch Eure Wachtel nicht feil?« Der Nachbar sagt: »Wollt Ihr sie tot machen?« – »Das nicht,« erwiderte der andere. – »Oder fliegen lassen?« – »Nein, auch nicht.« – »Oder in eine andere Gasse stiften?« – »Auch das nicht, sondern hier vor meine Fenster will ich sie stellen, damit Ihr sie auch noch hören könnt alle Morgen.« Der Nachbar merkt nichts, denn er war nicht der Klügere von beiden. »Ei,« dachte er, »wenn ich sie vor deinem Fenster umsonst hören kann und bekomme noch Geld dazu, so ist's besser.« – »Ist sie auch ein Zweiguldenstück wert?« fragte der Nachbar. Der Nachbar dachte zwar, es sei viel Geld, doch soll's ihm nicht verloren sein, und noch in der nämlichen Stunde wurde die Wachtel umquartiert. Am andern Morgen, als sie ihren vorigen Besitzer aus dem Schlafe erweckte, und er eben denken wollte: »Ei, meine gute Wachtel ist auch schon munter,« – halbwegs des Gedankens fällt's ihm ein: »Nein, es ist meines Nachbars Wachtel,« – »das undankbare Vieh,« sagte er endlich am dritten Morgen, »ein Jahr lang hat sie bei mir gelebt und gute Tage gehabt, und jetzt hält sie es mit einem andern und lebt mir zum Schabernack. – Der Nachbar sollte verständiger sein und bedenken, daß er nicht allein in der Welt ist, wenigstens in der Stadt.« Nach mehreren Tagen aber, als er vor Verdruß es nimmer aushalten konnte, redete er hinwiederum den Nachbar an: »Freund,« sagte er, »Eure Wachtel hat in der vergangenen Nacht wieder einen kurzen Schlaf gehabt.« – »Es ist ein braver Vogel,« erwiderte der Nachbar, »ich habe mich nicht daran verkauft.« – »Er ist recht brav worden in Eurem Futter,« fuhr jener fort. »Was verlangt Ihr Aufgeld, daß er Euch wieder feil werde!« Da lächelte der andere und sagte: »Wollt Ihr sie vielleicht tot machen?« – »Nein.« – »Oder fliegen lassen?« – »Das auch nicht.« – »Oder in eine andere Gasse vermachen?« – Auch das nicht. Aber an ihren alten Platz will ich sie wieder stellen, wo Ihr sie ja ebensogut hören könnt, wie an ihrem jetzigen.« – »Freund,« erwiderte ihm hierauf der Nachbar, »vor Euer Fenster kommt die Wachtel nimmermehr, aber gebt mir meine zwei Gulden wieder, so laß ich sie fliegen!« Der Nachbar dachte bei sich: »Wohlfeiler kann ich sie nicht los werden, als für eigenes Geld.« Also gab er ihm die zwei Gulden wieder; und die Wachtel flog. Wie man aus Barmherzigkeit rasiert wird J. P. Hebel In eine Barbierstube kommt ein armer Mann mit einem starken schwarzen Bart, und, statt eines Stückleins Brotes, bittet er, der Meister soll so gut sein und ihm den Bart abnehmen, um Gottes willen, daß er doch auch wieder aussehe, wie ein Christ. Der Meister nimmt das schlechteste Messer, das er hat, denn er dachte: »Was soll ich ein gutes stumpf dran hacken für nichts und wieder nichts?« Während er an dem armen Teufel kratzt und schabt, und der darf nichts sagen, weil der Schinder es ihm doch umsonst tut, heult der Hund auf dem Hofe. Der Meister fragt: »Was fehlt dem Mopper, daß er so winselt und heult?« Der Gesell sagt: »Ich weiß es nicht!« Der Lehrjunge sagt: »Ich weiß es auch nicht!« Der arme Teufel unter dem Messer aber sagt: »Er wird vermutlich auch um Gottes willen barbiert, wie ich!« Der falsche Edelstein J. P. Hebel In einem schönen Garten vor Strasbourg, vor dem Metzgertor, wo jedermann für sein Geld hineingehen und lustig und honett sein darf, da saß ein wohlgekleideter Mann, der auch sein Schöpplein trank, und hatte einen Ring am Finger mit einem kostbaren Edelstein, und spiegelte den Ring. So kommt ein Jude und sagt: »Herr, Ihr habt einen schönen Edelstein in Eurem Fingerring, dem wär' ich auch nicht feind. Glitzert er nicht wie das Urim und Thummim in dem Brustschildlein des Priesters Aron?« Der wohlgekleidete Fremde sagte ganz kurz und trocken: »Der Stein ist falsch; wenn er gut wäre, steckte er wohl an einem andern Finger, als an dem meinigen.« Der Jude bat den Fremden, ihm den Ring in die Hand zu geben. Er wendet ihn hin, er dreht ihn her, dreht den Kopf rechts, dreht den Kopf links. »Soll dieser Stein nicht echt sein?« dachte er und bot dem Fremden für den Ring zwei neue Dublonen. Der Fremde sagte ganz unwillig: »Was soll ich Euch betrügen? Ihr habt es schon gehört, der Stein ist falsch.« Der Jude bittet um Erlaubnis, ihn einem Kenner zu zeigen, und einer, der dabei saß, sagte: »Ich stehe gut für den Israeliten, der Stein mag wert sein, was er will.« Der Fremde sagte: »Ich brauche keinen Bürgen, der Stein ist nicht echt.« In dem nämlichen Garten saß damals, an einem andern Tisch, auch der Hausfreund mit seinen Gevatterleuten und waren auch lustig und honett für ihr Geld, und einer davon ist ein Goldschmied, der's versteht. Einem Soldaten, der in der Schlacht bei Austerlitz die Nase verloren hatte, hat er eine silberne angesetzt und mit Fleischfarbe angestrichen, und die Nase war gut. Nur einblasen einen lebendigen Odem in die Nase, das konnte er nicht. Zu dem Gevattermann kommt der Jude. »Herr,« sagte er, »soll dieses kein echter Edelstein sein? Kann der König Salomon einen schöneren in der Krone getragen haben?« Der Gevattermann, der auch ein halber Sternseher ist, sagte: »Er glänzt wie am Himmel der Aldebaran. Ich verschaffe Euch neunzig Dublonen für den Ring. Was Ihr ihn wohlfeiler bekommt, ist Euer Schmus.« Der Jude kehrt zu dem Fremden zurück. »Echt oder unecht, ich gebe Euch sechs Dublonen,« und zählt sie auf den Tisch, funkelnagelneu. Der Fremde steckte den Ring wieder an den Finger und sagte jetzt: »Er ist mir gar nicht feil. Ist der falsche Edelstein so gut nachgemacht, daß Ihr ihn für einen rechten haltet, so ist er mir auch so gut,« und steckte die Hand in die Tasche, daß der lüsterne Israelit den Stein gar nicht mehr sehen sollte. – »Acht Dublonen.« – »Nein.« – »Zehn Dublonen.« – »Nein.« – »Zwölf – vierzehn – fünfzehn Dublonen.« – »Nun denn,« sagte endlich der Fremde, »wenn Ihr mir keine Ruhe lassen und mit Gewalt wollt betrogen sein. Aber ich sage es Euch, vor allen diesen Herren da, der Stein ist falsch, und ich gebe Euch kein gut Wort mehr dafür. Denn ich will keinen Verdruß haben. Der Ring ist Euer.« Jetzt brachte der Jude voll Freude dem Gevattermann den Ring. »Morgen komm' ich zu Euch und hole das Geld.« Aber der Gevattermann, den noch niemand angeführt hat, machte ein paar große Augen. »Guter Freund, das ist nicht mehr der nämliche Ring, den Ihr mir vor zwei Minuten gezeigt habt. Dieser Stein ist Zwanzig Kreuzer wert zwischen Brüdern. So macht man sie in Sankt Blasien, in der Glashütte.« Denn der Fremde hatte wirklich einen falschen Ring in der Tasche, der völlig wie der gute aussah, den er zuerst am Finger spiegelte, und während der Jude mit ihm handelte und er die Hand in der Tasche hatte, streifte er mit dem Daumen den echten Ring vom Finger ab und steckte den Finger in den falschen, und den bekam der Jude. Da fuhr der Betrogene, als wenn er auf einer brennenden Rakete geritten wäre, zu dem Fremden zurück: »Au waih, au waih! ich bin ein betrogener Mann, ein unglücklicher Mann, der Stein ist falsch.« Aber der Fremde sagte ganz kaltblütig und gelassen: »Ich hab' ihn Euch für falsch verkauft. Diese Herren hier sind Zeugen. Der Ring ist Euer. Hab' ich Euch ihn angeschwätzt, oder habt Ihr ihn mir abgeschwätzt?« Alle Anwesenden mußten gestehen: »Ja, er hat ihm den Stein für falsch verkauft, und gesagt, der Ring ist Euer.« Also mußte der Jude den Ring behalten, und die Sache wurde nachher unterdrückt. Die betrogenen Zecher J. P. Hebel Zwei Zechbrüder besuchten oft, eine Stunde weit, einen Freund aufs Mittagessen, weil er guten Neuen hatte und nicht geizig damit war. An seinem Geburtstage, als sie wiederkamen, hatte jeder vorher einen Hering gegessen, wegen dem Durst, und schwitzten Tropfen wie Haselnüsse; denn es war am 8. August, Zyriak hieß er, da dachte der Herr Zyriak: »Ich will doch einmal sehen, ob ich der gute Freund bin, oder mein Wein.« Also nahm er den einen vor dem Essen auf die Seite und sagte: »Gevatter, tut mir den Gefallen, und helft mir den Apotheker (das war der andere) unter den Tisch trinken. Wir wollen gelbgefärbtes Wasser trinken, und Ihr müßt fleißig mit ihm anstoßen auf den Zyriak, immer einen Ganzen!« Das war dem Gevatter recht. Drauf nahm er den Apotheker auf die Seite und sagte: »Helft mir heute meinen Gevattermann zudecken!« und tat ihm den nämlichen Vorschlag. Dem Apotheker war's auch recht, und jeder dachte, das gibt einen Spaß. Also tranken sie miteinander sieben Maß Wasser, Durlacher Eich, über der Mahlzeit und noch drei Maß stehenden Fußes auf viel nachfolgende. Als er ihnen die vierte einschenken wollte, sagte der Gevattersmann: »Ich kann nimmer, er ist mir zu stark!« Der Apotheker sagte: »Ich kann auch nimmer. Ich muß noch Süßholz kochen, wenn ich heimkomme!« Doch nahmen sie noch eins zur schuldigen Danksagung. Unterwegs sagte der Gevatter des Zyriak: »Apotheker, heut' habt Ihr ein Meisterstück gemacht, ich kann nicht begreifen, wie Ihr noch aufrecht gehen könnt!« Der Apotheker sagte: »Mich wundert, daß Ihr nicht blindhagelvoll seid!« »So,« sagte der Gevattersmann, »drum hab' ich Wasser getrunken!« Da gingen dem Apotheker die Augen auf, und er sagte: »Ich auch!« Da gingen dem Gevattersmann auch die Augen auf. Das Examen Karl Stoeber Es war einmal ein Professor, der ging mit keinem Dinge sparsamer um, als mit der Zeit. Hatte er es den Studenten abgelernt oder den Weiblein, wenn sie auf dem Markte beisammen stehen und von einem auf das andere kommen, weiß ich nicht. Kurz, der Professor pflegte vor dem Aufstehen jeden Tag nach seinem Kopfe abzuzirkeln. Als, zum Exempel, eines Jahres der Medardi-Tag (8. Juni) graute, sprach er bei sich selber: Von fünf bis acht Uhr schreibe ich an meinem Buche von den schlafenden Pflanzen, darauf laß ich mir meinen Zopf binden und lese dabei in Rösel's Insektenbelustigungen: dann gehe ich in den botanischen Garten und bleibe daselbst bis um zehn Uhr, weil ich den neuen Gärtner einweisen muß; von zehn bis zwölf Uhr lese ich meine zwei Kollegien über die Zergliederung und die Bestandteile der Gewächse: von zwölf bis ein Uhr wird gegessen und dazu die Zeitung gelesen oder andere leichte Ware: sodann geht's in die Universitätsbibliothek und von da auf das Erlensteger Ried; den Rest des Tages aber bring ich in der Abendgesellschaft bei Hofrat Huflattig zu. So zirkelte der Professor den Medardustag ab, von einer Stunde zur andern. Und es wäre nichts dagegen zu sagen, wenn er hinzugesetzt hätte: »Salva ratificatione« , das ist verdolmetscht: So Gott will und der Herr mir nichts Besseres zu tun schickt. Aber wenn er einmal anfing, bei sich selber zu sagen: Ich will, ich muß, ich werde, war er wie alle Gelehrten und ungelehrten Leute, welche die Zeche ohne den Wirt machen. Doch ging alles recht gut. Er schrieb einen ganzen Bogen an dem Buche von den schlafenden Pflanzen. In dem Rösel las er zwei Seiten, die zusammen so lang waren wie sein Zopf, und als er schon seinen Stock in der Hand hatte, um sich in den botanischen Garten zu verfügen, kam zwar ein kleines, schmächtiges Studentlein und bat um ein Zeugnis, entfloh aber sogleich wieder, als der Professor ungehalten erwiderte: »Jetzt hab' ich keine Zeit, Ihn zu examinieren, frag Er nur in zwei oder drei Tagen wieder an.« Und so ging es weiter, durch den botanischen Garten in die Kollegien und von dem Mittagstisch durch die Säle der Bibliothek auf das Erlensteger Ried, ohne allen Anstoß und Aufenthalt, wie bei dem Zeiger am Turme, wenn die Uhr aufgezogen ist, und keine Fledermaus oder anderes dergleichen Ungeziefer in das Räderwerk fällt. Das Ried aber ist noch heutigestags ein böser Sumpf. Leichter geht die Fliege über die dünnste Haut auf der Milch, als des Menschen Fuß über dieses Moor. – Büschel von Gras und Binsen bilden darin Inseln ohne Zahl. Zwischen denselben steht braunes Wasser oder ein schwarzer, bodenloser Brei. Der schreiende Kiebitz fliegt lustig über dies alles hin und her, und seine Jungen finden leicht, wo ihr Fuß ruhen kann. Der Professor aber mußte von einem Inselein auf das andere hüpfen und glich dem Schiffbrüchigen auf der Ostsee, der von einer Eisscholle auf die andere springt und auf keiner länger verweilt, als bis sie sich unter seinem Tritte in die grüne Flut taucht. Die Bauern von Erlensteg aber, welche auf zwei Seiten aus dem Walde hervorkamen, hielten den Professor für den Räuberhauptmann Hildebrand, wider den sie mit Prügeln und etlichen alten Flinten ausgezogen waren, und griffen ihn, ob er sich gleich mit vielen Worten wehrte und nicht verschwieg, daß er ein Gelehrter sei und an den Einbrüchen in der Umgegend so wenig teil habe, als der Hahn auf dem Kirchturme. Die guten Leute meinten, er lüge. Denn er sah aus, als komme er nicht von dem Lehrstuhle her, sondern von dem Querbalken, daran das Halsgeschmeide von Hanf noch lange hängen bleibt, wenn der, der es trug, mit seinem Fleische die Raben gespeist hatte. Sein Hut war von Stroh, und die Krempen waren nicht aufgeschlagen, sondern hingen herab, als sollten sie das Gesicht darunter, nicht allein gegen die Sonne decken, sondern auch gegen das scharfe Auge der Obrigkeit. Seine Binde hatte er nicht um den Hals, sondern in der Tasche, und seine Stiefel sahen aus wie bei den Leuten, die von einer Schuhbürste gerade so viel wissen wie der Bär, wenn er sich von seinem Winterschlaf erhebt, von einem Kamm. Weil aber der Professor auf dem ganzen Wege nach Erlensteg fort und fort behauptete, er sei nicht der Hildebrand, sondern ein Gelehrter, und das breite Messer in seiner Seitentasche sei kein Mordinstrument, sondern ein Ding, damit man die Pflanzen samt ihren Wurzeln und Zwiebeln ausheben könne, so führten ihn die Bauern zu ihrem Schulmeister und begehrten, daß er ihren Arrestanten examiniere und ihnen dann sage, ob er ein Gelehrter sei oder nicht. Der saß gerade an seinem Federknecht und schnitt oder besserte die Kiele daran und gab diesem einen breiten und jenem einen kurzen, dem einen langen und jenem einen spitzigen Schnabel, danach der Schreiber war, für den er gehörte. Ließ sich auch in seinem guten Werke nicht stören, sondern drückte nur seine Brille etwas fester auf die Nase und fragte den vermeintlichen Übeltäter: »Wie lange brauchen Sonne, Mond und Sterne, bis sie einmal um die Erde herumkommen?« Der Professor antwortete nicht sogleich auf diese Frage, sondern sprach bei sich selbst: Sage ich kurzweg vierundzwanzig Stunden, so hält mich der Schulmeister für einen ABC-Schützen, der nicht weiß, daß die Sonne auf einem Flecke stehen bleibt und die Planeten um sie herumlaufen. Sage ich aber, die Sonne steht still und die Erde geht um sie herum, so lachen mich die Bauern aus, weil sie, von Kindesbeinen an, das Gestirn des Tages, von einem Ende des Himmels zum andern, wandeln sehen und nicht glauben können, daß es anders sei. Aber der Professor konnte sich nicht lange besinnen, denn hinter ihm stand der Armenpfleger. Der pflegte, da er zu seiner Zeit in die Schule ging, seinem Nachbar zur Rechten oder zur Linken mit dem Ellenbogen in die Seite zu stoßen, wenn der Lehrer gefragt hatte, und der Gefragte mit der Antwort nicht sogleich bei der Hand war. Und dem Professor machte er es nun geradeso. Er gab ihm einen solchen Puff von hinten, daß er, ohne sich länger zu besinnen, antwortete: »Die Sonne geht nicht um die Erde, sondern umgekehrt, die Erde geht um die Sonne.« Darüber schüttelte der alte Schulmeister den Kopf und sprach: »Der will's auch besser wissen, als der grundgelehrte Ptolemäus, der in seiner Sternkunde schreibt, daß Sonne, Mond und Sterne um die Erde herumgehen.« Dann aber fuhr er in seinem Examen fort und fragte: »Wie muß man sich für eine Sonnenfinsternis fürsehen?« Der Professor, der die Erinnerung seines Hintermannes nicht antworten wollte, erwiderte unverzüglich: »Man muß Gläser schwarz anlaufen lassen, damit man in die Sonne sehen kann.« Darüber lachten aber die Bauern, und einer unter ihnen rief: »O dummes Zeug und kein Ende! Die Brunnen muß man zudecken, daß der böse Tau nicht hineinfällt.« Der Schulmeister nickte seinem gewesenen Schüler Beifall zu. Dann warf er auf seinen Examinanden einen verächtlichen Blick und fragte weiter: »Wo hat Europa seinen Mund?« Der Gelehrte legte zwar auf diese Frage den Zeigefinger seiner linken Hand, der Länge nach, über die Nase und drückte das linke Auge fest zu, wie einer, der nach der rechten Antwort zielt: aber weiter brachte er es nicht. Dagegen rief es aus einer Ecke der Schulstube: »Hispania ist der Mund von Europa, durch welchen alle Reichtümer der neuen Welt gehen und sich den anderen Teilen des Leibes mitteilen.« Denn auf das Gerücht, daß der Hildebrand gefangen sei und von dem Schulmeister ins Verhör genommen werde, waren indes viele Knaben in die Schule gekommen, und unter ihnen auch derjenige, der erst bei der letzten Prüfung, wegen seiner gut einstudierten und herzhaften Antworten, von dem Pfarrer einen neuen Kreuzer empfangen hatte. Der Schulmeister freute sich seines Zöglings und setzte sein Examen fort mit der Frage: »Wo sind die Bratwürste erfunden worden?« Der Professor antwortete ärgerlich: »Der Henker mag das wissen!« Aber die Knaben, die hinter den Bauern auf der Schultafel standen, erhoben wie ein Mann ihre Finger, damit anzudeuten, daß sie alle zur Antwort bereit wären. Und Maiers Johann, den der Schulmeister wählte, rief, über den Schächer vor ihm triumphierend: »Zu Cremona in Italien, allwo auch die besten Geigen in der Welt gemacht werden.« Der Schulmeister gab seine Zufriedenheit über die Antwort damit zu erkennen, daß er sein kahles Haupt etwas senkte. Dann steckte er die frisch geschnittenen Kiele in den Federknecht und sagte dabei zu dem Gelehrten: »Sieht Er, hätte Er in seiner Schule etwas gelernt, und wäre Er nicht von Jugend auf ein Taugenichts gewesen, so dürfte Er jetzt nicht vor diesen Schulknaben dastehen, wie die Butter in der Sonne. Doch wir wollen weiter sehen. – Sag Er uns: Wo ist so altes und dürres Eis zu finden, daß es brennt?« Auf diese Frage machte der gelehrte Mann ein Gesicht, als wäre er selbst eingefroren und antwortete nichts. Sein Examinator aber wurde verdrießlich und wendete sich nun, um den armen Schacher, der sich für einen Gelehrten ausgab, vollends zu beschämen, an seinen eigenen fünfzehnjährigen Sohn, der nach ihm Schulmeister in Erlensteg werden sollte, wie er es selbst nach seinem Vater und Großvater geworden war. Die Fragen von ihm und die Antworten seines Sohnes folgten aber ungefähr so aufeinander, und zwar Schlag auf Schlag, daß meistens, zwischen der Frage und der Antwort, kein Augenblick verlief, geschweige denn mehr. Vater: »Wo findet man so altes und dürr gewordenes Eis, daß es brennt?«–Sohn: »Auf der Insel Island, wo man sogar altes und dürres Eis findet, das man wie Holzklötze beim Feuer anzünden und verbrennen kann.« – Vater: »Wo kauft man die Butter nach der Elle?« – Sohn: »Butter ist auch in Hispania nicht wohl zu bekommen, und pflegen sie dieselbe nicht in Tonnen, sondern in Schweinedärmen zu verwahren, daher man daselbst die Butter bei Ellen zu kaufen pflegt.« – Vater: »Wo ist der Stein des Erzvaters Jakob?« – Sohn: »In einer Kirche zu London, Westminster genannt, welche die größte in der ganzen Welt sein soll, und wird, unter anderen Kuriositäten, auch der Stein gezeigt, welcher dem Erzvater Jakob zum Hauptkissen gedienet.« – Vater: »Wo muß man so viele Katzen halten, als Kammern im Hause sind?« – Sohn: »In Sardinien, woselbst Ratzen in abscheulicher Menge sind, daher die Sardinier, auf Befehl des Königs von Spanien, so viel Katzen halten müssen, als Kammern im Hause sind.« – Vater: »Woher hat Straßburg seinen Namen?« – Sohn: »Von der breiten Straße, welche der König Attila durch die Stadt machte, als er aus Frankreich nach Deutschland zog.« – Vater: »Wo braucht man die Wagenschmiere nicht zu machen?« – Sohn: »Zu Weißenburg in Siebenbürgen, bei welcher Stadt aus einer lebendigen Quelle pure Wagenschmiere hervorquillt und auch dafür verbraucht wird.« Kurz, und wie oben schon erwähnt, der Schulmeisterssohn, so jung er auch noch war, bestand aufs beste in dem Examen, während der Professor jede Antwort schuldig blieb. Die Bauern glaubten daher auch Beweis genug zu haben, daß er kein Gelehrter sei und beschlossen, ihn dem Schwerte der Gerechtigkeit zu übergeben. Der Ortsvorsteher befahl dem Gemeindediener, den Schlüssel zu dem Turme in der Kirchhofmauer zu holen und dem vermeintlichen Hildebrand sein Nachtquartier, bis auf weiteres, anzuweisen. Dieser Befehl ging dem Schulmeister zu Herzen. Er konnte immer noch nicht glauben, daß das stubenfarbige Männlein mit seiner hochdeutschen Sprache der Hildebrand wäre, sondern sprach bei sich selbst: »Ich will es mit ihm doch aus der Bibel versuchen. Ist er auch kein Gelehrter, wie er, vielleicht nur in seines Herzens Angst, vorgewendet hat, so kann er doch sonst ein christlicher Mann sein. Die Bauern ließen sich auch die Fortsetzung des Examens gefallen, weil sie Vergnügen daran fanden und nichts zu versäumen hatten. Der Schulmeister wollte es dem Professor leicht machen und fragte: »Wo war die Höhle, darin fünf große Herren, wie eingemauerte Füchse, beisammen saßen?« Ja, er machte es wie bei einem Schüler, dem man durchaus helfen möchte und rief ihm etlichemal zu: »Ma – Ma – Ma –« (Makeda, vgl. Jos. 10, 16). Da es aber auch so nicht gehen wollte, wurde er selbst über den armen Schächer zornig und rief, um ihn noch mehr zu beschämen, den kleinen David, der eben mit den Erlensteger Schafen von der Weide gekommen war, herein, und setzte mit ihm das Examen folgendermaßen fort: Schulmeister: »Wer hat, in einem Odenzug, den Apostel des Herrn einen Tollhäusler und einen großen Gelehrten geheißen?« David: »Der Landpfleger Festus, da er mit lauter Stimme sagte: »Paule, du rasest; die große Kunst, d. i. die große Gelahrtheit, macht dich rasend.« (Apg. 26, 24). Schulmeister: »Wer hat Schellen getragen und war doch kein Narr?« David: »Aaron, der Hohepriester in Israel, nach dem Worte: »Und unten an seinem Saum sollst du Granatäpfel machen von Blau, Purpur und Scharlach, um und um, und zwischen dieselben goldene Schellen auch um und um, daß eine goldene Schelle sei, danach ein (2. Mos. 28, 33, 34.) Schulmeister: »Von wem wurde der Tod gekocht, aber nicht gegessen?« David: »Von den Kindern der Propheten, da sie von dem Gemüse aßen und schrien: ›O Mann Gottes, der Tod im Topf!‹« (2. Kön. 4, 40.) So fragte der Schulmeister und antwortete der kleine David noch länger. Aber dem Gemeindediener wurde es zu lange, und er ging, die Schlüssel zu dem Turme an der Kirchhofmauer zu holen, einen verächtlichen Blick auf den Professor werfend, der neben dem Knaben mit der Hirtentasche stand, wie ein ungelehrter Heide, neben dem Sohne Isais. Auch dem freundlichen Leser wird es in der niederen Schulstube zu eng, und er geht mit dem Erzähler gern auf das Erlensteger Ried zurück. Über das Ried auf einem schmalen Fußwege, der die höheren Stellen des Sumpfes sucht, schritt der ältere von den beiden Söhnen des Schulmeisters; das nämliche Studentlein, welches der Professor am Morgen so schnöde abgewiesen hatte. Er schwebte über das Moor hin, wie ein Schatten, den viele Fasttage, eine lange Reihe halbdurchwachter Nächte, Frost und Blöße von dem sonst blühenden Leibe des Jünglings übrig gelassen hatten. Seine feinen Haare waren etwas aus der ängstlichen Ordnung gekommen, in der sie sonst gehalten wurden; auf seinem Gesichte lag Totenblässe, als würde es nicht von der untergehenden Sonne, sondern von angezündetem Spiritus beleuchtet. Seine Hände waren rot und angelaufen von der ungeheizten Stube, in der er schon zwei harte Winter zugebracht hatte; an seinem Überrocke waren keine vier Knöpfe, die nicht schon zweimal frisch überzogen worden wären. Und doch hatten sie nicht viel zu halten. Denn das alte Kleid hing um seine Lenden fast wie die Ärmel daran um seine dünnen Arme. Seine Augen gingen zuweilen von einer fehlgeschlagenen Hoffnung über. Denn seine Mittel zum Weiterstudieren waren nun bis auf den alleruntersten Heller erschöpft, und vor seine letzte Aussicht auf Unterstützung, schien eine eiserne Falltüre getreten zu sein. Ein Kaufmann in N. nämlich hatte ein Stipendium zu vergeben und es in dem Anzeiger der Reichsstadt ausgeschrieben. Dieses Blatt kam dem Sohne des Schulmeisters erst spät in die Hand, doch noch zeitig genug. Aber er war von dem Professor, von dem er ein Zeugnis zu seiner Meldung unumgänglich nötig hatte, drei Tage hintereinander abgewiesen worden, weil die kleine Prüfung, die der Ausstellung des Attestes vorausgehen mußte, niemals auf der Zeiteinteilung stand, die er sich am Morgen für den angebrochenen Tag gemacht hatte. Und mit den Abendstunden des heutigen Tages lief der Termin ab, den der Kaufmann gesteckt hatte. Als daher das Studentlein auf die Schwelle der Schulstube seines Vaters trat, war sein Herz das Schwerste an ihm. Aber es wurde bald so leicht wie die Schwalbe, die sich über das Alpengebirge weghebt und dann das schöne, warme Mittagland vor sich hat. Sein Zeugnis und die große Ehrfurcht, damit er dem berühmten Manne näher trat, erlösten den Professor aus der Hand der Bauern. Sie gingen alsbald ab, einer nach dem andern. Aber draußen vor der Tür schüttelten sie die Köpfe. Denn sie begriffen nicht, wie einer, der nicht wert sei, daß er des Schulmeisters Johann und dem kleinen David die Schuhriemen auflöse, auf dem Lehrstuhl sitzen könne. Der Gelehrte aber wollte gegen seinen Erretter nicht undankbar sein. Er ließ das Schweizerwäglein des Wirts von Erlensteg vor das Schulhaus kommen und fuhr mit dem Studentlein nach Giebelstein zurück und sagte ihm beim Aussteigen an der Haustür, er sollte morgen früh Punkt acht Uhr wiederkommen. Und als der andere Tag graute, sprach der Professor, der, beiläufig gesagt, ein Bruder des Kaufmanns in R. war, bei sich selbst: »Von fünf bis acht Uhr schreib' ich an meinem Buche über die schlafenden Pflanzen. Um acht Uhr fahr ich mit dem Schulmeisterssohn nach R. und stelle ihn meinem Bruder vor. Denn es ist gewiß keiner in der Welt so dürftig und würdig, ein Stipendium zu empfangen, als er. Und wenn ich wieder heimgekommen bin, gehe ich noch zu seiner Magnifizenz, dem Prorektor, und besorge dem Studentlein einen Freitisch, damit er sich doch des Tags wenigstens einmal satt essen kann, 8alva ratificatione . Der freundliche Leser weiß aber schon, was dieses lateinische Wort zu bedeuten hat, und der Erzähler darf ihm daher nur noch berichten, daß der liebe Gott nichts gegen den Vorsatz des Professors hatte, daß der Kaufmann und die Magnifizenz ja sagten, und daß aus dem Studentlein ein berühmter Arzt geworden ist, der alles liegen und stehen ließ, wenn er helfen sollte, ob er gleich auch seine Tage so scharf abgeteilt hatte, wie der Uhrmacher sein Zifferblatt. Die Schmähschrift J. P. Hebel Als bekanntlich ein Pasquill oder Schmähschrift auf den König Friedrich in Berlin an einem öffentlichen Platz angeheftet wurde, und sein Kammerdiener ihm davon die Anzeige machte: »Ihro Majestät,« sagte der Kammerdiener, »es ist Ihnen heute nacht eine Ehre widerfahren, das und das. Alles hab' ich nicht lesen können, denn die Schrift hängt zu hoch. Aber was ich gelesen habe, ist nichts Gutes.« Da sagte der König: »Ich befehle, daß man die Schrift tiefer hinabhänge und eine Schildwache dazu stelle, auf daß jedermann lesen kann, was es für ungezogene Leute gibt.« Nach der Hand geschah nichts mehr. Nicht ebenso dachte der Amtsschreiber von Brassenheim. Denn Brassenheim ist ein Amtsstädtlein. Als ihm eines Morgens ein Pasquill ins Haus gebracht wurde, die jemand mit Teig in der Nacht an die Haustüre geklebt hatte, wurde er ganz erbost und ungebärdig, fluchte wie ein Türk im Haus herum und schlug der unschuldigen Katze ein Bein entzwei, daß die Frau Amtsschreiberin ganz entrüstet wurde und fragte: »Bist du verrückt, oder was fehlt dir?« Der Amtsschreiber sagte: »Da lies! Du hast deinen Teil auch darin,« Als das die losen Vögel erfuhren, welche die Schandschrift angeklebt hatten, daß der Herr Amtsschreiber also im Harnisch sei, hatten sie ihre große Freude daran und sagten: »heute Nacht tun wir's wieder.« Den zweiten Morgen, als ihm die neue Schandschrift gebracht wurde und ein Rezept für lahmgeschlagene Katzen darin, ward er noch viel wütender und warf Tische und Stühle zusammen, ja er schrieb mit eigener Hand einen zornigen Bericht darüber an den regierenden Grafen, ob er gleich niemand nennen konnte, und als er ihn geschrieben hatte und den Sand darauf streuen wollte, ergriff er in der Raserei statt der Sandbüchse das Tintenfaß und goß die Tinte über den Bericht und über die weißtuchenen Amtshosen. Am Abend aber sagte er zu seinem Bedienten: »Hansstoffel,« sagte er, »vigiliere heute nacht um das Haus herum, bis der Hahn kräht, und wenn du den Kujon attrappierst, so bekommst du einen großen Taler Fanggeld. Ich will sehen,« sagte er, »ob ich mir soll auf der Nase herumtanzen lassen.« Etwas nach elf Uhr kam der Stoffel von seinem Posten herauf, und der Herr Amtsschreiber war auch noch auf, auf daß, wenn der Stoffel den Pasquillmacher brächte, daß er ihn gleich auf frischer Tat erstechen könnte. »Herr Amtsschreiber,« sagte der Stoffel, »ich will nur melden, daß heute nacht nichts passiert ist, wenn Sie mir erlauben, jetzt ins Bett zu gehen. Alle Lichter im Städtlein sind ausgelöscht, die Wirtshäuser sind leer, die zwei Letzten sind nach Haus gegangen, und des Wagner-Mattheisen Hahn hat zweimal hintereinander gekräht, es wird wohl morgen auch wieder einmal regnen.« Da fuhr ihn der Amtsschreiber wie ein betrunkener Heide an: »Dummes Vieh, auf der Stelle begib dich auf deinen Posten, bis der Tag aufgeht, oder ich schlage dir das Gehirn im Leibe entzwei,« sagte er im unvernünftigen Zorn. Der geneigte Leser denkt: Was gilt's, während der Stoffel bei dem Amtsschreiber war, ist das dritte Pasquill auch angepappt worden, und wenn er herabkommt, findet er es jetzt. Nichts weniger. Sondern als der Stoffel im Fortgehen bereits an der Stubentür war und der Amtsschreiber ihm noch einmal nachsah, »Hansstoffel,« rief er ihm, »komm noch ein wenig daher!« – Der Stoffel kam. »Dreh dich um! Was hast du da auf dem Rücken?« »Wills Gott, keinen Galgen,« sagte der Stoffel. »Nein, vermaledeiter Dummkopf, aber wahrscheinlich ein Pasquill.« – Wie gesagt, so erraten; der Stoffel trug das dritte Pasquill bereits auf den Rücken geklebt, und standen darin noch viel mutwilligere Dinge, als in dem ersten und zweiten, und unter anderem auch ein Rezept, Tintenflecke aus den Amtshosen zu bringen. Dies war so zugegangen. Als der Stoffel noch vor dem Haus gesessen war, kamen zwei lose Gesellen heran, und einer von ihnen hatte schon das dritte Pasquill auf der flachen Hand liegen, also daß die beschriebene Seite des Papiers gegen die Hand hinein lag, die äußere Seite aber war mit Teig bestrichen, daß er im Vorbeigehen die Schrift nur an die Türe hätte drücken dürfen. Als sie aber den Bedienten des Amtsschreibers vor der Türe sitzen sahen, und alle Leute kannten den Stoffel, aber nicht alle Leute kannte der Stoffel. »Ei guten Abend,« sagte der eine, »was schafft Er gutes hier, Herr Hansstoffel? Was gilt's, er kann nicht hinein!« Da erzählte er ihnen, warum er da sitzen müsse und bis wann, und wie ihm bereits die Zeit so lange sei, und es komme doch niemand. »Ei,« sagte der eine, »die Lichter im Städtlein sind ausgelöscht und die Wirtshäuser sind leer, und wir zwei sind die Letzten, die heimgehen. Also gehe Er in Gottes Namen ins Bett.« Der andere aber, der das Papier in der flachen Hand hatte, schlug ihm im Fortgehen sanft und freundlich auf den Rücken, daß das Papier am Rocke hängen blieb, und sagte: »Gute Nacht, Herr Hansstoffel, schlaf Er wohl!« »Ebenfalls!« sagte der Stoffel, und als sie um die Ecke herum waren, krähte einer von ihnen zweimal wie ein Hahn. Also brachte der Stoffel dem Amtsschreiber das Pasquill selber auf dem Rücken in die Stube, und der Herr Amtsschreiber prügelte zwar den Stoffel im Zimmer herum und schlug bei dem Ausholen ein paar Spiegel entzwei, aber den Schimpf und Schaden und Zorn mußte er an sich selber haben und brachte nichts heraus. Denn die zwei Spaßvögel sagten: »Der Klügste gibt nach. Jetzt wollen wir's aufgeben, eh es zu bösen Häusern geht,« und jedermann, der davon erfuhr, lachte den Amtsschreiber aus. Merke: Der König von Preußen hat sich in diesem Stücke klüger betragen, als der Herr Amtsschreiber von Brassenheim. Was dem Lehrjungen träumte Volkstümlich In Rudolstadt in der Saalgasse hauste der biedere Schuhmacher Silge, der hatte einen Lehrjungen, dem es auf einen losen Streich mehr oder weniger am Tage nicht ankam. Als die beiden nun eines Morgens in der Werkstatt zusammensaßen und jeder von ihnen mit dem Hammer auf die Stifte schlug, fing der Junge auf einmal an zu lachen, daß er sich die Seiten hielt und sagte zum Meister: »Heute nacht, Meister, habe ich aber einen ganz pudelnärrischen Traum gehabt.« »Du wirst wohl wieder etwas Rechtes geträumt haben,« gab er mürrisch zurück, schaute den Bengel über die Brille an und wischte sich mit dem Hemdärmel die Nase ab. Als nun aber der Kleine schwieg und nur recht spitzbübisch vor sich hingrinste, wurde der Alte doch neugierig und fragte: »Nun, wie war es denn?« Nun fing der andere an und erzählte: »Das ging so zu, ich und der Meister, wir beide mußten über eine große steinerne Brücke, der Meister ging drüben, und ich ging hüben. Unten war aber kein Wasser, sondern wo ich ging, da sah man unten nichts als Schlamm und Morast, und wo Ihr gingt, Meister, da floß unten lauter Honig. Und auf einmal, als wir mitten auf der Brücke waren, um Gottes willen, da plumpsten wir beide herunter, ich in den Schlamm und der Meister in den Honig.« »Siehst du, Junge,« rief da der Meister und tat einen kräftigen Schlag auf die Stifte, »siehst du, so geht es solchen Galgenstricken, die nichts wie lose Streiche im Kopfe haben und ihrem Meister nicht folgen wollen.« »Halt!« lachte da der Junge, »ich bin noch nicht fertig mit meinem Traum, denn wie wir uns nun beide herausgearbeitet hatten und standen wieder auf der Brücke, da mußten wir uns gegenseitig ablecken!« Geschwinde Reise J. P. Hebel Ein italienischer Kaufmann, der auf die Frankfurter Messe reisen wollte, hatte sich in Stuttgart um einen Tag verspätet. Also mußte er die Extrapost anspannen lassen. Er wollte wohl geschwind aus dem Felde kommen, aber mit geringen Kosten. »Postillon,« sagte er, als er sich in das Kaleschlein setzte, »fahr langsam: denn ich sitze nicht nur auf dem Kutschensitz, sondern auch auf einem Blutgeschwür, und meine entsetzliche Kopfwunde, da auf der linken Seite, wirst du wohl sehen.« Eigentlich war sie aber nicht wohl zu sehn. Denn der Kopf war mit einem Tuch verbunden, das zwar blutig aussah, aber unter dem Verband war keine Wunde. »Wenn du recht langsam fährst,« sagte er, »auf der Station soll's dich nicht reuen.« Der Postillon dachte: »Solchen Gefallen kann ich den Rossen tun, und was das Trinkgeld anbelangt, mir auch,« und fuhr so langsam, daß die Pferde selber anfingen, vor langer Weile zu gähnen, was doch selten geschieht. Dennoch schrie der Italiener: »O mein Kopf, o mein Bein! Fahr langsam!« Der Postillon sagte: »Wollt Ihr auf der Straße über Nacht bleiben, so will ich Euch abladen. Ich kann doch nicht ganz so fahren, als ob ich Mist auf den Acker führe. Es geht doch langsam genug!« Aber der Passagier sagte: »Ich schieß dich tot, wenn du nicht langsam fährst.« Auf der Station in Ludwigsburg, als er dem Postillon das Trinkgeld gab, suchte er ein paar schäbige Zwölfer und ein paar verschimmelte Kreuzerlein zusammen, bis es endlich einen halben Gulden ausmachte. Andere gaben einen Gulden oder darüber und, wenns sehr eilig war und es recht in der Tasche klingelte, auch einen Kronentaler. Aber alle Vorstellung des Postillons half nichts. »Hab ich Euch nicht gefahren, wie Ihr's verlangtet?« fragte er. »Nein, du hast mich nicht langsam genug gefahren. Geh zum Henker!« Der Postillon nahm das Geld und dachte: »Lieber wenig als gar nichts. Aber wart,« dachte er, »du bist noch lange nicht in Frankfurt.« Als der Ludwigsburger Postillon die Pferde einspannte, fragte er den Stuttgarter: »Ist der Weg gut?« »Schlecht,« sagte der Stuttgarter und nahm ihn ein wenig abseits. Da sagte er ihm, was für einen wunderlichen und geizigen Passagier er führe, wie ihm noch keiner vorgekommen sei. »Fahr den Ketzer drauf los,« sagte er, »daß die Räder davonfliegen. Er hat drei Löcher im Kopf und sitzt auf drei Blutgeschwüren.« Der Passagier, als der Postknecht aufsah, sagte: »Fahr langsam, Schwager! Es kommt mir auf ein gutes Trinkgeld nicht an.« »Dein Trinkgeld kenn' ich«, dachte der Postillon. »Meine Pferde sind auf gesunde Herrn dressiert,« sagte er; »ich kann sie nicht halten, wenn sie im Lauf sind,« und fuhr drauf los, als wenn die ganze türkische Armee hinter ihm käme. Der Passagier im Kaleschlein bittet, lamentiert und flucht, daß sich der Himmel mit Wolken überzieht. Alles vergeblich! Auf der Station in Besigheim gibt er dem Postillon dreißig Kreuzer, wie dem ersten. »Was bringst du für einen bresthaften Herrn?« »Fahr nur zu,« sagte der Ludwigsburger, »es ist ohnehin nicht mehr viel an ihm,« und sagte dem Besigheimer, was ihm der Stuttgarter erzählt hat, und redet von dreißig Kreuzerlein Trinkgeld. So übergibt ihn einer dem andern, und jeder fuhr mit ihm geschwinder davon, so daß er noch eine Stunde früher nach Frankfurt kam, als nötig war. In Frankfurt sprang er zur Verwunderung und zum Staunen des Postillons kerngesund aus dem Kaleschlein und gab ihm auch dreißig Kreuzer. Zundelfrieder und Genossen J. P. Hebel 1. Die drei Diebe. Der geneigte Leser wird ermahnt, nicht alles für wahr zu halten, was in dieser Erzählung vorkommt. Doch ist sie in einem schönen Buch beschrieben und zu Vers gebracht. Der Zundelheiner und der Zundelfrieder trieben von Jugend auf das Handwerk ihres Vaters, der bereits am Auerbacher Galgen mit des Seilers Tochter kopuliert war, nämlich mit dem Strick; und ein Schulkamerad, der rote Dieter, hielt's auch mit und war der jüngste. Doch mordeten sie nicht und griffen keine Menschen an, sondern visitierten nur so bei Nacht in den Hühnerställen, und wenn's Gelegenheit gab, in den Küchen, Kellern und Speichern, allenfalls auch in den Geldtrögen, und auf den Märkten kauften sie immer am wohlfeilsten ein. Wenn's aber nichts zu stehlen gab, so übten sie sich untereinander mit allerlei Aufgaben und Wagstücken, um im Handwerk weiterzukommen. Einmal im Wald sieht der Heiner auf einem hohen Baum einen Vogel auf dem Nest sitzen, denkt, er hat Eier, und fragte die andern: »Wer ist imstand und holt dem Vogel dort oben die Eier aus dem Nest, ohne daß es der Vogel merkt?« Der Frieder, wie eine Katze, klettert hinauf, naht sich leise dem Nest, bohrt langsam ein Löchlein unten drein, läßt ein Eilein nach dem andern in die Hand fallen, flickt das Nest wieder zu mit Moos und bringt die Eier. – »Aber wer dem Vogel die Eier wieder unterlegen kann,« – sagte jetzt der Frieder, »ohne daß es der Vogel merkt!« Da kletterte der Heiner den Baum hinan, aber der Frieder kletterte ihm nach, und während der Heiner dem Vogel langsam die Eier unterschob, ohne daß es der Vogel merkte, zog der Frieder dem Heiner langsam die Hosen ab, ohne daß es der Heiner merkte. Da gab es ein groß Gelächter, und die beiden andern sagten: »Der Frieder ist der Meister.« Der rote Dieter aber sagte: »Ich sehe schon, mit Euch kann ich's nicht zugleich tun, und wenn's einmal zu bösen Häusern geht und der Unrechte kommt über uns, so ist's mir nimmer Angst für Euch, aber für mich.« Also ging er fort, wurde wieder ehrlich, und lebte mit seiner Frau arbeitsam und häuslich. Im Spätjahr, als die zwei andern, noch nicht lang, auf dem Roßmarkt ein Rößlein gestohlen hatten, besuchten sie einmal den Dieter und fragten ihn, wie es ihm gehe; denn sie hatten gehört, daß er ein Schwein geschlachtet, und wollten ein wenig acht geben, wo es liegt. Es hing in der Kammer an der Wand. Als sie fort waren, sagte der Dieter: »Frau, ich will das Säulein in die Küche tragen und die Mulde drauf decken, sonst ist es morgen nimmer unser.« In der Nacht kommen die Diebe, brechen, so leise sie können, die Mauer durch, aber die Beute war nicht mehr da. Der Dieter merkt etwas, steht auf, geht um das Haus und sieht nach. Unterdessen schleicht der Heiner um das andere Eck herum ins Haus bis zum Bett, wo die Frau lag, nimmt ihres Mannes Stimme an und sagt: »Frau, die Sau ist nimmer in der Kammer.« Die Frau sagt: »Schwätz nicht so einfältig! Hast du sie nicht selber in die Küche unter die Mulde getragen?« »Ja so,« sagte der Heiner, »drum bin ich halb im Schlaf,« und ging, holte das Schwein und trug es unbeschrien fort, wußte in der finstern Nacht nicht, wo der Bruder ist, dachte, er wird schon kommen an den bestellten Platz im Wald. Und als der Dieter wieder ins Haus kam und nach dem Säulein greifen will, »Frau,« rief er, »jetzt haben's die Galgenstricke doch geholt.« Allein, so geschwind gab er nicht gewonnen, sondern setzte den Dieben nach, und als er den Heiner einholte (er war schon weit vom Hause weg) und als er merkte, daß er allein sei, nahm er schnell die Stimme des Frieders an und sagte: »Bruder, laß jetzt mich das Säulein tragen, du wirst müde sein.« Der Heiner meint, es sei der Bruder und gibt ihm das Schwein, sagt, er wolle vorausgehen in den Wald, und ein Feuer machen. Der Dieter aber kehrte hinter ihm um, sagte für sich selber: »Hab' ich dich wieder, du liebes Säulein?« und trug es heim. Unterdessen irrte der Frieder in der Nacht herum, bis er im Wald das Feuer sah und kam, und fragte den Bruder: »Hast du die Sau, Heiner?«. Der Heiner sagte: »Hast du sie denn nicht, Frieder?« Da schauten sie einander mit großen Augen an, und hätten kein so prasselndes Feuer von buchenen Spänen gebraucht zum Nachtkochen. Aber desto schöner prasselte jetzt das Feuer daheim in Dieters Küche. Denn das Schwein wurde sogleich nach der Heimkunft verhauen, und Kesselfleisch über das Feuer getan. Denn der Dieter sagte: »Frau, ich bin hungrig, und was wir nicht beizeiten essen, holen die Schelme doch.« Als er sich aber in einen Winkel legte und ein wenig schlummerte, und die Frau kehrte mit der eisernen Gabel das Fleisch herum, und schaute einmal nach der Seite, weil der Mann im Schlaf so seufzte, kam eine zugespitzte Stange langsam durch das Kamin herab, spießte das beste Stück im Kessel an, und zog's herauf: und als der Mann im Schlaf immer ängstlicher winselte, und die Frau immer emsiger nach ihm sah, kam die Stange zum zweitenmal: und als die Frau den Dieter weckte: »Mann, jetzt wollen wir anrichten,« da war der Kessel leer, und wär' ebenfalls kein großes Feuer nötig gewesen zum Nachtkochen. Als sie aber beide schon im Begriff waren, hungrig ins Bett zu gehen, und dachten: will der Henker das Säulein holen, so können wir's ja doch nicht haben, da kamen die Diebe vom Dach herab, durch das Loch der Mauer in die Kammer, und aus der Kammer in die Stube, und brachten wieder, was sie gemaust hatten. Jetzt ging ein fröhliches Leben an. Man aß und trank, man scherzte und lachte, als ob man gemerkt hätte, es sei das letzte Mal, und war guter Dinge, bis der Mond im letzten Viertel über das Häuslein wegging, und zum zweitenmal im Dorf die Hahnen krähten, und von weitem der Hund des Metzgers bellte. Denn die Strickreiter waren auf der Spur, und als die Frau des roten Dieter sagte: »Jetzt ist's einmal Zeit ins Bett,« kamen die Strickreiter, von wegen des gestohlenen Rößleins, und holten den Zundelheiner und den Zundelfrieder in den Turm und in das Zuchthaus. 2. Wie der Zundelfrieder und sein Bruder dem roten Dieter abermal einen Streich spielen. Als der Zundelheiner und der Zundelfrieder wieder aus dem Turm kamen, sprach der Heiner zum Frieder: »Bruder, wir wollen doch den roten Dieter besuchen, sonst meint er, wir sitzen ewig in dem kalten Hundsstall beim Herrn Vater auf der Herberge.« – »Wir wollen ihm einen Streich spielen,« sagte der Frieder zum Heiner, »ob er's merkt, daß wir's sind.« Also empfing der Dieter ein Brieflein ohne Unterschrift: »Roter Dieter, seid heute nacht auf Eurer Hut, denn es haben zwei Diebsgesellen eine Wette getan: Einer will Eurer Frau das Leintuch unter dem Leibe wegholen, und Ihr sollt es nicht hindern können.« Der Dieter sagte: »Da sind zwei rechte Spitzbuben aneinander. Der eine wettet, er wolle das Leintuch holen, und der andere macht einen Bericht, damit sein Kamerad die Wette nicht gewinnt. Wenn ich nicht gewiß wüßte, daß der Heiner und der Frieder im Zuchthaus sitzen, so wollt ich glauben, sie wären es.« In der Nacht schlichen die Schelme durch das Hanffeld heran. Der Heiner stellte eine Leiter ans Fenster, also daß der rote Dieter es wohl hören konnte, und steigt hinauf, schiebt aber einen ausgestopften Strohmann vor sich her, der aussah, wie ein Mensch. Als inwendig der rote Dieter die Leiter anstellen hörte, stand er leise auf und stellte sich mit einem dicken Bengel neben das Fenster: denn das sind die besten Pistolen, sagte er zu seiner Frau, die sind immer geladen: und als er den Kopf des Strohmanns heraufwackeln sah, und meinte, der sei es, riß er schnell das Fenster auf, und versetzte ihm einen Schlag auf den Kopf, aus aller Kraft, also daß der Heiner den Strohmann fallen ließ und einen lauten Schrei tat. Der Frieder aber stand unterdessen mausstill hinter einem Pfosten vor der Haustüre. Als aber der rote Dieter den Schrei hörte, und es war alles auf einmal still, sagte er: »Frau, es ist mir, die Sache sei nicht gut, ich will doch hinuntergehen und schauen, wie es aussieht.« Indem er zur Haustüre hinausgeht, schleicht der Frieder, der hinter dem Pfosten war, hinein, kommt bis vor das Bett, nimmt wieder, wie in der vorigen Erzählung, als sie das Säulein stahlen, des roten Dieters Stimme an, und es ist wieder eben so wahr. »Frau,« sagte er mit ängstlicher Stimme, »der Kerl ist maustot, und denk' nur, es ist des Schultheißen Sohn, Jetzt gib mir geschwind das Leintuch, so will ich ihn darin forttragen in den Wald und will ihn dort einscharren, sonst geht's zu bösen Häusern.« Die Frau erschrickt, richtet sich auf und gibt ihm das Leintuch. Kaum war er fort, so kommt der rechte Dieter wieder und sagt ganz getröstet: »Frau, es ist nur ein dummer Bubenstreich gewesen, und der Dieb ist von Stroh.« Als aber die Frau ihn fragte, »wo hast du denn das Leintuch,« und lag auf dem bloßen Spreuersack, da gingen dem Dieter erst die Augen auf, und sagte: »O ihr vermaledeiten Spitzbuben! Jetzt ist's doch der Frieder gewesen und der Heiner, und kein anderer.« Aber auf dem Heimweg sagte der Frieder zum Heiner: »Aber jetzt, Bruder, wollen wir's bleiben lassen. Denn im Zuchthaus ist doch auch alles schlecht, was man bekommt, ausgenommen die Prügel, und zum Fensterlein hinaus, auf der Landstraße, hat man etwas vor den Augen, das auch nicht aussieht, als wenn man gern dran hängen möchte.« Also wurde auch der Frieder wieder ehrlich. Aber der Heiner sagte: »Ich geb's noch nicht auf.« 3. Der Heiner und der Brassenheimer Müller. Eines Tages sah der Heiner ganz betrübt in einem Wirtshaus und dachte daran, wie ihn zuerst der rote Dieter und danach sein eigener Bruder verlassen haben, und wie er jetzt allein ist. »Nein,« dachte er, »es ist bald keinem Menschen mehr zu trauen, und wenn man meint, es sei einer noch so ehrlich, so ist er ein Spitzbube.« Unterdessen kommen mehrere Gäste in das Wirtshaus und trinken Neuen, und wißt Ihr auch, sagte einer, daß der Zundelheiner im Land ist, und wird morgen im ganzen Amt ein Treibjagen auf ihn angestellt, und der Amtmann und die Schreiber stehen auf dem Anstand? Als das der Heiner hörte, wurde es ihm grün und gelb vor den Augen, denn er dachte, es kenne ihn einer und jetzt sei er verraten. Ein anderer aber sagte: »Es ist wieder einmal ein blinder Lärm. Sitzt nicht der Heiner und sein Bruder zu Wollenstein im Zuchthaus?« Drüber kommt, auf einem wohlgenährten Schimmel, der Brassenheimer Müller mit roten Pausbacken und kleinen freundlichen Augen dahergeritten. Und als er in die Stube kam und tut den Kameraden, die bei dem Neuen sitzen, Bescheid und hört, daß sie von dem Zundelheiner sprechen, sagt er: »Ich hab' schon so viel von dem Zundelheiner erzählen gehört. Ich möcht' ihn doch auch einmal sehen.« Da sagte ein anderer: »Nehmt Euch in acht, daß Ihr ihn nicht zu früh zu sehen bekommt. Es geht die Rede, er sei wieder im Land.« Aber der Müller mit seinen Pausbacken sagte: »Pah! ich komm' noch bei guter Tageszeit durch den Fridstädter Wald, dann bin ich auf der Landstraße, und wenn's fehlen will, geb' ich dem Schimmel die Sporen.« Als das der Heiner hörte, fragte er die Wirtin, was bin ich schuldig, und geht fort in den Fridstädter Wald. Unterwegs begegnet ihm auf der Bettelfuhr ein lahmer Mensch. Gebt mir für ein Käsperlein Eure Krücke, sagt er zu dem lahmen Soldaten. Ich habe das linke Bein übertreten, daß ich laut schreien möchte, wenn ich drauf treten muß. Im nächsten Dorf, wo Ihr abgeladen werdet, macht Euch der Wagner eine neue. Also gab ihm der Bettler die Krücke. Bald darauf gehen zwei betrunkene Soldaten an ihm vorbei und singen das Reiterlied. Wie er in den Fridstädter Wald kommt, hängt er die Krücke an einen hohen Ast, setzt sich ungefähr sechs Schritte davon weg an die Straße und zieht das linke Bein zusammen, als wenn er lahm wäre. Drüber kommt auf stattlichem Schimmel der Müller daher trottiert und macht ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: »Bin ich nicht der reiche Müller, und bin ich nicht der schöne Müller, und bin ich nicht der witzige Müller?« Als aber der witzige Müller zu dem Heiner kam, sagt der Heiner mit kläglicher Stimme: »Wolltet Ihr nicht ein Werk der Barmherzigkeit tun an einem armen lahmen Mann. Zwei betrunkene Soldaten, sie werden Euch wohl begegnet sein, haben mir all mein Almosengeld abgenommen und haben mir aus Bosheit, daß es so wenig war, die Krücke auf jenen Baum geschleudert, und sie ist an den Ästen hängen blieben, daß ich nun nimmer weiter kann. Wollt Ihr nicht so gut sein und sie mit Eurer Peitsche herabzwicken?« Der Müller sagte: »Ja, sie sind mir begegnet an der Waldspitze. Sie haben gesungen: So herzig, wie mein Liesel, ist halt nichts auf der Welt!« Weil aber der Müller auf einem schmalen Steg über einen Graben zu dem Baume mußte, so stieg er von dem Roß ab, um die Krücke herabguzwicken. Als er aber an dem Baum war und schaut hinauf, schwingt sich der Heiner schnell, wie ein Adler, auf den stattlichen Schimmel, gibt ihm mit dem Absatz die Sporen und reitet davon. »Laßt Euch das Gehen nicht verdrießen,« rief er dem Müller Zurück, »und wenn Ihr heim kommt, so richtet Eurer Frau einen Gruß aus von dem Zundelheiner!« Als er aber, eine Viertelstunde nach Betzeit, nach Brassenheim und an die Mühle kam, und alle Räder klapperten, daß ihn niemand hörte, stieg er vor der Mühle ab, band dem Müller den Schimmel wieder an der Haustüre an und setzte seinen Weg zu Fuß fort. 4. Wie der Zundelfrieder eines Tages aus dem Zuchthaus entwich und glücklich über die Grenze kam. Eines Tages, als der Frieder den Weg aus dem Zuchthause allein gefunden hatte und dachte: »Ich will so früh den Zuchtmeister nicht wecken,« und als schon auf allen Straßen Steckbriefe voranflogen, gelangte er abends, noch unbeschrien, an ein Städtlein, nahe bei der Grenze. Als ihn hier die Schildwache anhalten wollte, wer er sei und wie er hieße, und was er im Schilde führe: »Könnt Ihr polnisch?« fragte herzhaft der Frieder die Schildwache. Die Schildwache sagt: »Ausländisch kann ich ein wenig, ja! aber Polnisch bin ich noch nicht darunter gewahr worden.« – »Wenn das ist,« sagte der Frieder, »so werden wir uns schlecht gegeneinander explizieren können. Ob kein Offizier oder Wachtmeister am Tor sei?« Die Schildwache holt den Torwächter, es sei ein Pollack an dem Schlagbaum, gegen den sie sich schlecht explizieren könne. Der Torwächter kam zwar, entschuldigte sich aber zum Voraus, viel polnisch verstehe er auch nicht. »Es geht hier zu Land nicht stark ab,« sagte er, »und es wird im ganzen Städtel schwerlich jemand sein, der kapabel wäre, es zu dolmetschen.« – »Wenn ich das wüßte,« sagte der Frieder und schaute auf die Uhr, die er unterwegs noch an einem Nagel gefunden hatte, »so wollte ich ja lieber noch ein paar Stunden zustrecken, bis in die nächste Stadt. Um neun Uhr kommt der Mond.« Der Torhüter sagte: »Es wäre unter diesen Umständen fast am besten, wenn Ihr gerade durchpassiertet, ohne Euch aufzuhalten, das Städtel ist ja nicht groß,« und war froh, daß er seiner los ward. Also kam der Frieder glücklich durch das Tor hinein. Im Städtlein hielt er sich nicht länger auf, als nötig war, einer Gans, die sich auf der Gasse verspätet hatte, ein paar gute Lehren zu geben. »In Euch Gänse,« sagte er, »ist keine Zucht zu bringen. Ihr gehört, wenn's Abend ist, ins Haus oder unter gute Aufsicht.« Und so packte er sie mit sicherem Griff am Hals, und mir nichts, dir nichts unter den Mantel, den er ebenfalls unterwegs von einem Unbekannten geliehen hatte. Als er aber an das andere Tor gelangte und auch hier dem Landfrieden nicht traute, drei Schritte von dem Schilderhaus, als sich inwendig der Söldner rührte, schrie der Frieder mit herzhafter Stimme: »Wer da!« Der Söldner antwortete in aller Gutmütigkeit: »Gut Freund!« Also kam der Frieder wieder glücklich zum Städtlein hinaus und über die Grenzen. 5. Wie sich der Zundelfrieder beritten gemacht. Als der Zundelfrieder bald alle listigen Diebesstreiche durchgemacht und fast ein Überleid daran bekommen hatte, denn der Zundelfrieder stiehlt nie aus Not oder aus Gewinnsucht oder aus Liederlichkeit, sondern aus Liebe zur Kunst und zur Schärfung des Verstandes; hat er nicht dem Brassenheimer Müller den Schimmel selber wieder an die Tür gebunden? Eines Abends, als er, wie gesagt, fast alles durchgemacht hatte, dachte er: »Jetzt will ich doch auch einmal probieren, wie weit man mit der Ehrlichkeit kommt. Also stahl er in selbiger Nacht eine Geiß, drei Schritte von der Scharwache, und ließ sich attrappieren. Den anderen Tag im Verhör gestand er alles. Wie er aber bald merkte, daß ihm der Richter fünfundzwanzig oder etwas zum Andenken wollte mitgeben lassen, dachte er: »Ich bin noch nicht ehrlich genug.« Deswegen verschnappte er sich noch ein wenig mit den Redensarten und gestand bei der weiteren Untersuchung nach kurzem Widerstand, wie er von jeher ein halber Kakerlak gewesen sei, das heißt, ein Mensch, der bei Nacht fast besser sieht als am Tag, und als ihn der Richter aufs Eis führen wollte, ob er nicht noch von ein paar andern Diebstählen wisse, die kürzlich begangen worden, sagte er, allerdings wisse er davon, und er sei derjenige. Als ihm den andern Morgen der Spruch bekanntgemacht wurde, er müsse ins Zuchthaus, und der Stadtsoldat, der ihn begleiten sollte, stand schon vor der Tür; denn es war zwanzig Stunden weit, sagte er ganz reumütig: »Recht findet seinen Knecht. Was ich verdient habe, wird mir werden.« Unterwegs erzählte er dem Stadtsoldaten, er sei auch schon Militär gewesen. »Bin ich nicht sechs Jahre bei Klebecks Infanterie in Dienst gewesen? Könnt ich Euch nicht sieben Wunden zeigen aus dem Scheldekrieg, den der Kaiser Joseph mit den Holländern führen wollte.« Der treuherzige Begleiter sagte: »Ich hab's nie weiter bringen können als zum Stadtsoldaten. Eigentlich wär' ich ein Nagelschmied. Aber die Zeiten sind schlimm.« – »Im Gegenteil,« sagte der Frieder, »ein Stadtsoldat ist mir respektabler als ein Feldsoldat. Denn Stadt ist mehr als Feld, deswegen avanciert der Feldsoldat in seinem Alter noch zum Stadtsoldaten. Zudem, der Stadtsoldat wacht für seiner Mitbürger Leben und Eigentum, für eigen Weib und Kind. Der Kriegssoldat zieht ins Feld und kämpft, er weiß nicht für wen und nicht für was. Zudem,« sagte er, »kann ein Stadtsoldat, wenn er nichts Ungeschicktes begangen hat, mit Ehren sterben, wann er will. Unsereiner muß sich schon drum totstechen lassen. Ich versichere Euch,« fuhr er fort, »ich und meine Feinde (er meinte die Strickreiter) wir haben wenig Ehre davon, daß ich noch lebe.« Der Nagelschmied wurde über diese ehrenvolle Vergleichung so gerührt, daß er bei sich selbst dachte, einen so gütigen und herablassenden Arrestanten habe er noch nicht leicht transportiert, und der Frieder ging immer mit großen Schritten voraus, um den Nagelschmied recht müde und trocken zu machen in der Sonnenhitze. »Darin unterscheiden sich die Feldsoldaten von den Stadtsoldaten,« sagte er, »daß sie an einen weiten Schritt gewöhnt sind von dem Marsch.« Abends um vier Uhr, als sie in ein Dörflein kamen und an ein Wirtshaus, »Kamerad,« sagte der Frieder, »wollen wir nicht einen Schoppen trinken?« – »Herr Kamerad,« erwiderte der Nagelschmied, »was ihm recht ist, ist mir auch recht.« Also tranken sie miteinander einen Schoppen, auch eine halbe Maß, auch eine Maß, auch zwei, und Brüderschaft ohnehin, und der Frieder erzählte immerfort von seinen Kriegsaffären, bis der Nagelschmied vor Schwere des Weins und Müdigkeit einschlief. Als er nach einigen Stunden wieder aufwachte und den Frieder nimmer sah, war sein erster Gedanke: »Was gilt's, der Herr Bruder ist alsgemach vorausgegangen.« Nein, er stand nur ein wenig draußen vor der Türe; denn der Frieder geht nicht leicht leer fort. Als er wieder hereinkam, sagte er: »Herr Bruder, der Mond will bald aufgehen.« Der Nagelschmied, schläfrig und träge, sagte: »Wie der Herr Bruder meint.« In der Nacht, als der Nagelschmied fest schlief und alle Töne aus dem Baß in den Diskant und wieder in den Baß durchschnarchte, der Frieder aber nicht schlafen konnte, stand der Frieder auf, visitierte für Zeitvertreib des Herrn Bruders Taschen und fand unter anderm das Schreiben, das wegen seiner dem Stadtsoldaten an den Zuchthausverwalter war mitgegeben worden. Hierauf probierte er für Zeitvertreib des Herrn Bruders Monturstiefel an. Sie waren ihm recht. Hierauf ließ er sich für Zeitvertreib durch das Fenster auf die Gasse herab und ging des geraden Weges fort, so weit ihm der Mond leuchtete. Als der Nagelschmied früh erwachte und den Herrn Bruder nimmer gewahr wurde, dachte er: »Er wird wieder ein wenig draußen sein.« Freilich war er wieder ein wenig draußen, und als er den Tag erlaufen hatte, im ersten Dorf, das ihm am Weg war, weckte er den Schulzen. »Herr Schulz, es ist mir ein Unglück passiert. Ich bin ein Arrestant, und der Stadtsoldat von da und da, der mich transportieren sollte, ist mir abhanden gekommen. Geld habe ich keins. Weg und Steg kenn' ich nicht, also laßt mir auf Gemeindekosten eine Suppe kochen und verschafft mir einen Wegweiser in die Stadt ins Zuchthaus.« Der Schulz gab ihm einen Schein an den Gemeindewirt auf eine Mehlsuppe und einen Schoppen Wein und schickte nach einem armen Mädchen. »Geh' ins Wirtshaus und zeige dem Mann, der dort frühstückt, wenn er fertig ist, den Weg und die Stadt: er will ins Zuchthaus.« Als der Frieder mit dem Mädchen aus dem Wald und über die letzten Hügel gekommen war, sagte er zu dem Mädchen: »Geh' jetzt nur nach Haus, mein Kind, jetzt kann ich nimmer verirren.« In der Stadt, bei den ersten Häusern, fragte er ein Büblein auf der Gasse: »Büblein, wo ist das Zuchthaus,« und als er es gefunden und vor den Zuchthausverwalter gekommen war, übergab er ihm das Schreiben, das er dem Nagelschmied aus der Tasche genommen hatte. Der Verwalter las und las und schaute zuletzt den Frieder mit großen Äugen an. »Guter Freund,« sagte er, »das ist schon recht. Aber wo habt Ihr denn den Arrestanten? Ihr sollt ja einen Arrestanten abliefern.« Der Frieder antwortete gang verwundert: »Ei, der Arrestant bin ich selber.« Der Verwalter sagte: »Guter Freund, es scheint, Ihr wollt Spaß machen. Hier spaßt man nicht. Gesteht's, Ihr habt den Arrestanten entwischen lassen! Ich seh' es aus allem.« Der Frieder sagte: »Wenn Sie es aus allem sehen, so will ich's nicht leugnen. Wenn mir aber Ihro Exzellenz,« sagte er zu dem Verwalter, »einen Berittenen mitgeben wollen, so getrau ich mir, den Vagabunden noch einzusaugen. Denn es ist kaum eine Viertelstunde, daß er mir aus den Augen gekommen ist.« – »Einfältiger Tropf,« sagte der Verwalter, »was nützt dem Berittenen die Geschwindigkeit des Rosses, wenn er mit einem Unberittenen reiten soll. Könnt Ihr reiten?« Der Frieder sagte: »Bin ich nicht sechs Jahre Württemberger Dragoner gewesen?« – »Gut,« erwiderte der Verwalter, »man wird für Euch ebenfalls ein Roß satteln lassen, und zwar für Euer eigen gutes Geld, ein andermal gebt Achtung,« und verschaffte ihm in der Eile ein offenes Ausschreiben an alle Ortsvorgesetzte, auf daß, wenn er Mannschaft nötig habe zum Streif. Also ritten der Strickreiter und der Zundelfrieder miteinander dahin, um den Zundelfrieder aufzusuchen, bis an einen Scheideweg. An dem Scheideweg sagte der Frieder dem Strickreiter, auf welchem Weg der Strickleiter reiten soll und welchem er selber reiten wolle. »Am Rhein an der Fahrt kommen wir wieder zusammen.« Als sie aber einander aus den Augen verloren hatten, wendete sich der Frieder wieder rechts und machte mit seinem Ausschreiben in allen Dörfern Lärm und ließ die Sturmglocken anziehen, der Zundelfrieder sei im Revier, bis er an der Grenze war. An der Grenze aber gab er dem Rößlein einen Fitzer und ritt hinüber. 6. Die Tabaksdose. In einer niederländischen Stadt in einem Wirtshaus waren viele Leute beisammen, die einander einesteils kannten, zum Teil auch nicht, denn es war ein Markttag. Den Zundelfrieder kannte niemand. »Gebt mir auch noch ein Schöpplein,« sagte ein dicker, bürgerlich gekleideter Mann zu dem Wirt und nahm eine Prise Tabak aus einer schweren, silbernen Dose. Doch sah der Zundelfrieder zu, wie ein windiger, gewürfelter Gesell sich zu dem dicken Mann stellte, ein Gespräch mit ihm anfing und ein paarmal, wie von ungefähr, nach der Rocktasche schaute, in welche der Mann die Dose gesteckt hatte. Was gilt's, dachte der Frieder, der führt auch etwas im Schild. Anfänglich stand der Gesell. Hernach lieh er ein Schöpplein kommen, setzte sich auf die Bank und sprach mit dem Dicken allerlei kuriose Sachen, woran dieser Mann viel Spaß fand. Endlich kam ein Dritter. »Exküse,« sagte der Dritte, »kann man auch ein wenig Platz hier haben?« Also rückte der windige Gesell ganz nahe an den dicken Mann hin und diskurrierte immerfort: »Ja,« sagte er, »ich habe mich ein rechtes verwundert, als ich in dieses Land kam und sah, wie die Windmühlen so geschwind vom Winde umgetrieben werden. Bei mir zu Land geht das ganze Jahr kein Lüftlein. Also muß man die Windmühlen anlegen, wo die Wachteln ihren Strich haben. Wenn nun im Frühjahr die Million tausend Wachteln kommen vom Meer aus Afrika und fliegen über die Mühlenräder, so fangen die Mühlen an zu gehen, und wer in dieser Zeit nicht kann mahlen lassen, hat das ganze Jahr kein Mehl im Haus.« Darüber geriet der dicke Mann so ins Lachen, daß ihm fast der Atem verging, und unterdessen hatte der schlaue Gesell die Dose. »Aber jetzt hört auf,« sagte der Dicke. »Es tut mir weh im Kreuz,« und schenkte ihm von seinem Wein auch ein Glas ein. Als der Spitzbube ausgetrunken hatte, sagte er: »Der Wein ist gut, er treibt. Exküse,« sagte er zu dem Dicken, der vorn an ihm saß, »laßt mich einen Augenblick heraus!« Den Hut hatte er schon auf. Als er aber zur Tür hinausging und fortwollte, ging ihm der Zundelfrieder nach, nahm ihn draußen auf die Seite und sagte zu ihm: »Wollt Ihr mir auf der Stelle meines Herrn Schwagers silberne Dose herausgeben? Meint Ihr, ich hab's nicht gemerkt. Oder soll ich Lärm machen? Ich hab' Euch schonen wollen vor den vielen Leuten, die drin in der Stube sitzen.« Als nun der Dieb sah, daß er verraten sei, gab er zitternd dem Frieder die Dose her und bat ihn vor Gott und nach Gott, stille zu sein. »Seht,« sagte der Frieder, »in solche Not kann man kommen, wenn man auf bösen Wegen geht. Euer Lebenlang laßt es Euch zur Warnung dienen. Unrecht Gut gedeihet nicht. Ehrlich währt am längsten.« Den Hut hatte der Frieder auch schon auf. Also gab er dem Gesellen noch eine Prise Tabak aus der Dose und trug sie hernach zu einem Goldschmied. 7. List gegen List. Bei einem Goldschmied kauften zwei vornehm gekleidete Personen für 3000 Taler kostbare Kleinode für die Krönung in Ungarn. Hernach bezahlten sie ihm tausend Taler bar, legten alles, was sie ausgesucht hatten, in ein Schächtelchen zusammen, siegelten das Schächtelchen zu und gaben es dem Goldschmied in Verwahrung, gleichsam als Pfand, daß sie in einigen Tagen die noch fehlenden 2000 Taler zahlen würden. Wenigstens kam es dem Goldschmied so vor, als ob es das nämliche Kästchen sei. »In vierzehn Tagen«, sagten sie, »bringen wir Euch die fehlende Summe und nehmen alsdann das Schächtelchen in Empfang.« Alles wurde schriftlich gemacht. Allein es vergehen drei Wochen, niemand meldet sich. Der Krönungstag geht vorüber, es gehen noch vier Wochen vorüber. Niemand will mehr nach dem Schächtelchen fragen. Endlich dachte der Goldschmied: »Was soll ich nun Euer Eigentum hüten auf meine Gefahr und mein Kapital tot drin liegen haben?« Also wollte er das Schächtelchen im Beisein einer obrigkeitlichen Person öffnen und die bereits empfangenen tausend Taler für die Käufer hinterlegen. Als es aber geöffnet ward, – »lieber, guter Goldschmied«, sagte der Aktuar, »wie seid Ihr von den beiden Spitzbuben angeschmiert!« Nämlich in dem Schächtelein lagen, statt Edelgestein, Kieselstein und Fensterblei statt Goldes. Die zwei Kaufleute waren spitzbübische Taschenspieler, hatten das wahre Schächtelein unvermerkt auf die Seite gebracht und dem Goldschmied ein anderes zurückgegeben, das ebenso aussah. »Goldschmied,« sagte der Aktuar, »hier ist guter Rat teuer. Ihr seid ein unglücklicher Mann.« Indem trat wohlgekleidet und ehrbar ein Fremder zur Türe herein und wollte dem Goldschmied allerlei Silbergeschirr und goldene Schnallen verkaufen und hörte den Spektakel. »Goldschmied,« sagte er, als der Aktuar fort war, »Euer Lebelang müßt Ihr Euch nicht mit den Schreibern einlassen. Haltet Euch an praktische Männer! Habt Ihr das Herz, eine Wurst gegen eine Speckseite zu setzen, so ist Euch zu helfen. Wenn Euer Schächtelein noch in der Welt ist, so schaff' ich Euch die Spitzbuben wieder ins Haus.« – »Um Vergebung, wer seid Ihr?« fragte der Goldschmied. – »Ich bin der Zundelfrieder,« erwiderte der Fremde mit Vertrauen und einem recht liebenswürdig freundlichen Spitzbubengesicht. Ob nun der Goldschmied dachte, daß man Spitzbuben am besten mit Spitzbuben fangen könne, oder ob er dachte, daß, wer das Roß geholt, der hole auch den Zaum; kurz, er vertraute sich dem Frieder an. »Aber ich bitte Euch,« sagte er, »betrügt mich nicht.« »Verlaßt Euch auf mich,« sagte der Frieder, »und erschreckt nicht allzusehr, wenn Ihr morgen früh wieder um etwas klüger geworden seid!« Vielleicht ist der Frieder auf einer Spur? Nein, er ist noch auf keiner. Aber wer in selbiger Nacht dem Goldschmied auch noch vier Dutzend silberne Löffel, sechs silberne Salzbüchslein, sechs goldene Ringe mit kostbaren Steinen holte, das war der Frieder. Dem Goldschmied war es recht. Nämlich auf dem Tische fand er von dem Zundelfrieder einen eigenhändigen Empfangsschein, daß er obige Artikel richtig empfangen habe, und ein Schreiben, wie sich der Goldschmied nun weiter zu verhalten habe. Er zeigte jetzt, nach des Frieders Anleitung, den Diebstahl beim Amt an und bat um eine Besichtigung. Hernach bat er den Amtmann, die gestohlenen Artikel in allen Zeitungen bekannt zu machen. Dann bat er, auch das versiegelte Kästchen, das ihm die Spitzbuben zurückgelassen hatten, mit einer genauen Beschreibung in das Verzeichnis zu setzen. Der Amtmann bewilligte ihm den Wunsch. »Einem honetten Goldschmied,« dachte er, »kann man etwas zum Gefallen tun.« Also kommt es in alle Zeitungen, dem Goldschmied sei gestohlen worden das und das, unter anderem ein Schächtelein so und so, mit vielen kostbaren Edelsteinen, die alle benannt wurden. Die Nachricht kam bis nach Augsburg. Dort schmunzelte ein Dieb dem andern zu: »Der Goldschmied hat noch nicht erfahren, was in dem Schächtelein war. Weißt du, daß es ihm gestohlen ist?« »Desto besser,« sagte der andere, »so muß er uns auch unsere tausend Taler zurückgeben und hat gar nichts.« Die Betrüger gehen also dem Frieder in die Falle und kommen zum Goldschmied. »Seid so gut und gebt uns jetzt das Schächtelein. Verzeiht, daß wir Euch ein wenig länger haben warten lassen.« – »Liebe Herren,« erwiderte der Goldschmied, »Euch ist unterdessen ein großes Unglück geschehen, das Schächtelein ist gestohlen worden. Habt Ihr's noch in keiner Zeitung gelesen?« Da erwiderte einer der Diebe mit ruhiger Stimme: »Das ist uns leid, aber das Unglück wird wohl auf Eurer Seite sein. Ihr liefert uns das Schächtelein ab, wie wir's Euch in die Hände gegeben haben, oder Ihr gebt uns die schon bezahlten tausend Taler zurück. Die Krönung ist ohnehin vorüber.« Man sprach hin, man sprach her, »und das Unglück wird eben doch auf Eurer Seite sein,« nahm wieder der Goldschmied das Wort. Denn im nämlichen Augenblick traten jetzt mit seiner Frau vier Hatschiere in die Stube, handfeste Männer, wie sie waren, und faßten die Spitzbuben. Das Schächtelein war nicht mehr aufzutreiben, aber das Zuchthaus und so viel Geld und Geldeswert, den Goldschmied zu bezahlen. – Der Frieder brachte dem Goldschmied alles wieder und verlangte nichts für seinen guten Rat. »Wenn ich einmal etwa von Eurer Ware benötigt bin,« sagte er, »so weiß ich ja den Weg in Euren Laden und zu Euren Kästen.« Die größte Sparsamkeit Volkstümlich Es waren einmal zwei Freunde, die trieben den Geiz und die Sparsamkeit gleichsam als Lebensberuf und Hauptamt und setzten eine besondere Ehre darein, sich, wie und wo sie nur konnten, gegenseitig in der schönen Kunst der Pfennigsammelei zu übertreffen. Als sie nun eines Abends in vertraulicher Unterhaltung zusammensaßen, stand der eine auf und löschte das Licht. »Was fällt dir ein?« fragte der andre. »Um sich bloß zu unterhalten, braucht man kein Licht. Das kann man sparen«, war die Antwort. Nun saßen also die beiden im Stockfinstern, ließen sich aber dadurch in ihrem Geplauder nicht stören. Auf einmal hörte derjenige, welcher soeben das Licht gelöscht hatte, ein eigentümliches Geknister, das er sich nicht zu erklären vermochte. »Was machst du da?« fragte er den andern. »Och,« versetzte dieser, »es ist ja dunkel, drum streife ich bloß meine Hosen herunter, damit sie nicht verschleißen.« Der geheilte Patient J. P. Hebel Reiche Leute haben, trotz ihrer gelben Vögel, doch manchmal auch allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen gottlob der arme Mann nichts weiß; denn es gibt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Schüsseln und Gläsern, und in den weichen Sesseln und seidenen Betten, wie jener reiche Amsterdamer ein Wort davon reden kann. Den ganzen Vormittag saß er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu träge war, oder hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, aß aber zu Mittag doch wie ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: Windet's draußen oder schnauft der Nachbar so? – Den ganzen Nachmittag aß und trank er ebenso, bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit, aus lauter langer Weile bis an den Abend, also, daß man bei ihm nie recht sagen konnte, wo das Mittagsessen aufhörte und wo das Nachtessen anfing. Nach dem Nachtessen legte er sich ins Bett und war so müd, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen oder Holz gespalten hätte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war wie ein Maltersack. Essen und Schlaf wollten ihm nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht krank; wenn man aber ihn selber hörte, so hatte er dreihundertfünfundsechzig Krankheiten, nämlich alle Tage eine andere. Alle Ärzte, die in Amsterdam sind, mußten ihm raten. Er verschluckte ganze Feuereimer voll Mixturen und ganze Schaufeln voll Pulver, und Pillen, wie Enteneier so groß, und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die zweibeinige Apotheke. Aber alle Arzneien halfen ihm nichts, denn er befolgte nicht, was ihm die Ärzte befahlen, sondern sagte: Foudre, wofür bin ich ein reicher Mann, wenn ich soll leben wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund machen für mein Geld? Endlich hörte er von einem Arzt, der hundert Stunden weit weg wohnte, der sei so geschickt, daß die Kranken gesund werden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod geh' ihm aus dem Weg, wo er sich sehen lasse. Zu dem Arzt faßte der Mann ein Zutrauen und schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald, was ihm fehlte, nämlich nicht Arznei, sondern Mäßigkeit und Bewegung, und sagte: Wart, dich will ich bald kuriert haben. Deswegen schrieb er ihm ein Brieflein folgenden Inhalts: »Guter Freund, Ihr habt einen schlimmen Umstand, doch wird Euch zu helfen sein, wenn Ihr folgen wollt. Ihr habt ein böses Tier im Bauch, einen Lindwurm mit sieben Mäulern. Mit dem Lindwurm muß ich selber reden, und Ihr müßt zu mir kommen. Aber fürs erste, so dürft Ihr nicht fahren, oder auf dem Rößlein reiten, sondern auf des Schuhmachers Rappen, sonst schüttelt Ihr den Lindwurm, und er beißt Euch die Eingeweide ab, sieben Därme auf einmal ganz entzwei. Fürs andere dürft Ihr nicht mehr essen, als zweimal des Tages einen Teller voll Gemüse, mittags ein Bratwürstlein dazu, und nachts ein Ei, und am Morgen ein Fleischsüpplein mit Schnittlauch darauf. Was Ihr mehr esset, davon wird nur der Lindwurm größer, also daß er Euch die Leber erdrückt, und der Schneider hat Euch nimmer viel anzumessen, aber der Schreiner. Dies ist mein Rat, und wenn Ihr mir nicht folgt, so hört Ihr im andern Frühjahr den Kuckuck nimmer schreien. Tut, was Ihr wollt!« Als der Patient so mit sich reden hörte, ließ er sich sogleich am andern Morgen die Stiefel salben und machte sich auf den Weg, wie ihm der Doktor befohlen hatte. Den ersten Tag ging es so langsam, daß wohl eine Schnecke hätte können sein Vorreiter sein, und wer ihn grüßte, dem dankte er nicht, und wo ein Würmlein auf der Erde kroch, das zertrat er. Aber schon am zweiten und am dritten Morgen kam es ihm vor, als wenn die Vögel schon lange nimmer so lieblich gesungen hätten wie heute, und der Tau schien ihm so frisch und die Kornrosen im Feld so rot, und alle Leute, die ihm begegneten, sahen so freundlich aus, und er auch, und alle Morgen, wenn er aus der Herberge ausging, war's schöner, und er ging leichter und munterer dahin, und als er am achtzehnten Tage in der Stadt des Arztes ankam und den andern Morgen aufstand, war es ihm so wohl, daß er sagte: »Ich hätte zu keiner ungeschickteren Zeit können gesund werden als jetzt, wo ich zum Doktor soll. Wenn's mir doch nur ein wenig in den Ohren brauste, oder das Herzwasser lief mir.« Als er zum Doktor kam, nahm ihn der Doktor bei der Hand und sagte ihm: »Jetzt erzählt mir denn noch einmal von Grund aus, was Euch fehlt.« Da sagte er: »Herr Doktor, mir fehlt gottlob nichts, und wenn Ihr so gesund seid wie ich, so soll's mich freuen.« Der Doktor sagte: »Das hat Euch ein guter Geist geraten, daß Ihr meinen Rat befolgt habt. Der Lindwurm ist jetzt abgestanden. Aber ihr habt noch Eier im Leib, deswegen müßt Ihr wieder zu Fuß heimgehen und daheim fleißig Holz sägen, daß niemand sieht, und nicht mehr essen, als Euch der Hunger ermahnt, damit die Eier nicht ausschlüpfen, so könnt Ihr ein alter Mann werden,« und lächelte dazu. Aber der reiche Fremdling sagte: »Herr Doktor, Ihr seid ein feiner Kauz, und ich versteh' Euch wohl,« und hat nachher dem Rat gefolgt, und 87 Jahre, 4 Monate, 10 Tage gelebt, wie ein Fisch im Wasser so gesund, und hat alle Neujahr dem Arzt 20 Dublonen zum Gruß geschickt. Ein teurer Kopf und ein wohlfeiler J. P. Hebel Als der letzte König von Polen noch regierte, entstand gegen ihn eine Empörung, was nichts Seltenes war. Einer von den Rebellen, und zwar ein polnischer Fürst, vergaß sich so sehr, daß er einen Preis von 20 000 Gulden auf den Kopf des Königs setzte. Ja, er war frech genug, es dem König selber zu schreiben, entweder, um ihn zu betrüben oder zu erschrecken. Der König aber schrieb ihm gang kaltblütig zur Antwort: »Euren Brief habe ich empfangen und gelesen. Es hat mir einiges Vergnügen gemacht, daß mein Kopf bei Euch noch etwas gilt. Denn ich kann Euch versichern, für den Eurigen gäb' ich keinen roten Heller.« Der Pfarrer und der Regen Volkstümlich In einem Dorfe begehrten die Bauern von ihrem Pfarrer, daß er ihnen einen Regen von Gott zuwege bringen sollte, weil er ihnen in der Predigt gesagt, daß der Glaub' alles vermöge. Er gab ihnen zur Antwort, er sei ein Pfarrer für alle, und nicht für etliche allein; sie sollten deswegen zusammen kommen. Als dies geschehen, fragte er einen jeden insbesondere, was er für ein Wetter begehrte. Da begehrte einer Regen, der andere schön Wetter, ein dritter halb Sonnenschein und halb Regen; und ein vierter, der nichts im Haus und wenig im Felde hatte, sagte aus Verdruß, er wolle gar kein Wetter. Da antwortete der Pfarrer: »Da ihr euch wegen des Wetters nicht eins werden könnt, so kann ich euch von Gott auch nichts zuwege bringen.« Der listige Quäker J. P. Hebel Die Quäler sind eine Sekte, zum Exempel in England, fromme, friedliche und verständige Leute, wie hier zu Lande die Wiedertäufer ungefähr, und dürfen vieles nicht tun nach ihren Gesetzen: nicht schwören, nicht das Gewehr tragen, vor niemand den Hut abziehen; aber reiten dürfen sie, wenn sie Pferde haben. Als einer von ihnen einmal abends auf einem gar schönen stattlichen Pferd nach Haus in die Stadt wollte reiten, wartet auf ihn ein Räuber mit kohlschwarzem Gesicht, ebenfalls auf einem Roß, dem man alle Rippen unter der Haut, alle Knochen, alle Gelenke zählen konnte, nur nicht die Zähne, denn sie waren alle ausgebissen, nicht am Haber, aber am Stroh. »Kind Gottes,« sagte der Räuber, »ich möchte meinem armen Tiere da, das sich noch dunkel an den Ausgang der Kinder Israel aus Ägypten erinnern kann, wohl auch ein gutes Futter gönnen, wie das Eurige haben muß, dem Aussehen nach. Wenn's Euch recht ist, so wollen wir tauschen. Ihr habt doch keine geladene Pistole bei Euch, aber ich.« Der Quäker dachte bei sich selbst: »Was ist zu tun? Wenn alles fehlt, so habe ich zu Haus noch ein zweites Pferd, aber kein zweites Leben.« Also tauschten sie miteinander, und der Räuber ritt auf dem Roß des Quäkers nach Haus; aber der Quäker führte das arme Tier des Räubers am Zaum. Als er aber gegen die Stadt und an die ersten Häuser kam, legte er ihm den Zaum auf den Rücken und sagte: »Geh' voraus, Lazarus, du wirst deines Herrn Stall besser finden als ich!« Und so ließ er das Pferd vorausgehen und folgte ihm nach, Gasse ein, Gasse aus, bis es vor einer Stalltür stehen blieb. Als es stehen blieb und nimmer weiter wollte, ging er in das Haus und in die Stube, und der Räuber fegte gerade den Ruß aus dem Gesicht mit einem wollenen Strumpf. »Seid Ihr wohl gut nach Hause gekommen?« sagte der Quäker. »Wenn's Euch recht ist, so wollen wir jetzt unsern Tausch wieder aufheben, er ist ohnedem nicht gerichtlich bestätigt. Gebt mir mein Rößlein wieder, das Eurige steht vor der Tür.« Als sich nun der Spitzbube entdeckt sah, wollte er wohl oder übel, gab er dem Quäker sein gutes Pferd zurück. »Seid so gut«, sagte der Quäker, »und gebt mir jetzt auch noch zwei Taler Rittlohn: ich und Euer Rößlein sind miteinander zu Fuß spaziert.« Wollte der Spitzbube wohl oder übel, mußte er ihm auch noch die zwei Taler Rittlohn bezahlen. »Nicht wahr, das Tierlein läuft einen sanften Trab?« sagte der Quäker, als er des Räubers Haus verließ. Die Taler im Mahlwerk Karl Stoeber Am Fuße des Nagelberges, nicht weit von der Mündung des Forellenbaches in die Altmühl und eine Viertelstunde von der weißen Straße, auf der die schweren Frachtwagen zwischen Augsburg und Nürnberg hin- und herfahren, stand vor etwa dreihundert Jahren eine baufällige Mahlmühle. Das Schieferdach war ganz mit Moos überzogen, der Schornstein halb eingestürzt, die Mauer, gegen den Bach zu, voll arger Risse, und die Radstube in sich zusammengesunken. Jedermann, der das Wasserrad gehen sah, wunderte sich über die kühnen Leute, die zwischen solchen Mauern, und unter einem solchen Dache, schlafen mochten. Dies waren aber nur zwei Personen, die Besitzerin der Ruine, ein altes blindes Weib, und ihr einziger Sohn, ein gesunder, rüstiger Bursche. Und diese würden gar gerne gebaut haben, wenn sie nur Geld gehabt hätten, die Maurer und Zimmerleute zu bezahlen. Eine junge und reinlich gehaltene Kuh im kleinen Stalle focht aber der Greuel der Verwüstung nicht im geringsten an, und sie tat daran fast weislicher, als der vorüberziehende Krämer aus Schwaben, welcher meinte, in dieser Hütte müsse der Geiz oder die Liederlichkeit wohnen. Denn der selige Müller war weder von jenem, noch von diesem Laster ein Freund gewesen, aber von den vorüberziehenden feindlichen Scharen zweimal rein ausgeplündert worden und zum Teil aus Kummer über das Herabkommen seines Hauswesens gestorben. Der Pfarrer von Treuchtlingen hielt ihm umsonst eine Leichenpredigt über die Textesworte: »Er heißet Herr, und freuet euch vor ihm, der ein Vater ist der Waisen und ein Beschirmer der Witwen.« Er tröstete, aus dieser Verheißung, die Witwe mit ihrem Sohne und betete für sie. Sein Gebet wurde von dem Herrn auf eine ganz besondere Weise erhört. Ehe sich die alte Müllerin mit ihrem Sohne zu Tisch setzte, pflegte sie immer mit lauter Stimme zu beten: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne, was du bescheret hast«, und zwar so, daß man leicht merken konnte, sie wisse und denke daran, mit wem sie spreche, wenn sie den Mund zum Gebet aufgetan habe. Und da erging es ihr denn auch, wie weiland der Witwe von Sarepta. Ritter Ulrich von Treuchtlingen, der in der ganzen Umgegend nur der goldene genannt wurde, weil er durch eine christliche Wirtschaft reicher geworden war, als alle seine freiherrlichen Nachbarn weit und breit, ging an einem Herbstabend an dem offenen Fenster vorüber, gerade als die Müllerin in ihrer Stube wieder wie gewöhnlich betete: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast, und segne, was du bescheret hast.« Der goldne Ritter war aber allein und hatte, um nicht in seinem Vergnügen, der Jagd, gestört zu werden, seine Leute mit den vielen und schönen Sachen vorausgehen lassen, die er zur Aussteuer seiner einzigen Tochter und Erbin in der Reichsstadt Weißenburg gekauft hatte. Darum hinderte ihn auch nichts, stehen zu bleiben und bei sich zu sprechen: »In manchem Hause, an dem ich vorüberging, habe ich schon beten hören, aber gegen dieses Beten war es nur immer ein Plappern der Heiden, und es gelüstete mich nie, unter solche Beter zu treten. Mit den Leuten in diesem Hause muß ich näher bekannt werden. An meinem Wams werden sie mich nicht erkennen. Denn es sieht aus wie eine Wiese im November.« Und er schob die hölzernen Riegel der Haus- und Stubentüre zurück, trat an den Tisch und sagte in der freien Weise eines Forstmannes: »Guten Abend! Der Herr Jesus kann heut nicht selber kommen und schickt mich statt seiner.« Dann setzte er sich ohne Umstände auf die Bank an der Wand. Auch die Witwe und ihr Sohn fragten nicht erst lange, wohin oder woher? sondern der junge Müller reichte ihm einen sauberen hölzernen Löffel aus der Tischlade zu dem Mehlbrei, und die Alte sagte: »Esset, so viel Euch beliebt, und tut wie zu Hause.« Und während nun der Brei, unter den langsam schöpfenden Löffeln, immer tiefer fiel, wie das Wasser in einem abgelassenen Fischteiche, meinte der goldene Ritter, den die guten Leute wirklich für einen wandernden Forstmann ansahen: »Mit Gunst, gute Mutter, verstehet Ihr denn auch, was Ihr betet, wenn Ihr so zum blauen Himmel hinaufruft: »Komm, Herr Jesu, sei unser Gast?« »O, freilich, verstehe ich das,« entgegnete die Alte, die schon lange zu essen aufgehört, und den Rest der Speise den Männern überlassen hatte, »wenn ich das nicht wüßte, und wenn dieses Wort nicht aus meinem Herzen käme, so oft es über meine Lippen kommt, dann säßest du nicht an meinem Tische und noch wenige hungrige Wanderer wären daran gesessen. Ich weiß es wohl, der droben sitzt zur Rechten seines und unsers Vaters, wird sich nicht mehr an den Tisch der Sünderin setzen, wie er sich einst, da er noch im Fleische wandelte, an den Tisch von Sündern und Zöllnern gesetzt hat. Aber es stehet geschrieben: »Was ihr tut einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das tut ihr mir. Und ich möchte gern einmal zu seiner Rechten stehen, wenn er so von seinem Gnadenthrone herab sprechen wird: Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters! denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset.« Und während nun bei dem goldenen Ritter und der Müllerin ein Wort das andere gab, hängte der Sohn die Armbrust und die Pelzmütze des Gastes an die Stange über dem Ofen und begab sich dann in die Dachkammer des Hauses zur Ruhe. Auch die Alte tappte sich bald darauf hinaus in das Gemach neben der Stube, und der Ritter tat, als wollte er dem Exempel der guten Leute folgen und die Ofenbank zu seinem Nachtlager erwählen. Aber er legte sich nicht, sondern nahm, indem ihm der Vollmond dazu leuchtete, aus seiner Jagdtasche die Taler, die ihm von dem Einkaufe in Weißenburg übrig geblieben waren, steckte sie uneingewickelt in den Beutel des stillestehenden Mahlganges und verließ so stille, als ginge er pirschen, die gastliche Mühle, um nach Treuchtlingen zu seiner Tochter zurückzukehren, die schon dreimal voll Sorgen gefragt hatte: »Wo bleibt denn heute der Vater?« Der Sohn der Witwe schlief aber nur zwei oder drei Stunden und kam dann aus seinem luftigen Schlafgemach wieder herab, um den Weizen des Wirts von Dettenheim zur bevorstehenden Kirchweih vollends zu mahlen. Und nun geschah, was der goldene Ritter gewollt hatte. Kaum war der Mahlgang angelassen, kaum fing der Kasten an zu klappern, als Taler um Taler klingend aus dem Beutel in den Vorkasten fiel. Der junge Müller blieb lange, wie eine Bildsäule, davor stehen, bis er endlich zulangte und die großen gewichtigen Münzen aus der Kleie in seine Mütze klaubte, um sie seiner Mutter in der Kammer zu bringen. Und diese Taler – setzte der alte Schulmeister von Zimmern hinzu – verwandelten sich nicht in Kohlen, wie es bei Teufelsmünzen der Fall sein soll, sondern ein neues Haus, das sich, den nächsten Sommer darauf, auf dem Platze des alten erhob, zeigte, wozu sie verwendet worden waren. Noch ehe sie starb, legte die Witwe ihre Hand segnend auf das Haupt einer wackern Schwiegertochter, und der Krämer aus Schwaben ging nie mehr des Weges, ohne einzukehren und seinen Löffel in die gastliche Schüssel zu tauchen oder unter dem sicheren Dache zu schlafen. Die Streckkrankheit Volkstümlich Es waren einmal zwei Studenten, die hatten auch mehr Schulden, als wie Bücher auf dem Brett. Am schlimmsten aber bedrohte sie der Schneider. Der kam jeden Sonntagmorgen und schrie das ganze Haus zusammen. Als nun eines Sonntags die beiden Galgenvögel den armen Mann wieder um die Ecke kommen sahen – und er hatte ein dickes Wolltuch um den Hals gewunden, zum Schutz gegen die Erkältung, und ein Zugpflaster hinter dem Ohr und sah aus wie die leibhaftige Angst vor allerlei Krankheiten – da besprachen sich die beiden und handelten folgendermaßen. Der eine kugelte sich, unten am Fußende des Bettes, unter der Decke zusammen und hielt seine langen haarigen Beine wie eine Schnecke, die man gestört hat, in Bereitschaft, der andere aber lag richtig in demselben Bett und stöhnte, als der Schneider hereinkam. Der Schneider rief: »So gut hat es unsereins nicht, um zehn Uhr noch im Bett liegen, ich möchte mein Geld haben.« Der Student antwortete nichts als »Hu, hu, hu, hu!« und machte ein Gesicht, als wenn ihm ein Hirschkäfer am Nasenknorpel säße. Dann endlich sagte er keuchend: »Meister, Ihr müßt warten, ich bin krank und mein Gesell geht den Arzt holen.« Als der Schneider von Krankheit hörte, zog er die Schultern hoch, trat drei Schritte zurück, sagte aber mürrisch: »Was soll Euch fehlen, Ihr werdet gestern einmal wieder im Bären – – – und nun schlägt der Kater in Eurem Schädel den Generalmarsch.« Der Student antwortete: »Nein, ich habe eine ansteckende Krankheit.« »Und die wäre?« fragte der Schneider, trat wieder zwei Schritte zurück und fühlte nach rückwärts mit der Hand nach der Türklinke. »Ich habe die Streckkrankheit; das kommt so in Anfällen, wartet nur, gleich wird wieder einer kommen.« Damit gab er seinem Gesellen unter dem Deckbett das verabredete Zeichen, und der streckte nun seine Beine lang zum Fußende hinaus und nach oben dehnte der andere seinen Leib, als wäre er eine Schleuder zum Spatzenschießen. Da war das zusammen ein Kerl von fast drei Meter Länge. Der stöhnte gottserbärmlich und tat, als wenn ihm der Leib an der dünnsten Stelle durchreißen wollte. So warf der Schneider die Tür auf, rief sein »Gotthelf«, rannte nach Hause, trank einen Maßkrug Fliedertee und schwitzte sich seine magere Seele aus dem Leibe, damit ihn nur ja nicht die böse Streckkrankheit befallen möge. Die Studenten aber ließ er fürs erste zufrieden. Die nasse Schlittenfahrt J. P. Hebel Der Hausfreund hat viel gute Freunde am Rhein auf und ab, zwischen Friedlingen und Andernach, unter andern ein paar lose. Einer davon versteht sich gut darauf, Kissen und Säcke auszustopfen, um weich darauf zu sitzen, und man darf ihn empfehlen. Zwei andere gute Freunde von ihm sagten zueinander an einem schönen, kalten Wintertag: »Wollen wir nicht auf dem Schlitten fahren?« – »Wohin?« – »Zum Theodor.« Sie nannten ihn nur mit dem Vornamen. Also spannten sie den Rappen an den Rennschlitten und legten einen Sack voll Spreu darauf, der Länge nach, um weicher zu sitzen. Als sie bei dem guten Freund angelangt waren, wurde lustig getrunken – er war mit seinem Neuen nicht geizig – Schlingener, Völlinger, Steinenstatter Vierundachtziger, Achtziger und Vierundsiebenziger. Beim Vierundsiebenziger blieben sie sitzen, bis der Abendstern über dem Wasgau funkelte und die Betglocken laut wurden in den Dörfern. Als die Betglocken laut wurden, sagte einer von ihnen: »Jetzt will ich anspannen, unser Weg ist der weiteste.« Der Theodor sagte: »Wahrscheinlich auch der krümmste. Hüst um! Dort links ist die Stubentür.« Denn der Gast taumelte nach der Tür eines Milchschranks, in der Meinung, es sei die Stubentür. Als sie auf dem Schlitten noch eins genommen hatten, zu St. Johannes Segen, und ungefähr an die Tannen gekommen waren, wurde es beiden naß zwischen den Beinen. Der Vordere dachte: »Soll mir etwas passiert sein, oder ist mein Kamerad dahinten nicht wasserfest?« Der andere dachte: »Schmelzen die Spreu im Spreuersack, oder ist meinem Kameraden etwas passiert?« »Gevattermann,« stammelte endlich der vordere, »es scheint mir, Ihr habt's Euch kommod gemacht. Ich hätt' Euch wohl ein paar Minuten das Leitseil halten mögen.« – »Gevatter,« erwiderte der andere, »mir kommt's vor, Ihr solltet nicht mehr saufen, als Ihr bei Euch behalten könnt.« Während sie aber so Wortwechsel treiben und jeder die Schuld auf den andern warf, wurden sie immer nasser, und der Sack unter ihnen gab immer mehr nach, bis sie auf dem harten Brett saßen. »Mordsapperment, Ihr schwemmt mich noch über den Schlitten hinunter«, fuhr der zweite fort. – »Oder Ihr mich«, erwiderte der erste. – »Wenn ich nicht da säße, wie einer, der zwischen den zwei Buckeln eines Trampeltiers reitet, ich läge schon lange auf dem Boden, und die Stiefel sind mir bereits, mit samt den Füßen, angefroren am Schlittenkufen.« – »Drum eben,« erwiderte der erste, »woher kommt's, daß Euch das Wasser an den Beinen herabläuft?« Als sie aber halbsteif nach Hause gekommen waren und die Spreu aus dem Sack ausleeren wollten, da schoß etwas ganz anderes als Spreu heraus. Da sagte der eine: »Ich glaube gar, der Schalk, der Theodor, hat uns den Sack mit Schnee angefüllt. Drum sind wir auch so naß geworden.« Der andere sagte: »Es kömmt mir auch so vor.« – Es war auch so. Das wohlfeile Mittagessen J. P. Hebel Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selber darein. – Aber der Löwenwirt, in einem gewissen Städtlein, war schon vorher darin. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurz und trotzig verlangte er für sein Geld eine gute Fleischsuppe. Hierauf forderte er ein Stück Rindfleisch und ein Gemüse, für sein Geld. Der Wirt fragt ganz höflich: ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe? O freilich ja! erwiderte der Gast, wenn ich etwas Gutes haben kann für mein Geld. Nachdem er sich alles hatte wohlschmecken lassen, zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche und sagte: »Hier, Herr Wirt, ist mein Geld.« Der Wirt sagte: »Was soll das heißen? Seid Ihr mir nicht einen Taler schuldig?« Der Gast erwiderte: »Ich habe für keinen Taler Speise von Euch verlangt, sondern für mein Geld. Hier ist mein Geld. Mehr hab' ich nicht. Habt Ihr mir zu viel dafür gegeben, so ist's Eure Schuld.« – Dieser Einfall war eigentlich nicht weit her. Es gehörte nur Unverschämtheit dazu, und ein unbekümmertes Gemüt, wie es am Ende ablaufen werde. Aber das Beste kommt noch. »Ihr seid ein durchtriebener Schalk,« erwiderte der Wirt, »und hättet wohl etwas anderes verdient. Aber ich schenke Euch das Mittagessen und hier noch ein Vierundzwanzigkreuzerstück dazu. Nur seid stille zur Sache, und geht zu meinem Nachbar, dem Bärenwirt, und macht es ihm ebenso.« Das sagte er, weil er mit seinem Nachbar, dem Bärenwirt, aus Brotneid, im Unfrieden lebte, und einer dem andern jeglichen Tort und Schimpf gerne antat und erwiderte. Aber der schlaue Gast griff lächelnd mit der einen Hand nach dem angebotenen Gelde, mit der andern vorsichtig nach der Türe, wünschte dem Wirt einen guten Abend und sagte: »Bei Eurem Nachbar, dem Herrn Bärenwirt, bin ich schon gewesen, und eben der hat mich zu Euch geschickt, und kein anderer.« So waren im Grunde beide hintergangen, und der Dritte hatte den Nutzen davon. Aber der listige Kunde hätte sich noch obendrein einen schönen Dank von beiden verdient, wenn sie eine gute Lehre daraus gezogen und sich miteinander ausgesöhnt hätten. Denn Frieden ernährt, aber Unfrieden verzehrt. Die große Zunft Karl Stoeber Einmal als an der Tafel des Herzogs von Ferrara die Unterhaltung ausging, und auch der Witz des Hofnarren Gonelli auf der Neige war, fragte er, welches wohl die größte Zunft in der Stadt wäre? Worauf der Herzog meinte, die Zunft der Schneider, indem es Kleider-, Zelt-, Flick-, Leisten-, Stroh-, Haar-, Stein-, Glas-, Beutel-, Vor-, Zu-, Auf- und andere Schneider gebe. Gonelli aber stimmte ihm nicht bei, sondern versicherte, er wolle eine noch weit größere Zunft namhaft machen, wenn man ihm dazu Zeit gönne bis morgen. Und den andern Tag tat er einen großen, seidenen Zahnbund um, verstellte seine Gebärden und ging in der Stadt umher von einer Gasse in die andere. Es kannte ihn aber jedermann, und wer ihn kannte, fragte nicht nur, was ihm fehle, sondern riet ihm auch dies und das. Der verordnete ihm Rautenblätter und Salbei. Damit solle er das Zahnfleisch reiben, bis der Schmerz nachlasse: das helfe ganz gewiß. Wieder einer riet, er dürfe nur weißes Jungfernwachs in den Zahn drücken, in den hohlen, so müßten die Würmlein darin ersticken und aufhören zu nagen. Ein anderer sagte, fürs Zahnweh gebe es nichts Besseres, als die gebrannte Asche von Hirsekörnern; der Herr Gonelli möchte ihm nur die Ehre schenken und sich ein Schächtelein davon holen. Am ratseligsten erzeigten sich die Weiber, und eine derselben versicherte ihn, wenn er dreimal in den Knochen eines Toten beiße und dabei aus Herzensgrund seufze »Sparlare sparlato Sparlamento,« so werd' es besser mit ihm werden. – Gonelli aber hatte einen zusammengerollten, drei Ellen langen und drei Finger breiten Streifen Pergament bei sich und schrieb darauf alle Namen der barmherzigen Brüder und Schwestern, welche ihn mit Rezepten versorgten. Und als er abends in das Schloß zurückgekommen war, stellte er sich mit seinem Zahnbund unter die Kammerherren, daß ihn der Herzog nicht allein sah, sondern auch einem Edelknaben befahl: »Geh und hol' dem armen Teufel von meinem Mithridat, der wird ihm ganz gewiß gut tun.« Aber Gonelli nahm seinen Zahnbund ab und sagte: »Glück zu, Herr Gevatter! Ihr seid der Zweihundertneunundneunzigste, der mir heute etwas verordnet. Die Zunft der Doktoren ist die größte in Ferrara.« Vom Schwaben, der das Leberlein gefressen Ludwig Bechstein Als unser lieber Herr und Heiland noch auf Erden wandelte, von einer Stadt zur andern, das Evangelium predigte und viele Zeichen tat, kam zu ihm auf eine Zeit ein guter, einfältiger Schwab und fragte ihn: »Mein Leidengesell, wo willst du hin?« Da antwortete ihm unser Herrgott: »Ich ziehe um und mache die Leute selig.« So sagte der Schwab: »Willt du mich mit dir lassen?« – »Ja,« antwortete unser Herrgott, »wenn du fromm sein willt und weidlich beten.« Das sagte der Schwab zu. Als sie nun miteinander gangen, kamen sie zwischen zwei Dörfer, darinnen läutete man. Der Schwab, der gern schwätzte, fragte unsern Herrgott: »Mein Leidengesell, was läutet man da?« Unser Heiland, dem alle Dinge wissend waren, antwortete: »In dem einen Dorfe läutet man zu einer Hochzeit, in dem andern zum Begängnis eines Toten.« – »Gang du zum Toten!« sprach der Schwab, »so will ich zur Hochzeit gehen.« Darauf ging unser Herrgott in das Dorf und machte den Toten wieder lebendig, da schenkte man ihm hundert Gulden. Der Schwab tat sich auf der Hochzeit um, half einschenken, einem Gast um den andern, und auch sich selbst, und als die Hochzeit zu Ende war, da schenkte man ihm einen Kreuzer. Da war der Schwab wohl zufrieden, machte sich auf den Weg und kam wieder zu unserm Herrgott. Alsbald, wie der Schwab diesen von weitem sah, hub er sein Kreuzerlein in die Höhe und schrie: »Lug, mein Leidengesell! Ich hab' Geld; was hast denn du?« Trieb also viel Prahlens mit seinem Kreuzerlein. Unser Herrgott lachet seiner und sprach: »Ach, ich hab' wohl mehr als du!« tat den Sack auf und ließ den Schwaben die hundert Gulden sehen. Der aber war nicht unbehend, warf geschwind sein armes Kreuzerlein unter die hundert Gulden und rief: »Gemein, gemein! Wir wollen alles gemein miteinander haben!« Das ließ unser Herrgott gut sein. Nun, als sie weiter miteinander gingen, begab es sich, daß sie zu einer Herde Schafe kamen, da sagte unser Herrgott zum Schwaben: »Gehe, Schwab, zu dem Hirten, heiße ihn, uns ein Lämmlein zu geben, und koche uns das Gehänge oder Geräusch zu einem Mahle.« »Ja,« sagte der Schwab, tat, wie ihm der Herr geheißen, ging zum Hirten, ließ sich ein Lämmlein geben, zog's ab und bereitete das Gehänge zum Essen. Und im Sieden da schwamm das Leberlein stets empor; der Schwab drückt's mit dem Löffel unter, aber es wollte nicht unten bleiben: das verdroß den Schwaben über alle Maßen. Nahm deshalb ein Messer, schnitt das Leberlein, dieweil es gar war, voneinander und aß es. Und als nun das Essen auf den Tisch kam, da fragte unser Herrgott, wo denn das Leberlein hingekommen war? Der Schwab aber war gleich mit der Antwort bei der Hand: das Lämmlein habe keines gehabt. »Ei!« sagte unser Herrgott: »wie wollte es denn gelebt haben ohne ein Leberlein?« Da verschwur sich der Schwab hoch und teuer: »Es hat bei Gott und allen Gottesheiligen keines gehabt!« Was wollte unser Herrgott tun? Wollte er haben, daß der Schwab still schwieg, mußt' er wohl zufrieden sein. Nun begab es sich, daß sie wiederum miteinander spazierten, und da läutete es abermals in zwei Dörfern. Der Schwab fragte: »Lieber, was läutet man da?« – »In dem Dorf läutet man zu einem Toten, in dem andern zur Hochzeit,« sagte unser Herrgott. »Wohl!« sprach der Schwab. »Jetzt gang du zur Hochzeit, so will ich zum Toten!« (vermeinte, er wolle auch hundert Gulden verdienen). Fragte den Herrn weiter: »Lieber, wie hast du getan, daß du den Toten auferwecket hast?« – »Ja,« antwortete der Herr, »ich sprach zu ihm, steh auf im Namen des Vaters, Sohnes und heiligen Geistes! Da stand er auf.« – »Schon gut, schon gut!« rief der Schwab: »nun weiß ich's wohl zu tun!« und zog zum Dorfe, wo man ihm den Toten entgegentrug. Als der Schwab das sahe, rief er mit heller Stimme: »Halt da! Halt da! Ich will ihn wieder lebendig machen, und wenn ich ihn nit lebendig mache, so henkt mich, ohne Urteil und Recht!« Die guten Leute waren froh, verhießen dem Schwaben hundert Gulden und setzten die Bahre, darauf der Tote lag, nieder. Der Schwab tat den Sarg auf und fing an zu sprechen: »Steh auf im Namen der heiligen Dreifaltigkeit!« Der Tote aber wollte nicht aufstehen. Dem Schwaben ward angst, er sprach seinen Segen zum andern und zum drittenmal, als aber jener Tote sich nicht erhob, so rief er voll Zorn: »Ei, so bleib liegen in tausend Teufel Namen!« Als die Leute diese gottlose Rede hörten und sahen, daß sie von dem Gecken betrogen waren, ließen sie den Sarg stehen, faßten den Schwaben und eileten demnächst mit ihm dem Galgen zu, warfen die Leiter an und führten den armen Schwaben hinauf. Unser Herrgott zog fein gemachsam seine Straße heran, da er wohl wußte, wie es dem Schwaben ergehen werde, wollte doch sehen, wie er sich stellen würde, kam nun zum Gericht und rief: »O, guter Gesell, was hast du doch getan? In welcher Gestalt erblick ich dich?« Der Schwab wurde blitzwild und begann zu schelten, der Herr hätte ihm den Segen nicht recht gelehrt. »Ich habe dich recht belehrt,« sprach der Herr. »Du aber hast es nicht recht gelernt und getan, doch dem sei, wie ihm wolle. Willt du mir sagen, wo das Leberlein hingekommen ist, so will ich dich erledigen!« – »Ach,« sagte der Schwab, »das Lämmlein hat wahrlich kein Leberlein gehabt! Was zeihest du mich?« – »Ei, du willst's nur nicht sagen!« sprach der Herr. »Wohlan, bekenn es, so will ich den Toten lebendig machen!« Der Schwab aber fing an zu schreien: »Henket mich, henket mich! So komm ich der Marter ab. Der will mich zwingen mit dem Leberlein, und hört doch wohl, daß das Lämmlein kein Leberlein gehabt hat! Henket mich nur stracks und flugs!« Wie solches unser Herrgott hörte, daß sich der Schwab eher wollt henken lassen, als die Wahrheit gestehen, befahl er, ihn herabzulassen, und machte nun selbst den Toten lebendig. Als sie nun miteinander wieder von dannen zogen, sprach unser Herrgott zum Schwaben: »Komm her, wir wollen miteinander das gewonnene Geld teilen und dann voneinander scheiden, denn wenn ich dich allewege und überall sollte vom Galgen erledigen, würde mir das zu viel.« Nahm also die zweihundert Gulden und teilte sie in drei Teile. Als solches der Schwab sahe, fragte er: »Ei, Lieber, warum machst du drei Teile, so doch unserer nur zween sind?« – »Ja,« antwortete unser lieber Herrgott, »der eine Teil, der ist mein; der andere Teil, der ist dein, und der dritte Teil, der ist dessen, der das Leberlein gefressen hat!« Als der Schwab solches hörte, rief er fröhlich aus: »So hab' ich's bei Gott und allen lieben Gottesheiligen doch gefressen!« Sprach's und strich auch den dritten Teil ein und nahm also Urlaub von unserm lieben Herrgott. Die Liebe und die Geduld Johannes Pauli Ein Ordensbruder kam in ein Dorf und konnte nichts zu essen bekommen und erhielt auch kein Almosen. Da ging er in die Dorfkirche und fing an die Glocke zu läuten. Der Meßner kam gelaufen und fragte, wer gestorben sei, daß er also läute. Der Fremde sprach: »Die göttliche Liebe ist tot in eurem Dorf. Mir ist kein Almosen zuteil geworden, darum läute ich.« Als er aufhörte zu läuten, da fing der Meßner an, die große Glocke zu läuten. Der Ordensbruder fragte, wem er läute. Der Meßner sprach: »Deiner Geduld, die du haben solltest, die ist auch tot, darum läute ich.« Der Rekrut J. P. Hebel Ein junger, schön gewachsener Bursche mit krausen, rötlichen Haaren und viel Laubflecken sagte dem preußischen Offizier, der ihn hinten auf sein Gefährt aufsitzen ließ, nicht, wo er daheim sei, bis es Zeit war. Auf das Gefährtlein aber war er folgendergestalt gekommen. Als der Offizier an ihm vorbeifuhr auf der Straße, etwas langsam, weil's bergan ging, und bei solcher Gelegenheit ein Pfeifchen Tabak stopfte, dachte der Rotkopf: »Fahren ist ringer als laufen, wenn's geratet,« und zog auch sein hölzernes Pfeiflein aus der Tasche. »Wolltet Ihr nicht so gut sein, gnädiger Herr, und mir auch Tabak geben zu einer Pfeife. Ich will Euch derweilen Feuer schlagen.« Dem Offizier, der aus dem Urlaub zu seiner Garnison zurückkehrte, leuchtete das kräftige Alter und der schöne, kecke Wuchs des Knaben nicht übel ein. »Wo bist du her, mein Sohn?« – »Von da und da. Ihr müßt ja durchgefahren sein vor etwa einer Stunde. Mein Vater ist der Schwanenwirt, eigentlich aber mein Stiefvater.« – »Was ist dein Geschäft auf der Straße?« – »Drum will ich dem König dienen und gehe auf den nächsten Weideplatz.« – »Wieviel Jahre hast du?« – »Neunzehn seit vorgestern, und nicht viele gute darunter. – Drum hat mir vorgestrigen Tages die Mutter einen Kronentaler gegeben. Großer, hat sie gesagt, du wirst neunzehn Jahre alt, mach' dir einen guten Abend dafür. Für einen Kronentaler kann man mehr als einen Rausch trinken, aber ich habe nur einen dafür getrunken. Heute früh, vor zwei Stunden, als ich noch im Bette lag, ist der Vater mit dem Geißelstecken gekommen und hat mich gewalkt. Es ist nicht das erstemal. Und die Mutter hat er auch bearbeitet. Es ist auch nicht das erstemal. Willst du alles an den Lümmel hängen, hat er gesagt, an den rothaarigen Galgenstrick?« – Der Offizier gab ihm hierauf ein wenig Tabak in die Hand und sagte: »Du kannst hinten aufsitzen, wenn wir auf der Höhe sind. Ich will dich mitnehmen.« – »Ich verlange kein Handgeld,« sagte der Rotkopf und schlug an die Tasche. »Kann man den Schwanenwirt zwingen,« fragte er, »daß er mir mein Väterliches verabfolgen läßt, wenn ich majorenn bin.« Der Offizier sagte: »Sobald du majorenn bist, soll's nicht fehlen.« Auf der Station, wenn die Pferde gewechselt wurden, ließ er ihm gut einschenken, um ihm frohen Mut zu machen, und wenn er ausgetrunken hatte, sagte er: »Es schmeckt doch nicht recht, wie's soll, wenn man den Tag vorher etwas zu viel gehabt hat.« Unterwegs saß er bald auf dem Brett, bald stellte er sich wie ein Bedienter, der hinten aufsteht, erzählte dem Offizier allerlei, oder pfiff ein lustiges Stücklein. Der Offizier sagt: »Du kannst Pfeifer-Major werden bei des Königs Leibgarde. Solche gibt's nicht viel in der Armee.« – »Ich kann auch die Orgel spielen.« – »Gut! Du kannst auch General-Feldorgelspieler werden. Aber zuerst mußt du von unten herauf, als Regimentsblasebalgtreter dienen.« Wart' nur, dachte er, bis ich dich in Magdeburg habe. Das Orgelspielen wird dir vergehen. Aber gegen Abend, als sie durch den Wald fuhren, stellte sich der Rotkopf wieder auf die Beine, eigentlich aber nur auf eins, denn das andere hielt er auf den Sprung parat. »Jetzt, wenn Ihr um die Waldspitze herum seid, gnädiger Herr, rechts erblickt Ihr in der Ferne ein Dorf mit einem halben Kirchturm, dort bin ich daheim. Ich bedanke mich, daß Ihr mich so weit habt lassen mitfahren.« Aber als er die letzten Worte sagte, sprang er schon über den Straßengraben und husch in den Wald hinein, wie ein gejagter Hirsch; weg war er. Denn es war ihm nur ums Mitfahren zu tun. Der Offizier schoß ihm zwar mit der Kugelbüchse nach. Aber die Kugel konnte ihn im Wald zwischen den vielen Bäumen nimmer ausfindig machen. Der Postillon aber sagte: »Es hat mich schon lang wunder genommen, was Ihr mit dem Halunken hinten auf der Chaise tut. Ich kenne den roten Spitzbuben wohl,« sagte er. Bestrafte Eitelkeit Aus einem alten Schwankbuch Der Marquis de l'Etorriere, Offizier im Regiment der königlichen französischen Garden, war der schönste Mann seiner Zeit in Paris. Aber er wußte es leider selbst auch viel zu gut, und so kam es, daß man seiner Eitelkeit folgenden hübschen Streich spielen konnte. – Als er sich einmal in der Kirche mitten unter der Menge befand, fühlte er sich auf eine so auffallende Art seitwärts gedrängt, daß er sich mit Lebhaftigkeit gegen seinen Nachbar wandte, der ihn drängte. Dieser sagte mit der höflichsten Miene: »Mein Herr! Wollen Sie nicht die Güte haben und sich auf die andere Seite wenden?« – »Warum?« fragte der Marquis. – »Je nun, da Sie mich zwingen, es Ihnen zu sagen, – darum, weil ich ein Maler bin; mein Kamerad, der dort in der Kapelle linker Hand steht, hat von einer Dame den Auftrag bekommen, Ihr Bild zu malen, er gab mir einen Wink, Sie in die Stellung zu bringen, worin er Sie aufzufassen wünschte.« Herr de Etorriere zweifelte um so weniger an der Wahrheit dieses Vorgebens, da er wirklich in jener Kapelle einen Menschen sah, der die Augen auf ihn gerichtet hatte und in dessen Händen er einen Zeichenstift zu sehen glaubte. Er nahm sogleich sorgfältig die Stellung an, die ihm angedeutet worden und blieb unbeweglich stehen. Nach einigen Minuten sagte sein Nachbar zu ihm: »Mein Herr! Legen Sie sich weiter keinen Zwang auf, es ist geschehen!« Der Marquis wunderte sich über die Schnelligkeit des Künstlers, und der Maler verschwand in der Menge. Als aber Herr de l'Etorriere hernach in seine Tasche griff, suchte er seine goldene Dose vergebens; er griff nach der Uhr, sie war weg, nach der Börse, auch sie war verschwunden. Statt sein Bild zu malen, hatten die Gauner ihn selbst angeschmiert. Das betrogene Dorf Volkstümlich Die Bauern von Nieder-Quassow wollten doch auch einmal ein richtiges Theaterstück sehen, wie die reichen Leute in der Stadt. Als daher eines Tages ein Kerl mit einer bunten Schellenkappe auf dem Kopf durch das Dorf klingelte und ausrief, daß nachmittags um die und die Stunde in Buhlemanns großer Scheune werde ein erschrecklich lustiges Stück aufgeführt werden, »Das betrogene Dorf«, da lief, als es dunkel wurde, alles, was Beine hatte, hin, und die alte Mutter Ziegenthee nahm sich ihren Melkstuhl mit, weil sie das Zittern in den Knien hatte. Vor dem Tor der Scheune stand der Schellenmann und forderte das Geld ein, für den ersten Platz mehr, für den zweiten weniger, Kinder und Soldaten die Hälfte, es war aber keine Einquartierung im Dorf. Als nun das ganze Dorf versammelt war, bloß der lahme Jochem fehlte noch, wohl, weil er nicht so schnell heranhumpeln konnte, da rief der Schellenmann, er wolle nun rasch hinter den Vorhang springen und sich zu dem Stück umziehen, eine Viertelstunde werde es wohl dauern. So saßen die Bauern leise und laut vor dem Vorhang, den der Fremde aus sechsen von Buhlemanns Laken zusammengenäht hatte. Es dauerte zehn Minuten, es dauerte auch zwanzig, da kam endlich auch der lahme Jochem, der hatte durchs Fenster steigen müssen, weil seine Frau ihn in der Eile eingeschlossen hatte. Der Jochem fragte: »Ist das Stück noch nicht im Gang?« Die Bauern sagten: »Der Mann mit der Klingel meinte, es dauere eine Viertelstunde.« »Ja, hat er denn noch nicht aufgezogen?« fragte Jochem griemelnd weiter. »Nein!« sagten die Bauern. »Ich glaube,« fuhr Jochem fort, »er hat schon längst aufgezogen, nicht den Vorhang, sondern das ganze Dorf, und Ihr habt alle mitgespielt in dem Stück, worüber Ihr Euch so sehr verwundern wolltet!« »Wieso?« fragten die Bauern. »Ja, ich meine, der Kerl ist längst über alle Berge!« Da sprangen die Quassower hinter den Vorhang, da war es leer, aber die Hintertür stand ein wenig auf, und auf dem Boden lag die Schüssel, die der Schellenmann Buhlemann entliehen und wenigstens nicht mitgenommen hatte. Die Dümmere Karl Simrock Es war einmal ein Schlachter, der machte Bankrott. Da sagte er zu seiner Frau: »Nun will ich graben und auf Tagelohn arbeiten.« Als er aber ein paar Tage gearbeitet hatte, da waren ihm seine Hände wund, und er sprach zu seiner Frau: »Ich muß nun wieder schlachten.« Er ging also aufs Land, um sich ein Kalb zu kaufen, und als er in ein Dorf kam, fragte er, ob sie nicht ein Kalb zu verkaufen hätten. »Nein,« sagten die Bauern, »wir haben nicht; aber hier nebenbei wohnt ein Müller, der hat fünf Ochsen.« Da sagte der Schlachter: »Die kann ich auch brauchen,« und ging nach der Mühle. Als er nun nach der Mühle kam, war der Müller nicht zu Hause. Der aber hatte, als er ausging, zu seiner Frau gesagt: »Wenn da jemand kommen sollte und auf die Ochsen handeln, so kannst du sie nur für fünfzig Taler das Stück losschlagen, für weniger aber sind sie nicht feil.« Nun kam der Schlächter; er fragte die Frau, ob sie ihm nicht die Ochsen verkaufen wollte. »Ja,« sagte sie, »für fünfzig Taler das Stück, für weniger aber nicht.« Der Fleischer war's zufrieden und wollte so viel geben; »aber,« sagte er, »ich habe jetzt nicht so viel bares Geld bei mir. Wenn ich alle fünf auf einmal nehme, so können wir's ja so machen, daß ich zwei gleich mitnehme und dafür die drei übrigen Ihr zum Pfande dalasse, bis ich komme und das volle Kaufgeld bringe.« Die Frau antwortete, daß er es damit halten könnte, wie es ihm gerade paßte, und war froh, einen so schnellen und vorteilhaften Handel abgeschlossen zu haben. Als nun ihr Mann nach Hause kam, fragte er sie gleich: »Na, hast du die Ochsen verkauft?« – »Jawohl,« antwortete die Frau, »alle fünf auf einmal an einen Schlachter aus der Stadt, das Stück für fünfzig Taler und um keinen Schilling weniger.« »Das ist ein guter Handel,« dachte der Mann, aß erst ein paar Bissen, und nachdem er damit fertig war, verlangte er das Geld zu sehen. Da erwiderte die Frau: »Das Geld habe ich noch nicht bekommen; der Schlächter wird es über vierzehn Tage bringen, wenn er die drei letzten Ochsen abholt. Die hat er so lange zum Pfande hiergelassen, zwei hat er gleich mitgenommen.« – »Nun,« sagte der Mann, »da ist doch auf Gottes weiter Welt kein dümmeres Frauenzimmer als du bist,« und er war sehr ärgerlich und sagte: »Die vierzehn Tage will ich noch warten, kommt aber binnen der Zeit der Schlachter nicht wieder, so reise ich fort von hier und kehre in meinem ganzen Leben nicht zurück, ich müßte denn eine Dümmere finden, als du bist.« Der Müller wartete nun diese vierzehn Tage; aber wer nicht kam, das war der Schlachter, und so reiste der Müller richtig weg. Er war schon ziemlich lange gereist, und nirgends in der Welt hatte er noch eine dümmere Frau gefunden, als die, welche er zu Hause gefunden hatte. Da kam er endlich bei einem Schlosse an, in dem eine verwitwete Gräfin wohnte, und hier sprang der Müller in einem weg in die Höhe und gaffte nach dem Himmel hinauf. Die Gräfin wurde seiner vom Fenster aus gewahr und schickte sogleich ihre Kammerjungfer hinunter, um ihn zu fragen, was er doch da vorhätte, oder was ihm fehlte. Der Müller sagte: »Wir haben oben im Himmel einen Tanz gehalten, da bin ich der Luke zu nahe gekommen und heruntergefallen; nun kann ich gar nicht den rechten Sprung wiederkriegen, um hinaufzukommen. Ich muß nun weitergehen und suchen, ob ich die rechte Fährte anderswo wiederfinde.« Er tat nun, als ob er fortgehen wollte, und dabei sah er immer noch nach dem Himmel hinauf. Aber die Kammerjungfer hatte der Gräfin kaum die Nachricht von dem Müller gebracht, der aus dem Himmel gefallen war, so kam diese ihm selber nachgelaufen und fragte, wenn er aus dem Himmel gefallen wäre, so kenne er vielleicht auch ihren verstorbenen Mann. »Jawohl,« sagte der Müller, »den kenne ich ganz gut; eben noch habe ich mit ihm getanzt.« – »Wenn das ist, lieber Mann,« sagte die Gräfin, »so kann Er mir wohl auch berichten, ob mein seliger Mann noch die großen Stiefel trägt mit den goldenen Sporen und seinen grünen Rock?« Da antwortete der Müller: »Gnädige Frau, der arme Herr hat neulich die goldenen Sporen aus Not verkaufen müssen; die Stiefel hat er noch, aber sie sind schon ganz entzwei, auch den grünen Rock trägt er noch, aber er ist so abgeschabt, daß ihm die Hemdärmel daraus hervorgucken.« »Gott steh mir bei,« rief die Gräfin aus, »das ist ja eine wahre Schande, wie schlecht es ihm da geht! Hör' Er mal, Er könnte mir einen rechten Gefallen tun, wenn Er für den seligen Herrn etwas Zeug zu einem neuen Rock mitnehmen wollte. Mein Sohn trägt gerade noch dieses Zeug. Ich will Ihm dann auch noch vierhundert Dukaten mitgeben und ein bißchen Gutes zu essen und zu trinken.« Der Müller sagte, das wolle er von Herzen gern besorgen, und die Gräfin gab ihm dann alles mit auf den Weg. »Das wäre doch einmal eine, wie ich sie suchte,« sagte der Müller und ging fort. Bald darauf kam der Junker nach Hause und fand seine Mutter ganz traurig und in großer Betrübnis. Er fragte sie nach der Ursache. »Ach,« sagte die Gräfin, »da war hier eben ein Mann aus dem Himmelreich, der hat mir so schlechte Nachrichten vom seligen Papa gebracht; der hat aus Not schon seine goldenen Sporen verlauft, seine Stiefel sind entzwei, und sein Rock ist zerrissen. Ich habe nun dem Manne etwas Zeug und vierhundert Dukaten mitgegeben; es tut mir wahrhaftig so leid um den seligen Papa.« Der Sohn sah gleich, wie die Sache stand und ließ schnell seinen Schimmel satteln und jagte dem Müller nach. Es dauerte nicht lange, so merkte der Müller, daß einer hinter ihm drein kam. Verstecken konnte er sich nirgends; aber da begegnete ihm eine alte Frau. Die fragte er, was er ihr geben sollte, wenn sie ruhig eine Zeitlang, ohne ein Wort zu sprechen, unter seinem Mantel auf der Erde sitzen wollte. Die Frau verlangte fünf Taler, aber der Müller gab ihr zehn, wenn sie nur genau das tun wollte, was er verlangte. Das versprach sie und kroch unter den Mantel. Noch einen Augenblick, so war der Junker auf dem Pferde bei ihnen und fragte den Müller, ob er nicht einen Mann habe eilig vorüberlaufen sehen. Da sagte der Müller: »Jawohl, vor einer Viertelstunde ging einer hier rasch vorüber, und zuweilen lief er sogar. Er nahm den Weg da quer übers Moor, aber wenn Ihr nur auf meinen Bienenkorb hier sehen und die Bienen mir hüten wolltet, so lange bis der ausgeflogene Schwarm wieder drin ist, so wollte ich Euch den Mann bald wieder einbringen.« Der Junker versprach ihm noch ein gutes Trinkgeld obendrein, stieg ab und wollte die Bienen hüten. Der Müller aber setzte sich schnell auf und jagte mit dem Schimmel davon. Da sah der Junker bald, daß es kein Bienenkorb, sondern eine alte Frau war, und nun ging er ohne den Schimmel nach Hause. Und als ihn seine Frau Mutter fragte, ob er denn den Mann gefunden hätte, so sagte er: »Ja, ich habe ihn bald gefunden und habe ihm auch noch den Schimmel mitgegeben, damit er eher hinkommt.« Der Müller aber reiste wieder zu seiner Frau, und als er bei ihr ankam mit dem Schimmel und mit den vierhundert Dukaten und mit dem Zeug zu einem neuen grünen Rocke und mit all dem guten Essen und Trinken, das er dem seligen Herrn nach dem Himmel hatte mitnehmen sollen, da sagte er zu ihr: »Nun will ich bei dir bleiben, denn ich habe doch eine Dümmere gefunden, als du bist, und habe sogar noch mehr verdient, als alle fünf Ochsen wert sind.« Ihr müßt bezahlen Volkstümlich Am letzten Tag im Monat trafen sich vier Studenten, die wollten wohl einen guten Trunk tun. Ihre Geldbörsen waren aber so mager wie die Hamster, wenn sie im Frühjahr vom Winterschlaf aufwachen. Sie überlegten sich also, was zu tun sei, fanden einen guten Rat und wanderten drei Stunden weit nach einem Dorfe, wo sie einen kühlen Elfer frisch vom Faß wußten. Sie fingen an, fröhlich zu sein und aßen und tranken nach ihrer Lust. Als nun der Wirt in seinen Krautgarten gegangen war, sein Gemüse für den Abend zu holen, und die Wirtin zur Gesellschaft bei den Studenten stand und wohl auch ein Glas mittrank, fing einer nach dem andern an, groß zu tun, und vermaß sich, er wolle die Zeche allein bezahlen und dulde nicht, daß von den drei anderen einer auch nur einen Pfennig dazulege. Darüber gerieten sie, wie es schien, in einen heftigen Streit, man stand auf, schlug mit der Hand auf den Tisch, und es sah aus, als ob Händel kommen sollte. Da schlug einer der vier lustigen Vögel vor, man solle den Streit so schlichten, daß man der Wirtin ein Tuch vor die Augen binde und sie, wie beim Blindekuhspiel, einen der vier zu fangen suche; wer es sei, der dürfe dann bezahlen. Die gute Frau war einverstanden; aber kaum hatte man ihr das Tüchlein vorgebunden, da standen schon alle Studenten auf den Zehen. Bald hatte jeder den Hut auf dem Kopf, den Stock in der Hand, leise zur Tür hinaus, eins, zwei, drei, vier und dann um die Ecke in den Wald nach Haus. Währenddessen sucht die Wirtin weiter und denkt, ihre Gäste hockten hinter Ofen und Bank. Damit kommt der Wirt wieder aus seinem Krautgarten, die Frau springt auf den lauten Schritt zu, faßt ihren Mann beim Rock, ruft: »Ihr müßt die Zeche bezahlen!« und reißt sich das Tüchlein von den Augen. Und weil er Spaß vertragen konnte und seine gelehrten Gäste doch nicht mehr sah, als er nach ihnen ausspähte, lachte er über die Geschichte und über seine kluge Frau. Nebenbei: Nach dem Ersten, als wieder Geld in den Geldbörsen war, fanden sich die viere wieder einmal ein, und wenn sie sich diesmal auch nicht über die Rechnung stritten, so bekam die Wirtin doch richtig ihr Geld. Bück dich, Mann Volksschwank Der Herr Pastor hatte in seinem Garten einen Birnbaum, der hing voll schöner reifer Früchte, die am Montag abgenommen werden sollen. Als nun der geistliche Herr am Sonntag früh einen Gang durch sein Gärtlein machen will, um noch ein wenig an der Predigt zu lernen, sieh an, da hat jemand über Nacht an den Birnen Gefallen gefunden; der Baum ist rein abgepflückt bis auf eine einzige Birne. Da hatte es nun mit dem Lernen der Predigt seine Schwierigkeit, aber der Pfarrer denkt: Wartet ihr! steckt die letzte Birne in die Tasche und begibt sich nach der Kirche. Als er nun auf dem Predigtstuhl steht, hält er eine schöne Ansprache, die seiner Gemeinde so recht erbaulich zu Herzen geht. Auf einmal kommt er aber auf den Diebstahl zu sprechen, nimmt die Birne in die Hand und ruft: »Wehe dem, der heute nacht meinen Birnbaum geplündert hat, der Spitzbube, ich kenne ihn genau! Dem werfe ich jetzt die Birne an den Kopf!« Als der streitbare Pfarrherr nun mit dem Arm ausholt, da ruft eine Frau aus der andächtigen Menge ihrem Manne halblaut zu: »Bück' dich, Mann, er wirft!« Der Hofnarr Karl Stoeber Der Hirschenwirt in Möhren wartete seinen Gästen mit Bier auf, und, wenn er Zeit hatte, auch mit allerhand Geschichten. Seine Geschichten aber waren nicht matt und sein Bier nicht schal. Sein Bier bremste in die Nase, und seine Geschichten blieben immer noch frisch, und wenn er sie auch schon zwölfmal aufgetischt hatte, absonderlich die von dem Prangerl in München. Der war seiner Profession ein Tagdieb und lebte von seiner und anderer Leute Narrheit. Es war aber kein Narr von Natur, sondern in seinem Gesicht stand geschrieben: »Der Prangerl ist keiner; wer aber einer ist und ihn bezahlt, dem will er einen abgeben,« und daheim auf seiner alten Mutter Stuhl, soll er so vernünftig gesessen sein, wie der Pfarrer auf seinem Filialgaul. Wenn er aber seinem Brot nachging, trug er einen großen Stern von rotem Saffian auf seiner Brust und hinten zwei Kammerherrnknöpfe. Denn seine beste Kundschaft hatte er bei Hof. War der Herr Kurfürst ärgerlich über seine Münchner, oder zornig über die Suppenschwaben, oder ungnädig auf einen Hofschrangen, machte er ein Gesicht wie der Bär am Fasttag; oder war er so griesgrämisch, daß ihn die Mucken an der Wand ärgerten, dann holte man den Prangerl. Denn wenn allen das Maul verboten war, durfte er noch reden, und wenn keinem mehr etwas einfallen wollte, und guter Rat teuer war, hielt er nur sein großes spanisches Rohr einen Augenblick unter die Nase und sagte dann: »so oder so kann's gehen,« und siehe da, es ging allemal. Aber nicht allein dem Herrn Kurfürsten sprang er mit seinem Witz und Verstand bei, sondern auch geringeren Leuten, die mit ihm ratschlagten und dabei die halben Guldenstücke oder die Konventionstaler in der Hosentasche hören ließen. So hat er zum Exempel dem reichen Bauer Max Schnitzelhuber, da drunten bei Wasserburg zu Haus, aus einer großen Not und Herzensangst geholfen, dessen einziger zwanzigjähriger Bub, Xaver, in eine traurige böse Geschichte hineingekommen war. Gibt's da am Stephanstag im Stern zu Wasserburg eine Schlägerei. Der Xaverl ist auch dort, und weil er in seinem Rausch denkt: »wer einnimmt, darf wieder ausgeben auch,« nimmt er im Zorn einen Maßkrug und haut dem Bauernlang seinem Balthes damit dermaßen auf den Kopf hinauf, daß er schreit: »Maria und Joseph!« und maustot umfällt. – Das war ein Schrecken! Nicht lange dauert's, so kommen die Kordonisten und schleppen den Xaver ins Landgericht. Umsonst ist sein Klagen und Jammern, umsonst bitten Vater und Mutter für den einzigen Sohn! Der Bub kann's nicht leugnen. Der Richter erkennt auf Todesstrafe, und die Akten werden nach München geschickt, zur Bestätigung des Urteils. Als dies dem Xaver seine Eltern erfuhren, machte sich sein Vater selbst auf den Weg nach München, ob ihn gleich seine Füße kaum tragen wollten, und bat dort bei den Herren Kriminalräten für den Buben. Aber die gestrengen Herren gaben ihm schlechten Trost. Die Akten, sagten sie, seien schon dem Herrn Kurfürsten übergeben, und einer schickte ihn zu dem andern. Und der letzte, zu welchem er ging, bedeutete ihm, die Gerechtigkeit dürfe man nicht in ihrem Lauf aufhalten, wie einen Gaul. Da wanderte nun der Alte mit bekümmertem Herzen durch die schönen Straßen und Gassen der Stadt. Wo sollte er nun Hilfe finden für seinen Sohn? wie sollte er sein bis in den Tod betrübtes Weib trösten, wenn er wieder heimkehren müßte und keine bessere Nachricht mitbringen könnte? – von solchen Gedanken niedergedrückt, trat er in das Wirtshaus zum Franziskanerbräu, allwo er einstellte, wenn er auf die Schranne nach München fuhr. Darum fragte ihn auch der Wirt sogleich, warum er denn heute so betrübt ausschaue, und der Bauer schüttete sein ganzes Herz vor ihm aus und erzählte ihm, daß sein Sohn geköpft werden sollte, und wie er alle die Herren um Barmherzigkeit angefleht hätte, wie sie aber alle so kalt gewesen wären wie die Eiszapfen, und daß er nun seines Jammers kein Ende wisse. Hinter dem Ofen in der Wirtsstube saß aber noch ein Gast, ein Mann mit einem roten Stern auf der Brust und eine Maß Bier vor sich. An den wendete sich der Franziskanerbräuwirt und sagte: »da könntet Ihr helfen, Herr Prangerl, und den Kurfürsten für den armen Buben bitten. Es sind brave Leut' und ein großer Jammer. Und auf ein Trinkgeld kommt's auch nicht an. – Nicht wahr, Toni, Ihr laßt's Euch schon was kosten, wenn Euer Xaver wieder auf freien Fuß gestellt wird?« »Ach,« antwortete der Bauer, »hundert Gulden zahlte ich auf der Stelle her.« Aber der Mann mit dem roten Stern schüttelte den Kopf und sagte: »Ja warum nicht gar! Was fällt Euch ein, Leut'? Euer Bub dauert mich; aber Ihr kennet unsern Herrn Kurfürsten. Bei dem geht's nach dem Gesetz, und die Schmieramperl helfen nix. Der Xaverl dauert mich wirklich, noch so jung und sonst so brav. – Aber um hundert Gulden, da kann ich nix tun.« Erst als der Bauer noch hundert und dann noch dreihundert Gulden zu zahlen versprach, wenn sein Sohn begnadigt würde, schlug der Prangerl ein und sagte: »Morgen in aller Frühe geht Ihr zu einem Advokaten und laßt Euch eine Bittschrift machen. Vornherein darf sie lauten wie sie will: aber merkt's Euch, am Schluß muß es heißen: Und so bitte ich denn Dero Kurfürstliche Durchlaucht, daß Sie meinem Sohn Xaver jedwede Strafe erlassen und ihn allergütigst in die Arme seiner liebenden Eltern zurückgeben möchten und ersterbe in tiefster Ehrfurcht Dero alleruntertänigst treugehorsamster Max Schnitzelhuber , Bauer. Und wenn Ihr die Supplik habt, dann kommt Ihr wieder zum Franziskanerbräu, da werdet Ihr mich finden.« Der Bauer kam, und der Prangerl trank gar aus und ging mit der Bittschrift in die Residenz. Als er in das Kabinett des Kurfürsten trat, fing er an überlaut zu lachen. »Was hast denn heut wieder, Prangerl?« fragte ihn die Durchlaucht, »was gibt's denn zum Lachen?« Aber der Hofnarr lachte immer ärger und ärger, bis der Kurfürst fast unwillig ward und ihm allen Ernstes befahl, augenblicklich zu sagen, warum er lache. Der Hofnarr wischte sich mit der Hand die Tränen aus den Augen und erzählte: »Mir ist was Nett's passiert. Geh ich da in die Theatinerkirch 'nein, und eh ich mich's verseh, sperren's auf einmal die Türe zu, lassen keinen Menschen mehr 'naus und die Herren Kapuziner fangen an nach dem Glauben zu fragen.« – »Haben's dich auch gefragt, Prangerl!« – »O versteht sich, Kurfürstliche Durchlaucht!« – »Was haben's denn dich gefragt, du Narr?« – »Ich hab' das Vaterunser hersagen sollen.« – »Du wirst's doch gekönnt haben, das wäre sonst eine schöne Schand'!« – »Ich? ich hab's nicht gekönnt. Eine Bitt' ist mir nicht eingefallen.« – »Welche denn, Prangerl?« – »Die nach der, welche lautet: dein Reich komme.« – »Weißt denn jetzt, wie die Bitt' heißt?« – »Nein, Kurfürstliche Durchlaucht, ich weiß's noch immer nicht.« – »Ich will dir's sagen, paß recht auf, sie lautet: »dem Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.« Jetzt merk's aber ordentlich. Das ist ja ein wahrer Spektakel für einen Christenmenschen!« – »Ach, Kurfürstliche Gnaden, ich kann's halt nicht recht merken, ich hab' gar ein schwaches Gedächtnis und vergeß's allemal wieder. Euer Durchlaucht könnten mir einen rechten Gefallen tun, wenn's mir den Anfang der Bitt' da auf das Papier herschreiben täten. Sein's halt so gütig! Schreiben so schön und haben die Feder schon in der Hand.« Der Kurfürst schreibt den Anfang der Bitte: »Dein Wille geschehe« auf, und weil der Hofnarr gar so schön bittet, setzt er auch seinen Namen »Karl Theodor« darunter. Dann gibt er den Wisch wieder zurück und sagt: »Jetzt schieb' dich wieder, Prangerl. Ich hab' da eine recht traurige Arbeit. Da schau' den Stoß Akten. Ein Bauernsohn in Wasserburg hat einen andern bei einem Raufhandel erschlagen. Das Landgericht hat ihn zum Tod durchs Schwert verurteilt, und ich werd' ihm auch nicht helfen können. Er dauert mich, der arme Kerl!« – »Was?« erwiderte Prangerl »jetzt wollen's den Buben doch noch köpfen lassen, und zuerst versprechen's und unterschreiben's, daß er frei werden soll, und nachher reut es Sie wieder! Da hab' ich Respekt!« – »Was schwätzest du da?« fiel der Kurfürst ein, »bin ich ein Narr oder du? Wem hab' ich was versprochen, wo hab' ich was unterschrieben?« – »Na, Kurfürstliche Durchlaucht, lesen's nur gefälligst, was Sie unterschrieben haben! Da schauen's, da steht: Und so bitte ich denn Dero Kurfürstliche Durchlaucht, daß Sie meinem Sohn Xaver alle Strafen erlassen und ihn allergütigst in die Arme seiner liebenden Eltern zurückgeben möchten, und ersterbe in tiefster Ehrfurcht Dero alleruntertänigster treugehorsamster Schnitzelhuber, Bauer. Und nun schauen's noch weiter! Einen Finger breit darunter steht: Dein Wille geschehe! Karl Theodor. »Kurfürstliche Durchlaucht, was wollen's jetzt anfangen? Soll die Unterschrift nix gelten? O, haben's Barmherzigkeit und sagen's: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben! Denken's an den blutjungen Tropfen und an seinen alten Vater! Lassen's Gnade vor Recht ergehen!« Aber der Kurfürst antwortete unwillig: »Prangerl, Prangerl, was hast du da angestellt! Meinst du, die Unterschrift gilt etwas? Du machst schönes Zeug! Willst deinen Kurfürsten für'n Narr'n halten! Das soll dir nicht gelingen! Marsch! 'naus, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat!« »Gnädigster Kurfürst,« rief der Hofnarr dagegen, »haben's Barmherzigkeit und lassen's mich nur ausreden! Sehen's, fünf Personen haben's heut glücklich gemacht, wenn die Unterschrift gilt. – Der erste sind Sie; denn Sie brauchen dann nicht die dicken Akten zu lesen. Der zweite ist der Xaver. Wie froh wird der sein, wenn er aus dem Käfig herauskommt und sein Kopf fest droben sitzen bleibt! – Der dritte ist der Vater des Buben. Wie wird der und sein Weib Gott um Ihr Wohlergehen bitten, wenn Sie ihnen ihren Sohn freilassen. – Der vierte – aber das ist eine närrische Geschichte, fuhr Prangerl fort, indem er sich hinter den Ohren kratzte – der vierte, der heut glücklich wird, der bin ich. Ich hab' mit einem Wort Schulden, beim Zacherlbräu 20 Gulden, beim Stachus 16 Gulden, beim Pschorrbräu 30, und mit dem Franziskanerbräu hab' ich noch nicht gerechnet. – Und da hat mir nun dem Buben sein Vater versprochen, daß er mir 500 Gulden gibt, wenn ich seinen Sohn freimach'. Den fünften hätt' ich aber bald vergessen. Das ist meine Mutter. Der blieb für die Leichenkösten und für Seelenmessen etwas übrig. Und wenn's noch weiter langt, soll auch mein guter Freund, der alte Wachtmeister, was davon haben. Hat nur ein Bein und sechs Kinder. – Einverstanden, Euer Durchlaucht! Sagen's Ja, um aller Barmherzigkeit willen! Gilt die Unterschrift oder gilt sie nichts?« »Nun, in Gottes Namen,« antwortete der Kurfürst, »die Unterschrift soll gelten! Der Bub mag hingehen, wo er will, er ist frei! Aber Prangerl, untersteh' dich nimmer, das heilige Vaterunser und meine Gnade also zu mißbrauchen! Merk' du's selbst und sag's allen Leuten, sie sollen's nur recht beten, dann brauchen's nicht so oft die Händ' über dem Kopf zusammenschlagen.« Die Hasenjagd Ludwig Auerbacher Ich weiß nicht, ist es ein Schwabe oder ein anderer deutscher Landsmann gewesen, der einmal von einem Hasen hübsch angeführt worden ist. Es hatte nämlich ein langanhaltender Regen die Gegend so sehr überschwemmt, daß fast alles Wild in den Niederungen zugrunde gegangen war. In dieser Not hatte sich ein Häslein schwimmend auf einen Weidenbaum gerettet, der noch aus dem Wasser hervorragte. Das sah ein Bauer von seiner einsamen Hütte aus, und er dachte sich: der Hase wäre doch mehr geborgen in seiner Küche, als dort auf dem Baume, wo er ohnehin zuletzt doch versaufen oder verhungern müßte. Also zimmerte er ein paar Bretter zusammen, und ruderte damit gegen den Weidenbaum zu, um den Hasen zu fischen. Der aber mochte dabei auch seine Gedanken und Pläne im Kopfe haben, wie sich's aus der Folge ergeben wird. Denn wie nun der Bauer anfuhr und sich an den Zweigen hinaufhob, ersah sich der Hase den rechten Augenblick und sprang über den Bauern hinweg auf das bretterne Fahrzeug, das, durch den Aufsprung in Bewegung gebracht, nun fortschwamm, wohin es das Wasser führte. Beim nächsten Bühel, wo es anfuhr, sprang der Hase aufs Trockene und dankte, wie es schien, seinem Erretter mit einem allerliebsten Männle. Der Bauer aber säße wohl noch auf dem Baume, wenn ihn nicht die Nachbarn heimgeholt hätten, die ihn nun ob seiner Hasenjagd brav auslachten. Der schlaue Husar J. P. Hebel Ein Husar wußte wohl, daß der Bauer, dem er jetzt auf der Straße entgegenging, 100 fl. für geliefertes Heu eingenommen hatte und heimtragen wollte. Deswegen bat er ihn um ein kleines Geschenk zu Tabak und Branntwein. Wer weiß, ob er mit ein paar Batzen nicht zufrieden gewesen wäre. Aber der Landmann versicherte und beteuerte bei Himmel und Hölle, daß er den eigenen letzten Kreuzer im nächsten Dorfe ausgegeben und nichts mehr übrig habe. »Wenn's nur nicht so weit von meinem Quartier wäre,« sagte hierauf der Husar, »so wäre uns beiden zu helfen; aber wenn du nichts hast, ich nichts hab', so müssen wir den Gang zum heiligen Alphonsus doch machen. Was er uns heute beschert, wollen wir brüderlich teilen.« Dieser Alphonsus stand in Stein ausgehauen in einer alten, wenig besuchten Kapelle am Feldweg. Der Landmann hatte anfangs keine große Lust zu dieser Wallfahrt. Aber der Husar nahm keine Vorstellung an, und versicherte unterwegs seinen Begleiter so nachdrücklich, der heilige Alphonsus habe ihn noch in keiner Not stecken lassen, daß dieser selbst anfing, Hoffnung zu gewinnen. Vermutlich war in der abgelegenen Kapelle ein Kamerad und Helfershelfer des Husaren verborgen? Nichts weniger! Es war wirklich das steinerne Bild des Alphonsus, vor welchem sie jetzt niederknieten, während der Husar gar andächtig zu beten schien. »Jetzt,« sagte er seinem Begleiter ins Ohr, »jetzt hat mir der Heilige gewinkt.« Er stand auf, ging zu ihm hin, hielt die Ohren an die steinernen Lippen, und kam gar freudig wieder zu seinem Begleiter zurück. »Einen Gulden hat er mir geschenkt, in meiner Tasche müsse er schon stecken.« Er zog auch wirklich, zum Erstaunen des andern, einen Gulden heraus, den er aber schon vorher bei sich hatte, und teilte mit ihm versprochenermaßen brüderlich zur Hälfte. Das leuchtete dem Landmann ein, und es war ihm gar recht, daß der Husar die Probe noch einmal machte. Alles ging das zweite Mal wie zuerst. Nun kam der Kriegsmann diesmal viel freudiger von dem Heiligen zurück. »Hundert Gulden hat uns jetzt der gute Alphonsus auf einmal geschenkt. In deiner Tasche müssen sie stecken.« Der Bauer wurde todesblaß, als er dies hörte, und wiederholte seine Versicherung, daß er gewiß keinen Kreuzer habe. Allein der Husar redete ihm zu, er sollte doch nur Vertrauen zu dem heiligen Alphonsus haben und nachsehen. Alphonsus habe ihn noch nie getäuscht. Wollte er wohl oder übel, so mußte er seine Taschen umkehren und leer machen. Die hundert Gulden kamen richtig zum Vorschein, und hatte er vorher dem schlauen Husaren die Hälfte von seinem Gulden abgenommen, so mußte er jetzt auch seine hundert Gulden mit ihm teilen, da half kein Bitten und kein Flehen. Das war fein und listig, aber eben doch nicht recht, zumal in einer Kapelle. Das Land der Betrüger H. Klettke Ein sehr reicher Kaufmann, den seine Geschäfte oft zu reisen nötigten, mußte sich einst in ein entferntes Land begeben. Vorher fragte er diejenigen, die oft dahin zu reisen hatten, welche Ware wohl dort den meisten Absatz fände. Da sagte man ihm: das Sandelholz. Er kaufte daher einen großen Vorrat davon. Als er nun an das Ziel der Reise kam, war es schon spät abends und er war besorgt, in dieser Stadt eine gute Wohnung zu finden. Da begegnete er einer Frau, an die er sich deshalb wandte. »Wer bist du?« fragte ihn diese. »Ich bin ein Kaufmann,« antwortete er ihr, »bin hier fremd und komme aus einem entfernten Lande.« »Hüte dich,« erwiderte sie ihm, »vor den Bewohnern dieser Stadt, sie suchen auf alle Art die Fremden zu betrügen. Dabei sind sie sehr listig und diebisch, und es macht ihnen die größte Freude und Ehre, einen Fremden hintergangen Zu haben. Lachend verzehren sie dann sein Hab und Gut.« Am Morgen begegnete ihm ein Mann aus dieser Stadt. Dieser grüßte ihn und fragte ihn sehr zuvorkommend: »Wer bist du und woher kommst du?« »Ich bin ein Kaufmann und komme aus Samarkand.« »Was hast du denn für Waren mitgebracht?« fragte ihn der Mann. »Sandelholz habe ich mitgebracht,« war des Kaufmanns Antwort; »denn man hat mir gesagt, es habe in dieser Stadt einen hohen Wert.« »Der dir dies gesagt hat, hat dich sehr betrogen,« antwortete jener, »hier zündet man das Feuer damit an und allen Bewohnern dieses Landes dient es als Brennholz. Es gilt hier nichts mehr als die gewöhnlichen Kloben. Darüber war der Kaufmann sehr erstaunt, bereute es sehr, so viel Sandelholz gekauft zu haben und war fast in Verzweiflung, den größten Teil seines Vermögens so dabei verlieren zu müssen. Er begab sich nun in einen der Gasthöfe der Stadt, und wie die Nacht anbrach, sah er einen Kaufmann, der unter einem Kessel Feuer anmachte, und zwar, wie er leider sah, mit Sandelholz. Das war indes bloß eine veranstaltete List des Mannes, mit dem er geredet hatte. Der fremde Kaufmann aber glaubte nun gewiß, daß das Sandelholz in dieser Stadt wirklich einen so geringen Wert habe und schloß mit dem Manne, der das Feuer anzündete, einen Handel ab, durch welchen er ihm sein ganzes mitgebrachtes Sandelholz verkaufte, und zwar verpflichtete sich der Käufer, ihm dafür einen Sack voll von dem, was er sich wünschen würde, zu füllen und ließ das kostbare Holz in seine Speicher bringen. Der Kaufmann ging aber voll Betrübnis ein andermal wieder aus. Er hatte blaue Augen. Nun war in dieser Stadt ein Mann, welcher ebensolche blaue Augen hatte, wie er, dabei aber einäugig war. Dieser sah es jenem sogleich an, daß er ein Fremder wäre, lief daher auf ihn zu, fiel ihn wütend an und rief: »Du hast mir mein Auge gestohlen! Ich lasse dich nicht los, es sei denn, du gibst mir eine Entschädigung dafür.« Der Kaufmann weigerte sich und so entstand ein Wortwechsel, der viele Leute herbeizog: diese brachten es dahin, daß sie sich bis morgen geduldeten. Indes verlangte der Einäugige ein Pfand für seine Zurückkunft, ohne welches er ihn nicht loslassen wollte. Der Kaufmann gab ihm eins und ging davon. Unterdes war einer seiner Schuhe zerrissen und er gab ihn daher einem Schuhflicker mit den Worten: »Bessere ihn aus und was dich befriedigt, werde ich dir dann geben.« Mit diesen Worten ging er davon und blieb unterwegs bei einer Menge von Leuten stehen, welche das Richterspiel spielten. Er gesellte sich zu ihnen, um sich von seinem Kummer und Ärgernis zu zerstreuen. Da baten sie ihn, mit ihnen zu spielen, welche Einladung er annahm. Zum Unglück aber verlor er, und der Sieger verurteilte ihn, das Wasser des Meeres auszutrinken, oder ihm eine große Summe Geldes auszuzahlen. Darüber war er ganz außer sich und sprach: »Laßt mir Zeit bis morgen.« Diese Frist wurde ihm gestattet, und der Kaufmann entfernte sich höchst betrübt und wußte nun nicht, wo er hingehen sollte. Während er so in seinen Gedanken vertieft war, kam eine alte Frau und sprach: »Es scheint mir, du bist ein Fremder.« »Freilich, bin ich's,« sprach er verdrießlich. »Nun wohl, so hüte dich vor den Bewohnern dieser Stadt, denn es sind unverschämte Betrüger. Ich sehe dich so betrübt, es ist dir gewiß schon etwas begegnet?« Er erzählte ihr hierauf alles, was ihm begegnet war. »Der erste Betrug, den man an dir ausgeübt hat,« erwiderte die Alte, »ist der mit dem Sandelholz, denn das Pfund gilt hier zehn Goldstücke. Ich wünsche sehr, daß du noch zu deinem Gelde kommen mögest. Ich kann dir nichts weiter raten, als daß du an das Stadttor gehest; dort wirst du einen blinden Greis sitzen sehen, der ein sehr weiser und unterrichteter Mann ist. Er kennt alle Schelme und Betrüger dieser Stadt: denn alle Abende kommen sie zu ihm, erzählen ihm alle ihre Streiche und holen sich Rat bei ihm. Kannst du dich also verbergen oder verkleiden, so gehe hin, damit du sie reden hörest, ohne von ihnen gesehen zu werden. Ich rate es dir sehr, versäume es ja nicht: vielleicht hörest du dort etwas, was dir sehr nützen kann.« Sie ging davon, und der Kaufmann begab sich an den bestimmten Ort, wo er auch den Greis wirklich fand. Er versteckte sich ganz nahe bei ihm, und es dauerte nicht lange, so hatte sich auch schon eine Menge Leute bei ihm versammelt. Zu seiner Freude bemerkte er unter ihnen auch die vier Schelme, die ihn betrogen hatten. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, erzählte jeder dem Greise, was ihm den Tag über begegnet war. Endlich kam auch der Mann, der das Sandelholz gekauft hatte und sagte ihm: »Ich habe heute Sandelholz fast umsonst gekauft, und zwar um einen Sack voll von dem, was der Verkäufer wünschen würde.« »Du hast einen sehr schlechten Handel gemacht,« erwiderte der Greis: »deine Gegenpartei kann vor dem Richter ihren Prozeß gewinnen.« »Wieso das? Und wenn er einen großen Sack voll Gold verlangte, so würde ich ihm denselben gern geben, denn ich würde noch viel dabei gewinnen.« »Siehst du denn nicht ein,« entgegnete ihm der Greis, »daß, wenn er von dir einen Sack voll Flöhe verlangt, halb Männchen, halb Weibchen, du ihm dieselben nicht geben kannst?« Da sah er ein, daß er nicht gewinnen würde und zog sich zurück. Nun trat der Einäugige hervor und sprach: »Heute habe ich einen Mann, der ebensolche blaue Augen hatte als ich, getroffen; diesen habe ich angefallen und zu ihm gesagt: ›Du hast mir mein Auge gestohlen‹, und ich habe ihn nicht eher von mir gelassen, als bis er sich durch ein Pfand verpflichtete, mir das zu geben, was ich verlangen würde.« »Wenn der Mann wollte, so könnte er dich überlisten.« »Und wie das?« »Wenn er dir nun sagt: Reiß vorher dein Auge aus und ich will eins von meinen ausreißen; dann wollen wir sie gegeneinander wiegen. Sind sie einander an Gewicht gleich, so wird man dadurch erst sehen, ob es wahr ist, was du behauptest. Dann,« fügte der Greis hinzu, »bist du eines Betruges überführt und du wirst ganz blind sein, da er nur einäugig sein wird.« Da sah dieser ein, daß er überlistet werden könne und zog sich zurück. Nunmehr trat der Schuhflicker hervor: »O Greis, es ist heute ein Mann zu mir gekommen, der hat mir einen Schuh zum Ausbessern gegeben. ›Was gibst du mir dafür?‹ fragte ich ihn. ›Was dir Freude machen wird‹, war die Antwort. Ich verlange aber nichts weniger als sein ganzes Vermögen.« Da sagte zu ihm der Greis: »Wenn er wollte von dir nehmen, anstatt dir zu geben, so könnte er es tun.« »Und wie denn?« »Wenn er dir nun sagte,« fuhr der Greis fort, »der Sultan hat seine Feinde besiegt, seine Gegner in die Flucht geschlagen und seine Bundesgenossen vermehrt. Macht dir diese Nachricht Freude? Wenn du sagst: ja, so nimmt er seinen Schuh und geht fort, ohne dir weiter etwas zu geben. Sagst du aber: nein, so wird dir der Hals abgeschlagen.« Hier erkannte er, daß er überlistet werden könne und trat zurück. Nun sprach derjenige, der mit dem Kaufmann das Richterspiel gespielt hatte, zum Greise: »Ich spielte heute mit einem Manne und habe gewonnen. Da trug ich ihm auf, entweder das Meer auszutrinken, oder wenn er das nicht könnte, mir einen Teil seines Vermögens zu geben.« Da sprach der Greis zu ihm: »Wenn er wollte, so könnte er dich überlisten.« »Und wie das?« fragte jener. »Er darf dir nur sagen,« erwiderte der Greis, »du solltest die Ausflüsse der Ströme verstopfen, denn nur das Meer habe er sich verpflichtet zu trinken, nicht aber die Ströme, die sich hinein ergießen. Das wirst du aber nicht können und dann würde der Urteilsspruch der Richter gegen dich ausfallen.« Hieraus ersah er, daß er verlieren könne. Sodann nahten sich noch mehrere andere dieses Gelichters dem Greise und erzählten ihm, was sie den Tag über getan hatten. Der Kaufmann aber merkte sich wohl, was der Greis gesagt hatte, dankte ihm in seinem Herzen und ging froh von dem Orte, wo er sich verborgen hatte, ohne bemerkt zu werden, nach Hause und erwartete ruhig den andern Morgen. Der Tag war noch nicht lange angebrochen, als sich auch schon einer von den Betrügern bei ihm meldete, und zwar derjenige, mit dem er das Richterspiel gespielt hatte. Der Kaufmann sagte ihm, daß er sein Versprechen nicht zurücknehme. »Du mußt aber vorher,« sagte er, »die Mündungen der Flüsse und Bäche verstopfen, damit ich das Meer, wie du gewollt hast, austrinken kann.« Der Betrüger fand hier kein Mittel, auszuweichen. Er sah, daß er sich selbst eine Grube gegraben hatte, und der Kaufmann ließ ihn nicht eher los, bis er ihm hundert Goldstücke gegeben hatte. Er ging darauf davon, und der Kaufmann schöpfte nun Mut, ging zum Schuhflicker und sagte zu ihm: »Der Sultan hat seine Feinde überwunden, seine Gegner unterdrückt, seine Hilfsvölker haben sich vermehrt und seine Familie ist zahlreicher geworden. Bist du damit zufrieden?« »Sehr wohl,« erwiderte jener, und der Kaufmann nahm nun seinen Schuh, ohne irgendeinen Lohn zu geben und ging davon. Kaum war er zwei Schritte gegangen, als der Einäugige ihm begegnete und ihm zurief: »Gib mir mein Auge!« »Sehr gern,« antwortete der Kaufmann, »reiß aber vorher das deinige aus: ich werde zugleich eins von meinen ausreißen; dann wollen wir sie wiegen, wenn dann eins soviel wiegt als das andere, so werde ich sehen, daß dein Vorgeben, daß ich dir nämlich dein Auge gestohlen habe, wahr ist, und du kannst mir dann dein Auge wieder abnehmen. Sind sie aber von verschiedenem Gewicht, so erkenn' ich, daß du ein Lügner bist und werde dich vor dem Richter anklagen, um Ersatz für mein Auge zu erhalten.« Bei diesen Worten wurde der Betrüger kleinmütig, bat erst um Erlaß, dann um Aufschub. »Ich bin ein Fremder,« antwortete der Kaufmann, »und kann niemandem Aufschub verstatten, und ich lasse dich daher nicht los, bis du mir Genugtuung verschafft hast.« Da sah sich der Betrüger genötigt, ihm hundert Goldstücke auszuzahlen. Hierauf begab sich der Kaufmann zu demjenigen, der ihm sein Sandelholz abgekauft hatte und verlangte Bezahlung. »Was willst du für dein Sandelholz haben?« fragte ihn dieser. »Ganz, wie wir den Vertrag miteinander gemacht haben, einen Sack voll dessen, was mir belieben wird.« »Was verlangst du denn?« fragte jener; »ich will nicht geizig gegen dich sein, und wenn du den Sack voll Gold verlangst, ich würde dir ihn geben.« »Ich verlange kein Gold,« erwiderte der Kaufmann. »Was willst du denn?« »Ich will einen Sack voll Flöhe, halb Männchen und halb Weibchen.« »Das ist ja ganz unmöglich,« sagte jener, »das kann dir niemand geben.« »Gestehe also,« sagte der Kaufmann, »daß ich dich überlistet habe, und ich verlasse dich nicht eher, als bis du mir Entschädigung gibst.« Da kaufte sich der Betrüger mit hundert Goldstücken los und gab ihm das Sandelholz zurück. Er verkaufte dies nun in kurzer Zeit, machte großen Gewinn dabei und kehrte in sein Land zurück, – ein Glück, welches er kaum zu erreichen gehofft hatte. Das goldbordierte Hütlein Ludwig Auerbacher In der Rechnung des Kastenamts Burghausen vom Jahre 1773 hatte sich ein sonderbarer Ausgabe-Posten vorgefunden: »Item für ein goldbordiertes Hütlein: thuet 16 fl. 25 kr.« Den Herren von der Rechnungskammer in München, die alles genau nahmen, fiel das auf, und sie stellten den Kastner darüber zur Rede, wie das goldbordierte Hütlein in die Kastenrechnung gekommen sei. Er antwortete: »Auf die natürlichste und rechtmäßigste Weise. Als nämlich im Mai vergangenen Jahres der gnädigste Kurfürst nach Burghausen kam, wollte und mußte ich ihm wohl besondere Ehre erweisen, und ritt ihm vor auf einem Mietgaul; und damit er mich aus allen heraus kennete, als seinen Beamten, so schaffte ich mir ein goldbordiertes Hütlein an und paradierte damit, nicht ohne Erfolg; denn der gnädigste Herr bemerkte es in Gnaden und erklärte nachmals, daß es mir gut angelassen, das goldbordierte Hütlein. Und da dies nun im höchsten Dienste geschehen und zu Ehren des Landesvaters – schloß er – so möchte ich wissen, wem ich's anders auf die Rechnung schreiben sollte, als ihm selbst, dem gnädigsten Kurfürsten?« Die Herren von der Kammer aber meinten: »Es sei zwar die patriotische Gesinnung, die er an den Tag gelegt, gar sehr zu loben: aber die Unkosten, die er dem hohen Gaste zu Ehren freiwillig gemacht habe, müsse natürlich er selbst tragen, weil ihm keine besondere Vollmacht dazu gegeben worden sei.« Also mußte er sich's gefallen lassen, daß ihm der Posten gestrichen wurde. »Je nun,« sagte der Kastner, »wenn's nun schlechterdings nicht in der vorjährigen Rechnung stehen soll, das goldbordierte Hütlein, so mag's meinethalb in die Rechnung des laufenden Jahres kommen.« – »Das wollen wir sehen!« sprachen die Herren. »Das sollen die Herren nicht sehen!« sagte der Kastner. Also nahmen sie's für Spaß und waren zufrieden. Im folgenden Jahre, als die Hauptrechnung des Kastners eingelaufen war, spionierten die Herren sorgfältigst nach dem Posten, das Hütlein betreffend: und sie sprachen alsdann zum Kastner: »Wie ist's? wir suchen nach dem Hütlein vergebens.« »Wo es sei?« versetzte der Kastner. »Drinnen steckt's,« sagte er, »aber ihr mögt suchen, solang ihr wollt, ihr werdet's doch nimmermehr finden.« Der Floh J. P. Hebel Ein Spaßvogel bemerkte, wie sich einer unaufhörlich juckte und kratzte. »Es scheint,« sagte er, »daß Euch ein Floh beißt.« »Ja,« erwiderte der andere, »aber was geht's Euch an, wenn mich ein Floh beißt.« »Nun,« sagte der Spaßvogel, »man darf doch davon reden, aus Menschenliebe. Übrigens könnte ich Euch ein Mittel sagen, daß Ihr in Eurem ganzen Leben keinen Floh mehr bekämt: doch müßt Ihr mir zuerst einen blanken Taler geben.« Als der Spaßvogel den erhalten hatte, sagte er: »Seht, wenn Euch ein Floh am rechten Arm beißt, müßt Ihr ihn am linken suchen! beißt er Euch aber am linken, so sucht ihn am rechten. Auf diese Weise bekommt Ihr gewiß keinen mehr.« Der silberne Löffel J. P. Hebel In Wien dachte ein Offizier: Ich will doch auch einmal im roten Ochsen zu Mittag essen, und geht in den roten Ochsen. Da waren bekannte und unbekannte Menschen, Vornehme und Mittelmäßige, ehrliche Leute und Spitzbuben, wie überall. Man aß und trank, der eine viel, der andere wenig. Man sprach und disputierte von dem und jenem, zum Exempel von dem Steinregen bei Stannern in Mähren, von dem Machin in Frankreich, der mit dem großen Wolf gekämpft hat. Als nun das Essen fast vorbei war, einer und der andere trank noch eine halbe Maß Ungarwein zum Zuspitzen, ein anderer drehte Kügelein aus weichem Brot, als wenn er ein Apotheker wär' und wollte Pillen machen, ein dritter spielte mit dem Messer, oder mit der Gabel, oder mit dem silbernen Löffel, – da sah der Offizier von ungefähr zu, wie einer, in einem grünen Rocke, mit dem silbernen Löffel spielte, und wie ihm der Löffel auf einmal in den Rockärmel hineinschlüpfte und nicht wieder herauskam. Ein anderer hätte gedacht: was geht's mich an? und wäre still dazu gewesen, oder hätte großen Lärm angefangen. Der Offizier dachte: Ich weiß nicht, wer der grüne Löffelschütz ist, und was es für einen Verdruß geben kann, und war mausstill, bis der Wirt kam und das Geld einzog. Als der Wirt kam und das Geld einzog, nahm der Offizier auch einen silbernen Löffel und steckte ihn zwischen zwei Knopflöcher im Rocke, zu einem hinein, zum andern hinaus, wie es manchmal die Soldaten im Kriege machen, wenn sie den Löffel mitbringen, aber keine Suppe. – Währenddem der Offizier seine Zeche bezahlte, und der Wirt schaute ihm auf den Rock, dachte er: »Das ist ein kurioser Verdienstorden, den der Herr da anhängen hat. Der muß sich im Kampf mit einer Krebssuppe hervorgetan haben, daß er zum Ehrengeichen einen silbernen Löffel bekommen hat, oder ist's gar einer von meinen eigenen?« Als aber der Offizier dem Wirt die Zeche bezahlt hatte, sagte er mit ernsthafter Miene: »Und der Löffel geht ja drein. Nicht wahr? Die Zeche ist teuer genug dazu.« Der Wirt sagte: »So etwas ist mir noch nicht vorgekommen. Wenn Ihr keinen Löffel daheim habt, so will ich Euch einen Patenlöffel schenken, aber meinen silbernen laßt mir da.« Da stand der Offizier auf, klopfte dem Wirt auf die Achsel und lächelte. »Wir haben nur Spaß gemacht,« sagte er, »ich und der Herr dort in dem grünen Rocke. Gebt Ihr Euern Löffel wieder aus dem Ärmel heraus, grüner Herr, so will ich meinen auch wieder hergeben.« Als der Löffelschütz merkte, daß er verraten sei, und daß ein ehrliches Auge auf seine unehrliche Hand gesehen hatte, dachte er: Lieber Spaß als Ernst, und gab seinen Löffel ebenfalls her. Also kam der Wirt wieder zu seinem Eigentum und der Löffeldieb lachte auch – aber nicht lange. Denn als die andern Gäste das sahen, jagten sie den verratenen Dieb mit Schimpf und Schande zum Tempel hinaus, und der Wirt schickte ihm den Hausknecht mit einer Handvoll ungebrannter Asche nach. Den wackern Offizier aber bewirtete er noch mit einer Flasche voll Ungarwein, auf das Wohlsein aller ehrlichen Leute. Drei Worte J. P. Hebel Ein Jude in Endingen im Wirtshaus erblickte einen Kaufherrn, der ihm bekannt vorkam. »Seid Ihr nicht einer von den graußmütigen Herrn, daß ich hab' die Gnad' gehabt, mit Ihnen von Basel nach Schalampi zu fahren auf dem Wasser.« Der Gersauer Kaufherr, er war von Gersau, sagte: »Hast Du unterdessen nichts Neues ausspintisiert, Reisekamerad!« Der Jud' antwortet: »Habt Ihr gute Geschäfte gemacht auf der Messe? Wenn Ihr gute Geschäfte gemacht habt, – um einen Sechsbätzner, Ihr könntet mir drei Worte nicht nachsagen.« Der Gersauer dachte: »Ein paar Franken hin oder her. Laß hören!« Der Jud' sagte: »Messerschmied.« Der Gersauer: »Messerschmied.« »Dudelsack,« – »Dudelsack.« Da schmunzelte der Jude und fagte: »Falsch!« – Da dachte der Gersauer hin und her, wo er könnte gefehlt haben. Aber der Jude zog eine Kreide aus der Tasche und machte damit einen Strich. »Einmal gewonnen.« »Noch einmal!« sagte der Kaufherr. Der Jud' sagte: »Baumöl.« Der Kaufherr: »Baumöl.« »Rotgerber.« – »Rotgerber.« Da schmunzelte der Hebräer abermals und sagte: »Falsch!«, und so trieben sie es zum sechsten Mal. Als sie's zum sechsten Mal so getrieben hatten, sagte der Kaufherr: »Nun will ich Dich bezahlen, wenn Du mich überzeugen kannst, wo ich gefehlt habe,« Der Jude sagte: »Ihr habt mir das dritte Wort nie nachgesprochen. ›Falsch‹ war das dritte Wort, das habt Ihr mir nie nachgesprochen, und also war die Wette gewonnen.« Wie man mit Bauern umgeht Ludwig Auerbacher Man kann mit den Bauern schon zurechtkommen, wenn man's eben nur versteht ... In Leipheim (ist ein Städtle nicht weit von Ulm) fiel der Jahrmarkt gerade auf den Tag, wo auch Holzmarkt war. Wie nun die Krämer ankamen mit ihren Waren und wollten ihre Stände aufrichten, da fanden sie die besten Plätze schon von den Holzwagen besetzt, und die Bauern machten eben keine Miene, daß sie weiter fahren wollten. Da trat ein Krämer unter sie und sagte in höflicher Weise: »Liebe Leute, seid so gut, und macht uns hier Platz.« Die Bauern schwiegen und hielten aber still. Drauf ging ein anderer zu ihnen und schrie: »Ihr donnerschlächtigen Kerle! wollt ihr weichen oder nicht?« Die Bauern lachten, sie wichen aber nicht. Zuletzt kam ein dritter, ein stattlicher Mann, aus dem nächsten Wirtshause: der verstand die rechte Weise. Er fragte den nächsten Bauern, wie teuer er seine Fuhre gebe bis vor das Haus? Der sagte ihm den Preis, und sie wurden sogleich eins; und der Mann sagte, er solle nur einstweilen vor das Tor hinausfahren; er werde gleich nachkommen und ihm den Platz bezeichnen, wo er's abladen solle. Desgleichen handelte er einem zweiten, dritten und allen übrigen ihre Fuhren ab, und er bestellte sie sämtlich vor das Tor. Die Bauern dankten und fuhren mit Freuden ab, und sie dachten: die große Bestellung sei gewiß für einen reichen Brauer in dessen Märzenkeller, und es könnte noch ein und das andre Mätzle gutes Bier, statt des Trinkgeldes, absetzen. – Als nun indessen die Marktstände alle geordnet und aufgeschlagen waren, kam der Käufer zu den Bauern, die vor dem Tor seiner harrten, und er sagte: »So, liebe Leute! Jetzt könnt ihr gemächlich fortfahren bis nach Hochstädt vor mein Haus. Es ist das dritte, links, wenn man zum Tor hineinfährt. Ihr könnt nicht irren. Wenn ich dann abends nach Hause komm', werd' ich euch richtig bezahlen.« Die Bauern schimpften; aber sie hielten vor dem Tor, bis andere Käufer kamen, denen sie das Holz nicht so weit führen durften vor das Haus. Die Ratsstühle Karl Stoeber Wenn zwei Ameisen an dem Stamm eines Baumes in Geschäften gehen, die eine hinauf, die andere herab, und sich begegnen, pflegen sie anzuhalten und beieinander stehen zu bleiben, aber nur einen kleinen Augenblick. Und in Nürnberg waren einmal zwei Frauen, die begegneten einander täglich, mit den Fleischkörben im Arm, auf, dem Platz vor dem Rathause und blieben dann auch immer beisammen stehen, eine Stunde oder darüber, je nachdem sie viel oder wenig auf dem Herzen hatten. Und wenn sie auch dazwischen auseinanderliefen und unmüßig taten, als kälbere daheim die Kuh, oder schwärmten die Bienen, oder wollte der Topf überlaufen, so blieben sie doch meistens auf sechs oder zehn Schritte voneinander stehen und plauderten fort, bis sie wieder so nahe beisammen standen, daß ihre Armkörbe ausweichen mußten. – Darüber aber betrübte sich der Bürgermeister, der dies böse Exempel tagtäglich vor dem Fenster seiner Amtsstube mit ansehen mußte, und weil er fürchtete, daß dieser Unfug, gegen der Stadt Bestes, weiter um sich greifen möchte, lud er den ganzen kleinen und großen Rat ein auf eine bestimmte Stunde und sagte zween Stadtknechten, was sie zu tun hätten. Und als die zwei ehrbaren Frauen des andern Tages wieder beisammen stunden und kehrten, wo ihre Türen nicht waren, und mit ihren Zungen das fremde Korn draschen, und den Flachs des Nächsten durch ihre haarfeinen Hecheln zogen und dieses und jenes Vöglein rupften, bis keine gute Feder mehr an ihm war, – siehe, da kamen die zwei Stadtknechte, der eine von der Pegnitz herauf und der andere von der Festen herab, ein jeder aber mit einem rotsaffianenen Ratsstuhl. Je weiter sie aber gingen, desto größer wurde ihr Schweif von Schulkindern und Lehrburschen. Und als sie bei den zwei Weibern angekommen waren, stellten sie ihre Armstühle hin, richteten einen Empfehl von Bürgermeister und Rat aus und sagten, die ehrbaren Frauen möchten doch Platz nehmen. Und als sie das sagten, gingen am Rathaus alle Fenster auf, die es hat, und alle Perücken schauten heraus, die darin waren, das böse Volk der Schreiber gar nicht gerechnet, und die Geier hinter den Ratsdienern schlugen ein Geschrei auf, dergleichen die alte Reichsstadt bis dahin noch nicht gehört hatte, und gaben den Frauen das Geleite bis vor ihre Häuser. – Die Chronik aber berichtet, das Mittel des Bürgermeisters hätte angeschlagen, und die Töchter Jerusalems stellten sich, seit der Zeit, nicht mehr so oft und so lange zusammen. Ja, sie geht noch weiter und will behaupten, das Mittagessen um elf Uhr datiere sich von dieser Zeit, wo die Frauen der ehrbaren Bürgerschaft angefangen hätten, das Fleisch bälder heimzubringen und an das Feuer zu setzen. Vordem wäre es oft um zwölf Uhr noch nicht weich gewesen. Die helle Kerze Volksschwank In der guten alten Zeit, wie man noch Kerzen in den Stuben brannte, bekam ein Mann, der eine böse, geizige Frau hatte, einmal abends Besuch von einem Freund. Als nun die Frau ein Kerzchen anzündete, so dünn wie ein kleiner Finger und so hell wie ein Leuchtkäferchen, da sagte der Mann zu ihr: »Liebe Frau, zünd' mal eine ordentliche Kerze an, damit man sehen kann, wo die andere brennt!« Dankbarkeit J. P. Hebel In der Seeschlacht bei Trafalgar, während die Kugeln sausten und die Mastbäume krachten, fand ein Matrose noch Zeit zu kratzen, wo es ihn biß; nämlich auf dem Kopf. Auf einmal streifte er mit zusammengelegtem Daumen und Zeigefinger bedächtig an einem Haare herab und ließ ein armes Tierlein, das er zum Gefangenen gemacht hatte, auf den Boden fallen. Aber indem er sich niederbückte, um ihm den Garaus zu machen, flog eine feindliche Kanonenkugel ihm über den Rücken weg, paff, in das benachbarte Schiff. Da ergriff den Matrosen ein dankbares Gefühl, und überzeugt, daß er von dieser Kugel wäre zerschmettert worden, wenn er sich nicht nach dem Tierlein gebücket hätte, hob er es schonend von dem Boden auf und setzte es wieder auf den Kopf. »Weil du mir das Leben gerettet hast,« sagte er, »aber laß dich nicht zum zweitenmal erwischen, denn ich kenne dich nimmer.« Die Rätsel J. P. Hebel Es saßen eines Tages im Wirtshause zum goldenen Kreuz etliche Handwerksburschen an einem Tische und zechten lustig zusammen. Da kam auch ein Schneiderlein in die Zechstube, dem man's aber ansah, daß er sein Handwerk nicht leidenschaftlich treibe, denn er hatte einen alten abgeschabten Rock an, welchen er wohl auf einem Täntelmarkt gekauft haben mochte, und die übrige Kleidung paßte ganz gut dazu. Der setzte sich, ohne Umstände, an den Tisch zu den Gesellen, und er langte seinen Beutel heraus, und verlangte von der Kellnerin um das Geld, das er drinnen hatte, eine Maß Bier und zwei Kreuzer Brot: tut sechs Kreuzer. Die Burschen sahen sich einander an, als wollten sie sagen: Der steht uns nicht an, und wir wollen ihn vom Tisch vertreiben. Sie verabredeten sich, und schlugen vor: sie wollten sich der Reihe nach Rätsel aufgeben, und wessen Rätsel erraten würde, der müsse einen Zwanziger geben: wessen Rätsel aber nicht erraten würde, dem falle das eingelegte Geld zu. Und, sagten sie, wer nicht daran teilnehme, der sei nicht ihr guter Kamerad und müßte vom Zechtisch weg. Die Schelme dachten, das Schneiderlein, in dessen Beutel es ganz helle sei, werde sich sogleich auf und davon machen. Der aber sagte: »Mir auch recht,« und tat mit einem guten Schluck den Kameraden Bescheid. Der Bruder Danziger nahm zuerst das Wort und sagte: »Bruder Wiener, wieviel Wege gehen von andern Orten nach Wien?« Der Wiener antwortete: »Keiner, denn alle Wege muß man selber gehen, reiten oder fahren.« Jener mußte einen Zwanziger in die Büchse legen. Nun fragte der Bruder Wiener den Bruder Danziger: »Wenn man zu Danzig durch das Olivaer Tor hinausgeht, was ist an der rechten Hand?« Der Bruder Danziger sagte: er wisse das nicht, weil er nie zu jenem Tor hinausgekommen sei. Da sagte das Schneiderlein: »Die fünf Finger sind an der rechten Hand:« und der Wiener mußte bezahlen. Nun kam die Reihe an den Bruder Schlesinger: der sagte zum Schneider: »Weil du doch weißt, was fünf sei, so sag mir einmal: Wenn fünf Vögel auf einem Baum sitzen, und der Jäger schießt einen herunter, wieviel bleiben?« »Keiner,« antwortete der Schneider, »denn die übrigen fliegen davon.« Der Vierte fragte: »Warum schabt man den Käs?« Man antwortete: »Wenn er Federn hätte, so würde man ihn rupfen.« Der Fünfte fragte: »Welche Speise kann man nicht essen?« Antwort: »Die Glockenspeise.« Der Sechste: »Was ist das Beste am Salat?« Antwort: »Daß er sich biegen läßt, sonst könnte man ihn nicht ins Maul schieben.« Der Siebente fragte: »Warum läuft der Has über den Berg?« Antwort: »Wenn der Berg unten ein Loch hätte, so würde er durch das Loch laufen.« Der Achte: »Wer sieht mehr, der ein oder der zwei Augen hat?« Antwort: »Der nur ein Auge hat; denn dieser sieht an dem andern zwei Augen, der andere aber nur eines.« Der Neunte fragte: »Welches ist der mittlere Buchstabe im ABC?« Einer, nachdem er lange nachgezählt, antwortete: »Das N.« »Nein,« sagte der Schneider, »das V.« Der Neunte mußte bezahlen wie die Vorhergehenden. Der Zehnte fragte: »Wo sind die höchsten Berge?« Man sagte: »Wo die tiefsten Täler sind.« Der Elfte: »Welche Kerze brennet länger, eine Wachskerze oder eine Unschlittkerze?« Die Antwort war: »Keine brennt länger, sondern beide kürzer.« – Jetzt kam die Reihe an den Schneider. Die Schelme hatten das Ding insgeheim unter sich abgekartet, daß sie die Bußgelder unter sich wieder verteilen wollten, und drum haben sie sich lauter solche Rätsel aufgegeben, die der günstige Leser und jedermann weiß, der das Haus- oder Reisebüchlein von Odilo Schreger gelesen hat. Der Schneider, dachten sie, werde sein Rätsel auch nicht weiter herholen, und, wenn sie's errieten, hätten sie doch einen Zwanziger gefischt, der in die Zeche gehen sollte. Das Schneiderlein aber nahm mir nichts dir nichts die Büchse und steckte die Zwanziger ein. Ihr erratet es doch nicht, sagte er; und ich möchte nicht, daß ihr euch den Kopf zerbrechet. Die Gesellen aber fuhren auf und verlangten das Geld heraus und das Rätsel. »Nun, weil ihr denn so wollt,« sagte der Schneider. »Was ist das? Das erste weiß ich allein; die zweite wisset ihr, aber ich nicht: das dritte ist sowohl mir als euch unbekannt.« Die Burschen dachten hin und her, aber keiner konnte es erraten. Da stand endlich das Schneiderlein auf, trank aus, und wollte mit dem Geld fortgehen. Jene sagten, sie wollten sich gefangen geben; aber er sollte ihnen das Rätsel auflösen. Der Schneider sagte, er wolle das tun, es koste aber noch einen Zwanziger, damit das Dutzend voll wäre. Aus großer Neugierde willfahrten sie ihm. Da sagte der Schneider: »Daß meine Hosen zerrissen sind, das weiß ich, aber ihr nicht.« Und damit wies er ihnen das Hinterteil, und sie fanden es so, wie er gesagt. Dann nahm er den Hut ab und sagte, als ob er betteln wolle: »Das andere weiß ich nicht, aber ihr: ob ihr mir nämlich wollet Tuch zu einem Paar neuen Hosen verehren.« Die Gesellen mußten nun selbst lachen; sagten aber »nein«. »Und das dritte,« sagte der Schneider, »wissen wir alle nicht, ob, wenn ich auch Tuch dazu hätte, mein Meister sie mir umsonst wollte machen lassen.« Und mit diesen Worten ging er, sich höflichst verbeugend, zur Tür hinaus. Bauer und Edelmann Ludwig Auerbacher Ein Bauer kam vom Markt und hatte eins über den Durst getrunken. Zu Hause erzählte er seiner Frau, er habe unterwegs auch den Gutsherrn angetroffen. »Was wollte er von dir?« »Er fragte, ob ich vom Markt komme. Und dann, ob der Markt groß gewesen sei. Da sagte ich, ich hätte ihn nicht gemessen. Ich meine, sagte er, wieviel Käufer und Verkäufer auf dem Markt waren. Ich hab' sie nicht gezählt, versetzte ich. Wohin geht denn nun der Weg? fragte er, und ich sagte: der Weg geht nicht, er liegt.« »O weh,« rief die Frau, »das wird uns eingetränkt werden. Hat der Herr weiter nichts gesagt?« »Ja, er fragte noch, was ich auf dem Markt getan habe, und ich sagte: eins über den Durst getrunken.« »Das ist noch schlimmer,« jammerte die Frau. »Denkst du gar nicht an dein Weib und deine Kinder. Dein böses Maul bringt uns noch an den Bettelstab. Ich will zufrieden sein, wenn morgen nichts darauf kommt.« Der Bauer ließ sich kein graues Haar wachsen, ging zu Bett und schlief den Rausch aus. Die Frau aber konnte vor Angst keine Ruhe finden. Am andern Morgen in aller Frühe klopfte schon der Büttel an die Tür und beschied den Bauern aufs Schloß. Der Bauer blieb in guter Ruhe liegen und stand erst um elf Uhr auf, damit er die angesagte Stunde nicht versäume. Die Bäuerin hatte bedacht, wie sie wohl den Zorn des Herrn beschwichtigen könnte. Sie hatte ein Häslein aufgezogen, steckte es jetzt dem Mann unter den Kittel und sagte: »Bring' es dem gnädigen Herrn zum Geschenk. Vielleicht läßt er Gnade vor Recht ergehen.« Der Bauer brummte, ließ es sich aber gefallen und ging nach dem Schlosse. Der Herr hatte schon auf ihn gewartet. Er lag im Fenster und sah den Bauern kommen. »He! Bist du endlich da?« rief er ihm zu. »Zu dienen, Euer Gnaden,« sagte der Bauer. Als er aber in den Schloßhof kam, hetzten die Diener die Hunde auf ihn. Da, als sie ihn fassen wollten, ließ er, wie vor Schreck, das Häslein fallen; sogleich jagten die Hunde dem Hasen nach und krümmten dem Bauern kein Haar. – »Der Kerl kann mehr als Brot essen,« dachte der Edelmann. Der Bauer trat in die Stube, wo der Tisch gedeckt stand, und der Herr schenkte eben ein Glas Wein ein. »Bauer, kennst du auch Wein?« fragte er, und der Bauer fagte »Nein, Herr.« »Nun, dann mußt du ihn kennen lernen.« Er rief zwei Diener herbei, ging mit ihnen zur Seite, wo er ihnen etwas ins Ohr flüsterte, und schickte sie mit dem Bauern in den Keller. Da lagen die Weinfässer nebeneinander in einer langen Reihe. Die Diener drehten am ersten Faß den Hahn auf, füllten ein Glas und ließen den Bauern kosten; es war der geringste Wein. Dann gaben sie ihm ein Glas aus dem nächsten Faß, und der Bauer sprach dem Wein kräftig zu. Doch als sie zum letzten Fasse kamen, entging es ihm nicht, daß hinter ihm in der Ecke zwei Peitschen standen, die er wohl auch kosten sollte. Darum zog er schnell mit aller Kraft den Kran aus dem Faß, daß der Wein in den Keller schoß. Die bestürzten Diener sprangen hinzu und hielten die Daumen gegen das Kranloch, konnten aber doch dem Verlust nicht völlig wehren. Der Bauer sah sich inzwischen im Vorteller um, schob einen Schinken und eine Speckseite unter den Kittel, ging die Treppe hinauf und schlich, schwer gekrümmt, über den Schloßhof. »Nun hast du es doch einmal gekriegt,« rief ihm der Herr aus dem Fenster Zu. »Ja, Herr,« sagte der Bauer, »ich habe es schwer genug gekriegt. Wenn ich und meine Frau das Brot dazu hätten, könnten wir ein halbes Jahr davon leben.« Also schritt er zum Schloßtor hinaus. Der Hofprophet Karl Simrock An einem Hofe war ein Prophet angestellt; der mußte das Wetter vorhersagen, wofür er ein ansehnliches Gehalt bezog. Er hatte aber das Unglück, daß seine Prophezeiungen nicht eintrafen, und so zog er sich den Spott der andern Hofbeamten zu. Das ließ er sich zwar gefallen – denn das Gehalt wurde ja doch ausbezahlt, das Wetter mochte ausfallen, wie es wollte –, heimlich aber wurmte es ihn doch. Nun geschah es, daß auf dem Lande ein Dorfprophet großen Ruf erlangte, weil seine Prophezeiungen immer eintrafen. Da dachte er: Wenn du doch erfahren könntest, wie dieser Bauer es anstellt, daß er immer richtig prophezeit, so brauchtest du dein Brot nicht mit Schanden zu essen. Da steckte er eines Tages eine gute Summe Geldes zu sich und machte sich auf den Weg zu dem Dorfpropheten. Dem trug er sein Anliegen vor und ließ sich gar höflich vernehmen: Wenn er ihm sagte, wie er es anstellte, das Wetter immer so richtig vorherzusagen, so sollte es sein Schaden nicht sein. Aber der Dorfprophet sagte: »So geht das nicht, guter Freund! Ihr Herren am Hofe seid gewohnt, viel zu versprechen und wenig zu halten. Butter an die Fische! oder ich halte reinen Mund.« Da mußte sich der Hofprophet entschließen, hundert Goldgulden hinzuzahlen. »Hm!« sagte der Dorfprophet. »Wenn Ihr noch hundert dazulegtet, so wäre es gerade noch einmal so viel.« Der Hofprophet mußte also den Beutel zum andernmal ziehen und die Summe verdoppeln. »Jetzt könnte ich mir's schon überlegen,« sagte der Dorfprophet, »aber wer weiß, wie es ausfiele? Darum solltet Ihr zur Sicherheit lieber gleich noch hundert Goldgulden hervorlangen.« Dem Hofpropheten kam es hart an, denn es war sein letztes Geld, aber es mußte sein. Er zählte also auch die letzten hundert Goldgulden noch hin und sagte: »Nun aber heraus mit der Sprache!« Der Dorfprophet strich das Geld gemütlich ein, schloß es in seinen Schrank und klopfte sich auf die lederne Hose, daß es schallte: »Nun merkt auf,« sagte er, »wie ich es mache, daß ich immer richtig prophezeie. Seht: ich warte, bis Ihr prophezeit habt, – alsdann prophezeie ich das Gegenteil. Damit treffe ich immer das Richtige. Adjes, Herr Hofprophet!« Das wohlangebrachte Dakapo Altes Schwankbuch Wenn in Italien die Zuhörer ein Stück noch einmal hören wollen, das ihnen besonders gut gefallen hat, so rufen sie da capo, und man hört das Wort auch bei uns wohl noch hin und wieder. Es war nun vor langen Jahren ein deutscher Fürst, der sich gerne des Talers wert erzeigen wollte und den Pfennig deshalb etwas zu sehr ehrte. Auf der Durchreise wurde er einmal in einem seiner Dörfer feierlich, wie es sich ziemt, von der Gemeinde empfangen, und der Kantor, der an seine zwölf unversorgten Kinder dachte, hatte in ehrlicher Arbeit ein schönes Begrüßungsgedicht angefertigt. Das gefiel dem Fürsten so gut, daß er überlaut da capo! da capo! rief und sich die Verse noch einmal vortragen ließ. Als nun der Kantor, der auch wieder, in Ansehung seiner zwölf unversorgten Kinder, an eine Börse voll Dublonen gedacht hatte, einen einzigen Dukaten in seiner Hand sah, verbeugte er sich ehrerbietig und tief, sagte aber mit leiser, dem Fürsten recht vernehmlicher Stimme: »da capo! da capo!« Diesen Einfall fand der Fürst so drollig, daß er nicht nur herzlich lachen mußte, sondern der kluge Kantor bekam auch für jedes seiner zwölf Kinder ein Goldstück. Der Schneider im Himmel Gebrüder Grimm Es trug sich zu, daß der liebe Gott an einem schönen Tag in dem himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen mitnahm, also daß niemand mehr im Himmel blieb, als der heilige Petrus. Der Herr hatte ihm befohlen, während seiner Abwesenheit niemand einzulassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht lange, so klopfte jemand an. Petrus fragte, wer da wäre und was er wolle. »Ich bin ein armer, ehrlicher Schneider,« antwortete eine feine Stimme, »der um Einlaß bittet.« »Ja, ehrlich,« sagte Petrus, »wie der Dieb am Galgen, du hast lange Finger gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt, du kommst nicht in den Himmel, der Herr hat mir verboten, so lange er draußen wäre, irgend jemand einzulassen.« »Seid doch barmherzig,« rief der Schneider, »kleine Flicklappen, die von selbst vom Tisch herabfallen, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht, ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen, ich kann unmöglich wieder umkehren. Laß mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säubern und abwischen und ihre zerrissenen Kleider flicken.« Der heilige Petrus ließ sich aus Mitleiden bewegen und öffnete dem lahmen Schneider die Himmelspforte so weit, daß er mit seinem dürren Leib hineinschlüpfen konnte. Er mußte sich in einen Winkel hinter die Türe setzen und sollte sich da still und ruhig verhalten, damit ihn der Herr, wenn er zurückkäme, nicht bemerkte und zornig würde. Der Schneider gehorchte, als aber der heilige Petrus einmal zur Tür hinaustrat, stand er auf, ging voll Neugierde in allen Winkeln des Himmels herum und besah sich die Gelegenheit. Endlich kam er zu einem Platz, da standen viele schöne und köstliche Stühle und in der Mitte ein ganz goldener Sessel, der mit glänzenden Edelsteinen besetzt war! er war auch viel höher als die übrigen Stühle, und ein goldener Fußschemel stand davor. Es war der Sessel, auf welchem der Herr saß, wenn er daheim war, und von welchem er alles sehen konnte, was auf Erden geschah. Der Schneider stand still und sah den Sessel eine gute Weile an, denn er gefiel ihm besser als alles andere. Endlich konnte er den Vorwitz nicht bezähmen, stieg hinauf und setzte sich in den Sessel. Da sah er alles, was auf Erden geschah und bemerkte eine alte, häßliche Frau, die an einem Bach stand und wusch und zwei Schleier heimlich beiseite tat. Der Schneider erzürnte sich bei diesem Anblicke so sehr, daß er den goldenen Fußschemel ergriff und durch den Himmel auf die Erde hinab nach der alten Diebin warf. Da er aber den Schemel nicht wieder heraufholen konnte, so schlich er sich sachte aus dem Sessel weg, setzte sich an seinen Platz hinter die Türe und tat, als ob er kein Wasser getrübt hätte. Als der Herr und Meister mit dem himmlischen Gefolge wieder zurückkam, ward er zwar den Schneider hinter der Türe nicht gewahr, als er sich aber auf seinen Sessel setzte, mangelte der Schemel. Er fragte den heiligen Petrus, wo der Schemel hingekommen wäre, der wußte es nicht. Da fragte er weiter, ob er jemand hereingelassen hätte. »Ich weiß niemand,« antwortete Petrus, »der dagewesen wäre, als ein lahmer Schneider, der noch hinter der Türe sitzt.« Da ließ der Herr den Schneider vor sich treten und fragte ihn, ob er den Schemel weggenommen und wo er ihn hingetan hätte. »O, Herr,« antwortete der Schneider freudig, »ich habe ihn im Zorn hinab auf die Erde nach einem alten Weibe geworfen, das ich bei der Wäsche zwei Schleier stehlen sah.« »O, du Schalk,« sprach der Herr, »wollt' ich richten, wie du richtest, wie meinst du, daß es dir schon längst ergangen wäre? Ich hätte schon lange keine Stühle, Bänke, Sessel, ja keine Ofengabel mehr hiergehabt, sondern alles nach den Sündern hinabgeworfen. Fortan kannst du nicht mehr im Himmel bleiben, sondern mußt wieder hinaus vor das Tor: da sieh zu, wo du hinkommst. Hier soll niemand strafen, denn ich allein, der Herr.« Petrus mußte den Schneider wieder hinaus vor den Himmel bringen, und weil er zerrissene Schuhe hatte und die Füße voll Blasen, nahm er einen Stock in die Hand und zog nach Warteinweil, wo die frommen Soldaten sitzen und sich lustig machen. Die kurze Wanderschaft Karl Stoeber Wer vor fünfzig und etlichen Jahren am Tage Matthäi die blauen Herbstblumen in dem oberen Altmühltal zählen wollte, der durfte nur mit einem Handwerksburschen gehen, dem seine Mutter noch von der Haustüre aus über die Wiesenfläche nachsah. Ihr Sohn, ein Schuhmacher; wie sein verstorbener Vater, war schon etliche Tage, in tiefe Gedanken verloren, auf seinem Rappen gesessen. Und wenn ihn seine Mutter fragte: »Andres, fehlt dir was? ist dir was?« so empfing sie jedesmal eine Antwort, aus der sie so wenig herausklauben konnte, als eine Henne aus Sägespänen. »Ich weiß es wohl, Andres,« sprach dann die Witwe in ihrem Herzen, »wo dich der Schuh drückt, ohne daß du es mir zu sagen brauchst. Dir gefällt es nicht mehr in deines Vaters Hause, und der Hoffartsteufel macht's dir zu enge. Du möchtest ein großer Herr Schuhmacher werden, wie du sie auf deiner Wanderschaft in Nürnberg und Frankfurt gesehen hast, und weißt nicht, daß du wärmer sitzest, als hundert andere Meister, die keinen Knieriemen mehr an den Fuß bringen, sondern nur zuschneiden. Aber in Gottes Namen! Willst du fort, so geh' fort! halt' ich dich auf, so bleibst du ewig unzufrieden: versuchst du's aber, so meine ich, wird es dich bald gereuen. Andres, es ist ein großer Unterschied zwischen einer Wanderschaft von etlichen Jahren und zwischen einem Abschied von Mutter und Heimat auf Nimmerwiederkommen!« Endlich machte Andres eine halbe Schwenkung mit seinem Rappen und sprach: »Mutter, nun ich alles recht überlegt habe, kann ich Ihr sagen, daß ich nicht mehr hier bleibe.« »Warum, Andres!« fragte die Witwe hinter ihm an dem Hanfrocken, und tat, als wunderte sie sich so wenig über seine Rede, als hätte er gesagt, sie solle die fertigen Stiefel zu dem untern Wirt tragen, der sie bestellt. »Es ist hier nichts,« antwortete Andres, »was einer in diesem Neste ist, das muß er sein Leben lang bleiben.« »Du hast Recht,« versetzte seine Mutter, »dein seliger Vater hat wohl zwanzig Knieriemen zerrissen an sich und an dir, und am Ende hat es eben in seinem Lebenslaufe geheißen: »Der ehrbare Matthias Palmberger, Altreis (Altschuhmacher) und Schutzverwandter dahier.« Nichts dahinter und nichts davor.« »Darum,« fuhr der junge Schuhmacher fort, »will ich nach England oder Amerika. Da hat schon mancher sein Glück gemacht.« »Jawohl, sein Glück gemacht,« stimmte die Witwe dem Sohne bei. »Gerade jetzt erzählt man viel von einem Sattlergesellen aus Schneeberg in Sachsen. Ackermann heißt er. Der ging über Paris nach London in England und ward daselbst ein so reicher und angesehener Mann, daß jetzt die Grafen und Fürsten in seinem Hause ein- und ausgehen, wie bei unsereinem die Hühner. Und der Erzbischof ist schon bei ihm zum Kaffee gewesen mit seiner Frau. Seinen armen Freunden in Schneeberg aber schickt er ein Goldstück um das andere.« – »Ich werde Eurer auch nicht vergessen, liebe Mutter,« versicherte der junge Mann auf dem Rappen und stellte die Stiefel des Wirts auf die Seite, nachdem er die letzte Hand daran gelegt hatte. »Ich werde Euch schon von Zeit zu Zeit schreiben, wie es mir geht. Und wenn Ihr einmal unter einem Briefe von mir leset: »Euer dankbarer Sohn Andreas, Hof-Schuhmachermeister Seiner Majestät des Königs von Groß-Britannien, Schottland und Irland«, dann dürft Ihr Euch flugs aufmachen wie der Erzvater zu seinem Sohne Joseph in Ägyptenland. Denn ich wollte mich Eurer nicht schämen, und wenn ich König würde.« »Bis dahin,« versetzte die Mutter, indem sie sich mit der Schürze eine Träne aus dem Auge wischte, »darfst du dir um meinetwillen keine Sorge machen. Denn ein neues Haus, zwei Kühe im Stall und etliche Morgen im Feld und an der Altmühl sind für eine Witfrau mehr als genug.« Sie hatte noch nicht ausgeredet, als Andres schon anfing, um seinen Rappen herum aufzuräumen. Seine Mutter aber wehrte es ihm und sprach: »Lieber Sohn, das überlaß mir. Nimm nur das Handwerkszeug, das du als Geselle auf der Wanderschaft brauchst, und schnalle dein Bündel. Der Ranzen, den du vor drei Jahren aus der Fremde mitgebracht hast, ist noch ganz gut und hängt drüben in der Kammer. Indes habe ich Zeit, dir zum Abschied dein Leibgericht zu bereiten. Denn du sollst erst gegen Abend ausziehen und heute nicht mehr weiter als nach Merkendorf gehen. Du möchtest dir sonst wehe tun.« Und so geschah es auch. Andres schnallte sein Wanderbündel, aß sein Leibgericht mit großem Beifall, plauderte noch zwei oder drei Stunden mit seiner Mutter über dieses und jenes, und ging dann, von ihr bis vor die Haustüre begleitet. Die Witwe aber sprach bei sich, als sie, die beiden Hände in der Rocktasche, nach ihrem Stüblein zurückkehrte: »Ich lasse alles liegen und stehen, auch seinen Rappen: denn er wird nicht lange ausbleiben.« Und als eine Stunde darauf die Nachbarin kam und Schuhe zum Flicken brachte, nahm sie dieselben an und antwortete: »Morgen abend könnt Ihr wiederkommen und sie holen: da werden sie fertig sein.« Andres aber, je weiter er ging, desto länger wurde ihm der Weg nach England und Amerika. Schon auf den Wiesen zwischen den beiden nächsten Ortschaften gelobte er bei sich selber, sich mit der neuen Welt nicht einzulassen. In dem großen Mönchswalde gab er auch England auf, in dem tiefen Sande hinter demselben fiel der Zeiger bis auf Frankfurt zurück, und als ihm in Merkendorf da und dort aus den Stuben ein heimliches Abendlicht entgegenschimmerte, wie vom Himmel die ersten Sterne, fühlte er ganz, was es heiße, Mutter und Heimat auf Nimmerwiederkommen zu verlassen. So kam er in die Herberge seines Handwerks, nippte ohne großen Appetit von dem Biere, welches ihm vorgesetzt wurde, und legte sich dann zwischen die Würzburger Fuhrleute, die auf dem Stroh in der Stube herumlagen. Sein Wanderbündel machte er zum Kopfkissen. Dann löschte der Wirt die mit Schmalz gefüllte Lampe aus, und das Mondlicht herrschte nun allein in der Stube. Andres aber hatte einen schlimmen Platz gewählt. Sein Schlafkamerad zur Linken träumte vielleicht von einer Schlägerei. Wenigstens schlug er mit seinen großen und harten Fäusten gewaltig um sich, und traf dabei den Schuhmacher so in das Genick, daß dieser erschrocken aufsprang und eine andere Schlafstätte suchte. Eine lange, schmale Tafel, welche an der Wand von dem Fenster bis zur Stubentüre reichte, und auf der nichts stand, als ein Scheffel, lud ihn ein. Er hob den Scheffel herab und sein Wanderbündel hinauf und legte sich dann selbst nach Bequemlichkeit zurecht. Wenige Minuten darauf schloß ein sanfter Schlaf seine Augen, und eine Erinnerung aus seiner frühesten Jugend zog, in einen Traum verwandelt, durch seine Seele. Es träumte ihm, er liege als Knabe von sieben oder acht Jahren, zum Baden entkleidet, auf dem flachen Ufer der Altmühl, und wollte sich in dem schwarzen Schlamme wälzen, um dann seinen Kameraden plötzlich als Mohr zu erscheinen. Lange war es ihm, als könnte er über ein Brett nicht in den Schlamm hinunterkommen. Endlich wich das Hindernis, und er sank nun bis über die Ohren in die weiche, schwarze Masse. Eine Weile war es ihm wohl darin; aber durch eine rasche Wendung bedeckte er auch sein ganzes Gesicht, Mund und Nase damit, und war nun dem Ersticken nahe. Darüber erwachte Andres und lag mitten in einem Backtroge, wie ihn hierzulande diejenigen Wirte haben, die ihr Brot für Kirchweihen, Hochzeiten usw. selbst backen. Denn während er sich in seinem lebhaften Traume bemühte, über das Brett in den Balsam der Schweine hinunterzukommen, wich der Deckel des Troges allmählich, schnappte dann auf und ließ den Träumer mit seinem Wanderbündel in den gärenden Semmelteig hinabgleiten. Als Andres seine Badewanne mit wachenden Augen sah, war er wohl mit einem Sprunge wieder heraus. Aber was nun anfangen? Hätte er Lärm geschlagen, so würde der Zorn des Wirtes, dem er sein Hochzeitbrot verdorben hatte, und der Spott der Fuhrleute, Dienstboten und Kinder haufenweise über ihn gekommen sein. Er beschloß also, wie der Iltis aus dem Taubenschlage, ohne Abschied davonzugehen, schüttelte sich, daß die Teigflocken weit umherflogen, nahm Hut, Stock und Wanderbündel und ging durch das Fenster wieder hin, woher gekommen war. Dabei lief er, was er nur konnte, um noch vor Tagesanbruch zu seiner Mutter heimzugelangen, und schwitzte unter seinem Überzug wie ein Schinken, der in Teig gewickelt in einem Backofen liegt. Seine Mutter hatte indessen auch wenig geschlafen. Denn ihre zuversichtliche Hoffnung auf die baldige Wiederkunft ihres Sohnes war doch etwas gewichen. Sie trat schon, als der Morgen graute, unter ihre Haustüre, und sah den Wiesengrund hinauf, der fast bis an den Mönchswald vor ihr lag. Und es währte nicht lange, so erkannte sie in dem wandelnden Teige ihren Andres. Ob sie bei seinem Empfange mehr Freude oder mehr Erstaunen zeigte, war nicht zu unterscheiden. Andres hielt sich am wenigsten bei dieser Untersuchung auf, sondern schlüpfte, der Nachbarn wegen, so schnell als möglich unter Dach. Eine Stunde darauf, nachdem er sich von seiner Salbe gewaschen und in sein Hausgewand geworfen hatte, saß er schon wieder auf seinem alten Rappen und flickte die Schuhe, die tags zuvor gebracht worden waren, als wäre zwischen gestern und heute nichts Besonderes vorgefallen. Fort begehrte er nicht mehr, sondern suchte sich eine Gehilfin, die um ihn sei, nach dem Willen seiner Mutter, und hielt eine große Hochzeit. Etliche Tage zuvor erinnerte er sich an den Hochzeitteig, den er auf seiner Reise nach Amerika verdorben hatte, und schickte, jedoch ohne Namensunterschrift, dem Wirt in Merkendorf zur vollen Entschädigung drei neue Kronentaler mit der Post. Der Bauer und die Fliegen Ludwig Auerbacher Ein Bauer hatte in einem Städtlein Honig feil auf dem Markte. Sowie er aber den Honigtopf öffnete, flog ein Schwarm von Fliegen herbei und bedeckte über und über das Gefäß, und es half kein Abwehren und Verscheuchen, und die Leute, welche kaufen wollten, wendeten sich mit Ekel ab und gingen weiter. Da beschloß der Bauer in seinem Ärger, die Fliegen zu verklagen beim Bürgermeister, und er tat's. War das dumm? Nein. Dumm wär' es gewesen, wenn er den Bürgermeister verklagt hätte beim Bürgermeister, daß er das Städtchen vom Unrat nicht säubern ließe, und so das Fliegengeschmeiß hegte und pflegte, zum Schaden der Verkäufer, die doch ihren Marktpfennig zu bezahlen hatten. – Also mußte dem klagenden Bauern der Bürgermeister Recht verschaffen, er mochte wollen oder nicht. Und er sprach: »Ich erkläre hiermit alle Fliegen in der Stadt für vogelfrei, und du magst sie totschlagen, wo du sie nur triffst.« Der Bauer war mit dem Urteilsspruch zufrieden; und da soeben eine Fliege dem Bürgermeister auf der Nase gesessen, so schlug sie der Bauer sogleich tot von Rechts wegen. War das grob? Nein. Grob wäre es gewesen, wenn er die Nase des Bürgermeisters gemeint hätte und nicht die Fliege. So aber konnte er noch um Verzeihung bitten, was er auch tat. Und da er einmal, sagte er, das Recht erhalten habe über Leben und Tod aller Fliegen, so wolle er nur gleich damit anfangen, das Rathaus zu säubern von dem Geschmeiß. Und in demselben Augenblick hatte auch der Schreiber seine Maulschelle, der ihn ausgelacht. – Kurzum, wollten sie nicht alle die Faust des Bauern fühlen, so mußten sie ihm den Honig abkaufen, um seiner los zu werden. Weiteres wollte eben der Bauer nicht, und er dankte für die gute Bezahlung. Der Meisterdieb Gebrüder Grimm Eines Tages saß vor einem ärmlichen Hause ein alter Mann mit seiner Frau und wollten von der Arbeit ein wenig ausruhen. Da kam auf einmal ein prächtiger, mit vier Rappen bespannter Wagen herbeigefahren, aus dem ein reichgekleideter Herr stieg. Der Bauer stand auf, trat zu dem Herrn und fragte, was sein Verlangen wäre und worin er ihm dienen könnte. Der Fremde reichte dem Alten die Hand und sagte: »Ich wünsche nichts, als einmal ein ländliches Gericht zu genießen. Bereitet mir Kartoffeln, wie ihr sie zu essen pflegt, dann will ich mich zu eurem Tisch setzen, und sie mit Freude verzehren.« Der Bauer, lächelte und sagte: »Ihr seid ein Graf oder Fürst oder gar ein Herzog, vornehme Herren haben manchmal solch ein Gelüsten; Euer Wunsch soll aber erfüllt werden.« Die Frau ging in die Küche und sie fing an, Kartoffeln zu waschen und zu reiben und wollte Klöße daraus bereiten, wie sie die Bauern essen. Während sie bei der Arbeit stand, sagte der Bauer zu dem Fremden: »Kommt einstweilen mit mir in meinen Hausgarten, wo ich noch etwas zu schaffen habe.« In dem Garten hatte er Löcher gegraben und wollte jetzt Bäume einsetzen. »Habt Ihr keine Kinder,« fragte der Fremde, »die Euch bei der Arbeit behilflich sein könnten?« »Nein,« antwortete der Bauer; »ich habe freilich einen Sohn gehabt,« setzte er hinzu, »aber der ist schon seit langer Zeit in die weite Welt gegangen. Es war ein ungeratener Junge, klug und verschlagen, aber er wollte nichts lernen und machte lauter böse Streiche: zuletzt lief er mir fort, und seitdem habe ich nichts von ihm gehört.« Der Alte nahm ein Bäumchen, setzte es in ein Loch und stieß einen Pfahl daneben: und als er Erde hineingeschaufelt und sie festgestampft hatte, band er den Stamm unten, oben und in der Mitte mit einem Strohseil fest an den Pfahl. »Aber sagt mir,« sprach der Herr, »warum bindet ihr den krummen, knorrichten Baum, der dort in der Ecke fast bis auf den Boden gebückt liegt, nicht auch an einen Pfahl wie diesen, damit er strack wächst?« Der Alte lächelte und sagte: »Herr, Ihr redet, wie Ihr's versteht; man sieht wohl, daß Ihr Euch mit der Gärtnerei nicht abgegeben habt. Der Baum dort ist alt und verknorzt, den kann niemand mehr gerad machen: Bäume muß man ziehen, so lange sie jung sind.« »Es ist wie bei Euerm Sohn,« sagte der Fremde, »hättet Ihr den gezogen, wie er noch jung war, so wäre er nicht fortgelaufen, jetzt wird er auch hart und knorzig geworden sein.« »Freilich,« antwortete der Alte, »es ist schon lange, seit er fortgegangen ist; er wird sich verändert haben.« »Würdet Ihr ihn noch erkennen, wenn er vor Euch träte?« fragte der Fremde. »Am Gesicht schwerlich,« antwortete der Bauer, »aber er hat ein Zeichen an sich, ein Muttermal auf der Schulter, das wie eine Bohne aussieht.« Als er das gesagt hatte, zog der Fremde den Rock aus, entblößte seine Schulter und zeigte dem Bauer die Bohne. »Herr Gott,« rief der Alte, »du bist wahrhaftig mein Sohn,« und die Liebe zu seinem Kinde regte sich in seinem Herzen. »Aber,« setzte er hinzu, »wie kannst du mein Sohn sein, du bist ein großer Herr geworden und lebst in Reichtum und Überfluß? Auf welchem Weg bist du dazu gelangt?« »Ach, Vater,« erwiderte der Sohn, »der junge Baum war an keinen Pfahl gebunden und ist krumm gewachsen: jetzt ist er zu alt; er wird nicht wieder gerad. Wie ich das alles erworben habe? Ich bin ein Dieb geworden. Aber erschreckt Euch nicht, ich bin ein Meisterdieb. Für mich gibt es weder Schloß noch Riegel: wonach mich gelüstet, das ist mein. Glaubt nicht, daß ich stehle, wie ein gemeiner Dieb, ich nehme nur vom Überfluß der Reichen. Arme Leute sind sicher: ich gebe ihnen lieber, als daß ich ihnen etwas nehme. So auch, was ich ohne Mühe, List und Gewandtheit haben kann, das rühre ich nicht an.« »Ach, mein Sohn,« sagte der Vater, »es gefällt mir doch nicht, ein Dieb bleibt ein Dieb: ich sage dir, es nimmt kein gutes Ende.« Er führte ihn zu der Mutter, und als sie hörte, daß es ihr Sohn war, weinte sie vor Freude, als er ihr aber sagte, daß er ein Meisterdieb geworden wäre, so flossen ihr zwei Ströme über das Gesicht. Endlich sagte sie: »Wenn er auch ein Dieb geworden ist, so ist er doch mein Sohn, und meine Augen haben ihn noch einmal gesehen.« Sie setzten sich an den Tisch, und er aß mit seinen Eltern wieder einmal die schlechte Kost, die er lange nicht gegessen hatte. Der Vater sprach: »Wenn unser Herr, der Graf drüben im Schlosse, erfährt, wer du bist und was du treibst, so nimmt er dich nicht auf die Arme und wiegt dich darin, wie er tat, als er dich am Taufstein hielt, sondern er läßt dich am Galgenstrick schaukeln.« »Seid ohne Sorge, mein Vater, er wird mir nichts tun, denn ich verstehe mein Handwerk. Ich will heute noch selbst zu ihm gehen.« Als die Abendzeit sich näherte, setzte sich der Meisterdieb in seinen Wagen und fuhr nach dem Schloß. Der Graf empfing den Meisterdieb mit Artigkeit, weil er ihn für einen vornehmen Mann hielt. Als aber der Fremde sich zu erkennen gab, so erbleichte er und schwieg eine Zeitlang ganz still. Endlich sprach er: »Du bist mein Pate, deshalb will ich Gnade für Recht ergehen lassen und nachsichtig mit dir verfahren. Weil du dich rühmst, ein Meisterdieb zu sein, so will ich deine Kunst auf die Probe stellen, wenn du aber nicht bestehst, so mußt du mit des Seilers Tochter Hochzeit halten, und das Gekrächze der Raben soll deine Musik dabei sein.« »Herr Graf,« antwortete der Meister, »denkt Euch drei Stücke aus, so schwer Ihr wollt, und wenn ich Eure Aufgaben nicht löse, so tut mit mir, wie Euch gefällt.« Der Graf sann einige Augenblicke nach, dann sprach er: »Wohlan, zum ersten sollst du mir mein Leibpferd aus dem Stall stehlen, zum andern sollst du mir und meiner Gemahlin, wenn wir eingeschlafen sind, das Bettuch unter dem Leib wegnehmen, ohne daß wir's merken, und dazu meiner Gemahlin den Trauring vom Finger: zum dritten und letzten sollst du mir den Pfarrer und Küster aus der Kirche wegstehlen. Merke dir alles wohl, denn es geht dir an den Hals.« Der Meister begab sich in die zunächstliegende Stadt. Dort kaufte er einer alten Bauernfrau die Kleider ab und zog sie an. Dann färbte er sich das Gesicht braun und malte sich noch Runzeln hinein, so daß ihn kein Mensch wiedererkannt hätte. Endlich füllte er ein Fäßchen mit altem Ungarwein, in welchen ein starker Schlaftrunk gemischt war. Das Fäßchen legte er auf eine Kötze, die er auf den Rücken nahm und ging mit bedächtigen, schwankenden Schritten zu dem Schloß des Grafen. Es war schon dunkel, als er anlangte: er setzte sich in dem Hof auf einen Stein, fing an zu husten, wie eine alte, brustkranke Frau und rieb die Hände, als wenn er fröre. Vor der Türe des Pferdestalles lagen Soldaten um ein Feuer: einer von ihnen bemerkte die Frau und rief ihr zu: »Komm näher, altes Mütterchen, und wärme dich bei uns. Du hast doch kein Nachtlager und nimmst es an, wo du es findest.« Die Alte trippelte herbei, bat, ihr die Kötze vom Rücken zu heben, und setzte sich zu ihnen ans Feuer. »Was hast du da in deinem Fäßchen, du alte Schachtel?« fragte einer. »Einen guten Schluck Wein,« antwortete sie, »ich ernähre mich mit dem Handel, für Geld und gute Worte gebe ich euch gerne ein Glas.« »Nur her damit,« sagte der Soldat, und als er ein Glas gekostet hatte, rief er: »Wenn der Wein gut ist, so trink ich lieber ein Glas mehr,« ließ sich nochmals einschenken, und die andern folgten seinem Beispiel. »Heda, Kameraden,« rief einer denen zu, die in dem Stall saßen, »hier ist ein Mütterchen, das hat Wein, der so alt ist wie sie selber, nehmt auch einen Schluck, der wärmt euch den Magen noch besser als unser Feuer.« Die Alte trug ihr Fäßchen in den Stall. Einer hatte sich auf das gesattelte Leibpferd gesetzt, ein anderer hielt den Zaum in der Hand, ein dritter hatte den Schwanz gepackt. Sie schenkte ein, soviel verlangt ward, bis die Quelle versiegte. Nicht lange, so fiel dem einen der Zaum aus der Hand, er sank nieder und fing an zu schnarchen, der andere ließ den Schwanz los, legte sich nieder und schnarchte noch lauter. Der, welcher im Sattel saß, blieb zwar sitzen, bog sich aber mit dem Kopf fast bis auf den Hals des Pferdes, schlief und blies mit dem Mund wie ein Schmiedebalg. Die Soldaten draußen waren schon längst eingeschlafen, lagen auf der Erde und regten sich nicht, als wären sie von Stein. Als der Meisterdieb sah, daß es ihm geglückt war, gab er dem einen, statt des Zaumes, ein Seil in die Hand, und dem andern, der den Schwanz gehalten hatte, einen Strohwisch: aber was sollte er mit dem, der auf dem Rücken des Pferdes saß, anfangen? Herunterwerfen wollte er ihn nicht, er hätte erwachen und ein Geschrei erheben können. Er wußte aber guten Rat, er schnallte die Sattelgurte auf, knüpfte ein paar Seile, die in Ringen an der Wand hingen, an dem Sattel fest und zog den schlafenden Reiter mit dem Sattel in die Höhe, dann schlug er die Seile um den Pfosten und machte sie fest. Das Pferd hatte er bald von der Kette losgebunden, aber wenn er über das steinerne Pflaster des Hofs geritten wäre, so hätte man den Lärm im Schloß gehört. Er umwickelte ihm also die Hufe mit alten Lappen, führte es dann vorsichtig hinaus, schwang sich auf und jagte davon. Als der Tag angebrochen war, sprengte der Meister auf dem gestohlenen Pferde zu dem Schloß. Der Graf war eben aufgestanden und blickte aus dem Fenster. »Guten Morgen, Herr Graf,« rief er ihm zu, »hier ist das Pferd, das ich glücklich aus dem Stall geholt habe. Schaut nur, wie schön Eure Soldaten daliegen und schlafen, und wenn Ihr in den Stall gehen wollt, so werdet Ihr sehen, wie bequem sich Eure Wächter gemacht haben.« Der Graf mußte lachen, als ihm der Meisterdieb das gestohlene Pferd brachte, dann sprach er: »Einmal ist dir's gelungen, aber das zweitemal wird's nicht so glücklich ablaufen. Und ich warne dich, wenn du mir als Dieb begegnest, so behandle ich dich auch wie einen Dieb.« Als die Gräfin abends zu Bett gegangen war, schloß sie die Hand mit dem Trauring fest zu und der Graf sagte: »Alle Türen sind verschlossen und verriegelt, ich bleibe wach und will den Dieb erwarten: steigt er aber zum Fenster ein, so schieße ich ihn nieder.« Der Meisterdieb aber ging in der Dunkelheit hinaus zu dem Galgen, schnitt einen armen Sünder, der da hing, von dem Strick ab und trug ihn auf dem Rücken nach dem Schloß. Dort stellte er eine Leiter an das Schlafgemach, setzte den Toten auf seine Schultern und fing an hinaufzusteigen. Als er so hoch gekommen war, daß der Kopf des Toten in dem Fenster erschien, drückte der Graf, der in seinem Bett lauerte, eine Pistole auf ihn los: alsbald ließ der Meister den armen Sünder herabfallen, sprang selbst die Leiter herab und versteckte sich in eine Ecke. Die Nacht war von dem Mond so weit erhellt, daß der Meister deutlich sehen konnte, wie der Graf aus dem Fenster auf die Leiter stieg, herabkam und den Toten in den Garten trug. Dort fing er an, ein Loch zu graben, in das er ihn legen wollte. »Jetzt,« dachte der Dieb, »ist der günstige Augenblick gekommen,« schlich behende aus seinem Winkel und stieg die Leiter hinauf, geradezu ins Schlafgemach der Gräfin. »Liebe Frau,« fing er mit der Stimme des Grafen an: »der Dieb ist tot, aber er ist doch mein Pate und mehr ein Schelm, als ein Bösewicht gewesen: ich will ihn der öffentlichen Schande nicht preisgeben: auch mit den armen Eltern habe ich Mitleid. Ich will ihn, bevor der Tag anbricht, selbst im Garten begraben, damit die Sache nicht ruchbar wird. Gib mir auch das Bettuch, so will ich die Leiche einhüllen und ihn wie einen Hund verscharren.« Die Gräfin gab ihm das Tuch. »Weißt du was,« sagte der Dieb weiter, »ich habe eine Anwandlung von Großmut, gib mir noch den Ring: der Unglückliche hat sein Leben gewagt, so mag er ihn ins Grab mitnehmen.« Sie wollte dem Grafen nicht entgegen sein, und obgleich sie es ungern tat, so zog sie doch den Ring vom Finger und reichte ihn hin. Der Dieb machte sich mit beiden Stücken fort und kam glücklich nach Haus, bevor der Graf im Garten mit seiner Totengräberarbeit fertig war. Was zog der Graf für ein langes Gesicht, als am andern Morgen der Meister kam und ihm das Bettuch und den Ring brachte. »Kannst du hexen?« sagte er zu ihm, »wer hat dich aus dem Grab geholt, in das ich selbst dich gelegt habe, und hat dich wieder lebendig gemacht?« »Mich habt Ihr nicht begraben,« sagte der Dieb, »sondern den armen Sünder am Galgen,« und erzählte ausführlich, wie es zugegangen war: und der Graf mußte ihm zugestehen, daß er ein gescheiter und listiger Dieb wäre. »Aber noch bist du nicht zu Ende,« setzte er hinzu, »du hast noch die dritte Aufgabe zu lösen, und wenn dir das nicht gelingt, so hilft dir alles nichts.« Der Meister lächelte und gab keine Antwort. Als die Nacht eingebrochen war, kam er mit einem langen Sack auf dem Rücken, einem Bündel unter dem Arm und einer Laterne in der Hand zu der Dorfkirche gegangen. In dem Sack hatte er Krebse, in dem Bündel aber kurze Wachslichter. Er setzte sich auf den Gottesacker, holte einen Krebs heraus und klebte ihm ein Wachslichtchen auf den Rücken: dann zündete er das Lichtchen an, setzte den Krebs auf den Boden und ließ ihn kriechen. Er holte einen zweiten aus dem Sack, machte es mit diesem ebenso und fuhr fort, bis auch der letzte aus dem Sack war. Hierauf zog er ein langes, schwarzes Gewand an, das wie eine Mönchskutte aussah, und klebte sich einen grauen Bart an das Kinn. Als er endlich ganz unkenntlich war, nahm er den Sack, in dem die Krebse gewesen waren, ging in die Kirche und stieg auf die Kanzel. Die Turmuhr schlug eben zwölf; als der letzte Schlag verklungen war, rief er mit lauter, gellender Stimme: »Hört an, ihr sündigen Menschen, das Ende aller Dinge ist gekommen, der Jüngste Tag ist nahe: hört an, hört an. Wer mit mir in den Himmel will, der krieche in den Sack. Ich bin Petrus, der die Himmelstür öffnet und schließt. Seht ihr draußen auf dem Gottesacker wandeln die Gestorbenen und sammeln ihre Gebeine zusammen. Kommt, kommt und kriecht in den Sack, die Welt geht unter.« Das Geschrei erschallte durch das ganze Dorf. Der Pfarrer und der Küster, die zunächst an der Kirche wohnten, hatten es zuerst vernommen, und als sie die Lichter erblickten, die auf dem Gottesacker umherwandelten, merkten sie, daß etwas Ungewöhnliches vorging, und traten in die Kirche ein. Sie hörten der Predigt eine Weile zu, da stieß der Küster den Pfarrer an und sprach: »Es wäre nicht übel, wenn wir die Gelegenheit benutzten und zusammen vor dem Einbruch des Jüngsten Tages auf eine leichte Art in den Himmel kämen.« »Freilich,« erwiderte der Pfarrer, »das sind auch meine Gedanken gewesen: habt Ihr Lust, so wollen wir uns auf den Weg machen.« »Ja,« antwortete der Küster, »aber Ihr, Herr Pfarrer, habt den Vortritt, ich folge nach.« Der Pfarrer schritt also vor und stieg auf die Kanzel, wo der Meister den Sack öffnete. Der Pfarrer kroch zuerst hinein, dann der Küster. Gleich band der Meister den Sack fest zu, packte ihn am Bausch und schleifte ihn die Kanzeltreppe hinab: so oft die Köpfe der beiden Toren auf die Stufen aufschlugen, rief er: »Jetzt geht's schon über die Berge.« Dann zog er sie auf gleiche Weise durch das Dorf, und wenn sie durch Pfützen kamen, rief er: »Jetzt geht's schon durch die nassen Wolken,« und als er sie endlich die Schloßtreppe hinauszog, so rief er: »Jetzt sind wir auf der Himmelstreppe und werden bald im Vorhof sein.« Als er oben angelangt war, schob er den Sack in den Taubenschlag, und als die Tauben flatterten, sagte er: »Hört ihr, wie die Engel sich freuen und mit den Fittichen schlagen.« Dann schob er den Riegel vor und ging fort. Am andern Morgen begab er sich zu dem Grafen und sagte ihm, daß er auch die dritte Aufgabe gelöst und den Pfarrer und Küster aus der Kirche weggeführt hätte. »Wo hast du sie gelassen?« fragte der Herr. »Sie liegen in einem Sack oben auf dem Taubenschlag und bilden sich ein, sie wären im Himmel.« Der Graf stieg selbst hinauf und überzeugte sich, daß er die Wahrheit gesagt hatte. Als er den Pfarrer und Küster aus dem Gefängnis befreit hatte, sprach er: »Du bist ein Erzdieb und hast deine Sache gewonnen. Für diesmal kommst du mit heiler Haut davon, aber mache, daß du aus meinem Land fortkommst, denn wenn du dich wieder darin betreten läßt, so kannst du auf deine Erhöhung am Galgen rechnen.« Der Erzdieb nahm Abschied von seinen Eltern, ging wieder in die weite Welt, und niemand hat wieder etwas von ihm gehört. Eine merkwürdige Abbitte J. P. Hebel Zwei Männer saßen im benachbarten Dorf im Wirtshaus. Der eine von ihnen hatte einen bösen Leumund wegen allerlei, und ihn und den Iltis sah niemand gern auf seinem Hof. Aber beweisen vor dem Richter konnte man ihm nichts. Mit dem bekam der andere Zwist im Wirtshaus, und im Unwillen und weil er ein Glas Wein zuviel im Kopf hatte, so sagte er zu ihm: »Du schlechter Kerl!« Damit kann einer zufrieden sein, wenn er's ist. Aber der andere war nicht zufrieden, wollte noch mehr haben, schimpfte auch und verlangte Beweis. Da gab ein Wort das andere, und es hieß: »Du Spitzbub, du Felddieb!« Damit war er noch nicht zufrieden, sondern ging vor den Richter. Da war nun freilich der, welcher geschimpft hatte, übel dran. Leugnen wollt' er nicht, beweisen konnt' er nicht, weil er für das, was er wohl wußte, keinen Zeugen hatte, sondern er mußte einen Gulden Strafe erlegen und Abbitte tun, und dachte bei sich selber: »Teurer Wein!« Als er aber die Strafe erlegt hatte, sagte er: »Also einen Gulden kostet es, gestrenger Herr, wenn man einen ehrlichen Mann einen Spitzbuben nennt? Was kostet's denn, wenn man einmal in der Vergeßlichkeit oder sonst zu einem Spitzbuben sagt: Ehrlicher Mann!?« Der Richter lächelte und sagte: »Das kostet nichts, denn damit ist niemand geschimpft.« Hierauf wendete sich der Beklagte zu dem Kläger und sagte: »Es tut mir leid, ehrlicher Mann! Nichts für ungut, ehrlicher Mann! Adjes, ehrlicher Mann!« Als der erboste Gegner das hörte und wohl merkte, wie es gemeint war, wollte er noch einmal anfangen und hielt sich jetzt ärger beleidigt als vorher. Aber der Richter, der ihn wohl auch als einen verdächtigen Menschen kennen mochte, sagte zu ihm: Er könne jetzt zufrieden sein! Der Zahnarzt J. P. Hebel Zwei Tagdiebe, die schon lange miteinander in der Welt herumgezogen, weil sie zum Arbeiten zu träge oder zu ungeschickt waren, kamen doch zuletzt in große Not, weil sie wenig Geld mehr übrig hatten und nicht geschwind wußten, wo nehmen. Da gerieten sie auf folgenden Einfall: Sie bettelten vor einigen Haustüren Brot zusammen, das sie nicht zur Stillung des Hungers genießen, sondern zum Betrug mißbrauchen wollten. Sie kneteten und drehten nämlich aus der Brotkrume lauter kleine Kügelein oder Pillen und bestreuten sie mit Wurmmehl aus altem zerfressenem Holz, damit sie völlig aussahen wie gelbe Arzneipillen. Hierauf kauften sie für ein paar Batzen einige Bogen rotes Papier bei dem Buchbinder. Das Papier zerschnitten sie und wickelten die Pillen darein, immer acht in ein Päcklein. Nun ging der eine voraus in einen Flecken, wo eben Jahrmarkt war, und in den roten Löwen, wo er viele Gäste anzutreffen hoffte. Er forderte ein Glas Wein, trank aber nicht, sondern saß ganz wehmütig in einem Winkel, hielt die Hand an den Backen, winselte halblaut für sich und kehrte sich unruhig bald so her, bald so hin. Die ehrlichen Landleute und Bürger, die im Wirtshaus waren, bildeten sich wohl ein, daß der arme Mensch ganz entsetzlich Zahnweh haben müsse. Aber was war zu tun? Man bedauerte ihn, man tröstete ihn, daß es schon wieder vergehen werde, trank ein Gläslein und ging wieder an die Marktgeschäfte. Indessen kam der andere Tagdieb auch. Da stellten sich die beiden Schelme, als ob noch keiner den andern in seinem Leben gesehen hätte. Keiner sah den andern an, bis der zweite durch das Winseln des erstern, der im Winkel saß, aufmerksam zu werden schien. »Guter Freund,« sprach er, »Ihr scheint wohl Zahnschmerzen zu haben?« und ging mit großen, aber langsamen Schritten auf ihn zu. »Ich bin der Doktor Rapunzia von Trafalgar,« fuhr er fort. Denn solche fremden, volltönenden Namen sind zum Betrug ebenso notwendig wie bunte Farben. »Und wenn Ihr meine Zahnpillen gebrauchen wollt,« fuhr er fort, »so soll es mir eine schlechte Kunst sein, Euch mit einer, höchstens zweien, von Eurem Leiden zu befreien.« – »Das wollte Gott,« erwiderte der andere Hallunk. Hierauf zog der saubere Doktor Rapunzia eines von seinen roten Päcklein aus der Tasche und verordnete dem Patienten, ein Kügelein auf den bösen Zahn zu legen und herzhaft darauf zu beißen. Jetzt streckten die Gäste an den andern Tischen die Köpfe herüber, und einer um den andern kam herbei, um die Wunderkur mitanzusehen. Auf die erste Probe wollte der Patient wenig rühmen, tat vielmehr einen entsetzlichen Schrei. Das gefiel dem Doktor. »Der Schmerz,« sagte er, »ist jetzt gebrochen,« und gab ihm geschwind die zweite Pille zu gleichem Gebrauch. Da war nun plötzlich aller Schmerz verschwunden. Der Patient sprang vor Freuden auf, wischte den Angstschweiß von der Stirn weg, obgleich keiner daran war, und tat, als ob er seinem Retter zum Dank etwas Namhaftes in die Hand drückte. – Der Streich tat seine Wirkung. Denn jeder Anwesende wollte nun auch von diesen vortrefflichen Pillen haben. Der Doktor bot das Päcklein für 24 Kreuzer, und in wenig Minuten waren alle verkauft. Natürlich gingen die beiden Schelme wieder einer nach dem andern weiter, lachten, als sie wieder zusammenkamen, über die Einfalt der Leute und ließen sich's wohl sein von ihrem Geld. Das war teures Brot. So wenig für 24 Kreuzer bekam man noch in keiner Hungersnot. Aber der Geldverlust war noch nicht einmal das Schlimmste. Denn die Weichbrotkügelchen wurden natürlich mit der Zeit steinhart. Wenn nun so ein armer Betrogener nach Jahr und Tag Zahnweh bekam und in gutem Vertrauen mit dem kranken Zahn einmal und zweimal auf ein Kügelein biß, da denke man sich den Schmerz, den er, statt geheilt zu werden, sich selbst für 24 Kreuzer gekauft hatte. Von einem Reiter, der seinen Hund auch in das Bett legte Altes Schwankbuch Gen Waasen in der Schweiz kam eines Abends ein Reiter in ein Wirtshaus, der den ganzen Tag von wegen des Wetters hat müssen durch den Kot reiten und einen großen, zottigen Hühnerhund bei sich hatte, der sehr beschmutzt war. Als man zu Nacht aß, warf der Reiter zu öfteren Malen seinem Hunde etwas zu, ein Stück Brot, einen Bissen abgängiges Fleisch oder einen Knochen. So das der Wirt ersieht, gedenkt er bei sich selbst: »Ich will dir die Zeche schon machen.« Nachdem sie gegessen hatten, und der Wirt von jedem Gast die Zeche eingenommen, spricht er zu dem Reiter: »Herr Gast, Ihr müsset zwei Zechen geben, eine für Euch und eine für Euren Hund; denn Ihr habt ihm wohl so viel zugeworfen, Brot, Fleisch und anderes.« Der Reiter lächelte und antwortete: »Was ich tun muß, das will ich gern tun,« und gab dem Wirt die zwei Zechen, vier Schweizer Batzen. Als nun der Wirt jedermann sein Bett gewiesen hatte, führte er diesen Reiter in eine besondere, herrliche Schlafkammer, darinnen zwei schöne Betten standen, und dachte: »Er hat die Zeche wohl bezahlt, willst ihm auch eine Ehre antun und ihn in ein gut Bett legen.« Hiermit wünschte er dem Reiter gute Nacht. Der Reiter, nicht ungeschwind, ruft seinen zottigen Hund und legt ihn in das Bett also besudelt, indem er dachte: »Hab' ich die Zeche für dich müssen geben, sollst du billig auch gut liegen.« Der Hund (wie denn ihre Gewohnheit ist) zerscharrte das Bett und machte sich ein Lager. Morgens, so der Reiter war aufgestanden und die Hausmagd das Bett sollte machen, war es gar häßlich zugerichtet. Der Wirt vernahm das und verklagte den Reiter vor der Obrigkeit, er sollte ihm das Bett bezahlen. Der Reiter erzählte der Obrigkeit, wie er für den Hund hätte müssen die Zeche, zwei Batzen, bezahlen, so wäre es doch billig, daß er auch wohl gebettet läge. Die Richter lachten zu dieser Sache und erkannten den Reiter ledig und verwiesen daneben dem Wirt, daß er keinen Hund mehr in der Gestalt sollte die Zeche machen. Doktor Allwissend Gebrüder Grimm Es war einmal ein armer Bauer namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Doktor. Wie ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, saß der Doktor gerade zu Tisch: da sah der Bauer, wie er schön aß und trank, und das Herz ging ihm danach auf, und er wäre auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich, ob er nicht auch könnte ein Doktor werden. »O ja,« sagte der Doktor, »das ist bald geschehen.« – »Was muß ich tun?« fragte der Bauer. »Erstlich kauf dir ein Abcbuch, so eins, wo vorn ein Göckelhahn drin ist; zweitens mache deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff dir damit Kleider an und was sonst zur Doktorei gehört; drittens laß dir ein Schild malen mit den Worten »ich bin der Doktor Allwissend und laß das oben über deine Haustür nageln.« Der Bauer tat alles, wie's ihm geheißen war. Als er nun ein wenig gedoktert hatte, aber noch nicht viel, ward einem reichen, großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doktor Allwissend gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen müßte, wo das Geld hingekommen wäre. Also ließ der Herr seinen Wagen anspannen, fuhr hinaus ins Dorf und fragte bei ihm an, ob er der Doktor Allwissend wäre? »Ja, der wär' er.« – »So sollte er mitgehen und das gestohlene Geld wiederschaffen.« – »O ja, aber die Grete, seine Frau, müßte auch mit.« Der Herr war damit zufrieden, und ließ sie beide in den Wagen sitzen, und sie fuhren zusammen fort. Als sie auf den adligen Hof kamen, war der Tisch gedeckt, da mußte er erst mitessen. »Ja, aber seine Frau, die Grete, auch,« sagte er und setzte sich mit ihr hinter den Tisch. Wie nun der erste Bediente mit einer Schüssel schönem Essen kam, stieß der Bauer seine Frau an und sagte: »Grete, das war der erste,« und meinte, es wäre derjenige, welcher das erste Essen brächte. Der Bediente aber meinte, er hätte damit sagen wollen, »das ist der erste Dieb,« und weil er's auch wirklich war, ward ihm angst, und er sagte draußen zu seinen Kameraden »der Doktor weiß alles, wir kommen übel an, er hat gesagt, ich wäre der erste«. Der zweite wollte gar nicht herein, er mußte aber doch. Wie er nun mit seiner Schüssel hereinkam, stieß der Bauer seine Frau an, »Grete, das ist der zweite«. Dem Bedienten ward ebenfalls angst, und er machte, daß er hinauskam. Dem dritten ging's nicht besser, der Bauer sagte wieder: »Grete, das ist der dritte.« Der vierte mußte eine verdeckte Schüssel hereintragen, und der Herr sprach zum Doktor, er sollte seine Kunst zeigen und raten, was darunter läge; es waren aber Krebse. Der Bauer sah die Schüssel an, wußte nicht, wie er sich helfen sollte und sprach: »Ach, ich armer Krebs!« Wie der Herr das hörte, rief er: »da er es weiß, nun weiß er auch, wer das Geld hat.« Dem Bedienten aber ward gewaltig angst, und er blinzelte den Doktor an, er möchte einmal herauskommen. Wie er nun hinauskam, gestanden sie ihm alle viere, sie hätten das Geld gestohlen: sie wollten's ja gerne herausgeben und ihm eine schwere Summe dazu, wenn er sie nicht verraten wolle; es ginge ihnen sonst an den Hals. Sie führten ihn auch hin, wo das Geld versteckt lag. Damit war der Doktor zufrieden, ging wieder hinein, setzte sich an den Tisch und sprach: »Herr, nun will ich in meinem Buch suchen, wo das Geld steckt.« Der fünfte Bediente aber kroch in den Ofen und wollte hören, ob der Doktor noch mehr wüßte. Der saß aber und schlug sein Abcbuch auf, blätterte hin und her und suchte den Göckelhahn. Weil er ihn nicht gleich finden konnte, sprach er: »du bist doch darin und mußt auch heraus.« Da glaubte der im Ofen, er wäre gemeint, sprang voller Schrecken heraus und rief: »der Mann weiß alles.« Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn, wo das Geld lag, sagte aber nicht, wer's gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten viel Geld zur Belohnung und ward ein berühmter Mann. Die kleinste Nähmaschine Volkstümlich Von denen, die nicht alle werden in der Welt, lassen sich viele Geschichten erzählen. Hübsch ist eine, die sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika zugetragen hat. Da fand sich eines Tages in den großen Blättern eine Anzeige, die dem staunenden Leser die kleinste Nähmaschine der Welt für einen Dollar anbot. Das ist nach unserm Gelde etwa vier Mark. Wer möchte nicht für vier Mark eine Nähmaschine haben? Kurz, dem Manne regnete es Dollars ins Haus. Er hatte ein paar Tage lang nichts zu tun, als wie ungeheure Massen von Briefen zu verschicken. Dann setzte er sich auf die große Eisenbahn und fuhr nach San Franzisko und ward nicht mehr gesehen. Die kleinste Nähmaschine der Welt war nämlich so klein, daß man sie in einem Briefe verschicken konnte, es war eine richtige Nähnadel. Die zwölf Eier Karl Simrock Ein reicher holländischer Kaufmann, der zu Kleve in einem Gasthof einritt, bestellte sich zwölf gekochte Eier. Er konnte sie aber, als sie gebracht wurden, nicht verzehren, weil eben ein Eilbote eintraf, der ihn in einer dringenden Angelegenheit heimrief. Er verließ auch sogleich das Haus, sprang wieder zu Pferde und ritt fort, ohne die Eier bezahlt zu haben. Zehn Jahre nachher begab es sich aber, daß der Kaufmann wieder in demselben Gasthof einkehrte. Da sagte er zu dem Wirt, er wär' heut nicht zum erstenmal in seinem Hause, vor vielen Jahren hätte er sich einmal zwölf Eier bei ihm kochen lassen, die wär' er noch schuldig. »Ja,« sagte der Wirt, »die sind Euch angerechnet und werden Euch auch teuer genug zu stehen kommen.« »Nun,« sagte der Kaufmann, »zwölf Eier zu bezahlen werde ich doch wohl reich genug sein.« »Das fragt sich sehr,« entgegnete der Wirt, »es wird sich aber bald ausweisen, denn ich habe Euch längst verklagt, und da Ihr jetzt hier seid, müßt Ihr mir morgen zu Gericht stehen.« Dessen weigerte sich der Holländer nicht. Als sie nun andern Tages vor den Richter kamen, rechnete der Wirt ihm vor, aus den zwölf Eiern würden zwölf Küchlein gekommen sein, die Küchlein wieder Eier gelegt haben, aus denen wieder Küchlein gekommen sein würden und so fort, was zuletzt eine ungeheure Summe ausmachte, die der Wirt forderte und der Richter ihm auch zubilligte, weil der Kaufmann vor Schrecken die Sprache verloren hatte. Ganz niedergeschlagen ging der reiche Holländer aus der Gerichtsstube, denn sein ganzes großes Vermögen langte bei weitem nicht, die ungeheure Schuld zu bezahlen. Wie er nun so traurig einherging, begegnete ihm ein alt Männchen und fragte, warum er so traurig wäre, er sähe ja aus wie die teure Zeit. Der reiche Holländer antwortete, wozu er ihm das sagen solle, er könnte ihm ja doch nicht helfen. »Wer weiß,« sagte das Männchen, »er wäre doch ein guter Ratgeber, er sollt' ihm seine Not nur klagen.« Da erzählte er ihm die Geschichte von den zwölf Eiern, und wie er jetzt ein armer Mann sei. »Wenn es weiter nichts ist,« sagte das Männchen, »so solle er nur gleich hingehen und Berufung einlegen; er wolle dann vor Gericht die Sache schon für ihn ausmachen.« »Wenn er das fertig brächte,« sagte der Kaufmann, »wolle er ihm sechshundert Gulden geben.« »Das wird sich finden,« sagte das kleine Männchen, »geht jetzt nur hin und sagt, ich wäre Euer Fürsprecher.« Er ging also hin vor den Richter, legte Berufung ein gegen das Urteil und sagte, er hätte einen Fürsprecher angenommen, weil er als Fremder des geltenden Rechts unkundig wäre. Da setzte der Richter einen Tag an, wo die Sache aufs neue zur Verhandlung kommen und er mit seinem Rechtsbeistand erscheinen sollte. Als nun der Gerichtstag kam, fand er sich zeitig genug ein; aber das kleine Männchen war noch nicht da. Die Gerichtsherren, die schon hinter dem grünen Tische saßen, fragten ihn einmal über das andere, wo denn sein Fürsprecher bleibe. Der Kaufmann wußte darauf keine Antwort, in großer Verlegenheit geht er vor die Türe, um zu schauen, ob das kleine Männchen nicht bald käme; aber da war weit und breit nichts von ihm zu sehen. Die Herren wurden ungeduldig und sagten, die anberaumte Stunde werde gleich ablaufen, dann müßten sie das erste Urteil bestätigen. In großer Angst läuft der Kaufmann noch einmal vor die Türe, da steht das Männchen davor, der Kaufmann freut sich und führt es sogleich vor den Richter. Da fragen sie ihn, warum er denn so lange ausgeblieben sei. Das Männchen antwortet, er hätte erst Erbsen kochen müssen. Was er denn mit den Erbsen habe machen wollen, fragten die Richter. Die habe er pflanzen wollen, gab das Männchen zur Antwort. »Ei,« sagen die Richter, »gekochte Erbsen pflanze man nicht, davon käme ja doch keine Frucht.« »Und von gekochten Eiern,« fiel das Männchen ein, »wären auch keine Küchlein gekommen, darum seid so gut, Ihr Herren, und sprecht ein ander Urteil. Dieser Kaufmann ist dem Wirt zwölf gekochte Eier schuldig und will sie gern bezahlen.« Das leuchtete den Richtern ein. Sie hoben das erste Urteil auf, und der Kaufmann bezahlte dem Wirt die zwölf gekochten Eier; dem Männchen hätte er mit Freuden die sechshundert Gulden bezahlt, aber es war verschwunden. Der ersäufte Aal Volkstümlich Es wohnten einmal kluge Leute am Meere, die meinten, es könne den Heringen über kurz oder lang einfallen, nicht mehr an den Strand zu kommen oder den Fischern in Netz und Schaufel zu schwimmen, dann würden sie rasend teuer werden, so daß sie kein Mensch mehr mit Geld bezahlen könne; darum müsse es gut sein, wenn man sich auf alle Fälle sichere und einen Teich mit Heringen besetze. Da taten sie denn auch, warfen ganze Tonnen voll Heringe in einen Teich und meinten, übers Jahr würden sie reichliche Brut davon haben. Doch sie hatten sich sehr geirrt; als man den Teich abließ, war kein einziger Hering darin, sondern nur ein großer Aal. »Das ist der Heringsfresser, der muß sterben!« rief der Klügste. »Nein, wir wollen ihn essen, wie er unsere Heringe gegessen hat!« schlug wieder einer vor. »Das ist nicht Strafe genug!« rief ein andrer, der sich einmal gebrannt hatte; »verbrennt ihn, verbrennt ihn!« – »Nein,« schrie ein dritter, der einmal beinahe ertrunken wäre, »brennen ist sehr schlimm, aber ertrinken ist viel schlimmer. Wir wollen ihn in den Fluß werfen und ihn ersäufen!« – Alle stimmten dem letzten bei, zumal er am meisten schrie. Als nun der Aal im Wasser fröhlich schnalzte und sich krümmte und schlängelte, da rief der, der den Rat gegeben hatte: »Seht, seht, wie er sich krümmt und quält! Ja, ich wußte wohl, das ist der schlimmste Tod, das Ertrinken!« – »Aber,« rief ein andrer, der sich für noch klüger hielt, »Verdursten war' doch noch schlimmer gewesen!« Es muß anders werden Volkstümlich Einmal in jedem Jahr muß der Geheime Oberamtmann aus der Stadt in Ferchtersweiler einen Termin abhalten. Dann kommt er in der schweren Kalesche am Abend vorher angefahren, steigt beim Löwenwirt ab, versucht den Neuen und den Alten und läßt sich bei Gebratenem und Gebackenem wohl sein. Wer gut ißt, der schläft gut und ist unwirsch, wenn er morgens um vier Uhr schon geweckt wird. So ging es auch dem Geheimen Oberamtmann, als der Kuhhirt mit einem gewaltigen Horn die Kühe zusammenblies und der Schweinehirt mit der lauten Klapper durchs Dorf zog und den Schweinen zum Auszug klapperte. Ein paar Jahre sah er's an, dann aber schrieb er eine Beschwerde: Dem Schultheiß von Ferchtersweiler hiermit zur Kenntnis und Nachachtung: Daß der Kuhhirt alle Morgen auf seinem Horn bläst und der Schweinehirt mit der Klapper klappert, ist nicht mehr zu gestatten und muß anders werden!« Als nun aber im nächsten Jahre der Herr Geheime Oberamtmann wieder nach Ferchtersweiler kommt, der Neue war am Abend gut, und der Alte war noch besser, da erhebt sich um vier Uhr wieder ein gewaltiges Geklapper und Getute, genau wie im vorigen Jahr. Als nun der Geheime bei dem Termin den Schultheiß sich vornimmt und ein Donnerwetter rollen läßt, da sagt das gute Ortsoberhaupt ganz bescheiden: »Aber, Herr Geheimer Rat, es ist doch auch anders geworden, denn jetzt bläst der Schweinehirt, und der Kuhhirt klappert.« Der Besuch ohne Umstände Berthold Auerbach Kommt ein gut ausgewachsener Neffe zu seiner ebenso wohlhabenden als karg lebenden Tante in Schwaben. »Soll ich dir nicht einen frischen Kaffee machen und magst ein Butterbrot dazu? Ich hab' gerad' heut frische Butter.« »Ja, Tante, ist recht. Ich mache keine Umstände.« Der Tante wäre es vielleicht lieber gewesen, der Neffe hätte mit dem Anerbieten vorlieb genommen und etwas Umstände gemacht. Sie bereitet indes schnell einen extrastarken Kaffee, stellt dazu ein frisch Stück Butter und die bis oben gefüllte Zuckerdose auf den Tisch. Der Neffe, der sich eines gesunden Appetits erfreute, langt ohne Umstände zu, haut mit dem Messer ein schön Stück Butter ab und schmiert es sich aufs Brot. Der Tante geht ein Grausen an, und sie sagt: »Die Butter kostet sechsunddreißig Kreuzer das Pfund.« »Ist's auch redlich weit,« erwidert der Neffe und holt sich noch ein erklecklich Stück als neue Ladung. Nun greift er in die Dose – er legt die Zuckerzange daneben, denn er haßt das unbequeme Instrument, das schwer zu handhaben ist – und tut einen Haufen Stücke in seine Tasse. Die Tante sieht das mit Schrecken: sie zittert aber, da sie sieht, daß er noch einmal nachhelfen will. »Nimm dir die Brösele« (Brosamen), sagt sie, in Verzweiflung lächelnd, »die Brösele süßen gar gut.« »Ich trink' den Kaffee nicht gern so süß,« sagt der Neffe und holt noch ein paar tüchtige Brocken und tut sie in seine Tasse. Das ist starker Tabak Volkssage Man hört wohl sagen, und die Frauen stimmen dem gerne bei, der Rauchtabak sei eine Erfindung des Satans, von wegen seines höllischen Stanks. Dem muß aber wohl nicht so sein, denn nach der folgenden Erzählung scheint der Teufel kein sonderlicher Kenner des Tabaks. Ein Liebhaber des besagten, viel verschrienen Krauts hatte sich unvermutet eines Besuchs seiner satanischen Herrlichkeit zu erfreuen. Was sie miteinander zu verhandeln hatten, weiß ich nicht: der Wirt wollte aber bei dem Geschäft seine Pfeife, die eben im besten Zuge war, nicht wegstellen, und so forderte es denn die Höflichkeit, daß er dem Gaste auch eine anbot. Der Teufel, der gern alles mitmacht, und auch hier kein Neuling scheinen wollte, schlug es nicht aus. Da reichte ihm der Schmaucher, um den Versucher zu versuchen, ein Schießgewehr statt einer Pfeife. »Sie ist schon gestopft,« sagte er, und meinte geladen. Der Teufel nahm es an, steckte den Lauf in den Mund und fing an zu ziehen. Unterdes zündete jener einen Fidibus an und hielt ihn dem Teufel unten vor die Pfanne, wo das Pulver aufgestreut war. Der Schuß ging los, und der Satan bekam eine gute Ladung Schrot ins Gesicht. Da verbiß er zwar den Schmerz, meinte aber doch: »Das ist starker Tabak!« Und das ist seitdem sprichwörtlich geblieben. Wie der Teufel ins Weihwasser fiel Richard Leander Daß der Teufel öfters Unglück hat, weiß jedermann. Ja, es kommt so häufig vor, daß man einen Menschen, der Zahnschmerzen hat, oder der im Winter mit zerrissenen Stiefeln auf der Chaussee Steine klopfen muß, oder dem sein Schatz an seinem Geburtstag einen Brief schickt, in dem kein Glückwunsch steht, wohl aber eine Absage auf immer – daß man sie alle drei arme Teufel nennt. Eines Tages schnupperte der Teufel im Kölner Dome umher, in der Hoffnung, vielleicht ein fettes Mönchlein oder eine alte Betschwester zu erhaschen, da stolperte er und – plautsch! – fiel er mitten in das Becken mit dem Weihwasser hinein. Da hättet Ihr sehen sollen, was er für Gesichter schnitt, wie er sprudelte und pustete, und wie er flink machte, daß er wieder herauskam! Und wie er sich nachher schüttelte und wie ein begossener Pudel davonschlich! Dabei war es noch um die Weihnachtszeit, so daß er vor Frost klapperte, als er vor dem Dome stand. »Was fang' ich nun an?« sagte er und besah sich von oben bis unten. »Nach Haus, in die Hölle, getraue ich mich in dem Aufzuge nicht. Meine Großmutter würde mir gut den Text lesen. Ich werde auf ein paar Stunden ins Mohrenland gehen, da ist es warm, und ich kann meine Kleider trocknen. Außerdem werden heute dort Gefangene geschlachtet. Hab' ich denn meinen Operngucker mit?« Er ging also nach Mohrenland, sah beim Schlachten zu, klatschte tüchtig bravo, wenn es ihm gefiel, und als sein Rock völlig trocken war, trollte er sich vergnügt nach Hause in die Hölle. Als er aber kaum in die Stube eingetreten war und die Großmutter seiner ansichtig wurde, ward sie abwechselnd veilchenblau und schwefelgelb im Gesicht und rief: »Wonach riechst Du wieder einmal, und wie siehst Du aus, Du Lump? Hast Du Dich schon wieder in den Kirchen umhergetrieben?« – Da erzählte der Teufel stotternd, was ihm passiert war. »Zieh den Rock aus,« herrschte die Großmutter ihn an, »und leg Dich einstweilen ins Bett.« Und der Teufel tat, wie ihm befohlen war, und zog sich das blau- und rotkarierte Federbett so weit über die Ohren, daß unten die schwarzen Fußspitzen herausguckten; denn er schämte sich gewaltig. Die Großmutter aber faßte den Rock mit der Feuerzange an seinem äußersten Zipfel, wie die Köchin eine tote Maus am Schwanz. »Brrr!« sagte sie und schüttelte sich vor Ekel. »Wie der Rock aussieht!« Dann trug sie ihn in die Gosse, wo der ganze dicke Höllenschlamm und das ganze Spülwasser aus der Hölle abläuft, zog ihn ein paarmal durch, weichte ihn tüchtig ein und wusch ihn in der Gosse. Darauf hing sie ihn über einen Stuhl ans Feuer und ließ ihn trocknen. Als er ganz trocken war, nahm sie den Rock noch einmal und beroch ihn: »Pfui!« sagte sie und nieste, »was doch so ein Kirchengeruch schwer wegzubringen ist!« – holte ein Kohlenbecken, streute ein paar Hände voll klein gehackter Hundehaare und geraspelter Pferdehufe darauf, und wie es so recht brenzlich zu riechen begann, hielt sie den Rock drüber. »So,« sagte sie zum Teufel, »nun ist der Rock rein, nun kannst Du Dich doch wieder in anständiger Gesellschaft sehen lassen! Aber ich verbitte mir, daß so etwas wieder vorkommt! Verstehst Du mich?« – Zwei ehrbare Kaufleute J. P. Hebel Zwei Besenbinder hatten nebeneinander feil in Hamburg. Als der eine schon fast alles verkauft hatte, der andere noch nichts, sagte der andere zu dem einen: »Ich begreife nicht, Kamerad, wie Du Deine Besen so wohlfeil geben kannst. Ich stehle doch das Reis zu den meinigen auch und verdiene gleichwohl den Tagelohn kaum mit dem Binden.« »Das will ich Dir wohl glauben, Kamerad,« sagte der erste, »ich stehle die meinigen, wenn sie schon gebunden sind!« Hans, blas 's Licht aus Ludwig Auerbacher In Frankfurt lebte ein Weinhändler namens Mauskopf: der hat die Kunst verstanden, von der Armut sich Reichtum zu verschaffen. Wenn er nämlich von einem Winzer hörte, daß es mit dessen Vermögen auf die Neige gehe und zur Vergantung, so war er flugs bei der Stelle, wie ein Rabe, der um Sterbende kreiset, des Aases gewärtig. Einstmals aber hat er doch eine falsche Rechnung gemacht. Ein Winzer an der Bergstraße, wo guter Wein wächst, war drum und dran, den Garaus zu machen. Dies hatte kaum unser Mauskopf gehört, als er sogleich zu dem Manne eilte, um ihm den Rest von seinen Weinen abzuknicken. Der Winzer, wie er das Begehren vernommen, machte nicht viel Worte und Umstände, sondern sagte bloß zum nebenan stehenden Knechte: »Hans, zünd 's Licht an!« und er führte dann sogleich den Weinhändler in seinen größtenteils schon ausgeleerten Keller, wo Kraut und Rüben, Schaufeln und Hacken, leere Fässer und Gestelle kunterbunt untereinander lagen, so daß sich die Besuchenden kümmerlich durchwinden mußten bis in den tiefsten Hintergrund, wo noch ein volles Faß stand. Der Winzer gab dem Kaufmann stillschweigend ein Glas zu kosten, und dieser fand den Wein vortrefflich und hoffte somit einen guten Fang zu machen. Auf die Frage, was das Ohm koste, nannte der Winzer den Preis, einen äußerst billigen. Der trügerische Kaufmann aber, der Mauskopf, bot einen Schandpreis. Was tat nun der Winzer? ... Der Volksfreund kennt einen Landsmann, einen ehrenwerten Leinwandhändler aus den Stauden; wenn diesem ein Kaufherr einen Spottpreis der Art auf seine Ware schlug, so kehrte er sich um, stellte sich in die Stubenecke, und, indem er die Hände faltete und die Daumen im Kreisel spielen ließ, murmelte er zwischen den Zähnen: »Zorn, komm morgen!« »Zorn, komm morgen!« »Zorn, komm morgen!«, wie es Kaiser Augustus getan, der, um den aufbrausenden Zorn zu unterdrücken, das griechische Alphabet herzusagen pflegte ... Unser Winzer aber tat anders; er sagte bloß: »Hans, blas 's Licht aus!« und er durchzog drauf mit Hansen den ihm wohlbekannten Keller ohne Gefährde und kümmerte sich um den Kaufmann nicht weiter mehr. – Dieser aber hatte nun seine liebe Not, wie er in der Finsternis durch den Wirrwarr aus dem Keller kommen sollte. Jetzt stolperte er über einen Kraut- und Rübenhaufen, dann fiel er über ein leeres Faß oder ein Gestelle, drauf rannte er an die Wand und kam zuletzt mit hinkenden Beinen, mit geschundenen Händen und mit Beulen am Kopf kümmerlich aus dem verfluchten Kellerloch. Der Winzer aber war inzwischen schon aufs Feld gegangen, und Hans hielt dem Kaufmann an der Kutsche das Leitseil hin und die Peitsche, nachdem er ihm noch, aus Unachtsamkeit, ins Gesicht geflitzt hatte. Also mußte er unverrichteter Dinge abziehen. Seitdem geht in Frankfurt die Rede, wenn man auf einen schnöden Handel nicht eingehen will: »Hans, blas 's Licht aus!« Der vorsichtig Träumer Volkstümlich In dem Städtlein Witlisbach im Kanton Bern war einmal ein Fremder über Nacht, und als er ins Bett gehen wollte und bis auf das Hemd ausgekleidet war, zog er noch ein Paar Pantoffeln aus dem Bündel, legte sie an, band sie mit den Strumpfbändern an den Füßen fest und legte sich also in das Bett. Da sagte zu ihm ein anderer Wandersmann, der in der nämlichen Kammer übernachtet war: »Guter Freund, warum tut Ihr das?« Darauf erwiderte der erste: »Wegen der Vorsicht. Denn ich bin einmal im Traum in eine Glasscherbe getreten. So habe ich im Schlaf solche Schmerzen davon empfunden, daß ich um keinen Preis mehr barfuß schlafen möchte.« Der gescheite Hans Gebrüder Grimm Hansens Mutter fragt: »Wohin, Hans?« Hans antwortet: »Zur Gretel.« »Mach's gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.« Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst Du gutes?« »Bring' nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans eine Nadel. Hans spricht: »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.« Hans nimmt die Nadel, steckt sie in einen Heuwagen und geht hinter dem Wagen her nach Haus. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist Du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast Du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat Dir Gretel gegeben?« »Nadel gegeben.« »Wo hast Du die Nadel, Hans?« »In Heuwagen gesteckt.« »Das hast Du dumm gemacht, Hans, mußtest die Nadel in den Ärmel stecken.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Mach's gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.« Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst Du gutes?« »Bring' nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Messer. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.« Hans nimmt das Messer, steckt's an den Ärmel und geht nach Haus. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist Du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast Du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat Dir Gretel gegeben?« »Messer gegeben.« »Wo hast Du das Messer, Hans?« »An den Ärmel gesteckt.« »Das hast Du dumm gemacht, Hans, mußtest das Messer in die Tasche stecken.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Mach's gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.« Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst Du gutes?« »Bring' nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans eine junge Ziege. »Adies, Gretel.« »Adies Hans.« Hans nimmt die Ziege, bindet ihr die Beine und steckt sie in die Tasche. Wie er nach Hause kommt, ist sie erstickt. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist Du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast Du ihr gebracht?« »Nicht gebracht, gegeben hat.« »Was hat Dir Gretel gegeben?« »Ziege gegeben.« »Wo hast Du die Ziege, Hans?« »In die Tasche gesteckt.« »Das hast Du dumm gemacht, Hans, mußtest die Ziege an ein Seil binden.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Mach's gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.« Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst Du gutes?« »Bring' nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Stück Speck. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.« Hans nimmt den Speck, bindet ihn an ein Seil und schleift's hinter sich her. Die Hunde kommen und fressen den Speck ab. Wie er nach Haus kommt, hat er das Seil an der Hand und ist nichts mehr daran. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist Du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast Du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat Dir Gretel gegeben?« »Stück Speck gegeben.« »Wo hast Du den Speck, Hans?« »Ans Seil gebunden, heim geführt, Hunde weggeholt.« »Das hast Du dumm gemacht, Hans, mußtest den Speck auf dem Kopf tragen.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Mach's gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.« Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst Du gutes?« »Bring' nichts, gegeben han.« Gretel schenkt dem Hans ein Kalb. »Adies, Gretel.« »Adies, Hans.« Hans nimmt das Kalb, setzt es auf den Kopf, und das Kalb zertritt ihm das Gesicht. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist Du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast Du ihr gebracht?« »Nichts gebracht, gegeben hat.« »Was hat Dir Gretel gegeben?« »Kalb gegeben.« »Wo hast Du das Kalb, Hans?« »Auf Kopf gesetzt, Gesicht zertreten.« »Das hast Du dumm gemacht, Hans, mußtest das Kalb leiten und an die Raufe stellen.« »Tut nichts, besser machen.« »Wohin, Hans?« »Zur Gretel, Mutter.« »Mach's gut, Hans.« »Schon gut machen. Adies, Mutter.« »Adies, Hans.« Hans kommt zur Gretel. »Guten Tag, Gretel.« »Guten Tag, Hans. Was bringst Du gutes?« »Bring' nichts, gegeben han.« Gretel sagt zu Hans: »Ich will mit Dir geh'n.« Hans nimmt die Gretel, bindet sie an ein Seil, leitet sie, führt sie vor die Raufe und knüpft sie fest. Darauf geht Hans zu seiner Mutter. »Guten Abend, Mutter.« »Guten Abend, Hans. Wo bist Du gewesen?« »Bei der Gretel gewesen.« »Was hast Du ihr gebracht?« »Nichts gebracht.« »Was hat Dir Gretel gegeben?« »Nichts gegeben, mitgegangen.« »Wo hast Du die Gretel gelassen?« »Am Seil geleitet, vor die Raufe gebunden, Gras vorgeworfen.« »Das hast Du dumm gemacht, Hans, mußtest ihr freundliche Augen zuwerfen.« »Tut nichts, besser machen.« Hans geht in den Stall, sticht allen Schafen und Kälbern die Augen aus und wirft sie der Gretel ins Gesicht. Da wird Gretel böse, reißt sich los und läuft fort, und ist Hansens Braut gewesen. Jedem das Seine Volkstümlich Eine Frau, deren Kind in der Nacht nicht schlafen wollte, weckte ihren Mann, sie bei dem Wiegen des Kindes abzulösen, weil er doch ebensogut wie sie, teil an demselben habe. »Du hast recht,« sagte der Mann, indem er sich aufs andre Ohr legte; »wiege Du also Deinen Teil, ich lasse den meinigen schreien.« Französisch und Deutsch J. P. Hebel Die Franzosen und die Deutschen bleiben sich immer gleich. Und wenn die Franzleute jetzt schimpfen wie die Rohrspatzen und rufen: »Bosches, bosches!« so war es vor mehr als hundert Jahren nicht anders. Und der gute Deutsche hat geradeso darauf geantwortet wie heute. Siebenzehnhundertvierundneunzig, als der Rhein auf jener Seite von französischen Schildwachen, auf dieser Seite von schwäbischen Kreissoldaten besetzt war, rief ein Franzose zum Zeitvertreib zu der deutschen Schildwache herüber: Filu! Filu! Das heißt auf gut deutsch: »Spitzbube!« Allein der ehrliche Schwabe dachte an nichts so Arges, sondern meinte, der Franzose frage: »Wieviel Uhr?« und gab gutmütig zur Antwort: »Halber vieri!« Der Bauer und der Zollwächter J. P. Hebel Ein Bauer führte mit drei Pferden einen Wagen voll Haber über die Grenze. Da schoß der Zollwächter aus dem Häuslein heraus: »Halt! Was habt Ihr in Euren Säcken?« Der Bauer sagte halblaut und mit verzagter Stimme: »Haber«, und schaute mit einem ängstlichen Blick auf seine Pferde. Der Zollwächter sah das ängstliche Wesen und dachte: Holla! – »Ist sonst nichts darin, als was Ihr sagt?« – »Nein, sonst nichts.« Der Eigentümer einer Ware ist nicht schuldig, daß er sie selber ablade und auseinanderlege, sondern das ist des Zollwächters Schuldigkeit, und er ist dafür bezahlt. Also rief der Zollwächter seinen Gehilfen heraus. »Hier sind verdächtige Säcke zu visitieren.« Man tastete daran herum. Man stach mit spitzigen Visierstäben hinein. Endlich lud man einen Sack nach dem andern ab und leerte ihn aus. Im ersten war nichts, im zweiten nichts, in allen nichts, als lauter Haber und Haber. Zuletzt reiterte man ihn noch durch ein Sieb, ob etwa heimlich Edelsteine darunter seien. Es war auch nichts Heimliches darunter. Also faßten die Zollwächter den Haber wieder in Säcke, banden sie zusammen, warfen sie wieder auf den Wagen und wischten sich den Schweiß vom Gesicht. Weil sie aber gegen ihre Meinung nichts gefunden hatten, sagte der Zollwächter zu dem Bauern: »Guter Freund, Ihr seid ein ehrlicher Mann! Aber warum seid Ihr denn so verzagt und ängstlich gewesen? Daran erkennen wir sonst das böse Gewissen und haben ganz gewiß geglaubt, einen guten Fang an Euch zu machen.« Da nahm der Bauer den Zollwächter auf die Seite und sagte wieder halblaut, aber mit schalkhafter Miene: »Ich hab' so leise sprechen müssen, damit die Pferde nicht erfahren, daß ich noch mit Haber versehen bin. Ich hab' ihnen schon seit vier Monaten keinen gegeben.« Da fuhr der Zollwächter auf: »Daß Euch – dieser und jener – – Ich hätte die beste Lust –.« Aber er konnte nicht viel machen. Der Bauer hatte es ihn nicht geheißen. »Es ist mir leid genug,« sagte er, als er abfuhr, »daß Ihr mich eine ganze Stunde aufgehalten habt.« Ei so beiß Ludwig Auerbacher Ein Holzhacker hatte die Gewohnheit, daß er bei jedem Hieb, den er tat, keuchend sagte: »Ei so beiß!« Das hörte einmal der Graf, in dessen Wald jener arbeitete; und der Herr setzte ihn darüber zur Rede, warum er denn immer so sagte: »Ei so beiß!« Der Holzhacker antwortete: »Mit Verlaub, gnädiger Herr! Hätte Adam nicht in den Apfel gebissen, so stünd' es wohl mit uns armen Leuten besser, und ich brauchte nicht im Schweiß meines Angesichts das wenige schwarze Brot zu verdienen, wie ich leider! tun muß. Und darum zürne ich billigerweise auf den alten Sünder und sage unwillig: Ei so beiß!« – Als der Graf, der ein leutseliger Mann war, diese Worte gehört hatte, sagte er zum Holzhacker: »Wäret Ihr an Adams Stelle gewesen. Ihr hättet wohl ebenso getan.« – »Straf mich der Himmel, wenn ich nur daran denken könnte, so etwas zu tun!« – sagte der Holzhacker. »Vollauf zu haben im ganzen großen herrlichen Garten, und nur sagen zu dürfen: Maul, was willst? Nein, Herr! Da könnte mir gar nicht einfallen, von dem verbotenen Baum zu kosten.« »Nun,« sagte der Graf, »weil Ihr denn gar so ein kluger, rechtschaffener Mann seid, so will ich Euch ein besseres Los bereiten, ein so gutes, als Ihr nur wünschen möget. Kommt mit mir, holt Euer Weib; ich will Euch von nun an in meinem Schlosse also traktieren, daß Ihr es im Paradies nicht besser haben möchtet.« Und also ist es geschehen. Der Holzhacker und sein Weib wurden auf das Kostbarlichste ganz neu gekleidet: es wurden ihnen schön gezierte große Zimmer eingeräumt, wo sie bequem schlafen, essen und wohnen konnten; und mittags setzten ihnen eigens bestellte Diener ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs Schüsseln vor, voll der feinsten schmackhaftesten Speisen. Zuletzt, nachdem sie schon lange gesättigt waren, brachte ihnen noch ein Diener eine siebente, von gediegenem Silber, mit schönen, goldenen Zieraten, die mit einem Deckel verschlossen war. Diese setzte der Diener gleichfalls auf den Tisch, sagte aber: Es sei des Herrn strengster Befehl, daß sie dieselbe nicht öffnen, viel weniger davon verkosten dürften. Der Mann sagte: »Sie hatten ohnehin schon genug, er solle sie nur gleich wieder forttragen. Das Weib aber wollte sie etwas näher betrachten, und konnte nicht genug die Zieraten bewundern: trug aber sonst kein Gelüste, und die Schüssel wurde wieder unberührt weggetragen. Des andern Mittags wurde zuletzt auch wieder die silberne, bedeckte Schüssel vom Diener gebracht und auf dem Tisch zurückgelassen. Die Frau betrachtete sie mit noch größerem Wohlgefallen als gestern, und auch der Mann schien Vergnügen zu haben an der wunderschönen Gestalt des Gefäßes. »Kurios!« sagte die Frau, was doch der Graf für eine Absicht damit haben mag? Um das Ding bloß so zu unserer Lust zu betrachten, das kann's wohl nicht sein. Denn da dürften wir doch auch wohl hineinschauen, wo es sonder Zweifel, noch viel schöner ist, als von außen. »Laß das Geschwätz,« sagte der Mann; »sei's was es sei, Du rühr's mal nicht an.« Und mit diesen Worten ging er vom Tisch und legte sich auf das Polster. Die Schüssel wurde wieder unberührt abgetragen. Bei all dieser Herrlichkeit war es kein Wunder, daß der Holzhacker seine Arbeit vergaß, und den Adam, und das: Ei so beiß! und er war vollkommen zufrieden mit Gott und mit seinem gnädigen Herrn. Die Frau aber konnte fast die ganze folgende Nacht nicht schlafen. Die Schüssel ging ihr immer im Kopf herum, und sie träumte, es sei darin, weiß Gott was Wunderschönes enthalten: es däuchte ihr, als sei sie mit lauterm Gold und kostbarem Edelgestein ausgelegt, und ein großer, reiner Kristall funkelte dazwischen, aus dessen Spiegel ihr die ganze Zukunft in die Seele leuchtete. Als daher mittags die verbotene Schüssel wieder auf den Tisch kam, so konnte sie ihr Gelüste nicht mehr verschweigen. Sie erzählte ihrem Manne zuerst den Traum, und schilderte ihm die Kostbarkeiten, die sie gesehen. Dann meinte sie: sehen koste ja nichts, und es sei keine Gefahr dabei, da sie niemand bemerkte. Dann sagte sie, es solle nichts berührt oder gar genommen werden: nur in den Kristall wolle sie schauen und die Zukunft darin lesen. Der Mann schüttelte anfangs den Kopf und sagte: »Nein.« Als sie aber wiederum von neuem anfing und nicht aufhörte zu bitten und zu betteln: nur ein wenig den Deckel zu heben, um wenigstens zu sehen, ob was drinnen sei; da, nachdem er sich vorher überall umgesehen, ob niemand sie belauschte, gab er ihr nach und sagte: »In Teufels Namen! so lug, damit ich Ruhe habe!« Sie lupfte den Deckel, und sieh da, – ein Mäuslein sprang heraus und davon, und ins nächste Loch hinein. Die beiden Leute sahen sich einander ganz erschrocken an: und wie sie noch stumm und still, wie leblos, dasaßen, kam der Graf herbei und fragte sie, was sie hätten? »Nichts!« sagte die Frau zitternd. Der Herr, wohl merkend, was geschehen, hob den Deckel auf und sagte dann: »Also habt ihr mein Verbot nicht geachtet?« »Mein Weib da!« sagte zornig der Mann. »Dein Weib,« versetzte der Herr, »ist eine Eva, und Du ein Adam. Lüsternheit hat euch, wie die Schlange unsere Stammeltern, in Versuchung geführt, der ihr nicht habt widerstehen können. Darum sollt ihr büßen gleich ihnen, und wiederum das Brot im Schweiße eures Angesichtes essen.« Und so mußten denn er und sie sogleich die kostbaren Kleider wieder ablegen und die schöne Wohnung verlassen und zu ihrer Hütte und zur Arbeit zurückkehren. Seit der Zeit hat der Holzhacker nicht mehr auf den Adam, den alten Sünder, gezürnt, und sein Leben lang nicht mehr gesagt: Ei so beiß! Falsch sortiert Volkstümlich Es hatte jemand vier gute Freunde zu Gast, die seinen Siebenzehner probieren wollten und taten es bis nach Mitternacht, nach Strich und Faden. Als sie nachher nach Hause sollten, und keiner konnte noch stehen von den vieren, bestellte er einen Wagen, lud mit dem Kutscher die vier in den Wagen und bezeichnete ihm jeden einzelnen genau nach Straße und Hausnummer, wo er abzuliefern sei. Kaum hatte er sich nun mit gutem Gewissen ins Bett gelegt, da klingelte es an der Haustür; er steht auf und erblickt unten den Kutscher mit dem Wagen wieder. »Was ist denn los?« fragt er erschreckt. »Ach, lieber Herr,« sagt der Kutscher, »seid so gut und sortiert mir die Leute noch einmal, sie sind mir durcheinandergefallen!« Die Klingel Volkstümlich In einer der alten Gassen in Köln, in welchen die schmalen hohen Häuser zusammengedrängt liegen, wurde spät abends regelmäßig an einem Hause die Klingel gezogen, und wenn der Hausherr dadurch aus dem ersten Schlafe erwachte und aus dem Bette sprang, um zu sehen, wer der Ruhestörer sei, war niemand vor der Tür. Nachdem er eine Zeit lang vergebens aufgestanden, legte er sich eines Abends ins Fenster auf die Lauer. Da sieht er nun endlich gegen Mitternacht, wie sein nächster Nachbar heftig klingelt und dann rasch in die Nische seiner Haustür tritt, worauf seine Frau ihm öffnet. Andern Tags machte der auf diese Weise belästigte Nachbar dem andern einen Besuch und fährt ihn an, wie er doch dazu komme, an seiner Klingel zu ziehen. »Das will ich Euch sagen,« antwortet der Nachbar, »unsere Klingel geht nicht mehr, und da sagt meine Frau, Mann, sagt sie, klingel hier nebenan, das höre ich ebensogut, wie früher unsere Klingel.« Der Hühnerjäger Volkstümlich Einem, der auf der Jagd besser schießen als treffen konnte, war, wie gewöhnlich, die Tasche leer geblieben, und als er nun an einem Gehöft vorbeikam und all die Hühner im Hofe friedlich stehen und scharren sah, dachte er, hier kann es nicht fehlen. Er ging also auf ein Bäuerlein zu, das schmauchend auf der Bank saß und fragte, ob er wohl einmal unter die Hühner schießen dürfte, wenn er ihm eine Mark bezahle. »Da habe ich nichts dagegen,« antwortete der Bauer und steckte die Mark ein. Bums, Pähtsch! knallen die Schüsse, der Jäger hob zwei Hühner auf und zog ab. Als er so zwanzig, dreißig Schritte weiter war, fiel ihm ein, daß eine Mark für zwei Hühner doch zu wenig sei, er kehrte also um und rief: »So, lieber Mann, hier ist noch eine Mark, zwei Hühner für eine Mark ist doch zu billig!« »Danke schön,« sagte der Bauer, und steckte die andere Mark auch ein. »Weshalb habt Ihr denn gelitten, daß ich mit den zwei Hühnern abzog,« fragte der Jäger weiter. Da nahm der Bauer die Pfeife aus dem Mund und antwortete: »Wieso, das sind doch nicht meine Hühner!« Das Mittagessen im Hof J. P. Hebel Man klagt häufig darüber, wie schwer und unmöglich es sei, mit manchen Menschen auszukommen. Das mag denn freilich auch wahr sein. Indessen sind viele von solchen Menschen nicht schlimm, sondern nur wunderlich, und wenn man sie nur immer recht kennte, inwendig und auswendig, und recht mit ihnen umzugehen wüßte, nie zu eigensinnig und nie zu nachgebend, so wäre mancher wohl und leicht zur Besinnung zu bringen. Das ist doch einem Bedienten mit seinem Herrn gelungen. Dem konnte er manchmal gar nichts recht machen und mußte vieles entgelten, woran er unschuldig war, wie es oft geht. So kam einmal der Herr sehr verdrießlich nach Hause und setzte sich zum Mittagessen. Da war die Suppe zu heiß oder zu kalt, oder keines von beiden: aber genug, der Herr war verdrießlich. Er faßte daher die Schüssel mit dem, was darinnen war, und warf sie durch das offene Fenster in den Hof hinab. Was tat der Diener? Kurz besonnen warf er das Fleisch, welches er eben auf den Tisch stellen wollte, mir nichts, dir nichts, der Suppe nach, auch in den Hof hinab, dann das Brot, dann den Wein und endlich das Tischtuch mit allem, was noch darauf war, auch in den Hof hinab. »Verwegener, was soll das sein?« fragte der Herr und fuhr mit drohendem Zorn von dem Sessel auf. Aber der Bediente erwiderte kalt und ruhig: »Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihre Meinung nicht erraten habe. Ich glaubte nicht anders, als Sie wollten heute in dem Hofe speisen. Die Luft ist so heiter, der Himmel so blau, und sehen Sie nur, wie lieblich der Apfelbaum blüht, und wie fröhlich die Bienen ihren Mittag halten!« – Diesmal die Suppe hinabgeworfen, und nimmer! Der Herr erkannte seinen Fehler, heiterte sich im Anblick des schönen Frühlingshimmels auf, lächelte heimlich über den schnellen Einfall seines Aufwärters und dankte ihm im Herzen für die gute Lehre. Die zwei Postillone J. P. Hebel Zwei Handelsleute reisten oft mit der Extrapost von Fürth nach Hechingen oder von Hechingen nach Fürth, wie es das Geschäft verlangte, und gab der eine dem Postillon ein schlechtes Trinkgeld, so gab ihm der andere kein gutes. Denn jeder sagte: »Wofür soll ich dem Postknecht einen Zwölfer schenken? Ich trage ja nicht schwer daran, wenn ich ihn behalte.« Die beiden Postillone aber – einer war von Dinkelsbühl, der andere von Ellwangen – dachten: »Wenn wir nur einmal den Herrn einen Dienst erweisen könnten, daß sie spendabler würden!« Eines Tages kam der Fürther Kaufherr in Dinkelsbühl an und wollte weiter. Die Pferde wurden gewechselt, und der Reisende saß geduldig in seinem Wagen. Als der Postillon aus Dinkelsbühl sich in den Sattel setzte und die Peitsche hob, sagte der Kaufherr: »Fahr zu, Schwager! Werf' Er mich nicht um!« Am nämlichen Nachmittag fuhr der Hechinger Kaufmann aus Ellwangen ab, und der Postillon dachte bei sich selbst: »Wenn nur jetzt mein Kamerad aus Dinkelsbühl mit dem Fürther auch auf dem Weg wäre!« Indem er fährt, bergauf, bergab, und nicht weit vom Segringer Zollhaus ist, begegnen sie einander; keiner will dem andern ausweichen. Jeder sagt: »Ich fahre einen ehrbaren Herrn, keinen Pfennigfuchser wie Du. Fahr mir aus dem Weg!« Endlich legt sich der Fürther Kaufherr ins Mittel und schimpfte den Ellwanger Postillon, daß der ihm mit der Peitsche einen Hieb ins Gesicht gab. Der Dinkelsbühler sagte: »Du sollst meinen Passagier nicht hauen; er ist mir anvertraut und zahlt honett, oder ich hau' den deinigen auch!« – »Untersteh' Dich und hau' mir meinen Herrn!« sagte der Ellwanger. Also hieb der Dinkelsbühler des Ellwangers Passagier, und der Ellwanger hieb des Dinkelsbühlers Passagier, und riefen einander unaufhörlich im Zorn zu: »Willst Du meinen Herrn in Frieden lassen, oder soll ich den deinigen ganz zu Mus zusammenhauen?« und je schmerzlicher der eine Au und der andere Weih schrie, desto kräftiger hieben die Postillone auf sie ein, bis sie des unbarmherzigen Spaßes selber müde waren. Als sie aber auseinander waren, und jeder wieder seines Weges fuhr, sagten die Postillone zu ihren Reisenden so und so: »Nicht wahr, ich habe mich Eurer rechtschaffen angenommen? Mein Kamerad wird's niemand rühmen, wie ich seinen Herrn zerhauen hab'. Und diesmal kommt's Euch wohl auf ein besseres Trinkgeld nicht an!« Vom guten Hirten Volkstümlich In einem Dorfe war ein Schäfer, der hieß Jost Knollenbaum, den sah man nie anders, als in der Begleitung seines alten Hundes, der auf den Namen »Schnaps« hörte. Eines Sonntags nun war Jost Knollenbaum auch einmal in die Kirche gegangen, und sein unzertrennlicher Schnaps lag aufmerksam unter seinem Stuhl. An diesem Tage war das Evangelium vom guten Hirten, und der hochwürdige Herr predigte unter anderm eindringlich: Ein guter Hirte verläßt niemals seine Schafe, er weilt Tag und Nacht bei ihnen und geht keine Stunde von ihnen ferne!« Da erhob sich der Schäfer Jost Knollenbaum und sagte halblaut Zu seinem Hunde: »Komm, Schnaps, der hochwürdige Herr da oben will wohl sticheln!« und ging erhobenen Hauptes aus der Kirche. Wer die Welt erschaffen hat Volkstümlich Ein Schuhmacher hatte einmal einen Lehrjungen, der war dumm, und was er anfaßte, machte er falsch. Wenn im Hause etwas in Unordnung war, oder es fand sich etwas nicht an seinem Platz, so rief man gleich nach dem Lehrjungen, und ob er es nun zugab oder nicht, er bekam die Ohren langgezogen. Eines Tages erinnerte sich nun der Schuhmacher an die Pflicht christlicher Meister, die Lehrlinge auch in der Heilslehre zu unterweisen. Und er rief mit derselben Stimme wie sonst, wenn es sich um eine Strafe handelte: »Jetzt sagst du mir, wer die Welt erschaffen hat.« Der Junge duckte sich und schwieg, denn er hatte seinen Meister nicht recht verstanden und dachte schon mehr an die Ohrfeige, die er bekommen sollte, als an die Antwort. »Kannst du nicht reden?« fuhr ihn der Meister an. Da hielt der Junge beide Hände schützend über den bedrohten Kopf und rief heulend: »Ja, ja, ja, Meister, ich hab' sie geschaffen, will's aber mein Lebtag nicht wieder tun!« Hochzeit auf der Schildwache J. P. Hebel Ein Regiment, das sechs Wochen lang in einem Dorf in Quartier gelegen war, bekam, unversehens in der Nacht um zwei Uhr, Befehl zum plötzlichen Aufbruch. Also war um drei Uhr schon alles auf dem Marsch, bis auf eine einsame Schildwache draußen im Feld, die in der Eile vergessen wurde und stehen blieb. Dem Soldaten auf der einsamen Wache wurde jedoch zuerst die Zeit nicht lang, denn er schaute die Sterne an und dachte: »Glitzert ihr, so lange ihr wollt, ihr seid doch nicht so schön wie zwei Augen, welche jetzt schlafen in der untern Mühle.« Gegen fünf Uhr jedoch dachte er: »Es könnte jetzt bald drei sein.« Allein niemand wollte kommen, um ihn abzulösen. Die Wachtel schlug, der Dorfhahn krähte, die letzten Sterne, die selbigen Morgen noch kommen wollten, waren aufgegangen; der Tag erwachte, die Arbeit ging ins Feld, aber noch stand der Musketier unabgelöst auf seinem Posten. Endlich sagte ihm ein Bauersmann, der auf seinem Acker wandelte, das ganze Regiment sei ausmarschiert, schon um drei Uhr, kein Gamaschenknopf sei mehr im Dorf, noch weniger der Mann dazu. Also ging der Musketier, unabgelöst, selber ins Dorf zurück; er hätte jetzt den Doppelschritt anschlagen und dem Regiment nachziehen sollen. Allein der Musketier dachte: »Brauchen sie mich nimmer, so brauche ich sie auch nimmer.« Zudem dachte er: »Es ist nicht zu trauen. Wenn ich ungerufen komme und mich selber abgelöst habe, so kann's spanische Nudeln setzen«, er meinte den Stock des Korporals. Zudem dachte er: »Der untere Müller hat ein hübsches Mägdlein, und das Mägdlein hat einen hübschen Mund, und der Mund hat holde Küsse.« Also zog er das blaue Röcklein aus und verdingte sich in dem Dorf als Bauernknecht, und wenn ihn jemand fragte, so sagte er, es sei ihm ein Unglück begegnet, sein Regiment sei ihm abhanden gekommen. Brav war der Bursche, hübsch war er auch, und die Arbeit ging ihm aus den Händen flink und recht. Zwar war er arm, aber desto besser schickte sich für ihn des Müllers Töchterlein, denn der Müller hatte Batzen. Kurz, die Heirat kam zustande. Also lebte das Paar in Liebe und Frieden glücklich beisammen und baute ihr Nestlein. Nach Verlauf von einem Jahr aber, als er eines Tages von dem Felde heimkam, schaute ihn seine Frau bedenklich an: »Fridolin, es ist jemand dagewesen, der Dich nicht freuen wird.« – »Wer?« – »Der Quartiermacher von Deinem Regiment: in einer Stunde sind sie wieder da.« Der alte Vater lamentierte, die Tochter lamentierte und sah mit nassen Augen ihren Säugling an. Denn überall gibt es Verräter. Der Fridolin aber, nach kurzem Schrecken, sagte: »Laßt mich gewähren, ich kenne den Obrist.« Also zog er das blaue Röcklein wieder an, das er, zum ewigen Andenken, hatte aufbewahren wollen und sagte zu seinem Schwiegervater, was er tun solle. Hernach nahm er das Gewehr auf die Achsel und ging wieder auf seinen Posten. Als aber das Regiment eingerückt war, trat der alte Müller vor den Obristen. »Habt doch ein Einsehen, Herr General, mit dem armen Menschen, der vor einem Jahr auf den Posten gestellt worden ist draußen an der Waldspitze. Ist es auch erlaubt, eine Schildwache ein geschlagenes Jahr lang stehen zu lassen, auf dem nämlichen Fleck, und nicht abzulösen?« Da schaute der Obrist den Hauptmann an, der Hauptmann schaute den Unteroffizier an, der Unteroffizier den Gefreiten, und die halbe Kompagnie, alte gute Bekannte des Vermißten, liefen hinaus, die Schildwache zu sehen, und wie der arme Mensch müsse zusammengeschmort sein, gleich einem Borsdorfer Äpfelein, das schon vier Jahre am Baum hängt. Endlich kam auch der Gefreite, der nämliche, der ihn vor zwölf Monaten auf den Posten geführt hatte, und löste ihn ab: »Präsentiert das Gewehr, das Gewehr auf die Schulter, marsch!« nach soldatischem Herkommen und Gesetz. Hernach mußte er vor dem Obristen erscheinen, und seine junge, hübsche Frau, mit ihrem Säugling auf den Armen, begleitete ihn und mußten ihm alles erzählen. Der Obrist aber, der ein gütiger Herr war, schenkte ihm einen Taler und half ihm hernach zu seinem Abschied. Das gefährliche Bett Abraham a. St. Clara Ein Bauer verwunderte sich über die Kühnheit der Schiffsleute, die einem so schwachen Holz ihren Leib und ihr Leben anvertrauen, das sie so leicht an den wilden Meerklippen einbüßen. Darum fragte einst dieser Bauer einen Schiffer, wo sein Vater gestorben sei. Dieser antwortete: »Auf dem Meer.« Der Bauer fragte ferner, wo denn sein Groß- und Urgroßvater gestorben seien. Als der Schiffer wiederum antwortete: »Auf dem Meere,« so sprach der Bauer: »Wie kannst denn du so närrisch sein, daß du dich dem Meere vertrauest, welches dir deinen Vater, Großvater und Urgroßvater hinweggenommen?« Der Schiffsmann fragte hierauf den Bauern, wo denn sein Vater gestorben sei. »Auf dem Bette!« antwortete der Bauer. »Und der Großvater?« fragte der Seemann weiter. Der Bauer antwortete: »Auch auf dem Bette!« Da sagte der Schiffsmann: »Warum bist du denn ein so großer Narr, daß du jede Nacht in dasselbe Bett gehest, darin deine Voreltern gestorben sind?« Die zehnte Wurst Volkstümlich Ein paar Strolche, die auch nichts Besseres zu tun hatten, kamen beim Sonnenwirt aufs Vielessen zu sprechen, und weil gerade geschlachtet war, vermaß sich einer von ihnen hoch und teuer, er wolle zehn Bratwürste hintereinander verzehren. Als er nun die neunte mit Müh' und Not hinuntergeschlungen hatte, die Würste waren fußlang und auch sonst von guten Eltern, war es mit seiner Kunst zu Ende. Da schlug er mit der Faust auf den Tisch und rief: Hätte ich die dumme Wurst da doch zuerst gefressen! Die wichtige Bestellung Volkstümlich In Köln war ein Ulkvogel, den hatte ein Bäckermeister verspottet, und darum wollte er sich an dem Mann rächen. Eines Abends um zehn Uhr, als der Meister gerade im besten Schlaf lag, denn er mußte doch um zwölf Uhr aus den Federn, um seinem Geschäft nachzugehen, kommt der lose Vogel mit seiner Kumpanei vor des Bäckermeisters Haus, reißt an der Klingel und bullert an die Tür. Der gute Meister fährt mit schlaftrunkenem Gesicht zum Fenster hinaus und ruft: »Um Gottes willen, was ist los, brennt es?« »Das nicht,« ruft der Ulkvogel von unten mit verstellter Stimme, »ich wollte bloß einmal fragen, ob Ihr morgen früh auch Brötchen backt.« »Nun ja, natürlich,« entgegnete der oben unwirsch. »So, so,« kommt von unten die Antwort, »dann backt für mich auch eins mit. Ich bin nämlich der und der.« Und damit fuhr die ganze Gesellschaft lachend um die nächste Straßenecke, und der Bäckermeister konnte ihnen nachsehen. Der Handschuhhändler J. P. Hebel Ein Kaufmann wollte zwei Kisten voll guter Pariser Handschuhe über die Grenze bringen und verabredete etwas zuvor mit seinem Freunde. Alsdann legte er in die erste Kiste lauter rechte Handschuhe, je zwei und zwei, in die andere lauter linke. Die zweite Kiste schmuggelte er bei Nacht und Nebel hinüber. Siehst du nichts, merkst du nichts. Mit der ersten kam er an der Zollstätte an. »Was habt Ihr in Eurer Kiste?« – »Pariser Handschuhe.« – »Wie hoch schlagt Ihr sie an?« – »Zweihundert Franken.« – Der Zollgardist betastete die Handschuhe; zart war das Leder, fest war es auch, fein die Naht, kurz sie waren vierhundert Franken wert zwischen Brüdern. »Ich gebe Euch 220 Franken dafür,« sagte der Zollgardist, »sie sind mein.« Der Krämer sagte: »Sind sie Euer, so sind sie mein gewesen. Zehn Prozent sind auch ein Profit.« Also nahm er 220 Franken und ließ die Kiste im Stich. Freitag darauf in Speier im Kaufhaus – es war noch in der alten Zeit – kamen die Handschuhe zur Versteigerung. »Wer gibt mehr als zweihundert und zwanzig?« Die Liebhaber besichtigten die Ware. »Es scheint mir,« sagte der Freund des Krämers, »die linken sind etwas rar.« – »Parbleu!« sagte ein andrer, »es sind lauter rechte.« Kein Mensch tat ein Gebot. »Wer gibt zweihundert? – einhundert und fünfzig? – hundert? – Wer gibt achtzig?« Kein Gebot. »Wißt Ihr was,« sagte endlich der Freund des Krämers. »Es kommen vielleicht viel Leute nur mit dem rechten Arm aus dem Krieg zurück.« Es war Anno 13. »Ich gebe sechzig Franken,« sagte er. Wem zugeschlagen wurde, war er. Der Zollgardist aber hätte vor Zorn des Henkers werden mögen. Im Waldangelloch aber haben der Krämer und sein Freund die Handschuhe wieder zusammengelegt, je einen linken und einen rechten, und haben sie in Frankfurt auf der Messe für ein teures Geld verkauft.