Verschiedene Autoren Italienische Novellen Hundert Alte Novellen Erster Band Die Novellen sind übersetzt von Eduard von Bülow, Bruno Henrich, Adalbert von Keller, Karl Simrock Inhaltsverzeichnis Aus: Hundert alte Novellen Der vertriebene König Ein seltsamer Rechtsstreit Der kluge Richter Der größte Tyrann Die drei Zauberer Der Erzähler Azzolinos Wilhelm von Bergdam, der vermessene Provenzale Der arme Arzt Das Pferd an der Glocke Trost der Witwe Das Herz des Buhlers Der Gnadenruf Gottes Wille geschieht Der Gang nach dem Ziegelofen Eine schöne Liebesgeschichte Franco Sacchetti Lob und Tadel Der Müller und der Abt Die drei Gebote des Vaters Piero Brandani Gonnellas Heimkehr Die Entbindung Die Casentiner Gesandten Der ausgesperrte Domherr Die kalbende Kuh Der Bauer und der Sperber Alle Glocken läuten Ser Giovanni Fiorentino Galganos Entsagung Die Kunst zu lieben Das Hemd der Glücklichen Nicolosa Die Freundin des Kardinals Wie ein Hahnrei durch Schläge getröstet wird Der Kaufmann von Venedig Der listige Freier Hauskreuz Pariser Theologen in Rom Römische Rache Ein Deutscher in Italien Von den Guelfen und Ghibellinen Männerlist Spanisch-deutscher Krieg Dionigia Die Vergiftung Bärenjagd Gentile Sermini Ser Pace Bernardo Ilicino Sienesischer Edelmut Masuccio Der unschuldige Mörder Sallust im Nonnenkloster Die Witwe in Trauer Der geprellte Vater Ein belohnter Betrüger Die unglücklichen Liebenden Der Barkenführer Veronica Giovanni Sabadino degli Arienti Der Herzog von Mailand Bei Sonnenlicht kann man besser sehen Der dicke Tischler Der Hauptmann von Norcia Niccolò Machiavelli Belfagor Baldassare Castiglione Der blinde Spieler Luigi da Porto Romeo und Giulietta Matteo Bandello Unüberwindliche Großmut Eine andere Lukretia Bedenkliche Beichte Frauentreue: Männertugend Das verzauberte Bildnis Viel Lärmen um nichts Antonio Bologna Die einzelnen den Novellen in Klammern beigefügten Angaben weisen auf Bearbeitungen des gleichen Stoffes in anderen Literaturen hin Aus: Hundert alte Novellen Vor 1300 Der vertriebene König Ein Herr in Griechenland, der ein großes Königreich besaß, hatte einen Sohn, den er sorgsam auferziehen, in den sieben freien Künsten unterrichten und zu einem gesitteten Leben anleiten ließ. Eines Tages nahm dieser König eine Menge Goldes, gab es dem Sohne und sprach: »Verwende dies nach deinem Wohlgefallen!« Zugleich befahl er den Edelleuten am Hofe, ihm keinerlei Anleitung über den Gebrauch des Goldes zu geben, jedoch sein Benehmen sorgfältig zu beobachten. Jene gehorchten und standen eines Tages mit dem Jünglinge, der seinen Gedanken nachhing, an den Fenstern des Palastes, als einige Leute des Weges zogen, deren Tracht und Ansehen von Reichtum und Adel zeugte. Der Weg lief am Fuße des königlichen Palastes hin. Der Jüngling befahl, den ganzen Zug der Vorbeireisenden anzuhalten und vorzuführen. Man gehorchte, und die Fremden wurden im Beisein der Edelleute vor den Jüngling geführt; und einer derselben, der am beherztesten und gewandtesten schien, trat vor und fragte: »Herr, was ist zu Euerm Befehl?« Der Königssohn fragte ihn nach seiner Heimat und seinem Stande, worauf jener erwiderte: »Herr, mein Vaterland ist Italien; ich bin Kaufmann und Herr eines großen Vermögens, das ich nicht der Sorge meiner Vorfahren, sondern meiner eigenen Betriebsamkeit verdanke.« Der Jüngling wandte sich nun zu dem Zweiten, der zwar mit edlem Anstande, aber mit dem Ausdruck des Kummers und der Verlegenheit dastand, und befahl ihm vorzutreten, weil er sich unter der Menge verbarg, worauf er, jedoch nicht mit dem Selbstvertrauen des ersteren, vortrat und fragte: »Herr, was befehlt Ihr?« Der Jüngling versetzte: »Nenne mir deine Heimat und deinen Stand!« Und jener entgegnete: »Herr, ich bin König von Syrien und habe mich so betragen, daß meine Untertanen mich vom Throne stießen.« Da nahm der Jüngling all sein Gold und schenkte es dem vertriebenen Könige. Diese Handlung ward bald im ganzen Palaste bekannt. Die Ritter und Barone beratschlagten sich laut darüber, und der ganze Hof hallte wider von der Verwendung jenes Goldes. Auch der König erfuhr den Vorgang und ließ sich die an die Fremden gerichteten Fragen und ihre Antworten von Wort zu Wort erzählen. Dann berief er den Sohn und stellte ihn in Gegenwart vieler Barone über die Verwendung des Geldes zur Rede. »Welchen Grund hattest du, welche Rücksicht bewog dich, den unbeschenkt zu lassen, der durch seinen Fleiß vieles erworben, und alles dem zuzuwenden, der das Seinige durch seine Torheit verloren hatte?« Der weise Jüngling entgegnete: »Herr, ich gab dem nichts, der mich nichts gelehrt hatte; auch beschenkte ich weder den einen noch den andern: was ich gab, war nicht Geschenk, sondern Lohn. Der Kaufmann lehrte mich nichts: ich war ihm also zu nichts verpflichtet; der andere aber, eines Königs Sohn und vor einst im Besitz einer Krone, dessen Unbesonnenheit Ursache war, daß ihn seine Untertanen verstießen, lehrte mich, wie ich mich zu betragen habe, daß die Meinigen mir nicht dermaleinst ein Gleiches tun: für eine so heilsame Lehre empfing er noch zu geringen Lohn.« Da rühmte der König und alle Anwesende des Jünglings Verstand und hegten große Erwartungen von seiner Jugend und der Weisheit, womit er bei reiferen Jahren regieren werde, da er bei so zartem Alter schon so hohe Beweise seiner Einsicht gegeben. Briefe flogen durch das Land, den Vorfall Baronen und Edlen zu melden, und großer Hader entstand unter den Weisen. Ein seltsamer Rechtsstreit In Alexandria, das im Gebiet der Romania liegt – es gibt nämlich zwölf Städte des Namens Alexandria, die Alexander im März vor seinem Tode gründete –, in jenem Alexandria gibt es Straßen, wo die Sarazenen stehen, welche Essen verkaufen. Und man sucht die Straßen nach den saubersten und leckersten Speisen ab, wie man bei uns nach Tüchern sucht. An einem Montag stand ein sarazenischer Koch, welcher Fabrat hieß, in seiner Küche: da kam ein armer Sarazene in die Küche mit einem Brot in der Hand. Geld hatte er nicht, um jenem etwas abzukaufen. Daher hielt er das Brot über den Kochtopf und fing den Rauch auf, der daraus hervorstieg, und das Brot wurde von dem Rauch durchdrungen, der aus dem Essen kam, und er biß hinein und verzehrte es auf diese Weise bis zum Schluß. Dieser Fabrat hatte an diesem Tage kein Glück mit dem Verkaufen; daher empfand er dies als Beschimpfung und Belästigung, ergriff den armen Sarazenen und sagte zu ihm: »Bezahle mich für das, was du von mir genommen hast!« Der Arme antwortete: »Ich habe nichts anderes aus deiner Küche genommen als Rauch.« »Für das, was du von mir genommen hast, bezahle mich!« sagte Fabrat. Sie stritten sich so sehr, daß die Kunde von diesem neuen plumpen und bisher noch nie dagewesenen Streit zu dem Sultan gelangte. Und der Sultan versammelte seine Weisen wegen dieser ganz unerhörten Sache und schickte nach jenen Männern. Dann legte er den Weisen den Streitfall vor. Die sarazenischen Weisen begannen zu tüfteln, und der eine meinte, der Rauch gehöre nicht dem Koch, wofür er viele Gründe angab: »Man kann den Rauch nicht empfangen, und er fällt auf die Speise zurück; und er hat auch nicht das Wesen oder die Eigentümlichkeit, daß er nützlich sei: daher braucht er nicht zu bezahlen.« Andere sagten: »Der Rauch war noch in Verbindung mit dem Essen, war also in dessen Herrschaft, und hervorgebracht wurde er von seinem Eigentum. Und der Mann steht doch da, um von seinem Gewerbe zu verkaufen; und wer davon nimmt, der muß, wie es Brauch ist, bezahlen.« So gab es da viele Ansichten. Endlich wurde folgende Entscheidung gefällt: »Da er dasteht, um seine Lebensmittel zu verkaufen, du aber und andere, um sie zu kaufen«, sagten sie, »darum mache du, gerechter Herr, daß du ihm in gerechter Weise seine Lebensmittel ihrem Werte entsprechend bezahlen läßt. Wenn seine Küche, wo er verkauft, indem er nützliches Eigentum hergibt, wofür er nützliches Geld einzunehmen pflegt, nun aber Rauch verkauft hat, welches der flüchtigste und vergänglichste Teil der Küche ist, so laß Herr, eine Münze erklingen und denke, die Bezahlung sei durch den Klang erfolgt, den sie erzeugt!« Und so entschied der Sultan, auf daß es gehalten würde. Der kluge Richter Ein Bürger von Bari begab sich auf eine Wallfahrt und ließ dreihundert Goldstücke bei einem seiner Freunde unter folgenden Abmachungen: »Ich werde gehen, wie es Gott gefallen wird. Und wenn ich nicht zurückkehren sollte, so gib das Geld für meine Seele; und wenn ich bis zu einem bestimmten Termin zurückkehre, so wirst du mir davon geben, was du willst.« Darauf pilgerte er auf seine Wallfahrt, kam zu dem verabredeten Zeitpunkt zurück und verlangte seine Goldstücke wieder. Der Freund antwortete: »Erzähle doch unsere Abmachung!« Der Pilger wiederholte sie ihm genau. »Du hast gut gesprochen«, sagte der Freund, »da, zehn Goldstücke will ich dir wiedergeben; die übrigen zweihundertneunzig behalte ich mir.« Da begann der Pilger zornig zu werden, indem er sagte: »Was ist das für eine Treue? Du nimmst mir mein Hab und Gut auf falsche Weise.« Und der Freund antwortete sanft: »Ich tue dir keinerlei Unrecht; und wenn du meinst, daß ich dir doch Unrecht tue, so laß uns vor Gericht gehen!« Dagegen wandte er nichts ein, und der Sklave von Bari war Richter. Er hörte die Parteien an, formulierte die Streitfrage; dann ergab sich folgender Urteilsspruch, und so sprach er zu dem, der die Goldstücke zurückhielt: »Gib zweihundertneunzig Goldstücke dem Pilger zurück, und der Pilger soll dir die zehn Goldstücke geben, die du ihm wiedergegeben hast. Denn die Abmachung lautete folgendermaßen: ›Das, was du willst , wirst du mir wiedergeben.‹ Nun willst du aber die zweihundertneunzig Goldstücke: also gib sie ihm wieder, und nimm die zehn, die du nicht willst!« Der größte Tyrann Einem König wurde ein Sohn geboren. Die weisen Astrologen sahen voraus, daß er sein Augenlicht verlieren würde, wenn er nicht zehn Jahre ohne das Licht der Sonne leben würde. Daher ließ der König ihn in dunklen Höhlen aufziehen und hüten. Nach der angegebenen Zeit ließ er ihn hervorholen und ließ vor ihn viele schöne Juwelen und sehr hübsche Mädchen bringen, wobei man ihm alles mit Namen nannte; und man sagte ihm, die Mädchen wären Teufel. Und dann fragte man ihn, was ihm von all diesen Dingen am meisten gefiele, worauf er antwortete: »Die Teufel«. Da wunderte der König sich sehr und sagte: »Was für ein Tyrann ist doch Frauenschönheit!« Die drei Zauberer Der Kaiser Friedrich war ein höchst edler Herr, und was nur Mut und Tugenden hatte, strömte von allen Seiten an seinen Hof, denn er war willig im Geben und aller adeligen Sitte voll. Wer sich durch irgendeine Gabe auszeichnete, kam zu ihm, und so sah man Kunstsänger, Spielleute und Schönredner, Lanzenbrecher, Fechter und viel anderes Volk bei ihm verkehren. Eines Tages stand der Kaiser vor gedeckten Tafeln und ließ schon das Wasser zum Handwaschen reichen, so daß man sich nur noch zu Tische zu setzen hatte, als drei Meister der Negromantie mit drei Dienern erschienen und sich dem Kaiser sofort vorstellten. Dieser fragte: »Wer ist der Meister von euch dreien?« Einer von ihnen trat vor und sagte: »Ich bin es, Herr.« Der Kaiser bat ihn, seine Künste zu zeigen, worauf sie ihre Kreise zogen und ihre Beschwörungen begannen. Der Himmel fing an sich zu trüben, ein plötzlicher Regen goß nieder, häufige Donnerschläge und Blitze folgten sich, und die Welt schien im Sturm vergehen zu wollen. Darauf fiel ein Schloßenhagel, so dick und schwer, daß die Ritter in die Gemächer nach allen Seiten flohen. Bald klärte sich das Wetter wieder auf, und die Meister baten um Urlaub und Lohn. Der Kaiser sprach: »Fordert!« Diese forderten den Grafen Richard von St. Bonifacio, der zunächst bei dem Kaiser stand, und sagten: »Herr, befehlt dem Grafen, daß er uns gegen unsere Feinde zu Hilfe komme!« Der Kaiser ersuchte ihn freundlich, ihnen zu willfahren. Der Graf machte sich mit ihnen auf den Weg. Sie führten ihn in eine schöne Stadt. Hier zeigten sie ihm viele stolze Ritter und schöne Pferde; auch verschafften sie ihm herrliche Waffen und sagten: »Alles dies ist zu Euerm Befehl.« Die Feinde boten sich zur Schlacht; der Graf schlug sie und befreite das Land. In zwei andern siegreichen Schlachten gelang es ihm, sich das ganze Reich zu unterwerfen. Darauf vermählte er sich und zeugte Kinder und beherrschte das Land viele Jahre in Frieden. Es verging eine lange Zeit, ehe die Meister zurückkehrten: der Sohn des Grafen zählte schon vierzig Jahre, der Graf selbst war ein alter Mann geworden. Die Meister traten vor den Grafen: sie erkannten sich wieder. Die Meister fragten: »Beliebt es Euch, zu dem Kaiser zurückzukehren?« Der Graf antwortete: »Das Reich wird seitdem seinen Herrn mehrmals gewechselt haben, alle Leute würden mir unbekannt sein; wohin sollte ich kehren?« Die Meister lächelten und sagten: »Wir bestehen darauf, Euch zurückzuführen.« Sie begaben sich auf den Weg und kamen nach langer Reise an den Hof. Sie fanden den Kaiser und seine Barone, die eben mit dem Wasser zum Handwaschen fertig wurden, welches man umhergereicht hatte, als der Graf sich mit den Meistern entfernte. Der Kaiser bat ihn zu erzählen, was er ausgerichtet habe. Da sprach der Graf: »Seit ich von hier weggegangen bin, habe ich ein Weib genommen und Kinder von vierzig Jahren gezeugt und in drei Feldschlachten den Sieg erfochten. Die ganze Welt müßte sich erneut und umgestaltet haben; mit welchen Dingen geht dies zu?« Der Kaiser vernahm seine Erzählung mit großem Vergnügen, so auch seine Ritter und Barone. Der Erzähler Azzolinos Herr Azzolino hatte einen Erzähler, welcher ihn in den langen Winternächten unterhalten mußte. Eines Abends nun hatte der Erzähler großes Verlangen zu schlafen, Azzolino aber bat ihn, ihm etwas vorzuplaudern. Da begann der Erzähler eine Geschichte von einem Bauer, welcher seine hundert Gulden im Beutel hatte. Der ging auf einen Markt, um Schafe zu kaufen, und bekam zwei um einen Gulden. Als er mit seinen Schafen heimkehrte, war ein Fluß, über den er gekommen war, unterdessen durch einen heftigen Regen stark angeschwollen. Da stand er am Ufer und schaute hinüber, bis er einen armen Fischer erblickte mit einem ganz unglaublich kleinen Nachen, so daß niemand hineinging als der Bauer und ein einziges Schaf auf einmal. Der Bauer fing also an, mit einem Schafe überzusetzen, und fing an zu rudern. Der Fluß war breit. Er rudert und kommt hinüber. Der Erzähler hielt inne und sprach nichts mehr. »Nun, was machst du?« fragte Herr Azzolino. »Fahre fort!« Der Erzähler antwortete: »Gnädiger Herr, laßt erst die Schafe hinüberkommen, und dann wollen wir die Geschichte weiter erzählen.« Die Schafe wären aber in einem ganzen Jahre nicht hinübergekommen. Und so konnte er gut in Ruhe schlafen. Wilhelm von Bergdam, der vermessene Provenzale Wilhelm von Bergdam war ein edler Ritter in der Provence zur Zeit des Grafen Raimondo Berlinghieri. Eines Tages begab es sich, daß die Ritter sich rühmten, und Wilhelm prahlte, es sei kein Edelmann in der Provence, den er nicht aus dem Sattel gehoben und bei dessen Frau er nicht geschlafen hätte. Und das sagte er vor den Ohren des Grafen. Da versetzte der Graf: »Und mich auch? Wie?« Wilhelm sagte: »Euch, Herr? Ich will es Euch sagen.« Ließ sein Streitroß kommen, gesattelt und wohlgegürtet, schnallte die Sporen an und setzte den Fuß in den Bügel. Dann besann er sich eine Weile, sagte zum Grafen und sprach: »Euch, Herr, begreife ich nicht mit und nehme Euch nicht aus.« Damit stieg er zu Pferde, gab ihm die Sporen und ritt von dannen. Der Graf war sehr erzürnt, daß er nicht zu Hofe kam. Eines Tages kamen Frauen zu einem vornehmen Gastmahl zusammen: sie schickten nach Wilhelm von Bergdam aus; die Gräfin war auch dabei; und sie sprachen: »Nun, sag' uns, Wilhelm, warum hast du die provenzalischen Frauen so beschimpft? Das sollst du schwer büßen.« Jede hatte ein Messer unter dem Kleide. Die Sprecherin fuhr fort: »Sieh, Wilhelm, wegen deiner Vermessenheit mußt du sterben.« Wilhelm hub an und sprach, als er sah, daß er so in die Falle geraten war: »Nur um eines bitte ich euch, ihr Frauen, tut mir's zuliebe und gewährt es!« Die Frauen antworteten: »Bitte, nur nicht um deine Freilassung!« Da hub Wilhelm an und sprach: »Gnädige Frauen, ich bitte mir aus, daß diejenige von euch, die am wenigsten keusch ist, mir den ersten Streich versetze.« Da sah eine die andere an; aber keine wollte angreifen, und so kam er für diesmal durch. Der arme Arzt Ein Arzt in Toulouse nahm eine vornehme Dame aus Toulouse zur Frau, die Nichte des Erzbischofs. Er vollzog die Ehe mit ihr. In zwei Monaten bekam sie ein Mädchen. Der Arzt grämte sich deswegen nicht, sondern tröstete die Frau und setzte ihr die wissenschaftlichen Gründe auseinander, daß das Mädchen wohl seine Tochter sein könne. Und mit diesen Worten und mit freundlichen Mienen brachte er es dahin, daß die Frau über seine Gesinnung in die Irre ging. Während der Entbindung erwies er ihr große Ehre; nach der Entbindung sagte er zu ihr: »Gnädige Frau, ich habe Euch geehrt, so sehr ich konnte. Ich bitte Euch, aus Liebe zu mir jetzt in das Haus Eures Vaters zurückzukehren. Und Eure Tochter werde ich in großer Ehre halten.« So gingen die Dinge weiter, als der Erzbischof erfuhr, daß der Arzt seiner Nichte den Abschied gegeben habe. Er schickte nach ihm, und weil er ein einflußreicher Mann war, sprach er kräftige Worte zu ihm, die mit Hochmut und mit Drohungen gemischt waren. Als er genug gesprochen hatte, antwortete der Arzt und sprach folgendermaßen: »Herr, ich nahm Eure Nichte zur Frau, indem ich glaubte, mein Reichtum sei hinreichend für die Ernährung meiner Familie; und es war meine Absicht, jedes Jahr ein Kind zu bekommen, und nicht mehr. Nun hat aber die Frau begonnen, Kinder in zwei Monaten auf die Welt zu bringen; ich bin aber nicht so wohlhabend, daß ich sie ernähren könnte, wenn das so weiterginge, und für Euch wäre es keine Ehre, wenn Eure Verwandtschaft in Armut käme. Daher bitte ich Euch um die Gnade, sie einem reicheren Manne zu geben, als ich bin, damit Euch keine Schande bereitet wird!« Das Pferd an der Glocke (Simrock, Das Pferd als Kläger) Zu den Zeiten König Johanns war in Atri eine Glocke, die ein jeder, dem großes Unrecht geschah, läuten ging, worauf der König seine dazu bestellten Weisen versammelte und Recht sprach. Als diese Glocke lange bestanden hatte, geschah es, daß das Ende des Stranges verschlissen war, so daß man eine Zaunrübe daran gebunden hatte. Nun hatte ein Ritter aus Atri ein edles Roß, das so gealtert war, daß es keine Dienste mehr leisten konnte, und um es nicht beköstigen zu müssen, ließ es der Herr frei umherlaufen. Das hungrige Pferd geriet mit dem Maul an jene Zaunrübe und wollte sie abweiden: die gezogene Glocke begann zu läuten. Sogleich versammelten sich die Richter und sahen die Bitte des Pferdes, das um Recht zu flehen schien. Sie urteilten, daß der Ritter, dem es in der Jugend gedient habe, es im Alter zu ernähren verbunden sei. Da ward es ihm von dem König bei schwerer Strafe anbefohlen. Trost der Witwe (Die Matrone von Ephesus) Der Kaiser Friedrich ließ eines Tages einen vornehmen Edelmann wegen irgendeiner Missetat aufhängen, und um die gerechte Strafe in ein helles Licht zu stellen, ließ er ihn von einem vornehmen Ritter bewachen mit Androhung schwerer Buße, wenn er ihn abnehmen ließe. Als aber der Wächter etwas nachlässig war, wurde der Gehenkte weggetragen. Als jener das merkte, ging er mit sich zu Rate, aus Furcht, er möchte den Kopf verlieren. Es war Nacht, und indem er so nachsann, fiel es ihm ein, in eine Abtei zu gehen, die nahe dabei lag, um zu erfahren, ob er jemand finden könne, der kürzlich gestorben wäre, damit er diesen an die Stelle des Entwendeten an den Galgen hinge. In der Abtei fand er eine Frau, jammernd mit zerrauften Haaren und aufgelösten Kleidern. Sie klagte sehr, war ganz trostlos und weinte um ihren teuren Gatten, der desselbigen Tages gestorben war. Der Ritter redete sie freundlich an und fragte: »Edle Frau, was ist das für ein Treiben?« Die Frau antwortete: »Ich liebte ihn so sehr, daß ich nie mehr Trost empfangen will; sondern in Klagen will ich meine Tage beschließen.« Da sagte der Ritter zu ihr: »Liebe Frau, wo ist Euer Witz? Wollt Ihr hier vor Schmerz umkommen? Durch Jammer und Tränen könnt Ihr den Toten doch nicht wieder ins Leben rufen. Welche Torheit ist es darum, Euch so zu gebärden! Macht es vielmehr so: Nehmt mich zum Mann! Ich bin unverheiratet. Und rettet mir dadurch mein Leben: denn ich bin in Gefahr und weiß nicht, wo ich mich verbergen soll. Ich habe nämlich auf Befehl meines Herrn einen Ritter bewacht, der gehenkt war, und die Leute seiner Familie haben mir ihn entwendet. Zeigt mir Rettung, wenn's Euch möglich ist: so will ich Euer Gatte werden und Euch in Ehren halten.« Sobald die Frau solches hörte, verliebte sie sich in diesen Ritter und sprach: »Ich will tun, was du mir gebietest; so groß ist die Liebe, die ich zu dir trage. Nehmen wir diesen meinen Gatten aus dem Grabe, bringen ihn hin und hängen ihn an die Stelle des Entwendeten!« Damit hemmte sie ihre Klage, half den Gatten aus der Gruft ziehen und half gleichfalls den Toten aufhängen. Der Ritter aber sagte: »Liebe Frau, jener hatte einen Zahn weniger im Munde, und ich fürchte, wenn man wiederkäme, um ihn zu besichtigen, so möchte ich davon Schande erleben.« Als sie das hörte, brach sie ihm einen Zahn aus dem Munde, und wenn noch etwas anderes erforderlich gewesen wäre, so hätte sie es auch getan. Als der Ritter sah, wie sie mit ihrem Gatten umgegangen war, sagte er: »Liebe Frau, da Ihr Euch so wenig aufrichtig um den bekümmert habt, den Ihr so sehr zu lieben schienet, so würdet Ihr Euch noch viel weniger um mich redlich bekümmern.« Damit ließ er sie und ging seinen Geschäften nach; sie aber hatte die Schmach und Schande. Das Herz des Buhlers (Konrad von Würzburg, Herzmäre; Uhland, Der Kastellan von Coucy) Der Berg Arimini ist in Burgund, und dort lebt ein Herr namens Messer Roberto, und es ist eine große Grafschaft. Die alte Gräfin und ihre Kammerfrauen hatten einen einfältigen Türhüter; der war sehr groß von Gestalt und hieß Baligante. Eine der Kammerfrauen fing an bei ihm zu schlafen; dann offenbarte sie es einer andern, so daß es weiter ging bis zur Gräfin. Als die Gräfin hörte, daß er sehr groß gemessen war, schlief sie auch bei ihm. Der Herr spähte es aus. Er ließ ihn ermorden und ließ aus dem Herzen einen Kuchen machen und brachte ihn der Gräfin und ihren Kammerfrauen, und sie aßen ihn. Nach dem Essen kam der Herr, um den Hof zu machen, und fragte, wie die Torte gewesen sei. Alle antworteten: »Gut.« Da antwortete der Herr: »Das ist kein Wunder, daß Baligante euch lebend gefallen hat, wenn er euch noch tot gefällt.« Als die Gräfin und die Kammerfrauen dies merkten, schämten sie sich und sahen wohl, daß sie ihre Ehre für diese Welt verloren hatten. Darum wurden sie Nonnen und machten ein Kloster, welches das Kloster der Nonnen von Berg Rimino hieß. Das Haus nahm zu und ward sehr reich. Und dies erzählt man als wahre Geschichte: Dort ist die Sitte, wenn ein Edelmann vorbeikam mit vielem Gerät, den luden sie ein und erwiesen ihm die größte Ehre. Und die Äbtissin und die Schwestern kamen ihm entgegen, und die, die ihm am besten gefiel, die wartete ihm auf und begleitete ihn zu Tisch und zu Bett. Am Morgen stand sie auf, suchte ihm Wasser und Handtuch, und wenn er gewaschen war, bot sie ihm eine leere Nadel und einen Seidenfaden. Nun mußte er, wenn er sich losmachen wollte, den Faden in das Öhr stecken, und wenn ihm das dreimal hintereinander mißlang, nahmen ihm die Frauen alle seine Habe und gaben ihm nichts zurück; wenn er aber den Faden dreimal in die Nadel brachte, so gaben sie ihm nicht nur sein Gerät zurück, sondern schenkten ihm auch noch schöne Kleinodien. Der Gnadenruf An dem Hofe von Puy Notre Dame in Provence wurde ein edles Fest angeordnet, als der Sohn des Grafen Raimon zum Ritter geschlagen ward und viele Edlen einlud. Da kamen ihm zuliebe so viele dahin, daß an Silber und Gewändern Mangel ward und der junge Graf die Ritter seines Landes entblößen mußte, um die fremden Hofleute auszustatten, womit nicht alle sich zufrieden bezeigten. Eines Tages ward das Fest angeordnet und ein jähriger Sperber auf eine Stange gesetzt. Wer sich nun an Mut und Habe reich genug wußte und den erwähnten Sperber auf seine Faust nahm, der war verbunden, den Hof jenes ganze Jahr lang zu unterhalten. Die Ritter und Edelknappen, die fröhlich und wohlgemut waren, dichteten schöne Kanzonen, sowohl die Weise wie die Worte, und vier Merker waren bestellt, welche die gelungenen in Ansatz brachten und die übrigen den Dichtern zur Verbesserung empfahlen. So verbrachten sie die Zeit und sprachen viel zum Ruhm ihres Herrn und priesen seine Söhne als ritterlich und wohlgezogen. Nun geschah es, daß einer dieser Ritter, den wir Messer Alamanno nennen wollen, ein Mann von großer Tapferkeit und Trefflichkeit, eine sehr schöne Edelfrau der Provence liebte, Dame Grigia, und zwar so geheim, daß ihn niemand bewegen konnte, sie kundzugeben. Die Edelknappen von Puy aber verbanden sich, ihn irrezuführen und zum Prahlen zu verleiten; sie sagten zu gewissen Rittern und Baronen: »Wir bitten euch, es beim nächsten Turnier so einzurichten, daß ein jeder großspreche.« Sie dachten nämlich: Der Ritter ist ein trefflicher Kämpfer und wird sich jenes Tages im Turniere hervortun und vor Freude in Hitze geraten; die Ritter werden sich alsdann rühmen, und dann wird auch er sich nicht enthalten können, mit seiner Dame zu prahlen. So leiteten sie es ein, und als der Tag des Turniers kam, gewann der Ritter den Preis der Waffen und geriet vor Freuden außer sich. Als man des Abends sich ausruhte, fingen die Ritter zu prahlen an: der eine mit schönen Damen, ein anderer mit schönem Waffenspiel, ein dritter mit schönem Schloß, dieser mit schönem Habicht, jener mit schönem Abenteuer. Da konnte der Ritter sich nicht enthalten, mit seiner schönen Dame zu prahlen. Als er nun heimging, um sich wie gewöhnlich mit ihr zu erfreuen, verabschiedete ihn die Edelfrau. Der Ritter geriet vor Schrecken außer sich, schied von ihr und der Gesellschaft der Ritter, floh in einen Wald und verschloß sich so heimlich in eine Einsiedelei, daß niemand davon erfuhr. Wer da die Betrübnis der Ritter, Frauen und Fräulein gesehen hätte, wie oft sie den Verlust eines so edeln Ritters beklagten, der hätte gewiß Mitleid gehabt. Eines Tages geschah es, daß sich die Edelknappen von Puy auf der Jagd verirrten und zu der besagten Einsiedelei gelangten. Er fragte sie, ob sie von Puy seien? Sie antworteten ja, und er erkundigte sich nach Neuigkeiten. Da fingen die Edelknappen an, ihm zu erzählen, wie es dort üble Neuigkeiten gebe, indem man um eines geringen Fehltritts willen die Blume der Ritterschaft verloren und seine Dame ihn verabschiedet habe, und wie niemand wisse, was aus ihm geworden sei: es sei aber für nächstens ein Turnier angekündigt, zu dem sich viele Edeln einfinden würden, und da dächten sie, er habe ein so edles Herz, daß er, wo er auch sei, erscheinen werde, um mit ihnen zu turnieren. Auch hätten sie Wachen von großer Gewalt und Klugheit ausgestellt, welche ihn sogleich festhalten würden, und so hofften sie Ersatz ihres großen Verlustes. Da schrieb er einem vertrauten Freunde, er möge ihm am Tage des Turniers heimlich Roß und Waffen senden, und hierauf schickte er die Edelknappen weg. Der Freund erfüllte das Verlangen des Einsiedlers: am Tage des Turniers sandte er ihm Roß und Waffen, und dieser befand sich jenen Tag in dem Gewühl der Ritter und trug den Preis des Turniers davon. Die Wachen hatten ihn gesehen und erkannt, und sogleich trugen sie ihn auf den Händen zu großer Lust daher. Die Gesellschaft in ihrer Freude schlug ihm den Helmsturz vor dem Gesichte nieder und bat ihn inständigst, ein Lied zu singen. Er aber antwortete: »Ich singe nicht eher, bis ich Frieden von meiner Dame habe.« Da wandten sich die edeln Ritter an die Edelfrau und baten sie inständig, ihm zu vergeben. Die Dame antwortete: »Sagt ihm, ich würde ihm niemals vergeben, wenn er nicht durch hundert Barone, hundert Ritter, hundert Edelfrauen und hundert Fräulein mich um Gnade bitten ließe: diese müßten alle einstimmig Gnade rufen, ohne zu wissen, wer sie gewähren solle.« Der Ritter, der große Klugheit und Geschicklichkeit besaß, wußte, daß die Zeit heranrücke, wo ein großes Fest gefeiert werden sollte, zu dem viele Edle herbeiströmen würden. Meine Dame, dachte er, wird zugegen sein und außerdem so viel Ritter und Damen, als sie zum Gnaderufen verlangt. Er erfand nun eine sehr schöne Kanzonette, und am Morgen begab er sich an einen erhöhten Platz und begann jene Kanzonette so gut er's verstand zu singen, und er verstand es vortrefflich. Sie lautete etwa so: »So wie der Elefant, wenn er gefallen ist, sich nicht erheben kann, bis ihn andere mit dem Ruf ihrer Stimme erheben, so tue auch ich: denn mein Vergehen ist mir so schwer und drückend, daß der Hof von Puy mir vergällt ist. Und wenn die Bitte tadelloser Liebhaber mich nicht wieder aufhebt, so komme ich nie wieder auf die Füße. Möchten sie geruhen, dort für mich um Gnade zu rufen, wo meine Bitten nichts fruchten, usw.« Hierauf schrien alle, die auf dem Platze waren, um Gnade, und die Edelfrau verzieh ihm, und hiermit erlangte er ihre vorige Gunst wieder. Gottes Wille geschieht Der König von Frankreich führte Krieg mit dem Grafen von Flandern; zwei Schlachten waren schon geschlagen, in denen viel gute Ritter und eine große Menge Volks von beiden Seiten den Tod gefunden, gewöhnlich aber der König den kürzern gezogen hatte. Um diese Zeit pflegten zwei Blinde auf der Straße vor Paris zu stehen, um Almosen zu ihrem Lebensunterhalt zu sammeln. Unter diesen entspann sich ein lebhafter Streit: den ganzen Tag sprachen sie über den König von Frankreich und den Grafen von Flandern. Einer sagte zu dem andern: »Höre, was sagst du? Ich sage, der König wird siegen.« Der andere erwiderte: »Nein, der Graf«; und er setzte dann hinzu: »Es wird geschehen, was Gott gefällt.« So stritten sie jeden Tag über den Ausgang der Kriegsbegebenheiten. Ein Edelmann vom Hofe, der mit seinen Leuten jene Straße ging, blieb eines Tages stehen, um den Streit der Blinden mit anzuhören; dann begab er sich an den Hof zurück und erzählte dem König zu großer Belustigung der Anwesenden, wie die beiden Blinden den ganzen Tag über ihn und den Grafen in Streit lägen. Der König lachte und schickte einen Edelknecht ab, um dem Streit zuzuhören und sich zu merken, wer von beiden das eine und wer das andere behaupte. Dieser ging, horchte genau auf und stattete dem König Bericht ab. Alsbald berief der König seinen Seneschall und befahl ihm, zwei große Brote aus feinem Mehl backen zu lassen. Bevor sie in den Ofen kämen, solle er in das eine zehn Goldstücke in geraumer Entfernung voneinander verbergen, in das andere aber nichts: wenn sie dann gar seien, solle der Edelknecht sie den beiden Blinden um Gottes willen schenken, und zwar das mit dem Gelde demjenigen, der den Sieg des Königs von Frankreich behaupte, das andere dem, der der Meinung sei, Gottes Wille werde geschehen. Der Edelknecht tat nach den Königs Befehl. Als der Abend kam, kehrten die Blinden nach Hause; der, welchem das Brot ohne das Geld zuteil geworden war, sprach zu seiner Frau: »Gott hat uns heute wohlbedacht: genießen wir seiner Gaben!« Sie setzten sich und aßen das Brot rein auf, so wohl schmeckte es ihnen. Der andere Blinde, der das goldbeschwerte Brot erhalten hatte, sprach am Abend zu seinem Weibe: »Frau, laß uns dieses Brot aufbewahren und morgen verkaufen, damit wir etwas Bargeld in die Hände bekommen: wir können ja heute von den Brotscheiben zehren, die wir erbettelt haben.« Am Morgen standen sie auf, und jeder begab sich mit seiner Frau dahin, wo sie gewohnt waren, zu stehen und die Vorübergehenden anzusprechen. Als sie dahin kamen, sprach der eine, der sein Brot verzehrt hatte, zu seinem Weibe: »Frau, unser Gefährte dort, der wie wir von Almosen lebt und mit dem ich immer streite, hat doch auch ein Brot von dem Edelknecht des Königs erhalten?« – »Allerdings«, antwortete die Frau. – »Nun wohlan«, fuhr jener fort, »so gehe doch zu seiner Frau und höre, ob sie es verkaufen wollen? Du kannst schon etwas daran wenden: das unsrige schien mir sehr schmackhaft.« – »Denkst du denn«, entgegnete die Frau, »sie werden es nicht ebensogut wie wir zu essen verstanden haben?« – »Wer weiß ?« entgegnete der Blinde; »vielleicht haben sie es aufbewahrt, um einige Batzen dafür zu lösen, und sich nicht getraut, es zu verzehren, wie wir taten, weil es so schön war und so groß und weiß.« Da die Frau den Willen des Mannes vernahm, ging sie zu der Frau des andern und fragte, ob sie das Brot, das ihr der Edelknecht des Königs geschenkt, schon verzehrt hätten, und wenn es noch da sei, ob sie gewillt wären, es zu verkaufen? »Wir haben es noch«, gab jene zur Antwort, »ich werde fragen, ob mein Mann es verkaufen will, wie er gestern abend sagte.« Gleich darauf kehrte sie zurück und erklärte, sie wolle es verkaufen, allein nur für vier Silberbatzen Pariser Geld, die es wohl wert sei. Der Handel ward richtig, und sie kehrte mit dem erkauften Brote zu ihrem Manne zurück, der sich freute, als er es hörte. »Heute abend«, sagte er, »werden wir wieder so gut leben wie gestern.« Der Tag verging, die Blinden begaben sich nach Hause. »Laß uns zu Nacht speisen«, sagte der eine, der das Brot gekauft hatte, zu seiner Frau. Sie nahm ein Messer, um das Brot anzuschneiden: schon bei der ersten Scheibe fiel ihr ein Goldstück vor die Füße; sie schnitt weiter, und jede Scheibe enthielt eine Goldmünze. Der Blinde hörte den Klang und fragte, was das sei, was er klingen höre, und die Frau erzählte ihm, was sie gefunden. Der Blinde bat sie, weiterzuschneiden, und als alles zerschnitten und jede Scheibe durchsucht war, fanden sich die zehn Goldstücke, welche der König befohlen hatte einzubacken. Der Blinde wußte sich vor Freude kaum zu lassen: »Siehst du nun«, sprach er zu seiner Frau, »daß ich die Wahrheit sagte, daß Gottes Wille geschehen muß, und daß es nicht anders sein kann? Nun weißt du doch, daß unser Gefährte täglich mit mir streitet und sagt, der König werde siegen; ich aber sage, Gottes Wille wird geschehen.« Darauf begaben sie sich zur Ruhe. Am Morgen standen sie auf, um ihrem Gefährten die Nachricht von dem Glücksfunde mitzuteilen. Aber der König hatte schon beizeiten hingesandt, um zu erfahren, wie es mit dem goldbeschwerten Brote gegangen sei; denn tags zuvor hatte er nicht nachforschen lassen, weil er dachte, sie würden es noch nicht verzehrt haben. Der Edelknecht verbarg sich hinter einem Pfeiler, um von den Frauen nicht gesehen zu werden. Als nun die Blinden an die Stelle kamen, wo sie gewohnt waren, ihren Stand zu haben, begann der eine, der das Brot erkauft hatte, den andern beim Namen zu rufen. »Noch immer behaupte ich«, fuhr er dann fort, »es wird geschehen, was Gottes Wille ist. Gestern kaufte ich ein Brot für vier Pariser Silberbatzen; darin fand ich zehn Goldstücke von gutem Gepräge, und so hatte ich einen guten Abend und werde auch ein gutes Jahr haben.« Wie dies der andere hörte, erschrak er heftig und beteuerte, nicht länger mit ihm streiten zu wollen, denn das Recht sei zu offenbar auf des Gegners Seite, und Gottes Wille müsse geschehen. Dies hörte der Edelknecht, kehrte eiligst an den Hof zurück und hinterbrachte dem Könige seine Neuigkeiten, und was die beiden Blinden unter sich gesprochen hätten. Darauf ließ sie der König vor sich kommen und sich den ganzen Hergang von ihnen erzählen: wie jeder das ihm bestimmte Brot von dem Edelknecht erhalten und der eine das seinige dem andern verkauft habe; wie sie vorher lange Zeit miteinander gestritten und der, welcher behauptet, der König werde siegen, das Geld nicht erhalten, sondern der andere, der der Meinung gewesen, Gottes Wille müsse geschehen. Daran ergötzte sich der König weidlich mit seinen Baronen und Edelleuten: »Wahrlich«, rief er aus, »dieser Blinde hat recht: der Wille Gottes muß geschehen, und alles Volk der Erde kann kein Tüttelchen daran ändern.« Der Gang nach dem Ziegelofen (Schiller, Der Gang nach dem Eisenhammer) Ein reicher Edelmann hatte einen einzigen Sohn, und als er herangewachsen war, schickte er ihn in den Dienst eines Königs, damit er daselbst Artigkeit und edle Sitten lerne. Weil er sich nun bei dem König sehr beliebt machte, faßten einige Neid gegen ihn und bestachen einen der vornehmsten Ritter des königlichen Hofes durch Geld und gute Worte, daß er auf folgende Weise den Untergang des Jünglings anstiftete. Eines Tages berief dieser besagte Ritter diesen Knaben heimlich zu sich und sagte ihm, was er ihm nun mitteilen werde, tue er wegen der großen Liebe, die er zu ihm trage; und darauf sagte er zu ihm: »Mein liebster Sohn, unser Herr, der König, liebt dich mehr als alle seine Diener; aber er hat sich geäußert, daß du ihm durch den Atem deines Mundes gar sehr beschwerlich fallest. Sei daher um Gottes willen klug, und wenn du ihm den Trank reichst, halt Mund und Nase so mit der Hand zu und wende dein Gesicht auf die Seite, daß dein Hauch den König nicht belästige!« Als der Jüngling dies einige Zeit tat und der König deshalb sehr ärgerlich war, berief er den Ritter, der jenem diese Anweisung gegeben hatte, und befahl ihm, wenn er den Grund davon wisse, ihm selbigen ungesäumt zu sagen. Dieser gehorchte dem König, kehrte aber die Sache ganz um, denn er sagte, jener Knabe könne den Hauch aus dem Munde des Königs nicht mehr ertragen. Deshalb beschied der König auf das Anstiften jenes Barons einen Ziegelbrenner und befahl ihm, den ersten Boten, den er an ihn absende, in den glühenden Ofen zu werfen; und wenn er es nicht tue oder diese Sache irgend jemand offenbare, drohte er ihm eidlich, er werde ihm den Kopf abhauen. Der Ziegelbrenner versprach ihm, alles willig zu vollbringen, steckte einen großen Ofen an und wartete ängstlich, bis der komme, der diese Strafe verdient habe. Am folgenden Morgen wurde der unschuldige Knabe von dem König zu dem Ziegelbrenner geschickt mit dem Auftrag, ihm zu sagen, er solle ausführen, was der König ihm befohlen habe. Er ritt hin und war schon nahe bei dem Ofen, als er zur Messe läuten hörte. Er stieg daher vom Pferd, band es am Kreuzgang der Kirche an und hörte andächtig die Messe. Daraufging er nach dem Ofen und sagte zu dem Ziegelbrenner, was ihm der König befohlen hatte. Der Ziegelbrenner aber gab ihm zur Antwort, er habe schon alles getan. Der Hauptanstifter jener Bosheit nämlich war, um die Sache zu beschleunigen, hingegangen und hatte den Ziegelbrenner gefragt, ob er die Sache ausgeführt habe. Dieser sagte ihm, er habe den Befehl des Königs noch nicht vollzogen, werde es aber alsbald tun. Daher packte er diesen und warf ihn unverzüglich in den brennenden Ofen. Der Jüngling kehrte daher zum König zurück und meldete, es sei geschehen, was er befohlen habe. Darüber verwunderte sich der König und forschte sorgfältig nach, um zu erfahren, wie die Sache gegangen sei. Und als er den wahren Hergang entdeckt, hieb er alle die Neider, die den unschuldigen Jungen betrogen hatten, in Stücke und sagte dem vorbemeldeten Jüngling alles, wie es sich zugetragen hatte. Darauf machte er ihn zum Ritter und schickte ihn mit vielen Reichtümern zurück in sein Land. Eine schöne Liebesgeschichte Ein junger Mann von Florenz war in Liebeslust entbrannt zu einem artigen Jungfräulein. Sie aber liebte nicht ihn, sondern liebte aus der Maßen einen andern Jüngling, welcher sie zwar auch liebte, doch nicht so heftig wie jener, der offenbar alles andere über ihr vergaß und sich wie wahnsinnig in seiner Begier verzehrte, zumal an Tagen, wo er sie nicht zu sehen bekam. Das tat einem seiner Gesellen leid, und er veranstaltete, daß er ihn wegführte zu einem sehr schönen Landgut, das er besaß, und dort verweilten sie in Ruhe vierzehn Tage. Inzwischen überwarf sich das Mädchen mit ihrer Mutter, schickte ihre Magd aus und ließ sie mit dem sprechen, welcher sie liebte, daß sie mit ihm davongehen wolle. Dieser war sehr froh. Die Magd sprach: »Sie will, Ihr sollt zu Pferd an das Haus kommen, wenn es schon ganz Nacht ist. Sie wird tun, als ginge sie in den Keller hinunter. Dann müßt Ihr an der Haustüre bereit sein, und sie springt Euch hinten aufs Pferd. Sie ist leicht und kann gut reiten.« Er antwortete: »Gut, es ist mir recht.« Als sie es so verabredet hatten, ließ er große Vorbereitungen treffen auf einem Landhause, das ihm gehörte. Und es waren daselbst seine Genossen zu Pferd, und er hieß sie am Tore warten, damit man es nicht schließe. Dann machte er sich mit einem schönen Roß auf den Weg und ritt an das Haus. Sie hatte aber noch nicht kommen können, weil die Mutter sie zu sehr bewachte. Darum ging jener weiter und zu seinen Gesellen zurück. Der andere aber, der sich um sie verzehrte, fand auf dem Lande keine Ruhe. Er stieg zu Pferd, und sein Geselle konnte mit allen Bitten ihn nicht zurückhalten, noch vermochte er ihn, seine Begleitung anzunehmen. Als es Abend ward, gelangte er an die Stadtmauer; alle Tore waren schon zu; aber er eilte so lange umher, bis er auf das Tor traf, wo jene standen. Er ritt hinein und nahm seinen Weg nach dem Hause der Liebsten, nicht in der Absicht, sie zu besuchen oder auch nur ihren Anblick zu genießen, sondern allein um die Straße wiederzusehen. Er stellte sich dem Hause gegenüber auf, als der andere kaum vorübergeritten war; da öffnete das Mädchen die Tür, rief ihm mit heller Stimme und hieß ihn, das Pferd heranrücken. Dieser war nicht lässig und tat, was sie wollte; sie aber sprang ihm geschickt hinten aufs Pferd, und so ritten sie von dannen. Als sie an das Tor kamen, ließen die Gesellen des andern sie unangefochten hindurch, denn sie erkannten sie nicht; denn wäre es der gewesen, den sie erwarteten, so hätte er gehalten. Die beiden ritten wohl zehn Meilen, bis sie an eine sehr schöne Wiese kamen, die von sehr hohen Tannen umgeben war. Sie stiegen ab und banden das Roß fest, und er hub an sie zu küssen. Nun erkannte sie ihn, merkte das Unglück und fing an bitterlich zu weinen. Er aber versuchte unter Tränen sie zu trösten und ihr solche Ehre zu erweisen, daß sie ihre Tränen trocknete und anfing, ihm hold zu werden, da sie sah, daß das Glück sich für ihn entschieden hatte, und sie umarmte ihn. Der andere ritt unterdes mehrmals hin und her, bis er die Eltern des Mädchens gewaltigen Lärm machen hörte und durch die Magd vernahm, daß die Jungfrau schon fort sei. Er war bestürzt, kehrte zu seinen Gesellen zurück und sagte es ihnen. Sie aber antworteten: »Wir sahen ihn wohl sie vorüberführen, aber wir erkannten sie nicht, und es ist schon so lange her, daß sie schon weit auf dieser Straße gekommen sein können.« Sie setzten ihnen sogleich nach und ritten fort, bis sie sie in ihrer Umarmung schlafend fanden. Sie betrachteten sie im Scheine des Mondes, der indessen aufgegangen war; aber es tat ihnen leid, sie zu stören, und sie sagten: »Wir wollen warten, bis sie aufwachen, und dann tun, was uns obliegt.« Sie warteten so lange, bis sie auch der Schlaf überfiel und alle hinsanken. Die andern wachten inzwischen auf und sahen, was geschehen war. Sie verwunderten sich, und der Jüngling sprach: »Diese Leute sind so artig gegen uns gewesen, daß wir sie um Himmels willen nicht beleidigen dürfen.« Er stieg daher zu Pferd, und sie warf sich auf ein anderes von den besten, die daselbst standen, und so ritten sie von dannen. Die Schläfer erwachten und waren sehr erzürnt, daß sie die Verfolgung nicht fortsetzen konnten Franco Sacchetti 1335 bis nach 1400 Lob und Tadel Der alte König Eduard von England war ein Fürst von großem Ruhm und vieler Tapferkeit und dabei so verständig, als man aus folgender Geschichte zum Teil erkennen kann. Es lebte nämlich zu seinen Zeiten im Enzatal in der Grafschaft Florenz ein Siebmacher mit Namen Parcittadino. Diesem kam es in den Sinn, die Siebmacherei an den Nagel zu hängen und Hofmann zu werden, in welchem Gewerbe er auch bald hübsche Erfahrung gewann. Während er sich so in den höfischen Künsten versuchte, entstand in ihm ein lebhafter Wunsch, den besagten König Eduard zu besuchen, und dies nicht ohne Grund, sondern weil er gar viel Rühmens von seiner Großmut und Milde, insonderheit gegen seinesgleichen, vernommen hatte. In solchen Gedanken machte er sich eines Tages auf den Weg und ruhte nicht eher, bis er England und die Stadt London erreichte, wo der König sich aufhielt. Er betrat den königlichen Palast, wo der besagte König wohnte, schritt durch Türen und Tore und gelangte in den Saal, wo der König meistenteils Hof zu halten pflegte, und fand ihn mit seinem Haushofmeister ins Schachspiel vertieft. Parcittadino näherte sich dem König, kniete nieder und grüßte ihn ehrfurchtsvoll; der König nahm aber noch nicht mehr Rücksicht auf ihn als bei seinem ersten Eintreten, ja er schien ihn nicht zu bemerken, und Parcittadino verblieb eine geraume Zeit in dieser Stellung. Da er aber sah, der König achte nicht auf ihn, erhob er sich wieder und begann zu sprechen: »Gesegnet sei der Tag und die Stunde, die mich dahin geführt haben, wohin mich immer verlangte, nämlich zu dem Anblick des edelsten, weisesten und tapfersten Königs der gesamten Christenheit; denn nun darf ich mich vor allen meinesgleichen brüsten, da mir die Ehre zuteil geworden ist, die Blume aller Könige zu schauen! O welcher Gnade hat das Glück mich gewürdigt! Wenn ich des heutigen Tages zum Sterben käme, so würde ich mit freudigem Herzen den letzten Schritt tun, sintemal ich jene durchlauchtige Krone von Angesicht schaue, die, wie der Magnet das Eisen, mit ihrer Trefflichkeit jedermann an sich zieht und mit dem Wunsche erfüllt, ihrer Glorie ansichtig zu werden.« Kaum hatte Parcittadino seine Rede so weit ausgeführt, als der König sich vom Spiel erhob, den Parcittadino ergriff, ihn zur Erde riß und ihm mit Faustschlägen und Fußtritten so begegnete, daß er ihn garstig zurichtete. Als der König das getan hatte, kehrte er gleich zu seinem Schachspiel zurück. Ganz bestürzt erhob sich Parcittadino von der Erde; kaum wußte er noch, wo er sich befand, und fast bedäuchte ihn nun, er habe so manchen Schritt vergebens getan und auch das Lob an den König verschwendet. So stand er ganz unglücklich da und wußte nicht, was er beginnen sollte. Endlich faßte er sich ein Herz und wollte den Versuch machen, ob es ihm vielleicht besser ausschlage, wenn er dem König ganz entgegengesetzte Dinge sage, da ihm das Lob so übel aufgenommen worden war. Er hub also an und sprach: »Verwünscht sei der Tag und die Stunde, die mich an diesen Ort geführt haben! Ich glaubte, ich sei gekommen, einen edlen König zu schauen, wie der Ruf ihn pries, –und ich bin gekommen, einen undankbaren und unerkenntlichen König zu sehen. Ich glaubte, ich sei gekommen, einen tugendhaften König zu sehen, – und ich bin gekommen, einen bösen König zu sehen. Ich glaubte, ich sei gekommen, einen weisen und verständigen König zu schauen, – und ich bin zu einem boshaften und verdorbenen gekommen. Ich glaubte, ich sei gekommen, eine heilige und gerechte Krone zu sehen, und ich bin zu einem gekommen, der Gutes mit Bösem vergilt: denn das beweist der Augenschein, da er mich Armseligen, der ihn ehrte und lobpries, so zugerichtet hat, daß ich nicht weiß, ob ich je wieder ein Sieb werde machen können, wenn ich einst zu meinem alten Handwerk sollte zurückkehren müssen.« Bei diesen Worten erhob sich der König zum zweitenmal und noch heftiger als zuvor, trat an die Tür und rief einen seiner Hofdiener. Als Parcittadino dies sah, kann man sich denken, welcher Schreck ihn ergriff; er schien eine zitternde Leiche und zweifelte nicht, der König werde ihn umbringen lassen; denn als er sah, daß der König jenen Hofdiener herbeirief, bildete er sich ein, er rufe einen Schergen, der ihn ans Kreuz schlagen solle. Als aber der von dem König gerufene Baron kam, sprach der König zu ihm: »Geh hin und gib diesem Mann das und das meiner Staatskleider und bezahle ihn damit für die Wahrheit, die er mir gesagt hat; denn für seine Lügen habe ich ihn schon selber ausbezahlt.« Der Baron ging eilends und brachte Parcittadino eines der schönsten königlichen Kleider mit so großen Knöpfen voll Perlen und Edelsteinen, daß es, die empfangenen Fußtritte und Faustschläge ungerechnet, wohl dreihundert Gulden oder mehr wert war. Parcittadino argwöhnte anfangs, das Kleid möchte eine Schlange oder ein Basilisk sein und ihn beißen, und griff nur vorsichtig zu. Bald aber faßte er Mut, zog es an und stellte sich darin dem Könige vor. »Gnädigster König«, sagte er, »wenn Ihr mich für meine Lügen immer so bezahlen wollt, werde ich selten die Wahrheit sprechen.« Er lernte den König aus dem, was er gehört hatte, kennen, und der König hatte mehr Freude an ihm. Nachdem er geblieben war, solange ihm gefiel, nahm er Urlaub und verabschiedete sich vom König. Er reiste nach der Lombardei zurück, wo er die Höfe aller Herren besuchte und diese Geschichte erzählte, die ihm hier mehr als noch einmal dreihundert Gulden einbrachte, womit er nach Toskana zurückkehrte und in Linari seine armen, in saurer Arbeit ganz verkommenen Verwandten vom Siebmachergewerbe in seinem Staatskleide besuchte. Diese machten große Augen; Parcittadino aber sprach zu ihnen: Am Boden keucht' ich unter Schlag' und Tritten, Eh' ich in England dieses Kleid erstritten. Er tat vielen von ihnen Gutes; dann nahm er Abschied und ging seinem Glücke nach. Das war doch eine so schöne Geschichte, wie sie nur je einem Könige begegnen konnte. Und wie viele sind, die, wenn sie gelobt worden wären wie dieser König, nicht die Backen aufgebläht hätten vor Stolz? Er aber, obwohl er wußte, daß er jene Lobsprüche verdiente, wollte zeigen, daß es nicht wahr sei, übte aber am Ende solche Klugheit. Viele Unwissende, wenn Schmeichler sie ins Gesicht loben, werden es glauben; er aber, der ein tüchtiger Mann war, wollte das Gegenteil beweisen. Der Müller und der Abt (Bürger, Der Kaiser und der Abt) Messer Bernabò, Herr von Mailand, war zu seiner Zeit gefürchteter als irgendein anderer Fürst; und obgleich er grausam war, so besaß er doch dabei einen guten Teil Gerechtigkeit. Unter vielen andern Abenteuern begegnete es ihm auch eines Tages, daß er einen reichen Abt, der die Nachlässigkeit begangen hatte, zwei dem genannten Herrn gehörige Doggen nicht recht zu halten, so daß diese räudig geworden waren, zu einer Geldbuße von vier Goldgulden verurteilte. Darüber fing der Abt an um Gnade zu flehen. Der genannte Herr aber, als er hörte, daß er um Gnade flehe, sagte zu ihm: »Wenn du mich über vier Dinge ins klare setzest, so will ich dir ganz und gar vergeben. Es sind folgende: Du sollst mir sagen, wie weit es von hier bis zum Himmel ist; wieviel Wasser im Meer ist; was in der Hölle geschieht; und wieviel meine Person wert ist.« Als der Abt dies hörte, fing er an zu seufzen, und es schien ihm, als sei er nun schlimmer daran als zuvor. Um indes Zeit zu gewinnen und den Zorn des Herrn sich abkühlen zu lassen, sagte er, er möge ihm gnädigst eine Frist verstatten, um so hohe Dinge zu beantworten. Der Herr gab ihm den ganzen folgenden Tag Bedenkzeit, und begierig, den Ausgang der Geschichte zu hören, verlieh er ihm sicheres Geleit zur Rückkehr. Gedankenvoll und sehr tiefsinnig kehrte der Abt zu seiner Abtei zurück und keuchte wie ein Pferd, wenn es scheu wird. Daselbst angelangt, begegnete er einem seiner Müller. Als der ihn so niedergeschlagen sah, fragte er: »Was ist Euch, Herr, daß Ihr so keucht?« Der Abt antwortete: »Ich habe wohl Ursache, denn der Fürst hat stark im Sinn, mich dem Teufel in den Rachen zu jagen, wenn ich ihn nicht über vier Dinge ins klare setze, die selbst Salomo und Aristoteles zu hoch gewesen wären.« Der Müller sagte: »Und was sind das für Dinge?« Der Abt sagte es ihm. Darauf sagte der Müller nach einigem Nachsinnen zum Abte: »Wenn es Euch recht ist, so will ich Euch wohl aus dieser Verlegenheit helfen.« »Wollte Gott«, sprach der Abt. »Gott und alle Heiligen«, sprach der Müller, »werden es, denke ich, schon wollen.« Da begann der Abt, der nicht wußte, wie ihm geschah, und sprach: »Wenn du das ausrichtest, so nimm dir von mir, was du willst; denn nichts in der Welt kannst du von mir fordern, das ich dir nicht gäbe, wenn es irgend möglich ist.« Der Müller versetzte: »Dies will ich Eurem Belieben überlassen.« »Wie willst du es aber anfangen?« fragte der Abt. Da antwortete der Müller: »Ich will mir Euren Rock und Mantel anziehen, mir den Bart scheren und morgen früh bei guter Zeit vor ihn treten und sagen, ich sei der Abt. Alsdann will ich ihm die vier Dinge auf solche Art auseinandersetzen, daß ich denke, er soll zufrieden sein.« Der Abt konnte die Zeit nicht erwarten, bis er den Müller an seine Stelle geschoben. Und so geschah es. Der Müller verwandelte sich in einen Abt und machte sich am Morgen bei guter Zeit auf den Weg. Als er an dem Tore anlangte, wo der Herr innen wohnte, klopfte er an und sagte, der und der Abt wolle dem Herrn auf gewisse Dinge antworten, die er ihm aufgegeben habe. Der Herr, begierig zu hören, was der Abt sagen könne, und verwundert, daß er so bald wieder da war, ließ ihn zu sich rufen. Der Müller trat vor ihn, stellte sich ein wenig in den Schatten, machte seine Verbeugung und hielt die Hand öfters vor das Gesicht, um nicht erkannt zu werden, und als der Herr ihn nun fragte, ob er ihm über die vier Dinge Bescheid sagen könne, die er ihm aufgegeben habe, antwortete er: »Ja, Herr! Ihr fragtet mich, wie weit es von hier bis zum Himmel ist. Nachdem ich nun alles wohl ermessen, so ist es von hier bis da oben sechsunddreißig Millionen achthundertvierundfünfzigtausendzweiundsiebzig und eine halbe Meile und zweiundzwanzig Schritte.« Der Herr sprach: »Du hast es sehr genau angesehen. Aber wie beweisest du das ?« »Laßt es ausmessen«, antwortete er; »und wenn dem nicht so ist, so hängt mich an den Galgen! – Zum andern fragtet Ihr mich, wie viel Wasser das Meer enthält. Dies ist mir sehr sauer geworden herauszubringen, denn es steht nicht fest und kommt immer neues hinzu. Aber ich habe doch ermittelt, daß im Meere fünfundzwanzigtausendneunhundertundzweiundachtzig Millionen Fuder, sieben Eimer, zwölf Imi, zwei Maß sind.« Da sprach der Herr: »Wie weißt du das ?« Er antwortete: »Ich habe es nach bestem Vermögen untersucht. Wenn Ihr es nicht glaubt, so laßt Eimer holen und es nachmessen! Befindet Ihr es anders, so laßt mich vierteilen! – Drittens fragtet Ihr mich, was sie in der Hölle machen: In der Hölle köpfen, vierteilen, zwicken und hängen sie nicht mehr und nicht minder, als Ihr hier auf der Erde tut.« »Welchen Beweis hast du dafür?« Er antwortete: »Ich habe einmal einen gesprochen, der da gewesen war, und von dem hatte der Florentiner Dante, was er über die Dinge in der Hölle geschrieben. Aber jetzt ist er tot. Wenn Ihr es also nicht glauben wollt, so schickt hin und laßt nachsehen! – Viertens endlich fragtet Ihr mich, wie viel Ihr wert seid. Und ich sage: Neunundzwanzig Silberlinge.« Als Messer Bernabò dies hörte, wandte er sich voll Wut zu ihm und sagte: »Daß dich der Donner und das Wetter! Bin ich nicht mehr wert als ein Topf?« Nicht ohne große Furcht gab der Müller zur Antwort: »Gnädiger Herr, vernehmt den Grund! Ihr wißt, daß unser Herr Jesus Christus um dreißig Silberlinge verkauft wurde; ich rechne, daß Ihr einen Silberling weniger wert seid als er.« Als der Herr dies hörte, ward es ihm auf einmal deutlich, daß dies nicht der Abt sei. Er sah ihm starr ins Gesicht, und fest überzeugt, daß dies ein Mann von viel höhern Einsichten sei als der Abt, sprach er dreist: »Du bist nicht der Abt!« Man kann sich den Schrecken denken, welchen der Müller hatte. Er warf sich mit gefalteten Händen vor ihm auf die Kniee, bat um Gnade und gestand dem Herrn, daß er der Müller des Abtes sei, und wie und warum er in dieser Vermummung vor seine Herrlichkeit gekommen und in welcher Weise er das geistliche Kleid angezogen habe, und alles dies mehr, um ihm einen Spaß zu machen, als aus böser Absicht. Als Messer Bernabò dies vernahm, sprach er: »Wohlan denn, da er dich zum Abt gemacht hat und du mehr wert bist als er, so wahr Gott lebt, will ich dich bestätigen. Du sollst also hinfort der Abt sein und er der Müller. Auch sollst du alle Einkünfte des Klosters haben und er die der Mühle.« Und so mußte es gehalten werden, solange er lebte, daß der Abt Müller war und der Müller Abt. Es ist eine sehr mißliche Sache und große Gefahr darin, sich gegenüber von großen Herren zu schützen, wie dieser Müller tat, und die Keckheit zu haben, die er hatte. Aber es geht mit diesen hohen Herren wie mit dem Meer: man geht unter großen Gefahren hin, aber bei großer Gefahr ist auch der Gewinn groß. Und es ist ein großer Vorteil, wenn auf der See Windstille herrscht; ebenso auch bei einem großen Herrn; aber beim einen wie beim andern ist es eine Hauptsache, auf seiner Hut zu sein, denn das Schicksal wendet sich schnell. Einige haben berichtet, diese oder eine ähnliche Geschichte sei dem Papst*** begegnet, der einem Abte zur Buße eines begangenen Fehls die Aufgabe gestellt habe, die vier obengenannten Fragen zu beantworten, und noch eine drüber, nämlich welches das merkwürdigste Ereignis sei, das ihm im Leben begegnet wäre. Der Abt bat um Frist, kehrte nach der Abtei zurück, versammelte hier alle Mönche und Laienbrüder bis auf den Koch und den Gärtner, erzählte ihnen, welche Fragen er dem Papst beantworten sollte, und bat sie um Rat und Beistand. Da standen sie alle wie unsinnig da und wußten nicht, was sie antworten sollten. Als aber der Gärtner sah, daß sie alle verstummten, hub er an: »Herr Abt, da diese hier alle kein Wort hervorbringen, so will ich der sein, der redet und handelt. Ich hoffe Euch aus dieser Verlegenheit zu helfen. Gebt mir aber Eure Kleider, daß ich als Abt vor ihm erscheinen kann, und laßt diese Mönche mir folgen!« So geschah es. Und als er vor den Papst kam, sagte er, der Himmel sei dreißig Schrei hoch. Vom Wasser des Meeres sagte er: »Laßt die Mündungen der Ströme erst verstopfen, die hineinfallen! Dann wird es zu ermessen sein.« Den Wert seiner Person schätzte er auf achtundzwanzig Silberlinge, denn er rechne ihn zwei Silberlinge geringer an als Christus, dessen Statthalter er sei. Das merkwürdigste Ereignis seines Lebens, sagte er, sei gewesen, als er aus einem Gärtner zum Abt geworden. Und in dieser Würde ward er bestätigt. Es mag nun geschehen sein, wie es will, mit diesem und jenem oder mit beiden, – jedenfalls wurde aus dem Abt ein Müller oder ein Gärtner. Die drei Gebote des Vaters In Siena lebte vor Zeiten ein reicher Bürger, der einen einzigen etwa zwanzigjährigen Sohn hatte, dem er, als er zu sterben kam, unter andern Vorschriften die drei folgenden gab: erstens, nie mit jemandem so viel zu verkehren, daß er diesem zum Überdruß werde; zweitens, wenn er eine Ware oder sonst etwas gekauft habe, woran er einen Gewinn machen könne, so solle er diesen hinnehmen und auch noch anderen Leuten daran Gewinn übriglassen; drittens, wenn er ein Weib nehme, so solle er eins aus der nächsten Nachbarschaft wählen, und wenn dies nicht sein könne, lieber eins aus seinem eigenen Lande als aus andern entlegenen. Der Sohn erhielt diese drei Vorschriften als Verlassenschaft, und der Vater starb. Lange Zeit hatte dieser Jüngling mit einem aus dem Hause der Forteguerra verkehrt, welcher stets ein Verschwender gewesen war und jetzt einige mannbare Töchter hatte. Seine Verwandten stellten ihn täglich wegen seines Aufwandes zur Rede, es half aber nichts. Nun geschah es, daß jener Forteguerra eines Tages für den Jüngling und einige andere ein schönes Gastmahl bereiten ließ, als seine Verwandten ihn deshalb vornahmen und sprachen: »Was tust du, Unglücklicher? Willst du dem aufs Geratewohl noch zugeben, der ein so großes Vermögen geerbt hat, hast so viel Aufwand gemacht und machst immer noch und hast mannbare Töchter?« Sie sprachen so lange, bis jener wie verzweifelt nach Hause ging, alle Speisen, die in der Küche bereitet wurden, wieder abbestellte, dann eine Zwiebel nahm, sie auf die schon gedeckte Tafel legte und den Befehl hinterließ, wenn der bewußte junge Mann zu Tische komme, so solle man ihm sagen, er möge die Zwiebel essen, denn anderes sei nichts da und Forteguerra speise nicht daheim. Als die Essensstunde kam, begab sich der Jüngling nach dem Hause, wohin er geladen war, und als er in den Saal trat, fragte er die Gattin seines Freundes nach ihm. Die Frau antwortete, er sei nicht zu Hause und speise nicht daheim. Er habe aber hinterlassen, wenn er komme, so solle er jene Zwiebel essen, denn anderes sei nichts da. Bei diesem Gerichte gedachte der Jüngling des ersten Gebotes seines Vaters und wie übel er dasselbe befolgt habe. Er nahm die Zwiebel, kehrte nach Hause zurück, umwickelte sie mit einem Bindfaden und hängte sie an die Decke des Saales, in dem er zu speisen pflegte. Nicht lange darauf kaufte er ein Reitpferd für fünfzig Gulden, und einige Monate nachher konnte er es für neunzig verkaufen, wollte es aber nicht lassen, sondern sagte, er wolle hundert dafür haben. Darauf beharrte er; eines Nachts aber ward das Pferd von Schmerzen überfallen und starb daran. Als der Jüngling dies bedachte, erkannte er, daß er das zweite Gebot des Vaters übel befolgt habe, schnitt dem Pferde den Schwanz ab und hängte ihn an die Decke neben die Zwiebel. Als er sich hierauf verheiraten wollte, fügte es der Zufall, daß er weder in der Nachbarschaft noch in ganz Siena ein Mädchen finden konnte, das ihm gefiel; weshalb er in mehreren Ländern zu suchen begann und zuletzt nach Pisa gelangte, wo er einem Notar begegnete, der früher in Siena Geschäfte gehabt hatte und seines Vaters Freund gewesen war. Daher kannte ihn dieser Notar, nahm ihn sehr freundlich auf und fragte ihn, was er in Pisa für Geschäfte habe. Der Jüngling antwortete, er suche sich ein schönes Mädchen zur Braut, denn in ganz Siena könne er keine finden, die ihm gefalle. »Wenn dies ist«, sagte der Notar, »so hat dich Gott hierher gesandt, und du sollst hier wohl bedient werden: denn ich habe hier ein Mädchen aus dem Hause der Lanfranchi unter den Händen, das Schönste, was man je sehen konnte, und hätte wohl Lust, sie zu der deinigen zu machen.« Dem Jüngling gefiel es, und er konnte kaum die Zeit erwarten, bis er sie zu sehen bekäme. Dies gelang ihm denn, und als er sie gesehen hatte, machte er den Handel richtig und verabredete die Zeit, wann er sie nach Siena führen solle. Dieser Notar war von den Lanfranchi bestochen und das Mädchen unehrbar; denn da sie mit einigen jungen Pisanern zu tun gehabt, hatte sie nachher nicht mehr Gelegenheit gefunden, sich zu verheiraten, und darum gedachte dieser Notar, ihre Verwandten von dieser Last zu befreien und sie dem Siener anzuhängen. Er traf also Abrede mit ihrer Kammerfrau, welche vielleicht die Kupplerin gespielt hatte. Es war ein Weibchen aus ihrer Nachbarschaft, genannt Monna Bartolomea, und die junge Braut pflegte mit ihr bald hier, bald da ihrem Vergnügen nachzugehen. Als nun alles in Ordnung und auch für die Begleitung gesorgt war, worunter sich auch einige der Jünglinge befanden, die sie oft in Liebe erkannt hatte, machten sie sich mit der Braut und dem Bräutigam auf den Weg nach Siena, und man sandte Boten voraus, um alles für sie in Bereitschaft zu setzen. Als sie auf der Reise waren, zeigte sich einer der Jünglinge, die sich in ihrem Gefolge befanden, so traurig, als ob er zum Galgen ginge; denn er bedachte, wie sie nun nach einem fremden Ort verheiratet werde und er ohne sie nach Pisa zurückkehren müsse. Und er trieb es mit seinem nachdenklichen Wesen und seinen Seufzern so weit, daß der Bräutigam ihres Einverständnisses gewahr wurde; denn das Sprichwort hat nicht Unrecht, welches sagt, daß die Liebe und der Husten nicht zu verbergen sind. Kaum hatte er dies bemerkt, als er argen Verdacht schöpfte und nicht eher ruhte, als bis er völlig erkannt hatte, wer das Mädchen sei, und wie der Notar ihn verraten und betrogen habe. Als sie daher nach Staggia gelangten, bediente sich der Bräutigam folgender List: Er äußerte, er wolle frühzeitig zu Nacht speisen, weil er am Morgen vor Tagesanbruch nach Siena eilen wolle, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Dies sagte er so, daß der verliebte junge Mann es hören konnte. Die Kammern, in welchen sie schliefen, waren fast alle nur mit Brettern verschlagen und lagen nebeneinander. In der einen schlief der Bräutigam, in der andern die Braut mit der Kammerfrau, und in der dritten zwei junge Männer, von welchen der eine feine Ohren genug gehabt hatte, um die Äußerung des Sieners aufzufangen. Am Morgen nun erhob er sich etwa eine Stunde vor Tagesanbruch, um, wie er zu verstehen gegeben hatte, nach Siena zu eilen. Er ging hinunter, setzte sich zu Pferde und ritt etwa vier Büchsenschüsse weit gegen Siena, worauf er die Zügel wandte und in langsamem Schritte nach Staggia zurückritt. Er näherte sich leise der Herberge, band sein Pferd an einem Türringe fest und ging hinauf nach dem Saale. Hier trat er an die Tür der Kammer, worin die Braut schlief, lauschte leise und überzeugte sich, daß sie den Jüngling bei sich habe; worauf er die schlechtverriegelte Tür erbrach und hineintrat. Dann ging er sacht zu der Bettsponde, suchte nach einem der Kleidungsstücke dessen, der darin schlief, und fand zufällig dessen Beinkleider. Die in dem Bette bemerkten ihn nicht, oder sie stellten sich aus Furcht, als schliefen sie. Er aber nahm die Beinkleider, verließ die Kammer, eilte die Treppe hinab, setzte sich mit den besagten Beinkleidern zu Pferde und eilte nach Siena. Als er nun nach Hause kam, hängte er sie an die Decke neben die Zwiebel und den Pferdeschwanz. Am andern Morgen erhob sich zu Staggia die Braut mit ihrem Liebhaber. Der Jüngling aber, der seine Beinkleider nicht fand, setzte sich ohne diese mit der übrigen Gesellschaft zu Pferde und ging nach Siena. Sie erreichten das Haus, wo die Hochzeit sein sollte, und stiegen ab. Als sie sich nun zu einem Gabelfrühstück unter die drei aufgehängten Dinge setzten, wurde der Jüngling gefragt, was diese Dinge bedeuteten. Er antwortete: »Ich will es euch sagen und bitte alle, mir zuzuhören: Es ist nicht lange her, daß mein Vater starb und mir drei Gebote hinterließ. Das erste lautete so und so, und deshalb nahm ich diese Zwiebel und hängte sie hier auf; zweitens befahl er mir so und so, und auch hierin gehorchte ich ihm nicht; und als das Pferd starb, schnitt ich ihm den Schwanz ab und befestigte ihn hier oben; zum dritten befahl er mir, so nahe als möglich in der Nachbarschaft zu heiraten. Ich aber nahm mir kein Weib aus der Nähe, sondern ging bis nach Pisa und nahm dieses Mädchen, weil ich glaubte, sie sei, wie alle sein sollen, die sich als Jungfrauen verheiraten. Unterwegs aber lag dieser junge Mann, welcher hier sitzt, in der Herberge bei ihr. Ich kam leise zu ihnen, fand seine Beinkleider, nahm sie mit mir und befestigte sie hier an der Decke, und wenn ihr mir nicht glaubt, so sucht bei ihm danach, denn er trägt keine.« Und so befand es sich. »Nach Tische also«, fuhr er fort, »nehmt ihr dieses gute Mädchen und begebt euch wieder nach der Heimat, denn ich will sie nicht wieder sehen, geschweige denn bei ihr liegen. Dem Notar, der mir den guten Rat gab, die Heirat stiftete und den Vertrag niederschrieb, mögt ihr sagen, er möge einen Spinnrocken mit dem Pergament bekleiden.« Und so geschah es. Sie zogen mit dem Mädchen ab, still und beschämt, oder, wie man zu sagen pflegt, mit lahmem Fuß und den Finger im Auge. Die Braut aber verschaffte sich mit der Zeit noch viele Männer, der Bräutigam andere Frauen. In diesen drei Torheiten handelte dieser junge Mann den Geboten seines Vaters zuwider, die alle sehr nützlich sind, obgleich viele Leute sie nicht beobachten. In dem letzten Punkt aber, dem wichtigsten, kann man nicht irren, wenn man Verwandtschaften in der Nähe schließt; und doch tun wir alle das Gegenteil. Und nicht allein bei den Ehen, sondern auch wenn wir Pferde zu kaufen haben, wollen wir nichts von den Nachbarn, bei welchen uns alles voll Fehler erscheint, kaufen dagegen die der Deutschen, welche nach Rom gehen, in wahrer Wut auf. Und so geht es uns oftmals in beiden Fällen gerade wie in der Geschichte, die ihr gehört habt, ja noch schlimmer. Piero Brandani In der Stadt Florenz lebte vor Zeiten ein gewisser Piero Brandani, der seine ganze Zeit mit Prozessieren hinbrachte. Er hatte einen Sohn von etwa achtzehn Jahren, und da er nun eines Morgens auch wieder auf das Rathaus gehen mußte, um einen Rechtshandel zu vertreten, so gab er seinem Sohne gewisse Papiere und hieß ihn damit vorausgehen und ihn bei der Abtei von Florenz erwarten. Der Sohn gehorchte dem Vater, ging an den bezeichneten Ort und erwartete daselbst mit den Papieren den Vater. Es war im Monat Mai, und während der Junge so wartete, fing es an, sehr heftig zu regnen. Da kam eine Bäuerin oder Obsthändlerin mit einem Korb voll Kirschen auf dem Kopfe vorüber, und der Korb fiel ihr herunter: die Kirschen waren über die ganze Straße verstreut, und die Gosse dieser Straße war wie immer, sooft es regnet, zu einem kleinen Bache angeschwollen. Der junge Mensch machte, begierig, wie solche Leute sind, mit noch andern sich die Verwirrung zunutze und beeilte sich, die besagten Kirschen aufzulesen; ja sie liefen bis in den Bach hinein hinter denselben her. Als nun aber die Kirschen verzehrt waren und der junge Bursche sich auf seinen vorigen Standpunkt zurückbegab, fand er, daß er die Papiere nicht mehr unter dem Arm hatte, denn sie waren ihm in das Wasser gefallen und von diesem in den Arno geschwemmt worden, ohne daß er es bemerkt hatte. Er lief auf und ab, fragte da, fragte dort: es war alles umsonst, denn die Papiere schwammen bereits Pisa zu. Der junge Mensch war darüber sehr betrübt und dachte daran, sich aus dem Staube zu machen aus Furcht vor seinem Vater. Er lief auch am ersten Tag bis Prato, wo die meisten Entwichenen oder Flüchtlinge von Florenz die erste Rast halten. Er ging in eine Herberge, wo nach Sonnenuntergang auch einige Kaufleute ankamen, nicht um die Nacht daselbst zuzubringen, sondern mit der Absicht, ihren Weg noch weiter gegen Ponte Agliana fortzusetzen. Die Kaufleute sahen, daß der junge Mensch so niedergeschlagen war, und fragten ihn, was er habe und woher er sei. Er antwortete auf ihre Frage, und sie schlugen ihm vor, sich an sie anzuschließen und bei ihnen zu bleiben. Der Knabe konnte es kaum erwarten, bis es weiterging; sie machten sich endlich auf und kamen um die zweite Stunde der Nacht nach Ponte Agliana. Sie klopften an eine Herberge, und der Wirt, der schon schlafen gegangen war, kam an das Fenster und fragte: »Wer da?« »Mach uns auf! Wir wollen Quartier.« Der Wirt aber sagte scheltend: »Wißt ihr denn nicht, daß es hier in der Gegend von Straßenräubern wimmelt? Es wundert mich sehr, daß ihr durchgekommen seid.« Der Wirt hatte auch wirklich recht, da eine große Schar Verbannter das Land heimsuchte. Die Reisenden baten aber doch so lange, bis ihnen der Wirt öffnete. Als sie drinnen waren und ihre Pferde versorgt hatten, sagten sie, sie wollten zu Nacht essen. Der Wirt aber sagte: »Ich habe keinen Bissen Brot im Hause.« Die Kaufleute antworteten: »Nun, was ist da zu tun?« »Ich weiß kein anderes Mittel«, versetzte der Wirt, »als daß euer Bursche da irgend einen zerrissenen Kittel anzieht, in dem er recht wie ein Lump aussieht; er soll dort die Anhöhe hinuntergehen; drunten wird er eine Kirche finden, und alsdann soll er dem Ser Cione rufen, dem Pfarrer von dort, und ihm von mir ausrichten, er möge mir neunzehn Brote leihen. Ich sage dies darum, weil diese Bösewichter, wenn sie einen so schlechtgekleideten Jungen finden, nichts mit ihm anfangen werden.« Er zeigte dem Burschen den Weg, welcher ungern ging, weil es Nacht war und man nicht gut sah. Voll Furcht, wie man sich denken kann, ging er hinweg, irrte da- und dorthin und konnte die Kirche durchaus nicht finden, bis er endlich in ein Gebüsch kam, aus welchem er etwas hervorschimmern sah, was wie eine Mauer aussah. In der Meinung, es sei die Kirche, nahm er sich vor, darauf loszugehen. Er kam auf eine große Tenne, die er für den Kirchplatz hielt. In Wahrheit aber stand er an dem Hause eines Landmannes. Er ging darauf zu und fing an, an die Türe zu klopfen. Der Landmann hörte ihn und rief: »Wer ist da?« Der Knabe antwortete: »Macht mir auf, Ser Cione, der Wirt (er nannte den Namen) von Ponte Agliana schickt mich her, Ihr möchtet ihm neunzehn Brote leihen.« »Was Brote!« rief der Bauer, »Gaudieb, der du bist und der du für die Spitzbuben Kundschaft einziehen willst! Wenn ich hinauskomme, so will ich dich packen und nach Pistoja schicken, daß sie dich aufhängen.« Als der junge Mensch diese Worte hörte, wußte er nicht, was er anfangen sollte, und indem er so außer sich nach einem Wege sich umsah, der ihn an einen bessern Hafen führen könnte, hörte er ganz nahe am Saum des Waldes einen Wolf heulen. Er schaute umher und sah auf dem Platz eine Tonne aufrecht stehen, der oben der Boden eingeschlagen war. Er lief stracks darauf zu, stieg hinein und wartete mit großer Besorgnis, was das Schicksal über ihn beschlossen habe. Unterdessen kam wirklich der Wolf heran; er war vielleicht aus Alter räudig, lehnte sich an das Faß und fing an, sich daran zu reiben. Während er so juckte, erhob er den Schwanz, und dieser kam gerade in das Spundloch hinein. Der Knabe fühlte sich innerhalb des Fasses von dem Schwanze berührt und kam in heftige Angst. Sobald er aber sah, was es war, packte er in seiner großen Not den Schwanz und nahm sich vor, solange seine Kräfte ausreichen, ihn nicht mehr loszulassen, bis er ihn ganz innen hätte. Der Wolf, als er sich am Schwanze gepackt fühlte, fing an zu ziehen; der Knabe hielt fest und zog gleichfalls. So zogen beide, bis die Tonne umfiel und zu rollen begann. Der Knabe hielt immer fester, und der Wolf zog, und je mehr er zog, desto mehr Schläge versetzte ihm das Faß auf den Rücken. Dieses Wälzen dauerte wohl zwei Stunden, und das Faß versetzte dem Wolf so heftige Schläge, daß er am Ende ums Leben kam. Der Jüngling war dabei freilich auch halb zerstoßen worden; doch kam ihm sein gutes Glück so weit zu statten, daß, je fester er den Schwanz hielt, desto mehr er selbst geschützt und der Wolf in Nachteil versetzt war. Als er den Wolf getötet hatte, wagte er doch die ganze Nacht nicht, aus dem Fasse hervorzukriechen noch den Schwanz loszulassen. Gegen Morgen stand der Landmann auf, bei welchem der Knabe an die Türe geklopft hatte, und sah, als er zur Arbeit auf den Acker ging, am Fuße eines Absturzes das Faß liegen. Da dachte er und sprach bei sich selbst: »Diese Teufel, die des Nachts umgehen, richten auch nichts als Unheil an. Weil sie nun nichts anderes oben auf der Tenne gefunden haben als mein Faß, haben sie es mir bis dort hinuntergerollt.« Er schritt näher hinzu und sah neben dem Fasse den Wolf liegen, der noch nicht tot schien. Da fing er an zu schreien: »Ein Wolf! Ein Wolf! Ein Wolf!« Die Leute aus dem Dorfe kamen auf den Lärm herbeigelaufen, und als sie näherrückten, bemerkten sie, daß der Wolf tot war und der junge Mensch in dem Fasse lag. Alles bekreuzte und segnete sich und fragte den Knaben: »Wer bist du denn? Was soll das heißen?« Mehr tot als lebendig und kaum imstande, noch Atem zu schöpfen, sagte der Knabe: »Erbarmt euch meiner um Gottes willen und hört mich an, ohne mir etwas zuleide zu tun!« Die Bauern spitzten die Ohren, um den Hergang eines so unerwarteten Abenteuers zu vernehmen. Er erzählte nun von dem Verlust der Papiere bis zu diesem Punkte alles, was ihm begegnet war. Die Leute hatten großes Mitleid mit ihm und sagten: »Junge, du hast großes Unglück gehabt; aber doch wird es dir nicht so übel ausschlagen, wie du glaubst. In Pistoja ist ein Gesetz: wer einen Wolf erlegt und ihn der Gemeinde bringt, bekommt von ihr fünfzig Pfund.« Da wurden die erstarrten Lebensgeister dem Jüngling wieder etwas rege, als sie ihm anboten, ihn zu begleiten und ihm den Wolf tragen zu helfen, was er auch annahm. Einige von ihnen trugen mit ihm den Wolf hinweg, und als sie in das Wirtshaus von Ponte Agliana kamen, von wo er ausgegangen war, verwunderte sich der Wirt daselbst, wie nicht anders zu erwarten ist, und sagte, die Kaufleute seien bereits weitergezogen, und er wie sie hätten, als er nicht zurückkam, geglaubt, er sei entweder von Wölfen gefressen oder von Räubern gefangen worden. Kurz, der Knabe lieferte endlich den Wolf an die Gemeinde von Pistoja ab und erhielt, nachdem er den ganzen Verlauf erzählt hatte, fünfzig Pfund. Von diesen gab er fünf aus zur Bewirtung der Gesellschaft, und mit den übrigen fünfundvierzig kehrte er, nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, zu seinem Vater zurück. Er bat ihn um Verzeihung, erzählte ihm alles, was ihm begegnet war, und gab ihm die fünfundvierzig Pfund. Der Vater als armer Mann war darüber sehr erfreut, verzieh ihm, ließ von dem besagten Gelde eine neue Abschrift von jenen Papieren machen und prozessierte mit dem Reste lustig drauflos. Darum muß man über nichts in der Welt verzweifeln, denn gar oft gibt das Glück ebenso wieder, wie es nimmt. Wer hätte sich eingebildet, daß die im Wasser verlorenen Papiere wiederersetzt werden sollten durch einen Wolf, der seinen Schwanz durch das Spundloch eines Fasses steckte und sich so fangen lassen mußte? Gewiß, dies ist ein Fall und ein Beispiel, das nicht nur lehrt, daß man nicht verzweifeln darf, sondern daß man, was auch kommen mag, weder trostlos noch verdrießlich werden soll. Gonnellas Heimkehr (Eulenspiegel) Der Markgraf Obizzo von Ferrara befahl eines Tages dem Hofnarren Gonnella, entweder weil er eine Kleinigkeit gegen ihn verbrochen hatte, oder weil er sich einen Spaß mit ihm zu machen gedachte, mit ausdrücklichen Worten, er solle sich auf seinem Grund und Boden nicht mehr betreffen lassen, widrigenfalls ihm das Haupt abgeschlagen werde. Kaum hatte dies Gonnella vernommen, so begab er sich nach Bologna, mietete sich einen Rollwagen, füllte denselben mit bolognesischer Erde an, und nachdem er mit dem Wagenführer über den Preis einig geworden war, bestieg er denselben und kehrte auf diesem Rollwagen zurück vor den Markgrafen Obizzo. Als dieser den Gonnella in solcher Weise zurückkehren sah, wunderte er sich und sprach: »Gonnella, habe ich dir nicht verboten, meinen Grund und Boden wieder zu betreten, und nun wagst du es, auf einem Rollwagen vor mir zu erscheinen? Was soll das heißen? Verachtest du meine Gebote?« Zugleich befahl er seiner Dienerschaft, ihn zu verhaften. Aber Gonnella sprach: »Mein Gebieter, hört mich um Gottes willen an und laßt mir Recht widerfahren! Wenn Ihr findet, daß ich im Unrecht bin, sollt Ihr mich an den Galgen hängen lassen.« Der Markgraf war neugierig, zu hören, was er sagen werde, denn er erwartete wohl, daß wieder ein frischer Witz komme. Er rief also seinen Dienern zu: »Verzichtet eine Weile und laßt ihn reden!« Da begann Gonnella und sprach: »Herr, Ihr befahlt mir, Euren Grund und Boden nicht mehr zu betreten, weshalb ich mich eilends nach Bologna begab und diesen Wagen mit bolognesischem Grund und Boden füllen ließ. Diesen betrat und betrete ich noch jetzt und nicht den Euren noch den von Ferrara.« Als der Markgraf dies hörte, nahm er diesen Grund mit großer Ergötzung für gültig an und sprach: »Gonnella, du bist eine sinntäuschende Nachtjacke ( gonnella ), so bunt und schillernd von Farbe, daß mir weder List noch Kunst gegen deine Bosheit aushilft. Bleibe, wo es dir beliebt, denn ich lasse dir den Sieg.« Und durch diese spaßhafte List gewann er die Erlaubnis, in Ferrara zu bleiben, schickte den Rollwagen nach Bologna zurück und galt beim Markgrafen nur noch mehr als zuvor. Die Entbindung Zu meiner Zeit war Pfarrer einer Kirche in Castello im Gebiet von Florenz einer, der Ser Tinaccio hieß, der schon alt war, aber in vergangenen Zeiten als Freundin oder Feindin ein schönes Mädchen aus der Vorstadt Ognissanti besessen und von ihr eine Tochter gehabt hatte, die in besagter Zeit sehr schön und heiratsfähig war; und überall redete man davon, die Nichte des Pfarrers wäre ein hübsches Ding. Nicht weit von da wohnte ein Jüngling, dessen Namen und Familie ich verschweigen will, der besagtes Mädchen öfter gesehen hatte. Da er sich in sie verliebt hatte, dachte er sich eine schlaue List aus, um mit ihr zusammenzusein, und stellte es folgendermaßen an. Eines Abends, bei regnerischem Wetter, als es schon sehr spät war, verkleidete er sich als Bäuerin, und nachdem er sich ein Halstuch umgelegt hatte, stopfte er sich mit Stroh und Tüchern aus, die ihm das Aussehen gaben, als ob er schwanger sei und sein Leib bis zum Halse reiche; und er ging in die Kirche, um zu beichten zu verlangen, wie es die Frauen tun, wenn sie unmittelbar vor der Entbindung stehen. Als er in der Kirche ankam, war es die erste Stunde der Nacht; er klopfte an die Tür, und als der Meßdiener kam, um aufzumachen, fragte er nach dem Pfarrer. Der Meßdiener sagte: »Er ist vor kurzer Zeit weggegangen, um jemand das Abendmahl zu geben, wird aber bald wiederkommen.« Die schwangere Frau sagte: »O weh, ich Unglückliche, ich bin ganz schwach!« Und indem sie sich oft das Gesicht mit einem Tuch abwischte, mehr, um nicht erkannt zu werden, als wegen des Schweißes, den sie auf dem Gesicht hatte, ließ sie sich ganz erschöpft zum Sitzen nieder und sprach: »Ich werde auf ihn warten, denn wegen der Schwere meines Körpers könnte ich nicht nach Hause zurückkehren, und wenn ich sterben müßte, ich möchte es nicht länger aufschieben.« Darauf sagte der Meßdiener: »Gott gebe dir seinen Beistand!« Wie sie so wartete, erschien der Priester, gegen die erste Nachtstunde. Seine Gemeinde war groß: daher hatte er genug Pfarrkinder, die er nicht kannte. Als er sie im Dämmerlicht sah, sagte ihm die Frau unter großer Bedrängnis, sich das Gesicht abwischend, daß sie auf ihn gewartet hätte, und die Umstände, warum sie auf ihn gewartet hätte. Und der Priester begann ihr die Beichte abzunehmen. Die männliche Frau dehnte ihre Beichte sehr lang aus, damit die Nacht ganz hereinbrach. Nach abgelegter Beichte fing die Frau zu seufzen an und sagte: »Ich Unglückliche, wohin werde ich nunmehr heute abend gehen?« Ser Tinaccio antwortete: »Es wäre eine Dummheit, jetzt fortzugehen: die Nacht ist dunkel und regnerisch, und es sieht nach noch stärkerem Regen aus; geht daher nicht anderswohin, sondern bleibt heute abend bei meinem Mädchen, und morgen früh könnt Ihr weiterziehen.« Als die männliche Frau dies hörte, schien es ihr, als habe sie glücklich das erreicht, worauf sie hinauswollte, und da die Worte des Priesters ihren Appetit steigerten, sagte sie: »Mein Vater, ich werde tun, wie Ihr mir ratet, weil ich von dem Wege hierher so außer Atem bin, daß ich nicht glaube, noch hundert Schritte ohne große Gefahr gehen zu können, und das Wetter ist schlecht, und die Nacht ist da, so daß ich tun werde, wie Ihr sagt. Aber um eines bitte ich Euch: entschuldigt mich, wenn mein Mann irgend etwas sagen sollte!« Der Priester entgegnete: »Darauf könnt Ihr Euch verlassen.« Und sie ging in die Küche, wie der Priester sie eingeladen hatte, und sie aß mit ihrem Mädchen Abendbrot, wobei sie oft ihr Taschentuch über das Gesicht führte, um ihr Aussehen zu verstecken. Als sie gegessen hatten, gingen sie in einer Kammer zu Bett, die nur durch eine dünne Bretterwand von der Schlafkammer Ser Tinaccios entfernt war. Das junge Mädchen war in ihrem ersten Schlaf, als die junge Frau anfing, ihre Brüste zu berühren, und das Mädchen hatte schon ein bißchen geschlafen, und den Priester hörte man kräftig schnarchen. Als nun die schwangere Frau sich an das Mädchen anschmiegte und diese merkte, wer sich an ihr aufrichtete, fing sie an, Ser Tinaccio zu rufen, und sagte: »Es ist ein Junge!« Mehr als dreimal rief sie ihn, bevor er wach wurde; beim viertenmal sagte sie: »Ser Tinaccio, es ist ein Junge«, und Ser Tinaccio fragte ganz verschlafen: »Was sagst du?« »Ich sage, daß es ein Junge ist.« Ser Tinaccio meinte, daß die gute Frau einen Jungen zur Welt gebracht habe, und sagte daher: »Hilf ihm, hilf ihm, liebe Tochter!« Mehrmals wiederholte das Mädchen: »Ser Tinaccio, Ser Tinaccio, ich sage Euch, daß es ein Junge ist!« Und er antwortete: »Hilf ihm, meine Tochter, hilf ihm, und Gott stehe ihr bei!« Müde und vom Schlummer überwältigt schlief Ser Tinaccio wieder ein, und da das Mädchen es ebenfalls müde war, sowohl die schwangere Frau als auch den Schlaf abzuwehren, es ihr aber so vorkam, als ob der Priester ihr zuredete, jenem zu helfen, von dem sie ihm sagte, – so verging die Nacht, so gut sie konnte. Und kurz vor Tagesanbruch, nachdem der Jüngling, sooft er wollte, sein Verlangen gestillt und ihr, die schon klein beigegeben hatte, zu erkennen gegeben hatte, sowohl wer er wäre, als auch wie er sich aus Liebe zu ihr, nur um mit ihr Zusammensein zu können, sich als Frau verkleidet hatte, da er sie mehr als irgend etwas auf der Welt liebte, erhob er sich und schenkte ihr als Liebespfand zum Abschied das Geld, das er bei sich hatte, und schwur ihr, alles, was er habe, sei ihr Eigentum. Dann verabredete er noch mit ihr für die Zukunft, wie sie häufig zusammenkommen könnten, und darauf nahm er unter vielen Küssen und Umarmungen Abschied, indem er sagte: »Wenn Ser Tinaccio dich fragen wird, was mit der schwangeren Frau ist, wirst du ihm sagen: 'Sie hat heute nacht einen kleinen Jungen zur Welt gebracht, als ich Euch gerufen habe, und heute in aller Frühe ist sie mit diesem Jungen mit Gott nach Hause gegangen.'« Die schwangere Frau ging fort, wobei sie das Stroh, mit dem sie ihren Busen ausgestopft hatte, im Strohsack Ser Tinaccios zurückließ. Sobald besagter Ser Tinaccio aufgestanden war, ging er in die Kammer des Mädchens und sagte: »Welch Unglück ist heute nacht geschehen, daß du mich nicht hast schlafen lassen? Die ganze Nacht ging es: ›Ser Tinaccio, Ser Tinaccio!‹ – Na, was gab es denn?« Das Mädchen antwortete: »Jene Frau brachte einen schönen Jungen zur Welt.« »Und wo ist sie?« Das Mädchen antwortete: »Heute ganz früh am Morgen ist sie – ich glaube, mehr aus Scham als aus einem anderen Grund – mit dem Kinde fortgegangen.« Worauf Ser Tinaccio meinte: »Gott strafe sie! Diese Frauen warten so lange, bis sie ihre Kinder irgendwo wie ihr Wasser abschlagen. Wenn ich sie wiedererkennen oder erfahren kann, wer ihr Mann ist, werde ich ihr tüchtige Grobheiten sagen.« Das Mädchen erwiderte: »Daran werdet Ihr sehr recht tun, denn sie hat auch mich die ganze Nacht nicht schlafen lassen.« Und so endete diese Geschichte. Von da an brauchte man natürlich keine große Alchemie, um eine Zusammenkunft der beiden Planeten zu bewirken, die sich oft, wenn die Augenblicke günstig waren, zusammenfanden, und der Priester bekam die Ware, die seinesgleichen sonst andern Leuten gibt. Da man sich nicht an ihren Frauen rächen kann, sollen so allen anderen Frauen, die ihnen nahestehen, seien es ihre Nichten oder ihre Töchter, ähnliche Streiche gespielt werden: denn der ist sicher einer der besten und gelungensten, von denen man jemals gehört hat. Und ich glaube, daß der Jüngling nur eine kleine Sünde beging, wenn er gegen einen von den Leuten sich verfehlte, die unter dem Deckmantel der Religion so viel Sünden gegen ihre Mitmenschen begehen. Die Casentiner Gesandten Als der Bischof Guido über Arezzo herrschte, erwählten die Gemeinden der Casentiner Landschaft zwei Gesandte, um sie an ihn abzufertigen und ihn wegen gewisser Dinge anzugehen. Man teilte ihnen ihren Auftrag und das, was sie ihm auseinanderzusetzen hätten, ausführlich mit und gab ihnen eines Abends spät Befehl, des andern Morgens ihre Reise anzutreten. Sie kehrten also abends nach Hause, packten eilends zusammen und machten sich in der Frühe auf nach ihrem Bestimmungsort. Als sie einige Meilen gewandert waren, sagte einer zum andern: »Erinnerst du dich noch des Auftrages, den man uns gegeben hat?« Der andere erwiderte, er habe sich ihn nicht gemerkt. »Ei, ich habe mich auf dich verlassen«, sagte jener. »Und ich mich auf dich«, entgegnete der andere. »Das haben wir gut gemacht«, riefen beide und stierten einander an. »Was ist da zu tun?« Der eine sagte: »Nun sieh, wir sind bald in der Herberge, wo wir unser Frühstück halten. Dort wollen wir uns einmal recht zusammennehmen, und so muß es uns notwendig wieder einfallen.« Der andere sprach: »Du hast recht.« So ritten sie träumend weiter und kamen um die dritte Stunde in die Herberge, wo sie frühstücken wollten. Wie sie aber hin und her dachten, ehe es zum Essen ging, so konnten sie sich doch durchaus nicht auf die Sache besinnen. Als sie bei Tisch saßen, wurde ihnen ein sehr feiner Wein aufgewartet. Die Gesandten, welchen der Wein viel besser schmeckte als das Nachdenken über ihren Auftrag, fingen an, der Flasche zuzusprechen, tranken und tranken, füllten die Gläser und leerten sie wieder, und als das Essen vorüber war, war so wenig davon die Rede, daß sie sich ihrer Botschaft erinnerten, daß sie vielmehr gar nicht mehr wußten, wo sie waren, und sich schlafen legten. Nachdem sie ein Stück weggeschlafen hatten, erwachten sie ganz verdutzt, und einer sprach zum andern: »Ist dir jetzt unsere Angelegenheit eingefallen?« Der andere sagte: »Ich weiß von nichts; mir ist nur so viel klar, daß der Wein des Wirtes der beste Wein ist, den ich je getrunken habe. Seit dem Frühstück bin ich überhaupt nicht wieder zur Besinnung gekommen, als eben jetzt, und jetzt weiß ich kaum, wo ich bin.« Jener erwiderte: »Gerade das nämliche sage ich dir auch. Aber was sollen wir denn sagen? Was sollen wir anfangen?« Sein Gefährte entgegnete ihm kurz: »Wir wollen heute hierbleiben und auch hier übernachten, denn guter Rat kommt, wie du weißt, über Nacht. Es kann nicht fehlen, daß uns die Sache bis dahin einfällt.« Sie waren hierüber einig und blieben den ganzen Tag daselbst und guckten noch wiederholte Male in das Glas. Bei dem Abendessen wurden gleichfalls die Gläser mehr in Anspruch genommen als das Holzwerk, und nach beendigtem Mahle waren sie so weit, daß einer kaum den andern kannte. Sie gingen zu Bett und schnarchten die ganze Nacht wie Schweine. Als sie am Morgen aufstanden, sagte der eine: »Was fangen wir nun an?« Der andere antwortete: »Der Himmel muß sich wider uns verschworen haben; denn da mir diese Nacht keine Silbe von dem ganzen Auftrage eingefallen ist, so glaube ich auch nicht, daß er mir je wieder ins Gedächtnis kommt.« »Meiner Treu«, versetzte jener, »mit uns sieht es nicht zum besten aus. Ich weiß gar nicht, was das heißen soll, ob es dieser Wein oder etwas anderes ist. Ich habe mein Leben lang noch nie so fest geschlafen, ohne mich wieder ermuntern zu können, wie heute Nacht in diesem Wirtshause. Was zum Teufel soll das heißen?« »Laß uns zu Pferde steigen«, sagte der andere, »und in Gottes Namen weiterreiten! Vielleicht fällt es uns unterwegs ein.« So setzten sie denn ihre Reise fort und sagten unterwegs oft zu einander: »Ist es dir eingefallen?« Der andere: »Mir nicht.« »Mir auch nicht«, sagte der erste. Auf diese Art kamen sie in Arezzo an und gingen in das Wirtshaus, wo sie sich oft abseits in eine Kammer begaben, die Backen auf die Hände gestützt, aber niemals sich auf die Sache besinnen konnten. Da sagte einer zuletzt, fast verzweifelnd: »Gehen wir geradezu hin! Gott möge uns beistehen!« Der andere aber sagte: »Wie sollen wir denn aber mit ihm reden, wenn wir nicht wissen, was?« Der erstere aber antwortete: »Auf diesem Punkte kann die Sache nun doch einmal nicht bleiben.« So ließen sie es denn auf das Geratewohl ankommen und gingen zum Bischof, und als sie vor ihm standen, machten sie eine tiefe Verbeugung und blieben dabei stehen, ohne es zu etwas anderm zu bringen. Der Bischof war ein wackerer, ansehnlicher Herr, erhob sich und ging auf sie zu, nahm sie bei der Hand und sagte: »Seid willkommen, meine Kinder! Was bringt ihr Neues?« Einer schaute den andern an: Sprich du! Sprich du! Aber keiner von beiden redete ein Wort. Am Ende aber sagte der eine: »Herr Bischof, wir sind abgesandt an Euer Gnaden von Euren ergebenen Dienern in der Casentiner Landschaft; aber die, welche uns abschickten, sind ebenso unbeholfen wie wir, die Abgesandten, und sie überbrachten uns unsern Auftrag spät abends in großer Hast. Was nun schuld sein mag, entweder wußten sie es uns nicht recht zu sagen, oder wir waren zu ungeschickt, es zu verstehen. Wir bitten Euch demnach inständig, Ihr möget Euch diese Gemeinden und ihre Mitglieder empfohlen sein lassen; die aber mögen meuchlings umkommen, die uns hierher gesandt haben, und wir selber, daß wir hergekommen sind!« Der verständige Bischof legte ihnen die Hand auf die Schulter und sagte: »Geht in Frieden wieder heim und sagt meinen lieben Kindern im Casentino, ich sei immer darauf bedacht, für ihr Bestes alles zu tun, was in meinen Kräften stehe. Damit sie sich aber hinfort nicht mehr in die Unkosten einer Gesandtschaft versetzen, mögen sie, sooft sie etwas von mir wollen, an mich schreiben, und ich will ihnen meine Antwort brieflich zukommen lassen.« Darauf nahmen sie Abschied und gingen. Unterwegs sagte einer zum andern: »Hüten wir uns, daß es uns nicht auf dem Rückweg ebenso ergeht wie auf dem Herweg!« Der andere aber sagte: »Ach, was haben wir denn im Gedächtnis zu behalten?« »Nun«, sprach jener, »wir müssen doch darauf bedacht sein, wie wir ausrichten wollen, was wir hier auseinandergesetzt, und was wir zur Antwort erhalten haben. Denn wenn unsere Mitbürger im Casentino jemals erführen, daß wir ihren Auftrag so vergessen haben, und daß wir wie Gehirnlose wieder vor sie treten, so würden sie uns nimmermehr als Botschafter aussenden, ja uns gar kein Amt mehr anvertrauen.« Der andere, der ein wenig schlauer war, sagte: »Überlaß diese Sorge nur mir! Ich werde ihnen sagen, wir haben uns unserer Sendung gegen den Bischof entledigt, und er habe sich gnädig darin und in allen Stücken erboten, immerdar ihr Wohl zu fördern, und um seine Liebe noch mehr zu betätigen, habe er gesagt, zu Ersparung von Kosten sollen sie, sooft sie etwas von ihm brauchen, es mit gehöriger Ruhe und Bequemlichkeit in einem einfachen Briefe schreiben und die Gesandtschaften unterlassen.« »Das hast du gut ausgesonnen«, sagte der andere. »Wir wollen schneller reiten, damit wir bei guter Zeit wieder zu dem Wein kommen, weißt du!« So spornten sie ihre Pferde und kamen in das Gasthaus, und als ein Knecht herauskam, um ihnen den Steigbügel zu halten, fragten sie nicht nach dem Wirte, noch ob er zu essen habe, sondern ihr erstes Wort war, daß sie sich nach jenem Weine von neulich erkundigten. Der Knecht sagte: »Der ist besser als je.« Da stärkten sie sich hier denn auch das zweitemal nicht weniger als zuvor und wichen nicht eher von der Stelle, als bis unter redlichem Beistand anderer Zechbrüder der Wein auf die Neige und der Boden des Fasses zum Vorschein gekommen war. Voll Kummer darüber zogen sie von dannen und gelangten zu denen, die sie abgeschickt hatten. Die Lügen, die sie ersonnen hatten, behielten sie viel besser im Gedächtnis, als vorher die Wahrheit. Sie sagten, sie hätten vor dem Bischof eine so schöne Standrede gehalten, und taten, als wäre der eine ein Cicero, der andere ein Quintilian gewesen. Dadurch ernteten sie großes Lob ein und wurden auch späterhin mit andern Ämtern betraut, denn sie waren mehrmals Rechnungsrevisoren oder Güterverwalter. Wie oft geschieht es doch in der Welt, und nicht nur bei erbärmlichen Geschöpfen, wie diese waren, sondern bei weit größeren als sie, daß solche ohne weiteres als Botschafter verwendet werden, während sie doch mit den Ereignissen so wenig vertraut sind als der Sultan mit Frankreich! Dann versichern sie mündlich und schriftlich, sie haben Tag und Nacht nicht geruht, sondern immer mit größtem Eifer den Geschäften obgelegen, und alles ist ihr Machwerk, was sie gut heißen und wobei sie anwesend sind, während sie doch oft nicht mehr Bewußtsein dazu bringen als ein Klotz. Dafür werden sie aber von ihren Absendern gepriesen und mit den größten Ämtern und andern Belohnungen überhäuft, weil sie von der Wahrheit abgehen, zumal in Fällen, wo sie sehen, daß ihnen ein Vorteil daraus erwächst, wenn man ihnen Glauben schenkt. Der ausgesperrte Domherr Als der Kardinal del Fiesco im Auftrage der Kirche in Todi war, brachte er Soldaten mit, unter denen einer mit Namen Ferrantino degli Argenti aus Spoleto war, den der Schreiber dieser Zeilen und viele andere ungefähr um das Jahr 1390 als Vollstreckungsbeamten von Florenz sahen, wo er sich dadurch auszeichnete, daß er ein Pferd ritt, dessen Kreuzgurte so übermäßig groß waren, daß ihre Lederriemen gut und gern eine Viertelarmlänge breit waren. Nachdem eine Burg im Gebiet von Todi von einem Edelmann aus der Gegend genommen worden war, mußten alle Soldaten des Kardinals dorthin reiten; unter ihnen befand sich besagter Ferrantino. In der Gegend der Burg richteten sie so viel Schaden wie möglich an, ohne sie jedoch wiederzuerobern, und wie sie nach Todi zurückkehrten, setzte ein mächtiger Regenguß ein, der alle bis auf die Haut durchnäßte, und Ferrantino wurde noch mehr durchnäßt als irgendein anderer, weil seine Kleidungsstücke aus irischer Serge zu sein schienen, denn so abgetragen waren sie. So durchnäßt zog er in Todi ein und stieg vor einem Häuschen ab, das er gemietet hatte, und sagte seinem kleinen Pagen, er solle die Pferde in den Stall bringen. Er selbst suchte im ganzen Haus herum, ob er Feuer oder Holz zum Feuermachen finden würde; aber er fand nichts, weil er ja nur ein armer Schildknappe war und sein Haus nur eine Armeleutewohnung. Als er dies merkte und sah, wie er ganz durchnäßt und erfroren war, sagte er: »So kann ich nicht bleiben.« Schnell ging er hinaus, und von Tür zu Tür steckte er seinen Kopf hinein und stieg die Treppen hinauf und suchte in den anderen Häusern, ob er irgendwo ein Feuer fände, wo er sich einnisten könnte, um sich zu trocknen. Wie er so von Haus zu Haus ging, kam er zufällig an eine Tür: hier trat er ein, ging hinauf und fand in der Küche ein mächtiges Feuer mit zwei vollen Kochtöpfen und einem Bratspieß mit Kapaunen und Rebhühnern, den ein recht anmutiges junges Mädchen umdrehte. Sie stammte aus Perugia und hieß Caterina. Wie sie Ferrantino so plötzlich in ihre Küche kommen sah, wurde sie fast ohnmächtig und fragte: »Was willst du?« Und er sagte: »Ich komme grade aus dem und dem Orte und bin ganz durchnäßt, wie du siehst. In meinem Haus ist kein Feuer, und ich kann nicht länger warten, sonst sterbe ich. Daher bitte ich dich, laß mich mich trocknen, und dann werde ich wieder weggehen.« »Trockne dich schnell«, erwiderte das Mädchen, »und geh mit Gott: denn wenn Messer Francesco, der eine große Gesellschaft zum Abendessen bei sich hat, zurückkommt, würde er nicht einverstanden sein und würde mich tüchtig prügeln.« »Ich will es tun«, sagte Ferrantino; »aber wer ist denn dieser Messer Francesco?« Sie antwortete: »Messer Francesco aus Narni, der Domherr, wohnt in diesem Hause.« »Oh«, meinte Ferrantino, »ich bin doch sein bester Freund« (und dabei kannte er ihn überhaupt nicht). Das Mädchen fuhr fort: »Ei, mach schnell, denn ich bin trotzdem in großer Unruhe.« »Hab keine Angst«, erwiderte Ferrantino, »denn ich werde bald trocken sein.« In dem Augenblick kam Messer Francesco nach Hause, und wie er in die Küche ging, um nach dem Essen zu sehen, bemerkte er Ferrantino, der sich trocknete, und sagte: »Was machst du hier? Wer ist der Mann?« Und Ferrantino sagte: »Was ist los? Wie bitte?« Worauf Messer Francesco: »Gott verwünsche dich! Du mußt ein Spitzbube sein, wenn du in die Häuser fremder Leute eindringst. Mach schnell, daß du hinauskommst!« » O Pater reverende «, erwiderte Ferrantino, » patientia vestra , bis ich trocken bin!« »Wie?« sagte der Domherr, » Pater merdende ?« Ich sage dir, mach, daß du hinauskommst, in deinem Interesse!« »Ich trockne mich gerade.« »Ich sage dir, du sollst aus dem Hause gehn; sonst werde ich dich als Dieb anzeigen.« Und Ferrantino erwiderte: »O Priester Gottes, miserere mei !« und rührte sich nicht. Als Messer Francesco sah, daß er nicht fortging, ergriff er einen Degen und sprach: »Bei Gott, ich werde schon sehen, ob du mir zum Trotz im Hause bleiben wirst«, und stürzte sich mit dem Degen auf Ferrantino. Wie er das sah, stand Ferrantino auf, legte die Hand an seinen Degen und sagte: » Non truffemini «, zog seinen Degen aus der Scheide und ging auf den Domherrn los, so daß er ihn ins Zimmer zurückdrängte, und Ferrantino drängte nach, und so befanden sich beide in dem Zimmer und plänkelten miteinander, ohne sich zu berühren. Als Messer Francesco sah, daß er nicht imstande sei, ihn hinauszujagen, auch nicht, obwohl er zum Degen gegriffen hatte, und wie Ferrantino mit seiner Waffe herumfuchtelte, sagte der Domherr: »Bei Gott, ich werde sofort gehen und dich bei dem Kardinal anklagen.« Ferrantino erwiderte: »Ich will auch hingehen.« »Wir wollen beide gehen, wir wollen beide gehen.« Und so gingen beide die Treppe hinunter, und als sie an der Tür ankamen, sagte Francesco zu Ferrantino: »Geh voran!« Ferrantino antwortete: »Ich werde nicht vor Euch gehen, der Ihr ein Diener Christi seid.« Und er redete so, daß Messer Francesco zuerst hinausging. Kaum war dieser draußen, schob Ferrantino die Tür zu und schloß sich innen ein, und als er wieder oben war, warf er so viel Möbel, wie er drinnen finden konnte, die Treppe hinunter, damit die Tür innen gut verrammelt wäre; und so füllte er die ganze Treppe mit Hausrat an, daß zwei Lastträger sie nicht an einem Tage ausgeräumt hätten, und so sicherte er sich, daß die Tür zwar von draußen gerüttelt werden konnte, aber nicht aufgemacht. Als der Domherr sich so ausgesperrt sah, schien es ihm, als sei er in eine üble Lage geraten: denn im Besitz seines gekochten wie des rohen Fleisches sah er einen Menschen, von dem er nicht einmal wußte, wer er war. Und draußen stehend rief er in sehr freundlichem Tone, man möchte ihm doch aufmachen. Ferrantino trat ans Fenster heran und sprach: »Geh mit Gott in deinem eigenen Interesse!« »Ach, mach auf«, sagte der Domherr, und Ferrantino entgegnete: »Ja, ich mache auf«, und er machte den Mund auf. Jener sah, daß sein Besitztum und sein sonstiges Hab und Gut ihm entzogen waren, und daß er noch dazu verspottet wurde; daher ging er zum Kardinal und beklagte sich bei ihm über sein Mißgeschick. Inzwischen kam die Stunde des Abendessens, und die Gäste des Domherrn stellten sich vor dem Hause ein und klopften an die Tür. Ferrantino trat ans Fenster: »Was wollt ihr?« »Wir kommen zum Abendessen zu Messer Francesco.« »Ihr habt euch in der Tür geirrt«, erwiderte Ferrantino, »hier wohnt weder Messer Francesco noch Messer Tedesco.« Sie standen ein wenig wie auf den Kopf geschlagen da; dann kamen sie wieder und klopften nochmals. Ferrantino ging wieder ans Fenster: »Ich habe euch doch gesagt, daß er hier nicht wohnt; wie oft soll ich es euch denn sagen? Wenn ihr nicht macht, daß ihr fortgeht, werfe ich euch etwas auf den Kopf, was stinkt, und es wäre besser, wenn ihr nicht wiedergekommen wäret«, und er warf einen Stein an eine gegenüberliegende Tür, um mächtigen Lärm zu machen. Kurz, die Gäste hielten es für das beste, wegzugehen und zu Hause Abendbrot zu essen, wo sie mit mageren Bissen vorliebnehmen mußten. Der Domherr, der zum Kardinal gegangen war, um sich zu beklagen, und der zu Hause ein so feines Essen vorbereitet hatte, war gezwungen, sich um ein anderes Abendessen und eine andere Unterkunft zu bemühen; und es nützte ihm auch nichts, daß der Kardinal Boten aussandte, um jenem zu sagen, er solle aus dem Hause herausgehen: denn jedesmal wenn jemand an die Tür klopfte, warf Ferrantino einen großen Stein hinunter, so daß jeder rasch wieder fortlief. Als die draußen alle müde waren, sagte Ferrantino zu Caterina: »Mach, daß wir Abendbrot essen: denn jetzt bin ich trocken.« Caterina entgegnete: »Mach du lieber die Tür dem auf, dem das Haus gehört, und geh in dein eignes Haus!« »Dies ist mein Haus«, versetzte er darauf, »dies ist das Haus, das der barmherzige Gott mir gegeben, ja zu dessen Herrn er mich gemacht hat. Willst du, daß ich das Geschenk zurückweise, daß mir ein solcher Herr gemacht hat? Durch deine Worte hast du eine Todsünde begangen!« Aber was sie auch sagte, Ferrantino wollte nicht weggehen, und so mußte sie denn, wohl oder übel, ihm das Essen auf den Tisch setzen und sich neben Ferrantino zu Tisch setzen. Sie aßen beide ausgezeichnet; als sie dann die Überreste der Speisen weggeräumt hatte, fragte Ferrantino: »Wo ist das Schlafzimmer? Wir wollen schlafen gehen.« Caterina erwiderte ihm: »Jetzt bist du trocken und hast den Bauch voll, – und jetzt willst du noch hier schlafen? Wahrhaftig, das ist nicht schön von dir.« »Nun, meine Caterina«, sagte Ferrantino, »wenn ich dadurch, daß ich hierher kam, deine Lage verschlechtert hätte, – was würdest du dann zu mir sagen? Ich habe dich gefunden, wie du für jemand anders als Mädchen gekocht hast, – und ich habe dich wie eine Dame behandelt. Und wenn Messer Francesco und seine Gesellschaft zum Abendessen hierher gekommen wären, wäre dein Teil sehr mager gewesen, wogegen du ihn doch bei mir stark verdoppelt bekommen hast; und außerdem hast du dir das Paradies erobert dadurch, daß du mir geholfen hast, der ich ganz durchnäßt und verhungert war.« »Du brauchst kein Edelmann zu sein«, gab Caterina zur Antwort, »um solche Heldentaten zu vollführen.« »Ich bin ein Edelmann und noch dazu Graf, was die Leute nicht sind, die hier Abendbrot essen sollten, und um so höher muß man schätzen, was du Gutes getan hast: wir wollen schlafen gehen!« Caterina wollte erst nicht; aber schließlich legte sie sich doch mit Ferrantino nieder, und zwar ohne das Bett zu wechseln, weil sie in demselben Bett mit dem Domherrn zu schlafen pflegte. So trocknete Ferrantino sich mit ihr die ganze Nacht, und am Morgen stand er auf und blieb so lange in diesem Hause, wie die Lebensmittel reichten, das heißt mehr als drei Tage. In dieser Zeit lief Messer Francesco in Todi herum; so manche Stunde schaute er dabei von weitem nach seinem Hause und schien ganz aus dem Häuschen. Manchmal schickte er Beobachter aus, um zu erfahren, ob Ferrantino fortgegangen wäre; und wenn jemand an dem Hause vorbeikam, flogen die Steine aus den Fenstern. Als schließlich die Lebensmittel aufgezehrt waren, verließ Ferrantino das Haus durch eine Hintertür; denn durch die Vordertür konnte er wegen der vielen innen davor gestürzten Möbel nicht heraus. Und er ging in sein armes und schlechtversehenes Häuschen, wo sein Page und seine zwei Pferde ziemlich schlecht gegessen hatten, und dort tat er Buße; und Messer Francesco kehrte in sein Haus durch den Hintereingang zurück und hatte statt des Abendessens viel unangenehme Arbeit, denn er mußte alle Möbel wieder wegräumen. Caterina ließ ihn wissen, daß sie sich mit jenem immer gezankt und sich gegen ihn gewehrt hätte und daß sie mit ihm eigentlich nichts hatte zu tun haben wollen. Da ließ der Kardinal auf die Klage des Domherrn hin Ferrantino und Messer Francesco zu sich vorladen und forderte den ersteren auf, sich im Hinblick auf die Anklage zu rechtfertigen, die jener gegen ihn vorgebracht hatte. Zu seiner Verteidigung sagte Ferrantino: »Herr Kardinal, Ihr predigt nichts anderes, als daß wir Mitleid gegen unsern Nächsten haben sollen. Nun bin ich aus dem Kriege ganz durchnäßt heimgekehrt, so daß ich mehr tot als lebendig war. In meinem Hause fand ich kein Feuer und auch nichts anderes Gutes, sterben aber wollte ich nicht. Da geriet ich, so wollte es Gott, in das Haus dieses ausgezeichneten Geistlichen, worin ich ein großes Feuer mit Kochtöpfen und Braten ringsherum fand. Ich setzte mich, um mich zu trocknen, an das Feuer, ohne irgend jemand zu stören oder lästig zu fallen. Da kam er, und er fing an, mich zu beschimpfen, und ich sollte das Haus verlassen. Ich erwiderte ihm mit guten Worten und bat ihn, mich mich trocknen zu lassen; aber das nützte mir nichts: denn mit einem Degen in der Hand stürzte er auf mich los, um mich zu töten. Ich griff, um nicht zu sterben, nach meinem Degen und wehrte mich gegen ihn, bis ich ihn an die Tür nach der Straße drängte. Durch sie ging er hinaus, um mächtig ausholen zu können und mich zu töten, sowie ich zur Tür hinauskäme. Aber ich schloß mich drinnen ein und sperrte ihn so aus, allein aus Furcht vor dem Tode; und in dieser Todesfurcht bin ich (Gott weiß, wie!) bis heute dageblieben. Wenn er mich verurteilen lassen will, so ist das Unrecht auf seiner Seite: denn ich habe hier nichts zu verlieren und könnte nach Hause gehen; aber ich werde von hier nicht eher fortgehen, bevor ich nicht weiß, warum er mich beleidigt hat; denn meiner Meinung nach fühle ich mich durch ihn beleidigt.« Als der Kardinal das gehört hatte, rief er den Domherrn beiseite und sagte zu ihm: »Was willst du tun? Du hast gehört, was er gesagt hat, und du merkst doch, was er für ein Mensch ist. Ich glaube, das beste wäre, wenn ihr Frieden schließen würdet, statt daß du dich mit einem Soldaten herumzankst.« Das sah Messer Francesco ein. Und ebenso rief der Kardinal Ferrantino beiseite und versöhnte ihn gleichfalls; immerhin hat der Domherr Ferrantino eine gute Zeit lang noch mit bösen Blicken betrachtet. So gewann Ferrantino, nachdem er sich getrocknet und drei Tage lang den Bauch vollgeschlagen und mit der Frau des Domherrn seine Lust gehabt hatte, guten Frieden. So möge es jedem Weltkind gehen, das sich die überflüssigen feinen Bissen der Geistlichen aneignet, und so gehe es ihnen immer mit ihren Speisen und Gästen und Weibern, wie es diesem edlen Domherrn ergangen ist! Die kalbende Kuh In einer toskanischen Stadt, die ich aus Schonung so wenig als die Amtleute, von welchen die Rede sein soll, irgend zu bezeichnen gedenke, bestand einst und besteht vielleicht noch ein großes, von Bürgern besetztes Amtsgericht, welches Macht und Auftrag hatte, alle zwischen Bürgern sowohl als Bauern vorfallenden Streitigkeiten zu schlichten und seinen Urteilen Vollzug zu geben. Nun hatten zwei reiche Viehhändler einen Rechtsstreit im Betrage von dreihundert Liren und darüber, welcher vor diesem Amte verhandelt werden sollte, und da derselbe nicht so bald entschieden wurde, als der eine von beiden wünschte, der vielleicht auch fürchtete, es möchte ihm Unrecht geschehen, so gedachte er demjenigen der besagten Amtsrichter, der am meisten gelte und ihm am besten Beistand leisten könne, ein Geschenk zu machen. Als er nun alles wohl überlegt und in Erfahrung gebracht hatte, daß der Richter ein schönes Landgut besitze, das er aber aus Mangel an barem Gelde nicht immer mit dem nötigen Hornvieh zu versehen wisse, so beschloß er, sich ihm anzuvertrauen: ihm einen Besuch zu machen, sich ihm zu empfehlen, damit er ihm die Stange halte und zu seinen Gunsten spreche; ihm auch einen Ochsen zum Geschenk zu machen, deren er eine große Zahl besaß. Gedacht, getan. Der gute Mann ließ sich nicht lange bitten und nahm den Ochsen. Der andere, der mit dem Geschenkgeber des Ochsen in Streit lag und hiervon nichts wußte, hatte einen ähnlichen Einfall und dachte bei sich selbst: Der und der ist der einflußreichste Mann beim Gerichte; ich möchte ihm wohl ein Geschenk machen, damit er mein Recht unterstützte. Auch erwog er die häuslichen Umstände des Mannes, wie er so schöne Ställe habe, um Vieh zu halten, und doch aus Mangel am Gelde keins halte, usw. Demzufolge begab er sich zu ihm, empfahl ihm seine Sache, schenkte ihm eine Kuh und sprach: »Ich hoffe, Ihr werdet sie mir zuliebe in Euern Stall stellen«. Der Richter nahm sie an und hatte nun den Ochsen samt der Kuh, ohne daß der eine von dem Geschenk des andern Kunde hatte. Einige Tage nachher aber, als die Viehhändler ihren Streit vor dem Gerichte verhandelten und die Sache sich zugunsten des einen zu wenden schien, welcher den Ochsen geschenkt hatte, sagten die Beisitzer zu dem ihrer Gefährten, der der einflußreichste war: »Was dich hierin gutdünkt, dünkt auch uns gut«. Der Richter aber schwieg und sprach kein Wort. Als nun der Viehhändler, der dem verstummenden Richter den Ochsen geschenkt hatte, bemerkte, daß er nicht spreche, fuhr er, in der Erwartung, daß er zu seinen Gunsten entscheiden werde, mit der Sprache heraus und sagte: »Was sprichst du nicht, Ochse?« worauf jener antwortete: »Weil die Kuh es nicht zugibt.« Da sah einer den andern an: Was sollte das heißen, was jener sagte? Als sie ihn nun fragten, gab er vor, er habe zu sich selbst gesprochen. Der Richter aber, der von der Kuh gesprochen hatte, erzählte ihnen, es sei eine sprichwörtliche Redensart bei den Viehhändlern, wenn sie im Rechtsstreit begriffen seien, denjenigen, welcher recht behalte, Ochs zu nennen, den aber, welcher den kürzern zöge, Kuh. Es begab sich indes, wie es auch zugehen mochte, daß derjenige, welcher die Kuh geschenkt hatte, im Streit obsiegte, vielleicht darum, weil die Kuh, die dazumal, als sie geschenkt wurde, trächtig gewesen war, um die Zeit des Urteilsspruches ein Kalb geworfen hatte. Der Bauer und der Sperber Es fällt mir ein französischer Bauer ein, dessen List ich doch erzählen muß, die er gegen einen Türsteher des Königs Philipp von Valois übte, weil er aus Habsucht ihm nehmen wollte, was doch der König ihm befohlen hatte zu geben. Als dieser König an der Regierung war und zu Paris wohnte, besaß er einen Sperber, welcher an Schönheit und Vortrefflichkeit alle übertraf, die je an seinem Hofe waren; er hatte Glöckchen von Gold und Silber und alle mit Schmelz überzogen, auf denen die Lilien des königlichen Wappens standen. Einst kam ihm die Lust, wie er häufig zu tun pflegte, spazieren zu gehen, und als sie mit diesem und mit andern Vögeln und Hunden an einen Ort kamen, wo eine Menge von Rebhühnern sich befand, ließ der Falkner des Königs den Sperber, den er in der Hand hielt, auf ein Rebhuhn los, und der Sperber packte es. Man ging weiter und ließ ihn auf ein anderes los; das faßte er aber nicht, was nun daran schuld sein mochte, sei es, daß den Sperber Feigheit anwandelte oder was sonst; und während er sonst so zahm war, daß er immer, wenn er nichts fing, vom Fluge auf die Faust zurückkehrte, tat er nun gerade das Gegenteil: er flog in die Höhe und so weit weg, daß sie ihn ganz aus dem Gesicht verloren. Als der König dies sah, schickte er ungefähr acht seiner Knappen nebst dem Falkner aus, um den Sperber zu verfolgen, bis sie ihn wiederfänden. So gingen sie da- und dorthin und zogen acht Tage umher, ohne eine Spur von ihm aufzufinden, kehrten also nach Paris zurück und meldeten es dem Könige. Darob ward der König sehr betrübt, obwohl es ein mannhafter König war, und beklagte den ganzen Tag den Verlust seines edeln Sperbers. Es dauerte eine geraume Zeit, und niemand zeigte sich, der den Sperber gefangen hätte; da ließ er öffentlich bekanntmachen, wer ihm den besagten Sperber finge und wiederbrächte, würde von ihm zweihundert Franken bekommen; wer ihn aber nicht wiederbrächte, käme an den Galgen. Die Nachricht und das Gerede darüber ging durch das Land, und es dauerte einen ganzen Monat, da kam der Sperber in die Grafschaft N. Dort saß er auf einem Baume, und der obengenannte Landmann, der gerade unter demselben seine Feldarbeit trieb, hörte die Glöckchen. Er trat wie zum Scherz näher, hielt seine rauhe, schwielige Hand hin, und auf eine sonst gar nicht gewöhnliche Lockung kam ihm der Sperber auf die Hand. Der Bauer wußte sich schon über den Klauen, die ihn packten, gar nicht zu helfen; als er aber vollends die Glöckchen mit dem königlichen Wahrzeichen sah, von welchen er durch seine zwei erwachsenen Töchter gehört hatte, war der unerfahrene Mensch vollends ganz außer sich. Er nahm indes die Wurfriemen, ließ seine Hacke liegen, ging nach seinem Hause, schnitt ein Seil vom Saumsattel eines Esels, knüpfte es an die Wurfriemen und band es an eine Stange. Wenn er aber überlegte, wer er war und wie er genötigt sei, den Vogel nach Paris vor den König zu bringen, so wurde es ihm ganz schwach. Da es nun so weit war, kam ein Türsteher des Königs in Geschäften zufällig an seinem Hause vorüber, hörte die Glöckchen und sagte: »Du hast den Sperber des Königs gefangen.« Er antwortete: »Ja, ich glaube.« Da verlangte ihn jener und sprach: »Du würdest ihn verderben, wenn du ihn hintrügest. Gib ihn mir!« Der Bauer antwortete: »Das ist ganz richtig, was Ihr sagt; aber seid so gut und entreißt mir nicht, was mir das Glück verliehen hat! Ich will ihn tragen, so gut ich kann.« Der andere bemühte sich mit Bitten und Drohungen, um ihn von dem Bauer zu bekommen; aber es half nichts. Endlich sagte er: »Nun sieh, wenn du mir den Vogel nicht gibst, so tu mir wenigstens einen Gefallen! Ich stehe gut mit dem König; ich werde dir nützlich sein, worin ich kann; versprich mir aber, daß du mir die Hälfte gibst von dem, was dir der König geben wird!« Der Landmann sagte: »Ich bin's zufrieden.« Und so versprach er's. Der Hofdiener ging nach Paris. Der Bauer fand einen ganz zerrissenen Handschuh von Tuch, schickte an einen in einem benachbarten Orte, welcher sich mit dergleichen Vögeln abgab; der lieh ihm einen Hut; und als der Sperber gefüttert und verkappt war, nahm er den Weg unter die Füße und kam endlich sehr müde, wegen der ungewohnten Last und weil ihm die Edelmannstracht höchst beschwerlich war, in Paris und bei dem König an. Als dieser ihn sah, war er sehr erfreut, seinen Sperber wiedergefunden zu haben, und lachte laut, als er bemerkte, wie seltsam ihn der Bauer in der Hand hielt. Da sprach der König: »Verlange, was du begehrst!« Der Bauer antwortete: »Herr König, dieser Sperber ist mir auf die Hand gesessen; mit Gottes Hilfe habe ich ihn Euch hergebracht, so gut ich konnte; das Geschenk, das ich dafür von Euch verlange, ist, daß Ihr mir fünfzig Prügel oder Peitschenhiebe geben laßt.« Der König verwunderte sich und fragte ihn um den Grund dieser Bitte. Der Bauer sagte nun, wie ein gewisser Türsteher von seinem Gefolge ihm das Versprechen abgedrungen habe. »Er verlangte, ich solle ihm die Hälfte geben von dem, was Eure heilige Krone mir schenke. Laßt also ihm fünfundzwanzig geben und die andern fünfundzwanzig mir! Ich bin zwar ein armer Mann und hätte es wohl nötig für meine zwei heiratsfähigen Töchter, etwas anderes von Euer Gnaden zu erhalten; aber dennoch will ich zufriedener weggehen, wenn ich bekomme, was ich verlange, um den andern das empfangen zu sehen, was er verdient, und wenn ich auch die gleiche Strafe dulden muß, als wenn Ihr mir von Eurem Gold und Eurem Silber gäbet.« Der König war weise und verstand die Rede des ungebildeten Bauern, dachte daher ihn nach Gerechtigkeit zufriedenzustellen und sagte zu seinen Leuten: »Ruft mir den Türsteher herbei!« Er wurde sogleich gerufen, kam vor den König, und dieser fragte ihn: »Bist du dort gewesen, wo dieser Mann den Sperber gefangen hat?« Er antwortete: »Ja, Herr König!« Der König fragte weiter: »Warum hast du ihn nicht überbracht?« Jener versetzte: »Der Bauer ließ es nicht zu.« Der König sprach: »Deine Habsucht ist so weit gegangen, daß du von ihm die Hälfte des Geschenkes begehrtest, das er bekommen würde.« Als der Bauer dies hörte, sagte er: »So war es, gnädiger Herr!« »Und ich«, sagte der König, »schenke diesem Bauern fünfzig Peitschenhiebe auf den bloßen Leib, von welchen du nach dem Vertrage fünfundzwanzig bekommen sollst.« Er befahl einem seiner Gerichtsdiener, ihn sogleich entkleiden zu lassen und zur Ausführung zu schreiten, und so geschah es. Der König ließ ihn nun in Gegenwart des Bauern vor sich kommen und sprach zu diesem: »Ich habe dir die Hälfte des Geschenkes gegeben und dir deine Verpflichtung abgenommen, die du durch dein Versprechen gegen diesen Schurken hattest. Den Rest gebe ich dir allein.« Da wandte er sich zu einem seiner Kämmerer und sprach: »Geh, laß diesem Manne zweihundert Franken geben, daß er seine Töchter verheiraten kann! Und in Zukunft komm nur zu mir, wenn dir etwas fehlt; ich will immer deiner Not abhelfen.« So schied der Bauer glücklich von dannen. Der Meister Türsteher aber nahm sich von den Peitschenhieben eine Warnung, um nicht mehr seinem eigenen Vorteil statt dem seines Königs nachzugehen. Groß war die Gerechtigkeit und Klugheit dieses Königs; aber nicht minder bemerkenswert ist, wie aus dem Munde eines Bauern, der besser eine edle Seele heißen könnte, eine so würdige Bitte kam, um die Habgier des Mannes zu strafen, der auch nie mehr wie früher in Gunst bei König Philipp kam. Alle Glocken läuten Ein ähnlicher Einfall war der folgende, der aber weit mehr Erfolg hatte. Als Francesco de Manfredi Herr von Faenza war, welches er als ein weiser und würdiger Fürst so prunklos beherrschte, daß er mehr ein reicher Bürger als ein regierender Herr schien, geschah es nämlich, daß einer der angesehensten Männer der Stadt ein Landgut besaß, an welches ein Grundstück stieß, das einem armen Landwirt gehörte. Oftmals hatte er es kaufen wollen und ihm deshalb Anträge gemacht, aber stets war ihm dies fehlgeschlagen: denn der arme Mann, der es, so gut er konnte, bestellte und so seinen Unterhalt gewann, hätte lieber sich selbst als sein Stück Land verkauft. Da nun der reiche Bürger sah, daß er in Güte nicht zu seinem Zwecke gelangen könne, gedachte er Gewalt zu gebrauchen, und da nur ein kaum merklicher Graben zwischen seinem Grundstück und dem des Armen die Grenze bildete, so pflügte er alle Jahre, wenn er sein Feld bestellen ließ, einige Furchen darüber hinaus, wodurch er ihn jährlich um mehr als Armeslänge verkürzte. Der arme Mann, der das wohl bemerkte, wagte es doch nicht, ein Wort zu sagen, außer daß er einigen Freunden heimlich sein Leid klagte. In einigen Jahren aber rückte die Sache so weit vorwärts, daß er in kurzer Zeit sein ganzes Eigentum allmählich eingebüßt haben würde, wenn nicht ein Kirschbaum auf seinem Felde gestanden hätte, den zu überschreiten doch allzugewagt schien, weil jedermann wußte, der Kirschbaum stehe auf dem Felde des Armen. Der gute Mann, der sich so berauben sah, wollte vor Unmut und Ärger vergehen; da er sich aber nicht beschweren, ja nicht einmal murren durfte, steckte er sich eines Tages, wie ein Verzweifelter, zwei Goldgulden in Scheidemünze in die Tasche und lief zu allen großen Kirchen in Faenza, wo er sich für Geld und gute Worte versprechen ließ, daß zu einer gewissen Stunde zwischen der Vesper und None alle Glocken geläutet werden sollten. So geschah es wirklich: die Geistlichen nahmen das Geld an, und zur bestimmten Stunde erklangen alle Glocken in hellem Geläute, so daß alles aufhorchte und einer den andern ansah und fragte: »Was bedeutet das?« Unterdessen lief der arme Mann wie außer sich durch die Straßen. Ein jeder, der ihn sah, rief ihm zu: »Heda, was lauft Ihr? Weshalb läuten die Glocken?« Er aber antwortete: »Weil die Gerechtigkeit gestorben ist«, und an einer andern Stelle gab er zur Antwort: »Für die Seele der Gerechtigkeit, welche gestorben ist.« Und so verbreitete er diese Antwort mit dem Schall der Glocken durch die ganze Stadt, so daß endlich der Fürst, als er fragte, warum die Glocken läuteten, zur Antwort erhielt: Man wisse keinen andern Grund als den, welchen ein gewisser Mann angebe, den man durch die Stadt laufen sehe. Darauf schickte der Fürst nach ihm, und er gestellte sich nicht ohne große Furcht. Als der Fürst ihn erblickte, redete er ihn an: »Nun sprich, was soll das heißen, was du in der ganzen Stadt aussprengst, und was bedeutet das Glockengeläute?« Er antwortete: »Mein Gebieter, ich will es Euch sagen; zuvor aber bitte ich, laßt mich Euch empfohlen sein! Euer Bürger N. N. hat meinen Acker kaufen wollen; da ich ihn aber nicht verkaufen wollte, hat er mir alle Jahre, wenn er sein Feld bestellen ließ, bald eine, bald zwei Ellen abpflügen lassen, bis er an einen Kirschbaum gekommen ist: denn da konnte er nicht weitergehen, wenn es nicht zu auffallend werden sollte. Gott habe ihn selig, der ihn gepflanzt hat! Wenn er nicht dagewesen wäre, so hätte mein Nachbar jetzt das ganze Land. Da mir nun von einem so reichen und mächtigen Mann mein Eigentum genommen wurde und ich ein armer Teufel bin, so entschloß ich mich nach langem Kummer und Leidwesen aus lauter Verzweiflung, jene Kirchen zu bezahlen, damit sie für die Seele der gestorbenen Gerechtigkeit läuten möchten.« Als der Fürst dies Witzwort vernahm und hörte, welchen Raub der reiche Bürger verübt hatte, ließ er diesen herbeiholen, und als sich die Wahrheit der Beschuldigung erwies, gab er dem armen Mann nicht nur sein Eigentum zurück, sondern schickte auch Feldmesser dahin, welche ihm von dem Acker des reichen Mannes so viel zumessen mußten, als ihm dieser abgepflügt hatte. Überdies ließ er ihm die zwei Goldgulden zurückzahlen, die er für das Läuten der Glocken ausgelegt hatte. Ser Giovanni Fiorentino Um 1378 Galganos Entsagung In Siena war ein Jüngling mit Namen Galgano, reich und von edlem Geschlechte, geschickt und durchaus in allem erfahren, mannhaft, rüstig, hochherzig, höflich und leutselig gegen jedermann. Dieser Galgano liebte eine Edelfrau aus Siena mit Namen Madonna Minoccia, die Gattin eines edeln Ritters, welcher Messer Stricca hieß. Darum trug besagter Galgano beständig an den Kleidern und sonst das Wahrzeichen seiner ebengenannten Geliebten und machte ihr zuliebe oftmals Turniere und Waffenspiele mit und veranstaltete kostbare Gastmähler. Bei alledem wollte ihn aber Madonna Minoccia niemals erhören, und Galgano wußte gar nicht mehr, was er noch tun und sagen sollte, als er sah, welche Grausamkeit in der Brust dieser seiner Gebieterin waltete, die er viel lieber hatte als sich selbst. Immer bei Festen und Hochzeiten war er hinter ihr her und hielt den Tag für verloren, an dem er sie nicht zu sehen bekommen. Oftmals schickte er an sie durch Mittelspersonen Geschenke und Botschaften, aber niemals wollte die Frau etwas in Empfang nehmen noch anhören, sondern war jedesmal härter als zuvor. So war der besagte Liebende lange Zeit von der heftigsten Liebe und Treue gequält, die er für diese Frau hegte, und oftmals beklagte er sich gegen Amor und sprach: »Ach, mein Gebieter, wie magst du es ertragen, daß ich liebe und nicht geliebt werde? Siehst du nicht, daß dies deinen Geboten zuwiderläuft?« So wollte er oft und viel im Gedenken an die Grausamkeit jener Frau sich der Verzweiflung hingeben. Aber doch beschloß er, sittsamlich das Joch so fortzutragen, bis es Amor einmal gefiele, ihn Gnade finden zu lassen, und gab die Hoffnung nicht auf. Er ließ sich angelegen sein, in Reden und Handlungen ihr gefällig zu sein; sie aber ward nur um so unbeweglicher. Einstmals war Messer Stricca und seine schöne Gemahlin auf einem ihrer Güter bei Siena; der besagte Galgano kam auch vorüber mit einem Sperber auf der Faust und tat, als ginge er auf die Vogeljagd; er wollte aber nur die Frau sehen. So kam er denn an dem Hause vorbei, wo sie war, und als Messer Stricca ihn sah und sogleich erkannte, ging er ihm entgegen und nahm ihn freundschaftlich bei der Hand mit der Bitte, gefälligst mit ihm und seiner Gemahlin zu speisen. Galgano dankte ihm dafür auf das verbindlichste, bat aber, ihn für entschuldigt zu achten. »Denn«, sagte er, »ich muß notwendig irgendwohin gehen.« Darauf sagte Messer Stricca: »So nehmt wenigstens einen Trunk an!« Der Jüngling aber antwortete: »Schönen Dank! Bleibt mit Gott! Ich habe Eile.« Als Messer Stricca seinen Entschluß sah, ließ er ihn hinziehen und ging wieder ins Haus. Galgano aber, als er von Messer Stricca hinweg war, sprach bei sich selbst: »Ach, ich Unglücklicher, warum habe ich nicht angenommen? So hätte ich sie wenigstens gesehen, die mir teurer ist als die ganze Welt.« Während er diesen Gedanken nachhing, steigt eine Elster auf. Darum ließ er den Sperber los; die Elster flog in den Garten Messer Striccas, und der Sperber packte sie in die Klauen. Als Messer Stricca und seine Frau diesen Sperber hörten, liefen sie an das Gartenfenster, und als die Frau die Geschicklichkeit bemerkte, womit der Sperber die Elster faßte, fragte sie, da sie es nicht wußte, wem der Sperber gehöre. Messer Stricca antwortete: »Dieser Sperber hat ein gutes Vorbild an seinem Herrn, denn er gehört dem trefflichsten und vollkommensten Jüngling in ganz Siena.« Die Frau fragte, wer dies sei. »Der Vogel gehört Galgano«, erwiderte ihr Gatte, »welcher eben vorübergegangen ist. Ich bat ihn, bei uns zu speisen, er nahm es aber nicht an. Fürwahr, es ist der anmutigste und rechtschaffenste Jüngling, den ich je gesehen habe.« Sie gingen vom Fenster weg und begaben sich zu Tische. Galgano lockte seinen Sperber zu sich und entfernte sich ebenfalls. Die Frau aber merkte jene Worte und behielt sie im Sinne. Als daher einige Tage darauf Messer Stricca von der Gemeinde von Siena als Gesandter nach Perugia ging und seine Frau allein zu Hause ließ, schickte sie, sobald sie erfahren, daß ihr Mann weggeritten sei, eine Vertraute an Galgano und bat ihn, er möge gefälligst zu ihr kommen, sie wolle mit ihm reden. Als ihm die Botschaft ausgerichtet war, antwortete Galgano, er komme sehr gerne. Als nun Galgano hörte, daß Messer Stricca nach Perugia gegangen sei, machte er sich am Abend zu passender Stunde auf den Weg und ging in das Haus der Frau, die er weit mehr als seine Augen liebte. Als er vor die Frau trat, grüßte er sie ehrerbietig; die Frau aber nahm ihn mit großer Freude bei der Hand, umarmte ihn und sprach: »Sei mir hundertmal willkommen, mein Galgano!« Und ohne weitere Worte gaben sie sich mehrmals den Friedenskuß. Die Frau ließ sodann Zuckerwerk und Wein kommen, und nachdem sie miteinander gegessen und getrunken hatten, nahm ihn die Frau bei der Hand und sprach: »Mein Galgano, es ist Zeit, schlafen zu gehen. Gehen wir daher zu Bette!« Galgano antwortete und sprach: »Madonna, ganz nach Eurem Gefallen!« Als sie in die Kammer getreten waren, pflogen sie vieler schönen und anmutigen Gespräche, worauf die Frau sich entkleidete, zu Bette stieg und dann zu Galgano sagte: »Es scheint mir, du bist ganz verschämt und schüchtern. Was hast du? Gefalle ich dir nicht? Bist du nicht zufrieden? Hast du nicht, was du willst?« Galgano antwortete: »O ja, Madonna, und Gott hätte mir keine größere Gnade erweisen können, als daß ich in Euren Armen ruhen darf.« Während sie so hierüber sprachen, zog er sich aus und stieg in das Bett neben sie, nach der er sich so lange gesehnt hatte. Als er die Decke über sich gezogen, sagte er zu ihr: »Madonna, ich bitte Euch, mir eine Gunst zu gewähren.« Die Frau antwortete: »Mein Galgano, begehre! Vorher aber wünsche ich, daß du mich umarmest.« Er tat es. »Madonna«, sagte er nun weiter, »ich wundere mich sehr, wie Ihr Eurem früheren Betragen zuwider heute mich habt holen lassen, da ich mich so lange Zeit nach Euch gesehnt und Euch nachgefolgt, wo Ihr mich nie sehen und hören mochtet. Was hat Euch jetzt umgestimmt?« »Das will ich dir sagen«, antwortete die Frau. »Vor wenigen Tagen kamst du mit einem Sperber hier vorüber. Mein Mann sagte, er habe dich gesehen und eingeladen, mit uns zu speisen; du nahmst aber nicht an. Nun flog dein Sperber einer Elster nach, und als ich ihn sich so gut halten sah, fragte ich meinen Mann, wem er gehöre. Er antwortete mir, er gehöre dem trefflichsten Jüngling von Siena, und er habe an seinem Herrn ein gutes Vorbild; denn er habe nie einen vollkommeneren jungen Mann gesehen als dich, in jedem Stücke. Bei dieser Gelegenheit lobte er dich mir sehr, und als ich dich so loben hörte und die Neigung kannte, die du für mich hegst, nahm ich mir vor, dich holen zu lassen und meine Sprödigkeit gegen dich aufzugeben. Dies ist der Grund.« Galgano versetzte: »Ist das ganz wahr?« »Allerdings«, sprach die Frau. »Und ist sonst kein Grund dabei?« »Nein«, antwortete die Frau. »Fürwahr«, sagte Galgano, »so verhüte Gott, daß ich Euerm Gatten, der mir so freundlichen Dienst erwiesen, eine Schmach antue!« Er sprang schnell aus dem Bette, zog sich wieder an, nahm Abschied von der Frau und ging seiner Wege. Die Frau sah er in solcher Absicht nie wieder an, bewahrte aber Messer Stricca fortwährend ganz besondere Liebe und Hochachtung. Die Kunst zu lieben (Shakespeare, Die lustigen Weiber von Windsor; Moliere, Die Schule der Frauen) In Rom lebten in dem Hause der Savelli zwei Freunde und Gefährten, wovon der eine Bucciuolo und der andere Pietro Paolo hieß, beide von guter Herkunft und reich an zeitlichen Gütern. Diese beschlossen, der Studien wegen nach Bologna zu gehen, wo der eine bürgerliches, der andere kanonisches Recht hören wollte, und so nahmen sie Abschied von ihren Verwandten, kamen nach Bologna und studierten dort ihrem Vorsatze gemäß eine gute Zeit – der eine weltliches, der andere geistliches Recht. Und wie ihr wißt, hat das kanonische nicht den Umfang wie das römische, weshalb Bucciuolo, welcher das geistliche Recht studierte, früher fertig war als Pietro Paolo mit dem seinigen. Da er nun Lizentiat geworden war, beschloß er nach Rom zurückzukehren und sprach zu Pietro Paolo: »Lieber Bruder, da ich es nun zum Lizentiaten gebracht habe, bin ich entschlossen, nach Hause zu reisen.« Pietro Paolo antwortete: »Ich bitte dich, laß mich nicht hier allein, sondern warte auf mich diesen Winter über; dann im Frühling reisen wir zusammen. Du kannst inzwischen eine andere Wissenschaft lernen: so verlierst du deine Zeit nicht.« Bucciuolo war damit zufrieden und versprach, auf ihn zu warten. Die Zeit nicht zu verlieren ging also Bucciuolo zu seinem Meister und sprach: »Ich habe mich entschlossen, auf meinen Gesellen und Vetter da zu warten, und bitte Euch, mich unterdessen irgendeine andere schöne Wissenschaft zu lehren.« Der Meister versetzte, er sei es zufrieden, und sprach: »Suche dir eine Wissenschaft aus, welche du willst, und ich will sie dich gern lehren.« Da sprach Bucciuolo: »Lieber Meister, ich möchte gern lernen, wie man sich verliebt, und wie man sich dabei zu verhalten hat.« Der Meister entgegnete lächelnd: »Das gefällt mir nicht übel. Du hättest nicht leicht eine Wissenschaft wählen können, womit ich zufriedener gewesen wäre. Begib dich also nächsten Sonntagmorgen in die Kirche der Minoritenbrüder, wenn alle Frauen dort versammelt sind, und gib wohl acht, ob eine ist, die dir wohlgefällt; und findest du eine, so folge ihr von weitem, bis du siehst, wo sie wohnt, und dann komm wieder zu mir! Und dies soll die erste Aufgabe sein, die du zu lernen hast.« Bucciuolo ging, und am folgenden Sonntagmorgen fand er sich nach der Anweisung seines Meisters in der Minoritenkirche ein, um die Frauen zu mustern, welche sich zahlreich genug versammelt hatten. Unter ihnen sah er eine, die ihm sehr gefiel, denn sie war gar schön und reizend. Als sie daher die Kirche verließ, folgte ihr Bucciuolo und sah und merkte sich das Haus, wo sie wohnte, woraus die Dame abnahm, daß dieser Student im Begriffe sei, sich in sie zu verlieben. Bucciuolo ging zu seinem Meister zurück und sprach: »Ich habe getan, was Ihr mir sagtet, und eine gefunden, die mir sehr gefällt.« Darüber hatte der Meister eine große Freude und lachte heimlich über Bucciuolo wegen der Kunst, die er lernen wollte. Dann sprach er zu ihm: »Jetzt mußt du suchen, zwei- oder dreimal täglich anständig an ihrem Fenster vorüberzugehen. Nur halte die Augen bei dir und laß niemand merken, daß du nach ihr hinblickst! Weide dich jedoch so lange an ihrem Anschauen, bis sie deine Neigung gewahrt, und dann komm wieder zu mir! Das soll deine zweite Aufgabe sein.« Hierauf verließ Bucciuolo seinen Meister und begann mit kluger Vorsicht an dem Hause seiner Dame vorüberzugehen, bis sie deutlich erkannte, daß es um ihretwillen geschehe. Da fing sie an, auch nach ihm zu blicken, so daß Bucciuolo anfing, sich bescheiden vor ihr zu verneigen, was sie mehrmals erwiderte, woraus Bucciuolo schloß, daß die Frau ihn liebe. Er berichtete daher seinem Meister alles, worauf dieser antwortete und sprach: »Recht schön; ich bin mit dir zufrieden; bis jetzt hast du dich in allem wohlgehalten. Nun mußt du Mittel suchen, ihr eines jener Weiber zuzuschicken, die in Bologna mit Spitzen, Börsen und dergleichen hausieren. Laß ihr sagen, du stehest ganz zu ihren Diensten; es sei niemand auf der Welt, den du mehr liebest als sie; du seiest gern bereit, alles für sie zu tun, was ihr gefalle. Dann wirst du hören, was sie dir antworten läßt! Und je nachdem du dann von ihr Bescheid erhältst, so komm wieder hierher und erzähle es mir, und ich werde dir sagen, was du weiter zu tun hast.« Bucciuolo begab sich schnell hinweg und machte eine Hausiererin ausfindig, die zu diesem Behuf ganz tauglich war. »Ihr könnt mir einen außerordentlichen Dienst leisten«, sprach er zu ihr, »für den ich Euch gut bezahlen will, so daß Ihr mit mir zufrieden sein sollt.« Die Krämerin antwortete: »Ich will tun, was Ihr von mir fordert, denn ich lebe nur von dem, was ich mir verdiene.« Darauf gab ihr Bucciuolo zwei Gulden mit der Erklärung: »Nun, so bitte ich Euch, daß Ihr mir heute einmal in die Straße Mascarella geht, wo eine junge Frau namens Madonna Giovanna wohnt, die ich über alles in der Welt liebe. Empfehlt mich ihr und sagt ihr, ich sei bereit, alles für sie zu tun, was ihr angenehm sein könnte! Das könnt Ihr dann in allerlei süße Worte einwickeln, wie sie Euch gewiß einfallen. Darum bitte ich Euch, so sehr ich weiß und kann.« Die Alte sagte: »Laßt mich nur machen! Ich will schon den rechten Zeitpunkt finden.« »Geht«, antwortete Bucciuolo; ich erwarte Euch hier.« Die Alte setzte sich gleich mit einem Korb voll Waren in Bewegung und ging damit zu der Frau, die sie unter der Türe sitzen fand, begrüßte sie und sprach sodann: »Madonna, ist Euch vielleicht etwas unter diesen meinen Waren gefällig? Nehmt keck heraus, was Euch gefällt!« Dabei setzte sie sich zu ihr und begann, ihr Schleier, Börsen, Schnüre, Spiegel und anderes dergleichen vorzuzeigen. Nachdem sie vielerlei gesehen hatte, gefiel ihr unter allem besonders eine Börse, und sie sagte: »Wenn ich Geld hätte, würde ich gern diese Börse kaufen.« Die Verkäuferin entgegnete: »Madonna, darauf braucht Ihr durchaus keine Rücksicht zu nehmen. Wählt, was Euch von meinem Krame irgend gefällt! Es ist mir alles schon bezahlt.« Die Frau wunderte sich über diese Worte und über die besondere Freundlichkeit der Alten und fragte sie: »Was wollt Ihr damit sagen, gute Frau? Was bedeuten diese Worte?« Die Alte sprach darauf ganz weinerlich: »Das will ich Euch wohl sagen. Ein Jüngling namens Bucciuolo hat mich hergeschickt. Er liebt Euch und ist Euch mit ganzer Seele ergeben. Es ist nichts auf der Welt, das er nicht für Euch tun würde, wenn es in seiner Macht stünde, und er läßt Euch sagen, daß ihm Gott keine größere Gnade erzeigen könnte, als wenn er ihm ein Gebot von Euch zukommen ließe. In der Tat, mir kommt es vor, als ob er sich ganz verzehrte vor lauter Begierde, mit Euch zu sprechen; und doch habe ich vielleicht nie einen rechtschaffeneren jungen Mann gesehen als ihn.« Als die Frau diese Worte hörte, würde sie ganz rot im Gesicht und sagte, zu der Alten gewendet: »Wenn mich nicht die Rücksicht auf meine Ehre davon abhielte, so wollte ich Euch übel genug zurichten. Schämst du dich nicht, du garstige Alte, einer ehrbaren Frau solche Botschaft zu hinterbringen? Gott möge dich dafür strafen!« Bei diesen Worten nahm die junge Frau das Querholz der Tür zur Hand und wollte sie damit schlagen. »Wenn du je wieder hierher kommst«, rief sie, »so werde ich dich so bedienen, daß nicht mehr viel von dir zu sehen ist.« Das Mütterchen nahm also behende ihren Kram zusammen, ging ihrer Wege und hatte große Angst, sie möchte jene Stange verschmecken, hielt sich auch nicht für sicher, als bis sie wieder bei Bucciuolo angelangt war. Als Bucciuolo sie vor sich sah, fragte er sie, was sie bringe und wie seine Sache stehe. »Schlecht steht sie«, antwortete die Alte; »in meinem Leben bin ich nicht so erschrocken. Kurzum, sie will nichts von dir hören noch sehen. Und hätte ich mich nicht schnell aus dem Staube gemacht, so hätte ich wahrscheinlich eine Türstange zu verspüren gekriegt, die sie in der Hand hatte. Was mich betrifft, so habe ich keine Lust mehr zu ihr zurück, und ich rate auch dir, dich nicht mehr mit diesen Dingen zu befassen.« Bucciuolo blieb ganz trostlos zurück; dann begab er sich schnell zu seinem Meister und erzählte ihm, was ihm begegnet sei. Der Meister tröstete ihn und sprach: »Beruhige dich, Bucciuolo! Kein Baum fällt auf den ersten Streich. Geh heut abend noch einmal vorbei und gib acht, was sie dir für ein Gesicht macht, und ob sie aufgebracht scheint oder nicht! Dann komm wieder und sag es mir!« Bucciuolo machte sich auf und ging nach der Wohnung seiner Geliebten. Diese hatte ihn nicht so bald erblickt, als sie geschwind ihrem Mädchen rief und sprach: »Geh dem Jungen dort nach und sag ihm in meinem Namen, daß er mich heut abend besuche und ja nicht ausbleibe!« Das Mädchen kam zu ihm und sprach: »Mein Herr, Madonna Giovanna bittet Euch, sie diesen Abend zu besuchen, denn sie wünscht Euch zu sprechen.« Bucciuolo war betroffen; doch antwortete er und sprach: »Sag ihr, ich werde mit Freuden kommen.« Alsdann kehrte er schnell zu seinem Meister zurück und hinterbrachte ihm alles. Der Meister wunderte sich und fing an, heimlich zu argwöhnen, ob dies nicht gar seine eigene Frau sei, wie sie es in der Tat war. »Schön«, sprach er zu Bucciuolo, »und wirst du hingehen?« Bucciuolo antwortete: »Freilich.« Da sprach der Meister: »Wenn du dann zu ihr gehst, so rufe doch erst bei mir an!« Bucciuolo sagte: »Es soll geschehen.« Damit ging er. Die junge Frau aber war wirklich die Gattin des Meisters. Bucciuolo wußte das nicht; aber der Meister fing schon an Eifersucht zu empfinden, denn er schlief den Winter über in der Schule, um noch bei Nacht den Studenten Vorlesungen halten zu können, und die Frau war zu Hause allein mit ihrer Magd. Der Meister dachte: »Ich möchte doch nicht, daß der auf meine Kosten studierte. Ich muß doch sehen, dahinterzukommen.« Am Abend kam Bucciuolo und sagte: »Meister, ich gehe jetzt.« Der Meister sagte: »Nun ja, so sei klug!« Bucciuolo entgegnete: »Laßt mich nur machen!« Damit verließ er den Meister. Er hatte sich einen dichten Panzer umgeschnallt, ein scharfes Schwert unter dem Arm, einen guten Dolch an der Seite; so ging er nicht wie ein Unbedachtsamer. Als er weg war, folgte ihm der Meister auf dem Fuß, ohne daß Bucciuolo etwas davon merkte. Er kam an die Tür der Dame, und kaum hatte er angeklopft, so schloß sie ihm auf und ließ ihn ein. Als der Meister merkte, daß es seine Frau war, geriet er ganz außer sich und sprach: »Nun sehe ich wohl, der studiert auf meine Kosten.« Gleich beschloß er, ihn zu ermorden, lief nach der Schule zurück, ergriff ein Schwert und einen Dolch und kam in großer Wut wieder an das Wohnhaus mit dem Vorsatz, sich an Bucciuolo zu vergreifen. Vor der Türe angelangt, begann er mit Ungestüm zu klopfen. Die Frau saß eben mit Bucciuolo am Feuer, und da sie an die Türe klopfen hörte, dachte sie gleich, es sei der Meister, nahm den Bucciuolo und versteckte ihn unter einem Haufen ungetrockneter Wäsche, der auf einem Tische neben dem Fenster lag. Dann lief sie zur Tür und fragte, wer da sei. Der Meister antwortete: »Mach auf! Du kannst dir's wohl denken, schlechtes Weib das du bist!« Die Frau schloß auf, und da sie ihn bewaffnet sah, rief sie: »O Himmel, Herr, was soll das?« Der Meister sprach: »Du weißt wohl, wen du im Hause hast!« »Ich Unglückliche«, sagte sie, »was sprichst du? Bist du von Sinnen? Sucht nach, und wenn Ihr jemand findet, so vierteilt mich! Wie sollte ich jetzt anfangen, was ich doch nie getan habe? Hütet Euch, lieber Herr, daß Euch nicht der böse Feind etwas vorspiegelt, so daß Ihr um Eure Seligkeit kommt!« Der Meister ließ eine Kerze anzünden und begann im Keller zwischen den Fässern zu suchen, stieg dann empor und suchte die ganze Kammer durch, unter dem Bette, durchstach den Strohsack nach allen Seiten und ließ mit einem Worte auch den kleinsten Winkel des Hauses nicht undurchforscht, ohne daß er doch Bucciuolo finden konnte. Seine Frau ging ihm dabei immer mit dem Licht in der Hand zur Seite und sagte oft: »Lieber Meister, schlagt ein Kreuz, denn gewiß hat Euch der Feind Gottes versucht und Euch eine Sache vorgespiegelt, die nimmermehr geschehen kann; denn wenn nur ein Haar an meinem Leibe nach so etwas verlangte, so brächte ich mich selber um. Darum bitte ich Euch um Gottes willen, laßt Euch nicht betören!« Wie nun der Meister Bucciuolo nicht fand und die Frau fortwährend so reden hörte, maß er ihr fast Glauben bei, blies bald darauf seine Kerze aus und ging wieder nach der Schule. Die Frau riegelte sodann geschwind die Türe zu, zog Bucciuolo unter der Wäsche hervor, fachte ein helles Feuer an, bei dem sie dann einen großen fetten Kapaun verspeisten und mehrere Sorten Wein tranken. Während sie so eine vortreffliche Abendmahlzeit hielten, sagte die Frau wiederholt: »Siehst du, dieser mein Mann hat sich nicht träumen lassen, wo du seist.« Nach vielen Scherzen und Kurzweilen nahm ihn die Frau bei der Hand und führte ihn in die Kammer, wo sie miteinander zu Bett gingen und sich in jener Nacht das Vergnügen verschafften, welches beide Teile wünschten, und einander wiederholt gesegneten. Und da die ersehnte Nacht vorüber war und der Morgen anbrach, stand Bucciuolo auf und sagte: »Madonna, ich muß nun von Euch scheiden. Habt Ihr mir noch irgend etwas zu gebieten?« »O ja«, sagte sie, »daß du diesen Abend wiederkommst!« Bucciuolo sagte: »Das soll geschehen.« Hierauf nahm er Abschied, ging hinaus und kehrte zur Schule zurück, wo er zu dem Meister sagte: »Ich habe Euch etwas zu erzählen, worüber Ihr genug lachen werdet.« »Wieso?« antwortete der Lehrer. »Gestern abend«, sagte Bucciuolo, »als ich bei ihr im Hause war, siehe, da kommt der Mann, sucht das ganze Haus durch und weiß mich doch nicht zu finden. Sie hatte mich unter einem Berg von Wäsche versteckt, die noch getrocknet werden sollte, und kurzum, sie wußte so klug zu sprechen, daß er endlich hinwegging; so daß wir nachher einen dicken Kapaun verzehrten und feine Weine tranken mit der größten Heiterkeit und Wonne, die Ihr Euch nur denken könnt, und so blieben wir munter und machten uns gute Zeit bis zum Morgen. Da ich nun die ganze Nacht wenig geschlafen habe, will ich mich jetzt zur Ruhe legen, denn ich habe ihr versprochen, diesen Abend wieder zu ihr zu kommen.« Der Meister sagte: »Wenn du hingehst, so künde es mir doch an!« Bucciuolo antwortete: »Herzlich gern!« Darauf verließ er ihn. Der Meister aber war ganz von Zorn entbrannt, daß er sich vor Schmerz nicht zu fassen wußte und den ganzen Tag nicht imstande war, eine Vorlesung zu halten, so sehr war sein Herz in Anspruch genommen. Immer dachte er daran, wie er ihn am nächsten Abend erreichen werde, und borgte sich einen Panzer und eine Pickelhaube. Als es an der Zeit war, begab sich der sorglose Bucciuolo zu seinem Lehrer und sagte: »Jetzt gehe ich.« Der Meister sprach: »Geh nur und komm morgen früh wieder und erzähle mir, wie es dir ergangen ist!« Bucciuolo antwortete: »Das will ich tun.« Dann machte er sich ungesäumt auf den Weg nach dem Hause der Frau. Der Meister aber legte alsbald seine Waffen an, folgte dem Bucciuolo fast auf dem Fuße und gedachte ihn noch unter der Tür zu erwischen. Die Frau aber hatte ihren Liebhaber erwartet, ließ ihn ein und verschloß die Tür wieder. Der Meister kam im Augenblick darauf und begann zu pochen und einen gewaltigen Lärm zu machen. Die Frau löschte schnell das Licht aus, schob den Bucciuolo hinter sich, schloß die Tür auf und umarmte ihren Gemahl, während sie mit dem andern Arm den Bucciuolo hinausschob, ohne daß ihr Mann es merkte. Dann fing sie an zu schreien: »Herbei, herbei, der Meister ist toll geworden!« Dabei hielt sie ihn fest umschlungen. Die Nachbarn liefen auf den Lärm herbei, und da sie den Meister so bewaffnet sahen und die Frau rufen hörten: »Haltet ihn, denn er ist übergeschnappt vom vielen Studieren!«, glaubten sie es und waren der Überzeugung, daß er von Sinnen sei. Sie fingen daher an und sprachen: »Ei, Meister, was soll das bedeuten? Geht zu Bette, um auszuruhen, und strengt Euch nicht weiter an!« Der Meister sagte: »Wie soll ich zur Ruhe kommen, wenn das schlechte Weib einen Mann im Hause hat, den ich selbst hereinschleichen sah?« Da rief die Frau: »Ich unglückliches Weib! Fragt alle diese Nachbarn, ob sie mir den geringsten Fehltritt nachsagen können!« Da antworteten Männer und Frauen aus einem Munde: »Meister, habt doch nicht solche Gedanken! Es ward ja nie eine bessere Frau geboren als diese, von reinem Sitten und unbefleckterm Ruf.« »Was?« rief der Meister. »Wenn ich nun selbst einen hereinschleichen sah und weiß, daß er hier ist ?« Unterdessen kamen zwei Brüder der Frau. Da fing sie gleich an zu weinen und sprach: »Liebe Brüder, seht her, mein Mann da ist übergeschnappt und will mich ums Leben bringen, weil er behauptet, ich habe einen Mann im Hause. Ihr wißt doch wohl, daß ich nicht derart bin, daß man mir derlei vorwerfen kann.« Die Brüder sprachen: »Wir wundern uns sehr, wie Ihr unsere Schwester hier ein schlechtes Weib nennen dürft. Was bringt Euch denn heute so plötzlich gegen sie auf, da sie doch schon so lange mit Euch zusammenlebt?« Der Meister erwiderte: »Ich sage Euch, es ist einer hier im Hause, und ich habe ihn selbst gesehen.« »Wohlan«, antworteten die Brüder, »laßt uns ihn suchen! Und finden wir ihn, so wollen wir so bei ihr aufräumen und sie dergestalt bestrafen, daß Ihr zufrieden sein sollt.« Einer der beiden rief die Schwester beiseite und sprach: »Sage mir die Wahrheit, hast du einen im Hause?« Die Frau erwiderte: »Weh mir, was sagst du? Der Heiland bewahre mich davor und gebe mir eher den Tod, ehe ich auch nur mit einem Härchen mich so etwas gelüsten lasse. Weh, soll ich jetzt begehen, was nie eine aus unserm Hause beging? Schämst du dich nicht, mich nur danach zu fragen?« Den Bruder beruhigte dies sehr, und sie begannen nun zugleich mit dem Meister Haussuchung zu halten. Der Meister stürzte plötzlich auf jene Wäsche los und durchbohrte sie, als fechte er mit Bucciuolo, denn er glaubte, da sei er verborgen. »Hab' ich's euch nicht gesagt«, rief die Frau, »daß der Meister übergeschnappt ist? Die Waschleinwand zu verderben, die ihm nichts zuleide getan hat!« Da sahen die Brüder, daß der Meister von Sinnen sei; und nachdem sie alles genau durchsucht und nichts gefunden hatten, sagte der eine: »Er ist verrückt.« Und der andere sprach: »Meister, in der Tat, lieber Meister, Ihr habt sehr unrecht, unsere Schwester als ein schlechtes Weib hinzustellen.« Darüber geriet der Meister in die äußerste Wut, weil er wußte, was er gesehen hatte, und begann sich mit höchst leidenschaftlichen Worten gegen sie auszulassen, wobei er immer das bloße Schwert in der Hand hielt. Da nahmen die Brüder jeder einen derben Stock in die Hand und prügelten den Meister so reichlich durch, bis sie ihm die beiden Stöcke auf dem Rücken zerbrochen hatten. Dann knebelten sie ihn als einen Verrückten, der, wie sie sagten, vom allzuvielen Studieren übergeschnappt sei, und hielten ihn die ganze Nacht gebunden, während sie sich mit ihrer Schwester zur Ruhe begaben. Am Morgen ließen sie einen Arzt rufen; der verordnete, ihm an der Feuerseite ein Bett zu machen, und befahl, man solle ihn mit niemand reden lassen, ihm auch auf nichts antworten und ihn so lange fasten lassen, bis er wieder bei Verstand wäre; was denn auch pünktlich vollzogen wurde. Das Gerücht verbreitete sich durch Bologna, der Meister sei ein Narr geworden; jedermann bedauerte ihn deshalb, und einer sagte zum andern: »Gewiß, ich habe es schon gestern bemerkt, denn er war nicht imstande, unsere Vorlesung zu halten.« Ein anderer sagte: »Ich sah es ganz, wie er ein anderer Mensch wurde.« Und also erklärten ihn allesamt für einen Verrückten und verabredeten, ihn miteinander zu besuchen. Bucciuolo wußte von alledem nichts und kam zur Schule, um dem Meister auch seine neuesten Erlebnisse mitzuteilen. Dort angelangt, erfuhr er denn, daß der Meister verrückt geworden sei. Bucciuolo erstaunte und betrübte sich darob gar sehr und begleitete die andern nach dem Hause des Meisters. Da begann er aber sich über die Maßen zu verwundern, ja er sank fast in Ohnmacht, als er erkannte, wie es um die Sache beschaffen sei. Damit aber niemand etwas merke, ging er mit den andern hinein. Im Saale angelangt, sah er den Meister ganz erschöpft und gefesselt am Feuer im Bett liegen. Die Studenten drückten dem Meister alle ihr Beileid aus und erklärten ihm, wie sehr sie sein Unglück bedauerten. Als aber die Reihe an Bucciuolo kam, sagte er zu ihm: »Lieber Meister, Ihr tut mir leid wie mein Vater, und wenn ich Euch in irgend etwas gefällig sein kann, so gebietet über mich wie über einen Sohn!« Der Meister antwortete und sprach: »Bucciuolo, Bucciuolo, lauf mit Gott von dannen! Du hast auf meine Kosten studiert.« Die Frau fügte hinzu: »Achtet nicht auf seine Worte, denn er faselt und weiß selber nicht, was er spricht.« Bucciuolo aber ging hinweg, suchte Pietro Paolo auf und sagte: »Lieber Bruder, gehab dich wohl! Ich habe nun so viel gelernt, daß mir der Appetit vergangen ist.« Darauf reiste er ab und kam glücklich nach Rom. Das Hemd der Glücklichen In Neapel war eine edle Dame, Frau Corsina genannt, aus Capovana gebürtig, und einem vornehmen Ritter vermählt, namens Ramondo del Balzo. Nach Gottes Willen geschah es aber, daß sie Witwe ward und ein einziger Sohn ihr verblieb, Carlo geheißen, der in Sprechen und Tun auffallend seinem Vater Messer Ramondo glich, weshalb ihn die Mutter zärtlich liebte und ihn nach Bologna schicken wollte, da zu studieren und ein tüchtiger Mann zu werden, was sie auch tat. Die Mutter gab ihm einen Lehrer bei, versah ihn mit Büchern und allem, was er bedurfte, und schickte ihn in Gottes Namen nach Bologna, wo sie ihn manche Jahre auf ihre Kosten hielt und mit allem Nötigen ausstattete. Der Jüngling studierte auch dort mit vielem Erfolge und ward in kurzer Zeit ein tüchtiger Gelehrter; und fast alle andern Studierenden Bolognas wollten ihm wohl seiner guten Eigenschaften und des schönen und anständigen Lebens wegen, das er führte. Nun geschah es, daß dieser Jüngling, als er sich ausgebildet und die Würde eines Lizentiaten der Rechte erlangt hatte, eben nach Neapel zurückzukehren gedachte, als er einer tödlichen Krankheit verfiel. Alle Ärzte Bolognas bemühten sich um seine Heilung und Rettung, wußten aber den Weg dazu nicht zu finden. Da nun Carlo sah, daß ihm nicht zu helfen sei, sprach er zu sich selber: »Ich traure und betrübe mich nicht so sehr um mich als um meine trostlose Mutter, die alles an mich gewandt hat, was sie besaß, in der Erwartung, daß ich sie dereinst dafür entschädigen würde: ohne Zweifel hoffte sie, ich würde die Stütze ihres Alters sein und die Ehre unseres Hauses aufrechtzuerhalten wissen. Wenn sie nun hört, daß ich gestorben sei und sie mich nicht einmal habe wiedersehen können, das wird ihr gewiß ein tausendfacher Tod sein.« So nahm er sich seine Mutter mehr zu Herzen als sein Sterben. Indem er nun diesen Gedanken nachhing, glaubte er ein Mittel gefunden zu haben, daß sich seine Mutter über seinen Tod nicht betrübe, und schrieb ihr einen Brief dieses Inhalts: »Liebe Mutter, ich bitte Euch, mir doch ein Hemd zu schicken, das von der Hand der muntersten, kummerfreisten und schönsten Frau in ganz Neapel genäht sei.« Diesen Brief erhielt die Mutter, die sich, sobald sie ihn gelesen hatte, sogleich aufmachte, Erkundigungen einzuziehen, wo sie eine Dame, die von allem Kummer frei sei, in kurzer Zeit fände: das letzte schien das Schwierigste, da sie doch voll Eifer war, ihrem Sohn zu dienen. Nun suchte sie so lange, bis sie eine Dame fand, die ihr schön und heiterer schien, als sie sich eine zu finden getraute. Demgemäß begab sich Frau Corsina zutraulich in das Haus dieser jungen Frau, die sie sehr freundlich empfing und sie tausendmal willkommen hieß. Da sprach Frau Corsina zu ihr: »Ihr erratet wohl nicht, warum ich zu Euch komme. Aus keinem andern Grunde, als weil ich bei mir erwogen habe, daß Ihr die heiterste Frau in ganz Neapel seid und meines Erachtens am wenigsten mit Kummer und Trübsal zu schaffen habt, und darum wollte ich Euch um eine große Gefälligkeit ersuchen, nämlich, daß Ihr mir mit eigener schöner Hand ein Hemd säumen möchtet, das ich meinem Sohne schicken will, der mich darum gebeten hat.« Die junge Frau versetzte: »Ihr hättet bei Euch erwogen, sagt Ihr, ich sei die glücklichste Frau in ganz Neapel?« »So ist es«, sprach Frau Corsina. »So will ich Euch denn zeigen«, fuhr jene fort, »daß gerade das Gegenteil der Fall ist, indem ich Euch den Beweis liefere, daß nie ein unglücklicheres Weib geboren ward, die mehr Herzeleid und Kummer hatte als ich. Und damit Ihr Euch davon überzeugt, so kommt mit!« Hiermit nahm sie die Fremde bei der Hand und führte sie in ein Vorzimmer und zeigte ihr einen Jüngling, der mit dem Hals an einem Balken hing. »O Gott, was ist das ?« rief Frau Corsina. Die junge Frau holte einen tiefen Seufzer herauf und sprach: »Frau Corsina, das war ein trefflicher Jüngling, der sich in mich verliebt hatte. Mein Gemahl fand ihn eines Tages bei mir und hing ihn hier auf, wie Ihr ihn da seht, und was mich noch mehr schmerzt, jeden Abend und jeden Morgen zeigt er ihn mir, und ich muß ihn sehen: urteilt selbst, ob es mir beschwerlich und schmerzlich ist, ihn jeden Abend und jeden Morgen sehen zu müssen. Deshalb, wenn Ihr aus einem andern Grunde wünscht, daß ich Euch das Hemd nähe, so will ich es gerne tun, aber nicht, weil ich die glücklichste Frau sei: ich bin vielmehr die unseligste und beklagenswerteste, die je auf der Welt gelebt hat.« Hierüber wunderte sich Frau Corsina sehr und sprach: »Ich sehe wohl, daß es keine Frau gibt, die nicht Leid und Kummer trage, und die am meisten, die am heitersten scheint.« Und so nahm sie Abschied von der jungen Frau, ging nach Hause und schrieb ihrem Sohne, er möge entschuldigen, daß sie ihm das Hemd nicht schicken könne, denn sie finde keine, die nicht Kummer und Leid habe, so viel sie nur tragen könne. Wenige Tage darauf aber meldete ihr ein Brief den Tod ihres Sohnes; da sprach sie als eine verständige Frau zu sich selber: »Ich sehe wohl, daß es keine Frau in der Welt gibt, die keinen Kummer hätte. Auch die Jungfrau Maria hatte Kummer, die doch die Frau aller Frauen war. Darum will ich mich zufrieden geben, da ich sehe, ich bin es nicht allein. Gott verzeihe ihm und vergesse meiner nicht!« Und hiermit beruhigte sie sich und lebte zufrieden und glücklich. Nicolosa Es lebten einst in Florenz – und sie leben noch heute – zwei sehr vornehme Familien, von denen die eine sich Buondelmonti, die andere Acciaiuoli nennt. Ihre Häuser liegen einander gerade gegenüber in einer Straße, die Borgo Santo Apostolo heißt; und beide sind gute, alte Familien. Nun geschah es, daß sie infolge eines bestimmten Streites, der zwischen ihnen entstand, Todfeinde wurden, so daß beide Teile immer mit den Waffen ausgingen, indem sie sich voreinander vorsahen, und alle waren von der äußersten Wachsamkeit. Nun gab es im Hause der Acciaiuoli eine verheiratete Frau, die die keckste und schönste junge Frau von Florenz war und Nicolosa hieß; und ein junger Mann von den Buondelmonti hatte sich stark in sie verliebt. Die Dame konnte nicht in ihr Schlafzimmer gehen, ohne daß er sie von einem seiner Fenster aus gesehen hätte, das gerade gegenüber lag, und oft hatte er sie im Sommer ganz nackt gesehen, wie sie sich aus ihrem Bett erhob. Da dieser Buondelmonte nun von Liebe zu ihr entbrannt und doch mit ihrem Gatten verfeindet war, wußte er nicht, was er machen sollte; aber eines Tages kam er auf den Gedanken, mit einem Mädchen dieser Frau Nicolosa zu sprechen, und so tat er auch. Wie er eines Tages dieses Mädchen auf den Markt gehen sah, rief er sie an und bat sie, ihm einen Gefallen zu tun, wobei er aus seiner Geldtasche sechs Groschen herausnahm und sagte: »Kaufe dir für dies Geld, was du willst!« Das geldgierige Mädchen nahm es und sagte: »Was wollt Ihr von mir?« Buondelmonte erwiderte: »Ich bitte dich, mich Frau Nicolosa zu empfehlen und ihr in meinem Namen zu sagen, daß ich kein anderes Glück in der Welt habe als sie, und daß sie so freundlich sein möchte, Mitleid mit mir zu haben.« »Wie sollte ich ihr das sagen?« antwortete das Mädchen; »denn Ihr wißt doch, daß ihr Gatte Euer Feind ist?« »Mach du dir deswegen keine Sorge«, beruhigte Buondelmonte sie, »sage es ihr trotzdem, und laß mich wissen, was sie dir antworten wird!« »Es wird geschehen«, sprach das Mädchen. Nun geschah es, daß eines Tages, als die Dame zusammen mit dem Mädchen am Fenster stand, das Mädchen tief seufzte, worauf die Dame sie fragte: »Was hast du?« »Gnädige Frau, ich habe nichts«, erwiderte sie. »Ich will, daß du es mir sagst«, fuhr die Dame fort, »denn ohne Grund seufzt man nicht so stark.« »Verzeiht mir, gnädige Frau,« entgegnete das Mädchen, »aber ich werde es Euch nie sagen.« »Du wirst es doch tun«, sagte die Dame, »sonst bin ich mit dir böse.« Das Mädchen antwortete: »Da Ihr durchaus wollt, daß ich es Euch sage, so werde ich es Euch sagen. Die Wahrheit ist, daß dieser Buondelmonte, der hier gegenüber wohnt, mich mehrmals gebeten hat, Euch einen Auftrag von ihm auszurichten, und ich habe es bis jetzt noch nicht gewagt, es zu tun.« »Nun, was hat denn dieser verwünschte Kerl zu dir gesagt?« fragte die Frau. »Er hat mir gesagt, ich sollte Euch mitteilen, daß es keinen Menschen auf der Welt gebe, den er lieber hätte als Euch, und daß es nichts gäbe, was er nicht für Euch tun würde, – so groß ist die Liebe, die er für Euch empfindet; und Ihr möchtet die Freundlichkeit haben, ihn als Euren vertrautesten Diener anzunehmen, da er auf der Welt keinen anderen Gebieter hat als Euch. Und er sagt, daß er es für die größte Gnade halten würde, wenn er etwas tun könnte, was Euch gefiele.« Die Frau antwortete ihr: »Wenn er mit dir noch ein einziges Mal sprechen wird, wirst du ihm ins Gesicht schlagen; und komm mir nicht mehr mit solchen Geschichten: denn du weißt genau, daß er der Feind meines Mannes ist.« Das Mädchen zögerte nicht lange, ging hinaus, winkte Buondelmonte und sagte zu ihm: »Kurz und bündig, sie will von Euch nichts wissen.« Buondelmonte erwiderte: »Wundere dich darüber nicht: denn so machen es die Frauen zuerst immer. Aber sobald du Gelegenheit hast und du sie gut gelaunt findest, sagst du ihr dasselbe noch einmal und fügst hinzu, daß ich ganz verrückt nach ihr bin; und ich verspreche dir, du sollst einen besseren Rock tragen als den da.« »Laßt mich nur tun«, war ihre Antwort. Als eines Tages Frau Nicolosa sich anschickte, ein Fest zu besuchen, und das Mädchen ihr beim Ankleiden half, geschah es durch Zufall, daß sie sich wieder über dasselbe Thema unterhielten, und die Dame fragte sie: »Hat dieser verwünschte Kerl wieder zu dir über mich gesprochen?« Sogleich fing das Mädchen zu weinen an und sagte: »Ich wünschte, ich wäre zu der Stunde und an dem Tage gestorben, wo ich in dies Haus gekommen bin!« »Wie?« fragte die Dame. »Weil Buondelmonte mich unaufhörlich belästigt. Nirgends kann ich hingehen, ohne daß er mich verfolgt und mich mit gekreuzten Armen bittet, Euch zu sagen, daß er sich verzehrt und aus Sehnsucht nach Euch vergeht, und daß er nur glücklich ist, wenn er Euch hört oder sieht oder von Euch sprechen hört. Und niemals sah ich größere Anhänglichkeit als die seine, so daß ich nicht weiß, was ich Euch sagen soll, außer daß ich Euch um Gottes Barmherzigkeit willen bitte, es möge Euch gefallen, mir dieses Ungemach und diese Qual vom Halse zu schaffen, oder daß Ihr mir die Erlaubnis gebt, wegzugehen, damit ich auf Nimmerwiedersehen verschwinden kann; oder ich werde mir das Leben nehmen, um von hier wegzukommen. Denn er versteht es, mich so herzlich und mit solcher Liebenswürdigkeit zu bitten, daß ich nicht weiß, wer ihm widerstehen könnte. Und ich möchte gern, daß es möglich wäre – unbeschadet Eurer Ehre –, daß Ihr ihn bloß ein einziges Mal anhörtet, damit Ihr selbst seht, ob ich die Wahrheit sage oder nicht.« Die Frau entgegnete: »Ist er wirklich so wahnsinnig in mich verliebt, wie du sagst?« »Hundertmal mehr, als ich sage«, antwortete das Mädchen. »Das nächste Mal«, fuhr die Dame fort, »wenn er wieder mit dir spricht, sollst du ihm in meinem Namen sagen, er möchte mir ein Kleid von demselben Stoff schicken, den seine Schwester heute früh in der Kirche trug.« Das Mädchen erwiderte: »Gnädige Frau, ich werde es ihm bestellen.« Und sobald die Dame ausgegangen war, ging sie zu Buondelmonte und erzählte ihm, was ihre Herrin ihr gesagt hatte; »und du bist gescheit«, fügte sie hinzu, »und weißt, was du zu tun hast.« Buondelmontes Antwort war: »Laß mich nur tun und geh mit Gott!« Und sofort kaufte er ein sehr schönes Kleid aus dem Stoff, den sie gewünscht hatte, und als es ihm Zeit zu sein schien, winkte er dem Mädchen und sagte: »Da, bring' es der, der ich angehöre, und sage ihr, daß Stoff, Seele und Körper immer ihr zur Verfügung ständen!« Das Mädchen beeilte sich, das Kleid ihrer Herrin zu bringen, und sprach: »Buondelmonte sagte, Stoff und Seele und Körper stehen immer zu Eurer Verfügung.« Die Dame nahm den Stoff, und nachdem sie ihn sich angesehen hatte, sprach sie: »Geh und sage meinem lieben Buondelmonte meinen besten Dank, und sage ihm, er solle sich bereit halten, zu mir zu kommen, jedesmal wenn ich nach ihm schicke!« Sofort ging das Mädchen zu Buondelmonte und richtete ihm die Bestellung aus, worauf er antwortete: »Sage ihr, daß ich ihr zu jedem Wunsche zur Verfügung stehe!« Nun geschah es, daß die Dame, um ihre Absicht besser ausführen zu können, so tat, als ob sie krank wäre; daher kam der Arzt sogleich zu ihr ins Haus. Die Dame sagte, sie hätte den Wunsch, im Erdgeschoß zu schlafen; worauf der Gatte sogleich unten in einem Zimmer des Erdgeschosses ein Bett und alles Nötige herrichten ließ. Als das Zimmer zurechtgemacht war, schlief sie dort und mit ihr eine Zofe und jenes Mädchen. Ihr Mann fragte jeden Abend, wenn er nach Hause kam, seine Frau, wie es ihr ginge, und hielt sich einige Zeit bei ihr auf; dann ging er zum Schlafen in sein Zimmer. Jeden Morgen und jeden Abend kam der Arzt zu ihr, und dies Zimmer war mit allem versehen, was sie brauchte. Wie es der Dame nun die geeignete Zeit zu sein schien, schickte sie zu Buondelmonte und ließ ihm sagen, er möchte in der kommenden Nacht um die dritte Stunde zu ihr kommen. Dem Buondelmonte schienen es bis dahin noch tausend Jahre zu sein; und als endlich die Stunde kam, verließ er, ordentlich bewaffnet, seine Wohnung und ging zu dem Haus der Dame hinüber; sowie er klopfte, wurde ihm geöffnet, und er trat ein. Nun nahm ihn die Dame bei der Hand, führte ihn in ihr Zimmer, ließ ihn sich neben sie setzen und fragte ihn, wie es ihm ginge. Buondelmonte antwortete: »Gnädige Frau, es geht mir gut, wenn ich in Eurer Gunst stehe.« »Mein lieber Buondelmonte«, sprach sie weiter, »acht Tage bin ich im Bett geblieben, bloß um mein Vorhaben in um so größerer Heimlichkeit ausführen zu können. Und deshalb habe ich ein Bad mit wohlriechenden Kräutern vorbereiten lassen, worin wir baden wollen; und dann werden wir ins Bett gehen.« Buondelmonte erwiderte: »Ich bin mit allem zufrieden, was Euch beliebt.« Darauf ließ sie ihn sich ausziehen und ins Bad steigen, das in einer Ecke des Zimmers stand, verborgen und innen mit einem Laken und von außen mit einer wollenen Decke ausgeschlagen, so daß die Wärme nicht entweichen konnte. Als Buondelmonte nun sich ausgezogen hatte und ins Bad gestiegen war, sagte die Dame: »Jetzt werde ich mich ausziehen, und dann komme ich.« Und sie nahm alle Kleidungsstücke Buondelmontes bis auf die Schuhe und steckte sie in eine ihrer Truhen und verschloß diese dann. Darauf löschte sie das Licht aus, warf sich auf ihr Bett und begann zu schreien: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!« und machte so großen Lärm. Buondelmonte stürzte aus dem Bad, suchte nach seinen Kleidern, fand sie aber nicht. Und da es dunkel war, konnte er den Weg nach der Tür nicht finden; darüber verlor er den Kopf, wie er sich verraten und schon fast tot sah, und kehrte in das Bad zurück. Der Lärm verbreitete sich im Hause, und sogleich kamen Acciaiuolo und seine Diener bewaffnet herunter, und in einem Augenblick waren auch alle seine Freunde da: das ganze Zimmer war voll von Männern und Frauen, und fast das ganze Stadtviertel ergriff die Waffen wegen der dort herrschenden Feindschaften. Ihr könnt euch denken, in welcher Gemütsverfassung Buondelmonte war, wie er sich nackt im Hause seines Feindes sah und seine Feinde bewaffnet im Zimmer hörte. Er befahl seine Seele Gott; dann setzte er sich mit gekreuzten Armen und erwartete noch immer den Tod. Der Ehemann fragte Nicolosa: »Was hast du?« Sie antwortete: »Mir ist plötzlich so schlecht geworden mit einem solchen Schwindel- und Schwächeanfall, daß ich dachte, das Herz im Leibe würde mir ganz zugeschnürt.« Darauf entgegnete der Mann beinahe zornig: »Ich glaubte schon, du lägest im Sterben – so sehr hast du geschrien.« Die Frauen, die um sie herumstanden, rieben ihr die Arme, andere die Füße, die einen mit warmen Tüchern, die anderen mit Rosenwasser; infolgedessen begannen die Männer wegzugehen. Dann sagte der Ehemann: »Das ist ein Anfall meiner Frau, die schon seit mehreren Tagen leidend ist.« Daraufhin entfernten sich alle, und der Ehemann ging wieder nach oben und legte sich ins Bett, während der Frau noch mehrere Frauen Gesellschaft leisteten. Und nach einem Weilchen tat die Frau, als habe sie sich erholt, und verabschiedete die Frauen mit den Worten: »Ich möchte nicht, daß ihr eine schlechte Nacht habt«; und so gingen alle Frauen fort, und sie blieb allein mit der Zofe und dem Mädchen zurück. Daher stand sie auf, ließ ein paar weiße Laken nehmen und das Bett frisch beziehen. Als es ihr Zeit schien, verabschiedete sie die Mädchen, verschloß die Tür des Zimmers, zündete eine Fackel an und ging zu dem Bad, wo sie Buondelmonte halbtot fand. Sie rief ihn, er aber sagte kein Wort. Sie nahm ihn und stieg mit ihm ins Bad, und umarmte ihn mit den Worten: »Mein lieber Buondelmonte, ich bin deine Nicolosa, – warum sprichst du kein Wort zu mir?« Und sie nahm ihn am Hals, zog ihn aus dem Bad, legte ihn ins Bett und versuchte ihn zu wärmen, indem sie mehrmals sagte: »Ich bin deine Nicolosa, nach der du dich so lange Zeit gesehnt hast. Jetzt hast du mich zu freier Verfügung und kannst mit mir machen, was du willst.« Aber er war wirklich so durchgefroren, daß er nicht reden konnte. Nach einiger Zeit jedoch sagte er: »Gnädige Frau, habt die Freundlichkeit, mir die Erlaubnis zu geben, daß ich weggehen darf!« Wie die Dame seine Stimmung sah, stand sie auf, öffnete die Truhe und nahm alle seine Kleider und seine Waffen heraus. Als er sich nun wieder angekleidet hatte, verabschiedete er sich mit den Worten: »Meine gnädige Frau, Gott behüte Euch! Ich habe mein Teil weg!« Und so ging er fort und kehrte nach Hause zurück; wegen der Angst, die er dabei ausgestanden hatte, mußte er aber mehr als einen Monat das Bett hüten. Bald verbreitete sich diese Geschichte unter den Damen, ohne daß man die Namen oder die näheren Umstände mitteilte. Man erzählte bloß, daß eine Dame ihren Liebhaber hinters Licht geführt hätte, und diese Geschichte war fast in ganz Florenz verbreitet. Als Buondelmonte sie erzählen hörte, tat er mehrmals so, als ob sie ihn gar nicht anginge, und schwieg still, indem er die Zeit abwartete. Nun geschah es, daß zwischen den beiden Familien Frieden geschlossen wurde, und während sie erst Feinde waren, wurden sie alle Freunde und Brüder, und besonders die beiden Männer, so daß sie Tag und Nacht zusammen waren. Eines Tages rief Frau Nicolosa ihr Mädchen und sagte zu ihr: »Geh und sage Buondelmonte, daß ich mich sehr über ihn wundere: denn jetzt, wo es sehr leicht möglich sein würde, schickt er mir keine Bestellung mehr.« Das Mädchen ging zu ihm und sprach folgendermaßen: »Meine gnädige Frau wundert sich sehr über dich, daß du jetzt, wo es sehr leicht möglich wäre, ihr keine Bestellung mehr ausrichten läßt.« Darauf antwortete Buondelmonte: »Du wirst Frau Nicolosa sagen, daß ich ihr niemals so ergeben gewesen bin wie jetzt; und wenn sie eines Abends kommen möchte, um mit mir zu schlafen, würde ich das für ein Zeichen ihrer höchsten Huld betrachten.« Das Mädchen verließ ihn und richtete der Dame die Botschaft aus, worauf diese zur Antwort gab: »Sage ihm, daß ich für jeden Wunsch von ihm bereit bin; aber er soll ein Mittel finden, daß mein Mann außer dem Hause schläft, und dann werde ich kommen.« Das Mädchen ging wieder zu ihm und sagte es ihm. Darüber war Buondelmonte sehr zufrieden und meinte: »Bestelle deiner Herrin, sie solle mich nur tun lassen und sich um nichts kümmern!« Und sogleich verabredete er, daß Acciaiuolo zum Abendessen in einen Ort namens Camerata eingeladen wurde, der eine Meile von Florenz entfernt ist, und mit dem Gastgeber machte er ab, daß jener dort übernachten sollte; und so geschah es auch. Während nun der Ehemann der Dame zum Essen abends außerhalb von Florenz war, ging die Dame zum Übernachten zu Buondelmonte, wie verabredet war. Er empfing sie liebenswürdig in einem im Erdgeschoß gelegenen Zimmer, und nach vielen Erzählungen und Belustigungen sprach Buondelmonte zu der Dame: »Geht zu Bett!«, und sogleich zog sie sich aus und legte sich ins Bett. Buondelmonte nahm alle ihre Kleider, öffnete einen Kasten, steckte sie hinein, und dann sagte er: »Ich gehe nach oben, werde aber sofort wiederkommen.« Die Dame sagte: »Geh, aber komm bald wieder!« Er entfernte sich, schloß die Tür des Zimmers hinter sich zu, ging nach oben, zog sich aus, legte sich zu seiner Frau ins Bett und ließ Nicolosa allein. Wie die Dame nun wartete, daß Buondelmonte zurückkäme, und er nicht kam, begann sie sich zu ängstigen; denn sie dachte an das, was sie ihm im Bade getan hatte, und sagte zu sich selbst: »Sicher wird er sich rächen wollen!« Und darauf stand sie auf, suchte ihre Kleider, fand sie aber nicht, bekam noch größere Angst, legte sich wieder ins Bett und war in einem Zustande, den jeder sich denken kann. Gegen Morgen stand Buondelmonte auf und ging fort. Und wie er an die Schwelle seiner Haustür kam, sieht er Acciaiulo, der gerade aus Camerata zurückkehrte, hoch zu Roß, einen Sperber auf der Faust. Sie grüßten sich, und dann stieg jener vom Pferd, nahm Buondelmonte bei der Hand und sagte: »Ich kann dir die erfreuliche Mitteilung machen, daß wir mit vielen Kapaunen, vielen gebratenen Wachteln und mit den besten Weinen, die ich je trank, gefeiert haben. Den ganzen Abend hat man von dir gesprochen; aber man sagte, du habest nicht kommen wollen, denn du hättest einen schönen Abend gehabt.« Ihm erwiderte Buondelmonte: »Heute nacht habe ich zum Schlafen die schönste Frau von Florenz bei mir gehabt, und sie ist noch in dem Zimmer, und niemals genoß ich größere Wonne als heute nacht.« Acciaiuolo entgegnete: »Ich möchte sie gern sehen«, ergriff Buondelmonte am Arm und sagte: »Ich werde nicht eher von dir weggehen, als bis du sie mir gezeigt hast.« »Ich bin damit einverstanden«, erklärte Buondelmonte, »sie dir zu zeigen; aber ich möchte nicht, daß du in meinem Hause irgendein Wort zu ihr sagst; jedoch wenn du willst, werde ich veranlassen, daß du sie vor morgen abend in deinem Hause hast; und dann wirst du jedes Vergnügen, das du willst, dir leisten können.« »Gut, einverstanden!« sagte Acciaiuolo. Und so gingen sie in das Zimmer, worin die Frau sich befand. Als sie ihren Mann hörte, schwanden ihr die Sinne, und sie sprach zu sich selbst: »Jetzt bin ich schön hereingefallen, wie ich es verdiene!« Und sie hielt sich für verloren. Und während sie so ohne Scham in dem Bett lag, stiegen Buondelmonte und ihr Ehemann mit einer brennenden Wachsfackel in der Hand auf das Bett. Buondelmonte ergriff schnell den Umschlag der Decke und bedeckte damit ihr Gesicht, damit ihr Mann sie nicht erkenne; dann trat er an das Fußende des Bettes und begann die Füße und Beine zu enthüllen; dabei stand der eine auf dieser, der andere auf der andern Seite. »Hast du jemals«, fragte Buondelmonte, »schönere und rundere Beine gesehen als diese, die aussehen wie Elfenbein?« Und so enthüllten sie sie Teil für Teil weiter bis zum Busen mit seinen zwei runden festen Brüsten, so daß man nie etwas Schöneres sah. Als sie nun bis zum Busen alles gesehen und mit den Augen und den Händen die höchste Wonne gehabt hatten, löschte Buondelmonte das Licht, ergriff Acciaiuoli und führte ihn hinaus, indem er ihm versprach, daß er die Frau noch vor dem Abend bei sich haben würde. Und Acciaiuolo sagte: »Wahrhaftig, niemals sah ich ein schöneres Wesen als diese, mit einer weißeren und schimmernderen Haut. Woher hast du sie, und wie hast du sie bekommen?« Buondelmonte erwiderte: »Kümmere dich nicht darum, woher ich sie habe«, und dabei kamen sie zur Loggia; dort bildeten sie einen Kreis mit andern Männern, die schon da waren, und unterhielten sich über Angelegenheiten der Gemeinde. Als Buondelmonte sah, daß Acciaiuolo sich eifrig an den Gesprächen beteiligte, entfernte er sich und ging in das Zimmer zurück, öffnete den Kasten, nahm die Kleider der Dame heraus und ließ sie sich wieder anziehen; dann winkte er dem Mädchen, sie sollte ihre Gebieterin abholen und nach Hause begleiten. Er ließ sie zur Hintertür heraus, die auf ein Gäßchen führte, so daß es so aussah, als käme sie aus der Kirche; dann ging sie in ihr Haus, als sei nichts geschehen. Auf diese Weise rächte sich Buondelmonte an Frau Nicolosa, die ihn auf die oben erzählte Weise hinters Licht geführt hatte. Die Freundin des Kardinals In Val di Pesa, im Gebiete von Florenz, lebte einst ein Priester mit Namen Don Placido, welcher wegen einer Beschwerde nach Avignon zu gehen beschloß. Er machte sich daher auf und ging nach Pisa, stieg dort zu Schiff und fuhr nach Nizza in der Provence, wo er landete und in der Herberge eines gewissen Bartolomeo von Siena abstieg. Als der besagte Priester schon im Bette war, kam ein wackerer Knecht desselbigen Wirtes zu ihm an das Bett und sprach zu ihm: »Messere, es sind hier ein Paar Ordensbrüder in der Herberge, von denen der eine sehr krank ist, und da in dieser Gegend die Seuche gehaust hat, ist großer Mangel an Geistlichen. Darum bitte ich Euch, Ihr möget zu ihm kommen und nachsehen, wie es bei ihm steht.« Der Priester antwortete: »Sehr gerne!« Er zog sich eilends an und kam in das Zimmer, wo die beiden Brüder waren. »Messere«, sagte der eine, »ich empfehle Euch diesen meinen Gefährten und Vater.« Darum setzte sich der Priester an das Bett und fing an des kranken Bruders Beichte zu hören, ihn an sein Seelenheil zu mahnen und ihm dringend einzuschärfen, daß er sich mit unserm Herrn Gott aussöhne. Der gute Bruder wollte davon nichts hören, vielmehr starb er kurz darauf wie ein Verzweifelter. Der überlebende jüngere Bruder fing, als er den andern tot sah, laut zu wehklagen an. Der Priester tröstete ihn und bat ihn, sich zu beruhigen, da wir ja alle einmal sterben müssen. Nach kurzem Verweilen nahm er Abschied von dem Bruder, um in sein Zimmer zurückzukehren; aber der Bruder sprach zu ihm: »Messere, ich bitte Euch um Gottes willen, mich nicht zu verlassen und Mittel und Wege zu finden, wie wir diesen Toten bestatten. Erweist ihm doch alle Ehre, die Ihr könnt!« Dann zog er einen Beutel von seiner Seite, worin sich etwa dreißig Gulden Geld befanden, und fuhr fort: »Da, nehmt dies zur Bestreitung der Auslagen und zahlt, was es kostet!« Der Priester nahm den Beutel, ließ Diener und Knecht des Wirtes rufen, gab jedem ein Trinkgeld und schickte sie dann aus, um alles Erforderliche für die Beerdigung zu besorgen. Am Morgen war denn auch schon alles so ehrenvoll als möglich bereit, um den Bruder beizusetzen. Nachdem der Priester alles bezahlt hatte, kehrte er zu dem andern jüngern Bruder zurück, sprach ihm Trost zu und gab ihm den Beutel mit dem übrigen Gelde wieder. Unter Tränen fragte der Bruder den Priester, wohin er gehe. Der Priester antwortete: »Ich gehe nach Avignon.« Der Bruder sprach: »Da würde ich gerne mit Euch gehen.« »Ich bin gerne bereit«, versetzte der Priester, »Euch Gesellschaft zu leisten, denn für jeden von uns ist es besser, in Gesellschaft zu reisen; als allein.« Nun schlug der Bruder wieder die Augen auf, und sein ganzes Gesicht erheiterte sich. Der Priester sah ihn fest an, und er meinte, nie schönere Augen als diese gesehen zu haben. Um euch aufzuklären, muß ich nämlich sagen, daß dieser Bruder ein Weib war und zwar eine Edelfrau aus Viterbo, wie ihr gleich hören werdet. Der Priester war indes der Ansicht, es sei ein Mann, und wunderte sich sehr über die schönen Augen und das feine Gesicht. Sobald sie übereingekommen waren, miteinander zu reisen, gab der Bruder dem Priester fünfzig Gulden mit den Worten: »Macht Ihr den Zahlmeister und befriedigt den Wirt nach seinem Begehren!« Der Priester nahm das Geld und bezahlte den Wirt; darauf stiegen sie zu Pferd und schlugen die Straße nach Avignon ein. Um nicht erkannt zu werden, hatte sich der Bruder möglichst in sein Skapulier versteckt, drückte den Hut ins Gesicht, sprach wenig und ritt immer hintendrein. Der Priester meinte, er tue das aus Betrübnis und Schmerz über den Tod des andern Bruders, fing also an, Liedchen herzusagen und Spaße zu machen, um ihm die Grillen zu vertreiben; der Bruder aber blieb mäuschenstille und hängte nachdenklich den Kopf. Am Abend kamen sie an eine Burg, welche Grassa heißt; dort stiegen sie ab in der Herberge einer Witwe, welche eine vor wenigen Tagen ebenfalls zur Witwe gewordene sehr schöne und anmutige Tochter hatte. Sobald sie abgestiegen waren, faßte die Wirtstochter den Bruder ins Auge und fand Gefallen an seinen feinen, schönen Zügen. Ja, sie verliebte sich wirklich in ihn und konnte nicht satt werden, ihn anzusehen. Der Bruder sprach zu dem Priester: »Laßt Euch eine Schlafkammer geben mit zwei Betten!« Es wurde sogleich besorgt. Der Wirtin Töchterlein kochte am Abend selbst, erwies ihnen große Ehre, scherzte fortwährend mit dem Bruder und bot ihm am Abend mehrerlei Wein an. Der Priester merkte die Sache, tat aber, als sehe er nichts, und sprach bei sich selbst: Mich wundert's nicht, daß das Weibchen in ihn vernarrt ist, denn ich habe wohl lange Zeit kein so schönes Gesicht gesehen. Als sie zu Nacht gegessen hatten, machte der Priester einen Ausgang, um die beiden nicht zu stören. Er dachte, der Bruder sei der Sohn irgendeines reichen Mannes, der nach Avignon gehe, um eine Pfründe zu erlangen; denn es schien ihm, er habe viel Geld. Als es Schlafenszeit war, kam der Priester wieder heim und sagte: »Messere, wollen wir zur Ruhe gehen?« »Ja«, antwortete der Bruder, »wenn es Euch recht ist.« Kaum waren sie in ihrer Schlafkammer, so schickte die Wirtstochter dem Bruder durch einen Burschen eine Schachtel mit Zuckerwerk und einen sehr feinen Wein. Da sagte der Priester lächelnd: »Ihr habt gewiß heute früh Sankt Julians Paternoster gebetet, denn wir könnten keine bessere Herberge, keine schönere und gefälligere Wirtin finden.« So fing er an mit dem Bruder zu scherzen. Der Bruder lachte darüber, sie sprachen einander zu und tranken von dem Weine. »Gewiß«, sagte der Priester, »ich will nie dieses Weges gehen, ohne in dieser Herberge einzusprechen; freilich sollte ich dann auch immer Euch bei mir haben; denn diese Ehre gilt Euch, nicht mir.« Der Bruder sagte lachend: »Fürwahr, das junge Weib ist recht hübsch.« Der Priester antwortete: »Wenn wir sie nur heute nacht zwischen uns beiden liegen hätten!« »Weh«, versetzte der Bruder, »was sagt Ihr?« Der Priester aber sagte: »Es kommt auf den Versuch an.« Die Tochter der Wirtin hatte sich versteckt, um zu erfahren, welches Bett der Bruder wähle, und hörte und sah somit zum Teil ihre Unterhaltung mit an. Die Sittsamkeit des Bruders nahm sie noch mehr für ihn ein, und sie konnte kaum erwarten, bis er zu Bette ging. Der Bruder aber wußte davon nichts, und nachdem sie noch lange gesprochen hatten, legte sich der Priester in eines der Betten und der Bruder in das andere. Als nun die Frau sah und hörte, daß beide eingeschlafen waren, zündete sie ein Licht an, trat ganz leise an das Bett und fing an sich auszukleiden, um sich ihm an die Seite zu legen. Der Bruder hörte es, sah plötzlich auf und erkannte den Besuch. Er löschte daher alsbald das Licht, faßte nach den Kleidern, um nicht entdeckt zu werden, und legte sich neben den Priester außen an sein Bette. Die Wirtstochter schämte sich und schlich leise von dannen. Der Priester merkte nichts von allem und hörte nichts. Nach dem ersten Schlafe aber wollte er sich umdrehen und kam so an den Arm des Mädchens. Er wunderte sich sehr darüber, griff nach ihrer Brust und erkannte daran, daß es ein Weib war. Er meinte, es sei die Wirtstochter, und sagte bei sich selbst: Diese meint wahrscheinlich, sie liege bei dem Bruder, und hat sich in mein Bett verirrt. Nun wahrhaftig, ich will dir schon geben, was du suchst. Alsbald drehte er sich nach ihr um und gab ihr zwei brave Küsse. Der Herr Bruder rührte sich nicht und ließ sich's gefallen. Daher schlief der Priester, auf seiner bisherigen Meinung verharrend, wieder ein; als aber der Morgen kam, wachte der Priester auf und rief nach ihr und sprach: »Wehe, steh auf, es ist bald Tag: daß deine Mutter es nicht merkt!« Der Bruder ersah aus diesen Worten, wie es stehe, und daß der Priester sie noch nicht kenne. Sie saß daher im Bette auf, fing an laut aufzulachen, kleidete sich dann allmählich an, zog das Skapulier über sich und machte das Haar zurecht. Der Priester sah zu und bemerkte, daß es der Bruder sei. Da bekreuzte und segnete er sich, ja er kam fast von Sinnen, als er sie ihren Kopfputz machen sah, denn sie war anzuschauen wie die Sonne, so blond waren ihre Locken. Nun kleideten sie sich an, ließen ihre Pferde satteln, riefen sodann die Wirtin und machten die Zeche, worauf der Priester ihre Schuldigkeit bezahlte. Die Tochter des Wirtes sagte zu dem Priester: »Messere, Euer Begleiter da ist doch gar zu widerspenstig und wild.« »Madonna«, antwortete der Priester, »Ihr kennt ihn nicht; vielmehr habe ich nie einen zahmeren und freundlicheren Begleiter gehabt; aber er versteht sich noch nicht recht aufs Durchkommen.« Die junge Frau sagte: »Das scheint so.« Und so nahmen sie Abschied und gingen ihres Weges. Der Bruder ritt immer voraus, und sooft er sich umdrehte, sah er den Priester zurück. Dieser dachte unaufhörlich über das gehabte Abenteuer nach, das ihm ganz seltsam vorkam. Der Bruder erwartete ihn daher und sprach: »Gestern, Messere, war das Nachdenklichsein an mir; heute scheint die Reihe an Euch gekommen zu sein. Ich mag aber nicht, daß Ihr noch weiter Euch den Kopf zerbrecht, und um Euch aus dem Zweifel zu ziehen, will ich Euch erzählen, wer ich bin und wohin ich gehe. In Wahrheit bin ich ein Weib, wie Ihr wißt, heiße Petruccia und bin die Tochter Vannicellos von Viterbo. Nach dem Tode meiner Eltern blieb ich unter der Pflege meiner beiden Brüder. Nun begab es sich, daß sich Papst Urban, wie Ihr wißt, auf seiner Durchreise in Viterbo aufhielt. Dabei geschah es zufällig, daß ein Kardinal, den Ihr bald sehen werdet, durch Gottes gnädige Fügung in unser Haus kam, wo er mich sah, sich in mich verliebte und nicht nachließ, bis er mich hatte. Und als der Hof von hier nach der Provence übersiedelte, nahm mich der besagte Kardinal mit, behielt mich fortwährend bei sich, erwies mir immer die größte Ehre und hatte mich lieber als sich selbst. Als nun der Papst nach Ponte di Sorga ging, begleitete ihn dieser mein Gebieter und ließ mich mit zwei Kammerfrauen und einem Stallmeister in Avignon zurück. Einer meiner Brüder aber kam auf dem Rückwege von Sankt Jakob nach Avignon und suchte mich dort auf. Als ich eines Samstagmorgens in der Kirche von Sankt Asiderius die Messe hörte, kam mein Bruder auch hin und hatte einen seiner liebsten Kameraden bei sich. Unsere Blicke begegneten sich, und er hatte mich erkannt. Plötzlich packte er mich und schleppte mich an die Rhone auf das Schiff, das er zur Weiterreise gemietet hatte. Sobald wir uns eingeschifft hatten, wurde kein Augenblick versäumt, und es ging weiter nach Arles, nach Marseille, dann nach Nizza, von Nizza nach Genua, weiter nach Livorno und von dort nach Corneto. Oftmals hätte er mich ins Meer gestürzt, wäre nicht sein Begleiter hemmend ihm entgegengetreten; denn unterwegs auf dem Schiffe faßte der eine Neigung zu mir und verlangte mich von meinem Bruder zur Frau: dieser willigte ein, und ich war zufrieden, ihn zum Manne zu bekommen. Wir gingen sodann nach Viterbo, wo er mich unter heiteren Festen heiratete und dann in sein Haus einführte. Das Schicksal ließ ihn aber nur etwa noch einen Monat am Leben, worauf er starb. Gewiß wäre ich nicht weggegangen, wäre nicht sein Tod vorangegangen. Als er nun tot war, kehrte ich in meiner Brüder Haus zurück und blieb daselbst unter großen Mühsalen und Quälereien; denn ich hatte zwei Schwägerinnen im Hause, und ich mußte ihre Magd abgeben; ob jeder Kleinigkeit rückten sie mir vor, ich sei ein schlechtes Weib, und so hatte ich beständig zu leiden. Es begab sich nun eines Tages, daß ich einen Eilboten vorbeikommen sah, der nach Avignon ging. Ich gab ihm einen Brief mit an den Prälaten, worin ich ihm erzählte, auf welche Weise ich weggekommen war und daß ich zurückzukehren wünsche: er solle eine vertraute Person nach mir senden. Er schickte mir auf dies jenen in Nizza verstorbenen Bruder, einen ganz wackern Mann, und versprach ihm, wenn er mich nach Avignon führe, das erste Bistum, das in seiner Heimat aufgehe, solle ihm zuteil werden. Der Bruder kam nach Viterbo und fand Gelegenheit, mich in der Kirche der Augustiner zu sprechen; dort zeigte er mir einen Brief von der Hand des Kardinals und andere Zeichen. Wir setzten darauf unsere Abreise fest. Als alles im reinen war, gingen an einem Festtag meine Schwägerinnen und ich nebst andern Frauen in ein Bad, welches das Bad zur Asinella heißt. Während alle meine Begleiterinnen im Bade saßen, tat ich, als ginge ich einen Augenblick hinaus eines Bedürfnisses wegen, lief aber schnell hinweg und einem Walde zu, in welchem der Bruder mich erwartete. Dort zog ich meine Weiberkleider aus und legte diese Mönchskleider an. Wir bestiegen sodann im Augenblick zwei Pferde, die er bereitgehalten, und waren in fast drei Stunden in Corneto. Dort hatte er einen Schnellsegler bereit, den wir schnell bestiegen, nachdem wir die Pferde zurückgeschickt. Die Matrosen stachen in See, und wir hielten nirgend an, bis wir in Nizza in der Provence waren. Das Meer setzte ihm so zu, daß er umkam, wie Ihr gesehen habt; und er starb in der Tat in Verzweiflung darüber, daß er mich nicht zu seinem Herrn zurückbringen konnte. – Ihr wißt nun, wer ich bin und wo ich hingehe. Wir wollen uns nun angelegen sein lassen, es uns während dieser Reise Wohlsein zu lassen, und alle Gedanken von der Welt verscheuchen.« So geschah es denn auch; sie gönnten sich unterwegs alle Freuden bei Tafel und im Bette, sangen und scherzten, machten kleine Tagereisen, machten sich gute Zeit und führten ein frohes Leben. Ja, die Liebe zwischen dem Bruder und dem Priester wuchs so sehr, daß es nicht zu beschreiben ist, wie sie sich miteinander hielten. Niemals hat jemand eine so vertrauliche Kameradschaft gesehen. Als sie nun nach Avignon kamen, stiegen sie in einer Herberge ab, welche neben dem Palaste jenes Kardinals lag. Am Abend sprach der Bruder zu dem Priester: »Tut, als wäret Ihr mein Vetter und in meiner Gesellschaft gekommen! Dann laßt mich nur weiter machen!« So geschah es. Der Bruder schickte in das Haus des Kardinals nach einem seiner Kammerdiener, welcher Rubinetto hieß. Als der Kammerdiener kam und den Bruder erkannte, erfreuten sie sich sehr aneinander. Der Kammerdiener eilte zum Kardinal mit der Nachricht: »Monsignore, die Petruccia ist da!« Darüber war der Kardinal sehr erfreut und sagte: »Mach, daß sie hier ist, wenn ich von Hof komme, aber gewiß!« Der Kammerdiener brachte ihr ihre Weiberkleider, und der Priester war ihr beim Anziehen derselben behilflich, die ihr denn auch ausnehmend gut standen; und war der Priester zuvor schon in sie verliebt im Mönchskleide, so war er es hundertmal mehr nun in ihrer Frauentracht. Unter vielen Tränen umarmten sie sich hundertmal an jenem Abend, und hernach, als es Zeit war, kam der Kammerdiener, sie in das Gemach des Kardinals abzuholen. Als dieser nach Hause kam, war seine erste Frage, ob die Petruccia da sei, und als er es bestätigen hörte, eilte er in das Zimmer und umarmte und küßte sie hundertmal. Dort sagte sie ihm die ganze Geschichte, wie ihr Bruder sie gewaltsam entführt, und fuhr dann fort: »Ich habe einen mir verwandten Priester zu meiner Sicherheit mitgebracht, der mich Euch zuliebe nicht verlassen wollte, so lästig es ihm auch war, mich hierher zu Euch zu geleiten.« Der Kardinal schickte am Morgen nach dem Priester, dankte ihm, ließ ihm alle seine Bittschriften genehmigen und erwies ihm jede Gnade, die jener nur wünschen konnte; er schenkte ihm auch eine Kleidung und erwies ihm die größte Ehre, solange er in Avignon blieb. Die Liebe der Petruccia zu dem Priester war so groß, daß sie bei dem Kardinal von Morgen bis zum Abend sein Lob sang; und der Kardinal wandte ihm solche Gunst zu, daß er einer der Vornehmsten an seinem Hofe wurde. Nachdem nun der Priester vom Hofe erhalten hatte, was er wollte, entschloß er sich, nach Hause zu kehren, was der Petruccia sehr hart däuchte; doch gab sie sich darein, als sie sah, wie sehr er es wünschte. Beim Abschied führte sie ihn zu einer Kiste, worin sich ein Becken voll Gulden befand, und sagte ihm, er solle daraus nehmen, soviel er wolle. »Meine Petruccia«, antwortete er ihr, »es genügt mir, daß ich deine Gunst mitnehme: weiter begehre ich nichts und mag auch von deinem Gelde dir nichts entziehen.« Als so die Petruccia die glühende Liebe des Priesters sah, zog sie einen sehr schönen Ring vom Finger und gab ihm denselben mit den Worten: »Nehmt und tragt dies zur Erinnerung an meine Liebe, und gebt es keiner, die nicht schöner ist als ich!« Der Priester antwortete: »Das ist so viel als: Behalt ihn immer! Denn nach meinem Dafürhalten ist nie eine Schönere und Lieblichere als du geboren.« Da fiel ihm die Frau unter vielen Tränen um den Hals, und sie schlang die Arme um ihn; sie küßten sich auf den Mund, faßten sich bei der Hand und verabschiedeten sich voneinander. Dann nahm er auch Abschied von dem Kardinal und kehrte in Gottes Namen heim. Wie ein Hahnrei durch Schläge getröstet wird In Florenz lebte einst eine sehr schöne Frau, welche Madonna Isabella hieß und an einen sehr reichen Kaufmann namens Lapo verheiratet war. Sie war die gefeiertste Frau in ganz Florenz, denn es war auch dazumal in der Stadt keine schönere zu finden. Ja ihr Ruf verbreitete sich durch ganz Toskana, so schön, anmutig und wohlgesittet war sie in jedem Stücke. Als nun ein reicher junger Mann von Perugia namens Ceccolo von Cola Raspanti von ihrer Schönheit hörte und vernahm, daß oft ihr zuliebe Turniere veranstaltet werden, bekam er Lust, sie zu sehen und auch um sie zu tjostieren. Er kaufte also Pferde und Turniergeräte, kleidete sich anständig und gut, nahm hinreichend Geld zu sich und ging nach Florenz, wo er im Umgang mit den jungen Männern viel Aufwand machte. Kurz, er wollte sie sehen, und sobald er sie sah, war er plötzlich in sie verliebt und sprach bei sich selbst: Sie ist wahrhaftig noch weit schöner, als ich glaubte. Von nun an tat er sich um sie um, ging häufig vorüber, machte Musik und Gesang und stellte Essen und Gastmähler an, alles ihr zu Ehren. Er ging auf Feste und Hochzeiten und wohin immer die Frau kam, tjostierte, zeigte sich in den Waffen und zu Pferde, kleidete eine Dienerschaft und schenkte Kleider und Rosse hin, – alles ihr zuliebe. Und solange sein Vermögen und sein Geld nachhielt, war er gerne gesehen, und es wurde ihm Ehre erwiesen. Jeden Tag schickte er nach Hause, um von seinen Besitzungen zu verkaufen und zu verpfänden und den Aufwand durchführen zu können, den er angefangen hatte. Das ging wohl eine Weile. Da es aber nicht mehr länger dauern konnte, sah er sich auf dem Punkte, daß er nichts besaß, und doch konnte er nicht von Florenz loskommen, so heftig war seine Liebe zu jener Frau. Als er nun nichts mehr zu leben hatte, beschloß er eines Tages, sich dem Gatten der Frau als Knecht anzutragen. Und wie er sich vorgestellt, so geschah es: es gelang ihm, als Knecht bei Lapo, dem Gemahl jener Madonna Isabella, unterzukommen. Dieser benutzte ihn zu allem möglichen: er mußte ihn auf dem Land und in Florenz bei allen Gängen begleiten. Lapo hatte auch an ihm einen guten Begleiter und Diener und wendete ihm deshalb große Liebe zu, da er seinen Witz und seine Erfahrung kennenlernte. Und so blieb er eine gute Weile bei diesem Lapo. Dieser Ceccolo war nun fortwährend entflammt von der Liebe zu der Frau, und da er sie eines Tages allein fand, sprach er zu ihr: »Madonna, ich empfehle mich Euch. Es gibt kein Geschöpf auf dieser Welt, gegen das ich so viel Liebe und Verehrung gehegt habe und noch hege als gegen Euch, und Ihr habt schon früher bemerken können, ob das wahr ist oder nicht; denn aus Liebe zu Euch habe ich alles, was ich auf der Welt besaß, verschwendet und halte es für die größte Gnade, hier Euch als Knecht zu dienen; so habe ich wenigstens oft Gelegenheit, Euch zu sehen.« »Glaube nicht«, antwortete die Frau, »daß ich vergessen habe, was du alles schon für mich getan hast; ich meinte aber, du habest es vergessen, da du nie etwas zu mir gesagt noch irgendeine Andeutung gegeben hast.« »Madonna«, erwiderte Ceccolo, »ich wollte nur die Zeit abwarten.« Die Frau sprach: »Mach, daß du heute nacht zu mir ans Bett kommst! Tritt an die Seite links! Wenn ich schlafen sollte, so berühre mich leise mit der Hand, nur daß Lapo dich nicht hört! Ich will die Tür offenlassen und das Licht auslöschen. Komm nur kecklich und unbesorgt und laß mich machen!« Ceccolo sprach: »Madonna, es soll geschehen.« Als es Nacht war, ging Ceccolo um die bezeichnete Stunde hin, fand die Kammertür offen und das Licht ausgelöscht, schlich sich daher an die andere Seite des Bettes, ganz nach Isabellas Angabe, und nahm sie bei der Hand. Die Frau erwachte nun, faßte ihn sachte beim Arm, hielt ihn fest und rief dann ihren Mann. »Ich muß dir doch auch sagen«, sprach sie, »was du für wackere Diener im Hause hast. Da kam heute der Ceccolo zu mir und ging mich um unkeusche Liebe an. Damit du ihn nun packen könntest, sagte ich zu ihm, ich wolle heute nacht zu ihm in die Laube kommen. Wenn du ihn also ertappen willst, so zieh meine Kleider an, nimm ein Handtuch, wickle es um den Kopf und geh hinab in die Laube. Du wirst sehen, er kommt hin in der Meinung, mich zu treffen, und du wirst finden, ob ich die Wahrheit sage.« Lapo stand auf, zog die Kleider seiner Frau an und ging in die Laube, Ceccolo zu erwarten. Sobald der Mann weg war, umarmte die Frau Ceccolo und er sie; sie gaben sich der Lust hin, wonach sie sich so lange gesehnt hatten, und gaben sich vielmals die holdesten Küsse. Dann sprach die Frau zu ihm: »Du hast gehört, wie es eingeleitet ist. Geh nun hinunter, schilt ihn weidlich aus, nimm einen Stock mit und miß ihm auf aus dem Salz!« Ceccolo sagte: »Laßt mich nur machen!« Er stand auf, nahm einen Prügel und ging hinab in die Laube, wo er den guten Narren seiner harrend fand. »Schnödes Weib«, rief nun Ceccolo, »wie kannst du glauben, daß ich mich dazu verstehen würde, meinem Herrn eine solche Schmach anzutun? Was ich dir gestern sagte, tat ich nur, um dich auf die Probe zu stellen; aber wie hast du die Unverschämtheit, deinem Mann untreu zu sein? Schämst du dich nicht, da du den besten und rechtschaffensten Mann in der Stadt zum Gatten hast?« Damit schwang er den Stock, den er in der Faust hielt, schlug ihm über die Arme und auf die Hüfte und rief: »Wenn ich nur wieder die geringste Kleinigkeit bemerke, die du jemand in der Welt antust, so sage ich es zu Lapo und mache, daß er dir die Gurgel abschneidet. Und wenn er's nicht tut, so tue ich es.« So zog der arme Mann ganz zerbleut ab; und als er in die Schlafkammer kam, sagte die Frau: »Nun, wie ist's?« »Schlimm ist's bei mir«, antwortete der Gatte, »denn ich bin ganz zermalmt.« »Wehe mir«, sagte die Frau, »hat der verschlagene Bube gar gewagt, Hand an dich zulegen? Gott straf' ihn und send' ihm die Pest!« »Klage nicht«, antwortete der Mann; »ich bin ihm so gut und besser als mir selber.« Die Frau fragte: »Wie kannst du ihn lieber haben als dich selber, wenn du sagst, er habe dich ganz zermalmt?« Sie stand auf, zündete ein Licht an und untersuchte ihm Schultern und Arme, welche ganz blau waren von den Schlägen, die er bekommen hatte. Die Frau stellte sich daher an, als wollte sie aufschreien. »Sei still!«, rief ihr Mann, »laß mich kein Geschrei vernehmen! Wenn er mich totgeschlagen hätte, so ließe ich mir's gefallen nach dem, was er zu mir sagte.« »Gewiß«, fügte die Frau bei, »wird er nun nicht länger im Hause bleiben.« Der Mann aber sagte: »Hüte dich, so lieb dir dein Leben ist, ihm etwas zu sagen! Ich befehle dir vielmehr, ihn Tag und Nacht in deine Schlafkammer zu lassen nach seinem Belieben, da ich bemerkt habe, daß er mich aufrichtig lieb hat. Fürwahr, er soll nicht aus meinem Hause kommen, denn ich glaube, es hat nie ein treuerer Diener auf dieser Welt gelebt.« Am folgenden Morgen ließ Lapo den Ceccolo rufen und sagte: »Ich will, daß du dies als dein Haus betrachtest. Verlaß dich darauf, hier zu leben und zu sterben, und du magst in allen Zimmern aus und ein gehen nach deinem Belieben; denn ich hatte nie einen Diener, dem ich mehr zugetan war als dir.« »Messere«, antwortete Ceccolo, »in allem, was ich getan habe oder tun werde, soll Liebe und Treue mich leiten.« Lapo versetzte: »Das bin ich versichert.« Nun blieb Ceccolo lange Zeit im Hause; er und die Frau pflogen größter Lust und Freude zusammen, und Lapo hegte nie den mindesten Verdacht. Ging er über Feld, so befahl er immer dem Ceccolo seine Frau. So konnten diese lange Zeit alle ihre Wünsche erfüllen, und wenn auch öfters durch eine Stubenfrau Lapo hinterbracht wurde, daß jener ihm Schande antue, so wollte er es doch niemals glauben. Vielmehr sagte er öfters: »Wenn ich ihn auf ihr fände, so glaubte ich's nicht.« So genossen Ceccolo und die Frau ihr Glück ihr Leben lang und hatten die Freude und Wonne dieser Welt. Der Kaufmann von Venedig (Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig) Im Hause der Scali in Florenz befand sich ein Kaufmann namens Bindo, welcher oftmals in Tana und in Alexandrien gewesen war und alle jene großen Reisen gemacht hatte, die man des Handels wegen zu machen pflegt. Dieser Bindo war ziemlich reich und hatte drei erwachsene Söhne. Als er zu sterben kam, rief er den ältesten und den mittlern zu sich, machte in ihrer Gegenwart sein Testament und setzte sie beide zu Erben seiner ganzen irdischen Habe ein, während er dem jüngsten nichts hinterließ. Sobald das Testament fertig war, kam der jüngste Sohn, Giannetto mit Namen, welcher davon gehört hatte, zu ihm an das Bett und sagte zu ihm: »Mein Vater, ich wundere mich sehr über das, was Ihr getan habt, indem Ihr meiner in Eurem Testamente gar nicht gedachtet.« Der Vater antwortete: »Mein Giannetto, ich liebe niemand auf Erden mehr als dich; und darum wünsche ich nicht, daß du nach meinem Tode hier bleibest; vielmehr sollst du, sobald ich gestorben bin, nach Venedig gehen zu einem deiner Taufpaten, dem Herrn Ansaldo, welcher keinen Sohn hat und mir schon mehrmals geschrieben hat, ich solle dich ihm schicken. Ich kann dir sagen, daß er der reichste Kaufmann ist, welcher heutzutage in der ganzen Christenheit lebt. Darum ist es mein Wille, daß du, sobald ich gestorben bin, zu ihm gehst und ihm diesen Brief bringst; und wenn du es recht anzugreifen weißt, wirst du ein reicher Mann werden.« Da sprach der Sohn: »Mein Vater, ich bin bereit, zu tun, was Ihr mir befehlet.« Darauf gab ihm der Vater seinen Segen, und wenige Tage darauf verschied er. Alle seine Söhne erhoben hierüber den heftigsten Jammer und erwiesen dem Leichnam die gebührende Ehre. Wenige Tage später riefen die zwei ältern Brüder den Giannetto zu sich und sagten zu ihm: »Du bist unser Bruder; unser Vater hat zwar ein Testament gemacht und uns zwei zu seinen Erben eingesetzt, ohne deiner irgend zu erwähnen. Nichtsdestoweniger bist du gleichfalls unser Bruder, und darum sollst du jetzt, so gut als wir, an dem Vorhandenen teilhaben.« Giannetto antwortete: »Liebe Brüder, ich danke euch für euer Anerbieten. Aber was mich betrifft, so steht mein Sinn dahin, mein Glück draußen in der Welt zu suchen. Dazu bin ich fest entschlossen, und darum sollt ihr das euch zugeschriebene und gesegnete Erbe behalten.« Seine Entschlossenheit erkennend, gaben sie ihm ein Pferd und Geld für seine Reisebedürfnisse. Giannetto nahm von ihnen Abschied und ging weg nach Venedig. Er kam in das Warenlager des Herrn Ansaldo und übergab ihm den Brief, den ihm sein Vater vor seinem Tode eingehändigt hatte. Als Herr Ansaldo diesen Brief las, erkannte er, daß er der Sohn seines geliebten Bindo war, und sobald er mit dem Lesen fertig war, umarmte er ihn und rief: »Sei mir willkommen, mein teures Kind, wonach ich so sehr verlangt habe!« Sodann war seine erste Frage nach Bindo, worauf ihm Giannetto antwortete, er sei gestorben. Darüber umarmte und küßte er ihn unter vielen Tränen und sprach: »Wohl tut mir der Tod Bindos sehr wehe, da er mir einen großen Teil dessen, was ich habe, gewinnen half. Aber so groß ist die Freude, die ich nun an dir habe, daß sie jenen Schmerz mildert.« Er ließ ihn nach Hause führen und befahl seinen Geschäftsleuten, seinen Ladendienern und seinen sämtlichen Untergebenen und Knechten, Giannetto mehr noch zu gehorchen und zu dienen als ihm selbst. Vor allem überwies er ihm die Schlüssel zu seiner ganzen Barschaft und sagte: »Mein Sohn, alles, was hier ist, kannst du verwenden. Du magst dich kleiden und beschuhen nach deinem Geschmack und die Leute der Stadt zum Essen laden, damit du dich bekannt machst. Wie du es angreifen willst, magst du selbst überlegen; ich werde dich aber um so lieber haben, je mehr du weißt, dich beliebt zu machen.« Giannetto fing nun an, mit den venezianischen Edelleuten umzugehen, ein Haus zu machen, Tafel zu halten, Geschenke zu geben, seine Dienerschaft reich zu kleiden, gute Pferde zu kaufen und Wettkämpfe und Ritterspiele zu üben und in allen Stücken sich erfahren und geübt, hochherzig und feingesittet zu erweisen. Auch verstand er wohl, wo es am Platze war, Ehre und Höflichkeit zu erweisen, und erzeigte dem Herrn Ansaldo stets mehr Ehre, als wenn er hundertmal sein Vater gewesen wäre. Er wußte sich so klug gegen jede Art von Leuten zu stellen, daß fast jedermann in Venedig ihm zugetan war, da man seine große Klugheit und Anmut und seine unbegrenzte Höflichkeit sah. Männer wie Frauen schienen in ihn verliebt, und Herr Ansaldo sah sonst nichts als ihn, so sehr gefiel ihm sein Betragen und seine Aufführung. Darum wurde denn fast kein Fest in Venedig veranstaltet, wozu Giannetto nicht eingeladen worden wäre; so sehr war er bei allen beliebt. Da begab es sich, daß zwei seiner liebsten Gefährten nach Alexandria gehen wollten mit ihren Waren auf zwei Schiffen, wie sie alljährlich zu tun pflegten. Sie sagten es Giannetto und fügten hinzu: »Du solltest dich mit uns des Meeres erfreuen, um die Welt zu sehen und zumal jenes Damaskus und das Land umher.« Giannetto antwortete: »Wahrhaftig, das würde ich sehr gern tun, wenn mein Vater Herr Ansaldo mir dazu Erlaubnis gäbe.« Jene sagten: »Das wollen wir schon machen, daß er sie dir gibt, und er soll damit zufrieden sein.« Sogleich gingen sie zu Herrn Ansaldo und sprachen: »Wir wollen Euch bitten, daß Ihr dem Giannetto gefälligst erlauben möget, mit uns auf das Frühjahr nach Alexandrien zu gehen, und daß Ihr ihm ein Schiff ausrüstet, damit er ein wenig die Welt sehe.« Herr Ansaldo sagte: »Ich bin es zufrieden, wenn es ihm Vergnügen macht.« Jene antworteten: »Herr, es ist sein Wunsch.« Darum ließ ihm Herr Ansaldo sogleich ein sehr schönes Schiff ausrüsten und es mit vielen Waren beladen und mit Flaggen und Waffen hinlänglich versehen. Und nachdem es fertig war, befahl Herr Ansaldo dem Schiffspatron und der Mannschaft, alles zu tun, was Giannetto ihnen befehle und was ihnen aufgetragen werde. »Denn«, sagte er, »ich sende ihn nicht aus, um Gewinn durch ihn zu machen, sondern zu seinem Vergnügen, damit er die Welt sehe.« Und als Giannetto zu Schiffe stieg, lief ganz Venedig hinter ihm her, um ihn zu sehen, da seit langer Zeit kein so schönes und so wohlausgerüstetes Schiff von Venedig weggefahren war. Jedermann bedauerte sein Scheiden. So nahmen er und alle seine Gefährten Abschied von Herrn Ansaldo; sie stiegen zu Schiff und zogen die Segel auf und nahmen ihren Weg nach Alexandria in Gottes Namen und ihrem guten Glück vertrauend. Die drei Gefährten fuhren so in ihren drei Schiffen mehrere Tage hin. Da geschah es eines Morgens vor Tag, daß der besagte Giannetto einen Meerbusen mit einem sehr schönen Hafen wahrnahm und den Schiffspatron fragte, wie dieser Hafen heiße. Er antwortete ihm: »Herr, dieser Ort gehört einer Witwe an, die schon viele edle Männer zugrunde gerichtet hat.« Giannetto fragte: »Wie das?« »Herr«, antwortete jener, »es ist ein schönes, reizendes Weib, die das Gesetz befolgt, daß jeder, der dorthin kommt, bei ihr schlafen muß, und wenn er mit ihr zu schaffen bekommt, so muß er sie zur Frau nehmen und wird Besitzer des Hafens und des ganzen Landes; bringt er sie aber nicht unter sich, so verliert er alles, was er hat.« Giannetto dachte ein wenig still bei sich nach und sagte sodann: »Sieh zu, wie du es machst, daß du mich in den Hafen führst!« Der Patron antwortete: »Herr, bedenkt, was Ihr sagt! Viele sind schon hineingegangen und dadurch auf immer elend geworden.« Giannetto aber sagte: »Mische dich nicht in fremde Dinge, sondern tue, was ich dir sage!« So geschah es denn, daß sie plötzlich das Schiff wendeten und in den Hafen einfuhren, ohne daß ihre Gefährten auf den andern Schiffen etwas davon merkten. Am Morgen verbreitete sich nun die Nachricht, wie dieses schöne Schiff in den Hafen gekommen sei, so daß alles Volk herbeilief, es zu sehen, und der Frau sogleich darüber Meldung geschah. Sie schickte daher zu Giannetto, der unverzüglich zu ihr ging und sie ehrerbietig begrüßte. Sie nahm ihn bei der Hand, fragte ihn, wer er sei, woher er komme und ob er die Sitte des Landes wisse. Giannetto bejahte es und sagte, er sei gerade aus diesem Grunde gekommen. »So seid mir denn hundertmal willkommen«, sagte sie, und erwies ihm den ganzen Tag die größte Ehre und ließ viele Barone, Grafen und Ritter einladen, welche sie unter sich hatte, damit sie ihm Gesellschaft leisteten. Allen Baronen gefiel das Betragen Giannettos sehr sowie auch sein gesittetes, einnehmendes und gesprächiges Wesen, so daß fast jeder sich in ihn verliebte. Den ganzen Tag wurde am Hofe getanzt und gesungen und geschmaust dem Giannetto zu Ehren, und jedem wäre es recht gewesen, ihn zum Gebieter zu bekommen. Als nun der Abend kam, nahm ihn die Frau bei der Hand, führte ihn in ihr Schlafgemach und sagte: »Ich glaube, es ist nun Zeit, zu Bett zu gehen.« Giannetto antwortete:» Edle Frau, ich bin zu Euren Diensten.« Alsbald kamen zwei Jungfrauen, die eine mit Wein, die andere mit Zuckerbackwerk. »Ich weiß«, sagte die Frau, »Ihr werdet Durst bekommen haben. Darum trinkt!« Giannetto nahm von den Süßigkeiten und trank von dem Wein, der, ohne daß jener es wußte, so bereitet war, daß er schlafen machte; er trank davon eine halbe Schale denn er schmeckte ihm; darauf zog er sich sogleich aus und legte sich nieder. Kaum aber hatte er das Bett erreicht, so war er schon eingeschlafen. Die Frau legte sich ihm zur Seite nieder; er merkte es aber nicht bis zum Morgen, als schon die Terzie vorüber war. Darum stand die Frau auf, als es Tag wurde, und ließ anfangen, das Schiff auszuladen, welches sie voll von verschiedenen kostbaren und trefflichen Waren fand. Als nun die Terzie vorüber war, gingen die Kammerfrauen der Dame an das Bett Giannettos, hießen ihn aufstehen und gaben ihm die Weisung, seiner Wege zu gehen, denn er habe das Schiff und alles, was darauf sei, verloren. Darüber schämte er sich, denn er meinte, seine Sachen schlecht gemacht zu haben. Die Frau ließ ihm ein Pferd geben und Geld zur Reise, und so zog er traurig und betrübt von hinnen und wandte sich nach Venedig; daselbst angelangt mochte er aber aus Scham nicht nach Hause gehen, sondern begab sich in der Nacht zu einem seiner Kameraden, der sich sehr verwunderte und sprach: »Wehe, Giannetto! Was ist das?« Dieser erwiderte: »Mein Schiff scheiterte eines Nachts an einer Klippe, so daß alles zerborst und zerschellte und nach allen Seiten hin getrieben wurde. Ich hielt mich an ein Stück Holz, das mich an das Ufer trieb. So bin ich gerettet worden und hierher gekommen.« Giannetto blieb einige Tage in dem Hause dieses seines Freundes, der sodann einmal dem Herrn Ansaldo einen Besuch machte, ihn aber sehr niedergeschlagen antraf. Herr Ansaldo sagte: »Ich fürchte so sehr für das Leben meines lieben Sohnes, oder daß ihm zur See ein Unglück zugestoßen sei, und ich kann weder Rast noch Ruhe finden, so groß ist die Liebe, die ich zu ihm trage.« Jener Jüngling erwiderte: »Ich kann Euch von ihm Kunde bringen: er ist auf dem Meere gestrandet und hat all sein Hab und Gut verloren, er selbst aber ist wohlbehalten davongekommen.« Da sprach Herr Ansaldo: »Gott sei gelobt! Wenn nur er gerettet ist, so bin ich zufrieden. Der Verlust, den er erlitten hat, soll mich nicht grämen. Aber wo ist er?« Der Jüngling antwortete: »Er befindet sich in meinem Hause.« Und alsbald brach Herr Ansaldo auf, um ihn zu sehen. Sobald er ihn erblickte, stürzte er sich in seine Arme und sprach: »Mein lieber Sohn, du brauchst dich nicht vor mir zu schämen, denn das kommt ja häufig vor, daß Schiffe im Meere bersten. Darum gräme dich nicht, mein Sohn, denn ich bin zufrieden, daß dir kein Leid widerfahren ist.« Und hiermit führte er ihn nach Hause, indem er nicht müde werden konnte, ihn zu trösten. Die Neuigkeit verbreitete sich bald durch ganz Venedig, und jeder nahm Anteil an dem Verluste, den Giannetto erlitten hatte. Nun geschah es, daß kurze Zeit darauf seine Gefährten aus Alexandrien zurückkehrten, alle mit reichem Gewinne. Sowie sie angekommen waren, fragten sie nach Giannetto und erfuhren alles. Deshalb liefen sie sogleich hin, ihn zu umarmen, und sagten: »Wie bist du von uns gekommen, und wohin bist du gegangen? Wir konnten gar nichts mehr von dir erfahren; wir sind jenen ganzen Tag rückwärts gesegelt, konnten aber deiner nicht ansichtig werden noch in Erfahrung bringen, wo du hingekommen seiest. Wir haben uns darüber so sehr betrübt, daß wir den ganzen Weg nicht wieder froh werden mochten, denn wir glaubten, du seiest gestorben.« Giannetto antwortete: »Einem Meerbusen gegenüber erhob sich ein heftiger widriger Wind, der mein Schiff in gerader Linie auf eine Klippe trieb, die nahe am Lande war, so daß ich mit knapper Not selbst mein Leben rettete, denn alles ging drunter und drüber.« Dies war der Vorwand, den Giannetto gebrauchte, um seinen Fehltritt zu verbergen. Und nun veranstalteten sie zusammen eine große Festlichkeit, dankten Gott, daß wenigstens er davongekommen sei, und sprachen: »Mit dem nächsten Frühjahr, wenn es Gottes Wille ist, werden wir wiedergewinnen, was du diesmal verloren hast. Darum laß uns jetzt darauf denken, uns eine gute Stunde zu machen und den Trübsinn zu verscheuchen!« Und das ließen sie sich dann auch angelegen sein und waren fröhlich und guter Dinge nach ihrer frühern Gewohnheit. Giannetto aber dachte an nichts, als wie er zu jener Frau zurückkehren könne, sann hin und her und sprach bei sich selbst: »Wahrhaftig, ich muß sie zur Frau erhalten, oder ich will dabei sterben.« So konnte er denn fast gar nicht heiter werden. Darum sagte Herr Ansaldo mehrmals zu ihm: »Scheuche den Trübsinn von dir, denn wir sind ja noch so reich an Hab und Gut, daß wir recht wohl bestehen können.« »Lieber Herr«, antwortete Giannetto, »ich kann mich nicht beruhigen, wenn ich nicht diesen Weg noch einmal mache.« Als nun Ansaldo seinen Willen erkannte und die Zeit gekommen war, befrachtete er ein anderes Schiff mit noch mehr Waren als das erste und von noch höherem Werte, so daß er den größten Teil von dem, was er auf der Welt besaß, ihm anvertraute. Als seine Gefährten ihre Schiffe auch mit dem Nötigen ausgestattet hatten, gingen sie mit Giannetto zusammen in See, ließen die Segel blähen und steuerten ihres Weges. Und während mehrerer Tage, da sie zu Schiff fuhren, paßte Giannetto beständig auf, ob er nicht den Hafen jener Frau wiedersehe, der der Hafen der Frau von Belmonte hieß. Als man nun in einer Nacht an die Mündung jenes Hafens gelangt war, der in einer tiefen Bucht lag, erkannte ihn Giannetto augenblicklich, ließ Segel und Ruder wenden und schlüpfte schnell hinein, ehe noch seine Gefährten auf den andern Schiffen etwas davon bemerkt hatten. Da nun die Herrin des Landes am Morgen aufgestanden war und nach dem Hafen schaute, bemerkte sie die Flagge dieses Schiffes, erkannte sie alsbald, rief eine ihrer Zofen und sprach: »Kennst du diese Flagge?« Die Kammerfrau erwiderte: »Edle Frau, es scheint das Schiff jenes jungen Mannes zu sein, der vor einem Jahr hier ankam und mit seinen Waren uns einen so großen Reichtum hinterließ.« Die Dame sprach: »Gewiß, du sagst die Wahrheit. In der Tat, der muß nicht wenig in mich verliebt sein, denn ich habe noch nie einen zum zweitenmal hierherkommen sehen.« Die Kammerfrau versetzte: »Und ich habe noch keinen höflichern und liebenswürdigern Mann gesehen als ihn.« Die Frau schickte viele Junker und Knappen nach ihm aus, die ihn mit großer Feierlichkeit empfingen, und er selbst begegnete ihnen freundlich und heiter. Und so kam er hinauf in die Burg und vor das Angesicht der Frau. Als sie ihn erblickte, umarmte sie ihn mit großer Lust und Freude, und er umarmte sie wieder mit vieler Ehrerbietigkeit. So verbrachten sie den ganzen Tag in Lust und Wonne, denn die Frau ließ Barone und Frauen in Menge einladen, die an den Hof kamen, um dem Giannetto zuliebe eine Festlichkeit zu veranstalten. Fast allen Baronen tat es leid um ihn, und sie hätten ihn gern zu ihrem Herrn gehabt wegen seines einnehmenden höflichen Wesens, und fast alle Frauen waren in ihn verliebt, als sie sahen, wie zierlich er sich beim Tanze bewegte und sein Gesicht immer heiter glänzte, so daß jeder meinte, er müsse der Sohn irgendeines großen Herrn sein. Als aber die Dame sah, daß es Zeit war schlafen zu gehen, nahm sie Giannetto bei der Hand und sagte: »Gehen wir zur Ruhe!« Darauf gingen sie in die Kammer, setzten sich nieder, und siehe, da kamen zwei Jungfrauen mit Wein und süßem Backwerk; sie tranken und aßen und gingen darauf zu Bette. Sobald er aber im Bette war, schlief er auch ein. Die Frau zog sich aus, legte sich neben ihm nieder, und kurz, er kam nicht wieder zu sich die ganze Nacht. Als der Morgen kam, stand die Frau auf und befahl sogleich, das Schiff abfrachten zu lassen. Sobald nun die Terzie vorüber war, kam Giannetto wieder zu sich und suchte nach der Frau und fand sie nicht. Er fuhr mit dem Kopf in die Höhe und sah, daß es heller Tag war. Deshalb stand er sogleich auf und fing an, sich sehr zu schämen. Dann gab man ihm wieder ein Pferd und Geld auf die Reise und sagte zu ihm: »Geh deiner Wege!« Voll Beschämung zog er von dannen, traurig und niedergeschlagen, ruhte aber nicht eher, bis er nach vielen Tagereisen in Venedig ankam, wo er bei Nacht in das Haus jenes seines Freundes eintrat, der bei seinem Anblick sich auf das äußerste verwunderte und sprach: »Weh mir, was ist das?« Giannetto antwortete: »Das bin ich Unglücklicher! Verwünscht sei mein Schicksal, das mich jemals in dieses Land kommen ließ!« Darauf erwiderte jener Freund: »Du hast wohl Ursache, es zu verwünschen, denn du hast den Herrn Ansaldo zugrunde gerichtet, der der größte und reichste Kaufmann in der Christenheit war, und die Schande ist noch schlimmer als der Schaden.« Giannetto blieb mehrere Tage in dem Hause dieses seines Freundes verborgen und wußte nicht, was er tun noch was er sagen sollte; ja, er war fast willens, nach Florenz zurückzukehren, ohne Herrn Ansaldo ein Wort davon zu sagen. Am Ende aber entschloß er sich doch, zu ihm zu gehen, und so tat er auch. Als Herr Ansaldo ihn erblickte, sprang er auf, stürzte ihm entgegen, umarmte ihn und rief: »Sei mir willkommen, mein Sohn!« Und Giannetto umarmte ihn unter Tränen. Als er alles vernommen hatte, sagte Herr Ansaldo: »Weißt du was, Giannetto? Mache dir darüber nur gar keinen Kummer! Da ich nur dich wieder habe, bin ich zufrieden. Es bleibt uns ja noch so viel übrig, daß wir gemächlich leben können. Es ist nun so des Meeres Brauch, dem einen zu geben, dem andern zu nehmen.« Die Nachricht von diesem Ereignis verbreitete sich durch ganz Venedig; jedermann sprach vom Herrn Ansaldo und beklagte ihn sehr wegen des Verlustes, den er erlitten; und Herr Ansaldo sah sich genötigt, viele Besitzungen zu verkaufen, um die Gläubiger zu bezahlen, die ihm die verlorenen Waren geliefert hatten. Inzwischen kamen Giannettos Reisegefährten mit großen Reichtümern von Alexandria zurück, und kaum in Venedig angelangt, erfuhren sie, daß auch Giannetto zurückgekommen sei, Schiffbruch gelitten und alles verloren habe. Darüber verwunderten sie sich und sprachen: »Das ist der außerordentlichste Fall, der je erhört wurde.« Darauf gingen sie zu Herrn Ansaldo und zu Giannetto, begrüßten sie herzlich und sagten: »Seid unbekümmert, edler Herr! Das nächste Jahr wollen wir ausziehen und zu Eurem Besten arbeiten, denn wir sind fast schuld an diesem Eurem Verluste, da ja wir es waren, die den Giannetto das erstemal verleitet haben, mit uns zu kommen. Darum bedenkt Euch nicht, und solange wir noch irgend etwas unser nennen, betrachtet es wie Euer Eigentum!« Herr Ansaldo dankte ihnen und sagte, er habe bis jetzt wohl noch so viel, um nicht darben zu müssen. Da nun aber Giannetto vom Morgen bis zum Abend jenen Gedanken nachhing und nie heiter werden wollte, so fragte ihn einst Herr Ansaldo, was er habe, und erhielt zur Antwort: »Ich werde nicht eher wieder zufrieden sein, bis ich das wieder erworben, was ich verloren habe.« Da sprach Herr Ansaldo: »Mein Sohn, du darfst mir die Reise nicht noch einmal wagen; denn es ist klüger, wir halten mit dem wenigen, was wir haben, sparsam Haus, als daß du es weiter aufs Spiel setzest.« Giannetto versetzte: »Ich bin entschlossen, alles zu tun, was ich vermag; denn ich würde es mir zur größten Schande rechnen, wenn ich die Sache so bewenden lassen sollte.« Als nun Herr Ansaldo seinen Willen erkannte, entschloß er sich, alles zu verkaufen, was er noch auf der Welt besaß, um ihm ein neues Schiff auszurüsten. So tat er und behielt für sich nichts übrig, stattete aber ein sehr schönes Handelsschiff aus. Und weil ihm noch zehntausend Dukaten fehlten, ging er zu einem Juden nach Mestri und borgte sie von ihm unter der vertragsmäßigen Bedingung, daß, wenn er sie nicht zwischen heute und dem nächstkommenden St. Johannistag im Juni zurückgegeben habe, der Jude ihm ein Pfund Fleisch von seinem Leibe nehmen dürfe, von welcher Stelle ihm beliebe. Herr Ansaldo war damit zufrieden, und der Jude ließ eine gerichtliche Urkunde darüber ausstellen mit Zeugen und mit allen nötigen Förmlichkeiten und Vorsichtsmaßregeln versehen, und dann zahlte er ihm zehntausend Golddukaten aus, mit welchem Gelde sofort Ansaldo das besorgte, was dem Schiffe noch fehlte; und wenn die ersten beiden Fahrzeuge schön waren, so war das dritte noch weit reicher und besser ausgestattet. Die Gefährten rüsteten ebenfalls ihre zwei Schiffe, mit dem Vorsatze, daß das, was sie gewinnen würden, ihrem Giannetto gehören solle. Und da die Zeit zur Abreise gekommen war und die Schiffe segelfertig standen, sagte Herr Ansaldo zu Giannetto: »Mein Sohn, du gehst nun und weißt, unter welcher Verpflichtung ich zurückbleibe. Eines aber bitte ich mir von dir aus, daß, wenn es dir ja übel gehen sollte, es dir doch gefallen möge, zu mir zu kommen, auf daß ich dich vor meinem Tode noch einmal schauen und zufrieden aus der Welt gehen kann.« Giannetto erwiderte ihm: »Herr Ansaldo, ich will alles tun, womit ich glaube, Euch gefällig zu werden.« Herr Ansaldo gab ihm seinen Segen, und somit nahmen sie Abschied und machten sich auf ihre Reise. Die beiden Gefährten hatten sorgsam acht auf Giannettos Schiff, Giannetto aber ging mit all seinem Dichten und Trachten darauf aus, in der Bucht von Belmonte zu landen. Er beredete daher einen seiner Steuermänner, das Schiff zur Nachtzeit in den Hafen jener Edelfrau zu führen. Danach, als es wieder Tag geworden war und die Gefährten in den andern beiden Schiffen sich umsahen und Giannettos Fahrzeug nirgend gewahren konnten, sprachen sie untereinander: »Gewiß, das ist wieder sein Unglück.« Sie dachten daher, es bleibe ihnen nichts übrig, als ihren Weg fortzusetzen, und waren darüber sehr verwundert. Als nun das Schiff in den Hafen eingelaufen war, lief alles aus der Burg herbei, um zu schauen, und als sie merkten, daß Giannetto zurückgekehrt war, wunderten sie sich sehr darüber und sprachen: »Das muß der Sohn irgendeines großen Herrn sein, in Anbetracht daß er jedes Jahr mit so vielen Waren und so schönem Schiffzeug hier ankommt. Wollte Gott, daß er noch unser Herr würde!« So wurde er besucht von allen Großen, von den Baronen und Rittern des Landes, und der Frau ward gemeldet, daß Giannetto wieder in den Hafen gekommen sei. Da trat sie an die Fenster des Palastes und sah das prächtige Schiff und erkannte die Flaggen, machte darob das Zeichen des heiligen Kreuzes und sprach: »Wahrlich, es ist ein Wunder: das ist jener Mann wieder, welcher den Reichtum ins Land gebracht hat.« Und damit schickte sie nach ihm. Giannetto ging zu ihr; sie begrüßten sich mit vielen Umarmungen und erwiesen sich Ehre, und den ganzen Tag war man darauf bedacht, Fröhlichkeit und Feste zu üben; man veranstaltete Giannetto zuliebe ein schönes Turnier, woran viele Barone und Ritter desselbigen Tages teilnahmen. Giannetto wollte auch tjostieren; er tat Wunder der Tapferkeit und nahm sich so gut aus in Waffen und zu Pferde, und sein ganzes Wesen gefiel so sehr allen Baronen, daß jeder ihn zum Herrn zu erhalten wünschte. Als es nun am Abend Zeit war, sich zu Bette zu legen, nahm die Frau den Giannetto bei der Hand und sagte: »Laß uns schlafen gehen!« Er stand schon am Eingang der Schlafkammer, als eine Zofe, der es um Giannetto leid tat, sich zu seinem Ohr neigte und ihm zuflüsterte: »Gib dir den Anschein zu trinken, trink aber nicht diesen Abend!« Giannetto verstand diese Worte, trat in die Schlafkammer, und die Frau sagte zu ihm: »Ich weiß, daß Ihr durstig sein werdet, und wünsche daher, daß Ihr trinket, ehe Ihr zu Bette geht.« Alsbald kamen zwei Mädchen, schön wie zwei Engel, mit Wein und Zuckerbackwerk nach gewohnter Weise und schenkten ein. Giannetto sagte: »Wer könnte sich enthalten zu trinken, wenn er zwei so schöne Jungfräulein sieht?« Darüber lachte die Frau. Giannetto nahm die Schale und tat, als ob er trinke, schüttete den Inhalt aber in den Busen. Die Frau meinte, er habe getrunken, und sagte bei sich selbst: »Du magst immerhin noch ein anderes Schiff herbeiführen; denn dieses hast du verloren.« Dann ging Giannetto zu Bett, fühlte sich ganz hell und munter und konnte den Augenblick kaum erwarten, bis die Frau ins Bett käme. »Diesmal habe ich sie gefangen,« sprach er bei sich selbst. »Heute hat sie die Zeche ohne den Wirt gemacht.« Und damit die Frau um so schneller ins Bett käme, tat er, als ob er anfinge zu schnarchen und zu schlafen. Darum sagte die Frau: »Nun ist es recht.« Sie zog sich aus und kam an Giannettos Seite. Dieser wartete nicht lange; sondern sobald die Frau unter die Decke geschlüpft war, wandte er sich nach ihr um, umarmte sie und sprach: »Jetzt habe ich, wonach ich mich so lange gesehnt habe.« Damit gab er ihr den Friedenskuß der heiligen Ehe, und sie kam die ganze Nacht nicht mehr aus seinen Armen. Darüber war die Frau mehr als vergnügt, stand am Morgen vor Tag auf, ließ aussenden nach allen Baronen und Rittern und vielen andern in der Stadt und sprach zu ihnen: »Giannetto ist euer Gebieter. Darum denkt daran, Festlichkeiten zu veranstalten!« Plötzlich verbreitete sich das Gerücht durch das Land, und man rief: »Es lebe der Herr! Es lebe der Herr!« Die Glocken wurden geläutet und Instrumente geblasen, um das Fest zu verkünden. Man sandte aus nach vielen Baronen und Grafen, die außerhalb der Burg wohnten, und ließ ihnen sagen: »Kommt, euren Herrn zu sehen!« Und als Giannetto die Schlafkammer verließ, wurde er zum Ritter geschlagen und auf einen Thron gesetzt, bekam ein Szepter in die Hand und wurde mit großem Triumph und Gepränge zum Herrscher ausgerufen. Und nachdem alle Barone und Frauen an den Hof gekommen waren, heiratete er die Edelfrau mit unbeschreiblicher und unerdenklicher Freude und Lustbarkeit. Alle Barone und Herren des Landes kamen zu dem Feste, um sich zu ergötzen, zu turnieren, zu tjostieren, zu tanzen, zu singen und zu spielen und alle Kurzweil zu treiben, welche zu solchen Festen gehört. Herr Giannetto teilte in seiner Großmut seidene Tücher und andere kostbare Gegenstände, die er mitgebracht hatte, aus und wurde bald so mannhaft, daß man ihn fürchtete und Recht und Gerechtigkeit von jedermänniglich geübt wurde. In diesem Glück und Wohlleben vergaß und vernachlässigte er aber ganz und gar jenen armen Herrn Ansaldo, der sich dem Juden für zehntausend Dukaten verpfändet hatte. Als jedoch Herr Giannetto eines Tages mit seiner Frau an einem Fenster des Palastes stand, sah er eine Schar Männer über den Platz ziehen mit brennenden Kerzen in der Hand, die sie zum Opfer bringen wollten. Herr Giannetto fragte: »Was hat das zu bedeuten?« Die Frau versetzte: »Es ist ein Haufen Handwerker, die nach der Kirche des heiligen Johannes zu opfern gehen, weil heute sein Festtag ist.« Da gedachte Herr Giannetto des Herrn Ansaldo, hob sich vom Fenster, seufzte schwer auf und ging mehrmals im Saale auf und ab, in Nachdenken über diese Sache vertieft. Seine Gemahlin fragte ihn, was er habe. »Weiter nichts«, versetzte Giannetto. Die Frau begann daher in ihn zu dringen und sagte: »Gewiß, Ihr habt etwas und wollt es nicht sagen.« Sie ließ auch nicht nach, bis Herr Giannetto ihr erzählte, wie Herr Ansaldo als Pfand für zehntausend Dukaten zurückgeblieben sei. »Und heute«, fuhr er fort, »läuft die Frist ab, und es schmerzt mich sehr, daß mein Vater um meinetwillen sterben soll; denn wenn er ihm heute das Geld nicht erstattet, so muß er ein Pfund Fleisch von seinem Leibe verlieren.« Die Frau sagte: »Lieber Herr, besteigt schleunigst ein Pferd und reiset gerades Wegs zu Lande, so werdet Ihr schneller hinkommen als zur See! Nehmt zur Begleitung mit, wen Ihr wollt, packt hunderttausend Dukaten ein und rastet nicht, bis Ihr in Venedig seid! Und wenn er noch am Leben ist, so führt ihn mit Euch hierher!« Sofort ließ er plötzlich in die Trompete blasen, stieg zu Pferd mit zwanzig Begleitern, nahm hinlänglich Geld mit und schlug den Weg nach Venedig ein. Unterdessen hatte der Jude, da die Frist verlaufen war, den Herrn Ansaldo festnehmen lassen und wollte ihm ein Pfund Fleisch vom Leibe schneiden. Da bat ihn Herr Ansaldo um die Vergünstigung, daß er seinen Tod noch um einige Tage verschiebe, damit, wenn sein Giannetto komme, er ihn wenigstens noch sehen könne. Der Jude sagte: »Ich bin es zufrieden, Euch Euren Wunsch in betreff des Aufschubs zu gewähren. Aber wenn er hundertmal käme, so ist es meine Absicht, Euch ein Pfund Fleisch aus dem Leibe zu nehmen, wie die Papiere besagen.« Herr Ansaldo versetzte, er sei es zufrieden. Da sprach ganz Venedig von dem Falle; aber ein jeder hatte Mitleid, und viele Kaufleute vereinigten sich, um die Schuld zu bezahlen; aber der Jude wollte davon nichts wissen, sondern wollte den Mord begehen, um sagen zu können, daß er den größten Kaufmann der Christenheit ums Leben gebracht habe. Indem nun Herr Giannetto eilends heranreiste, zog ihm seine Gemahlin gleich nach, und zwar als Richter verkleidet mit zwei Dienern. In Venedig angelangt, begab sich Herr Giannetto in das Haus des Juden, umarmte Herrn Ansaldo mit vieler Freude und sagte darauf dem Juden, er wolle ihm sein Geld geben, ja noch mehr, soviel er verlange. Der Jude aber antwortete, er wolle gar kein Geld, da er es nicht zur rechten Zeit erhalten habe, vielmehr wolle er ihm ein Pfund Fleisch vom Leibe nehmen. Hier erhob sich nun ein großer Streit, und jedermann gab dem Juden unrecht. Da man aber bedachte, daß es in Venedig allenthalben rechtlich zugehe, und daß der Jude seine Ansprüche in vollgültiger gesetzlicher Form begründet hatte, so wagte ihm niemand anders als mit Bitten zu widersprechen. Darum begaben sich alle Kaufleute Venedigs dahin, um den Juden zu bitten; er aber bestand nur immer hartnäckiger auf seiner Forderung. Nun erbot sich Herr Giannetto, ihm zwanzigtausend Dukaten zu geben, aber er wollte nicht; dann kam er auf dreißigtausend, und dann auf vierzigtausend und auf fünfzigtausend, und so stieg er auf bis auf hunderttausend Dukaten. Endlich sprach der Jude: »Weißt du was? Wenn du mir mehr Dukaten anbötest, als diese Stadt wert ist, so würde ich mich doch damit nicht abfinden lassen; vielmehr verlange ich einzig das, was meine Papiere besagen.« Und so standen die Verhandlungen, siehe, da kam in Venedig diese Dame an, als Richter gekleidet, und stieg in einem Gasthause ab. Der Wirt fragte einen Diener: »Wer ist dieser edle Herr?« Der Diener war bereits von der Frau unterrichtet, was er sagen solle, wenn er nach ihr gefragt würde, und antwortete: »Es ist ein rechtsgelehrter Edelmann, der von Bologna kommt, wo er studiert hat, und nun in seine Heimat geht.« Als der Wirt dies vernahm, tat er ihm viele Ehre an, und während der Richter bei Tisch saß, sagte er zu dem Wirte: »Wie ist denn das Regiment hier in eurer Stadt?« Der Wirt antwortete: »Nur allzu gerecht, edler Herr.« »Wieso?« fiel der Richter ein. »Das will ich Euch sagen, edler Herr«, entgegnete der Wirt. »Es kam einmal von Florenz ein Jüngling hierher, welcher Giannetto hieß, und ging hier zu einem seiner Taufpaten, namens Herr Ansaldo, und er betrug sich so artig und gesittet, daß in der ganzen Stadt Männer und Frauen ihm zugetan waren; ja, es ist nie ein Fremder bei uns so allgemein beliebt gewesen wie er. Dieser sein Taufpate nun rüstete ihm dreimal ein Schiff aus, und diese drei Schiffe waren vom größten Werte; aber jedesmal war er damit unglücklich, so daß es ihm zuletzt an Geld zur Ausrüstung des Schiffes fehlte. Daher borgte jener Herr Ansaldo zehntausend Dukaten von einem Juden unter der Bedingung, daß, wenn er sie ihm nicht bis zum Sankt-Johannis-Tag im nächstkünftigen Monat Juni zurückgegeben habe, der besagte Jude ihm ein Pfund Fleisch vom Leibe schneiden dürfe, wo es ihm beliebe. Nun ist zwar glücklicherweise der Jüngling zurückgekehrt und hat sich erboten, statt der zehntausend Dukaten hunderttausend zu zahlen, aber der arglistige Jude will nicht. Es sind alle rechtschaffenen Leute der Stadt zu ihm gegangen, um ihn mit Bitten zu erweichen, aber es hilft nichts.« Darauf antwortete der Richter: »Dieser Handel ist leicht zu schlichten.« Der Wirt versetzte: »Wenn Ihr Euch der Mühe unterziehen wollt, die Sache zu Ende zu führen, so daß der brave Mann nicht sein Leben einbüßt, so würdet Ihr Euch die Gunst und die Liebe des wackersten Jünglings erwerben, der je geboren wurde, und zugleich die aller Leute dieser Stadt.« Hiernächst ließ der Richter eine Aufforderung bekanntmachen, wer irgendeine Rechtsfrage zu schlichten habe, der solle zu ihm kommen; und so wurde auch Herrn Giannetto gesagt, es sei ein Richter von Bologna angekommen, der sich jeden Handel zu schlichten erbiete. Darum sagte Herr Giannetto zu dem Juden: »Wir wollen zu diesem Richter gehen!« »Meinetwegen«, sagte der Jude; »es mag kommen, wer will, ich habe in jedem Falle das Recht, zu tun, was mein Schein besagt.« Als sie vor den Richter traten und ihm die schuldige Ehrerbietung bezeugten, erkannte der Richter den Herrn Giannetto sogleich, nicht ebenso aber Herr Giannetto den Richter, denn der letztere hatte vermittels gewisser Kräuter seine Gesichtszüge unkenntlich gemacht. Herr Giannetto und der Jude trugen jeder seine Sache und die Gründe dem Richter vor; dieser nahm den Schein, las ihn und sagte darauf zu dem Juden: »Ich wünschte, du nähmest diese hunderttausend Dukaten und gäbest diesen guten Mann los, der dir überdies immer dafür verpflichtet sein wird.« »Daraus wird nichts«, antwortete der Jude. »Aber«, sagte der Richter, »es wäre dein Bestes.« Der Jude dagegen beharrte darauf, er wolle sich auf nichts von alledem einlassen. Darauf begaben sie sich insgesamt zu dem Gerichte, das über dergleichen Fälle gesetzt ist, und der Richter verlangte nach Herrn Ansaldo und sagte: »Nun laßt ihn vortreten!« Als er erschienen war, sagte der Richter: »Wohlan, nimm ihm ein Pfund Fleisch, wo du willst, und bringe deine Sache zu Ende!« Da hieß ihn der Jude sich nackt ausziehen und nahm ein Rasiermesser in die Hand, das er zu diesem Zwecke hatte machen lassen. Herr Giannetto aber wandte sich zu dem Richter und sagte: »Herr, darum habe ich Euch nicht gebeten.« Der Richter antwortete: »Sei getrost, er hat das Pfund Fleisch noch nicht herausgeschnitzelt.« Gleichwohl trat der Jude auf ihn zu. Da sprach der Richter: »Hab wohl acht, daß du es recht machst! Denn wenn du mehr oder weniger als ein Pfund nimmst, so lasse ich dir den Kopf abschlagen. Ferner sage ich dir auch, daß, wenn er dabei nur ein Tröpfchen Blut verliert, du gleichfalls des Todes bist, denn deine Papiere besagen nichts von Blutverlust; auch sprechen sie, daß du ihm ein Pfund Fleisch nehmen darfst, und sonst heißt es von nichts mehr und nichts minder. Darum, wenn du klug bist, ergreifst du die Maßregeln, von welchen du glaubst, daß sie zu deinem Besten gereichen.« Und sogleich schickte er nach dem Scharfrichter und ließ ihn Pflock und Beil mitbringen und sprach: »Sowie ich nur ein Tröpfchen Blut herausfließen sehe, lasse ich dir den Kopf abschlagen.« Da bekam der Jude Furcht, Herr Giannetto aber fing an, sich wieder zu erheitern. Endlich nach vielem Hinundherreden begann der Jude: »Herr Richter, Ihr seid klüger als ich. So laßt mir denn jene hunderttausend Dukaten zahlen, und ich bin zufrieden.« Der Richter aber sagte: »Ich will, daß du dir ein Pfund Fleisch nimmst, wie dein Schein besagt, denn Geld sollst du nicht einen Pfennig erhalten. Du hättest es nehmen sollen, als ich es dir anbot.« Der Jude stieg herab zu neunzigtausend, dann zu achtzigtausend Dukaten, aber der Richter blieb nur immer fester auf seinem Ausspruch. Da sprach Herr Giannetto zu dem Richter: »Geben wir ihm, was er verlangt, wenn er nur Herrn Ansaldo freiläßt!« Der Richter aber versetzte: »Ich sage dir, laß mich gewähren!« Darauf begann der Jude: »So gebt mir fünfzigtausend Dukaten!« Der Richter dagegen antwortete: »Ich gebe dir nicht den schlechtesten Stüber, den du je gesehen.« »So gebt mir«, fuhr der Jude fort, »wenigstens meine zehntausend Dukaten! Verflucht sei Luft und Erde!« Der Richter aber erwiderte: »Verstehst du mich nicht? Nichts will ich dir geben. Willst du ihm ein Pfund Fleisch nehmen, so nimm es! Wo nicht, so lass' ich deine Papiere aufheben und vernichten.« Darob waren alle Anwesenden über die Maßen vergnügt. Jeder verspottete den Juden und sprach: »Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.« Als nun der Jude sah, daß er das nicht erreichen konnte, was er wollte, nahm er seine Papiere und zerriß sie voll Ärger, und so ward Herr Ansaldo frei, und Herr Giannetto geleitete ihn mit großem Jubel nach Hause. Darauf nahm er schnell die hunderttausend Dukaten, eilte zu dem Richter und fand diesen in seiner Kammer beschäftigt, sich auf die Reise zu rüsten. Da sagte Herr Giannetto zu ihm: »Edler Herr, Ihr habt mir den größten Dienst erwiesen, der mir je erzeigt worden ist; darum bitte ich Euch, dieses Geld mit Euch zu nehmen, das Ihr wohl verdient habt.« Der Richter antwortete: »Mein lieber Herr Giannetto, ich sage Euch großen Dank; aber ich bedarf dessen nicht. Nehmt es mit Euch, daß Eure Frau Euch nicht beschuldige, schlecht gewirtschaftet zu haben!« Herr Giannetto sagte: »Die ist meiner Treu so großherzig, feingesittet und rechtschaffen, daß, wenn ich viermal soviel Euch gäbe, sie doch zufrieden wäre; denn sie verlangte, ich solle viel mehr als dies mitnehmen.« Da fuhr der Richter fort: »Wie seid Ihr denn sonst mit ihr zufrieden?« Herr Giannetto antwortete: »Es gibt kein Geschöpf auf der Welt, zu dem ich mehr Wohlwollen trüge als zu ihr; denn sie ist so weise und so schön, wie sie die Natur nur zu schaffen vermochte. Und wenn Ihr mir eine Gunst erzeigen wollt und mit mir kommen, um sie zu sehen, so sollt Ihr Euch wundern über die Ehre, die sie Euch antun wird, und mögt Euch überzeugen, ob sie nicht das ist, was ich sage, oder noch mehr.« Der Richter antwortete: »Daß ich mit Euch komme, das geht nicht an, denn ich habe andere Geschäfte; aber weil Ihr mir sagt, daß es eine so vortreffliche Frau ist, so grüßt sie von mir, wenn Ihr sie seht!« »Das soll geschehen«, sprach Herr Giannetto; »aber ich wünschte doch, daß Ihr von diesem Gelde nehmet.« Während er so sprach, sah der Richter einen Ring an seinem Finger, weshalb er zu ihm sagte: »Gebt mir diesen Ring! Außerdem will ich keinen Heller.« Herr Giannetto antwortete: »Ich bin's zufrieden, so ungern ich es auch tue, denn meine Frau hat ihn mir geschenkt und mir gesagt, ich solle ihn immer tragen um ihrer Liebe willen; und wenn sie ihn nicht mehr an mir sieht, so wird sie glauben, ich habe ihn einem Weibe gegeben, und so wird sie sich über mich erzürnen und meinen, ich habe eine Liebschaft, während ich ihr doch mehr zugetan bin als mir selbst.« Der Richter sagte: »Es scheint mir sicher, daß sie Euch zärtlich genug liebt, um Euch hierin zu glauben; sagt ihr nur, Ihr habt den Ring mir geschenkt! Aber vielleicht wolltet Ihr ihn einer alten Buhlschaft hier schenken.« Herr Giannetto aber versetzte: »Die Liebe und Treue, die ich zu ihr trage, ist so groß, daß es in der Welt keine Frau gibt, mit der ich sie vertauschen möchte, so voll Schönheit ist sie in allen Dingen.« Und damit zog er den Ring vom Finger und gab ihn dem Richter. Sodann umarmten sie sich und verbeugten sich gegeneinander. »Tut mir einen Gefallen«, sagte der Richter. »Verlangt«, versetzte Herr Giannetto. »Haltet Euch hier nicht auf«, fuhr der Richter fort. »Geht sogleich heim zu dieser Eurer Frau!« »Es scheint mir eine wahre Ewigkeit«, sagte Herr Giannetto, »bis ich sie wiedersehe.« So nahmen sie Abschied. Der Richter stieg in eine Barke und ging seines Weges, Herr Giannetto aber gab jenen Gefährten Abendessen und Frühstücke, schenkte ihnen Pferde und Geld und hielt so Feste und machte einen Hof mehrere Tage. Dann aber nahm er Abschied von allen Venezianern, nahm den Herrn Ansaldo mit sich, und viele seiner alten Kameraden begleiteten ihn. Fast jedermann, Männer und Frauen, weinten aus Rührung über seinen Abgang, so freundlich hatte er sich während seines Aufenthaltes in Venedig gegen alle betragen. So schied er und kehrte nach Belmonte zurück. Nun begab es sich, daß seine Frau mehrere Tage vor ihm ankam und tat, als wäre sie im Bade gewesen. Sie nahm wieder ihre weibliche Kleidung an, ließ große Zubereitungen veranstalten, alle Straßen mit Zendal bedecken und viele Scharen Bewaffneter neu kleiden. Als nun Herr Giannetto und Herr Ansaldo ankamen, gingen ihnen alle Barone und der ganze Hof entgegen und riefen: »Es lebe unser Herr! Es lebe unser Herr!« Sowie sie ans Land stiegen, eilte die Frau, den Herrn Ansaldo zu umarmen, und stellte sich etwas empfindlich gegen Herrn Giannetto, obwohl sie ihn mehr liebte als ihr Leben. Es wurde ein großes Fest veranstaltet mit Turnieren, Waffenspiel, Tanz und Gesang, woran alle Barone, Frauen und Fräulein, so daselbst waren, teilnahmen. Als jedoch Herr Giannetto sah, daß ihm seine Gemahlin kein so freundliches Gesicht machte wie sonst, trat er in sein Gemach, rief sie zu sich und sprach: »Was hast du?« Dabei wollte er sie umarmen. Die Frau aber sagte: »Du brauchst mir keine solche Liebkosungen zu machen; ich weiß wohl, daß du in Venedig deine alten Buhlschaften wieder aufgesucht hast.« Herr Giannetto begann sich zu entschuldigen; die Frau aber fuhr fort: »Wo ist der Ring, den ich dir gab?« Herr Giannetto antwortete: »Da haben wir's nun, wie ich mir vorstellte. Ich sagte doch gleich, du werdest Böses dabei denken. Aber ich schwöre dir bei meinem heiligen Glauben und bei meiner Treue zu dir, daß ich den Ring jenem Richter gegeben habe, der mich den Prozeß gewinnen machte.« Die Frau aber sagte: »Und ich schwöre dir bei meinem heiligen Glauben und bei meiner Treue zu dir, daß du ihn einem Weibe gegeben hast; ich weiß es gewiß, und doch scheust du dich nicht, so zu schwören.« Herr Giannetto fügte hinzu: »Ich flehe zu Gott, mich augenblicklich von dieser Welt zu vernichten, wenn ich dir nicht die Wahrheit sage, ja, daß ich es schon dem Richter gesagt habe, als er mich darum gebeten.« Die Frau sagte: »Du hättest ja noch dort bleiben und Herrn Ansaldo allein hierher schicken können, derweil du dich mit deinen Liebschaften ergötztest; denn ich höre, sie haben alle geweint, als du weggingst.« Da hub Herr Giannetto an zu weinen, war in schwerer Not und sprach: »Du tust einen Eid auf etwas, was nicht wahr ist und nicht wahr sein kann.« Als aber die Frau ihn weinen sah, war es ihr, als bekäme sie einen Messerstich in das Herz, stürzte plötzlich in seine Arme und fing an, laut aufzulachen. Sie zeigte ihm den Ring und sagte ihm alles, wie er mit dem Richter gesprochen habe, und daß sie der Richter gewesen sei, und auf welche Weise er ihr den Ring gegeben habe. Darüber war Herr Giannetto aufs äußerste verwundert, und da er dennoch die Wahrheit ihrer Rede erkannte, fing er an, über die Maßen fröhlich zu werden. Er trat aus dem Gemach und erzählte es einigen seiner Barone und Gefährten. Und die Liebe zwischen ihnen beiden wuchs und mehrte sich auch dadurch. Hernach rief Herr Giannetto die Kammerfrau zu sich, die ihm an jenem Abend die Weisung gegeben hatte, nicht zu trinken, und gab sie dem Herrn Ansaldo zur Frau. So blieben sie lange Zeit in Glück und Fröhlichkeit bis an ihr Ende. Der listige Freier In der Provence lebte noch vor nicht langer Zeit ein Edelmann, der Besitzer verschiedener Burgen, mit Namen Carsivalo, ein Mann von großem Verstand und Tüchtigkeit und sehr geehrt und geliebt von den andern Herren und Baronen des Landes; denn er stammte ursprünglich aus dem edeln Blute des Hauses Balzo in der Provence. Carsivalo hatte eine Tochter, namens Lisetta, welche die schönste und edelste Gestalt war, die man dazumal in der ganzen Provence finden konnte. Viele Herren, Grafen und Barone erbaten sich ihre Hand, junge, rüstige und schöne Männer; der besagte Carsivalo aber entgegnete allen mit Nein, und keiner von ihnen war ihm recht zum Eidam. Nun war in dem Lande ein Graf, welcher das ganze Venisi besaß, worin viele Städte und Burgen liegen; er hieß der Graf Aldobrandino, war über siebzig Jahre alt, hatte weder Frau noch Kinder, war aber so reich, daß sein Reichtum gar keinen Boden hatte. Dieser Graf Aldobrandino, als er von der Schönheit der Tochter Carsivalos hörte, verliebte sich in sie und hätte sie gerne zur Frau genommen; er schämte sich aber, sie zu begehren, da er so alt war und wußte, wie viele wackere junge Leute sie zur Frau begehrt haben, ohne daß sie einem zuteil geworden wäre. Und doch nagte an ihm beständig der Wunsch, sie zu besitzen, und er wußte doch die Sache nicht anzugreifen. Als er nun eines Tages ein Fest gab, geschah es zufällig, daß Carsivalo als sein Freund und Diener dieses Fest mit seiner Gegenwart beehrte. Der Graf nahm ihn aufs ehrenvollste auf und schenkte ihm Pferde, Vögel und Hunde und noch viele andere Dinge. Der Graf beschloß nun, ihn im Vertrauen um seine Tochter anzugehen, und tat es auch. Als sie eines Tages miteinander allein im Zimmer waren, begann der Graf freundlich folgendermaßen: »Mein lieber Carsivalo, ich will dir meine Gesinnung sagen, ohne langen Prolog und Vorrede, denn ich denke, bei dir kann ich alles sagen. Freilich aus einem Gründe muß ich mich dabei schämen, aber aus keinem andern, wiewohl der Lauch unter dem Boden auch dick und alt wird und dennoch den Stengel in die Höhe streckt und fortwährend grünt. Ich will dir daher nur sagen, wie es mit mir steht. Ich möchte nämlich gerne, wenn es dir gefällig wäre, deine Tochter zur Frau bekommen.« Carsivalo antwortete: »Auf mein Wort, lieber Herr, ich gäbe sie Euch gerne, aber ich müßte mich gar zu sehr darüber schämen, angesehen daß die, so sie begehrt haben, lauter junge Leute sind von achtzehn bis zwanzig Jahren, und ich könnte in Fehde mit ihnen geraten. Dann wären auch Mutter und Brüder und meine andern Verwandten und Genössen vielleicht nicht damit zufrieden; auch hätte das Mädchen selbst kein Genügen an Euch, da sie andere, rüstigere als Ihr haben könnte.« »Lieber Carsivalo«, antwortete der Graf, »du hast ganz recht. Du kannst ja aber sagen, sie bekomme dann alles, was ich besitze. Darum wünsche ich, daß wir wegen der Sache miteinander übereinkommen.« Carsivalo sagte: »Ich bin damit ganz einverstanden. Wir wollen es heute nacht überlegen und morgen früh uns unsere Ansichten mitteilen. Dabei wollen wir es belassen.« Der Graf konnte die ganze Nacht nicht schlafen, sondern ersann sich, um seinen Zweck zu erreichen, einen allerliebsten Plan. Am folgenden Morgen rief er Carsivalo zu sich und sprach: »Ich habe etwas gefunden, was dich vollständig entschuldigen, ja was dir zu großer Ehre gereichen muß.« »Nun wie?« fragte Carsivalo. »Laß ein Turnier ausschreiben«, fügte der Graf hinzu, »daß, wer deine Tochter zur Frau begehrt, an dem und dem Tage kommen soll, und wer Sieger ist, soll sie zur Frau bekommen. Für das Weitere laß mich sorgen! Ich will schon ein Mittel finden zu siegen, und jedermann wird dich entschuldigen.« Carsivalo sagte: »Es ist mir recht.« Darauf nahm er Abschied und kehrte nach Hause zurück. Bei gelegener Zeit rief er seine Frau und seine übrigen Verwandte und Freunde und sprach: »Es schiene mir nunmehr Zeit, Lisetta zu verheiraten. Aber wie meint ihr nun, daß es anzugehen sei bei den vielen Bewerbern, die wir haben, die alle unsere Nachbarn und Freunde sind ? Jeder, dem wir sie nicht geben, wird unser Feind, erzürnt sich und spricht: ›Bin ich nicht so viel wert als der?‹ So werden die andern auch sagen, und während wir Freunde zu erwerben glaubten, bekommen wir nichts als Feinde. Darum dünkt mich, wir veranstalten auf den Frühling ein Turnier, und wer darin gewinnt, der soll sie in Gottes Namen haben.« Die Mutter und die andern antworteten, sie seien zufrieden mit dieser Anordnung, und so schritt man denn zur Ausführung. Carsivalo ließ das Turnier ansagen: Wer seine Tochter zur Frau begehre, solle sich einfinden am ersten Tage des Maimonats in der Stadt Marseille zu einem Turnier, und wer Sieger bleibe, solle sie haben. Der Graf Aldobrandino schickte deshalb nach Frankreich und bat den König, ihm den rüstigsten Knappen im Waffenhandwerk zu schicken. Der König, in Erwägung, daß der Graf immer ein Diener der Krone gewesen und auch sein Vetter war, schickte ihm einen seiner Knappen, den er von Kindheit auf erzogen hatte, namens Ricciardo, der aus dem Hause Montalbano, einem von jeher kräftigen edlen Geschlechte, stammte. Dabei befahl er ihm, alles zu tun, was der Graf Aldobrandino ihm befehle. Der Jüngling kam zum Grafen, der ihm große Ehre erwies und ihm dann den Grund, warum er nach ihm geschickt hatte, auseinandersetzte. »Der König hat mir befohlen«, sprach Ricciardo, »alle Eure Befehle zu vollziehen: darum gebietet mir, und ich werde rüstig gehorchen.« Der Graf sagte: »Wir werden zu Marseille ein Turnier veranstalten, worin ich wünsche, daß du den Sieg davonträgst. Dann komme ich auf den Kampfplatz und fechte mit dir, und du mußt dich zuletzt von mir besiegen lassen, damit ich als Sieger des ganzen Turniers erscheine.« Ricciardo versetzte, er sei bereit. Der Graf behielt ihn insgeheim bei sich, bis es Zeit war; dann sprach er zu ihm: »Nimm die Waffen, die du willst, geh nach Marseille und rüste dich mit Geld und Pferden nach deinem Wohlgefallen wie ein fahrender Ritter aus und mache, daß du stattlich aussiehst!« Ricciardo sagte: »Laßt mich nur machen!« Er ging nun gleich in den Stall und sah daselbst unter den andern ein Roß, das schon einige Monate nicht geritten worden war. Er bestieg es sogleich, wählte sich ein passendes Gefolge und ging nach Marseille, wo eine große Zubereitung zum Turnier gemacht war. Schon waren viele kampflustige junge Männer daselbst eingetroffen, und jeder schätzte sich glücklich, der den andern an schönem und stattlichem Aufzug zu übertreffen glaubte. Es waren so viele Trompeter und Pfeifer hier beisammen, daß alles ringsumher von Musik ertönte. Es wurde ein großer Platz ausgesteckt, woselbst das besagte Turnier gehalten werden sollte, mit vielen Balkonen ringsum, wo Herren, Frauen und Fräulein standen, um zuzuschauen. Mit dem festgesetzten ersten Maitage kam auch jenes edle Fräulein, nämlich Lisetta, die unter den andern wie eine Sonne aussah, so vollendet schön und sittsam erschien sie in jeder Weise. So kamen alle, die sie zur Frau wollten, zum Turnier mit vielen Sinnsprüchen und mannigfaltigem Aussehen und versetzten sich untereinander weidliche Schläge. Ricciardo kam gleichfalls auf besagtem Rosse zum Turnier und bahnte sich Platz durch das Gedränge. So dauerte das Turnier einen großen Teil des Tages hindurch, und immer siegte besagter Ricciardo in demselben; denn er war gewandter in den Waffen als irgendein anderer, griff rüstig an und verteidigte sich gut und wich gewandt aus, da er in diesem Gewerbe sehr erfahren war. Einer fragte den andern, wer denn das sei; da hieß es, es sei ein eben angekommener Fremder. Kurz, er blieb Sieger auf dem Kampfplatz, und alle andern wurden zu Boden geschlagen und zogen ab, der eine dahin, der andere dorthin: denn vor seinen gewaltigen Streichen vermochten sie nicht zu bestehen. Es dauerte aber nicht lange, so trat der Graf Aldobrandino auf den Kampfplatz, ganz bedeckt mit Waffen, stürzte auf Ricciardo los und Ricciardo auf ihn, daß es krachte. Nach vielen Hieben hin und wider ließ sich Ricciardo der getroffenen Abrede gemäß zu Boden schlagen und tat nichts mehr, was ihm freilich schwer fiel, denn er hatte sich bereits in Lisetta verliebt. Aber er mußte den Befehl des Königs vollziehen und folglich auch den Wunsch des Grafen Aldobrandino. Als nun der Graf den Sieg errungen hatte, ritt er durch die Bahn mit dem Schwert in der Hand, und sogleich kamen ihm alle seine Schildknappen und Barone entgegen mit großem Jubel. Als er aber den Helm abnahm und man ihn erkannte, wunderte sich alles über ihn, namentlich aber das Fräulein. So bekam also der Graf auf listige Weise Carsivalos Tochter zur Frau und führte sie ins Haus und ließ aus diesem Anlaß große Feierlichkeiten und Feste veranstalten. Nach diesem Ereignis kehrte Ricciardo nach Frankreich zurück, und der König fragte ihn, was er getan habe. »Heilige Majestät«, antwortete Ricciardo, »ich komme von einem Turnier, zu welchem mich Euer Graf böslicherweise genötigt hat.« »Wieso?« fragte der König. »Ich mußte«, versetzte Ricciardo, »des Grafen Kuppler abgeben.« Dann erzählte er ihm die ganze Geschichte, über welche sich der König baß verwunderte. »Gnädigster Herr«, fuhr Ricciardo fort, »verwundert Euch nicht über das, was mir begegnet ist, sondern vielmehr darüber, daß ich es getan habe; denn ich habe nie etwas getan, was mir größeres Leid verursacht als dies. Das Fräulein, das Graf Aldobrandino auf so schnöde Weise zu gewinnen wußte, ist nämlich aus der Maßen schön.« Der König dachte eine Weile darüber nach, dann sagte er: »Ricciardo, besorge nichts! Dies Turnier kann noch dein Vorteil sein. Doch damit genug für jetzt!« Kurze Zeit darauf geschah es, daß besagter Graf Aldobrandino ohne Erben mit Tod abging; Madonna Lisetta war also Witwe geworden, und ihr Vater holte sie wieder in sein Haus, machte aber fast gar nichts mit ihr und schmeichelte ihr nicht wie sonst. Darüber begann das junge Weibchen sich im stillen sehr zu verwundern und konnte am Ende nicht länger mehr an sich halten, sondern sprach eines Tages zu ihrem Vater folgendermaßen: »Mein Vater, ich wundere mich sehr über Euch, angesehen, daß ich sonst eines Eurer Augen war und Ihr mich Eurem liebsten Sohne vorzoget; und sooft Ihr mich sahet, ging Euch das Herz auf, solange ich noch ein Mädchen war; jetzt aber, ich weiß gar nicht warum, ist es, als ob Euer Herz gar nicht mehr meinen Anblick ertragen könne.« Der Vater antwortete ihr also: »Du wunderst dich nicht so sehr über mich, als ich mich über dich gewundert habe; denn ich glaubte, du seiest gescheit und merkest, warum und in welcher Absicht ich dich an den Alten verheiratet habe: einzig, damit du Kinder bekämest, – so hättest du dich zur unumschränkten Gebieterin über seinen Reichtum machen können. Sonst hatte ich keine Absicht.« »Mein Vater«, antwortete die Tochter, »ich habe getan, was ich konnte.« »Wie ist es möglich«, fügte der Vater bei, »daß an seinem Hofe kein Knappe, Ritter oder Knecht sich fand, der dazu geschickt war?« »Mein Vater«, antwortete die Tochter, »seid mir nicht böse darüber! Ich versichere Euch, es war kein Ritter, Knappe oder Knecht im Hause, dem ich es nicht sagte; aber keiner wollte mir glauben.« Als der Vater diese lustige Antwort hörte, erheiterte er sich ganz und gar und sprach: »Ich bin zufrieden und verspreche dir einen solchen Mann zu schaffen, daß du nicht nötig hast, einen andern als ihn darum zu bitten. Laß mich nur machen!« Nun fiel die ganze Erbschaft des Grafen Aldobrandino an den König von Frankreich, der sich des wackern, ritterlichen Betragens Ricciardos erinnerte und alsbald in die Provence schickte zu Carsivalo, um ihm zu eröffnen, er möge seine Tochter einem seiner Knappen geben, der ohnedies von Rechts wegen ihr Mann sei. Carsivalo merkte die Sache sogleich und antwortete daher dem König, er möge unbeschränkt verfügen nach seinem Gutdünken. Der König stieg zu Pferde mit größtem Gefolge, kam in die Provence, nahm Ricciardo mit sich und schloß jene Verbindung, nämlich daß Lisetta seine Frau wurde. Sodann erhob er ihn zum Grafen und schenkte ihm die Grafschaft, die dem Grafen Aldobrandino gehört hatte. Allen gefiel diese Verbindung, namentlich aber ihr. Sie brauchte nun nie wieder weder Knechte noch Knappen zu bitten, denn sie beide waren jung und frisch und rüstig zu allem, und so lebten sie miteinander lange Zeit in Glück und Freuden. Hauskreuz In Rom lebten zwei sehr gute Kameraden, deren einer Janni, der andere Ciucolo hieß. Sie waren reich und wohlversehen mit irdischen Gütern. Sie lebten Tag und Nacht beisammen und hatten einander lieber, als wenn sie Brüder gewesen wären. Jeder von ihnen hatte seinen ganz anständigen Haushalt und lebte stattlich, denn sie waren von edler Abkunft und römische Ritter. Als sie nun eines Tages beisammen waren, sagte einer zum andern: »Geht dir's auch wie mir?« Der andere antwortete: »Inwiefern?« »Ich mag noch so sparsam sein«, sagte er, »so habe ich doch am Ende des Jahres nichts erübrigt, sondern bin vielmehr immer im Rückstand.« Der andere fügte bei: »Meiner Treu, und ich habe im Hause das verkehrteste Weib, das, glaube ich, auf der ganzen Welt lebt. Sie ist gar kein Weib mehr, sondern ein leibhaftiger Teufel. So viel ich ihr auch zu Gefallen tue, so kann ich doch nicht mit ihr leben, so schnöde und verkehrt ist sie. Früh und spät habe ich Händel mit ihr, weit mehr als mir lieb ist; ich weiß gar nicht mehr, wie ich mit ihr auskommen soll.« Janni antwortete: »Wir wollen doch Rat suchen über diese Fälle, du über den deinen, ich über den meinen.« »Es ist mir recht«, sagte Ciucolo, »und ich bin einverstanden.« So machten sie sich auf und gingen zu einem braven Manne mit Namen Boezio. Als sie bei ihm waren, nahm Janni das Wort: »Mein Herr«, sagte er, »wir kommen, um uns Euren Rat zu erbitten. Ich spare das ganze Jahr und bin doch immer im Rückstand, wenn ich mein Einkommen betrachte. Das wundert mich sehr.« Ciucolo sagte: »Und ich habe das verkehrtest und händelsüchtigste Weib von der Welt.« Boezio sagte zu Janni: »Steh früh auf!« Und zu Ciucolo sagte er: »Geh an die Engelsbrücke! Geht mit Gott!« Sie wunderten sich und sprachen untereinander: »Das ist ein Esel. Was soll das heißen, wenn ich ihn um meine Haushaltung befrage, und er antwortet mir: ›Steh früh auf?‹ Und zu dir sagte er, du sollst an die Engelsbrücke gehen.« So gingen sie weiter und machten sich über ihn lustig. Nun begab es sich, als Janni eines Morgens früh aufstand und sich hinter die Türe versteckte und dort stehenblieb, da sah er einen seiner Knechte, welcher einen großen Krug Öl wegtrug, und ein anderer trug ein Stück trockenes Fleisch hinaus. Darum machte sich Janni denn noch früher auf und sah, wie bald die Mägde, bald die Kammerfrau, die einen Korn und Mehl, die andere dies und das trugen. Da sprach er bei sich selbst: »So ist es kein Wunder, wenn ich am Ende des Jahres nichts übrig habe.« Dann rief er gleich seinen Diener und sagte: »Geh mit Gott und laß dich nicht mehr im Hause von mir blicken!« Dann rief er die Mägde und die Kammerfrau und sagte ihnen das gleiche und schickte alle hinweg. Zuletzt versah er sich mit neuen Knechten und Dienern und hatte von nun an ein wachsameres Auge über seinen Haushalt, so daß er am Ende des Jahres einen Überschuß hatte, während er zuvor einen Verlust erlitt. Eines Tages begegnete er seinem Freunde und sagte ihm, was er gefunden habe beim Frühaufstehen. »Ei«, sagte darauf Ciucolo, »da will ich doch auch versuchen, was Boezio mir gesagt hat.« Am andern Tage ging er daher an die Engelsbrücke, setzte sich hin und wartete. Da kam ein Eselstreiber mit einigen beladenen Maultieren herbei. Eines der Maultiere scheute und wollte nicht weitergehen; da nahm es der Treiber am Halfter, um es über die Brücke zu ziehen; das half aber alles nichts: denn je mehr er das Tier vorwärts zog, um so mehr stemmte es sich zurück. Da ward der Treiber allmählich ärgerlich und schlug auf das Maultier los, das sich aber nur um so schlimmer gebärdete. Als dem Treiber die Geduld ausging, nahm er den Stock, woran die Warenballen befestigt waren, schlug damit unten, auf die Seite, über den Kopf, an die Rippen und ließ seine Wut so reichlich aus an jenem Tiere, daß der Stock endlich zerbrach. Da wurde schließlich das Tier zahm, ging über die Brücke, der Treiber führte es auch mehrmals hin und her, und als er sah, daß dem Tiere die Narrheit ausgetrieben sei, ging er weiter seinen Geschäften nach. Ciucolo sah, was der Eselstreiber dem Maultier getan hatte, und sagte bei sich selbst: »Nun weiß ich, was ich zu tun habe,« kehrte auch alsbald nach Hause zurück unter diesen Gedanken. Als er ankam, begann die Frau zu schreien und zu schelten und fragte, wo er so lange bleibe. Der Mann ließ sich's gefallen und blieb ruhig; in ihr aber kochte es fortwährend. »Sei ruhig«, sagte endlich der Mann, »sonst könnte es dir übel bekommen.« »Wehe«, rief das Weib, »solltest du es wagen, Hand an mich zu legen? Du könntest deine Rede noch bereuen.« »Sieh zu, daß du mich nicht in die Hitze bringst! Du würdest den Tag beklagen.« »Wenn ich glaubte«, versetzte das Weib, »du habest nur ein Härchen an dir, das so dächte, so würde ich es meinen Brüdern sagen lassen, die schon so mit dir fertig werden würden, daß dir das Lachen verginge. Und du wirst schon sehen, was dir für das, was du mir eben gesagt hast, begegnet.« Der Mann sagte: »Hast du den Teufel im Leib?«, stand auf und ging auf sie los, und sie schrie und machte großen Lärm. Dann nahm er einen Stock, lief auf sie los und schlug drein, auf Rücken, Arme und Kopf. Als der Stock zerbrochen war, nahm er einen andern und fing von vorne an. Da begann sie zu schreien: »Erbarmen, Erbarmen!« Er aber schlug nur um so heftiger zu und rief: »Wahrlich, ich muß dich zu Tod schlagen.« Die Frau aber, als sie diesen Entschluß des Mannes sah und sich ganz zerschlagen fühlte, kniete nieder und rief: »Lieber Mann, schlag' mich nicht mehr! Du wirst finden, daß ich nicht mehr widerspenstig bin.« Um ihr denn die Widerspenstigkeit vollends auszutreiben, ließ der Mann sie mehrmals im Saale auf- und abtrotten und laufen und maß ihr fortwährend mit beiden Händen den Stock auf. In diesem gesegneten Augenblicke entschloß sich die Frau, immer alles ihrem Manne zu Gefallen zu tun, und wurde das sanfteste und demütigste Weib in ganz Rom. Auf diese Weise trieb Ciucolo seinem Weibe die Widerspenstigkeit aus dem Kopfe, und während er früher in fortwährendem Kriege und Unfrieden mit seinem Weibe gelebt hatte, lebte er nun ruhig und friedlich mit ihr. Wer also ein widerspenstiges Weib hat, nehme ein Exempel an Ciucolo, wie er eines am Eselstreiber nahm. Pariser Theologen in Rom Es ist noch nicht lange her, so waren in Paris zwei sehr bedeutende tüchtige Männer, Doktoren beider Rechte, deren einer Messer Alano, der andere Messer Giovanni Piero hieß, und in der Tat hatte die Christenheit dazumal keine tüchtigeren Männer als sie aufzuweisen. Die beiden beneideten einander fortwährend; aber Messere Alano behauptete immer die Oberhand, denn er war der größte Redekünstler von der Welt und hatte mehr Verstand als Messer Giovanni Piero, der fast ein Ketzer war und oft Verwirrung in unsern Glauben gebracht hätte, wäre nicht eben jener Messere Alano gewesen, der ihn aufrecht erhielt und gegen alle seine Einwürfe verteidigte. Messere Alano bekam Lust, nach Rom zu gehen und die dortigen heiligen Reliquien zu besuchen, auch den Papst und seinen Hof zu sehen. Darum machte er sich von Hause weg mit vielen Dienern und guter Ausrüstung, ging nach Rom und besuchte den Papst und sah seinen Hof und wie es mit ihm gehalten ward. Dabei wunderte er sich sehr, in Anbetracht daß der römische Hof die Grundlage des Glaubens sein muß und die Stütze des Christentums, da er ihn doch so tadelnswürdig und so voll Simonie fand. Darum verließ er Rom und beschloß, sich aus der Welt zurückzuziehen und dem Dienste Gottes zu ergeben. Als er nun von Rom Abschied genommen und auf der Rückreise mit seinen Dienern nach San Chirico di Rosena kam, sprach er zu ihnen: »Geht nur voran und nehmt Herberge! Ich will schon für mich sorgen.« Die Diener zogen weiter und gingen nach San Chirico, und als Messere Alano sie weggegangen sah, verließ er die Straße, wandte sich nach dem Gebirge und ritt weiter bis zum Abend, wo er einen Schäfer traf. Messere Alano stieg ab, blieb den Abend bei ihm und sagte zu ihm am folgenden Morgen: »Ich will dir meine Kleider und mein Pferd lassen: gib du mir deinen Anzug!« Der Schäfer meinte, er treibe Scherz, und sagte: »Messere, ich habe Euch geehrt, soviel ich konnte: darum macht Euch nun nicht über mich lustig!« Messere Alano aber zog seine Kleider aus und ließ den Hirten sich gleichfalls ausziehen; er ließ ihm das Pferd und seine ganze Habe und nahm die Kleider, Schuhe und die Feldflasche des Schäfers und lief fort aufs Geratewohl. Als seine Diener ihn nicht zurückkommen sahen, suchten sie nach ihm; als sie ihn aber nicht fanden, dachten sie, der Weg müsse unsicher sein, er sei wohl beraubt und erschlagen worden. So warteten sie einige Tage und gingen dann weg und nach Paris zurück. Nachdem Messer Alano den Schäfer verlassen hatte, traf er am Abend auf eine Abtei in der Maremme. Er bat um ein Brot als Almosen, und der Abt fragte ihn, ob er in Dienste gehen wolle. Messere Alano sagte: »Ja.« Darauf fragte der Abt: »Was kannst du arbeiten?« Messere Alano versetzte: »Lieber Herr, ich werde schon können, was Ihr mich anweiset.« Der Abt dachte, er habe hier einen brauchbaren Mann gefunden, nahm ihn zu sich und schickte ihn zuerst ins Holz. Er versah dieses Geschäft so gut, daß alle Bewohner des Klosters ihm wohlwollten; denn er tat gern, was man ihm auftrug; er schämte sich nicht und machte sich nichts daraus, Beschwerden zu ertragen und alles anzugreifen, was er zu arbeiten hatte. Als der Abt seine Demut sah, machte er ihn zum Bruder Kellner des Klosters, da er nicht wußte, wer er war, und legte ihm den Namen Don Benedetto bei. Er führte dabei ein strenges Leben, fastete vier Tage der Woche in einem fort, kleidete sich nie aus, brachte immer einen großen Teil der Nacht im Gebete zu und erzürnte sich nie über irgend etwas, was ihm gesagt oder angetan wurde, sondern lobte beständig Christus. Auf diese Weise hatte er beschlossen Gott zu dienen, so daß der Abt ihm sehr wohlwollte und ihn sehr hoch hielt. Seine Diener waren indessen nach Paris zurückgekommen und meldeten Messere Alano tot, worüber daselbst die größte Wehklage entstand bei allen wackern Leuten, dieweil sie nun den tüchtigsten Doktor auf der Welt verloren hatten. Jener Messer Giovanni Piero aber, als er Messere Alanos Tod erfuhr, war darüber sehr vergnügt und sprach: »Nun kann ich ausführen, was ich so lange schon gewünscht habe.« Er machte sich bereit und ging nach Rom und stellte dort im Konsistorium einen Satz auf, der gar sehr unserm Glauben zuwiderlief, und suchte durch seine Spitzfindigkeiten eine Ketzerei in die Kirche Gottes zu bringen. Der Papst hielt darüber eine Versammlung der Kardinäle, worin sie beschlossen, alle tüchtigen Männer in Italien holen zu lassen, damit sie in einem Konsistorium erschienen, das der Papst halten wollte, um auf die Streitfrage zu antworten, die Messer Giovanni Piero unserm Glauben zuwider aufgestellt hatte. Alle Bischöfe und Äbte und die andern hohen Prälaten, die sich auf das Kirchenrecht verstanden, wurden beschieden, an den Hof zu kommen. Darunter war auch der Abt, bei dem Messer Alano lebte. Als dieser im Begriffe war, nach Rom abzugehen, und Messer Alano hörte, was der Zweck seiner Reise war, bat er den Abt um Erlaubnis mitzugehen. »Was willst denn du dort tun?« sagte der Abt zu ihm; »du kannst ja nicht einmal lesen. Dort sind die tüchtigsten Männer von der Welt, und man spricht von nichts als von Gelehrsamkeit; da verstehst du gar nicht, um was es sich handelt.« »Messere«, versetzte Messer Alano, »so sehe ich doch den Papst, den ich in meinem Leben noch nie gesehen habe; ich weiß gar nicht, wie er aussieht.« Als der Abt seinen Entschluß sah, sagte er: »Meinetwegen, so komm mit! Aber weißt du denn mit einem Pferde umzugehen?« Messer Alano sagte: »Jawohl, Messere!« Als es nun Zeit war, machte sich der Abt auf den Weg und nahm Messer Alano mit sich. Als sie in Rom ankamen, war schon der Tag bestimmt, an welchem dieses Konsistorium gehalten werden sollte, und jedermann konnte hingehen und die Sätze hören, die jener aufstellte; Messer Alano bat den Abt, er möchte ihn doch mit in die Versammlung nehmen. »Bist du von Sinnen?« sagte der Abt. »Meinst du, ich könne dich mit dahin führen, wo der Papst, die Kardinäle und so viele angesehene Männer sind?« Messer Alano sagte: »Ich stecke mich unter Euren Mantel, daß man mich nicht sieht, denn ich bin ja klein und unansehnlich.« »Nimm dich in acht«, sagte der Abt, »daß dir nicht die Pförtner und Stabträger mit ihren Keulen eins auswischen!« Messer Alano aber sagte: »Laßt mich nur machen!« Während nun der Abt in das Konsistorium ging, huschte jener unter dem großen Gedränge beim Eingang plötzlich dem Abt unter den Mantel und kam so mit hinein. Der Abt bekam seinen Platz neben den andern Äbten ihrem Range gemäß; Messer Alano aber kauerte sich zwischen seinen Beinen unter dem Mantel des Abtes zusammen, machte sich ein Fensterchen für sein Auge, um hindurchzugucken, und lauschte aufmerksam den aufgestellten Sätzen. Es dauerte nicht lange, so trat Messer Giovanni Piero in die Versammlung, bestieg die Rednerbühne in Gegenwart des Papstes und der Kardinäle und aller andern Anwesenden und brachte seine Streitfrage vor, die er dann mit feinen, hinterlistigen Gründen zu beweisen suchte. Messere Alano erkannte ihn gleich, und da er sah, daß niemand aufstand, um ihm zu antworten und zu widersprechen, und daß keiner wagte, seiner Beweisführung entgegenzutreten, steckte er seinen Kopf aus dem Fensterchen des Mantels des Abtes hervor und rief laut: »Geh an den Galgen!« Der Abt hob die Hand auf, gab ihm eine tüchtige Ohrfeige und sagte: »Still! Gott verdamm' dich! Willst du mich in Schmach bringen?« Die in der Nähe Stehenden sahen einander an und fragten: »Wo kommt diese Stimme her?« Messer Alano wartete nicht lange, sondern guckte wieder hervor und rief: » Sanctissime pater, audiatis me! « Der Abt war in größter Verlegenheit, denn alle schauten auf ihn und riefen: »Wen habt Ihr da unter Euch?« Der Abt sagte, es sei ein verrückter Laienbruder. Darüber fing man ihn an zu schelten und sprach: »Wie mögt Ihr Verrückte in das Konsistorium bringen?« Dann brachten sie die Stabträger herbei, damit sie ihn prügeln und hinauswerfen sollten. Aus Furcht, Schläge zu bekommen, stürzte Messer Alano unter dem Mantel des Abtes hervor, sprang unter die Bischöfe und fiel dem Papst zu Füßen. Darüber brach das ganze Konsistorium in heftiges Gelächter aus, und der Abt war nahe daran, weggewiesen zu werden, weil er diesen Menschen mit sich hineingeführt habe. Als nun Messer Alano dem Papste zu Füßen lag, bat er um Erlaubnis, seine Meinung über diese Sache aussprechen zu dürfen. Der Papst gab sie ihm. Messer Alano bestieg sofort die Rednerbühne, widersprach allen von dem andern aufgestellten Behauptungen und erörterte dann Punkt für Punkt die ganze Frage mit sprechenden und natürlichen Gründen. Die ganze Versammlung war erstaunt über das feine Latein, in welchem er sich ausdrückte, und die schönen Beweise, die er für seine Ansicht vorbrachte. Da sagten alle: »Wahrlich, da ist uns der Engel Gottes erschienen.« Als der Papst seine Beredsamkeit hörte, dankte er Gott. Als nun auf solche Art dieser Messer Alano den Messer Giovanni Piero aus dem Felde geschlagen hatte und dieser seine Niederlage anerkennen mußte, sagte er: »Wahrhaftig, du bist der Geist des Messer Alano, oder du bist ein böser Geist.« Messer Alano sagte: »Ich bin Alano, der dich sonst schon zum Schweigen gebracht hat; aber du bist in der Tat ein böser Geist, da du in der Kirche Gottes eine solche Ketzerei anstiften wolltest.« Messere Giovanni Piero antwortete: »Hätte ich gedacht, daß du noch am Leben bist, so wäre ich nicht hergekommen.« Der Papst verlangte zu wissen, wer dies sei, ließ den Abt rufen und befragte ihn, wie er zu dem Menschen komme. »Heiligster Vater«, sagte der Abt, »er ist seit geraumer Zeit als Laienbruder bei mir; ich glaubte, er verstehe nicht einmal zu lesen, und habe nie einen demütigeren Menschen gekannt, als er ist; er gab sich immer damit ab, Holz zu machen, das Haus zu reinigen, zu betten, die Kranken zu pflegen, das Pferd zu bestellen; im ganzen schien er mir ein einfältiger Mensch.« Als der Papst das fromme Leben hörte, das er geführt hatte, und seine Tüchtigkeit sah und erfuhr, wer er früher gewesen, wollte er ihn zum Kardinal erheben und ihm die größte Ehre erweisen. »Wärest du nicht gewesen«, sagte er zu ihm, »so wäre die Kirche Gottes in den größten Irrtum geraten. Darum verlange ich, daß du am Hofe bleibest.« Messer Alano aber versetzte: »Heiligster Vater, meine Absicht ist, in dieser beschaulichen Weise mein Leben zu beschließen und nicht wieder in die Welt zurückzukehren; vielmehr wünsche ich mit meinem Abte wieder in sein Kloster mich zurückzuziehen, das angefangene Leben fortzusetzen und fortwährend Gott zu dienen.« Der Abt fiel auf die Kniee und bat ihn um Verzeihung, dieweil er ihn nicht gekannt habe, hauptsächlich von wegen der Ohrfeige, die er ihm gegeben. »Da braucht es keine Verzeihung«, sprach Messer Alano, »denn der Vater muß den Sohn züchtigen.« Darauf nahmen sie Abschied vom Papst und den Kardinälen und kehrten beide, der Abt und Messer Alano, in ihr Kloster zurück. Der Abt erwies ihm fortan immer ganz besondere Verehrung, und so lebte er ein heiliges, frommes Leben und verfaßte einige schöne Bücher über unsern Glauben. Solange er in dieser Welt lebte, führte er auch diese Lebensweise fort und erntete darum am Ende den wohlverdienten Lohn des ewigen Lebens. Römische Rache Vor einiger Zeit lebte zu Rom ein Ritter namens Messer Francesco Orsino von Monte Giordano, welcher eine Gattin hatte, die Madonna Lisabetta hieß, schön, verständig und sehr wohlgesittet war, und die ihm in seiner Ehe zwei Söhne geboren hatte. In diese Frau nun verliebte sich ein junger Mensch und sie in ihn, und da sie sich nicht klug und heimlich hielten, bekam Messer Francesco mehrmals Wind darüber. Er konnte es nicht glauben, in Erwägung daß jener Jüngling nicht schön noch edel noch reich war und überdies sich ganz als sein Freund und ergebener Diener darstellte. Nun geschah es aber, daß einer seiner Geschäftsführer es bemerkte und Messer Francesco sagte, worauf dieser erwiderte: »Laure du ihnen auf, daß du ihn hereinkommen siehst, und dann komm zu mir, denn ich will es selber sehen, sonst kann ich's nicht glauben.« Der Geschäftsführer sagte: »Es soll geschehen.« Da tat Messer Francesco eines Tages, als ginge er auf eines seiner Schlösser, und stieg zu Pferde mit einigen Begleitern. In der folgenden Nacht aber kam er nach Rom zurück und blieb verborgen, bis der Geschäftsführer zu ihm kam. So sah Messer Francesco jenen Jüngling wirklich in der Kammer mit seiner Frau scherzen. »Wem gehört dieses Mäulchen?« fragte der Liebhaber und küßte es. »Dir«, antwortete ihm die Frau. »Und diese räuberischen Augen?« »Sind dein.« »Und diese Wangen?« »Sind dein.« »Und der schöne Hals?« »Ist dein.« »Und dieser schöne Busen?« »Ist dein.« Und so faßte er eins ums andere an, und die Frau sagte immer, es gehöre ihm; nur beim Hinterteil sagte sie, das gehöre ihrem Manne, und darüber schlugen sie beide ein schallendes Gelächter auf. Messer Francesco sah und hörte alles mit an, was diese miteinander trieben: »Gott Lob,« dachte er bei sich selbst, »daß ich doch auch noch einen Teil für mich habe!« Als er nun alles zur Genüge gehört und gesehen hatte, entfernte er sich heimlich, kehrte nach seinem Schlosse zurück und blieb dort, solange es ihm gefiel; dann kam er wieder heim und ließ seiner Frau einen Rock machen aus grobem Tuch, nur der Hinterteil war aus Samt mit Hermelin gefüttert; er ließ auf seinem Schlosse ein sehr schönes Gastmahl bereiten und lud dazu auch den Jüngling und zwei seiner Brüder und einige seiner Verwandten und Gesellen sowie einige Vettern der Frau. Messer Francesco veranstaltete auf einen Sonntagmorgen, daß die Frau jenen Rock anziehen, damit durch Rom gehen und nach seinem Gute mit der Gesellschaft zu Tisch kommen sollte. So geschah es auch. Als man nun zur Tafel ging, setzte Messer Francesco seine Frau neben jenen Jüngling, der Rinaldo hieß, und dann der Reihe nach ihre Brüder und Gefährten und veranstaltete ihnen an diesem Morgen ein reiches und schönes Mahl. Wer am Morgen die Frau so gekleidet sah, mußte sich wundern, so auch alle Verwandte der Frau und Rinaldos, und sie dachten: »Das läuft auf irgend etwas Besonderes hinaus.« Rinaldo war in der größten Angst. Als das Frühstück vorüber war, sagte Messer Francesco: »Nun gebt acht, ich will euch das Obst geben.« Er stand auf und ließ jedem der am Tische Sitzenden einen Stock reichen. Dann trat er in eine Kammer, wo er acht Diener bereit hatte, jeden mit einem Stock in der Hand, ebenso viele, als Gäste an der Tafel saßen. Diese ließ er heraustreten und sich um die Tafel herum stellen. Dann sagte er zu den Gästen: »Wehrt euch!« Und zu den Dienern mit den Stöcken in der Hand sagte er: »Bringt das Obst!« Darauf warfen sie den Tisch um, wie ihnen befohlen war, und fingen an mit ihren Stöcken auf die am Tische loszuschlagen. Das gab eine schöne Rauferei mit den Stöcken untereinander; denn als die am Tische Sitzenden merkten, daß es mit den Schlägen Ernst war, wandten sie sich hübsch ordentlich um und teilten auch aus, wie man ihnen zuteilte. Kurz, es behielten die aus der Kammer getretenen Diener die Oberhand, schlugen die Speisenden zu Boden, und alle kamen im Saale ums Leben. Messer Francesco ließ sodann den Leichnam des jungen Rinaldo wegtragen und mit ausgebreiteten Armen in seinem Schlafzimmer ans Kreuz schlagen; die andern Leichen wurden bei Nacht in ihre Häuser getragen. Es entstand große Trauer in ganz Rom über den Tod so vieler wackern Leute; aber niemand wagte den Mund aufzutun, denn der, der es veranstaltet hatte, war ein angesehener Mann in Rom. Messer Francesco ließ seine Frau nehmen und jede Nacht auf den Leichnam des besagten Rinaldo binden, so daß sie ihn die ganze Nacht umarmt halten mußte; am Tag ließ er sie abnehmen und ihr täglich zwei Stücke Brot und einen Becher Wasser reichen, um sie so hinzuhalten, und sie lebte auch noch mehrere Tage. Jeden Tag schickte sie zwar zu Messer Francesco, ihrem Gatten, um ihn um Erbarmen anzuflehen; er wollte aber nie etwas hören. Da sie nun sah, daß sie doch sterben müsse und kein Mittel ihrer Errettung übrig sei, bat sie sich die Gnade aus, ihre Kinder noch vor ihrem Tode sehen zu dürfen. Die zwei Knaben wurden ihr gebracht; sie nahm sie in den Arm und sagte zu ihnen unter vielen Tränen: »Meine teuren Söhne, ich lasse euch mit dem Segen Gottes und dem meinigen; ihr seid die echten Söhne Messer Francescos, aus rechtmäßiger Ehe geboren. Mein Name ist zwar wegen des begangenen Fehltritts nicht wert, in ehrenvollem Gedächtnis zu bleiben; aber nur der Groll einer Magd hat mich dahingebracht. Das ist freilich keine hinreichende Entschuldigung, aber dennoch lasse ich Gott und euch, meine Söhne, die Rache für eure schmerzvolle unglückliche Mutter.« Und sie konnte nicht satt werden, sie zu küssen bei der Eile, die ihr zugemutet wurde. Sie bekreuzte und segnete sie und gab sie dann ihrer Wärterin mit den Worten zurück: »Nimm sie hin, und dir gebe ich auf bei Gott und deiner Seele, wenn sie groß sind, sie an meinen Tod zu erinnern, besonders den Kleinen.« Der letztere weinte immer und wollte sich von ihrem Halse losmachen. Nachdem sie sie zurückgegeben und wiederholt beteuert hatte, daß sie echte und keine unehelichen Kinder seien, befahl sie ihre Seele Gott und sprach dann kein Wort mehr in diesem Leben. Kurz darauf starb sie. Nun wurden die Leichname abgenommen und weggetragen. Diese Grausamkeit wurde von den einen gebilligt, von andern getadelt. Sobald es Zeit war, rief die Amme den Söhnen den Vorgang ins Gedächtnis; Messer Francesco wurde dadurch verrückt gemacht und lief lange Zeit in der Tollheit umher, in großer Zwietracht mit seinen Söhnen, zumal mit dem jüngeren. Der besagte Messer Francesco lebte und schlief in den Wäldern wie ein Wilder und betrug sich ganz wie ein Verrückter mit tollen Streichen. Dadurch fand man denn die Frau gerächt. Ein Deutscher in Italien In der Stadt Arimino in der Romagna lebte ein mannhafter Herr und Baron mit Namen Messer Galeotto Malatesti, der mannhafteste Ritter, den die Romagna seit langer Zeit gehabt hatte, und der weiseste und klügste Mann, der immer ein reiches und vornehmes Leben führte und seinem Stande Ehre machte. Dieser Messer Galeotto hatte eine Nichte, welche Witwe war, namens Madonna Gostanza, die Tochter des Messer Malatesta Unghero von Malatesti, gleichfalls eines ehrenfesten und gewandten Ritters. Diese Madonna Gostanza hatte in Arimino um sich einen sehr schönen Hof von Frauen, Fräulein und Knappen und lebte wie eine vornehme Edelfrau die sie auch war; schon Messer Galeotto zuliebe wurde, ihr die größte Ehre erwiesen. Sie hatte und besaß, was ihr Vater und Gatte hinterlassen hatten, und vielleicht war in der ganzen Romagna, in Toscana und in der Mark keine so reich wie sie an den edelsten Juwelen und überhaupt vermöglicher als sie. Kurz, es wurden ihr alle Genüsse zuteil, die eine Frau ihresgleichen und die von der Natur so gut bedacht war, sich mit Ehren erlauben konnte: sie war jung, schön, gebildet, reich, von edler Abkunft, sie galt für verständig, war bei jedermann beliebt, und Messer Galeotto hoffte durch sie eine reiche und edle Verwandtschaft einzugehen. Nun hatte Messer Galeotto in seinem Solde einen Rottenführer von fünfzig Lanzen namens Ormanno; es war ein Deutscher aus Oberdeutschland aus einem Schlosse, welches Cham heißt; er hatte Brüder und Brudersöhne, welche Ritter und alte Edelleute waren, und so sah er auch aus. Er war höflich, wohlgesittet und von stattlicher Figur, weshalb ihn denn auch Messer Galeotto äußerst liebhatte. Nun geschah es, daß besagter Ormanno mehrmals am Palaste der Madonna Gostanza vorüberging, während die Frau am Fenster stand. Da begegneten sich denn ihre Blicke so, daß Ormanno sich heftig in diese Frau verliebte; er wußte es auch anzustellen, daß die Frau es bemerkte und anfing ihn zu lieben. Die Neigung nahm auch dergestalt zu, daß sie sich allmählich gegenseitig reiche Geschenke machten und namentlich die Frau ihm; sie sprachen einander mehrmals und verabredeten, daß besagter Ormanno von ihr erlangen sollte, was die Liebe erheischt. Sie wußten aber das Feuer der glühenden Liebe nicht verborgen zu halten und ihre Angelegenheiten nicht mit Vorsicht zu ordnen, denn die Liebe ist blind und der Feind listig. Da nun Ormanno zu Stunden, welche mit dem Anstand nicht vereinbar waren, im Hause aus- und einging, wurde es oftmals Messer Galeotto gesagt; er glaubte es aber nicht. Als nun durch Führung der göttlichen Allmacht Papst Urban VI. von dem ganzen Kollegium der Kardinäle in Rom zum Nachfolger des verstorbenen Papstes Gregors XI. bestellt und im Namen des ganzen Kollegiums der italienischen und auswärtigen Kardinäle allen Herren und Gemeinden der Christenheit verkündet worden war, was maßen sie Urban VI. zum Papst erwählt haben, wollte besagter Messer Galeotto als frommergebener Sohn der heiligen Kirche hingehen, um den neuerwählten Papst zu besuchen. Ehe er sich nun auf den Weg machte, schickte er nach Ormanno und sagte zu ihm: »Man hat mir gesagt, du stehest im Hause meiner Nichte Gostanza auf vertrautem Fuße; ich glaube es aber nicht; nichtsdestoweniger bitte ich dich indes, dich so aufzuführen, daß mir nichts der Art mehr zu Ohren komme!« Ormanno sagte: »Mein Gebieter, Ihr werdet finden, daß dies nicht wahr ist. Wer es Euch gesagt hat, ist jemand, der mir übel will und mir in Eurer Gunst zu schaden sucht. Aber ich bin bereit, ihm Mann gegen Mann gegenüberzutreten.« So entschuldigte er sich angelegentlich. Messer Galeotto antwortete ihm und sprach: »Ormanno, du bist ein gescheiter Mann und hast mich verstanden. Mehr sage ich nicht, als daß ich dir die Obhut über Arimino übertrage und über alles, was ich habe; du bist Anführer der Truppen, bis ich vom römischen Hofe zurückkomme. Sieh zu, daß ich mich bei meiner Rückkehr nicht über dich zu beklagen habe!« Ormanno sagte: »Mein Gebieter, es soll geschehen.« Messer Galeotto machte sich auf zum Besuche des Papstes und setzte, wie gesagt, Ormanno zum Haupt der Wache ein. Ormanno aber war nicht vorsichtig genug in Verfolgung seiner Liebschaft und ging fortan in besagtes Haus ohne Rücksicht und Achtung gegen seinen Herrn. Ja, er hängte vielmehr noch heftiger seiner zügellosen Liebe nach, in der er gefangen war, und die Frau hatte ihn mit einem silbernen Gürtel beschenkt. Nun begab es sich, daß dem Messer Galeotto bei seiner Rückkehr gesagt wurde, wie dieser Ormanno nicht ablasse, in Madonna Gostanzas Haus zu kommen, und die meisten Leute in Arimino diese Geschichte wissen. Darum ließ Messer Galeotto die Sache beobachten und trug der Wache heimlich auf, zu lauern, ob es wahr sei. Ormanno, der hiervon nichts gehört hatte, wurde denn gesehen, wie er bei Nacht in das Haus der Frau schlich, und alsbald wurde Messer Galeotto benachrichtigt, der sogleich das Haus von einigen Kriegsknechten umstellen ließ, die er zur Wache bei sich hatte. Er gab ihnen den Befehl, bei Todesstrafe den Ormanno nicht herauszulassen. Als diese zur Ausführung schritten, sandte er zu einigen Bürgern und beriet sich mit ihnen über die Sache; der eine gab diesen Rat, der andere einen andern. Als es nun nahe am Tage war und Ormanno aus dem Hause wollte, sah und hörte er die Kriegsknechte, die um das Haus herstanden. Er kehrte daher zu der Frau zurück und sagte ihr, wie die Sache stehe. Die Frau stand auf, trat ans Fenster und sagte: »Was soll das heißen? Was sind das für Wachen und Neuerungen? Schämt Ihr Euch nicht, mir Wachen vor die Tür zu stellen?« Diese Worte waren der Grund zu ihrem Tode. Wäre sie nicht ans Fenster gekommen, so wäre sie für diesmal nicht gestorben. Denn Messer Galeotto hatte für das Innere des Hauses bereits für die Ehre der Frau gesorgt, indem er eine ihrer Kammerfrauen mit der Sache beauftragte. Als ihm nun aber gesagt wurde, sie sei an das Fenster gekommen und habe jene Worte gesprochen, entschloß er sich als ein verständiger, wackerer Mann und rief einen Fähnrich des Fußvolkes und sagte: »Geh in das Haus meiner Nichte! Du findest Ormanno und die Gostanza: hau sie mir beide alsbald in Stücke!« Der Fähnrich, namens Santolino von Faenza, antwortete: »Mein Gebieter, ihm will ich das wohl antun, aber nicht ihr. Vergebt mir, ich will meine Hand rein halten vom Blute der Malatesti.« Messer Galeotto sagte: »Geh und tu es ihm!« Da ging er alsbald hinweg. Messer Galeotto aber rief sodann einen andern Fähnrich und sagte zu ihm: »Geh hin und hau mir die Gostanza, meine Nichte, in Stücke!« Dieser antwortete: »Herr, es soll geschehen.« Und er ging nach Madonna Gostanzas Hause. Als nun Santolino an der Kammertür pochte, fragte Madonna Gostanza: »Was willst du?« Santolino antwortete: »Madonna, macht auf! Ich habe Euch etwas auszurichten von dem Herrn.« Die Frau ließ ihm aufmachen. »Madonna«, fragte Santolino, »wo ist Ormanno?« »Welcher Ormanno?« erwiderte die Frau. »Ohne viel Umstände«, versetzte Santolino, »der Herr weiß, daß er hier ist, und schickt mich zu ihm, daß ich ihm etwas ausrichte. Darum haltet mich und Euch nicht auf! Es könnte sonst schlimmer kommen.« Die Frau sagte: »Du weißt wohl, daß hier kein Mann zu sein pflegt.« Santolino aber sagte wieder: »Wenn Ihr mir ihn nicht zeigt, wird es Euch reuen.« Als die Frau ihn so sprechen hörte, sagte sie: »Dort ist er.« Santolino ging zu ihm und sagte: »Ormanno, ich habe bei dir etwas auszurichten von dem Herrn.« Ormanno sprach: »Sag an!« Santolino fuhr fort: »Laß uns an einen verborgenen Ort gehen, ich will nicht von andern gehört werden.« Da traten sie in ein Kämmerchen, und Santolino sprach zu ihm: »Ormanno, du mußt sterben; es ist nicht mehr zu ändern.« Ormanno erschrak heftig und sprach sodann: »Gibt es kein Mittel, mich vom Tode zu retten?« Santolino antwortete: »Nein, es ist alles fest beschlossen.« Da kniete Ormanno nieder vor Santolino, hob die Hände gen Himmel, bückte sich dann, nahm Staub vom Boden auf und steckte ihn in den Mund; darauf drückte er die Hände vor die Augen, um seinen Tod nicht zu sehen, und neigte den Kopf zur Erde. Santolino schwang sodann das Schwert, und gleich darauf lag jener tot zu seinen Füßen. Der andere Fähnrich, der hingegangen war, um der Frau das gleiche zu tun, kam in die Kammer und sagte: »Madonna, ich habe Euch etwas auszurichten von dem Herrn.« Ganz erschrocken sagte die Frau: »Sag an, was du hast!« Er sprach: »Laßt alle Eure Kammerfrauen hier abtreten!« Die Frau schickte sie aus dem Zimmer; er trat an die Tür, verschloß sie, riß sein Schwert heraus und sagte: »Madonna, Ihr müßt sterben.« Die Frau stieß einen heftigen Schrei aus und wollte fliehen. »Madonna«, sagte er, »flieht nicht! Es würde Euch nichts helfen. Denn der Herr hat nun einmal Euren Tod beschlossen, und so kann Euch kein Gott retten.« Die Frau sagte: »Wie? Will der Herr zum Mörder werden an seinem eigenen Fleisch?« Der Kriegsmann antwortete: »Wohlan, macht Euch fertig!« »Und du«, fuhr die Frau fort, »hast du den Mut, deine Hände mit dem Blute von Messer Malatesta Unghero, meinem Vater, zu beflecken?« Er antwortete aber: »Ich muß tun, was mir befohlen ist; und darum verzeiht mir, denn ich tue es ungern.« »Ist denn kein Mittel«, fragte die Frau, »mich vom Tode zu erretten?« Er antwortete: »Nein.« Da kniete sie nieder vor dem Bilde der heiligen Jungfrau und sprach folgende Worte: »Wenn mein erlauchter und mannhafter Vater noch lebte, würde ich nicht so im Finstern schmählichen Todes sterben; darum befehle ich in deine Arme, holdseligste Jungfrau Maria, meinen Geist und meine Seele und die Seele des wackern Mannes, der um meinetwillen leiden und sterben muß, und bitte dich überdies, Mutter der Gnaden, daß du mich in diesem finstern schmählichen Tode stark und kräftig machest, ihn geduldig zu ertragen, auf daß meine Seele, wie die einer Märtyrerin, gelangen möge zur Herrlichkeit deines allerheiligsten Sohnes Jesu Christi. Fürwahr, ich habe in dieser Welt gelebt, ohne wie meinesgleichen mich zu begnügen.« Dann wandte sie sich zu dem, der das bloße Schwert über ihrem Haupte schwang, und sagte: »Da mich meine Eitelkeit nun so weit gebracht hat, bitte ich dich, wenigstens nicht so sehr zu eilen und so viel Mitleid mit mir zu haben, daß ich noch zehnmal die Jungfrau Maria grüßen darf.« Es erbarmte den Mann, und er sprach: »Betet denn, aber beeilt Euch!« Sie begrüßte nun die Jungfrau Maria mit vielen Tränen, schaute aber dabei ganz bestürzt fortwährend auf die Hand, die das Schwert hielt. Nachdem sie ein wenig gebetet hatte, sagte er: »Seid Ihr nun fertig?« Die Frau antwortete: »Noch nicht.« Der Kriegsmann sagte: »Wie? In dieser Zeit wäre ich mehr als zwanzigmal fertig geworden.« Darauf sprach die Frau: »Unglückliche Gostanza, wohin hast du es gebracht! O blinde Liebe, warum hast du mich betrogen und schickst mich nun von hinnen in so schlimmem Rufe? Wäre ich doch vor der Geburt gestorben!« Da kam es ihm vor, als zaudere sie doch allzulange; er sprach: »Sagt: ›Ave Maria!‹« Da sprach sie andächtig: »Ave Maria, Ave Maria, Ave Maria!« Da schwang er das Schwert und erschlug sie. Mit einem Streiche traf er sie, und sie sank tot ihm zu Füßen. Der Herr ließ die beiden unglücklichen Leichname in einen Sack stecken und ins Meer werfen. Sodann ließ er ausschreiben, wer an Ormanno eine Forderung zu machen habe, solle zur Bezahlung kommen. Er ließ auch jedermann befriedigen, dem er etwas schuldig gewesen war, hob dann die ganze Schar auf und schickte sie weg. Über dieses Verfahren erntete Messer Galeotto von einigen Lob, von andern aber Tadel. Von den Guelfen und Ghibellinen In Deutschland waren zwei sehr vertraute Freunde, beide edel und reich, einander auf eine Meile benachbart, und der eine hieß Guelfo, der andere Ghibellino. Als sie eines Tages von der Jagd heimkehrten, gerieten sie in Streit über eine Hündin, und während sie zuvor Freunde und Genossen waren, wurden sie nunmehr Feinde und ließen nicht ab, einander zu befehden; ja, sie kamen so sehr in Zwietracht, daß jeder für sich Einladungen und Gastgebote an ihre Freunde ergehen ließ, um sich zu bekriegen. Das Ärgernis wuchs so sehr, daß alle Herren und Barone von Deutschland über diese Angelegenheit sich in zwei Parteien trennten, indem es der eine mit Guelfo, der andere mit Ghibellino hielt, was denn alljährlich auf beiden Seiten manchem Manne das Leben kostete. Als nun Ghibellino sich von Guelfo beschimpft sah und meinte, dieser habe mehr Macht als er, empfahl er sich dem Kaiser Friedrich I., der dazumal regierte. Da aber Guelfo bemerkte, daß Ghibellino sich unter den kaiserlichen Schutz gestellt hatte, lehnte er seine Sache an Papst Honorius II., der in Zwietracht mit dem Kaiser lebte, empfahl sich ihm und tat ihm die ganze Angelegenheit kund. Sobald der Papst vernahm, daß der Kaiser die Partei der Ghibellinen ergriffen habe, nahm, er seinerseits sich der Partei der Guelfen an. Daher kam es, daß der päpstliche Stuhl guelfisch, das Kaisertum ghibellinisch wurde. Im Jahre des Heils 1215 nun verbreitete sich dieser Same der Zwietracht auch über Italien, und zwar auf folgende Weise: Podesta von Florenz war Guido Orlandi, und Podesta von Florenz zu sein war ein großes und schönes Amt; da war nun im Hause der Buondelmonti ein Ritter namens Messer Buondelmonte, ein schöner, reicher und mannhafter Herr. Besagter Messer Buondelmonte gelobte einem Mädchen aus dem Hause der Amidei eidlich die Ehe, gab ihr die Hand und versprach sich mit ihr in aller bei solchem Anlaß herkömmlichen Feierlichkeit. Als nun Messer Buondelmonte eines Tages am Hause der Donati vorüberging, sah ihn eine Frau, welche Madonna Lapaccia hieß, rief ihn zu sich und sagte: »Messere, ich wundere mich sehr über Euch, wie Ihr Euch herablassen mochtet, eine Frau zu nehmen, die nicht wert wäre, Euch die Schuhriemen aufzulösen. Ich hatte Euch eine meiner Töchter vorbehalten; ich wünsche doch, daß Ihr sie seht.« Sogleich rief sie diese Tochter, welche die Ciulla hieß, ein schönes, liebenswürdiges Mädchen wie nur irgendeine in Florenz, und zeigte sie Messer Buondelmonte mit den Worten: »Diese habe ich für Euch vorbehalten.« Als Messer Buondelmonte das schöne Kind sah, verliebte er sich in sie und sagte: »Madonna, ich bin bereit, zu tun, was Ihr begehrt.« Und ehe er wegging, nahm er sie zur Frau und gab ihr den Ring. Sobald die Amidei erfuhren, daß Messer Buondelmonte eine andere zur Frau genommen und von der Ihrigen nichts mehr wolle, traten sie zusammen und berieten sich mit andern Freunden und Verwandten, sich zu rächen wegen dem, was ihnen Messer Buondelmonte angetan hatte. Bei diesem Rate war auch Lambertuccio Amidei, Schiatta Ruberti, Mosca Lamberti und viele andere. Die einen rieten, ihm Prügel zu geben, die andern einen Schlag ins Gesicht, der dies, der andere jenes. Da stand Mosca Lamberti auf und sagte: »Was lebt, hat einen Kopf.« Damit wollte er andeuten, daß ein Toter keinen Krieg mehr führt. So wurde denn beschlossen, ihn umzubringen, und das geschah auch. Als nämlich Messer Buondelmonte eines Ostermorgens aus dem Hause Bardi über dem Arno vom Essen zurückkehrte, auf seinem ganz weißen Schimmel reitend und mit einem weißen Rock angetan – er ritt gerade unten an der alten Brücke, dort wo die Marsbildsäule stand, welche die Florentiner zur heidnischen Zeit anbeteten, und wo jetzt die Fische verkauft werden, – da fiel eine Schar über ihn her: sie rissen ihn vom Pferde und brachten ihn um. Da entstand ein großer Lärm in ganz Florenz über den Tod dieses Herrn Buondelmonte. Um dieses Mordes willen teilten sich die edeln Häuser und Familien von Florenz; die einen hielten's mit den Buondelmonti, die sich zu Häuptern der guelfischen Partei machten, die andern aber mit den Amidei, die sich an die Spitze der ghibellinischen Partei stellten. Auf der guelfischen Seite standen die Buondelmonti, Nerli, Jacopi, Dati, Rossi, Bardi, Frescobaldi, Mozzi, Pulci, Gherardini, Foraboschi, Bagnesi, Guidalotti, Sacchetti, Manieri, die von Quona, die Luccardesi, Chiaramontieri, Cavalcanti, Compiombesi, Giandonati, Scali, Gianfiglazzi, Importuni, Bosticchi, Tornaquinci, Vecchietti, Tosinghi, Arigucci, Agli, Adimari, Bisdomini, Tedaldi, Cerchi, Donati, Arighi und die della Bella. Alle diese Familien nebst anderen nicht adeligen wurden über dem Tode Messer Buondelmontes guelfisch. Ghibellinisch aber wurden folgende: die Uberti, Amidei, und die Häupter waren die Grafen von Gangalandi, die Ubriachi, Mannelli, Fifanti, Infangati, Malespini, die von Volognana, Scolari, Guidi, Galli, Capiardi, Lamberti, Soldanieri, Cipriani, Toschi, Amieri, Palermini, Migliorelli, Pigli, wiewohl diese zum Teil hernach guelfisch wurden, die Barucci, Catani und Catani von Castiglione, Agolanti, Brunelleschi, die indes später zu den Guelfen übergingen, die Caponsacchi, Elisei, Abati, Tedaldini, Giuochi, Galigai. Alle diese wurden ghibellinisch aus Anlaß der Ermordung Messer Buondelmontes; und so teilten und trennten sich alle Herren und Völkerschaften Italiens und nahmen diesen bösen Samen in sich auf; und alle Guelfen hielten zur heiligen Kirche, die Ghibellinen aber zum Kaiser. So begann also mit einem Handel über eine Hündin die guelfische und ghibellinische Parteiung in Deutschland, die dann auch in Italien über einem Weibe ausbrach, wie zuvor gesagt ist. Männerlist (Herodot, Der Meisterdieb; Platen, Der Schatz des Rampsiuit) In der hochedeln Stadt Venedig lebte einst ein Doge, der ein hochherziger, weiser und reicher Mann war und vorsichtig und klug in allen Stücken, mit Namen Messer Valeriano, Sohn von Messer Vannozzo Accettani. An der Hauptkirche zu Sankt Markus in Venedig war ein Glockenturm, der schönste und reichste, den es geben konnte, und der Hauptstolz Venedigs zu jener Zeit. Dieser Turm war nun aber auf dem Punkte einzustürzen wegen einiger Fehler in der Grundlage. Deshalb ließ der Herr Doge in ganz Italien umher nachforschen und ausschreiben: wer es übernehmen wolle, besagten Turm auszubessern, möge zu ihm kommen; er solle Geld bekommen, so viel er zu fordern und zu verlangen Lust habe. Da entschloß sich ein wackerer florentinischer Meister namens Bindo, der zu Florenz wohnte und vernahm, wie es mit dem Turme stehe, das Unternehmen zu wagen, brach also mit seinem Sohne und seiner Frau von Florenz auf und ging nach Venedig. Als er den Turm sah, nahm er sich vor, ihn auszubessern, ging zum Dogen und sprach: »Gnädiger Herr, ich komme hierher, um Eurem Turme zu helfen.« Darüber erwies ihm der Doge große Ehre und sagte unter vielem andern: »Lieber Meister, ich bitte Euch, beginnt nur Eure Arbeit so bald als möglich! Ich will auch zusehen.« Der Meister sagte: »Gnädiger Herr, das soll geschehen!« Und sogleich ordnete er die Arbeit an, und durch großen Fleiß richtete er in kurzer Zeit den Turm dergestalt wieder her, daß er schöner war als zuvor. Das machte nun dem Dogen große Freude, und man gab dem Meister das Geld, das er verlangte; er machte ihn zum Bürger von Venedig und verlieh ihm ein reiches Einkommen. Ferner sagte er zu ihm: »Nun sollt Ihr mir einen Palast bauen, der eine Kammer enthalte, in die der ganze Schatz und alles Vermögen der Gemeinde von Venedig niedergelegt werden kann.« Der Baumeister traf sogleich alle Anstalten, um den besagten Palast zu errichten, und machte darin eine Kammer, die schöner und besser gelegen war als alle andern, in die der besagte Schatz kommen sollte. Dabei brachte er sehr listig und kunstreich einen Stein an, der heraus- und hineinging, in der Absicht, in die Kammer nach seinem Gefallen einzudringen; von diesem Eingang aber wußte kein Mensch als er. Als nun der Palast fertig war, ließ der Doge alles kostbare Gerät, damastene Stoffe mit Gold durchwirkt, Tapeten, Bankteppiche, Mäntel und anderes Zeug und Gold und Silber in Menge in die Kammer bringen. Man nannte dies nun die Turpea des Dogen und der Gemeinde von Venedig; sie war mit fünf Schlüsseln verschlossen, deren vier die vier ersten Bürger Venedigs hatten, die dazu beauftragt waren und die die Kämmerlinge des Schatzes von Venedig hießen; den fünften Schlüssel aber hatte der Doge. So konnte also die Schatzkammer nicht geöffnet werden, und es mußten alle fünf dazu zusammenkommen, die die Schlüssel in Händen hatten. Als nun dieser Bindo mit seiner Familie in Venedig lebte und Bürger geworden war, fing er an, Aufwand zu machen und wie ein reicher Mann zu leben; und sein Sohn Ricciardo gab sich ungeordneter Verschwendung hin, so daß es ihnen in kurzem an Mitteln für ihren übermäßigen Aufwand fehlte. Da rief der Vater einst bei Nacht seinen Sohn, nahm eine kleine Leiter und ein geeignetes Hebeisen und ein wenig Mörtel mit, und so gingen sie an das Loch, das der Baumeister so kunstvoll in der Kammer angebracht hatte. Er legte die Leiter an, hob den Stein heraus, schlüpfte in die Kammer und zog einen schönen goldenen Becher hervor, der in einem Schranke stand, ging dann heraus und setzte den Stein wieder an seine gehörige Stelle. Zu Hause angelangt, zerschlugen sie den Becher und schickten ihn stückweise zum Verkauf in einige lombardische Städte. Auf diese Weise führten sie das ungeordnete Leben fort, das sie angefangen hatten. Nun begab es sich, daß ein Kardinal nach Venedig zu dem Dogen kam, dem man besondere Ehre erzeigen wollte, und so mußte man die Kammer öffnen, wegen des darin befindlichen Gerätes, des Silberzeugs, der Tapeten und anderer Dinge. Als man sie nun aufmachte und die besagten Gegenstände herausnahm, vermißte man den Becher. Darüber entstand nun unter den Verwaltern der größte Lärm; sie gingen zu dem Dogen und sagten ihm, daß man den Becher nicht mehr sehe. Der Doge verwunderte sich und sagte: »Das müßt ihr untereinander ausmachen.« Und nach langem Hinundherreden befahl er ihnen, von der Sache nichts zu sagen noch etwas deshalb vorzunehmen, bis der erwartete Kardinal wieder abgereist sei. Und so geschah's auch. Der Kardinal kam, und es wurde ihm große Ehre erwiesen; als er aber fort war, sandte der Doge nach den vier Kämmerlingen und verlangte nun zu wissen, wo der Becher hingekommen sei. Er befahl ihnen, nicht eher aus dem Palaste zu gehen, bis der Becher wiedergefunden sei, und sprach: »Ihr habt es allein zu verantworten.« Die vier Männer traten zusammen und besannen sich, wußten sich aber auf keine Weise zu erklären, wie der Becher weggekommen sei. »Überlegen wir«, sagte einer von ihnen, »ob man in die Kammer auch auf anderm Wege gelangen kann als durch die Tür.« Sie schauten umher, erblickten aber nirgends eine Öffnung. Sie wollten listiger zu Werke gehen und ließen die Kammer mit dürrem Stroh füllen, zündeten es an und verschlossen Türe und Fenster, damit der Rauch nicht hinauskönne. Als nun das Stroh brannte, entstand ein so gewaltiger Rauch, daß er durchschwitzte und sich Bahn machte durch jene Öffnung. So merkten sie denn, von welcher Seite der Schaden kam, gingen zum Dogen und sagten ihm, wie die Sache stehe. »Haltet es ganz im stillen«, sagte der Doge, »dann können wir den Dieb über der Tat ertappen.« Dann ließ er einen Kessel mit Pech in der Kammer unter dem Loche aufstellen und darunter Tag und Nacht ein Feuer unterhalten, so daß das Pech beständig kochte. Als nun das aus dem Becher erlöste Geld zu Ende war, gingen der Meister und der Sohn eines Nachts wieder an die Öffnung und nahmen den Stein heraus, und der Meister stieg hinein und fiel in den immer siedenden Pechkessel. Als er nun bis zum Gürtel im Kessel stand und nicht mehr loskommen konnte, hielt er seinen Tod für gewiß. Er faßte daher schnell seinen Entschluß, rief seinen Sohn und sprach: »Mein Sohn, ich bin des Todes; darum schneide mir den Kopf ab, damit der Betrug nicht entdeckt werde, und nimm den Kopf mit dir und verscharre ihn an einem Orte, wo er nicht gefunden wird! Tröste deine Mutter und suche auf eine vorsichtige Weise davonzukommen! Und wenn dich jemand nach mir fragt, so sage, ich sei nach Florenz gegangen in Geschäften.« Der Sohn fing an zu weinen und jämmerlich zu klagen, schlug die Hände zusammen und rief: »Wehe, mein Vater!« Der Vater aber sagte: »Mein Sohn, es ist besser, es stirbt einer, als zwei, und darum tu, was ich dir sage, und eile!« Da schnitt der Sohn dem Vater den Kopf ab und trug ihn hinweg; der Rumpf aber blieb im Kessel und kochte in dem Peche dermaßen, daß er ganz einschrumpfte und wie ein Baumstumpf wurde. Der Sohn kehrte nach Hause zurück und beerdigte den Kopf des Vaters, so gut er wußte und konnte, und dann sagte er es der Mutter. Als sie nun eine große Wehklage erheben wollte, schlug der Sohn die Arme übereinander und sagte: »Wenn Ihr Lärm macht, sind wir in Gefahr, ums Leben zu kommen; darum, liebe Mutter, seid besonnen!« Damit brachte er sie zur Ruhe. Am folgenden Morgen wurde der Leichnam gefunden und zum Dogen gebracht, der sich über die Sache außerordentlich verwunderte; und da er sich nicht denken konnte, wer es sei, sprach er: »Weil hier offenbar zwei im Spiele sind, wollen wir, nachdem wir den einen gepackt haben, nun auch den andern packen.« Einer der vier Verwalter sprach: »Ich habe die Art und Weise gefunden, nämlich folgende: Es ist nicht möglich, daß er nicht Weib oder Kinder oder sonstige Verwandte im Lande habe; lassen wir nun den Körper durch die ganze Stadt schleppen und schicken Wachen mit, daß sie beobachten, ob jemand weint oder jammert: und wenn es sich findet, soll man diesen verhaften und verhören. Auf diese Weise werden wir wohl den Mitschuldigen finden.« So wurde es beschlossen, und sie ließen den Körper in der ganzen Stadt umherschleifen und Wachen hinterdrein. Als sie nun an sein Haus kamen, trat die Frau ans Fenster, und als sie den Leichnam ihres Gatten so mißhandeln sah, stieß sie einen heftigen Schrei aus. Da sagte der Sohn: »Wehe, meine Mutter, was macht Ihr?« Er war aber schnell besonnen, ergriff ein Messer, schnitt sich in die Hand und brachte sich eine große Wunde bei. Sowie die Wachen das Geschrei vernahmen, das die Frau aufschlug, liefen sie in das Haus und fragten die Frau, was sie habe. Der Sohn antwortete: »Ich habe mit diesem Messer geschnitten und mich in der Hand verletzt. Deswegen hat meine Mutter einen Schrei ausgestoßen, in Besorgnis, ich hätte mir mehr wehe getan, als in der Tat der Fall ist.« Als die Wachen die Hand bluten sahen und die Wunde und was sich begeben hatte, glaubten sie es ihm und zogen im ganzen Bezirk umher, ohne jemand zu finden, der sich auch nur erzürnt gezeigt hätte. Sie kehrten also unverrichteter Dinge zum Dogen zurück und faßten nun den Entschluß, den Leichnam auf dem Markte aufzuhängen und gleichfalls im verborgenen Wachen dazuzustellen, um Tag und Nacht zuzusehen, ob jemand komme, um den Toten zu bejammern oder zu beweinen. Es verbreitete sich das Gerücht in der Stadt, der Leichnam sei auf dem Platze aufgehängt, und viel Volks ging hin, danach zu sehen. Als nun die Frau sagen hörte, daß ihr Mann auf dem Platze aufgehängt sei, sagte sie oftmals zu ihrem Sohne, es sei dies für sie die größte Schmach, seinen Vater auf diese Weise aufgehängt zu sehen. Der Sohn antwortete: »Liebe Mutter, seid um Gottes willen ruhig! Das, was sie mit dem Leichname tun, geschieht einzig und allein, um mich zu erwischen. Habt nur eine Weile Geduld! Dieses Mißgeschick wird auch vorübergehen.« Die Mutter aber konnte es nicht aushalten und sagte mehrmals: »Wäre ich ein Mann, wie ich ein Weib bin, so müßte ich ihn nicht jetzt erst abnehmen; und wenn du ihn nicht wegnimmst, so gehe ich einmal bei Nacht selbst hin.« Als der Jüngling den festen Entschluß seiner Mutter sah, besann er sich, wie er den Leichnam losmachen könne. Er kaufte also zwölf schwarze Mönchskutten, ging eines Abends in den Hafen, nahm zwölf Lastträger mit und führte sie durch eine Hintertür seines Hauses in eine kleine Stube, wo er ihnen zu essen und zu trinken gab, soviel sie Lust hatten. Und als er sie in gehörige Weinlaune versetzt hatte, zog er ihnen die Mäntel an mit Larven vor dem Gesicht und gab jedem eine brennende Fackel in die Hand, wodurch sie ein Aussehen bekamen wie Teufel aus der Hölle, so sehr waren sie durch diese Masken entstellt. Er selbst stieg auf ein Pferd, ganz in Schwarz gehüllt, und die Pferdedecke war voll Haken, und an jedem Haken war eine brennende Kerze befestigt; vor das Gesicht hatte er eine abenteuerliche Maske befestigt; so stellte er sich an ihre Spitze und sagte zu ihnen: »Tut, was ihr mich werdet tun sehen!« So begaben sie sich nach dem Platze, auf welchem der Leichnam aufgehängt war, und rannten auf dem Platze hin und her; es war Mitternacht vorüber und die tiefste Finsternis. Als nun die Wachen diese seltsame Erscheinung sahen, fürchteten sie sich und meinten, es seien böse Gespenster aus der Hölle und der auf dem Pferde mit der greulichen Gestalt sei der alte Luzifer selber. Als sie ihn daher auf den Galgen zukommen sahen, liefen sie in großer Angst davon. Er nahm den Leichnam, legte ihn über den Sattelbogen und jagte der Gesellschaft voraus seinem Hause zu. Dort gab er ihnen Geld, zog ihnen die Kutten aus und schickte sie weg, verscharrte auch den Leichnam, so heimlich er konnte. Am Morgen wurde dem Dogen berichtet, der Leichnam sei abgenommen. Der Doge sandte nach den Wachen und wollte wissen, wo der Leichnam hingekommen sei. »Gnädiger Herr«, sagten die Wächter, »wir versichern Euch, heute nacht, es war Mitternacht vorüber, da kam eine große Schar von Teufeln, und unter ihnen sahen wir deutlich den alten Luzifer, der wahrscheinlich diesen Leichnam gefressen hat. Wir sind deshalb geflohen, als wir eine solche Heeresmacht dem Körper zuliebe ankommen sahen.« Der Doge sah klar, daß hier eine Bosheit dahinterstecke, und wurde nur um so begieriger, zu erfahren und zu erkunden, wer es sei. Er hielt daher einen geheimen Rat, worin beschlossen wurde, es dürfe zwanzig Tage in Venedig kein frisches Fleisch verkauft werden. Es geschah, und jedermann wunderte sich über diese Bestimmung. Dann ließ er ein sehr schönes Milchkalb schlachten und zum Verkauf ausbieten zu einem Gulden das Pfund und sagte zu dem Verkäufer, er solle achthaben auf alle, die davon nehmen; denn er dachte bei sich so: »Gemeiniglich sind die Diebe gelüstig; so wird sich denn auch dieser nicht enthalten können, davon zu holen, und die Ausgabe von einem Gulden für das Pfund nicht anschlagen.« Er ließ also bekanntmachen, wer Fleisch wolle, solle auf den großen Platz kommen. Alle Kaufleute und Edelleute kamen um des Milchkalbs willen; da man aber hörte, daß er einen Gulden für das Pfund begehre, nahm niemand davon. Die Sage verbreitete sich durch die Stadt und kam auch der Mutter des Jünglings, der Ricciardo hieß, zu Ohren. Da sprach sie zu ihrem Sohne: »Es gelüstet mich nach einem Stückchen von diesem Kalbfleisch.« Ricciardo antwortete: »Liebe Mutter, eilt nicht so, laßt erst andere den Anfang machen! Dann will ich Euren Wunsch erfüllen und Euch davon verschaffen. Aber ich möchte nicht der erste sein, der davon nimmt.« Die Mutter indes, die eine unbesonnene Frau war, beunruhigte ihn fortwährend mit ihren Wünschen, und aus Besorgnis, sie möchte am Ende einen andern hinschicken und kaufen lassen, bestellte der Sohn eine Torte und verschaffte sich eine Flasche mit Opium gemischten Wein, um einzuschläfern; nun nahm er einige Brote, die Torte und den Wein, und als es Nacht war, machte er sich einen Bart und eine Kapuze und ging an den Ort, wo das Kalbfleisch verkauft wurde. Noch war das Kalb ganz unangegriffen, und als er gepocht hatte, sagte einer der Wächter: »Wer bist du?« Ricciardo entgegnete: »Könnt Ihr mir wohl sagen, wo ein gewisser Glück wohnt?« Einer von ihnen fragte weiter: »Was für ein Glück?« Ricciardo antwortete: »Seinen Geschlechtsnamen weiß ich nicht; Gott verdamm mich, daß ich mit ihm zu tun haben soll.« »Wer schickt dich denn?« sagte einer von jenen. »Seine Frau«, versetzte Ricciardo; »sie gab mir die Sachen da, um sie ihm zu überbringen, daß er zu Nacht speise. Aber tut mir doch den Gefallen und hebt mir die Sachen auf, bis ich nach Hause gehe und besser erfahre, wo er ist. Ihr dürft euch nicht wundern, daß ich es nicht weiß; ich bin erst seit kurzem hier.« Da ließ er ihnen die Torte, das Brot und den Wein und tat, als ob er wegginge, mit den Worten: »Ich komme gleich wieder.« Sie nahmen diese Sachen, und einer von ihnen sagte: »Schau doch, Glück ist freilich diesen Abend bei uns eingekehrt.« So setzte er die Flasche an den Mund und trank, reichte sie seinem Kameraden und sprach: »Zieh! Du hast noch nie bessern getrunken.« Der Kamerad trank, und während sie über den Vorfall plauderten, schliefen sie ein. Ricciardo, der an einer Ritze der Tür lauschte, trat, sobald er sie schlafen sah, herein, nahm das Kalb, trug es ganz nach Hause und sagte zu seiner Mutter: »Nun schneidet Euch herunter, soviel Euch gelüstet!« Nun zerlegte er das Kalb, und die Mutter kochte davon eine große Schüssel voll. Sobald der Doge erfuhr, daß das Kalb gestohlen sei, und auf welche Art man sich bei dem Diebstahl benommen habe, wunderte er sich sehr und nahm sich fest vor, herauszubringen, wer es sei. Er ließ daher hundert arme Leute kommen, schrieb alle namentlich auf und sprach dann zu ihnen: »Geht in alle Häuser Venedigs und tut, als fordertet ihr Almosen, gebt aber acht, ob ihr in keinem Hause Fleisch kochen oder eine große Pfanne am Feuer sehet, und seid so zudringlich, daß ihr nicht nachlasset, bis man euch Fleisch oder Brühe gebe! Wer von euch mir welches bringt, dem lasse ich zwanzig Gulden ausbezahlen.« Als nun die hundert Taugenichtse sich in der Stadt umher zerstreuten, um Almosen zu fordern, verfiel wirklich auch einer von ihnen auf das Haus dieses Ricciardos, und als er hinaufkam, sah er deutlich das Fleisch, das jene kochten, und erbat sich um Gottes willen ein Stückchen davon. Die Frau, welche ihre Fülle betrachtete, war unvorsichtig genug, ein Schnitzelchen abzugeben. Der Bettler dankte ihr und sprach: »Ich will Gott für Euch bitten.« So eilte er die Treppe hinunter. Ricciardo aber begegnete dem Armen auf der Treppe, und als er sah, daß er von dem Fleische in der Hand hielt, sprach er zu ihm: »Komm wieder mit herauf, ich will dir mehr geben.« Der Bettler stieg mit ihm hinauf, Ricciardo aber führte ihn in eine Kammer, schlug ihn mit einem Beil auf den Kopf, und als er ihn getötet hatte, warf er ihn in den Abtritt und schloß das Haus. Am Abend kamen alle die Bettler zu dem Dogen zurück, wie sie versprochen hatten, und jeder von ihnen sagte, er habe nichts finden können. Der Doge ließ sie zählen und sich namentlich ausweisen; da fand er, daß einer fehle, wunderte sich, merkte aber gleich, woran er war, und sagte: »Der ist gewiß umgebracht worden.« Er versammelte den Rat und sprach: »Ich muß fürwahr wissen, wer das ist.« Da sprach einer der Räte: »Gnädiger Herr, Ihr habt es versucht mit dem Laster der Gefräßigkeit: versucht es auch mit dem Laster der Wollust!« Der Doge sprach: »Wer mehr weiß, tue auch mehr!« Es wurden also fünfundzwanzig Jünglinge der Stadt aufgeboten, die boshaftesten und listigsten, und die, welche der Doge am meisten im Verdacht hatte, und einer darunter war dieser Ricciardo. Als sie nun im Palaste behalten wurden, wunderten sie sich, und einer sagte zum andern: »Warum behält uns denn der Doge hier?« Sofort ließ der Herzog in einem Saale fünfundzwanzig Betten aufschlagen, wo dann jeder dieser Jünglinge eines für sich hatte. Mitten im Saale aber ließ er ein prächtiges Bett errichten, wo seine Tochter schlief, die das schönste Geschöpf von der Welt war. Und jeden Abend, sobald die Männer schlafen gegangen waren, kamen ihre Kammerfrauen und brachten diese Tochter des Dogen zu Bett. Der Vater aber hatte ihr eine Schale mit schwarzer Tinte gegeben und gesagt: »Wer zu dir ans Bett kommt, dem bestreiche das Gesicht, damit man ihn kennt!« Darüber wunderte sich ein jeder, und keiner wagte zu ihr zu gehen, denn er dachte: das ist fürwahr eine ernsthafte Geschichte. Ricciardo aber gedachte bei sich, einmal eine Nacht mit ihr zuzubringen, und als Mitternacht vorüber war und er sein Gelüste nicht mehr bändigen konnte, stand er ganz leise auf, ging an das Bett, in welchem sie lag, legte sich ihr zur Seite und fing an, sie zu umarmen und zu küssen. Das Mädchen erwachte, tippte sogleich mit dem Finger in die Schale und bestrich Ricciardos Gesicht, ohne daß er etwas merkte. Als er nun mit dem fertig war, weshalb er gekommen, und das gewünschte Vergnügen genossen hatte, kehrte er in sein Bett zurück und dachte bei sich: »Was soll das heißen? Was für eine List steckt wohl darunter?« Nach einer Weile däuchte ihm die Kost schmackhaft; er bekam daher Lust, zu dem Mädchen zurückzukehren, und so tat er denn auch. Als er dann bei diesem Engel des Paradieses lag, kam sie zu sich: sie bestrich ihn und rieb es ihm ins Gesicht. Als Ricciardo das merkte, nahm er die Schale, die auf dem Kopfbrette der Bettlade stand, ging damit überall umher und bestrich die andern, die in den Betten lagen, ganz sanft, so daß keiner es merkte. Dem einen gab er zwei Striche, dem andern sechs, dem dritten zehn und sich selbst vier weitere außer den zweien, die ihm das Mädchen gemacht hatte. Dann setzte er die Schale wieder an das Kopfende des Bettes, verschaffte ihr unter großem Genusse einige Kurzweil und kehrte darauf in sein Bett zurück. Am Morgen kamen zeitig die Kammerfrauen an das Bett des Mädchens, um sie ankleiden zu helfen, und begleiteten sie darauf zum Dogen, der sie fragte, wie es gegangen sei. »Gut«, sagte die Tochter, »denn ich habe getan, was ihr mir aufgetragen. Es ist allerdings einer dreimal zu mir gekommen, und jedesmal habe ich ihn beschmiert.« Der Doge sandte gleich nach den Männern aus, mit welchen er sich beraten, und sagte: »Ich habe den guten Freund erwischt, und darum habe ich zu euch geschickt; wir wollen miteinander hingehen und nachsehen.« Sie gingen in den Saal und beschauten bald diesen und jenen, und da sie alle beschmiert sahen, brachen sie in das lauteste Gelächter aus. »Fürwahr«, sagten sie, »das ist der größte Schlaukopf, den man je gefunden hat«. Nur zu gut merkten sie, daß einer die andern alle beschmiert hatte. Als nun einer wie der andere von diesen Jünglingen sich beschmiert sah, hatten sie untereinander den größten Jubel und Spaß darüber. Der Doge vernahm sie allesamt, und da er nicht ausforschen konnte, wer es gewesen sei, entschloß er sich dennoch, es herauszubringen. Er versprach also dem, der es gewesen sei, seine Tochter mit einer reichen Mitgift zur Ehe, dazu volle Verzeihung, da es nur ein Mann vom größten Verstande sein könne. Als nun Ricciardo den Entschluß des Dogen sah und vernahm, ging er insgeheim zu ihm und vertraute ihm alles von Anfang bis zu Ende. Der Doge umarmte ihn und vergab ihm, und unter großen Feierlichkeiten wurde ihm seine Tochter angetraut. Ricciardo faßte wieder Mut und wurde ein so hochherziger, wackerer und tüchtiger Mann, daß fast die ganze Staatsverwaltung in seine Hand kam. So lebte er noch lange in Frieden und geliebt von der ganzen Bürgerschaft Venedigs. Spanisch-deutscher Krieg Der König von Aragon hatte eine Tochter, namens Lena, jung, schön, liebenswürdig, gesittet und verständig, wie die Natur sie nur bilden konnte. Daher glänzte der Ruhm dieses edeln Wesens durch das ganze Land, und viele wackere Herren verlangten sie zur Frau; der Vater aber schlug sie allen ab und wollte sie nicht hergeben. Nun hörte der Sohn des Kaisers, namens Arrighetto, von den Reizen der Jungfrau und verliebte sich in dieselbe, dachte auch an nichts weiter, als wie er sie zur Frau erhalten könne, und machte in kurzem einen großartigen und edlen Plan. Er hatte bei sich einen Goldschmied, den größten Meister, den man finden konnte, und ließ ihn einen sehr schönen Adler von Gold fertigen in der Größe, daß ein Mensch darin stehen konnte. Als der Adler fertig war, so schön und meisterhaft, daß es kaum zu sagen ist, gab er ihn dem Meister, der ihn gefertigt hatte, und sprach: »Geh mit diesem Adler nach Aragon und richte eine Bude auf von deinen Arbeiten auf dem Platz vor dem Schlosse, worin die Tochter des Königs wohnt; bringe den Adler täglich heraus auf die Bank und sage, du wollest ihn verkaufen. Ich werde gleichzeitig hinkommen; tue, was ich dir sage, und kümmere dich um sonst nichts!« Der Meister trug seine Arbeit weg, nahm viel Geld zu sich und begab sich nach Aragon, wo er eine Bude dem Palaste gegenüber errichtete, in welchem diese Tochter des Königs wohnte, und fing an, an seinem Meisterstück zu arbeiten. Dann stellte er einige Tage der Woche den Adler aus und zog die ganze Stadt herbei, um das Werk anzusehen, so wunderbar und schön war es. Eines Tages kam auch die Königstochter, sah den Adler und ließ ihrem Vater sagen, sie wünsche ihn als Zierat zu haben. Der Vater ließ bei dem Meister wegen des Kaufes anfragen; Arrighetto war indes bereits angekommen, und der Meister besprach sich mit ihm, der sich im verborgenen im Hause des Goldschmieds aufhielt. Arrighetto sprach zu dem Meister: »Gib zur Antwort, du mögest ihn nicht verkaufen; allein wenn er ihr gefalle, wollest du ihr gern damit ein Geschenk machen.« Der Goldschmied ging zum König und sprach: »Mein Gebieter, ich möchte den Adler nicht verkaufen; aber wenn er Euch gefällt, so nehmt ihn: ich mache Euch gerne damit ein Geschenk.« Der König sprach: »Laßt ihn heraufbringen, wir werden dann bald miteinander eins werden.« Der Meister antwortete: »Es soll geschehen.« Dann ging er zu Arrighetto zurück und sprach zu ihm: »Der König will ihn sehen.« Da kroch Arrighetto sogleich in den Vogel und nahm einige feine Speisen mit, die der Natur aufhelfen konnten, und machte den Vogel innen so zurecht, daß man ihn nach Bequemlichkeit öffnen und schließen konnte. Dann ließ er ihn vor den König bringen. Als dieser das schöne Stück sah, übergab er es seiner Tochter, und der Meister stellte es ihr in ihrer Kammer neben dem Bette des Fräuleins auf. Als er es zurechtgemacht hatte, sagte er zu ihr: »Madonna, deckt das Stück mit nichts zu! Es ist ein Gold: wenn man es zudeckt, wird es schwarz und verliert seinen Glanz.« Ferner sagte er zu ihr: »Madonna, ich werde oft hierher kommen, um danach zu sehen.« Das Fräulein entgegnete offen, es sei ihr ganz lieb. So ging der Goldschmied zum Könige zurück und sagte, der Vogel gefalle dem Fräulein sehr. »Und«, setzte er hinzu, »ich will machen, daß er ihr noch mehr gefällt; denn ich arbeite an einer Krone, die der Vogel auf dem Kopfe tragen muß.« Dem König machte dies große Freude; er ließ viel Geld herbringen und sprach: »Meister, bezahle dich selbst nach deinem Gutdünken!« »Gnädiger Herr«, versetzte der Meister, »ich bin schon bezahlt, da ich Eure Huld besitze.« Und soviel auch der König redete, konnte er ihm doch kein Geld aufdrängen, sondern er sagte: »Ich bin schon bezahlt.« Als nun bei Nacht die besagte Lena im Bette lag und schlief, schlüpfte der besagte Arrighetto aus dem Vogel, schlich leise an das Bett, worin die lag, die er mehr als sich selber liebte, und küßte ihr sanft ihre weiß und rote Wange. Das Mädchen kam zu sich, hatte die größte Angst und fing an zu beten: » Salve regina misericordiae !« Und zitternd rief sie einer Kammerfrau, während Arrighetto eilig in den Vogel zurückkehrte. Die Kammerfrau stand auf und sagte: »Was wollt Ihr?« »Ich habe einen gespürt«, antwortete sie, »hart neben mir, der mir das Gesicht berührte.« Die Kammerfrau durchsuchte das ganze Zimmer und sah und hörte nichts; und da sie nichts fand, kehrte sie in das Bett zurück und sprach: »Sie hat sicher geträumt.« Nach einer Weile kam Arrighetto wieder ganz sachte an das Bett, küßte sie sehr zärtlich und sprach leise: »Liebe Seele, erschrick nicht!« Das Fräulein erwachte und stieß einen heftigen Schrei aus. »Was hast du?« sagten die Kammerfrauen, welche alle aufstanden; »es ist nichts als ein Traum«. Arrighetto war wiederum in den Vogel zurückgegangen; sie untersuchten Tür und Fenster, fanden sie aber verschlossen, und da sie nichts sahen, fingen sie an, sie laut auszuschelten, und sprachen: »Wenn du dich wieder rührst, so sagen wir es deiner Hofmeisterin. Was sind doch das für Torheiten, daß du uns nicht willst schlafen lassen! Das ist eine schöne Sitte, in der Nacht zu schreien. Sei so gut und verhalte dich jetzt ruhig! Mache, daß du schläfst, und laß uns auch schlafen!« Da fürchtete sich das Mägdlein, und nach einer Weile, als es Arrighetto Zeit schien, kam er wieder aus seinem Vogel hervor, trat leise an das Bett und sagte: »Meine Lena, schreie nicht und fürchte dich nicht!« Sie fragte: »Wer bist du?« Arrighetto sprach: »Ich bin der Sohn des Kaisers.« Sie entgegnete: »Wie bist du aber hereingekommen?« Arrighetto antwortete: »Verehrungswürdige Dame, das will ich dir sagen. Es ist schon lange Zeit, daß ich mich in dich verliebte, da ich deine Schönheit rühmen hörte, und oft und viel bin ich hergekommen, um dich zu sehen, aber ich fand kein Mittel; da ließ ich den Adler machen, und in diesem bin ich hergekommen, bloß um mit dir reden zu können. Und darum bitte ich dich, daß es dir gefallen möge, Erbarmen mit mir zu haben, dieweil ich kein anderes Gut als dich auf dieser Welt besitze; und siehe, ich habe mein Leben gewagt um deinetwillen.« Als das Mägdlein die holden Worte hörte, die Arrighetto zu ihr sagte, wandte sie sich zu ihm, umarmte ihn und sprach: »In Anbetracht der Gefahr, in die du dich um meinetwillen begeben hast, wäre es eine große Schändlichkeit von mir, wenn ich es dir nicht vergälte. Darum bin ich einverstanden, daß du mit mir tuest nach deinem Willen; zuvor aber möchte ich doch wissen, wie du aussiehst. Darum kehre an deinen Platz zurück und fürchte dich nicht; denn morgen will ich tun, als wünschte ich zu schlafen, und die Kammertür schließen. Dann bleibe ich allein, und wir können einander sehen und ausführlicher miteinander reden.« Arrighetto antwortete und sprach: »Madonna, und wenn ich jetzt sterben sollte, so bin ich doch froh, daß du mich zu deinem Diener angenommen hast. Doch möge es dir gefallen, mich zum Zeichen davon ein einzigmal zu küssen.« Das Fräulein küßte ihn anmutig, denn sie fühlte schon im Herzen die Flammen der brennenden Liebe. Darauf kehrte Arrighetto in den Vogel zurück. Am folgenden Tage sagte das Fräulein, sie wolle schlafen; denn sie konnte den Augenblick kaum erwarten, wo sie Arrighetto sähe. Dann schickte sie die Kammerfrauen hinaus, schloß das Gemach und trat zu dem Vogel, aus welchem alsbald Arrighetto hervorkam und sich vor ihr neigte bis auf den Boden. Als sie in ihm einen so lustigen und schönen Mann erkannte, fiel sie ihm plötzlich um den Hals, und er nahm sie fest in seine Arme. »Ich bin«, sprach er, »der glücklichste Mensch auf der Welt, denn nun wird mir die Freude zuteil, die ich so lange Zeit sehnlich gewünscht habe.« Sodann erzählte er ihr sein ganzes Geschlecht und wer er war, nebst so süßen und holden Worten, daß sie duftigen Veilchen glichen, vermischt mit würzigen Küssen. Ich kann die Liebe nicht aussprechen, die sie einander schenkten; und auf diese Weise blieben sie mehrere Tage und Nächte beisammen. Das Fräulein versorgte ihn unterdessen fortwährend reichlich mit himmlischen Speisen und Weinen. Auch kam der Goldschmied häufig, um nach dem Vogel zu schauen, und fragte zugleich Arrighetto, ob er nichts wolle; er antwortete aber jedesmal: »Nein.« Nun sprach Arrighetto einst zu der Dame: »Ich wünsche, daß wir zusammen nach Deutschland gehen in unser Haus.« »Lieber Arrighetto«, antwortete die Frau, »ich bin zufrieden mit dem, was dir gefällt.« Arrighetto sprach: »Ich will weggehen und mit einem Schiffe wieder zum Schiffe des Königs kommen, das an der Küste steht, und will mich in einer bestimmten Nacht daselbst einfinden. Dann magst du zu deinem Vater sagen, du wollest spazierengehen, um die Küste zu sehen; dann erwartest du mich in dem Schlosse; ich komme in der Nacht dahin, hole dich auf das Schiff, und wir reisen hinweg.« Die Frau sprach: »So sei es!« Darauf schickte sie zu dem Goldschmied und sprach: »Trag diesen Vogel hinweg und mache mir die Krone darauf, so daß ich sie bei meiner Rückkunft fertig finde!« Der Meister sprach: »Wenn der Herr es will, bin ich einverstanden.« Die Frau sprach: »Tue, was ich dir sage!« Und der Meister ließ den Vogel in die Bude bringen. Als es aber Zeit war, ging Arrighetto heraus, nahm Abschied von dem Meister und ging heimlich hinweg in sein Land. Dort gab er Befehl, ein schönes Schiff auszurüsten mit einigen Galeeren, die zur Verteidigung des besagten Schiffes bewaffnet waren, machte sich auf und kam an die Burg des Königs von Aragon, wie verabredet worden war. Inzwischen sagte das Fräulein zu ihrem Vater: »Mein Gebieter, ich wünschte in den Hafen zu gehen, um die Küste zu sehen und einige Tage in Eurer Burg zu verweilen.« Der Vater war es zufrieden und ließ ihr zur Gesellschaft viele Frauen und Fräulein beigeben, damit sie dort mit ihr spazierengingen. Das Fräulein begab sich mit ihrem Gefolge auf die Burg und erwartete mit großer Freude Arrighetto, Gott bittend, er möge bald kommen, und schaute den ganzen Tag auf das Meer hinaus, ob sie ihn nicht sehe. In einer Nacht aber, zur bezeichneten Stunde, kam Arrighetto unter der Burg an. Die Frau stieg alsbald hinunter zu ihm und umarmte ihn, und ohne Verzug traten sie in das Schiff, spannten die Segel auf und fuhren mit Gottes Hilfe von dannen, und Arrighetto brachte sie in seine Heimat. Als man sie aber am Morgen nicht mehr fand, entstand ein großer Lärm, und es wurde dem König zu wissen getan, es seien Seeräuber gekommen an seine Burg und hätten seine Tochter entführt. Der König war darüber schmerzlich betrübt, denn er achtete seine Tochter für verloren. Und da er von dem wahren Hergang nichts wußte, schickte er einen seiner Söhne aus, der ein sehr rüstiger junger Mann war, und sprach zu ihm: »Ich befehle dir bei Todesstrafe, so wahr dir dein Leben lieb ist, nie wieder zu mir zurückzukommen, ohne daß du erfahren hast, wo sie ist und wer sie entführt hat.« Dieser begab sich auf die See und folgte dem Schiffe und hörte und erfuhr, daß des Kaisers Sohn sie mitgenommen habe. Und sobald er sich dessen versichert hatte, kehrte er zum Vater zurück und sagte ihm, der Sohn des Kaisers sei in eigener Person hergekommen und habe sie gestohlen. Da machte der König große Zurüstungen, um hinzuziehen und ihn in Deutschland selbst zu befehden, und bot dazu auf den König von Frankreich und den König von England und den König von Navarra und den König von Maiolica und den König von Schottland und den König von Kastilien und den König von Portugal nebst vielen andern Herren und Baronen des Abendlandes. Als nun der Kaiser von den Rüstungen hörte, welche jener machte, um ihn zu überfallen, tat er ein Gleiches und lud ein und bot auf den König von Ungarn und den König von Böhmen und außerdem viele Markgrafen, Grafen und Herren von Deutschland, so daß beide Teile ein großes Heer zusammenbrachten, um miteinander zu kämpfen, in der Weise, wie ihr sogleich hören werdet. Nun geschah es, als der König von Aragon sein Heer vereinigt hatte, brach er auf und kam nach Deutschland in das Gebiet des Kaisers. Und als der Kaiser von seiner Ankunft hörte, ging er ihm entgegen nach einer Stadt, welche Wien heißt, mit einer großen Menge Volks; und als sie einander auf dem Schlachtfelde gegenüberstanden, hielt der König von Aragon Rat und beschloß, den Kaiser zur Schlacht zu fordern, und so geschah es. Er sandte alsbald durch einen Trompeter einen ganz blutigen Handschuh auf einem Dornbusch ab. Arrighetto als der Oberfeldherr nahm die Schlacht bereitwillig an; und nach den getroffenen Abreden wurde der Tag festgesetzt, an welchem man sich auf dem Schlachtfeld einfinden sollte. In der Nacht zuvor setzte der König von Aragon zwölf Heermeister ein, Männer von großer Tapferkeit und Verstand. Die erste Schar bestand aus dreitausend guten Kriegern, alle schwarz gekleidet, die meisten machte er zu Rittern mit goldenem Sporn, die hießen Ritter des Todes, und zu ihrem Hauptmann setzte er seinen Sohn, der Messer Princivale hieß. »Mein Sohn«, sprach er zu ihm, »heute ist der Tag, die Ehre deiner Schwester wieder zu gewinnen; darum bitte ich dich, wacker und rüstig zu sein. Mach, daß jede Faser von Angst heute in dir ersterbe, und gib eher zu, in Stücke gehauen zu werden, als daß du wichest!« Er gab ihm eine Standarte mit goldenem Leuen in blauem Felde mit einem Schwert in der Pfote. Die zweite Schar hatte der Herzog von Burgund mit dreitausend Burgundern und Franzosen, alle gut beritten und gewaffnet; als Wappen trug er an jenem Tage goldene Lilien in blauem Felde. Die dritte Schar führte der Herzog von Lancaster mit dreitausend waffengeübten tapfren Engländern; alle waren mit Panzern und Brustharnischen und glänzenden flachen Helmen versehen und alle vereinigt unter einer Fahne mit drei goldenen Leoparden in rotem Felde. Die vierte Schar führte der König von Kastilien und der König von Schottland mit viertausend Bewaffneten, alle gut zu Roß und gut gewaffnet, und sie trugen zwei große Schlachtfahnen, und auf der einen war ein weißes Schloß gemalt in rotem Felde und auf der andern ein grüner Drache in rotem Felde mit blauem Sparren in der Mitte. Die fünfte Schar führte und lenkte der König von Maiolica und der König von Navarra nebst zweitausend guten Fechtern, und sie trugen als Wappen an jenem Tage zwei Fahnen: auf der einen eine schwarze Wölfin in weißem Felde und auf der andern drei rote Schachbretter in weißem Feld und ein roter Streif in der Mitte. Die sechste Schar führte der Graf Novello von Sansogna mit fünfzehnhundert Provenzalen, und auf seiner Fahne trug er als Wappen im Banner drei rote Rosen auf weißem Felde. Die siebente und letzte Schar führte der mannhafte König von Aragon mit vieren seiner Enkel, fünftausend gutbewaffneten und gutgerüsteten Aragonern mit lauter großen Schlachtrossen, die ganz mit Schuppen- und Ringpanzern überzogen waren, und als Feldzeichen trug er an diesem Tage einen Engel mit einem Schwert in der Hand; und um diese Schar her hatte er zweitausend Bogenschützen zu Fuß, und fortwährend waren die zwölf Heermeister beschäftigt, die Scharen in Ordnung und Stand zu erhalten mit so vielen Trompetern und Pfeifern, daß es fürwahr wie ein Donner dröhnte. Auf ähnliche Weise war der Kaiser bedacht, seine Scharen zu ordnen, machte seinen Sohn Messer Arrighetto von Schwaben an jenem Morgen zum Ritter und Grafen, gab ihm ferner dreitausend Herren und Ritter zum Gefolge, lauter hohe Edelleute, und gab ihm zum Feldzeichen eine kaiserliche Fahne, worauf ein schwarzer Adler in goldenem Felde gemalt war, und er trug an diesem Tage das Bild eines Fräuleins auf dem Schild mit einer Palme in der Hand, und den Schild hatte ihm diejenige geschenkt, um derentwillen diese Schlacht geschlagen wurde. Und nachdem ihm der Kaiser die Fahne und das Gefolge gegeben hatte, sagte er zu ihm: »Mein Sohn, das ist deine Sache: darum sage ich dir weiter nichts.« Die zweite Schar führte ein Neffe des Königs von Ungarn mit fünftausend Ungarn in der besten Verfassung. Als Wappen trug er auf seinem Banner goldne Lilien in blauem Felde und weiße und rote Streifen. Die dritte Schar führte der uralte König von Böhmen mit sechstausend durchaus gutbewaffneten, gutberittenen und kampfmutigen Rittern, und als Abzeichen trug er auf seiner Standarte einen weißen Löwen mit zwei Schwänzen in rotem Felde. Die vierte Schar führte der Herr von der Lippe, Herzog von Österreich, mit siebentausend sehr in den Waffen geübten und kampfgewohnten Rittern von großer Kühnheit, und als Abzeichen trug er zwei Banner: auf dem einen war ein weißer Adler mit drei Köpfen in rotem Felde mit einigen weißen Punkten, und auf dem andern war ein weißer Berg abgebildet in blauem Felde, mit einem Degen, der in besagtem Berge steckte. Die fünfte Schar führten der Graf von Savoyen und der Graf Wilhelm von Lützelburg mit dreitausendfünfhundert Rittern, lauter mannhaften und rüstigen Leuten ohne alle Furcht, und als Abzeichen trugen sie zwei Fahnen; auf der einen war abgebildet ein Bär mit seinem Felle in gelbem Felde, und auf der andern waren weiße und rote Viertel dargestellt. Die sechste Schar führte der Patriarch von Aquileja mit vierzehnhundert Grafen, Freiherren und Rittern mit goldnem Sporn, und zum Abzeichen trug er in seiner Fahne eine Bischofsmütze mitten zwischen zwei weißen Bischofsstäben in rotem Felde. Die siebente und letzte Schar führte der Kaiser mit viertausend erprobten Deutschen, die in den Waffen geboren schienen, und trug als Wappen an jenem Tage die Gundfahne, welche der Engel Karl dem Großen gebracht hatte, die Oriflamme, eine Feuerflamme in goldenem Felde. Und wahrlich, diese letzte Schar bestand aus fast lauter mannhaften und tüchtigen Kriegsleuten; jede Schar hatte vier Seneschälle, die immer um die Scharen hergingen, damit keiner aus ihr heraustreten konnte, so daß es keinen Unfall und kein Übersehen gab. Nun waren die Scharen auf beiden Seiten geordnet und abgeteilt; die Ebener gingen vorauf, um Bäume und Hecken wegzuräumen und Gräben auszufüllen; und als es Tag wurde, sah man allmählich auf beiden Seiten die Strahlen der Sonne auf die schimmernden Waffen fallen; man bemerkte, wie die Standarten, Fahnen und Banner im Winde flatterten, man hörte das Wiehern der Pferde, den Lärm der Pfeifer und Trompeter auf beiden Seiten, so daß es das Ansehen gewann, als ob rings alles blitzte und donnerte. Niemals sah man noch ein so ausgezeichnetes und edles Heer auf einem Felde versammelt, wie dieses, noch so viele tapfere, kluge und brave Krieger auf beiden Seiten, wie auf diesem wunderschönen Felde. Wenn je ein Heer mit Verstand geführt und geleitet wurde, so war es das des tapfern Königs von Aragon, der, sobald es so weit Tag wurde, daß sie einander zu sehen und zu erkennen vermochten, hinging, seine Scharen zu trösten, im Waffenhandwerk zu unterweisen und zu bitten, sich gut und mannhaft aufzuführen, denn am heutigen Tage würden sie mit dem Schwert in der Hand den Deutschen den Kaisertitel nehmen und ihn mit Ruhm und Triumph in ihre Heimat bringen, wie das schon zu den Zeiten des guten Königs Karl des Großen geschehen sei; darum bitte er sie, es solle sich jeder als echter Paladin benehmen in Anbetracht des dauernden ehrenvollen Namens, den sie sich und ihren Nachfolgern an diesem gesegneten und siegreichen Tage verschaffen könnten, an welchem Gott und der selige Herr Sankt Georg ihnen den Sieg verleihen werde. »Darum«, fuhr er fort, »laßt eure Schwerter einschneiden und macht keine der Feinde zum Gefangenen! Wer tot ist, fängt keine Fehde mehr an. Wer sich einfallen ließe, am heutigen Tage nicht solchen edeln glorreichen Ruhm zu erwerben, der mache sich nur darauf gefaßt zu sterben; denn wir sind in ihrem Lande und haben hier keine Zuflucht. Für uns haben wir nur unsere Schwerter. Wir müssen also notgedrungen uns tapfer halten.« Sodann befahl er, sobald welche von seinen Leuten sich rückwärts wendeten, um zu fliehen, die sollten zuerst sterben. Alle seine Scharen konnten kaum den Augenblick erwarten, wo sie handgemein werden sollten, denn sie glaubten, auf ihrer Seite stehe das Recht. Ebenso machten es der Kaiser und Messer Arrighetto bei ihren Leuten; sie riefen ihnen ins Gedächtnis, daß das deutsche Blut das edelste und mannhafteste sei auf der Welt. »Nicht ohne Grund«, sagten sie, »haben wir die heilige kaiserliche Krone erobert und besitzen sie seit langer Zeit. Darum haltet euch tapfer und mutig und dämpfet den Stolz und die Vermessenheit dieser gallischen Fremdlinge, welche vermöge ihrer Anmaßung in unsere Lande gekommen sind, um uns zu verschlingen! Gedenket unserer Vorfahren, die immer Meister waren im Waffenhandwerk und begierig, ihrem Vaterlande Ruhm zu erwerben, wie der gute tapfere Kaiser Otto I. von Sachsen und der freisinnige Heinrich I. und Konrad I. und der zweite und dritte und vierte Kaiser Heinrich und der brave Rotbart Friedrich I. und der fünfte Heinrich von Schwaben und Otto IV. von Sachsen und viele andere.« Gleicherweise ging der Patriarch von Aquileja durch die Scharen, Segen spendend und jedem seine Sünden vergebend mit der Ermunterung, sie sollen alle wacker fechten, dann werden sie den Sieg gewinnen. Nachdem er nun beide Teile mit dem Kreuzabzeichen gesegnet und das Losungswort der Schlacht auf Seiten des Kaisers »Sankt Paul«, auf Seiten des Königs von Aragon »Ritter Sankt Georg« gegeben war, rückten sich die beiden ersten Scharen allmählich näher, legten die Lanzen ein, holten lustig aus, um einander zu treffen, und griffen einander furchtlos und mannhaft an; und als die Lanzen gebrochen waren, zogen sie die Schwerter und schlugen so maßlos auf die glänzenden Helme los, daß die Funken gen Himmel sprühten, so ernstlich trafen und schlugen beide Teile aufeinander. Herrn Arrighetto wurde sein Pferd unter dem Leibe getötet, so daß er stürzte; doch richtete er sich schnell wieder auf und machte sich mit dem Schwerte Bahn. Viele von den Rittern des Todes standen um ihn her, und keiner konnte ihn fassen. Messer Princivale eilte durch das Feld und traf zufällig auf ihn, und sie erkannten einander. Da rief ihm Messer Princivale zu und sprach: »Verräter, du bist des Todes.« Messer Arrighetto antwortete: »Ich bitte dich bei der Liebe deiner Schwester, daß du mich nicht tötest.« Messer Princivale erwiderte: »Verhüte Gott, daß ich auf dich Rücksicht nehme, nachdem du auf mich keine Rücksicht genommen hast!« Er schwang sein Schwert und schlug auf ihn, und wäre nicht die gute und bewährte Rüstung gewesen, die er anhatte, so wäre er sicherlich an diesem Tage gestorben, denn er schnitt ihm den ganzen Schild durch, den er am Arme hatte. Da kam ihm der Neffe des Königs von Ungarn zu Hilfe mit der ganzen Schar der Ungarn: er wurde gleich wieder auf ein Pferd gesetzt mit dem Schwert in der Hand und stürzte sich unter sie. Nun begann die andere Seite zu weichen wegen der Übermasse, die auf sie drückte. Der Herzog von Burgund fiel auf sie mit seiner Schar, und dort entstand ein sehr hitziger Kampf, und viele Leute kamen um. Aber die Ungarn nahmen die Bogen von der Seite und spannten sie mit solcher Hast, daß die Kerben fast zusammenstießen, und so trafen und töteten sie bei ihren Angriffen viel Volks, so daß die Feinde sich genötigt sahen, zurückzuschreiten. Nun machte sich aber der Herzog von Lancaster auf mit den tapfern und rüstigen englischen Rittern; er kam wie ein losgelassener Löwe unter die Ungarn und schrie: »Tod und Verderben!« Die Ungarn flohen vor ihnen wie eine Herde Schafe. So traf er denn auf den Neffen des Königs von Ungarn, legte die Lanze ein, sprengte ihm in den Rücken und stieß ihn vom Pferde, solang die Lanze war. Plötzlich waren sie dann auf und über ihn her, und weil er von königlichem Hause war, wollten sie ihn nicht umbringen, sondern nahmen ihn gefangen. Sobald nun die Ungarn ihren Hauptmann gefangen sahen, gerieten alle in Verwirrung. Als der König von Böhmen dies bemerkte, setzte er lustiglich seine Schar in Bewegung und rief den Feinden entgegen: »Fleisch, Fleisch!« Nun gab es ein hartes und herbes Gefecht. So setzten sich auch die andern folgenden Scharen in Bewegung, die des Königs von Kastilien, des Königs von Schottland und des Herzogs von Österreich. Als nun diese Scharen zusammenstießen, war der Lärm und das Geschrei so groß und das Getöse, das sie mit ihren Schlägen hervorbrachten, daß es war, als ob Luft und Erde erzitterte. Und wie sie durch das Feld liefen, begegneten sie dem König von Schottland und dem Herzog von Österreich, und mit großer Keckheit liefen sie aufeinander los, und als die Lanzen zerbrochen waren, zogen sie ihre Schwerter. Der Herzog durchbohrte dem König von Schottland den Arm, so daß der besagte König das Schwert nicht mehr führen konnte. Da nahm ihn der Herzog fest und machte ihn zu seinem Gefangenen. Als sein Volk den Herrn gefangen wegführen sah, leisteten sie Widerstand, drängten sich zusammen, bildeten einen Damm gegen den Herzog und nahmen ihm seinen Gefangenen mit Waffengewalt wieder ab. Ganz toll darüber stürzte sich der Herzog mit solcher Wut unter sie, daß, wer vor ihm fliehen konnte, sich selig zu preisen hatte. Er ließ sich von seiner Leidenschaft so weit hinreißen, daß er in die fünfte Schar hinüberstürzte, wo der König von Navarra und der König von Maiolica standen, welche vorsichtig in die Schlacht liefen. Und während er auf ihn stieß, senkte der König von Maiolica die Lanze, zielte damit auf seine Brust und bohrte sie ihm durch und durch. Daher fiel er auf die Erde, und der mannhafte Herzog von Österreich war tot. Als die Krieger von dieser Schar einen so guten Anfang im Siege gemacht hatten, faßten sie Mut und liefen ganz kühnlich bis zu der Schar des Grafen und Herzogs von Savoyen und des Grafen Wilhelm, und da gab es eine harte und herbe Schlacht, und mit Gewalt wurden die Fahnen der besagten zwei Grafen zu Boden geworfen, und fast erlitten sie eine Niederlage. Als der Patriarch von Aquileja solches sah, machte er sich plötzlich auf mit seiner Schar gegen die Wut des Königs von Maiolica, und er war so gut zu Pferde und hatte eine so gute Gesellschaft, daß er gezwungenerweise sich Bahn machte und mit großer Wut hinlief, wo Messer Princivale stand, welcher ihm eifrig entgegenlief und ihn mit einer Lanze so traf, daß ein Teil von dem Lanzensplitter ihm in der Brust steckenblieb; aber seine Gewalt war doch so groß, daß er ihn wegtrug, und verwundet, wie er war, richtete er bei seinen Feinden großen Schaden an; endlich aber begann infolge der großen Menge Blutes, die er verloren, ihm das Gesicht zu weichen. Indem er nun durch das Feld rannte, traf er auf Messer Arrighetto, der, als er ihn erkannte und so verwundet sah, ausrief: »Wehe, lieber Herr, was ist das?« Der Patriarch sprach: »Mein Sohn, zieh mir das Eisen heraus! Ich bin des Todes.« Und er zog ihm plötzlich das Eisen heraus, und der Patriarch sprach: »Ich sehe fast kein Licht mehr; darum verstopfe und verbinde mir diese Wunde gut und führe mich alsdann dahin, wo die Schlacht am dichtesten ist; denn fürwahr, ehe ich sterbe, sollen durch meine Hand noch manche umkommen!«, und so geschah es. Als er verbunden war, küßte er Herrn Arrighetto, gab ihm seinen Segen und sprach: »Lieber Sohn, entsetze dich nicht über meinen Tod, sondern nimm ein Beispiel an mir und geh mit Gott! Denn das ist keine Zeit, um dazustehen und Worte zu machen.« Er jagte sodann in die Schlacht, das Schwert in beiden Händen haltend, und wehe dem, der ihm nahe kam! Und so hielt er sich noch eine Weile; dann starb er. Als nun Herr Arrighetto die Schar des Grafen von Sachsen heranrücken sah, brach er mit den Seinigen auf, welche sich wieder erfrischt hatten, und fiel verzweifelt über den Grafen her; er aber, als er ihn so verzweifelt auf ihn zukommen sah, eilte ihm sehr kühn entgegen, Herr Arrighetto setzte ihm die Lanze auf die Brust und stach sie ihm gewaltig ganz durch, und so fiel der mannhafte Graf vom Pferde. Nach kurzem Verweilen starb er, und seine Leiche wurde von den Seinen aufgehoben und weggetragen in ihr Lager. Als der König von Aragon den guten Grafen von Sachsen tot sah, konnte er sich des Weinens nicht enthalten. Dann aber nahm er die Lanze in die Hand und rief: »Mannschaft, wer mich liebhat, der folge mir!« Nun brach er auf wie ein Sturm und hieb mit seinem Schwerte durch, was ihm in den Weg trat, und er lief durch das Feld hin wie ein Drache, und alles floh vor ihm. Als der Kaiser dies sah, brach seine Schar mit ergrimmtem Mute gegen den König von Aragon auf; die beiden Scharen begegneten sich und schienen Teufel der Hölle, so groß war der Sturm, den beide Teile erregten, indem sie die ungemessenen Schläge austeilten und empfingen. Der König von Aragon warf den Schild auf den Rücken, faßte das Schwert mit beiden Händen und durchhieb, wer vor ihm sich zeigte, so daß jedermann vor ihm floh, denn sie konnten seine ungeheuerlichen Schläge nicht aushalten. Viele Freiherren und Grafen fielen durch seine Hände. Das Handgemenge war sehr groß; man gab und empfing heftige Schläge, durchschnitt Panzer, Hände, Arme und vergoß Ströme Blutes auf dem ganzen Felde. Der Kaiser aber mit seiner Schar fügte den Feinden den größten Schaden zu. Nun begab es sich, daß der König von Aragon zufällig an eine Quelle kam, wo Herr Arrighetto den Helm abgenommen hatte und sich erfrischen wollte. Der König von Aragon stieg vom Pferde, und als er auf dem Boden stand, erkannte er am Wappen Herrn Arrighetto, und ohne weiter etwas zu sagen, holte er mit dem Schwerte aus und führte auf Herrn Arrighetto einen heftigen Streich über das Gesicht und sprach: »Das gebe ich dir zum voraus als Aussteuer für meine Tochter.« Dann stieg er wieder zu Pferde und rief Arrighetto zu: »Nimm deine Waffen zu dir! Heute ist der Tag, an dem du durch meine Hand sterben mußt bei diesem Brunnen.« Herr Arrighetto antwortete: »Es ist nicht Ritterbrauch, mit einem Manne fechten zu wollen, der so schändlich verwundet ist wie ich.« Der König antwortete: »Verbinde dir die Wunde und dann steig zu Pferde: denn ich will sehen, ob du so rüstig bist, wie ich gehört habe.« Während sie so miteinander verhandelten, kam der Graf von Lützelburg mit einigen seiner Barone auf den Brunnen zugeritten, um sich zu erfrischen, und als er den König von Aragon und Herrn Arrighetto erkannt und von ihrem Streite gehört hatte, wandte er sich zum König und sagte, er wolle diesen Handel ausmachen, worüber der König und Herr Arrighetto zufrieden waren. »Herr König«, sprach der Graf, »ich will, daß für heute diesem Kampf ein Ziel gesetzt werde, und bis Herr Arrighetto sich heilen läßt und wieder imstande ist, fechten zu können, könnt ihr beide im Lager bleiben und dann unter euch den Streit ausfechten, damit nicht so viele wackere Männer sterben um ein Weib: denn meiner Treu, ich habe nie eine blutigere Schlacht gesehen als diese.« Der König war es zufrieden und Herr Arrighetto gleichfalls; sie gaben sich die Hand, miteinander zu fechten; dann gingen sie hinweg, und als sie wieder in die Schlacht kamen, ließ jeder von beiden in die Trompeten stoßen und zum Stillstand blasen. Es kostete aber die größte Mühe, dieses grausame Handgemenge zu trennen. Als nun am Abend beide Teile in ihr Lager zurückgekehrt waren, ließ der König von Aragon alle seine Könige, Grafen und Herren zusammenkommen und sagte ihnen, was er getan und versprochen habe, und fast alle waren damit einverstanden, nur nicht Messer Princivale, welcher sprach: »Lieber Herr, ich wünsche selbst mit ihm zu kämpfen, denn ich bin jung, wie er, und suchte heute den ganzen Tag auf dem Schlachtfelde nach ihm umher, konnte ihn aber nicht finden.« Der Vater sprach: »Mein Sohn, laß ihn erst heilen, dann magst du tun, wie du begehrst.« Nun begab es sich, daß der Papst von den außerordentlichen Aufgeboten hörte, welche die beiden Fürsten gemacht hatten; da schickte er zwei Kardinäle hin, um sie zu versöhnen. Da diese die Sache in so schlimmem Stande fanden, sprachen sie mehrmals mit dem Kaiser und mit dem König von Aragon, welcher sehr ungern sich zu diesem Frieden herbeiließ. Doch vermochten es endlich die unablässigen Bitten der Herren und die Befehle, die ihnen die Kardinäle von Seiten des Papstes unter Androhung des Kirchenbanns zukommen ließen, daß sie Frieden machten und sich unserm Herrgott zu Gefallen vertrugen, worauf unter großen Festen und Feierlichkeiten besagter Herr Arrighetto jene Tochter des Königs von Aragon zur Frau nahm; und Messer Princivale nahm die Tochter des Kaisers, Herrn Arrighettos Schwester, zur Frau. Und als sie einander verziehen und Frieden und Verwandtschaft geschlossen hatten durch Vermittelung der beiden Kardinäle, verabschiedeten sie sich mit großer Befriedigung und Feierlichkeit, und jeder kehrte in sein Land zurück mit Beruhigung. Dionigia Ein König von Frankreich hatte eine Tochter mit Namen Dionigia, schön und reizend, wie nur eine Frau ihrer Zeit; und ihr Vater wollte sie, als sie zu vermählen war, wegen seines vielen Geldes einem hohen Herrn in Deutschland geben, welcher siebzig Jahre alt war; aber das Mädchen wollte ihn nicht, obgleich ihr Vater sich anschickte, ihr ihn wider ihren Willen zu geben. Da dachte das Kind an nichts anderes, als wie sie Mittel und Wege fände zu fliehen; sie verkleidete sich also einst bei Nacht als Pilger, beschmierte sich das Gesicht mit Kräutern, welche die Farbe änderten, nahm einige kostbare Steine, die ihr ihre Mutter bei ihrem Tode vermacht hatte, und machte sich auf den Weg nach der Küste. Sie erreichte auch wirklich das Meer, stieg auf ein Schiff und fuhr hinüber nach der britischen Insel. Aber der König, ihr Vater, als er am Morgen die Tochter nicht fand, ließ die ganze Stadt nach ihr durchsuchen und das ganze Reich, und da er sie nicht fand, dachte er, sie habe sich aus Schmerz einen Tod angetan. Nachdem das Kind ans Land gestiegen war, machte sie sich auf nach einer Stadt und gelangte an ein Kloster, das reichste dieser Insel; dessen Priorin war eine Base des Königs des Landes. Bei ihrer Ankunft sagte das Mädchen zu der Priorin, sie möchte gerne Nonne werden. Die Priorin aber fragte sie, wer sie sei, wessen Tochter und woher sie komme. Sie antwortete, sie sei die Tochter eines Bürgers aus dem Königreiche Frankreich, ihr Vater und ihre Mutter seien gestorben, und nachdem sie einige Reisen gemacht, wolle sie sich nun dem Dienste Gottes weihen. Als die Priorin ihr mildes und freundliches Wesen bemerkte, kam sie auf den Gedanken, sie als Schülerin und teilweise zur Dienstleistung anzunehmen, und sprach: »Liebe Tochter, ich nehme dich gerne an; vorerst aber wird es gut sein, wenn du unsere Regel und Lebensweise versuchst; wenn dir dann das Haus gefällt, so kannst du das Kleid nehmen.« Dionigia war sehr vergnügt; sie trat in das Kloster ein und fing an mit solcher Demut der Priorin und den andern Schwestern zu dienen, daß alle Bewohnerinnen des Klosters die größte Liebe zu ihr faßten und sich über ihre Schönheit und ihr Betragen wunderten. »Fürwahr«, sagten sie, »das muß ein hohes Edelfräulein sein.« Nun begab es sich nach kurzer Zeit, daß der König von England, dem noch nicht lange sein Vater gestorben war, in seinem Lande umherreiste und auch an dieses Kloster kam, um seine Base, die Priorin, zu besuchen, und es wurde ihm von ihr die feierlichste, ehrenvollste Aufnahme veranstaltet. Während er nun dort verweilte, kam ihm Dionigia zu Gesicht, die denn auch einen so tiefen Eindruck auf sein Gemüt machte, daß es nicht zu sagen ist. Er fragte die Priorin, wer sie sei; diese antwortete ihm mit der Erzählung, wann und wie sie hergekommen sei und wie sie sich aufführe. Da kam er auf den Gedanken, sie zur Frau zu nehmen, und teilte dies der Priorin mit, welche aber erwiderte, sie sei damit nicht einverstanden, denn sie wisse ja nicht, wer das Mädchen sei, und für ihn zieme sich eine Königs- oder Kaiserstochter. »Ganz sicher«, entgegnete er, »ist sie die Tochter eines hohen Herrn, nach ihrem Betragen, ihren Sitten und ihrer Schönheit zu schließen.« »Das ist sie nicht«, antwortete die Priorin. »Nun«, versetzte der König, »so will ich sie so, wie sie ist, sei sie auch, wer sie wolle.« Die Priorin ließ sie rufen und sprach zu ihr: »Dionigia, unser Herrgott hat dir ein großes Glück bereitet. Höre, inwiefern! Der König von England begehrt dich zur Frau.« Als sie das hörte, verfärbte sie sich und sagte, sie wolle das unter keiner Bedingung, sondern wolle Nonne bleiben und bitte sie, ihr nicht mehr von derlei Dingen zu sprechen. Die Priorin meldete dies dem König; er aber blieb dabei, jedes Hindernis beseitigen und sie unter allen Umständen zur Frau nehmen zu wollen. Als die Priorin ihn so entschlossen sah, lockte und schmeichelte sie ihr so lange, bis sie einwilligte, und so heiratete er sie in Gegenwart der Priorin, beurlaubte sich sodann mit seiner Frau von ihr und begab sich nach London, wo er in seinem Palaste die größte Feierlichkeit veranstaltete. Er lud alle seine Barone ein; und als diese die große Schönheit, die ausgezeichnete Sittsamkeit und das feine Benehmen sahen, so war keiner unter ihnen, der sich nicht in sie verliebt hätte. Aber die Mutter des Königs wollte sich, da er eine solche Frau genommen, nicht bei der Hochzeit einfinden und zog sich mit großem Ingrimm auf ihre Besitzungen zurück. Dionigia brachte es allmählich durch ihr Betragen dahin, daß der König ihr mehr als sich selber zugetan war. In kurzer Zeit ward sie schwanger; der König aber, ihr Gemahl, mußte mit einem starken Heere nach einer Insel übersetzen, die sich empört hatte. Darum nahm er Abschied von seiner Gemahlin und befahl seinem Vizekönig, für sie zu sorgen und sie in Ehren zu halten als Königin, auch ihm kundzutun, wie es ihr bei der Geburt ergehe. Damit entfernte er sich von England. Als die Zeit erfüllt war, gebar die Frau zwei Knäblein, und der Vizekönig schrieb es seinem Herrn; der Überbringer des Briefes aber kam an das Schloß, wo die Mutter des Königs wohnte, kehrte daselbst ein und gab der Mutter des Königs Nachricht von der Geburt der zwei Knäblein. Dies verdoppelte ihren Grimm; und als der Eilbote in der Nacht schlief, vertauschte sie die Briefe, die er bei sich führte, und schrieb, es seien zwei der garstigsten und mißgestaltetsten Äffchen zur Welt gekommen, die man je sehen könne. Am folgenden Tage erwies man dem Boten viel Ehre und entließ ihn mit dem Auftrage, er solle bei seiner Rückreise wieder hier einsprechen. Er gab das Versprechen und ritt hinweg. Als er endlich zu dem Heere kam, behändigte er seinem Herrn den falschen Brief. Als der König ihn las und die Geschichte erfuhr, war er sehr erstaunt, schrieb aber nichtsdestoweniger an seinen Vizekönig, er solle sie aufziehen und nicht unterlassen, seine Gemahlin bis zu seiner demnächst erfolgenden Rückkehr wertzuhalten. Er fertigte denselben Boten mit Briefen ab, war aber doch sehr bekümmert. Der Eilbote nahm die Briefe und machte, wie er versprochen hatte, seine Rückreise wieder über das Schloß, wo die Mutter seines Gebieters wohnte, und ruhte daselbst aus. In der Nacht aber, während er schlief, nahm die Frau die Briefe ihres Sohnes, las sie, und als sie darin nichts von dem Tode ihrer Schwiegertochter fand, war sie sehr betrübt. Sie schrieb daher statt des echten einen andern Brief des Inhaltes: »Angesichts dieses nimmst du meine Frau mit den zwei Kindern, und da ich weiß, daß es nicht meine Kinder sind, bringst du sie um samt ihr!« Diesen Brief steckte sie dem Boten, der noch schlief, in seine Tasche, und am Morgen entließ sie ihn unter vielen Liebesbezeugungen. Der Eilbote wußte von allem nichts, nahm Abschied und übergab bei seiner Heimkunft dem Vizekönig den Brief. Als dieser ihn gelesen, war er sehr verwundert und fragte den Boten, wer ihm den Brief gegeben habe. Dieser antwortete: »Der König selbst. Und er war ganz bestürzt, als er las, was Ihr ihm berichtet.« Als der Vizekönig diese Nachricht vernahm, brach er in heftiges Weinen aus, und mit Tränen in den Augen begab er sich zu der Königin, zeigte ihr den Brief und sprach: »Leset, meine Gebieterin!« Als die Königin diesen Brief gelesen hatte, fing sie an heftig zu weinen und sprach: »Ach mein unglückliches Leben, daß ich doch keine gute Stunde haben sollte!« Dann nahm sie ihre Kinder in die Arme und rief: »Liebe Kinder, mit welch herbem Geschick seid ihr doch in die Welt gekommen! Was habt ihr für ein Verbrechen begangen, um dessentwillen ihr sterben müßtet?« So schlug sie den größten, heftigsten Jammer auf und küßte ihre armen Kinderchen, welche schön waren wie Sterne. Der Vizekönig erhob mit ihr die heftigste Klage und wußte nicht, welchen Entschluß er fassen sollte. »Gnädige Frau«, sprach er endlich, zur Königin gekehrt, »was wollt Ihr tun? Was wollt Ihr, daß ich tue? Ihr seht, was mein Gebieter schreibt; nichtsdestoweniger würde ich nimmermehr wagen, Hand an Euch zu legen; darum nehmt heimlich Eure Kinder: ich will Euch bis an den Hafen begleiten; dort schifft Euch ein, und Gott sei Euer Führer! Das Geschick wird Euch irgendwohin bringen, wo Ihr vielleicht glücklicher seid.« Sie war damit einverstanden, und in der folgenden Nacht nahm sie heimlich ihre Kinder mit hinweg, begab sich nach dem Hafen, wandte sich zu einem Seemann und sprach: »Nimm mich auf dein Schiff und bring mich nach Genua! Du sollst gut bezahlt werden.« Der Vizekönig empfahl sie dem Seemann, gab ihm Geld und nahm unter Tränen Abschied. Das Schiff ging unter Segel und trug in kurzer Zeit die trauernde Frau nach Genua. Dort verkaufte sie einige Kleinodien, die sie bei sich hatte, nahm zwei Ammen und zwei Kammerfrauen an und verfügte sich weiter nach Rom, wo sie ihre zwei Söhne sehr sorgfältig erziehen ieß. Der eine hieß Carlo, der andere Lionetto. Sie lebte in sittsamer Zurückgezogenheit und widmete sich der Erziehung dieser ihrer Söhne, die an Tugend und Alter wuchsen und alle, die sie kannten, in Erstaunen setzten. Die Mutter ließ sie von guten Lehrmeistern unterrichten, und sie mußten alle schönen Wissenschaften lernen, die Edelleuten zu wissen ziemt. Als sie heranwuchsen, brachte sie sie auch an den päpstlichen Hof, ohne zu sagen, wessen Söhne sie waren. Als der Papst von dem frommen und sittsamen Leben dieser Frau hörte und die Schönheit und das anständige Betragen dieser ihrer Söhne sah, liebte er sie sehr und gab ihnen ein reichliches Einkommen, so daß sie Diener und Pferde halten und stattlich leben konnten. Nun wollte der Papst einen Kreuzzug anstellen gegen die Sarazenen im Heiligen Lande und bot alle Könige und Herren der Christenheit auf, worunter er den König von Frankreich und den König von England namentlich nannte, sie möchten in eigener Person nach Rom kommen, um ihren Rat zu vernehmen in Betreff dieses Zuges. So fanden sich denn die beiden Könige auf Befehl des Papstes in Rom ein. Vorher ist aber noch zu wissen, daß der König von England, als er von der Wiedereroberung der aufständischen Insel zurück in London anlangte, den Vizekönig gleich nach seiner Frau und seinen Kindern fragte. Er erhielt zur Antwort, es sei mit ihnen nach dem Inhalt seines Briefes verfahren worden, ja er habe noch weniger getan: denn während er ihm geschrieben habe, er solle sie umbringen, habe er sie nur weggeschickt, und zum Zeugnis dessen zeigte er ihm die Briefe. Darüber war denn der König sehr erschrocken und wollte wissen, wer solches veranlaßt habe. Als er sich überzeugt hatte, daß seine Mutter daran schuld sei, ermordete er sie in der Aufregung des Zornes und schickte dann nach vielen Ländern hin, um seine Gemahlin zu suchen, und als man ihm meldete, sie habe ihm zwei so schöne Söhne geboren, wollte er umkommen vor Schmerz, und es dauerte lange Zeit, bis man wieder mit ihm sprechen konnte; heiter aber wurde er nie wieder, so groß war seine Liebe zu der Frau, die er so elendiglich verloren hatte. Als er nun diesen Befehl vom Papste erhalten hatte, sich mit dem König von Frankreich nach Rom zu verfügen, reiste er ab, begab sich nach Frankreich und setzte dann in Begleitung des Königs von Frankreich seinen Weg nach Rom fort, wo sie vom Papste sehr liebevoll aufgenommen wurden. Während sie nun in Rom umhergingen, wurden sie von der Frau erkannt, der eine als ihr Bruder (denn der Vater war unterdessen gestorben), der andere als ihr Gemahl. Da stellte sie sich dem Papste vor und sprach: »Seligster Vater, Eure Heiligkeit weiß, daß ich Euch niemals eröffnen mochte, von wem diese meine Söhne abstammen, und wer ich bin. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, um eines wie das andere zu tun. So soll es denn geschehen, und mag daraus erfolgen, was Eurer Heiligkeit gut dünkt. So wisse denn Eure Heiligkeit, daß ich die Tochter des früheren Königs von Frankreich bin und die Schwester dessen; der gegenwärtig in Rom sich aufhält. In meinem kecken Übermut bin ich, weil mein Vater mich an einen alten Mann gegen meine Neigung vermählen wollte, davongelaufen und nach England in ein Kloster gegangen. Als aber der König von England mich erblickte, faßte er Liebe zu mir und nahm mich zur Frau, ohne zu wissen, wer ich war. Nach kurzer Zeit gebar ich ihm diese zwei Kinder; er aber, der damals aus dem Reiche abwesend war, gab den Befehl, mich mit den armen Knaben umzubringen, die er nicht als die seinigen anerkannte. Durch Vermittelung eines seiner Beamten gelang es mir jedoch zu entkommen, und ich floh hierher, wo ich seitdem der Erziehung der unglücklichen Söhne lebte, wie Eure Heiligkeit weiß.« Hier schwieg sie. Der Papst sprach ihr Mut zu und entließ sie. Sodann schickte er nach den zwei Königen und den Söhnen und sprach zu dem König von Frankreich also: »Kennt Ihr diese Knaben, durchlauchtiger König?« Dieser erwiderte: »Fürwahr, nein.« Er fragte ebenso den andern und erhielt die gleiche Antwort. Da wandte sich denn der Papst zu dem König von England und zu dem andern, tat ihnen den Stand der Sache kund und stellte sie beiden, dem einen als Söhne, dem andern als Neffen vor. Sie nahmen sie mit der größten möglichen Freude und Heiterkeit auf, und als sie nach der Mutter fragten, ließ der Papst sie kommen. Als sie eintrat, umarmte sie aufs herzlichste ihren Bruder, ohne ihren Mann zu beachten. Auf die Frage, warum sie das tue, antwortete sie: »Dazu habe ich wohl Grund nach der Grausamkeit, mit der du gegen mich verfahren bist.« Der König erzählte ihr weinend, wie die Sache gegangen sei, wer die Schuld trage, und welche Rache er dafür genommen. Nun ließ sich die Frau die Entschuldigung gefallen, und sie waren höchst erfreut und verweilten in dieser Freude in Rom mehrere Tage auf das heiterste. Als sie nun aber der Papst von dem Befehle eines Kreuzzuges entbunden, ordneten sie ihre Abreise an. Die Frau sagte zu ihrem Mann: »Ich gebe dir diese Jünglinge als deine Söhne und befehle sie dir. Geh hin mit Gott! Ich will hier bleiben zum Heil meiner Seele und mich von der Welt zurückziehen.« Ihr Gemahl antwortete, er werde nimmermehr von Rom abreisen ohne sie, und so entstand zwischen ihnen ein heftiger Streit. Aber der Papst und der König von Frankreich, ihr Bruder, baten sie so lange, bis sie mit ihrem Gatten die Rückreise antrat, und so war dieser der glücklichste Herr von der Welt. Sie nahmen Abschied vom Papste, reisten hinweg und begaben sich mit dem König von Frankreich nach Frankreich, wo große Festlichkeiten angestellt wurden, und von dort gingen sie weiter nach England. Die Vergiftung In der Romagna lebte vorzeiten ein sehr reicher Edelmann, der einen durch Kenntnisse und jeden andern Vorzug geschmückten Sohn besaß. Als dessen Mutter gestorben war, hatte der Vater sich eine andere Frau beigetan und mit ihr einen zweiten Sohn gezeugt, der bereits zwölf Jahre alt war, als der ältere Sohn zweiundzwanzig zählte. Die Stiefmutter nun, mehr mit Reizen als mit guten Sitten geschmückt, ließ sich von der Schönheit des Stiefsohnes so sehr blenden, daß sie sich heftig in ihn verliebte. Dieses Weib hüllte zwar diese Liebe in tiefes Schweigen, solange im Beginne noch ihre Kräfte der Sache gewachsen waren; als aber die fluchwürdige Glut ihr Mark und Leben durchdrang, sah sie sich genötigt, der Liebe nachzugeben; sie stellte sich körperlich leidend, um die Wunde des Herzens zu verdecken, und tat, als wäre sie von einem schleichenden Fieber befallen. Am Ende nun ließ sie, getrieben von ihren feurigen Wünschen, durch eine Dienerin ihren Stiefsohn rufen. Dieser, der an alles andere dachte als an so etwas, trat in ihr Gemach und befragte sie mit freundlicher Miene um die Ursache ihrer Krankheit. Diese Worte kamen der Frau eben recht; sie ward etwas kühner, bedeckte ihr Gesicht aus Scham mit einem Bettuche und hub an, indem sie ihre Worte mit einer reichen Masse von Tränen begleitete, also zu sprechen: »Die Ursache und der Anfang meines jetzigen Übels und meines so heftigen Schmerzes, aber auch meine Arzenei und Heilung – das bist du selber. Diese deine glänzenden Augen sind durch meine Augen bis in die Kammern meines Herzens gedrungen und haben in meinem armen Busen ein solches Feuer entzündet, daß ich es nicht mehr aushalten kann. Habe daher Erbarmen mit einem Weibe, das um deinetwillen umkommt! Laß dich nicht zurückschrecken von dem Verwandtschaftsbande mit deinem Vater: denn du kannst ja derjenige werden, der ihm seine arme Gattin erhält, die ohne deinen Beistand ihr Leben nicht mehr fristen kann, die in dir sein Bild wiedererkennt und in deinen Zügen und mit Recht ihren Gatten liebt. Da wir beide hier allein sind, haben wir alle Sicherheit und Bequemlichkeit, die du verlangst. Was geschieht, ohne daß es jemand erfährt, ist fast ebenso gut, als wenn es nicht geschähe.« Dem wohlgesitteten Jüngling schwindelte es ganz vor Entsetzen, als er dieses empörende Ansinnen vernahm; aber obgleich er diese greuliche Sünde so höchlich verabscheute, daß er gerne ihr aus den Augen gegangen wäre, ohne ihr weiter zu antworten, so schien es ihm doch nach besserer Überlegung nicht geraten, sie mit einer so plötzlichen abschlägigen Antwort aufzubringen; vielmehr dachte er, es wäre passender, sie durch einen Aufschub hinzuhalten, um zu versuchen, ihr einen so unreinen und seltsamen Gedanken aus dem Sinne zu schlagen. Darum antwortete er ihr, sie solle nur sorgen, gesund zu werden, und gutes Muts sein; er verspreche ihr, ihre Liebe aufs beste zu belohnen. Mit diesen Worten beschwichtigte er sie für den Augenblick. Da nun der Jüngling bei sich erwog, daß bei einer so außerordentlichen Not auch eine ungemeine Abhilfe nötig sei, so erachtete er es für angemessen, die ganze Sache einem verständigen Greise anzuvertrauen, bei dem er seine Kindheit nützlich zugebracht hatte, und der noch jetzt ihn durch die Fährnisse der Jugend leitete. Der Meister wußte wohl, was ein rasendes Weib vermag, und glaubte daher, man müsse mit schnellen Schritten dem drohenden Sturme des grausamen Schicksals entfliehen. Doch ehe noch die kluge Überlegung ins Werk gesetzt werden konnte, wußte das ungeduldige junge Weib, der ein einziger Tag in Erwartung auf die Erfüllung ihres schändlichen Verlangens so lang währte wie ein Jahr, es dahin zu bringen, daß sie ihrem Mann die Ansicht einredete, es wäre gut, wenn er auf eine ihrer Besitzungen ginge, da sie gehört habe, es gehe dort nicht so zu, wie es sollte; auf diese Art trieb sie ihn auf mehrere Tage aus dem Hause. Als der Gatte fort war, belästigte sie stündlich den Jüngling mit der Mahnung, er solle sein Versprechen erfüllen. Dieser aber ergriff bald diese, bald jene Entschuldigung und legte es darauf an, ihre Lust so lange mit Worten zu befriedigen, bis er sich durch eine von ihm beabsichtigte lange Reise aus ihrem Bereiche entfernen könnte. Die Frau, welche die starke Hoffnung mehr als gewöhnlich ungeduldig gemacht, und welche an den bedeutungslosen Entschuldigungen gemerkt hatte, daß er, je mehr er versprach, um so mehr sich von der Erfüllung von irgend etwas entfernte, wurde unwillig und verwandelte plötzlich die verbrecherische Liebe in einen noch weit ruchlosern Haß. Sie beriet sich mit einem ihrer Diener, dem sie großes Vertrauen schenkte, welchen Weg sie einschlagen müsse, um sich an ihm zu rächen, der ihr seine Zusage nicht halten wollte; und sie beschlossen endlich, dem armen Jüngling mit Gift das Leben zu nehmen. Der bübische Diener zögerte nicht, diesen grausamen Vorsatz zur Ausführung zu bringen, sondern ging alsbald aus dem Hause und kehrte erst abends spät zurück mit einem Getränk in einem Becher; er vermischte es in dem Schlafzimmer der Frau mit Wein und stellte es in einen Schrank, wo sich die Eßwaren befanden, mit der Absicht, es am folgenden Morgen beim Frühstück dem unglücklichen jungen Manne vorzusetzen. Das Schicksal aber wollte es anders, und der Sohn jenes bösen Weibes, der, wie gesagt, zwölf Jahre alt war, kam am Morgen aus der Schule zurück, verzehrte einen kleinen Imbiß und fühlte darauf Durst. Da ihm nun jenes Glas mit dem giftigen Gebräu in die Hände fiel, das aus Fahrlässigkeit in dem Schrank unverschlossen stehengeblieben war, trank er es ganz aus und sank bald darauf wie tot zu Boden. Als das Gesinde diesen Fall bemerkte, machte man Lärm; die Mutter lief hinzu, und man kam gleich auf den Gedanken, der Knabe sei vergiftet. Die Mutter ging mit dem Diener, der das Getränk gekauft hatte, beiseite; sie sprachen heimlich miteinander und beratschlagten, die Schuld des Verbrechens auf den altern Sohn zu schieben. Infolgedessen erklärte der Diener öffentlich, er wisse gewiß, daß der ältere Sohn es sei, der die Untat begangen habe: denn er habe ihm vor wenigen Tagen erst fünfzig Taler versprochen, wenn er ihn umbringen wolle; da er jedoch hierzu sich nicht herbeigelassen habe, so habe jener ihm mit dem Tode gedroht, wofern er irgend jemand etwas davon sage. Die Frau ließ alsbald Häscher kommen und kraft der von dem Knechte gemachten Anzeige ihren Stiefsohn ins Gefängnis führen. Darauf schickte sie einen Boten an ihren Gatten, um ihn von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen. Ihr Gemahl kam sogleich herbei, und sie ließ ihm von dem Diener das Zeugnis vorsagen, das er schon früher abgelegt hatte. Sodann fügte sie selbst hinzu, sein Sohn habe dies getan, weil sie seinem wollüstigen Begehren nicht habe Folge geben wollen, und er habe sie überdies auch mit dem Tode bedroht. Der unglückliche Vater beklagte sich heftig, als er sah, wie man den jüngsten Sohn zu Grabe trug, während der andere als Brudermörder der Todesstrafe verfallen sei; und getäuscht von dem heuchlerischen Jammergeschrei seiner Frau, entbrannte sein Zorn immer mehr gegen seinen Sohn. Kaum war die Leichenfeier zu Ende, als der beklagenswerte Vater vom Grabe hinwegeilte und so, wie er war, mit verweintem Gesicht nach dem Rathause ging, woselbst er mit Tränen und inständigen Bitten auf den Tod seines nunmehr einzigen Sohnes drang, den er einen Blutschänder nannte, weil er das Bett seines Vaters habe beflecken wollen, Brudermörder, weil er seinen Bruder umgebracht, und Totschläger, weil er seiner Stiefmutter das Leben zu nehmen angedroht. Er hatte mit diesen Klagen die Gemüter des Volkes so sehr zur Entrüstung aufgeregt, daß alle riefen, man müßte ihn, ohne viel Zeit mit Anklage und Verteidigung zu verlieren, für diese Sünde öffentlich durch Steinigung bestrafen. Die Richter sagten jedoch, sie wollten nach altem Brauche den Spruch erst nach sorgfältigem Verhöre fällen, und wollten nicht zugeben, daß ein so grausames Beispiel aufgestellt und ein Mensch aus Erbitterung statt auf gerechte Beweise hin getötet werde. Es wurde daher förmlich und gesetzmäßig der Angeklagte vor Gericht beschieden und der Anklageprozeß begonnen. Der Vater sagte, sein älterer Sohn habe den Jüngern vergiftet und es liege dafür ein sicherer Beweis vor, da er wenige Tage zuvor versucht habe, ihn durch einen Diener umbringen zu lassen, dem er fünfzig Taler versprochen habe. Als der Jüngling befragt wurde, leugnete er alles. Nachdem Anklage und Verteidigung stattgefunden hatte, wollten die Richter doch die Sache nicht auf Vermutungen und Verdachtsgründe hin abmachen, sondern verlangten sichere Beweise und bestimmte Wahrheit. Darum beschlossen sie, der Knecht solle ihnen vorgeführt werden, und so wurde denn dieser Galgenvogel herbeigebracht; er trat mit dreister Stirn vor die Richter und machte dieselbe Aussage, die er schon dem Vater gemacht, ja er fügte hinzu, er wolle die Wahrheit seiner Worte mit dem Jüngling auf der Folter bekräftigen. Da war nun kein Richter dem Jüngling so günstig gesinnt, der nicht geurteilt hätte, man müsse erst den Jüngling auf die Folter spannen und alsdann, wenn dieser beim Leugnen beharre, auch den Knecht. Da erhob sich ein in jener Stadt sehr angesehener rechtschaffener Arzt und sprach also: »Ich schmeichle mir, sagen zu können, daß ich bis daher unter euch für einen redlichen Mann gegolten habe, und kann nicht zugeben, daß dieser unschuldige Jüngling ungerechterweise von euch gefoltert oder getötet werde. Aber was hilft das, wenn ich allein mich der Behauptung eines andern widersetze? Und doch bin ich der, für den ihr mich haltet, und der andere ist ein niederträchtiger Schurke, der nicht einen, sondern tausend Galgen verdient. Ich weiß, daß mein Gewissen mich nicht betrügt, und darum hört den wahren Tatbestand der Sache! Dieser Schurke kam zu mir und wollte ein plötzliches Gift von mir kaufen, wofür er mir einen Preis von fünfzig Golddukaten anbot, indem er vorgab, desselben für einen Kranken bedürftig zu sein, der Tag und Nacht von einer unheilbaren Wassersucht und tausend andern Schmerzen gepeinigt werde und sehnlich wünsche, durch die Arznei des Todes über so große Mühsal hinwegzukommen. Da ich sah, wie verlegen der Spitzbube um Worte war, mit denen er seine listigen Vorwände beschönigen sollte, schöpfte ich Verdacht, er möchte irgendeinen bösen Anschlag im Kopfe haben, und war im Begriff, ihm die Türe zu weisen. Gleich darauf aber fiel mir ein, wenn ich es ihm abschlage, so werde er zu einem andern gehen, der vielleicht minder vorsichtig sei als ich und ihm in seinem Begehren willfahre; ich hielt es daher für geraten, ihm einen Trank zu reichen, und gab ihm auch einen, aber von einer Beschaffenheit, die ihr später hören werdet. Da ich überzeugt war, daß man der Sache mit der Zeit nachspüren werde, wollte ich den Preis, den er mir anbot, nicht sogleich nehmen, sondern sagte zu ihm: ›Ich fürchte, einige von diesen Dukaten möchten falsch oder zu leicht sein; tue sie daher wieder in dieses Säckchen und siegele es mit deinem Ring! Ein andermal bei gelegenerer Zeit wollen wir alsdann zusammen nach der Bank gehen und sie untersuchen lassen.‹ Er ließ sich überlisten, und ich brachte ihn dahin, daß er den Sack mit seinem Siegel schloß. Ich habe ihn soeben durch meinen Diener holen lassen und will es euch zeigen. Er mag es sehen und soll sein Siegel anerkennen und darauf erklären, auf welche Art er diesen braven Jüngling beschuldigen will, seinem Bruder Gift gegeben zu haben, wenn er doch selbst es gekauft hat.« Während dieser wackere Mann so sprach, war der elende Diener blaß geworden wie eine Leiche; er zitterte, und einzelne Tropfen eiskalten Schweißes traten ihm auf die Stirne; er trat bald vorwärts, bald zurück, drehte den Kopf bald so, bald anders und fing an, mit kleinlautem Munde einiges unpassende Zeug hervorzustammeln, so daß ihn vernünftigerweise niemand hätte für unschuldig erklären können. Nichtsdestoweniger bekämpfte der vermessene Schurke seine Furcht mit seiner Frechheit, verscheuchte sie und ward so mutig, daß ihm seine alte Verschlagenheit wiederkam und er mit seiner vorigen Geistesgegenwart den Arzt der Lüge zieh und alle seine Aussagen leugnete. Der unbescholtene Greis aber besann sich, um nicht in seinen letzten Jahren seinen unbefleckten Ruf zu besudeln, auf Mittel, die Wahrheit in der Sache ans Licht zu bringen. Er forderte daher einen der Diener der Gerechtigkeit auf, dem Knechte seinen Ring vom Finger zu ziehen, und als man ihn mit dem Siegel des Säckchens verglich, ergab sich die Übereinstimmung beider. Die Richter erklärten es demnach für einen hinreichenden Beweis, um ihn auf die Folter zu bringen. Man gab ihm mehrere Streiche mit dem Stricke, aber noch immer beharrte er auf seinem Leugnen. Darauf sagte der Arzt zu den Richtern: »So wisset denn, daß, als mich dieser Verruchte, wie ich bereits erzählt habe, bewegen wollte, ihm Gift auszuhändigen, ich aber es für einen rechtschaffenen Arzt unziemlich hielt, den Tod eines Menschen zu veranlassen, dieweil ich überzeugt bin, daß die Heilkunde den Menschen vom Himmel geoffenbart worden ist zum Wohl und nicht zum Schaden des Menschengeschlechts, und als ich fürchtete, wie ich euch gleichfalls gesagt habe, er möchte zu einem andern gehen, der aus Geldgier ihm das gegeben hätte, was er verlangte, – daß ich ihm kein Gift gegeben habe, sondern einen Alrauntrank, der so tief in Schlaf senkt, daß, solange seine Kraft dauert, der, der ihn zu sich genommen hat, wie tot aussieht. Wenn nun jener Knabe den von mir gemischten Trank genommen hat, so lebt er, ruht und schlummert. Sobald die Kraft der Natur den dichten Nebel dieses Schlummers verjagt haben wird, wird auch unsere Sonne so schön wie zuvor ihm leuchten. Ist er aber wirklich tot, so sucht die Ursache anderswo!« Nachdem der Arzt diese Worte gesprochen hatte, schien es allen das Wichtigste, ohne Verzug nach dem Begräbnisorte des Knaben zu gehen, um sich über den Fall Aufklärung zu verschaffen. Man brachte daher den Diener sowie den andern, ältern Sohn in das Gefängnis, und alle gingen nach der Gruft. Dort angelangt, ließ es sich der Vater nicht nehmen, mit eigenen Händen den Stein über dem Grabe wegzuwälzen. Und die Hilfe durfte auch nicht länger ausbleiben, denn die Natur hatte schon von selbst die düstere Schlaftrunkenheit verjagt, und der Jüngling war zurückgekehrt aus dem Reiche Plutos. Der Vater umarmte ihn mit der Zärtlichkeit, die ihr euch vorstellen könnt, und da es ihm in der Freude dieses Augenblicks an kräftigen Worten gebrach, hob er ihn schweigend aus der Gruft und stellte ihn so in Trauerkleider gehüllt dem Oberrichter vor. Als der Diener den Knaben am Leben sah, dachte er, weil kein Tod erfolgt sei, werde er Verzeihung erlangen, und zugleich, um der weiteren Folterung zu entgehen, bekannte er alles. Man ergriff deshalb die Frau, führte sie vors Gericht, und nach kurzer Folterung bekannte auch sie alles. Das Urteil fiel dahin aus, daß der Diener, weil er das Verbrechen verübt, wenn auch der Tod nicht dadurch erfolgt sei, gehängt werde. Der Frau wurde auf die Bitten ihres Gatten und ihres Sohnes zwar das Leben geschenkt, doch wurde sie auf immer aus der Stadt verbannt. Dem Arzte wurde auf allgemeine Zustimmung das Geld, das er von dem Knechte als Zahlung für den Schlaftrunk erhalten hatte, gelassen. Der Vater aber, der in Gefahr gewesen war, seine beiden Söhne zu verlieren, vertauschte sie auf diese Weise gegen ein grundböses Weib und gewann sie wieder lebendig und schuldlos. Bärenjagd In der Stadt Ricanati lebte ein Edelmann namens Democrate, der sehr reich und mit seinem Besitz sehr freigebig war; und als der erste in seiner Stadt veranstaltete er alljährlich Lustbarkeiten und Schauspiele, an welchen er sich sehr ergötzte. So beschloß er denn auch einst einen Spaß zu veranstalten, nämlich eine große Jagd von wilden Tieren in der Stadt, und zwar zu Ehren einiger fremder Herren, die auf Besuch zu ihm kommen sollten. Er hatte daher aus verschiedenen Gegenden mit sehr bedeutenden Kosten eine große Menge wilder Tiere zusammengebracht, worunter viele Bären waren; nun blieben aber die Herren, um derentwillen hauptsächlich die Jagd angestellt werden sollte, länger aus, als man erwartet hatte; die Tiere konnten das eingeschlossene Leben nicht vertragen, und viele starben; und da sie auf die Straßen geworfen wurden, kamen die armen Leute daher und zogen ihnen die Haut ab, um sie zu essen. So war denn auch eine sehr große und erschrecklich anzuschauende Bärin gestorben, und eine Räuberbande, die vor kurzem in die Stadt gekommen war, gründete auf diese Bärin einen Plan, den Democrate listig zu berauben, und zwar auf folgende Weise: Sie nahmen die tote Bärin, trugen sie in ihre Wohnung und zogen ihr geschickt die Haut ab, ließen aber Kopf und Füße ganz. Nachdem sie das Fell gänzlich vom Fleische gereinigt hatten, bestreuten sie es mit Asche und legten es in die Sonne, um es zu trocknen; inzwischen ließen sie es sich wohl sein, indem sie das Fleisch verspeisten. Als das Fell trocken war, steckten sie nach der bereits unter ihnen getroffenen Verabredung einen der Ihrigen mit Namen Trasileo hinein, nähten es sorgfältig zusammen und bedeckten die Naht mit den dicken Borsten, so daß man sie nicht sehen konnte; an die Stelle, wo der Bärin die Kehle durchschnitten wurde, kam Trasileos Kopf zu stehen und fand Raum genug, um zu atmen und zu sehen. So mußte man meinen, es sei eine wirkliche Bärin. Nachher kauften sie einen Käfig und sperrten ihn hinein. Als die Sache so weit war, erhielten sie, um ihren Betrug vollzumachen, eine Anzeige von einem gewissen Nicanore aus Albano, der in enger Freundschaft mit jenem Democrate stehen sollte und in seinem Lande ein großer Jäger war. Die Räuber verfertigten nun Briefe, die angeblich von jenem Freunde herrührten, des Inhaltes, er möge an dem Feste, das er zu veranstalten im Begriffe war, ihn Anteil nehmen lassen. Als nun die Nacht nicht mehr weit entfernt war, brachten die Buschklepper den Käfig mit der falschen Bärin und dem Briefe dem Democrate, der die Größe des Tieres lobte, sich über die zu so guter Stunde kommende Freigebigkeit seines Freundes freute und befahl, den Bärenführern zehn Dukaten auszubezahlen und den Käfig mit der Bärin zu den andern Bären hinauszuschaffen. »Hüte dich, Herr«, sagte einer der Räuber,»da das Tier von der heftigen Sonnenhitze und dem langen Wege sehr müde ist, es mitten unter die vielen andern zu bringen, die auch, wie ich gehört habe, nicht sehr gesund sind! Laß sie im Hause an einen offenen Ort schaffen, wo die frische Luft zukann; denn derlei Tiere sind an den Aufenthalt in dichten Wäldern und frischen Höhlen gewöhnt.« Democrate überlegte nun, daß ihm viele gestorben waren, und schenkte deshalb den Worten des Mannes Beifall. Darum sagte er, sie sollten das Tier selbst unterbringen, wo es ihnen am zweckmäßigsten scheine. Sie stellten daher den Käfig an einen Winkel des Hauses, von wo Trasileo sehen konnte, wohin man die Silbergefäße brachte, die von dem Tische des Herrn abgeräumt wurden, deren er viele sehr kostbare besaß. Dann sagten sie: »Wir sind bereit, sofern es nötig ist, in der Nähe zu bleiben; wir kennen seine Natur und können jetzt, da er müde und erschöpft ist, ihm Speise reichen, sobald es dazu Zeit scheint.« Democrate antwortete: »Wir brauchen euch nicht zu bemühen, denn meine Dienerschaft ist in Behandlung solcher Tiere wohlgeübt und weiß jetzt schon, was sie zu tun hat.« Nach diesen Worten nahmen die Räuber Abschied und gingen ein wenig vor die Stadt hinaus, wo sie an einer abgelegenen Stelle etwas abseits der Straße neben einem Kirchlein ein Grabmal sahen. Sie hoben den Deckel auf, der von der Länge der Zeit ganz abgenutzt war, fanden die Gebeine der Toten ganz in Staub gesunken und dachten, das wäre ein passender Platz, um das zu verstecken, was sie aus dem Hause des Democrate hervortrügen. Sie erwarteten nun die dunkelste Zeit der Nacht, das heißt die Stunde, in der der Schlaf mit seiner ersten Heftigkeit sich der Sterblichen bemeistert, und stellten sich, mit ihren Werkzeugen bewaffnet, vor Democrates Hause auf. Trasileo war inzwischen nicht weniger tätig gewesen; denn er hatte, sobald er merkte, daß alles schlief, den Käfig verlassen, den Pförtner mit einem Messer erstochen, dann die Türe geöffnet und seine Genossen eingelassen. Sobald die Spitzbuben im Hause des Democrate waren, zeigte ihnen Trasileo eine Vorratskammer, worin er das Silber hatte niederlegen sehen. Sie öffneten mit ihren Eisenwerkzeugen die Türe, beluden sich mit dem, was sie tragen konnten, und brachten es in das obengenannte Grabmal und ließen einen von ihnen, während sie zurückkehrten, um das übrige wegzutragen, zurück, um in der Nähe der Tür zu beobachten, ob im Hause eine Bewegung entstehe; denn sie dachten bei sich, der Anblick jener Bärin würde hinreichen, um die Dienerschaft zu schrecken, wenn einer davon etwa aufwachen sollte. Es stand allerdings auf das Geräusch hin ein Diener des Hauses auf und ging an die Türe, um zu sehen, ob der Pförtner dort sei. Er sah ihn tot und das wilde Tier im Hause umhergehen. Darum schlich er leise hinweg und erzählte den andern, was er gesehen. Da dauerte es denn nicht lange, so war das Haus voll von Männern mit brennenden Fackeln, so daß alle Finsternis floh, und alle ohne Ausnahme brachten Waffen mit: die einen kamen mit Panzern, andere mit Lanzen und Spießen und viele mit bloßem Schwerte; ja, was noch mehr ist, sie ließen große Jagdhunde kommen und umzingelten allesamt die arme Bärin, so daß sie sie grausam umbrachten, ohne daß der Mensch darin einen Laut von sich gab. Dennoch hatte er allen, die es sahen, einen solchen Schrecken eingejagt, daß auch den Toten keiner zu berühren wagte. Am Ende, als ein Fleischer das Tier schinden wollte, entkleidete er den armen, unglücklichen Räuber. Gentile Sermini Nach 1410 Ser Pace In der prächtigen Stadt Rom lebte ein Priester namens Ser Pace, der als Pfarrer eines Kirchleins mit einer guten Pfründe anständig lebte. Er war ein Mann von milder Gemütsart und höflichen Sitten, war einer guten Tafel nicht gram und lud häufig andere Geistliche zum Essen zu sich. Als er einst eines Burschen benötigt war, lief ihm einer aus Colle im Elsatal namens Masetto in die Hände, der gerade als Knecht Dienste suchte. Sie sprachen miteinander und kamen überein, daß Masetto auf Lebenszeit sich zu ihm verdingte, mit dem Versprechen, so genau als möglich zu erfüllen, was Ser Pace zu ihm sage; Ser Pace nahm ihn ebenfalls auf Lebenszeit an und setzte für sich fünfundzwanzig Gulden Buße fest, wenn er ihn fortschicke, und das gleiche für Masetto, wenn er seine Entlassung begehre. Weil aber Masetto in einem losen Alter stand, das dem Hausherrn geringere Gewähr leistete, übergab er von seiner Habe dem Ser Pace zwanzig Dukaten und ein silbernes Geschmeide sieben Lot schwer, das einen kleinen Falken darstellte, alles miteinander als Pfand. Ser Pace sicherte die Übereinkunft noch durch die Hand eines öffentlichen Notars; es wurde ein Papier darüber aufgesetzt, und als dasselbe im reinen war, wohnte Masetto mit Ser Pace zusammen, kam seinem Dienste mit großem Eifer nach und erwarb sich Ser Paces Zuneigung in hohem Grade. Etwa vierzehn Tage ging der Dienst in Ordnung; nun aber begann Masetto das ins Werk zu setzen, weshalb er eigentlich zu Ser Pace gegangen war. Es war die große Fastenzeit; da sprach Ser Pace zu Masetto: »Morgen kommen vier Priester zu mir zum Frühstück. Kaufe zehn Pfund Fische und rüste sie gut zu! Weiche Bohnen ein! Koche aber nicht viele, denn es ist nicht gerade eine Speise für Priester. Daß es nur an den Fischen nicht fehlt!« Masetto antwortete: »Ganz recht, gestrenger Herr!« Und er sorgte für alles. Er rechnete: da es fünf Priester waren, legte er elf Bohnen ins Wasser, nämlich zwei für jeden und eine für sich, und am andern Morgen setzte er sie so zum Feuer. Auch bereitete er die Fische köstlich zu, wie ihm Ser Pace anbefohlen hatte. Alles war fertig; die Stunde der Mahlzeit kam, und die Geistlichen traten ins Haus. Masetto empfing sie freundlich und reichte ihnen Handwasser; sie setzten sich zu Tisch, und nach einem würzigen Salate trug Masetto die Teller auf mit je zwei Bohnen auf einem. Die Geistlichen verwunderten sich über diesen Anblick und sahen einander an. Als aber Ser Pace dies bemerkte, sprach er zu Masetto: »Was ist das für eine Ärmlichkeit? Geh, schöpfe mehr heraus! Bist du verrückt? Solche Teller setzt man nicht Priestern vor.« Masetto antwortete: »In der Schüssel ist nur noch eine Bohne für mich. Wenn Ihr sie wollt, so will ich sie Euch bringen.« »Was sagst du?« sprach Ser Pace, stand auf und wollte es sehen. Er fand es auch wirklich so. Darüber tadelte er ihn sehr und sprach: »Sieh zu, daß dir dies nicht wieder begegnet!« Masetto antwortete, er habe es nur aus Gehorsam so gemacht. Er habe ihm ja befohlen, nur wenig zu kochen, deshalb habe er zwei auf jeden Geistlichen und eine auf sich gerechnet. »Genug damit für jetzt«, sagte Ser Pace. »Gib uns die Fische!« So ging das Frühstück hin. Nachher aber gab er ihm einen heftigen Verweis und sprach: »Mache, Masetto, daß dergleichen nicht wieder vorkommt!« Dieser antwortete: »Ganz recht, gestrenger Herr!« Ser Pace sagte zu den Priestern: »Morgen will ich euch schadlos halten; ich erwarte euch daher alle morgen vormittag hier zum Frühstück.« Sie nahmen's an, und Ser Pace gab nun Masetto die erforderliche Weisung, was er für morgen vorzubereiten habe, nämlich Salsinen und frische Fische, außerdem solle er Erbsen einweichen. »Nimm dich in acht«, fügte er hinzu, »daß es nicht wieder geht wie heute morgen! Lege reichlich ins Wasser! Die Priester wollen keine Possen auf dem Teller. Koche vollauf, nicht so ärmlich!« Masetto antwortete: »Ganz recht, gestrenger Herr!« Als es nun Zeit war, nahm er einen halben Scheffel Erbsen, den Ser Pace vor wenigen Tagen gekauft hatte, und weichte alle ein. Am Morgen aber setzte er sie in drei großen Töpfen zum Feuer und ließ sie kochen. Alles war im reinen, als die Priester zum Frühstück kamen: sie setzten sich zu Tisch; Masetto hatte die Teller für sie zugerüstet und trat nun in den Saal mit solchen Erbssuppen, daß nicht nur Priester, sondern sogar Schweine von Castri sich über diese Masse geschämt hätten, so viele Erbsen setzte er ihnen vor. Als Ser Pace die Erbsenbescherung sah, sprach er: »Masetto hat uns für gestern morgen entschädigen wollen.« Und so lachten alle miteinander über diese Kübel mit Erbsen. Masetto beschäftigte sich ganz unbefangen weiter damit, die Fische nach dem Geschmack der geistlichen Herren zuzubereiten und die Gläser immer neu zu füllen, so daß, wenn er sich ihnen gestern durch seine Armseligkeit verhaßt gemacht hatte, sie sich jetzt für entschädigt halten und seine Freigebigkeit loben mußten. »Eßt nur rüstig drauf los,« antwortete Masetto. »Es ist genug da, um von allem zu essen, namentlich Erbsen.« Ser Pace sagte: »Hast du uns denn noch nicht alle hereingebracht?« »Es ist noch so viel übrig«, sagte Masetto, »daß ich wohl zwanzig Trachten, größer als diese, hereinbringen kann.« Nachdem das Essen vorbei war, wollte Ser Pace doch nachsehen und fand drei große Kessel voll Erbsen über dem Feuer. Er rief seine Gesellschafter herbei, zeigte sie ihnen und sprach zu Masetto: »Was Teufels hast du gemacht? Diese Erbsen hätten ja für hundert Mann ausgereicht. Hast du denn alle Erbsen gekocht, die da waren?« Masetto erwiderte: »Ja, gestrenger Herr!« Dieser aber war darüber erzürnt und schalt ihn heftig aus; Masetto aber verteidigte sich und sagte: »Ich tue, was Ihr mir befehlt, und Ihr zürnet! Gestern sagtet Ihr mir, ich solle wenig Bohnen kochen: ich tat es, und Ihr wart böse; dann sagtet Ihr mir, ich solle reichlich Erbsen kochen: ich tat es, und Ihr schmälet mich aus. Das ist sehr unrecht von Euch. Ihr wißt, daß eine Strafe darauf gesetzt ist, wenn ich nicht tue, was Ihr mir befehlt; ich gebe mir alle Mühe, und doch werdet Ihr zornig über mich. Ich tue es nur, um nicht fünfundzwanzig Dukaten zahlen zu müssen.« Hiermit hörte die Zwiesprach auf, und wer es mit angehört hätte, der hätte Ser Pace unrecht und Masetto recht geben müssen, so gut wußte dieser zu sprechen. Darüber geriet denn Ser Pace in Wut und sagte zu Masetto: »Mach, daß du mir heute das Haus räumst!« Nach diesen Worten ging er mit seinen Gesellschaftern aus und schloß die Türe von außen mit dem Schlüssel, ohne Antwort abzuwarten. Als Masetto seine Worte hörte und sich einschließen sah, rief er mit lauter Stimme nach: »Auf welchem Wege soll ich denn das Haus räumen? Ihr habt mich ja eingeschlossen.« Voll Ärger rief Ser Pace: »Durch die Fenster meinetwegen!« »Ganz recht, gestrenger Herr!« sagte Masetto. Die Geistlichen gingen in die Vesper; Masetto aber, in strengem Gehorsam, schickte sich an, seinen Befehl zu vollziehen. Er fing also an, durch die Fenster das Haus zu räumen; er fing von oben an: alles, was im Saale war, Tafeln, Bänke, Tische, Handtücher, Krüge, Becher, Untersätze, Schüsseln, Schalen, Bestecke warf er zu den Fenstern hinaus auf den Platz. Dann ging es nach der Küche: Kessel, Pfannen, Roste, Brandeisen, Holzplatten, Teller und was er dort fand, flogen aus dem Fenster auf den Platz. Dann im Schlafzimmer: das Bett, die Bettlade, Koffer mit allem, was darin war, Kapuzen, Ornate, Tücher, Bücher und was er sonst fand, nichts blieb darin, es mußte durch die Fenster in den Pfarrhof hüpfen. Den Hühnerstall leerte er ganz aus und warf ihn hinab. Auf dem Speicher lag ein großer Berg Korn: den leerte er Sack um Sack zum Fenster hinaus und schüttete dasselbe auf das Durcheinander der andern Sachen. Als nun Ser Pace und seine Gesellschafter aus der Vesper kamen, sagten sie: »Wir wollen doch sehen, ob sich Masetto aus dem Fenster gestürzt hat.« Sie gingen hin, und als sie an die Tür des Platzes oder Hofes, wie man es heißen will, kamen, hörten sie ein lautes Krähen und Durcheinanderfliegen der Hühner, weil Masetto eben wieder einen Sack voll Körner herabgoß. Ser Pace wunderte sich über den Vorfall, öffnete wütend das Hoftor und sah denn hier alle seine Habseligkeiten übereinandergeworfen und zerbrochen. Voll Grimm schrie er auf und rief Masetto zu: »Verräter, was machst du?« Masetto, einen andern Sack herabschüttend, antwortete ganz erschöpft: »Ich räume aus, wie Ihr mir gesagt habt. Ich habe nur noch wenig Korn auszuleeren; dann ziehe ich den Fässern die Zapfen aus, und so werde ich bald ganz fertig sein. Macht nur noch einen kleinen Gang um eine Ecke! Wenn Ihr wiederkommt, so werdet Ihr alles getan finden, daß auch nicht ein Härchen mehr übrigbleibt.« Ser Pace spie Feuer und Flammen vor Entrüstung und sagte: »Verräter, geh mir aus dem Hause!« Er nahm einen Stock und eilte die Treppe hinauf, um ihn damit zu bedienen. Masetto aber, welcher jung und gewandter war als er, lief ihm davon. Ser Pace folgte ihm nach und jagte ihn zum Hause hinaus. Als Masetto vor der Haustür angelangt war, sprach er zu den vier Geistlichen: »Ihr seid meine Zeugen, daß er mich zum Hause hinausgejagt hat.« In demselben Augenblick kam zufällig der Ritter des Senators vorbei. Von dem Geschrei aufmerksam gemacht, kam er herzu, hörte den Fall und führte Ser Pace und Masetto gefangen mit sich; die vier Priester folgten. Alle wurden dem Senator vorgeführt, und Ser Pace setzte diesem den ganzen Schaden auseinander, den ihm Masetto zugefügt hatte. »Gnädiger Herr Senator«, sprach Masetto, »laßt mir mein Recht werden! Weil aber Ser Pace Priester ist, so laßt ihn Gewähr leisten, daß er Recht gibt und Eure Gerichtsbarkeit anerkennt!« So geschah es. Ser Pace unterwarf sich dem Gericht und leistete hinreichende Gewähr. Darauf setzte Masetto seine Angelegenheit auseinander, zeigte den mit Ser Pace eingegangenen schriftlichen Vertrag vor und erwähnte die Bußen und das Unterpfand. Ser Pace dagegen erzählte, welchen Schaden er genommen habe. Während nun der Herr Senator und einer seiner Gehilfen die Parteien verhörte, hatte die Erbsenbrühe ihren Lauf vollbracht und äußerte ihre Wirksamkeit so gewaltig, daß Ser Paces Schinkentasche sich ganz mit solcher Suppenbrühe füllte. Als die Kunde von diesem Ereignis dem Herrn Senator zu Ohren oder vielmehr zur Nase kam, wurde ihm der Priester verhaßt; er sagte zu seinem Gehilfen, er solle die Leute abfertigen und wegschicken. Dieser hatte die Gründe, die jeder für sich beibrachte, angehört und sprach nun das Urteil: Ser Pace müsse dem Masetto fünfundzwanzig Gulden Buße zahlen und das ganze Unterpfand, das ihm Masetto gegeben hatte, zurückerstatten. Ser Pace beschwerte sich darüber, Masetto aber verteidigte sein Recht. »Herr Senator«, sprach er, »wundert Euch nicht, daß diese schurkischen Pfaffen sich diesen Abend so aufführen! Das begegnet ihnen alle Tage bei ihrem schlemmerischen Fressen und Saufen. Alle Tage geht es hoch her bei ihnen, und ich hatte die Unlust davon.« Der Herr Senator tat nun in der besagten Weise den Spruch, daß Masetto für alles bezahlt werden müsse. Und somit schied er befriedigt. Ser Pace und seine Genossen aber schieden sehr unzufrieden, denn sie hatten zum Schaden noch die Schande. Alle gingen mit Ser Pace in sein Haus, um ihm zu helfen, seine Sachen, die Masetto auf den Platz oder in den Pfarrhof geworfen hatte, wieder einzuräumen und aufzustellen. Zu dieser Arbeit nahm er einige Nachbarn in Anspruch, und viele unterstützten ihn aus Mitleid. Und als sie von Ser Pace hörten, wie die Sache gegangen war, bemitleideten ihn alle. Unter den Hilfeleistenden war auch ein junger Mann aus Sciano in Ombrone im Gebiete Sienas, namens Pela. Als er den Schaden sah und Nachricht davon bekam, ergriff ihn Mitleid; er rief Ser Pace beiseite und bot sich ihm folgendermaßen zum Dienst an: »Ich habe«, sagte er, »ihn soeben zum Sankt-Peters-Tor hinausgehen sehen; aber ich sage Euch, da ich gesehen habe, was er hier angestellt hat, habe ich mir vorgenommen, wenn Ihr damit einverstanden seid, daß er dieses Geldes nicht froh werden soll. Sagt mir nun genau, wie viel Geld er von Euch bekommen hat und in welcher Münze: Dann laßt mich nur machen! Ihr sollt sehen, wer mehr kann, der Colligianer oder der Scialenge. Ich bin besser zu Fuß als er und werde ihn bald einholen. Macht Euch nur keine Sorge! Ich will es Euch schon wieder einbringen.« Ser Pace nahm das Anerbieten dankbar an und empfahl ihm allen Eifer. Sie wurden einig, und Ser Pace gab ihm Geld zu seinen Auslagen. »Ich darf jetzt nicht länger warten«, sagte dieser. »Haltet die Sache geheim und laßt mich sorgen!« So schied er in stillem Einverständnis mit ihm. Er eilte Masetto nach und erfuhr von Zeit zu Zeit, daß er ihm nicht mehr weit voraus sei; doch wanderte er zwei Tage, bis er ihn erreichte; es war dies in der Herberge zu Bolsena. Sie kehrten dort ein; es waren viele Fremde dort, und so blieben die beiden daselbst über Nacht. Pela war unbekannt; er sprach mit Masetto und den andern ohne Unterschied, gab vor, er sei von Sutri und gehe nach Siena. Schon gestern hatte Pela auf den Namen eines Colella von Sutri an einen gewissen Ventura von Sciano einen Brief geschrieben folgenden Inhaltes: »Ich habe Deinen Brief erhalten, in welchem Du mir aufträgst, ich solle durch den Überbringer, Deinen Sohn Salvi, Dir fünfundvierzig Dukaten schicken, die ich Dir noch als Rest für die Tiere, die Du an mich verkauft hast, schuldig bin. Vor allem bitte ich um Entschuldigung, daß ich nicht imstande gewesen bin, sie Dir früher zu schicken. Jetzt aber habe ich nach Lesung Deines Briefes die ganze Summe dem Salvi eingehändigt, nämlich zwanzig venezianische Dukaten und fünfundzwanzig römische. Darum bitte ich Dich, hiermit meine Rechnung zu tilgen. Ferner, da mir Salvi erzählt, daß Du Deine Tochter verheiratet hast, schicke ich Dir ein kleines Geschmeide für sie zum Andenken von mir, nämlich einen kleinen Falken mit einem Kettchen von Silber, im ganzen siebenundeinviertel Lot schwer. Ich sehe wohl, daß ich nicht so viel tue, als Du verdientest. Du mußt mir eben verzeihen. Freilich habe ich so viel Freundlichkeit von Dir genossen, als ich dort war, daß ich gar nicht weiß, wann ich Dir dafür lohnen kann. Dein Dienstbereitwilliger ...« usw. Als der Brief geschrieben war, faltete er ihn und steckte ihn in den Busen, legte sich auch den Namen Salvi bei. Am Morgen nun machte er sich unter irgendeinem guten Vorwand an Masetto und wünschte ihm guten Morgen. Sobald er bemerkte, daß dieser sich zum Weiterreisen anschickte, sagte Pela: »Ist vielleicht unter diesen Gästen einer, der nach Acquapendente geht?« »Ich«, antwortete Masetto. »So laßt uns miteinander gehen«, sagte Pela; »denn ich gehe lieber in Gesellschaft als allein.« Nachdem der Wirt bezahlt war, machten sie sich also auf den Weg. Abends langten sie in Acquapendente an und gingen miteinander in die gleiche Herberge und Wohnung. Am Morgen, als sie weiter wollten, sagte Salvi zu Masetto: »Erwarte mich hier! Ich will nur da einen Brief an jemand abgeben.« Masetto glaubte das und erwartete ihn beim Feuer. Salvi aber ging alsbald zum Schultheißen und klagte den Masetto an, er habe ihm in der Nacht fünfundvierzig Dukaten und ein silbernes Geschmeide gestohlen. Weinend flehte er um den Schutz des Beamten und gab an, in welcher Herberge der Dieb sich befand. Er wußte es auch so geschickt anzubringen, daß der Beamte ihm vollkommen Glauben beimaß und ihm vier Häscher mitgab, um den Dieb zu fassen. So wurde denn Masetto in der Herberge festgenommen, zum Schultheißen geführt, in enge Haft gebracht und mit der Folter verhört. Da er aber nicht gestand, wollte der Schultheiß den Salvi noch weiter vernehmen. Dieser aber sagte, noch immer weinend: »Gestrenger Herr, beweisen kann ich's Euch nicht, denn zum Stehlen zieht einer keine Zeugen bei; aber ich sage Euch die Wahrheit, und wenn es nicht so ist, so laßt mich hängen! Er hat mir fünfundvierzig Dukaten gestohlen, die ich von Colella in Sutri eingezogen hatte, und zwar zwanzig venezianische und fünfundzwanzig römische, den Kaufpreis für das Vieh, das mein Vater an ihn verkauft hat, und überdies ein silbernes Geschmeide, das er meiner Schwester schenkte. Da ist der Brief von Colella.« Damit reichte er ihn dem Beamten hin. »Ich kann nicht lesen«, fuhr er fort; »schaut zu, was in dem Briefe steht! Und wenn er die Sachen nicht bei sich hat, so will ich das Leben verlieren. Dieser schurkische Masetto hat in Sutri ausgespäht, daß ich das Geld bei mir habe; dann hat er sich an mich gemacht, um mich unterwegs zu bestehlen, und heute nacht, da wir zusammen schliefen, hat er es ausgeführt. Beweise habe ich sonst nicht, als Gott und die Wahrheit.« Der Beamte glaubte Salvi, ließ Masetto holen, und da man in seinem Busen genau das vorfand, was der Brief besagte, nahm er an, Salvi sei wirklich nach seiner Angabe beraubt worden. So ließ er denn Salvi alle Dukaten und das Geschmeide übergeben. Der Schultheiß litt heftig an Hüftschmerzen, nahm sich der Untersuchung wenig an und gab seinem Notar den Auftrag, er solle dem Missetäter sein Recht werden lassen. Der Notar war Ser Piero von Farnese, der in seiner Schelmerei auf den Gedanken kam, den beiden das Geld abzunehmen. Darum ließ er Masetto und Salvi gefangensetzen, und da Masetto sich sehr gewehrt hatte, die Beschuldigung sei nicht wahr und der Brief unterschoben, auch sich zum Beweise dafür erbot, sagte er zu Salvi: »Ihr müßt beide so lange hier bleiben, bis du Colella von Sutri kommen läßt. Dann will ich es untersuchen. Sobald ich hierüber im reinen bin, lasse ich dich frei. Wenn es nicht wahr ist, mußt du das Geld wieder hergeben, und ich lasse dich hängen als Betrüger.« Salvi kam diese Entscheidung mißlich vor. Es wurden ihm drei Tage Frist gegeben, um durch Colella zu erweisen, daß der Brief echt sei. Pela Salvi traute aber diesem als einem listigen Burschen nicht ganz. Daher versuchte er einen Vergleich durch Vermittelung Schiavettos, des Dieners des Schultheißen, der die Gefangenen mit Essen und Trinken zu versehen hatte, und bot ihm Geld an, wenn er ihn entwischen lasse. Ser Piero, der auf nichts anderes wartete, verlangte die ganze Summe und versprach, sie dann loszugeben. Schiavetto aber mißfiel das, und er verständigte sich daher mit Salvi und Masetto. Mit seiner Hilfe von außen und der eigenen Anstrengung von innen erbrachen sie in der dritten Nacht den Kerker, und er führte sie an einen Platz, wo sie über die Mauer steigen konnten. Sobald sie draußen waren, gaben Salvi und Schiavetto vor, nach Siena zu gehen, wiewohl sie die entgegengesetzte Richtung im Sinne hatten und sie miteinander in geheimem Einverständnis waren. Salvi stellte sich, als habe er beim Überspringen der Mauer einen Fuß verrenkt und könne nun nicht mehr gehen. Masetto wollte sich aus Angst nicht aufhalten, und Schiavetto sagte zu ihm: »Geh nur zu, wir kommen gemach hinterdrein!« Da Schiavetto und Pela zurückblieben, war das Masetto eben recht; denn er gedachte es Pela ebenso zu machen, wie dieser es ihm gemacht hatte. Er eilte daher nach Radicofani, wo er einen falschen Brief aufsetzte ähnlich dem des Salvi, als schickte einer aus Viterbo das Geld an einen andern in Pisa und dabei das Geschmeide. Sodann stellte er sich dem Schultheiß von Radicofani vor, sagte, er sei von zwei Leuten um fünfundvierzig Dukaten und ein Geschmeide bestohlen worden, und zeigte zugleich den Brief des Viterbers. Der Beamte glaubte ihm und gab ihm vier Häscher, um die Missetäter zu fangen. Mit diesen wartete er zwei Tage am Tore auf die Ankunft Pelas und Schiavettos. Da sie aber nicht kamen, nahm er traurig Abschied und ging nach Colle. Pela und Schiavetto waren indessen bereits in Rom angekommen und hatten Ser Pace das Geld und das Geschmeide zugestellt. Als Ser Pace die Nachricht gehört und das Geld und das Geschmeide in Empfang genommen hatte, sagte er ihnen freudigen Dank. Er nahm seine fünfundzwanzig römischen Dukaten; die zwanzig venezianischen aber und das Geschmeide machte er ihnen zum Geschenk. Die ganze Geschichte kam dem Kardinal von Brancacci zu Ohren, der sich darüber freute und sie eines Tages dem Papst Gregor XII. in Gegenwart aller andern Herren Kardinäle erzählte und dabei die Frage aufwarf, wer für den verschmitztesten zu halten sei, der Colligianer oder der Scialenge. Wir übergehen den Spaß, den die Sache erregte, und den heftigen Streit, den sie hervorrief, indem der eine diesem, der andere jenem den Preis der Verschmitztheit zuerkannte. Es dauerte etwa einen Monat, und nie kam es zur bestimmten Entscheidung. Unterdessen verließ der Papst mit seinem ganzen Hofe Rom und zog nach Siena und von dort nach längerem Aufenthalte nach Lucca; dann kehrte er wieder nach Siena zurück, später in die Romagna. In der Folge wurde dem Papst Gregor der Gehorsam aufgekündigt und in Pisa Papst Alexander gewählt. Deshalb blieb jene Streitfrage schwebend, und es wurde nie ausgesprochen, wer der verschmitzteste sei. Unter den Hofleuten aber blieb die Redensart sprichwörtlich: Du, bist du ein Colligianer, so bin ich ein Scialenge. Das soll heißen: Wenn du ein Schurke bist, so bin ich kein Heiliger. Man bittet nun den geneigten Leser, die Untersuchung zum Spruche zu bringen. Bernardo Ilicini 15. Jahrhundert Sienesischer Edelmut In Siena wurde in den letzten Tagen eine adelige angesehene und sehr reichliche Hochzeit gefeiert. Nachdem die Tafeln aufgehoben waren, führte man wegen der strengen Kälte des rauhen Wetters die jungen Frauen und Mädchen an das Feuer, wo unter anmutigen und sittsamen Gesprächen über mehrere Gegenstände die Unterhaltung fortgesetzt wurde. Am Ende derselben kamen sie alle in dem Schlusse überein, daß nichts anderes in einer edlen Seele so schön glänze, als Großmut, Dankbarkeit und Freigebigkeit. Darüber sagte eine sehr würdige ältere Frau, mit freundlichen Blicken: »Hochedle Frauen, eure löbliche Meinung, auf welche eure sittsame Unterhaltung und euer anmutiges Gespräch hinausläuft, ruft mir einen Fall ins Gedächtnis, der zwischen zwei Jünglingen unserer Vaterstadt sich ereignet hat. Beide waren edel von Geburt, wie ihr, einer aus dem glänzenden und mächtigen Hause der Salimbeni, namens Anselmo von Misser Salimbene, der andere aus der hochsinnigen Familie der Montanini, namens Carlo von Misser Tommaso. Sie haben sich gegenseitig manche Beweise edler Großmut gegeben; und wenn ihr geneigt seid, mir darüber euer aufrichtiges Urteil kundzutun, so will ich gerne euch das Ereignis erzählen.« Unter einer großen Zahl anderer einheimischer Mädchen waren bloß drei daselbst, welche in Siena Edelfräulein hießen: eine aus der adligen Familie von Luziano, namens Battista, die andere aus dem Hause der Malavolti, genannt Margarita, die dritte eine der Saracini, welche Bianca hieß. Als diese die Rede an sich gerichtet merkten, übernahm Margarita, die jüngste unter ihnen, die Antwort und sprach: »Meine hochzuverehrende Mutter, wenn ich diese beiden andern sittsamen Schwestern für so wenig einsichtsvoll und urteilsfähig hielte, wie ich bei meiner Jugend, Ungeschicklichkeit und Unerfahrenheit es bin, so müßte ich Euch bitten, daß Ihr Euch nicht weiter Mühe gebt, uns etwas zu erzählen, was Prüfung erheischt. Da aber jede von ihnen mehrmals die Schule und den Wettkampf der Klugheit durchgemacht und immer reifes Urteil, klarste Einsicht und höchste Wißbegierde nach jeder edeln Handlungsweise und Sitte bewährt hat, aus diesem Grunde wird es mir höchst erwünscht sein, je eher je lieber den von Euch zu erzählenden Fall zu vernehmen; worauf sie dann ihr Urteil abgeben mögen. Zugleich erkläre ich mich bereit, würdigste Frau, um nicht als unaufmerksam oder undankbar gegen Euch zu erscheinen, ebenso dasjenige auszusprechen, was ich davon verstehe.« Nach diesen Worten bereiteten sich schon die drei hochedlen Fräulein und ebenso alle Umstehenden zu hören; die ehrwürdige Matrone aber begann also ihre ernste, würdige und wohlgehaltene Erzählung. Es scheint eine allgemeine Eigenschaft aller erschaffenen Dinge zu sein, daß in ihrem Wesen sich irgendeine Unvollkommenheit ausfindig machen läßt. Daher sagt man mit Recht im gemeinen Leben, nur der allerhöchste Gott sei fehlerfrei, was man ganz deutlich bemerkt in den edeln und mächtigen Familien, Fürsten und Reichen, worin die Menschen so weit entfernt sind, duldsam zu sein. Dies erweist sich offenbar in den vorbesagten Familien, den Salimbeni nämlich und den Montanini. Es fanden sich einst bei einer sehr vornehmen Jagd die meisten jungen Leute beider Familien vereinigt; die Hunde hatten einen wilden Eber erlegt, und man kam in Streit über die brave Haltung der Hunde. Da begab es sich denn nach vielem Hinundherreden, daß einer der Montanini einen jungen Salimbene tödlich verwundete, aus welchem Totschlag denn eine Todfeindschaft entstand, infolge deren nach kurzer Zeit das Haus der Montanini dem gänzlichen Untergang nahe kam. Nach vielen Jahren jedoch hatte sich die Kränkung verwischt und gelindert; im Jahre des Herrn 1395 war von dem Hause der Montanini nur noch Carlo von Misser Tommaso und eine fünfzehnjährige Schwester desselben, namens Angelica, übrig, die in der Tat mehr die Gestalt eines Engels hatte, als sie einem irdischen Wesen glich. Carlo hatte in der Nähe im Strovetal eine sehr hübsche Besitzung im Werte von tausend Gulden, womit er gar sparsam sich und seiner Schwester Unterhalt verschaffte; denn ein anderes Erbteil war ihm wegen der vorangegangenen Fehden nicht geblieben. Als nun Carlo auf diese Weise lebte und mehr in Betragen und Worten als durch Pracht, wozu ihm die Mittel fehlten, zeigte, daß er ein Edelmann war, begab es sich, daß Anselmo, der in der Nähe von Carlos Hause wohnte und Angelica oft sah, in Anbetracht ihrer Schönheit, ihres reizenden Benehmens und ihres sittsamen Wesens sich fast unvermerkt in sie verliebte. Weil aber zwischen beiden Familien, obgleich sie sich nicht mehr befehdeten, doch auch noch kein ausdrücklicher Friede geschlossen war, aus diesem Grunde hielt Anselmo seine Wünsche so geheim, daß sie außer ihm niemandem bekannt waren. Dabei blieb es einige Zeit, ohne daß etwas Neues vorkam, bis endlich ein Bürger aus dem Volke, der einflußreich bei der Regierung war, nach der Besitzung des besagten Carlo lüstern wurde und ihn auffordern ließ, sie an ihn zu verkaufen; er bot ihm dafür den Preis von tausend Dukaten. Carlo wollte darauf nicht eingehen, teils weil dieses Gut das einzige Überbleibsel seines alten Erbes war, teils auch weil er damit sich und seine Schwester mit Mühe unterhielt und beköstigte und sonst ein Gewerbe weder verstand noch erlernen mochte. Der besagte Bürger ließ ihn daher anzeigen, als habe Carlo verschiedenes gegen den Staat verschuldet, wofür als Strafe die Enthauptung gesetzt war. Aus diesem Grunde wurde daher Carlo festgenommen. Aber ebenfalls auf Anstiften des besagten Bürgers, der gegen Carlo das größte Wohlwollen und Mitleid heuchelte, wurde dieser zu tausend Gulden verurteilt, die er binnen vierzehn Tagen zahlen sollte; wären sie aber innerhalb dieser Zeit nicht bezahlt, so sollte er dennoch den Kopf verlieren. Vorläufig wurde er nun also ins Gefängnis geworfen. Als Carlo sich in solcher Not sah, wünschte er aus natürlichem Triebe, sein Leben zu retten. Er schickte daher einen Unterhändler an den besagten Bürger, um ihm die schon erwähnte Besitzung anzubieten um den Preis von nur tausend Gulden, die er bezahlen sollte. Der Bürger aber war mehr geizig als klug und vorsichtig und antwortete, er möchte nicht mehr als siebenhundert Gulden für die vorbesagte Besitzung ausgeben. Der Unterhändler kehrte mit diesem Bescheid in das Gefängnis zurück und verkündete Carlo das Angebot des Bürgers von siebenhundert Gulden. Carlo kannte die Habsucht und die Ränke dieses Mannes und überlegte bei sich, wenn er auch das Gut nach dem ersten Anschlag um tausend verkaufte, so bliebe weder für ihn noch für seine Schwester Angelica irgendein Mittel des Unterhaltes; und darum beschloß er fest, lieber sogleich zu sterben und das Gut Angelica als Mitgift erhalten zu wollen, als länger arm zu leben und die Ehre seiner selbst, seiner Schwester und seines Hauses in Gefahr zu bringen. Daher entließ er den Unterhändler und erwartete den Zeitpunkt, an welchem er sterben sollte. Carlo hatte noch viele andere Angehörige von mütterlicher Seite, welche zwar sehr reich waren; aber da sie erfuhren, daß er gefangengesetzt sei, weil er gegen die Regierung gearbeitet habe, wagte keiner, an seiner Statt die Geldbuße zu erlegen, um sich nicht bei denen in den Verdacht zu bringen, die dazumal in Siena am Ruder waren. Als demnach der vierzehnte Tag gekommen war, womit die Frist Carlos schloß, kehrte Anselmo gegen neun Uhr vom Lande zurück und sah, als er an Carlos Hause vorüberkam, einige Frauen weinend heraustreten. Er stieg daher vom Pferde, fragte nach der Ursache dieses Weinens und erhielt zur Antwort, am folgenden Morgen solle Carlo enthauptet werden, weil innerhalb der gegebenen Frist weder er noch sonst jemand für ihn die Buße von tausend Gulden bezahlt habe, die zu zahlen er binnen vierzehn. Tagen verurteilt worden sei, und heute sei der letzte Tag. Sobald Anselmo dies vernommen hatte, merkte der edelmütige und tiefblickende Mann wohl, daß Carlo lieber sterben als seine Schwester enterben wolle; und da er den ganzen Prozeß gehört hatte, ging er schnell in sein Gemach, schloß sich daselbst ein und fing bei sich selbst folgende Überlegung an: »Anselmo, es scheint, das Schicksal ist viel eifriger auf deine Ehre bedacht gewesen als du selbst, da es gefügt hat, daß Carlo Montanini, mit dem. du so lange Zeit über tödliche Feindschaft gehabt hast, von der Staatsgewalt zum Tode gebracht wird, durch den du deinen lange gehegten Rachedurst stillen kannst. Überdies, da du durch deine Nachlässigkeit dich von den hinfälligen Reizen eines Mädchens hast fangen lassen, hat dir das Schicksal den Weg gebahnt, um diese nach deinen Wünschen zu besitzen; denn wahrscheinlich wird, wenn Carlo das Leben verloren hat, diese auch ihre Habe verlieren; dadurch gerät sie in Not und wird viel eher geneigt sein, sich deinen Wünschen zu fügen. Darum danke dem Schicksal und warte zufrieden, bis Carlo tot ist!« Plötzlich aber wandte er sich nach einer andern Seite und sagte: »Ha, wie niedrig und engherzig! Muß dich diese Stimmung nicht mit der tiefsten Scham übergießen, da dir ja bekannt ist, daß es zwei Arten des Edelsinnes und der Großmut gibt, die eine, jede große und kleine Beleidigung selber zu rächen, die andere aber, durch eigene Großmut sie gering zu schätzen und völlig zu verzeihen? Du hast die erste vernachlässigt und denkst nun auch nicht daran, die zweite zu üben. Ferner, weißt du nicht, Undankbarer, daß, obwohl von deinem Hause Angelica viel Schaden zugefügt worden ist, sie nichtsdestoweniger, sooft du sie angesehen hast, dir einen friedfertigen Sinn gezeigt und bewiesen hat, daß sie keinen Haß gegen dich hegt? Und da sie die Gesinnung deiner Seele nicht kennt, hat sie immer dir freundlich verstattet, sie anblicken zu dürfen. Ha, kannst du, völlig entartet gegen deine hochedeln Vorfahren, je zugeben, daß etwas, was du so sehr liebst, in solcher äußersten Not von dir verlassen wird? Wenn man nun je erführe, daß du um tausend Gulden den einzigen Bruder deiner teuren Geliebten habest sterben lassen, – würdest du nicht immer und mit Recht eher für einen geizigen Bauer als für einen milden Edelmann gehalten werden? Und wenn früher empfangene Beleidigungen dich abhielten, würdest du nicht weit eher die Natur eines wilden Tieres oder eines rohen Steines als die deinige bekennen, denn die Seele eines vernünftigen Geschöpfes ? Hat doch Carlo Montanini dich niemals beleidigt, und die Vernunft gibt nicht zu, daß eine Schuld an einer andern Person gebüßt werde als an dem Missetäter selbst. Hat dich nun die Natur zum Edelmann und das Schicksal reich gemacht, so darfst du keinem von beiden damit unrecht tun, daß du dessen vergissest, der deiner Hilfe bedarf.« Nach diesen Worten faßte Anselmo den bestimmten Entschluß, Carlo in seiner Not beizustehen, holte aus einer Kiste tausend Golddukaten und ging noch spät am Abend zu dem Kämmerling, der die Bußgelder in Empfang nahm. »Hier«, sagte er, »sind die tausend Golddukaten, die Carlo Montanini als seine Buße entrichten läßt. Schreibt mir daher einen Schein, damit er losgegeben und in Freiheit gesetzt werde!« Der Kämmerling nahm die tausend Dukaten in Empfang und wollte Anselmo dasjenige herausgeben, um was die Dukaten tausend Gulden überstiegen. Aber Anselmo sagte, er wolle es nicht, und am Ende stellte ihm der Kämmerling den Schein zu, auf welchen Carlo freigelassen werden mußte. Als Anselmo ihn hatte – es war etwa vierundzwanzig Uhr –, gab er ihn einem vertrauten Burschen, daß er ihn den Vorstehern bringe und bloß sage, sie sollten Carlo freilassen. Er stieg sogleich wieder zu Pferd und ritt hinweg auf sein Landgut zurück. Als Anselmos Diener an das Gefängnis kam, fragte er nach dem Vorsteher und überreichte ihm den Schein. Als sodann der Vorsteher ihn gelesen hatte, rief er sogleich Carlo herbei. Carlo meinte, es sei die Botschaft, daß er auf sein Seelenheil bedacht sein solle, weil er am folgenden Morgen sterben müsse, und antwortete dem Vorsteher sehr niedergeschlagen: »Was verlangst du?« »Carlo«, antwortete dieser, »es ist mir die Anweisung zu Eurer Freilassung eingehändigt worden; darum öffne ich Euch hier die Kerkertür und gebe Euch Eurer Freiheit zurück. Es steht bei Euch, hierzubleiben oder zu gehen.« Carlo war über die Worte des Vorstehers überrascht, und die plötzliche Freude und Verwunderung ließ ihn eine Weile nicht zur Besinnung kommen. Dann fragte er, wer denn die Buße für ihn erlegt habe. Der Vorsteher aber antwortete ihm, er wisse es nicht, es habe bloß ein Diener, den er nicht kenne, ihm die Anweisung gebracht. Hierauf schied Carlo aus dem Gefängnis und ging nach Hause, wo er die Tür verschlossen fand, weil es schon Nacht war. Er pochte an. Angelica, welche immer eine schmerzliche Nachricht erwartete, stand plötzlich weinend auf, ging ans Fenster und fragte, wer es sei. Carlo meinte, Angelica habe ihn durch ihr Betreiben gerettet; da er aber die Haustür verschlossen fand und das Weinen seiner Schwester hörte, wunderte er sich von neuem und noch mehr. Doch antwortete er: »Mach auf, meine Schwester! Ich bin dein Bruder Carlo.« Angelica erkannte ihn gut an der Stimme und lief voll Freude und Verwunderung in größter Eile an die Tür, riß sie auf und stürzte dem Bruder an den Hals, mit so überströmender Liebe und Wonne, als ob er vom Tode auferstanden wäre. Einige verwandte Frauen waren hergekommen, um Angelica zu trösten. Als diese nun Carlo befreit sahen, machten sie sogleich den Ihrigen die Anzeige, und so kam es, daß in kurzem Carlos Haus ganz angefüllt ward von seinen Angehörigen, die herbeiströmten, teils um sich zu entschuldigen, teils um ihre Freude über seine Errettung auszusprechen. Zugleich erklärten sie, daß keiner von ihnen die Buße für ihn erlegt habe, was einesteils Carlo einigen Unmut erregte, andernteils seine Verwunderung vermehrte. Daher konnte er den Tag kaum erwarten, um auszugehen und sich zu erkundigen, wem er die Erhaltung seines Lebens verdanke. Daher ging Carlo am folgenden Morgen zu dem schon genannten Kämmerling und fragte ihn bloß, wer der sei, der für ihn tausend Gulden bezahlt habe. Der Kämmerling antwortete: »Carlo, gestern abend kam Anselmo von Misser Salimbene, bezahlte für dich tausend Golddukaten und bat mich zugleich um eine Anweisung zu deiner Freilassung. Ferner muß ich dir sagen: als ich ihm den Überschuß der Dukaten über tausend Gulden herausgeben wollte, sagte er, es sei dein Wunsch, tausend Golddukaten vollständig zu erlegen; und wenn dem so ist, so ist die Schrift im reinen; wäre es nicht so und du verlangst den besagten Überschuß, so wisse, daß er bereit liegt.« Carlo antwortete auf die Rede des Kämmerlings alsbald: »Missere, wenn es so ist, wie Ihr sagt, so ist alles gut; ich verlange keine weitere Zurückerstattung.« Damit nahm er Abschied und kehrte nach Hause zurück. Er besann sich nun sogleich gewisser verliebter Blicke, die er früher Anselmo der Angelica hatte zuwenden sehen, und gedachte ebenso der früheren Fehden, und da er wohl wußte, daß er eine so große Wohltat nicht durch eigenes Verdienst von seiner Seite sich erworben habe, kam er zuletzt, da er einen scharfen Verstand und viel Geist besaß, auf den Schluß, nichts anderes habe Anselmo zu dieser Freigebigkeit bewegen können, als die Bereitwilligkeit der Liebe, die, je mehr sie einem edeln und von Klugheit, Gewandtheit« und Sitte gezügelten Manne innewohnt, um so mehr ihre Kraft zeigt. Er entschloß sich daher sogleich, sobald er bemerkte, daß Anselmo Angelica sein Leben gewidmet habe, das seinige nebst dem Angelicas der freien Willkür Anselmos zu überlassen. Er verschob jedoch diesen Plan mit größtem Geheimnis, bis er Anselmo nach seiner Rückkehr nach Siena sehe. Eines Samstagmorgens begegnete er ihm. Sobald er ihn erblickte, kehrte er nach Hause zurück, rief Angelica in sein Gemach und sprach zu ihr: »Meine liebste Schwester, sooft ich überlege, wie groß in vergangenen Tagen der Adel unserer Familie und die Vortrefflichkeit unserer Vorfahren gewesen ist, fühle ich meine Seele aufs höchste beschwert, da ich uns jetzt in solche Bedrängnis versetzt sehe, daß wir mit großer Mühe unser armes Leben erhalten. Aber noch weit mehr müßte es mich schmerzen, wenn ich meinen müßte, unser Sinn entspreche nicht mehr dem unserer Vorfahren, die niemals zugaben, daß andere, wenn auch Reiche und Mächtige, es ihnen in Edelmut zuvortaten; denn durch die Niedrigkeit der Gesinnung müßte ich glauben, daß wir der Natur unrecht tun, die uns ein edles Blut und einen großen Sinn gegeben hat. Allerdings begegnet mir eine Zufriedenheit unter vielen Bedrängnissen, die nämlich, daß, während in den letzten Tagen der größte Edelmut gegen uns geübt worden ist, der bewundernswürdigste vielleicht, dessen sich unsere Familie je zu erfreuen gehabt hat, – daß uns das Glück auch die Möglichkeit gelassen hat, diese Tat, sofern du es willst, dankbar zu erwidern. Wie du weißt, wäre mir seit mehreren Tagen der Kopf abgeschnitten, und deine Ehre und dein Ruf wäre in Gefahr gekommen, da wir durchaus nicht imstande waren, die mir auferlegte Buße von tausend Gulden zu erlegen; keiner unserer Angehörigen wollte ins Mittel treten, wie dir wohl bekannt ist; da kam der große Edelmut und Hochsinn Anselmos von Misser Salimbene, der aus eigenen Antrieb seines zarten und grundguten Herzens, ohne von jemand dazu aufgefordert zu sein, außer von der Liebe, die er für dich hegt, für mich tausend Golddukaten bezahlte, ohne Rücksicht auf jene alte schwere Beleidigung unserer Vorfahren, die den Tod in seine Familie trugen, ja, ohne Bürgschaft von mir zu verlangen und ohne von uns irgendeine Wohltat empfangen zu haben. Darum, meine holde Schwester, nachdem ich von ihm das Leben erhalten habe und du gleicherweise deinen Bruder nebst deinem Auskommen, sei nun du nicht undankbar und mache nicht mich dazu! Ich habe mich entschlossen, deine Person der Willkür Anselmos zur freien Verfügung zu übergeben. Denn da er gezeigt hat, wie sehr er dich hochschätzt, haben wir dann sicher, indem wir dich ihm überlassen, unsere Verbindlichkeit reichlich gelöst. Ich bin überzeugt, nachdem er gezeigt hat, daß er dich bezahlt, ohne dich in seiner Gewalt zu haben, daß er nachher, wenn er dich besitzt, dich um so viel teurer halten wird. Ich muß dir dabei gestehen, daß, wenn du meiner billigen Bitte nicht zu willfahren gedenkst, ich völlig entschlossen bin, nicht allein Siena, sondern überhaupt Italien zu verlassen und in die Fremde zu ziehen, wo man mich gewiß nicht kennt, damit man nicht mit Fingern auf mich weist und ruft: ›Seht da den Carlo Montanini, dem ohne Gesuch und Bürgschaft Anselmo Salimbeni das Leben gerettet hat, und dem der Undankbare nie einen Gegendienst erweist!‹ Du wirst wohl einsehen, daß auf eine andere Weise ein solcher Edelmut unmöglich belohnt werden kann, als dadurch, daß wir ihm dich selbst schenken.« Nach diesen Worten schwieg er. Angelica aber antwortete unter einem Strome von Tränen ganz zitternd also: »Mein liebster Bruder, wehe, neulich, als ich dich nach Hause zurückkehren und von solcher Gewalt und Wut gerettet sah, glaubte ich, das Mißgeschick habe die Schläge eingestellt, die es seit langer Zeit unserer Familie zu erteilen gewohnt ist. Aber ich Arme sehe nunmehr ein, daß das Schicksal unsern Vorfahren sich nie so feindselig erwiesen hat, wie es jetzt mit all seiner Gewalt darauf bedacht zu sein scheint, sich mir zu erweisen in dem zarten Alter, in welchem ich stehe, indem es mich in solche Not geführt hat, daß ich ohne Rettung mich bedrängt sehe, und mir da den einzigen Trost, Schutz und Beistand entzieht, worauf ich alle Hoffnung gesetzt hatte, und zwar wenn ich verweigere, was mir meine Vernunft zu tun verbietet. Ich selbst soll, indem ich dein Begehren vollständig erfülle, dazu beitragen, den unschätzbaren Hort zu verlieren, um dessen Erhaltung willen kein vernünftiger Mensch den Verlust des gegenwärtigen Lebens zu hoch anschlagen darf. O du grimmiges Geschick! Elendes Leben, das so vielen und mannigfaltigen Bewegungen von Unheil und Drangsal unterworfen ist! O erbarmungsvoller Tod, warum hast du, da ich so weit gebracht werden sollte, mir nicht mein elendes Leben ausgelöscht mit meiner süßen Mutter, die du mir bei der Geburt entrissen hast? Oder doch, nachdem du bis so weit zugestimmt hast, daß ich endlose Mühsal, Bedrängnis und Schmerzen erdulde, – warum schließt du nicht jetzt diese weinenden Augen, welche andern wenig Vergnügen, mir selbst aber viel Bitterkeit verursacht haben? Wohlan, nachdem mein Schicksal mich in solches Elend zu führen sich anschickt, wisse, mein teurer Bruder, der du weit mehr auf die Stimme des Edelmutes als auf die Forderungen der Vernunft hörst, ich bin's zufrieden, deinen Willen zu erfüllen und die Liebe zu lohnen, die du immerdar bis zu diesem Augenblicke gegen mich gezeigt hast, und ich bin damit einverstanden, daß du mit diesem Leibe ein Geschenk machest, wem dir gefällt. Aber das sollst du wissen: sobald du mich hingeschenkt hast, sobald ich nicht mehr dir angehöre, soll der Tod, den ich selbst grausam hervorrufen werde, wenn je meiner Würde zu nahe getreten wird, ein wahres und vollgültiges Zeugnis ablegen, daß ich zu deinem ungehörigen Geschenk und deiner unerlaubten Wiedervergeltung nicht meine Einwilligung gegeben habe.« Nach diesen Worten, die von einem reichlichen Strome von Tränen, von Seufzern und Schluchzen unterbrochen waren, schwieg sie. Carlo aber sagte, als er Angelicas Schluß gehört hatte: »Meine holdeste Schwester, glaube nicht, daß mir je dieses armselige Leben so teuer ist, daß ich es nicht gern unzählige Male hingegeben hätte, ehe ich deine Ehre in Gefahr brächte! Die Erfahrung sollte dich dies gelehrt haben, wäre nicht der überschwengliche Edelmut und die ungeheure Freigebigkeit Anselmos gekommen. Aber da ich überzeugt bin, daß die Undankbarkeit nicht niedrig genug anzuschlagen ist, glaube ich durch deine Mitwirkung deine Würde und meine eigene zu erhöhen, wenn wir hierin unserer Pflicht Genüge leisten. Der vornehmste Diener der Dankbarkeit ist heiterer Sinn und Aussehen: darum bitte ich dich ausdrücklich, nunmehr deinem Weinen ein Ziel zu setzen und dich zu überzeugen, daß der Edelsinn Anselmos diese Vergeltung wirklich und wahrhaftig verdient.« Damit schwieg er. Angelica und Carlo erwarteten den Einbruch der Nacht. Als sie gekommen war, etwa um zwei Uhr nach Sonnenuntergang, gingen Carlo und Angelica mit einem einzigen Burschen, der ein kleines Licht in einer Laterne trug, an Anselmos Haus, pochten an die Tür, und als die Diener darauf mit der Frage antworteten, wer da sei, sagte Carlo, es sei ein getreuer Diener Anselmos, der höchst nötig habe, mit ihm zu sprechen. Die Diener richteten dies Anselmo aus, worauf dieser unverweilt an die Tür kam, um zu vernehmen, wer es sei. Er ließ sie öffnen, und Carlo und Angelica traten ein. Nach der ersten Begrüßung erkannten sie sich, und Carlo sprach zu Anselmo: »Anselmo, wir müssen mit Euch allein in Eurem Gemache etwas besprechen.« Anselmo, von der Neuheit der Sache nicht wenig überrascht, antwortete bloß: »Gehen wir nach Eurem Gefallen!« Sie stiegen die Treppe empor und gelangten in das Gemach, welches ausgestattet war, wie es für Anselmos Adel und seinen Reichtum paßte. Er entließ die Diener; bloß die drei blieben in dem Gemach, und Carlo hub gegen Anselmo also an: »Mein gnädigster Herr, von dem ich ohne alles Verdienst von meiner Seite dieses mein Leben und meine Schwester hier ihre Ehre und ihr Auskommen erhalten zu haben dankbar anerkennen muß, – hätte nicht das Mißgeschick unsere Familie so sehr verfolgt, so hätten wir beide, jedes nach seinem Vermögen, die große Verbindlichkeit abgetragen, welche wir gegen Euer Edeln haben. Aber da wir uns in einem so kläglichen Zustande befinden, daß nichts anderes als die Seele und diese Leiber in unserer Gewalt und Herrschaft geblieben sind, und da diese uns nur durch Euch gerettet worden sind, so hat Eure Freigebigkeit sie Euch mit Recht angeeignet. Da aber noch nicht alle Funken vom Edelsinn unseres Geschlechts durch das Schicksal in uns verdunkelt sind, überredet er uns jetzt, ja zwingt uns, daß wir nach Können und Vermögen vor dem Laster der Undankbarkeit fliehen. Wir haben nun nach vernünftiger Überlegung den Vorsatz und Beschluß gefaßt, dieweil nur Angelica hier die Ursache der großen von Euch empfangenen Wohltat sein kann, sei nur sie durchaus imstande, eine so große Schuld und Verbindlichkeit zu tilgen, weshalb sie sich denn freiwillig, und mit meiner vollkommenen Einstimmung, Eurem Willen hingibt, schenkt und überläßt; und so gefalle es denn Euer Edeln, von nun an sie zu besitzen und zu gebrauchen als Euer Eigentum!« Nach diesen Worten verließ sie Carlo, ohne eine Erwiderung zu erwarten, verschloß die Tür hinter sich und ging hinweg. Als Anselmo sah, daß Carlo weggegangen und Angelica, die er so lange Zeit heimlich geliebt hatte, nun allein bei ihm im Zimmer war, und er sie betrachtete, die hier immer dastand wie ein Bild, das Carlos Worten weder zuzustimmen noch auch ihnen entschieden zu widersprechen schien, wurde er zugleich von der größten Verwunderung und der äußersten Heiterkeit erfüllt. Fast eine halbe Stunde dauerte seine Überraschung, ohne daß er ein Wort gegen Angelica vorbringen konnte. Dann ging er aus dem Zimmer und ließ sie allein daselbst. Er rief aber sogleich einige Frauen und schickte sie hinein, um Angelica Gesellschaft zu leisten. Sodann ließ er eine große Zahl Fackeln anzünden, ließ in aller Schnelligkeit seine Genossen und alle andern Angehörigen, Männer und Frauen, sich versammeln und ihnen sagen, sie mögen doch schnell herkommen, um an einer großen ihm zuteil gewordenen Freude teilzunehmen. Daher kamen etwa innerhalb einer Stunde alle Verwandte des Hauses Anselmos zusammen. Sobald Anselmo bemerkte, daß niemand mehr fehle, sagte er zu ihnen bloß: »Begleitet mich!« Dann rief er Angelica und die andern Frauen aus dem Gemach, und alle gingen nun in das Haus Carlo Montaninis und Angelicas. Dort ließ zur größten Verwunderung aller Anselmo nach Carlo fragen. Sobald Carlo vernommen hatte, daß Anselmo nach ihm frage, ging er schnell hinab an die Tür und sprach zu Anselmo: »Mein Gebieter, was verlangt Ihr?« Anselmo antwortete: »Carlo, du bist vor kurzem in mein Haus gekommen und hast gewünscht, allein in meinem Gemache mit mir zu sprechen. Jetzt wünsche ich mit dir zu sprechen in deinem Saal in Gegenwart dieser ganzen hochedeln Gesellschaft.« Carlo antwortete: »Mein Gebieter, seht mich hier bereit, jeglichen Befehl von Euch zu erfüllen!« Er zeigte ihnen sogleich den Weg, und alle gingen die Treppe hinauf in den Hauptsaal von Carlos Hause. Dort angelangt sprach Anselmo folgende Worte: »Geehrteste Frauen, hochedle Männer, ich zweifle nicht, daß jeder von euch mit größter Spannung den Ausgang dieses unseres gegenwärtigen Beisammenseins zu vernehmen wünscht. Es ist etwas, wie es unsere Vorfahren nie gehört noch gesehen haben, und woran ihr nach genauer Betrachtung offenbar den Edelmut unserer Gesinnung erkennen mögt, der nie überwunden worden ist von den unheilvollen Wirkungen des Schicksals, und erkennen, daß Reichtum und Besitz bei uns nicht dem Adel, der Großmut und feinen Sitte gleichgilt. Ich sage das wegen der unendlichen Liebenswürdigkeit, Hoheit und Seelengröße Carlo Montaninis und Angelicas und wegen der Unbesonnenheit unserer Vorfahren, die sich einst Mühe gaben, eine an so edeln und seltenen Geistern fruchtbare Familie auszurotten, wogegen ihr wissen mögt, wie ich schon seit einigen Jahren an der Schönheit des hier gegenwärtigen Mädchens die größte Freude habe; aber in der Tat habe ich noch weit mehr ihre Tugend, Sittsamkeit und Würde geliebt; dessenungeachtet hat nie jemand meine Sehnsucht bemerken können als Carlos scharfsinniges Gemüt. Darum, da dieser lieber sterben als seine Schwester der Mitgift berauben wollte, die er ihr bei seinem geringen Vermögen beschaffen konnte, habe ich, wie ihr alle wißt, seinerzeit tausend Dukaten für ihn bezahlt ohne alle Bürgschaft oder Begehren; ich tat dies, damit ein so edler Geist, der einzige Bruder und Schutz seiner Schwester, die ich so lange im stillen geliebt hatte, ihr nicht geraubt werde. Aber nun seht die wahre Trefflichkeit, den unbefleckten Edelmut und schrankenlosen Hochsinn! Der seltene und ausgezeichnete Geist Carlos konnte eine solche kleine Gefälligkeit nicht annehmen, ohne sie zu vergüten mit einer so großen, daß sie in der Tat für unschätzbar erachtet werden muß. Denn in ganz richtiger Erkenntnis, daß die gegen Angelica gehegte Liebe zum großen Teile meine Handlungsweise veranlaßt hat, wollte er mich mit der von mir so innig Geliebten belohnen. Vor kurzem kamen sie daher allein in mein Gemach, und ohne daß Angelica widerstrebte, machte mir Carlo sie aufs großmütigste zum Geschenk. Damit ich nun aber mit gerechtem Anspruch sie besitzen kann, die ich über alles mit zärtlichem Verlangen liebe, beabsichtige ich von neuem in eurer Gegenwart gewisse Zeremonien vorzunehmen. Zuvörderst, wenn Angelica es zufrieden ist und Carlo seine Zustimmung gibt, ist es meine Absicht, sie zu ehelichen als meine rechtmäßige Gemahlin.« Angelica und Carlo antworteten, sie seien bereit, allen seinen Wünschen nachzukommen; worauf Anselmo mit drei köstlichen Ringen sie in Gegenwart aller sich vermählte. Sodann wandte er sich zu den Umstehenden und sagte mit freudigem Gesicht: »Es ziemt sich nicht, daß eine so würdige Braut wie Angelica sich ohne Heiratsgut vermähle; darum seid mir Zeugen, daß ich dieser Angelica als Mitgift die Hälfte aller meiner Besitzungen und Habe zum ungeteilten Besitz überweise und schenke! Drittens und endlich vernehmet ebenmäßig, wie ich alles, was hiernach von meinem Eigentum übrigbleibt, als unteilbaren Besitz Carlo schenke und überweise; und da er sich schon zur Erfüllung meines Willens anheischig gemacht hat, so befehle ich ihm, auf diese Weise die Schenkung anzunehmen, worauf ich ihm denn seine Freiheit zurückgebe.« Carlo gehorchte Anselmos Worten mit größter Freude und Lobpreisung und äußerte sich durchaus zufrieden. Die Übereinkunft wurde schriftlich aufgesetzt, und Anselmo führte noch am selbigen Abend seine Gemahlin in sein Haus ein, unter dem Geleite der ganzen adligen Gesellschaft. Als sie daselbst angelangt waren, lud er alle auf nächsten Sonntag ein und entließ sie für heute. Es war nun nahe an vier Uhr der Nacht; da begaben sich die Neuvermählten mit Carlo zu Tische und darauf nach kurzer Unterhaltung mit größter Wonne schlafen. Dies also, hochedle Fräulein, ist der Vorfall, den ich euch zu erzählen beabsichtigt habe. Nunmehr möge euch gefällig sein, euer Urteil abzugeben, wer größeres Lob edler ritterlicher Gesinnung verdient, Carlo, Angelica oder Anselmo? Nachdem die Dame auf diese Weise ihre Erzählung zu Ende geführt hatte, wurde sie von allen Seiten sehr gelobt. Die drei Vorgenannten stimmten in den Schluß ein, es sei hier ein Beispiel der höchsten Seelengröße gegeben. Darum wandten sich alle Umstehenden gegen die drei jungen Damen und sagten: »Ihr habt gehört, mit welcher Ordnung der Fall erzählt worden ist, über welchen man euer einsichtiges Urteil vernehmen will. Schon seht ihr, daß nunmehr ein jeder zu sprechen anhebt; denn in der Tat, wenn ihr an Seele und Abkunft edel seid, müßt ihr offen beurteilen können, welche der vorangegangenen Handlungen man für einer wahrhaft edeln Seele am angemessensten halten muß; und wir werden alles, was wir durch euren Spruch befestigt erkennen werden, unbedenklich für wahr anerkennen.« Den drei hochedeln Fräulein flog eine leichte Röte sittsamer Beschämung über das Gesicht, und sie antworteten, es gezieme sich nicht für ihr zartes Alter, einen Spruch zu fällen über eine so schwierige und zweifelhafte Untersuchung. Nichtsdestoweniger seien sie, da es so von ihnen versprochen gewesen, zufrieden, ihr geringes Urteil hierüber abzugeben. Sie beredeten sich daher untereinander, jede ermahnte die andere, anzufangen mit dem Gespräche; es erhob sich dabei ein höchst anmutiger, artiger Streit, indem jede sich mit aller Macht bemühte, ihren Genossinnen die Ehre zu lassen und durch Namhaftmachung größerer Tugenden zu erweisen, daß eine der andern vorgehen müsse. (Den weiteren Verlauf der langen Disputation übergehen wir hier als nicht notwendig zu der Novelle gehörig.) Masuccio Um 1465 Der unschuldige Mörder Zur Zeit des hochseligen Königs Don Ferrando von Aragon glorreichen Andenkens, der das Zepter des Königreichs Kastilien mit ruhigem Regimente führte, war in Salamanca, der alten und sehr edeln Stadt dieses Königreichs, ein Minoritenmönch namens Magister Diego von Revalo, der nicht minder in der thomistischen als in der scotischen Lehre unterrichtet war und darum aus den übrigen erlesen und mit einer nicht unbedeutenden Belohnung bestellt wurde, in den würdigen Hörsälen der berühmten Hochschule derselben Stadt Vorlesungen zu halten. Damit setzte er sich in einen wunderbaren Ruf und machte seine Wissenschaft bekannt durch das ganze Reich; überdies hielt er manchmal auch kleine Predigten, die mehr nützlich und notwendig als fromm waren. Da er aber jung, ziemlich schön und sehr lustigen Sinnes, darum den Liebesflammen ausgesetzt war, geschah es, daß ihm eines Tages während der Predigt ein ganz junges Weib von wunderbarer Schönheit auffiel, namens Donna Cattarina, die Gattin eines der vornehmsten Ritter der Stadt mit Namen Misser Roderico Dangiagia. Als der Magister sie sah, gefiel sie ihm auf den ersten Blick, und Herr Amor gab ihm zugleich mit dem Bilde der Frau die Liebeswunde in sein schon beflecktes Herz. Von der Kanzel herabgestiegen ging er in seine Zelle, warf alle theologischen Gründe und sophistischen Beweise in eine Ecke und gab sich ganz den Gedanken an das holde junge Weib hin. Und obgleich er die Vornehmheit der Frau wohl kannte und wußte, wessen Gattin sie war, und welche Tollheit er unternehmen würde, er sich auch oft zu überreden suchte, diesen Weg nicht einzuschlagen, so sprach er doch manchmal zu sich: »Wo Amor seine Gewalt äußern will, da sucht er niemals Gleichheit des Blutes; denn wenn diese erforderlich wäre, würden große Fürsten nicht beständig auf Prisen an unsern Küsten ausgehen. Denselben Freibrief nun muß Amor uns erteilt haben, hohe Minne zu fühlen, da er ihnen zugesteht, sich so tief herabzulassen. Die Wunden, welche Amor schlägt, empfängt keiner mit Vorbedacht, sondern unversehens; wenn mich daher dieser Gewaltige wehrlos überrascht hat, so hilft es nichts, sich gegen seine Schläge zu verteidigen; da ich nicht Widerstand leisten kann, werde ich mit allem Recht besiegt, und so geschehe mir denn als seinem Untertanen, was da will, – ich will den harten Kampf bestehen; und folgt der Tod, – nun, so werde ich erlöst von aller Pein, und wenigstens von dieser Seite geht mein Geist mit hoher Stirn einher, daß er seine Strebungen nach einer so erhabenen Stelle zu richten gewagt hat.« Nach diesen Worten wandte er sich nicht mehr zurück zu den Gegengründen; vielmehr nahm er Papier und schrieb unter vielen tiefen Seufzern und heißen Tränen einen passenden zierlichen Brief an die geliebte Frau, worin er zuerst ihre mehr göttlichen als menschlichen Reize pries, dann ausführte, wie er dermaßen von diesen umstrickt sei, daß er entweder ihre Gunst oder den Tod erwarte, und zuletzt bei aller Anerkenntnis dessen, daß er in Anbetracht ihres hohen Standes nicht verdiene, daß sie ihm Gelegenheit zu einer Zusammenkunft gebe, sie doch flehentlich bat, ihm Zeit und Ort anzugeben, daß er mit ihr im geheimen sprechen könne, oder ihn wenigstens als ihren Diener anzunehmen, da er sie zur einzigen Gebieterin über sein Leben erkoren habe. Er schloß den Brief mit noch vielen andern Floskeln, machte ihn zu, küßte ihn wiederholentlich und gab ihn einem Chorknaben mit der Weisung, wem er ihn heimlich zuzustellen habe. Dieser ging, wohin ihm befohlen war, kam in das Haus und fand die edle junge Frau im Kreise ihres zahlreichen weiblichen Gefolges sitzen. Er grüßte sie höflich und sagte zu ihr: »Mein Meister empfiehlt sich Euch und bittet Euch, ihm ein wenig von dem feinen Mehl zu Hostien zu schicken, wie Euch dieses Briefchen des weitern vermelden wird.« Die Dame war gescheit genug, um gleich beim Anblick des Briefes zu merken, was die wirkliche Absicht dabei war. Sie nahm und las ihn, und obgleich sie sehr sittsam war, mißfiel es ihr doch nicht, daß jener sie liebte, und da sie sich für die schönste unter den Frauen hielt; freute sie der Brief, in dem sie ihre Schönheit so hoch erhoben sah; denn sie hatte mit der Erbsünde auch die angeborene Leidenschaft aller übrigen Glieder des weiblichen Geschlechts überkommen, welche samt und sonders der Meinung sind, ihr ganzer Ruf, Ehre und guter Name bestehe einzig und allein darin, daß sie geliebt, umbuhlt und ob ihrer Schönheit gepriesen werden, und die viel lieber für schön und lasterhaft, als für noch so tugendhaft und häßlich gelten möchten. Nichtsdestoweniger beschloß diese Frau, weil sie alle Mönche ernstlich und nicht ohne Grund haßte, nicht nur dem Magister in keiner Weise nachzugeben, sondern auch ihm nicht einmal eine freundliche Antwort zu gewähren, und zugleich nahm sie sich vor, diesmal auch ihrem Gemahl nichts von der Sache zu sagen. Nachdem sie sich in diesem Plane befestigt hatte, wandte sie sich zu dem Mönchlein und sagte zu ihm, ohne die geringste Verlegenheit merken zu lassen: »Du kannst deinem Meister sagen, daß der Herr meines Mehls es ganz für sich allein will; darum soll er sich anderswoher welches zu verschaffen suchen. Auf den Brief brauche ich nicht zu antworten. Verlangte er es aber doch, so soll er es mir zu wissen tun, und sobald mein gnädiger Herr nach Haus kommt, will ich dann sorgen, daß er eine Antwort bekommt, wie es für sein Ansinnen sich gehört.« Als der Magister die strenge Antwort erhielt, verminderte sich darum seine Liebesglut nicht im mindesten; vielmehr wuchs seine Leidenschaft zugleich mit dem Verlangen zu nur um so größeren Flammen; und um sich nicht von dem begonnenen Unternehmen zurückzuziehen, begann er, da das Haus der Frau ganz nahe bei dem Kloster war, sie so zudringlich mit seinen Werbungen zu verfolgen, daß sie nicht an ein Fenster treten, nicht in die Kirche oder sonst aus dem Hause gehen konnte, ohne daß der begehrliche Magister ihr immer in den Weg kam, weshalb denn in kurzem nicht nur die Leute in der Nachbarschaft die Sache merkten, sondern auch fast alles in der Stadt davon Kunde erhielt. Unter solchen Umständen überzeugte sich die Frau, daß sie den Handel vor ihrem Gemahl nicht länger mehr verbergen dürfe; denn sie fürchtete, wenn er es von jemand anderem höre, könnte sie in Gefahr kommen und er sie überdies für untreu halten. Nachdem sie sich mit diesem Gedanken vertraut gemacht hatte, erzählte sie, als sie eines Nachts bei ihrem Manne war, ihm die ganze Geschichte Punkt für Punkt. Der Ritter, der sehr ehrenfest und heftig war, entbrannte in solchem Zorn, daß er sich kaum enthalten konnte, auf der Stelle hinzugehen und mit Feuer und Schwert das Kloster samt allen Mönchen zu zerstören. Er mäßigte sich aber doch ein wenig, lobte die Sittsamkeit seiner Frau gar sehr und gab ihr auf, dem Ritter zu versprechen, sie wolle ihn in der folgenden Nacht ins Haus kommen lassen, auf irgendeine Art, wie es ihr am besten gefalle, damit er zugleich seiner Ehre genugtun könne und seine teure geliebte Frau nicht ferner beflecken lasse; für das übrige wolle er selber sorgen. So mißlich auch der Frau die Sache vorkam, indem sie bedachte, wohin dies führen könne, so sagte sie doch, um dem Willen ihres Mannes nachzukommen, sie wolle es tun; und da das Mönchlein immer wiederkam und mit neuen Künsten den harten Stein zu erweichen trachtete, sagte sie: »Empfiehl mich deinem Meister und sag ihm, die große Liebe, die er zu mir trage, und die heißen Tränen, die er, wie er mir immer schreibt, für mich vergieße, haben Platz gegriffen in meinem Herzen, so daß ich nun viel mehr ihm angehöre als mir. Und da unser freundlicher Stern gewollt hat, daß heute Herr Roderico aufs Land gegangen ist und über Nacht aus sein wird, so soll er mit dem Schlag drei Uhr heimlich zu mir kommen, und ich will ihm Gehör geben, wie er es wünscht. Doch bitte ich ihn, keinem Freund oder Bekannten, so genau er auch mit ihm stünde, die Sache anzuvertrauen.« Das Mönchlein zog übermäßig heiter von dannen und brachte die erfreuliche Botschaft seinem Herrn; dieser aber war der glücklichste Mensch von der Welt, indem er bedachte, wie nahe die gegebene Frist schon heranrücke. Als diese kam, versah er sich wohl mit Düften, um nicht mönchisch zu riechen, dachte auch, das Klostergewand könne durch guten Atem unterwegs gewinnen, und genoß daher die besten und feinsten eingemachten Früchte, legte seine gewohnten Kleider an und begab sich so an die Tür seiner Geliebten. Er fand sie offen, trat ein und wurde im Dunkeln wie ein Blinder von einer Dienerin in einen Saal geführt, wo er die Frau zu finden und von ihr freundlich empfangen zu werden meinte, stattdessen aber den Ritter fand mit einem getreuen Diener, die ihn ohne viel Widerstreben packten und in aller Stille erdrosselten. Als Meister Diego tot war, reute es den Ritter ein wenig, seine gewaltigen Arme mit dem Tode eines Minoriten befleckt zu haben; doch da er sah, daß hier Reue so wenig half als ein ander Mittel, dachte er in Rücksicht auf seine Ehre und auch aus Furcht vor dem Zorn des Königs darauf, den Toten aus dem Hause zu schaffen, und es fiel ihm ein, ihn in sein Kloster zu bringen. Er packte ihn daher seinem Diener auf den Rücken, und so schleppten sie ihn in den Garten der Mönche; von dort drangen sie in das Kloster selbst ein und trugen den Leichnam an das Örtchen, wohin die Mönche aus gewissem Erleichterungsbedürfnis zu gehen pflegten. Zufällig fand sich nur ein einziger Sitz bereit, denn die andern waren zugrunde gerichtet, wie denn, wie wir beständig sehen, der größte Teil der Mönchsklöster mehr Räuberhöhlen gleicht als Wohnsitzen der Diener Gottes. Auf diesen Sitz ließen sie ihn nun nieder, grade als ob er ein Bedürfnis befriedigte, machten sich hinweg und gingen nach Hause. Als nun der Herr Magister so dasaß, grade wie wenn er einer überflüssigen Leibesbürde sich entladen wollte, befiel einen andern jungen und rüstigen Bruder um Mitternacht der dringende Wunsch, an den besagten Ort zu gehen, um seine Notdurft zu verrichten. Er zündete ein Lichtlein an und eilte auf die Stelle zu, wo Meister Diego im Tode hingesetzt worden war. Sobald er ihn erkannte, zog er sich, nicht anders denkend, als er lebe, ohne ein Wort zu sagen, zurück, weil zwischen ihnen beiden aus Gott weiß welchem mönchischen Neid und Mißgunst eine unauslöschliche tödliche Feindschaft stattfand. Er wartete daher abseits, bis er meinte, der Magister könne mit dem Geschäft fertig sein, das er gleichfalls zu verrichten im Sinne hatte; da er aber immer noch wartete und nicht bemerkte, daß der Magister sich rühre, andererseits aber ihn selbst die Not immer gebieterischer drängte, sagte er mehrmals bei sich selbst: »Bei Gott, der Bursche bleibt aus keinem andern Grunde so fest sitzen und will mich nicht hinlassen, als um mir auch hierin seine Feindschaft zu zeigen und die böse Gesinnung, die er gegen mich hegt! Aber es soll ihm nicht gelingen: denn ich will aushalten, solange ich kann, und wenn ich sehe, daß er auf seinem Eigensinn beharrt und fest bleibt, so will ich doch, obschon ich auch anderswohin gehen könnte, ihn zwingen, von hier wegzugehen, er mag wollen oder nicht.« Der Magister, der bereits an einem harten Fels Anker geworfen hatte, rührte sich nicht im mindesten, bis endlich der Mönch es nicht mehr aushalten konnte und wütend rief: »Nun aber, da sei Gott vor, daß du mir solche Schmach antust und ich es so hinnehme!« Da ergriff er einen großen Stein, trat nahe zu ihm hin und beehrte ihn mit einem solchen Schlag auf die Brust, daß er zurückfiel und kein Glied mehr rührte. Als der Bruder bemerkte, wie er nach dem gewaltigen Stoß sich nicht mehr erhob, fürchtete er, ihn mit dem Stein bereits umgebracht zu haben; er wartete eine Weile, hoffte und war in großer Sorge; endlich aber trat er zu ihm hin und schaute ihn beim Lichte genau an, wo er denn sich vollkommen überzeugte, daß er schon tot sei, und nicht anders dachte, als er habe ihn auf die angegebene Weise umgebracht. Er war deshalb bis zum Tod betrübt, indem er fürchtete, wegen ihrer Feindschaft werde der Verdacht alsbald auf ihn fallen und er darüber ums Leben kommen. Darum beschloß er mehrmals, sich selber aufzuhängen; bei reiflicher Überlegung jedoch nahm er sich vor, ihn aus dem Kloster zu tragen und auf die Straße zu werfen, um jeden etwaigen Verdacht von sich abzuwälzen, den man sonst aus der angegebenen Ursache hätte fassen können. Indem er nun diesen Plan ausführen wollte, fiel ihm weiter ein, wie öffentlich und unaufhörlich der Magister Donna Cattarina mit seinen unzüchtigen Zumutungen verfolgte, und er sagte bei sich selbst: »Wo kann ich ihn leichter hinbringen, um zugleich mich von allem Verdachte zu befreien, als vor die Tür des Herrn Roderico? Einmal, weil dies so nahe ist, und dann, weil man gewiß annehmen wird, er sei des Ritters Weibe nachgeschlichen, und dieser habe ihn umbringen lassen!« Diese Überlegungen bestärkten ihn in seinem Vorhaben. Er lud mit großer Mühe den Leichnam auf den Rücken und trug ihn vor die besagte Tür, aus der er wenige Stunden zuvor als tot herausgetragen worden war. Dort ließ er ihn und kehrte, ohne von jemand beachtet zu werden, in das Kloster zurück. Obgleich er nun für seine Rettung hinreichend gedeckt schien, wollte er sich doch noch unter irgendeinem Vorwand auf ein paar Tage von hier entfernen, ging also in diesem Gedanken auf der Stelle nach der Zelle des Guardians und sagte zu ihm: »Mein Vater, ich habe vorgestern, da ich kein Lasttier hatte, den größten Teil unserer Einforderung in Medina im Hause eines unserer Freunde gelassen; darum möchte ich mit Eurem Segen nun hingehen, das übrige zu holen, und dazu die Stute des Klosters mitnehmen. Wenn's Gottes Wille ist, komme ich morgen oder übermorgen wieder.« Der Guardian gab ihm nicht allein die Erlaubnis, sondern lobte ihn sogar sehr wegen seiner Sorgfalt. Als der Bruder diese Antwort erhalten hatte, packte er seine Siebensachen zusammen, zäumte die Stute auf und erwartete nur den Anbruch des Morgens, um fortzureiten. Herr Roderico, der die Nacht wenig oder nicht geschlafen hatte und doch wegen der Geschichte in Besorgnis war, entschloß sich, da nun der Tag herankam, seinem Diener aufzutragen, er solle um das Kloster hergehen und lauschen, ob wohl die Brüder den Magister tot gefunden haben, und was sie darüber sagen. Als der Diener aus dem Hause trat, um auszurichten, was ihm aufgetragen worden war, fand er daselbst den Meister Diego vor der Tür sitzen, daß es aussah, als hielte er eine Disputation. Das jagte dem Knechte nicht geringen Schrecken ein, wie man nur über einen Leichnam erschrecken kann; er fuhr zurück, rief alsbald seinen Herrn und konnte kaum die Worte hervorbringen, um ihm zu sagen, der Leichnam des Magisters sei vor ihr Haus zurückgebracht worden. Der Ritter verwunderte sich höchlich über diesen schlimmen Fall, der seinen Besorgnissen neue Nahrung gab. Nichtsdestoweniger tröstete er sich mit der gerechten Sache, die er zu führen glaubte, und faßte den mutigen Entschluß, geradezu zu warten, was die Sache für Folgen haben werde. Damit wandte er sich zu dem Toten und sagte: »So mußt du denn der ewige Pfahl im Fleisch meines Hauses sein, von dem ich dich weder lebendig noch tot zu entfernen vermochte! Aber dem zum Trotz, der dich hierhergebracht hat, soll es dir nicht gelingen, wieder herzukommen, es wäre denn auf einem Vieh, wie du selbst eins in der Welt gewesen bist.« Nach diesen Worten trug er dem Diener auf, aus dem Stalle eines Nachbars einen Hengst herbeizuholen, den sein Besitzer für das Bedürfnis der Stuten und Eselinnen der Stadt hielt, und der zu haben war wie die Eselin von Jerusalem. Der Diener ging in größter Eile hin und führte den Hengst herbei mit Sattel und Zaum und allem sonstigen Zubehör in bester Ordnung; und wie der Ritter früher beschlossen hatte, setzten sie den besagten Leichnam auf das Pferd, machten ihn beritten und banden ihn fest, gaben ihm eine eingelegte Lanze und den Zaum in die Hand, als wollten sie ihn in die Schlacht schicken, und führten ihn endlich in diesem Aufzuge vor das Tor der Kirche der Mönche, wo sie ihn anbanden, worauf sie sofort heimkehrten. Dem Mönche schien es nunmehr Zeit, die vorgenommene Reise anzutreten; er machte daher zuerst das Tor des, Klosters auf, bestieg sodann seine Stute und ritt hinaus. Als er aber den Magister auf die besagte Weise vor dem Tore fand, so daß er in allem Ernst meinte, er drohe ihm mit seiner Lanze den Tod, ward er plötzlich von so großer Angst erfaßt, daß er in Gefahr kam, tot vom Pferde zu sinken. Dabei überfiel ihn ein gewaltiger gräßlicher Gedanke, der Geist des Mannes müsse nämlich in seinen Körper zurückgekehrt sein, und er sei ihm zur Strafe gesetzt, um ihn allenthalben zu verfolgen nach dem Glauben mancher Toren. Während er sich in dieser Täuschung und Furcht befand und nicht wußte, welchen Weg er einschlagen sollte, witterte der Hengst die Stute, schob seine gewaltige Keule vor und wollte wiehernd der Stute zu Leibe gehen, welche Bewegungen denn den Mönch immer mehr in Angst setzten. Dennoch faßte er sich und wollte die Stute ihres Weges führen; diese aber drehte ihr Hinterteil gegen den Hengst und fing an auszuschlagen, so daß der Mönch, der nicht der beste Reiter war, fast herabfiel; und um den zweiten Stoß nicht abzuwarten, preßte er die Beine fest zusammen, drückte dem Tier die Sporen in die Seiten, hielt sich mit beiden Händen an dem Saumsattel fest, ließ die Zügel schießen und vertraute das Pferd der Willkür des Zufalls. Sobald nur dieses die Sporen fest in seine Flanken drücken fühlte, war es gezwungen, vorwärts zu laufen und ungezügelt den Weg einzuschlagen, der eben vor ihm lag. Als der Hengst sich so seine Beute entwischen sah, zerriß er in der Wut das schwache Band und lief der Stute eiligst nach. Der arme Mönch, der sich so den Feind im Rücken merkte, wandte sich um und sah ihn mit eingelegter Lanze wie einen rechten Turnier kämpf er auf ihn zueilen. Da verscheuchte er die erste Angst mit der zweiten und fing an in voller Flucht zu rufen: »Helft! Helft!« Auf dieses Geschrei und durch das Getöse der ohne Zügel dahineilenden Rosse fuhr, da es nun heller Tag geworden war, alles an die Fenster und Türen, und jeder meinte in Erstaunen, er müsse vor Lachen bersten bei dem Anblick einer so ungewohnten und seltsamen Jagd zweier berittener Minoritenmönche, welche beide gleich tot aussahen. Die Stute lief ungeleitet bald da-, bald dorthin durch die Straßen, welcher Weg ihr am gelegensten kam; hinter ihr aber unterließ der Hengst nicht, sie wütend zu verfolgen, und ob der Mönch nicht mehrmals nahe daran war, von der Lanze getroffen zu werden, braucht man nicht zu fragen. Ein großes Getümmel von Leuten verfolgte die beiden beständig unter Geschrei, Zischen und Heulen und rief: »Greift sie!« Die einen warfen Steine nach ihnen, die andern schlugen den Hengst mit Stöcken, und jedermann suchte die beiden zu trennen, nicht sowohl aus Teilnahme für die Fliehenden, als in dem Wunsche, zu erfahren, wer die beiden seien, die man bei dem schnellen Rennen nicht erkennen konnte. Nach längerem Umherjagen lenkten sie zufällig auf ein Stadttor zu, bei welchem sie eingefangen, der Tote und der Lebendige zugleich festgenommen und zu großer Verwunderung aller Leute erkannt wurden. Man führte sie beide auf ihren Pferden in das Kloster, wo die Mönche sie mit unsäglichem Schmerz empfingen. Sie ließen den Toten begraben und für den Lebenden die Folter bereiten. Als diese aber fertig war, gestand er, weil er nicht die Qual aushalten wollte, offen, er habe ihn umgebracht, aus dem oben angeführten Grund; aber er könne sich nicht vorstellen, wer den toten Magister auf diese Weise auf das Pferd gesetzt habe. Wegen dieses Geständnisses wurde er zwar mit der Folter verschont, aber in ein strenges Gefängnis gebracht. Es wurde sogleich durch den Pfarrer zu dem Bischof der Stadt geschickt, um ihm die heiligen Weihen abnehmen zu lassen und ihn dem weltlichen Richter überliefern zu können, der ihn nach der Vorschrift der Gesetze als Mörder aburteilen sollte. Zufällig war in diesen Tagen der König Ferrando nach Salamanca gekommen; diesem wurde die Geschichte auch erzählt, und obgleich er ein sehr gesetzter Fürst war und den Vorfall sowie den Tod eines so berühmten Gelehrten aufrichtig bedauerte, so gewann doch das Spaßhafte der Sache bei ihm die Oberhand, und er lachte mit seinen Baronen so heftig darüber, daß er sich nicht mehr aufrecht halten konnte. Als nun der Zeitpunkt herankam, wo man zu der ungerechten Verurteilung des Mönchs schreiten sollte, regte sich in Herrn Roderico, der ein sehr tugendhafter Ritter war und bei dem König hoch in Gunst stand, die Wahrheitsliebe; er dachte, sein Schweigen würde allein eine so große Ungerechtigkeit veranlassen, und er entschloß sich, lieber im Notfalle zu sterben, als die Wahrheit über eine solche Angelegenheit zu verbergen. Er trat daher vor den König, während viele Barone und Leute aus dem Volk um ihn versammelt waren, und sprach: »Gnädiger Herr, das strenge und ungerechte Urteil, das über den Minoriten gefällt worden ist, und die Kenntnis der wahren Sachlage bewegen mich, die über einen so schweren Unfall obschwebende Frage zu entscheiden. Wenn daher Eure Majestät dem verzeihen will, der aus gerechtem Anlaß den Meister Diego ums Leben gebracht hat, so will ich denjenigen alsbald hierher kommen lassen und mit unzweifelhafter Wahrheit den Hergang der ganzen Sache bis ins einzelne erzählen.« Der König, der ein gar gnädiger Herr und sehr begierig war, die Wahrheit zu hören, gewährte huldvoll die verlangte Verzeihung, und sobald der Ritter diese hatte, erzählte er vor dem König und allen übrigen Umstehenden vom Anfang an das Verliebtsein des Magisters in seine Frau und alle Briefe und Botschaften, die er ihr gesandt, und was er dann mit ihm angefangen bis zuletzt Punkt für Punkt. Der König hatte das Zeugnis des Mönchs schon vorher gehört, und da diese Berichte in der Hauptsache zusammenstimmten, er auch Herrn Roderico für einen rechtschaffenen Ritter ohne Falsch hielt, maß er ihm ohne weitere Prüfung in allem unbedingt Glauben bei und überdachte mit Verwunderung und Betrübnis, manchmal auch mit sittsamem Lachen diese vielbewegte seltsame Geschichte. Um es jedoch nicht dahin kommen zu lassen, daß die unbillige Verurteilung des unschuldigen Mönchs vollzogen würde, ließ er den Guardian und den armen Mönch selber vor sich kommen. Der König verkündete ihnen dann in Gegenwart seiner Barone, der übrigen Adligen und anderer Leute seines Gefolges, wie die Sache in Wahrheit sich begeben habe, und befahl deshalb, daß der zu einer verschärften Todesstrafe verurteilte Mönch unverzüglich in Freiheit gesetzt werde. Sobald dies geschehen war, kehrte derselbe mit wiederhergestelltem guten Namen höchst erfreut nach Hause zurück. Herr Roderico erhielt die bedungene Verzeihung wirklich und erntete in bezug auf seine ganze Handlungsweise in dieser Angelegenheit das größte Lob. Die Kunde von dem wunderbaren Ereignis aber ward in wenigen Tagen durch die schnelle Fama zum großen Ergötzen aller im ganzen Königreiche Kastilien verbreitet. Sallust im Nonnenkloster In der edlen und alten Stadt Marsico ist ein sehr berühmtes Nonnenkloster, das hoch in Ehren steht, und in dem vergangenes Jahr nicht mehr als zehn Nonnen waren, alle jung und mit großer Schönheit begabt. Sie lebten zusammen mit einer alten Äbtissin von gutem und heiligem Lebenswandel, die, wenngleich sie selbst ihre blühende Jugend nicht umsonst vertan hatte, doch fortwährend auf ihre Schar einredete, sie dürften nicht mit der Zeit zusammen ihr jugendliches Alter verlieren und verbrauchen. Mit unzähligen Gründen setzte sie ihnen auseinander, daß kein Schmerz jenem gleichen könne, den der empfinde, der einsehen muß, er habe seine Zeit vertan, und der inne wird, wie Reue wenig oder nichts gutzumachen vermöge. Obgleich sie damit auch nicht allzuviel Mühe hatte in Anbetracht der sehr guten allgemeinen Gesinnung der Nonnen, so waren doch unter den andern zwei aus edler Familie und mit wunderbarem Verstände begabt. Die eine von ihnen, obwohl sie nicht Klara hieß, werde ich den Namen ändernd Klara heißen, und zwar verdientermaßen, wenn wir betrachten, wie gut sie, als es nötig war, ihre Tat klar zu waschen wußte; die andere werde ich selbst taufen und Agnes nennen. Sei es nun, daß sie schöner als die andern waren oder vielleicht beflissener, den Ermahnungen und Befehlen ihrer Priorin zu folgen, – als sie sahen, daß der Bischof der Stadt mit hartherzigen und ausdrücklichen Verfügungen jedem, wer immer es auch sei, das Betreten jenes Klosters und die Unterhaltung mit den Insassen verboten hatte, so beschlossen sie, alldem zum Trotz nicht so zu verbleiben, sondern mit um so größerem Eifer und Fleiß all ihren Verstand auf ungewöhnliche und verschiedenartige Mittel zu wenden, um ihre sinnlichen Gelüste befriedigen zu können. Sie verfolgten solche Gedanken weiter mit der Wirkung, daß in kurzer Zeit ihr gut bebauter Boden viele Früchte in Form schöner Mönchlein hervorbrachte. Untereinander schlössen sie eine unlösliche Freundschaft und einen ewigen Bund und lernten so meisterlich die zu behandeln, die geschoren werden müssen, daß man eher hätte von Hautabziehen als von Scheren sprechen können. Da diese ihre Tätigkeit nicht allzu verborgen blieb, sondern viele davon hörten, so wurde sie unter andern auch dem Herrn Bischof bekannt. Dieser ging eines Tags nach diesem ehrwürdigen Ort, vielleicht um ihn zu reformieren, als es geschah, daß auch er sich von dem Liebreiz und der Schönheit der Klara heftig ergriffen fand. Nachdem er viele Verfügungen und neue Anordnungen erlassen hatte, kehrte er anders nach Hause zurück, als er weggegangen war. Er begann dort zu schreiben und Sonette zu dichten und tat seiner Klara kurz und bündig kund, daß er sich ganz vor Liebe nach ihr verzehre. Klara hielt ihn mehrere Tage hin, um seine Leidenschaft noch mehr zu entflammen, sah aber schließlich, daß der Herr Bischof ein von einem schlechten Maler gemachtes Gesicht habe und vielleicht konterfeit nach den Vorfahren Adams und überdies unwahrscheinlich geizig und somit sehr ungünstig für die Raffgier der Klara war, und beschloß, ihn auf ihre kleine Liste der Gefoppten zu setzen. Der Herr Bischof wurde das inne und sah sich in seiner Liebe zum besten gehalten, da sie für andere offen, Klara aber für ihn verschlossen und betrüblich war, und beriet sich, wie er in Erfahrung zu bringen vermöchte, wer es sei, dem ihr Sinnen gelte; und wie ein Liebhaber, dem wenige Wege verborgen sind, untersuchte er den Fall sorgfältig und fand, daß der ehrwürdige Prior von Sankt Jakob sich mit Schwester Agnes vergnügte und Klara mit einem andern sehr reichen Priester, der Don Janni Sallust hieß, in die Seligkeit einging; ferner, daß sie fast jede Nacht zusammen ausgingen, um sich mit ihren vorerwähnten Liebsten zu ergötzen. Er ließ sich über jede Einzelheit genau unterrichten, da er vorhatte, die beiden genannten Künstler auf jeden Fall in die Hand zu bekommen, nicht nur um sie auf die beste Art aus dem weichen Pfühl zu reißen, in dem sie waren, sondern auch um sich für die Kränkung zu rächen, die sie damit ihm antaten, den das Glück mehr begünstigt und dem es leichter geworden war, den Bischofshut als die Gunst der Klara zu erlangen. Jede Nacht ging er persönlich mit einer großen Schar seiner gierigen Kleriker dort herum, um sein doppeltes Verlangen befriedigen zu können. Eines Nachts, als der Prior dort herauskam, fiel er in den feindlichen Hinterhalt, ward ergriffen und vor den Priester Kaiphas gebracht; zitternd vor anderem als vor Kälte, sagte er, bevor er noch nach irgend etwas gefragt worden war, vielleicht weil er dachte, mit dem Anschuldigen des Gefährten würde er die Wut des Bischofs von sich ablenken, er habe niemandem Böses getan, sondern nur Don Janni Sallust ins Kloster begleitet und ihn mit der Klara in der Zelle gelassen. Der Bischof war nicht wenig froh, den Prior gefaßt zu haben, und nicht weniger begierig, auch des Gefährten habhaft zu werden. Er schickte jenen gut gefesselt nach Hause, brachte seine Kanoniere in Ordnung, um das Kloster von Amts wegen zu betreten, und beschloß, so es ihm möglich wäre, ohne irgendwie Gefahr zu laufen, den Sallust festzunehmen. Agnes, die wachsam und besorgt zurückgeblieben war und gehört hatte, wie der Prior verhaftet wurde, war als gute Kameradin, obwohl der Schmerz ihr das Herz zerriß, sowie sie gehört, daß der Bischof hereinzukommen suchte, schnellstens in die Zelle der Klara gelaufen und hatte ihr kurz erzählt, was sich zutrug. Wenn Klara diese Nachricht auch mit dem größten Unwillen anhörte, so verlor sie doch, da sie erkannte, welches Übel ihr daraus erwachsen mußte, keine Zeit mit Gefühlen; sondern verschlagen und beherzt, wie sie war, wußte sie sofort Rat und dachte sich von so offensichtlicher und gefährlicher Unreinheit zu befreien. Sie hieß den Priester aufstehen, der zum Glück seine Armbrust schon entladen und viele schöne Treffer ins Ziel gemacht hatte, und ließ ihn sich bereit halten, stürzte geschwind zur Zelle der Äbtissin und rief sie mit erschrecklicher Stimme und sagte: »Hochwürdige Frau, laufet, eine Schlange oder ein andres schlimmes Tier ist unter Eure Hühnchen geraten und frißt sie alle auf!« Die Äbtissin, die als Alte, als Fromme und als Frau sehr geizig war, sprang trotz ihrer Altersbeschwerden sofort aus dem Bett und lief im Wolfstrab zu ihrem Hühnerstall. Klara, die auf der Lauer stand, sah, daß ihr Einfall gelungen war, zog ohne Verzug den Priester aus ihrer Zelle, faßte ihn am Hemdzipfel und zerrte ihn, die Kleider um den Hals, mit hastigen Schritten, wie ein Tier zum Schlachthaus, in die Zelle der Äbtissin, ließ ihn sich in deren eignes Bett legen und kehrte schneller als der Wind in ihre eigne Zelle zurück, fast im selben Augenblick, in dem der Bischof mit seiner Schar das Kloster betreten hatte und in den Schlafraum gelangt war. Zufällig traf er sich mit der Äbtissin, die mit einem Stock in der Hand, fröhlich, keine Schlange gefunden zu haben, und also siegreich zurückkam, den Bischof, der schneidend dareinblickte, ganz erschreckt anschaute und so zu ihm sprach: »Gnädiger Herr, was soll dieser Lärm zu dieser Stunde?« Der Bischof, der mit der Wildheit seines fürchterlichen Angesichtes die Bären erschreckt hätte, wandte sich zu ihr, erzählte ihr alles genau und schloß, daß er gesonnen sei, auf jede Art den Sallust und die Klara in die Hand zu bekommen. Die Äbtissin war tief schmerzlich berührt von dem, was geschehen war, beteuerte, soweit es ihr möglich war, ihre Unschuld und antwortete, er möge nach seinem Willen tun, und sie würde mit allem zufrieden und einverstanden sein. Der Bischof, den es sehr schmerzte, noch mehr Zeit zu verlieren, begab sich mit seiner Schar und der Äbtissin schnurstracks zur Zelle der Klara. Sie pochten an die Tür und riefen, sie solle öffnen. Klara, die keineswegs geschlafen hatte, tat doch so, als ob sie sich ganz verschlafen erhebe und sich erst anziehen müßte, rieb sich die Augen, kam an die Tür, und ohne irgendwie erschreckt zu erscheinen, fragte sie lächelnd: »Was soll eine solche Armee bedeuten?« Obwohl der Bischof sie mehr als sich selbst liebte, die ihm im Scheine so vieler Lichter noch schöner als sonst erschien, antwortete er darauf, um ihr große Furcht einzuflößen: »Wie, Aufsässige, wir sind hier, um dich als eine gottlose Frevlerin zu strafen, und du sprichst spottend, als ob wir nicht wüßten, daß Sallust diese Nacht mit dir zusammenlag und noch da drinnen ist ?« Die Äbtissin, so klug sie war, erregt über der Klara günstiges Geschick, schalt jene, bevor sie irgend etwas geantwortet hatte, zuerst mit vielen rohen Worten und wollte dann wütend beinahe Hand an sie legen. Klara, die ihren Bären schon in der Höhle der andern untergebracht hatte, antwortete der Äbtissin ein wenig wegwerfend folgendermaßen: »Hochwürdige Frau, Ihr seid allzu voreilig und versucht entgegen aller Rechtlichkeit und allem Pflichtgefühl meine Ehre zu beschmutzen. Aber ich hoffe zu Gott und zum glorreichen heiligen Thomas, in dessen Diensten wir stehen, daß der hochwürdige Herr nicht von hier weggehen wird, bevor er mit den Sünden anderer meine Unschuld klar erkannt hat; und der, der Susanna errettete vor der falschen Beschuldigung nichtswürdiger Priester, wird mich vor der Gemeinheit erretten, die man auf mich häuft.« Mit erheuchelten Tränen und großem Zorn sagte sie darauf: »Tretet ein, räuberische Wölfe, wenn ihr es durchaus wollt!« Der Bischof, der es für sicher hielt, daß der Priester darinnen sei, ging sofort mit all den Seinen hinein und suchte an Stellen, wo auch ein Hase kaum Platz gehabt hätte; als er ihn auf keine Weise finden konnte, ging er voll Zorn und Wut hinaus und sagte: »Ihr könnt daran glauben, wir werden ihn finden und keinen Raum ununtersucht lassen!« Als man so weit war, die Zellen aller Nonnen zu durchsuchen, sagte die Äbtissin: »Hochwürdiger Herr, bei Gott, suchet überall und beginnet mit meiner Zelle!«, und ähnlich sprachen alle andern Nonnen, die bei dem Lärm herbeigelaufen waren. Der Bischof schien zu begreifen, zu welchem Zweck die Äbtissin sprach, beauftragte zwei von seinen Leuten, sie sollten in die Zelle der unschuldigen Äbtissin gehen und dort so tun, als ob sie suchten, da es ein Ort war, auf den er keinen Verdacht hatte, um schnell zu den andern kommen zu können. Jene traten ein und sahen, daß das Bett etwas erhaben war, erkannten, daß da ein Mensch sei, zogen ihm die Tücher vom Rücken und fanden den armen Sallust halbtot; als sie ihn erkannt hatte, hielten sie ihn sofort fest wie Fanghunde und schrien: »Ecce homo!« Auf diesen Lärm kam der Bischof, und alle, die um ihn waren, gingen sogleich hinein und fanden den Priester im Hemd im Bett der Äbtissin liegen. Jeder vermag sich leicht vorzustellen, wie sehr sie darüber alle verwundert waren; am meisten die schmerzlich betrogne Äbtissin, die völlig erstarrt und verblüfft von diesem Ereignis dastand, sich besann, diesen Mann nicht in ihrem Bett gelassen zu haben, und nicht wußte, ob sie das, was sie sah, für einen Traum oder für Wirklichkeit halten sollte, da es ihr schien, als sei Abstreiten wie Zugeben gleichermaßen unmöglich. Als Donna Klara sah, daß das Geschehnis der Ausweg sei, der zum gewünschten Ziele führe, kann man sich leicht vorstellen, in welchen garstigen und abscheulichen Worten sie gegen den Bischof losbrach und auch gegen die arme und genasführte Äbtissin, wobei sie unter anderm sagte: »Beim Kreuz des Erlösers, ich werde morgen zu meinen Eltern schicken, daß sie mich aus diesem öffentlichen Bordell nehmen, Wo man nachts Priester in den Betten derer trifft, die andern das gute Beispiel geben sollten! Diese alte Teufelshure! Möchte doch eine Flamme vom Himmel fahren und sie wunderartig von der Erde hinwegbrennen!« Und mit diesen und andern ähnlichen Worten ging sie in großem Ungestüm in ihre Zelle, schloß sich darinnen ein und ließ den Bischof mit allen übrigen übertölpelt draußen stehn. Dessen große Wut verwandelte sich in Schmerz und Beschämung; er wandte sich zu dem leidenden Priester, ließ ihn sogleich wie einen Räuber fesseln und kehrte nach Hause zurück, ohne sich weiter von der gebrochenen und schmachbedeckten Äbtissin und den andern Nonnen zu verabschieden. Den andern Morgen machte er Miene, den Prozeß anberaumen zu wollen, um den Prior und den Priester zum Feuertode zu verurteilen, und tat dann so, als ob gute Freunde seine heftige Wut gemildert hätten, und so verwandelte sich das Feuer, dem er die Schänder übergeben wollte, zusammen mit den andern drohenden Martern in jenes sehr wohlklingende Fließen von Florentiner Goldstücken. Und dieses war von so einzigartiger Wirkungskraft, daß es jene nicht nur vom verdienten Tode freimachte, sondern außer der Sündenvergebung ihnen Vollmacht gab, weiter durch die schon von ihnen durchfurchten Meere zu fahren und auch durch jede andere See, die ihnen begegnen mochte, ohne jede Strafe, unter der Bedingung jedoch, daß sie als gehorsame Söhne dem Herrn Bischof den schuldigen Zehnten entrichteten, damit Gott ihre Güter vermehre und vervielfältige. So geschah es denn, daß die weise Klara mit ihrer hurtigen Abwehr sich den Schlingen des Bischofs entzog und dadurch, daß sie die Schuld auf eine andere schob, die sie mit dem Feuer bedroht hatte, aus der gefährlichen Lage unbefleckt herauskam. Die Witwe in Trauer In den Jahren, in denen unsere Stadt Salerno unter der Herrschaft des ruhmreichen Papstes Martin V. stand, war dort ein überaus großer Verkehr, und unzählige Kaufleute aller Nationen kamen da fortwährend zusammen. Aus diesem Grunde siedelten sich dort viele auswärtige Handwerker mit ihrem ganzen Anhang an, und unter andern begab sich auch ein guter Mann aus Amalfi, der Trofone genannt wurde, dorthin, um einen Gasthof zu betreiben. Er brachte seine Frau mit sich, die von großer Schönheit war, übernahm einen Gasthof in der Straße unserer Landverwaltung und mietete noch ein anderes Haus in der Gegend des Neutors, einem hochehrbaren und so abgelegenen Stadtteil, daß keiner ohne sehr künstliche Gründe dort vorbeikommen konnte. Als er dort seine Frau und seine Familie untergebracht hatte, geschah es, daß sich in diese junge Frau ein Edelmann der Stadt von hochangesehener Familie verliebte, dessen Namen ich aus guten Gründen beschlossen habe zu verschweigen. Dieser war von heftigster Liebe entbrannt, wußte jedoch einmal wegen der örtlichen Lage kein Mittel, sein Sehnen zu erfüllen, noch konnte er andrerseits wegen der ungewöhnlichen Überwachung durch den sehr eifersüchtigen Gatten es wagen, mit ihr in Verbindung zu treten. So dachte er sich der Geschicklichkeit einer gewissen Frau zu bedienen, die zu seinem Haushalt gehörte und die in der ganzen Stadt herumkam, da sie mit verschiedenem kleinen Frauenkram hausierte. Dieser offenbarte er eines Tages seine Wünsche und beauftragte sie unter großen Versprechungen mit dem, was nötig war. Sehr zufrieden, ihm dienen zu können, ging sie stracks weg, durcheilte mehrere Stadtteile und kam dann in den der jungen Frau; während sie nun bald diese, bald jene Frau einlud, von ihren Sachen zu kaufen, kam sie schließlich an ihre Haustür, in der jene stand, und sagte, da sie noch in keinerlei Beziehungen waren, folgendes zu ihr: »Und du, schöne Frau, willst nichts von diesen meinen zierlichen Sächelchen kaufen? Ich weiß wohl, wenn ich so schön und jung wäre, wie du bist, würde ich jeden Tag neue Sachen kaufen und das, was die Natur geschaffen, mit der Kunst verbinden, so daß mir niemand gleichkommen könnte.« »O weh!« sagte die junge Frau, »du willst mich zum besten haben!« Die Alte antwortete: »Bei Gott, ich sage die Wahrheit, wenn ich dir mitteile, daß man in diesem ganzen Land davon spricht, daß du die schönste Frau in diesem Königreiche bist. Und wenn auch einige Edeldamen an einem Ort, an dem ich mich heute befand, mehr von Neid als Vernunft bewegt, deine Schönheit heruntermachten, um die ihre ins Licht zu setzen, und sagten, du habest kein gutes Blut, und ähnliche Dinge, wie sie zu reden pflegen – denn wahrhaftig treten ja allen die Augen aus dem Kopf, wenn eine von unsresgleichen wirklich schön ist –, so gab ihnen dort doch ein Jüngling aus vornehmem Haus – ich weiß nicht, ob du ihn kennst – die verdiente Antwort, und er schloß damit, daß keine von ihnen genügend schön sei, um dir die Schuhriemen lösen zu dürfen.« Die junge Frau antwortete: »Gott behüte Euch! Wenn es nicht unziemlich wäre, wüßte ich gerne, wer die Damen waren und wer der edle Jüngling, der mich verteidigte.« Die Alte, die ihr Gewebe umsichtig spann, antwortete: »Von den Frauen will ich jetzt schweigen, um von niemandem Schlimmes zu sagen; aber den jungen Mann will ich dir gerne nennen –«, und ohne Antwort abzuwarten, nannte sie ihn mit Vor- und Familiennamen und fügte hinzu: »Was er mir außerdem noch sagte, will ich dir nicht bekannt machen, wenn du mir nicht vorher schwörst, es geheim zu halten.« Die junge Frau war, wie das zu sein pflegt, voll Verlangen, es zu wissen, und versprach ihr, nichts zu verraten. Nicht ohne große Geschicklichkeit begann nun die Alte folgendermaßen: »Mein Töchterlein, ich kann dir vor allem nur das anraten, was dir Ehre macht, und darum darf man nicht auf das achten, was die Männer sagen! Er sagte mir, daß er dich mehr als sich selbst liebe, und so sehr ist er von dir bezaubert, daß er mir schwor, er habe nicht nur den Schlaf verloren, sondern er könne auch keine Nahrung mehr zu sich nehmen. Er verzehrt sich wie eine brennende Kerze. Obschon ich dich erinnerte und erinnere, daß du die Ehre und den guten Ruf bewahren mußt, da wir kein größeres Gut auf dieser Welt besitzen, so werde ich doch nicht verschweigen, daß es mir die größte Sünde, die man begehen könnte, zu sein scheint, einen solchen Jüngling von solch lobenswerten und angenehmen Sitten, solch artigem Benehmen, solcher Freigebigkeit und Ehrbarkeit elend sterben zu lassen. Er wollte mir einen reizenden kleinen Ring geben, den ich dir von ihm überbringen sollte; doch besorgt um dich, wollte ich ihn für diesmal nicht nehmen; wenn du aber wüßtest, was er von dir begehrt, – ich bin überzeugt, du könntest ihn leicht und ohne deine Ehre irgendwie anzutasten, zufrieden stellen. Er sagte, er wolle nichts anderes von dir, als daß du einwilligst, von ihm geliebt zu werden, und daß du zur Belohnung dafür etwas geneigt seiest, ihn zu lieben, und daß du, wenn er dir manchmal eines seiner Geschenke schicke, es um seiner Liebe willen anzunehmen und es zu tragen dich herabließest. Dies, mein Töchterlein, scheinen mir recht leichte Sachen zu sein, und du wie jede andere junge Frau müßten sie tun, damit die Blüte der Jugend nicht ungepflückt vorübergeht, da doch das Kosten der süßen Früchte die Ehrbarkeit verbietet.« Die junge Frau hörte diese einnehmenden Worte, und die kluge Botin entwickelte so viele Beweisgründe vor ihr, daß es ihr schien, sie sei, obschon sie natürlich sehr züchtig war, vom Schicksal gezwungen, ihn treu zu lieben, wobei sie infolge ihrer angebornen Sittsamkeit in keiner Weise beabsichtigte, deren Grenzen zu überschreiten. Sie wandte sich zu der Alten und sagte zu ihr: »Nun, gute Frau, kehret zurück zu dem Edelmann und sagt ihm, daß ich aus Liebe zu seinen Tugenden sehr zufrieden bin, ihn als meinen einzigen Liebhaber anzunehmen, und daß das allein von mir ihm genügen müsse; sagt ihm, daß er ja darauf achte, verschwiegen zu sein, und nicht in den Fehler der meisten jungen Leute verfalle, die, wenn sie unter Kumpanen sind, sich nicht nur mit dem, was sie tun, sondern auch mit Sachen brüsten, die sie nie sahen, und teilt ihm mit, daß ich lieber sterben wollte, als daß mein Gatte etwas erführe, der jeden andern an Eifersucht übertrifft!« Da erschien es der Alten, daß sie auf den ersten Ansturm nicht wenig erreicht habe, und so sah sie die Sache auf gutem Wege und antwortete folgendermaßen: »Mein Töchterlein, du sprichst klug; aber du sollst wissen, daß er zu seinen andern einzigartigen Vorzügen auch völlig verschwiegen ist. So wahr Gott mich möge selig sterben lassen; – als er mir die Sache enthüllte, ließ er mich mehr als hundertmal schwören, sie geheim zu halten; er zitterte wie ein Rohr im Winde und wechselte tausendmal in der Stunde die Farbe. Darum wird diese Rücksicht dich nicht abhalten, ihn zu lieben; aber sicher wird es einmal dazu kommen, daß du vor dir selbst dich rühmen wirst, den schönsten, verschwiegensten und jeder Tugend teilhaftigen Verehrer auf dieser Erde zu haben. Und wenngleich das, was du ihm gewährst, genug ist und er mich um nichts anderes bat, werde ich doch nicht aufhören, zu bedauern, daß du deine blühende Jugend so elend verlieren willst; wenn dir das Schicksal und deine Eltern einen so häßlichen und gewöhnlichen Mann als Gatten gaben, so sind das Gründe, daß nicht auch du dir selbst feind sein sollst, sondern einen Weg zu finden weißt, um dich zu vergnügen; denn es gibt keinen so schlimmen Kummer, als erst im Alter andern Sinnes zu werden.« Und dann sagte sie scherzend: »Weißt du, was ich ihm von dir bestellen werde? Daß es ihm schön zum Schaden gereichen wird, wenn er nicht Mittel und Wege findet, mit dir zusammen zu sein.« Auf diese Worte erwiderte die junge Frau ziemlich unwillig: »Bei meinem Glauben, du wirst dich schwer hüten, ihm so etwas zu sagen; es muß ihm schon bei weitem genügen, wenn du ihm sagst, was ich dir aufgetragen habe.« Die Alte sagte: »Ich bitte dich, werde nicht gleich böse und wundere dich nicht über meine Hartnäckigkeit! Ich schwöre dir auf dieses Kreuz, daß er sich töten wird, wenn ich ihm keine gute Nachricht bringe. Wenn ich dich ihm auch so ans Herz legen werde, wie ich vermag, damit er mir die angenehme Antwort glaubt, die du mir gegeben hast, so zeige dich ihm morgen in der Augustinerkirche, und er wird, während er sich die Nase putzt, sagen: ›Ich lege mich dir ans Herz!‹, und du antwortest ihm, während du dir die Haare aus dem Gesicht streichst: ›Und ich mich dir!‹ So werdet ihr die Zeit verbringen, bis euch das Glück einen besseren Weg zum Vergnügen gezeigt hat.« Worauf die junge Frau erwiderte: »Auch ich will entgegenkommend sein! Empfehlt mich ihm zahllose Male, sagt ihm, er soll zur Frühmesse kommen, und daß ich nicht lange in der Kirche verweilen kann!« So ging schließlich die Alte fort, und die Junge blieb mit nie gekannten Gefühlen im Herzen zurück, in dem sie nun infolge der meisterlichen Worte der Alten unaufhörlich einen Wurm nagen fühlte. Die Alte fand gleich den Liebhaber und erzählte ihm alles der Reihe nach ganz genau mit der verabredeten Abmachung. Überaus glücklich über diese Nachrichten, stand er am anderen Morgen früh auf, begab sich zum verabredeten Ort und fand dort die junge Frau, die sich schöner herausgemacht hatte, als sie von Natur aus schon war; sie erwies ihm nicht nur sehr hohe Gunst außerhalb allen Herkommens, sondern er blieb auch, als er die versprochene Antwort mit dem gegebenen Zeichen gesehen, fröhlicher, als er je gewesen war. Als kurz darauf die Frau weggegangen und er nach Hause zurückgekehrt war, begann er darüber nachzusinnen, auf welche Weise es ihm vergönnt sein möge, die letzte Liebesfrucht zu pflücken. Nachdem er dazu mannigfaltige und verschiedene Wege ersonnen, legte er sich entschieden auf einen fest; mochte kommen, was da wolle, er beschloß, sich in ihrem Hause einzufinden, und zwar auf eine solche Art und Weise, daß sie gezwungen war, ihm das zuzugestehen, wovon sie nur in der Sehnsucht den Vorgeschmack zu kosten begonnen hatte. Er vertraute sich gewissen Edelleuten aus Capuana an, die dorthin gekommen waren, um mit ihrem Verwandten, dem Erzbischof, ein Fest zu feiern. Eines Abends sandte er spät zu einem verabredeten Ort Pferde wie Maulesel, soviel sie brauchten. Er selbst war als Witwe mit Kapuze und Schleier verkleidet, und mit zwei ähnlich verkleideten Jungen saßen sie auf gemieteten Wagen, worauf sich der ganze Zug, sowie es Nacht war, zu Pferde gegen die Stadt zu bewegte. Als sie zur Landverwaltung kamen, erschien Trofone, wie es Brauch der Wirte ist, an der Straße und sagte: »Meine Herren, wollen Sie übernachten?« Worauf einer antwortete: »Gewiß! Habt Ihr gute Ställe und Betten?« »Jawohl, gnädiger Herr«, sagte der Wirt, »steigt ab: ihr werdet bestens bedient werden!« Jener zog ihn beiseite und sagte: »Höre, Wirt, dein guter Ruf hat uns hierher geführt, und darum ist es erforderlich, daß wir von dir jene Sicherheit bekommen, die unser Fall erheischt. Wisse denn, wir haben hier die Tochter des Grafen Sinopoli, die eben durch den Tod des seligen Herrn Gorello Caracciolo, ihres Gatten, verwitwet ist, um sie so trauernd, wie du siehst, zu ihrem Vater zurückzubringen. Aus Rücksicht auf die Sittsamkeit werden wir sie nur sehr ungern, da es keine andere Möglichkeit gibt, heute nacht im Gasthof schlafen lassen; jedoch müssen wir dich ersuchen, dich freundlichst sehr zu bemühen, uns eine gutbeleumundete Frau zu finden, mit der zusammen sie diese Nacht mit ihren beiden Mägden verbringen kann, und wir werden das Doppelte von dem bezahlen, was es kostet.« Darauf erwiderte der Wirt: »Mein Herr, hier in der Gegend kenne ich niemand, der dazu geeignet wäre; trotzdem biete ich Euch alles an, was ich vermag: Ich habe nämlich mein eigenes Haus ein wenig entfernt von hier, wo meine noch recht junge Frau wohnt; wenn es Euch recht ist, könnte sie mit ihr zusammen verbleiben, und das Entgelt dafür sei Euch überlassen.« Der Edelmann wandte sich an die Frau und sagte: »Sehet, Donna Franzeska, mir scheint, Ihr würdet bei weitem besser im Hause dieses tüchtigen Mannes in Gesellschaft von Frauen untergebracht sein als hier unter uns.« Sie erwiderte mit verstellter Stimme, daß es ihr recht sei. Der Wirt ließ ihnen von einem Burschen den Weg zeigen und eilte schnellstens voraus in das Haus, rief seine Frau und befahl ihr, schleunigst das Zimmer herzurichten, da eine verwitwete Gräfin jugendlichen Alters heute hier nächtigen müsse. Die junge Frau, deren Gedanken meilenweit von Betrug waren, antwortete reinen Herzens: »Mein Gemahl, du kennst das Haus: dennoch wird man machen, was irgend möglich ist.« »In einer guten Stunde«, sagte der Wirt, »mache ihr warmes und wohlriechendes Wasser, dessen sie wohl sehr bedürfen wird, da alles voll von Schlamm ist.« Unterdessen war die Dame mit zwei Edelleuten angekommen, die ihr beim Aussteigen halfen und sie am Arm mit den zwei Dienerinnen in das Zimmer führten; dort angelangt machte sie Miene, sich zu entkleiden, und verabschiedete die, die sie hergeleitet hatten. Darum erschien es auch dem Wirt unziemlich zu bleiben, und er wandte sich mit folgenden Worten an seine Frau: »Ich lege dir die Bedienung dieser Dame besonders ans Herz; bereite mit größter Sorgfalt das Abendessen und alles zum Schlafen; schließt von innen recht gut ab; ich werde in den Gasthof gehen, um ihre und andere Gesellschaften zu bedienen, die mich erwarten.« Nach dieser Anordnung verließ er sie und schloß sie zur größeren Sicherheit auch noch von außen ein, gab den Schlüssel einem der Begleiter und ging mit ihnen zusammen zum Gasthof zurück. Die junge Frau verblieb mit dem Liebhaber, den sie wirklich für eine Frau hielt; beflissen, ihr zu dienen, half sie ihr, sich auszuziehen. Es schien ihr ewig zu dauern, bis sie sehen konnte, ob sie schön sei; sie entfernte selbst die Hüllen, die ihr das Gesicht verbargen, sah sie aufmerksam an, und kaum bot sich ihr das Bild ihres Geliebten dar, so trat sie furchtsam und schamhaft zurück und wagte nicht mehr, ihm nahezukommen. Er sah sie ganz außer sich dastehen, befürchtete Gefahren, die oft durch die Unbedachtheit junger Frauen möglich sind, und darum schien es ihm sehr an der Zeit, sie mit seiner List bekanntzumachen. Er nahm sie an der Hand, schloß sie in den Arm und begann folgendermaßen zu ihr zu sprechen: »Mein süßestes Leben, ich bin dein treuer Liebhaber für immer, und bin auf diese Weise hierher geführt, da es wegen der großen Eifersucht deines Gatten und deiner hohen Züchtigkeit keinen andern Weg gab. Nur dieser blieb, der mir vom Gott der Liebe mit sehr großer Hoffnung eröffnet und gezeigt wurde. Und so führte er mich, wie du siehst, in deine anmutigen Arme, und ich flehe dich an: laß mich meine brennende Leidenschaft um unserer beider Ehre und Zufriedenheit willen zärtlich stillen! Wende dich in Frieden und Ruhe deinem einzigen und glühendsten Diener zu und pflücke auch du die süßen und so beseligenden Früchte unserer Jugend, wie es eine sehr kluge Frau machen würde!« Die junge Frau, obwohl sie, noch ganz entrüstet, mehrmals ihre Kräfte umsonst angewandt hatte, um aus seinen Händen zu entkommen, da sie wohl wußte, daß das Schreien sie mit ewiger Schande bedecken würde, und da ihr noch dazu jener von Anfang an sehr gefallen hatte, beriet sich schnell mit sich selbst und entschied, ihm das zu gewähren, was sie, wenn sie gekonnt hätte, ihm zuweilen nicht versagt hätte. Sie wandte sich ihm zu und sagte: »Wenn der geringe Verstand meines Gatten Euch hierher geführt hat, so beabsichtige ich nicht, Euch zu meiner Schande von hier fortzujagen; da ich in Eure Hand gegeben bin, so brauche ich nichts anderes zu sagen, als Euch um Gottes willen und bei der Ritterlichkeit, zu der Ihr durch Euren Adel verpflichtet seid, zu bitten, daß Euch meine Ehre anempfohlen sei, wenn ich Eure Sehnsucht erfülle.« Der Liebhaber war über diese Worte hochentzückt, küßte sie innig und sagte, sie brauche nicht zu zweifeln, weil er jederzeit, wenn es nötig wäre, das eigne Leben für die Bewahrung ihrer Ehre und ihres guten Rufes einsetzen würde. Mit solchen und andern sehr süßen und schmeichelhaften Worten besänftigte er sie, und bevor sie jenen Ort verließen, kosteten sie die erste Frucht ihrer Liebe. Dann nahmen sie eine leichte Mahlzeit ein, gingen zu Bett und verbrachten, von der gleichen Leidenschaft hingerissen, die ganze Nacht in seligem Entzücken; auch verabredeten sie untereinander eine noch behutsamere Weise, sich zu genießen. Beim Morgengrauen ließen die Gefährten die Wagen anspannen, stiegen zu Pferde und kamen zusammen mit dem Wirt zu dem Haus; sie fanden die Dame reisefertig; sie stieg sogleich ein, der Wirt wurde über Gebühr bezahlt, und wenn sie sich auch gegen Kalabrien in Marsch setzten, so kamen sie doch abends mit großem Vergnügen und Feste wieder nach Hause. Der Liebhaber belohnte endlich die geschickte Botin und erfreute sich lange Zeit glücklich mit der jungen Frau. Möge auch dir Amor einen so fröhlichen Ausgang gewähren, so wie du es am meisten begehrst! Der geprellte Vater (Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig) Herr Thomas Mariconda, ein sehr bekannter und galanter Kavalier und seinerzeit in unsrer Stadt nicht wenig angesehen, vergnügte sich, als er hochbejahrt war, nach altem Brauch damit, unzählige und ausgezeichnete Geschichten zu erzählen, und brachte sie nicht ohne große Redegabe und mit unglaublichem Gedächtnis zum Vortrag. Unter anderm erinnere ich mich, daß ich ihn in meiner Kindheit als wahre Geschichte erzählen hörte, wie nach dem Tode Karls III. in unserm Königreiche ein großer und langwieriger Krieg ausbrach wieder wegen der Unterdrückungen, die das Haus Anjou beging; in dieser Zeit lebte in Neapel ein Edelmann aus Messina, der Wilfred Seccano hieß, ein sehr ergebener Anhänger des Hauses Durazzo. Eines Tages ritt er durch die Stadt, als er in einem Fenster ein wunderschönes Mädchen sah, die Tochter eines alten Kaufmanns, auf dessen Namen ich mich nicht mehr recht besinne; sie gefiel ihm über die Maßen gut, und er war sogleich heftig in sie verliebt. Und wie es ihrer beider gutes Glück wollte, als das junge Mädchen, das Carmosina hieß, merkte, daß sie dem Edelmann gefiel, und obwohl sie nie gewußt hatte, was Liebe sei, noch kaum je einen andern Mann gesehen hatte, da geschah es – ein vielleicht unerhörter Fall –, daß im selben Augenblick eine Flamme gleicherweise in zwei Herzen entbrannte, und zwar dermaßen, daß keiner mehr schien fortgehen zu können, während sie einander anstarrten; nach einiger Zeit schieden sie trotzdem, von Ehrbarkeit und Furcht bewogen, nicht ohne schwere und gleiche Pein voneinander. Herr Wilfred erkannte, daß die Liebe sie beide unversehens überwältigt hatte, und daß nur die geeignete Gelegenheit fehlte, um ihren einmütigen Wünschen Genüge zu tun. Nach Art der Liebenden ging er zunächst ganz darin auf, herauszufinden, wer das Mädchen sei und wessen Tochter. Bald hatte er den Vater erfahren und hörte, daß er sehr alt, eifersüchtig und geizig über die Maßen war, und zwar so sehr, daß er, um von niemandem um die Hand seiner einzigen Tochter angehalten zu werden, diese ständig im Haus eingeschlossen und schlechter als eine billige Sklavin hielt. Als der Edelmann von allem wohlinformiert war, begann er, um einen Vorwand zu haben, durch jene Gegend zu gehen und wenn nicht das Mädchen, so doch wenigstens die Mauern des Hauses zu sehen, sich bald der einen, bald der andern ihrer Nachbarinnen als Verliebter zu zeigen; daher wurde er von vielen für nichts als einen Windbeutel gehalten, und seine Klugheit und Weisheit wurden vom dummen Haufen lächerlich gemacht. Er kümmerte sich wenig darum, sondern verfolgte seinen vorgefaßten Plan und begann schlauerweise einen vertraulichen Umgang mit dem Vater dadurch, daß er häufig und ohne irgend Bedarf daran zu haben zu sehr teuren Preisen von dessen Waren kaufte und überdies, um ihn noch mehr zu ködern, fast jeden Tag andere Hofleute zu ihm in den Laden brachte, so daß er ihm ständig bare Einnahmen verschaffte; da dieser an dem Edelmann und seinen Gefährten sehr viel verdiente, brachte er ihm solche Freundschaft entgegen, daß sich fast jeder verwunderte. Als der Edelmann mit seinem Plan zum Ziel kommen wollte, schloß er sich eines Tages mit ihm in sein Lager ein und begann folgendermaßen: »Da ich in meinen Angelegenheiten Rat und Hilfe brauche, weiß ich mich nunmehr an niemand andern als an Euch zu wenden, der ich Euch wegen Eurer Güte wie meinen eignen Vater liebe und verehre; darum zögere ich nicht, Euch alle meine Geheimnisse anzuvertrauen! Wisset denn, daß es schon viele Jahre her ist, seit ich von meinem Vater weggegangen und hier durch die Liebe zum König und die Kriegsverhältnisse festgehalten bin, so daß mir bisher nicht Urlaub gegeben wurde, nach Hause zu fahren. Jetzt aber, seit einiger Zeit, bittet er mich in vielen Briefen und Botschaften, ich möchte, bevor seine Tage zu Ende gehen, kommen, um ihn wiederzusehen. Da ich seinen flehentlichen Bitten nicht widerstehen kann, habe ich beschlossen hinzureisen; wenn ich dort eine kurze Zeit gewesen bin, will ich sofort in den Dienst des Königs, meines Herrn, zurückkehren. Da ich nun niemand habe, dem ich mich besser als Euch anvertrauen könnte in diesem wie in jedem andern Fall, möchte ich, daß Ihr mir gewisse Sachen bis zu meiner Rückkehr verwahrt; außer diesem mache ich mir am meisten Sorge um eine Sklavin: so schwer es mich auch wegen ihrer Güte ankommt sie zu verkaufen, so wäre ich andrerseits doch dazu gezwungen, weil ich dreißig Dukaten brauche. Wenn mich auch bei meiner Ehre keiner meiner Freunde wegen einer so kleinen Summe abweisen würde, so habe ich dennoch beschlossen, weil ich so unentschieden bin, da ich nur bei Euch Sicherheit finde, Euch wegen dieses Geldes zu belästigen und Euch die Sklavin zu lassen, und wenn in der Zeit, bis ich zurückkomme, Ihr eine Gelegenheit findet, sie zu dem Preis von siebzig Dukaten zu verkaufen, den sie mich kostet, so handelt, als ob sie Euch gehöre!« Der mehr habgierige als kluge Alte, ganz erfüllt von Gedanken an den Nutzen, der ihm aus dem erbetenen Dienst erwachsen konnte, erkannte in keiner Weise die List und erwiderte, ohne sich zu überlegen, folgendermaßen: »Lieber Wilfred, so groß ist die Liebe, die ich für Euch hege, daß ich nicht Nein sagen könnte, was auch immer Ihr von mir fordern würdet, wenn ich es nur irgend vermöchte; darum bin ich gern bereit, Euch mit dem Gelde zu dienen, das Ihr braucht, und ich werde die Sklavin für Euch bewahren, damit Ihr sie nicht schlecht verkaufen müßt; wenn Ihr heil zurück seid und ich mit ihr zufrieden bin, werde ich Euer Konto so bereinigen, daß Ihr nicht anders als mein eigner Sohn behandelt werdet.« Der Edelmann war sehr fröhlich über die Antwort und sagte: »Ich hoffte nichts anderes von Euch, und Euch zu danken schiene mir übertrieben; aber gebe Gott, daß eine für uns beide günstige Gelegenheit Euch die Früchte unserer Freundschaft beschere!« Damit schied er von ihm, stieg zu Pferd und ritt nach seiner Gewohnheit durch das Stadtviertel seiner Geliebten, und zum guten Glück – wie vielleicht beider gemeinsame Schicksalslose es zu ihrer gleichen Glückseligkeit bestimmt hatten – sah er das Mädchen ein wenig sich am Fenster zeigen, sich dann scheu zurückziehen und ihn freundlich und teilnahmsvoll anschauen; er sah sich nach allen Seiten um, erblickte niemand und sagte ihr, da er keine Zeit hatte, länger zu sprechen: »Meine Carmosina, tröste dich: ich habe Anstalten getroffen, dich bald aus dem Gefängnis herauszuholen!« und ritt mit Gott davon. Das junge Mädchen hatte die Worte des Liebhabers gut verstanden und war sehr zufrieden darüber; und obwohl es ihr nicht in den Kopf ging, daß etwas Gutes daraus entstehen sollte, so hoffte sie doch, von ruhiger Zuversicht erfüllt, und wußte nicht worauf. Als der Edelmann nach Hause gekommen war, ließ er die Sklavin kommen und sagte zu ihr: »Meine Anna, die Sache ist zwischen uns schon besprochen und geregelt; aber gib acht, daß du klug vorgehst bei dem, was zu tun sein wird!« Und obwohl jene äußerst geschickt war, so durchgingen sie noch mehrmals zusammen den ausgeheckten Plan. Und wie nun wenige Tage später alles bereit war, ging er zu dem alten Kaufmann und sprach so zu ihm: »Wie unangenehm es mir ist, für einige Zeit Eure so ersprießliche Freundschaft zu entbehren, dafür sei Zeuge der, der alle Geheimnisse kennt! Da ich aber diese Nacht aufbrechen muß, damit meine Reise ordnungsgemäß verläuft, so bin ich gekommen, um Abschied von Euch zu nehmen und außerdem das Geld abzuheben, das ich von Euch erbat, und lasset nun das Pfand holen, von dem Ihr wißt!« Der Alte, der Gott um nichts anderes gebeten und schon befürchtet hatte, es könne ihn gereut haben, war darüber sehr vergnügt. Er zählte ihm die dreißig Dukaten ohne weiteres auf und schickte nach der Sklavin, die er mit gewissen andern Sachen des Edelmanns in sein Haus brachte. Als der Abend kam, wurde der Edelmann von dem Kaufmann und andern Freunden an das Gestade des Meeres begleitet; er umarmte alle, nahm Abschied und schiffte sich auf einem Segelschiffe ein, das nach Messina ging. Sie waren noch nicht weit vom Hafen, so ließ er sich in ein Boot setzen, wie er mit dem Kapitän ausgemacht hatte, und ließ sich nach Procida bringen, wo er sich im Hause eines Freundes erholte und bis zur dritten Nacht verblieb. An dem mit der Sklavin verabredeten Termin brach er mit einigen sizilianischen Gefährten auf, die jede große Gefahr auf sich zu nehmen entschlossen waren, und fuhr nach Neapel; auf heimlichen Wegen gingen sie in die Stadt, und er verbarg sich mit seinen Gefährten in einem Hause, das an jenes des Kaufmanns angrenzte und in jenem Jahr infolge des schlimmen Krieges leer von Bewohnern geblieben war, und dort verblieben sie, ohne ein Geräusch zu machen, bis zum folgenden Tag. Die sehr kluge Sklavin war, als sie in das Haus des Kaufmanns gekommen war, von Carmosina fröhlich empfangen worden, und als diese wußte, wem sie gehöre, wurde sie mit ihr rasch sehr vertraut. Da die Kürze der Zeit sie drängte, eröffnete sie ihr mit erstaunlicher Geschicklichkeit und meisterlichen Worten genau den Beweggrund ihres Kommens. Wie sie zuvor mit ihrem Herrn ausgemacht hatte, bestärkte sie jene Schritt für Schritt mit ihren Reden, das Abenteuer mutig zu bestehen, damit sie beide eines stetigen Seelenfriedens und der Glückseligkeit teilhaftig würden. Das Mädchen, das aus vielen Gründen das größte Verlangen nach dem Edelmanne trug, ließ die Sklavin sich nicht in langen Reden wiederholen, sondern sagte ihr, sie sei bereit, jeder ihrer Forderungen Folge zu leisten und allen Anordnungen ihres Herrn sich zu fügen, den sie liebe wie ihr eignes Leben. Darauf sagte die Sklavin: »Mein Töchterchen, wenn du einige Sachen mitnehmen willst, stelle sie bereit, damit es heute nacht losgehen kann! Wisse, daß mein Herr und sein Diener mit ihren Gefährten nach dem Zeichen, das ich heute sah, im Nachbarhause sind, in welches wir, wie du weißt, leicht von unserm Hof aus gehen können.« Als das Mädchen gehört hatte, in wie kurzer Zeit sie fortkommen sollte, küßte sie jene hundertmal und antwortete, sie habe an Eignem weder wenig noch viel, aber sie habe die Absicht, vom Vermögen ihres überaus geizigen Vaters etwas mitzunehmen, und zwar wesentlich mehr, als er hinreichend zu ihrer Mitgift gehalten hätte. In diesem Beschluß bestärkt, öffneten sie, als es Mitternacht schlug und der Alte und alle andern schliefen, eine Truhe und entnahmen an Schmuck und Geld für mehr als fünfzehnhundert Dukaten, gingen leise damit über den Hof und kamen dahin, wo der Edelmann wartete. Sie wurde von ihm mit größter Freude in den Arm genommen und heiß geküßt, und ohne weiter etwas zu unternehmen – denn der unsichere Ort ließ es nicht zu –, begaben sich alle auf die Straße; sie gingen dem Meere zu, und nachdem sie heimlich durch eine Mauerlücke hinter den Fleischereien die Stadt verlassen hatten, fanden sie ihr Fahrzeug nicht nur bereit und ausgerüstet, um schnell zu fahren, sondern fast zum Fliegen geeignet; alle stiegen ein, die Ruder wurden ins Wasser gebracht, und in wenigen Stunden befanden sie sich auf Ischia. Der Edelmann mit seiner Begleitung stellte sich dem Herrn jener Insel vor, der sein besonderer Freund war, so wie er es vorher mit ihm ausgemacht hatte, und sie wurden sehr wohl aufgenommen und geehrt. Als sie dort waren, schienen sie in Sicherheit zu sein, und so kosteten sie die süße erste Frucht ihrer gegenseitigen Liebe, und mit nicht weniger Vergnügen des einen wie des andern genossen sie dort glücklich ihren Raub. Als der Tag anbrach, fand der alte Vater weder die Tochter noch die verpfändete Sklavin und bemerkte schließlich den Raub des Geldes und der Juwelen, weswegen er keine geringere Bitterkeit fühlte, und jeder kann sich vorstellen, wie groß sein Schmerz, sein Klagegeschrei und sein Kummer war; auch ist es nicht verwunderlich, daß er mehrmals Anstalten traf, um sich aufzuhängen; so blieb er, vom Schaden und der Schande überwältigt, weinend im Hause eingeschlossen. Das verliebte Paar lebte fröhlich auf Ischia, und da sie sich ständig vergnügten, wurde das Mädchen schwanger. Das freute den Edelmann sehr und gab ihm Gelegenheit, gut und freimütig zu handeln und gleichzeitig Gott, die Welt und sich selbst zufriedenzustellen. Durch Vermittlung des Herrn von Ischia sandte er zum Vater der Carmosina und zu seinen Verwandten; als jene zusammengekommen waren und einige Verträge mit einander abgeschlossen hatten, nahm der Edelmann mit Erlaubnis des Königs und zur allgemeinen Zufriedenheit und Freude aller Neapolitaner sie zu seiner rechtmäßigen Gattin; nachdem so aus dem verstohlenen sinnlichen Liebesspiel eine kirchlich gesegnete Ehe geworden war, kehrten sie nach Neapel zurück und erfreuten sich dort, solange sie lebten, großer Glückseligkeit. Auch der eifersüchtige, geizige und törichte Alte söhnte sich, nachdem er den Schaden davongetragen, mit dem aus, was geschehen war. Ein belohnter Betrüger Unser Salernitaner Landsmann Angelo Pinto war nach dem, was die Alten, die ihn kannten, erzählen, seinerzeit der größte Meister darin, andere durch ausgefallene Streiche hinters Licht zu führen, und nie soll es in Italien einen gegeben haben, der ihm gleichgekommen wäre. Dieser nun, nachdem er viele Länder inner- und außerhalb Italiens durchforscht und fast überall sein Handwerk betrieben hatte, kam zu der Zeit nach Florenz, als unser gottesfürchtiger, heiliger Bernhard dort predigte. Zu ihm strömte der größte Teil der Toskaner, da sich ständig so viele handgreifliche Wunder ereigneten, die er vollbrachte, und auch wegen des weithin verbreiteten Rufes seines vollkommenen Lebenswandels. Unter der Menge der Zuhörer traf sich zufällig eines Tages der genannte Angelo mit einem andern jungen Salernitaner, der Bischöflein genannt wurde und in der Wissenschaft des Angelo Pinto ein für sein Alter schon sehr gelehrter Schüler war. Sie erkannten sich und tauschten in Erinnerung an die Heimat viele Zärtlichkeitsbeweise und erzählten sich gegenseitig viel von dem, was ihnen zugestoßen war. Schließlich sagte das Bischöflein: »Mein Angelo, ich bin hierher gekommen, um einen schönen Fischzug zu tun, und habe noch niemand gefunden, dem ich mich anvertrauen möchte und der ein paar hundert Gulden besäße.« Und er erzählte ihm seinen Plan, der dem Angelo überaus wohlgefiel, welcher erwiderte, er sei sofort bereit, sich mit Geld und all seiner Begabung an diesem bemerkenswerten Streiche zu beteiligen. Und um diesen Gedanken nicht länger aufzuschieben, nahm er einen sehr großen Beutel mit kleineren Fächern rings herum und legte fünfhundert Golddukaten hinein, die ihm von einer viel größeren Summe, die er durchgebracht hatte, übriggeblieben waren; sie sonderten die Venezianer Münzen von den Florentinern und alle andern nach ihrer Prägung in verschiedene Fächer, zählten sie alle und schrieben das Ergebnis auf einen Fetzen Papier, den das Bischöflein sorgfältig verwahrte, um ihn, wenn nötig, bei der Hand zu haben. Schließlich wiederholten sie sich nochmals, was sie mit kluger Vorsicht auszuführen hatten. Nachdem der heilige Bernhard am andern Morgen gepredigt hatte und in seine Zelle ging, folgte ihm Angelo mit dem Beutel auf der Brust, als Pilger verkleidet, warf sich ihm zu Füßen und bat, ihm gnädigst kurzes Gehör zu schenken, da die Sache keinen Aufschub dulde. Als ihm dieser gütig geantwortet hatte, er sei bereit, begann er weinend folgendermaßen zu ihm zu sprechen: »Mein Vater, höret, daß ich vor wenigen Tagen in Rom volle Vergebung meiner fast unverzeihlichen Sünden erlangt habe, und wenn ich auch in den vormaligen Stand der Unschuld zurückversetzt wurde, in dem ich nach dem Empfang der heiligen Taufe war, so wurde mir dennoch zum Ausgleich meiner schändlichen Verbrechen als zusätzliche Buße aufgegeben, zum heiligen Jakob von Compostella zu pilgern. Ich befand mich auf diesem Wege, als ich gestern hier anhielt, um Eure heiligen Worte zu hören. Da warf mir der Teufel, vielleicht gereizt, weil ich mich seinen Klauen entzogen hatte, eine Schlinge vor die Füße, mit der er mich an der Gurgel aufgehängt hätte: und zwar war es dieser Beutel, den ich in der Hand halte, in dem gut fünfhundert Dukaten sind. Damit zusammen hat er mir all meine unsägliche Not zum Bewußtsein gebracht, hat mich meine drei schlechtgekleideten Töchter sehen lassen, die in heiratsfähigem Alter und recht schön sind; auch habe ich alle die möglichen Gefahren erwogen, die für sie aus diesem Mangel an Mitteln erwachsen könnten; er bestärkte mich aus diesen und vielen andern Gründen, umzukehren und mit meinen armen Angehörigen das große Gut zu genießen, das mir das Glück in den Schoß geworfen hat. Ich aber habe, wohlgewappnet mit dem Schilde des Heiligen Geistes, dergleichen Versuchungen Widerstand geleistet, indem ich nur daran dachte, daß jeder große Schatz nichts ist im Verhältnis zur Seele, die Gott mit seinem kostbarsten Blute erlösen wollte. Mit diesem Vorsatz bin ich zu Euch gekommen und bitte Euch um Gottes willen, nehmt dieses Geld und verkündet es morgen, wenn Ihr prediget, dem Volke; denn ich zweifle nicht, daß sich der Eigentümer finden wird; und wer Euch die Kennzeichen, die daran sind, nennen kann, dem gebt es wieder; und wenn Ihr nicht der Ansicht seid, daß ich dafür mit gutem Gewissen einen Finderlohn nehmen könne, so flehe ich Euch an, Ihr wollet meine Armut dem Volke dieser Stadt ans Herz legen, wie und auf welche Weise es Eurer väterlichen Güte richtig erscheint!« Der glorreiche Heilige hörte den Mann sprechen, der sich mit so viel Scheinheiligkeit aufputzte, sah, daß das Geld seinen Worten entsprach, überdachte alles gründlich, und da ihm der Mann alt schien und von gutem Aussehen, schenkte er seinen Worten nicht nur zweifellosen Glauben, sondern ihm schien es ein unerhörtes Wunder zu sein, daß er in dieser von wölfischem Geiz und unersättlicher Geldgier verdorbenen und zerrütteten Welt eine menschliche Seele von solcher Vortrefflichkeit gefunden habe. Nachdem er mit vielen wundervollen, lobenden Aussprüchen seine erprobte Tugend gepriesen hatte, sagte er zu ihm: »Mein Sohn, ich weiß nicht, was ich dir sagen könnte, es sei denn, daß, wenn du selbst Christus gekreuzigt hättest, dir, nachdem du so einzigartig Gutes getan, vergeben würde, ohne noch eine Pilgerfahrt zu machen. Gleichwohl bestärke ich dich darin, die beabsichtigte Fahrt fortzusetzen, und sei guter Hoffnung, daß Gott diese Guttat nicht unbelohnt lassen wird: ich meinerseits werde morgen das Nötige tun, wie du selbst sehen wirst, und in einer Weise, daß ich hoffe, mit der Gnade meines Schöpfers bald deiner Armut größere Hilfe bringen zu können – und mit bestem Gewissen –, als die war, die der verdammte Feind Gottes vor dir ausgebreitet hatte, um dich in die Verdammnis zu stürzen.« Angelo dankte ihm vielmals für sein Erbarmen und ganz besonders für das Angebot, anderntags beim Volke für ihn bitten zu wollen; er ließ ihm den Beutel voll Gulden und sagte: »Mein Vater, weiset mich an, wie ich mich verhalten soll: denn nicht, um mich zu brüsten, sondern um die Wahrheit zu sagen, muß ich Euch mitteilen, daß ich von edler Abkunft bin, und sehr ungern, könnte ich es irgend anders machen, würde ich mich hier erkennen lassen, wie ich Almosen erbitte.« Der heilige Bernhard glaubte ihm leicht, hatte noch mehr Mitgefühl mit ihm und ordnete an, er solle aus der Zelle seines Gefährten nicht weggehen. Als der neue Tag gekommen war, stieg er nach seiner Gewohnheit auf die Kanzel, wechselte das vorher bestimmte Thema und sagte: » Fecit mirabilia in vita sua: quis est iste et laudabimus eum?« Sodann fügte er hinzu: »Bürger dieser Stadt, mir ist soeben ein wunderbares Geschehnis zuhanden gekommen, mehr ein Wunder als menschliches Handeln, und darum erschien es mir richtig, von der Ordnung der versprochnen Predigten abzuweichen und euch über den Text zu sprechen, den ihr gehört habt. Es kam nämlich einem armen Manne, der zur Abbüßung seiner Sünden zum heiligen Jakob pilgerte, vorgestern morgen im Straßenstaub eine Börse zwischen die Füße, ja vielleicht war sie ihm vom Teufel gezeigt, eine Börse mit ein paar hundert Gulden; darüber hatte er viele Versuchungen und Anfechtungen infolge seiner ungemeinen Armut und beim Gedanken an seine daheim gelassenen Angehörigen, die er nur mit Mühe ernähren kann, und an sein anderes unermeßliches Elend; schließlich aber, gestärkt von der Liebe zu Christus, hat er sie im Zeichen des Kreuzes alle besiegt und verjagt und kam bitterlich weinend zu mir und hat mir jene Börse voll Gulden gebracht, die ich in Verwahrung habe. Ich weiß nicht, was der heilige Petrus oder auch unser himmlischer Franziskus, dieser einzigartige Verächter weltlicher Schätze und Nachahmer Christi, mehr hätten tun können als nichts für sich selbst haben zu wollen, denn dies, da er den Schatz gefunden, nur zu trachten, ihn seinem Eigentümer wiederzugeben. Um wieviel mehr können wir darum diesen rühmen, der in das Weltleben verwickelt ist, bettelarm ist, für Töchter sorgen muß und dabei von edler Abkunft, so daß ihm die Scham verbietet, Almosen zu erbetteln, und der so tugendhaft handelte! Daher scheint es mir nur seinem Verdienst allein gemäß zu sein, wenn die Kirche den eurer Mildtätigkeit vorgeschlagnen Text bestätigen kann: ›Er hat wunderbare Dinge in seinem Leben vollbracht‹.« Und dann begann er mit erhobner Stimme: »Und ihr, räuberische Wölfe, gierige Geizhälse, Wüstlinge, besudelt mit allem Schmutz dieser betrügerischen Welt, täglich geht ihr, um Wucher zu treiben, hinterhältige Verträge zu schließen und üble Gewinne zu machen. Mit euren Betrügereien haltet ihr eure Nächsten in Abhängigkeit, beraubt die Kirchen, mißbraucht das Gut der Unmündigen, trinkt das Blut der Armen, führt die Testamente nicht aus, und mit tausend anderen übelsten Machenschaften entfernt ihr euch von Christus und folgt den Lehren des Teufels!« Auf diese Weise erzürnte sich der alte Heilige; und entflammt von christlicher Liebe, ermüdete er schließlich vom Reden, beruhigte sich ein wenig, kam dann wieder auf seinen Text und sagte: »Das Lob, das man jenem verdientermaßen spenden müßte, könnte ich weder mit der Feder schreiben noch mit der Zunge künden; trotzdem will ich, daß ihr ein einziges Kennzeichen seiner Gutherzigkeit und Reinheit vernehmt: Als er mit mir sprach, legte er und legt noch großen Wert darauf, daß er keinen Finderlohn begehren will für das gefundene Geld, da er glaubt, er könne ihn nicht mit gutem Gewissen empfangen. Darum, liebe Leute, wer jenes Geld verloren hat, der komme zu mir, sage mir die Merkmale des Beutels und die Anzahl der Gulden mit ihrer unterschiedlichen Anzahl nach der Prägung, die schon voneinander gesondert sind, und nehme ihn, ohne einen Pfennig zu zahlen, zu sich mit Gottes Segen! Doch ich werde nicht aufhören, euch zu ermahnen, der Lehre unseres Erlösers Jesu zu folgen, der will, daß, wie jedes Übel mit Barmherzigkeit gestraft werde, auch keine Guttat unbelohnt vorübergehe. Ich denke denn, meine Kinder, daß dieser arme Edelmann einigen Entgelt erhalten muß für seine bewährte Tugend, und da es auch mir notwendige Pflicht scheint, euch seine Armut ans Herz zu legen, so bitte ich alle, die sich zum triumphierenden Banner des Kreuzes Christi bekennen, jeder einzelne lege auf diesen Mantel das an Wohltat nieder, was ihm Gott eingibt. Aber keiner gebe einen Pfennig, damit nicht bei so viel tausend Menschen, wie ich hier sehe, so wenig gesammelt wird, daß es nicht genügt, um ihn von der Sorge zu befreien; darin bestärke ich euch und erkläre, daß dies viel besser ist als Hospitälern zu helfen oder irgendwelchen andern Bettlern.« Nachdem er so gesprochen, hatte er seinen Mantel kaum auf die Erde geworfen, als sich schon alles Volk mit dem größten Gedränge, das man je sah, vorschob und jeder sein heiliges Almosen reichte; auf diese Weise wurde den ganzen Tag über von den Gefährten des heiligen Bernhard der Mantel offengehalten, um Almosen zu empfangen, so daß am Abend sich gutgemessen an die tausend Gulden gesammelt fanden. Unterdessen hatte sich das Bischöflein in einen Genueser Kaufmann verkleidet, deren Sprechweise er ausgezeichnet kannte, trat vor und schrie in der großen Menge hartnäckig sehr heftig und laut, schaffte sich Platz und warf sich weinend zu Füßen des heiligen Mönches und sagte folgendermaßen zu ihm: »O Herr, das Geld gehört mir, und hier oder anderswo werde ich Euch ganz genau die Merkmale nennen, die ich alle aufgeschrieben habe«, und er zog die Aufzeichnungen heraus, die er zu diesem Zweck aufgehoben hatte, und gab sie ihm in die Hände. Mit freundlichem Gesichte sagte ihm der heilige Bernhard: »Mein Sohn, du hast mehr Glück, dein Geld wiederzufinden, als du Verstand hattest, es gut zu verwahren; jedoch komm mit mir und laßt uns sehen: wenn es deines ist, gebe ich es dir, ohne daß es dich einen Heller kostet.« Er segnete das Volk, begab sich dann in seine Zelle, nahm das Geld heraus und fand es übereinstimmend mit der Aufschreibung des Bischöfleins und gab es ihm mit Vergnügen zurück. Nachdem dieser es hatte, ging er stracks dahin, wo die Genossen des Angelo wohnten, und wie verabredet verließen sie alle zusammen Florenz und erwarteten an einem bestimmten Ort den Meister. Diesem wurde am andern Morgen das genannte Geld vollständig ausgehändigt und durch Vermittlung des Heiligen von bestimmten Bankiers, die ihn verehrten, damit der Streich ganz vollendet sei, in Gold gewechselt. Er verwahrte das Geld auf seinem Leibe und verabschiedete sich mit der Erlaubnis und dem Segen des Heiligen. Bald kam er dahin, wo die Gefährten ihn erwarteten, und alle begaben sich mit größter Fröhlichkeit nach Pisa. Dort teilten sie freundschaftlich untereinander die Beute, und dann ging jeder seines Wegs. Man darf versichert sein, daß sie ihre Tage beendigten, indem sie sich ständig auf andrer Leute Kosten vergnügten. Die unglücklichen Liebenden (Shakespeare, Romeo und Julia) Dieser Tage erzählte ein sehr glaubwürdiger Sienese im Kreise schöner Frauen, es sei nicht langer her, daß in Siena ein junger, wohlgekleideter und schöner Mann aus guter Familie mit Namen Mariotto Mignanelli glühend in ein schönes Mädchen verliebt war, die Ganozza hieß. Sie war die Tochter eines bekannten und sehr geschätzten Bürgers, ich glaube aus dem Hause Saraceni, und im Verlauf der Zeit erlangte er, daß auch er von ihr aufs brennendste geliebt wurde. Nachdem sie ihre Augen geraume Zeit an den zarten Blüten der Liebe geweidet hatten, begehrten sie beide von deren süßesten Früchten zu kosten und versuchten es auf vielen und verschiedenen Wegen. Da sie keinen sicheren finden konnten, beschloß das Mädchen, das nicht weniger klug als schön war, ihn heimlich zum Gatten zu nehmen, so daß sie, sollte widriges Geschick ihnen den Genuß verwehren, einen Schild gehabt hätten, den begangenen Fehler zu decken. Um vollendete Tatsachen zu schaffen, wurde ein Augustinerfrater mit Geld bestochen, der heimlich die Trauung vollzog. Die auf diese Weise geschaffenen Verhältnisse gaben ihnen Sicherheit, und unter nicht geringerem Wohlgefallen des einen wie der andern ging ihr heftiges Verlangen vollkommen in Erfüllung. Nachdem sie diese heimliche und zum Teil erlaubte Liebe einige Zeit glückselig genossen hatten, geschah es, daß ihr boshaftes und feindliches Geschick sich gegen all ihr gegenwärtiges und zukünftiges Sehnen wandte und zwar dadurch, daß Mariotto eines Tags mit einem andern ehrbaren Bürger der Stadt in Streit geriet, und von Worten kam es zu Tätlichkeiten, und schließlich ging es so weit, daß Mariotto jenen mit einem Stock am Kopf verletzte, an welcher Wunde er in wenigen Tagen starb. Mariotto verbarg sich deswegen, und da er vom Gericht eifrig gesucht und nicht gefunden wurde, so wurde er vom Rat und vom Stadtvogt nicht nur zum ewigen Exil verurteilt, sondern er wurde auch als Rebell verbannt. Wie groß und wie heftig der Schmerz der beiden unglücklich Liebenden und heimlich Neuvermählten war, wie bittere Tränen wegen dieser langen und nach ihrem Dafürhalten ewigen Trennung flossen, darüber kann wirklich nur urteilen, wer selbst derartige Qualen durchlitten hat; ja, so wild und herb war ihr Schmerz, daß beim letzten Abschied mehrmals der eine im Arm des andern längere Zeit für tot gehalten wurde. Als sie jedoch ihrem Schmerze also seinen Lauf gelassen hatten, schöpften sie Hoffnung, daß es ihm mit der Zeit durch irgend welchen möglichen Umstand gestattet würde, in die Heimat zurückzukehren. Von gleichem Willen beseelt, beschlossen sie, daß er nicht nur aus der Toskana, sondern aus Italien fortginge und sich nach Alexandria begäbe, wo ein Onkel von ihm lebte, der Nikolaus Mignanelli hieß, ein großer Handelsherr und weithin bekannter Kaufmann. Mit der bescheidenen Hoffnung und Vereinbarung, sie möchten sich auf so große Entfernung Briefe senden können, trennte sich das verliebte Paar unter Tränen, die nicht enden wollten. Der arme Mariotto hatte einem seiner Brüder alle seine Geheimnisse anvertraut und ihn vor allem inständig darum gebeten, ihn genauestens und ständig über alles auf dem Laufenden zu halten, was seiner Ganozza zustieße. Nachdem er diese Anordnungen getroffen, brach er auf und schlug den Weg nach Alexandria ein. Nach angemessener Zeit kam er dort an, fand den Oheim, wurde von ihm freudig und liebevoll aufgenommen und teilte ihm alles mit, was ihm zugestoßen war. Dieser hörte mit Bedauern nicht so sehr, daß er einen Totschlag begangen, als vielmehr, daß er so viele Verwandtschaft beleidigt habe. Als ein sehr kluger Mann wußte er, daß das Wiederaufrühren des Vergangenen kaum mehr als gar nichts helfe, bemühte sich mit ihm zusammen, Frieden darüber zu finden und daran zu denken, mit der Zeit ein geeignetes Heilmittel zu beschaffen. Er ließ ihn an seinen Handelsgeschäften teilnehmen und unterhielt ihn mit großer Liebe unter fast ständigem Weinen mehr und mehr Zeit bei sich. Aber es verging nicht ein Monat, ohne daß er mehrere Briefe von seiner Ganozza und seinem Bruder empfing, was in solch einem verzweifelten Fall und bei solchem Fernsein für jeden von beiden eine wunderbare Tröstung war. Als nun die Sache so weit gediehen war, da begab es sich, daß Ganozzas Vater von vielen und vielmals aufgefordert und angehalten wurde, sie zu verehelichen, und da sie unter verschiedenen Vorwänden sich mit keinem einverstanden erklärte, wurde sie schließlich vom Vater gezwungen, einen Gatten zu nehmen in der Art, daß ein Abweisen nicht mehr möglich war. Von diesen heftigen Auseinandersetzungen war ihr niedergeschlagenes Gemüt unaufhörlich so beunruhigt worden, daß ihr der Tod sehr viel lieber gewesen wäre als derart zu leben. Dazu kam, daß sie jede Hoffnung auf Rückkehr ihres teuren heimlichen Gatten eitel befunden, und da es nichts geholfen hätte, dem Vater die Wahrheit zu enthüllen, sondern ihr dies nur noch mehr Verdruß eingebracht hätte, so nahm sie sich vor, auf eine nicht nur seltsame, sondern gefährliche und grausame Art, von der man wohl noch nie erzählen hörte, so vielen Verfehlungen Genüge zu tun, wobei sie Ehre und Leben aufs Spiel setzte. Von großem Mut beseelt, sagte sie dem Vater, sie würde sich jedem seiner Wünsche fügen, und sandte sofort zu jenem Priester, der die Sache zuerst angezettelt hatte, enthüllte ihm unter großer Vorsicht, was sie vorhatte zu tun, und verlangte, daß er sie mit hilfreicher Hand unterstützte. Wie es jener Leute Art ist, zeigte er sich, als er das gehört hatte, etwas verwundert, furchtsam und langsam; aber sie machte ihn mit der Zauberkraft von Goldstücken mit dem Bild des Täufers kühn und mutig und willens, die Unternehmung männlich durchzuführen. Wegen der Eile, zu der sie ihn antrieb, ging der Bruder sehr rasch ans Werk und mischte selbst wie ein in diesem Beruf erfahrener Mann aus verschiedenen Pulvern bestimmter Zusammensetzung einen gewissen Trank zusammen, der so beschaffen war, daß, wer ihn eingenommen, nicht nur für drei Tage in Schlaf verfiel, sondern auch von jedermann für tot gehalten wurde. Er wurde der Frau überbracht, die, nachdem sie erst durch einen eignen Boten ihren Mariotto von alledem, was sie vorhatte, ausführlich unterrichtet und von dem Frater vernommen hatte, was sie zu tun habe, mit großer Freude dies Getränk zu sich nahm. Es dauerte nicht lange, da überkam sie eine solche Erstarrung, daß sie wie tot zur Erde stürzte; darüber erhoben ihre Mägde ein sehr großes Geschrei, und der alte Vater lief mit vielen andern Leuten bei dem Lärm herbei. Als er seine einzige und von ihm so sehr geliebte Tochter schon tot fand, ließ er eilends Ärzte kommen, um sie mit jedem nur möglichen Mittel ins Leben zurückzurufen, und da es keiner vermochte, wurde von allen als sicher angenommen, daß sie an einem plötzlichen Schlaganfall gestorben sei. Darum hielt man sie den ganzen Tag und die folgende Nacht im Hause und bewachte sie sorgfältig; aber man beobachtete keine Anzeichen als die des Todes, und so wurde sie den folgenden Tag unter unendlichen Schmerzen des niedergebrochenen Vaters, unter Weinen und Klagen von Verwandten und Freunden und überhaupt aller Sienesen, mit einem prächtigen Leichenbegängnis in einem ehrenvollen Grab in der Kirche des heiligen Augustinus beigesetzt. Gegen Mitternacht wurde sie von dem ehrwürdigen Frater mit Hilfe eines Gefährten dem vorgefaßten Plan gemäß aus dem Grabe herausgeholt und in seine Kammer verbracht; schon nahte die Stunde, da das in seiner Wirkung genau berechnete Getränk seine Kraft verzehrt hatte, und mit Feuer und andern notwendigen Praktiken führte er sie unter größten Schwierigkeiten wieder ins Leben zurück. Als sie wieder im Vollbesitz ihres früheren Bewußtseins war, ging sie wenige Tage darauf, als Mönch verkleidet, mit dem guten Frater nach dem Hafen von Pisa, wo die Galeeren aus Aiguesmortes, die nach Alexandria fuhren, anlegen mußten. Sie fanden eine, die eine solche Überfahrt vorhatte, und schifften sich darauf ein. Und es begab sich, da die Seereisen wegen widrigem Wetter oder neuer Geschäfte der Kaufleute viel länger zu dauern pflegten, als die Reisenden es wünschten, daß diese Galeeren aus verschiedenen Gründen erst mehrere Monate später als üblich ankamen. Gargano, Mariottos Bruder, hatte, um die Aufträge, die ihm sein teurer Bruder hinterlassen, auszuführen, sofort in mehreren und verschiedenen Kaufmannsbriefen den vom Mißgeschick verfolgten Mariotto unter allergrößtem Bedauern von dem unvorhergesehenen Tod seiner Ganozza in allen Einzelheiten unterrichtet und wo und wie sie beweint und begraben wurde und wie nach kurzer Zeit der alte und liebenswerte Vater aus diesem Leben schied. Diesen Nachrichten war das widrige und Verderben bringende Geschick viel günstiger als dem Boten der schmerzerfüllten Ganozza. Wohl um den armen Liebenden den herben und blutigen Tod, der sie ereilen sollte, zu bereiten, wurde der Bote Ganozzas auf einem Schiff, das mit Getreide nach Alexandria ging, von den Korsaren ergriffen und getötet. So hatte Mariotto keine andern Nachrichten als die seines Bruders und hielt sie für ganz gewiß. Wie sehr er von dieser herzzerreißenden Kunde und mit Grund betrübt und niedergeschlagen war, bedenke das, Leser, wenn irgend Mitgefühl in dir ist! Sein Schmerz war von solcher Art und Natur, daß er beschloß, er wolle auf keinen Fall mehr am Leben bleiben. Weder Zureden noch Tröstungen seines lieben Oheims vermochten etwas über ihn, und er entschied sich schließlich, nachdem er lange und bitterlich geweint hatte, nach Siena zurückzukehren; sollte ihm das Glück irgend günstig sein und nichts von seiner Rückkehr verlauten lassen, so wollte er sich verkleidet zu Füßen der Grabstätte niederwerfen, wo er seine teure Ganozza beigesetzt glaubte, und dort so weinen, als ob seine Tage zu Ende wären; und sollte er unglücklicherweise erkannt werden, so schien es ihm ganz erwünscht, wegen Totschlag hingerichtet zu werden, da er dachte, jene sei schon tot, die er mehr als sich selbst liebte, und von der er ebenso geliebt worden war. Fest entschlossen erwartete er die Abfahrt der venezianischen Galeeren nach dem Westen, und ohne seinem Oheim ein Wort zu sagen, bestieg er sie und ging mit größter Befriedigung dem vorbestimmten Tod entgegen. Er kam in kürzester Zeit in Neapel an und begab sich, so schnell er konnte, von dort nach der Toskana und betrat, als Pilger verkleidet und von niemandem erkannt, Siena. Er begab sich in ein nicht sehr besuchtes Spital und, ohne seiner Familie irgendeine Nachricht zu geben, ging er zu passender Stunde in die Kirche, wo seine Ganozza begraben war, und weinte bitterlich vor ihrem Grabe. Wenn er gekonnt hätte, wäre er gerne in das Grab gegangen, damit er sterbend jenen überaus zarten Körper, an dem lebend sich zu erfreuen ihm nicht beschieden war, für ewig mit dem seinen vereine. Alle seine Gedanken waren fest auf die Ausführung dieses Vorhabens gerichtet. Um nicht in dem Zustand des ewigen Klagens und Jammerns zu bleiben, besorgte er sich behutsam bestimmte Eisen und verbarg sich eines Abends zur Vesper in der Kirche. In der kommenden Nacht mühte er sich ab, bis er den Deckel des Grabes auf Stege gelegt hatte; und als er im Begriffe war, hineinzusteigen, geschah es, daß der Sakristan, der die Frühmesse läuten ging, ein gewisses Geräusch hörte, und da er hinging, um nachzusehen, fand er jenen in diesem Vorhaben begriffen. Da er glaubte, es sei ein Dieb, der die Toten plündern wollte, schrie er laut: »Auf den Dieb! Auf den Dieb!« und alle Mönche liefen herbei. Sie faßten ihn, öffneten die Tore, und viele verschiedne Laien kamen heran. Der arme Liebende, obgleich er in erbärmlichste Lumpen gehüllt war, wurde sofort als Mariotto Mignanelli erkannt, und bevor Tag wurde, war ganz Siena erfüllt davon, daß er dort festgehalten wurde. Als die Neuigkeit an den Stadtrat kam, befahl er dem Stadtvogt, daß er nach ihm ginge und schnell ausführe, was die Gesetze und die Verfassung befahlen. So wurde er ergriffen und gefesselt zum Gerichtsgebäude gebracht. Er wurde gefoltert und bekannte, da er nicht vielen Qualen ausgesetzt sein wollte, genauestens den Grund seines verzweifelten Wiederkommens. Obwohl man allgemein mit ihm das größte Mitgefühl hatte und die Frauen bitterlich unter sich weinten, da sie in ihm der Welt einzigen vollkommenen Liebhaber sahen und jede ihn mit ihrem eignen Blut freigekauft hätte, so wurde er nichtsdestotrotz vom Gerichte verurteilt, am nächsten Morgen den Kopf zu verlieren. Und so wurde es zu der bestimmten Zeit ausgeführt, ohne daß er sich von Freunden oder Verwandten konnte schützen lassen. Die unglückseligste Ganozza gelangte unter der Führung des genannten Fraters nach mehreren Monaten und nach vielen und mannigfaltigen Mühseligkeiten nach Alexandria. Sie begab sich in das Haus des Herrn Nikolaus, dem sie sich bekannt machte und sagte, warum und weshalb sie gekommen sei, und alles erzählte, was ihr begegnet war. Dieser war zur gleichen Zeit erfüllt von Staunen und Bedauern, nahm sie in Ehren auf, ließ sie als Frau kleiden und verabschiedete den Mönch. Dann sagte er der vom Schicksal geschlagenen jungen Frau, wie und in welcher Verzweiflung über die erhaltene Nachricht ihr Mariotto, ohne ihm irgendein Wort zu sagen, abgereist war, und wie er ihn als Toten beklagt habe, da er nur um zu sterben fortgegangen sei. Ob dieser neue große Schmerz der Ganozza wirklich alles, was ihr und ihrem Geliebten bisher widerfahren, übertraf, wenn man alles in Betracht zieht, das möge bedenken jeder, der denken kann und muß; nach meinem Urteil jedoch wäre alles Reden darüber unzulänglich. Als sie wieder zu sich gekommen war, beriet sie sich mit ihrem neuen Vater, und sie vergossen brennende Tränen über den verschiedensten Gesprächen; sodann wurde beschlossen, daß Herr Nikolaus und sie auf schnellstem Wege nach Siena gehen sollten, um mit den Mitteln, die nur in letzter Not erlaubt waren, wenigstens die Ehre der Frau zu retten, mochten sie Mariotto lebend oder tot auffinden. Die Geschäfte wurden so wenig schlecht wie möglich übergeben, die Frau in einen Mann verkleidet, es fand sich eine gute Überfahrt, und so segelten sie mit günstigem Winde. Bald kamen sie an die toskanischen Gestade, stiegen in Piombino an Land und begaben sich von dort heimlich nach einem Landgut des Herrn Nikolaus bei Siena. Wie sie nach den Neuigkeiten fragten, erfuhren sie, daß ihr Mariotto drei Tage vorher enthauptet worden war. Als sie die gräßliche Nachricht erhalten hatten, blieben sie, obwohl sie es immer schon für gewiß gehalten, nichtsdestoweniger, da es nunmehr unumstößliche Tatsache geworden, beide und jeder für sich wie tot und völlig niedergeschlagen, woraus man entnehmen kann, in welchem Maße schrecklich das Begebnis war. Die Klagen und das heftige Wehgeschrei Ganozzas waren so leidenschaftlich, daß sie ein Marmorherz zum Mitleid gerührt hätten. Vom Herrn Nikolaus wurde sie unablässig getröstet und voller Mitgefühl klug beraten. So faßten sie den Entschluß, nach solchem Verlust nur noch an die Ehre der großen Verwandtschaft zu denken und zu erlangen, daß die Ärmste sich heimlich in ein sehr frommes Kloster einschlösse, um dort ihr Unglück, den Tod des teuren Liebsten zusammen mit ihrem Elend bitterlich zu beweinen, solange ihr noch Leben zugestanden sei. So wurde es sehr behutsam gemacht und vollständig verwirklicht; sie gab dort niemandem, es sei denn der Äbtissin, irgendeine Auskunft über sich und beendete unter inneren Schmerzen und blutigen Tränen, bei wenig Speise und ohne Schlaf, ihren Mariotto ständig anrufend, in kürzester Zeit ihre elenden Tage. Der Barkenführer Vor einigen Jahren lebte in Venedig ein junger Edelmann namens Herr Alessandro, welcher lustwandelnd zufällig eine sehr schöne junge Frau erblickte, die die Gattin eines Seemanns war mit Namen Rado von Cattaro; und da sie ihm sehr wohl gefiel, schickte er ein altes Mütterchen nach ihr, um mit ihr zu sprechen. Die junge Frau aber, der Alessandro gleichfalls gefallen hatte, hielt die Abgesandte nicht mit langen Unterhandlungen auf, sondern sagte zu ihr, sie sei ihrerseits bereit, die Wünsche des jungen Mannes zu erfüllen; nur sehe sie kein sicheres Mittel, denn ihr Mann lasse sie bei Nacht nie allein, und bei Tag möge sie ihn nicht im Hause empfangen aus Rücksicht auf die Nachbarschaft, weil in derselben Straße so viel Leute wohnen, daß man nicht aus- noch eingehen könne, ohne bemerkt zu werden. Als Alessandro die Geneigtheit der Frau vernahm, besann er sich, was zu tun sein möchte, daß sie damit zufrieden sei. Endlich ließ er das junge Weib von seinem Plane unterrichten, und als es ihm Zeit schien, ließ er Rado zu sich in sein Haus berufen. Nachdem er ihm sehr geschmeichelt hatte, denn er war sein Freund, bat er ihn, er möchte ihm den Gefallen erweisen, ihm am nächsten Abend mit seiner Gondel zu dienen, da er eine Zusammenkunft verabredet habe mit einer Edelfrau, in die er heftig verliebt sei. Rado, welcher sehr wünschte, ihm zu dienen, antwortete, er sei bereit, ihn zu führen, wohin er befehle, und sobald es Nacht wurde, kam er, um ihn in seiner Barke abzuholen, nachdem er seiner Frau gesagt hatte, sie möge ihn erst spät erwarten. Alessandro stieg also in die Barke und ließ sich von Rado an einen Landungsplatz bringen, wo die Alte ihn erwartete, und zwar gegenüber von Rados Haus, das aber einen andern Landungsplatz hatte, so daß man zu Wasser nicht dahin gelangen konnte, als auf einem starken Umweg, während es zu Lande nur ein paar Schritte waren. Sobald nun Alessandro dort angekommen war, gab er Rado die Weisung, ihn zu erwarten. Er trat in das Haus der Alten und schlüpfte sofort durch ein Gäßchen zu dem jungen Weibe hinüber, von der er mit größter Freude empfangen wurde. Auch führten sie ihre Liebe zu einem anmutigen Ziele, so daß ihnen nichts zu wünschen übrigblieb, und setzten unter sich das Nötige für die Zukunft fest, worauf Alessandro auf dem nämlichen Wege in die Barke zurückkehrte, in welcher Rado, ohne Schlimmes zu ahnen, indem er ihn erwartete, eingeschlafen war. Er erwachte nun, nahm Alessandro in die Barke, und während sie nach seinem Hause hinsteuerten, fragte er ihn unterwegs, ob er nun seine Sehnsucht ganz gestillt habe. Alessandro bejahte es und fügte hinzu: »Ich kann dir noch überdies versichern, daß ich mich nicht erinnere, je in meinem Leben eine solche Lust genossen zu haben; denn außer ihrer Schönheit hat sie mich auch noch so mit Liebkosungen überhäuft, daß ich nicht begreife, wie ich von ihr loskommen konnte.« Darauf antwortete Rado: »Herr, als ich daran dachte, was für ein Vergnügen Ihr jetzt mit Eurer Geliebten haben müsset, kam mich so gewaltige Fleischeslust an, daß ich mehrmals versucht war, nach Hause zu gehen und meinem Weibe eins zuzusetzen; aber ich fürchtete, Ihr möchtet zurückkommen und mich nicht finden, und deshalb bin ich geblieben.« Als Alessandro dies hörte, überlegte er, in welche Gefahr er geraten wäre, wenn jener unvermutet sich nach Hause begeben hätte, und alsbald fiel ihm ein anderes sicheres Mittel ein, um die Gefahr zu vermeiden, in die er früher oder später zu großem Schaden hätte geraten können. Er sagte daher lachend zu Rado: »Ich wußte gar nicht, daß du verheiratet bist; sonst hätte ich dich nach Hause geschickt; du hättest ja zu bestimmter Stunde wieder zurücksein können.« Rado antwortete: »So, das habt Ihr nicht gewußt, daß ich vor einigen Tagen ein schönes Mädchen aus einer guten Familie geheiratet habe?« »Nein,« Versetzte Alessandro, »das wußte ich nicht; aber die Frauen, so schön sie sind, hat man zu Hause, weil man sie nötig hat: darum darf man jedoch nicht unterlassen, auch draußen fremd Brot zu suchen. Und da du dich so geduldig heute benommen hast, hoffe ich morgen abend meine Liebste nebst einer nicht weniger schönen Gefährtin in der Barke umherzuführen, und diese wird sicherlich gegen dich gefällig sein.« Rado antwortete ganz heiter, das nehme er gern an, bedankte sich auch sehr, und unter diesen Gesprächen hatte er Alessandro an sein Haus gebracht und kehrte nun zurück zu seinem Weibe. Sobald es aber Tag war, tat Alessandro der jungen Frau zu wissen, was er für den folgenden Abend im Sinn habe, und bestellte verabredetermaßen den Rado, der die Barke mit einer Verdeckung als Zelt ausgestattet hatte. Er fand sich bei Alessandro ein und führte ihn an den gewohnten Ort, wo er den Bescheid erhielt zu warten, denn er werde sogleich mit den Mädchen in der Barke zurück sein. Sobald Alessandro zu seiner Geliebten gekommen war, erzählte er ihr von der bestandenen Gefahr, und daß er derselben vorbeugen wolle durch die Veranstaltung, die er ihr durch die Alte habe mitteilen lassen. Er ließ sie daher sogleich ein seidenes Kleid anziehen, das er ihr schon vorher bei Tage geschickt hatte, und verhüllte sie so, daß Rado sie nicht erkennen konnte, wenn sie in die Barke kamen. Als Rado den Alessandro mit einer einzigen Frau kommen sah, sagte er zu ihm: »Herr, wo ist denn die meinige, die Ihr mir gestern abend versprochen habt?« Alessandro antwortete: »Sie konnte nicht kommen wegen eines eingetretenen Hindernisses. Aber du sollst dich dennoch nicht über mich beklagen können, und ich glaube, diese hier wird für uns beide genügen; wenn ich mit ihr fertig bin, überlasse ich sie dir, und obschon ich deine Gattin nicht kenne, so glaube ich doch, daß diese ein nicht weniger schönes und sauberes junges Weib ist als sie.« »Das glaube ich gern«, antwortete Rado; »aber das könnte ich nicht übers Herz bringen, Euch so in Euer Gehege zu kommen!« Alessandro aber versetzte: »Sei nicht so seltsam! Wenn ich es nicht gern täte, so hätte ich es nicht zu dir gesagt, und du würdest es auch nicht tun dürfen. So aber soll es dich nichts kosten, als an einem Festtage ein Fischfrühstück, wozu ich ein paar gute Humpen mitbringen will.« Rado schlug das Anerbieten nochmals aus, Alessandro aber beharrte durchaus bei seinem Willen, und so gab denn Rado doch endlich auch nach. Er ließ daher die Barke stehen, nahm die Zither in die Hand und fing an zu spielen; Alessandro ging währenddessen unter Rados Zelt und gab sich seiner Lust hin beim Tone der Zither, die Rado spielte. Und nachdem er mit seinem Geschäft zu Ende war, sagte Alessandro zu Rado: »Nun mach und nimm auch dein Teil! Aber hüte dich, daß du mir nicht versuchst, sie erkennen zu wollen, denn sie ist aus einer ehrenwerten Familie, und ich habe ihr weisgemacht, du seiest ein hiesiger Edelmann!« Darauf antwortete Rado: »Darum kümmere ich mich nicht, denn ich will ja doch auf keine Weise eine Verwandtschaft mit ihr anknüpfen.« Nach diesen Worten ging er zu der Frau hinein, und nach kurzer Zeit kehrte er zu Alessandro zurück und sagte zu ihm: »Herr, das ist in der Tat ein ganz artiges Mädchen. Es war mir gerade, als läge ich bei meinem Weibe; so viel Ähnlichkeit hat sie mit ihr im Fleische und im Atem. Deswegen will ich Euch denn auch gern mit Fischen aufwarten für die Artigkeit, die Ihr mir bewiesen.« Alessandro lachte und trieb in großem Jubel allerhand Scherz mit ihm, bis sie endlich die Frau wieder an die Stelle zurückbrachten, wo sie sie aufgenommen hatten. Jeder ging sodann nach Hause, und Rado fand seine Frau, welche tat, als wäre sie sehr ärgerlich, und anfing, ihn auszuschelten und ihm Vorwürfe zu machen, daß er sie auf solche Art allein lasse. Er entschuldigte sich aber und legte alles dem Alessandro zur Last. Am nächsten Sonnabend nun veranstaltete Rado seinem Versprechen gemäß dem Alessandro und seinen Freunden das Frühstück. Alessandro hatte diesen die ganze Geschichte vorher erzählt. Sie lachten daher viel darüber und wurden allmählich dem Rado zur Last, indem dieser und jener seinen Witz darüber riß, wiewohl zu Alessandros großem Verdruß, bis Rado endlich den Schwank merkte, weshalb er voll Unwillen nach Hause eilte, um seiner Frau übel mitzuspielen. Alessandro aber hatte es noch zu rechter Zeit gemerkt und die Frau auf die Seite schaffen lassen. Als daher Rado sie nicht traf, lief er voll Scham und Schmerz ganz verzweifelt davon, und Alessandro genoß von nun an in aller Sicherheit seine schöne Frau. Veronica Ich erinnere mich, öfters von einem uralten Großvater als vollkommene Wahrheit erzählen gehört zu haben, wie zur Zeit Karls II. in Salerno ein sonderbarer Ritter lebte aus edler Familie, namens Misser Mazzeo. Er war Oberrichter und reicher an Geld und Gut als irgendeiner seiner Landsleute. Als er schon betagt war, starb ihm seine Gattin, und es blieb ihm von ihr nur eine einzige Tochter namens Veronica, ein sehr schönes und verständiges Mädchen, die aber, entweder wegen der übergroßen Liebe, die der Vater zu ihr als seinem einzigen braven Kinde hegte, oder weil sie für irgendeine hohe Verbindung aufgehoben wurde, obschon viele sie zur Frau verlangten, doch noch immer unverheiratet zu Hause war. Nun war aber von ihrer Kindheit an ein adeliger Knabe namens Antonio Marcello immer im Hause aus- und eingegangen unter dem Vorwande einer weitläufigen Verwandtschaft, welche zwischen ihm und der Frau des Ritters bestand, und Veronica hatte auf diese Art eine solche Liebe für ihn gefaßt, daß sie gar keine Ruhe davor hatte. Antonio war zwar ein gescheiter und sehr gesitteter Jüngling und ward von dem Vater des Mädchens als braver Sohn geliebt; aber da er die Geschichte doch vortrefflich merkte und als ein junger Mensch gegen die Angriffe der Liebe sich nicht mit seiner schwachen Einsicht schirmen konnte, entbrannte er von gleicher Glut, und da die Gelegenheit ihrem gemeinsamen Wunsche günstig war, so kosteten sie ungestört die süßesten Früchte der Liebe. Obgleich sie nun aber in der Fortsetzung dieser Genüsse mit der größten Klugheit zu Werk gingen, so war ihre Vorsicht doch nicht stark genug, den großen Schiffbruch zu umgehen, der ihnen von dem neidischen Geschick bereitet war; denn als sie eines Nachts ganz vergnügt und arglos beisammen waren, begab es sich, daß sie durch einen nicht vorher in Rechnung gezogenen Zufall von einem Diener des Hauses gesehen wurden, welcher plötzlich den Ritter herbeirief und ihm den ganzen Vorfall erzählte. Dieser ging voll Zorn mit seinen Dienern dahin, wo die Liebenden waren, die gerade auf dem Gipfel ihrer Lust ohne Widerstand festgenommen wurden. Antonio aber, der sehr kräftig und mutig war, rang sich gleich wieder aus ihren Armen los, bahnte sich mit dem Schwert in der Hand den Weg und kehrte so, ohne von jemand erkannt oder verletzt zu werden, nach Hause zurück. Misser Mazzeo blieb bis in den Tod betrübt zurück, da er sah, wohin die Sache gediehen war, und wollte nun von der Tochter wissen, wer der entflohene Jüngling sei. Sie aber war vorsichtig und kannte ihres Vaters Wesen wohl und dachte, er werde, um seine alten Tage nicht in solchem Kummer hinzubringen, ihm das Leben auf keine Weise schenken. Da ihr nun das Leben ihres Geliebten teurer war als das ihrige, gab sie ihm nach einiger Überlegung zur Antwort, sie wolle lieber jede Qual, jeden Tod selber erdulden, als den Jüngling entdecken. Der Vater entflammte sich zur Wut, und als er nach vielen verschiedenen Martern sie doch hartnäckig auf ihrer Weigerung beharren sah, faßte er, so sehr die Gewalt der natürlichen Neigung widerstrebte, doch mit großer Mannhaftigkeit zuletzt den Entschluß, sie umzubringen. Er befahl daher sogleich, ohne sie weiter sehen zu wollen, zweien seiner vertrautesten Diener, sie auf eine Barke zu schleppen, einige Meilen ins Meer hinaus zu führen und dann ins Wasser zu werfen. Obgleich diese es ungern taten, banden sie sie doch, um zu gehorchen, schnell und führten sie an das Meeresufer. Während sie jedoch die Barke zurechtmachten, kam einem von ihnen das Mitleid; er versuchte auf eine geschickte Art seinen Genossen, der mit nicht weniger Widerstreben als er an einer so grausamen Handlung teilnahm; ein Wort gab das andere, und so faßten sie am Ende den gemeinsamen Entschluß, wenn sie auch selbst dafür den Tod erleiden sollten, nicht allein ihr das Leben zu schenken, sondern auch sie in Freiheit zu setzen. Sie banden sie daher los und sagten ihr, wie sie aus Mitleid den rohen Urteilsspruch des Vaters nicht an ihr vollziehen wollten; zum Lohn für diese Wohltat baten sie sie, derselben nach ihrem ganzen Werte zu gedenken, wenn sie das Vaterland verlassen habe und dereinst ihr Vater ihre Handlungsweise erführe. Das arme Mädchen, das so von ihren eigenen Dienern ihr Leben als Geschenk annehmen mußte, fühlte wohl, daß eine Danksagung weit nicht zum Lohn für eine solche Tat hinreiche, und flehte daher zum Vergelter alles Guten, daß er ihnen eine so unschätzbare Gabe ersetzen möge; und nachdem sie sich von ihrer großen Angst und dem Schrecken ein wenig erholt hatte, versprach und schwor sie ihnen bei der Rettung, die sie ihr zuteil werden ließen, sich auf eine Art zu benehmen, daß kein Lebender, geschweige ihr unbarmherziger Vater, je von ihr Kunde erhalte. Sie schoren ihr daher die Haare, verkleideten sie mit ihren eigenen Laken, so gut sie konnten, in männliche Tracht, gaben ihr das wenige Geld, das sie bei sich hatten, wiesen ihr den Weg nach Neapel und trennten sich von ihr unter Tränen. Ihre Kleider brachten sie mit nach Hause und versicherten ihrem Gebieter, sie hätten sie umgebracht und mit einem großen Stein um den Hals etwa zehn Meilen auf dem Meer in die Tiefe versenkt. Das unglückliche Fräulein, das nie aus der Stadt gekommen war, ward fast bei jedem Schritte mutloser schon bei dem Gedanken, daß sie ihren Antonio nun verlasse ohne Hoffnung, ihn wiederzusehen, und viele eitle Gedanken an die Rückkehr gingen ihr durch den Kopf; aber in Erinnerung an die empfangene Wohltat und zugleich ihr gegebenes Versprechen, hatte die Dankbarkeit, diese Blüte jeder Tugend, in ihr eine solche Kraft, daß sie jeden zuwiderlaufenden Plan verjagte. Darum nahm sie den Weg unter die Füße, obwohl sie nicht sehr gewohnt war, zu Fuß zu gehen, befahl sich in Gottes Schutz und ging, ohne selbst zu wissen wohin. So wanderte sie den ganzen Rest der Nacht über weiter mit großer Beschwerde. Gegen Tagesanbruch befand sie sich bei Nocera, wo sie zu einigen Gesellschaften stieß, welche nach Neapel gingen, und sie gesellte sich vertraulich zu ihnen. Dabei war unter anderen ein calabrischer Edelmann, der dem Herzog von Calabrien ein paar Sperber überbrachte. Diesem gefiel des Jünglings Aussehen, und er fragte ihn, woher er sei und ob er in Dienste gehen wolle. Veronica, die in ihrer Kindheit durch Nachahmung einer in ihrem Hause wohnenden alten Apulierin viele Wörter dieser Mundart gelernt hatte, fiel es ein, sich derselben beständig zu bedienen, und sie antwortete: »Misser, ich bin ein Apulier, und ich bin aus keiner andern Absicht von Hause fortgegangen, als um Dienste zu suchen. Da ich aber der Sohn eines edeln Vaters bin, möchte ich mich nicht gern zu niedrigen Diensten verstehen.« Der Calabrier sagte: »Würde es Euch anstehen, einen Sperber zu versorgen?« Diese Frage kam Veronica sehr gelegen, da sie im Hause ihres Vaters nicht nur einen, sondern viele mit großer Zärtlichkeit besorgt hatte. Sie antwortete ihm daher, sie habe sich von Kindheit auf mit nichts anderem beschäftigt. Nachdem sie so noch manches hin- und hergesprochen, wurden sie einig, daß sie ihm unterwegs einen Sperber übernehme. Als sie in Neapel angekommen waren, wurde sie von ihrem Herrn besser angetan, so daß sie wirklich ganz wie ein schmucker Schildknappe aussah, und, sei es Fügung des Schicksals oder daß ihr anmutiges Äußere ihn rührte, es begab sich, als man dem Herzog die Sperber überreichte, daß dieser zugleich mit den Sperbern den Apulier haben wollte, der so gut mit ihnen umzugehen wußte. So geschah es auch; er wurde auf die Liste der Hausdienerschaft gesetzt und ihm ein neapolitanischer Edelmann beigesellt. Er gab sich auch so viel Mühe, sich gut aufzuführen und seinen Dienst recht zu versehen, daß er in kurzer Zeit die Gnade seines Gebieters in einem Maße erwarb, daß er zu den höchst geehrten und begünstigten gehörte, und auf diese Weise ging es in zunehmendem Glücke weiter, bis es dem Schicksal gefiel, seinen Angelegenheiten eine andere Bahn vorzuzeichnen. Der alte Vater, der in unerträglichem Schmerz zurückgeblieben war, mußte sich, da die Sache den Weg in den Mund des Gerüchts gefunden hatte, die meiste Zeit zu Hause verschlossen halten und führte so dort oder zuweilen auf einem Landgut ein einsames und düsteres Leben. Antonio aber, nachdem er mit bittern, blutigen Tränen den Tod seiner Veronica beweint und bejammert hatte, war durch vorsichtige Erkundung zu der Überzeugung gelangt, daß der Ritter nie habe erfahren können, wer der entflohene Jüngling war. Um nun jeden Verdacht von sich zu entfernen und überdies von Mitleid gerührt, besuchte er ihn einige Tage nach dem Vorfall, wie wenn er beständig die zärtlichste Liebe für sein Haus fühlte, begleitete ihn meistens auf das Land und bezeugte sich gegen ihn wie ein leiblicher gehorsamer Sohn mit größter Nachgiebigkeit und Teilnahme. Misser Mazzeo wußte dies besonders hoch zu schätzen, da es ihm schien, Antonio sei der einzige, der ihn in der mißlichen Lage nie verlassen habe. Aus diesem Grunde und wegen der eigentümlichen Vorzüge des Jünglings fühlte er sich genötigt, ihn wie seinen eigenen Sohn zu lieben, und er wandte ihm so sehr alle Neigung seines Herzens zu, daß er keine Stunde ohne seinen Antonio bleiben konnte. Da er nun sah, daß dieser in solchem Gehorsam und solcher Dienstwilligkeit mit Ehrerbietung und Liebe fortfuhr, entstand in dem Herzen des Ritters, dieweil ihn sein unseliges Los ohne Erben gelassen hatte, der Wunsch, ihn im Leben und im Tod zum Sohn anzunehmen. Dieser Gedanke reifte zum Entschluß, und als er seine letzte Willensmeinung aufsetzte, bestellte er seinen Antonio zum Erben aller seiner fahrenden und liegenden Habe und gesegnete auch bald darauf das Zeitliche. Antonio sah sich nun im Besitz einer so großen Erbschaft und zog in das Haus des Ritters ein, und es war keine Stelle, die ihn an seine Geliebte erinnerte, auf der er nicht geweint und geseufzt hätte. Es kam ihm nicht aus dem Sinn, daß sie lieber habe den Tod erdulden, als ihn entdecken wollen; und von dieser Liebestat durchdrungen und noch viele andere schöne Eigenschaften seiner Veronica erwägend, faßte er bei sich den Plan und Entschluß, sich nie zur Eingehung einer Ehe verstehen zu wollen. Unterdessen geschah es, daß der Herzog beschloß, eine Reise nach Calabrien zu machen. Dies war dem Apulier über die Maßen lieb, angesehen daß er nicht allein sein Vaterland wiedersehen, sondern auch wieder gelegenheitlich irgend etwas von dem Geliebten und dem Vater vernehmen durfte, den Veronica doch durchaus nicht zu hassen vermochte; denn um sich nicht irgendwie zu verraten, hatte sie vermieden, nach ihnen zu fragen, und daher nie etwas von ihnen erfahren. Als sie in Salerno ankamen, wurde das Gefolge des Herzogs nach Stand und Würden in verschiedenen Häusern untergebracht, und das Schicksal, welches Veronica von den langen Bedrängnissen und Leiden, die sie erduldet, befreien und mit ihrem Antonio in Freude versetzen wollte, fügte es, daß durch eine ganz zufällige unabsichtliche Anordnung dem Antonio Marcello das Los zufiel, den Apulier samt seinem Genossen in sein Haus aufnehmen zu müssen. Welche Wonne dies Veronica bereitete, kann jeder selbst beurteilen. Sie wurden von Antonio sehr ehrenvoll und freundlich aufgenommen, und am Abend bereitete er ihnen eine kostbare Mahlzeit. In demselben Gang, wo er sich meistens mit seiner Geliebten zu vergnügen pflegte, faßten sie nun einander ins Auge; es stellte sich ihm eine Weile das Bild seiner Geliebten, und indem er ihres Lebens und Todes gedachte, begleitete er alle seine Worte mit heißen Seufzern. Veronica, die sich so in ihr eigenes Haus geführt sah, war zwar sehr erfreut, ihren treuen Liebhaber so im Besitz von allem zu sehen; aber da sie weder den Vater noch jemand von der zur Zeit ihres Scheidens hier anwesenden Dienerschaft erblickte, erfaßte sie eine natürliche Wehmut; sie wünschte Aufschluß zu haben, und doch scheute sie sich zu fragen. Während sie so unentschlossen bei Tisch saß, fragte ihr Genosse Antonio, ob das im Gang abgemalte Wappen das seinige sei. Antonio antwortete: nein, vielmehr gehöre es einem sehr würdigen Ritter namens Misser Mazzeo, dem Oberrichter, der, dieweil er in seinem Alter keine Kinder gehabt, ihn zum Erben aller seiner Güter eingesetzt habe, weshalb er denn als ein angenommener Sohn nicht nur die Besitzungen, sondern auch den Namen des Hauses und das Wappen wie von seinem leiblichen Vater sich zu eigen gemacht habe. Als Veronica diese Kunde vernahm, fühlte sie sich plötzlich so erheitert, daß sie nur mit Mühe die Tränen zurückhielt. Doch tat sie sich Gewalt an, um die Mahlzeit nicht zu stören. Als diese aber vorbei war, konnte sie nicht länger warten, ihr unbestrittenes Besitztum, das ihr das günstige Geschick bis hierher aufbewahrt hatte, in ihre offenen Arme aufzunehmen. Sie faßte daher Antonio bei der Hand, verließ ihren Begleiter und die andere Gesellschaft, und sie traten in ein anderes Gemach. Dort wollte sie einige Worte sprechen, die sie vorher ausgedacht hatte, um zu sehen, ob er sie wiedererkenne; aber die Freude ihres Herzens und die Tränen ließen ihr nicht zu, den Mund aufzutun, vielmehr sank sie kraftlos ihm in die Arme und konnte nur hervorbringen: »O mein Antonio, ist's möglich, daß du mich nicht kennst?« Er, der, wie schon gesagt, bereits seine Veronica zu erkennen gemeint hatte, war nun, da er die Worte hörte, plötzlich von der Richtigkeit seiner Vermutung überzeugt und sagte, von größter Rührung überwältigt: »Ach, so lebst du denn noch, mein Herz?« Nach diesen Worten sank auch er über sie hin. So hielten sie sich lange stumm umarmt, und da sie wieder zu sich kamen und sich ihre seitherigen Schicksale erzählten, erkannte Antonio, daß das für sie beide so erfreuliche Ereignis nicht verheimlicht werden dürfe. Sie verließen daher das Zimmer, und obwohl es spät war, schickte Antonio schleunig aus und beschied die ganze Verwandtschaft Veronicas und seine eigene, sie möchten sich wegen einer Sache von höchster Wichtigkeit in sein Haus verfügen. Sie kamen sogleich heran, und sobald sie versammelt waren, bat er sie, sie möchten ihn zum Palast des Fürsten begleiten, denn er beabsichtige mit ihrer Erlaubnis von der Gnade des Herzogs die Wiedereinsetzung eines früher dem Misser Mazzeo angehörigen adeligen Lehens zu erbitten, das, schon seit Jahren in fremdem Besitz befindlich, dem rechten Eigentümer, weil er unbekannt gewesen, keinen Nutzen getragen habe. Alle gingen gern mit ihm hin, und sobald sie vor dem Fürsten standen, nahm er seine Veronica bei der Hand, und vor allen Anwesenden erzählten nun die beiden ihre frühern und neuern Begegnisse Punkt für Punkt, ohne etwas auszulassen, und erklärten sodann, wie sie schon zu Anfang ihrer Liebe sich durch ihr feierliches Wort und beiderseitige Zustimmung geheiratet, und daß sie beabsichtigen, mit Genehmigung seiner fürstlichen Gnaden vor so würdigen Zeugen diesen Ehebund öffentlich anzuerkennen. So sehr sich der Herzog mit seinen Baronen und der ganzen Verwandtschaft und allen andern Einheimischen und Fremden darüber verwunderte, als sie diese seltsamen Begebenheiten vernahmen, so war es doch jedem sehr erfreulich zu sehen, welches gute und ehrenvolle Ende die Sache nahm, und das Verfahren Antonios sowie das würdige Benehmen Veronicas wurde von allen gelobt. Der Herzog entließ sie mit großer Freude nach Hause und veranstaltete am andern Morgen eine feierliche prunkvolle Messe, der er selbst mit vielen Adeligen und andern Leuten beiwohnte. Bei derselben wurde zur allgemeinen Freude unserer Salernitaner Veronica dem Antonio nach Stand und Würden angetraut. Sie teilten sehr große Geschenke aus und lebten in Glück und Reichtum, von inniger Liebe und schönen Kindern erfreut, lange Zeit ungestört bis an ihr Ende. Giovanni Sabadino degli Arienti Um 1450 – 1510 Der Herzog von Mailand Der Graf Francesco, Sohn Sforzas von Codignola, war, wie ihr wißt, ein Fürst, bei dem weder Natur noch Glück es an irgend etwas hatten fehlen lassen. Wir sprechen nicht davon, wie erlaucht, prachtliebend, freigebig, gütig und gnädig er war: denn in allen diesen Eigenschaften übertraf er nicht allein alle Männer der Gegenwart, sondern tat es auch allen alten Römern und Griechen gleich. Aber das wollen wir erwähnen, daß er im Waffenhandwerk, in das er all seinen Ruhm und seine Ehre setzte, nicht minder mannhaft, klug und hochherzig war als Sertorius, Marcellus, Lucullus, Cäsar und Pompejus, oder wer sonst noch mehr den Mund der Fama in den Büchern der Geschichte in Bewegung setzt. Daß dies wahr sei, beweist die Tat, da er nicht nur alle andern kriegerischen Herzöge, an denen Italien so fruchtbar war, wie ihr wißt, bekriegte und glorreich überwand, sondern auch durch diese seine Tapferkeit sich zum Herrn der Lombardei emporschwang. Dessenungeachtet, obwohl alle diese Eigenschaften in gehäuftem Maße bei ihm vorhanden waren, wie ihr sicherlich in eurem Leben schon tausendmal gehört habt, und obwohl er siegreiche Heere bändigte und zu Boden schlug, konnte er doch nicht vermeiden, von der Gewalt des jungen Schützen gefangen zu werden, und wurde an dem Siegeswagen seiner Gottheit unter der übrigen zahlreichen Schar im Triumph geführt ob der preiswürdigen Schönheit einer edeln Jungfrau aus unserer Stadt, deren Namen und Geschlecht ich mit Stillschweigen übergehen will, um nicht Veranlassung zu geben, daß ihr ehrsamer Ruf befleckt werde. Für dieses Mädchen entbrannte er dermaßen, daß er Tag und Nacht an nichts anderes als an sie dachte und nichts, was er sah, ihm so gefiel, ja daß er am Ende vor Gram gestorben wäre, wenn er nicht mit ihr der Minne Lust hätte genießen sollen; und ihre Eltern mußten, da es nun einmal sein ganz besonderer Wunsch war, und um den Fürsten nicht dem Tod und der Verzweiflung preiszugeben, sie ihm überlassen. Nun kam aber die Sache, ich weiß nicht auf welche Art, der durchlauchtigen Herzogin zu Ohren, einer Frau, die in ihrem Geschlecht ebenso erhaben war wie ihr Gatte unter den Männern. Sie war daher sehr wachsam, um die Ausführung dieser Liebespläne zu verhindern und nicht solche Unlust und Hintergehung von seiten eines Mannes zu erfahren, den sie ausschließlich liebte. Als nun eines Abends das Mädchen auf das Schloß der Stadt geführt wurde, hatte die vorsichtige Herzogin darauf wohl acht und war schon durch ihre ausgestellten Kundschafter von der Sache unterrichtet. Während also das Mädchen auf einem ganz geheimen Weg hereingebracht werden sollte, wurde sie mit ihren Begleitern festgehalten und alle in ihr Zimmer vor sie geführt, die dann mit Worten, die zu solcher Veranlassung schicklich schienen, ihr auf so eindringliche Weise ihr Vergehen vorstellte, daß nicht minder Scham als Furcht sie alle erfaßte; doch entschuldigten sich die Unterhändler, da sie es nicht getan hätten, um ihrer Durchlaucht etwas zuleide zu tun noch auch aus Begierde nach Ehre oder aus Gewinnsucht, sondern einzig und allein, um den gemessenen Befehlen des Herrn Herzogs zu gehorchen, der sich in Liebe zu dem Mädchen verzehre. Die durchlauchtige Herzogin schickte sie aus dem Zimmer und befahl ihnen bei Strafe ihrer Ungnade, nicht ohne ihre Erlaubnis wegzugehen, bis sie ihnen ihren Willen anders kundgebe; dem Mädchen aber befahl sie mit scharfen, drohenden Worten, sich unverzüglich zu entkleiden. Sie zitterte nicht anders als ein Blatt im Winde, benetzte immerfort ihr schönes Gesicht mit Tränen der Scham und entkleidete sich so aus Angst vor einer Züchtigung oder Marter. Die Herzogin zog sich auch ihre reichen Gewänder ab und legte die des beängstigten Mädchens an, hängte einen Schleier über den Kopf bis über die Augen herab, rief sodann, als sie schon die Tracht des Mädchens anhatte, eine ihr treu ergebene Kammerfrau zu sich und sagte zu ihr: »Mache, daß du mich, ohne mich weiter zu nennen, ohne Licht aus diesem Zimmer führst, daß man die Verwechslung nicht merkt! Dann sage zu denen, die draußen warten, wie im Auftrag von mir: ›Die gnädige Frau befiehlt, ihr sollt das Mädchen zum Herzog bringen, wie er es haben will, in aller Stille und ohne Zögerung.‹« Die treue Kammerfrau war nicht wenig erstaunt und wußte nicht, was das heißen solle, trat aber aus dem Gemach, ihre Gebieterin an der Hand führend, und übergab sie statt des Mädchens jenen Leuten mit den ihr aufgegebenen Worten. Diesen schwanden damit die verschiedenen Besorgnisse, welche die Drohungen der klugen Herzogin in ihnen erweckt hatten, und sie führten sie an das herzogliche Gemach des Fürsten, pochten dort an die Tür, und als diese aufging, hießen sie sie hineingehen und entfernten sich. Die weise Herzogin tat etwas fremd und stand wie verschämt mit gesenktem Haupt und mit zur Erde gehefteten Blicken da, trat dann etwa drei Schritte vor, ohne ein Wort zu sprechen, und fiel an der linken Seite des Herrn auf die Knie, welcher seine zwei Lieblingskämmerer hinausschickte, dann heiter auf sie zuging und in der, Meinung, es sei seine Geliebte, also sprach: »Schönes Mädchen, wie mein Leben Teure, sei mir tausend- und abertausendmal willkommen!« So stand er ein Weilchen vor ihr, berührte sodann mit der rechten Hand das schöne Mädchen und mit der linken ihren glänzenden Nacken und konnte sich nicht ersättigen, indem er dem Liebesgott dankte, ihre Purpurlippen zu küssen. Darauf suchte er, da er glühte und die Kunst wohl verstand, ihr mit den Fingern durch den Ausschnitt der Gewänder am Hals die elfenbeinerne Brust zu berühren, und sprach dazu immer Worte, die das Eis in Flammen setzen mußten. Als er endlich die andern ersehnten Teile berühren wollte, schien es der weisen Herzogin, sie dürfe ihren teuern Gemahl nicht weiter gehen lassen; sie zog also den weißen Schleier hinweg, der ihre schönen Augen verhüllte, und sagte ganz sanft folgende Worte zu ihm: »Ei, mein Gebieter, wo ist Eure Tugend, wo Euer Verstand? Ist das die eheliche Treue, die Ihr mir schuldig seid, die ich Euch ohne Maß liebe? Ist das die Gattenpflicht, die Ihr beobachten müßt, nachdem Ihr von mir so viele würdige Söhne erhalten, die der Glanz nicht nur Italiens, sondern der ganzen Welt sind? Ist dies das gute Beispiel und der Ruf, den Ihr hinterlassen sollt? In der Tat, ich habe mich sehr in Euch getäuscht. Wer hätte je gedacht, daß ein großes Herz wie das Eure, das nie Mühsal gescheut noch Furcht gekannt, sich von einem gemeinen Mädchen fangen lasse! Weh mir Armen, daß ich sehen mußte, was ich nie geglaubt habe! Ist dies der Lohn der Treue, die ich gegen Euch gehegt und gegen Euch zu hegen gedenke, solange ich lebe? Ach, das war nicht nur ein Schlag des Geschicks, es ist der Untergang all meiner Hoffnung!« Sie wollte noch anderes beifügen; der Herzog aber hatte die Täuschung bemerkt und sah, daß alles offenbar geworden war, was er für geheim gehalten hatte, da er seine von ihm mehr als sein eigenes Leben geliebte Gemahlin in den Gewändern des geliebten Mädchens erblickte; da überlief erst sein männliches Antlitz eine Röte, dann machte sich aus seinem ritterlichen Herzen ein heißer Seufzer Luft, und er unterbrach sie mit den Worten: »Gnädige Frau, ich bitte Euch, verzeiht mir! Ich schwöre Euch bei meiner Seelen Seligkeit, was ich getan, geschah nicht, um Euch zu beschimpfen, da ich Euch mehr als alles in der Welt liebhabe, sondern bloß, weil ich der Gewalt der Liebe nicht widerstehen konnte, die kein Gesetz achtet und jeden Sterblichen bindet, wenn es ihr gefällt, sei er auch noch so stolz und mutvoll. Und ich habe es diesmal zu meinem schweren Schaden und Strafe erfahren; da ich nicht mit strengem Zügel meine Sinnlichkeit zu lenken und die Liebesglut zurückzudrängen vermochte, habe ich mich so weit verleiten lassen, und ich bin so sehr gefangen, daß, wenn Ihr mir jetzt den Genuß des geliebten Mädchens versagt, ich klar einsehe, daß Ihr mich bald werdet grausam und jämmerlich umkommen sehen.« Da faßte die Herzogin Mitleid mit dem Liebesleiden ihres Gemahls, und sie sagte: »Wenn es mir auch schwerer ankommt als irgend etwas auf dieser Welt, Euch hierin nachzugeben, mein einziger Gebieter, so glüht doch mein Herz so sehr von dem Verlangen, Euch immer und überall Euern Wunsch zu erfüllen, und überdies ist mir Euer Leben viel teurer als das meinige, und darum bin ich zufrieden, daß Ihr vollständig Eure Wünsche erreicht.« Mit diesen Worten ging sie hinweg und kehrte zu dem Mädchen zurück, das ihre anfängliche Angst noch nicht verlassen hatte. Sie ließ sie ihre eigenen Kleider wieder anziehen, und als sie so geschmückt und aufgeputzt war, nahm sie sie an der Hand und sagte: »Komm mit mir, mein Kind, fürchte dich nicht!« So brachte sie sie zu ihrem Gemahl mit den Worten: »Hier, mein teurer Gebieter, ist das Mädchen, das Ihr so sehnlich wünscht. Ich bin es zufrieden, daß Ihr die Lust und den Liebesgenuß mit ihr habt, die Euch gefällt; denn ich will weder Euern Tod noch Eure Betrübnis, sondern Euer Leben und Eure Freude, und dies wird auch mir auf immer zur ununterbrochenen Wonne gereichen.« Nach diesen Worten kehrte sie sich um, verließ das Zimmer und schloß die Tür. Der Fürst erkannte aus diesem Benehmen das vortreffliche Gemüt seiner Gemahlin und ihre liebreiche Gesinnung gegen ihn, ebenso aber seinen ungeheuern Fehler. Indem er daher als ein sehr kluger und verständiger Fürst die Hoheit dieser Tugend in Erwägung zog, mäßigte er mit dem rechten Zügel die Glut seiner Gedanken. Er rief deshalb sogleich die Herzogin herein und sprach zu ihr folgendermaßen: »Gnädige Frau, Eure kluge und gegen mein ungerechtes Begehren so nachsichtsvolle Rede in Verbindung mit Eurer unglaublichen Tugend haben mir den Geist und all mein Sinnen und Trachten mit so festem Liebesband an Euch gefesselt, daß dasselbe nie mehr durch die Hand einer andern Frau wird gelöst werden können. Gott verhüte demnach, daß ich die eheliche Treue, deren Krone Ihr so würdig traget, je verletze! Ich bitte jedoch demütig um Vergebung jedes von mir begangenen Fehltritts.« Nach diesen Worten schwieg er, und darauf wurde nach einigen liebevollen Gesprächen über diese Sache das Mädchen schön gekleidet und beschenkt ihren Eltern zurückgestellt. So löste sich die Verwicklung auf edle Weise, die Gesinnung des Fürsten war gebessert, und er lebte nach diesem Vorfall in Lust und Freude mit seiner Gemahlin und in gutem Vernehmen mit dem geliebten Mädchen, die aus dieser Veranlassung reich verheiratet wurde. Bei Sonnenlicht kann man besser sehen Es ist noch nicht viele Jahre her, daß ein mit mir verwandter Jüngling namens Fabio, der Sohn des Herrn Enrico di Mezivillani, der in jenen Zeiten, wie man hört, ein außerordentlich geachteter und sehr tapferer Ritter war, sich in eine schöne junge Frau verliebte, die Lukrezia hieß, die Gattin eines Mailänder Kaufmanns, eines Mannes, der mehr alt als jung zu nennen war und aus Sancta Lucia nach Bologna zu wohnen kam; er hieß Ambrosino da Bertano. Durch seine großen Bemühungen und sein Drängen hatte Fabio ihre Liebe gewonnen und befand sich oft mit ihr nach Belieben zusammen, und besonders dann, wenn der Mann fort war oder früh in seinen Geschäften ausging, was oft vorkam, oder wenn er sich damit beschäftigte, Verzeichnisse seiner Waren aufzustellen, die nicht klein waren, besonders im Winter. Nun geschah es, daß Ambrosino eines Morgens früher als gewöhnlich aufstand, sein Haus verließ, um die Messe in der Sancta Lucia-Kirche zu hören, die an der Straße dicht bei seinem Hause lag, um dann einige seiner Angelegenheiten zu besorgen und nach unserm Hafen Macagnano hinunterzustürzen, damit er seine Waren nach Venedig befördere. Mein Verwandter, der immer auf der Lauer lag, trat plötzlich, sobald er Bescheid wußte, in das Haus ein, zu dessen Tür er den Schlüssel besaß, ging die Treppe hinauf und in das Zimmer hinein, wo sich Ambrosinos Frau befand. Nachdem er das Zimmer verschlossen und verriegelt hatte, zog er sich aus und legte sich neben die geliebte Frau, die sich ihm nach gewohnter Weise in die Arme warf, und sie ergaben sich der Liebeslust. Es dauerte ungefähr eine Stunde, bis Ambrosino nach Hause kam, um einige schriftliche Arbeiten wegen der nach Venedig gesandten Ware vorzunehmen. Er öffnete die Haustür; dann kam er vor die Zimmertür und steckte, wie er gewohnt war zu tun, den Schlüssel in das Schloß, um zu öffnen. Das merkte Fabio, und da er eine List fürchtete und auch etwas Angst um sein Leben hatte, sprang er aus dem Bett und lief nackt, ein Messer in der Hand, nach der Tür, die Ambrosino gerade geöffnet hatte, und so stand er ihm gegenüber. Ambrosino erschrak sehr, wie er Fabio nackt, ein Messer in der Hand, auf ihn zukommen sah, und es fehlte nicht viel, so wäre er lang hingeschlagen. Schnell und geistesgegenwärtig dachte Fabio mehr an die Rettung der Frau, als er von dem Gatten für sich selbst fürchtete, und sagte: »Ambrosino, fürchtet Euch nicht, denn heute will ich Euch die beste Mitteilung machen, die Ihr je in Eurem Leben bekommen habt. Seit langer Zeit liebe ich Eure Frau mehr als meine Seele; aber niemals habe ich ihre Gunst gewinnen können, und das Glück, mit ihr Zusammensein zu können, ist mir nicht früher begegnet als eben jetzt. Jetzt bin ich schon lange Zeit bei ihr und habe den größten Kampf gekämpft und sie gebeten, wenn ihr mein Leben wert wäre und wenn meine lange heiße Liebe irgendeinen Lohn und Dank verdiente, mir ihre ersehnte Zuneigung zu schenken, – aber sie hat sich immer geweigert. Meine Versprechungen, Bitten oder Drohungen haben mir nichts genutzt; es gibt gewiß keinen noch so mächtigen Schloßherren, in einer sehr starken und uneinnehmbaren Burg eingeschlossen, der sich solchem Angriff nicht ergeben hätte. Daher scheint es mir, mehr als jeder andere könntet Ihr zufrieden leben und Euch rühmen, die verständigste und keuschste Frau zu besitzen, die jemals auf Erden weilte. Für dies mein schweres Vergehen nun, das ich Euch gegenüber aus übergroßer Liebe begangen habe, bitte ich Euch, mir Verzeihung zu gewähren, ohne daß Ihr in Zukunft irgend etwas von mir zu befürchten habt; und wenn Ihr mir nicht verzeihen wollt, nehmt dieses Messer und gebt mir diejenige Strafe, die meine jugendliche Verwegenheit und Leidenschaft verdient haben!« Wie Ambrosino diese Worte hörte, atmete er erleichtert auf, und seinen lebhaften Zorn besänftigend, näherte er sich, ohne noch ein Wort zu sagen, dem Bett seiner Frau; voll Furcht und Scham, stellte sie sich, als sei sie empört über den Besuch ihres Liebhabers, schlang ihre Arme um den Hals ihres Mannes und sagte zu ihm, Tränen in den Augen: »O mein lieber Gatte, in welcher Angst und üblen Lage habe ich mich befunden, seit du aufgestanden bist! Verwünscht seien die Stunde und der Ort, wo ich in diese Welt gekommen bin! Denn sicher, hätte ich ein Messer gehabt, so hätte ich mich getötet, um solcher Pein zu entgehen, zu deiner und zu meiner Ehre; denn diese anmaßenden und schurkischen Jünglinge dieser Erde wollen den armen anständigen Frauen Gewalt antun und ihnen ihre Keuschheit rauben.« Bei diesem falschen Schmerzausbruch seiner Frau seufzte Ambrosino und sagte, indem er kaum seine Tränen zurückhalten konnte: »0 meine liebe Lukrezia, tröste dich, denn ich sehe sehr wohl, wie du mich liebst. Daher werde ich dir für deine Ausdauer in der Tugend und die Unerschütterlichkeit deines Sinnes ein schönes grünes Kleid mit gestickten Blumen und seidenen Fransen machen lassen.« Dann wandte er sich an Fabio, der noch immer beschäftigt war, sich wieder anzuziehen, und sagte: »Junger Mann, mach solche Sachen nicht wieder: denn nicht immer wirst du solche Männer finden wie mich, und geh' in Gottes Namen!« Fabio ging fort und ließ den Mann und die Frau im Zimmer; diese unterhielten sich weiter über die Anmaßung des jungen Mannes, die sie für tollkühn hielten, bis die Frau merkte, daß ihr Mann die Sache nicht weiter verfolgte und stolz auf ihre standhafte Treue war; da erinnerte sie ihn an das Kleid, das er ihr versprochen hatte. Dies bekam sie in wenigen Tagen, und es war noch viel schöner, als er ihr versprochen hatte; denn zu noch größerer Zierde hatte er ihr auf einen Ärmel ein Bild mit Strahlen aus Perlen sticken lassen, die aus einer Sonne herauskamen, worunter in griechischen Buchstaben zu lesen war: »Bei Sonnenlicht kann man besser sehen.« Und Fabio, der ein vorsichtigeres Mittel gefunden hatte, kam oft mit Lukrezia zusammen und freute sich über das schöne Kleid, und sie sangen zusammen mit großer Anmut: »Bei Sonnenlicht kann man besser sehen«. Ungenannte Verfasser Der dicke Tischler In der Stadt Florenz versammelte sich im Jahre 1409 eines Sonntagabends eine Gesellschaft junger Leute zum Nachtessen im Hause eines florentinischen Edelmannes namens Tommaso de Pecori, eines ehrenwerten, rechtschaffenen, heiteren Mannes, der ein großer Freund der Geselligkeit war. Als man nach Tische um das Feuer herumstehend über dies und jenes plauderte, wie es bei dergleichen Veranlassungen unter Bekannten zu geschehen pflegt, sagte einer von ihnen: »Was soll nur das heißen, daß diesen Abend Manetto Ammannatini nicht herkommen wollte, und daß wir ihn durchaus nicht heranzubringen vermochten?« Der besagte Manetto war und ist noch ein Verfertiger von ausgelegten Holzarbeiten und hatte seine Bude am Platze San Giovanni. Er galt für einen der besten Meister in der besagten Holzarbeit sowohl als in Verfertigung von Werkzeugen für die Arbeitstische der Frauen. Dabei war er ein ganz angenehmer Mensch, eher arglos als schlau, etwa achtundzwanzig Jahre alt, und weil er derb und groß gebaut war, nannte man ihn den Dicken. Er war sonst immer gewohnt, sich in der obengenannten Gesellschaft einzufinden, die aus lauter fröhlichen und lebenslustigen Leuten bestand; diesen Abend aber, seien es anderweitige Geschäfte oder Grillen, wie er sie manchmal hatte, oder was sonst immer, obgleich man es ihm oft gesagt hatte, wollte er sich nicht bereden lassen hinzugehen. Als daher jene überlegten und sich besannen, was schuld daran sein möge, aber keinen Grund auffinden konnten, kamen sie einstimmig zu dem Schusse, es könne nichts anderes als Grillenfängerei von ihm gewesen sein. Sie hielten sich dadurch ein wenig für beleidigt, und der Sprecher von vorhin sagte deshalb: »Aber warum spielen wir ihm nicht einmal einen Streich, damit er sich nicht daran gewöhnt, um seiner Grillen willen uns ganz zu vernachlässigen?« Darauf erwiderte ein anderer: »Was können wir ihm aber anhaben, als daß wir ihn eines Abends die Zeche bezahlen lassen oder sonst eine Lumperei?« Es war unter dieser Tischgesellschaft einer namens Filippo di Ser Brunellesco, dessen Verdienst, wie ich glaube, damals und jetzt bekannt ist. Dieser ging vertraut mit dem Dicken um und kannte sein Wesen genau. Er war ein feiner Kopf, und nachdem er eine Weile bei sich nachgesonnen und seine Phantasie hatte spielen lassen, begann er also: »Hört, liebe Freunde, wenn wir Lust haben, da fällt mir etwas ein, eine so hübsche Posse, die wir dem Dicken spielen können, daß wir davon den größten Spaß hätten. Mein Plan besteht nämlich darin, daß wir ihm weismachen, er sei aus sich selber herausgetreten und in einen andern verwandelt, er sei nicht mehr der Dicke, sondern sei ein anderer geworden.« Hierauf wandten zwar die andern ein, dies sei unmöglich auszuführen; Filippo aber führte ihnen seine Gründe und Beweise an und wußte durch seinen scharfen Verstand ihnen dieselben so überzeugend zu machen, daß sie zuletzt nicht mehr an der Ausführbarkeit des Planes zweifelten. Sie verständigten sich daher über die Art und Weise, wie jeder ihn auf den Glauben zu bringen suchen solle, er sei ein gewisser Matteo, der auch zu ihrer Gesellschaft gehörte, und die Sache nahm am nächsten Abend ihren Anfang in folgender Gestalt. Filippo di Ser Brunellesco, der bekannter mit dem Dicken war als die übrigen, trat zu der Stunde, da die Handwerker ihre Läden zu schließen pflegen, in die Bude des Dicken ein und plauderte eine Weile mit ihm, bis verabredetermaßen ein kleiner Knabe eilig gelaufen kam und fragte: »Kommt hierher nicht zuweilen Filippo di Ser Brunellesco? Und ist er vielleicht jetzt da?« Filippo trat auf ihn zu, sagte, ja, er sei der Mann, und fragte den Knaben, was er begehre. Darauf antwortete der Knabe: »Ihr sollt so schnell Ihr könnt nach Hause kommen, denn vor zwei Stunden hat Eure Mutter ein großes Unglück gehabt, und sie ist halbtot. Deswegen kommt nur bald!« Filippo stellte sich an, als wäre er heftig betrübt über diesen Unfall, und rief: »Gott steh' mir bei!« Damit nahm er Abschied von dem Dicken. Der Dicke sagte teilnehmend: »Ich will mit dir gehen, im Fall du etwas nötig hast. Das sind Fälle, in denen man seine Freunde nicht schonen muß.« Filippo bedankte sich und sprach: »Ich nehme dich jetzt nicht mit; aber wenn ich etwas brauche, so will ich es dir sagen lassen.« Filippo ging und schlug anscheinend den Weg nach seiner Wohnung ein, bog aber um und begab sich nach dem Hause des Dicken, das der Kirche der Santa Reparata gegenüberlag. Er öffnete die Tür mit einem Messerchen, ein Verfahren, das er gut verstand, trat ins Haus und schloß sich innen mit dem Riegel so fest ein, daß niemand hineingelangen konnte. Der Dicke hatte eine Mutter, die dieser Tage nach Polverosa gegangen war, wo sie ein Gütchen besaß, um dort eine Wäsche zu veranstalten; sie konnte jeden Tag zurückkommen. Der Dicke ging, nachdem er seine Bude geschlossen hatte, seiner Gewohnheit nach einigemal auf dem Platze San Giovanni auf und ab, den Kopf mit Gedanken an Filippo erfüllt und von lauter Mitleid mit dessen Mutter. Eine Stunde nach Sonnenuntergang sagte er bei sich selbst: »Nun bedarf Filippo heute meiner doch nicht mehr, da er noch immer nicht nach mir geschickt hat.« Er beschloß also, nach Hause zu gehen; und als er vor seiner Tür, zu der man zwei Stufen in die Höhe trat, angelangt war und wie sonst aufschließen wollte, gelang es ihm nach mehrmaligen Versuchen nicht. Da merkte er, daß von innen der Riegel vor sei. Er klopfte an und rief: »Wer ist denn oben? Mach mir auf!« Er war der Meinung, seine Mutter sei vom Dorfe zurückgekommen und habe die Tür aus irgendwelcher Vorsicht oder in Gedanken von innen geschlossen. Filippo, der drinnen war, trat an die Spitze der Treppe und sagte: »Wer ist unten?« Dabei ahmte er die Stimme des Dicken nach. Dieser aber entgegnete: »Mach mir auf!« Filippo tat, als halte er den Pochenden für jenen Matteo, in den sie den Dicken glauben machen wollten, daß er verwandelt sei; sich selbst aber stellte er als den Dicken dar und sagte: »Ei, Matteo, geh mit Gott! Ich bin heute gar nicht aufgelegt, denn eben war Filippo di Ser Brunellesco in meiner Bude, und da wurde ihm gemeldet, seine Mutter sei seit zwei Stunden am Tode. Das hat mich für den ganzen Abend betrübt gemacht.« Und nach innen gewendet fügte er hinzu: »Monna Giovanna (denn so hieß die Mutter des Dicken), macht, daß ich zu essen bekomme! Es ist doch gar zu arg: vor zwei Tagen solltet Ihr schon wieder da sein und kommt nun erst heute nacht!« So sagte er noch einige verdrießliche Worte und ahmte dabei immer die Stimme des Dicken nach. Als der Dicke so rufen hörte und dabei doch seine eigene Stimme zu vernehmen glaubte, sagte er: »Was heißt denn das? Kommt es mir doch vor, der da droben sei ich, der da sagt, Filippo sei in seiner Bude gewesen, als man ihm ankündigte, seine Mutter befinde sich nicht wohl. Und überdies schwatzt er mit Monna Giovanna. Wahrhaftig, ich bin ganz von Besinnung.« Er trat die beiden Stufen wieder hinab und stellte sich zurück, um zu den Fenstern hinaufzurufen. Da kam verabredetermaßen einer namens Donatello hinzu, ein Marmorbildhauer und guter Freund des Dicken; und wie er so in der Dämmerung vorüberging, sagte er: »Guten Abend, Matteo! Suchst du den Dicken? Er ist gerade eben ins Haus hineingegangen.« Nach diesen Worten ging er seiner Wege. War nun der Dicke vorher voll Verwunderung, so stand er nun, wie er hörte, daß Donatello ihn Matteo nannte, ganz verblüfft und ging wieder auf den San Giovanniplatz, indem er zu sich sagte: »Ich will so lange hier bleiben, bis jemand vorbeigeht, der mich kennt, und mir sagen kann, wer ich eigentlich bin. Bin ich denn Calandrino, daß ich so geschwind ein anderer geworden bin, ohne es zu merken?« Und während er so halb von Sinnen dastand, kamen nach Abrede vier Diener des Handelsgerichts nebst einem Notar und mit ihnen ein Gläubiger jenes Matteo, für welchen der Dicke schon auf dem besten Wege war sich zu halten. Der Gläubiger trat dicht zum Dicken heran, wandte sich zu dem Notar und den Bewaffneten und sagte: »Führt mir hier den Matteo hinweg! Dieser ist mein Schuldner. Siehst du wohl, ich habe deine Spur so lange verfolgt, bis ich dich endlich erwischt habe.« Die Gerichtsdiener und der Notar nahmen ihn fest und schickten sich an, ihn hinwegzuführen. Der Dicke aber wandte sich an den, der ihn greifen ließ, und sprach: »Was habe ich mit dir zu schaffen, der du mich festnehmen läßt? Sage, sie sollen mir die Freiheit geben! Du nimmst mich für einen andern, denn ich bin nicht der, für den du mich hältst, und du begehst schweres Unrecht, daß du mir diese Schmach antust, während ich gar nichts mit dir zu schaffen habe. Ich bin der dicke Tischler und nicht Matteo und weiß nicht, für was für einen Matteo du mich ausgibst.« Hiermit wollte er anfangen, sich zu widersetzen, da er groß und sehr kräftig war. Sie fielen ihm aber rasch in die Arme und hielten ihn; der Gläubiger trat vor ihn hin, faßte ihn scharf ins Auge und sagte: »Wie? Du hast nichts mit mir zu schaffen? So? Ich sollte den Matteo, meinen Schuldner, nicht kennen und nicht wissen, wie der dicke Tischler aussieht? Du stehst in meinem Schuldbuche, und ich habe das Urteil gegen dich schon ein Jahr lang erwirkt trotz deiner Schliche. Du hast ganz recht, wie ein Schuft zu sagen, du seiest nicht Matteo; du wirst aber schon lernen müssen, mich zu bezahlen, statt, dich zu einem andern zu machen. Führt ihn nur hinweg, und wir wollen sehen, ob du derselbe bist.« Unter solch heftigem Gezänk führten sie ihn auf das Handelsgericht, und weil es fast schon die Zeit des Abendessens war, trafen sie weder unterwegs noch an Ort und Stelle jemand an, der sie kannte. Dort angelangt schrieb der Notar scheinbar einen Verhaftbefehl auf Matteos Namen ein; man brachte ihn ins Gefängnis, und wie er hineintrat, drängten sich die andern Gefangenen, die den Lärm bei seiner Ankunft vernommen hatten und ihn öfters Matteo nennen hörten, ohne ihn zu kennen, heran und sagten alle: »Guten Abend, Matteo, was soll denn das bedeuten?« Als der Dicke sich von allen diesen Leuten Matteo nennen hörte, schien es ihm fast ausgemacht, daß er es sei, und er sagte, nachdem er ihren Begrüßungen geantwortet hatte, ganz verwirrt: »Ich soll da einem, der mich hat festnehmen lassen, eine Summe Geldes geben, aber ich will mich morgen bei guter Zeit losmachen.« Die Gefangenen sagten: »Du siehst, wir sind eben beim Abendessen. Halt es mit uns, und dann morgen früh magst du dich freimachen. Aber wir können dir aus Erfahrung sagen, daß man hier immer länger bleibt, als man glaubt.« Der Dicke speiste mit ihnen, und nach der Mahlzeit räumte ihm einer den schmalen Rand seines Lagers ein, indem er sagte: »Matteo, richte dich heute nacht hier ein, so gut du kannst! Morgen früh, wenn du loskommst, so ist es gut; wo nicht, so schickst du nach deinem Hause um eine Decke.« Der Dicke dankte ihm; sie legten sich nieder, um zu schlafen; er aber begann im stillen folgende Überlegungen: »Was will ich machen, wenn ich einmal aus dem Dicken der Matteo geworden bin? Und das kommt mir nun ziemlich gewiß vor nach all den Zeichen, die ich gesehen habe. Schicke ich nach Hause zu meiner Mutter und der Dicke ist dort, so machen sie sich lustig über mich, und man wird sagen, ich sei verrückt geworden. Auf der andern Seite scheint es mir aber doch immer noch, ich sei der Dicke.« Und unter solchem Selbstgespräch, bald seiner Sache gewiß, daß er Matteo, bald, daß er der Dicke sei, kam der Morgen heran, fast ohne daß er geschlafen hatte. Als es Tag wurde, erhob er sich, trat an das Fensterchen an der Tür des Gefängnisses und dachte, er müsse gewiß eines Menschen habhaft werden, der ihn kenne. Während er so wartete, trat in das Handelsgericht ein junger Mann namens Giovanni di Messer Francesco Rucellai, der auch zu jener Gesellschaft gehörte und an dem Abendessen sowie an der spaßhaften Verschwörung teilgenommen hatte. Er war ein guter Bekannter des Dicken, der für ihn eben einen Himmel zu einer heiligen Jungfrau anfertigte, und erst gestern war er eine gute Weile bei ihm in der Bude gewesen, um die Arbeit zu beschleunigen, und der Dicke hatte ihm versprochen, ihm in vier Tagen den Rahmen vollständig zu liefern. Wie nun Giovanni in das Gerichtshaus getreten war, streckte er seinen Kopf in den Flur, auf den das Fenster der Gefängnisse ging, das in jener Zeit zu ebener Erde war, und wo sich der Dicke befand. Sobald er Giovanni erblickte, lächelte er und sah ihn an; Giovanni sah ihn auch an und sagte, als ob er ihn niemals gesehen hätte: »Was lachst du, Freund?« Der Dicke, dem es vorkam, er werde von jenem nicht erkannt, sagte: »Oh, ich lache über weiter nichts. Sagt mir, kennt Ihr nicht einen, den man den Dicken nennt, der gleich dort hinten am Platz San Giovanni wohnt und ausgelegte Holzarbeiten macht?« »Ei freilich«, sagte Giovanni. »Ich kenne ihn wohl. Er ist mein guter Freund, und gerade will ich zu ihm gehen wegen einer kleinen Arbeit, die er mir macht.« Der Dicke fuhr fort: »Ach, so tut mir doch den Gefallen, da Ihr ohnehin zu ihm gehen müßt, und sagt ihm: Es sitzt im Handelsgericht einer deiner Freunde gefangen und bittet dich, du möchtest ihm doch den Gefallen tun, einen Augenblick bei ihm vorzusprechen.« Giovanni sagte, indem er ihm fortwährend fest ins Gesicht sah und nur mit Mühe das Lachen verhalten konnte: »Das will ich gern tun.« Damit ging er weiter seinen Geschäften nach. Der Dicke aber blieb am Fenster des Gefängnisses und sagte bei sich selbst: »Nun kann ich sicher sein, daß ich nicht mehr der Dicke, sondern daß ich Matteo geworden bin. Verwünscht sei mein Schicksal! Denn wenn ich die Sache sage, so werde ich vollends für närrisch gehalten, und auf der Gasse laufen mir die Kinder nach; sage ich aber nichts, so können noch hundert Mißverständnisse vorkommen, wie das von gestern abend, daß ich festgenommen wurde; so bin ich also auf jeden Fall übel daran. Wir wollen aber doch sehen, ob der Dicke kommt. Wenn er kommt, so erzähle ich es ihm, und wir werden sehen, was das heißen soll.« Er wartete in dem Wahne, dieser werde kommen, eine geraume Zeit; als er aber nicht kam, trat er zurück, um einem andern Platz zu machen, und stierte das Pflaster zu seinen Füßen an oder blickte mit gefalteten Händen auf zur Decke. Es war dieser Tage in dem besagten Gefängnisse schuldenhalber auch ein Richter in Haft, ein ganz wackerer Mann, ebenso durch den Ruf seiner allgemeinen Bildung als seiner Gesetzkunde bekannt, dessen Name aus Achtung vor ihm hier verschwiegen werden soll. Dieser kannte zwar den Dicken nicht; doch da er ihn so schwermütig sitzen sah und sich einbildete, er sei um seine Schuld betrübt, gedachte er ihn ein wenig zu trösten und sagte zu ihm: »Ei, Matteo, du bist ja so trübselig, als ob es dir geradezu an den Hals ginge, und doch ist nach dem, was du sagst, deine Schuld gering. Man muß sich nicht im Unglück niederdrücken lassen. Warum schickst du nicht nach einem deiner Freunde oder Verwandten aus und suchst deinen Gläubiger zu bezahlen oder dich irgendwie mit ihm zu verständigen, damit du auf freien Fuß kommst und den Mut nicht ganz und gar verlierst?« Als sich der Dicke so wohlmeinend trösten hörte, entschloß er sich, dem Manne seine Not zu klagen. Er zog ihn in einen Winkel des Gefängnisses und hub an: »Obgleich Ihr mich nicht kennt, werter Herr, so kenne ich doch Euch wohl und weiß, daß Ihr ein braver Mann seid. Ich habe daher beschlossen, Euch den Grund zu sagen, warum ich so schwermütig bin. Ihr sollt nicht glauben, daß eine kleine Schuld mir solches Leid erregt; es ist etwas anderes.« Darauf erzählte er ihm von Anfang bis zu Ende alles, was ihm begegnet war, fast unter lauter Tränen, und bat sich zweierlei von ihm aus, daß er erstens mit niemand von dieser Sache spreche, und sodann, daß er ihm irgendeinen guten Rat oder Hilfe in seiner Not erteile. Er setzte hinzu: »Ich weiß, daß Ihr lange Zeit studiert habt und viele alte Bücher und Geschichten gelesen habt, in denen mannigfaltige Ereignisse beschrieben sind. Fandet Ihr wohl jemals eine Geschichte darin, welche dieser gleicht?« Als der wackere Mann diese Rede vernommen und still bei sich erwogen hatte, meinte er, es sei von zwei Fällen nur einer möglich: entweder sei jener närrisch geworden, oder die ganze Sache sei nur eine Posse, – wie es auch war. Er antwortete also schnell, er habe vielerlei der Art gelesen, wie nämlich aus einem Menschen ein anderer geworden sei, und dies sei gerade kein unerhörter Fall. »Ich hatte«, fügte er hinzu, »früher selbst einen Bauern der Art, dem dieses begegnete.« Der Dicke seufzte schwer und wußte gar nicht, was er sagen sollte, wenn das so wäre. »Das nämliche«, fuhr der Richter fort, »liest man von den Begleitern des Odysseus und von andern, welche die Circe verwandelt hat. Allerdings ist, soviel ich höre und nach dem, was ich auch gelesen habe, wenn ich mich recht erinnere, schon mancher wieder zu seiner vorigen Gestalt zurückgekehrt; aber das geschieht doch selten, zumal wenn die Sache lange ansteht.« Darauf sagte der Dicke: »Sagt mir nun aber, wenn ich Matteo geworden bin, wie ist es dann mit dem alten Matteo?« Der Richter antwortete: »Notwendigerweise muß aus ihm der Dicke geworden sein.« »Gut«, sagte der Dicke. »Ich möchte ihn doch auch ein bißchen sehen, um meine Neugier zu stillen.« Unter diesen Gesprächen war es fast Nachmittag geworden, als zwei Brüder dieses Matteo in das Handelsgericht kamen und den Notar der Kasse fragten, ob nicht hier ein Bruder von ihnen gefangen sitze namens Matteo, und wegen welcher Summe man ihn festgenommen habe; sie seien seine Brüder und wollten für ihn bezahlen, um ihn aus der Haft zu befreien. Der Notar der Kasse, der um den ganzen Handel wußte, da er ein guter Freund des Tommaso Pecori war, bejahte die erste Frage, tat, als blättere er in seinem Buche herum, und sagte: »Er ist hier wegen so und so viel auf Ansuchen von dem und dem.« »Gut«, sagten sie, »wir wollen ihm ein paar Worte sagen und alsdann für die Herbeischaffung des Geldes sorgen.« Und auf das Gefängnis zugehend sagten sie zu einem, der am Fenster stand: »Sage doch dem Matteo drinnen, es seien zwei von seinen Brüdern hier, welche kommen, um ihn zu befreien! Er solle ein wenig herkommen.« Während die Brüder hineinschauten, erkannten sie nur zu gut jenen Doktor, der mit dem Dicken sprach. Als der Dicke die Meldung vernommen hatte, fragte er noch den Doktor, was denn aus seinem Bauern geworden sei, und als er ihm sagte, er sei nicht mehr in seine frühere Gestalt zurückgekehrt, machte sich der Dicke doppelt so trübe Gedanken, trat an das Gitter und grüßte sie. Darauf begann der ältere der beiden Brüder solchergestalt zu sprechen: »Du weißt, Matteo, wie oft und viel wir dich ermahnt haben, von dem schlechten Lebenswandel abzulassen, den du seither geführt hast. Du weißt, wir haben dir täglich gesagt: ›Du gerätst tagtäglich in Schulden, heute bei diesem, morgen bei jenem, und bezahlst nie einen Menschen; denn die liederlichen Ausgaben, zu denen dich Spiel und andere Dinge verleiten, machen, daß du nie einen Heller in der Tasche hast.‹ – Nun haben sie dich vollends eingesteckt. Du weißt, daß wir die Mittel haben, und du weißt, wir können jeden Tag für dich bezahlen. Du aber hast seit einiger Zeit, einen wahren Schatz vergeudet für deine Lumpereien, und darum sagen wir dir alles Ernstes, wenn es uns nicht um unsere Ehre wäre und um deine Mutter, die uns keine Ruhe läßt, so ließen wir dich hier ein wenig mürbe werden, damit du in dich gingest. Für diesmal jedoch haben wir uns entschlossen, dich herauszuholen und für dich zu bezahlen, aber mit der Warnung, wenn du wieder einmal hier hineingerätst, so mußt du länger hierbleiben, als dir lieb ist. Damit genug! Damit wir aber bei Tag hier nicht gesehen werden, wollen wir heute abend um Avemaria dich abholen, wenn weniger Leute um den Weg sind, damit nicht jedermann Zeuge unsers Elends wird und wir uns um deinetwillen nicht noch mehr schämen müssen.« Der Dicke gab ihnen gute Worte und versprach hoch und teuer, er wolle in Zukunft ein ganz anderes Leben führen, als er seither getan, und sich hüten, solchen Unfug zu treiben und ihnen so viel Schande ins Haus zu bringen. Er bat sie um Gottes willen, sie möchten ihn ja doch abholen, sobald es Zeit sei. Sie versprachen es zu tun und gingen hinweg; er aber zog sich zurück und sagte zu dem Richter: »Es kommt immer besser bei mir, denn eben Bind zwei Brüder des Matteo dagewesen, eben jenes Matteo, mit dem ich verwechselt werde, und haben mit mir gesprochen gerade, als wäre ich Matteo, und haben mich ernstlich ermahnt, aber dabei gesagt, sie wollen um Avemaria kommen, um mich abzuholen. Und,« fügte er hinzu, »wenn sie mich aus dem Gefängnis wegführen, wo soll ich alsdann hin? In mein Haus kann ich nicht zurück: denn wenn dort der Dicke ist, was soll ich sagen, will ich nicht für einen Narren gehalten werden? Und es scheint mir ganz gewiß, daß der Dicke dort ist; denn wäre er nicht zu Hause, so hätte ja meine Mutter mich suchen lassen, während jetzt, wenn sie ihn vor sich sieht, sie diesen Irrtum nicht gewahr wird.« Der Richter hielt das Lachen nur mit großer Mühe zurück und hatte über die Geschichte eine außerordentliche Freude. »Geh ja nicht dorthin«, sagte er, »sondern folge denen, die sich für deine Brüder ausgeben! Du wirst bald sehen, wohin sie dich führen, und was sie dann mit dir anfangen.« Während sie so zusammen sprachen, kam der Abend heran; die Brüder erschienen und stellten sich, als wenn sie den Gläubiger und die Kasse befriedigt hätten. Da erhob sich der Notar von seinem Sitze mit den Schlüsseln des Gefängnisses und sprach hinein: »Wer von euch ist der Matteo ?« Der Dicke trat vor und sagte: »Ich bin es, mein Herr!« Der Notar betrachtete ihn aufmerksam und sagte: »Diese deine Brüder haben deine Schuld für dich bezahlt; du bist demnach frei.« Darauf öffnete er das Tor des Gefängnisses und sprach: »Geh deines Weges!« Der Dicke trat heraus, und da es schon sehr dunkel war, machte er sich mit jenen auf den Weg nach ihrer Wohnung bei Santa Felicita, wo man nach San Giorgio hinaufgeht. Als sie dort angekommen waren, führten sie ihn in ein Zimmer zu ebener Erde und sagten zu ihm: »Verweile hier, bis es Essenszeit ist!« Sie taten, als wollten sie ihn der Mutter nicht unter die Augen bringen, um sie nicht zu betrüben. Nicht weit vom Feuer war ein kleines Tischchen bereitet. Einer der Brüder blieb bei ihm am Kamin sitzen; der andere ging zum. Pfarrer von Santa Felicita, ihrem Seelsorger, der eine ehrliche Haut war. Zu diesem sagte er: »Lieber Herr, ich komme zu Euch mit dem Vertrauen, wie es ein Nachbar zum andern haben soll. Ihr müßt wissen, daß wir drei Brüder sind, und darunter ist einer, welcher Matteo heißt. Dieser wurde gestern wegen einiger Schulden, die er gemacht, im Handelsgericht verhaftet und hat sich nun die Gefangenschaft so zu Herzen gezogen, daß es uns vorkommt, er sei fast nicht mehr richtig im Kopfe; indes scheint er nur in einem einzigen Punkte zu wanken, in allen andern ist er noch ganz der alte Matteo; die schwache Seite ist nämlich die, daß er sich in den Kopf gesetzt hat, er sei ein anderer geworden, als Matteo. Habt Ihr je eine so tolle Geschichte gehört? Er sagt geradezu, er sei ein gewisser dicker Tischler, welcher seine Bude hinter San Giovanni hat und bei Santa Maria del Fiore wohnt. Das können wir ihm durchaus nicht aus dem Kopf bringen. Wir haben ihn daher aus dem Gefängnis befreit, nach Hause geführt und in eine besondere Stube gebracht, damit seine Narrheiten nicht weiter unter die Leute kommen; denn Ihr wißt wohl, wer einmal aus diesem Horn geblasen hat, der wird, wenn er auch aufs beste zu seinem Verstande zurückkehrt, doch immer gefoppt. Und wenn es unsere Mutter bemerkte, ehe er wieder zur Besinnung kommt, könnten allerlei Unannehmlichkeiten daraus entstehen. Die Frauen lassen sich gar leicht erschrecken; sie ist alt und kränklich. Und darum, um es kurz zu machen, wollen wir Euch bitten, aus Erbarmen mit nach unserm Hause zu kommen, damit Ihr mit ihm sprecht und versucht, ihm seine Einbildungen aus dem Sinne zu bringen. Wir würden Euch zeitlebens dafür dankbar sein.« Der Priester war ein dienstfertiger Mann und erbot sich daher zu allem. Er sagte, wenn er mit ihm spreche, so werde er der Sache bald auf den Grund sehen; er wolle ihm schon so lange und so eindringlich zureden, daß er wohl hoffe, ihm die Sache aus dem Kopf zu treiben. Er machte sich gleich mit jenem auf den Weg nach dem Hause, und als sie vor das Zimmer kamen, wo sich der Dicke befand, trat der Priester hinein, und der Dicke, der in seine Gedanken vertieft dasaß, stand auf, sobald er ihn erblickte. Der Priester sagte zu ihm: »Guten Abend, Matteo!« »Guten Abend und gute Zeit!« erwiderte der Dicke. »Was führt Euch zu mir?« Darauf entgegnete der Priester: »Ich bin gekommen, um ein wenig bei dir zu bleiben.« Sodann setzte er sich nieder und sagte zu dem Dicken: »Setze dich hier neben mich: ich will dir dann sagen, was mein Begehr ist.« Der Dicke, um nicht zu widersprechen, setzte sich zu ihm hin, und der Priester fing an, ihm folgende Ermahnung zu halten: »Die Ursache, weshalb ich hierher gekommen bin, Matteo, ist, weil ich eine Sache vernommen habe, die mir ernstlich Kummer macht. Wie ich nämlich gehört habe, bist du dieser Tage schuldenhalber auf dem Handelsgerichte verhaftet gewesen, und wie es scheint, hast du dir dies so zu Herzen gezogen, daß du nahe daran bist, den Verstand zu verlieren. Unter andern Torheiten, die du, wie ich höre, begangen hast und noch begehst, sollst du auch behaupten, daß du nicht mehr Matteo seiest und durchaus ein anderer sein willst, ein Holzarbeiter, den man den Dicken heißt. Du bist sehr zu tadeln, daß du um einer kleinen Widerwärtigkeit willen einem so großen Schmerz in deinem Herzen Raum gibst, der dich in den Verdacht bringt, du seiest nicht recht bei dir, und der dich, was dir nicht eben zur Ehre gereicht, durch deine Hartnäckigkeit in diesem Punkte zum Gespötte der Menschen macht. Um sechs Gulden? Ist denn das so etwas Arges? Und noch überdies wenn sie bezahlt sind! Lieber Matteo«, sagte der Priester, ihm die Hand drückend, »ich wünschte in Wahrheit, du ließest davon ab, und ich bitte dich, daß du mir zuliebe das Versprechen tuest, von diesem Augenblicke an diese Narrheit aufzugeben und wieder an deine Geschäfte zu gehen, wie es einem rechtschaffenen Manne geziemt, und wie alle andern Leute tun. Du würdest damit diesen deinen Brüdern große Freude bereiten und jedem, der es gut mit euch meint, und mir selber. Ist denn dieser Dicke ein so großer Meister oder ist er so reich, daß du lieber er sein willst als du ? Welchen Vorteil siehst du denn dabei, daß du dies tust? Vorausgesetzt auch, jener sei ein würdiger Mann, und er sei reicher als du (während er doch nach dem, was mir die Deinigen sagen, eher unter dir steht), so wirst du doch dadurch, daß du sagst, du seiest er , darum nicht seinen Wert noch seinen Reichtum erlangen. Erführe die Welt, daß du von Sinnen gewesen bist, selbst wenn du nachher wieder zum besten Verstände von der Welt gelangtest, und was du auch tun möchtest, man würde doch immer sagen, du seiest verrückt gewesen, und du wärest ein verlorener Mensch. Kurz, sorge, daß du ein Mensch bist und kein Vieh, und laß alle diese Possen schwinden! Darum bitte ich dich inständig. Was Dicker oder nicht Dicker! Mach es nach meiner Weise! Ich rate dir zu deinem Besten.« Dabei schaute er ihm recht freundlich ins Gesicht. Als der Dicke ihn so liebreich hatte reden hören und die passenden Worte erwogen hatte, die er zu ihm gesprochen, zweifelte er nicht mehr daran, daß er Matteo sei, und antwortete ohne Bedenken, er sei bereit, in betreff dessen, was er von ihm verlange, sein möglichstes zu tun, indem er wohl einsehe, daß alle seine Reden nur auf sein Bestes abzwecken. Er versprach ihm, von nun an sich alle Mühe zu geben, daß er nicht mehr auf den Gedanken komme, ein anderer zu sein als er selbst, nämlich Matteo. Aber er bitte ihn nur um eine einzige Gunst, wenn sie gewährt werden könne, nämlich er möchte nur ein einziges Mal mit jenem Dicken sprechen, um sich vollkommen zu überzeugen. Hierauf erwiderte der Priester: »Dies würde sich gar schlecht mit deinem Nutzen vertragen. Ich sehe wohl, daß du die Grillen noch immer im Kopfe hast. Was brauchst du überhaupt mit dem Dicken zu reden? Was hast du mit ihm zu schaffen? Je mehr du darüber sprichst, je mehr Leuten du diese Sache entdeckst, desto schlimmer ist es für dich, und desto mehr schadet es dir.« Und in diesem Ton sprach er dem Dicken so lange zu, bis er sich endlich zufrieden gab und von dem Wunsche, mit ihm zu sprechen, abstand. Darauf ging er weg von ihm, erzählte den Brüdern, was er getan und gesprochen habe, und was Matteo ihm zugesagt. Darauf verabschiedete er sich von ihnen und kehrte in die Kirche zurück. Einer der Brüder drückte ihm einen Silbergroschen in die Hand, um die Sache noch glaubhafter zu machen, und dankte ihm für seine Mühe. Mittlerweile, während der Priester den Dicken vornahm, war Filippo di Ser Brunellesco heimlich herbeigeschlichen und hatte sich unter unendlichem Gelächter in einem entfernten Zimmer von einem der Brüder alles wiedererzählen lassen, wie der Dicke aus dem Gefängnis gebracht worden war, was sie ihm unterwegs gesagt hatten und so fort. Er hatte in einen großen Becher ein Getränk gegossen und sprach zu einem der beiden Brüder: »Macht, daß Ihr ihm unter dem Nachtessen dies zu trinken gebt, entweder im Wein oder wie Ihr am liebsten wollt, ohne daß er es merkt. Es ist ein Schlaftrunk, auf den er so fest einschlafen muß, daß er es ein paar Stunden lang nicht fühlen würde, und wenn man ihn prügelte. Gegen fünf Uhr will ich dann wieder nachsehen, und wir besorgen dann das übrige.« Die Brüder kehrten in die Stube zum Dicken zurück und setzten sich mit ihm ans Essen, als es schon drei Uhr vorüber war. Während sie so bei Tisch saßen, brachten sie ihm den Schlaftrunk so geschickt bei, daß er gar nichts davon merkte. Als sie fertiggespeist hatten und ein wenig am Feuer saßen, begann die Arznei so kräftig zu wirken, daß der Dicke mit aller Mühe die Augen nicht mehr offenhalten konnte vor schwerem Schlafe, der ihn bewältigte. Die andern sagten zu ihm: »Matteo, du scheinst ja vor Müdigkeit umzufallen. Du hast wohl heute nacht wenig geschlafen?« Das hatten sie getroffen. »Ich versichere euch«, erwiderte hierauf der Dicke, »daß ich mein Leben lang nicht so schläfrig gewesen bin. Es könnte nicht ärger sein, wenn ich einen Monat lang nicht geschlafen hätte. Ich will mich daher zu Bette legen.« Er fing an, sich auszukleiden, hatte aber kaum noch Kraft, die Schuhe abzuziehen und sich auf das Bett zu werfen, so war er schon fest eingeschlafen und schnarchte wie ein Schwein. Zur festgesetzten Stunde kehrte Filippo di Ser Brunellesco mit sechs seiner Gefährten zurück und trat in die Kammer, wo jener lag. Da sie bemerkten, daß er fest schlief, so nahmen sie ihn und legten ihn mit allen seinen Kleidern auf eine Tragbahre und trugen ihn nach seinem Hause, welches ganz leer stand, weil seine Mutter zufällig noch nicht vom Lande zurückgekehrt war. Sie trugen ihn an das Bett, legten ihn hinein und warfen seine Kleider an denselben Platz hin, wo er sie selbst hinzutun gewohnt war; doch ihn selbst kehrten sie mit dem Kopfe dahin, wo er sonst die Füße zu legen pflegte. Als dies geschehen war, nahmen sie die Schlüssel zu seiner Bude, die an einem Haken in seiner Schlafkammer hingen, machten sie auf, traten hinein und legten alle seine eisernen Werkzeuge an einen andern Ort, als wo sie bisher lagen. Alle Eisen an den Hobeln rissen sie aus dem Gestell und drehten die Schneide gegen oben und das Dicke nach unten. Ebenso machten sie es mit allen Hämmern und mit den Äxten, und in der ganzen Bude verwirrten sie alles auf eine Art, daß es schien, es hätten hunderttausend Teufel darin ihr Wesen getrieben. Endlich schlossen sie den Laden wieder ab, trugen die Schlüssel in das Zimmer des Dicken zurück, schlössen auch dort die Tür und gingen sodann jeder nach Haus, um zu schlafen. Der Dicke, betäubt von dem Tranke, schlief diese ganze Nacht über, ohne je zur Besinnung zu kommen. Des andern Morgens aber, um die Zeit des Avemaria in Santa Maria del Fiore, hatte der Trank seine Wirkung vollendet: der Dicke erwachte, als es schon Tag war; und als er die Glocke erkannte und die Augen aufschlug, erkannte er bei der durch ein Zugloch einfallenden Helle, daß er in seinem eigenen Hause war, und als er sich aller frühern Ereignisse erinnerte, überfiel ihn das größte Erstaunen. Er erinnerte sich, wo er am vorigen Abend zu Bett gegangen war und wo er sich damals befand, und mit einemmal war er von Zweifeln bestürmt, ob er das alles geträumt habe, oder ob er jetzt träume. Bald schien ihm das eine wahr zu sein, bald das andere, und nach einem recht aus Herzensgrund hervorgeholten Seufzer rief er: »Gott steh' mir bei!« Er sprang aus dem Bette, kleidete sich an, nahm die Schlüssel der Bude auf und rannte dahin. Als er aufgeschlossen hatte, sah er die ganze Werkstätte in Verwirrung, alle Eisen verkehrt und von ihrem Platz entfernt, worüber er nicht wenig sich verwunderte. Doch räumte er allmählich auf und rückte die Gegenstände wieder zurecht. Da kamen auf einmal die zwei Brüder Matteos, und als sie ihn so beschäftigt fanden, sagte einer von ihnen, gerade wie wenn sie ihn nicht kennten: »Guten Tag, Meister!« Der Dicke drehte sich nach ihnen um, und als er sie erkannte, verfärbte er sich ein wenig, sagte aber dennoch: »Guten Tag und gutes Jahr! Was führt euch her?« Einer von beiden sprach: »Ich will es dir sagen. Wir haben einen Bruder, namens Matteo; dieser wurde vor einigen Tagen verhaftet und ist aus Kummer darüber halb von Sinnen gekommen. So sagt er unter anderm, er sei nicht mehr Matteo, sondern der Meister dieser Bude, den man, wie es scheint, den Dicken heißt. Wir haben ihn nun sehr ermahnt und ihm auch gestern abend von dem Priester unserer Pfarre zusprechen lassen, der ein sehr braver Mann ist. Dem hatte er versprochen, sich diese Narrheit aus dem Sinn zu schlagen, so daß er auch mit dem besten Appetit zu Nacht speiste und in unserer Gegenwart zu Bett ging. Diesen Morgen aber hat er sich, ohne daß es jemand merkte, davongeschlichen, wir wissen nicht wohin. Deshalb sind wir hierhergekommen, um zu sehen, ob er wohl dagewesen ist, oder ob du uns nichts von ihm zu sagen weißt.« Dem Dicken schwindelte es bei diesen Reden. Er erwiderte: »Ich verstehe nicht, was Ihr sagt, und begreife nichts von Euren Possen. Matteo ist nicht hierhergekommen, und wenn er sich für mich ausgibt, begeht er eine große Schurkerei. Bei meiner Seele, treffe ich einmal mit ihm zusammen, so will ich meine Lust an ihm büßen und will doch sehen, ob ich er bin oder er ich ist. Was zum Teufel ist das für ein Spuk die zwei Tage her!« Mit diesen Worten ergriff er voll Zorn seinen Mantel, zog die Tür des Ladens hinter sich zu, ließ jene stehen und lief unter heftigen Drohungen gegen Santa Maria del Fiore zu. Die Brüder machten sich hinweg, und der Dicke trat in die Kirche, wo er auf- und niederschritt, wie ein Löwe aussehend, so wütend war er über diese Geschichte. Unterdessen kam ein Handwerksgenosse von ihm eben dahin, der mit ihm bei dem Meister Pellegrino in Terma das Schreinerhandwerk erlernt hatte. Dieser junge Mann war schon vor mehreren Jahren ausgewandert und nach Ungarn gezogen, und es war ihm dort sehr gut ergangen durch die Unterstützung eines andern Florentiners, des Filippo Scolari, der sich lo Spano nannte und damals Generalkapitän des Heeres von Sigismund, dem Sohn König Karls von Böhmen, war. Dieser Spano nahm alle Florentiner gut auf, die sich durch Kenntnisse oder Geschicklichkeit irgend auszeichneten, da er ein sehr wackerer Mann war und seine Landsleute ganz besonders liebte, wie er denn auch von ihnen geliebt zu werden verdiente, da er sich gegen so viele wohltätig erwies. Um diese Zeit nun war jener nach Florenz gekommen, um sich zu erkundigen, ob er nicht von dort einen Meister seines Handwerks mitnehmen könne, weil er so viele Arbeiten übernommen hatte. Schon mehrmals hatte er mit dem Dicken davon gesprochen und ihn gebeten, mit ihm zu ziehen, wobei er ihm in Aussicht stellte, wie sie in wenigen Jahren reich werden könnten. Als er ihm hier wieder begegnete, sagte der Dicke: »Du hast mir schon mehrmals zugeredet, mit dir nach Ungarn zu ziehen, und ich habe es dir immer abgeschlagen. Jetzt habe ich um eines sonderbaren Unfalls willen und wegen einiger Mißhelligkeiten mit meiner Mutter den Entschluß gefaßt, mit dir zu ziehen, wenn du mich anders noch haben willst. Wenn es dir recht ist, so will ich morgen früh schon abreisen; denn bliebe ich noch länger, so könnte wieder etwas dazwischenkommen.« Der junge Mann sagte zu ihm, es werde ihm sehr lieb sein; doch könne er morgen nicht schon abreisen, da er sonst noch Geschäfte habe; er könne aber ja morgen früh gehen, wenn er wolle, und ihn in Bologna erwarten, wo er auch in wenigen Tagen eintreffen werde. Der Dicke war damit zufrieden, und so wurden sie eins. Der Dicke ging daher in den Laden zurück, nahm viele von seinen Werkzeugen und einige Kleinigkeiten, die er fortbringen konnte, sowie einiges Geld, das er hatte. Als dies geschehen war, ging er nach Borgo San Lorenzo, mietete ein Pferd nach Bologna, stieg am folgenden Morgen auf und nahm seinen Weg dorthin, nachdem er einen an seine Mutter geschriebenen Brief zurückgelassen hatte, worin es hieß, sie möge alles, was im Laden zurückgeblieben sei, als Geschenk behalten; er gehe nach Ungarn; sie solle verkaufen, was sie finde. Auf diese Art schied der Dicke von Florenz, erwartete in Bologna seinen Gefährten und reiste mit ihm nach Ungarn, wo ihre Geschäfte so gut vonstatten gingen, daß sie in wenigen Jahren durch die Gunst des genannten Spano nach ihren Verhältnissen reich wurden. Spano machte ihn zum Kriegswerkmeister, und er führte den Namen Meister Manetto von Florenz. Der Dicke kam später mehrmals nach Florenz, und als ihn Filippo di Ser Brunellesco um seine Auswanderung befragte, erzählte er ihm in bester Ordnung diese Geschichte und gab sie als Grund seines Weggehens von Florenz an. Der Hauptmann von Norcia Da ich mich bei der großen Sterblichkeit im Jahre des Herrn 1430 Geschäfte halber in Florenz aufhielt und gerade im Monat Juli wie gewöhnlich die größte Hitze herrschte, kam ich eines Tages auch einmal an die Loggia der Buondelmonti in Gesellschaft eines Venezianers Piero und mit Giovannozzo Pitti. Wir sprachen von Tagesangelegenheiten und besonders von der Pest, als einige gute Freunde zu uns traten, worunter Lioncino di Messer Guccio de'Nobili. Dieser unterbrach unsere Unterhaltung und sagte mit ganz heiterer Miene: »Lassen wir die Toten bei den Toten und die Ärzte bei den Kranken! Wir Gesunde aber wollen nach Freude trachten und lustig sein; sonst könnte es mit unserer Gesundheit auch nicht mehr zu lang dauern. Ich mache mich anheischig, wenn ihr mit mir kommen wollt, euch für den Rest des Tages Lust und Unterhaltung zu bereiten.« Alle antworteten ihm, er möge einen Weg nach seinem Belieben einschlagen, wir werden ihm alle nachfolgen und gehorchen; und so wandte er sich denn zwischen Giovannozzo Pitti und Piero dem Venezianer nach der alten Brücke zu. Wir gingen hinüber, und er geleitete uns unter mannigfaltigen anmutigen Gesprächen nach dem Pittischen Garten, woselbst sogleich von Giovannozzo Pitti unter einer Jasminlaube, in deren Mitte ein feiner frischer Wasserstrahl aufschoß, ein Tisch bestellt wurde, voll von Früchten, wie man sie in dieser Zeit brauchte, nebst zwei Kühlgefäßen voll der besten weißen und roten Weine. Als wir uns dort einige Zeit aufgehalten und alle erfrischt hatten, machte Piero der Venezianer mit einem lustigen Anfang unsere Aufmerksamkeit rege und begann die Geschichte von Madonna Lisetta, die ich sonst auch von ihm gehört und dir erzählt habe. Sie war aber um so ergötzlicher, als er alle Bewegungen und Gebärden der Frau und des Bauers nachmachte, mit Lachen und Weinen abwechslungsweise und zu gleicher Zeit, so daß wir die Sache selbst zu sehen und zu hören glaubten. Als er damit fertig war und wir eine gute Weile darüber gelacht hatten, wandte sich Lioncino noch in vollem Lachen zu ihm und sagte: »Piero, ich wünsche, daß unser so lange andauernder Streit endlich zur Entscheidung komme, und daß du dich überzeugest, daß ich besser erzählen kann als du. Diese wackern Männer, welche deine Geschichte gehört haben, werden so geduldig sein, auch eine von mir zu hören. Geben sie das Urteil, daß diese ergötzlicher ist als die deine, so werde ich mich fortan den Meister nennen; im entgegengesetzten Falle aber werde ich die Meisterschaft dir zugestehen.« Piero erklärte sich einverstanden, Lioncino strich sich den Bart, trank einen Schluck und fing darauf also an: »Ihr kennt, glaube ich, alle den Bianco Alfani oder habt doch oft von ihm gehört. Er scheint auf den ersten Anblick noch jung, mag aber doch über vierzig Jahre auf dem Rücken haben; und wenn man ihm auch sogleich ansieht, daß er listig und boshaft ist, so paßt doch seine List mehr zu seinem scheinbaren Alter als zu seinem wirklichen, wie ihr erfahren könnt, ehe wir heute auseinandergehen. Er war von Jugend auf bis jetzt fast immer Aufseher im Schuldgefängnisse, wo er die armen Gefangenen auslöste und sich dadurch schon viel Geld erworben hat. Da er aber immer ein lustiger Bruder war und die Frauen gern sah, besonders die jungen, so blieb ihm wenig von seinem Erwerb übrig, und was er mit dem wenigen angefangen, das sollt ihr nun hören. Voriges Jahr pflegte er oft auf den Neumarkt zu kommen und hatte dort des Abends nach dem Essen immer einen Kreis von jungen Leuten um sich, die ihm nachliefen wie die Vögel der Eule, um seine Aufschneidereien und Geschichten zu hören, an welchen sie großes Gefallen fanden. Als wir nun eines Abends auch einmal auf unserm Bänkchen saßen, Herr Antonio der Hofnarr, Herr Niccolò Tinucci und ich, war jener Bianco nahe bei uns mit seiner Zuhörerschaft, wie gewöhnlich. Wir hörten ihre Gespräche mit an und fanden allmählich Vergnügen an seiner Einfalt und an dem, was jene Jungen zu ihm sagten. Wir hatten ihm so eine Weile zugehört, als Herr Niccolò zu uns sagte: Ich will euch einen Spaß machen. Voriges Jahr war hier ein gewisser Giovanni di Santi von Norcia Exekutor, mit dem dieser Strohkopf früher einmal, ich weiß nicht in welcher Angelegenheit, in Norcia war und deswegen so vertraut mit ihm wurde, daß ich, der ich genau mit jenem bekannt bin und ihn in Geschäften einiger Freunde oft besuchte, ihn fast immer, wenn ich hinkam, bei ihm antraf, und Giovanni hatte seine größte Lust an ihm und ließ ihn den Wahnsinnigen spielen, wie ihr diesen Abend es ihn habt ausführen sehen. Einstmals hatte ihn Giovanni mit irgendeinem unbedeutenden Geschäft beauftragt, denn er verwandte ihn zu dergleichen kleinen Dingen, und sagte: Geh, mein Bianco, und komm gleich wieder mit der Antwort, und sei versichert, ich will dich noch einmal für alle die Mühe entschädigen, die ich dir mache, und zwar mit etwas anderm als mit Zetteln oder sonstigen Lumpereien! Wenn Ihr mich auch entschädigt, antwortete er, ich kenne vielleicht die Norciner nicht recht. Kenne wen du willst! sagte Giovanni. Ich habe, da ich so zu Hause bin, überlegt, nicht zu ruhen, bis ich dich zum Hauptmann von Norcia gemacht habe. Hört einmal, das wäre etwas! Und dazu wollte ich den Amtsstab nicht schlechter führen als Ihr den Eurigen. Gut, das wollen wir bald sehen. Nur vorwärts! sagte Bianco und ging sehr heiter weg, wohin man ihn gewiesen hatte. Als er weg war, brach der Exekutor in ein Gelächter aus und sagte zu mir: Was dünkt Euch, Herr? Der Mensch glaubt sicher, er werde unser Hauptmann, und ich weiß nicht, ob man ihn nur als Anführer der Häscher haben wollte. Aber wißt Ihr was? Wenn ich ihn in dieser Hoffnung bestärke, so macht das mir Spaß, und er besorgt mir doch meine kleinen Geschäftchen pünktlicher. Was sagt aber ihr dazu, daß sich diesem verrückten Menschen die Sache so fest in den Kopf gesetzt hatte, daß ich ihn später nie dort traf, ohne daß er auf das Kapitel kam und darüber gehänselt und geneckt wurde von allen Leuten im Hause bis auf die Häscher hinab, ohne daß er es je merkte. Ja, zuletzt, als Giovanni wegging und ich ihn bis an das Bad von Ripoli begleitete, kam er auch daher und erinnerte ihn beim Abschied sehr eindringlich daran. Der Freund sagte zu ihm: Sei gutes Muts! Ich werde dir mein Versprechen halten. Und so zählte er darauf so gewiß wie auf den Tod nach den Worten, die er mir, als wir zusammen zurückkehrten, unterwegs mitteilte. Als ich Herrn Niccolò angehört hatte, fing ich an zu lachen und sagte: Mit diesem Menschen ließe sich ein herrlicher Spaß anrichten, wenn es wahr ist, was Ihr da gesagt habt. Wenn wir ihm einen Brief schicken, als käme er von diesem Giovanni di Santi, und worin er ihn in der Sache bestärkt, so steigern wir ihn noch mehr in seiner Narrheit und kriegen hier des Abends tausend neue Dinge von ihm zu hören. Ganz gewiß, sagte Herr Niccolò. Hand ans Werk! rief Herr Antonio. Der Brief ist meine Sache, denn die norcische Mundart habe ich wohl besser weg als sonst einer von euch. Ihr übernehmt dann die Sorge der Zusendung, Herr! Morgen früh sollt Ihr ihn fertig haben. Er hielt Wort, denn am andern Morgen brachte er einen Brief, den jedermann für von einem Norciner verfaßt erkannt hätte. Darin stand denn wirklich, ein Verwandter von ihm sei durchs Los zum Wahlmann des Hauptmanns bestellt worden und er hoffe gewiß, seine Wahl durchzusetzen; er solle aber noch nicht davon sprechen. Herr Niccolò ließ ihn von einem befreundeten Notar abschreiben und übersandte ihn durch einen vertrauten Eilboten, der eben vom Land kam und ganz mit Staub überdeckt war, so daß man ihm wohl ansah, daß er von weiterher kam. Er ging in die Straße dell'Orto hinter San Piero dem Größern, wo jener wohnte, fragte nach dem Hause, und es wurde ihm gezeigt. Er fand den Bianco an der Tür, machte ihm seine Reverenz und gab ihm den Brief. Als er ihn gelesen hatte, nahm er ganz beglückt den Boten bei der Hand und führte ihn, er mochte wollen oder nicht, zum Abendessen. Als Bianco ihn nach Giovanni fragte, antwortete er ihm, wie er von dem Herrn unterwiesen war. Nachdem sie gegessen hatten, sagte der Bote, er wolle des andern Morgens bei guter Zeit aufbrechen, und er könne ihm eine Antwort mitgeben, wenn er wolle. Bianco setzte eine Antwort auf, gab sie dem Boten, und dieser brachte sie dem Herrn Niccolò, welcher uns besuchte und sie uns vorlas, und wir entnahmen daraus, daß jener der festen Hoffnung lebe. Überdies, als wir desselbigen Tages nach dem Schuldgefängnisse gingen, fanden wir, daß er bald zu diesem Gefangenen, bald zu jenem oder auch zu den Dabeistehenden bei jeder Gelegenheit sagte: Ich komme doch noch einmal weg aus diesem Spitzbubennest. Wahrlich, es wird nicht ein Monat umgehen, so wird man sehen, ob ich etwas oder nichts gelte. Außerdem machte er noch tausend andere Torheiten, die uns in unsern Gedanken bestärkten, weshalb wir denn die Sache weiter ausspinnen zu können glaubten. Wir schrieben von neuem einen Brief gleichfalls im Namen des besagten Giovanni und überschickten ihn durch denselben Boten einige Tage später. Bianco wurde darin benachrichtigt, daß er gewählt sei, und daß er ihm in einigen Tagen die Wahlurkunde zusenden werde. Er solle aber die Sache vollkommen in der Stille halten, bis die Urkunde erfolge. Auf diesen Brief erhielten wir alsbald Antwort, und in einer Weise, daß wir uns vornahmen, die Mystifikation auf die Spitze zutreiben. Darum verfertigte nach einigen Tagen Herr Niccolò eine Wahlurkunde nach seinem Geschmack. Diese wurde sofort mit einem großen Siegel, das wir von Ciave borgten, gesiegelt und dann in Begleitung eines Briefs, gleichfalls im Namen des besagten Giovanni, ihm durch den nämlichen Laufboten übersandt mit der Weisung, er solle sich am vierundzwanzigsten Juli in Pergola, drei Meilen von Norcia, einfinden und nur für Fahnen und Rüstung und einiges Tafelweißzeug sorgen; auf alles übrige wolle er selbst bedacht sein; vor allem aber solle er nicht vergessen, einen passenden Ritter mitzubringen. Als der Bote zu ihm kam, zeigte er sich ganz heiter. Der Bote zog seinen Hut ab, überreichte den Brief und sprach: Wohl bekomme es Euch, gnädiger Herr! Bianco las den Brief und war über den Anblick der Wahlurkunde so entzückt, daß er sich nicht zu fassen wußte. Er nahm den Boten mit nach Hause und schenkte ihm vierzig Groschen, wobei er ihm noch mehr zu geben versprach, sobald er in Norcia wäre. Sodann schrieb er ihm die Antwort und konnte es kaum erwarten, bis er auf den Neumarkt kam. Sobald er zu Abend gegessen hatte, ging er dahin, machte sich zu einer Gesellschaft, welche in unserer Nähe war, und unterbrach ihre Unterhaltung mit den Worten: Nun, glaubt ihr jetzt, daß man den Bianco kennt, oder meint ihr, er gelte nichts? Man drehte sich nach ihm um und fragte ihn: Wie? Was gibt es Neues, Bianco? Was bedeuten diese Reden? Er antwortete, seine Wahlurkunde in der Hand haltend: Wenn dieser Brief nicht lügt, so werde ich bald sehen, ob ich nicht einen Herrscherstab so gut führen werde als ihr da. Endlich sagte er ihnen, wie er zum Hauptmann von Norcia erwählt sei, und begann großzusprechen; sie aber fingen an ihn zu ärgern, daß es ein wahres Fest war. Nachdem er eine Weile bei ihnen geblieben, sahen wir ihn auf uns zukommen, und er sagte, zu Herrn Niccolò gewendet: Unser Giovanni ist doch ein Ehrenmann, denn er hat, was er mir in Eurem Beisein versprochen, vollständig und ohne allzulange warten zu lassen mir erwirkt. Er hielt das Papier in der Hand und sagte: Da haben wir die Geschichte. Welche Geschichte? fragte Herr Niccolò. Nun, sagte Bianco, die Wahl zur Hauptmannschaft von Norcia. Auf Ehre? Auf meine Ehre! Und wenn Ihr mir nicht glaubt, so lest selbst! Herr Niccolò las und sagte dann: Es ist so. Er hat recht. Jetzt sorge nur für eines, Bianco, daß du dem auch Ehre machst, der dir solche Ehre erweist. Und dabei ermunterten ihn alle, nur recht anständig hinzukommen. Sodann nach vielen andern Gesprächen trennten wir uns; er ging nach Hause, wir aber machten unserer Freude Luft, denn wir hatten uns kaum enthalten können zu lachen. Am folgenden Morgen nun ging unser Bianco mit seiner Urkunde in der Hand (denn ohne diese, meinte er, würde man ihm nicht glauben) in ganz Florenz umher und rief sein neues Amt aus, auf das er nicht hätte gehen sollen. So ging es mehrere Tage fort, und obgleich er die Urkunde hatte, so war doch die Zahl derer, die ihm nicht glaubten, größer als die der andern. Als man aber sah, daß er die Fahnen machen ließ und Pferde kaufte, gab es doch viele, welche anfingen, ihm Glauben zu schenken, so sehr sie sich auch über die Sache wunderten. Nun begab es sich, als er das bare Geld, das er hatte, ausgegeben und er noch mehr brauchte, daß er in Verlegenheit zu kommen schien. Da fiel ihm aber ein, daß Herr Martino, damals Notar der Reformationen, ihn schon mehrmals mit dem Gesuch angegangen hatte, ihm ein Stück Land zu verkaufen, welches er hinter der Kirche des heiligen Markus besaß und womit der Notar eine ihm zugehörige Kapelle in der genannten Kirche beschenken wollte. Bianco hatte bisher nie eingewilligt; nun aber dachte er, dieses Mittel könne ihm die nötige Hilfe verschaffen. Er suchte daher sogleich den besagten Herrn Martino auf und sagte zu ihm also: Ihr habt von mir mein Stück Land bei Sankt-Markus kaufen wollen. Ich mochte mir nicht die Mühe geben, den Kauf abzuschließen, da wir gerade unsere böse Zeit hatten, und deswegen habe ich bis jetzt meine Zustimmung nicht gegeben. Nun aber kommt mir etwas dazwischen. Dabei erzählte er ihm alles und sagte: Wollt Ihr, so setzt Ihr selber den Preis fest! Denn ich will nun lieber, so ungern ich daran gehe, mein Eigentum verkaufen und dem Ehre machen, der mich so zu Ehren bringt. Wenn ich wieder zurückkomme, so habe ich ohnedem Geld im Überfluß, und ich kaufe mir von meinen Zinsen Güter, die mehr wert sind als dieses Stück. Als Herr Martino solches hörte, wünschte er ihm Glück und sagte: Man sieht dir wohl an, Bianco, daß du aus dem Hause der Alfani stammst, und daß dein Sinn dem deiner Voreltern gleicht. Du tust sehr wohl daran, dich ehrenhaft auszustatten, um dort anständig aufzutreten. Und damit dir nichts fehle, bin ich zufrieden, deinen Willen zu erfüllen, und mache du nur selbst den Anschlag! Kurz, sie wurden ohne große Schwierigkeit, da Herr Martino ein gescheiter und rechtschaffener Mann war, auf einen ganz billigen Kaufpreis handelseinig. Es ward noch an demselben Tag eine Anweisung aufgesetzt auf die Bank des Esau Martellini, wo er ihm das Geld auszahlen ließ, und sobald Bianco dieses hatte, brachte er alles, was ihm noch fehlte, in Ordnung. Als nun die Zeit zum Aufzug herannahte, nahm er einen Richter, einen Ritter und einen Notar, die er nach Angabe der Wahlakte mitzubringen hatte, ingleichem Diener und Edelknaben. Einige Tage vor der Abreise ging er durch ganz Florenz mit seiner Dienerschaft hinter sich her, nahm Abschied von allen seinen Freunden und Bekannten und versprach allen, er wolle sich so brav halten, daß dieses Amt nicht das letzte sein werde. Als nun der Tag der Abreise endlich gekommen war, schritten die Häscher zu Fuß vorauf, dann kam er selbst mit seiner übrigen Dienerschaft, im ganzen acht Berittene, und so schlug er den Weg gegen Arezzo ein. Dort angelangt besuchte er den Hauptmann und den Schultheißen. Das gleiche tat er zu Castiglione, zu Tortona und zu Perugia bei den Florentinern, die sich daselbst befanden. Als diese ihn so stattlich aufziehen sahen und hörten, wo er hinwolle, wunderten sie sich sehr, zumal da sie ihn kannten. Doch wurde ihm von allen aus Rücksicht auf seine Vaterstadt viel Ehre erwiesen. Er schied von Perugia und ritt nach Pergola, wo er gerade am vierundzwanzigsten, wie man ihm geschrieben hatte, ankam und vom Wirte freudig und gefällig aufgenommen wurde, wie es so Wirtssitte ist. Bianco stieg ab und brachte seine Gerätschaften in Ordnung, und da ihn der Wirt so gut ausgestattet sah, sagte er zu ihm: Edler Herr, wenn es erlaubt ist zu fragen, wohin geht Ihr als Regent? Wie? Wohin ich gehe? entgegnete Bianco. Ich bin der Hauptmann von Norcia. Der Wirt war ganz betroffen, besann sich ein wenig und sagte dann: Habt Ihr mich zum Narren? Der Hauptmann hat sein Amt angetreten vor noch nicht vierzehn Tagen; es ist ein wackerer Römer. Geh mir, guter Freund! Geh! sagte Bianco. Du willst wohl sagen, der Schultheiß, denn der Hauptmann bin ich; und wenn du doch darüber im Zweifel bist, so lies hier! Damit zog er die Wahlurkunde aus dem Busen und gab sie ihm in die Hand. Der Wirt, welcher etwas lesen konnte, verstand den Inhalt, kam fast auf den Gedanken, er habe geirrt, zuckte die Achseln und sagte: Gewiß bin ich diesen Abend nicht recht bei Sinnen. Er brach das Gespräch ab, so gut er konnte, und ordnete das Nachtessen an. Bianco aber wandte sich an seine Beamten und sagte: Unser Wirt ist kein großer Gedächtniskünstler, da er den Schultheiß und den Hauptmann untereinander mengt. Sobald sie aber angefangen hatten zu speisen und der Wirt dachte, es sei nun alles im Gang, überließ er die Bedienung der Gäste einem Neffen und seinen Dienern, bestieg eine Stute und ritt wirklich nach Norcia. Dort suchte er einen Gevatter auf und sagte: Gevatter, diesen Abend ist mir der seltsamste Fall von der Welt begegnet. Und er erzählte ihm alles. Sein Gevatter aber hub an zu lachen und sagte zu ihm: Ich weiß nicht, wer von uns schwanger ist; aber das weiß ich, daß du ein dummes Vieh bist. Weißt du nicht, daß der Hauptmann am achten dieses Monats eingezogen ist? Der Schultheiß aber hat vor noch nicht drei Monaten sein Amt angetreten. Entweder führt dich dein Gast am Narrenseil, oder er ist selbst ein Narr. Wie Teufels aber, sagte der Wirt, er hat mir ja die Wahlurkunde gezeigt! Unter solchem Hin- und widerreden kam er auf den Marktplatz, wo das Gespräch fortgesetzt wurde. Sie gesellten sich zu noch einigen andern Städtern, von welchen die einen darüber Possen rissen, die andern sich verwunderten. Indes forderten ihn einige auf, den Stadtvorstehern die Sache anzuzeigen, und so ging er, von ein paar andern begleitet, dahin. Als diese den Vorfall vernommen hatten und sich nicht vorstellen konnten, was das bedeute, beschlossen sie, ihren Geheimschreiber zu ihm zu schicken, um zu hören, was an der Sache sei. Der Schreiber machte sich mit dem Wirte auf den Weg, sprach mit ihm Verschiedenes über diese Angelegenheit, und so gelangten sie endlich an die Herberge, als es schon ziemlich spät war. Bei ihrer Ankunft ließ der Wirt zwei Fackeln anzünden und meldete dem Bianco, daß der Ratsschreiber von Norcia gekommen sei, ihn zu besuchen. Bianco hatte nichts vom Weggehen des Wirts gehört und glaubte sicher, jener komme, um ihm als dem Hauptmann aufzuwarten. Er ging ihm daher entgegen, sie zogen vor einander die Hüte und nahmen sich bei der Hand. Da wandte sich Bianco zu dem Wirte und sagte lachend: Nun, was sagst du, Wirt? Jetzt siehst du, wie genau du dir gemerkt hast, wie lange es her ist, seit der Hauptmann seinen Einzug gehalten hat! Der Wirt antwortete: Ihr habt recht; aber Ihr werdet bald in noch größeren Zweifel geraten als ich. Als der Ratsschreiber dies hörte, wäre er gern in Lachen ausgebrochen. Er war aber besonnen genug, an sich zu halten, wandte sich zu ihm und begann also zu sprechen: Edler Herr, meine Gebieter haben von Eurer Ankunft gehört, und wie Ihr erklärt, Ihr wollet als Hauptmann von Norcia Euren Einzug halten. Darob sind sie über die Maßen verwundert, sintemal und alldieweilen am achten laufenden Monats der Hauptmann von Norcia sein Amt angetreten hat. Sie schicken mich derohalb zu Euch, um zu erfahren, was dies bedeute, und welche Ursache Euch zu solchen Äußerungen bewegt. Als Bianco diese Worte hörte, war er wie vom Donner gerührt und schien eher tot als lebendig. Er konnte kaum die Lippen bewegen und sagen: Habt ihr mehr als einen Hauptmann? Nein, bei Gott, antwortete der Ratsschreiber. Darauf besann er sich eine Weile, und da es ihm schien, man habe ihn zum besten, und er der Meinung war, es könne dies von keiner andern Seite als von Norcia ausgehen, verwandelte sich sein Schmerz in Zorn; mit hochrotem Gesicht zog er seine Wahlurkunde aus dem Busen und sprach mit giftigem Tone: Wahrlich, wahrlich, wenn dies mir nicht lügt, so werde ich Hauptmann von Norcia werden; und wenn mir Unbill widerfährt, so gehöre ich einem Lande an, das mich nicht hilflos lassen wird. Er geriet vollends ganz in Wut und rief: Meint ihr etwa, ihr habt es mit einem rohen Bergvolk zu tun? Ihr werdet sehen, daß die Bürger von Florenz aus einem andern Stoff gemacht sind als die Bergvölker. Wir haben dem Herzog von Mailand den Eigensinn vertrieben und ganz andern Leuten, die um ein gutes Stück gewaltiger aussehen als die Norciner. Glaubt nur nicht, wenn ihr mich habt hierher kommen lassen und ihr nachher das Amt einem andern gegeben habt, ich werde das so hinnehmen! Oder wenn ich nicht zur Zeit gekommen wäre, was zum Teufel hätten sie gemacht! Außerdem sprach er noch tausend andere Torheiten, welche zu erzählen viel zu weitläufig wäre. Am Ende sagte er zum Ratsschreiber, der die Urkunde zu sehen begehrte: Geht, geht! Morgen früh komme ich zu Euren Herren, und dann will ich's ihnen zeigen; und wir wollen sehen, was sie dagegen vorzubringen Lust haben. Als der Ratsschreiber ihn so sprechen hörte, hielt er den Mann für eine ganz neue Art von Wahnsinnigen und nahm, ohne sich mit ihm auf viele Weiterungen einzulassen, von ihm Abschied. Der Wirt begleitete ihn, und so kehrte er nach der Stadt zurück und berichtete dem Rat, wie die Sache abgelaufen sei. Sie wunderten sich, wußten sich aber gar nicht vorzustellen, was das sein solle, und sprachen: Der nächste Morgen wird es lehren und uns Aufschluß verschaffen über die Absichten dieses Menschen. Bianco blieb mit seinen Beamten zurück; sie prüften hin und her die Wahlurkunde und die Worte, die sie gehört hatten, wußten sich aber die Sache nicht anders zu erklären, als daß die Norciner vom Papst oder von irgendeinem andern Fürsten gezwungen worden seien, nachdem sie ihm die Wahlurkunde bereits übersandt hatten, die Wahl auf einen andern zu lenken. Am Ende, als es schon sehr spät war, gingen alle schlafen. Bianco aber konnte die ganze Nacht über kein Auge zutun, vielmehr dachte er unaufhörlich über die Sache nach und konnte kaum erwarten, bis es Tag wurde, um zu erfahren, ob er Hauptmann sei oder nicht; und der Tag war nicht so bald erschienen, als er schon aufstand, mit seinem Gefolge zu Pferde saß und in die Stadt ritt. Die Neuigkeit hatte sich schon allenthalben verbreitet, und alles lief auf den Straßen umher, um den neuen Hauptmann zu sehen, welcher aus Beschämung nicht wußte, wohin die Augen wenden, und mit gesenktem Haupt einherzog, als wäre ihm sein Weib ins Feuer gefallen. Am Hause der Stadtvorsteher angelangt, stieg er ab, trat hinein und ließ ihnen melden, er sei angekommen. Sie traten sogleich im Ratssaal zusammen, ließen ihn hereinrufen und luden ihn ein, sich neben ihnen niederzulassen. So blieb er eine Weile; dann erhob er sich und fing gemäß der unterwegs mit seinem Richter gepflogenen Verabredung also zu sprechen an: Ihr Herren, es sind etwa drei Monate, daß Giovanni di Santo, welcher voriges Jahr unser Exekutor war, mir schrieb, er wolle mich zu eurem Hauptmann erwählen lassen, bald darauf wieder, er habe meine Wahl bereits durchgesetzt, und endlich schickte er mir die Wahlurkunde, welche ich hier habe. Vom Wunsche beseelt, eurem Rate gefällig zu sein und Ehre zu gewinnen, wie stets meine Vorfahren solche zu besitzen gepflogen, entschloß ich mich herzukommen und euch zu dienen; ich habe mich deshalb auf die meinem Amte der mir überschickten Wahlurkunde zufolge zukommende Weise ausgestattet und bin hierher gereist mit dem Gefolge, das ihr hier seht, und nicht ohne große Unkosten, denn ich habe über zweihundert Goldgulden dafür ausgegeben. Gestern Abend nun hörte ich zuerst vom Wirte und dann von eurem Schreiber, daß ihr schon vor vierzehn Tagen das Amt einem andern gegeben habt, worüber ich verwundert und betrübt bin, so sehr unter solchen Umständen zu erwarten ist: denn das ist doch wohl nicht die Treue, die einer Gemeinde wie der eurigen ansteht, noch hat solches die Liebe verdient, welche beständig zwischen den Florentinern und euch stattgefunden. Auch sollt ihr nicht glauben, euren Hohn über einen der Geringsten ausgeschüttet zu haben: denn das Haus der Alfani gehört, ohne den andern zunahezutreten, zu den größten und ältesten unserer Stadt; darum werdet ihr euch solcher an mir verübten Unbill samt der Schande und dem Schaden nicht rühmen. Wolltet ihr jedoch Vorkehrung treffen, daß meiner Ehre kein Eintrag geschähe und ich meine Ausgaben nicht verlöre, so wollte ich in Hinsicht auf das bereits Geschehene mich beruhigen. Laßt es euch darum genehm sein, auf eure und auf meine Ehre Bedacht zu haben! Nachdem er dies gesprochen, behändigte er dem Vorsitzer die Wahlurkunde und sagte: Dies ist es, was mich so zu sprechen veranlaßt. Der Vorstand, als er sah, daß Bianco ausgeredet hatte, sagte zu ihm: Edler Herr, seid so gefällig, eine Weile draußen zu warten! Wir wollen uns hier unter uns beraten und Euch alsdann antworten. Bianco zog sich in einen Vorsaal des Ratszimmers zurück und sagte dort zu seinem Richter: Ich wünschte nur, Ihr hättet mich gehört; denn ich versichere Euch, ich habe es ihnen auf eine Art gesagt, daß ich unmöglich glauben kann, sie werden nicht so oder anders auf ihre Ehre und damit zugleich auf die meinige bedacht sein. Ich habe recht wohl bemerkt, daß sie ihr Unrecht einsehen, und es war keiner unter ihnen, der vor Scham wagte, mir ins Gesicht zu blicken. Die Vorsteher gingen zu Rate und ließen die Wahlurkunde vorlesen, bemerkten aber, daß sie nicht von der Hand ihres Ratsschreibers und durchaus gegen die bei der Wahl ihres Hauptmanns herkömmliche Form angefertigt war, insofern einmal mehr Besoldung und mehr Dienerschaft und ein Richter in Anspruch genommen wurde, den der Hauptmann nicht mitzubringen hatte; auch war die Urkunde nicht mit ihrem Siegel gesiegelt, und so ergab sich denn alsbald, daß man mit dem Manne bloß einen Scherz gespielt habe. Nachdem sie daher eine Weile darüber gelacht hatten, ließen sie ihn wieder hereinrufen, und sobald er sich niedergesetzt hatte, begann einer von ihnen im Auftrage der andern also: Edler Herr, der Rat fühlt sich durch das von Euch gehörte Anbringen und durch die Einsicht dieser von Euch vorgelegten Urkunde zur Verwunderung und zum Bedauern mit Euch bewogen. Wir wundern uns, denn wir können uns nicht vorstellen, wie man Euch einen solchen gewaltigen Spuk gespielt hat, und daß Ihr in so langer Zeit nicht darauf gekommen seid: denn weder seid Ihr jemals zu diesem Amte erwählt worden, noch ist diese Wahlurkunde hier ausgefertigt noch mit unserm Siegel versehen, noch ist sie auch nur in der Form der Urkunden gehalten, wie sie bei Erwählung zu einem solchen Amte bei uns gewöhnlich sind. Wir haben Bedauern mit Euch, da wir aus den von Euch gehörten Worten und aus Eurem Anblick Euch für einen wackern Mann halten zu müssen glauben; eben darum bedauern wir auch die Kränkung Eurer Ehre und den großen Schaden, in den Ihr, wie wir sehen, Euch durch die Sache versetzt habt. Wir wünschten in der Lage zu sein, Euch in dieser doppelten Hinsicht genügen zu können, sowohl in Betracht Eurer Person als aus Rücksicht auf Eure Vaterstadt, für die wir wie für jeden ihrer Bürger besondere Wohlgeneigtheit hegen. Aber alle Ämter, welche wir zu vergeben haben, sind gegenwärtig besetzt; auch nicht eine einzige Stelle ist zur Zeit frei. Wir sehen daher keine Möglichkeit, Euch in irgendeiner Weise unterstützen zu können. Das einzige, was wir für Euch haben, ist, daß wir unsern Schmerz über diesen Vorfall mit dem Eurigen vereinen. Schließlich aber müssen wir Euch auffordern, um Eurer eigenen Ehre willen zurückzukehren, so schnell Ihr könnt; denn je länger Ihr hier Euch aufhaltet, desto mehr müßte Eure Schande wachsen. Hiermit schloß er. Bianco aber, als er diese seinen Erwartungen so sehr entgegengesetzte Antwort gehört hatte, war vom Schmerz ganz überwältigt und konnte einige Zeit keine Silbe vorbringen. Endlich aber sagte er mit Tränen in den Augen: Ihr Herren, das alles kann mir niemand anders angetan haben als der Verräter Giovanni di Santo, der mir auf solche Art die Dienste gelohnt hat, die ich ihm in Florenz erwiesen. Ich habe hier seine eigenhändigen Briefe. Habt wenigstens die Güte, nach ihm zu senden und mir von ihm Entschädigung für meine Verluste zu verschaffen: denn für die Schmach, die er mir angetan, will ich schon selbst Genugtuung erhalten, wenn Gott mir und meinen Brüdern das Leben schenkt, geh' es, wie es wolle! Wenn es wahr ist, daß er die Schuld trägt, antworteten die Ratsherren, so werden wir ihn veranlassen, dir deinen Schaden zu ersetzen, und überdies wollen wir ihn für sein Vergehen so bestrafen, daß dir wenig Rache mehr übrigbleiben wird. Wirklich schickten sie nach ihm, und er kam gleich darauf; denn er stand bei den andern Leuten auf dem Platze, um zu sehen, wer denn der neue Hauptmann sei. Als er aber beim Eintreten in den Ratssaal den Bianco sah, war er sehr verwundert. Einer der Herren erzählte ihm mit strengen Worten im Namen der andern die Veranlassung, aus der man nach ihm geschickt, und fragte ihn, welch ein Grund oder Anmaßung ihn bewege, den wackern Mann in Schande und Schmach zu bringen und noch dazu die Obrigkeit mit ins Spiel zu mischen. Als Giovanni dieses hörte, verwunderte er sich noch mehr und sagte: Gnädige Herren, allerdings, als ich Exekutor von Florenz war, erwies mir der hier anwesende Bianco viele Dienste, so daß ich ihm versprach, ihm nach meinem Vermögen zu diesem Amte zu verhelfen, und in der Tat halte ich mich ihm so sehr verpflichtet, und seine Verdienste sind der Art, daß ich, wenn das Los die Wahl auf einen gelenkt hätte, von dem ich hätte glauben dürfen, er werde mir gefällig sein, so hätte ich es auch gern getan. Aber von dem weitern Verlauf habe ich nie das mindeste gehört, und wenn ihr findet, daß ich je etwas davon gehört habe, so laßt mir den Kopf abschlagen! Als Bianco dies hörte, zog er die Briefe aus dem Busen und sagte: Da seht, ihr Herren, mit welcher Stirn der Mann leugnet! Laßt ihn diese Briefe lesen und erforscht, ob sie von seiner Hand sind! Die Ratsherren ließen die Briefe lesen, Giovanni aber erklärte, sie seien nicht von seiner Hand. Darum wurde er nach vielem Hin- und Herreden zwischen ihm, dem Rate und Bianco entlassen. Die Ratsherren wollten Bianco einigermaßen bezeugen, daß es ihnen leid um ihn tue, und verordneten, daß der Wirt von der Gemeinde zufriedengestellt werde und ihm nichts abnehme. So machte sich denn Bianco in einer Stimmung, die sich jeder von euch leicht vorstellen kann, nach der Herberge auf den Weg; Giovanni begleitete ihn, und in der ganzen Stadt wies man ihn mit Fingern, und eines zeigte ihn dem andern wie ein Wundertier. Giovanni war mit ihm sehr betrübt über den Vorfall und fügte bei, daß in Betracht dessen, was geschehen sei, er nun keine Möglichkeit voraussehe, ihm erhalten zu können, was er ihm versprochen habe. Im Wirtshaus angelangt beschloß Bianco, da es noch früh am Tage war, sogleich abzureisen; er nahm von Giovanni Abschied und schlug den Rückweg gegen Perugia ein. Er ritt ganz allein voraus; der Richter aber, welcher aus dem Gebiet von Perugia war, der Ritter und der Notar fingen an miteinander zu sprechen und sagten: Der hat uns mitgenommen und uns um unsere Stellen gebracht. Wenn er der Narr im Spiele gewesen ist, sollen wir auch darunter leiden? Sie verabredeten unter sich, was sie zu tun haben, und ließen, ohne viel Worte mit ihm zu machen, sobald sie in Perugia waren, auf seine Pferde, sein Felleisen und seine sämtliche Habseligkeit Beschlag legen. Als Bianco dies sah, überhäufte er sie mit Bitten, aber umsonst. Endlich aber, als er sah, daß es schlecht aussehe, und daß er ihnen nachgeben müsse, verkaufte er dort drei Rosse, welche ihm gehörten, und die Rüstung, ja seine Kleider vom Leibe, obgleich er nur die Hälfte oder noch weniger von dem, was sie ihn gekostet hatten, daraus löste; denn da er genötigt war, die Sachen loszuschlagen, wurde er übers Ohr gehauen, und er gab sie dem nächsten besten hin. So blieb ihm von allem, was er mitgebracht hatte, nur noch die Fahne mit seinem Wappen übrig; er nahm sie von der Lanze, wickelte sie in ein ärmliches, zerlumptes Tuch und machte sich mit dieser Last auf dem Rücken zu Fuß nach Arezzo auf den Weg und ging sofort von Arezzo in das Casentinische nach Ortignano, wo er einige Verwandte hatte. Er schämte sich, nach Florenz zurückzukehren, und blieb deshalb dort viele Wochen im Schmerz über sein Mißgeschick und ohne zu wissen noch sich vorstellen zu können, wer ihm das angetan habe. Da ihn jedoch der Wunsch, diesen aufzufinden, unaufhörlich stachelte, beschloß er endlich, nach Florenz heimzugehen, und er tat es auch. Wie er zu Hause anlangte, wunderten sich seine Brüder, die ihn so zu Fuß und unscheinbar ausgerüstet sahen, und fragten ihn, was das bedeute. Er erzählte ihnen alles ausführlich und schloß mit den Worten: Meine Brüder, ihr müßt mir beistehen, mich zu rächen. Sie waren ebenso gesinnt wie er und schwuren alle dem den Tod, der ihnen diesen Schimpf angetan. Bianco hielt sich einige Tage zu Hause oder doch in der Nähe, bis er wagte, sich in der Stadt zu zeigen. Als er sich jedoch bald gezwungen sah auszugehen, schritt er ganz verdutzt und mit gesenkten Augen durch die Straßen. Und wenn ihn seine Freunde oder Bekannte aufzogen und fragten, ob er sein Amt sobald schon abgewälzt habe, antwortete er mit schamglühendem Gesicht, er habe es aus guten Gründen nicht angetreten, sei vielmehr im Casentinschen gewesen bei seinen Verwandten. Dann tat er, als habe er viel zu tun, und brach die Unterredung so schnell als möglich ab. Durch die Leute aber, die von Norcia und von Perugia kamen, hörte man allmählich, welchen Ausgang die Sache genommen hatte, so daß in kurzem die ganze Stadt davon voll war und ihn jedermann zum Erbarmen quälte, wie ihr alle sehen und hören könnt. Wer es ihm aber am ärgsten machte, das waren ein paar Handwerksleute, denen er Geld schuldig war, und welche gehofft hatten, von seinem Diensteinkommen bezahlt zu werden. Nun aber fingen sie an, ihn zu drängen, und verlangten nun durchaus ihre Befriedigung. In der Verlegenheit, was zu beginnen sei, da er sein Stück Land an Herrn Martino verkauft hatte, veräußerte er an ihn auch zwei kleine Häuser, die er in der Straße San Gallo besaß, und die ihm derselbe Herr Martino eigentlich nur aus Gefälligkeit und Mitleid für ihn abnahm, wobei er ihn ermahnte, nachdem ihm Bianco die ganze Angelegenheit mitgeteilt hatte, nicht mehr davon zu sprechen noch weitere Nachforschungen anzustellen, da er, je mehr er die Sache berühre, um so mehr sich lächerlich mache; er suchte ihn auch in der Ansicht zu bestärken, die Täuschung könne von nirgend anders herkommen als von dem Schuldgefängnis, und das war denn auch die allgemeinste Ansicht von der Sache. Sobald er nun das Geld erhalten hatte, befolgte er den Rat des Herrn Martino und befriedigte, ohne weiter nachzuforschen, seine Schuldner, und da er nicht fürder Hoffnung haben konnte, irgendwo als Regent unterzukommen, hängte er die ihm übriggebliebene Fahne in San Marco über dem Grabe seines Vaters auf, der wenige Jahre zuvor gestorben war. Dann kehrte er in das Gefängnis zu seinem frühern Berufe zurück. War er schon früher gegen die Gefangenen streng gewesen, so wurde er nun, da er sich von ihnen gekränkt glaubte und nicht näher wußte, von wem, vollends unerbittlich und machte sich's zur Aufgabe, um den rechten nicht zu verfehlen, allen miteinander so viel Unlust als möglich zu bereiten. Die Gefangenen ratschlagten daher oftmals miteinander und wußten nicht, wie der Sache abzuhelfen sei, bis Lodovico da Marradi, ein, wie ihr wißt, sehr verschlagener Mann, endlich zu ihnen sagte: Da wir ihn auf keine Weise milder gegen uns machen können, und da er doch dabei bleibt, wir seien die, die ihn nach Norcia geschickt haben, ohne sich durch irgendeine bisher geschehene oder noch zu geschehende Entschuldigung von dieser Ansicht abbringen zu lassen, da er im Gegenteil es täglich sich fester in den Kopf setzt und es uns büßen läßt, und da uns einmal unser Unstern an diesen bösen Ort geführt hat, wo wir seiner schlimmen Laune ausgesetzt sind, ohne uns dagegen wehren zu können, so wollen wir wenigstens eines tun, um in solcher Erniedrigung einigermaßen die Süßigkeit der Rache zu schmecken, die nach meiner Ansicht sonst alle Süßigkeiten von der Welt übertrifft. Wir wollen den Mann beim Weinzoll anzeigen, weil er, da er als Hauptmann nach Norcia ging, die Taxe nicht bezahlt hat. Das wird zur Folge haben, daß die Zollbeamten, um einen Spaß mit ihm zu haben, nach ihm senden und ihn aufziehen, worüber er sich halb zu Tode ärgert, und dann haben wir ihn doch, solange er dort ist, nicht auf dem Hals. Und wenn er auch darauf kommt, daß wir es gewesen sind, – schlimmer, als er es uns jetzt macht, kann er es uns doch nicht machen; und am Ende – wer guten Krieg führt, kriegt guten Frieden. Alle waren damit einverstanden; Lodovico setzte eine Klage auf, und sie schickten diese durch einen Freund auf das Zollamt. Sobald die Beamten die Sache erfuhren, schickten sie mit großem Gelächter nach ihm aus. Sobald er kam, nahm einer im Namen aller das Wort und sagte: Bianco, man hat uns zur Anzeige gebracht, daß du als Hauptmann von Norcia von hier weggegangen seist, ohne die Taxe zu bezahlen. Du mußt sie also bezahlen und bist zur Strafe den doppelten Betrag zu erlegen schuldig. Als er dies hörte, fing er an heftig zu weinen und sprach: Liebe Herren, habt Erbarmen mit mir! Dann erzählte er ihnen den ganzen Hergang. Die Beamten stellten sich, als glaubten sie ihm nicht, und zerrten ihn eine gute Weile herum; endlich gaben sie ihm die Weisung, er solle ein andermal wiederkommen. So gelang dem Lodovico sein Plan vortrefflich; denn sooft die Beamten unter sich über die Geschäfte uneins waren und sahen, daß sie nicht gleich sich verständigen konnten, sagte einer oder der andere: Da wir hierüber nicht einig werden, wollen wir nach Bianco senden und zusehen, ob wir über seine Angelegenheit uns nicht einigen können. Sie ließen ihn kommen, behielten ihn eine Weile bei sich, machten sich Spaß mit ihm, solange sie Lust hatten, und ließen dann die Sache unentschieden. So dauerte es lange Zeit, daß man ihn immer bei der ersten Steuererhebung holen ließ, und auch später manchmal, wenn es ihnen einfiel, so daß ihm die Sache kein geringes Geschäft und Leidwesen machte, und überdies kostete es ihn einige Gulden, denn er brachte dem einen der Beamten Granaten, dem andern Kugeln oder Spindeln oder Spiegel, wie er glaubte, daß es ihnen angenehm sei. Die Gefangenen, welche mit einem Zollboten verabredet hatten, daß sie Tag für Tag erführen, wie die Sachen stünden, konnten nicht satt werden, Lodovico für den von ihm erteilten Rat zu danken, da er ihnen so viel Vergnügen und Trost verschaffte, daß sie daneben alles andere geduldig ertrugen. Ich schweige davon, wie wir von dem Notar, den er mitnahm, alles pünktlich erfahren, und von dem Vergnügen, das uns die Geschichte oftmals bereitete, sowie von manchem Schabernack, den ihm die Gefangenen sonst noch antaten, weshalb er immer mit ihnen im Streit lebte und somit arm, bettelhaft, wunderlich und launisch wurde.« Als Lioncino diese seine Erzählung beendigt hatte, wandte er sich lachend zu Piero dem Venezianer und sagte: »Nun wohlan, was willst du anfangen, Piero? Willst du nachgeben oder wie sonst auf deinem Kopf beharren? Gefällt dir meine Geschichte nicht besser als die deinige? Urteile selbst, ohne die andern zu behelligen!« »Nein, nein«, sagte Piero, »darum handelt es sich nicht; denn so schön und unterhaltend auch deine Novelle gewesen ist, so behauptet doch die meinige vor ihr weit den Vorzug, weil ich die Reden der in meiner Geschichte auftretenden Personen anders gehalten und wiedergegeben habe als du die der deinigen. Sodann enthält meine Novelle lauter Dinge, die auf einen Punkt abzielen, von dem man nie ohne Lachen spricht und der durchaus aller Hörer Ohren ergötzt; nicht also bei der deinigen. Indes haben wir uns dem Urteil dieser wackern und verständigen Männer unterworfen, und ich will demselben auf keine Weise ausweichen.« Lioncino wandte sich darauf zu uns und sagte: »Ich wundere mich nicht über Piero, daß er hierin nicht mit mir einverstanden ist, denn es wäre dies ganz gegen seine Gewohnheit; aber in Betracht eurer Klugheit fürchte ich nicht, daß mir Unrecht geschehen könnte. Und um euch nicht durch Weitschweifigkeit zu belästigen, will ich nicht die vielen unterhaltenden Partien meiner Novelle hervorheben, sondern spreche nur die Ansicht aus, daß, da ihr den Bianco kennt und doch gewiß gehört habt, daß das wirklich sich begeben, was ich euch erzählt habe, daß euch dies weit mehr Spaß machen mußte als etwas in seiner Geschichte. Habt daher die Güte und urteilt nach eurem Gewissen!« Es waren unter uns verschiedene Ansichten: die einen versicherten, die Novelle Pieros sei schöner, die andern, die Lioncinos, und da wir uns zu keiner bestimmten Entscheidung vereinigen konnten, versprachen wir Giovannozzo, es solle dies nicht das letzte Mal sein, daß wir uns hier zusammenfinden, und es wurde beschlossen, das nächste Mal, wenn wir wiederkommen, sollen noch zwei Geschichten erzählt und dann erst unser Urteil gesprochen werden. Die Krankheit nahm aber zu, Lioncino unterlag ihr auch, und wir wurden so davon erschreckt, daß die Gesellschaft nach allen Seiten zerstob. So blieb das Urteil ungesprochen, und ich berufe mich daher auf das deinige und das des geneigten Lesers. Niccolo Machiavelli 1469 – 1527 Belfagor (Ben Jonson, Der dumme Teufel) Man liest in den alten Jahrbüchern der florentinischen Geschichte, was man schon aus der Erzählung eines heiligen Mannes weiß, dessen Leben bei allen seinen Zeitgenossen hochgepriesen wurde, daß derselbe, in seine Gebete vertieft, mittelst ihrer schaute, wie unzählige Seelen jener armen Sterblichen, die in Gottes Ungnade umkamen, in der Hölle alle oder meistenteils nur darüber klagten, daß sie einzig und allein durch das Heiraten sich in so großes Unglück gestürzt haben. Durch diesen Umstand wurden nun Minos, Radamanth sowie die andern Höllenrichter in höchliches Erstaunen versetzt, weil sie solchen Verleumdungen des weiblichen Geschlechts nicht wohl glauben konnten. Da indessen die Klagen von Tag zu Tag zunahmen und auch der gehörige Bericht über die ganze Sache dem Pluto erstattet war, so kam es zum Beschlusse, den Fall mit sämtlichen höllischen Fürsten in reifliche Erwägung zu ziehen und nächstdem die geeignetsten Maßregeln zu ergreifen, um den Betrug aufzudecken und das Wahre an der Sache herauszustellen. Pluto berief sonach eine Ratsversammlung und sprach daselbst in folgendem Sinne: »Wiewohl ich, meine Lieben und Getreuen, durch des Himmels Fügung und durch unwiderrufliche Schicksalsbestimmung dieses Reich beherrsche und um deswillen keinem Richterstuhl des Himmels oder der Erde unterworfen sein kann, so habe ich doch beschlossen, weil es gescheiter ist, wenn die Gewaltigen sich den Gesetzen unterwerfen und der Meinung anderer ihr Recht einräumen, euren Rat einzuholen, wie ich in einer Angelegenheit mich zu verhalten habe, die sonst gar leichtlich zur Unehre unserer Herrschaft ausschlagen dürfte. Es sagen nämlich zwar alle Seelen von Männern, die in unser Reich kommen, ihre Weiber seien daran schuld. Da uns das aber unmöglich scheint und wir befürchten, wenn wir auf diesen Bericht hin ein Verdammungsurteil sprächen, möchten wir als allzu grausam verschrieen werden oder, wenn wir es nicht täten, als allzulässig und ungerecht; da ferner die einen Menschen aus Leichtsinn fehlen, die andern aus Unbilligkeit, wir aber diesem beiderseitigen Tadel ausweichen möchten und nicht wissen, wie das anzugehen ist, haben wir euch herbeschieden, damit ihr uns mit eurem guten Rate beisteht und um zu bewirken, daß dieses Reich auch für die Zukunft fortbestehe mit unangetasteter Ehre wie bisher.« Es schien einem jeden dieser Fürsten der vorliegende Fall ein hochwichtiger und sehr beachtenswerter zu sein. Sie waren auch darin miteinander einverstanden, daß die Wahrheit notwendigerweise erforscht werden müsse; aber über die Art und Weise der Ausführung teilten sich die Meinungen. Der eine hielt dafür, man solle einen, der andere, man solle mehrere Boten zur Erde empor abfertigen, um unter menschlicher Gestalt persönlich zu ergründen, ob die Sache sich wirklich so verhalte. Viele andere dagegen meinten, man brauche nicht so viele Umstände zu machen; man dürfe nur ein paar Seelen durch verschiedene Marter zum Bekenntnis zwingen. Da nun aber die Mehrzahl für den Vorschlag einer Gesandtschaft stimmte, so ging diese Meinung durch, und da sich keiner fand, der freiwillig das Amt übernommen hätte, so entschloß man sich, die Wahl durch das Los zu entscheiden. Das Los traf den Erzteufel Belfagor, der vordem, ehe er aus dem Himmel gefallen, ein Erzengel gewesen war und jetzt zwar sehr widerwillig sich zu der Botschaft hergab, aber dennoch, durch Plutos Machtspruch gezwungen, sich dazu verstehen mußte, den Beschluß der Ratsversammlung zu vollführen, und die Bedingungen einging, die förmlich beraten worden waren. Diese bestanden darin, daß dem mit dem Auftrage Betrauten hunderttausend Dukaten überwiesen werden sollten; mit diesen mußte er auf die Welt gehen, in menschlicher Gestalt ein Weib nehmen und zehn Jahre mit ihr leben, sodann eines scheinbaren Todes sterben, nach der Hölle zurückkehren und seinen Vorgesetzten nach der gemachten Erfahrung darüber Bericht erstatten, worin eigentlich die Last und die Lust des Ehestandes bestehe. Es wurde überdies erklärt, daß er während der genannten Zeit allen Ungemächlichkeiten und Übeln unterworfen sein solle, mit denen die Menschen zu kämpfen haben, und welche Armut, Gefangenschaft, Krankheit und so manchen andern schlimmen Umstand, der den Menschen begegnen kann, nach sich ziehen; ausgenommen, wenn er sich durch Klugheit oder List davon befreie. Belfagor nahm also die Bestallung und sein Geld in Empfang und kam herauf auf die Welt. Er hatte sich aus seinen Scharen mit Pferden und Dienerschaft versehen und zog sehr stattlich in Florenz ein. Diese Stadt hatte er vorzugsweise zu seinem Aufenthalt erkoren, weil sie ihm den Wucher, den er mit seinem Gelde zu treiben gesonnen war, ganz besonders zu begünstigen schien. Er ließ sich hier Roderigo von Kastilien nennen und mietete ein Haus in der Vorstadt Allerheiligen. Damit man seiner wahren Herkunft nicht auf die Spur komme, sagte er aus, er habe vor einiger Zeit Spanien verlassen, sich dann nach Syrien gewendet und in Aleppo sein Vermögen gewonnen; er habe es aber verlassen in der Absicht, nach Italien zu gehen, in ein menschlicheres, dem bürgerlichen Leben und seinen Neigungen angemesseneres Land, und dort ein Weib zu nehmen. Roderigo war ein sehr schöner Mann, der in einem Alter von dreißig Jahren zu stehen schien. Er verriet in wenigen Tagen, daß er im Besitz großer Reichtümer sei, und da er sich außerdem bei mehrfachen Gelegenheiten als einen wahrhaft gebildeten und freigebigen Mann zu erkennen gab, so boten ihm manche edle Bürger, die viele Töchter und wenig Taler im Besitz hatten, ihre Kinder an. Unter allen diesen erwählte Roderigo ein sehr schönes junges Mädchen namens Onesta, die Tochter des Amerigo Donati, der außer ihr noch drei andere Töchter und drei erwachsene Söhne hatte, und ihre Schwestern waren auch fast mannbar. Obgleich er einer sehr edeln Familie angehörte und in Florenz persönlich sehr in Achtung stand, so war er doch im Verhältnis zu seiner zahlreichen Familie und seinem Adel sehr arm. Roderigo richtete seine Hochzeit mit großem Glanz und Aufwand aus und unterließ nichts von allem, was bei derlei Festen nun einmal herkömmlich ist; denn er war durch das Gesetz, das ihm beim Austritt aus der Hölle auferlegt worden war, allen menschlichen Leidenschaften unterworfen. Er begann sehr bald Geschmack zu finden an Ehre und Herrlichkeit der Welt und sich daran zu erfreuen, von den Menschen gelobt zu werden, was ihm keinen geringen Aufwand verursachte. Überdies hatte er noch nicht lange Zeit mit seiner Ehegattin Onesta gelebt, als er sich in diese so außermaßen verliebte, daß er es nicht ertragen konnte, sie traurig oder mißmutig zu sehen. Frau Onesta hatte neben ihrem Adel und ihrer Schönheit ihrem Roderigo einen Hochmut zugebracht, wie ihn sogar Luzifer nicht kannte, und Roderigo, der einen wie den andern nun ermessen hatte, erachtete den seiner Frau für den höheren. Er ward aber mit der Zeit noch weit ärger als zuvor, da sie die große Liebe ihres Mannes zu ihr merkte. Und da sie nunmehr dafür hielt, er befinde sich durchaus in ihrer Gewalt, so gebot sie ihm ohne alles Erbarmen oder Rücksicht und scheute sich nicht, wenn er ihr ja etwas versagen wollte, ihn mit Schelten und Schimpfen zu verletzen, was dem Roderigo unglaublichen Ärger verursachte. Dessenungeachtet machte der Schwiegervater, die Brüder, die Verwandtschaft, die Pflicht des Ehebundes und vor allem die große Liebe, die er für sie fühlte, daß er es mit Geduld hinnahm. Ich will die großen Kosten übergehen, die er zu ihrer Befriedigung in Beziehung auf neue Trachten und neue Moden aufwandte, in welchen unsere Stadt nach alter Gewohnheit beständig wechselt. Er mußte sich überdies, wollte er in Frieden mit ihr leben, entschließen, dem Schwiegervater seine andern Töchter an den Mann bringen zu helfen, was ihn gewaltige Summen kostete. Ebenso mußte er, um mit seinem Weibe gut Freund zu bleiben, einen ihrer Brüder mit Tüchern nach dem Orient schicken, einen andern mit Seidenzeugen nach dem Westen und den dritten als Goldschläger in Florenz unterbringen. Mit diesen Dingen ging denn allmählich der größte Teil seines Vermögens drauf. Um die Zeit des Faschings sodann und um Sankt Johannis, wenn die ganze Stadt nach alter Gewohnheit voller Festlichkeiten ist und viele edle und reiche Bürger die kostbarsten Gastereien anstellen, wollte Frau Onesta, um nicht andern nachzustehen, daß ihr Roderigo mit dergleichen Festlichkeiten es allen andern zuvortue. Das alles ertrug er aus den schon angegebenen Gründen leicht und würde es auch, so schwer es an und für sich sein mochte, nimmermehr lästig gefunden haben, hätte er damit nur auch wirklich seine häusliche Ruhe erkauft und so viel gewonnen, dem herannahenden Zeitpunkte seines gänzlichen Unterganges mit Gemächlichkeit entgegenzusehen. Aber es widerfuhr ihm das Gegenteil; denn abgesehen von dem unerschwinglichen Aufwand suchte sie ihn, ihrem widerwärtigen Wesen entsprechend, mit unzähligen Ungelegenheiten heim, und kein Knecht oder Diener konnte es in seinem Hause lange, ja nur Tage oder Wochen, aushalten. Daraus erwuchs denn dem armen Roderigo der empfindlichste Nachteil, weil er keinen Diener erhalten konnte, der seinem Hauswesen redlich zugetan gewesen wäre; denn nicht allein die menschlichen gingen weg, sondern auch die Teufel, die er in Gestalt von Dienern mitgebracht hatte, wollten lieber in die Hölle zurückkehren und im Feuer verweilen, als auf der Welt unter der Herrschaft dieses Weibes leben. So führte nun Roderigo das ruheloseste und unbehaglichste Leben und hatte es durch seine schlechte Wirtschaft bereits dahin gebracht, daß er mit seinem ganzen beweglichen Besitztume fertig war und auf die Hoffnung der von Osten und Westen erwarteten Summen zu leben anfing. Noch genoß er guten Kredits und borgte auf Wechsel; da er aber auf diese Art notwendigerweise immer tiefer in Schulden geriet, machte er sich in kurzer Zeit allen denjenigen verdächtig, die sich auf solcherlei Schliche in Handel und Wandel verstanden. Während nun seine Lage bereits sehr schwankend geworden war, kam plötzlich Nachricht von der Levante und aus dem Westen, einer der Brüder der Frau Onesta habe all das Eigentum, das ihm Roderigo anvertraut, im Spiel verloren, der andere sei dagegen auf der Rückkehr in einem mit seinen Waren beladenen Schiffe, ohne versichert zu sein, samt allem eine Beute der Wellen geworden. Kaum war dies ruchbar geworden, so verbanden sich Roderigos Gläubiger miteinander in der Besorgnis, er möchte zugrunde gerichtet sein; da man aber noch nicht darüber ins reine kommen konnte, weil der Zeitpunkt ihrer Bezahlung noch nicht gekommen war, so beschlossen sie, ihn sorgfältig bewachen zu lassen, damit er nicht, ehe ihre Beratung einen Erfolg haben könne, sich ihnen durch die Flucht entziehe. Roderigo andererseits sah keine andere Hilfe in seiner Not und wußte doch, daß er das Gesetz der Hölle nicht überschreiten dürfe; er entschloß sich demnach, unter jeder Bedingung zu entfliehen. Er warf sich daher morgens auf ein rasches Pferd, und da er nahe am Tore al Prato wohnte, eilte er durch dasselbe hinaus. Kaum daß man sich seiner Entfernung versah, so entstand ein Aufruhr unter den Gläubigern: sie wandten sich an die Obrigkeit und schickten ihm nicht nur Gerichtsboten nach, sondern verfolgten ihn insgesamt persönlich. Roderigo war noch keine Meile weit von der Stadt entfernt, als diese Gefahr wider ihn losbrach. Er erkannte seine üble Lage und nahm sich vor, um desto verborgener zu fliehen, die gebahnte Straße zu verlassen und querfeldein weiter zu eilen, wohin ihn sein gutes Glück führe. Er setzte diesen Vorsatz ins Werk, fand aber bald, daß die vielen das Feld durchschneidenden Gräben ihm dabei hinderlich wurden, und daß er zu Pferd nicht weiter komme. Er floh deswegen zu Fuß weiter, ließ sein Roß auf der Straße ledig laufen und sprang von einem Stück Feld zum andern über das mit Weingärten und Röhricht bedeckte Land hin, bis er in der Nähe von Peretola an das Haus des Giovanni Matteo del Bricca kam, des Feldbauers des Giovanni del Bene. Er begegnete dem Giovanni Matteo gerade, als dieser Futter für seine Ochsen heimtrug, stellte sich unter seinen Schutz und versprach ihm, wenn er ihn aus den Händen seiner Feinde rette, die ihn verfolgten, um ihn im Gefängnis umkommen zu lassen, so wolle er ihn reich machen und vor seinem Scheiden ihm darüber genügende Bürgschaft geben; im entgegengesetzten Falle sei er zufrieden, daß er ihn selbst seinen Gegnern ausliefere. Giovanni Matteo war zwar ein Landmann, aber dennoch ein unternehmender Mensch, und da er der Ansicht war, er könne nicht wohl zu kurz dabei wegkommen, wenn er den Flüchtling rette, so sagte er ihm seine Bitte zu. Er steckte ihn in einen Haufen Dünger, den er vor dem Hause liegen hatte, und bedeckte ihn mit kleinem Rohr und anderm Abgang, den er zum Verbrennen zusammengeworfen hatte. Kaum war man mit Roderigos Versteckung fertig, als auch schon seine Verfolger herzukamen und durch Drohungen den Giovanni Matteo einzuschüchtern suchten, aber nicht einmal von ihm herausbrachten, daß er ihn gesehen habe. Sie zogen daher weiter und kehrten, nachdem sie ihn zwei Tage umsonst gesucht hatten, ermüdet wieder nach Florenz zurück. Sobald der Lärm vorüber war, holte Giovanni Matteo ihn aus seinem Schlupfwinkel hervor und mahnte ihn an sein gegebenes Wort. Da sprach Roderigo zu ihm: »Mein lieber Bruder, ich bin dir zu großem Danke verpflichtet; aber ich will versuchen, dir meine Verbindlichkeit auf jede Weise abzutragen. Und damit du glaubst, daß ich dies imstande sei, will ich dir sagen, wer ich bin.« Er teilte ihm hier seine persönlichen Verhältnisse und die Bedingungen mit, unter denen er die Hölle verlassen und sich ein Weib genommen hatte. Er eröffnete ihm überdies die Art und Weise, auf die er ihn zu bereichern gedachte, und die eben keine andere war, als daß Giovanni Matteo, sobald er von irgendeinem Weibe höre, das besessen sei, nur getrost annehmen dürfe, er sei selber in sie gefahren, und er werde nicht eher aus ihr weichen, als bis Giovanni komme und ihn vertreibe; damit habe er denn Gelegenheit, sich von den Verwandten der Besessenen nach Belieben bezahlen zu lassen. Nachdem Roderigo diese Erklärung von sich gegeben hatte, wurde er plötzlich unsichtbar. Es waren aber hierauf kaum einige Tage ins Land gegangen, als sich durch ganz Florenz die Neuigkeit verbreitete, daß eine Tochter des Messer Ambrogio Amedei, die an Buonajuto Tebalducci verheiratet war, vom Teufel besessen sei. Die Ihrigen versäumten nicht, alle jene Hilfsmittel dagegen anzuwenden, die bei solchen Unfällen gebräuchlich sind. Man legte ihr den Schädel des heiligen Zenobius auf den Kopf und den Mantel des heiligen Johannes Walbert; aber alle diese Dinge wurden von Roderigo nur verhöhnt; und um jedermänniglich zu überzeugen, daß die Krankheit des jungen Weibes ein böser Geist und keine phantastische Einbildung sei, sprach er lateinisch, disputierte über philosophische Fragen und deckte die Sünden vieler Leute auf, wie zum Beispiel die eines gewissen Klosterbruders, der sich über vier Jahre ein in einen Mönch verkleidetes Weib in seiner Zelle gehalten hatte. Dergleichen Dinge erregten natürlich allgemeine Verwunderung. Herr Ambrogio war unterdessen sehr mißvergnügt und hatte fast alle Hoffnung auf ihre Heilung aufgegeben, als ihn Giovanni Matteo besuchte und ihm seine Tochter zu heilen versprach, wenn er ihm fünfhundert Gulden geben wolle, um sich ein Gut in Peretola kaufen zu können. Herr Ambrogio ging auf sein Anerbieten ein; Giovanni Matteo aber ließ, um die Sache aufzustutzen, vorerst etliche Messen lesen, machte allerlei Hokuspokus und murrte dann dem jungen Weibe die Worte ins Ohr: »Roderigo, ich bin hierher gekommen, um dich aufzusuchen, damit du mir Wort haltest.« Roderigo antwortete ihm: »Ich bin es zufrieden; aber das ist noch nicht genug, um dich reich zu machen. Sobald ich von hinnen gewichen sein werde, fahre ich in die Tochter des Königs Karl von Neapel und weiche nicht von ihr ohne dich. Dann kannst du dir ein tüchtiges Handgeld ganz nach deinen Wünschen ausbedingen und mußt mich später in Ruhe lassen.« Nach diesen Worten fuhr er aus ihr aus zur Freude und Verwunderung von ganz Florenz. Es währte hierauf gar nicht lange, so verbreitete sich durch ganz Italien das Gerücht von dem Unglück, das über die Tochter des Königs Karl gekommen war. Die Mittel der Geistlichen wollten nicht anschlagen, und da der König von Giovanni Matteo reden hörte, so ließ er ihn zu sich von Florenz entbieten. Matteo kam in Neapel an und heilte sie nach einigen zum Schein angestellten Zeremonien. Aber ehe Roderigo sich davonmachte, sagte er: »Du siehst, Giovanni Matteo, ich habe mein Versprechen, dich zu bereichern, vollkommen gehalten und keine Verbindlichkeit weiter gegen dich zu erfüllen, und wir sind quitt. Hüte dich daher, mir ferner ins Gehege zu kommen! Denn wie ich dir bisher Gutes erwiesen, würde ich dir in Zukunft nur Böses tun.« Giovanni Matteo kehrte daher als sehr reicher Mann nach Florenz zurück, denn er hatte vom König über fünfzigtausend Dukaten empfangen, und er war nur noch darauf bedacht, diesen Reichtum in Ruhe zu genießen, ohne zu befürchten, Roderigo möchte ihn in seinem friedlichen Genusse zu stören beabsichtigen. Mit einem Male aber wurde er aus seiner Ruhe durch die Nachricht aufgeschreckt, daß eine Tochter König Ludwigs VII. von Frankreich vom Teufel besessen sei. Diese Kunde brachte Giovanni Matteos Gemüt ganz außer Fassung, indem er an die Macht dieses Königs und an die letzten Worte Roderigos dachte. Da nun der König kein Heilmittel für seine Tochter fand und von der Heilkraft Giovanni Matteos hörte, sandte er zuerst einfach einen Läufer an ihn ab, um ihn herzubescheiden; da dieser aber eine Unpäßlichkeit vorschützte, sah sich der König am Ende gezwungen, die Signoria um ihn anzugehen, die dann den Giovanni Matteo zum Gehorsam nötigte. Dieser ging daher mit großer Bangigkeit nach Paris und gab zuvörderst dem König die Erklärung ab, er habe zwar einigemal allerdings Besessene geheilt, aber darum habe er noch gar nicht die Kraft und die Macht, alle solche Kranke zu heilen; denn es gebe welche von so hinterlistigem Wesen, daß sie weder Drohungen noch Zauber noch geistliche Mittel scheuen; er wolle dessenungeachtet gern sein möglichstes tun, bitte aber, wenn es ihm nicht gelinge, um Vergebung und Entschuldigung. Der König versetzte ihm darauf zornig, wenn er seine Tochter nicht heile, so werde er ihn hängen lassen. Giovanni Matteo war hierüber tiefbetrübt, faßte sich aber doch so weit, daß er die Besessene kommen ließ. Er sprach ihr ins Ohr und empfahl sich demütig dem Roderigo, erinnerte ihn an die ihm erwiesene Wohltat und stellte ihm vor, welch ein undankbares Betragen es von ihm wäre, wenn er ihn in solcher Not im Stiche ließe. Roderigo aber versetzte: »Ei, du schurkischer Verräter, wie kannst du frech genug sein, mir wieder nahe zu kommen? Meinst du, daß du dich wirst lange zu rühmen haben, durch mich reich geworden zu sein? Ich will es dir und einem jeden zeigen, wie ich nach meinem Belieben auch wieder nehmen kann, was ich gegeben habe. Du sollst nicht wieder von hinnen kommen; ich bringe dich an den Galgen, es koste, was es wolle.« Da nun Giovanni Matteo hieraus erkannte, daß er auf die alte Weise diesmal nichts ausrichtete, so gedachte er sein gutes Glück auf eine andere zu versuchen, verfügte, daß man die Besessene wieder von dannen bringe, und sprach dann zum König: »Sire, wie ich Euch schon gesagt habe, gibt es viele Geister, die so unbändig sind, daß gar nicht mit ihnen auszukommen ist, und dieser hier ist einer von den schlimmsten. Dessenungeachtet will ich noch einen letzten Versuch machen, ihn zu vertreiben. Gelingt es mir, so haben wir beide, Eure Majestät und ich, unsere Absicht erreicht; wo nicht, so bin ich in Eurer Gewalt und muß es Euch überlassen, zu entscheiden, wie viel Mitleiden Ihr glaubt, daß meine Unschuld verdient. Ich ersuche Euch nämlich, auf dem Platze der Liebfrauenkirche ein hohes Gerüst aufführen zu lassen, das geräumig genug sei für den ganzen Adel und die Geistlichkeit dieser Stadt; dieses Gerüst läßt du mit Seide und Goldstoffen behängen und mitten darauf einen Altar errichten. Am nächsten Sonntag in der Frühe sollst du dann mit der Geistlichkeit und allen deinen Fürsten und Edelleuten in königlicher Pracht, mit glänzenden reichen Gewändern angetan, daselbst erscheinen und dort erst eine feierliche Messe anhören, ehe man die Besessene hinführt. Ich wünsche überdies, daß auf der einen Seite des Platzes wenigstens zwanzig Personen aufgestellt werden, die mit Trompeten, Hörnern, Trommeln, Sackpfeifen, Schalmeien, Zimbeln und andern geräuschvollen Instrumenten aller Art versehen sind und, sobald ich einen Hut schwinge, diese Instrumente laut ertönen lassen, indem sie damit raschen Schrittes auf das Gerüst zuziehen. Diese Dinge, verbunden mit einigen andern geheimen Mitteln, sollen, wie ich hoffe, zur Austreibung eben jenes Teufels genügen.« Der König ließ unverzüglich alle Veranstaltungen treffen, und als der erwartete Sonntagsmorgen kam und das Gerüst, von den hohen Personen und der Platz vom Volke angefüllt war, wurde die Messe gefeiert und sodann die Besessene auf das Gerüst geführt, geleitet von zwei Bischöfen und vielen vornehmen Herren. Als Roderigo die Volksmenge und die großen Zurüstungen sah, war er ganz verblüfft und sprach bei sich selbst: »Was hat sich nun wohl der elende Bauernlümmel mit mir ausgedacht? Glaubt er, mich durch das Gepränge einzuschüchtern? Weiß er nicht, daß ich die Pracht des Himmels und das Entsetzen der Hölle zu schauen gewohnt bin? Ich werde ihn schon dafür büßen lassen.« Dann, als Giovanni Matteo an seine Seite trat und ihn nochmals bat, auszufahren, sagte er zu ihm: »Ei, da hast du ja eine herrliche Erfindung gemacht. Was gedenkst du mit all dem Zeuge anzufangen? Glaubst du hierdurch meiner Übermacht und dem Zorn des Königs zu entgehen? Du Rüpel! Du Schuft! Du sollst mir hängen, du magst anfangen, was du willst!« Als Giovanni Matteo ihn nochmals gebeten, aber nur neue Schimpfreden zur Antwort erhalten hatte, glaubte er, nun weiter keine Zeit verlieren zu dürfen. Er machte also das verabredete Zeichen mit dem Hute, und alle die, welche bestellt waren, den Lärm anzurichten, ließen mit einemmal ihre Instrumente zum Himmel erklingen und zogen so zu dem Gerüste heran. Bei dem unerwarteten Lärm spitzte Roderigo die Ohren, und da er durchaus nicht wußte, was das war, fragte er voll Staunen und Verwunderung den Giovanni Matteo, was das bedeute. Giovanni Matteo antwortete ihm ganz bestürzt: »Weh mir, Freund Roderigo, das ist deine Frau, die dich wieder zu sich holen will.« Es läßt sich kaum denken, welche Veränderung es in Roderigos Stimmung hervorbrachte, als er von seiner Frau reden hörte. Seine Erschütterung war so groß, daß er, ohne zu erwägen, ob es möglich und denkbar sei, daß sie es sei, und ohne etwas zu erwidern, in Furcht und Grausen entfloh und das Mädchen freigab. Belfagor wollte lieber in die Hölle zurückkehren, um von seinen Taten Rechenschaft abzulegen, als sich von neuem unter all der Widerwärtigkeit, Unlust und Gefahr dem Joche der Ehe unterwerfen. In die Hölle zurückgekehrt, bekräftigte er das Unheil, welches ein Weib in ein Haus bringt; Giovanni Matteo aber, der davon noch mehr zu sagen wußte als der Teufel, machte sich bald nachher munter und guter Dinge auf den Weg nach Hause. Baldassare Castiglione 1478 – 1529 Der blinde Spieler Als ich einst in Paglia übernachtete, traf es sich, daß in derselben Herberge, wo ich war, sich noch drei andere Reisende aufhielten, zwei von Pistoja, der dritte von Prato. Nach dem Nachtessen setzten sie sich, wie das so zu gehen pflegt, zum Spiele, und so dauerte es nicht lange, da hatte einer von den beiden Pistojern seine Barschaft verloren und saß bar und bloß da ohne einen Heller im Beutel. Da fing er an in seiner Verzweiflung heftige Flüche und Verwünschungen auszustoßen, und mit diesem schlimmen Abendsegen legte er sich schlafen. Nachdem die andern zwei noch eine Weile fortgespielt hatten, beschlossen sie, dem, der ins Bett gegangen war, einen Spuk zu spielen. Sobald sie daher merkten, daß er schlief, löschten sie die Lichter aus und versteckten das Feuer; dann fingen sie an laut zu sprechen und einen Höllenlärm aufzuschlagen, als kämen sie über dem Spiele in Streit. »Du hast hinuntergesehen nach der Karte«, rief der eine. »Nein«, sprach der andere, »du hast nicht Farbe bekannt. Das Spiel gilt nicht.« Dies und ähnliches riefen sie mit so lauter Stimme, daß der Schlafende erwachte. Und als er hörte, daß sie spielten und sprachen, als sähen sie die Karten, machte er die Augen ein wenig auf, und da er kein Licht im Zimmer sah, sagte er: »Was Teufels soll das heißen, daß ihr die ganze Nacht durch fortschreit?« Darauf drehte er sich um, als wollte er gleich wieder weiterschlafen. Die zwei Gesellen aber gaben ihm weiter kein Gehör, sondern fuhren in ihrem Treiben fort, so daß jener noch besser aufwachte und sich zu wundern anfing. Denn da er kein Feuer noch sonst eine Helle sah und sie doch spielen und streiten hörte, sagte er: »Wie könnt ihr denn die Karten sehen ohne Licht?« Darauf sagte einer der beiden: »Es scheint, du hast zu deinem Geld hin auch deine Augen verloren. Siehst du nicht, daß wir hier zwei Lichter haben?« Der, der im Bette war, richtete sich nun auf, stemmte sich auf den Arm und rief fast zornig: »Entweder bin ich betrunken oder blind, oder ihr macht Flausen.« Die zwei andern standen nun auf und gingen vorsichtig nach dem Bette zu, lachten und taten, als glaubten sie, jener wolle sich über sie lustig machen. »Ich sage«, fuhr er fort, »ich sehe euch nicht.« Am Ende taten die beiden, als kommen sie in heftiges Erstaunen, und einer sprach zu dem andern: »Ei weh, ich glaube fast, es ist ihm ernst. Gib einmal das Licht her! Dann wollen wir sehen, ob ihm wirklich sein Gesicht getrübt ist.« Darauf nahm denn der arme Schelm als gewiß an, daß er blind geworden sei, weinte laut und sprach: »O liebe Brüder, ich bin blind!« Da fing er gleich an, Unsere Liebe Frau von, Loretto anzurufen und sie zu bitten, ihm die Lästerungen und Verwünschungen zu verzeihen, die er über sie ausgestoßen, weil er sein Geld verloren hatte. Die zwei Gesellen trösteten ihn jedoch und sagten: »Es ist nicht möglich, du mußt uns sehen. Das hast du dir nur so in den Kopf gesetzt.« »Nein, nein«, entgegnete jener, »ich habe mir es nicht nur so in den Kopf gesetzt. Ich sehe euch so wenig, als wenn ich niemals Augen im Kopf gehabt hätte.« »Dein Blick ist ja doch ganz hell«, antworteten die beiden. »Sieh nur«, sprach einer zum andern, »wie gut er die Augen aufmacht und wie schön sie sind! Wer sollte glauben, daß er nicht daraus sieht?« Der arme Tropf weinte immer heftiger und flehte Gott um Erbarmen an. Am Ende sagten die beiden zu ihm: »Tue ein Gelübde, zu Unserer Lieben Frauen in Loretto barfuß und nackt eine Pilgerfahrt zu tun: denn das ist das beste Mittel, das es gibt. Unterdessen wollen wir nach Acquapendente und in die andern nahe gelegenen Ortschaften gehen und uns nach einem Arzte umsehen; wir wollen dir es an nichts fehlen lassen.« Darauf kniete der Unglückliche sogleich im Bette nieder und tat unter unendlichen Tränen und in bitterer Reue über seine gotteslästerlichen Reden ein feierliches Gelübde, nackt zu der heiligen Jungfrau nach Loretto zu gehen und ihr ein Paar silberne Augen darzubringen, auch am Mittwoch kein Fleisch und am Freitag keine Eier zu essen und mit Wasser und Brot jeden Samstag zu Ehren der heiligen Jungfrau zu fasten, wenn sie ihm die Gnade erzeige, daß er sein Gesicht wiedererlange. Die beiden Gesellen gingen sodann in ein anderes Zimmer, zündeten ein Licht an und traten unter schallendem Gelächter wieder vor den armen Schelm, der, wiewohl er sich frei fühlte von einer, wie sich denken läßt, nicht geringen Herzensangst, nicht nur nicht zu lachen, sondern nicht einmal zu sprechen vermochte, und die zwei Gesellen ließen ihn auch jetzt noch mit ihren Stichelreden nicht in Ruhe, sondern behaupteten, er müsse durchaus die Gelübde einlösen, denn es sei ihm ja die erflehte Gnade zuteil geworden. Luigi da Porto 1485 – 1529 Romeo und Giulietta (Shakespeare, Romeo und Julia) In der Zeit, da der Himmel nicht allen seinen Groll auf mich gewandt, in den schönen Tagen meiner Jugend, ergab ich mich dem Waffenhandwerke nach dem Beispiel vieler großer und wackerer Männer und trieb diese Übung einige Jahre in euerm anmutigen Vaterlande Friaul, durch das ich, nach den Umständen in geheimem Dienste bald da-, bald dorthin gewiesen, zu gehen hatte. Ich hatte es immer im Gebrauch, wenn ich ritt, einen Bogenschützen mit mir zu nehmen, einen Mann von vielleicht fünfzig Jahren, der in seinem Geschäft sehr erfahren, sehr angenehm im Umgang und wie fast alle Veronesen (denn er war aus Verona gebürtig) gesprächig war. Er hieß Peregrino. Dieser Mann war nicht nur ein herzhafter und erfahrener Soldat, sondern sehr lebenslustig und, vielleicht mehr als es sich für seine Jahre schickte, fortwährend mit Liebesangelegenheiten beschäftigt, was denn seine Tapferkeit verdoppelte. Auch erzählte er gerne die allerschönsten Novellen, zumal solche, die von Liebe handeln, in der besten Ordnung und so reizend, wie ich sie nie von sonst jemand gehört habe. Als ich daher von Gradisca, wo ich in Quartier lag, mit diesem und zwei andern meiner Leute, vielleicht durch die Liebe getrieben, nach Udine ging, auf der Straße, die damals ganz einsam, vom Krieg zerstört und verbrannt war, und ich, in düstern Gedanken versunken, mich entfernt von den andern hielt, ritt der genannte Peregrino, mein Inneres ahnend, heran und sprach also zu mir: »Wollt Ihr immer traurig leben, weil eine schöne Grausame, der es ganz anders zumute ist, Euch nicht liebt, wie Ihr wünscht? Ich weiß wohl, daß ich gegen mich selbst rede, aber doch, da man leichter Rat gibt als befolgt, muß ich Euch sagen, mein gnädiger Herr, daß, abgesehen davon, daß für Euern Beruf es sich nicht schickt, in der Gefangenschaft der Liebe zu sein, das Ziel, zu dem sie uns führt, fast immer so traurig ist, daß es gefährlich ist, ihr zu folgen. Zum Beleg könnte ich Euch, wenn es Euch recht wäre, eine Geschichte erzählen, die sich in meiner Vaterstadt zugetragen hat; es würde dies unsern Weg weniger einförmig und langweilig erscheinen lassen; auch könntet Ihr daraus ersehen, wie zwei edle Verliebte in einen elenden, erbärmlichen Tod geführt worden sind.« Ich hatte ihm schon einen Wink gegeben, daß ich ihm gerne zuhören wolle, und er begann daher also: »Zur Zeit, da Bartolommeo della Scala, ein höflicher und sehr fein gebildeter Mann, die Zügel meiner schönen Vaterstadt nach seinem Gutdünken bald fester, bald freier lenkte, blühten daselbst, wie mein Vater gehört zu haben behauptete, zwei sehr edle Familien, die sich, entgegengesetzten Parteien angehörend oder aus persönlichem Hasse, feindlich gegenüberstanden; die eine hieß die der Cappelletti, die andere die der Montecchi. Einer derselben, glaubt man mit Bestimmtheit, gehören, die jetzt in Udine lebenden Messer Niccolò und Messer Giovanni an, die sich jetzt Monticoli von Verona nennen, und die durch ein seltsames Schicksal veranlaßt worden sind, dorthin überzusiedeln. Übrigens haben sie von ihren Vorfahren wenig an ihren neuen Wohnort mitgebracht, außer ihrer Höflichkeit und Artigkeit. In einer alten Chronik habe ich freilich zufällig gefunden, daß diese beiden Familien vereint auf einer und derselben Partei gestanden seien; ich will es Euch aber, ohne etwas zu ändern, gerade so erzählen, wie ich es gehört habe. Es waren also, wie gesagt, in Verona unter dem genannten Herrn die eben angeführten adligen Familien, die der Himmel, die Natur und das Glück gleichmäßig mit wackern Männern und Reichtümern geschmückt hatte. Unter diesen herrschte, wie es meistens in großen Verhältnissen der Fall ist, was nun auch der Grund davon sein mag, eine grausame Feindschaft, um derentwillen schon mehrere Männer auf beiden Seiten den Tod gefunden hatten, so daß teils aus Überdruß, wie dies oft in ähnlichen Fällen begegnet, teils auch wegen der Drohungen des Fürsten, der die Feindseligkeiten mit größtem Mißfallen sah, sie endlich davon abließen, sich weiter zu befehden, und, ohne förmlich Frieden zu schließen, mit der Zeit sich so weit nahetraten, daß ein großer Teil ihrer Angehörigen wieder miteinander sprach. Während nun zwischen den beiden Familien der Streit auf diese Weise eingestellt war, begab es sich in der Faschingszeit, daß im Hause des Messer Antonio Cappelletti, eines sehr heitern und aufgeräumten Mannes, der das Haupt der Familie war, viele Festlichkeiten bei Tag und bei Nacht veranstaltet wurden, bei welchen fast die ganze Stadt versammelt war. Zu einer derselben begab sich eines Abends auch ein junger Mann von den Montecchi, seiner Geliebten folgend, wie das so die Art der Liebhaber ist, ihren Damen wie mit dem Herzen so auch womöglich mit dem Leibe zu folgen, wohin sie gehen. Dieser war noch ganz jung, sehr schön und groß von Person, heiter und wohlgesittet. Als er daher, wie alle andern, die Maske abnahm und in seiner Tracht als Nymphe erkannt wurde, wandte sich kein Auge mehr von ihm sowohl wegen seiner Schönheit, welche die jeder andern, selbst der schönsten Frau in der Gesellschaft, übertraf, als aus Verwunderung darüber, daß er, und zumal bei Nacht, in dieses Haus gekommen war. Mehr Eindruck aber als auf irgend sonst jemand machte sein Anblick auf die einzige Tochter des genannten Messer Antonio, welche außerordentlich schön, voll jugendlicher Keckheit und Munterkeit war. Sobald diese den Jüngling erblickte, faßte sie seine Schönheit mit solcher Gewalt in ihrem Gemüte auf, daß sie beim ersten Begegnen ihrer Augen meinte, sie sei nicht mehr sie selber. Der Jüngling hielt sich ganz schüchtern und allein im Hintergrunde und mengte sich nur selten in den Tanz oder in ein Gespräch, da ihn nur die Liebe hierher geführt hatte und ihm bei der Sache nicht ganz wohl zumute war. Dies war dem Mädchen sehr leid; denn sie hörte, er sei ein sehr angenehmer, heiterer Gesellschafter. Schon war Mitternacht vorüber, das Ende des Festes kam heran, und der Fackeltanz oder Huttanz, wie man es heißen will, wie er noch jetzt am Schlusse von Bällen gewöhnlich ist, nahm seinen Anfang. Man steht dabei im Kreise, und der Herr wechselt nach Belieben seine Dame, die Dame ihren Herrn. Bei diesem Tanze nun wurde der Jüngling von einer Dame aufgefordert und zufällig neben das schon verliebte Mädchen gestellt. Zu ihrer andern Seite stand ein edler Jüngling, Marcuccio Guercio mit Namen, der von Natur im Juli wie im Januar immer eiskalte Hände hatte. Als nun Romeo Montecchi (so hieß der Jüngling) links von der Dame zu stehenkam und als, wie es bei dem Tanze gewöhnlich ist, die Schöne seine Hand in die ihrige genommen hatte, sagte das Mädchen auf einmal zu ihm, vielleicht um ihn zum Reden zu bringen: Gottlob, daß Ihr neben mich kommt, Messer Romeo! Darauf versetzte der Jüngling, der schon ihre Blicke bemerkt hatte, verwundert über ihre Worte: Wie? Ihr sagt »Gottlob«, daß ich komme? Allerdings, antwortete sie, bin ich froh, daß Ihr neben mich kommt, denn Ihr könnt mir wenigstens diese müde Hand warm halten, während Marcuccio mir die rechte zu Eis erstarren macht. Romeo wurde dadurch etwas kühner und fuhr fort: Wenn ich Euch mit meiner Hand die Eurige erwärme, so setzt Ihr mit Euren schönen Augen mein Herz in Flammen. Das Mädchen lächelte ein wenig, befürchtete aber, man möchte sehen oder hören, daß sie mit ihm spreche, und sagte nur noch: Ich schwöre Euch, Romeo, bei meiner Ehre, es ist keine Frau hier, die meinen Augen so wohlgefällt als Ihr. Darauf antwortete der Jüngling, ganz von Liebe entflammt: Wer ich auch sei, ich bin, wofern es Euch nicht mißfällt, Eurer Schönheit treuer Diener. Kurz darauf war das Fest zu Ende, und Romeo überlegte im Heimgehen die Grausamkeit seiner ersten Geliebten, die für so vieles Schmachten ihm so geringen Lohn gab, und beschloß, sich, sofern es ihr genehm wäre, ganz dieser zu weihen, obgleich sie der Familie seiner Feinde angehöre. Auf der andern Seite dachte das Mädchen fast an nichts als an ihn und befestigte sich nach vielen Seufzern in der Ansicht, sie müsse unendlich glücklich sein, wenn sie Romeo zum Gatten bekommen könnte; aber wegen der Feindschaft zwischen den beiden Häusern war sie sehr ängstlich und hatte wenig Hoffnung, ein so erfreuliches Ziel zu erreichen. So von ihren Zweifeln hin- und hergeworfen, sagte sie oftmals zu sich selbst: Ich Törin! Von welcher Lockung lasse ich mich in ein so seltsames Labyrinth verleiten, wo ich ohne Führer bleibe und nicht wieder herauskann, wenn ich auch wollte, da Romeo mich nicht liebt; denn bei seiner Feindschaft gegen meine Familie kann er auf nichts anderes abzwecken als auf meine Schande, und wenn er mich auch zur Frau haben wollte, so würde doch mein Vater niemals einwilligen, mich ihm zu überlassen. Dann kam sie wieder auf andere Gedanken und sagte: Wer weiß, vielleicht gerade, um den Frieden zu befestigen zwischen den beiden Häusern, die schon müde und überdrüssig sind, sich fortwährend zu befehden, könnte es mir noch gelingen, auf die Art, wie ich es wünsche, zu seinem Besitze zu gelangen. Und daran hielt sie fest und fing an, ihm durch Blicke ihre Zuneigung zu bezeugen. Da nun die beiden Liebenden in gleicher Flamme glühten und jeder den schönen Namen und das Konterfei des andern in der Brust eingegraben trug, huben sie an, bald in der Kirche, bald am Fenster ihres stillen Liebesverkehrs zu pflegen, so daß es keinem von beiden wohl war, als wenn sie sich sahen. Er vornehmlich fühlte sich so entflammt von ihrem holden Wesen, daß er fast die ganze Nacht mit größter Lebensgefahr allein vor dem Hause des geliebten Mädchens weilte und bald an dem Fenster ihres Zimmers emporkletterte und sich davor, ohne daß sie oder sonst jemand es wußte, hinsetzte, um ihrer süßen Stimme zu lauschen, bald sich auf der Straße hinlegte. Eines Nachts begab es sich durch Fügung des Liebesgottes, daß der Mond ungewöhnlich hell leuchtete, und während Romeo eben auf ihren Erker emporsteigen wollte, öffnete das Mädchen, sei es nun zufällig oder weil sie ihn in frühern Nächten gehört hatte, das Fenster, trat hinaus und sah ihn. Er aber, in der Meinung, nicht sie, sondern sonst jemand öffne den Balkon, wollte in den Schatten einer Mauer fliehen. Sie erkannte ihn jedoch, rief ihn beim Namen und sagte zu ihm: Was macht Ihr hier um diese Stunde so allein? Er hatte sie nun auch schon erkannt und antwortete: Wozu mich die Liebe treibt. Wenn man Euch aber hier beträfe, sagte das Mädchen, könntet Ihr nicht leicht ums Leben kommen? Gnädiges Fräulein, antwortete Romeo, freilich könnte ich leicht ums Leben kommen, und das wird auch eines Nachts geschehen, wenn Ihr mir nicht helft. Aber da ich an jedem andern Orte dem Tod ebenso nahe bin wie hier, so will ich nur suchen, so nahe als möglich bei Euch zu sterben, mit der ich doch ewig zu leben wünschte, wenn es dem Himmel und Euch gefiele. Darauf antwortete das Mädchen: Ich würde kein Hindernis sein, wenn Ihr in Ehren mit mir leben wollt; wenn es nicht bei Euch mehr Hindernis fände oder bei der Feindschaft, die ich zwischen Eurem und meinem Hause bestehen sehe. Ihr dürft mir glauben, versetzte ihr der Jüngling, daß man nichts heftiger wünschen kann, als ich unaufhörlich Euch zu besitzen wünsche, und deshalb, wenn es nur Euch ebenso genehm ist, die meinige zu sein, wie ich mich sehne, Euch anzugehören, so tue ich es gern und fürchte nicht, daß mich Euch jemand entreiße. Nach diesen Worten verabredeten sie, wie sie in einer der folgenden Nächte sich mit mehr Muße sprechen könnten, und so schieden sie beide. Nachher kam der Jüngling mehrmals hin, um mit ihr Zwiesprach zu halten, und als er sie eines Abends, da viel Schnee fiel, an dem ersehnten Orte wiederfand, sagte er zu ihr: Ach, warum laßt Ihr mich so schmachten? Faßt Euch kein Erbarmen mit mir, da ich Euch allnächtlich bei solchem Wetter hier auf der Straße erwarte? Das Fräulein antwortete: O ja, freilich dauert Ihr mich. Aber was soll ich denn tun? Soll ich Euch bitten, fortzugehen? Darauf erhielt sie von dem Jüngling zur Antwort: Laßt mich in Euer Zimmer hinein: da könnten wir behaglicher miteinander plaudern. Darauf versetzte die schöne Jungfrau fast entrüstet: Romeo, ich liebe Euch, so sehr ich jemand lieben darf; ja, ich gestatte Euch mehr, als sich vielleicht mit meinem guten Rufe vereinigen läßt; ich tue dies, überwunden von der Liebe und Euern Vorzügen. Dächtet Ihr aber, durch langes Liebeswerben oder sonst ein Mittel noch weiter als Liebhaber meine Liebe zu genießen, so gebt diesen Gedanken alsbald auf: denn Ihr müßtet doch mit der Zeit Euch von seiner gänzlichen Unhaltbarkeit überzeugen. Um Euch aber nicht weiter den Gefahren auszusetzen, in welchen ich Euer Leben schweben sehe, wenn Ihr jede Nacht in diese Umgebung kommt, so sage ich Euch, daß, wenn es Euch gefällt, mich als Eure Frau anzunehmen, ich bereit bin, mich Euch ganz hinzugeben und Euch durchaus ohne Rücksicht überall hinzufolgen, wohin es Euch beliebt. Dies ist mein einziger Wunsch, sagte der Jüngling. So geschehe es denn gleich! Es mag geschehen, antwortete das Fräulein, aber es muß hernach bestätigt werden in Gegenwart des Franziskanerbruders Lorenzo, meines Beichtvaters, wenn Ihr wollt, daß ich mich Euch ganz und unbefangen übergebe. Oh, versetzte Romeo, also ist der Bruder Lorenzo von Reggio der, der alle Geheimnisse Eures Herzens weiß? Ja, sagte sie, und wir wollen zu meiner Beruhigung lieber alles Weitere bis auf ihn aufsparen. Hiernach trafen sie denn vorsichtige Abrede über das, was sie zu tun hätten, und trennten sich für diesmal. Der erwähnte Mönch gehörte zum Orden der minderen Brüder von der Observanz, war ein großer Philosoph und beschäftigte sich viel mit Versuchen in der Naturkunde und Magie und war mit Romeo zu so inniger Freundschaft verbunden, daß ein festeres Verhältnis zwischen zwei Männern in jener Zeit wohl nicht zu finden gewesen wäre. Denn, einmal, um bei dem törichten Volke in gutem Rufe zu bleiben, und dann, um einigermaßen das Vergnügen der Freundschaft zu genießen, sah sich der Mönch genötigt, sich einem edlen Jüngling der Stadt zu vertrauen. Unter allen hatte er nun Romeo ausgewählt, welcher gefürchtet, mutig und klug war, und ihm sein Herz ganz nackt und unverhüllt dargelegt, das er sonst den andern durch Verstellung verborgen hielt. Romeo suchte ihn daher auf und sagte ihm frei heraus, wie er das geliebte Mädchen zur Frau wünsche, und daß sie miteinander verabredet haben, er allein solle der geheime Zeuge ihrer Vermählung sein und danach den Mittler machen, so daß ihr Vater nachträglich seine Zustimmung erteile. Der Mönch war damit einverstanden, teils weil er Romeo nichts hätte abschlagen können, ohne großen Schaden zu befahren, teils auch, weil er meinte, durch seine Vermittlung könnte die Sache vielleicht zu einem guten Ziele geführt werden; dies hätte ihm dann große Ehre bei dem Fürsten bereitet und bei allen denen, die die Herstellung des Friedens zwischen den beiden Häusern wünschten. Es war Fastenzeit, und das Mädchen stellte sich eines Tages an, als wollte sie beichten. Sie ging in das Franziskanerkloster, trat an einen der Beichtstühle, wie sie die Mönche dort haben, und ließ nach dem Bruder Lorenzo fragen. Als er hörte, daß sie hier war, kam er von der Klosterseite her zugleich mit Romeo in denselben Beichtstuhl, schloß die Tür, zog eine durchlöcherte Eisenplatte, welche die Jungfrau von ihnen trennte, hinweg und sprach zu ihr: Ich pflege Euch immer gerne zu sehen, mein Kind; aber jetzt seid Ihr mir teurer als je, wenn es so ist, daß Ihr meinen Messer Romeo zu Eurem Gatten wollt. Darauf antwortete sie: Nichts wünsche ich sehnlicher, als ihm rechtmäßig anzugehören; darum bin ich hierher gekommen vor Euch, in den ich großes Vertrauen setze, damit Ihr nächst Gott Zeuge seid von dem, was ich, von Liebe bezwungen, zu tun vorhabe. Darauf wurde denn vor dem Bruder, der das ganze als Beichtgeheimnis betrachten zu wollen versprach, sogleich Romeo mit dem schönen Fräulein getraut und zwischen ihnen die Abrede getroffen, sie wollten die folgende Nacht beisammen zubringen. Sie küßten sich sodann einmal und schieden von dem Mönch, der sein Gitter wieder in die Mauer einfügte und noch anderer Frauen Beichte hörte. So wurden denn die zwei Liebenden auf die angegebene Weise Mann und Frau, genossen mehrere Nächte ihres Liebesglücks und hofften, mit der Zeit Mittel zu finden, um den Vater der Frau zu besänftigen, der, wie sie wußten, ihren Wünschen entgegenstand. Währenddessen begab es sich, daß das Schicksal, das jeder Lust der Welt feindlich in den Weg tritt, irgendeinen bösen Samen streute, aus dem die fast erstorbene Feindschaft ihrer Häuser neu emporsproßte, so daß es mehrere Tage bunt durcheinanderging, die Montecchi nicht den Cappelletti und die Cappelletti nicht den Montecchi aus dem Weg gehen wollten und sie sich deshalb einmal in der Wettrennenstraße in Masse anfielen. Romeo kämpfte auch mit, hütete sich aber aus Rücksicht auf seine Frau, einen von ihrer Familie zu erschlagen; zuletzt aber, als viele von den Seinigen verwundet und fast alle aus der Straße verjagt waren, übernahm ihn der Zorn: er lief auf Tebaldo Cappelletti los, welcher der Heftigste seiner Familie schien, streckte ihn mit einem Schlage tot zu Boden und trieb die andern, die schon durch Tebaldos Tod in Verwirrung waren, in eilige Flucht. Man hatte schon bemerkt, daß Romeo den Tebaldo erschlagen, so daß also der Mord nicht verheimlicht werden konnte. Es wurde daher Klage beim Fürsten angebracht, und alle Cappelletti schrien immer nur über Romeo, weshalb er denn von dem Gericht auf ewig aus Verona verbannt wurde. Welchen Eindruck die Nachricht von diesen Vorfällen auf die arme junge Frau machte, kann jeder, der herzlich liebt, wenn er sich in ihre Lage hineindenkt, leicht ermessen. Sie weinte in einem fort so heftig, daß sie niemand zu trösten vermochte; und ihr Schmerz war um so herber, je weniger sie wagte, irgend jemand ihr Unglück zu entdecken. Andererseits war dem jungen Manne der Abschied von der Vaterstadt bloß darum leid, weil er sie verlassen mußte; und da er um keinen Preis hinweg wollte, ohne von ihr einen tränenreichen Abschied zu nehmen, und ihr Haus doch nicht besuchen durfte, so nahm er seine Zuflucht zu dem Mönche, und es wurde ihr durch einen mit Romeo befreundeten Diener ihres Vaters zu wissen getan, sie solle auch dahin kommen, was sie auch tat. Sie gingen beide in den Beichtstuhl und beweinten miteinander heftig ihren Verlust. Am Ende aber sagte sie zu ihm: Was soll ich anfangen ohne Euch? Ich habe keine Freude mehr am Leben. Es wäre besser, ich ginge mit Euch, wohin Ihr geht. Ich will mir diese Locken abschneiden und wie Euer Diener hinter Euch hergehen, und Ihr könnt von niemand besser und treuer bedient werden als von mir. Da sei Gott vor, mein liebstes Leben, entgegnete ihr Romeo, daß, wenn Ihr mit mir kommen sollt, ich Euch anders denn als meine Gemahlin mit mir führe! Aber da ich gewiß bin, daß die Sache nicht lange auf diese Art fortgehen kann, und daß Friede werden muß unter unsern Familien, wo dann ich auch leicht von dem Fürsten begnadigt werden kann, so meine ich, Ihr sollt einige Tage leiblich von mir getrennt bleiben, denn mein Herz ist unaufhörlich bei Euch; wofern sich aber die Sachen nicht so entwickeln, wie ich vermute, so können wir einen andern Entschluß fassen über unser künftiges Leben. Nachdem sie dies unter sich verabredet, umarmten sie sich tausendmal und trennten sich mit Tränen. Die Frau bat ihn dringend, ihr so nahe als möglich zu bleiben und nicht nach Rom oder Florenz zu gehen, wie er gesagt hatte. Wenige Tage darauf ging Romeo, der bis dahin im Kloster des Bruders Lorenzo verborgen geblieben war, aus der Stadt und begab sich in aller Stille nach Mantua, nachdem er zuvor dem Diener der Frau aufgegeben hatte, alles, was er von ihm in Beziehung auf die Frau im Hause höre, dem Mönch sogleich mitzuteilen und alles, was sie ihm befehle, getreu zu vollbringen, wenn er den Rest der ihm versprochenen Belohnung zu erhalten wünsche. Romeo war schon längere Zeit weggegangen, und man fand die junge Frau noch immer in Tränen, so daß ihre große Schönheit darunter litt und ihre Mutter, welche sie zärtlich liebte, ihr wiederholt mit schmeichelnden Worten den Grund abzulocken suchte, weshalb sie so heftig weine. O meine Tochter, sagte sie, die ich so zärtlich als mein Leben liebe, welcher Schmerz quält dich seit einiger Zeit? Woher kommt es, daß du keinen Augenblick ohne Tränen bleibst? Wünschest du vielleicht etwas, so tue es mir allein kund: denn in allem, soweit ich darf, werde ich dir Trost zu gewähren suchen. Dessenungeachtet gab ihr die Tochter nur immer unerhebliche Gründe für ihre Tränen an. Die Mutter kam daher auf den Gedanken, es sei ein heftiger Wunsch, einen Mann zu bekommen, an diesem Weinen schuld, und sie habe ihr dies aus Scham oder Furcht verheimlicht. Daher sagte sie eines Tages zu ihrem Gatten, in der Meinung, dadurch das Wohl ihrer Tochter zu fördern, während sie doch auf ihren Tod losarbeitete: Messere Antonio, ich sehe schon längere Zeit diese unsere Tochter beständig so heftig weinen, daß sie, wie Ihr selbst wahrnehmen könnt, sich gar nicht mehr gleich sieht. Trotz allen Bemühungen, die Ursache ihres Weinens von ihr zu erfahren, kann ich doch nicht aus ihr herausbringen, woher es kommt; und von selbst komme ich auch nicht auf die Veranlassung, wenn es nicht vielleicht der Wunsch zu heiraten ist, den sie in ihrer Keuschheit nicht auszusprechen wagt. Ich meine daher, ehe sie sich verzehrt, wäre es gut, ihr einen Mann zu geben; sie war ja auf letzten Sankt Eufemien achtzehn Jahre vorüber, und wenn die Frauen weit über diese Zeit hinaus sind, verlieren sie eher an Schönheit, als sie gewinnen. Sie sind ohnehin keine Ware, die man lange aufs Lager legen darf, obwohl ich unsere Tochter durchaus in keinem Stücke anders kenne als höchst sittsam. Überdies weiß ich, daß Ihr ihre Mitgift schon längere Zeit bereitliegen habt. Wir wollen uns daher nach einem anständigen Gemahl für sie umsehen. Messer Antonio antwortete, es wäre ganz gut, sie zu verheiraten, und lobte seine Tochter sehr, daß sie, wenn sie den Wunsch dazu verspüre, lieber ihren Kummer in sich verschließe, als sich ihm oder ihrer Mutter eröffne. Wenige Tage darauf knüpfte er auch wirklich mit einem Grafen von Lodrone Unterhandlungen wegen ihrer Vermählung an. Schon waren diese fast bis zum Abschluß gediehen, als die Mutter, in der Meinung, ihrer Tochter die größte Freude zu machen, zu ihr sagte: Jetzt freue dich, meine Tochter: denn in wenigen Tagen sollst du mit einem vornehmen Edelmann würdig vermählt werden, und damit wird die Ursache deines Jammers weggeräumt sein; denn wenn du sie mir auch nicht hast entdecken wollen, so bin ich doch mit Gottes Hilfe darauf gekommen und habe es schon bei deinem Vater dahin gebracht, daß dein Wunsch erfüllt werden wird. Auf diese Worte konnte das schöne junge Weib ihre Tränen nicht zurückhalten, weshalb die Mutter zu ihr sagte: Glaubst du, ich halte dich zum besten? Es werden nicht acht Tage vergehen, so bist du die Frau eines schönen Junkers aus dem Hause Lodrone. Die Tochter aber verdoppelte auf diese Worte ihr Weinen, weshalb die Mutter schmeichelnd zu ihr sagte: Ei, mein Kind, bist du denn nicht damit zufrieden? Nein, meine Mutter, antwortete sie, und ich werde auch nie damit zufrieden sein. Aber was willst du denn? entgegnete die Mutter. Sag es mir, denn ich bin zu allem für dich bereit. Da sagte ihre Tochter: Sterben möchte ich und sonst nichts. Da merkte Madonna Giovanna (denn so hieß die Mutter) als eine erfahrene Frau, daß ihre Tochter eine Liebe habe, gab ihr daher eine gleichgültige Antwort und verließ sie. Am Abend, als ihr Mann kam, erzählte sie ihm, was ihr die Tochter unter Tränen geantwortet habe. Ihm mißfiel dies höchlich; doch dachte er, es wäre wohlgetan, ehe man in den Unterhandlungen über ihre Vermählung einen weitern Schritt tue, um sich nicht irgendwie in Verlegenheit zu setzen, sich auf Kundschaft zu legen, was denn ihre Ansicht von der Sache eigentlich sei. Er ließ sie daher eines Tages vor sich kommen und sagte zu ihr: Giulietta (denn das war der Name seiner Tochter), ich bin im Begriff, dich standesgemäß zu vermählen. Bist du damit zufrieden, mein Kind? Die Tochter hatte eine Weile geschwiegen, nachdem der Vater zu sprechen aufgehört, antwortete aber sodann: Nein, mein Vater, ich bin nicht damit zufrieden. Wie? versetzte der Vater, willst du denn in ein Nonnenkloster gehen? Messere, sagte sie, ich weiß nicht. Bei diesen Worten vergoß sie einen Strom von Tränen. Da sprach der Vater zu ihr: Aber ich weiß es, daß du das nicht willst. Beruhige dich also, denn ich beabsichtige, dich mit einem Grafen von Lodrone zu vermählen. Darauf versetzte die Tochter heftig weinend: Das wird nimmermehr geschehen. Messer Antonio war darüber erzürnt und bedrohte sie heftig, wenn sie seinem Willen ferner zu widersprechen sich erkühne, und überdies, wenn sie ihm den Grund ihres Weinens nicht offenbare. Da er aber nichts aus ihr herausbrachte als Tränen, war er über die Maßen unwillig und ließ sie mit Madonna Giovanna allein, ohne zu erfahren, auf was der Sinn seiner Tochter gerichtet sei. Die junge Frau hatte dem Diener ihres Vaters, welcher Mitwisser ihrer Liebe war und Pietro hieß, alles, was ihre Mutter gesprochen hatte, wiedergesagt und vor ihm eidlich beteuert, daß sie eher freiwillig Gift trinken wolle, als je einen andern als Romeo zum Gemahl nehmen, was ja gar nicht möglich wäre. Hiervon hatte Pietro insgeheim verabredetermaßen Romeo durch den Mönch benachrichtigt, und dieser hatte an Giulietta geschrieben, sie solle um keinen Preis in ihre Vermählung einwilligen und noch weniger ihre Liebe gestehen, denn er werde höchstwahrscheinlich in acht bis zehn Tagen Gelegenheit haben, sie aus ihrem elterlichen Hause zu entführen. Messere Antonio und Madonna Giovanna bemühten sich unterdes gemeinsam vergeblich, durch Schmeicheleien und durch Drohungen von ihrer Tochter die Ursache zu erfahren, warum sie nicht heiraten wolle, und gelangten auch sonst nicht auf die Spur eines Liebesverhältnisses. Oftmals hatte Madonna Giovanna zu ihr gesagt: Sieh, meine süße Tochter, weine jetzt nicht mehr: denn du bekommst ja einen Gemahl nach deinem Wunsch; ja, du tust fast so, wie wenn es einer von den Montecchi wäre, aus denen du, wie ich überzeugt bin, keinen wählen wirst. Giulietta aber antwortete nie mit etwas anderem als mit Seufzern und Tränen. Dadurch kamen die Eltern in immer größere Besorgnis und faßten den Entschluß, ihre verabredete Vermählung mit dem Grafen von Lodrone so sehr als möglich zu beschleunigen. Als die junge Frau dies hörte, wurde sie über die Maßen betrübt und wünschte in ihrer Ratlosigkeit sich tausendmal des Tages den Tod herbei. Doch beschloß sie bei sich selbst, ihren Schmerz dem Bruder Lorenzo mitzuteilen, da sie nächst Romeo auf ihn die größte Hoffnung setzte, und da sie von ihrem Geliebten gehört hatte, daß er viele unglaubliche Dinge zu bewerkstelligen verstehe. Daher sagte sie eines Tages zu Madonna Giovanna: Meine Mutter, wundert Euch nicht, wenn ich Euch die Ursache meines Weinens nicht sage, denn ich kenne sie selbst nicht; ich fühle nur beständig in meinem Innern eine solche Schwermut, daß mir alles miteinander, ja das Leben selbst zuwider ist; und ich kann mir nicht vorstellen, woher das rührt, viel weniger es Euch oder meinem Vater sagen, es müßte denn von einer begangenen Sünde herrühren, deren ich mich nicht erinnere. Da nun die letzte Beichte mich sehr erleichtert hat, so möchte ich, wenn Ihr nichts dagegen habt, wieder zur Beichte gehen, damit ich an dem nächstbevorstehenden großen Feste im Mai zur Heilung aller meiner Schmerzen die liebliche Arznei des geheiligten Leibes unseres Herrn empfangen kann. Madonna Giovanna erklärte sich hiermit einverstanden. Zwei Tage darauf führte sie sie nach San Francesco und übergab sie dem Bruder Lorenzo, den sie zuvor schon dringend gebeten hatte, er möge die Ursache ihres Weinens in der Beichte erforschen. Sobald die junge Frau sah, daß ihre Mutter sich etwas von ihr entfernt hatte, erzählte sie in aller Schnelle mit niedergeschlagener Stimme dem Mönch ihren ganzen Kummer und bat ihn bei der Liebe und innigen Freundschaft, welche, wie sie wußte, zwischen ihm und Romeo bestand, er möchte ihr doch in dieser äußersten Not seine Hilfe nicht versagen. Was kann ich hier zu deinem Besten tun, meine Tochter, antwortete der Mönch, da eine so heftige Feindschaft zwischen deinem Hause und dem deines Gatten besteht? Die betrübte junge Frau sagte darauf: Mein Vater, ich weiß, daß Ihr vieles zu bewerkstelligen imstande seid und mir auf tausend Arten helfen könnt, wenn Ihr wollt. Mögt Ihr mir aber sonst keine Wohltat erweisen, so vergönnt mir wenigstens das! Ich höre, daß man Vorbereitungen zu meiner Hochzeit trifft in einem Palaste meines Vaters, der zwei Meilen vor der Stadt gegen Mantua zu liegt. Dort wollen sie mich hinführen, damit ich weniger Herz habe, meinen neuen Bräutigam abzuweisen; sobald ich dort bin, kommt dann der mir Bestimmte auch dahin. Gebt mir nun so viel Gift, daß ich mich von diesem Kummer und Romeo von solcher Schmach befreien kann; wo nicht, so werde ich mir ein Messer in den Leib stoßen, was mir schwerer fällt und ihm auch weher tut. Als Bruder Lorenzo hörte, daß ihr Mut so groß war, und überlegte, wie sehr Romeo ihn in seiner Gewalt habe, so daß er ihm ganz sicher feind würde, wenn er in dieser Angelegenheit ihn nicht förderte, sprach er zu der jungen Frau also: Sieh, Giulietta, ich bin, wie du weißt, Beichtvater von der Hälfte dieser Stadt und stehe bei jedermann in gutem Ruf; auch wird kein Testament gemacht oder Friede geschlossen, wo ich nicht dabei wäre. Deshalb möchte ich um alle Schätze der Welt nicht in einen aufsehenerregenden Handel mich einlassen, noch wünschte ich, daß man mich in der Sache irgend für beteiligt halte. Dennoch will ich aus Liebe zu dir und zu Romeo mich zu einem Schritte verstehen, den ich noch für niemand getan habe, unter der Bedingung jedoch, daß du mir versprichst, meinen Anteil daran immer geheimzuhalten. Sie antwortete: Mein Vater, gebt mir nur unbesorgt das Gift, denn es soll nie jemand außer mir davon erfahren. Gift, versetzte er, werde ich dir nicht geben, meine Tochter! Es wäre allzusehr Sünde und schade, wenn du so jung und schön sterben solltest. Wenn du aber über dich gewinnen kannst, etwas zu tun, was ich dir sagen werde, so gebe ich dir mein Wort, daß ich dich sicher zu deinem Romeo bringen will. Du weißt, daß die Gruft von euch Cappelletti sich außerhalb dieser Kirche auf unserm Kirchhof befindet. Ich will dir ein Pulver geben. Wenn du das trinkst, wirst du auf achtundvierzig Stunden oder etwas mehr oder weniger in einen Schlaf versinken, daß jedermann, auch der größte Arzt, dich entschieden für tot halten wird. Du wirst dann ohne Zweifel, als wärest du verschieden, in der besagten Gruft beigesetzt; ich aber hole dich, sobald es Zeit ist, heraus und behalte dich in meiner Zelle, bis ich zu dem Kapitel gehe, das wir in kurzem in Mantua halten. Alsdann führe ich dich, in unsre Ordenstracht verkleidet, mit mir zu deinem Gemahl. Aber sage mir, wirst du dich nicht fürchten vor dem Leichnam deines Vetters Tebaldo, der erst vor kurzem dort beigesetzt worden ist ? Die junge Frau war schon ganz heiter geworden und sagte: Mein Vater, wenn ich nicht anders zu Romeo kommen könnte, so würde ich furchtlos selbst durch die Hölle zu wandern mich erkühnen. Wohlan denn, sagte er, da du so gestimmt bist, bin ich bereit, dich zu unterstützen; aber ehe etwas geschieht, solltest du, meine ich, mit eigener Hand Romeo das ganze schreiben, damit er nicht, dich tot wähnend, aus Verzweiflung irgendeinen übereilten Schritt tue; denn ich weiß, daß er dich über alle Maßen liebt. Ich habe immer Brüder, die nach Mantua gehen, wo er, wie du weißt, sich derzeit aufhält. Mache, daß ich den Brief bald bekomme, den ich ihm dann durch einen zuverlässigen Boten senden will. Nach diesen Worten verließ der gute Mönch (wie wir denn immer sehen, daß ohne die Teilnahme dieser Männer nichts Wichtiges zu einem rechten Ziele gedeiht) die junge Frau in dem Beichtstuhl, eilte in seine Zelle und kehrte schnell zu ihr zurück mit einem kleinen Gefäße mit Pulver. Nimm dies, sagte er zu ihr, und trink es unbesorgt, wann es dir recht ist, etwa um drei oder vier Uhr der Nacht, in frischem Wasser! Um sechs Uhr ungefähr wird es dann zu wirken anfangen, und unser Anschlag muß uns unfehlbar gelingen. Vergiß aber nicht, mir den Brief zu schicken, den du an Romeo schreiben mußt! Es ist dies sehr wesentlich. Giulietta nahm das Pulver, kehrte ganz heiter zu ihrer Mutter zurück und sagte zu ihr: In der Tat, Madonna, der Bruder Lorenzo ist der beste Beichtvater von der Welt. Er hat mich so sehr erhoben, daß ich von meiner frühern Traurigkeit gar nichts mehr weiß. Madonna Giovanna, die über der Heiterkeit ihrer Tochter auch von ihrer Betrübnis verloren hatte, antwortete: Wohlan, meine Tochter, nimm darauf Bedacht, daß du ihn auch zuweilen wieder erhebest durch unsere Almosen: denn es sind arme Mönche. Unter diesen Gesprächen kamen sie nach Hause. Nach dieser Beichte war Giulietta ganz heiter geworden, so daß Messer Antonio und Madonna Giovanna allen Verdacht, sie möchte verliebt sein; aufgegeben hatten. Sie meinten vielmehr, irgendein unerklärlicher Anfall von Schwermut habe das Weinen veranlaßt, und sie hätten sie gern vorläufig ungestört gelassen und nichts weiter von einem Mann gesprochen. Sie waren aber in der Sache schon so weit gegangen, daß sie ohne Schwierigkeit nicht zurücktreten konnten. Als demnach der Graf von Lodrone wünschte, daß einer von seiner Familie das Fräulein sehe, und da Madonna Giovanna etwas kränklich war, wurde verabredet, daß das Mädchen von zweien ihrer Muhmen begleitet auf das schon erwähnte Landgut des Vaters in der Nähe der Stadt sich begebe. Sie widersetzte sich durchaus nicht und ging hin. Da sie nun der Meinung war, ihr Vater habe sie so plötzlich dahin geschickt, um sie ohne weiteres ihrem zweiten Gemahl in die Arme zu werfen, hatte sie das Pulver mitgenommen, das ihr der Mönch gegeben; gegen vier Uhr in der Nacht rief sie eine Dienerin, die mit ihr erzogen worden war, und die sie fast wie eine Schwester hielt, ließ sich von ihr einen Becher mit kaltem Wasser geben und sagte, die Speisen des Abendessens hätten ihr Durst gemacht. Darein warf sie nun das kräftige Pulver und trank den Becher ganz aus. Darauf sagte sie vor der Dienerin und einer ihrer Muhmen, die mit ihr aufgewacht war: Mein Vater wird mir gewiß gegen meinen Willen keinen Mann geben, soweit es von mir abhängt. Obgleich die Frauen, die aus etwas grobem Teig gebacken waren, sie das Pulver hatten trinken sehen, von dem sie behauptete, sie schütte es in das Wasser zur Abkühlung, und obgleich sie diese Worte hörten, schöpften sie doch keinen Verdacht und merkten nichts; vielmehr kehrten sie in ihr Bett zurück. Giulietta löschte das Licht, und als die Dienerin weggegangen war, tat sie, als müsse sie eines natürlichen Bedürfnisses wegen aufstehen, stieg aus dem Bette, zog alle ihre Kleider wieder an und kehrte dann ins Bett zurück, legte sich, als hätte sie geglaubt, sterben zu müssen, in demselben so gut als möglich zurecht, faltete die Hände auf der Brust und erwartete so, daß der Trank seine Wirkung tue. Es dauerte auch nicht viel über zwei Stunden, so lag sie wie tot da. Als der Morgen kam und die Sonne schon eine gute Weile aufgegangen war, fand man das Fräulein in der Art, wie ich gesagt habe, auf ihrem Bette liegend. Man wollte sie aufwecken, aber umsonst, denn man fand sie schon fast ganz kalt. Da erinnerten sich die Muhme und die Dienerin des Wassers mit dem Pulver, das sie am Abend getrunken hatte, und der Worte, die sie dabei gesprochen. Als sie ferner bemerkten, daß sie sich angekleidet und selbst auf dem Bette so eigentümlich hingelegt hatte, hielten sie das Pulver für Gift und sie selbst für unzweifelhaft tot. Da erhob sich unter den Frauen ein großer Lärm und Heulen; besonders die Dienerin rief sie oft beim Namen und sagte: O Madonna, das war es also, daß Ihr sagtet: 'Mein Vater wird mir gegen meinen Willen keinen Mann geben.' Ihr habt trügerischerweise von mir frisches Wasser verlangt, das mir Elender Euren herben Tod bereitet hat. O ich Unglückliche! Über wen soll ich am meisten klagen, über die Tote oder über mich selbst? O Madonna, ich habe Euch mit meinen eigenen Händen das Wasser gebracht, damit ich Unglückliche auf solche Weise von Euch verlassen werde! Ich allein habe Euch, mich, Euren Vater und Eure Mutter auf einen Schlag getötet. Ha, warum habt Ihr im Tode die Gesellschaft einer Eurer Dienerinnen verachtet, die Ihr im Leben so liebzuhaben schienet? Wie ich gern mit Euch gelebt habe, so wäre ich auch gern mit Euch gestorben. Bei diesen Worten stieg sie auf das Bett und schloß das scheintote Fräulein fest in ihre Arme. Messer Antonio, der in der Nähe war und den Lärm gehört hatte, eilte, am ganzen Leibe zitternd, in das Zimmer der Tochter, und da er sie so auf dem Bett liegen sah und hörte, was sie in der Nacht getrunken und gesprochen hatte, schickte er, obschon er sie für tot hielt, doch zu seiner eigenen Beruhigung schnell zu seinem Arzte, den er für sehr gelehrt und erfahren hielt, nach Verona. Dieser kam, sah das Fräulein und berührte sie etwas und erklärte, sie sei infolge des genommenen Giftes schon sechs Stunden verschieden. Als der unglückliche Vater dies hörte, brach er in eine grenzenlose Wehklage aus. Die Trauerkunde verbreitete sich schnell von Mund zu Mund und war in kurzem auch der armen Mutter zugekommen, die, plötzlich von jeder Lebenswärme verlassen, wie tot niedersank, und als sie mit einem gellen Schrei wieder aus ihrer Ohnmacht erwachte, sich wie von Sinnen schlug und, den Namen der geliebten Tochter ausrufend, die Luft mit Klagen füllte. Ich sehe dich tot, rief sie, o meine Tochter, du einzige Ruhe meines Alters! Und wie hast du, Grausame, mich verlassen können, ohne deiner unglücklichen Mutter noch Gelegenheit zu geben, deine letzten Worte zu vernehmen? Ich hätte dir wenigstens deine schönen Augen zugedrückt und deinen köstlichen Leib gewaschen. Wie kannst du mich das von dir hören lassen? O liebste Frauen, die ihr da bei mir seid, helft mir sterben, und wenn noch ein Erbarmen in euch lebt, so laßt eure Hände (wofern ein solcher Dienst nicht zu niedrig für euch ist) mir eher das Lebenslicht auslöschen, als meinen Schmerz! Und du, großer Vater im Himmel, da ich nicht so bald sterben kann, als ich wünsche, entzeuch mit deinem Pfeile mich mir selbst, da ich mir so verhaßt bin! Sie wurde sofort von einer ihrer Frauen aufgehoben und auf das Bett gebracht, und andere suchten mit vieler Mühe sie zu trösten; aber sie hörte nicht auf zu weinen und zu jammern. Das Fräulein wurde indes von dem Landgute, wo sie sich befand, nach der Stadt gebracht und unter einer großen prunkhaften Leichenfeier, von allen ihren Verwandten und Freunden bejammert, in der Gruft des Kirchhofs bei San Francesco als tot beigesetzt. Bruder Lorenzo, der in Angelegenheiten des Klosters etwas aus der Stadt gegangen war, hatte den Brief Giuliettas, den er an Romeo besorgen sollte, einem Mönch übergeben, der nach Mantua ging. Als dieser daselbst ankam, ging er zwei- oder dreimal in Romeos Haus und traf ihn unseligerweise nie an; da er aber den Brief nur ihm selbst einhändigen wollte, behielt er ihn noch bei sich. Pietro, welcher Giulietta tot glaubte, beschloß in größter Verzweiflung, da er den Bruder Lorenzo in Verona nicht auffand, selbst Romeo eine so schlimme Kunde zu überbringen, wie sie der Tod seiner Geliebten ihm sein mußte. Er ging deshalb des Abends aus der Stadt nach dem Landgute seines Herrn zurück und wanderte in der Nacht so eilig nach Mantua, daß er schon am Morgen beizeiten daselbst anlangte. Er fand Romeo, noch ehe dieser von dem Mönche den Brief seiner Gattin erhalten hatte, und erzählte ihm unter Tränen, daß er die tote Giulietta habe beisetzen sehen, berichtete auch ausführlich, was sie zuletzt getan und gesprochen habe. Als dieser solches hörte, ward er ganz blaß und halb tot, zückte den Degen und wollte sich erstechen. Seine Leute hielten ihn zwar zurück, aber er sagte: Mein Leben kann in keinem Falle mehr lang dauern, da mein wahres Leben gestorben ist. O meine Giulietta, ich allein bin schuld an deinem Tode, da ich nicht, wie ich dir geschrieben hatte, kam, um dich deinem Vater zu entführen. Du wolltest sterben, um mich nicht zu verlassen, und ich sollte aus Todesfurcht allein leben? Das soll nicht geschehen. Und zu Pietro gewendet sagte er, indem er ihm ein Trauerkleid vom Leibe weg schenkte: Gehab dich wohl, mein Pietro! Pietro verließ ihn, Romeo schloß sich allein in sein Zimmer ein, und da ihm nichts unerträglicher schien, als ferner zu leben, überlegte er, was er nun mit sich beginnen solle. Endlich verkleidete er sich als Bauer, nahm ein Fläschchen mit Schlangenwasser, das er seit langer Zeit für einen Notfall in einer Schachtel aufbewahrt hatte, steckte es in seinen Ärmel und machte sich auf den Weg nach Verona, in der Aussicht, entweder, wenn er erkannt würde, durch die Hand der Gerechtigkeit sein Leben zu verlieren, oder sich in der Gruft, deren Lage er wohl kannte, mit seiner Geliebten einzuschließen und dort zu sterben. Diesem letzten Plane war das Schicksal günstig; denn am Abend des auf Giuliettas Beisetzung folgenden Tages kam er nach Verona, ohne von jemand erkannt zu werden, und wartete die Nacht ab. Als er nun alles in Schweigen begraben sah, begab er sich nach dem Minoritenkloster, wo die Gruft sich befand. Die Kirche stand in der Zitadelle, wo damals diese Mönche wohnten. Später haben sie dieselbe, ich weiß nicht aus welchem Grunde, verlassen und sich in die Vorstadt von San Zeno gezogen, in das Kloster, das jetzt San Bernardino heißt, wiewohl es früher dem Sankt Franz angehörte. An den Mauern dieses Klosters befanden sich damals außerhalb einige große steinerne Särge, wie wir sie an vielen Orten außerhalb der Kirchen finden. Einer derselben war das alte Begräbnis aller Cappelletti, und daselbst war auch das schöne junge Weib. Daran lehnte sich Romeo (es mochte etwa um vier Uhr der Nacht sein), hob, da er sehr kräftig war, mit Gewalt den Deckel hinweg, und nachdem er ihn mit ein paar Hölzern, die er mitgebracht, so gestützt hatte, daß er gegen seinen Willen nicht zufallen konnte, trat er hinein und schloß sodann den Sarg. Der unglückselige Jüngling hatte eine Blendlaterne mitgebracht, um seine Frau noch ein wenig zu sehen. Sobald er in der Gruft verschlossen war, zog er diese hervor und machte sie auf. Da sah er denn seine schöne Giulietta unter Knochen und Fetzen von vielen Toten selbst wie tot liegen. Darüber brach er alsbald in heftige Tränen aus und fing also an: O ihr Augen, die ihr meinen Augen helle Lichter wäret, solange es dem Himmel gefiel! O Mund, von mir tausendmal so süß geküßt, und von dem man so kluge Worte vernommen! O schöne Brust, die mein Herz in solcher Wonne beherbergt! Nun ich euch hier blind, stumm und kalt wiederfinde, wie soll ich ohne euch sehen, sprechen und leben? Ach meine unglückliche Frau, wohin hat dich die Liebe geführt, deren Wille es ist, daß ein so enger Raum zwei betrübte Liebende vernichte und beherberge? Weh mir, waren das die Vorspiegelungen der Hoffnung und der Sehnsucht, die mich zuerst in Liebe zu dir entflammten? O mein unseliges Leben, was soll nun dein Leitstern sein? Bei diesen Worten küßte er ihr Augen, Mund und Brust und wollte ganz in Tränen zerschmelzen. Unter seinem Weinen rief er: Ihr Mauern, die ihr über mir steht, warum fallt ihr nicht über mich her, mein Leben abzukürzen? Aber da ja offenbar der Tod einem jeden in seine Gewalt gegeben ist, wäre es doch gewiß höchst niederträchtig, ihn zu wünschen und nicht zu nehmen. Darum zog er das Fläschchen mit der scharfgiftigen Flüssigkeit, das er im Ärmel verwahrte, heraus und fuhr also zu sprechen fort: Ich weiß nicht, welches Geschick mich dahin führt, daß ich auf meinen Feinden, auf den von mir Erschlagenen in ihrem Grabe sterben muß. Da aber neben unserer Geliebten zu sterben eine Wonne ist, mein Herz, so laß uns sterben! Damit setzte er das grausame Wasser an die Lippen und schlang es ganz hinunter. Darauf nahm er das geliebte Weib in die Arme, drückte sie fest an sich und sprach: O schöner Leib, letztes Ziel aller meiner Sehnsucht, wenn dir ein Gefühl übriggeblieben ist nach der Seele Scheiden, oder wenn sie meinen grausen Tod sieht, so bitte ich dich, es möge ihr nicht mißfallen, wenn ich nicht glücklich und vor aller Welt mit dir leben durfte, daß ich wenigstens insgeheim und traurig mit dir sterbe. Und so erwartete er, sie eng umfaßt haltend, den Tod. Endlich war die Stunde gekommen, wo die Lebenswärme der jungen Frau die gewaltige erstarrende Kraft des Pulvers überwinden und sie wieder erwachen mußte. Gedrückt und gerüttelt von Romeo, erwachte sie daher in seinen Armen, und als sie wieder bei sich war, sagte sie nach einem schweren Seufzer: Weh mir, wo bin ich? Wer umfaßt mich Unglückliche? Wer küßt mich? Sie meinte, es sei der Bruder Lorenzo, und rief: So also, Mönch, haltet Ihr Romeo Treue? Auf diese Weise also wollt Ihr mich sicher zu ihm führen? Als Romeo merkte, daß die Frau lebe, verwunderte er sich sehr, erinnerte sich vielleicht des Pygmalion und sagte: Kennt Ihr mich nicht, meine süße Frau? Seht Ihr nicht, daß ich Euer betrübter Gatte bin, allein und heimlich von Mantua gekommen, um bei Euch zu sterben? Als Giulietta merkte, daß sie in der Gruft war und einem Manne in den Armen lag, der sich für Romeo ausgab, kam sie fast von Sinnen. Sie drückte ihn etwas von sich und schaute ihm ins Gesicht, und da sie ihn sogleich erkannte, umarmte sie ihn, gab ihm tausend Küsse und sprach: Welche Torheit bewog Euch, hier hereinzukommen und mit solcher Gefahr? War es nicht genug, daß Ihr aus meinen Briefen erfahren habt, wie ich mich mit Hilfe des Bruders Lorenzo totstellen wollte, um dann in kurzem bei Euch zu sein? Da merkte der unglückselige Jüngling seinen großen Irrtum und rief: O mein betrübtes Los! O unseliger Romeo, des Schmerz allen andern Liebesschmerz übertrifft! Ich habe Eure Briefe hierüber nicht erhalten. Weiter erzählte er ihr, wie Pietro ihren verstellten Tod ihm als wahr gemeldet. In der Meinung, sie sei gestorben, habe er, um ihr im Tode Gesellschaft zu leisten, neben ihr Gift genommen, welches sehr scharf sei, so daß er schon den Tod sich durch alle Glieder rinnen fühle. Als das unglückselige junge Weib solches hörte, ward sie vom Schmerz so übermannt, daß sie sich nicht anders zu helfen wußte, als daß sie ihre schönen Locken ausraufte und ihre unschuldige Brust zerschlug. Den Romeo, der schon rücklings hingesunken war, küßte sie häufig, und sie übergoß ihn mit einem Meer von Tränen. Blässer als Asche und ganz zitternd sprach sie: Also müßt Ihr in meiner Gegenwart und durch meine Schuld sterben, mein Herr? Und wird der Himmel zugeben, daß ich nach Euch, wenn auch nur kurz, lebe? Ich Unglückliche! Könnt' ich wenigstens Euch mein Leben schenken und allein sterben! Darauf antwortete Romeo mit matter Stimme: Wenn Euch meine Treue und meine Liebe je teuer war, meine lebende Hoffnung, so beschwöre ich Euch dabei, daß Ihr Euch nach mir das Leben nicht mißfallen lasset, wäre es auch nur, um wenigstens das Gedächtnis dessen zu erhalten, der von Eurer Liebe ergriffen um Euretwillen vor Euren schönen Augen hinstirbt. Die Frau antwortete: Wenn Ihr um meines verstellten Todes willen sterbt, was soll ich tun um Eures nicht verstellten willen? Es schmerzt mich allein, daß ich nicht jetzt hier in Eurer Gegenwart ein Mittel zu sterben sehe, und ich bin mir selber verhaßt, daß ich so lange lebe; aber ich hoffe, es wird nicht lange dauern, bis ich, wie ich die Veranlassung Eures Todes geworden bin, so auch seine Teilhaberin werde. Mit Mühe hatte sie diese Worte ausgesprochen, als sie wie tot zurücksank. Wieder zu sich gekommen, bemühte sich die Unglückliche, mit ihrem schönen Munde die letzten Atemzüge ihres teuren Liebhabers aufzufassen, der mit schnellen Schritten seinem Ende entgegeneilte. Unterdessen hatte Bruder Lorenzo gehört, wie und wann die junge Frau das Pulver eingenommen, und daß sie als tot beigesetzt worden war. Da er demnach wußte, daß der Zeitpunkt gekommen war, wo die Wirkung dieses Pulvers zu Ende ging, nahm er einen vertrauten Genossen zu sich und kam, vielleicht eine Stunde vor Tag, an die Gruft. Als er dort anlangte und sie weinen und jammern hörte, auch durch die Spalte des Deckels schauend ein Licht drinnen erblickte, verwunderte er sich sehr und meinte, die Frau müsse auf irgendeine Weise die Leuchte mit sich hineingenommen haben, und nun, da sie erwacht sei, werde sie aus Angst vor einem Toten, oder vielleicht aus Besorgnis, immer an diesem Orte eingeschlossen zu bleiben, sich grämen und so weinen. Mit Hilfe seines Begleiters öffnete er schnell das Begräbnis, erblickte Giulietta, die mit zerrauften Haaren und vom Schmerz verstört dasaß und ihren halbtoten Geliebten auf den Schoß genommen hatte, und sagte zu ihr: Also fürchtetest du, meine Tochter, ich lasse dich hier umkommen? Als sie den Mönch erblickte, verdoppelte sie ihre Klage und sagte: Nein, vielmehr fürchte ich, Ihr möchtet mich mit dem Leben von hinnen führen. Um Gottes Barmherzigkeit willen, verschließt das Grab und geht von hinnen und laßt mich hier sterben; oder reicht mir ein Messer, daß ich es in meine Brust stoßen und mich so von allem Jammer befreie! O mein Vater, mein Vater! Ihr habt meinen Brief gut überliefert! Ich werde schön vermählt werden! Ihr werdet mich schön zu Romeo geleiten! Seht ihn hier tot in meinem Schoß! Sie erzählte ihm den ganzen Hergang und zeigte ihm Romeo. Als Bruder Lorenzo solches hörte, war er wie wahnsinnig. Er sah den Jüngling an, der im Begriff war, ins andere Leben zu wandern, rief ihn unter vielen Tränen beim Namen und sprach: O Romeo, welcher Unstern hat mir dich geraubt? Sprich auch ein wenig mit mir! Erhebe zu mir noch ein wenig deine Augen! O Romeo, sieh deine innig geliebte Giulietta, die dich bittet, dich anzuschauen! Warum antwortest du nicht wenigstens ihr, in deren schönem Schoße du liegst? Bei dem teuren Namen seiner Gattin erhob Romeo etwas seine matten, vom nahen Tode sehr beschwerten Augen und schloß sie wieder, nachdem er sie gesehen. Bald darauf, als der Tod ihm durch alle Glieder fuhr, krümmte er sich lang, stieß einen kurzen Seufzer aus und verschied. Als der unglückliche Liebhaber auf die beschriebene Weise gestorben war, sagte der Mönch nach heftigem Weinen, als schon der Tag anbrach, zu der Frau: Und du, Giulietta, was willst du beginnen? Rasch entschlossen antwortete sie: Hier will ich sterben. Wie, meine Tochter? sagte er; sprich nicht also! Komm heraus! Wenn ich auch jetzt noch nicht weiß, was ich mit dir anfangen soll, so bleibt dir doch immer offen, dich in einem frommen Kloster zu verschließen und daselbst immer Gott für dich und deinen verstorbenen Gemahl zu bitten, wenn er es nötig hat. Die Frau aber antwortete: Mein Vater, ich verlange nicht mehr von Euch, als die eine Güte, die Ihr in Erinnerung an die Liebe, die Ihr zu dem Seligen hier (dabei wies sie auf Romeo) getragen habt, mir nicht verweigern werdet, nämlich daß Ihr unsern Tod nie bekanntmacht, damit unsere Leichname immer in diesem Grabe beisammenbleiben können; und wenn je unser Tod bekannt würde, so bitte ich Euch um jener Eurer Liebe zu Romeo willen, daß Ihr in unser beider Namen unsern unglücklichen Vater bittet, denen, die die Liebe in dem gleichen Feuer verzehrt und zum gleichen Tode geführt hat, nicht zu erschweren, in einem und demselben Grabe zu liegen. Damit wandte sie sich zu dem neben ihr liegenden Leichnam Romeos, dessen Haupt sie auf ein Kopfkissen gelegt hatte, das man mit ihr in der Gruft gelassen, drückte ihm die Augen zu, badete sein kaltes Angesicht mit Tränen und sprach: Was soll ich ohne dich ferner am Leben tun, mein Gebieter? Was bleibt mir sonst nach dir zu erreichen übrig, als daß ich dir im Tode folge? Gewiß nichts, damit von dir, von dem nur der Tod mich trennen konnte, der Tod selbst mich nicht ewig trenne. Nachdem sie dies gesagt, stellte sie sich ihr großes Unglück recht lebhaft vor die Seele, gedachte an den Verlust ihres teuren Geliebten, faßte den festen Entschluß, nicht länger zu leben, hielt lange den Atem an sich, und als sie ihn nicht mehr halten konnte, strömte sie ihn aus mit einem heftigen Schrei und fiel über den Leichnam tot hin. Als Bruder Lorenzo merkte, daß die Frau tot war, machte ihn das Mitleid ganz betreten, und er wußte sich nicht zu raten. Ihn und seinen Begleiter faßte der Schmerz im Innersten, und sie beweinten herzlich die gestorbenen Liebenden. Da kamen auf einmal die Leute des Bürgermeisters dazu, welche einen Dieb verfolgten. Sie fanden beide weinend an der Gruft, in der sie Licht erblickten, und eilten fast alle herzu. Sie nahmen die Mönche in ihre Mitte und sprachen: Was macht ihr hier, ehrwürdige Herren, um diese Stunde? Übt ihr nicht eine Missetat aus an diesem Grabe? Als Bruder Lorenzo die Häscher hörte und erkannte, hätte er tot umsinken mögen. Er sprach aber zu ihnen: Komme mir keiner zu nahe! Ich bin nicht euer Dienstmann. Wollt ihr etwas, so verlangt es von ferne! Da sagte ihr Führer zu ihm: Wir wollen wissen, weshalb ihr die Gruft der Cappelletti also eröffnet habt, wo erst vorgestern ein Fräulein aus der Familie beigesetzt worden ist. Wenn ich nicht Euch, Bruder Lorenzo, als einen wohlgesinnten Mann kennte, so würde ich sagen, Ihr seid hierhergekommen, um die Toten zu plündern. Die Mönche löschten das Licht und antworteten: Was wir tun, das sollst du nicht wissen, denn es geht dich nichts an. Jener versetzte: Allerdings, aber ich werde es dem Fürsten anzeigen. Bruder Lorenzo, den die Verzweiflung ruhig machte, entgegnete hierauf: Sag es immerhin! Damit schloß er das Begräbnis mit seinem Begleiter und ging in die Kirche. Der Tag war fast schon ganz hell, als die Mönche sich von den Häschern losmachten. Daher überbrachte einer der letzteren alsbald einem der Cappelletti die Nachricht, was mit diesen Mönchen vorgefallen sei; diese wußten vielleicht wohl auch, daß der Bruder Lorenzo mit Romeo befreundet war, und wandten sich daher schnell an den Fürsten mit der Bitte, er möge, wenn es nicht anders gehe, durch Gewalt aus dem Mönch herauszubringen suchen, was er in ihrem Begräbnis zu suchen habe. Der Fürst stellte Wachen aus, daß der Mönch nicht entweichen konnte, und schickte nach ihm. Er wurde gewaltsam vor ihn geführt, und der Fürst fragte ihn: Was suchtet Ihr diesen Morgen in dem Grabe der Cappelletti? Sagt es uns, denn wir wollen es durchaus wissen. Darauf antwortete der Mönch: Mein Fürst, ich will das Euer Gnaden recht gerne sagen. Ich war der Beichtvater der Tochter des Messer Antonio Cappelletti, die vor einigen Tagen auf so unerwartete Weise gestorben ist, und da ich sie sehr liebte als meine geistliche Tochter und mich nicht bei ihrer Leichenfeier einfinden konnte, ging ich hin, um über ihr gewisse Gebete zu sprechen, die, wenn sie neunmal über einem Leichnam gesprochen werden, die Seele von der Pein des Fegefeuers erlösen. Weil wenige dies wissen und diese Dinge verstehen, sagen die Toren, ich sei hingegangen, um die Toten zu berauben. Ich weiß nicht, ob ich zu einer Räuberbande gehöre, wenn ich diese Dinge tue. Mir genügt dieser geringe Mantel und dieser Strick, und ich würde von allen Schätzen der Lebenden zusammen kein bißchen nehmen, geschweige denn von den Kleidern zweier Toten. Sie tun nicht wohl, die mich auf solche Weise tadeln. Der Fürst hätte dies um ein kleines geglaubt, wenn nicht viele Mönche, welche dem Lorenzo übelwollten, als sie hörten, daß man Bruder Lorenzo auf dem Grabe gefunden habe, Lust bekommen hätten, dasselbe zu öffnen. Sie machten es auf, und als sie den Leichnam des Liebhabers darin fanden, wurde es plötzlich mit größtem Lärm dem Fürsten, der noch mit dem Mönche sprach, gemeldet, wie in der Gruft der Cappelletti, an der der Bruder bei Nacht betroffen worden sei, Romeo Montecchi tot liege. Dies schien allen fast unmöglich, und das Erstaunen war allgemein. Als der Bruder Lorenzo dies hörte und einsah, daß er nun nicht mehr verschweigen könne, was er so gern verhehlt hätte, fiel er vor dem Fürsten auf die Knie und sagte: Verzeiht mir, mein Fürst, wenn ich Euer Gnaden auf Euer Begehren eine Täuschung erwidert habe: denn es geschah nicht aus Bosheit noch um Gewinnes willen, sondern um zwei armen gestorbenen Liebenden mein Wort zu halten. So machte er denn von dem ganzen Hergang einen kurzen Abriß und erzählte die Geschichte vor vielen Zeugen. Als Bartolommeo della Scala dies hörte, konnte er sich vor Mitleid der Tränen nicht enthalten; er begehrte selbst die Leichen zu sehen und begab sich mit einer großen Menge Volks an das Grab. Er ließ die beiden Liebenden herausbringen in die Kirche von San Francesco und auf zwei Teppiche legen. Unterdessen kamen ihre Väter auch in die Kirche, vergossen Tränen über ihren gestorbenen Kindern, und in doppelt regem Erbarmen schlossen sie, obgleich bisher Feinde, sich in die Arme, so daß die lange Feindschaft, die zwischen ihnen und ihren Häusern bestanden hatte, und die nicht Bitten von Freunden noch Drohungen des Fürsten noch erlittener Schaden noch selbst die Zeit hatten auslöschen können, durch den erbärmlichen und kläglichen Tod der beiden Liebenden eine Endschaft erreichte. Es wurde ein schönes Denkmal bestellt, auf welches in wenigen Tagen die Ursache ihres Todes eingegraben werden sollte, und so wurden die zwei Liebenden mit größter würdigster Feierlichkeit unter den Tränen und dem Geleite des Fürsten, der Verwandten, ja der ganzen Stadt beigesetzt.« Dieses klägliche Ende hatte die Liebe Romeos und Giuliettas, wie ihr gehört habt, und wie mir es Pellegrino von Verona mitteilte. – O du treue Liebe, die du in den Frauen vor alters waltetest, wohin bist du gekommen? In welcher Brust herbergst du heutzutage? Welche Frau würde es jetzo machen, wie die treue Giulietta bei der Leiche ihres Geliebten? Wann wird der schöne Name dieser Frau von den gewandtesten Zungen aufhören gepriesen zu werden? Wie viele gäbe es jetzt, die den Geliebten nicht so bald sterben sähen, als sie schon daran dächten, einen andern aufzufinden, geschweige an seiner Seite zu sterben? Denn wenn ich sehe, daß gegen alle Forderung der Vernunft, zum Lohn für alle Treue und redliche Dienste, manche Frauen ihre Liebhaber, die sie sonst heiß geliebt, nicht nach dem Tode, sondern schon nach einem Schlage des Geschicks vergessen und verlassen, – was soll man von ihnen erwarten, daß sie nach dem Tode tun werden? Wehe den Liebhabern unserer Zeit, die weder für lang erprobte treue Dienste noch dadurch, daß sie den Tod für ihre Damen wagen, hoffen dürfen, daß diese mit ihnen sterben möchten, vielmehr sich überzeugt halten können, ihnen weiter hinaus nicht mehr teuer zu sein, als solange sie rüstig für Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu wirken imstande sind! Matteo Bandello 1480 – 1561 Unüberwindliche Großmut Man hat oftmals unter gelehrten und dem Hofdienste lebenden Männern die Frage aufgeworfen, ob eine preiswürdige Handlung oder eine ritterliche und edelmütige Tat, die ein Hofmann gegen seinen Gebieter übt, Edelmut und Ritterlichkeit genannt werden darf, oder ob es vielmehr nur Pflicht und Schuldigkeit ist. Und der Streit über diesen Gegenstand ist nicht ohne Belang: denn vielen steht es fest, daß der Diener seinem Herrn den ganzen Tag über nicht so viel leisten kann, daß er nicht noch weit mehr zu tun verpflichtet wäre. Denn wenn er etwa nicht die Gunst seines Königs besitzt und sie doch besitzen möchte (wie jeder Diener tut), – was darf er je zu tun unterlassen, wie schwer es auch sei, damit er die ersehnte Gnade erlange? Sehen wir nicht viele, die, um sich ihren Fürsten günstig zu stimmen, ihr eigenes Leben tausend Wagnissen, ja oft tausend Gefahren des Unterganges ausgesetzt haben? Wenn er sich nun in Gunst befindet und erkennt, daß er von seinem Fürsten geliebt wird, – wie viele Mühen und Beschwerden muß er dulden, um sich in Ansehen zu erhalten und die erworbene Gunst zu bewahren und zu erhöhen? Ihr wißt, es ist ein allgemeines Sprichwort, das ein geistreicher Dichter verherrlicht hat, daß Erworbenes erhalten keine geringere Tugend sei als das Erwerben selbst. Manche behaupten nun im Gegenteil und bemühen sich, es mit den stärksten Gründen zu beweisen, daß alles, was der Diener über seine Schuldigkeit tut und über die Verpflichtung hinaus, die er hat, seinem Herrn zu dienen, als freiwillige Leistung anzusehen sei, die geeignet ist, seinen Gebieter sich zu verpflichten und zu neuen Wohltaten zu ermuntern. Sie gehen von der Ansicht aus, daß, sooft einer sein Amt versieht, wozu er von seinem Herrn angewiesen ist, und es mit allem Eifer und in der Art tut, wie es sich gehört, er seiner Pflicht genügt hat und von ihm den gebührenden Lohn verdient. Doch da wir hier nicht beisammen sind zu disputieren, sondern zu erzählen, lassen wir nunmehr den Streit beiseite, und ich beabsichtige über das, was ein mannhafter König getan, euch eine Geschichte mitzuteilen. Wenn nach Beendigung derselben vielleicht jemand ausführlicher darüber zu sprechen geneigt ist, so bleibt ihm ja, dünkt mich, noch immer das Feld offen, um nach Herzenslust ein paar Sträuße zu bestehen. Es lebte also im Königreich Persien einst ein König namens Artaxerxes, ein Mann von großem Mute und sehr geübt in den Waffen. Er war dem Berichte der persischen Geschichtsbücher zufolge anfangs nur ein gewöhnlicher Soldat, der keinen militärischen Rang im Heere führte, und brachte als solcher den Artaban, den letzten König der Arsaziden, um, unter dem er diente. Er gab den Persern auf etwa fünfhundertachtunddreißig Jahre die Herrschaft über Persien zurück, die nach dem Tode des Darius, den Alexander der Große besiegt hatte, in den Händen der Mazedonier und anderer Völker gewesen war. Nachdem er also ganz Persien befreit hatte und vom Volke zum König erwählt worden war, hielt er Hof mit Pracht und unter tugendhaften Handlungen. Er war äußerst glänzend in all seinem Tun und galt deswegen, neben dem in blutigen Schlachten mannhaft erworbenen Ruhm, im ganzen Morgenland für den edelmütigsten und großherzigsten König, der in seiner Zeit auf einem Throne saß. In seinen Gastmahlen war er ein zweiter Lukuli und ehrte hoch die Fremden, die zu ihm an den Hof kamen. Dieser König hatte an seinem Hofe einen Seneschall mit Namen Ariabarzanes, dessen Amt es war, sooft der König öffentlich eine Mahlzeit veranstaltete, auf einem weißen Rosse mit einer goldenen Keule in der Hand den Knappen voranzureiten, die die Speisen des Königs in goldenen Gefäßen mit feinster Leinwand bedeckt trugen, und diese Tücher waren durchaus gestickt und mit Seide und Gold in der schönsten Arbeit durchwirkt. Dieses Amt des Seneschalls war sehr geachtet und wurde gemeiniglich einem der ersten Barone des Reichs übertragen. Der besagte Ariabarzanes nun war von der edelsten Abstammung und so reich, daß fast niemand ihm an Reichtum im Reiche gleichkam, und überdies der feinste und freigebigste Ritter, der an diesem Hofe lebte; ja, er machte oft so sehr den Großmütigen und gab so ohne Rückhalt weg, daß er die Mittelstraße verließ, worin alle Trefflichkeit besteht, oftmals zu den äußersten Punkten sich neigte und in das Laster der Verschwendung verfiel. Es hatte daher gar oft den Anschein, als wollte er in den Werken der Höflichkeit sich mit seinem König nicht nur auf gleiche Linie stellen, sondern er suche sogar mit aller Macht es ihm zuvorzutun und ihn zu übertreffen. Eines Tages nun ließ sich der König das Schachbrett bringen und wollte mit Ariabarzanes eine Partie Schach spielen. In damaliger Zeit stand bei den Persern das Schachspiel im höchsten Ansehen, und ein guter Spieler war so geachtet wie heutzutage unter uns ein gewandter Kämpfer in wissenschaftlichen und philosophischen Streitigkeiten. Sie saßen also einander gegenüber an einem Tische im königlichen Saale, in dem sehr hohe Personen sich befanden, die ihrem Spiele aufmerksam und schweigend zusahen, und fingen an, so gut sie konnten, sich mit den Schachfiguren zu befehden. Ariabarzanes, sei es, daß er besser spielte als der König, oder daß der König nach wenigen Zügen die Aufmerksamkeit auf das Spiel verlor, oder was immer der Grund sein mochte, – Ariabarzanes brachte den König dahin, daß er nicht anders konnte, als daß er in zwei bis drei Zügen schachmatt werden mußte. Als der König dies merkte und die Gefahr einsah, matt zu werden, rötete sich sein Gesicht ungewöhnlich; er sann nach, ob nicht noch ein Ausweg möglich wäre, um die Niederlage zu vermeiden, und außer der Röte, die man in seinem Gesichte gewahr wurde, merkten alle Zuschauer des Spieles an seinem Kopfschütteln und an andern Gebärden und Seufzern, wie leid es ihm tat, so weit gekommen zu sein. Dem Seneschall entging das nicht, und er konnte den Anblick der ehrenvollen Beschämung seines Königs nicht ertragen; er machte daher einen Zug mit seinem Springer, der dem König so Bahn öffnete, daß er ihn nicht nur aus der Gefahr befreite, in der er schwebte, sondern noch einen Turm preisgab. So stand das Spiel wieder gleich. Der König kannte den Edelmut und die hohe Gesinnung seines Dieners, die er sonst schon hinreichend erprobt hatte, genau; er tat, als habe er nicht bemerkt, daß er den Turm nehmen könne, warf die Figuren um, stand auf und sagte: »Genug, Ariabarzanes! Das Spiel ist Euer, ich gebe mich überwunden.« Es fuhr dem Artaxerxes durch den Sinn, Ariabarzanes habe dies nicht aus Großmut getan, sondern vielmehr, um sich seinen König zu verpflichten; das mißfiel ihm, und daher wollte er nicht mehr spielen. Doch ließ der König hernach weder in Winken noch in Handlungen noch in Worten sich anmerken, daß ihm diese Großmut seines Seneschalls mißfallen habe. Freilich hätte er allerdings gewünscht, daß Ariabarzanes sich solcher Handlungen enthalten hätte, wenn er mit ihm spielte oder sonst etwas mit ihm anfing; und wenn er den Großmütigen und Freigebigen machen wollte, so sollte er das gegen Untergebene oder Gleichstehende tun: denn es gefiel ihm nicht, daß ein Diener in Dingen der Großmut und Freigebigkeit sich auf gleiche Linie mit seinem Gebieter stellen wollte. Es war einige Tage nach diesem Vorfall; der König befand sich in Persepolis, der Hauptstadt Persiens, und ordnete eine prächtige Jagd an nach Tieren, wie jene Gegend sie erzeugt, und die von den unsrigen sehr verschieden sind. Als alles in Ordnung gebracht war, begab er sich mit dem ganzen Hof an die Stelle der Jagd. Ein großer Teil des Waldes war umstellt von Netzen und gelegten Schlingen, der König verteilte das Personal seiner Jäger, wie es ihm geeignet schien, und ließ nun mit Hunden und Hörnern die Tiere aus ihren Höhlen und Löchern aufscheuchen. Plötzlich sprang ein wildes Tier sehr ungestüm und gewandt hervor, übersprang mit einem Satze die Netze und begab sich eiligst auf die Flucht. Der König sah das seltsame Tier und beschloß, es zu verfolgen und zu erlegen. Er winkte daher einigen seiner Barone, daß sie gemeinschaftlich mit ihm dem Tiere nachsetzten, ließ seinem Pferde die Zügel und schickte sich an, ihm nachzueilen. Einer der Barone, die mit dem König dem Tier nachsetzten, war Ariabarzanes. Es fügte sich, daß damals der König gerade ein Pferd ritt, das ihm wegen seines besonders schnellen Laufes so lieb war, daß er tausend von seinen andern drangegeben hätte, um dieses zu retten, und um so mehr, als es außer der Schnelligkeit seines Laufes für Gefechte und Waffentaten besonders geschickt war. Während er nun mit verhängtem Zügel das eilende oder eigentlich fliegende Tier verfolgte, entfernten sie sich weit von der Gesellschaft und beschleunigten ihren Lauf so sehr, daß der König nur noch den Ariabarzanes bei sich behielt, und hinter ihm folgte einer von den Seinigen, den er bei Jagden stets auf einem guten Pferde mit sich führte. Auch das Pferd des Ariabarzanes stand im Rufe eines der besten, die sich am Hofe befanden. Nun begab es sich, als alle diese drei mit verhängten Zügeln dahinstürmten, da merkte Ariabarzanes, daß das Pferd seines Herrn an den Vorderfüßen die Eisen verloren hatte und schon die Steine anfingen, ihm die Hufe anzugreifen. So mußte also entweder der König seine Jagdunterhaltung einstellen, oder das Pferd mußte zugrunde gehen. Unter diesen beiden denkbaren Fällen war keiner, der nicht dem König äußerst unangenehm war, der übrigens noch nicht bemerkt hatte, daß das Pferd die Eisen verloren hatte. Sobald der Seneschall dies bemerkte, stieg er ab, ließ sich von dem nachfolgenden Diener, der für Notfälle mit dem Erforderlichen versehen war, Hammer und Zange geben und nahm seinem guten Pferde die zwei Vordereisen ab, um sie dem des Königs anzuschlagen, entschlossen, dann sein eigenes preiszugeben und die Jagd fortzusetzen. Er rief also dem König zu, stille zuhalten, und benachrichtigte ihn von der Gefahr, in der sein Pferd schwebe. Der König stieg ab; er sah die beiden Eisen, die der Diener des Seneschalls in der Hand hatte, achtete aber weiter nicht darauf oder meinte vielleicht, Ariabarzanes lasse welche für dergleichen Fälle mitnehmen, oder auch, es seien dieselben, die seinem Pferde abgefallen waren, und wartete, bis es bereit war, um wieder aufzusitzen. Da er aber das gute Pferd des Seneschalls ohne Vordereisen sah, merkte er sogleich, daß das eine der ritterlichen Höflichkeiten des Axiabarzanes war, und beschloß, ihn auf dieselbe Weise zu besiegen, wie er sich bemüht hatte, ihn zu übertreffen. Sobald also das Roß beschlagen war, machte er es dem Seneschall zum Geschenk. Der König wollte viel eher die Freude der Jagd verlieren, als von einem seiner Diener an Höflichkeit übertroffen werden; er berücksichtigte dabei den Hochsinn des Mannes, der mit ihm in ruhmvollen Taten und Hingebung wetteifern zu wollen schien. Dem Seneschall schien es nicht passend, das Geschenk seines Herrn zurückweisen zu wollen, sondern er nahm es mit demselben hohen Geiste hin, mit dem er seinem Roß die Eisen hatte abnehmen lassen, und erwartete immer eine Gelegenheit, seinen Gebieter an Höflichkeit zu übertreffen und sich ihn zu verpflichten. Es dauerte hernach nicht lange, so kamen viele von denen, die zurückgeblieben waren, ihnen nach; der König nahm ein Pferd von einem der Seinigen und kehrte mit seinem ganzen Gefolge nach der Stadt zurück. Wenige Tage darauf ließ der König ein festliches prachtvolles Turnier ansagen auf den ersten Maitag. Der Preis, der dem Sieger verliehen werden sollte, war ein mutiges, edles Pferd nebst Zügel, dessen Gebiß von feinem Golde reich gearbeitet war, und einem Sattel vom höchsten Werte, und das übrige Reitzeug war im Verhältnis zum Zaum und Sattel; der Zaum bestand aus zwei sehr kunstreich gearbeiteten Goldketten. Das Pferd war ferner bedeckt mit einer Decke von Goldstoff mit Kantillen, ringsum mit sehr schönen gestickten Fransen, woran goldene Mispeln und Glöckchen hingen. Am Sattelbogen hing ein ganz feiner Degen, die Scheide ganz eingefaßt von Perlen und köstlichen Steinen von großem Werte, und auf der andern Seite sah man einen sehr schönen starken Stab befestigt, der auf Damaszener Art ganz meisterhaft gearbeitet war. Ferner lagen neben dem Pferde nach Art von Trophäen umher alle möglichen Waffen, wie sie ein Ritter im Kampfe braucht, so reich und schön, wie sie nur irgend zu finden waren. Der Schild war bewundernswürdig und stark; man konnte ihn nebst einer schönen goldenen Lanze sehen am Tage, wo das Turnier stattfinden sollte. Alle diese Dinge sollten dem Sieger im Wettkampfe zuteil werden. Es kamen nun viele Fremde zusammen zu dem hohen Feste, teils um mitzukämpfen, teils um die prachtvolle Feier des Turniers zu sehen. Von den Untertanen des Königs blieb kein Ritter noch Baron zurück, der nicht reichgekleidet erschien; und unter den ersten, die ihren Namen angaben, war der Erstgeborne des Königs, ein sehr tapferer und im Waffenhandwerk äußerst geachteter Jüngling, der von früh auf im Lager erzogen und herangewachsen war. Auch der Seneschall meldete sich an. Ebenso andere persische wie fremde Ritter, denn das Fest war als ein allgemeines verkündigt worden mit sicherem Geleite für alle Fremde, die dazu kommen und dabei kämpfen wollten; nur mußten es adlige sein, andere wurden nicht angenommen. Der König hatte zu Kampfrichtern drei alte Barone erwählt, die in früherer Zeit gleichfalls selbst wackere Kämpfer gewesen waren und sich in vielen Unternehmungen geübt und als rechtschaffene und einsichtige Männer bewährt hatten. Sie hatten ihr Tribunal mitten in der Rennbahn gerade dem Punkte gegenüber, wo meistens die Kämpfenden sich zu treffen und ihre Schläge zu führen pflegten. Nun müßt ihr euch vorstellen, daß alle Frauen und Töchter des Landes sich hier versammelt hatten, und daß eine solche Menge Volks hier beisammen war, wie es sich von einem Feste dieser Art erwarten ließ. Und vielleicht kämpfte daselbst kein Ritter, der nicht seine Geliebte hatte, und jeder hatte irgendein Geschenk von ihren Frauen, wie bei ähnlichen Kämpfen zu geschehen pflegt. Zum angesetzten Tag und Stunde erschienen alle Kämpfenden mit größtem Pompe der reichsten Überkleider sowohl über den Waffen als den Pferden. Der Kampf begann: viele Lanzen splitterten, und manche führte schöne Schläge; aber das allgemeine Urteil ging dahin, daß der Seneschall Ariabarzanes es sei, der den Preis davontragen müsse; wäre aber er nicht da, so übertreffe der Sohn des Königs bei weitem alle andern: denn keiner der Wettkämpfer hatte über fünf Streiche für sich, nur des Königs Sohn hatte deren neun. Der Seneschall zeigte elf kräftig und ehrenvoll gebrochene Lanzen, und wenn er noch einen einzigen Streich gewann, so war er Sieger im Spiele; denn zwölf Streiche waren an jenem Tage den Kämpfenden vorgeschrieben, um den Preis zu gewinnen, und wer sie zuerst führte, bekam ohne weiteres Hindernis den Preis. Dem König (um die Wahrheit zu sagen) konnte keine größere Freude werden, als wenn die Ehre dieses Tages seinem Sohne zufiele; aber er sah nicht wohl ein, wie es möglich werden sollte: denn er erkannte den großen Vorsprung, den der Seneschall hatte, gut; doch ließ er sich als ein kluger Mann die Sache im Gesicht nicht merken. Auf der andern Seite war sein junger Sohn, der vor seiner Geliebten kämpfte, bis zum Tode verdrießlich darüber, daß er so seine Hoffnung schwinden sah, die erste Ehre zu erringen, so daß Vater und Sohn von gleichem Verlangen brannten. Aber die Trefflichkeit und Tapferkeit des Seneschalls und der Umstand, daß er seinem Ziele schon so nahe stand, schnitt ihnen alle Hoffnung ab, wenn noch eine solche übriggewesen war. Im Augenblicke nun, als der Seneschall seine letzte Lanze brechen wollte – er ritt an diesem Tage eben das treffliche Pferd, das ihm der König auf der Jagd geschenkt hatte, und wußte genau, daß der König sehnlichst wünschte, seinen Sohn siegreich zu sehen; ebenso kannte er die Gesinnung des Jünglings, der zu Ehren und in Gegenwart seiner Geliebten ganz von demselben Verlangen glühte, – in dem Augenblicke faßte er den Entschluß, sich einer solchen Ehre zu entkleiden und sie dem Sohne des Königs zu überlassen. Er wußte zwar wohl, daß eine solche Großmut dem König nicht gefiel; nichtsdestoweniger war er aber geneigt, durch Beharrlichkeit seine Ansicht zu überwinden, nicht weil er mehr begehrte, als der König ihm schenkte, sondern bloß, um sich zu ehren und Ruhm zu erwerben: der Seneschall war der Ansicht, es sei undankbar vom König, diese Handlungen des Edelmuts, den er gegen ihn übte, nicht annehmen zu wollen. Er hatte sich nun unter allen Umständen vorgenommen, es so einzurichten, daß die Ehre dem Sohne des Königs bliebe: er legte die Lanze ein, als er nahe daran war, mit ihm zusammenzutreffen (denn er selbst war es, der ihm entgegenkam), ließ aber die Lanze aus der Hand fallen und sagte: »Mein Edelmut soll es dem andern gleichtun, wenn er auch nicht geschätzt wird.« Der Sohn des Königs traf mit Anstand den Schild des Seneschalls, brach seine Lanze in tausend Stücke und gewann den zehnten Streich. Viele hörten die Worte des Seneschalls, die er beim Wegwerfen der Lanze aussprach, und alle Umstehenden ohne Ausnahme merkten, daß er nicht habe treffen wollen, um nicht den letzten Streich zu führen und um dem Sohne des Königs die so sehr gewünschte Ehre des Turniers zu lassen. Er verließ auch darauf die Schranken. Der Sohn des Königs bestand ohne große Mühe die letzten Gänge und trug Preis und Ehre davon. Unter dem Schalle von tausend Musikinstrumenten und unter Voranführung des Kampfpreises wurde er mit Pomp durch die ganze Stadt geleitet, und unter dem Gefolge befand sich auch der Seneschall, der fortwährend mit heiterer Miene die Mannhaftigkeit des Prinzen rühmte. Der König war ein scharfsichtiger Mann; er hatte schon oft und viel die Tapferkeit seines Seneschalls in andern Turnieren, Wettkämpfen, Buhurten und Schlachten erprobt und ihn immer vorsichtig, klug und persönlich äußerst tapfer erfunden; so erkannte er denn wohl, daß das Fallen der Lanze nicht zufällig gewesen war, sondern ganz vorsätzlich, und dies bestärkte ihn in der Ansicht, die er über die Großmut und Aufopferung seines Seneschalls hegte. Und in der Tat, der Edelmut des Seneschalls Ariabarzanes war so groß, daß, wie mich dünkt, wenige sich bereit finden ließen, ihn nachzuahmen. Wir sehen den ganzen Tag viele mit den Glücksgütern freigebig umgehen und reichlich bald Kleider, bald Silber und Gold, bald Edelsteine und andere Dinge von großem Wert an den und jenen verschenken. Ja, große Herren sieht man nicht nur mit solcherlei Dingen gegen ihre Diener freigebig und großmütig, sondern sie verschenken selbst großartig Burgen, Ländereien und Städte. Was sollen wir von denen sagen, die mit ihrem eigenen Blute und mit dem Leben selbst oftmals verschwenderisch umgehen im Dienste anderer? Von solchen und ähnlichen Beispielen sind alle Bücher aller Sprachen voll; aber wer den Ruhm geringschätzt und mit seiner eigenen Ehre freigebig ist, ein solcher findet sich noch nicht. Der siegreiche Feldherr schenkt nach dem blutigen Treffen seinen Kriegskameraden Beutestücke der Feinde und Gefangene und macht sie teilhaftig der ganzen Eroberung; aber den Ruhm und die Ehre der Schlacht behält er für sich selbst. Und, wie der wahre Vater der römischen Beredsamkeit göttlich bemerkt, jene Philosophen, die von der Pflicht der Geringschätzung des Ruhmes schrieben, streben eben durch ihre Bücher nach Ruhm. Dem König nun gefiel diese Großmut und dieses Zurücktreten seines Seneschalls nicht, vielmehr war es ihm zuwider; denn er war der Ansicht, es sei für einen Untertanen und Diener nicht schicklich, sich nicht nur seinem Herrn gleichzustellen, sondern ihn durch Handlungen der Großmut und Aufopferung zu verpflichten; so fing er an, ihn es merken zu lassen und ihn weniger freundlich zu behandeln als bisher. Ja, zuletzt beschloß er, ihn deutlich merken zu lassen, wie sehr er sich irre, wenn er glaube, sich seinen Gebieter verpflichten zu können, und zwar folgendermaßen. Es war eine alte bewährte Sitte in Persien, daß die Könige alljährlich den Jahrestag ihrer Krönung durch ein großes pomphaftes Fest feierten, an welchem Tage alle Barone des Reichs verbunden waren, sich am Hofe einzufinden, woselbst der König sie acht Tage lang hintereinander mit den kostbarsten Mahlzeiten und anderen Festlichkeiten bewirtete. Als nun der Jahrestag der Krönung des Artaxerxes kam und alles in gehöriger Weise zugerüstet war, wollte der König ausführen, was ihm eingefallen war, und er trug einem seiner vertrauten Kämmerer auf, sogleich den Ariabarzanes aufzusuchen und ihm zu sagen: »Ariabarzanes, der König befiehlt dir, im Augenblicke den Schimmel, den goldenen Stab und die übrigen Zeichen deines Seneschallamtes selber deinem Feinde Darius zu bringen und ihm im Namen des Königs zu eröffnen, daß er zum obersten Seneschall ernannt ist.« Der Kämmerer ging hin und tat, was der König ihm aufgetragen hatte. Als Ariabarzanes diese strenge Botschaft hörte, meinte er umzukommen vor Schmerz, und er empfand die Sache um so tiefer, als Darius sein erbittertster Feind auf Erden war. Demunerachtet gewann er es bei seiner Seelengröße nicht über sich, den innerlichen Kummer merken zu lassen, sondern sagte zu dem Kämmerer mit heiterem Gesicht: »Was meinem Herrn gefällt, das soll geschehen. Siehe, auf der Stelle gehe ich, seine Befehle ins Werk zu setzen!« Und so tat er auch alsbald mit größtem Eifer. Und als die Stunde der Mittagsmahlzeit kam, verrichtete Darius den Dienst als Seneschall. Sobald der König bei der Tafel saß, setzte sich auch Ariabarzanes mit heiterer Miene mit den andern Baronen zu Tische. Die Verwunderung aller war sehr groß, und unter den Baronen lobten die einen den König, die andern nannten ihn im geheimen undankbar, wie das unter Hofleuten so Sitte ist. Der König verwandte kein Auge von Ariabarzanes und verwunderte sich sehr, daß er sich äußerlich so heiter gab; er hielt ihn deshalb in der Tat für einen Mann von sehr edlem Sinne. Und um nun auf den Plan zu kommen, den er früher entworfen, fing er an, mit bittern Worten allen seinen Baronen seine Unzufriedenheit mit Ariabarzanes darzulegen: andererseits bestach er einige, um sorgfältig auszuspähen, was er sagte und tat. Ariabarzanes hörte die Worte seines Gebieters und wurde von den Schmeichlern, die hierauf angewiesen waren, gereizt; er sah auch, daß die Geduld, die er bewies, ihm nichts nützte, und daß ihm die Bescheidenheit nichts half, die er im Reden geübt hatte; er erinnerte sich des langen treuen Dienstes, den er dem König geleistet, des erlittenen Schadens, der Lebensgefahr, der er sich so oft ausgesetzt hatte, der geübten Großmut und vieler anderer Dinge, die er getan: und da ließ er sich endlich übermannen vom Unmut, er verlor den Zügel der Geduld und ließ sich hinreißen von seinem Selbstgefühl; er meinte, er sollte Ehre empfangen statt getadelt zu werden, statt des verdienten Lohnes aber werde ihm sein Amt genommen; unter bittern Vorwürfen beschwerte er sich über den König und nannte ihn undankbar, was bei den Persern für ein Majestätsverbrechen angesehen wird. Gerne wäre er vom Hofe weggegangen und hätte sich auf eines seiner Schlösser zurückgezogen; aber das war ihm nicht gestattet ohne Vorwissen und Urlaub des Königs, und er brachte es nicht übers Herz, diesen um eine Vergünstigung anzugehen. Dem König ward indessen alles gemeldet, was Ariabarzanes tat und was er sprach: er ließ ihn daher eines Tages rufen; und als er vor dem König stand, sagte Artaxerxes also zu ihm: »Ariabarzanes, deine verschiedenen Beschwerden, deine bittern Klagen, die du bald da, bald dort ausläßt, und dein fortwährender Unwille ist durch die Fenster meines Palastes zu meinen Ohren gedrungen, und ich habe Dinge von dir vernommen, die ich kaum geglaubt habe. Ich wünschte nun von dir selbst zu erfahren, was dich zu den Beschwerden bewogen hat; du weißt, in Persien ist eine Beschwerde über seinen König und vornehmlich seine Bezeichnung als undankbar kein geringeres Vergehen als der Tadel der unsterblichen Götter, weshalb die alten Gesetze verordnet haben, daß die Könige gleich den Göttern verehrt werden müssen. Unter den Sünden, die unsere Gesetze scharf bestrafen, ist die Sünde der Undankbarkeit diejenige, welche aufs allerschärfste geahndet wird. Wohlan, so sage mir nun, worin du von mir beleidigt worden bist! Denn obwohl ich König bin, darf ich doch niemandem ohne Grund eine Beleidigung zufügen; denn sonst hieße ich billig nicht König, was ich bin, sondern Tyrann, was ich niemals sein will.« Ariabarzanes war voll Unwillens, wich aber doch keinen Finger breit von seiner großartigen Gesinnung und bekannte frei alle Beschwerden, die er irgendwo gegen den König vorgebracht hatte. Darauf antwortete der König also: »Du kennst den Grund, Ariabarzanes, weshalb ich mich von Rechts wegen angetrieben fühlte, dir die Würde und das Amt des Seneschalls abzunehmen. Du wolltest mir die meinige nehmen. Meine Sache ist es, in allen meinen Angelegenheiten freigebig, großmütig, ritterlich zu sein, gegen jedermann Höflichkeit zu üben und mir meine Diener zu verpflichten, indem ich ihnen von meinem Eigentum mitteile und sie belohne, und zwar nicht immer, indem ich pünktlich die Handlungen abwäge, die sie in meinem Dienste und zu meinem Vorteil getan, sondern indem ich sie meist über Verdienst beschenke. Ich darf nie in den verdienstlichen Werken der Freigebigkeit die Hände verschlossen halten, nie mich müde zeigen, den Meinigen und Fremden Geschenke zu geben, wie es die Umstände erheischen; denn das ist das eigentümliche Amt jedes Königs und das meine insbesondere. Du aber, der du mein Knecht bist, suchst in gleichem Stile auf tausend Weisen durch deine Werke der Höflichkeit nicht mir zu dienen und das zu tun, was du mir als deinem Herrn gegenüber tun mußt, sondern du bemühst dich, mit deinen Handlungen mich auf unlösbare Weise an dich zu fesseln und zu machen, daß ich dir auf immer fest verpflichtet bleibe. Sage mir nun selbst, welchen Lohn könnte ich dir geben, welches Geschenk bieten, welchen Preis zuwenden, wobei mir der Ruhm der Freigebigkeit gesichert bliebe, wenn du mich vorher mit deiner Großmut so an dich gefesselt hast? Hohe und edelgesinnte Herren fangen dann an, einen Diener zu lieben, wenn sie ihn beschenken, wenn sie ihn erhöhen, und dabei wird immer darauf Rücksicht genommen, daß das Geschenk das Verdienst übertreffe; denn sonst wäre es keine Freigebigkeit noch Großmut. Der Besieger der Welt, Alexander der Große, nahm eine reiche und mächtige Stadt ein, nach deren Besitze viele seiner Barone trachteten, und um die ihn die nämlichen baten, die sich um ihre Gewinnung mit ihren Waffen ehrenvoll bemüht und ihr eigenes Blut vergossen hatten; er wollte sie aber nicht denen geben, die durch ihre Verdienste darauf Anspruch machen konnten, sondern er rief einen armen Mann, der sich zufällig dort befand, und gab sie ihm, damit die von ihm geübte Freigebigkeit und Großmut an einem so gemeinen niedrigen Menschen desto heller und ruhmvoller strahle; denn von der einem solchen Menschen erwiesenen Wohltat kann nicht gesagt werden, sie gehe aus irgendwelcher Verbindlichkeit hervor, sondern man sieht deutlich, daß es die reine Freigebigkeit, reine Ritterlichkeit, reine Großmut, der reine Edelsinn ist, der aus einem großen und erhabenen Herzen hervorgeht. Ich sage darum nicht, daß man nicht einen treuen Diener belohnen solle; aber ich behaupte, daß der Lohn immer das Verdienst dessen übersteigen müsse, welcher dient. Nun also, wenn du Tag für Tag so viel Verdienst erwirbst, wie du tust, und fortwährend mich unendlich zu verbinden suchst durch deine schrankenlose Großmut wie bisher, so machst du mich machtlos, dir zu genügen, und sperrst mir den Weg für meine Freigebigkeit. Siehst du nicht, daß ich von dir überholt und mitten auf meiner gewohnten Bahn gehemmt bin, welche darin besteht, mir die Liebe, die Dankbarkeit und die Anhänglichkeit meiner Untergebenen durch Geschenke zu erwerben, indem ich ihnen täglich von dem Meinigen schenke, und, wenn einer durch seine Dienstleistungen ein Talent verdient, ihm zwei oder drei zu geben? Weißt du nicht, daß, je weniger von ihnen der Lohn erwartet wird, ich um so lieber ihn erteile, um so bereitwilliger sie erhöbe und ehre? Bestrebe dich also, Ariabarzanes, in Zukunft so zu leben, daß man dich als Knecht erkennt und mich, was ich auch bin, als Herrn! Alle Fürsten fordern meines Bedünkens zwei Dinge an ihren Dienern, Treue nämlich und Liebe; sind diese gefunden, so sorgen sie nicht weiter. Wer also wie du mit mir in Großmut wetteifern will, der wird finden, daß ich ihm am Ende wenig Dank weiß. Und außerdem will ich dir sagen, daß, wenn ich will, mir die Laune kommen kann, einem meiner Diener etwas von dem Seinigen zu nehmen und es zum Meinigen zu machen, ich aber dennoch von ihm und denen, die es sonst erfahren, großmütig und ritterlich genannt werden will. Und das sollst du mir nicht leugnen, sondern es freiwillig jedesmal bekennen, sooft es mir in den Sinn kommt, es zu tun.« Hier schwieg der König, und Ariabarzanes antwortete sehr ehrerbietig, aber mit Großmut folgendermaßen: »Ich habe nie gesucht, unüberwindlichster König, Eure unendliche und unbegreifliche Großmut mit meinen Handlungen zu übertreffen oder ihr gleichzukommen; aber ich habe mich sehr bemüht, es dahin zu bringen, daß Ihr und die ganze Welt deutlich erkennt, wie ich nichts anderes so sehr wünsche als Eure Gnade; und verhüte Gott, daß ich je in die große Verirrung versinke, als könne ich mit Eurer Größe wetteifern! Wer wird auch sein Licht neben die Sonne stellen wollen? Wohl schien es mir und scheint mir noch meine Pflicht zu sein, daß ich nicht nur mit diesen Glücksgütern zu Eurer Ehre und in Eurem Dienst freigebig sein muß, da ich sie ja von Euch erhalten habe, sondern daß es auch zum Frommen Eurer Krone ausschlägt, daß ich mit diesem meinem Leben nicht nur nicht sparsam, sondern selbst verschwenderisch umgehe. Und wenn Ihr meintet, ich habe versucht, um gleiche Großmut mit Euch zu wetteifern, so mußtet Ihr doch denken, ich tue es, um Eure Gnade vollkommener zu haben und damit ich Euch Tag für Tag mehr bestimme, mich zu lieben; denn als Ziel jedes Dieners ist mir erschienen, mit aller Macht die Liebe und Gunst seines Herrn zu suchen. Jetzt aber, unüberwindlichster König, muß ich gegen alle meine Vermutung sagen, das, daß ich nach Eurem Zugeständnis großmütig, edel, hochherzig gewesen bin, verdiene Tadel und Strafe und Eure Ungnade, wie an mir das, was Ihr getan habt, klärlich zeigt; wie sehr ich auch entschlossen bin, in meinem, wie mir scheint, ehrenvollen und löblichen Vorsatze zu leben und zu sterben; wenn mir aber ein Gebieter mein Eigentum nimmt, dessen Schuldigkeit es ist, mir von dem Seinigen mitzuteilen, und ich soll sagen, er sei freigebig und großmütig und das sei wohlgetan, so werde ich mich dazu nie verstehen.« Als der König diese letzten Worte hörte, stand er auf und sprach: »Ariabarzanes, es ist jetzt nicht Zeit, mit dir zu streiten; denn die Verhandlung und Aburteilung deiner Worte und Handlungsweise gegen mich übergebe ich dem ernsten Ermessen meiner Räte, die zu gelegener Zeit das Ganze nach den Gesetzen und Gebräuchen Persiens aburteilen werden. Es genüge mir für jetzt, daß ich geneigt bin, dir durch die Tat zu zeigen, daß das wahr ist, was du jetzt geleugnet hast; und du wirst es selbst mit eigenem Munde bekennen. Inzwischen begib dich hinweg nach deinen Schlössern und komm nicht wieder zu Hof, wenn ich dich nicht verlange!« Als Ariabarzanes diesen letzten Entschluß seines Gebieters vernommen, wandte er sich nach Hause und war mehr als zufrieden, sich auf das Land nach seinen Schlössern begeben zu dürfen, froh, nicht den ganzen Tag sich seinen Feinden gegenüber zu sehen, aber voll Unmut über die vom König ausgesprochene Überweisung seiner Angelegenheit an seinen Rat. Nichtsdestoweniger entschlossen, jedes Geschick über sich ergehen zu lassen, unterhielt er sich mit den Freuden und Zerstreuungen der Jagd. Er hatte nur zwei Töchter, die ihm seine verstorbene Gattin hinterlassen; beide galten für sehr schön, doch war die erste unvergleichlich schöner als die andere und nur um ein Jahr an Alter von ihr verschieden. Der Ruhm ihrer Schönheit flog durch ganz Persien, und es war darin kein so großer Baron, der sich nicht sehr gerne mit Ariabarzanes in Verwandtschaft gesetzt hätte. Er war nun etwa vier Monate auf einer seiner Burgen gewesen, die ihm besser als die andern gefiel wegen der daselbst herrschenden vollkommen guten Luft und ebenso, weil die schönsten Jagden mit Hunden wie mit Vögeln sich dort befanden. Da erschien daselbst plötzlich ein Herold des Königs, der zu ihm sprach: »Ariabarzanes, der König, mein Herr, befiehlt dir, daß du mit mir diejenige deiner Töchter an den Hof sendest, die die schönste von beiden ist!« Ariabarzanes konnte die Absicht des Königs bei diesem Befehle nicht ahnen, und die verschiedensten Gedanken kreuzten sich darüber in seinem Kopfe; er haftete dann bei einem, der ihm plötzlich einfiel, und beschloß, die jüngere zu senden, die, wie gesagt, der ältern an Schönheit nicht gleichkam. Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, suchte er seine Tochter auf und sprach zu ihr: »Liebe Tochter, mein König hat mir den Befehl zukommen lassen, ihm die schönste meiner Töchter zu senden; aber aus einem triftigen Grunde, den ich dir jetzt nicht sagen kann, will ich, daß du hingehest. Aber merke dir wohl und präge dir ein, ihm nie zu sagen, daß du die weniger schöne bist; denn wenn du schweigst, so wird es dir den größten Vorteil verschaffen; offenbarst du dich dagegen, so wäre es mir ein unersetzlicher Schaden und könnte mich vielleicht das Leben kosten. Auch wenn du fühlst, daß du schwanger bist, sagst du niemand etwas davon und läßt niemand deine Schwangerschaft merken. Erst wenn du ganz gewiß bist, schwanger zu sein, und deinen Leibesumfang so zunehmen siehst, daß sich die Sache nicht mehr verbergen läßt, dann magst du auf irgendeine dir passend scheinende Weise dem König zu wissen tun, daß deine Schwester viel schöner ist als du, und daß du die jüngere bist.« Das Mädchen war klug und verständig; sobald sie den Willen des Vaters gehört und seinen Plan eingesehen hatte, versprach sie, zu tun, was er ihr auftrug. So ward sie denn mit dem Herold in ehrenvollem Geleite an den Hof gebracht. Es war nicht schwer, den König und die andern zu täuschen; denn wenn auch die ältere noch weit schöner war, so war doch die Ungleichheit nicht so groß, daß, wenn nicht beide nebeneinander standen, die jüngere nicht für die schönste gelten konnte; auch waren sich ihre Züge so ähnlich, daß, wer nicht genauer mit ihnen bekannt war, nicht leicht merkte, welche die ältere sei. Ariabarzanes hatte sie überdies so zurückgezogen gehalten, daß man sie nur selten sehen konnte. Dem König war seine Frau schon vor einigen Jahren gestorben. Er beschloß daher, die Tochter des Ariabarzanes zur Frau zu nehmen, die, obschon nicht vom königlichen Geblüte, nichtsdestoweniger von sehr gutem Adel war. Sobald er sie sah und sie weit schöner fand, als er nach dem Gerücht angenommen hatte, verlobte er sich in Gegenwart seiner Barone feierlich mit ihr und ließ dem Ariabarzanes sagen, er solle ihm das Heiratsgut für die Tochter schicken, die er zu seiner Gemahlin erkoren. Als Ariabarzanes diese Nachricht erhielt, war er sehr erfreut über diesen Gang der Sache und schickte der Tochter die Mitgift, die er, wie man wußte, schon früher jeder seiner beiden Töchter ausgesetzt hatte. Viele am Hofe wunderten sich sehr darüber, daß der schon bejahrte König ein Kind zum Weibe nehme und zumal die Tochter eines Vasallen, den er vom Hofe verwiesen hatte. Andere dagegen lobten ihn darüber, wie das so Sitte der Hofleute ist. Doch war keiner unter ihnen, der auf den Grund verfallen wäre, der den König bewog, dieses Familienband zu knüpfen; denn es geschah nur, um Ariabarzanes zu dem Geständnis zu bringen, daß er ihn gnädig und großmütig nennen müsse, wenn er ihm auch etwas von seinem Eigentum nehme. Als nun die Hochzeit mit aller Pracht gefeiert war, schickte Ariabarzanes dem König eine zweite Mitgift von der Größe der ersten mit der Bemerkung, wenn er früher die Mitgift für seine Töchter festgesetzt habe, so sei es in der Voraussetzung geschehen, daß er sie an Männer seinesgleichen verheirate; wenn er aber sehe, daß er, der in gar keine Vergleichung mit einem andern komme, der Gatte der einen geworden sei, so scheine ihm passend, ihm mehr Mitgift zu geben als jedem andern, der sein Eidam hätte werden können. Der König wollte aber auf diese Vermehrung der Mitgift sich nicht einlassen und hielt sich hinlänglich befriedigt mit der Schönheit und dem Betragen seiner Neuvermählten, die er ganz als Königin behandelte und ehrte. Unterdessen ward sie schwanger mit einem Sohne, wie sich später bei der Geburt ergab; sie merkte ihre Schwangerschaft wohl, verhehlte sie aber, so gut sie konnte. Sowie sie aber an dem wachsenden Umfang ihres Leibes sah, daß sie ihre Schwangerschaft nicht mehr länger verbergen konnte, benutzte die Verständige klüglich einen Zeitpunkt, wo der König bei ihr war und ganz vertraulich mit ihr scherzte, und fing verschiedene Gespräche an, worunter sie ihre Anliegen geschickt entdecken zu können glaubte, und offenbarte ihm endlich, daß sie nicht die schönste der beiden Schwestern sei. Als der König dies hörte, ward er sehr unwillig darüber, daß Ariabarzanes seinem Befehle nicht gehorcht hatte, und so sehr er seine Gattin liebte, rief er doch, um seinen Plan durchzuführen, den Herold, den er früher auf die Brautwerbung gesandt hatte, schickte sie mit ihm an ihren Vater zurück und ließ ihm sagen: »Ariabarzanes, da du merktest, daß das Wohlwollen unsers Königs dich überwunden und besiegt hat, wolltest du statt Edelmut gegen ihn Bosheit und Ungehorsam üben und hast von deinen Töchtern nicht die, die ich in seinem Namen dir abverlangte, sondern, die, die dir zu schicken beliebte, geschickt und damit in der Tat die herbste Züchtigung verdient. Darum sendet er, nicht wenig ergrimmt über die Sache, die Tochter dir ins Haus zurück und will, daß ich ihm die erste mitbringe; zugleich habe ich die Mitgift, die du ihm gegeben hast, vollständig bei mir; hier ist alles.« Ariabarzanes nahm Tochter und Mitgift mit dem freundlichsten Gesichte auf und sprach zu dem Herold also: »Meine andere Tochter, die der König, mein Gebieter, verlangt, kann ich jetzt nicht mit dir senden, denn sie liegt schwerkrank zu Bette, wovon du dich selbst überzeugen kannst, wenn du mit mir in ihr Zimmer kommen willst; aber ich verpfände dir mein Wort, sobald sie geheilt ist, werde ich sie an den Hof senden.« Als der Herold das Mädchen sah, das krank im Bette lag, kehrte er zum König zurück und berichtete ihm alles. Er war damit zufrieden und wartete, wie die Sache weitergehen werde. Die Genesung der kranken Jungfrau schritt aber nicht so rasch vor, und die Zeit kam, wo die andere Tochter gebären sollte. Sie gebar auch ein schönes Knäblein, und Mutter und Kind befanden sich in erwünschtem Wohlsein. Ariabarzanes war darüber sehr zufrieden und äußerst vergnügt, und dies um so mehr, als in wenigen Tagen schon das Neugeborene in seinen Zügen seinem königlichen Vater so ähnlich wurde, daß es gar nicht ähnlicher hätte sein können. Als die junge Frau ihr Wochenbett verließ, war indessen auch ihre Schwester hergestellt und wieder so schön geworden wie zuvor. Ariabarzanes kleidete beide reich und schickte sie an den König mit ehrenvollem Geleite, nachdem er sie zuvor unterwiesen hatte, was sie sagen und tun sollten. Sowie sie am Hofe ankamen, sprach einer von den Leuten des Ariabarzanes also zum König: »Hoher Herr, hier ist nicht nur eine Tochter, die Euch Ariabarzanes, Euer Knecht, sendet, sondern alle beide, die er hat.« Als der König diese edle Freigebigkeit des Ariabarzanes hörte und sah, nahm er alles an und sprach bei sich selbst: »Ich will es so einrichten, daß Ariabarzanes vollkommen mit mir zufrieden und doch von mir überwunden wird.« Ehe der Bote wegging, der die jungen Weiber hergeleitet hatte, ließ er einen seiner Söhne mit Namen Cyrus kommen und sagte zu ihm: »Mein Sohn, ich will, daß du diese jungfräuliche Schwester meiner Gattin, die, wie du siehst, sehr schön ist, zur Frau nimmst.« Der junge Mann tat das sehr gerne. Andererseits nahm der König die seinige wieder zu sich, veranstaltete ein großes Fest und wollte, daß die Hochzeit seines Sohnes feierlich und pomphaft begangen werde und acht Tage dauere. Als Aribarzanes diese frohe Nachricht erhielt, gab er sich noch nicht überwunden, es schien ihm vielmehr sein Plan vollkommen nach Wunsch zu gehen; er beschloß, dem König das kürzlich geborene Kind zu senden, das ihm, wie gesagt, glich wie eine Fliege der andern. Er ließ also eine sehr schöne Wiege von Elfenbein machen, die ganz mit feinem Golde ausgelegt und mit den kostbarsten Edelsteinen geschmückt war. Darein ließ er das Kindlein legen, in die feinsten Tücher von Seide und Goldstoff eingewickelt, und ließ es unter Obhut seiner Amme und mit glänzendem Gefolge zum König führen, als eben die feierliche Hochzeit gehalten wurde. Der König befand sich in einem schön geschmückten Saale in Gesellschaft vieler seiner Barone; als nun der, der das Kindlein dem König überreichen sollte, dort ankam, ließ er die Wiege vor ihm niedersetzen und kniete vor ihm hin. Der König und alle Barone verwunderten sich darüber und hatten acht, was der Bote sagen wollte. Er faßte die Wiege an und sprach: »Unüberwindlichster König, ich küsse Euch im Namen des Ariabarzanes, meines Herrn und Eures Dienstmanns, knieend Eure königlichen Hände und übergebe Euch mit schuldiger Ehrfurcht dieses Geschenk. Ariabarzanes dankt Euer Hoheit unendlich für alle die Gnade, die Ihr gegen ihn zu üben geruht habt, indem Ihr Euch herabließet, Verwandtschaftsbande mit ihm einzugehen. Er will für diese große Huld nicht undankbar sein und sendet Euch durch mich dieses Geschenk.« Hier deckte er die Wiege auf. Sobald das Tuch zurückgeschlagen war, zeigte sich das schönste Knäblein, das den allerlieblichsten Anblick von der Welt gewährte, und es sah dem König so ähnlich wie ein Halbmond dem andern. Da sprach ein jeder, ohne Weiteres anzuhören: »Wahrlich, geheiligter König, dieses Kind gehört Euch.« Der König ward nicht satt, es zu betrachten, und die Freude an seiner Beschauung war so groß, daß er gar nichts sprach. Das Kind machte die anmutigsten Bewegungen, spielte mit seinen zarten Händchen und wandte sich oft mit dem freundlichsten Lächeln zu seinem Vater. Als dieser es eine gute Weile aufmerksam betrachtet hatte, wollte er von dem Boten erfahren, was das alles bedeute. Nun erzählte der Bote dem König alles genau. Als dieser die Geschichte hörte, ließ er die Königin rufen, die ihrerseits alles vollkommen bestätigte. Darüber war er denn außerordentlich zufrieden, nahm voll Freuden sein Söhnlein zu sich und gab sich fast überwunden. Doch meinte er schon so weit gegangen zu sein, daß ein Rückzug Schmach und Schande für ihn wäre; er beschloß daher, gegen Ariabarzanes noch eine weitere Handlung der Großmut auszuführen, um mittels derselben ihn entweder ganz zu überwinden oder doch einen triftigen Grund zu haben, um eine tödliche Feindschaft gegen ihn zu fassen. Der König hatte eine Tochter von zwanzig bis einundzwanzig Jahren; sie war sehr schön und gebildet, denn sie hatte eine königliche Erziehung und Unterricht genossen. Er hatte sie noch nicht vermählt; denn er sparte sie auf, um mit einem König oder hohen Fürsten sich durch sie zu verbinden, und ihre Mitgift war tausend Pfund des feinsten Goldes wert nebst den Einkünften einiger Schlösser außer den köstlichsten Kleidern und unzähligen Juwelen, die die Königin, ihre Mutter, ihr bei ihrem Tode hinterlassen hatte. In der Absicht, es dem Ariabarzanes zuvorzutun, kam der König auf den Gedanken, ihn mittels dieser Tochter zu seinem Eidam zu machen. Allerdings schien ihm dieser Schritt keine geringe Erniedrigung; denn es ist eine schwere Aufgabe für eine Frau von hoher Abkunft, einen Mann von geringerem Blute zum Gatten zu nehmen. Ein anderes ist das bei dem Manne, der, wenn er von gutem Adel ist, damit, daß er eine Frau von niedrigerer Abkunft nimmt, noch nicht schon seinen Rang verliert; denn wenn der Mann von hohem edlem Geschlechte stammt, so adelt und erhebt er die Frau, die er seiner Größe beigesellt, wäre sie auch mitten aus der Hefe des Volkes genommen; und die Söhne, die ihnen geboren werden, erhalten alle den gleichen Adel wie der Vater. Eine Frau dagegen, so adlig sie ist, wenn sie einen Niedrigem heiratet und ihr Gatte nicht von Adel ist, gebiert keine Kinder, die dem Range der Mutter gleichstehen, sondern alle folgen dem des Vaters und bleiben unadlig, – so weit geht die Achtung vor dem männlichen Geschlechte. Daher sagen viele Gelehrte, der Mann gleiche der Sonne, die Frau dem Monde. Wir sehen wohl, daß der Mond nicht durch sich selbst leuchtet und kein Licht oder Schein dem nächtlichen Dunkel gewähren könnte, wenn er nicht von der Sonne erleuchtet wäre, die mit ihrem kräftigen Strahl zu rechter Zeit und am rechten Orte die Sterne erhellt und den Mond beleuchtet. Ebenso hängt die Frau vom Manne ab und empfängt von ihm ihren Adel. Der König also glaubte Unrecht zu tun, wenn er dem Ariabarzanes seine Tochter gebe, und fürchtete dafür Vorwurf und Tadel zu ernten. Aber jede Rücksicht und jede Furcht vor Schande ward besiegt und überwunden von dem Eifer, in diesem Wettkampf des Edelmuts die Oberhand zu behalten. Er schickte deshalb zu Ariabarzanes mit dem Auftrage, zu ihm an den Hof zu kommen. Sobald der den Befehl des Königs erhalten hatte, reiste er hin und stieg in seinem Palaste in der Stadt ab. Dann begab er sich sogleich hin, um seinem Herrscher seine Ehrfurcht zu bezeugen, der ihn denn sehr huldvoll bewillkommnete. Bald nach dem Empfange sagte der König zu ihm: »Ariabarzanes, da du keine Gattin mehr hast, wollen wir dir eine geben, die uns gefällt, und zwar eine solche, mit der du vollkommen zufrieden sein kannst.« Ariabarzanes antwortete, er sei bereit, alles zu tun, was er begehre. Da ließ der König seine Tochter prächtig angetan hereinkommen und befahl dem Ariabarzanes, hier vor dem ganzen Hofe sie als seine Frau anzunehmen. Als dies mit den gebührenden Förmlichkeiten geschehen war, zeigte Ariabarzanes keine große Freudigkeit über diese Verwandtschaft und tat mit der Braut anscheinend sehr wenig zärtlich. Alle Barone und Edelleute am Hofe waren ganz betroffen, als sie die große Huld ihres Königs sahen, womit er einen seiner Vasallen zum Schwiegersohn und Eidam angenommen hatte. Als sie daneben das störrische Wesen des Ariabarzanes bemerkten, tadelten sie ihn aufs entschiedenste. Den ganzen Tag über war Ariabarzanes außer sich, während der ganze Hof jubelte und nichts als tanzte. Der König selbst war voll Freude über die Hochzeit seiner Tochter und war nur mit seinem Glücke beschäftigt. Am Abend nach einer kostbaren Mahlzeit ließ der König seine Tochter mit festlichem Pompe nach dem Hause des Ariabarzanes begleiten und ihre reiche Mitgift auch dahin bringen. Er empfing seine Gattin höchst ehrenvoll und gab ihr augenblicklich in Gegenwart der Barone und Herren, die sie begleitet hatten, ein ebenso großes Heiratsgut wie das, das sie mitgebracht hatte, und schickte die tausend Pfund Gold, die ihm vom König zum Heiratsgut gegeben worden waren, demselben zurück. Diese Großmut setzte den König in solches Erstaunen und erfüllte ihn zugleich mit so heftigem Unwillen, daß er zweifelhaft war, ob er ihm nachgeben oder ob er ihn zu ewiger Verbannung verurteilen solle. Der König hielt die Großmut des Ariabarzanes nunmehr für unüberwindlich und konnte es nicht geduldig ertragen, daß einer seiner Vasallen sich seinem Könige in Sachen des Edelmuts und der Freigebigkeit gleichstelle. Er stellte sich daher heftig erzürnt und überlegte immer bei sich, was er in diesem Falle tun solle. Es war nicht schwer, den Grimm und Unwillen des Königs zu bemerken: denn sein Aussehen war verstört, und er machte niemandem ein freundliches Gesicht. Und da in Persien dazumal die Könige gleich Göttern geehrt und hochgeachtet wurden, bestand unter ihnen ein Gesetz: sooft der König sich heftig erzürne, solle er die Ursache seines Zornes seinen Räten offenbaren, die mit reiflicher Überlegung das Ganze zu prüfen haben, und wenn sie den König mit Unrecht erzürnt fänden, sollten sie gehalten sein, ihn zu beruhigen; fände sich aber wirklich, daß er guten Grund gehabt habe, unwillig zu werden und in Zorn zu geraten, so sollten sie den Urheber des Unwillens nach Beschaffenheit des Fehles mehr oder weniger hart bestrafen, sei es mit Verbannung, sei es mit Todesstrafe. Das Urteil dieser Männer wurde ohne Einsprache angenommen. Doch konnte freilich der König, wenn das Urteil gefällt war, ganz oder teilweise die Strafe vermindern oder den Schuldigen freisprechen. Es wurde daraus klar, daß der von den Räten gegebene Spruch die reine Gerechtigkeit, der Wille des Königs aber, wenn er jemand freisprach, Gnade und Barmherzigkeit war. Der König war also nach der Verfassung des Reichs gehalten, die Ursache seines Unwillens zu offenbaren. Er tat dies auch genau. Nachdem die Räte die Gründe des Königs gehört hatten, schickten sie nach Ariabarzanes, von dem sie durch gründliches Verhör vernehmen wollten, weshalb er dies und jenes getan habe. Die Herren Räte begannen nun über die vorgelegte Angelegenheit ihre Meinungen zu äußern; lange waren sie uneins in der Erforschung der Wahrheit der Sache; endlich aber nach langem Streite sprachen sie das Urteil, Ariabarzanes sollte den Kopf verlieren, teils weil er sich dem König habe gleichstellen, ja ihn übertreffen wollen, teils weil er keine Freude darüber, daß er eine Tochter seines Königs zur Frau bekommen, bezeugt und ihm nicht den gebührenden Dank für eine solche Huld ausgedrückt habe. Es war bei den Persern nämlich ein festes Herkommen: sooft in irgendeiner Tat oder Handlungsweise ein Untertan seinen Herrn zu übertreffen und es ihm zuvorzutun suchte, so löblich und würdig auch das Werk sein mag, so mußte er aus Rücksicht auf die dargelegte Geringschätzung der königlichen Majestät enthauptet werden, weil es eine allzu große Verletzung seines Gebieters wäre. Und um dieses ihr Urteil besser zu bestätigen, sagten diese Herren Räte, es sei früher schon von den persischen Königen eine solche Bestimmung ausgeführt worden und in ihren Annalen verzeichnet. Der Fall war folgender: Der König von Persien war mit vielen seiner Barone zu seiner Zerstreuung auf das Land gegangen; er hatte seine Falken bei sich und fing an, sie auf verschiedene Vögel loszulassen. Kurz darauf fanden sie einen Reiher. Der König befahl, einen der Falken, der für den besten galt von denen, die er bei sich hatte – denn er hatte eine große Ausdauer und stieg bis zu den Sternen empor –, auf den Reiher loszulassen. Als dies geschehen war, fing der Reiher an, sich zu heben, und der Falke verfolgte ihn rüstig. Während nun der Falke nach vielem Widerstreben den Reiher in die Klauen packen und festhalten wollte, erschien plötzlich ein Adler. Sobald der mutige Falke den Adler erblickte, wollte er mit dem schüchternen Reiher nicht weiterkämpfen, sondern wandte sich mit raschem Fluge zu dem Adler und fing an, ihm heftig nachzusetzen. Der Adler verteidigte sich sehr mutig, und der Falke strebte, ihn unter sich zu bekommen. Am Ende packte der brave Falke mit seinen scharfen Krallen den Adler am Halse und riß ihm den Kopf vom Rumpfe, so daß er mitten unter der Gesellschaft des Königs niederfiel. Alle Barone und Edelleute, die bei dem Könige waren, priesen dieses Verfahren höchlich und hielten den Falken für einen der besten in der Welt, erteilten ihm auch die Lobsprüche, die ihrer Ansicht nach für eine so hochherzige Handlung gebührten, so daß niemand war, der nicht den Falken außerordentlich anerkannt hätte. Der König aber, was auch die Barone und die andern sagten, sprach nicht ein Wort, sondern blieb nachdenklich stehen und hatte für den Falken weder Lob noch Tadel. Es war schon sehr spät, als der Falke den Adler umbrachte; darum befahl der König allen, in die Stadt zurückzukehren. Am folgenden Tage ließ der König von einem Goldschmiede eine sehr schöne goldene Krone von solcher Gestalt machen, daß man sie dem Falken aufsetzen konnte. Als ihm sodann die Zeit passend schien, befahl er, auf dem öffentlichen Platze der Stadt einen mit Teppichen und andern Zieraten geschmückten Katafalk zu errichten, wie es Sitte ist, solche königliche Balkone zu verzieren. Unter Trompetenschall ließ er den Falken dahin bringen, wo auf Befehl des Königs ein hoher Baron ihm die goldene Krone auf den Kopf setzte zum Lohne der vortrefflichen Beute, die er an dem Adler gemacht hatte. Andererseits kam aber der Scharfrichter herbei: der nahm dem Falken die Krone ab und schlug ihm mit dem Beile den Kopf ab. Über dieses widersprechende Verfahren waren alle Zuschauer höchlich betroffen, und alle begannen verschiedene Gespräche über diesen Vorfall. Der König sah aus einem Fenster des Palastes alles mit an, ließ Stille gebieten und sprach so laut, daß er von den Zuschauern verstanden werden konnte, also: »Niemand erdreiste sich, über das, was soeben mit dem Falken geschehen ist, zu murren: denn alles ist aus gutem Grunde geschehen. Ich hege die feste Meinung, daß es die Pflicht jedes hochherzigen Fürsten ist, Tugend und Laster zu kennen, damit er tugendhafte und löbliche Handlungen ehren und die Laster strafen kann; sonst dürfte man ihn nicht König oder Fürst, sondern einen treulosen Tyrannen nennen. Darum habe ich, nachdem ich in dem toten Falken einen mit großer Rüstigkeit gepaarten Edelmut und Seelengröße erkannt, ihn mit einer Krone vom feinsten Golde ehren und belohnen wollen; denn nachdem er so mutvoll einen Adler getötet hatte, verdiente er, daß solches tapfere und wackere Benehmen belohnt wurde. Sodann aber im Hinblick darauf, daß er kühn, ja frech genug war, seinen König anzufallen und zu töten, schien es mir am Platze, daß er die verdiente Strafe für so große Verruchtheit empfange; denn es ist dem Diener nie erlaubt, die Hände mit dem Blute seines Herrn zu beflecken. Nachdem nun der Falke seinen und aller Vögel König umgebracht hat, wer wird mich mit Recht tadeln können, wenn ich ihm das Haupt abschlagen ließ? Gewiß niemand, dünkt mich.« Dieses Urteil führten die Herren Richter an, als sie den Spruch taten, Ariabarzanes solle enthauptet werden. Und so verordneten sie in Übereinstimmung damit, daß zuerst Ariabarzanes wegen seiner Großmut und Freigebigkeit mit einem Lorbeerkranze gekrönt werden solle, damit seinem edeln Sinne gebührend Rechnung getragen werde; da er aber mit solchem Wetteifer, mit solchem festen Streben und beharrlichen Willen, ja mit der größten Anstrengung versuchte, es seinem Könige gleichzutun, mit ihm an Freigebigkeit zu wetteifern, ja es ihm zuvorzutun, sich über ihn zu stellen, und da er außerdem sich über ihn ausgelassen habe, solle ihm deshalb der Kopf abgeschnitten werden. Als dem Ariabarzanes dieses strenge Urteil eröffnet wurde, hielt er mit der gleichen Seelengröße diesen giftigen Pfeil des Schicksals aus, wie er die früheren Schläge des ihm feindlich entgegentretenden Geschicks ertragen hatte; und er benahm und hielt sich in einer Weise, daß man kein Zeichen von Schwermut oder gar Verzweiflung an ihm bemerkte. Er sagte bloß mit heiterem Gesichte in Gegenwart von vielen andern: »Das einzige blieb mir noch zuletzt übrig: daß ich meinem Herrn auch Blut und Leben opfere! Ich tue es mit Freuden, und man soll daraus erkennen, daß ich eher sterben kann, als meiner gewohnten Freigebigkeit entsagen.« Er ließ sofort den Notar rufen, machte sein Testament (denn nach den persischen Gesetzen war dies erlaubt), gab seiner Frau und seinen Töchtern Zuschuß zu ihren Mitgiften, vermachte seinen Verwandten und Freunden, was ihm angemessen schien, und hinterließ dem König eine große Summe köstlicher Kleinode. Cyrus, dem Sohne des Königs, seinem Eidam, vermachte er außer einer großen Summe Geldes alle seine Waffen zu Schutz und Trutz und alle Pferde, die er hatte. Zuletzt verordnete er, wenn seine Frau, die möglicherweise schwanger sein könnte, einen Knaben gebäre, sollte dieser sein Sohn sein Gesamterbe werden; wäre es eine Tochter, so solle sie wie die andern Töchter ausgestattet und der Rest unter die drei Schwestern zu gleichen Teilen geteilt werden. Ferner sorgte er dafür, daß alle seine Diener nach ihrem Range belohnt wurden. Als dies den Tag vor seiner festgesetzten Hinrichtung nach persischem Brauche veröffentlicht wurde, war man allgemein der Ansicht, es sei kein freigebigerer und großmütigerer Mann jemals in diesem Lande und vielleicht in der ganzen Umgegend gewesen. Und außer einigen Neidischen, die bei dem Könige immer dahin gestrebt hatten, ihn zugrunde zu richten, zeigten alle andern großes Mißvergnügen darüber, daß er auf diese Weise sterben müsse. Niemand ohne Ausnahme war es erlaubt, wenn ein solches Urteil gefällt war, den König um das Leben des Verurteilten anzuflehen. Daher fühlten die Gattin und die Töchter des Ariabarzanes nebst seinen Verwandten und Freunden die größte Bekümmernis und weinten fortwährend Tag und Nacht. Als der achte Tag kam – so lange hat ein Verurteilter Zeit, um seine Einrichtungen zu treffen –, wurde auf Befehl des Königs mitten auf dem Platze eine Richtstätte aufgeschlagen, ganz bedeckt mit schwarzen Tüchern, und ihr gegenüber eine andere, die mit Purpur und Seide überkleidet war, woselbst der König, wenn er will, sich unter den Richtern niederläßt und, nachdem dem Schuldigen der Prozeß gelesen ist, aus eigenem Munde befiehlt, daß der Spruch ausgeführt werde, oder auch, wenn es ihm gutdünkt, den Verurteilten befreit und losspricht. Wenn aber der König nicht selbst bei dem Urteile gegenwärtig sein will, so versieht der älteste der Richter, nach eingeholter Willensmeinung des Königs, sogleich das Ganze in seinem Namen. Der König, dem es in der Tat leid war, daß ein so hochherziger Mann, der ihm so genau bekannt, sein Schwiegervater und Eidam war, ein so schauderhaftes Ende nehmen sollte, wollte an jenem Morgen bei dem Ganzen gegenwärtig sein, teils um die Haltung des Ariabarzanes zu sehen, teils auch, um einen Ausweg zu seiner Errettung zu finden. Ariabarzanes ward also von den Häschern des Gerichts auf die Richtstätte geführt und prachtvoll gekleidet; sodann ward ihm die Lorbeerkrone auf das Haupt gesetzt. Aber so blieb er nicht lange: die reichen Kleider und der Kranz wurden ihm abgenommen und seine gewöhnlichen Kleider wieder angelegt. Der Scharfrichter erwartete den letzten Befehl, um seine Pflicht zu tun, und hatte schon das scharfe Schwert hoch erhoben, als der König den Ariabarzanes fest ins Auge faßte, welcher seine Gesichtsfarbe nicht mehr und nicht weniger veränderte, als wenn die Sache ihn gar nicht beträfe; und doch mußte er vernünftigerweise annehmen, daß der Henker im Begriffe stehe, ihm den Kopf abzuschlagen. Als der König die große Beständigkeit und den unbesiegten Mut des Ariabarzanes sah, sprach er mit lauter Stimme, so daß alle es hörten, also: »Ariabarzanes, wie du wissen kannst, bin ich nicht derjenige, der dich zum Tode verurteilt hat; sondern deine ordnungswidrigen Handlungen und die Gesetze dieses Reichs haben dich auf diesen Punkt gebracht. Und da unsere heiligen Gesetze mir die Freiheit geben, jeden verurteilten Schuldigen, wie mir scheint, ganz oder teilweise freizusprechen und in den früheren Gnadenstand aufzunehmen, will ich, wofern du dich besiegt geben willst und nicht verschmähst, das Leben von mir als Geschenk zu empfangen, dir die Todesstrafe erlassen und dich deinen Ämtern und Würden zurückgeben.« Als Ariabarzanes diese Worte hörte, welcher knieend mit gesenktem Kopfe erwartete, daß ihm der Todesstreich gegeben würde, schaute er auf, kehrte sich zum König und beschloß – da er überlegte, zu dem herben Schritte habe ihn nicht Bosheit von Seiten des Königs geführt, sondern vielmehr der Neid und die giftigen Schlangenzungen seiner Feinde –, die erbarmungsvolle Großmut und Huld seines Gebieters anzunehmen, am Leben zu bleiben und seinen Feinden nicht die Genugtuung eines so bitteren Todes zu verschaffen. Daher sprach er in ganz ehrerbietiger Haltung mit fester und wohltönender Stimme also zum König: »Mein unüberwindlichster Gebieter, den ich gleich den unsterblichen Göttern verehre, da du nach deiner Gnade willst, daß ich lebe, so nehme ich von dir ehrfurchtsvoll das Leben als Geschenk hin, das ich jedoch, wenn ich glaubte im Leben deine Ungunst erdulden zu müssen, nicht annehmen würde, und gebe mich vollständig überwunden. Ich werde also am Leben bleiben, um das Leben, das du mir schenkst, ganz deinem Dienste zu widmen, damit ich es zum Frommen deiner heiligen Krone, wie ich es von deiner Großmut geliehen bekommen habe, dir immer, sobald du willst, wieder zurückgeben kann. Ich werde dies so bereitwillig tun, als ich es jetzt aufrichtig von dir annehme. Und da du geruht hast, mir so viele Gnade zu erweisen, möchte ich, wenn es dir nicht lästig ist, dir gerne hier öffentlich sagen, was mir jetzt in den Sinn kommt.« Der König gab ihm einen Wink, sich zu erheben und ihm zu sagen, was ihm angenehm sei. Er stand auf; es ward stille in der Menge, und er begann auf folgende Weise zu sprechen: »Zwei Dinge sind es, geheiligter Fürst, die ohne Widerrede den beweglichen Wellen des Meeres und der Unbeständigkeit der Winde in allen Stücken gleichen, und nichtsdestoweniger ist die Schar der Toren, die danach mit allem Fleiß und Eifer trachten, unendlich. Ich höre, es sei so fast immer. Nun sage ich also, daß diese beiden so sehr von jedem gewünschten Dinge sind: die Herrengunst und die Frauenliebe, und beide täuschen so oft den wahren Diener, daß er am Ende nichts weiter davonträgt als Reue. Um nun mit den Frauen anzufangen, die nach der allgemeinen Annahme sich meist an den Schlimmeren halten, so kannst du einen jungen Mann sehen, der schön, edel, reich, tugendhaft und mit vielen guten Eigenschaften begabt ist, der zu seiner Geliebten ein Mädchen wählt und ihr mit derselben Treue, die man den Göttern schuldig ist, Dienst und Verehrung widmet und jeden ihrer Wünsche zu dem seinigen macht. Nichtsdestoweniger kann er durch Liebe, Dienstbarkeit und Bitten es nicht dahin bringen, daß er sich bei seiner Dame in Gunst sieht; sie hebt vielmehr im Gegenteil einen andern, der jedes Vorzugs bar ist, sie gibt sich ihm hin; nicht lange aber bleibt er in ihrem Besitz, so weist sie ihn von sich und nimmt den ersten an; aber veränderlich und launisch wird sie, nachdem sie ihn zu den Sternen erhoben, von ihrer natürlichen Unbeständigkeit getrieben, ihm sein Ende in der Hölle bereiten. Fragte man sie um den Grund dieses Wankelmutes, so würde sie nichts Weiteres anzuführen wissen, als daß es ihr so gefalle. Darum geschieht es nur selten, daß ein aufrichtig Liebender festen Fuß behält, vielmehr sieht er sein Leben hin- und hergejagt vom flüchtigen Winde der Frauen. Ebenso kannst du an den Höfen der Könige und Fürsten jemand in Gunst seines Herrn stehen sehen, so daß man deutlich sieht, der Herr kann ohne ihn nichts tun und nichts sagen, – und nichtsdestoweniger, wenn er mit allem Fleiße und aller Mühe sich bestrebt, die Gunst seines Herrn zu bewahren oder zu erhöhen, – siehe da, plötzlich wandelt sich der Sinn des Gebieters, kehrt sich einem andern zu, und der, der zuvor der erste Mann am Hofe war, findet sich auf einmal am letzten Platz. Daneben steht dann ein ängstlich eifriger unermüdlicher Diener, gewandt in allen Geschäften des Hofes und der sich weit mehr um die Angelegenheiten seines Herrn bekümmert als um sein eigenes Leben; aber er tut alles umsonst: denn ihm wird nie vergolten, und er sieht sich im Dienste altern, ohne je einen Lohn zu ernten. Betrachte einen andern in irgendeiner Wissenschaft tief Gelehrten: nichtsdestoweniger stirbt er am Hofe Hungers, während ein anderer, unwissender und verdienstloser Mann von seinem Gebieter aus Laune und nicht nach Gebühr übermäßig bereichert wird. Solches aber geschieht nicht, weil dem Herrn gelehrte und verdienstvolle Männer nicht gefallen – denn man sieht überall, daß er viele solche begünstigt und erhebt –, sondern weil der Genius von jenem nicht mit dem seinigen stimmt, weil, wie man sagt, ihr Blut nicht zusammenpaßt. Wie oft mag es nun kommen, daß du zufällig einen siehst, den du sonst noch nie gesehen hast, und dennoch mißfällt er dir auf den ersten Anblick wie die Pest, und du kannst auf keine Weise ertragen, ihn zu sehen, und je mehr er dir Dienste und Gefälligkeiten erweist, um so mehr wird er dir mißfallen. Umgekehrt kannst du einen sehen, den du früher noch nie gesehen hast, und der dich gleich beim ersten Anblicke so befriedigt, dir so zusagt und dir so sehr gefällt, daß, wenn er dich um dein Leben anginge, du nicht imstande wärest, es ihm zu versagen; du fühlst ein gewisses Etwas, das dich zwingt, ihn zu rieben, und wenn er auch etwas täte, was gegen deinen Willen wäre, so ist doch alles gut. Wer weiß nun, was diese Unbeständigkeit veranlaßt, und ob nicht eine gewisse Mischung des Blutes, das von innerer himmlischer Kraft an sich gleichmäßig bewegt wird, die Schuld trägt? Freilich, in den Verhältnissen der Höfe läßt sich eine hinreichende Begründung dieses Wankelmutes finden: dies ist der spitzige, giftige Stachel des verpesteten Neides, der fortwährend der Gunst des Fürsten die Waage hält und den im Nu erhebt, der unten war, und den senkt, der sich oben befand, so daß es an den Höfen keine schädlichere und verderblichere Pest gibt als den Neid. Alle anderen Fehler werden leicht und mit geringer. Mühe von Seiten dessen, der sie hat, geheilt und fast beschwichtigt, so daß sie dir nicht wehe tun; aber den Neid, – auf welche Weise, mit welcher Kunst und Heilart willst du ihn zu Boden drücken? Fürwahr, ohne deinen Schaden weiß ich nicht, wie du den scharfen Bissen des Neides jemals entkommen willst. Nimm am Hofe einen Stolzen, Aufgeblähten, Ehrgeizigen und Hochfahrenden, der mehr als der Stolz selbst ist: wenn du dich vor ihm verbeugst, wie du ihn siehst, wenn du ihn ehrst, wenn du ihm den Weg räumst, wenn du ihn mit Preis zum Himmel hebst, wenn du ihn erhöhst und selber neben ihm den Demütigen spielst, so ist er plötzlich dein Freund und heißt dich einen feinen und artigen Höfling. Nimm einen Wollüstling, der den geschlechtlichen Freuden ergeben ist und nach nichts anderem trachtet als nach dieser vergänglichen Lust: wenn du ihn nicht hinderst in seinen Liebschaften, wenn du seine Genüsse nicht tadelst, wenn du ihn in Gegenwart der Frauen lobst, so wird er immer dein Freund sein. Nimm einen Geizhals oder einen Schwelger: wenn du dem ersten eine Arznei von Geld zu verschlucken gibst und den andern oft zum Essen zu dir einlädst, so sind beide sogleich einverstanden. Nun nimm aber einen Neidischen! Welches Heilmittel wirst du finden, um so verzehrende Säfte abzuführen? Wenn du den Neid zu heilen suchst, so mußt du mit deinem Leben selbst abhelfen oder nicht denken, sonst irgendein Heilmittel dagegen zu finden. Und wer weiß nicht, wenn ein von dieser Pestkrankheit Befallener mich am Hofe von dir, geheiligtster König, mehr als sich begünstigt sieht, wenn er wahrnimmt, daß meine Dienste dir angenehmer sind, oder daß ich besser als er die Waffen zu führen verstehe oder in irgendeiner Hinsicht mehr gelte als er, und er wegen dieser Dinge mich beneidet, – wer weiß nicht, sage ich, daß ich diesen nicht anders heilen kann, als wenn er mich deiner Gnade beraubt, vom Hofe verjagt und in das äußerste Elend gestürzt sieht? Wenn ich ihm täglich die größten Geschenke mache, wenn ich ihm immer Ehre erweise, ihn lobe, soviel ich kann, und ihm jeden Dienst erweise, – alles ist umsonst. Niemals wird er aufhören, gegen mich zu wirken, bis er mich ins tiefste Unglück versetzt sieht: denn alle anderen Mittel sind schwach und wirkungslos. Dies ist die giftige Krankheit, die alle Höfe verpestet, allen tugendhaften Handlungen schadet und alle edlen Geister zu beleidigen sucht. Dies ist der finstere Schleier, der oft andern so sehr die Augen umdüstert, daß er sie die Wahrheit nicht sehen läßt und ihnen das Urteil so umnebelt, daß Recht und Unrecht nicht mehr zu unterscheiden ist: denn er ist eine offenbare Veranlassung, daß täglich tausend Irrtümer in den menschlichen Handlungen begangen werden. Um aber auf das zu kommen, was jetzt zunächst zu unserm Falle gehört, so ist überhaupt kein Fehler auf der Welt, der die Höfe mehr verderbte, das Band heiliger Genossenschaften auflöste und die Gebieter zugrund errichtete, als das Gift des Neides. Denn wer dem Neidischen sein Ohr leiht, wer auf seine boshaften Zettelungen horcht, kann unmöglich etwas Gutes tun. Um aber nun zum Schlusse meiner Rede zu gelangen: der Neidische freut sich nicht so sehr über sein eigenes Glück, genießt nicht so sehr seine eigenen Vorteile, als er fortwährend über fremdes Unglück jubelt und lacht und über fremden Vorteil weint und trauert; ja, um dem Nächsten zwei Augen aus dem Kopfe schlagen zu sehen, würde er sich gerne eines der seinigen ausreißen. Diese Worte, unüberwindlichster Fürst, wollte ich hier in Gegenwart deiner, deiner Satrapen und des Volkes aussprechen, damit jeder einsehe, daß ich bei deiner Krone nicht durch böse Gesinnung von dir oder durch meine Schuld, sondern durch die giftigen Zungen der Neider in Mißgunst gefallen bin.« Dem großherzigen König gefiel die freie Rede des Ariabarzanes, und so sehr er sich von seinen Worten getroffen fühlte, mußte er sie doch für wahr anerkennen, und darum, sowie weil sie künftig allen von Nutzen sein konnten, lobte er sie in Gegenwart aller. So hatte nun Ariabarzanes das Leben von seinem König zum Geschenk erhalten und sich besiegt gegeben; der König erkannte seine Trefflichkeit und Treue und liebte ihn aufrichtig; daher ließ er ihn denn von dem Katafalk herabsteigen und auf den, auf dem er selber sich befand, steigen, hieß ihn willkommen und küßte ihn zum Zeichen, daß jede Beleidigung ihm vergeben und verziehen war. Er befahl, daß ihm alle Ämter, die er zuvor zu verwalten pflegte, zurückgegeben wurden, und um ihn in noch bessere Umstände zu bringen, als worin er früher gewesen war, schenkte er ihm die Stadt Passagarda, worin das Grab des Cyrus sich befand, und setzte ihn in allen seinen Staaten und Herrschaften zum obersten Statthalter, dem jedermann wie ihm selbst gehorchen mußte. So blieb der König der geehrte Schwager und der liebende Eidam des Ariabarzanes, zog ihn bei allen seinen Handlungen zu Rate und tat nie etwas von Belang, ohne zuvor sein Gutachten eingezogen zu haben. Ariabarzanes war also mehr als zuvor in die Gunst seines Gebieters zurückgekehrt, hatte mit seiner Tugend alle seine Feinde überwunden und die Waffen des Neides zerbrochen und vernichtet. War er zuvor freundlich und freigebig gewesen, so wurde er nach so großer Erhebung noch viel fürstlicher; wenn er früher einmal Edelmut übte, so geschah es nunmehr zweimal; doch bewies er seine Großmut nur so und verfuhr in ihren Äußerungen mit solcher Mäßigung und Einschränkung, daß alle Welt deutlich erkennen konnte, daß er nicht, um mit seinem Herrn zu wetteifern, sondern um ihn mehr zu ehren und um die Größe des Hofes seines Königs besser ans Licht zu stellen, die ihm vom König und dem Glücke geschenkten Güter reichlich ausgab und anderen schenkte. Dies erhielt ihn bis zu seinem Lebensende in der Gunst seines Fürsten auf rühmliche Weise; denn der König erkannte so klar wie die Sonne, daß Ariabarzanes von der Natur zu einem leuchtenden Spiegel der Höflichkeit und Großmut gebildet war, und daß man leichter dem Feuer die Wärme und der Sonne das Licht nehmen könnte, als dem Ariabarzanes seine hochherzige Handlungsweise. Er hört daher nicht auf, ihn fortwährend zu ehren, zu erheben und zu bereichern, um ihm mehr die Möglichkeit zu geben, in Fülle zu verschenken. Und in der Tat, obwohl die beiden Tugenden der Freundlichkeit und Freigebigkeit jedermann gut anstehen und ohne sie einer kein echter Mensch ist, so ziemen sie doch ganz vorzüglich Reichen, Fürsten und großen Herren und nehmen sich an ihnen aus, wie auf feinem hellschimmerndem Golde morgenländische Edelsteine und wie an einer schönen holden Frau zwei schöne Augen und zwei elfenbeinerne schöne Hände, wie, edle Frau, Eure schönen Augen und Eure unvergleichlich schönen Hände. Eine andere Lukretia Unser Herr Pirro, Markgraf von Gonzaga, Herr von Gazuolo, das ihr hier am Ufer des Oglio an der Seite gegen den Po hin liegen sehet, der Sprößling der langen Reihe Gonzagischer Herrscher, begehrt, daß ich den merkwürdigen Vorfall mit dem Tode einer gewissen Giulia aus diesem Orte erzähle, der vor einiger Zeit vorgefallen ist. Übrigens könnte dieser hochgeborene Herr viel besser als ich den Hergang der Sache berichten, und hier sind noch viele andere, die dieser Aufgabe so gut als ich genügt und alles genau berichtet hätten. Aber da er mir befiehlt, daß ich den Erzähler mache, will und muß ich ihm gehorchen. Sehr leid tut es mir, daß ich nicht imstande bin, den edeln, mannhaften Geist Giulias zu preisen, wie es die von ihr vollbrachte seltene Tat verdient. In der Zeit also, da der edle und weise Fürst, der hochgeborene und hochwürdigste Monsignor Lodovico Gonzaga, Bischof von Mailand, hier in Gazuolo wohnte, hielt er immer stattlichen Hof mit vielen ausgezeichneten Edelleuten, da er sich an den Tugenden erfreute und sehr reichlich Geschenke verteilte. Um diese Zeit blühte ein Mädchen von siebzehn Jahren namens Giulia, Tochter eines sehr armen Mannes aus der Gegend von der niedrigsten Abkunft, der nichts hatte, wenn er nicht den ganzen Tag mit seiner mühevollen Händearbeit sich, seiner Frau und seinen zwei einzigen Töchtern den Lebensunterhalt verdiente. Auch seine Frau, ein gutes Weib, bemühte sich sehr, durch Spinnen und ähnliche Handarbeiten etwas zu verdienen. Diese Giulia war sehr schön, mit anmutigem Wesen begabt und weit reizender und feiner, als ihrem niedern Blute zukam. Sie ging bald mit der Mutter, bald mit anderen Frauen auf das Feld, um zu hacken und andere Arbeiten zu verrichten, wie sie gerade nötig waren. Ich erinnere mich, daß ich einst mit der erlauchten Frau Antonia Bauzia, der Mutter dieser unserer hochwohlgeborenen Herren, nach San Bartolomeo ging, als uns diese Giulia begegnete, die mit einem Korbe auf dem Kopf ganz allein vom Felde nach Haus ging. Als die gnädige Frau das schöne Kind sah, das damals etwa fünfzehn Jahre alt sein mochte, ließ sie den Wagen halten und fragte das Mädchen nach ihrer Herkunft. Sie antwortete ehrerbietig, den Namen ihres Vaters nennend, und tat überhaupt den Fragen der Dame so großes Genüge, daß es schien, sie sei nicht in einem Bauernhause unter einem Strohdach geboren und erzogen, sondern habe ihre Jugend am Hofe in den besten Gesellschaften verlebt. Die gnädige Frau äußerte deshalb gegen mich, sie wolle sie ins Haus nehmen und mit andern Fräulein erziehen. Weshalb es nachher unterblieb, wüßte ich euch nicht anzugeben. Um nun auf Giulia zurückzukommen, so benützte sie an Werktagen ihre Zeit wohl und arbeitete immer entweder allein oder mit andern. An Festtagen sodann ging sie, wie es Gewohnheit dort ist, nach dem Mittagessen mit andern Mädchen zum Tanze und machte sich ein erlaubtes Vergnügen. An einem solchen Tage, als sie ungefähr siebzehn Jahre alt war, warf ein Kammerdiener des genannten Herrn Bischofs, ein Ferrarer, seine lüsternen Blicke auf das Kind, als er sie tanzen sah; sie deuchte ihm das schönste, reizendste Mädchen, das er seit langer Zeit gesehen hatte; sie schien, wie gesagt, in den gebildetsten Häusern erzogen, und er verliebte sich in sie so heftig, daß er seine Gedanken auf nichts anderes mehr wenden konnte. Als der Tanz, der dem Kammerdiener viel zu lang gedeucht hatte, zu Ende war und die Musik von neuem begann, forderte er sie auf und tanzte mit ihr die Gagliarde, weil sie diesen Tanz sehr gut und genau ausführte, so daß es eine wahre Freude war, ihre reizenden Bewegungen mit anzusehen. Der Kammerdiener kam wieder, um mit ihr zu tanzen, und hätte er sich nicht geschämt, so würde er keinen Tanz mit ihr versäumt haben; denn er glaubte, wenn er ihre Hand in der seinigen hielt, das größte Vergnügen zu fühlen, das er je empfunden. Und obschon Giulia den ganzen Tag arbeitete, so hatte sie doch eine weiße, schlanke und sehr weiche Hand. Der arme Verliebte, so plötzlich von ihr und ihrem reizenden Wesen entflammt, glaubte durch ihren Anblick die neue auflodernde Flamme, die ihn schon jämmerlich quälte, zu löschen; aber unvermerkt vermehrte er sie nach und nach immer mehr und goß durch die Beschauung Öl ins Feuer. In dem zweiten und dritten Tanze, den sie ihm erlaubte, flüsterte ihr der Jüngling manchen Witz und zärtliche Worte zu, wie neue Liebhaber zu tun pflegen. Sie gab ihm darauf immer kluge Antworten und sagte, er möge ihr nicht von Liebe reden, weil es ihr als einem armen Mädchen nicht gut anstehe, das Ohr solchen Märchen zu leihen. Weiteres konnte der zudringliche Ferrarer nicht aus ihr herausbringen. Nach Beendigung des Tanzes ging ihr der Ferrarer nach, um ihre Wohnung zu erfahren. In der Folge hatte er oft in Gazuolo und außerhalb der Stadt Gelegenheit, mit Giulia zu sprechen und ihr seine verzehrende Liebe zu entdecken; er bemühte sich fortwährend, seinen Worten Verständnis zu öffnen und ihre eiskalte Brust zu erwärmen. Aber was er auch zu ihr sagte, sie trat nicht im geringsten aus ihrem keuschen Rückhalte; vielmehr bat sie ihn inständig, sie in Ruhe zu lassen und nicht ferner zu quälen. Der schnöde Verliebte aber, dem der Wurm der Lust herb am Herzen nagte, entbrannte desto mehr, je härter und spröder sie sich zeigte; um so mehr verfolgte er sie, um so angelegentlicher wollte er sie seinen Lüsten geneigt machen: doch alles war vergebens. Er ließ durch eine vertraute Alte, die eine Heilige schien, mit ihr sprechen; sie besorgte ihr Geschäft sehr emsig und bemühte sich, durch schmeichlerische Worte den hartnäckigen Sinn der keuschen Giulia zu bestechen. Aber das Mädchen hatte so feste Grundsätze, daß kein Wort der alten Kupplerin Zutritt in ihre Brust fand. Als der Ferrarer dies hörte, wollte er verzweifeln; er konnte den Gedanken nicht fassen, auf sie zu verzichten, und hoffte immer, daß er durch Bitten, Dienstbezeugungen, Liebe und Ausdauer Giulias grausames Herz noch erweichen werde; es schien ihm unmöglich, daß er sie durch Geduld nicht erweichen sollte. Er machte, wie man im Sprichwort sagt, die Rechnung ohne den Wirt. Da er nun sah, daß sie von Tag zu Tag sich ihm mehr entziehe und, wenn sie ihn sah, ihn wie einen Basilisken meide und fliehe, wollte er versuchen, ob das, was Worte und Dienstleistungen nicht erreichen konnten, durch Geschenke zu erlangen wäre; Gewalt wollte er bis zum Ende aufsparen. Er sprach wieder mit der schändlichen Alten und gab ihr einige Dinge von geringem Werte, die sie Giulia von ihm bringen sollte. Die Alte ging und fand Giulia ganz allein zu Hause. Sie wollte anfangen, von dem Ferrarer zu sprechen, und zeigte ihr die Geschenke, die er ihr überschickte. Das ehrbare Mädchen nahm die Sächelchen, welche die Alte gebracht hatte, warf sie alle zur Tür hinaus auf die Straße, jagte die verräterische Alte aus dem Hause und sagte ihr, wenn sie es noch einmal wage, diese Sache in Anregung zu bringen, so werde sie auf das Schloß gehen und es Frau Antonia sagen. Die Alte nahm die Sachen von der Straße auf, ging zu dem Ferrarer und sagte ihm, es sei unmöglich, das Mädchen zu gewinnen; sie wisse in der Tat nichts mehr zu tun. Es ist nicht zu sagen, wie mißvergnügt der junge Mann hierüber war. Gerne hätte er sich von dem ganzen Handel zurückgezogen; aber sobald er daran dachte, sie zu lassen, fühlte er sich dem Tode nahe. Am Ende konnte der arme verblendete Liebhaber es nicht länger aushalten, sich so unbeliebt zu wissen, und beschloß nun, entstehe daraus, was da wolle, bei günstiger Gelegenheit ihr mit offener Gewalt zu entreißen, was sie ihm nicht gutwillig geben wollte. Am Hofe war auch ein Bereiter des Herrn Bischofs, ein guter Freund des Ferrarers und, wenn ich mich recht erinnere, gleichfalls aus Ferrara. Diesem entdeckte der Kammerdiener seine ganze glühende Liebe und wie sehr er sich abgemüht habe, dem Herzen des Mädchens einiges Mitleid einzuflößen, sie sich aber immer widerstrebender und härter gezeigt als ein Meerfels, und wie er sie nie weder durch Worte noch Geschenke habe erweichen können. »Nun«, da ich sehe, so schloß er, »daß ich nicht leben kann, wenn ich meine Begierden nicht befriedige, da ich weiß, wie sehr du mich liebst, bitte ich dich, mir beizustehen und mir zu dem Ziele meiner Wünsche zu verhelfen. Sie geht oft allein hinaus auf das Feld, wo ich, da das Getreide schon sehr hoch steht, mein Vorhaben ausführen zu können gedenke.« Der Bereiter dachte nicht weiter über die Sache nach und versprach, ihn in allem zu unterstützen, was er verlange. Weil der Kammerdiener nun beständig nachforschte, was Giulia tue, so erfuhr er eines Tages, daß sie ganz allein aus Gazuolo gegangen war. Er ließ den Bereiter rufen und ging auf das Feld mit ihm, wo Giulia etwas zu tun hatte. Hier angekommen fing er an, wie gewöhnlich, sie zu bitten, sie möge doch endlich Mitleid mit ihm haben. Da sich Giulia allein auf dem Felde sah, bat sie den Jüngling, ihr doch nicht noch mehr zur Last zu fallen, und etwas Übles ahnend ging sie nach Gazuolo zu. Der junge Mann aber wollte seine schöne Beute nicht mehr entschlüpfen lassen und tat, als wolle er sie mit seinem Gefährten begleiten, indem er sie immer mit demütigen und liebevollen Worten bat, daß sie mit seinen Qualen Mitleid haben möge. Sie beschleunigte ihre Schritte, beeilte sich, ihr Haus zu erreichen, und ging immer weiter, ohne auf etwas zu antworten, was der junge Mann auch sagen mochte. So kamen sie an ein großes Kornfeld, durch das ihr Weg sie führte. Es war der vorletzte Mai; es mochte etwa Mittagszeit sein; die Sonne brannte der Jahreszeit gemäß sehr heiß, und das Feld war sehr abgelegen von jeder Wohnung. Als sie in das Feld eingetreten waren, legte der junge Mann seine Arme um Giulias Hals und wollte sie küssen; doch sie suchte zu entfliehen und rief laut um Hilfe. Da faßte sie der Bereiter, warf sie zu Boden und steckte ihr plötzlich ein Tuch in den Mund, so daß sie nicht mehr schreien konnte. Beide hoben sie nun auf und trugen sie unter Anwendung von Gewalt eine gute Strecke weit von dem das Feld durchschneidenden Fußpfade hinweg. Dort hielt ihr der Reitknecht die Hände, und der zügellose Jüngling raubte dem armen geknebelten Kinde, das sich nicht widersetzen konnte, die Blüte seines Leibes. Das unglückliche Geschöpf weinte bitterlich und tat ihre unglaubliche Pein durch Seufzen und Stöhnen kund. Der grausame Kammerdiener aber zwang sie zum zweitenmal zur Befriedigung seiner Lüste und erlaubte sich mit ihr alle Genüsse, die er mochte. Dann ließ er ihr den Knebel abnehmen und wollte anfangen, sie mit freundlichen Worten zu trösten: er versprach ihr, sie niemals zu verlassen und mitzuhelfen, daß sie sich passend verheiraten könne und es ihr gut gehe. Sie sagte nichts, als sie sollten sie loslassen und ihr erlauben, frei nach Hause zu gehen; dabei weinte sie fortwährend bitterlich. Der Jüngling versuchte von neuem, sie mit süßen Worten, mit ausgedehnten Versprechungen zu trösten; auch wollte er ihr sogleich Geld geben, um sie zur Ruhe zu bringen. Aber er sang tauben Ohren, und je mehr er sich bemühte, sie zu trösten, um so lauter weinte sie. Als sie jedoch sah, daß er nicht aufhörte zu sprechen, sagte sie zu ihm: »Junger Mann, du hast aus mir gemacht, was du wolltest, und deine unreinen Lüste befriedigt. Jetzt bitte ich dich um die Gunst, mich freizulassen und mir zu erlauben wegzugehen. Laß dir genügen, was du getan hast! Es war doch schon zu viel.« Der Verliebte fürchtete, Giulia möchte durch ihr lautes Weinen die Sache entdecken, und als er sah, daß seine Bemühungen nichts nützten, beschloß er, sie gehen zu lassen und mit seinem Begleiter sich zu entfernen. Und so tat er auch. Nachdem Giulia ihre verlorene Unschuld eine Weile bitterlich beweint hatte, legte sie ihre zerzausten Kleider wieder zurecht, trocknete sich, so gut es ging, die Augen, kam bald nach Gazuolo und ging in ihr Haus. Weder ihr Vater noch ihre Mutter war da; bloß ihre Schwester fand sie, ein Kind von zehn bis elf Jahren, das, weil es etwas unpäßlich war, nicht hatte ausgehen können. Als Giulia im Hause war, öffnete sie ihre Kiste, in der sie ihre kleinen Habseligkeiten hatte. Dann zog sie alle Kleider aus, die sie anhatte, nahm ein frischgewaschenes Hemd und legte es an. Dann nahm sie ihren Schleier von schneeweißem Boccaccin, eine Halskrause von blendendem Flor und eine weiße Florschürze um, die sie bloß an Festtagen zu tragen pflegte. Sodann zog sie Strümpfe von weißem Sarsch und rote Schuhe an. Weiter schmückte sie sich das Haupt, so reizend sie konnte, und band um den Hals eine Schnur gelber Bernsteine. Kurz, sie putzte sich auf mit dem Schönsten, was sie finden konnte, als wenn sie sich auf dem größten Feste von Gazuolo hätte zeigen wollen. Dann rief sie ihre Schwester und schenkte ihr alle andern Sachen, die sie besaß, nahm sie bei der Hand, schloß die Haustür und ging in ein Nachbarhaus zu einer sehr alten Frau, die schwerkrank zu Bett lag. Dieser guten Frau erzählte Giulia weinend den ganzen Hergang ihres Unglücks und sagte zu ihr: »Verhüte Gott, daß ich am Leben bleibe, nachdem ich meine Ehre verloren habe, auf der die Freude meines Daseins ruhte! Nimmermehr soll es geschehen, daß man mit Fingern auf mich deute oder mir ins Gesicht sage: ›Sieh das artige Mädchen, das eine Metze ward und ihre Familie geschändet hat, und die sich verstecken müßte, wenn sie Verstand hätte!‹ Ich will nicht, daß man je einem der Meinigen vorrücke, ich habe mich freiwillig dem Kammerdiener hingegeben. Mein Tod mache der ganzen Welt bekannt und gebe das sicherste Zeugnis, daß, wenn auch mein Leib mit Gewalt geschändet ward, meine Seele doch rein und unbefleckt geblieben ist. Diese wenigen Worte wollte ich Euch sagen, damit Ihr das Ganze meinen armen Eltern erzählen und sie versichern könnt, daß ich nie meine Zustimmung dazu gegeben habe, die schändlichen Lüste des Kammerdieners zu befriedigen. Lebt in Frieden!« Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, ging sie hinaus und eilte dem Oglio zu; ihr Schwesterchen lief hinter ihr drein und weinte, ohne zu wissen warum. Sobald Giulia den Fluß erreicht hatte, stürzte sie sich köpflings in die Tiefe des Oglio. Auf das Weinen der Schwester, die laut zum Himmel schrie, liefen viele herbei, aber zu spät. Giulia war vorsätzlich in den Fluß gesprungen, um sich zu ertränken; sie gab sich keine Hilfe und war plötzlich in den Wellen verschwunden. Der Herr Bischof und die gnädige Frau ließen, als sie von dem kläglichen Ereignis hörten, die Unglückliche aufsuchen. Unterdessen ergriff der Kammerdiener, der den Reitknecht zu sich rief, die Flucht. Die Leiche ward aufgefunden; die Ursache, weshalb sie sich ertränkt hatte, ward bald bekannt, und alle Frauen und ebenso die Männer des Landes ehrten ihr Andenken mit allgemeinem Klagen und Weinen. Der hochwohlgeborene und hochwürdigste Herr Bischof ließ sie auf dem Markte (da sie in geweihtem Boden nicht beerdigt werden durfte) in eine Gruft legen, die sich noch dort befindet, mit dem Vorsatz, sie in einem ehernen Sarge beizusetzen und diesen auf die Marmorsäule zu stellen, die noch auf dem Markte zu sehen ist. Und in Wahrheit verdient diese Giulia nach meinem unmaßgeblichen Urteil kein geringeres Lob als die römische Lukretia und ist ihr vielleicht (alles genau überlegt) noch vorzuziehen. Nur die Natur ist anzuklagen, daß sie einem so hohen edeln Geiste wie Giulias keine vornehmere Geburt anwies. Doch jeder muß ja für edel gelten, der ein Freund der Tugend ist und die Ehre allem in der Welt vorzieht. Bedenkliche Beichte Mailand ist, wie ihr alle wißt und täglich sehen könnt, eine Stadt, die in Italien wenige ihresgleichen hat in Beziehung auf alles, was erfordert wird, um eine Stadt edel, volkreich und wohlhabend zu machen; denn wo die Natur es hat fehlen lassen, da ist der Fleiß der Menschen ergänzend eingetreten, so daß in nichts, was zum Leben notwendig ist, etwas zu wünschen übrigbleibt. Ja, die unersättliche Natur der Sterblichen hat noch alle Feinheiten und Kostbarkeiten des Morgenlandes dazugefügt nebst den früheren Weltaltern unbekannten Wundern und Kostbarkeiten, die unsere Zeit mit unschätzbarer Mühe und den schwersten Gefahren aufgespürt hat. Darum sind unsere Mailänder in der Fülle und Feinheit der Speisen ganz ausgezeichnet und in allen ihren Mahlzeiten höchst glänzend, und sie meinen nicht leben zu können, wenn sie nicht immer in Gesellschaft leben und speisen. Was sollen wir sagen von dem Prunk der Frauen in ihren Kleidungen mit all dem getriebenen Golde, Borten, Stickereien, Spitzen und köstlichen Kleinodien, so daß, wenn eine Edelfrau unter die Tür tritt, man manchmal meint, es sei die Himmelfahrt in Venedig? Und in welcher Stadt weiß man so viele prächtige Wagen, die aufs feinste vergoldet sind mit so viel reichem Schnitzwerk, gezogen von vier der trefflichsten Renner, als man in Mailand täglich sieht? Man findet hier über sechzig vierspännige, und zweispännige in Unzahl, mit den reichsten seidenen, mit Gold durchwirkten und so mannigfaltigen bunten Decken, daß, wenn die Frauen durch die Straßen fahren, es aussieht, als ginge ein Triumphzug durch die Stadt, wie es sonst bei den Römern Sitte war, wenn sie siegreich von den bezähmten Provinzen und besiegten und unterworfenen Königen nach Rom zurückkehrten. Hier fällt mir ein, was ich voriges Jahr in der neuen Vorstadt die hochwohlgeborene Frau Isabella von Este, Markgräfin von Mantua, sagen hörte, die, als der Markgraf Guglielmo gestorben war, nach Monferrato ging, um der Markgräfin ihr Beileid zu bezeugen. Sie wurde von unsern Edelfrauen ehrerbietig besucht, wie das immer geschehen ist, sooft sie nach Mailand kam. Als sie nun diese Menge von reichen Wagen so köstlich geschmückt sah, sagte sie zu den Frauen, welche kamen, um ihr aufzuwarten, sie glaubte nicht, daß im ganzen übrigen Italien ebensoviele schöne Wagen seien. In dieser Üppigkeit und Pracht, Lust und Bequemlichkeit leben die Frauen von Mailand und sind darum gemeiniglich zutraulich, mild, freundlich und von Natur geneigt, zu lieben und geliebt zu werden und unaufhörlich ein Leben in der Liebe zu führen. Und um geradeheraus zu sagen, was ich denke, scheint mir, es fehle ihnen gar nichts, um sie vollkommen zu machen, als daß ihnen die Natur eine ihrer Schönheit, ihren guten Sitten und ihrem artigen Wesen entsprechende Mundart verliehen hat; denn in der Tat, das Mailändische hat eine Aussprache, die für die Ohren der Fremden äußerst abstoßend ist. Dennoch ermangeln sie nicht, durch Sorgfalt dem natürlichen Mangel abzuhelfen; denn es sind nur wenige Frauen, die nicht durch Lesen guter italienischer Bücher und durch Umgang mit gut Redenden sich überwänden, allmählich unterrichtet zu werden und durch Feilung der Sprache eine angemessene und liebliche Redeweise zu gewinnen, die sie viel angenehmer im Umgang macht. Um aber auf die Novelle zu kommen, die ich euch zu erzählen beabsichtige, und die voriges Jahr in der Fastenzeit sich ereignet hat, so sage ich, es war hier in Mailand ein Edelmann aus einer Stadt nicht sehr weit von hier, der wegen Händeln, die er mit Grenznachbarn seines Schlosses führte, ein bequemes Haus gemietet hatte, worin er mit seiner geehrten Familie lebte. Es war ein reicher junger Mann, und wenn er zwei- bis dreimal in der Woche oder nach den Umständen mehr oder weniger häufig mit seinen Anwälten und Advokaten gesprochen hatte, überließ er die Besorgung einem seiner Schreiber, der sehr gewandt und geübt war im Prozeßführen, und ließ sich's den ganzen Tag über wohlsein und eilte dem Wagen bald dieser, bald jener Frau nach. Nun ließ der Graf Antonio Crivello nach seiner Gewohnheit eine Komödie aufführen und gab einer großen Zahl von Edelleuten und Frauen ein kostbares Gastmahl; dabei war auch der junge Prozeßführer, den wir künftig Lattanzio nennen wollen, da ich mich für jetzt seines wirklichen Namens nicht bedienen mag, wie es mir auch mit dem Namen der Frau geraten scheint, von der ich zu reden haben werde und die denn den Namen Caterina führen mag. Lattanzio saß also beim Abendessen und kam dabei zufällig an die Seite Caterinas, die er früher niemals gesehen zu haben glaubte, oder wenn er sie auch gesehen hatte, so hatte sie keinen Eindruck auf ihn gemacht. Gastmahle pflegen große Vertraulichkeit zu erzeugen zwischen solchen, die bei Tische nebeneinander zu sitzen kommen. Dies geschah auch zwischen Lattanzio und der Frau; denn er ließ sich angelegen sein, verschiedene Unterhaltungen mit ihr anzuknüpfen und ihr aufzuwarten, indem er ihr vorschnitt und ähnliche Dienste leistete, wie Edelleute bei Tische zu tun pflegen. Caterina war sehr anmutig und liebenswürdig, sprach schön, und wenn sie nicht selbst zu den Schönsten gehörte, so konnte sie doch unter den Schönsten ohne Beschämung verweilen. Während sie nun miteinander sprachen und Lattanzio sie ziemlich fest ins Auge faßte, gefiel ihm mehr und mehr der Umgang und das ungezwungene Wesen der Frau, und so sog er unvermerkt durch die Augen das Gift der Liebe ein, so daß er, ehe man die Tafel aufhob, sehr gut wahrnahm, daß der Pfeil der Liebe schon nur zu tief eingedrungen sei. Nun wurde das Essen beendigt, und man fing an zu tanzen; Lattanzio forderte die Frau zum Tanze auf, und sie nahm die Einladung freundlich an. Er nahm sie bei der Hand, tanzte langsam und ließ sich allmählich mit ihr in ein Gespräch ein über Liebesdinge. Sie zeigte sich keineswegs spröde gegen solche Verhandlungen; Lattanzio schob nun einen Stein weiter vor und setzte ihr angelegentlich auseinander, wie sehr ihm ihr Wesen und Gebaren, ihre Anmut und Schönheit gefalle. Er sagte ihr sodann, wie heftig er für sie glühe, und bat sie in angemessenen Worten, ihn zu ihrem Diener anzunehmen und mit ihm Erbarmen zu haben. Die Frau antwortete ihm sehr behutsam, sie wisse es wohl zu schätzen, daß sie von ihm geliebt werde, da sie ihn als einen verständigen, gesitteten und anmutigen Edelmann kenne, der ihr nichts als die Unbeflecktheit ihrer Ehre zumuten würde. Unter diesen und ähnlichen Gesprächen ging der Tanz zu Ende, und sie saßen nebeneinander, indem sie fortwährend von Liebe sprachen. Das Fest dauerte bis nach Mitternacht, und die ganze Zeit über sprach Lattanzio in gleichem Sinne, bekam aber fortwährend nur die nämlichen Antworten zurück, die alle darauf hinausliefen, daß sie die Liebe nicht außer Auge lassen werde, die sie für ihren Gemahl zu hegen verbunden sei, und ebensowenig ihre beiderseitige Ehre, die ihr teurer sein müsse als das Leben; sie wolle ihn aber wie einen Bruder lieben, da sie ihn als einen so wackern und ritterlichen Herrn kenne. Als Lattanzio sah, daß die Frau es nicht abwies, von Liebe zu reden, und daß sie sich mit ihm schon in große Vertraulichkeit eingelassen hatte, war er fürs erstemal damit zufrieden und begleitete die Frau in Gesellschaft von vielen andern Männern und Frauen bis an ihr Haus. Und da er in der Tat wirklich in sie verliebt war, faßte er ihr Haus ins Auge, suchte herauszubringen, wohin sie zur Messe ging, und fand, daß sie gewöhnlich in San Francesco die Messe hörte. Er fing daher an, diese Kirche häufig zu besuchen und sich mit den Edelleuten zu unterhalten, die dahin kamen, und warf dabei seiner Caterina verliebte Blicke zu, die ihm freundliche Miene machte und zeigte, daß sie ihn sehr gerne sah. Indessen war die zügellose Zeit des Karnevals gekommen. Lattanzio ritt eines Tages maskiert auf einem ganz rüstigen spanischen Klepper vor dem Hause der Frau vorbei, die eben unter der Türe stand; dort hielt er stille, machte ihr ein Zeichen, daß sie ihn erkannte, und knüpfte ein Gespräch mit ihr an, das er auch ziemlich lange fortsetzte, wobei er immer von seiner Liebe redete. Sie zeigte sich ihm mehr als gewöhnlich gewogen, scherzte und spaßte mit ihm ganz vertraulich und hatte schon halb und halb bei sich beschlossen, Lattanzio zum Liebhaber zu nehmen; doch wollte sie vorerst ihn genauer kennenlernen und womöglich versuchen, von welcher Art und Charakter er sei. Lattanzio dachte in ihr eine sehr angenehme und zutunliche Frau gefunden zu haben, und nachdem er sie dringend gebeten, sie solle mit ihm Erbarmen haben und ihm Befehle erteilen, um zu sehen, daß er ihr zu jedem Dienste gewärtig sei, empfahl sie sich ihm demütig und schied von dannen. Als er fort war, zog sich die Frau in ihr Gemach zurück voll Gedanken an die Liebe Messer Lattanzios und an die dringenden Bitten, womit er sie bestürmt hatte, und begann etwas mehr als gewöhnlich von Liebe zu ihm zu entbrennen. Der Gemahl der Frau war zu Hause sehr widerlich; er ließ sie zwar hingehen, wohin sie wollte, und sich prächtig kleiden, gab ihr aber doch oft derbe Worte. Außerdem war er in der Straße San Rafaele gegenüber der Hauptkirche in ein schönes Mädchen heftig verliebt, welches Hauben, Gürtel, Schnüre, Halskrausen und anderen Frauenschmuck feilhielt, was seine Frau von einer Gevatterin erfahren hatte. Aus diesem Grunde wurde sie auf ihren Gemahl sehr böse und beschloß, ihm Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Lattanzio kam ihr daher ganz gelegen, und sie machte ihm tagtäglich eine bessere Miene, worüber der Liebhaber sehr zufrieden war. Die Gevatterin, die der Frau die Liebschaft des Mannes hinterbracht hatte, wohnte ganz nahe bei ihrem Hause und hatte nur ein kleines Söhnchen von zwei Jahren und eine Magd bei sich. Als nun Lattanzio fortfuhr, Caterina schönzutun, und sie mehrmals die Festzeit über gesprochen hatte, ließ sie eines Tages, als ihr Mann zum Mittagessen ausgegangen war, ihre Gevatterin rufen und bat sie, ihr bei Tische Gesellschaft zu leisten, wie sie schon oft zu tun gepflegt. Nach dem Essen, als die Masken durch die Straßen zu laufen anfingen, trat Caterina mit ihrer Gesellschaft ans Fenster zur Unterhaltung. Sie waren noch nicht lange dort gewesen, so kamen viele Masken vorüber; mit einer derselben kam auch Lattanzio im Gespräche auf einem Maultiere reitend, aber nicht maskiert. Als er seine Geliebte am Fenster sah, machte er höflich mit dem Barett in der Hand sein Kompliment. Als er vorüber war, sagte Caterina schnell: »Gevatterin, kennt Ihr den jungen Mann, der dort im Gespräche mit der Maske vorbeigeht?« »Nein«, antwortete die Gevatterin, »aber warum fragt Ihr mich?« »Das will ich Euch sagen«, fügte diese hinzu, »ich bin gewiß, Ihr werdet mir glauben und bei Euch geheimhalten, was ich Euch offenbare, da Ihr sehen werdet, daß meine Lage es verlangt. Ihr müßt Euch erinnern, daß ich mich vielfach bei Euch im stillen beklagt habe über die auffallende Lebensweise, die mein Mann führt; es sind etwa sieben Jahre, seit ich in sein Haus gekommen bin, und mit Ausnahme des ersten Jahres, wo ich nicht darauf achtete, war er nie ohne eine Liebschaft, mit der er einen großen Teil seiner Einkünfte vergeudet. Jetzt ist er den ganzen Tag in der Straße San Rafaele bei Isabella (die Ihr ja kennt); am letzten Weihnachten gab er ihr siebenunddreißig Ellen venezianischen schwarzbraunen Atlas zum Angebinde. Es ist darüber zwischen uns beiden mehrmals zu scharfen Reden gekommen; aber ich richtete nichts aus, so daß ich nun oft sehr verstimmt bin, wenn ich das böse Leben bedenke, das er führt. Ich Arme hätte einen Grafen von Languschi in Pavia heiraten können; aber meine Brüder wollten durchaus, daß ich diesem bösen Menschen zuteil würde. Was er Gutes hat, ist, daß er mir große Freiheit läßt in der Kleidung und im Ausgehen, wohin ich will, in der Haushaltung und in den Ausgaben, worin ich gar nicht beschränkt bin. Dennoch ist er im Hause widerwärtig über alle Begriffe; man kocht nie eine Speise, die ihm recht ist, und nie will er doch in der Küche etwas anordnen. Er hat immer den und jenen bei sich zu Tische, und je mehr Leute da sind, um so mehr schreit und lärmt er und mißt bei allem mir die Schuld bei, so daß er, wie man zu sagen pflegt, ein Teufel im Hause und der Spott auf der Straße ist. Was mich aber am meisten drückt und mir das Herz beschwert, ist, daß der böse Mann keine drei Male im Monat bei mir schläft, als wäre ich ein altes gelähmtes Mütterchen von sechzig Jahren, während ich noch nicht dreiundzwanzig zähle und doch noch frisch und zart bin; und bin ich auch nicht die Schönste in Mailand, so darf ich mich doch unter den andern sehen lassen; ja, wenn ich nur wollte, würde mir es nicht an Männern fehlen, die mir den Hof machten. Ich weiß wohl, wie viele und darunter die ersten Männer dieser Stadt mir geschmeichelt und mich mit Botschaften und Briefen angegangen haben; aber ich habe immer alle abgewiesen getreu dem Rate meiner seligen Mutter, die mir immer einschärfte, alle meine Liebe und alle meine Gedanken dem zuzuwenden, den ich zum Gatten nehmen würde, wie es die gute Frau meinem Vater gegenüber getan hatte; und fürwahr, ich bin ihr immer gefolgt in der Hoffnung, mein Mann werde doch seinen schlimmen Lebenswandel auch einmal aufgeben. Aber es wird im Gegenteil immer schlimmer mit ihm, so daß ich nunmehr beschlossen habe, für mich zu sorgen. Gott verzeih' mir's, denn ich kann nicht mehr so leben. Hätte ich ohne Mann leben wollen, so wäre ich Nonne geworden wie meine ältere Schwester, die im Kloster Santa Redegonda den Schleier genommen hat. Nun, liebe Gevatterin, ich habe Euch diese kurze Auseinandersetzung gemacht, um von Euch Beistand und Rat zu erhalten, in der festen Überzeugung, daß Ihr alles für mich tun werdet, wovon Ihr wißt, daß Ihr mir dadurch Freude und Nutzen verschaffen könnt.« Die Gevatterin erklärte sich gerne dazu bereit. »Ihr habt«, fuhr nun Caterina fort, »soeben den jungen Mann auf dem Maultiere vorüberreiten sehen, von welchem Ihr sagtet, Ihr kennet ihn nicht; er scheint mir ein sehr zuverlässiger und artiger Mann. Er hat schon oft in diesem Karneval mit mir gesprochen und um meine Liebe geworben, ich habe ihm aber keine zustimmende Antwort gegeben. Allerdings habe ich seit einigen Tagen ihm ein freundlicheres Gesicht gemacht als gewöhnlich. Nunmehr habe ich in meinem Sinne beschlossen, daß er die Lücken meines Mannes ausfüllen soll, bei Tage wie bei Nacht, und zwar soll es so geheim und bequem wie möglich geschehen. Da ich aber glaube, daß wir beide allein diese meine Wünsche nicht zu dem ersehnten Ziele werden führen können, glaube ich, es wird wohlgetan sein, wenn ich mich meiner Alten entdecke, die, wenn mein Mann über Nacht nicht nach Hause kommt, in meinem Zimmer schläft; denn den jungen Mädchen würde ich mich nimmermehr anvertrauen. Was sagt Ihr dazu, meine teure Gevatterin?« »In der Tat, Madonna«, antwortete darauf die gute Frau Caterina, »ich habe Euch immerdar sehr bemitleidet, da ich Euch so schön, jung und kostbar und üppig erzogen weiß und daneben das schändliche Leben des Gevatters kenne. Was Ihr mir gesagt habt, soll immer in mir begraben bleiben. Und wenn Ihr beschlossen habt, nicht Eure Jugend ganz zu verlieren, so tut Ihr sehr wohl daran. Ich wäre nun der Ansicht, daß Ihr mich mit der Alten reden und ihre Gesinnung erforschen laßt, um zu sehen, wie sie sich dabei benimmt; und laßt nur die Sache mich ausführen: ich hoffe sie zu einem guten Ziele zu bringen.« Es blieb bei dem Beschlusse, daß die Gevatterin mit der Alten reden solle, und wenn sie sie ihren Plänen günstig finde, solle man nicht zögern, Lattanzio in den Besitz der so sehr ersehnten Güter zu setzen, wozu bereits die Art und Weise vorgesehen war, auf die er jede Nacht, wo der Mann nicht zu Hause wäre, leicht sich bei der Frau einfinden könnte. Es war ein Sackgäßchen an der Hinterseite von Caterinas Hause, von dem eine Tür herausging, die in ein großes Zimmer im Erdgeschosse führte, worin ein Paar alte, nicht mehr gebrauchte Weinkufen standen. Die Tür war seit vielen Jahren nicht geöffnet worden, und niemand hatte mit diesen Weinkufen zu tun; ja, auch in das Gäßchen selbst kam niemand, und kein Mensch im Hause dachte daran, um so mehr, als ein großes Faß davorstand, das den Anblick der Tür vollständig verdeckte. Die Liebe aber hat mehr Augen als Argus, und da die Frau einmal beschloß, Lattanzio in das Haus einzuschmuggeln, lieh ihr Amor eines seiner Augen, mit dem sie die Tür entdeckte. Alles wohlüberlegt, glaubte sie keinen sichereren Weg zu finden, um ihre Begierden zu befriedigen. Die Gevatterin sprach sodann mit der Alten und fand sie ganz geneigt zu allem, was ihre Gebieterin wünschte. Sie verabredete daher alles, was zu tun war, und Caterina suchte so lange, bis ihr ein Bund alter Schlüssel in die Hände fiel, unter welchen die Alte bald diesen, bald jenen probierte und endlich den fand, der die Tür öffnete. Als dies geschehen war und einst am letzten Tage des Karnevals Caterina gegen Abend an der Türe stand, kam Lattanzio zu Pferde und maskiert vorüber, näherte sich ihr und wünschte ihr höflich guten Abend. Die Frau nahm ihn freundlich auf; Lattanzio begann das gewöhnliche Gespräch über seine Liebe, bat, ihm Gelegenheit zu geben, sie insgeheim sprechen zu können, und nachdem sie sich ein paar Male hatte bitten lassen, konnte sie nicht mehr länger sich weigern; denn sie hatte ebenso große Lust, heimlich bei Lattanzio zu sein, wie er bei ihr. »Mein Lattanzio«, sagte sie, »ich will dir alles glauben, was du jetzt und so oft mir von der Liebe, die du für mich hegest, vorgesprochen hast, und will mein Leben und meine Ehre in deine Hände geben. Habe nun acht, daß du sie gut in Obhut hältst und für dich und mich in einer Weise sorgst, daß kein Nachteil und noch weniger Schande daraus erwachse! Du kennst das Gäßchen hinter meinem Hause: dies wird dir Zutritt zu mir gestatten, sooft mein Mann nicht zu Hause ist. Und um keine Boten hin und her schicken zu müssen, wird meine Gevatterin in diesem Hause dort – sie zeigte ihm die Tür –, die in meine Gesinnung vollständig eingeweiht ist, dich von allem unterrichten. Wenn ich nicht irre, kommt mein Mann heute abend weder zum Essen noch zum Schlafen nach Hause. Die Gevatterin ißt mit mir zu Nacht zwischen zwei und drei Uhr; um vier Uhr lasse ich mein ganzes Gesinde zu Bett gehen, die Gevatterin aber bleibt bei mir. Mit dem Schlage vier Uhr wird sie dich erwarten, und du wirst von ihr erfahren, ob mein Mann nach Hause kommt oder nicht, und hiernach wirst du dich halten. Um eines aber bitte ich dich sehr, dich in dieser Sache so wenig als möglich deinen Dienern anzuvertrauen, damit nicht, wenn einer von dir fortkommt, wie dies ja oft geschieht, er Anlaß werde, daß wir in das Gerede der Leute kommen.« Als Lattanzio diese unerwarteten Äußerungen hörte und an dem Funkeln der Augen seiner Geliebten merkte, daß sie ganz von Liebe glühte, hielt er sich für den frohesten und glücklichsten Menschen von der Welt und war so voll Verwunderung und Wonne, daß er fast außer sich kam und nicht wußte, was er sagen sollte. Sobald er sich aber etwas gefaßt hatte, sagte er der Frau den größten Dank, versprach ihr, er werde ganz allein kommen, um die Gevatterin aufzusuchen, und werde vor allen seinen Dienern seinen Liebeshandel geheimhalten. Sein Herz schwamm in einem Meere von Süßigkeit, er nahm Abschied und ging nach Hause. Am Abend aß er wenig, denn er war trunken von ungewohnter Freude; auch dachte er an die ihm bevorstehenden Anstrengungen. Mit dem Schlage vier Uhr ging er sodann ganz allein aus und geradeswegs zu der Gevatterin, die ihn hinter der geöffneten Tür erwartete. Er erfuhr von ihr, daß der Mann nicht zum Essen gekommen sei und auch diese Nacht nicht mehr heimkommen werde; es sei ein Bruder der Frau mit einem andern Edelmann dagewesen, den sie nicht kenne, alle seien aber bereits weggegangen. Nachdem sie noch vieles andere miteinander besprochen hatten, ging Lattanzio hinweg, trat in das Gäßchen und gab ein Zeichen, das ihm die Gevatterin gesagt hatte, worauf die Alte, die am Platze stand, ganz sachte die Tür nur so weit öffnete, daß er kaum hineinschlüpfen konnte; denn die Tonne verhinderte das vollständige Öffnen der Tür. Sobald er eingetreten war, führte ihn die Alte ganz leise in das Zimmer der Frau. Den Willkomm, die Liebkosungen, die Umarmungen des neuen Liebespaars, die Freude und Lust, die sie, nachdem sie das Bett bestiegen, im Genusse ihrer Liebe fanden, – dies alles zu erzählen würde mich allzu weit führen. Übrigens versicherte Caterina am folgenden Tage ihrer Gevatterin heilig und teuer, sie habe in dieser Nacht weit mehr Freude gehabt als in der ganzen Zeit, die sie mit ihrem Manne verlebt. Ehe noch der Tag graute, schlich Lattanzio müde, aber überglücklich von dannen, nachdem er zum Abschied seiner Geliebten noch mehr als tausend Küsse gegeben hatte. Während er zur Tür hinausging, gab er der guten Alten zehn Golddukaten und ermahnte sie, ihrer Herrin treu zu dienen; er werde es dann auch an nichts fehlen lassen. Die Alte hatte in ihrem Leben noch nie so viele im Besitz gehabt, dankte ihm daher aufrichtig und war höchlich befriedigt. Lattanzio legte sich, als er nach Hause kam, schlafen, denn er war die ganze Nacht nicht aus dem Sattel gekommen. Die Sache ging so ihren Gang fort, und Lattanzio schlief das ganze Jahr hindurch noch oft bei seiner Geliebten, wobei sie sich die besten Stunden machten. Indessen bekam die Gevatterin viele Dukaten von Lattanzio, der ihr auch versprach, sobald ihr Knabe so weit heranwüchse, ihn zum Edelknaben anzunehmen. Die beiden Liebenden genossen also einander und, wie gesagt, dauerte der Handel ungefähr ein Jahr, so daß ihr Verkehr, der am Karneval begonnen hatte, bis zum nächsten Karneval fortging; da fiel es Caterinas Gatten, ich weiß nicht weshalb, plötzlich ein, wenn er so selten bei seiner Frau schlafe, könnte sie einen andern an seiner Statt annehmen, um seinen Garten zu bestellen und zu begießen, mehr als ihm lieb wäre. Er geriet daher in Eifersucht, ohne zu wissen weshalb; er fing an, mehr zu Hause zu bleiben als bisher, besonders bei Nacht; das war den Liebenden höchst ungelegen. Als aber endlich die Fastenzeit eintrat, beschloß der Gatte, womöglich die Beichte seiner Frau zu hören. Mit dieser Grille ging er nach Sant Angelo, den Bruder aufzusuchen, bei dem, wie er wußte, Caterina zu beichten gewohnt war; er fing an, Verschiedenes mit ihm zu plaudern, um sein Vertrauen zu gewinnen, und brachte es dahin, als der Mönch einmal angebissen hatte, daß er sich von dem Gerede des Mannes so weit einnehmen und verlocken ließ, daß er ihm versprach, ihn neben sich im Beichtstuhle zu behalten, wenn er die Beichte seiner Frau höre. Als dies besorgt war und der Eifersüchtige dem Mönche viel Geld gegeben hatte, das er in den Mantel nahm, um es nicht mit der Hand zu berühren, erwartete er den Tag, wo die Frau hinginge, um zu beichten. Die Frau war gewohnt, immer einen Tag früher hinzuschicken, um ihren geistlichen Vater zu benachrichtigen. Da der Eifersüchtige dies wußte, unterrichtete er genau den Bruder, worüber er sie zu befragen habe. Als der bezeichnete Tag kam, stieg die Frau nach Tisch in den Wagen und ging nach Sant Angelo, wohin ihr ihr Gatte bereits vorangegangen war. Sobald die Frau ankam, ließ sie ihren Beichtvater rufen und trat in eines der Stübchen, die zum Beichten bereit stehen. Auf der andern Seite nahmen der gottlose Klosterbruder und der verrückte Eifersüchtige, der suchte, was er nicht gerne fand, die Gelegenheit wahr, ohne von jemand gesehen zu werden, in den Beichtstuhl einzutreten. Die Beichte begann, und als es auf das Kapitel der Sünden der Wollust kam, beichtete die Frau die Sünde, die sie mit ihrem Liebhaber trieb. »Wehe, meine Tochter«, sagte der verruchte Bruder, »habe ich dich nicht voriges Jahr scharf getadelt, und du sagtest mir, du wollest es nicht mehr tun? Hältst du so dein Versprechen?« »Vater«, sagte die Frau, »ich wußte und vermochte nicht anders zu handeln. An alledem ist das schlechte Leben meines Mannes schuld; Ihr wißt ja, wie er mich behandelt, ich habe es Euch früher ausführlich erzählt. Ich bin ein Weib von Fleisch und Bein wie die andern; ich sehe, daß mein Mann sich nie um mich bekümmert hat: da habe ich mich selbst versorgt, so gut ich konnte. Wenigstens treibe ich doch meine Sache geheim, während die Sünde meines Mannes das Gespräch der ganzen Stadt ist, und nicht nur ins Ohr sagt man sich davon, sondern es ist keine Barbierstube und kein öffentlicher Ort, wo man nicht ein Liedchen drüber sänge. So geht es nicht bei mir, sondern jedermann hat mit mir Mitleid, und es heißt, er verdiene ein so gutes Weib wie mich gar nicht. Ich habe es gegen sieben Jahre ertragen in der Hoffnung, er werde sich bessern und von fremden Weibern lassen; aber es wird nur immer schlimmer. Mir tut es leid, daß ich das tue, was ich tue, und ich weiß, daß ich unsern Herrgott beleidige; aber ich kann nicht anders.« »Meine Tochter«, antwortete der Bruder, »das darf nicht sein, und diese Ausreden gelten nichts. Du darfst nicht Böses tun, weil ein anderer es tut, sondern deine Pflicht ist, alles geduldig zu ertragen und zu erwarten, bis Gott das Herz deines Mannes rührt; vielleicht tut auch dein Mann nicht all das Böse, was du sagst. Aber wer ist denn dein Liebhaber?« »Es ist ein junger Edelmann, mein Vater«, antwortete die Frau, »der mich mehr als sein Leben liebt.« »Ich frage«, antwortete der Mönch, »wie er heißt?« Als die Frau dies hörte und schon aus Predigten wußte, daß in der Beichte die Namen derer nicht genannt werden dürfen, mit welchen die Sünde begangen wird, um ihrem Namen nicht zu schaden, sagte sie etwas verwundert: »Ha, Vater, wonach fragt Ihr mich? Dies kann ich Euch nicht sagen. Es ist genug, wenn ich meine Sünden bekenne ohne die meines Genossen.« Sie wechselten noch viele Worte; da aber die junge Frau nicht versprechen wollte, von dem Geliebten zu lassen, wollte der Bruder ihr auch nicht die Absolution erteilen. Sie erhob sich daher aus dem Beichtstuhle, trat in die Kirche, wo sie ihre Gebete sprach, und war dann im Begriffe, in den Wagen zu steigen. Ihr törichter Mann verließ, das Herz voll Verrat und Mißmut, gleichfalls die Beichtkammer und ging durch die Klostertür geradeswegs nach dem Wagen seiner Frau, die, als sie ihn kommen sah, auf ihn wartete. Sobald er in ihre Nähe kam, zückte er einen Dolch, den er an der Seite führte, und rief: »Ha, schamlose Buhlerin!« Und er stach ihr den Dolch in die Brust, daß sie plötzlich tot zur Erde sank. Es erhob sich ein großer Lärm, und viele Leute versammelten sich daselbst. Er entwich aber ich weiß nicht wohin und flüchtete sich nach wenigen Tagen auf venezianisches Gebiet, wo er versuchte, sich mit den Verwandten seiner Frau auszusöhnen, die ihn aber, als er bald danach einmal auf die Jagd gegangen war, in Stücke hauen ließen. Dies waren die Folgen der ungehörigen Neugierde des Mannes, der auf unpassenden Wegen zu erfahren trachtete, was er nicht hätte wissen sollen, und dieses Ziel erreichte die Verruchtheit des pflichtvergessenen Mönchs, der nach der Versicherung von einem, der es wissen konnte, im Frieden entlassen wurde, vor welchem Frieden uns aber alle Gott gnädiglich bewahren möge! Frauentreue: Männertugend In meiner Vaterstadt Venedig, die neben ihren Schätzen besonders reich ist an schönen holden Frauen wie nur irgendeine Stadt in Italien, lebten zu der Zeit, wo der weise Fürst Francesco Foscari die Herrschaft darüber führte, zwei junge Edelleute, deren einer Girolamo Bembo, der andere Anselmo Barbadico genannt wurde. Zwischen beiden bestand, wie das oft zu geschehen pflegt, die tödlichste Feindschaft und ein so heftiger bitterer Haß, daß sie nicht müde wurden, einander durch geheime Ränke zu schaden und auf alle ihnen mögliche Weise Schmach anzutun. Sie ließen Hader und Zwietracht soweit unter sich aufkommen, daß es beinahe unmöglich schien, sie jemals wieder zu vereinigen. Da geschah es, daß beide zu einer und derselben Zeit Weiber nahmen, und der Zufall wollte, daß ihre beiderseitige Wahl zwei sehr schöne und liebliche edle Jungfrauen traf, die von der gleichen Amme ernährt und aufgezogen waren und sich so schwesterlich liebten, als wären sie aus einem Leibe hervorgegangen. Die Gattin Anselmos, die Isotta hieß, war die Tochter von Messer Marco Gradenigo, einem Manne von größtem Ansehen in unserer Stadt, der zu den Prokuratoren von Sankt Markus gehörte, deren Zahl damals noch nicht so groß war wie heutzutage, weil nur die weisesten und besten Bürger zu einer so edeln und angesehenen Würde gewählt wurden und keiner durch Ehrgeiz oder Geld dazu gelangte. Luzia hieß die andere. Sie hatte zum Gatten den andern der beiden Edelleute genommen, von welchen ich bereits gesprochen habe, mit Namen Girolamo Bembo. Sie war die Tochter des Ritters Messer Gian Francesco Valerio, eines gelehrten Mannes, der schon mehrere Gesandtschaften im Auftrag seiner Vaterstadt besorgt hatte und in jenen Tagen von Rom zurückgekehrt war, wo er zur höchsten Zufriedenheit der ganzen Stadt beim Heiligen Vater das Amt eines Botschafters verwaltet hatte. Als nun die beiden jungen Frauen verheiratet waren und die zwischen ihren Gatten obwaltende Feindschaft wahrnahmen, empfanden sie dies mit großer Betrübnis und Verdrossenheit; denn sie erachteten es für einen unerträglichen Zwang, nicht länger ihr freundschaftliches Verhältnis fortsetzen zu dürfen, an das sie seit ihren zartesten Jahren gewöhnt waren. Klug und verständig aber, wie sie waren, beschlossen sie doch, um des Hausfriedens willen auf gewohnte innige Vertraulichkeit äußerlich zu verzichten und sich nur an gelegenen Orten und zu schicklichen Zeiten den Umgang zu gestatten. Das Glück war ihnen hierin insofern günstig genug, als ihre beiden Paläste dicht nebeneinander lagen und die dazugehörigen kleinen Gärten hinter denselben nur durch einen dünnen Zaun voneinander geschieden waren, so daß sie sich täglich sehen und häufig sprechen konnten. Überdies unterhielt die Dienerschaft des einen Hauses hinter dem Rücken ihrer Herren ganz freundschaftlichen Verkehr mit der des andern. Den beiden Freundinnen machte dies das größte Vergnügen; denn sobald ihre Männer ausgingen, konnten sie mit bester Muße im Garten lange sich miteinander unterhalten, und sie taten dies sehr oft. Unter solchen Verhältnissen vergingen etwa drei Jahre, ohne daß eine von ihnen schwanger geworden wäre. Mittlerweile hatte der Anblick der reizenden Schönheit Madonna Luzias in Anselmo eine solche Leidenschaft entzündet, daß er sich keinen Tag beruhigen zu können meinte, bevor er nicht eine lange Weile mit ihr geliebäugelt hätte. Ihr Scharfsinn und ihre Schlauheit versahen sich auch dessen alsobald, und da sie ihm weder Liebe noch auch völlige Unbekümmertheit zeigte, hielt sie ihn in Ungewißheit zwischen Furcht und Hoffen, um besser erspähen zu können, worauf seine verliebten Blicke abzielten. Doch tat sie mehr, als ob sie ihn gern sähe, als umgekehrt. Auf der andern Seite hatte das sittsame Wesen, das kluge Betragen und die anmutvolle Schönheit Madonna Isottas Messer Girolamo so wohl gefallen wie eine Geliebte nur jemals einem Liebenden. Er wußte nicht ohne ihren holden Anblick zu leben, und es war Isotta, die mit ihrem gescheiten Auge sehr klar sah, sehr leicht, diese unerwartete Liebe zu bemerken. Sie war aber sehr keusch und ehrbar und liebte ihren Gatten im höchsten Grade, und sie machte daher Girolamo ein ebenso freundliches oder nicht freundliches Gesicht wie im allgemeinen jedem Bürger oder Fremden, der sie ansah, und pflegte sich zu stellen, als kenne sie ihn gar nicht. Seine Leidenschaft entflammte sich aber mehr und mehr, und er verlor ganz die Freiheit, wie einer, dem der Pfeil der Liebe das Herz getroffen hat, und er konnte auf nichts anderes seine Gedanken wenden als auf sie. Die zwei Freundinnen waren gewohnt, täglich zur Messe zu gehen, und zwar meist nach der Kirche San Fantino, weil diejenigen, welche später aufstanden, dort bis Mittag immer eine Messe fanden. Sie hielten sich dann jederzeit in einer kleinen Entfernung von einander, und ihre beiden Liebhaber fanden sich fortwährend auch ein und gingen der eine da, der andere dort umher, so daß sie beide für eifersüchtige Ehemänner verrufen wurden, da man sie so hinter ihren Frauen herkommen sah, während doch beide nur bemüht waren, einander auf die Festung Hornberg zu bringen. Es begab sich nun, daß die beiden getreuen Milchschwestern, von denen bis jetzt noch keine das Geheimnis der andern ahnte, sich vornahmen, einander diese ihre Eroberungen mitzuteilen, damit diese nicht etwa im Verlaufe der Zeit dem zwischen ihnen bestehenden guten Einvernehmen eine Störung bereiteten. Dieser beiderseitige Beschluß führte sie eines Tages, als ihre Männer beide ausgegangen waren, an der gewohnten Stelle an dem Gartenzaun zusammen. Als sie sich trafen, lachten sie einander zu gleicher Zeit ins Gesicht, und nach den gewohnten freundlichen Begrüßungen nahm Madonna Luzia folgendermaßen zuerst das Wort: »Meine liebe Schwester Isotta, du weißt noch gar nicht, daß ich dir eine allerliebste Geschichte von deinem Herrn Gemahl zu hinterbringen habe.« »Und ich«, fiel Madonna Isotta sogleich ein, »habe dir ein Abenteuer von dem deinigen zu erzählen, das dich in nicht geringes Erstaunen, wo nicht gar in gewaltigen Zorn versetzen wird.« »Was ist es denn«? sprach eine zu der andern. Und am Ende erzählte jede, was ihr Gatte im Schilde führte. Obgleich voll Unwillens gegen ihre Gatten, mußten sie doch hierüber sehr lachen. Sie waren freilich der Meinung (und mit vollem Recht), sie seien vollkommen hinreichend und passend, um die Wünsche ihrer Männer zu befriedigen; daher fingen sie an, diese zu schmähen, und behaupteten, sie verdienten es, daß ihnen Hörner wachsen, wenn sie ebenso unehrbare Frauen wären, wie sie unvorsichtige und pflichtvergessene Männer. Nachdem sie nun hierüber viel hin und her geredet hatten, beschlossen sie unter sich, es sei das Geratenste, gemeinschaftlich abzuwarten, wie ihre Männer ihre Absichten weiter verfolgen werden. Sobald sie dann unter sich verabredet hatten, wie es wohl am passendsten wäre, sich zu verhalten, auch wie sie sich täglich über alles Vorfallende in Kenntnis setzen wollten, ließen sie es ihre erste Sorge sein, ihre Liebhaber mit schmachtenden und verliebten Blicken enger in ihr Garn zu locken und mit falschen Hoffnungen auf ihre Gunst zu erfüllen. Sie gingen daher aus den Gärten hinweg, und wenn sie in San Fantino oder in Venedig selbst zufällig einen erblickten, schlugen sie mit lächelnder Miene, lustig und keck, ihren Schleier beiseite. Als nun die zwei Liebenden sahen, welche freundlichen Gesichter ihnen ihre Geliebten machten, meinten sie, da kein Mittel sei, mit ihnen zu reden, müßten sie zu Briefen ihre Zuflucht nehmen. Sie suchten daher gewisse Botinnen, an denen unsere Stadt immer sehr großen Überfluß hat, und jeder schrieb der seinigen einen Liebesbrief des Inhalts, daß jeder aufs höchste wünsche, zu geheimer Unterredung sich mit der seinen zusammenzufinden. Nach wenigen Tagen, fast gleichzeitig, schickten sie die Briefe ab. Die verschlagenen Frauen nahmen die Briefe an, erwiesen sich aber anfangs gegen die Kupplerinnen etwas spröde; nach gegenseitiger Übereinkunft jedoch erteilten sie ihnen eine Antwort, welche mehr Hoffnung als das Gegenteil enthielt. Sie hatten einander die Briefe, sobald sie eingelaufen waren, gezeigt und viel darüber gelacht. Sie dachten, ihr Plan gelinge ihnen vortrefflich; jede behielt den Brief ihres Gatten für sich, und sie verabredeten, ohne daß eine der andern zu nahe trete, durch eine köstliche List ihre Männer zu verführen. Und hört nun, auf welche Weise! Sie beschlossen nämlich, sich erst gehörig von ihnen bitten zu lassen und ihnen sodann zu wissen zu tun, sie seien bereit, ihre Wünsche zu befriedigen, sooft die Sache auf geheime Weise geschehen könne, ohne daß es jemand wisse, und sooft er sich getraue, um eine Zeit, wo ihr Mann ausgegangen sei, in ihr Haus zu kommen, natürlich nur bei Nacht, da bei Tag, ohne Gefahr der Entdeckung, dies nicht möglich wäre. Dagegen hatten die scharfsichtigen und gescheiten Frauen mit ihren Dienerinnen, die vollständig ins Vertrauen gezogen waren, die Abrede getroffen, durch den Garten eine in der andern Haus zu kommen und daselbst, in die Schlafzimmer verschlossen, ohne Licht ihre Gatten zu erwarten, sich aber unter keiner Bedingung sehen zu lassen oder zu erkennen zu geben. Nachdem diese Abrede getroffen und festgelegt war, ließ Madonna Luzia zuerst ihrem Geliebten sagen, er solle in der nächsten Nacht um vier Uhr durch die Haustür nach dem Kai, die er offen finden werde, ins Haus treten; dort werde eine Dienerin bereit stehen, um ihn in ihr Zimmer zu führen, da Messer Girolamo am Abend in der Barke nach Padua abfahren werde; sollte indes diese Reise nicht zustande kommen, so wolle sie ihn davon in Kenntnis setzen. Das gleiche ließ Madonna Isotta Messer Girolamo sagen und bestimmte ihm als Zeit fünf Uhr, weil er alsdann bequem eintreten könne, indem Messer Anselmo heute abend mit ein paar Freunden speise und in Murano übernachte. Die beiden Verliebten sahen sich auf diese Nachrichten für die beglücktesten Menschen an, als dürften sie die Sarazenen aus Jerusalem jagen oder dem Großtürken das Kaisertum von Konstantinopel entreißen und den Helm ihres Feindes mit einem besondern Schmucke krönen. Sie wußten sich vor übergroßer Wonne gar nicht zu lassen, und vor Sehnsucht nach der Nacht schien ihnen jede Stunde des Tages eine Ewigkeit. Als der von allen so ersehnte Abend endlich genaht war, redeten die vergnügten Ehemänner ihren Frauen ein, oder glaubten wenigstens ihnen eingeredet zu haben, wichtige Angelegenheiten verhinderten sie, diese Nacht im Hause zuzubringen. Die schlauen Frauen, die ihr Schifflein gut im Gange sahen, taten, als glaubten sie alles. Die jungen Männer nahmen jeder seine Barke oder, wie es bei uns heißt, Gondel, fuhren, nachdem sie in einem Gasthause zu Nacht gespeist, in den Kanälen der Stadt spazieren und erwarteten die festgesetzte Stunde. Um drei Uhr kamen die Frauen im Garten zusammen und begaben sich, nachdem sie viel gescherzt und gelacht hatten, eine jede in der andern Haus, wo sie von den Dienerinnen in das Schlafgemach geführt wurden. Dort nahm jede bei brennendem Lichte das ganze Zimmer, seine Lage und alles, was darin war, genau in Augenschein und prägte sich aufs sorgfältigste alles Merkwürdige ins Gedächtnis. Darauf aber löschten sie das Licht aus und sahen mit Zittern und Zagen der Ankunft ihrer Männer entgegen. Punkt vier Uhr stand Madonna Luzias Dienerin an der Tür und erwartete die Ankunft Messer Anselmos. Er war nicht säumig, zu kommen, und ward von der Dienerin froh hineingeführt, an die Schlafkammer geleitet, hineingebracht und an das Bett gestellt. Hier war alles dunkel, wie in einem Wolfsrachen, und daher war keine Gefahr, daß er seine Gattin erkenne. Die beiden Frauen waren überdies an Größe und Sprache sich so ähnlich, daß man sie in dieser Dunkelheit nur äußerst schwer unterscheiden konnte. Der gute Anselmo entkleidete sich und wurde von der Frau liebevoll empfangen. In der Meinung, Girolamos Gattin zu umarmen, nahm er aber seine eigene Frau in die Arme, küßte sie tausendmal auf das zärtlichste und wurde ebensooft von ihr hold wiedergeküßt. Sodann machte er sich an den Genuß der Liebe, und sie spielten mehrere Partien im Minnespiel, wobei immer die Frau verlor, zu Anselmos großem Vergnügen. Girolamo erschien ebenso um die fünfte Nachtstunde, wurde von der Zofe in die Schlafkammer geführt und schlief bei seiner eigenen Gattin, zu viel größerer Befriedigung seiner selbst als seiner Frau. In der Meinung, ihre Geliebten im Arme zu haben, taten die beiden jungen Männer auch, um als frische und rüstige Ritter zu erscheinen, viel besser ihre Schuldigkeit als gewöhnlich und wohnten ihren Frauen mit so herzlicher Neigung und Liebe bei, daß nach dem Willen des Höchsten, wie die Geburt seiner Zeit erwies, die Frauen jede ein sehr schönes Knäblein empfingen, worüber sie, da sie bisher noch keine Kinder gehabt, beide sehr vergnügt und glücklich waren. Der geheime Umgang währte eine geraume Zeit, und es verging selten eine Woche, wo sie nicht eine Nacht zusammengekommen wären. Dessenungeachtet erkannten die Betrogenen ihre Täuschung nicht und schöpften nicht den mindesten Verdacht und konnten auch um so weniger Argwohn schöpfen, als nie ein Licht in die Schlafkammer gebracht wurde und die Frauen bei Tag jede Zusammenkunft verweigerten. Ihre Schwangerschaft schritt mittlerweile bedeutend vor, und die Männer empfanden ungemeines Ergötzen daran, indem sie vollkommen überzeugt waren, jeder dem andern den Hörnerschmuck auf den Helm gesteckt zu haben. Und doch hatten sie nur ihren eigenen, nicht den fremden Acker gepflügt und ihre rechtmäßige Besitzung begossen. Als sich nun die treuen schönen Freundinnen in diesem verwirrten Liebeshandel schwanger geworden sahen, was ihnen früher noch nie begegnet war, fingen sie an, unter sich zu überlegen, auf welche Art und Weise sie sich von diesem Unternehmen losmachen könnten, befürchtend, es möchte irgendein Ärgernis entstehen, welches Veranlassung werden könnte, die Feindschaft zwischen ihren Männern noch zu vergrößern. Während sie so dachten, ereignete sich etwas, was ihnen aus der Verlegenheit half und den Verkehr abbrach, wenn auch nicht auf eine Art, wie sie es wünschten. An demselben Strome oder Kanale, nicht weit von ihren Häusern, wohnte nämlich eine sehr schöne artige junge Frau, die, noch nicht ganz zwanzig Jahre alt, kurz zuvor Witwe geworden war durch den Tod ihres Gatten Messer Niccolo Delfino, die Tochter Messer Giovanni Moros; sie hieß Gismonda. Diese besaß außer ihrer väterlichen, auf mehr als zehntausend Zechinen sich belaufenden Mitgift eine schöne Summe Geldes, viele Edelsteine, Silbergeräte und andere Kostbarkeiten, die ihr ihr Mann als Morgengabe zum Geschenk gemacht hatte. Aloise Foscari, er Neffe des Herzogs, hatte sich heftig in sie verliebt und gab sich alle Mühe, ihre Hand zu erwerben. Er liebäugelte mit ihr daher den ganzen Tag und betrieb das Unternehmen durch fortwährende Botschaften und Freiwerbungen so ernstlich, daß sie sich dazu verstanden einer Nacht an einem Fenster ihres Hauses, das auf ein kleines Gäßchen hinausging, ihn anhören zu wollen. Äußerst erfreut über eine so ersehnte Nachricht, kam Aloise, als die Nacht kam, gegen fünf oder sechs Uhr mit einer Strickleiter (denn das Fenster war sehr hoch) ganz allein dahin. Dort angelangt machte er das aufgegebene Zeichen und wartete nach der Verabredung, bis seine Geliebte den Bindfaden herabließ, um die Strickleiter emporzuziehen, was auch bald geschah. Nachdem er die Leiter an dem Bindfaden festgeknüpft hatte, sah er sie in kurzem emporziehen. Sobald Gismonda das Ende der Leiter in der Hand hatte, befestigte sie es irgendwo und machte dann dem Liebhaber ein Zeichen, emporzusteigen. Von der Liebe kühn gemacht, stieg er keck die Stufen hinan und hatte fast schon das Fenster erreicht, als er, aus übermäßiger Begierde, hineinzuspringen und die Geliebte zu umarmen, oder aus was immer für einem Grunde rückwärts hinunterfiel. Zwei- oder dreimal versuchte er, sich wieder an der Leiter anzuklammern, aber es gelang ihm nicht. Doch half es ihm so viel, daß er die Gewalt des Falles brach und nicht so heftig auf das Backsteinpflaster stürzte; wäre dies geschehen, so wäre er ohne allen Zweifel des Todes gewesen. Nichtsdestoweniger stürzte er mit solcher Heftigkeit herab, daß es ihm fast alle Glieder zerschlug und eine tiefe Wunde im Kopfe beibrachte. Hielt sich nun gleich der unglückliche Liebhaber infolge dieses elenden Falles für eine Beute des Todes, so blieb doch seine heiße und echte Liebe für die junge Witwe stärker und mächtiger in ihm als der übergroße Schmerz von der heftigen Erschütterung und die Ermattung seines fast ganz lahmen, zerschlagenen Körpers. Er raffte sich daher auf, so gut es möglich war, hielt sich den Kopf schnell mit beiden Händen fest, um das Blut nicht hier ausströmen zu lassen, wo es seine Geliebte hätte verdächtigen können, und schleppte sich bis auf den Steinweg vor den Häusern der früher genannten Feinde Anselmo und Girolamo. Mit größter Anstrengung seiner Kräfte war er soweit gekommen; nun aber vermochte er nicht mehr weiterzugehen; von unsäglichem Schmerz gepackt, konnte er nicht mehr: er sank ohnmächtig wie tot zu Boden, das Blut stürzte aus der Wunde am Kopf, und er lag ausgestreckt auf der Erde, so daß, wer ihn gesehen hätte, ihn ganz und gar für tot hätte halten müssen. Madonna Gismonda, äußerst betrübt über diesen schweren Unglücksfall und sehr fürchtend, der arme Liebhaber möchte den Hals gebrochen haben, tröstete sich wieder einigermaßen, als sie ihn weggehen sah, und zog die Strickleiter in ihr Zimmer herauf. Doch kehren wir zu dem unseligen Liebhaber zurück! Kaum war er halbtot und ohnmächtig niedergesunken, als einer der bei Nacht wachehabenden Hauptleute mit seinen Häschern herankam, ihn liegen sah, als Aloise Foscari erkannte und als einen Toten in die nächste Kirche schaffen hieß, was sogleich geschah. In Anbetracht des Ortes aber, wo er ihn gefunden hatte, vermutete er, Girolamo Bembo oder Anselmo Barbadigo, vor deren Häusern der Mord begangen zu sein schien, seien die Täter. Er glaubte dies um so mehr, weil er ein leises Geräusch von Fußtritten an einer von ihren Türen gehört zu haben meinte. Er teilte daher seine Begleitung, schickte einen Teil rechts, den andern links und bemühte sich so gut als möglich, die Häuser zu umstellen. Der Zufall wollte, daß er wegen der Fahrlässigkeit der Mägde beide Haustüren offen fand. Es waren nämlich in jener Nacht die beiden Verliebten wieder jeder in das Haus des andern gegangen, um bei ihren Frauen zu schlafen. Die Frauen aber, als sie das Trappen und den Lärm der Schergen im Hause hörten, sprangen plötzlich aus den Betten, nahmen ihre Kleider auf den Rücken und schlichen durch den Garten, von niemand gesehen, in ihre Häuser, wo sie zitternd abwarteten, was hieraus werden solle. Girolamo und Anselmo wußten nicht, was der Lärm bedeute, und während sie in der Dunkelheit sich beeilten, sich anzukleiden, wurden sie von den Häschern der Nachtwache verhaftet, und so fiel Girolamo in Anselmos, Anselmo in Girolamos Schlafzimmer in die Hände der Gerechtigkeit. Der Hauptmann und die Häscher verwunderten sich darüber nicht wenig, da alle die zwischen beiden herrschende Feindschaft wohl kannten. Als man aber viele Lichter anzündete und die beiden Edelleute aus dem Hause führte, war ihr eigenes Erstaunen noch viel größer, als sie sahen, wie einer in des andern Hause fast nackt festgenommen war. Bei diesem Erstaunen wuchs auch ihr Unwille gar sehr, wie jeder sich bei sich einbilden und vorstellen mag. Über alle Begriffe aber waren sie erbittert auf ihre so unschuldigen Frauen, und einander selbst warfen sie sich die grimmigsten Blicke zu. Sie wurden nun weggeführt und stießen bereits den Kopf an die Kerkerwand, noch ehe sie die Ursache ihrer Gefangenschaft erfuhren. Als sie hernach erfuhren, daß sie als Mörder Aloise Foscaris festgenommen seien, waren sie, obgleich weder Mörder noch Diebe, darüber sehr betrübt, daß nun, wie sie wohl sahen, ganz Venedig erfahren werde, daß sie, deren Todfeindschaft so ziemlich allbekannt war, in einem Punkte Genossen geworden waren, wo eine Genossenschaft überhaupt nicht hätte eintreten sollen. Und obgleich sie es nicht über sich gewannen, miteinander zu sprechen, da sie sich aufs tödlichste haßten, so waren doch beider Gedanken auf denselben Punkt gerichtet. Am Ende aber siegte die Fülle des bittersten Grolls gegen ihre Weiber und die Dunkelheit des Orts, wo kein Lichtstrahl eindringen konnte, was ihnen zum guten Teil ihre Verlegenheit nahm, und sie kamen, ich weiß selbst nicht wie, in ein Gespräch miteinander und gaben sich mit erschrecklichen Eiden das Wort, sich die Wahrheit zu offenbaren, wie es komme, daß sie beide einer in des andern Schlafkammer gefangengenommen worden seien, worauf denn jeder freimütig erzählte, wie er es angefangen habe, um in den Besitz der Gattin seines Nachbars zu gelangen. Sie offenbarten sich in dieser Beziehung alles mit den kleinsten Umständen. Sonach mußten sie ihre Frauen für zwei der schamlosesten Buhlerinnen in Venedig halten, und diesen zum Trotz vergaßen sie ihre alte eingewurzelte Feindschaft, söhnten sich miteinander aus und wurden Freunde. Sie meinten die Blicke der Menschen nun nicht mehr ertragen zu können und mit verhüllter Stirn durch die Stadt gehen zu müssen; das verstimmte sie denn dermaßen, daß sie den Tod dem Leben weit vorgezogen hätten. Da ihren empfindlichen Kummer auch nicht der mindeste Trostgrund linderte und sie gar keinen Ersatz dafür wußten, ergaben sie sich beiderseits einer unbegrenzten Verzweiflung, bis sie endlich den einzigen Weg gefunden zu haben meinten, auf einen Schlag von allem Kummer, aller Schmach und dem Leben selbst befreit zu werden. Sie beschlossen nämlich, durch eine Fabel, die sie ersannen, sich als Aloise Foscaris Mörder anzugeben. Nach verschiedenem Hinundherreden bestärkten sie sich immer mehr in einem so grausamen sträflichen Vorsatz; sie billigten ihn jeden Augenblick mehr und erwarteten sehnlich, von dem Gerichte verhört zu werden. Wie gesagt, war der Foscari alsbald in eine Kirche gebracht und dort dem Kapellan angelegentlich empfohlen worden. Der geistliche Herr ließ ihn mitten in der Kirche niederlegen, zündete zu beiden Seiten desselben zwei kleine Wachslichter an und gedachte, als die Scharwache sich wieder entfernt hatte, zu größerer Bequemlichkeit selbst noch einmal sein wohl noch nicht kaltgewordenes Bett zu besteigen und vollends auszuschlafen. Da es ihm aber schien, daß die schon ziemlich weit heruntergebrannten Lichtstümpfchen nicht mehr über zwei oder drei Stunden brennen würden, nahm er zwei große Lichter und stellte sie statt der halbverbrannten auf, damit, wenn ein Verwandter des Toten oder sonst jemand käme, ihm keine Vernachlässigung vorgeworfen werden könnte. Indem er nun weggehen wollte, nahm er wahr, daß der Leichnam sich zu bewegen anfing; ja, wenn er ihm fest ins Gesicht schaute, war es ihm, als öffne er ein wenig die Augen. Der Mann Gottes entsetzte sich darob höchlich und hätte beinahe laut aufschreiend die Flucht ergriffen. Indessen faßte er doch Mut, trat zu dem Körper heran, legte ihm die Hand auf die Brust und fühlte das Klopfen des Herzens, woraus er sich überzeugte, daß noch Leben in ihm sei, wiewohl der übergroße Blutverlust es aufs äußerste geschwächt haben müsse. Er rief seinen Kollegen, der schon zu Bette gegangen war, zurück, trug mit dessen und eines Altarknaben Hilfe, so schonend er konnte, den Foscaro in sein eigenes, an die Kirche stoßendes Wohnzimmer und ließ sodann einen in der Nähe wohnenden Wundarzt kommen, damit dieser die Kopfwunde sorgfältig untersuche. Der Chirurg nahm den Schaden in genauen und gründlichen Augenschein, reinigte ihn, so gut er konnte, von dem geronnenen Blute und erkannte bald, daß die Verletzungen nicht tödlich waren. Er wandte daher Öle und andere köstliche Salben so geschickt an, daß Aloise fast ganz wieder zur Besinnung kam. Er rieb sodann den ganzen verwundeten Körper mit einem stärkenden Balsam ein und überließ ihn nun der Ruhe. Der geistliche Herr schlief darauf noch ein Stückchen, bis der Tag anbrach, und eilte dann mit der guten Nachricht, daß Foscaro lebe, zu dem Hauptmann, der ihn ihm zur Obhut anvertraut hatte, hörte aber, er sei in den Sankt Markuspalast gegangen, um mit dem Fürsten zu reden. Er ging deshalb auch dorthin, wurde vorgelassen und erfreute den Herzog sehr durch die Gewißheit von dem Leben seines Neffen, nachdem kaum eben der Hauptmann ihn durch die Nachricht von seinem Tode sehr betrübt hatte. Der Fürst befahl einem der hohen Gerichtsbeamten, mit zwei berühmten Wundärzten in Begleitung dessen, der die Kur seines Neffen schon begonnen hatte, zur schicklichen Stunde zu dem Kranken zu gehen und seinen Zustand genau zu untersuchen, wo dann die drei Ärzte sorgen und besorgen sollten, was zur Wiederherstellung des Kranken dienlich sei. Sobald es ihnen daher Zeit schien, gingen der wachehabende Edelmann und die Arzte hin; sie ließen den Mann, der zuerst den Kranken gepflegt hatte, in das Haus des Priesters rufen, und nachdem sie von ihm vernommen hatten, daß die Wunde, wenn auch gefährlich, doch nicht tödlich sei, traten sie in die Schlafkammer, wo der Jüngling ruhte. Da sie ihn wach fanden, obgleich er noch etwas betäubt war, begannen sie ihn eindringlich zu fragen, wie die Sache gegangen sei, und forderten ihn auf, nur alles frei zu gestehen, da sie schon der erste Arzt versichert habe, daß die Wunde nicht von einem Degen herrühre, daß er vielmehr von einer Höhe herabgefallen oder von einer Masse getroffen worden sei; nach allem aber, was man habe erfahren können, müsse man annehmen, er sei hoch herabgefallen und habe sich den Kopf zerschellt. Durch diese Fragen der Ärzte war Aloise überrascht, und ohne viel zu überlegen, gab er die Höhe des Fensters und die Besitzerin des Hauses an. Kaum aber hatte er es gesagt, so reute es ihn sehr. Ja, der peinigende Schmerz, den er darüber empfand, regte seine schlummernden Lebensgeister mit einem Male dermaßen auf, daß er lieber zu sterben als etwas zur Unehre von Madonna Gismonda zu bekennen beschloß. Der Edelmann von der Nachtwache fragte ihn weiter, was er um diese Stunde im Hause und an einem so hohen Fenster von Madonna Gismonda gewollt habe. Da er bei der Amtseigenschaft des Fragenden hierauf nicht schweigen konnte und doch nicht wußte, was er sagen sollte, faßte er plötzlich bei sich den Beschluß, wenn die Zunge durch unüberlegte Worte gefehlt habe, so solle der Körper die Strafe dafür leiden. Ehe daher irgendwie die Ehre derjenigen befleckt würde, die er mehr als sein Leben liebte, entschloß er sich, sein Leben und seine Ehre in die Hand der Gerechtigkeit zu legen, und sprach: »Ich habe schon gesagt – und ich bin nicht gewillt, es zu widerrufen –, daß ich von den Fenstern des Hauses der Madonna Gismonda Mori herabgefallen bin. Und was ich um diese Stunde dort suchte, will ich Euch gleichfalls sagen, da ich doch jedenfalls des Todes bin. Ich dachte, daß Madonna Gismonda als junge Witwe keine Männer im Hause habe, um sich zu verteidigen, weshalb ich sie berauben könne; denn es heißt, sie sei sehr reich an Juwelen und Geld. Ich ging hin, um ihr alles zu stehlen; ich hatte durch besondere Werkzeuge eine Leiter am Fenster zu befestigen gewußt und stieg daran mit dem festen Vorsatze empor, jeden zu töten, der mir Widerstand leisten würde. Mein Unglück aber wollte freilich, daß die nicht wohl angebrachte Leiter unter meiner Last abriß und mit mir zu Boden fiel; ich meinte, mit der Strickleiter noch mein Haus erreichen zu können, und schleppte mich hinweg, wurde aber unterwegs, wo, weiß ich nicht, ohnmächtig.« Der Nachtpolizeimeister, Messer Domenico Maripetro, erstaunte nicht wenig über dieses Bekenntnis und betrübte sich darüber um so mehr, als alle in dem Zimmer Anwesenden es vernommen hatten, und das waren, wie dies in einem solchen Falle geschieht, nicht wenige. Er wußte sich aber nicht anders zuhelfen und sagte: »Aloise, du bist doch ein gar zu großer Tor gewesen! Du dauerst mich sehr; aber ich bin dem Vaterland und meiner Ehre mehr Rücksicht schuldig als irgend jemand. Du bleibst deshalb hier unter der Aufsicht, die ich dir lassen werde. Wärest du nicht in dem Zustande, in dem ich dich finde, so würde ich dich augenblicklich, wie du es verdienst, in den Kerker abführen lassen.« Er gab dem Jüngling eine starke Wache bei und verfügte sich unverweilt in den Rat der Zehn, der erlauchtesten und angesehensten Behörde in unserer Stadt, und da er die Herren des Rates gerade versammelt fand, erstattete er ihnen über das Ganze ausführlichen Bericht. Die Häupter des Rats, bei denen schon seit lange unzählige Klagen über mehrere freche Diebstähle, die in der Stadt nächtlicherweile verübt wurden, vorkamen, befahlen einem ihrer Hauptleute, Aloise Foscaro im Hause des Priesters unter sorgfältigster Obhut zu halten, bis er imstande sei, gerichtlich vernommen und durch Anwendung der Folter zum Bekenntnisse der Wahrheit genötigt zu werden, in der Annahme nämlich, daß man ihn ganz gewiß als den Urheber oder mindestens als den Hehler vieler anderer begangener Räubereien ansehen könne. Es kam sodann die Angelegenheit des Girolamo Bembo zur Sprache, der im Schlafzimmer Anselmo Barbadicos, und die dieses Anselmo, der im Schlafzimmer Girolamos um Mitternacht halbnackt aufgegriffen und gefangengesetzt worden war. Da man aber über andere, ungleich wichtigere Dinge zu verhandeln hatte, wie z. B. über den Krieg, den man mit Filippo Maria Vesconte, Herzog von Mailand, führte, so ward beschlossen, sie auf ein andermal zu vertagen und die Gefangenen inzwischen vernehmen zu lassen. Der Fürst war fortwährend im Rate gegenwärtig gewesen und einer von denen, die am strengsten gegen den Neffen gesprochen hatten. Nichtsdestoweniger fiel es ihm schwer, zu glauben, daß sein Neffe als ein so reicher und feingebildeter Mann, wie er war, sich zu dem verächtlichen und gemeinen Laster des Diebstahls erniedrigt haben sollte. Er trug deshalb in seinem Sinn mancherlei Bedenklichkeiten und brachte zuletzt die Wahrheit von seinem Neffen heraus, da er Gelegenheit fand, im tiefsten Geheimnis mit ihm sprechen zu lassen. Auf der andern Seite bekannten Anselmo und Girolamo, als sie von dem dazu verordneten Beamten des Rates befragt wurden, was sie jeder in des andern Hause um solche Stunde gesucht hätten, daß sie, nachdem sie Aloise Foscaro oftmals zu ungewöhnlicher Stunde vor ihren Häusern haben vorübergehen sehen, in dieser Nacht zufällig und unabhängig voneinander bemerkt hätten, wie er vor diesen stehenbleibe; sie seien beide der Überzeugung gewesen, dies geschähe um ihrer Weiber willen, seien herausgebrochen, hätten ihn in die Mitte genommen und umgebracht. Sie legten dieses Bekenntnis, wie sie es miteinander verabredet hatten, ein jeder einzeln für sich ab. In betreff des Umstandes, daß sie sich einer in des andern Hause befunden hatten, sagten sie ein nicht eben wohl erfundenes Märchen aus, worin sie sich widersprachen. Als der Herzog alle diese Dinge vernommen hatte, war er im höchsten Grade verwundert und wußte gar nicht, wie er die Wahrheit ausfindig machen sollte. In der folgenden ordentlichen Ratsversammlung der Zehn und ihrer Beisitzer, als alle übrigen Geschäfte abgetan waren und man auseinandergehen wollte, sprach daher der erleuchtete Fürst, ein Mann von hohem Geiste, der durch alle Grade des Staatsdienstes bis zur höchsten Würde emporgestiegen war, folgendermaßen: »Meine Herren, wir haben noch eine Sache zu besprechen, die vielleicht bis jetzt nicht erhört worden ist. Es liegen uns zwei Rechtshändel vor, die nach meinem Dafürhalten einen ganz andern Ausgang nehmen werden, als zu erwarten sein mag. Anselmo Barbadico und Girolamo Bembo, zwischen denen von jeher eine bittere, ihnen von ihren Vätern vererbte Feindschaft bestand, sind einer in des andern Hause halbnackt von unsern Schergen festgenommen worden und haben ohne Folter, ja ohne Androhung derselben auf die einfache Erkundigung unserer Beamten aus freien Stücken bekannt, vor ihren Häusern unsern Neffen Aloise ermordet zu haben. Dieser unser Neffe aber ist am Leben und hat weder von ihnen noch von sonst jemand eine Wunde erhalten: dennoch bekennen sie sich als seine Mörder. Wer vermag uns diese Widersprüche zu lösen? Ferner hat unser Neffe seinerseits ausgesagt, daß er, um in Madonna Gismonda Moros Hause zu rauben und bei etwaigem Widerstände auch zu morden, ausgegangen und von ihrem Fenster auf die Erde gefallen sei, was bei den vielen jetzt in unserer Stadt zur Klage gekommenen Diebstählen auch anderweiten Verdacht auf ihn zieht, als könne er der Missetäter sein. So müßte man also mit Foltern die Wahrheit von ihm herausbringen und, wenn er schuldig befunden würde, ihm die verdiente strenge Strafe angedeihen lassen. Als er nun gefunden wurde, hatte er weder eine Leiter noch Waffen irgendeiner Art bei sich. Hieraus läßt sich schon vermuten, daß die Sache sich anders verhalte. Dieweil nun unter den sittlichen Vorzügen die Mäßigung immer das größte Lob von allen geerntet hat, auch die Gerechtigkeit, wenn sie nicht gerecht geübt wird, zur Ungerechtigkeit wird, scheint es uns gerecht, in diesem mit so seltsamen Umständen verwickelten Falle eher Mäßigung als strenge Gerechtigkeit zu üben. Und damit ich nicht ohne Grund so zu sprechen scheine, so hört weiter, was ich euch sage! Die beiden Todfeinde bekennen sich zu etwas, was schlechthin unmöglich ist, weil unser Neffe, wie gesagt, noch lebt und die Wunde, die er erhalten hat, nicht von einer Waffe herrührt, wie er auch selbst angibt. Könnte es nicht sein, daß Scham, einer in des andern Schlafzimmer gefunden worden zu sein und ihre Weiber für unehrbar erkennen zu müssen, sie veranlaßt habe, aus Überdruß am Leben sich in die Arme des Todes zu werfen? Wenn wir unsere Nachforschungen hierin mit Fleiß anstellen, so werden wir die Verhältnisse sich anders gestalten sehen, als der gemeine Mann glaubt. Man muß also den Fall sorgfältig prüfen, und um so mehr, als aus ihrem Geständnisse erhellt, daß sie gar nichts aussagen, was den Schein der Wahrheit für sich hätte. Andererseits klagt sich unser Neffe selbst als Dieb an und bekennt überdies, er habe in das Haus von Madonna Gismonda Moro mit dem festen Vorsatze eindringen wollen, umzubringen, wer ihm Widerstand leiste. Unter diesem Grase steckt unseres Bedünkens eine andere Schlange, die sich selbst nicht achtet. Er stand niemals im Rufe solcher Ausschweifungen; nicht der geringste Verdacht dieser Art fiel ihm je zur Last. Ihr wißt ja auch alle, daß er Gott sei Dank anständige Reichtümer besitzt und anderer Leute Eigentum nicht braucht. Seine Diebereien werden wohl anderer Art sein, als er eingesteht. Es will uns also bedünken, ihr Herren, wenn ihr anders mit mir einverstanden seid, daß ihr uns diese Untersuchung am besten ganz allein überlaßt. Wir geben euch unser fürstliches Wort, uns der ganzen Sache mit der äußersten Gewissenhaftigkeit anzunehmen, und hoffen, sie so zu Ende zu führen, daß uns kein gerechter Vorwurf treffen wird, und das Endurteil wollen wir überdies euch vorbehalten haben.« Den Räten gefiel die weise Rede des Herzogs über die Maßen wohl, und es tat sich beim Abstimmen dar, daß sie insgesamt der Meinung waren, nicht allein die Untersuchung dieser Rechtssachen, sondern auch die Entscheidung durchaus in seine Macht zu stellen. Der bedachtsame Fürst, der über die Angelegenheit seines Neffen bereits vollständig unterrichtet war, richtete nunmehr sein ganzes Augenmerk darauf, nunmehr auch den Grund zu erfahren, warum Bembo und Barbadico sich so törichterweise dessen anklagten, was sie nicht begangen hatten, und nach reiflicher Überlegung und vielen gehaltenen Nachfragen und Verhören, als seines Neffen Wiedergenesung fast ganz vollendet war, so daß er hätte umhergehen können, wenn er frei gewesen wäre, glaubte er zuletzt die Lage der beiden gefangenen Ehemänner ziemlich ermessen zu haben und legte seine gemachten Erfahrungen dem Rate der Zehn vor. Er ließ sodann auf eine unverdächtige Art die Nachricht in Venedig verbreiten, Anselmo und Girolamo werden zwischen den zwei Säulen enthauptet, Aloise aber gehängt werden, und erwartete nun, was für einen Eindruck dies auf ihre Frauen machen werde. Sobald die Neuigkeit ihren Weg durch Venedig gefunden hatte, sprach man verschiedentlich davon, ja in öffentlichen und Privatkreisen war sonst von gar nichts die Rede. Da nun alle drei Verbrecher den edelsten Geschlechtern angehörten, fingen ihre Verwandten und Freunde an, sich um ihre Rettung auf das angelegentlichste zu bemühen. Sobald jedoch ihre Geständnisse stadtkundig wurden und, wie es zu gehen pflegt, das Gerücht das Schlechte immer vergrößerte, hieß es, der Foscari habe viele freche Diebstähle eingestanden, so daß kein Freund oder Verwandter für ihn ein Wort einzulegen wagte. Madonna Gismonda, die die Krankheit ihres Geliebten bitterlichst beweint hatte, fühlte, als sie das von ihm abgelegte Geständnis vernahm und deutlich erkannte, daß er, um ihre Ehre nicht zu beflecken, lieber Leben und Ehre miteinander aufopfern wolle, ihr Herz von so glühender Liebe gegen ihn sich entzünden, daß sie fast dadurch starb. Es gelang ihr, ihm in seinem Kerker zu wissen zu tun, er möge gutes Muts sein und sich beruhigen, denn sie sei bereit, um ihn vor dem Tode zu schützen, alles, was zwischen ihnen vorgefallen, öffentlich der Wahrheit getreu zu bekennen und zum Zeugnisse derselben ebensowohl seine ihr geschriebenen Liebesbriefe, als auch die von ihr in ihrem Zimmer aufbewahrte Strickleiter zu zeigen. Als Aloise diese liebevollen Zeugnisse hörte, die seine Angebetete zu seiner Errettung abzulegen sich bereitete, war er der glücklichste Mensch von der Welt. Er ließ ihr unendlich danken und ihr versprechen, sobald er aus dem Kerker befreit sei; sie als seine rechtmäßige Gattin heiraten zu wollen. Die Frau empfand hierüber die größte Freude, da sie ihren teuern Liebhaber mehr als ihr Leben liebte. Madonna Luzia und Madonna Isotta hatten zu gleicher Zeit die Nachricht von dem bevorstehenden Tode ihrer Männer erhalten und von Madonna Gismondas Geschichte gehört, und Madonna Luzia insbesondere hatte etwas von einem Weibe darüber munkeln hören, und so ahnten sie nun auch den wahren Zusammenhang der Sache. Sie berieten sich beide miteinander darüber, was zu tun sei, um ihre Männer zu retten, bestiegen eine Gondel und suchten Madonna Gismonda auf. Die drei Frauen teilten sich nun alles Vorgefallene mit und kamen überein, das Leben ihrer Männer zu retten. Die zwei verheirateten Frauen waren nach der Einkerkerung ihrer Männer den beiderseitigen Freunden und Verwandten ihrer Häuser verhaßt geworden, weil jedermann sie für die unkeuschesten Geschöpfe hielt; und es hatte sie auch aus diesem Grunde niemand besucht, um sie in ihrem Unglück zu trösten. Als sich nun das Gerücht verbreitet hatte, die Gefangenen sollten von der Gerechtigkeit vom Leben zum Tode gebracht werden, ließen sie ihren Verwandten sagen, sie sollten nur unbesorgt und unbekümmert sein und nicht weiter forschen, aber sich überzeugt halten, daß sie vollkommen ehrbar seien und ihren Männern kein Haar gekrümmt und weder Schaden noch Schande bereitet werden solle. Sie baten sie indes, dafür zu sorgen, daß einer der Herren Schirmvögte den Fall zur Verhandlung bringe; im übrigen sollten sie alles ihnen überlassen, da sie keine Sachwalter und Rechtsbeistände brauchten. Den Verwandten kam zwar dieses Ansinnen wunderlich genug vor, und sie wußten nicht, was sie davon denken sollten, da sie die ganze Angelegenheit als eine schmachvolle und entehrende ansahen. Indessen taten sie doch, was in ihren Kräften stand, zur Befriedigung der an sie gestellten Bitte und reichten, da sie vernahmen, der Rat der Zehn habe dem Herzog die ganze Untersuchung anheimgestellt, bei dem Fürsten selbst im Namen der drei Frauen ein untertäniges Gesuch ein, worin diese nichts weiter als Gehör begehrten. Der Fürst sah nach seinem Ratschlage also alles sich zum besten wenden und bezeichnete einen bestimmten Tag, an dem sie vor ihm und dem Rate der Zehn nebst denen des Kollegiums erscheinen sollten. Der Tag kam; die hohen Richter versammelten sich, begierig, zu erfahren, welchen Ausgang die Sache nehmen werde. Am Morgen kamen die drei Frauen mit ehrbarem Geleite in den Palast, und als sie über den Sankt Markusplatz gingen, hörten sie viele, die übel von ihnen redeten. Einige schrien, wie die gemeinen Leute vom Volke sind, unverständig genug: »Seht, da die hübschen sittsamen Madonnen! Macht ihnen euer Kompliment! Die haben ihre Männer, ohne sie über die Lagunen zu lassen, nach der Festung Hornberg geschickt und schämen sich jetzt nicht einmal, sich öffentlich zu zeigen, die schamlosen Huren! Es ist gar, als hätten sie ein löbliches Werk vollbracht.« Andere brachten wieder andere Redensarten wider sie vor, und keiner wollte hinter dem andern zurückbleiben. Andere sodann, als sie Madonna Gismonda darunter sahen, waren der Meinung, sie gehe vor den Rat, um wider Aloise Foscaro klagbar aufzutreten, und so traf keiner die Wahrheit. Die Frauen kamen im Palast an, stiegen jene hohen Marmortreppen empor und wurden in den Saal des Kollegiums geführt, wohin der Herzog sie zum Gehör beschieden hatte. Dorthin kamen mit den nächsten Verwandten die drei Frauen, und der Fürst befahl, ehe noch jemand das Wort ergreife, auch die drei Gefangenen herbeizubringen. Es waren überdies noch viele andere Edelleute gegenwärtig, die mit größtem Verlangen den Ausgang so seltsamer Begegnisse zu sehen erwarteten. Als es still geworden war, redete der Fürst die Frauen also an: »Ihr habt uns ersuchen lassen, edle Frauen, euch ein öffentliches Gehör zu bewilligen; und so sind wir denn bereit, hier geduldig zu vernehmen, was ihr uns zu sagen wünschet.« Die beiden gefangenen Ehemänner waren aufs äußerste gegen ihre Frauen erzürnt und um so mehr von Wut und kochendem Groll erfüllt, als sie sie mit kühnem Mut und mit freier Stirn gleichwie die schuldlosesten und getreuesten Gattinnen vor dem erschreckenden und ehrfurchtgebietenden Gerichtshofe stehen sahen. Die beiden getreuen Freundinnen versahen sich jedoch des Zornes ihrer Männer sehr wohl und ließen sich durch sie nicht im mindesten irren, sondern lächelten heimlich für sich und warfen sogar nach Frauenart den Kopf ein wenig wie zum Hohn in die Höhe. Anselmo, der etwas mehr noch als Girolamo jähzornig und ungeduldig war, erhitzte sich darüber so sehr, daß durch weit geringeren Zorn schon manche gestorben sind. Er vergaß völlig die Majestät des Orts, wo sie sich befanden, und fing an, seiner Frau die empfindlichsten Dinge zu sagen; ja, er wollte ihr fast nach den Augen fahren und hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, ihr übel mitgespielt. Aber obwohl sich Madonna Isotta von ihrem Gatten in Gegenwart so vieler Herren so schimpflich anschreien hörte, verlor sie doch die Fassung nicht, ergriff vielmehr die ihr vom Fürsten bereits erteilte Erlaubnis zu reden und begann mit heiterem Gesichte und fester Stimme also: »Durchlauchtigster Fürst und ihr erhabene Herren, da mein vielgeliebter Ehegatte so ehrenrührige Beschwerden wider mich erhebt, steht zu erwarten, daß Messer Girolamo Bembo die nämliche Gesinnung gegen seine Gemahlin hegen mag. Wollten wir sie nun hierauf ohne alle Erwiderung lassen, so könnte es wohl scheinen, als wäre das Recht ganz auf ihrer Seite, und als geständen wir, ein großes Verbrechen an ihnen begangen zu haben. Mit Euer Herrlichkeiten Vergunst fühle ich mich daher gegenwärtig gedrungen, in Madonna Luzias und meinem Namen zur Verteidigung von uns und unserer Ehre zu sprechen, was mir jetzt einkommt; und zwar sehe ich mich genötigt, meinen Plan über das, was ich sagen wollte, zu ändern. Denn hätte er geschwiegen und nicht so rasch sich vom Zorn zu Beleidigungen hinreißen lassen, so hätte ich auf andere Weise für ihrer beider Befreiung und unsere Entschuldigung gesprochen. Dennoch aber will ich, soweit meine schwachen Kräftereichen, beides zu bewerkstelligen versuchen. Ich behaupte demnach, daß unsere Männer gegen Pflicht und Vernunft sich über uns beschweren, wie ich ihnen auf der Stelle handgreiflich zeigen werde. Ich hege die feste Überzeugung, daß ihr Verdruß und herber Kummer nur aus zweierlei und keinen andern Ursachen entspringen kann, nämlich aus dem Mord, den begangen zu haben sie fälschlicherweise bekannten, oder aus der Eifersucht, die ihnen am Herzen nagt, daß wir unkeusche Weiber seien, da jeder in des andern Schlafzimmer, ja fast in des andern Bette ergriffen wurde. Hätten sie aber ihre Hände mit eines andern Menschen Blute befleckt, was sie allerdings peinigen und betrüben müßte, was könnte es denn um Gottes willen uns angehen, wenn sie ohne Rat, Beihilfe und Mitwissen von unserer Seite eine so gräßliche Missetat begangen hätten? Ich kann in der Tat nicht einsehen, wie uns für dieses Vergehen irgendein Vorwurf treffen könnte, und noch weniger, wie sie sich über uns beklagen können: denn man weiß ja, daß, wer das Böse tut oder es zu tun Anlaß gibt, notwendigerweise die verdiente Strafe und strenge Züchtigung nach der Vorschrift der heiligen Gesetze dulden muß, um andern ein Beispiel zu geben, das sie von ähnlichen bösen Handlungen abhält. Doch wer wird uns hier noch widersprechen, wo die Blinden sehen müssen, daß das Recht auf unserer Seite ist, zumal da wir hier Gott sei Dank Messer Aloise lebendig vor uns sehen, der ganz das Gegenteil von dem versichert, was hier diese unsere uns so wenig hebenden Männer törichterweise eingestanden haben? Hätten sie sich verleiten lassen, Hand an Leib und Leben irgendeines Menschen zulegen, so wäre es vernünftigerweise an uns, uns über sie zu beschweren und gar sehr über sie zu beklagen. Denn sie, die vom edelsten Blute geboren sind und als Herren gelten in dieser hochedeln Stadt, die ihre Freiheit immer jungfräulich und rein erhalten hat, wären Schacher, Mörder, Menschen der verworfensten Gattung geworden, indem sie einen so schmählichen Makel auf ihr reines Blut brachten und uns in unserer Jugend in den Witwenstand versetzten. Es erübrigt nur noch, daß sie sich über uns deshalb beschweren, daß sie um Mitternacht einer in des andern Schlafzimmer gesehen und festgenommen worden sind; und das ist, wie mir scheint, der Hauptknoten, Grund und Ausgang ihres ganzen Zornes und Ärgers. Das kann ich euch sagen, denn ich weiß es gewiß, das ist der Nagel, der ihnen das Herz durchbohrt, und der einzige Anlaß ihres Mißmutes. Wie Menschen also, die das Ganze nicht gehörig geprüft und weniges genau in Berechnung gezogen haben, sind sie in Verzweiflung verfallen und haben sich in dieser Verzweiflung angeklagt, das begangen zu haben, was sie nie getan, ja nie entfernt zu tun im Sinne gehabt hatten. Um aber nicht unnötige Worte zu machen, und damit das, was ich zu sagen beabsichtige, auf einmal gesagt werde und ihr, gnädige Herren, nicht eure Zeit über unnötigem Hinundherreden verlieret, während ihr Staatsgeschäfte zu besorgen habt, wäre es mir äußerst heb, – und ich bitte Euch, durchlauchtiger Fürst, sie dazu zu veranlassen, – daß sie aussprechen, worüber sie denn sich so bitter gegen uns beschweren.« Im Auftrag des Herzogs von einem der dabeistehenden Herren befragt, erwiderten beide, sie hätten ihre Frauen als Buhlerinnen erkannt, die sie doch für durchaus ehrbar hielten, und die es hätten sein sollen, und das sei der ganze Zorn und Grimm, der ihnen am Herzen nage; und da sie solche Schmach nicht ertragen noch es auf sich nehmen können, im Angesichte der Menschen zu leben, hätten sie sich aus Verlangen nach dem Tode zu dem Geständnis bewogen gefunden, etwas getan zu haben, was doch nie der Fall gewesen sei. Als Madonna Isotta dies vernahm, fuhr sie in ihrer Rede fort und sagte, zu ihrem Gatten und zu Bembo gewandt: »Weshalb beschwert ihr euch denn nun über uns, daß es nicht gut steht? An uns ist es, darüber uns gegen euch zu beschweren! Was suchtet denn Ihr, mein Gemahl, in dem Schlafgemach meiner teuern Freundin um diese Stunde? Was fand sich denn dort Besseres als in dem Eurigen? Und Ihr, Messer Girolamo, wer zwang Euch, das Bett Eurer Gattin zu verlassen und bei Nacht das meines Gatten aufzusuchen? Waren die Leintücher des einen nicht so weiß, so fein, so sauber, so wohlduftend wie die des andern? Ich meinesteils, durchlauchtiger Fürst, beklage mich aufs ernstlichste über meinen Gatten und werde mich unaufhörlich über ihn beklagen, daß er, um eine andere zu genießen als mich, von mir hinweg und anderswohin gegangen ist, ungeachtet ich noch keineswegs zum Krüppel geworden bin und wohl unter den schönen Frauen dieser unserer Vaterstadt mich sehen lassen kann. Ebenso ist es mit Madonna Luzia, die, wie ihr seht, gleichfalls den Schönen beigezählt werden kann. In der Tat, ein jeder von euch hätte mit seiner Gattin zufrieden sein und nicht, wie ihr schnöderweise getan habt, sie verlassen sollen, um besser Brot zu suchen als Hausbrot. Wie rühmlich ist es, passende schöne und brave Frauen zu verlassen, um nach denen anderer zu gehen! Ihr beschwert euch über eure Frauen, und hättet doch über euch selbst und über sonst niemand Klage führen, neben dieser Klage und Reue aber die größte Geduld üben sollen; denn obgleich ihr zu Hause euer gutes Auskommen hattet, suchtet ihr euch gegenseitig mit eurer Liebe Schmach anzutun, weil euch die Hausmannskost verleidet und zum Überdruß geworden war. Aber gelobt sei Gott und unsere weise Vorsicht: denn wenn hier irgendwo Schaden und Schande ist, so muß sie ganz auf euer beider Seite sein. Beim Kreuz Gottes, ich sehe nicht ein, wie ihr Männer eher Erlaubnis haben sollt zu sündigen, als wir, wiewohl ihr aus Geringschätzung unseres Geschlechtes tun wollt, was euch am meisten behagt. Nein, so wenig ihr die unbeschränkten Herren seid, so wenig sind wir Sklavinnen; vielmehr wollen wir eure Genossinnen sein: denn die heiligen Gesetze der Ehe, des ersten Sakraments, das Gott nach der Erschaffung der Welt den Sterblichen gegeben hat, diese Gesetze wollen, daß die Treue eine gleichmäßige sei, und der Gatte ist ebensowohl gehalten, der Frau treu zu sein, als sie ihm. Was wollt ihr euch nun beklagen? Wie man in den Wald schreit, schallt es heraus. Wußtet ihr nicht, daß die Waage der Gerechtigkeit gerade stehen muß, ohne mehr auf die eine als auf die andere Seite neigen zu dürfen? Lassen wir nun aber für jetzt den Streit darüber und gehen auf den Anlaß über, weshalb wir uns hier eingefunden haben: Zwei Dinge, gerechtester Fürst, haben uns hierher vor Euer und dieser erlauchten Herren erhabenes Angesicht geführt, da wir sonst nicht gewagt hätten, uns öffentlich zu zeigen; und noch weniger hätte ich die Dreistigkeit gehabt, vor dieser hochansehnlichen Versammlung zu reden, was nur geübten und sehr beredten Männern vergönnt ist, nicht aber uns, die kaum für Nadel und Spindel hinreichen. Einmal haben wir unser Haus verlassen, um zu zeigen, daß unsere Männer keine Mörder sind, weder des Messer Aloise, der hier steht, noch irgendeines andern; und dafür hatten wir hinreichendes und glaubwürdiges Zeugnis. Hierbei brauche ich mich aber nicht aufzuhalten; denn alle Mühe, die mich dieser Punkt hätte kosten können, erspart mir die Anwesenheit Messer Aloises, und von der Ermordung eines andern war ja gar nicht die Rede. Es bleibt uns nun noch eines übrig, nämlich, daß meine Madonna Luzia und ich den durchlauchtigsten Fürsten ehrerbietig bitten, zu geruhen, mit seiner und dieser erlauchten Herren Gunst und Ansehen uns mit unsern Männern auszusöhnen und zu machen, daß wir ihre Vergebung erlangen, wenn wir ihnen handgreiflich bewiesen haben, daß wir die Beleidigten, sie die Beleidiger sind, und daß unser Fehler, wenn man es so nennen kann, so groß war, wie sie ihn haben wollten. Und um nun zum Schlüsse zu kommen, sage ich, daß ich schon von Kindesbeinen an von meiner Frau Mutter seligen Angedenkens, die oftmals meine Schwestern und Madonna Luzia, unsere Milchschwester, mit uns in verschiedentlichen Dingen unterrichtete, sagen hörte, alle Ehre, die eine Frau ihrem Manne antun könne, bestehe darin, daß die Frau sittsam lebe, da ohne Keuschheit eine Frau gar nicht am Leben bleiben dürfte, zumal da bekanntlich die Frau eines Edelmanns öder eines andern, wenn sie sich einem Fremden hingibt, ein gemeines Weib wird, auf das man allenthalben mit Fingern zeigt, und auch ihr Mann wird verhöhnt und geschmäht von allen: denn es scheint, dies sei die größte Beleidigung und Verhöhnung, die ein Mann von einer Frau empfangen kann, und der schmachvollste Tadel, der einem Hause zugefügt wird. Das wußten wir, und wir wollten nicht, daß die ungeregelten und zügellosen Lüste unserer Männer sie zu einem unschicklichen Ziele führten, und trafen daher durch einen frommen und löblichen Betrug die Vorkehrung, die uns das geringere Übel schien. Ich weiß, daß es überflüssig sein würde, hier der Feindschaft zu gedenken, die seit vielen Jahren zwischen den Eltern unserer Gatten und dann auch leider zwischen ihnen selbst besteht, denn es ist dies in der ganzen Stadt bekannt. Wir sind von der Wiege an miteinander aufgewachsen, und da wir die Feindschaft unserer Männer bemerkten, machten wir aus der Not eine Tugend und wollten lieber unseren holden Umgang meiden als Anlaß zu häuslichem Zwiste geben. Die Nachbarschaft unserer Häuser bot uns jedoch ein Mittel dar, das Bedürfnis zu befriedigen, das uns die widernatürliche Feindschaft versagte und verbot. Wenn sie ausgegangen waren, fanden wir uns nämlich gar oft in unsern Gärtchen ein, die durch einen einfachen Zaun von Meerschilf voneinander getrennt sind, und pflegten dort geselliges Gespräch. Wir benützten aber diese Bequemlichkeit mit Vorsicht, und da wir merkten, daß ihr, unsere Männer, einer in des andern Frau verliebt seid oder vielleicht euch verliebt stelltet, teilten wir einander diese eure Liebe mit und lasen immer miteinander die Liebesbriefe, die ihr uns zuschicktet. Eine andere Schmach wollten wir euch nicht antun über die Unbill, die ihr uns, euren Frauen, antatet, wiewohl es euch gut gewesen wäre; euch zu warnen lag nicht in unserer Absicht, denn wir wollten nichts als euch zu Freunden machen; wäre euch aber etwas gesagt worden von diesem gegenseitigen Verlieben, so hätte das eure Feindschaft nur vermehrt und euch die Waffen in die Hand gegeben. Wir berieten uns also miteinander und kamen einträchtig überein in dem gleichen Entschluß: denn wir urteilten, daß unsere Pläne ausgeführt werden könnten, ohne einem der Beteiligten Schaden oder Schande zu bereiten, ja sie müßten zur Freude und Genugtuung aller ausschlagen. In allen den Nächten also, wo ihr bald da-, bald dorthin zu gehen vorgäbet, kam Madonna Luzia mit Hilfe meiner Dienerin Cassandra durch den Garten in mein Schlafzimmer, und ich begab mich vermittels ihrer Magd Giovanna auf demselben Wege in ihr Schlafgemach. Ihr wurdet durch diese unsere Dienstfrauen in die Zimmer geführt und läget jeder bei seinem Weibe; so habt ihr also euer eigenes und nicht, wie ihr meintet, fremdes Feld gepflügt. Es waren aber Umarmungen nicht von Ehemännern, sondern von Liebhabern, und so verbandet ihr euch mit uns immer mit heftigerer Lust als gewöhnlich, so daß wir uns beide bald schwanger fühlten. Dies muß euch im höchsten Grade angenehm sein, wenn es wahr ist, daß ihr so große Begierde habt, Kinder zu bekommen, wie ihr euch anstelltet. Wenn euch daher kein anderes Vergehen drückt, wenn euer Gewissen euch nichts weiter vorwirft, und wenn ihr über sonst nichts Schmerz fühlt, so heitert euch auf und dankt unserer List und der heitern Posse, die wir euch gespielt haben; und wenn ihr bis jetzt Feinde gewesen seid, so legt nunmehr den alten Haß ab, versöhnt euch miteinander und lebt fortan als befreundete Edelleute, euren Groll dem Vaterlande zum Opfer bringend, das wie eine zärtliche, liebreiche Mutter alle seine Söhne in Eintracht sehen möchte! Damit ihr nun aber nicht etwa glaubt, ich habe alle meine Behauptungen aus der Luft gegriffen und sowohl zu eurer Errettung als zu unserer Entschuldigung fälschlich vorgebracht, so sehet hier alle eure Briefe, die ihr an uns schriebet!« Es gaben nunmehr beide Frauen ihren Männern so viele Beweise und entscheidende Zeichen an, und sie wußten ihre Gründe dem Fürsten und den Herren so einleuchtend zu machen, daß ihre Männer sich für zufriedengestellt erklärten und die Herren alle gleichfalls ganz befriedigt waren und auch alle einstimmig die beiden Männer freisprachen. So wurden denn beide mit Genehmigung des Fürsten und aller dieser Herren völlig freigegeben. Die Verwandten und Freunde der Ehemänner und ihrer Frauen hatten mit größter Verwunderung die lange Geschichte angehört; sie lobten die geschehene Freisprechung in hohem Grade und hielten beide Frauen für keusch; Madonna Isotta aber erkannten sie auch für eine große Rednerin, da sie ihre eigenen Angelegenheiten wie die ihrer Männer und ihrer Freundin so gewandt verteidigt hatte. Anselmo und Girolamo umarmten und küßten öffentlich mit großer Freude ihre Frauen; dann gaben sie sich selbst die Hand und küßten sich und schlossen Brüderschaft zusammen, lebten auch fortan in vollkommener Freundschaft und vertauschten die wollüstige Liebe, die sie einer zu des andern Frau gehabt hatten, mit brüderlichem Wohlwollen, was in der ganzen Stadt große Freude erregte. Sobald die allgemeine Aufregung der Versammlung über diesen Vorfall in etwas nachgelassen hatte, wendete sich der Fürst mit erheitertem Angesicht zu Madonna Gismonda und sagte zu ihr: »Und was begehrt Ihr von uns, schöne Frau? Sagt uns Euer Anliegen freimütig! Wir hören Euch mit Vergnügen zu.« Madonna Gismonda wurde über und über rot und erschien noch liebenswürdiger als gewöhnlich durch die natürliche Schamhaftigkeit, die sich über ihre Wangen ergoß; sie hielt eine kleine Weile ihre Augen auf den Boden gerichtet, schlug sie dann schüchtern empor und sprach, nachdem sie ein wenig Zuversicht gewonnen hatte: »Wenn ich, durchlauchtigster Fürst, in Gegenwart von Personen sprechen sollte, die nie geliebt haben oder nicht wissen, was Liebe ist, so wäre ich mehr als zweifelhaft darüber, was ich zu sagen hätte, und würde mich vielleicht gar nicht getrauen, den Mund zu öffnen. Da ich aber oftmals von meinem Vater gottseligen Angedenkens habe erzählen hören, daß Ihr, durchlauchtigster Fürst, in Eurer Jugend auch nicht verschmäht habt, den Liebesflammen Eure Brust zu öffnen, vielmehr ein zärtlicher Liebhaber wäret, und da ich überzeugt bin, daß niemand hier ist, der wenig oder gar nicht geliebt hat, hoffe ich für das, was ich jetzt zu sagen habe, bei Euch allen Mitleid, jedenfalls Verzeihung zu finden. Um also zur Sache zu kommen, so verhüte Gott, daß ich eine der scheinheiligen Frauen werden möchte, die, den ganzen Tag mit den Heiligen redend, Vaterunser verschlingen und Teufel hervorbringen, da ich wohl weiß, daß die Undankbarkeit ein Wind ist, der die Quelle der himmlischen Barmherzigkeit austrocknet und zum Versiegen bringt. Ich liebe das Leben, wie natürlich alle Menschen, und die Ehre zunächst, die ihm vielleicht noch vorangestellt sein sollte, weil es keinem Zweifel unterliegt, daß das Leben ohne Ehre nicht der Mühe lohnt; ein solches Leben ist ein lebendiger Tod, wo man mit gebrandmarkter Stirn lebt. Aber die Liebe, die für meinen von mir einzig geliebten Messer Aloise Foscaro hege, der hier gegenwärtig ist, geht mir über alles, und folglich halte ich sie höher als mein Leben. Und dies in Wahrheit mit vollstem Rechte: denn wenn ich auch nicht früher von ihm so sehr geliebt worden wäre, da er mich doch geliebt hat, so sehr man nur heben kann, und wenn ich ihn auch nicht geschätzt hätte, da er mir doch der teuerste und weit mehr als meine Augen von mir geliebt war, so macht doch der innige Liebesbeweis, den er mir in der letzten Zeit gegeben hat, wo er sich freigebig, ja verschwenderisch mit seinem eigenen Leben gezeigt hat, damit auch nicht der mindeste Verdacht von Unkeuschheit auf mich falle, daß ich ihn unvergleichlich höher achten muß als mein Leben und meine Seele selbst. Und wo findet sich, daß je eine solche Freigebigkeit von einem Liebhaber so unbedingt geübt wurde? Wer hat je freiwillig den Tod gewählt, um nicht fremden Ruf zu beflecken? Gewiß niemand, glaube ich, oder so wenige, daß diese Gattung so selten und seltener ist als weiße Raben. O einzige und unerhörte Aufopferung! Das ist ein Liebesbeweis, der nie genug gepriesen werden kann! Das ist eine Liebe, die echte Liebe ist und wo sich keine Erdichtung denken läßt! Messer Aloise, ehe er das geringste Teilchen meines Rufes bemakeln oder ein Tüttelchen von Verdacht bei irgend jemand, wo es mich anschwärzen konnte, auf mich fallen lassen wollte, hat sich freiwillig als Dieb angegeben und mich und meine Ehre weit mehr berücksichtigt als die seine und sein Leben. Und wiewohl er sich auf tausend Arten befreien konnte, nachdem er einmal in dem vom Falle noch halb betäubten Zustande gesagt hatte, er sei von meinem Fenster herabgestürzt, und nun bemerkte, wie sehr dieses Geständnis meine Ehre beeinträchtigen und ihre Reinheit schwärzen könne, zog er freiwillig lieber den Tod vor, ehe er ein Wort sagte, das irgendwie eine schlimme Meinung über mich oder so viel Schimpf als das kleinste Muttermal hervorbringen konnte. Da er einmal nicht mehr rückwärts konnte mit dem, was er schon über den Fall gesagt hatte, auch das einmal Geäußerte nicht so zu drehen war, daß die Sache gut stand, entschloß er sich, den Ruf des Nächsten mit seinem eigenen Schaden zu retten. Wenn er daher so bereitwillig sein Leben zu meinem Nutz und Frommen offenbar auf das Spiel gesetzt und noch weit mehr für die Erhaltung meiner Ehre gesorgt hat als für seine eigene, – sollte ich nicht zu seiner Errettung meine Ehre beiseite setzen? Unbedenklich! Ja, Ehre und Leben, und wenn ich tausend Leben hätte, alle zusammen würde ich zu seiner Erhaltung hingeben, und wenn ich es von neuem tausendmal tausendmal zurückerhielte, so würde ich es ebensooft wieder aufs Spiel setzen, wenn ich nur im geringsten ihm zu helfen wüßte. Ja, ich beklage mich und werde mich immer beklagen, daß mir nicht vergönnt ist, mehr zu tun, als meine geringe Möglichkeit aushält. Wenn er stürbe, könnte ich fürwahr nicht am Leben bleiben; wenn er nicht da wäre, was sollte ich im Leben tun? Ich glaube darum nicht, gerechtester Fürst, ein Quintchen Ehre zu verlieren; denn da ich, wie man sieht, eine junge Witwe bin und mich wieder zu verheiraten suche, war mir erlaubt, ein Liebesverhältnis anzuknüpfen, freilich zu keinem andern Zwecke, als um einen meinem Stande angemessenen Gatten zu bekommen. Wenn ich aber auch die Ehre verlöre, – warum soll ich sie nicht verlieren für den, der, um die meinige zu retten, wie so oft schon gesagt wurde, die seinige hat verlieren wollen? Um nun aber zur Sache zu kommen, so sage ich mit aller schuldigen Ehrerbietung, daß es nicht wahr ist, daß Messer Aloise je als Dieb und wider meinen Willen in mein Haus gekommen ist. Er kam vielmehr dahin ganz im Einverständnis mit mir und als teurer und inniger Liebhaber. Hätte ich ihm nicht die Erlaubnis gegeben zu kommen, wie wäre es ihm gelungen, eine Strickleiter so hoch emporzuziehen und sie oben so festzumachen, daß sie für immer gehalten hätte? Wenn dieses Fenster zu meinem Schlafzimmer gehört, wie konnte es um diese Stunde offen stehen ohne meine Einwilligung? Ich ließ den Bindfaden hinab, an den er die Strickleiter anband; mit Hilfe meiner Magd zog ich sie empor, und nachdem ich sie festgemacht hatte, so daß sie nicht losgehen konnte, machte ich Messer Aloise ein Zeichen heraufzusteigen. Aber sein und mein Mißgeschick wollte, daß er, ohne daß er mir nur hätte die Hand berühren können, zu meinem unsäglichen Schmerze zu Boden stürzte. Er möge daher das frühere Geständnis zurücknehmen, daß er ein Dieb sei, und nur die Tatsache bekennen, wie sie ist, da ich mich nicht schäme, das Geständnis abzulegen. Hier sind die vielen Briefe, die er mir schrieb, um eine Unterredung mit mir zu erflehen und um meine Hand zu bitten. Hier ist die Strickleiter, die bisher immer in meinem Schlafzimmer geblieben ist. Hier ist meine Dienerin, die an allem vermittelnd und unterstützend teilnahm.« Messer Aloise gestand auf die Frage der Ratsherren, wie die Sache vor sich gegangen war. Er wurde nun ebenso von diesen Herren freigesprochen und wollte seine teure Geliebte als rechtmäßige Gemahlin heimführen. Der Fürst lobte sehr seinen Entschluß. Es gingen daher alle Verwandte beider Teile nach dem Hause Madonna Gismondas, wo er sie zur allgemeinen Freude feierlich heiratete. Es wurde eine kostbare und äußerst prächtige Hochzeit veranstaltet, und Messer Aloise lebte mit seiner Gattin lange Zeit in ungetrübtem Frieden. Madonna Luzia und Madonna Isotta gebaren mit der Zeit zwei schöne Söhnchen, – was die Zufriedenheit ihrer Väter nicht wenig erhöhte, die mit den Müttern ruhig zusammenlebten und unter sich in brüderlichem Einvernehmen oft den ihnen von den schlauen Gattinnen gespielten Streich belachten. Das weise Urteil des Fürsten in dieser Sache wurde in Venedig allgemein anerkannt und vermehrte noch um vieles den großen Ruhm seiner Klugheit. Er war auch in der Tat ein sehr kluger Fürst und vergrößerte durch seine Einsicht und seine Weisheit die Herrschaft des Freistaats, wurde aber doch zuletzt unverdientermaßen mit Undank belohnt und wegen seines hohen Alters der herzoglichen Würde entkleidet. Das verzauberte Bildnis (Philipp Massinger, Das Gemälde) Ich weiß nicht, liebenswürdige und ehrenwerte Frau Cecilia, ob ich so leichtsinnig auf Eure Bitte hin mich zum Erzählen entschließen soll, da ich in diesem Geschäft nicht sonderlich geübt bin, während ich in dieser edeln und hochgeehrten Gesellschaft manche sehe, welche besser als ich und mehr zur allgemeinen Genugtuung, da sie darin geübt sind, sich darin ergehen würden, ich aber viel lieber Zuhörer als Erzähler wäre. Da jedoch immer Eure höflichen Bitten bei mir für Befehle gelten sollen, will ich, so gut ich kann, eine Geschichte erzählen, die mir vor einigen Jahren Herr Niccolo von Correggio, mein Oheim, mitgeteilt hat, als er aus dem Königreich Ungarn zurückkehrte, wohin er im Auftrage des Herzogs Lodovico Sforza gegangen war, um den Herrn Donno Ippolito von Este, Kardinal von Ferrara, zu begleiten, der das Bistum Gran in Besitz nehmen wollte. Wißt denn – um also auf die Erzählung, zu kommen –, daß Matthias Corvinus, wie alle hier Anwesenden wohl vom Hörensagen vernommen haben werden, König von Ungarn war, und als ein sehr kriegerischer, weitsehender Mann war er der erste berühmte Ungarkönig, den auch die Türken fürchteten. Nebst andern ausgezeichneten Eigenschaften, die er besaß, sowohl im Waffenhandwerk als in den Wissenschaften, war er der freigebigste und höflichste Fürst seines Zeitalters. Er hatte zur Gemahlin die Königin Beatrix von Aragon, die Tochter des Königs Ferdinand des Alten von Neapel und Schwester der Mutter Alfonsos, des nunmehrigen Herzogs von Ferrara, die in Wahrheit eine höchst vortreffliche Frau war in Wissenschaften und in Sitten und mit allen andern Tugenden geschmückt, die für eine Frau aus jedem Stande eine Zier wären. Sie war nicht minder höflich und freigebig als der König Matthias, ihr Gemahl, und ihr einziges stündliches Trachten ging darauf, alle diejenigen zu ehren und zu belohnen, die es aus irgendeinem Grunde zu verdienen schienen, so daß im Hause dieser zwei hochherzigen fürstlichen Personen ausgezeichnete Männer jeder Art und von allen Nationen aus- und eingingen, und jeder war nach seinem Verdienst und Range wohlgelitten und unterhalten. In jener Zeit lebte ein böhmischer Ritter, ein Vasall des Königs Matthias (denn er war auch König von Böhmen), der einem sehr edlen Hause angehörte und von Person sehr wacker und in den Waffen geübt war. Dieser verliebte sich in ein sehr schönes Mädchen, die aus guter Familie stammte und für die Schönste in der Gegend galt; sie hatte einen Bruder, der, obwohl adlig, doch arm und mit Glücksgütern nicht eben gut versorgt war. Der böhmische Ritter war ebenfalls nicht sehr reich und hatte nur ein einziges Schloß, wo er nur mit großer Einschränkung standesgemäß sich zu unterhalten wußte. Als dieser demnach sich in das schöne Mädchen verliebt, erbat er sie von ihrem Bruder und erhielt sie zur Frau, jedoch mit sehr geringer Ausstattung. Bisher hatte er seine Armut noch nicht so sehr empfunden; nachdem er aber eine Frau in sein Haus eingeführt hatte, gingen ihm die Augen auf, und er begann zu bemerken, wie gering er ausgerüstet war, und wie schwer er sich von dem kleinen Einkommen aus seinem Schloßgute erhalten könne. Als ein edler und rechtschaffener Mann wollte er seine Untertanen nicht mit außerordentlichen Abgaben belasten, begnügte sich vielmehr mit den Steuern, die sie schon seinen Vorfahren zu entrichten gewohnt gewesen waren, deren Betrag aber sehr unbedeutend war. Er erkannte nun bald, daß hier eine außer ordentliche Abhilfe nottue, und so fiel es ihm ein, nach vielen und verschiedentlichen Überlegungen, sich an den Hof in den Dienst des Königs Matthias, seines Lehensherrn, zu begeben, dort eine Probe von sich abzulegen und sich dermaßen anzustellen, daß er mit seiner Gattin einen standesgemäßen Unterhalt daselbst fände. Aber so groß und glühend war die Liebe, die er für seine Frau hegte, daß es ihm nicht möglich schien, eine Stunde ohne sie zu leben, geschweige ohne sie lange am Hofe zu bleiben. Denn sie an die Residenz des Hofes mitzunehmen und dort bei sich zu behalten, war nicht nach seinem Geschmacke. Er besann sich daher den ganzen Tag über diese Angelegenheit und wurde ganz schwermütig. Seiner Gattin, einer klugen und scharfblickenden jungen Frau, entging das Gehaben ihres Mannes nicht. Sie fürchtete, er möchte über etwas mit ihr unzufrieden sein, und sprach daher eines Tages zu ihm: »Mein teurer Gemahl, wenn ich nicht glaubte, Euch zu mißfallen, würde ich Euch gern um eine Gnade bitten.« »Verlangt«, antwortete der Ritter, »was Euch beliebt! Sofern ich es irgend imstande bin, will ich von Herzen gern tun, was Ihr begehrt; denn Euch gefällig zu sein ist mir so wichtig als das eigene Leben.« Darauf bat ihn denn die Frau bescheidentlich, ihr die Ursache seiner Unzufriedenheit zu entdecken, die er in seinem Aussehen zeige. Man sehe, er sei viel übler aufgelegt als sonst und tue nichts als seufzend nachsinnen und fliehe alle Gesellschaft, die ihm sonst so angenehm gewesen sei. Als der Ritter die Bitte der Frau hörte, sagte er nach kurzem Bedenken: »Meine teuerste Gattin, Ihr wollt den Beweggrund meines düstern Sinnens wissen und erfahren, warum ich so schwermütig geworden bin: so erfahrt ihn! Alle meine Gedanken, in die Ihr mich so tief versunken seht, gehen damit um, wie ich Mittel und Wege auffinden könne, Euch und mir ein unserem Stande gemäßes ehrenvolles Leben zu bereiten; denn in Vergleich mit unserer Abkunft leben wir gar armselig; und der Grund ist, daß unsere Väter die von unsern Großvätern ihnen vererbten Güter verschwendet haben. Indem ich nun hierüber den ganzen Tag nachdachte und auf verschiedene Vorstellungen verfiel, wußte ich kein anderes Mittel aufzutreiben als eines, das meine Phantasie auf das lebhafteste beschäftigt, nämlich an den Hof unseres Oberherrn Königs Matthias mich zu verfügen, dem ich schon von den Kriegszeiten her bekannt bin. Ich kann nicht anders glauben, als daß er gut für mich sorgen und sich mir gnädig erzeigen werde; denn er ist ein freigebiger Fürst, der tüchtige Männer liebt, und ich werde mich so halten, daß wir mit seiner Gunst und Gnade besser leben können als jetzt; und ich befestige mich in dieser Ansicht um so mehr, als ich schon vormals unter den Woiwoden von Siebenbürgen gegen die Türken gefochten habe und damals von dem Grafen von Cilley aufgefordert worden bin, in die Dienste des Königs zu treten. Da ich aber andererseits glaube, Euch hier ohne meine Gesellschaft lassen zu müssen, kann ich mich unmöglich darüber beruhigen, daß ich mich von Euch entfernen soll, einmal, weil ich mich nicht entschließen kann, ohne Euch, meine Einziggeliebte, zu leben, und dann, weil ich fortwährend fürchte, wenn ich Euch so jung und schön sehe, dadurch eine Schmach zu erleben. Sobald ich weg wäre, fürchte ich, könnten Barone und Edelleute vom Lande sich beeifern, Eure Liebe zu gewinnen. Sobald dies geschähe, würde ich mich für entehrt halten und könnte mich nicht mehr unter rechtschaffenen Leuten sehen lassen. Dies ist die ganze Fessel, die mich hier hält, so daß ich für unsern Vorteil zu sorgen nicht imstande bin. Ihr habt nun, meine teuerste Gattin, die Ursache meiner Nachdenklichkeit vernommen.« Nach diesen Worten schwieg er. Als die tapfere, großherzige Frau, die ihren Gatten grenzenlos liebte, hörte, daß er seine Auseinandersetzung geendigt hatte, antwortete sie ihm mit heiterem, freundlichem Gesichte also: »Ulrich« (so hieß der Ritter), »auch ich habe oft und viel an die Größe Eurer und meiner Vorfahren gedacht, von der, wie mir scheint, wir uns ohne unser Verschulden ziemlich entfernt haben; dabei habe ich mich besonnen, was für ein Mittel sich auffinden ließe, um uns besser auszurüsten, als wir es sind; denn wiewohl ich ein Weib bin und ihr Männer uns Weiber des Kleinmuts beschuldigt, so fühle ich doch in mir das Gegenteil davon und habe vielleicht höheren Mut und Ehrgeiz, als ich sollte; auch ich möchte gerne den Rang behaupten können, den meine Mutter, so viel ich mich erinnere, einnahm. Nichtsdestoweniger weiß ich mich solchergestalt zu mäßigen, daß ich mich willig mit alledem zufriedenstelle, was Euch gefällig ist. Um aber zur Sache zu kommen, sage ich Euch, daß auch ich, wie Ihr tut, unsere Umstände bedenkend zu der Erkenntnis gelangt bin, daß Ihr als ein junger, kräftiger Mann nichts Besseres zu tun vermöget, als bei unserem Könige Dienste zu nehmen; und jetzt halte ich es um so mehr für vorteilhaft, als ich vernommen habe, daß schon früher der König Euch vom Kriege her kennt. Ich gebe mich deshalb gern der Hoffnung hin, daß der König, der die Vorzüge anderer immer mit Geschick zu schätzen weiß, Euch ganz gewiß würdig und nach Verdienst belohnen wird. Ich wagte Euch diesen meinen Gedanken nicht auszusprechen, aus Furcht, Euch zu beleidigen. Jetzt habt Ihr mir aber den Mund selbst geöffnet, und ich will nicht unterlassen, Euch meine Ansicht zu sagen. Tut nunmehr, was Euch gefällt, und was am meisten mit Eurer Ehre und Eurem Vorteil übereinstimmt! Was mich betrifft, so bin ich zwar ein Weib und, wie ich zuvor schon gesagt habe, von Natur eitel; ich möchte gerne bei andern geehrt sein und mich öffentlich geschmückter und prächtiger zeigen als andere; da jedoch unsere Glücksumstände sind, wie wir sehen, würde ich gern die Zeit, die wir noch zu leben haben, fortwährend mit Euch in diesem unserem Schlosse zubringen, wo uns, Gott sei Dank, nichts abgeht, um uns ehrbar durchzubringen und uns mit allem zu versehen, was wir brauchen, wofern wir uns an dem Notwendigen genügen lassen und unsere Einkünfte bescheidentlich und mäßig einteilen. Wir können hier mit zwei bis drei Dienern und zwei bis drei Frauen ganz bequem bestehen, noch ein Paar Reitpferde halten und somit ein heiteres und ruhiges Leben führen. Wenn wir einmal Söhne bekommen und sie das Alter erreichen, wo sie dienen können, so bringen wir sie an den Hof und zu anderen Baronen. Wenn sie sich dann gut halten, so können sie sich Ehre und Vermögen sammeln; bringen sie es aber zu nichts oder zu wenig, so ist es ihr Schaden. Gott weiß, mein größtes Vergnügen wäre es, wenn wir die Zeit, die uns zu leben übrig ist, immer miteinander zubringen könnten, in Glück und Unglück. Da ich aber einigermaßen Eure Gesinnung kannte, die ein Quintchen Ehre höher achtet als alles Gold der Welt, und Euch so mißlaunisch sah, glaubte ich immer, wiewohl mir auch andere Gedanken durch den Sinn gingen, das ganze komme daher, entweder, daß Ihr Euch mit mir nicht befriedigt fühlt, oder daß es Euch leid tue, Euch nicht in den Waffen üben zu können und unter andern geehrten Rittern keine Eurer würdige Stelle zu behaupten. Da ich Euch nun mehr liebe als alles in der Welt, war immer mein Wunsch der, daß alle Eure Wünsche auch die meinigen seien; und solange mir vergönnt sein wird zu leben, soll das fortwährend so bleiben, da ich Euer Vergnügen weit mehr hebe als mein Leben. Wenn Ihr daher entschlossen seid, in die Dienste des Königs Matthias zu gehen, so werde ich den Schmerz, der mich ganz sicher über Eure Entfernung befallen wird, durch das Vergnügen versüßen, das ich fühlen werde bei der Wahrnehmung, daß Ihr ein so löbliches Verlangen, wie das Eurige ist, befriedigt, und durch die süße Erinnerung an Euch werde ich meine Gedanken vertreiben, in der Hoffnung, Euch einst viel froher wiederzusehen, als Ihr jetzt seid. Was sodann das betrifft, daß Ihr sagt, Ihr fürchtet, ich möchte gegen solche zu kämpfen haben, welche meine Keuschheit angreifen und Euch und mir die Ehre rauben wollen, so versichere ich Euch, wenn ich nicht völlig den Verstand verliere, so geht mein fester Entschluß dahin, lieber zu sterben als je in einem Pünktchen meine Sittsamkeit zu beflecken. Hierfür weiß ich aber freilich kein anderes Pfand zu bieten als mein aufrichtiges Wort; wenn Ihr dieses kenntet, wie ich es von jeher fest und unverletzt erhalten, so würdet Ihr Euch sicher damit zufrieden geben, und nie würde das geringste Fünkchen von Verdacht darüber Euch in den Sinn kommen. Da ich Euch also hierüber keine andere Sicherheit geben kann, muß ich auf die künftige Betätigung meines Versprechens verweisen, in der Hoffnung, daß das Leben, das ich führen werde, so sein wird, daß ich jeden Tag darüber Rechenschaft ablegen kann. Jede Art und Weise jedoch, die Euch gefällt, um zu Eurer Versicherung mich auf die Probe zu stellen, wird mir äußerst angenehm sein, da mein höchster Wunsch ist, Euch zufriedenzustellen. Und wenn es Euch einfiele, mich in einen dieser Burgtürme zu schließen, bis Ihr zurückkehrt, so würde ich gerne als Einsiedlerin dort leben, wenn ich nur weiß, daß ich etwas tue, was Euch Freude macht.« Der Ritter hörte mit größtem Vergnügen die Antwort der Frau, und als sie fertig war, sagte er zu ihr: »Meine teuerste Gattin, Eure Seelengröße verdient alles Lob, und es ist mir sehr erfreulich, daß Ihr meiner Ansicht seid. Auch gewährt es mir unschätzbares Vergnügen, Euren festen Vorsatz zu hören, unsere Ehre rein zu erhalten, und ich ermahne Euch, auf dieser Bahn auszuharren und nicht zu vergessen, daß, sobald eine Frau ihre Ehre verloren hat, sie alles verloren hat, was sie in diesem Leben besitzen kann, und nicht mehr eine Frau genannt zu werden verdient. Den Euch mitgeteilten Plan werde ich wohl seiner Wichtigkeit halber nicht so geschwind ausführen; sobald ich aber zur Verwirklichung komme, versichere ich Euch, daß ich Euch hier als unumschränkte Gebieterin über alles zurücklassen werde. Unterdessen will ich noch weiter darüber nachdenken, was uns frommt, und mich mit Freunden und Verwandten beraten, sodann aber mich an das halten, was man für das Beste ansehen wird. Laßt uns daher heiter leben!« Weil nun den Ritter im allgemeinen weiter nichts bekümmerte als sein Zweifel über seine Gattin, da er sie so zart und schön sah, so sann er jetzt darauf, wie sich ein Mittel für ihre Sicherheit finden lasse. Bald darauf, während er hierüber nachdachte, begab es sich, daß der Ritter eines Tages in Gesellschaft mit einigen Edelleuten war und unter mannigfaltigen Gesprächen auch einer ein Ereignis erzählte, das einem Edelmann des Landes begegnet war. Dieser hatte die Liebesgunst einer Frau gewonnen mittels eines alten Polen, der im Rufe stand, ein großer Zauberer zu sein und als Arzt in Chozen, einer Stadt in Böhmen, lebte, wo Silber- und andere Bergwerke in Menge sich befinden. Der Ritter, der sein Schloß nicht weit von Chozen hatte, begab sich dahin unter dem Vorwande eines Geschäfts und ging zu dem betagten Polen, mit dem er lange sprach, und an den er das Verlangen stellte, gleichwie er bereits jemand beigestanden habe, um sich Liebe zu erwerben, so auch ihm die Art und Weise anzugeben, wie er sich davor bewahren möge, daß ihm seine Gattin nichts zuleide tue und ihn nicht mit Hörnern schmücke. Der Pole, der in Zaubersachen, wie ihr gehört habt, sehr bewandert war, sagte zu ihm: »Mein Sohn, du forderst von mir etwas Großes, was ich nicht ausführen kann; außer Gott kann dir niemand die Keuschheit eines Weibes sicherstellen, denn sie sind von Natur gebrechlich und sehr zur Wollust geneigt, so daß sie sich leicht den Bitten der Liebhaber fügen, und es gibt wenige, die, wenn man sie bittet und bestürmt, fest bleiben; diese wenigen aber verdienen jede Achtung und Verehrung. Indessen besitze ich allerdings ein Geheimnis, womit ich zum guten Teil deine Bitte doch erfüllen kann; es besteht nämlich darin, daß ich dir mit meiner Kunst im Zeitraum von wenigen Stunden ein kleines Frauenbildchen aus einem besonderen Stoffe herstellen kann, das du dann beständig in einem kleinen Büchschen in deinem Beutel bei dir tragen und täglich, sooft du willst, betrachten kannst. Wenn deine Frau dir die eheliche Treue nicht verletzt, so wird dir das Bild immer so schön und farbig erscheinen, wie ich es verfertigt habe, und als käme es eben erst aus der Hand des Malers; dächte sie hingegen daran, ihren Leib einem andern Manne zu ergeben, so wird das Bild blaß; und wenn es zur Ausführung kommt, daß sie wirklich einem andern ein Recht bei sich einräumt, so wird das Bild plötzlich schwarz wie eine verglommene Kohle und stinkt so heftig, daß alle Umstehenden den Gestank auf unverkennbare Weise empfinden; sooft sie in Versuchung geführt wird, nimmt das Bildnis jedesmal eine goldgelbe Farbe an.« Das wunderbare Geheimmittel stand dem Ritter sehr gut an, und er glaubte daran so fest wie an das wahrste und unzweifelhafteste Ding auf Erden, weil er ganz befangen von dem großen Rufe war, den der Pole und seine Kunst genoß; denn die Chozener wußten davon die unglaublichsten Dinge zu erzählen. Nachdem er mit ihm über den Preis einig geworden war, bekam er das schöne Bild und kehrte damit ganz vergnügt in sein Schloß zurück. Er blieb daselbst noch einige Tage; dann aber beschloß er, an den Hof des glorreichen Königs Matthias zu gehen, und offenbarte seinen Entschluß seiner Frau. Er brachte sodann sein Hauswesen in Ordnung, übergab die Leitung des Ganzen seiner Gemahlin, und nachdem alles gerüstet war, was er zu seiner Reise brauchte, ging er, so schwer und schmerzlich ihm auch die Trennung von seiner Frau war, hinweg und verfügte sich nach Stuhlweißenburg, wo sich dazumal der König Matthias und die Königin Beatrix befanden, von welchen er freudig aufgenommen und gern gesehen wurde. Er war noch nicht lange am Hofe, so hatte er sich schon allgemein sehr beliebt gemacht. Der König, den er schon früher gekannt hatte, setzte ihm ein anständiges Jahresgehalt aus und bediente sich seiner in vielen Geschäften, die er alle nach dem Willen des Königs ausführte. Alsdann zur Verteidigung eines gewissen Platzes abgesandt, den die Türken unter der Anführung Mustafa Paschas belagerten, führte er diesen Krieg solchergestalt, daß er die Ungläubigen über ihre Landesgrenze zurücktrieb und sich den Ruhm eines wackeren und tapfern Kriegers und klugen Hauptmanns erwarb. Dies erhöhte noch sehr die Gunst und Gnade des Königs, so daß er neben Geld und Geschenken, die er täglich empfing, auch noch ein Schloß mit guten Einkünften zum Lehen erhielt. Der Ritter meinte daher eine sehr gute Wahl getroffen zu haben, indem er sich an den Hof in die Dienste des Königs begeben hatte, und pries Gott dafür, der es ihm eingegeben, in der Hoffnung, es täglich besser zu bekommen. Und er lebte um so zufriedener und glücklicher, da er täglich wiederholt das kostbare Büchschen hervorzog, worin das Bild der Frau sich befand, das er immer so schön und so wohlgefärbt sah, wie wenn es eben jetzt erst gemalt worden wäre. Am Hofe ging das Gerücht, Ulrich habe in der Heimat die schönste und anmutigste junge Frau von Böhmen und Ungarn zur Ehe. Als nun einmal viele Hofleute in Gesellschaft beisammen waren, worunter auch unser Ritter, sagte ein ungarischer Baron zu ihm: »Wie kann das sein, Herr Ulrich, daß Ihr nunmehr etwa anderthalb Jahre von Böhmen weg seid, ohne je nach Hause zu gehen und nach Eurer Frau zu sehen, die, wie man allgemein versichert, so schön ist? Offenbar hegt sie Euch nicht sehr am Herzen.« »Ei freilich liegt sie mir am Herzen«, antwortete Ulrich, »und ich liebe sie wie mein Leben; vielmehr ist das, daß ich sie so lange Zeit nicht besucht habe, kein kleiner Beweis für ihre Tugend und meine Treue; für ihre Tugend, insofern sie damit zufrieden ist, daß ich meinem König diene und es ihr genügt, wenn wir häufig voneinander Nachricht haben, da es uns allerdings nicht an Gelegenheiten fehlt, uns briefliche Besuche abzustatten. Meine Treue sodann und die Verpflichtung, die ich gegen den König, unsern Herrn, zu haben bekenne, von dem ich so viele und große Wohltaten empfangen habe, und die fortwährende Kriegsunruhe von den Feinden Christi an der Grenze sind bei mir viel kräftiger als die Liebe zum Weibe; und meine Pflicht gegen den König muß über die eheliche Liebe um so mehr die Oberhand behaupten, als ich weiß, daß ich der Treue und Beständigkeit meiner Gattin sicher sein kann, da sie nicht allein schön, sondern auch sittsam, wohlerzogen und sehr auf ihre Ehre bedacht ist und mich mehr als alles auf der Welt wert hält und wie ihre Augen liebt.« »Das ist ein großes Wort«, versetzte der ungarische Baron, »daß Ihr behauptet, der Treue und Keuschheit Eurer Gattin sicher zu sein, die ganz gewiß selber nicht darauf schwören würde. Denn ein Weib, das heute noch gegen alle Bitten und Geschenke der ganzen Welt unempfindlich erscheint, wird sich morgen schon von einem einzigen Blicke eines Jünglings, einem einfachen Worte, einer heißen Träne und kurzer Bitte erweichen und dem Liebhaber ganz und unbeschränkt in die Gewalt geben. Und wer ist oder war jemals, der diese Sicherheit haben kann? Wer kennt die Heimlichkeiten der Herzen, die undurchdringlich sind? Ich glaube, gewiß niemand, außer unser Herrgott. Das Weib ist von Natur veränderlich und unbeständig und das ehrgeizigste Geschöpf unter der Sonne. Wo um des Himmels willen ist das Weib, das nicht wünscht und verlangt, geschmeichelt, begehrt, umworben, verehrt und geliebt zu werden? Und gar oft geschieht es, daß die, so für die schlausten gelten und mit falschen Blicken verschiedene Liebhaber abzuspeisen vermeinen, gerade am ehesten und unvermerkt ihren Kopf in die Schlingen der Liebe bringen und sich so darein verwickeln, daß sie, wie Vögel, die an der Leimrute gefangen sind, sich nicht mehr losmachen können. Darum, Herr Ulrich, sehe ich nicht ein, wie Eure Frau mehr als andere, die von Fleisch und Bein sind, vom Himmel ein Vorrecht erhalten haben soll, daß sie nicht bestochen werden kann.« »Meinetwegen«, antwortete der böhmische Ritter. »Ich will ja glauben, daß es so ist, und mich überreden, daß Ihr recht habt; jeder kennt das Seine, und der Narr weiß besser, was er hat, als seine Nachbarn, so weise diese auch sind. Glaubet, was Euch gutdünkt! Ich verbiete es Euch nicht; aber laßt mich auch glauben, was mir angenehm ist und mir ansteht! Mein Glaube kann Euch ja nicht schaden, und Eure abweichende Ansicht bringt mir keinen Nachteil, da es ja jedem freisteht in ähnlichen Begegnissen, zu glauben, was ihm am meisten gefällt.« Es waren noch viele andere Herren und Edelleute vom Hofe bei diesem Gespräche zugegen, und (wie wir das manchmal sehen) der eine sagte dies, der andere jenes. Es stellten sich daher gar verschiedene Meinungen über diese Angelegenheit heraus. Denn die Menschen sind nicht alle von gleicher Gemütsverfassung, und viele machen sich glauben, mehr zu wissen als ihre Nebenmenschen, und sind auf ihre Hirngespinste so versessen, daß sie der Vernunft gar kein Gehör geben, als bestände eine vernünftige Unterhaltung in Lärm und Geschrei. Die ganze Sache wurde nun der Königin gemeldet. Diese war eine Frau, welche Hader und Zwietracht bei Hofe entschieden mißbilligte; sie ließ daher diejenigen zu sich rufen, die miteinander gestritten hatten, und verlangte, ihr genau das gepflogene Gespräch zu melden. Nachdem sie es angehört, sagte sie, allerdings könne in dieser Angelegenheit jeder nach Gefallen glauben, was er wolle; es wäre aber eine anmaßende, tollkühne Torheit, alle Frauen auf gleiche Weise beurteilen zu wollen, wie man es auch für den größten Irrtum erkennen müsse, wollte man behaupten, alle Männer hätten gleichen Charakter, während man doch tagtäglich das Gegenteil offen sehe; »denn bei Männern und Frauen ist ein so großer Unterschied und Mannigfaltigkeit in den Naturen, als es Köpfe gibt; und zwei Brüder und zwei Schwestern, die miteinander geboren sind, werden meistenteils von entgegengesetztem Temperament und von ganz verschiedenem Charakter sein, und was dem einen gefällt, wird dem andern mißfallen.« Die Königin schloß daher, sie sei vollkommen überzeugt, daß der böhmische Ritter recht habe, von seiner Frau zu glauben, was er glaube, da er ja lange Zeit mit ihr umgegangen sei, und er handle hierin klug, weise und vorsichtig. Da nun, wie man sieht, die menschlichen Gelüste unersättlich sind und ein Mensch kühner ist als der andere, ja, um es besser zu sagen, hartnäckiger und verwegener, so waren daselbst am Hofe zwei ungarische Barone, die mit dem Kopf obenhinaus wollten und die Königin folgendermaßen anredeten: »Gnädigste Frau, Ihr tut als Frau wohl daran, die Ehre Eures Geschlechts zu verteidigen; aber wir getrauen uns wohl, wenn wir da wären, wo sich diese Frau von Marmor aufhält, und wir sie sprechen könnten, ihr diamantenes Herz zu überwältigen und sie dahin zu bringen, uns zu Willen zu sein.« »Ich weiß nicht, was geschehen würde«, antwortete der böhmische Ritter, »noch was ihr tun würdet; aber das weiß ich wohl, daß ich mich nicht täusche.« Es wurde noch vieles gesprochen; der Streit erhitzte sich auf diese Äußerungen beiderseits von neuem, und die beiden allzu zuversichtlichen Barone erklärten endlich mit einem Schwüre, sie beharrten auf ihrer Behauptung und verpfändeten alle ihre beweglichen und unbeweglichen Güter dafür, daß sie binnen fünf Monaten, vorausgesetzt, daß Herr Ulrich sich verpflichte, inzwischen seine Gattin weder zu besuchen noch zu warnen, diese dahin bringen wollen, ihre Wünsche zu erfüllen. Die Königin und alle, die diesen Vorschlag vernahmen, erhoben darüber ein großes Gelächter und verspotteten die beiden. Sobald sie dies sahen, sagten sie: »Ihr meint vielleicht, gnädigste Frau, wir reden nur in Schimpf und Scherz; es ist uns aber vollkommen ernst, und wir wünschen, die Probe zu bestehen, damit man sehe, welche von beiden Meinungen die richtige sei.« Mittlerweile hatte König Matthias selbst von der Sache gehört und kam jetzt dahin, wo sich die Königin befand, die sich große Mühe gab, den beiden Ungarn ihren Wahnsinn auszureden. Als der König kam, baten ihn die beiden Barone, zu geruhen, Herrn Ulrich, da er sich nicht freiwillig dazu verstehe, anzuhalten, den Vertrag mit ihnen einzugehen, wobei sie sich verbindlich machten, alle ihre Habe zu verlieren, die dann der König frei dem Herrn Ulrich schenken könne. Geschehe aber das, was sie voraussagten, so solle Herr Ulrich versprechen, es seine Frau nicht entgelten zu lassen, aber seine falsche Ansicht aufgeben und glauben, daß die Frauen von Natur geneigt sind, den Bitten der Liebhaber ein williges Ohr zu leihen. Der böhmische Ritter, der an die Keuschheit und eheliche Treue seiner Frau so fest glaubte wie an das Evangelium und sich an die Unbeflecktheit seines Zauberbildes hielt, das er die ganze Zeit seiner Abwesenheit über nie bleich noch schwarz gesehen hatte, wohl aber manchmal gelb, je nachdem sie zuweilen von einem um Minne angegangen worden war, das aber gleich darauf seine natürliche Farbe wieder bekam, sagte zu den ungarischen Baronen: »Ihr habt euch in eine große Gefahr geschwatzt; so will ich denn auf die Sache eingehen unter der Bedingung, daß ich hernach mit meiner Frau nach meinem Gutdünken verfahren darf. Übrigens will ich auch alle meine Habe in Böhmen neben dem einsetzen, was ihr verpfänden zu wollen erklärt habt, und behaupte, daß ihr meine Frau nimmermehr dahin bringen werdet, euren Willen zu tun; auch will ich weder gegen sie noch gegen sonst jemand die Sache mit einem Worte erwähnen.« Es wurde deshalb noch vieles herüber und hinüber verhandelt, und zuletzt erklärte der Böhme in Gegenwart des Königs und der Königin, durch die Verwegenheit der beiden Ungarn von neuem angereizt: »Dieweil denn Herr Wladislaw und Herr Albert« (so hießen die zwei Ungarn) »also dringend verlangen, ihr Wagnis zu bestehen, bin ich, wofern es mit Eurer Huld und Gunst geschehen kann, ehrfurchtgebietender König und gnädigste Königin, ihrem Begehren zu willfahren bereit.« »Und was uns betrifft«, versetzten die Ungarn, »so bestätigen wir neuerdings, was wir gesagt haben.« Der König bestrebte sich zwar wiederholt, die Zwistigkeit beizulegen; von den zwei Ungarn aber unablässig gedrängt, ließ er am Ende über die Bedingungen des Vertrags eine königliche Verordnung ausfertigen, die er eigenhändig vollzog. Als die beiden Barone den königlichen Erlaß sahen, nahmen sie davon eine Abschrift, und ebenso tat der Böhme. Die beiden Ungarn brachten ihre Angelegenheiten in Ordnung und beschlossen unter sich, Herr Albert solle zuerst sein Glück versuchen bei der Dame, und nach sechs Wochen solle auch Herr Wladislaw hingehen. Herr Albert ging mit zwei Dienern ab und begab sich geradeswegs nach dem Schlosse des Böhmen. Dort angelangt stieg er in einer Herberge des Dorfes ab, zog Erkundigungen über die Frau ein und hörte, daß sie sehr schön und über die Maßen ehrbar sei und ihren Gatten über alles in der Welt liebe. Dessenungeachtet ließ er sich nicht abschrecken, sondern legte tags darauf reiche Kleider an und wanderte nach dem Schlosse, wo er der Dame sagen ließ, daß er ihr aufzuwarten wünsche. Anmutreich, wie sie war, ließ sie ihn eintreten und empfing ihn auf das freundlichste. Der Baron erstaunte sehr über die Schönheit und die Reize der Dame und über die ehrbare und feine Sitte, die ihr eigen war. Als sie sich sodann gesetzt hatten, sagte er, der Ruf ihrer hohen Schönheit habe ihn bewogen, den Hof zu verlassen und hierher zu kommen, sie zu sehen, und er finde sie in Wahrheit noch unendlich schöner und lieblicher, als er habe erwarten können. Und mit dem begann er, ihr viel eitle Dinge vorzuschwatzen, so daß sie bald merkte, auf was es losgehe und welchem Ziel sein Schifflein zusteuere. Deshalb strebte sie, ihn allmählich treuherzig zu machen und auf verliebte Reden zu bringen, damit er desto eher in seinen Hafen einlaufe. Der Baron, der eben nicht war, was er sich einbildete, sondern unerfahren und leichtgläubig genug, hörte nicht auf zu schwatzen, bis er damit herausplatzte, daß er heftig in sie verliebt sei. Die Frau tat zwar allerdings spröde gegen sein Geschwätz, unterließ aber nicht, sich freundlich gegen ihn zu bezeugen, so daß der Ungar in zwei bis drei Tagen gar nichts tat, als sie mit seiner Liebe bestürmen. Die Dame sah bald, daß sie es mit einem kaum flügge gewordenen Vogel zu tun hatte, und setzte sich daher vor, ihm einen solchen Streich zu spielen, daß er immer an sie denken solle. Bald darauf gab sie sich nämlich das Ansehen, als könne sie seinen Angriffen nicht länger widerstehen, und sprach zu ihm: »Herr Albert, ich glaube, Ihr seid ein großer Zauberer; denn ich fühle mich gedrungen, Euren Willen zu tun, und will mir dabei nur so viel ausbedungen haben, daß mein Gatte es nicht erfahre, der mich sonst ganz sicher töten würde. Und daß sich dessen niemand im Hause versehe, mögt Ihr morgen, wie es Eure Gewohnheit ist, zur Essenszeit auf das Schloß kommen, Euch aber weder hier noch sonstwo aufhalten, sondern heimlich in das Gemach im Hauptturme gehen, über dessen Tür das Wappen des Königreichs in Marmor ausgehauen ist, und den Eingang hinter Euch verschließen. Ihr sollt das Gemach offen finden; ich komme dann bald auch hin, und wir können nach, bester Bequemlichkeit und ohne von jemand bemerkt zu werden (denn ich will sorgen, daß niemand in der Nähe ist) unserer Liebe uns freuen und uns die Zeit vertreiben.« Dieses Gemach war aber ein sehr festes Gefängnis, das in alten Zeiten gerade dazu gemacht war, um Edelleute darin festzuhalten, die man nicht umbringen, sondern lebenslänglich gefangenhalten wollte. Mit dieser seiner Meinung nach äußerst günstigen Antwort hielt sich der Baron für den zufriedensten und glücklichsten Mann von der Welt und hätte mit keinem Könige tauschen mögen. Er dankte daher der Frau, so gut er wußte und konnte, schied von ihr und ging nach seiner Herberge zurück, das Herz von unendlicher Freude erfüllt. Am folgenden Tage zu der anberaumten Stunde erschien der Baron wirklich auf dem Schlosse, und da er niemand fand, trat er ein, ging nach der Anweisung der Frau geradezu nach dem Gemache, fand es offen und machte hinter sich die Tür zu, die sich von selbst abschloß. Die Tür war so eingerichtet, daß man von innen nicht ohne Schlüssel öffnen konnte, und hatte überdies ein äußerst festes Schloß. Als nun die Burgfrau, die nicht weit davon auf der Lauer stand, den Eingang zumachen hörte, verließ sie das Zimmer, worin sie sich befand, begab sich vor das Zimmer des Barons, verschloß und verriegelte es von außen und nahm den Schlüssel zu sich. Das Gemach war, wie gesagt, in dem Hauptturm, und darin war ein recht gutes Bett. Das Fenster, wodurch es Licht empfing, war so hoch, daß ohne Leiter kein Mensch hinausschauen konnte. Im übrigen war es ganz geeignet für ein anständiges Gefängnis. Sobald Herr Albert darin angelangt war, setzte er sich nieder und erwartete, gleichwie die Juden den Messias, die Frau, die ihm ihr Wort gegeben hatte, daß sie kommen werde. Während er nun in dieser Erwartung schwebte und sich tausend Hirngespinste bildete, da hörte er einen kleinen Laden aufgehen, der in der Tür seines Gemachs befindlich und so klein war, daß er kaum hinreichte, ein Brot und einen Becher Weins hinein zu bieten, wie man Gefangenen zu tun pflegt. Er meinte nicht anders, als jetzt komme seine Schöne, ihn zu besuchen und ihm ihre Liebe zu schenken, und als er aufstand, vernahm er durch die Öffnung die Stimme einer Zofe, die zu ihm sagte: »Herr Albert, meine Gebieterin Frau Barbara (denn so hieß die Burgfrau) läßt Euch durch mich sagen, daß, nachdem Ihr hierher gekommen seid, um ihr ihre Ehre zu rauben, sie Euch wie einen Dieb verhaftet habe, und daß sie Euch dafür auf eine Weise büßen lassen wird, die nach ihrem Gutdünken Eurer Versündigung angemessen ist. Gesetzt also, daß Ihr zu essen und zu trinken verlangt, derweil Ihr hier drinnen steckt, so müßt Ihr es Euch durch Spinnen verdienen, wie die armen Frauen ihren Unterhalt. Das kann ich Euch auch sagen, daß Eure Kost desto besser beschaffen sein und desto reichlicher ausfallen wird, je länger Ihr Euren täglichen Faden spinnt; im andern Falle werdet Ihr auf Wasser und Brot gesetzt. Das schreibt Euch ein für allemal hinters Ohr, da niemand weiter ein Wort mit Euch darüber reden wird!« Nachdem sie dies gesagt hatte, machte die Zofe den kleinen Laden wieder zu und ging zu ihrer Herrin zurück. Der Baron, der sich bis jetzt mit der Hoffnung geschmeichelt hatte, zur Hochzeit gekommen zu sein, und der, um besser seinen Postenlauf zu machen, am Morgen nichts oder wenig gegessen hatte, war bei dieser unerwarteten Ankündigung wie vom Donner gerührt. Als schwände ihm der Boden unter den Füßen, flohen plötzlich alle Lebensgeister von ihm; er verlor Kraft und Atem und sank ohnmächtig auf den Estrich seines Zimmers nieder, so daß, wer ihn gesehen hätte, ihn eher für tot als lebendig hätte halten müssen. Er blieb eine gute Weile so liegen, und als er wieder zu sich gekommen war, wußte er nicht, ob er träumte oder ob es wirklich wahr sei, was die Zofe ihm gesagt hatte. Da er endlich klar einsah und sich nicht ableugnen konnte, daß er wie ein Vogel im Käfig gefangen sei, so glaubte er, vor Zorn und Wut umkommen oder den Verstand verlieren zu müssen, und redete geraume Zeit wie ein Rasender irre, ohne zu wissen, was er beginnen solle. Den ganzen übrigen Tag lang schritt er im Zimmer auf und ab, faselte, seufzte, lästerte, drohte und verfluchte Tag und Stunde, da er den unseligen Gedanken gefaßt, eines andern Weib zu entehren. Es fiel ihm der Verlust seiner Güter ein, der daraus erfolgte, da sich der König selbst für die Gültigkeit des Vertrags verbürgt hatte. Zumeist schlug ihn aber doch die Vorstellung der Beschämung, des Hohns und der Schande nieder, die sein Abenteuer ihm bei Hofe zuziehen mußte, wenn es daselbst, wie es eben nicht anders sein konnte, verlautete, und es war ihm zuweilen, als würde ihm das Herz mit zwei scharfen Zangen bis zur Bewußtlosigkeit gezwickt und endlich ausgerissen. Indem er also in dem Gemache wütend auf und ab rannte und sich da- und dorthin wendete, sah er zufällig in einem Winkel desselben einen Spinnrocken stehen, woran Flachs angelegt und eine Spindel befestigt war. Er war auf dem Punkte, vom Zorne überwältigt, alles zu zerstören und entzweizuschlagen; aber dennoch unterließ er es, ich weiß nicht wie es kam. Es war zur Stunde des Abendessens, als die Zofe zu ihm zurückkehrte, das Fensterchen öffnete, den Baron begrüßte und zu ihm sagte: »Herr Albert, ich will das Garn abholen, das Ihr gesponnen habt, damit ich weiß, was ich Euch für ein Abendbrot bringen darf.« War der Baron schon vorher böse gewesen, so bemächtigte sich seiner nunmehr der wildeste Grimm, und er begann ihr die ärgsten Schimpfreden von der Welt zu sagen, die man irgendeinem Weibe von schlechtem Lebenswandel gesagt hat, und das Mädchen unanständig anzufahren, indem er sich herausließ, wie wenn er in Freiheit und auf einem seiner Schlösser wäre. Die von ihrer Gebieterin unterwiesene Zofe entgegnete lachend: »Herr Albert, Ihr tut meiner Treu nicht wohl daran, so das große Wort wider mich zu führen und mir solchen Schimpf anzutun; denn solcher Wahnsinn hilft Euch da drinnen gar nichts. Ihr wißt ja doch das Sprichwort, daß der Knecht für den Herrn nichts kann. Meine Herrin will von Euch wissen, was Euch hierhergeführt hat, und ob irgend jemand Mitwisser Eures Kommens ist. Das müßt Ihr mir noch außer dem Spinnen sagen. Es ist mit Euch so weit gekommen, daß Euch das Messer an der Kehle steht, und Ihr verliert unnötigerweise Zeit und Mühe, wenn Ihr Euch einbildet oder bestrebt, ohne gesponnen und gebeichtet zu haben, von hinnen zu entkommen. Ergebt Euch also geduldig in Euer Schicksal, das einmal nicht zu ändern ist und wogegen es keine Abhilfe gibt; wollt Ihr Euch andere Gedanken machen, so gebt Ihr Euch wahrlich unnötige Mühe. Es ist fest und unwiderruflich beschlossen, daß Ihr sonst nichts zu essen bekommt, außer ein wenig Brot und Wasser, wenn Ihr nicht spinnt und sagt, ob jemand um den Zweck Eures Hierherkommens weiß. Wollt Ihr leben, so zeigt mir Faden und sagt, wie die Sache sich verhält; wo nicht, so bleibt Ihr hier.« Als sie sah, daß er keinen Faden hatte noch auch bereit war, ihre Frage zu beantworten, schloß sie das Türchen, und der zum Unglück gekommene Baron empfing an diesem Abend weder Brot noch Wein, so daß er, weil es sich mit leerem Magen schlecht zu schlafen pflegt, in der Nacht kein Auge zutat. Solange nun der Baron in diesem Gemache gefangensaß, wurden auf Befehl der Burgfrau auch die Diener und Pferde Herrn Alberts geschickt und heimlich hingehalten und nebst seinen Sachen an einem sichern Orte untergebracht, wo sie mit allem wohlversorgt wurden und ihnen nichts als die Freiheit mangelte. Öffentlich ließ sie das Gerücht verbreiten, Herr Albert sei nach Ungarn zurückgekehrt. Wenden wir uns nun zurück zu dem böhmischen Ritter! Sobald er wußte, daß einer der beiden anmaßlichen Ungarn den Hof verlassen und sich nach Böhmen aufgemacht hatte, betrachtete er tagtäglich sein bezaubertes Bild, um zu sehen, ob es die Farbe verändere. In den drei bis vier Tagen nun, wo der Ungar die Frau zu überreden strebte, wurde es jedesmal in den Stunden, wo er bei ihr war, gelb; gleich darauf aber gewann es seine natürliche Farbe wieder. Sobald er sah, daß es sich nicht mehr veränderte, hielt er es für sicher, daß der ungarische Baron abgewiesen worden sei und nichts ausgerichtet habe. Er fühlte sich dadurch außerordentlich befriedigt und meinte, der Sittsamkeit seiner Frau völlig versichert sein zu können. Doch war er noch nicht ganz ruhig und sein Herz nicht durchaus zufriedengestellt, aus Besorgnis, Herr Wladislaw, der noch gar nicht abgereist war, könnte glücklicher sein als sein Genosse und erobern, was der andere nicht zu erreichen verstanden habe. Der eingesperrte Baron hatte den Tag vor seiner Einkerkerung nicht geschlafen und die Nacht über nicht geschlafen; als nun der Morgen anbrach, beschloß er, nachdem er seine Lage vielfältig überdacht und erkannt hatte, daß es kein anderes Mittel gebe, sich zu befreien, als wenn er der Frau gehorche, aus der Not eine Tugend zu machen. Er zog es also vor, um sein Leben zu fristen, die mit seinem Genossen, dem Ritter, getroffene Verabredung zu offenbaren und den Rocken vorzunehmen und zu spinnen. Zwar hatte er noch nie gesponnen; aber die Not ist ein guter Lehrmeister, und so fing er an; er ergriff besser, als er sich dachte, die Spindel, um zu spinnen, spann bald dick, bald zart, und auch von mittlerer Gattung, freilich ein so unförmliches Garn, daß jeder, der es sah, gewiß darüber lachen mußte. Er mühte sich nun mit dieser Beschäftigung den ganzen Morgen ab, und als es Mittag geworden war, siehe, da kam dieselbe Zofe wieder, öffnete das Fensterlein und fragte den Baron, ob er geneigt sei, den Grund anzugeben, der ihn nach Böhmen geführt, und wieviel Faden er gesponnen habe. Ganz beschämt erzählte er dem Mädchen alles, was er mit Herrn Ulrich ausgemacht hatte, und zeigte ihr dann eine Spindel voll Garn. Das Mädchen sagte lächelnd: »Das Geschäft geht ja trefflich vonstatten; der Hunger treibt den Wolf aus dem Wald; Ihr habt sehr wohl daran getan, mir die Wahrheit einzugestehen, und habt so gut gesponnen, daß ich hoffe, wir werden aus Eurem Gespinste unserer Gebieterin Hemden weben lassen, die sie als Bußgewand zur Kasteiung tragen kann, sooft ihr Fleisch sie ärgert.« Nach diesen Worten reichte sie dem Baron gute Speisen zu und ließ ihn in Frieden. Dann kehrte sie zu ihrer Gebieterin zurück, zeigte ihr den Faden und teilte ihr die ganze Geschichte mit von dem Vertrage, den Herr Ulrich und die beiden ungarischen Barone miteinander abgeschlossen hatten. Obgleich entsetzt über die Schlingen, welche die Männer ihr gestellt hatten, war die Frau doch wieder sehr froh, daß die Sache so gegangen war und sie ihrem Manne von ihrer Treue und Ehrbarkeit einen solchen Beweis geben konnte. Sie nahm sich daher vor, diesen nicht eher von dem Geschehenen zu benachrichtigen, als bis auch Herr Wladislaw angekommen und von ihr nach Verdienst und Würden gezüchtigt sei für seinen leichtsinnigen und sittenlosen Dünkel, indem sie sich nicht genug verwundern konnte, wie die beiden Barone so tollkühn albern und anmaßend hätten sein können, ohne irgend sie zu kennen, ihr ganzes Vermögen auf ein so gewagtes Spiel zu setzen. Sie merkte wohl, daß es ihnen im Kopf fehlen müsse, und daß sie nicht recht bei Trost sein können. Ich will nun aber nicht Schritt für Schritt alles einzelne erzählen, wie es jeden Tag sich begeben, denn das gäbe eine gar zu lange und vielleicht langweilige Geschichte; ich sage also nur, der Baron in seinem Käfig lernte in kurzer Zeit ganz artig spinnen und spinnend seines Unglücks uneingedenk werden. Die Zofe ließ ihm in reicher Fülle gute und leckere Speisen herbeibringen, wollte aber seinen öftern Versuchen, sich mit ihr in ein Gespräch einzulassen, niemals Genüge leisten. Herr Ulrich betrachtete in jener Zeit immer und immer wieder sein schönes Bildnis, dessen Schönheit und Farbe nicht dem mindesten Wechsel unterlag. Es hatten schon mehrere Hofleute wiederholt wahrgenommen, wie der böhmische Ritter tausendmal des Tages seine Börse öffnete, ein kleines Büchschen herauszog und dessen Inneres aufmerksam betrachtete, bis er es wieder sorgfältig verschloß und in den Geldbeutel steckte. Er wurde auch von manchen befragt, was es damit für eine Bewandtnis habe; er wollte aber die Wahrheit keinem Menschen verraten, und es war natürlich, daß in seinen Vermutungen ebensowenig einer sie erriet. Wer in aller Welt hätte auch an eine solche Hexerei denken sollen? Doch hätten nicht allein die andern, sondern selbst der König und die Königin sich gern das Rätsel erklären lassen, was denn der böhmische Ritter so aufmerksam und so oft betrachte; indessen schien es ihnen nicht geeignet, von ihm darüber wirklich Aufschluß zu begehren. Es waren bereits über sechs Wochen verflossen, seit Herr Albert vom Hofe abgereist war, um ein Burgbewohner und großer Spinner zu werden; und wie nun Herr Wladislaw sah, daß Herr Albert nicht, wie er es mit ihm verabredet hatte, ihn durch Gesandte und Botschaften von seinen Erfolgen benachrichtigte, so geriet er in Verlegenheit über das, was er tun sollte, und verfiel mit seinen Vermutungen auf das verschiedenste Zeug. Er meinte endlich, sein Genosse sei glücklich an das Ziel seines Unternehmens gelangt und habe bei der Frau den ersehnten Apfel gepflückt; dann sei er in das weite und tiefe Meer seiner Wonne versunken, habe die getroffene Abrede vergessen und denke nun nicht mehr daran, ihn hiervon zu benachrichtigen. Deshalb beschloß er, sich auf den Weg zu machen und gleichfalls sein Glück zu versuchen. Er zögerte nun nicht lange mit der Ausführung seines Gedankens, traf seine Vorbereitungen zu der Reise und machte sich mit zwei Dienern zu Pferde auf den Weg nach Böhmen; er reiste ununterbrochen jeden Tag weiter, bis er zu dem Schlosse kam, das die schöne und äußerst sittsame Frau bewohnte. Er stieg in dem Gasthause ab, in dem sich auch Herr Albert zuerst aufgehalten hatte, und indem er sich eifrig nach ihm erkundigte, erfuhr er, daß jener schon vorlängst wieder abgereist sei. Darob wunderte er sich gar sehr und wußte nicht, was er von der Sache halten solle. Er machte sich daher über den Verlauf der Angelegenheit manche, wenn auch nicht die rechten Gedanken und nahm sich endlich vor, das zu versuchen, weshalb er von Ungarn hergekommen war. Indem er nun der Aufführung der Frau nachforschte, vernahm er, was in der Gegend die allgemeine Sage und Annahme war, nämlich daß sie ohnegleichen anmutig, sittsam, liebenswürdig und durchaus keusch sei. Die Frau wurde alsbald von der Ankunft des Barons in Kenntnis gesetzt, und da sie den Grund wußte, weshalb er kam, beschloß sie, auch ihm mit der Münze zu zahlen, die er suche. Der ungarische Baron kam also am folgenden Tage auf das Schloß und ließ sagen, er wolle die Burgherrin, da er vom Hofe des Königs Matthias komme, besuchen und ihr seine Aufwartung machen. Er wurde dann vor ihr zugelassen und mit heiterer und freundlicher Miene empfangen. Man führte nun verschiedene Gespräche, und die Frau zeigte sich sehr zuvorkommend und, wie man sagt, als heitere Gesellschafterin, so daß Herr Wladislaw sich mit der Hoffnung schmeichelte, mit seinem Unternehmen bald zustande zu kommen. Doch wollte er bei diesem ersten Besuche nur im allgemeinen seinen Plan vorbereiten; er sprach nur überhaupt davon, daß er von dem Rufe ihrer Schönheit, Anmut, Liebenswürdigkeit und bezaubernden Sitte gehört, so daß, als ihn seine Geschäfte nach Böhmen geführt, er nicht habe weggehen können, ohne sie gesehen zu haben, und daß er viel mehr an ihr gefunden habe, als der Ruf verkünde. Nachdem er mit diesem ersten Angriff fertig war, kehrte er in seine Herberge zurück. Als sich der ungarische Baron vom Schlosse entfernt hatte, nahm sich die Frau vor, dem Herrn Wladislaw die Zeit nicht zu lange zu machen; denn sie war gegen die beiden Ungarn in ihrem Herzen heftig erbittert, da sie dachte, sie hätten sich doch gar zu anmaßend daherbegeben, um wie öffentliche Mörder ihr die Ehre zu rauben und zu beflecken und sie in beständige Ungnade zu setzen bei ihrem Gatten, ja in Lebensgefahr zu bringen. Sie ließ daher ein anderes Zimmer zurechtmachen, das an das seines Gefährten stieß, wo dieser spann; und als Herr Wladislaw wiederkam, fing sie an, ihm freundliche Blicke zuzuwerfen, so daß er auf den Gedanken kommen sollte, sie sei in ihn verliebt. Und so dauerte es nicht lange, bis auch er im Käfig saß und die bekannte Zofe ihm durch ein Loch in der Tür zu verstehen gab, wenn er leben wolle, so müsse er haspeln lernen; er solle in seinem Zimmer suchen, da werde er in einem Winkel eine Weise und mehrere Spulen Garn vorfinden: »Haltet Euch nur dran«, sagte sie, »und verliert ja keine Zeit!« Wer dem Baron in diesem Augenblicke ins Gesicht geschaut hätte, würde es viel mehr für das eines Marmorbilds als eines Menschen gehalten haben; gleich darauf aber bemächtigte sich seiner eine solche Wut, daß er gänzlich von Sinnen gekommen zu sein schien. Als er sodann einsah, daß ihm nichts übrigblieb als zu gehorchen, fing er, nachdem der erste Tag vorüber war, an zu haspeln. Als sie es so weit gebracht hatte, gab die Burgfrau die Diener des Herrn Albert frei und ließ sie gleichwie die des Herrn Wladislaw vor die Kerker ihrer Gebieter führen und zuschauen, wie sie sich ihr tägliches Brot verdienten. Dann ließ sie ihnen die Pferde und alles Mitgebrachte der Barone geben und verabschiedete die Diener, daß sie heimgingen. Andererseits schickte sie einen ihrer Leute an ihren Gatten, um diesem Kunde von dem Vorgefallenen zu geben. Nach dem Empfange so guter Zeitung machte der böhmische Ritter dem König und der Königin seine Aufwartung und erzählte in ihrer Gegenwart die ganze Geschichte der beiden ungarischen Barone, soweit er aus Briefen seiner Gattin davon gehört hatte. Der König und die Königin waren voll Verwunderung und priesen höchlich die kluge Vorsicht der Dame, die sie nicht nur für äußerst sittsam, sondern auch für weise und sehr listig erklärten. Herr Ulrich ermangelte nun aber nicht, auf Vollstreckung der feierlichen Übereinkunft anzutragen. Der König versammelte seinen geheimen Rat, in dem jeder seine Meinung abgeben mußte, und nach dessen einstimmigem Beschluß wurde der Großkanzler des Reichs mit zwei Räten nach dem Schlosse des böhmischen Ritters abgeordnet, um den Verlauf der Sache zu untersuchen und den beiden Baronen den Prozeß zu machen. Die Richter gingen hin und entledigten sich dieses Auftrags mit Eifer und Genauigkeit, verhörten die Burgfrau und die Zofe sowie einige andere Leute des Hauses und nach ihnen auch die Barone, die die Frau einige Tage zuvor hatte zusammenbringen lassen, damit sie durch Spinnen und Haspeln sich ihren Lebensunterhalt verdienten. Nachdem der Großkanzler den Prozeß eingeleitet hatte, kehrte er an den Hof zurück, wo der König Matthias nebst der Königin und den vornehmsten Baronen des Reichs, auch allen Räten, nach reiflicher Erwägung der Angelegenheit der ungarischen Barone und des böhmischen Ritters und nach vielem Streiten, wobei die Königin die Partei der Frau und den Böhmen in ihren Schutz nahm, – wo der König also sein Urteil dahin abgab, Herr Ulrich solle die sämtliche Habe und beweglichen Güter und Lehen der beiden Barone für sich und seine Erben beständig bekommen, jene Barone aber sollen aus den beiden Reichen Ungarn und Böhmen verbannt werden, bei Strafe, sooft sie zurückkehren, öffentlich von dem Henker durchgepeitscht zu werden. Der Urteilsspruch wurde vollzogen; der böhmische Ritter erhielt alles, und die zwei unglücklichen Ungarn wurden aus dem Reiche geführt und ihnen der gegen sie gefallene Urteilsspruch eröffnet, den freilich viele für allzuhart und streng hielten, namentlich die Freunde und Verwandten der beiden Barone. Da es jedoch den Bedingungen des Vertrags klärlich entsprach, wurde es von allen für gerecht angenommen, damit es für die Zukunft ein warnendes Beispiel sei für solche, die leichtsinnig und ohne Grund alle Frauen über einen Kamm scheren wollen, während doch die alltägliche Erfahrung das Gegenteil zeigt: denn es gibt unter den Weibern wie unter den Männern Geschöpfe von verschiedener Beschaffenheit. Der König und die Königin wünschten nun, daß die entschlossene Burgfrau an den Hof komme, wo sie von ihnen gütig aufgenommen und von allen mit unendlicher Verwunderung betrachtet wurde. Die Königin nahm sie zu ihrer Ehrendame an, warf ihr ein ansehnliches Gehalt aus und hielt sie jederzeit wert. Der Ritter aber gelangte zu immer größerem Reichtum und Ehren und lebte in der Gunst des Königs lange Zeit friedlich und ruhig mit seiner schönen Gemahlin, vergaß auch dabei nicht des Polen, der ihm das wunderbare Bildnis gefertigt hatte, und schickte ihm ein reiches Geschenk an Geld und andern Dingen. Viel Lärmen um nichts (Shakespeare, Viel Lärm um nichts) Im Jahre unseres Heils 1283 geschah es, daß die Sizilianer, welche die Herrschaft der Franzosen nicht länger dulden zu können glaubten, sie eines Tages in der Vesperzeit mit unerhörter Grausamkeit alle ermordeten, so viel ihrer auf der Insel waren; denn dazu hatten sie sich vorher auf der ganzen Insel verschworen. Und nicht bloß Männer und Weiber französischer Nation töteten sie, sondern auch alle sizilianischen Frauen, die man von einem Franzosen schwanger meinte, wurden an jenem Tage ermordet, und wenn es sich späterhin noch ergab, daß ein Weib von einem Franzosen geschwängert sei, war sie ohne Erbarmen des Todes. Daher entstand der klägliche Name der »sizilianischen Vesper«. Als König Peter von Aragon diese Nachricht vernahm, segelte er sogleich mit der Flotte aus und besetzte die Insel; denn der Papst Nikolaus III. hatte ihn dazu durch die Behauptung ermutigt, ihm als dem Gemahl Konstanzens, der Tochter König Manfreds, gebühre das Eigentum der Insel. König Peter hielt viele Tage mit königlicher Pracht in Palermo Hof und feierte den Erwerb der Insel durch die glänzendsten Feste. Als er hierauf Kunde erhielt, daß König Karl II., Sohn König Karls I., der das Königreich Neapel besaß, mit einer gewaltigen Flotte dahersegle, um ihn aus Sizilien zu verjagen, segelte er ihm mit seiner aus Kriegsschiffen und Galeeren bestehenden Flotte entgegen; und als sie zusammenstießen, gab es ein großes blutiges Gefecht, das viele Menschen mit dem Leben entgalten. Doch zuletzt schlug König Peter die Flotte König Karls und machte ihn selbst zum Gefangenen. Um aber künftig dem Kriegsgeschäft besser obliegen zu können, verlegte er den Aufenthalt der Königin und des Hofs nach Messina, weil diese Stadt Italien gegenüber liegt und von dort aus die Überfahrt nach Kalabrien weniger Zeit erfordert. Hier hielt er alsdann ein königliches Hofgelag, wobei um des erfochtenen Sieges willen alles voller Freude war und der ganze Tag mit Ritterspielen und Tänzen hingebracht wurde. Ein sehr angesehener Ritter und Edelmann, dem König Peter seiner persönlichen Verdienste wegen und weil er sich in den letzten Kriegen immer mannhaft gehalten hatte, in höchstem Grade geneigt war, verliebte sich bei dieser Gelegenheit auf das heftigste in ein Fräulein, die Tochter des Lionato de Lionati, eines Edelmanns aus Messina, die vor allen andern im Lande gebildet, anmutig und schön heißen mochte; und seine Leidenschaft wuchs bald zu solcher Stärke, daß er ohne ihren süßen Anblick weder leben konnte noch wollte. Der Name des Freiherrn war Herr Timbreo von Cardona, und das Mädchen hieß Fenicia. Er hatte von Kindheit auf dem König Peter immer zu Wasser und zu Lande gedient und war von ihm so reich belohnt worden, daß er außer bedeutenden Geschenken von dem König erst in den letzten Tagen die Grafschaft Collisano und andere Güter erhalten hatte, so daß sein Einkommen, das Gehalt, das er vom König bezog, ungerechnet, auf mehr als zwölftausend Dukaten angewachsen war. Herr Timbreo fing nun an, tagtäglich vor dem Hause des Mädchens vorüberzugehen, und schätzte sich an jedem Tage für selig, da er sie erblickt hatte. Fenicia, die, ihres zarten Alters ungeachtet, klug und verständig war, merkte ohne Schwierigkeit die Ursache des häufigen Vorübergehens des Ritters. Er stand in dem Rufe, ein Günstling des Königs zu sein und so viel wie wenige außer ihm am Hofe zu gelten, weshalb er denn von allen Seiten geehrt wurde. Fenicia hatte nicht allein dies gehört, sondern sah auch selbst, daß er immer so vornehm gekleidet war, eine stattliche Dienerschaft im Gefolge hatte, und außerdem, daß er ein sehr schöner und, wie es schien, wohlgesitteter junger Mann war, so daß auch sie ihrerseits begann, ihn freundlich anzusehen und ihm seine Ehrerbietung anständig zu erwidern. Die Leidenschaft des Ritters wuchs von Tag zu Tag; je öfter er sie sah, desto mächtiger fühlte er die Flamme um sich greifen; und als diese nie gekannte Glut in seinem Herzen zu solcher Stärke gediehen war, daß er vor Liebe zu dem schönen Kinde zu vergehen glaubte, beschloß er, jedes Mittel zu ergreifen, das ihn zu ihrem Besitze führen könne. Aber alles war vergebens; denn soviel Briefe, Boten und Gesandtschaften er ihr auch schickte, so erhielt er doch nie eine andere Antwort, als daß sie entschlossen sei, ihr Magdtum ihrem künftigen Gatten unverletzt zu überliefern. Dies verursachte dem armen Liebhaber großen Kummer, um so mehr, als sie sich niemals hatte bewegen lassen, Briefe oder Geschenke von ihm anzunehmen. Da er aber ihren Besitz um jeden Preis erkaufen wollte und wohl sah, daß bei ihrer Standhaftigkeit kein anderes Mittel sei, um sie zu bekommen, als sie zum Weibe zu nehmen, so entschloß er sich nach vielen innern Kämpfen doch zuletzt, bei ihrem Vater um ihre Hand anhalten zu lassen. Zwar glaubte er sich durch diesen Schritt sehr zu erniedrigen; doch da er wußte, daß sie von altem, gutadeligem Blute war, beschloß er, nicht zu zögern: so groß war die Liebe, die er zu dem Mädchen hegte. Als dieser Vorsatz zur Reife gediehen war, begab er sich zu einem messinischen Edelmann, mit dem er sehr vertraut war, erzählte ihm, was er im Sinne hatte, und trug ihm auf, was er bei Messer Lionato tun solle. Der Messiner ging hin und vollbrachte den Auftrag des Ritters, Herr Lionato kannte den Wert und das Ansehen des Herrn Timbreo zur Genüge und beriet sich daher über eine so gute Zeitung nicht erst lange mit Verwandten oder Freunden, sondern erteilte freudig die Antwort, es sei ihm sehr angenehm, daß der Ritter nicht verschmähe, seine Verwandtschaft zu suchen. Er eilte sofort nach Hause, wo er seiner Gattin und Fenicia mitteilte, welche Zusage er Herrn Timbreo gegeben hatte. Fenicia gefiel die Sache ungemein; sie dankte Gott demütig, daß er ihrer keuschen Liebe einen so rühmlichen Ausgang verleihe, und äußerte ihre Freude auch in ihrem Angesicht. Aber das Schicksal, das nie müde wird, fremdes Glück zu stören, erfand eine neue Art, die von beiden Seiten so sehr gewünschte Hochzeit zu verschieben. Hört nur, wie! Es hieß bald durch ganz Messina, Herr Timbreo Cardona werde in wenigen Tagen Fenicia, die Tochter des Herrn Lionato, heiraten, und alle Messiner waren über diese Nachricht erfreut, weil Herr Lionato ein allgemein beliebter Edelmann war, der niemand Schaden zufügte, sondern allen, so viel er konnte, gefällig war. Daher kam es, daß jedermann über diese Verbindung herzliches Vergnügen äußerte. Es lebte aber in Messina noch ein anderer junger Ritter von vornehmer Abkunft, namens Herr Girondo Olerio Valenziano, der sich auch in den letzten Feldzügen durch seine Tapferkeit sehr hervorgetan hatte, und der sodann einer der glänzendsten und freigebigsten Herren des Hofes geworden war. Diesen ergriff bei dieser Nachricht ein endloser Schmerz; denn erst kurz zuvor hatte er sich in Fenicias Schönheiten verliebt, und die Liebesflammen hatten seine Brust so gewaltig in Besitz genommen, daß er fest überzeugt war, sterben zu müssen, wenn er Fenicia nicht zum Weibe erhalte. Schon war er entschlossen, bei ihrem Vater um sie zu werben, als er vernahm, daß sie dem Timbreo zugesagt sei, worüber er vor Schmerz in Krämpfe zu fallen meinte; und da er kein Mittel fand, seinen Schmerz zu beschwichtigen, geriet er in solche Wut, daß er, von Liebe und Leidenschaft besiegt, die Stimme der Vernunft überhörte und sich zu einem Schritt hinreißen ließ, der nicht bloß einem Ritter und Edelmann, wie er war, sondern einem jeden zur Unehre gereicht hätte. Er war fast bei allen seinen Kriegsunternehmungen der Begleiter des Herrn Timbreo gewesen, und es bestand zwischen beiden eine brüderliche Freundschaft; diese Liebe aber hatten sie einander, was nun auch der Grund davon sein mochte, immer verborgen. Herr Girondo gedachte nun zwischen Herrn Timbreo und seiner Geliebten solche Zwietracht zu säen, daß darum die Vermählung rückgängig gemacht würde, in welchem Falle dann er die Braut vom Vater zu erbitten beabsichtigte und zu erhalten hoffte. Er zögerte nicht, diesen törichten Gedanken zur Ausführung zu bringen; und da er ein für seine zügellosen und verblendeten Gelüste passendes Werkzeug fand, so weihte er dasselbe eifrig in seine Anschläge ein. Der Mann, den Herr Girondo zu seinem Vertrauten und zum Diener seiner Bosheit auserkoren hatte, war ein junger Höfling von geringem Stande, der, nachdem er von allem gehörig unterrichtet worden war, am folgenden Morgen Herrn Timbreo besuchte, der noch nicht ausgegangen war und eben ganz allein in einem Garten seiner Wohnung lustwandelte. Der Jüngling trat in den Garten und ward von Herrn Timbreo, der ihn auf sich zukommen sah, höflich empfangen. Nach den herkömmlichen Begrüßungen sprach der junge Mann also zu Herrn Timbreo: »Mein Herr, ich komme so früh, um dir Dinge von größter Wichtigkeit mitzuteilen, die deine Ehre und deinen Vorteil berühren. Weil ich aber vielleicht etwas sagen könnte, was dich beleidigte, so bitte ich dich, mir zu verzeihen und mich wegen meiner Dienstfertigkeit zu entschuldigen und zu denken, daß ich in guter Absicht mich aufgemacht habe. Wenigstens weiß ich, wenn du noch der ehrliebende Ritter bist, der du vormals warst, daß meine Entdeckung dir nicht unnützlich sein wird. Zur Sache zu kommen, so hörte ich gestern, du seist mit Herrn Lionato de Lionati dahin einig geworden, daß du seine Tochter Fenicia zur Frau nehmest. Hab acht, mein Herr, was du tust, und bedenke deine Ehre! Ich kann dir sagen, daß ein mir befreundeter Edelmann zwei- bis dreimal wöchentlich zu ihr geht, um bei ihr zu schlafen, und sich ihrer Liebe erfreut. Heute abend wird er gleichfalls hingehen, und ich werde ihn auch wieder wie sonst dahin begleiten. Willst du mir nun dein Ehrenwort geben, weder mir noch meinem Freunde ein Leid zuzufügen, so werde ich es einleiten, daß du den Ort und alles sehen kannst. Noch muß ich hinzufügen, daß schon viele Monate mein Freund die Gunst dieser Schönen genießt. Die Verbindlichkeiten, die ich gegen dich habe, und die vielen Gefallen, die du mir schon zu erweisen die Güte gehabt hast, bestimmten mich, dir dies zu offenbaren. Du kannst nun tun, was dir am meisten rätlich dünkt. Mir genügt es, in dieser Angelegenheit dir einen Dienst geleistet zu haben, wie es meine Pflicht gegen dich erheischte.« Herr Timbreo war über diese Worte dermaßen bestürzt und außer sich, daß er nahe daran war, von Sinnen zu kommen. Er stand eine gute Weile, tausend Dinge bei sich erwägend, sprachlos da, und da der bittere und, wie er meinte, gerechte Groll in seinem Herzen mehr über ihn vermochte als seine treue, inbrünstige Liebe zu der schönen Fenicia, antwortete er dem Jüngling unter Seufzen: »Mein Freund, ich muß und kann nicht anders, als dir zu ewigem Danke verpflichtet sein, indem ich sehe, wie du für mich und meine Ehre so liebreich Sorge trägst, und gedenke dir eines Tags zu betätigen, wie sehr ich dir verbunden bin. Für jetzt sei dir nur mündlich der beste, innigste Dank gesagt, den ich aussprechen kann. Da du dich freiwillig erbietest, mich mit Augen sehen zu lassen, was ich mir nie hätte einbilden können, so ersuche ich dich bei der Menschenliebe, die dich bewogen hat, mich von dieser Sache in Kenntnis zu setzen, deinen Freund unbefangen zu begleiten, und ich verpfände dir mein Wort als königlicher Ritter, daß ich weder dir noch deinem Freund Schaden zufügen und deine Mitteilung überhaupt geheimhalten werde, damit dein Freund die Früchte dieser seiner Liebe ungestört genieße. Ich hätte von Anfang an mehr auf meiner Hut sein und die Augen recht auftun sollen, um die ganze Sache gründlich zu durchschauen.« Zuletzt sprach der Jüngling zu Timbreo: »Begebt Euch also, mein Herr, heute nacht um drei Uhr an das Haus des Herrn Lionato und stellt Euch in den verfallenen Gebäuden, die dem Garten des Herrn Lionato gegenüber liegen, auf die Lauer!« Nach diesen Ruinen sah die eine Fassade von Messer Lionatos Palast, worin sich ein alter Saal befand, an dessen bei Tag und bei Nacht offenstehenden Fenstern sich Fenicia zuweilen zeigte, weil sie von hier aus den schönen Garten besser überschauen konnte. Aber Messer Lionato wohnte auf der andern Seite; denn der Palast war alt und sehr groß, so daß er für den Hof eines Fürsten Raum gehabt hätte, wie viel mehr denn für das Gesinde eines Edelmanns. Nach getroffener Abrede beurlaubte sich der tückische junge Mann, begab sich wieder zu dem treulosen Girondo und erzählte ihm alles, was er mit Herrn Timbreo Cardona verabredet hatte. Hierüber freute sich Herr Girondo unmäßig, denn er sah seinen Anschlag aufs schönste gelingen. Zur verabredeten Stunde kleidete der Verräter Girondo einen seiner Diener, den er schon von seiner Rolle unterrichtet hatte, in vornehme Gewänder und durchbalsamte ihn mit den lieblichsten Wohlgerüchen. Der durchduftete Diener schloß sich nun an den Jüngling an, der mit Herrn Timbreo gesprochen hatte, und ein anderer folgte ihnen mit einer Leiter auf der Schulter. Wer vermöchte nun wohl den Seelenzustand des Herrn Timbreo treu zu schildern und die vielen und mannigfaltigen Gedanken, die ihm den ganzen Tag durch den Kopf gingen! Ich meinesteils bin überzeugt, daß ich mich vergeblich damit abmühen würde. Von dem Schleier der Eifersucht umnebelt, enthielt sich der leichtgläubige arme Ritter den Tag über aller oder doch fast aller Speise; und wer ihm ins Angesicht geschaut hätte, würde ihn eher für tot als für lebendig gehalten haben. Schon eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit verbarg er sich in dem alten Gemäuer dergestalt, daß er alles ganz gut sehen konnte, was in dessen Nähe vorging, obgleich es ihm unmöglich schien, daß sich Fenicia einem andern preisgegeben haben könne. Er sagte sich freilich, die Mädchen seien veränderlich, leichtfertig, unbeständig, empfindlich und lüstern nach allem Neuen; und indem er sie so bald verdammte, bald entschuldigte, hatte er auf jede Bewegung acht. Die Nacht war nicht sehr finster, aber äußerst still. Siehe, da vernahm er allmählich das Geräusch der Füße der Kommenden, er vernahm auch hin und wieder ein halbes Wörtchen. Gleich darauf sah er auch die drei Männer vorübergehen und unterschied darunter ganz deutlich den Jüngling, der ihn am Morgen gewarnt hatte; die zwei andern aber vermochte er nicht zu erkennen. Als die drei an ihm vorbeigingen, hörte er den Duftenden, der sich als den Liebhaber gekleidet hatte, zu dem Leiterträger sagen: »Stelle die Leiter nur behutsam ans Fenster, daß du keinen Lärm machst! Als wir das letztemal hier waren, sagte mir mein Fräulein Fenicia, du habest sie zu laut angerückt. Mache alles geschickt und ruhig!« Diese Worte, die Timbreo deutlich vernahm, gingen ihm wie ebensoviel scharfe Speerstiche ins Herz. Obgleich er allein war und keine andern Waffen trug als seinen Degen, während die Vorübergehenden außer den Degen zwei Lanzen bei sich trugen und vielleicht auch gewaffnet waren, so war doch die Eifersucht, die sein Herz verzehrte, so gewaltig, und der Unwille, der ihn ergriffen hatte, so groß, daß er nahe daran war, sein Versteck zu verlassen und in einem leidenschaftlichen Angriff auf die Vorübergehenden den vermeinten Buhlen Fenicias zu ermorden oder selbst den Tod davonzutragen, um auf einmal alle die Leiden zu beenden, die er zur überschwenglichen Qual elendiglich duldete. Weil er sich aber des gegebenen Versprechens entsann, schien es ihm der schändlichste Verrat, die anzugreifen, die sich auf sein Ehrenwort verließen. Voll Zorn, Groll, Wut und Grimm, die ihm das Herz verzehrten, beschloß er also, den Ausgang der Sache abzuwarten. Sobald die drei unter den Fenstern des Palastes des Herrn Lionato angekommen waren, setzten sie an dem beschriebenen Flügel die Leiter ganz leise an dem Balkon an, und der eine, der den Liebhaber vorstellte, stieg hinauf und sprang hinein, als wäre er gutes Empfanges gewiß. Als der trostlose Herr Timbreo das sah, hielt er es für ausgemacht, daß jener, der die Leiter erstiegen hatte, hingehe, um bei Fenicia zu schlafen, und von dem heftigsten Schmerz ergriffen, fühlte er sich einer Ohnmacht nahe. Aber sein, wie er glauben mußte, gerechter Unwille vermochte ihn, alle Eifersucht zu verbannen und die glühende reine Liebe, die er zu Fenicia trug, nicht allein in Kälte, sondern in grausamen Haß zu verwandeln. Er wollte nun die Rückkehr seines Nebenbuhlers aus seinem Versteck nicht mehr abwarten, sondern begab sich nach seiner Wohnung zurück. Der junge Mann, der ihn weggehen gesehen und genau erkannt hatte, dachte sich das von ihm, was in der Tat auch der Fall war. Er gab daher bald darauf ein gewisses verabredetes Zeichen, worauf der Diener die Leiter wieder herabstieg und alle drei nach der Wohnung des Herrn Girondo zurückgingen. Diesem gewährte die Erzählung von diesem Vorgange die äußerste Freude, denn schon träumte er sich im Besitz der schönen Fenicia. Herr Timbreo, der die übrige Nacht gar wenig geschlafen hatte, stand zu früher Stunde auf, ließ unverzüglich den Messiner Bürger zu sich kommen, durch dessen Vermittelung er um Fenicias Hand bei ihrem Vater angehalten hatte, und trug ihm sein gegenwärtiges Verlangen an ihn vor. Dieser, von dem Willen und der Gesinnung des Herrn Timbreo vollkommen unterrichtet, ging, wiewohl ungern, um die Zeit des Frühmahls zu Herrn Lionato, der in dem Saale auf und ab ging, bis das Frühstück vollends bereit wäre, und wo sich auch die unschuldige Fenicia befand, die in Gesellschaft ihrer beiden jüngern Schwestern und ihrer Mutter mit einer Seidenstickerei beschäftigt war. Als der Bürger zu ihnen kam, ward er von Lionato sehr artig empfangen und sprach: »Herr Lionato, ich habe einen Auftrag an Euch, an Eure Frau und an Fenicia vom Herrn Timbreo.« »Seid mir willkommen«, antwortete er; »und was ist es? Frau und du, Fenicia, kommt und vernehmt mit mir, was uns Herr Timbreo sagen läßt!« Hierauf fuhr der Bote folgendermaßen zu reden fort: »Man pflegt gemeinhin zu sagen, daß ein Botschafter für die Erfüllung seines Auftrags nicht leiden soll. Ich komme zu Euch im Auftrage eines andern, und es schmerzt mich unendlich, daß ich Euch etwas Unangenehmes zu hinterbringen habe. Herr Timbreo von Cardona läßt Euch, Herr Lionato, und Eurer Gattin sagen, daß Ihr Euch einen andern Eidam suchen möchtet, dieweil er nicht gedenkt, Euch zu Schwiegereltern zu nehmen, nicht etwa, weil er etwas gegen Euch habe, die er für treu und redlich halte und ansehe, sondern vielmehr, weil er mit seinen eigenen Augen von Fenicia gesehen, was er ihr nimmermehr zugetraut hätte. Darum läßt er Euch freie Wahl, Eure Angelegenheiten zu bedenken. Dir, Fenicia, läßt er sagen, daß die Liebe, die er zu dir getragen, den Dank nicht verdient habe, der ihm von dir geworden sei; du mögest dir einen andern Mann suchen, wie du dir einen andern Liebhaber erwählt hast, oder den nehmen, dem du dein Magdtum gegönnt; denn er verzichtet auf alle Gemeinschaft mit dir, nachdem du ihn eher zum Hahnrei als zum Gemahl gemacht hast.« Fenicia war halbtot vor Schrecken über diese bittere und schmähliche Botschaft; desgleichen Herr Lionato und seine Gattin. Bald aber kam dieser wieder zu Mut und Atem, der ihm vor Schreck fast ausgegangen war, und Herr Lionato sprach zu dem Boten: »Bruder, ich zweifelte immer gleich von Anfang, als Ihr mir von dieser Heirat spracht, daß es dem Herrn Timbreo rechter Ernst mit seinem Antrage sei; denn ich wußte und weiß wohl, daß ich ein armer Edelmann und nicht seinesgleichen bin. Nichtsdestoweniger denke ich, wenn es ihn reute, meine Tochter zur Frau zu nehmen, hätte es ihm genügen sollen, einfach frei heraus zu sagen, er wolle sie nicht, anstatt ihr, wie er gegenwärtig tut, den Schandfleck der Hurerei anzuhängen. Es ist allerdings wahr, daß in der Welt kein Ding unmöglich ist; aber ich weiß, wie ich meine Tochter erzogen habe, und welche Sitten ihr eigen sind. Gott der gerechte Richter wird, hoffe ich, eines Tages die Wahrheit an den Tag bringen.« Mit dieser Antwort entfernte sich der Bürger, und Herr Lionato blieb bei der Meinung, Herr Timbreo bereue es, diese Verbindung einzugehen, und halte jetzt dafür, er würde sich vielleicht allzusehr erniedrigen und gegen seine Vorfahren aus der Art schlagen. Herrn Lionatos Geschlecht war zwar vom ältesten und besten Adel in Messina und wurde hoch geehrt; aber sein Vermögen war nur das eines gewöhnlichen Edelmanns, obwohl die alte Erinnerung da war, daß seine Vorfahren viele Güter und Schlösser mit der ausgedehntesten Gerichtsbarkeit besaßen. Da nun der gute Vater von seiner Tochter nie das mindeste Unehrbare gesehen hatte, konnte er nicht anders glauben, als daß der Ritter angefangen habe, sich ihrer derzeitigen Armut und Einschränkung zu schämen. Fenicia auf der andern Seite, der aus übermäßigem Leid und aus Herzensangst unwohl geworden war, da sie sich so höchst ungerecht beschuldigen hörte, kam als ein zartes und weichliches Kind, das nicht an die Schläge des Unglücks gewöhnt war, ganz außer sich und würde sich lieber tot als lebendig gesehen haben. Von heftigem und durchdringendem Schmerz erfaßt, sank sie ohnmächtig zu Boden, verlor plötzlich ihre natürliche Farbe und glich viel mehr einem Marmorstandbild als einem lebenden Wesen; daher wurde sie mühsam auf ein Bett getragen, und daselbst wurden mit warmen Tüchern und andern Heilmitteln nach kurzem ihre erschöpften Lebensgeister wieder zurückgerufen. Da man nach den Ärzten geschickt hatte, verbreitete sich das Gerücht durch Messina, wie Fenicia, die Tochter des Herrn Lionato, so schwer erkrankt sei, daß man für ihr Leben fürchte. Auf diese Nachricht kamen viele verwandte und befreundete Edelfrauen, die jammernde Fenicia zu besuchen, welche sich, da sie den Grund ihres Übels erfuhren, alle Mühe gaben, sie, so gut sie konnten, zu trösten. Und wie es unter so vielen Frauen zu geschehen pflegt, besprachen sie den beklagenswerten Vorfall nach allen Seiten hin ausführlich; aber alle stimmten darin überein, den Herrn Timbreo mit dem bittersten Tadel zu belegen. Die meisten saßen im Kreise um das Bett des kranken Fräuleins, als Fenicia, die alles, was gesagt worden war, wohl verstanden hatte, wieder ein wenig Atem schöpfte, und da sie sah, daß fast alle aus Mitleid mit ihr weinten, sie mit schwacher Stimme bat, sämtlich zu schweigen. Darauf sprach sie wie verschmachtend also: »Verehrte Mütter und Schwestern, trocknet nunmehr die Tränen, dieweil sie euch nichts frommen und mir nur meinen Schmerz erneuern, ohne in der Sache etwas zu bessern. So ist es nun der Wille unseres Herrgotts, und ich muß mich in Geduld darein fügen. Das herbe Leid, das ich fühle, und das mir allmählich den Faden meines Lebens zernagt, rührt nicht daher, daß ich verschmäht wurde, wie unendlich schmerzlich mir dies auch ist; sondern die Art und Weise, wie dies geschehen, ist es, was mich in tiefster Seele krankt und mich hilflos darniederwirft. Herr Timbreo konnte frei heraus sagen, er wolle mich nicht zur Gattin, und alles war gut; bei der Art aber, mit der er mich verstieß, weiß ich, daß ich bei allen Messinern ewige Schmach auf mich geladen habe wegen einer Sünde, die ich niemals, geschweige beging, nein, an deren Begehen ich nicht einmal je dachte; dessenungeachtet wird man immer auf mich als eine Metze mit Fingern weisen. Ich habe immer eingestanden und gestehe von neuem, daß mein Rang dem eines solchen Ritters und Freiherrn, wie Herr Timbreo, nicht gleichkommt, und daß auf eine so hohe Heirat Anspruch zu machen das geringe Vermögen der Meinigen mich nicht berechtigt. Was aber den Adel und das Alter des Geblüts betrifft, so kennt man die Lionati als eines der ältesten und edelsten Geschlechter dieser Insel, indem wir von einer sehr edeln römischen Familie abstammen, die schon vor der Menschwerdung unseres Herrn Jesu Christi bestand, wie man durch sehr alte Urkunden beweisen kann. Ich sage nun zwar, daß ich um meiner Armut willen eines solchen Ritters unwürdig bin; aber ich sage auch, daß er mich auf die unwürdigste Weise verschmäht hat: denn es ist höchst klar, daß ich nie daran gedacht habe, einem andern das zu geben, was dem Gatten aufbewahrt werden soll. Gott weiß, daß ich die Wahrheit sage, und sein heiliger Name sei gepriesen und gefeiert! Wer weiß, ob nicht der Allerhöchste durch dieses Mittel mich zu erlösen gedenkt? Denn vielleicht hätte ich durch eine so vornehme Vermählung mich in Stolz erhoben, wäre hochmütig geworden, hätte diesen und jenen verachtet und vielleicht Gottes Güte gegen mich weniger erkannt. Möge darum Gott mit mir tun, was ihm gefällt, und mir verleihen, daß diese meine Trübsal zu meinem Seelenheil gereiche! Ich bete zu ihm inbrünstig, daß er dem Herrn Timbreo die Augen öffne, nicht damit er mich wieder als seine Braut annehme, – denn ich fühle mehr und mehr mich dem Tode nahe –, sondern damit er, der auf meine Treue wenig gibt, mit aller Welt erkenne, daß ich niemals die Torheit und den schmählichen Fehltritt begangen habe, dessen man mich ohne allen Grund zeiht, damit, wenn ich auch mit diesem Schandfleck sterbe, ich doch in einiger Zeit gerechtfertigt erscheine. Möge er sich einer andern Frau erfreuen, der Gott ihn bestimmt hat, und lange in Frieden mit ihr leben! Mir werden in wenigen Stunden ein paar Fuß Erde genügen. Mein Vater und meine Mutter und alle unsere Verwandte und Freunde mögen in diesem Unglück sich wenigstens dies zu einigem Trost gereichen lassen, daß ich der Schande völlig unschuldig bin, die man mir aufgebürdet, und mein Wort zum Pfande nehmen, das ich ihnen gebe, wie es einer gehorsamen Tochter Pflicht ist; denn ein besseres Zeugnis oder Pfand kann ich für jetzt in aller Welt nicht bieten. Mein Trost ist, daß ich vor dem gerechten Richterstuhl Christi dereinst von dieser Schande werde freigesprochen werden. Und somit befehle ich dem, der sie mir gab, meine Seele, die, diesen irdischen Kerker zu verlassen begierig, den Weg zu ihm antritt.« Bei diesen Worten nahm die Gewalt des Schmerzes, der ihr Herz beklemmte, überhand und drängte sie so sehr, daß sie bei dem Versuche, ich weiß nicht was noch hinzuzufügen, anfing die Sprache zu verlieren und nur halbe Worte stammelte, die niemand verstand. Zugleich übergoß ein kalter Schweiß alle ihre Glieder, so daß sie mit gefalteten Händen wie tot zurücksank. Die noch anwesenden Ärzte vermochten wider diesen heftigen Anfall durchaus keine Hilfe zu leihen, verließen sie endlich für tot und entfernten sich mit der Erklärung, die Heftigkeit ihres Schmerzes sei so groß gewesen, daß er ihr das Herz abgedrückt habe. Bald darauf war Fenicia in den Armen ihrer Freundinnen und Eltern kalt geworden, ihr Puls stand still, und alle hielten sie für tot. Man ließ einen der Ärzte zurückkommen, und er erklärte, als er keinen Puls mehr verspürte, sie sei tot. Wie viele herzbrechende Klagen, wie viele Tränen, wie viele jammervolle Seufzer nun um sie ausgestoßen wurden, das lasse ich euch bedenken, mitleidige Frauen! Der arme weinende Vater, die trostlose sich das Haar zerraufende Mutter hätten Steinen Tränen entlocken können. Alle anderen Frauen sowie alle Anwesenden überhaupt erhoben ein erbärmliches Geschrei. Schon waren fünf bis sechs Stunden seit dem Tode verflossen, und nun ordnete man das Begräbnis auf den folgenden Tag an. Die Menge der Frauen hatte sich verlaufen, und die Mutter, mehr tot als lebendig, behielt nur eine Schwägerin, die Frau eines Bruders des Herrn Lionato, bei sich. Sie waren nun beide allein und wollten sonst niemand bei sich, ließen Wasser ans Feuer stellen, schlossen sich in dem Zimmer ein, entkleideten Fenicia und fingen an, sie mit warmem Wasser zu waschen. Schon seit etwa sieben Stunden hatten die erschöpften Lebensgeister Fenicias gestockt, als die erkalteten Glieder bei dem Waschen mit warmem Wasser zu ihren Verrichtungen zurückkehrten und das Mädchen deutliche Lebenszeichen von sich zu geben und selbst die Augen ein wenig zu öffnen begann. Die Mutter und die Schwägerin waren nahe daran, laut aufzuschreien; aber doch ermutigten sie sich, legten ihr die Hand an ihr Herz und spürten darin einige Bewegung. Darum zweifelten sie nicht länger, daß das Kind lebe. Mit warmen Gewändern und andern Reizmitteln, die sie ohne Geräusch beibrachten, bewirkten sie es endlich, daß Fenicia fast ganz zum Bewußtsein zurückkehrte, die Augen völlig aufschlug und nach einem schweren Seufzer begann: »Weh mir, wo bin ich?« »Siehst du nicht«, sagte die Mutter, »daß du bei mir bist und bei deiner Muhme? Du hattest eine so heftige Ohnmacht, daß wir dich für tot hielten; aber Gott sei gelobt, daß du am Leben bist!« »Ach, wie viel besser«, antwortete Fenicia, »wäre es, wenn ich wirklich gestorben und so vielem Jammer entgangen wäre!« »Mein liebes Kind«, sagte die Mutter und die Muhme, »schicke dich ins Leben, da es Gottes Wille ist! Es wird noch alles gut werden.« Die Mutter suchte die Freude, die sie empfand, zu verbergen, öffnete ein wenig die Tür des Gemachs und ließ Herrn Lionato rufen, der sogleich herbeikam. Ob er sich freute, die Tochter ins Leben zurückgekehrt zu sehen, ist keine Frage. Sie trafen nun mancherlei Verabredungen, und Messer Lionato bestimmte zuerst, daß niemand von diesem Ereignisse etwas erfahren dürfe, da er beschlossen hatte, die Tochter aus Messina weg auf das Landgut seines Bruders zu schicken, dessen Gattin hier anwesend war. Hierauf suchte er das Kind durch kräftige Speisen und köstliche Weine zu erquicken, durch deren Genuß sie ihre frühere Stärke und Schönheit wieder erlangte; dann ließ er seinen Bruder rufen und unterrichtete ihn ausführlich von seinem Vorhaben. Die Verabredung, die sie trafen, war folgende: Messer Girolamo (so hieß der Bruder des Messer Lionato) führte in der folgenden Nacht Fenicia in sein Haus und hielt sie hier in Gesellschaft seiner Gattin auf das strengste verborgen. Auf dem Landgute wurde sodann alles bereitet, was zu ihrem Empfange nötig war, und eines Morgens in der Frühe schickte er seine Frau mit Fenicia und einer seiner Töchter und einer Schwester Fenicias, die dreizehn bis vierzehn Jahre alt war, voraus. Fenicia war sechzehnjährig. Dies geschah, damit Fenicia, wenn sie größer würde und, wie es mit der Zeit geschieht, auch die Gesichtsbildung veränderte, in zwei bis drei Jahren unter einem andern Namen verheiratet werden könnte. An dem Tage nach jenem Vorfalle, als das Gerücht von Fenicias Tode sich durch ganz Messina verbreitet hatte, ließ Messer Lionato ihr standesgemäß Exequien halten und einen Sarg bereiten, in dem er, ohne daß es jemand bemerkte (denn die Mutter Fenicias schien es nicht zugeben zu wollen, daß sich ein Dritter damit beschwere), ich weiß selbst nicht was einhüllte; sodann wurde der Sarg verschlossen, vernagelt und verpicht, so daß jeder des festen Glaubens war, daß Fenicias Leiche sich darin befinde. Am Abend aber begleitete Messer Lionato, mit allen seinen Verwandten, in schwarzer Kleidung den Sarg zur Kirche, und Vater und Mutter bezeugten ein so übermäßiges Leidwesen, als ob sie wirklich ihre Tochter zu Grabe gebracht hätten. Der Vorfall erregte allgemeines Mitleid, da die Ursache des Todes bald ruchbar wurde, und so hielten alle Messiner dafür, daß der Ritter jene Fabel erdichtet habe. Der Sarg wurde daher beigesetzt unter allgemeinem Bedauern der ganzen Stadt; über dem Sarg wurde ein Einsatz von Steinen gemacht und darauf das Wappen der Lionati gemalt. Messer Lionato ließ darauf folgende Inschrift setzen: Fenicia hieß mein Nam'; unwürdig ward Als Braut ich einem Rohen überwiesen, Den die Verbindung mußte bald verdrießen: Drum zieh er eines Fehls mich schwer und hart. Als Jungfrau war ich rein und keusch bewahrt Und sah unbillig mich in Kot gerissen: Eh'r starb ich, als daß mich die Leute wiesen Mit Fingern, ach, nach feiler Dirnen Art. Kein Eisen brauchte ich zu meinem Tod: Der herbe Schmerz war kräft'ger als der Stahl, Als ich vernahm den unverdienten Spott. Im Sterben noch fleht' ich, daß doch einmal Der Welt den Trug enthüllen möge Gott, Da meine Treu' mißachtet der Gemahl. Als die tränenreiche Leichenfeier beendigt war, sprach man allenthalben über die Ursache von Fenicias Tod; man erschöpfte den Gegenstand von allen Seiten, aber insgemein stimmte man darin überein, daß man dem kläglichen Tode Mitleid zollte, da die Beschuldigung für erdichtet gehalten wurde. Herr Timbreo fing an, in den bittersten Schmerz zu versinken und eine gewisse Beklemmung des Herzens zu fühlen, die ihn selbst so sehr befremdete, daß er nicht wußte, was er denken sollte. Dennoch meinte er keinen Tadel zu verdienen, da er einen Menschen die Leiter habe besteigen und ins Haus schlüpfen sehen. Aber bei besonnenerem Nachdenken über das Gesehene und da sein Unwille sich etwas abgekühlt und die Vernunft ihm die Augen geöffnet hätte, mußte er sich sagen, daß jener vielleicht auch um einer andern Frau willen, oder um zu rauben, dort eingestiegen sein könne. Auch fiel ihm ein, daß Messer Lionatos Haus sehr groß und jener Flügel, wo der Unbekannte eingestiegen, unbewohnt sei, daß überdies Fenicia, die mit ihren Schwestern hinter dem Gemach ihres Vaters und dem ihrer Mutter schlief, in jenen Flügel nicht kommen konnte, ohne durch das Schlafzimmer ihres Vaters zu gehen; und so von seinen Gedanken bestürmt und gequält, wußte er nirgend Ruhe zu finden. Auch dem Herrn Girondo, dem bei der Nachricht von Fenicias Tod das Gewissen sagte, daß er ihr Henker und Mörder sei, wollte das Herz im Übermaße des Schmerzes zerspringen, teils weil er sie in der Tat heftig geliebt, teils weil er die wahre Veranlassung zu so traurigem Ereignisse gegeben hatte. Mehr als einmal war er in dieser Verzweiflung nahe daran, sich den Dolch in die Brust zu bohren. Er konnte nicht essen noch schlafen; wie ein Besessener, Betörter ging er umher, fuhr dann plötzlich wie aus dem Traume empor und konnte nicht Ruhe noch Rast finden. Am siebenten Tage nach der Bestattung Fenicias glaubte er endlich nicht länger leben zu können, wenn er dem Timbreo die Schandtat nicht entdeckte, die er begangen hatte. Er begab sich also gegen die Mittagsstunde nach dem Palaste des Königs und begegnete dem Herrn Timbreo, der eben vom Hofe weg nach Hause ging. Herr Girondo redete ihn also an: »Herr Timbreo, wenn es Euch nicht beschwerlich ist, so erzeigt mir den Gefallen, mit mir zu kommen!« Dieser, der den Herrn Girondo als seinen Waffenbruder liebte, begleitete ihn, über dies und jenes sprechend, und nach wenigen Schritten kamen sie zu der Kirche, in der Fenicias Grab befindlich war. Daselbst verbot am Eingange Herr Girondo seinen Dienern, ihm weiter in die Kirche zu folgen, und ersuchte Herrn Timbreo, auch die seinigen zurückzulassen. Dieser gab sogleich dazu Befehl, und nun gingen beide zusammen allein in die Kirche, in der niemand, war, und Herr Girondo führte seinen Begleiter nach Fenicias Grabkapelle. Als sie darin waren, kniete Herr Girondo vor der Gruft nieder, zog einen Dolch, den er an seiner Seite trug, und gab ihn entblößt Herrn Timbreo in die Hand, der voller Verwunderung erwartete, was daraus werden solle, und noch gar nicht wahrgenommen hatte, vor wessen Grab sein Begleiter niedergekniet war. Daraufsprach Herr Girondo weinend und schluchzend solchergestalt zu Herrn Timbreo: »Großherziger, edler Ritter, ich habe dich zwar nach meinem Dafürhalten tödlich beleidigt, aber ich bin nicht hierher gekommen, um dich um Vergebung zu bitten, da mein Verbrechen der Art ist, daß es keine Vergebung verdient; wenn du aber deiner Ehre würdig handeln, eine ritterliche Tat vollbringen, ein Gott und der Welt wohlgefälliges Werk verrichten willst, so stoß den Dolch, den du in der Hand hast, in diese ruchlose, verbrecherische Brust und bring der geweihten Asche der unschuldigen und unglücklichen Fenicia mein lasterhaftes, verabscheuungswürdiges Blut zum Opfer: denn in diesem Gewölbe ward sie vor wenigen Tagen begraben, und ich allein war der boshafte Urheber ihres frühen unverschuldeten Todes. Und bist du mitleidiger gegen mich als ich selbst und versagst mir diese Bitte, so werde ich selbst mit eigener Hand Rache an mir vollziehen und meinem Leben ein Ende machen. Sofern du aber noch der edle großherzige Ritter bist, der du immer gewesen, der nie den leisesten Schatten eines Fleckens auf seiner Ehre duldete, so wirst du für dich und zugleich für die unglückliche Fenicia die gebührende Rache nehmen.« Als der Herr Timbreo hörte, daß der Leichnam der schönen Fenicia hier versenkt sei, und die Worte des Herrn Girondo vernahm, geriet er außer sich und wußte nicht, was er von der Sache zu denken habe. Von unbekannten Gefühlen ergriffen, hub er bitterlich zu weinen an und bat den Herrn Girondo, aufzustehen und ihm den Zusammenhang zu erklären. Zugleich schleuderte er den Dolch weit von sich. Herr Girondo verstand sich endlich dazu, sich von den Knieen zu erheben, und erwiderte unter häufigen Tränen folgendes: »Du mußt wissen, Herr, daß Fenicia auf das feurigste und zwar in so hohem Grade von mir geliebt wurde, daß, wenn ich hundert Menschenalter litte, ich nie Hilfe noch Trost zu finden hoffe, weil meine Liebe dem unseligen Mädchen den bittersten Tod bereitet hat. Denn als ich die Gewißheit erlangt hatte, von ihr nie einen freundlichen Blick noch den geringsten Wink, der mit meinen Wünschen übereinstimmte, zu erhalten, da ich hörte, daß sie dir zur Gemahlin beschieden sei, ließ ich mich von meinem zügellosen Verlangen genugsam verblenden, mir einzubilden, wenn ich nur Mittel und Wege auffände, ihre Verbindung mit dir rückgängig zu machen, so würde sie ihr Vater auf meine Bewerbung leichten Kaufs mir selber zugestehen. Meine inbrünstige Liebe wußte keinen andern Rat, und ohne also etwas weiteres zu bedenken, erfand ich den verwegensten Anschlag von der Welt und ließ dich betrügerischerweise in jener Nacht in einem meiner Diener einen in ihr Haus einsteigenden Liebhaber sehen. Ebenso war auch derjenige, der zu dir kam und dir anzeigte, daß Fenicia ihre Liebe einem Dritten zugewandt habe, durchaus von mir unterrichtet und bestochen, dir jene Nachricht zu bringen. Dies vermochte dich am folgenden Tage, Fenicia zu verschmähen. Die Unglückliche grämte sich darüber zu Tode, und hier ist ihr Grab. Ich war ihr Mörder, ihr Henker, ihr grausamer Würger, und für diese Unbill gegen dich und gegen sie beschwöre ich dich mit gekreuzten Armen... (Hier warf er sich von neuem vor ihm auf die Knie), die meiner Schandtat würdige Rache an mir zu nehmen; denn das Bewußtsein, so viele Greuel veranlaßt zu haben, macht mir das Leben zur unerträglichsten Last.« Als Herr Timbreo diese Worte vernahm, weinte er bitterlich; doch sah er wohl ein, daß der begangene Fehler nicht ungeschehen zu machen sei, da Fenicia tot sei und niemand sie ins Leben zurückrufen könne. Er beschloß darum, sich an Girondo nicht zu vergreifen, sondern ihm alle seine Schuld zu verzeihen und nur daran zu denken, wie Fenicias Ruf wiederherzustellen und ihre Ehre von den Flecken zu reinigen sei, die sie so ungerechterweise betroffen hatten. Er bat also Girondo aufzustehen und sprach zu ihm nach vielen heißen Seufzern und bittern Tränen also: »Wie viel besser wäre es für mich, mein Bruder, wenn ich nie geboren oder doch taub zur Welt gekommen wäre, daß ich so Schreckliches, Herzzerreißendes nie gehört hätte; denn nun kann ich nie wieder froh werden, weil ich mir sagen muß, daß meine Leichtgläubigkeit diejenige ermordet hat, deren Liebe, deren seltene Tugenden und bewundernswürdige Gaben wohl einen andern Lohn von mir verdient hätten als Schimpf, Verleumdung und frühzeitigen Tod. Gott, gegen dessen Willen sich kein Blatt auf dem Baume regt, hat es freilich also zugelassen, und da vergangene Dinge leichter zu tadeln als besserzumachen sind, so will ich keine weitere Rache an dir nehmen; denn wenn ich so Freund über Freund verlöre, so hieße das nur Schmerz auf Schmerz häufen, und bei alledem würde ja doch Fenicias seliger Geist nicht in ihren engelkeuschen Körper zurückkehren, der seinen Lauf vollendet hat. Nur über eines will ich dich tadeln, damit du nicht wieder in einen ähnlichen Fehler verfällst, und das ist, daß du mir nicht deine Liebe entdeckt hast, da du wußtest, daß ich in sie verliebt war und nichts von dir wußte; denn statt sie von ihrem Vater zu begehren, wäre ich in diesem Liebesunternehmen dir gerne gewichen, und wie großherzige und edle Geister tun, hätte ich mich selbst überwunden und eher auf unsere Freundschaft als auf meine Begierde gehört; vielleicht auch hättest du, nachdem du meine Gründe vernommen, von dem Unternehmen Abstand genommen, und es wäre nicht das entsetzliche Ereignis daraus entsprungen wie jetzt. Doch jetzt ist es geschehen, und nichts auf der Welt kann es ungeschehen machen. Darum wünsche ich, daß du mir den Gefallen erzeigtest, zu tun, was ich dir sagen werde.« »Befiehl mir, mein Gebieter«, sagte der Herr Girondo, »ich werde dir ganz ohne Ausnahme Folge leisten.« »Ich wünsche«, fuhr Herr Timbreo fort, »daß wir es unsere erste Sorge sein ließen, Fenicia, die wir so ungerecht gelästert haben, ihre Ehre und ihren unbescholtenen Ruf wiederzugeben, zuerst bei ihren trostlosen Verwandten und dann bei allen Messinern; denn da das Gerücht verbreitet hat, was ich ihr sagen ließ, so könnte leicht die ganze Stadt glauben, sie sei eine feile Dirne. Täten wir dies nicht, so müßte ich ewig ihren erzürnten Schatten vor mir zu sehen glauben, der zu Gott wider mich um Rache riefe.« Girondo antwortete ihm alsbald und immer unter Tränen: »Du hast zu befehlen, mein Gebieter,–ich gehorche. Erst war ich dir durch Freundschaft verbunden, jetzt bin ich es durch die Unbilden, die ich dir zugefügt habe, und da du als allzu großmütiger und edler Ritter mir treulosem, gemeinem Manne so hochherzig verziehen hast, bleibe ich ewig dein Diener und Sklave.« Nach diesem Gespräche knieten beide bitterlich weinend vor dem Grabe nieder und baten Fenicia und Gott mit demütig gekreuzten Armen um Verzeihung, der eine für die begangene Schandtat, der andere für die allzu große Leichtgläubigkeit. Sodann trockneten sie sich die Augen, und Herr Timbreo wünschte, daß Herr Girondo mit ihm nach dem Hause des Messer Lionato gehe. Sie gingen daher miteinander in das Haus und fanden Messer Lionato, der soeben mit einigen seiner Verwandten zu Mittag gegessen hatte, von der Tafel aufstehend; als er hörte, daß die beiden Ritter mit ihm sprechen wollten, ging er ihnen voll Verwunderung entgegen und hieß sie willkommen. Die beiden Ritter sahen Messer Lionato und seine Gattin in schwarzen Kleidern; sie fingen bei dieser grausen Erinnerung an Felicias Tod an zu weinen und konnten kaum zu Worte kommen. Es wurden ihnen nun zwei Stühle gereicht; die setzten sich zusammen nieder, und nach einigen Seufzern und tiefen Atemzügen erzählte Herr Timbreo vor allen Anwesenden die klägliche Geschichte, die den bittern und frühzeitigen Tod Fenicias, wie er meinte, veranlaßt hatte; dann warf er sich mit Herrn Girondo auf die Kniee und bat ihre Eltern um Vergebung für dieses Verbrechen. Messer Lionato weinte vor Rührung und Freude, umarmte sie beide liebevoll, verzieh ihnen alle Schuld und dankte Gott, daß er die Unschuld seiner Tochter ans Licht gebracht habe. Nach mancherlei Gesprächen wandte sich Herr Timbreo zu Messer Lionato und sagte zu ihm: »Herr Vater, da das Unglück meinen heißen Wunsch, Euer Eidam zu werden, vereitelt hat, so bitte und beschwöre ich Euch, so dringend ich kann, über mich und das Meinige zu verfügen, als wäre ich wirklich Euer Schwiegersohn geworden: denn ich werde Euch ewig die Ehrerbietung und den Gehorsam erzeigen, den ein liebevoller Sohn dem Vater schuldig ist. Würdigt mich Eurer Befehle, und Ihr werdet finden, daß meine Handlungen meinen Worten entsprechen; denn wahrlich, ich weiß in der Welt nichts, und wäre es auch noch so schwer, das ich um Euretwillen nicht tun wollte.« Mit liebreichen Worten dankte der gute Alte dem Herrn Timbreo und sagte endlich: »Da Ihr mir aus gutem Herzen ein so uneigennütziges Anerbieten macht und der Himmel mich Eurer Verwandtschaft nicht für würdig hält, so wage ich es, eine Bitte an Euch zu richten, die ihr mir leicht gewähren könnt. Bei dem Edelmute, der Euch beseelt, und bei aller der Liebe, die Ihr je zu der armen Fenicia trugt, bitte ich Euch nämlich, wenn Ihr Euch dereinst vermählen wollt, mir es gefälligst anzuzeigen, und wenn ich Euch dann eine Gattin gebe, die Euch ansteht, sie aus meinen Händen zu nehmen.« Herr Timbreo hielt dafür, daß der bedauernswürdige Greis in Ansehung seines schweren Verlustes hiermit doch nur eine äußerst geringe Entschädigung anspreche, reichte ihm die Hand und entgegnete, ihn auf den Mund küssend, folgendes: »Herr Vater, Ihr verlangt so gar wenig von mir, daß ich mich Euch nur desto mehr verpflichtet fühle. Und um Euch meine Dankbarkeit zu betätigen, will ich nicht nur nie ohne Euer Vorwissen eine Frau nehmen, sondern sogar keiner andern mich vermählen als derjenigen, die Ihr mir empfehlt und zuführt. Dies verspreche ich Euch angesichts aller dieser edeln Herren.« Herr Girondo brachte bei Messer Lionato auch seine guten Worte an und stellte sich unbedingt zu seiner Verfügung. Hierauf gingen die beiden Ritter zu Tisch; die Kunde von dem Vorfall aber verbreitete sich alsbald durch Messina, und es wurde jedermann klar, daß Fenicia unverdientermaßen beschuldigt worden war. An demselben Tage noch wurde Fenicia von ihrem Vater durch einen ausdrücklich abgesandten Boten von allem Geschehenen benachrichtigt. Sie war darüber im höchsten Grade erfreut und dankte Gott mit frommem Herzen für ihre wiedererlangte Ehre. Etwa seit einem Jahre befand sich jetzt Fenicia auf dem Landgute, wo man sie so geheim gehalten hatte, daß niemand ahnen konnte, daß sie noch lebe. Inzwischen hatte Herr Timbreo in dem vertrautesten Verhältnis zu Messer Lionato gelebt, und dieser unterrichtete nun Fenicia von seinem Vorhaben und bereitete in der Stille alles vor, was zu dessen Ausführung gehörte. Fenicia war unterdessen über allen Glauben schön geworden; sie hatte eben ihr siebzehntes Jahr erreicht und war so groß geworden, daß sie niemand mehr für Fenicia erkannt hätte, um so mehr, als man diese schon tot glaubte. Ihre Schwester, die ihr Gesellschaft leistete, war jetzt etwa fünfzehn Jahre alt und hieß Belfiore; auch glich sie in der Tat der schönsten Blume und gab an Reizen ihrer ältern Schwester wenig nach. Dieser Umstände versah sich Messer Lionato, der die beiden Jungfrauen häufig besuchte, und er beschloß dann seinen Gedanken unverzüglich ins Werk zu richten. Als er eines Tages mit den beiden Rittern zusammen war, sagte er nämlich lächelnd zu Herrn Timbreo: »Es ist jetzt die Zeit gekommen, Herr, daß ich Euch der Verpflichtung, die Ihr gegen mich einzugehen die Gewogenheit hattet, entledige. Ich bin der Meinung, Euch zu Eurer Gattin eine schöne und anmutige Jungfrau ausgefunden zu haben, die Euch meiner Ansicht nach, wenn Ihr sie gesehen habt, gewiß befriedigen wird. Und wenn Ihr auch weniger Liebe für sie empfändet als einst für Fenicia, so kann ich Euch jedenfalls versichern, daß sie nicht minder schön, edel und anmutig ist als diese. Sie ist mit andern weiblichen Gaben und anmutigen Sitten Gott sei Dank in Fülle versehen und geschmückt. Ihr sollt sie sehen und sodann immer noch ihretwegen tun und lassen können, was Euch beliebt. Sonntag morgen komme ich mit einer Begleitung aus meinen Verwandten und Freunden zu Euch: Haltet Euch mit Herrn Girondo bereit, denn wir müssen auf ein etwa drei Meilen von Messina entferntes Landgut gehen. Dort hören wir die Messe; dann besuchen wir das Mädchen, von dem ich Euch gesagt habe, und wir speisen darauf miteinander zu Mittag.« Herr Timbreo nahm die Einladung und die Verabredung an und bereitete sich am nächsten Sonntag in der Frühe mit Herrn Girondo, um über Land zu reiten. Und siehe, da kam Messer Lionato mit einer Schar von Edelleuten, nachdem er auf dem Landgute bereits alles Notwendige anständig hatte rüsten lassen. Sobald Herr Timbreo von der Ankunft des Messer Lionato benachrichtigt war, stieg er mit Herrn Girondo und seinen Dienern zu Pferd, und nachdem sie sich gegenseitig guten Morgen gesagt, verließen sie alle miteinander die Stadt. Unter mancherlei Gesprächen, wie dies bei dergleichen Ritten zu geschehen pflegt, kamen sie, ehe sie sich's versahen, auf dem Landgute an und wurden ehrenvoll empfangen. Sie hörten in einer nahe dem Hause gelegenen Kirche die Messe, und als diese vorbei war, verfügten sich alle in den Saal, der mit alexandrinischen Teppichen und Tapeten anständig geziert war. Als sie daselbst versammelt waren, siehe, da traten aus einem Zimmer viele Edelfrauen heraus, darunter Fenicia mit Belfiore, und Fenicia war recht eigentlich dem Monde zu vergleichen, wenn er in seinem vollsten Schimmer am Sternhimmel aufgeht. Die beiden Herren nebst den andern Edelleuten empfingen sie mit ehrerbietiger Begrüßung, wie stets jeder Edelmann gegen Frauen zu tun verpflichtet ist. Messer Lionato nahm sodann den Herrn Timbreo bei der Hand und führte ihn zu Fenicia, die, seit man sie auf das Land gebracht hatte, immer Lucilla genannt worden war. »Seht, Herr Ritter«, sagte er, »dies ist das Fräulein Lucilla, die ich Euch zur Gattin auserkoren habe; wenn sie Euch gefällt, und wenn Ihr meiner Ansicht beipflichtet, so ist sie Eure Verlobte.« Herrn Timbreo hatte die in der Tat sehr schöne Jungfrau gleich auf den ersten Blick ausnehmend wohlgefallen. Er hatte schon bei sich beschlossen, Messer Lionato zu folgen, und sprach daher nach kurzem Nachdenken: »Herr Vater, ich nehme nicht nur diese an, die Ihr mir zuführt, und die mir eine wahrhaft königliche Jungfrau scheint, sondern ich hätte auch jede andere, die mir von Euch gezeigt worden wäre, angenommen. Und damit Ihr seht, wie sehr ich verlange, Euch zu befriedigen, und damit Ihr erkennet, daß mein Euch gegebenes Versprechen ernstlich war, nehme ich diese und keine andere zu meiner rechtmäßigen Gattin, wofern ihr Wille mit dem meinigen übereinstimmt.« Darauf versetzte die Jungfrau und sprach: »Herr Ritter, ich bin hier bereit, alles zu tun, was Messer Lionato mir befiehlt.« »Und ich, schönes Mädchen«, fügte Messer Lionato bei, »ermahne Euch, den Herrn Timbreo zum Gatten zu nehmen.« Um die Sache nun nicht weiter zu verzögern, wurde einem anwesenden Doktor ein Wink gegeben, daß er die gewöhnlichen Worte sprechen solle nach dem Gebrauch der heiligen Kirche. Der Herr Doktor tat dies in bester Art, und Herr Timbreo vermählte sich auf der Stelle mit seiner Fenicia, in der Meinung, eine Lucilla zu heiraten. Gleich zuerst, als Herr Timbreo das Mädchen aus dem Zimmer treten sah, hatte er in seinem Herzen ein leises Beben empfunden, weil es ihm bedünken wollte, in ihren Gesichtszügen eine gewisse Ähnlichkeit mit seiner Fenicia wahrzunehmen. Er konnte sich nun nicht satt an ihr sehen und fühlte bereits, wie sich alle seine alte Liebe zu Fenicia nun auf diese Jungfrau übertrug. Unmittelbar nach der Vermählung wurde Handwasser herumgereicht; oben an den Tisch setzte man die Braut, ihr zur Rechten an der Seite kam Herr Timbreo, ihm gegenüber Belfiore, auf die sodann der Ritter Girondo folgte, und auf diese Weise ging es in bunter Reihe abwärts. Es kamen köstliche und aufs schönste geordnete Speisen; das ganze Gastmahl war prachtvoll und ruhig und aufs beste bedient. Gespräche, Scherze und tausend andere Unterhaltungen fehlten nicht. Als nun zuletzt die Früchte, die die Jahreszeit bot, herumgereicht wurden und Fenicias Tante, die fast das ganze Jahr über auf dem Lande bei ihr gewesen war und bei Herrn Timbreo am Essen saß, sah, daß das Gastmahl zu Ende ging, fragte sie scherzend ihren Nachbar, als hätte sie nie etwas von den früheren Vorfällen vernommen: »Herr Bräutigam, seid Ihr nie vermählt gewesen?« Auf diese Frage aus dem Munde einer solchen Frau füllten sich seine Augen mit Tränen, welche herabfielen, ehe er noch antworten konnte. Dessenungeachtet überwand er die Weichheit seiner Natur und sagte: »Frau Tante, Eure gütige Frage erinnert mich an einen Gegenstand, der mir stets im Herzen lebt, und um dessenwillen ich bald meine Tage zu beschließen glaube. Denn wiewohl ich mit Frau Lucilla völlig zufrieden bin, so empfinde ich doch um einer andern willen, die ich liebte und noch jetzt nach ihrem Tode mehr als mich selber liebe, einen ununterbrochenen und so schmerzlichen Herzenskummer, daß ich fühle, wie er allmählich den Faden meines Lebens zernagt, da ich höchst pflichtwidrig Veranlassung zu ihrem bittern Tode geworden bin.« Herr Girondo wollte ihm in die Rede fallen; er wurde jedoch lange Zeit von Schluchzen und einem reichlich hervorstürzenden Tränenstrom verhindert. Am Ende sagte er mit halberstickter Stimme: »Ich, mein Herr, ich bin der strafbare Urheber und Vollstrecker des Todes der unglücklichen Jungfrau, deren seltene Vorzüge sie eines längeren Lebens so würdig machten; Ihr habt nicht die mindeste Schuld daran.« Über diese Reden begannen auch der Braut die Augen sich mit einem Tränenregen zu füllen im Andenken an ihr vergangenes bitteres Leiden. Die Tante der Braut fuhr dann fort und richtete folgende Frage an den Neffen: »Ach, Herr Ritter, seid doch so gut, da das Geschehene nun nicht zu ändern ist, erzählt mir doch das Ereignis, das Euch und diesen andern ehrenwerten Herrn noch gegenwärtig in solche Rührung und Tränen versenkt!« »Wehe mir«, antwortete Herr Timbreo, »Ihr verlangt, Frau Tante, daß ich den verzweifeltsten und grausesten Schmerz erneuere, den ich noch je erlitten habe, und der mir schon, wenn ich im entferntesten daran denke, alle Kraft und alles Bewußtsein entzieht. Indessen will ich, Euch zu Gefallen, Euch meinen ewigen Schmerz und die Schande meiner Leichtgläubigkeit ausführlich erzählen.« Er hub nun an, von Anfang bis zu Ende nicht ohne die heißesten Tränen und unter der innigsten Teilnahme und Verwunderung der Zuhörer die betrübliche Geschichte vorzutragen. Als er geendet hatte, sprach die Matrone zu ihm: »Ihr erzählt mir da eine wundersame, furchtbare Geschichte, Herr Ritter, dergleichen wohl noch nie auf Erden vorgekommen ist. Aber sagt mir, so wahr Gott Euch helfe, wenn ich Euch, bevor Ihr Euch diesem Fräulein verlobtet, Eure erste Geliebte wieder hätte auferwecken können, was würdet Ihr getan haben, um sie wieder ins Leben zu bekommen?« Herr Timbreo erwiderte unter Tränen: »Ich schwöre bei Gott, gnädige Frau, ich bin sehr zufrieden mit meiner jetzigen Gemahlin und hoffe es in kurzem noch mehr zu werden; aber hätte ich vorher die Gestorbene wiederkaufen können, so hätte ich die Hälfte meines Lebens hingegeben, um sie wiederzubekommen, außer all dem Geld, das ich während desselben ausgegeben haben würde; denn ich liebte sie so aufrichtig, als nur ein Mann eine Frau lieben kann, und wenn ich tausend und abertausend Jahre dauerte, werde ich sie, tot wie sie ist, immer lieben und aus Liebe zu ihr alle ihre Verwandten stets lieb und wert halten.« Hier vermochte nun Fenicias getrösteter Vater nicht länger die Freude seines Herzens zurückzuhalten, und er sagte, zu seinem Eidam gewandt, vor überströmender Wonne und Rührung weinend: »Mein Sohn und Eidam, denn so darf ich Euch nennen, Eure Werke vollbringen nicht, was Eure Worte besagen; denn Ihr habt Euch mit Eurer so innig geliebten Fenicia vermählt, habt den ganzen Morgen an ihrer Seite zugebracht – und kennt sie noch nicht? Wohin hat sich Eure inbrünstige Liebe verirrt? Hat sich ihre Gestalt, haben sich ihre Züge so sehr verändert, daß Ihr sie nicht wiedererkannt habt, während sie doch neben Euch sitzt?« Auf diese Worte erschlossen sich allmählich die Augen des verliebten Ritters, und er warf sich seiner Fenicia an den Hals, küßte sie tausendmal und konnte in seinem grenzenlosen Entzücken nicht aufhören, sie unverwandt zu betrachten. Dabei weinte er fortwährend voll Rührung und konnte kein Wort hervorbringen, nannte sich aber selbst in seinem Innern blind. Messer Lionato erzählte ihm darauf, wie sich alles zugetragen habe, und alle waren äußerst verwundert und sehr heiter beisammen. Herr Girondo sprang jetzt von der Tafel auf, warf sich heftig weinend Fenicia zu Füßen und bat sie demütigst um Verzeihung. Diese hob ihn sogleich freundlich auf und verzieh ihm mit liebreichen Worten die erlittenen Unbilden. Darauf wandte sie sich zu ihrem Gatten, der sich selbst bei der Sache für schuldig erklärte, und bat ihn mit den zärtlichsten Worten, nie wieder in diesem Sinne zu sprechen: denn er brauche nicht für eine Schuld um Verzeihung zu bitten, die er nicht begangen habe. Dann küßten sie sich und tranken, vor Freude weinend, ihre heißen Tränen im Übermaß des Entzückens und der Wonne. Während sich nun alle der angenehmsten Freude hingaben und zu Tänzen und Festlichkeit anschickten, nahte sich der Ritter Girondo dem Messer Lionato, der so vergnügt war, daß er den Himmel mit dem Finger zu berühren wähnte, und bat ihn ihm eine sehr große Gnade erzeigen zu wollen, wodurch er ihn unendlich glücklich machen werde. Messer Lionato antwortete ihm, er möge nur fordern; denn wenn es in seiner Macht stehe, seine Bitte zu gewähren, so werde er sie gern und freudig erfüllen. »So verlange ich denn«, fuhr Herr Girondo fort, »Euch, Herr Lionato, zum Vater und Schwäher, Frau Fenicia und Herrn Timbreo zu Geschwistern und Fräulein Belfiore hier zu meiner rechtmäßigen und geliebten Gattin.« Der gute Vater fühlte sein Herz von neuer Freude überwältigt. Wie von Sinnen über ein so großes unverhofftes Glück wußte er nicht, ob er träume, oder ob es Wahrheit sei, was er sah und hörte. Als er endlich doch erkennen mußte, daß er nicht schlief, dankte er Gott von Herzen für so vielen unverdienten Segen und antwortete, zu Herrn Girondo gewandt, diesem freundlich, er sei mit allem zufrieden, was in seinem Belieben stehe. Da es nun so weit war, rief er Belfiore zu sich und sagte: »Du siehst, meine Tochter, wie es geht: dieser Herr Ritter bewirbt sich um deine Hand. Willst du ihn zum Gatten haben, so bin ich es zufrieden; du hast alle möglichen Gründe, es auch zu sein; also sage nur deine Meinung frei heraus!« Das schöne Mädchen antwortete ihrem Vater mit leiser, bebender Stimme voll Scham, daß sie bereit sei, zu tun, was er verlange. Und so steckte Herr Girondo, um die Sache nicht weiter zu verzögern, mit Einwilligung aller Verwandten unter den gewöhnlichen und geziemenden Äußerungen des Anstandes der schönen Belfiore den Ring an, worüber Messer Lionato und alle die Seinigen äußerst vergnügt waren. Und weil Herr Timbreo seine teure Fenicia unter dem Namen Lucilla geheiratet hatte, vermählte er sich nunmehr von neuem feierlich mit ihr unter dem Namen Fenicia. So ging der ganze Tag unter Tänzen und Vergnügungen hin. Die schöne, liebenswürdige Fenicia war in den feinsten Damast gekleidet, weiß wie der reinste Schnee. Das Gebände, welches ihr Haupt schmückte, stand ihr wunderbar reizend. Sie war für ihre Jahre ziemlich groß von Wuchs und prangte in genügender Fülle der Glieder; doch konnte sie bei ihrer Jugend noch zu wachsen hoffen. Unter der verräterischen Hülle der feinsten und edelsten Seide zeigte sich etwas erhaben der Busen, zwei runden Äpfeln gleich vordringend, eine Brust in reizender Entfernung von der andern. Wer die holde Farbe ihres Angesichts sah, der erblickte eine reine, liebliche Weiße, von süßer jungfräulicher Scham übergossen, die nicht die Kunst, sondern die Meisterin Natur, dem Wechsel der Gebärden und der Umstände gemäß, in glühenden Purpur tauchte. Die schwellende Brust glich an Weiße und Frische dem lebendigsten weißen Alabaster, der runde Hals glänzte wie Schnee. Wer den holden Mund, wenn er die süßen Worte bildete, sich öffnen und schließen sah, der konnte zuversichtlich sagen, er habe ein unschätzbares Kleinod sich öffnen sehen, umschlossen von den feinsten Rubinen und voll der reichsten und schönsten Perlen, wie sie nur je das gewürzreiche Morgenland uns gesandt. Sah er aber diese schönen Augen, diese funkelnden Sterne, diese blitzenden Sonnen, die sie so meisterlich hin und her strahlen ließ, so konnte man wohl beschwören, daß in diesen reizenden Flammen die Liebe wohne und in diesem hellen Glanz ihre scharfen Pfeile wetze. Und wie lieblich flatterten die krausen losen Locken umher, welche, die reine freie Stirn umspielend, gesponnener Seide und glänzendem Golde gleich, sich bei dem leisesten Hauch eines Lüftchens kosend umher schaukelten! Ihre Arme waren so ebenmäßig, ihre beiden Hände so zierlich gebildet, daß der Neid selbst daran nichts hätte ändern können. Überhaupt ihre ganze Gestalt war so anmutvoll und lebendig, so liebenswürdig von der Natur gebildet, daß ihr gar nichts fehlte. Sodann bewegte sie sich so leicht und heiter, je nach den Umständen, mit dem ganzen Körper oder teilweise, daß jede ihrer Handlungen, jeder Wink, jede Bewegung voll unendlicher Anmut war und es schien, sie dringe mit offener Gewalt in die Herzen der Beschauer ein. Wer sie daher Fenicia nannte, der entfernte sich nicht von der Wahrheit: denn sie war in der Tat ein Phönix, der alle anderen Jungfrauen unendlich weit an Schönheit übertraf. Und nicht weniger schön war das Aussehen Belfiores; nur hatte sie als ein jüngeres Kind noch nicht die Hoheit, den mächtigen Reiz in ihren Gebärden und Bewegungen. Der ganze Tag also wurde in festlicher Freude hingebracht, und die beiden Bräutigame schienen sich an dem Anblick und der Unterhaltung mit ihren Frauen nicht ersättigen zu können. Herr Timbreo besonders schwelgte in Seligkeit und Entzücken und wollte sich fast selber nicht glauben, daß er wirklich da sei, wo er sich befand; denn immer fürchtete er, nur zu träumen, oder alles sei ein holder Sinnentrug, den die Kunst eines Zauberers ihm vorspiegele. Am folgenden Tage schickten sie sich an, nach Messina zurückzukehren und dort die Hochzeit mit jener Feierlichkeit zu begehen, die sich für den Rang der beiden Ritter geziemte. Die beiden Ehemänner hatten schon durch einen Eilboten einen ihrer Freunde, der das Vertrauen des Königs besaß, von ihren Schicksalen unterrichtet und ihm aufgetragen, was sie wünschten, daß er für sie tun möchte. Daher ging dieser noch desselben Tages zu König Pedro, ihm im Namen der beiden Ritter aufzuwarten, und erzählte ihm die ganze Geschichte ihrer Liebe und was sich von Anfang bis zu Ende mit ihnen begeben habe. Der König bewies hierüber eine nicht geringe Freude. Er ließ die Königin herbeirufen und befahl dem Vermittler, noch einmal in ihrer Gegenwart die ganze Geschichte zu erzählen. Dies tat er denn auch gewissenhaft und zur größten Genugtuung und nicht geringen Verwunderung der Königin, die, da sie von Fenicias kläglichem Schicksale vernahm, aus Mitleid für das Mädchen zu Tränen gerührt wurde. Da nun der König Pedro freisinniger herrschte als irgendein Fürst seiner Zeit und besser als andere das Verdienst zu belohnen wußte, und da auch die Königin höflich und freundlich war, eröffnete ihr der König seine Gesinnung und was er zu tun willens war. Als die Königin einen so großmütigen Vorsatz hörte, rühmte sie sehr die Ansicht und den Willen ihres Herrn und Gemahls. Er ließ daher in aller Eile festliche Zubereitungen am Hofe treffen, den ganzen Adel von Messina, Herren und Frauen, einladen, und verordnete, daß die vornehmsten Barone des Hofes mit zahlloser Begleitung anderer Ritter und Edeln, unter Führung und Leitung des Infanten Don Giacomo Dongiavo, seines Erstgeborenen, stracks den neuvermählten Schwestern vor Messina hinaus entgegenritten. Dieser sein Beschluß wurde in schönster Ordnung ausgeführt; sie ritten zur Stadt hinaus und waren noch nicht eine Meile weit gekommen, als sie den beiden Bräuten begegneten, die mit ihren Gatten und vielen andern Personen in frohem Zuge auf Messina zukamen. Als sie zueinander kamen, hieß der Infant Don Giacomo die Ritter wieder aufsitzen, welche abgestiegen waren, um ihm ihre Ehrerbietung zu bezeugen, und beglückwünschte sie und die schönen Schwestern im Namen seines Vaters höflich zu ihrer Vermählung; er selbst aber wurde von allen mit der größten Ehrerbietung empfangen. Auch alle Hofbeamte und anderen Teilnehmer an dem Zuge, der aus Messina gekommen war, empfingen die beiden Ehepaare nicht minder zuvorkommend und höflich. Die beiden Ritter mit ihren Frauen andererseits dankten auf das schmeichelhafteste, und vor allem sagten sie dem Infanten Don Giacomo den verbindlichsten Dank für die ihnen erwiesene Ehre. Hierauf setzte sich die ganze Gesellschaft gegen die Stadt in Bewegung unter fröhlichen Gesprächen und Scherzen, wie es bei dergleichen Lustbarkeiten herzugehen pflegt. Don Giacomo unterhielt sich sehr lange und freundlich bald mit Frau Fenicia, bald mit Frau Belfiore. Der König, der mehrmals durch Boten von dem Vorrücken des Zuges unterrichtet war, stieg, als es ihm Zeit schien, mit der Königin und einer ansehnlichen Gesellschaft von Rittern und Edelfrauen zu Pferde und begegnete am Eingang der Stadt dem schönen Zuge, der eben anlangte. Alle stiegen sogleich ab, um den König und die Königin zu begrüßen, wofür sie von diesem gnädig empfangen wurden. Der König ließ alsdann alle wieder aufsitzen und nahm seinen Platz zwischen Messer Lionato und Herrn Timbreo ein, während die Königin die schöne Fenicia an ihre rechte und Belfiore an die linke Seite nahm. Der Infant Don Giacomo ließ sich von Herrn Girondo begleiten. Ebenso stellten sich die übrigen Herren und Frauen vom Adel; alle gingen paarweise in der schönsten Ordnung und bewegten sich so, nach des Königs Willen, gegen den königlichen Palast. Daselbst wurde ein prächtiges Mittagsmahl eingenommen, zu dessen Schluß auf Befehl des Königs in Gegenwart der ganzen Tischgesellschaft Herr Timbreo die ganze Geschichte seiner Liebe erzählte. Als dies vorbei war, fing man an zu tanzen, und die ganze Woche über hielt der König offenen Hof und befahl, daß alle in diesen Tagen im königlichen Palaste speisen sollten. Als die Feste zu Ende waren, rief der König Messer Lionato zu sich und fragte ihn, welche Aussteuer er seinen Töchtern zugedacht, und wie er sie ihnen ausfolgen wolle. Messer Lionato antwortete dem König, über die Aussteuer sei noch gar nicht gesprochen worden, er werde ihnen aber eine seinen Kräften angemessene anständige Mitgift zukommen lassen. Der König sagte darauf: »Wir wollen Euren Töchtern selbst eine Aussteuer geben, wie sie ihnen und meinen Rittern angemessen ist, und wollen nicht, daß Ihr ferner irgend für sie zu sorgen habt.« Und also ließ der großherzige König, der deshalb nicht allein von allen Sizilianern, sondern von jedermann, der es hörte, höchlich gepriesen wurde, die beiden neuvermählten Paare zu sich kommen, forderte sie auf, feierlich ihren Ansprüchen an das Vermögen des Messer Lionato zu entsagen, und fügte sogleich den königlichen Befehl hinzu, der diese Verzichtleistung bestätigte. Unverzüglich darauf stattete er sie, nicht wie Bürgerstöchter, sondern wie seine eigenen, auf das ehrenvollste aus und erhöhte das Jahresgehalt, das die beiden Ritter von ihm bezogen. Die Königin, nicht minder aufwandliebend, großmütig und freigebig als der König, ernannte beide Frauen zu ihren Hofdamen, warf ihnen von ihren eigenen Einkünften ein ansehnliches jährliches Gehalt aus und hielt sie immer lieb und wert. Sie, die in der Tat äußerst liebenswürdig waren, wußten bald durch ihr Benehmen die Hochschätzung aller Hofbeamten zu erwerben. Auch dem Messer Lionato gab der König ein ehrenvolles Amt in Messina, das ihm keine geringen Einkünfte brachte. Weil er aber schon bei Jahren war, so brachte er es dahin, daß der König einen seiner Söhne darin bestätigte. So also erging es dem Herrn Timbreo mit seiner redlichen Liebe. Das Böse, das ihm Herr Girondo hatte zufügen wollen, schlug zum Guten aus, und beide erfreuten sich noch lange ihrer Frauen und lebten in Glück und Frieden. Noch oft durften sie sich mit Vergnügen der Leiden erinnern, die die schöne Fenicia überstanden hatte. Dieser Herr Timbreo war der Stammvater des hochedeln Geschlechts und Hauses Cardona, das noch heute in Sizilien und Neapel viele geachtete Männer zählt. Auch in Spanien blüht dieses hochedle Blut der Cardona und bringt Männer hervor, die dem Adel ihrer Ahnen gegenüber nicht aus der Art schlagen, weder in den Waffen noch in der Toga. Aber was sage ich von den zwei hochedeln Brüdern Don Pietro und Don Giovanni von Cardona, wahrhaft mannhaften und erlauchten Herren und Kriegern? Ich sehe hier einige unter euch, die den Herrn Don Pietro Grafen von Colisano, Großconnetabel und Admiral von Sizilien, gekannt haben, den der Herr Prospero Colonna, der unvergleichliche Mann, so sehr geehrt und dessen weisen Rates er sich bedient hat. Und in der Tat war der Graf von Colisano ein ganz außerordentlicher Mann. Er starb in einem Gefecht bei Bicocca zum allgemeinen Schmerz der ganzen Lombardei. Aber Don Giovanni, sein Bruder, Markgraf von la Palude, kam ziemlich unter Ravenna in der Schlacht zwischen den Franzosen und Spaniern, wo er sich mannhaft gehalten, ums Leben. So bin ich indes unversehens vom Erzähler zum Lobredner geworden. Antonio Bologna (John Webster, Die Herzogin von Malfi; Lope de Vega, Der Haushofmeister der Herzogin von Amalfi) Antonio Bologna aus Neapel lebte, solange er in Mailand verweilte, im Hause des Herrn Silvio Savello. Nach Herrn Silvios Abgang machte er sich an Francesco Acquaviva, Markgrafen von Bitonto, der in der Schlacht von Ravenna gefangen in die Hand der Franzosen fiel und in die Burg von Mailand gebracht wurde; gegen sichere Bürgschaft kam er jedoch aus der Burg los und lebte lange Zeit in der Stadt. Nachher bezahlte dieser Markgraf eine starke Entschädigungssumme und kehrte nun in das Königreich Neapel zurück. Jener Bologna blieb nun im Hause des Ritters Alfonso Vesconte mit drei Dienern und lebte in Mailand ganz anständig, hatte schöne Kleider und Pferde. Es war ein sehr galanter und tugendhafter Edelmann, und außerdem, daß er ein sehr schönes Äußeres hatte und ein wackerer Mann war, galt er auch für einen sehr gewandten Reiter. In schönen Wissenschaften war er mehr als gewöhnlich bewandert und sang anmutig, die Laute in der Hand. Ich weiß, daß manche unter uns ihn noch singen gehört haben, oder vielmehr nicht singen, sondern singend den Zustand beweinen, in dem er sich befand, indem Frau Ippolita Sforza und Bentivoglia ihn zu spielen und zu singen zwang. Als er nun von Frankreich zurückgekehrt war, wo er fortwährend dem unglücklichen Friedrich von Aragonien gedient hatte, der, aus dem Königreich Neapel vertrieben, sich dem König Ludwig XII. von Frankreich in die Arme geworfen hatte und von diesem liebevoll aufgenommen worden war, begab sich Bologna nach Neapel in seine Heimat und blieb daselbst. Er hatte dem König Friedrich viele Jahre lang als Oberhofmeister gedient. Nun wurde er nach kurzem von der Herzogin von Malfi, Tochter Heinrichs von Aragonien und Schwester des aragonesischen Kardinals, angegangen, ob er nicht als Oberhofmeister in ihre Dienste treten wolle. An das Hofleben gewöhnt und der aragonischen Partei ergeben, nahm er ihren Vorschlag an und ging hin. Die Herzogin war frühzeitig Witwe geworden und hatte in ihrer Ehe einen Sohn geboren, dessen Vormundschaft sie nun sowie die über das Herzogtum Malfi führte. Jung, rüstig und schön, wie sie war, und an ein weichliches Leben gewöhnt, war sie zwar nicht gesonnen, sich zum zweiten Male zu verheiraten, wo sie dann ihren Sohn hätte fremder Obhut übergeben müssen; aber sie gedachte, bei sich darbietender Gelegenheit sich einen rüstigen Liebhaber zu wählen und mit ihm ihre Jugend zu genießen. Sie sah viele Männer, von ihren Untertanen wie Fremde, die ihr anmutig und gesittet schienen; sie beobachtete bei allen auf das genaueste ihr Wesen und Betragen; sie glaubte aber keinen zu finden, der ihrem Oberhofmeister gleichkomme; er war auch in der Tat ein sehr schöner Mann, groß und wohlgestaltet, von schönem und anmutigem Betragen und mit vielen Vorzügen ausgerüstet. Daher verliebte sie sich heftig in ihn; von Tag zu Tag lobte sie ihn mehr, und sein schönes Betragen gewann entschiedener ihren Beifall, so daß sie am Ende ganz für ihn glühte und nicht leben zu können meinte, ohne ihn zu sehen und bei ihm zu sein. Bologna war auch keine alberne Schlafmütze, und wiewohl er den Abstand zwischen sich und der hohen Stellung der Dame wohl fühlte, konnte er sich dennoch nicht erwehren, sobald er ihrer Liebe zu ihm sich erst recht bewußt geworden war, sie in die Geheimnisse seines Herzens dergestalt aufzunehmen, daß er fürder keinem andern Gefühle als der Liebe zu ihr darin Raum verstattete. So waren also die Liebenden beide einander zugetan. Die Herzogin aber faßte, von neuen Vorstellungen überkommen, den Entschluß – teils um Gott nicht allzusehr zu beleidigen, teils um jeder etwaigen übeln Nachrede wegen ihrer Liebe zu begegnen, ohne jedoch sonst jemand von ihrer Liebe in Kenntnis zu setzen –, nicht die Geliebte Bolognas, sondern seine Gattin zu werden und in der Stille seiner Liebe sich zu freuen, bis etwa die Umstände sie nötigten, ihre eheliche Verbindung kundzutun. Sobald sie mit sich selbst über diesen Vorsatz im reinen war, ließ sie Bologna eines Tages in ihr Zimmer kommen, trat mit ihm in ein Fenster, wie sie jedesmal zu tun pflegte, wenn sie mit ihm über ihr Hauswesen beriet, und redete ihn folgendermaßen an: »Spräche ich mit irgendeinem andern Menschen als mit dir, Antonio, so würde ich gegenwärtig nicht wissen, wie ich meine Worte anbringen sollte. Da ich dich aber als einen verschwiegenen, mit hohem Verstande begabten Edelmann kenne, der an den königlichen Höfen Alfonsos II., Ferdinands und Friedrichs, meiner Verwandten, aufgewachsen und gebildet worden ist, so bin ich geneigt zu glauben, daß du nach Anhören dessen, was ich dir jetzt zu eröffnen habe, mit mir übereinstimmend denken wirst. Sollte ich dich nichtsdestoweniger anders finden, so würde sich mein Vertrauen in die tiefe Einsicht, die man dir allgemein zuschreiben will, allerdings nicht bewähren. Ich bin, wie du weißt, durch das Ableben des Herrn Herzogs, meines Gemahls seligen Angedenkens, in ziemlich jungen Jahren Witwe geworden und habe seither als solche ein Leben geführt, daß auch der strengste und härteste Sittenrichter in betreff der Ehrbarkeit auch nicht ein Pünktchen an mir auszusetzen finden könnte. Ebenso habe ich der Regierung des Herzogtums mit solcher Sorgsamkeit vorgestanden, daß ich hoffen darf, wenn die Zeit der Volljährigkeit meines Herrn Sohnes gekommen sein wird, ihm dasselbe in erwünschterem Zustande zu übergeben, als ich es bei dem Tode des Herrn Herzogs selbst übernahm. Denn nicht allein habe ich fünfzehntausend Dukaten Schulden bezahlt, die der Hochselige in den letzten Kriegen hatte machen müssen, – ich habe auch noch überdies eine einträgliche Baronie in Kalabrien käuflich erworben, mich vollkommen schuldenfrei gemacht und mein ganzes Hauswesen auf das vollkommenste wohl bestellt. Nun hatte ich zwar bei mir beschlossen, fortwährend im Witwenstande zu beharren und meine Residenz bald in diesem Landsitz, bald auf jener Burg, bald in Neapel aufzuschlagen und meine Zeit der Sorge für das Herzogtum zu widmen; ich habe mich aber allerdings bewogen gefunden, meinen Vorsatz zu ändern und ein neues Leben zu beginnen. Ich wünschte mir nämlich lieber einen neuen Gatten zu erwählen, als etwa gleich andern Frauen zu tun, die Gott zum Hohne und der Welt zum ewigen Tadel sich Liebhabern preisgeben. Ich weiß wohl, was man von einer Herzogin in diesem Königreich sagt, obgleich einer der ersten Barone ihr begünstigter Liebhaber ist, und ich weiß, daß du mich verstehst. Und nun aber auf meine Angelegenheiten zurückzukommen, so siehst du, daß ich noch bei jungen Jahren bin und weder lahm noch schielend; ich sehe nicht aus wie die Gassenjungen, die sich unter andern Leuten nicht zeigen dürfen. Ich lebe, wie du ferner täglich siehst, in Wohlstand und Üppigkeit, um derenwillen ich verliebten Gedanken wohl oder übel Gehör geben muß. Wollte ich mir einen Gemahl erwählen, der dem ersteren an Stande gleichkäme, so wüßte ich nicht, wie ich dies bewirken sollte; ich müßte mich denn mit einem Knaben vermählen, der bald meiner überdrüssig würde, mich aus seinem Bette verjagte und meinen Platz von verworfenen Dirnen einnehmen ließe; denn es lebt gegenwärtig bei uns kein vornehmer Mann, dessen Alter dem meinigen entspräche und der ledigen Standes wäre. Ich bin also nach reiflichem Erwägen und Bedenken dieser Sache dahin mit mir einig geworden, daß ich einen ausgezeichneten Edelmann zu meinem ehelichen Gemahl erheben will. Um aber die Lästerungen des gemeinen Volkes zu vermeiden und um nicht mit meinen vornehmen Verwandten und besonders mit dem Herrn Kardinal, meinem Bruder, Ungelegenheiten zu haben, wünschte ich die ganze Sache freilich so lange verborgen zu halten, bis sie sich mit weniger Gefahr für mich gelegentlich einmal veröffentlichen ließe. Derjenige, den ich zum Manne zu nehmen beabsichtige, hat etwa tausend Dukaten Einkünfte, und ich habe von meiner Mitgift neben dem Zuschuß, den mir der Herr Herzog bei seinem Abscheiden zugewiesen hat, über zweitausend, außer dem Hausgeräte, das mir gehört; und wenn ich den Rang einer Herzogin nicht behaupten kann, so will ich mich bescheiden, als Edelfrau zu leben. Ich möchte nun aber von dir erfahren, was du mir rätst.« Als Antonio diese lange Anrede der Herzogin vernommen hatte, wußte er nicht, was er darauf erwidern sollte; denn da er sich versichert hielt, von ihr geliebt zu sein, und ihr selbst mit nicht geringer Liebe zugetan war, so konnte er natürlicherweise nicht wünschen, sie sich wieder verheiraten zu sehen, um noch Hoffnung zu erhalten, dereinst das Ziel seiner Liebe zu erreichen. Er blieb stumm ihr gegenüber stehen, wechselte im Gesicht die Farbe und seufzte tief statt aller Antwort. Sie erriet die Gedanken ihres Geliebten, und da es ihr nicht mißfiel, an diesem Zeichen zu erkennen, wie inbrünstig sie von ihm wiedergeliebt werde, so sprach sie zu ihm, um ihn nicht länger in Ungewißheit und Besorgnis zu lassen: »Antonio, sei getrosten Muts und erschrick nicht! Wenn du es selber willst, so gedenke ich jedenfalls deine Gattin zu werden.« Diese Worte führten den Liebenden vom Tode zum Leben zurück, und er konnte gar nicht aufhören, den Entschluß der Herzogin zu preisen, indem er sich ihr nicht zum Gatten, sondern zu ihrem getreuesten Diener erbot. Eines hierauf des andern versichert, unterredeten sie sich lange miteinander und kamen überein, sobald und so geheim als möglich sich zusammenzufinden. Die Herzogin hatte eine Tochter derjenigen, die ihr die erste Nahrung an ihrer Brust gereicht, bei sich und diese bereits mit ihren Gedanken vertraut gemacht. Sie rief sie daher zu sich, und ohne daß sonst jemand, als sie drei, anwesend war, verlobte sie sich in Gegenwart ihrer Kammerfrau mit Bologna. Ihre Vermählung blieb jahrelang geheim, obgleich sie fast jede Nacht miteinander zubrachten. Infolge dieser Ehe wurde die Herzogin zu ihrer und ihres Gatten großer Freude gesegneten Leibes und gebar mit der Zeit ein Knäblein. Sie wußte auch alles so geschickt anzustellen, daß niemand am Hofe es bemerkte. Bologna ließ das Kind mit vieler Sorgfalt ernähren und legte ihm in der Taufe den Namen Federico bei. Demnächst bei der Fortdauer ihres Liebesverkehrs wurde die Herzogin zum andernmal schwanger und gebar ein wunderschönes Töchterlein. Diese zweite Schwangerschaft konnte aber allerdings nicht so geheimgehalten werden, daß der Zustand der Herzogin und ihre Niederkunft nicht vielen Hofleuten kundgeworden wäre. Wie zu erwarten stand, wurde diese Sache verschiedentlich besprochen, und das Ereignis kam den beiden Brüdern zu Ohren, nämlich dem Kardinal von Aragon und einem andern. Als diese hörten, daß ihre Schwester niedergekommen sei, entschlossen sie sich, diese Schande ihrer Schwester eben nicht zu einer öffentlichen Angelegenheit zu machen; nichtsdestoweniger aber fingen sie an, jeden Tritt und Schritt der Herzogin insgeheim beobachten zu lassen. Da nun dieses Geflüster am Hofe ging und alle Tage Leute von den Brüdern der Herzogin kamen, die sich alle Mühe gaben, der Sache auf die Spur zu kommen, fürchtete Bologna, die Kammerzofe möge sich zuletzt verleiten lassen, zur Verräterin der ihr wohlbekannten Wahrheit zu werden, und so sagte er eines Tages im Gespräche mit der Herzogin: »Ihr wißt, meine teure Gebieterin, daß Eure Herren Brüder von dieser Eurer zweiten Niederkunft Wind bekommen haben und eifriges Verlangen tragen, zu erforschen, was eigentlich Wahres an der Sache sei. Ich befürchte nicht ohne Grund, daß sie einigen Verdacht auf mich geworfen haben und mich eines Tages werden töten lassen. Ihr seid besser als ich mit ihrer Natur bekannt und wißt, wie einer von ihnen seine Hände gebrauchen kann. Ich denke, gegen Euch selbst würden sie niemals ihre Wut kehren, und bin überzeugt, wenn sie mich hätten umbringen lassen, wäre alles abgetan. Ich habe deswegen bei mir beschlossen, nach Neapel zu gehen, dort meine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und mich dann nach Ankona zurückzuziehen, wohin ich mir meine Einkünfte werde schicken lassen. Ich bleibe dort so lange, bis man sieht, daß dieser Verdacht Euren Herren Brüdern aus dem Sinne ist. Zeit wird dann auch Rat bringen.« Die beiden wechselten noch Worte genug über diesen Gegenstand, und am Ende schied er zum größten Leidwesen seiner Gattin von ihr. Seinem Vorsatze gemäß ordnete er seine Angelegenheiten, überließ die Sorge dafür einem leiblichen Vetter und verfügte sich sofort nach Ankona, wo er ein seinem Stande gemäßes Haus machte. Er hatte seinen Sohn und seine Tochter mitgenommen und erzog sie mit größter Sorgfalt. Die Herzogin, die zum drittenmal schwanger zurückgeblieben war und das Leben ohne ihren teuren Gatten nicht aushalten konnte, war in so düsterer Stimmung, daß sie nahe daran war, den Verstand zu verlieren. Nachdem sie also zu wiederholten Malen reiflich über ihre Lage nachgedacht hatte und nicht mehr umhin konnte, zu befürchten, wenn diese dritte Niederkunft verlautbare, werden ihre Brüder einen schlimmen Spaß anfangen, nahm sie sich vor, lieber ihrem Gatten nachzugehen und mit ihm als einfache Edelfrau zu leben, als um den Preis fortwährender Trennung von ihm der herzoglichen Würde teilhaftig zu bleiben. Wer möchte hiernach nicht behaupten wollen, daß die Liebe allmächtig ist? In der Tat, ihre unleugbar höchste Gewalt übersteigt auch die kühnste Einbildungskraft. Sieht man nicht jeden Tag die Liebe die seltensten und wunderbarsten Wirkungen von der Welt hervorbringen und alles überwinden? Aber man pflegt zu sagen, daß man nicht mit Maß lieben kann. Wenn die Liebe will, macht sie Könige, Fürsten, die höchsten Edelleute, ich sage nicht zu Liebhabern, nein, selbst zu Sklaven der niedrigsten Weiber. Doch kehren wir zu unserer Geschichte zurück und lassen diese Untersuchungen beiseite. Die Herzogin hatte beschlossen, nach Ankona zu gehen, um ihren Gatten aufzusuchen, und setzte ihn insgeheim davon in Kenntnis. Andererseits ließ sie Geld und Geldeswert so viel als möglich nach Ankona schicken. Hierauf machte sie bekannt, sie habe gelobt, nach Loreto zu wallfahrten, bestellte ihr Haus, sorgte für die Regierung, übertrug die Erziehung ihres Sohnes, der dereinst Herzog werden sollte, sichern Händen und machte sich mit zahlreicher und ehrenvoller Begleitung auf den Weg. Sie langte mit einem großen Zug Maultiere in Loreto an, ließ daselbst eine feierliche Messe lesen und brachte jenem ehrwürdigen, hochachtbaren Tempel reiche Gaben dar. Als nun alle die Ihrigen an die Rückkehr in ihr Reich dachten, sagte sie: »Wir sind nur fünfzehn Meilen von Ankona entfernt, und da wir hören, daß diese Stadt sehr alt und schön ist, so will uns gutdünken, dahin zu reisen und einen Tag dort zu verweilen.« Ihre Begleiter fügten sich in den Willen der Herzogin, und es setzte sich der ganze Zug gegen Ankona in Bewegung, wohin das Gepäck vorausgeschickt worden war. Bologna, von alledem zu rechter Zeit benachrichtigt, hatte Vorbereitungen getroffen, die Herzogin und ihr Gefolge in seinem trefflich ausgerüsteten Hause auf das prachtvollste mit Prunk und Überfluß zu empfangen. Er hatte seinen Palast an der Hauptstraße, so daß sie ihm notwendigerweise an der Tür vorüberkommen mußten. Der Küchenmeister war schon in aller Frühe angekommen, um das Frühstück anzuordnen; Bologna hatte ihn ins Haus geführt und ihm gesagt, er habe der Frau Herzogin die Herberge bereitet. Der Küchenmeister wußte nichts dagegen einzuwenden, weil Bologna nur aus unbekannten Gründen den Hof verlassen hatte und überdies von allen daselbst gern gesehen wurde. Sobald es Bologna an der Zeit schien, stieg er mit einer stattlichen Schar Edelleute aus Ankona zu Pferde und ritt der Herzogin fast drei Meilen Wegs vor die Stadt hinaus entgegen. Als die Begleiter der Herzogin ihn sahen, riefen sie ihr freudig zu: »Ei, seht da, Frau Herzogin, unsern Herrn Antonio Bologna!« Und sie beeiferten sich alle, ihn zu bewillkommnen. Er stieg ab, küßte seiner Gemahlin die Hände und lud sie mit ihrem Gefolge nach seinem Hause ein. Sie nahm die Einladung an, und er führte sie, noch nicht wie seine Gemahlin, sondern wie seine Gebieterin, in sein Haus. Nachdem dort alle das Frühstück eingenommen hatten, wollte die Herzogin, da sie wußte, daß es dahin doch einmal kommen müsse, die Maske fallen lassen; sie berief daher alle die Ihrigen in den Saal und sprach zu ihnen also: »Es ist nunmehr Zeit, meine Edelleute und ihr übrigen Diener, der ganzen Welt zu offenbaren, was einst vor Gott im stillen geschehen ist. Mein Witwenstand hat mir nachgerade den Wunsch eingegeben, mich zu vermählen, und zwar einen Mann zu nehmen, der ganz nach meinem Sinne wäre. Ich verheiratete mich also schon vor mehreren Jahren in Gegenwart dieser hier anwesenden Kammerfrau mit dem Herrn Antonio Bologna, den ihr vor euch seht; er ist mein rechtmäßiger Gatte, und bei ihm will ich als die Seinige fernerhin bleiben. Bisher bin ich eure Herzogin und Gebieterin gewesen, und ihr wäret mir pflichtgetreue Vasallen und Dienstleute. Inskünftige liegt es euch nun ob, dem Herrn Herzog, meinem Sohne, Gehorsam zu leisten und pflichtschuldigst treu und hold zu sein. Diese meine Frauen werdet ihr nach Malfi begleiten, wo ich vor meiner Abreise ihre Aussteuer in der Bank Paolo Tolosas niederlegte und die nötigen Schriften über alles der Äbtissin des Frauenklosters Sankt Sebastian übergab; ich will fortan von meinen Frauen nur noch diese meine Kammerfrau behalten. Die Frau Beatrice, meine bisherige Ehrendame, ist, wie sie weiß, bereits von mir zufriedengestellt worden. Nichtsdestoweniger wird sie in der eben genannten Schrift finden, daß ich ihr noch eine erhebliche Summe ausgesetzt habe, mit der sie eine ihrer ledigen Töchter verheiraten kann. Ist unter meinen Dienern einer, der ferner bei mir bleiben will, so soll ihm von mir eine gute Behandlung sicher sein. Für das übrige wird bei eurer Rückkehr in Malfi der Oberhofmeister in gewohnter Weise Sorge tragen. Und so erkläre ich dann schließlich nochmals, daß ich entschlossen bin, von nun an mit meinem Gemahl Herrn Antonio, meiner herzoglichen Würde ledig, im Privatstande zu leben.« Die ganze Versammlung hatte vor Erstaunen und Bestürzung über diese Anrede fast alle Fassung verloren. Wie sich aber nach und nach ein jeder überzeugte, daß er recht gehört habe, und daß Bologna seinen Sohn und seine Tochter habe kommen lassen, die er mit der Herzogin erzeugt, und die Herzogin dieselben als ihrer beider Kinder umarmte und küßte, so beschlossen ihre Begleiter insgesamt, nach Malfi zurückzukehren, mit Ausnahme der Kammerfrau und zweier Reitknechte, die bei ihrer langgewohnten Gebieterin blieben. Der Worte wurde zuvor die Menge gewechselt, und ein jeder gab sein Teil dazu. Sie brachen also alle aus Bolognas Hause auf und begaben sich in eine Herberge; denn keiner wagte, aus Furcht vor dem Kardinale und seinem Bruder, bei ihr auszuhalten, nachdem er erfahren, wie die Sache stand; vielmehr beredeten sie sich untereinander, gleich am folgenden Morgen solle einer der Edelleute mit Postpferden nach Rom an den Kardinal abgehen, wo auch der Bruder sich aufhielt, und jenen von allem unterrichten. Dies geschah, und die andern alle machten sich auf den Rückweg in das Königreich. Also blieb die Herzogin bei ihrem neuen Gatten und lebte mit ihm in äußerster Zufriedenheit. Wenige Monate später gebar sie ihm einen zweiten Sohn, dem sie den Namen Alfonso beilegten. Während nun diese sich in Ankona aufhielten, bei immer zunehmender gegenseitiger Liebe, bewirkte der Kardinal von Aragon und sein vorgenannter Bruder, die beide einen solchen Ehebund ihrer Schwester auf keine Weise bestehen lassen wollten, durch Vermittelung des Kardinals von Mantua, Gismondo Gonzaga, der unter dem Papste Julius II. Legat von Ankona war, daß die Ankonitaner Antonio Bologna mit seiner Gattin aus der Stadt verwiesen. Sie hatten etwa sechs bis sieben Monate in der Stadt zugebracht, und wiewohl der Legat auf ihrer Entfernung hartnäckig bestand, gelang es Bologna dennoch, die Sache durch Unterhandlungen in die Länge zu ziehen. Bologna wußte allerdings, daß er am Ende doch werde weggeschickt werden, und um deswegen nicht gar zu sehr überrascht zu sein, suchte er durch einen Freund, den er in Siena hatte, bei der Obrigkeit in jener Stadt um sicheres Geleit an, das ihm denn auch zugestanden wurde mit der Erlaubnis, nebst seiner ganzen Familie sich daselbst niederzulassen. Mittlerweile hatte er bereits seine Kinder weggeschickt und seine Angelegenheiten so geordnet, daß er an demselben Tage, wo er von den Ankonitanern den Befehl empfing, binnen vierzehn Tagen ihr Gebiet zu räumen, mit seiner Gemahlin und Dienerschaft zu Pferde steigen und nach Siena abreisen konnte. Als die beiden Brüder aus Aragonien dies vernahmen und sich in ihrer Hoffnung getäuscht sahen, die Reisenden unterwegs in ihre Gewalt zu bekommen, bewogen sie den Kardinal von Siena Alfonso Petrucci, durch Herrn Borghese, den Bruder des Kardinals, der das Oberhaupt der Regierung von Siena war, Bologna auch den Aufenthalt in Siena versagen zu lassen. Nach reiflicher Überlegung, wohin er sich flüchten könne, beschloß er daher, mit seiner ganzen Familie nach Venedig zu gehen. Er machte sich daher auf den Weg, reiste durch das florentinische Gebiet nach der Romagna und wollte sich dort einschiffen, um nach Venedig zu segeln. Schon waren sie in der Nähe von Forli angelangt, als sie mit einem Male viele Reiter bemerkten, die ihnen folgten und von welchen sie einigermaßen Wind hatten. Voll Angst und ratlos wußten sie nicht, wie sie mit dem Leben davonkommen sollten, und waren mehr tot als lebendig, jagten aber, von der Angst angetrieben, dennoch mit beflügelter Eile weiter, um womöglich eine unfern von ihnen gelegene Ortschaft zu erreichen, in der sie Rettung zu finden hofften. Bologna ritt einen starken türkischen Renner und hatte seinen ältesten Sohn gleichfalls auf ein sehr gutes türkisches Pferd gesetzt. Sein zweites Söhnchen und seine kleine Tochter waren beide in einer Sänfte, und seine Gemahlin saß auf einem guten Zelter. Er und sein Sohn hätten sich mit leichter Mühe retten können, weil sie trefflich beritten waren; aber die Liebe zu seiner Gattin ließ ihm keine Flucht zu. Dagegen war sie selbst der festen Überzeugung, daß ihre Verfolger es nur auf ihren Gemahl abgesehen haben, so daß sie ihn unter fortwährenden Tränen anflehte, auf seine Rettung Bedacht zu nehmen, und zu ihm sagte: »Mein teurer Herr, o eilt von dannen: denn meine Herren Brüder werden mir und unsern Kindern gewiß kein Leid zufügen. Wenn sie aber Euch bekommen können, so werden sie ihre Wut an Euch auslassen und Euch ums Leben bringen.« Sie drückte ihm nach diesen Worten eine volle Börse mit Dukaten in die Hand und bat ihn fortwährend aufs dringendste, sich zu flüchten, weil ja vielleicht dennoch der Himmel zuließe, daß ihre Herren Brüder sich besänftigten. Der arme Ehemann erkannte aus der Nähe seiner Verfolger die Unmöglichkeit, sein Weib zugleich mit sich zu erretten, und so ergab er sich endlich, bis auf den Tod betrübt, in ihren Willen, nahm unter unzähligen Tränen von ihr Abschied und setzte seinem Türkenrosse die Sporen ein, indem er den Seinigen zurief, es möge ein jeder fliehen, so gut er könne. Als der Sohn den Vater fliehen sah, sprengte er ihm mit verhängtem Zügel rüstig nach, und so geschah es, daß Bologna mit seinem ältesten Knaben und vier wohlberittenen Dienern glücklich entkam. Dabei gab er seinen Gedanken auf, sich nach Venedig zu wenden, und alle sechs verfügten sich nach Mailand. Diejenigen, welche ausgesandt waren, um ihn zu töten, bemächtigten sich an seiner Statt der Frau, seiner zwei Kinder und seines übrigen Gefolges. Der vorderste der Häscherschar, mochte er nun von den Herren Brüdern der Frau dazu beauftragt sein oder aus eigenem Antriebe wünschen, sie ohne großes Aufsehen zu fangen und fortzubringen, sagte zu ihr: »Frau Herzogin, Eure Herren Brüder haben mir befohlen, Euch in Euer Land und in Euren Palast zurückzuführen, damit Ihr die Vormundschaft Eures Sohnes, des Herrn Herzogs, von neuem übernehmt und nicht länger bald hierhin, bald dorthin in der Welt umherschweifet. Herr Antonio Bologna war der Mann danach, wenn er Euer überdrüssig gewesen wäre, Euch wohl gar einmal in Elend und Dürftigkeit zu verlassen und seines eigenen Weges zu gehen. Seid also getrosten Mutes und nehmt Euch Euer gegenwärtiges Schicksal weiter nicht zu Herzen!« Die Frau schien sich über diese Worte wirklich zu beruhigen; denn sie glaubte annehmen zu dürfen, daß sie wahr gesprochen seien, und daß ihre Brüder gegen sie und ihre Kleinen nichts Feindseliges beginnen werden. Dieser Hoffnung lebte sie einige Tage, bis sie auf einem der Schlösser des Herzogs, ihres Sohnes, ankam, wo sie mit ihren Kindern und der Kammerfrau bewacht und in den Festungsturm gelegt wurden. Was daselbst aus allen vieren geworden war, verlautete nicht alsobald. Alle übrigen wurden in Freiheit gesetzt; die Frau aber mit der Kammerfrau und den zwei Kindern starben, wie man späterhin auf das gewisseste gehört hat, des elendiglichsten Todes durch Mord. Der beklagenswerte Gatte und Liebhaber langte mit seinem Sohne und seinen Dienern in Mailand an, wo er einige Tage unter dem Schutze des Herrn Silvio Savelli weilte, der gerade damals die Franzosen im Kastell von Mailand belagerte, um die Feste im Namen Maximilian Sforzas einzunehmen, was ihm hernach durch Kapitulation gelang. Als darauf Savello mit seinem Heere nach Crema fortzog, wo er einige Tage blieb, begab sich Bologna zu dem Markgrafen von Bitonto, und da der Markgraf fort war, hielt er sich im Hause des Herrn Ritters Vesconte auf. Die aragonischen Brüder hatten es inzwischen in Neapel dahin gebracht, daß der Staatsschatz die Güter Bolognas einzog. Bologna selbst dachte einzig und allein daran, die Brüder mit sich zu versöhnen, weil er dem Gerüchte von der Ermordung seiner Gemahlin und Kinder auf keine Weise Glauben beimessen wollte. Er wurde mit der Zeit verschiedene Male von Edelleuten gewarnt, sich vorzusehen: es sei in Mailand keine Sicherheit mehr für ihn. Aber er versagte diesen wohlgemeinten Zuflüsterungen alles Gehör, und das wahrscheinlich, weil man ihm unterderhand, um ihn desto mehr einzuschläfern und an etwaiger Flucht zu hindern, Hoffnung gemacht hatte, seine Gemahlin wieder mit ihm zu vereinigen. Von dieser eitlen Hoffnung erfüllt und von heute auf morgen lebend blieb er über ein Jahr in Mailand. Während dieser Zeit trug es sich zu, daß einer der Hauptleute der fremden Kriegsvölker, die damals im Herzogtum Mailand lagen, diese ganze Geschichte unserem Delio erzählte und ihn überdies versicherte, es sei ihm zwar aufgetragen worden, diesen Bologna zu ermorden; da er aber andern zu Gefallen nicht zum Schlächter werden möge, so habe er ihn auf eine gute Art warnen lassen, ihm nicht in den Weg zu kommen, und ihm auch die Nachricht mitgeteilt, daß seine Frau mit den Kindern und der Kammerfrau ganz gewiß schon erwürgt worden seien. Als Delio eines Tages bei Frau Ippolita Bentivoglia war, schlug Bologna eben die Laute und sang dazu ein rührendes Lied, das er über sein Unglück selbst gedichtet und in Musik gesetzt hatte. Als Delio, der ihn bisher nicht gekannt hatte, erfuhr, daß er der Gemahl der Herzogin von Main sei, wurde er von solchem Mitleiden mit ihm ergriffen, daß er ihn beiseite rief, ihn des Todes seiner Gemahlin versicherte und ihm eröffnete, er wisse gewiß, daß in Mailand Mörder für ihn gedungen seien. Er dankte Delio und sagte zu ihm: »Ihr seid falsch berichtet, Delio: denn ich habe Briefe aus Neapel von meinen Freunden, die mir versichern, der Staat werde in kurzem meine Güter wieder herausgeben, und auch von Rom aus habe ich gute Hoffnung, der erlauchte und hochwürdige Kardinal zürne mir nicht mehr so sehr, und noch weniger sein Bruder, und ich werde meine geliebte Gemahlin unfehlbar wiederbekommen.« Delio durchschaute die List, womit man ihn umstrickt hatte, sagte ihm, was ihm zweckmäßig schien, und ging von dannen. Diejenigen, die ihn zu töten suchten, sahen am Ende ein, daß sie ihren Zweck mit ihm durch den Kriegsmann, den sie zu seinem Morde angestiftet hatten, nicht erreichen würden, weil er seinen erhaltenen Auftrag ziemlich lässig behandelte, und vertrauten sich einem andern Hauptmanne aus der Lombardei an, den sie zu der Untat, die sie ihm zur Pflicht gemacht hatten, aufs ernstlichste anfeuerten. Delio hatte dem Herrn L. Scipione aus Attella den ganzen bisherigen Verlauf der Geschichte erzählt und sagte, er wolle sie in seine Novellensammlung aufnehmen, da er doch gewiß wisse, daß der arme Bologna werde ermordet werden. Als L. Scipione und Delio eines Tages in Mailand bei dem großen Kloster sich zufällig begegneten, kam eben Bologna auf einem ausgezeichnet schönen spanischen Pferde heran auf dem Wege nach San Francesco zur Messe, vor ihm her zwei Diener, von welchen der eine eine Speerwaffe, der andere die Stundengebete Unserer Lieben Frau in der Hand hatte. Delio sagte sogleich zu dem Attellanen: »Das ist Bologna!« Dem Attellanen aber kam es vor, als sei Bologna ganz verstört im Gesichte, und er sagte zu ihm: »Bei Gott, er täte besser, in seiner schlimmen Lage statt des Gebetbuchs sich noch eine zweite Lanze voraustragen zu lassen.« Der Attellane und Delio waren nun noch nicht bis zu San Giacomo gelangt, als sie einen großen Lärm hörten; denn Bologna war noch nicht bis San Francesco gekommen, so ward er von dem Hauptmann Daniele von Bozolo mit drei wohlbewaffneten Spießgesellen angefallen und mit einem ihm den Leib durch und durch bohrenden Stiche elendiglich getötet worden, ohne daß ihm irgend jemand hätte Hilfe leisten können. Diejenigen aber, die ihn nach ihrer Gemächlichkeit umgebracht hatten, zogen nach vollbrachter Tat ungehindert ihres Wegs weiter, und es dachte kein Mensch daran, sie darum etwa auf dem Rechtswege zu verfolgen.