Paul und Viktor Margueritte Die Kommune Als am 1. September 1870 bei Sedan die Sache der napoleonischen Armee schon zu Dreiviertel verloren schien, suchte Mac Mahon mit einer letzten Kraftanstrengung die Umklammerung des eisernen Ringes zu sprengen: sieben Kavallerieregimenter ließ er auf den Höhen von Floing und Illy eine tollkühne, freilich vergebliche Attacke gegen die preußischen Linien reiten. Von den beiden Generalen, die diese Reitergeschwader dem Verderben entgegenführten, machte sich der eine, Gallifet, einen berüchtigten Namen als Schlächter der Kommune, der andere, Margueritte, starb dort den Soldatentod und hinterließ zwei Söhne, Paul und Viktor, die später mit ihrem Roman derselben Kommune ein weithin ragendes Denkmal setzen sollten. Über das Wesen der Kommune herrschen noch heute vielfach verworrene Vorstellungen. Was von ihren einzelnen Köpfen gilt, läßt sich auch von der gesamten Erscheinung sagen: von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, schwankt ihr Charakterbild in der Geschichte. Auf der einen Seite sprüht bei ihrer Erwähnung die reaktionäre Internationale bis auf diesen Tag grimmen Haß und sieht in ihr nichts anderes, als ein wüstes Sammelsurium von Raub und Rache, von Blut und Brand. Auf der andern Seite ziehen Jahr für Jahr die Pariser Arbeiter in wimmelnden Massen auf den Friedhof Père Lachaise, um die teuren Toten des Blutfrühlings von 1871 zu grüßen und zu ehren – wie es der Revolutionssänger Pottier schildert: Alljährlich legt Paris hier seine Kränze nieder im treuen Angedenken an die Füsilierten. Doch wäre es ein Irrtum, in der Kommunerebellion eine rein proletarische oder gar rein sozialistische Revolution zu sehen. Vielmehr dringt man zur Erkenntnis ihres Wesens nur vor, wenn man sie als die naturnotwendige blutige Krönung des zweiten Kaiserreichs betrachtet und all ihre Widersprüche aus den Widersprüchen des zweiten Kaiserreichs zu erklären unternimmt. Das furchtbare Gemetzel, in dem General Cavaignac im Juni 1848 im Auftrag der französischen Bourgeoisie die hungernden Arbeiter von Paris abschlachtete, leitete eine Spanne der Reaktion für ganz Europa und im besonderen für Frankreich ein. Auf den Schultern der französischen Kleinbauern, die seit der Zertrümmerung des adligen und geistlichen Großgrundbesitzes in Kleineigen durch die große Revolution die zähesten Besitzfanatiker und mißtrauischsten Gegenrevolutionäre waren, stieg binnen kurzem ein politischer Glücksritter von nicht zweifelsfreier Herkunft erst auf den Präsidentenstuhl und dann auf den Kaiserthron. Doch war Napoleon III. nicht etwa ein Bauernkaiser, sondern sein Regierungssystem, der Bonapartismus, begünstigte gleichermaßen die Bourgeoisie, die sich, bei allgemeinem Aufschwung von Handel und Industrie, unter den tollsten Zuckungen im Kampf um das goldene Kalb drehte, und auch die Arbeiterklasse, noch geschwächt durch das Blutbad der Junischlacht, ward mit einigen Brocken abgespeist und im übrigen durch eine starke Faust und einen scharfen Säbel niedergehalten. Sa lavierte der Bonapartismus Jahre hindurch mit Geschick zwischen den verschiedenen großen Klassen der modernen Gesellschaft. Aber je mehr die Erfolge Napoleons in der äußeren Politik, Krimkrieg 1854, österreichischer Krieg 1859, Expedition nach China 1860, durch Mißerfolge, Expedition nach Mexiko 1863, Luxemburgische Frage 1867, abgelöst wurden, desto kühner hob eine erstarkende Opposition im Innern ihr Haupt. Neben einer republikanischen Bewegung bürgerlichen Charakters lebte die Arbeiterbewegung wieder in mehreren Zweigen auf, wenn auch der moderne wissenschaftliche Sozialismus in Gestalt der von Marx und Engels geleiteten Internationale nur in einem kleinen Teil festen Fuß faßte. Immerhin war es bereits ein zermorschtes und verfaulendes Reich, das 1870 von Bismarcks Stoß getroffen wurde, in dessen Rechnung, die Einigung Deutschlands auf dem Wege einer Revolution von oben zu vollziehen, der Krieg gegen Frankreich den letzten und bedeutendsten Faktor bildete. Wie ein Kartenhaus brach bei Sedan das Kaiserreich zusammen, aber das weitere Vordringen der deutschen Heere entfesselte einen fanatischen Volkskrieg bis zum letzten Mann und bis zur letzten Patrone. Als man Napoleon nach Wilhelmshöhe abführte, wurde in Paris die Republik ausgerufen. Wie 1848 drängten Arbeiter dazu, wie 1848 eigneten sich Advokaten den Preis an. Aber die neue republikanische Regierung führte die Verteidigung nicht eben mit Energie und insbesondere die Hauptstadt, die seit dem 20. Oktober von den deutschen Heeren eingeschlossen war, wurde durch bonapartistische Generale von hochmütiger Unfähigkeit schlecht geschützt. Den meisten Elan und die meiste Energie unter den Pariser Truppen bewies die Nationalgarde. Das war, 400 000 Mann zählend, wirklich das Volk in Waffen, in ihrer Mehrzahl Proletarier und Kleinbürger, die, auf politischem Gebiet unzufrieden, auf sozialem Felde arbeitslos und hungernd, ein gefährliches revolutionäres Element darstellten, aber Ruhe hielten, solange der Feind vor den Toren stand. Freilich trug die Nachricht von jeder neuen Niederlage und die Kunde von jeder neuen Übergabe neuen Zündstoff in ihre Reihen, und als am 29. Januar 1871 die preußische Fahne auf den Forts wehte und die Kapitulation von Paris feststand, erhob sich zorniges Geschrei und ungestümes Waffenklirren. Die Nationalversammlung aber, die unter unglaublichem Terrorismus zum größten Teil im feindlich besetzten Gebiet gewählt war, zu dem Zweck, den Frieden zu beschließen, und in Bordeaux zusammentrat, war nichts als ein großer reaktionärer Schutthaufen, auf dem Krautjunker, Bonapartisten, Orleanisten, Legitimisten und Anhänger sonst verfaulender Dynastien zusammengefegt waren. Sie und die Regierung mit dem boshaften Gernegroß Thiers an der Spitze, der sich durch alle möglichen Regierungen hindurchgemausert hatte und jetzt auf dem Gipfel seines Ehrgeizes stand, zielte auf ein monarchisches Regime oder eine kapitalistisch-junkerliche Diktatur unter republikanischen Formen ab. Dazu mußte aber erst Paris, das fieberte und hungerte, das Brot und Rechte verlangte, das Waffen trug und Widerstandslust besaß, zu Boden geworfen werden. Diesen Gelüsten setzte die Pariser Bevölkerung den Ruf nach der Kommune entgegen. Kommune bedeutet ganz einfach Gemeinderat und hat mit Kommunismus auch rein gar nichts zu schaffen. Bismarck in seiner junkerlichen Schlauheit hat einmal gemeint, der ganze Kommuneaufstand sei der Sehnsucht nach der preußischen Landgemeindeordnung entsprungen. Wenn er gesagt hätte, daß aus dem Ruf nach der Kommune auch das Verlangen nach Selbstverwaltung herausgeklungen sei, wäre das nicht so unrecht gewesen. Die Zentralisation des bonapartistischen Kaiserreichs, das angefangen beim Seinepräfekten bis herab zum Feldhüter des kleinsten Nestes alle Gemeindeämter mit seinen Kreaturen besetzte und totfeind jeder Selbstverwaltung war, hatten besonders die großen Städte drückend empfunden. So gab es sicherlich geruhige Bürger, denen sich die Kommune mit dem Begriff der Selbstverwaltung erschöpfte. Aber den Massen war die Kommune mehr. Die Erinnerung an die Kommune von 1792 wurde wach, an den revolutionären Gemeinderat von Paris, der in der großen Revolution die radikalste kleinbürgerlich-proletarische Körperschaft mit weitgehendem sozialem Programm gewesen war und auch durch seine Tatkraft die Revolutionsaufgebote beflügelt und die fremden Heere aus dem Land getrieben hatte. So knüpften sich an die neue Kommune die Hoffnungen all derer, die sozial benachteiligt waren und mit leerem Magen vor leeren Schüsseln saßen, aber auch all derer, denen die Wut über die Feigherzigkeit der Regierung, den schmachvollen Friedensschluß und die Abtretung zweier blühender Provinzen das Herz verbrannte. Den verschiedensten Schichten der Gesellschaft angehörend, Bürger, Kleinbürger, Arbeiter, aus den verschiedensten Gründen Anhänger der Kommune, waren sie doch alle gleich entschlossen, den Schlag abzuwehren, den Thiers mit der Entwaffnung der Nationalgarde plante. Der Schlag mißlang. Als am 13. März Thiers vom Montmartre die zweihundertfünfzig Kanonen wegschaffen lassen wollte, die die Nationalgarde mit eigenem Gelde gegossen hatte, war das der Funke ins Pulverfaß. Die Nationalgarde widersetzte sich, die Linientruppen gingen zum Teil zu ihr über, mit dem Rest flüchtete Thiers nach Versailles, wo auch die Nationalversammlung hauste und Paris war in den Händen der Nationalgarde und ihrer selbstgewählten Leitung, des Zentralkomitees. Am 26. März ging dann aus allgemeinen Wahlen die Kommune hervor und zwei Monate lang, sich oft mit dem eifersüchtelnden Zentralkomitee und dem später gegründeten lächerlichen Wohlfahrtsausschuß über Machtbefugnisse streitend, übte sie die Herrschaft über Paris aus. Wie in der Kommunebewegung mehrere Strömungen nebeneinander herliefen, so saßen in ihrem Rat auch die verschiedensten Geister, entschlossene Revolutionäre und hohle Schreier, reine Schwärmer und törichte Narren, bürgerliche Republikaner und Putschisten Bakuninscher Observanz, wissenschaftliche Sozialisten und soziale Konfusionsräte. Neben dem ernsten Willen, den Mühseligen und Beladenen ihre Last zu erleichtern, spreizte sich leerer, auf Tressen und Flitter erpichter Ehrgeiz, neben dem kühlen Blick, der die Wirklichkeit zu erfassen strebte, flackerte in unholdem Wahnsinn ein Auge, das den Traum der Weltrepublik erfüllt sah, neben der reinen Flamme echter revolutionärer Begeisterung zuckte manch Eines rebellisches Feuer nur wie ein Irrlicht über einem Sumpfe. Einem solchen Chaos von Ideen und Interessen konnte sich kein einheitlicher Willen entringen, und so lähmte sich die Kommune selbst durch Streitigkeiten und Zänkereien im Innern und just in den wichtigsten Ämtern folgte Demission auf Demission und jeder Nachfolger stieß das Werk seines Vorgängers radikal um. Dieser Mangel an einheitlichem Willen äußerte sich in einem unverzeihlichen Mangel an Entschlossenheit und Tatkraft, und wenn ihr die reaktionären Lügenbeutel ein Übermaß an Grausamkeit nachgesagt haben, so litt sie in Wahrheit am Gegenteil: sie deklamierte zu viel von allen möglichen Menschenrechten, die geschützt, gewahrt und verteidigt werden müßten und vernachlässigte darüber das Recht der eigenen Selbsterhaltung. Was jede kriegführende Macht tut, die Kassen des Gegners in Beschlag nehmen, versäumte die Kommune in schier sträflicher Großmut und ließ an die drei Milliarden in der Bank von Frankreich, mit denen sie den Lebensnerv der ganzen französischen Bourgeoisie in der Hand hielt, fast unangetastet. »Keine Regierung«, sagt mit Recht ein bürgerlicher Schriftsteller, Karl Bleibtreu, »sei sie reaktionär oder revolutionär, hat je die Schonung von Leben und Eigentum so lange als irgend möglich bis zum Äußersten getrieben wie die der verlästerten Kommune.« Weniger sentimental als die Kommunards, die im Anfang gar nicht an einen Angriff der Stadt und an den Bürgerkrieg glauben wollten, war die Versailler Regierung. Für sie gab es nur eine Losung: den Aufstand schonungslos in Blut zu ersticken! Nachdem sich Thiers von Bismarck genügend Kriegsgefangene losgebettelt und sich auch des geheimen Beistandes der deutschen Truppen versichert hatte, die Paris zur Hälfte umschlossen hielten, ließ er Anfang April seine Regimenter vorrücken und die rebellische Hauptstadt mit einem Eisenhagel überschütten. Nie in der Weltgeschichte ist ein heldenhafterer Widerstand geleistet worden als von den Kommunekämpfern, und Züge eines wahrhaft großen, eines wahrhaft antiken Heroismus werden nicht nur von Männern, sondern auch oder eigentlich erst recht von Frauen und Kindern berichtet. Aber schließlich erlag, geschwächt durch die innere Desorganisation, aller Heldenmut der Übermacht, die Versailler drangen in der vorletzten Maiwoche in die Stadt und richteten ein so grauenvolles Blutbad unter der Bevölkerung an, wie es auch die Weltgeschichte nie gesehen. Ob Mann oder Weib, ob Greis oder Kind, ob Kämpfer oder Arzt, ob Kommunard oder Zuschauer, ganz gleich, ganz gleich – zu vielen Tausenden wurden die auf gut Glück Aufgegriffenen niedergeschossen, mit Mitrailleusen, als es mit dem Gewehrfeuer zu langsam ging. Ein Wahnsinn des Mordens hatte die Sieger gepackt, der Friedhof Père Lachaise war in ein Schlachthaus verwandelt, Leichenhaufen türmten sich an seiner Mauer und wurden in schnell fertige Massengräber versenkt und drei Tage lang zog sich über viele Kilometer hin mitten durch die Seine ein breiter roter Streifen: das Blut der Ermordeten, das hineingeflossen war. Nachdem aber der erste Rausch der Blutorgie vorbei war, traten die Kriegsgerichte in Tätigkeit, die summarischen Hinrichtungen folgten einander, und zu Tausenden wurden die Verhafteten nach den Fieberlöchern Neu-Kaledoniens verschleppt. Während so die rote Fahne der Kommune über der letzten Barrikade in Blutlachen sank, rief im deutschen Reichstag August Bebel, den sozialen Kern der Bewegung hervorhebend und über die Gemordeten das Fahnentuch der deutschen Sozialdemokratie breitend, den reaktionären Schreiern zu: »Das, was sich gegenwärtig in Paris ereignet, ist nur ein kleines Vorpostengefecht von dem, was einst ganz Europa bevorsteht: Krieg den Palästen, Friede den Hütten! Mit diesem Schlachtruf wird dereinst sich das gesamte europäische Proletariat erheben!« Damals wurde noch seine Stimme übertönt, denn »wie lange«, ruft einer der Gebrüder Margueritte an anderer Stelle, »ist die Geschichte dieser Besiegten nur von den Siegern geschrieben worden!« Aber Paul und Viktor Margueritte haben in edlem Ehrlichkeitsdrang und kühnem Wahrheitseifer sich bemüht, der rechten Erkenntnis eine Gasse zu brechen: ihr Roman ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern auch ein Geschichtsdokument! Freilich sehen sie, als bürgerliche Schriftsteller, nicht bis auf den letzten Grund der Dinge, und träumen von einer Versöhnung zwischen Kapital und Arbeit, die damals so unmöglich war wie heute, freilich packen sie manche Gestalt der Kommune zu hart an wie den großen Maler Courbet und den großen Journalisten Vallès, aber als Ideologen eines lauteren Patriotismus, der über den Klassen und den Parteien stehen möchte, beschönigen sie nichts und verschleiern sie nichts. Die Schuld der Sippe Thiers an dem Tod des Erzbischofs und der anderen Geiseln wird ebenso ins Helle gerückt wie die heillose Zerfahrenheit in der Kommuneregierung, und alles ist in diesem Buch durch das Mittel der Kunst zu einem unmittelbaren und ganz lebendigen Leben erwacht: die brausenden Hoffnungen des Märzmonats, der heroische Widerstand der Pariser, die Mißhandlungen der wehrlosen Gefangenen, die Bluttaten der Versailler Mordbuben, die Kampfzuckungen der letzten Tage, die Gemetzel und Delescluzes wundersamer Tod auf der letzten Barrikade. In vielen tausend Exemplaren soll jetzt dieses Buch in einer billigen Volksausgabe verdeutscht ins Land gehen. Möge es in vielen tausend Herzen etwas von der hellen Flamme entzünden, die weder die Füsilladen noch die Massengräber an der Mauer der Föderierten ersticken konnten! Frankfurt am Main, im August 1912. Hermann Wendel. Den Siegern und Besiegten der Kommune, deren Kampf unter den Augen des Auslandes Frankreich vollends zerfleischte, diesen feindlichen Brüdern, die friedlich geeint sind im Tode und im Vergessen, widmen wir diese Seiten in brennendem Abscheu vor dem hassenswertesten aller Kriege. Paul und Viktor Margueritte. Erster Teil. I. Von Stunde zu Stunde mehrte sich auf der Place de la Bastille, wo aus den Boulevards Beaumarchais und Richard-Lenoir, der Rue und dem Faubourg Saint-Antoine, den Quais des Kanals Saint-Martin die Menschenfluten zusammenströmten, das betäubende Gewühl. Man schrieb den 26. Februar 1871. Seit zwei Tagen scharte sich Paris in einer ungeheuren, unaufhörlich sich erneuernden Kundgebung leidenschaftlich erregt um die Julisäule. Dort strömten sie alle zusammen, die unter der Wucht der Belagerung gelitten hatten, die Arbeiter aus den Vorstädten, Kleinbürger der zwanzig Stadtviertel, entwaffnete Soldaten, ein ganzes von monatelangen Entbehrungen zu halbem Wahnsinn aufgestacheltes Volk. Sonntagsbummler mischten sich mit den untröstlich die Kapitulation Betrauernden, mit den Patrioten, welche den Jahrestag von 1848 feierten, den Jahrestag jener Republik, welcher das Kaiserreich ein Ende gemacht, und die nun, nach dem Septemberaufstand, durch die Nationalversammlung von neuem bedroht wurde. Durch das dichte Gewühl zogen sich lange Furchen: nahezu hundert Bataillone der Nationalgarde hatten schon defiliert, die Musik an der Spitze, ein Immortellensträußchen im Knopfloch. Sie trugen reichbekränzte Flaggenbündel. An die Gitter festgeklammert, rings um das Piedestal zusammengepfercht, die erzenen Hähne erkletternd, drängten sich die lebendigen Wogen um die Riesensäule, die vom Fuße bis zur Spitze unter der Menge der Blumen verschwand – Blumen der Trauer und der Erinnerung, – unter der Masse der wehenden Banner, der trikoloren und der schwarzen Standarten. So oft ein neues Bataillon erschien, schmetterten an allen vier Ecken schrille Trompetenklänge, denen von der oberen Galerie herab andere Trompeten Antwort gaben. Grünbekränzt schwebte hoch im klaren Himmel der goldene Genius der Freiheit, mit der einen Hand die zerbrochenen Ketten abschüttelnd, in der anderen, fackeltragenden Hand eine rote Flagge haltend, die lustig im Winde sich blähte. »Chambord wird wohl nicht hinaufklettern, um sie herunterzuholen!« spottete ein dicker, rothaariger Mann, der an dem einen Auge eine Beule hatte. »Badingue ebensowenig!« Die frische Stimme einer Arbeiterin ließ ein perlendes Lachen vernehmen. Gekitzelt, wandte sie sich um: »Herunter mit den Pfoten, Medor!« »Sagt, was Ihr wollt, Bürger«, – mit diesen Worten klopfte ein Nationalgardist in Bluse dem Rothaarigen auf die Schulter, – »wenn ich den Haufen Advokaten in der Hand hielte, die uns den Preußen ausgeliefert haben ...« Er machte eine Geste, als wollte er einen Floh zerdrücken. Der Mann mit der Beule stimmte lebhaft bei: »Und das nennt sich Republikaner! Favre, Picard, Simon, nichts als Gänseleberpasteten ...« Man lachte. Ein verwegener Humor zerstreute für Augenblicke den allgemeinen Schmerz, den erbitterten Zorn. »Alle Reaktionen verschwören sich«, entgegnete belehrenden Tons ein Bürger in langem Rock. »An der Spitze der Armee ein Helfershelfer vom zweiten Dezember, ein Senator des Kaiserreichs, der Anstifter der Jännerfüsillade, Vinoy ... An der Spitze der exekutiven Gewalt Thiers, der Orleanist! ... Wenn Paris nicht wachte ...« Von ferne erhob sich wilder Lärm, laute Zurufe wurden vernehmbar. »Was gibt's?« fragte eine Arbeiterin mit leidenden Zügen und glänzenden Augen. Ihre Magerkeit entbehrte nicht der Anmut, ihre zusammengezogenen Schultern erzählten von langen, frierenden Stunden traurigen Harrens, in den Queues der Bäckerladen, in Schnee und Kälte ... »Chasseurs zu Fuß, meine Schönste.« Schnellen Schritts kamen sie näher und marschierten vorbei, Blau mit Grau gemischt. Man klatschte Beifall. Sonnverbrannte Marinesoldaten bewegten sich durch die Gruppen. Ein Artillerist hielt einen Quartiermeister am Rocke fest. Die Arbeiterin hielt die Hände an den Mund und rief mit schriller Stimme: »Es lebe die Armee! Hoch die Kommune!« Die Kommune! Das war allmählich der Ruf fast der ganzen Nationalgarde geworden. Zu dieser Stunde bereits von der toten Last der Reichen befreit, die sogleich beim Öffnen der Tore zu ihren Familieninteressen oder ihren Geschäften geeilt waren, hatte die Bürgerarmee sich in zwei Klassen geteilt, das Bürgertum und das Volk, die eine passiv: aus Kaufleuten, Beamten, friedfertigen Männern bestehend, die nichts anderes wünschten, als die Wiederaufnahme ihrer alten Gewohnheiten und ruhigen Fortschritt; die andere tätig: aus Arbeitern – den besten und den schlechtesten, – aus Deklassierten, Faulenzern und Widerspenstigen zusammengesetzt, eine feste Masse, vermehrt durch alle durch alle jene, die durch das Wohlleben des Kaiserreiches, Haußmanns umfangreiche Arbeiten angelockt worden waren, und die für sich allein schon eine ganze durch die Teuerung der Lebensmittel zu Boden gedrückte, seit Ausbruch des Krieges arbeitslos gewordene Bevölkerung bildeten. Für alle jene, die sich am 4. September vereinigt hatten, um das Kaiserreich zu stürzen und die Republik aufzurichten, war die Ankündigung der munizipalen Wahlen eine große Freude, ihre Vertagung eine grausame Enttäuschung gewesen. Paris forderte sein gutes Recht, sich selbst zu verwalten, seinen Magistrat, seine Kommune zu ernennen. Verschieden klingende Worte, gleicher Sinn. Die meisten sahen in letzterer nur ein Synonym; viele einen unklaren Ausdruck, der gut klang und den Begriff der Republik vorteilhaft vervollständigte; einige erweiterten den Sinn des Wortes je nach der Höhe ihrer ehrgeizigen Wünsche oder der Größe ihres Grolles. »Hoch die Kommune!« pflanzte der Ruf sich fort. Plötzlich entstand ein Gedränge. Hunderte von Fäusten streckten sich einem Individuum entgegen, das unter Stößen und Schlägen und dem Geschrei: »Das ist ein Spion! Er hat die Nummern der Bataillone in ein Taschenbuch eingetragen! Nieder mit ihm! Ins Wasser!« von zwei Chasseurs zu Fuß vorübergeschleppt wurde. Wilde Empörung bemächtigte sich der Nerven aller: der Magnetismus der Menge, die durch die viermonatelange Belagerung aufgestachelte Erregung, der alte Haß der Vorstädte gegen die Profoßen des Kaiserreiches, all das machte die Hände dieser Wütenden erbeben. Der Mann mit der Beule, der kalten Blutes keiner Fliege ein Leid zugefügt hätte, und der Nationalgardist in der Bluse liefen herbei. Sie langten gerade in dem Augenblicke an, da die Meute auf einen Posten eindrang und ein Offizier vergeblich auf die Menge einredete und schwur, den Spion der Justiz ausliefern zu wollen. »Nein! Nein! ... Ins Wasser mit ihm! ... Nieder mit dem Elenden! Er hat einen geladenen Revolver bei sich! Man hat eine Polizeiinspektionskarte bei ihm gefunden! Ins Wasser, Vicenzini!« Ein »Ah! Ah!« der Befriedigung war die Antwort. Die Beute wurde von neuem gefaßt, hin und her gerissen und zum Boulevard Bourdon geschleppt. Über dem Ufer des Quais hängend, schrie der Unglückliche in Todesangst: »Laßt mich erschießen!« Schon waren die Soldaten auf eine Bank gestiegen und zielten. Die Stimmen heulten: »Nein, nein, da könnte er auf uns schießen!« Gefesselt, sprang er von Pinasse zu Pinasse, von seinen Henkern gestoßen und geworfen: eins, zwei, drei, stürzte er ins Wasser, mitten in den Kanal. Wildes Beifallsgeschrei begleitete das Aufspritzen des Wassers. Als lebendes Strandgut, von Schimpf und Spott und einem Hagel von Steinwürfen verfolgt, trieb der Mann blutend der Seine zu. Auf dem Platze, wo niemand sich um das Verschwinden dieses Menschenlebens mehr kümmerte, als um dasjenige eines ertrunkenen Hundes, ergötzte sich die leidenschaftlich erregte, gegen Tod und Leiden abgestumpfte Menge an dem ständig wechselnden Schauspiel. Semmelverkäufer und Embleme feilbietende Händler bewegten sich von Gruppe zu Gruppe. Zur Erinnerung an die sechshundertfünfzehn Julihelden befestigten schwarzgekleidete Frauen am Fuß der Säule ein Banner mit der Inschrift: »Den Märtyrern die republikanischen Frauen.« Innerhalb der Gitter ordneten mit der roten Rosette geschmückte Kommissare die Kränze. Von einer Gasleiter herab hielt ein Major in Uniform eine Rede. Franctireurs, Liniensoldaten, Zuaven, Mobilgardisten, Freimaurer mit ihren Abzeichen lösten einander ab. Das sich entfernende Bataillon erntete allgemeine Zustimmung; seine Fahne verkündete: »Die Republik oder den Tod!« Bald jedoch wandten aller Augen sich ab. Durch das Dämmerlicht des sinkenden Tages erklang eine Fanfare, das Nahen eines Bataillons verkündend, dessen Trommler von der Rue Saint-Antoine her ihre Wirbel erklingen ließen. »Man kommt!« sagte der Vater ernsten Tons. »Sieh her ...« Im Glied, wo er Seite an Seite mit seinem Sohne Louis auf der Stelle trat, hob der alte Schuhmachermeister Pierre Simon den Kopf. Seine eigenwillige, von einem Gewirr grauer Haare umrahmte Stirn leuchtete. Den Arm schwenkend, grüßte er mit seinem Käppi die durch die Schatten des Abends winkende Säule, den goldenen Genius, der erlösend und segnend seine Hände über die Stadt und die Welt breitete, die rote Flagge von der Farbe des für die Republik vergossenen Blutes. Er fühlte an seinem nachschleppenden Bein nicht mehr die durch die im Juni empfangene Kugel verursachte Steifheit. »Siehst Du, Louis, dort war die Barrikade. Dort bin ich mit unserem Ältesten gefallen.« Er deutete auf die Stufen der St. Pauls-Kirche. Sein Gesicht trug das Gepräge trotziger Offenheit; die schwarzen, stolzen, von buschigen Brauen beschatteten Augen, der von einem dichten Bart halbverdeckte spöttische Mund verliehen seinen Zügen einen zugleich sanften, ehrlichen und rauhen Ausdruck. Wie eine knorrige Eiche gewachsen, atmete er kraftvoll, seinen gedrungenen, von der Arbeit gebeugten Körper straff aufrichtend. Er reichte seinem Sohne Louis kaum bis zur Schulter und blickte ihn voll freudigen Stolzes an; in ihn hatte er all seine Hoffnungen auf eine Entschädigung durch eine bessere Zukunft gesetzt, in ihm verkörperte sich sein Streben nach einer Besserung der sozialen Zustände. Louis, ein hochgewachsener, schöner Bursche, dessen Haltung und Wesen eine gewisse Vornehmheit bekundeten, lächelte, von der Begeisterung seines Vaters mitgerissen. Trotz des Leders, das die Hände schwärzt, trotz des schmutzigen Pechs sah er sehr nett und reinlich aus; Haar und Bart waren lichtblond, die Augen blau, die Zähne so weiß und die Haut des Halses so zart, daß manches Mädchen ihn darum beneidete. Schlecht und recht marschierten die Kompagnien in Reih und Glied, ein Amalgam von Männern aller Stände, aller Trachten, Alten, Jungen, Kahlköpfigen, Bärtigen, Bürgern, Gewerbetreibenden, Arbeitern; das ganze Pantheon-Viertel vereinigt, um, wenn auch ohne Waffen, der Gedenksäule seine Ehrfurcht zu erweisen. Man entsprach damit dem zwei Tage vorher in der Versammlung in Vaux-Hall ausgesprochenen Wunsche. Zweitausend Delegierte der Bataillone hatten dort den Beschluß gefaßt, daß die zur Verteidigung des Landes und zur Aufrechterhaltung der Republik vereinigte Nationalgarde um jeden Preis, und wäre es selbst mit Gewalt, jedem Versuch der Entwaffnung sich widersetzen und beim ersten Anzeichen des Einzuges der Preußen dem Feind entgegenmarschieren sollte. »Achtung!« brüllte plötzlich, an der Spitze der dritten Kompagnie, ein kleiner Hauptmann, dessen Kreuz an der Brust grell gegen das fahle Gesicht mit dem schurkischen Ausdruck abstach. Er warf sich voll ostentativer Würde in die Brust. Um die Beine schlug ihm ein unverhältnismäßig langer Säbel. »He, Bürger Leutnant«, sprach Simon einen jungen Mann mit intelligenten und traurigen Augen an, »Louchard hat also nicht mehr seinen Rheumatismus!« »Der war gut für die Zeit der Ausfälle!« spottete Louis. Martial Poncet lächelte, angewidert durch die Erinnerung an den im Keller vergrabenen Portier, an dessen famose Wunde, die ihm das rote Bändchen eingetragen hatte, verursacht durch den Holzsplitter eines Speckfasses, das der Feigling in Buzenval eingeschlagen hatte, während die anderen im Kampfe standen. Er versuchte, dies häßliche Bild los zu werden und senkte die Stirn unter der traurigen Last der Erinnerungen... Wie fern seine Kunst! In dem verstaubten Atelier der Meißel verlassen, die Tonskizzen in ihre Leichentücher gehüllt. Und die ganze Zeit der Belagerung lebte vor seinem Geiste wieder auf, die düsteren Tage, die vergebliche Sehnsucht nach einem frischen, wirklichen Kampf, die enttäuschte Hoffnung ... sein Schmerz und seine Ohnmacht beim Tode seiner Freundin. Arme Nini! Kleines, zartes, liebliches Wesen, in dem die Heldenseele von Paris geatmet hatte! Noch einmal durchlebte er die schrecklichen Stunden der Kapitulation in Schnee und Kot ... Ach! diese Regierung von Unfähigen, die ihre Pflicht verkannt, verraten, die unerschöpflichen Kräfte von Paris verachtet, sein feuriges, von Patriotismus glühendes Volk mit beständigen Lügen genährt – und die vor diesem selben Volk jetzt die Furcht ergriff! Wie er sie haßte! ... Und er war nicht der einzige, der ihnen fluchte, diesen Unseligen, die unter der allgemeinen Verachtung zermalmt wurden ... Bei den Wahlen war ihnen ihr Recht geschehen: die Bürgerschaft hatte nur Jules Favre wiederzuwählen gewagt ... Martial teilte beinahe Theroulds wütende Erbitterung. Sein Blick suchte den Maler, der, schlotterig und zerfetzt, Schritt zu halten suchte; die durch Ninis Tod gerissene Lücke hatte ihre Kameradschaft nur noch enger geknüpft ... Und diesen Groll gegen die ehemaligen Herren, die sich hinter die Nationalversammlung verschanzten, gegen die jetzigen Gewalthaber: empfanden, teilten ihn nicht selbst die Gemäßigtesten, wie zum Beispiel dieser wackere Delourmel, der alte, friedliebende Bürger, der dort mit gebeugtem Rücken in Reih und Glied marschierte? Diejenigen aber, denen Martial sich am nächsten fühlte, mit denen sein Herz sich in vollster Übereinstimmung wußte, das waren – gerade Gegensätze – der Gefährte seines Vaters, sein berühmter Freund Thédenat, der Historiker, dessen edler Geist die Gegenwart erhellte wie er die Vergangenheit neu erstehen ließ, und diese beiden schlichten Männer, die an seiner Seite marschierten, diese Simons mit den schwieligen Händen und dem ehrlich offenen Blick. Er kannte sie erst seit kurzem, seitdem er einmal in ihrem Laden mit Thédenat zusammengetroffen war, der in ihnen den gesunden Sinn des Volkes schätzte, ihnen gerne Arbeit verschaffte und es liebte, hie und da ein vertrautes Gespräch mit ihnen zu führen, in dem der Scharfsinn des feingebildeten Geistes der Intuition des schlichten Handwerkers begegnete. Ja, es waren wackere Menschen, diese Arbeiter, die er immer bei der Arbeit fand, im trüben Licht ihrer Werkstatt oder beim Schein der armseligen Lampe, die mit ihrem gelben Licht die ganze versammelte Familie umfaßte: Simon und Louis hämmernd, Anatole, der jüngste mit lauter Stimme vorlesend, die Mutter, das Abendbrot bereitend, und, die flinke Nadel in der rastlos fleißigen Hand, ein anmutiges junges Mädchenantlitz, über die Arbeit gebeugt ... Rose, eine von den Simons an Kindesstatt angenommene Nichte ... Merkwürdig, wie sehr sie in manchen Augenblicken an Nini erinnerte. Biedere Menschen, diese Simons! Ihr Beispiel machte ihm die Daseinsberechtigung, die Rechte dieser Republik, für die er bisher, trotz der Lehren seines Vaters, in der Gleichgültigkeit des Künstlers nur eine platonische Sympathie empfunden hatte, leichter verständlich. Die vorstädtische Anmut seiner verstorbenen Geliebten, die Teilnahme, die er in seiner Trauer, seiner Verzweiflung bei diesen schlichten Leuten gefunden, die Gemeinsamkeit der Stunden der Ermattung und der Angst, hatte ihn diesen Niedrigergeborenen näher gebracht, ihn zum erstenmal gelehrt, sie als seinesgleichen zu betrachten. Durch sie lernte er, Paris zu lieben, für das sie alle gelitten und das mit ihnen gelitten; er lernte, seine bedrohten Freiheiten verteidigen und vor allem die Republik schützen zu wollen, die durch den heldenhaften Widerstand der Stadt und durch Gambettas verzweifelte Anstrengungen das Land zu galvanisieren versucht hatte. Welch ein Sturz, welche Erniedrigung! Thédenat hatte recht und die Simons in ihrem dunklen Instinkt hatten nur zu gut das Wahre gewittert. Nein, fürwahr, diese an einem Unglückstag gewählte Volksversammlung, die von Bordeaux aus mürrischen Blicks nach Paris hin lauerte, sie war nicht das Abbild Frankreichs! Sie hatte vor ihrem Entstehen schon die elende Schwäche der Landbevölkerung, die Uneinigkeit und Erschlaffung der Städte ausgebeutet. Fossile Krautjunker, feige Bürger, all die Trümmer früherer Regierungen waren aus ihren Schlupfwinkeln hervorgekrochen, um den Kreuzzug für den Frieden zu predigen, die Begriffe von Krieg und Republik identifizierend, um mit einem Schlag sie beide zu vernichten. Und jetzt, nach beschlossenem Frieden, – denn dieser Schmach ging man entgegen –, war es nicht mehr der preußische Erbfeind, sondern die Republik, die man als ersten Akt des neuen Regimes in Frage stellte, als ob sie gar nicht existierte! Es war Paris, das man beschuldigte, durch seine hartnäckige Belagerung sie unterstützt und verlängert zu haben ... Paris, das zum Lohn für seine Hingebung die tiefste Demütigung erleiden sollte, den gefürchteten unmittelbar bevorstehenden Einzug der Deutschen... Indessen übertönten diese Gespenster mit ihrem Geschrei die Stimme Garibaldis als Dank dafür, daß er, alt und krank, seinen glorreichen Degen in den Dienst der Verteidigung gestellt hatte. Sie beschimpften die Nationalgarde in dem vor Paris verwundeten Oberst Langlois. Sie hatten Thiers nur in Hoffnung auf seine Bereitwilligkeit gegenüber ihren Kniffen und Winkelzügen zum Präsidenten gewählt. Ein Pakt band sie alle: einmütig wollten sie den geeigneten Augenblick erwarten, um auf Grund neuer Institutionen jeder nach seinem persönlichen Interesse Orléans oder Chambord, ja, wenn man es nur gewagt hätte, selbst Napoleon wieder einzusetzen ... Das Bataillon erreichte den menschenwimmelnden Platz, wo das Geschrei, die Reden und die Bravorufe zu einem einzigen, stets wachsenden Getöse anwuchsen. Martial hatte die Empfindung, als risse eine Woge ihn hinweg, als gerate er in ein stürmisch bewegtes menschliches Meer. Dicht neben ihm, Schulter an Schulter, marschierte zu seiner Rechten Louis, vor ihnen Simon, der sich fröhlich umwandte, auf das von Begeisterung und patriotischem Vertrauen belebte Gewirr von Soldaten, Nationalgardisten und Spaziergängern deutend. Dem Schuster lebten die bewegtesten Stunden seines Lebens wieder auf, der Sturmwind der Julirevolution, die Februartage von 1348, die Morgenröte der Freiheit, die in dem Blut der Junitage, in Greueln des 2. September erloschen war. Doch wie war seine Freude, nach dem Schweigen von achtzehn unter dem Drucke des Kaiserreiches seufzenden Jahren von neuem das Herz des Volkes schlagen zu sehen, – wie war diese Freude durch demütigende Verzweiflung vergiftet, wenn er bedachte, daß man dieses Wiedererwachen freiheitlicher Begeisterung der Niederlage, dem Eindringling, dieser Horde verdankte, die Paris in dem Gürtel seiner Forts erwürgte und dessen von Siegestaumel glühenden Atem, dessen beleidigendes Hohnlachen man im Nacken spürte. Nur um so heißer, mit heiligerem Ernst liebte er diese Republik, der man hier zujubelte, diese so oft getäuschte Hoffnung, die er nun doch vor seinem Tode noch erfüllt sehen sollte, die gütige Fee, die geduldig die Wunden heilen und über den rauchenden Trümmern eine bessere Gesellschaft auferbauen würde. All das klang aus seinem rauhen »Vivat!« mit solch hinreißender Kraft, daß es in der Kompagnie, dem Bataillon, einem Teil der Menge lauten Widerhall fand. Einige Meter weiter hielt ein Mann in bauschiger blauer Samthose und schwarzer, von einem Gürtel zusammengehaltener Bluse in seiner Rede inne und trat auf Simon zu, ihm die Hand reichend. Martial erkannte in ihm ein Mitglied des provisorischen Zentralkomitees, den Zimmermann Fernol, Toulousaner mit dröhnender Baßstimme. Der in den Klubs bekannte Redner deutete mit großartiger Handbewegung auf die Menschenmenge, den Platz, die Säule: »Was sagt ihr dazu?« Zur Zeit der Wahlen in die Nationalversammlung hatte die Nationalgarde sich, auf die Initiative einiger Bürger von Baugirard hin, zusammengeschlossen, um eine Anzahl Republikaner in die Versammlung zu wählen. Während der Belagerung hatten Familienräte und zahllose Komitees für Bekleidung, Bewaffnung, Wachdienst sie in ihrer Zerstückelung wieder vereinigt und aus ihren Reihen Delegierte gewählt, deren Rat den Titel eines Zentralkomitees der zwanzig Arrondissements angenommen hatte. Diese Gewalt jedoch, die von Oktober bis Januar die Untätigkeit der Regierung so oft mit ihren Forderungen, Vorwürfen und Ratschlägen aufgestachelt, war seit der Kapitulation gleich den beiden anderen, neben ihr auf der Place de la Corderie tagenden Assoziationen, der Internationalen Verbindung und der Föderation der Arbeiterkammern, in Auflösung geraten... Sich selbst überlassen, in einer Stadt, deren Garnison nur noch zwölftausend Mann zählte, während durch die Straßen, der Waffen beraubt, eine unzufriedene Menge von zweimalhunderttausend Mobilgardisten und Liniensoldaten zog, allein sich aufrecht erhaltend, hatte die Nationalgarde, diese ungeheuere Masse von dreimalhunderttausend Kombattanten durch ihre lange Untätigkeit und die Verachtung ihrer Macht aufgereizt, angesichts der aus Bordeaux in die Hauptstadt dringenden Drohungen, das Bedürfnis gefühlt, sich zu verbinden. Ein provisorisches Zentral-Komitee war im Begriffe, die Bundesstatuten auszuarbeiten. Schon hatte die Regierung auf Grund allgemeinen Geldmangels den Sold auf die Allerärmsten beschränkt; die totale Einstellung der Löhne stand nahe bevor. Und dies, während Handel und Industrie darniederlagen und es an Arbeit, und damit an Brot, gebrach ... Und der Einstellung des Soldes würde wohl bald auch die Wegnahme der Waffen folgen ... Ausgehungert, machtlos, blieb Paris dann nichts anderes übrig, als sich dem schmählichen Joche einer monarchischen Volksversammlung zu beugen... Nein, man ließ sich seiner Rechte nicht berauben, während die Preußen vor den Toren standen und die Republik in Gefahr war! Martial horchte auf die Perioden Fernols, die in Fragmenten an sein Ohr drangen. Plötzlich verbreitete sich, man wußte nicht, woher? ein Gerücht, das gleich einer Springflut das Menschengewühl überschwemmte: »Der Waffenstillstand geht zu Ende, die Preußen ziehen heute abend ein!« Eine Furche entstand in dem Menschenmeer, ein gewaltiger Windstoß fegte die Straße neben Martial leer. Louchard machte sich wichtig, teilte Befehle aus. Die Offiziere hatten Mühe, die Kompagnie beisammen zu halten. In atemlosem Galopp – war es die Erregung des Triumphs oder die Hast der Panik? – schweißbedeckt und mit fieberhaft geröteten Gesichtern, stürmte eine Anzahl Männer, scheu gewordene Pferde zügelnd, heran; an den Rädern stießen sie Kanonen vorwärts, deren blankes Metall blitzende Reflexe warf. Fragen flogen hin und her. Man schrie: »Unsere Kanonen! Die Kanonen der Nationalgarde! Vinoy wollte sie den Preußen ausliefern...« Einer der Läufer, der sich mit dem nackten Arm die Stirn trocknete, erklärte: »Es sind die Geschütze aus dem Park Magram. Hätten wir sie nicht fortgeschleppt, so hätten die Preußen sie in Beschlag genommen... Aber alle Bataillone dort beeilen sich, sie zu retten ... Von überall werden sie weggeführt ... Jeder rettet sich die seinen...« Tiefe Empörung ergriff die Simons, Thérould, Martial. Der alte Delourmel schrie mit seiner zerbrochenen Stimme: »Die Kanonen gehören uns. Wir haben sie mit unserem Geld, unseren Ersparnissen bezahlt ...« Ein Nachbar, der jedem, der es lesen wollte, ein Abendblatt reichte, verkündete: »Sehn Sie nur her. Sie werden heute um Mitternacht einziehen!« Martial wandte sich an Fernol: »Ihr im Zentral-Komitee wußtet also nichts davon?« Der Toulousaner schlug sich auf die Brust und berichtete: »Es heißt, die Regierung stehe in Unterhandlung wegen Unterzeichnung der Präliminarien ... Mehr weiß ich nicht ...« Bei Fernols Worten wandte ein Vorübergehender sich um. Martial grüßte. Es war Jacquenne; in seinem hageren Wolfsgesicht glühten und funkelten die Augen. Die von dem kurzen, steifen, ergrauenden Bart umstarrten Kinnbacken schienen wie zum Beißen bereit. Der Geächtete von 1852, der Angeklagte vom 31. Oktober hielt sich nicht länger versteckt. Ein Prozeß-Niederschlagungsbefehl hatte ihm die volle Bewegungsfreiheit wiedergegeben. Er benutzte sie, um sich überall dort zu zeigen, wo sich ihm Gelegenheit bot, über die Regierung zu schimpfen und ihr Hindernisse in den Weg zu stellen. Das am 22. Jänner vergossene Blut hatte einen unversöhnlichen Haß gegen diese schießenden Bürger in ihm erzeugt. Er gehörte zu den wenigen, die in diesen Stunden der Verwirrung und der Unklarheit weiter sahen, als nur den gegenwärtigen Augenblick. Mit aller Inbrunst sehnte er die – wennmöglich friedliche, wenn es sein mußte, blutige, Revolution herbei. Hatte es nicht an einem Haar gehangen, als er am 31. Oktober mit Blanqui und Flourens ins Rathaus eingedrungen war und davon Besitz ergriffen hatte? ... Wie richtig sie damals doch gesehen hatten! Mit einem energischen Schlag hatte man die Republik noch retten können, indem man die Lebensmittel rationell verteilte, die Mannschaft anzufeuern suchte ... Jetzt rollte man unaufhaltsam dem Abgrund zu. Ganz Frankreich galt es jetzt zu retten. Der Versuch mußte gemacht werden. Er erklärte: »Binoy hat, in Voraussicht des Einzugs der Preußen, den 6. Sektor räumen lassen. Er hat dabei nur die Artillerieparks vergessen.« Fernol wandte ein: »Da aber die Nationalgarde ihre Waffen behält ... Unsere Kanonen haben nichts zu befürchten.« Achselzuckend versetzte Jacquenne: »Wollt ihr, daß der Feind sich angesichts dieser jungfräulichen Kanonen, die man uns niemals gegen sie hatte richten lassen, triumphierend in die Brust werfe? Sollen wir unsere Geschütze, mit den Nummern unserer Bataillone, mit dem Datum der Belagerung, von preußischen Soldaten bewacht sehn?« Unter lautem Beifallsgemurmel hob er die Stimme: »Zu den Kanonen, Bürger! Alle guten Franzosen auf den Platz Magram!« Seit Stunden befand sich die Stadt, die sich nur zu einer Bürger-Manifestation erhoben hatte, in einem Sturm der Erregung. Seit Mittag durchzogen Bataillone der hochgelegenen Viertel unter Trommelwirbel die Straßen innerhalb der Fortifikationen, an jedem Tore forderten die Wächter die Aufziehung der Zugbrücken. Mit Gewalt wollte man sich der Profanation des Einzugs widersetzen! Die Bürgerbataillone von Passy und Auteuil bemächtigten sich auf dem Vendômeplatz ihrer Geschütze und brachten sie in Sicherheit. Im Park Magram wurden die zweihundertsiebenundzwanzig Kanonen von allen Seiten ergriffen und rasselten durch die Straßen, die Wogen des Schmerzes und der Empörung noch wilder aufpeitschend: Paris ausgeliefert, Paris geschändet ... ! Von Tausenden von Lippen fortgepflanzt, prasselte diese Nachricht gleich einem Regenguß auf den Platz nieder, die Menschenwogen aufrührend und stürmischen Tumult entfesselnd. Man löste sich bei den im Dämmerlicht funkelnden Kanonen ab; andere Arme schleppten sie mit frischer Kraft fort, alles strömte dem Place du Trone zu. Von der anderen Seite jedoch ertönte fernes Geschrei, eine Erschütterung ging durch die Massen, immer näher und näher, kam der Lärm. Wildes Gedränge entstand, Jammerrufe und Klagegeschrei ließen sich vernehmen. Man rief: »Die Truppen kommen!« »Was wollen sie tun? Was fordert man? Nieder mit Vinoy! Es lebe die Armee! ...« Zur Herstellung der Ordnung abgesandt, drangen vier Infanteriebataillone, das Chassepot auf der Schulter, auf die Menge ein. Ein kurzer Moment der Unruhe; dann entrang sich ein einstimmiger Schrei aller Lippen. Die Bataillone wurden gesprengt, Soldaten und Manifestanten verschmolzen in eine Masse. »Wozu die Gewehre?« fragte eine alte Frau einen jungen Sergeanten. »Seid ruhig, Mutter, heute geschieht Euch kein Leid!« Und das frische Gesicht einer Modistin erblickend, die neugierig seine Patrontasche befühlte, umfaßte er die üppige Gestalt. »Nicht wahr, Bürgerin, heute abend wird geküßt?« Sie erwiderte den Kuß. Ein Gefühl unendlicher Brüderlichkeit vereinigte all diese Pariser, die, jeder auf seine Weise, und nach seinen Kräften, auf den Vorpostens, den Wällen, am häuslichen Herde, der Stadt gedient, die, alle gemeinsam, die Leiden der Belagerung erduldet hatten. Die Simons, Thérould und Delourmel hatten sich anderen Nationalgardisten ihres Viertels angeschlossen. Diese, um die Kanone besorgt, die sie auf Inskription hatten schmelzen lassen, wollten zum Park Magram eilen, vielleicht, daß sie sie dort noch fanden. Fernol, Jacquenne verschwunden... Martial sollte die Führung übernehmen. Ein Trommler gesellte sich zu ihnen. »Heda, Kerl, rühr die Schläger!« Das Bewußtsein ihrer Rechte, der Instinkt der Verteidigung riß sie fort. »Vorwärts!« kommandierte Martial. Und mit glühender Stirn, keiner Müdigkeit achtend, hochklopfenden Herzens, setzten sie sich in Bewegung. Am Mitternacht erst fanden Martial, Delourmel und die Simons eine kurze Ruhe. Vier Stunden lang waren sie marschiert. Die Petroleumlampen, die die Stelle der Gaskandelaber vertraten, erhellten nur schwach die Straßenecken, die Kreuzungen, die Plätze, auf denen ununterbrochen Ansammlungen sich bildeten und wieder auflösten, wo Gruppen in lebhaften Debatten beisammen standen und Truppen defilierten. Man hätte sich in die aufgeregtesten Stunden der Belagerung versetzt glauben können. Von allen Kirchen läuteten die Sturmglocken; in den reichen Stadtvierteln ließ die Regierung zum Sammeln blasen. Vergeblich erklangen die Trommelwirbel. Vereinzelte Einwohner, die bei dem Lärm herbeigeeilt waren, zerstreuten sich bald wieder. Sofort nach Unterzeichnung des Waffenstillstands hatten Tausende von Nationalgardisten der wohlhabenden Klassen die Bataillone in Stich gelassen und Paris verlassen. Anderwärts hingegen, wo die Trommeln der niederen Stände dröhnten, mehrten sich die Reihen von Minute zu Minute. Auf dem Platz Magram hatten Martial und seine Genossen nur noch wenige, jetzt von der Truppe bewachte Geschütze gefunden. Das ihre war nicht mehr darunter. Wohin war sie gebracht worden, auf den Platz des Bosges, auf den Boulevard Ornano, den Platz Saint-Pierre, nach Belleville oder nach Montrouge? Wo die Soldaten vorüberkamen, schrie die Menge Verrat. Weiber, Kinder, ganze Straßen hielten sie auf, überschütteten sie mit Schmähungen... Die Armee nahm die Kanonen der Nationalgarde in Beschlag! ... Ein Offizier kommandierte: »Platz machen!« Eine Arbeiterin zeigte ihm die Faust: »Schämst du dich nicht?« Auf den Schwellen der Häuser standen schimpfend halbbekleidete Bewohner. »Die Preußen sind da! Genug gezaudert! Jetzt ist's nicht mehr Trochu, der den Weihwedel führt! Jetzt gilt's für die Männer von Mut und Herz!« Erschöpft, mit leeren Händen, kehrten die Simons und Martial zurück. Als sie die Brücke de la Concorde hinter sich hatten, und beim Korps legislativ um die Ecke bogen, stieß der Schuster Martial mit dem Ellbogen an. Beim Schein einer hochgehobenen Fackel las eine Gruppe von Leuten ein frisch angeklebtes Plakat. »Laßt sehn«, sagte Louis. Und mit lauter Stimme las er die Worte: »Die Friedenspräliminarien sind heute unterzeichnet worden ... Ungeachtet aller Bemühungen war es unmöglich, den Einzug eines Teiles der deutschen Armee in gewissen Vierteln von Paris zu verhindern ...« Sie vermochten einen Aufschrei nicht zu unterdrücken: »Also doch wahr. Die Preußen ziehen ein!« Der Atem stockte ihnen, und doch konnten sie die Blicke nicht von dem Plakat abwenden. Die Augen des alten Simon füllten sich mit schweren Tränen. Martial murmelte niedergeschmettert, wie um sich zu überzeugen: »Unterzeichnet: der Minister des Innern, E. Picard.« Da begannen sie zu laufen. Sie hatten nur noch einen Gedanken: das Viertel zu alarmieren, die Bataillone des Pantheon zu sammeln. Man mußte den Siegern, die ohne Sieg die Stadt betreten wollten, entgegenziehen, mußte ihnen zeigen, daß Trochu nicht in Paris war; daß man zwar kein Brot mehr, aber immer noch Kugeln hatte ...! Am Eingang der Rue Soufflot angelangt, sprach der alte Simon: »Louis, du gehst zur Mairie. Sieh, ob dort Befehle erlassen worden, und hole uns dann im Laden ab! Sie werden doch einen Bissen essen, Herr Poncet?« Nun erst fühlte Martial, der seit dem Morgen nichts zu sich genommen hatte, daß der Hunger in ihm wühlte. Er wollte, rücksichtsvoll, in die »Rote Kuh« eintreten, doch der Milchladen war leer, kein Stück Brot darin zurückgeblieben. Schlecht verproviantiert, vermochte Paris nicht mehr seinen Hunger zu stillen, und indem es mehr trank, als aß, erhitzte es noch sein Fieber. »Kommen Sie doch zu uns«, sagte Simon, »genieren Sie sich doch nicht.« Und gerührt war Martial ihm gefolgt. Auf der Schwelle der Werkstatt stand wartend eine grauhaarige Frau. Sie faßte die Näherkommenden ins Auge und rief: »Bist du's, Mann?« Ihr sorgenvolles Gesicht hellte sich auf; als sie Martials ansichtig wurde, fragte sie: »Wo ist Louis?« »Er kommt«, erwiderte Simon. »Ist noch etwas für uns da? Der Herr Leutnant wird unser Abendbrot teilen.« »Treten Sie nur ein, gnädiger Herr«, sagte sie höflich. Und tiefergriffen, Simon voll Zärtlichkeit anblickend, seufzte sie: »Was war das für ein Tag! Ich habe schon geglaubt, ihr werdet nicht mehr heimkehren!« Ihre etwas zu starke Gestalt und ihr verwelktes Gesicht verrieten einstige Schönheit; der Ausdruck von Güte nahm für sie ein. Ihre sehr hellblauen Augen verliehen ihren festen Zügen das Gepräge der Ehrlichkeit. Während sie einen Topf mit Kartoffeln vom Feuer zog, fragte sie: »Ist es wahr, was man sich erzählt? Die Preußen ...?« Bei dem Laute der Stimmen erbebte ein junges Mädchen, das in einem Winkel des Raumes zusammengekauert gesessen war. Martial verneigte sich. Es war Rose, die Nichte der Simons. Ihr Blick glitt suchend über die Anwesenden, und richtete sich, als sie den Gesuchten nicht fand, mit ängstlicher Frage auf Vater Simon, der, am Tische stehend, das Brot schnitt und ein Stück davon Martial reichte. Da öffnete sich die Tür, Louis trat ein, Rose lächelte, als wäre sie erst jetzt völlig erwacht ... Und wieder klirrte der Türriegel. Die Flinte seines älteren Bruders tragend, den er vor der Mairie getroffen, glitt Anatole mit affenartiger Behendigkeit ins Zimmer. Und mit ihnen drang, alles beherrschend, in die schlichte, von dem Lampenlicht und dem Duft des Abendbrots behaglich durchwärmte Werkstatt der gigantische Lärm der Außenwelt, aufregend, das Blut erhitzend. »Hörst du, Therese!« sagte Simon ... »Die Preußen ziehen ein. Wir sind bereit, sie zu empfangen.« Sie erblaßte, ohne zu antworten. Schon hatte sie das Ende ihrer Leidenszeit gekommen geglaubt. Wie oft hatte sie in diesen Winternächten sie unter Trompetengeschmetter und Trommelschlag ausrücken sehen, ihre Säbel umschnallend, ihre Gewehre ergreifend. Ihn, den Mann und Louis, den sie gleich Anatole als ihre Söhne betrachtete, obgleich sie ihnen nur eine Pflegemutter war; die andere, die wirkliche Mutter, war eines Tages mit einem Geliebten verschwunden, alles mit sich nehmend, auch den Namen, mit dem sie, Therese, sich niemals nennen durfte, eine Gattin ohne Rechtstitel, doch nicht ohne Rechte. Tiefes Schweigen herrschte. Die Männer aßen in Eile und vermieden dabei, die resignierten und verstörten Gesichter der Frauen anzublicken. Sie alle lauschten dem furchtbaren Donner, in dem das Sturmgeläute der Glocken, der abgehackte Rythmus der Trommeln und Trompeten, der betäubende Lärm der Straßen die Empörung und die Verzweiflung von Paris ausströmten. »Auf Wiedersehen, Frau«, sagte Simon. »Auf Wiedersehen, Mutter«, sagten die Söhne. Sie umarmten sie. Als sie Anatole bereit sah, mitzugehen, überlief sie ein Schauder. Mit fünfzehn Jahren! Stumm lehnte sie sich an den Werktisch und während Rose, die ihren Schmerz nicht länger zu beherrschen vermochte, in Tränen ausbrach, folgte sie den Abziehenden mit einem langen, verstehenden Blick. Wieder sahen die Männer sich von dem Orkan fortgerissen, der unter dem sternenklaren Himmel die Leidenschaft der ganzen Stadt entfesselte. Das Sammelsignal ertönte ohne Unterlaß. Von Sainte-Geneviere du Pantheon und der Sorbonne dröhnten die gewaltigen Trauerklänge der schweren Glocken, denen jene von Saint-Jacques und von Saint-Etienne-du-Mont antworteten. Aus den Biwakfeuern der Straßenkreuzungen zuckten die Flammen empor, die Häuser mit rotem Schein färbend. Unaussprechliche Angst und Bangigkeit hatte das schlummerlose Paris umklammert und hielt die im Ministerium des Äußeren versammelte Regierung in Atem. In düsterster Stimmung waren Thiers und Favre am Abend aus Versailles zurückgekehrt, wo sie die Friedenspräliminarien unterzeichnet und ihre Namen unter Bismarcks mit goldener Feder gefertigte Unterschrift gesetzt hatten. Jeden Augenblick empfingen sie von dem Polizeipräfekten Depeschen mit der Ankündigung ihres unfehlbar für die Nacht bevorstehenden Sturzes. Vinoy hatte zu ihrem Schutze nur einige, nicht allzu verläßliche, Kompagnien von Chasseurs zu Fuß und Liniensoldaten aufzubieten vermocht. Angstvoll forschend blickten das Haupt der Regierung und seine Minister in das Dunkel hinaus, in das Getöse dieses uferlosen Stromes, der alles fortzureißen drohte. In der Rue Soufflot rannten Martial und die Simons mit Delourmel zusammen, der aus seiner friedlichen Wohnung kam, wo seine Frau sich in Angst und Verzweiflung verzehrte. Louchard, seit langem bettlägerig, erholte sich von seinen oratorischen Mühen. Aus dem Hintergrunde seiner Loge hatte er ihnen zugerufen: »Kann unmöglich kommen. Eine Kanone hat mir den Fuß überfahren ...« »Soll heißen: durch die Kehle gelaufen«, höhnte Anatole, der gesehen hatte, wie die Hausmeisterin schnell eine auf dem Nachttisch neben einem tüchtigen Stück Schinken stehende Literflasche hatte verschwinden lassen ... Vor der Sorbonne wimmelte es von Haufen von Nationalgardisten. Fernol ordnete mit wichtiger Miene die Reihen, erteilte den Bataillonschefs mit leiser Stimme seine Befehle. Dem allgemeinen Drange folgend, konstituierte sich das Zentralkomitee in Permanenz. Ohne Führung und ohne Kommando setzten tausend Männer sich in Bewegung, mit ihrer Wucht die Boulevards Saint-Michel und Saint-Germain reinfegend. Aus den Hauptstraßen strömten andere Bataillone herzu und vermischten sich mit ihnen. Auf der Place de la Concorde angelangt, waren es ihrer schon dreitausend, die sich mit den aus Belleville herbeigeeilten Kombattanten vereinigten. Und in endlosen Reihen zogen über die äußeren Boulevards immer noch neue Bataillone hinzu. Die Champs-Elysees verwandelten sich in eine wogende Flut. Woge auf Woge, verbreitete sie sich mit elementarer Gewalt, ein ganzes fieberglühendes, verdüstertes Volk in ihre Tiefe reißend, über der, dem unvermeidlichen Schaume gleich, hie und da ein paar Dirnen, einige Betrunkene auftauchten. Halbwüchsige Knaben schleppten singend etliche kurze Haubitzen. Der Schein der Fackeln übergoß die Gesichter mit blutiger Röte. Mehr als vierzigtausend Menschen zogen dem Arc de Triomphe zu. Stumm schritt Martial neben den Simons hin. Und doch tat es ihm wohl, wenn hie und da die Schulter des Alten an die seine stieß, die Berührung dieser rauhen Knochen zu fühlen. Ihre Kräfte verschmolzen miteinander, sie fanden sich in der gleichen Wut der Erniedrigung, der gleichen Verzweiflung. Und all die bitteren Leiden der Belagerung, ihre Enttäuschung über die Kämpfe an der Marne, die Unbeweglichkeit von Le Bourget, das fruchtlose Blutbad bei Buzenval, all die auf Posten verbrachten Nächte, die tödliche Kälte, das faule Brot, die die Stadt zermalmenden Granaten, all ihr nutzloser guter Wille, ihr verkannter, verachteter Mut, all ihr Schmerz und ihr Zorn stieg ihnen in die Kehle empor und berauschte sie wie ein Trunk blutigen Weines. In der Trunkenheit der Mordlust und der Selbstzerstörungswut marschierten sie dahin. Nur über ihre Leichen hinweg sollten die Preußen von Paris Besitz ergreifen! Der bald gedämpfte, bald mit verstärkter Gewalt losbrechende Tumult, der Lärm der Sturmglocken und des Generalmarsches umhüllte sie mit einem Wirbelsturm von Unheil und Trümmern: flammend, drohend schwarz in all der Feuersbrunst, erhob sich – ein neues Moskau – Paris in den Händen der Barbaren ... Sein Ende sollte ein seiner würdiges sein! Bis in die Tiefe ihres Herzens drang ihnen das Dröhnen der zahllosen Schritte der brüderlich geeinten, vor Erschöpfung trunkenen Menge, die wie in einem wüsten Traum befangen, sich weiterwälzte, – den Preußen entgegen, von ihrem erhabenen Wahnsinn getrieben, auf die verödeten Wälle zogen sie im Dunkel der linden Nacht. II. »Nehmen Sie alles fort, Martha«, sagte Thédenat zur Aufwartefrau, auf einen Haufen entfalteter, zerknitterter Zeitungen deutend, die unter seinem Schreibtisch lagen. Als artiger Mann bückte er sich gleichzeitig selbst und half ihr, die verstreuten Blätter aufzuheben. Täglich durchflog er deren wenigstens zwanzig und schnitt in leidenschaftlichem Interesse für die lebendige Weltgeschichte, die vor seinen Augen die Stunden schrieben, die markantesten Stellen als künftige Zeugen heraus. Seine Frau heftete sie pietätvoll auf breite, mit Anmerkungen versehene Blätter. Aus ihnen sollte später, wenn ruhigere Zeiten ein ruhigeres Urteil gestatteten und die Wunde zu bluten aufhörte, eines jener Bücher hervorgehen, in denen der große Gelehrte mit jener Divination, die seine Vorlesungen im College de France durchleuchtete, ein so feines und richtiges Gefühl vereinte. Brummend sammelte Martha die Zeitungen in ihrer Schürze – ein Gewirr von Meinungen, ein mißtönendes Konzert, in denen schrill und falsch alle Noten sich vernehmen ließen, vom Figaro und dem Paris-Journal bis zum Vengeur und zum Cri du Peuple ... »Na«, sagte sie, »das möchte ich nicht um ...« Mit ausdrucksvoller Miene seufzte sie: »Ach! wenn der Kaiser doch da wäre!« Thédenat lächelte. Gattin eines Stadtsergeanten, huldigte Martha dem Fetischdienst einer Zeit, da ihr Eheherr mit gewichstem Schnurrbart à la Napoleon auf den Straßen des Viertels herrschte. Schöne, längst entflohene Tage! ... Jetzt ließ er seinen Bart wachsen und hatte die schöne Uniform mit dem unansehnlichen Zivil vertauscht ... Wieder ein Seufzer, während sie den Haufen Papier forttrug. »Wegen so einer Lügengeschichte ist Villoir gestern erst mit einem geschwollenen Aug' nach Haus gekommen! ... Sie brauchen jetzt nichts mehr? Das Essen steht auf dem Feuer. Ich gehe. Schön guten Abend!« Die Dämmerung brach herein; trübsinnig gedachte Thédenat der unheimlichen Traurigkeit dieser Tage, in denen die Furcht vor der Zukunft sich zu der Bitternis der Vergangenheit gesellte. Keine andere Zuflucht, als die furchtbare Qual der Gegenwart. Und nun sollte der Leidensbecher bis auf die Neige geleert werden: morgen schändeten die Preußen Paris mit dem frechen Triumph ihres Einzugs ... Mit der Ohnmacht seiner fünfundsechzig Jahre, die das Gefühl seines Alters und seiner Schwäche ihm nur noch demütigender erscheinen ließ, litt er in seinem Mannesstolz, in seiner Liebe zum Vaterlande, dessen leuchtende Größe er, der Erforscher des heimatlichen Bodens, der Erklärer der Rasse, klarer als jeder andere begriffen, begeisterter als jeder andere gefeiert. Er durchlebte die grausamste Zeit seines Lebens, er empfand für alle die Schmach und Erniedrigung. So sollten denn zweimal – als Kind und als Greis – seine Augen Das erblickt haben, was seit zwei Jahrhunderten Frankreich nicht gesehen hatte. Und nun waren die Schatten um ihn her schon zu tief, als daß er hätte hoffen dürfen, noch einmal die Sonne der Revanche aufgehen zu sehen. Frau Thédenat war auf den Fußspitzen eingetreten und blieb stehen, da sie ihn so nachdenklich auf seinen Schreibtisch gestützt sitzen sah; ob er arbeitete? Er schüttelte den Kopf. Sie versuchte, ihn mit einem Lächeln zu trösten. All ihr Dasein freundlicher Zweisamkeit, all die Jahre liebenden Vertrauens und tiefer Verehrung lagen in dem Blicke, den sie miteinander tauschten. Mit mütterlicher Zärtlichkeit strich sie sanft über die weißen Locken ihres Mannes. Sie deutete auf die Abendsonne, die einer zarten Seide gleich sich über die Riesenstadt spannte, deren trüber Hauch bis in ihr stilles Zimmer drang. Jenseits des noch schwarzen Luxembourggartens, in dessen Bäumen und Sträuchern leise sich der Saft schon regte, breitete sich der bläuliche Horizont. Über dem todwunden Frankreich sollte ein neuer Frühling aufgehen. »Hier«, sagte sie, »zwei Briefe!« Der eine, mit dem Poststempel Mainz, war vom Major Pierre Du Breuil. Seit der Postdienst wieder eröffnet war, hatte der Gefangene von Metz schon zweimal an den Gelehrten geschrieben. Er hatte ihn an seine Prophezeihungen vor Beginn des Krieges erinnert, ihn zum Vertrauten der moralischen Krisis, in der er sich befand, und all seiner Zweifel gemacht und bei dem alten Freunde seines Vaters wie bei einem Seelenarzte Rat und Trost gesucht. Thédenat malte sich das Bild des jungen Mannes, die elegante Gestalt in der kleidsamen Gardeuniform, die breite Stirn, die braunen Augen, den weichen Schnurrbart, die heitere Miene ... Ach ja, Gravelotte, der Donnerschlag von Sedan, der Kot von Metz, die Gefangenschaft – genug, um die Leichtherzigsten ernst zu machen. Du Breuil sprach von seiner Hoffnung auf baldige Heimkehr. Der andere Brief kam aus Bordeaux, von dem Chemiker Poncet. Martials Vater kam aus dem Zorn über die Bestrebungen und den Geist der Nationalversammlung nicht heraus; er erzählte, daß der Herzog von Aumale und der Prinz von Joinville, in Libourne gelandet, erwartet wurden und ihre Wahl durchzusetzen hofften ... Weiter berichtete er den Entschluß der Kammer, für den Präliminarvertrag, den Thiers ihr brachte, zu stimmen. Jedes seiner Worte verriet seinen Zorn über diesen feigen Frieden, sein Bedauern, nicht mehr mit der Delegation an der ungeheuren Verteidigungsarbeit beteiligt zu sein. Schwermütigen Sinnes betrachtete Thédenat, die Augen ins Freie gerichtet, diesen Horizont, über den während der Belagerung so oft sein Blick forschend geschweift, der Hilfsarmeen, der befreienden Provinz harrend, die dort hinter dem Kreise der feindlichen Batterien auftauchen sollten ... Doch ach! die Provinz war nicht gekommen! Da durchschrillte plötzlich der scharfe Ton der Türklingel das in dem kleinen Gemach herrschende Schweigen. Thédenat zuckte zusammen, seine Frau erhob sich erschreckt, um zu öffnen. In diesen Monaten der Aufregung und der Unsicherheit, die ihr regelmäßiges Dasein in Schwanken gebracht, konnte man nie wissen, welch neues Unheil ein neues, unbekanntes Gesicht bringen konnte. Doch schnell beruhigt, rief sie aus: »Sie sind es, Herr Martial?« Seit Ninis Tod sah sie ihn stets mit einem Gefühle liebevollen Mitleids kommen; diesen Abend jedoch, da er so erschöpft, so leichenblaß, so nur mit Mühe sich aufrecht haltend vor ihr stand, vermochte sie die besorgte Frage: »Mein Gott, was ist Ihnen denn?« nicht zurückzuhalten. Thédenat hingegen brauchte nicht erst zu fragen; mit seinem durchdringend forschenden Blick erriet und beklagte er seinen jungen Freund auch ohne Worte. Stumm hatte Martial sich in den neben dem Schreibtisch stehenden Lehnstuhl sinken lassen. Hier hatte er einen Augenblick der Ruhe und des Aufatmens zu finden gehofft. Wie mutete ihn in dem bescheidenen Zimmer doch alles so vertraut an, die mit abgenützten Büchern angefüllten Regale, der Perseus aus Gips auf dem Kamin, die Haufen von Manuskripten, – wie rief ihm alles die schreckliche Vergangenheit zurück mit ihrer fieberhaften Aufregung, ihre Gespräche beim Eintreffen neuer Unglücksnachrichten, bei dem furchtbaren Pfeifen der Granaten ... Er vermochte den Druck nicht abzuschütteln, mit dem die Erinnerung an die Schrecken der Belagerung, der Gedanke an das morgige Ende auf ihm lastete. In seinen Adern kochte noch das Blut, das die vorgestrige Nacht in ihm entzündet. Trotz seiner tödlichen Müdigkeit, mit der er am frühen Morgen, nach dem vergeblichen Harren auf den Wällen, in seine Behausung zurückgekehrt war; trotz des bleiernen Schlafes, der seiner Erschöpfung gefolgt war; trotz der anstrengenden Arbeit, mit der er diesen Nachmittag seine Erschlaffung abzuschütteln versucht hatte, fühlte er noch immer den Taumel dieses sinnlosen Marsches. Wie ein Schwindel war's, der seine Erschöpfung noch trostloser machte, ihn in einen Zustand dumpfer Verzweiflung versetzte. Es ekelte ihn vor allem, er hatte einen bitteren Geschmack im Munde, seine Willenskraft war wie erstorben. Er wunderte sich fast, als Thédenat ihn fragte: »Wissen Sie, was vorgeht?« Nein, er wußte es nicht. Was konnte noch geschehen? ... Die Preußen? ... Ach ja! Beim Verlassen des Hauses hatte er die zweite Ankündigung der Regierung gelesen, den Tagesbefehl Vinoys, zur Ruhe mahnend. Thédenat fuhr fort: »Man hat recht. Vorgestern war ich mit ganzem Herzen bei eurer Sache ... Die Erregung des ersten Augenblicks ... Aber man muß gerecht sein. Jede Gewalttat, vorgestern noch begreiflich, wäre heute beklagenswert und verhängnisvoll. Wir müssen das Lösegeld für Belfort zu zahlen wissen. Daß das heroische Städtchen uns erhalten bleibt, das muß uns über die Schmach trösten, ein Stadtviertel von Paris für einige Tage in den Händen der Deutschen zu sehen... Es liegt in diesem teilweisen, auf die Zeit der Ratifizierung der Präliminarien beschränkten Eindringen des Feindes etwas Unvollkommenes und Flüchtiges, das im Grunde genommen den Besiegten mehr als den Sieger ehrt.« Martial hob abwehrend die Hand. Ihn konnte nichts von seiner Überzeugung abbringen. »Mein armer Junge«, sprach Thédenat weiter, »alles stimmt darin überein. In der Corderie haben die Überbleibsel der Volkskomitees sich gerührt. Die Delegierten der 20 Arrondissements, die Internationale Arbeiterverbindung, die Syndikatskammern – und daß ihr Patriotismus keinen Zweifel gestattet, das haben sie während der Belagerung bewiesen, – sie alle haben es gefühlt, wie der sinnlose Mut der Nationalgarde Paris dem Abgrund entgegentrieb. Sie haben das provisorische Zentralkomitee beschworen, auf der schiefen Ebene innezuhalten ... Sehen Sie hier das Manifest, das letzteres, sich ihren Vernunftgründen fügend, veröffentlicht hat...« Er reichte dem jungen Manne einen Zeitungsausschnitt, der, schwarz umrandet, die gebieterische Ankündigung enthielt: »Jede aggressive Handlung würde als Vorwand zum Sturze der Republik dienen ... Die vom Feinde besetzten Stadtteile sollen durch Barrikaden isoliert werden ... Die Nationalgarde, im Verein mit der Armee, soll jede Kommunikation mit der übrigen Stadt verhindern...« Thédenat verlas die neunundzwanzig unbekannten Namen dieser aus der Erde gestampften Gewalt. Kennen Sie darunter noch andere, als Fernol?« fragte er Martial ... »Jacquenne hat mir ziemlich übellaunig gesagt – dieser Veteran der Republik mißtraut dem Eifer und der Unerfahrenheit dieses Nachwuchses – daß es Kleinbürger, Krämer, Handelsangestellte seien, sämtlich außerhalb ihres Viertels völlig unbekannte Leute ... Sie besitzen und sind die anonyme Kraft des Volkes ... Die reaktionären Blätter sprechen von einem Komplott, einer organisierten Revolution. Und doch sehe ich keinen, der die Führung hätte. Die Komitees der Corderie möchten vielleicht. Doch sie sind voller Auflösung ... Wer also dann? Nicht aus sich selbst, noch aus ihrem Komitee schöpft die Nationalgarde ihre furchtbare Macht, sondern aus der Menge der Fehler, welche die verantwortlichen Machthaber, von Trochu bis Vinoy, von Favre, bis zur Nationalversammlung, angehäuft haben und immer noch anhäufen. Gestern nacht hat man das Gefängnis von Saint-Pelagie erbrochen, Brunel und Piazza, die Führer des letzten Aufstandes, befreit. Dieser Aufstand jedoch, der letzte Wutausbruch der Stadt bei der Verkündigung des Waffenstillstandes – wer anders hat ihn provoziert als jene, deren Unverstand Paris preisgegeben hat? Die Munitionen der für die Okkupation designierten Sektoren werden regellos weggebracht. Warum hat man sie dort gelassen? Und diese Sektoren selbst, von denen die ganze Belagerung abhing, hat man sie nicht der Zerstörung preisgegeben, hat man nicht jeden Moment die Chefs, die Aufstellung gewechselt? Niemand kennt sich mehr darin aus! Ja, ich weiß, Martha hat es mir gesagt, die Mobilgarden der Seine sind im Begriff, die Kaserne de la Pepiniere zu stürmen, sie versuchten, die Marinesoldaten zur Desertion zu bewegen und führen sie am Arm in die Bastille. Die Klubs toben; auf Montmartre werden Barrikaden errichtet; die Truppen haben Belleville und Menilmontant geräumt. An einigen Stellen hat man die Wälle neu bewaffnet ... Was steht uns morgen bevor?« Sinnend schüttelte er den Kopf und fuhr fort: »Ich weiß es nicht. Nur das eine weiß ich: daß nie ein Volk, niemals Paris sich in einem solchen Zustande der Verzweiflung befunden hat ... Nie auch hat unsere Stadt so sehr der Herren und Führer bedurft, die die nötige Größe der Auffassung, die Milde und die feste Hand besäßen, die es verständen, das Volk zu lieben, zu begreifen und geduldig seine Wunden zu heilen.« Und Poncets Brief ergreifend, reichte er ihn Martial hin: »Ihr Vater schreibt mir aus Bordeaux. Ich fürchte gleich ihm, daß man sich dort des Ernstes der Ereignisse nicht bewußt ist...« Martial warf einen müden, zerstreuten Blick auf das Papier. Selbst die Freude, die Seinen bald wiedersehen zu dürfen, ließ ihn unbewegt. Wie leerer Schall drangen Thédenats Worte an sein Ohr. Das Feuer seiner Begeisterung war erloschen, und er versank in eine Niedergeschlagenheit, in der nur ein einziger Gedanke noch, die Folter der vollendeten Patrache ihm im Bewußtsein blieb. Nichts – er war nichts, er vermochte nichts, – nichts! Er lehnte Frau Thédenats Einladung ab. Nein, er wäre ein gar ungemütlicher Tischgenosse. Es drängte ihn jetzt, diese Hände zu fliehen, die sich freundschaftlich ihm entgegenstreckten, das Speisezimmer, das mit seiner altmodischen Traulichkeit, mit dem Geflatter der Kanarienvögel, mit dem gedeckten Tisch und den geblümten Tellern um so schmerzlicher seinen Drang nach Einsamkeit schürte ... Im Finstern tappte er die Treppe hinab. Über sich hörte er das Geflüster von Stimmen – es waren MéIie und der Buchbindergehilfe. Tinet wehrte sich gegen seine Gefährtin, die ihn mit unsanften Worten ins Bett trieb. Er kam an der verschlossenen Tür der Delourmels vorbei, malte sich das Bild der beiden Alten aus, ihr friedliches Beisammensein. Fast beneidete er sie. Im zweiten Stock ein anderes Ehepaar, glückliche Leute, die Noyers, ein Stadtrat und seine Frau. Während der Belagerung fern von Paris weilend, hatten sie bei ihrer Heimkehr voll Entsetzen ihre Wohnung von Landleuten aus Clamart, Pacaut mit Sippschaft und Tieren, besetzt gefunden ... Alles zerfetzt, beschmutzt, die ganze Wohnung in einen Stall verwandelt! Da sie aber wegen ihres unerträglichen Hochmuts im Hause wenig beliebt waren, wurden sie jetzt auch von niemand bedauert. Im ersten Stock begegnete Martial dem Mieter, Blacourt, der in strohgelben Handschuhen und lichtem Überzieher seine Wohnung verließ. Er hatte in den Speisehäusern der Boulevards seine luxuriöse Lebensweise wieder aufgenommen, gerade so wie in den Zeiten des Kaiserreichs. Seine glänzend gestriegelten Pferde, vor ein neues Phaëton gespannt, standen ungeduldig stampfend vor dem Haustor. Martial tat, als bemerkte er Blacourts Gruß nicht und ging rasch an Frau Louchard vorbei, die, die Hände über dem von der, Wassersucht aufgetriebenen Leib gekreuzt, bewundernd von ihrer Loge aus dem sensationellen Abmarsch zusah. Sie rief den Bildhauer. »Das geht doch nicht, gnädiger Herr, daß sie zu Hause bleiben? Alles ist ja auf der Straße. Es geht alles drunter und drüber! Mein Mann ist fort mit Herrn Thérould, der zu Ihnen hat wollen. Sie müssen in der Versammlung der »Marseillaise« Reden halten.« Kopfschüttelnd erreichte Martial das Atelier und warf sich, ohne auch nur die Lampe anzuzünden, auf das schmale, nun viel zu breite Bett; von dem Gefühl furchtbarer Vereinsamung übermannt, sich in die Fäuste beißend, um nicht laut aufzuschluchzen, vergrub er das Gesicht in die Kissen, den Schlaf herbeisehnend und mit ihm die Bewußtlosigkeit, das Vergessen. Den nächsten Morgen, Mittwoch den 1. März, spannte sich ein tiefblauer Himmel über die Stadt, leuchtete vergoldender Sonnenschein auf die Plätze und Straßen herab, die von wilderregten Menschenmassen wimmelten. Die glücklicherweise von den Deutschen abgewendet Revolte bebte in allen Gemütern nach. Bei der Mühle von La Galette waren Geschütze aufgepflanzt, die Mündung gegen den eindringenden Feind gerichtet. Hie und da ertönte das Sammelsignal; Kompagnien vom Montmartre stiegen bis Saint-Augustin herab, um den Feind zurückzudrängen; die in Permanenz erklärten Klubs spieen Gift und Galle; die Plünderung der Munitionen dauerte fort; die roten Bataillone zerstörten nach ihren eigenen Kanonen diejenigen ihrer Nachbarn; lärmend rasselten die Geschütze durch die Straßen; von Angst ergriffen, gab Binoy nach und erkannte offiziell der Nationalgarde das Recht zu, fortan ihre eigene Artillerie zu behalten. Die Seele von Paris wandte sich ungeteilt dem preisgegebenen Stadtteil zu, dem weiten, von Barrikaden umgebenen Raume, der von einer doppelten Reihe von Posten bewacht und von berittenen Patrouillen durchstreift wurde. Die Seine, die Tuilerien, die Rue Saint-Honoré, die Avenue des Ternes umschlossen eine Wüste des Schweigens und der Trauer, deren Trostlosigkeit durch die geschlossenen Läden noch erhöht wurde. Der erste Kordon wurde durch das Militär gebildet; die anfangs wenig zahlreiche Nationalgarde mußte sich damit begnügen, den zweiten zu ziehen und als Barriere zwischen ihren bis zur Überspannung gereizten Kameraden und dem Feinde zu dienen. Um acht Uhr erschienen in den Avenuen de la Grande-Armee und de I'Imperatrice die ersten Kolonnen. Die Spitze der Avantgarde erreichte im Galopp den Arc de Triumphe. Gewaltig, majestätisch hob das stolze Bauwerk sich vom klaren Azur des Himmels ab; Vögel umflatterten die Basreliefs. Die Umfassungsketten, die Haufen der aufgetürmten Pflastersteine füllten die Wölbungen und versperrten den Weg. Streng und doch voll stiller Ironie blickte der Riesenbogen von der Höhe seines Ruhmes herab; mit allen Stimmen seiner glorreichen Inschriften rief er dem deutschen Eroberer ein »Fort mit euch!« zu. Auf den Steinhaufen kauernde Gassenjungen pfiffen und heulten. Bei der die Avenue de l'Imperatrice abschließenden großen Barrikade nahm die bayrische Artillerie Aufstellung, die hier zusammentreffenden Wege beherrschend. Einzelne Detachements besetzten rechts und links die ersten Häuser. Man jagten die acht Eclaireure der Tete mit verhängten Zügeln durch die Champs-Elysees. Es waren grüne Husaren, die Karabiner in der Faust. Sie voltierten und vollführten allerlei kühne Wendungen, sie machten an den Kreuzungen Halt und stürmten durch die Straßen bis zum Platz de la Concorde. Dann kehrten sie an die Tete der marschierenden Kolonne zurück. Der Weg war frei. Den Offiziersstab und die Musik an der Spitze, rückten schweren und rhythmischen Schrittes, inmitten einer beklemmend lautlosen Stille, die Deutschen ein. Beim Industriepalast machten sie Halt, wahrend der Stab bis zum Platz de la Concorde vordrang. Die ausgetrockneten Fontänen, die Tuilerien, in denen kein Springbrunnen plätscherte, die von den Häusern wehenden schwarzen Fahnen verliehen dem Platze ein kahles, düsteres Aussehen. Im Schritt machten die Offiziere die Runde. Alle die Statuen der französischen Städte, die majestätisch auf ihren Piedestalen saßen, hatten das Haupt mit schwarzen Schleiern umhüllt. Die noch mit Flaggen und Kränzen geschmückte Statue von Straßburg trug, wie die anderen, eine Trauerbinde vor den Augen. Bei der linken Fontäne drängten sich sieben oder acht Männer bis dicht an die Köpfe der Pferde und liefen: »Es lebe die Republik!« Um halb zehn Uhr zog eine zweite bayrische Vorhut durch die verödeten Champs-Elysees. Erst um drei Uhr, nach der bei Longchamps durch Kaiser Wilhelm abgehaltenen Parade, erschien das Gros der Detachements. Ein Korps von dreißigtausend Mann, das unter dem Kommando des Generals von Kamecke ausgewählte Bruchstücke der gesamten Armee vereinigte, hielt unter den Klängen der Siegesfanfaren seinen Einzug unter Vorantritt der Menge der Generäle und Fürsten. Martial, bei Tagesanbruch erwacht, hatte sich in sein Atelier eingeschlossen und seinen Arbeitskittel angelegt. Das helle Tageslicht, das durch die Fenster einfiel, das klare Blau des Himmels dünkten ihn ein neuer Hohn; wütend versuchte er, seine Gedanken und seinen Schmerz in den formlosen Ton einzukneten. Langsam vergingen die Minuten. Ein Pochen an der Tür riß ihn aus dieser freudlosen Arbeit. Es war Thédenat, der zu ihm kam, um ihn aus seinem qualvollen Brüten zu reißen. Lieber dem gemeinsamen Unglück ins Auge schauen, als hier sich in marternder Einsamkeit verzehren. Das geschichtliche Interesse überwog bei ihm das Gefühl. Dieses furchtbare, aber unvergleichliche Schauspiel durfte er sich nicht entgehen lassen. Er war der Geschichte, sich selbst seine Zeugenschaft schuldig. Unterm Haustor begegneten sie Louchard, der jetzt erst von der Marseillaise heimkehrte. Obgleich gänzlich stimmlos, schickte er sich doch an, von seinen nächtlichen Heldentaten zu erzählen. »Mehr als viertausend, Herr Thédenat! Und was für Anträge? Wir haben beschlossen, die Tore zu besetzen, uns heute früh des Rathauses und der Polizeipräfektur zu bemächtigen; wir haben einen General ernannt: Darras heißt er. Zeitlich früh hat man Pulverfässer in den Saal gerollt. Nämlich, um den alten Wilhelm im Elysee in die Luft zu sprengen. Die Beratungen haben bis Mittag gedauert. Na, und was für eine schöne Gelegenheit mir hier fehlgeschlagen ist! Freunde von mir haben das Depot vom Pantheon gesäubert und hunderttausende von Kartätschen in Sicherheit gebracht. Die Preußen werden's schon zu fühlen bekommen.« Und ihnen den Rücken kehrend, setzte er sich gewichtig in das große in der Loge befindliche Fauteuil. Schweigsam angesichts dieser Parodie des Patriotismus entfernten sich Thédenat und Martial. War das bloße Albernheit, war's tolle Überzeugung? »Weder das eine, noch das andere«, sprach Thédenat, »Louchard ist einer jener wissentlich bösartigen Menschen, die auch die schönste Sache kompromittieren können. Glücklicherweise gibt es nicht viele seinesgleichen.« Sie durchschritten den stillen Faubourg Saint-Germain, in dem alles Leben aufgehoben schien. Auf der Brücke de la Concorde hielten die Wachen nur die Leute in Uniform an. Sie betraten den Platz. Inmitten einiger Neugieriger bewegten sich deutsche Offiziere zu Pferde in kleinen Gruppen auf dem Platze. Die Zigarre im Munde, betrachteten sie den Obelisk, die Statuen, besonders jene von Straßburg. Auf ihre lorbeergeschmückten Kanonen gestützt, standen einige Bayern vor den dort aufgestellten photographischen Apparaten; rechts und links von den Pferden von Marly reihten sich die Batterien. Martial und Thédenat zweigten in eine der Seitenalleen der Champs-Elysees ab. Je näher man dem Rondel kam, je zahlreicher wurden die Zuschauer, die sich zumeist aus Bürgern und Leuten aus dem Volke rekrutierten: Frauen, Kinder, Greise. Sie bildeten eine lebendige Hecke und sahen unter Ausrufen und Gelächter den mächtigen Strom der Barbaren vorüberziehen. Man vernahm halblaute Schmähworte wie: »Ich möcht' es ihnen eintränken!« »Seht, seht, diesen Kopf! Diese Hosen! Wie im Karneval! Laß dir doch ein paar Zigarren von ihnen geben! Die Schweine!« Aus den Fenstern der Paläste neigten sich elegant gekleidete Damen und Dandys. »Die Maulaffen!« seufzte Thédenat, »diese unverbesserliche und verächtliche Nachsucht! Was aber bedeuten einige hundert Narren gegen eine Million von Parisern, die jenseits der Barrikaden um uns her knirschend ihre Zügel zerbeißt und ihre Schmach mit Würde trägt?« Der herrliche Tag neigte seinem Ende zu. Die hinter dem Triumphbogen untergehende Sonne beschien mit ihren letzten Strahlen die endlose Invasion. Seit einer Stunde, die sich ihnen zu einem Jahrhundert dehnte, betrachteten Thédenat und Martial, der eine von Betäubung übermannt, der andere voll schmerzlichen Interesses dieses Defilee, in dem alle Stämme Deutschlands sich vereinigt zu haben schienen, um sich hier in ihrem Glanz zu zeigen, und dessen Kraft und Präzision herzbeklemmend wirkten. Endlos, unaufhörlich wälzte die Lawine sich weiter, die blauen Röcke der bayrischen Jäger, die strammen Reihen der preußischen Infanterie. In das mechanische Gedröhne der Schritte mischte sich der schrille Ton der Pfeifen, die heiteren Klänge der Musik. Über den stolz erhobenen Köpfen flatterte die gelbe Seide der Standarten, der gekrönte schwarze Adler. Gleich Sonnenblitzen funkelten von einem Ende der Avenue zum anderen die Spitzen der Bajonette, das Gold der Helme, der blitzende Stahl der Panzer. Mit besonderem Interesse betrachtete Thédenat die Totenhusaren, die blauen Dragoner, die Ulanen mit den fähnleingeschmückten Lanzen. Und angesichts dieser glänzenden Offiziere, die so fest und sicher auf ihren mit gestickten Schabracken geschmückten Pferden saßen, angesichts dieser Eroberer mit den eckigen Schultern und den blonden Bärten anerkannte er die germanischen Tugenden, den Geist der Einheit und der Ordnung, die fromme Vaterlandsliebe, all das, was in diesem wildesten der Kriege ihnen zum Siege verholfen hatte. So groß und unbestreitbar auch die Vorzüge Frankreichs blieben, jetzt konnte es von seinen Nachbarn lernen. Sie wandten sich heimwärts. Der Abend war schnell hereingebrochen. Unter den Bäumen wurden die Feuer der Biwakküchen entzündet, die Pferde käuten ihr Futter. Die Champs-Elysees leerten sich. Thédenat und Martial beschleunigten ihre Schritte. Immer dichter wurden die Schatten. Gleich einem riesigen Gespenst bewegte sich die fremde Armee im Dunkel der Nacht. Die Luft war drückend weich. Thédenat nahm Martial untern Arm und zog ihn wortlos mit sich fort. All das Dunkel um sie her drang in ihr Inneres. Nachtwandlern gleich schritten sie den Weg zurück, den sie vor Stunden gegangen. Wenige Passanten nur schlichen noch die Mauern entlang. Man sprach mit leiser Stimme, wie bei einer Totenwacht. Mit einer Art heiligen Grauens durchlebte Martial, unfähig seine Gedanken abzuschütteln, noch einmal all die Qualen dieser letzten Tage. Er war wie zermalmt, ein armseliges, seelenloses, gedemütigtes, zu Boden geschmettertes Etwas. Thédenat dachte angesichts der finsteren Straßen: »Dies ist so recht das Herz Frankreichs, diese tapfere Stadt, die sich selbst zu bezähmen gewußt hat, dieses Paris, in dem der Sieger verwundert, an einen bestimmten Ort verwiesen, auf dem Qui-vive bleiben muß, dieses Paris mit den geschlossenen Schaufenstern, das heute morgen keine Zeitungen, heute nachmittag keine Börse und keine Gerichtsverhandlungen hatte, das seinen Atem anhält und dessen Blut ich unter der so würdigen Haltung beben und wallen sehe ...« In düsterer Trauer dehnte sich der Luxembourg. Der Pantheon glich einem Grabe. Nicht den nächsten und nicht den zweitnächsten Morgen fand Martial den Mut, sich zu rühren. Man brachte ihm seine Mahlzeiten aus der »Roten Kuh«. Am Donnerstag abend brachte Delourmel, der ausgegangen war, um statt seiner erkrankten Frau Vorräte einzukaufen, die Nachricht mit, daß die Nationalversammlung in Bordeaux in feierlicher Sitzung den Präliminarvertrag ratifiziert hatte und die Preußen daher im Begriffe waren, ihr Bündel zu schnüren. Heute hatten sie das Invalidenhaus besuchen wollen, doch mit Rücksicht auf die Gefahren eines Spazierganges durch Paris sich auf den Louvre beschränkt. Man hatte die Gitter der Tuilerien verhängt, um zu verhindern, daß die murrende Menge durch den Anblick der vorüberziehenden Feinde zur Wut gereizt würde. Vor dem Fenster der Apollogalerie, von wo aus die Offiziere die Stadt betrachtet, hatte das wütende Volk, ihren trotzigen Stolz und Spott mit Geschrei beantwortend, sie mit Schimpfworten überschüttet und mit den erstbesten Geschossen, ja sogar mit Geldstücken, bombardiert: »Der Beginn der fünf Milliarden!« – Von Saint-Germain – l'Auxerrois bis zur Brücke Saints-Pères brüllte ein Sturm von Verwünschungen und Schmähungen. Am Freitag, als Martial die Tür seines Ateliers zuschloß, um sich zum Frühstück zu Mutter Groubet zu begeben, machte Louchard, ihn erblickend, ihm telegraphische Zeichen. Er fuchtelte mit den Armen durch die Luft, was bedeuten sollte: »Alles fort, keiner mehr da!« Mit einem Gefühl wohliger Erleichterung betrat Martial die Straße, Freude belebte alle Gesichter. Die Restauration war mit Nationalgardisten gefüllt, die Spottlieder sangen und Glas auf Glas auf den Abzug der Deutschen leerten. Er stürzte sein Frühstück hinunter; schon hatte drückendes Unbehagen sich wieder seiner bemächtigt, und von neuem versank er in seine tiefe Verstimmung und seine Trauer, die zu jedem energischen Aufraffen unfähig machten. Was tun? Endlos dehnte sich vor ihm der Tag. »Ein Uhr. Soll ich auf einen Augenblick bei den Simons eintreten?« Er fand sie alle beisammen, Simon und Louis wie immer bei der Arbeit. Therese reinigte am Herd den Suppentopf, während Rosa den Deckel abtrocknete. Anatole war in lebhaftem Gespräch mit einem Greis begriffen, der ruhig auf dem besten Stuhle saß. An dem lockig auf die Schultern herabfallenden weißen Haar erkannte Martial seinen väterlichen Freund Thédenat. »Sie sind's?« fragte er. »Ich habe meinen Nachbarn ein Paar Schuhe gebracht, die sie die Freundlichkeit haben, mir sogleich auszubessern. Anatole, der heute morgen in den Champs-Elysees war, erzählt mir, was er gesehen.« »Ist ein Plätzchen für mich frei? Lassen Sie sich nicht stören...« Martial ließ sich auf einem Stuhle nieder, den Rosa ihm anbot, und erwiderte mit freundlichem Lächeln den herzlichen Blick, mit dem die beiden Simons ihn empfingen ... Sie begrüßten sein Kommen stets mit einer mit Hochachtung gemischten Freude; war er doch, obgleich ein Künstler, so gar nicht stolz. Es bestand zwischen ihnen ein Gefühl gegenseitiger Achtung. Diese vier Monate hatten sie beinahe zu Freunden gemacht ... Schon waren ihre aufmerksam lauschenden Gesichter über die Arbeit gebeugt, während sie ernsten Blickes Anatoles Berichten folgten. Seit dem 27. hatten sie ihre Werkstatt nicht mehr verlassen. Von den Befestigungen heimkehrend, hatten sie Therese und Rosa wach und angekleidet gefunden; die beiden Frauen hatten die ganze Nacht gewartet, auf jedes Geräusch, jeden Schritt horchend ... Aufs tiefste erschöpft, hatten sie sich schweigend umarmt. Es war aus, – nichts vermochte mehr die Schmach und das Unheil zu verhindern? ... Kaum ausgeruht, hatten sie Krummmesser und Ahle wieder ergriffen, um ihren Schmerz, die Erniedrigung der Stadt in angestrengter Arbeit zu betäuben. Das war nach bewiesenem Opfermut ihre Art, Protest gegen das Geschehene einzulegen. Spöttischen Tons fuhr Anatole fort: »Die Infanterie marschierte in der Mitte der Straße; rechts und links die Wagen... Rückwärts, ganz allein, die blauen Dragoner. Denen hat man aber tüchtig durchgetreten! Kieselsteine hat man auf sie geworfen! ... Ein paar Offiziere mit Husaren sind mit geschwungenem Säbel gegen uns losgestürmt. ... Natürlich, man hat sie hübsch ablaufen lassen! Es scheint, daß einige von ihnen durch den Triumphbogen durch sind... Glückliche Reise! Schöne Grüße zu Hause!« Nur die Frauen allein amüsierten sich bei diesen Worten. Dieser Anatole, ein rechter Spaßvogel! Therese hatte eine besondere Vorliebe für den großen Burschen mit der aufgestülpten Nase und den listigen Augen. Simon jedoch sprach: »Nicht wahr, Herr Thédenat, auf einen solchen Ein- und Abzug braucht man nicht stolz zu sein... Ist das alles, Junge?« »Noch lange nicht! Wie sie fort waren, haben manche das Stroh verbrannt, um die Luft auszuräuchern. Andere haben die Kaffeehäuser gestürmt, in denen die Preußen getrunken haben; man hat die Spiegel, die Gläser und die Möbel verbrannt ... Dummheiten! Ich hab' mich nicht hineingemischt. Dann erzählt man sich auch noch, daß man gestern eine leichtfertige Person, die die erste Nacht bei den Deutschen gewesen ist, ganz nackt ausgezogen und ausgepeitscht hat. Eine andere hat man unter Schimpf und Schande in den Louvre gebracht...« Therese und Rosa blickten zu Boden; Simon wiegte mit mehr Traurigkeit als Mitleid das Haupt. Mach minutenlanger Stille erhob Thédenat die Stimme. Aller Blicke wandten sich ehrerbietig ihm zu: »Einige meiner Freunde haben mir heute morgen erzählt, daß die Deutschen sehr überrascht und sehr verstimmt gewesen seien ... Sie hatten nicht an eine so baldige Ratifizierung der Präliminarien geglaubt. Heute sollte Kaiser Wilhelm seinen Einzug halten. Gestern hat man, damit mehr Preußen sich der Ehren rühmen können, das Schauspiel genossen zu haben, schnell diejenigen des Vortrabs durch andere ersetzt, wie in einem Theater ... Doch Sie haben recht, Simon, sie haben keine Ursache, stolz zu sein. Bismarck hat es am ersten Tage nicht für geraten gefunden, sich weiter als bis zur Hälfte der Avenue de la Grande-Armee zu wagen. Alles, was er eingeheimst hat, war ein: »Da schaut, das ist dieser schlumpige Bismarck!« gerade ins Gesicht. Er ließ es sich gesagt sein und machte Kehrt ... Wie anders war der Einzug Napoleon des Ersten in Berlin im Jahre 1806, inmitten seiner Garde! Voran kamen die Grenadiere und die Chasseurs zu Fuß, hinter diesen die Grenadiere und die Chasseurs zu Pferd. In der Mitte schritt Napoleon, von den Marschällen gefolgt. Aller Augen richteten sich auf seine schlichte Uniform inmitten all der goldstrotzenden Röcke und Mäntel. In den Straßen, auf den Balkons drängten sich die Einwohner. Die Behörden kamen ihm entgegen und überbrachten ihm die Schlüssel von Berlin. Napoleon begab sich in den Palast der Könige und empfing dort alle Würdenträger in Audienz.« Die Arbeiter hatten ihr Werkzeug niedergelegt, ein Ausdruck des Stolzes erhellte ihre verdüsterten Mienen. Wohl wissend, welche Wohltat er ihnen mit seinen Worten erwies, fuhr Thédenat fort: »Im Jahre 1814, als nun die Preußen in Paris ihren Einzug hielten, war ich noch ein Kind, neun Jahre alt. Wie oft hat mein Vater mir seitdem erzählt, welch ein Wahnsinn damals die Stadt erfaßt hatte. Das Paris von heute gleicht nicht mehr dem von damals. Wir sind seit fünfzig Jahren vorwärts gekommen. Man dachte an nichts anderes, als sich der Beendigung der Kriege zu freuen und über den Sturz dessen zu jubeln, der um solchen Ruhm so viel Blut hatte fließen lassen. In schamlosem Vergessen unseres Unglücks begrüßte ein Teil der Bevölkerung die Verbündeten; alle Royalisten schrien: »Es lebe Friedrich Wilhelm!« und »Hoch Alexander!« bis sie wieder rufen durften »Hoch die Bourbons!« In der Oper fand eine Galavorstellung zu Ehren der Souveräne statt. In den Champs-Elysees tanzte man mit den russischen Grenadieren. Die Gräfin von Perigord setzte sich hinter einen Kosaken aufs Pferd. Und Wahnwitzige, die in Napoleons Siegen nicht anderes als Niederlagen des Königtums erblickten, ein Sosthène de La Rochefoucauld, ein Marquis de Manbreuil und noch andere Adelige, versuchten die Statue der Vendômesäule zu stürzen. Sie dingten eine Anzahl Arbeiter, um die Zapfen zu zerbrechen und an den Seilen zu ziehen. Doch nur die Viktoria, die der Sieger von Jena in der Hand hielt, rollte auf das Pflaster. Da schwang sich einer dieser Besessenen auf die Schultern der Statue und versetzte ihr zwei Ohrfeigen. Die Russen, von dieser Szene angewidert, mußten Platz durch eines ihrer Regimenter räumen lassen. O ja, Paris hat sich verändert.« In stummes Staunen versunken, vermochten die Simons sich eines lauten »Oh!« nicht zu enthalten. Therese und der Vater blickten sich gerührt an. Rosa ergriff Louis' Hand und behielt sie fest in den ihren. Thédenat schloß: »Allzu lange hat man das Vaterland mit den Männern, die es leiteten, identifiziert ... Wir wollen es um seiner selbst, um des Glückes der meisten seiner Einwohner willen lieben ... Das Schauspiel, das Paris dieses Mal bietet, löscht jenes andere, aus. Es hat sich um Frankreich verdient gemacht.« III. In dem Gärtchen ihres Hauses auf dem Montmartre, auf der Bank, von der aus man ganz Paris übersah, Paris, das wie ein in weichen Dunst gehülltes Meer vor ihnen ausgebreitet lag, neigten sich Herr und Frau Poncet, Tags zuvor heimgekehrt, über den zwischen ihnen sitzenden Martial und wurden nicht müde, ihn anzusehen und auszufragen. Mit welcher Freude hatten sie sich umarmt, mit welch tiefer Rührung hatten sie sich gegenseitig von ihrem seit ihrer Trennung so verschiedenen und an Aufregungen so reichen Leben erzählt... Man schrieb den 10. März, die Luft war frühlingshaft lau und mild. Über ihnen streckte ein Kastanienbaum seine glänzenden Knospen empor. Frau Poncet, die kräftigen Schultern in einen leichten Shawl gehüllt, faltete die Hände und betrachtete mit verstohlenen Blicken ihren Sohn. Wie mager er war, und diese hohlen Augen! ... Wie mochte er gelitten haben! ... Poncet, immer der gleiche mit seiner großen Nase, der grauen Locke, der goldgefaßten Brille, ließ seinen lebhaften Blick umherschweifen, von Martial, dem er zuhörte, zu den Alleen des von jungem Gras überwucherten Gartens, zu den grünen Fensterläden seines verlassenen Laboratoriums, bis zu dem gigantisch zu Füßen des Hügels sich dehnenden Paris. Welche Wandlungen seit jenem Julitage, da er die Hauptstadt verlassen hatte, um seine Ferien in Charmont bei seiner Schwester Gabriele, bei dem alten Jean Réal zu verleben! Für zwei Monate hatte er Abschied genommen, ein fürchterlicher Cyklon, nach welchem Vaterland und Familie, beide mit Blut befleckt und verstümmelt, sich allmählich und wankend wieder aufzurichten versuchten ... Mächtig stürmten die Erinnerungen auf ihn ein: die Hochzeit und der Tod seines Neffen Eugen, das heldenhafte Ende des Großvaters, die Schändung und Plünderung des von der Invasion zertretenen traulichen, schönen Charmont ... Dann die erbitterte Arbeit der Verteidigung, die Schlag auf Schlag sich folgenden Niederlagen, das unter der Last des Unglücks ächzende, Land, die schmachvolle Nationalversammlung! ... Hatte diese noch immer nicht genug auf die Schwächung des von der Genußsucht, diesem Lebensnerv des Kaiserreiches vergifteten öffentlichen Gewissens spekuliert? Von dem Bauer, der seit Jahrhunderten gehungert und eben erst begann, auf seinem Grund und Boden sich eines menschenwürdigeren Daseins zu freuen, bis zu dem unablässig nach Gewinn und Luxus gierigen Bürger, hatte Frankreich sich von seinen militärischen Pflichten freigemacht. Eine aus Berufsoffizieren und Berufssoldaten, aus den Unglücklichen, die das Los getroffen und den Ersatzmännern, die ihre Haut verkauft hatten, zusammengesetzte, stehende Armee hatte die Mission, Lorbeeren zu sammeln und sich töten zu lassen. Nachdem diese Truppen besiegt unk die erste Begeisterung welche große, ungeordnete, untüchtige Menschenherden bewaffnet hatte, verraucht war, da war die Spannkraft auch gebrochen. Gewiß gab es in allen Gesellschaftsklassen schöne Beispiele von Opfermut, doch der großen Mehrzahl kam gar nicht der Gedanke, daß zur Ehre Frankreichs, aus Liebe zum Vaterlande jeder, ob jung, ob alt, den ungeheueren Nationalkrieg der Bürger und Bauern beginnen müsse. Außerhalb Paris dachte man nur daran, den Krieg zu enden. Da waren, aus ihren Schlössern wie aus Gräbern auferstehend, die furchtsamsten Konservativen, die fanatischsten Klerikalen, all die Überlebenden der Vergangenheit, die seit 1830 und 1848 sich in der Erwartung der Wiedergeburt der Monarchie verzehrten, wieder erschienen, – bleiche Schemen, die das helle Tageslicht blendete. Mit den egoistischen Industriellen, den großen Schmarotzern der Geschäftswelt hatten sie zusammengestimmt: Frieden, Frieden um jeden Preis! Nieder mit dieser Republik, die wahnsinnig genug war, den Krieg zu wollen! So waren all diese verschollenen, unbekannten Namen aus der Urne hervorgestiegen. Den Frieden! Nur um für ihn zu stimmen, hatte man sie gewählt. Sie aber, die – mit so wenig würdigem Eifer – für den Frieden votiert hatten, sie hatten nichts anderes im Sinn, als ihre von Ehrgeiz und Groll genährte fixe Idee. Ein für allemal den Feind ersticken, diesen abscheulichen Geist der Revolution, den Gegenstand ihres Schreckens in den Jahren 1789, 1848, 1870 ... Die Zukunft von ihr befreien, um an ihrer Statt die Vergangenheit wieder aufzurichten, ihr wurmstichiges Ideal von Monarchie und Kirche. Arme Menschen, in der Mitschuld des Zweckes geeint, um bald bei der Wahl der Mittel sich gegenseitig zu zerfleischen... In welch merkwürdiger Entfernung lebten sie doch von Paris, der Seele des Landes! ... Poncet wußte es wohl schon längst, und doch war es ihm gestern erst so recht zum Bewußtsein gekommen; und gleichzeitig hatte er sich überzeugen können, wie fern Paris ihnen stand. Die fünf Monate der Einschließung hatten es zu einer völlig anderen Stadt gewandelt. Provinz und Hauptstadt waren einander fremd geworden: diese ganz von ihrem argwöhnischen Schmerz, ihrem unbeugsamen Willen, die Republik, als einzige Bürgschaft ihrer kommunalen Freiheiten aufrechtzuerhalten, absorbiert jene überdrüssig auf das unermüdliche Paris blickend, das immer noch die Waffen in der Faust hielt, während sie die ihren schon hatte sinken lassen. Die Provinzen, nach Ruhe schmachtend, und von solcher Eifersucht auf die Überlegenheit der Hauptstadt erfüllt, daß sie ihr die Krone der Metropole entreißen wollten, gaben Kontredampf! Und nur die Arbeitszentren, die großen Städte, schritten kühn und unentwegt vorwärts. Ach ja, welche Veränderungen! Als er mit seiner Frau nach der endlosen Reise auf mit Militärzügen überfüllten Schienenwegen – deutsche Transporte, welche den Vortritt beanspruchten und alles verzögerten, zur Wiederherstellung der Ordnung herbeigerufene Provinztruppen – auf dem Perron des Bahnhofes stand, wie fremd hatten sie sich da gefühlt! Keine Pferde, keine Wagen! Nach einstündigem Suchen erst fanden sie einen Dienstmann, der sich bereit erklärte, ihr altes, fellüberzogenes Kofferchen bis zur Rue Sainte-Scolastique zu tragen. Die Straßen, deren Geschäfte nächst den Barrikaden sich wieder öffneten, die geschlossenen Fensterläden der Wohnungen, die müßige, bewaffnete Menge, die Gesichter, die nicht mehr, wie ehemals, den Ausdruck der Sorglosigkeit trugen, der verschanzte Montmartre mit seinen Posten und Schildwachen und seiner doppelten Etage von Kanonen! ... Und doch, welch ein Abstand zwischen dem, was sie sahen, und dem, was sie nach all den Berichten zu finden erwartet: Paris in Feuer und Blut! Die Zeitungen der Departements schilderten in parteiischer Übertreibung die Hauptstadt als in vollem Aufruhr, die Stadtsergeanten niedergemetzelt, die staatlichen Lagerhäuser der Plünderung preisgegeben, Vinoy auf das linke Ufer zurückgedrängt... »Aber die Kanonen«, hatte Poncet am Abend einen seiner Nachbarn, Catisse, Beamten der Mairie des XVIII. Arrondissements, gefragt, »wozu diese drohenden Batterien, eine Woche nachdem die Preußen sich zurückgezogen haben?« »Bah«, hatte die Antwort gelautet, »die Wachbataillone beginnen müde. zu werden. Gestern war das 142. nach achtundvierzigstündigem Postenstehen nahe daran, die Sache aufzugeben. Das 75., an das das Zentralkomitee sich wandte, konnte nicht einmal ein Piquet zusammenbringen. Hätten nicht andere sich geopfert, so wären die Kanonen ohne Bedienung geblieben... Übrigens wäre es ihnen ganz recht, die überschüssigen Geschütze den Bataillonen, welchen sie gehören, sofort zurückgeben zu können.« Und Catisse hatte mit gutmütigem Spott die Achseln gezuckt. Er war ein alter Studienkollege, der nach einem bewegten Leben dank den Bemühungen des Chemikers eine Anstellung beim Bürgermeisteramt gefunden hatte. Seit einigen Monaten verwitwet, fand er durch diese Anstellung die Mittel, seine fünf Töchterchen, wenn auch armselig, zu ernähren. Sie wohnten alle sechs im Erdgeschoß eines ärmlichen Häuschens, in derselben Straße wie die Poncets; der Vater, in abgetragenen Kleidern, eilte stets sofort nach Amtsschluß in sein Nest heim. Die rührend ernsthaften kleinen Mädchen mit den blassen Wangen, den dünnen, kurzen Zöpfchen, den schwarzen Schürzen erwarteten ihn. Die älteste, ernsteste spielte das Mütterchen. Von anderer Seite, von einem intimen Freunde Jules Favres, hatte Poncet am Morgen erfahren, daß die Regierung mit den Bürgermeistern wegen der Übergabe all dieser Geschütze verhandelte, die, hier und da in Paris sequestriert und anfangs als einfache patriotische Trophäen betrachtet, in den Händen des Zentral-Komitees schnell zu einer Bürgschaft der kommunalen und republikanischen Rechte geworden waren. Clemenceau, Henri Martin, Tirard, Arnaud de l'Ariège traten für eine Transaktion ein: die Stadt sollte die Gespanne liefern und sämtliche Geschütze der Artillerielegion der Nationalgarde anvertraut, in Parks gruppiert und unter das Kommando des getreuen Obersten und Deputierten der Seine, Schoelcher, gestellt werden. Zum Dank für die Cession wollte die Regierung in einer Proklamation Favres in formeller Weise die Republik bestätigen. »Das wäre«, sagte Martial, »das einzig richtige Mittel, ein Ende zu machen und die Bevölkerung zu beruhigen. Die Arbeit könnte wieder aufgenommen werden. Denn man hat das Arbeiterelement in der Nationalgarde verleumdet, es handelt sich ihnen nur um ihre dreißig Sous. Möglich, daß die jetzigen Zustände nach dem Geschmack vieler Tagediebe sind, – für eine verlorene Kraft, weil man sie nicht zu benützen gewußt – für alle jene, die Trochu lieber die Flaschen leeren und mit den Würfeln spielen sah, als sie zu disziplinieren und sie in den Kampf zu schicken! ... Doch die andern, die Leute der Ordnung, und die Masse, die sich danach sehnt, die Geschäfte wieder aufzunehmen, die Flinte mit dem Werkzeug, den Sold mit dem Salair zu vertauschen, die werden schnell mit diesen Großmäulern fertig werden.« »Aber dein famoses Zentral-Komitee«, fragte Frau Poncet, »was sind denn das für Leute? Du wirst mich doch nicht glauben machen, daß sie alle, Lämmer sind und sich kein Wolf hinter ihnen versteckt hält?« »Da gibt es viel zu sagen«, entgegnete Poncet. »All das ist so kompliziert ...« Er griff zum Anfang zurück und erklärte, welche Gefühle fast die gesamte Nationalgarde, zuerst gegen den Feind, hierauf für die Republik, vereinigt hatten. Anonymer und verbrecherisch«! Umtriebe angeklagt, hatte das provisorische Zentralkomitee am 3. März mit erhobener Stirn geantwortet, daß, als Mandatar von zweihundert Bataillonen, seine Beschlüsse stets unterzeichnet gewesen seien und keinen anderen Beweggrund gehabt hätten, als die Verteidigung von Paris. Und pardauz! den 4. März erfährt man, daß d'Aurelle de Paladines das Kommando über die Nationalgarde übernimmt! Man sieht in ihm nicht mehr den Sieger von Coulmiers, sondern nur noch den von Cambetta abgesetzten Zauderer, den bei Orleans Besiegten. Jetzt gerade, wo das ehemalige Kaiserreich sich wieder regt, wo Napoleons Proklamationen an das Land, seine Versuche, die gefangenen Armeen zur Desertion zu verführen, sich häufen! Wieder ein Staatsstreich! ... Man sehe doch nur den in den Tuilerien gefundenen Brief, enthaltend die Bitte um einen Senatorssitz als Belohnung für die am 2. Dezember Saint-Arnaud angebotenen Dienste! ... Das ist das Oberhaupt, das Thiers unserer Metropole gibt ... Als Antwort darauf haben denselben Tag noch die Delegierten der Bataillone in Vaux-Hall die Statuten der Föderation, die Republik, akklamiert und gleichzeitig die Wiederernennung der Offiziere aller Grade und die baldige Bildung des definitiven Zentral-Komitees beschlossen: drei Mitglieder für jedes Arrondissement, von rechtswegen, die zwanzig Legionschefs ...« »Aber«, unterbrach Frau Poncet die Rede, »wie ich in einer Zeitung gelesen, hat man auch den Entschluß gefaßt, daß das Seine-Departement sich als unabhängige Republik konstituieren solle, sobald die Nationalversammlung Paris als Hauptstadt absetzen wollte...« »Das ist einfach albern«, sagte Poncet. »Wenn man der allgemeinen Republik dient, kann man sie doch nicht zwischen vier Mauern einsperren wollen. Als wäre Frankreich für Paris nicht ebenso notwendig, wie Paris für Frankreich ...« Martial fuhr fort: »In dieser ungeheueren Bewegung einer Stadt, die ihre Freiheiten fordert, eines nach Recht und Fortschritt dürstenden Volkes, sind einige sichtlich zu schnell vorwärts gestürmt. Hinter dem provisorischen Zentral-Komitee, und es mit mißtrauischen Blicken betrachtend, standen Revolutionäre von Profession, die am 4. September Übergangenen, die Rädelsführer vom 31. Oktober, eine ganze Gruppe kleiner Parteien mit feindlich gesinnten Führern, verschiedenen Neigungen, alle durch die Verfolgungen gleich erbittert, gleich entschlossen, die Fehler der Verteidigungsregierung, in welcher sie nur reaktionäre Bourgeois erblicken, sich zu nutze zu machen. Die Blanquisten, die Jakobiner, die Sozialisten der Internationalen. Letztere hatte, beunruhigt darüber, sich außerhalb der Bewegung gestellt zu sehen, vier Delegierte designiert, um sich mit dem Komitee zu verständigen...« Frau Poncet machte eine besorgte Miene: die Internationale Arbeiterverbindung! Das Wort schreckte sie mehr, als die Sache selbst, kannte sie doch die friedliche Tendenz dieser aus Arbeitern verschiedener Länder zusammengesetzten Vereinigung, welche auf der Gemeinsamkeit der Ideen beruhte, und deren Ziel die Auffindung der Mittel zum Schutze der Arbeit gegen das Kapital, der Mittel zum Kampfe gegen die egoistische Habgier der Arbeitgeber bildete. Sie hatte ihre Erfolge in den letzten Ausständen, in den Protokollen der sensationellen Kongresse, welche seit 1866 die Aufmerksamkeit Europas auf sich gezogen, sowie jene der von dem Kaiserreich ausgegangenen Prozesse verfolgt, dessen politische Verfolgungen, weit entfernt, die Einheitlichkeit der Sektionen zu lockern, der Internationalen erst Zusammenhalt und Ansehen verschafft hatten. »O, die Internationale!« sprach Poncet, »man übertreibt ihre Macht! In bezug auf die Form gespalten, sind sie, ich weiß es, auch im Grund und Wesen desorganisiert. Der Krieg hat alles gelöst, zersplittert. Einer ihrer Propheten, Karl Marx, hat sogar in einem Briefe von der Anwendung jeder Meuterei abgeraten... Übrigens liegt, trotz der Plünderungen von Munition und Waffen, trotz der drohenden Anarchie, nicht darin die Gefahr. Sie liegt in der Nationalversammlung! Eine Regierung wird immer nur durch ihre eigenen Fehler zu Grunde gerichtet. Noch dröhnt mir das Ohr von dem Lärm, mit dem die Rechte, vorgestern, die Stimme Viktor Hugos übertäubte, der sich des Verbrechens schuldig machte, dem Verdienste Garibaldis seine Huldigung zu erweisen. Noch höre ich das Hohngelächter, womit man Telescluzes, Milliéres Forderung, Trochus Regierung in Anklagestand zu versetzen, beantwortete ... Sobald hingegen einer der Ihren Gambetta und sein Werk auf den Armensünderstuhl setzt, welch rührende Eintracht! Wir, die Diener der Delegation, »die Lumpen von Republikanern«, wir sind die »Banditen von der Loire! ...« Und dieses Gemurmel, als Polain sprach: »Bürger!« Und das »Glückliche Reise«, womit man Rocheforts, Rancs, des Arbeiters Malon patriotische Demission nach dem Friedensvotum begrüßte ...« Poncet legte seine Hand auf Martials Schulter: »Merke, was ich dir sage, mein Junge, das Rot macht sie wütend, wie die Stiere stürmen sie darauf los. Und keiner da, um sie zu leiten, sie im Zaum zu halten. Ein Ministerium im Harlekinkleid, in dem Zentrum, Rechte und Linke sich kreuzen, ohne miteinander zu verschmelzen, in dem Republikaner von der Färbung eines Favre, eines Simon, eines Picard, eines Le Flo trotz all ihrer Mäßigung in der Majorität zu sein scheinen. Die andern: Dufaure, ein hartes Juristengehirn, ein Schauspieler der Kabinette Louis-Philipps und von 1848, wo er vortrefflich auf das Volk zu schießen verstand, Lambrecht, ein tüchtiger Ingenieur und schwacher Handelsminister, de Larcy, der ehemalige Polizeibeamte Karls X. ... Was kann man von solchen Leuten erwarten? Sie sind nichts als Plunder, das Unterfutter Thier's, und dieser selbst ...« Poncet konnte dem berühmten Politiker sein der Delegation feindliches Verhalten nicht verzeihen, nicht die Bezeichnung»»wütender Narr«, womit er in seiner eisigen Klugheit Gambetta qualifiziert hatte, nicht seinen Widerstand gegen den Krieg bis aufs Messer, nicht seine Manöver in Tours und Bordeaux, womit er den Frieden, als dessen unentbehrlichen Unterhändler er sich fühlte, zu beschleunigen gesucht... »Dieser Mensch, der alles zu retten vorgibt, wird alles zu Grunde richten! Nichts kann verhängnisvoller für uns sein ...« Mit sicheren Strichen entwarf der Chemiker das Bild des Greises: ein kleiner Staatsmann und großer Geschäftsmann, groß vor allem durch die hohe Meinung, die er von sich selbst hegte, und die er ganz Europa aufzudrängen gewußt hatte. Der Typus eines Bourgeois, mit seinen Vorzügen und seinen Fehlern, das getreue Abbild der armseligen, aufschneiderischen Julimonarchie, als deren unerbittlicher und schlauer Minister er im Finanzministerium seine Kasten zu füllen verstand, während er im Inneren Amte den Aufruhr schürte, Absolut in der Macht, liberal in der Stellung, hatte Meister Jacques ebenso die skandalöse Verhaftung der Herzogin von Berry, wie die offene Opposition gegen die Ministerien, zu denen er nicht mehr gehörte, geleitet. Ein unermüdlicher Arbeiter, im Vordergrund wie in den Kulissen, vom Sonnenuntergang Louis-Philipps bis zum aufgehenden Stern Louis Napoleons, solange er auf den Sturz des einen oder den Aufschwung des anderen hofft. Endlich der langsame Rückzug: ein glühender Ehrgeiz, der seit dreißig Jahren ihn verzehrte, während seine Hände noch zitterten von der Kraft, mit der er Frankreich gehalten, und dem Verlangen, es wieder zu fassen! Eine ungeheuere Eitelkeit, die wütend sich darauf beschränkt sah, Geschichte zu schreiben, während er danach lechzte, selbst Geschichte zu machen; ein Eroberer in Pantoffeln, aufgebläht nach dem Bild jener, die er studierte. Ein klarer, aber kurzsichtiger Blick, der in den Julitagen den Abgrund wohl sah, zu dem der Krieg führte, der aber, nach der Lehre von Sadowa, die Gefahr der großen deutschen Effektivbestände als Fabel und Phantasterei behandelte. Von der Manie der strengsten Zentralisation beherrscht, mit den Worten: Autorität, Legalität Götzendienst treibend, nichts von dem, dessen es bedurfte, um den Ernst der Lage zu begreifen. Ein gesunder, aber trockener, jeden Schwunges barer Verstand; mehr Redseligkeit als Beredsamkeit, mehr Gemeinplätze als Ideen. Viel praktische Menschenkenntnis, alle die seinen Hilfsmittel des Geistes, ohne die belebende Quelle des Herzens. »Er erscheint«, fuhr Poncet fort, »als der von der Vorsehung bestimmte Mann: der letzte Ersatzmann Frankreichs. Keinem aber mehr als sich selbst. Die einen begrüßen ihn als den Wiederaufrichter des Thrones, die anderen als den Begründer der Republik. Er wird sie alle täuschen. Das Regime gilt ihm blutwenig; er sieht nur sich selbst; und für die Befriedigung seines Egoismus wird er alles tun.« Zwei Tage lang waren Poncet und seine Frau, ohne sich aus Montmartre, wo man wie in einer Zitadelle eingeschlossen war, fortzurühren, den Lokalkomitees gehorchend, von denen das eine militärische in der Rue des Rosiers, das andere, das Überwachungskomitee genannt, auf der Chaussee de Clignancourt seinen Sitz hatte – damit beschäftigt, ihr Häuschen in Ordnung zu bringen. Eine auvergnatische Magd, ein hochaufgeschossenes Mädchen mit großen Händen und flachsgelben Haaren, war ihnen dabei behilflich. Der Besen fuhr in alle Ecken, die Wände wurden abgerieben, die Alleen gejätet ... Indessen prüfte Poncet in seinem Laboratorium die staubbedeckten Phiolen, untersuchte die in den Fächern aufbewahrten Päckchen; so manche der Substanzen waren verdorben. Mit vorsichtiger Genauigkeit ordnete und reinigte er alles, von neuem Arbeitstrieb beseelt, von dem neuen Explosivmittel träumend. Als er jedoch den dreizehnten die Zeitungen, die er seit seiner Ankunft nicht berührt hatte, öffnete und sich in deren Lektüre vertiefte, versetzten ihn die Ereignisse, die er daraus erfuhr, in neue Aufregung und entrissen ihn der Traulichkeit des wiedergewonnenen Daheim, dieses Gärtchens, in dem man sich so fern vom Getriebe der Welt fühlte. Waren sie in Bordeaux denn närrisch geworden? War es zu glauben, daß sie Paris zum äußersten treiben wollten... Die Verlegung der legislativen Gewalt, des Staatsoberhauptes, der Minister und aller großen Verwaltungsbehörden nach Versailles beschließen! So brach also die Reaktion die Brücken ab und schrie ihre schmähliche Verachtung der Hauptstadt, ihre politischen Hintergedanken in alle Welt hinaus! Wäre es nur auf sie angekommen, dann wäre wohl auf Bourges oder Orléans, als äußerste Grenze, ihre Wahl gefallen. Nur auf die dringenden Vorstellungen Thiers', der in soviel arroganter Ungeschicklichkeit eine Gefahr gewittert hatte, hatte sie sich von Fontainebleau nach Versailles geschlagen. Wenn Paris, wie zu befürchten stand, sich erhob, dann würden die mit dem Schutze einer entfernt tagenden Nationalversammlung betrauten Truppen der Armee zur Unterdrückung des Aufstandes fehlen. Die Insulte war deshalb nicht weniger groß. Die Rechte hatte ihren ängstlichen Haß gestanden, hatte verraten, wie überdrüssig sie des feurigen Herdes war, dieses Paris, das »zehnmal binnen achtzig Jahren – so hatte ein Herr von Belcastel gerufen – dem Lande fertige Regierungen durch den Telegraphen geschickt hatte.« Poncet las Louis Blancs wundervolle Rede. Welch entrüstete Beredsamkeit in seinem Protest! ... Die nationale Einheit angreifen! Mit einem Wort: das Werk von Jahrhunderten auslöschen wollen! Als wäre Paris nicht durch seine Ausdehnung, seine Million arbeitender Wesen, durch das Ausstrahlen seiner Ideen, durch die Erhabenheit seiner Erinnerungen die notwendige, die berufene Hauptstadt! ... Als ob nicht alle Departements hier mündeten, wie die Bäche im Strome! Und welchen Moment wählte man? Denselben Augenblick, da eine ganze Bevölkerung das erhabenste Beispiel der Tapferkeit und des Opfermutes gegeben hatte! Das also war der Preis, mit dem Frankreich den während der Belagerung bewiesenen Opfermut lohnte! ... Man wollte also die ganze Stadt zu höchstem Zorn und wilder Empörung reizen, wollte in Lyon, in Marseille und Bordeaux die gefährlichste der Versuchungen entfachen und in Paris eine Pariser Regierung schaffen, gegen welche die Nationalversammlung keine andere Zuflucht hätte als die Provinz aufzuwiegeln? Aus der Asche des furchtbaren Krieges gegen den fremden Feind sollte die Feuersbrunst des noch weit furchtbareren Bürgerkrieges emporlodern! Wie recht er doch hatte, jener Deputierte von Savoyen, Silva, als er den Zauderern das leuchtende Dilemma entgegenhielt: »Entweder Paris bietet keine Gefahr, und wir können dahin zurückkehren, oder es bietet eine solche, dann ruft die Pflicht uns in seine Mauern zurück!« Und wie richtig hatte Millière die Zukunft prophezeit, da er nach der Wegnahme der beiden Provinzen das Land der Hauptstadt beraubt, zerstückelt, dem Tode nahe zeigte. Und nicht damit zufrieden, Paris zu Boden zu werfen, plünderte man ihm die Taschen und sog ihm den letzten Blutstropfen aus. Ohne Erbarmen mit dem halb oder ganz darniederliegenden Handel befahl die Regierung die unverzügliche Zahlung sämtlicher zwischen August und November fälliger, durch das Dekret der Verteidigungsregierung prolongierter Wechsel. »Wie«, sagte sich Poncet, »während die Kommunikationen kaum wieder eröffnet, während die Filialen der Bank von Frankreich noch geschlossen, die Diskontokassen unauffindbar, die Transaktionen unmöglich sind! Kann man ruhigen Herzens den Ruin von Tausenden, ehrlicher, unschuldiger Menschen unterschreiben?« Er nahm hastig Hut und Überrock vom Nagel und stieß die Tür zum Speisezimmer auf, wo seine Frau mit dem Verbinden ihrer Fruchtgläser beschäftigt war: »Adieu, meine Liebe. Ich gehe zu Martial und Thédenat. Erwarte mich nicht zum Frühstück.« Ohne daß er einen Widerstand versuchte, stopfte sie schnell in die eine Tasche seines Überziehers einen Topf mit Aprikosengelee, in die andere ein Glas Johannisbeergelee. »Martial hat sie so gern!« Achselzuckend ging er fort. Eine förmliche Reise. Er kam an den Verschanzungen vorüber. Halt! Bajonette senkten sich. Auf dem Platz Saint-Pierre standen schwatzende Gruppen. Andere Wachen saßen nähend unter den Schutzdächern oder vor ihren Zelten, warfen ihre Fingerhüte in die Höhe und riefen Lotterienummern aus: 11, die Beine meiner Schwester, 14, Trochu wird sich schlagen.« Je weiter Poncet kam, je mehr staunte er über die ungeheuere Anzahl der Liniensoldaten und Mobilgardisten, die sich unter die Menge mischten. Plaudernd, die Hände in den Taschen, umstanden sie die Tische, an denen dem Würfelspiel gefröhnt wurde. Die Sous und die Silberstücke klimperten und rollten. Die Zimmer der Weinhändler, die Plätze vor den Kaffeehäusern wimmelten von Uniformen. Aus den großen Lokalen, aus den Lagern der Belagerung vertrieben, war die ehemalige Armee bei den Einwohnern untergebracht oder biwakierte in den Straßen. Warum sorgte man nicht dafür, daß all diese Leute entlassen und in die Provinz zurückgeschickt wurden? Täglich verließen ganze Kolonnen von Beurlaubten die Stadt, ohne daß die Masse sich zu verringern schien. Dafür begannen die Franktireurs mit dem weichen Filzhut, die Garibaldianer herbeizuströmen. Am lärmendsten gebärdeten sich die Mobilgarden der Seine, die mit zehntägigem Sold entlassen worden waren. Im Quartier de l'Opera war das Gedränge geringer; hier sah man, wie in gewöhnlichen Zeiten, geschminkte Frauenzimmer mit gelben Chignons; Geschäftsleute, Journalisten, Modenarren, das Publikum der gewohnheitsmäßigen Spaziergänger schlenderte über das Pflaster, ohne sich durch die Neuigkeiten, die in einigen Gruppen lebhaft besprochen wurden, aus ihrer Ruhe bringen zu lassen. In der Rue de Rivoli wurde die Bewegung wieder stärker. Am Fuß einer Arkade stand gestikulierend und schreiend ein Menschenhaufe. Ein Mann, der ein rotes Plakat abzureißen versucht hatte, wurde mit Püffen und Schlägen traktiert. Poncet las das Plakat, es war ein Manifest des Zentral-Komitees, dieses gegen die in der Provinz verbreiteten »odiosen Gerüchte« protestierte und die gegen Paris entsandten Truppen beschwor, mit dem Volke zu fraternisieren. Gut gekleidete Frauen, friedliche Bürger zollten der Kundmachung Beifall. Der Mann schlich sich mit hängenden Ohren hinweg. Jenseits des Wassers wuchs die Aufregung und versammelte die empörten Kaufleute auf der Schwelle ihrer Läden und an allen Straßenecken leidenschaftlich erregte Gruppen. In den Bierstuben des Boulevard Saint-Michel wurde laut gestritten. Ein ordengeschmückter alter Herr, der am Rand des Trottoirs eine Zeitung las, streifte ihn zornigen Blicks. In der Rue Soufflot angelangt, stieß Poncet im Hausflur mit Martials Hausmeisterin zusammen und sah verwundert, wie die dicke Person, ohne seine Frage zu beantworten, ihn stehen ließ und hoheitsvoll ihre Loge betrat mit einem Blick der Verachtung auf eine grauhaarige Frau, die, einen Korb am Arm, die letzten Stufen der Treppe herabstieg. Diese erwiderte den verächtlichen Blick mit stolzer Miene. Als sie aber Poncet erblickte, rief sie aus: »Welche Überraschung! Wie Herr Thedenat sich freuen wird! Wünscht der gnädige Herr, daß ich mit hinaufgehe?« »Danke, ich will zuerst mit meinem Sohne frühstücken.« Aus der Tiefe der Loge klang eine strenge Grabesstimme herauf: »Er ist schon mit Herrn Therould in die Rote Kuh gegangen.« Die Aufwartefrau folgte Poncet, der sie fragte: »Sie haben sich also mit Frau Louchard verfeindet?« »Ach, gnädiger Herr, sprechen Sie nicht davon! Ihr Mann kann meinen Mann nicht leiden; daran ist auch diese schreckliche Politik schuld. Und Villoir! Wie er gestern den Posten bei den Gobelins verteidigt hat, ist er von einem Stein getroffen worden. Vier Bataillone haben sie belagert! Das hat eine ganze Nacht gedauert, und am Morgen hat man den Platz räumen müssen. Zwölfmalhunderttausend Granaten, gnädiger Herr, die sie da drinnen geplündert haben!« Mit diesen Worten entfernte sie sich, die Augen zum Himmel gewandt. Poncet öffnete die Tür der Restauration. Im rückwärtigen Saale waren Martial und Therould eben damit beschäftigt, ein gebratenes Huhn zu zerlegen, das Mutter Groubet nebst einer Schüssel voll fettem und goldgelbem Reis auf ihr Tischchen gestellt hatte. Martial bestellte freudig ein drittes Gedeck. Therould, der das Tranchieren übernommen hatte, unterbrach seine Arbeit, um den Chemiker, der seinen Überrock an einen Haken gehängt hatte, sich zwischen ihnen niederließ und den Flügel, den der Maler ihm reichte, annahm, zum Zeugen aufzurufen. »Nicht wahr, Herr Poncet, das ist eine Abscheulichkeit?« Sein früher so lustiges Gesicht hatte jetzt einen trübseligen Ausdruck, die Hautfarbe war gelb, die Wangen eingefallen, die Nase gerötet. Frau Groubet seufzte von ihrem Ladentisch aus: »Ist das nicht himmelschreiend? Ebensogut könnte man den Laden sperren ... Morgen ist ganz Paris ruiniert.« Und Martial stimmte, bei: »Du hattest recht, Papa, sie wollen uns zugrunde richten.« Immer lebhafter und lauter wurde das Gespräch. Hoch und niedrig, arm und reich, in allen Klassen nur ein Schrei der Empörung. Der zweifache Beschluß der Nationalversammlung traf Paris ins Gesicht, ins Herz. »Jedenfalls«, sagte Thérould, »wenn sie auf die Soldaten rechnen, die sie uns auf den Hals schicken, um uns zu verschlingen, können sie sich den Bauch kratzen. Gestern war ich auf dem Marsfeld, um Vinoy die Revue abnehmen zu sehen. Ah la la!« Mit den zwölftausend Mann der Division Faron vereinigten sich die mit Zustimmung der Deutschen aus der Provinz zugezogenen Truppen, welche eine Verstärkung von drei Divisionen bedeuteten. Jedoch vom Krieg erschöpft, und wenig geneigt, den Kampf gegen Paris aufzunehmen, vermehrten sie wohl die Zahl, doch nicht die Kraft. »Rechte Gecken, diese Generalstabsoffiziere ... Selbst beim Trocadero lauter Rentiers, lauter Schmerbäuche. Nun also! bis vor der Nase der Generäle waren sie die ersten, die ›Es lebe die Republik!‹ heulten. Und die Infanteristen! Man mußte sie nur hören, wie sie sich durch die Straßen in ihre schmutzigen Baracken auf den äußeren Boulevards schleppten. Arme Teufel! Sie stecken in Lumpen und fallen vor Hunger um! Wenn die Pariserinnen ihnen nicht was zum Essen brächten!« ... Mutter Groubet wechselte unter zustimmendem Nicken die Teller. Ein Dreieck von rohem, flüssigem Brier Käse erschien. Thérould schlug mit der Gabel den Generalmarsch und präsentierte mit dem Messer. Nach so langen Entbehrungen freute man sich des bescheidensten Leckerbissens. Nachdem er ein großes Glas Wein auf einen Zug geleert, fuhr er fort: »Das ist wie euer d'Aurelle mit seiner Proklamation! Alle Welt in den Arrest! Fort mit dem Schreckgespenst! Sagte nicht Picard zu Fernol und den anderen vom Komitee: ›Er ist ein Mann von Eisen, und ihr wagt euren Kopf‹, und so weiter und so weiter ... Ein General der Nationalgarde, das! Nein, Lisette! Unsere Generäle, die ernennen wir! In der Avenue d'Italie, Duval; Boulevard du Maine, Henry! Saubere Patrone! ... Und das Komitee hat einen harten Schädel; Beweis dafür, daß es den Konkurrenten mit Leichtigkeit bezwungen hat; eine Versammlung von Auguren, lauter Bataillonchefs, die unter dem Vorwand, sich mit der Auszahlung des Soldes beschäftigen zu wollen, das Maul voll nahmen und nichts anderes leisteten, als daß sie ihr eigenes kleines Bundeskomitee konstituierten.« Thérould fegte mit dem Handrücken die Brotkrumen weg: »Psst! Abgesetzt! Gegründet ... Es gibt jetzt nur noch die Grrrroße Republikanische Föderrration der Nationalgarde! Alle Patrioten verbündet gegen die Pfaffen von Bordeaux! Mittwoch wählt man in den Baux-Hall die defintiven Manitus, das einzige und alleinige Zentral-Komitee ... Und Rrrran! nach Canroberts unsterblicher Onomatopoesie! Wir wollen sehen, ob man, nachdem man Paris seine Stellung im Staate geraubt, nachdem man ihm den Sitz der Regierung, die Kammern, die Ministerien genommen, ob man es dann noch wagen wird, ihm auch das Recht zu entziehen, seinen Gemeinderat zu wählen und wie die erstbeste kleine Stadt seine eigenen Angelegenheiten zu verwalten ...« In dem Rausch, der ihn überkam, gewann sein instinktiver Leichtsinn wieder die Oberhand. Er stürzte drei Schalen heißen Mokka hinunter und nahm mit geheimnisvoller Miene Abschied. Er war jetzt beständig unterwegs, trieb sich zwischen einem Ende der Stadt und dem anderen herum, in allerlei Geschäfte sich mischend, zwischen dem Rathaus und den Winkelschänken sich bewegend, zwischen Politik und Liebe sich teilend. Poncet folgte ihm mit dem Blicke: »Auch einer, der einen Sparren zu viel hat!« Er war erstaunt, bei so vielen Leuten von früher ruhiger Gemütsart jetzt jene Art zerfahrener Exaltation und Nervosität zu finden, welche eine krankhafte Folge der Belagerung war. Er bezahlte die Rechnung und nahm seinen Überrock vom Haken. Dabei stießen die beiden Geleetöpfe zusammen. »Teufel!« sagte er. »Befreie mich von diesem Zeug... Es ist ein Geschenk deiner Mutter.« Fröhlich übernahm Martial die Töpfe und warf den Mantel seines Vaters über die Schulter. »Wir wollen nun zu Thédenat gehen. Wie geht es ihm?« »Er ist von all den Aufregungen sehr angegriffen. Gestern kam er aus der Empörung über Vinoys Ukas nicht heraus.« Dem Beispiel, das die harten Maßregeln der Nationalversammlung lieferten, folgend, hatte der Generalissimus sechs der radikalen Blätter, diejenigen, in denen Felix Pyat, Jules Ballès, Rochefort ihren Sarkasmus schärften und die Stimme des Volkes zu entfesseln suchten, konfisziert. Teilte Thédenat auch nicht bis in die letzten Konsequenzen ihre gewalttätigen Bestrebungen, so konnte er eine solche Verletzung der Freiheitsprinzipien doch nicht dulden: das war schlimmer als ein Angriff, das war ein Fehler. Immer wieder der Sporn des Kaiserreiches! Wie aber konnte heutzutage eine Nation wie Frankreich ohne eine freie Presse leben? Mochte man sie noch so gewaltsam zum Schweigen bringen, am Denken und Handeln vermochte man sie nicht zu hindern. Die Geschichte sprach: die Brutalitäten der Regierungen werden mit Revolutionen erwidert. Die Leute knebeln, das war keine Kraftprobe, das war ein Geständnis der Schwäche. »Da kommt unser Freund«, rief Martial. Thédenat, der eben das Haus verließ, erblickte die beiden und hob die Arme. Die beiden Gelehrten umarmten sich voll Herzlichkeit und tauschten teilnahmsvolle Fragen nach dem Befinden ihrer Frauen. Lange hielt Thédenat Poncets Hände in den seinen. »Nun?« fragte der Chemiker. Thédenat machte eine Geste äußerster Entmutigung: »Noch ist nicht alles aus. Mögen wir nicht noch das Furchtbarste zu erleben haben! ... Man tut sein möglichstes, damit Paris vollends den Kopf verliere! ... Es ist, als hätte man sich in Bordeaux und hier verabredet, um an einem Tage alle Albernheiten und alle Schmähungen zusammenzuhäufen. Thiers erneuert den hinterlistigen Vertrag, schmeichelt der monarchistischen Chimäre und macht aus der noch fernen Gründung der Republik, anstatt sie schnell und in absoluter Weise durchzuführen, einen dem Zufall überlassenen Preis der Klugheit. Ach! diese Beschlüsse von Versailles, dieser die Wechsel betreffende Erlaß! Hier die Zeitungen... doch selbst die Gazette de Paris protestierte gegen solche Willkür. Und die Verurteilung von Blanqui, Flourens und den anderen Beschuldigten vom 31. Oktober! ... Welche Treulosigkeit! Denselben Abend hat ein formeller Akt die Erstürmer des Rathauses gedeckt und das Wort der Regierung gebunden ... Ist das alles? Nein; ich weiß daß Binoy den Antrag stellt, von heute an der Nationalgarde den Sold zu entziehen... Und die Werkstätten sind geschlossen, die Fabriken ausgestorben. Wo sollen die Unglücklichen Arbeit finden? Das heißt ja direkt Tausende von Familien auf die Gasse setzen ... Doch was kümmert das Bordeaux? Man hat es ja an den Mietzinsen gesehen, als Millière das Gesuch um Verlängerung der Zahlungstermine einbrachte. An die Arbeitskommission zurückgeschickt und begraben! ... Man ahnt nicht das Elend der armen Leute, man spottet darüber.« Er blieb stehen und hielt Poncet an einem Knopf seines Rockes fest: »Sehen Sie, Martial kennt die Simons, unsere Nachbarn, wackere Schuhmacherleute. Ich gehe eben zu ihnen. Nun denn, sie konnten am achten nicht ihre rückständige Miete bezahlen; wenn der Hausherr morgen nicht die Summe, die er von ihnen fordert, in Händen hat, dann – hinaus mit ihnen! Und dabei spreche ich nicht einmal von dem Protest des Wechsels, den sie im August wegen eines Ledereinkaufs unterschrieben haben. Wenn es ihnen nicht gelingt, sich auszugleichen, werden sie gepfändet und aus dem Hause gewiesen. ... Und wie ihnen, so ergeht es dem ganzen arbeitsamen Paris.« Vor dem Laden in der Rue Gay-Lussac angelangt, bat er seine Begleiter: »Warten Sie auf mich, ich habe ein Wort mit ihnen zu reden.« Er trat ein; der Laden war leer. Beim Klang der Klingel kam Therese aus dem Hinterzimmer heraus; Martial und sein Vater waren diskret zur Seite getreten. Sie sahen Thédenat im Hintergrunde verschwinden. Therese trat auf die Schwelle, erkannte Martial und begrüßte ihn. Sie sah schlecht aus, ihre Augenlider waren geschwollen. Und sofort, nachdem Martial ihr den Namen ihres Vaters genannt, machte sie ihrem Kummer Luft: »Simon liegt krank zu Bett, er quält sich so! Die Söhne und Rose laufen im ganzen Stadtviertel herum, um die Kunden aufzusuchen... Wenn man uns alle Arbeit bezahlen wollte, die wir geleistet haben! ... Simon hat bei der Arbeit gar nicht daran gedacht ... Und für den Kredit immer offene Hand! Aber jetzt ist ja alle Welt ebenso arm wie wir selbst! ... Wenn der gute Herr Thédenat nicht...« In diesem Augenblick erschien der Genannte wieder; er tat, als hätte er nichts gehört und entzog sich schnell Theresens Dankesworten. »Richtig!« rief Martial, der immer noch den Überrock überm Arm trug. Rasch eilte er zurück, zog die beiden Fruchttöpfe aus, den Taschen und stellte sie auf den Tisch. »Die hat meine Mutter gemacht. Simon soll sie kosten und mir dann erzählen, wie sie ihm geschmeckt haben.« Da sie zu widersprechen versuchte, lief er eiligst davon. Poncet und Thédenat lächelten mit einem Blick liebevollen Einverständnisses. »Wie kann man verlangen«, sprach Thédenat, »daß diese Leute ein Herz für die Regierung haben sollen?« In Gedanken versunken durchschritten sie das Gittertor des Luxembourg und ergingen sich in ernsten Gesprächen in den verwüsteten Gärten. Mit jenem grauschimmernden Flaum überzogen, der den Vorboten des Frühlings bildet, breiteten sich die traurig verstümmelten Alleen und die zerstampften Rasenflächen. Überall zeigten sich die schmutzigen Spuren der Lager und der Ambulanzbaracken. Von der Terrasse herab überblickten sie ein Biwak grauer Zelte, in denen ein Marschregiment, die Trümmer der Nordarmee, zusammengepfercht lag. »Seltsam«, sprach Thédenat, »diese Soldaten, die die feindlichen Linien passiert haben, durch alle unsere mit Deutschen überfüllten Städte marschierend, um mit den mit Granaten vollgestopften Tornistern zur Überwachung von Paris herbeizueilen, ... Wissen Sie, daß die Obrigkeit aus Furcht vor Mangel an Chassepots von Moltke zwölftausend der durch die Kapitulation letzterem ausgelieferten Gewehre zurückgekauft hat? ... Unsere Bezwinger sind gar praktische Leute! Nachdem sie unsere Südforts ausgeräumt, haben sie unseren Offizieren einen Zettel übergeben, die Mitteilung enthaltend, daß sämtliche alten Gußeisengerätschaften, alte Projektile, Gitter, Röhren an einen Juden in Frankfurt verkauft worden seien und der Käufer die Lieferung bereits übernommen habe ... Und jetzt, nachdem sie das durch ihre Schändlichkeit beschmutzte Versailles geräumt, Saint-Cloud und Meudon verwüstet haben, jetzt halten sie die östlichen Forts in ihrer Gewalt, lasten mit der ganzen Wucht der Invasion auf Manets, Chartres, Fontainebleau und Meaux und zermalmen ein Drittel von Frankreich, das ihnen Wohnung, Beleuchtung, Heizung und Nahrung liefert! Sie umringen uns, sie ziehen den Kreis immer enger und warten hochmütig und frohgemut bis Paris die ersten Millionen des Lösegeldes zahlt!« Die drei Männer schwiegen, und als hätte Thédenats Schilderung ihnen das Herz allzu schwer gemacht, drückten sie einander die Hände und trennten sich mit einem »Auf Wiedersehen!« Müde, traurig und sorgenvoll kehrte Poncet nach Montmartre zurück. Als er bei dem Bürgermeisteramt vorüberkam, konnte er seine Neugierde nicht bezwingen und trat ein. Zu seiner Freude erfuhr er von Catisse, daß der Maire des XVIII. Arrondissements und elf seiner Kollegen aus Picards eigenem Munde soeben die Versicherung erhalten hatten, daß die Regierung es um jeden Preis vermeiden würde, Gewaltmaßregeln zu ergreifen ... Ein Blutvergießen mußte verhindert werden. »Aber natürlich«, fuhr Catisse fort, »anstatt, wie verabredet war, einen Generalstabsoffizier auf das Bürgermeisteramt zu schicken, um sich bezüglich der Übergabe der Kanonen zu verständigen, hat d'Aurelles mehrere von Gendarmen eskortierte Protzwagen direkt auf das Plateau beordert. Das Komitee der Rue des Rosiers hat ›Verrat!‹ geschrien; die Wachen, die durch die Ereignisse der letzten Tage völlig kopflos geworden sind, haben sich geweigert, abzutreten ... jetzt werden die Geschütze auf der Höhe des Montmartre aufgestellt; man arbeitet an einer Brustwehr ...« Die folgenden vier Tage verbrachte Poncet mit Geschäftsgängen und Besuchen. Es war ihm unmöglich, in seinem Laboratorium zu bleiben, gleichgültig gegen alles andere sich in geduldige Untersuchungen zu vertiefen. Ein lebhaftes Bedürfnis, zu handeln und seine Kräfte in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, trieb ihn aus seinem Häuschen, das nun wieder sein früheres anmutiges und sauberes Aussehen gewonnen hatte ... In dem Stadtteil, wo so viele Arme ihn kannten, gewöhnte man sich schnell wieder an seine Erscheinung, seine lebhaften Züge, seinen langen braunen Mantel. Bald suchte er seit lange vernachlässigte Freunde wieder auf, bald nahm er an Beratungen teil. Man sah ihn im Ministerium des Innern, in den Bürgermeisterämtern. Er machte nähere Bekanntschaft mit Doktor Clemenceau und beteiligte sich an dessen Bestrebungen. Der Bürgermeister des XVIII. Arrondissements, Deputierter von Paris und hervorragender Biologe, sah seinen glühenden Republikanismus von beiden Parteien verdächtigt. Gegenüber seinen Versöhnungsversuchen hielten die exaltiertesten Nationalgardisten sich für verraten. Poncet gab trotz all der Gärungen und Wirren die Hoffnung nicht auf. Zweifellos gab es fortgesetzte Unruhen. Um zwei auf der Straße gefangen genommene preußische Soldaten zu befreien, bedurfte es der Intervention eines hohen deutschen Generals und des Ministers des Äußeren. Wohl bedeckten Blanquis und Flourens' Proteste in roten Plakaten die Mauern und fanden die Zustimmung vieler. Doch nur ein wenig Geduld, und alles würde sich klären ... Die Wahl des definitiven Zentral-Komitees verschlimmerte im ganzen die Lage nicht. Wohl wurde in Vaux-Hall Garibaldi einstimmig zum Oberbefehlshaber der Nationalgarde gewählt. Wieder einer! Übrigens eine rein platonische Demonstration. Allerdings wurde gleichzeitig ein ehemaliger Marineoffizier, Lullier, ein überspannter Kopf, zum Artilleriekommandanten ernannt. Doch nur noch wenige Tage, und es gab keine Artillerie mehr, die Kanonen wurden übergeben. Nur ein Mißverständnis, die Provokationen der Regierung, hatten die Übergabe verhindert. Poncet wußte aus zuverlässiger Quelle, daß Favres Proklamation: »Die Regierung setzt ihre Ehre darein, die Republik zu gründen«, in Bordeaux als zu kühn befunden und von Thiers getadelt worden war. Ohnehin sprachen die Taten der Regierung schon allzu vernehmlich. Und dabei immer noch diese militärische Fahrlässigkeit ... Dasselbe falsche Vorgehen bezüglich der Kanonen der Place Royale. Vinoy mußte sich mit dem Kommandanten des Sektors ins Einvernehmen setzen; ein Bataillon, das sich dazu bereit erklären würde, sollte zum Dienst designiert werden ... Man trug dem nicht Rechnung; auf gut Glück entsandte man Beamte, ohne auch nur einige Gespanne zur Verfügung zu haben ... Man war auf andere Wachen gestoßen, die ebenfalls den Gehorsam verweigerten; sofort wurde der Generalmarsch geschlagen, der ganze Stadtteil geriet in Aufruhr, die Kanonen wurden in die Rue Basfroi und in die Mairie des XX. Arrondissements gezogen. Doch Paris mußte bald dieses Soldatenspieles überdrüssig werden. Diese famosen Kanonen nahm man ja gar nicht mehr ernst; die gesamte Presse machte sich über sie und ihre Entführer lustig und spottete über den Mont-Aventin. Die Rädelsführer fanden wohl bald keine Gefolgschaft mehr. Wie vergangene Woche auf dem Montmartre, so würden wohl in kürzester Zeit die Wachtposten sich überall weigern, den langweiligen Dienst weiter zu versehen. Vor der Bastille verwandelte sich jetzt schon die flammende Begeisterung der ersten Tage in eitles Possenspiel, die Manifestanten ermatteten; morgen würden vor der an der Spitze der Säule befestigten und in Riesenbuchstaben die Worte: »Es lebe die Allgemeine Republik!« tragenden Tafel nur vereinzelte Passanten, übermorgen wohl kein einziger mehr stehen bleiben. Die rote Fahne würde von selbst sich senken. So heftig eine Krisis auch auftritt, sie geht vorüber, das Fieber sinkt. Je mehr er darüber nachdachte, je mehr Grund glaubte Poncet zu haben, sich zu beruhigen. »Du wirst sehen, du wirst sehen«, sagte er eines Morgens zu Catisse, der, eins seiner kleinen Mädchen an der Hand, im Vorübergehen für einen Augenblick eingetreten war, »es wird alles wieder ins Geleise kommen.« Catisse widersprach mit seiner friedlichen Miene, während Frau Poncet dem Kind ein Stück Kuchen abschnitt. »Was sagst du zu der Ernennung des Generals Valentin zum Polizeipräfekt? Wieder einer von diesen Gendarmen des Kaiserreichs! Vinoy, d'Aurelles ... und nun der Dritte im Bunde! Das deutet auf einen Staatsstreich!« Poncet blies ungläubig die Backen auf: »Bah!« Thiers, vorgestern aus Bordeaux zurückgekehrt, konnte nun mit eigenen Augen den Stand der Dinge prüfen und Paris den Puls fühlen. Ein Staatsstreich! Guter Gott, womit denn aber? Verkündete er denn nicht in einer seiner letzten Depeschen, daß er gesonnen sei, nur im Notfall Gewalt zu gebrauchen, im geeigneten Moment jedoch mit der äußersten Energie? Gewalt? Wozu, wenn Geduld, Geschicklichkeit und Taktgefühl genügten? Und dann, welcher Moment war wohl weniger geeignet, als dieser, da durch ihre unsinnigen Beschlüsse die Nationalversammlung sich selbst ihre eigenen Anhänger entfremdete, da hundertfünfzigtausend Wechselproteste den Ruin über eine Unzahl von Geschäftsleuten verhängten; da seit drei Wochen mehr denn sechzigtausend Nationalgardisten ihre Reihen und Paris verlassen hatten? »Die äußerste Energie« – die Lust, sie anzuwenden, fehlte dem Manne von Transnonin sicherlich nicht. Er war viel zu hochmütig, um den Radikalen verzeihen zu können, daß sie am 31. Oktober unter dem Vorwand des von Bismarck geschürten Aufruhrs die Unterhandlungen wegen des Waffenstillstandes abgebrochen hatten, und um die am Abend des 26. Februar ausgestandene Angst zu vergessen, als in Erwartung des Einzugs der Deutschen die Menschenfluten tosend, alles mit sich fortzureißen drohten ... Auch seine Abhängigkeit gegenüber der Nationalversammlung mußte aufreizend wirken. Den zwanzigsten eröffnete sie in Versailles wieder ihre Sitzungen und würde entrüstet sein, unter den übrigens nicht geladenen Kanonen vom Montmartre verhandeln zu sollen. Zu alledem verfolgte ihn auch noch die Bande der Geldmänner mit Vorstellungen und Drohungen: »Sie werden niemals imstande sein, finanzielle Operationen auszuführen, wenn Sie nicht mit diesen Verrätern ein Ende machen und nicht zuerst die Kanonen forträumen!« ... Doch »die äußerste Energie«, woher sie nehmen? Wenn der Polizeipräfekt davon sprach, das Zentral-Komitee verhaften zu lassen, sagte Vinoy: »Übernehmen Sie es!« und der Polizeipräfekt erwiderte: »Ich kann nicht!« D'Aurelle sah auf seine Sammelordre fünfzehn Mann sich einstellen. Seine Eisenhand faßte das Leere. Die Truppen? In Paris, in der Provinz besiegt, kaum noch in Cadres eingeteilt, geschwächt durch die Entlassung der vom Militärdienst Befreiten und durch die Einverleibung jener müßigen Elemente, die seit einem Monat bei den Einwohnern einquartiert waren und in den Straßen umherlungerten, – war es klug, auf sie zu zählen? Demoralisiert, schwankend, wer vermochte zu sagen, ob sie nicht, anstatt die Gewehre zu senken, vielmehr die Kolben erheben würden? Und dann? ... Am Abend brachte Catisse auf dem Heimweg von der Mairie Poncet folgende Neuigkeit: ›Oberst Schoelcher, der heute aus Bordeaux eingetroffen ist, hat sich mit Clemenceau in den Park der Butte begeben. Sie konnten denselben erst betreten, nachdem sie sich in der Rue des Rosiers einen Passierschein hatten ausstellen lassen. Ein Mitglied des Zentral-Komitees hat sie begleitet; man hat sich dahin verständigt, Schoelcher die Kanonen zurückzustellen.« An diesem Abend saß Poncet beim Diner heiterer als seit langer Zeit seiner Frau gegenüber. Die Lampe warf ihren milden Schein auf das weiße Tischtuch. Tiefe Stille umhüllte das kleine Haus. Feiner Regen rieselte nieder. Zum erstenmal nach langen Wochen begann Poncet zu lesen, während seine Frau an ihren ewigen Strümpfen und Pulswärmern für die Armen strickte. Vor dem Zubettegehen öffnete er das Fenster und atmete tief die scharfe Nachtluft. Friedlich schlummerte Montmartre im Schutze seiner Kanonen. Stumm dehnte sich die Stadt mit ihren unzähligen, langsam verlöschenden Lichtern. Ein leiser, frischer Frühlingshauch strich durch die Nacht. »Welche Stille!« sagte Poncet, das Fenster schließend. IV. In dieser selben Nacht um zwei Uhr verließen sämtliche Truppen der Pariser Armee schweigend ihre Kasernen; durch den eisigen Nebel in tiefem Dunkel durchzogen lange Kolonnen die verödeten Straßen, die schlummernde Stadt. Mit leiser Stimme gegebene Kommandoworte, stumme Trommeln, gedämpfte Schritte, – so breitete sich ein weites Netz von lebendigen Maschen über Paris. Die ganze Division Susbielle, die Brigaden Lecomte und Paturel, umzingelte den Montmartre, erklomm die Abhänge und rückte gegen die Mühle von La Galette und den Turm Solferino vor. Eine andere, General Faron, stieg nach Belleville hinauf, bei den Buttes-Chaumont den General La Mariouse detachierend. Die Brigade Wolf besetzte den Bastilleplatz; die Brigade Derroja das Rathaus; die Brigade Hanrion die Tuilerien und den Luxembourg. Auf der Esplanade des Invalides und vor der Ecole militaire nahm die Brigade Rocher als Reserve Aufstellung. Alle militärischen Kräfte der Regierung waren mobilisiert, um die Zurücknahme der Kanonen zu versuchen. Um drei Uhr morgens erreichte die Vorhut der Division Susbielle, unter Vorantritt von Stadtsergeanten und Gendarmen, die Höhe des Plateaus von Montmartre. Vor ihnen flohen, ihre Posten und ihre Schlupfwinkel verlassend, die Nationalgardisten und verschwanden in den engen Gäßchen. Etwa sechzig Mann, die in der Rue des Rosiers, in demselben Hause, wo das Arrondissements-Kommitee seinen Sitz hatte, einquartiert waren, pflegten den Nachtdienst in den Geschützparks der Butte zu versehen. Diesen Morgen befanden sich dort nur fünfundzwanzig Mann, von denen sieben die Wache bei den Kanonen hatten. In der Rue Müller erblickt einer von ihnen die anrückenden Truppen, die die Höhen zu besetzen im Begriffe sind; er ruft: »Wer da?« In demselben Augenblick streckt ihn eine Kugel schwer verwundet zu Boden. Die Gendarmen stürzen zum Wachtposten, ein Pelotonfeuer weckt die bestürzten Schläfer; man ergreift sie und schleppt sie in die Keller des Turmes Solferino. Nun durchstreiften Artillerieoffiziere rekognoszierend die Parks, zählten die Geschütze. Jetzt galt es die schwerste Arbeit, die Fortschaffung derselben. Eine endlose Wartezeit beginnt, die Gespanne kommen nicht. Die Stunden der Nacht verstreichen, der Morgen bricht an, noch immer nichts zu sehen, man wird ungeduldig, mit Anspannung aller Kräfte beginnt man, einzelne Kanonen herunterzuschaffen ... Unter dem feinen Regen ducken die Truppen sich zusammen; ermattet tauschen sie fragende Blicke. Endlich haben die in den Champs-Elysees und auf dem Platz de la Concorde – in zu großer Entfernung und viel zu geringer Anzahl – stehenden Pferde sich in Bewegung gesetzt; es ist heller Tag. Vier Stunden sind verstrichen. »Gnädiger Herr! Gnädiger Herr!« Poncet, der spät erst eingeschlafen war, sprang empor. Seine Frau richtete sich erschreckt im Bette auf: »Brennt es?« Melanie klopfte immer noch an der Tür. »Gnädiger Herr! Die Truppen sind da! ... Überall gibt's Soldaten! Hören Sie denn nichts? Die Sturmglocke läutet und die Trommeln werden geschlagen. Ganz Montmartre ist auf den Beinen, die Bataillone greifen zu den Waffen ...« Wie ein Blitz durchzuckte es Poncet: die Kanonen! ... In fünf Minuten war er angekleidet und riß sich von seiner Frau los, die, sonst so mutig, ihn mit flehentlichen Bitten zurückzuhalten suchte. Ihn erfüllte nur ein Gedanke: in die Mairie eilen, sich ins Mittel legen. Es durfte kein Blut fließen! Das blutigrote Gespenst des Bürgerkrieges tauchte vor seinen Augen auf. Entsetzen erfaßte ihn. Diese Wahnsinnigen, die Soldaten und Volk aufeinander hetzten, die kalten Blutes sich in ein solches Abenteuer stürzten! ... Nein, es war nicht möglich, es mußte etwas anderes sein! Die Kanonen waren nur ein Vorwand. Thiers, der Orleanist, und die Wütenden der Nationalversammlung versuchten einen Staatsstreich. Erst Paris zähmen, und dann ... Melanie erzählte in großer Aufregung: Sie wollte Milch holen gehen; Rothosen versperrten den Weg, andere Liniensoldaten zerstörten die Verschanzungen. Sie sahen nicht gerade sehr böse aus, ein paar Frauen sprachen sie an: »Was treibt ihr da? Ihr werdet uns doch nichts Schlimmes antun, wie?« Die armen Burschen, zähneklappernd vor Kälte, und noch so jung! Einige hatten Hunger, man gab ihnen zu essen und reichte ihnen einen Schluck Wein. ... Unten begannen die Straßen sich mit Menschen zu füllen; man konnte es nicht fassen, Geschrei und Drohungen wurden überall vernehmbar ... Die Artillerie steht schußbereit am Ausgang der Rue Hudon. Der Platz Pigalle ist mit Chasseurs zu Pferd angefüllt ... Poncet stürmte durch die Rue de la Fontenelle; ein Strom von Frauen, Kindern, Greisen wälzte sich über die Chaussee de Chignancourt der Rue Müller zu. In buntem Durcheinander marschierten zwischen den Nationalgardisten einzelne Wachen, die ihren Posten im Stich gelassen hatten, mit erhobenem Gewehrkolben oder die Taschentücher schwenkend. Ein langgezogener Schrei »Es lebe die Republik!« pflanzte sich durch die Massen fort ... Plötzlich sind Linien-Schildwachen und Stadtsergeanten verschwunden. Eine gewaltsame Stauung, und die ungeheure Woge überflutete das Plateau. In der Rue des Rosiers wälzte eine zweite Woge sich ihr entgegen. Von dem unaufhaltsamen Strome mitgerissen, verlebte Poncet in halbem Rausche diese Minute großen menschlichen Erschauerns. Immer furchtbarer wurde das Gedränge. Der Busen einer Frau, deren Haare sich gelöst hatten, schlug an seine Schulter; ein Greis hauchte ihm seinen alkoholdurchtränkten Atem ins Gesicht. Über den wogenden Köpfen, durch den dichten Nebel, erblickte er in der Ferne einen Mann zu Pferd, ein Käppi mit goldenem Laub, einen sich bewegenden Arm. Er sah Gewehre sich senken. Ein Augenblick unsagbarer Angst. Plötzlich erhob sich ein Gemurmel; die einen bestätigten, die anderen wiederholten Lecomtes Kommando: »Feuer!« Inmitten der Schreie des Entsetzens und des Mitleids, von Frauen umringt, die unerschrocken vorwärts drängen mit den flehentlichen, beschwörenden Bitten: »Schießt nicht, ihr seid ja unsere Brüder!« senken die Soldaten von neuem die Waffen. Sofort entsteht wilder Lärm. Soldaten und Bevölkerung bilden ein wirres Durcheinander, eine einzige kompakte Masse. Poncet sieht, von dem Gedränge fortgerissen, den General umringt, inmitten eines betäubenden Lärms von Schmähungen und Vorwürfen fortgeführt ... Die Soldaten gebärden sich am wütendsten; sie verfolgen ihn mit milden Drohungen; die Nationalgardisten schlagen sich ins Mittel und decken ihn. Alles verschwindet. Da bog er, aufs tiefste erschüttert, in eine Gasse ein, die er nicht wiedererkannte, obgleich er sie täglich passierte. Wie in wachem Traume folgte er einer Gruppe von Leuten, die mit lauter Stimme die Szene besprachen. Drei ins Blaue gerichtete, schnell aufeinander folgende Kanonenschüsse machten ihn erbeben. Was gab es wieder? fragte er voll Bangen. Er befand sich wieder in der Rue Holozé. Die Truppen der Mühle von La Galette waren im Begriff, sie niederzureißen. In der Rue Lepic wurden die von den Artilleristen des General Paturel herabgeschleppten, an die ersten herbeigebrachten Pferde gespannten, eben erst erschienenen Kanonen ergriffen und unter Stößen und Verwünschungen die Seile entzweigeschnitten. Auf der Place Blanche herrschte unter den Truppen noch Eintracht. Viele von ihnen schlichen sich hinweg. Poncet hörte einem Nationalgardisten zu, der, eine schwarze Binde über dem einen Auge, unter lebhaften Gestikulationen erzählt: »Ein General mit seinem Stab ist soeben vorbeigaloppiert. Sie blasen zum Rückzug. Man hat zwei getötete Pferde zerteilt, um sie zu verzehren. Fleisch für die Armen, da ist nichts übrig geblieben. Auf der Place Pigalle haben die Linientruppen nicht schießen wollen ... Die Chasseurs zu Pferd haben uns, statt anzugreifen, mit dem Hinterteil ihrer Pferde zurückgestoßen. War das ein Gelächter! Ein Hauptmann wiederholte zornig: »Aber so greift doch an!« Und er säbelte einen Soldaten und zwei Frauen nieder. Da – ein Flintenschuß, er fällt. Die Liniensoldaten erheben die Kolben. Hinter den Baracken der Boulevards im Hinterhalt liegende Gendarmen fangen an, uns zu beschießen ... Man entwaffnet sie ... Seht nur, da führt man sie weg! Guter Fang! ...« Poncet sah etwa sechzig Gefangene vorbeimarschieren, von einem heulenden Menschenhaufen begleitet. Sein Herz krampfte sich zusammen. Was sollte mit ihnen geschehen? Wohin führte man sie? Von dieser aufs äußerste gereizten, halb besinnungslosen Menge war alles zu befürchten. Er rief: »Auf die Mairie!« – dort wären sie in Sicherheit. Er selbst trat an die Spitze des Zuges ... Vor allem diese Menschen retten, das war der einzige Gedanke, der ihn beherrschte. Alles andere blieb unklar. Welch eine Katastrophe! Wie schnell war das alles gekommen, und wohin sollte es führen? ... Keiner vermochte es zu sagen. Alles krachte und versank in dem ungeheuren Zusammenbruch. General Faron, der in Belleville ohne Schwertstreich um drei Uhr morgens Herr der Mairie war, La Mariouse, dem es bei den Buttes-Chaumont aus Mangel an Bespannung nur achtzehn Kanonen aus den drei Parks in die Ecole militaire zu bringen gelang, sahen sich innerhalb einiger Stunden von der friedlichen Erhebung des Volkes besiegt. Frauen, Kinder wandten sich freundlich an die Soldaten und beschämten sie mit dem Rufe: »Die Linientruppen, sie leben hoch!« Die Regimenter schmolzen zusammen. Gleichzeitig erhoben sich um sie her, in dem stillen Stadtteil, die Barrikaden, den Rückzug abschneidend. Stumm und gleichgültig sahen sie zu. Da entschloß sich Faron zum Weichen: ein Augenblick noch, und der Rückzug war unmöglich; ein weiterer Augenblick, und es waren keine Truppen mehr da. Klug vermittelnd, hier lächelnd, dort die Zähne zeigend, gelang es ihm, seine Leute fast unversehrt zurückzuziehen. Ebenso vollzog auf dem Bastillenplatz die Brigade Wolf noch rechtzeitig ihren Rückzug. Im Luxembourg übergab eines der Regimenter der Brigade Hanrion die Waffen und paktierte mit der Nationalgarde, die die Gitter mit Gewalt erbrochen hatte. Um elf Uhr war auf allen Punkten die Partie verloren, die Armee löste sich auf und ging zum Volke über. Vergeblich wurde seit dem Morgen in den dreißig Bataillonen, die allein noch einen Rest von Sympathie für die Regierung zeigten, auf d'Aurelles Befehl aus Leibeskräften der Generalmarsch geblasen. Höchstens fünfhundert Nationalgardisten gehorchten dem Sammelsignal und zerstreuten sich schnell wieder. Und an den Mauern breiteten sich in all ihrer Ohnmacht, ein ironischer Kommentar dieses riesigen mißlungenen Streiches, die Plakate, enthaltend das Manifest Thiers' und seiner Minister, welches die guten Bürger aufforderte, sich von den schlechten zu scheiden, die Schuldigen mit strenger Strafe bedrohte und die »sofortige, völlige« Rückkehr zur Ordnung forderte. In der Mairie des XVIII. Arrondissements, wohin Clemenceau längst schon von der Butte zurückgekehrt war, die er bei Tagesanbruch erstiegen hatte, um von Lecomte die Auslieferung der verwundeten Nationalgardisten zu verlangen, erfuhr Poncet aus dem Munde des Bürgermeisters selbst, daß der General mit seinen Offizieren, im Chateau-Rouge eingeschlossen, sich in Sicherheit befand. Von seinen offenkundig revolutionären Beamten im Stich gelassen, bewachte Clemenceau selbst die in den Kellern versteckt gehaltenen Gendarmen. Rings um die Mairie, welcher ohne Unterlaß unter Trompetengeschmetter Scharen von Nationalgardisten zuströmten, herrschte außerordentliche Bewegung. Zur Ruhe mahnend, Berichte einsammelnd, ging Poncet von einem zum anderen. Seltsame Gerüchte waren es, die er da vernahm: man wollte in einer Gruppe den ehemaligen Polizeipräfekt des Kaiserreichs, Piétri, erkannt haben. Unter dem Haustor standen in heftigem Disput einige Mitglieder des Komitees der Rue des Rosiers. Andere, vom Überwachungskomitee der Chaussee de Clignancourt, hatten soeben den Befehl zur Errichtung von Barrikaden erlassen und Bergeret, vom Zentralkomitee, zum Legationschef ernannt. Dieses, aus der von der Polizei überwachten Place de la Corderie weichend, hatte für den Abend des 18. in der Schule der Rue Basfroi, hinter der Bastille, eine Zusammenkunft verabredet. Von dem unvermuteten Angriff und der Auflösung der Armee überrascht, hatten sich kaum zehn Mitglieder dort eingefunden, und diese wußten nicht, wo aus noch ein. In den verschiedenen Stadtteilen organisierte sich der Widerstand. Jeder für sich: Bergeret in Montmartre, Varlin in Batignolles, Duval im Pantheon, Faltot in der Rue de Sèvres, Pindy im III., Brunel und Ranvier in Belleville und dem X. Arrondissement. Die Bataillone treten auf der Stelle, keines ergreift noch die Offensive. Ganz Montmartre kocht wie in einem Kessel, die Straßen wimmeln, von einem Durcheinander überreizter Nationalgardisten, zügelloser, ausgehungerter Soldaten. Poncet duldet es nicht an einem Orte. Man erwartet, allerdings ohne große Hoffnung, den Erfolg eines von zwei Vertretern von Paris, dem Obersten Langlois und Lockroy bei Thiers versuchten Schrittes. Sie haben sich zu ihm begeben, um die Wahl des Oberbefehlshabers der Nationalgarde, die Absetzung Vinoys und sofortige Wahlen zu fordern. Hinter jedem Haustor vernimmt man scharfe Diskussionen; die Aufregung und Verwirrung ist allgemein. Eine noch feuchte Kundmachung der Regierung, die jeden, der Familie und Eigentum liebt, zu den Waffen ruft, geht von Hand zu Hand. Sie verkündet das vollständige Gelingen der Operation, die völlige Wiedereinnahme der Kanonen! Soeben hatte ein Deputierter Poncet anvertraut, daß am Abend vorher die dreißig Oberoffiziere der Nationalgarde, von d'Aurelles um Rat befragt, diesen auf den unausweichlichen Abfall ihrer Leute für den Fall, daß man sie zum Losgehen gegen die anderen Bataillone kommandieren würde, vorbereitet hatten. Ebenso hatten die von Vinoy zu Rate gezogenen Obersten diesem die gefährliche und unverläßliche Gesinnung ihrer Truppen nicht verschwiegen. Welch unbegreiflicher Mangel an Einheitlichkeit hatte bei all diesen Vorgängen geherrscht! Voll empörten Staunens vernahm Poncet, wie trotz des feierlichen von Picard den Bürgermeistern gegebenen Versprechens tags vorher im Regierungsrat der tückisch wahnsinnige Beschluß gefaßt worden war: wie Vinoy skeptisch, jede Verantwortung ablehnend, seinen Plan dargelegt, übrigens sich zum Gehorchen bereit erklärt hatte ... Le Flô's Ankunft aus Bordeaux gerade zu rechter Zeit, um die Details der Ausführung kritisieren zu können, diese ohne Tornister, ohne Proviant, als handelte es sich um einen einfachen Spaziergang, in den Kampf geschickten Kolonnen ... Die Minister, die weniger die Mißbilligung der Hauptstadt, als den Despotismus der Nationalversammlung, die Notwendigkeit, »etwas zu tun«, auf sich lasten fühlten. Was sie wohl Montag, wenn die Kanonen immer noch sie verhöhnten, sagen würde? ... Und Thiers, der endlich seinen Willen durchsetzte, zu allem entschlossen: zum blutigen Triumph, der seine Macht befestigt hätte, wie zu der schlimmsten Niederlage, die wenigstens seine Bestrebungen rechtfertigte. Konnte man denn aber wissen, welch dunkle Hintergedanken hinter der Stirn dieses kleinen diabolischen Mannes mit den boshaften, kalten, brillenbewaffneten Augen wohnten? Mit solch kühler Überlegung alles aufs Spiel setzen, des Mißlingens gewiß! Denn er war viel zu klug, um die Folgen nicht vorauszusehen ... Was wollte er also? Wählend Poncet für einen Augenblick nach Hause zurückkehrte, um seine Frau zu beruhigen, – schon halb drei Uhr! – schritt kaum einige hundert Meter von der Rue Sainte-Scolastique entfernt einer, an den er jetzt am wenigsten dachte und den er doch kannte und schätzte, der Major Pierre du Breuil finstern Blicks, aber hoch erhobenen Hauptes zwischen einer Hecke ihn verhöhnender und insultierender Wachen dahin. Ein zerlumpter Kerl mit Glotzaugen heulte unaufhörlich: »Nieder mit dem Spion!« Und den ganzen Weg entlang pflanzten die Drohungen, das grollende Murren sich fort. In Zivilkleidern, stolz aufgerichtet den Schmähungen Trotz bietend, schritt du Breuil weiter, einen bitteren Zug um die Lippen, staunende Verachtung im Auge. Sein erster Zorn war verraucht. Er machte nicht einmal mehr einen Versuch, das Mißverständnis aufzuklären, seine Identität nachzuweisen. Alles war dem Pöbel Vorwand zu übertriebenen Besorgnissen, zu albernen Vorwürfen. »Ein Offizier von Metz! Na ja! Geh' doch, Bazaine! Er ist ein Verräter, er will für das Kaisertum spionieren! Ein Garde-Major! Gibt es nicht mehr! Es gibt nur noch die Nationalgarde ... Mörder des Volkes! Er wollte uns heute morgen töten! ... Du kommst aus Deutschland? Der gnädige Herr sind Preuße? ... Warte ab, bis das Komitee entscheidet.« Du Breuil zuckte die Achseln. Auf einen solchen Empfang war er gestern, als er Mainz verließ, nicht vorbereitet gewesen. Er hatte geglaubt, den Albdruck der Vergangenheit abschütteln, dieser düsteren Gefangenschaft entrinnen zu können, in der der Widerhall der Kanonen von Coulmiers, von Villersexel, von Bapaume wie ein Vorwurf ihn ins Herz traf, und, schmerzlicher als alles andere, diese schreckliche Belagerung von Metz, in der sein Glaube unter der Wucht des furchtbaren Zweifels zusammengebrochen war: Fliehen wie d'Arol, heimkehren, um den Kampf wiederaufzunehmen, oder als Gefangener bis ans Ende der eisernen Fessel der Disziplin sich beugen? ... Endlich war er frei, durfte er den Boden Frankreichs wieder betreten, stand er vor der Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche! ... Nicht mehr das derbe, rauhe Gesicht des Siegers sehen müssen, sondern voll frommen Eifers in seinem bescheidenen Kreise mitarbeiten an der Wiederaufrichtung des Vaterlandes, mit aller Kraft der Seele und des Körpers, das Werkzeug künftiger Revanche schmieden und stählen helfen! Welche Rührung hatte ihn erfaßt, als er an der Grenze die geliebte Heimaterde wieder begrüßte mit den verwüsteten, noch von der Okkupation wimmelnden Städten! Mit welchem Gefühl der Erleichterung hatte er sich Paris genähert, den letzten deutschen Wachtposten hinter sich gelassen! Er bebte beinahe vor Entzücken bei dem Gedanken, die teure, die herrliche Stadt wiederzusehen, die sich während der Belagerung so mutig, so heldenhaft erwiesen, dieses Paris, das einen neuen Strahl zu seinem Glorienschein gefügt, dieses, so frivole und doch so große Paris, wo die Frauen so voller Anmut waren, wo alle Ideen so klar und lebendig strahlten, den feurigen Herd, der die Welt erleuchtete! ... Er kam ohne Abneigung gegen die Republik, bereit, ihr nach besten Kräften zu dienen. Hatte sie nicht die den Händen des Kaiserreichs entsunkene Fahne wieder aufgerichtet und, wenn auch nicht das Land, so doch die Ehre gerettet? Die bonapartistischen Verführungsversuche nach der unseligen Katastrophe hatten sein Mannesbewußtsein, die Schamhaftigkeit des Besiegten verletzt. Zwischen dem Du Breuil, der abgemagert, mit an den Schläfen ergrauten Haaren, mit einem von schmerzlichen Grübeleien gefurchten Antlitz heimkehrte, und dem, der vor nun neun Monaten in seiner glänzenden Uniform im Park von Saint Cloud der Abreise des Kaisers und seines Hofes beigewohnt und, als der Zug, der Frankreichs Glück mit sich führte, sich in Bewegung setzte, des Aufbruchs zum Kriege jenes Anderen, Größeren und der gewaltigen Epopöe die das junge Jahrhundert und das alte Europa erschüttert hatte, gedachte, – zwischen diesen beiden lag ein weiter Abgrund, die Kluft der Auferstehung. Noch eine Stunde, und er würde als ein Fremder seine Wohnung in der Rue de Bourgogne wieder betreten und sich zum Minister begeben, um sich ihm zur Verfügung zu stellen; und morgen an die Arbeit! ... Eine tiefe, süße Empfindung mischte sich in seine Gedanken, ein Antlitz schwebte ihm beständig vor, Aninas schöne, klare Augen, die Vergangenheit verklärend, die Zukunft durchleuchtend. Endlich, endlich fuhr der Zug in den Bahnhof ein, die Drehscheiben dröhnten ... Und plötzlich war es eine andere Stadt. Er kannte sich nicht mehr aus, suchte vergeblich einen Wagen. Doch man umringte ihn ... seine gebietende Stimme, sein militärisches Aussehen, seine Rosette ... »Ihre Papiere, Bürger?« Zerlumpte Soldaten, schmutzige, bärtige Nationalgardisten sprachen ihn an, packten ihn an den Armen, den Schultern ... All das war verdächtig, zur Wache mit ihm! Ein kurzer Kampf, eine blinde Wut, die nur dazu diente, den Griff der brutalen Hände noch brutaler, die Stimmen noch kreischender zu machen. Angeekelt, suchte er mit Gewalt, sich zu fassen. Das war zu dumm, man mußte ihn ja doch loslassen ... Doch von Wache zu Wache schleppte man ihn, immer zahlreicher wurde seine Eskorte, immer schwerer sein Verbrechen in den leichtgläubigen Augen der Menge. »Er hat ein Kind getötet! Nieder mit dem Spion! Zum Komitee mit ihm!« Und von Straße zu Straße das Komitee suchend, gelangte man bis auf den Montmartre. »Wir sind bald angelangt!« sagte zu Du Breuil einer seiner Wächter, der trotz seiner rauhen Stimme nicht allzu bösartig aussah. Und als erriete er die schmerzliche Bestürzung des Offiziers an dem starren Blicke, mit dem er den verstreuten Soldatenbanden folgte, fügte er hinzu: »Na, das wundert Sie, was? ... Diese guten Leute stehen auf unserer Seite!« In von Stößen und Püffen unterbrochenen Sätzen geruhte er, seinem Gefangenen den von Fontriquet ausgeführten Coup zu erklären. Er hatte ja das Beste der Armee gewollt, doch sie ließ ihn im Stich ... Jetzt werden die Kinder des Volkes sich gegenseitig niedermetzeln, und all das, um die Republik zu begraben! Augenzwinkernd fuhr er fort: »Auf gutes Einvernehmen! ... Sie scheinen mir der rechte Mann ... Bleiben Sie bei uns, Herr Offizier!« Das war die grausamste Insulte. Mit Mühe nur unterdrückte Du Breuil eine Gebärde des Schauderns. Bei diesen Bestien bleiben, deren plötzliche Berührung ihm keine der Ursachen berechtigter Erbitterung zeigte, sondern nur Häßlichkeit und Gemeinheit, keine Spur von Bildung und Anstand! Bei diesen elenden Soldaten bleiben, für die seine Unkenntnis der Situation keine Entschuldigung wußte; bei diesen Verrätern, die ihre Führer verlassen hatten und fahnenflüchtig geworden waren! Und weshalb? Alles war ihm dunkel, nur des Einen war er sich bewußt: daß er die schreckliche losgelassene menschliche Bestie sah und Paris in voller Revolution unter den ironischen Blicken der Deutschen! Und wäre der Aufstand im Prinzip auch noch so entschuldbar, das Unrecht blieb tatsächlich ein unverzeihliches. Welch selbstsüchtiger Wahn war es, der all diese Männer antrieb, sie erfüllte und ihnen alle Überlegung raubte, statt des immer noch darniederliegenden Vaterlandes zu gedenken! Wie konnte man es wagen, von Rechten zu sprechen zu einer Zeit, da es sich nur um Pflichten handeln durfte, da der Feind noch im Lande war! Das also war der Empfang, den Paris ihm bereitete, in solch bejammernswertem Zustand mußte er die Stadt heiterer Lebensfreude wiederfinden! Alles in ihm bäumte sich dagegen auf. Voll Widerwillen ertrug er den frechen Blick, mit dem ein buckliger Leutnant der Nationalgarde mit Schielaugen und gemeinen, lasterhaften Zügen ihn maß. Welch eine Armee war das, großer Gott! Der Anblick dieser Maskerade schnitt ihm ins Herz, und in seinem tiefeingewurzelten Respekt vor der Uniform fühlte er zum erstenmal in seinem Leben sich glücklich, die seinige nicht zu tragen, nicht sie zum Gespött dieses brutalen Pöbels werden zu sehen ... Man gelangte zum Chateau-Rouge. Gewaltsam mußte man sich durch das Gedränge Bahn brechen. Nie, auch nicht an den schönsten Festtagen, hatte man die Rasenflächen, die Bosquete von einer so dichten Menge überschwemmt, nie das alte, von Heinrich IV. für Gabriele d'Estree erbaute Haus so stürmisch belagert gesehen. Mehrere Nationalgarden-Wachtposten waren hier aufgestellt. Ein greiser Hauptmann eilte Du Breuil entgegen. Während er Schimpfworte in seinen weißen Bart brummte, rief er entzückt: »Wieder einer! ... Mit euch wird man kurzen Prozeß machen!« Zwischen den Ankömmlingen, die ihre Gefangenen nicht verlieren wollten und den vor dem Tore angesammelten Wachtposten entspann sich ein kurzer, lebhafter Wortwechsel. Endlich wurde Du Breuil auf eine Stiege gedrängt und in ein mit Menschen angefülltes Zimmer geführt, in dem mit wichtigtuender Miene ein anderer Hauptmann den Vorsitz führte; auf Du Breuils bitte um Aufklärung antwortete er sehr höflich, seine Partei bedürfe der Garantien für diesen Tag; er, Simon Meyer, sähe sich zu seinem lebhaften Bedauern genötigt, den Major mit diesen Herren als Geisel dazubehalten ... Er deutete auf acht andere Personen, die sofort mit lautem Geschrei Einsprache erhoben, ihn umringten und verlangten, vom Komitee vernommen zu werden. Der Hauptmann suchte die Aufgeregten zu beruhigen, indem er sie versicherte, daß keinerlei Gefahr ihnen drohe; daß Komitee sei nicht da; man könne es momentan nicht einberufen ... Und in sichtlicher Verlegenheit machte er sich aus dem Staube. Eine Hand streckte sich Du Breuil entgegen: »Herr Major!« Zu seiner Verwunderung erkannte er ein bekanntes Gesicht, den Grafen Beugnot. Der Ordonnanzoffizier des am Morgen an der Ecke des Boulevards Rochechouart verhafteten und seit vier langen Stunden hier des Urteils harrenden Generals Le Flô machte ihn mit den Ereignissen bekannt. Von ihm und von zwei anderen Offizieren, die dem General Lecomte gefolgt waren, erfuhr Du Breuil den Verlust der Kanonen, die Auflösung der Truppen. Der General war in einem Nebenzimmer heimlich eingeschlossen. Wohin sollte das alles führen? Wie stand es mit diesen unsichtbaren, unauffindbaren Komitees? Lag die einzige Möglichkeit ihrer Rettung nicht darin, daß man, ganz von der Sorge um die Revolution absorbiert, ihrer vergaß, bis der Sturm sich wieder legte? Doch nein! Den Todesschreien, die durch die Fenster zu ihnen drangen, folgten unheilkündende Kommandorufe. Die Tür öffnete sich. Eine mit vier unleserlichen Unterschriften versehene, mit dem Amtssiegel gestempelte Ordre in der Hand, trat Simon Mayer wieder ein: »Sie werden auf die Butte geführt werden, wo das Komitee sich aufhält. – Ich stehe für Sie ein; ich wollte, ich könnte auch für den General einstehen«, fügte er hinzu. Im Garten, zwischen zwei Reihen von Nationalgardisten mit aufgepflanzten Bajonetten, nahmen Du Breuil und seine Gefährten Aufstellung. Nun wurde Lecomte herbeigeführt, den Gruß erwidernd, den die Gefangenen und die Offiziere ihm erwiesen, während ihre Leute bei seinem Anblick in Verwünschungen und Hohngelächter ausbrachen. Und nun begann durch die aufsteigenden Straßen, unter dem Geheul einer bis zum Wahnwitz erregten Bevölkerung, der schmähliche Dornenweg. Fäuste streckten sich ihnen entgegen, zum Schlag bereit. Wutverzerrten Lippen entrangen sich heisere Laute. Megären gleich schwangen zerlumpte Weiber ihre Gewehre. Deserteure des 88. Regiments pfiffen. So dichtgedrängt stand die Menge, daß der Zug nur mit Mühe in langsamem Begräbnisschritt vorwärts kam. Das goldgeschmückte Käppi des Generals bildete den Zielpunkt allen Hasses. Ein neben Du Breuil marschierender Nationalgardist fing mit dem Ellbogen ein Bajonett auf, mit dem man auf seinen Gefangenen zielte. Wie schmerzliche Betäubung legte es sich auf Du Breuils Augen. Welch ein Wirbelsturm war es, der, alle Antiefen des Elends und des Verbrechens aufrührend, diesen Abschaum der Gesellschaft, diese Kuppler und Dirnen, alle Laster und Begierden entfesselte? Das kichernde Lachen eines Blödsinnigen schrillte ihm in den Ohren; mit unanständiger Geberde schürzte ein rothaariges Weib ihre Röcke und zeigte ihre weißen Hüften; man schrie: »Zieht ihnen die Haut ab!« Ein Todestaumel erfaßte die Friedfertigsten und heulte aus den atemlosen Gassenhauern, die von halbwüchsigen Burschen gepfiffen wurden. Du Breuil blickte in seltsame, unheimlich gähnende Abgründe; eine Kluft voll von Blitzen durchzuckter Finsternissen tat sich vor ihm auf, ihn mit Entsetzen vor den Niederungen der menschlichen Gesellschaft erfüllend. Ein mit Mitleid gemischtes Grauen schüttelte ihn angesichts des Rätsels dieser wilden, ungeahnten Bestialität. Vor allem die Blicke waren es, die ihn faszinierten, diese Blicke unauslöschlichen Hasses, der Verachtung, des Abscheus. Was hatte er all diesen Menschen denn getan? Er konnte es nicht begreifen ... Sterben ... den Tod hatte er nie gefürchtet. Von jeher hatte seine Soldatenseele diesem Schicksal mutig ins Auge gesehen. Doch so sterben, gleich einem geschlachteten Tiere, unter den Schlägen und Hieben von Menschen seines Volkes, die wilder und tierischer waren als der grausamste Feind ... Das war es, was ihn empörte, ihm das Herz zusammenkrampfte ... Fliehen? mit gesenkter Stirn, wie ein Stier, hätte er sich vorwärtsstürzen mögen. Doch das bedeutete den sicheren, sofortigen Tod; drei Schnitte kaum, und zertreten, lebendig zerrissen, läge er am Boden. Das Geschrei der Blutgier, das Tausenden von Lippen sich entrang, folterte die Nerven, schürte die Wut, den Wahnsinn. Von dem wütenden Orkan umbraust, beschleunigte der Trauerzug den Schritt. Mißtöniger Trompetenton schrillte durch den Nebel – das Signal zum Angriff. Im Ministerium des Äußeren, in den Salons des ersten Stockwerks, waren alle in Paris anwesenden Minister versammelt. Man harrte der Rückkehr Thiers', der am Morgen zum erstenmal das Haus verlassen hatte, um im Louvre sich Nachrichten zu holen, sich mit General Vinoy und dem Kriegsminister in Einvernehmen zu setzen und durch eigenen Augenschein sich von dem Zustand von Paris zu überzeugen. Dann war er wieder fortgegangen, nachdem er den Truppen den Befehl erteilt, sich bei der Ecole militaire zu sammeln; den ersten, die am Kopf der Brücke de la Concorde erschienen, war er entgegengeeilt. In einer Fensternische standen Favre mit der hängenden Lippe und dem weißen kranzartigen Bart, Jules Simon mit dem fettigen, verstörten Gesicht im Gespräch mit Admiral Pothua; sie hätten energischere Maßnahmen zu ergreifen gewünscht. Der dicke Picard schritt ernst mit auf dem Rücken gefalteten Händen auf und ab und schien nicht geneigt, seine gewohnten Späße loszulassen. Eine dritte Kundmachung, die dem bürgerlichen Paris den Popanz des siegreichen Kommunismus zeigte, war resultatlos geblieben. Die wenigen designierten Nationalgarden waren dahin zurückgekehrt, von wo die überwiegende Mehrheit überhaupt gar nicht sich fortgerührt hatte. Inmitten der allgemeinen Gleichgültigkeit stürzte die gesetzgebende Gewalt zusammen, von dem Fehltritt ihrer mißglückten Versuche aus der Bahn gebracht. Überbringer von Nachrichten, Abgesandte der Bürgermeisterämter, Deputierte kamen und gingen; überall Beratungen, Verhandlungen, ein ewiges Öffnen und Schließen der Türen. Von Minute zu Minute wuchs die Kopflosigkeit. Durch die hohen Fenster warfen die Minister bange, sorgenvolle Blicke auf die zahlreichen Wachtposten, die, Gewehr bei Fuß, hinter den Gittern standen und lehnten. Man hörte Trompetenklänge und Geschrei und, gleich dem dumpfen Branden des Meeres, drang der ferne Tumult von Paris durch die Mauern herein. Plötzlich eine Bewegung im Hofe und in den Vorzimmern. Am Fuß der Haupttreppe hielt Thiers' Wagen. Mit lebhaften, trippelnden Schlitten in aufgeknöpftem Paletot trat das Haupt der exekutiven Gewalt ein. Hinter ihm erschien mit neu gewonnener Kaltblütigkeit General Vinoy. Die Minister umringten ihn. Die Türen wurden geschlossen. In den benachbarten Salons herrschte fieberhafte Erwartung. »Meine Herren«, sprach er mit jener säuerlichen Stimme, deren schwaches Falsett weithin vernehmbar war und gebieterisch Schweigen gebot, »es ist klar, daß unsere Truppen von dieser Menge überwältigt werden müssen. Es bleibt nichts übrig, als auf die Kanonen zu verzichten und die Armee mit möglichster Schnelligkeit aus dem Chaos zu befreien, in dem sie zu versinken droht. Ich für meine Person zögere nicht länger, wir brauchen nur Paris zu verlassen und uns zu der Nationalversammlung zu begeben.« Lauter Widerspruch unterbrach ihn. Favre, Simon schrieen: »Paris dem Aufruhr überlassen, seine ungeheuren Hilfsquellen, seine Waffen, seine Munition, seine Monumente preisgeben!« Mit kalter Ruhe fuhr Thiers fort: »Ich selbst habe durch einen patriotischen Gewaltstreich die Verlegung der Nationalversammlung nach Versailles bewerkstelligt. Ich will nicht den ewigen Vorwurf auf mich laden, sie in eine Falle gelockt zu haben! Sie repräsentiert Frankreich. Ihr muß jedes Opfer gebracht werden! Mit unseren Leibern müssen wir ihr einen Schutzwall bauen. So schwer es mir fällt, ich bin entschlossen. Ich gebe die Partie nicht auf, ich rette sie.« Hartnäckig beharrte er auf seiner vorgefaßten Idee. Er war auf die Möglichkeit eines Mißlingens gefaßt gewesen, hatte vielleicht sogar auf sie spekuliert. Er vertraute einzig der Gewalt. Da eines Tages ja doch gehandelt werden mußte, so war ein diesmaliger Mißerfolg mit unzureichenden Truppen ein wieder gutzumachendes Übel. Diese Armee, die sich, wie vorauszusehen gewesen, aufgelöst hatte, sie war keine wirkliche Armee, sie entbehrte jeder Spannkraft. Hätte er hingegen, wie man es ihm geraten, den Streich später unternommen mit der aus ihren Gefängnissen heimgekehrten alten Armee, dann wäre das Mißgeschick unheilbar gewesen. Jetzt war es, wie die Erfahrung lehrte, nicht mehr möglich, gegen Paris zu kämpfen; man muß es verlassen und es wieder einnehmen. Unter dem Gewande des eitlen Ministers Louis Philipps kam der Geschichtsprofessor zum Vorschein: »Beim Anblick dieses Aufwandes, meine Herren, kam mir eine Erinnerung. Die Erinnerung an den 24. Februar 1848. Am 24. Februar, als die Ereignisse eine schlimme Wendung nahmen, fragte mich der König, was zu tun sei. Ich gab ihm zur Antwort, daß man mit Marschall Bugeaud Paris verlassen und mit fünfzigtausend Mann dahin zurückkehren müsse ... Doch der König gedachte der Bourbons und Bonapartes, die, einmal außerhalb der Mauern der Stadt, dieselbe nicht mehr hatten betreten können. Er weigerte sich: das war sein Untergang ... Meine Herren, die Geschichte spricht. Ich erinnere Sie noch an das Beispiel des Marschall Windischgrätz, der, nachdem er vor Ausbruch der Revolution Wien verlassen, bald darauf siegreich wieder dahin zurückgekehrt war.« Was er nicht hinzufügte und keiner ihm zu bedenken gab, war die Art und Weise, wie Windischgrätz und Jellachich ihren Einzug in Wien hielten: die wiederholten Angriffe, die Beschießung der Vorstädte, Feuersbrunst, Plünderung, Erschießung der Gefangenen, – die ganze Stadt den Kroaten mit den roten Mänteln preisgegeben! Übrigens wußte Thiers all das sehr wohl und billigte es. Man hatte ihm achtungsvoll, aber mit wenig Überzeugung zugehört. Jules Favre erhob die Stimme: »Ein solches Zurückweichen ist ein Verzweiflungsakt und kann Frankreich zugrunde richten!« Picard, Simon, Pothnau kamen ihm zu Hilfe. Weshalb nicht vom Rathaus aus, wo Jules Ferry sich noch gegen General Derroja zu wehren wissen wird, einen Widerstand versuchen? Warum die Militärschule räumen? Warum sich nicht im Trocadero, diesem leicht zu verteidigenden strategischen Punkte, verschanzen, wo die zur friedlichen Beilegung geneigten Nationalgarden, denen doch endlich die Augen geöffnet werden mußten, sich unzweifelhaft sammeln würden? Doch der Greis antwortete mit ungeduldigem Kopfschütteln und blieb taub gegen alle Vorstellungen. Wäre sein Entschluß nicht längst schon gefaßt gewesen, diese Stunde, da er auf dem Wege zum Louvre den Zustand der Stadt erkannt, hätte ihn gezeitigt. Als alterfahrener Praktiker hatte er dem Kranken den Puls gefühlt. Jetzt keine Tränklein mehr! Jetzt konnte nur ein Aderlaß noch retten! Ein gewaltiger Aderlaß, um dieses Fieber zu beruhigen! Seine scharfe Stimme, noch um einen Ton höher steigend, erklärte in gebieterischem Tone: »Ich habe dem General Vinoy bereits Befehl gegeben, seine Truppen hinter die Seine zurückzuziehen und sämtliche Brücken zu besetzen. Die Zeit drängt, die Trümmer der Armee müssen der korrumpierenden Berührung mit dem Volke entzogen werden. Dann werden wir sie neu organisieren.« Vinoy sprach: »Ich bin Soldat, befehlen Sie!« Die Minister blickten einander zögernd an: So die Flucht ergreifen, da noch nichts verloren, da man Herr aller Ämter, der Wälle, der Forts war! Sie beherrschten die Situation und konnten sich nicht entschließen, alles im Stiche zu lassen. Was geschah mit General Le Flô? Würde er Thiers nach Versailles folgen? Und Thiers beharrte auf seinem Verlangen, immer wieder sich auf seine Grundsätze berufend: eine Lücke reißen, die Armee neu wieder aufrichten, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, Paris verlassen... Da vernahm man Trompetenklänge, Trommelwirbel. Man stürzte an die Fenster. Ihre Waffen schwenkend und schreiend zogen drei Nationalgarde-Bataillone auf dem Quai vorüber. Sie blickten zu der hohen Fassade empor. Die Gestalten hinter den Scheiben verschwanden. Eine Panik entstand. »Ich glaube, wir werden ausgeflammt«, sagte Le Flô, »man will uns beiseite schaffen!« Am Morgen war ihm auf dem Bastilleplatze übel mitgespielt morden, und er bewahrte davon eine unangenehme Erinnerung. Wenn diese Kerle eine Wendung nach rechts machten und in den Palast eindrangen, war man bis auf den letzten Mann gefangen. Sofort wurde die Diskussion geschlossen. Der Bürgerkrieg war erklärt. Indessen hielt jeder einzelne sich für verpflichtet, wenigstens die fünfundsiebzig Jahre dieses unentbehrlichen Greises zu schützen, den Nimbus, der das Staatsoberhaupt umgab. Thiers ergriff seinen Hut. Vinoy hängte ihm seinen Mantel um. »Ihr Wagen steht bereit. Nehmen Sie meine Eskorte, ich habe sie verdoppeln lassen.« Und Le Flô: »Es ist von größter Wichtigkeit, daß Sie sich in Sicherheit bringen. Es muß doch irgendwo eine geheime Treppe geben, auf der man in die Rue de l'Université gelangen kann.« »Eine Eskadron bewacht die Türe nach dem Bois de Boulogne«, sagte Vinoy. »Nach dieser Seite hin ist Ihr Ausgang gesichert.« Mitten in dem Gedränge wiederholte Thiers noch einmal den Räumungsbefehl. Auf welche Truppen war am sichersten zu rechnen? Die Brigade Daudel? »Aber«, meinte Vinoy, »diese hält die Südforts, den Mont-Valérien besetzt. Courbevoie ...« »Gleichviel! Man sende ihn unverzüglich nach Versailles!« Und von einem Geschwirr von Abschiedsgrüßen gefolgt, verschwand Thiers. Und nun fort in rasendem Galopp! Während Favre die Delegationen empfing und Simon, Picard und Pothuau in ihre Ministerien zurückkehrten, rollte der Wagen, von der Reitereskorte umgeben, in schärfstem Tempo dem Ziele zu. Von Zeit zu Zeit steckte Thiers den Kopf zum Wagen hinaus, um den Kutscher, die Reiter anzuspornen: »Schneller, schneller! Aber so treibt doch die Pferde an!« Auf der Brücke bei Sèvres reichte er dem Leutnant der Eskorte einen mit Bleistift geschriebenen Zettel. »Für General Vinoy. Nicht eine Sekunde zu verlieren!« Es war die neuerliche Ordre, die Forts zu räumen ... Erst beim Anstieg nach Viroflay konnte man Atem holen. Die Pferde waren total erschöpft. Zur selben Stunde, da der Chef der exekutiven Gewalt Paris verließ, – es mochte zwischen drei und vier Uhr sein – vollendeten General Lecomte und seine Gefährten ihren Dornenweg. Unter dem Geheul der Menge erreichten sie die Rue des Rosiers und betraten das Haus Nummer 6. Der Hof wimmelte von sich wie rasend gebärdenden Liniensoldaten. Deutlich und doch nebelhaft wie im Traume gewahrte Du Breuil das grüne Tor, das altertümliche Haus, einen ländlichen Garten. An der rückwärtigen Mauer lehnten zwei knospende Pfirsichbäume. Ein Flintenschuß knallte. Man stieß sie in ein im Erdgeschoß gelegenes, dunkles Zimmer ... »Das Komitee wird über Ihr Schicksal entscheiden«, erklärte der alte, ordengeschmückte Hauptmann. Als die Zeit verging und der General verlangte, unverzüglich vor diese geheimnisvollen Richter gerufen zu werden, erhielt er zur Antwort, man wolle sie holen. Das Geheul der Menge verdoppelte sich; um die Gefangenen näher betrachten, womöglich sie greifen zu können, zerbrach man die Scheiben. Blutdürstige Mäuler preßten sich an die Fensterrahmen, Flintenschüsse übertönten noch den Lärm. Die verbündeten Offiziere und die Nationalgardisten warfen sich dazwischen und schlugen mit Gefahr ihres Lebens den Ansturm ab. Ein Leutnant namens Meyer stemmte sich gegen die Tür und beschwor die Wütenden, zu warten. Das Komitee erschien noch immer nicht. Jede Sekunde beschleunigte den tragischen Ausgang und vertierte immer mehr diese Gesichter, die nichts Menschliches mehr hatten. Du Breuil erkannte, daß die Stunde der Entscheidung schlug; in diesem alle Bestialität entfesselnden Delirium waren sie auf Gnade und Ungnade dem ersten Ansturm preisgegeben; beim ersten Weichen ihrer Verteidiger waren sie die Beute dieser rasenden Bestien. Niemals, auch nicht im Handgemenge bei Forbach, bei Rezonville, wo der Säbel zerfleischend niedersauste, wo der Revolver mörderische Lücken riß, hatte er in den verzerrten Gesichtern des Feindes einen solchen Ausdruck der Mordgier gesehen. Entsetzt betrachtete er diese Kraft des Bösen, diese Entfesselung finsterer Elemente. Das waren nicht mehr, wie vorhin, von Haß durchwühlte Züge, nicht mehr die Nachsucht bitteren Leidens, ungerechter Unwissenheit, nicht mehr das bewußte Handeln eines Volkes. Das war der Instinkt des wilden Tieres, welches tötete, um zu töten. Dieser Haufen von Epileptikern, nein, das war nicht das Volk. Und ein Ekel erfaßte ihn vor dem Gedanken an ein solches Ende. Warum befand er sich nicht noch auf dem Schlachtfeld von Mars-la-Tour, Seite an Seite mit Lacoste, in dem schwindelnden Galopp des Angriffs! Er glaubte, die ganze Szene wieder zu durchleben. Die Erdschollen flogen; und über dieses Blutbad sandte die Sonne ihre leuchtenden Strahlen herab ... Von Franzosenhand sterben müssen – das war es gewesen, was damals Lacostes Tod so schrecklich gemacht hatte! ... Er bedauerte, nicht in der Schlacht gefallen zu sein, konnte sich in dieses nutzlose Opfer nicht ergeben! Wütende Verzweiflung packte ihn bei dem Gedanken an Anina, an das verlorene Glück. Seine Blicke kreuzten sich mit jenen seiner Gefährten, lasen darin das gleiche Entsetzen, die milde Regung des Mitgefühls. Er beneidete alle seine freien Kameraden. Die Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten. In schwindelnder Hast wechselten die Bilder. Da das Komitee nicht erscheint, begibt sich ein garibaldischer Offizier, Kadanski, ein Pole, der von dem Adjunkten Jaclard zum Platzkommandanten ernannt worden war und im oberen Stockwerk andere Gefangene vernommen hatte, in das Zimmer im Erdgeschoß und bildet auf Andrängen der Menge mit einigen anderen einen provisorischen Kriegsrat. Lecomte gesteht, die Befehle Vinoys ausgeführt und das Feuer kommandiert zu haben; trotz der allgemeinen Wut, die sich in Flüchen und Verwünschungen Luft macht, zieht die Verhandlung sich in die Länge, man spricht davon, den General in den Saal Robert zu überführen. Plötzlich – es ist halb fünf Uhr – bricht ein ungeheurer Lärm aus; die Menge weicht auseinander. Ein weißbärtiger, hochgewachsener, schwarzgekleideter Mann wird in das Zimmer gestoßen. Die Tür gibt nach, der Fensterrahmen kracht, die Menge dringt ein: »Nieder mit ihm! Tötet ihn!« Es ist Clement Thomas, der ehemalige Oberkommandant der Nationalgarde, der auf dem Platz Pigalle erkannt und verhaftet worden war. »Er hat den Plan der Butte entworfen! Der Elende! ... Er hat uns während der Belagerung lang genug als Feiglinge behandelt! Du hast uns bei Buzenval verraten! Du hast uns Anno 48 niederschießen und deportieren lassen!« Diejenigen, die ihn zu schützen suchen, werden niedergeschlagen. Kadanski will sich ins Mittel legen, man reißt ihm sein Goldschnüre ab. Ein ehemaliger Hauptmann der Franktireurs, der auf einem Schutzdach des ersten Stockwerks kauert, läßt einen Trommelwirbel schlagen und verlangt, daß man das Erscheinen des Komitees abwarte; Steinwürfe hageln auf ihn nieder. Doch schon strecken zwanzig Hände sich aus: Clement Thomas wird hinausgeschleppt. Eine Kugel durchbohrt seinen hohen Hut. Mit Kolbenschlägen wird er unter die Pfirsichbäume, zu der Mauer getrieben. Die Brustwehr ist mit Zuschauern bedeckt, der Garten voll von Menschen, viele Weiber gebärden sich wie trunken. Der alte Republikaner blickt dem rasenden Pöbel unerschrocken entgegen. Das Exekutionspeloton verliert sich in der Menge. Von allen Seiten richten sich die Flintenläufe auf den Unglücklichen, Schuß auf Schuß kracht. Clement Thomas liegt auf dem Boden; die Kugeln hageln auf ihn nieder, zerschmettern ihm den Schädel, durchbohren seine Füße. In das Zimmer, wo sie alle in düsterer Verstörtheit dem Widerhall des schaurigen Lärms lauschen, sieht Du Breuil einen Korporal der Chasseurs zu Fuß, einen Liniensoldaten vom 88. Regiment und zwei Mobilgardisten eindringen. Sie stürzen sich auf Lecomte, halten ihm die Fäuste vors Gesicht: »Jetzt kommt an dich die Reihe! Du hast uns heute morgen niederschießen wollen! Du hast mir dreißig Tage Arrest gegeben, ich werde der erste sein, der auf dich Feuer gibt!« Vergeblich spricht Lecomte von seiner Frau, seinen Kindern; die Mörder stoßen ihn hinaus, schießen ihn in den Rücken. Er sinkt in die Knie, man reißt ihn empor, schleppt ihn zu der Leiche Clement Thomas! Neun Kugeln durchbohren ihn. Immer noch feuern die Besessenen auf den noch warmen Leichnam, zerstampfen ihn mit den Füßen. Der eine zupft Clement Thomas am Bart, eine Furie verstümmelt Lecomte. Kleider und Stiefel werden ihnen abgerissen. Und rings um die beiden Leichen beginnt ein Karaibentanz. Bei diesem Anblick flieht angeekelt mehr als einer; das Übermaß der Brutalität gebiert die Ernüchterung. Die Menge beruhigt sich einigermaßen und zerstreut sich allmählich. Die erschöpften Offiziere der Nationalgarde erhalten endlich von den letzten Belagernden die Erlaubnis, die Gefangenen ins Rote Schloß zu führen. Kaum haben diese zwischen dem Spalier der vorhin so brutal schimpfenden, jetzt gleichsam ernüchterten Wachen einige Schritte gemacht, als atemlos, bleich vor Erregung, über die Brust die Bürgermeisterschärpe, ein Mann erscheint und sie anhält: »Wohin führt ihr diese Offiziere?« »Lassen Sie nur, wir werden sie retten«, flüstert Leutnant Meyer. Und ohne sich länger aufhalten zu lassen, setzt er seinen Weg fort ... Von dem Vorgefallenen unterrichtet, war Clemenceau augenblicklich herbeigeeilt. Er glaubte den General immer noch im Roten Schloß und war wie niedergeschmettert bei der Nachricht, daß er zu spät kam. »Befinden sich noch Gefangene hier?« fragte er auf der Schwelle des Unglückshauses. Man verneinte. Und doch harren im ersten Stock noch viele ihres Schicksals. Doch von neuem rottet sich um ihn her die Meute zusammen, die Bajonette strecken sich drohend vor. Der neuentfachte Zorn wendet sich gegen den Bürgermeister, in dem man den Verräter, der die Kanonen hatte übergeben wollen, einen Helfershelfer der Nationalversammlung, erblickt. Nationalgardisten legen das Gewehr auf ihn an. Eine halbnackte Dirne, rittlings auf einem Schimmel reitend, schwenkt einen roten Fetzen. Von Hunderten von Lippen gellt der Schrei: »Du hast uns verkauft! Nieder mit dir!« Ein anderer heult: »Man hat sie erschossen. Was weiter?« Überzeugt, daß sich niemand mehr im Hause befindet, macht Clemenceau sich gewaltsam frei und kehrt zur Mairie zurück, bei jedem Schritte aufgehalten, von Schmähungen und Verwünschungen verfolgt. Er findet Langlois und Schoelcher vor. Man begibt sich zu dem in der Nähe des Roten Schlosses etablierten Überwachungskomitee. Schon hatten Lockroy, Tolain und andere sich dort eingefunden. Sie alle bestürmten Ferré, den Präsidenten, und seine Akolyten mit Vorwürfen: »Ihr müßt die Schuldigen verhaften lassen! Ihr seid für den Mord verantwortlich!« Bergeret, der ein rotes Band um das Käppi geschlungen hat, erklärt mit verlegener Miene: »Das raubt uns hunderttausend Mann.« Wenigstens versichert man, daß die Offiziere keine Gefahr mehr laufen. Zwei Stunden noch, und Du Breuil verläßt unter Eskorte das Rote Schloß und wird in das Entresol eines nahegelegenen Hauses in der Chaussee Clignancourt geführt. Endlich sollte er vor dem den ganzen Tag hindurch unauffindbar gewesenen Komitee erscheinen. War es dasselbe, auf dessen Geheiß er dort oben zur Schlachtbank geführt worden war? Existierte denn überhaupt noch jenes andere Komitee in der Rue des Rosiers? Und wenn, – welche geheimen Intriguen hatten sein und seiner Gefährten bedrohtes Leben von Gefängnis zu Gefängnis getrieben? Welch kalte Vernunft hatte diese Schattenmenschen, deren verborgene Gegenwart man trotz der unbeschreiblichen Verwirrung überall empfand, unsichtbar gemacht? Sie waren da, sie besaßen so bedeutende Macht und versteckten sich? Sie hatten den Dingen ihren Lauf gelassen, glücklich vielleicht über die blutige Kluft, die plötzlich, unüberbrückbar sich auftat? Mochten sie noch so ostentativ sich ihre Hände in Unschuld waschen, dieses schuldlose Blut schrie gegen sie zum Himmel, befleckte und verdammte sie – wenn nicht ihren zweifelhaften Anteil an den Greueltaten, so doch ihre verbrecherische Untätigkeit. Zitternd vor mit Mühe verhaltener Verachtung ertrug Du Breuil das kurze Verhör, das ein föderierter Bataillonchef mit ihm anstellte. Endlich in Freiheit gesetzt, benützte er die eingebrochene Nacht, um mit Hilfe des Nationalgardisten, der ihn schon früher beschützt hatte, sich durch die lärmende Straße fortzuschleichen. All die furchtbare Erregung machte tiefster Erschöpfung Platz, seine Nerven bebten von dem Lärm der Detonationen, und unablässig sah er die Gesichter der beiden Opfer vor sich, den edlen Kopf des harmlosen Clement Thomas, die martialischen Züge Lecomtes, dieses Chefs, den er nicht kannte und den als Chef niedermetzeln zu sehen sein tiefeingewurzeltes Gefühl für Disziplin verwundete. In dieses Gefühl mischte sich ein rein menschliches Mitleid, das um so größer ward, als er wieder die freie Luft, den Atem des Lebens einsog. Bei Notre-Dame de Lorette flüsterte sein Führer ihm zu: »Ich glaube, Sie können jetzt gehen.« Im Banne der gleichen Erinnerung gefangen, hatten sie bis dahin kein Wort gewechselt. Zögernd reichten sie sich die Hände; sie sollten sich nie wiedersehen. Wie groß war sein Staunen, als er in der Rue Lafayette eine ganz andere Stadt betrat. Die geöffneten Läden, die erleuchteten Schaufenster, die mit Gästen gefüllten Kaffeehäuser, die sorglose Miene der Spaziergänger, all das verlieh den Straßen das Aussehen eines ganz gewöhnlichen Abends. Er horchte auf die Reden der Vorübergehenden. Kein Zweifel, man wußte noch nichts. Man sprach weniger vom Montmartre als von Charles Hugos Begräbnis. Ein Aufstand! Wie viele hatte man schon erlebt! ... Als er die Tür zu seiner dunklen Wohnung öffnete, überkam ihn ein Gefühl tiefster Trostlosigkeit; er hätte weinen mögen vor Verzweiflung. Das zitternde Licht einer von der Hausmeisterin geliehenen Kerze warf phantastische Lichter über die Wände, die Möbel, über alle diese Gegenstände, in denen unter der Schicht angesammelten Staubes sein früheres Leben gleichsam eingesargt lag. Er entledigte sich seiner beschmutzten, zerfetzten Kleider. Der silberne Spiegel auf dem Toilettetische weckte ihm die Erinnerung an längstvergessene Frauengesichter, an Frau von Guionies reines Profil. Die Vergangenheit ... Aus der tiefsten Tiefe seines verwundeten Heizens sehnte er sich nach Anina. Er ahnte nicht – wie hätte er sonst darunter gelitten! – daß wenige Augenblicke vorher in dem Zuge, der den General Chanzy zurückführte, Bersheim und seine Tochter in Gesellschaft d'Avols, der von Bordeaux an mit ihnen reiste, sich der schmachvollen Visitation durch berauschte Nationalgardisten, die ihnen mit Laternen ins Gesicht leuchteten, unterziehen mußten. Glücklicher als Chanzy, der als verdächtig verhaftet worden, konnten sie, wenn auch mit Furcht und Bangen, durch Paris gelangen; ahnungslos passierten sie auf dem Wege nach Saint-Lazare, von wo aus sie am späten Abend Saint-Germain erreichen sollten, das Haus, in dem Du Breuil wohnte. Nachdem er Toilette gemacht und sich ein wenig erholt hatte, begab er sich geradenwegs ins Ministerium. Zu seiner größten Bestürzung erfuhr er von dem Türhüter, daß General Le Flô abgereist und niemand mehr anwesend sei. Verödet der ungeheure Bienenstock, leer die vertrauten Korridore ... Er gedachte der ersten Julitage, des atemlos hastenden Lebens, das in diesen Räumen geherrscht, der krampfhaft tollen Arbeit inmitten des beständigen Kommens und Gehens, der die Fauteuils bedeckenden Aktenstöße. Damals war ihm gewesen, als schlüge hier das Herz des ganzen Landes ... Und nun fand er hier nichts als die Öde, das Schweigen der Wüste ... Das Ministerium verlassen, die Regierung in Versailles? War es möglich? Er stand wieder auf der Straße, blickte ins nächtliche Dunkel, die friedliche Umgebung ... Ah! ja, die Orgie auf dem Montmartre! ... Doch dieses große Paris, so voll heiß pulsierenden Lebens auf den Boulevards, hier so still? ... Er glaubte immer noch zu träumen. In seinem in tiefstem Schlummer ruhenden Häuschen suchte Poncet, von Müdigkeit und Aufregung überwältigt, vergeblich den Schlaf, der sein Auge floh. Der gleichmäßige Atem seiner Frau, die nach langen Stunden bangen Wartens endlich eingeschlafen war, verursachte ihm ein Gefühl bitteren Neides. Wie regungslos alles in der Ferne war! Diese stille Heiterkeit der Natur, diese momentane Windstille im Sturm der Ereignisse erfüllten sein erregtes Gemüt mit Bitterkeit. Es schlug halb vier Uhr. Vierzig Minuten erst waren seit seiner Heimkehr verstrichen, und ihn dünkte, es wären Wochen, seit er das Haus verlassen. Er erhob sich und trat ans Fenster. Er erinnerte sich der Stille des gestrigen Abends! ... Sie war nicht tiefer gewesen als heute. Ruhig breitete im nächtlichen Dunkel Paris seine mächtigen Häusermassen, über denen ein fahler Lichtschein lagerte. Der regenschwere Himmel hatte sich aufgeheitert, die mit Schnee beladenen Wolken hatten sich zerstreut. Durstig sog er den Hauch des Frühlings ein. Ein Hahnenschrei gellte durch die Luft. Zwischen diesen beiden Nächten voll heiteren Friedens lag ein Tag, grauenerfüllt von dem furchtbarsten der Kriege, der Abgrund einer Revolution ... Wieder überkam ihn die Empörung, die am Morgen ihn erfaßt hatte. Die Wahnsinnigen! Tausendmal wahnsinniger noch, als er je geglaubt ... Wieder fühlte er den Taumel, unter dessen Einfluß er gehandelt. Unerbittlich stürmten tausend Empfindungen auf ihn ein. Ahnungslos, Lecomte in Sicherheit wähnend, eilte er zur Mairie nächst der Börse, wo die Mehrzahl der Bürgermeister und ihrer Adjunkte, ohne Nachrichten von der Regierung, ratlos unter dem Eindruck des Schlages, der mit Paris sie alle traf, der weiteren Ereignisse harrt. Er befand sich unter der Delegation, die sich zu d'Aurelles begeben hatte, hörte den General mit seiner barschen Stimme sagen: »Die Advokaten haben es gewollt!« Andere kamen ebenso erfolglos von Picard, den sie allein im Ministerium des Innern getroffen hatten: er könne ohne seine Kollegen nichts beschließen. Man vertagt die Zusammenkunft auf den Abend, in der Mairie des Louvre. Er durchstreift die Straßen, sie haben ein ganz alltägliches Aussehen. Die Musik an der Spitze, defilieren friedlich die Bataillone. Er begegnet Jacquenne, erfährt von ihm Thiers Flucht, die grenzenlose Überraschung der Herren vom Zentral-Komitee: Paris, die Macht fiel in ihre Hände, sie mit der furchtbaren Wucht dieser unvorhergesehenen Verantwortlichkeit zu Boden drückend ... Mit Mühe nur beginnen sie, sich darein zu finden, mit ein wenig Einheitlichkeit zu handeln! Und in zusammenhanglosen Worten teilt Jacquenne ihm die unglaublichen Nachrichten mit: »Überall übergeben die Truppen ihre Waffen. Die Kasernen Prince-Eugène und Faubourg du Temple sind schon in unserem Besitz; fünftausend Soldaten sind zu uns übergegangen.« Sein von grauem Bart umstarrter Wolfskiefer verzog sich zum Lachen. »Und begreifen Sie diese Narren, die das Feld räumen? Man kann gar nicht zuvorkommender sein. Wollen Sie gefälligst eintreten! ... Ich komme aus der Nationaldruckerei. Konfisziert! Lullier sammelt jetzt eben die Bataillone; Brunel, Pindy und Ranvier ziehen gegen das Rathaus.« Die Nacht ist hereingebrochen, man befindet sich in der Mairie des Louvre, es gilt, um jeden Preis eine Verständigung herbeizuführen, ein Mittel zur Versöhnung zu finden. Die Minister müssen unverzügliche Gemeinderatswahlen bewilligen, müssen aus der Reihe der Republikaner Langlois zum General der Nationalgarde, Edmond Adam zum Polizeipräfekten, Dorian zum Bürgermeister von Paris, Billot zum Höchstkommandierenden ernennen. Mehrere Mitglieder begeben sich zu Favre, um ihm diese Vorschläge zu unterbreiten ... Beim Verlassen des Hauses jedoch trifft ihn die entsetzliche Nachricht von der Ermordung der beiden Generäle ... und von der Verhaftung Chanzys, des Helden der Loire. Aus der Tiefe seiner Seele wünschte er, daß ein neues Unglück abgewendet werden möge. Er hatte ehemals Clement Thomas gekannt. Unsagbarer Abscheu erfaßte ihn angesichts dieses blödsinnigen Mordes. Armer Mann! ... Und noch viel ärmere Menschheit! ... Und Lecomte, dieser Unglückliche! Er hatte einen zu hohen Preis bezahlt. Diejenigen, die vor allem die Verantwortung traf, waren der Höchstkommandierende, der den Befehl gegeben, kalten Blutes auf ein harmloses Volk zu schießen und jeden Widerstand mit den Waffen niederzuschlagen, und Thiers, der den Angriff befohlen, der so geschickt den Aufstand zu provozieren und dann vor ihm zu fliehen gewußt! ... Ein schmerzliches Vorgefühl zeigte ihm den blutigen Abgrund, der fortan Paris von der Nationalversammlung trennte. Wie hatte man es nur wagen können, an der ganzen unschuldigen Stadt ein solches Verbrechen zu verüben! Indem er das Schlimmste befürchtete, hoffte er nur um so inbrünstiger, die Zwietracht beseitigt zu sehen, bevor es zu spät war ... Favre jedoch empfing sie sehr herablassend: »Keine Konzession möglich. Man könne mit den Mördern nicht unterhandeln.« Ah! die Wahnsinnigen! Im Ministerium des Äußeren hatten sie gleichzeitig mit dem Minister von dem herbeieilenden Charles Ferry erfahren, daß das Rathaus, sowie die Kasernen auf Befehl verlassen worden seien. Vergebens hatte Jules Ferry Widerstand geleistet. Man hatte Soldaten und konnte so die Archive, die Kassen, das altertümliche Gebäude, das gleichsam der Mittelpunkt, das Symbol von Paris war, im Stiche lassen! Endlich hatte Favre sich bereit erklärt, das Verlangen der Bürgermeister nach Versailles zu überbringen. Während in der Rue Abbatucci die Minister, nachdem sie ihre Ministerien auf Nimmerwiederkehr verlassen, bei einem Generalsekretär sich versammelten, wird in der Mairie des Louvre die unterbrochene Diskussion wieder aufgenommen; Jules Ferry, der als letzter das Rathaus verlassen hat, ist anwesend; er wütet. Brunels Patrouillen umzingeln die Mairie, um ihn gefangen zu nehmen. Ferry entkommt durch ein nach rückwärts gelegenes Fenster. Paris ist sich selbst überlassen. Duval setzt sich in der Polizeipräfektur fest. Arnold, Varlin, Bergeret sind seit langem ohne Spur eines Widerstandes im Besitz des Vendômeplatzes und halten die erste Militärdivision, den Generalstab der Nationalgarde, in ihrer Gewalt. Dieser hat sich längst zurückgezogen, den gemäßigten Bataillonen den Befehl zurücklassend, sich einzeln und ohne Lärm zu zerstreuen. Neun Bürgermeisterämter befinden sich in den Händen der Föderierten. Im Rathaus sammelt sich nach und nach das aus den so leicht eroberten Quartieren eingetroffene Zentral-Komitee. In der den Siegern weniger nahegelenen Mairie de la Bourse wird eine neuerliche Versammlung in Permanenz erklärt. Man hat keine Zeit zum Denken. Um halb ein Uhr nachts erfährt man, daß Thiers, telegraphisch um Rat befragt, in Langlois' Ernennung willigt, daß Picard einen Gesetzentwurf für die Gemeinderatswahlen verfaßt und ihn am zwanzigsten der Nationalversammlung vorlegen will. Ein Hoffnungsstrahl. Man läßt Lanlois holen. Er soll sich sofort ins Rathaus begeben, um sich dort beglaubigen zu lassen. Unter anderen begleitet ihn auch Poncet. Sämtliche Fenster des alten Palastes sind erleuchtet, überall herrscht Unruhe und Verwirrung. Der Hof Louis XIV. ist mit tieferschöpften Schläfern angefüllt und in das Lager eines müden, an Speise und Trank sich gütlich tuenden Volkes verwandelt. Im Salon Trochus tagt das Zentral-Komitee. Schon hat der dort herrschende Ton sich verschärft. Man will von einem von Versailles ernannten General nichts wissen. Langlois solle sich der Wahl unterwerfen. Er weigert sich. Die letzte Brücke ist abgebrochen ... Der Streich prallt auf Thier's Wange zurück. Nachgeben kommt zu spät, ist nutzlos jetzt, da das Unheil besiegelt ist, das gestern noch hätte abgewendet werden können. Dann kam die Heimkehr nach Montmartre durch die stiller werdenden Straßen, durch das in alter Gleichgültigkeit ruhende Paris. Zur selben Stunde, da durch die weitgeöffneten Südtore die letzten Regimenter still von dannen ziehen, Artillerie und Bagage mit sich führend. Schon haben Vinoy, Le Flô, Jules Simon, Pothuau, Dufaure inmitten ihrer Truppen die Stadt verlassen. In langen Reihen schleppen die Soldaten sich weiter. Sie blicken zurück und überschütten die Gendarmen, die sie aufzuhalten suchen, mit Schmähungen. Favre und Picard, die sich nicht entschließen können, ihren Posten zu verlassen, erhalten von Thiers die dringende und gemessene Ordre, ihm nachzufolgen; sie werden den ersten Frühzug benutzen und lassen eine letzte Proklamation zurück, in der alle Schuld an den Fehlern und Vergehen auf Paris, die Verantwortung für den Mord auf das Zentral-Komitee geschoben wird. Die Beamten der Ministerien erhalten Befehl, ihre Ämter zu verlassen und unter Preisgabe der Staatspapiere, der Kassen, der viele Millionen bewahrenden Bank sich zur Nationalversammlung zu begeben. Die Hast, mit welcher der Befehl ausgeführt wird, ist so groß, daß man im Luxembourg ein Regiment, auf den freien Geleisen die verpanzerten Waggons, sowie siebzehn Kanonenboote vergißt, die nur der Wasserstraße zu folgen haben. Poncet vermochte den Blick von dieser schlummernden Riesenstadt, von dem klaren Himmel, an dem leise, unmerklich der Tag zu dämmern begann, nicht abzuwenden. Diese vertrauende Stille der Menschen und Dinge, erschien ihm furchtbar. Voll Bangen gedachte er der verlassenen Stadt mit allem, was sie enthielt an Bewundernswertem und Kostbarem, an Niedrigem und Gemeinem, dieses Volkes von Paris mit dem tollen Kopf und dem guten Herzen, das so schmerzlich litt, so in allen Fugen zerrüttet war, dieses Kranken, dessen Leiden so grundlos verschlimmert und der wie ein Aussätziger geflohen ward gerade von denen, deren Aufgabe es gewesen, ihn zu heilen und die ihn längst, die ihn zwanzigmal schon geheilt hätten, wenn sie es gewollt. Er dachte an all die Katastrophen, die er seit Monaten sich häufen gesehen: den Zusammensturz einer Dynastie, Sedan, Metz, Frankreich offen, blutend im Norden, im Zentrum, im Osten, Niederlagen auf Niederlagen, den namenlosen Frieden, der das Vaterland zerriß, die Anwesenheit der Deutschen in dem Lande, das sie zermalmten, schändeten... War etwas Entsetzlicheres noch auszudenken? Und angesichts dieser Armee, die sich schweigend zurückzog, angesichts dieser Nationalversammlung, die sich gleich einer furchtbaren Geisel in Versailles niederließ, angesichts dieses finster drohenden Horizontes, der über Paris sich zusammenzog, flüsterte eine geheime Stimme in kaltem Erschauern ihm zu: Ja. Zweiter Teil. I. Unzufrieden verließ Du Breuil die Bureaus und blieb einen Augenblick auf dem Trottoir stehen. Offiziere aller Waffengattungen und aller Rangklassen standen gruppenweise in fieberhaft erregtem Gespräch beisammen. Er hatte seine Uniform, die er vor dem Kriege getragen, wieder angezogen, den Dolman, die über die bespornten Stiefel fallende schwarze Hose, und empfand ein lange nicht genossenes Wohlgefühl, dem die Demütigung des gestrigen Tages einen Schimmer schmerzlichen Stolzes verlieh. Die gewohnte Kleidung, das mit den vier Goldstreifen gezierte Käppi, sein Offizierskreuz gaben ihm wieder etwas von seinem ehemaligen Ich, die militärische Sicherheit, die Stärkung, welche die alten Gewohnheiten der Disziplin und der Kraft verleihen, zurück. Nur das Fehlen der Achselschnüre und die nachdenkliche Reife der Züge gemahnten an das Verschwinden der Vergangenheit, an den Zusammenbruch der Armeen mit ihren Generalstäben, an die Verwüstung Frankreichs, an den ganzen, fürchterlichen Umsturz. Schmerzlich dachte er an seine gestrige Überraschung, als er das Ministerium leer, den Bienenstock leer und still gefunden. Welch peinlicher Kontrast mit der Aufregung und all der fiebernden Bewegung, die er hier vor Augen hatte: die Sekretäre, die nicht wußten, auf wen zuerst hören; keiner da um ihm zu sagen, wo der Minister zu finden wäre, wenn es ein Ministerium überhaupt noch gab, keine Artillerie, der er seine Dienste hätte anbieten können... Dafür dieses wirre Durcheinander, diese erregten Gruppen, – wie all das ein anderes, unvergeßliches Bild wieder aufleben ließ: den Taumel der ersten Julitage in der Rue Saint-Dominique, der von dem betäubenden Getriebe der Kriegsrüstungen erfüllte Bienenstock ... Sollte man nun, nach dem furchtbaren Kampfe gegen den fremden Feind, einen anderen, noch schrecklicheren Kampf zu befürchten haben? Im Hotel des Generals Bruat, des Kommandanten der mit dem Schutze der Nationalversammlung betrauten Division, würde er vielleicht etwas erfahren können. Er erreichte die Rue des Réservoirs. Dasselbe laute Gedränge. Eine bunt zusammengewürfelte Menge füllte die Straßen, Mitglieder der Nationalversammlung, viele mit ihren Frauen und Kindern, die beginnende Einwanderung des Personals der Verwaltungsämter, das geschäftige Gewimmel der kleinen Beamten, alle die Leute auf der Suche nach einer Unterkunft, mit Reisetaschen und Handkoffern beladen, die Gasthöfe belagernd. Eine ratlose, fremd umherirrende Menge, neugierig betrachtet von den friedfertigen Einwohnern von Versailles, von den Kaufleuten, die sich bei dieser, nach Abzug der Preußen einer Sturmflut gleich die Stadt überschwemmenden zweiten Invasion vergnügt die Hände rieben. Nach einer in seiner verstaubten Wohnung der Rue de Bourgogne verbrachten unruhigen, von den Schreckensbildern des Montmartre bevölkerten Nacht am frühen Morgen erwacht, war es Du Breuils Sorge gewesen, so schnell als möglich seine früheren Chefs aufzusuchen. Und wie sehr hatte er sich doch danach gesehnt, seine Eltern zu umarmen, in dem stillen Schlosse mit den grünenden Fluren, bei den geliebten Wesen Tage friedlicher Ruhe zu genießen! Seine Liebe zum Vater steigerte sich zu begeisterter Bewunderung angesichts der schlichten Größe, mit der der alte Mann mit der einen gesunden Hand wieder zu den Waffen gegriffen, um in den Reihen der Verteidigungsarmee die Stelle des gefangenen Sohnes auszufüllen ... Wie oft hatte dieser Gedanke ihn gepeinigt, hatte die Sorge um dieses kostbare Leben den Zwiespalt seines Gewissens neu belebt; und das Ehrenwort, das ihn nutzlos an die deutsche Kette schmiedete, der quälende Zweifel über den eingeschlagenen, den einzuschlagenden Weg... Hatte er recht daran getan, sich der Disziplin zu opfern, hatte er sie richtig erfaßt? Was gebot die Ehre? Er wußte das traurige Problem nicht zu lösen. Wenigstens hatte er, bevor er Paris verließ, seinen alten Freund Thédenat noch sehen wollen, dessen Briefe ihn während der Gefangenschaft in Mainz gestärkt und gestützt hatten. Und während seiner Fahrt nach Versailles in dem mit furchtsamen Gesichtern angefüllten, bei den Fortifikationen visitierten Zuge – welche Angst um seine unter dem Sitz versteckte Reisetasche, welche die denunzierende Uniform barg, – während seiner Suche nach einer Unterkunft, die glücklicherweise bald in der Rue de Satory, gefunden war, durchlebte er noch einmal alle Einzelheiten seines Besuches. Tief ergriffen hatte Thédenat ihn umarmt. Ein kurzes Schweigen öffnete zwischen ihnen den Abgrund, der zwischen der Gegenwart und längst verschwundenen Tagen lag. Ach! die Voraussagungen des Greises und seine eigenen, jugendlichen Illusionen! ... Dann hatte er dem Gelehrten sein schweres Herz ausgeschüttet, hatte ihm seine Bestürzung bei der Ankunft geschildert, diesen Sturz aus einer Gefangenschaft in die andere, das blutige Schauspiel der Rue des Rosiers, seine Erschütterung, als die Flucht der Regierung erfuhr, als er dieses gestern so wilderregte, heute so sorglos heitere, geschwätzige in Sonntagskleidern sich des hellen Sonnenscheins, der linden Frühlingsluft freuende Paris sah. Frankreich war sehr unglücklich, Paris sehr schuldig!... So wenig er den alten Mann begriff, so waren doch dessen Worte unbewußt gleich Samenkörnern in sein verbittertes Herz gefallen... Wie konnte dieser Gerechte eine Erklärung, mehr noch, eine Rechtfertigung für dieses Paris finden, das angesichts der Ermordung der beiden Generäle sich nicht in ehrlicher Empörung erhob? Wie kam er dazu, sich zu fragen, wo das Recht, wo die Vernunft war? Indem er Thédenats Zweifel teilte, hatte er aus den auf der Straße vernommenen Reden der anscheinend gemäßigten Bürger die Erkenntnis von der unglaublichen Loslösung der Riesenstadt gewonnen, in welche man sich als in ein fait accompli ergab, und in die er sich nicht finden konnte trotz des allgemeinen, auch von ihm selbst empfundenen Grolls gegen diese Regierung, die sich, so ungeschickt in ihrem Angriff, so kleinlich in ihrer Niederlage, selbst gestürzt hatte. Auf der einen Seite diese Mitglieder des Zentral-Komitees, dessen Anhänger sich mit einem scheußlichen Verbrechen befleckt hatten, auf der anderen die konstituierten Gewalten, die die Ordnung, die Aufrechterhaltung der Gesetze verkörperten... Verwirrt, ohne ganz zu verstehen, hatte er Thédenats beredtem Plaidoyer für Paris zugehört – für sein Volk von Arbeitern, von Proletariern, die, kraft des während der Belagerung bewiesenen Heldenmutes aller Schonung und allen Mitleids würdig waren und nach alledem nur ihre legitimen Rechte verlangten: die Freiheiten der Stadt, die Anerkennung der Republik, ferner die Untersuchung gegen die unverständigen Herren und Gebieter, die, indem sie von der Monarchie träumten, die Anarchie entfesselt hatten... All das war viel zu verwirrt, viel zu kompliziert für seine schlichte, klare Soldatenseele, die die Legende von einem liberalen Thiers, den Begriff eines einigen, wohlgefügten Frankreich nicht aufgeben mochte. Beim Abschied hatte die liebevolle Sorge, mit der Thédenat und seine Frau seine Hände gedrückt hatten, als sollten sie einander lange Zeit nicht wiedersehen oder ernste Ereignisse sie trennen, ihn tief gerührt, und er fragte: »Warum kommen Sie nicht mit? Sie können doch nicht unter diesen Menschen bleiben.« Und Thédenat hatte mit ernstem Lächeln geantwortet: »Das hieße, von meinem Posten desertieren. Das Collège de France bleibt offen, und dann, dann – ich kann es Ihnen nicht verschweigen, Versailles ist in meinen Augen nur ein Grab. Die Gespenster, die dort wohnen, werden es nicht lebendig machen, werden nicht die Vergangenheit, nicht den König wieder zum Leben erwecken. Hier in Paris liegt trotz alledem und alledem die Zukunft, hier wird die Geschichte geschrieben. Auf Wiedersehen, mein armer Freund. Ihr Platz ist dort, denn auch Sie sind der Sklave einer Pflicht.« Er hatte gezögert, aus seinen schönen Augen blickte tiefe Rührung: »Möge diese Pflicht Sie nie, ein trauriges Werkzeug der Gewalt, hierher zurückführen, in die Hände von Verbrechern und Verblendeten! Sollten Sie eines Tages gegen Paris kämpfen müssen, denken Sie daran, daß es viel gelitten hat, und daß hinter den Anführern, von denen ich noch nichts sagen kann, die Menge steht, die Menge, die nichts weiß, die man nicht unterrichtet hat, die das Elend aufreizt und die Unwissenheit irreführt. Dann, mein Kind, dann seien Sie menschlich.« Frau Thédenat blickte ihn mit tränenumflorten Augen an. Seltsam bewegt war er gegangen. Als er beim Haustor Louchard in Pantoffeln und der galonnierten Uniform begegnete, erwachte seine Feindseligkeit mit erneuter Kraft. Thédenat war doch immer derselbe. Ein Roter! Er liebte ihn herzlicher denn je, doch vollkommen einander verstehen, das war unmöglich. Du Breuil begab sich von neuem auf die Suche, er irrte durch die Erdgeschoßräume des Schlosses, durch die mit Gipsfiguren bevölkerten Säle, die hohen, marmorverkleideten Hallen, durch die mit Bildern, vergoldetem Schnitzwerk und kunstvollen Stickereien angefüllten Salons. Ein Haufe von Geschäftigen und Wichtigtuern kam und ging, drängte sich an den Türen, jeder sein Ministerium suchend. Er trat ins Freie. Auf dem Place d'Armes, von wo drei breite Avenuen ausstrahlten, kampierten einige Regimenter: zwischen den grauen Zelten und den beschmutzten Gewehrpyramiden kotbespritzte Geschütze. Über diesen zerlumpten, um Küchenfeuer kauernden, in einem unbeschreiblichen Kotmeer stampfenden Horden lachte die wechselnde Märzsonne. Ein vorübergehender General wurde mit dumpfem Murren empfangen. Die Hände blieben in den Taschen, freche Spottreden folgten ihm. Du Breuil, den noch kein Soldat gegrüßt hatte, erbleichte, als er den Blick voll Trotz und Zorn gewahrte, den einige mit dem Schälen verfaulter Kartoffeln beschäftigte Soldaten ihm zuwarfen. Die mit Schmutz und Kehricht angefüllten Straßen, die mit deutschen Plakaten bedeckten Kasernen wiesen die Spuren des Siegers. Entmutigt, keinen Bekannten in der Präfektur zu finden, wo Thiers untergebracht war, bemerkte er vor den Fenstern eines Kaffeehauses eine Anzahl Artillerieoffiziere. In der Hoffnung, das Gesicht irgend eines Kameraden wiederzufinden, schritt er zwischen den Tischen hindurch und betrat den Saal, wo ein aus der Zeit seiner Mainzer Gefangenschaft ihm nur allzu wohlbekannter Geruch ihm erstickend entgegenströmte, der Geruch von Tabak, Bier und Leder. Hastig entfernte er sich. Niemand! All diese fremden Gesichter, eine neue Armee, die mit der früheren fast nichts Gemeinsames hatte! In dem Gefühl grenzenloser Vereinsamung wandten seine verzweifelten Gedanken sich Anina zu. Wo weilte sie heute? Sicherlich würde er sie bald mit Bersheim wiedersehen. Er hatte ihr seine Heimkehr angezeigt. Dank den letzten Briefen aus Bordeaux hatte er ihre Leiden, ihren Schmerz über den Friedensschluß, über die grausame Wirklichkeit teilen können. Die armen Bersheims, die kein Vaterland mehr hatten, die die Treue zur Heimatserde, die Bande der Erinnerung und der ganzen Vergangenheit so mächtig mit Metz verknüpften! Was sollte aus ihnen werden? Dort bleiben, wo die Ihren, vom Vater auf den Sohn, gelebt hatten? Ihrer Tochter in die neue Heimat folgen? Gesenkten Hauptes kehrte er zu seiner Wohnung zurück, die ungewiß war wie sein Leben, zu diesem banalen Chambre garnie, das mit seinen roten Federbetten; den in der Ecke des Spiegels steckenden Photographien, den abgenützten Fauteuils ihm einen wahren Widerwillen einflößte. Plötzlich fühlte er, wie eine Hand sich auf seine Schulter legte. »Pierre!« Er stieß einen Schrei aus und blickte in Bersheims gutes, rundes Gesicht, das ihn gerührt, beglückt betrachtete; sie sanken sich in die Arme, ließen sich los, um sich besser zu sehen, und drückten sich die Hände. Du Breuil, der sein Herz wohlig erwärmt fühlte, überschüttete den Freund mit Fragen. Und Bersheim antwortete: »Anina ist hier. Es geht ihr gut; kommen Sie, ich bringe Sie zu ihr.« »In kurzen Worten berichtete der ehemalige Deputierte: eine Odyssee! Mit ihrem Cousin Jacques, mit dem sie bei seiner Rückkehr aus dem Osten, wo er den Feldzug mitgemacht hatte, zusammengetroffen waren, hatten sie Bordeaux verlassen... »Jacques? Ach ja! d'Avol!« Und Du Breuil fühlte eine unwillkürliche, wenn auch, wie er wohl wußte, törichte Eifersucht in sich aufsteigen, die durch die Gegenwart seines ehemaligen Nebenbuhlers um Aninas Liebe und durch den Schmerz über die gebrochene Freundschaft noch verstärkt wurde. Diese Wunde sollte nicht vernarben, sie blutete noch, so oft er daran dachte... Indessen sprach Bersheim unaufhörlich weiter. Welch eine Ankunft! Die Visitation, Chanzys Verhaftung. Sie hätten sich gern aufgehalten, um zu erfahren, ob Du Breuil dort sei ... Doch Paris bot so wenig Sicherheit, und Anina war so müde... D'Avol hatte sich erboten, sie nach Saint-Germain zu seiner Mutter zu bringen, die glücklich wäre, ihnen Obdach gewähren zu können. Doch sie hatten die alte Gräfin schwer krank gefunden, an einer Lungenentzündung darniederliegend. Natürlich war es unter solchen Umständen unmöglich, länger als eine Nacht zu bleiben. Am Morgen hatten sie trotz des Drängens d'Avols, der im Grunde froh war, sie ganz wieder seiner Fürsorge anvertraut zu wissen, einen Wagen genommen und waren hier ihrer alten Freundin, Frau von Grandpré, ins Haus gefallen, deren Sohn, dem Kabinett Thiers' zugeteilt, eine Cousine der Bersheims und Aninas vertraute Freundin geheiratet hatte. Sie war die verkörperte Herzensgüte und hatte sie mit offenen Armen in ihrem schönen, alten, in der Rue d'Anjou gelegenen Hotel aufgenommen. Für Du Breuil war die ganze Welt plötzlich versunken, selbst das düstere Defilee eines vollständig erschöpften Regimentes, das mißmutig und in Unordnung durch die ansteigende Rue de Satory sich zu dem Barackenlager schleppte, ließ ihn unberührt. Er freute sich des Scheidens dieses frühlingsduftigen Tages. Die Sonne übergoß die mit zartgrünen Trieben bedeckten Spaliere hinter den Gittern des Potager mit mildem Lichte. Auf einer der mit steinernen Früchten gezierten schweren Vasen saß ein Segler und glättete sein Gefieder. Die Scheiben der Gewächshäuser funkelten. Er fühlte sich unendlich glücklich. Anina! Die Augen voll Licht und Glauben strahlten ihn an; und die weiße, von seinem Haar umrahmte Stirn, die keuschen Lippen... Dieses Bild erfüllte sein Herz mit seliger Freude, und doch empfand er dabei jenes unbestimmte Bangen, das so oft sich in ein zu tiefes und zu plötzliches Glücksgefühl mischt. In dem Hotel der Rue d'Anjou angelangt, führte Bersheim ihn in einen großen Salon, dessen Fenstertüren sich in einen Garten öffneten. Die Art und Weise, wie Frau von Grandpré, eine alte Dame, deren weiße Haare unter einem Spitzenhäubchen sich verbargen, und deren magerer Körper in dem lila Wollkleide sich mit so vornehmer Eleganz bewegte, ihn begrüßte, mutete ihn wohltuend an; und als Anina, schnell benachrichtigt, in all dem Zauber ihres Liebreizes auf der Schwelle erschien, war alles vergessen. Er hatte nur noch Blicke für sie. Die lange Trennung hatte der ernsten Anmut des jungen Mädchens einen Hauch von Schwärmerei verliehen. In der Seligkeit des Wiedersehens erstrahlte ihre schöne, traurige Stirn; in harmonischen Linien rundete sich ihr biegsamer Hals, ihre Gestalt reckte sich empor, wie eine geknickte Blume sich wieder aufrichtet. Die Röte der ersten Überraschung war tiefer Blässe gewichen, ihr ganzes Antlitz leuchtete, alles Leben konzentrierte sich in ihren herrlichen Augen. Da erkannte er, wie sehr er geliebt ward. Bersheim und Frau von Grandpré entfernten sich leise in den kleinen Salon. Du Breuil ergriff die Hand Aninas, die sie ihm zitternd überließ. Die ganze Welt lag ihnen im Austausch ihrer Blicke. Leise, flüsternd, erzählten sie von ihren Leiden: sie von der deutschen Okkupation, von den schrecklichen Sitzungen in Bordeaux und der Verzweiflung ihres Vaters, der Verstümmelung ihres geliebten Lothringen; er von den langen Stunden der Gefangenschaft, in denen er sich im Gefühl seiner Ohnmacht verzehrte, von den Gefahren und Erlebnissen des gestrigen Tages; und sie vertrauten einander ihre Befürchtungen für die Zukunft an. Dabei hörten sie weniger den Sinn der Worte, als die Musik ihrer Stimmen. Und selbst als Anina ihm ihre Hand entzog und beim Zuhören jene Haltung stolzer Anmut wieder annahm, die er seit Metz beständig vor sich sah, fühlte er klar und deutlich, daß sie verwandelt war, durch Leid und Liebe mehr zum zärtlichen, hingebenden Weibe geworden. Obgleich sie im Einverständnis ihrer Herzen das Wort: Verlobung nicht aussprachen, fühlten sie doch beide, daß in dieser Stunde ihr Bund geschlossen worden war. Fortan war sie auf ewig die Seine. Als Bersheim zurückkehrte, stimmte er mit schweigendem Lächeln ihrem Verlöbnis zu. Frau von Grandpré bat Du Breuil mit mütterlicher Herzlichkeit, zum Diner zu bleiben; sie wollte ihm ihren Sohn vorstellen; vielleicht, daß dieser ihm in diesen kritischen Tagen irgendwie nützlich sein könnte. Dann trat ihre Schwiegertochter ein, eine blonde, zarte, junge Frau mit feinen und ruhigen Zügen. Du Breuil wurde gefeiert; ihm war, als säße er im Kreise seiner Familie. Das Gespräch drehte sich selbstverständlich um den Sturm, der zu dieser Stunde alle Gemüter erregte; indessen blieben die beiden Verlobten still in das Glück des Wiederfindens versunken. Unter den zusammengeballten, gewitterschwangeren Wolken brach ein langer, glücklicher Abend an. In dem vollen Waggon, der ihn zu grauer Morgenstunde nach Versailles brachte, erwachte Poncet aus kurzem, unruhigem Schlummer. Von Müdigkeit wie gelähmt, entfaltete er eine der Zeitungen, mit denen seine Tasche vollgestopft war. Nachdenklich weilten seine Augen auf dem Kreuzband, das die Worte trug: »Journal officiel de la République francaise, 21 mars 1871.« Zwei Tage, und welche Fülle der Ereignisse! Sie waren alle in der Ironie dieses Titels enthalten, der in seinem gesetzlichen Charakter die aufständischen Gewalten von Paris stempelte. Poncet dachte: »Ich werde mir sofort den anderen Officiel kaufen, den der rechtmäßigen Gewalt von Versailles.« Und mit müder Hand seine graue Locke aus der Stirn streichend, sprach er zu sich selbst: »Welch wüster Lärm! Und wie viele gibt es, die nicht, wie ich, wissen, daß beide recht und unrecht haben, und sich fragen müssen, auf welcher Seite das Recht ist! Wie viele andere folgen der Eingebung des ersten Augenblicks und werfen sich entschieden auf eine Seite! Wie soll man auf die Klugheit und Selbstlosigkeit des Zentral-Komitees zählen, das, mit seinem Sieg sich blähend, freier Gebieter über die bedeutendsten Streitkräfte, über die je eine Partei verfügt hatte, schon von den Heftigen und Ehrgeizigen umhergezerrt und von jenen, aus denen es hervorgegangen ist, überschwemmt wird: den Überwachungskomitees und dem Volke! Und andererseits, wie durfte man Hoffnung setzen in eine Nationalversammlung, in der die albernen Mordtaten vom Montmartre so günstig aufgenommen wurden, in diesen Haufen aus ihren Gräbern auferstandener wütender Mumien, die sich über den Vorwand, den Paris ihrem Hasse gibt, frohlockend die Hände reiben?« Noch einmal durchlebte er jenen an Aufregungen reichen Tag des neunzehnten, da die Versammlung der Bürgermeister in der Rue de la Banque sich bemüht hatte, zu vermitteln und den endgültigen Bruch abzuwenden. Obgleich die meisten bereits aus ihren Arrondissements vertrieben waren, bildeten sie im Zentrum von Paris eine Insel, wo die wenigen gemäßigten oder reaktionären Bataillone im Notfall noch einen festen Punkt für ihren Widerstand finden konnten; der auf dem Boulevard erkannte Admiral Saisset erklärte sich unter Vorbehalt der Ratifizierung von Versailles bereit, die Führung zu übernehmen; die Besitzergreifung des XVI. Arrondissements sicherte ihm noch einige Tore; Picard hatte der Vereinigung der Bürgermeister von Versailles aus seine Vollmacht zur provisorischen Verwaltung von Paris nebst 50 000 Francs geschickt, die zur Besoldung der letzten übriggebliebenen Getreuen verwendet werden sollten. Während der Sitzung erschien ein Abgesandter des Zentral-Komitees mit dem Vorschlag, das Rathaus und die Bürgermeisterämter den Bürgermeistern zurückzugeben unter der Bedingung, daß diese sich den Wahlen anschließen wollten, die am Morgen für den zweiundzwanzigsten angesagt worden waren. So erfüllte das Komitee die einzige Aufgabe, zu der es, wie er sagte, berufen und berechtigt war, und entledigte sich in loyaler Weise einer Macht, die es, weit davon entfernt, danach zu haschen, vielmehr vom Boden aufgelesen hatte. In den Meinungen geteilt, noch unter dem Eindruck der Überraschung stehend, hätten manche von ihnen gern ihren Triumph durch einen alles zermalmenden Marsch gegen Versailles vollendet; die Mehrzahl jedoch riet zur Mäßigung und zog es vor, sich in ihre Bürgermeisterautorität zu hüllen. Bescheidene, nur in ihren Wahlbezirken bekannte Pariser, ehrbare Kleinbürger, ehemalige Arbeiter, schlechtbesoldete Beamte, Krämer, diejenigen, die dank ihrem Handel, ihren scheinbaren Vorzügen, ihren im Familienrat oder in den Klubs oft gehörten Stimmen zur Wahl vorgeschlagen waren, etwa, vierzig unentschlossene und doch zu jeder Gewalttat bereite Männer; sie alle, die Unbedeutenden, die Mittelmäßigen und die Intelligenten, die sich aus ihrer anfänglichen Verblüffung schnell zur Bedeutung ihrer Aufgabe aufgeschwungen hatten, indem sie es sich angelegen sein ließen, die Wünsche ihrer Mandanten zu erfüllen, schöpften ihre Kraft aus ihrer Anonymität, aus der unbestimmten und mächtigen Maske des hunderttausendköpfigen Volkes, das hinter ihnen stand. Neue Herren, mit besorgten Blicken beobachtet von den Ultras, den alten und den jungen Häuptern der Demokratie, Jakobinern, Blanquisten, Arbeitern der Internationalen Arbeiter-Föderation, die alle durch die Verfolgungen des Kaiserreichs, ihre Polemiken in der Presse, ihre Reden in den Klubs auf Posten gestellt waren und staunend die Revolution – zu Nutz und Frommen anderer – so schnell organisiert sahen. Kaum, daß sich aus der am Ruder des Schiffes von Paris befindlichen Gruppe drei oder vier Persönlichkeiten abhoben, an die eine Erinnerung sich knüpfte: Assi, ein Südländer und Schönredner, mit einunddreißig Jahren Mechaniker, mit neunzehn Jahren Deserteur, in der Schweiz arbeitend, in Italien unter Garibaldi dienend, endlich bei Creuzot eingetreten, wo er bei einem bedeutenden Ausstand sich einen Namen erwarb, als Mitglied der Internationalen vor den Ober-Gerichtshof von Blois gestellt. Varlin, einer der Gründer der Societät, Buchbindergehilfe, ebenfalls noch jung, ein erlesener Geist, ein edler, gedankenreicher Kopf; Delegierter bei den Kongressen von Brüssel, Genf und Basel, 1868 zu drei Monaten politischem Gefängnis verurteilt, 1869 Gründer der Föderation der Arbeitergesellschaften, war er mit Malon eine der Hauptstützen der ökonomischen Evolution, die sich in dem Wunsche der niederen Schichten vollzog. Ranvier, seines Zeichens Lackmaler, das redliche Opfer eines Bankrotts, ein von Natur aus sanftes Gemüt, das durch Not und Leiden in die schärfste Opposition getrieben worden war, und dessen leidenschaftliche Stimme die Klubs zu heißer Erregung hinriß. Lullier, der unzähmbare Marineoffizier, der zweimal wegen Schlägen und Verwundungen und zwanzigmal wegen Angriffen gegen das Kaiserreich verurteilt worden war ... Eine neue Acquisition von hohem Wert, ein Agent namens E. Moreau, eine feine und vornehme Persönlichkeit, hatte sich zur Stimme aller gemacht, verfaßte Proklamationen, deren männlicher Ton überraschend wirkte. Am ersten Tag, als im Komitee von einer Erhöhung des Soldes die Rede war, hatte er die Worte gesprochen: »Wenn man ohne Kontrolle und ohne Zügel ist, ist es unmoralisch, irgend eine Bezahlung zu beanspruchen. Wir haben bis jetzt mit unseren dreißig Sous gelebt, sie werden uns auch weiterhin genügen.« Anfangs verwundert und diesen Gebietern ohne Ruf und Namen mißtrauend, hatte Paris sich schnell beruhigt, indem es in dieser friedlichen Revolution nichts als die Bewilligung seiner Freiheiten erblickte. Es freute sich des Sonnenscheins, des unaufhörlichen Vorüberziehens der Bataillone, die diesmal einem bestimmten Ziele zumarschierten. Die einen waren kommandiert, die südlichen Forts, sowie das von dem Volke der Garnison ausgelieferte Vincennes zu besetzen – die anderen hatten Ordre, die Ministerien zu bewachen, wo die erstbesten Delegierten mit wichtigtuerischer Miene sich breit machten, oder in der Mehrzahl der Mairien die Vertreter des Komitees zu installieren. Lullier präsidierte, auf einem Rappen sich tummelnd, dieser feierlichen Einsetzung. Ein alter Abenteurer, der Ex-General des Königs beider Sizilien, R. du Bisson, diente ihm als Generalstabschef, denn zu dieser Zeit boten seltsame Führer, wie Ganier d'Abin, der ehemalige Sergeant-Major, Paketboot-Schiffskoch und Generalinstruktor der Armeen des Königs von Siam, ihre Dienste an. Während Varlin und Jourde von den Finanzen Besitz ergriffen, während »General« Bergeret im Speisesaal des Palastes und Assi, der Militärkommandant des Rathauses, an der gemeinderätlichen Table d'hôte thronten, nahmen die Blanquisten angesichts des Zentral-Komitees die übrigen Verwaltungsämter, Eudes das Kriegsministerium, Ferré und Raoul Rigault die Polizeipräfektur in Beschlag. Auf dem Place de Grève betrachtete man voll Neugier die den Zugang versperrenden Barrikaden, die fünfzig in Batterie aufgestellten Kanonen und Mitrailleusen und hinter dem blitzenden Wald von Bajonetten die regungslose Fassade des zum Zentrum der Bureaus gewordenen Gebäudes, in dem über die Aufhebung des Belagerungszustandes, über die Amnestie der politischen Verbrecher und die Abschaffung der Kriegsgerichte verhandelt wurde. Um acht Uhr abends hatte eine Delegation der Deputierten von Paris, denen sich einige Bürgermeister anschlossen, die Aufforderung des Komitees angenommen. Bis in die Nacht dauerte die immer lebhafter werdende Zusammenkunft fort. Clemenceau leugnet das Recht, sich gegen Frankreich zu erheben; wolle man aus der Sackgasse herauskommen, und von der Nationalversammlung die Wahlen erlangen, so gäbe es dazu ein einziges Mittel: den Platz den Deputierten und den Bürgermeistern als der einzigen legitimen Gewalt von Paris zu überlassen. Millière prophezeit eine Wiederkehr der Junitage; die Revolution sei noch nicht reif; der Fortschritt werde durch einen langsameren Gang erreicht. Heute siegreich, morgen besiegt. Es wäre klug, Konzessionen zu machen. »Wir wollen«, protestiert Varlin, »nicht nur eine Wahl des Gemeinderates, wir verlangen auch die Abschaffung der Polizeipräfektur, für die Nationalgarde das Recht, ihre Chefs zu wählen, die Bestätigung der Republik, die Wiedererstattung der Mietzinse, ein gerechtes Wechselgesetz, die Ausweisung der Armee aus den Mauern der Stadt.« Malon beweist das Maßlose eines solchen Programms. Die Sitzung zieht sich endlos in die Länge. Um Mitternacht sandte das Zentral-Komitee seinerseits vier seiner Mandatare in die Rue de la Vanque: Varlin, Moreau, Jourde, Arnaud. Die Debatten werden von neuem aufgenommen, die Stimmung wird erregt. Louis Blanc sucht ein Terrain zur Verständigung. Die Bürgermeister, jedes Einverständnis ablehnend, weigern sich, mit dem Komitee eine Ankündigung zu unterzeichnen, worin die Komiteesitzungen auf ein von der Nationalversammlung zu bestimmendes Datum vertagt werden sollen. Da bricht Jourde los, droht mit dem blutigen, erbitterten Bürgerkriege. Man setzt ihm das Holla! der Preußen, ihr verhängnisvolles Wiederauftreten entgegen. »Nun denn! werden wir besiegt, so werden wir Paris niederbrennen und aus Frankreich ein zweites Polen machen!« Langlois schreit und enthüllt den wahrscheinlichen Beweggrund der Unterhandlungen: »Es fehlt euch das Geld, ihr wagt es nicht, die aus den armen Bataillonen bestehende Armee achtundvierzig Stunden ohne Sold zu lassen. Die Bürgermeister wären eure Bankiers.« Endlich verständigt man sich dahin, daß nur die Deputierten und die Bürgermeister eine Proklamation an Paris verfassen sollten, worin diese sich verpflichteten, morgen in der ersten Sitzung der Nationalversammlung die beiden dringlichsten Gesetzentwürfe: Wahl des Gemeinderats, Ernennung sämtlicher Chefs der Nationalgarde durch diese selbst, vorzulegen. Dafür würde das Zentral-Komitee sich auf dem Vendômeplatz, in der Militärdirektion, installieren und das Rathaus und die Bürgermeisterämter wieder zurückstellen. Leider war am Morgen nichts von alledem geschehen. Als die Repräsentanten der Bürgermeisterämter kamen, um von diesen Besitz zu ergreifen, stießen sie auf die Weigerung des Zentral-Komitees. Die Corderie war wieder erwacht. In der Nacht hatten die ehemaligen Wachsamkeitskomitees, durch zahlreiche Blanquisten und kampflustige Revolutionäre vermehrt, eine Beratung abgehalten und beschlossen, daß das Komitee die bürgerliche Gewalt nicht aus den Händen geben dürfte. Die neuen Herren von Paris hatten wieder Herren über sich. Beim Rütteln und Stoßen des Waggons durchflog Poncet mehrere Zeitungen hintereinander. Die meisten reproduzierten das von vierunddreißig gemäßigten und zur Enthaltung von der Abstimmung ratenden Blättern aller Nuancen unterzeichnete Manifest. Als wäre die Flucht vor der Wahlurne nicht gleichbedeutend mit einer Auslieferung des Schlachtfeldes an die Entschlossenen! Der Pariser Officiel erklärte ruhig, das Zentral-Komitee würde den Deutschen gegenüber die Friedensbedingungen respektieren. Hingegen signalisierte er eine neuerliche Belagerung, die Durchschneidung sämtlicher Telegraphenlinien rings um Paris, die von Versailles ausgehende Isolierung der Hauptstadt von Frankreich, die verdächtige Ankunft zahlreicher Sträflinge, auf welche die Nationalgarde, indem sie in ihren Reihen selbst eine Art Polizei bildete, ein scharfes Auge haben müßte. Dieser Bericht stimmte mit dem seltsamen Gerücht, das sich in Paris verbreitet hatte, überein; das Gefängnis von Poissy sollte durch Thiers geöffnet und damit den Räubern und Galgenvögeln die Freiheit geschenkt werden. Unbedeutende Maßregeln wurden feierlich bekannt gemacht: Aufforderung an die Funktionäre und Beamten, auf der Stelle ihren Dienst wieder aufzunehmen, Verbot an die Hausbesitzer, bis auf weiteres ihren Mietern zu kündigen; endlich die Mitteilung, daß vom 21. an die Löhnung regelmäßig ausgezahlt werden würde. Um die Einhaltung dieses Versprechens zu sichern, hatten Varlin und Jourde, die es noch nicht wagten, die in den Kassen des Finanzministeriums zurückgebliebenen vier Millionen anzugreifen, von dem Gouverneur der Banque de France, Rouland, eine Anleihe von einer Million, sowie das Versprechen auf eine zweite, auf Konto der Stadt zu schreibende, erhalten. »All das, sowohl der Aufruf an die Provinz, als auch das Ansichreißen der Redaktionsbureaus des Gaulois und des Figaro«, – so sagte sich Poncet, während seine Augen über die mit weißleuchtenden Landhäusern besäten Hügel von Saint-Moud schweiften, – »all dies sind klipp und klar gesagt, willkürliche Handlungen der Regierung. Sie wollen, sie wollen nicht; vor allem aber möchten sie gerne! Mißbrauch der Kraft, böse Absicht; schon alle Laster der Gewalt. Und diese seltsame Friedenserklärung an die Deutschen! So folgt also Paris dem Beispiel der Nationalversammlung und sieht nicht mehr den wahren Feind.« Traurig erwog er die Bedeutung der gestrigen in Versailles abgehaltenen Sitzung, in der Thiers zu leugnen gewagt, daß er Paris im Stiche gelassen, und die Majorität vor Furcht gezittert, vor Wut geschäumt hatte. Wenn sie widerwillig für die Dringlichkeit der die Gemeinderatswahlen, sowie die Verlängerung der Wechsel betreffenden Gesetzvorlagen votierte, so designierte sie dafür fünfzehn ihrer Teilnehmer, um dem Exekutivkomitee angeblich beizustehen, in Wahrheit jedoch, es zu überwachen und aufzustacheln. Da Trochu seine Schuld, die Kapitulation von Paris, auf die »Anstifter dieses brudermörderischen Bürgerkrieges« schob, bestätigte sie den Belagerungszustand für Seine-et-Oise. Sie überhäufte die Bürgermeister-Deputierten Clemenceau und Tirard mit Hohn und Schmach und befahl ihnen, ihre »Freunde«, die Insurgenten, zu brandmarken. Man trennte sich inmitten der durch den Bericht des Abgeordneten Turquet verursachten Aufregung: Dieser hatte sich gleichzeitig mit Chanzy verhaften lassen, um das Schicksal des Generals zu teilen und wie er die Verwünschungen und Drohungen der Menge zu erdulden. Sie waren von Leo Meillet, dem Bürgermeister des XIII. Arrondissements beschützt worden und zwei Tage gemeinsam im Gefängnis des Sektors geblieben. Jetzt waren Chanzy und ein anderer General, Langourian, in der Sante eingeschlossen; während der Überführung waren sie mißhandelt und geschlagen worden. Er hoffe, man habe sie nicht noch ermordet ... Da erhob sich ein einziger Schrei: die Bürgermeister-Deputierten sollten wenigstens Chanzy retten! Von neuem wurde Poncet von Angst erfaßt. Daß der tapfere Soldat von Josnes, von Vendôme, von Le Mans, neben Faidherbe die Ehre und der Ruhm der Verteidigung, als Geisel in den Händen derselben Leute bleiben sollte, die so laut den Krieg bis ans Messer gefordert hatten, welche merkwürdige Verleugnung der Grundsätze. Daß man aber auch noch für sein Leben fürchten sollte, das sie so schlecht zu schützen wußten, das überstieg doch wahrhaftig alles Maß, das war empörend. Denn nach der seltsamen Art und Weise, wie das Komitee sich wegen des an Lecomte und Clement Thomas begangenen Mordes zu rechtfertigen verstanden, war alles zu befürchten. Auf ein und derselben Seite des Officiel beteuerte es seine Unschuld an den »wenigen, immerhin bedauerlicher Weise vergossenen Tropfen Blutes« und versuchte dann, diese »Vollstreckung der Kriegsgesetze« zu rechtfertigen. Hier der schüchterne Widerspruch gegen die Bevölkerung, dort die Sorge, das Wohlwollen nicht zu verscherzen. Welche Hintergedanken, welche niedrige Denkweise! Sorgenvoll las der Chemiker einen Artikel des Delegierten im Journal officiel: »Die Revolution vom 18. März«. Das Auftreten der Proletarier war darin besprochen. Und Poncet sagte sich: »Ist es der soziale Kampf, der mich schreckt? Nein, dieser entspricht viel zu wirklichem Jammer, viel zu berechtigten Bestrebungen, als daß ich ihm nicht beistimmen müßte.« Er las: »Sollen die Arbeiter, die alles produzieren und nichts genießen, die inmitten aufgehäufter Produkte, der Früchte ihrer Arbeit und ihres Schweißes, Hunger und Elend leiden, ewig der Not und der Verachtung ausgesetzt bleiben«? ... Ja, jetzt mußte das Proletariat an die Reihe kommen! Warum sollte das Bürgertum – die leeren Mägen der Revolution, die heute voll und satt waren – den Arbeitern die Befreiung verwehren, die ihm selbst zuteil geworden? Sollte es nicht, für die Schwächung des Charakters, für die Lockerung der Sitten, für die Unglücksfälle, gegen die man zu kämpfen hatte, zum Teil verantwortlich, Bildung und Licht gleichmäßiger verteilen, die Privilegien der Intelligenz allen zugänglich machen und die Früchte der Arbeit, Brot, Feuer, mit mehr Gerechtigkeit den Darbenden zuteil werden lassen? Ja, dieser Krieg, dieser unselige, in der großen Revolution unvollendete, wiederaufgenommene und im Blute des Jahres 1848 erstickte Klassenkampf, er hatte keinen überzeugteren Apostel als ihn. Doch nicht durch die Gewalt wollte er ihn ausgefochten sehen. Millière hatte recht: die soziale Revolution war noch nicht reif, der Fortschritt war nur auf dem Wege der Evolution möglich. Und er, der sein Leben hätte hingeben mögen, um unter der vollen und frohen Zustimmung aller die neue Ära anbrechen zu sehen, er zitterte bei dem Gedanken an diese Wahnwitzigen – sie waren nicht nur in Versailles zu finden! –, von denen die einen die Zukunft mit Gewalt zutage fördern, die anderen sie zermalmen wollten, alle gänzlich der Mutter, dieses Frankreichs, vergessend, das vor dem deutschen Sieger am Boden lag, bereit, zu vermitteln... Für jeden Menschen, der sich noch etwas Vernunft zu bewahren gewußt, war der Weg klar vorgezeichnet: sich zwischen die beiden werfen, sie zur Versöhnung zu bewegen suchen, ihnen die furchtbare Ketzerei vor Augen führen, die zu begehen sie im Begriffe waren. Ein Stoß schreckte ihn aus seinen Grübeleien auf, seine Reisegefährten stiegen aus: Versailles! Bei den ersten Schritten auf dem Perron überkam ihn das Unbehagen des Erwachens an einem fremden Orte. Ein doppeltes Spalier von Truppen umgab den Platz vor dem Bahnhof. Leute mit Profoßenmienen blickten jeden Ankommenden prüfend an; einer von ihnen forderte ihn ziemlich unhöflich auf, ihm das aus seiner Tasche hervorschauende Exemplar des Officiel, sowie die anderen Blätter: den Cri du Peuple, den Père Duchesne zu übergeben. Nach und nach verdüsterte sich das Gesicht des Polizeimannes. Trotz des vorn abgedruckten Manifests der Presse vermochten selbst der Constitutionel und das Paris-Journal nicht, ihn zu versöhnen. Nur wenig höflich bat er Poncet, ihm zu folgen. Schon hatte sich im Strom der Reisenden ein Kreis von Neugierigen gebildet. Der Chemiker entfernte sich, von feindlichen Blicken gefolgt. Von der Rue Duplessis an, wo die Malerleitern längs der frischgestrichenen Kaufläden aufgestellt waren, wo eine ungewöhnlich dichte, geschäftige und geschwätzige Menge zirkulierte, erkannte er kaum mehr die Stadt mit den großen Pflastersteinen, zwischen denen überall die Grashalme hervorsproßen, mit den breiten, einsamen Alleen, in denen sich jetzt bis zu den militärisch bewachten Toren die Reihen der Zelte hinzogen. Gleich bei seiner Ankunft hatte er das System der Vorposten und Vedetten bemerkt, die die Säume der Waldungen, die Landstraßen, die Täler und Hügel besetzt hielten, und in deren Schutze Versailles sich verschanzte, um seine Verhandlungen zu pflegen. Überall Truppen, überall Kanonen. Die Stadt war nur noch eine ungeheure Kaserne. Am Gitter des Schlosses prüfte die in ihrer grauen, mit gelben Aufschlägen versehene Uniform martialisch aussehende Marineinfanterie die Einlaßscheine. Poncet, der sich, auf die Vermittlung irgend eines befreundeten Deputierten rechnend, mit keinem Passierzettel versehen hatte, wurde der Einlaß verweigert. Glücklicherweise kam gerade Louis Blanc vorüber. Dank seiner Fürsprache durfte der Chemiker eintreten. Der berühmte Staatsmann von 1848, der Organisator der Arbeit trippelte eilig weiter. Das glattrasierte Gesicht, dessen rote Wangen seltsam mit den Runzeln an den Schläfen und dem greisenhaften Munde kontrastierten, hatte einen verdrießlichen Ausdruck. Er besaß nicht mehr seinen revolutionären Glauben von ehemals, er zitterte davor, daß verbrecherische Gewalttaten das Ideal gefährden könnten, das das seine blieb und dem er kürzlich erst wieder mit seiner wunderbaren Beredsamkeit gedient hatte. Er wiegte das Haupt: die Sache stand schlimm. Einige Kollegen hielten ihn im Vorübergehen auf. Die Truppen wurden dichter und ergingen sich, mit lauter Stimme debattierend, in dem geräumigen Hofe, wo der Sonnengott, der Roi-Soleil, auf seinem bronzenen Rosse in gebietender Haltung über all diese Zusammenkünfte und Versammlungen emporragte. In dem zu den Kreuzungssälen führenden Vestibül ging Poncet an dem Grafen La Mure vorüber, anscheinend ohne ihn zu sehen. Der Graf, wie immer à quatre épingles, trug als Krawattennadel eine goldene Lilie; seine an zersprungenes Porzellan gemahnende Hautfarbe schien wie frisch lackiert. Weit davon entfernt, ihn zu grüßen, maß ihn der Abgeordnete von Indre-et-Loire nur mit einem niederschmetternden Blicke stolzer Verachtung. Es war die Rache für Poncets beim Diner in Charmont gehaltene Lobrede auf die Bestrebungen der Delegation und für die Begegnungen in Tours. Jetzt waren es nicht mehr diese ungläubigen Republikaner, die das Haupt erhoben. La Mure troff von befriedigtem Hasse. Auf seinem Wege durch die lange, kalte Galerie, die längs der Höfe von La Smala und Le Marve zu dem zum Sitzungssaale umgewandelten Theater führte, hörte Poncet voll tiefen Schmerzes auf die Sarkasmen und die zornerfüllten Worte der Sieger des Tages. Bleich in dem bleichen Lichte, das durch die Scheiben drang, umgeben von dem Marmor und dem kalten Gips der historischen Büsten und Statuen, sahen sie voll ostentativer Verachtung auf die leise sprechenden Republikaner. Plötzlich fuhr Poncet auf. Neben dem Herrn mit der korrekten Haltung, dem geistreichen Gesicht und den spärlichen Haaren, jener Offizier, der sich mit ernster Miene mit ihm unterhielt, das war doch Major Du Breuil. Blitzschnell durchzuckte Poncet die Erinnerung an die schmerzlichen Stunden, die er vierzehn Tage vorher in Charmont verlebt, an das intime Gespräch mit dem alten Du Breuil nach Eugen Reals Beerdigung. Lebhaft bewegt, trat er mit ausgestreckten Händen näher. Du Breuil hatte ihn bereits erblickt und eilte ihm entgegen. Voll Herzlichkeit sprachen sie von den Ihren. Dann stellte Du Breuil vor: »Herr von Grandpre, Attache im Kabinett Thiers; Herr Poncet, der bekannte Chemiker.« Ehrerbietig verneigte sich der Beamte, weniger vor dem überzeugten Republikaner, denn vor dem Gelehrten von Ruf, und bot seine Dienste an. Ob sie nebeneinander plaziert werden wollten? Man betrat das Theater, wo sie dank der Fürsprache des Herrn von Grandpre, der sich sogleich verabschiedete, auf einem Balkon Platz fanden. Der halbvolle Saal unter ihnen brauste; das Parterre, der ringsumlaufende Gang, die vorderen Sitzreihen füllten sich und waren bald dicht besetzt. In der überhitzten Atmosphäre, im gelben Lichte der Glasluster wogten die schwarzen Gruppen durcheinander. Die Spiegel der Logen warfen das Bild der rotdekorierten Marmorwände, der vergoldeten Reliefs zurück. Auf der Bühne waren das Bureau, die Tribüne untergebracht. Unwillkürlich schweiften Poncets und Du Breuils Gedanken zu den glänzenden Schauspielen von ehemals zurück, zu dem eleganten, gepuderten Publikum, das sich an Rameaus Opern erfreut, zu dem Bankett der Gardes du corps, welches mit den Klängen von »Richard, o mein König!« Ludwig XVI. und Maria Antoinette begrüßte am Tage, bevor sie auf immer Versailles verließen ... Hier hatte Louis Philipp durch eine Galavorstellung die Einweihung des dem Volke in dem Palast der Monarchie geöffneten Museums gefeiert. Hier hatte Napoleon III. der Königin von England ein glänzendes Diner gegeben ... Heute beherrschte die Nationalversammlung, die Herrin über die Geschicke Frankreichs, den Schauplatz. Schon schwebte das Drama, das diesmal sich hier abspielte, das aufregendste, das es für Männer von Herz und Verstand geben konnte, gleich einer mit Elektrizität geladenen Gewitterwolke über dem Gewoge kämpfender Leidenschaften. Jules Grévy eröffnete die Sitzung. Gleich zu Beginn erregen Louis Blanc und General Billot die Gemüter durch einige Worte persönlicher Berichtigung. Der Sturm bricht los, als der Präsident die Adoption der Familie des Generals Lecomte durch die Nation befürwortet, als M. Gaslonde den Vorschlag macht, die ehemaligen, durch Gambetta aufgehobenen Generalräte des Kaiserreiches wieder einzusetzen; jeder derselben sollte unter seinen Mitgliedern einige Delegierte wählen, die sich mit den Präfekten in die Verwaltung teilen sollten. »Angenommen! Angenommen!« ruft die Rechte, und votiert für Einbringung des Dringlichkeitsantrags. Nun berichtet Picard, daß die Nachrichten aus den Departements günstig lauteten; mehrere von ihnen boten bewaffnete Hilfe an. »Vortrefflich!« Unter allgemeiner Aufmerksamkeit, der Stille vor dem Sturm, verliest der Akademiker Vilet die Proklamation an das Volk und an die Armee. Er brandmarkt darin die Verbrecher und die Sinnlosen, die Paris schänden und feiert in exaltierten Worten das souveräne Recht der Nationalversammlung: »Euer Werk, euer Vorbild, eure Hoffnung, euer einziges Heil!« Schon erhebt sich die Majorität zur Abstimmung. Millière verlangt das Wort. Peyret ruft: »Man setze hinzu: Es lebe Frankreich, es lebe die Republik!« Der Blitz hat eingeschlagen. Die Rechte gebärdet sich wie wahnsinnig: Millière darf nicht sprechen. Um der Freiheit der Tribüne Achtung zu verschaffen, ist Thiers gezwungen, selbst für den Gegner einzutreten; im höchsten Falsett, um den lauten Widerspruch zu übertönen, schreit er: »Seien Sie überzeugt, daß Sie Ihre Autorität im Lande nicht erhöhen, indem Sie den Chef der exekutiven Gewalt unterbrechen und Ihre Gegenpartei anzuhören sich weigern!« Mit nervösem Interesse folgte Du Breuil diesen ihm fruchtlos scheinenden Debatten. Poncet, der deren Tragweite nur zu gut erkannte, litt bei dem erregten Ton der Stimmen, beim Anblick der leidenschaftlich erhitzten Gesichter unter einem drückenden Unbehagen. Wie weit war man doch von einer Aussöhnung entfernt! Jedes Wort von Millière, von Louis Blanc entfesselte Hohn und Schmähworte. Einer der Fünfzehn jedoch beruhigte die Versammlung: Thiers wachte über ihre Sicherheit, wendete alle seine Fürsorge an die Wieder-Disziplinierung der Armee. Am die Person Schoelchers tobte ein Bacchanal: er brachte beruhigende Nachrichten über Chanzy und sprach den Wunsch aus, Saisset, zum Kommandanten der Nationalgarde ernannt, möge eine Revue über dieselbe abnehmen. Lockroy weist auf die Gefahr einer solchen Maßregel hin: das hieße, die bewaffnete Macht in zwei Lager teilen. Clemenceau tritt auf, verlangt dringend die Beschleunigung der Wahlen als einziges Beruhigungsmittel, denn man könne doch nicht eine neuerliche Belagerung von Paris im Sinne haben, denke doch nicht an eine Intervention durch Gewalt? Immer wilder wird das Bacchanal. Vergeblich sind Henri Brissons, Leon Says Worte. Über die Brüstung geneigt, hätte Poncet hinunterrufen mögen: »Jawohl, schnell die legalen Wahlen, sonst finden die anderen statt!« Wie war es möglich, daß nicht alle fühlen, wie darin allein die Rettung lag? Thiers betritt in steifer Haltung von neuem die Tribüne: »Paris soll seine Wahlen haben, doch nicht früher als die anderen Städte Frankreichs. Man muß sich Zeit lassen; man schafft nicht so plötzlich die Gesetze. Ja, Paris soll seine Herrschaft über sich wieder erlangen, bald, sobald es nicht mehr in der Gewalt der Fraktionen steht ...« Aufs äußerste betroffen, fährt Clemenceau auf: »Zeit! das ist's ja eben, was uns fehlt! Wenn ihr nicht eine sofortige Maßregel bewilligt, welche den guten Bürgern gestattet, sich zu vereinigen, ist das Verderben besiegelt ...« Ratlos, unschlüssig folgt ihm Saisset, unfähig, seine Bestürzung zu verbergen. Er kommt aus Paris, und in Paris ist die Revolution im Ausbruch! Die bis dahin getreuen Bataillone des XVI. Arrondissements haben sich geweigert, Passy zu verlassen. Im ganzen hatte er nicht mehr als dreihundert Mann zusammenbringen können! ... Nun stellt Tolain das Dilemma: zu den Urnen oder zu den Gewehren! Will man nicht, daß das Blut in Strömen fließe, so setze man einen Tag fest! ... Geschrei antwortet ihm: »Paris soll sich entwaffnen, dann wird man weiter sehen!« Erstaunt blickt Du Breuil auf Poncet. Seinem militärisch schlichten Sinn war all das Gesehene und Gehörte unverständlich. Was konnte es der Nationalversammlung verschlagen, wenn sie die Gemeinderatswahlen bewilligte, da diese Forderung doch eine gerechte war? Sollten um dieser Sache willen Franzosen mit Franzosen kämpfen und Bruderblut vergießen? Er, der den Wahnsinn des Pöbels mit erlebt, der nahe daran gewesen, eine Beute der Volkswut zu werden, er hatte dabei nur einen mit Mitleid gepaarten Abscheu empfunden. Warum nur waren all diese Männer, denen doch keine persönliche Gefahr drohte, von solcher Rachgier erfüllt, daß sie Paris für das Verbrechen einiger büßen lassen wollten? ... Wieder steht Thiers auf der Tribüne. Lange verweilte er bei den Ursachen des Konfliktes, den Kanonen, den Unterhandlungen, den Gewaltversuchen, dem weisen und politischen Rückzug ... Mit perfiden Phrasen Paris einlullend, es tadelnd, es bedauernd, mit dem allerdings skeptischen Versprechen, sein Möglichstes zu seiner Rettung zu versuchen, ging er über die übrigens unwesentliche Gesetzesvorlage hinweg ... Wie sollte dieses harmlose Heiltränklein imstande sein, den guten Bürgern die Augen zu öffnen, wo es selbst dem Mord nicht gelungen war? Die einzig mögliche Rettung lag in dem machthabenden Organe, in der unerschütterlichen Entschlossenheit, um jeden Preis, mit Unterstützung des ganzen Frankreich, seine Pflichten zu erfüllen. Poncet fühlte sein Herz sich zusammenkrampfen; war es möglich? Scharf und schrill klang die dünne Stimme durch das gespannte Schweigen: Diesen Beistand, den das Land anbot, man würde ihn annehmen, sobald es notwendig wurde! Heute mit hunderttausend Mann gegen Paris marschieren, das hieße, sich zu den Urhebern des Bürgerkrieges machen. Die hunderttausend Mann konnte man ja haben; aber vorher möge Paris überlegen, zur Vernunft kommen! Dann »wird es unsere Arme geöffnet finden, vorher jedoch muß es uns die seinen öffnen.« Angesichts dieser verbrecherischen Hartnäckigkeit – denn Sache der Mächtigsten, der Aufgeklärtesten, derjenigen, die sich rühmen, die materielle und die moralische Kraft zu besitzen, ist es, den ersten Schritt zu tun, – sah Poncet die Partie nahezu verloren. Du Breuil gab sich sinnend dem mächtigen Eindruck hin. Thiers' hinterhältige Auseinandersetzungen zeigten ihm eine bis dahin halb unverständliche Sache von einem neuen Gesichtspunkte aus. Denn schließlich, woher kam, was wollte die insurrektionelle Gewalt? Waren die Wahlen ihr einziger Zweck? ... In einer letzten dringenden Aufforderung belastete Clememecau die Nationalversammlung mit der ganzen zermalmenden Wucht der Verantwortlichkeit. Und nun ließ sich eine zitternde Stimme vernehmen. Favre erhob sich und schüttelte sein von Groll geschwelltes Herz aus. Der 31. Oktober, seine geschändete, verachtete Macht, die Angriffe gegen sein Privatleben, das bittere Gefühl, mit Trochu der Besiegte von Paris, der Sündenbock der Kapitulation zu sein, die Furcht, wenn er Schonung übte, in den Verdacht des Einverständnisses mit diesen verhaßten Revolutionären zu kommen, deren Fanatismus, heftiger als der seine, ihn in den Augen der Rechten verdächtigte, all das wallte und sprudelte in seiner glühenden Beredsamkeit und ergoß sich, einer ätzenden Lava gleich, in den tiefen Abgrund, der fortan zwischen Paris und ihm gähnte. Taten, energische Taten gegen diese Handvoll Elender, gegen diesen Versuch einer unseligen Doktrine, das blutige, räuberische Ideal! Paris eine freie Gemeinde! Paris der Fabel von den Gliedern und dem Magen vergessend! Nur die Energie allein vermochte mit einem solchen, der ganzen Zivilisation angetanen Schmach fertig zu werden! ... Er hatte der Nationalgarde ihre Gewehre gelassen und bat Gott und die Menschen, ihm diese Schwäche zu verzeihen! Was war der gegenwärtige Zustand von Paris anderes, als der erklärte Bürgerkrieg mit feigem Mord, Raub und Plünderung? Mit der Meute paktieren, hieße den Deutschen das Recht zu ihrer Unterdrückung in die Hand geben ... Saisset: »Nun wählen Sie!« ... Und Favre: »Möge diese letzte Schmach auf sie selbst zurückfallen! Welche Bürgschaft kann der Sieger für unsere Zahlungsfähigkeit haben, wenn die Insurgenten gegen die Nationalversammlung ziehen wollen, um sie zu stürzen! Denn das ist ihre Absicht. Und wenn ihr dann in ihre Hände fielet, wäre das Schicksal der unglücklichen Opfer ihrer Grausamkeit das eure ...« Bei jedem dieser Worte, die einen Schaum von Haß und Angst der Hauptstadt ins Gesicht spie, erzitterte die Versammlung vor Freude und jubelte im Bewußtsein befriedigter Rache dem Redner zu. Poncet verwünschte diese verhängnisvolle Gabe zündender Beredsamkeit, die sich in den Dienst behenden Ehrgeizes und verletzter Eigenliebe stellte. Unermüdlich flossen die Perioden dahin, schüttelten die Leichen der toten Generäle aus ihrer Grabesruhe, wüteten gegen die unglückliche Stadt, gegen diesen »Sumpf der Gemeinheit«, der so viele verabscheuungswürdige Elemente enthielt, gegen die mörderischen Nationalgardisten ... Langlois konnte nicht länger an sich halten: »O, das ist, abscheulich, so etwas zu sagen!« Von seinen Worten berauscht, seine Zuhörer berauschend, fuhr Favre fort. »Man muß an die Provinz appellieren!« schrie Gaslonde. Und Saisset: »Ja, rufen wir die Provinz herbei und marschieren wir, wenn es sein muß, gegen Paris. Der Zustand muß ein Ende nehmen!« »Marschieren wir!« wiederholte La Mûre. Mit galligem Gesicht und blutunterlaufenen Augen schloß Favre: »...endlich die Elenden richten, die die Hauptstadt tyrannisieren!« Ein ungeheurer Jubelruf folgte seinen Worten, hageldicht fielen die Bravorufe und trafen Poncet wie ebensoviele Backenstreiche. Die Empörung drohte ihn zu ersticken. Die Rechte heulte und stampfte mit den Füßen. Da erklärte Clemenceau im Namen der Abgeordneten der Linken, infolge der herausfordernden Rede des Ministers ihre Wahlvorlage zurückziehen zu wollen ... Das hieß: ihr habt es gewollt! Poncet, tief erblaßt, atmete mühsam. Das Schicksal war entschieden! Die Versammlung geriet in einen Zustand des Deliriums. Endlich beruhigte man sich wieder einigermaßen, um Tirard zu hören, der, soeben aus Paris eingetroffen, ein letztes Mal die Versammlung umzustimmen versuchte: »Kehrt er mit leeren Händen zurück, dann kann er für nichts mehr einstehn!« Da besteigt Thiers zum viertenmal die Tribüne. Er reicht den Bürgermeistern geweihtes Wasser, er wird glücklich sein, ihre Versöhnungsversuche von Erfolg gekrönt zu sehen; inzwischen wird er bestrebt sein, Paris (natürlich mit der nötigen Reserve) seine Rechte wiederzugeben. Er wiederholt seinen Refrain: »Ich öffne meine Arme, aber nach euch ...« »Bekannte Melodie!« zischt Poncet. Und während mit Mühe und Not eine Ordre du Jour für die bevorstehende Umänderung der Gemeinderatswahlen der Departements – und von Paris – ausgearbeitet wurde, enthüllte sich ihm Thiers' ganzer Plan in all seiner tragischen Klarheit. Saisset, die Bürgermeister, – ein Spielball seines Ehrgeizes. Was der gewalttätige kleine Mann wollte und gestand, das war: Zeit gewinnen, die Armee neu organisieren und sich inzwischen der Provinz versichern! Und dann ... Man brauchte nur die Depeschen zu lesen, mit denen er allabendlich das Feuer der Erregung zu schüren wußte, indem er bald ein seines Rechtes, seiner Kraft gewisses, vom ersten Tage an durch fünfundvierzigtausend Mann geschütztes Versailles, bald ein der Plünderung, dem Morde preisgegebenes, zur Vernichtung seiner furchtbaren Tyrannen bereites Paris zu schildern wußte ... Ach! diese Isolierung durch die Belagerung, in die man wieder zurückgestoßen wurde, diese Ungewißheit! ... Denn es war eitel Prahlerei, wenn man Frankreich als zum Beistand der Nationalversammlung bereit hinzustellen suchte! Eine solche Ungeheuerlichkeit war unfaßbar ... Die Armee? Poncet blickte auf Du Breuil, hoffend, in dessen Zügen einen Widerschein seiner eigenen Gefühle zu lesen. Doch er sah nichts als einen Ausdruck schmerzlichen Ernstes. Durch Favres Heftigkeit verwirrt, sagte der Major sich vollends von Paris los, fragte sich, ob eine Inanspruchnahme der Armee zu vermeiden war, und wie er in diesem Falle sich einer Pflicht entziehen könnte, die ihm im voraus schrecklich schien. Erkältet und hastig drückte Poncet ihm die Hand, nur nach einem verlangend: diesen Käfig von Wahnsinnigen fliehen, aus diesem von der Hitze der Gasflammen und dem fieberhaften menschlichen Fluidum erfüllten Opernsaal entkommen, in dem die ergreifende, die schauerliche Tragödie sich abspielte. Unter dem Kastanienbaum, dessen frische Blättchen unter dem Hauche der lauen Frühlingsluft sich zu entfalten begannen, betrachtete am nächsten Tage Poncet von seiner Lieblingsbank aus eine Reihe geschäftiger Ameisen, die ihre mikroskopisch kleinen Lasten durch die Allee schleppten. Welche Ordnung in diesem winzigen Reiche! Und traurig zerknitterte er den Officiel von diesem Morgen, in dem er die Vertagung der Wahlen infolge Mangels an Einverständnis mit den Bürgermeistern gelesen hatte, und der Drohungen gegen die Presse enthielt für den Fall, daß sie ein Attentat wie das ihres gestrigen Manifestes wiederholte. Er seufzte: »Schon Tyrannen geworden! Sie, die so wütend gegen Binoy loszogen!« Vor allem aber machte der Hauptartikel ihn nachdenklich. Paris ist im Recht. Paris, nicht die Nationalversammlung, die, unter dem Druck des Feindes gewählt, durch zahlreiche Demissionen zusammengeschrumpft, nicht die integrale und freie Volkssouveränität repräsentirte und nur eine Aufgabe zu erfüllen habe: den Frieden. Vermöge ihres exklusiven und ländlichen Charakters streng reaktionär gestimmt, stand diese aus der Provinz entstammende Versammlung nicht auf der Höhe der Ereignisse und mußte von Paris in den Hintergrund gedrängt werden. Und Paris, das sich weder von der Provinz trennen, noch dulden konnte, daß man die Provinz von seiner Hauptstadt loslöste, Paris, Haupt und Herz der demokratischen Republik, einig und unteilbar, besaß alle Rechte, sich selbst einen Gemeinderat zu wählen und dank seiner Nationalgarde über die öffentliche Freiheit und Ruhe zu wachen. So befreite es Frankreich und rettete die Republik ... »Ein Gemeinderat?« sprach Poncet mit lauter Stimme. »Vortrefflich. Die öffentliche Freiheit und Ruhe? Zum Teufel! Ist das der Weg? Frankreich befreien – doch natürlich von der Nationalversammlung? So ist der gestern hingeworfene Fehdehandschuh aufgehoben, der Bürgerkrieg angenommen! Die Republik retten? Oder sie zugrunde richten? Im Grunde denken sie, auch wenn sie es nicht äußern, daß sie über dem von ihr ausgehenden Wahlrecht stehe. Sie allein verkörpert das Ideal der freien Volkssouveränität. Gut. Alle Republikaner urteilen so. Und für das Regime ihrer Wahl tun alle Parteien desgleichen. Meinem Gefühl nach ist die Republik, die Flagge, unter der die Schlachten von Coulmiers und Bapaume geschlagen worden, dieselbe, unter welcher ich künftighin für den Fortschritt, für die Freiheit, für das Eintreten aller unter der Kontrolle jedes einzelnen arbeiten möchte. Und, zum Teufel! ich weiß, die Nationalversammlung, so wie das Unglück sie uns beschert hat, so wie ich selbst sie gestern gesehen habe, ist nicht das getreue Abbild dieses Landes, in dem die Überzahl König ist! Sind aber diese neuen Ankömmlinge, die mit den Deutschen Frieden schließen und den Krieg gegen die Franzosen aufnehmen, fähig und berufen, im Namen dieser Republik, die ich liebe, zu sprechen? Für die Unbekannten mag es noch hingehen: ihre Taten sprechen für sie. Schon haben sie ihre erste Regung, den Entschluß, die Macht aus den Händen zu geben, um sie den Bürgermeistern zu überantworten, dementiert. Gestern abend haben sie Clemenceau, und Lockroy, die gekommen waren, um nach der Sitzung der Nationalversammlung die Dinge womöglich zu arrangieren, in frechster Weise empfangen. Hausdurchsuchungen fanden statt. Die Verhaftungen werden unermüdlich fortgesetzt, Präsident Bonjean wurde ohne Veranlassung eingesteckt, Clemenceau aus seiner Mairie vertrieben. Chanzy ist immer noch gefangen ...« Versailles im Wahnsinn, Paris in Verwirrung. Je mehr er darüber grübelte, je weniger konnte er für einen der Teile Sympathie empfinden. Schmutz und Gewalttat auf beiden Seiten. Es waren Taube, die nichts hören wollten. Die Kundmachung der Bürgermeister, die in ergreifenden Worten an die glorreiche Einigkeit während der Belagerung erinnerte, das Vaterland sterbend, den Fremden vor den Toren zeigte und die Bevölkerung beschwor, die von der Nationalversammlung verheißenen Gesetze zu erwarten, begegnete gegenseitigem Achselzucken. Was war von dieser patriotischen Vermittlung der Abgeordneten und Bürgermeister zu hoffen? Ja, bei ihnen war Verstand und Klugheit. Wer aber hört auf die Klagen, wo Hochmut, Eigensinn, Egoismus alles mit fortreißt? Beiden Parteien verdächtig, unter sich selbst in ihren republikanischen Meinungen geteilt, die einen konservativ, beinahe reaktionär, die anderen zwischen der doppelten Drohung der Kommune und des Königtums die rechte Mitte einhaltend, einige endlich viel weiter von Versailles als vom Rathause entfernt und gleichwohl von letzterem der Lauheit bezichtigt, besaßen sie nicht die geringste moralische Autorität. Die materielle Macht, die ihrer friedlichen Gesinnung einen Nimbus verliehen hätte, fehlte. Im Dienste ihrer guten Absichten eine fruchtlose Aufwallung des Herzens und die vergebliche Unterstützung durch etliche Bataillontrümmer. Tatsächlich fand sich in dem großen Paris, außer den Rädelsführern des Rathauses und ihrer Volksarmee, keine entschlossene Persönlichkeit. Sich sammeln, um wen? Um eine flüchtende Regierung, die die tapfere Stadt verkannt, ihre Interessen verletzt, den Aufruhr entfesselt hatte und gleich darauf mit ihrer Armee verschwunden war, zu den Leuten des von ihr im Stich gelassenen Regiments sprechend: »Tut, was ich nicht habe tun können!« – Und ist denn übrigens, – so schloß man – dieses Zentral-Komitee so gefährlich wie diejenigen, deren Stelle es eingenommen, behaupten? Es will die Wahlen durchsetzen und dann gehen. Es verlängert die Wechselverfalls-Termine ... »Trotz der Ernennungen also«, sagte sich Poncet, »welche die Bürgermeister verkündet haben: Saisset an der Spitze der Nationalgarde, Langlois als Generalstabschef und Schoelcher als Artilleriekommandant, darf man auf den Bindestrich einer dritten Partei nicht zählen. Ich sehe Führer, aber keine Armee. Und Versailles wird, mit der Organisierung der eigenen beschäftigt, ihr keine schaffen können! Le Flô hat fünfundzwanzigtausend Erdsäcke verweigert, die Saisset für die Verteidigung von ihm verlangte; Thiers gab Schoelcher, welcher Truppen forderte, die Antwort: »Weder fünftausend Mann, noch fünfhundert, noch fünf.« Und die gestrige alberne Herausforderung war nicht danach angetan, die Gemüter friedfertig zu stimmen!« ... Einige hundert Manifestanten waren vom Börsenplatz zum Vendômeplatz gezogen, eine Fahne vor sich hertragend, welche die Worte trug: »Vereinigung der Freunde der Ordnung«, und hatten unter den Fenstern des Generalstabes der Nationalgarde »Hoch die Nationalversammlung!« gerufen. Von einem Fenster herab antwortete Bergeret: »Laßt die Delegierten heraufkommen, wir wollen uns mit ihnen verständigen.« – »Nein, keine Delegierten, ihr würdet sie ermorden!« Endlich war es einer Anzahl Nationalgardisten gelungen, die Schreier zurückzudrängen. Schwermütig betrachtete Poncet den herrlichen Sonnenuntergang, das leuchtende Azur des Himmels, unter dem die Stadt mit ihren glitzernden Dächern und ihren wie flüssiges Gold funkelnden Fenstern sich breitete, den riesenhaften menschlichen Ameisenhaufen, den all diese gewaltigen Erschütterungen in Aufruhr gebracht. Dann kehrten seine Blicke zu seinem grünenden Garten, zu dem Zuge der geschäftigen Ameisen zurück. Das fürsorgliche Völklein vollführte sein Werk der Arbeit und des Friedens. Der Riegel der Eingangstür klirrte, der Kies der Allee knirschte unter schweren Schritten. Poncet blickte auf und vermochte einen Aufschrei nicht zu unterdrücken. Erschrocken eilte seine Frau aus dem Speisezimmer herbei. Martial stand vor ihnen, verstört, den Arm in der Binde. »Um Gotteswillen«, schrie die Mutter, »du bist verwundet?« Poncet ergriff die gesunde Hand und zog seinen Sohn liebevoll zu einem bequemen Lehnstuhl, den die Auvergnatin in ihren roten Armen herbeischleppte. Martial versuchte zu lachen: »Es ist nichts, gar nichts!« Die Eltern bestürmten ihn mit Fragen und neigten sich besorgt über ihn. »Warte!« rief Frau Poncet. Und schon kehrte sie mit einem Glase Wundbalsam zurück. »Trinke, das wird dich stärken!« Doch Martial wies es zurück: »Nein, danke, man hat mir schon in der Apotheke etwas zu trinken gegeben. Es ist vorüber. Die Aufregung war größer als der Schmerz.« Und mit fieberhafter Hast stürzten die Worte von seinen Lippen: »Ich wollte euch besuchen. Ich gelangte aus der Rue Neuve-Saint-Augustin in die Rue de la Paix. Ich hatte einen Umweg um den seit gestern abgesperrten Vendômeplatz machen müssen. Welch eine Menschenmenge! Die Trottoirs, der Fahrdamm waren schwarz. Leute mit blauen Bändern im Knopfloch heulten: ›Es lebe die Ordnung!‹ Vorübergehende sagten mir, man hätte sich gestern zu einer Kundgebung in großem Stil verabredet. Aus Neugier blieb ich stehen. Lauter friedlich aussehende Bürger, darunter ganz komische, närrische Gesichter! Ich erkannte einen Polizeispion, der zur Zeit Sr. Majestät den Totschläger geführt; Thérould hat lange Zeit einen Denkzettel in Form einer Beule von ihm bewahrt. Vorn, gegen den Platz zu, mag es heiß zugegangen sein. Man hörte schreien: ›Nieder mit dem Komitee, es lebe die Nationalversammlung!‹ und sah eine trikolore Fahne wehen. Plötzlich Trommelwirbel, stärkeres Geschrei. Ich sagte mir: das wird schlimm enden! ... Das Geschrei und die Kommandorufe dauerten fort ... Und dann plötzlich Revolver- und Flintenschüsse, Stöhnen, ein fürchterliches Gedränge, Menschen werden niedergeworfen, getreten ... Ich fiel zu Boden, gegen einen Laden. Ich sah nichts als fliehende Rücken, in wilder Panik flüchtende Gestalten. Kugeln pfiffen. Als ich mich erhob – ich glaube, mein Herz muß einen Augenblick still gestanden sein – sah ich meinen Ärmel von Blut durchtränkt. Entsetzte Gruppen verbargen sich unter den Haustoren, fegten in scheuer Hast über das Trottoir. Menschliche Körper lagen reglos auf dem Pflaster ausgestreckt, andere schleppten sich fort, und überall bedeckten Stockdegen, Revolver, Hüte den Boden ... Man verband mich in einer nahen Apotheke, wo ein Greis, dem eine Kugel in die Schulter gedrungen war, gepflegt wurde ... Jeder erzählte, was er gesehen hatte. Die einen sagten, es seien die Männer der Ordnung gewesen, die zuerst geschossen hätten, die anderen behaupteten, es seien die auf dem Platze aufgestellten Wachen gewesen. Auch unter ihnen scheint es Tote und Verwundete gegeben zu haben ... Ich selbst kann von Glück sagen, es ist nur eine Hautaufschürfung ...« Frau Poncet bestand darauf, sich zu überzeugen, ob er die Wahrheit sprach, und den Verband zu prüfen. Sie verstand sich darauf besser als irgend jemand nach den in den Ambulanzen von Tours gesammelten Erfahrungen. Sie erblaßte beim Anblick des über den ganzen Vorderarm laufenden blutigen Streifens, des entzündeten Fleisches ... Nein, die Wunde war nicht sehr ernst! Aber wenig hätte gefehlt ... Er war glücklich davongekommen ... Mit trauriger Zärtlichkeit blickte Poncet auf seinen Sohn, der der Stolz seines Lebens war. Aus der Tiefe seines Herzens fluchte er diesen Ungeschickten, die die Scharmützel eröffnet hatten und durch ihr sinnloses Dazwischentreten nur noch Öl ins Feuer gossen. Der Anblick seiner Frau, wie sie diesen Arm verband, der Fleisch von ihrem Fleische war, versetzte ihn in fassungslose Erregung. Ah, diese Wahnwitzigen, die aufeinander losschlugen und soeben das erste Blut vergossen hatten! II. »Die Herren vom Komitee haben also ihre famosen Wahlen um drei Tage aufzuschieben geruht?« sprach Du Breuil. »Die Realisierung von Picards Gesetzvorlage, den 1. April abwarten, pfui!« spottete Herr von Grandpré. Und mit sarkastischer Miene seinen Schnurrbart streichend, setzte er hinzu: »Wenigstens drei Tage gewonnen!« ... Im Salon des Hotels Grandpré, dessen Vorhänge zugezogen waren, und der von dem Lichte mehrerer Lampen freundlich erhellt wurde, saßen die beiden Männer vor dem Diner einander in ernstem Gespräche gegenüber. Sie freuten sich dieser traulichen Stunde, des lustig knisternden Kaminfeuers und ihrer beginnenden Sympathie. Du Breuil fühlte sich in diesem Hause von einer köstlichen Atmosphäre liebevoller Freundschaft umgeben. Als er gekommen war, um seine Verdauungsvisite zu machen, war er von Frau von Grandpré zurückgehalten worden: »Sie können hier unsere liebe Anina bequemer sehen als im Park, wo Sie – mein kleiner Finger hat es mir verraten – gestern abend mit Herrn Bersheim spazieren gegangen sind ...« Ein Lichtstrahl fiel auf die vergoldete Ecke eines an der Wand hängenden Landschaftsgemäldes. Du Breuil warf einen heimlichen Blick auf die Tür, des Erscheinens des geliebten Wesens harrend. Fürwahr, hier war gut sein! »Die Verschiebung der Wahlen«, fuhr Herr von Grandpré fort, »der Widerstand der Bürgermeister gegen das Komitee, überhaupt alles, was die Ereignisse aufzuhalten und Paris zu verhindern vermag, gegen uns zu marschieren, ist ausgezeichnet. Schon gewinnen die Regimenter, in der Hand ihrer Chefs isoliert, besser genährt und anständiger equipiert, Form und Gestalt. Bald werden die Gefangenen aus Deutschland eintreffen und mit den ehemaligen Kadres schnell wieder kriegstüchtige Truppen bilden. Schon blickt Thiers der Möglichkeit eines Überfalls von Versailles durch die Föderierten ruhiger ins Auge. Man spricht nicht mehr von jenem von ihm vollständig ausgearbeiteten Plane, die Nationalversammlung und die Armee in eine im Innern des Landes gelegene Stadt zurückzuführen. Nicht mehr eine Nachhut, sondern eine Vorhut bewacht die Straßen. Mit Geduld und Klugheit die Armee, moralisch wie physisch, neu organisieren, um das aufrührerische Paris wieder einzunehmen, das ist jetzt der einzige Gedanke. Thiers will nichts überhasten. Um diese militärische Erziehung zu vollbringen, wird man einen, zwei, vielleicht drei Monate brauchen. Das Werkzeug muß fest und widerstandsfähig sein.« »Je solider es ist«, bemerkte Du Breuil, »je weniger wird man vielleicht nötig haben, es zu gebrauchen. Jeder wird sich dann zweimal bedenken. Die Vorstellung eines solchen Krieges kann auch die Gewalttätigsten schaudern machen.« Herr von Grandpré spann seinen Dithyrambus fort: »Und in seinem Alter! Er ist wahrhaftig bewundernswert. Das Regieren verjüngt ihn. Von Tagesanbruch auf, immer frisch und rüstig, unaufhörlich mit den Ministern, den Generälen, den Intendanten, den Abgesandten der Provinz in Beratung. Kaum ein kurzes Ausruhen vor dem Diner und wieder bis Mitternacht tätig und auf den Beinen. Er ist es, der jeden Abend die Berichte und Befehle an die Präfekten verfaßt. Eine solche Tatkraft ist geradezu wunderbar. Sie hat doch auch Sie in Erstaunen gesetzt, als er Sie empfing und sich von Ihnen über den Tag von Montmartre berichten ließ, nicht wahr?« Du Breuil nickte zustimmend. Er sah in dem mit Landkarten bedeckten Kabinett den berühmten Zwerg wieder vor sich mit dem maliziösen Auge hinter den goldgefaßten Brillengläsern, der breiten, faltigen Stirn unter dem dichten weißen Haar. Er hatte sich gewundert, ihn nicht mehr als den großen Staatsmann wiederzufinden, der von der Tribüne herab mit seiner klaren, trockenen Beredsamkeit die Zuhörerschaft beeinflußt hatte, vielmehr als ein eigenwilliges altes Kind, das Napoleon spielte. »Sie haben bei der Artillerie gedient, Herr Major?«... Und in schier unversiegbarem Redefluß hatte er seine Ansichten über die Schußweite der Geschütze zu äußern begonnen, hatte Beispiele aus der Geschichte zitiert, dabei immer wieder auf seine eigenen strategischen Kombinationen zurückkommend... Im Vorzimmer hatten indessen mehrere Generäle gewartet. Du Breuil hatte im Fortgehen einige ehemalige Chefs gegrüßt und war auf der Treppe dem Marschall Canrobert begegnet, der ihn mit großer Herzlichkeit umarmt hatte. Immer neue Persönlichkeiten trafen ein, Auferstandene von Sedan, aus deutscher Gefangenschaft entlassene Offiziere; sie alle wurden empfangen, und er dachte an die schrille, schwache Stimme, die dort oben endlos perorierte... Thiers hatte ihm in leutseliger Weise einen Platz im Generalstab der neuorganisierten Armee versprochen. Sie umfaßte vorläufig erst drei Infanterie- und drei Kavalleriedivisionen mit einem in Saint-Germain detachierten Korps. Er dachte an d'Avol, der am Sterbebett seiner Mutter zurückgehalten wurde. Bei dem Gedanken an das, was sein einstiger Freund leiden mußte, an ein gleiches Unglück, das ihn selbst treffen konnte, empfand er tiefes Mitgefühl. Wieder blickte er verstohlen nach der Tür. Wie lange doch Anina ausblieb! Herr von Grandpré, der an diesem Abend die ersten Stunden der Freiheit nach der Arbeitslast dieser stürmischen fünf Tage genoß, sprach mit sichtlichem Behagen von den Dingen, die allein sein Interesse beschäftigten und ihn in seinen eigenen Augen erhöhten: von allem, was in Thiers' unmittelbarer Umgebung geschah, von diesem Chaos von Arbeiten und Geschäften, von denen das Schicksal des Landes abhing, und an denen er, unter der Leitung Bartélemy-Saint-Hilaires, einen bescheidenen Teil an Arbeit und einen bedeutenden Anteil an Verdienst sich beimaß. Als Mann standesgemäßer Ideen und gemäßigter Überzeugungen besaß er Bildung und Feinheit und jenen mit einer Rente von fünfzigtausend Pfund gefütterten Skeptizismus, der sich mit dem Unglück anderer auszusöhnen und aus dem unabänderlichen Lauf der Dinge sich eine elegante Philosophie zurechtzuzimmern versteht. Einem wappengeschmückten Etui entnahm er, nachdem er es Du Breuil gereicht, eine leichte Zigarette. Das Zündhölzchen krachte, und nach zwei langen Zügen nahm er das Gespräch wieder auf: »Der Nachteil dieser Zeiten der Verwirrung ist, daß, viele nicht sogleich wissen, auf welche Seite sie sich stellen sollen. Können Sie glauben, daß nicht wenige Ihrer Kameraden, und zwar gerade die Besten unter ihnen, – ich spreche von jenen, die die weiße Feder tragen –, im ersten Augenblick gezaudert haben. Wo war die künftige Macht?... Ich kenne manche, die eine wahre Angst davor hatten, sich zu kompromittieren. Ganz gewiß. Warum hatte ich nicht die Ehre, den neunzehnten mit Ihnen zu dinieren? Weil Thiers mich nach Paris geschickt hatte, um drei Generäle zu holen. Ein einziger, Galliffet, ist gekommen. Die beiden anderen erklärten, mir nicht folgen zu können, da sie nicht wüßten, welches die wirkliche Regierung sei. Die Couloirs des Kriegsministeriums waren am Nachmittag des achtzehnten voll von Leuten, die nur ein Verlangen hatten: sich der Notwendigkeit einer Parteinahme zu entziehen... darunter befanden sich Generäle, sogar ein Marschall von Frankreich... Glücklicherweise werden einige Offiziere sich in so kategorischer Weise entschieden haben wie Rossel, ein Oberstleutnant vom Generalstab, der beim Minister seine Demission eingereicht hat mit der Erklärung, er stelle sich auf die Seite »jener Partei, die den Frieden nicht unterzeichnet hat und in ihren Reihen keine an der Kapitulation mitschuldigen Generäle zählt...« »Rossel?« fragte Du Breuil. »Ich lernte ihn in Metz kennen.« Die Erinnerung an die Todeskämpfe der Armee krampften ihm das Herz zusammen. Wie d'Avol war auch Rossel einer von jenen, die sich nicht ergeben hatten. Noch glaubte er die glühenden Augen, die hohlen Wangen, den Ausdruck verzehrender Verzweiflung in seinen Zügen zu sehen. »So auch Cremer!« sprach Grandpré. »Man hat ihn im Rathaus empfangen und akklamiert. Wird er zu den Aufständischen übergehen? Indessen – die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen, – verwendet er sich für die Befreiung Chanzys... Was die Subalternoffiziere betrifft, hat man mehrere von ihnen nach der Füsillade auf dem Vendômeplatze an der Spitze föderierter Bataillone gesehen. Die Soldaten und Marinemannschaft sind, dem kommunardischen Officiel zufolge, zum großen Teile der Nationalgarde einverleibt worden... Ob sie zur Rückkehr werden bewogen werden können?... Sehen Sie«, schloß er mit einem Lächeln, »alles Zaudern und Schwanken kommt von diesem bedauernswerten modernen Geiste, der die schützende Kraft der Religion leugnet, von dieser Zweifelswut, welche die Grundlagen unserer alten Gesellschaft untergräbt. In der Politik gibt es nur eine Regel: an der Gesetzlichkeit festhalten, wenn diese mit den Prinzipien, welche das Frankreich der Vergangenheit so groß gemacht hat, vereinbar ist! Das ist der Rettungsanker... Legalität, Grundsätze, darin liegt der Kern der Sache!« Er streifte die Asche von seiner Zigarette ab: »Und dann, die Seele des Krieges ist das Geld! Was sollen diese Herren Pariser mit ihren leeren Taschen beginnen? Die städtische Steuer bringt wenig ein, und die Börse – er blies eine kunstvolle Rauchspirale in die Luft – die Kapitalien zerstoben, verschwunden! Keine Quote mehr. Ohne Umsatz von Millionen, ohne große Bankiers und unternehmende Geschäftsunternehmer ist eine Regierung ein totgeborenes Kind...« Er dämpfte die Stimme: »Wohl ist die Bank da, von der sie weitere 350 000 Francs verlangt haben... Sie glauben sie halb geleert. Da irren sie jedoch sehr. Wenn sie sie in Beschlag nähmen, hätten sie uns in der Hand.« Du Breuil blickte ihn mit solcher Überraschung an – auch er hatte die Bank geleert geglaubt –, daß Grandpré bereute, zuviel gesagt zu haben und sich in die Lippen biß: »Das bleibt selbstverständlich unter uns.« In diesem Augenblick trat Anina mit ihrer Cousine ein. Du Breuil küßte beiden die Hand. Das junge Mädchen trug im Gürtel einen Veilchenstrauß, dessen süßer Duft das behaglich durchwärmte Zimmer erfüllte. Während Anina sich unter der Lampe über ein Photographiealbum neigte, das Claire von Grandpré ihr zeigte, bewunderte Du Breuil die feinen, dunkelgoldigen Löckchen, die auf dem leuchtend weißen Nacken zitterten. Aninas Anmut verschmolz mit dem Duft der Blumen. Sie fühlte seinen Blick voll heißer Liebe auf sich ruhen, hob errötend die Stirn und lächelte ihm zu. In diesem Augenblick verlangte er nichts mehr vom Leben, als daß dieser selige Moment ewig dauern möchte. »Dein Vater verspätet sich«, sagte Claire. Gleich darauf ließ sich Bersheims lebhafte Stimme vernehmen, und er trat hinter Frau von Grandpré ein. Sofort setzte man sich zu Tische. Der Metzer kam von der Nationalversammlung, immer noch vor Erregung zitternd. Obgleich ohne Sitz und Stimme, nahm er an den Sitzungen, die er nur selten versäumte, ein schmerzliches Interesse, verfolgte sie mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit und der Verzweiflung seiner blutenden Seele. Er konnte sich nicht entschließen, nach Metz zurückzukehren, nach der kleinen, hingeopferten Heimat, wohin keine höhere Pflicht mehr ihn rief; gegen das Drama, das ihn hier festhielt, wo Frankreich selbst um sein Schicksal kämpfte, traten die Bande der Familie und alter Gewohnheiten völlig in den Hintergrund. Von Tag zu Tag verschob er seine Abreise, durch die Briefe seiner Frau auf dem Laufenden gehalten. Großmutter Sophia ging es gut. Auch von Maurice, der noch in Köln in Gefangenschaft war, liefen beruhigende Nachrichten ein. Bald schlug die Stunde seiner Befreiung... Ein Bedienter servierte auf einer silbernen Platte ein Gratin de soles. Die alte Frau von Grandpré erkundigte sich: »Nun, war die Sitzung wieder sehr aufregend?« Bersheim lehnte die angebotene Speise ab, wieder ganz im Banne seiner Erregung: »Sprechen Sie mir lieber gar nicht davon! Wir hatten gelegentlich jenes fatalen Gesetzes, welches die Freiwilligenbataillone aus der Provinz zum Beistand der Nationalversammlung beruft, eine wundervolle Intervention Tolains ...« »Des Ziseleurarbeiters!«... Und Herr von Grandpré schnitt eine Grimasse, als hätte er eine Gräte geschluckt. »Er sprach zum Steinerweichen! Man mußte nur hören, mit welch begeisterter Beredsamkeit er die Versammlung beschwor, auf diese Maßregel zu verzichten, die einzig und allein den Bürgerkrieg in Frankreich zu entfachen geeignet ist.« »Und das Gesetz ist durchgegangen?« fragte Herr von Grandpré. »Mit 449 gegen 79 Stimmen! Dann trat Bérenger auf mit der Forderung, eine Delegation der Nationalversammlung möge sich nach Paris begeben, um die von den Bürgermeistern versuchten Bemühungen zur Beruhigung oder Unterdrückung zu unterstützen; und da die Tagesordnung erschöpft war, beschloß die Versammlung, sich sofort in ihren Bureaus zur Beratung über diese Vorlage zurückzuziehen: da besteigt Arnaud de l'Ariège die Tribüne und macht die Mitteilung, daß die Bürgermeister von Paris eingetroffen seien und sich mit der Nationalversammlung in Verbindung zu setzen wünschen. Die Rechte widersetzt sich dieser Forderung. Beratungen werden gepflogen, es fehlt an Präzedenzfällen: warum nicht gleich die Schranken des Konvents? Arnaud de l'Ariège läßt nicht nach: die gesamte Bevölkerung von Paris könne sehen, daß nicht auf einer Seite Frankreich, auf der anderen die von dem Lande losgelöste Hauptstadt stehe. Grévy sucht nach einem Mittel, die Feindseligkeiten zu versöhnen: die Bürgermeister-Deputierten mögen das Wort führen; die Bürgermeister, die nicht Abgeordnete sind, können als Zuschauer der Sitzung beiwohnen. Kaum hat Baze, der Quästor, gemeldet, daß er »die vornehmsten Plätze... in den ersten Tribünen« – ein Murren des Unwillens – habe vorbereiten lassen, als die Bürgermeister mit ihren über der Brust gekreuzten Binden langsam ihren Einzug in die erste Loge rechts vom Präsidenten halten. Aller Augen sind auf sie gerichtet. Es ist, als hätte man Paris auftreten gesehen!... Die Versammlung, das Publikum geraten in Erregung. Die ganze Linke erhebt sich, bricht in einen Beifallssturm aus. Man hört einen donnernden Ruf: »Es lebe die Republik«!, welchen die Bürgermeister mit den Rufen: »Es lebe Frankreich! Hoch die Nationalversammlung! Hoch die Republik!« erwidern... Ah, meine Freunde, in meinem ganzen Leben habe ich einen solchen Tumult nicht gesehen. Die ganze Rechte war in Aufruhr, stampfte mit den Füßen, schüttelte die Fäuste in einem einzigen Geheul: »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« Immer wieder übertönen die Hochrufe auf die Republik den Lärm. Die einen überschütten die Bürgermeister mit Drohungen, Anklagen und Schimpfworten, andere verlassen den Saal und kehren mit dem Hut auf dem Kopfe zurück; sie rennen umher wie Besessene, dringen in den Präsidenten, sich ebenfalls zu bedecken. Ich hörte Castellane brüllen: »Das können wir nicht ertragen!« Die Linke schreit: »Herunter die Hüte! Achtet den Präsidenten! Achtet euch selbst!« Endlich ergibt sich Grevy der Gewalt des Sturmes und erklärt die Sitzung für aufgehoben... Ein Wunder, daß es in den Couloirs nicht zu Tätlichkeiten gekommen ist.« »Das ist ernst«, sprach Herr von Grandpré. »Das ist abscheulich!« betonte Bersheim. »Wie, das ist der Empfang, welchen man den Männern bereitet, die sich mit Leib und Seele in den Dienst einer undankbaren Aufgabe stellen! So also lohnt man ihre Hingebung!... Solche Parteilichkeit gereicht einer Partei nicht zur Ehre. Und der Beweis dafür ist, daß man jetzt eben, in der Nachtsitzung, eine Bemäntelung versuchen will; Arnaud de l'Ariège soll den Vorschlag der Bürgermeister entwickeln: sie sollen autorisiert werden, im Notfalle die durch die öffentliche Gefahr dringend geforderten Maßregeln unter ihre Verantwortung zu nehmen; die Wahl des Oberbefehlshabers der Nationalgarde soll am achtundzwanzigsten, diejenige des Gemeinderates, wenn möglich durch die Bemühungen der Bürgermeister und der Adjunkte, vor dem 3. April stattfinden...« Herr von Grandpré, den diese Maßregeln kalt ließen, trommelte nachlässig mit den Fingern auf dem Tischtuch. Er hörte Bersheim mit jener weltmännischen Höflichkeit zu, hinter welcher der vollkommene Mangel an Verständnis sich verbarg. Seine Mutter lächelte voll Sympathie; sie hatte die Regierungszeiten Karl X., Louis Philipps, das stürmische Jahr von 1848 und das Kaiserreich miterlebt und so viel erfahren, daß ihre Empfindungen jetzt nur noch die einer wohlwollenden Gleichgültigkeit waren, die das hohe Alter mit einem Hauch von Anmut verklärte. Anina und Du Breuil saßen sich schweigend und doch so beredt in ihren Blicken gegenüber. Bersheim kam wieder auf die famosen Freiwilligenbataillone zu sprechen und wandte sich direkt an seinen Wirt: »Sie finden vielleicht, daß ich ungerecht gegen Ihren großen Mann bin... Den großen Mann!... Aber der Einfall, friedfertige Franzosen gegen Paris ins Feld zu führen, ist doch wahrhaftig sonderbar genug! Sonderbar und traurig! ... Ja, wenn ihr diese Armee gleich Zu Beginn schon gehabt hättet! ... Dann hätte sie euch wenigstens dazu gedient, den Mont-Valérien zu behalten, den Ihr Stratege in seiner Furcht vor Mangel an Leibgarden mit solcher Eile von Truppen entblößt hat! Der Schlüssel von Paris! Hahaha!« Er lachte mit seinem behaglichen, herzlichen Lachen. Herr von Grandpré erwiderte etwas pikiert: »Thiers war der Meinung, der Mont-Valérien wäre mit seinen Kanonen und einem entschlossenen Kommandanten wie Oberst Lockner wohl imstande, einer lärmenden Demonstration jener Leute zu widerstehen. Ein regelrechter Angriff war nicht sogleich zu befürchten...« »Natürlich!« spottete Bersheim. »Er fürchtete nur für seine eigene kostbare Person! Der Mont-Valérien, Kleinigkeit!... Deshalb widersetzte er sich auch am neunzehnten den ganzen Tag den dringenden Vorstellungen der Deputierten, die ihn beschworen, die Festung neu besetzen zu lassen. Vinoy scheint es gewesen zu sein, der ihn endlich in der Nacht zum Nachgeben bestimmt hat. Und euch dann mußte Thiers noch eine Stunde mit seiner Frau in der Nachthaube parlamentieren...« Man lächelte. »Und Sie wissen, es war höchste Zeit! Kaum waren unsere Truppen im Fort, als zwei Nationalgardebataillone anrückten ... Die Schlösser sämtlicher Poternen waren erbrochen ... Eine halbe Stunde lang hatte die Garnison bloß aus einem Posten von achtundzwanzig Chasseurs bestanden, von denen nur zwanzig bewaffnet waren. Das war alles, was auf dem Mont-Valérien an Gewehren zu finden war!... Ach ja, Herr Thiers ist ein großer Feldherr!« Bersheim konnte ihm die Unterzeichnung des Vertrages, welcher die Zerstückelung Frankreichs bedeutete, nicht verzeihen. Der Metzer weigerte sich, den Mann zu bewundern, indem er weniger den übrigens geschickten Liquidator des Bankrotts, als den egoistischen Politiker erblickte, dessen willkürliche Apathie und offenkundige Feindseligkeit den Bestrebungen der Verteidigungsregierung geschadet hatte. Sein Groll verriet sich bei jeder Gelegenheit, und da man als die Triebfeder desselben seinen schwerverwundeten Patriotismus erkannte, vermied man es, ihm zu widersprechen. »Sie bedenken nicht«, wandte Grandpré ein, »die Schwierigkeiten, denen er begegnet, die Verantwortlichkeit, die auf ihm lastet. So zum Beispiel den Deutschen gegenüber... Es ist eine beständige Angst, ein Damoklesschwert, das über uns hängt. Gestern war es der kommandierende General Fabrizius, der Favre drohte, das Feuer auf die Stadt wieder zu eröffnen, wenn Paris in irgend einem Punkte den Verträgen entgegenhandelt und nicht unverzüglich die abgeschnittene Telegraphenverbindung nach Pantin wieder herstellt. Heute ist es Schlotheim, der Kommandant des III. Armeekorps, der das Zentral-Komitee benachrichtigt, daß er eine freundliche und passive Haltung bewahren wird, wenn Paris seinerseits sich strenge an den Wortlaut des Präliminarvertrages hält...« »Doppeltes Spiel!« sagte Du Breuil. »Ihr Zweck ist einzig und allein die Sicherung der Milliarden! Anmaßend gegen diejenigen, die zu zahlen verpflichtet sind, schonungsvoll gegen die anderen, die die Zahlung verhindern könnten. Unterordnung und Verwirrung so viel man will, wenn nur gezahlt wird!« Wie ein kalter Hauch, strich es über die Anwesenden. Und doch schlugen aller Herzen im Einklang. Über dem tiefen Schweigen lastete der Gedanke an die Sieger. Frau von Grandpré gab ihrem Sohn ein Zeichen: die Tafel wurde aufgehoben. Zwei Tage später befanden sich die Poncets in der kleinen Wohnung der Thédenats, wo sie zum Diner geladen waren. Die beiden Frauen saßen plaudernd beisammen im Speisezimmer, Frau Thédenat damit beschäftigt, die Zeitungsausschnitte der Woche in ein Register zu ordnen, während Agathe Poncet die Stricknadeln in ihren knochigen Fingern, denen man eine solche Behendigkeit gar nicht zugetraut hätte, bewegte. Durch die offene Tür drangen die Stimmen der drei Männer. Thédenat, nach alter Gewohnheit an den Kamin gelehnt, hörte dem Chemiker zu. Martial, der den Arm noch in der Binde trug, betrachtete lächelnd den mit seinem siegreichen Arm das Medusenhaupt schüttelnden Perseus. Er dachte an die Loggien dei Lanzi, an den mit Steinfliesen belegten Platz des Palazzo Vecchio. Bald, sobald die Dinge sich zum Besseren wandten, wollte er in der sanften Anmut florentinischer Kunst und Natur, in Roms Schönheit seine Seele reinbaden ... »Nun«, sprach Thédenat, »es ist also alles arrangiert? Der böse Traum zerstreut sich, man ist über das Datum der Wahlen einig? ... Nun gut, so haben Sie das Richtige getroffen: die Bürgermeister tun recht daran, daß sie nachgeben.« Am Morgen hatte Poncet nach Ranc und einigen Unabhängigen eine Kundmachung unterzeichnet, welche an die Bürgermeister die dringende Aufforderung stellte, sich nicht lange bei leeren Form- und Legalitätsfragen aufzuhalten. Da die Abstimmung allen dringend notwendig erschien, sollten sie selbst, und zwar sofort, Paris einberufen und an alle Republikaner die Aufforderung ergehen lassen, sich zu diesem Werke der Beschwichtigung und der Versöhnung zu vereinigen; damit würde alles sich beruhigen. Von Picard in der provisorischen Verwaltung akkreditiert, durch Thiers gedeckt, der tags vorher erst in einem Briefe an einen von ihnen im voraus »die Maßregeln der Begnadigung, die sie ergreifen zu müssen glaubten«, in formeller Weise ratifizierte, waren die Bürgermeister durchaus berechtigt, der Nationalversammlung entgegenzutreten, die ungeachtet ihrer Feindschaft es nicht wagen würde, sie angesichts des Landes zu verleugnen. Als von den Verhältnissen eingesetzte Schiedsrichter waren sie die einzigen möglichen Unterhändler des Friedens. Und, wer sollte nicht aus der Tiefe seines Herzens den Frieden wünschen? »Wie ist das alles zugegangen?« fragte Thédenat. »Ich habe nur flüchtig etwas durch Jacquenne erfahren. Und er pflegt jedes Ding immer nur von seinem Standpunkte aus zu beleuchten! ... Ich hätte gestern abend in Versailles sein mögen. Nicht bei der Sitzung, in der wahrscheinlich die von Arnaud de l'Ariège eingebrachten Vorlagen besprochen worden sind, da ihr Verlauf in so merkwürdiges Dunkel gehüllt wird, sondern in den Bureaus und den Couloirs.« »Ich war dort«, erzählte Poncet. »Und es war noch verworrener, als Sie es sich vorstellen ... Doch ich will beim Anfang beginnen, um den Knäuel abzuwickeln. Primo, vorgestern die Note des Komitees, welche den »General« Bergeret mit der Ausführung sämtlicher militärischer Ämter betraut. Sie werden fragen: Und Lullier? – Eingesperrt, der Rückkehr zur Ordnung verdächtig, mit einem Male ein gefährlicher Irrsinniger. Man kann es ihm nicht verzeihen, daß er den achtzehnten die Armee ruhig hatte ausziehen, daß er sodann den Mont-Valerien sich hatte entgehen lassen, den er mit solcher Leichtigkeit hätte einnehmen können. Dann gestern eine zweite Note, welche den Generälen Brunel, Eudes und Duval – die sind schnell zu Ehren und Würden gekommen! – bis zur Ankunft Garibaldis, der nie kommen wird, alle militärischen Vollmachten erteilt. Allzu schlau! Überdies eine Sündflut von Plakaten und Kundmachungen, welche verkünden, daß der Moment gekommen sei, zu handeln und allen Widerstand zu brechen ... Nicht, als ob dieser Widerstand besonders furchtbar gewesen wäre, trotz etlicher getreuer Bataillone, welche die Bürgermeister endlich zusammengebracht hatten. Und auch die Kugel, die dich getroffen hat, mein Junge, – er blickte Martial an, – spielt dabei eine Rolle. Denn wenn auch das Scharmützel vom Vendômeplatz einen Haufen erschreckter Feiglinge nach Versailles getrieben hat, haben dafür andere Saissets kleine Armee in der Umgebung der Mairien, in Saint-Germain l'Auxerrois, in der Rue de la Banque, der Rue Druot verstärkt. Durch den Zuzug einiger hundert isolierter Soldaten, einer Anzahl Mobilgardisten und Freiwilliger erreichte sie eine Stärke von nahezu achttausend Mann. Außerdem hat auch die Schuljugend ihr Kontingent geliefert ... Ihr Manifest, in der Mitte zwischen dem Komitee und der Nationalversammlung, ist doch vortrefflich, nicht?« »Jules hat dazu beigetragen«, rief Frau Thedenat dazwischen. »Die jungen Leute sind gekommen, ihn um Rat zu fragen: »Die Republik voll und ungeteilt aufrecht erhalten ...« Sie haben seine Worte reproduziert ...« »All das«, fuhr Poncet fort, »vermochte dem armen Saisset, dem – zu seiner Ehre sei es gesagt, – die auf den Straßen sich abspielende Aktion wenig behagt, seine Illusionen nicht wiederzugeben. Er erklärte jedem, der es hören wollte, daß der Kampf unmöglich sei. Etwas anderes ist es, eine Eskadron gut zu führen und ein Fort tapfer gegen die Preußen zu verteidigen, als sich zum Unterdrücker eines Aufstandes aufzuspielen. Beweis dafür seine Kundmachung, die, zweifelsohne in bester Absicht verfaßt, nur dazu beigetragen hat, die Ereignisse zu beschleunigen, ohne einen Menschen zu überzeugen ...« »Welche Kundmachung?« fragte Martial. Seit seiner Verwundung hatte er das Interesse für die Ereignisse verloren und sich wieder seinen Neigungen und künstlerischen Projekten zugewandt. Er hatte seinen Unfall benutzt, sich seiner Leutnantsfunktionen zu entledigen, bevor man sie ihm entziehen konnte, denn er war zu lau geworden für das immer mehr unter den Einfluß des Zentral-Komitees geratende Bataillon, aus dem beinahe alle Freunde der Ordnung sich zurückgezogen hatten. »Eine Kundmachung, welche goldene Berge verheißt! Die Nationalversammlung gewährte darin nichts Geringeres als die städtischen Freiheiten, die Wahl des obersten Kommandanten, die Verlängerung des Wechselverfalltermins, den Nachlaß der Mietzinse unter 1200 Francs! Das wäre allzu schön!« »Ich kann mir nicht erklären«, sprach Thédenat, »welches Motiv den Admiral dabei geleitet hat.« »Wer kann wissen? ... Vielleicht will er dadurch einen Druck auf die Nationalversammlung ausüben? ... Es scheinen mehrere Entwürfe verfaßt und im voraus unterzeichnet worden zu sein. Saisset hatte es Tirard überlassen, aus diesen Varianten die ihm geeignetste scheinende zu wählen. Gewiß ist, daß im Zentral-Komitee diese leeren Versicherungen keinen zu entwaffnen vermochten und in Versailles die Bombe zum Platzen gebracht haben. Die Rechte hat Verrat geschrien, hat sich tausend Unmöglichkeiten ausgemalt: den Admiral an der Spitze des Zentral-Komitees, Thiers mit den Aufständischen paktierend, versuchend, die Pariser Bewegung zu seinem Vorteil zu leiten!« »Das ist Wahnsinn!« rief Thédenat. »In einem ihrer Bureaus sich versammelnd, hat sie darüber beraten, ob sie ihn nicht in Anklagestand versetzen sollte, während einer der Prinzen von Orléans alle Vollmachten der Regierung übernähme.« »Weiter nichts!« spottete der Geschichtsschreiber. »O ja! Und das Geheimnis dieser merkwürdigen, nach zehn Minuten aufgehobenen Sitzung ist: die Diskussion wird auf einen anderen Tag verschoben, Thiers beschwört die Nationalversammlung, ihre Worte und ihre Handlungen zu wägen und ihre Leidenschaften zu zügeln. Ein unglückliches Wort könnte Ströme von Blut entfesseln! Er war bleich, seine Züge verzerrt. Doch das Geheimnis ist durchgedrungen, hat sich natürlich nach Paris fortgepflanzt und die Willenskraft der Bürgermeister gebrochen, die seit vierundzwanzig Stunden einen erbitterten Kampf gegen das Zentral-Komitee wegen des Datums der Wahlen führten ... Die Unglücklichen! Heute morgen begegnete ich einem von ihnen, wie er ganz erschöpft nach dem Kompromiß die Rue de la Banque verließ ... Ganz unkenntlich! ... Was für eine Existenz führen sie seit dem achtzehnten! Fast alle aus ihren Ämtern vertrieben, in den drei Arrondissements des Zentrums zusammengepfercht! Sitzungen bei Tag, bei Nacht, zwischen der Nationalversammlung und dem Komitee schwankend, von einer Versprechung zur anderen, von einer Treulosigkeit zur anderen hin und her geschüttelt ...« »Ach ja!« sprach Thédenat sinnend. »Jetzt begreife ich. Sie haben das weiße Gespenst gesehen, die Wiederaufrichtung der Monarchie, und haben nachgegeben, um Schlimmeres zu verhindern! ... Doch erzählen Sie mir das ausführlich.« »Nun also! Gestern nachmittag nach der kategorischen Note hat Brunel mit zwei Delegierten des Komitees – Protot und einem anderen –, vier Bataillonen, Garibaldianern und Kanonen die Mairie des Louvre umzingelt und Méline befohlen, ihm den Platz zu übergeben und die Einberufung für den sechsundzwanzigsten zu unterzeichnen. Nach langen Verhandlungen kommt ein Ausgleich zustande, und sie beschließen, die Wahlen auf den dreißigsten festzusetzen. Sie erscheinen gemeinsam auf der Freitreppe der Mairie, um sich in die des II. Arrondissements zu begeben, wo die Vereinigung der Bürgermeister in Permanenz tagt. Die Bravo- und die Vivatrufe vermischen sich. Bataillone de l'ordre und Föderierte, eine Minute vorher zum Angriff bereit, heben die Kolben und verschmelzen miteinander. Eine Last fällt allen vom Herzen. Rings umher bricht die Menge in Jubelgeschrei aus. In der Rue de la Banque wiederholt sich die Debatte. Hier ist man über das Datum einig, aber streitet sich wegen des Modus der Abstimmung. Endlich verständigt man sich, Delegierte und Bürgermeister unterfertigen den Vertrag: die Festsetzung der Wahlen für den dreißigsten, die Wiedereinsetzung der Bürgermeister in sämtlichen Arrondissements mit der Verpflichtung, selbst das Structinium zu überwachen ... Allgemeiner Jubel.« »Bei Gott«, warf Martial ein, »selbst mein Bataillon ist unter den Rufen: »Keinen Bürgerkrieg mehr! Es lebe die Arbeit! Vivat der Friede!« durch die Straßen gezogen.« »Warte nur«, fuhr Poncet fort. »Bald zeigte es sich, daß es ein blinder Jubel gewesen. Als die Bürgermeister von ihren Ämtern Besitz ergreifen wollten, begegneten sie energischem Widerstand. Empört kehren sie in die Rue de la Banque zurück, wo spät in der Nacht erst Arnold und Ranvier erscheinen und im Namen des Komitees erklären, daß Brunel seine Vollmacht überschritten habe und die Wahlen, man mag nun wollen oder nicht, auf den sechsundzwanzigsten angesagt blieben. Die Bürgermeister verfassen einen Protest, verschanzen sich in der Mairie. Mitrailleusen, Chassepots, man wehrt sich tapfer... Heute morgen um elf Uhr hatten die Unermüdlichen – sieben Bürgermeister und siebenundzwanzig Adjunkte – die Sitzung wieder eröffnet, als aus Versailles die Deputierten eintreffen. Es sind ihrer sechs, Clemenceau, Lockroy, Floquet, Schoelcher, Tolain und Greppo. Sie kramen die trostlosen Nachrichten aus: D'Aumale oder Joinville. Bald nachher kehren Arnold und Ranvier zurück: willigen die Bürgermeister in das Datum des sechsundzwanzigsten, so wird man ihnen ihre Ämter zurückgeben, und die Wahlen werden unter ihrer Leitung stattfinden ... Donnerwetter! mag man noch so fest sein Recht behaupten, ein wenig Legalität würde nicht schaden! ... Die Bürgermeister, all dieses Handelns und Feilschens müde, widerstreben anfangs, wie aber schwanken, wenn man zwischen zwei Parteien steht, von denen die eine bereit ist, den Bürgerkrieg mit der Monarchie dem Lande aufzudrängen, die andere, dank den Wahlen, ohne Zweifel davor zurückscheuen wird, ihn zu entfesseln? Sie unterzeichnen die endgültige Einberufung für morgen und rufen ganz Paris zur Abstimmung. Daß die Urnen sich in ihren Händen befinden, ist eine Bürgschaft für die Gesetzlichkeit der Wahlen ... Versailles wird nachdenken ... So also liegen die Dinge, lieber Freund.« Er zog seine Uhr: »In dieser Stunde ist Louis Blanc im Begriffe, die Entscheidung der Bürgermeister der Nationalversammlung zu unterbreiten und dieselbe mit der Erklärung, daß sie als gute Bürger gehandelt haben, um die Sanktionierung des Beschlusses zu bitten.« Thédenat verzog das Gesicht: »So stehen wir denn am Fuße der Mauer ... Kann man jedoch diejenigen, die seit sechs Wochen nicht aufhören, Paris aufzureizen und zu verwunden, die in der loyalen Mitwirkung der Bürgermeister nichts als ein Manöver zugunsten der Republik gesehen haben, einer guten Regung für fähig halten? Sie verdächtigen sie, sie hassen sie und haben sich ihrer nur bedient, um den Truppen Zeit zu geben, sich zu festigen. Das ist ihr Zweck, der sich in allen ihren Handlungen und ihren Gedanken verrät ...« Poncet brummte: »Wer weiß, ob sie es, wenn die Wahlen erst vorbei sind, wagen werden, sie für ungültig zu erklären und ihre Maske zu lüften? Dunkel und drohend liegt die Zukunft vor uns.« Traurig, in trostlosem Zweifel blicken sie sich an, auch sie dieser ewigen Ungewißheit müde, hoffnungslos und im geheimen doch noch hoffend. Es klingelte. Frau Thédenat, die sich erhoben hatte, um zu öffnen, rief leise ihren Mann: »Lieber Freund ... Herr Simon ist da und möchte dich sprechen.« Thédenat trat ins Vorzimmer hinaus, um ihn zu empfangen. Verlegen, den dicken, struppigen Kopf entblößt, zog der Schuster hastig eine in Papier gewickelte Rolle aus der Tasche; es war das Geld, das Thédenat vergangene Woche ihm geliehen hatte. Nein, er brauchte es nicht mehr, es waren Zahlungen eingegangen, und da jetzt alle Welt einig war, die Verfalltermine um einen Monat zu prolongieren ... Die Nationalversammlung nach der Kommune ... Er lächelte maliziös: es hatte sich also damals gar nicht der Mühe gelohnt, mit dem Ruin so vieler Menschen gedroht zu haben! Mit der Zahlung seines Mietzinses eilte es also nicht mehr ... Und diesmal verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln des Triumphes ... Das Zentral-Komitee hatte den Hausbesitzern den Mund gestopft ... Sie hatten aber auch zu lange Zähne gehabt! Und doch war es nur gerecht, daß man, nachdem man gemeinsam gelitten, auch gemeinsam die Verluste trug ... »Zu Ihren Diensten, Simon«, sagte Thedenat. Und als der Schuhmachermeister Miene machte, fortzugehen, setzte er hinzu: »Aber nein, bleiben Sie doch noch einen Augenblick. Es ist jemand da, den Sie kennen, Martial Poncet ...« Und die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnend drängte er den sich Sträubenden hinein. Poncet und Martial drückten ihm die Hand. Und doch war es nicht mehr so wie in den Zeiten der Belagerung, wo die Gemeinsamkeit der Gefahr und der Entbehrungen Bürger und Arbeiter einander näher brachte und die Klassenunterschiede verwischte. Während Martials und seines Vaters Händedruck ohne Hintergedanken war, hatte Simon ihnen seine knochigen Finger nicht ohne ein Gefühl des Unbehagens gereicht. Eine undefinierbare Empfindung, durch die Ungewißheit der Situation und den daraus sich ergebenden Verrückungen erzeugt, gab seinem Benehmen etwas Gezwungenes – das deutliche Bewußtsein der sozialen Kluft, die ungeachtet der republikanischen Überzeugungen und des wohlwollenden Charakters der beiden Männer zwischen ihm und ihnen lag. Dazu kam der dumpfe Rausch der nach einem Leben demütigender Unterdrückung von Angehörigen seines Standes an den Mächtigen genommenen Revanche! Und vor allem eine gewisse Befangenheit, hier im Arbeitszimmer des Gelehrten mit seinen groben Schuhen und dem Lederschurz dem durch einen Flintenschuß der Föderierten verwundeten jungen Künstler gegenüber zu stehen. Wohl hatte dieser ihn heiteren Tones beruhigt: »Bah, das war meine Schuld. Warum ging ich dort vorüber!« Und doch, obgleich er Bedauern über diese Verwundung empfand – ein Zufall, allerdings, aber immerhin ein trauriger Zufall, – vermochte der Arbeiter sich gegen seinen Gefährten von Buzenval, gegen den Leutnant, mit dem er am Abend der Bastille und der Kanonen Seite an Seite marschiert war, wegen dessen Demission eines leisen Grolles nicht zu erwehren. Er hatte im Bataillon, wo man von Martials Abdankung als von gemeiner Fahnenflucht, von bürgerlicher Feigheit sprach, seine Verteidigung ergriffen. »Nein, Herr Poncet hat seine guten Seiten!« Und doch sah er in dem Rückzug des zu seinem Meißel und seinen Träumen zurückkehrenden Künstlers die unvermeidliche Entfremdung, den Kastenunterschied. Und ohne daß sie es wollten, ohne daß sie sich dessen bewußt wurden, schlich sich ein Gefühl der Verstimmung in ihre oberflächliche Kameradschaft. »Nun, Simon«, sprach Thédenat, »alles geht gut, wir bekommen endlich die Wahlen!« »Nicht ohne Schwierigkeiten, Herr Thedenat!« Sein Blick verdüsterte sich, in ironischem Tone fuhr er fort: »Wenn sie nachgegeben haben, ist's doch nicht gern geschehen ... Wie die Bürgermeister sich haben bitten lassen! ... Die Bürgermeister, – das ist nur so eine Redensart, denn gut zwei Drittel von ihnen haben sich aus dem Staube gemacht ... Wie unsere Abgeordneten: von vierzig stehn nur sechs auf unserer Seite! Und alle die übrigen Herren wischen sich den Mund ab ... Ich habe soeben unten den Aufruf des Zentral-Komitees für die morgigen Wahlen gelesen und daneben den anderen von den Bürgermeistern, »einzig authentischer Text«, wie sie erklären ... Und wissen Sie, was der Unterschied ist? In dem ersteren steht: »Das Zentral-Komitee, dem die Deputierten sich angeschlossen haben, beruft ...« Und im zweiten: »Die Deputierten, die Bürgermeister und die Mitglieder des Zentral-Komitees berufen ...« Nichts als Eitelkeit, wer der erste sein soll! ... Bei einer solchen Gelegenheit! ... Ich finde das kleinlich. Entschuldigen Sie, wenn Sie anderer Meinung sind.« Thédenat lächelte: »Hauptsache ist, daß gewählt wird, da haben Sie recht. Doch ist bei einem Vertrage nicht nur die Sache selbst von Wichtigkeit; die Ehrlichkeit fordert, daß jedermann in jeder Einzelheit seine Verpflichtung in der gebührenden Form einhalte.« Simon schüttelte den Kopf: »Das ist ja wahr. Aber wenn man die Macht hat, ist man leicht versucht, über diese Kleinlichkeiten hinwegzusehen. Wer der Herr und Meister ist, der schert sich nicht darum! Wir haben genug gezahlt, um das zu wissen. Man hätte schlimmer sein können.« Thédenat versank in ernstes Sinnen. Und Simon, dieses Schweigen den Vorgängen zuschreibend, die seit dem achtzehnten ihn so oft in seinen Grübeleien gequält hatten, sprach lebhaft, wenn auch mit ein wenig Zögern: »Sie denken an die Generäle vom Montmartre? Ja, das ist ein großes Unglück, aber es ist doch nicht unsere Schuld! Verbrecher hat es unter allen Regimes gegeben. Wenn es nur auf mich ankäme, nach den Mördern zu forschen und sie zu bestrafen! ... Aber Sie müssen doch zugeben, meine Herren, wenn die Soldaten geschossen hätten, wie sie Anno 48 geschossen haben, – er rieb sich die Hüfte an der Stelle, wo damals die Kugel eingedrungen war, – ja wenn statt der beiden man weiß nicht von wem getöteten Generäle einige Tausende von Arbeitern im Namen des Gesetzes erschossen worden wären, wäre man dann in der Nationalversammlung über diese Niedermetzelung armer Leute ebenso entrüstet gewesen, wie man es über die Ermordung von Lecomte und Clément Thomas war? ... Von Ihnen will ich das nicht behaupten, Sie sind Männer von Herz und Geist. Aber ich kann nicht umhin, einerseits an alle die vergessenen Gräber, an das Massengrab der Junimärtyrer, andererseits an die Sühnkapelle des Generals Bréa zu denken. Um dieses Opfer trauert die ganze Gesellschaft. Das ist ein Mord, der sie rührt. Die anderen, die zählen nicht ...« Diese schlicht und ohne Bitterkeit gesprochenen Worte enthielten zuviel Wahrheit, als daß Thédenat und Poncet etwas hätten entgegnen können. Mit einem Schlage hatten sie den Kern, die uneingestandenen Wahrheiten bloßgelegt, die durch die soziale Lüge verhüllt werden. In Simons Augen leuchtete ein düsteres Feuer. Er hatte recht, das erkannten sie alle an, und dieses Verständnis machte sie einigermaßen befangen. Gern lenkte man das Gespräch auf andere Dinge. Der Schuster fuhr mit festerer Stimme fort: »Man kennt uns zu wenig! Es ist wie mit der Löhnung, unseren dreißig Sous, und den Unterstützungsgeldern... Gewiß, es gibt Leute, die nichts anderes zum Leben haben, und ihrer sind es genug! Es gibt auch andere, Nichtstuer, die die Werkstätten scheuen ... Auf diese rechnete Tirard, als er in der Meinung, das Komitee habe kein Geld mehr, verkündigen ließ, daß er die Löhnung auf der Börse auszahlen werde ... Aber ich schwöre Ihnen, daß Hunderte und Hunderte von uns lieber hungern möchten als vom Komitee abzulassen, weil wir deutlich fühlen, daß das Komitee die ganz von selbst durch die Macht der Dinge entstandene Revolution ist! Das Komitee im Rathaus, da ist es unsere Sache, unsere Stimme zu erheben, um ein wenig Gerechtigkeit zu erlangen! Was würde aus uns ohne das Komitee? Die Bürgermeister waren nicht imstande, uns aus der Patsche zu ziehen, in die sie unter Trochu und Thiers uns getrieben haben. Es heißt, daß der König nach Versailles kommen wird; daß man in Boulogne Rouher und seine Sippe verhaftet hat... Der Alte möchte gern wieder in den Kuchen beißen! Es kommt nur darauf an, wer uns zuerst unterkriegt. Heißt es nicht, daß Ducrot – auch einer, der uns mit Vergnügen in die Falle locken möchte! – den Oberbefehl über die Armee erhalten hat, um gegen Paris zu marschieren? Wenn das Komitee nicht wäre...« Thédenat und Poncet wechselten einen Blick: Das Zentral-Komitee und jene, deren Namen morgen aus der Urne gezogen würden, waren nicht alles. Nicht mit ihnen allein hätte die Nationalversammlung zu rechnen. Sie waren nur der Kopf. Unter ihnen bewegte sich ein unförmlicher, schwerfälliger Körper, dessen Arme zermalmend niederschlagen konnten, und in dessen Herzen unausgesprochene Wünsche und Bestrebungen und die ewige Hoffnung wiedererwacht waren. Frau Thédenat brachte eine Platte mit mehreren Gläschen und einer Flasche Muskateller, die sie für den Nachtisch aufbewahrt hatte. Doch es dünkte ihr besser, in einem solchen Augenblick gemeinsam ein Glas zu leeren. Thédenat erriet die zartfühlende Absicht und dankte ihr mit einem Blicke. Schweigend stießen die vier Männer mit ihren Gläsern an. Thédenat sprach: »Auf die morgigen Wahlen und die künftige Eintracht!« Gerührt setzte Simon das Glas an die Lippen und fügte, bevor er austrank, mit einem Blick auf alle Anwesenden hinzu: »Und auf Ihre Gesundheit!« Linkisch stellte er das geleerte Glas auf die Platte zurück und wollte sich eben verabschieden, als von neuem die Klingel ertönte ... Es war Mutter Villoir, die in großer Aufregung eintrat. Sie kam aus dem Zorn und dem Jammern nicht heraus, seit der wiedergenesene Stadtsergeant am zweiundzwanzigsten sich zu seinen Kameraden nach Versailles begeben hatte, den Abmarsch eines durch den Aufstand am achtzehnten im Luxembourg eingeschlossenen Regiments benutzend, das, Lulliers Drohungen trotzend, mit wehender Fahne abmarschiert war, Waffen und Bagage mit sich führend. Auf dem Schloßplatze war es von einer Deputation der Nationalversammlung feierlich empfangen worden. Sie stellte ihren Handkorb auf den Speisetisch und rang die Hände: »Ach Gott, ja, wenn auch Herr Simon da ist, ich kann es doch sagen! Diese unseligen Komitees lassen einen ja nicht zur Ruhe kommen. Man muß nur das Geschrei auf dem Panthéonplatz hören! Sie wollen jetzt den Adjunkten, die gekommen sind, um für morgen alles vorzubereiten, die Mairie dort nicht übergeben! Und man hat es doch geschworen, wie die Leute wenigstens behaupten...« Poncet, über diesen neuerlichen Wortbruch empört, rief: »Das ist zu stark! Ich will im Zentral-Komitee nachsehen.« »Gehen wir zuerst in die Mairie,« schlug Thedenat vor. »Erlauben Sie, daß ich Sie begleite,« bat Simon ärgerlich. »Das muß ein Irrtum sein.« »Und das Essen?« stöhnten die beiden Frauen. »Wir kommen bald zurück. Fangt nur immerhin mit Martial an.« Um zehn Uhr nach einer beschleunigten Mahlzeit von der Mairie des V. Arrondissements, wo der Bürgermeister Régère sie in höflicher Weise abgewiesen hatte, zurückkehrend, verließen Thédenat und Poncet die lange Rue Saint-Jacques und überschritten den Petit-Pont Notre-Dame. Klar zeichneten sich die harmonischen Linien der mächtigen Kathedrale mit den beiden hohen Türmen vom blauen Nachthimmel ab. Die Steine glitzerten gleich fernen goldenen Flämmchen, von einem Lufthauche bewegt. Die Luft war mild, fast warm. Thédenat wunderte sich über die Ruhe, die über Paris gebreitet lag; in tiefem Schlummer dehnten sich die dunklen Straßen. Sie erreichten den Rathausplatz. Da plötzlich ein anderes Bild. In dem tanzenden Schein der Biwakfeuer glitzerten über den Barrikaden die Bajonette. Die Kanonen waren von Wachen umgeben. Auf dem Boden lag laut schnarchend ein Haufe von Föderierten. In dem monumentalen Gebäude, dessen Fenster hell erleuchtet, dessen Mauern bis zu Mannshöhe mit gelben und roten Zetteln bedeckt waren, herrschte reges Leben. Poncet las im Vorübergehen die Namen der Kandidaten; Thédenat deutete mit dem Finger auf das an der Tür angebrachte Plakat: Französische Republik Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit – Gerechtigkeit Tod den Dieben! »Jedes auf frischer Tat des Diebstahls ertappte Individuum wird sofort erschossen.« »Sie wünschen, Bürger?« redete ein Nationalgardist sie barschen Tones an. Ein Offizier löste sich aus einer Gruppe. Sie mußten sich näher erklären. »Bürger Fernol? ... Dort!« Der Offizier deutete auf eine breite Treppe. »Zum Zentral-Komitee, passieren lassen!« Sie mußten über Schläfer hinwegsteigen. Eine aus menschlicher Ausdünstung, aus Tabak-, Wurst- und Weingerüchen gemischte Atmosphäre stieg ihnen erstickend in die Kehle. Sie überwanden ihren Widerwillen: essen, trinken und schlafen, damit befriedigten diese armen Leute doch nur die gemeinsten Bedürfnisse. Thédenat sprach mit gedämpfter Stimme: »Die Cervelatwurst kann doch nichts dafür, daß sie nicht so gut riecht wie die Trüffel!« Sie durchschritten einen ungeheuren Saal, in dem ein wildes Gelage stattfand; Wachen sangen vor sich hin, eine betrunkene Kellnerin hielt zwei Männer eng mit ihren Armen umschlungen, so daß die beiden Krausköpfe an ihrem Busen wackelten. Sie irrten durch andere Säle; überall auf den Tischen, den Bänken schlafende, schreibende oder spielende Beamte. Keiner kümmerte sich um sie. Sie wollten eine mit goldenen Leisten verzierte Türe öffnen; ein Mann in Bluse, der die Wache hatte, hielt sie an: »Hier ist das Zentral-Komitee.« Poncet war im Begriffe, nach Fernol zu fragen, als die Tür sich öffnete. Der Lärm heftiger Diskussionen drang herein. Sie hatten Zeit, einen Blick in einen geräumigen, gelben Salon zu werfen, wo im Lichtschein der Lampen eine Gruppe von Uniformen einen ovalen Tisch umgab; sie erblickten fieberhaft erregte Gesichter, gestikulierende oder herabhängende Arme, in Fauteuils zurückgelehnte Gestalten. Die Tür hatte sich wieder geschlossen; zwei Männer standen vor ihnen, ein rotes Abzeichen im Knopfloch. »Fernol!« rief Thédenat. Der Zimmermann, mit aufgeknüpfter Krawatte und, wie immer, in blauem Samtrock, erkannte sie. Doch sein Gruß war unfreundlich, er witterte Vorwürfe, und sein abweisender Blick schien sagen zu wollen: »Was wollen Sie denn noch von uns!« Bei Poncets ersten Worten verzerrte sich sein bärtiges Gesicht, seine Augen rollten: »Die Mairien? Was ist's damit? waren sie Eigentum von Paris oder nicht? Man hatte sie, und man behielt sie! Das würde doch keinen abhalten, morgen seine Stimme abzugeben, nicht wahr? Die Guten kämen, und auf die anderen könnte man verzichten.« Er schlug sich auf die Brust: »Wenn Paris gerecht ist, wird es die Reinen wählen!« ... Das andere Komiteemitglied stimmte bei. »Diejenigen, die nach erfüllter Pflicht es nicht für notwendig gehalten haben, ihre Namen auf die Listen zu setzen und sich darin auf die Weisheit und die Dankbarkeit ihrer Mitbürger verlassen!« »Entschuldigen Sie uns,« sagte Fernol, »dringende Arbeiten rufen uns.« »Nur ein Wort noch,« bat Thédenat. »Erlauben Sie, daß ich Sie an Ihr Versprechen erinnere: Chanzy!« Er hatte wiederholt sich für die Enthaftung des Generals eingesetzt. Fernol entgegnete mit großartiger Geste: »Seien Sie beruhigt! Das Komitee hat einstimmig beschlossen, ihn aus der Gefangenschaft zu entlassen. Er wird sogleich mit seinem Kollegen Langourian hier erscheinen. Wir verlangen von ihnen nur, daß sie die Waffen nicht gegen ihre Brüder gebrauchen. Babick und General Cremer sind im Begriffe, die Gefangenen aus ihrer Haft zu befreien. Das ist die Großmut des Volkes.« Und mit einem Gruße voll olympischer Hoheit verließ er sie, um so schneller, da er Jacquenne gewahrte, in dem er bereits einen der morgigen Gewählten haßte. »Schöne Großmut,« flüsterte Poncet seinem Freunde ins Ohr. »Sie haben ihre Beute erst freigegeben, als das Kompromiß mit den Bürgermeistern unterzeichnet war, – als sie keine Garantien mehr benötigten.« Jacquenne kam raschen Schrittes auf sie zu und streckte ihnen seine hagere Hand entgegen: »Was tun Sie hier? Womit kann ich Ihnen dienen?« Er fühlte sich hier schon als Herr und Gebieter. »Uf!« machte er. »Es ist Zeit, daß diese Schwätzer uns den Platz überlassen! Welch ein Jammer! seit dem zweiundzwanzigsten sollten die Wahlen bereits geschehen, Paris in seinem Palast installiert und gemeinsam mit Frankreich von den jetzt wutschnaubenden Memmen von Versailles befreit sein! Wäre man gleich den ersten Tag gegen sie losgegangen, so hätte man sie alle ohne einen Flintenschuß hinwegfegen können. Adieu dann, antinationale Nationalversammlung! ... Das Löschhorn über Thiers! ... Sämtliche Städte hatten die Kommune proklamiert. Sehen Sie Lyon ... Ah! diese Kühnheit! ... Keiner wagt es. Die Internationale Arbeiter-Föderation zum Beispiel hat fünf Tage gebraucht, ehe sie sich entschloß, dem Komitee zu Hilfe zu kommen.« Er zuckte die Achseln: »Ich las neulich Ihre Kundmachung, Poncet! Sich auf Seite der Bürgermeister stellen ... Sie scherzten wohl? ... Doch im Ernst: konnte ein Mann von Ihrer Intelligenz denn wirklich glauben, daß Bürgermeister und Deputierte für die Nationalversammlung etwas anderes sein könnten als ein Spielball ihrer Launen? Beweis dafür ist die Wut, welche heute nachmittag den Ministerrat ergriffen hat – o, ich bin gut berichtet! – als er erfuhr, daß Saisset den unnützen Plunder: Grand-Hotel und Bahnhof Saint-Lazare, im Stiche gelassen und die drei Glatzköpfe und den Pfaffen, die ihm geblieben sind, laufen gelassen hat... Sie, die trotz aller Bitten des Admirals sich nie entschließen konnten, Passy und Levallois zu besetzen. Als hätte es ihnen unter diesen Umständen mit seinen bei Batignolles abgeschnittenen Kommunikationen, isoliert und in Paris verschwindend, noch irgendwie von Nutzen sein können ... Aber nein, sie hätten es gern gesehen, daß es sich ganz allein vierzehn Tage lang gehalten hätte. So lange brauchten sie, um ihre Soldaten wieder aufzufrischen. Thiers hat es heute zu Tirard gesagt. Jawohl! und zwar vor Zeugen: ›Unterzeichnen Sie den Kompromiß, wenn Sie wollen! Für einige Tage muß das Blutvergießen verhindert werden ...‹ Mit anderen Worten: Paris soll sich gedulden, bis ich es zu der mir geeignet erscheinenden Stunde zur Ader lasse! – Und zu vielen anderen hat er sich geäußert: ›Ich werde ein furchtbares Exempel statuieren!‹... Haha! Louis Blancs Vorschlag! ... Die Bürgermeister werden schon sehen, wie die Nationalversammlung ihre Unterschriften sichern... zu ihnen sagen wird: ›Die Komödie ist aus, Sie können gehen!‹ Das wird der ganze Dank sein, den sie davon haben werden...« Von Jacquennes tiefer Überzeugung fortgerissen, von ihren eigenen Befürchtungen bewegt, betrachteten der Historiker und der Chemiker dieses Antlitz, das den Stempel einer unbeugsamen Willenskraft trug, diese harten, kalten Augen. Jacquenne fuhr fort: »Glauben Sie mir, Thédenat, der Sie die Geschichte schreiben und sich weigern, die Geschichte richtig zu lesen! Die Gemäßigten glauben, dem Fortschritt zu dienen, und sie verzögern ihn. Es ist das ein ehernes Gesetz: der Fortschritt der Menschheit vollzieht sich nur sprungweise, in blutigen Erschütterungen. Eine dieser Stunden schlägt jetzt. Seit zwanzig Jahren hoffe ich auf sie, harrt ihrer eine entehrte, gedemütigte Menge. Nun nützt kein Diskutieren und kein Stöhnen mehr. Nun heißt es handeln!« III. Unter dem blendenden Sonnenschein, der Paris gleich einer heißen Liebkosung umhüllte, zogen die Bataillone zum Rathaus. Hoch am azurblauen Himmel, im goldigen Lichte, zogen die Schneewolken dahin. Die Dächer und die Fenster glitzerten; wie ein leuchtendes Silberband zitterte es auf dem blauen Spiegel der Seine, die langsam zwischen den Fassaden der Paläste, zwischen den in zartes Grün sich kleidenden Kais dahinfloß. Eine friedliche Menge füllte die Straßen, bedeckte die Fahrdämme, die Trottoirs, die Plätze mit ihren Riesenwogen, in denen aus dem Gedränge der Müßiggänger und den Reihen der waffenblitzenden Bataillone die lichten Kleider der Frauen sich gar anmutig gleich frisch erblühten Blumen abhoben. Auf allen Gesichtern malte sich die freudige Erregung eines großen Tages, die Süße des Bewußtseins, sorglos, frei von der Last der gestrigen Befürchtungen, der heutigen Eintracht froh, sich ergehen zu können, die neugierige Erwartung des sich bietenden Schauspiels, die berauschende Wonne dieses plötzlich erwachten Frühlings, der allen zu Kopf stieg und aus allen Augen lachte. Mit einem Schlag umgab sich die Kommune, die man proklamierte, mit einem wunderbaren Nimbus; das war das Ende der bösen Tage, des erstarrenden, blutigen Winters, der strahlende Anbruch einer neuen Ära. Die drei Simons marschierten Seite an Seite inmitten ihres Bataillons, beinahe allein eine Reihe bildend, die durch Thérould vervollständigt wurde. Man machte Halt und marschierte weiter, eine bunt zusammengewürfelte Kolonne von schwarzen Blusen und braunen Röcken, von Bajonetten starrend. Doch unter der Verschiedenheit der Kleider bebten die Herzen in gemeinsamer Begeisterung, lag auf den bleichen, gebräunten, bärtigen Gesichtern der gleiche Ausdruck freudiger Entschlossenheit. Neben ganz alten sah man blutjunge Gesichter. Fast das ganze bürgerliche Element war verschwunden – auch Martial und Delourmel fehlten, – das Volk allein zeigte sich. Die gelichteten, verringerten Kompagnien rückten energischen Schrittes vor, dessen Rhythmus die Verschmelzung von Männern gleicher Rasse verriet, die, durch die gleichen Interessen verbunden, demselben Ziel entgegenstrebten. Eine sterile, schlummernde Kraft, die zum Bewußtsein ihrer selbst erwacht war und sich ihrer Entfaltung freute. Der alte Simon und Louis schritten schweigend dahin, über Théroulds und Anatoles Späße lächelnd. Derselbe Taumel der Begeisterung, den der Alte auf dem Bastilleplatz empfunden hatte – einen Monat war's her, und wie war die Welt seither verwandelt! – als das Bataillon sich zur Julisäule begeben hatte, zur Erinnerung an jene, die ihr Blut für die Republik vergossen hatten, dieselbe Trunkenheit erfaßte ihn auch jetzt mit tiefer Befriedigung und ungemischtem Stolze. Behende streckte er sein verwundetes, für gewöhnlich etwas schwerfälliges Bein; nie war es ihm so leicht erschienen. Er bedauerte nicht mehr, mit dieser Wunde seinen Tribut gezahlt zu haben, ja er empfand beinahe eine ihn süß dünkende Eitelkeit. Er gedachte seines verstorbenen Bruders, des Paten seines Sohnes Louis, des Gefährten und Lehrers seiner Jugend, des Vaters seiner Pflegetochter Rose. Armer Jean-Louis! Wie wäre er glücklich gewesen, den endlichen Sieg der Sache zu sehen, die in seinen Augen das Glück der Niederen verkörperte und eine Herrschaft der Gerechtigkeit inaugurierte. Wie hatte an jenem Aprilnachmittag des Jahres 48 sein Auge geglänzt, als die bleiche Sonne, durch den milden, bedeckten Himmel dringend, verklärend über dem Verbrüderungsfeste geschienen hatte; die Champs-Elysees waren bis zu der beim Triumphbogen errichteten Estrade hin von einer dichtgedrängten Menge erfüllt gewesen, dreimalhunderttausend Menschen Hand in Hand, eines Herzens! ... Blumengirlanden verhüllten die Mündung der Kanonen; Zweige von Flieder und Hagedorn schmückten duftend die Läufe der Gewehre... Zwei Monate später waren die nationalen Werkstätten geschlossen, Kanonen und Gewehre spieen Tod und Verderben auf das aus seinen Häusern getriebene Volk, erstickten den Aufruhr durch den Hunger. »Brot oder Blei!« Simon glaubte den furchtbaren Schrei des Schmerzes noch zu hören, seinen Bruder Louis, von einer Kugel durchbohrt, an seiner Seite niedersinken zu sehen. Im Begriffe, den Verwundeten auf seine Schulter zu laden, war er selbst, von einem Geschoß getroffen, zu Boden, gestürzt. Kameraden hatten die beiden hinweggetragen. Monatelang hatte Louis zwischen Tod und Leben geschwebt und hatte sich nur erholt, um in oft unterbrochener Arbeit ein trauriges, entbehrungsreiches Dasein zu fristen. Vorbei war es gewesen mit all den schönen Hoffnungen! ... Der Staatsstreich vom 2. Dezember hatte der Republik ein schnelles Ende bereitet... Er sollte das gelobte Land niemals betreten! Rose war das Kind jener trübseligen Jahre. Sechs Monate nach ihrer Geburt starb die Mutter, bald darauf Louis... Glücklich wenigstens die Söhne, die sehen durften, was zu sehen ihren Vätern nicht gegönnt gewesen. Rose erntete mit ihren blühenden achtzehn Jahren die Früchte einstigen Fleißes. Simon blickte auf und betrachtete mit freudigem Stolze seinen Ältesten; er war stolz darauf, ihn so schön, so kraftvoll zu sehen. Er lächelte über Anatoles Frohsinn; sie beide erhellten mit ihrer jugendlichen Begeisterung sein rüstiges Alter; sie waren Fleisch von seinem Fleisch, sie sollten gebildeter, glücklicher, besser sein als er selbst – wahre Männer. Seine erfüllten Träume lebten in ihnen fort, er schwelgte in dem Glück dieser Stunde: die Revanche für die Vergangenheit, die Verheißung der Zukunft. Von Anatole kehrten seine Augen zu Louis zurück, plötzlich bemerkte er in dessen Zügen den Ausdruck tiefinneren Glückes ... Voll Rührung dachte Simon an die grauen Haare, an das schöne, verblühte Antlitz seiner Lebensgefährtin ... Wie hellsehend die Mutter gewesen! Gewiß, der Gedanke an Rose war es, was den Zügen seines Jungen diese strahlende Helle verlieh. Der Frühling und die Liebe! Und Simon sagte sich: »So ist es, und es ist gut so.« Das Gewehr über der Schulter, setzte Louis gleichmäßig Schritt vor Schritt, und unablässig sah er vor sich Rosens schlanke Gestalt, ihre zärtlichen, schwarzen Augen. Das lichte Bild schwebte durch den leuchtenden Glanz des Tages, über dem Gewimmel dieser frohbewegten Menge, durch die heiße Flut seiner Gedanken. Sie verschmolz mit der Schönheit dieses Augenblickes, der gleichsam im Glanz der Morgenröte die Jahre gemeinsam erduldeten Mißgeschickes, diese letzten Monate, in denen sie grausamer denn je unter Hunger und Kälte gelitten, und diese gestern abgeschlossenen Wochen zitternder Hoffnungen und quälender Zweifel beleuchtete. Bei der Heimkehr in jener Nacht, die sie in Erwartung der Deutschen verbracht, war es gewesen, da sie sich ihre Liebe gestanden hatten, die ihnen allein noch Geheimnis gewesen und die aus ihren Blicken sprach. Damals waren sie zum Leid und zur Seligkeit der Liebe erwacht. Sie, die sich bisher nur in geschwisterlicher Freundschaft verbunden geglaubt, sie schienen einander jetzt wie verwandelt. Ein Schmollen des Mädchens, dessen beweglicher, zugleich heftiger und sanfter Charakter ihn bisher niemals beunruhigt hatte, machte ihn jetzt unglücklich; und sie wiederum faßte ein Schweigen, ein neckendes Wort übel auf; und die Versöhnung nach diesen jugendlichen Zwistigkeiten war ihnen wie eine Enthüllung, ein noch nie empfundenes Liebesschmachten. Als er an jenem Morgen aufs tiefste erschöpft von den Wällen heimgekehrt war und sie so verwandelt wiedergefunden hatte, da war ihm angesichts dieser vom Weinen geröteten Augen, dieser von der ausgestandenen Angst eingefallenen Wangen die Erkenntnis ihrer Liebe gekommen. Ihre Hände hatten sich mit krampfhaftem Drucke gefaßt, ihre Blicke heiße Liebesschwüre gesprochen. Seit jener Stunde lebte er wie in einem Zustand der Verzückung, alles mit dem Widerschein seiner heute erfüllten Hoffnung verklärend. In dem Beginn der Kommune begrüßte er zugleich die Religion seiner Jugend – den Kultus des Vaters! – und sein eigenes, plötzlich erblühtes Glück. Morgen wurde die Arbeit wieder aufgenommen, das Leben war gesichert, bald konnten sie Hochzeit machen ... Im Vollgefühl seiner Seligkeit dünkte ihn alles möglich, ja selbstverständlich: der Aufschwung seiner Liebe, der Sieg seiner Ideen. Mit mehr Phantasie begabt als sein Vater, weniger als dieser von der Härte der Menschen und Dinge berührt, übersah er auch nicht mit solcher Klarheit alle die Schwierigkeiten und Hindernisse, und da, wo der alte Simon mit seiner Erfahrung sich hinter seine Arbeiten und sein Handwerk verschanzte, mit dem geringsten Fortschritt zufrieden, da schaffte sich Louis, der seinen Geist mit Lektüre genährt, gern mit Systemen Genugtuung, in seinen Träumen an der zukünftigen Stadt bauend. Der zukünftigen? Nein, der gegenwärtigen ... Auf den Trümmern der harten, alten Gesellschaft, die von selbst zusammengestürzt war, erstand schnell unter der Mitarbeit aller Menschen von Kraft und ernstem Willen eine neue, die ihre weißen Giebel in den strahlenden Frühlingshimmel emporstreckte. »Auf den Platz treten, Ruhe!« sagte Anatole zu Thérould. »Da erhebt Louchard schon den Säbel. Daß er ihn nur nicht schluckt!« ... Die Reihen stockten. Immer dichter wurde der Wald von Bajonetten. Die reglose Kolonne entlang wälzte sich unter dem sorglosen Gelächter der Gaffer in mächtigen Wogen der Menschenstrom. Alles drängte dem Place de Grève, dem flaggengeschmückten Rathaus zu, von dem am Ende der Avenue einer der hohen Eckpavillons sichtbar wurde. Anatole fühlte sich um hundert Armlängen gewachsen durch das stolze Gefühl, in Reih' und Glied mitmarschieren zu dürfen, durch die Freude an dem Chassepotgewehr, das er am Tage nach dem 18. März von einem Liniensoldaten um 10 Francs gekauft hatte. Was war an jenem Tage nicht alles zu kaufen gewesen! Sogar Knöpfe von Lecomtes Rock, um 50 Centimes das Stück, und mit Blut und Gips beschmutzte, aus der Mauer gelöste Kugeln; doch ein solcher Kauf, nein, pfui! ... Louchard hatte, als er Anatoles Gestalt erblickte, – wie eine Spargel! fast so groß wie Thérould, – ihm die Erlaubnis erteilt, mit den Älteren zu marschieren. »Eine Gunst, welche – so hatte er emphatisch erklärt – durch die Loyalität der Simons wohlverdient war.« Für Anatole war eine Revolution ein Kinderspiel. Die Straße war sein Daheim; er beobachtete alles und ergötzte sich an einem Nichts. Seine Stumpfnase schnüffelte überall umher, seine grauen Augen funkelten vor Übermut. Keinem wurde es so leicht wie ihm, Verworrenes zu entwirren; zu jeder Arbeit geschickt, zu jedem Streich bereit, schlagfertig und unternehmungslustig. »Sie nehmen mich unter Ihren Schutz, Herr Thérould, nicht wahr? Ich bin ehrgeizig.« Der Zigeuner reckte seine hageren Arme und erwiderte gewichtig: »Wähle deinen Platz, so lange noch ein Platz frei ist!« Er trug eine affektierte Hoheit zur Schau. Tatsächlich war er seit einigen Tagen der Polizeipräfektur zugeteilt, wo Raoul Rigault in Anerkennung der zahllosen in den Bierstuben des Quartier Latin geleerten Krüge ihn untergebracht hatte. Doch trotz seiner neuen Würde hatte Thérould es sich nicht nehmen lassen, bei dieser Gelegenheit seinen Platz neben seinen Kameraden wieder einzunehmen. Als die Kolonne sich wieder in Bewegung setzte, heulte er: »Es lebe die soziale Republik!« An der Ecke der Avenue Victoria standen auf einer der den Zugang absperrenden Barrikaden Poncet und Martial und reckten den Hals, um besser zu sehen. Zum Ersticken dicht gedrängt, erblickten sie zwischen den Köpfen der unter ihnen Stehenden hindurch das ungeheure Gewoge der Neugierigen, der Tausende und Tausende von Menschen inmitten der Menge der Bajonette, die rings um eine mit rot-goldenen Draperien verkleidete Estrade aufgepflanzt waren. In der Mitte der Fassade breitete sich vor dem Palais die geräumige Plattform, mit rotsamtenen Fauteuils besetzt und mit der die phrygische Mütze tragenden Statue der Republik geschmückt, von der rote Fahnen lustig flatterten. Andere Fahnenbüschel zierten mit ihren purpurnen Fächern die Reliefs des monumentalen Gebäudes; die Reiterstatue Heinrich IV. war durch eine reiche, scharlachrote Draperie verdeckt. Inmitten des wie ein stürmisch bewegtes Meer wogenden Platzes, in den die überfüllten Straßen ihre Menschenströme entleerten, stand das Riesengebäude gleichsam lebendig im klaren Sonnenschein mit seinen dichtbesetzten Fenstern, seinen von Gestalten wimmelnden Dächern, seinen Statuen und Nischen, an denen eine Unzahl von Kindern hingen. Man verstand kaum ein Wort in dem betäubenden Lärm, den unaufhörlich Trommelwirbel und Trompetenfanfaren übertönten. Um vier Uhr waren sämtliche Bataillone versammelt, rings um die Estrade zusammengedrängt, in die Straßen verteilt, wo es, so weit das Auge reichte, von Waffen blitzte und gleißte. Auf dem Kai stand die Salvenbatterie mit ihren stummen Rachen aufgereiht. Plötzlich erdröhnte ein langanhaltendes Rollen. Wie gewaltiger Donner krachten die Kanonen. Die Trompeten schmetterten die Marseillaise, die von Tausenden von Kehlen mitgesungen wurde. Und zu der Estrade, auf der mit den Neugewählten die Mitglieder des Zentral-Komitees erschienen, bleich, die Uniformen mit der roten Schärpe umgürtet, stieg ein frenetischer Jubelruf empor und begrüßte mit endlosem Vivatgeschrei diese schlichten Männer, in denen die Seele des Pariser Volkes sich verkörperte. Sie waren das lebende Symbol der Stadt, sie hielten in ihren Händen deren wiedererrungene Macht und wollten sie nun, ihrem Versprechen getreu, redlich jenen übergeben, die von zweimalhundertneunundzwanzigtausend Stimmen zu diesem schwierigen Ehrenamt berufen worden waren. Die Trommler schlugen den Marsch, auf den Spitzen der Bajonette baumelten die Käppis. Martial gedachte jenes Oktobertages, da zum erstenmal der Ruf: »Es lebe die Kommune!« auf diesem selben Platze an sein Ohr gedrungen war; damals war es nur dumpfes Gewittergrollen gewesen, heute schwoll der Ruf zu gewaltigem Donner an, von Tausenden von Lippen getragen, und stürmte mit jenem anderen Rufe: »Hoch die Republik!« sieghaft empor in den leuchtenden Frühlingshimmel, der Sonne entgegen. Gerührt, von der magnetischen Kraft der allgemeinen Erregung mit fortgerissen, sprach Poncet zu seinem Sohn: »Das ist doch großartig ... Ah! sieh hin! Der in der Mitte erhebt sich!« Der schöne, schlanke, braunhaarige Mann sprach. Doch in solcher Entfernung verhallte Assis südlich wohllautende Stimme, und man konnte nur seine Gesten sehen. Ein anderer erhob sich, ein großer, bleicher Mann, den Poncet erkannte: Ranvier. Unter den Klängen der Marseillaise und dröhnenden Vivatrufen verlas er die Liste der Gewählten. Die Namen, die da verkündigt wurden, sie legten Zeugnis ab von dem Willen der Arrondissements, der vorgestern mit solcher Ruhe manifestiert worden. Hinreißende Begeisterung verbreitete diese vielen unbekannten, allen verheißungsvollen Namen von Mund zu Mund. In der Umgebung der Estrade wurden die Rufe immer lauter, jede Stimme übertäubend. Kaum, daß in einem Augenblick der Stille die von der Estrade herab verkündeten Worte vernehmbar wurden: »Im Namen des Volkes, die Kommune ist erklärt.« Die magischen Worte pflanzten sich fort, wieder donnerten die Kanonen, schmetterten die Trompeten. Ein einziger, gigantischer Taumel erfaßte aller Herzen, von aller Lippen erscholl der Ruf: »Die Kommune lebe hoch!« ... Poncet und Martial schrien wie die anderen, bis ins Innerste ergriffen und erschüttert. Die Taschentücher wehten, die Fahnen flatterten, die Spitzen der Bajonette blitzten. In diesem Augenblick fühlte Poncet weniger die Sorge, die in den letzten Tagen ihn gequält hatte. Freundliche Illusionen umgaukelten ihn; die Drohung von Versailles erschien ihm eitel, als ein im Schatten sich verflüchtigender blutiger Begriff, der vor der blendenden Wirklichkeit dieses herrlichen Augenblickes verschwinden mußte. Von dem Freudentaumel der Menge fortgerissen, teilte er dieses glühende Vertrauen eines Volkes, diese Gemeinsamkeit der Hoffnungen. Nie noch in seinem Leben hatte er eine so übermächtige Erregung empfunden. Es war eine Erschütterung, die in ihm und um ihn her Leib und Seele ergriff, die Tränen und Lächeln auf die runzligen Züge der Alten wie auf die blühenden Gesichter der Jungen zauberte. Nein, sogar im Jahre 1848 bei der Überwältigung der Tuilerien hatte er dieses Gefühl der Gemeinsamkeit in seiner ganzen Tiefe nicht empfunden; damals hatte sein Freiheitskultus die trockene, egoistische Exklusivität der Jugend besessen. Heute jedoch als alternder Mann, der sein Leben dem Wohle aller gewidmet, heute sagte er sich, den Blick zu der großen Turmuhr des Rathauses erhebend: »Die Stunde, die dieses Zifferblatt zeigt, sie ist vielleicht eine der bedeutsamsten der Geschichte; nie hatte seit dem großen Verbrüderungsfeste von 1790 eine gleich feierliche Stunde geschlagen. Damals waren es die auf dem Marsfelde vereinigten Provinzen gewesen; ihre Herzen schlugen im Herzen von Paris und weihten auf dem Altar des Vaterlandes die Einigkeit Frankreichs. Heute ist es das befreite Paris, das Paris der Revolution; es ist das in einem einzigen übermächtigen Gefühl geeinigte Paris, das das lebenerhaltende Blut, das Feuer der neuen, der ewigen Ideen in die Adern der Provinzen gießt ...« Wie sollte man das legitime Prinzip dieses Gemeinderates bestreiten, dieses Recht, das Paris sich soeben wiedererobert, und das Versailles ihm ungerechterweise ableugnete, nachdem es zum Kompromiß der Bürgermeister seine Hand geliehen hatte? Ihres Ranges als administrative Hauptstadt entkleidet, hätte die Riesenstadt fortan zum Range einer einfachen Präfektur herabgedrückt bleiben sollen, der Willkür des Herrn unterworfen, der Spielball der Launen von ganz Europa? Tocquevilles Worte kamen ihm in Erinnerung: »In der Kommune liegt die Kraft der freien Völker. Die kommunalen Institutionen sind für die Freiheit, was die Elementarschulen für die Wissenschaft sind: sie setzen sie in das Bereich des Volkes; sie lehren es, einen friedlichen Gebrauch davon zu machen und gewöhnen es daran, sich ihrer zu bedienen. Ohne, kommunale Institutionen kann eine Nation sich eine freie Regierung geben, aber sie besitzt nicht den Geist der Freiheit. Vorübergehende Leidenschaften, momentane Interessen, der Zufall der Verhältnisse kann ihr die äußeren Formen der Unabhängigkeit verleihen, doch der zurückgedrängte Despotismus kommt immer wieder an die Oberfläche.« Das ist einleuchtende Wahrheit. Angesichts der vollendeten Tatsache würde Paris überlegen und sich zur Nachgiebigkeit entschließen. Picard, mit der Abfassung des Gesetzes betraut, mußte sich seiner Erklärungen erinnern und des Tages gedenken, da er die Bildung »unabhängiger Gemeinden« gefordert hatte. Kein Zweifel, er mußte im April bestätigen, was er im Februar unterzeichnet hatte! Dann konnte man, wie Charles Longuet, der Delegierte beim Journal officiel, sagte, mit der Nationalversammlung unterhandeln. Lyon, Marseille, zehn große Städte würden bald vielleicht die Wagschale zum Sinken bringen. Dann war die Republik gegründet und gesichert, und Versailles willigte ein, das Wahlgesetz einzuführen und zwar in der Weise, daß fortan die Vertretung der Städte nicht mehr in derjenigen der Landgemeinden aufgehen sollte. Damit wäre die Einigkeit der Nation wieder begründet, das soziale Gleichgewicht wieder hergestellt. Während es die gegenwärtigen Umrisse bewahrte, doch durch die tausend Lungen der großen und der kleinen egalisierten Gemeinden ungehindert atmete, konnte das republikanische Frankreich sich sogleich wieder an die Arbeit begeben und die Wunden vernarben lassen. Man konnte zahlen, den Deutschen abschütteln, konnte endlich daran denken, die seit der Revolution erloschene Fackel wieder zu entzünden, Licht und Leben in die Abgründe voll Finsternis, und Elend zu tragen, für das Volk zu sorgen, ihm seinen Anteil an Bildung, an Glück zuzuwenden und gemeinsam den langsamen und sicheren Weg nach dem Fortschritt, der Gerechtigkeit wieder aufzunehmen. Von der Religion seines Lebens, dem Ideal einer besseren Zukunft geleitet, fragte er sich: »Warum nicht? Wer weiß, was aus diesem Schmelzofen der Leidenschaften hervorgehen wird, dessen Flamme der Großmut die Schlacken verzehren und läutern kann? Wer weiß, ob es diesem zündenden Hauche, der der Sonne der Zukunft voranleuchtet, nicht gelingen wird, die Zurückgebliebenen, die Schwerfälligen, die Rückschrittler zu einer guten Tat aufzurütteln? Oder wenigstens ... Sie werden es nicht wagen!« schloß Poncet. Martial philosophierte nicht; er fühlte nur die mitteilende Schönheit der Dinge, den pompösen Glanz einer von leuchtender Frühlingssonne übergoldeten, in dem Jubel einer freudetrunkenen Menge gebadeten Szene. Von Reitern in gestickten Röcken und mit Hahnenfedern geschmückten Filzhüten gefolgt, tummelte ein italienischer General in wehendem, goldgesticktem, roten Mantel seinen Hengst vor der Front der Estrade, von Beifallsrufen begrüßt. Man hielt ihn für Garibaldi. Vor allem interessierten den Künstlerblick des Bildhauers die Kraft und die Mannigfaltigkeit der Gefühle, die sich in den Gesichtern spiegelten. Eine Alte hielt die Hände gefaltet und öffnete ihre Augen mit einem Ausdruck so unendlicher, so naiver Gläubigkeit, als erblicke sie das Paradies. Ein siecher Greis in zerlumpten Kleidern brach in ein Lachen der Extase aus: er fühlte nicht mehr seine Gebrechen, er sah sich reich und mächtig. Ein Arbeiter mit schwieligen Händen und einem von dichtem Bart überwucherten Gesicht blickte mit dem Ausdruck düsterer Geringschätzung auf einen Modenarren, der vor ihm die Taille einer rothaarigen Dirne umfaßt hielt. Sie lachte – ein schwindsüchtiges, atemloses Lachen. Aus den Zügen des Arbeiters sprach Elend und Erniedrigung und wilde Rachgier. Aus seinem Ruf: »Es lebe die Kommune!« tönte Schmerz und Drohung. Ein anderer, ein breitschultriger, hünenhafter Mann mit gutmütigen Zügen und blutunterlaufenen Augen brüllte mit aller Kraft, wie ein Stier ... Die tausend Seelen langer Leiden, neidischer Entbehrungen, zähen Grolles, impulsiven oder bewußten Hasses, die Instinkte der Genußsucht und der Brutalität kontrastierten mit der selbstzufriedenen Kleinlichkeit der einen, der aristokratischen Verachtung anderer, dem glühenden Glauben vieler. Nur mit Blitzesschnelle erfaßte Martial diese vielgestaltigen Nuancen, die augenblicklich wieder von der allgemeinen Bewegung verwischt wurden, von den Wogen dieses Volkes mit den tausend und Tausenden gläubiger, verklärter Gesichter, den Tausenden und Tausenden in vertrauender Brüderlichkeit geeinigter Herzen, die alle sich den neuen Herren, den Erlösern, den Rettern zuwandten ... Da erschollen Kommandorufe. Die dichten Massen gerieten in Bewegung, die Spitzen der Bajonette kamen ins Schwanken. Die Truppen strömten gegen die Straßen zu und drängten die Wogen der Zuschauer zurück. Die Bannerträger und der Offiziersstab verließen ihren Platz am Fuße der Estrade, statt ihrer wurden die Kanonen in Batterie aufgefahren. Brunel befehligte das Defilieren. Vor den Mitgliedern des Zentral-Komitees und der Kommune zogen die Bataillone, eines nach dem anderen, vorbei. Endlos ergoß sich der dichtgedrängte Strom. Neugierig blickten die bärtigen Gesichter zur Estrade empor; man erhob im Vorüberziehen die bändergeschmückten Gewehre, die unheimlich funkelnden Bajonette: Krieg oder Frieden! Die Offiziere salutierten mit dem Säbel, und jedesmal senkten sich feierlich die roten oder trikoloren, mit roten Bändern geschmückten Fahnen. Als die Reihe an die Simons kam, begann der Abend zu dunkeln. Fröhlich schritten der Schuster und seine Söhne dahin, wie Kinder über Théroulds Schwänke lachend. Man redete die Zuschauer an; zwischen den den Schritt beschleunigenden Reihen und dem Spalier des Publikums flogen Scherzworte hin und her. Jeder war verjüngt in froher Laune. »Da sind sie!« sagte Anatole, als man die Defilierlinie erreichte. Alles reckte die Hälse. Die Reihe ordnete sich von selbst, Simon betrachtete gerührten Blickes die Männer auf der roten Estrade, die von gestern, die von morgen, ihnen allen dankbar für das, was sie getan, was sie tun würden ... Für sie, für die Sache, die sie vertraten, war er bereit, wenn es sein mußte, sein Leben hinzugeben. Doch seine Gedanken waren nicht traurig, sie blickten in eine Zukunft der Eintracht und der Arbeit. In einer glücklichen, friedlichen Zukunft sollten diese Stunden des Glanzes fortdauern. Man würde sich etwas mehr um die Armen und Niederen kümmern, und des Elends würde auf der Welt etwas weniger werden. Als er unter den Blicken dieser Unbekannten vorüberschritt, deren Umformen und Festkleider zum größten Teile Männer seiner Klasse, Proletarier wie er selbst, bedeckten, da erfaßte ihn ein überwältigendes Gefühl des Stolzes, und er ließ in Gedanken Jean-Louis an diesem Triumphe teilnehmen ... Er rief ihm im Geiste zu: »Siehst du, Alter ... Wir haben unseren Weg gemacht! ... Die Saat beginnt zu keimen ... Im Februar 1848, als wir mit dem Volke hierher kamen, um die provisorische Regierung zu bestätigen und die soziale Republik zu proklamieren, da befand sich unter den Führern wie Lamartine, Louis Blanc und Konsorten nur ein einziger von den Unseren, Albert ... Und auch seinen Namen hatte man nur aufgenommen, weil wir es so dringend verlangt hatten! ... Heute ist Albert nicht mehr da, auch Louis Blanc fehlt, aber die Pariser Kommune zählt unter ihren Mitgliedern mehr als dreißig Arbeiter ... An jeden kommt die Reihe, das ist das Gesetz ...« Louis blickte lebhaft überrascht auf eine Gruppe, aus der ein schwacher Ruf: »Sie sind es!« zu ihm gedrungen war. Unter den Zuschauern, der Estrade gerade gegenüber, erblickte er die Mutter und Rose. Seit Stunden standen sie da, das Vorüberziehen des Bataillons erwartend. Sie machten den Männern vertrauliche Zeichen, Therese winkte mit der Hand, Rose warf ein Sträußchen von Primeln, das sie am Morgen im Luxembourggarten gepflückt. Louis bemühte sich, es aufzufangen, doch schon war die Entfernung zu groß ... Simon und Anatole hatten den Gruß der beiden Frauen mit einem herzlichen Blicke erwidert. Dem Jüngling war Rose die heitere Genossin, Therese eine wahre Mutter. Für Simon war das junge Mädchen die verkörperte Erinnerung an den Verlorenen, dessen schwarze Augen sie hatte, und dem sie in manchen ihrer flüchtigen Bewegungen so sehr ähnelte, daß er zuweilen seinen Bruder vor sich zu sehen glaubte. Die frische Jugend des Kindes belebte in ihm das Andenken an die Vergangenheit, an die Zeit der Illusionen und des Kampfes. Sie lehnte sich zärtlich an Theresens Schulter. Lange noch wandte Simon sich nach dem ernsten, gütigen, von grauem Haar umrahmten Antlitz seiner Gefährtin zurück. Wie schön war sie einstmals gewesen, wie schön war sie noch jetzt, in seinen Augen immer noch die gleiche! Welche Hingebung hatte sie den Kindern erwiesen, seit sie vor nun vierzehn Jahren in das verödete Haus gekommen war, wo Simon sich in Wut und Verzweiflung verzehrte, untröstlich darüber, die andere, die Treulose, die Pflichtvergessene nicht getötet zu haben, bevor sie mit ihrem Geliebten – einem Handelsreisenden, dessen Namen er nicht einmal kannte – auf und davon gegangen war ... Was wäre ohne Therese aus ihm geworden, aus ihm und den Kleinen? ... Sie hatte die Liebe aller sich zu erwerben gewußt, heiter, würdig, immer tapfer, eine vortreffliche Hausfrau, einen Schmerz, einen kindlichen Kummer mit zärtlichen Worten heilend, fest und sanft zugleich, die Jungen lehrend, was sie selbst wußte, Redlichkeit und Einfachheit ... Sie hatte ihre schiefe Stellung zur schönsten Rolle umzuwandeln verstanden. Im ganzen Stadtteil war keiner, der sie nicht liebte oder sie nicht hochschätzte. Simon war stolz darauf. Todmüde und doch glücklich schlugen die beiden Frauen den Heimweg über den Kai ein. Über dem ruhigen Spiegel der Seine lag noch ein heller Schimmer. Jawohl, ein schöner Abend nach einem schönen Tage. »Wie zufrieden der Vater aussah!« dachte Therese; und Rose träumte: »Wie gut doch Louis die Uniform kleidet!« ... Sie waren ganz heiser von den fortwährenden Hochrufen. Doch aus diesem großartigen Schauspiel, das unter einem leuchtenden Himmel sich entfaltet hatte, aus diesem Jubel eines Volkes, mit dem gleich den anderen auch sie selbst das Ende aller Leiden gefeiert hatten, trugen sie vor allem das Gefühl des Stolzes heim, daß sie unter Hunderten das Bataillon erkannt und den Vater und die Söhne so stramm hatten vorüberziehen gesehen ... Um sie her zerstreute sich ruhig die Menge. Denselben Abend hatten etwa fünfzig der Gewählten sich versammelt, von dem langsam sich leerenden Platze kommend, durch das mit essenden, trinkenden, laut sprechenden Wachen überfüllte Rathaus irrend, in dem sie die menschengefüllten Säle der Ämter des Zentral-Komitees durchschritten. Sie hatten sich an den Gittern den Einlaß erkämpfen müssen und suchten vergeblich nach einem geeigneten Orte für ihre Sitzungen. Nichts war vorbereitet, keiner da, sie zu empfangen, zu führen. Manche waren entmutigt wieder fortgegangen. Die Mitglieder des Zentral-Komitees waren unauffindbar und kümmerten sich, nachdem sie ihre offizielle Macht niedergelegt, nicht im geringsten um die Einführung ihrer Nachfolger. Nur dreizehn unter ihnen gehörten dem neuen Gemeinderate an. Ihrer drückenden Verantwortlichkeit entledigt, in deren Bewußtsein sie zuerst sich zur Höhe der Ereignisse aufgeschwungen, waren sie schnell von dieser Höhe herabgesunken; die einen seufzten nach der so schnell entsagten Macht, die anderen lauerten ungeduldig auf die Gelegenheit, dieselbe wiederzuerobern, alle aber waren bereit, zu denken: »Wir haben unsere Pflicht getan, tut nun ihr die eure ...« und, sobald die Kommune eine geringe Unentschlossenheit zeigte, sich diese zugunsten der eigenen Autorität zunutze zu machen. So kam es, daß die neuen Mitglieder der Kommune unter Führung Arthur Arnoulds, der, seit dem 4. September Adjunkt, sich des ehemaligen gemeinderätlichen Sitzungssaales erinnerte, die Türen zu diesem Saale von einem eiligst herbeigerufenen Schlosser öffnen ließen und wütend in den geräumigen, staubigen Saal drangen, der, von den wenigen Lampen schwach erleuchtet, mit seinen amphitheatralisch aufsteigenden Bänken einen melancholischen Eindruck machte. Eine halbe Stunde verbrachte man damit, unter Klagen und Vorwürfen auf die in den Gemeinderat gewählten Mitglieder des Zentral-Komitees zu warten. Schon ist man im Begriffe, ohne sie die Sitzung zu eröffnen. Endlich erscheinen sie, von Offizieren und bewaffneten Wachen gefolgt, die die unverzügliche Erfüllung der Wünsche des Volkes fordern. Viard erklärt im Namen des Komitees, daß »dasselbe abtrete, ohne sich aufzulösen, und daß die Kommune fortan, die volle Verantwortung für die Situation zu tragen habe.« Man nimmt endlich Platz, es wird ruhig, relative Stille herrscht im Saale. Den Traditionen der parlamentarischen Versammlungen gemäß hat man zum Alterspräsidenten den greisen Charles Beslay ernannt, dem seine siebenundsiebzig Jahre und seine frühere gesetzgebende Tätigkeit einen gewissen Nimbus verleihen. Mit seiner müden, schwachen Stimme verliest er die von ihm verfaßte Rede. Sein feines Antlitz, seine geistvollen Züge beleben sich im Abglanz der tiefen Überzeugung, die sein Leben geleitet hat. In den Jahren 1830 und 1848 radikaler Deputierter, Ingenieur von Beruf, der sein ganzes Leben lang sein Vermögen zum Wohle der anderen verwendet hatte, seinen Arbeitern ein menschenfreundlicher Brotherr, ein intimer Freund Proudhons und Vertreter der Ideen des Meisters, einer der Gründer der Internationalen, entwirft er in großen Zügen das Programm für die Kommune. »Seit fünfzig Jahren stehen die Routiniers der Republik auf derselben Stelle, während ihr, Bürger, vorwärts geschritten seid. Man klagt euch an, der Republik einen Schlag versetzt zu haben – möglich, doch wie einem Pfahl, den man in die Eide schlägt. Nur durch die vollkommene Freiheit der Kommune allein kann die Republik bei uns Wurzel fassen. Sie ist nicht mehr der Soldat, sie ist eine emsige Arbeiterin, die der Freiheit bedarf, um den Frieden zu befruchten ... Friede und Arbeit! Das ist unsere Zukunft, das die Gewißheit unserer Revanche und unserer sozialen Wiedergeburt. In dieser Weise aufgefaßt, kann die Republik Frankreich noch zur Stütze der Schwachen, zum Beschützer der Arbeiter, zur Hoffnung der Unterdrückten in der Welt und zum Grundstein der universellen Republik machen!« ... Wirkungslos hallten die Worte durch das gleichgültige Schweigen, mit dem man den Veteranen ehrte. Er wies jeder Maschine ihre besondere Arbeit zu: dem Gemeinderat die lokalen, den Departements die regionalen, der Regierung die nationalen Angelegenheiten. Die festgegründete Kommune wäre die Musterkommune: wer von Arbeit spricht, spricht von Ordnung, von ehrlicher Sparsamkeit und strenger Kontrolle. Die derart eingeschränkte Regierung könnte fortan nur noch die gehorsame Bevollmächtigte des allgemeinen Stimmrechtes, die Hüterin der Republik sein. Wenn diese Grenzen nicht überschritten würden, müßte das ganze Volk dieser so großartigen und so einfachen Revolution zustimmen. Das Getuschel und Geflüster der untereinander leise geführten Gespräche übertönte beinahe die schwache, friedliche Stimme, die der Zukunft die Ratschläge der Vergangenheit diktierte ... Die meisten dachten nur an die Gegenwart, vom Rausche des Erfolges geblendet; einige hatte bereits die Sorge um das Morgen erfaßt, alle aber erfüllte der wilde Tumult ihrer ehrgeizigen Wünsche und Ideen. Ein kleines Häuflein hielt sich abseits, es waren die von den Arrondissements Gewählten, ehemalige Bürgermeister oder Adjunkte, von denen die Mehrzahl, jede Verständigung von sich weisend, am Tage nach der Wahl ihre Weigerung oder ihre Demission gesandt hatte. Tirard, Brelay warteten nur darauf, daß ihnen das Wort erteilt würde, um ihre Demission zu geben. Nur wenige waren da, die an der Versöhnung nicht verzweifelten, trotzdem Méline am Morgen zu einigen Deputierten geäußert hatte: »Ich habe soeben wieder Proudhons ›Principe fédératif‹ gelesen; diese Leute haben recht. Bleiben Sie in Versailles; wir wollen indessen im Rathaus bleiben und werden große Dinge vollbringen ...« Unaufhörlich plätscherte Beslays Stimme gleich einem Sommerregen auf trockenes Erdreich. Sie fiel, ohne tiefer einzudringen, auf diese so verschiedenen Seelen, deren seltsame Verschmelzung den beweglichen Grund, bildete, auf welchem die Hoffnung von Paris ruhte. Nie noch hatten Wahlen unter traurigeren Bedingungen, unter schlimmerer Verwirrung stattgefunden, sowohl von seiten der von der Arbeiterklasse bewohnten Stadtteile, welche aufs Geratewohl ihre Stimmen auf improvisierten Listen für lokale Berühmtheiten abgaben, – als auch seitens der gelichteten, unentschlossenen bürgerlichen Arrondissements. Hundertsechsundvierzigtausend Wahlzettel weniger als bei der Volksabstimmung, die nach dem 31. Oktober die Verteidigungsregierung bestätigt hatte, zeugten von dem erschreckten Zurückweichen einer Klasse, welche der anderen das Feld überließ. Daß Paris, das soeben von neuem seine Stimme abgegeben hatte, diese Wahlen als legal betrachtete, machte keinen Unterschied. Warum sollte das, was im November gültig gewesen, es nicht auch im März noch sein? Und überdies, hatte zwischen den Bürgermeistern, den Bevollmächtigten der Regierung und dem Komitee nicht volles Einverständnis geherrscht? Illegal waren die Wahlen in den Augen von Versailles, wo man, mit dem geringen Zeitgewinn zufrieden, die Bürgermeister, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt, desavouierte und sich weigerte, dem Vorschlage Louis Blans Folge zu geben und zu erklären, daß sie »als gute Bürger« gehandelt hatten. »Ein betrügerisches Skrutinium«, schrieb Thiers an die Präfekten, »ohne Freiheit und daher auch ohne moralischen Wert.« Ein tragisches Moment. Diesmal waren die beiden Parteien getrennt, und die Scheidung war eine endgültige; zwischen diesen beiden Versammlungen, von denen die eine sich fälschlich Frankreich, die andere sich ebenso fälschlich Paris nannte, gähnte ein tiefer Abgrund. Dort die Nationalversammlung von Versailles in Reaktionäre und Republikaner geteilt, die ersteren so zahlreich, daß es schien, als hätten sämtliche Monarchisten des Landes sich hier ein Stelldichein gegeben, in Angst und Groll verbittert, zu den schlimmsten Gewalttaten bereit; die letzteren unentschlossen, unterdrückt, einer Mitschuld verdächtigt, die sie doch leugneten, entsetzt ihr Ideal einer Bürgerrepublik gefährdet sehend ... Als Bindeglied zwischen diesen Parlamentanern derjenige, auf den die verschiedenen Hoffnungen sich richten, der trockene Greis, der die einen durch die Lockpfeife des Königtums zu fangen sucht, den anderen die Republik als Lohn für verständiges und artiges Verhalten verheißt, der Janus bifrons, der nach rechts und links lächelt, sich in Thiers konzentriert, nur für Thiers denkt und arbeitet, in seiner senilen Eitelkeit und seiner unermüdlichen Tatkraft überzeugt, daß er allein die Interessen des Landes verkörpert. Um ihnen zu dienen, um diese Hochmütige von dem verderblichen Blute, zu befreien, das ihr zu Kopfe gestiegen ist, schärft er die Waffen ... Und hier, die Versammlung von Paris, von ihrem Triumph berauscht, für ihren Sieg keine anderen Grenzen als die im Feindeslager ihr aufgerichteten sehend, auf die Glaubwürdigkeit der Depeschen oder die parteiischen Berichte der Emissäre, auf den Beitritt der großen Provinzstädte spekulierend und entschlossen, wenn diese Berechnung fehlschlug, nur auf Rechnung ihrer eigenen Suprematie den Kampf gegen den einzigen ihr noch gegenüberstehenden Feind aufzunehmen. Dieser Feind war nicht mehr der Preuße! damit war's vorbei! der schweigende Waffenstillstand ist geschlossen, nicht »freundlich«, wie man zuerst in Schlotheims Depesche zu lesen geglaubt, sondern »friedlich«, nach Fabricius' Berichtigung. Die einzigen Feinde sind die Versailles in denen man auch nichts anderes als Barbaren erblickt, die Bekenner des »Obskurantismus«, die geschworenen Feinde aller Ideen der Gerechtigkeit und des Fortschrittes. Und welche Führer sind da für diesen drohenden Krieg, dessen Nähe und Furchtbarkeit trotz eines letzten Restes von Illusion alle ahnen, und dessen Soldaten einen ganzen Tag lang unter dem trunkenen Jubel des Volkes defiliert hatten? Neunzig Namen, auf zehntausend Wähler je einer, sind aus den Wahlurnen hervorgegangen. Fünfzehn darunter waren gemäßigte Republikaner, Kandidaten der Bürgermeisterpartei, Angehörige der wohlhabenderen Handelswelt und der liberalen Berufe. Verlorene Wahlzettel, da niemand von ihnen an den Sitzungen teilnahm, jene wenigen ausgenommen, auf deren Gesichtern sich Widerwille oder Verwirrung malte, und die bald wieder von der Bildfläche verschwinden sollten. Ein halbes Dutzend Radikale, einer entschiedenen Evolution geneigt, doch rein von dem vergossenen Blute, die bekanntesten unter ihnen Ulysse Parent, der Freund Gambettas, der getreue Chef des Sicherheitsbureaus in der Delegation von Tours, Arthur Ranc, der ehemalige Bürgermeister des IX. Arrondissements. Diese Männer behalten sich vor, ihren Beistand zu entziehen, nachdem sie ein Urteil über das Werk gewonnen. Nun bleibt noch das Gros, etwa sechzig Persönlichkeiten, ein Gemisch von Revolutionären jeder Färbung, Unbekannte, Ignoranten, bereits Berühmte und längst Vergessene, Redner aus der Zeit der Belagerung, Weißbärte von 1848, notorische Jakobiner, Polemiker der Vorhut, Blanquisten, Sozialisten der Internationalen; die edelsten Absichten und die niedrigsten Instinkte, kalte und klare Intelligenz und feurig fühlende Herzen neben emphatischen Hohlköpfen und sterilen Windbeuteln, Geist und Albernheit auf denselben Bänken; jene, die dem Lärm zufliegen wie die Falter in die Flamme, die Impulsiven, die Neuropathiker, die Schwächlinge, die gern furchtbar scheinen möchten, die Komödianten des Lasters und jene, die durch körperliche Gebrechen, durch unverdientes Leiden, durch schlechte oder mangelhafte Gesetze erbittert, von Groll überflossen, – eine ganze Horde, dem Schoße eines überreizten Volkes entlassen. Darunter die Dreizehn vom Komitee, bekannter, wenn nicht besser erkannt: eine Nachtgestalt, Pourille, genannt Blanchet, ein Paralytiker, hinkend und halb irrsinnig, unter dessen struppigem Kapuzinerbart sich der frühere Polizei-Kommissariatssekretär und Bankrotteur verbarg. – Der kommandierende General Bergeret, Ex-Sergeant der Voltigeurs und ehemaliger Druckereigehilfe, klein, mager, gallig, von Selbstgefälligkeit gebläht und seine Unfähigkeit zur Schau tragend. – Babick, ein langbärtiger Illuminat, der feurige Prophet eines Herrn von Toureil, der den fusionistischen Kultus geschaffen hatte, eine mystische Mixtur von allen Religionen; übrigens ein vortrefflicher Mann und geschickter Salbenverkäufer unter der Etikette: »Kind des Reiches Gottes und Parfumeur der Rue de Nemours.« – Billioray, Maler von Beruf, dem seine armseligen Farben das Blut vergiftet hatten, ein roter Republikaner. – Antoine Arnaud, Eisenbahnbeamter und Magnetiseur, ein düster blickender Mann mit brillenbewaffneten Augen und kalten Zügen, hinter denen der Fanatiker sich verbarg ... Unreife Knaben: Champy, Mortier. Ein schreckliches altes Kind: Henri Fortuné. Ein Schatten, Clovis Dupont. Ein Wüterich, Géresme ... Im Vordergrund der Gruppe: Ranvier, zweiundfünfzigjährig, Bürgermeister von Belleville und eines der Idole seines Viertels, durch seine Verurteilung im Ansehen gewachsen, ein kränkliches, bleiches Gesicht mit den roten Flecken der Schwindsüchtigen, von seinen Kluberfolgen berauscht, ein erbarmungsloser Soldat des sozialen Krieges. – Brunel, vierzig Jahre alt, nach Buzenval für das Ehrenkreuz vorgeschlagen, ein militärischer Typus, ehemaliger Kavallerieoffizier und gegenwärtiger Gutsbesitzer, aus patriotischer Entrüstung an die Spitze des Aufstandes vom 22. Januar gestellt; ein ganzer Charakter, der exaltiertesten Bravour fähig, und sich verzweifelnd, ohne zurückzublicken, in seine Idee verrennend. – Endlich Jourde, dreißig Jahre alt, groß, von vornehmer Gestalt, ein von langem, blondem Barte umwalltes intelligentes Gesicht, ein Mann von vollendeter professioneller Ehrenhaftigkeit und vortrefflichen Rechnungsführereigenschaften im Dienste einer gemäßigten Seele. Die Internationale zählt siebzehn Mitglieder, von denen einige bereits durch ihre Rolle im Komitee oder durch ihr früheres politisches Leben bekannt sind. Der Mehrzahl nach – Beslay, Lefrançais, Vaillant ausgenommen – Arbeiter, die sich aus den niedrigsten Anfängen hinaufgearbeitet hatten und mit zäher Tatkraft die legitimen Bestrebungen der Arbeiter förderten, der durch die Gongschläge der internationalen Kongresse, durch die sensationellen Prozesse unter dem Kaiserreich, durch das mysteriöse Netz der bis zum Kriege wachsenden Vereinigungen überraschten alten Welt das Auftreten einer neuen Klasse enthüllend, eines vierten Standes, der seine Bedürfnisse und seine Leiden darlegt, der in dem Gewirr der sozialistischen Systeme das Allheilmittel sucht und indessen unverzüglich wirkende Arzneien fordert. Hier, in seiner unbestimmten Form, liegt der gute, Keim der Republik, der mit Spreu gemischte Weizen, der unter dem Dünger seine grünen Halme treibt. Varlin, dessen schwarze Augen die denkende Stirn mit dem Feuer einer leidenschaftlichen Seele durchleuchten; ein strenges Antlitz im Rahmen des viereckig geschnittenen Bartes, seiner in jahrelanger Gefangenschaft erfüllten Mission ergeben, voll zähen Arbeitsdranges, ein energisches Organisationstalent, willensstark, tatkräftig und von vorwurfsfreier Ehrenhaftigkeit. – Malon, ebenfalls dreißigjährig, ein zweiter Pfeiler der Internationalen, der er im Norden ein Lager aufgeschlagen hatte; der Sohn armer Bauern, der in der Schule des Lebens lesen gelernt, zuerst Laufbursche, dann Färbergehilfe; bald der erste unter seinen Genossen in der Knechtschaft und deren Stimmführer in den Kongressen, Zeitungskorrespondent beim Streike von Creuzot, den er gemeinsam mit Varlin unter Assis Maske schürt; ein Jahr Gefängnis im Prozeß von Blois, am 4. September Adjunkt in Batignolles, im Februar Abgeordneter von Paris, bei Friedensschluß aus seiner Stellung entlassen. Ein Biedermann, der zur Erziehung anderer niederschrieb, was seine eigene harte und fruchtbare ihn gelehrt hatte. – Albert Theiß, Ziselierarbeiter, der mit zweiunddreißig Jahren ein blühendes Unternehmen gegründet hat und es leitet; der im Brüsseler Kongreß, beim Ober-Gerichtshof von Blois, vor seinesgleichen und vor seinen Richtern kraftvolle und besonnene Worte gesprochen und sie mit zweimonatlicher Gefängnishaft gebüßt hatte. Ein klarer Kopf, ein Charakter von unantastbarer Rechtschaffenheit, ein pflichttreuer Soldat, der während der Belagerung still und tapfer auf seinem Posten gestanden hatte. – Lefrançais, ehemaliger Schullehrer, den er auch in seinem Äußeren nicht verleugnen konnte, mit stark ausgeprägten Zügen und gutmütigen Augen. In seinen Überzeugungen und Handlungen von rückhaltlos revolutionärer Logik, im Privatleben der friedfertigste und beste der Menschen, voll Selbstlosigkeit und schlichtem Heldenmut. – General Duval, Metallgießer, ein düsterer, gewalttätiger Charakter, bereit, seinem Ideal seine Existenz ebensowohl wie die der anderen zu opfern. – Der Mechaniker Avrial, der Metalldrechsler Langevin, auch diese beiden ehrenwerte und überzeugungstreue Naturen. – Clémence, Eugen Girardin, Victor Clément, gereifte oder alte Männer, würdige Arbeiter, die der Kampf der Arbeit gegen das Elend doch nicht gehässig gemacht und deren Verstand gerecht, deren Herz weit genug war, um sich die Mäßigung in ihren Überzeugungen zu bewahren. – Vaillant, Doktor der Philosophie, der seine Kenntnisse an den Universitäten Deutschlands und Österreichs vervollständigt; dessen Geist sich an Philosophie und sozialen Träumen genährt, Theoretiker des Fortschritts um jeden Preis. – Frankel, ein Ungar mit jüdischer Nase und eckigem Schädel, in politischer Ökonomie arbeitend. – Der Zimmermann Pindy, der seine galonnierte Uniform mit unendlichem Selbstbewußtsein trug, ein mittelmäßiger Geist und überspannter Kopf. – Der Schuhmacher Dereure, ein Bourgeois unter rotem Anstrich. – Der Kupferdrechsler Chalain, eine volltönende Stimme, aber ein hohler Kopf. Dann die Masse: Klubpolitiker, Journalisten, Jakobiner, Blanquisten, einige wenige Arbeiter in jenem Gemisch von zahmem alten und wildem jungen Bürgertum, in dem wenige gesunde neben allzuvielen faulen Elementen stehen. Ein gärendes Zentrum, auf dessen Oberfläche alle Volksdefekte sich tummeln und aus dessen reißender Grundströmung, die in scheinbarem Schlummer darauf lauert, alles fortzuschwemmen, etliche markante Gesichter emportauchen. An der Spitze der radikalen Presse erscheint der alte Delescluze. Der lange Dornenweg seines der unbeugsamen Strenge, der unerbittlichen Integrität seiner Überzeugung geopferten Lebens hat ihm Haar und Bart gebleicht, hat diesen hageren Körper ausgedörrt, dieses gelbe Antlitz gehöhlt, aus dessen pergamentnen Zügen, aus dessen kalt und klar blickenden Augen ein unzähmbarer Wille, eine verzweifelte Energie sprechen. Kämpfer im Jahre 1830, unter Louis-Philipp verhaftet, verbannt und eingekerkert, 1848 Kommissär der Republik im Norden und dem Pas-de-Calais, 1849 in contumaciam zu zehnjähriger Deportation verurteilt, nach London flüchtend, 1853 in Paris von der kaiserlichen Polizei ergriffen, von Mazas in die Strafanstalten von Belle-Isle, Corte, Ajaccio, Marseille, Toulon geschleppt, nach Cayenne verschickt, anläßlich der Amnestie von 1859 nach Frankreich zurückgekehrt und 1863 den Reveil gründend, infolge seiner Tätigkeit bei diesem Blatte mit Verurteilungen und Zwangsmitteln überhäuft, nach dem 31. Oktober Bürgermeister des IX. Arrondissements, nach dem 22. Januar nach Vincennes und hierauf zwischen die düsteren Mauern des Krankenhauses gebracht, das er stimmlos, von furchtbarem Husten geschüttelt, verläßt, – diese unglaubliche Reihenfolge mit stoischer Seelenstärke ertragener Leiden umgaben ihn mit einem Glorienschein, der trotz seines rauhen Charakters und seiner spröden Tugend Achtung und Ehrfurcht heischte. »Wenn die Revolution noch einmal unterliegt,« hatte er zwei Monate früher gesagt, »werde ich ihre Niederlage nicht überleben ...« Der unerwartete Triumph der Kommune richtete vor seinen Augen jene Revolution wieder auf, der er bis zum letzten Atemzug seinen düsteren Jakobinerglauben zu weihen bereit war. Ebenso berühmt wie er erscheint Felix Pyak, dessen hohe, kräftige Gestalt einen Kopf von romantischer Schönheit mit ergrauendem Haar und lockigem Barte trägt; er rollt seine träumerischen, glänzenden Augen. Delescluze ist der Mann der Schreckensherrschaft, er ist deren Hanswurst. In der Tasche trägt er, mit Randbemerkungen versehen, Mignets »Abrégé de la Revolution» in Diamantausgabe, sein Breviarium und sein Spiegel. Als Sohn eines Ultra-Royalisten war er durch einen bei einem politischen Bankett gesprochenen Toast auf den Konvent, durch schwulstige Melodramen, deren Tiraden auf das Elend des Volkes ihn bereicherten, durch heftige, mit kaltem Blute verfaßte Pamphlete zu Ansehen und im Jahre 1843 in die Kammer gelangt. Den 10. Juni unterschrieb er den Aufruf zu den Waffen und flüchtete. Von Belgien, von England aus schürt er seine Popularität durch flammende Briefe an Fürsten, an den Kaiser, an die Arbeiter, wagt aber erst nach der zweiten Amnestie von 1869 nach Paris zurückzukehren, hält sich verborgen, konspiriert geschickt, läßt in Saint-Mandé seinen berühmten Toast: »Zu den Kugeln!« verlesen. Den 4. September zeigt er sich wieder, schleudert im Combat, im Vengeur seine blechernen Blitze, taucht am 31. Oktober unter, verkriecht sich am 18. März und erscheint nach überstandener Gefahr wieder auf der Bildfläche, von Selbstgefühl gebläht: es ist der Vortag der Wahlen. Er überschüttet mit Schmähungen das Komitee, »das jeden Namen verringert und jedes Talent schmälert«. Man hat ihn gelesen, man wählt ihn, und der behende Phrasentänzer, die weißen Hände voller Dekrete, springt auf das gespannte Seil, von dem er rechtzeitig sich herabschwingen wird, um seinen giftigen Hochmut und seine unheilbare Feigheit in Sicherheit zu bringen. Daneben ein sanftes Antlitz mit breiter Stirn und gedankenvollen Augen: das ist Arthur Arnould, der durch seine Feldzüge gegen die Presse zur Avantgarde berufene Schriftsteller. Sohn eines Professors am Collége de France, selbst ein feingebildeter Geist und ein begeisterungsfeuriges Herz, brachte er für seine neue Aufgabe ehrlichen Glauben und edle Illusionen mit. – Ein bäuerisches, von Bartstoppeln umstarrtes, gebräuntes Gesicht mit hart und traurig blickenden Augen, das ist Jules Vallóe, der erbitterte Widerspenstige, der lärmende Aufrührer, dessen ganze Persönlichkeit den Stempel hochmütiger Wildheit trägt: in leidenschaftlichem, abgehacktem Stil geschriebene flammende Chroniken im Evénément und im Figaro, in der blutroten Rue, im Cri du Peuple hatten auf diesen kraftvollen Worteschmied den Widerschein des Schmiedefeuers geworfen. Wenn man ihn hörte, ihn zuschlagen sah, hätte man ihn für mutig und furchtbar halten können. Eine Dogge, die wütend bellt und beim Anblick des Köders den Schweif einzieht und kuscht. Weniger Charakter als Talent. – Ein hübscher, junger Mann mit lebhaften, anmutigen Zügen, dessen sorgfältig gepflegtes Äußere in dieser wenig für Eleganz besorgten Umgebung überraschend wirkt: der Polemiker Paschal Grousset. Derselbe Kontrast zeigt sich auch in seinem Talent, das, ehemals Rosenwasser, jetzt sich in Scheidewasser verwandelt hat. Südländische Überspanntheit und Ehrgeiz hat ihn an die grünen Tische des Rathauses geführt, wo er mit wagehalsigem Leichtsinn alles auf eine Karte setzt. Und dieser da, mit den sich überstürzenden Worten, denen die Gedanken zuströmen, mit seinen runden, glatten und blassen Wangen, der ohne den kleinen, rötlichen Schnurrbart und das beständige ironische Lächeln wie ein dicker Chorknabe ausgesehen hätte, das ist Vermorel: der Romanzier und Journalist, dessen ätzende Feder, dessen beißende Verse überall verwundeten, wohin sie trafen. Ein Menschenfeind, der durch seinen agressiven Freimut, durch seine durchdringende Klugheit zu den Repressalien der Verleumdung wie berufen erschien. Seine politischen Verurteilungen, die Einfachheit seiner Lebensführung, seine Selbstlosigkeit, der Mut, der aus seinen Büchern und seinen Artikeln sprach und die Republikaner ebensowenig wie das Kaiserreich verschonte, hatten doch die Verbreitung des absurden Gerüchtes: er sei Rouhers Kundschafter, nicht zu verhindern vermocht. Vergebens hatte Rochefort, der dieses Gerücht aufgebracht, sein Wort zurückgenommen, in dem Getroffenen war ein Gefühl der Bitterkeit, das Bedürfnis, selbst um den Preis seines Lebens die Glut seiner republikanischen Gesinnung zu beweisen, zurückgeblieben. Um dieses Opfers willen war er aus der Provinz, wo die Nachricht seiner Wahl ihn überrascht, nach Paris zurückgekehrt. Jene dort: der Liederdichter J.B. Clément, mit der Haltung und dem Benehmen eines Briganten der Komischen Oper: der Dichter der Armen und Niederen, dessen sentimentale Refrains auf dem Boulevard wie in den Werkstätten geträllert werden und zur Begleitung die dumpfen Töne der Trommeln von Santerre haben; ein gefühlvolles und scheues Herz. – Courmet, Deputierter der Seine, Sohn eines abenteuerlichen Unruhstifters, an allerlei Verschwörungen und lichtscheuen Gewerben beteiligt, ein dicker Bursche von freundlichem Wesen, dem seine Streitigkeiten mit den politischen Gerichten mehr noch als seine Artikel im Réveil einen Sitz an der Seite Delescluzes, dessen Jakobinismus den seinen inspirierte, eingetragen hatten. – Verdure, ein Unbekannter, ehemaliger bei seinen Büchern ergrauter Schulmeister, Kassierer und Redakteur der Marseillaise, einer jener Biedermänner, auf die das Milieu abfärbt. Zur selben Gruppe gehören die alten Revolutionärengesichter: Miot, ein Trümmer von 1848, von dem Gespenst des Jahres 1793 verfolgt, ein edles Greisenhaupt, das ein kindisches Gehirn birgt, eine sinnlos faselnde Beredsamkeit. – Der sagenhafte Deputierte Gambon, ebenfalls Volksvertreter, dem seine Weigerung, die Steuer zu zahlen, die Pfändung seiner Kuh durch den kaiserlichen Fiskus, bei den Februarwahlen nahezu hundertvierzigtausend Stimmen eingebracht hatten. – Endlich Gustave Flourens, ein edler, feuriger, jugendlicher Kopf, eine der sympathischsten Persönlichkeiten jener Zeit, Sohn des berühmten Gelehrten und selbst Lehrer am Collége de France, jedoch durch seinen Unabhängigkeitsdrang veranlaßt, sein Lehramt aufzugeben, von ritterlicher Hingebung beseelter Mitkämpfer am Aufstand von Kreta, voll glühender Begeisterung an dem Angriff gegen das Kaiserreich sich beteiligend, Adjunkt zu Belleville, wo man ihn vergötterte mit seinem offenen Herzen, seiner offenen Börse, mit naiver Eitelkeit auf den Wällen seine Majorslitzen spazierenführend und am 31. Oktober in loderndem Zorn auf den Tisch des Rates stampfend, von dem er die unfähigen Redner, die Paris zugrunde richtenden Advokaten hätte vertreiben mögen ... Hier eine sich abseits haltende Gruppe, die sich in geschlossener Phalanx um den großen Abwesenden, Blanqui, schart. Über ihnen schwebt das Bild dessen, den sie »den Alten« nennen, das Andenken an den Märtyrer der Kerker, an den ewigen Verschwörer, der, in Cahores hinter Schloß und Riegel schmachtend, jetzt, da die Stunde geschlagen, nicht mit seinen kalt berechnenden und doch glutvollen Worten diese Revolution unterstützen kann, die er, der geschwächte, verbitterte, siebzigjährige Mann, in den Kerkerzellen, den Kasematten der Festungen und in den Mansarden, wo er in den seltenen Stunden der Freiheit seinen Traum ausgesponnen, ersehnt und vorbereitet hatte. Eine lange Vergangenheit der Leiden verleiht ihm eine gewisse Weihe, verklärt seine unerbittliche, diktatorische Doktrin. Und es erfüllt seine Jünger mit bitterem Groll gegen das Schicksal, das in einem solchen Moment, der das Ziel seines ganzen Lebens verwirklicht, den entschlossenen Schauspieler des 31. Oktober fernhält, den Hellseher, der in der Patrie en danger auf dem Schiffe von Paris der vor den Klippen warnende Wächter gewesen. Wer wird ihn ersetzen, der sein Talent, sein großes Vermögen, seine ganze Persönlichkeit in den Dienst der Sache stellte, als diese hoffnungslos schien, und der er jetzt nur noch mit ermatteter Seele in gebrechlichem Körper zu dienen vermag? Wer wird es sein? Nicht sein junger Freund Tridon, nicht Protot, der arme, arbeitsame Advokat, der, obgleich intelligent und gebildet, doch nicht die Flamme des Geistes besitzt und sich mit der strengen Befolgung des Buchstabens begnügt. – Auch nicht der General Eudes, dessen Taten auf die von Blanqui unrichtig eingeleitete, armselige und blutige Affaire von La Vilette, den albernen Angriff auf eine Feuerwehrkaserne, beschränkt bleiben. Ehemaliger Apothekergehilfe, dann Korrektor einer Druckerei, später Gérant der Libre Parole, im ganzen ein schwacher Geist, ebenso wie Chardon, der großmäulige Kupferschmied. Noch weniger sind es Rigault und Ferré. – Rigault, aus gut bürgerlicher Familie stammend, ein verbummelter Student mit lockigem Bart und frechem Lorgnon; ein grausamer Bursche, ein lasterhafter Prahler, der auch vor einem Verbrechen nicht zurückscheut. Ferré, sein würdiger Genosse, Schreiber bei einem Geschäftsagenten, ein ebenso gehässiger Kerl, der es der Natur nicht verzeihen kann, daß sie ihn so mißgestaltet erschaffen, der Gesellschaft nicht, die ihn so ärmlich vegetieren läßt, ein kaltherziger Epileptiker mit bartüberwuchertem Gesicht, schwarzem Haar und schwarzen, unruhigen Augen. Hinter diesen die Gruppe der Klubkandidaten, die alle Mißbräuche abzuschaffen und Reformen einzuführen versprechen, heftige und verworrene Köpfe, die statt mit Taten nur mit Worten dienen und die rauchgeschwängerte und rauflustige Atmosphäre lärmender Klubsäle mit sich bringen. Ein heterogener Chor von wahnwitzigen Köpfen, zwischen denen kein Zusammenhang besteht: heißblütige Südländer wie Leo Meillet, Doktor Rastoul, der frühere Tierarzt Régére; alte, ehrwürdige Narren wie Demay, oder Kranke wie Allix; überspannte Köpfe: Amouroux, Charles Gerardin, Martelet; anspruchslose, jeder Schandtat fähige Nullen: der Schuldirektor Urbain und Doktor Parisel; zerfahrene Geister wie Ostyn; Opfer des Lebens: der Porzellanmaler Oudet; zweifelhafte Existenzen: Ledroit, Emil Clement; Unbekannte, die niemals erschienen: Decamp, Puget... Seit lange schon war Beslays Stimme verstummt. Die Verlesung der Namen wurde eben beendet. Nachdenklich betrachtete Jacquenne von seinem Platze aus mit forschendem Blicke und zusammengezogenen Augenbrauen diese Schatzmeister der Macht, der Zukunft. Viele von ihnen waren ihm fremd, wenige sympathisch. Von allen Seiten kreuzen sich die Anträge und prallen bei der ersten Berührung der Charaktere aneinander. Man versteht sein eigenes Wort nicht, man hört nichts als hier und da zusammenhanglose Phrasen und den Lärm der am Fuß der Treppe lagernden Wachen. Die einen fordern die Ehrenpräsidentschaft für Blanqui, ein anderer verlangt die übliche Gabe, mit welcher der glückliche Regierungsantritt der Revolution gefeiert werden soll: »Aufhebung der Todesstrafe!« Antwort darauf: »Ah, er will Vinoys Kopf retten!« Für einen Augenblick einigt man sich zu dem belobenden Zeugnis: »Die Nationalgarde und das Zentralkomitee haben sich um Paris und die Republik verdient gemacht.« Und von neuem bricht der Tumult los, in dem Beslays weise Ratschlage wie Spreu im Winde zerflattern ... Wird man die Wahlen bestätigen? Sollen die Sitzungen geheim oder öffentlich geführt werden? Die Gemäßigten, Arnould, Theiß, Jourde stimmen für die Öffentlichkeit. Die Aufgeregten protestieren: »Wir bilden einen Kriegsrat,« läßt Paschal Grousset sich vernehmen, »der Feind darf unsere Beschlüsse nicht erfahren!« Valles und andere nötigen die zu Mitgliedern der Kommune ernannten Deputierten, zwischen ihren Mandaten zu wählen: entweder das Rathaus oder Versailles. Sofort erhebt sich Tirard: in dem Augenblick, wo die Versammlung, die nichts weiter ist als ein einfacher Gemeinderat, ihre Rechte überschreitet und sich politische Gewalt anmaßt, zieht er sich zurück ... Immer lauter wird das Gemurr und die Drohungen, er verläßt den Saal und schlägt die Tür krachend hinter sich zu. Mit ihm erlischt jede letzte Hoffnung auf Versöhnung; die letzte Brücke stürzt ein. Die anderen Deputierten haben gewählt, sie bleiben. Nur Delescluze allein, der seine Demission in Versailles beschlossen, erklärt, wegen seines hohen Alters und seines schwachen Gesundheitszustandes sich zurückziehen zu wollen, da er nicht mehr die Kraft besitzt, der guten Sache anders als mit der Feder zu dienen ... Man umringt ihn, man beschwört ihn ... Die Revolution kann ihn nicht missen! Bis Mitternacht dauert der wüste Tumult ... Über die hufeisenförmige Doppeltreppe Louis XIV., über den Hof, wo die halb schlaftrunkenen Wachen mit dem Rufe: »Es lebe die Kommune!« sich erheben, entfernen sich nun die von Paris Gewählten. Und das ehrwürdige Gebäude, die Jahrhunderte alten Mauern dieses Rathauses, das die großen städtischen Feste bei der Geburt und der Hochzeit der Könige gesehen, das den Aufruhr der Fronde, die Donnerschläge der Revolution, die Bestätigung der Verfassung durch Ludwig XVI., das Fest des Allerhöchsten, den Sturz Robespierres, Napoleons und Marie-Louisens, den Prunk der Restauration und Louis-Philipps, die Republik von 1848, die Hochzeit Napoleons III. und die Taufe des kaiserlichen Prinzen miterlebt, dieser feierliche Zeuge von Frankreichs denkwürdigsten Stunden, sieht jetzt mit seinen steinernen Augen die kleinen Schatten vorüberziehen. Die Erwählten von Paris, die Hoffnung von Paris, auf denen die schwerste der Verantwortlichkeiten ruht, und von denen so wenige nur für ihre Aufgabe vorbereitet sind! Verbittert, deklassiert, mit Gefängnis und Strafen aller Art verfolgt, am Rand des Lebens und einer stiefmütterlichen Gesellschaft stehend, die Besten unter ihnen gelähmte, dem Untergang geweihte Ideologen, die Schlimmsten gleich wilden Bestien auf die Macht gehetzt, alle noch wankend von den Krämpfen der Belagerung, so zerstreuen sie sich im Dunkel der Nacht. Einige von ihnen halten schon die unsichtbare Fackel in der Hand. Und dort drüben ist die Armee von Versailles im Anzug, lauern die Deutschen. IV. Von zwei edlen Füchsen gezogen, rollte der Landauer der Grandprés schnell die Straße dahin, die vom Rundel von Rocquencourt zum Parktor hinabführt. Es war ein köstlicher Frühlingsnachmittag, die Ebene prangte in jungem Grün, und von dem in wolkenloser Bläue lachenden Himmel sandte die Sonne ihre goldenen Strahlen über die Gipfel der frischbelaubten Bäume, die dort hinter den alten königlichen Mauern herüberwinkten. »Wie alles keimt!« sagte Anina. Sie saß mit ihrem Vater im Fond des Wagens. Du Breuil, in Galauniform, ihr gegenüber, suchte durch den schwarzen Kreppschleier hindurch ihre geröteten Augen. Herr von Grandpré, Bersheim gegenüber und wie dieser in schwarzem Anzug, wandte sich dem Park zu und erwiderte mit freundlichem Lächeln, das diesem Gemeinplatz einen Schimmer von Melancholie verlieh: »Die Natur kümmert sich wenig um unsere Schmerzen. Das Leben spinnt sich fort und achtet nicht des Todes ...« Sie kehrten von Saint-Germain zurück, wo sie Frau d'Avols Begräbnis beigewohnt hatten. Sie war zwei Tage vorher der Lungenentzündung erlegen. Bis zu ihrem letzten Atemzug hatte ihr Sohn mit unermüdlicher Sorge und leidenschaftlicher Hingebung um ihr Leben gekämpft, immer noch hoffend, sie dem allzu frühen Tode entreißen zu können. Er hatte bei der Kranken nur die Ärzte und die Wärterin geduldet, nicht mehr gegessen, kaum mehr geschlafen und diese teuere Pflicht – denn er betete seine Mutter an – mit jener zähen Energie und unbeugsamen Willenskraft erfüllt, die den Stempel seines Charakters bildeten. Und jeder hing seinen eigenen traurigen Gefühlen nach. In Anina hatte das Mitgefühl für ihren Cousin den schlummernden Schmerz, die tiefe Trauer um den verlorenen Bruder wieder geweckt. Dieser brave, lebensfrohe Junge, den sie vielleicht noch mehr geliebt hatte als den jüngeren, Maurice, und der im Vollgefühle seiner Kraft ausgezogen war – sie sah ihn noch vor sich in seinem Küraß und dem roten Mantel – ruhte nun in unbekanntem Grabe mit anderen Toten, unter irgend einem Felde der gleichfalls verlorenen Elsässer Erde! ... Das Bild von Metz erstand vor ihr, das Haus, in dem nun Mutter und Großmutter einsam inmitten des lastenden Schweigens der deutschen Okkupation der Abwesenden harrten ... Sie fühlte sich allein und suchte den Blick ihres Verlobten. Doch Pierre sah gedankenvertieft auf das vorüberfliehende Gras am Rande der Gräben ... Sie erriet, welch peinvolle Gedanken ihn verfolgten ... D'Avol, Metz, das Drama ihrer gebrochenen Freundschaft ... Sie wußte nun alles, auch in welchem Grade eine Eifersucht, deren unschuldige Ursache sie selbst war, diesen Bruch verschärft, vergiftet hatte ... Wie fern das alles lag! Heute hatten Pierre und Jacques sich die Hände gereicht ... Warum sollten sie nicht wieder Freunde sein? Die Zeit geht über alles hinweg ... Du Breuil sah immer noch vor sich die stumme, fast tränenlose Verzweiflung, mit der d'Avol sie an der Schwelle des Trauerhauses empfangen hatte. Wie verändert er war! War das denn wirklich der sorglose, jugendlich feurige Gefährte der Zeit vor dem Kriege, dieser Mann mit den ergrauenden Haaren, dem eingefallenen, durchwühlten Gesicht und den von tiefstem Schmerze brennenden Augen ... Als Du Breuil die Nachricht von der Katastrophe erhalten, hatte er bei dem Gedanken an das, was d'Avol leiden mochte, tausend kleine, versiegt geglaubte Quellen wieder in sich öffnen gefühlt. Empfindungen, die seit den ersten Tagen seiner Gefangenschaft, in den langen Stunden der Einsamkeit in Mainz ihn gequält und seit seiner Ankunft in Versailles und seinem Wiedersehen mit Anina ihn in noch verstärktem Maße beschäftigt hatten, ohne daß er sich dessen klar bewußt gewesen, sie waren ihm nun klar geworden. Immer lichter wurde es in seiner Seele, und nicht ohne Bangen erkannte er und gestand sich ein, daß die Schuld an ihrer gegenseitigen Entfremdung und das Unrecht auf beiden Seiten war ... Waren sie – d'Avol und er – sich früh genug ihrer Liebe zu Anina bewußt geworden? War es nicht Mangel an Vertrauen gewesen, was sie davon abhielt, einander die wahre Natur ihres Gefühls zu gestehen? Vielleicht, daß eine offene Aussprache, nach welcher das Opfer des einen oder des anderen noch möglich gewesen wäre, den ihre alte Freundschaft vernichtenden Zusammenstoß noch hätte verhüten können. Und was den zweiten Konflikt betraf – ein Vorwand, mit dem sie ihre so schnell in Haß verwandelte Feindschaft zu decken gesucht, und hinter dem sich in Wahrheit nur die Eifersucht ihrer Liebe verbarg, – warum nicht aufrichtig sein? In diesem grausamen Kampfe ihrer gegen ein erhabenes menschliches Problem sich aufbäumenden Seelen, in diesem Zwiespalt ihres zwischen zwei Pflichten schwankenden Gewissens war es nicht er, Du Breuil, gewesen, der recht gehabt hatte. Nein, denn da er in seiner Stellung als Generalstabsoffizier unabhängig und nicht, wie sein Cousin Bedel, an das Schicksal der Truppe gebunden war, hätte er gegen die Unterschrift des schuldigen Führers, gegen die Kapitulation des Marschalls von Frankreich, der seine Armee wie eine Herde Vieh auslieferte, protestieren müssen! Er hätte, bevor noch ein Ehrenwort ihn binden konnte, erhobenen Hauptes wie d'Avol sich durch die feindlichen Linien Bahn brechen oder wie Decherac, Barrus und so viele andere verkleidet entfliehen müssen, um mit seinem vielleicht unwesentlichen, aber doch nicht nutzlosen Beistand die Kadres der Verteidigungsarmee zu stützen ... Ja, ehrlich gestand er es ein, wie er so oft in seiner Gefangenschaft es sich eingestanden, er hatte geirrt, und so schwer es heute auch seiner Eigenliebe wurde, es gewährte ihm doch fast eine Erleichterung, daß er endlich klar sah, – zu spät freilich ... Selbst d'Avols Avancement, der neue Rang, der mehr als einmal gegen seine bessere Einsicht – man ist doch nur ein Mensch! – seinen Neid erregt hatte, diese Oberstleutnantborten, die in den Gefechten von Beaune-la-Roland, Villersexel und der Cluze die Feuertaufe empfangen, – selbst zu diesem Neid fühlte er sich nicht mehr berechtigt. Die Auszeichnung war ja doch eine wohlverdiente. Aus den Briefen seines Vaters hatte er von der heldenhaften Weigerung, sich nach der Schweiz hinüberzuretten, von dem Entweichen der beiden Männer durch die Schneefelder des Ostens und von dem Beistand, den der Jüngere dem leidenden Greise geleistet, erfahren. Dies hatte ihn mit einer Dankbarkeit erfüllt, die, bisher peinlich, nun süß und mit tiefem Mitgefühl für den jetzt so Vereinsamten gemischt war. Ihr Zwist erschien ihm nun, da die Ursache verschwunden, von geringerer Bedeutung. Wahrhaftig, was galt die Verschiedenheit ihrer Charaktere, der Gegensatz ihrer Meinungen in dieser Katastrophe, die über Armee, Regierung und das ganze Land hereingebrochen war? ... Weshalb hätte er, von der Vergangenheit befreit, ihm noch grollen sollen? Liebend und geliebt, mit dem Ausblick auf eine Zukunft des Glückes, wurde ihm die Großmut leicht. Mit tiefer Wehmut hatte er in all den schrecklichen Monaten den Zauber der ehemaligen männlichen Freundschaft, die Erinnerung an die alte Waffenbrüderschaft in sich nachklingen gefühlt. Hätte er seiner ersten Regung folgen dürfen, er wäre sofort zu dem einsam am Sterbelager Trauernden geeilt ... Die Furcht, mißverstanden und unfreundlich empfangen zu werden, nicht minder eine zarte Scheu, sich dem Schmerze, der ehedem der seine gewesen wäre, aufzudrängen, hatte ihn zurückgehalten. Selbst als ein eiliges Billet von d'Avol an Bersheim Mitteilung von dem Unglück, dem Datum und der Stunde des Begräbnisses gemacht, hatte er geschwankt, der Geliebten seine Zweifel und Skrupel gestanden und erst auf deren liebevollen Rat sich entschlossen. Errötend hatte sie mit ihrem schlichten Freimut ihm anvertraut, daß d'Avol seit der Rückkehr von Bordeaux um ihre Zukunftshoffnungen wußte, daß er ihr Geständnis mit einer Zurückhaltung aufgenommen hatte, in deren Melancholie sich kein Haß gegen Pierre, nur das schwermütige Gedenken der Vergangenheit mischte. Was Du Breuil da erfahren, hatte seine Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit Jacques noch gesteigert, und mit tiefer Bewegung hatte er diesen Morgen dem alten Freunde die Hand entgegengestreckt. D'Avols gramgebeugte Haltung weckte augenblicklich in ihm die totgeglaubte Sympathie, die alte Herzlichkeit der Gefühle. D'Avol war erbebt und hatte dann, ihm fest ins Auge blickend, die dargereichte Hand mit krampfhaftem Druck gefaßt, während ein qualvolles Lächeln über seine Lippen glitt. Nichts war zwischen ihnen gesprochen worden, und beim Abschied hatten ihre Hände sich noch einmal in längerem Drucke gefunden, und d'Avol hatte mit gebrochener Stimme einige Worte des Dankes gemurmelt. So unvollständig und kurz diese Annäherung auch gewesen, Du Breuil gedachte ihrer doch mit Freuden. Und ohne zu wissen, wie fortan ihre Beziehungen sich gestalten würden, empfand er es wie eine Erlösung, an nichts anderes mehr denken zu müssen als an die arbeitsreiche Gegenwart, an die Sorgen für die Zukunft und vor allem an Aninas Liebe, die ihm reichen Trost für alles andere gewährte. Seit wenigen Tagen dem Kriegsministerium zugeteilt, verflogen ihm die Tage in fieberhafter Tätigkeit, die ihn doch über das furchtbare Ziel: den vielleicht morgen schon zum Ausbruch gelangenden Bürgerkrieg, nicht zu täuschen vermochte. Bersheim und Grandpré sprachen halblaut in jenem gemessenen Tone, in dem die Feierlichkeit der Trauerfeier noch nachbebte. Der Metzer war verdüstert durch all die Ereignisse, die vor seinen Augen sich abspielten. Er sprach von den letzten in fruchtloser Wut und sterilen Diskussionen zersplitterten Sitzungen der Nationalversammlung: »Das geht über meine Kräfte, das übersteigt meine Begriffe, eins Sitzung wie die vorgestrige, in der man die Zeit damit verbrachte, über die von Gambetta aufgelösten Generalräte zu perorieren – während die Kommune ihre erste Beratung abhält! ... Eine Sitzung wie die von neulich, über die Unauflösbarkeit der von Cremieux aufgehobenen Behörden, während die Bürgermeister die Aufgabe der gesetzgebenden Gewalt erfüllten und bestrebt waren, den Bürgerkrieg zu verhindern! ... Statt zu versuchen, Paris zurückzubringen, indem man auf der Stelle das Gesetz der munizipalen Wahlen und jenes andere, in so humaner Weise von Millière geforderte, die Mietzinse betreffenden, votierte! ... Vielleicht werden Sie mich der Parteilichkeit zeihen, aber ich denke wie Floquet: ›Diese Männer sind Wahnsinnige!‹... Sie erinnern sich doch an La Rochethulon, der ehrenwerten Männern, deren ganzes Verbrechen darin bestand, eine Aussöhnung herbeizuwünschen, wie Louis Blanc, Schoelcher, Floquet, befahl, ihre ›Kollegen vom Rathaus‹ zu benachrichtigen, daß er sich im Zustande berechtigter Notwehr befand, als er die von den Mauern seines Pariser Hotels abgelösten Papierstreifen:›Zum Niederschießen geeignet!‹ schwenkte.« Grandpré zog skeptisch die Augenbrauen in die Höhe. »Vergessen Sie nicht Vaillants denselben Tag im Officiel dieser Herren erschienenen Artikel ... Sie machen Fortschritte, die Tyrannenmörder. ›Die Gesellschaft hat gegen die Fürsten nur eine Pflicht: den Tod ...‹ Diese armen Fürsten!« schloß er sinnend. »Aber, bester Freund, wenn die Nationalversammlung sich heute solche Absurditäten sagen lassen muß und sich dieser maßlosen Kommune gegenüber befindet, wessen Schuld ist es? Wissen Sie, wer sie gemacht hat oder machen ließ – denn für Regierende ist das ein und dasselbe! – das ist Trochu, Favre und vor allem Ihr Herr Thiers! ... Wenn sich im sozialen Körper ein solches Geschwür bildet, schieben Sie die Schuld auf die Fahrlässigkeit der Ärzte, die es nicht zu verhindern gewußt haben ...« »Nun dann,« versetzte kalten Tones Herr von Grandpré, »man wird das Geschwür öffnen, damit ist die Sache abgetan.« Bersheim errötete und wehrte hastig ab: »Von einem solchen Rettungsmittel sprach ich nicht, das verhüte Gott! Nur zuviel französisches Blut ist schon geflossen ...« Der wackere Mann gedachte seines Ganges über das grausige Schlachtfeld von Borny, der kleinen Laterne, mit der er über die Haufen der Leichen geleuchtet hatte ... Er suchte in den Gliedern eine Spur von Bewegung, in den Gesichtern einen Hauch von Leben ... Er folgte mit Du Breuil dem mit Verwundeten beladenen, bluttriefenden Wagen. Und der Gedanke an all diese Leichen, denen die Räder nicht auszuweichen vermochten, an diese furchtbare Ernte unter dem Sternenhimmel im Todesschlafe ruhender Menschen, an all die anderen mit Toten besäeten Schlachtfelder Frankreichs erfüllte ihn mit einer Empörung, die er nicht ganz zu verbergen vermochte: »Und das genügt euch nicht! Ihr habt die Departements zu den Waffen gerufen, Frankreich gegen Paris gehetzt ... Ihr verlangt Freiwillige, um die von euch begangenen Fehler gutzumachen ... Im Blute gutzumachen! ... Wo eine rein republikanische Politik und ein wenig Erbarmen mit den armen Leuten genügt hätte ...« »Gewiß, die armen Leute!« ... suchte Grandpré auszuweichen ... »Warum aber haben sie sich nicht zuerst des Interesses würdig bewiesen, das ich für meinen Teil den unteren Klassen niemals verweigert habe ... Die Ermordung der Generäle! ... Das Übel verhindern, das ist leicht gesagt ... Als ob irgend etwas imstande wäre, dieses Fieber von Haß und Neid zu heilen, das sie alle verzehrt! Was sie wollen, ist nichts anderes, als sich an Ihren, an meinen Platz zu setzen, gut zu essen, gut zu trinken und die Privilegien zu genießen, deren sie weder durch Bildung, noch durch Intelligenz, noch auch durch den simpelsten gesunden Menschenverstand würdig sind ...« Er warf einen Blick liebenswürdiger Überlegenheit auf Bersheim, der schwieg, weil er zuviel zu sagen gehabt hätte... Er hatte Arbeiter gehabt, er kannte sie... Nein, so war das Volk nicht! Es standen zuviel berechtigte Bestrebungen und Wünsche zuviel unqualifizierbarem Egoismus gegenüber... Grandpré fuhr fort: »Die Soziologie beweist uns, daß in chronischen Intervallen ähnliche Krisen unvermeidlich sind ... und die Geschichte bestätigt uns, daß, wenn man nicht strenge Ordnung schafft, dieses von den Generationen so geduldig errichtete Gebäude, in dem gerechterweise, je nach ihren Verdiensten, die einen oben, die anderen unten stehen müssen, in Gefahr ist, zusammenzustürzen... Wir, die wir berufen sind, gerecht zu richten, deren Blick die Ereignisse übersieht, wir haben die Verpflichtung, dieses Werk der Zeit, dieses Vermächtnis unserer Vorfahren aufrecht zu erhalten ... Wer hat die große Revolution herbeigeführt, wenn nicht die Schwäche Ludwigs XVI.? ... Und gestehen Sie, daß es keinen liberaler denkenden Mann gibt, als ich es bin!« ... Als solcher ergab er sich, mit Bedauern sicherlich, doch als in eine Notwendigkeit, in alle Konsequenzen der Situation. »Übrigens, glauben Sie denn, daß die Republik, die Paris vielleicht beruhigt hätte, imstande wäre, Frankreich zufrieden zu stellen? Gestatten Sie mir, dies zu bezweifeln. Der geringe Erfolg, welchen die Partei der Kommune, in der Provinz findet, zeigt uns zur Genüge, was der Wunsch des Landes ist ... Das Land! Bei Gott, es verlangt nichts Besseres, als in Frieden seinen Geschäften nachgehen zu können ... Und, gestehen Sie es nur, die Republik hat ihm seit 1793 keinerlei Garantien geboten...« Er nahm eine diskrete Miene an. Bersheim dachte: vielleicht kommt es daher, weil die Bourbons, die Orléans und die Bonaparte ihr nicht genug Zeit gelassen haben. Doch schon fuhr Grandpré fort: »Selbst Toulouse, die Hauptstadt der Insurrektion im Languedoc, hat um Gnade gefleht! Und morgen wird Marseille ...« Die Ereignisse des 18. März hatten in den großen Provinzstädten dröhnende Gegenschläge erzeugt. In Lyon versammelten sich am 24. mehrere hundert Offiziere der Nationalgarde, proklamierten die Kommune und sich selbst zu deren Anhängern und konstituierten eine Gemeindekommission. Den Bemühungen des Bürgermeisters und des Präfekten, sowie der Energie des Generals Crouzat gelang es sogleich, wieder Ordnung und Ruhe in die Nationalgarde zu bringen. Fast ebenso schnell, wie sie entstanden, erlosch die Kommune von Lyon. In Saint-Etienne erheben sich die längst in die Internationale aufgenommenen sozialistischen Arbeiter gegen den Gemeinderat und den Bürgermeister – sämtlich zögernde Republikaner, – erstürmen am fünfundzwanzigsten das Rathaus und nehmen in der anstoßenden Präfektur den neuen Präfekten, de l'Espée, gefangen. Letzterer weigert sich, den Drohungen trotzend, ebensowohl, sich dem Pariser Aufstand anzuschließen, als abzudanken; von einem Halbnarren, einem ehemaligen Proskribierten namens Fillon, im Saale bewacht, sieht er um sich her die tobende Menge wachsen. Fillon verliert den Kopf, entlädt seinen Revolver, eine oder zwei Personen sinken getroffen zu Boden. Die Gewehre der Menge senken sich, geben Feuer. Gleichzeitig mit Fillon fällt de l'Espée. Das aufständische Komitee bleibt Sieger, doch inmitten des Entsetzens über diese Bluttat isoliert und mit allgemeiner Mißbilligung bedeckt, flüchtet es beim Eintreffen der ersten Truppen aus dem Rathaus. Der ganze Aufstand legte die Waffen nieder. In Creusot fiel die am zweiten auf dem Rathause gehißte rote Flagge schon den nächsten Tag, beim ersten Ansturm der Soldaten, unter allgemeiner Gleichgültigkeit. – In dem mit dem Präfekten Duportal ganz für die Republik gewonnenen Toulouse hatte die Nationalgarde sich des Kapitols bemächtigt und delegierte eine exekutive Kommission. Der kommandierende General, der sich ins Arsenal zurückgezogen hatte, leistete tapferen Widerstand; endlich, am siebenundzwanzigsten, trifft der neue Präfekt, de Keratry, mit frischen Truppen ein und nimmt ohne Blutvergießen von der Stadt Besitz. Die exekutive Kommission ergibt sich. Nur in Narbonne und Marseille hielt die Rebellion sich noch aufrecht. In Narbonne hatte am dreiundzwanzigsten der Republikaner Digeon mit zweihundert Mann das Rathaus besetzt; eine Linienkompagnie erhob mit dem Rufe: »Hoch lebe die Kommune!« die Kolben. Der Unterpräfekt flüchtete sich. Digeon ließ, kurz entschlossen, das Straßenpflaster aufreißen und Barrikaden errichten. – In Marseille war der Widerstand noch heftiger; den siebenundzwanzigsten verlas im Club de l'Eldorado Gaston Crémieux in Anwesenheit der bestürzten Republikaner eine Depesche aus Versailles, welche Rouhers Landung in Calais, sowie Marschall Canroberts an Thiers gerichtetes Anerbieten seiner Dienste meldete. Verrat, das Kaisertum stand vor den Toren! Den nächsten Tag wurde der Präfekt von den auf seinen Befehl zu einer Revue versammelten Nationalgardisten verhaftet und Crémieux an die Spitze der provisorischen Regierung gesetzt. General Espivent trat nach Thiers' Vorbild mit Armee und Beamten den Rückzug an und erreichte Aubagne. Sich selbst überlassen, zur Untätigkeit verurteilt, sah Crémieux sich auch von dem Beistand des Stadtrates verlassen, während die Städte der Umgebung ruhig blieben ... Den siebenundzwanzigsten jedoch treffen drei Delegierte aus Paris ein, darunter Landeck und Amouroux, und löschen das Feuer. Man ernennt einen General, man verhaftet als Geiseln den Prokurator, seinen Substituten und den Sohn des Bürgermeisters unter der Drohung, sie beim ersten Befreiungsversuche niederzuschießen ... »Die Provinz«, sagte Grandpré, »macht uns weniger Sorge, als der Aufstand der Kabylen. Bis auf eine oder zwei Ausnahmen sind die Departements nicht aus ihrer Ruhe herausgetreten oder doch bereits zur Ordnung zurückgekehrt. Ein Aufzucken ohne Sinn und ohne Kraft ... Paris täuscht sich, wenn es glaubt, daß es Nachahmung gefunden hat... Bald wird es dem allgemeinen Schicksal erliegen. Vergeblich ist sein Prahlen, vergeblich träumt es davon, mit den hunderttausend Bajonetten, mit denen der Père Duchene uns bedroht, hierher zu kommen, um mittelst einer allgemeinen Offensive die Anerkennung seiner Wahlen von uns zu erzwingen ... Wir werden ihnen aber, und ohne zu zögern, eine Lektion erteilen ... Thiers ist von der Solidität und der Zahl unserer wackeren Truppen befriedigt ... Doch das ist nur der Anfang ... Fortan wird jeder Tag unseren Sieg befestigen ... Es geht gut, es geht sehr gut! Die teilweise Beschlagnahme der Vorräte der Märkte kommt uns gerade recht, um all diese Leute zu ernähren und zu kräftigen ... Die aus den Häfen gesandten großen Marinegeschütze werden unsere Schultergewehre und Vorwerke bald bewaffnen ... Das Geld, an dem es in den ersten Tagen mangelte, füllt die Kassen. Das Geld wird in Gemeinschaft mit den Kugeln uns die Tore öffnen!« ... Seit der Flucht nach Versailles wurde die Regierung, die Präsidentschaft und der Generalstab, das Ministerium des Innern und die Polizeipräfektur von einer Horde von Vaterlandsrettern belagert und mit einer Sintflut von Plänen, Vorschlägen und Angeboten überschwemmt. Überzeugte, Träumer, Intriganten, Selbstlose und Gewinnsüchtige füllten die Bureaus und die Salons; jeder war im Besitze des unfehlbaren Rezeptes, des einzigen Heilsmittels. Manche hatten sich schon abgenutzt, so jener Franzini – ein Neapolitaner, Ex-Sergeant der Ehrenlegion und von der Verteidigungsregierung zum General ernannter Steuereinnehmer, – der am 25. März vor der Estrade seine Reiterkünste hatte spielen lassen. Zuerst unter Garibaldis Namen vom Volke bejubelt und als solcher im Lager auf dem Marsfelde von einem schlauen Stiefelputzer, der seinen Schlaf benutzte, um eine Wand seines Zeltes zu lüften und den Neugierigen ein Eintrittsgeld von fünf Sous per Kopf auszupressen, den Spaziergängern gezeigt, hatte der Italiener sich bald seines Nimbus entkleidet gesehen. Doch für den einen verlorenen Verschwörer fanden sich sogleich zehn andere. Eine Machination jagte die andere, wenn nicht zwei in paralleler Richtung nebeneinander liefen, um sich schließlich gegenseitig zu verschlingen. Zu den größten dieser Art gehörten diejenigen des Obersten und früheren Marineoffiziers Domalain, der den Feldzug an der Spitze der bretonischen Legion mitgemacht hatte, und des Obersten Charpentier, Kommandanten des 228. Bataillons und getreuen Nationalgardisten. Ersterer rühmte sich, in Paris vier- bis fünftausend Freiwillige zu haben, die bereit wären, mit einem Handstreich, durch Besetzung einiger strategischer Punkte, sich der ganzen Stadt zu bemächtigen. Der andere, im IX. Arrondissement, war beauftragt, die für die Sache der Ordnung gewonnenen Bataillone in einem eventuellen Regiment zu vereinigen. Ein ehemaliger Artillerieoffizier der Nationalgarde von Montmartre, Roy, verpflichtete sich, gemeinsam mit seinem Freunde Frigerio, die Butte wieder zu besetzen und mit den zweitausendfünfhundert Mann, über die sie verfügten, das Tor von Clignancourt den benachrichtigten, gesammelten Truppen zu öffnen. Dann war da noch ein früherer Gerichtsdiener und einfacher Korporal der Nationalgarde, Boudard; als Gläubiger des Obersten Laporte hoffte er den in der Muette installierten Chef der Legion von Passy belehren zu können. Grandpré strich sich seinen Schnurrbart und schielte auf die aufgezwirbelte Spitze desselben. »O ja, es gibt noch gute Patrioten! ... Von Minute zu Minute wissen wir, was vorgeht ... Ah, das Geld!« ... Er wiegte den Kopf wie einer, der dessen Wert zu schätzen weiß. »Diese gute Bank, die dank der Geschicklichkeit des Herrn von Ploeuc die Herren von Paris so karg bedacht und ihnen erst zwei Millionen siebenhundertundfünfzigtausend Francs gegeben, hat uns durch mit Banknoten ausgefütterte Emissäre bereits fünfzehn Millionen zukommen lassen ... Aber wir brauchen sie auch! Am Tag nach dem Aufstand äußerte sich Thiers zu Rouland: »Wir sind arm wie Kirchenmäuse; umsonst haben wir alle Taschen durchsucht, ich habe nur zehn Millionen gefunden ... Ich brauche jedoch mindestens zweihundert. Verschaffen Sie sie mir.« Und Rouland wird sie verschaffen! Ein Wort an die Sukkursalen, und die Beträge strömen herbei ... Vorige Woche zum Beispiel, welch eine Panik! Sehen Sie, wegen Marseille... Ein mit achtundzwanzig Millionen in Gold beladener Zug konnte auf der Rückkehr von Brest, wohin, wie Sie wissen, die Bank während des Krieges übersiedelt war, infolge der Ereignisse vom 18. März nicht rechtzeitig in die Keller einlaufen und irrte seitdem, Paris umgehend, von einer Richtung in die andere, von der Angst vor der Insurrektion getrieben. Endlich lief er, zuerst aus Lyon, dann Toulouse flüchtend, im Bahnhof von Marseille ein. Pardauz! dort möchte Herr Gaston Crémieux ihn gern kapern ... Und die achtundzwanzig Millionen fahren weiter nach Toulon ... Welch eine Zeit! Wolle Gott, daß wir bald ihr Ende erleben.« Bersheim ließ den lehrreichen Redestrom über sich ergehen ... Ja, welch eine Zeit, und welch ein Licht, das sie auf Menschen und Dinge warf! Er fühlte sich traurig und allein, trotz der Gegenwart Aninas und Du Breuils, die beide, in Träume versunken, nur für ihr mit tiefer Melancholie umhülltes Glück Sinn und Gedanken hatten. Der Landauer rollte über das Pflaster, endlose Kavalleriedefilees entlang, durch lange Züge von Munition-, Proviant- und Fouragewagen aufgehalten, die Kreuz und Quer durch enge Gassen, um dem Place d'Armes auszuweichen, der, mit Kanonen bedeckt, in einen großen Park verwandelt war, in dem die unaufhörlich durch die Eisenbahn herbeigebrachten Batterien sich reihten. Man kam am Bahnhof am rechten Ufer vorbei, hinter dessen geschlossenen Gittern es von Infanterie wimmelte. »Soll ich Sie vor dem Ministerium absetzen, Herr Major?« fragte Grandpré. An der Ecke der Rue Duplessis und der Rue d'Angivilliers, vor dem Hause, in dem die provisorischen Bureaus untergebracht waren, hielten die Pferde. Du Breuil verabschiedete sich mit einem langen Blick auf Anina. Unter der tatkräftigen Leitung des zum Unterstaatssekretär im Kriegsministerium ernannten General Letellier-Valazé wurde die Armee neu organisiert. Mit Zustimmung der Deutschen wurde der Effektivstand von vierzigtausend auf achtzigtausend Mann erhöht. Dann wollte man weiter sehen. Diese erfreuliche Nachricht war von Jules Favre aus Rouen gebracht und durch ein den fremden Diplomaten zu Ehren veranstaltetes großes Diner gefeiert. Vor Thiers' Augen öffnete sich mit einem Schlage ein weiter Horizont, von militärischem Ruhm übergoldet. Nun könnte er eine richtige Armee manövrieren lassen Und Eroberungen ausführen, statt wie bisher sie nur zu schreiben. Der Frosch blähte sich zum Ochsen auf. Die Kriegsgefangenen wurden, da sie auf den von heimkehrenden Deutschen überfüllten Bahnen nicht vorwärts kamen, nach den Häfen von Hannover beordert, von wo sämtliche verfügbaren Schiffe sie abholten. Sie langten in Massen an, von Ducrot in Cherbourg, von Chinehant in Cambrai zentralisiert, in provisorische Regimenter vereinigt, die schlecht und recht weiter expediert wurden und die Regimenter der eiligst einberufenen Provinzarmeen verstärkten. Kein Tag verging, an dem Du Breuil nicht in den engen, überfüllten Räumen eine Menge ehemalige Kameraden oder Vorgesetzte erscheinen sah, die, aus den preußischen Städten nach Frankreich zurückgekehrt, sofort nach ihrer Ankunft hierher kamen, um ihre Dienste anzubieten. So hatte er mehrere Offiziere vom früheren Großen Generalstab der Rheinarmee wiedergefunden, unter anderen den Obersten Laune, der trockener und eigenwilliger war denn je, den Major Francastel, der von seinem Leichtsinn und seinem lauten Wesen nichts eingebüßt hatte. Eines Morgens erschien Vedel. Beim Wiedersehen mit seinem Cousin, beim schüchternen Druck seiner Hand hatte Du Breuil aufrichtige Freude empfunden. Der Hauptmann bat, nicht von seinen Leuten getrennt zu werden. Mit ihnen hatte er den harten Feldzug mitgemacht, mit ihnen die noch härtere Gefangenschaft erduldet. Sollte das Regiment gegen Paris geführt werden, wohlan! er war bereit, das Schicksal seiner Kompagnie zu teilen, wenn auch dieser Krieg, nach jenem anderen, ihn nicht begeistern konnte. Doch er fühlte, daß er, fern von ihnen, seinen Leuten fehlen würde, wie auch er die Trennung schwer ertragen könnte. »Das ist doch der beste Trost«, sagte er beim Abschied, »das Bewußtsein, ein wenig Gutes getan zu haben ...« Auch der dicke General Chenot kam, dem der Kragen tief in den roten Nacken einschnitt ... Und viele andere ... So wuchs der Kern der fünf neuen Infanteriedivisionen, die man in Kadres und im Kontingent hatte neu formieren müssen, und die mit den sechs von Anbeginn neu konstituierten Infanterie- und Kavalleriedivisionen die neue Armee auf einen Effektivstand von elf Divisionen erhöhte. Satory isolierte immer noch die am 18. März schwach gewordenen Truppen. Nach einer Rast in den langen Avenuen der Stadt und längs des Teiches der Suisses begaben sich die Neuangekommenen, wieder gestärkt, nach Porchefontaine und Garches, um dort zwei ausgedehnte Lager zu beziehen. Die langen Reihen der grauen Zelte, das rege Treiben der Rothosen bedeckte die Umgebung, das Plateau von Jardy, das Gehege der Marche. Zwei Brigaden überwachten die Straßen nach Chatillon, Sevres und Saint-Cloud. Den nächsten Morgen unternahm Du Breuil nach gewohnter Weise einen kurzen Spazierritt, der ihm nach der schlaflos verbrachten Nacht Kopf und Herz erfrischte. Er bewohnte noch immer das ungemütliche Chambre garni, da er in dem überfüllten Versailles keine andere Wohnung hatte finden können. Eine seiner wenigen Freuden war gewesen, im Stalle eines benachbarten Hauses eine prachtvolle, goldbraune Vollblutstute einzustellen, die er zur Erinnerung an sein tapferes Metzer Lieblingspferd Eydalise II. getauft hatte. In flottem Galopp durch die in saftigem Grün prangenden Avenuen atmete er mit tiefen Zügen die Wiederkehr seiner Jugendkraft, seiner Lebensfreude. In manchen Augenblicken öffnete sich seinem Blicke eine freundlich helle Zukunft, jenem Stückchen Azurblau vergleichbar, das dort am Ende der Allee leuchtend durch die Wölbung des dichten Laubwerkes schimmerte. Schnell aber verschwand dieser Lichtblick wieder im Grau der Tage aufreibender Arbeit, von der die Finger ihm steif wurden, und die nur hier und da durch einen Dienstweg, durch den Auftrag, eine Nachricht von einem Ministerium ins andere zu tragen, einige Abwechslung erfuhr. Die Ministerien waren in den Bildergalerien und in allen Sälen des von zahllosen Posten bewachten Palastes untergebracht. Die Ämter funktionierten in wirrem Durcheinander, mehrere Bureaus in einem Raume, durch spanische Wände getrennt. Die hohen Beamten waren durch Paravents isoliert. Am selben Tische erledigten Divisionschefs und Schreiber die wichtigsten Geschäfte. Bis unter die Plafonds von Lebrun und zwischen die in Marmor und Gold schimmernden Wandverkleidungen, über denen all der Pomp des Zeitalters Ludwigs des Vierzehnten schwebte, und die verwundert die Menge der dem neuen Kaiser und dem alten Kaiserreiche Deutschlands zujubelnden preußischen Höflinge gesehen hatten – bis in das Wunder der kleinen Königsgemächer drang das zum Zerspringen überfüllte Versailles; die verstecktesten, kleinsten Winkel wurden gestürmt und mit wahnsinnigen Preisen gezahlt. Der Präsident der Nationalversammlung und die Minister hatten ihre Zelte im Zimmer des Sonnenkönigs oder im Boudoir Maria-Antoinettes aufgeschlagen. Eine Anzahl Abgeordneter kampierte in der durch Bänke, Tische, mit flatternden Vorhängen umgebene Betten in einen ungeheueren Schlafsaal umgewandelten Spiegelgalerie. Im Marmorhof antichambrierte unter freiem Himmel ein Gewühl von Bittstellern, Beamten und Journalisten; falsche und wahre Nachrichten, Projekte, Unterhandlungen, die Chancen der Prätendenten, die Schmollereien zwischen Thiers und der Nationalversammlung, der letzte Ausweg der provisorischen Republik, die in Feuer und Flamme lodernde Majorität, die Unentschlossenheit der Linken, die Ungewißheit der Zukunft – all das wurde hier besprochen und kommentiert... Von all diesen Gefühlen das stärkste war jenes, das Du Breuil empfand, als er am linden Spätnachmittag des 1. April aus dem Schlosse zurückkehrte und in der Avenue Saint-Cloud Grandpré begegnete, der ihm ganz fröhlich den Inhalt der zu dieser Stunde von Thiers an die Präfekten gesandten Depesche wiederholte: in Paris plünderte die geteilte Kommune zu aller Entsetzen die öffentlichen Kassen ... Indessen tagte in Versailles friedlich die um die Regierung gedrängte Nationalversammlung und organisierte »eine der schönsten Armeen, die Frankreich je besessen hatte ... Die Krisis wäre schmerzhaft, aber kurz gewesen ...« Würden diese von so viel unglaublichem Mißgeschick noch ganz entmutigten, von dem stagnierenden Lagerleben und den Gefängnissen Deutschlands an Geist und Körper geschwächten Truppen denn wirklich das von Thiers verheißene Schauspiel bieten? Ja gewiß, die Offiziere würden gehorchen, die einen aus Pflichtgefühl, obgleich die Pflicht ihnen Widerwillen einflößte, andere aus angeborener Sorglosigkeit ... Aber die Vedel waren selten, und das zusammengeknüpfte Bündel konnte immer wieder auseinander fallen. Wie würden sie beim ersten Zusammenstoß sich zeigen? Es stand alles zu befürchten ... Zwei Tage vorher hatte General Galliffet bei der Nachricht, daß die Föderierten das Rundel von Courbevoie und die Brücke von Neuilly besetzt hielten, sich an die Tete zweier Eskadronen gestellt. Die eine bemächtigte sich des Rundels, aber die andere! ... Man erzählte, daß der General, bereit sich einen Durchbruch auf die Brücke zu bahnen, kommandiert habe: »Säbel in die Faust!« und mit seiner gewohnten Kühnheit den Föderierten entgegengesprengt sei mit dem Rufe: »Waffen nieder!« ... Sie gehorchen. Galliffet wendet sich nach seinen Truppen um und gewahrt, daß sie in vorsichtiger Entfernung zurückgeblieben sind ... Die Föderierten umringen ihn mit seinen Offizieren; er parlamentiert, sie geben ihn frei, und im Schritt kehrt er kalten Blutes zu den Reitern zurück, die ihn im Stich gelassen haben und müßig gaffend auf ihn warten ... Eine solche Tatsache war bezeichnend genug. Ob die Armee marschieren würde? ... Seit einer halben Stunde saß Du Breuil über seine Arbeit gebeugt, beim Lichte einer Lampe dienstliche Briefe erledigend, als die Tür ihm gegenüber sich öffnete. Ein junger Artillerie-Oberstleutnant, von schlanker Gestalt und ernster Haltung, trat ein und blickte suchend umher. Du Breuil sprang auf. D'Avol erkannte ihn und errötete; durch seine von tiefster Verzweiflung glühenden Augen glitt ein Ausdruck des Leidens, mit leiser Befangenheit streckte er die Hand aus ... Doch Du Breuil rief, von heißem Mitleid erfaßt: »Du!« Und in dem Ton alter Freundschaft, der in diesem Worte lag, gingen urplötzlich all die grausamen Mißverständnisse, alle Bitterkeit ehemaligen Grolles unter und zerschmolzen in einem Gefühl müder Sympathie und inniger Rührung ... In bebenden, sich überstürzenden Worten erleichterte d'Avol sein Herz, sprach von der fürchterlichen Vereinsamung, unter der er seit gestern litt, von der Qual dieser endlosen Nacht in dem leeren Hause... Er konnte es nicht länger ertragen, er brauchte eine Beschäftigung, die ihn völlig in Anspruch nahm, eine rastlose Arbeit, um seine wahnsinnigen Gedanken, seinen herzzerreißenden Jammer zu lindern ... Er war gekommen, sich dem Minister zur Verfügung zu stellen, um irgend eine Stelle zu bitten. »Wir werden etwas finden!« sagte Du Breuil, nachdem er ihn durch Laune dem General Letellier-Valazé hatte vorstellen lassen. Sie gingen mitsammen fort, um in einem kleinen, abseits gelegenen, möglichst ruhigen Restaurant zu dinieren... D'Avol gestand dem Freunde seine Ungeduld, die Situation entwirrt, die Ordnung in Paris, selbst um den Preis eines energischen Krieges, wiederhergestellt zu sehen. Es mußte ein schnelles und gründliches Ende gemacht werden mit dieser albernen Revolte, dieser Demagogenzunft, deren erstes Resultat die Festankerung der Deutschen in französischem Boden wäre, der Deutschen, die sich unserer Zwietracht freuen und als Bürgschaft für das sichere Einlaufen der Kriegsentschädigung in ihre Kassen darauf warten, daß der Stärkere den Schwächeren verschlingt... Diese Bloßstellung der schamlosen Anarchie, diese Forderungen eines ketzerischen Egoismus, unter den Augen des Feindes, zu solcher Stunde, da alle Franzosen nur den einen Gedanken haben sollten, das Vaterland wieder aufzurichten und geduldig, mit rastlosem Eifer an der Neuorganisierung der Armee der Revanche zu arbeiten ... Eine ganze Welt dringendster Reformen: die Rekrutierung, die Instruktionsmethoden ... Und, von Zweifeln gequält, mußte Du Breuil, halb gegen seinen Willen, die unerschütterliche Festigkeit dieser Seele bewundern, diese Unbeugsamkeit des Urteils, diese Entschlossenheit im Wählen und im Handeln. In seinem Atelier der Rue Soufflot hatte Martial, von einem frühen Sonnenstrahl, der sich durchs Fenster gestohlen und freundlich das Bett umspielte, geweckt, sich unfroh erhoben mit der freudlosen Aussicht auf einen langen Tag. Es war Palmsonntag und seine Stimmung um so verdrießlicher, als der Himmel in lachender Bläue strahlte ... Wie schön mußte es auf dem Lande sein, in den Wäldern, vor den geschlossenen Toren der von neuem einem Gefängnis gleichenden Stadt! ... Denn man fühlte, wie zur Zeit der Belagerung, einen schweren Druck auf sich lasten. Nur die Herren hatten gewechselt, sonst nichts ... Und, bei Gott, diese Herren waren noch weniger sympathisch! ... Schon war die Ernüchterung gekommen ... Die städtischen Freiheiten, nicht übel ... Doch wie weit war man davon entfernt! ... Das Dekret, das einerseits die Konskription abschaffte und andererseits jeden gesunden Mann der Nationalgarde einverleibte, dünkte ihn übertrieben. Im Prinzip mochte es noch gelten: keine Ausnahme mehr, jeder Soldat. Gegen den Fremden war diese Maßregel gewiß vortrefflich ... Doch freien, von dem Gedanken, sich untereinander schlagen zu sollen, wenig erbauten Bürgern mit Gewalt die Waffen in die Hand drücken ... Nein, das war unnatürlich... Und für die Freiheit – welch seltsame Art von Freiheit! ... Er steckte sich für eine solche Sache nicht in die Uniform ... Wütend schlüpfte er in seine Arbeitsbluse und ließ seine schlechte Laune an der Tonskizze aus, die er mit nervösem Druck des rechten Daumens – sein linker Arm war immer noch steif – bearbeitete. Die Skizze stellte eine allegorische Frauengestalt dar, in der unwillkürlich Ninis Züge mit der neuen Inspiration verschmolzen: die Allegorie des Gedankens mit zitternden Schwingen und gefesselten Füßen ... Als er die Tür öffnete; um mehr Licht einzulassen und ein klareres Urteil über das Ganze zu erhalten, stand er Thédenat gegenüber, der eintrat und schweigend bewunderte. »Ich wollte Sie entführen, aber wenn Sie bei der Arbeit sind ...« »O Gott nein!« sagte Martial, sich die Finger trocknend. »Wir hätten zum Frühstück zu Ihrem Vater gehen können ... Auch eine Art, den Sonntag auf dem Lande zuzubringen ... In dem Gärtchen der Rue Sainte-Scolastique könnte man sich in einem verlorenen Winkel glauben ...« »Ah!« rief Martial, »auch Sie finden die Luft hier eng und drückend?« Während er sich umkleidete, folgte ihm der Greis mit seinen klugen und milden Augen. »Ja, all das geht nicht ohne Willkür ... Die Kommune zahnt ... Beweis dafür die etwas lärmende Zeremonie von vorgestern ... Sainte-Genevieve für den Kultus geschlossen, der Pantheon den großen Männern wieder geöffnet, alles unter dem Lärm und Getöse der Reden und der Salven, während man die Arme des Kreuzes absägte und an der zum Schaft umgewandelten Spitze die rote Flagge befestigte... Und der allgemeine Nachlaß der Mietzinse! Die Maßregel ist gut, insofern sie die Armen entlastet, aber schlecht, weil sie den Reichen ein neues Vorrecht gewährt, und ungerecht, weil sie ohne Unterschied alles unbewegliche Eigentum schädigt ... Und die fünf Sicherheitskompagnien überwältigt, ihre Kassen gepfändet ... (Allerdings wurden die Siegel den nächsten Tag schon wieder entfernt) ... Das ist genug Mißbrauch der Amtsbefugnis! Da nützt kein Leugnen, wir stehen einer wirklichen Regierung gegenüber! ... Doch ich irre ... Zwei wirklichen Regierungen! Und beide sind kampfgerüstet ... Die legalere von beiden ist die Feindin aller meiner Überzeugungen ... Die andere, die ihnen teilweise entspricht, beunruhigt mich durch die Verschiedenheit derer, die ich an ihrer Spitze sehe, überdies drängt sie sich mit einer Gewaltsamkeit auf, die in Anbetracht der Verhältnisse, der Gegenwart der Deutschen, zum mindesten opportun ist ...« »Die Deutschen«, warf Martial ein, »wer denkt denn an die?« »Und doch sollte der Gedanke an sie allen anderen vorangehen«, sprach Thédenat. »Ihre Gegenwart hätte beiden Parteien Waffenstillstand und Schweigen gebieten sollen... Ja, müßten meine Ideen sozialer Gerechtigkeit auch noch länger unter der Erde keimen, ich hätte doch lieber gesehen, wenn man einzig daran dächte, die Schuld zu zahlen und den Augenblick zu beschleunigen, da der letzte Preuße unser Land verläßt. Dann erst wäre es an der Zeit gewesen, sich unter Franzosen auseinanderzusetzen, ohne Gefahr zu laufen, den Feind sich als Friedensstifter aufspielen zu sehen, oder, wenn er neutral bleibt, es zu riskieren, daß eine ganze Zukunft des Fortschritts durch unfähige, zu früh erhobene Verteidiger aufs Spiel gesetzt werde ... Denn sie werden geschlagen werden, das ist gewiß, und im Namen des Gesetzes, und mit ihnen, vielleicht auf Jahre hinaus, das Volk, das ihnen folgt, die legale Republik... Ach! die Legalität! ebenso gut könnte man sagen: das Recht des Stärkeren! ... Und mag dieses Recht des Stärkeren auch immerhin das schlimmere sein, in den Augen der Masse ist es doch immer das bessere! Hat nicht das Land seit einem Jahrhundert die legalen Regierungen des Soldaten des Brumaire, der in den Fourgons aus der Fremde zurückgebrachten Emigranten, eines die Bourbons verratenden Orleans, der Theoretiker von 1848, der ausgehungerten Verschwörer vom 2. Dezember sich ablösen gesehen?« »Gleichwohl«, entgegnete Martial, »Sie werden mich für einen Bourgeois halten und vielleicht ist es mein Künstlersinn, der sich dagegen sträubt, aber mir erscheint diese Art und Weise der Achtzig – und wie viele darunter haben die genügende Befähigung? – sich auf Paris wie auf eine Beute zu stürzen, unverdaulich!« Er nahm eine auf dem Tische liegende Zeitung und las: »Exekutive, militärische Kommission, Kommission der Finanzen, der Justiz, der allgemeinen Sicherheit, der Arbeit (Industrie und Wechsel), der Lebensmittel, des Unterrichts und ... ist das nicht zum Lachen? der äußeren Beziehungen ... Während unsere Briefe nicht einmal ankommen und wir vom Lande abgeschnitten sind!« ... Der Chef des Postwesens, Rampont, hatte sich zwei Tage vorher mit einem Teil des Personals nach Versailles zurückgezogen und den Postdienst in einer Verwirrung zurückgelassen, die Theiß trotz geschickter Bemühungen noch nicht hatte beseitigen können. »O auch das noch!« seufzte Thédenat, ... »Man muß die Maschine gut in Gang bringen ... Kann man die verlassenen Administrationen und die Ministerien den Passanten auf Gnade und Ungnade ausliefern?« »Und kann man die Beamten zwingen, ihren Dienst weiter zu erfüllen?« versetzte Martial. »Glauben Sie«, fragte Thédenat, »daß man die Zurückbleibenden erst zwingen muß? Wie viele kleine Leute sind des Broterwerbs halber an ihren Platz gebunden! ... Man muß leben ...« Martial schüttelte den Kopf. »Und nicht zufrieden damit, die Rosinen aus dem Kuchen geklaubt zu haben, zerschneiden sie ihn auch noch in zwanzig Stücke und setzen sich selbst als Könige in ihre Arrondissements. Die Zivilakten, die Erledigung der Geschäfte, alles haben sie an sich gerissen. Ich für mein Teil bin nicht besonders stolz darauf, die Herren Régère, Jourde, Tridon, Blanchet und Ledroit zu Monarchen zu haben ...« »Louchard und Tinet nicht zu vergessen!« bemerkte Thédenat. Plötzlich erhob sich draußen wüster Lärm. Als Thédenat und Martial die Tür öffneten, um fortzugehen, sahen sie eine Gruppe heulender und heftig gestikulierender Männer die Stiege herabkommen. »Wieder eine Mietzinsgeschichte!« dachten sie. Seit dem Dekret der Kommune befand sich das ganze Haus in Aufruhr. Zwischen seiner Abhängigkeit vom Hausbesitzer und seiner politischen Größe geteilt – er war zum Bataillonschef ernannt und in die Munizipalkommission des V. Arrondissements gewählt worden, – gab Louchard vor, »das Gesetz auf die der republikanischen Billigkeit am meisten entsprechende Weise« anzuwenden; auch hatte er Tinet, den Freund eines Freundes des Generals Endes, sich durchdrücken lassen. Zukünftige Schwierigkeiten befürchtend, war der Buchbindergehilfe gleich anfangs mit Mélie fortgezogen, ihre Möbel auf einem Handwagen mit sich schleppend. Thédenat und Delourmel hatten ihre Beträge redlich gezahlt, und Lauchard war insgeheim froh darüber, denn beide mußten schonend behandelt werden, Thédenat als Freund Jacquelines, Delourmel als Cousin eines zum Bureauchef bei der Polizeipräfektur avancierten kleinen Beamten: Nur die geizigen Du Noyers hatten, ihre Abwesenheit während der Belagerung und den von der Bande Pacauds, Tieren und Menschen, ihnen angerichteten Schaden sich zu nutze machend, sich, ebenso wie Blacourt, geweigert, die drei fälligen Zinstermine zu entrichten. Unablässig verfolgte Louchard sie mit Drohungen und Bitten, indem er für den Gutsbesitzer auf die Wache zog – jene hatten gefüllte Säckel, sie konnten zahlen. Blacourt, den er früher protegiert hatte, flößte ihm jetzt, da kein Sou mehr aus ihm herauszupressen war, einen patriotischen Widerwillen ein. Du Noyer war ein Wucherer; nie auch nur das schofelste Trinkgeld! Doch der Stadtrat berief sich, energisch seine weißen Bartkoteletten schüttelnd, auf dasselbe Dekret, das ihm heimliches Grauen einflößte, indem er sich feierlich »unter die Ägide der Kommune« stellte – bis die Gelegenheit sich ihm bieten würde, zu fliehen, ohne den Beutel öffnen zu müssen. Blacourt, der im Arbeiterviertel zwei Häuser besaß, hielt es für selbstverständlich, daß er, seiner Einnahmen beraubt, nicht durch Zahlung seiner Schuld seine Kasse noch mehr schwächte. Man zahlte ihm nicht, und er sollte zahlen! Nein, das konnte man von ihm nicht Verlangen ... Der Narr hatte gehofft, beim Regierungsantritt der Kommune irgend eine fette Sinekure für sich einzuheimsen; was war jedoch von einer Regierung zu hoffen, die ihre Diener so schlecht belohnte und als höchsten Gehalt nur 6000 Francs jährlich bewilligte, und auch dies nur ihren eigenen Mitgliedern! Es war ein Jammer. Bisher hatte Blacourt sein lustiges Boulevarddasein noch ziemlich ungeschmälert genießen können, nun aber waren fast alle Genossen seiner Freuden fortgereist, und wenn die Nachtrestaurants auch noch ihre Kundschaft an hübschen Mädchen behielten, so hatten diese doch nur noch Blicke und Lächeln für den Schwarm von improvisierten Offizieren in verschnürten Röcken, die ihre Säbel mit solch frechem Selbstbewußtsein über den Asphalt rasseln ließen. Hätten ein garibaldischer Offizier, ein Pole namens Malonsky, und seine Maitresse, ein herrliches Geschöpf, das sich Maddalena nannte, ihn nicht unter ihre Protektion genommen, Blacourt hätte längst schon diese seiner unwürdige Gesellschaft gemieden, um in Versailles, wieder mit seinen Freunden vereint, von neuem in Lust und Vergnügen zu schwelgen. Aber Malonsky war ein Typus, mit seinem kaltblütigen Rausch, seiner elegischen Manie, Verse in seinem Kauderwelsch zu deklamieren, seinen jähen Zornanfällen, in denen er sogleich zum Säbel griff ... Seine Taschen waren stets mit Gold gefüllt, und welch bequemer Spieler war er! Er verlor immer ... Und auch mit Maddalena konnte man stets gewinnen. Allein schon der Gedanke an ihre schneeige Haut und ihre Feueraugen brachten sein Blut in Wallung ... »Aber sehen Sie doch nur«, sagte Thédenat ... »Tinet! Ist denn jetzt Karneval?« Von Louchard unterstützt, stieß der Buchbindergehilfe unter Schmähungen und Schimpfworten Blacourt vor sich her: »Wenn Sie nicht gleich die Pferde hergeben, laß ich Sie verhaften, Sie Schwindler, Sie elender Kerl!« Tinet, bleicher und verschlagener denn je, schüttelte die Faust. Er tat sich nicht wenig zugute auf seine prächtige, funkelnagelneue Uniform, das verwegen aufs Ohr gesetzte Käppi, die hohen Stiefel, den rasselnden Säbel und die klirrenden Sporen; auf seinem mit roten Aufschlägen und zwei Litzen geschmückten Rocke prangten goldene Achselschnüre. Louchard gab in hochmütigem Ton zu bedenken: »Die Requisition geschieht in aller Form. Die Pferde gehören dem Bürger Leutnant. Staatsdienst!« ... Und herablassend setzte er hinzu: »Sie werden sich doch nicht die Unzufriedenheit eines Offiziers aus dem militärischen Hause Seiner Exzellenz des Generals Eudes, der seit gestern Kriegsdelegierter ist, zuziehen wollen?« ... Doch schon hatte Tinet die Stalltür geöffnet und weidete sich am Anblicke der glänzend gestriegelten Tiere. Welchen Effekt er damit erzielen würde! Sie gehörten nun ihm. Oft genug hatte Blacourt ihn von seinem Phaeton herab mit Kot bespritzt ... Er winkte einem Spahi, einem Prachtkerl von Ebenholzfarbe, dessen Augen und Zähne vor Rauflust funkelten, und beide machten sich an die Arbeit, die Pferde von der Kette zu lösen. »Nimm die Sättel, Negro!« befahl Tinet. » Chouïa, chouïa « ... Ohne sich zu beeilen, gleichgültig gegen das Geschrei Blacourts, auf den diese Ruhe und diese Muskeln einschüchternd wirkten, begann er, die Pferde zu zäumen, die Sättel festzuschnallen und die Steigbügel zu richten. »Morgen komme ich wieder, um das Sattelzeug und die Wagen abzuholen«, erklärte Tinet. Und zu Louchard gewandt, setzte er hinzu: »Kommandant, ich setze Sie zum Hüter dieses nationalen Gutes ein.« Majestätisch kletterte er mit Hilfe des Spahi, der selbst sich in den Sattel schwang, aufs Pferd und in Schritt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, und sich an der Mähne festhaltend, ritt er fort, blaß aber stolz, ohne umzublicken. Niedergeschmettert und nur mit Mühe seine Wut verbeißend, stand Blacourt da. Er hatte nicht gewagt, Einspruch zu erheben, er fürchtete das Schicksal mehrerer Bewohner des Viertels, die unter irgend einem Vorwand in diesen letzten Tagen eingesteckt worden waren. Eine Zelle im Polizeigefängnis, nein, dafür dankte er! ... Und, Tränen in den Augen, sah er diese beiden Pferde verschwinden, die er während der Belagerung mit solcher Mühe sich erhalten hatte! Er murrte: »Auch ich habe Freunde in der Kommune! Das bleibt nicht ungestraft!« Und in würdevoller Haltung zog er sich zurück. Schweigend gingen Thédenat und Martial an Louchard vorüber, der aus ihren Gesichtern ihre Mißbilligung las. »Was wollen Sie, Herr Thédenat? Man muß eben der Obrigkeit gehorchen!« Verstohlen folgte er ihnen mit dem Blicke. Die Vorwürfe, die er von den Fanatikern des Bataillons zu hören bekam wegen der Desertion des Bildhauers und dessen offener Weigerung, neulich, als die Kompagnie kommandiert worden war, um die die Niederlagen der Kommune in der Provinz meldenden Plakate Picards abzureißen, stachelten seinen Groll gegen den jungen Mann. Nur Geduld! Eines schönen Tages eine nette anonyme Denunziation! ... Wie man es mit dem Buchhändler nebenan gemacht hatte! ... Mit Freuden entsprach der Portier der kürzlich an die Nationalgardisten ergangenen Aufforderung der Kommission der allgemeinen Sicherheit, ihr in geschlossenem Kuvert alle nützlichen Benachrichtigungen zukommen zu lassen. Im Haustor stießen Thédenat und Martial auf Poncet, der, von dem herrlichen Morgen verlockt, denselben Einfall gehabt hatte, wie sie und kam, um sie zum Frühstück einzuladen. Es war zehn Uhr, man hatte noch Zeit genug, den Weg in aller Gemächlichkeit zu Fuß zurückzulegen. Er nahm den Arm des alten Freundes unter den seinen und begann von einer Idee zu sprechen, an deren Verwirklichung er seit dem Rückzug der Regierung mit mehreren angesehenen Mitgliedern der Partei, wie Ranc, Clemenceau, Floquet, Lockroy, Rochefort, André Lefèvre arbeitete ... Eine Versöhnungsliga, die als Pfropfen zwischen Versailles und Paris dienen sollte, indem sie zwischen diese beiden Narrheiten das Bindemittel der Vernunft, des gesunden Verstandes setzte. Thedenat mußte dabei sein, der nächsten Versammlung, in der der Grundstein gelegt werden sollte, beiwohnen und ein Manifest verfassen. Er setzte hinzu: »Die Zeit drängt. Ich weiß, daß die Legionchefs gestern abend auf den Vendômeplatz zu einem Kriegsrat einberufen wurden. Die Militärpartei rührt sich, sie will gegen Versailles marschieren und den Fehler vom 19. wieder gut machen. Die drei Generäle, die nicht mehr als Chefs kommandieren – da Titel und Ämter aufgehoben sind – und von denen Bergeret dem Generalstab der Nationalgarde, Duval dem Kommando der Polizeipräfektur, Eudes der Kriegsdelegation zugeteilt sind, – wollen ihre Beute nicht loslassen. Sie haben einen Operationsplan entworfen und sind imstande, der Kommune die Hände zu binden! Sie ist nicht die alleinige Herrin der Situation. Beweis dafür sind die täglichen Zwistigkeiten mit dem Zentralkomitee. Dieses hat nur zum Schein abgedankt und behält sich die Verfügung über die Bataillone vor. Nennt es sich auch nur den »großen Familienrat«, es drängt sich doch überall auf, will überall schulmeistern. Hat es nicht, um die gesamte Nationalgarde wieder unter ihre Leitung zu bekommen, Cluseret in die Kriegsdelegation bringen wollen? Die Kommune hat die Zähne gewiesen und, um ihre Sicherheit besorgt, Duval aufgefordert, den Kommandanten des Rathauses zu wechseln. Pindy hat Assis Stelle eingenommen. Das Komitee hat den Ansturm wiederholt und die Intendanz, das Recht, den Generalstabschef zu ernennen, die Bataillone zu rekonstruieren, für sich in Anspruch genommen. So weit ist es gekommen ... Es ist ein latenter Krieg. Indessen hat die Kommune sich das offizielle Privilegium der weißen Zettel vorbehalten. Das Komitee hat nur zur Hälfte nachgegeben, indem es in das Weiß einen roten Streifen setzte ...« Thédenat zuckte die Achseln: »Sie haben recht, man muß sich ins Mittel legen. Im Interesse aller, besonders aber jener Unklugen, die trotz ihrer anscheinenden Kraft die Schwächsten sind ...« Da unterbrach ihn Martial: »Hören sie nur!« Seitdem sein Vater sprach, horchte er auf ferne Geräusche. Es war wie dumpfes Gewittergrollen. Alle drei schwiegen angstvoll. »Das kommt aus der Richtung von Courbevoie«, sprach Thédenat. »Das sind ja die Kanonen!« schrie Martial. Sie erkannten den unseligen Lärm der Belagerung, die dumpfen, eiligen Schläge und jene undeutlichen Tonstöße, die im Geknatter des Gewehrfeuers ihren Widerhall finden. Sie waren blaß geworden und sahen sich bestürzt an: »Man schlägt sich!« Um sie her sammelten sich auf dem Rondel Medicis die Vorübergehenden an und tauschten ihre Vermutungen. »Man feiert bei den Deutschen einen Geburtstag, so wie neulich... Es ist eine Ehrensalve vom Montmartre ...« Nationalgardisten stürzten aus ihren Häusern, aus den Weinstuben; Leute eilten auf die Mairie. Die von den Wällen aus wie ein Lauffeuer sich verbreitende Nachricht dünkte der bestürzten Menge kaum glaubbar. Die Versailler griffen an! Empörung malte sich auf den Gesichtern. Am tiefsten entrüstet waren die Frauen. »Simon!« rief Thédenat. Barhaupt rannte der Schuster vorbei, um Erkundigungen einzuziehen. Er blieb stehen. Aus seinen Augen sprühte der Zorn, auf der Stirn stand eine harte Falte. »Jetzt schießen sie also auf uns! Ganz wie die Preußen!« Er lachte bitter auf: »Herr Thédenat! ... Wir also, die armen Leute, sind die Feinde!« Dem Gelehrten schnürte sich das Herz zusammen: »Beruhigen Sie sich! ... Es ist vielleicht nur ein Mißverständnis ... Wir fahren nach Versailles, um mit Thiers zu sprechen ... Es darf kein Blut fließen!« Doch Simon schüttelte den Kopf. Der Zorn färbte seine Wangen mit tiefer Röte. »Blut! ... Was gilt ihnen das, wenn sie aufs Volk schießen! ... Nein, Herr Thédenat, diese Leute werden Sie nicht zur Vernunft bringen! ... Es gibt nur eines. Ich nehme meine Flinte, die Jungens die ihren, und wir gehen mit nach Versailles.« Ohne einen Blick auf Martial eilte er weiter. Von allen Seiten wurde der Generalmarsch geschlagen. Zwischendurch donnerte unheilkündend das dumpfe Gewittergrollen. Drei Stunden dauerte es an, verfolgte sie durch die aufgeregten Straßen. Schleunigst einberufene Bataillone beratschlagten. Der Montmartre hatte wieder sein kriegerisches Aussehen. Nationalgardisten scharten sich um die Geschütze. In dem Gärtchen, dessen Fliederbüsche sich mit ihren Blütentrauben bedeckten, unter dem seine breiten Blätter entfaltenden Kastanienbaum setzten sie sich zu Tische, doch der Appetit war ihnen vergangen. Über dem in heißer Erregung gärenden Paris lauschten sie auf das schwächer werdende Getöse. Was ging dort unten vor? Folgendes: Am sechs Uhr morgens hatten die Division Bruat und die Brigade Daudel, dem tags vorher im Kriegsrat von Thiers beschlossenen Angriffsplan gemäß, ihre Lager verlassen und waren, die eine über Ville-d'Avray und Montretout, die andere über Bougival und Rueil, vorgerückt; Galliffets Reiter rekognoszierten zur Linken, General Du Barail bewachte zur Rechten die Straße nach Chatillon, die Vorposten, die seit einigen Tagen auf dieser Seite scharmützelten. Der Zweck dieser Operationen war, die Föderierten, welche Courbevoie und die Brücke von Neuilly bewachten, aus ihren Positionen zu verdrängen. Bevor noch das gegenseitige Feuer eröffnet war, entschied ein unerwartetes Opfer teilweise über die Haltung der regelrechten Truppen und machte ihrem Zögern ein Ende. Der Chefarzt Pasquier, der in Uniform in Schußweite der Gewehre der Föderierten vorüberritt und für einen Gendarmerieoberst gehalten wurde, stürzte, zu Tode getroffen, vom Pferd. »Man tötet eure Ärzte!« sagte man zu den Soldaten. Und da die Soldaten die Gendarmen, die man ihrer größeren Stärke halber ins Vordertreffen gestellt hatte, schießen sahen, schossen sie selbst. Der Kampf war eröffnet. Das 74. Infanterieregiment, gegen das große Rondel der Statue gedrängt, weicht und ergreift die Flucht. Vinoy und Bruat treten selbst ins Treffen und schicken die Marinetruppen vor. Gewaltige Schüsse krachen, und die Mitrailleusen vertreiben die Föderierten aus der Kaserne von Courbevoie. Da sammeln sich auf der mit Kugeln und Granaten bedeckten Avenue von Neuilly die Nationalgardetruppen zum Rückzug, der denn auch mit Hilfe dreier frischer Bataillone schleunigst bewerkstelligt wird. Die Versailler machen erst hundert Meter vor den Wällen Halt; wenig fehlte, und sie wären in die Stadt gedrungen. Doch Thiers hatte diesmal die Armee nur auf die Probe stellen wollen. Er atmet auf. Man wird auch Größeres wagen können! Und am Abend kehrten die Truppen, ohne auch nur einen Mann in den eroberten Positionen zurückzulassen, ruhig in ihre Lager zurück. Die Gendarmen entledigten sich, als sie Poteaux wieder betraten, der fünf gefangenen Nationalgardisten, indem sie sie auf der Stelle, ohne gerichtliche Verurteilung, erschossen. So begann, vom ersten Tage an mit mehr Grausamkeit geführt, als der Krieg gegen den Fremden, der Bürgerkrieg ... Der Ungewißheit und der Untätigkeit müde, hatten Thédenat und Poncet sofort nach beendeter Mahlzeit sich wieder auf den Weg gemacht; sie wollten Erkundigungen einziehen und sich womöglich mit einigen Freunden vereinigen, um unverzüglich die nötigen Schritte zu versuchen. Martial hatte in trauriger Stimmung den Heimweg angetreten. Nach dem Aufatmen der letzten Woche, wo mit der Wiederaufnahme seiner Arbeit auch die Freude am Leben ihm wiedergekehrt war, fühlte er sich jetzt in die schlimmsten Tage der Belagerung zurückgeschleudert. Er durchschritt halbverödete Straßen, unwillkürlich in die Richtung hingezogen, wo der Kampf stattgefunden hatte, vielleicht noch stattfand. Bataillone zogen in voller Ordnung vorüber. Verwundert sah er, daß sie nicht nur aus den hohläugigen Gesichtern des Elends bestanden. In ihren Reihen marschierten unternehmungslustigen Schrittes und in den Mienen glühende Überzeugung Kleinbürger und Nationalgardisten mit weißen Händen. Dem Palmsonntag zu Ehren trugen viele ein Buchsbaumzweiglein am Käppi oder am Gewehr. Je mehr er sich den Champs-Elysees näherte, je lärmender wurden die Straßen. Eine Menge von Neugierigen und Sonntagsspaziergängern wanderte der großen Arterie zu, durch die in gedrängten Reihen die Volksbataillone strömten. Der Hanswurst spielte seine gewohnten Stücke. Von dem wolkenumzogenen Himmel hob sich düster der Triumphbogen ab, dessen Basreliefs mit müßigen Gaffern bedeckt waren. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte Martial, ob er nicht noch einen Widerhall des Kampfgetöses vernähme. Seine Nerven bebten unter der Pein, zu fühlen, daß etwas Schreckliches sich ereignet hat, ohne zu wissen, was es gewesen sei ... In den Gruppen wiederholte man sich voll Bestürzung. »Sie haben attakiert«, während von der Landstraße her, wie im Jahre 1789, von Zeit zu Zeit der Schrei herüberdrang: »Nach Versailles!« Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Sein Bataillon marschierte an ihm vorbei. Er erblickte bekannte Gesichter, die ihn an die brüderliche Kameradschaft der Tage von Le Bourget, von Buzenval gemahnten. Es dünkte ihn seltsam, seine ehemaligen Kameraden ohne sich marschieren zu sehen ... Doch als er daran dachte, welch einer Schlacht sie entgegenzogen, wallte heiße Empörung in ihm auf ... Nein, eine solche Greueltat konnte er nicht fassen! ... Das dumpfe Geräusch dieser rhythmischen Schritte klang ihm gleich entsetzlich, wie das Dröhnen der Kanonen von Versailles heute morgen ... Nicht hier, nicht dort! Um nichts in der Welt... Seine Kompagnie hatte ihn erreicht. Er gewahrte den Ausdruck düsterer Begeisterung auf den Gesichtern vieler. Zufällig blickte die Reihe der Simons nach ihm herüber. Um Louis' Lippen glitt ein Lächeln trauriger Ironie. Anatole rief ihm spottend zu: »Kommen Sie nicht mit?« Der Vater wandte mit mürrischer Verachtung den Kopf hinweg. Martial fühlte sich peinlich davon berührt. Vorbei war es mit der einstigen Kameradschaft, mit der Solidarität gemeinsamer Leiden! Mit Unbehagen erfüllte ihn der stumme Vorwurf, und wie eine Demütigung empfand er es, daß er nun, da die Stunde der Gefahr für sie gekommen, sie im Stiche lassen wollte, diese Arbeiter, die er als ehrenhaft und aufrichtig erkannt hatte. Immer neue Reihen drängten vorwärts. Woge um Woge stieg die Menschenflut unter dem anschwellenden Rufe: »Nach Versailles!« Martial gedachte der Stunde, da er, trunken vor Erschöpfung und Verzweiflung, am Tage der Bastille, dem Abend der Kanonen, Seite an Seite mit den Simons hier vorbeimarschiert war. Eine Aufwallung der Begeisterung hatte Paris ergriffen und trieb es der deutschen Armee entgegen. Jetzt war es ein anderer Feind, der den Angriff unternahm. Und es war doch dieselbe Menge, die, eine furchtbare, blinde Macht, in einem unglaublichen Taumel von Haß und Wut sich Franzosen entgegenstürzte. Das seit Monaten angehäufte Blut, dieses Blut, das mit Freuden fürs Vaterland geflossen wäre und das die Untätigkeit in den Adern erhitzt hatte, es kochte jetzt mit unwiderstehlicher Gewalt. Die geladenen Gewehre brannten in den Fingern. Der Kampf mußte losbrechen, die zurückgedrängte Wut und Verzweiflung mußte sich Luft machen. Von dem natürlichen Feinde hinweg stürzte sich Paris auf jenen anderen, der durch eigene Schuld den entflammten Zorn erbte. Lange Zeit eingedämmt, Tag für Tag durch Groll und Leiden genährt, brach der Aufstand mit elementarer Gewalt endlich los. Dritter Teil. I. In der Morgenfrühe des 4. April trafen sich Thédenat und Poncet nach kurzer, schlaflos verbrachter Nacht zur verabredeten Stunde in der Rue Parée, vor dem Tore des alten Hotels Lamoignon. Dort hatte Jacquenne im vierten Stock eine kleine, kalte Wohnung inne. Am Sonntag Nachmittag hatten sie ihn nur flüchtig gesehen und ihn den ganzen gestrigen Tag nicht im Rathaus angetroffen, wo die in größter Aufregung befindliche Kommune zwei tumultuöse Sitzungen abgehalten hatte, während von Stunde zu Stunde schlimmere Nachrichten über den großen Ausfall anlangten. Die beiden alten Freunde drückten sich die Hand; würde es ihnen glücken, etwas bei Jacquenne zu erreichen? Hatte die furchtbare Lektion ihn aufgeklärt? Würde die Kommune im Gefühl ihrer Schwäche sich zu den Schritten bereit finden, die sie in Versailles versuchen wollten, ja gestern schon versucht hätten, wäre ihnen der Weg nicht durch die Schlacht versperrt gewesen? Traurig blickten sie einander an. Jeder hatte unterwegs über denselben Gedanken gegrübelt, den Taumel der letzten Tage im Geiste noch einmal durchlebt. Während die Bataillone ohne Befehle sich erhoben, viele von selbst den Kanonen entgegengingen und über die Champs-Elysees nach Neuilly marschierten, hatte die Exekutiv-Kommission eine Proklamation erlassen, die ihrer Entrüstung Ausdruck gab, weniger über die Attacke, da ja doch auch drei ihrer Mitglieder – Duval, Eudes und Bergeret – eine solche vorbereiteten, als um, im Falle, daß man ihnen zuvorkam, als Opfer sich aufspielen zu können. »Die Chouens von Chouette, die Vendeer von Cathelineau, die Bretonen Trochus, die Gendarmen von Valenten haben den Bürgerkrieg begonnen.« In viel falsche Behauptungen mischten sie ein Körnchen Wahrheit, denn mit keinem Worte taten sie der Armee Erwähnung, die, anfangs ohne Eifer, doch bald erhitzt, sie auch geschlagen hatte, und die gestern ... Ah! welcher Wahnsinn jener drei unwissenden Generäle, die, von dem blinden Volksstrom getrieben und in gutem Glauben der Begeisterung dieser wirren Massen vertrauend, alles überhastet hatten, ohne dem Widerstande ihrer Zivilkollegen Rechnung zu tragen: Tridon, Vaillant, Lefrançais. Man ging auseinander mit dem Übereinkommen, nichts zu unternehmen, ehe die Kommission nicht eine detaillierte Liste der Streitkräfte an Mannschaft, Artillerie, Munition und Transportmitteln in Händen hatte. Cluseret, dessen Talent man rühmte, war als Kriegsdelegierter dem General Eudes zugeteilt ... Sobald sie draußen waren, hatten die Generäle, alles aufs Spiel setzend, auf eigene Faust ihre Befehle erlassen. Von den beiden Konzentrationspunkten aus, dem Vendômeplatz und dem Place Wagram auf dem rechten, dem Place d'Italie und dem Marsfeld am linken Ufer, formierten die Legionchefs mit Mühe ihre Kolonnen; eine große Anzahl von Nationalgardisten war bereits abmarschiert und wartete bei den Toren gegen Neuilly und Vauves. Herden leichtgläubiger Menschen, von der Hoffnung geblendet, daß die Brüder von der Armee die Gewehre umkehren würden und der Mont-Valerien neutral bliebe! ... Sie rückten aufs Geratewohl vor, von Patronen und Proviant entblößt, nur wenige Geschütze mit sich führend, – ganze Bataillone fast ohne Führer, andere um ihnen zusagende Generale sich scharend. Indessen beriet die versammelte Kommune über alles mögliche, nur nicht über die militärischen Vorbereitungen und die große Bewegung, die die Bevölkerung in fieberhafte Erregung versetzte: über die Vertagung der tags zuvor beschlossenen Öffentlichkeit der Sitzungsprotokolle; über die von Pyat vorgeschlagene In-Anklagestand-Versetzung von Thiers, Favre, Simon, Pothuau, deren Vermögen sequestriert werden sollte; über die Adoption der Familien der vor dem Feinde gefallenen Nationalgardisten; endlich über die Abschaffung des Kultusbudgets; der Urheber dieser letzten, dringend geforderten und gewährten Maßregel war Pyat, der mit gleichem Rechte die Einnahme von Berlin oder die Unterdrückung von Versailles hätte dekretieren können. Und zur selben Stunde setzte die bewaffnete, von langem Warten, von Märschen und Gegenmärschen schon erschöpfte Menge sich voll Begeisterung in Bewegung, um den, wie es hieß, von Cluseret retouchierten Plan der Generäle auszuführen; eine starke Demonstration zur Rechten, gegen Rueil, mit den beiden Kolonnen von Bergeret und Flourens, während Eudes im Zentrum und Duval zur Linken, auf Versailles losmarschieren sollten, der eine über Meudon, der andere auf der Straße nach Chatillon. Eine in hyperbolischen Worten abgefaßte Depesche meldete die Anwesenheit Bergerets selbst in Neuilly, den Abfall der Linientruppen, die vollzählig eingetroffen seien und erklärt hätten, daß mit Ausnahme der höheren Offiziere keiner sich schlagen wollte. Indessen erschien erst in bleicher Morgenfrühe Bergeret inmitten der Föderierten, die seit einigen Stunden in der Nähe der Brücke rasteten und beim Anblick des Generals im Wagen murrten. Endlich bricht man, zehntausend Mann stark, auf, die Sektionen wie bei einer Promenade in der Mitte der Straße, ohne einen Eclaireur; man erreicht das Plateau des Bergere, da beginnt der Mont-Valerien zu donnern; eine Granate, eine zweite, unzählige schlagen in die von Entsetzen ergriffenen, zersprengten Reihen. Vergebens sucht Bergeret, dessen beide Wagenpferde getötet wurden, seine Leute wieder zu sammeln. Alle schreien Verrat und stieben auseinander. Die Queue erreicht in unglaublicher Verwirrung Paris, die Tete marschiert gegen Rueil weiter, wo auf einen dringenden Ruf hin Flourens mit seiner von sechstausend auf tausend Mann zusammengeschmolzenen Truppe eintrifft. Kaum hat man sich vereinigt, als vom Plateau de la Jonehere herab die Versailler Batterien das Feuer eröffnen. Nun erst rückte Vinoy, der auf seinen gestrigen Lorbeeren geschlafen hatte und unsanft durch den Donner geweckt worden war, ins Treffen. Auf der Linken waren die Vorposten der Brigade Galliffet vor dem Einfall zurückgewichen; bald jedoch trieben die Spitzen der Kolonne der Brigade Daudel und der Division Grenier das als Avantgarde vorgeschickte Häuflein Pariser zurück. Nun wandten die Trümmer der Truppen Bergerets und Flourens' sich zur Flucht und bedeckten von Rueil an die Ebene; die Kavallerie zur Rechten, die Eskadronen Du Barails säbelten sie nieder und machten eine große Anzahl von Gefangenen. Flourens, den die Enttäuschung seiner Illusionen seit einigen Tagen schweigsam gemacht hat, sieht sich allein. Fliehen wie die anderen und als Besiegter das von Unfähigen beherrschte Paris wieder betreten, das erträgt sein ritterlicher Sinn nicht. Mit Cipriani, seinem Adjutanten, wendet er sich nach Chatou, legt sich auf der Böschung nieder und schläft ein ... Ein Haus liegt in der Nähe, ein elendes Wirtshaus; Cipriani beschwört ihn, sich dahin zu begeben. Sie treten ein, Flourens wirft sich aufs Bett, der Besitzer geht, um Nachrichten einzuholen. Statt seiner sind es Gendarmen, die eintreffen. Cipriani entlädt seinen Revolver, man überfällt ihn mit Bajonettstichen. Man mißhandelt Flourens und schleppt ihn heraus; Kapitän Desmarets sprengt herbei: »Sind Sie's, Flourens, der auf meine Gendarmen schießt?« – »Nein!« Doch schon saust der wütend geschwungene Säbel nieder und spaltet den Kopf wie ein Scheit Holz entzwei. Man wirft den toten Flourens und den sterbenden Cipriani auf einen Düngerkarren. So hält also dieser junge, edle und tapfere Don Quichotte, der für das Volk, das er liebte, gestorben, seinen Einzug in Versailles. Ebenso waren die über Meudon und Villacoublay vorrückenden Kolonnen zersprengt und zurückgetrieben worden. Eudes wich nach einer sehr heftigen Attacke vor der Brigade La Mariouse; Duval war, nachdem er die Vorposten Du Barails aus Petit-Bicetre vertrieben, auf die Brigade Derroya und die Division Pelló gestoßen und wich nach energischem Kampfe hinter die Schanze von Chatillon zurück, wo er sich für die Nacht einschloß ... Während Thédenat und Poncet die finstere, altertümliche Treppe hinaufstiegen, teilten sie sich die Neuigkeiten mit, die sie gesammelt, und die alle nach dem falschen Jubel der offiziellen Bulletins über die Panik der vertrauensseligen Stadt berichteten, die eben erst Pyats Rodomontaden gelesen hatte, wie: »Nach Versailles, wenn wir nicht wieder den Luftballon besteigen wollen! Nach Versailles, wenn die Zeit der Brieftauben nicht wiederkehren soll! Nach Versailles, wenn wir nicht von neuem auf Kleienbrot beschränkt bleiben wollen! ...« und noch andere Reime auf wollen und sollen. Überall die Bestürzung über den mißglückten Ausfall, überall die überreizte Erregung des Volkes; hier rüstet sich ein Bataillon von dreihundert Frauen, die rote Flagge an der Spitze, gegen den Feind zu ziehen; dort jagen in rasselndem Galopp die unheilkündenden Ambulanzwagen durch die Straßen, tobt die Wut der Flüchtlinge und jener Schrei, der während der Belagerung so oft ertönt war: »Wir sind verraten!« Durch alle Klagen brach immer wieder die Empörung über die Granaten des Mont-Valerien. War es Fahrlässigkeit, war es böse Absicht der Generäle, die sich mit der am Tage nach dem 18. von Lullier gegebenen vagen Versicherung, die Festung werde nicht schießen, zufrieden gaben? Poncet zog auf dem engen Treppenflur einen verrosteten Glockenzug. Nach wiederholtem Anläuten erschien endlich Jacquenne mit verschlafenem Gesicht, in mangelhaftem Anzug, ein Seidentuch um den hageren Hals geschlungen. Die hohlen Wangen waren von struppigem Bart überwuchert, in dem gelben Gesicht funkelten die Augen. Beim Anblick seiner alten Freunde runzelte er die Stirn. »Sie!« sagte er trockenen Tons. Er trat zurück und ließ sie in ein kleines, mit Büchern angefülltes, von Tabak, Staub und Verwahrlosung riechendes Arbeitszimmer treten. Auf dem Kamin lag neben einer roten Schärpe mit goldenen Fransen ein Dolch; ein geladener Revolver diente als Briefbeschwerer. »Entschuldigen Sie, ich war eben eingeschlummert. Ich bin vor zwei Stunden erst nach Hause gekommen. Ich schlafe kaum mehr. Die Tage, die Nächte vergehen, ohne daß ich dessen gewahr werde. Eine aufreibende Tätigkeit! Womit kann ich Ihnen dienen?« Thédenat berichtete von ihren Plänen: der Gründung einer Liga zur Vereinigung der Rechte von Paris, welche das Werk der Versöhnung vollbringen sollte, indem sie sich zwischen die beiden Parteien stellte. Es mußte dem Blutvergießen Einhalt getan, und – da die hartnäckige Weigerung von Versailles, die legitimen Rechte von Paris anzuerkennen, im Grunde die Hauptschuld trug, – verhindert werden, daß die Kluft sich noch erweiterte, daß die Kämpfe dieser beiden letzten Tage in einen täglichen Kampf ausarteten, in den ketzerischsten aller Bürgerkriege. Das Ende mußte der Untergang der Republik und der Freiheiten sein! Poncet entwarf das Programm der Liga: Anerkennung der Republik, Anerkennung des Paris zukommenden Rechtes, sich selbst zu regieren, mit Hilfe eines frei gewählten und innerhalb der Grenzen seiner Machtbefugnisse souveränen Rates seine Polizei, seine Finanzen, seine Armenpflege, sein Schulwesen und die Ausübung seiner Gewissensfreiheit selbst zu regeln; die Bewachung von Paris sollte ausschließlich der aus sämtlichen gesunden Wählern zusammengesetzten Nationalgarde anvertraut sein. Das war das Programm, welches die Delegierten Herrn Thiers unterbreiten wollten. Jacquenne zuckte die Achseln. »Sehen Sie, Poncet, ich, ich schlafe nicht, Sie aber schlafen im Wachen! Können Sie denn wirklich hoffen, daß jene Leute jetzt, da sie siegreich sind, mit einem Schlage sich selbst Lügen strafen und das annehmen würden, was sie in ihrer Angst von sich gewiesen haben? ... Sie sind auf falschem Wege. Zwischen Paris und Versailles, diesen sich unversöhnlich gegenüberstehenden Feinden, ist kein Platz für eine dritte Partei. Uns auf diese Weise verteidigen wollen, hieße uns verraten! Die Zeit der Worte ist vorüber. Neigen Sie sich uns zu, so stehen Sie auch zu uns! Ergreifen Sie die Feder, das Gewehr. Wir sind auf dem Punkte angelangt, wo man nur an eines noch denken darf: an den Kampf bis aufs Messer. Der Krieg ist erklärt! Der Krieg der Zukunft gegen die Vergangenheit. Der Stärkere wird den Schwächeren verschlingen ...« Thédenat wiegte das Haupt. Jacquenne fuhr fort: »Das Mißgeschick unseres Ausfalls? ... Er lächelte bitter. »Ja, man hat zuviel erwartet. Am Tag nach seiner Flucht hätte man dieses Lumpenpack stürzen müssen ... Wir sind nicht genügend ausgerüstet, um das Feld zu behaupten und uns mit den regelrechten Armeen messen zu können. Wieder einmal mußten wir für den militärischen Nimbus, für die Unfähigkeit der Generäle büßen! ... Ein Narr oder ein Verräter wie dieser Lullier! ... Ein Idiot und ein Kranker wie Bergeret, ein Haubenstock wie Eudes! ... Diese Herren hatten ihren Plan! Immer wieder Trochu! Und uns hat man nicht einmal um Rat gefragt! ... Aber wir werden da Ordnung schaffen. Nieder mit den Generälen! Die Vorherrschaft muß in den Händen der Zivilgewalt bleiben. Paris kämpfe an Ort und Stelle, hinter seinen Forts, seinen Wällen, seinen Barrikaden! Hier ist es unüberwindlich, und es wird, nun es mit Brot versorgt ist, so lange und so energisch den Preußen von Versailles Widerstand leisten, bis das von Empörung erfaßte Frankreich aufstehen wird!« ... Von den erbitterten Szenen der Sitzung, die ihn bis ein Uhr morgens im Rathause festgehalten hatte, von jenen zwischen Kollegen ausgebrochenen Meinungsverschiedenheiten, die ihm die Situation schon als gefährdet zeigten, davon sprach er nicht. Er schwieg von den Anschuldigungen der sozialistischen Arbeiter, von dem Umschwung in Pyats politischer Überzeugung, indem er den Vorschlag machte, an die Stelle der exekutiven Kommission die drei Generäle zu setzen, von Lefrançais' Weigerung aus Empörung über den tollen Ausfall, von dem Beschluß, der Cluseret allein mit der Kriegsdelegation betraute, von Groussets Verlangen, den Mächten den Regierungsantritt der Kommune zu notifizieren! ... Zwist und Sterilität, wohin man blickte. Ohne Jacquennes scheinbarer Hoffnung zu widersprechen, betrachtete Thédenat mit einer mit Verwunderung gemischten Sympathie diese von einer eigenwilligen Falte gefurchte eckige Stirn, diese fieberhaft und doch kalt glänzenden Augen, diese ziellos glühende Willenskraft ... Was vermochte inmitten all dieses Schmutzes dieser Sektierer? Und er war einer der Besten! Sie schieden kalt von einander, Jacquenne, um sich vollends anzukleiden und ins Rathaus zurückzukehren, Thédenat und Poncet, um ihre Bemühungen fortzusetzen. Über das Treppengeländer sich neigend, rief Jacquenne ihnen nach: »Sie werden nichts erreichen! Seien Sie die Unseren!« An demselben Morgen hatte Du Breuil, dessen Nerven seit zwei Tagen von dem Getöse der Kanonen um Versailles her vibrierten und der gleichzeitig glücklich war, sich nicht persönlich an einem solchen Kampfe beteiligen zu müssen, und unglücklich, machtlos und im Ungewissen zu bleiben, wo französisches Blut floß, seinen Spazierritt nach Chatillon gerichtet, wo die Operationen stattfinden mußten. Vinoy hatte beschlossen, sich der viereckigen Schanze zu bemächtigen, deren Besitz, gegen Versailles bedrohlich, gegen Paris von großem Nutzen war, indem sie dazu dienen konnte, die Aufständischen fortan in der Befestigungslinie festzuhalten. Als Du Breuil die Infanterie der Brigade Derroja nach rechts zusammenschließen sah, um Chatillon über Fontenay-aux-Roses zu umgehen, während diejenige der Division Pellé von der Front angriff, erinnerte er sich eines für die merkwürdige Kopflosigkeit der ersten Tage ungemein bezeichnenden Details. Am 23. März hatte Galliffet, in dem Thiers einen der augenblicklichen Retter erblickte, den Auftrag erhalten, mit einigen Truppen diese selbe Schanze zu stürmen, die man heute von neuem anzugreifen im Begriffe war. Der General langte am Fuß der Werke an und besetzte sie, ohne daß ein Kanonenschuß abgegeben wurde: sie waren leer, die ganze Garnison war ins Dorf gegangen, um Kaffee zu trinken. Thiers, von dem unverhofften Fund benachrichtigt, antwortete mit dem Befehl, die Sache im Stich zu lassen und nach Versailles zurückzukehren. Eines so schnell und leicht gewonnenen Vorteils sich schämend, hatte der Stratege plötzlich lauter Unzukömmlichkeiten entdeckt: die Armee war nicht bereit, sämtliche Steine des Schachbretts mußten systematisch vorrücken, von kluger Bedächtigkeit geleitet. Die Kanonen donnerten, die Salven des Kleingewehrfeuers zerrissen knatternd die frische, trübe Morgenluft. Diesmal würde Thiers zufrieden sein, die Dinge vollzogen sich regelrecht! Cydalise setzte über einen Graben. Du Breuil klopfte liebkosend den schlanken, stolzen Hals, unter dessen goldbrauner Haut die Adern pulsierten. Er gedachte ehemaliger Morgenritte in Italien, Mexiko und Lothringen. Niemals mitten im Schlachtengetöse hatte er jenes Unbehagen empfunden, das ihn zu dieser Stunde peinigte: ein Gefühl, gemischt aus schmerzlicher Neugier und einem instinktiven Widerwillen bei dem Gedanken, daß seine Kameraden, die sich mitten im Kampfe befanden, im Begriffe waren, eine grausame, eine furchtbare Pflicht zu erfüllen. Nein, diese Pariser, die er um sich her als Verbrecher, als Sträflinge, Diebe, Mörder behandelt sah, diese Männer, die d'Avols erbarmungslose Vernunft als Verräter am Vaterlande zum Tode verurteilte, er konnte sie nicht anders, denn als Verirrte betrachten, als Schuldige wohl, aber von vorübergehendem Wahnsinn Befallene. Sie ohne Selbstvorwürfe, ohne Gewissensschwanken als Feinde behandelt sehen, darein konnte er sich nicht finden. Wie hatten ihn gestern Abend Aninas tiefer Schmerz, Bersheims Zorn ergriffen und erregt: »Besitzt denn Frankreich, nach der Amputation von zwei Provinzen, noch Blut genug, sich selbst zu zerfleischen!« Er horchte auf, atmete tief. Der Lärm wurde schwächer, schwieg bald ganz. »Wenigstens war der Kampf nur kurz«, sagte er sich. Er zog seine Uhr: kaum halb sieben. Er lenkte Cydalise im Schritt gegen das Gehölz von Loup-Pendu, ritt die die Straße von Bievres nach Petit-Bicetre beherrschenden Abhänge hinab, überlegte, ob er sich dem Ufer, der Seite des Dunstes und der Stille, oder dem noch von den letzten Nachklängen des Kampfes bewegten Plateau zuwenden sollte. Der brennende Wunsch nach Gewißheit lenkte ihn mit unwiderstehlicher Macht. Plötzlich sah er am Rand der Straße, an der Kreuzung, eins große Ansammlung, eine stillstehende Kolonne, einen Offizierstab in lebhafter Bewegung. Er sprengte heran und erkannte bald zwischen einem doppelten Spalier berittener Chasseurs lange Reihen von pulvergeschwärzten Gefangenen mit verdüsterten oder wutverzerrten, von den Strapazen der letzten Nächte eingefallenen Gesichtern. Er gab Cydalisen die Sporen und mischte sich in den Stab, vor dem, im Gespräch mit dem Chef der Eskorte, eine wuchtige Gestalt stand, von der Du Breuil nur den weißen Nacken unter dem goldgestickten Käppi wahrnehmen konnte. An der Haltung erkannte er den kommandierenden General. Ein ihm bekannter Major winkte ihm freundschaftlich zu; Du Breuil sprach ihn leise an: »Was geht hier vor?« »Sieg auf der ganzen Linie! Es ist die Garnison der Schanze, die die Waffen gestreckt hat. Pellé scheint ihr Schonung des Lebens zugesichert zu haben.« Doch da erhob sich Vinoys Stimme: »Ist ein Chef da?« Ein Mann mit energischen Zügen und finsteren Augen löste sich stolz aus den Reihen: »Ich bin es. Ich bin Duval.« »Und die anderen?« Ein Bataillonschef sagte schlicht: »Ich. Ich bin Duvals Generalstabschef.« Ein dritter gesellte sich zu ihnen. Die Stimme des kommandierenden Generals brach das drückende Schweigen: »Erschießt mir die da!« Ohne zu antworten, überschritten die drei Männer den Straßengraben und stellten sich auf einer kleinen Wiese, neben einer Mauer, auf. Du Breuil erhob sich in den Steigbügeln und betrachtete in einer Art von Faszination diese ohne Richterspruch Verurteilten, deren kalter Mut, deren Mienen wilder Entschlossenheit den Vorbereitungen zum Morde trotzten und irgend einen höheren Richter anzurufen schienen. Er begegnete dem Blick verächtlichen Hasses, den Duval über alle schweifen ließ, und empfand ihn wie einen persönlichen schmerzenden Vorwurf. Inwieweit hatte der kommandierende General das fürchterliche Todesurteil, das auf jeder Seite des militärischen Strafkodex eingeschrieben steht, hier auszusprechen, ohne Einberufung eines Kriegsrates, ohne Zeugen und ohne Verteidiger? Inwieweit waren überdies Duval und seine Genossen, die doch weder Soldaten noch Deserteure waren, dieser besonderen Justiz unterworfen? Mußte, wenn die Aktion vorüber, die Wut des Kampfes, der den gegenwärtigen Mord notwendig oder doch entschuldbar macht, verraucht war, eine solche außerhalb aller Kriegsgesetze stehende Härte nicht als Repressalie erscheinen? Aus der stoischen Gruppe erhob sich der Ruf: »Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!« Ein betäubender Krach, ein gelber Blitz, der durch den Dampf zuckte. Cydalise sprang zur Seite, so daß Du Breuil auf den Sattel zurückfiel, doch hatte er noch Zeit gehabt, zu sehen, wie die beiden Bataillonschefs getroffen nach vorwärts sanken, während Duval schwankte und rücklings zu Boden schlug ... Im Innersten erschüttert, richtete sich Du Breuil von neuem auf, um die Szene weiter zu verfolgen. Einer der Reiter der Eskorte stürzte sich auf Duvals Leichnam, riß ihm die Stiefel ab und schrie, sie vor der Kolonne bis unter Vinoys Augen schwenkend: »Wer will Duvals Stiefel?« Diese Verhöhnung des Todes, dieser gemeine Spott gegen mit edlem Mute gefallene Unglückliche machte Du Breuils Seele von Empörung überfließen. Ein Ekel erfaßte ihn, als Mensch eine solche Erniedrigung der Menschheit mit ansehen zu müssen. Weil eine sich selbst überlassene Horde in einer Stunde wahnwitziger Wut zwei Generäle ermordet hatte, war das ein Grund, daß Zivilisierte, Sieger, Männer, die auf der sozialen Leiter auf einer hohen Sprosse standen, ihrerseits mit kälterem Blute, doch mit ebensolcher Grausamkeit Männer töteten, die für jenen anderen Mord in keiner Weise verantwortlich waren, einfache freiwillige Kämpfer einer Sache, die man wohl tadeln konnte, die aber doch der Größe nicht entbehrte, da sie zu solchen Taten des Opfermutes begeisterte? Während die Kolonne sich wieder in Bewegung setzte, betrachtete er mit peinlicher Verwunderung die Gesichter der Gefangenen. Es waren etliche häßliche, viele nichtssagende, einige schöne darunter. Ohne die langen Bärte, den sichtbaren Ausdruck des Leidens wäre es eine Menge gewesen wie jede andere; Männer jeden Alters und jeden Berufs, denn es war nicht nur der Plebs darin vertreten, sondern auch das Kleinbürgertum; Frauen hielten gleichen Schritt mit ihren Männern. Es waren Durchschnittsfranzosen, Schlechte, Gute, Vortreffliche. Ein Antlitz fesselte seine Aufmerksamkeit durch die von Willenskraft und Intelligenz durchleuchteten Züge, durch den sinnenden Glanz des Blickes. In aller Mienen lag der Ausdruck stummen, mit düsterem Glauben gepaarten Entsetzens. Nein, das waren die Gesichter nicht, die er auf Montmartre gesehen. Es verletzte ihn, Zeuge des Hasses und Spottes sein zu müssen, mit dem Kameraden, Offiziere wie er selbst, diese Besiegten bedrohten und verhöhnten. Die Soldaten stimmten ein. Er vernahm schreckliche Worte. Von Abscheu erfaßt, wandte er die Zügel und lenkte Cydalisen im Trab auf die Straße nach Bievres; es verlangte ihn nach dem Alleinsein, nach dem engen Tal, nach den Bäumen. In bitterem Brüten erreichte er Versailles. Die dunstige Luft, die seine Stirn kühlte, die feuchte Frische der Wälder, das saftige Grün des jungen Laubes brachten ihm keine Erleichterung. Er sah nicht den in silbernen Zickzacklinien sich durch die Wiesen schlängelnden Bach. Gedanken, wie er sie noch nie gedacht, stürmten durch seine bangende Seele. In erhöhtem Grade überkamen ihn die Zweifel, die schon in Metz ihn gepeinigt hatten. Er, der sich immer und trotz alledem die Achtung vor der Disziplin bewahrt, der sich einem engen Pflichtbegriff geopfert hatte, er stand jetzt vor einem furchtbaren Problem, das zu lösen er in den letzten Tagen sich vergeblich abgequält hatte, und das angesichts dieser summarischen Exekution sich in seinem ganzen unsagbaren Grauen ihm enthüllt hatte. Der Krieg gegen den Feind, den Fremden, schon das etwas Grausames, doch in seiner Einfachheit zu keinen Zweifeln Anlaß gebend. Jetzt aber, – wie sollte man sich länger darüber täuschen – jetzt begann ein weit barbarischerer Krieg, ein sozialer Krieg, der in seinem Schoße eine Fülle unbekannter, fürchterlicher Katastrophen barg und tausend schreckliche Fragen aufrührte, deren Widerhall zum ersten Male bis in die Tiefe seines Gewissens drang. Auf die Pflichten eines Berufes, den er liebte, beschränkt, hatte nichts in seinem Gefühls- und seinem gesellschaftlichen Leben ihn auf diesen Kampf vorbereitet. Er allein, sein eigener Ehrbegriff waren in Metz im Widerstreit mit dem militärischen Zwang gelegen; plötzlich erweiterte sich das Feld, die Welt mit ihren Kategorien lag vor ihm, ein Horizont, der nicht von seiner Person allein, sondern von der wirren, menschlichen Menge ausgefüllt war. Vor diesem Wirbelsturm, der, die bestehende Ordnung umwerfend, die Gesellschaft in ihrer ganzen Nacktheit enthüllte, war alles in dem glücklichen Egoismus, der sorglosen Sicherheit des Kaiserreichs ihm an seinem Platze, in schönstem Gleichgewicht erschienen. Die einen oben, die anderen unten, nicht Kraft ihres inneren Wertes, ihres angeborenen Rechtes, sondern kraft einer altüberkommenen Harmonie, die in seinen Augen um so fester begründet war, als er, die Vorrechte seiner Geburt genießend, niemals daran gedacht hatte, sich zu jenen hinabzuneigen, die in den Fabriken, Werkstätten und Geschäftsläden für ihn arbeiteten, und über jene, die, auf der Stufenleiter noch um eine Sprosse tiefer stehend, unter dem verwahrlosten Dach ihrer Hütten, unter den unbarmherzig gleichgültigen Himmel ohne Arbeit Hungers starben. In dieser Pariser Revolution, in der erlesene Geister, ein Thédenat, ein Poncet – diese beiden kannte er und konnte ihre Selbstlosigkeit, ihre ideale Gesinnung nicht abstreiten, wie Grandpré es allen Männern der Linken gegenüber tat, – ihre Stimme zugunsten gewisser Reformen erhoben, in der Männer der Tat – er dachte an Duvals verächtlichen Blick – mit solch schlichter Größe für ihre Überzeugungen starben, da gab es anderes noch, als niedere Gelüste und neidische Anklagen! ... Hätte man nicht versuchen sollen, gut und gerecht gegen sie zu sein, anstatt sie zu reizen und sie allmählich zu nicht wieder gut zu machenden Handlungen zu treiben? Blieb kein anderer Weg mehr übrig, als die Schlacht zu ordnen und nach der Schlacht der Tod durch Erschießen oder Gefängnis? ... In einem anderen Lichte erschien ihm jetzt die Welt, in der nicht mehr jedes Ding so fest auf seinem richtigen Platz stand. Nicht mehr war alle Intelligenz, alles Recht auf einer Seite. Hatten nicht die Arbeit, das Elend Anspruch auf eine gerechtere Verteilung des Schicksals? In dieser Kolonne von Gefangenen befanden sich Greise, Kinder, Frauen ... Wer hatte sie dorthin getrieben? ... Mitleid und Befangenheit ergriffen ihn... Und es waren Franzosen! Gegen durch dieselbe Geschichte, dieselben Instinkte, dieselbe Sprache verbundene Wesen, gegen Wesen, mit denen man für das Vaterland gelitten, mußte er seine Soldatenpflicht erfüllen! Und die Preußen, die auf den Wällen der östlichen Forts saßen und den ganzen Kreis der von ihnen besetzten Städte überblickten, sie schauten »einer der schönsten Armeen, die Frankreich je besessen«, bei solcher Arbeit zu! Ah! Thiers, die Nationalversammlung! ... Von den beiden Stimmen Bersheims und Grandprés, die er allabendlich um sich hörte, die eine voll Wärme in ihrer rauhen Bonhomie, die andere elegant und kalt in ihrer trockenen Höflichkeit, war es die erstere, die Du Breuil in dieser bangen Minute zu hören glaubte. Waren denn Eisen und Feuer das einzige Mittel, offensichtliche Wunden zu heilen, zu verbinden, zu lindern? War das auch nur zu wünschen? ... Man verzweifelte an den Mitteln der Milde und Güte, bevor man sie noch versucht! Griff man nicht zur Gewalt, um nicht nur das Übel zu entfernen, sondern auch zugleich sich des Kranken zu entledigen? Diese quälenden Zweifel, die den ganzen Morgen, während er über seiner Arbeit gesessen, ihn verfolgt hatten, verließen ihn auch jetzt, beim Verlassen des Ministeriums noch nicht. Gesenkten Kopfes schritt er durch die Rue Saint-Pierre, als eine Hand sich auf seine Schulter legte. »Wie geht's?« Er schrak zusammen und erkannte einen seiner ehemaligen Metzer Kameraden, den Eskadronchef von Francastel, der jetzt dem Generalstab einer der neuen Divisionen zugeteilt war. Die Niederlage, die Gefangenschaft hatten in dieses eitle Gesicht mit der Adlernase, der niederen Stirn und dem aufgezwirbelten Schnurrbart keine Falte gegraben, kein Lächeln daraus verwischt. Mit alter Geschwätzigkeit begann er eine endlose, von tausend Zwischenfällen unterbrochene Geschichte; sein hohles Gehirn sprang von einem Satz zum andern. Er gefiel sich in seinem hellen Dolman, er war mit sich, mit den anderen, mit den Ereignissen zufrieden. Man konnte sich nun erholen, konnte durch ein Avancement oder ein Kreuz sich den im Dienste der »Gueuse« belohnten Glückspilzen der Verteidigungsarmeen gleichstellen. Indessen führte man ein angenehmes Leben. Dank dem guten Herrn Thiers, der von dem Tage des Falles von Metz an die Nachzahlung der Gage verordnet hatte, immer gefüllte Taschen! Dabei eine höchst angenehme Garnison; die Boulevards waren in Versailles, hübsche Frauen in den Straßen und im Hotel des Reservoirs eine vorzügliche Küche. Du Breuil wollte an der Ecke der Avenue de Paris eben den lästigen Schwätzer abschütteln, als sich in der Rue des Chantiers ein lärmendes Geschrei erhob. Bürger eilten vorbei mit dem Rufe: »Die Gefangenen kommen!« »Was für Aufhebens man mit ihnen macht!« sagte Francastel mit liebenswürdigem Lächeln. »Man sollte sie alle niederschießen!« Und ein heiteres Lied pfeifend, tänzelte er fort. Auf seinen Platz festgewurzelt, wahrend aus den anstoßenden Straßen ein Strom von Neugierigen und Spaziergängern sich ergoß, sah Du Breuil zwischen den Pferden der Chasseurs der Eskorte langsam die ihm am frühen Morgen begegnete Kolonne auftauchen. Er erkannte diese von Ermattung, Schmerz und Haß verzerrten Gesichter wieder. Von dem Marsch, den ausgestandenen Entbehrungen und Leiden erschöpft, schleppten sie sich nun in düsterer Ergebung dahin; ihre Kleider waren zerfetzt und mit Kot bedeckt. Von tausend Lippen rang ein Schrei sich los. Er kam aus dem Spalier der Zuschauer, das sich aus ehrwürdigen alten Herren, bekannten Parisern, Journalisten, Modegecken, aufgeputzten Dirnen, friedfertigen und ehrsamen Frauen, einer ganzen eleganten, gut genährten Gesellschaft zusammensetzte, unter die Gassenkehrer, Camelots und Pferdeknechte sich mischten. Mit Schmähungen, Geheul und Schimpfworten überschüttet, defilierte der namenlose Zug. Es war, als fände ein jeder in diesen Unbekannten einen persönlichen Feind. Stöcke wurden geschwungen und sausten nieder. Hände krampften sich in die litzengeschmückten Ärmel, Nägel gruben sich tief ins Fleisch. Ein kleiner Kerl mit buttergelben Handschuhen versetzte einem hinkenden Greise, der scheu und verständnislos um sich blickte, einen Backenstreich. Man heulte: »Nieder mit ihnen! Schießt sie tot!« Die Chasseurs mußten ihre Pferde in die Menge treiben, um das ärgste zu verhüten. Du Breuil sah den blutgetränkten Kreuzweg wieder vor sich, den Duvals Stiefel schwenkenden Reiter, die drei auf der kleinen Wiese ausgestreckt liegenden Leichen ... Und stürmisch klopfenden Herzens, die Ohren noch erfüllt von dem Lärm, der mit der Tete der Kolonne sich jetzt bis zu den Grandes Ecuries fortpflanzte, entfernte er sich, von Grauen erfaßt. In Gedanken erklomm er wieder den Kalvarienberg nach Montmartre ... Er schritt durch die Rue des Rosiers, ein Bajonett richtete sich gegen ihn, die mordgierige Meute folgte ihm mit tierischem Geheul. Gewiß, dort hatte er die gemeine Bande von verblühten Straßendirnen, rasenden Megären, bleichen Kupplern kennen gelernt. Und doch waren jene, von Elend und Laster zerwühlten Gesichter nicht abstoßender als die, welche er soeben in der ganzen abstoßenden Nacktheit tierischer Wut gesehen hatte, die Gesichter reicher, gereifter, gebildeter Leute, zufriedener Familienmütter, junger Frauen, glücklich liebender und des Lebens sich freuender junger Männer, wohlbeleibter Greise. Er verlebte einen traurigen Nachmittag. Spärlich nur sickerten die Nachrichten. Unter dem Feuer der Forts von Vaures und Issy hatten die von dem Gewehrfeuer stark hergenommenen Brigaden La Mariouse und Derroja wohl Clamant erstürmt, der verwundete General Pellé war jedoch durch General Péchot ersetzt worden und seine Division hatte unter der schweren Festungsartillerie so sehr gelitten, daß gegen vier Uhr eine frische Division sie ablösen mußte. Die an Kaliber und Schußweite geringeren Feldgeschütze blieben machtlos. Die Festungs- und Marinegeschütze konnten erst in einigen Tagen aufgestellt werden. Oberst Laune sagte sorgenvoll im Vorübergehen zu Du Breuil: »Sie besitzen ein beträchtliches Material, geschickte Stückrichter, feste Mauern. Wir werden nicht sobald ans Ziel kommen! Eine zweite Belagerung beginnt.« Zwei Tage später kehrte Martial von Montmartre, wo er bei seinen Eltern gefrühstückt hatte, zurück. Er ging jetzt häufiger zu ihnen, denn er mied so viel wie möglich sein Stadtviertel. Seine Lage wurde schwierig, besonders seit gestern; ein Dekret Cluserets, betreffend die Reorganisation der Nationalgarde, teilte dieselbe in neue Bataillone, ansässige und aktive, von denen letztere alle unverheirateten Bürger zwischen siebzehn und fünfunddreißig Jahren umfaßten; und Martial, den der Gedanke, mitmarschieren zu sollen, immer heftiger abstieß und der schon seit seinem Austritt argwöhnisch betrachtet wurde, witterte nun eine mögliche Denunziation. Keine Illusion mehr! das war der Krieg ohne Gnade und Erbarmen. Das Getöse der unter dem leuchtenden Himmel rollenden Kanonade, ununterbrochen wie in den trostlosen Wintermonaten, umhüllte die Stadt mit höllischem Lärm. Es donnerte im Süden von Vaures und Issy her, im Westen von Neuilly herüber. Als er in die Rue Lafitte einbog, sah er zwischen zwei Gardisten und einem Haufen halbwüchsiger, hohnlachender Burschen einen Geistlichen vorüberführen. Es wurden seit vorgestern viele Priester verhaftet, der Pfarrer der Madeleine, der Erzbischof Monseigneur Darboy sogar. Einige Schritte weiter hatten etliche Föderierte einen Zeitungsverkäufer überfallen und entrissen ihm, zu seiner größten Verzweiflung den Pack frisch gedruckter Blätter, die er einzeln zusammenzufalten eben im Begriffe war. Tags vorher waren der Constitutionel , das Journal des Débats , das Paris-Journal konfisziert und aufgehoben worden. Martial zuckte die Achseln: »So steht es mit der Freiheit!« An der Ecke des Boulevards stieß er mit Thérould zusammen. Der lächelnde und aufgeputzte Bummler – er hatte frische Wäsche und einen neuen Rock an – öffnete die Arme zu einer theatralischen Umarmung. »Halte ich dich, Treuloser! Der Herr ist nicht leicht zu treffen ...« Unwillkürlich lächelte Martial dem alten Kameraden zu: »Donnerwetter, welcher Luxus! Man sieht, daß du jetzt ein Würdenträger bist.« Thérould streckte den Arm mit augustischer Majestät aus: »Nimm einen Posten an, Cinna! Ich suchte dich diese letzten Tage, um dir einen solchen anzubieten. Man braucht in der Präfektur intelligente Männer. Willst du Untersuchungsrichter werden?« Martial machte eine bezeichnende Grimasse. »Bureauchef? ... Nein? Der Herr fühlen nicht den Beruf dazu in sich? Du tust unrecht daran, mein Alter! Es ist was Feines, was ich dir da anbiete. Tu tätest gut daran, wo unterzukriechen. Von dort hätte man dich nicht geholt, um dir die Flinte über die Schulter zu werfen. Kann dir sonst passieren! ... Andere sind nicht so wählerisch, wie du. Mußtest nur die Überschwemmung von Stellensuchenden sehen, gleich am ersten Tag. Dieses Gedränge in den Vorzimmern! ... So eine neue Regierung, die hat alle Taschen voll Stellen ... Als man aber erfuhr, daß die Kommune schlecht zahle und keine reiche Regierung sei, und daß die Kanonen mit von der Partie seien, da machten alle Bürger eiligst kehrt. Keiner blieb mehr zurück, als die guten Kumpane und jene Leute, die arbeiten, wo sie können, denn man muß doch satt werden, nicht? ... Jetzt sind die Rahmen auf gut Glück ausgefüllt. Es sind da wohl noch einige Spione von Versailles, den großen Haufen aber bilden arme Schlucker und kleine in Samen geschossene Beamte... Deshalb ist's doch nicht schlimmer ... Im Gegenteil! ... Potztausend, Thiers hat ordentlich aufgeräumt! Man denke, daß Grousset und Arnould am ersten Abend im Ministerium des Auswärtigen niemand zum Installieren vorgefunden haben als den Portier und den Zimmerputzer! ... Sag' mal, wenn dieses Werkel dir mißfällt, soll ich dich im Louvre festnageln? Du weißt, die Künstlervereinigung kann mir nichts verweigern. Papa Courbet braucht nur ein Wort zu sagen, und man teilt dich dem Konservierungsamte zu ...« Martial zuckte die Achseln ... In seiner Unabhängigkeit hatte er einen Widerwillen gehabt gegen Maler, Bildhauer, Künstler, die mehr in Idealen, als in Farben und Marmor arbeiteten, die bisher ihr Leben damit verbracht hatten, die Verwaltung zu bekritteln, und die sich nun selbst zu einem Posten bei der Verwaltung drängten: zu Kommissionen, Sub-Kommissionen, Berichten ... Er empfand für den Führer der Gruppe, den Maler von Ornans, mehr Bewunderung als Sympathie. Thérould mißverstand die Geste seines Freundes: »Du glaubst vielleicht, daß nichts mehr zu konservieren übrig ist? Da irrst du ... Einige besonders wertvolle Gemälde ausgenommen, die vor der Belagerung nach Brest in Sicherheit gebracht wurden, sind die Galerien vollständig, und das Publikum wird sich bald wieder nach Belieben darin ergehen können. Von den Skulpturen fehlt nur die Venus von Milo, die Jules Simon bei uns in einem Keller der Polizeipräfektur vergraben hat ... Wenn nur die Arme ihr nicht abfallen.« An dem Tischchen im Kaffeehaus, wohin er Martial geschleppt, setzte er seinen beredten Monolog fort, während er seinen Zucker feierlich Tropfen für Tropfen mit blaugrünlichem Absinth begoß. Martial bemerkte das leichte Zittern der knochigen Hand, sein Blick glitt über das noch magerer gewordene Gesicht mit der roten Nase und den roten Flecken auf den Wangen. Thérould genoß in vollen Zügen den Taumel dieser in einer ununterbrochenen Kette aufregender Ereignisse verfliegenden Wochen. Es war dies die Revanche für Jahre der Erniedrigung, ein unvergällter Triumph; das stolze Gefühl, befehlen zu können, die leichten Liebesabenteuer mit leichten Dirnen, die linde Luft dieses Frühlings, all das versetzte ihn in einen Rausch, den ihm die Kommune zu einem endlosen Fest, zu einem tollen Karneval machte. Von einer inneren Alkoholsonne erhitzt, sah er alles in rosigstem Lichte. Indessen war Martials Kälte so merklich, daß selbst er sie empfand und mit tränenvoller Stimme und spöttischer Rührung fragte: »Was ist? Bist du nicht mehr unser Bruder? Du bist uns böse!« Martial, der eine Auseinandersetzung gern vermieden hätte, machte eine abwehrende Handbewegung. Doch Thérould wurde hitzig: »Ich habe es ja immer gesagt, daß du nicht für's Volk bist! Was wirfst du uns denn eigentlich vor?« Martial blickte ihn fest an: »Nun denn, ja, da dein Gewissen es dir nicht sagt, ich betrachte die Dekrete, mit denen deine Herren uns seit einigen Tagen überschwemmen, als einen albernen Mißbrauch ihrer Macht, Gott sei Dank, kein Mucker. Auch spreche ich gar nicht von der Abschaffung des Kultusbudgets, von der Trennung von Kirche und Staat. Dafür bin ja auch ich dem Prinzip nach! ... Dies hindert mich jedoch nicht, zu finden, daß ihr ein wenig zu scharf ins Zeug geht; die Frage ist verzwickter, als ihr glaubt! Und dann, wenn ihr glaubt, mit Reformen von solcher Opportunität die Nationalgarde ernähren und neue Soldaten anwerben zu können! ... Da seid ihr stark auf dem Holzweg! ... Mögt ihr, der Munizipalrat von Paris, immerhin dekretieren, daß Kirche und Staat in Frankreich getrennt sein sollen, Frankreich schlägt euch ein Schnippen und lacht euch ins Gesicht. All das sind doch nur Worte! Und Worte, die euch mehr schaden als nützen!« Mit majestätischer Würde versetzte Thérould: »Wir arbeiten für die Zukunft. Es gilt, den Aberglauben aus seinen Höhlen zu treiben, dem Polypen die Arme abzuschneiden, mit denen er das menschliche Gewissen umstrickt und erwürgt, die Niederträchtigkeit zu vernichten! Rigault sagte zum Erzbischof: »Seit achtzehn Jahrhunderten tyrannisiert ihr uns! Jetzt ist's vorbei damit!« Man mußte nur dabei Darboys Gesicht sehen! ... Ich befand mich gerade in Rigaults Kabinett ... Ein merkwürdiger Kerl, dieser Rigault, ein Typus! Darboy tritt mit ausgestreckten Armen ein: »Meine Kinder!« »Es gibt hier keine Kinder«, erwidert ihm Rigault, »sondern Bürger und Beamte der Kommune!« ... Tags zuvor stand ein Jesuit vor der Untersuchung: »Ihr Beruf?« – »Diener Gottes.« – »Wo wohnt Ihr Herr?« – »Überall!« Da wendet sich Rigault um und diktiert mir: »Schreiben Sie: Ein Soundso, angeblich Diener eines Herrn namens Gott, vagabondierend!« – Das ist nicht schlecht, das gleicht die Distanzen aus!« »Das ist albern«, sagte Martial, »albern und geschmacklos! ... Und wenn ihr euch noch an solche Karrikaturen hieltet! Aber harmlose Geistliche zu Dutzenden zu verhaften! Ich sah vorhin eben einen abführen... Trennt, so viel ihr wollt! Aber nehmt nicht mit solcher Willkür gefangen.« »Halt da!« rief Thérould; »sie brachten die Kultusobjekte beiseite ... Das ist öffentliches Geheimnis.« »Das muß noch bewiesen werden«, beharrte Martial ... »Und ihr nehmt nur Geistliche gefangen? Und Bonjean? Und die anderen? ... Es gibt augenblicklich in Paris fünfhundert politische Gefangene! Gestehe nur, daß Ihr euch gut vorseht, um euer schändliches Dekret von heute morgen auf die Geiseln anzuwenden! Jede des Einverständnisses mit Versailles überführte Person in den Anklagestand versetzt und ins Loch gesteckt! Jeder Angeklagte wird als Geisel zurückbehalten, und jede summarische Hinrichtung in Versailles wird hier mit einer dreifachen Hinrichtung beantwortet! Jeder Kriegsgefangene untersteht diesem vortrefflichen Gesetz! ... Aber bei einem solchen System könnte morgen ganz Paris unter Schloß und Riegel sitzen... Thédenat, mein Vater, ich selbst ... Ihr übt nur das Recht der Wiedervergeltung, willst du sagen? Als wären der Erzbischof und der Pfarrer der Madeleine mit dem Chassepot in der Hand getroffen worden! Das ist ungeheuerlich! Das ist Barbarei aus der Vorzeit! Weißt du, was ihr tut? Ihr ahmt den Preußen nach, ihr betragt euch nicht wie Franzosen! Da braucht ihr euch nicht zu rühmen, eine Regierung der Gerechtigkeit und der Freiheit zu sein!« Er war lebhaft geworden. Thérould, der andächtig in kleinen Zügen seinen Absinth kostete, unterbrach sich und stellte sein Glas nieder: »Erhitze dich doch nicht, mein Alter! ... Schießen sie denn nicht auch auf unsere Ambulanzen? ... Und Flourens? Und Duval? Und alle jene, die Versailles hinwegfegt? ... Und jene, die man soeben begräbt?« Ach ja! Martial wußte es, mit welcher Erbarmungslosigkeit der Krieg wütete. Er hatte die Proklamation gelesen, die General Galliffet am Morgen des großen Ausfalls in Chatou hatte ausrufen lassen, worin er verkündete, an den seine Soldaten mordenden »Banditen von Paris« ein Exempel statuieren zu wollen. Er hatte die eingehenden Berichte über Flourens' Tod gelesen. Über Duval hatte eine unwahrscheinliche Legende sich verbreitet ... Vinoy habe gefragt: »Was täten Sie, wenn Sie mich in Ihrer Gewalt hätten?« Und Duval habe mit seiner Antwort: »Ich ließe Sie erschießen ...« sein eigenes Urteil gesprochen ... Wie schrecklich waren schon diese unmittelbaren Repressalien! Aber erst die Geiseln! Das heißt: fast lauter Unverantwortliche, Unschuldige! ... Nein, das war himmelschreiend... Thérould verstärkte seinen Absinth, kostete ihn, schnalzte mit der Zunge und fuhr mit halblauter Stimme fort: »Ich werde dich in Verwunderung setzen. Jenes Dekret ist ein Dekret der Humanität. Ja wohl, der Vorbeugung. Ohne dieses Dekret hätte man schon Auge um Auge, Zahn um Zahn geantwortet. Im Rathaus hat man sich fast gebalgt. Die Eifrigen, mit Urbain und anderen, wollten, daß man eine gewisse Anzahl speziell unter den Geistlichen ausgewählter Reaktionäre unverzüglich erschieße; Versailles wäre dann wohl zur Besinnung gekommen ... Aber Delescluze – der Alte hat noch immer ein weiches Herz – hat den Beschluß auf dem Papier gestrichen. Das Dekret bellt, aber es beißt nicht. Es ist nur ein Schreckschuß! Ja« ... er näherte seine Lippen Martials Ohr – »die Majorität ist stillschweigend übereingekommen, es nicht anzuwenden. Beweis dafür ist, daß die Anklagejury, die heute eingesetzt werden sollte, noch lange nicht einberufen wird ... Das überrascht dich? Und doch ist es so! ... sage ich dir. Die Kommune ist ja von idyllischer Sanftmut, wahre Schafe!« beteuerte er mit wieder erhobener Stimme. »Die Bewohner des XI. Arrondissements haben soeben zu Füßen der Voltairestatue die Guillotine verbrannt... Tod der Todesstrafe.« »Wie rührend!« versetzte Martial. »Höre doch nur, wie dort hinten das Chassepot und die Kanonen arbeiten. Wenn man die auch noch abschaffte, da man schon an der Arbeit ist!« Er wußte, in welchen Träumen die Revolutionen sich wiegen, welch seltsames Gemisch von Humanitätsfanatismus und Grausamkeit ihren Paroxismus kennzeichnet: der philantropische Wortschwall der Zeitungen und der Klubs mit den schlimmsten Gewalttaten abwechselnd! Die Extreme berührten sich. »Die süßen Tränen der Empfindsamkeit ...« Blutige Tränen! ... Thérould machte verdrießlich eine Gebärde, als wollte er einen lästigen Gedanken abschütteln. Auch ihn verfolgte jenes unheilschwangere Getöse. Er wollte es nicht hören ... Wozu daran denken? Paris mußte doch Sieger bleiben! Und gerührt, – ebensosehr durch die Leere seines Glases als durch die Anwesenheit seines alten Kumpans –, zog er ein dickes Portefeuille aus seiner Tasche und entnahm demselben verschiedene Papiere, Polizeinoten, Forderungen, Theaterbillets: »Ein Fauteuil für ›Le Canard aux trois becs‹ in den Folie-Dramatiques? – Nein! Also eine Loge für ›Le Conte des Feés‹ in den Délais-Com?« – Er küßte seine Fingerspitzen: »Eine Darstellung – ich sage nichts weiter! Und Trikots, wie in den besten Zeiten ... Auch nicht? Dann also ›L'Ange de Minuit‹, ›La Grâce de Dieu‹? Du brauchst nur zu sagen ...« Die Theater fuhren fort, zu spielen und wurden von einem getreuen Publikum von Gleichgültigen und Leichtfertigen besucht, die in der überhitzten Atmosphäre der Säle lachten und weinten, als spielte sich nicht um sie her die furchtbarste der Tragödien ab. Thérould dämpfte die Stimme: »Da du meine Anerbieten verschmähst – man weiß nie, was geschehen kann! – da, nimm hier dieses kleine Ding, das dir oft von Nutzen sein kann. Du brauchst nur noch deinen Namen darauf zu schreiben.« Er reichte Martial einen Passierschein, der, von Rigault unterzeichnet, in blauem Stempel die Worte trug: Pariser Kommune. – Französische Republik , und in der Mitte: Allgemeine Sicherheit . Er setzte hinzu: »Damit findet man überall Einlaß.« Gerührt ergriff Martial den kostbaren Zettel. Dieser verteufelte Thérould war im Grunde doch ein guter Kerl. »Sieh nur!« sagte der Farbenkleckser. Auf dem Trottoir, wo das Gedränge immer dichter wurde in der Erwartung des Zuges, dessen Trauerklänge man von ferne vernahm, rief er einen vorübergehenden Bataillonschef an, der ein kleines Käppi verwegen auf den dicken Kopf gesetzt trug und dessen langer schwarzer Bart über den neuen Rock herabwallte. »Fernol!« Der neuernannte Toulousaner blieb breitbeinig stehen. Er trug mit großem Selbstgefühle die Abzeichen des Zentralkomitees, die Rosette und die rote Schärpe mit den silbernen Fransen, Litzen bis zur Schulter und einen wehenden Mantel mit scharlachroter Binde. »Eine Grüne?« schlug Thérould vor. »Nein«, versetzte Fernol, »ein Glas Mandelmilch.« Und dem einschänkenden Kellner befahl er: »Viel Sirup!« Der dicke Mann mit der dröhnenden Stimme und der schwarzen Löwenmähne war ein großer Verehrer von Süßigkeiten: beständig nährte er seine bombastischen Reden mit Bonbons und Zuckerwerk. »Nun, Bürger, was sagt ihr zu der Proklamation des Komitees? Gelungen, was?« Thérould stimmte eifrig zu. Das Zentralkomitee hatte, den Umstand benützend, daß die Kommune die Bedingungen des Kampfes noch nicht genau formuliert hatte, soeben ein Manifest veröffentlicht, das die Ereignisse in ihrer wahren Bedeutung darlegte; das Bürgertum gegen das Proletariat gerüstet, der große Kampf des Parasitentums gegen die Arbeit, der Ausbeutung gegen die Produktion. Dieser feurige Aufruf an die Arbeiter, von deren Energie jetzt das Glück des Landes abhing, hatte durch seine Ehrlichkeit und seine Kraft einen tiefen Eindruck auf Martial gemacht. Einzelne Sätze kamen ihm wieder ins Gedächtnis, wie: »Wenn ihr es müde seid, in Unwissenheit zu vegetieren und im Elend zu verkommen, wenn ihr wollt, daß euere Kinder zu Menschen werden, die die Früchte ihrer Arbeit ernten, nicht für die Werkstätte und den Kampf dressierte Arbeitstiere ... Wenn ihr nicht wollt, daß euere Töchter, die ihr nicht nach euerem Wunsche erziehen und bewachen könnt, Werkzeuge des Vergnügens in den Armen der Geldaristokratie seien ... usw.« In diesen bitteren Anklagen lag ein zu großer Kern von Wahrheit, als daß der Sohn des Republikaners Poncet, des Freundes der Armen, nicht davon hätte ergriffen sein müssen. Mit Bedauern und Sympathie gedachte er der Simons. Es war nicht zu leugnen, in diesen Volksbestrebungen, welche die Vertreter des Volks zu gefährden im Begriffe standen, war vieles berechtigt. »Ja«, erklärte Fernol, »wir haben gesagt, was die Kommune hätte sagen sollen!« Sein Achselzucken verriet den Antagonismus, mit dem die beiden Gewalten einander gegenüber standen, die ihre Autorität eifersüchtig wahrende Kommune und das Komitee, das unter dem auf ihm lastenden Drucke litt, fortwährend einzugreifen suchte und auf den geeigneten Augenblick lauerte, um wieder das Ruder an sich zu reißen. Nachdem es widerwillig das Rathaus geräumt, hatte es jetzt seinen Sitz in der Rue de l'Entrepot, hinter dem Zollamt. »Und da mußte man noch«, fuhr der Prahler fort, »die Eigenliebe dieser Herren schonen und sofort eine zweite Proklamation erlassen, um zu erklären, daß man sie nicht in den Hintergrund drängen wolle. Für die Arbeit, die sie leisten!« Ein Gemurmel durchlief die Menge. Der erste Wagen war in Sicht, Martial bezahlte schnell seine Rechnung. Ernst geworden, erhoben sich die drei Männer und trennten sich; Fernol und Therould gingen dem Zug entgegen, um ihre Plätze darin einzunehmen, während Martial blieb, um sich das Schauspiel anzusehen. Ein Bataillon von jungen Freiwilligen, die Rächer von Paris , in der Uniform der Chasseurs zu Fuß, eröffnete den Zug. Musikkapellen der Nationalgarde folgten. Die dumpfen Wirbel der mit Trauerflor umhüllten Trommeln wechselten mit den schrillen Klängen der Trompeten ab. Dann kamen zwischen zwei Reihen von Nationalgardisten mit gesenkten Waffen drei ungeheure, von schwarzen Pferden gezogene Wagen, die unter der schwarzen, mit silbernen Sternen gestickten Draperie ihre Last von Särgen trugen. Zwischen grünen Palmzweigen und Immortellenkränzen flatterten an den vier Ecken Bündel von roten Fahnen. Hinter den Wagen schritten, den Kondukt anführend, Mitglieder der Kommune in ihren dunklen Gewändern und den roten Schärpen; dann die Angehörigen der Toten, trostlose Frauen und jammernde Mütter, endlich eine unabsehbare, andächtig blickende Menge und, den Zug beschließend, eine endlose Kolonne von Bataillonen ... In einem derselben marschierten im Begräbnisschritt die drei Simons. Von Beaujou an, wo die Toten mit enthüllten Gesichtern zum letzten Abschied von den Ihren aufgebahrt gewesen, entrollte sich der Trauerzug mit jenem ostentativen Pomp, der die Phantasie der beim Vorüberziehen der Leichenwagen das Haupt entblößenden Menge entflammte und die Nerven der Tausende und Tausende den Wagen folgenden Teilnehmer erschütterte. Von dem Schmerze dieses Volkes gerührt, das bleichen Angesichtes den Zug der für Paris und die Lebenden, die sie rächen sollten, Gefallenen betrachtete, hing der alte Simon seinen bitteren Gedanken nach. Seinen struppigen Kopf senkend, fühlte er sich fern, fern von seinen Söhnen, die an seiner Seite schritten. Louis empfand bei dem großen Schauspiel, an dem sie beteiligt waren, weniger Traurigkeit, als die Erhabenheit der erwiesenen Huldigung. Man ehrte die Toten in würdiger Weise. Welch schone Apotheose für Kinder des Volkes! Ein Gefühl des Stolzes beseelte ihn, das seine kraftvolle Jugend durchglühte und ihm heißere Lebensfreude in die Seele goß. Die Niederlage von neulich, die täglich wiederkehrende Unruhe und der stets frisch geschürte Zorn entflohen, wie Nachtvögel vor dem Lichte. Diese vom scharfen Wind der Revolution gepeitschten Wochen voll Sonnenschein und Himmelsbläue, sie waren für ihn der Rausch der Liebe, Rosens strahlendes Gesicht. Weit davon entfernt, ihn zu erschrecken, erschien ihm die Aussicht auf den bevorstehenden Kampf als eine natürliche Sache und freudig fühlte er bei diesem Gedanken alle Kräfte in sich schwellen. Anatole, der sich äußerlich zu einer ernsten Miene zwang, lachte innerlich über die tausend kleinen Komödien, die er an Dingen und Menschen wahrnahm. Ein solches Begräbnis, das war ein Schaustück, ebenso schön wie im Ambiju! In seinem knabenhaften Übermut, der keine Ehrfurcht kannte, amüsierte er sich über alles, über das Leben und über den Tod. Das Bataillon erreichte den Bastilleplatz; schon hatten die Wagen die Runde beendet und ihre Leichen vor den Überresten der Toten von 1848 vorübergeführt, als wollten die Opfer der Gegenwart, für jene der Vergangenheit zeugend, bevor sie gleich ihnen in das geheimnisvolle Schattenreich versanken, die Fortdauer, die Unsterblichkeit ihrer Sache verkünden. Simon sah die Tete des Trauerzuges in die Rue de la Roquette einbiegen und sich dem Père-Lachaise, dem Nichts des gemeinsamen Grabes zuwenden. Während er sich der Säule näherte, deren Sockel immer noch unter dem Haufen von verwelkten Blumen und Bannern verschwand, und von deren Spitze die rote Fahne in den Händen des goldenen Genius über der Stadt flatterte, gedachte er jenes hoffnungsvollen Tages, da vor sechs Wochen das waffenlose Bataillon einen Kranz auf diesen friedlichen Altar der Republik niedergelegt hatte. Eine lichte Morgenröte war nach der langen Nacht der Belagerung über dem niedergeschmetterten Paris und seinen wunden Herzen aufgegangen. Mit welch tiefer Gläubigkeit hatte er sie begrüßt! Mit welcher Glut hatte er vor acht Tagen noch, auf dem Rathausplatze, in den begeisterten Hoffnungsschrei der Menge eingestimmt, der sich mit den Freudensalven und der Festmusik vermischte. Das Zentralkomitee übergab Paris und seine Geschicke der Kommune. Eine Friedenssonne vergoldete mit blendendem Lichte den Horizont. Naiver Narr, der er gewesen, daß er ohne die ewigen Feinde, die Klassen der Unterdrückung, ohne die ganze Vergangenheit gerechnet, die nur darauf lauerte, die Zukunft zu erwürgen! Die von ehemals, die Krautjunker und die Priester, die von jetzt, die Bürger, die mit seit der Revolution gefülltem Magen nur die eine Sorge kannten, um jeden Preis ihren Platz an der gedeckten Tafel zu behalten und die Hungernden, das sich erhebende Volk, zu hindern, sich daran zu setzen. Ein bitterer Geschmack legte sich ihm auf die Zunge und er spie aus, wenn er an die Deputierten von Paris dachte, die dort in Versailles fast alle schwiegen und den Rücken krümmten, nachdem sie ihrer Pflicht vergessen. Wo war der Louis Blanc von einst? Mit Ausnahme von Clemenceau, Lockroy, Floquet, Millière, die jede Gemeinschaft mit der Nationalversammlung von sich wiesen, fast alle gealtert, kleinmütig und verzagt ... Ah! diese Bürger! Er dachte an alle jene, die mehr oder weniger schnell die Reihen verlassen hatten, Delourmel, Martial ... Er bewahrte ihm eine mürrische Freundschaft voll Groll und Bitterkeit ... Selbst die Guten waren verdorben. Es war noch immer die gleiche Geschichte: das Jahr 1871 war die Wiederholung von 1848. Wieder kämpfte und starb das Volk für seine Rechte. Ganz nahe von hier war die Stelle, wo er in jenen Junitagen, vor der Barrikade, bei der Kirche Saint-Paul, mit seiner teueren Bürde, dem verwundeten Jean-Louis, zu Boden gesunken war ... Es war ihm, als würde das Bein ihm schwer und schwerer. Er glaubte die mit Leichen angefüllten Straßen wieder vor sich zu sehen, die Agonie der Sterbenden, die schleunige Flucht ... Weit vor ihm schwankten die Trauerwagen. Für einen Augenblick schwieg das dumpfe Rollen der Trommelwirbel. Dann vernahm er ein anderes, ersticktes und schauriges Rollen, Vanves, Issy, Neuilly, das wirre Getöse der Schlacht ... Mochte man noch so tief ins Fleisch der Niederen schneiden, es blieb noch immer genug! Er dachte an den unseligen Marsch gegen Versailles. Wie einen Vorwurf, einen bösen Traum trug er die Erinnerung an den mißglückten Ausfall in sich. Als die Granaten des Mont-Valerien Bergerets Kolonne gesprengt, war sein als Nachtrab aufgestelltes Bataillon von der Panik zurückgedrängt und mit fortgerissen worden. Mit heißer Rachgier im Herzen ausgezogen, war er in Verzweiflung über die Niederlage heimgekehrt. Er hatte nichts begriffen, er räsonnierte nicht, er wußte nur, daß man wieder besiegt war. Doch noch war nicht alles zu Ende. Die Versailler konnten nicht mit Gewalt Paris bezwingen, wo die Preußen mit ihren zahllosen, siegreichen Armeen gescheitert waren! Man mußte auf den Wällen, in den Straßen weiterkämpfen, und man sollte sehen! In diesen Entschluß legte er all die verhaltene Energie seines Lebens, alle zähe Willenskraft seiner Jahre des Elends und der Hoffnung, die Wut über die letzte Enttäuschung. Und konnte man nicht siegen, so würde man zu sterben wissen! Unaufhörlich donnerten die Kanonen. Tags zuvor hatten die Versailler Truppen sich bei Chatillon zusammengezogen und ihre Vorposten und Linien von dem mörderischen Feuer der Forts zurückgezogen, während sie gegen Courbevoie zu bis vor Neuilly vorgedrungen waren, wo Galliffet mit seinen drei Regimentern und den von Sevres gekommenen Gendarmen sich anschickte, das Zurückweichen der Föderierten zu benützen, um die Brücke zu erstürmen. Da wurde ihm in respektvoller Weise von Oberst Cholleton und dem Gendarmeriekommandanten ein eventueller Befehl Thiers' entgegengehalten: das Verbot, den Fluß zu überschreiten. Der General referierte darüber dem methodischen Staatsmann; die formelle Ordre, sich nicht zu rühren, wurde bestätigt. Und das war dieselbe Brücke mit den heute von Gewehren starrenden Barrikaden, welche die Brigaden Péchot und Besson am Morgen angegriffen hatten. Ein blutiger Kampf, in dem die beiden Generäle, tödlich getroffen, fielen. Die Föderierten führten die Kanonen der Barrikade bis zu den Wällen zurück, von den regulären Truppen gefolgt, welche den Kampf bis nach Neuilly ausdehnten. Der Mont-Valerien unterstützte die Bewegung und sandte Granaten und Kartätschen gegen die Umwallung. Die Geschosse hagelten weit übers Ziel hinaus, über Neuilly und bis zu den Champs-Elysees und den Ternes. Als Thédenat, durch Martial von dem Rendezvous, das Poncet ihm gab, benachrichtigt, bei Anbruch der Dämmerung seine Wohnung verließ, hatte das ferne Getöse sich beruhigt. Die Versailler kehrten über die Brücke zurück; die Zuschauer des Kampfes, – Neugierige und Müßiggänger aller Art und von ihren Equipagen aus lorgnettierende Engländerinnen, – die sich alle beim Arc de Triomphe angesammelt hatten, auf den Ketten stehend, an den Wagen hängend, suchten ihre Häuser wieder auf. Seit langem waren die Grabreden auf dem Père-Lachaise verhallt, die Stadt war zu ihrem gewohnten Abendleben zurückgekehrt, die Kaffeehäuser waren voll, die Theater öffneten sich; und oben in ihrer Küche bewunderte Frau Thédenat als gute Hausfrau die Vorräte, die Martha Villoir soeben von der Eröffnung des Schinkenmarktes heimgebracht hatte. Man mußte für die Hungersnot vorsorgen, da die Belagerung von neuem begann. Während Thédenat sich dem rechten Ufer zuwandte, rekapitulierte er die seit dem Besuche bei Jacquenne getanen Schritte und deren Resultate. Die Versöhnungsbewegung fand mehr Anhänger, als man anfangs gehofft. Überall bildeten sich Komitees, wurden Adressen redigiert, Versammlungen abgehalten, denen die gemäßigten Blätter ihren Beifall zollten. Zwischen dem Proletariat und den führenden Klassen erstand eine Partei des arbeitenden Bürgertums, die gleich weit von der Gewalttätigkeit der einen, wie von der reaktionären Gesinnung der anderen entfernt war. Den 4. hatte, gleichzeitig mit den von der Liga, welcher Thédenat und Poncet angehörten, eingeleiteten Schritten, eine aus den Industrie- und Handelskreisen organisierte Gruppe, die Union nationale des Chambres syndicales den Beschluß gefaßt, zwischen der Nationalversammlung und der Kommune zu vermitteln. Das war derselbe Tag, an dem Thédenat und Poncet mit einigen ehemaligen Bürgermeistern, einigen früheren Deputierten und Notabilitäten der republikanischen Partei sich an Ranc gewandt hatten, dessen Patriotismus und Klugheit sie kannten, um ihn zu bitten, seine Kollegen vom Rathaus zu sondieren. Vergebliche Müh'! Die Kommune würde eher bis zum letzten Atemzuge kämpfen, als sich in Unterhandlungen einlassen. Das bewies der die Geiseln betreffende Erlaß. Ranc hatte daraufhin seine Demission gegeben, von Ulysse Parent und Ernest ??Lefebvre gefolgt. Tags zuvor hatte man, in den Bureaus des Avenir national versammelt, gleichzeitig mit dem Jacquenne dargelegten Programm, einen Aufruf an die Einwohner unterzeichnet, worin sie für den nächsten Abend zu einer großen Friedenskundgebung in die Börse einberufen wurden. Dorthin begab sich jetzt Thédenat. Poncet erwartete ihn im Café de la Bourse. Ja, je länger er darüber nachdachte, je mehr erkannte er es als ihre Pflicht, der Kommune zuzurufen: »Beschränket euch auf die Errichtung der munizipalen Freiheiten; verpflichtet euch, euer Mandat niederzulegen, sobald ein gerechtes, euere Rechte wahrendes Gesetz euch zu freien und legalen Wahlen beruft!« Und Versailles sollte man zurufen: »Höret auf den Schrei der öffentlichen Meinung, die Zeit drängt; votiert unverzüglich für republikanische Institutionen! Keine Gesetzentwürfe mehr, die zu ebensovielen Brandfackeln der Zwietracht werden!« ... Älter jedoch, als der Chemiker, und weniger auf die Intelligenz und die Güte der Menschen vertrauend, vermochte Thédenat sich kaum einer unbezwinglichen Traurigkeit zu erwehren. Ihm tönte noch Jacquennes schrille Stimme im Ohre. Wie durfte man hoffen, ohne materielle Macht, durch bloße moralische Überredung, all diese Wahnsinnigen zum Niederlegen der Waffen zu bewegen, besonders, da schon Blut geflossen und schauriger Leichengeruch sie berauscht? Als er den Platz betrat, wimmelte dieser von einer vor den geschlossenen Toren der Börse angesammelten Menge; an einem der Tore war ein mit der Hand geschriebener Zettel befestigt, der die Aufhebung der Versammlung verkündete. Thédenats Ahnung hatte ihn nicht getrogen. Er trat zu Poncet, der in großer Erregung in einer Gruppe von Freunden stand; bald war eine Proklamation der Kommune plakatiert, und hundert Köpfe drängten sich hinzu, sie zu lesen. Entrüstete Stimmen kommentierten sie und Stellen wie: »Die Reaktion nimmt alle Gestalten an, heute die der Versöhnung ... Die Versöhnung mit den Spionen und den Verrätern!« ... liefen von Mund zu Mund. Thédenat erkannte Jacquennes Wort: »Unter solchen Umständen ist es ein Verrat«, und mit tiefem Schmerze las er weiter die Zeilen: »Jede Kundgebung, die geeignet ist, die Ordnung zu stören und während der Schlacht den Bürgerkrieg zu schüren, ist von der Gewalt aufs strengste untersagt.« So also beurteilte und behandelte man die Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit ihrer Absichten, so traten die hochmütigen und brutalen Herren im Rathaus die öffentliche und die private Freiheit mit Füßen! Sie zogen den ruchlosen Krieg der Verzichtleistung auf ihre Macht vor ... Allein kehrte er müden Schrittes in dunkler Nacht heim. Schwer drückte die Last seines Alters und seiner Ohnmacht seine gebeugten Schultern nieder ... Entmutigt erkannte der Kenner der Geschichte, daß die Lehren der Vergangenheit und der menschlichen Erfahrung kaum je dem Wahnwitz der Lebenden würden dienen können. Durch seine Erinnerung taumelte die Wut der Bürgerkriege, der schauerliche Brudermord des ewigen Kain ... Diese Kriege, denen an Haß keine anderen gleichkamen, durch die wildesten persönlichen Interessen entfacht, durch dasselbe Blut vergiftet, von tierischem Vernichtungsrausche trunken und von unersättlichem Blutdurst erfüllt! ... Sollten auch diesmal die feindlichen Brüder den Kampf bis ans Ende, bis zum Verbrechen, bis zur gegenseitigen Vernichtung ausfechten? II. Es war der 10. April, Ostermontag. Martial stand auf der Schwelle seiner Tür und gähnte in den Sonnenschein hinaus. Wie öde erschien ihm dieser Feiertagsnachmittag! Seltsame Ostern, ohne Glocken, ohne das sonst in den Straßen herrschende Leben ... Im Atelier herrschte wüste Unordnung, das Bett war zerwühlt, die Delfter Vase stand zerbrochen auf dem staubbedeckten Schreibtisch, der ganze Raum verriet die Traurigkeit seines wieder einsam gewordenen Junggesellenlebens. Unter den verhüllenden Schleiern standen verlassen die unvollendeten Skizzen ... Im Besitze des Passierscheins – Martial betastete ihn in der Tasche – fühlte er sich fast versucht, alles hier im Stiche zu lassen ... Doch den Stadtteil einfach wechseln und nach Montmartre gehen, das hieße – von der Freude, den Seinen näher zu sein, abgesehen, – nur das Gefängnis mit einem anderen vertauschen. Heute entzog man den Widerspenstigen mit ihrer Waffe und der Löhnung auch ihre bürgerlichen Rechte ... Großer Verlust! Das Chassepot berührte er nicht mehr, die dreißig Sou hatte er nie bezogen, und die bürgerlichen Rechte unter diesem Regime der Gewalttätigkeit und der gemeinen Demagogie, bah! ... Kein Abend verging, ohne daß man von neuen Verhaftungen, von der Schließung irgend einer Kirche hörte ... Notre-Dame, das in Gefahr gewesen, seiner Schätze beraubt zu werden, Saint-Vincent-de-Paul, Saint-Martinau-Marais, Saint-Jean-Francais, die Kirche Mariä Himmelfahrt ... Gegen oder ohne Empfangsschein scharrte man den Inhalt der Opferstöcke zusammen, schleppte die kostbaren Gefäße ins Münzamt ... Von bartlosen, zu Polizeikommissären ernannten Gassenjungen unterstützt, spielte Rigault die Rolle des Schreckgespenstes für wehrlose Leute, unternahm einen Feldzug gegen die Kirche und glaubte die Idee zu treffen, indem er auf die der Idee dienenden Männer losschlug. Vom ersten Tage an wütete seine freche Tyrannei und warf Unschuldige, die ihm lästig waren, ohne weiteres ins Gefängnis. Mazas, die Conciergerie, das Depôt, die Santé sahen ihre Zellen mit einer ungewohnten Bevölkerung sich füllen. Die Exzesse mußten wohl empörend sein, da die Exekutivkommission, darüber aufgebracht, Befehl gab, ihr über die Zahl und die Ursache der Verhaftungen zu berichten, und die Justizkommission beauftragte, sich unverzüglich damit zu befassen. Wahrhaftig, es war höchste Zeit, zu erkennen, daß man »eines der größten Prinzipien der Republik« hatte angreifen können! Als wäre die Freiheit nicht täglich von neuem geschändet worden! Die Schreibefreiheit: man konfiszierte die Zeitungen wie zu Vinoys schönen Zeiten. Die Redefreiheit: wegen eines am Kaffeehaustisch gesprochenen, zu offenen Worte wurde man als Aristokrat behandelt und zum Polizeiwachtposten geschleppt. Die Denkfreiheit: die Priester wurden in den Kerker geworfen, die Widerspenstigen denunziert und verfolgt ... Gewiß, Martial hatte die Fäuste der Häscher Napoleons III., das übergoldete, drückende Joch des Kaiserreiches gehaßt; doch die schmutzigen Hände und der nach Wein riechende Atem der Föderierten erschienen ebensowenig angenehm. Er verabscheute die Unterdrückung in jeder Form ... Unbewußt jedoch fand sein künstlerischer Schönheitssinn, sein bürgerliches Gefühl, diese letztere Form als die abstoßendere, und er empfand einen instinktiven Widerwillen gegen diese neuen Herren, an denen noch der Geruch des Elends, der Geruch von Wurst und Fett haftete, und deren mürrische oder rohe Gesichter den Ausdruck brutaler Rachsucht trugen. Seine Pfeife stopfend, betrachtete er das Gärtchen, wo die jungen Fliedersträuche sich mit bleichem Laub bedeckten, den stillen Hof, die geschlossenen Türen von Blacourts Stall und Remisen und dachte ergötzt an die Wut Tinets, der, nachdem er die Pferde fortgeführt, wiedergekommen war, um auch die Wagen zu holen. Zu spät! Sie waren verschwunden, von einem Freunde des Besitzers, einem Obersten, einem dürren, blonden Polen mit blassen, unheimlichen Augen, in Sicherheit gebracht. Seine Geliebte, ein schönes Mädchen mit blendendem Teint, als Zirkusheldin gekleidet, mit aufgestülptem Filzhut, einem Revolver im Gürtel und einer Peitsche in der Hand, wand sich vor Lachen angesichts der Wut des hintergangenen Arbeiters. Der aus der Scheide fliegende Säbel, die Drohung des Polen, »ihm den Schädel zu spalten«, hatten Tinet still gemacht und die Debatte geschlossen ... Doch Blacourt täte gut daran, auf seiner Hut zu sein! man würde ihn das entgelten lassen! Unterm Haustor hallten rhythmische Schritte. Martial wandte sich um. Eine Abteilung von etlichen Nationalgardisten näherte sich dem Atelier. An ihrer Spitze gewahrte er Louis Simon mit neuen Sergeantenlitzen. Während die Leute lärmend eindrangen, erklärte der junge Mann höflich: »Befehl der Mairie, wir müssen auch bei Herrn Blacourt Hausdurchsuchung halten. Übergeben Sie uns Ihr Chassepot.« Und leise setzte er hinzu: »Ich ließ mich designieren, um Ihnen Unannehmlichkeiten zu ersparen.« Mit einem Augenzwinkern deutete er auf die Portierloge, auf deren Schwelle Louchard mit gleichgültiger Miene stand: »Sie erraten, wem Sie das zu verdanken haben!« Schweigend übergab Martial Gewehr, Bajonett und Patronentasche. Nun, da er sich von diesen lange Zeit, wenn auch nutzlos getragenen Waffen trennen sollte, empfand er doch ein leises Bedauern bei der Erinnerung an die fruchtlosen Tage von Champigny, Le Bourget, Buzenval, an jene Augenblicke des Abschieds, da Nini sich mit ihren frischen Armen um seinen Hals geklammert hatte und er mit den Kameraden ausgezogen war ... Vielleicht, daß auch Louis Simon in diesem Moment sich jener Stunden erinnerte, denn in dem Blicke, den sie tauschten, lag eine bei Louis mit Artigkeit und leisem Vorwurf, bei Martial mit Dankbarkeit gemischte Sympathie. Nach beendeter Hausdurchsuchung entfernten sich schweigend die Gardisten und stiegen ins erste Stockwerk hinauf. Bald darauf vernahm Martial den Lärm von Rufen und Kolbenschlägen an eine Tür und sah Louchard mit einem Schlüsselbund herbeieilen. Blacourt war seit zwei Tagen abwesend, mit dem Polen und dessen Freundin abgereist, wohl zu irgend einer flotten Gasterei ... Indem Louchard die Dienste eines Schlossers versah, schonte er den Besitz des Hauseigentümers und lieferte denjenigen des Mieters aus. Doppelter Vorteil! Der dicke Schlemmer würde bei seiner Heimkehr schon Vernunft annehmen. Eine Viertelstunde später sah Martial, den die Neugier bis in den Treppenflur gelockt hatte, das Detachement wieder herabkommen, unter einer Last von Waffen keuchend. Sie hatten eine vollständige Rüstung von der Wand genommen und trugen nebst mehreren vortrefflichen Jagdgewehren einen Ritterhelm, türkische Kandjaren und einen Bogen mit Pfeilen von den Sandwichsinseln mit sich fort. Dem Träger dieser letzteren Waffen und dem Manne mit dem Ritterhelm suchte Louis vergeblich begreiflich zu machen, daß diese Dinge sie nichts angingen. Er mußte sich ihrem Eigensinn fügen und kommandierte: »Rechts um, marsch!« Um seiner Erregung Luft zu machen, kletterte Martial zu Thédenat hinauf. Er fand den Gelehrten an seinem Tische sitzend, damit beschäftigt, mit blauem Bleistift einige Randbemerkungen auf die Dokumente zu werfen, die sich seit einigen Tagen angehäuft und die er, von seinen im Interesse des Gemeinwohls versuchten Schritten in Anspruch genommen, nicht angesehen hatte. Nun hatte, zugleich mit seinem Vertrauen auf Erfolg, sein Tateneifer nachgelassen. Er fühlte nur noch die Last seiner sechsundsechzig Jahre, seine hellsehende Ohnmacht. Und, von tiefer Schwermut erfasst, entschlossen, Poncet allein fortan die Vertretung der Liga zu überlassen, kehrte er zu seiner vernachlässigten Arbeit, zu der Aufgabe des schmerzlichen Zeugen der Geschichte zurück. Mit seiner scharfen Scheere zerschnitt er die Zeitungen, in denen die Gegenwart lebendig vibrierte. Während seine Feder in flüchtigen Stichworten die Ereignisse notierte und registrierte, lebte er sie alle im Geiste noch einmal mit. Ewig wiederholte sich doch das alte Spiel! Er sah seine Hoffnungen von 1848 zerstört, zerflattert, eine nach der anderen. Und auch jetzt wieder standen seine liebsten Ideen auf dem Spiel, die Republik in Gefahr, im Blut zu ersticken. Bei Martials Bericht schüttelte er den Kopf und strich sich das schneeweiße Haar hinter die breiten Schläfen zurück: »Ja, das Unglück ist da, eine Revolution durch die Verhältnisse geschaffen und erzwungen, fast unwillkürlich aus der verhängnisvollen Verkettung unglaublicher Ursachen geboren, Krieg und Belagerung! Eine unreife, in einem Tage gewachsene, bei aller Heftigkeit hinfällige Revolution, ohne einen Mann, ohne klare Ideen ... Und über uns allen der unwiderstehliche Sturmwind der fliehenden Zeit! ... Versailles unerbittlich, in nichtigen Diskussionen die so kostbaren Stunden vergeudend; das Mietzinsgesetz, das Gesetz der Munizipalwahlen von der Tatenlosigkeit der Kommissionen, zur Zusammenhanglosigkeit der Tribüne geschleppt ... Ein wenig spät! Ein Ableitungsgeschwür auf ein Holzbein! Man findet nur noch Spannkraft für Projekte wie die Vereinfachung der summarischen Prozedur der Kriegsgerichte! Eine wahre juridische Mitrailleuse. Ah! bis hierher höre ich, was Thiers zu den Delegierten der Vereinigung der Syndikatskammern sagt! – Andererseits die verirrte, ungeschickte Kommune, die selbst die Ruten für die Streiche liefert, die man ihr versetzt, die in ihrem terroristischen Geschrei alle guten Absichten ertränkt und sich die wenig tapfere, gestern noch günstige oder gleichgültige, heute schon feindselige Meinung verscherzt – die Meinung von Paris, wohlverstanden, denn in der Provinz ... Er deutete auf das Blatt, auf das er soeben den Aufruf an die Departements geheftet hatte, ein kurzes, von Emissären verbreitetes Manifest, in welchem das Rathaus sich ein beruhigendes Ansehen gab und sich von Verleumdungen und Schmähungen reinzuwaschen suchte: Niemals seien die Straßen von Paris ruhiger gewesen, ohne einen Diebstahl, ohne einen Mordversuch; die Kommune führte nur gezwungen den Krieg fort und sehnte den Tag herbei, da sie, von royalistischen Drohungen befreit, vor neuen Wahlen zurücktreten könne ... Tote Worte. Die Provinz hört viel mehr auf die Depeschen, in denen Thiers den Sammelruf ergehen läßt, indem er Paris als ausgeplündert, unter den Wahnwitzigen stöhnend, Versailles hingegen als fröhlich und siegreich schildert. Die Provinz ist eine Masse, die sich durch nichts rühren läßt, und die nur einen Wunsch kennt: in Frieden leben und ihre Geschäfte wieder aufnehmen zu können. Der nationale Krieg hat sie nur für einige Zeit und nur halb aus ihrer Lethargie aufgerüttelt. Der Bürgerkrieg wird nur einen Schrei wecken: »Genug!« ... Und ein anderes Blatt ergreifend, fuhr er fort: »Haben Sie den von Malon und Madame André Léo verfaßten Aufruf gelesen? Es finden sich darin ergreifende und starke Akzente. Der Arbeiter beschwört seinen Bruder in der Provinz, sich mit ihm zu erheben, den Augenblick wahrzunehmen. Doch der gute Provinzler wird taub bleiben wie im Jahre 48; er wird weiter seinen Kohl pflanzen und sein Feld bebauen, das Leben ist kurz, und man lebt nur einmal; auch muß man zahlen, damit der deutsche Eindringling das Land verlasse! ... Bleiben die Städte, die Industriezentren. Doch auch dort ist die Erregung der ersten Tage längst verraucht. In Marseille, in Narbonne, in Limoges herrscht wieder Ordnung. Überall Todesschweigen, bange Erwartung des Lärms vor Paris, dessen Kanonen wie ehemals um Beistand rufen, ohne daß ein Echo ihnen antwortete ...« In Narbonne hatten am 31. März Digeons Anhänger ihren Führer beim Nahen der aus Toulouse herbeigeeilten Truppen verlassen. In Limoges, wo die Nationalgardisten auf dem Bahnhof ein nach Versailles abgehendes Detachement Soldaten entwaffneten, war die Präfektur besetzt, der Kürassieroberst Billet war an der Spitze seiner Eskadron getötet worden; in derselben Nacht räumten die Aufständischen die Präfektur und zerstreuten sich. In Marseille, wo die Bewegung am heftigsten gewesen war, erschien am 1. April General Espivent wieder mit seiner kleinen, durch Zuzüge verstärkten, von Marinetruppen unterstützten Armee. Die von allen Seiten zurückgedrängte Kommune schloß sich in der Präfektur wie in einer Festung ein, wurde aber bald durch die dreihundert Granaten, womit Espivent sie van Notre-Dame-de-la-Garde herab bombardierte, daraus vertrieben. Die Marinesoldaten stürmten das leere Gebäude: »Und wissen Sie, auf welche Weise?« hatte Thiers in der Nationalversammlung gerühmt ... »Mit dem Enterhaken!« (Große Sensation.) Die Bewegung wurde erbarmungslos unterdrückt, viele mit summarischer Exekution bestraft, hunderte in die Kasematten geworfen. Unwillkürlich richteten sich Martials Blicke dem Fenster zu und schweiften über den sonnüberglänzten Horizont bis zu dem fernen Gürtel der Hügel und der Wälder, von wo sie einst die Hilfsarmeen, die Provinz anrücken zu sehen gehofft hatten. Thédenat erriet seine Gedanken und murmelte: »Die Provinz ist nicht gekommen! Und gebe Gott, daß sie nicht mehr kommt, denn jetzt erschiene sie nicht mehr als Befreierin, sondern als Feindin.« Mit energischem Schnitt trennte er von einem Blatte eine lange Kolonne, an deren Ende neun Pariser Deputierte von Versailles aus ihre Betrachtungen und Ratschläge mitteilten. Männer, die seinem Herzen nahe standen und deren liberale Gesinnung über jeden Zweifel erhaben war, Louis Blanc, Quinet, Edmond Adam, Dorian, Langlois erteilten, gleichsam um ihr Gewissen zu beruhigen, jeder der beiden Parteien eine Rüge. Doch von der Atmosphäre der Reaktion, in der sie lebten angesteckt und in Gefahr, sich als Deserteure behandelt zu sehen, sagten sie sich, ausdrücklicher als Thédenat, von Paris los, dessen Bestrebungen und Neigungen ihr Ideal ebenso, wie die Interessen ihrer Sache zu gefährden schien. Der Geschichtsschreiber saß in Gedanken vertieft: keine Basis, kein Streben nach Lösung in alledem! Nichts als eine Art betrübter Bestätigung. Ungeachtet der Zuneigung, die er für einige der Unterzeichneten empfand, fragte er sich doch, ob eine energischere Haltung auf Seiten der Vertreter von Paris nicht hätte Eindruck auf Thiers machen und Versailles zur Überlegung bringen können. Eine Bußpredigt, die an die gemessenen Reden, die Lamentationen der Greisenchöre in den antiken Schicksalsdramen gemahnte. Schoelcher hatte, tapferer als jene, nicht gefürchtet, sich eine Blöße zu geben, indem er einen Vergleich vorschlug, der die beiden Mächte vereinigt hätte. Andere, noch kategorischere, wie Millière und Lockroy, gingen so weit, alle Schuld auf die Nationalversammlung zu wälzen, die wütend ihre Verfolgung forderte. Auf vorgeschobenem Posten verlorene Parlamentäre, blinder Alarm! Er wandte das noch von Gummi feuchte Blatt um und legte es auf die anderen, ein von Pierre Denis im Cri du Peuple veröffentlichtes Projekt, Paris zu einer »freien Stadt« zu machen, ein von freimaurerischen Würdenträgern unterzeichnetes, zur Versöhnung aufforderndes Manifest, endlich eine von ihm im Verein mit einigen Persönlichkeiten des V., VI. und VII. Arrondissements an den Chef der Exekutivgewalt gerichtete Adresse, in welcher, dem berühmten Ausspruch gemäß, die Bestätigung der Republik als der »uns am wenigsten trennenden Regierungsform« gefordert wurde. Er hatte in seiner bescheidenen Sphäre getan, was er hatte tun können. Bitteren Tones setzte er, das Bündel von Ausschnitten beiseite schiebend, hinzu: »All das sind Worte, nichts als Worte. Ich fürchte sehr, daß Ihr Vater, trotz all seiner Bemühungen ...« Es klingelte; gleich darauf trat Poncet ein, noch ganz aufgeregt von den Nachrichten, die er brachte: »Die Föderierten besetzten Asnières. Die Panzerwaggons haben ihre Operationen begonnen, und von Sèvres aus schießen die Kanonenbote auf Meudon!« Thédenat hob die Hände zum Himmel: »Und da wurde man nicht müde, zu versichern, daß dieses Volk nicht fähig sei, sich zu schlagen!« Poncet fuhr fort, über die Ereignisse in seinem Stadtteil zu berichten: Saint-Pierre de Montmartre dem Kultus verschlossen, der Beschluß von dem Polizeikommissär Le Moussu unter dem Kirchentor angeschlagen: »Hier, nehmen Sie«, sagte er zu Thédenat, ihm ein aus seinem Taschenbuch gerissenes Blatt reichend, »das da habe ich für Sie kopiert: »In Anbetracht dessen, daß die Priester Banditen sind und die Kirchen die Räuberhöhlen, in denen sie die Massen moralisch morden, indem sie sie unter die Klauen der infamen Bonaparte, Favre und Trochu beugen, ordnet der Delegierte bei der Ex-Polizeipräfektur de Carrières an, daß besagte Kirche von Saint-Pierre geschlossen werde und dekretiert die Verhaftung der Priester und der Ignorantiner.« Verächtlich zuckte Thédenat die Achseln und legte das seltene Schriftstück zu den übrigen Alten. Poncet berichtete nun über die letzten Schritte der Liga, über die tags zuvor in der Kreis-Schule von den Entschlossensten der Partei, Lockroy, Bonvalet, Loiseau-Pinson und mehreren Mitgliedern der Kommune Lefrançais, Vallès, Avrial, Langevin abgehaltene Versammlung. Man war übereingekommen, daß eine Proklamation der Liga Versailles zur Einstellung der Feindseligkeiten auffordern und erklären sollte, daß im Falle der Weigerung sämtliche Deputierte der Seine zur Abdankung entschlossen seien. In diesem Falle würde die Liga ihre Anhänger zur Verteidigung von Paris rings um die Kommune berufen ... »Oh! Oh!« wandte Thédenat ein. »Du weißt doch, Papa, ich bin kein Anhänger«, bemerkte Martial. Der Chemiker rückte seine goldene Brille zurecht: »Es ist ja nur eine leere Drohung! Ein abenteuerlicher Vorschlag kopflos gewordener Patrioten! Bei kühlerer Überlegung werden wir zu dem Entschlusse gelangen, uns weislich an unser ursprüngliches Programm zu halten. Morgen begeben sich drei Delegierte – ich begleite sie –, nach Versailles. Thiers wird uns empfangen müssen, wie er die Abgesandten der »Nationalen Vereinigung« empfangen mußte.« »Glaubst du«, fragte Martial lächelnd, »daß er sich verändert hat, seit du mir sein Porträt entworfen hast?« »Nein«, seufzte Poncet, »aber wenigstens werde ich mein möglichstes getan haben oder vielmehr: nichts als meine Pflicht.« »Wie beneide ich Sie um die Wärme Ihres Glaubens!« sprach Thédenat, ihm die Hand drückend, »wie freue ich mich Ihrer Tatkraft!« Spät am Abend – Frau Thédenat hatte sie nicht vor dem Diner fortlassen wollen – schritten Poncet und Martial dem Boulevard Saint-Michel zu, ganz getröstet durch den herzlichen Empfang, den sie bei ihren Freunden gefunden. Welcher Genuß, zu hören, wie Thédenat aus dem reichen Schatze seiner lebensvollen Erinnerungen schöpfte, in das von Güte und Milde strahlende Gesicht seiner Frau zu blicken. Es war eine trauliche Stunde, die sie dort unter der freundlichen Lampe, rings um die von Marthe servierte dampfende Schüssel verbracht hatten. Die Villoir hatte ihren Humor wiedergefunden, seit die Armee begonnen hatte, »diese Kerle von der Kommune durchzuprügeln!« Den Löwenanteil an diesem Ruhme schrieb sie ihrem Manne zu, der dort drüben diente; jetzt war an ihm die Reihe, ihnen die Faustschläge zurückzuzahlen! Die Herrschaft dieser Dummköpfe konnte nicht lange dauern. Beweis dafür die Liebenswürdigkeit, mit welcher Frau Louchard und der Bataillonchef-Portier seit einigen Tagen sich ihr gegenüber benahmen. Sie beurteilte die politischen Ereignisse einzig in dem Maße, in dem sie sie berührten. »Wenn man mir sagte, daß Louchard morgen seine alten Freunde verraten werde, ich wäre nicht überrascht«, sagte Martial. »Wer weiß, ob unter seiner Gewalttätigkeit sich nicht ein Doppelspiel verbirgt. Ich glaube, er ist zu allem fähig.« Sie ließen das Rondel Medicis und den in tiefem, nur in der Ferne von einzelnen Lichtern unterbrochenen Dunkel liegenden Luxembourg zur Linken. Aus dem großen Garten, in dem der Frühling aller Verwüstung zum Trotz in voller Pracht sich entfaltete, aus den üppigen Massen des jungen Laubwerks strömte ein kräftiger Duft von Saft und Erde. Vor ihnen lag das belebte, lärmende Boulevard Saint-Michel mit seinen glänzend erleuchteten Kaffee- und Bierhäusern. Die Menge freute sich der Milde der Nacht nach dem Frohsinn des Tages. Unter übermütigem Scherzen schlenderte ein Haufe junger Bursche übers Trottoir. Die weinseligen Stimmen sangen in vollem Chor den Vers: »C´est le sire d´Fich-Ton-Kan, Qui s'en va-t-en guerre ...« An den Tischen von d'Harcourt lachte man und liebkoste die Mädchen. Die Biergläser wurden nicht leer. »Jedenfalls«, fuhr Martial fort, »scheint Louchard seit der Trennung in ansässige und Marschbataillone sich zu den ersteren schlagen zu wollen. Du kennst ja seine Angst vor dem Schießen! Seine Bestürzung mag nicht gering gewesen sein, als Cluseret, auf sein erstes Dekret zurückgreifend, angeordnet hat, daß die verheirateten Gardisten bis zu vierzig Jahren, gleich den ledigen, den Marschbataillonen zugeteilt werden sollen. Plötzlich hat der Narr sich besonnen, daß er schon einundvierzig zähle.« Poncet deutete auf die durch die Straße wogende Menge von Nationalgardisten in allen möglichen Uniformen, bis zu den Zähnen bewaffneten und von Goldlitzen strotzenden Offiziere und müßigen Spaziergänger, die sich beim Anblick eines nur mühsam das Gleichgewicht bewahrenden und sich an den Hals des Pferdes klammernden Estafettenreiters vor Lachen wanden. »Ich denke wohl«, versetzte er, »daß die ansässige Nationalgarde anders besetzt ist, als die ins Feld ziehende! Die wirkliche Armee der Kommune ist nicht so zahlreich, wie man hätte glauben können.« Engverschlungene Paare wandelten an ihnen vorüber. Die sorglose Stadt, die von Lebenslust berauschte Jugend gab sich der Wonne der Liebe hin und genoß in vollen Zügen die Pracht des funkelnden Sternenhimmels, des köstlichen Frühlings. Die Kanonen waren verstummt. Viele glaubten an einen Waffenstillstand. Die meisten dachten an nichts und kümmerten sich nach all den Entbehrungen und Leiden nicht mehr um die Nähe des seit langem schon ihnen vertrauten Todes. Man vergaß ihn und dachte seiner nur, um in einem tieferen Schluck die Freude des Augenblicks zu trinken. Martial stieß seinen Vater mit dem Ellbogen an: »Tue, als ob du nichts sähest!« Auf den Arm eines schönen jungen Mannes gestützt, in den Zügen den Ausdruck seliger Extase, schritt mit jener Anmut, die das Glück den Liebenden verleiht, ein schlankes junges Mädchen vorüber. Es war Rose mit ihrem Cousin Louis. Barhaupt, eine Blume im dunklen Haar, wandte sie ihm ihr ernstes, leuchtendes Antlitz zu. In ihren schwarzen Augen lag die Hingabe ihrer Seele und schrankenloses Vertrauen. Frei und verheißungsvoll lag ihr schlichtes Dasein vor ihnen. Von ihrer Liebe, ihrer Zärtlichkeit strömte ein so mächtiger Zauber aus, daß Vorübergehende lächelnd sich nach ihnen umwandten. Man beneidete sie. »Ach! diese beiden ...« sagte Martial. Poncet, den sein Sohn für die Familie Simon interessiert hatte, fragte nach dem Alten. »Er muß doch mit dem heute morgen erlassenen Dekret, das allen Lebensgefährtinnen der in der Schlacht gefallenen Föderierten eine Pension zusichert, zufrieden sein?« »Sicherlich«, erwiderte Martial, »und es ist ein guter und glücklicher Einfall, zwischen legitimen und nicht legitimen Witwen, die im Unglück alle gleich sind, keinen Unterschied zu machen. Heißt Therese auch nicht Frau Simon, so gibt die Würdigkeit ihres Lebens ihr doch gleiches Recht auf Achtung, wie anderen, die gesetzlich verheiratet sind. Vorläufig jedoch setzt dieses Dekret ein siegreiches Paris voraus, das imstande ist, den mageren Rückstand dieses Blutpreises zu zahlen. Eine sofortige Entschädigung wäre sicherer!« »Und dann«, bemerkte Poncet, »bei der neuen Organisation, welche die Alten aus den Reihen ausscheidet, ist Simon ja in den Ruhestand versetzt ...« »Ja wohl«, versetzte Martial, »er war wütend bei dem Gedanken, nicht mehr an der Seite seiner Söhne marschieren zu dürfen. »Will man mich als einen Siechen behandeln?« schrie er vor seiner Tür. Du kannst sicher sein, er wird weiter dienen, als gäbe es kein Dekret. Und er wird ein tüchtiger Freiwilliger sein.« »Cluseret hat sich getäuscht«, sagte Poncet. »Die Alten taugen in kritischen Momenten oft mehr, als die Jungen. Sie haben mehr gelitten, bringen mehr Überlegung und große Todesverachtung in die Sache mit.« Martial war nachdenklich geworden ... Die Simons! Ja, die gehörten unter die Besten in dieser so seltsam gemischten Armee der Kommune! Der riesige Rahmen, innerhalb dessen ganze Einheiten seit dem Waffenstillstand Tag für Tag total verschwunden waren, in dem die Mehrzahl, um alle jene verringert, die die Rücksicht auf die Löhnung nicht zurückhielt, trotz der Einheitlichkeit der Interessen nur noch in verstreute Gruppen zerfiel – diese wirre Masse der Bataillone war durch den Ausfall vom 3. April vollends in Auflösung geraten. Auf dem Papier zählte die Infanterie wohl noch einen Effektivbestand von 145 000 Mann, von denen jedoch kaum ein Viertel das Verlangen empfand, sich zu schlagen. Das Ganze schlecht bewaffnet, schlecht equipiert und in einem Zustand erschreckender Anarchie: ein Gewimmel von Komitees und Subkomitees, die Legionen und die Behörden in beständigem Konflikt; das Zentralkomitee kaum imstande, dieses Chaos zu entwirren, das durch die Autorität der Kommune noch kompliziert wurde. 5600 Artilleristen, einem besonderen Komitee unterstehend, das auf seine Prärogative ebenso eifersüchtig war, wie das andere auf die seinen, ausgezeichnete Stückrichter, die ihre Geschütze wie lebende Wesen liebten, aber nur auf den Wällen oder in den Forts dienen wollten; Kanonen mehr als man brauchte, die jedoch in den unbeschreiblichen Durcheinander von Munitionen mangelhaft approvisioniert waren. Einige mittelmäßige Geniekompagnien. Keine Artillerie, die wenigen Pferde von den zahllosen Offizierstäben in Anspruch genommen. Kein Train, kein Sanitätsdienst. Die Intendanz in ein ausgebreitetes Netz kleiner Ämter umgewandelt. Das war die Verwirrung, die Cluseret vorgefunden hatte und gegen die er seit einer Woche mit seinem Yankeephlegma ankämpfte. Ehemaliger aus der regulären Armee entlassener Hauptmann, Oberoffizier in Amerika während des Sezessionskrieges, hierauf der Internationalen affiliierter Publizist, Reisender der Militärdiktatur, der das Zentralkomitee unablässig mit Anerbietungen quälte, brachte der Kriegsdelegierte in sein neues Amt einen endlich befriedigten Ehrgeiz und wirkliche praktische Vorzüge mit. Der fünfundvierzigjährige stattliche Mann mit dem weißen Teint, dem bärtigen, regelmäßiges Gesicht und dem schwarzen, schon ergrauenden Haar trug in der Ironie seines Lächelns und der Nonchalance seiner Bewegungen eine ruhige Verachtung seiner Mitmenschen und eine hohe Meinung vom eigenen Ich zur Schau. Bravour und Gewandtheit, doch durch die lässigste Sorglosigkeit annulliert. Stets in bürgerlicher Kleidung, mit dem weichen Filzhut auf dem Kopfe, affektierte er inmitten dieser militärischen Maskerade eine puritanische Einfachheit, während er in Wahrheit nicht eben der anspruchsloseste dieser Komödianten war. Man konnte sich keinen schrofferen Gegensatz denken, als den zwischen dem Kriegsdelegierten und seinem Generalstabschef, Rossel, dem ehemaligen, aus Metz entwichenen Geniehauptmann, der von Gambetta zum Oberstleutnant und Kommandanten des Lagers von Nevers ernannt worden war. Der junge Offizier, berühmt durch die revolutionäre Entschlossenheit, mit der er nach dem 18. März sich unter die Fahne von Paris gestellt und mit siebenundzwanzig Jahren mit einer schönen militärischen Vergangenheit und einer noch schöneren Zukunft gebrochen hatte, war eine Erscheinung von merkwürdiger Energie. Mittelgroß, schlank gebaut, eine jener Gestalten, die, ganz Muskeln und Knochen, den Stempel zäher Willenskraft tragen, mit hoher Stirn, hinter der man die Seele leuchten und träumen sah, stolzen Augen unter gefurchten Brauen, die eine seltene Selbstbeherrschung verrieten, war er der ausgesprochene Typus einer des Befehlens gewohnten Natur. In ihm glühte patriotischer Glaube und das wütende Verlangen, dem Deutschen die in Metz ausgelieferte Fahne wieder zu entreißen und in der Zukunft das durch den Friedensvertrag beschmutzte, von der Nationalversammlung geknechtete republikanische Frankreich wieder aufzurichten. Erbittert über die unter Bazaine erduldete Schmach, hatte er vergeblich versucht, den unseligen Führer niederzuwerfen und die Armee aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Über die Fehler der Nationalverteidigung empört, von dem Kampf bis aufs Messer gleichsam hypnotisiert und immer noch und trotz alledem daran glaubend, hatte er der Hauptstadt alle Kräfte seines Wesens zur Verfügung gestellt, eine mögliche Wiederaufnahme des Kampfes voraussehend! Und der greisenhaften Sache der Vergangenheit das vorziehend, was das Morgen zeitigen konnte, die Revolution. Er glaubte damit nur, einem strengen Gebote der Pflicht zu gehorchen: immerhin noch Soldat, doch vor allem Bürger. Seit seiner Ankunft Legionchef, bei der ersten Affäre, einem Marsch von der Brücke von Asnières gegen Courbevoie, mit Malon und Girardin, von seinen Truppen im Stiche gelassen – zwei Bataillone waren betrunken, die anderen fünf ließen sich auf den Böschungen nieder, – gefangen genommen, als er versuchte, sie Disziplin zu lehren, war er bereits zur Erkenntnis gelangt, mit was für Männern das Schicksal ihn verknüpft hatte. Doch mit seinem hugenottischen Starrsinn, seinem hochmütigen Stolze klammerte er sich, wie an ein Rettungsseil, an den enttäuschten Ehrgeiz, an die Hoffnung auf irgend eine Wandlung schaffende Schicksalswendung ... Hinter sich hatte er alle Brücken abgebrochen. Er hatte zu hoch, zu fern geblickt, er konnte nicht mehr zurück. In den Augen aller schien er einem ihm voranblinkenden Stern zu folgen, und unter den Mitgliedern der Kommune betrachteten ihn die einen schon mit beginnendem Mißtrauen als den zu fürchtenden Diktator, während die anderen ihm als dem möglichen Retter zulächelten. Auf diesen beiden schon durch die Macht der Exekutivkommission und der Militärkommission gelähmten Männern lastete noch eine dritte eifersüchtige Überwachung, eine Macht von hundert tastenden Händen: das Zentralkomitee, das, gekränkt darüber, nicht mehr in Wirklichkeit seine Herrschaft ausüben zu können, sich bemühte, sich in den Hintergrund der Bureaus zu drängen und auf diesem Wege das Ministerium zu füllen. Das bekannteste seiner Mitglieder, Moreau, den seine Amtstätigkeit – die Analyse der Information und das Referat der Presse – in beständige Berührung mit Cluseret brachte, übte über diesen tatsächlich eine Kontrolle aus. Von einem blindlings zusammengestellten Generalstab unterstützt, der nicht genügte, um die unglaubliche Masse von albernen Reklamationen, maßlosen Ansprüchen, sinnlosen Erfindungen zu bewältigen, mühten sich Rossel und der Delegierte, den Augiasstall zu reinigen. Schon hatte die Kommune eigenmächtig die Verhaftung Assis, des früheren Militärkommandanten des Rathauses, sowie seiner Tafelrunde – die eine peinliche Erinnerung an die schönen Tage des Zentralkomitees bildeten – vorgenommen. Man mußte im Ministerium selbst aufräumen, wo die Generalin Eudes sich breit machte, während ihr Gatte die Verteidigung der südlichen Forts leitete. Mit flatternden Haaren, im Amazonenkostüm mit der roten Schärpe, so hatte man sie von ihrem weich ausgepolsterten Neste zu den Wällen galoppieren gesehen. Man suchte für sie ein anderes Palais, um sie zu bewegen, ihr mit blauem Atlas ausgeschlagenes Schlafzimmer und die Salons, in denen sie die Ehrentrunke kredenzte, zu verlassen. Ebenso mußte man das Platzkommando leeren, indem man Bergeret selbst verhaftete, der dort ein flottes Leben führte, auf seinen Lorbeeren ruhte und die von schwarzbefrackten Lakaien servierten feinen Gastmähler verdaute. Auf diese Weise tröstete sich der unfähige Ex-Sergeant über seine mißglückte Generalslaufbahn. Ein Slave, Jaroslaw Dombrowski, war sein Nachfolger. Klein, mager, mit einem Gesicht voll Schlauheit und Energie, geborener Soldat wie alle Polen, entwickelte der neue Chef im Feuer eine tolle und dabei kaltblütige Bravour und bewegte sich darin wie in seinem eigensten Element. Gestern noch ein unbekannter Abenteurer, wußte er sich mit Kühnheit und Unverfrorenheit in seine neue hohe Stellung zu finden. Um diejenigen zu beruhigen, die die Berufung eines Fremden zu einer so wichtigen Aufgabe mit scheelen Blicken betrachteten, umgab die Kommune ihn mit einer Legende: als Haupt und Führer des letzten polnischen Aufstandes sollte er mehrere Monate hindurch der russischen Armee Widerstand geleistet, außerdem den Krieg im Kaukasus mitgemacht haben. Wahres an diesen Gerüchten war, daß er von Garibaldi sehr geschätzt wurde, und daß dieser sich ihn sogar von Trochu ausgebeten hatte, um ihn in der Vogesenarmee zu verwenden. Sein erstes Erscheinen unter dem mörderischen Hagel der Geschosse wirkte verblüffend und fanatisierend auf die Föderierten. So verteilte sich die Verteidigung von Paris folgendermaßen: Dombrowski auf der Rechten, Neuilly besetzt haltend, bis Saint-Quen von seinem Bruder Ladislav, weiterhin von einem Ex-Hauptmann der Franctireurs, Oberst Okolowicz, und bis zum Point-du-Jour von Oberst Laporte unterstützt. In der Mitte, von der Seine bis zur Bièvre, hinter den Südforts, Eudes, unterstützt von La Cecilia, einem Franzosen mit italienischem Namen, der unter Lipowski während des Krieges tapfer mitgestritten hatte und trotz seines kalten Mathematikergesichtes mit Leib und Seele Soldat war. Von der Bièvre bis Charenton ein anderer Slave, Wrobleski, weniger gefeiert als sein Landsmann, doch nicht weniger tapfer. Unter diesen aus dem Orkan hervorgegangenen Führern, und um die letzten außerhalb der Umfassungsmauer liegenden Dörfer Schritt für Schritt den Gegnern streitig zu machen, die halb demolierten, unter dem beständigen feindlichen Feuer zusammenbrechenden Forts zu besetzen, ungefähr vierzigtausend Kombattanten, ein fester, aus der weichen Schale, den Untauglichen, den Ansässigen, den Widerspenstigen gelöster Kern. Während in Paris die Eitlen und die Unfähigen sich in die Brust warfen, die Ärzte sich mit ihren Ehrenzeichen brüsteten und die Portiers in der Uniform höherer Offiziere durch die Straßen stolzierten, während jedes militärische Etablissement, jedes Monument, jede Kaserne und jeder isolierte Posten seinen Kommandanten besaß, der wiederum einen Offiziersstab, oft auch einen Wachtposten hatte, waren es außerhalb Paris und den Wällen immer dieselben, die sich schlugen und sich totschießen ließen. Die Offiziere waren sehr gemischt; es gab unter ihnen einige tapfere Freiwillige, viele ehemalige Unteroffiziere der Armee, die es satt hatten, unter dem Kaiserreich auf der Stelle zu treten und glücklich waren, endlich die Epauletten zu erringen, deren sie sich würdig hielten und die sie bis dahin vor allem den Intriganten verliehen gesehen hatten; noch mehr Maulhelden und in der Schule der Weinstuben und der Klubs erzogene Narren. Die Soldaten bildeten ein buntes Amalgam, in dem man neben von feuriger Überzeugung beseelten Männern, grauköpfigen Alten, jungen Brauseköpfen eine große Anzahl von Arbeitern sah, die vielleicht lieber zur Arbeit zurückgekehrt wären, jedoch in Ermangelung eines anderen Brotherrn hier für ihre dreißig Sous wie auf einem Bauplatz arbeiteten. Deklassierte, Verbitterte aller Professionen, zu Grunde gegangene Kaufleute, Leute, die durch ihren Charakter oder ihre Instinkte, durch die Härte der Sitten und der Gesetze von der großen Heerstraße abgeirrt waren und die, da sie nichts zu verlieren hatten, in diesen Tagen erhöhten Lebens wenigstens Zeit gewannen. Ein Abschaum strömte von allen Seiten hier zusammen, Sträflinge und dunkle Existenzen, die unvermeidliche Hefe jeder Gesellschaft, die in Stunden der Verwirrung auf die Oberfläche zu kommen pflegt. Die Deutschen, so hieß es und so hatte man es Thiers versichert, schickten ganze Schübe solchen Gesindels her. Die Kommune, weniger ängstlichen Gewissens als das Zentralkomitee in seinen Anfängen, hatte am 2. April die Petite-Roquette geleert. Außerdem sah man eine Schar von Nachahmern mit engem Gehirn, von Ignoranten, die nicht wußten, wofür, noch gegen wen sie kämpften, Leuten, deren Willenskraft durch Alkohol, Neurose und Krankheiten aller Art gelähmt oder gebrochen war; Abtrünnige vom 18. März, Soldaten oder Matrosen, Strandgüter nach dem Schiffbruch. Nahezu fünfzehnhundert Mann, die keinen Entschluß fassen konnten, die als Nichtstuer in der Kaserne Prince-Eugen lebten, wo die Kommune sie nährte, tränkte und bezahlte. Viele Kinder, abseits getriebene, unschuldige Existenzen, denen die Straße kein Gewissen und kein Brot beschert hatte. Frauen, Krankenpflegerinnen, Marketenderinnen, Amazonen, fast alle verängstigt und exaltiert oder von sanftem Fanatismus, wie jene Laienpriesterin Louise Michel, schöne Abenteuerinnen wie die Dmitrieff, von der man behauptete, daß sie eine Fürstin sei, dicke Vorstadtbürgerinnen, zahnlose Alte, wahre Hexengestalten. Endlich die Wildlinge der alten gallischen Erde, Söhne einer kriegerischen Rasse, in denen das unzähmbare Blut des Urmenschen noch wallt, stets zum Dreinhauen bereit – große Kinder, die mit dem Morden und Sterben spielen. Und über all dieser Menge lagernd eine Wolke von Fremden, die sich gleich Raubvögeln der allgemeinen Revolution an den Konvulsionen Frankreichs weideten. Ein einziger Wahn, eine Trunkenheit der Wut, der Begierden, der aufstachelnden Worte, berauschenden Weins und glühenden Glaubens verband in der Trostlosigkeit unerhörter Verhältnisse all diese Menschen, die, ohne daß ein Gefühl der Einigkeit sie aneinander knüpfte, doch wie Ein Mann gegen den Feind, gegen »die Preußen von Versailles« standen. Eine im Hotel des Reservoirs auf einer mit Mühe nur eroberten Matratze verbrachte Nacht befreite Poncet von seiner Müdigkeit. Den ganzen gestrigen Tag, den 11. April, hatte er mit allen möglichen Bemühungen und Vorstellungen bei der Kommune zugebracht, die, um sich zu nichts zu verpflichten, sich weigerte, einen gemeinsamen Passierschein auf den Namen der Liga auszustellen und sich nur zur Ausfertigung von persönlichen Passierscheinen herbeiließ; dann die lange Wagenfahrt von Saint-Denis an! Noch immer dröhnten Poncet die Ohren von dem betäubenden Geschrei der Kutscher: »Versailles! Saint-Germain! Noch ein Platz! Abfahren!« Dann die Traurigkeit der Ebene von Gennevilliers, die von Blitzen durchzuckte Dämmerung, der Donner der Batterien und des Mont-Valerien, die Vorposten von Colombes, Nanterre, Rueil mit Kanonen und Pulverkasten überfüllt, die Mauern der Malmaison, die die Spuren der Belagerung trugen, die Celle mit ihren von den Preußen verwüsteten Wäldern ... Bei eintretender Nacht war man angelangt und fiel plötzlich, beim Ausgang der großen, finsteren Avenuen, in eine Stadt voll Leben und Licht, deren Schloß, deren Restaurants und Kaffeehäuser von Gästen wimmelten. Im Hotel des Reservoirs, dessen sämtliche Fenster erleuchtet waren wie zu den schönen Zeiten des deutschen Großen Generalquartiers, nicht ein freier Winkel zu finden: hier hatte die Politik, die Finanzwelt, die Hautevolee ihr Lager aufgeschlagen. In einem Seitengebäude der ehemaligen Präfektur hatte der Jockey-Klub seine Speisetafeln und Whisttische aufgestellt. Überall bildeten sich, wie ebensoviele winzige Verschwörungsherde, kleine Cercles, in denen liebenswürdige Frauen, kleine und große Damen, sich bewegten und sich über all die Intriguen, Galanterie und den Krieg amüsierten. Freunde, Bekannte, – man begegnete ihnen in jedem Winkel der überfüllten Stadt, vor den Hoteltüren, an den Straßenecken, – erschienen ihm als Fremde, Menschen einer anderen Rasse. Besonders ein Journalist, ein Kollege aus der Studienzeit, mit dem er in Tours und in Bordeaux wieder zusammengetroffen war, – merkwürdig, wie das geschwätzige, bewegte, müßige und neugierige Publikum der Rue des Reservoirs dem der Alleen von Tourny glich! – stieß ihn durch die kalte Leichtfertigkeit ab, mit der er von den geringfügigsten Ereignissen, von den Vergnügungen Versailles, erzählte. Da war zum Beispiel neulich, zu Ostern, die große Militärmesse auf dem Lager von Satory: rings um einen unter freiem Himmel errichteten, mit Kriegstrophäen geschmückten Altar haben die Truppen mit ihren in der Sonne blitzenden Kanonen Aufstellung genommen: Vinoy, Maudhuy, sämtliche Generäle und Oberoffiziere, »die nicht durch ihre Pflicht vor dem Feinde abgehalten sind«, haben sich hier versammelt. Ein herrliches Schauspiel, des »Herrn der Heerscharen« würdig ... Oder die Ankunft der Gefangenenkolonnen inmitten einer Staubwolke. Man ruft: »Da sind sie! Da sind sie!« Und man rennt herbei, um diese zerlumpte, geschmähte Herde besser zu sehen, man möchte sich auf sie stürzen, sie in Stücke reißen. Man lacht über die, die sich mit Mühe nur, in tiefster Erschöpfung, weiterschleppen, über die Greise in Holzschuhen oder mit bloßen Füßen, über die bis zur Unkenntlichkeit zerlumpten Uniformen; man fürchtet sich vor denen, die mit wehendem Bart, flatternden Haaren und stolzer Miene einherschreiten; man schreckt zurück vor den Frauen mit pulvergeschwärzten Gesichtern oder den ehrwürdig aussehenden alten Jungfern mit den glatten Scheiteln und einfachen schwarzen Kleidern. Ihnen folgt ein Wagen mit einer Ladung blutigen Fleisches, arme Geschöpfe, die unterwegs zusammengebrochen waren, die eine zornige Aufwallung, eine Klage mit einem Säbelstich, einem Kolbenschlag hatten büßen müssen. Wehen Herzens mußte Poncet vor den Grandes und Petites-Ecuries vorübergehen. Bei ihrer Ankunft wurden die Gefangenen zu Hunderten in die großen, kahlen Erdgeschoßräume, in die Keller geworfen, wo sie tagelang bei Wasser und Brot auf ihren elenden Strohbündeln kauerten oder ihre scheuen, verängstigten Gesichter an den Kellerlöchern, an den hohen Fenstern zeigten. Im ersten Stockwerk funktionierten zahlreiche Polizeikommissäre, expedierten nach kurzem Verhör die Frauen in das Quartier des Chantiers, die Männer – da die Gefängnisse bereits voll waren – in die Orangerie oder in die Gefängnisse. Man kannte kaum ein größeres Vergnügen, als diesen Verhören beizuwohnen und sich an der Qual der Opfer zu weiden. Bekannte Literaten und Karrikaturenzeichner, ein Dramatiker bildeten das Stammpublikum. Angesichts solcher Sitten und Gebräuche glaubte Poncet sich in eine völlig andere Welt versetzt. Gesichter, Worte, Gesten, alles mutete ihn so fremdartig an, als befände er sich in New-York oder in Peking. Um zehn Uhr sollten die drei Delegierten von Thiers empfangen werden. Poncet begab sich in den Ballspielsaal, wo ein Dutzend Deputierter der Pariser Linken versammelt war, um mit den Vertretern der Versöhnungsliga bei deren Verlassen der Präfektur zu konferieren. Zu seiner Überraschung mußte er erkennen, wie sehr diese Republikaner seit ihrer Übersiedlung nach Versailles von der republikanischen Majorität von Paris abwichen. Von dem fait accompli , der Notwendigkeit, Versailles zu verlassen, um sich zu verständigen und dem Blutvergießen ein Ende zu machen, von alledem wollten sie nichts wissen und erklärten sich mit der von dem Haupt der Exekutivgewalt den Delegierten der Nationalunion der Syndikatskammern gegebenen Antwort zufrieden. Verpflichtete sich denn Thiers nicht, alles in allem, so lange er am Ruder war, darüber zu wachen, daß der Bestand der Republik nicht angegriffen werde? Die Nationalversammlung konnte sie doch nicht votieren, da sie keine konstituierende war. Man mußte sich mit dem Versprechen des großen Mannes zufrieden geben! – »Als wäre diese Republik – so dachte Poncet – nicht nur dem Namen nach eine republikanische, als wäre sie nicht mit ihrer Unterwürfigkeit unter die Tradition, ihrer zentralisierenden Tyrannei eine verkappte Monarchie ... Und wenn einmal Thiers fiel, dann würde man sehen, ob die Nationalversammlung sich nicht in eine konstituierende verwandeln und Frankreich einen Herrn geben würde!« Er wunderte sich darüber, wie völlig die Deputierten der Linken dem Einflusse des Alten gehorchten. Ja, sie billigten es sogar, daß er Paris in bezug auf munizipale Freiheiten nur das »gemeine Recht« bewilligen wollte. Wie hübsch, »das gemeine Recht!« ... Er wiederholte sich die Phrase, die Thiers mit seiner scharfen, gebieterischen Stimme jedem gegenüber, der es hören wollte, ableierte: »Paris wird wie ein Weiler mit hundert Einwohnern der Gewalt des Staates unterworfen werden!« An demselben Tage, an dem die »Syndikats-Union« empfangen worden war, hatte man in einer Anwandlung von Liberalismus in der Kammer wo sich seit einer Woche die Diskussionen über das die Munizipalwahlen betreffende Gesetz hinschleppten – eine Verbesserung votiert, welche allen Gemeinden das Recht gab, ihre Bürgermeister selbst zu wählen, während die Vorlage der Regierung dieses Recht nur für die Gemeinden unter 6000 Seelen stipuliert hatte. Es war ein berechnender Liberalismus, der, indem er sich die Masse der Wähler verpflichtete, mittelst eines dezentralisierenden Gesetzes die befriedigten Landgemeinden und Städte dem Drucke der eventuellen zukünftigen Herren entzogen und dieselben fortan für die geträumte Restauration gewonnen hätte ... Der Referent der Kommission, als Interpret von Thiers' Ideen, eröffnete von neuem die erschöpfte Diskussion mit dem Vorschlage, dieses Recht auf die Gemeinden von unter 20 000 Seelen zu beschränken; plötzlich war Thiers selbst auf der Tribüne aufgetaucht, wie der Teufel aus der Schachtel, und hatte mit seiner sofortigen Demission gedroht, wenn die Nationalversammlung das Recht der Bürgermeisterwahl nicht auf die »vom Referenten genannte Ziffer« beschränkte. Und die Nationalversammlung hatte ihren Beschluß geändert und nachgegeben. Den großen Städten, die die Fähigkeit besaßen, in voller Erkenntnis der Sache ihre Wahl zu treffen, das verweigern wollen, was man den kleinsten Dörfern gewährte, hieß das nicht, die kommunalistische Insurrektion in ihrem Prinzip rechtfertigen und den Abgrund, welcher Land- und Stadtbevölkerungen trennte, erweitern? Hieß das nicht, den unwiderruflichen Bruch zwischen Paris und Versailles verkünden und erklären, daß man um keinen Preis eine Versöhnung wollte? ... Außerdem geruhte Thiers, der Hauptstadt die Verpflichtung aufzuerlegen, ihre Nationalgarde zu entwaffnen, sich ohne Garantien zu ergeben – gegen das Versprechen, daß nur die Mörder der Generäle gerichtlich verfolgt werden sollten, – und die Armee, »das Erhabenste und Reinste, das gegenwärtig das Land besitze, in bescheidener, aber genügender Anzahl« in ihren Mauern aufzunehmen ... Ach ja, wie weit waren diese Vertreter von Paris von der Stadt entfernt, die sie zur Verteidigung ihrer Rechte ernannt hatte! Das Erscheinen seiner Gefährten von der Liga, der Bericht, den der eine von ihnen, Dessonnaz, über die Zusammenkunft mit Thiers erstattete, die unklaren Kommentare, in welche die Deputierten sich verwickelten, bestärkten Poncet in seiner traurigen Überzeugung. Von diesen Männern, die, in ihrer Eigenliebe, ihren veralteten Anschauungen versteinert, von dieser wütenden Bewegung, die zu leiten sie ohnmächtig waren, umhergeworfen wurden, war nichts zu hoffen. Und noch weniger von dem hochmütigen, rachsüchtigen Staatsmanne, der es Paris nicht verzeihen konnte, daß es ihn hatte flüchten gesehen, und nicht ruhen würde, bis er nicht als Sieger mit der Armee wiederkehren dürfe, zur glänzenden Revanche und zur furchtbaren Sühne! Einige Details, welche Dessonnaz unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihm anvertraute, rechtfertigten die schlimmsten Befürchtungen. Als er Thiers zu bedenken gab, daß die »heute so reine und erhabene« Armee nichts anderes sei, als die Dienerin des 2. September, und daß sie den ehrenwerten Herrn Thiers selbst ins Gefängnis gesteckt hatte, da hatte der Zwerg, sein Mähne schüttelnd, geantwortet, das alles habe sich geändert. Der Geist der Truppen hänge von der sie führenden Hand ab. Lasterhaft unter einem lasterhaften Regime, konnten sie unter einer von den besten Absichten beseelten Regierung nicht anders als vortrefflich sein ... ›Sie können sich gar nicht vorstellen, wie sanft, wie liebenswürdig, wie anhänglich diese Soldaten sind!‹ Ich sagte ihnen: »Ihr sollt gut genährt und gut besoldet werden, aber ihr müßt mit eueren Offizieren, eueren Generälen unter Zelten kampieren«; und sie kampieren! Ich selbst bin ja kein Kriegsmann; aber täglich, jeden freien Augenblick, gehe ich zu ihnen hinaus, spreche zu ihnen und sie hören mir zu. Sie werden in Paris einziehen!« Dieser unerschütterliche Entschluß verriet sich in jedem seiner Worte. Als Dessonnaz ihn fragte, welches die Grundlagen eines Waffenstillstandes sein könnten, verweigerte Thiers jede diesbezügliche Unterhandlung. »Die Nationalversammlung und die legale Gewalt könnten mit den Aufständischen nicht verhandeln ... Höchstens eine momentane, gegenseitige Waffenruhe. Die Kommune möge zu schießen aufhören, dann täte die Armee desgleichen ...« bis die Regierung es geboten erachte, den Krieg wieder zu beginnen. Poncet verglich diese Erklärungen mit verschiedenen Zügen. In dem Officiel und den mit wachsendem Unbehagen und aufgeregter Neugier gelesenen Versailler Blättern hatte er gewisse untrügliche Zeugen des die Sitzungen einzig beherrschenden Gedankens gefunden ... Thiers und die Nationalversammlung, trotz ihrer gegenseitigen Kälte und ihrer Zwistigkeiten, in dem gemeinsamen Ziele vereinigt: Paris wiederzugewinnen und es zu züchtigen! Um dieses Zieles willen verschwendeten sie alle Sorgfalt, alle Schonung, alle Rücksicht an das unentbehrliche Werkzeug, die täglich umschmeichelte, gestreichelte, mit Kreuzen und Medaillen belohnte, mit Verleihung von Pensionen und Avancements bei guter Laune erhaltene Armee, deren wachsende Kraft, deren in Blut und Feuer sich stählende Energie sie mit atemlosem, bangem Interesse beobachteten. So hatte am Tage des großen Ausfalls von Paris ein Deputierter der nervösen Nationalversammlung, die sich im Geiste schon überwunden sah und beim Eintreffen der beruhigenden Nachrichten in unendlicher Erleichterung aufgeatmet hatte, den Vorschlag gemacht, in corpore den siegreichen Truppen entgegenzugehen, um ihnen auszusprechen, wie glücklich und zufrieden sie mit deren Verhalten war! ... In der Abendsitzung war schleunigst eine Abordnung von fünfzehn Mitgliedern, mit Vize-Präsidenten, Quästor und Sekretären, ernannt worden, welche die Verwundeten in den Spitälern besuchen sollten; die ganze Regierung stritt sich um die Ehre, sich dieser Deputation anschließen zu dürfen. Nur war man um das Wann? und Wo? verlegen, da die Verwundeten, der Gegenstand all dieser Fürsorge, eben erst von dem Schlachtfelde fortgetragen wurden ... Und wenige Tage später beklagte sich die Kammer bitterlich darüber, nicht rechtzeitig einberufen worden zu sein, um durch ihre feierliche Gegenwart die Totenfeier für General Besson zu verherrlichen, was zu skandalösen Streitigkeiten zwischen Grévy und Le Flô führte, die die Schuld an diesem unpolitischen Versehen sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben suchten. Poncet gedachte der pompösen Beerdigungen der Kommune, der aus allen Ambulanzen zusammengetragenen Leichen, die eiligst in die Särge verschlossen wurden, um den feierlichen Leichenzug des bei Neuilly gefallenen Oberst Bourgoin zu vergrößern. Ach! hier wie dort machte man sogar den Tod zum Gegenstand der Ausbeutung! Denselben Tag noch reisten Poncet und seine Freunde wieder ab. Von neuem begann die langsame Reise, noch trauriger gemacht durch die Bitterkeit des Mißlingens, durch pessimistische Ahnungen. Um der gefährlichen Zone zwischen Issy und Neuilly auszuweichen, beschrieb der Wagen einen weiten Umweg und fuhr kilometerweit die Lager der Truppen entlang. Beim Anblick des Gewimmels der roten Hosen, der biwakierenden Pferde und parkierten Kanonen durchzuckte Poncet ein Gefühl heißen Schmerzes. Er dachte an die Scharen all dieser hohlwangigen, bleichen, zerlumpten jungen Soldaten, die in der Nacht des 18. März sich die Straße dahingeschleppt hatten, die ihre Führer insultierten und nach den Leiden und Strapazen der Feldzüge an der Loire und im Norden ihren Widerwillen vor einem neuen Kampfe gegen die eigenen Brüder äußerten. Die Armee, die er heute sah, war eine andere, festgefügte, von martialischem Aussehen. Die Ordnung der Lager, der Märsche, jenes undefinierbare Etwas, das sich im Ausdruck der Gesichter, im Rhythmus der Bewegungen ausprägt und das lebendige Zeichen der Disziplin ist, frappierte ihn. Man fühlte, wie all diese Truppen mit jedem Tage williger sich in das Joch fügten. Unter anderen Umständen hätte diese schnelle Verwandlung ihn mit Freude, mit Bewunderung erfüllt. In diesem Augenblick jedoch verursachte diese Erkenntnis ihm Schrecken und Grauen. Wie, diese Kräfte, die vor dem Feinde zusammengebrochen waren, sie standen so gleich nachher, neu belebt und gestärkt, zum Kampfe gegen die alten Kriegs- und Leidensgefährten bereit! Drei Wochen der Trennung, der guten Nahrung, der regelmäßigen Löhnung hatten genügt, die Körper zu härten, die Herzen fühllos zu machen. Ah! die menschliche Bestie! Aus tiefster Seele fluchte er den Wahnsinnigen, die von beiden Seiten sich aufeinander stürzten. Bei dem betäubenden Donner der Kanonade faßte er die Zukunft ins Auge. Heißer Zorn erfaßte ihn gegen das wirkliche Haupt dieser Armee, gegen den Greis, dessen Hand in ihr nur das blutige Werkzeug seiner Rache streichelte. Mit mehr Trauer als Zorn dachte er an die neulich über die ganze reorganisierte Armee abgenommene Revue, von der Louis Blanc ihm erzählt hatte. In einem entlegenen Winkel des Parkes, gegen Petit-Trianon zu, war der neue Generalissimus den Truppen vorgestellt worden. In einem für seine Wunde bequemen, von zwei Paßgängern gezogenen Wagen war er die Front entlang gefahren, ohne daß sich aus den Reihen eine der gefürchteten Kundgebungen erhoben hätte. Schweigend hatten sie vor dem Besiegten von Sedan, dem Sieger von Magenta, die Waffen präsentiert. Poncet fühlte tiefes Mitleid in sich aufsteigen für diese Generäle, für diese Soldaten, die die Notwendigkeit, die Gewohnheit des Gehorchens an ihre so grausame Aufgabe fesselte. Die anderen aber, die Verantwortlichen! Wo eine umsichtige Politik alles Unglück verhütet hätte, wo ein einfach menschlicher Wunsch nach Versöhnung auch jetzt noch das Schlimmste hätte abwenden können ... Stumm, in die Kissen des Wagens gelehnt, die Phantasie erfüllt mit dem Bilde dieser in ihren Lagern, ihren Biwaks, ihren Parks kauernden Armee, die mit ihren Batterien und ihren Vorposten die kaum erst von der preußischen Umzingelung befreiten Plätze besetzt hielt, von denselben Stellen aus, von wo Bismarck Paris bombardiert hatte, ihr Feuer entsandte und bald vielleicht ihrerseits mit offener Gewalt ihren Einzug hielt, furchtbarer, als die Deutschen es gewesen – so rollte Poncet dem von Frankreich getrennten, von dem Gürtel seiner Forts und seiner Wälle umschlossenen, gleichsam von seiner Vereinsamung und Aufregung berauschten Paris entgegen. Diese so geduldig, so sorgfältig von Thiers reformierte und geschaffene Armee zählte heute unter dem Oberkommando des Marschalls und des Geschichtsschreibers, des Nacheiferers Napoleons, drei Armeekorps zu drei Divisionen, wovon das 1. dem General von Ladmirault, einem der tapfersten Chefs der tapferen und unglücklichen Rheinarmee, das 2. dem General von Oissey, der durch sein Verhalten bei Rezonville und seinen Anteil an den Unterhandlungen wegen der Übergabe von Metz bekannt geworden war; das 3., ganz aus Kavallerie bestehende, dem glänzenden Reitergeneral Du Barail anvertraut war. Zwei weitere Korps, das 4. und 5., aus den aus Deutschland zurückgekehrten Gefangenen zusammengestellt und in Cherbourg, Cambrai und Dijon organisiert, waren im Begriff, zur Armee zu stoßen; das 4. war der Führung des ehemaligen Korpskommandanten der Armee von Chalons, General Douay, unterstellt, das 5. dem General Clinchant zugeteilt, dem die traurige Ehre gebührte, den letzten Tagen der Rheinarmee präsidiert zu haben, während eine, drei Divisionen starke Reservearmee unter dem Befehle Vinoys stand, der überdies zum Großkanzler der Ehrenlegion ernannt worden war. Der Operationsplan – eine regelrechte Belagerung –, an dessen Entwurf Thiers den Löwenanteil hatte, wies den Platz auf der Linken, vor Neuilly, dem Korps Ladmirault an, das mit der Aufgabe betraut war, durch tägliche Scheinmanöver die Aufmerksamkeit von Paris nach dieser Seite zu lenken. Der Punkt, auf den man im geeigneten Augenblick die Attacke konzentrieren sollte, war der vorspringende Winkel des Point-du-Jour. Ihn beherrschten im Zentrum die Reserve-Divisionen Vinoys, während zur Rechten das durch regelrechte Laufgräben und ein heftiges Bombardement vordringende Korps Cissey die südlichen Forts, deren mörderisches Feuer schwächer wurde, einzunehmen im Begriffe stand. Auf der äußersten Rechten breitete sich die Kavallerie Du Barails gegen Longjumeau aus, den Schienenweg nach Orleans abschneidend und den Föderierten das Terrain zwischen Bièvre und Seine verrammelnd. Nahezu hunderttausend Mann, morgen ihrer noch mehr. Ein ungeheueres Gefüge der verschiedenartigsten Elemente, mit den tausend Fesseln der Hierarchie in der Strenge der Kadres festgehalten. Ein einziges, riesenhaftes Bündel, in dem die Uniform die Verschiedenheit der Abstammung des Gefühls, der Begabung verwischte: Generäle des 2. Dezember oder der kaiserlichen Kriege; im Sattel ergraute oder eben aus der Schule entlassene, aus dem aktiven Dienst zurückberufene oder aus der Mobilgarde improvisierte Offiziere; Unteroffiziere und Soldaten der jungen Verteidigungsarmeen oder, der alten Armeen Napoleons III. Die Führer, noch von dem Gefühl der Demütigung über die Niederlage entmutigt, in ihrem Patriotismus wütend darüber, jetzt, unter den Augen des Siegers, gegen das Volk kämpfen zu müssen, und doch einen traurigen Stolz darein setzend, einstweilen auf diese Weise sich rächen zu dürfen. Viele nur widerwillig ins Feld rückend, lediglich durch bittere Gewissensskrupel veranlaßt, das zu vollbringen, was sie in ihrem an passive Disziplin gewohnten Geiste als ihre Pflicht betrachteten. Einige wenige, die so weit gingen, sich zu fragen, auf welcher Seite das Recht war. Andere hingegen, die, von Geburt oder durch Erziehung blind, instinktiv oder mit Überlegung ihre Pflicht erfüllten und im Pariser nur einen Feind mehr, wie den Deutschen, den Italiener, den Russen, erblickten. Endlich eine allzu große Anzahl jener, die, in Kastengeist und Vorurteilen aufgewachsen, in der republikanischen Kapitale die Bannerträgerin der Ideen, die Feindin in der Vergangenheit, die drohende Zukunft haßten – wie jener krautjunkerliche Offizier, den Du Breuil bei Chatillon mit frechem Hohnlachen zu den Gefangenen hatte sagen hören: »Euer Paris! Nicht einen Stein werden wir davon stehen lassen!« Die Masse der Soldaten, junge Gesichter, deren Wangen sich wieder zu färben begannen, wetterharte alte Gesichter, viele noch abgemagert von den Leiden und Entbehrungen der Gefangenschaft, wenig oder gar nicht über ihre Lage nachdenkend, allen Haß und Groll gegen jene richtend, von denen man, als sie voll Verlangen nach der Ruhe und dem Wohlleben der Garnisonen heimgekehrt, ihnen gesagt hatte: »Das sind diese Strolche, diese Sträflinge, diese Briganten, die uns zwingen, euch neue Anstrengungen und Entbehrungen aufzuerlegen! ... Sie hassen euch! Für euch, für euere Familien, euere Felder müßt ihr wieder zu den Waffen greifen! Ihr rettet die Gesellschaft!« Und zu jenen anderen, die nichts besaßen, redeten die neuen Kleider, die gefüllte Feldflasche, die Kriegszulage, die zu erwartenden Belohnungen eine nicht minder beredte Sprache. Von heroischen Worten eingewiegt, fügten sich alle gehorsam ins neue Joch; winkte nicht nach überstandenen Gefahren ein Avancement, eine Pension, ein Kreuz? Man trug alles in allem doch seine Haut zu Markte. Nachher jedoch nahm man das normale Leben wieder auf. Wie in Paris, so kochte auch hier das alte, gallische Blut in vieler Adern, das gallische Blut und auch der nervenaufregende Alkohol, der Branntwein der Kantinen, der Absinth der Kaffeehäuser. Man hatte Schläge erhalten, nun konnte man Schläge austeilen! Der Anblick der verwundeten Kameraden, die Berührung mit diesen Kämpfern, die Verbrechern mehr, als Soldaten ähnlich sahen, mit diesen Gefangenen, die so schuldbeladen waren, daß man sie vor der Wut des Volkes schützen mußte, all das steigerte den Zorn, die Rachgier, erstickte alle Gewissensbisse in dem sorglosen Vorwärtsstürmen des Soldaten, der bei dem Klang der Trompeten das Bajonett kreuzte oder das Chassepot schulterte. Eine Berufsarmee, in der zwar die Herzen nicht im Einklang schlugen, hoch die Schultern sich in Reih und Glied berührten, ein Riesenautomat, durch die Disziplin geregelt, von einer harten Greisenhand vorwärts getrieben, stand im Begriffe, die Offensive gegen den Feind, den »Pariser Preußen«, zu ergreifen. III. Müden Schrittes kehrte Martial von der »Roten Kuh« heim. Er hatte ohne Hunger das Hammelfrikassee verzehrt, welches Mutter Groubet ihm vorgesetzt hatte; mit zufriedener Miene, glücklich über das schöne Wetter und die guten Zeiten, die diese Revolutionswochen ihr gebracht, hantierte sie am Herde; alle ihre Waren wurden verkauft, die Keller leerten sich, während die Kasse sich füllte. In die Rue Soufflot einbiegend, hob Martial zufällig den Blick und betrachtete den sonnenbeschienenen, massiven Bau des Pantheon und über der Kuppel, in der klaren Luft lustig flatternd, die rote Fahne. Ein Ausdruck des Ekels kräuselte seine Lippen. Niemals noch hatte dieses Emblem, in dem er zu manchen Zeiten nur einen schönen Farbenfleck am blauen Frühlingshimmel, an manchen Tagen wieder nur die Standarte einer rasch vergänglichen Macht gesehen, niemals hatte er es wie heute mit seiner bürgerlichen Abneigung identifiziert; in dem Gefühl heftigen Unbehagens, das nach der schlaflos verbrachten Nacht zurückgeblieben war, erschien die ganze Welt ihm in häßlichem Lichte, ekelte ihn vor dem Leben und vor sich selbst. Erst gegen Morgen hatte er die Augen geschlossen zu jenem unerquicklichen Migräneschlaf, aus dem er gegen Mittag, die Ohren noch brummend von dem nächtlichen Bombardement, erwacht war. Er war noch ganz erschöpft von den Stunden, die er damit verbracht, die dumpfen Detonationen zu zählen und sich den durch das Dunkel schwebenden gelben Schweif auszumalen, den er vergangene Woche von Thédenats Fenster aus beobachtet hatte. Jetzt schlief man ein – wer eben einschlafen konnte – und erwachte bei dem tragischen Getöse. Vorbei war's mit der kurzen Ruhe, die ihn in frohe Hoffnung eingewiegt. Seit fünf Tagen grollte unaufhörlich die wütende Stimme der Vernichtung und Tod speienden Kanonen. Alles, was vom Mont-Valérien, von den Batterien von Courbevoie, der Brücke von Neuilly, von Versailles aus erreichbar war: die vom deutschen Feuer unversehrt gebliebenen Champs-Elysees, die Ternes waren einem regelrechten Bombardement unterworfen. Mauern stürzten ein, in den Straßen klafften weite Löcher; neben gespaltenen Bäumen, gestürzten Kandelabern trockneten hier und da große Blutlachen. Den zwölften war in Neuilly der Kampf mit verdoppelter Erbitterung wieder aufgenommen worden; die Föderierten hatten Schritt um Schritt Straßen und Gärten zurückerobert und einige von Ladmiraults Soldaten auf der Insel Grande-Jatte eingeschlossen. Allabendlich hüllten die südlichen Forts sich in eine von Blitzen durchzuckte Rauchwolke und erwiderten das Feuer der Belagerer. Infolge eines merkwürdigen Gedankenganges machte Martial die Kommune für die Paris verwundenden Granaten verantwortlich. Da, wo das ganze Haus, von Thédenat bis Louchard, über die an alle Mauern gehefteten Plakate, welche ehemals von Thiers gesprochene Worts wieder anführten, empört war, hatte er nur ein ironisches Lächeln. Es war dies eine unter Louis-Philipp bei Gelegenheit der Befestigungen, die der Minister damals hatte erbauen lassen, gehaltene Rede: »Annehmen wollen, daß eine Regierung, welche immer, sich durch Beschießung der Hauptstadt zu behaupten suchen könnte, heißt, sie verleumden. Wie! nachdem man mit seinen Bomben die Kuppeln des Invalidendoms und des Pantheon durchbohrt, mit seinem Feuer die Wohnungen euerer Familien zerstört, sollte sie zu euch kommen, um von euch die Bestätigung ihrer Existenz zu erbitten! Aber das wäre ja tausendmal unmöglicher nach dem Siege, als vor demselben.« Und dann wieder, gelegentlich des Bombardements von Palermo, der 1848 ausgesprochene Protest: »Ihr habt alle vor Entsetzen gezittert bei der Nachricht, daß eine große Stadt zwei Tage lang bombardiert worden ist. Von wem? War es von einem fremden Feind, der das Recht des Krieges übte? Nein, meine Herren, von ihrer eigenen Regierung. Und warum? Weil diese unglückliche Stadt gewisse Rechte forderte. Gestatten Sie mir, in dieser Sache, an die Meinung Europas zu appellieren! Es ist eine Pflicht der Menschlichkeit, von der vielleicht höchsten Tribüne Europas herab einige Worte der Empörung über solche Handlungsweise vernehmen zu lassen.« Martial hatte die Achseln gezuckt: der Staatsmann hat eben seine Ansichten geändert! Er fühlte nicht, wie sehr Thiers sich selbst beschimpfte, wie er durch seine Worte von einst seine Taten von jetzt verurteilte. Kaum hatte er das Haus betreten, als Louchard mit geheimnisvoller Geste ihn anrief: »Herr Poncet, ich hätte ein Wort mit Ihnen zu sprechen.« Nun, was wollte denn der Kommandant? Kein »Bürger« mehr! Martial warf einen Blick auf das verschlagene Gesicht: zwischen den blassen Hängebacken glitzerten unruhig die Äuglein. Der Portier klopfte seiner Frau auf die Schulter. Sie saß in dem Lehnstuhl zusammengekauert, den Kopf auf die mit einer grob gehäkelten Schutzdecke bedeckte Rückenlehne geschmiegt. »Geh vor die Tür und schau, ob niemand uns aufpaßt!« Die Wassersüchtige schlurfte in ihren Pantoffeln zum Eingang. Ihr riesiger Rücken verbarrikadierte die Tür. »Nun denn«, begann Louchard, »Sie wissen, daß Ihre Kameraden seit Ihrem Austritt ein scharfes Auge auf Sie haben. Louis Simon hat mir gesagt, daß L. und T. – er dämpfte die Stimme – vor dem Disziplinar-Gerichtshof von Ihnen gesprochen haben. Zum Teufel, Sie unterstehen dem Gesetze! Gut für die Marschkompagnien! Und da Sie immer zu entwischen verstehen ...« »Nicht jeder hat das Glück, zu den ansässigen Kompagnien zu gehören«, versetzte Martial trocken. »Das Glück«, seufzte Louchard mit sauersüßer Miene. »Das Glück ... das kommt auf die Auffassung an. Mich schreckt ja nicht das Feuer ...« Er schlug sich auf die Brust, daß das Kreuz klirrte. »Aber in solchen Zeiten ... Ach ja, es ist sehr traurig! Denn das ist gewiß, die Zeiten sind ...« Da Martial nicht antwortete, fürchtete Louchard, sich eine Blöße zu geben und wiederholte: »Also, man hat Sie angezeigt. Sie täten gut daran, ein wenig auf Ihrer Hut zu sein, sonst kann es geschehen, daß man Ihnen Ihr Gewehr zurückgibt ... Und dann, zwischen zwei festen Keilen, auf die Wälle! vorwärts, marsch!« »Bah!« sagte Martial, ihm fest ins Auge sehend, »es wäre nicht das erstemal, daß man mich denunzierte.« Überlegenen Tons räumte Louchard ein: »Wohl möglich. Was wollen Sie ... Es gibt Notwendigkeiten ...« Kurzes Schweigen. Verlegen fuhr er dann fort, seine Schiffe verbrennend: »Also sehen Sie, ich habe mich, seit ich, dank dem Bürger Cluseret, nicht mehr unter die Diensttauglichen zähle, in die städtische Kommission wählen lassen. Man brauchte meine Kenntnisse, meinen Geist. Niemand kennt das Viertel so wie ich! Nun denn, Sie mögen mir glauben oder nicht, ich habe aus Hingebung für die Sache angenommen. Ich konnte es verhindern, daß man zu weit ging und womöglich Dummheiten abwenden ... Ja, ich habe seit einigen Tagen viel nachgedacht. Es ist zu viel Schmutz dabei, das wird schlecht enden. Was will denn ich? Die wahre Freiheit, die Ordnung ... Mit der Republik, versteht sich ...« Daß jeder Kanonenschuß ihm Leibweh verursachte, das verschwieg er wohlweislich. Kaum war die Partie ernstlich im Gang, sah er auch schon ihren Ausgang voraus und hatte nur noch eine Sorge: beizeiten umsatteln. Der mißglückte Ausfall hatte ihm die Augen geöffnet. Wenn die Belagerung erst von neuem begann, würde sie enden wie bei den Preußen. Man wurde besiegt, und dann ... Bei der Erinnerung an die Maßlosigkeit seiner Worte und seiner kompromittierenden Handlungen trat ihm kalter Schweiß auf die Stirn. Er hatte nicht geruht, bis er sich mit einem der Geheimagenten von Versailles in Verbindung gesetzt und es dadurch ermöglicht hatte, auf fremde Rechnung seine politische Rolle weiterzuspielen. Es war ihm nur die Wahl schwer geworden, wem sich verkaufen. Mit Hilfe von Vermittlern hatte er umhergetastet, zuerst bei Oberst von Beaufond angeklopft, der, im Gegensätze zu Domalain und Charpentier, Anhängern der Ordnung durch die Elemente der Ordnung, sich auf den Beistand der föderierten Überläufer stützte. Als er jedoch entdeckte, daß Beaufond bonapartistische Neigungen besaß und auf Rechnung des Alten arbeitete, hatte Louchard schleunigst den Rückzug angetreten. Obgleich ehemalige Diener des Kaiserreiches sich an verschiedenen Orten regten, war der frühere Chef der hohen Geheimpolizei, Dalouvert, eben tags zuvor verhaftet worden – dieses Brot würde er, Louchard, nicht essen! Während Thiers ... Nun hatte er sich an einen Verschwörer schlimmster Sorte, den Vicomte Barral de Montaut, Ex-Oberst der Legion Elsaß-Lothringen, gewandt; doch die Ernennung des Vicomte-Bürgers zum Generalstabschef einer Gemeindelegion hatte ihn ernüchtert. Sollte schon einmal verraten werden, so war es immerhin besser, sich an Persönlichkeiten mit nur einem Gesichte zu halten; dabei riskierte man weniger. Und so hatte Louchard, schon durch die Bekanntschaft mit einem Manne beruhigt, der zwar nur im Hintergrunde der Bühne seine Evolutionen vollführte, deshalb jedoch nicht weniger einflußreich war, Doktor Troncin-Dumersan, sich dem früheren Kommandanten der Nationalgarde, Domalain, angeschlossen. Dieser organisierte das Quartier des Luxembourg wie Charpentier das Quartier de l'Opéra. In den Stadtvierteln des Palais-Bourbon und von Popincourt hatten die Kommandanten Durouchoux und Gallimard eine gleiche Mission übernommen, und alle vier taten in Gemeinschaft mit Domalain und seinen Getreuen ihr möglichstes. So sah der Portier sich durch den Anschluß an einen der von Picard ernannten Repräsentanten gegen jedes Ungemach geschützt und harrte, mit jedem Fuß in einem Lager stehend, der kommenden Dinge. Besonders freute er sich, dem Geheimagenten Thiers', diesem Troncin-Dumersan, der, ehemals Direktor der Bouffes und gegenwärtig Beamter im Kabinett Barthélemy-Saint-Hilaire, das Faktotum des Präsidenten war und unter dem Vorwand, Akten zu bringen und zu holen, täglich von Versailles aus in die Kanzleien der verschiedenen Mächte kam, einige geringfügige Dienste leisten zu können. Das Phaeton dieses Herrn, durch die Aufschrift: »Gesandtschaftsdienst« geschützt, – dem regelmäßig beim Passieren des Tors von Passy das mit der Bewachung des Sektors betraute Mitglied der Kommune, Oudet, den Ehrengruß leistete, – war unter dem Feuer des Mont-alVérien und der beständigen Gefahr der Entdeckung mit dem täglich mehr sich verwirrenden Knäuel der Verschwörungen unaufhörlich zwischen Versailles und Paris unterwegs. »Ja, die wahre Republik, die der Freiheit in der Ordnung!« wiederholte Louchard. »Und vergessen Sie nicht, Herr Martial«, setzte er hinzu, plötzlich demütig werdend wie alljährlich am Neujahrsmorgen, »daß ich Ihnen den guten Rat gegeben habe, sich in Sicherheit zu bringen! Nicht wahr, Sie werden sich dessen erinnern, wenn ich einmal in die Lage kommen sollte, mich auf Ihre Zeugenschaft zu berufen?« Frau Louchard hustete heftig, so daß ihr Mann zusammenfuhr. »Achtung!« flüsterte er. Eine Korporalschaft von Nationalgardisten legte im Hausflur die Waffen nieder. »Erwischt!« sagte sich Martial. Doch vor dem Haustor, den Zügel seines Pferdes dem ihm begleitenden Estaffettenreiter zuwerfend, kletterte Hauptmann Tinet, mit Achselschnüren und Litzen ausstaffiert, mühsam aus dem Sattel. Martial atmete auf. Tinet! das galt Blacourt. Haha! Seine Wagenpferde waren nicht abgemagert. Die brauchten nicht viel zu leisten. Das war sicher, auf den Buchbinder war der neulich veröffentlichte Erlaß, welcher zur Vermeidung der durch die ungeübten Reiter verursachten zahlreichen Unfälle das Galoppieren durch die Straßen untersagt, nicht gemünzt ... Schau, schau! eine Litze mehr und nicht eine Vergoldung weniger! ... (eine Kirchenfranse hing statt des Portepees am Knauf seines Säbels). Ebensowenig kümmerte ihn das Dekret Cluserets, welches die lächerliche Manie vieler über und über gestickter und in allen Nähten funkelnder Generalstabs- und höherer Offiziere brandmarkte und jeden, der sich seinem Range nicht gebührende Abzeichen anmaßte oder seine Uniform überlud, mit Disziplinarstrafen bedrohte ... Würdevoll trat der Ordonnanzoffizier der Generalin Eudes – er hatte sich dem Frauendienst geweiht, trug zum Zeichen dessen einen mit ungarischer Pomade gewichsten Schnurrbart und auf der Wange den Abdruck von Mélies Fingern, – vor und reichte Louchard die Hand, während er Martial mit einem gönnerhaften Lächeln beehrte. Im Palais der Ehrenlegion, wo die Ex-Ministerin residierte, wohnend, war er eine gewichtige Persönlichkeit, die Zierde der Diners und der kleinen, intimen Bälle. »Befehl, bei dem des Einverständnisses mit Versailles verdächtigen Bürger Blacourt Hausdurchsuchung zu halten. Ich bin mit der Vornahme derselben beauftragt. Kommandant Louchard, übergeben Sie mir die Schlüssel.« Seit der letzten Visitierung seiner Wohnung hatte Blacourt, Schlimmeres befürchtend, sich nicht wieder sehen lassen. Unter der Ägide seines Freundes Malonsky lebte er in einer kleinen möblierten Wohnung in der Rue de Provence, in demselben Stockwerk mit Maddalena. Er war der Leibwächter der Schönen, während Malonsky bei Neuilly kämpfte. Von der Italienerin an der Nase herumgeführt, von Begierde zu Begierde getrieben, ohne je eine andere Gunstbezeigung von ihr zu empfangen als einen vertraulichen Backenstreich oder den flüchtigen Anblick einen Stückchens weißer Haut, halb wahnsinnig vor Verlangen und Wollust, vergaß er seines Geizes und erschöpfte sich in Geschenken, Juwelen und Leckereien. Maddalena trieb ihr Spiel mit ihm, indem sie einen Abscheu vor Malonsky heuchelte, der in seiner Othello-Eifersucht beim leisesten Verdacht ihn erwürgen würde. Und der Pole selbst ließ es sich in seinen dienstfreien Stunden angelegen sein, Blacourt vollends zu rupfen, indem er nach den üppigen mit Champagner begossenen Mahlzeiten ein unerhörtes Glück im Spiel entwickelte. Gehorsam ging Louchard, den Schlüsselbund in der Hand, den Eindringlingen voran. Auf der Stiege entstand polternde Bewegung. Ein Gardist trug unterm Arm zwei große, in Servietten eingebundene Pakete. Tinet verließ die Wohnung als letzter, die Taschen seines Rockes waren bedenklich angeschwollen. Er deutete auf die Last, die der Föderierte trug: »Ich nehme da kompromittierende Papiere mit fort.« Ohne mit den Augen zu blinzeln, stimmte Louchard zu. Welch merkwürdige Form diese Pakete aber hatten! Man hätte sie eher für Silberkassetten halten können! »Wenn wir die Gelegenheit benützten«, meinte Tinet, »um unsere Kenntnisse über die Agitationen des Herrn Du Noyer zu bereichern? Ich bin überzeugt, daß man in der Wohnung dieses Ehrenmannes die Beweise seines Verrates fände.« Louchard jedoch legte die Hand aufs Herz und beteuerte mit erhobener Stimme den unantastbaren Bürgersinn des Stadtrates. Er mißbrauchte die Angst des Ehepaares und zettelte für sie um hohen Preis, und indem er sich in ihnen künftige Bürger sicherte, eine romantische Flucht an. Er rühmte deren geringe Gefahr und versicherte ihnen, wenn sie sich nicht dazu entschließen könnten, die unfehlbare Gewißheit einer Verhaftung an den Toren trotz des vom Friseur gelieferten weißen Bartes. Die Tore öffneten sich nur zu bestimmten Stunden, weit mehr, um die Ausgewanderten mit ihren Möbelwagen und ihren Karren ein-, als um die Pariser hinauszulassen. Eine strenge Kontrolle beschränkte den Greisen, den Frauen und den Trägern von Passierscheinen den freien Verkehr. Martial stopfte, in sein Atelier zurückgekehrt, eiligst seine Habseligkeiten in einen Koffer. Sein Entschluß war gefaßt. Er ging nach Montmartre. Dort würde man ihn nicht suchen. Einen Augenblick hatte er daran gedacht, das von Thérould erhaltene kostbare Sesam-öffne-dich zu benutzen, um die Stadt zu verlassen. Das Verlangen nach reiner Luft, nach Ungebundenheit und Vergessen, das in diesen letzten Tagen ihn mächtig überkommen hatte, zauberte ihm das Bild Italiens, vor Augen mit seinem tiefblau leuchtenden Himmel, seinen schönen, glücklichen Städten, dem Frieden seiner Kirchen und Museen, der Pracht seiner von üppigem Grün überwucherten Ruinen. Doch im Begriffe, die Kette zu zerbrechen, zögerte er, von den tausend plötzlich ihm zum Bewußtsein gekommenen Banden gefesselt, mit denen die Vaterstadt, die gewohnte Umgebung und nicht zuletzt die Scham, egoistisch in der Stunde der Gefahr fliehen zu wollen, während die Seinen blieben, ihn hielten. Das dort oben auf der Höhe des Montmartre in der Rue Sainte-Scolastique gelegene ruhige Nest mit seinem stillen Gärtchen winkte ihm gleich einer Oase der Liebe und Zärtlichkeit inmitten der Wüste dieser furchtbaren Wochen. Die geliebten Gestalten lockten ihn: das so begeisterungsfähige, jetzt so sorgenvolle und faltige Gesicht des Vaters mit den lebhaften Augen hinter der goldgefaßten Brille, mit der über die Stirn fallenden grauen Locke; die hohe, kraftvolle Gestalt seiner Mutter, deren anscheinende Rauheit durch unendliche Herzensgüte gemildert wurde... Es klopfte leise an die Tür. »Darf man eintreten?« Es war Thédenat. Er kam aus dem Collège de France, wo die Vorlesungen, wie während der Belagerung, fortgesetzt wurden. Sein Auditorium bestand aus zwei, drei Getreuen und hier und da einer flüchtig auftauchenden, fremden Erscheinung. Als zischten die mörderischen Granaten nicht unaufhörlich durch die Luft, so fuhr der Gedanke fort, zu leben und seine Rechte zu bezeugen. Das Institut de France funktionierte in gewohnter Weise, gelichtet, aber mit ungemindertem Eifer. Das Journal officiel verfehlte nicht, zwischen einem übertriebenen Bericht über errungene Siege und einem Protokoll über die endlich der Öffentlichkeit vergebenen Sitzungen der Kommune sämtliche Rechenschaftsberichte der Académie de France zu bringen. Neben einem Manifest, welches alle Pariser Bürgerinnen in die Ambulanzen und zu den Waffen rief, stand eine Mitteilung des Herrn Chevreuil über die Gemüsekultur. »Nun, was gibt es da?« fragte Thédenat. Martial teilte ihm seinen Entschluß mit, der den feinsinnigen Greis schmerzte, aber nicht überraschte. Das war die traurige Logik der Dinge. Eine Gewalttat erzeugte die andere, und so weiter ins Unendliche ... Die Häuser durchsucht, die Bürger mit Gewalt zu den Waffen getrieben ... Gestern war man in Thiers' Hotel eingedrungen, hatte die Papiere weggeschleppt, das Silbergerät ins Münzamt geschickt. Die gleiche Hausschändung bei Galliffet, bei den Pereires ... Überall wurden Durchsuchungen vorgenommen. Die Verhaftungen nahmen massenhaft zu. Auf eine Denunziation des Père Duchène hin war Chaudey, ein Redakteur des Siècle, einer der liberalsten Republikaner und ehemaliger Bürgermeister des IX. Arrondissements, eingesperrt worden, obgleich er als Anhänger der kommunalen Autonomie bekannt war, während der Polizeikommissär und Karrikaturenzeichner Pilotell seine Schubladen in Beschlag nahm. Dem Ex-Adjunkten Ferrys machte man zum Vorwurf, daß er die Manifestanten vom 22. Januar hätte erschießen lassen. Die persönlichen Gehässigkeiten, Rigaults Willkür gingen so weit, daß ein neuerliches von Vermorel verfaßtes Dekret der Kommune zur Achtung vor Recht und Gerechtigkeit ermahnte ... Doch diese Mahnung verhallte ungehört. Der unaufhaltsame Strom riß in Paris wie in Versailles die Machthaber mit sich fort, daß fast alle nun, da sie die Gewalt in Händen hatten, der Kraft vergaßen, mit der sie sie einst bekämpft hatten, als sie noch gegen sie gerichtet war. Die Brutalität war auf beiden Seiten gleich groß. Auch Versailles verhaftete blindlings jeden der Sympathie für den »Aufruhr« Verdächtigen und verfolgte das Recht, zu denken, zu reden, zu schreiben. Während seine Agenten sich in Paris einschmuggelten, zu Hunderten konspirierten, die Stunde des siegreichen Einzuges vorbereiteten und beschleunigten, unterdrückte und fälschte Thiers alles, was aus der verpesteten, von den in seinem Solde stehenden Schreiern als eine Wildnis, in der man raubte und mordete, geschilderten Stadt kam; er verfolgte in ganz Frankreich, wo nur seine eigenen Depeschen in verschwenderischer Menge zirkulierten, die Zeitungen, die Broschüren und Proklamationen und suchte das gewaltige Donnern des Vulkans zu ersticken, damit von einem Ende des Landes zum anderen nur seine eigene schrille Stimme vernehmbar ward, die die Armee rühmte, die geduldige Erwartung des entscheidenden Moments predigte und »einen weniger blutigen und gewisseren Sieg« verhieß. Thédenat erwähnte auch einer Rede Favres, der über den von Paschal Grousset bei den Deutschen unternommenen Schritt erbittert war: die Kommune erkundigte sich, ob die Regierung von Versailles, die eine der ersten Raten der Kriegsentschädigungen gezahlt habe, die fünfhundert Millionen, von denen die in einer gegebenen Zeit zu erfolgende Räumung der östlichen Forts abhängig gemacht war. Favre hatte darin weniger den heimtückischen Streich seines gelegentlichen Kollegen, dieses Ministers der Auswärtigen Angelegenheiten, der bereit war, gegebenen Falls die Spitze zu bieten, als die Verhöhnung seiner sakrosankten Funktion erblickt. Er rächte sich dafür, indem er die Plünderung des Silbergerätes vom Quai d'Orsay, »die einzigen diplomatischen Taten« seines Sozius, anzeigte. »Bah!« sagte Thédenat, »das Silberzeug im Münzamt, die Kirchengefäße, mit denen man soviel Aufhebens macht, als ob sie wirklichen künstlerischen Wert besäßen, all dieser reiche Kram im Schmelzofen, wie zur Zeit der Revolution! Das Merkwürdige daran ist, daß von all diesem Silber nichts in den Händen des Schmelzers bleibt. Und es heißt, daß das Münzamt so redlich wie möglich verwaltet wird; Camélinat, der Medaillenstecher, der dort alles leitet, ist die Ehrlichkeit selbst ...« Er seufzte: »Was bedeutet diese Umwandlung etlicher Gabeln in Taler gegen den Strom von Gold, den Frankreich aus seinen Adern pressen muß? Neulich die zweiundsiebzig Millionen, welche die Nationalversammlung zur Verköstigung und Unterbringung des Siegers bewilligte! morgen die fünfhundert Millionen, wegen derer Pouyer-Quertier in Versailles sich ereifert, während hier Jourde sich anheischig macht, sie aufzubringen und Cluseret sich in das Fort Aubervilliers begibt, um mit Baron Holstein über die Sache zu verhandeln. Morgen werden es wieder neue Millionen sein, der befreiende Strom, den man in schimmernden Haufen, in dicken Papierbündeln, in Stößen von Schecks und Tratten brauen muß. Frankreich wollte nicht mehr mit seinem Blute zahlen, so muß es in klingender Münze zahlen! Und so lange seine Adern nicht von diesem ungesunden Blute geleert sind, das es zur Stunde der höchsten Gefahr erschlafft hat, so lange es sein Blut nicht völlig gereinigt hat, so lange ist die Verlängerung dieses brudermörderischen Krieges ein Wahnsinn, ein Verbrechen! Welche Freude für unsere Feinde, triumphierend dieser Erniedrigung der Gewissen, diesem das Vaterland zerfleischenden Kampfe beizuwohnen! Wie traurig, diese Meister des Spieles über die beiden Parteien wie über Hampelmänner und Puppen sich amüsieren zu sehen!« Bismarck quälte Favre mit endlosen Scherereien, drohte ihm mit einem Aufschub, ja mit dem endgültigen Bruch des Friedens, bereit, ihm zur Unterdrückung der Insurrektion seinen bewaffneten Beistand anzubieten und inzwischen die Kommune zu schonen, so lange sie fähig schiene, Versailles im Schach zu halten. Das Verhalten der Kommune, die Verwandlung der Wölfe der ersten Belagerung in Lämmer, die gehorsam nach der Pfeife des Schäfers mit der Pickelhaube tanzten, war eine der Ursachen, welche Thédenat diese im Anfang so großherzige, täglich aber mehr in persönliche Agitation ausartende Bewegung so unsympathisch machten. Was zwischen den beiden Feuern vor allem zu leiden hatte, das war das Land und mehr noch die von vorn von Versailles, im Rücken von ihren eigenen Anhängern angegriffene Republik. »Ach!« seufzte er, »ich muß mich fragen, ob ich nicht zu lange schon gelebt habe, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich am Abend des 4. September von hinnen gegangen wäre, an jenem schönen, sommerverklärten Sonntag, der uns mit der Republik unserer Träume den begeisterten Aufschwung des Jahres 1792, den fieberhaften Enthusiasmus der den Feind hinwegfegenden Freiwilligen zu bringen schien. Neulich, bei der offiziellen Begräbnisfeier von Pierre Leroux, kam mir dieser Gedanke.« In wenigen Worten erklärte er Martial die hohe Bedeutung des Werkes des dahingeschiedenen Philosophen, dessen Glauben an eine Gottes-Menschheit, an die Evolution eines edlen und umfassenden Sozialismus. Leroux war einer der Propheten dieser Religion der Zukunft gewesen. Als Politiker hatte er auch nach den Junitagen 1848 die Verteidigung der Besiegten übernommen. Die Ehrung, welche die Kommune diesem Manne erwies, galt mehr dem Mute des Deputierten, als den für ihren Geschmack etwas zu süßlichen Theorien des früheren Saint-Simonisten. Ja, glücklich die Toten, die in ihren Träumen hinüberschlummern durften! Auf den Horizont der gegenwärtigen Stunde beschränkt, unter dem Widerhall des Kanonengetöses leidend, fürchtete Thédenat für das Ideal seines Lebens, nicht ahnend, daß die Fortdauer des Kampfes, welche der Sache zu schaden schien und sie nur verdächtiger machte, vielmehr der ihm teueren politischen Form diente. Schlechte, unfähige Soldaten, aber doch Soldaten der Idee. Ohne sie hätte die Monarchie wieder sich im alten französischen Boden festgesetzt und mit ihren morschen Wurzeln sich darin eingesogen. Martial schloß den Deckel seines Koffers. Schweigend blickten die beiden Männer einander an. Bewegt wandte der junge Mann die Augen ab und ließ den Blick noch einmal über diese Wände schweifen, die sein sorglos glückliches, nur der Kunst geweihtes Dasein gesehen, die dann, in den traurigen Zeiten der Belagerung, das zarte, reizende Leben, das so innig sich an das seine geschmiegt, beherbergt hatten, und die jetzt, mit Staub bedeckt, mit den unter ihren Leichentüchern erstarrten Figuren, einen so traurigen Eindruck der Vereinsamung und Verlassenheit machten. »Ich vertraue Ihnen all das an!« sagte er zu Thédenat. »Bis die Zeit wiederkehrt, da man in Frieden wieder wird arbeiten und nur von Schönheit wird träumen dürfen!« Wieder das tiefe, schmerzliche Schweigen. Nach kurzem Zögern sprach Martial: »Bevor ich mich von Ihrer Frau Gemahlin verabschiede, möchte ich ... Louis Simon hat mir einen Dienst erwiesen. Ich kann nicht fort, ohne ihm vorher zu danken.« Was er nicht gestand, das war, daß im Augenblick des Scheidens – vielleicht des Scheidens für immer – von diesen schlichten Kameraden eine Art von Scham ihn peinigte. Nein, er konnte so nicht fort. Sie mußten sich noch einmal wiedersehen, mußten die Worte tauschen, die ihnen allen auf dem Herzen lagen. Thédenat erriet seine Gedanken und schlug zartfühlend vor: »Wäre es Ihnen lieb, wenn ich mit Ihnen ginge?« Draußen brannte die Sonne heiß auf den Asphalt. Die alten Bäume des Luxembourg verbreiteten hinter den Gittern tiefen, friedlichen Schatten und streckten ihre dichtbelaubten Äste in den leuchtend blauen Himmel empor. Sie fanden Simon und Louis bei der Arbeit, über den niedrigen Tisch mit seinen Pechtöpfen und blanken Werkzeugen gebeugt. Die Werkstatt mit den geschwärzten, mit Leder und Schuhwerk bedeckten Wanden strömte einen scharfen Geruch aus. Wie gewöhnlich in den dienstfreien Stunden holten sie die rückständige Arbeit nach. Vergangene Woche waren sie fünf Tage in den Laufgräben von Villejuif geblieben, da das Bataillon nicht abgelöst worden war. Beim Anblick Thédenats erhellten sich wieder die bei Martials Eintritt verdüsterten Gesichter. Therese und Rose erhoben sich von ihrer Flickarbeit und machten den Gästen Platz. Die Mutter, die sich der Aufmerksamkeiten des Bildhauers bei Simons Krankheit erinnerte, begrüßte ihn mit ihrem gewohnten freundlichen Lächeln. Sie teilte ja natürlich die Ansichten ihres Mannes, aber – man mochte sagen, was man wollte, Herr Poncet hatte doch das Recht, zu handeln, wie er eben handelte. Gleiche Freiheit für alle! Und dann, ein Künstler, das ist ja nicht ein Mensch wie jeder andere, der lebt in seinen Träumen ... Auch Rose lächelte, doch ihr Lächeln galt Louis, an dessen Seite sie trat. Nach einem Augenblick befangenen Schweigens sprach Martial: »Ich danke Ihnen, Louis, für das, was Sie zu Louchard gesagt haben ...« Simon blickte mit scharfsinniger Ironie vergleichend auf die beiden. Louis brummte mit abwehrender Handbewegung: »Ein Gewarnter ist doppelt behutsam.« In diesem Augenblick ließ sich vor der Tür eine unmelodische Musik vernehmen. Die heiseren Töne einer Harmonika wechselten mit dem Kreischen einer Geige ab. Ihre Blechbüchsen schwenkend, in denen etliche Geldstücke klimperten, erschien ein Häuflein von Gevatterinnen, von Nationalgardisten begleitet, und näselten um die Wette ihre Litanei herunter: »Für die Verwundeten der Kommune, für die Witwen und Waisen«. Auf der Schwelle tauchte ein trauriges, kupferiges Gesicht auf. Eine runzlige, von der Arbeit am Waschtrog hartgewordene Hand reichte die Büchse herein. Die Simons suchten in ihren Taschen, doch schon hatte Therese ein blankes Geldstück aus ihrem Portemonnaie genommen. Auch Thédenat und Martial warfen ihren Obolus ein. Die monotone Stimme dankte und wiederholte an der nächsten Tür ihr altes Lied. Wie ein Gespenst war diese Erscheinung zwischen den Arbeitern und ihren Gästen aufgetaucht. Martial las aus dem Verhalten des Alten, der jetzt, seinem Blicke ausweichend, mürrisch seinen Faden pichte, einen stummen Vorwurf. Sie alle gedachten der Verwundeten, der Toten. Und Simon dachte auch an jenen Tag, an dem zum letztenmal ein Gefühl der Gemeinschaft sie an diesem selben Tische vereinigt hatte; es war am Abend des Abzugs der Preußen. Thédenat hatte von dem Einzug Napoleons in Berlin, von dem der Alliierten in Paris, von dem Versuch der Royalisten, unter den Augen der Besiegten von Jena und Austerlitz die Säule zu stürzen, erzählt ... Er gedachte seiner damaligen Empörung und wurde rot bei dem Gedanken, daß die Kommune diesen selben Vandalismus anordnete. Er glaubte, Thédenat müsse seine Gedanken erraten und wollte die Absicht eines solchen Aktes rechtfertigen, obgleich er selbst mit seinem gesunden Verstande und seinem patriotischen Sinn sie verurteilte. Anders wäre es gewesen im Frieden, als alleinige, besser noch als siegreiche Herren im eigenen Lande ... Jetzt aber, vor diesen unseligen Pruscos, die sich triumphierend die Hände rieben! ... Und brummigen Tones sagte er: »Erinnern Sie sich, Herr Thédenat, an den Tag, wo Sie uns mitteilten, wie die Emigranten bei ihrer Heimkehr das Monument der Großen Armee behandelt hatten? Damals konnten wir nicht ahnen, daß die Kommune es ihnen nachmachen würde. Und sie denken sich wohl, daß es anderes und besseres zu tun gäbe? Das ist ja richtig. Aber wenigstens ist das Motiv nicht dasselbe. Es geschieht, damit man nicht mehr genötigt sein soll, solche Almosen zu zahlen, damit es keine Verwundeten, keine Getöteten, keine Waisen mehr geben soll! ... Damit die Eroberer, die Könige, damit überhaupt die ganze verdammte Bande aufhört, die armen Teufel bloß als Kanonenfutter zu verwenden ... Man möchte angesichts der barbarischen Vergangenheit, angesichts jener, die uns zur Ader gelassen haben, und jener, die uns noch zur Ader lassen, den Gott des Krieges mit seiner Trophäe stürzen! Die Säule in einem solchen Augenblick umwerfen, das hieße mit lauter Stimme rufen: »Der Weltfriede, Arbeit, Gerechtigkeit!« ... Na, alle Regierungen begehen Fehler und manchmal sogar schlimmere.« Gerührt ahnte Thédenat die Gewissensskrupel, die sich unter der Wärme dieses Plaidoyers verbargen. Ja, die Idee war an und für sich eine edle, doch – Simon fühlte das selbst, sie war nicht zeitgemäß, sie war für die bestehenden Verhältnisse, da man noch unter der Wirkung der Niederlage stand, zu absolut, so daß sie als Ketzerei, als Hochverrat erscheinen mußte. »Mein armer Simon, keiner wird das begreifen! Und übrigens, was tötet man denn, wenn man die Denkmäler, die Wahrzeichen von Bronze und Marmor zerstört? Wenn man alles fällen müßte, was von dem Glauben und der Begeisterung früherer Zeiten Zeugnis ablegt, wieviel Kunstwerke blieben dann noch bestehen? Notre-Dame, der Louvre müßten fallen, ihr würdet Paris in einen Trümmerhaufen verwandeln! Der beste Weg, die Vergangenheit zu vernichten, ist, eine bessere Zukunft aufzubauen. Dann wird eine Vendômesäule, inmitten eines den Krieg hassenden Volkes unversehrt aufrecht stehend, von größerem Nutzen sein als zertrümmert am Boden liegend. Sie wird das ewige Licht auf dem Grabe sein. Sie heute stürzen, heißt den Ideen, die sie repräsentiert, mehr Nachdruck und Ansehen verleihen; heißt ihre Grundsteine befestigen, auf denen man sie neu wieder aufrichten wird.« Simon schüttelte seinen struppigen Kopf: »Nicht sobald! Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.« Man schwieg. Simon überdachte Thédenats kraftvolle Worte. Gewiß, dieser greise Gelehrte hatte nicht unrecht! Aber der Wein war eben angezapft, man mußte ihn austrinken. Der Augenblick war gekommen, die Ärmel aufzustreifen und fest drauflos zu schlagen, ohne sich um das zu kümmern, was einen zurückhalten könnte ... man kann kein Omelette backen, ohne Eier zu zerschlagen! Und wenn Versailles Handschuhe anzog ... Der Aufenthalt auf den Vorposten hatte ihn förmlich berauscht. Nie würden diese Kapitulanten mit Gewalt in Paris einziehen! Und wenn je ... Nun denn, der Bürger Gaillard der Vater, – daß er Schuster war, verschlug ja nichts – wollte die Straßen unüberwindlich machen! ... Die Barrikadenkommission würde ihre Aufgabe schon gut lösen ... Simon war stolz auf die Kommune, auf ihre Kräfte. Selbst zu der Elite ihrer Kämpfer gehörend, beurteilte er die anderen nach sich selbst. Mochte immerhin Thiers seine Zettelchen nach Paris flattern lassen und den Nationalgardetruppen die Fortdauer der Löhnung versprechen, wenn sie neutral blieben und insgeheim in sein Lager übergingen. Louis warf seiner Braut einen verstohlenen Blick zu, der zu sagen schien: »Gehn sie denn noch immer nicht?« und pfiff leise zwischen den Zähnen vor sich hin. Martial fühlte, daß seine Gegenwart lästig wurde und machte Thédenat ein Zeichen. Der Greis sagte: »Auf Wiedersehen, Simon.« Und Martial: »Leben Sie wohl.« Sie verstanden. Rose hob den Kopf, Therese blickte den jungen Künstler schmerzlich fragend an. Louis und der Vater legten ihre Werkzeuge nieder und sahen ihm zum erstenmal, seit er da war, offen ins Auge. Das Unbehagen von vorhin stand wieder gleich einem Gespenst zwischen ihnen. Endlich sprach Simon ernsten Tones: »Sie haben recht. Warum sollten Sie sich für uns schlagen?« »Wenigstens«, erwiderte Martial, tief ergriffen von diesen Worten, in denen eine Welt von Gedanken lag, »wenigstens wollte ich die Gegend nicht verlassen, ohne sie noch einmal gesehen und Ihnen gesagt zu haben, daß ich niemals gegen Sie kämpfen werde.« »Das kommt auf dasselbe hinaus!« brummte Louis mit einem Lächeln, in dem sich Stolz mit scharfer Ironie mischte, dem sorglosen Lächeln des Liebenden, des an das Leben, den Erfolg Glaubenden ... Und der Vater dachte bei sich: »Ein Bürger weniger, darüber wird man sich trösten können!« Sie sprachen nichts weiter. Ein Abgrund trennte sie jetzt wieder, eine Kluft der Klassen, der Kasten, die für kurze Zeit nur die gemeinsamen Leiden der Belagerung überbrückt hatten. Es hatte so kommen müssen, ein unabwendbares Verhängnis. Konnte man verlangen, daß die Wohlhabenden, die Zufriedenen ihre Haut für die Armen und Elenden zu Markte trugen? ... Großmütig genug, daß sie das Leben dieser unglücklichen Brüder schonten! ... Martial tat es weh, sich falsch beurteilt, feiger Selbstsucht bezichtigt zu sehen. Diese stumme Verachtung war ihm ärger als harte Worte. Die Blicke wandten sich wieder ab, und wie eine Bestürzung kam es über sie nach diesem schweigenden Schiedsspruch, dieser gegenseitigen Verdammung. »Adieu also, und gut Glück!« wiederholte Martial. Er wagte nicht, ihnen die Hand zu reichen aus Furcht vor der Demütigung einer Ablehnung; und doch zog es wie warmes Bedauern durch sein Herz bei der Erinnerung an einstige Gemeinschaft. Plötzlich öffnete der alte Simon seine knochige Faust und streckte sie ihm mit einem großmütigen Aufleuchten der Augen entgegen: »Ohne Groll, Herr Martial! Es ist weder Ihre Schuld, noch die meine, daß wir nicht mehr wie bei Buzenval Seite an Seite marschieren können.« Einer nach dem anderen drückte ihm nun mit ehrlichem Freimut die Hand. Sie sprachen ihn frei und erkannten die Notwendigkeit ihrer Trennung ... Ob man sich einmal noch wiedersah? Adieu und Gott befohlen! ... Schnell entfernte sich Martial mit Thédenat, ohne sich umzuwenden. Hinter ihnen klopften die Hämmer, wurde die Arbeit wieder aufgenommen. Auf dem Trottoir kam ein baumlanger Bursche ihnen entgegen und schwenkte seine Mütze mit einem fröhlichen »Guten Abend, Herr Thédenat!« An Martial blickte er vorbei, als sähe er ihn nicht. Der Bildhauer biß sich auf die Lippen. Er hätte gern mit Thédenat gesprochen, der wortlos neben ihm dahinschritt, doch er konnte es nicht. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, Tränen traten ihm in die Augen. An dem klaren Sonntagmorgen des nächsten Tages kehrte Anina zwischen Bersheim und Du Breuil aus dem Park zurück. Dieser ließ seine heiteren Blicke von dem nachdenklich gewordenen, in seinem schwarzen Anzug so merkwürdig grau und alt aussehenden Vater zu der in ernster Schönheit strahlenden Tochter schweifen. Trotz der Traurigkeit der Gegenwart freute das junge Mädchen sich seines Lebens. Zwischen der Begeisterung ihrer Wirte, der Grandprés, den Gewissenskämpfen ihres Vaters und den Zweifeln ihres Bräutigams geteilt, entzog sie sich all diesen Ursachen der Sorge. Wohl empfand sie tiefes Mitleid bei dem Gedanken an dieses fürchterliche Verhängnis, welches das so schwer verwundete Frankreich in ein neues Blutbad stürzte; doch die Macht ihrer Liebe, die feurige Empfänglichkeit der Jugend trug den Sieg davon und erfüllte sie mit heißer Wonne, Seele und Körper in dem milden Lichte des Frühlings entfalten zu können. Je besser sie Pierre kennen lernte, je höher lernte sie die Ehrlichkeit seines Charakters, die treue Verläßlichkeit seines Herzens schätzen, die sich auch in seinen leisesten Skrupeln verriet. Mit jedem Tage inniger vereint, begannen sie ein neues Dasein, das ihre fortan, in dem jedes Wort, jede geringfügigste Handlung von dem süßen Duft des Vertrauens und der Zärtlichkeit erfüllt war. Bersheim, der in seine Gedanken verschmolzen war, nahm keinen Anteil an ihrem Gespräch. Er stand völlig unter dem Eindrucke der Verheerung, die dieser Bürgerkrieg in seinem Innern angerichtet hatte. Versailles mit seiner Atmosphäre fanatischer Reaktion war ihm verhaßt. Er konnte es nicht ertragen, Paris, die Republik, den Fortschritt, alles, was er liebte, alles, was ihm nach dem Schiffbruch als der Rettungsanker erschien, schmähen und schänden zu hören. Wie man die Zerfahrenheit, die Schwäche der Kommune sich zunutze machte, um in ihr die Zukunft, die unausweichliche Entwicklung der vorwärtsschreitenden, die Ideen, die sozialen Formen erneuernden Zeit zu vernichten! Die den Zeitungen angetanen Insulte, die Schmähungen, mit denen man die Gefangenen überschüttete, dieses ganze gemeine Schauspiel der Grausamkeit, diese krampfhafte Überreiztheit der Zivilisierten widerten ihn an. Er hätte fliehen mögen, und doch hielt es ihn hier fest. Wohin sich wenden? In sein besudeltes Heim, in das deutsch gewordene Metz? Das Leben unter Kontrolle des Fremden neu beginnen, sein Landgut in Roisseville wieder aufbauen und auf diesem Boden, der nicht mehr französisch war, säen und ernten? ... Unbezwingliches Grauen erfaßte ihn bei diesem Gedanken. In Zukunft war die Luft in dieser Stadt, wo die Seinen seit Generationen gelebt und gestorben, unerträglich. Er sah die vertrauten, von Efeu und Taxus umsponnenen Grüfte wieder vor sich, den jetzt zerstörten Friedhof mit der Menge der Toten, das Leichenhaus der Schlachtfelder, der Spitäler, der Ambulanzen. Die alten Gewohnheiten schienen ihm zerrissen. Keine anderen Bande als die der Bitterkeit und des Schmerzes knüpften ihn mehr an diese Straßen, in denen er fast jeden Pflasterstein kannte, an den geschändeten Zauber seines Hauses. Nur Großmutter Sophia allein, die zu alt war, um ihren Heimatsort noch zu verlassen, sollte darin zurückbleiben als Hüterin der Gräber. Seine Frau war, wie ihre Briefe zeigten, fest zu der Übersiedlung entschlossen, deren Notwendigkeit auch sie erkannte. Müßte sie in Metz nicht darauf verzichten, in der Nähe ihres Sohnes Maurice zu leben, der als Offizier der französischen Armee in entlegenen Garnisonen weilen würde? Sie wäre von Anina, von ihrem Schwiegersohn getrennt ... Nein, es hieß Metz mutig Lebewohl sagen. Sie stimmte ihrem Manne bei ... Er sollte mit Anina für einige Wochen zurückkehren, um seine Angelegenheiten zu ordnen ... Und dann, so groß ihr Schmerz auch war, dann wollten sie von ihrer Vergangenheit scheiden, die alte Stadt verlassen ... In der Nähe ihrer Kinder fanden sie wohl einen ruhigen Winkel, wo sie ihr Zelt aufschlagen konnten ... Und eines Tages würden wohl die Trompeten wieder schmettern und ihre Fanfaren die triumphierende Rückkehr durch die Porte Serpenoise verkünden ... Täglich setzte Bersheim das Datum der Abreise fest, das täglich wieder verschoben wurde. Er schwankte zwischen dem Bedauern, seine Frau so lange schmerzlich warten zu lassen, dem Kummer, Anina von ihrem Bräutigam zu trennen und der zagen Hoffnung, irgend ein neues Ereignis, eine glückliche Lösung eintreten zu sehen. Diesmal aber stand sein Entschluß unwiderruflich fest; nächste Woche wollten sie abreisen. In einem Monat konnte er die wichtigsten Geschäfte erledigt haben und nach Frankreich zurückkehren. Bis dahin war dieser schreckliche Krieg zweifellos beendet. Wenigstens würde er in Metz nicht mehr den Kanonendonner hören, der ihm das Herz zerriß und auf den er doch beständig wie verzaubert horchen mußte. Welcher Jammer, jetzt, da ihn so heiß danach verlangte, sich an das große Vaterland anzuschließen, es wütend sich selbst zerfleischen zu sehen, ohne daß es mehr an die offene Wunde, an die amputierten Provinzen, dachte! Zwischen Versailles und Paris irrte seine Seele haltlos umher mit der Sehnsucht nach dem unnütz, fast lästig gewordenen Lothringen, um das niemand mehr sich kümmerte. Wer dachte jetzt noch an die brutale Tatsache dieses Schnittes, außer jenen, die daran verbluteten? ... Selbst die Freude, seinen Sohn wiederzusehen, hatte ihn nicht zu trösten vermocht. Maurice hatte, aus Köln zurückgekehrt, einige Tage mit ihnen verbracht. Er hatte gehofft, auf seinen nachdrücklichen Wunsch, weiter zu dienen, hin, seine Stelle als Linien-Unterleutnant im 4. Korps wiederzuerhalten, das aus Cambrai gegen Paris zu führen Douay im Begriffe stand. Doch dem hatte sich Bersheim energisch widersetzt: sein Sohn sollte nicht wieder Franzose werden, um gegen Franzosen ins Feld zu ziehen! Dank Du Breuils Vermittlung war Maurice einem der algerischen Regimenter zugeteilt worden, die an dem Feldzug gegen den kabylischen Aufstand teilnahmen. Kurze Stunden unvollständiger Vereinigung, das traurige Glück des Wiederfindens und einer Liebe, die umso wärmer war, weil sie der Abwesenden, der Mutter, der Großmutter und des unter einem unbekannten Felde bei Morsbronn ruhenden Bruders gedachten ... Noch blaß und angegriffen von einer kaum überstandenen Bronchitis, war Maurice mit einem Gefühl der Erleichterung abgereist. Es drängte ihn, nach der ersten Rührung des Wiedersehens, den ihn hier umgebenden Schreckbildern zu entfliehen, um unter einem anderen Himmel, unter Afrikas Sonnenglut ein neues Leben, das abenteuerliche Soldatenhandwerk zu beginnen. Sie schritten die laubüberdachten Mauern der Orangerie entlang und betrachteten, ihre Blicke von den mächtigen Toren, hinter denen die Gefangenen seufzten, abwendend, zu ihrer Rechten die weite, gleich einem Riesenspiegel zwischen den hundertjährigen Avenuen ruhende Wasserfläche der Suisses. Jenseits der unter den Avenuen sich dehnenden Reihen der Zelte und Gewehrpyramiden, des blauen, goldig funkelnden Wassers umgaben die Bäume im Halbrund die leuchtende Reiterstatue Bernins und kletterten den Hügel hinan, mit ihrer frisch-grünen Masse den leuchtenden Azur abschließend. Bei dem Gedanken an die nahe Trennung genoß Du Breuil mit intensiverem Glücksgefühl Aninas Gegenwart. Im Rhythmus des Ganges berührten sich ihre Arme, und diese leise Berührung erfüllte ihn mit seliger Verwirrung; die Weiße des Körpers, welche der rosige Schnee des Halses ahnen ließ, die zarte Haut der Hände verriet sich ihm flüchtig in leuchtender Schönheit. Anina fühlte sein heißes Verlangen; ihre Augen wurden dunkler, ein schmachtender Ausdruck milderte ihr stolzes Antlitz. Sie lächelten sich zu. Der Glockenklang zitterte durch die linde Luft. Vor den Toren der Kathedrale wimmelte eine bunte Menge, sonntäglich gekleidete Bürger, Damen in lichten Toiletten, Offiziere in Parade. Auf den Stufen der Kirche Saint-Louis bildeten sich Gruppen, die zwischen dem dichten Spalier der Neugierigen, dem Gedränge der Getreuen lebhaft plauderten. Das Hochamt war vorüber. In den Händen hielten alle die mit Goldschnitt versehenen Gebetbücher. Du Breuil warf einen ruhigen Blick auf die Vorübergehenden, die, ihrer Andacht schnell vergessend, sich mit lauter Stimme unterhielten. Seit dem Kriege hatte er von einer Religion sich losgesagt, die er unter dem Kaiserreich noch der Form nach geübt hatte. Mit seinem kritischen Geiste, seiner feingebildeten Seele hatte er im Sturm der Ereignisse, in den einsamen Stunden der Gefangenschaft beim Anblick all des Elends und all der Ungerechtigkeiten, des ewigen Übels, das Menschen und Dinge unter der Knute hielt, den Glauben an eine göttliche Vorsehung verloren. Wie ließe sich das Vorhandensein einer göttlichen Fürsorge mit den furchtbaren Leiden der Menschen vereinen? Er stand immer noch unter der Wirkung der Bilder, die er seit Metz gesehen und erlebt: das Verfaulen, die Agonie, den Tod einer ganzen, dem schauderhaften Egoismus eines einzelnen, dem senilen Ehrgeiz Weniger hingeopferten glänzenden Armee; das entfesselte, in seinen Tiefen gleich einem Ozean aufgewühlte Paris, der Passionsweg der Rue des Rosiers; hier die mit Spott und Verwünschungen überschütteten Gefangenen, der Sturmwind des Hasses und die merkwürdige Art und Weise, wie diese Christen, Katholiken wie er selbst, in ihrer wilden Wut ihre Grundsätze der Mildherzigkeit, der Vergebung der Beleidigungen verleugneten. Was war denn dieser blutdürstige, schlaue Gott, dieser gefräßige Moloch? Wie konnten vernunftbegabte Wesen, in ihrem Stolz wie in ihrer Demut, dessen Tyrannei ertragen? Gewiß, es gab unter der Zahl der Gläubigen auch erlesene Seelen, edle, der Tugend geweihte Existenzen; die Mehrzahl jedoch hüllte sich darein, wie in einen bequemen Mantel, den sie über ihre Leidenschaften und ihre Laster geworfen. Auf die Äußerlichkeiten des Kultus beschränkt, erschien ihm die Religion nur als eine eines freien Gewissens unwürdige Heuchelei. Immer mehr wandte sein Glaube sich einer moralischen Auffassung der im Sinne des Guten und Schönen vervollkommnungsfähigen Menschlichkeit zu, einem Ideal der Gerechtigkeit, die das Leiden aller möglichst zu verringern bestrebt wäre. Eine solche Philosophie vertrug sich sehr wohl mit der Überzeugung Bersheims und Aninas, deren Protestantismus von jeder Engherzigkeit frei war. Am Morgen war das junge Mädchen, wie allsonntäglich, in der Kirche gewesen und hatte dort, in der gedankenvollen Einfachheit des geheiligten Raumes, voll tiefinneren Glückes über den männlichen Glauben ihres Verlobten, der so voll mit ihrer eigenen Überzeugung harmonierte, nachgesonnen. Bersheim wechselte einen Gruß mit dem Grafen La Mûre. Die kleine, dicke Gräfin stand in einem Kreise geputzter Modedamen und sprach so lebhaft, daß die weiße Feder ihres Hutes in beständiger Bewegung war. Hinter ihr ragte die lange, dürre Gestalt ihrer Tochter mit dem blutlosen, ausdruckslosen Gesicht. Das Geschwätz war in bestem Gange. Leise, mit sauersüßer Miene, vertrauten die Damen sich die Pariser Skandalgeschichten der letzten Tage an. La Mûres Glatze glänzte bei jedem Gruße wie ein Straußenei. Drei Viertel der Nationalversammlung waren hier beisammen. Du Breuil traf eine Menge Bekannte. Fast alle militärischen Chefs, die durch den Dienst nicht abgehalten waren, das Personal der verschiedenen Generalstabsabteilungen waren erschienen. Er legte die Hand an den Schirm seines Käppi. General Chenot, der neben ihm stand, sprach ihn an. Er war immer noch gleich dick und rot, den scharfen Blick von den schweren Augenlidern halb verschleiert. Was hatte sich doch nur an ihm verändert? Richtig, der Bart! ... Statt der geraden Spitzen, dem gewichsten Zwickelbart, ein kühn geschwungener Schnurrbart und ein kleiner Kinnbart à la d'Aumale. Als mürrischer, jedoch schlauer Höfling war er ein Freund der Fürsten und machte kein Hehl aus seinem trikoloren Orleanismus, bereit, sich dem weißen zuzuwenden, wenn Chambord ... Indessen eilte Anina den Damen Grandpré entgegen. Die alte Dame sah in ihrem schwarzen Seidenkleid, dem weißen Haar und dem Ausdruck nachsichtiger Malice im faltigen Gesicht ungemein vornehm aus. Ihre Tochter nahm ihre Cousine sofort in Beschlag, in ihrem einförmigen, des Mutterglücks entbehrenden Dasein von dem Feuer der Liebe belebt, das aus Aninas ganzem Wesen leuchtete. Tadellos und eisig, war Herr von Grandpré der korrekteste der Gatten, doch weiter nichts für ihr liebebedürftiges Herz. Er drückte Bersheim und Du Breuil die Hand, als auch d'Avol hinzutrat. Das Frühstück sollte sie alle in dem großen, reichgetäfelten Speisesaal des alten Hotels in der Rue d'Anjou vereinigen. Langsam schritten sie, des strahlenden Tages sich freuend, durch die engen, im Sonnenschein fast heiter aussehenden Gassen. Hoch über ihnen zogen weiße Wolken leise über das durchsichtige Blau. Bersheim und Grandpré gingen voraus, ihr ewiges Gespräch wieder aufnehmend. Sie hatten schließlich daran Gefallen gefunden; der Widerspruch reizte sie, und es gewährte jedem eine Art Vergnügen, seine Ansichten durch den Widerspruch des anderen zu befestigen. »Nun«, begann Grandpré, die Offensive ergreifend, »die Herren von der Kommune sind im Begriff, sich um einige neue Kollegen zu vermehren; das Rathaus beherbergte noch nicht genug Kanaillen!« Bersheim wiegte den Kopf: jawohl, heute fanden die Ergänzungswahlen statt. »Es werden heute weniger Wähler als das erstemal sein.« »Und aus guten Gründen!« spottete Grandpré. »Wenn man bedenkt, daß diese unsauberen Kerle die Legalität der Nationalversammlung leugnen und ihre Regierung von Schlemmern und Zügellosen in die Wagschale zu werfen wagen! ... Es gibt tatsächlich Tage, an denen ich, gleich der Mehrzahl, Thiers' Güte für zu weitgehend halte. Schonung des Lebens den Aufständischen versprechen, die sich nicht wegen Vergehen gegen das gemeine Recht zu verantworten haben! Haben Sie den ausgezeichneten Artikel im Journal de Versailles gelesen? Sein Verfasser hat recht: kein Mitleid! sonst werden diejenigen, die wir aus humanitärer Gefühlsduselei geschont haben werden, eines Tages uns nicht schonen! Keine Gefangenen! Befände sich unter ihnen ein mit Gewalt verführter ehrlicher Mann, so müßte man ihn an seinem Glorienschein erkennen. Unsere tapferen Soldaten müssen die Freiheit haben, in der Hitze des Kampfes ihre Kameraden zu rächen und das zu tun, was sie am nächsten Tag bei kaltem Blute nicht tun würden ... Feuer!« Er schlug mit dem Stock hart auf den Boden. Er sprach mit klangloser, gemessener Stimme; aus seinen grauen Augen blickte kalter Zorn. Bersheim streifte ihn mit einem schmerzlichen Blick. Und dieser Mann war, was man einen Gemäßigten nennt! Er besaß lebhafte Intelligenz, eine gewisse Geistesbildung ... Täglich vernahm Bersheim ähnliche, ja noch giftigere Reden. Die Rechte der Nationalversammlung, das will heißen fast die gesamte Nationalversammlung mit der um sie her gravitierenden Welt, Familie, Freunde, das Publikum von Journalisten und Geschäftsleuten erhitzten sich in einer ansteckenden Erbitterung und sahen in Paris nur noch einen Haufen von Verbrechern und Verrätern. Bersheim gedachte des in den Couloirs herrschenden Lärms, als am Donnerstag Jean Brunet die Forderung gestellt hatte, die Regierung über ihre Absichten zu interpellieren: Fortsetzung des Krieges oder Frieden mit Paris? ... In was mischte sich dieser Narr? – Auf einen Monat verschoben! ... Bis dahin war die Sache wohl beendet. Unterdessen träumte die Majorität von nichts als von der unmittelbaren Erstürmung der Stadt; die Kommission der Fünfzehn quälte Thiers unablässig und forderte ihren Anteil an der Herrschaft ... Grandpré zuckte die Achseln. Die letzten Handlungen der Kommune brachten seinen Ordnungssinn, sein System einer wohleingerichteten Gesellschaft, – wohleingerichtet, weil er sich dabei zufrieden fühlte – in Aufruhr. Er hatte einen Abscheu vor dem Plebs mit seinem Fettgeruch, seinem unästhetischen Schweiß, seinem Weinatem. Was war von diesen unsauberen Kerlen anders zu erwarten als Diebstahl und Mord? Man spreche ihm nur nicht von den reinen Händen! Er dachte nicht, daß diese, durch eben ihre Reinlichkeit vor jeder häßlichen Arbeit bewahrt, sich je beschmutzen könnten. Und wenn doch eine Schwäche ... ohne es sich klar einzugestehen, fand er für sie im voraus tausend mildernde Umstände, milde gegen alle Verbrechen am Rande des Kodex, wenn nur jener andere, ebenso barbarische und veraltete Kodex: die weltliche Ehre, respektiert wurde, wenn nur das Äußere unter seinem lügnerischen Anstrich gewahrt blieb. Seit dem die Säule betreffenden Dekret und den letzten Briefen des Erzbischofs kam er aus dem Zorn nicht heraus. »Können Sie es glauben«, sagte er, »daß Rigault und Konsorten Monseigneur Darboy soweit umgarnt haben, daß dieser würdige Prälat ihren Versicherungen, daß wir die Gefangenen erschießen und den Verwundeten auf dem Schlachtfelde den Rest geben, Glauben schenkt! Der Pfarrer von Montmartre kam vorige Woche als Abgesandter der Kommune zu uns, – Grandpré sagte »uns« und wollte damit in bescheidener Weise seine Zugehörigkeit zu Thiers andeuten –, und brachte uns eine Botschaft vom Erzbischof und eine andere vom Abbé Deguerry, worin beide gegen die Hinrichtungen Protest einlegen.« Bersheim fragte harmlos: »Und was hat Thiers geantwortet?« »Vorerst nichts. Aber da hat sich ein kommunefreundliches Blatt, L'Affranchi, beeilt, den Brief des Erzbischofs förmlich als einen Sieg zu veröffentlichen! Gleichzeitig empfing Thiers eine neue Epistel, diesmal von Mazas. Denken Sie sich, diese Leute haben Monseigneur so lange zugesetzt, bis er einen Austausch gegen Blanqui vorschlug! Ja, gegen diesen Missetäter, diesen Delinquenten, den wir in Cahors unter Schloß und Riegel halten, bis man ihn neuerdings vor Gericht stellt ... Man würde uns fünf Geiseln ausliefern: den Erzbischof, dessen Schwester, den Präsidenten Bonjean, die Abbés Deguerry und Lagarde ... Dieser letztere, Monseigneurs eigener Vikar, der geschworen hatte, selbst im Falle des Scheiterns Mazas wieder in seine Funktionen einzusetzen, hat uns selbst diesen schönen Vorschlag gebracht! De Flotte, Blanquis alter Freund, hat die ganze Geschichte angezettelt.« »Was gedenkt Thiers zu tun?« »Er hat damit angefangen; den ersten nun öffentlich gewordenen Brief in gebührender Weise zu beantworten, die albernen Gerüchte über angebliche Hinrichtungen dementiert und seine Verwunderung ausgesprochen, daß ein so aufgeklärter Prälat derartigen Verleumdungen Gehör schenken könne!« Bersheim, dem Du Breuil die tragische Begebenheit am Kreuzwege von Petit-Bicètre erzählt hatte, dachte: Und Duval? Doch er zog es vor, davon zu schweigen, und erkundigte sich nur: »Und was hat er auf den zweiten Brief geantwortet?« Grandpré dämpfte die Stimme: »Nichts ... Man berät sich noch darüber.« »Ware denn aber ein solcher Tausch nicht von Vorteil? Wäre Blanqui, in Freiheit gesetzt, selbst wenn er wieder nach Paris zurückkehren sollte, unter den gegenwärtigen Verhältnissen noch zu fürchten?« »Das weiß man nicht«, meinte Grandpré. »Man kann warten. Es drängt ja nicht ...« Ein solches Phlegma bei Konservativen, die überall Mord witterten und daher logischerweise für das Leben ihres Oberhauptes hätten zittern müssen, setzte Bersheim in Staunen. Er hatte sich noch nicht an die kalten Berechnungen der Politik zu gewöhnen vermocht. Doch schon war Grandpré, über die Schweigsamkeit des Metzers verdrießlich, zu einem anderen Thema übergegangen, sprach von dem vorgestern endlich votierten Munizipalgesetze und rühmte die Größe und den Edelmut Thiers', der darein willigte, daß Paris trotz seiner unverzeihlichen Fehler bei der Verteilung der Wahlen ebensogut wie die anderen großen Städte Frankreichs behandelt werde. So lautete die offizielle Depesche, welche dem Lande das definitive Votum dieses Gesetzes verkündete, das nun drei Wochen zu spät kam, so spät, so außerhalb der Ereignisse, daß es in bezug auf die Hauptstadt wie für irgend ein Städtchen Chinas erlassen schien. Diesmal schickte Bersheim den abgeschossenen Pfeil zurück: »Das ist zu stark! Wie? Paris wird ebensogut wie die anderen Städte behandelt? Das wagt man zu behaupten? Wen will Thiers das glauben machen? Als ob das Gesetz nicht drei Kategorien von Gemeinden schüfe! Erstens diejenigen unter 20 000 Seelen, deren Gemeinderäte das Recht haben, aus ihrer Mitte Bürgermeister und Gehilfen, – die allerdings durch Dekret absetzbar sind – zu wählen. Ferner jene über 20 000 Seelen, wie die Hauptorte der Departements und Arrondissements, deren Bürgermeister und Gehilfen aus dem Gemeinderat gewählt, jedoch von dem Chef der Exekutivgewalt ernannt werden. Endlich Paris, das – aber wann? da die Kommune besteht! – vier Räte per Arrondissement designiert. Schon das ist absurd, denn es gibt Arrondissements von dreißigtausend und andere von hunderttausend Einwohnern. Und das ist, wenn ich richtig rechne, die ganze der Hauptstadt erwiesene Gunst, da Thiers sich das Recht vorbehält, nach Gutdünken und außerhalb des Gemeinderates die zwanzig Bürgermeister und sechzig Gehilfen, sowie den Polizeipräfekt und den Seinepräfekt zu ernennen. Wenn Sie das Größe und Edelmut nennen ...« »Erlauben Sie«, unterbrach ihn Grandpré. Je mehr Bersheim sich erhitzte, je ruhiger wurde er, je kaltblütiger wog und wählte er die Worte. In dem festen Boden seiner Grundsätze ankernd, sprach er mit schneidender Stimme, immer wieder zu seinen unabänderlichen Argumenten zurückkehrend: die Legalität, das heißt die Kraft im Dienste der Ordnung, die ewigen Grundlagen der Religion und des Thrones, die auf dem Höhepunkt der Entwicklung angelangte Menschheit, die untergehen müßte, wenn sie sich nicht auf die erprobten Formen der Vergangenheit stützte; jeder auf seinem Platze, die Niederen unten, die Führenden oben ... »Man spricht immer von der Revolution, dem Geiste der Revolution!« ... Er verzog sein Gesicht zu einer Miene tiefster Verachtung: »Wissen Sie, was eine Revolution von anderen Zeiten unterscheidet? Daß man sich in den öffentlichen Bedürfnisanstalten viel öfter als sonst übergibt! Ferner: daß sich die Fußböden der Paläste und Kirchen mit Stroh und Kot bedecken ... Eine Stallstreu! ... Das ist das Ganze!« ... Und befriedigt über diesen vortrefflichen Ausspruch, den er noch öfters zu verwerten gedachte, strich sich Grandpré den Schnurrbart. Hinter ihnen schritten d'Avol und Du Breuil wie in den Zeiten ihrer jungen Freundschaft – jetzt mischten sich in ihr volles Haar schon einzelne graue Fäden, – und sprachen über die Einzelheiten der militärischen Operationen. d'Avol war dem Generalstab des Marschalls Mac-Mahon zugeteilt und verbrachte seine rasch verfliegenden Tage teils in dem von General Borel im Schlosse im dritten Stockwerk des Pavillon de Monsieur eingerichteten stillen Winkel, teils auf Inspektionsgängen und eiligen Dienstritten. Die beiden Freunde tauschten offen ihr Urteil über den Generalissimus, der aus dem Abgrund von Wörth und Sedan auferstanden war, ohne viel von seinem Nimbus eingebüßt zu haben – so groß ist die nationale Eigenliebe, so bereit, in den schlimmsten Niederlagen noch einen Rest von Ruhm zu erblicken. Sie kommentierten die in Umlauf befindlichen Gerüchte: Thiers, von Stolz gebläht, eine so großartige Belagerung theoretisch leiten zu können, beständig an klassische Vorgänge erinnernd, er allein der Schwierigkeit der Aufgabe gewachsen: so die Schaffung der zur Vernichtung von Issy bestimmten großen Batterie, welche es unnötig machen würde, vor dem Sturm die Breschebatterien in Anspruch zu nehmen; ferner, angesichts des schwachen Punktes der Befestigungen, – den er selbst entdeckt hatte, als er dreißig Jahre, nachdem er sie erbaut, unter dem Kaiserreich in den Verteidigungsausschuß berufen worden war, – diese Riesenwerke von Montretout, mit hundert Kanonen bewaffnet, während die Generäle deren nur zwanzig vorgeschlagen hatten, und die man innerhalb acht Tagen errichten konnte, wo die Generäle einen Termin von einem Monat verlangten. Ein Bauunternehmer hatte mit tausend Arbeitern, schaufelnd und terrassierend, die mit bedächtiger Langsamkeit arbeitende Genietruppe unterstützt. Vor allem aber gewährte es d'Avol und Du Breuil ein nicht geringes Amüsement, die großen Chefs von dem kleinen Manne tyrannisiert und belehrt zu sehen. Endlose Kriegsgerichtssitzungen tagten, in denen der Napoleon der Kammer sie niemals zu Worte kommen ließ und in kaustischem, unendlichem Geschwätz die Manöver kritisierte. Alle Entscheidungen wurden in den privaten Morgensitzungen getroffen, welche der allwissende und allmächtige Thiers mit seinen vertrauten Mitarbeitern, dem Schiffskapitän Krantz, dem Unterstaatsekretär General Valazé, Borel, der Stütze Mac-Mahons, dem Eisenbahndirektor de Franqueville und dem General Appert, dem Kommandanten der Unterabteilung, abgehalten wurden. Thiers hatte lange in der Wahl seines Stellvertreters geschwankt und mehrere Namen gestrichen: Bourbaki litt noch zu sehr an den Folgen seines Selbstmordversuches, Canrobert galt als zu imperialistisch, Le Boeuf hatte an Ansehen verloren, Changarnier war zu anspruchsvoll, forderte nichts Geringeres als den Marschallstab und hatte den Großorden der Ehrenlegion als eine allzu schwächliche Entschädigung geringschätzig zurückgesandt. Er hatte sich zu Mac-Mahon, dem möglichen Nebenbuhler in der öffentlichen Meinung, nur entschlossen, weil Bazaine leider unmöglich geworden war. »Der wäre gerade mein Mann!« Mit ehrlicher Entrüstung wiederholte Du Breuil diesen ihm zu Ohren gekommenen Ausspruch... War die politische Freundschaft denn wirklich imstande, einen Mann von Thier's tatsächlicher Bedeutung das Verbrechen von Sedan und all die gemeinen und verdächtigen Kalkulationen vergessen zu machen! ... In solchen technischen Gesprächen stimmten Du Breuil und d'Avol zu ihrer Freude vollständig überein; sie zogen diesen festen Boden dem Flugsande anderer Diskussionen vor. In Moral und Religion gingen ihre Anschauungen auseinander. Es waren dies unbekannte, dunkle Regionen, in denen sie nicht vorzudringen wagten, um ihre frisch zusammengelötete Freundschaft keiner neuen Erschütterung auszusetzen. D'Avol ging gefestigt aus der tiefen Seelenkrisis hervor, in welche der Tod seiner Mutter nach so schwerem Leiden ihn versenkt. In seiner Vereinsamung hatte er sich anfangs verzweifelt an seinen Beruf geklammert, um in rastlosem Arbeitseifer Betäubung zu finden; doch das genügte nicht, seine Zeit zu füllen. Instinktiv erstand in ihm die Erinnerung an die Frömmigkeit seiner Mutter wieder, der Einfluß einer strengkatholischen Erziehung, welcher, durch das flotte Garnisonleben geschwächt, durch die Kriegserlebnisse in den Hintergrund gedrängt, ihn nun dem unvernünftigen Kultus seiner Kindheit, einem heftigen und gewaltsamen Glauben, in die Arme führte. Ein langes Verweilen am Grabe seiner Mutter, ein abendlicher Besuch der Kirche, wo er, die Stirn in den Händen vergraben, vor der ewigen Lampe zu Boden gesunken war, hatten ihn mit blendendem Lichte erfüllt. Er lernte sehen, begreifen. Gottes Hand hatte Frankreich schwer geschlagen. Die Nennung von Bazaines Namen hatte verstimmend auf die beiden Männer gewirkt. Mehr als einmal seit ihrer Versöhnung hatten sie mit Bangen jener schrecklichen Vergangenheit gedacht, die sie getrennt, auf verschiedene Wege getrieben hatte. Noch hatten sie sich nicht darüber ausgesprochen, und diese Unklarheit lastete schwer auf Du Breuils rechtlichem Gewissen. Er ergriff die Gelegenheit; seine Stimme wurde plötzlich tiefernst in der Erregung eines edlen Geständnisses. »Ich muß dir sagen, Jacques ...« Er vermied es, ihn anzusehen, denn sein Stolz ließ sich nicht ganz zum Schweigen bringen: »In Metz hattest du recht. Ich habe das zu spät eingesehen. Über die Disziplin läßt sich streiten, wenn der Führer, der sie gebietet, die Ehre verrät. Über dem passiven Gehorsam steht ein höheres Gesetz, das Gewissen. Ich habe den Buchstaben des Gesetzes befolgt, während du dessen Geist erkannt hast. Du hast das Rechte getan ... Ich habe viel gelitten, bis ich zu dieser Erkenntnis gelangte! Wie oft habe ich in Mainz dich beneidet! ... Ich war zu nichts nütze, der Sklave einer sterilen Pflicht, während du dich schlugst ... Du hast dem Vaterlande besser gedient.« Nun er sein Herz erleichtert, blickte er d'Avol ins Auge. Mit unbewegten Zügen starrte dieser vor sich hin, als hätte er die Worte nicht gehört. In einem leisen Ausdruck des Stolzes leuchteten seine Augen auf. Endlich erhellte ein mildes Lächeln sein Antlitz. Schweigend legte er seine Hand in Du Breuils Arm und preßte ihn mit zitterndem Druck an sich. Es war ein ergreifender Augenblick, in dem all ihre wiedererstandene Freundschaft emporwallte. »Ja, Bazaine«, seufzte d'Avol. Und von neuem schwiegen sie. Dann, von einer inneren Macht getrieben, nicht länger dem Verlangen widerstehend, sich fortan wieder wie in früheren Zeiten rückhaltlos anzuvertrauen, sprach d'Avol, wenngleich die Möglichkeit einer Meinungsverschiedenheit ins Auge fassend: »Je mehr ich darüber nachdenke, je mehr festigt sich in mir der Glaube, daß eine unbarmherzige, aber gerechte Vorsehung uns für unsere Leichtfertigkeit und unseren Hochmut bestraft hat. Wir haben die göttliche Strafe verdient. Ich bin der Meinung des Herrn von Belcastel. Hätten wir uns den Glauben unserer Väter bewahrt, Frankreich wäre nicht unterlegen. Und wenn Paris heute im Todeskampfe liegt, so geschieht es, weil es diese mächtige Stütze verloren hat. Sieh die Landbevölkerung an: sie ist ruhig und friedfertig, denn sie glaubt ...« Bu Breuil war unschlüssig, ob er antworten sollte. Doch schon fuhr d'Avol fort, seinem Zorn gegen die Mitglieder der Kommune Luft zu machen: die Elenden, die das Werk der nationalen Wiederherstellung vereitelten und die Stunde, da die Armee, neu gestärkt, ihre Arbeit wieder aufnehmen könne, verzögerten ... Die Schließung der Kirchen, die Verhaftungen der Geistlichen hatten das Maß seiner Empörung vollgemacht. »Diese Narren, die davon sprachen, den Krieg gegen die Deutschen fortsetzen zu wollen und nur gegen die Stadtsergeanten ihre Tapferkeit beweisen!« höhnte er. »Und selbst da! Dort, wo sie rückhaltlos triumphieren, ist es gegen unglückliche Geistliche, gegen Männer des Friedens, die keinen anderen Schutz besitzen als ihren Beruf und ihr Kleid ... Geduld! Der Tag wird kommen ... Dann aber, keine Gnade!« Schweigend, nachdenklich hörte Du Breuil zu ... Eben noch so nahe und jetzt so fern! Seine religiösen und patriotischen Zweifel bäumten sich vor d'Avols Siegesgewißheit auf wie unter einem brutalen Schlag. Früher hatte er diesen schlichten Freimut, diesen starren Glauben beneidet. Heute hätte er nicht mehr wie der Freund denken mögen und sah mit Schmerz ihren Mangel an Übereinstimmung, wenn auch in anderer Form, sich erneuern. Jetzt war es d'Avol, der die grausame Pflicht, im Namen der militärischen und sozialen Disziplin unerbittliche Strenge walten zu lassen, voll und ganz zu erfüllen entschlossen war, während er, Du Breuil, der sich einst dem Joch gebeugt, sich auch jetzt wieder zu beugen zögerte. Die Rollen waren vertauscht, doch das Problem war dasselbe, wenn auch dessen Grundgedanke ungleich schwerer zu lösen. So unterlag auch d'Avol gleich den meisten dem allmächtigen, das menschliche Leben und Denken nivellierenden Einfluß des Milieus! In seiner Beklemmung hätte Du Breuil gern geantwortet ... Ja, die Männer, die Handlungen der Kommune empörten auch ihn wie die Kameraden ... Aber lag diesem erbitterten Widerstand, dieser gleichgültigen oder zustimmenden Entschlossenheit einer der größten Städte der Welt nicht doch irgend ein edles Prinzip zugrunde? Entbehrten die Bestrebungen dieser gestern noch verachteten, heute immerhin zu fürchtenden Soldaten gänzlich der Berechtigung? Schlummerte in der Tiefe dieses Fanatismus nicht doch ein fester Glaube? Klassenkrieg? Mag sein. Es war doch die Frage, ob man ihn nicht zu einem unabwendbaren Verhängnis gemacht, ob nicht hinter diesen impulsiven, wie Schreckgespenster sich gebärdenden Schauspielern der Vergangenheit eine unbekannte, unabwendbare Form der Zukunft lauerte? Sie niederschießen, sie vernichten, hieß das ihre dereinstige Entfaltung verhindern? Und überdies, hatte denn der Stärkere getan, was er hätte tun müssen, um zu versöhnen, den Zwist zu vermeiden? Wäre es nicht besser gewesen, hellsichtig den Bedürfnissen Rechnung zu tragen, die Leiden zu lindern? Auch er war seit seiner Rückkehr von einer Art düsterer Offenbarung geblendet gewesen. Da er sich aber nicht, gleich d'Avol, an die Vergangenheit klammerte, irrte er haltlos durch die nächtliche Finsternis der unsichtbaren Küste, der bleichen Morgendämmerung zu. Wozu aber all das äußern? Lieber nach der männlichen Aussprache von vorhin vermeiden, was sie von neuem hätte trennen können. Er lenkte das Gespräch wieder auf das neutrale Gebiet ... Was d'Avol von der neuen Rekrutengesetzvorlage halte? Über ihnen spannte sich der Himmel in strahlender Klarheit. Und doch war eine Wolke darüber hingezogen. IV. In der kleinen, aus drei Räumen bestehenden, wohlverriegelten möblierten Wohnung der Rue de Provence eingeschlossen, dehnte und reckte sich Blacourt unter der spitzenbesetzten Decke, dem mit Eiderdaunen gefüllten Federbett. Durch die Fugen der Fensterläden, durch die sorgfältig zugezogenen Vorhänge aus goldgelber Seide stahlen sich schmale Lichtstreifen und füllten dieses Kokottengemach, in dem der Geck sein Maulwurfdasein führte, mit einem Hauch von frischer Luft und Freiheit. Angst und Grauen hielten ihn seit Tinets letzter Haussuchung hier eingesponnen. Er hatte die Nachricht durch Louchard empfangen, der einen letzten Betrag aus diesen so lange Zeit verschlossen gewesenen Taschen zu locken hoffte. Zur Bestürzung Blacourts, der sich wohlverborgen wähnte, war eines Abends das verschlagene Gesicht des Portiers in der vorsichtig geöffneten Tür erschienen: Blacourt schulde ihm eine große Opferkerze! Er hatte die Wohnungstür seines Mieters gegen eine Rotte Nationalgardisten verteidigen müssen, und wenn auch etliche Silberkasetten verschwunden waren, so waren die Möbel doch unversehrt, und er hatte die Wohnung wieder in Ordnung gebracht. In hinterlistigen Worten bot er seine Dienste an und beschwichtigte Blacourts klägliches Jammern durch die Aussicht auf noch schlimmere Gefahren. Man kannte seinen Schlupfwinkel. Ein Wort von Tinet ... und Grande-Roquette war ihm sicher! ... Das beste wäre, sich einem braven Manne wie ihm, Louchard, anzuvertrauen, der ihm dazu verhelfen würde, sich unbemerkt aus dem Staube zu machen ... Paris würde für Leute seines Schlages nachgerade ungesund. Louchard berief sich auf die Du Noyers, die schleunigst unter seiner Führung, er als Arbeiter, die Frau als Wäscherin verkleidet, in einem mit schmutziger Wäsche beladenen Wagen durch die Porte Vincennes geflohen waren. Es war höchste Zeit gewesen! Eine Stunde später, und sie wären erwischt morden ... Dabei verschwieg er nur, daß dasselbe Tor im Gegenteil eine Stunde nachher für den Verkehr geöffnet worden war, ohne daß man tagsüber einen Passierschein abverlangt hätte; dasselbe war bei den anderen östlichen Toren der Fall, und viele Pariser hatten den freien Ausgang sich zunutze gemacht. Louchard hatte, von dieser Maßregel vorher unterrichtet, die letzten Stunden vor der Öffnung des Tores benutzt und die Flucht des stadträtlichen Ehepaares beschleunigt, um sich, bevor der Weg frei ward, ein reichliches Lösegeld zu sichern. Er beschränkte sich darauf, Blacourt anzudeuten, daß dieser der Gemeinde verdächtigt, – Tinet mußte seinen Steckbrief bei den Toren angegeben haben, – um denselben Preis von fünfhundert Francs ... Doch ganz in der Gewalt seiner wilden, unbefriedigten Leidenschaft für Maddalena stehend, empfand er bei dem Gedanken, als Geisel dienen zu sollen, kaum ein Gefühl der Angst. Er hatte eine gute Haltung bewahrt ... Tinet? Die Kommune? Er brauchte nichts zu fürchten, er besaß mächtige Freunde. Louchard hatte in seiner Enttäuschung zuerst vermutet, daß der Geiz ... hatte dreihundert Francs verlangt ... Doch Blacourt gedachte der nackten Italienerin, des herrlichen Körpers in dem durchsichtigen Hemd; so hatte er Maddalena gefunden, als er am Morgen bei ihr eingedrungen war, sie noch einmal anzuflehen ... Seine Begierde trug den Sieg davon, er schickte den verdutzten Louchard fort. Seitdem hatte er in beständigen Qualen gelebt; die sinnverwirrende Nähe des schönen Mädchens wurde ihm zur fortwährenden Folter, und doch wagte er nicht auszuziehen, aus Furcht, Malonskys Protektion zu verlieren. Er ging nur bei Nacht aus und verbrachte die Tage damit, diese rauschenden Röcke zu umschleichen, deren Duft von Nelken und zartem Frauenfleisch ihn zu wilder Begierde stachelte. Er spielte zahllose Kartenspiele, deren Einsatz Küsse für ihn, Juwelen für sie waren: flüchtige Küsse aufs Haar oder in den Nacken, gierig geforderte Juwelen. Der Muskateller schäumte in den Gläsern; die Säckchen von Parfüm und Atlas in den offenen Läden durchdufteten die Wäschestöße, die durchbrochenen Strümpfe, die gestickten Beinkleider, all jene zarten Dinge, die ihre Haut berührten und von der Weichheit der Umrisse, den Geheimnissen des weiblichen Körpers erzählten. Sie kleidete sich vor Blacourts Augen an und ergötzte sich daran, ihn in Qualen der Wollust sich verzehren zu sehen, von der Drohung des Polen gezähmt wie ein wildes Tier von dem Blicke seines Bändigers. Beim leisesten Geräusch versteckte sie ihn und vergaß ihn dann in irgend einem Schranke. Zwanzigmal schon war er entschlossen gewesen, die zauberhafte Hexe zu verlassen, die Stadt zu fliehen, wo er sich verloren fühlte, und sich nach Versailles zu retten, wo Ordnung, Sicherheit und Vergnügen herrschte. Doch immer wieder kehrte er zurück und blieb. Wenn der Abend hereinbrach, kam zu regelmäßiger Zeit Malonsky in zerrissenen, verstaubten Kleidern aus Neuilly. Blacourt mußte der Toilette seines besten, geduldeten und verhaßten Freundes beiwohnen. Dann begaben sich die drei, glänzend und strahlend, in ein Nachtrestaurant, wo sie einige Offiziere der zahllosen Generalstäbe mit ihren Gefährtinnen trafen. Gehorsam erwiesen die Boulevarddirnen ihren neuen Gebietern die verlangten Liebkosungen: es waren waghalsige, muskulöse Burschen, keine Zierpuppen aus Papiermaché, sondern tapfere Kerle, die lustig zu kneipen verstanden! Und dann begann die Runde in verrufene Lokale und Kaffeehäuser, bis die von dem Zentralkomitee beorderten Patrouillen die Läden schließen und die Lampen löschen ließen. Hinter den verschlossenen Türen einer Spielhölle wurde die Nacht beendet. Bei diesen Partien war der Einsatz bares Geld, wenn die Karten schräg beschnitten waren. Man traf hier eine ganze Bande von berüchtigten Falschspielern. Je mehr Malonskys Börse sich füllte, je leerer wurde Blacourts Portemonnaie. Zu seiner Verwunderung sah er Magdalenas Börse mit einem Reichtum an Gold gefüllt, der sich beständig aus einer unsichtbaren Quelle zu erneuern schien. Kein Zweifel, ihr Leben barg ein Geheimnis. Sie mußte von hoher Geburt sein, vielleicht eine Prinzessin? ... Zuweilen verschwand die Italienerin plötzlich, manchmal wieder empfing sie heimliche Besuche. Eines Morgens hatte Blacourt, als er das Ohr an das Getäfel der Tür gelegt, deutsch sprechen gehört. Ein schlesischer Jude, hatte sie nachher unbefangen erklärt, der ihr Seidenreste zum Kaufe angeboten hatte. Verdrießlich zog er die behaarten Beine aus dem Bett und kleidete sich in trübster Laune an. Seit zwei Tagen war Maddalena wieder einmal verschwunden. Von Malonsky keine Nachrichten. Gestern abend hatte Blacourt, um sich in seiner Vereinsamung zu trösten, mehr als gut war, getrunken. Wenn die Teufelin in Neuilly bei diesem Raubgesellen war? Ein Schauer wütender Eifersucht überrieselte ihn, wenn er sich ihre Umarmungen ausmalte. Ob er ihr nachging? ... Seine Eifersucht wurde von der Angst übertönt. Schlimmer Ort, mit seinen Trümmerhaufen und seinem Hagel von Kugeln und Granaten ... Er fühlte ein Zittern durch seine Glieder laufen. Schon einmal hatte er Maddalena bis zu den Vorposten verfolgen wollen. Bis zu den Wällen schon hatte er sich mehr als zehnmal zu Boden werfen und längs der Häuser hinschleichen müssen. Wenige Schritte entfernt, auf der Place de Courcelles, hatte er eine alte Frau, die ihren Hund spazieren führte, tot umsinken gesehen. Um sie her breitete sich eine Blutlache, und das Hündchen, das unter wütendem Gebell zu entfliehen suchte, erdrosselte sich an der von der erstarrten Hand gehaltenen Leine. Bei dem weniger als die übrigen exponierten Tor Bineau hatte er vergeblich Malonskys eigenen, in verschiedenen Farben abgestempelten Passierschein vorgezeigt. Der Wachtposten, welcher vorgetreten war, hatte das Papier geprüft und ihm zurückgegeben mit den barschen Worten: »Man darf nicht durch, das rote Siegel fehlt!« Vergeblich hielt Blacourt es ihm vor die Nase und beschwor die Vortrefflichkeit des Geleitbriefes, der Betrunkene hob das eine schwere Augenlid mit dem fruchtlosen Versuche, zu lesen, und wiederholte: »Man kann nicht durch, fehlt das rote Siegel!« Blacourt rief einen der bei der Zugbrücke umherlungernden Nationalgardisten und verlangte, vor einen Offizier oder einen Unteroffizier geführt zu werden. »Ist aber niemand da!« – »Der Korporal?« – »Schläft.« – »Der Sergeant?« – »Ist krank.« – »Der Hauptmann?« – »Wissen nicht, wo er ist.« »Teufel«, hatte Blacourt zu sich gesagt, »das Tor ist gut bewacht ... Hinaus geht's nicht, aber herein? ... Auf was warten sie in Versailles?« So war er stehen geblieben, hatte Kehrt gemacht und schleunigst die geschützte Zone, seinen Schlupfwinkel in der Rue de Provence, wieder aufgesucht. Er kleidete sich unlustig an; der leuchtende Tag dünkte ihn trübe, denn Maddalena war fort. Die Leute hatten ihn gerupft und machten sich nun über ihn lustig. Und gestern bei der Heimkehr hatte er, um das Pech vollkommen zu machen, Tinet auf einem ihm wohlbekannten Pferde durch die Straße reiten sehen: er hätte doch Louchards Rat befolgen sollen. Was fiel ihm nur ein, hier seine Zeit zu vergeuden? Er wußte kaum mehr, wie er lebte. Auf einer Arbeitskassette lag ein Kalender. Er blickte hinein. Schon der 20. April! Das war doch dumm! Alle seine früheren Freunde hatten sich schon längst in Sicherheit gebracht und führten in Versailles, in Biarritz, in Cannes ein Leben voll Lust und Freuden. Heftige Schläge erschütterten die Tür und versetzten ihn in tödliche Angst. Tinet! – Er stellte sich tot, hielt den Atem an. »Blacourt! Dicker Junge!« – das war Malonskys gebieterische Stimme. Er atmete auf und öffnete mit noch bebender Hand. »Vorwärts! Ich entführe Sie. Wir frühstücken in Neuilly.« Er wurde bleich und stotterte ein paar Worte. Doch der andere fuhr fort: »Maddalena läßt Sie einladen. Ein auserlesenes Menü und Weine!« ... Er schnalzte mit der Zunge und lächelte: »Und als Tafelmusik: Bum! bum! zss! ... Sie fürchten sich doch nicht?« »Aber ...« wollte Blacourt einwenden. »Um so besser! man gewöhnt sich an diesen Lärm. Gewohnheitssache. Nehmen Sie Ihren Rock und Hut ... Zum Teufel! Sie vergessen ja die Krawatte!« Mit fliegenden Händen suchte Blacourt das Seidenband zu schlingen, das er sonst so meisterhaft in tadellose Falten zu knüpfen verstand. Er war außer sich zwischen der Freude, bald wieder in der Nähe des Geschöpfes, ohne das er nicht leben konnte, weilen zu dürfen, und dem Grauen, zum erstenmal der Gefahr, der er sich bisher immer noch zu entziehen gewußt, entgegenzugehen, hin und her gezerrt. Schweigend gehorchte er, Blicke des Hasses auf Malonsky schleudernd, wenn dieser ihm den Rücken drehte, und säuerlich lächelnd, sobald er ihn ansah. Unter dem Blicke dieser kalten Augen sollte er der Gefahr trotzen! Unten stand, mit zwei alten Mähren bespannt, das Phaëton, welches Dombrowskis Generalstab als Equipage diente. Blacourt stieg ein und bemerkte dabei mit Trauer und Angst, daß der Lack sich ablöste und eine Kugel in das Kissen gedrungen war. Die Pferde in Tinets Besitz, der Wagen im Dienste des Polen, – es stand geschrieben, daß die ganze vor den Requisitionen der Belagerung gerettete Equipage eine Beute des verfluchten Aufstandes werden sollte! Der Pole nahm die Zügel aus den Händen eines jungen Eleven der Nationalgarde, der in blauem Käppi und weißen Gamaschen, in Bluse und Hose aus grauer Leinwand gekleidet, das Amt eines Grooms versah. Malonsky berührte die Rücken der beiden hinkenden Pferde mit der Peitsche und sagte zartfühlend: »Hätte ich doch Ihre prächtigen Pferde!« Die Rue Royale, der Concordienplatz, die Champs-Elysées flogen vorüber ... Über den Wipfeln der Bäume der Allee tauchte der gigantische Portikus des Triumphbogens auf. Ruhig gingen die gelangweilten Müßiggänger, die geschäftigen Passanten ab und zu. Bis hierher ging alles gut. Beim Rondel eine Linie von Wachen ... Die Straße wurde leerer und öder. Die Häuser mit den geschlossenen Türen und Fensterläden, die gesperrten Kaufläden gewährten trotz des hellen Sonnenscheins einen düsteren Anblick. An den Straßenecken beugten sich neugierige Frauenköpfe heraus. Jetzt erkannte Blacourt schon deutlich die einzelnen Figuren der Bas-reliefs. In der blinden Mauer des großen Gewölbes platzte eine Granate. »Donnerwetter!« brummte Blacourt. »Sie muß in der Avenue de la Grande-Armee eingeschlagen haben«, meinte Malonsky. »Und dort müssen wir durch«, dachte Blacourt. Vor ihnen dehnte sich die gerade Linie der Straße nach Courbevoie, nackt und staubig, wie ein langer Todespfad. Im gemächlichen Trab der beiden Pferde, welche Malonsky jetzt mit hochgehaltenen Zügeln in den licht behandschuhten Händen lenkte, als gälte es eine Spazierfahrt im Bois de Boulogne, bog der Wagen um das mächtige Bauwerk. Man begegnete einem Bataillon, das eben abgelöst worden war. Zwei kurzgeschürzte Marketenderinnen, den Revolver im Gürtel, eröffneten den Zug; die erschöpften, staubbedeckten Soldaten trugen an der Spitze ihrer Gewehre frischgrüne Hagedornzweige. Den in regelmäßigen Zeiträumen krachenden Schüssen der vorgeschobenen Posten antworteten in harten Schlägen die Kanonen von Courbevoie. Blacourt verwünschte den Eifer der Bedienungsmannschaft. Man konnte sie zählen: sechs kleine Gestalten, die ruhig im Schutze der Barrikade sich hin und her bewegten. Er hätte Malonsky vom Sitze schleudern mögen, daß die Räder ihm den Schädel zermalmten. Immer näher kam der pfeifende Flug der Geschosse. War es nicht Wahnsinn, sich in solche Gegend schleppen zu lassen? Man wollte ihn wohl ermorden... Er seufzte und stöhnte, und seine Gesichtsfarbe wurde immer grünlicher. Das Phaëton hielt erst bei der Porte-Maillot, wo Malonsky für einen Augenblick ausstieg und mit unerschütterlichem Gleichmut seine Inspektion abhielt. Blacourt versteckte sich indessen hinter dem Wagen und betrachtete angstvoll den Horizont. Drei Artilleristen, zwei Wachen und ein Matrose, sowie ein Kind, welches die Geschosse herbeitrug, bildeten das ganze Personal der Batterie, fünfzig abseits postierte Gardisten die ganze Garnison des Tores. Vom Mont-Valérien herab donnerte das betäubende Getöse der Mitrailleusen, während von Neuilly her immer deutlicher das Knattern des Kleingewehrfeuers herüber drang. Plötzlich stürzte dicht vor Malonsky der über eine der bronzenen Mündungen gebeugte Stückrichter mit durchschossener Brust zusammen. Das Blut tränkte die Lafette. Noch einige krampfhafte Bewegungen, und es war vorbei. »Kann man so schnell sterben?« dachte Blacourt entsetzt. Die fünf anderen blickten sich ratlos an. Keiner von ihnen verstand das Geschützrohr zu richten. Da trat der Junge vor und bot seine Dienste an. In diesem Mechanismus kannte er sich aus. Man möge ihn nur versuchen lassen! ... Ein ohrenzerreißendes Pfeifen brachte sie alle zum Schweigen. »Pst!« sagte der Kleine, »die Musik!« Die Granate flog durch die Luft und traf ein entfernt stehendes Haus. Fensterflügel und Balken stürzten zusammen. Schon drängte sich alles um die blutige Kanone; unter erwartungsvollem Schweigen zielte der kleine Stückrichter. Mit furchtbarem Lärm ging der Schuß los. Malonskys Stimme rief Blacourt zur Besinnung. Er bestieg wieder den Wagen, und die Qual begann von neuem. Weder die Pferde, noch der Groom, der sie hielt, hatten gezuckt. Die Wälle entlang bis zur Porte des Ternes rollte der Wagen unter dem todbringenden Feuer dahin. In einer der Kasematten lag mit nackten Füßen ein Haufen toter Föderierter. Als sie das Tor hinter sich hatten, ließ Malonsky die Pferde im Schritt gehen. Blacourt war nur noch ein zusammengekauertes, lebloses Häuflein. Sie kamen durch eine von Gärten mit zertrümmerten Mauern und zerbrochenen Gittern begrenzte Allee; die dichten Gesträuche, die hohen Bäume entfalteten ihr üppiges Laubwerk; der Duft des kaum erst aufgeblühten Flieders mischte sich mit dem der Nelken und durchschwängerte die Luft; Immergrün schlängelte sich durch die Gräser. Eine Wiese war mit umgestürzten Kochtöpfen, mit Flinten und Flaschenscherben besät; rings um eine ungeheure Bowle tanzte eine Anzahl betrunkener Föderierter einen wahnsinnigen Reigen. Ihre tolle Farandola spiegelte sich in tierischer Verzerrung in der konvexen Wasserfläche. Andere lagen schnarchend und übersättigt auf dem Bauche. Und all dies wüste Treiben übertönte der Donner der Kanonen. Zischend sausten die Kugeln durch die klare Luft. Malonsky hörte kaum mehr diesen mörderischen Lärm und übersah gleichgültigen Auges diese fürchterliche Windsbraut, die verheerend über Neuilly hinbrauste, so daß die Zeitungen, aus Erbarmen mit den zwischen zwei Feuern zermalmten Einwohnern, auf einen Waffenstillstand drangen und mit Versailles wegen einer kurzen Pause unterhandelten, welche es diesen armen Leuten gestatten würde, aus ihren Trümmern zu entfliehen. Doch unerbittlich wurde der Kampf zwischen dem Armeekorps Ladmirault und der Handvoll von Dombrowskis Leuten fortgesetzt, die, niemals abgelöst, im Alkohol die einzige Stärkung ihrer Kräfte fanden. Von dieser Flamme verzehrt, lebten sie in einer Art frenetischen Rausches dahin, in einer bewußtlosen Trunkenheit, in der ihr an Entbehrungen und Leiden reiches Leben zu dem Taumel wilder Tatenlust und unersättlicher Blutgier sich erhitzte. Indessen rückte die Armee von Versailles langsam, aber sicher vor. Zur Linken erstürmte sie die Schanze von Gennevilliers, dann das Schloß Becon, von wo die sofort zusammengestellten Batterien die verbündeten Kanonen von Clichy und Asnières demontierten; sie bemächtigte sich des Bahnhofs, die Gendarmen besetzten Bois-Colombes. So blieb der Aufstand fortan auf das rechte Ufer konzentriert. Am anderen Ende der Linie rückte Cissey, dessen Laufgräben täglich von neuem angegriffen wurden, Schritt für Schritt gegen Issy vor und errichtete seine Parallelen zwischen Clamart und Chatillon, während auf den Bekrönungen die für schwere Artillerie bestimmten Werke sich durch die Flanke zu decken und zu bewaffnen im Begriffe waren. Blacourt befand sich in einem wüsten Traum: ein Pikett Soldaten ging singend vorüber; vor Nummer 31 der Rue Peyronnet hielt der Wagen ... Ein Hof, in dem Föderierte ihr Lager aufgeschlagen haben; eine Treppe, über die man hinaufstolpert; ein Zimmer, in dem zwei Offiziere in hohen Stiefeln und reichverschnürten Uniformen sich mit polternder Stimme zanken ... Auf einer Tischecke saß mit gekreuzten Beinen, den Kopf zur Seite geneigt, mit faunischem Lächeln Maddalena, klimperte auf einer alten Harfe mit Schildkrotrahmen, dem kostbaren Strandgut eines geplünderten Palastes, und sang dazu mit einschmeichelnd warmer Stimme das neapolitanische Lied: Vieni sul mar, Vieni a voguar ... Plötzlich lachte sie hell auf: »Da ist ja mein Schatz!« In diesem Augenblicke haßte Blacourt das schöne Geschöpf, das so grausam mit ihm spielte. Selbst der Anblick der duftig zarten Haut, die, als sie so mit gekreuzten Beinen auf dem Tische saß, oberhalb des Strumpfbandes sichtbar wurde, vermochte nicht, ihn zu versöhnen. Mürrisch wie ein Hund, der gern beißen möchte und es nicht wagt, folgte er den drei Genossen und Maddalena. Der Weg führte durch Gärten. Unter einer Gruppe mit rosa Blüten überschütteter Judasbäume stand ein Pavillon mit erbrochener Tür, in dem, von Rohrfauteuils umgeben, ein mit Schinken, Würsten und Flaschen bedeckter Tisch winkte. Die alten Wachssiegel, die verstaubten Spinnweben bezeugten das ehrwürdige Alter der Weine. Malonsky öffnete eine Büchse getrüffelter Konserven, während einer der Offiziere in wallachischer Sprache die Vorräte des Kaufmanns lobte, dessen Laden, gänzlich geplündert, dem Kriegsrecht zum Opfer gefallen war. Der andere füllte die Gläser bis zum Rande. Maddalena erhob das ihre mit einem berückenden Blick auf Blacourt: »Auf Ihr Wohl!« Das von Malonsky versprochene Orchester spielte zu dem Toast den Tusch, indem es mit einem donnernden Getöse von Trommeln und Trompeten einfiel. Immer schneller jagten sich die dumpfen Schläge; ein zerbrochener Ast zerbrach die Fensterscheibe und schüttelte einen Regen rosiger Blütenblätter auf das Parkett. Zitternd stellte Blacourt sein Glas nieder, das er eben zum Munde führen wollte. Das Herz schlug ihm bis zu den Lippen hinauf. Ein einziger Gedanke erfüllte ihn: entkommen und für immer diese Hölle fliehen, sich den Klauen des Polen, den Fängen dieser Buhlerin entreißen, deren so schamlos vor aller Augen zur Schau getragene Schönheit ihm kaum noch ein Gelüste weckte, und deren Bosheit alles Maß überschritt. Spöttisch warf sie ihm die Wurstschalen zu, während Malonsky mit einer Hand die dekolletierte Taille umfaßt hielt, aus der der üppige, weiße Busen hervorquoll, mit der anderen die Flasche umklammerte. Unbekümmert um Blacourt, den man wie ein abgetanes Spielzeug beiseite schob, begannen die Vier zu spielen und leerten bis auf die Hefe den Genuß der abenteuerlichen Stunde. Um das, was draußen vorging, um den Sturm der Ereignisse, um die Sache, um deretwillen hier und dort Franzosen ihr Leben ließen, kümmerten sich weder Leutnant Potopensco, noch Hauptmann Ivanhoff, noch Oberst Malonsky, noch auch Maddalena. Während Thiers, wie auf einem ungeheueren Schachbrett, seine Züge berechnete und seine Figuren vorrücken ließ, verbrachte die Kommune die Zeit damit, allerlei Delegationen zu empfangen oder auf dem Rathausplatze die zu den Vorposten ausrückenden oder von dort zurückkehrenden Bataillone zu begrüßen, mit tönenden Reden und Fanfarenklängen die Übergabe von roten Fahnen oder die Verleihung von Ehrenrevolvern zu begleiten oder auch in dem Durcheinander der Sitzungen zahllose Gesetze zu erlassen. Es schwirrte in diesem engen Saale, in dem viele ihre Stimme abgaben, ohne zu wissen, worum es sich handelte, – da sie weder die Zeit noch die Fähigkeit besaßen, sich über etwas zu unterrichten, – von überflüssigen Schriftstücken und fieberhaft erregten, unüberlegten Phrasen; viele Mitglieder ließen sich so selten blicken, daß man ihnen mit dem Verlust des Gehaltes hatte drohen müssen. Die einen waren gänzlich von der Verwaltung ihres Arrondissements in Anspruch genommen, die anderen brachen unter der Last verschiedener Ämter zusammen, abgelenkt überdies noch durch die militärische Aktion, welche alle mit leidenschaftlichem Interesse verfolgten, der eine beständig sein Pferd tummelnd, der andere durch sein Fernglas beobachtend; alle ergriffen, von Sympathie oder Antipathie geleitet, die erstbeste Meinung und verlangten schreiend und gestikulierend unaufhörlich das Wort zu irgend einem »Ordnungsvorschlag.« Indessen pochten in vielen Stadtvierteln die Kolben der zur Vornahme der Hausdurchsuchungen designierten Detachements an die Türen aller Stockwerke. In den Wohnungen der Machthaber vom 4. September wurden sämtliche Papiere beschlagnahmt und die schlimmsten Verleumdungen ausgesprengt. Eine Schar lustiger Gardisten drang in das Haus des belgischen Konsulats und arrangierte einen Ball in dessen Salons. In den wenigen Marschkompagnien und den zahllosen ansässigen Bataillonen griff Disziplinlosigkeit und Desertion in erschreckender Weise um sich. Die Zellen der Gefängnisse waren überfüllt, sodaß immer neue Schlafsäle improvisiert werden mußten. Monumentale Barrikaden umschlossen den Konkordienplatz und sperrten die Straßen ab, in denen vagabundierende Musikanten und Bettler sich ansammelten. Immer mehr wurden der freie Gedanke, die öffentliche Stimme geknebelt; die Konfiskation von vier Zeitungen vertiefte das unheimliche Schweigen der öffentlichen Meinung. Die Kirchen wurden nacheinander geplündert und geschlossen. In Ménilmontant, unter den Gewölben von Notre-Dame de la Croix, installierte sich der erste der seit der großen Revolution an geweihtem Orte abgehaltenen Klubs und versammelte seine Mitglieder bei dem gespenstischen Dämmerlicht der Lampen ... In den Klöstern von Picpus wurden die Mönche verhaftet und in die Conciergerie, die Weißen Frauen in Saint-Lazare eingesperrt. Der mit den Leichen der Kommune von 1793 gedüngte Boden gab, geschändet und durchwühlt, menschliche Überreste heraus. Die Phantasie des Volkes erblickte darin die Opfer der Priester. Alte orthopädische Betten, die man in einem Speicher aufgefunden, wurden zu Folterwerkzeugen. Aus einer Abhandlung über Entbindungen, einer wissenschaftlichen These, welche einer der Pater von seinem Neffen erhalten hatte, und die man auf einem Bücherbrette fand, schloß man auf regelmäßige Vorträge über verbotene Operationen, welche den Hebammen gehalten worden. Die rote Presse geiferte und schäumte. Vermesch beutete im Père Duchêne in »patriotischem Zorn« die Leichtgläubigkeit der törichten Menge aus und wühlte einen Sumpf von Kot und Gemeinheit auf. In Saint-Laurent versetzten mysteriöse Gerüchte das ganze Viertel in Aufregung; eine gerichtliche Durchsuchung der Kirche hatte in der Krypta einen Haufen menschlicher Gebeine zutage gefördert, und dieser Fund gab zu einer Legende über noch schauerlichere Verbrechen Anlaß. Vierzehn Skelette, in Reih und Glied geordnet, legten Zeugnis ab von Mordtaten und Schändungen, von der ganzen vielhundertjährigen, lichtscheuen Arbeit der Geistlichkeit. Eintrittsgeld fünfzig Centimes. Verfolgt, beschimpft, hielt die Mehrzahl der in Paris gebliebenen Priester heimlich in entlegenen Kapellen oder den Wohnungen von Getreuen ihre Messen ab und gingen in weltlichen Kleidern und langen Bärten umher. In der Rue Sainte-Scolastique ließ Poncet nach beendetem Frühstück Martial bei seiner Mutter zurück. Die vortreffliche Frau verwendete ihre Zeit dazu, in einer jener privaten Ambulanzen, die auf Veranlassung der Bürgerin Andrée Léo gegründet worden waren und da und dort dem Mangel an ärztlichen Instituten abhalfen, die Verwundeten zu pflegen. Durch den Abgang der renommierten Ärzte und Professoren war der ärztliche Dienst derart desorganisiert, daß die während der Belagerung so regelmäßige Funktionierung der Spitäler und der großen Ambulanzen darunter litt. Indessen war doch eine Anzahl von Ehrenmännern zurückgeblieben, welche die Pflicht der Menschlichkeit über politische Diskussionen stellten und mit doppeltem Eifer ihrem mühevollen Beruf oblagen; sie widmeten ihre Fürsorge den Verwundeten, woher immer sie kamen, waren sie alle doch gleich beklagenswert in der Unabwendbarkeit ihrer Leiden. So Broca, Verneuil, Trélat, so Danet im Luxembourg, Alphonse Guêrin in Saint-Louis. Die Vorlesungen der medizinischen Fakultät hatten sistiert werden müssen; die Kommune hatte an die Opferwilligkeit aller Ärzte, Studenten und freien Professoren appelliert. Die Stunden, die nicht von dieser stillen Wohltätigkeit in Anspruch genommen waren, und die die Führung ihres Hauswesens ihr freiließ, widmete sie den Liebesdiensten in ihrer Umgebung. So ging sie täglich in Catisses winzige Wohnung, wo die fünf kleinen Mädchen wie Mäuschen durcheinander liefen, um unter der Aufsicht der Ältesten ihre häuslichen Arbeiten zu verrichten. Im Handumdrehen wusch Frau Poncet die eine, gab der Jüngsten ihren Löffel voll Lebertran ein und ließ sich von der dritten ihre Lektion aufsagen. Sie war eine Art gütiger Vorsehung für die Familie geworden und erschien nie, ohne in ihrem Beutel eine Näscherei oder irgendwelche Vorräte mitzubringen. »Da du zu Catisse gehst, nimm das da mit!« Mit diesen Worten stopfte sie einen halben Rosinenkuchen, den sie eiligst in reines Papier eingeschlagen, in die Tasche ihres Gatten. Dabei lächelte sie über Martials Lächeln, glücklich darüber, ihren großen Sohn, der ja Leben von ihrem Leben war, und den das Leben so lange von ihr getrennt hatte, für kurze Zeit wieder bei sich haben zu dürfen. Poncet durchschritt eiligst das Gärtchen, ohne einen Blick auf seine Blumen, seine Bäume zu werfen. Er fürchtete, Catisse zu verfehlen, der in der Mittagspause stets nach Hause eilte, um sein bescheidenes Mahl in Gesellschaft seiner Kleinen zu verzehren. Er wollte mit ihm wegen Martial sprechen. Verdächtige Gesichter hatten den jungen Mann bei seinen ersten Ausgängen ins Auge gefaßt. Vielleicht, daß Catisse ihm in der Mairie irgendwie nützlich sein könnte. Gesenkten Hauptes schritt der Chemiker dahin. Trotz der unbezwinglichen Zähigkeit, mit der er an der Hoffnung festhielt, wollte in dieser Stunde ein Gefühl der Müdigkeit ihn beschleichen. Die unermüdlich wiederholten Versuche zur Erlangung eines Waffenstillstandes für Neuilly – morgen wollten die Deputierten der Liga sich in dieser Angelegenheit zu Thiers begeben –, die Verhaftung bei Vauves und die widerrechtliche Gefangennahme Lockroys erfüllten ihn mit tiefer Bitterkeit. Der ehemalige Deputierte der Seine war gleich einem Missetäter zwischen Kavalleristen mit erhobenem Revolver nach Versailles geführt worden. Doch konnte man, wenn von seiten Thiers' und der Nationalversammlung keine Konzession zu erhoffen war, mit einem Schimmer von Zuversicht auf Hilfe von auswärts, auf die in der Provinz sich regende Versöhnungsbewegung hoffen. Nur der Wunsch der großen Städte, der Wille einer großen, friedlich gesinnten Menge konnte die herrschende Partei zur Besinnung, das in ihren Händen befindliche blutige Werkzeug, die Armee, zum Stillstand bringen. Schon hatten zwischen dem 31. März und dem 10. April Perpignan, Roanne, Valence, Chalon-sur-Saone, Marmande, Besançon, Saint-Omer durch ihre Gemeinderäte ihre Wünsche bezüglich der Aufrechterhaltung der Republik und der kommunalen Freiheiten dem Präsidenten übermitteln lassen und gegen die Versailler Politik protestiert. Lille und Macon hatten auch ihrerseits sich vernehmen lassen, und vorgestern hatten fünf Delegierte von Lyon nach einer Unterredung mit Thiers sich in einer Abendsitzung bei Floquet mit der Liga ins Einvernehmen gesetzt. Gestern endlich hatte man in einer öffentlichen Versammlung beschlossen, sich mit der Union der Syndikatskammern zu vereinigen, um auf den früheren Grundlagen ein gemeinsames Aktionsprogramm zu entwerfen. Die Freimaurer ernannten eine neue Kommission, welche sich mit den beiden anderen Liguen in Verbindung setzen sollte, und erließen einen Aufruf an sämtliche Logen der Provinz. In diesem gemeinsamen Bemühen, in dem einmütigen Bestreben aller gemäßigten Geister, die Niederlegung der Waffen zu erzwingen und der wilden Verblendung ein Ende zu machen, lag die einzige Möglichkeit der Rettung, der einzige Ausweg aus dieser Sackgasse, in der man sich gegenseitig erwürgte. Von der Kommune war ebensowenig wie von Versailles Nachgiebigkeit zu erhoffen. Durch die Ergebnisse der letzten Wahlen hatte sie weder an Autorität, noch an Weisheit gewonnen; es war nur ein schwacher Zufluß von Blut, der die verstopften Adern, statt sie zu beleben, noch mehr bedrückte. Die feurige Aufwallung der Märztage war erloschen, die Erhebung eines ganzen, noch von den Leiden des Krieges zitternden, seine Rechte fordernden Volkes gebrochen. Das Herz von Paris, vereinsamt und ernüchtert, hatte diesmal in armseligen Schlägen pulsiert. Einundzwanzig Namen nur statt einunddreißig hatten eine dürftige Majorität zusammengebracht. Die Zahl der Stimmzettel war von 229 000 auf 53 000 gesunken. Der aufständische Effektivstand enthüllte sich mit einemmal. In manchem Arrondissement, welches zehntausend Wähler zählte, hatten nur zweitausend ihre Stimme abgegeben. Selbst in Batignolles, in Montmartre, in Buttes-Chaumont und Ménilmontant war die Zahl der Wähler auf die Hälfte zusammengeschrumpft. Der Erfolg hätte die Urnen gefüllt, angesichts der Niederlage blieben sie leer. Die Ungeschicklichkeiten und die Vergehen der Kommune, weit mehr aber noch die unleugbare Macht der Armee von Versailles und die Gewißheit ihres Sieges hatten das ganze Bürgertum ferngehalten und sogar das Volk erkältet. Während er mit schnellen Schritten durch die Straßen wanderte, gedachte Poncet wehen Herzens jenes herrlichen Tages, da er, vor der roten Estrade, die Augen zum Zifferblatt der Rathausuhr erhoben, unter dem Getöse der Salven in den Jubelruf: »Es lebe die Kommune!« eingestimmt, in einem Augenblick des Taumels die Begeisterung des Volkes geteilt und jenen Magnetismus der Menge an sich erfahren hatte, der unwiderstehlich uns an die Nerven greift. Narr, der er gewesen, daß er gegen jede Möglichkeit, und trotzdem er die Langsamkeit des Fortschritts kannte, auf einen plötzlichen Aufschwung, auf eine geheimnisvolle Morgenröte, auf den Anbruch einer Ära des Glückes und der Gerechtigkeit gehofft hatte! ... Narr, der er gewesen, zu glauben, daß angesichts dieser friedlichen Revolution Thiers und die Nationalversammlung nicht wagen würden ... Mit dieser pompösen Proklamierung der ersten Gewählten verglich er den heimlichen Regierungsantritt der letzten. Ein gar stiller Einzug in das Rathaus und die Geschichte! Zwerghafte Figuranten eines grandiosen Dramas, alberne Schatten der Gegenwart auf den Mauern der Vergangenheit! Er zog die Rechnung. Nicht eine politische Persönlichkeit, die vor dem Kriege irgend eine Bedeutung besessen hätte. Das wüste Leben während der Belagerung mit dem Nebeneinander der Klubs, den dunklen Schleichwegen und dem verborgenen Kampf in den Reihen der Internationalen – aus dieser Macht der Verwirrung waren fast alle hervorgegangen. Einige von ihnen traten enttäuscht freiwillig in das Dunkel zurück, um nicht das gefährliche, unter ihren Füßen schwankende Gerüst besteigen zu müssen; Briosne, einer der besten Redner der revolutionären Versammlungen unter dem Kaiserreich, und Rogeard, der stolze Verfasser der Propos de Labiénus, hatten ihr Mandat abgelehnt, das sie, weil nicht von einem Achtel der Wähler bestätigt, als nicht legal betrachteten. Menotti Garibaldi, ebenso klug wie sein Vater, war vorsichtig genug gewesen, seinen italienischen Ruhm nicht hier in einer verlorenen Sache kompromittieren zu wollen. Der Rest war eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, der Abbrand der Märzwahlen, ganz ebenso maßlos und ohnmächtig, nur von der Wut über die Niederlage noch wilder gereizt. Cluseret war zum zweitenmal gewählt worden. Journalisten, wie der lange, hagere Charles Longuet, der beim Sturz des Kaiserreiches wegen Preßvergehens in Gefangenschaft geriet, als Chef eines niemals bewaffneten Bataillons am 18. März sich an der Errichtung von Barrikaden beteiligte, er war der Theoretiker der ersten Tage und blieb ein Mann der Feder, ein Gemäßigter, dessen Finger sich wohl mit Tinte, doch nie mit Blut beflecken konnten ... Wie Andrieu, der außerordentliche Professor und Bureaukrat, Verfasser einer guten Geschichte des Mittelalters, ein dicker, einäugiger Mann voll Bonhomie und Einfachheit ... Wie Bésinier, der ehemalige Sekretär Eugen Sues und galanter Frauen, bucklig und hinkend, doch von lebhaftem Geiste, der von Brüssel, London und Genf aus Napoleon III. und die Kaiserin mit Pamphleten überschüttet und seine in den Zeitungen veröffentlichten Schmähartikel mit langen Aufenthalten in Saint-Pélagie gebüßt hatte; zuerst der Redaktion des Offiziel zugeteilt, hatte er nicht geruht, bis er sich eines der Fauteuils des Rathauses erobert, bereit, von dieser Stelle aus seine von Verdächtigungen und Schmähungen geschwollene Galle über seine Gegner auszuspeien ... Wie Eugen Pottier, der mit fünfundzwanzig Jahren gleichzeitig eine Badeanstalt und ein Etablissement für industrielle Zeichnungen leitete; ehemaliger Freund Murgers, Künstler und Liederdichter, der ebenso gut ein zärtliches Couplet und einen Refrain der Internationalen zu drechseln verstand, ein Ehrenmann mit klugen Augen, den sein soziales Ideal in dieses Chaos geführt hatte, wo er jedoch trotz seiner Grundsätze, in der Verwaltung seines Arrondissements verschanzt, sich nicht zu entfalten vermochte. Ein Künstler, berühmt durch seine maßlose Eitelkeit ebenso wie durch seine kraftvollen, mit fetten und dicken Farben bedeckten Bilder: Courbet, einer jener Einfaltspinsel, die sich für Neuerer halten, weil sie das Gegenteil der empfangenen Meinungen verfechten und jeder Kontrolle und Überlegung unfähig sind. Ein toller Sozialist, der alle Maler im besonderen (sich selbst ausgenommen) und die Welt im allgemeinen in schmutzigen Aphorismen ankläffte. Eine Wirtshausberedsamkeit, durch die ironischen Bravorufe der Genossen berauscht. Ein Klubschreier, der seit Beginn der Belagerung die Niederreißung der Vendômesäule und die Umänderung sämtlicher die Namen von Generälen tragenden Straßenbenennungen forderte, welche »dazu beitrugen, das Andenken und den antidemokratischen Begriff des Krieges aufrecht zu erhalten.« Kleinbürger verschiedener Berufszweige. Zwei Mitglieder des Zentralkomitees kehrten auf den eroberten Platz zurück: Arnold, ein Architekt und früherer Unterinspektor der städtischen Arbeiten, ein charakterloser Mann mit trockener, nein schriller Stimme ... Viard, ein schwerfälliger Kaufmann, behaart und bärtig, der sich »jung, aber praktisch« nannte, und als solcher sich gewalttätig und entschlossen zeigte ... Ein ehemaliger Beamter des Crédit foncier, A. Dupont, dreißig Jahre alt, blond, eine vornehme Erscheinung; für eine normale Existenz im Schatten geschaffen, war er durch den Prozeß von Blois und seine Verurteilung zu fünfzehn Jahren Gefängnis, wovon er, dank dem 4. September, nur fünfundzwanzig Tage abgesessen hatte, zu Ruf und Namen gelangt; in dem Glanz der Kommune hatte er sich vollends verloren ... Doktor Pillot, ein kahlköpfiger Greis mit trüben Augen und meckernder Stimme, ein Geistlicher, der die Kutte abgelegt und 1848 das Haupt einer kommunistischen und atheistischen Sekte, der Pillotisten, geworden war, Präsident des Klubs der medizinischen Schule und leidenschaftlicher Geisterseher. Fünf Arbeiter, darunter ein Leistenschneider und drei Schuhmacher. Schon in dem ersten Wahlgang zahlreich, brachten diese über ihren Werktisch gebeugten Männer etwas von den bitteren Betrachtungen ihrer Arbeitsstunden in die Verhandlungen mit; während die Hand mechanisch schafft, folgt das Gehirn den Vorgängen, die draußen sich abspielen, und in der dicken, übelriechenden Atmosphäre der Werkstatt wird das Bild einer besseren Gesellschaft entworfen. Seraillier, mager und blatternarbig, ein intelligenter Kopf, dessen rauhe Stimme sich Gehör zu schaffen verstand, und der über die Arbeiterfrage reiflich nachgedacht hatte. – Sicard, der eine Binde über dem einen Auge trug, auch ein Sprecher, aber ein heftiger und unfähiger Sprecher. – Trinquet, aus Belleville, ein kleiner, dicker Mann mit verschlossenen und harten Zügen, der das falsche Geld der Klubs für bare Münze genommen hatte, übrigens einer überlegten und zähen Energie fähig. – Johannard, früher Verfertiger von künstlichen Blättern, nun Handlungsgehilfe, ein schöner, blonder Mensch in leichverschnürter Uniform, eines der tätigsten Mitglieder der Internationalen, mit dem Glorienschein eines Aufenthaltes in Mazas umgeben. Endlich zwei Dunkelmänner, Philippe und Lonclas, deren Gesichter das Gepräge der schmutzigen Weinspelunken trugen, in denen sie ihre Zeit zubrachten. Was vermochten diese zwanzig Wortführer der höchsten Illusion? Konnten sie irgend etwas an dem unabwendbaren Gang der Dinge ändern? Poncet erinnerte sich einiger vertraulicher Einzelheiten, die Jacquenne ihm mitgeteilt hatte. Erbittert darüber, seinen Eifer fruchtlos, seine Bestrebungen verkannt zu sehen, eifersüchtig auf den Einfluß dieser und jener, hatte der Sektierer, den er kürzlich in seiner kleinen, kalten Wohnung aufgesucht, um seine Fürsprache zu Gunsten der Liga zu erbitten, ihm von den letzten Sitzungen erzählt, von dem, was der Officiel in seinen Berichten verschwieg. Eine lange Diskussion über die Gültigkeitserklärung der Gewählten hatte die Feindseligkeiten, den gärenden Haß zum Ausbruch gebracht. Eine Minorität von dreizehn gegen sechsundzwanzig Stimmen hatte von Anfang an die Differenz zwischen den Bedenken der gemäßigteren Sozialisten und der hartnäckigen Unversöhnlichkeit der Jakobiner deutlich zum Ausdruck gebracht. Jacquenne hatte Poncet mit einem mißtrauischen Blick gestreift und, die Wangen mit einer plötzlichen Röte überzogen, dessen stummen Tadel mit den Worten erwidert: »Was wollen Sie? Ein Narr wäre man, sich jetzt noch um Legalität zu kümmern!« ... Düsteren Tons hatte er hinzugefügt: »Wir sind im Rechte, im Recht des Lebens für uns, für unsere Ideen, für die Zukunft! Wenn es uns jetzt nicht gelingt, diesen Traum aller Unglücklichen, diese Erhebung des Volkes, die ja auch Sie wünschen, zu verwirklichen, wenn diese einzige Gelegenheit uns entgeht ...« – er murmelte: diese Bataillone, diese Forts, diese Kanonen! – »dann ist es für zwanzig Jahre vielleicht damit vorbei! Morgen wird die Morgenröte im Blut ertränkt und erlöscht sein ... Mit seiner schrillen Stimme hatte er seinen Glauben bekannt, die Utopie mit dem Möglichen vermengend, in knappen Strichen die Genossen geißelnd, die die Sache, weit entfernt, sie zu erleichtern, vielmehr noch erschwerten. Er hatte von Pyats schmählichem Zurückweichen erzählt, wie dessen Demission von der Verachtung aller abgewiesen worden, wie Bermorel den Schurken anzeigte und J. B. Clement dessen Gefangennahme verlangte; wie er eine plötzlich erwachte Liebe zur Legalität in sich entdeckt und diesen Vorwand benutzt hatte, um sich »bescheiden vor dem Siege« zurückzuziehen. Schon am 3. April, nach dem mißglückten großen Ausfall, hatte er die Nützlichkeit einer Reise nach Marseille, die Notwendigkeit des Besuches bei Garibaldi vorgeschützt ... Hohngelächter hatte ihn empfangen: »Nichts da, Pyat! Sie bleiben!« Diesmal hatte Delescluze sich ins Mittel gelegt. Obgleich der Nimbus des Veteranen Jacquennes Eifersucht erregte, hatte er seine Überzeugung in die ernsten Worte zusammengefaßt: »Aus persönlichem Groll und wegen enttäuschter Hoffnungen durfte man sich nicht zurückziehen ... Glauben Sie daß jedermann billigt, was hier geschieht? Nun, es gibt Mitglieder, die geblieben sind und bis zuletzt bleiben werden ... Er selbst würde seinen Posten nicht verlassen, und dürfte er den Sieg nicht sehen, so würde er nicht unter den letzten sein, die auf den Wällen oder den Stufen des Rathauses die tödliche Kugel traf ...« Poncet dachte bei sich: »Wissen sie denn überhaupt genau, für welche Sache sie kämpfen? Man würde es kaum glauben, nach dem verspäteten Programm zu urteilen, das sie soeben verkündet haben, und das Jacquenne selbst verleugnet. Das schmeckt nach einem eiligst abgemachten Faktum ...« Unter dem Titel einer »Erklärung an das französische Volk« hatte der Journalist Pierre Denis seine Idee einer Erhebung von Paris zur freien Stadt wieder aufgenommen und weiter ausgeführt. Vallès und Delescluze hatten an der Arbeit hier etwas verbessert, dort etwas hinzugefügt, und man hatte ohne jede Diskussion das Ganze votiert. Zwischen einzelnen richtigen Ansichten über das Leiden und die Rechte von Paris legte der Autor seine Chimäre dar: die Ausdehnung der kommunalen Autonomie über alle Orte, von denen jeder selbst seine Steuern bestimmte, seine Behörden, seine Polizei, sein Unterrichtswesen, seine Miliz organisierte; die Wiedererrichtung der Föderation je nach Maßgabe der Sympathien, der Interessen, unter der politischen Einheit einer zentralen Delegation ... Das hieß, die von den Jahrhunderten allmählich zusammengekitteten Kräfte ins Unendliche zerstückeln, die Garbe mit einem Schlage auseinanderstreuen. So verfiel man aus dem Übel einer übertriebenen Zentralisation in das gleich große Übel einer totalen Zersplitterung. Von der Machtbefugnis der Delegation, den gegenseitigen Verpflichtungen der Gemeinden, von diesen so hochwichtigen Punkten schwieg man gänzlich. Poncet, der ein lebhafter Bewunderer der Schweizer Republik war, dieses durch die Länge der Zeit fest zusammengekitteten Bundesstaates einzelner kleiner, arbeitsamer Völker, – Poncet fand diese plötzliche Umwandlung Frankreichs, diese Verneinung des revolutionären Werkes, welches schließlich die trennenden Mauern und Schranken niedergerissen, die einige und unteilbare Republik gegründet hatte, geradezu absurd. Nein, nicht diese Männer, noch ihre Taten und Worte vermochten der Kommune die anfangs so bereitwillig entgegengebrachten Sympathien wiederzugewinnen, ebensowenig wie die von ihr in der Form ihrer Verwaltung eingeführten Veränderungen dies imstande waren. Die Exekutivkommission war als zu schwach abgeschafft und an ihrer Stelle eine Art leitenden Ministerrats eingeführt worden, in dem jedes Ressort durch einen Delegierten vertreten war: die Kriegsangelegenheiten durch Cluseret, die Finanzen durch Jourde, die auswärtigen Angelegenheiten durch Grousset, die Justiz und die öffentliche Sicherheit durch Protto und Rigault, die Arbeit und das Bankwesen durch Frankel, das Lebensmittelressort durch Viard, die öffentlichen Ämter durch Andrieu und das Unterrichtswesen durch Vaillant ... Ach! wenn nur unter diesem Gerüste, auf dem die Machthaber im Bewußtsein ihrer Wichtigkeit sich blähten, nicht das Volk stände, das mit seiner Überzeugung und mit seiner Haut dabei im Spiele stand! Wenn nur nicht die Zukunft so ungewiß, das Los so vieler Unglücklicher gefährdet wäre! ... Unter solchen sorgenvollen Betrachtungen war Poncet vor die Tür von Catisses Wohnung gelangt, die am Ende eines finsteren Korridors mit feuchten, schimmligen Wänden lag. Während er die Klinke suchte, drang leises, kindliches Kichern an sein Ohr und dann das tiefe, gutmütige Lachen des Vaters. Catisse saß, von seiner jungen Brut umgeben, noch bei Tische und ließ ein aus seiner Serviette geknüpftes, weißes, langohriges Kaninchen auf seiner Faust tanzen. Beim Eintritt des Gastes hielt er verlegen inne, und die blassen Gesichtchen wandten sich schüchternen Blickes dem Störenfried zu. Poncet zog den Kuchen aus der Tasche, und das helle Lachen begann von neuem, daß die dünnen Zöpfchen fröhlich auf und nieder hüpften. Das waren neben dem Abendbrot und dem darauf folgenden Erzählen langer Geschichten die glücklichen Stunden des Tages für die Familie. Die Älteste versah mit würdevoller Miene ihr Amt als kleines Hausmütterchen. Seit einigen Tagen besuchte sie die Kapelle Saint-Pierre, wo Paula Minck eine Schule eröffnet hatte, unweit der in eine Frauenwerkstätte verwandelten Kirche, in welcher für militärische Lieferungen gearbeitet wurde. So bewies Catisse seinen Bürgersinn und diente als pflichtgetreuer Beamter der Regierung, die ihn bezahlte und ihn und seine Töchterchen ernährte. Für diese ausgehungerten Mäulchen, für diese anämischen, durch die Entbehrungen der Belagerung geschwächten Körper mußte das tägliche Weißbrot und etwas Fleisch geschafft werden, damit in diese oft von Fieber glänzenden Augen ein wenig Gesundheit und Frohsinn wiederkehrte. Während die Älteste mit wichtiger Miene den Kuchen zerteilte, und die anderen, die Rosinen heraussuchend, aufmerksam zuhörend, aßen, sprach Poncet von Martial. Der brave Mann versprach zu tun, was in seinen Kräften stand. Leider hörte man in der Gemeindekommission nicht immer auf ihn, fand ihn zu lau ... Poncet wußte, daß Catisse nach Möglichkeit bestrebt war, ausgleichend und versöhnend zu wirken. Er hatte in dem Stadtviertel schon Vielen gute Dienste geleistet. »Ach!« seufzte der Beamte, »welch eine Existenz! Und wie wird das enden?« Er warf einen wehmütig zärtlichen Blick auf die fünf Mäuschen, auf diese lieben, kleinen Wesen, die so sehr der Verstorbenen glichen ... Sie knapperten fröhlich in ihren Kuchenschnitten. Was hatte er anderes tun sollen? Wohin sich wenden? Wo das Geld finden, dies armselige Geld, ohne das seine Töchter nicht leben konnten? Mit einem dankbaren Händedruck und freundlichen Kußhändchen entfernte sich Poncet ... Noch sorgenvoller, als er gekommen, kehrte er heim ... Armer Catisse! ... Und wie viele waren gleich ihm an das Joch geschmiedet, an das ungewisse Schicksal, an den Erfolg oder das Scheitern dieser Kommune, zu deren Besten sie gehörten! V. »Ist Ihr Koffer geschlossen?« fragte die alte Frau von Grandpré, als Bersheim aus seinem Zimmer herabkam, um im Salon die letzte Stunde vor seiner Abreise zu verbringen. Er wollte den Nachmittagszug benutzen. »Wegen unserer lieben Anina können Sie ganz beruhigt sein. Sie ist uns wie ein Kind des Hauses. Jedermann vergöttert sie. Sie werden sie ebenso schön und rosig wiederfinden, wie Sie sie verlassen. Sie versteht sich so gut mit Claire!« Sie lächelte: »Von einer anderen Person ganz zu schweigen!« Angesichts des schweigenden Kummers der beiden Verlobten hatte sie sich voll mütterlichen Verständnisses ihrer eigenen Jugend und Liebe erinnert. Sie hatte Bersheim den Vorschlag gemacht, Anina hier zu lassen. Was brauchte er sie dort unten? Eine so umständliche und beschwerliche Reise ... Und da doch Frau Bersheim, sobald ihre Geschäfte erledigt waren, mit ihrem Manne zurückkehren wollte und Großmutter Sophia versprochen hatte, in einigen Monaten sich von Metz zu trennen, um der Hochzeit beizuwohnen ... Tiefgerührt dankte ihr Bersheim noch einmal. Sein Blick umfing den traulich warmen Raum, den roten Brokat der Wände, die behaglich in der Kaminecke sitzende alte Frau. Ja, hier war Anina sicher geborgen! Mit dunklem Bangen dachte er an diese Reise, die er schon zu lange hinausgeschoben hatte. Trotz der Sehnsucht, seine Frau wiederzusehen, trotz der Notwendigkeit, sich mit seinen Interessen zu beschäftigen, sah er nur das Bittere, das ihn dort erwartete: in den alten, schlecht gepflasterten Straßen unter seinen Fenstern den rythmisch harten Schritt der schwerfälligen Stiefel, das arrogante Säbelgerassel ... Fast bedauerte er, dieses Versailles zu verlassen, wo er noch am Morgen, trotz der herzlichen Gastfreundschaft der Grandprés, kaum atmen zu können geglaubt hatte. Würden sie ihm nicht fehlen, diese Couloirs, diese Sitzungen der Nationalversammlung, zu denen er unbezwinglich sich hingezogen gefühlt hatte? Ach, er durfte sich keine Illusionen machen! Die verlorenen Provinzen blieben für lange Zeit verloren; ehe das Land den Krieg wieder beginnen konnte gegen den Sieger, dessen Forderungen zu befriedigen es Jahre noch brauchen würde; ehe für diesen Krieg befähigte und tüchtige Armeen bereit waren, mußte noch viel Wasser unter den Brücken von Metz und Straßburg dahinfließen. Die Nationalversammlung, nur von ihrem inneren Traume absorbiert, ohne sich um das zu kümmern, was das Land sich dachte, kannte nur ein Ziel: zuerst in der Kommune die Republik vernichten und sodann die Monarchie wieder aufrichten ... Noch brauste ihm in den Ohren das Hohngelächter und Gemurmel, womit die Majorität Jean Brunets neuen Vorschlag aufgenommen hatte: man möge sich bereit erklären, in Unterhandlungen mit Paris zu treten, um dem Bürgerkrieg ein Ende zu machen und jeden Angriff augenblicklich zu vereiteln ... Man zog es vor, unter dem fernen Lärm der Kanonade gähnend die endlosen Petitionen anzuhören, von denen die abgeschmacktesten diejenigen schienen, die den Frieden, die Versöhnung forderten; man zog es vor, in zahllosen Sitzungen über das Mietzinsgesetz zu beraten und zu diskutieren, als ob das Schicksal von Paris davon abhinge! ... »George wird so früh als möglich nach Hause kommen«, sagte Frau von Grandpré. »Es liegt ihm viel daran, den letzten Abend mit Ihnen zu verbringen.« Bersheim war darüber erfreut und beunruhigt. Er wollte nicht unter dem ungünstigen Eindruck einer allzu hitzigen Diskussion Abschied nehmen, und andererseits nahm er an Grandprés erstaunlichen Mitteilungen ein leidenschaftliches Interesse. Der Sekretär war ihm durch seine tägliche Berührung mit Thiers und dessen Vertrauten eine lebendige Zeitung, und zwar die ausführlichste und bestunterrichtetste. Durch ihn enthüllten sich ihm täglich die Vorder- und die Kehrseite der politischen Begebenheiten, die bald als Trauerspiel, bald als Komödie wirkten. Dem Kabinett Thiers blieb, dank den von allen Seiten bezahlten Spionen, nichts von dem verborgen, was im Rathaus, in den Delegationen und Kommissionen geschah. Eben diese Woche hatte Bersheim dank Grandprés Berichten, die wirren Fäden der großen Intriguen verfolgt, welche sich in den Beratungen der Kommune kreuzten, und welche die Schauspieler unsichtbar leiteten. So hatte er von dem versteckten Antagonismus zwischen Rossel und Cluseret erfahren. Dieser haltlos, unsicher, von oben herab seine Ordres erlassend und sofort wieder in seine flotte, dem Vergnügen nachjagende Lebensweise zurückfallend, in den Augen vieler mehr als verdächtig; jener ein Mann aus einem Guß im Politischen wie im Militärischen, auch er verdächtig, doch durch sein wachsendes Ansehen, durch seine Reden voll Schneidigkeit und Schärfe, seine lebhafte und klare Intelligenz, welche die einen erschreckte, die anderen berückte, ja selbst durch sein Bestreben, der locker zusammengefügten Armee eine feste Disziplin aufzuzwingen. Ein Schiedsspruch des jungen Kriegsgerichtspräsidenten, der einen Bataillonschef wegen dessen Weigerung, gegen den Feind zu marschieren, zum Tode verurteilte, war von der Revisionskommission kassiert worden. Das Rathaus witterte überall eine Diktatur und betrachtete seine Generäle mit Mißtrauen, – gezwungen, sie zu dulden, bereit, sie abzuschütteln und doch notgedrungen sie vorläufig noch schonend. So Lullier, der seit seiner Flucht aus der Conciergerie jeder Autorität trotzte und, von Leibwächtern umgeben, seine Taschen mit Revolvern vollstopfte; seine Getreuen, Ganier d'Abin, und Bisson, sicherten ihm in Montmartre und Ménilmontant eine Stütze und nährten angesichts der ausübenden Gewalt die Verschwörung der Unzufriedenen. Er selbst war umso unzufriedener, da er bei den Ergänzungswahlen am sechzehnten durchgefallen war. So Assi, in dem man vor allem den Vertreter des Zentralkomitees zu treffen suchte, und der, in Freiheit gesetzt, sich nun in der Munitionskommission breit machte, ganz stolz darauf, Lulliers Wahl bekämpft und vereitelt zu haben. So Bergeret, der am Tage nach seiner Freilassung bei der Sitzung im Rathaus präsidierte und auf irgend eine einträgliche Stelle lauerte ... Mehr als alles aber, mehr als diese persönlichen Konflikte, fürchtete die Kommune das gänzlich neu konstruierte Zentralkomitee, das seine gierigen Hände immer weiter ausstreckte. Da es das Schiff in Gefahr sah, trachtete es, seinen früheren Platz, seine führende Stelle wiederzuerobern. In der letzten Sitzung griff Moreau die unfähigen Nachfolger an: das Komitee müsse seine revolutionäre Aufgabe wieder übernehmen; eine neuerliche Versammlung der Nationalgarde müsse ihm ein bestimmtes, deutlich umgrenztes Mandat übertragen, damit es die höchste Kontrolle ausüben könne. Besonders aber hatten Raoul Rigaults letzte Taten und die gefährdete Lage des Polizeidelegierten Bersheim interessiert. Er erblickte in den beständigen Vergewaltigungen der individuellen Freiheit einen der schlimmsten Fehler der Kommune. Glücklicherweise hatte der Schurke durch seine Maßlosigkeit die Geduld selbst seiner Freunde erschöpft. Pilotell, der nicht nur die Schubfächer von Chaudey, sondern auch die Kasse des Blattes L'Eclipse geplündert hatte, indem er den Redakteur verhaften ließ, war abgesetzt worden. Auch hatte man der Gasgesellschaft die Summe von 183 000 Francs, die ihr bei einer Haussuchung abgenommen worden war, zurückerstattet. »Übereifer«, hatte der Offiziel konstatiert. Endlich wurde zur besseren Kontrolle jedes Mitglied der Kommune berechtigt, die Gefängnisse zu besuchen, und drei Delegierten wurde das Amt der Visitierung und der Enquete übertragen ... Kein Zweifel, daß Rigault, wenn er diesen Beschluß erfuhr, Skandal machen und sich gegen den darin ausgesprochenen Tadel zur Wehr setzen würde. Ungeduldig erwartete Bersheim die neuesten Nachrichten. »Da ist Georges!« sagte Frau von Grandpré. Ihre feinen Züge verklärten sich. Sie hatte ein ungemein scharfes Gehör, und ihr Mutterherz erriet in dem leisen Geräusch ferner Schritte die Nähe des Sohnes. In ihm, dem eleganten Manne mit dem sicheren Taktgefühl und den vortrefflichen Anschauungen, lebte sie selbst wieder auf. Mit gemessener Ruhe trat Grandpré ein, küßte seiner Mutter die Stirn und drückte Bersheim die Hand: »Hehe! Schöne Sitzung heute im Rathaus! Einer unserer ergebenen Freunde brachte uns eben den Bericht. Es geht ja gut zu in der Menagerie! Sie haben sich wieder einmal untereinander aufgefressen. Wenn das so fortgeht, findet man, wenn wir eines Tages die Tür öffnen, nichts weiter vor als »einen Haufen von Knochen und zerfetztem Fleisch für die Hunde«.« – Er lächelte über diesen Witz und fuhr dann fort: »Rigault hat verlangt, daß man den gestrigen Beschluß, wenigstens so weit er sich auf die Geheimgefangenen bezieht, widerrufe. Arnould fährt entrüstet auf, – was für Skrupel plagt diese Kerle? – protestiert gegen die Immoralität und die Ungerechtigkeit des Geheimverfahrens und fordert die Öffentlichkeit der Untersuchungen; Theiß tut desgleichen, Rigault erklärt, daß ohne Geheimverfahren keine Untersuchung und keine Polizei möglich sei und gibt seine Demission als Delegierter. Ferré schließt sich ihm an.« »Bravo!« rief Bersheim. »Und wer tritt an seine Stelle?« »Einer namens Cournet ... Freuen Sie sich nur nicht zu früh! Die doppelte Lücke in der Kommission mußte doch ausgefüllt werden; so ernannte man – wissen Sie, wen? – Ferré und Rigault. Wie gut die Kommission ist! Ganz wie die Clowns im Zirkus, die auf einer Seite die Tür zuschlagen und auf der anderen wieder erscheinen ... Es wäre komisch, wenn es nicht so traurig wäre.« Die Bemerkung traf zu. Bersheim nickte zustimmend mit dem Kopfe Grandpré strich sich in heimlichem Triumph den Schnurrbart. »Apropos, ich bin Du Breuil begegnet. Mit Geschäften überhäuft! Er kann nicht zum Diner kommen und wird Ihnen auf dem Bahnhof Lebewohl sagen ... Alles ist in Wirrwarr und Aufregung wegen der Ankunft und Unterbringung der neuen Korps von Clinchant und Douay. Die Armee ist nun komplett. Thiers hat allen Grund, stolz zu sein! Binnen sechs Wochen hundertvierzigtausend Mann zusammenbringen und diese imposante Belagerungsartillerie mit tausend Stück Munition per Geschütz – ein bisher für den Angriff eines befestigten Platzes unerhörtes Aufgebot, – vor Paris führen ...« Nachdenklich wiederholte sich Bersheim die Ziffern. Hundertvierzigtausend Mann, mehr als die Hälfte dessen, was Frankreich zu Beginn des Krieges gegen die Deutschen geführt hatte! Hunderttausend Mann gegen Franzosen!... Taub gegen diese Bemerkung, – mit Empfindsamkeit regiert man nicht! – fuhr Grandpre fort: »Haben Sie am Ufer des Schweizer Teiches die schönen Regimenter gesehen? Ihre feste, stolze Haltung erregt die Bewunderung aller.« »Ich sah sie vor Metz«, versetzte Bersheim bitteren Tons. Ein offizielles Zirkular hatte denselben Tag das Eintreffen der tapferen Soldaten von Gravelotte angekündigt und den Heldenmut ihrer Niederlage gerühmt. In einer gerechten, aber in solcher Zeit wie eine niedrige Speichelleckerei klingenden Huldigung feierte man die vom Schicksal Besiegten, die glorreich Geschlagenen als die zukünftigen Sieger. Mehr als einer unter ihnen mußte den Weihrauch allzu aufdringlich finden. Dieselbe Proklamation notifizierte mit befriedigter Härte die Kämpfe der letzten Tage und verkündete, daß am zwanzigsten Bagneux den Föderierten weggenommen, deren Angriff längs einer mit Leichen besäten Straße abgeschlagen, die verhaßte rote Fahne mitsamt ihrem Träger genommen worden war ... Nach Beendigung der Geniearbeiten sollten die konzentrierten Truppen bald zu den aktiven Operationen übergehen. Der totale Effektivbestand wurde einzeln aufgezählt: dreiundfünfzig Batterien jeden Kalibers, sechzig Marinegeschütze, fünfundvierzig Infanterieregimenter, zwei aus republikanischen Garden und Gendarmen gebildete Regimenter, dreizehn Kavallerieregimenter, zehn Chasseurbataillone, zehn Geniekompagnien, außerdem eine Reserve von sechzigtausend Mann. Grandpré rieb sich die Hände und betrachtete aufmerksam die glänzenden, wohlgepflegten Nägel. »Was die, Kraft zu vollbringen bereit ist, bereitet die List vor! Domalain und Charpentier haben eine ganze kleine Armee am Platze. Arrohnson ist im Begriffe, Cluseret, Cournet – und noch etliche andere einzuschließen! Boudard ist nahe daran, Passy zu erreichen und hält Oberst Laporte in Atem. Und das ist noch nicht alles!« Mit geheimnisvoller Miene betrachtete Grandpré noch aufmerksamer seine langen, schlanken Hände. Unwillkürlich blickte auch Bersheim darauf hin und ihm war, als könnte keine politische Arbeit deren makellose Weiße und Zartheit beflecken. »Wenn Sie zurückkommen«, schloß Grandpré, »sind wir jedenfalls wieder in Paris. Bis dahin wird es vorbei sein mit dieser Regierung von Affen und Tigern, mit dieser traurigen Hanswurstiade, die der Zielpunkt des Gespöttes für Europa und selbst für die neue Welt ist! ... Erinnern Sie sich dieser schönen Geschichte, wie Grousset urbi et orbi den schmeichelhaften Besuch meldete, mit dem der bevollmächtigte Minister der ... Äquatorrepublik ihn beehrt hatte! ... Haha! das war ein falscher Minister, mein Lieber! Die vortreffliche Farce eines schlechten Spaßvogels!« Die alte Dame seufzte: »Gott wird sich endlich unser erbarmen! Auch diese Zeiten werden vorübergehen.« Bersheim dachte an den Erzbischof und erkundigte sich nach dem Erfolg der versuchten Schritte. Doch Grandpré verhielt sich sehr reserviert. Es war noch nichts entschieden ... Indessen hatte, gleichzeitig mit Blanquis Freunden, der natürliche Protektor des Erzbischofs, Pius IX., sich in Bewegung gesetzt und dem Nuntius Chigi den dringenden Auftrag erteilt, die Vertreter der Mächte zur Intervention aufzufordern. Lord Lyons hatte sich der Aufgabe entzogen, der amerikanische Gesandte jedoch, der, mit der Vertretung der deutschen Interessen in Paris während der Belagerung betraut, sich beständig dort aufhielt, hatte sich bereit erklärt, die Vermittlung zu übernehmen. Ein permanenter, von Rigault ausgestellter Passierschein gestattete ihm, den Erzbischof täglich zu besuchen. So sah sich Thiers von zwei Seiten durch Bitten und Vorstellungen bedrängt. Wenig jedoch zu einer günstigen Antwort geneigt, besonders seit der Veröffentlichung des ersten Briefes über die Hinrichtungen, verschanzte er sich hinter die Notwendigkeit, den Ministerrat und die Kommission der Fünfzehn zu befragen ... Abbé Lagarde, nach vier Besuchen auf den zweitnächsten Tag vertröstet, benachrichtigte davon den Erzbischof und De Flotte und berichtete ihnen über den durch die Mitteilungen im Affranchi verursachten Mißerfolg ... Den 18., als alles beim alten blieb, hatte Monseigneur Darboy an seinen Vikar geschrieben und ihm nur noch vierundzwanzig Stunden zu bleiben erlaubt. Als Antwort darauf meldete Lagarde in einem mit Bleistift gekritzelten Billet, daß Thiers ihn immer noch zurückhalte; er würde schreiben, sobald wieder ... Den 23. brachte eine durch eine vertrauenswürdige, von Washburne und dem Nuntius entsandte Persönlichkeit überbrachte Ordre dem Geistlichen den Befehl, zum Erzbischof nach Mazas zurückzukehren: »Man konnte nicht begreifen, daß zehn Tage einer Regierung nicht genügten, einen vorgeschlagenen Tausch anzunehmen oder abzulehnen.« So standen die Dinge, in einem trüben, etwas verdächtigen Zwielicht, in einem trüben Mysterium von Berechnungen und Hintergedanken, das durch die Geheimhaltung der Entscheidung des Ministerrates und der Kommission der Zehn noch beunruhigender wurde. Bersheim wunderte sich, wie wenig Verständnis seine Sympathien für die Geiseln fanden. Er bewunderte Monseigneur Darboys edle Erscheinung, sein bewährtes Festhalten an den Grundsätzen der gallikanischen Kirche, die Größe der Ideen, mit der er im letzten Konzil die weltliche Macht bekämpft hatte. Er, der Protestant, sorgte um sein Geschick weit mehr, als die Katholiken. Grandpré kniff diplomatisch die Lippen zusammen: das war ein Gegenstand äußerter Zurückhaltung. Es war nutzlos, sich darüber in eine Diskussion einzulassen; er hätte dabei die intimsten Gedanken dessen enthüllen müssen, der in dieser Sache nicht die schönste Rolle spielte. Seine Mutter lächelte ihr gewohntes nachsichtiges Lächeln, das sich mit liebenswürdigem Wohlwollen in alles schickte und in dem wohligen Bewußtsein der gesicherten, behaglichen Existenz alles freundlich beurteilte. Anina und Klaire traten ein. Frau von Grandpré begrüßte sie mit herzlicher Anmut. Zärtlich betrachtete Bersheim seine Tochter und bemerkte, wie ein Schatten der Enttäuschung über ihre Züge flog. Sie dachte nicht an ihn, der für mehrere Wochen schied, sondern an Du Breuil, der für eine Stunde fern blieb! Unwillkürlich ergriff ihn ein Gefühl trauriger Wehmut ... Das war das ewige Gesetz: die Jugend strebt mit jedem Nerv ihrem Schicksal, dem Lichte zu, während die Alten Schritt für Schritt in den Schatten zurückweichen ... Was tun? So ist es eben! Wenigstens bauten seine Kinder sich ein glückliches Heim, an dessen häuslichem Feuer er ein entwurzeltes Alter wärmen durfte. Wenn nur Anina glücklich wurde und auch Maurice eine gute, liebe Frau fand, dann war seine Aufgabe erfüllt ... Den nächsten Morgen nahmen die Poncets in dem Speisezimmer, dessen Fenster trotz der kühlen Luft offen standen, ihren Milchkaffee. Im Gärtchen zwitscherten die Vögel in dem dichten Laubdach der im rosigen Schmuck ihrer Blüten prangenden Kastanienbäume. Durch den leichten Dunst funkelten gleich zahllosen Diamanten die Fenster von Paris im Glanz der Sonne. Frau Poncet, die eine große Brotschnitte mit duftend frischer Butter bestrich, sagte mit liebevollem Blick: »Das ist für dich, Martial. Heute gibt es keine warmen Kipfel.« »Allerdings«, bestätigte Poncet, »in den Backhäusern ist die Nachtarbeit verboten.« Er zuckte die Achseln. Martial ließ sich verhätscheln, während er sich in Sehnsucht nach Arbeit und im Gefühl seiner Ohnmacht verzehrte. Was tat er hier? Wie konnte man Künstler sein und Künstlerisches schaffen in dieser Umwälzung der ganzen Existenz, wenn die Quellen der Begeisterung allerorten vergiftet waren? ... Als Bürger verwarf er eine Partei nach der anderen und fand in keinem dieser Extreme eine gebieterische Triebfeder des Handelns. Fast beneidete er seine Eltern, die ihre Sorgen durch frische Tätigkeit betäubten. Seine Mutter, die unermüdlich in den Ambulanzen sich abmühte, als weltliche Krankenpflegerin den Nonnen zur Seite stand, den Verwundeten ihre Schmerzen linderte. Sein Vater ... Voll Verehrung betrachtete er die geistvollen Züge mit den feurigen Augen, die breite Stirn mit der grauen Locke. Der Chemiker schob seine Tasse von sich und blickte vergnügt über den klaren Himmel und das in durchsichtigem Dunste sich vor seinen Augen ausbreitende Paris. Dann wandte er sich zu Frau und Sohn und lächelte ihnen mit einer mit Schwermut gemischten Malice zu: »Das ist ein Datum, das einen Mahlstein in der Geschichte unserer Liga bedeutet. Dienstag der 25. April! Die armen Leute von Neuilly werden sich seiner erinnern! Ah! wenn der Waffenstillstand den Beginn eines wirklichen Friedens bedeutete, dann würde ich noch weniger all die Mühe bereuen, die er uns gekostet!« Wie vieler Versammlungen, Unterredungen und Schritte hatte es bedurft, um die Überlebenden aus ihren zertrümmerten Häusern, ihren Kellerlöchern, in denen sie sich verborgen hatten, zu befreien und vor dem Feuer, das seit drei Wochen von Versailles und von Paris aus Neuilly in einen Friedhof verwandelte, in Sicherheit zu bringen! Auf welchen Widerstand elender Eigenliebe war man gestoßen! Angesichts dieses an alberne Formalitäten sich klammernden Hochmuts, angesichts dieser Äußerungen unpersönlichen Hasses konnte man sich in ein von Wilden bewohntes Land versetzt wähnen. Neun Tage lang erschöpfte man sich in Besuchen und Vorstellungen, sowohl bei der rechthaberischen Kommune, als auch bei dem sich taub stellenden Thiers; man wurde von Cluseret zu Dombrowski, von Barthélemy Saint-Hilaire zu Ladmirault geschickt. Keiner konnte sich entschließen, als elfter die weiße Fahne aufzupflanzen. Endlich erhielten Bonvalet von Paris, Stupny von Versailles das gewünschte Versprechen ... Den 20. besinnt sich Versailles wieder: in eine Waffenruhe willigen, heißt, den Insurgenten die Rechte von Kriegführenden zuerkennen. Und das – niemals! ... Den 21. findet man einen Ausweg: zwei Delegierte der Liga – man hatte zuerst an Clemenceau und Floquet gedacht – sollten als Parlamentäre von Seite der Ordnungspartei, zwei andere von Seite der Aufständischen auftreten ... So war die Tradition gewahrt, der Stolz gerettet. Den 25., von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends, sollten die Kanonen schweigen. Der gestrige Tag war mit Vorbereitungen aller Art ausgefüllt gewesen. Während die Kommune, die die Ehre an dem Erfolg für sich in Anspruch nahm, fünf ihrer Mitglieder zu entsenden beschloß, um das Rettungswerk zu leiten und neben der Kundmachung der Liga eine offizielle Proklamation veröffentlichte, hatten Poncet und seine Freunde alle Kräfte in Bewegung gesetzt, um die Transporte und die Verproviantierung zu sichern. Alles war bereit: soeben sollten dreißig Ambulanzwagen, welche eine Anzahl von Geschäftsleuten und der Bon Marché zur Verfügung gestellt hatten, vom Industriepalast aus abfahren; das Haus Duval wollte Suppe, Fleisch und Brot verteilen. In den öffentlichen Etablissements und den verlassenen Häusern waren Wohnungen hergerichtet worden; ein von Malon erlassenes Dekret hatte den Bewohnern der bombardierten Straßen Unterkunft in den intakt gebliebenen Stadtteilen zugesichert. »Nun denn«, sagte Poncet, »es ist Zeit! Meinen Mantel, Agathe. Ich weiß nicht, wann ich nach Hause komme ...« Unermüdlich tätig, war er einer von den fünfunddreißig, die ihre Hilfe zugesagt hatten: die einen wollten sich in Permanenz in den Champs-Elysees halten, während er mit andern die Wagen nach Neuilly begleitete. Er war in so froher Stimmung, daß er zu pfeifen begann. Nein, noch war vielleicht nichts verloren. Einen Augenblick gab er sich dieser Hoffnung hin, die, so oft enttäuscht, immer wieder sich Bahn brach und sein Vertrauen in Frankreichs Hilfsquellen aufrecht erhielt; der gesunde Sinn des Landes mußte doch endlich recht behalten, dieses furchtbare Fieber sinken. Die Nation würde sich ins Mittel legen ... Nirgends entsagte die Versöhnungsliga ihrem Plane; die Bemühungen wurden beständig erneuert und verdoppelt. Vierundzwanzig syndikale Arbeiterkammern hatten sich dem Programm der Liga angeschlossen. Die National-Union für Handel und Gewerbe, ein erstes Mal in Versailles abgewiesen, entschloß sich zu einem neuerlichen Versuche. Die in Paris wohnenden Provinzialen vereinigten sich und beabsichtigten, sämtliche aus den Departements stammenden Einwohner zu gruppieren. Der Freimaurerbund beschloß die Entsendung von Delegierten nach Versailles, um in energischer Weise den Frieden zu fordern. Dreihundert Bürgermeister, Gehilfen und Stadträte der Arrondissements Saint-Denis und Sceaux, die sich in Vincennes versammelt hatten, verlangten in einer Adresse die Niederlegung der Waffen, die Verleihung umfassenderer Freiheiten, als die von dem neuen Gesetz verliehenen, die Gründung der Republik und vor allem die Befreiung von allen Repressalien. Der ehrenwerte Beslay forderte Thiers auf, seine Demission zu nehmen. Endlich erließ Schoelcher, während die Versailler Deputierten der Linken, die sich selbst zum Schweigen verurteilt hatten, in Privatbriefen die Qual ihrer Ohnmacht aussprachen, einen letzten Aufruf zu einer Transaktion. Martial reichte seinem Vater den Wettermantel mit dem abgetragenen Kragen und den alten Falten. Er hatte die Pariser Winter des Kaiserreiches, hatte die Kampagne im Kotmeer der Loire mitgemacht und würde wohl einst noch bessere Zeiten sehen, den festlichen Tag, da Soldaten und Volk einander auf der Straße brüderlich umarmen würden. Warum nicht? »Du hoffst?« fragte Martial ... »Man könnte glauben, daß du Dufaures Zirkular an die Generalprokuratoren nicht gelesen habest.« Als verständiger Biedermann hatte der Justizminister jeden Verteidiger der Kommune ihrer Wachsamkeit empfohlen. Den Zwist benützend, der aus dem einzig nach Frieden verlangenden Lande eine monarchische Nationalversammlung hatte hervorgehen lassen, überantwortete er jeden Schriftsteller, der seine Feder durch seine Angriffe gegen diese Nationalversammlung, »den freiesten und zuverlässigsten Ausdruck des allgemeinen Stimmrechtes«, entehrte, der Strenge der Gerichte. Ja, er ging so weit, jeden, der in einer »scheinbar gemäßigten, aber deshalb nicht weniger gefährlichen Sprache« sich zum falschen Apostel einer unmöglichen Versöhnung auswarf, dem Verdammungsurteil der Gesellschaft zu empfehlen. Poncet schnitt eine Grimasse: »Die polternde Stimme des Gendarmen, der seine Drohungen nicht ausführt. Die wenigst liberalen Blätter nehmen dieses heilige Recht der Versöhnung für sich in Anspruch! Es fehlte nur noch, daß man uns als Feinde behandelte! Gewiß setzen wir uns der rohen Ungerechtigkeit der einen oder anderen aus. Doch diese Verstimmung wird vorübergehen. Was ist ohne Versöhnung möglich? Solche Worte sind einer ordentlichen Regierung, einer französischen Nationalversammlung unwürdig. Dufoure hat ihre Absichten entstellt. Der Temps hat recht.« Er zitierte aus dem Gedächtnis einen Artikel, der demnächst erscheinen sollte und den er im Bürstenabzug gelesen hatte. Die Versöhnung ablehnen, das hieß Paris erstürmen, die Barrikaden mit Blut tränken! Das bedeutete den Überfall der Häuser durch die Insurgenten und die Truppen, die Auslieferung der Einwohner an die blinde Wut der Aufständischen, die Feuersbrunst in den Straßen, den Krieg bis aufs Messer, den man gegen die Preußen nicht durchzuführen vermocht! Nein, über der Gemeinde, über der Nationalversammlung stand die Sorge für den öffentlichen Frieden, standen die höchsten Interessen der Menschheit! Er setzte hinzu: »Louis Blanc hat es gesagt: »Die Gewalt gründet nichts, weil sie nichts löst ...« Jetzt aber muß ich fort.« Martial und seine Mutter begleiteten ihn bis zum Gitter. Im selben Augenblick öffnete sich die Gartentür. Atemlos trat Catisse ein, sein gutmütiges Gesicht trug einen sorgenvollen Ausdruck. Er drückte Poncet die Hand: »Welches Glück, daß ich Sie antreffe!« Und zu Martial gewendet: »Sie sind hier nicht mehr in Sicherheit! Ja, ich habe gestern in der städtischen Kommission eine nette Denunziation gehört: man beschuldigt Sie, Agent von Versailles zu sein. Es ist ja lächerlich, albern, aber es ist so! Es gibt im Komitee wachsame Leute, die keinen Spaß verstehen! Ich wollte Sie nur warnen ... Sie werden sich dank den Konnexionen Ihres Vaters aus der Schlinge zu ziehen wissen ... Aber als Abtrünniger und dem Gesetz der Marschbataillone unterstehend könnten Ihnen noch andere Unannehmlichkeiten erwachsen ... In einem so wütend roten Arrondissement wie das unsere ist ...« Die letzten Worte waren in einem Tone des Bedauerns gesprochen. Er gehörte zu dem Stadtviertel und liebte es. Jeden Dank abwehrend, entfernte er sich ebenso schnell, wie er gekommen. »Teufel!« sagte Martial. »Ich habe nicht die geringste Lust, die weiße Schürze wieder umzubinden.« Eines Tages hatte seine Mutter ihn als Krankenwärter in eine Ambulanz mitgenommen. Dort würde er in Sicherheit sein ... Doch er hielt es nicht länger als den einen Morgen dort aus. Nein, dazu fühlte er nicht den leisesten Beruf! Diese Anatomiestudien am lebenden Körper, die gebrochenen Beine, die geöffneten Bäuche, und dazu dieser Gestank von Brand und Eiter! ... Nun denn, wenn Paris nichts von ihm wissen wollte, dann ging er lieber fort. Poncet dachte einen Augenblick nach und schlug vor: »Willst du nach Charmont? Deine Tante Gabriele wäre gewiß glücklich ...« »Hauptsache ist jetzt nicht, zu wissen, wohin sich wenden, sondern, wie von hier fortkommen.« »Und mein Passierschein?« meinte Martial. »Ist gut für die Tore! hinter diesen aber stehen die Versailler Linien«, versetzte der Vater. »Die überschreitet man nicht so leicht.« Ein hermetischer Halbkreis umgab Paris, auf der anderen Seite durch den deutschen Gürtel geschlossen. Viele Flüchtlinge gerieten ins Netz der Vorposten, wie Fliegen im Spinngewebe, wurden hier aufgehalten, einem Kreuzverhör unterzogen, oft gefangen genommen und vermochten nur mit vieler Mühe, sich wieder freizumachen. Selbst die Briefe entgingen nur schwer diesen Hindernissen, in suburbanen Taschen von Emissären hin und hergeworfen. Die politischen Nachrichten wurden durch freie Ballons vermittelt, welche sie weit von der blockierten Hauptstadt über Städte und Dörfer forttrugen. Ein automatischer Schneller ließ die losen Blätter in zeitweiligem Platzregen auf die Erde niederschauern. Alle drei überlegten schweigend. Solange sie diesen Augenblick auch vorausgesehen hatten, so grausam empfanden sie ihn doch nun, da er gekommen war. »Das beste wäre«, schlug Frau Poncet vor, »wenn Martial dich nach Neuilly begleiten würde. Von dort aus könnte er vielleicht leichter, im Schutze des Waffenstillstandes ...« Sofort war der Entschluß gefaßt. Poncet kehrte in sein Arbeitszimmer zurück, entnahm einer Schatulle ein Tausendfrankbillet und legte es, als Reservefonds für schlimme Tage, in Martials Hände. Schon hatte seine Mutter ihn zum Abschied umarmt. Wann würden sie sich wiedersehen? Auf Nachrichten durfte man nicht rechnen ... Tapfer beherrschte sie ihre Rührung. Sie begleitete sie außerhalb des Gartens bis an das Ende der Straße; dort verließ sie sie nach einer letzten Umarmung, als sollten sie sich gleich wiedersehen. Als sie jedoch allein war, versagte ihr tapferer Mut; unbeweglich, die Augen von Tränen umflort, blickte sie lange noch ihrem Sohne nach. Die beiden Männer trafen nicht vor acht Uhr beim Industriepalast ein. In den Champs-Elysees häuften sich Fuhrwerke aller Art, von der Equipage angefangen bis herab zu den Möbelwagen, Omnibussen und Fiakern. Poncet übernahm die Führung eines Zuges. Die rote Karte des Kommissärs auf dem Hut, gruppierte er geschäftig seine Leute. Martial setzte sich neben ihn auf den Sitz eines Breaks; der Zug setzte sich in Bewegung. Je mehr man sich der Place de l'Etoile, näherte, je dichter strömte die Menge herbei. Auf der Schwelle der verödeten Häuser wagten sich die Portiers hervor. Immer noch zischten einzelne Granaten. Es war neun Uhr vorüber, als ein Geschoß neben dem Triumphbogen explodierte. Die Splitter beschädigten die mächtige Fassade, die kunstvollen Basreliefs. In der Avenue de la Grande-Armee pfiff eine zweite Granate und warf einen zum Zuge gehörigen Arbeiter, der seine Pfeife im Munde hielt, gegen einen langen, gelben Möbelwagen. Gespaltene Mauern, eingestürzte Dächer, geborstene Balkons, – so begann die schauerliche Verwüstung. Der Break fuhr zwischen einem Spalier von Trümmern dahin. Nicht ein Haus blieb verschont, Steine bedeckten das Trottoir, das Macadam war aufgewühlt, Kandelaber lagen der ganzen Länge nach zwischen den zerbrochenen Ästen. Trotz der roten Karte konnten die Wagen die momentan unbenutzte Porte-Maillot nicht passieren. Das Geschrei, das Gedränge, das Jammern der Verwundeten, die Bemerkungen der müßigen Gaffer verschmolzen in einen wüsten Lärm; ganz in der Nähe schossen aus dem Schlosse de l'Etoile die Flammengarben empor. Während Poncet und Martial die Ternes erreichten, verfolgte sie das tragische Bild der Porte-Maillot. Kaum eine Spur war von ihr übrig. Die ausgerenkten Zugbrücken hingen locker in ihren Angeln; die eingestürzten Schießscharten, die mit Trümmern gefüllten Gräben zeugten von der Erbitterung des Kampfes. Mit Mühe nur brach der Zug sich Bahn durch diese lärmende Menge, in welcher die die Passierscheine visierenden Gardisten im Bewußtsein ihrer Wichtigkeit sich bewegten. Beinahe verödet dehnte sich die Avenue du Roule; die ersten Häuser waren unversehrt. Bald wurde die trostlose Verwüstung sichtbar. Je näher man dem Boulevard d'Inkermann kam, je mehr sah man die Mauern von Kugeln durchlöchert, von klaffenden Spalten zerrissen, das Innere der Häuser dem Blicke geöffnet, die Tapeten in Fetzen herabhängend, die Möbel zertrümmert. Ein totes Pferd versperrte den Weg; unter den Rädern krachten die Scherben zerbrochener Gläser. Einer Barrikade ausweichend, sahen sie von ferne, auf einer gegenüberliegenden Barrikade, an welcher ein Detachement Geniesappeure arbeitete, mehrere Offiziere ihre Fernrohre richten. Poncet fühlte den furchtbaren Riß, der sie von ihm trennte, und dumpfe Erregung schüttelte ihm die Nerven. Hier und da kauerten hohläugige Einwohner in beschmutzten Kleidern, die Augen von Angst und Jammer unnatürlich vergrößert, und betrachteten mit scheuer Befriedigung die Retter mit den vollen Händen, den Sonnenglanz, der die Stille verklärte, die blaue Luft, in der die blühenden Gärten ihre Düfte ausströmten. Unbekümmert um Zerstörung und Plünderung prangte in ironischem Frieden die Fülle frischgrünenden Laubwerkes. Vor einem Hause der Rue Peyronnet, wo sich, wie es hieß, die Parlamentäre für Paris aufhielten, ließ Poncet den Break halten. Die Wagen reihten sich dicht neben den Proviantfuhrwerken. Ein Oberst von Dombrowskis Generalstab, ein Mann mit kalten Augen und blassem Gesicht, gab ihnen höflich Auskunft. Wo hatte Martial nur diesen Polen schon gesehen? Richtig, im Hof der Rue Soufflot, an dem Tage, als Blacourts Equipagen Tinets Habgier zum Opfer fielen! Auf die Mitteilung des beständig lächelnden Offiziers hin, daß die Parlamentäre sich nicht hier, sondern in Nummer 132 der Avenue de Neuilly, an der Grenze der von der regulären Armee okkupierten Position befänden, fuhren sie weiter. Unterwegs füllten sich die Wagen und wurden sofort zum Industriepalast zurückexpediert, wo die in Permanenz erklärten Mitglieder der Liga die Wohnungen anwiesen. Dieser ganze Teil von Neuilly war ebensowenig der Verwüstung entgangen: die Häuschen fielen wie Kartenhäuser zusammen, die Gerippe der Dächer streckten ihre gebrochenen Balken in die Luft; gespaltene Bäume neigten ihre entblätterten Kronen zur Erde. Überall lose hängende Türen, scheibenlose Fensterrahmen, der Boden mit formlosen Gegenständen, Spiegel-, Holz- und Eisensplittern bedeckt. In Wiesen und Straßen klafften schwarze Löcher. Unglückliche verließen ihre Keller, feuchte, stinkende Gefängnisse, in denen sie ihre verschimmelten Vorräte, das Bettelbrot der Föderierten, hatten verzehren, aus den Haufen von Flaschen, den eingeschlagenen Fässern den puren Wein trinken, auf den verfaulten Strohsäcken schlafen und gemeinsam ihre Bedürfnisse verrichten müssen. Viele waren krank oder verwundet, vor Fieberfrost zitternd, hohläugige Gespenster neben den Leichen ihrer Verwandten und Freunde, die, nur mangelhaft vergraben, dort als Speise der Ratten verwesten. Die ersten Berichte schon hatten Poncet und Martial mit Mitleid und Grauen erfüllt. Sie halfen, wo sie konnten, von der Erregung dieser Menge angesteckt, die inmitten von Rufen, Stöhnen und Umarmungen zwischen den Trümmern sich bewegte. Wie in einem Ameisenhaufen wimmelte es durcheinander; hier wurde man von einem vorbeieilenden Lastträger gestoßen, dort rannten geschäftige, durch die rote Karte gekennzeichnete Kommissäre ab und zu, die Hände von Hungrigen streckten sich den Schalen voll dampfender Suppe entgegen. Ganze Familien zogen aus; auf Rollwagen wurden mächtige Wäscheballen und Koffer aufgestapelt. Andere klammerten sich in sinnloser Angst an Fiakern fest und boten wahnsinnige Preise. Dazwischen sah man gleichgültige, fast blasierte Mienen: Stoiker, die sich weigerten, anderswohin zu gehen, um zu sterben; ein alter Marineoffizier schüttelte den Kopf, er hatte so vieles schon an Bord erlebt, er wollte sein Haus nicht verlassen. Hochbetagte Leute, die kein anderes Band als das langjähriger Gewohnheiten an die Scholle knüpfte, konnten sich nicht entschließen, ihre Kellerexistenz an einen anderen Ort zu verpflanzen. Gaffende Zuschauer schwatzten, Frauen beluden sich mit riesigen Fliedersträußen und pflückten mit vollen Händen die Blumen der Gartenbeete; das Ganze eine geschwätzige, animierte, augenblicklich getröstete Menge, welche in der Seltsamkeit des Schauspiels, diesen Bildern des Todes, eine festliche Zerstreuung fanden und sich des neugeschenkten Lebens, des belebenden Sonnenscheins und des berauschenden Hauches des Frühlings freuten. Nachdem Poncet seine Wagen abteilungsweise nach Paris dirigiert, hatte er mit Martial das Haus aufgesucht, in dem die Parlamentäre sich befanden. Den Fahrdamm versperrten Liniensoldaten in doppeltem Spalier. Ihre Bajonette blitzten. Beim Anblick der Rothosen erfaßte Martial ein unwillkürliches Gefühl der Sicherheit. Jenseits dieser Wachtposten lag der freie Ausgang, winkte die Freiheit ... Doch die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Poncet zeigte ihm einen ganzen Strom von Männern und Frauen, die gleich ihnen, in der gleichen Hoffnung, aus Paris hierhergekommen waren. Sie traten näher und horchten. Bitten, Beschwörungen begegneten einer formellen Ablehnung. Ein junges Mädchen bat schluchzend, jenseits der Linie ihre Eltern aufsuchen zu dürfen. Hohngelächter und gekreuzte Bajonette gaben der Grausamkeit dieser Maßregel erhöhten Nachdruck. Schon hatte man Störrige, ja sogar nur Neugierige, die sich zu nahe an die Posten herangewagt hatten, verhaftet. »Da läßt sich nichts tun«, sprach Martial. »Ich will dir Lebewohl sagen und versuchen, anderswo durchzukommen. Wenn nicht, so habe ich meinen Plan ...« Er erklärte: er gedenke, mit den Warentransporten über Saint-Denis, durch die preußischen Linien, sich zu drücken, da Versailles ihn nicht haben wollte. Die Kommune hatte den Durchzug von Transportwagen – mit Ausnahme von Mehl-, Waffen- und Munitionssendungen –, durch die nördlichen und östlichen Tore gestattet, um dafür die Versorgung der Hauptstadt mit Nahrungsmitteln durch die feindlichen Linien zu sichern. Da das Rathaus die Lieferung von Lebensmitteln nach Saint-Denis untersagt, hatten die Preußen wiederum die Einfuhr der Proviantwagen nach Paris verhindert. Die Kommune gab nach, da sie das Messer an der Kehle fühlte. »Ich begleite dich noch ein Stück«, sagte Poncet. Doch Martial stellte ihm die Schwierigkeit vor, zu zweien durchgelassen zu werden. »Sobald ich in Sicherheit bin, gebe ich Nachricht.« In schweigender Fassung umarmten sich die beiden Männer. Und den Abschied abkürzend, verlor sich Martial schnell zwischen den Truppen. Schweren Herzens und in bitterem Gefühl der Vereinsamung folgte Poncet seinem Sohne mit den Augen, solange er ihn noch erblicken konnte, und betrachtete dann die unbeugsame Schranke, den starrenden Wald von Bajonetten. Die Empörung, die er als Bürger empfand, erhöhte noch die Sorge seines Vaterherzens. Um ihre geringschätzige Toleranz besser zu markieren und ihre mörderischen Absichten zu bekräftigen, richteten die Kanonen vom Mont-Valérien und von Courbevoie ihr Feuer jetzt gegen Passy und Auteuil. Poncet fuhr bei dem unaufhörlichen Krachen der Schüsse in die Höhe. Plötzlich vernahm er in einer Pause ein fernes Getöse, das ihn, sobald er es erkannt, mit wachsender Sorge verfolgte. Von den südlichen Forts her dröhnte das Bombardement heftiger denn je. Seine Illusionen vom Morgen verflogen eine nach der anderen. Den ganzen langen Tag hindurch widmete er sich mit unermüdlichem Eifer seiner Aufgabe, half bei der Räumung eines Hospizes, begab sich auf die Suche nach Wagen, wurde hier geholt, dorthin gerufen und betäubte seinen Kummer und seine Sorge in angestrengter, mechanischer Tätigkeit. In der Villa der Rue Peyronnet traf er die Delegierten der Kommune im Gespräch mit Dombrowsky. Der Slave, klein, mager und blond, besaß nichts von dem, was damals zu einer stattlichen militärischen Erscheinung gehörte, doch machte die Energie, die aus seinem klaren Blick, seinen scharfgeschnittenen Zügen sprach, einen günstigen Eindruck auf Poncet. Hinter dem General, und diesen mit seiner hohen Gestalt überragend, ward Jacquenne sichtbar mit seinem durchwühlten, bleifarbenen Antlitz. Die roten Flecke auf den Wangen, der ungepflegte, verwilderte Bart und die fieberglühenden Augen verrieten die Anspannung des überreizten Gehirns, des ermatteten Körpers. Er brach beinahe zusammen unter der Last seiner zahllosen Aufgaben und der Sorgen aller Art: die verschiedenen Details in der Verwaltung seines Arrondissements, erregte Sitzungen, in denen in ununterbrochener Folge Entscheidungen getroffen werden mußten; Rivalitäten und Wettbewerb; seine kollektivistischen Utopien in Disharmonie mit vom Augenblick diktierten Maßregeln – und vor allem die furchtbare Last des Krieges, die Überhäufung von falschen Nachrichten und Befürchtungen, die Notwendigkeit, über alles zu wachen, auf alles gefaßt zu sein ... Bei Poncets Erscheinen wandte Jacquenne den Kopf ab. Die Bestrebungen der Liga dünkten ihn demoralisierend, ihr beständiger Schrei nach Frieden den Mut lähmend, – eine verdammenswerte Schwäche oder die kluge Berechnung einiger Ehrgeiziger, welche darauf lauerten, nach dem Sturz der Kommune die Erbschaft anzutreten ... Der Chemiker traf hier, ohne sie zu sehen, noch andere ihm bekannte Personen. Bei Tagesanbruch hatte Delourmel sich in einem offenen Leiterwagen aufgemacht, um seine in Neuilly wohnende, alte Erbtante zu holen. Seine Frau, die auf dem schmalen Brett saß, hatte einen Korb mit Viktualien, Leckerbissen, altem Wein und eine Rolle warmer Tücher vorbereitet. Ihre schwarzen Locken waren in beständiger Bewegung. Ihr Mann bedachte während der ganzen Fahrt alle verschiedenen Möglichkeiten. Ob Tante Elodie noch lebte? Ob sie das Testament finden würden? Er verwünschte den neulichen Erlaß des Justizdelegierten. Eine nette Idee, dieses Dekret, demzufolge Gerichtsdiener, Notare und alle Ministerialbeamte fortan von der Kommune ernannt und besoldet werden und ihr Einkommen der allgemeinen Kasse zuführen sollten; wer sich dieser Maßregel nicht fügte, konnte innerhalb vierundzwanzig Stunden abgesetzt werden. Wie konnte er bei dieser Reform, wenn die Tante tot war und das Testament angefochten wurde, eine regelrechte Kopie des in der Provinz, wo ihre Güter lagen, auszuführenden Urteils erhalten? Als sie in der Rue Borghese sich dem Häuschen ihrer Verwandten näherten, schlug ihnen das Herz ... Das Nest war leer. Sie durchsuchten alle Räume, sie riefen und schickten sich, da sie niemand fanden, an, einen Schreibtisch zu öffnen, als plötzlich eine lange, gespensterhafte Gestalt vor ihnen stand mit einem seltsam starren Blick im verschrumpften Gesichte. Unter fortwährenden tiefen Verbeugungen stammelte sie: »Gott Vater und die Heilige Jungfrau? ... Wollen Sie gefälligst Platz nehmen ...« Dann begann sie, auf einem Fuße in rasendem Wirbel sich um sich selbst zu drehen und dabei mit einförmiger Stimme zu singen: » La boulangère a des écus , Rata miou, rata miou, Qui ne lui coûte guère ... « Und plötzlich kauerte sie sich nieder, daß die Röcke sich wie eine Glocke um sie bauschten, und schrie mit gellender Stimme: » Pi-hou-hou-hou! « Entsetzt blickten Delourmel und seine Frau sich an: Tante Elodie war irrsinnig geworden! Mit tierischer Gefräßigkeit verzehrte sie den ganzen Inhalt des Korbes und knabberte vergnügt die Bäckereien. Beim Geräusch einer sich öffnenden Tür zuckte sie krampfhaft zusammen und klatschte beim Anblick des Fiakers in kindischer Freude in die Hände. Widerstandslos ließ sie sich fortführen, ja sie hatte sogar ein flüchtiges Aufflackern von Bewußtsein, als die Delourmels zögerten und Miene machten, in der Untersuchung des Schreibtisches, der Schränke und selbst der Geheimfächer fortzufahren. Mit geheimnisvoller Miene und höhnischem Lächeln zeigte sie auf ihre mit Goldstücken und Banknoten vollgestopfte Taille und ließ den Neffen auf ihrem eingefallenen Busen ein Säckchen betasten, in dem er zu seiner namenlosen Freude ein leises Knistern von Papieren spürte. Seine Frau machte ihm ein verständnisvolles Zeichen: das Testament! Man hob die alte Dame auf den Wagen, sie setzten sie zwischen sich und hielten sie fest, doch nicht fest genug, als daß sie nicht hätte von Zeit zu Zeit aufstehen und den ergötzten Zuschauern nach rechts und links Kußhände zuwerfen können. Bei Einbruch der Dämmerung, als die Tausende von Menschen, die sich den ganzen Tag an der reinen Luft und dem sorglosen Umherwandern berauscht hatten, wieder nach Paris und in das Gefängnis der Häuser und Gassen zurückströmten, – da kehrten auch zwei saubergekleidete Frauen, die trotz ihrer Einfachheit doch den Stempel natürlicher Vornehmheit trugen, heim. Sie gingen die Champs-Elysées hinab, durch welche der ungeheuere Strom der schwerbeladenen und überfüllten Fuhrwerke sich ergoß; durch die Fenster eines Omnibus blickten die blassen, erstaunten Gesichter der Zöglinge eines Mädchenpensionats; dahinter kamen Möbelwagen, hinter deren weißen Vorhängen Eisenbetten sichtbar waren. Betrunkene brachen sich, lebhaft gestikulierend, durch die lachende Menge Bahn. Liebespaare, mit einer blühenden Last von Flieder beladen, wandelten in zärtlichem Gespräch dahin. Fast keiner, der nicht große Sträuße von Levkojen, Schneeballen, Schlüsselblumen, Immergrün oder auch nur einen grünen Zweig aus den geplünderten Gärten heimbrachte. Bekümmert und besorgt um ihre Lieben, die dort unten, vor den dumpf donnernden Südforts, im Kampfe standen, schritten Therese und Rose Simon langsam dahin. Rose sog in langen Zügen den Duft der Veilchen ein, die sie im Garten einer verödeten Villa gepflückt. Durch den süßen Duft lächelte Louis' strahlende, kriegerische Schönheit ihr zu; wie in sanfter Liebkosung drückte sie ihre Lippen auf die zarten kleinen Blumen. Schweigend blickte die Mutter auf diese stille Träumerei. Sie hatte nur einen durch eine Kugel abgebrochenen Buchsbaumzweig aufgelesen, dessen bitterschmeckende Blätter sie nachdenklich abbiß. Wie diese Frauen, an denen er, ohne sie zu erkennen, vorüberging, wie all diese Wesen, die er nicht kannte, und die ihn umgaben, so fühlte auch Poncet sich von dem Zauber dieses herrlichen Abends bezwungen. Mit rosigem Schimmer übergossen, ragte der Triumphbogen in die purpurne Pracht der Wolken. In die linde Frühlingsluft, die seit einem Monat das Blut der Pariser mit frischen Säften durchströmte, mischte sich das magnetische Fluidum des ganzen, zu neuer Lenzespracht erwachten Landes. In den frischbelebten Gesichtern, in den Falten der staubbedeckten Kleider trug die Menge es heim. Der freie Hauch der grünen Wiesen, der schattigen Wälder drang durch die geöffneten Tore ein und erfrischte die glühende Stadt. Der gärende Saft, die Energie der unter dem warmen Kuß der Sonne entfalteten Erde, die leichte, reine Luft stieg wie ein Wein von Gold und Feuer in die Gehirne und brachte den Menschen für kurze Stunden den Segen des Vergessens, der Freude. Doch diese wunderbare Gabe, diese Fähigkeit eines Volkes, den Becher des Lebens in vollen Zügen zu trinken, während schon der Tod seine Ernte hält, wirkte nicht trostvoll, sondern tiefentmutigend auf Poncet. Er sah schärfer, er blickte weiter als diese sorglose Menge, die nicht einmal den Donner zu hören schien, der über den Horizont rollte, nicht das Getöse der zum erstenmal demaskierten Batterien, die von Breteuil, von Brimborion, von Meudon, Châtillon, Moulin-de-Pierre und Bagneux, von allen früher von den Deutschen besetzt gewesenen Punkten aus mit ihrem Hagel von Blei und Eisen Issy und Vaures verheerten. Vierter Teil. I. Am Morgen des 29. schritt Thédenat, den dichten, dem Louvre zuströmenden Gruppen folgend, den Quai Conti entlang und erfreute sich an der ruhigen Schönheit des Landschaftsbildes, des Anblicks der Inselspitze de la Cité mit ihren hohen Bäumen, die am Fuße der Pont-Neuf ihre smaragdgrünen Reflexe im sonnenglitzernden Wasser badeten, des Laubwerks des gegenüberliegenden, die edle Fassade des Louvre begrenzenden Quais; in der Ferne die Schieferdächer des Palastes, die grüne Masse der Tuilerien und unter den Brückenbögen den schimmernden Strom, dessen glatter, gleißender Spiegel unter dem festlich tiefblauen Himmel ruhig dahinfloß. Ein Fest war denn auch diese Kundgebung der Freimaurer für dieses leichtlebige, an jedem Schauspiel sich ergötzende Paris, das, vom Hauch des Frühlings berauscht, sich seines Lebens freute trotz des Feuers auf der ganzen zurückeroberten Linie, trotz der mit erhöhter Erbitterung wiederaufgenommenen Schlacht in Neuilly und des wütenden Bombardements, das mit allen Batterien des rechten Versailler Flügels Issy zermalmte und Vaures in Schrecken hielt. Von den beiden Forts war das erstere nur noch ein Trümmerhaufen, der aber trotzalledem unbeugsamen Widerstand leistete. Thédenat dachte an die Simons, die seit einer Woche in Issy standen; er hatte beim Fortgehen sich auf den Rat seiner Frau im Laden aufgehalten, um zu fragen, ob die beiden unglücklichen, einsamen Frauen nichts brauchten. Doch sie hatten mit ruhiger Würde abgelehnt. Immer noch verfolgte ihn der schmerzlich resignierte Blick der Mutter, Rosens verstörtes Antlitz mit den vom Weinen geröteten Zügen. Von allen Seiten flutete die lärmende Menge den von Föderierten bewachten Portalen des Louvre zu und betrachtete bewundernd oder spöttelnd im Vorüberziehen die mit Abzeichen und Schärpen geschmückten Freimaurer. Unter Vorantritt ihrer Banner marschierten in corpore die Vertreter der Logen dem zum Versammlungsort bestimmten Karousselplatz zu. Unzufrieden über Thiers' Haltung, über die ausweichenden Antworten, welche ihre Versöhnungsversuche fanden, hatte ein Teil des großen Geheimbundes beschlossen, einen letzten Versuch zu unternehmen, bevor man sich definitiv der Kommune anschloß. Trotz des Protestes des Rates der Großloge, welcher die Verantwortlichkeit dieser Kundgebung mißbilligte, hatten sich bereits mehrere tausend Angehörige der drei Riten, der Schottischen Loge, der Großloge und des Misraim, auf dem weiten Platze versammelt. Seit acht Tagen sprach man von nichts anderem, als von dem in der Zusammenkunft von Chatelet gefaßten Beschlusse: auf den Wällen die symbolischen Banner des Ordens aufzupflanzen als feierlichen Aufruf zur Verbrüderung, zum Frieden; wenn auch nur eine einzige Kugel sie traf, wollten sämtliche Ordensbrüder gegen den gemeinsamen Feind sich erheben ... Die Kommune hatte diese neuen Freunde, denen sie den ersten Beweis öffentlicher Sympathie verdankte, ehrenvoll empfangen; Jules Vallès hatte das Banner der Delegierten mit seiner roten Schärpe geschmückt. Heute war der große Tag, heute sollte eine Zeremonie stattfinden, wie man sie in solcher Großartigkeit seit der pomphaften Proklamation der von Paris Gewählten nicht mehr gesehen hatte. Thédenat betrat die Brücke der Saint-Pères, kam aber nur bis zur Mitte. Ein ungeheueres Gedränge versperrte den Weg und übertönte mit seinem fröhlichen Lärm die festlichen Klänge der Musikkapellen. Der Karrousselplatz, der Square Napoleon waren derart überfüllt, daß die gestoßenen und zusammengepferchten Delegationen sich in den leeren Tuilerienhof retten mußten. Ein bejahrter Arbeiter, der auf einen Kandelaber geklettert war, von wo aus er durch die Portale blicken konnte, meldete dies den Umstehenden. Die Musik kam näher, und zugleich strömte eine neue Menschenflut herbei. Gegen die Brüstung gelehnt, hörte Thédenat die Worte des Berichterstatters auf dem Kandelaber: »Da kommt ein Bataillon aus der Rue de Rivoli ... Berittene Offiziere sind dabei! und Mitglieder der Kommune: eine, zwei, drei, vier, fünf Schärpen! ... Man drückt sich die Hände! man verbeugt sich! ... Jetzt gehen sie wieder! ...« Behender, als man es seinem weißen Kopfe und seinem sechzigjährigen gebeugten Rücken zugemutet hätte, kletterte der Mann wieder herab. Mit seinem nägelbeschlagenen Stiefel stieß er an Thédenats Ellbogen; ohne sich mit einer Entschuldigung aufzuhalten, hinter der wogenden Menge der unter dem Portale sich drängenden Menge her und dem sich nach dem Rathause zu entfernenden Zuge folgend. Eine Wirtschafterin mit dickem Leib, auf den sie ihre gefalteten Hände und ihren Armkorb stützte, mit großen Augen und verzückter Miene, nahm Thédenat zum Zeugen: »Jetzt ist's doch gewiß, daß Versailles nachgeben muß! ... Sobald die Freimaurer auf unserer Seite stehen ...!« »Was du sagst!« warf ein Gassenjunge dazwischen. Das nichtssagende Gesicht der Gevatterin strahlte in Andacht und Verehrung. Was die Freimaurer eigentlich sind, wußte sie nicht; doch eben das Geheimnisvolle imponierte ihr, die mysteriösen Legenden, mit denen dies Wort umwoben war, der Ruhm dieser geheimen Macht erregten ihre Bewunderung. Diese Leute stammten von Salomon ab, sie machten die Könige zittern; sie regierten von ihren unterirdischen Stätten aus die Welt ... Thédenat lächelte. Von ferne folgte er den Wogen der zurückstauenden Flut und überschritt den mit Neugierigen übersäten Karrousselplatz. Es hätte ihm Spaß gemacht, dem Empfang im Rathaus beizuwohnen, doch scheute er die Ermüdung und auch die Hohlheit dieser Zeremonie. Und zufrieden, sich unter das Volk zu mischen, dessen Berührung, dessen ursprüngliches, leichtgläubiges, prahlerisches Wesen, dessen leichtentfachten Enthusiasmus er liebte, wandte er sich nach links, dem Konkordienplatze, wo die große Barrikade des Bürgers Gaillard sich zu erheben begann, und den Champs-Elysées zu, in deren breiten, schattigen Alleen er sich so gerne erging. Jawohl, leichtgläubiges Volk! Und leichtgläubig auch diese Männer voll Großmut und kindlichen Glauben, die sich einbildeten, mit dem Pomp ihres barocken Flitterwerks, mit den Emblemen ihrer Menschenliebe dem Angreifer imponieren und die wütenden Rachen der Kanonen zum Schweigen bringen zu können! Thédenat konnte nicht umhin, die heroische Selbstlosigkeit, das feste Vertrauen zu bewundern, welche diese Männer, zum großen Teile bejahrt und in gesicherten Lebensverhältnissen, drängten, sich denen zuzuwenden, die im voraus verurteilt und besiegt waren, dieser unfähigen und gewalttätigen Kommune, die vergeblich gegen das Chaos, aus dem sie hervorgegangen, ankämpfte, deren erste Aufwallung, deren dunkles Gefühl jedoch legitim waren und jedenfalls höher standen, als die greisenhafte Verblendung und die gehässige Verständnislosigkeit Thiers' und der Nationalversammlung. Trauriges Los, für ein Ideal zu leben, den Glauben an eine bewußtere, bessere Menschheit in sich zu tragen und sich an der Ärmlichkeit der Seele, der Wildheit der Instinkte wundzureiben. Er dachte an die wütende Ohnmacht eines Jacquenne, an die Reinheit seiner Träume, und fühlte mehr Sympathie für diese Sucher nach dem Absoluten, die, der fernen Zukunft zustrebend, über die Hindernisse der Gegenwart strauchelten, als für die hartnäckig sich an die fossile Vergangenheit festklammernden Nachzügler und Rückschrittler. Welch eine Rolle übernahm Thiers? Ein vor eine Riesenaufgabe gespannter Homunkulus, dessen großes Talent sich in der Diplomatie und in Geschäften zeigte, und das darin bestand, im Verein mit den Deutschen, zum Besten der Interessen Frankreichs, eine Situation zu entwirren, die zu verderben er vor allen anderen beigetragen hatte. Gewohnt, mit seinem klaren Forscherblick das Dunkel der Geschichte zu durchdringen, unterschied Thédenat deutlich die verworrenen Fäden, welche die Ereignisse leiteten. Die Nationalversammlung hielt zu Thiers nur im Bewußtsein der Mitschuld an der allgemeinen Gefahr, duldete ihn als den einzigen, der imstande war, mit dem fremden und dem inneren Feinde fertig zu werden, und fürchtete weniger seine vorübergehende, durch die Ereignisse und den Mangel an Rettern bedingte Suprematie, als die ihm zugeschriebene Neigung zur Republik. Indem er den Delegierten der großen Städte und den Vertretern der Liga die Wahrung der republikanischen Form zusicherte, schien Thiers sich gegen den Vertrag von Bordeaux zu vergehen, welcher lautete: status quo bis zur Verfassung. Das bedeutete, nach dem arroganten Geständnis einiger und dem stillschweigenden Vorbehalt der Mehrzahl den ersten Schritt zur Monarchie. Daher diese beständigen Reibungen, dieses nutzlose Zerren an der Kette einerseits Thiers', der die Majorität aufforderte, ihn seines Amtes zu entsetzen, andererseits der grollend nachgebenden Majorität. Besonders lehrreich war die Sitzung vom 27., in welcher Thiers, mit rednerischem Schwung die Qualen seines Gewissens geschildert und seine Zweifel geäußert hatte, ob in diesem grausamen Kriege das Recht allein auf seiner Seite stand. Audren de Kerdrel stürzte auf die Tribüne, schalt die Langsamkeit der Unterdrückung, sprach in verschleierten, aber durchsichtigen Worten von dem Willen des Landes und errichtete auf der Vision der neubefestigten Gesellschaft die künftige Krönung des Gebäudes. Die Nationalversammlung hatte in langandauernder Erregung die restaurierte Monarchie begrüßt und auf ihrem Giebel die weiße Fahne aufgepflanzt. Die Versöhnung! Es hatte Poncets jugendlichen Feuers bedurft, um daran zu glauben, während sie von allen Seiten verfolgt und verleumdet wurde, und Louis Blanc, der vor der Kammer als Antwort auf Dufaures Zirkular »Erbarmen mit dem leidenden und blutenden Frankreich« verlangte, von dem verdrießlichen Minister unwirsch angefahren wurde: später, wenn die Ordnung wieder hergestellt, wäre die Versöhnung am Platze! ... Die Verheißungen der Republik! Die den Bürgermeistern und Gemeinderäten von Lyon, Marseille, Toulouse, Bordeaux, Nantes gegebene Versicherung, daß, wenn ein Komplott gegen die Stürzung des gegenwärtigen Regimes in der Nationalversammlung existierte, er, Thiers, sich an dessen Ausführung nicht beteiligen wollte! Wahrhaftig, das war es nicht, was die Rechte beunruhigen konnte! Was hatte die Republik mit dem zentralisierenden, beschränkten Begriff des Ex-Ministers Louis-Philipps gemein, der sich nur eine Republik ohne Republikaner und sich selbst als deren Präsidenten vorstellen konnte. Was kümmerte ihn die Republik! Geweihtes Wasser, mit dem er die Besucher verschwenderisch besprengte, so daß sie bekehrt von dannen gingen. Gute Worte, die indessen die Untätigkeit der großen Städte sicherten, ihm dadurch gestatteten, seine Truppen ungeteilt zusammenzuhalten und gegen Paris, das heißt gegen die Demokratie, den letzten Versuch zu wagen. Nachher würde man ja sehen ... Paris niederschmettern, zertreten, das war die fixe Idee der Nationalversammlung und Thiers', der wollüstige Traum seiner Tage und seiner Nächte. Daher diese beständige, peinliche Sorge, alles zu vermeiden, was den Anschein hätte erwecken können, als ob er je die Soldaten von Paris als Kriegführende anerkennen würde. Courbet war ein Einfaltspinsel, daß er ihre Sanktionierung durch die europäischen Nationen durchsetzen wollte! Kriegführende töten sich ja gegenseitig auch, aber nach gewissen Regeln; ein besonderer Kodex stellt ihre gegenseitigen Rechte fest; man beobachtet gewisse Rücksichten. Denn auch der Krieg, diese furchtbare Geißel, hat seine Gesetze, die man gegen die Preußen gewahrt hatte. Diese rebellischen Franzosen als Kriegführende anerkennen, hieße vorerst sich selbst verurteilen und ferner sich des Rechtes begeben, sie zu züchtigen als außerhalb des Gesetzes stehende Verbrecher, als wilde Tiere, die man in den Käfig sperrt und erschießt. Kriegführende! Man hätte mit ihnen unterhandeln müssen, und das wollte Versailles um keinen Preis! Diese Furcht war die Ursache der Weigerung, an der Befreiung des Erzbischofs und des Präsidenten Bonjean mitzuhelfen. Thédenat hatte vom alten De Flotte vertrauliche Mitteilungen erhalten und kannte das Wort, das Barthélemy-Saint-Hilaire in Gegenwart Barral des Montants entschlüpft war: »Die Geiseln! Die Geiseln! Die Geiseln! Wir können aber doch nichts dafür! Was ist da zu tun? Umso schlimmer für sie!« Einstimmig hatten der Ministerrat und die Kommission der Fünfzehn, darüber zu Rate gezogen, sich gegen den Tausch mit Blanqui ausgesprochen. Und darunter waren Männer wie die Herzoge Andiffret-Pasquier und Decazes, die Generäle Ducrot, Martin des Pallières, die Admiräle La Roncière und Jaurégniberry, der Akademiker Vitet ... Thiers hatte gegen den Skandal eines solchen Handels laute Einsprache erhoben. Dieses Vorgehen würde die schlimmste Gefahr heraufbeschwören: die Rasenden brauchten dann nur noch Hand an das, was in Paris an ehrenhaften Elementen übrig war, zu legen, – freilich gab es in seinen Augen dort nur noch Briganten – um es hierauf gegen die schlimmsten Missetäter einzutauschen. Die Drohung erwidernd, hatte er verkündet, daß das Haupt der Henker für das der Opfer bürgen sollte. Jules Simon erklärte, daß die Geiseln in Sicherheit waren, und nur ein Befehl der Kommune sie dem Verderben ausliefern könnte, und angenommen, daß diese eines Tages wahnsinnig genug sein könnte, ein solches Verbrechen zu wollen, wären es niemals mehr als fünf Befreite, und zweitausend Geiseln blieben unter Androhung des Todes; Blanqui, in contumaciam verurteilt, wurde dann neuerdings vor Gericht gestellt; vorher ihn zu begnadigen, war unmöglich ... Und dann, den Aufständischen einen solchen Führer ausliefern! Überdies erklärte Favre, daß keine Garantie eine solche Transaktion sanktionierte; und hatte sie selbst alle Garantien geboten, er verwarf sie doch prinzipiell, denn er war der Meinung, daß es sich selbst entehren hieße, einen solchen Tauschvertrag zu unterzeichnen, und sollte es dem Erzbischof und seinen Genossen auch den Kopf kosten. Er gestand es offen ein: das hieße das Recht der Kriegführenden anerkennen und die nationale Souveränität der Versammlung untergraben. Die einzige Hoffnung, die vielleicht noch blieb, war nicht, wie die Union der syndikalen Kammern wünschte, daß beide Parteien die Waffen niederlegten und, die Kommune wie die Nationalversammlung, sich der Wiederwahl des Landes unterwarfen, auch nicht, wie der Temps präkonisierte, daß ein fünfundzwanzigtägiger Waffenstillstand erklärt und eine neue Kommune gewählt würde unter den Formen des von der Nationalversammlung votierten Gesetzes und mit dem Auftrag, über die Grundlagen der Aufrechterhaltung der Republik, der munizipalen Freiheiten und einer allgemeinen Amnestie zu unterhandeln. Ebensowenig waren es all diese individuellen Projekte, welche auf verschiedene Lösungen hinarbeiteten; gestern Henri Martin, heute Victor Considérant. Nein, wenn es noch die Möglichkeit einer Rettung gab, dann lag sie darin, daß die großen Städte Thiers' Erklärungen nicht für bare Münze nahmen, nur auf das Gebot der Solidarität und die Stimme ihres Herzens hörten. Daß alle Widerstand leisteten, um Paris vor der Vernichtung zu schützen! Am 25. hatte Bordeaux die Initiative ergriffen, um die Vertreter der Städte Frankreichs in einem Kongreß zu vereinigen. Sie sollten aus den künftigen Munizipalräten gewählt werden, die man am 30., in Ausübung des neuen Gesetzes in ganz Frankreich wählen sollte. So würde das allgemeine Stimmrecht sie, einer auf zwanzigtausend Einwohner, designieren, damit sie in geheimer Versammlung über die Mittel berieten, dem Bürgerkrieg Einhalt zu tun und die Republik zu befestigen. In diesem nationalen Bestreben, in diesem vereinigten Willen der Städte lag das letzte Rettungsmittel. Thédenat wiederholte sich, was ein Billett von Poncet, durch die auvergnatische Magd ihm überbracht, ihm gemeldet hatte. Ermattet und durch das Ausbleiben jeder Nachricht von Martial beunruhigt, teilte der Chemiker ihm mit, daß er die drei Delegierten von Bordeaux nach ihrer Ankunft aufgesucht habe. Ihre Berichte über die Sitzung der Liga lauteten ziemlich ungünstig. Thiers und Barthélemy-Saint-Hilaire hatten wieder einmal ihr höhnisches Ultimatum gestellt. Gleichviel, wenn nur der Kongreß zustande kam und die großen Städte ihre Wünsche zum Ausdruck brachten! Denn trotz der schwulstigen Bulletins, mit denen Thiers die Provinz überschwemmte, hoffte Thédenat von der edlen Saat des Jahres 1789, von der Revolution den langsamen, aber stetigen Fortschritt des Jahrhunderts. Gewiß war von der Landbevölkerung, von den zu dem Stückchen Erde, das sie ernährte, heimgekehrten Bauern noch nichts zu erwarten, während aus den Städten, den großen Arbeiterzentren, die bei der Bewegung der Kommune gezittert hatten, und in denen die soziale Entwicklung gärte, vielleicht eine bedeutsame Tat hervorgehen konnte. Das Land würde sprechen und durch liberale Wahlen beweisen, daß es nicht eines Herzens mit dieser Nationalversammlung war, die, nur für den Frieden einberufen, in keinem tatsächlichen Zusammenhange mit dem Lande stand. Thédenat war längst wieder zu Hause, als gegen ein Uhr unter lärmenden Zurufen und wüstem Gedränge der Zug, nachdem er den üblichen Paradeweg zurückgelegt, über den Bastillenplatz und die großen Boulevards bei der Madeleine anlangte. Wie eine lange, bunte Schlange wand sich der Zug dahin: mehrere tausend Freimaurer, von blauen, roten, grünen, weißen, schwarzen, mit Gold und Silber gestickten Schärpen schimmernd. Die Rosenkreuzer trugen um den Hals das rote Band, die Kadoches-Ritter die gekreuzte schwarze Schärpe mit den Silberfransen. Fünf durch das Los gewählte Mitglieder der Kommune bestätigten durch ihre Gegenwart die offizielle Vereinigung. Von Bannern starrend, die von Würdenträgern der Logen getragen wurden, und deren Falten im Rhythmus der Schritte gleißten, wogte der Strom der Fußgänger und der Wagen unter dem Schwanken der Friedensfahnen. An der Spitze, von dem Ordensbruder Thirifocq und einem weißhaarigen Greise, welcher mit Beslay abwechselte, getragen, flatterten nebeneinander die große weiße Fahne der Loge von Vincennes, die in scharlachroten Buchstaben die Worte trug: » Laßt uns einander lieben! «, und die von der Kommune gespendete rote Flagge. In einem offenen Fiaker, dessen Lenker unter einer im Peitschenhalter befestigten Fahne thronte, saßen drei Männer: im Fond ein greiser Freimaurer mit pergamentgelbem Gesicht, dem die weißen Haare aus Nase und Ohren wucherten und in breitem Strome über die eingesunkene Brust wallten. Neben ihm und ihn überragend Fernol mit dem wuchtigen Körper und dem schwarzen Bart. Auf der reichgestickten, neuen Uniform, die als einzige Zeichen des Kampfes große Sirupflecken trug, prangte die rotgoldene Schärpe des Zentralkomitees kreuzend, eine andere, ebenfalls goldgestickte, aber blaue Schärpe. Im Besitz seiner freimaurerischen und militärischen Ämter sich blähend, feierte der ehemalige Zimmermann voll Begeisterung die Schönheit der Zeremonie. Ihnen gegenüber auf dem schmalen Bänkchen saß Thérould zusammengekauert und gab seinem weichen Filzhut mit einem Faustschlag eine verwegene Form. Brennende Röte färbte seine vorspringenden Backenknochen und durchzog die Äderchen seiner von Alkohol glänzenden Augen. »Euch, die von der Kommune, erstickt nicht die Freundschaft fürs Zentralkomitee! Zum Teufel, nein! ... Und sie tut doch, was sie kann! Möchte sehen, wie ihr euch an ihrer Stelle benehmen würdet!« Ein verächtliches Lächeln, das über die stolzen Züge des Toulousaners glitt, bekundete, daß diese Eventualität, weit davon entfernt, Fernol zu erschrecken, ihm vielmehr verlockend erschien. Er dachte: Nur Geduld! der Wind kann sich drehen. Die mit dem Zentralkomitee verwachsene Nationalgarde, die Retterin vom 18. März, die Zuflucht der Zukunft, begann, dieser von Unfähigen ausgeübten Gewalt müde zu werden, in der ihre eigenen Mandanten untergingen. Es handelte sich nur noch darum, der richtigen Stunde zu harren, das Werkzeug war gefunden ... Im Komitee wie anderwärts begann man unter der Oligarchie der Direktion einen Mann von Willenskraft und Begabung herbeizusehnen, der fähig wäre, in einer Militärdiktatur die Ausführung auf sich zu nehmen. Fernol war einer von jenen, die aus verschiedenen Gründen, aus Gewohnheit des Gehorchens, aus Intelligenz und Patriotismus, Rossels Ansehen duldeten. Mit seiner dröhnenden Stimme erklärte er: »Glücklicherweise haben Bürger Cornabasse und alle guten Brüder wie er sich zur Verteidigung von Paris erhoben! Die Welt soll sehen, auf welcher Seite Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu finden sind.« Schweigend hüstelte der Greis in seinen wallenden Bart. Seine hoheitsvolle Miene, seine gedankenschwere Stummheit flößte seinen Gefährten Ehrfurcht ein. In wohlbedachten Worten und kühnen Schmeicheleien warben sie um den Beifall eines solchen Schiedsmannes. Doch, gleichsam in seinen Zeiten und Räumen schwebend, schien der Würdenträger in die Betrachtungen eines unerforschlichen Mysteriums versunken. »Der Ballon ist nicht mehr zu sehen!« sagte Thérould, aufmerksam den Himmel betrachtend. »Er ist schon fern!« erwiderte Fernol mit Grabesstimme. In dem Augenblick, als der Zug sich ordnete, um das Rathaus zu verlassen, war ein Luftballon aufgestiegen, welcher die Aufschrift trug: Die Kommune an Frankreich . In überschwänglichen Worten schilderten die beiden ihre mächtige Rührung, als vorhin, im Hofe Louis XIV., die Delegierten der Logen in feierlicher Weise von der versammelten Kommune empfangen worden waren. Die Vertreter von Paris, mit der Schärpe geschmückt, warteten auf der Höhe der Doppeltreppe aus weißem Marmor, über die vergoldete Rampe des geräumigen Vorplatzes gebeugt. Rot umgürtet, von roten Fahnen umgeben, überragte sie die Statue der Republik. Durch das riesige Fenster fiel goldiges Licht auf die mit Porphyrsäulen geschmückte Halle, auf den menschenwimmelnden Hof. Funkelnd reihten sich die Banner auf den Stufen, und unter den feierlichen Klängen der Marseillaise wurden nicht minder feierliche Reden gehalten. Nachdem Felix Pyat als Vertreter der Regierung in prunkhaften Worten, Beslay als Ehrenmann in gerührtem Tone gesprochen, hatte Léo Meillet die rote Fahne überreicht. Thirifocq hatte in seiner Antwort die Bedeutung dieses Tages erklärt; sie würden zu ihren Brüdern, den Soldaten, sagen: »Soldaten des gleichen Vaterlandes ... kommt und umarmt uns, der Friede sei geschlossen!« Und wenn dieser Ruf ungehört verhallte, dann wollten die Freimaurer aller französischen Provinzen dem Beispiele folgen und überall, wo Truppen gegen Paris geschickt würden, sie von ihrem Vorhaben abzubringen suchen. Wenn aber die Versailler Kugeln nicht aufhörten, die Wälle zu treffen, dann wollten alle sich den Kriegskompagnien anschließen, um Paris zu verteidigen und mit Paris zu sterben. Thérould erklärte dieses Glaubensbekenntnis als herrlich und erhaben. Innerlich jedoch ließ es ihn kalt, denn er erwartete von den Bemühungen dieser Greise nur geringen Erfolg. Von Absynth verbrannt, von Gelagen und Lustbarkeiten übersättigt, lebte Thérould jetzt in täglich wachsender Zügellosigkeit seinen wachen Traum. »Kurz und gut!« Mit dieser Devise, die er bei jeder Gelegenheit anführte, bezeichnete er die überhasteten Handlungen, mit denen er seine Stunden ausfüllte. Er war eine verbrauchte Maschine, die nur unter dem Hochdruck des Alkohols noch funktionierte. Zuweilen, in Augenblicken klaren Bewußtseins, überlegte er und sah düsteren Blickes hinter sich die Jahre wilder Sinnlichkeit, vor sich das tragische Unbekannte. Der Absinth des Abends, der Wermut am Morgen verscheuchten diese Anwandlungen. Dann stürzte er sich um so ungestümer wieder dem tollen, roten Karneval, dem Vergessen des Augenblicks, den flüchtigen Liebesabenteuern in die Arme und berauschte sich an der warmen Luft dieses Frühlings mit den goldverklärten Tagen, den linden, sternenklaren Nächten. Im Grunde blieb er ein guter Kerl, der seine Beförderung bei der Polizeipräfektur – Rigault, mächtiger denn je in seinem neuen Amte als Generalprokurator der Kommune, hatte ihn zum Direktor irgend einer Abteilung ernannt – benutzte, um unentgeltlich jedem, der sein Mitleid zu erregen wußte, Passierscheine auszustellen. Blacourt aber hatte er schön ablaufen lassen, als »dieser Freßsack der Belagerung, dieses Schwein!« ... zu ihm gekommen war, um einen Paß von ihm zu erbetteln. Mit Augurmiene brütete der Greis ihm gegenüber in seinen endlosen Bart. Obgleich er von Zeit zu Zeit mit einem Kopfschütteln, einem Lächeln an dem Gespräch teilzunehmen schien, dachte er in Wirklichkeit an gar nichts, höchstens daran, daß die Sonne zu warm schien und im Falle eines Platzregens sein neuer Überrock, der einzige, den er besaß, durchnäßt würde. Das war die einzige Sorge seiner kindisch gewordenen Seele. Vergeblich bemühte sich Fernol um seine Gunst; er, der sich keinen anderen als rednerischen Kämpfen aussetzte, bewunderte den Mut des Greises, der, seine Seidenfahne schwenkend, den Kugeln und Granaten entgegenging und sein Leben wagte. Der Wagen rollte durch die Rue Royale; der Zug hatte sich in mehrere Kolonnen geteilt, die alle dem Triumphbogen und den Toren entgegenstiebten. Im Faubourg Saint-Honoré sammelte sich wieder eine dichte Menge: Gleichgültige, bewundernde oder spottende Zuschauer, und vor allem Frauen. Fernol erregte mit seinen Schärpen die Heiterkeit einer Gruppe: »Da schaut, dieser Bänderkram!« Gegen drei Uhr – der Himmel hatte sich inzwischen getrübt – löste sich unter dem unausgesetzten Hagel der Kugeln und Granaten, die einen Bruder der Schottischen Loge verwundeten, eine Gruppe von hundertzwanzig Männern aus dem Gros der unter dem Triumphbogen und dem Zugang zu den Alleen angesammelten Manifestanten. Die Delegierten der Logen und die siebzig Bannerträger betraten unter Vorantritt der Parlamentärfahne die Avenue der Grande-Armee. Die kleine Gruppe verlor sich in der Ferne. Fernol und Thérould suchten im Gewoge der Flaggen diejenige ihrer Gefährten zu erkennen. Das Feuer der Geschütze hörte erst auf, als längs des Walles, von der Porte Bineau bis zur Porte Maillot die Flaggen aufgepflanzt waren. Der Greis mit dem wallenden Barte hatte mit Hilfe eines unerschrockenen jungen Burschen die seine in Reih und Glied befestigt und verbrachte hier, gleich den anderen, die Nacht, in seinem neuen Überrock frierend und über dem edlen aber machtlosen Wahrzeichen wachend. Erst am Abend erfuhr man durch einen der drei Parlamentäre, die bei den Vorposten von General Montaudan empfangen worden waren, die erste Phase der Unterhandlungen. Selbst dem Freimaurerorden angehörend, hatte der General beim Anblick der Banner die Feindseligkeiten eingestellt; mehr konnte er nicht tun; ein Wagen sollte die beiden anderen Delegierten nach Versailles bringen, wo Thiers ... Während die Hauptführer der Freimaurer in einem Hause der Avenue de Wagram ihre Rückkehr erwarteten, die Nacht verstreichen, den Morgen dämmern sahen, genossen im Fort Issy auf den Trümmern einer kasemattierten Deckung einige Nationalgardisten einer kurzen Ruhe und streckten, auf dem Boden liegend und in die von den Matrosen während der Belagerung zurückgelassenen Decken gehüllt, mit offenen Augen ihre halbgelähmten, todmüden Glieder. Nach fünf Tagen unausgesetzten Bombardements, nach einem endlosen Orkan, der die Granaten in verheerenden Schauern aus den ehemaligen preußischen Schulterwehren blies, nach vier ruhelosen, schlaflosen Nächten, waren die letzten Stunden so heiß gewesen, daß die Überlebenden der Garnison, eine Handvoll Männer, sich versammelt hatten, um in kurzem, tierischen Schlummer ihr Fieber, ihr Bangen zu betäuben. Die Brustwehre stürzten in die Gräben; längs des zerstörten Walles stand kein Geschütz mehr; über den Trümmern der Forts, über den Ruinen der Kasernen stieg eine regenschwere Dämmerung auf, einen trüben Morgen verkündend. Seit dem 15. spieen von der Terrasse von Meudon, von Moulin-de-Pierre, Chatillon, Brimborion, von Breteuil, von der Diogeneslaterne und der Brücke von Sevres aus fünfundzwanzig Belagerungsgeschütze ihr verheerendes Feuer; von sechzig Kanonen hatte jede einzelne mehr als vierhundert Schüsse abgegeben. Am Abend des 26. erstürmten, nach einem Bombardement, das den ganzen Tag hindurch Issy mit Kugeln überschüttet hatte, zwei Regimenter der Division Faron die Moulinaux, welche den vorgeschobenen Posten zwischen dem Strom und dem Fort bildete und den Zugang zur Festung hinderte. Häuser und Barrikaden wurden aus der Erde gerissen, der Boden war mit Leichen bedeckt. Seit langer Zeit fanden, den Haß schürend, bei den Vorposten, zwischen den Rekognoszierungspatrouillen tägliche erbitterte Gefechte statt. Versailles war nur noch achthundert Meter von den Glacis entfernt. Den 27. und 28. dauerte unter Sonnenschein und zeitweise strömendem Regen die Kanonade fort, die Anlage einer zweiten Parallele deckend. Diese mündete auf die Positionen, gegen welche die Föderierten ein erbittertes Kleingewehrfeuer richteten. Endlich, den 29., eroberten die Brigaden Derroja, Berthe und Paturel in einer durch verdoppelte Anstrengungen der Batterien vorbereiteten Attacke in ehrlichem Kampfe den Friedhof, die Pariser Laufgräben und den Park, während zwei Kompagnien sich des Gutshofes Bonamy bemächtigten, wo sie dreißig Mann töteten und fünfundsiebzig gefangen nahmen. Ohne daß das Fort es ahnte, war Versailles bis auf kaum dreihundert Meter vorgerückt. Aus dem Schlafe aufgeschreckt, weniger durch die ganz nahe krachenden Flintenschüsse, als durch den Schmerz, den seine von einem großen Steinsplitter herrührende Quetschwunde an der Seite ihm verursachte, richtete sich der alte Simon mit einem Seufzer auf. Er reckte seine erstarrten Beine, seine schweren Arme. Er hatte einen bitteren Geschmack im Munde, sein Bart war mit Kot bespritzt, das Gesicht von Pulver geschwärzt. Plötzlich flammten seine Augen auf: der ganze wütende Taumel dieser Kampfeswoche ergriff ihn wieder mit voller Macht. Er tastete nach dem neben ihm liegenden Schläfer. Der Junge war so müde, Vater und Sohn hatten, als sie den Lärm vernahmen, die Flinten gepackt und waren zum nördlichen Tor gestürzt, um sich unter die beim Park stehenden wackeren Männer zu mischen. Man tat, was man wollte, jeder schlug sich, wie es eben kam, die Befehle der Offiziere wurden nicht befolgt, der Kommandant Mégy hatte den Kopf verloren. Kein übler Mensch vielleicht, dieser Mégy, berühmt geworden durch den Pistolenschuß, mit dem er vor dem Kriege einen mit seiner Verhaftung beauftragten Kerl niedergestreckt hatte, aber als Gouverneur nicht tüchtig genug! Seine Oberstenuniform, sein verwegenes Gesicht vermischten sich in Simons Gehirn mit anderen Bildern. Nach erbittertem Handgemenge waren sie vor einer Stunde zurückgekehrt und hatten sich, völlig erschöpft, auf dem Boden ausgestreckt. Wo war Anatole? Der Vater lauschte auf das Geknatter der Chassepots. In regelmäßigen Schüssen antwortete die schwache und hartnäckige Stimme dem Getöse der Versailler, die ganz nahe, hinter ihren frisch aufgeworfenen Schulterwehren, den Glacis gegenüber, unausgesetzt ihre Geschosse entsendeten. Der Junge amüsierte sich jedenfalls in Gesellschaft seiner Kameraden. Simons Blick schweifte über das Bild der Zerstörung und suchte das von roten Blitzen durchzuckte Dunkel zu durchdringen. Im Osten stieg der blasse Schimmer des neuen Tages empor. Hie und da ging ein Zittern über die rings umher ruhenden Leiber; das Blech der Feldflaschen blitzte; von Zeit zu Zeit ward das Stammeln eines lauten Traumes, das unbewußte Stöhnen eines Verwundeten vernehmbar. Der Schuster stopfte seine Pfeife, um mit dem Duft seines geliebten Tabaks diesen Geruch von Schmutz und Feuchtigkeit von sich fernzuhalten. Die Kohlenglut im rauchenden Ofen zuckte unter dem Hauch der gleichmäßigen Atemzüge. Von tiefer Traurigkeit erfaßt, überdachte er die gegenwärtige Lage: die Kommune gefährdet, die Reaktion zur Herrschaft gelangt. Woran dachten Cluseret und die Kommissionen? Sie eine ganze Woche ohne Ablösung, ohne Verstärkung hier zu lassen! Wohl war der Delegierte vor zwei Tagen hier gewesen, hatte hier einen Tadel geäußert, dort einen Befehl erteilt; doch sprechen ist leichter, als handeln. Bildeten sie alle sich ein, daß es genügte, zu reden? Wenn die Gesättigten der Nationalversammlung, die Generäle von Badingue, und hinter ihnen die Reichen, die Fetten, all das, was man die Gesellschaft nennt, wieder einmal mit Kartätschen das Volk zerschmetterten! Er dachte an das Fort, das, unter dem von allen Seiten niederprasselnden, mörderischen Hagel, mit einer erstickenden Staubwolke und umherfliegenden Trümmern angefüllt war; er sah die zertrümmerten, verbrannten Geschütze wieder vor sich, unermüdlich wieder auf ihre Lafetten gehoben und in die zerstörten Schießscharten zurückgebracht, die Kumpane, die dort ihr Leben gelassen und unter eiligst aufgeworfenen Erdhaufen faulten. Bontrot, der Mechaniker, ein Stückrichter ersten Ranges! Er war gleichzeitig mit seiner Kanone umgekommen; eine Kugel hatte mit dem Erz der Kanone auch das Gehirn des Mannes gesprengt. Der Bauzeichner Larizelle, der immer sang und den eine in die Kehle gedrungene Kugel für immer stumm gemacht hatte. Und der kleine Huvin, genannt der Panther von Montrouge, mit den pomadisierten Schmachtlocken, ein schlechter Kerl vielleicht, der aber doch Mut im Leibe hatte! Zum Henker, man bewegte sich nicht unter Herzogen und Marquisen! Aber es war nicht seine, Simons, Schuld, wenn die seinen Herren wie Martial Poncet sie im Stich ließen und der Pöbel unter sich blieb! Immerhin gab es doch Ausnahmen... Wer hatte jene beiden jungen Leute, die dort, Arm in Arm plaudernd, die Deckung entlang schlenderten, den Leutnant und den einfachen Gardisten – gezwungen, sich unter die rote Flagge zu stellen? Freundlichen Blickes folgte Simon ihren vornehmen Gestalten. Nein, dieser junge Bürger, den sie an Martials Stelle gewählt hatten, Pierre Dury, der Kandidat der Philosophie und der Rechte, war kein Arbeitersohn, war nicht durch ein Dasein der Erniedrigung und des Elends der Empörung in die Arme getrieben worden; der Dreiundzwanzigjährige, vor dem eine ruhige und gesicherte Zukunft lag, hatte sich voll ehrlicher Begeisterung in den Hochofen der Revolution gestürzt. Jedermann liebte seine offenen Züge, seine klaren, jedem frei ins Antlitz blickenden Augen, seine warme, hinreißende Rede. Und dieser Prinz Levidoff, unter dessen mädchenhaftem Teint und flachsblonden Haaren sich eine unbeugsame Energie, eine eiserne Seele und stahlfeste Nerven verbargen! Er hatte mehr als einmal Thédenats Vorlesungen im College de France gehört, war der eifrigste Besucher der Kollegien über Philosophie, Chemie und andere schöne Dinge auf ie und, wenn man dem Leutnant glauben durfte, gelehrt wie die Gelehrtesten. Es hieß, daß er in seiner Schneeheimat einen Palast und unbegrenzte, mit Dörfern besäete Domänen besaß ... Sie waren nicht die einzigen, die selbstlos der Sache der Armen dienten; da war auch noch der wackere Vater Pontois – Simon suchte ihn mit dem Blicke ... richtig, er stand ja seit gestern abend auf Wache! – der Uhrmacher aus der Rue Saint-Jacques, ein wohlhabender, unterrichteter Mann, er öffnete nur selten den Mund, war pünktlich und gewissenhaft bei jeder Arbeit und tapfer im Feuer. Der Anblick solch selbstloser Hingebung bestärkte Simon in seiner Überzeugung, daß das Recht auf Seite seiner Partei sein müsse! Und Wut erfaßte ihn bei dem Gedanken, daß der am 18. März so leicht errungene Sieg ihnen entschlüpfte, daß der erstickende Kreis um Paris und die allein inmitten der Gleichgültigkeit des Landes, unter dem Feuer der verfluchten Kanonen Widerstand leistende Revolution sich enger und enger schloß! Wenn man daran dachte, daß dieser trübselige Morgen vielleicht der letzte war, der die rote Flagge von dem Fort flattern sah, daß man bald diese zerschossenen Mauern, diese zusammenstürzenden Erdwälle verlassen mußte, während die Kasematten noch reiche Mengen an Lebensmitteln, Kugeln und Kartätschen bargen, und die steinernen Mauermäntel fast unversehrt waren! Das Knattern des Gewehrfeuers dauerte fort. Louis lag in ruhigem Schlafe. Simons Pfeife erkaltete allmählich. In dumpfer Träumerei, mit immer schwerer werdenden Augenlidern betrachtete er den langsamen Anbruch des Morgens, die auf und ab wandelnden Gestalten Levidoffs und des Leutnants. Pierre Dury, der den Kragen seines Mantels aufgeschlagen hatte, wandte seinem neuen Freunde sein von der Kälte bleich gewordenes Gesicht zu, in dem die Augen freundlich und heiter leuchteten; die vollen, roten Lippen unter dem seinen, blonden Barte lächelten. Neben ihnen streifte zischend ein Kugel vorbei: »Nein, es ist nicht persönliche Furcht, was mich Ihre Auffassung zu absolut finden läßt. Ich weiß, was wir aufs Spiel setzen; diese Kugel mahnt uns nur zu lebhaft daran! Ich weiß, daß wir dank der Entkräftung unserer Führer und unserer Leute gezwungen sein werden, die Festung zu verlassen, daß wir heute Issy, morgen Vaures, übermorgen Paris verlieren werden ... Ich weiß, welche Schlacht die Straßen mit Strömen von Blut füllen wird! Und das schreckt mich nicht, ruhig ergebe ich mich in alle Konsequenzen, und finde an diesem heißpulsierenden Leben eine ebenso tiefinnere Freude, wie Sie. Zum ersten Male seit der dumpfen Betäubung, in die das Kaiserreich Frankreich versenkt, seit dem fruchtlosen Aufflammen während der Belagerung empfinde ich das berauschende Bewußtsein, voll und ganz zu fühlen und zu handeln. Nur frage ich mich, ob ich mit eben diesem Ungestüm unserer Sache diene, ob ich nicht vielmehr damit den Fortschritt aufhalte ... Ich frage mich, ob wir dem höheren Sinne der Revolution getreu handeln, ob wir nicht den Weg verrammelt haben, statt ihn zu ebnen. Unterliegen wir, so ist es die Vergangenheit, die alles löst und bedeckt ...« Levidoff zuckte die Achseln und sprach leise mit seiner ruhigen, tonlosen Stimme. Das Gesicht blieb unbewegt, nur die breiten Nasenflügel bebten. Obgleich er jünger als Dury schien, lag doch in seiner frühreifen Kälte eine absolute Sicherheit. Seine slavische Intelligenz, die sich im Jünglingsalter schon dank einer ungeheueren Belesenheit Künste und Wissenschaften angeeignet hatte, drang, an reine Spekulationen und den Gebrauch der verschiedenen Philosophien gewohnt, bis auf den streng logischen Grund der Ideen. Es galt, reinen Tisch zu machen, bevor man mit dem Neubau beginnen konnte. »Kind!« sagte er. »Was gilt ein, was gelten tausend Menschenleben? Ein Erdbeben wird kommen und die Erschütterung wird so lange dauern, bis das alte Gebäude zusammenstürzt. Sehen Sie, es gibt ein höheres Gesetz, dem nichts sich entziehen kann, dem Menschen und Dinge sich beugen müssen. Das ist die Bewegung, das aus dem Tode neuerstehende Leben, das langsame, aber stetige Drängen der Menschheit nach einem gerechteren, brüderlicheren Ideal ... Die Leute der Vergangenheit sagen: Ebbe und Flut, Stagnation, es gibt keinen Fortschritt, nicht einmal in der Wissenschaft ... Selbstsüchtige Lügen! Blasphemien! ... Es gab eine Zeit, da tief unter dem Menschen der Sklave stand! Und die Welt ist fortgeschritten seit der Zeit, da in Ninive Hunderte von menschlichen Lasttieren unter Peitschenhieben die riesigen Granitblöcke, die gigantischen geflügelten Stiere schleppten ... Wie die Demokratie immer höher steigt, so wandelt sich und schafft die Wissenschaft. Eine immer größere Anzahl von Menschen gelangt zur Bildung, zum Wohlstand. Eines Tages werden diese Privilegien das Los aller sein ... Dann wird es keine Kirchen und keine Könige mehr geben ... Die Gewissen werden von allem Zwang befreit sein ... Die Herrschaft der Gerechtigkeit wird der Herrschaft der Gewalt folgen. Um dieses Ziel zu erreichen, schnell zu erreichen, gilt es, zu wagen. Die gewaltsamste Tat ist die beste. Je stärker der Stoß, je mehr werden wir den Zusammensturz der alten Gesellschaft mit ihren egoistischen Sitten, ihren veralteten Gesetzen beschleunigen.« So plauderten die beiden miteinander mit dem Vertrauen und der Begeisterung ihrer Jugend. Und Dury ließ sich von der ernsten Überzeugung dieses Revolutionärs mit fortreißen, der, von hoher Geburt und großem Vermögen, alles verließ, um in die Reihen dieser Männer aus dem Volke zu treten, das so verschieden war von ihm und seiner Rasse, diesem tragischen Heute sich zu weihen, dessen Schoße das Morgen ihrer Träume entstehen sollte. Plötzlich wird das Getrappel herbeieilender Schritte, Geschrei und Zurufe laut. Simon springt auf. Der Leutnant und Levidoff eilen Anatole entgegen, der ihnen von weitem schon zuruft: »Vater! Die Versailler sind da!« Atemlos erklärt er: man focht, ohne sich zu sehen. Allmählich jedoch tauchten in den Laufgräben gegenüber der Angriffsfront, bis auf den Friedhof, sich hin und her bewegende Rothosen auf ... Ein Schritt noch, und sie fingen die Garnison wie in einer Mausefalle. In einer Sekunde verbreitete sich die Nachricht und weckte die Schläfer. Aus den Winkeln der Trümmer, aus den Kasematten, in denen der Generalstab sich verborgen hielt, stürzten drängend und kopflos die Leute herbei. Und plötzlich gab es für diese dreihundert erschöpften, von Ermattung und Fieber trunkenen Leute keinen Führer mehr, dessen Stimme sich hätte Gehör verschaffen können. Die einen schrien Verrat, die andern wollten, daß man sich zur Wehr setzte. »Nur zu!« schrie einer. »Daß wir diesen Wilden in die Klauen fallen! Ich habe keine Lust, mich wie ein Hund totmachen zu lassen!« ... Man erinnerte an die drei Gefangenen, die neulich, bei Belle-Epine, auf der Stelle von einem Offizier durch Revolverschüsse niedergestreckt worden waren. Das wirkte beruhigend auf einige. Vergeblich erließ Dury, von den Simons, Levidoff und Pontois umgeben, seine Befehle. Man suchte nach Mégy, jedermann wollte raten. Der Leutnant befahl den Geniearbeitern, ihre Werkzeuge zur Hand zu nehmen und einige unbedingt notwendige Reparaturen auszuführen; sie verweigerten den Gehorsam. Simon wandte sich zu den Gardisten: »Braucht's denn gar solcher Überlegung, um ein paar Erdsäcke herbeizuschleppen? Vorwärts, Leute, ein Handgriff ...« Das Beispiel wirkte. Kaum jedoch hatte ein Häuflein Männer einige Säcke auf den Rücken geladen, als eine Gewehrsalve das Geländer wegriß. Auf allen Gesichtern malte sich Furcht und Entsetzen. Aufpasser meldeten, daß die Versailler immer näher rückten. Sie wandten sich der Seine zu, um die Festung zu umzingeln. Unter Streitigkeiten, unter dem Fassen und Verwerfen aller möglichen Entschlüsse verging die Zeit. Ein Artillerist wurde von einer Kugel am Kopfe getroffen, als er eben im Begriff war, ein in den Trümmern einer Schießscharte stehen gebliebenes Geschütz zu richten, und fiel wie ein Stück Holz um. Das erhöhte noch die Panik. Umsonst verschwendete Levidoff Bitten und Vorwürfe, die Entscheidung war unwiderruflich. Nach langem, tapferen Widerstande, der tausendmal dem Tode getrotzt hatte, gaben die Nerven plötzlich nach. Trotz Durys Vorstellungen schürte die Kompagnie der Simons die Tornister und rangierte sich, ihre Gewehre ergreifend, hinter den Trümmern einer Kaserne, um zum letzten Male Rat zu pflegen. Einer der Leute, Rougeard, der verschwunden war, erschien wieder: »Man räumt die Festung. Befehl des Kommandanten Mégy. Die Marinesoldaten verstopfen die Kanonen.« Louis tauschte mit seinem Vater einen schmerzlichen Blick und sagte leise: »Man hat getan, was man konnte. Hier können wir nichts mehr helfen. Wir müssen jetzt an die Frauen denken, die unser bedürfen!« Düster schweigend, stimmte Simon zu. Der Lärm schwieg jetzt, es war totenstill geworden. Als um elf Uhr die letzten Männer der Besatzung längs des Querwalles, gegen den das Feuer nun mit verdoppelter Gewalt wütete, abmarschierten, fanden sie unter dem Nordtor zwei Burschen in hitzigem Streit. Die Simons, die sich bis zum letzten Augenblicke nützlich erweisen wollten, hatten, als man davon sprach, die Festung ln die Luft zu sprengen, die Pulverfässer herbeirollen geholfen; eines derselben hatte man aufs Geratewohl unter der Wölbung liegen lassen. Dann entfernten, als die Kompagnie abrückte und Mégy verschwunden war, auch sie sich, von der Panik mitgerissen, die Tapfere und Feiglinge bis zu den Toren der Befestigungen trieb, andere in die Häuser und Gärten von Issy drängte, wo zerstreute Bataillone sich noch hielten. Der alte Simon und Louis waren kaum bis zur Kirche gelangt, als sie Anatoles Verschwinden bemerkten; sie wandten sich zurück, als sie ihn von ferne kommen sahen, von Dury geführt und sich schnäuzend, um seine Tränen zu bemänteln. »Er wollte,« erklärte Dury, »mit seinem Kameraden, dem kleinen Dufour, zurückbleiben, um beim Eindringen der Versailler das Pulverfaß anzuzünden. Sie rauften sich um die Ehre, die Lunte in Brand stecken zu dürfen. Dufour sagte: »Du hast Eltern« ... Und da führe ich einen fort. Der andere ist mir zwischen den Fingern durchgerutscht.« Ohne den Dank abzuwarten, wandte sich der junge Mann und kehrte in die Festung zurück, wo Levidoff hartnäckig durch die Keller streifte, um, die Minenkammern zu suchen. Dieser regnerische Sonntag war einer der melancholischsten, welche Poncet in dieser langen Reihe trauriger Sonntage verlebt. Er war als einer der ersten in der Rue de Wagram gewesen, um Thiers' Antwort an die Parlamentäre der Freimaurerschaft zu erfahren, und war von der Nachricht ihrer Niederlage nicht überrascht gewesen. Innerhalb weniger denn fünf Minuten hatte der Chef der Exekutivgewalt sie abgewiesen, denselben Abend noch sollte das Feuer gegen Neuilly wieder aufgenommen werden. Bangen Herzens und von Sorge um den Sohn erfüllt, den er so gerne in Sicherheit gewußt hätte, war Poncet hierauf zu Thédenat gegangen, wo er seine Frau vorfand. Es war ein trübseliges Frühstück gewesen, das die vier in dem traulichen kleinen Speisezimmer vereinigte. Als Thédenat und Poncet sich in den Hof des Louvre begaben, wo die Allianz der Departements in einem großen Meeting ihre Zugehörigkeit zur Kommune manifestieren sollte, rieselte ein feiner Regen herab. Unbestimmte, unheilvolle Gerüchte, von erregten Gruppen kolportiert, verbreiteten die Nachricht von der Räumung von Issy. »Das ist der Anfang des Endes«, sprach Thédenat. »Wenn die munizipalen Wahlen heute nicht in ganz Frankreich eine republikanische Richtung einschlagen, so daß Versailles statt eines ohnmächtigen, seinen Zorn reizenden Peitschenhiebes den Keulenschlag empfängt, der seiner Macht ein Ende bereitet, wenn der Kongreß von Bordeaux nicht zustande kommt, ist Paris verloren. Von außen allein kann jetzt noch Rettung und Hilfe kommen. All diese wackeren Leute aus den Departements, die das Bürgerrecht erworben oder durch längeren Aufenthalt Pariser Art angenommen hatten, und die Millière um sich gruppiert hat, bedeuten für die Kommune, und mehr noch für ihre legitimen Prinzipien bis für ihre zusammengestückelte Macht, eine vergebliche Hilfe. Eine rührende, aber fruchtlose Hingebung! In den Augen von Versailles sind sie verdächtig, im voraus verurteilt: ein Haufen von Narren mehr im Käfig.« Poncet schüttelte den Kopf: auch jene vermochten nichts in dieser Sache! Er betrachtete mit Thédenat den geräumigen Hof, in dessen Mitte, über den fünf- oder sechstausend Provinzialen, auf einer roten Tribüne das Komitee der Allianz thronte. Etiketten an den Hüten, irrten Leute durch die Gruppen, nach den Weisungstafeln suchend, welche in großen Buchstaben die korrespondierenden Namen trugen: Vendée, Savoyen, Aveyron, Nièvre. Man sah in dem einer Riesenlandkarte vergleichbaren Hof des Louvre die Bürger sich, in Departements geteilt, auf ihren geographischen Plätzen gruppieren. Ein Miniaturbild Frankreichs. Schwach klangen die Reden durch den weiten Raum. Der Regen schwemmte die großherzigen Worte weg. Als die Manifestanten sich nach dem Rathause zu in Bewegung setzten, Nationalgardepiketts und rote Fahnen an der Spitze, prasselte der Regen in Strömen nieder. Poncet und Thédenat suchten in einem überfüllten Kaffeehaus Schutz. Wie an einem gewöhnlichen Sonntag verschleierte dichter Tabaksqualm die hohen Fenster und Spiegel. Kellner eilten vorbei, schäumende Bierkrüge in den Händen balancierend. Die Unterhaltung nahm ihren gewohnten Gang. Während viele politische Gespräche führten und die letzten Dekrete der Kommune kommentierten, saßen die meisten, friedlich scherzend, an den Spieltischen und vergnügten sich bei Ramsch oder Manille oder legten lachend die harmlosen Dominosteine. Ein Mann mit dickem Hängebauch, dessen Finger mit einer dicken, über der Weste prangenden Goldkette spielten, lobte mit wichtiger Miene Avrials Gesetzentwurf (Zurückstellung sämtlicher Gegenstände unter dem Wert von zwanzig Franks durch die Pfandleihanstalt), den Erlaß, welcher den Brotherren die Einziehung von Strafgeldern untersagte, und jenen anderen, der trotz der Reklamationen der in ihrer Arbeit gehinderten Arbeiter selbst alle Nachtarbeit in den Backhäusern untersagte. Als menschenfreundlicher Rentier hielt er sich an die Theorie der Prinzipien, ohne danach zu fragen, ob sie vorteilhaft oder auch nur ausführbar seien. Ein Anderer äußerte, wahrend er sich die fettglänzende Glatze trocknete, in versteckten Worten – denn man war von Spionen umgeben – seine Entrüstung über die bevorstehende Demolierung der Kapelle Bréa, welche kürzlich beschlossen worden war, während der als einer der Urheber des Mordes von 1848 verurteilte Bürger Nourry so bald als möglich von der Kommune aus Cayenne befreit werden sollte. Poncet und Thédenat blickten sich lächelnd an: mit welch illusorischen Spielereien suchten die Herren von Paris über die Nichtigkeit ihrer Handlungen hinwegzutäuschen! Sie horchten. Ein langer, dürrer Kerl, eine rechte Don Quichottegestalt, perorierte: Der Bürger Jourde hatte recht daran getan, von den großen Eisenbahngesellschaften die zwei Millionen zu fordern, welche diese dem Staate noch als Rückstand von den Steuern schuldeten. »Ist denn die Kommune der Staat?« protestierte der Mann mit der Glatze. »Man täte gut daran, die Löhnungskasse zu revidieren! Ich kenne einen Hauptmann, der drei Mann hat und die Löhnung für dreißig bezieht! Es kommen skandalöse Mißbräuche vor; eine große Menge Gardisten treiben einen förmlichen Handel mit ihrer Equipierung und ihren Uniformen, die doch Eigentum des Volkes sind.« »Man täte besser«, meinte der Don Quichotte und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten, »den Schwätzer Beslay seines Amtes bei der Bank zu entsetzen und in die Kassen zu greifen ...« »Ja«, dachte Poncet, »das wäre der Gewaltstreich richtiger Revolutionäre.« Thédenat und er waren im Interesse des Fortschritts und einer langsamen Entwicklung froh, daß die kleinen Heberts und Marats des Rathauses noch nicht diesen anarchistischen Versuch gewagt hatten, welcher die Adern des Landes geöffnet und es in seinem Herzen, dem Eigentum, getroffen hätte. So hätte man vielleicht, wie eine Partei es in der Presse, im Rat und in den Delegationen verlangte, besonders nach dem 18. März, Versailles terrorisieren und es zu Unterhandlungen zwingen können. Doch um welchen Preis! Glücklicherweise hatte der alte Beslay die unmittelbare Gefahr gezeigt: den Bankerott. Die Bank in den Händen der Kommune, ihr Bargeld konfisziert, das bedeutete nichts anderes, als die totale Entwertung der plötzlich den Markt überschwemmenden Banknoten zu bloßen Papierfetzen, zu Assignaten. Wie hätte man dann die Zahlung der Kriegsentschädigung, die kommerziellen Transaktionen sichern sollen? Dieser Zusammenbruch des öffentlichen Vermögens hätte unfehlbar die Intervention Deutschlands zur Folge gehabt, gegen die Bismarck sich vor kurzem auf der Tribüne des Reichstages gewehrt hatte. Der Qualm wurde immer dichter, die Reihen der Bierkrüge immer größer, gleichgültig schwirrten die Stimmen durcheinander ... Draußen empfing sie wieder die ewig näselnde Musik der Almosensammler: »Für die Witwen und Waisen, wenn's beliebt!« Man sprach von nichts als von Issy; wie während der Belagerung bei der Nachricht von Le Bourget, zogen Bataillone auf den Place de Greve und forderten mit lautem Ungestüm nähere Aufklärung. Thédenat und Poncet folgten in der Absicht, Jacquenne zu suchen. Sie betraten das Gebäude. Zur selben Stunde warf sich Cluseret, der bei den kopflosen Nachrichten aus dem Fort, dessen Garnison er unterwegs in voller Auflösung traf, spornstreichs fortgeeilt war, in das Dorf, drängte mit den Resten der Bataillone Wetzel die Versailler Tirailleure zurück und drang bis zu den Laufgräben vor. In Zivilkleidung und weichem Hut warf er seine Befehle zwischen das Gewehrfeuer und gab sich unerschrocken dem feindlichen Feuer preis. La Cecilia und seine Verstärkungen eilten herbei; mit ihrer Hilfe drang der Delegierte in die große, verlassene Ruine, die Versailles, die Gunst des Augenblicks nicht zu nützen verstehend, unbesetzt gelassen hatte. Unter der Wölbung des Tores wartete noch immer der kleine Dufour, auf dem Pulverfasse sitzend und die Streichhölzchen in der Tasche bereit haltend. Die Festung schien völlig leer, doch nach und nach tauchten aus den Trümmern einige Tapfere auf, unter ihnen Levidoff und Dury, unbeugsame Entschlossenheit in den bleichen Zügen. Allmählich trafen weitere Verstärkungen, sowie die schleunigst vom Rathaus entsandten Kanonen ein und besetzten von neuem die einstürzenden Bastione, das barrikadierte, von Kugeln zerrissene Dorf. Der Überfall war bereits abgeschlagen, als sein Gegenstoß Paris und das Rathaus in Aufruhr versetzte. Es war wie ein siedender Dampfkessel. Die Empfangsreden, die Dankreden des Komitees der Allianz, das Gemurmel der beunruhigten Bataillone und vor allem der heiße Kampf, der seit zwei Tagen die Meinungen spaltete und der jakobinischen und blanquistischen Majorität die sozialistische Minorität entgegenstellte, füllten die Säle, die Zofe und Treppen mit einem brausenden Durcheinander von Uneinigkeit und Erregung. Poncet und Thédenat, von Gruppe zu Gruppe geschickt, in die Winkel der Säle zurückgedrängt, wohnten in den Kulissen dem Drama bei, das sich hinter der Tür des Sitzungssaales abspielte. Je schneller die Ereignisse einander jagten, je tiefer ward die Kluft zwischen den beiden Tendenzen, so unlösbar sie auch in gewissen Punkten miteinander verschmolzen waren: einerseits die alten und die jungen Nachahmer des Jahres 1793, trotz des großen offiziellen Manifests Anhänger einer zentralen, dominierenden Gewalt, die alle Gewalttätigkeit besiegen mußte, – andererseits die Sozialisten, zwischen Kommunismus und Altruismus schwankend, weniger exaltiert, von einer Regierung des Volkes durch das Volk, von dem anarchischen Ideal der freien Vereinigung der Gemeinden träumend. Unter den ersteren Weißbärte aus dem Jahre 48, Delescluze und Pyat, jugendliche Sektierer wie Rigault und Grousset, die Unwissenden der Klubs und der Bataillone. Alle einmütig bereit, sich auf jene zu stürzen, die bei der ersten, dann bei der zweiten exekutiven Kommission die Stange gehalten hatten und noch hielten, um sich gegenseitig der Schwäche und der Unfähigkeit zu beschuldigen, wenn sie sich nicht, wie Vermorel und Pyat, in persönlichen Streitigkeiten zersplitterten; alle das Schiff unter sich krachen fühlend, der nach einem Retter, jener nach einem politischen Heilmittel suchend. Seit dem 28. disputierte man in geheimem Komitee über Miots Vorschlag: Gründung eines Komitees des öffentlichen Wohles. Tags vorher hatten die Delegierten der Ministerien, Cluserets und seiner Nonchalance überdrüssig und erschreckt über das Überhandnehmen der militärischen Desorganisation, Rossel zu sich beschieden und ihn über die Lage und seine Meinung befragt. Von der ruhigen Klarheit seiner Antworten begeistert, hatten sie beschlossen, ihn zum Nachfolger Cluserets zu ernennen. In dem steinernen Bienenstock, in dem die Lampen angezündet worden und die fieberhafte Geschäftigkeit dieses scheidenden Tages herrschte, erkannten Thédenat und Poncet an dem Zuschlagen der Türen, dem wüsten Stimmenlärm und dem aufgeregten Kommen und Gehen den dumpfen Nachhall der Ereignisse. Sie sahen Pindy, den Kommandanten des Rathauses, vor der Tür des Sitzungssaales Cluseret verhaften; er zeigte ihm eine unterzeichnete Ordre und führte ihn, der von der Wiedereinnahme von Issy noch ganz staub- und kotbedeckt war, inmitten eines Piketts von Nationalgardisten fort. Sie wußten bereits, daß Rossel am Nachmittag seine Ernennung zum Kriegsdelegierten angenommen hatte. Ohne Jacquenne angetroffen zu haben, verließen sie das Gebäude, von dem Schauspiel, das sich dort vor ihnen abgespielt hatte, peinlich berührt. Alles kündete eine neue Phase. In dem Anfall eines hitzigen Fiebers glich die Kommune jenen Kranken, welche Heilung zu finden hoffen, wenn sie die Ärzte und die Arzeneien wechseln. Dunkel lagen die Quais und die Brücken; in den spärlichen Kandelabern blinzelten die kleinen gelben Lichter. Durch die feuchte Luft drang dumpf und traurig der Lärm der Kanonade gegen Süden und Westen hin. Von den Ternes und dem Etoile her war der Himmel von Feuerschein gerötet. Angstvoll befragten sich die in Gruppen sich sammelnden Leute. Unheilvolle Gerüchte schwirrten durcheinander: »Die Granaten haben den Brand entzündet. Die Versailler haben das Feuer gegen Neuilly wieder begonnen. Die Freimaurer haben bei Anbruch des Abends fast alle ihre Banner weggenommen. Neue Verstärkungen besetzen Issy ...« Der Widerschein brennender Häuser tauchte den nächtlichen Himmel in blutigen Purpur. Immer noch donnerten die Kanonen ... Mit einem schweigenden Händedruck trennten sich die beiden Freunde. II In schlankem Trab trug Cydalise ihren Reiter in kühler Morgenfrühe durch den Wald von Faunes-Reposes bis nach Ville-d'Avray. Ganz in seine Grübeleien eingewiegt, hatte Du Breuil keinen Blick für den in bläulichem Opal schimmernden Himmel, für das üppige, von Tauperlen glitzernde Grün der fernen Gehölze. Vorbeiziehende, bewaffnete Detachements grüßten ihn, der Lärm der Kanonade erdröhnte, ohne daß er aus seinem Traume erwachte ... Heute, den 4. Mai, begab sich Jules Favre nach Frankfurt, wo Bismarck ihn zur endgültigen Unterzeichnung des Friedens erwartete ... Diese Nachricht, die er durch Grandpré erfahren, stieß Du Breuil in den Abgrund zurück, aus dem er seit einigen Wochen an Aninas sanfter, fester Hand loszukommen versuchte, um sich dem sonnverklärten Horizont ihres zukünftigen Glückes zuzuwenden. Metz! das Kotmeer vom Ban Saint-Martin, die bangen Wochen, in denen er sich in Untätigkeit und Zweifeln verzehrt hatte ... Seltsame Verkettungen frischten die Erinnerung an den langen Dornenweg von neuem in ihm auf. Das Problem, das ihn so sehr gequält, und das nun, unter dem Druck der Ereignisse, in anderer Form wieder vor ihm auftauchte, verkörperte sich in den Gestalten zweier Kameraden aus den letzten Tagen der Blockade: Rossel und Leperche. Er sah sie beide wieder vor sich, den trockenen, eigenwilligen Geniehauptmann und den Adjutanten Bourbakis, Waffenbrüder, die im Schmerze ihrer verwundeten Vaterlandsliebe das gleiche Vergehen gegen die Disziplin begingen. Er sah sich wieder in der Versammlung, in welcher so viele Tapfere, wütend darüber, die Armee und sich selbst gleich einer Herde Vieh ausgeliefert zu sehen, den Vorschlag machten, Bazaine zu verhaften und in Massen oder einzeln sich den Weg durch die feindlichen Linien zu erzwingen ... Und nun fanden diese beiden Männer, die gleichzeitig, verkleidet, die deutschen Linien durchbrochen hatten, um ihre Herzen und ihre Waffen in den Dienst der Verteidigungsarmeen zu stellen, sich wieder, nicht mehr Seite an Seite, sondern Auge in Auge, in feindlichen Lagern. Seltsame Ironie des Schicksals, welche diese beiden ehemaligen Offiziere der Rheinarmee einander gegenüberstellte und es fügte, daß der Kriegsdelegierte Rossel in diesem Ministerium, das Du Breuil wie sein eigenes Haus kannte, die von Oberst Leperche, dem Kommandanten der Laufgräben, an die Garnison von Issy gerichtete Mahnung empfing ... Kaum war das Fort wieder besetzt, als am Abend ein Parlamentär sich eingefunden hatte, sich jedoch ohne Antwort wieder zurückziehen mußte. Den nächsten Morgen wiederholte Leperche seinen ritterlichen Versuch, indem er den Verteidigern eine Viertelstunde der Überlegung gewährte, um sich zu ergeben, und ihnen Schonung des Lebens zusicherte. Anderenfalls jedoch würde die ganze Garnison erschossen werden ... Und in diesem Hotel der Rue Saint-Dominique, das von oben bis unten von Zudringlichen, Bittstellern und Geschäftigen wimmelte, dessen kleiner Hof mit Föderierten angefüllt war, die mit ihren Karren hierher, wie in ein Magazin kamen, um Pulver zu holen, dessen prächtige Salons in Wachtposten verwandelt, dessen Fauteuils zerrissen und beschmutzt waren und auf dessen Marmorkonsolen man das Fleisch zerschnitt, – in diesem Fauteuil des Ministerkabinetts, in dem Du Breuil den sorglosen, siegessicheren Leboeuf hatte sitzen sehen, dachte er sich nun Rossel, in die Enge getrieben, aber zähe und stolz, mit seiner herablassenden Steifheit antwortend: »Mein lieber Kamerad, wenn Sie noch einmal sich erlauben, uns eine so unverschämte Mahnung zu senden, lasse ich Ihren Unterhändler, den Kriegsgesetzen gemäß, niederschießen.« Die Kriegsgesetze – mechanisch wiederholte sich Du Breuil dieses Wort. So oft hatte er in technischen Kursen, im Gespräch es ausgesprochen und gehört und dessen eingehendes Studium zu schätzen gewußt. Auf einmal fand er es jetzt sinnlos, furchtbar. Die Kriegsgesetze waren es, die tagtäglich Paris und seine Bannmeile mit Blut befleckten und rings um die neu bewaffnete, hartnäckigen Widerstand leistende Festung jene erbitterten Kämpfe entfesselten, die in der Nacht des 1. Mai den Bahnhof von Clamart und das Schloß von Issy mit dreihundert getöteten Föderierten und vierhundert Gefangenen in die Hände des Generals Faron brachten, die am 2. und 3. die Okkupanten aus dem Bahnhof trieben und die zusammenstürzende, unter dem Feuer notdürftig wieder hergestellte und von einer neuen Garnison verteidigte Festung mit einem scharfen Gewehrfeuer umgaben! Tapfere Kerle waren sie doch, diese während der Belagerung so mißachteten Leute, deren bei Tag und Nacht fortgesetzte Angriffe die Truppen von Cissey derart ermüdeten, daß Clinchant und das 5. Korps heute von Satory herabkamen und auf der Rechten und hinter dem 2. Korps Aufstellung nahmen. Und dieser nächtliche Sieg, den man bei Tagesanbruch in Versailles so stark übertrieb, die Erstürmung von Moulin-Saquet, stellte sich als einfacher Überfall heraus; die Truppen waren nur durch List eingedrungen, indem sie das Losungswort nannten, und hatten nebst acht Kanonen dreihundert Gefangene fortgeführt, die man, da die Gefängnisse überfüllt waren, nicht mehr unterzubringen wußte. In den Gewissenszweifeln, die in den Stunden, da er nicht von seinen egoistischen Zukunftsträumen absorbiert war, an ihm nagten, war einer jener Gedanken, die unaufhörlich ihn verfolgten, der an Rossel. Welche Vernunftsgründe hatten diese hochgemute Seele, diese durch Gewohnheit und Neigung zum Befehlen, durch stark ausgeprägten Sinn für Recht und Ordnung eminent militärische Persönlichkeit derart irrezuleiten vermocht? Es konnte weder verletzte Eigenliebe, die Verweigerung eines Avancements sein, wie man verleumderischerweise behauptet hatte, noch gemeiner, immerhin gefährlicher Ehrgeiz. Falsch angewandter Ehrgeiz? Gewiß war dies im Anfang der Beweggrund gewesen, doch gegenwärtig war keine Hoffnung, den Krieg gegen die Deutschen wieder aufzunehmen. Was also hatte ihn in die Reihen dieser so wenig den anderen gleichenden Soldaten geführt, was hatte ihn an die Spitze von Männern gestellt, von denen er nur Mißtrauen und Undank erwarten durfte? ... Mit leiser Sorge fragte sich Du Breuil, ob die geheimen Beweggründe einer solchen, in seiner Umgebung als unverzeihliche Fahnenflucht verurteilten Handlungsweise nicht in denselben Empfindungen zu suchen seien, die ihn selbst seit der neuen Krisis, die in ihm wühlte, qualvoll verfolgten. Angesichts seiner militärischen Gewohnheiten erwachte in ihm eine neue, ungekannte Auffassung seiner Mannespflicht. Wo er zögerte, von der sozialen Ungerechtigkeit, der Offenbarung einer ganzen Welt mit ihren legitimen Rechten geblendet und durch die Knechtschaft der Traditionen gefesselt, hatte Rossel mit seinen gefestigteren und geklärteren Überzeugungen, als ehrlicher Republikaner, seine Grundsätze in Übereinstimmung mit seinen Handlungen gebracht: der Bürger hatte den Vorrang vor dem Soldaten gewonnen. Du Breuil, an der Schwelle unbekannter Domänen im Dämmerlichte tastend, ehrte, ohne sie vollkommen zu begreifen, diese strenge Logik, die sich mit einem Schlag über alle Zufälligkeiten hinweggesetzt hatte. In dem ehemaligen Offizier von Metz, dessen Worte und Schriften er nun mit beinahe schmerzlicher Neugier verfolgte, ahnte er, von sympathischem Mitgefühl erfaßt, einen Charakter. Und das war seit einiger Zeit Gegenstand nicht mehr stillen Mißklangs, sondern lebhaften Streites mit d'Avol. Der junge Oberst beurteilte Rossel mit so unerbittlicher Strenge, daß Du Breuil, so entschlossen er war, ihre Freundschaft nicht in ihre Meinungsverschiedenheiten hineinzuziehen, sich nicht enthalten konnte, zu bemerken: »Wenn man denkt, daß du seiner Ansicht warst, als man damals gegen Bazaine ...« Da war d'Avol aufgefahren: »Damals war die Disziplinlosigkeit eine Pflicht, das Heil des Landes! Jetzt ist sie sein Verderben. Ich handelte als richtiger Soldat ... Wage es, zu behaupten, daß Rossel desgleichen tat ...« Du Breuil hatte für mildernde Umstände plädiert, wobei er es vermied, sich zu weit in die Debatte einzulassen. Wie doch eine Verschiedenheit der Anschauungen meilenweit trennen konnte, was einst so nahe beisammen war! Und traurig erkannte er unter dem Wiederfinden ihrer Herzen die tiefer als in Metz noch gähnende Kluft der Gedanken. Damals bezog sich ihr Streit nur auf die Auslegung der militärischen Ehre, jetzt erstreckte er sich auf das weit wichtigere Problem des menschlichen Gewissens. War denn die Offiziersuniform ein Nessusgewand, unabreißbar, selbst wenn es den Körper lebendig verbrannte? Mußte man jedem persönlichen Urteil, dem Rechte des freien Prüfens, der überlegten Kritik, alldem, was den Adel des Individuums und die wahre Kraft des Vaterlandes ausmacht, entsagen? Mußte dieser aufs äußerste getriebene passive Gehorsam nicht zu weit schlimmeren Irrtümern, möglicherweise sogar bis zum Verbrechen führen? Durfte der Soldat nichts anderes sein, als das blinde Werkzeug einer Politik in den Händen des Stärkeren? Würde nicht eines Tages eine freiwillig übernommene, denkende, dem Ideal des Bürgers gemäße Disziplin an Stelle der heutigen automatenhaften Seelenstarre treten? Seinem Cousin Védel gegenüber, dem er hier und da bei seinen morgendlichen Spazierritten begegnete – der Hauptmann diente in einem der Regimenter der Armee Vinoys – fühlte sich Du Breuil, wenn nicht geistesverwandter, doch sympathischer hingezogen. Durch seinen Kontakt mit der Mannschaft, seine verständnisvolle, humane Auffassung der Aufgaben des Offiziers, machte ihm Védel, dessen Rechtlichkeit des Herzens, dessen schlichten und loyalen Sinn er trotz der linkischen Außenseite schon in Metz schätzen gelernt, nach den aufreizenden Gesprächen mit d'Avol einen gesunden, belebenden Eindruck. Dieser Krieg flößte auch ihm, Védel, Abscheu ein, da er jedoch notwendig, unabwendbar geworden war, mußte man wenigstens für die Armee möglichsten Nutzen daraus zu ziehen wissen. Die Soldaten lernten wieder Zähigkeit und Ausdauer und Zusammengehörigkeit ... Zu etwas war also auch dieses Unglück gut. Diese männliche Entsagung verglich Du Breuil mit dem kindischen Leichtsinn eines Francastel, wie mit der mutigen Selbstentäußerung eines Barrus. Der Republikaner hatte, trostlos über die Reaktion und an der Kommune verzweifelnd, gleich zu Beginn um seine Entlassung gebeten ... Wie mannigfach die Art und Weise, die Pflicht aufzufassen und zu erfüllen! ... Als der Weg abwärts führte, fiel Cydalise in Schritt. Ein von Truppen wimmelndes Dorf, eine dichte Laubmasse, die, langgestreckte Mauern überragend, sich saftig grün vom blauen Dunst des Morgenhimmels abhob. Du Breuil besann sich: die Kirche von Ville d'Avray, der Park von Saint-Cloud! ... Wie fern, wie fern die Zukunft lag, fern wie die Vergangenheit! Zu seinen trüben Träumereien gesellte sich das plötzliche Wiedererwachen des Einst, eines Einst, das kaum zehn Monate zurücklag und sich in finsterer Nacht verlor. Heute, den 4. Mai 1871, reiste Favre nach Frankfurt, um den schmachvollen Frieden zu unterzeichnen ... Ein warmer Julitag steigt in seiner Erinnerung auf; dort, ganz nahe, in dem Park, den er seitdem nicht mehr betreten hatte, vom Quai des kleinen Schloßbahnhofs, setzt ein Zug sich in Bewegung, der in den mit dem goldenen N geschmückten Wagen, mit dem Gefolge von Generälen, mit dem Kaiser und seinem Sohne die Hoffnung des Landes, das Glück Frankreichs der deutschen Grenze entgegenführt ... Andere Bilder noch ziehen an seinem Geiste vorüber, das Diner an der Tafel der Souveräne, der von Lichtern, Ordenssternen, gestickten Uniformen und nackten Schultern funkelnde Abend ... Dann Lacostes kleines Zimmer in der Kaserne. Die geringsten Einzelheiten dieser Nacht, da ihre Freundschaft tiefernste Worte getauscht, die nächtliche Runde, da sie in dem vom Geruche menschlichen Lebens erfüllten Saale den Hauch des mächtigen und doch so gebrechlichen Organismus der Armee empfunden hatten, lebten mit der Klarheit gewisser unauslöschlicher Erinnerungen wieder in ihm auf. Er sah den Freund wieder vor sich, die hohe, hagere Gestalt in der Rittmeisteruniform der Gardeulanen, das martialische, wettergebräunte Gesicht mit dem rötlichen Schnurrbart. Armer Lacoste, schlichte und ehrliche Seele! Er glaubte die frische Stimme wieder zu hören, den Ton ernster Freude, mit dem er den bevorstehenden Krieg, die Wohltat der läuternden Geißel, begrüßte, in der die Energie sich stählte, die Charaktere sich festigten! Lacoste sprach von der Kraft des Opfers, von der Ehre, angesichts des Feindes fürs Vaterland zu fallen. »Schöneren Tod«, hatte er gesagt, »kenne ich nicht ... Möge Gott ihn uns geben!« Unendliche Bitterkeit wallte in Du Breuil auf, der blutige Hohn von Lacostes Ende, bei Mars-la-Tour ... Einen Augenblick galoppierten sie Seite an Seite im Sturmwind des Angriffs durch die dichten Staubwolken des Plateaus von Yron; mit geschwungenem Säbel stürmten sie ins heulende Handgemenge ... Der verhängnisvolle Irrtum ... Die Dragoner Legrands im Kampfe mit den preußischen Dragonern und, beim Anblick der blauen Röcke der Gardeulanen, sich von feindlichen Ulanen bedrängt glaubend ... Lacoste vor seinen Augen von einem Säbelstich durchbohrt ... Mit Hilfe des alten Saint-Paul, des graubärtigen Marchi, führte er den Sterbenden fort, den immer schwerer werdenden Oberkörper stützend ... Roten Schaum vor den Lippen, flüsterte der Verwundete: »Franzosen, von Franzosen getötet ...« Dann fällt er vornüber auf den Hals seines Pferdes, mit gekreuzten Armen, wie ein Hingerichteter ... Hatte er nicht an jenem Tage den Kelch des Entsetzens zu leeren geglaubt?... Ah! Elend des Krieges, Elend eines einem solchen Ideal geweihten Lebens, eines solchen Todes ... Armer, armer Lacoste! ... Und doch war es vielleicht besser, daß er durch einen grausamen Zufall auf diesen dem Feinde wenigstens streitig gemachten und von dem Ruhm der Waffen verklärten Feldern den Tod fand! So war es ihm erspart geblieben, diesen neuen Krieg zu erleben, in dem er nichts als Franzosen und nur Franzosen vor sich gehabt hätte! Und wenn seine Stunde jetzt hätte schlagen sollen, wie für jene, die täglich ihr Leben ließen, welch weit grausameres Entsetzen hätte seine brechenden Augen vergrößert, mit welcher Empörung seines ganzen Inneren hätte er die Worte des Staunens und der Verzweiflung geseufzt: »Von Franzosen getötet!« Von der Gewalt vergangener Bilder erfaßt, empfand Du Breuil, von dem frischen Blättergewirr des Parkes gelockt, ein unwiderstehliches Verlangen, einzutreten und bis zu den Ruinen des Schlosses vorzudringen, deren düstere Schönheit er von Gleichgültigen hatte rühmen hören. Ein ansteigender Weg, eine geschlossene, von einer Schildwache bewachte Tür. Der Mann präsentierte das Gewehr und rief. In dem halbgeöffneten Flügel erschien ein altes Soldatengesicht. Beim Anblick des Riesen in der Uniform der Marchis der Chasseurs d'Afrique, des martialischen Schnurrbarts und des grauen Knebelbarts, dem Ausdruck froher Überraschung, der sich auf den rauhen Zügen malte, zögerte Du Breuil, selbst überrascht, einen Augenblick und rief dann freudig: »Saint-Paul!« Die Begegnung verwirrte ihn. Trotz seiner veränderten Uniform war das noch ganz der ehemalige Ulan von Mars-la-Tour und Ban Saint-Martin, der schlichte Gefährte, der nach dem Tode seines Hauptmanns seine treue Zuneigung auf all das übertragen hatte, was von seinem Herrn noch übrig war: die mächtige Dogge, mit dem menschlich verständigen Gebell, die vor Hunger und Verlassenheit umkommenden Pferde ... Er hatte immer noch seine düster stolze Miene, die würdevolle Haltung, die an die Blütezeit der ehemaligen Armee gemahnte. Welch verblüffender Zufall ließ in diesem Augenblicke, an diesem seltsamen Orte diese lebendige Erinnerung, diesen Hüter der Vergangenheit erscheinen? Saint-Paul hatte die Fersen geschlossen und salutierte in steifer Haltung. Doch Du Breuil streckte ihm die Hand entgegen. Sie tauschten kurze Worte der Erklärung: nach Auflösung der Garde hatte er die Erlaubnis erhalten, zu den Chasseurs d'Afrique zurückzukehren, und hatte hier mit einem kleinen Posten den Dienst; er hatte oft an den Major gedacht ... Das Schloß wiedersehen? ... Gewiß war das möglich ... Der Major kenne ja den Weg ... Und der ansteigenden Allee sich zuwendend, deutete der Veteran mit der Hand nach den Ruinen ... Sie schwiegen jetzt; sie hatten sich zuviel zu sagen, als in kurzen, banalen Worten sich hätte aussprechen lassen. Trotz der Kluft der Vergangenheit, der Verschiedenheit der Kaste und des Ranges, fühlten sie beide voll verhaltener Rührung sich nahe gerückt in gleicher Trauer und gemeinsam empfundenen Schmerz ... Mit feuchten Augen lächelten sie sich zu; dann gab Du Breuil seinem Pferd die Sporen. Die gefällten Baumstämme, die von den Granaten aufgerissenen Löcher versperrten ihm den Weg. Das Getöse der von der Diogeneslaterne her donnernden Batterie erschreckte die Stute, sie sprang zur Seite, warf den Kopf zurück und biß in den Zaum. In weiten Sätzen sprengte sie davon und erreichte die große Mittelallee. Jenseits des mit Kanälen und Statuen umgebenen großen Bassins erhob sich die östliche Fassade des Schlosses mit den scheiben- und rahmenlosen Fensterhöhlen, den vom Feuer geröteten, vom Rauch geschwärzten Mauern. Cydalise hatte sich wieder beruhigt; im Schritt wandte sich Du Breuil nach links und ritt das zackige Steingerippe entlang. Die vom Palast zum Sommerpavillon, in dem die Majestäten zu frühstücken pflegten, führende Eisenbrücke lag, wie ein Blatt zusammengeschrumpft, quer über der Allee. Gierig suchten Du Breuils Blicke im Innern der Ruine, in den herabhängenden Brettern bei eingestürzten Plafonds, den ins Leere führenden Treppen, in diesen Überbleibseln von gespaltenen Wänden, Marmorsäulen, verbogenen Bronzestatuen und geröteten Vergoldungen die Stelle, wo die großen, lichterfunkelnden Salons, durch die er gewandert, geprangt hatten ... Champreaux, Frau von Avilar, General Jaillant, der müde im Salon des Vernet im Lehnstuhl ausgestreckte Kaiser, die in sieghafter Schönheit strahlende Kaiserin ... Die dort verlebte Stunde fügte zu der Melancholie dieses Erlöschens einer ganzen prunkhaften und glanzvollen Vergangenheit einen Hauch persönlicher Traurigkeit. Im Ehrenhofe des in Trümmern liegenden Ostflügels sprang er vom Sattel. In Hügeln erkalteter Lava und Asche breitete sich hier die Verwüstung aus. Eine Art heiligen Schauers erfaßte ihn, ihm war, als berührte er eine der großen Leichen der Geschichte. Wie ein Kind hob er aus einem Schutthaufen einen Porphyrsplitter auf, den die Glut des Feuers mit Edelsteinreflexen irisiert hatte. Doch gedachte er eines anderen Steines, des Opalringes, den er in die kalte Mosel geworfen, und ein sanftes, bleiches Antlitz schwebte an seinem Geiste vorüber ... Frau von Guionic ... Sie lebte jetzt in ihrem düsteren Schlosse in der Bretagne, wie eingesponnen in ihre Erinnerungen und ihre Liebe ... Er hatte sie doch auch geliebt ... Er selbst, oder ein anderer Er? ... Jawohl, ein anderer ... Aninas Antlitz mit den reinen Linien und der warmen Blässe verscheuchte diese geisterhaften Bilder, wie das Licht die Schatten verscheucht ... Bald gehörte auch die Gegenwart, gehörte dieser furchtbare Krieg der Vergangenheit an. Berauschendes Glück, einander anzugehören und gemeinsam ein Leben des Friedens und der Liebe zu beginnen! Die Erinnerung an die gemeinsam bestandenen, tragischen Prüfungen würde ihren Gefühlen einige Kraft verleihen! In tiefster Seele freute er sich, nicht sein Leben in dem Kampfe gegen Paris aufs Spiel setzen, nicht Menschen einem ketzerischen Tode oder ruchlosem Morde entgegenführen zu müssen. Genug, übergenug schon war es, daß er in seiner neutralen Aktionssphäre zur Vorbereitung dieses Kampfes beitragen mußte. Hätte er doch einmal ein Ende machen, das Entsetzen dieser Blutbäder, dieser täglichen Begräbnisse, dieser Gefangenenzüge und dieses ganzen, den Frühlingshauch verpestenden Todesgeruches abschütteln dürfen! Wieder die Freude, die Schönheit des Lebens genießen lernen und ein Mensch werden! ... Einen Augenblick aufatmen dürfen, bevor man den kriegerischen Harnisch wieder anzog und langsam, unentwegt, mit allen Kräften, in Stille und Frieden jenen anderen Krieg, den großen Tag der Revanche, vorbereiten half ... Ein Blümchen, das rosig und frisch zwischen dem Spalt einer zerbrochenen Steinfliese hervorsproßte, die Sonne, die Cydalisens Schatten auf der Allee abzeichnete, das balsamische Grün des Parkes erfüllten ihn mit tiefer Rührung. Wenn man daran dachte, daß es Flüsse gab, die friedlich im leichten Morgendunste und im leuchtenden Gold des Sonnenunterganges dahinflossen, Wälder, in denen die scheuen Rehe flüchtigen Fußes über das Moos huschten, und der Saft in den leichten Gehölzen, den üppigen Dickichten zitterte, Getreidefelder, deren reifende Frucht in goldenen Fluten wogte! ... Unbekümmert um Tod und Verfall entfaltete allerorten die Natur ihre unerschöpflichen Kräfte. Die Wonne des zauberhaften Wiedererwachens durchdrang ihn, ein überströmendes Liebesverlangen, ein flammendes Sehnen nach Leben und Glück. Und zugleich entsann er sich jenes Augenblickes, da am Abend von Saint-Cloud, inmitten der Lichter, der Spiegel und geschmückter Frauen ein düsteres Ahnen ihn durchschauert hatte. Der Tod! Und wieder löste in ihm diese blitzartige Vision Jugend und Gedanken, verhüllte mit einem Trauerschleier die Schönheit der Zukunft und den Glanz der Sonne. Es war nur ein flüchtiges, seltsames Empfinden. Mit den wiedergeöffneten Augen betrachtete er das so ähnliche und doch so verwandelte Bild und glaubte, einen anderen Himmel zu sehen. Er schwang sich wieder in den Sattel und schüttelte in raschem Galopp die Verzauberung ab. Wie jeden Morgen nach seinen Spazierritten, stieg er vor dem Ministerium ab. Diesmal kam er aus weiter Ferne ... Ein junger Mann, der von einem stutzerhaft gekleideten Manne begleitet war, entledigte sich schnell des Lästigen und trat auf Du Breuil zu. Dieser erkannte Martial Poncet, dem er vergangene Woche einen Dienst geleistet hatte. Der Bildhauer, bei den Vorposten von Gennevilliers angehalten und durch Théroulds Passierschein, den er unvorsichtigerweise behalten hatte, verdächtig geworden, hatte sich auf den Major berufen. Von der Sympathie geleitet, welche Martials Talent und ihre Familienbeziehungen ihm einflößten, hatte Du Breuil sich für seine Befreiung verwandt und die Bürgschaft für seine Loyalität übernommen. »Ich habe Ihnen neulich nur so flüchtig gedankt ...«, sagte Martial. Du Breuil protestierte und erkundigte sich nach Poncet, den er seit der zweiten Sitzung der Nationalversammlung, seit Jules Favres großer Rede nicht mehr gesehen hatte. Ob Martial ihm schon hatte Nachricht senden können? »Der schriftliche Verkehr ist trotz der offiziösen Agentien fast gänzlich unterbrochen«, entgegnete der Bildhauer, »und ich weiß nicht, ob meine Briefe ... Glücklicherweise erfahre ich soeben von der Ankunft dreier Delegierter der Liga, zu deren Mitgliedern mein Vater zählte ...« Er vermied es, sie näher zu bezeichnen, fürchtend, daß das Wort »republikanisch« Mißfallen erregen konnte; es hatte in Versailles einen so schlechten Klang! »Sie kommen, um einen zwanzigtägigen Waffenstillstand zu verlangen. Ich kenne einen von ihnen. Durch ihn wird mein Vater erfahren, daß es nur, dank Ihrer Güte, erspart blieb, aus der Charybdis in die Scylla zu geraten ...« Lachend verließ ihn Du Breuil. Martial freute sich, daß die letzten Worte den Offizier nicht verletzt Hatten. Man war hier gar empfindlich. Mehr als einmal hatte er sich durch harmlose Worte einen schiefen Blick zugezogen. Man mußte seine Zunge hüten! ... Unmerklich tat er dies schon, mit größerer Leichtigkeit. Schon begann, ohne daß er sich dessen bewußt ward, das Milieu Einfluß auf ihn zu üben ... Und doch empfand er keine Sehnsucht nach Paris, denn wenn man den Versailler Zeitungen glauben durfte, ging es dort unter dem aus den Herren Arnaud, Meillet, Pyat, Charles Gérardin, Ranvier bestehenden Wohlfahrtskomitee heiß her. Wie hübsch war gleich das erste Dekret des Rates der Fünf! Zweifellos hatte der Generalprokurator der Kommune noch immer nicht genug Geiseln unter Schloß und Riegel! Daher gab man auch Raoul Rigault vier Substituten zur Seite. Als er sich zum Gehen wandte, stürmte sein Begleiter von vorhin ihm nach. Blacourt, denn er war es, flehte: »Noch einen Augenblick, Herr Poncet! Es ist mir eine solche Freude, in ... Satzfehler: richtige Zeile fehlt; statt dessen unrichtige Wiederholung Dank Louchards Protektion aus Paris entkommen, begann er, zum drittenmal Martial die Geschichte seiner tragikomischen Odyssee zu erzählen. Aufs äußerste gebracht und überdies mit leeren Taschen, hatte er eine stürmische Szene mit der grausamen Schönen gehabt. Maddalena hatte, als sie sah, daß nichts mehr aus ihm herauszupressen war, ihn mit einem brutalen »Lassen Sie mich ungeschoren!« verabschiedet. Malonsky, dem er den Phaeton und das geliehene Geld abverlangt, hatte sich als beleidigter Edelmann aufgespielt. Und spät erst sich auf das eifrige Bemühen seines Kameraden um die Gunst seiner Maitresse besinnend, hatte er ihn mit gemeinen Schmähungen und schrecklichen Drohungen überschüttet, als falschen Freund und Dieb behandelt; ein Wort noch, und er hätte ihm den Schädel eingeschlagen. Fassungslos und niedergeschmettert, war Blacourt in die Rue Soufflot zurückgekehrt, um hier in Tinets Klauen zu geraten. Der frühere Buchbindergehilfe erschien mit seiner in rauschende Seide gekleideten Mélie, von Frauen gefolgt, die unter der Last umfangreicher Pakete stöhnten, zuweilen auf der Treppe und rasselte mit Sporen und Säbel. Louchard hatte, auf die Gefahr hinweisend, sein Anerbieten wiederholt. Und eines Nachts war der Stutzer, nachdem er sich an Seilen von den Wällen herabgelassen, entflohen, über Steinhaufen stolpernd, in den Mauerwinkeln sich versteckend, Bäume für Schildwachen ansehend und wie ein Nachtvogel ängstlich hin und herflatternd. Tagsüber von Gemüsegärtnern beherbergt, hatte er sich durch schlechtes Fett eine böse Gelbsucht zugezogen. Zu dem Abscheu vor Paris gesellte sich seine mit Grauen gemischte Leidenschaft für Maddalena, deren schneeige Haut, deren berückender Duft ihm in der Erinnerung noch Qualen der Wollust bereiteten. »Ah, dieses Weib!« ächzte er. Er klammerte sich an Martial nur, um ihm von ihr zu sprechen, und fühlte sich weltverloren, als der Bildhauer ihn verließ. Er hatte mit Gewalt ihn bis zum Gitter des Schlosses begleiten wollen, wo Martial von einem Abgeordneten der Linken, einem Freunde Poncets, zum Frühstück geladen war. Das in den Galeries de l'Empire, im Erdgeschoß des südlichen Flügels eingerichtete Restaurant Chevet servierte hier – zu drei und fünf Francs, die Weine inbegriffen, – vortreffliche Mahlzeiten. Du Breuil verließ, nachdem er die angestrengte Arbeit des Tages vollendet und die Uniform gewechselt, eiligst sein Chambre garnie. Trotz der Ungemütlichkeit und des Lärms des mit den verschiedenartigsten Gästen überfüllten Hotels hatte er sich mit einer Leichtigkeit, die an dem an raffinierten Luxus gewöhnten Du Breuil von ehemals überraschend war, mit dem schrecklichen, mit gehäkelter Spitze überzogenen roten Federbett und den schmutzigen Tapeten ausgesöhnt. Er eilte in die Rue d'Anjou, wo Frau von Grandpré ihn ein für allemal aufs herzlichste eingeladen hatte, dreimal in der Woche im engsten Familienkreise bei ihnen zu speisen. So konnte er trotz Bersheims Abwesenheit Anina ungehindert sehn und sprechen. Er fand sie im Salon, glücklicherweise allein. Bei seinem Eintritt sprang sie auf; ihre Hände fanden sich in heißem Drucke, aus ihren Blicken leuchtete frohes Entzücken. Als fänden sie ineinander völlig neue Wesen, so ließen sie sich von der unwiderstehlichen Flut ihrer Liebe in die Wonne des Entdeckens und Vergessens fortreißen. Die unbedeutendsten ihrer Worte waren wie ein geheimnisvoller, langhallender Akkord, die ernstesten berauschten sie mit süßer Traurigkeit. Er erkundigte sich, ob sie einen Brief von ihrem Vater erhalten habe. Darauf entnahm sie einer Mappe einen Brief mit dem Stempel von Metz und der deutschen Marke und reichte ihn ihm schweigend. Während er las, betrachtete sie ihn mit der glühenden Andacht des liebenden Weibes. Sie war schöner denn je; ihre schönen Augen strahlten in höherem Glanze, ihr Teint hatte die rosige Durchsichtigkeit einer von einer Flamme durchleuchteten Nachtlampe ... »Vater ist sehr unglücklich!« sagte Anina. Der Metzer hegte, vor kaum acht Tagen erst in sein trauliches Heim zurückgekehrt, wo er seine Frau abgemagert und gealtert, Großmutter Sophia still und unbeweglich gefunden, nur den einen Gedanken: so schnell als möglich wieder abreisen, diese Orte fliehen, die seine Leiden gesehen und deren Bitterkeit von neuem aufwühlten. In dieser Luft konnte man nicht atmen! Die zur Erledigung seiner Angelegenheiten notwendigen Wege waren ihm eine Pein. Wenn er den Platz Fabert passierte, wo der Statue gegenüber, vor dem Tore der Kommandantur, ein bayrischer Wachposten mechanisch auf und abpendelte, wenn er von irgend einem Punkte der Stadt mit den von selbstbewußten Siegern belebten Straßen, den mit deutschen Plakaten bedeckten Häusern aus den Blick hob, überall fiel sein Blick auf das, was sein Herz erzittern, seine Wangen erbleichen machte: über Metz flatterte, an Stelle der Trikolore, von dem hohen Turm der Kathedrale die feindliche Flagge, nach allen Seiten sichtbar. Die Stille der alten Gassen, das Gewühl der Esplanade, wo am Abend die Militärmusiken heitere Weisen spielten, alles verursachte ihm Schmerz und Bitterkeit, selbst sein Haus, durch das seine Frau vereinsamt irrte, und in dem nur die Großmutter sich gleich geblieben war, an ihren Lehnstuhl gefesselt mit dem ruhigen Gleichmut des Alters, das nichts mehr bewegt – selbst das war ihm fremd geworden. Zuweilen, so gestand er, wenn in seinen Ohren die schrillen Töne der Pfeifen oder die dumpfen Klänge der Trommeln dröhnten, ertappte er sich bei dem Bedauern, nicht mehr den doch so verhaßten Lärm der Kanonade zu hören, die zwischen Paris und Versailles unaufhörlich, verderbenbringend, tobte. Er hatte in Metz eine kurze Zeit der Ruhe zu finden gehofft und hätte nun, aufgeregt darüber, nichts zu wissen und alle Ereignisse nur vergrößert und entstellt zu erfahren, viel darum gegeben, bald wieder an die Quelle der Nachrichten, in die Couloirs der Nationalversammlung, in diese von Liniensoldaten wimmelnden, von Stimmenlärm erfüllten Straßen zurückkehren zu können, wo er so oft empört gewesen war über das, was er gesehen und gehört, wo er ja auch gelitten hatte, doch ohne direkten Kontakt mit den Deutschen. – als Franzose unter Franzosen! ... Anina und Du Breuil bedauerten ihn von Herzen. Ihr Erinnern folgte ihm in dieses Haus, wo sie sich kennen gelernt hatten. Sie machten in dem Speisezimmer mit den glänzend schwarzen Möbeln und dem holzgetäfelten Plafond Halt; alles war ihnen hier vertraut, von den zinnernen Schüsseln auf dem Bord bis zu der großen Wanduhr in dem geschnitzten Rahmen. Welch köstliche Stunden hatte sie ihnen geschlagen, trotz der Devise auf dem Zifferblatt: Vulnerat omnes, ultima necat ... All das gehörte der gemeinsamen, der schmerzlich teuren Vergangenheit an, ein fester Grund in der Unbeständigkeit und Ungewißheit ihres Lebens. Oft noch wollten sie in der frohen Zukunft, die ihrer harrte, lächelnd, wie in dieser Stunde, jener trauten Räume gedenken. Der Eintritt der alten Frau von Grandpré weckte sie aus ihren Träumen. Die beiden ergriffen die welken Hände der Greisin, die mit der Anmut der einst schön und des Herrschens gewohnt gewesenen Frau sich Du Breuils ritterlichen Handkuß freundlich gefallen ließ. Gütig und mit Wohlgefallen ruhte ihr Blick auf dem jungen Mädchen und dem Offizier und freute sich des Anblicks ihrer Liebe. »Entschuldigen Sie«, sprach sie, »ich war soeben im Begriff, an meine alte Freundin, die Marquise d'Espoissac in Marmande, zu schreiben. Sie ist über die Ereignisse im höchsten Grade entsetzt, und ich erachte es für meine Pflicht, für sie alle Niederträchtigkeiten, die die Blätter bringen, zu lesen. Heute erzählte ich ihr von der Verhaftung des Gouverneurs der Invaliden, des alten Generals von Martinpré, von den Vorarbeiten zur Stützung der Vendômesäule, und auch von dem Monstreskandal, den man wegen der angeblichen Leichen in der Kirche Saint-Laurent erhoben hat. Sie wissen doch ... die zwanzig mit Gebeinen angefüllten Kubikmeter ... das Skelett der »Frau mit der Wortteil unleserlich ...blonden Haarfülle ...« die von Carjat bei elektrischem Lichte photographierten Keller!« Sie schüttelte mit einer Gebärde ironischen Abscheus den Kopf. Sie wußte nicht, was sie am meisten abstieß, die gemeine Profanation oder die leichtgläubige Dummheit der Schwätzer. Sie seufzte: »Die arme Marquise! Wenn sie erfährt, daß die Schändung und Plünderung der Kirchen fortdauert, daß in Saint-Ambroise, in Saint-Nicolas-des-Champs, in Saint-Christophe neue Klubs sich niedergelassen haben, um Gott weiß was für Blasphemien und Tollheiten zutage zu fördern! daß man dort den Gottesdienst parodiert, daß man an diesen geweihten Orten schlemmt und praßt, wird sie glauben, das Ende der Welt sei gekommen.« Dabei vergaß Frau von Grandpré zu erwähnen – vielleicht auch, daß sie es nicht wußte, – daß in vielen Stadtteilen eine große Anzahl von Kirchen, und darunter die vornehmsten, verschont blieben, daß die Schar der Getreuen zwar sich lichtete, die Priester jedoch auf ihren Posten blieben und ohne Störung ihr heiliges Amt versehen konnten. Als in Saint-Gervais auf Rigaults Befehl ein Haussuchungsdetachement erschien, eilte sofort eines der mit der Verwaltung des Arrondissements betrauten Kommunemitglieder herbei, warf den Polizeikommissär hinaus und hielt ihm vor, er entehre die gute Sache. Anina und Du Breuil ließen die alte Dame sprechen und tauschten einen Blick des Einverständnisses: das alles war ja gewiß traurig genug, aber es ging vorüber. Sie allein blieben unwandelbar in ihrer treuen Liebe. Die Fülle ihrer Zärtlichkeit, ihres Vertrauens hob sie gleich einer mächtigen Woge über die gegenwärtige Stunde empor. In diesem geschlossenen Salon, bei dem künstlichen Lichte der Lampen, atmeten sie all die Hoffnung auf Tage der Freiheit, den berauschenden Ausblick auf einen Horizont des Glückes, die Pracht der Wiesen und der Wälder. Und unbewußt genossen sie vielleicht im mächtigen, unabänderlichen Egoismus der Jugend um so tiefer nur den frohen Frieden ihrer Seelen inmitten des fürchterlichen Taumels dieses Krieges, den Überschwang der Daseinslust im Wüten des Todes. Den nächsten Tag bei einbrechender Dämmerung betrat Catisse, die älteste seiner fünf Kleinen – er hatte sie aus der Schule abgeholt – an der Hand, das Gärtchen der Poncets. Die Tür knarrte in ihren Angeln, die Klingel ertönte. Aus einem geöffneten Fenster des ersten Stockwerks neigte sich Frau Poncets gutes, derbes Gesicht mit den ergrauenden Haaren unter der rüschenbesetzten Haube. »Sie sind's, Herr Catisse? Ich dachte, es sei Poncet ... Ihrem Töchterchen geht es gut.« Seit einigen Tagen hatte sie das von Anämie verzehrte, ewig hüstelnde jüngste der kleinen Mädchen zu sich genommen. Hier konnte das Kind besser gepflegt werden, als daheim in der fast immer leeren Wohnung unter der Aufsicht einer armen Nachbarin. – In der Rue Sainte-Scolastique, in dem kleinen, weißen Bett, in dem Martial als Kind geschlafen, und das sie vom Boden hatte herabbringen und im Zimmer des Bildhauers hatte aufstellen lassen, konnte Frau Poncet die kleine Kranke wenigstens nach Herzenslust verhätscheln; die drei anderen Schwestern waren tägliche Gäste beim Nachmittagskaffee. Durch die guten Nachrichten, die einer der Delegierten der Liga, ein alter Freund des Hauses, ihnen aus Versailles gebracht, über das Schicksal ihres Sohnes beruhigt, befriedigte sie auf diese Weise ihren mütterlichen Drang und jenen Instinkt der Hingebung, den das Geplapper der Kleinen, das Erwachen ihrer Seelen entzückt und rührt. Dabei vernachlässigte sie doch nicht ihre anderen Pflichten und ging nach gewohnter Weise in die Ambulanz. Während dieser Stunden überließ sie Lili Catisse der Fürsorge der dicken Melanie, die, einen Kupferkessel scheuernd, im Zimmer saß und, um das Kind zu unterhalten, die Volkslieder ihres Dorfes sang. »Darf ich hinauf?« fragte Catisse. Schon hatte jedoch die Auvergnatin die Haustür geöffnet und schlüpfte davon mit den geflüsterten Worten: »Sie hat heut immerfort gelacht ...« Während seine Älteste leichtfüßig Frau Poncet entgegenhüpfte, die sich oben über das Treppengeländer beugte, stieg Catisse langsam die Stufen hinauf. Seine abgetragenen Kleider, sein grünlicher, an den Ellbogen geflickter Überrock verrieten Not und Elend. Schwer lastete die Anstrengung der letzten Tage auf ihm; sein Bart war länger, seine Stirn faltiger, seine Gesichtsfarbe fahler geworden; mit Arbeiten überbürdet, in tausenderlei Diensten sich erschöpfend, war er einer gemäßigten Gesinnung verdächtig und doch stets dienstbereit. In seinen Augen reichte Paris nicht über die Grenzen von Montmartre hinaus; sein Arrondissement war die Kommune. Die Politik beschränkte sich für ihn auf die Lebensmittelversorgung des Stadtteils, auf die Unterstützung der Armen. Der Zukunft sah er trüben Blickes, nicht ohne Angst entgegen. Doch das tägliche Leben, die Notwendigkeit des Broterwerbs absorbierte all seine Sorgen und ließ ihm kaum Zeit Zum Denken ... Vor allem hieß es handeln. Wo die Ziege angebunden ist, da muß sie grasen. Während die beiden Schwestern in dem kleinen Zimmer, deren Wände mit Photographien Martials aus allen Lebensaltern geschmückt waren, fröhlich schwatzten, fragte Catisse nach Poncet. Was wußte er Neues? Versailles willigte also nicht in den Waffenstillstand? Frau Poncet berichtete ihm, was sie wußte: die Delegierten waren von Thiers abgewiesen worden, der zwanzigtägige Waffenstillstand, unmöglich; die Waffenruhe von Neuilly hatte seine Strategie schon genügend gestört! Die Nationalversammlung einerseits, Preußen andererseits, drängten ihn, ein Ende zu machen. So hatte er sich denn darauf beschränkt, zu diesen Herren zu sprechen: »Beeilen Sie sich, beeilen Sie sich, wenn Sie mir Bedingungen zu stellen haben, die von der Kommune angenommen und für mich annehmbar sind ...« »Es ist doch etwas Schönes«, rief sie aus, »um dieses anmaßende und verspätete Wohlwollen, wenn man angefangen hat, seine Gegner derart aufzureizen, daß sie unfähig werden, überhaupt etwas zu verstehen ... Denn« – sie dämpfte die Stimme, – »von der Kommune ist nichts zu erhoffen. Kein Sieger kann unduldsamer sein. Man kann sich von ihrem Hochmut und ihrem Eigensinn keinen Begriff machen ... Nicht als ob es zwischen ihnen nicht genug Meinungsverschiedenheiten gäbe. So hatte Felix Pyat vergangenen Monat, als er sich in Worten so kategorisch zeigte, geheime Zusammenkünfte mit dem Bureau der Liga behufs Feststellung eines Versöhnungsprogramms ... Was ihn jedoch nicht hindert, im Rate der Fünf zu sitzen! Kann man wissen, was sie wollen? Es ist da eine Majorität, die zu allem fähig ist, außer zum Nachgeben. Und die dreiundzwanzig, die in jener vom Officiel geschilderten, stürmischen Sitzung gegen die Gründung des Wohlfahrtskomitees gestimmt haben, können nichts anderes, als ächzen und seufzen ... All ihr guter Wille bleibt nutzlos ... Viele sogar sehen klar ... Zum Beispiel Ranc. Am 15. April soll Ranc, als er seine Demission gab, zu ihm gesagt haben: »Bleiben Sie nicht bei diesen Leuten, die Partie ist verloren ...« Er hat, Ranc die Hand drückend, erwidert: »Ich weiß es wohl, aber ich kann nicht, ich muß bleiben. Man hat mich zu sehr verleumdet.« –« Während Catisse ihr zuhörte, wie sie mit dem gesunden Sinn, der an den Geist ihres Mannes gemahnte, ihre Ansichten entwickelte, lächelte er, ein leises, müdes Lächeln, das weniger ihren Worten, als dem aus dem Nebenzimmer an sein Ohr dringenden Gekicher seiner Kleinen galt. Er fuhr zusammen, als sie, um ihn zu necken, zu scherzen versuchte: »Ich dachte an Sie, als ich die letzten Beschlüsse der Freimaurer erfuhr. Ich sagte mir: Nun wird Herr Catisse die Uniform anziehen und sich in die Marschkompagnien aufnehmen lassen müssen ...« Er wurde rot vor Verlegenheit. Er liebte es nicht, daß man von seiner Verbrüderung mit den »Kindern der Witwe« sprach; nein, er würde nicht, wie jene alten Narren, zu den Waffen greifen! Er hatte genug zu tun, seinen Unterhalt bei der Mairie zu verdienen, bei all der Plage, die Rossels Idee ihm bereitete! Herr Martial hatte gut daran getan, Paris zu verlassen. Man war im Begriff, Unterdelegationen zu schaffen, um die Einwohner zu zählen, Identitätsscheine zu verteilen und die Widerspenstigen zu verfolgen. Die noch übriggebliebenen Pferde, die verlassenen Wohnungen, alles sollte notiert und benützt werden. Frau Poncet freute sich von ganzem Herzen, daß Martial in Sicherheit war. Sie drückte Catisse die Hand: »Ach, mein armer Freund, wenn Sie wüßten, wie es mich schmerzt, zu wissen, daß wir da eine ganze Menge braver Menschen sind, und daß all unsere Bemühungen nicht ein Quentchen wägen! Ohne jede Hoffnung habe ich mich jenem Aufruf zum Waffenstillstand, zum Frieden angeschlossen, der überall plakatiert und von einer Gruppe von Bürgerinnen unterzeichnet ist! ... Sie gehen? Wollen Sie denn nicht meinen Mann erwarten? Er mußte ins Rathaus gehen und hat außerdem eine wichtige Sitzung in der Liga ...« Sie kehren ins Krankenzimmer zurück, wo die Magd die Lampe angezündet hatte. Unter dem grünen Schirm beugten sich die beiden blassen Köpfchen, dicht aneinandergeschmiegt, über ein Bilderbuch, das geöffnet auf den Knieen der Ältesten lag, und auf das sie mit dem Finger zeigte: »Das da ist die Giraffe, wie sie aus der Arche herauskommt! na, die wird sich schön die Stirn anhauen! Und da ist der Elefant mit den grauen Hosen ...« Silberhell klang das Lachen. Catisse befestigte selbst mit seinen ungeschickten, dicken Fingern das Gummiband des Wachstuchhutes um Zézées Zöpfe. Beide küßten Lili und entfernten sich mit Bedauern. Der Abend verging, ohne daß der Chemiker heimkehrte. Man gab der Kleinen zu essen, und nachdem sie ihre eigene Mahlzeit verzehrt – ein Glas Milch und ein Stück Brot – setzte sich Frau Poncet an das Bett, an dem sie einst viele Stunden gesessen und in dem jetzt, bis an die Nase zugedeckt, Lili Catisse in ruhigem Schlafe atmete. Stunde um Stunde saß sie da und strickte; immer länger ward der grobe Wollstrumpf und gleichförmig klapperten die unermüdlichen Stricknadeln in den knochigen Fingern. Es war nahe an Mitternacht, als endlich die Glocke gezogen wurde. Poncet! Sie erkannte seinen Schritt auf dem Kies des Gartens. Der Schlüssel drehte sich im Schloß. Sie nahm die Lampe und ging hinunter, ihrem Mann entgegen. Langsam hing er seinen hohen, altmodischen Hut an den Rechen. »Nun?« fragte sie. »Ich habe nach der Versammlung mit Jacquenne bei Laveur gegessen und ihn dann zu ihrer Abendsitzung ins Rathaus zurückbegleitet.« Mit unzufriedener Miene berichtete er: »Es geht nicht, es geht gar nicht. Sie sind hier ebenso unzugänglich, wie in Versailles, wenn nicht noch schlimmer. Thiers hat doch wenigstens geruht, unsere drei Delegierten zu empfangen. Diejenigen, die wir an die Kommune entsandten, um ihr die Antwort von Versailles mitzuteilen, wurden nicht einmal zur Audienz zugelassen. Mit Mühe und Not ist es ihnen gelungen, Miot und Vermorel aufzufinden und unbestimmte Zusagen von ihnen zu erzwingen. Worte, leere Worte! ... In der gestrigen Sitzung hat Leo Meillet die Forderung gestellt, daß man mit den Versöhnungsvermittlern fertig werde. Andere Mitglieder der Kommune haben bei Begegnungen mit einigen unserer Freunde ihnen die ungereimtesten Dinge gesagt. Der eine: »Wir schaffen vollendete Tatsachen.« Und weißt du, was ein anderer auf den Einwand: »Gut denn, angenommen, ihr seid die Sieger – was tut ihr dann mit den Preußen?« geantwortet hat? »Das wissen wir nicht, wir gehen aufs geratewohl vorwärts!« Raisonnements von Narren oder von Verzweifelten, die dem Licht den Rücken zukehren und sich in die Sackgasse begeben. Jacquenne freilich weiß, wohin er geht. Und ich fürchte, er kommt nicht weit ...« In der Traulichkeit des bescheidenen Schlafzimmers, wo seit ihrer Heirat alles unverändert geblieben war, wo alles, die geblümten Tapeten wie die steifen Möbel aus der Zeit Louis-Philipps, ihnen eine Erinnerung, eine Gewohnheit war, besprachen sie lange, lange noch in vertrautem Gespräch die Ereignisse in ihren Ursachen und ihren Folgen ... »Denke dir«, sagte er, »– Jacquenne hat es mir erzählt, während er in Eile das Omelette bei Mutter Laveur verzehrte –, Paris hätte gestern beinahe einen wichtigen Fang gemacht! Kein geringerer als Jules Favre! Dieser ließ beim Ausgang von Saint-Denis – die Eskorte der Ulanen Fabricius' hatte er abgelehnt – den Wagen halten, um nach dem Weg nach Pantin zu fragen, wo er Ponyer-Quertier treffen und den Zug nach Frankfurt besteigen sollte, um dort den Frieden zu unterzeichnen. Man erkennt ihn und fordert ihm seine Papiere ab. Der Wagen fährt weiter, und auf dem Bahnhof von Pantin umringt ihn ein lärmender, von deutschen Soldaten mühsam in Zaum gehaltener Haufen. Es fehlt nicht viel, und man hätte ihn fortgeschleppt! Nein, die Angst, die er gehabt haben muß! Welch ein Fang! Jacquenne konnte sich gar nicht darüber trösten ... Diesmal wäre Versailles wohl gefügiger gewesen und hätte mehr Eifer bewiesen, als in der Angelegenheit des Erzbischofs und Bonjeans!« Frau Poncet erkundigte sich: »Über den Abbé Lagarde weiß man noch nichts Neues?« »Nein. Oder vielmehr, ja. Er ist immer noch in Versailles. Monseigneur Darboy hat ihm am 28. April einen letzten Brief geschrieben, worin er ihm den gemessenen Befehl erteilt, zurückzukehren. Doch trotz seines Ehrenwortes stellt der große Vikar sich taub. Seit acht Tagen ist er im Besitz der ablehnenden Botschaft, in welcher Thiers erklärt, weder das Recht, noch die Macht zu haben, den vorgeschlagenen Tausch zu bewerkstelligen. Da jedoch dieser Brief versiegelt ist, während er Darboys Schreiben offen übergeben hatte, nimmt er dies zum Vorwand, um auf seiner Weigerung zu bestehen. Bewundere die Schönheit des distinguo! ... Diese Antwort, die man durch keinen anderen als durch Lagarde senden kann und die er nicht übernehmen will, wäre die reinste Komödie, wenn sie nicht ein grelles Licht auf die Feigheit des einen und die Unmenschlichkeit der anderen würfe. Und es könnte den Anschein erwecken, als hätten Rigault und La Flotte das Versprechen gewechselt, für Blanqui nicht nur die fünf wichtigsten, sondern alle Bürgen – hörst du, alle – einzutauschen. Damit fiele eines der stärksten Hindernisse, das in Versailles zu gunsten des status quo uneingestehbare Hintergedanken erzeugt hat ...« In nervöser Aufregung schritt er vor dem Bett, auf das Frau Poncet sich gestreckt, auf und ab. In seinen überreizten Nerven spielte das ganze widerwärtige Drama mit seinen Nachklängen und seinen Erschütterungen weiter: »Wieder eine Hoffnung zerstört! Der zwanzigtägige Waffenstillstand, der der erstickenden Atmosphäre dieses Käfigs etwas frische, freie Luft zugeführt, der vielleicht die Wut von Versailles abgekühlt und den neuen Stadträten der Provinzen Zeit gegönnt hätte, ihren Wunsch nach Frieden zu bekräftigen. Denn es ist nicht zu leugnen: dieser Sieg der republikanischen Listen im Norden wie im Süden ist eine Kundgebung Frankreichs gegen die Wut der beiden extremen Parteien, gegen die Fortsetzung des Bürgerkrieges. Ausgenommen in Tours und in Lyon, wo die rote Flagge von neuem wehte, herrschte überall die Ruhe eines überlegten, zielbewußten Willens, ein eklatantes Dementi auf diese reaktionäre Nationalversammlung, die nach getaner Arbeit und beschlossenem Frieden mit Deutschland noch die Anmaßung hat, sich das Abbild des Landes zu nennen!« Mit schlaff herabhängenden Armen blieb er stehen: »Von allen Seiten kommen uns Beitrittserklärungen zum Kongreß der Delegierten der französischen Städte zu. Wenn es uns gelingt, uns in Bordeaux zu versammeln, rechtzeitig zu versammeln, vielleicht, daß wir dann noch imstande sind, trotz alledem, trotz des wahnwitzigen Eigensinns der beiden Parteien, diese Blinden und Tauben auf ihrem unseligen Wege aufzuhalten. Das Traurige ist, daß wir untereinander nicht mehr ganz einig sind. In der Versammlung heute abend haben die Fortschrittlichsten – natürlich die Unbekanntesten, – gegen die Fortsetzung der Unterhandlungen mit Versailles gemurrt und behauptet, daß wir uns, gleich den Freimaurern, offenkundig der Kommune anschließen und die Waffen ergreifen sollten ... Man hat sich über neuerdings zu unternehmende Schritte nur soweit geeinigt, daß man den Beschluß faßte, eine Waffenruhe für die um die südlichen Forts gelegenen Dörfer zu verlangen. Sie haben mehr noch als Neuilly gelitten ... Ach, liebe Frau, ich fürchte, das nimmt ein trauriges Ende!« Mit offenen Augen lag Frau Poncet und schien der düster drohenden Zukunft mit mutiger Resignation entgegenzublicken. Das Licht der Lampe ward immer schwächer, der Docht begann zu glimmen – in seine Gedanken und Sorgen versunken, sprach Poncet unaufhörlich weiter, und seine treue, tapfere Lebensgefährtin hörte ihm mit liebevoller Aufmerksamkeit und verständnisloser Teilnahme zu. In großen Zügen entwarf er ein Bild der gegenwärtigen Lage. Die Kommune, die in der Angst des Todeskampfes sich nach allen Seiten wandte, hier zurückweichend, dort die Hörner zeigend, in innere Gehässigkeiten gespalten, ohne Ursache sich streitend oder aus allzu vielen Gründen einander anklagend. Auf Rigaults Denunziation hin war eines der gewalttätigsten Mitglieder, Blanchet, ein ehemaliger Polizeimann, eingesperrt worden. Die wütende Gier des Vernichtens und Niederschlagens, die er an der Gegenwart nicht befriedigen konnte, ließ er an der Vergangenheit, an toten Steinen aus. Bis die Stunde kam, da man die Vendômesäule stürzen konnte, gab er Befehl, die Sühnekapelle Louis XVI. zu demolieren, und machte den Vorschlag, sämtliche Königsstatuen niederzureißen. Dazwischen wurden stundenlange Besprechungen darüber gepflogen, ob die Sitzungen fortan öffentlich oder geheim geführt werden sollten. Diese Männer, die Paris in gutem Vertrauen gewählt hatte, sie waren nicht mehr dieses unzusammenhängende, in demselben glühenden Tiegel verschmolzene Amalgam der ersten Tage. Jetzt kämpfte die Kommune, in zwei Lager gespalten, gegen sich selbst in jenem von Anfang an fühlbaren, seit der Bildung des Wohlfahrtskomitees jedoch offenkundigen Antagonismus. Einerseits eine leidenschaftliche, fanatische Majorität, mit Worten fechtende Jakobiner, trotz persönlicher Ehrenhaftigkeit zu den schlechtesten Handlungen bereit, von maßlosem Ehrgeiz und der von Rigault eingeflößten Furcht gestachelt. Andererseits eine gemäßigtere Minorität, gewaltsam vom Gedanken zur Tat getriebene Sozialisten; die angesichts der Wirklichkeit unsicher umhertasteten, und, ob aus Gewissenhaftigkeit oder Unerfahrenheit, nicht zu handeln wagten. Ihnen allen fehlte es am Terrain, an Zeit und – da Beslay, Jourde und Varlin sich der Konfiskation und der Plünderung der Bank widersetzten – auch an Geld. Man war auf spärliche Vorschüsse angewiesen, mußte überall die unbedingt notwendigen Summen zusammenscharren. An diesem Mangel war die sinnlose Verschwendung schuld, die mit der Löhnung für die Nationalgarde getrieben wurde. Von allen Seiten bedrängt und keinen Ausweg sehend, hatte Jourde seine Demission gegeben und sie nur mit großer Selbstverleugnung zurückgenommen. Die Intendanz befand sich in einem solchen Zustand der Unordnung, daß man die Brüder May hatte fortjagen und Varlins strenge, wenn auch machtlose Kontrolle an ihre Stelle setzen müssen. Überall, in den Munitionen, in der Bewaffnung und Equipierung herrschte sinnlose Verwirrung. Fünfzigtausend Revolver waren verteilt worden, man wußte nicht, wie und wo; die Preise auf den verschiedenen Märkten wurden so wenig beaufsichtigt, daß die Zwischenhändler sich die Taschen füllten, während die Arbeiter nahezu verhungerten. Rossel endlich, Rossel, die letzte Hoffnung einiger, war vom ersten Tag an vernichtet und beiseite geschoben. In dieser Verstümmelung endete sein einstiger, mit Charles Gérardin geteilter Traum einer jugendlichen, energischen Diktatur: das Wohlfahrtskomitee, in dem Ranvier, der Feind jeder militärischen Suprematie, Arnaud und Millière, Männer von untergeordneter Bedeutung und Pyat, der verworrene und wahnwitzige Kopf, saßen, verrammelten jeden Ausweg. Der Melodramendichter spielte sich auf den Generalissimus, ohne Rossel um Rat zu fragen, erhob Dombrowsky zum Oberkommandierenden, schickte ihn von Neuilly zur Besichtigung der südlichen Linien und trennte Wroblewsky vom linken Flügel bei Issy. Doch das war nur eines der schwachen Hindernisse, welche Rossels Energie und Willenskraft lähmten; sein Wille, zu siegen, war so unerschütterlich, daß er vor keinem Mittel zurückschreckte und so weit ging, nach dem Muster der Regierung, welche kürzlich zwölftausend Chassepots von Moltke zurückgekauft hatte, tausend Pferde von den Preußen zu erwerben, um die Remonte einer problematischen Kavallerie zu bilden. Die alte Gesellschaftsordnung hassend, auf die neue vertrauend, die seiner Überzeugung nach immerhin die bessere war, hätte er systematisch an der Vernichtung der Vergangenheit und der Vorbereitung für die Zukunft arbeiten mögen. Statt der lockeren Masse der Legionen wünschte er administrative und faktische Gruppen von fünf Bataillonen, unter dem Kommando eines Obersten, zu organisieren. Mobile Regimenter, die mit je fünf Kanonen bewaffnet, eine richtige kleine Armee mit vier Brigaden gebildet hätten, mit welcher er den Kampf gegen Paris hätte liefern können, – nach seiner Ansicht das einzige Rettungsmittel. Was vermochte eine passive Verteidigung anderes, als das Fallen der Wälle, die Notfrist einer regelrechten Belagerung, zu verzögern? ... Die bloße Drohung dieser Reform hatte das Zentralkomitee und die Legionchefs zu erbittertem Widerstand verbündet. Gemeinsam begaben sie sich unter stürmischer Erregung in das Ministerium der Rue Saint-Dominique, wo seit Cluserets Sturz das Komitee sich niedergelassen hatte, um der Kriegskommission Beistand zu leisten. Rossel hatte die Lautesten verhaften lassen. Sofort hatten sich die Legionchefs und die Mitglieder des Komitees, mit großem kriegerischem Apparat, mit Säbeln und Revolvern bewaffnet, in corpore zum Wohlfahrtskomitee begeben; Moreau hatte das Wort ergriffen und Pyat überzeugt. Der Augenblick der Entscheidung war für das Zentralkomitee gekommen; als Vater der Kommune schmeichelte es sich, die verlorene Tochter auf den rechten Weg zurückzuführen und war entschlossen, um ihr diesen Weg zu zeigen, vorauszumarschieren. Fernol faßte sich kaum vor Freude. Und am Abend, – während Rossel, die Unmöglichkeit einsehend, das Zentralkomitee zu brechen und es für klüger haltend, das, was von dieser Macht an revolutionärem Ansehen und im Räderwerk der Verwaltung an Kraft noch übrig war, zu gebrauchen, sich dem Komitee näherte, – hatte die Kommune ihrerseits beschlossen, ihm Satisfaktion zu geben, zur großen Entrüstung der Minorität, die vor Wut kochte, diese eifersüchtigen Vorgänger, die nur darauf lauerten, die Nachfolge anzutreten, wiederkehren zu sehen. Daher diese Lawine von Erlässen, welche die Spalten des Journal officiel füllten: die Kriegsdelegation gespalten, das Zentralkomitee feierlichst in die administrativen Ämter wieder eingesetzt, unter der Oberaufsicht der Kriegskommission, Rossel auf die militärische Direktion und Initiative beschränkt, eine neue Verteilung der Kommandos: Dombrowsky weiterhin in Neuilly, mit Hauptquartieren auf dem Vendômeplatz und der Muette; La Cecilia im Zentrum an Stelle des zu einer Reservebrigade berufenen Eudes, Tag und Nacht im Gebäude der Ehrenlegion residierend; General Wroblesky, Kommandant des linken Flügels und im Elysées untergebracht; Bergeret, bereits wieder in die Kriegskommission eingesetzt, überdies mit dem Kommando einer zweiten Reservebrigade geschmückt und froh darüber, den früheren Vendômeplatz und Mazas gegen die vergoldeten Salons des gesetzgebenden Korps einzutauschen. Und über alledem brütend, die kleinen Dekrete von tags vorher, wie das vom Artilleriedirektor Avrial verlangte allgemeine Munitionsinventar die Gründung einer Kontrollkommission für Verteilung der Waffen und Effekten; die Einsetzung von Prüfungen bei Eintritt in den Generalstab; mangels technischer Kenntnisse würde man sich mit dem »moralischen und politischen Wert der Kandidaten begnügen! ...« Ein schauderhaftes Durcheinander, aus dem nur das eine deutlich hervorging: die völlige Anarchie, die totale Ohnmacht. »Ach!« murmelte Poncet, aus seinen Betrachtungen erwachend, mit einem liebevollen Blick auf seine nun im Schlaf liegende Frau, »all das wird die Kommune nicht retten! Sie begeht ja einen Selbstmord ...« Mit qualvoller Bitterkeit dachte er an den neuerlichen Autoritätsmißbrauch, die Aufhebung von sieben der letzten unabhängigen Blätter, darunter das Petit Journal , La France , Le Temps ... Wahnwitzige, die alles um sich her hinwegfegten, als wollten sie nichts anderes, als servile Schmeicheleien mehr hören, die den Gedanken erstickten, indem sie die letzten übriggebliebenen, freien Stimmen knebelten! Leise knisternd erlosch die Lampe. Ein- oder zweimal zuckte das Licht noch auf, dann ward es finster. Da drang durch eine Spalte der das Schlafzimmer mit Martials ehemaligem Zimmer verbindenden Tür ein schmaler Lichtstreif. Poncet erinnerte sich der kleinen Lili und drückte leise auf die Klinke. Das Kind schlief, in unregelmäßigen Atemzügen hob sich die eingesunkene Brust. Sanft neigte sich Poncet über das magere, blasse Gesichtchen und ordnete die Decken ... Einen Augenblick noch betrachtete er sie mit sinnendem Mitleid, seine Gedanken schweiften zu Catisse und zu jenen, die gleich ihm still und unbeachtet der Kommune dienten, und ein Wort kam ihm ins Gedächtnis, das Rossel gesprochen, als er eines Tages einen Trupp schwächlicher, trotz der Uniform elend aussehender Nationalgardisten vorüberziehen gesehen: »Diese Leute haben das Recht, zu kämpfen. Sie kämpfen, damit ihre Kinder weniger dürftig, weniger skrofulös, weniger lasterhaft seien, als sie selbst.« Er trat ans Fenster, zog die Vorhänge auseinander und stieß die Läden auf. Dort unten lag sie, die Riesenstadt, aus der tausend goldig blinzelnde Lichter heraufgrüßten. Herzbeklemmende Rührung ergriff ihn; wie das kranke Kind da nebenan, so schlief auch das Volk von Paris seinen unruhigen Schlummer, der die müden Glieder löste. Vertrauensvolles Volk mit den kindlichen Freuden, vom Rausch dieses wundervollen Frühlings eingewiegt, sorgloses, auf seine eigenen Kräfte gestelltes Volk, so unendlich schwach ungeachtet seiner mächtigen Spannkraft, von Verschwörern und Verrätern, von dem langsam wirkenden Zorn eines rachgierigen, furchtsamen Bürgertums umgebenes Volk! Ein Uhr schlug es, leise verhallte in der Ferne der Klang. Lange noch horchte Poncet in die von Millionen von Atemzügen rauschende Nacht hinaus. III. Drei Tage später, beim Sinken eines jener schönen Frühlingstage, die, aus Azur und Gold gewoben, den Park mit ihrer leuchtenden Liebkosung umhüllten, saßen Anina und ihre Freundin Claire von Grandpré beim Eingang des Gehölzes du Midi. Ihre zum Schlosse gewandten Blicke verrieten, daß sie jemand erwarteten; ihre Hände, von denen sie die Handschuhe abgestreift hatten, berührten den Marmor der moosübersponnenen, von der Sonne erhitzten Bank. Der Duft der Blumen und des Bodens, den geometrisch angelegten Beeten, den dichten Bosketts entströmend, mischte sich in der linden Abendluft, mit dem bitteren Geruch der großen Taxushecken. Sie liebten diese einsamen Orte, die Stille der verödeten Gärten; das lärmende Treiben von Versailles erstarb am Rande des Teiches; kaum daß hier und da ein Spaziergänger sich jenseits der Rampe des Bassins der Latona verirrte. Wie oft hatte Anina in Gesellschaft ihrer Freundin sich mit ihren Erinnerungen und ihren Träumen unter den majestätischen Hallen der langen Alleen ergangen! Nur einzelne, in die Sockeln der Statuen gekritzelte oder gravierte deutsche Namen, eine pietätlose Betrachtung über Louis XIV. gefallene Größe oder sentimentale Einschnitte in die Rinde einer hundertjährigen Ulme, erzählten von der Anwesenheit der Sieger, von dem Durchzug der Horde, die hier, unter dem vergoldeten Plafond der Spiegelgalerie, das alte deutsche Kaiserreich zu neuem Leben erweckt hatte. In dem grünen Schimmer der Hagebuchhecken, am Rande der ausgetrockneten oder mit stinkendem Wasser gefüllten Bassins hing sie so gerne ihren Zukunftsträumen nach, in denen sie die Sorgen der Gegenwart vergaß. In Versailles, von dem Strom des Lebens und der Geschäfte angeschwollen, der aus dem öden Paris zurückflutete, herrschte ein unbeschreibliches Gewühl von Fußgängern und Wagen. Zwischen den beiden Städten bestand ein fortwährendes Kommen und Gehen; während Versailles nach der Terrasse von Saint-Germain drängte, sich mit der reichen Bourgeoisie vermengend, die am Morgen dorthin flüchtete, um den ganzen Tag mit Lorgnetten und Fernrohren auf der breiten Promenade umherzulungern, von der aus man die Hauptstadt und das Schachspiel der Schlacht überblickte – indessen strömte Saint-Germain nach Versailles, dem Zentrum der Nachrichten. Wenig Frauen, noch weniger Truppen, da die Armee immer mehr gegen die Wälle vorrückte und auch das 4. Korps ins Treffen gerückt war, gegen das Bois de Boulogne und den Point-du-Jour vordrängend. Dafür wimmelte es unter dem herrlichen Maihimmel von einer Menge von Lieferanten, Neugierigen und Beamten. Viele glänzende Kaufläden, deren Schaufenster an die der Boulevards erinnerten. In den Avenuen lange Reihen von hölzernen Buden; überall eine festliche Atmosphäre, deren gleichgültige Leichtfertigkeit Aninas Verwunderung erregte. Sie dachte mehr an das Versailles des Elends, an jenes unterirdische Versailles, das mit Gefangenen derart überfüllt war, daß sie in den Grandes und den Petites Ecuries, in den Kellern des Justizpalastes wochenlang schmachteten, von Ungeziefer verzehrt, bis die summarische Untersuchung sie nach anderen Orten sandte, wo sie des fernen Augenblicks des Urteils harrten. Anina vermied es, auf dem Weg in den Park an der Orangerie vorbeizukommen, seit sie den herzzerreißenden Szenen der Mütter, Frauen und Töchter beigewohnt, die in diesen Hohläugigen, zerlumpten, in Bretterverschlägen zusammengepferchten Gestalten den Sohn, den Gatten, den Vater suchten. Zumeist entfernten sich die Unglücklichen, ohne den Gesuchten zu finden, um, wahnsinnig vor Schmerz und Verzweiflung, an andere Tore zu irren, ihre angstdurchwühlten Gesichter an andere Gitter zu drücken. Manchmal verriet ein Schrei, ein Schluchzen, ein Fluch, die bittere Freude des Wiederfindens, die Verzweiflung der neuerlichen Trennung. Mit zahllosen kleinen Wohltaten hatte Anina dieses entsetzliche, unverdiente Elend zu lindern versucht. Claire half ihr bei diesen nutzlosen Werken der Barmherzigkeit, jedoch mit einem Gleichmut, der erkennen ließ, daß sie nicht aus persönlichem Mitgefühl, sondern aus Pflichtgefühl und aus Rücksicht auf religiöse und weltliche Konvenienz handelte. Du Breuil hingegen, der, im Gegensatze zu vielen seiner Kameraden, seinen früheren luxuriösen Gewohnheiten, den kostspieligen Pferden, den Spielpartien im Cercle entsagt hatte, fand trotz der angestrengten Tätigkeit, mit der er seine Zweifel betäubte, immer noch Zeit, sich an den mildherzigen Werken seiner Braut zu beteiligen. Mehr als einmal hatte er nicht nur mit der Börse, sondern durch seinen persönlichen Einfluß genützt; dank seiner Vermittelung hatte man zwei grundlos gefangen gehaltene Angeklagte freigelassen. Anina dankte ihm diese Bemühungen, die in erster Linie wohl von seiner Liebe eingegeben waren, doch auch einer Vornehmheit der Seele entsprangen, die sie täglich mehr schätzen und bewundern lernte. »Sieh doch!« rief Claire von Grandpré. Aninas Antlitz überzog glühende Röte, ihr Herz schlug zum Zerspringen. Mit großen Schritten tauchte in der Allee de l'Automne ein schlanker Offizier in schwarzem Dolman auf. Es war Du Breuil; er sah bekümmert aus, sein Gesicht war bleich und zwischen den Brauen saß eins tiefe Falte. Sofort ahnten die beiden Frauen ein Unglück. Sobald er sie jedoch gewahrte, zwang er seine Züge zu einem liebenswürdigen Lächeln, das aber etwas Gekünsteltes hatte. »Eine schlimme Nachricht?« war Aninas erstes Wort. Er versuchte zu lügen: »Nichts Ernstes. Ich erzähle es dir später ...« Doch schon war Claire von Grandpré diskret einige Schritte vorausgegangen. Gemeinsam schritten sie den Tapis Vert entlang, der glitzernden Wasserfläche des Grand Canal zu. »Was gibt es?« fragte Anina angstvoll. Du Breuil blickte sie an und gestand mit tiefschmerzlichem Ausdruck: »So höre. General Chenot, zum Kommandanten einer Division im Korps Cissey ernannt, hat mich vom Ministerium als Generalstabchef verlangt ... Soeben hat er mich durch ein Billet davon benachrichtigt und für heute abend zu sich bestellt ...« Niedergeschmettert, schritt Anina wortlos vorwärts. Das war der Zusammensturz des schwanken Gebäudes ihrer Sicherheit. Um sie her flohen die glücklichen Augenblicke, die armseligen Hoffnungen, auf die sie ihr Leben gegründet. Pierre mußte das Ministerium verlassen, sich von ihr trennen, um in den aktiven Dienst, in das Unbekannte dieses Krieges zu treten, in dem Augenblick, da er schrecklicher denn je zu werden drohte – welch plötzlicher Riß, welch unerwartete Qualen! Unter anderen Verhältnissen, als Soldatenfrau und wenn es galt, gegen den Feind zu ziehen, hätte sie vielleicht sich in die harte Notwendigkeit ergeben. Als Braut jedoch, die vom Glücke bisher nur das Verlangen und die Erwartung gekannt, bäumte sie sich gegen diesen neuen Schicksalsschlag auf, der sie traf, als sie eben erst nach all den Widerwärtigkeiten und Leiden ein wenig aufzuatmen begannen. Und als sie ihre Gedanken von sich ab zum Geliebten wandte, da fühlte sie nur noch bitterer die Pein und Qual. Sie war ihm in seinen Gewissenskämpfen gefolgt, sie teilte seine Sorgen und seine Zweifel. Von ganzer Seele verabscheute sie diesen Bürgerkrieg, der möglicherweise Pierres Leben in Gefahr brachte, jedenfalls aber ihn in die unausweichliche Notwendigkeit versetzte, sich zu einer Partei zu bekennen. Sie ahnte, was er litt. »Was soll ich tun?« fragte Du Breuil. »Was kannst du tun?« Sie zögerte, ihren Wunsch auszusprechen: »Ablehnen!« Mit dem Zartgefühl des Stolzes, der sich noch nicht im Besitz aller Rechte fühlte, fürchtete sie, seinen Entschluß zu beeinflussen: weniger als er, war sie imstande, die Bedeutung der Gründe des Gefühls, der Karriere abzuwägen ... »Oberst Laune sagte mir, es sei beschlossene Tatsache, der Minister werde morgen früh unterzeichnen ... Francastel hat mir schon gratuliert; in ihren Augen bedeutet das ein sicheres Avancement, ein unverhofftes Glück: mit noch nicht sechsunddreißig Jahren Oberstleutnant...« Durch seine Stimme bebte leise Ironie. Was ehemals seiner Eigenliebe geschmeichelt hätte, denn er war ehrgeizig, im edlen Sinne des Wortes – mehr vermögen, um Besseres leisten zu können, – das machte ihn jetzt seltsam traurig. Dem Ruin von Paris, dem Gemetzel von Franzosen seine Beförderung verdanken, sich für solche Arbeit mit einer goldenen Schnur bezahlt sehen, das hätte, weit entfernt ihn zu locken, ihn vielmehr abschrecken können. Glücklicherweise konnte nichts ihn zwingen, diese Belohnung, – ob sie nun in einer Rangerhöhung oder einem Orden bestand, – anzunehmen! ... »Kann General Chenot einen anderen Adjutanten finden? Oder müßtest du fürchten, ihn durch eine Ablehnung gegen dich zu verstimmen?« »Chenot könnte mir zürnen ... Doch darum handelt es sich nicht ... Ich bin unterwegs d'Avol begegnet. Ich habe ihm gesagt ... Er begreift nicht, wie ich zögern kann! ...« Anina machte eine lebhafte Bewegung. In was mischte sich Jacques? Sie war ihrem Cousin wegen seiner unerbittlichen Überzeugungen böse, von denen sie einen Einfluß auf die Entscheidung ihres Bräutigams fürchtete. Immer fremder wurden ihr d'Avols Ansichten, sein schroffer Mystizismus, sein unbeugsamer Hochmut. Als Freundin teilte sie seine Trauer und sah mit Bedauern seine Seelenkämpfe. Doch je inniger ihre Gedanken in der Ausschließlichkeit der Liebe mit jenen Du Breuils sich vermählten, je mehr entfernte sie sich von dem einstigen Freunde. In schmerzlichem Erstaunen erhob sie den Blick zu dem Geliebten, als sie ihn sagen hörte: »Meine Skrupel haben Jacques empört. Statt aller Antwort hat er ausgerufen: ›Du könntest vor deiner Soldatenpflicht zurückweichen!‹ ... Und der Händedruck, mit dem er mich verließ, war kälter als sonst.« In die Enge getrieben und vor eine unausbleibliche Diskussion gestellt, die einem weit ernsteren Konflikt, als in Metz, führen konnte, da diesmal ihr Mannesgewissen, ihre Mannespflicht in Frage kam, bangte Du Breuils zartfühlendes Herz vor einem neuerlichen Bruch ihrer kaum erst wiedererstandenen Freundschaft. Die kaum vernarbte Wunde begann frisch zu bluten. Sein Mißgeschick, das ihn gegen d'Avols Überzeugungen aufbrachte, ließ ihn dieselben absolut und ungerecht finden. Und doch fühlte er, vor die Notwendigkeit des Handelns gestellt, die alten Zweifel wieder in sich erwachen. Schon einmal hatte er sich geirrt, indem er sich der passiven Disziplin geopfert, und d'Avol mit seinem kühlen Verstand, seinem raschen Entschluß, hatte recht gehabt. Sollte er dem d'Avol von ehemals glauben, der sich gegen die Sklaverei des blinden Gehorsams empört, oder dem d'Avol von jetzt, dem Verfechter der streng erfüllten, militärischen Pflicht? Welche war die höhere Pflicht? Bis ans Ende als Soldat dem Vaterlande dienen, durch die Tat, nicht nur in den Kulissen, an seinem Schreibtisch sitzend und sich mit der armseligen, aber beruhigenden Illusion tröstend, daß er so weniger Anteil an diesem verhaßten Kriege hatte? ... Oder dieser Soldatenpflicht, das Vaterland gegen die inneren und äußeren Feinde zu schützen, die natürlichen Menschenrechte vorziehen? ... Um seine Entlassung einkommen, und damit sich aus der Sackgasse befreien, in der er überall, wohin er sah, nur qualvolle Ursachen und tragische Wirkungen erblickte? Das wäre ehrlicher gewesen. Denn ob er hier oder dort sein Handwerk übte, ob mit der Feder oder mit dem Säbel, das Problem blieb dasselbe. Er gestand Anina offen seine Bedenken. Er wunderte sich, die Resignation, mit der er bisher seine Aufgabe erfüllt, in der Überzeugung, keine Verantwortung zu tragen, weil er sie nicht übte, plötzlich in einem anderen Lichte zu sehen. Jetzt, da er jede seiner bisherigen Handlungen mit strenger Genauigkeit prüfte, jetzt erschienen sie ihm ebenso wichtig, ja vielleicht noch bedeutungsvoller, als wenn er bei den Vorposten gekämpft hätte: den Krieg vorbereiten, oder ihn führen, war das nicht ein und dasselbe? Während der Soldat, der kombattante Offizier den Tod einzelner herbeiführt, besiegelt derjenige, der die Schlachtenpläne entwerfen hilft, das Schicksal von hunderten, von tausenden menschlicher Wesen. Daß er nur aus Hang zu Ruhe und Frieden sich nicht von einer Lüge narren ließ! Daß die Fatamorgana seiner Liebe, ihres Glückes ihm nicht die blutige Wirklichkeit verhüllte! Wie in einer jähen Offenbarung sah die Rechtlichkeit seines Charakters sich vor eine unerbittliche Wahl gestellt: entweder rückhaltlos seinen Beruf als Offizier erfüllen, oder rückhaltlos sich von diesem Berufe lossagen. Seit er nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft sich wieder in den Dienst des Vaterlandes gestellt, hatte er all seine Zeit und all seine Kraft seiner Aufgabe gewidmet; sollte er nun, da das Drama seinem Ende entgegen ging, fahnenflüchtig werden? Unbewußt und im selben Augenblick, da er sich davon befreit glaubte, wirkte in ihm der Einfluß der Erziehung, die seinem Wesen den militärischen Stempel aufgedrückt, und verwischte in ihm die Erinnerung an die Bilder, die ihm mit blitzartiger Schnelligkeit und Deutlichkeit die furchtbare Kehrseite der menschlichen Gesellschaft mit ihrem Bodensatz von Unwissenheit und Elend gezeigt hatten. Jetzt milderte sich langsam der Widerwillen, den die grausamen Worte seiner Kameraden, die Unerbittlichkeit der bürgerlichen Menge ihm eingeflößt hatten; ein Gefühl des Abscheus erfaßte ihn beim Anblick der in unglaublicher Verwirrung und Erniedrigung sich verzehrenden Hauptstadt, der Unfähigkeit und Uneinigkeit seiner Herren. Später schlug wohl auch fürs Volk die Stunde, da seine legitimen Ansprüche befriedigt wurden, – später, wenn der deutsche Schatten, der wuchtige Schritt des Siegers nicht mehr den Boden zerstampfte, den Horizont verdunkelte. »Worin d'Avol nicht recht hat«, fuhr er fort, »das ist, wenn er die Gegenwart des Feindes einzuwenden versucht, der heimlich lügt und offen und ungeduldig die Bezahlung der Kriegsentschädigung fordert. Zugegeben, daß im Prinzip der Kommune ein Aufflammen des Patriotismus, in ihren Ursachen ein Ferment der Gerechtigkeit liegt, so spricht ihr doch ihre Fortdauer unter den verächtlichen Blicken des Feindes das unerbittliche Urteil ...« Sie waren in die Allee de l'Automne eingebogen; vor ihnen lag das Bacchusbassin mit seiner Gruppe aus schwarzem Metall, seinem großen, halb mit Wasser gefüllten Becken, in dem einzelne vergilbte Blätter faulten. Am Rande des Bassins blieben sie stehen und suchten mit den Augen Claire de Grandpré. Sie saß zu Füßen einer Hermesstatue, deren Torso mit gelber Lepra überzogen war. »Kommst du nicht weiter?« fragte Anina. »Geh nur!« antwortete sie. »Ich bin müde, hole mich später von hier ab.« Sie dankten ihr mit einem Lächeln und verloren sich zwischen den hohen Hagebuchhecken, unter den grünen Hallen der Saturnallee. Durch das dichte Laubwerk woben die Sonnenstrahlen zarte Streifen goldenen Staubes. »Grandprér las mir gestern«, sprach Du Breuil, »das Manifest vor, worin Thiers den Parisern die bevorstehende Beschießung der Umfassungsmauern ankündigt und sie auffordert, freiwillig die Tore zu öffnen, da sie die von einer Handvoll Fanatikern unterdrückte Mehrzahl sind ... Einige Kanonenschüsse noch, und die Armee hält ihren Einzug. Möge Thiers' Verheißung sich bald erfüllen: der Friede, die natürliche Wiederherstellung der Ordnung ... Jede Hoffnung auf einen Erfolg vorheriger Unterhandlungen wäre eine Chimäre. Die Bemühungen der Liga des guten Poncet werden fruchtlos bleiben, und nicht einmal dazu führen, einen Waffenstillstand zugunsten der arg mitgenommenen südlich gelegenen Dörfer Montrouge und Vaures zu erlangen. Und der Kongreß von Bordeaux ist untersagt ...« Picard hatte eben in der Kammer die Erklärung des Journal officiel kommentiert, welche die Verfechter und Förderer des Kongresses zu »wahren Usurpatoren der nationalen Souveränität« stempelte. »Die energischsten und strengsten Maßregeln sollten gegen jeden ergriffen werden, der sich an diesen verbrecherischen Bestrebungen beteiligte. Etwaige Versöhnungsversuche sollten in Zukunft »keine Spur von Sympathie oder Nachsicht finden.« Doch in dem dem Menschen angeborenen Bestreben, nur diejenigen Argumente festzuhalten, die mit der Ansicht, zu der er hinneigt, übereinstimmen, wies Du Breuil die allzu düsteren Befürchtungen von sich. Er dachte nicht daran, sich über die Inkonsequenz dieser Regierung zu wundern, die, nachdem sie Paris seinem Schicksal überlassen und geleert und es nun mit hundertfünfzigtausend Mann und Hunderten van Kanonen belagerte, die Pariser bat, das auszuführen, was ihr selbst noch nicht gelungen war; er wollte nichts anderes hören, als die beruhigenden Worte: »die Regierung wird die Kanonen nur abfeuern, um eines euerer Tore zu sprengen«; und ferner: »sobald die Tore geöffnet sind, werden die Kanonen ihr Feuer einstellen« ... Anina teilte seine Hoffnung; ein schneller Gewaltakt, und darauf die Tage der Ruhe und des Vergessens, die verheißene Ära: »Ruhe, Ordnung, Wohlleben und Frieden werden in euere Mauern wieder einziehen!« ... So fügten sich die jungen Leute unmerklich, nicht ohne Trauer und Bangen, doch auch schon mit Hoffen und Mut in die Wendung ihres Geschickes. Die Macht der Gewohnheit, die edlen Seiten seines Berufes fesselten Du Breuil an diese Epauletten, die ihm die Vorteile der Stellung, die Freuden des Ehrgeizes symbolisierten, an diesen Säbel, dessen Klinge aus reinem Stahl, gleich seinem eigenen geläuterten Dasein, für die geduldige Arbeit der Revanche bereit war. Nicht ungestraft hatte er in Italien, in Mexiko und vor Metz den Rausch des Kampfes, die Solidarität im Unglück kennen gelernt. Der neue Mensch konnte nicht mit einem Schlage den alten abschütteln. Vor ihnen lag das Saturnbassin, von smaragdgrünen Rasenflächen eingefaßt. In seiner klaren Wasserfläche spiegelten sich die fünf Statuen, die den Ausgang der geheimnisvoll dämmerigen Alleen bewachten. Wie lang die Tage schon wurden! Der Duft von Heliotropen, Petunien und Verbenen, der aus den Beeten des Jardin du Roi aufstieg, durchschwängerte die milde Luft. In wunderbarer Schönheit sank der Abend herab, die Marmorbilder, die Wipfel der Bäume mit rosigem Schimmer übergießend. Schweigend wandten sie die Schritte. Schmerzliches Sehnen lastete auf ihnen. Was sie miteinander gesprochen, die Nachwirkung des ernsten Problems, das sie erwogen und beinahe schon gelöst, ohne es sich eingestehen zu wollen, die Erinnerung an vergangene Tage, die Erkenntnis von der Flüchtigkeit der Zeit bannte auf ihre Lippen all die Liebesworte, mit denen sie, sonst nicht gegeizt. Selbst ihre Gefühle drängte eine seltsame Befangenheit in ihre Herzen zurück. Sie wagten es nicht, mit dem gewohnten Vertrauen in die Zukunft zu blicken. Vor einer Stunde noch hatte das Bewußtsein des unverlierbaren Besitzes ihrer Liebe die Trunkenheit des süßen und mächtigen Verlangens verliehen. Jetzt lichtete das Ungewisse der nächsten Zukunft eine dunkle Mauer zwischen ihnen auf. Unwillkürlich flüchteten sie zu den Minuten, die nicht mehr waren. Ihre Blicke, die so gern auf den Linien ihrer Gesichter, ihrer Gestalten geruht hatten, wandten sich voneinander ab oder trafen sich in schwermütiger Trauer. Sie vermochten nicht mehr, der Wonne des Augenblicks sich hinzugeben, das Entzücken, das in dem Druck der teueren Hand, in dem Lächeln der geliebten Lippen liegt, zu genießen. Claire von Grandpré kam ihnen entgegen. Sie sprach ihnen ihre verständnisvoll freundschaftliche Teilnahme aus. Doch mit ihr trat die Macht der Konvenienz, die Tyrannei der Außenwelt wieder in ihre Rechte. Sie tauschten nur noch gleichgültige Worte, während sie ihr Denken und Fühlen in sich verschlossen. »Mittwoch der 10. Mai«, seufzte Rose, an den Fingern abzählend ... »Sonntag, Montag, Dienstag ... Vier Tage, seit er fort ist!« Unter der niederen Zimmerdecke verbreitete die Kupferlampe ihren traulichen Schein. An dem Werktisch, auf dem die Werkzeuge wie in sonntäglicher Ruhe in Reih und Glied geordnet lagen, saßen die beiden Frauen in ernstem Gespräch. Der Raum war kahl und sauber, die Formen standen auf den schwarzen Wandbrettern gereiht, die Häute hingen an den Wänden. Das Feuer im Herde war erloschen. Man fühlte den Hauch der Ordnung, der Leere und der Armut. Aus dem Hinterladen drang zuweilen das Geräusch eines trockenen Hustens, das Krachen eines Bettes unter der Last eines schweren Körpers herüber. »Vater träumt!« flüsterte Therese. Draußen lag tiefes Dunkel, nur schwach vom Licht der Kandelaber erhellt – eine linde, milde, duftende Frühlingsnacht, die mit ihrem Zauber die Herzen berauschte. »Simon geht es etwas besser«, fuhr Therese fort, während sie unermüdlich die Nadel durch die Arbeit zog. Das böse Fieber, das ihren Mann nach der Rückkehr aus Issy überfallen hatte, begann nachzulassen; er war eben schon zu alt für solche Strapazen! Und ohne dazu gezwungen zu sein ... Doch weit entfernt, ihn darum zu tadeln, bewunderte sie als tapfere Gefährtin ihn nur um so mehr und sorgte, daß er völlig erholt war, bevor er den Dienst wieder begann. Sie war ernstlich böse geworden, als am Sonntag bei den Klängen des Sammelsignals Simon, obwohl in Fieberfrost sich schüttelnd, aufstehen wollte, um mit Louis auszurücken – als wäre jetzt nicht an den anderen die Reihe gewesen, zur Verstärkung der durch das Feuer der Versailler dezimierten Kameraden nach Vaures zu eilen! Aber nein, unter dem Vorwand, daß nur wenige intakte Kompagnien disponibel waren, wurden immer dieselben zum Ausrücken kommandiert! And doch hätte man nach Issy wohl Anspruch auf einige Tage des Ausruhens gehabt. Das waren harte Tage gewesen, die Börse leer, die Löhnung und die Unterstützungsgelder kaum hinreichend für ein Stück Fleisch. Dazu die teuere Arznei, die Almosen für die Verwundeten – da war es unmöglich, auszukommen. Glücklicherweise hatten Thédenat und seine Frau sie nicht verlassen. Gestern erst hatte die Villoir ihnen von Frau Thédenat ein Viertel gekochten Schinken gebracht. Therese und Rose lebten dahin, auf ihre häuslichen Pflichten beschränkt, in fast völliger Unkenntnis des Dramas, das um Paris und Frankreich sich abspielte. Zu ihnen drangen nur vereinzelte ungewisse und widersprechende Gerüchte. In ihren Augen war die Kommune die unanfechtbare Regierung, eine Gemeinschaft wackerer Männer, die sich endlich mit den Interessen des Volkes befaßten und den wucherischen Kontors des Versatzamtes die notwendigsten Gegenstände entrissen, um sie den Armen zurückzugeben. Bald würde man Kleidungsstücke und Matratzen den Dürftigen wiedererstatten können! Bald auch würde Therese den Ring aus vergoldeten Silber wieder an den Finger stecken können, den Simon an dem Tage, da sie sich fürs Leben vereinigt, geschenkt hatte. Dieser Ring hatte nicht das Oremus eines Priesters empfangen, sie hatten nicht der Unterschrift des Bürgermeisters bedurft, um einander als wackere Menschen anzugehören, treuer und unlösbarer als in vielen durch den Segen der Kirche geweihten Ehen ... Dann waren da noch andere Maßregeln, wie die Auszahlung der Pension an alle Witwen, ob legitim oder nicht; und obgleich sie diese Möglichkeit gar nicht ins Auge faßte, – wenn Simon starb, war ihr ganzes Dasein vernichtet –, war sie den Gewählten des Rathauses doch herzlich dankbar. Und dann, – trotz des Getöses des Bombardements, an das man schon seit langem gewöhnt war, – schien das Leben leichter, in den Straßen herrschte froheres Leben und der Frühling war schöner denn je. An dem lärmenden Getriebe des Quartiers, des Boulevards Saint-Michel mit seiner Unzahl von Bierstuben hatte sich nichts geändert. In ihren engen Wirkungskreis eingesponnen, ahnten Therese und Rose nicht, daß außerhalb dieses Winkels, der vom Pantheon bis Saint-Sulpice und von der Seine bis zum Luxembourg reichte, Paris, von Grund aus aufgewühlt, in den verschiedenen Stadtteilen die verschiedenartigsten Eindrücke bot, so verschiedenartig, daß jedes Viertel als eine Stadt für sich erschien: die Vorstädte von einer geschwätzigen Menge wimmelnd; die Boulevards noch belebt, doch einen fremdartigen Anblick gewährend mit den von Uniformen, Frauen und Abenteurern gefüllten Kaffeehäusern; die reichen Arrondissements beinahe verödet, die Straßen leer wie in den Sommer- und Ferienmonaten, die Kaufläden geschlossen. Ebensowenig wußten sie etwas von den Todeskrämpfen, welche angesichts der von Stunde zu Stunde vorrückenden Armee von Versailles die gebrechliche Macht der Kommune erschütterten, an der ihr rührendes Hoffen, die Hoffnung von Tausenden von Wesen hing. Sie ahnten merkwürdigerweise nichts von der endgültigen Ergebung von Issy, durch die falsche Erklärung der Kommune getäuscht. Am Abend des 8. hatten die letzten Verteidiger der Festung mit Ingenieur Rist und. Major Jullien die Ruinen verlassen. Es gab in dem ganzen Fort keine Stelle mehr, die von den Granaten verschont geblieben. Sie wußten nichts von den Nachwirkungen dieses Ereignisses: der Tragikomödie, die sich auf den Brettern des Kriegsministeriums und des Rathauses abgespielt, wo Zentralkomitee und Kommune, Rossel und die Legionchefs, das Wohlfahrtskomitee und die Minorität vierundzwanzig Stunden lang sich in unentwirrbarem Durcheinander bekämpft hatten. Nach einer Woche machtloser Anstrengungen, im Rathause durch Pyat insultiert, der ihn als »blonden Bazaine« bezeichnete, hatte der Kriegsdelegierte unter der Last seines Amtes und seiner Verantwortlichkeit zusammenbrechend und an der Sache verzweifelnd, beschlossen, mit den von ihm geschaffenen Regimentern wenigstens die Offensive zu versuchen, die allein noch Versailles aufhalten und beschäftigen konnte. Am 7. wollte er bei Petit-Vauvers mit La Cecilia einen Angriff wagen. Doch man kam nicht einmal dazu, sich zu sammeln. Der ehemalige Präsident des Kriegsgerichtes, der früher die Leute zum Tode verurteilte, wenn er an ihre Schuld glaubte, begnügte sich jetzt mit einer kindischen Exekutive: er hatte den Feigen den rechten Ärmel abschneiden lassen, und alle diese Leute hatten geschluchzt. Den 8., nachdem er daran gedacht, die Legionchefs, die sein Werk hinderten, erschießen zu lassen, hatte er von ihnen das Versprechen erlangt, auf dem Konkordienplatze fünfundzwanzig Bataillone zu fünfhundert Mann zusammenzubringen, von dort aus sollte man in die Schlacht ziehen. Am Abend jedoch zeigte es sich, daß die wenigsten ihr Versprechen gehalten hatten. Am Morgen des 9. sah Rossel sich genötigt, die Flinte ins Korn zu werfen: statt der erwarteten zweitausend Mann hatte sich kaum die Hälfte eingefunden. Da hatte er der Kommune einen wuchtigen Abdankungsbrief geschrieben und etliche Kopien desselben, um jedes Band unwiderruflich zu durchschneiden, an die Zeitungen geschickt. Mit seinem soldatischen Freimut und der Deutlichkeit des Theoretikers brandmarkte er in Ausdrücken bitterster Enttäuschung und ätzender Ironie die Schwache der einen wie der anderen, die ein unübersteigbares Hindernis bildete. Da er dasselbe nicht zu beseitigen vermochte, zog er sich zurück und bat nur noch um die Ehre einer Zelle in Mazas. Gleichzeitig erhielt er die Nachricht von der einige Stunden zuvor stattgefundenen Räumung von Issy; da griff er wieder zur Feder und schrieb die schlichten Worte nieder, die wie ein trockenes, hartes Todesurteil, wie der Ton der Totenglocke klangen: »Von dem Fort Issy weht die trikolore Flagge.« Sofort flatterte diese Kundmachung nach allen Richtungen und bedeckte in zehntausend Exemplaren die Mauern. Das war ein doppelter Theatercoup, der die Kommune mitten ins Herz traf, das Zentralkomitee in Aufruhr brachte und dem bestürzten Paris, dem überraschten Frankreich die ganze lärmende Nichtigkeit des in den letzten Zügen liegenden Rathauses zeigte. Denselben Nachmittag tauschte man dort endlose, unnütze Reden, als Delescluze eintrat und die brutalen Nachrichten verkündete; mit seiner beschränkten Ehrenhaftigkeit, seiner patriotischen Empörung enthüllte er die Fehler und beschuldigte den Wohlfahrtsausschuß: derselbe sei seiner Aufgabe nicht gewachsen, machtlos und von dem ehemaligen Ruhm seines Namens erdrückt; mochte er verschwinden! Ein Sturm der Entrüstung brach los. Alle Wut des Hasses war entfesselt; eine Stimme verlangte die Verhaftung der Minorität; Gambon forderte die Abschaffung sämtlicher Zeitungen, als ob die Knebelung der Presse dem militärischen Mißgeschick abhelfen könnte; viele verlangten die Gefangennahme Rossels, des »Verräters, des Bestechers«, während andere ihn anflehten, sein Entlassungsgesuch zurückzunehmen. Nach Stunden stürmischer Beratungen beschloß man, den Wohlfahrtsausschuß neu zu ernennen und ihm das Rathaus als ständigen Sitz anzuweisen; einen Zivildelegierten zum Kriegsdelegierten zu ernennen und ihm die Militärkommission beizugeben – indessen wurde E. Moreau vom Zentralkomitee als Zivilkommissär neben Rossel eingesetzt; – ferner, sich – ausgenommen in dringenden Fällen, – nur dreimal wöchentlich zu versammeln und die übrige Zeit in den Mairien zur Erledigung der laufenden Geschäfte zu verwenden. Endlich sollte, auf Besiniers Vorschlag, eine Kundmachung diejenige Rossels dementieren: »Es ist nicht wahr, daß von dem Fort Issy die trikolore Flagge weht. Die Versailler halten die Festung nicht besetzt und werden sie nicht besetzen« ... Indessen war sie seit dem Morgen schon in ihren Händen. Am Abend war die Sitzung mit verstärkter Heftigkeit wieder eröffnet worden. Die Militärkommission forderte die Beibehaltung Rossels für weitere vierundzwanzig Stunden, drohte, andernfalls selbst abdanken zu wollen. Da ließ Pyat seinem giftigem Groll freien Lauf. Er hatte den Abwesenden mit Schmähworten überschüttet, sich dann zur Minorität gewandt und auch sie mit Vorwürfen und Anklagen bestürmt, sie der Feigheit, der Mitschuld an jedem Verrat bezichtigt. Da hatte sich wütender Lärm erhoben, so daß die Männer, die gemeinsam die Aufgabe übernommen hatten, Paris zu verteidigen, Aug' in Auge, Faust gegen Faust aufeinander losgingen. Die Sitzung wurde aufgehoben. Pyat zog sich mit der Majorität zurück, der Saal leerte sich. Die Sozialisten warten, werden ungeduldig. Hinter einer Tür verhandeln die Revolutionäre. Man erbricht die Tür. Unter lautem Geschrei verlangt die Minorität ihr Recht und fordert die Gegenpartei auf, in den Sitzungssaal zurückzukehren; diese weigert sich und es wäre zu Tätlichkeiten gekommen, wenn sie nicht angesichts der entschlossenen Haltung der Minorität sich rechtzeitig noch eines besseren besonnen und den Saal wieder betreten hätten. Kaum jedoch saß Pyat im Fauteuil, als die Majorität ihre Schimpfreden von neuem begann und den Vorschlag machte, mit Rossel auch die »aufwieglerische« Minorität zu verhaften. Pyat ging zum Angriff über, von Malons Ausruf unterbrochen: »Sie sind der böse Geist der Revolution! Schweigen Sie!« Und Arnold erhob den Vorwurf: »Diese Leute von 1848 werden alles verderben!« Man schritt zur Abstimmung, nicht ohne daß die Tyrannen mit einem neuerlichen Skrutinium drohten, wenn das erste nicht zu ihrer Zufriedenheit ausfiel. Die Namen Ranvier, Arnaud, Eudes, Gambon, Delescluze befriedigten sie; die Liste ging unbeantwortet durch. Indessen war Rossel vom Zentralkomitee mit Deputationen bestürmt worden. Er gab dem Drängen nach und begab sich zur Nachmittagssitzung. Er erklärte sein Verhalten: er könne nicht alles tun, nicht zugleich Korporal und General sein, nicht die kampfesmüden Leute ins Feuer führen, während die anderen verhandelten ... Als er den Sitzungssaal verließ, um sich zum Diner zu Dombrowski zu begeben, wurde er von einem Boten eingeholt, der ihm berichtete, daß das Zentralkomitee ihn mit einer Majorität von zweiundzwanzig gegen sechs Stimmen zum provisorischen Diktator ernannt und von der Kommune die Vollmacht für ihn verlangt hatte. Ins Ministerium zurückgekehrt, empfing Rossel die Kriegskommission, die durch Avrial, Johannard und Delescluze – letzterer hatte den Verhaftungsbefehl in der Tasche – verstärkt worden war. Dessen wurde jedoch mit keinem Worte erwähnt und Rossel willigte ein, bis zum nächsten Tage zu bleiben, doch unter der Bedingung, nichts mehr zu unterzeichnen. Den 10. baten ihn Avrial und Johannard, ins Rathaus zu kommen. Er brachte sie in seinem Wagen hin und wartete ruhig im Quästursaal, nicht als Gefangener und nicht frei. Wieder eine stürmische Sitzung, die mit kleinlichen Sorgen begann und mit den wichtigsten Beschlüssen endete: von der Prüfung der verschiedenen Sitzungssäle schritt man zur Ernennung Delescluzes als Zivildelegierten im Kriegsdepartement. Der alte Republikaner verlangte Rossels Erscheinen vor Gericht; Pyat seine Verhaftung und sofortige Berufung vor das Kriegsgericht. Die Majorität sanktionierte den Beschluß. Doch schon hatte Rossel bei der von seinem Freunde Charles Gerardin ihm überbrachten Nachricht, daß sein Schicksal von unwürdigen Richtern entschieden werden sollte, sich aus dem Staub gemacht. In Gerardins Begleitung verließ er ruhig den Saal und bestieg seinen Wagen. Auf dem Boulevard Saint-Michel trennten sich die beiden und verloren sich schattengleich in der dichten Menge. Indessen wütete die große Batterie von Montretout – »der Schlüssel von Paris«, nannte sie stolz Thiers, – mit ihren siebzig Marinegeschützen gegen den Point-du-jour. Rechts und links dehnte sich die vorrückende Front der Versailler Armee. General Douay überschritt im Dunkel der Nacht die Seine und ließ seine Truppen vor Boulogne, den Bastionen gegenüber, Aufstellung nehmen; am Morgen waren die Laufgräben fertig, die Truppen dreihundert Meter von der Umwallung entfernt in Deckung. Bei Villancourt war eine Brücke geschlagen, eine schleunigst aufgefahrene Batterie sollte das Feuer der Kanonenboote unterhalb des Viadukts löschen. Am anderen Ende, gegen Bourg-la-Reine zu, erstürmte General Osmont in der Nacht vom 9. zum 10. die Barrikaden. Ein Regiment eroberte Vauves. Schritt für Schritt näherten sich die Truppen der Festung, um sie vollständig einzuschließen. Die Diskussionen im Rathaus dauerten fort. »Hörst du?« fragte Therese. Im gelben Licht der Lampe hob Rose ihr reizendes Gesicht, dessen blumenhafter Teint durch Sehnsucht und Angst gebleicht war, während der Glanz der Augen etwas Fieberhaftes hatte. Sie hatte sich in den letzten Wochen merkwürdig verändert, die herrliche Frühlingssonne, der selige Rausch ihrer Liebe hatte ihre Schönheit zu voller Blüte entfaltet – eine im rauhen Winter der schrecklichen Belagerung gewelkte Blume, vom Hauch des Lenzes und des Glückes wachgeküßt. Die schmiegsame Gestalt war voller geworden. Wenn sie jetzt des Morgens vor dem Spiegel sich ankleidete und die weißen, schöngeformten Arme emporhob, um die dunklen Flechten aufzustecken und dabei der feste, keusche Busen sich streckte, dann dachte sie an Louis und war stolz auf ihre Schönheit. Er betrachtete sie jetzt mit anderen Augen, als früher; und in ihrer Unschuld empfand sie dabei eine köstliche, süße Verwirrung. Sie war sein mit ganzer Seele – wenn er es wollte, auch mit ihrem Körper ... Sie lauschte: »Mir ist's, als hätte Vater sich gerührt.« Hinter der Wand ließ sich ein rauher Seufzer hören; Therese sprang auf. »Wie geht's?« fragte sie, über das Bett geneigt, in dem unter einem Berg von Decken Simon ruhte, die mageren Glieder gestreckt, vom Fieber erschöpft. Er bewegte den struppigen Kopf, in dem die eingesunkenen Augen in starrem Glanze blickten. Er versuchte, sich aufzusetzen. O gewiß, es ging schon besser; bald würde er wieder aufstehen und ausrücken können. Der Gedanke, daß Louis und Anatole auf ihren Posten standen und ihre Pflicht taten, tröstete ihn. Sie hielten ihm indessen Platz. Die gute Sache zählte nicht allzuviele gute Soldaten! Oft waren die Namen Dury und Levidoff durch seine Träume geglitten. Er nahm einen Schluck Tee und wischte sich mit dem Handrücken den Mund. Therese überredete ihn, sich auszustrecken und glättete ihm die durchwühlten Kissen ... Er sollte zu schlafen versuchen! Doch sein Kummer ließ ihm keine Ruhe; die Kommune schlecht bedient, schlecht verteidigt ... Therese bemühte sich, ihn zu beruhigen. Er drückte die treue Hand, die ihn so viele Jahre gestützt, in schlimmen Tagen ihm beigestanden. Gewiß bereitete es ihr schwere Sorge, ihren Mann und die beiden Jungens, die sie wie eigene Söhne liebte, in Gefahr zu wissen, doch sie hatte sich tapfer beherrscht und hielt ihn mit ihrem Mut und Vertrauen aufrecht. Mit weicherer Stimme sprach er: »Du bist eine gute Frau!« Und in diesem schlichten Worte lag der Dank eines ganzen Lebens, der Ausdruck seiner Liebe und Treue, die unzerreißbaren Bande der Freude und der Leiden, die ihre beiden Existenzen in einer edlen, freien Vereinigung verschmolzen hatten. Die Verehrung, die Therese ihrem Manne zollte, der Trost, den ihre hingebende Teilnahme ihm bot, – fanden ihresgleichen in gar vielen Arbeiterehen, in den Mansarden, in den Stätten der Armut. Gar viele, mit grauem oder blondem Haar, trugen unter ihrem Leinenkittel ein heldenhaftes Herz. Von ihnen galt, was einst ein Föderierter zu den Bürgerbataillonen, die am 24. März die Mairie von Meline bewachten, gesprochen hatte: »Glaubet mir, ihr könnt euch nicht halten, euere Frauen sind in Tränen und die unseren weinen nicht.« Diese Pariserinnen gingen täglich mit einem Suppentopf und einem Wäscheballen zu den Schanzen. Oft ergriffen sie an der Seite der Ihren das Gewehr. Kellnerinnen, darunter viele schöne Mädchen, gaben alles, was sie besaßen, den Branntwein für den Magen, die Schönheit ihres Leibes für Sinnenlust und Vergessen. Als Krankenwärterinnen neigten sie ihre von Mitleid leuchtenden Gesichter über die Verwundeten und verbanden die Wunden. Die Glut frommen Glaubens stählte ihren Mut. Hätten sie schreiben, unterschreiben können, zahllose Namen hätten die Aufgebote zum Krieg und verzweifelten Widerstand bedeckt, welche die Führerinnen der Frauenunion als Antwort auf das Friedensmanifest erlassen hatten und die mit der Leidenschaftlichkeit der von einem blinden Instinkt der Gerechtigkeit geleiteten Schwachen geschrieben waren. Therese hatte die Tür geschlossen, damit Simon ungestört einschlafen könne und saß wieder unter der Lampe, als der Riegel der auf die Straße führenden Glastür leise klirrte. In der halbgeöffneten Tür zeigte sich ein verwegenes, blasses Gesicht. Sie wollten einen Schrei ausstoßen; Anatole legte den Finger auf die Lippen und winkte ihnen, hinauszukommen. Beide Frauen traf es wie ein Schlag: Louis! ... Rose stürzte, völlig außer sich, hinaus und fragte mit bebender Stimme: »Was gibt's?« »Nichts Ernstliches«, erwiderte Anatole. »Es ist nur, weil ich Vater nicht stören will ... Heute Nacht haben die Liniensoldaten Vauves angegriffen und Louis ist von einer Kugel an der Brust gestreift worden ... Sei ruhig, Schwesterchen ... Es war mehr Schrecken als Schmerz ... Aber der Große fürchtet, ihr könntet es von anderen erfahren und euch wer weiß was einbilden ... Dieser Kerl, dieser Rougeard, haßt uns und wäre imstande, euch einen Hieb versetzen zu wollen, indem er euch einen Schrecken einjagt ... Und da die Versailler uns heute, scheint es, in Ruhe lassen wollen, so hab' ich die Beine in die Hände genommen, und da bin ich!« ... Aufs höchste erschreckt, bestürmten ihn die beiden Frauen mit Fragen, Rose in solcher Angst, Therese so erregt, daß er laut auflachte ... »Großer Gott, diese Weiber! ... Gestreift, sag' ich euch! Ein kleiner Riß da und da!« Er bezeichnete an sich selbst die Stellen. »Etwas Arnika und Umschläge ... Übermorgen ist alles wieder gut! So wein' doch nicht, Rose ...« Schluchzend und mit verstörtem Ausdruck blickte sie Anatole an. Auch Therese betrachtete ihn prüfend, konnte jedoch nur bemerken, daß seine Bluse zerfetzt, sein Beinkleid bis zu den Knien zerrissen war. Seine Hände waren von Pulver geschwärzt, von der blassen Stirn perlte der Schweiß. »Ja freilich, ich bin gehörig gelaufen ... Wie geht's Vater? ... Grüßt ihn von mir; ich muß zurück. Adieu, meine Herrschaften!« Seine Stimme hatte einen Ton der Heiterkeit, der Rose gekünstelt schien. Man sagte ihr nicht die volle Wahrheit! »Warte«, rief sie, »ich gehe mit dir.« Und unbekümmert um Theresens Bedenken, um Anatoles Einwände, warf sie ein kleines Tuch um die Schulter und nahm heimlich aus einer Büchse ihre Ersparnisse, zwanzig Franks in Hundertsousstücken, davon eines ganz neu, mit dem Dreizack der Kommune. Sie umarmte die Mutter, die jetzt mit resignierter Zärtlichkeit ihren Entschluß billigte: »Die Kleine hatte recht, an ihrer Stelle hätte sie selbst nicht anders gehandelt.« Therese stopfte die Reste ihres Mittagessens – ein Stück gekochtes Fleisch – in Anatoles Tasche und brachte ihm ein Glas Wein heraus. Er schnalzte mit der Zunge: »Das schmeckt! ... Auf Wiedersehen, Mutter!« Sie waren schon fern, denn Rose schritt so schnell aus, daß Anatol ihr kaum zu folgen vermochte; er wandte sich noch einmal zurück, um Therese eine Kußhand zuzuwerfen. Feuchten Auges, mit wankenden Knien, von dem wehen Gefühl des Alleinseins überwältigt, blickte die Zurückbleibende ihnen nach. Ein weiter Weg lag vor ihnen, die Straßen dunkel und menschenleer. Vor dem durch eine Kerze erleuchteten Schaufenster einer Apotheke blieb Rose stehen und betrat, schnell entschlossen, den Laden. Sie kaufte Verbandzeug, Wundsalbe und Saturnextrakt. Eine der dicken, blanken Münzen rollte auf den Ladentisch. Der Apotheker, den Kopf mit einer griechischen Mütze bedeckt, wog sie mit der Hand und untersuchte sie mißtrauisch. Der Taler trug, mit der Messerspitze eingeritzt, auf dem lorbeergeschmückten Kopfe Napoleons III. die unauslöschliche Bezeichnung: Sedan . »Ist sie vielleicht nicht gut?« höhnte Anatole in herausforderndem Ton. »Verzeihung, Bürger! sie ist vortrefflich.« Nun begannen sie beinahe zu laufen. Auf den öden Boulevards erloschen die letzten Lichter der Weinstuben. Gruppen von Frauen huschten vorbei, Almosen suchend. Anatole fing zu hinken an, während Rose, von fieberhafter Erregung vorwärts getrieben, keine Ermüdung spürte. Glücklicherweise kam ein leer heimfahrender Milchwagen vorbei; Anatoles Bluse beruhigte den Bauer und dieser brachte die beiden bis zum Tor von Montrouge, das sie, nach langen Verhandlungen, passieren durften. Ein endloser Marsch durch die laue, sternenglitzernde Nacht ... Rosen war es, als wäre sie seit Jahrhunderten unterwegs und sollte nie ans Ziel gelangen. Endlich tauchten Lichter auf und Anatole flüsterte: »Dort!« Eine Stimme rief: »Werda?« Andere warfen in gemeinen Ausdrücken das Losungswort hin. Rohes Lachen erklang. Ein Föderierter versuchte, mit Rose zu scherzen. Da erschien auf der Schwelle einer erleuchteten Tür eine schlanke, vornehme Gestalt. Das Licht einer Fackel warf einen purpurnen Schimmer über das intelligente Gesicht, auf Pierre Durys schöne Augen, Anatole erklärte: seine Schwester habe durchaus mitkommen wollen. Sie glaubte, daß Louis ... Mit ernster Höflichkeit empfing sie der Leutnant: Simon ruhte in einem Nachbarhause aus; er war wohlauf und nur vorsichtshalber heute noch vom Dienst befreit. Diese Überraschung jedoch würde die beste Medizin für ihn sein und seine vollständige Genesung beschleunigen ... Er und Anatole geleiteten Rose bis zur Schwelle und deuteten auf eine Glastür im Erdgeschoß. Ein dünner Lichtstrahl stahl sich durch die Spalte und ließ die Umgebung noch finsterer erscheinen. Die kleine, verlassene Villa lag in tiefem Schlafe. Den Blumen eines Beetes entströmte süßer Duft. Nur eine eingedrückte Mauer und die lose herabhängenden Fensterflügel verrieten die Nähe des Feindes. Rose zwang sich zur Ruhe. Alles still ringsum, kein Laut drang an ihr Ohr, als das stürmische Pochen ihres Herzens. Sie öffnete die Tür. Eine Kerze verbreitete ihren gelblichen Schein. Aus dem Hintergrund eines Alkoven ließen regelmäßige Atemzüge sich vernehmen. Auf den Fußspitzen trat Rose näher. Ein Schauer durchlief sie, dem ein Gefühl köstlicher Erleichterung folgte. Das Hemd des Schläfers war mit Blut befleckt, doch auf seinen Zügen lag ein Ausdruck von Kraft und heiterer Seelenruhe und solche Schönheit, daß sie in stummer Anbetung die Hände faltete und den Atem anhielt. Doch schon öffnete er im Gefühl der Nähe eines geliebten Wesens die Augen und erblickte das liebliche, von schwarzem Haar umrahmte Antlitz, die weiche, schmiegsame Gestalt, die wie ein Traumbild vor ihm stand. »Du!« rief er. Ihm war, als träume er noch immer, er ergriff die heißen, schlaffen Hände und zog den teueren Körper eng an sich. In einem langen, glühenden Kusse fanden sich die beiden und um sie her versank die Welt mit ihrem eitlen Gefolge leeren Scheins. Es gab in dieser Stunde des Unglücks und der Gefahren nichts mehr außer ihnen, deren Seelen sich vermählten, deren Körper nach Vereinigung dürsteten. Lachend wie Kinder, sagten sie sich kindische Dinge. Sie wollte ihn schnell verbinden und packte ihren Wundbalsam und ihre Binden aus. Während sie die blutige Brust mit einer kalten Kompresse wusch, durchzuckte sie ein scharfer Schmerz beim Anblick der Wunde, obgleich sie dieselbe sogleich als leicht und ungefährlich erkannte. Gerührt suchte er sie zu beruhigen: ihre bloße Berührung habe ihn geheilt! ... Eine vortreffliche Krankenpflegerin! Sie setzte sich an den Rand des Bettes und betrachtete ihn, als wäre sie in Gefahr gewesen, ihn zu verlieren. Die Glut des Blickes entflammte ihn. Bis ins Innerste durch die Berührung des geliebten Körpers verwirrt, stammelte sie unzusammenhängende Worte und drängte ihn, zu berichten, was er seit ihrer Trennung getan, gesagt, gedacht hatte. Sie hörte kaum seine Antworten. Sie schwiegen, um nur noch der lauten Stimme ihres Instinkts zu lauschen. Stumm gaben sie sich der trunkenen Wonne des Augenblicks hin; durch das offene Fenster drang mit der frischen und doch linden Luft der fruchtbare Strom der schwellenden Frühlingssäfte herein. Sie waren wie berauscht von ihrer Liebe und dabei erzitterten ihre Herzen in unsagbarem Bangen. Es war die Ahnung von der Flüchtigkeit des Augenblickes, von der unwiederbringlich fliehenden Zeit, von der Nähe des ringsum lauernden Todes. Sie mischte in den Taumel ihrer Sinne, der sie einander in die Arme trieb, einen Hauch der Trauer. »Komm!« flehte er. Er umfing sie mit den Armen. Mit unwiderstehlicher Kraft erwachte in den Adern des Mannes die Brunst sinnlicher Begierde. Gehorsam, gezähmt wie eine glückliche Beute, schmiegte sie sich an ihn. Ihre Haare lösten sich, ihre Lippen fanden die seinen. So blieben sie eine Minute, eine kühnere Liebkosung ließ sie erröten; ein Schauer glitt über ihre ganze Gestalt. »Warte!« flüsterte sie mit einem Kuß der Scham und der Verheißung. Sie erhob sich jäh und blies das Licht aus, das sie störte wie ein unberufener Blick. Tiefes Dunkel umgab sie. Hastig entkleidete sie sich, wobei Louis ihr mit bebenden Händen half. Sie sanken aufs Bett. Das ewige Gesetz des Lebens erfüllte sich und schlicht, in der sieghaften Macht ihrer Jugend, in der Reinheit ihrer Liebe nahmen sie voneinander Besitz. Als sie erwachten, geblendet und ermattet, drang helles Tageslicht durch die Scheiben. Die Frische des Morgens füllte das Zimmer und umhüllte sie mit einer Flut von Gold und Azur. Verliebt lächelten sie einander zu und in ihren Herzen, wie an dem strahlenden Himmel, stieg die Sonne des Friedens und der Freude auf. IV. Im Garten des Hotels Grandpré, im Schatten der Ceder, stand der Teetisch gedeckt. Aus dem wolkenlosen Himmel eines leuchtenden Spätnachmittags fiel ein klares Licht auf die saftiggrünen Rasenflächen, auf die Alleen, in denen die Gäste gruppenweise plaudernd sich ergingen. Seit Anfang des Monats hatte die alte Gräfin ihre Empfangsabende wieder aufgenommen, und diesen Sonntag, den 13. Mai, war die Zahl der Gäste besonders groß. Ein Kreis lichtgekleideter Damen umgab die Greisin, die, ein Spitzentuch über den weißen Haaren, mit vornehmer Anmut ihr Lorgnon handhabte. Claire machte, von Anina unterstützt, die Honneurs. Sie reichte Frau von La Mûre die Zuckerdose. Die dicke Dame ließ mit der silbernen Zange vier Stücke in die kleine Tasse gleiten. »Etwas Rahm?« fragte Anina die dürre, blasse Person, die neben ihrer Mutter noch länger und flacher erschien. Fräulein von La Mûre dankte. Aninas Verlobung mit dem schönen Major Du Breuil verdroß sie wie eine persönliche Beleidigung. Nicht als ob sie je ihre Wünsche nach dieser Seite gerichtet hätte, aber jede Heirat schien ihr wie ein Hohn auf ihre eigenen verwelkten Reize, die trotz der von ihrer Mutter bei jeder Gelegenheit deutlich genug betonten Mitgift von den Männern beharrlich verschmäht worden waren. Neugierig blickte sie in Aninas Gesicht und freute sich, darin den Ausdruck sorgenvoller Trauer zu lesen. »Sie haben doch keine schlimmen Nachrichten von Ihrem Bräutigam?« erkundigte sie sich in der geheimen Hoffnung, ihre Frage bejaht zu hören. »O nein, ich danke.« Anina stellte die Zuckerschale aus Sèvresporzellan auf den Tisch und wandte sich einem elegant gekleideten jungen Manne zu, den zwei alte Herren eben mit einer Hast, als wäre er mit der Pest behaftet, verlassen hatten und der, allein gelassen, im Begriffe war, sich zu verabschieden. Martial Poncet war ihr von Du Breuil vor dessen Abreise vorgestellt worden auf Grund der nahen Familienbeziehungen, die zwischen Du Breuil und den Familien Real und Poncet bestanden. Anina, die das erstemal Martial kaum beachtet hatte, fand heute einen Trost darin, ihn wiederzusehen, jetzt, da sie durch die Abreise ihres Bräutigams, – der tags zuvor sich mit Chenot in das Hauptquartier zu Châtillon begeben hatte – sich in einer Stimmung trauriger Vereinsamung befand. Weder die für die nächste Woche festgesetzte Ankunft ihrer Eltern, noch die Hoffnung, daß die neuerliche Trennung nur von kurzer Dauer sein werde, vermochte sie zu trösten. Pierre schien ihr fern wie in den Tagen seiner Gefangenschaft. Voll bitterer Wehmut durchlebte sie in der Erinnerung immer wieder die Stunden traulichen Beisammenseins, in denen sie sich fast in das Gefühl gesicherten Besitzes eingewiegt hatten. Jetzt gähnte zwischen diesen beiden nach Glück dürstenden und noch nicht in geweihter Vereinigung verschmolzenen Menschen schwer und drückend eine grausame Leere: dieser furchtbare Krieg, die tausend kleinen täglichen Zufälligkeiten, das Unbekannte... »Sie gehen doch noch nicht, Herr Poncet?« Bei Aninas Anblick hatte Martials Miene sich wieder aufgehellt. Er verneigte sich höflich. Die stolze Schönheit, die anmutige Güte des jungen Mädchens flößten ihm tiefe Sympathie ein. Sie erhöhte ihm noch den Reiz dieses Milieus des Luxus, dessen Raffinement und Vornehmheit einen angenehmen Gegensatz zu dem demokratischen Paris bildete. Trotz der von seinen eigenen Überzeugungen so verschiedenen Ansichten, die durch eine gewisse Freiheit im Ton, durch die Höflichkeit der Salons erträglich gemacht wurden, erlag Martial allmählich dem souveränen Despotismus der Umgebung. Gleich zu Anfang seines Versailler Aufenthaltes hatte er seinen Sammetrock, der ihm ein etwas zigeunerhaftes Aussehen verlieh, mit dem modischen Frack vertauscht. Und wie sein Äußeres sich verändert hatte, so auch seine Seele. Aus Höflichkeit und auch von dem Gefühl geleitet, daß all dieses Herkömmliche in der Form im Grunde doch der Bedeutung nicht entbehrte, eignete er sich langsam das Wesen seiner Umgebung an. Was ihn gestern noch peinlich berührt hatte, ließ ihn heute schon gleichgültig. Er hielt sich nicht damit auf, über Worte zu streiten und war bereit, die Berechtigung der Ideen anzuerkennen. Gehässige Reden, Interpretationen von Tatsachen, die in Paris ihn empört hätten, ließen ihn in Versailles kalt: die Gesichtspunkte waren eben verschieden. Wie diesem verderblichen Einfluß widerstehen, der in der Luft lag, die man atmete, der sich in die Augen einprägte, dem Ohr sich aufdrängte, dieser Epidemie von Groll und Haß? ... Die Ansteckung verschonte auch nicht die kühlste Vernunft, den rechtlichsten Sinn. Berühmte Männer, Männer von Geist, die zum Teil das intellektuelle Frankreich repräsentierten, predigten das Beispiel für die leidenschaftlichen Angriffe der Journalisten und der Boulevardtrotter. Soweit hatte es Martial schon gebracht, daß er ohne Widerwillen der Einbringung der Trophäen von Issy beiwohnen konnte. Über den staubbedeckten Kolonnen der Linientruppen in offenem Rock und schief sitzendem Käppi flatterten etliche zerfetzte rote Fahnen. Die herbeigeeilten Bürger begrüßten das aufrührerische Emblem mit Flüchen und Hohnreden, von kochender Wut erfaßt beim Anblick dieser roten Fetzen, die ihnen als das Sinnbild ihres eigenen vergossenen Blutes erschienen, als wäre in diesem brudermörderischen Kampfe das Gemetzel nicht gegenseitig gewesen. Zwischen den Reihen der Soldaten rollten mit Laub geschmückte Mitrailleusen und Kanonen; von Stirn und Brust der Pferde hingen welkende Feldblumen. Vor dem Gitter der Präsidentschaft hatte das Gefolge der Delegationen Halt gemacht; Fanfaren grüßten Thiers und den Marschall Mac-Mahon, die auf der Schwelle der Vorhalle standen. Mit schmeichlerischen Reden empfingen sie die Truppen angesichts der blutroten Fahnen, von denen man mit erheucheltem Abscheu sich abwandte. Nachdem die Begrüßung vorüber, hatte der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt und den Schloßhof erreicht. Unter der Reiterstatue Ludwigs des Vierzehnten stellten die Chasseurs und die Artillerie sich in Schlachtordnung auf, die Trophäen mit Musik und Trommlern in der Mitte. Da waren aus einem der Seitentore des Marmorhofes eine Anzahl alter Herren in gewöhnlicher, bürgerlicher Kleidung herausgetreten, die einen barhaupt, die anderen mit ehrwürdigen Zylindern oder einfachen Strohhüten. Einige trugen im Knopfloch auffallende Abzeichen. Das waren die Machthaber von Frankreich. Ungefähr zweihundert an der Zahl, nahmen sie längs der Fassade Ludwig XIII. Aufstellung und einer der Vizepräsidenten der Nationalversammlung, Herr von Malleville, richtete an die Offiziere und einen Teil der Truppen, die man hatte vortreten lassen, Worte der Beglückwünschung und des Dankes. Anina und Martial sprachen von dem, was einen Berührungspunkt zwischen ihnen bildete: von Charmont und dem alten Oberst Du Breuil. Es gewährte ihnen ein egoistisches Vergnügen, inmitten dieses Sturmes der Ereignisse sich von diesen persönlichen Dingen zu unterhalten. Fräulein von La Mûres mißbilligender Blick verfolgte sie: schon kritisierte sie mit einigen Klatschbasen das unkorrekte Benehmen Aninas, die sich mit einem jungen Manne von der Gesellschaft absonderte, und mit wem? dem Sohn des Republikaners Poncet, eines der berüchtigsten unter den verbrecherischen Mitgliedern der Versöhnungsliga. Herr von Grandpré erschien und küßte mehreren Damen die Hand ... Die Konversation wurde allgemein und immer lebhafter. In einer Ecke saß Herr von Grandpré und sprach mit geheimnisvoller Miene. Martial trat näher und erfuhr überraschende Neuigkeiten. Gestern abend war Paris mit knapper Not der Gefahr entronnen. Nach dem Mißlingen des Komplotts, welches den Zugang zum Tor von Passy der Armee ausliefern sollte – nachdem einmal schon nach gescheitertem Versuche die mobilisierten Truppen im Bois de Boulogne unnütz die Zeit verloren hatten – waren die Unterhandlungen von neuem aufgenommen worden. Oberst von Beaufond, der Reeder Lasnier, Kapitän Laroque waren mit Dombrowskis jetzt in der Muette installiertem Generalstab in Unterhandlungen getreten. Ein gewisser Oberst Malonsky – Martini horchte hoch auf – hatte sich verpflichtet, für den Preis von vierzigtausend Franks ein Tor offen zu halten. Um Mitternacht war Ladmirault in aller Stille von Courbevoie herabgestiegen und hatte sein Armeekorps in der Umgebung der Tore von La Muette und Auteuil zusammengezogen. Douay hatte seine Schanzen verlassen und hielt das Tor von Passy besetzt. Im Vordertreffen lauerten sorgfältig gewählte Polizeitruppen, durch Geniesoldaten verstärkt, auf den geeigneten Augenblick, sich im Zentrum auf den besprochenen Eingang zu stürzen und hierauf, sich teilend, die beiden anderen Tore zu öffnen. Vorgestern hatte man aus Versailles mehrere mit Maschinen, Leitern, rollenden Brücken beladene Wagen gesandt. Mit der ganzen in Bewegung gesetzten Reserve Vinoys waren achtzigtausend Mann im Bois zusammengepfercht und hielten den Atem an. Thiers hielt sich neben Douay, der Marschall stand unter der Zeder zwischen den beiden Seen. Nach vier Stunden des Harrens hatte Mac-Mahon, um die Armee nicht zu sehr dem Kartätschenfeuer auszusetzen, den Befehl zum Rückzug gegeben. Übrigens war es eine böse Nacht für die Verschwörungen, fügte Grandpré hinzu. Troncin-Dumersan war eben angekommen: Lasnier war diesen Morgen verhaftet und einer anderen Sache wegen nach Mazas gebracht worden. Trikolore Armbinden, die den Parisern als Sammelsignal dienen sollten, waren seit einiger Zeit von allerlei Händen fabriziert worden. Eine gewisse Frau Legros leitete eine dieser Unternehmungen und bezahlte ihre Arbeiterinnen höchst unregelmäßig. Eine dieser Arbeiterinnen nun hatte sich, in der Meinung, für das Rathaus zu arbeiten, an dieses gewandt, um ihren Lohn zu fordern. Dies führte zu einer unliebsamen Entdeckung ... Andererseits zogen die Unterhandlungen mit Dombrowski sich in die Länge ... Es gab fortan keine Hilfe mehr, als durch die Kanonen. Er rieb sich die Hände: hier ging ja alles vortrefflich. Dank Thiers' großer Inspiration – die schnelle Einnahme des neuen Bahnhofes des Matelots mit seinen ansehnlichen Arbeiten – konnte die Armee jetzt jede Schlacht aushalten. Die Verproviantierung ging wie am Schnürchen! ... Ein genialer Einfall! ... Fortan konnten 35 Kilometer Schienenweg, durch Pontoise und Chevreuse mit sämtlichen Eisenbahnen Frankreichs verbunden, die ungeheuere Pariser Zentralisation abwenden ... Der kommerzielle Verkehr, der Zustrom der Zölle unterbunden, eingezogen ... Hehe! das war ein Mittel, jede künftige Revolution im Keime zu ersticken! Indessen wollte man diese vollends zertreten ... Herr von Grandpré strich sich mit gewohnter Geste den Schnurrbart und meinte ironisch: »In acht Tagen...« Man verstand die Anspielung und Frau von La Mûre nahm, als fühlte sie sich persönlich getroffen, eine beleidigte Miene an. Ihr Gatte gehörte zu jenen, die Thiers mit Nadelstichen quälten, ihn zu langsam an der Arbeit fanden, ihn der Parteilichkeit für die Republik verdächtigten. Graf La Mûre gehörte zu den eifrigsten Anhängern jener unversöhnlichen, beschränkten Rechten, die durch das Organ Mortimer-Ternaux' Thiers aufgefordert hatte, sich wegen angeblichen Einverständnisses mit der Versöhnungspartei zu verantworten und sich die harte Erwiderung zugezogen hatte: »Es gibt unter Ihnen unkluge Köpfe, die es gar zu eilig haben. Acht Tage noch und die Gefahr wird beseitigt, die Aufgabe ihrem Mute und ihrer Fähigkeit angemessen sein.« Dieses Wort konnten La Mûre und seine Freunde Thiers nie verzeihen: es war wie ein Backenstreich, den man ihnen versetzt hatte und sie wollten dessen gedenken. Augenblicklich waren sie ganz im Banne der frommen Rührung, die Graf Chambords volltönender politischer Brief im legitimistischen Lager verursacht hatte. Eine Predigt pro domo , aus Goritz datiert, in der der Erbe der enttäuschten Bourbons in feierlicher Weise sich anbot: »Das Wort gehört Frankreich, die Stunde ist Gottes.« Mit beredter Handbewegung rief Grandpré die Anwesenden zu Zeugen auf. Gestern waren die Föderierten unter dem Vorwand einer Hausdurchsuchung nach Waffen in die Bank eingedrungen und hatten die Ausgänge des Gebäudes militärisch bewacht; Gott weiß, was geschehen wäre, hätte der alte Beslay, der Herrn von Ploeuc sein Wort gegeben, daß das Institut verschont bleiben sollte, nicht sofort bei der Kommune Protest eingelegt ... Ein Schauer durchlief jeden bei dem Gedanken an die riesenhafte Plünderung des Bargeldes, der Wertpapier- und Schmuckdepots. Frau von La Mûre konnte ein Ächzen der Entrüstung nicht zurückhalten: sie hatte in der Bank Depots im Wert von hunderttausend Franks liegen. Und alle dachten an die Möglichkeit dieser Katastrophe, an den sozialen Zusammenbruch, den die Plünderung des ungeheueren Hauses mit seinen mit Millionen, mit Goldrollen und ungezählte Vermögen repräsentierenden Wertpapieren angefüllten Kellern mit sich führen würde. Verachtende Empörung gegen diese verruchten Räuber, die den gigantischen Diebstahl, den ketzerischen Raub hätten vollführen können, jeden Augenblick, wenn es ihnen gefiel, vollführen konnten, durchschauerte die elegante Gesellschaft. »Man sollte sie samt und sonders totschießen und bei sämtlichen Gefangenen damit beginnen!« erklärte ruhigen Tons ein liebenswürdiger Herr. Grandpré fuhr in seiner Anklagerede fort: der Haufe der im Rathaus residierenden Verräter hatte seine Macht in die Hände der Gewalttätigsten gelegt, indem er alle Vollmacht über die Kommissionen und Delegationen jenem neuen Komitee, dem sogenannten Wohlfahrtskomitee, übergab, der fünfköpfigen Hydra, die man bald zu zertreten hoffte. Auch hatten sie Courbet, den sie als zu schwach befanden, abgesetzt und durch Ferré, den würdigen Nacheiferer Rigaults, ersetzt. Während sie darauf warteten, sämtliche Bürgen zu beseitigen und Paris mit Feuer und Schwert zu verheeren, zerstörten sie in ihrer wahnsinnigen Wut das, was es an Heiligstem gibt, das persönliche Eigentum, die Erinnerungen der Geschichte. Sie ließen ihren Zorn an harmlosen Steinen aus, wie um in ihnen die großen Prinzipien zu vernichten, auf denen sie beruhen: »Heute demolieren sie Thiers' Palais. Sie haben damit begonnen, die wertvollen Sammlungen fortzuschaffen, alle diese teueren Erinnerungen eines der Kunst, der Gelehrsamkeit geweihten Lebens. Unter dem Vorwand, die Museen und die Ambulanzen beschenken und eine öffentliche Auktion zum Besten der Verwundeten veranstalten zu wollen, raubt und plündert man! Morgen vielleicht schon werden sie die Vendômemesäule stürzen, an die sie bisher sich noch nicht gewagt hatten. Man trifft schon alle Vorbereitungen dazu. Wir sollen dies unvergängliche Denkmal unserer Siege fallen sehen! Aber Geduld! Der Tag der Vergeltung wird kommen, und zwar bald!« Tief ergriffen, Tränen in den Augen, warfen die alten Damen ihre Spitzenärmel zurück und falteten die Hände. Ein Diplomat schüttelte mit niedergeschlagener Miene seinen weißen Kopf. Lauter Protest, leise Schreie wurden hörbar. Martial teilte die allgemeine Entrüstung. Nein, wahrhaftig! so sehr er Paris auch liebte, so viele Entschuldigungsgründe er für das Verhalten der Hauptstadt auch fand – das war zu albern, das waren die Sitten wilder Völker, diese Erbitterung gegen die leblose Materie, dieser brutale Vandalismus gegen die Vergangenheit! Er war im Begriff, sich zu verabschieden, als, von einem affenähnlichen, behaarten Greise begleitet, Herr von La Mûre in tadellosem Salonrock, schneeiger Wäsche, den grauen Hut in der Hand, in der Gesellschaft erschien. Auf seinem an gesprungenes Email erinnernden Gesicht lag der Ausdruck ungewohnter Erregung. Er nahm zur Rechten der alten Frau von Grandpré auf einem niederen Tabouret Platz. Mit der kalten Herablassung des der Zukunft gehörenden Politikers beantwortete er die an ihn gerichteten Fragen: »Wir hatten eine bewegte Sitzung, Frau Gräfin. Zuerst hat Cazenove de Pradines unter allgemeiner Zustimmung den herrlichen Vorschlag gemacht, öffentliche Gebete zu veranstalten, um Gott anzuflehen, unserem Bürgerkrieg ein Ende zu machen und uns von den uns betrübenden Übeln zu erlösen.« Diese in salbungsvollem Ton vorgebrachte Nachricht fand bei den Gästen der Frau von Grandpré die günstigste Aufnahme. Zustimmendes Schweigen herrschte. Zufällig begegneten sich Aninas und Martials Blicke in verständnisvoller, mit Melancholie gemischter Ironie. Der affenartige Deputierte senkte die Stirn, als vernähme er die Stimme des Apostels. Martial gedachte des von Trochu erfundenen einzigen Mittels, das Heil der Seele zu retten: die neuntägige Andacht in Sainte-Geneviève! Wie tief, wie tief steckten doch all diese Menschen im Dunkel der Vergangenheit, im Aberglauben des Mittelalters, wie fern waren sie dieser französischen Revolution, die die Gewissen befreit, die Menschenrechte verkündet hatte! Doch schon verkündete Herr von La Mûre die große Neuigkeit: »Favre, aus Frankfurt zurückgekehrt, bestieg die Tribüne. Meine Herrschaften, diesmal ist der Friede mit den Deutschen besiegelt.« Er machte eine Pause. Es war, als bereitete es ihm eine hohe Erleichterung, eine ungemischte Freude, seinen seit den ersten Niederlagen täglich sich erneuernden Traum verwirklicht zu sehen. »Von Seite der Deutschen können wir nun ruhig sein. Bismarck hat sich diese verdammte Insurrektion zu nutze gemacht, um einen rascheren Abschluß des Vertrages und die von ihm gewünschten Garantien zu erlangen, indem er drohte, bei den ersten Schwierigkeiten unsererseits gemäß dem ursprünglichen Übereinkommen zu verlangen, daß alle unsere Truppen sich hinter die Loire zurückzögen und Deutschland allein die Aufgabe überließen, Paris zur Vernunft zu bringen. Diese unangenehme Eventualität konnte vermieden werden, dafür hat jedoch die deutsche Regierung stipuliert, daß, solange die Ordnung in Frankreich sowohl wie in der Hauptstadt ihr nicht genügend erschien, um die Zahlung der Kriegsentschädigung zu sichern, die Okkupation von Oise, Seine-et-Oise, Seine-et-Marne und Seine fortdauern sollte! Die Räumung der Somme, der Unter-Seine und der Eure wird erst nach Auszahlung der ersten halben Milliarde stattfinden; und diese fünfhundert Millionen werden erst nach den der Wiedereinsetzung der legitimen Gewalt in der aufrührerischen Stadt folgenden dreißig Tagen ausgezahlt werden können! So unterdrücken die Paris beherrschenden Banditen, nicht zufrieden damit, alles um sich her zu verwüsten, das gesamte Frankreich, indem sie dem Lande die erniedrigende und verderbliche Gegenwart des Siegers noch weiterhin auferlegen!« Der behaarte Abgeordnete kratzte sich seinen Affenschädel und grunzte ein paar Worte der Zustimmung. Er war der Meinung seines ehrenwerten Kollegen und wich nur in geringfügigen Nuancen von derselben ab. Sein Groll gegen die Kommune hatte seinen Ursprung hauptsächlich darin, daß diese ihn die solide Macht, die kräftige Organisation der Deutschen schätzen gelehrt hatte. In Familienangelegenheiten hatte er sich heimlich nach Paris begeben müssen: beim Verlassen dieser Hölle hatte es ihm eine wahre Erleichterung gewährt, die borstigen Helmbüsche zu erblicken, sich unter dem Schutz der bayrischen Bajonette zu wissen und das »Ja« des Beschützers zu vernehmen. Er hatte diese mächtigen Hüter der Ordnung gesegnet, während er denjenigen fluchte, die ihn zwangen, jene zu bewundern. Martial las einen Ausdruck der Scham auf Aninas Antlitz. Ihm war, als empfände sie allein in ihrer lothringischen Seele dieses verletzte Schamgefühl, denn in der Umgebung des Affen fanden seine Worte allgemeinen Beifall. Und in der Wiederkehr seines Gerechtigkeitssinnes dachte er bei sich: »Ja wohl, das war der große Fehler der Kommune, diese zähe Hartnäckigkeit, die sie die demütigende Nähe des verhaßten Feindes hatte vergessen machen. Doch beging Versailles in der gleichen Unnachgiebigkeit, in seinem jetzt gegen die Vertreter der Versöhnungspartei gerichteten Hasse nicht das gleiche Verbrechen, nicht die gleiche Verantwortlichkeit? Martial ahnte nicht, daß denselben Nachmittag, in Tours, sein Vater das harte Gesetz des Stärkeren an sich erfuhr. Nebst vier anderen Delegierten der Liga war Poncet beauftragt worden, sich nach Bordeaux zu begeben, wohin ungeachtet des Verbotes verschiedene Behörden ihre Vertreter entsandt hatten. In anderen Städten, in Lille, Angers, Macon, organisierten sich Protestzentren; in Lyon gruppierten sich die Mandatare von sechzehn Departements des Südens und Ostens. Während der Waggon ihn seinem Ziel entgegentrug, setzte Poncet seine ganze Hoffnung auf diese Intervention in extremis . Das Anerbieten Pascal Groussets, der am Tag nach der Auflösung des Kongresses von Bordeaux das Luxembourgpalais der Liga zur Verfügung stellte, hatte er stets nur als das aufgefaßt, was es war: eine neue Verhöhnung. Tags zuvor drohte ein Sekretär des Wohlfahrtsausschusses, drei Delegierte der Liga gefangen zu nehmen, deren einzige Schuld darin bestand, Worte der Beschwichtigung der Kommune gegenüber gesprochen zu haben; sie entkamen nur dank der Hilfe Vermorels, der ihnen eine geheime Tür öffnete. Und heute hüllte sich die hochherzige Kommune, um Versailles etwas am Zeuge zu flicken, in eine erheuchelte Milde und öffnete allen Versöhnungsfreunden Frankreichs die Arme. Was sie jedoch nicht hinderte, den nächsten Tag bei einem in den Tuilerien abgehaltenen Konzert Schoelcher verhaften und zwei Tage lang hinter Schloß und Riegel bewachen zu lassen. Ebensowenig Hoffnung setzte Poncet auf die Menschlichkeit der Versailler Herren und war sich der Gefahr, in der er sich befand, klar bewußt. War nicht eines der bekanntesten Mitglieder der Liga, Loiseau-Pinson, kürzlich in Chartres verhaftet worden? Der Chemiker ergab sich in alles, nur nicht darein, den furchtbaren Augenblick des Zusammenstoßes näherkommen zu sehen, ohne vorher das Menschenmöglichste versucht zu haben. Welch seltsames Gefühl war es für ihn gewesen, im Wagen die frühlingsgrüne, im Blütenschmuck prangende Bannmeile zu durchfliegen! Unersättlich weideten sich seine Augen an dem Anblick dieser eine reiche Ernte verheißenden Felder, dieser mit schlanken Pappeln begrenzten Wiesen, der dunklen Wäldermassen. So fuhr die Natur neben und über der sterilen Erregung der Menschen unbeirrt in ihrer fruchtbaren, ihrer ewigen Arbeit fort. Er dachte an seine Frau und hätte sie an seiner Seite haben mögen. Wie hätte sie das erquickt nach all den Stunden trauriger Melancholie, in denen sie in dem Gärtchen, das ihnen mit jedem Grashalm, jedem Blatt so vertraut war, aus dem im Käfig schmachtenden Pariser Frühling dem freien Frühling des freien Frankreich entgegenseufzten! Er gedachte seiner ohnmächtigen Grübeleien auf der Marmorbank, während das geschäftige Völkchen der Ameisen seine Vorräte einheimste und seine unterirdische Stadt verschönerte. Als der Zug Orleans erreicht hatte, als man auf den Perrons der Bahnhöfe nicht mehr die wuchtigen Gestalten der preußischen Posten sah, hatte eine unsagbare, mit trüber Freude gemischte Traurigkeit ihn überkommen. Jede Umdrehung der Räder brachte ihn Amboise und Charmont näher und stieß ihn zurück in den blutigen Orkan, der das vertraute Familiennest verheert hatte. Und doch blieb der Zauber dieser Orte, der schmeichelnde Hauch der lauen Luft, des klaren Azur nicht ohne lindernde Wirkung auf sein Gemüt. Unter dem durchsichtig reinen Horizont zog goldig funkelnd die Loire ihre blauen Wellen. Niemals hatte er die Schönheit der Touraine mit ihren gleich steinernen Blumen über die lachende Landschaft verstreuten Schlössern, die mit Recht den Namen: Garten Frankreichs trug, so voll erkannt und genossen. Frankreich! mit seinen verschiedenartigen Rassen, mit seinen von schwellendem Saft erfüllten Provinzen, mit den von den Dichtem besungenen Wäldern, dessen Bäume unter der Axt des Holzhauers das die Wohnungen wärmende Holz, das schirmende Dach lieferten! Frankreich mit seinen Weinbergen und Getreidefeldern, dem brotspendenden Boden, die geheiligte Erde, das Vaterland! Und vor diesem Beispiel unermüdlicher, fruchtbringender Arbeit, vor dieser Lehre der Weisheit und des Friedens neigte sich Poncet, die Augen mit Sonnenschein und Grün erfüllt, zum Fenster hinaus und atmete in vollen Zügen die würzige Luft, das tiefe Schweigen der freien Natur. War es möglich, daß diese Lehre vergeblich war, daß dort unten Männer, Brüder einander niedermetzelten, während es einer kurzen Ruhepause bedurft hätte, um ihnen die Augen zu öffnen? Häuser tauchten auf, rauchende Fabrikkamine kündeten die Nähe einer großen Stadt. Er besann sich: Tours! Die schwindelnden Wochen der Delegation, die kolossalen Anstrengungen der Verteidigung nahmen wieder Besitz von seinem Geiste. In seiner Erinnerung erstand wieder die Gestalt des Mannes, der, im Gegensatz zu Thiers und seiner kalten Berechnung, den alten gallischen Heldenmut, den wahren Geist der Rasse, verkörperte: Gambetta! Und trauernd beklagte er das Fernbleiben des Besiegten. Der Zug fuhr in die Halle. Poncet war im Begriffe, auszusteigen, als ein Individuum an der Wagentür erschien: »Sie sind Herr Poncet? Wollen Sie mir zum Polizeikommissär folgen.« Der Chemiker traf dort zwei andere, einige Stunden vorher verhaftete Kollegen. Auf eine nach Versailles gesandte telegraphische Anfrage hin kam der Befehl, die Gefangenen dahin zu überführen. Poncet mußte mit seinen Genossen unter Bewachung von Gendarmen den eben zurückgelegten Weg noch einmal machen. In ironischem Glanze lagen, von hellem Mondschein übergossen, Feld und Wald und silbern glitzerte die Wasserfläche der Loire. Wut erfaßte Poncet. Verzweifelt blickte er im Vorüberfliegen auf die schlummernden Städte, die dunklen Dörfer, die geschlossenen Hütten. War denn dieses Volk taub und tot, daß es diese Ungeheuerlichkeiten geschehen ließ: ehrliche Leute geknebelt und der Freiheit beraubt, Paris und Versailles von Mordwut entbrannt, die Republik unter ihren Streichen erliegend! Er hätte gewünscht, daß statt dieser tragisch heiteren Stille der Lärm der Sturmglocken und der Sammelsignale das nächtliche Schweigen aus seiner schmachvollen Lethargie geweckt hätte. Er hätte gewünscht, daß Tausende von Stimmen, alle jene, die noch nicht in der Tiefe der Gewissen erstickt waren, sich zu dem Ruf geeinigt hätten: »Auf! Zu Hilfe! Dort mordet man einander!« und daß in einem gewaltigen Erwachen, im blutroten Schein der Fackeln, Frankreich auferstände, um sich mit unwiderstehlicher Kraft zwischen die Mörder zu werfen! Sie fuhren in ihrem Todeswerke fort, gleichsam hypnotisiert von dem Anblick ihres Blutes, von dem wütenden Hasten nach dem erstrebten Ziele: der unbarmherzigen Vernichtung der Kapitale. Im Schutz der furchtbaren, im ganzen Halbkreis der Batterien dröhnenden Marinegeschütze rückte Versailles unerbittlich näher. Während Ladmirault in Asnières und Neuilly stand, wo die Kanonade und das Gewehrfeuer mit erbitterter Kraft wüteten, dehnten zur Linken Douays Truppen ihre Laufgräben bis hinter den Schießstand, von Montmartre aus. In der Mitte überschritt Clinchant die Seine, kampierte auf Longchamp, von wo aus, von den Seen bis zu den Toren der Muette, eine Parallele eröffnet wurde. Zweihundert Meter von dem Gegenwall der Bastione entfernt, wurden Waffenplätze errichtet, an den Ausläufern der Seen Batterien aufgefahren, auf den Inseln Hinterhalte installiert. Die Batterie von Billancourt hatte binnen zwei Stunden den Viadukt von Point-du-Jour reingefegt, den Estoc zum Sinken gebracht und die übrigen Kanonenboote zur Flucht stromaufwärts gezwungen. Rechts schnitten die Linientruppen Osmont, indem sie Vauves mit jeder Stunde enger umzingelten, jede Verbindung zwischen den Forts von Vauves und Montrouge ab; andere drängten die wütenden Horden von Brunel und Lisbonne zurück und erstürmten mit dem Bajonett die letzte Barrikade von Issy, das Kloster des Oiseaux und das Seminar; das Dorf wurde mit acht Kanonen, mit Fahnen und Gefangenen plötzlich im Stich gelassen. Im Zeitraum eines Monats waren hundertfünfzig Kanonen erbeutet und zweitausend Mann gefangen genommen worden. Vom Lyzeum von Issy flatterte die trikolore Fahne. Ein Laufgraben umgab die Kehle des Forts von Vauves. Auf der äußersten Rechten deckte die Kavallerie mit fortwährenden Scharmützeln die langsame, aber sichere Bewegung. Rose und Louis hatten sich seit ihrer Liebesnacht nicht mehr getrennt. Ihr seliges Erwachen in leuchtender Frühe war nur ein kurzes Erwachen gewesen. Um sie her hatte der Morgen sich mit aufgeregten Trompetensignalen und Flintenschüssen gefüllt. Während sie in glücklicher Ermattung schlummerten, war Wroblewski mit zwei Bataillonen mit blanker Waffe den Versaillern entgegengestürmt, die bereits die Glacis des Forts von Vauves besetzten, das, unhaltbar und preisgegeben wie Issy, von dem Slaven aufs neue okkupiert wurde. Anatoles Faust pochte kräftig an die Glastür; ein dringender Appell hatte sie aufgeschreckt. Dury war im Begriff, die Reste der Kompagnie zu sammeln, während Levidoff mit etlichen guten Schützen den Rückzug deckte. Eine ergreifende Szene spielte sich zwischen den Liebenden ab: Louis verlangte, daß Rose zu den Ihren heimkehrte, er flehte, er befahl ... Soeben fuhr ein mit Verwundeten beladener Marketenderwagen ab, der sie bis zu den Wällen hätte bringen können ... Doch sie widersetzte sich mit sanfter Festigkeit. Sie hatte zu viel schon bisher gelitten, fern von ihm – die endlosen Tage, die schlaflosen Nächte. Sie war jetzt sein Weib und mußte als solches sein Los teilen. Sie wollte ihn niemals verlassen. Und sie wollte ihn so gar nicht stören, wollte tun, was man von ihr verlangte ... Sie konnte die Suppe kochen, die Waffen reinigen. Sie war ja nicht die einzige hier. War nicht die Frau ihres Nachbars, des Uhrmachers Pontois, ihrem Manne nachgeeilt? So wohlhabende Leute! Sie folgte ihm überall hin, still und ruhig für ihn und die anderen ihre Frauenpflichten erfüllend. Rose sprach mit so inniger Überzeugung, ihre Augen leuchteten in so reinem Feuer, sie war so schön in ihrem in Eile geschlossenen Kleid, mit den den entblößten Hals umspielenden Löckchen, dem Ansatz der runden Schulter, daß Louis zögerte. Sie umarmte ihn, drückte ihre schwellenden Lippen auf die seinen und besiegelte mit einem Kusse die schweigende Zustimmung. Und nun begann ein seltsames Leben, ein beständiger Wechsel von blindem Lärm, Kampf, Flucht, kurzem Schlummer tiefster Erschöpfungen und flüchtigen Augenblicken trunkener Liebeswonne. Am Abend des 13. waren sie in den Festungsgürtel geraten. Ein äußerst gefährlicher Schlupfwinkel, ein Haufen formloser Trümmer, zerbrochener Lafetten, umgestürzter Kanonen zwischen Leichen und Ruinen. Hier hatten sie eine unvergeßliche Nacht verlebt; das Bewußtsein der über ihnen schwebenden Todesgefahr hatte das Feuer ihrer Liebe bis zu seliger Extase entflammt. Leib an Leib geschmiegt, in glutvoller Umarmung versunken, hörten sie von ihrem finsteren Versteck aus nur wie im Traume den heiseren Atem der Betrunkenen und der Schläfer, das Geflüster angstvoll gestammelter Worte. Auf dem Grund des Brunnens unter der Poterne zusammengepfercht, erwarteten die letzten Verteidiger von Vauves – sie wußten selbst nicht, was – die Erlösung oder das Ende. Nebst Louis und Anatole waren von der Kompagnie, die bei Issy gekämpft, von dem Bataillon, das bei der Proklamation der Kommune defiliert hatte, nur noch Levidoff und Dury, der große Jules und Pontois übrig. Die Uhrmacherfrau, die ein Taschentuch über ihr graues Haar geknüpft hatte, zerbrach eine Brotkruste und teilte sie mit Rose. Man lebte, man aß rein mechanisch. Die Stunden dehnten sich zu Ewigkeiten, als ein von oben hereinfallender bleicher Schimmer den Anbruch des Tages verkündete. Plötzlich drang Stimmengewirr an ihr Ohr, ein Befehl: »Hierher! Hierher!« Leutnant Dury gelang es endlich, den Grund des Lärms zu erfahren. Die Festung war vollständig umzingelt, die Versailler im Begriffe, einzudringen. Doch noch war es möglich, durch die unterirdischen Gänge und ehemalige, zur Züchtung von Erdschwämmen bestimmte Mistbeete zu entfliehen. Ein Werkführer bezeichnete ihnen den Weg, Levidoff und Dury berieten sich. Vierzig betrunkene Franktireurs wollten mit ihrem Hauptmann hinaufsteigen, um die Festung dem Feinde zu entreißen. »Sind Sie dabei?« fragte Dury den Prinzen. Seine schönen blauen Augen glänzten im Fieber der Verzweiflung. Doch Levidoff schüttelte den Kopf: nein, hier war die Partie unwiederbringlich verloren, es gab in Paris besseres zu tun. Nur Mut, der Krieg begann ja erst! ... Er sprach in gemessenem Ton, sein bleiches Gesicht, in dem nur die breiten Nasenflügel bebten, trug den Ausdruck kalter Willenskraft. Er legte seine kleine Hand auf Durys Arm und zog ihn mit stählerner Kraft mit fort. Zwischen Anatole und Louis folgte Rose den schattengleich dahinhuschenden Gestalten. Man ließ sich über Gerölle gleiten, man mußte sich bücken, um durch die Maulwurfsgänge zu gelangen. Einen Augenblick erschien durch einen Spalt über ihren Köpfen, hoch oben, der bleiche Himmel, an dem ein letzter Stern erlosch. Dann wieder kamen endlose Galerien, durch die man schweigend, in undurchdringlicher Finsternis schritt. Zuweilen wurde ein Fluch, ein Stöhnen laut. Rose berührte, wenn sie die Arme ausstreckte, Anatoles gebückten Rücken. Louis ging jetzt neben ihr und hatte den Arm um ihre Taille gelegt. Allmählich sank aus dem niederen, zersprungenen Gewölbe, aus den nässetriefenden Mauern, zwischen denen eine muffige Atmosphäre lastete, tiefe Niedergeschlagenheit auf sie herab. Was war das für eine Totenstadt mit stummen Straßen, durch die sie irrten? Konnten sie jemals hoffen, aus diesem Netz von Hohlwegen tief unter der Erde zu entkommen? Sie fühlten auf ihren Schultern die zermalmende Last. Ihnen war, als wandelten sie durch Katakomben. Dort in jener Nische, war das nicht ein Haufe von, Menschenknochen? ... Von Grauen gepackt, drückte Rose die Hand des Geliebten. Doch Anatole stieß mit dem Fuß in den Haufen: Steine und Scherben. Dumpf hellendes Grollen, Ausrufe der Angst, das endlose Echo eines aus Unvorsichtigkeit abgefeuerten Flintenschusses, der heisere Gesang eines Betrunkenen, all das gewann in dieser unheimlich geheimnisvollen Finsternis eine bedrohliche Intensität. Oft blieben sie stehen und zählten die Genossen: Levidoff, Dury, Pantois, der große Jules, die Simons, die beiden Frauen ... Dann ging es wieder weiter; die Schritte der Vorangehenden verhallten in der Ferne. Sie liefen, um sie einzuholen. Oder sie wandten sich klopfenden Herzens um und lauschten ... Wer folgte ihnen? Wilde Angst erfaßte sie, der Schmerz eines gejagten Tieres. Mit wankenden Knien stießen sie gegen unsichtbare Hindernisse; es waren ausgestreckte Körper, Betrunkene, die die Kraft verlassen hatte, Greise, die hier in tiefer Erschöpfung niedergesunken waren. Seit Ewigkeiten wanderte man hier fort. Kam man überhaupt vorwärts? ... Zuweilen blieben ihre Sohlen im Schlamm stecken; sie fürchteten, in einer Schlucht zu versinken. Das Wasser netzte ihre Füße, stieg ihnen bis an die Knie. Bei dem Geräusch eines herabkollernden Steines näßte kalter Schweiß ihnen den Rücken. Bei den Gabelungen geheimnisvoller Wege blieben sie zögernd stehen. Welches war der rechte Weg? Der Steinbrechermeister war nicht mehr bei ihnen. Levidoff hatte die Führung des Häufleins übernommen. In seiner Faust hielt er hoch erhoben eine schwach flackernde Laterne. Die Galerien waren mit Käppis, Waffen und Feldflaschen bedeckt. In den in phantastisches Dunkel gehüllten Gewölben stieß man auf Biwaks schlafender Männer, die dicht aneinander gedrängt auf dem nassen Boden lagen. Jammerlaute und Stöhnen drang an das Ohr der Vorübereilenden. Manche lachten ein irres Lachen. Rose hätte am liebsten sich neben ihnen zu Boden sinken lassen. Die Füße schmerzten sie, die Kniee zitterten ihr. Louis drückte sie enger an sich und öffnete nicht die Lippen. Anatoles Scherze waren längst verstummt. Man sah Dury erschöpft sich an die Mauer lehnen. Der Hunger wühlte in ihren Eingeweiden, brennender Durst klebte ihnen die Zunge an den Gaumen. Man konnte nicht mehr weiter und ließ sich kraftlos auf einen Haufen von Erdschwämmen sinken. Beim erlöschenden Licht der Laterne blickte Levidoff auf die Uhr: zwölf Uhr – Mittag oder Mitternacht? Mit ruhigem Gleichmut zog er sie auf. Der große Jules ließ seine wuchtige Faust hängen. Entsetzen sprach aus seinen runden Augen unter der niederen Stirn. »Ach! hätte ich nur ein Stückchen Brot!« stöhnte die Pontois. »Oder wenn man nur etwas von dem Wasser hätte, in dem man den Salat ausgewaschen hat!« sagte Anatole. »Schweigen Sie!« verwies ihn Dury. Rose hatte sich, so erschöpft, daß sie jeden Augenblick ohnmächtig zu werden fürchtete, an Louis' Brust geschmiegt. Ihre Schwäche erfüllte sie mit unirdischer Leichtigkeit, mit dem Wohlgefühl der Bewußtlosigkeit. Aus dem Pflanzenlager stieg ein starker Duft auf, der sie durchdrang und betäubte. Und gleichzeitig senkte es sich aus dem bleiernen Gewölbe wie ein feuchter Mantel über ihre erschöpften Glieder. Sie schliefen. Im Schlafe sammelten ihr Geist und Körper die letzten Reste von Energie. Rose träumte, sie wäre tot, dasselbe Leichentuch umhüllte sie und Louis, und, fern von ihren starren Leibern, schwebten ihre Seelen dem Lichte zu. Sie waren zu einem Wesen verschmolzen: das war das Paradies ... Sie seufzte tief auf. Eine Hand rüttelte sie. Sie öffnete die Augen, suchte Simons Werkstatt. Nichts als tiefe, erstickende Finsternis. Sie drückte Louis fest an sich. Um sie her sprach man leise. Seit Stunden war die Laterne erloschen. Levidoff gab mit fester, klarer Stimme seine Weisungen. Man hatte nur noch etwa dreißig Streichhölzchen; diese wollte man bei den Wegkreuzungen benützen, während man die übrige Zeit aufs Geratewohl sich an den Wänden forttappen wollte, er voran. »Seid ihr bereit?« fragte er. Ein Reiben, ein Aufflammen, und der zitternde Lichtschein fiel auf die angstverzerrten Gesichter, auf die gespensterhaft abgemagerten Gestalten, auf die undeutlich unsichtbare Mitte einer Höhle, ein Labyrinth unheimlich düsterer Galerien. »Dorthin!« kommandierte Levidoff. Mit einem Schimmer neuerwachter Hoffnung, der Energie des Führers vertrauend, folgten sie alle. Das Streichholz war erloschen. Die endlose Wanderung begann von neuem, ohne daß man wußte, ob man sich nicht beständig im Kreise drehte. Ein Streichholz nach dem anderen flammte auf und erlosch. Zweimal fand man sich in der kürzlich verlassenen Höhle wieder; in mutloser Verzweiflung hätten sie alle sich niederlegen und das Ende erwarten mögen ... Plötzlich strauchelte Rose. Louis fing einen leblosen Körper auf. Während er sich bückte und die warme Bürde in seine Arme nahm, waren die anderen schon fern. Sein Entsetzen war so groß gewesen, daß er nicht hatte schreien und sie zurückrufen können. Als er die Sprache wieder fand, war sein Rufen vergeblich. An der Stelle, wo Rose umgesunken war, schnitten die Galerien in rechtem Winkel ab. Wohin sich wenden? ... Das junge Weib erwachte aus seiner Ohnmacht und begann wie ein Kind zu wimmern. Die niederschmetternde Wirklichkeit verblendete die beiden; sie hatten sich verirrt und waren nun allein in dieser grauenvollen Finsternis. In wildem, tierischem Geheul schrie Louis um Hilfe. Nur das Echo antwortete. Zwischen den Grabesmauern, in dem unentwirrbaren Labyrinth der Tunnels und Krypten verhallten machtlos ihre verzweifelnden Stimmen. Am Spätnachmittag des 16. saß der alte Simon, abgemagert und bleich die Knie in eine alte Decke gehüllt, in dem Laden, durch dessen geöffnete Tür der warme Sonnenschein hereindrang, Therese gegenüber. Er vermied es, seine Frau anzublicken, deren rotgeweinte Augen und verstörte Miene die trotzige Hoffnung, die er zur Schau trug, erschüttert hätte. Nach Übergabe der Festung waren die Föderierten heimgekehrt und hatten von ihrem gefahrvollen Auszug berichtet. Dem bösartigen Rougeard hatte es Vergnügen bereitet, unheilvolle Nachrichten zu verbreiten. Simon jedoch behauptete, ebensosehr, um Therese nicht alle Hoffnung zu rauben, als um sich selbst zu täuschen, immer wieder: »Die Kinder werden zurückkommen.« Therese in ihrer hellsehenden, mütterlichen Zärtlichkeit seufzte und schüttelte den Kopf ... Rose, ein Weib, in solcher schon für Männer genug furchtbaren Lage! ... So sehr sie auch Louis' Kraft, Anatoles Gewandtheit vertraute, sie zitterte für sie alle. Über den Drang völliger Hingabe, der das junge Mädchen in die Arme des zukünftigen Gatten getrieben, hatte sie sich keinen Kummer gemacht. Das begriff und billigte sie, das war nur natürlich und in der Ordnung. Daß man einander angehörte, wenn die Herzen in treuer Liebe zu einander schlugen, darin sah sie keine Schande, hatte sich in schlichtem Stolze ihrer eigenen freien Liebe nie geschämt. Während sie die Kartoffeln zum Abendbrot schälte, rechnete sie für sich: »Die Festung ist am 14. geräumt worden, warum sind sie noch nicht zurück?« ... Und auch sie vermied Simons Blick, fürchtend, in seinen Augen ihre eigenen Gedanken zu lesen. Er spähte durch den Rahmen der offenen Tür auf die Straße, durch welche die Abwesenden kommen konnten und verzehrte sich in Kummer und Sorge. Seit gestern außer Bett, hatte er eine oder zwei Zeitungen lesen wollen, sie aber bald aus den Händen fallen lassen; sie lagen nun zu seinen Füßen, neben einer Sammlung des Charivari, die ein Nachbar ihm geliehen hatte, um ihn zu zerstreuen. Er hatte kaum einen Blick auf die prachtvollen Daumiers geworfen, auf diese von Kraft und Ironie strotzenden Seiten, auf denen der große Künstler seine ganze hellsehende Seele, all seinen patriotischen Glauben niedergelegt hatte. Mit schmerzlichem Erstaunen brütete Simon von neuem über die schlimmen Nachrichten, den schnellen Zusammensturz. Von Vaugirard bis Neuilly waren die Wälle entblößt, die Versailler konnten, sobald sie wollten, den Sturm beginnen. Von allen Seiten verlangte man nach Erdarbeitern für die trotz Rossels Befehlen vernachlässigten Barrikaden. Geduld. Noch waren die Versailler nicht da, und wenn sie einzogen, werden die Pflaster der Straßen von selbst sich öffnen! ... In einer Aufwallung der Wut ballte Simon die Fäuste und richtete sich auf, um gleich darauf kraftlos in den Lehnstuhl zurückzusinken. Was lag jetzt noch daran, daß die Herren von der Kommune ihre Aufgabe nicht zu erfüllen verstanden? Das Volk wird seine Pflicht tun! Voll Bitterkeit dachte er an die Zänkereien, an all die nutzlosen Erlässe, und als er bedachte, was zu dieser Stunde auf dem Vendômeplatz sich vorbereitete – der Sturz der Säule! – schweifte seine Erinnerung zu jenem Abend, da Thédenat, nach dem Abmarsch der Preußen, ihnen hier, an derselben Stelle, von dem ersten Einzug der Alliierten, dem Versuch der Monarchisten, die Statue Napoleons niederzuwerfen, erzählt hatte ... Was Herr Thédenat, wohl heute sagen würde? In diesem Augenblick trat der Gelehrte auf die Schwelle. Mit langsamen Schritten, in gebeugter Haltung, war er gekommen. Er neigte den edlen, von weißen Locken umwallten Kopf und lüftete den breitkrempigen Hut. Er behandelte die Simons stets als bescheidene Freunde, voll Achtung für Theresens schönen Charakter, voll Sympathie für die jungen Leute, voll Mitleid für den Vater. Die Überzeugung des alten Simon, im Dienste eines getäuschten Ideals, rührte ihn wie der Opfertod des Soldaten für eine verlorene Sache. Inmitten des Wirbelsturms, der so viele arme, ihren Instinkten überlassene Geschöpfe in den Abgrund gerissen hatte, waren diese Menschen ehrlich und nüchtern geblieben, die Nichtstuer und die Trunkenbolde, die Gewalttätigen und die Schwächlinge tadelnd, an die segenspendende Kraft der Arbeit und die Notwendigkeit der Ordnung glaubend, – einer neuen Ordnung, die jedoch, wie die alte und mehr als die alte, ihre Harmonie besaß. Voll Zartgefühl bestrebt, die Eltern nicht mit banalen Worten zu verletzen, fragte Thédenat: »Noch keine Nachricht?« Und er versuchte, ihnen ein wenig Hoffnung einzuflößen. Er schwieg von den Besorgnissen, der düsteren Trauer, in die der alles mit sich reißende Strom der Ereignisse ihn versenkte: wie die Diktatoren des Wohlfahrtskomitees ganz offen von eingebildetem Verrat träumten, auf den redlichen Rossel die Schuld an ihrer Unfähigkeit und ihrer Dummheit schoben, blind oder ohnmächtig gegen die geheimen Manöver, welche die Kommune von unten her, durch bonapartistische Agenten oder Parteigänger der Nationalversammlung, untergruben; wie Delescluze krank, geschwächt, erschöpft und nur durch zähe Willenskraft aufrecht erhalten, unter der Last der Kriegsdelegation kämpfte; daß Billioray im Rat der Fünf seine Stelle einnahm. Überall der Drang nach Veränderung, nach nichtigen Bestrebungen, ein fortwährender Wechsel der Personen, der die Verwirrung noch erhöhte. Die Militärkommission war abgesetzt, Moreau zur Intendanz übergegangen. Aus seiner Kerkerzelle in Mazas erteilte Cluseret seine strategischen Ratschläge. Pascal Grousset verkündete, indem er die Provinzstädte zu den Waffen rief, den Pakt der Hauptstadt mit dem Tode: nach den Mauern die Barrikaden, zuletzt die Häuser, die man lieber in die Luft sprengen wollte, als sie in die Hände des Feindes geraten zu sehen. Er drohte mit furchtbaren Kräften, welche die Wissenschaft in die Hand der Revolution legte. Eine Delegation von Gelehrten, Doktor Parizel an der Spitze, studierte die Mittel, die Grausamkeit des Krieges noch zu erhöhen, schuf vier Züge von Raketenschleuderern, überrechnete die verfügbaren Quantitäten an Phosphor, Schwefel usw., kaufte den ganzen Vorrat an Carbonsulfur auf. Die Händler von Petroleum und anderen mineralischen Ölen erhielten Ordre, innerhalb achtundvierzig Stunden eine Liste ihrer Vorräte in dem Beleuchtungsbureau im Rathause abzugeben. War das eine einfache Vorsichtsmaßregel für den Fall, daß das Gas versagen sollte, oder war es ...? War von diesen Wahnwitzigen, die ihren Plan einer totalen Vernichtung offen gestanden, nicht alles zu fürchten? Ballès veröffentlichte im Cri de Paris folgende Notiz: »Kein Soldat wird Paris betreten. Wenn Thiers Chemiker ist, wird er uns verstehen...« Gleich einem dem sicheren Tode, der wilden Verzweiflung zugetriebenen Tiere zeigte die Kommune die Zähne und knurrte, bevor sie biß. Auf Paris beschränkt, nachdem sie auf ganz Frankreich gehofft, und in der Hauptstadt selbst sich isoliert, geduldet und nicht anerkannt fühlend, irrte sie haltlos umher und schlug blindlings um sich. Die Widerspenstigen wurden verfolgt und hordenweise ins Gefängnis geworfen. Jeder Bürger mußte sich in den Arrondissements, wo Polizeigeneralkommissariate funktionierten, mit einem Identitätsschein versehen. Wer einen solchen nicht besaß, konnte durch den erstbesten Förderierten auf offener Straße verhaftet werden. Weitere sechs Tagesblätter, darunter der Siècle, das einzige große liberale Organ, das den Temps überlebt hatte, waren verboten worden. Dafür waren in kindischer Reminiszenz Zivilkommissäre zu den Armeen entsandt worden. Und diese Tyrannei, die zermalmend auf Paris lastete, ging nicht allein von der von der Stadt gewählten Vertretung aus. Der Bruch, der seit langer Zeit zwischen der fanatischen Majorität und der besonneneren Minorität bestand, hatte sich in eklatanter Weise geäußert. Die Jakobiner und die Klubisten gaben sich nicht einmal mehr die Mühe, bei den Sitzungen zu erscheinen, beschlossen alle Angelegenheiten in ihren Komitees. Zweiundzwanzig Sozialisten hatten, als sie den Saal leer fanden, rebelliert und wiesen in einer öffentlichen Erklärung, obgleich sie die persönliche Verantwortlichkeit für die Handlungen der sozialen Revolution forderten, jede Solidarität mit dem Wohlfahrtsausschuß von sich. Die Kommune löste sich auf. Von diesen Verurteilten, deren eine furchtbare Sühne harrte, schweiften Thédenats sorgenvolle Gedanken zu jenen, die entschlossen gewesen, sich ins Mittel zu legen, zu den von beiden Lagern abgewiesenen und als Verräter behandelten Mitgliedern der Versöhnungspartei. Er dachte an Poncet. Wo weilte der Freund zu dieser Stunde? War es ihm gelungen, Bordeaux zu erreichen? Bemühungen und Worte, alles war verloren. Die Bestrebungen der Liga, den Waffenstillstand für die südlichen Dörfer zu erlangen, waren resultatlos geblieben. Der Kongreß von Lyon war unfruchtbar. »Sie sehen aus, als ob Sie von weither kämen, Herr Thédenat«, sagte Simon. »Darf ich ...« Er schob dem Gast mit linkischer Gebärde den Stuhl zurecht, von dem er selbst sich erhoben. Müde ließ der Greis sich darauf niedersinken. Und ihm, wie Simon, kam die Erinnerung an den Tag des Einzugs der Deutschen in den Sinn. Er hatte sich seitdem nicht mehr längere Zeit in dem Laden aufgehalten, hatte nur hie und da sich flüchtig eingestellt, um eine Nachricht, eine mildherzige Gabe zu bringen. Befangenes Schweigen herrschte eine Weile in dem engen Raume. Beide dachten an die Säule, von der sie einst soviel gesprochen, und die soeben gefallen war. »Ich komme vom Vendômeplatz«, sagte Thédenat endlich. Simon senkte die Stirn wie unter einer Anklage, richtete sich aber bald wieder mit einer Gebärde des Trotzes empor. »Sie haben gesehen...?« »Ja wohl«, sprach Thédenat traurig. »Ihre Freunde haben das Beispiel befolgt, das die Monarchisten ihnen gegeben hatten, doch, glücklicher als diese, war es ihnen gelungen, die Trophäe zu stürzen! Die Statue des Siegers von Jena ist zu den Füßen der Sieger von Sedan gerollt. Ein glücklicher Tag für die Deutschen! Das kann sie wohl über ihren teilweise mißglückten Einzug trösten!« Bestürzt und verwirrt, zog Simon die Decke fester über die Knie. Er gedachte des Abends, da man ihnen gegenübergestanden hatte, bereit, sich töten zu lassen, um sie zu verhindern, Paris durch ihren Einzug zu schänden! Ja, die Deutschen hatten wohl Grund, sich zu freuen! Er wunderte sich, daß er überhaupt wieder an sie dachte, er hatte sie vergessen, als wären sie längst schon in ihr Land der Pfeifen und des Sauerkrauts heimgekehrt, als hielten sie nicht immer noch im Norden und Osten die Stadt bedroht. Wie so vielen anderen, hatte auch ihm Versailles den Horizont völlig ausgefüllt und allen Haß und Groll aufgesogen! Jetzt aber tauchte das verhaßte Bild wieder vor ihm auf und bedrückte sein Gewissen. Patriotisches Schamgefühl überkam ihn. Im Prinzip war die Zerstörung der Säule ja erklärlich; die Vernichtung dieses aus dem Erz der Kanone gegossenen Denkmals, dieses Symbols brutaler Kraft, war ein Angriff auf die Idee des Krieges; man wollte diesen falschen Begriff der Ehre töten mit allem, was derselbe an Unglück und Verbrechen mit sich bringt: Plünderung, Brandstiftung, Mord... Man appellierte damit an die Brüderlichkeit der Völker, an eine neue Ära der Menschlichkeit... Aber freilich, der Augenblick war nicht glücklich gewählt, während die Kanonen noch donnerten und die Deutschen über die Schultern zuschauten. Er murmelte: »Dazu hätte man Sieger sein müssen. Dann, in einem großen Friedensfeste, hätte man begriffen...« Von diesem Traum jedoch war man so weit entfernt, daß er selbst die Sinnlosigkeit dieser Worte fühlte. Sie klangen eher wie eine Anklage, als wie eine Entschuldigung. Von Neugier getrieben, fragte er: »Wie ist das vor sich gegangen?« Thédenat erzählte von den Vorbereitungen. An der Basis, der Rue de la Paix gegenüber, war an dem steinernen Sockel bis zum Drittel des Durchmessers ein schrägkantiger Einschnitt gemacht worden. Auf der anderen Seite – die Bronzetafeln waren vorher entfernt worden – hatte man den Stein durchgesägt, die eisernen Ecken eingedrückt. In der Höhe der Plattform war um die Säule ein Kabel gewickelt, durch Flaschenzüge an eine riesige Schiffswinde gebunden, die durch einen Anker im Boden befestigt war. In der Achse des Fallkreises war ein Lager von Reisbündeln und Dünger vorbereitet worden. »Der Platz war bedeckt mit Nationalgarden, die Gewehr bei Fuß standen, die benachbarten Straßen von Menschen wimmelnd, die Balkons mit Neugierigen besetzt. Auch einige Invaliden waren da, denen man, wie in Anerkennung ihrer Rechte, Platz gemacht hatte. Um halb vier Uhr fielen die Tücher, welche die letzten Arbeiten verhüllten. Die Musikkapellen spielten die Marseillaise, die Seile spannten sich, ein Krachen...« Therese hörte mit aufrichtiger Rührung zu. Ihr, der mehr an den Erinnerungen, den Traditionen der Vergangenheit hängenden Frau, war es unbegreiflich, daß man »eines der schönsten Monumente von Paris« stürzen und wieso dies die Dinge fördern konnte. Nach kurzer Pause fuhr Thédenat fort: »Es war ein blinder Lärm. Einer der Flaschenzüge war gebrochen. Die Säule stand noch fest. Es folgte ein Augenblick der Enttäuschung. Schon hörte man einzelne Stimmen Verrat schreien. Arbeiter drängten herzu. Endlose Zeit verging. Anfangs hat das Publikum, wie im Theater, sich amüsiert, bald aber wurde es ungeduldig. Vor dem Generalstab der Nationalgarde spielten die Musikkapellen, um die Wartezeit zu kürzen. Halbwüchsige Burschen sangen ihre Gassenhauer. Lachend und einander das im Sonnenlicht aufrecht stehende Monument zeigend, tauschte man die über den Sturz der Säule berichtenden Abendblätter. Endlich befestigte ein Offizier der Föderierten an der oberen Balustrade die trikoloren Farben, damit sie gleichzeitig mit dem, der sie zu Glanz und Ruhm gebracht, fielen. Um halb sechs Uhr erklang von neuem die Marseillaise, das Seil spannte sich. Man sah die Säule sich neigen. In der Luft in drei Stücke zerbrechend und zersplitternd, sank sie auf das von Reisbündeln gerüstete Lager. Der Kopf der Statue und der eine Arm hatten sich vom Rumpf gelöst. Kaum, daß wir unter den Füßen ein leichtes Zittern spürten; doch das dumpfe Getöse, den ungeheueren Staub, der sich zu einem Schleier verdichtete, das werde ich nie vergessen, ebensowenig wie das Jubelgeheul der Menge, die auf die Trümmer kletterten, um besser zu sehen. Auf dem Sockel schwenkte man eine rote Fahne, und während die Reden von neuem begannen verließ ich traurig den Platz...« Wieder herrschte tiefes Schweigen. Weder Simon noch Therese empfanden das Verlangen, es zu brechen, in ihrem Ideal gedemütigt. Denn die Ideen blieben schön, die Forderungen gerecht, auch wenn die Menschen und die Handlungen ihnen schadeten! Den Tadel fühlend, der in Thédenats tiefer Trauer lag, versenkten sich der Schuster und sein Weib mit erhöhter Bitterkeit in ihr eigenes Leid, ihre persönlichen Sorgen: Rose, die Söhne... Thédenat, der sie so gerne ermutigt und getröstet hätte, erkannte seine absolute Ohnmacht und die Kluft, die ihn von den beiden trennte. Auch der Händedruck, mit dem er Abschied nahm, brachte sie nicht näher. Sein Schmerz wuchs. Er, dem nichts Menschliches fremd war, er sah mit tiefer Bestürzung, wie fern er diesen Menschen blieb, diesen wie jenen, den Verteidigern wie den Angreifern, die beide zu dem gleichen Gemetzel bereit waren... In seine Wohnung heimgekehrt, verbrachte er beim offenen Fenster, durch das aus dem frischgrünen Luxembourg die würzige Nachtluft hereinströmte, einen trüben Abend neben seiner Frau. Was barg das Morgen in seinem Schoß? ... Sie äußerten ihre Befürchtungen. Welcher Abscheu, und welche Ironie hätte sie erfaßt, hätten sie gewußt, was an diesem selben Nachmittag, während die Vendômesäule fiel, in der Nationalversammlung beschlossen worden war. Eine sehr starke Majorität weigerte sich, die Dringlichkeit eines durch Peyrats vorgebrachten Vorschlags der Deputierten der Linken zu votieren: daß die Republik in definitiver Weise als die Regierung Frankreichs sanktioniert werde. Und, nicht zufrieden, ihren Haß auf die Zukunft, ihre Hoffnung auf eine Restauration hinauszuschreien, hatten diese Vertreter der Vergangenheit, diese blutdürstigen Querköpfe, die im Himmel ihre letzte Stütze suchten, selbst diejenigen, die all das Unheil entfesselt und, um es zu beschwören, jesuitisch den Herrn der Heerscharen anriefen, mit 413 von 416 Stimmen die unverzügliche Abhaltung von öffentlichen Gebeten angeordnet, um den göttlichen Schutz und das himmlische Erbarmen auf Frankreich herabzuflehen! V. Den 19. Mai kehrte Martial von Saint-Germain zurück, dessen Terrasse ihn jetzt täglich anzog. Dort trafen sich die Habitués auf der langen, sonnenbeschienenen Promenade, wie auf dem Strande eines Seebades: die Silberküste! Halb gegen seinen Willen folgte er mit leidenschaftlicher Spannung den Fortschritten der Armee, des nahen Augenblicks des Sturms, des Einzugs harrend. Paris war nur noch der ungeheuere Einsatz eines ungeheueren Spiels. Bei jedem gelungenen Schlag feierte die Nationalversammlung, wie nach der Einnahme des Forts von Issy, ihren Sieg und den ihrer wackeren Anhänger. Einmal waren es die Trophäen des Dorfes Issy, ein andermal diejenigen des Forts von Vauves, die mit dem gewohnten programmmäßigen Pomp eingeholt wurden: Einzug durch die Avenue de Paris; Halt vor dem Präfekturpalast; warme Beglückwünschungen durch den Marschall oder Thiers; Aufstellung in Schlachtordnung im Marmorhof und endlich, angesichts der befriedigten Deputierten, Ansprache durch eine Persönlichkeit des Bureaus. Vorgestern war es der Vizepräsident Benoist-d'Azy, gestern Grévy in höchsteigener Person gewesen. Jetzt stand man nahe am Ziel. Mit gespanntem Interesse beobachtete Martial die Bewegung der Truppen, die letzten Scharmützel, die Aufstellung der Breschebatterien. Voll fieberhafter Teilnahme, doch ohne Traurigkeit, hatte er die gestrigen Operationen vernommen. Auf der Rechten hatten zwei Kolonnen die Mühle von Cachan genommen und etwa hundert Insurgenten getötet. Man erwartete die Ankunft der Gefangenen. Die Annäherungsgräben, auf die beiden eroberten Forts gestützt, rückten zwischen dem kleinen Vauves und der Seine vor und bedrohten die Tore von Sèvres und Issy. Links näherten sich unter dem Schutze der Batterien von Montrouge und Mont-Valerien die Korps Douay und Clinchant den Wällen. Die riesigen Geschosse hatten die Tore bloßgelegt, die Bastionen durchbohrt. Die wenigen Einwohner von Point-du-Jour, Auteuil und Passy hielten sich in den Kellern verborgen. Innerhalb der Schanze von Gennevilliers, auf der Insel Grande-Jalte, hatten neue Batterien ihr Feuer eröffnet. Die Granaten von Bécon verwüsteten den Friedhof Montmartre, den Platz Saint-Pierre. Zuerst besorgt, als die Batterien Bécon zu schießen begannen, hatte Martial sich bald beruhigt. Seine Eltern hatten sicherlich ihr Häuschen auf Montmartre verlassen und sich in sein Atelier oder zu den Thédenats geflüchtet. Und beruhigt hatte er sich mit seltsamer Sorglosigkeit weiter an den Gesprächen auf der Terrasse beteiligt. Der eine entwickelte neue Kriegspläne. Der andere zählte die Schüsse der großen Geschütze von Montretout und meldete, das Fernglas in der Hand, die Verwüstungen. Unwiderstehlich fühlten alle sich zu den großen Fernrohren hingezogen, die von geschickten Händlern angepriesen wurden. Man befand sich wie auf dem Balkon eines Riesentheaters. Zu den Füßen der Terrasse lag, von blendender Lichtfülle verklärt, Paris, die märchenhafte Stadt, zwischen deren Denkmälern, Straßen und Häusern die Gärten als grüne Flecken hervorleuchteten. Gleich einem goldenen Helm funkelte die Kuppel des Invalidendoms. Die Türme von Notre-Dame streckten ihre Arme in den tiefblauen Himmel empor. Die Glasdächer des Industriepalastes glitzerten im Sonnenschein ... In dem Fiaker, der ihn nach Versailles zurückbrachte, saß er neben Blacourt. Der Geck war ihm vor dem Schlosse begegnet und hatte ihn flehentlich gebeten, einen Platz in seinem Wagen anzunehmen. In dieser Umwälzung des ganzen Wesens, unter dem physischen und seelischen Drucke, welcher seit seiner Ankunft in Versailles auf Martial lastete, – die Nachwirkung des nervenaufreibenden Lebens während der beiden Belagerungen und der erschlaffende Einfluß der Versailler Atmosphäre – hatte sich auch die Abneigung abgeschwächt, die bisher der dicke Bursche mit seiner unheilbaren Feigheit, seinem gemeinen Egoismus ihm eingeflößt hatte. Er war überrascht, ihn verändert, abgemagert zu sehen; das ausdruckslose Gesicht trug den Stempel leidenschaftlicher Pein. Die glänzenden Augen, die vorspringenden Backenknochen verrieten sehnsüchtig schmerzliche Spannung. Eine fixe Idee beherrschte das enge Gehirn unter den pomadeduftenden Haaren. »Ach! diese Maddalena!« hatte Blacourt gestöhnt, als Martial sich kaum gesetzt hatte. Aus dieser zitternden Stimme klang eine solche Kraft der Leidenschaft, daß der Bildhauer von Teilnahme erfaßt wurde. Blacourts Hände flogen in nervösem Zucken, als wollte er packen, liebkosen, würgen. In solchem Grad des Wahnsinns gewann diese an sich gemeine Liebe etwas Ergreifendes. Martial bedauerte diesen Betörten, dem jedes Vergnügen zugänglich war und der sich in Qualen der Sehnsucht verzehrte. Kein Genuß hatte ihn zu zerstreuen vermocht. Nicht die Schwelgereien mit den wiedergefundenen Freunden und den berüchtigten Kokotten, die um die Gunst der Jeunesse dorée der vornehmen und reichen Offiziere stritten, noch die durchspielten Nächte, aus denen er sich erschöpft, aber nicht beruhigt, nach Hause schleppte. Nichts, weder der duftende Leib der Dirnen, noch das Gold, das jetzt beständig seine Taschen füllte, – Gewinnste und angesammelte Renten –, konnte ihn das lebensprühende, kalte Geschöpf, die Glutaugen, die weiße, zarte Haut vergessen machen, die in der bloßen Erinnerung sein wollüstiges Begehren bis zum Wahnwitz stachelte. Offen, ohne Scham, vertraute er sich Martial an; so völlig beherrschte ihn seine Leidenschaft, daß er gegen alles andere stumpf blieb. »Ich muß sie wiedersehen ... Geschehe, was wolle ...« Er sprach von dem Plan, der ihn Tag und Nacht nicht losließ: um jeden Preis nach Paris zurückkehren. Die Furcht, die jeden Nerv in ihm beben machte, die Gewißheit, als Widerspenstiger angeworben, vielleicht gefangen genommen zu werden, die ständige Angst vor Tinet – alles versank vor dem Gaukelbild des blühenden Fleisches, das er unter den Spitzen hervorleuchten gesehen, dieses angebeteten und verfluchten Körpers ... Alles wagen, sterben, aber sie besitzen ... Martial, den er vor dem Gefangenenhause abgesetzt hatte, blickte ihm lächelnd nach. Ein wahrer Typus! In diesem Urteil lag ebensoviel Geringschätzung als Mitleid. Eine vor dem Gitter angesammelte Gruppe zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Es waren Angehörige, die hier in dem törichten Glauben, den teueren Verschwundenen auftauchen zu sehen, in der leisen Hoffnung auf gute Nachrichten warteten. Feindselige Augen überwachten sie. Da entstand eine Bewegung, das Tor öffnete sich, der Riegel klirrte. Vier Männer traten heraus. Martial, der der Szene mit müßiger Gleichgültigkeit zusah, vermochte seinen Augen nicht zu trauen. Träumte er? Dort, vor ihm, Poncet und Thédenat! ... Er stieß einen Schrei aus und lag in den Armen seines Vaters. Voll tiefer Bestürzung blickte er ihn an und betastete ihn, als zweifelte er an der Wirklichkeit: »Du!« rief er, »wie kommst du her? Was ist geschehen?« »Man hat dich also nicht benachrichtigt? Ich gab doch Auftrag ...« Martial bestürmte ihn mit Fragen. Wie schlecht er aussah, die Kleider zerknittert, der bleifarbene Teint! Und auch Thédenat war gealtert! ... Aber welcher Zufall? Ein Versuch im Interesse der Liga? Poncet lächelte bitter: »Du siehst, wohin das führt. Im Gefängnis, mit Missetätern!« Er erzählte von seiner Verhaftung in Tours. Mehr Verdrießlichkeiten, als wirkliches Leiden! Das Verwerfliche des Vorgangs lag in der Verletzung des heiligsten der Rechte; denn in der Form war man höflich genug gewesen. Bei seiner Ankunft von Thiers empfangen, – der mit sauersüßer Miene sich damit begnügt hatte, die Liga als »Haupturheber aller Wirrnisse«, als »Stütze der Kommune« anzuklagen, hatte er dem Ministerrat die Wohnung, die er soeben verließ, zu verdanken. Allerdings war es ihm erlaubt gewesen, seine Freunde zu empfangen, und eben erst hatte Thédenat, der in edelmütiger Freundschaft aus Paris herbeigeeilt war, von Tolain unterstützt, die letzten Schwierigkeiten beseitigt Er stellte Martial dem Deputierten der Linken und dessen Kollegen vor: einer der Abgesandten des Lyoner Kongresses, der die Wünsche der zweiten großen Gemeinde von Frankreich nach Versailles gebracht hatte. Doch die beiden Herren verabschiedeten sich bald und ließen Vater und Sohn mit dem alten Freunde allein. Thédenat erklärte sein Kommen. Gestern erst benachrichtigt, hatte Frau Poncet, die ihre Aufregung nur mit Mühe beherrschte, ihn sofort verständigt. Sofort war er zu Jacquenne geeilt, um sich einen Passierschein ausstellen zu lassen, hatte sich, in Voraussicht der Schwierigkeiten bei den Vorposten, mit seinen Papieren, darunter sein Berufungsdekret im Collège de France, versehen und sich durch eines der östlichen Tore auf den Weg gemacht. In Charenton hatte er einen Wagen gefunden, war in die Kavallerie geraten und mußte sich, als verdächtig, die Ehre einer Eskorte bis Versailles gefallen lassen. Die glückliche Begegnung mit Tolain hatte dem Dilemma ein Ende gemacht ... Während Martial ihm zuhörte, überkam ihn angesichts der opferfreudigen Entschlossenheit des Kreises ein aus Dankbarkeit und Verdruß gemischtes Gefühl. Daß er selbst nichts geahnt, nichts hatte tun können! Und gleichzeitig packte ihn heißer Zorn gegen diese Narren, die sich nicht entblödeten, ehrenhafte Männer ins Gefängnis zu schleppen! Sein Vater, ein berühmter Gelehrter, ein erprobter Patriot, zwischen Gendarmen eingeführt! ... Diese Schmach traf ihn härter, als hundert Ungerechtigkeiten gegen andere. Er erblickte jetzt plötzlich Menschen und Dinge in ihrem wahren Lichte. Diese jähe Erkenntnis der Wirklichkeit ließ ihn ermessen, welche Verwüstung der vergiftende Einfluß von Versailles in ihm angerichtet hatte. Er schüttelte seine Betäubung ab und empfand mit tiefem Schmerze die tausend Ursachen der Verzweiflung. Bei dem Gedanken an die Gefahr, die seiner Mutter in Montmartre gedroht, an ihre Vereinsamung in dem Häuschen, das jeden Augenblick von den Granaten getroffen werden konnte, errötete er vor Scham, seinen Vater und Thédenat, die beiden alten Männer, in der Stunde der höchsten Gefahr allein in die bedrohte Stadt zurückkehren zu lassen. Er faßte einen raschen Entschluß: »Ich gehe mit euch! ... Ja, Vater, ich will nicht länger von dir und Mutter getrennt sein!« Doch Poncet weigerte sich energisch. War Martial toll geworden? Hatte er Lust, unter die Soldaten gesteckt zu werden? Zurückkehren, das hieß, die Flinte über die Schulter nehmen. Diesmal müßte er mitmarschieren, oder nach Mazas, wenn nicht noch Schlimmeres ... Nein, er durfte Paris nicht wieder betreten. Das wäre purer Wahnsinn ... Zudem könnte er ihnen in keiner Weise nützen; seine Anwesenheit wäre ihnen im Gegenteil eine beständige Sorge, eine neue Qual ... Allmählich ließ Martial sich von den Vorstellungen seines Vaters, der durch Thédenat noch unterstützt wurde, überzeugen. Doch seine Unruhe wuchs nur noch. Was sollte er beginnen? In Versailles zu bleiben, tatlos, gleich einem Strandgut der Brandung der Stunden preisgegeben, das widerte ihn an. Die Last seiner Vereinsamung, seiner Ermattung drückte ihn nieder. Das unwiderstehliche Verlangen überkam ihn, um jeden Preis sich aus diesem stagnierenden Marasmus, diesem Seelenschlamm, in den er zu versinken drohte, zu retten ... Fort, nur fort... Eine Reihe mit Granaten beladener Karren versperrte ihnen vor der Mairie, an der Ecke der Avenue de Paris, den Weg. Raschen Schrittes, von einem breitschulterigen Manne mit vollem, gutmütigem Gesicht begleitet, eilte ein Generalstabsmajor vorüber. Beim Anblick Thédenats und der Poncets machte er eine Gebärde der Überraschung, schwankte einen Moment, ob er stehen bleiben sollte, und ging dann mit ausgestreckten Händen auf den Geschichtsschreiber zu. Auch die Poncets begrüßte er mit einem Händedruck. Du Breuil hatte nur eine Minute Zeit; er kam aus Châtillon um dem Generalstab des Marschalls ein vertrauliches Schreiben des Generals Chenot zu überbringen. Mit herzlicher Sympathie lächelte er Thédenat zu, den et seit dem 19. März, der Ermordung der Generäle, nicht mehr gesehen hatte. Mehr als einmal, seitdem er mit seinem Chef vor den Toren der Stunde des Angriffs harrte, waren Thédenats letzte Worte ihm in den Sinn gekommen. Sie waren eine so treffende Antwort auf seine Zweifel, die sich verdoppelt hatten, seit er, in den Reihen der Kämpfer stehend, zum Handeln gezwungen war. Wie oft wiederholte er sich die prophetischen Worte: »Auch Sie sind der Sklave einer Pflicht ... Möge sie Sie niemals wieder als trauriges Werkzeug der Gewalt in die Hände von Verbrechern und Verblendeten führen! Sollten Sie aber eines Tages gegen Paris kämpfen müssen, denken Sie daran, daß diese Stadt viel gelitten hat, und daß hinter den Rädelsführern die Menge steht, die nichts weiß, die man nicht unterrichtet hat, die Menge, die das Elend aufstachelt und die Unwissenheit irreführt ... Dann, mein Kind, seien Sie menschlich ...« Wie aber diese furchtbaren Gegensätze vereinen: Soldat sein und Menschlichkeit üben? Poncet und Bersheim, die einander sogleich wiedererkannt hatten – welche Ewigkeit seit Bordeaux! – sprachen in herzlicher Weise miteinander. Ihre Vaterlandsliebe und ihr Schmerz knüpften ein festes Band zwischen ihnen. Du Breuil stellte seinen künftigen Schwiegervater Thédenat vor. Als dieser den Namen des ehemaligen Deputierten von Metz hörte, erhellten sich seine Züge. Gleich in den ersten Worten, die die beiden Männer wechselten, verriet sich warme Sympathie, bewundernde Hochachtung von seiten Bersheims, edles Mitgefühl seitens Thédenats für diesen Mann, der die verlorenen Provinzen und, in seiner kraftvollen Gestalt, den grauen Augen, die lothringische Festigkeit und Treue verkörperte. Der Metzer war, die Heimatstadt verlassend, in der seine Interessen ihn nicht mehr zurückhielten, gestern mit seiner Frau angekommen. Grausamer, als er geahnt, war der Schmerz gewesen, als der Moment gekommen war, von diesen Orten, an denen er seine Kindheit und seine Mannesjahre verlebt, zu scheiden. Der Verkauf der Fabrik, der Abschied von den alten, vertrauten Arbeitern, der Besuch des Landgutes von Roisseville, wo neue Pächter unter Großmutter Sophias Aufsicht schalten und walten sollten, waren ebensoviele Stationen des Leidensweges gewesen. Versailles, das er in lockender Erregung, in jenem Fieber, das dem Halali der großen Treibjagden voranzugehen pflegt, befangen fand, bot ihm keine Zerstreuung; der Wechsel des Horizonts hatte seinen Schmerz nicht zu wandeln vermocht. In Metz hatte er in jedem Nerv den unheilbaren Riß, die Abtötung der Wurzeln empfunden. Hier, auf einen unfruchtbaren Boden, in eine verdörrende Luft versetzt, fehlte ihm plötzlich alles. Nachdem die erste Freude des Wiedersehens mit Anina und Du Breuil vorbei, empfand er nichts als die Verzweiflung, als Fremder der Entfesselung der Leidenschaften zusehen zu müssen. Bersheim fand keine Entschuldigung für die wahnwitzigen Handlungen der Männer der Kommune, für diese maßlose Vernichtungswut, die sie trieb, zur größten Freude der Deutschen die Säule der großen Armee zu stürzen und, wie Vallès zu verlangen, daß man »das eingewickelte Gerippe« des Cäsar verbrannte, um dessen Asche dem Spiel der Winde preiszugeben! Ein schöner Sieg, den man mit der Demolierung von Thiers' Palais errungen – die Nationalversammlung hatte beschlossen, es auf Staatskosten noch schöner wieder aufzubauen! ... Schöne Revanche auch, sich für die bevorstehende Niederlage an Unschuldigen zu rächen! ... Auf den von einem Offizier der Nationalgarde, Barral de Montaut, einem doppelzüngigen Skribenten, verfaßten Bericht über die angebliche Beraubung und Ermordung einer Marketenderin durch einen Versailler Soldaten hin hatte Urbain gefordert, daß man als Rache für diese Bluttat unverzüglich fünf Geiseln in Paris selbst in Gegenwart der versammelten Bataillone, fünf andere bei den Vorposten erschienen solle. Amouroux und Rigault stellten den Antrag, auf die unverzügliche Ausführung des ehemaligen, vor allem gegen die Geistlichen gerichteten Erlasses zurückzugreifen. Diese furchtbaren Drohungen, dieses sich Aufbäumen des zur Verzweiflung getriebenen Tieres hinderten jedoch Bersheim nicht, zwischen dem Gerechten und dem Ungerechten zu unterscheiden und – da er jeden solchen Exzeß verabscheute, zugleich diese wilde Erbitterung zu hassen, mit der die Jäger sich auf das unverantwortliche Paris stürzten unter dem Geheul greisenhafter Parlamentarier, korrumpierter Journalisten, egoistischer Lebemänner und wutschäumender Bürger. Die Poncets und Thédenat, Bersheim und Du Breuil waren eben, am Rand des Trottoirs beisammenstehend, im Begriff, sich zu trennen, als um sie her plötzlich eine schnell wachsende Ansammlung entstand. Vom Eingang der wie an Feiertagen belebten Avenue her näherte sich dumpfer Lärm. Mit einer mit Vergnügen gemischten Wut teilte man sich die gewohnte Neuigkeit mit: »Gefangene!« »Gehen wir!« sagte Du Breuil. Er hatte solcher Züge schon zu viele gesehen. Und auch Bersheim wollte flüchten, die Überreiztheit der Menge fürchtend. Poncet und Thédenat jedoch, denen dieses Schauspiel neu war, zögerten, von schmerzlichem Interesse festgehalten. Martial wurde unruhig; zufällig war er noch keiner dieser traurigen Kolonnen begegnet. Der Ausdruck des Widerwillens auf Du Breuils Zügen machte ihn schwankend. In einem Augenblick hatte der Strom der Neugierigen die Straße überschwemmt; eine Mauer schaulustiger Gaffer bannte sie an die Stelle. Im Sonnenschein, in eine Staubwolke gehüllt, die von dem Blitzen der Waffen durchzuckt wurde, erschienen die Unglücklichen zwischen den Reitern der Eskorte. Es war die gewohnte Herde zerlumpter, wildblickender Gestalten, die mit Wutgeheul empfangen wurde. Die Haare an der Stirn klebend, die mit Staub, Kot und Pulver bedeckten Gesichter von Schweiß überronnen, keuchend wie atemlos erhitzte Hunde, so schleppten sie sich fort, Gespenster der Verzweiflung und Verwilderung, in nichts der edlen menschlichen Gestalt mehr ähnlich. Eine Frau in rauschender Seide rief: »Wie häßlich sie sind!« Martial maß den rosigen Teint und den blumengeschmückten Hut mit einem Blick der Verachtung und brummte instinktiv: »Die da möchte ich dabei sehen!« Nebenstehende wiesen ihn streng zurecht. Thédenat und Poncet sahen wortlos, tief erschüttert, zu. Bersheim faßte Martials Hand und raunte ihm zu: »Schweigen Sie!« Du Breuil kaute, leichenblaß, an seinem Schnurrbart. Unter drohend ausgestreckten Fäusten, Steinwürfen und den Stößen ihrer Wärter schritten die Föderierten vorbei. Ein faules Ei, von einem Gassenjungen geworfen, zerbrach an der Stirn eines braunen Riesen, dessen Kopf über den anderen hervorragte. Die gelbe Flüssigkeit lief ihm in den Bart und über den behaarten Hals. Ungeheuere Heiterkeit antwortete seiner drohenden Bewegung, die mit geschwungenem Säbel unterdrückt wurde. Je näher die letzten kamen, je roher wurden die Verhöhnungen, je widerlicher die Gewalttätigkeiten. Eine Bahre kam vorüber mit einem Greise und zwei Frauen, die nicht mehr hatten folgen können. Ein ganz frischer, blutiger Riß lief über die Stirn des Mannes. Endlich, von einem Husaren an einem Strick nachgezogen, folgte eine Alte in zerfetztem Rock und wild ins Gesicht hängenden weißen Haarsträhnen, so erschöpft, daß sie bei jedem Schritte strauchelte. Mit brutaler Kraft spannte sich die um die blutenden Handgelenke gewickelte Schnur und schüttelte die wankende Greisin. Und der Husar lachte, und die Menge klatschte Beifall. Plötzlich erhob sich Jubelgeschrei und Triumphgeheul. Die Alte war zu Boden gesunken und wollte sich nicht mehr rühren. Der Husar stach sie mit dem Säbel in die Hüfte, stach immer wieder, von obszönem Lachen ermutigt. Doch schon war Du Breuil, sich den Händen Bersheims, der seine Absicht erriet und ihn nicht loslassen wollte, entreißend und unfähig, seine Empörung länger zu zügeln, auf den Fahrweg gesprungen und schrie den Husar an: »Schämen Sie sich denn nicht? Achten Sie doch Ihre Uniform!« Eingeschüchtert, ließ der Reiter die Nase hängen und ritt brummend, und die Alte, die man mit Fußtritten zum Aufstehen gezwungen hatte, nachschleppend, weiter, während sich um den Offizier die heulende Menge scharte. Angegriffen, geschmäht, stand er da und schaute verständnislos um sich. Ein ordengeschmückter Beamter steckte ihm die Faust unter die Nase und schrie: »Sie, Sie sollten sich schämen!« Die Dame mit dem Blumenhut höhnte: »Jetzt geht's ihm an den Kragen!« Fäuste packten ihn, ohne Achtung vor seinen Achselschnüren. Die Menge brach in Vorwürfe, in Murren aus: »Schlagt ihn nieder! Reißt ihm daß Kreuz ab!« Mit Blitzesschnelle durchzuckte Du Breuil die Erinnerung an seinen Leidensweg durch die Rue des Rosiers, an eine andersgekleidete Menge mit denselben Gesichtern ... Denselben? Nein. Diese hier waren noch abstoßender, mit ihrer äußeren Vornehmheit. Seine Hand sauste auf eine weiche Wange nieder und erweiterte mit geschickten Schlägen den Kreis um sich her. Die Wut verdoppelte seine Kräfte Neben ihm wehrten Bersheim und die Poncets voll kochenden Zorns die Angreifer ab. Ihrem Widerstand, Thédenats ehrfurchtgebietender Würde, Du Breuils Miene beleidigten Stolzes nicht minder als dessen kräftiger Faust gelang es endlich, der Menge zu imponieren. Sie teilten die grollenden Gruppen und entfernten sich heil und unversehrt. Noch bebend, die Seele von Zorn, Trauer und Abscheu geschwellt, schritten sie schweigend, oder kurze Reden tauschend, ihres Weges. Poncet und Thédenat empfanden vor dieser Offenbarung einer von ihnen bisher ungeahnten Menschheit ein unaussprechliches Grauen, den Schauer eines unheilkündenden Vorgefühls. Martial fragte sich, völlig verstört, wie es ihm möglich gewesen, ohne zu ersticken, in dieser vergiftenden, an der Oberfläche faulen, auf dem Grunde tödlichen Umgebung auszuhalten. Unwiderstehlich erfaßte ihn die Sehnsucht nach einem Ort des Friedens und der Schönheit, wo die Sonne nicht mehr solche Greuelszenen beschien. Nach einigen Schritten, nachdem die erste, wildeste Erregung sich gelegt, trennten sich die Männer. Bersheim und Du Breuil wandten ihre Schritte dem Palais Grandpré zu. Noch ganz unter dem Eindruck des Erlebnisses stehend, war es ihnen, als gingen sie gebrochen aus einer furchtbaren Krise hervor, die, so kurz sie auch gewesen, noch für lange Zeit niederschmetternd in ihnen nachwirken würde. Du Breuil, dessen Augenblicke gezählt waren, beschleunigte den Schritt, den Aufenthalt verwünschend. Kaum daß er Anina wiedergesehen und in ihrer Mähe einige Minuten des Trostes und der Stärkung genossen, mußte er in die Quartiere der Division zurückkehren ... Noch klang im Hof des Palais die die Gäste meldende Glocke, als sie auch schon auf der Schwelle der Vorhalle erschien. Betroffen blickte sie auf die verstörten Gesichter ihres Vaters und ihres Verlobten. Was war wieder geschehen? Doch Bersheim legte ihre Hände ineinander: »Geht, meine Kinder!« Und während die jungen Leute den Salon durchschritten, um die Einsamkeit des Gartens aufzusuchen, stieg er selbst schnell in sein Zimmer hinauf. Seine Frau schrie auf, als sie ihn eintreten sah. In heißem Drang nach Zärtlichkeit und Mitgefühl zog er sie an sich, setzte sich neben sie und schüttete ihr sein Herz aus. In gedrängten Worten machten sein Schmerz, seine patriotische Empörung sich Luft. Um das zu sehen, um unnütz, von allem und allen verwundet, Zeuge dieses gehässigen, das Land zerreibenden Kampfes, der Wut dieser in wilde Bestien verwandelten Menschen zu sein, darum hatte er sein Heimatshaus, die geliebte Vaterstadt verlassen! Erstaunten Blickes betrachteten beide die doch so gastfreien Wände dieses Zimmers, in dem sie, traurige und heimatlose Reisende, ein flüchtiges Obdach gefunden. Die durch das offene Fenster einströmende, milde Luft schien ihnen feindlich, aus einem rauhen Himmel herabzuwehen. Von der Vergangenheit gelöst, Opfer der Gegenwart, die ungewisse Zukunft fürchtend, erkannten sie zu ihrem Schmerze, daß ihr neues Vaterland ihnen nichts als eine fremde Erde, ein trauriges Exil war. Hand in Hand, ergingen sich Anina und Du Breuil in der Lindenallee, mit der Glut der Leidenschaft die rasch entfliehenden Minuten genießend. Sie waren ihnen eine Oase in der Wüste ihrer Tage; und doch vergiftete eine unsagbare Bitterkeit die Wonne des Beisammenseins. Unaufhörlich, seit er ihr fern war, bereute Du Breuil, in diese Trennung gewilligt zu haben und, ohne von dessen Notwendigkeit überzeugt zu sein, einen täglichen Dienst erfüllen zu müssen, den ihm zu erschweren alles beitrug: die unerfreuliche Berührung mit den Kameraden, der Zusammenstoß der Ideen und vor allem das beinahe beständige Beisammensein mit Chenot, der sich bei näherer Bekanntschaft, unter der Maske bäuerischer Verschlagenheit, als ein Streber ohne Gewissen und Grundsätze entpuppte. Wie Aninas schöne Augen, ihr reines, zärtliches, unendliche Wonnen verheißendes Lächeln ihm fehlten! Wie allein er sich fühlte mit der Qual seiner Zweifel und der langweiligen Gleichförmigkeit des Dienstes! Und als er ankam, die Lippen nach Küssen lechzend, das Herz nach Liebe dürstend, voll heißen Verlangens, aus der Nähe der Geliebten ein wenig Ruhe, einen Vorrat an Energie und Vertrauen zu schöpfen, da mußte, ein tragischer Zufall, der niederschmetternde Schlag eines solchen Abenteuers ihn treffen, um seine unruhig schwankende Seele vollends zu entmutigen. »Wie!« sagte er sich, »ist es so weit schon mit uns gekommen, daß eine Tat einfachsten Mitleids, die Erfüllung eines bloßen Amtes als Vorgesetzter einen solchen Lohn erntet? Ich habe nichts als meine Pflicht als Bürger, als Offizier getan. Besiegte, Menschen, auch wenn sie irregeführt, wenn sie schuldig waren, in solcher Weise verhöhnen, das heißt, noch unter das Tier herabsinken. Diese Menschen sind ja doch imstande, für eine Sache, die sie als legitim betrachten, zu kämpfen und zu sterben! Mag die Gesellschaft sich zum Richter aufwerfen, wohlan, da sie die Stärkere ist, im Interesse des Landes und der Deutschen wegen die Stärkere sein muß; doch wenigstens darf sie sich nicht zum Henker machen ... Wenn Frankreich das Recht auf Ordnung hat, hat Paris das Recht auf Gerechtigkeit. Recht für Recht ...« Die Aussicht auf kommende Tage, auf den bevorstehenden Angriff verdüsterten noch mehr seine Betrachtungen. Statt das Glück des Beisammenseins zu genießen, schilderte er seinen Verdruß und seine Sorgen. Unbewußt und gegen ihren Willen kehrte ihr Gespräch immer wieder, zu dem ewigen Kreuzweg zurück, an den ihre Gedanken sie gleich einer zu kurzen Kette fesselten. Nicht rückhaltlos vermochten sie des flüchtigen Augenblicks, des düftegeschwängerten Abends, der Süße der Stunde sich zu freuen. Tief, tief tauchten sich ineinander ihre Blicke, als gälte es eine lange Trennung. Nie war Anina ihrem Verlobten rührender erschienen. Nie war er ihrem Herzen näher gewesen. All die geheimnisvollen Kräfte des Lebens strömten in ihre Adern. Sie hätten diesem Augenblick die Dauer der Ewigkeit verleihen mögen und fühlten mit unaussprechlichem Bangen den Rausch, der mit jäher Gewalt sie erfaßt, sich verflüchtigen. Du Breuil zog seine Uhr und horchte auf die eiligen Schläge. Er machte eine Gebärde der Verzweiflung, als er die Flucht der Zeit gewahrte. Der Moment des Abschieds auf wie lange? ... Zum erstenmal drängte sich, in einer übermächtigen Aufwallung des Gefühls, Brust an Brust. Ihre Gesichter berührten sich, ihre Lippen pflückten von in Purpurröte gehauchten Wangen die schon verwelkte Blume des Augenblicks ... Als ihre Arme aus der leidenschaftlichen Umarmung sich lösten, empfanden sie mit schmerzlichem Staunen, wie fern sie trotz der Nähe einander waren durch die ganze Kluft des Ungewissen getrennt. Morgen! Es war nicht mehr die Zeit, die unwiderbringliche Zeit, deren Flucht sie empfanden, es war das Beste ihrer selbst, das mit ihr entfloh, ihr Glück und ihr Leben ... Den nächsten Tag herrschte in einem der ehemaligen Sekretariatsbureaus von Haußmann ein betäubendes Durcheinander zorniger Stimmen, zuschlagender Türen, das wirre Getöse, das das Rathaus beim Nahen des Endes füllte. Obgleich keiner es sich gestehen wollte, jeder sich den Anschein gab, Paris für unbezwinglich, die Kommune für die Herrin der Situation zu halten, machte sich doch angstvolle Unruhe bemerkbar. In den ungeheueren Sälen sah man Leute eiligen Schrittes ab und zu hasten, als hätten sie gefühlt, daß die Brücke schwankte, das Schiff dem Untergang nahe war. Ihre Blicke wichen einander mißtrauisch aus oder begegneten sich mit herausforderndem Trotz. »Nein, mein Lieber!« entschied Jacquenne harten Tons. »Erwarten Sie nichts von mir.« Er maß Poncet mit einem Blick mürrischen Grolls. »Und Sie, Fernol«, fuhr er fort, »lassen Sie mich in Ruhe! Ich habe keine Zeit zu verlieren.« Die drei Männer betrachteten sich ohne Sympathie; dumpfe Gereiztheit schärfte ihre Worte, blickte aus ihren Augen. Poncet war in der Nacht heimgekehrt, die Seele noch schaudernd von dem ekelerregenden Bilde von Versailles. Er hatte alle Hoffnung auf eine Versöhnung verloren: der letzte, während seiner Abwesenheit versuchte Schritt der Liga, dieser vergebliche Vorschlag eines Waffenstillstands, während dessen die Nationalversammlung und die Kommune ihre erlöschende oder usurpierte Macht der Vereinigung der neuen Munizipalräte übergeben konnten, die nahezu gleichlautenden Wünsche des Lyoner Kongresses, all das war nichts als Schall und Rauch gewesen, kindische Träume, in der unerbittlichen Wirklichkeit zerstoben. Und eben diese gestern so bitter erkannte und empfundene Wirklichkeit war es, die die Hoffnung auf ein letztes Arrangement, auf irgend einen unmöglichen Umschwung weckte. Hatten nicht drei Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, Billioray, Gambon und Ranvier, von seiten der Syndikats-Union, einen ersten Schritt im Sinne des früher von letzterer angegebenen Programms versucht: die Unterwerfung der Kommune unter eine Neuwahl, unter der Bedingung, daß Paris ein autonomes Departement bildete, bei voller und umfassender Amnestie ... Dieses Zurückweichen war ein Zugeständnis, sie hatten Angst, – sie würden nachgeben. »Sie sind eine naive Seele«, sagte Jacquenne. »Ein Schritt nach rückwärts bedeutet für uns den sofortigen Zusammensturz. Obendrein, soll Versailles mit Leuten verhandeln, die zur Nachgiebigkeit bereit sind! Man wird die Kette festlegen. Mon diesen Zivilisierten, die schlimmer sind als Barbaren, Verband oder Mitleid verlangen, wäre Wahnsinn. Muß ich Sie an die Worte erinnern, die Thiers zu den Delegierten von Lyon gesprochen hat: »Die Nationalversammlung ist liberal! Die Armee ist heldenmütig! Er wird ihr nicht den Schimpf antun, ihr den Einzug in Paris zu, verwehren. Sie hat ein Recht auf diese Belohnung! ... Frankreich? Das wird sich nicht rühren. Fünfundzwanzigtausend Mann Reserve stehen bereit, im Notfall gegen Lyon zu marschieren. Zweifellos das, was von den getreuen Soldaten Napoleons III. übrig blieb, die letzten Gefangenen, die Favre, als er sich nach Deutschland begab, um den schmählichen Vertrag zu unterzeichnen, in Mainz besuchte und die Bismarck großmütig zurückerstattet hat! Die übrigen Städte werden tatenlos bleiben. Thiers setzt sein Vertrauen auf die Erschlaffung des öffentlichen Geistes. Nein! es bleibt nur ein einziges Mittel des Heils: die Bevölkerung der Vorstädte muß sich erheben und in dem von den Reichen verlassenen Paris sich auf den Angreifer stürzen! Die Barrikaden, die Feuersbrunst! Und wenn man stirbt, so stirbt man wenigstens den Tod der Tapferen!« Nur noch durch die Nerven lebend, überarbeitet, von rauhem Husten geschüttelt, widmete sich Jacquenne, gleich Delescluze, mit dem Eifer der Verzweiflung einer Sache, die seine Parteigenossen, seinem Ideal entgegen, trübe und verwickelt machten. Weder die schwankenden sozialistischen Bewegungen der Minorität, noch das kindische Geschwätz der Majorität, dieses sklavischen Abklatsches der Menschen und Taten von 1793, stimmten mit seinem engen und strengen Begriff der zukünftigen Gesellschaft überein. Er wollte, daß unter einem beherrschenden Niveau die Menschheit wieder gut, arbeitsam und gerecht werde. Ein trockener Kollektivismus sollte an alle gleichmäßig Ideen und Brot, Wohnung und Kleider verteilen, die Kinder erziehen, die Greise versorgen; der befreite Gedanke, die freie Ehe, Mann und Frau in ein neues Paradies versetzt, ohne einen anderen Gott, als das Gewissen ... Mit dem Aufschwung der Kommune zur beherrschenden Macht hatte für ihn auf dem Zifferblatt der Zeit eine der bedeutsamen Stunden der sozialen Geschichte geschlagen. Ohne Aufschub mußte organisiert werden, zahllose Dekrete mußten Licht in das Chaos bringen, mußten die Stadt der Träume von Grund auf neu erbauen. Und gleich zu Anfang waren angesichts der ungeheueren Verwirrung und der ohnmächtigen Uneinigkeit seine Illusionen erloschen, seine Wut gewachsen. Er lebte abseits von den Intrigen, unabhängig, gefürchtet wegen der Strenge seiner Grundsätze und der Offenheit seiner Rede. Er war dem letzten Echo des großen Streites, dem Tagesbefehl ferngeblieben, welcher das Manifest der Sozialisten tadelte und ihnen, wie ertappten Schulkindern, versprach, ihr Verhalten zu vergessen, wenn sie ihre Unterschrift zurückzögen. Er verachtete eine große Anzahl seiner Kollegen; gestern erst wieder hatte man Emil Clement, den Ex-Polizisten, verhaftet. Jetzt erschien ihm alles, welche Maßregel man auch ergriff, ob rein abstrakt oder in der Tatsache, unzureichend und armselig. Unantastbar und von puritanischer Sittenstrenge, versetzte ihn der regelrechte Diebstahl, in den, trotz der Bemühungen eines Jourde, eines Varlin, eines Moreau, die Verwaltung der Lieferungen und der Löhne ausartete, – man hätte dabei täglich zwei- bis dreimalhunderttausend Franks ersparen können – in kalte Wut; für jeden Betrüger und Schuldigen den Tod! Er hatte den Artikel befürwortet, welcher lautete: »Sobald die Versailler Horden besiegt sind, wird über alle jene, die, nah und fern, die Verwaltung bei öffentlichen Vermögen in Händen haben, eine Untersuchung angestellt werden.« Er, der unter dem Kaiserreich einer der berühmtesten Pamphletisten gewesen, er hatte die Hekatombe gebilligt, welcher die letzten Zeitungen, zehn Tagesblätter und Revuen, darunter La Commune , das Echo de Paris , die Revue des Deux Mondes zum Opfer fielen und die das Erscheinen jedes neuen Blattes untersagte. Er hätte gerne mit einem Schlag alles Bestehende, die Freunde selbst, ans der Welt geschafft, um in Ruhe das energische Werk zu beginnen. Der Officiel genügte. Was die Geiseln betraf, hätte er, jedes persönliche Mitleid in sich erstickend, – zumal Versailles nicht in ihren Austausch gegen Blanqui allein gewilligt und ihrer Hinopferung im Prinzip zugestimmt hatte – sie nicht einzeln mit Hoffen und Harren, dem ja doch der Tod folgte, martern mögen. Gemeinsam sollten sie in Reih und Glied vor der Front des Heerbanners aufgestellt und, wenn Versailles noch zögerte, das Todesurteil zu sprechen, alle zugleich erschossen werden! So würde der blutige Abgrund ausgefüllt, die verhaßte Vergangenheit mit ihren eigenen Waffen vernichtet und der Todeskampf ohne Gnade begonnen werden. Mittwoch war die Patronenfabrik in der Avenue Rapp, gleichsam als Antwort Versailles' auf die Zerstörung der Vendômesäule, in die Luft geflogen und hatte zahlreiche Opfer unter ihren Trümmern begraben. Ganz Paris hatte unter dem furchtbaren Getöse gezittert. Aus dem riesigen Feuerherde, in dem die Pulverfässer, die Patronenballen mit fortwährendem, donnerähnlichem Krach explodierten, schossen die Flammen in die Höhe und dazwischen ein Wirbel von Kugeln, brennenden Ballen und menschlichen Überresten. Dichte Rauchwolken lagerten sich über das von blutigem Feuerschein übergossene, mit zerplatzten, geschmolzenen Kugeln bedeckte Marsfeld, über den Stadtteil, in dem sämtliche Fensterscheiben zerbrochen waren. Mit der öffentlichen Meinung schrieb Jacquenne auf einige verdächtige Indizien hin diese Katastrophe dem Verrat zu und glaubte Versailles als den Urheber derselben zu erkennen. Allerorten Spione und Verschwörer! ... Kein Erbarmen, keine falschen Hoffnungen mehr! ... Die Breschebatterien hatten ihr Feuer eröffnet, während alle Vorwerke und die Kanonen des Mont-Valerien den Gürtelwall mit ihren Geschossen verheerten. Poncet schwieg. Wozu noch länger drängen? Es blieb ihm nichts mehr übrig, als sich auf sein Häuschen auf dem Montmartre, in sein Laboratorium einzuschließen, während Agathe fortfuhr, die Verwundeten zu pflegen und so viel Gutes wie möglich zu tun. Zu wiederholten Malen war man von seiten der wissenschaftlichen Delegation zu ihm gekommen, um seine Hilfe als Chemiker zu erbitten. Er mußte bedeutende Quantitäten von Explosivmitteln und die Kenntnis von furchtbaren Formeln besitzen ... Er hatte Mühe, seine Kaltblütigkeit zu bewahren, als Jacquenne zu ihm sagte: »Sie täten besser daran, uns zu helfen ...« Die kalten Augen des Sektierers flammten auf: »Paris wird, wenn es sein muß, in die Luft fliegen! Ich weiß, es gibt unter uns Leute, die toll genug, oder feige genug sind, von unmöglichen Auswegen zu träumen, wie zum Beispiel davon, die Versailler zu versöhnen, indem sie ihnen unsere Köpfe anböten ... Ja, dieser Rastoul hat sich sogar zu dem Vorschlag verstiegen, mit der ganzen Nationalgarde, mit Waffen und Bagagen, sich zu den Preußen zu begeben, um deren Schutz und um die Mittel zum Transport nach Amerika zu betteln! ... Pfui! ... Das würde Ihnen passen, Fernol, wie?« Er trat ganz nahe an den Arbeiter heran und lachte mit unaussprechlicher Verachtung: »He? das würde Ihnen passen! ... Haha! Paris wird in die Luft fliegen und Sie mit!« Fernol, dessen große, erschreckte Augen wild in ihren Höhlen rollten, nahm Poncets Schweigen für Zustimmung. Aber nein! So würde er sich nicht kommandieren lassen, nicht von anmaßenden Bürgern, von verbitterten, von Hochmut geblähten Federfuchsern die Gesetze vorschreiben lassen! Jacquenne und Konsorten waren toll ... Nachdem man alles gewagt – die Revolution hatte so schön begonnen! – würden sie, wenn man sie gewähren ließe, einen bis in die Tiefe des Abgrunds schleppen! ... Volltönend klang seine Stimme: Es lohnte sich wohl der Mühe, gestern, im Einvernehmen mit der Kommission der Kommune, eine Proklamation unterzeichnet zu haben, in der man jede Spur eines früheren Zwistes auszulöschen bestrebt war! Das mit der gesamten Kriegsverwaltung betraute Zentralkomitee zentralisierte die Verteidigung in ihren Händen. Er beabsichtigte, sie nach seinem Belieben zu leiten. Was war er? Die von dem Volke vor dessen eroberte Rechte gestellte Schildwache, der bewaffnete Feind des Bürgerkrieges!« Unter diesen bei aller Volltönigkeit leeren Phrasen verbarg Fernol nur schlecht seine täglich wachsende Angst. Gleich vielen anderen hatte er anfangs im 18. März nur die Fortsetzung des 4. September erblickt. Die Reihe kam an sie, an das Volk, jene Gewalt auszunützen, deren die Bourgeois sich unwürdig gezeigt hatten. Es würde ihnen nicht schwer werden, sich besser zu bewähren! Die raschen Wahlen, die Absetzung des Zentralkomitees hatten in den meisten nur das Verlangen nach dem Kuchen, den sie, kaum erst angebissen, geschürt; diese zwei Monate schwindelnder Aufregung waren für sie mit ehrgeizigen Agitationen, mit der alleinigen Sorge um Wiedereinnahme des verlorenen Platzes ausgefüllt gewesen. Intelligente und ehrliche, berechnende und mittelmäßige Männer, sie alle waren im Detail untergegangen und begnügten sich mit dem berauschenden Bewußtsein, ein kleines Teilchen von Autorität bewahrt zu haben. Nun sie dieselbe beinahe uneingeschränkt wieder erlangt hatten, kannten viele, nach Fernols Beispiel, nur eine Sorge: sich darin zu behaupten, nichts zu tun, was den Eintritt des Unheils hätte beschleunigen können, wenn möglich – aber wie? wie? – den endlichen Sturz zu vermeiden. Der Toulousaner verbarg unter der Wucht seiner Reden eine gutmütige Seele und war schon zufrieden, wenn nur seine kräftige Stimme und seine Schärpe ihre Wirkung taten. Trotz seiner prahlerischen Beredsamkeit, seiner blutdürstigen Reden hätte er keiner Fliege weh tun können. Trotz seines Herodesbartes war er im Grund der Seele Zucker und Honig und süß wie die Bonbons, die er vom Morgen bis zum Abend naschte. Jacquenne erriet mit untrüglicher Deutlichkeit die Furchtsamkeit des dicken Mannes. Wütend packte er Fernol an der Schulter und stieß ihn mit kräftiger Faust hinaus: »Räumen Sie den Platz! Ihr glaubt, die Herren zu sein, aber ihr seid es noch nicht und werdet es nie werden! Die Narren und Querköpfe euerer Sorte, haben alles verdorben ...« Vergeblich erschöpfte sich Fernol in feierlichen Versicherungen. Außer sich drängte Jacquenne ihn der Tür zu, die er unter Drohungen und Beschwörungen zuschlug. Gesenkten Kopfes, wie ein Eber, kehrte Jacqueline zu Poncet zurück: »Und diese blöden Arbeiter möchten uns regieren wollen! Sehen Sie, der Beweis ist erbracht. Diese Leute sind noch nicht reif. Das Ruder muß noch für lange hinaus in unseren Händen bleiben. Wir, wir Bürger sind es, die die Republik zu schmieden und zu gründen berufen sind. Ah, Poncet! strafbarer Bürgerlicher, der Sie sind, Sie Verblendeter, der Sie uns im Augenblick des Kampfes im Stich gelassen, Sie Deserteur, der Sie, der Flagge Ihres Lebens untreu, sich dem Fortschritt, der Gerechtigkeit abgewandt und die Zukunft verraten haben! ...« Erschöpft sank er auf einen Fauteuil, von furchtbarem Husten geschüttelt, während Poncets Blicke voll düsteren Mitleids auf ihm ruhten. Wieder verstrichen vierundzwanzig Stunden. Bei Tagesanbruch des 21. hatten die dreihundert Geschütze und die Breschebatterien, die von Westen bis Süden die Wälle verheerten und die Tore vollends demolierten, ihr Feuer wieder eröffnet. Überall standen die Versailler vor den Wällen. Das Mitglied der Kommune, Lefrançais, sah und hörte sie in ihren Laufgräben, als er die Trümmer der Porte Saint-Cloud passierte. Mit froher Geschäftigkeit erweiterten sie Approchen für die Angriffskolonnen. Die allgemeinen Dispositionen waren getroffen, der Ansturm stand bevor. Montrouge, die einzige Festung, die der Kommune noch blieb, war nur noch ein Steinhaufen. Vom Point-du-Jour bis zu den Batignolles war der Gürtel nahezu verödet, Dombrowkis Truppen verschwunden, die letzten Artilleristen auf ihren Geschützen getötet, die Einwohner in die Kellerräume geflüchtet oder in schleunigem Auszug begriffen. Passy, Auteuil, Courcelles, schienen verödet, alles Leben in die Kellerlöcher geflüchtet. Paris erschien, je nach den verschiedenen Stadtteilen, leer, alles Leben erloschen, oder von fieberhaftem Leben erfüllt. Es gab ganze Straßen, in denen kein Mensch zu sehen war, die Läden gesperrt waren und auf den Trottoirs die Hühner sich tummelten. Der Kleinhandel vegetierte. Die Bürger, hinter ihren geschlossenen Fenstern kauernd, zitterten vor Furcht, im Hausflur die Gewehrkolben der Haussuchungsdetachements aufschlagen zu hören und bebten vor Freude bei dem Gedanken, bald die erlösenden Klänge der Versailler Trompeten zu vernehmen. Endlos dehnten sich die Boulevards, durch die selten nur ein Wagen rollte, während auf dem Bastilleplatz das lärmende Treiben des Pfefferkuchenmarktes herrschte, im Zirkus Napoleon fünftausend Personen sich zur Allianz der Departements um Millière versammelten und eine festlich gekleidete Menge sich zu dem Konzert in den Tuilerien begab. Während sich die ohnmächtigen, von den tausend brandenden Wogen des Tumults erfaßten Stadtväter in Todeskrämpfen, in Kopflosigkeit, in Furcht und verzweifeltem Harren verzehrten, verlebte das Volk von Paris sorglos ferne letzten Stunden, ohne zu ahnen, daß die Armee vor den Toren stand. Als wäre die ewige Kanonade nichts weiter, als eine begleitende Musik zu seiner Herrschaft, freute es sich seiner Freiheit, berauscht von Kraft und Licht. In machtvoller Glut, in der schon der Alkohol der erbrochenen und geleerten Fässer brannte, schürte die heiße Maisonne diese wahnsinnige Lebensfreude. Der kupplerische Frühling bekränzte mit seinem grünen Laub diese Todestage und schwängerte die Luft mit berauschenden Düften. Die Natur vollbrachte in unbekümmerter Heiterkeit ihr großes Meisterwerk und riß alle diese nach Vergessen, nach Liebe und flüchtigem Genuß dürstenden Wesen in ihren allmächtigen Strom, ihren ewigen Kreis. »Beeile dich, Pulcheria! Wir werden als letzte kommen.« In ihrer Loge, wo Louchard in großer Gala, mit einer neuen Schärpe umgürtet, ungeduldig wartete, knüpfte sich die dicke Gattin mit aufgeregt zitternden Händen die Bänder ihres Hutes, eines altmodischen, mit verstaubten Blumen geschmückten Bauwerks. Ein mit Volants bedecktes Kleid bauschte sich um ihren geschwollenen Leib. Sie freute sich darauf, einem der Konzerte, beizuwohnen, welche Doktor Rousselle in dem »seinen wahren Souveränen zurückgegebenen« Palast veranstaltete. Seit acht Tagen plagte sie ihren Mann mit dem Verlangen, zu einem dieser Feste geführt zu werden. Der Abend des 18. war in besonders feierlicher Weise verlaufen. Die frühere Partei aus dem fünften Stockwerk, Melie, nunmehrige Frau Kommandant Tinet, die jetzt immer die kostbarsten Roben trug – sie mußten aus einem sehr reichen Hause stammen! – hatte ihr von der Pracht dieses Festes erzählt, als sie heute morgen aus ihrem Palais der Ehrenlegion kam, um eine neue Ladung von Einkäufen – Wäsche ohne Zweifel, nach der Form der Pakete zu urteilen, – zu eskortieren. Ein herrlicher Abend! Platzoffiziere, nicht minder schön als die Hundertgarden, walteten ihres Amtes als Festordner; der im Lichte aller seiner Lüster funkelnde Marschallsaal, mit seinen schweren roten, mit goldenen Bienen bestickten Samtvorhängen, seiner zu Logen umgewandelten Galerie. Und die überall prangende Kundmachung des Doktor Rousselle: »Volk, das Gold, das von diesen Wänden fließt, ist dein Schweiß!« ... Und dann das Konzert! Mademoiselle Agar, von der Comédie-Française, hatte Verse deklamiert, La Bordas gesungen: »C'est d' la Canaille! Eh, bien! ... J'en suis!« Und dann die Erfrischungen, die geöffneten Fenster, durch die der blaue Nachthimmel hereinschaute, die beleuchtete, von Liebespaaren wimmelnde Blumenterrasse... »Sie müssen aber doch vorsichtig sein, Frau Louchard«, riet die Villoir, die mit majestätischer Würde im großen Lehnstuhl saß, »Sie wissen doch, daß die Tuilerien unterminiert sind? Statt der guten Weinflaschen, die man zu Hunderten und Hunderten geplündert hat, hat man Pulverfässer und vierzig Patronenkisten in den Keller gebracht.« Sie hatte mit der Portiersfrau enge Freundschaft geschlossen, seit sie wußte, daß der »Kommandant« in allerlei Intriguen verwickelt war und seine einstigen Irrtümer durch völlige Hingabe wieder gut machte. Aus Gefälligkeit hatte sie sich bereit erklärt, während der Abwesenheit der Portiersleute, die Loge zu hüten. Nur Geduld! die guten Zeiten mußten wiederkehren. Ihr Mann mußte befördert werden, während Louchard mit einer kleinen Sinekure abgefertigt wurde ... »Was erzählen Sie da, Madame Villoir? Sie werden es nicht wagen, den Königspalast zu zerstören ...« Er lebte in beständiger Angst, jedes seiner Worte wägend. Dadurch, daß er beide Teile getäuscht, allen verdächtig, verdoppelte er seinen Eifer, sich für Versailles der Gefahr der Gefangennahme aussetzend, sich auf die Brust schlagend und seine Ergebenheit für die Kommune beteuernd. Ein gefährliches Handwerk, bei dem man eine Verbannung nach Mazas riskierte, wie kürzlich erst Arrohnson, der unter dem Namen Gutmacher erwischt worden war. Louchard hatte in den Verschwörungen Domalain-Charpentiers nur eine spärliche Einnahmequelle gefunden; diese Reorganisierung der getreuen Nationalgarden war zu kompliziert und zu umfassend gewesen, und die Versailles abgezapften Hunderttausende von Franks flossen einer unbekannten Quelle zu. Lauchard hatte geschwankt, ob er sich einem Herrn Muley, Chef der 17. Legion, anschließen solle, war aber bald zu dem wichtigsten Clan: Beaufond-Laroque-Lasnier zurückgekehrt. Dann hatte er sich damit befaßt, Armbinden anfertigen zu lassen, und gleichzeitig Malonsky wegen Auslieferung des famosen Tores zu gewinnen gesucht. Seine doppelte Niederlage hatte ihn vorsichtig gemacht, umsomehr, als er durch einen Genossen namens Veysset von den um Dombromsky angesponnenen Intriguen und der über allen schwebenden Gefahr Witterung erhalten hatte. Ein ungeschickter Tropf, dieser Veysset; seine Frau war vor einigen Tagen schon verhaftet worden, und nun war er ihr ins Gefängnis nachgefolgt ... Die Kommune hatte ihn gestern in Saint-Quen ergreifen lassen. In Übereinstimmung mit Barthélemy Saint-Hilaire und Saisset, hatte er anderthalb Millionen Franks dem General und dessen Umgebung angeboten, damit dieser die Wälle entblößte; Hutzinger, ein anderer Adjutant Dombrowskis, hatte sich zu mehreren Rendez-vous hergegeben. Die Sache schien weit genug gediehen zu sein: Dombrowski hielt sich dem Kampfe fern und vertauschte oft, Malonskys Mitteilungen zufolge, sein Quartier in La Muette mit demjenigen auf dem Vendômeplatz. All das war verdächtig. Andererseits wußte Louchard aus sicherer Quelle, daß der General das Wohlfahrtskomitee eingeweiht habe und von diesem autorisiert worden sei, die Negociationen abzubrechen; an einem gegebenen Tage, nachdem die Truppen vorbereitet waren, sollten die Versailler in einen Hinterhalt fallen. Was sollte man glauben? Es war ein Geheimnis, es sei denn, daß Veysset sich in Verwahrsam der Polizeipräfektur befand. Doch im Ernst, man durfte sich nicht der Gefahr aussetzen, ihm nachzufolgen. Dieses Konzert in den Tuilerien zugunsten der Witwen und Waisen bot eine günstige Gelegenheit, seine Ergebenheit für die Revolution zur Schau zu tragen. Nur hatte er das Kreuz, als zu auffallend, entfernt. Frau Louchard griff in die Taschen, ob sie auch alles hatte: ihre Billetts, ihre Börse, ihre Schlüssel. »Vorwärts!« kommandierte Louchard. Als die beiden durch die Rue de Medicis, das Gitter des Luxembourg entlang, schritten, erregte ein junges Paar ihre Aufmerksamkeit. »Wahrhaftig, sie sehen aus wie Louis Simon und seine Rose!« rief Frau Louchard. Und erfreut, – die beiden waren so nett! – beschleunigte sie ihren Schritt. Sie waren es wirklich. Sie rief sie an. Die jungen Leute blieben stehen und wandten ihre glückstrahlenden Gesichter, auf denen noch ein Zug des Leidens lag, zurück. »Nun, geht's besser?« erkundigte sich die dicke Frau. Gleich allen Gevatterinnen des Viertels hatte das Verschwinden der Liebenden sie bekümmert. Ihre rührende Idylle, Rosens mutiger Weg zu ihrem Geliebten, die während ihrer Abwesenheit verbreiteten Gerüchte – es hieß, daß sie in den unterirdischen Gängen den Tod gefunden hatten, – ihr Wiederauftauchen, all das umgab sie mit einem romantischen Nimbus und machte sie zu den Helden eines Romans à la Eugen Sue. Überdies war die Familie Simon geachtet und beliebt. Die Portiersfrau schlug vor: »Da wir denselben Weg haben, können wir ja zusammen gehen, wenn's Ihnen recht ist.« Louis und Rose freuten sich, dank den von Thérould erhaltenen zwei Eintrittskarten sich diese Zerstreuung gönnen und den Sonntag der Befreiung und der Freude feiern zu können, die ihnen aus den Augen lachte, ihre Seele mit blendendem Sonnenschein umschmeichelte und ihnen den Ausblick auf unbegrenzte Horizonte öffnete. Seit fünf Tagen wurden sie nicht müde, sich darüber zu wundern, daß sie noch am Leben waren, daß sie die milde Mailuft atmen, sich des freundlichen Familienkreises freuen durften. Welche Nacht des Schreckens lag hinter ihnen! War es denn wirklich wahr, daß sie all das erlitten, diese Stunden des Todesgrauens durchlebt hatten? Wäre Anatole nicht gewesen, der mit dem Steinbrechermeister sich auf die Suche nach ihnen begeben hatte ... Erschöpft, halbtot vor Ermattung und Entkräftung, hatte man sie am nächsten Morgen an derselben Stelle, wo sie umgesunken waren, aufgefunden. Grausige Fiebervorstellungen hatten sie gefoltert; in enger Umschlingung, fast bewußtlos vor furchtbaren Schmerzen, erwarteten sie das Ende ... Das dumpfe Geräusch von Schritten, Rufe, Laternenschein, dann der langsame Aufstieg ins Tageslicht, gleich Sterbenden gestützt und getragen ... Vierundzwanzig Stunden hatten sie in der Nähe des Tores von Montrouge, bei einem Krämer und seiner Frau, freundlichen, teilnehmenden Leuten, zubringen müssen, um sich zu erholen. Und sie konnten noch von Glück sagen! Viele waren bei ihrem Austritt aus den unterirdischen Gängen in die Hände der Versailler gefallen. Andere, die man nach ihnen gerettet hatte, waren wahnsinnig geworden. Erst am 16. abends, lang« nach dem Sturz der Säule und dem Besuch Thédenats, waren sie in der Rue Gay-Lussac eingetroffen. Von Anatole vorbereitet, hatten Simon und Therese sie erwartet. So ungeduldig Therese auch sich nach dem Wiedersehen sehnte, hatte sie doch den Alten nicht allein lassen wollen, um ihnen entgegenzugehen. Dieser Abend war ein wahres Fest für die Familie. Anatole war lustig wie ein Buchfink, der Vater hatte seine Gesundheit wiedergefunden. Therese umfaßte sie alle mit einem tiefen, liebevollen Blick, und sie, die nun Mann und Weib und an ihren Schläfen noch die Kälte des Grabes zu fühlen glaubten, sie hatten nach der Wonne, einander körperlich anzugehören, das ernste Glück kennen gelernt, ihre Seelen vereinigt zu fühlen, als Genossen fürs ganze Leben, für gute und böse Stunden. Tags darauf hatten sie ein Zimmerchen neben der Ladentür bezogen. Therese hatte die armselige Einrichtung geteilt und gestern waren sie auf dem Bürgermeisteramte durch einen Adjunkten vor dem Gesetz verbunden worden. Um die Kirche hätten sie als Nichtgläubige auch in gewöhnlichen Zeiten sich nicht gekümmert, um wieviel weniger jetzt, da der religiöse Kultus beinahe überall aufgehoben und verfolgt war, die Priester, durch die Vorsicht gezwungen, ihr geistliches Kleid abzulegen, keine Achtung mehr einflößten und die meisten Kirchen entweder von dröhnenden Klubreden widerhallten oder geplündert und ausgeraubt waren. Louis tadelte diese Verfolgung der geistlichen Macht und ihrer Vertreter. Nicht mit Kolbenschlägen und Gewaltmaßregeln sollten die Kirchen geleert werden, sondern durch die würdige Trennung von Kirche und Staat, durch eine rationelle Erziehung der Gewissen. Mit gönnerhafter Freundlichkeit, als Matrone, welche die junge Novize in die Korporation aufnahm, begrüßte Frau Louchard die junge Frau Simon. In heiterem Gespräche gaben die vier sich dem Zauber dieses Spaziergangs und des herrlichen Nachmittags hin. Wie eine tiefblaue, spiegelnde Fläche lag die Seine da. Die grünen Laubmassen der Tuilerien tauchten auf. Die vor die Konkordienbrücke gezogene Flottille von Kanonenbooten lag in tiefer Ruhe; längs des Kais, der einem kleinen Kriegshafen glich, lagen faul und schläfrig die Matrosen. Aus dem menschenwimmelnden Garten drang der Refrain der Lieder, die Klänge der Musikkapellen. Durch die Alleen bewegten sich lichtgekleidete Frauen, funkelnde Uniformen neben den Blusen der Arbeiter und Handwerker. Ein zahlreiches Publikum von Verwandten, Freunden, Gevattern in altmodischen, von Kampfer riechenden Kleidern und steifzeremoniellen Hüten. Louchard warf sich, wie gewohnt, in die Brust. Bei der Biegung eines Parterres stieß man auf Thérould. Schlotteriger denn je, das Gesicht von nervösen Zuckungen verzerrt, das Blut von Alkohol erhitzt, die Beute einer beständigen Erregung, führte der Bummler ein tolles Dasein, den Becher bis auf den Grund leerend. Er gehörte zu den Klarsehenden: man konnte froh sein, wenn es noch vierzehn Tage dauerte! Dann komme, was wolle! Das Leben war ja doch kein Tanz. Das Gericht, das über das Los der Geiseln entscheiden sollte, begann zu funktionieren. Man sprach davon, daß alles erschossen, als niedergebrannt werden sollte. Dieser verdammte Pére Duchesne fand Rigault und Ferré noch viel zu weich und schlaff. Er behandelte Rose mit übertriebener Galanterie, von dem Glück der beiden Turteltauben gerührt. Ihm, der stets nur traurige Liebschaften und liederliche Verhältnisse kennen gelernt hatte, erfrischte der Anblick des jungen Paares das Herz. Augenblicklich lebte er mit einer Dirne, die er aus Mitleid bei der Sperrung eines Bordells aufgelesen hatte, als ein Erlaß der Delegierten seines Arrondissements die Prostitution abgeschafft und diese Geschöpfe des Elends auf die Gasse gewiesen hatte. Das dankbare Ding führte ihm die Wirtschaft, lebte eingezogen, wurde zuweilen von ihm geprügelt, worauf stets eine rührende Szene folgte, und war ruhig und zufrieden. Das Orchester spielte ein Stück aus dem Schwarzen Domino. Thédenat flüsterte: »Ganz hübsch! Wissen Sie, daß der alte Bonze, der das da gemacht hat, soeben mit umgekehrter Waffe an uns vorübergegangen ist, ein gewisser Auber? Können Sie sich denken, was das bedeutet? Grüßen Sie nur... Ja, unter Badingue, da wäre die Musik hinter seinem Wagen hergezogen. Jetzt haben die Zeiten sich geändert. Man weiß nicht mehr, ob man lebt oder stirbt ... Alles ist auf den Kopf gestellt. Rochefort, der ganz Frankreich ergötzte, als er seine Laterne anzündete, ist heute morgen mit knapper Not in Saint-Germain der Gefahr entgangen, gesteinigt zu werden von denselben Menschen, die voriges Jahr noch ihm Beifall geklatscht haben ... Man ist im Begriff, ihn nach Versailles zu bringen. Er wird seinen Scherz – die Demolierung von Thiers' Palais – teuer zu büßen haben ... Wissen Sie nicht? Der Herr Marquis hat uns da schön sitzen lassen! Er war in üblem Geruch und begann, Rigault unangenehm zu werden. Da hat er sich Mähne und Bart scheren lassen und, kahl wie ein Pfaff, die Flucht ergriffen. Aber er hatte kein Glück; ein Polizeikommissär hat ihn in Meaux, vor den deutschen Linien, aufgelesen ...« In der Tat befand sich zu derselben Stunde Rochefort im Gefängnis der Rue Saint-Pierre. In Saint-Germain den Händen Galliffets übergeben, der den Gefangenen vor der ihn bedrohenden Wut der Menge schützen mußte, war er zur Frühstücksstunde in einem kleinen Eisenbahnomnibus unter Bedeckung von zwei Eskadronen in Versailles angelangt. Im Flug hatte die Neuigkeit sich verbreitet, die Straßen sich mit einer tobenden Menge gefüllt, während die Tische des Hotels des Reservoirs sich leerten. Und dasselbe Bürgertum, das den berühmten Pamphletisten vergöttert hatte, schäumte vor Wut, brach in mörderisches Geschrei und gemeines Gelächter aus, als das ehemalige Mitglied der Nationalverteidigungs-Regierung, der extreme Journalist und Politiker vorüberfuhr, der durch Schmähschriften Karriere gemacht und die neue, soziale Ordnung bedrohte, nachdem er die alte erschüttert hatte. Von Théroulds Geschwätz und dem Lärm des Orchesters betäubt, wandelten Louis und Rose durch das Gewühl des Publikums, in die Pracht des friedlich strahlenden Tages versunken ... Eine köstliche Stunde verging. Das Konzert nahte seinem Ende. Plötzlich erhoben sich Ausrufe und Gelächter. Ein Generalstabsoffizier hatte sich auf die Estrade geschwungen und sprach mit weithin tönender Stimme: »Bürger! Herr Thiers hatte versprochen, gestern in Paris einzuziehen. Herr Thiers ist nicht eingezogen. Er wird auch nicht einziehen! Ich lade euch für nächsten Sonntag wieder hierher ein!« Im selben Augenblick sah Rose einige Schritte von sich entfernt Louchard, dem sich ein Individuum mit dem Aussehen eines Polizeimannes genähert hatte, totenbleich werden und verschwinden, von seiner dicken, fassungslosen Gattin gefolgt. Langsam, mit fröhlicher Miene, zerstreute sich das Publikum. Keiner ahnte, was Louchard soeben durch einen ihm befreundeten Geheimagenten erfahren hatte. Die Versailler waren eingezogen. Fünfter Teil. I. Zu derselben Stunde, da im reservierten Garten der Tuilerien die letzten Orchesterklänge der Kommune ertönten, rollte über die zum Mont-Valerien führende Straße ein Wagen in leichtem Trab. In die Kissen zurückgelehnt, ließ Thiers seine brillenbewaffneten Augen über den mit jeder Umdrehung der Räder sich erweiternden Horizont schweifen und erfaßte die geringsten Einzelheiten. Jenseits des großen grünen Fleckes des Bois de Boulogne lag der Gegenstand seiner Träume, dieses ungeheuere Paris, in dem zwei Monate vorher sein mißlungener Gewaltstreich ein durch körperliche und seelische Leiden, durch verwundeten Patriotismus und gerechte Forderungen zu halbem Wahnsinn aufgestacheltes Volk entfesselt hatte; dasselbe Paris, aus dem er entflohen war, um einen zum Krieg gegen die Menge bereiten Rest der Armee zu retten; das Paris, das er so sehr verkannt hatte und in dem er den unter der oberflächlichen Unordnung, unter der augenblicklichen furchtbaren Verwirrung gärenden Geist der Revolution und des Fortschritts, die Königin der Zukunft, die wachsende Demokratie haßte. Bald würde er sie demütigen, diese aufrührerische Stadt, die ihn verhöhnt, verunglimpft, die seine voreiligen Berechnungen des Friedens mit Deutschland getäuscht und seinen senilen Ehrgeiz erraten hatte. Er konnte es ihr nicht verzeihen, daß sie in der Republik die Machterhöhung der Niederen, eine vollständige Rekonstruktion der alten sozialen Maschine erblickte, die doch mit ihrem harten Räderwerk, ihrem Zentralmotor, so tadellos funktionierte, wenn nur ein kluger Meister wie er, sie leitete. Die Republik, bei Gott, die wollte er ja auch, unter der Bedingung freilich, daß sie eine verkappte Monarchie in seiner Hand blieb. Darum – das Hindernis brechen, gleichzeitig den Groll und die Wünsche der Nationalversammlung befriedigen, die gestern besiegte, morgen dank seiner Klugheit, siegreiche Armee für sich gewinnen und sein letztes Ziel, sein Regierungsideal, verwirklichen: auf lange Jahre hinaus die Hydra der Anarchie töten und die Zukunft reinigen. Der Augenblick war gekommen. Lange und geduldig hatte er die Waffe geschärft und geschliffen. Während er sich gegen die Mitglieder der Versöhnungspartei taub stellte oder ihnen nur ausweichende Antworten gab, hatte er sich mit jugendlichem Eifer der militärischen Aufgabe gewidmet; er hatte dazu die Erfahrung seines vierundsiebzigjährigen, im Studium der napoleonischen Kriege gealterten Lebens mitgebracht. Seinen strategischen Kombinationen, seinem kühnen Genie verdankte die neue Belagerung ihren Erfolg: der »Schlüssel« von Montretout sollte die Tore öffnen. Man brauchte nicht zu dem vom Marschall ins Auge gefaßten Mittel zu greifen, das die Deutschen erleichtert hätten: als Herren der Eisenbahn von Saint-Denis bis zum Gürtel hatten sie sich erbötig gemacht, dessen Zugang auszuliefern. Nein, allein dank seiner fieberhaften Tätigkeit, seinem kriegerischen Genie wollte er dieses Paris zurückerobern, das die Deutschen nur durch Hunger zur Übergabe zu zwingen vermocht hatten. Eine ehrenvolle Revanche unter den Augen dieser arroganten Kenner, des gespannten Frankreich, des erstaunten Europa. Soeben sollte im Kriegsrat über die definitiven Maßregeln verhandelt werden. Mit boshafter Freude betrachtete der Greis das von einem goldigen Schleier übergossene Häusermeer. Hoch oben am azurblauen Himmel stand in blendender Klarheit die Sonne. Fieberhafte Spannung durchzitterte die Luft. Thiers lächelte. Er war im Begriff, nun auf eigene Rechnung das Rettungsmittel anzuwenden, das er einst Louis-Philipp empfohlen hatte. In stolzerem Triumphe als Windischgrätz nach Wien, wollte er nach Paris zurückkehren. Bald, vielleicht übermorgen schon, sollten hundertfünfzigtausend Mann, unter dem Zügel der Disziplin gezähmt, durch tägliche Kämpfe gestählt und mit kluger Berechnung gegen die Aufständischen aufgereizt, in das bloßgelegte Fleisch, in dem der Eiter des Abszesses sich nach seinem Wunsch gesammelt hatte, eindringen, gleich dem Stahl der Sonde. Schon schwelgte Thiers im Vorgenuß des ersehnten, nun nahe bevorstehenden Augenblicks des Aderlasses. Die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes kamen näher. Mit verhängten Zügeln jagte ein Generalstabsoffizier am Wagen vorbei; als er jedoch die wohlbekannte Gestalt erblickte, brachte er sein Pferd zum Stehen und berichtete in hastigen Worten: »Herr Präsident, General Douay wird nicht im Kriegsrat erscheinen können. Er hält in diesem Augenblick seinen Einzug in Paris!« Thiers war von dieser unerwarteten Nachricht so überrascht, daß er seinen Ohren nicht zu trauen wagte und nähere Aufklärung verlangte: Auf der Bastion 64, nächst dem Tore von Saint-Cloud, war ein Mann erschienen, der ein weißes Taschentuch schwenkte und den Vorposten ein Zeichen machte, näherzukommen: der Point-du-Jour war verlassen, Tor und Wälle leer. Anfangs hatte man einen jener Fälle von Verrat gefürchtet, unter denen man mehrmals schon zu leiden gehabt hatte; ein Hauptmann jedoch hatte sich vorgewagt und die Nachricht bestätigt. Der Mann, ein Straßen- und Brückenaufseher namens Ducatel, war vertrauenswürdig. Man konnte vorrücken. Der General war, sofort benachrichtigt, herbeigeeilt und hatte unverzüglich nach Montretout den Befehl geschickt, das Feuer einzustellen; die Spitzen der Kolonne überschritten den Gürtel. Thiers neigte sich vor und gab dem Kutscher Befehl, schnell zuzufahren. Schon hatte der Offizier seinem Pferd wieder die Sporen gegeben und verschwand bald in einer dichten Staubwolke. Der Greis zitterte vor Ungeduld und fand erst Ruhe, als der Wagen über die Zugbrücke der Festung rollte. Die versammelten Chefs erwarteten ihn und umringten ihn bei seinem Eintritt. Ladmirault, erregter als er sich merken lassen wollte, verbiß mürrisch seinen Verdruß, nicht als erster haben einziehen zu können. Mac-Mahon hatte sich bereits wieder dem Fernrohr zugewandt und bückte seine trotz seines Alters immer noch elegante Gestalt; mit banger Spannung folgten seine Augen den fernen Bewegungen. Plötzlich richtete er sich auf und rief mit erregter Stimme: »Wir werden zurückgedrängt!« Thiers glaubte, die Sonne erlöschen zu sehen. Er stürzte auf eines der Fernrohre zu, um mit eigenen Augen sich zu überzeugen, was an der Sache sei. In der Tat kamen die Soldaten, jedoch ohne sichtliche Hast, aus dem Tor von Point-du-Jour heraus. Gleichzeitig ließ sich die Stimme des Schiffskapitäns Krantz, der ebenfalls durchs Fernrohr blickte, vernehmen: »Die Leute fliehen nicht ... Wir werden nicht zurückgedrängt! Sie führen ein von hier aus unverständliches Manöver aus ...« Immer neue Soldaten wandten sich in voller Ordnung dem Tore zu. Kein Zweifel ... Der Marschall erholte sich von seinem Schrecken. Die Freude kehrte in Thiers' Herz und das aller anderen, auch Ladmiraults, zurück. In langen, schwarzen Schlangen entrollten sich die Kolonnen durch die Falten des Terrains und zogen langsam in Paris ein. Thiers besprach mit dem Marschall die letzten Entschließungen; letzterer sollte sich an die Tête der Korps Douay und Ladmirault stellen und vorsichtig vorrücken, während er selbst nach Versailles zurückkehren wollte, um Vinoy und Clinchant zu senden und an Cissey Ordre zu senden, auch seinerseits zu operieren und das linke Ufer zu besetzen. Den Kopf von Schlachtenplänen schwirrend, rollte der Greis seinem Hauptquartier zu, beriet, kaum in Versailles eingetroffen, mit Krantz und dem Intendanten Ranson über die Anhäufung des Proviants, die Absendung von Lagerstroh und ließ an die Präfekten eine Depesche ergehen des Inhalts: »Das Tor von Saint-Cloud ist unter dem Feuer unserer Geschütze gefallen! General Douay hat durch dasselbe Paris betreten.« Nachdem er dann noch mit seiner Familie und einigen Freunden, die seine Freude teilten, diniert, fühlte er das Bedürfnis nach ein wenig Ruhe und legte sich zu kurzem Schlummer auf seinen künftigen Lorbeeren nieder. Um zwei Uhr morgens war er wieder auf, verließ das Haus und zog um drei Uhr, indem er die Züge der Proviantwagen überholt, in finsterer Nacht, als eiliger Sieger in das Paris ein, aus dem er an hellem Tage mit gleicher Eile geflüchtet war. Auf der Straße von Versailles nach Montrouge, in der sanften Dämmerung desselben Tages, ließ ein junger Oberstleutnant in schwarzem, goldverschnürtem Dolman sein dampfendes Pferd in Schritt fallen. Auf seinem scharfgeschnittenen, energischen Gesicht lag der Ausdruck düsterer Befriedigung. In den im Pavillon de Monsieur untergebrachten Generalstab hatte die große Neuigkeit wie eine Bombe eingeschlagen. Während ein Teil des großen Hauptquartiers zu Pferd stieg, um sich dem Marschall anzuschließen, hatte d'Avol den Auftrag erhalten, dem telegraphisch benachrichtigten General von Cissey ergänzende Instruktionen zu überbringen. Während er auf der Chaussee dahingaloppierte, genoß er mit überquellender Freude die Schönheit des aus warmem Amethyst in violette Schatten tauchenden Abends. Endlich, endlich sollte dieser alberne Krieg enden! Die Schrecken des Angriffs waren vermieden. Jetzt noch ein frischer Marsch, und man sah diese Horden von Verrätern und Verbrechern vor der disziplinierten Armee, vor Gerechtigkeit und Ordnung sich lösen. Mit einem raschen Besenstrich wurde Paris von dem Schlangengezücht befreit. Seit einem Monat hatte d'Avol seinen Zorn, seinen mystischen Widerwillen gegen diese Vaterlandsverräter und Gottlosen täglich wachsen gefühlt. Um ihn her, im Kreise seiner Kameraden und Bekannten, wetteiferte man in blutdürstigen Worten und kühnen Drohungen, bei keinem aber war der Haß so mit fanatischer Überzeugung und unbeugsamer Härte gesättigt. Mit Arbeit überhäuft, war er ein seltener Gast im Hause der Grandprés, wo die Gegenwart Aninas trotz ihres herzlichen Entgegenkommens und der Freundschaft Bersheims ihm eine unfreiwillige Quelle des Schmerzes war. Vergebens, daß er sich Vernunft einzureden suchte. Nein, er liebte sie nicht mehr; und doch war es ihm peinlich sie so ganz unter Du Breuils Einfluß, ihm entfremdet und verschieden an Seele und Ideen zu erkennen. Wie fern stand er ihr mit seiner Art, zu denken und zu fühlen! Diese Erkenntnis war ihm schmerzlicher, als wenn Anina allein sich verändert hätte. War es verletzte Liebe? verwundete Eitelkeit? ... Wohl beides zugleich, die angeborene männliche Eifersucht, die unter den Schmerzen des Geistes den Kummer des Herzens verbirgt. Er hatte nur selten und flüchtig Gelegenheit gehabt, mit Du Breuil zusammenzutreffen, und immer war es mit einer Art befangener Freude, doch ohne Bedauern, ihm nicht häufiger zu begegnen, geschehen. Er liebte in Pierre den ehemaligen Freund und ahnte zugleich in ihm einen geheimen Feind seiner neuen Überzeugungen. Einen Feind, denn in solchen Dingen ist Zweifel gleichbedeutend mit Widerspruch. Wer immer nicht mit ihm, d'Avol, war, der war gegen ihn. Sein Pferd hatte sich erholt; nun gab er ihm die Sporen und fiel wieder in gestreckten Galopp ... Die Gedanken eilten ihm voraus. Er kannte die Trunkenheit der Rache, die bei Beaune-la-Rolande ihn fortgerissen, bei den ersten Kanonenschüssen, die er nach der langen Stille von Metz gegen die deutschen Massen hatte richten lassen. Er fand das Hauptquartier in großer Aufregung; der Ausdruck, der sich auf den Gesichtern aller malte, war mehr der der Befriedigung, als der der Überlegung. Nachdem seine vertrauliche Sendung erledigt war, wurde er von Chenot zum Diner zurückbehalten. Während der Mahlzeit kam Du Breuil dazu, nachdem er die detaillierten Ordres expediert hatte. Voll Herzlichkeit drückte er d'Avols Hand und antwortete ruhig auf die Fragen seines Vorgesetzten. Chenot schätzte ihn wegen der eleganten Überlegenheit, der kaltblütigen Besonnenheit, womit er jede Schwierigkeit zu beseitigen und als diskreter Ratgeber, der ihm nur die billige Ehre der Entscheidung überließ, seine Stelle zu vertreten wußte. Du Breuil teilte das einstimmige Gefühl der Freude nur mit einiger Zurückhaltung. Er freute sich vor allem darüber, daß der Sturm vermieden worden war und der Einzug sich ohne Blutvergießen vollzog. Der am meisten gefürchtete Schritt war getan. Thiers' beruhigende Versprechungen kamen ihm in den Sinn: »Sobald die Tore geöffnet sind, werden die Kanonen ihr Feuer einstellen. Bald wird wieder Ruhe, Ordnung, Überfluß und Frieden herrschen!...« Schon schwieg das dumpfe Getöse von Montretout und dem Mont-Valerien... Welche Erlösung! Du Breuil dachte an Anina. Einige Wochen noch, und ihr Glück wurde zur Wirklichkeit. Und doch verfolgte ihn ein dunkles, undefinierbares Gefühl des Unbehagens, das die grausamen Reden um ihn her noch erhöhten. Ein Ordonnanzoffizier erklärte: »Jeden, der mir in die Hände fällt, schieße ich nieder! Eine Räuberbande!« Die Mahlzeit war beendet. Während Chenot seine Zigarre anzündete, es sich in seinem Fauteuil bequem machte, mit philosophischer Ruhe den Rauch von sich blies und von Zeit zu Zeit seinen Bart la á d'Aumale glättete, dabei mit dem um ihn versammelten Kreis von Offizieren plauderte – mußten noch drei lange Stunden des Wartens totgeschlagen werden, bevor der General sich hinter seinen Truppen in Bewegung setzte – während dieser Zeit begleitete Du Breuil den Freund nach dem Stall, wo dieser sein Pferd eingestellt hatte. Unbehagliches Schweigen herrschte zwischen ihnen, erfüllt mit dem, was sie einst einander gesagt, mit dem, was sie in diesem Augenblick verschwiegen. D'Avol war es, der das Schweigen mit jenem Ton aufreizender Schärfe brach, in dem Du Breuil zu seinem Schmerze alle Bitterkeit ihrer früheren Zwistigkeiten wieder erkannte. »Endlich!« sagte d'Avol, »endlich stehen wir vor dem Ziel und können diese Elenden richten!« »Elende!« seufzte Du Breuil. »Sage lieber: Unglückliche!« »Immer noch empfindsam? Du klammerst dich ans Detail und verlierst dabei das Ganze aus dem Auge. Sollten wir um einiger Irregeleiteten wegen, – die, unter uns gesagt, nicht einmal gar so sehr zu bedauern sind, da sie ja nicht hätten dabei sein müssen, – alles Übel vergessen, das diese Meute dem Vaterland angetan hat? Sie ekelt mich an in ihren Ursprüngen: die gemeine Anmaßung der Unwissenheit und des Neides. Sie flößt mir Abscheu ein durch ihre Resultate: dank ihr hat der Deutsche festeren Fuß bei uns gefaßt und lastet auf uns mit der Wucht seiner Gegenwart und seiner Forderungen; dank ihr freut sich der Deutsche unserer Demütigung, die ihm zu statten kommt! ...« »Mein Gewissen«, sprach Du Breuil, »wäre ebenso ruhig, wie das deine, wenn ich nicht an die Teilung der Verantwortung dächte. Du sagst, ich klammere mich ans Detail? Bist du denn sicher, nicht die Ursachen zu vergessen, indem du die Wirkungen konstatierst? Richtest du nicht durch einen allzu summarischen Urteilsspruch diese Erhebung eines Volkes, die Empörung einer der ersten Städte der Welt? Ist der Grund dazu nicht doch vielleicht tiefer zu suchen?« »Das leugne ich. Wütende Böllerei, alberne Instinkte der Zerstörung, das ist es, was man am Grunde findet! Am Werk erkennt man den Meister. Und da dies das Volk ist, so behaupte ich, daß seine Stunde noch nicht gekommen ist, und daß, seine Herrschaft über das Unglück und den Ruin Frankreichs anerkennen, das Verderben des Landes bedeuten würde. Ein Offizier, ein Soldat, kann nicht anders denken. Jedes vergebliche Mitleid wäre verdammenswert. In einem Interesse, das höher steht als das einiger Individuen, im Interesse des Landes, muß das Übel mit der Wurzel ausgerottet werden. Die Macht muß beim Gesetz bleiben. Sich mit allen Mitteln gegen solche Feinde schützen, ist nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht der Gesellschaft.« »Ja«, versetzte Du Breuil, »weil die Deutschen im Lande sind, weil Frankreich vorerst die offene Wunde, aus der es blutet, verbinden muß, deshalb hast du recht, muß die Macht beim Gesetze bleiben. Und deshalb tue ich auch, so sehr ich darunter leide, meine Soldatenpflicht. Kann aber das Gesetz wenn es siegreich ist, nicht auch milde und barmherzig sein? Das Übel mit der Wurzel ausrotten wollen, hieße das nicht, allzu scharf ins Zeug gehen? Gebietet das die Gerechtigkeit? Und wer hat denn dieses Übel verursacht? wer hat es mit Härte unterstützt? Sind denn die Rechte der Gesellschaft das ewige, ausschließliche Privilegium einiger wenigen? Ist es nicht dafür auch ihre Pflicht, die Erziehung, den Wohlstand, die moralische Persönlichkeit und den materiellen Zustand der großen Menge zu bessern und zu fördern? ... Hat sie das getan? Sind die ersten Gesetze der Nationalversammlung, sind ihre Tendenzen in Übereinstimmung mit der Bewegung, die seit einem Jahrhundert, allen restriktiven Maßregeln zum Trotz, in Frankreich gärt und es erfaßt? Wer weiß, ob diese Krisis, in der das Land sich befindet, weit entfernt, ein Rückfall in die Finsternis zu sein, nicht vielmehr der beginnende Kampf des Lichtes, die bleiche Morgendämmerung eines neuen Tages ist?« »Mein Kompliment!« spottete d'Avol, von Zorn geschüttelt. »Das verspricht eine stolze Zukunft: die Generäle erschossen, das Eigentum geschändet ... Wie einfach das ist! Du bist Christ, ich nehme dich gefangen und erschieße dich! Du behauptest, ein Bürger zu sein? Vorwärts, in den Kampf gegen deine Brüder! ... Du hast Geld, leere deine Taschen... Ruhm? eine zu schöne Sache, nieder mit der Säule! ... Nichts Heiliges mehr, weder Gott, noch seine Diener! Das Vaterland, haha! es lebe die Internationale! ... Das nennst du die Morgenröte? Dann bewahre uns die Vorsehung vor dem Tage!« »Gut denn!« entgegnete Du Breuil, »mögen denn die Schuldigen büßen ... Es gibt Gerichte. Daß aber hier jedermann, daß du und die anderen euch, wie eine berechtigte und wünschenswerte Sache, nicht allein das Amt des Richters, sondern selbst die Funktionen des Scharfrichters anmaßt, das begreife ich nicht... Sage, was du willst, das ist nicht die Aufgabe der Armee, kann es nicht sein. Ich kann es nicht vergessen, daß diejenigen, die du als die schlimmsten Feinde betrachtest, in der großen Mehrheit Franzosen sind, daß wir vor drei Monaten noch unter derselben Fahne mit ihnen kämpften, daß dieses Paris, in das wir einzuziehen im Begriffe sind, dasselbe ist, das durch seinen Heldenmut, durch die Ausdauer der Armen und Niederen den Sieger solange aufgehalten, die Verteidigung verlängert hat! – Fühlst du denn in Leib und Seele so gar nichts Gemeinsames mehr mit jenen, die ihr sämtlich gefangen zu nehmen und in Massen niederzuschießen gedenkt? Hast du denn nicht, gleich mir, in den Avenuen von Versailles die Ankunft der Gefangenenkolonnen gesehen, hast dich nicht, gleich mir, der Rohheit geschämt, mit der Schwache, Besiegte, Unschuldige vielleicht, gemartert wurden? Es gibt etwas, was gemeiner ist, als die Rache von unten, die Rache der Unwissenheit und des Neides, wie du es nennst, – das ist die Rache von oben: die der Stärkeren, der Gebildeteren, der Reicheren, wenn sie im Namen des Egoismus und der Furcht geübt wird!« D'Avol protestierte: »Ich hasse wie du diese kläffenden Bürger, ich fordere eine unbeugsame, aber würdige Gerechtigkeit. Ich denke an die Zukunft.« »Die Zukunft!« rief Du Breuil mit größerer Wärme aus, »es ist allerdings leicht, nach dem Anschein der Gegenwart die Zukunft zu beurteilen! ... Wer weiß, ob aus diesen bedauerlichen Kämpfen, für die wir, die Leitenden, vielleicht am meisten verantwortlich sind, da wir, statt sie zu verhindern oder doch zu mildern, sie vielmehr noch gereizt und geschürt haben, nicht eine bessere, gerechtere Zukunft erstehen kann? Eine Ordnung der Dinge folgt der anderen, du magst es wollen oder nicht. Um so schlimmer, wenn du es nicht einsehen willst. Das ist das Gesetz des Lebens. Wirst du es hindern, sich zu vollziehen? Ohne Schmerzen und Blut keine Geburt. Wenigstens hängt es aber von uns ab, ob das Unabwendbare ohne allzugroße Erschütterungen und Brutalitäten geschehe. Weshalb dieses Morgen, das, wenn es auch deinem selbstherrlichen Ideal nicht entspricht, doch seine Schönheit haben kann, durch Groll und Haß erschweren?« D'Avol fiel ihm ins Wort: »Frankreich, das älteste Kind der Kirche, kann nur dann seine ehemalige Größe wiedererlangen, wenn es sich vor dem neuen Geiste, vor jenen Sophismen, von denen ich dich zu meinem Schmerze beeinflußt sehe, bewahrt. Möge die Fackel der Vergangenheit uns die Zukunft erleuchten. Die Zukunft, die du träumst, ist so fern, daß das Vaterland Zeit fände, unterwegs zugrunde zu gehen. Laß uns daher nur beachten, was vor unseren Augen liegt, das fürchterliche Chaos und die Verstümmelung der Grenze. Bevor wir an eine Reform denken, müssen wir die Ordnung von Grund aus wiederherstellen, um schnell an der Neubildung der Armee arbeiten zu können... Alles muß neu geschaffen, neu geschmolzen werden, Geist, Reglements, Methoden! Wenn ich daran denke, wieviel Zeit wir verloren haben...« Schweigend sah Du Breuil zu, wie ein Liniensoldat das Pferd seines Freundes aus dem Stall führte. Welche Kluft trennte ihn, trotz der immer noch gemeinsamen Punkte, von dieser hochmütigen Unversöhnlichkeit, dieser strengen Selbstsicherheit! Wie hatte der Krieg sie beide verwandelt! Mit demselben Stempel geprägt, waren sie ausgezogen; und jetzt – gab es, von ihrem Patriotismus abgesehen, auch nur zwei Punkte, in denen ihre Ansichten über Moral und Religion sich begegneten? Ihre sozialen Anschauungen, die Auffassung ihrer Soldatenpflicht erweiterten den sie trennenden Abgrund. Und mit gleicher Verwunderung fragte sich d'Avol, welche Gedankenverwirrung Du Breuil in solchem Maße hatte verwandeln können. In nervöser Erregung klopfte er sich mit der Peitsche auf die Stiefelspitze. »Wenn ich daran denke«, versetzte Du Breuil im Ton mit Ironie gemischter Trauer, »daß ich Duval kalten Blutes habe erschießen sehen, und Bazaine, der uns Schlimmeres angetan hat, frei umhergeht! ... Weißt du, daß ich dich bewundere? ... Ich wollte, mein Handwerk möchte in diesen Tagen mir ebenso leicht werden, wie dir! ... In Metz warst du derjenige, der sich gegen die Disziplin auflehnte; warst du es, der sich unter dem Joch aufbäumte, während ich mich darunter beugte! Und jetzt bist du es, der sich auf diese taube, blinde, unbarmherzige Disziplin beruft.« Mit blitzenden Augen stellte sich d'Avol ihm gegenüber: »Welcher Vergleich?« »Allerdings«, bestätigte Du Breuil. »In Metz handelte es sich nur um den militärischen Ehrenpunkt. Hier gilt es unser Gewissen als Mann und Mensch.« »Du hast es gewollt«, sagte d'Avol. »Ich hätte es lieber vermieden, den Streit so weit zu treiben! ... Gut denn, ich bin es, der sich auf die früher verletzte Disziplin beruft! Der Widerspruch ist nur scheinbar. Ich gehorche derselben Pflicht, der gebieterischesten aller Regeln, dem Heil des Landes! Ich habe gelitten, ich habe mich gedemütigt, ich habe gebetet. Was sind wir? Nichts ohne die göttliche Hilfe. Der des Beistandes von oben beraubte Mensch sinkt zum Tier herab. Ein Beispiel dafür, dein Paris! ... In deinem Skeptizismus, deiner Manie, zu kritisieren, bildest du dir also wirklich ein, daß die Gesetze von ehemals, diejenigen, die unsere Suprematie gegründet haben, veraltet und schlecht sind und die der Zukunft besser sein werden? Als ob die armselige menschliche Kreatur ohne Religion vervollkommnungsfähig wäre! Du täuschest dich mit Hirngespinsten. Die Erfahrung entscheidet. Nur eine vom Glauben beseelte, durch zwingende Gesetze unterstützte Gesellschaft ist lebensfähig. Eine energische Regierung, auf einen tatkräftigen, streitbaren Klerus, auf streng ihres Amtes waltende Behörden und eine gefürchtete Armee gestützt, das sind die Bürgschaften einer Nation. Das allein ist die Wahrheit.« Er setzte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich in den Sattel. Du Breuil verschmähte es, zu antworten; tiefe Schwermut überkam ihn; ein Gefühl der Vereinsamung, – Anina so fern, d'Avol so fremd, – die Drohung des Unbekannten, alles, was er um sich her reden hörte, erfüllte ihn mit Trauer und Bangen. Erforderte denn wirklich im Augenblick des Sieges das Wohl des Landes – von christlicher Barmherzigkeit ganz zu schweigen – einen solchen Rachedurst, eine solche Mordgier? ... D'Avol drückte ihm flüchtig die Hand: »Adieu!« »Adieu!« gab Du Breuil zurück. Regungslos blickte er seinem alten, durch langjährige Gewohnheit teueren Freunde nach, mit dem er sich doch zu seinem Staunen so gar nicht mehr verstand. Langsam verstrichen die Stunden. Man wartete, bis die Tete der Angriffskolonnen sich am Fuß der Umwallung massiert hätten. In aller Stille näherten sich die Geniesappeure der Porte de Sevres und errichteten aus Bohlen eine Rampe; Mann für Mann passierte eine Chasseurkompagnie den engen Durchgang, und während sie der Gürteleisenbahn zustürmte und unbemerkt diese zweite Batterie erkletterte, öffnete die Brigade Bocher das Tor von Versailles. Es war halb drei Uhr, als Du Breuil hinter Chenot die Schwelle überschritt. Ohne einen Flintenschuß breitete sich das Korps Cissey aus und besetzte das linke Ufer. Siebzigtausend Mann befanden sich bereits innerhalb der Mauern von Paris. Den hinter Ducatel eingedrungenen ersten Wachen und Arbeitern der Laufgräben folgend, rückten die Kolonnen Douays nach einigen beim Eintritt gewechselten Flintenschüssen allmählich zwischen dem Viadukt und der Porte ziehen eine Batterie von sechs Geschützen, und weiterhin Assi mit, der eine Division Berthaut, erreichte Auteuil und Passy und brachte nach kurzem Kampfe Sainte-Perine und den Place d'Auteuil in ihre Hände; die andere, Division Bergé, von Vinoys Armee, warf eine starke Barrikade um, raffte im Vorüberziehen eine Batterie von sechs Geschützen, und weiterhin Assi mit, der eine Ronde anführte. Mit vorsichtigen Schritten stieg die Division zum Trocadero hinauf, den man unterminiert glaubte. Von rückwärts angegriffen, fielen die Vorwerke beim ersten Anstoß; achthundert Föderierte wurden zu Gefangenen gemacht und das ungeheure Pulvermagazin Beethoven erobert, ein Labyrinth von unterirdischen Galerien, in denen siebzigtausend Kilogramm Pulver, Millionen von Patronen und Tausende von Granaten aufbewahrt wurden. Indessen war vorne der Strom in stetem Anschwellen begriffen. Gegen neun Uhr zog das Korps Clinchant ein und öffnete, den Gürtel entlang marschierend, die Tore von Auteuil und Passy. Immer neue Fluten strömten zu. Während Clichant gegen die Muette marschierte und die um Dombrowski gescharten Freiwilligen daraus vertrieb, trafen die Divisionen Ladmirault und Vinoy in tiefer Stille ein, breiteten sich aus und vereinigten sich mit dem Korps Ceissey. Kaum daß hie und da vereinzelte Detonationen krachten, Flintenschüsse, welche fliehende Föderierte, irgend einen überfallenen Verteidiger niederstreckten, das dumpfe Geräusch der Schritte, das dichte Anschwellen dieser Menschenfluten, gleich dem erstickten Murmeln einer steigenden Überschwemmung. Zur gleichen Zeit schlug Mac-Mahon, sein provisorisches Quartier in Boulogne verlassend, in der Rue Vineuse sein Lager auf, oberhalb des Place du Roi-de-Rome, wo Thiers nach seinem Eintreffen ihn derart mit Ratschlägen und militärischen Weisungen bestürmte, daß der Marschall die Geduld verlor und sich zur Wehr setzte: zwei Kommandos, das war hier zu viel; man möge ihm, als dem Generalissimus der Armee, doch die Sache allein überlassen; er trug allein die Verantwortung, so wolle er sie auch allein ausüben! ... Thiers ließ es sich gesagt sein, überließ seinen Stellvertreter einem Barrikadenkrieg, bei dem er selbst nichts mehr zu tun hatte und fuhr am frühen Morgen wieder ab. Beim Verlassen von Boulogne – das in einen Trümmerhaufen verwandelt war, – begegnete sein Wagen plötzlich einer von Soldaten geführten und vorwärtsgetriebenen Menge. Männer und Frauen, Kinder und Greise, zerlumpt stumpfe Gleichgültigkeit oder Verzweiflung und Wut in den verstörten Zügen, so schritten die ersten Gefangenen dahin. »Trümmer und Haß! das ist alles, was der Bürgerzwist nach sich zieht!« sagte sich der dürre Greis. Daß er einer der Hauptschuldigen war, kam ihm gar nicht in den Sinn. Sein Herz empfand keine Reue. Immer noch über den unverhofft schnellen Einzug erstaunt und nicht wagend, an einen so leichten Sieg zu glauben, pflog man im Generalstab endlose Beratungen und entwarf einen methodischen Angriffsplan mit langsamem Vorrücken. Clinchant, der um Erlaubnis bat, vorwärtszustürmen, in den Park Monceau und über die Boulevards in die Tuilerien und den Louvre zu dringen, erhielt gemessenen Befehl, stehen zu bleiben. Montmartre, der Konkordienplatz, der Vendômeplatz, das Rathaus, alle diese Orte galten als fast uneinnehmbare Festungen. Durch sein Mißgeschick eingeschüchtert, hegte der ehemalige Oberbefehlshaber der Châlons-Armee keine Hoffnung, all dies in einem Tage zu erobern, und begann seine Operationen, ohne auf einen günstigen Zufall zu hoffen. Strenge Weisungen gingen nach allen Seiten ab und hemmten überall die so günstig begonnene Bewegung. Douay und die Division Bergé durften bis zum Abend nicht über den Industriepalast und das Elysée vorgedrungen sein; Clinchant sollte den Bahnhof Saint-Lazare, die Kaserne La Pépiniere und das College Chaptal einzunehmen suchen. Ladmirault hatte den Auftrag, seinen Vormarsch auf die Porte Asnierès zu beschränken, während Cissey auf dem linken Ufer sich der Militärschule, des Invalidenpalastes und, wenn möglich, des Bahnhofes Montparnasse bemächtigen sollte ... Fast ohne Schwertstreich dehnte die Armee, die bei Tagesgrauen sich in Bewegung gesetzt hatte, das Netz von lebendigen Maschen aus. Während die Division Bergé, geradeaus vordringend, das Proviantmagazin, wo sie dreißigtausend Brotrationen fand, und den Industriepalast okkupierte, wo sie Hunderte von Verwundeten zu Gefangenen machte, erreichte Douay am frühen Morgen den Arc de Triomphe, das Elysée, die Pépiniére; Clinchant nahm zwischen dem Bahnhof Saint-Lazare und der Porte d'Asnières Aufstellung, von Ladmirault unterstützt. Mit gleicher Leichtigkeit eroberte die Division Bruat auf dem linken Ufer das Ministerium des Äußern und das Palais Legislátif. Das Barackenlager auf dem Marsfeld wurde durch Vinoys Granaten in Brand gesteckt, die Militärschule mit einem ungeheueren Park von zweihundert Geschützen, zahllosen Wagen, riesigen Pulvervorräten, und den mit Effekten, Munition, Lebensmitteln überfüllten Magazinen fiel in die Hände Cisseys, der bald auch Herr des Invalidenpalais und, einige Stunden später, des Bahnhofes Montparnasse wurde. Noch hatte es nicht die Mittagsstunde geschlagen, als man fast auf der ganzen Linie die vorgeschriebenen Grenzen erreicht hatte. Von Straße zu Straße, von Platz zu Platz war unter warmem Sonnenschein und in leuchtender Bläue sich wölbendem Himmel die unbarmherzige Flut gestiegen, alles um sich her verschlingend. Von Zeit zu Zeit dröhnt der Lärm der Schlacht, wälzt sich eine Wolke von Flammen und Rauch durch die Luft, aus der Manege der Kriegsschule, die die Föderierten in die Luft sprengten, aus dem Finanzministerium, das die Versailler Granaten angezündet hatten, aufsteigend. Kurze Gefechte, von summarischen Exekutionen gefolgt. Auf der Muette lagen am Fuß einer Mauer auf einem Haufen dreißig Föderierte, die sich nicht hatten rühren wollen. Auf dem Bahnhof Montparnasse, wo Oberst Boulanger das Kommando hatte, fanden fortwährende Hinrichtungen statt. Im Park Monceau waren entwaffnete Nationalgardisten, ja sogar Frauen, vor ein Peloton von Stadtsoldaten geführt und erschossen. In der Umgebung der Champs Elysées wurden die in den Häusern versteckten Föderierten herausgeschleppt und unverzüglich hingerichtet. Im Bois de Boulogne war der gedeckte Weg nächst den Laufgräben mit Bächen von Blut überrieselt. So rückte mit unbeugsamer Langsamkeit, gleich einer blinden Riesenmaschine, die Armee vor, um bald in ihrem Marsch, aber nicht in ihrem Rachewerk, innezuhalte. Ein Anstoß, und diese hunderttausend Mann hätten, durch die bloße Gewalt ihrer Masse, die Kommune und ihre Fesseln sprengen und binnen einiger Stunden die kopflos sich gebärdende Stadt zurückerobern können. Die erste Nachricht vom Einzug – eine Depesche Dombrowskis, überbracht durch Billioray, den man dabei zum letztenmal sah – war erst Sonntag um sieben Uhr abends im Rathaus bekannt geworden. Farblos und fruchtlos wie die früheren Sitzungen, in denen man über die Abschaffung der Adelstitel und der Ehrenlegion beraten hatte, schleppte auch diese sich hin. Ein Teil der andersdenkenden Minorität ist anwesend; Cluseret wird als indolent und unverschämt verurteilt; die Sozialisten fürchten, man könnte ihnen vorwerfen, die Verantwortlichkeit abzulehnen. Vallès präsidiert. Vermorel spricht: – »Schließen Sie die Sitzung!« sagt eintretend Billioray, dessen Gesicht tiefbleich ist; die Depesche zittert in seiner Hand. Sofort tritt das Geheimkomitee zusammen. Nachdem die Depesche verlesen, herrscht bleiernes Schweigen. Niedergeschmettert, hört jeder in seinem Innern den Ton der Totenglocke. Die letzte Stunde hat geschlagen. Die Gesichter erstarren in der Verzerrung der Angst oder bedecken sich mit Todesblässe; die Blicke suchen oder meiden sich. Man steht vor dem schicksalsschweren Augenblick, der nie hätte kommen sollen. Der Abgrund tut sich auf und verzweifelt fühlen sie sich hineingezogen; die einen als unglückliche Spieler, nur den einen Wunsch noch kennend: zu verschwinden, ohne zahlen zu müssen; die anderen, Wut im Herzen, sich darein ergebend, in dem allgemeinen Blutbad, das nun bevorsteht, das Leben zu lassen. Paris, die Revolution, diese Wochen unerhörter Macht, alles stürzt zusammen. Nur einige noch hoffen auf den Straßenkampf; noch kann die rote Flagge den Sieg verkünden oder den heldenmütigen Untergang in ein purpurnes Leichentuch von Blut und Feuer hüllen. – Die Sitzung wird wieder eröffnet. Als ob nichts vorgefallen wäre, werden die Debatten fortgesetzt, mit einem Anschein von Würde, unter der sich die Nichtigkeit der Beschlüsse verbirgt. Man wechselt bedeutungslose Worte, man spricht Cluseret frei und trennt sich. In kleinen Gruppen verläßt man auf Nimmerwiederkehr diesen Saal, der allzuviele Torheiten und allzu wenig gerechte Worte vernommen hatte. Man steigt die Treppe hinab, auf der die weintrunkenen Wachen des Zentralkomitees geschlafen hatten, die Banner der Freimaurer aufgepflanzt gewesen waren, die Stufen, auf denen ein beständiger Bienenschwarm von Boten, Bittstellern, pulvergeschwärzten Soldaten und abgewiesenen Mitgliedern der Versöhnungsliga geschwirrt hatte. Gleich einem Kapitän, der seinen Posten verläßt, so flüchtet der Pariser Gemeinderat aus seiner großen Wohnung, diesem feierlichen, steingefügten Zeugen, der an seinen Mauern die Jahrhunderte vorüberziehen gesehen hatte. Die kleinen Schatten verschwinden. Im Kriegsministerium die gleiche Bestürzung. Anfangs wollte man die Nachricht nicht glauben. Delescluze protestiert: – ein blinder Alarm; das Observatorium des Triumphbogens hat nichts gesehen; Verstärkungsbataillone sind kommandiert; ein Plakat verkündigt dies. Bald aber bestätigt sich das Gerücht. Die noch nicht okkupierten Stadtteile füllen sich mit dem düsteren Lärm der Sturmglocken. An allen Straßenecken ertönt der Generalmarsch. Um fünf Uhr morgens wird das Ministerium schleunigst geräumt. Der Tag geht auf, in der blendenden Pracht des Frühlingsmorgens dringt die Armee von Versailles vorsichtig vorwärts. Kaum daß hie und da unförmliche Barrikaden den Weg hemmen. Delescluze, der endlich sich der furchtbaren Wirklichkeit nicht verschließen kann, läßt ohne Furcht, die Verwirrung noch zu vermehren, an die Niederen, die Aufrichtigen und Entschlossenen den Aufruf ergehen: »Genug des Militarismus, keine mit goldenen Borten und Schnüren geschmückten Generalstäbler mehr! Platz für die bloßarmigen Kämpfer!« Während das Gewehrfeuer kracht und vereinzelter Widerstand sich geltend zu machen beginnt, versammeln sich etliche Mitglieder der zersprengten Kommune für einige Augenblicke um das Wohlfahrtskomitee. Pyat schlägt vor, unverzügliche Unterhandlungen einzuleiten. Man beschließt, sich in die Arrondissements zu begeben, wo jeder die Verteidigung leiten und die Errichtung von Barrikaden anordnen sollte; von einem Plane sollte abgesehen werden, hingegen stand es frei, soviel Proklamationen, als man wollte, zu veröffentlichen. Das Rathaus erdröhnt von wildem Lärm. Was von der Militärkommission, vom Wohlfahrtskomitee noch übrig ist, regt sich in geschäftigem Eifer. Das Zentralkomitee hat in dem Augenblick, da das Schiff sinkt, die Kommandobrücke bestiegen, teilt Befehle aus und wettert und vermehrt dadurch die allgemeine Konfusion. Das überbürdete Artilleriekomitee weiß nicht, auf wen hören. Die Anarchie der Gewalten wehrt sich gegen die Unmöglichkeit der Rettung. Der Tag vergeht. Allerorten herrscht die Kopflosigkeit der Menge, der hartnäckige Traum ersterbender Hoffnungen. Die Delegierten des Lyoner Kongresses, von Thiers abgewiesen, erscheinen, um ihre Vermittlung anzubieten. Auch hier weist man sie ab: die Armee von Versailles soll in Paris ein Grab finden! ... Und der Abend kommt, lind und herrlich. Auf dem Giebel des Prachtgebäudes, über dem Portal, von dem die Reiterstatue Heinrichs IV. verschwunden ist und in dem sich jetzt die staubbedeckten Föderierten zusammenbrauen, rückt unerbittlich der Zeiger der mächtigen Uhr vor. Durch die Straßen jagen die Estafettenreiter, die Läden sind gesperrt, die Fenster der Häuser geschlossen, allmählich füllt sich die Hauptstadt, von Batignolles bis zu den Tuilerien, vom Gebäude der Oberrechnungskammer bis Montrouge mit improvisierten Barrikaden. Im Marineministerium schlägt Brunel – trotz seiner mutigen Verteidigung der Umgebung von Issy gefangen genommen und gestern wieder freigelassen – sein Lager auf. Hundertfünfzig Föderierte und fünf Kanonen besetzen die Terrassen des Konkordienplatzes, eine Mitrailleuse und drei Geschütze die Schanzen der Rue Saint-Florentin und der Rue Royale. Vom Montmartre, wo seit zwei Monaten etwa hundert Feuerschlünde verstaubt und unbenützt liegen und es an Munition fehlt, werden nur wenige Schüsse abgegeben; keine Vorwerke, keine Brustwehre, keine Plattformen; die Bataillone sind gelichtet oder aufgelöst. Cluseret war für einen Moment erschienen und schnell wieder verschwunden; La Cécilia ereifert sich vergeblich. Überall das fieberhafte Durcheinander eines aufgestörten Ameisenhaufens, inmitten der stummen Regungslosigkeit der Häuser, in denen eine andere Menge zitternd sich zusammenkauert. Zwischen der unbeugsamen Kälte der Deutschen, der Wut der Franzosen eingezwängt, beginnt Paris in Wahnsinn zu verfallen. Zwei Tage zuvor hatte Mac-Mahon einen Vertrag mit dem Kronprinzen von Sachsen unterzeichnet. Die Preußen verpflichteten sich, keinen entkommen zu lassen. Die Truppen griffen zu den Waffen, ihre Vorposten hielten strenge Wache. Schon lagen im Hospital Saint-Louis mehrere Arbeiterinnen sterbend darnieder, die auf ihrem Weg zu ihrer Fabrik in Saint-Quen von den Kugeln getroffen worden waren. In Versailles hat die Nationalversammlung sich voll Ungeduld vereinigt. Thiers erscheint auf der Tribüne. Bei seinen ersten Worten bricht ein Sturm des Beifalls los. Er preist in begeisterten Ausdrücken die Armee zu Wasser und zu Lande und weissagt den endgültigen Triumph, die Rückgabe von Paris an dessen wahren Herrn, an Frankreich. Geschmeichelt – denn Frankreich, das ist sie! – klatscht die Nationalversammlung in die Hände, die Begeisterung steigert sich bei dem Versprechen einer strengen Züchtigung. Während schon die ohne Rechtsspruch Erschossenen den Boden bedecken, erklärt Thiers, daß in streng legaler Weise Gerechtigkeit geübt werden solle. Diese Verräter, die das Eigentum geschändet, die Denkmäler gestürzt, das Leben der Geiseln bedroht haben, sollten ihrer Strafe nicht entgehen. Im Namen des Gesetzes und durch die Gesetze! Im Rausch des Erfolges kommt ihm gar nicht der Gedanke, daß er mit solcher Rede, zu dieser Stunde, da die Geiseln sich in größerer Gefahr denn je befanden, den Haß gegen sie schürte und Tausende von Wahnwitzigen zur Tollheit stachelte. Jules Simon löst ihn ab, einen Gesetzentwurf in der Hand, die Wiederaufrichtung der Vendômesäule betreffend, wobei die Statue Napoleons durch diejenige der Nation ersetzt werden solle. Die Nationalversammlung votiert den Dringlichkeitsantrag und gerät in Extase, als Cochéry erklärt: »Die Armee und der Chef der exekutiven Gewalt haben sich um das Vaterland verdient gemacht.« Unter tiefer Stille betritt Thiers neuerdings die Tribüne, neigt seine weiße Mähne, sein bewegtes Gesicht: das ist der schönste Lohn, den er in seinem Leben empfangen. Ein Orkan des Beifalls erhebt sich; am Fuß der Tribüne wird der Triumphator mit Händedrücken überschüttet, Jules Simon stürzt auf ihn zu und umarmt ihn. Unbewußt des Unheils, das sie angerichtet, des Schadens, den sie noch stiften wird, ganz der Freude hingegeben, endlich der Revolution und Paris, und wohl auch damit zugleich der Republik, ein Ende gemacht zu haben, trennt sich die Versammlung. Die Deputierten mischen sich in den Strom von Neugierigen, Journalisten, Beamten, Lebemännern, Frauen und Dirnen, der dem Mont-Valerien, Saint-Cloud, Châtillon, allen jenen Höhen zuflutet, von denen aus man Paris und den Dampf der Schlacht überblickt, von denen aus man sich an dem aufregenden Schauspiel weiden kann. Allmählich taucht das großartige Panorama in die Schleier der Dämmerung. Die Nacht sinkt hernieder. Wie am blauen Sammet des Himmels, so funkeln in der Stadt die Lichter auf. In dem tiefen, weichen Dunkel stehen die Armee von Versailles und die von Paris sich gegenüber. Eine tragische Waffenwacht, in der man auf der einen Seite in fruchtloser Ruhe unschätzbare Stunden vergeudet und die einzige Gelegenheit, den günstigen Augenblick, versäumt, bis in die äußersten Vororte das ungeheuere Wurfgarn zu schleudern, um in einem gewaltigen Wurf alles an sich zu reißen, – während auf der anderen Seite mit fieberhafter Hast gearbeitet wird, das Pflaster aufzureißen, Geschütze und Munition aufzufahren, die Petroleumminen, die Fässer und Kisten mit brennbaren Stoffen vorzubereiten. Bei Tagesanbruch des 23. setzten sich Mac-Mahons frischgekräftigte Truppen auf beiden Seiten gleichzeitig in Bewegung. Im Zentrum durch die Terrassen der Tuilerien und die Barrikaden der Rue Royale in ihrem Vormarsch aufgehalten, breiteten sie sich an den Flügeln aus und rückten gleichmäßig vor. Montmartre zur Linken, mit seinen mit Artillerie besetzten Schießständen, seinen schroffen Abhängen und seinen durch Barrikaden abgesperrten Zugängen war das Hauptziel des Tages: eine Festung, die dem Ansturm zu trotzen schien, der Mont Aventin der Revolution, an dem schon einmal die Kraft sich gebrochen hatte. Heute ist er von zwei ganzen Armeekorps umzingelt. Das 1.; Ladmirault, mit zwei seiner Divisionen und dem Korps der Freiwilligen von Seine und Seine-et-Oise, – dem einzigen Kontingents das dem Aufruf der Nationalversammlung an Frankreich Folge geleistet hatte – marschiert außen längs der Wälle bis zur Porte de Clignancourt, nimmt von rückwärts die Höhe, schwingt sich schnell auf die ungedeckten Terrains zwischen Häuschen und Gärten, während die dritte Division, Montaudon, nachdem sie bei Levallois-Perret die fünfhundert Kanonen der äußeren Batterien erobert, im Einverständnis mit den Deutschen die neutrale Zone überschreitet und sich gegen die Barrikaden des Boulevard Ornano und der Rue Myrrha wirft. Das 5., Clinchant, dringt durch das äußere Boulevard ein. Er ist bereits Herr der Batignolles, wo Malon sich nach Kräften gewehrt hat. Er hat soeben die Maine des XVII. Arrondissements und die große Barrikade der Place Clichy erstürmt; er folgt dem Fuß der Erdhügel und dringt in den Friedhof von Montmartre ein, gleichzeitig mit den Kolonnen des 1. Korps, die ihn von der Nordseite her betreten. Die Höhen sind eingeschlossen. Der gemeinsame Angriff setzt sich in Bewegung. Es ist elf Uhr. Schon stürmen die Infanterietruppen Clinchants in die Rue Lépic. Im selben Augenblick verließ ein Mann die Mairie, des XVIII. Arrondissements, der sich am Morgen dahin begeben hatte, nicht ahnend, daß Ladmirault bereits Montmartre von rückwärts bedrängte, und trotz des von unten, von Batignolles her krachenden Gewehrfeuers. Der Mann war Catisse. Gegen neun Uhr war er, wie gewöhnlich, ins Amt gekommen, hatte seine Schreibärmel übergestreift und sich an die Arbeit begeben, die Aktenstücke seines Bureaus zu ordnen, die ebenso zahlreich wie in Tagen der Ruhe, jedoch schmutzig, zerknittert, unorthographisch geschrieben und mit zahllosen blauen, roten, grünen, schwarzen Siegeln gestempelt waren ... Die Nachricht von dem vorgestrigen Einzug der Versailler war ein schwerer Schlag für ihn gewesen. Als er jedoch nichts um sich her verändert sah und keine Rothose an den Straßenecken auftauchte, war er überzeugt, daß der richtige Krieg erst begann. Wie würde er enden? Daß der Kampf hitzig werden würde, ließ sich schon aus den Rufen der durch die Straßen galoppierenden Ordonnanzen vermuten: »Zieht die Jalousien auf, schließt die Fenster!« und aus den Drohungen und dem Erlaß Delescluzes: »Jedes Haus, aus dem ein Schuß auf die Nationalgarde abgegeben wird, fällt den Flammen zum Opfer!« Hier, – so überlegte Catisse, – mußte man sicher sein wie in einer uneinnehmbaren Festung! War die Kommune, als die seit zwei Monaten unbestrittene Regierung, jetzt nicht ungleich stärker, als am 18. März, da sie einen so leichten Sieg errungen? Ja, wer weiß, ob nicht heute ihre Proklamation an die Versailler Soldaten: »Kommt zu uns, Brüder, unsere Arme sind euch geöffnet!« wie damals die Waffen ihren zögernden Händen entwinden werde? Auch das Zentralkomitee hatte eine Kundmachung erlassen: »Wir sind Familienväter ...« und: »Wenn die Instruktion ehrlos ist, wird der Ungehorsam zur Pflicht!« Ob aber die Soldaten derlei überhaupt lasen? Frühmorgens, als die Läden geöffnet wurden, hatte er seine täglichen kleinen Einkäufe gemacht, hatte für einige Sous Brot, Suppe und Wurst gekauft. Man war heute sechs zu Tische, denn Frau Poncet hatte versprochen, Lilli, die dank ihrer liebevollen Pflege genesen war, zurückzuschicken. Der Vater sollte sie auf dem Heimweg aus dem Amt abholen. In solchen Gedanken hatte er den gewohnten Weg zurückgelegt, im Vorübergehen von dem feindseligen Blick eines Krämers verfolgt, dem er eine Hausdurchsuchung nicht hatte ersparen können. Ruhig, ohne sich scheinbar um das Wüten des mörderischen Orkans zu kümmern, hatte er den ganzen Morgen inmitten eines heillosen Durcheinander seine Pflicht als gewissenhafter Beamter getan. Allmählich war der Lärm des Kampfes näher gekommen. Bleich war Catisse aufgesprungen, hatte gelauscht und sich aus dem offenen Fenster gebeugt: »Sie kommen!« Das donnernde Getöse, aus dem er inmitten des Krachens der Detonationen, des Zischens der Kugeln jammervolles Geschrei zu vernehmen glaubte, erfüllte ihn mit jähem Entsetzen. Die Kinder! doch gewiß, ihnen geschah nichts, er hatte niemals etwas Unrechtes begangen; und in der städtischen Kommission hatte er in seiner bescheidenen Weise stets möglichst viel Gutes zu tun getrachtet. Niemals seit dem Ausfall bei Buzenval hatte er ein Gewehr in der Hand gehabt, sein Gewissen hatte ihm nichts vorzuwerfen. Was hatte er anderes getan, als ehrlich, als ehrlicher Mann, für sich und die Kleinen das Brot zu verdienen? Kein Richter, kein Mensch hätte daran etwas aussetzen können. Ja, er empfand sogar eine gewisse Befriedigung bei dem Gedanken, diesen Zustand der Unordnung enden zu sehen. Mit Freuden würde er die Uniform der Liniensoldaten, die Fahne wieder begrüßen ... Eine stärkere Detonation ließ ihn entsetzt zusammenfahren. Das kam von jenseits der Butte ... Er dachte an die kleinen Mädchen, es litt ihn nicht länger, und ohne sich Zeit zu nehmen, die Lüsterärmel abzustreifen und das schwarze Käppchen abzulegen, rannte er davon. Zur Linken, gegen die Rue Lépic und die Rue Tholozé zu, knatterten die Chassepots so heftig, daß er sich angstvoll nach rechts wandte. Ihn trieb nur ein Instinkt: sein Heim erreichen. Er rannte, so schnell er konnte, stieß sich atemlos an den Ecken. Man schrie ihm zu: »Nicht hierher! die Versailler sind da!« Er hörte nicht, sprang auf dem Trottoir über die Leiche einer alten Frau, die eine verirrte Kugel niedergestreckt hatte, während der Inhalt ihres Korbes in die Blutlache rollte. Er sah sie kaum; er war jetzt auf dem rechten Wege. Dort ist die Krämerei seines Feindes. Ihm ist, als ob der Mann höhnisch lächelte ... Hätte Catisse den Kopf gewandt, dann hätte er sehen müssen, daß eine Gruppe von vier Freiwilligen der Seine, die Mauer entlang schleichend, in der Straße auftauchte. Den Finger am Hahn, die Waffe zum Schultern bereit, sprangen sie von einem Haustor zum anderen, versteckten sich und sprangen weiter. Der Krämer grüßte sie und deutete auf Catisse: »Dieser fliehende Bandit dort ...« Sofort schrien harte Stimmen: »He, Mann! Still stehen!« Catisse läuft weiter... Ein Schuß, und wie ein getroffenes Wild macht er noch einige Schritte, taumelt plötzlich, von heftigem Schmerz in der Seite übermannt ... Die Freiwilligen holen ihn ein. Haßverzerrte Gesichter neigen sich über den Verwundeten. »Warum bist du geflohen? Wer bist du?« Catisse stammelte unartikulierte Laute: »Meine Kinder ... Die Mairie ...« Und seine Augen vergrößern sich in Todesangst. Der Blick eines harmlosen Tieres, das der Jäger hinschlachtet, ein Blick voll Entsetzen und Vorwurf. Ein Zittern durchläuft seine Gestalt. »Elender Feigling!« heult der Krämer, der atemlos herbeigeeilt kommt, »da hast du deine Rechnung ... Er gehört zur Clique, Herr Korporal ...« Catisses beschwörende Blicke wandern von einem zum andern. Will man ihn töten? Und die Kleinen, die nur ihn auf der Welt haben ... »Steh auf!« befiehlt der Korporal. Catisse versucht, sich zu erheben, sinkt zurück. Das Blut befleckt seinen Rock und seine Hose. »Geht nicht? Na, so bleib liegen!« Der Lauf des Gewehrs hat sich auf seine Schläfe gesenkt. Der Schuß kracht. Was da liegt, ist nur noch ein Stück zerrissenes Menschenfleisch, das Gehirn klebt an der Mauer. Die Freiwilligen entfernen sich. Der Krämer kehrt in seinen Laden zurück. Mittag ist's. Ladmiraults und Clinchants Kolonnen haben auf der Höhe der Schießstände ihre Vereinigung vollzogen. Die Straßen sind mit Infanteristen angefüllt, die kurze Rast halten. Einige ziehen ein Stück Brot aus dem Tornister und löschen an einem Brunnen ihren Durst. Es ist verboten, den Wein zu trinken, den die Einwohner ihnen anbieten. Er ist vielleicht vergiftet. Andere treten aus einem Haus, in das ein Föderierter sich geflüchtet hat, und schleppen ihn unter Hieben und Stößen heraus. Längs des Gärtchens der Poncets steht wartend eine Kompagnie, Gewehr bei Fuß. Bald wird man wieder hinuntersteigen, um den Tanz von neuem zu beginnen. Gleichgültige oder muntere Reden werden getauscht. Frau Poncet hört zu, auf die Brüstung gelehnt. Die Zeit verrinnt, in entsetzlicher Angst zuckt ihr Herz. Was ist mit ihrem Mann geschehen, der seit gestern abwesend ist? Sie stellt ihn sich vor, mit der Liga verhaftet, vielleicht auf irgend einer Straße liegend gleich all den Unglücklichen, die blindlings, ohne Gnade und Erbarmen, niedergeschossen werden. Die Magd, die soeben zurückkehrte – sie war nicht weiter als bis zur Straßenecke gekommen, sah den im Hause gegenüber aufgefundenen Nationalgardisten unter einem Flintenschuß fallen. Plötzlich kommt Frau Poncet der Gedanke an Lilli. Das Kind sitzt im Speisezimmer, mit einem Bilderbuch beschäftigt. Wenn nur Catisse wiederkam! Deutlich dringen die Stimmen der Soldaten an ihr Ohr: »Das Bürgermeisteramt von Montmartre ist in unseren Händen ... Rücklings lag er da, mit gekreuzten Armen ... Sieh hin, die Fahne auf dem Turm Solferino!« Ein Kommando, die Reihen ordnen sich, die Kompagnie marschiert ab. »Adieu, Mutter! ...« Mit trübem Lächeln betrachtet Frau Poncet diese Männer, die ihre Pflicht ruft. Viele von ihnen sind noch jung, sehen nicht böse aus. Mehr als einer wird vielleicht vor Abend tot sein, viele werden in der Hitze des Kampfes töten und glauben, ein gutes Werk damit zu tun. Sie denkt an das verwegene Gesicht des kleinen, bartlosen Leutnants, an die ernste, nachdenkliche Miene des alten Hauptmanns. Ein Uhr vorüber. Und Catisse kommt noch immer nicht. Melanie hat dem Kind zu essen gegeben. Endlos schleicht in der Qual der Ungewißheit der Nachmittag hin. Andere Soldaten ziehen vorüber, man durchsucht die Häuser. Sogar das Laboratorium muß geöffnet werden, um zu beweisen, daß keine Chassepots darin versteckt gehalten werden ... Auf dem Kies des Gartens werden trippelnde Schritte vernehmbar. Hinter der ältesten der Catisses erscheinen die drei anderen, sich an der Hand haltend, blaß, verstört, alle einander so gleich in ihren schwarzen Schürzen, ihren dünnen Zöpfchen. Atemlos erklärt Zézée, die älteste: sie warteten immerfort ... In Vaters Amt sind die Soldaten eingedrungen ... Man hat die Wohnung durchsucht, keiner da ... Und nun sind sie hergekommen ... Sie spricht mit aufgeregter Stimme, aber klar und deutlich, wie eine verständige kleine Person, die ein gutes Beispiel geben muß. Die drei jüngeren schluchzen, und Lilly, die sie erblickt hat, beginnt zu schreien: »Papa! Wo ist Papa?« Da alle Trostworte und Liebkosungen erfolglos sind, vertraut Frau Poncet die Kinder der Magd an. Mit Zézée, die sich mit ihr auf die Suche begeben will und die sie denn auch mitzunehmen beschließt – eine Frau und ein Kind liefen wohl keine große Gefahr, – will sie auf die Maine eilen, auf dem Wege, den Poncet und Catisse gewöhnlich zu benutzen pflegen. Vielleicht, daß sie dort etwas erfährt. Noch waren sie nicht zweihundert Schritte gegangen, von einem verdächtig aussehenden Manne gefolgt, als sie auf einen Leichnam stießen. Frau Poncet wich zur Seite, als Zézée einen Schrei ausstieß: »Papa!« schrie sie. »Papa!« Und mit krampfhaftem Schluchzen warf sich das Kind auf die leblose Masse. Sie betastete die wohlbekannten Kleider und versuchte, in dem unkenntlichen Brei von Blut und Fleisch das geliebte Gesicht wiederzufinden. »Laß nur, Liebling!« stammelte Frau Poncet mit versagender Stimme ... »Wir wollen jemand rufen, der ihn fortträgt ...« Doch wie betäubt klammerte die Kleine sich an den Toten, angstvoll nach einem Funken von Lebenswärme in diesen kalten, starren Händen suchend ... Sie begriff nichts, als daß das ihr Vater war, dieser schwere Körper, dieser zertrümmerte Schädel ... Warum das? Warum? ... Endlich ließ die Spannung der Nerven nach und sie begann, ihren Schmerz hinauszuheulen in so schrillen Tönen, daß die Nachbarn an der Schwelle der Häuser sich ansammelten. Frau Poncet, bis dahin wie gelähmt, brach in Ausrufe der Empörung aus und nahm die Anwesenden zu Zeugen dieses verruchten Mordes. Auf manche Gesichter trat ein Ausdruck von Mitgefühl. Da erschien der verdächtig aussehende Mann wieder, von aufgeregten Liniensoldaten gefolgt. Die Gesichter verfinsterten sich. Bevor sie noch ein Wort hinzufügen konnte, fühlte sie sich an den Handgelenken gepackt. Ein Soldat stieß die Kleine fort: »Gänsebrut!« »Tut dem Kinde kein Leid!« flehte Frau Poncet mit bebender Stimme, aus der all die Empörung ihres mütterlichen, gütigen Herzens schrie. »Wenn du nicht still bist, wirst du's büßen!« Ein Stoß in die Seite verlieh der Drohung größeren Nachdruck. Die Zuschauer verhielten sich jetzt feindlich und lachten höhnisch. »Mit eiserner Willenskraft hatte Frau Poncet sich gefaßt und schritt gehorsam weiter, die Kleine an der Hand führend. Dieses Entsetzliche mußte ein Ende nehmen, mußte sich aufklären. Für den Augenblick war nichts zu tun, als sich fügen und folgen ... Indessen blickte sie sich um. Unvergeßliche Bilder. In der Rue Lepic lag vor einer Barrikade ein Haufe von Leichen, darunter zur Mehrzahl Frauen. Es war ein langer Dornenweg, von Schmähungen und Spottreden begleitet. Andere Gefangene waren dazugekommen. Zézée drückte verzweifelt, von Schluchzen geschüttelt, ihre Hand. Die Eskorte war verstärkt worden. Man gelangte zu einem ihr wohlbekannten Häuschen in der Rue des Rosiers. Durch das grüne Haustor drängte sich die Menge. War es Zufall oder Berechnung, dieselben Räume, wo Lecomte und Clement Thomas die letzten Minuten ihres Lebens verbracht hatten, waren in ein Gerichtslokal umgewandelt worden. Während des kurzen Verhörs waren die Gefangenen in den durch das an den Generälen verübte Verbrechen geschändeten Garten getrieben worden. Ein zerstampfter Rasenplatz, eine Lindenallee, auf einer Seite ein Gitter, auf der anderen die von Kugeln durchlöcherte Mauer, an deren zerbrochenem Gitterwerk die grünen Pfirsichbäume sich rankten. Wie vor einem Altar mußten Frau Poncet und Zézée mit den anderen niederknien und lange mit gesenkter Stirn und wunden Knien so bleiben als Sühne für die beleidigten Manen. Jedes Aufrichten wurde mit einem Kolbenhieb bestraft. In ironischer Pracht sandte die Sonne ihre glühenden Strahlen herab. Eine Stimme befahl: »Aufstehen!« Eine andere Herde wurde zu dem Sühnopfer getrieben. Frau Poncet, die der Gerichtsbeamte, ein Hauptmann der Chasseurs, nicht hatte zu Worte kommen lassen, fühlte sich dem Wahnsinn nahe, von einem Wirbelsturm des Unglücks erfaßt und fortgerissen. Gebärden, Geschrei, Beschwörungen hätten ihr Los nur noch verschlimmert. Sie konnten noch von Glück sagen, daß sie und Zézée, als die Gruppe in zwei Teile getrennt wurde, nicht zu jenen gehörten, die zum Tode geführt wurden, wenige Schritte von da entfernt auf der anderen Seite des Abhangs, wo sich während der Belagerung eine die Straße nach Saint-Denis beherrschende Batterie befand. In verzweifelte Gedanken versunken, das halb ohnmächtige Kind mit sich ziehend, folgte sie mit starrer Ruhe ihren Leidensgefährten. Es war Abend geworden, als man bei den Wällen anlangte. Man pferchte die Herde auf einer Bastion zusammen. Ohne ein Wort des Widerspruchs mußte sie sich einwühlen lassen, als man ihnen den Befehl zuschrie, sich auf die Erde zu liegen. – Der erste, der sich erheben würde, würde niedergeschossen! Weder Brot noch Wasser gönnte man diesem Haufen von Verurteilten. Zézée wimmerte unaufhörlich, den Kopf auf den Knien ihrer mütterlichen Freundin, die mit weitgeöffneten Augen unverwandt in das Dunkel starrte, bis das Bewußtsein sie verließ. Poncet, der die Nacht des Montag in Permanenz bei der Liga verbracht hatte, beruhigt über das Schicksal seiner Frau, die er in Sicherheit in ihrem Häuschen auf dem uneinnehmbaren Hügel glaubte, – hatte den ganzen Morgen und Nachmittag gegen die Nutzlosigkeit der Schritte in extremis gekämpft. Die Union der Syndikate vereinigte ihr Bureau mit jenem der Liga. Einige Delegierte versuchten, die Überreste der Kommune und des Zentralkomitees zu treffen. Hier und dort heillose Verwirrung und wahnsinnige Aufregung. Die Gewählten der Nationalgarde, die ersten Herren von Paris, warfen sich gegenseitig ihre Schuld vor und sprachen davon, einander niederzuschießen. Die meisten wären zu Friedensunterhandlungen bereit gewesen, jedoch auf welchen Grundlagen? Auflösung der Regierungen von Paris und Versailles, mit gegenseitiger Amnestie, Zurückziehung der sogenannten »regulären« Armee auf fünfundzwanzig Kilometer, Vertagung der Munizipalräte bis zu den allgemeinen Wahlen! ... Im Rathaus fanden Bonvalet und Poncet einen unbeschreiblichen Tumult; unmöglich, eines Mitgliedes des Wohlfahrtsausschusses habhaft zu werden; Delescluze war stimmlos, seine Kräfte total erschöpft, sein Zustand zwischen vollständiger Niedergeschlagenheit und Ausbrüchen der Verzweiflung schwankend. Wo aber waren die Gewählten von Paris, dessen letzte Herren? Viele entflohen, mehrere in ihren Arrondissements kämpfend, nur wenige noch, die sich von Zeit zu Zeit, mit umgehängtem Gewehr, im Rathause zeigten. Viele bereits verkleidet, rasiert und so eilig, daß Ranvier in seiner Empörung sie mit harten Worten anfuhr und ihnen mit dem Exekutionspeloton drohte. Die Entschlossensten waren die Sozialisten, die zur Zeit der Phrasenherrschaft sich abseits gehalten hatten und nun, in der Stunde der Gefahr, hervortraten. Das monumentale Gebäude wimmelte von einer treppauf, treppab flutenden Menge, die Höfe dröhnten vom Rollen der Artilleriewagen, der mit Pulver beladenen Omnibusse; die Munitionsvorräte wurden bereits in die Kirche Saint-Ambroise und in die Mairie des XI. Arrondissements überführt, die zu Stützpunkten der Verteidigung gewählt worden waren. Hie und da standen die schweißdampfenden Pferde der Estafettenreiter, Schwärme wie irrsinnig sich gebärdender Frauen, die einen Fahnen schwenkend und Waffen fordernd, die anderen mit fieberhaftem Eifer Säcke nähend. Die Verdächtigen wurden mit Faustschlägen traktiert, sofort herausgeschleppt und auf dem Place de Gréve, vor einer Barrikade, mit Widerspenstigen zugleich erschossen. In dem blauen Zimmer der Valentine Haußmann lag auf dem Bett eine Leiche, die man soeben auf einer Bahre hergeführt hatte. Es waren die Überreste Dombrowskis. In wachsgelber Blässe hob der Kopf mit den feingeschnittenen Zügen sich von den Kissen ab. Seit dem Eindringen der Versailler war er, gleich einer ruhelosen Seele, vom Rathaus zu den Barrikaden geirrt. In der Nacht des Sonntag war er erschienen, von der Muette zurückkehrend, durch einen Steinwurf verwundet, mit Vorwürfen und Verdächtigungen empfangen; in der Nacht des Montag war er wiedergekommen, von Franktireurs von den Vorposten von Saint-Quen, wo er allein die preußischen Linien zu durchbrechen versucht hatte, ins Zentralkomitee zurückgebracht. In Anbetracht seiner Dienste, seiner kaltblütigen Bravour bei Neuilly in Freiheit gesetzt hatte er keinen Ausweg mehr gewußt als den Tod, den er nach der Einnahme von Montmartre durch eine geheimnisvolle Kugel gefunden. Rings um die Stille des blauen Gemaches tobte der unaufhörliche Lärm, der die Korridore, die Säle, die Galerien füllte ... Von Minute zu Minute stieg mit dem Eintreffen der Unglücksnachrichten der allgemeine Taumel. Auf der Linken in Montmartre gesichert, rückten die Korps Clinchant, Ladmirault und Douay in Schlachtordnung vor und spannten immer weiter das blutige Netz. Es war immer das gleiche Manöver, ein Vorhang, der die Angriffsfront verhüllte, während man aus den weniger verteidigten Seitengassen sich näherte, um von hinten zu schießen. Bei Einbruch der Nacht waren die Trinité, Notre-Dame de Lorette, die Madeleine, die neue Oper und die Mairie der Rue Drouot erobert. Auf dem linken Ufer drang Bruat ins Kriegsministerium ein, Cissey erstürmte die letzten Barrikaden der Croix-Rouge und der Rue de Rennes; der linke Flügel drang bis zur Seine vor und nahm Saint-Sulpice und die Mairie des VI. Arrondissements, während der rechte Flügel den Bahnhof von Sceaux und die Mairie von Montrouge besetzt hielt. Nun streckte die Armee von Versailles, die fast die Hälfte von Paris bereits erobert hatte und den Blick beständig auf den Konkordienplatz gerichtet hielt, ihre Arme in die Ferne, auf der einen Seite bis zum Warenbahnhof im Norden der Stadt, auf der anderen beinahe bis zum Tor von Arcueil. Von Minute zu Minute pflanzte sich, bis zum Rathaus hin, der düstere, Widerhall im Herzen der Stadt fort; mit wütender Erbitterung, erbarmungslos tobte unter erstickendem Rauch und entsetzlichem Getöse der Kampf; unter dem Vorrücken der Infanterie, die in die Häuser drang und aus den Fenstern herab feuerte, fiel eine Barrikade nach der anderen; die grauenhaften Massenhinrichtungen nach dem Siege übergossen das Pflaster mit Bächen von Blut, von den Einzelmorden ganz zu schweigen; in der Kirche von Montrouge und der Rue Brézin war die Ernte des Todes so groß, daß sie acht Wagen füllte; vor der Madeleine, wo der Widerstand besonders heftig war, wurden dreihundert Föderierte erschossen; in der Rue de Helder, der Rue Drouot und noch fünfzig anderen lagen zu Füßen der Steinhaufen leblose Gestalten. In Park Monceau und in der Militärschule hatten zwei gerichtliche Ämter ihren Sitz, die die Gefangenen in langen Kolonnen nach Versailles expedierten oder sie an Ort und Stelle hinrichteten. Als die Stunden verrannen und sie das eiserne Netz sich immer enger um sich schließen sahen, rollten die letzten dieser Männer, die einen Moment sich als die Machthaber Frankreichs geträumt halten, dem unausweichlichen Abgrund zu. Es waren ihrer fünfzehn, zu Entschlüssen gedrängt, die die eitle Verpflichtung ihrer eigenen Drohungen, ihre wütende Verzweiflung, die Erbitterung über ihre Niederlage ihnen diktiert hatten. Von albernem Hochmut gebläht, von Vernichtungswut geschüttelt, glaubten sie der Sache des Volkes zu dienen, indem sie der grausamen Gesellschaft noch barbarischere Grausamkeiten entgegensetzten, und fanden eine revolutionäre Größe darin, als Brandstifter und Mörder zu enden. Obgleich es von diesem Augenblick an nur noch persönliche Verantwortlichkeit gab, waren sie des Glaubens, daß es an ihnen sei, der Kommune ein großartiges Begräbnis zu bereiten, Mord mit Mord zu erwidern, – da man sie selbst doch wie Hunde hinmetzelte, – und sich unter rauchenden Trümmern zu begraben. Diese Tuilerien, dieses Rathaus, all diese Paläste, in denen sie einst regiert, sollten, da sie selbst sie nicht behalten durften, in keines anderen Hände fallen. Schon hatte man mit den Vorbereitungen dazu begonnen. Tags vorher waren, um die Erfüllung von Rigaults Drohung: »Die Geiseln! wir werden sie mit uns nehmen, und sie werden mit uns untergehen! ...« zu ermöglichen, der Erzbischof, die verschiedenen Geistlichen, Bonjean, der Senator und alle Persönlichkeiten von irgendwelcher Bedeutung auf Ranviers, Gambons und Eudes' Befehl von Mazas nach La Roquette überführt worden. In den Tuilerien häufte Bergeret, der am Sonntag ohne Kampf aus dem Corps législatif entflohen war und am Montag einige Unschuldige im Hofe des Carroussel hatte erschießen lassen, den ganzen Nachmittag hindurch Blechgefäße und kleine Tonnen auf, ließ die Tapeten, die Fußböden, die Tür- und Fensterrahmen mit Petroleum tränken und im Marschallsaal, dem Mittelpunkt des Palastes, Pulverfässer aufstellen; dann überließ er dem Oberst Benot, einem Fleischergesellen, die Aufgabe des Anzündens und brachte sich in Sicherheit. Überall harrten die brennbaren Stoffe, in Eile zusammengetragen, nur noch der zündenden Lunte. Vom Taumel des Untergangs ergriffen, verließen die verschiedenen Ämter das Rathaus, das, mit dem Stöhnen der Verwundeten, dem Röcheln der Sterbenden erfüllt, sich für die Feuersbrunst vorbereitete. Im Bureau der Liga hatte Poncet, dessen ganzes Denken darauf gerichtet war, um jeden Preis dem Blutvergießen durch eine Intervention bei Thiers Einhalt zu tun, erst am Abend die Kunde von dem Fall von Montmartre empfangen. Augenblicklich war er fortgestürzt, zwanzigmal sein Leben aufs Spiel setzend, um in die eroberte Zone einzudringen. Der Kampf dauerte dort noch fort. Dank dem Wohlwollen eines durch seinen Ton der Aufrichtigkeit gerührten Vorpostenkommandanten gelang es ihm, zu entkommen. Bei jedem Schritt wurde er durch Patrouillen angehalten und belästigt. Er mußte vor einer Barrikade Halt machen und beim Abtragen derselben helfen und erkannte den Ort. Föderierte hatten ihn am Morgen gezwungen, Steine zu deren Errichtung herbeizutragen: »Für die Kommune, Bürger! ...« Sie lagen nun in einem Haufen, an ein Haus gelehnt. Tote, wohin das Auge blickte, Tote in allen Stellungen, auf der Schwelle der Türen, im Bach ausgestreckt, auf dem Rücken, auf dem Bauch ... Die einen, ohne sichtbare Wunde, schienen zu schlafen, den Ausdruck von Trotz und Entschlossenheit in den Zügen. Die Gesichter anderer waren in grausiger Weise verzerrt und entstellt. Mit Waffen beladen und fassungslos sich gebärdende Einwohner vor sich hertreibend, verließen zur Haussuchung kommandierte Soldaten die Häuser. Grausamer und wilder als alle anderen, leiteten waffenlose Nationalgardisten, welche die trikolore Armbinde möglichst auffallend zur Schau trugen, die Untersuchungen. Es war Nacht, als er Montmartre erreichte. So rot war die Finsternis, daß er am lichten Tage zu wandeln glaubte. Hinter ihm verbreitete sich eine gigantische Helle. »Paris brennt!« sagten Stimmen ... »Das kommt von der Seine her! ...« Doch ohne den Kopf zu wenden, hastete er vorwärts. Die Rue Sainte-Scolastique war wie von einer Mitternachtssonne durchstrahlt. Als er das Gärtchen betrat, erfaßte ihn das Vorgefühl eines Unglücks. Das Gittertor stand weit offen, das Haus war leer. Er rief und rief. Wie ein Wahnsinniger durchirrte er das Haus vom Keller bis zum Dachboden und rief unablässig: »Agathe! Agathe!« Die Scheiben glänzten wie scharlachrote Spiegel, schwarz hoben die Bäume des Gartens, der alte Kastanienbaum sich davon ab. Dort unten flammte die Feuersbrunst, den Himmel in ein Meer von Purpur tauchend. Er merkte es nicht und verließ wieder das Haus. An der Straßenecke traf er die Auvergnatin. Sie wußte nichts, als daß Madame seit langer Zeit mit Zézée fort war. Sie selbst kam eben wieder von Herrn Catisse zurück. Niemand dort zu finden! Gewiß muß ihm ein Unglück geschehen sein! ... Eine Nachbarin hatte ihr gesagt, er sei tot. Und noch dazu sind die vier Kleinen, während sie das erstemal fort war, auf und davon. Sie mußten schutzlos in der Gegend umherirren ... Poncet war schon wieder fern, stürzte zur Mairie und übersprang oder überkletterte die Barrikaden, um den Weg zu kürzen. Wo er auf eine Leiche stieß, neigte er sich darüber, um bei der nächsten seine schauerliche Suche fortzusetzen. Eine Ahnung führte ihn nach der Rue des Rosiers. Dort verfolgte er mit mehr Hoffnung die Fährte. Als er erschöpft die Bastion erreichte, hörte er zu sich sagen: »Schaut, daß Ihr fortkommt, wenn Ihr nicht mit auf den Haufen geworfen werden wollt!« Seinen dringenden Bitten und Vorstellungen gelang es, den Offizier zu erweichen: er möge morgen wiederkommen! ... Ja, bei Tagesgrauen wollte er da sein! Er würde sie finden! ... Seine Frau lebte, das war die Hauptsache. Er liebte sie nur noch mehr um ihres Mutes, ihrer tapferen Güte willen. Sicherlich war es irgend eine edelmütige Unvorsichtigkeit, die sie büßen mußte ... Schleppenden Schrittes kehrte er heim. Seine Gedanken schweiften zu Martial; er freute sich, daß der Sohn fern war, am 20. nach Italien abgereist; dann wieder dachte er an den armen, harmlosen Catisse! Auf welchem harten Bett von Steinen schlief der wohl seinen letzten Schlaf? Und seine Kleinen, die gleich schüchternen, aus dem zerstörten Nest vertriebenen Vögelchen umherflatterten, diese zarten kleinen Wesen in den Orkan des Todes gerissen! Nun erst gewahrte er den wachsenden Lichtschein. Um ihn her, auf den geröteten Mauern und Dächern, zuckten die Reflexe der ungeheueren Feuersbrunst. Als er die Rue Sainte-Scolastique betrat, schrie er unwillkürlich auf. Ihm war, als sähe er all diese Häuser zum erstenmal. Wie gigantische Fackeln erhoben sie sich in den plötzlich undurchsichtigen, mit dichten Rauchwolken verhangenen Himmel. Immer näher wälzte sich die Feuersbrunst, leckte mit ihren riesenhaften Feuerzungen die Rue Royale, die Tuilerien, die Paläste des linken Ufers. Lichtüberstrahlt floß die Seine dahin, deren Brücken in blendender Weiße leuchteten. Aus dem fürchterlichen Feuerherd stieg ferner Lärm empor, Jammergeschrei und wilde Verwünschungen. Stöße von atemraubend heißer Luft, dicker Brandgeruch schlugen ins Gesicht, drangen erstickend in die Kehle und erfüllten die linde Nacht, diese süße Frühlingsnacht mit dem faden Geruch von Blut und Fäulnis. Und Poncet gedachte jenes Märzmorgens, da er die Stadt in so tiefer stiller Ruhe zu seinen Füßen liegen gesehen hatte. Dahin also führte die Verblendung der Wahnsinnigen, die in Versailles, wie in Paris, nur der Stimme ihrer Leidenschaften gehorcht hatten! Dieses ruchlose Werk also war es, woran inmitten des souveränen Friedens der Natur die alberne Wut der Menschen gearbeitet hatte! Fortschritt, Zukunft! Ach ja! ... Er sah die Religion seines Lebens zusammenbrechen. Wie an die Stelle festgeschmiedet, betäubt von Schmerz und Entsetzen, brach er still in Tränen aus angesichts dieser Feuerströme, von denen er doch den Blick nicht loszureißen vermochte. II. Die ganze Nacht hindurch spien die von Stunde zu Stunde neu sich öffnenden Krater eine Höllenglut von Rauch und Flammen über die Stadt. Mit Schauder und Entsetzen betrachteten die Einwohner die fürchterliche Schönheit dieser feurigen Sündflut. Diejenigen, deren Häuser in Flammen standen, jammerten laut oder sahen wie gelähmt der Verheerung zu. Alle fluchten in diesem Augenblick der Kommune, deren unfähiger Despotismus in Verbrechen ausartete. Das waren die angeblichen Verteidiger der Rechte von Paris, die wie eine ihnen gehörige Sache das Erbe Frankreichs, diese lebenden Steine, diese historischen Straßen, Paläste, Häuser, Bibliotheken der Zerstörung preisgaben! Barbaren, die unter den Augen der Deutschen das vollbrachten, was die Deutschen nicht gewagt hatten! Alle, die Guten und die Bösen, die für solche Verbrechen Verantwortlichen und diejenigen, die keinen Teil daran hatten und sie ohne Zweifel verdammten, ihnen allen galt gleicherweise die wütende Empörung der Menge. Man fühlte nichts Menschliches mehr in sich gegenüber diesen Männern, die wilden Tieren gleich alles in ihren Untergang mitreißen wollten. Man begrüßte die Armee, von der man Erlösung hoffte. Mit heißen Wünschen beschleunigte man ihren langsamen Vormarsch und überließ ihr die Aufgabe, ohne Gnade und Erbarmen den Platz reinzufegen. An zwanzig Orten zugleich donnerten die Explosionen, krachten die Gewölbe und Kuppeln, stürzten die Dächer ein, zersplitterten Tausende von Fenstern, aus denen die Flammen mit unersättlicher Gier hervorzüngelten. In schweren Spiralen stiegen die Flammen empor, ein Funkenregen, ein Hagel glühender Balken und Steine ergoß sich über die Stadt. Die Hitze war erstickend. Von Zeit zu Zeit erbebte die Erde in geheimnisvoller Erschütterung. Das Getöse wurde so betäubend, die Glut des Feuers so blendend, daß die Sinne es nicht mehr ertragen konnten. Es war wie Weltuntergang. Im Finanzministerium, wo die Feuerwehr der Gemeinde den ersten Brand gelöscht hatte, war am Nachmittag das Feuer von neuem aufgeflammt und verwandelte haufenweise die Aktenstücke und Rechnungsbücher der Regierung in schwarze Schmetterlinge, die, vom Ostwind getrieben, durch die Ströme von Rauch wirbelten und als Zeugen des Unheils meilenweit in die Runde flatterten. Brunel, von hinten überfallen und in die Enge getrieben, hatte die Rue Royale angezündet und auf Befehl des Wohlfahrtsausschusses die Einäscherung des Marineministeriums angeordnet, das glücklicherweise durch die Anwesenheit einer Ambulanz und die Geistesgegenwart des Doktor Mahé gerettet worden war. Im Palais der Ehrenlegion, im Ober-Rechnungshof und im Staatsrat, in der Kaserne d'Orsay, in der Depositenbank, in der Rue de Lille hatte General Eudes als Mitglied des Wohlfahrtsausschusses persönlich die Vorbereitungen geleitet. Um sechs Uhr abends gab er, im Augenblick der Flucht, das Signal. Sofort breitete sich das Feuer über die mit brennbaren Stoffen getränkten Objekte aus; aus dem ungeheuren Block der Gebäude zischten die Flammen auf und hüllten alles in blauen und grünen, scharlachroten und gelben Rauch. Um neun Uhr brannten die Tuilerien vom Pavillon de Flore bis zum Pavillon de Marsan, während Bergeret von einer der Terrassen des Louvre aus sein Werk bewunderte, bevor er sich von den Wahnsinnigen des Rathauses bejubeln ließ. Mit diesen zusammenbrechenden Mauern glaubten sie Kaiserreiche und Monarchien stürzen zu sehen, und zugleich mit dem »Herd der Tyrannei« die Tyrannen selbst zu vernichten. Um ein Viertel nach ein Uhr morgens war unter Donnergepolter und einer riesenhaften Funkengarbe die Kuppel des Marschallsaales in die Luft geflogen. Um drei Uhr war das Palais-Royal von der Wut des Elements erfaßt worden. Bousier hatte damit einem an ihn ergangenen Befehl gehorcht und sodann, von Benot unterstützt, der durch den Brand der Tuilerien Geschmack an der Sache gefunden hatte, neuerdings die Brandfackel in den Louvre geschleudert, die Bibliothek, die Schätze der Geschichte, die Wunderwerke der Vergangenheit eingeäschert. Von allen Seiten bedrohte das Feuer den alten Louvre, die darin angesammelten Meisterwerke, die Blüte und die Frucht des menschlichen Genius. Das im Rathaus versammelte Wohlfahrtskomitee beschloß, von dem Beginn seines Werkes befriedigt, bevor es diesen Winkel von Paris seinem Schicksal überließ, mit dem Rathaus selbst noch Chatelet, das Theatre-Lyrique, die Polizeipräfektur, den Justizpalast, das Krankenhaus und Notre-Dame niederzubrennen. Mit Pulver und Petroleum beladene Wagen wurden in diese Richtungen abgesandt. Indessen begann Rigault, auf eigene Rechnung handelnd, mit der Ausführung seiner gegen die Geiseln gerichteten Drohung. Allein hatte er sich am Abend nach Saint-Pelagie begeben und Chaudey, den föderalistischen Republikaner, vor sich zitiert. Der ehemalige Freund und Testamentsvollstrecker Proudhons sah sich angeklagt, den 22. Jänner den Befehl zur Erschießung der Nationalgarde des Rathauses gegeben zu haben. Politischer Haß, wenn nicht noch gemeinere Motive, stachelte die persönliche Rachsucht Rigaults, des Kameraden des an jenem Tage getöteten Sapia ... Bei der würdigen Entgegnung seines Opfers, bei den Worten: »Nun denn, ich will euch zeigen, wie ein Republikaner zu sterben weiß«, schnitt ihm der Prokurator der Kommune das Wort ab. Drei niedere Beamte, gehorsame Bestien, und acht mit Mühe zusammenberufene Nationalgardisten dienten als Henker. »Rigault!« sprach Chaudey, als er den Todesweg antrat, »ich habe ein Weib, ich habe Kinder.« – »Was kümmert mich das!« erwiderte der andere. »Wenn die Versailler mich in ihre Hände bekommen, werden sie auch nicht Gnade üben!« Damit erhob er seinen Säbel und kommandierte: »Feuer!« Eine einzige Kugel verwundete Chaudey am linken Arm. Er schwenkte den rechten und wiederholte mit lauter Stimme: »Es lebe die Republik!« Dann stürzten sich die drei Bestien auf ihn und durchschossen ihm den Bauch, die Schläfe und den Schädel. Sofort wurden drei Gendarmen aus ihren Zellen geführt und an die Mauer gestellt. Man mußte die Nationalgardisten aufrütteln, sie hatten genug des Gemetzels und senkten nur murrend ihre Gewehre. Zwei Leichen rollten zu Boden. Der Überlebende entkam und versteckte sich hinter einem Verschlag; doch man erwischte ihn und streckte ihn nieder. Ein abscheuerregendes Blutbad, aus dem Rigault frohen Herzens, friedlichen Gemütes hervorging, bereit, frisch und fröhlich sein »Werk der Gerechtigkeit« fortzusetzen. Unter dem aschgrauen, von Rauch verdunkelten Himmel, an dem die strahlenlose Sonnenscheibe gleich einem ungeheuren gelben Monde stand, folgte ein Tag der Trauer der Nacht des Grauens und Entsetzens. Vom dämmernden Morgen an war auf der ganzen, von der Armee okkupierten Linie das Gefecht wieder aufgenommen worden, die Regimenter beschleunigten ihren Vormarsch. Angesichts des verspäteten, nun aber umso erbitterteren Widerstandes, besonders aber angesichts des wahnsinnigen Verbrechens der Brandstiftung ließ man dem aufgehäuften Zorn, diesem Überschwang an Brutalität, der im Bürgerkrieg schrecklicher als in jedem anderen Kriege zum Ausbruch kommt, freien Lauf. Die ruhigsten Köpfe erhitzten sich, die Hitzigen verloren die Besinnung. Es war wie eine allgemeine Hysterie, die in beiden Lagern die Geister erfaßt hatte. Den ersten Hinrichtungen hatte das furchtbare Echo der Explosionen geantwortet. Und diese nervenerschütternden Stöße, diese Einäscherungen, die all diesen Schlachtentumult in grausige Klarheit hüllten, die Flintenschüsse, das Geschrei, das Todesröcheln, all das versetzte Köpfe und Herzen in die Trunkenheit der Blutgier. Die Herzen auch der besten verhärteten sich. Es schien nur gerecht, diese außerhalb des Gesetzes, der Natur, des Lebens stehenden Geschöpfe gnadenlos hinzumetzeln. Wer immer ihnen nahekam, durch irgend ein Band mit ihnen zusammenhing, war im voraus verurteilt: Freunde, Frauen, Kinder selbst waren nur noch Galgenstricke, Kanonenfutter. Und dieser Abschaum von Abenteurern und Verbrechern – das sollten Soldaten sein? Das waren nicht einmal mehr Menschen. Die meisten Offiziere der Versailler Armee, Cäsarianer von Herkunft, Reaktionäre der Neigung nach, sahen in der erbitterten Ausübung ihrer Rachgier nur die Erfüllung einer sozialen Pflicht, ein notwendiges Werk der Läuterung. Die Soldaten waren gewaltsam derart aufgereizt und irregeleitet, daß sie in der Masse des Volkes, aus dem doch sie selbst hervorgegangen waren, nur Verbrecher der schlimmsten Sorte erblickten und die empfangenen Schläge hundertfach zurückgaben. Das langsame Vordringen durch Blut und Flammen, dieser Straßenkampf, in dem es Haus um Haus, Barrikade um Barrikade zu erobern galt, in dem die Kugeln verräterisch und blindlings flogen, der Widerwille dagegen, nach Sedan und Metz, nach den Schneefeldern des Nordens und Ostens, nach dem Kotmeer der Loire sich von neuem schlagen zu müssen, der unbewußte Hochmut, sich als Richter aufzuwerfen, der angeborene Instinkt der Gewalttätigkeit, die Freude, sich als stärkere zu fühlen und allen Widerstand niederzutreten, – all das erstarrte zur Fühllosigkeit einer Maschine die Wesen, die alle in irgend einer Stadt oder einem Dorfe eine Familie, Väter, Mütter, Brüder, Schwestern hatten, Menschen wie jene, die sie hier niederschossen und herdenweise auf den Straßen nach Versailles zu Boden warfen ... Dunkle Stunden, in denen das menschliche Gewissen erlosch, in denen, aller Seele bar, der zum Tier gewordene Mensch durch die Finsternis streifte und der ewige Kain seine Fäuste emporreckte. Von immer neuen Herden strahlten die Flammen aus, sich mit den Rauchwolken der früheren Brände vermischend. Der Justizpalast, das Thèatre-Lyrique, das Rathaus errichteten zwischen der fliehenden Kommune und der siegreich vordringenden Armee eine rotglühende Mauer. Während von den Höhen des Père-Lachaise aus die föderierte Batterie auf Eudes' Befehl die Börse, die Bank, die Post, den Siegesplatz, den Vendômeplatz, die Tuileriengärten, die Kaserne Babylone mit Granaten überschüttet, während auf dem Friedhof selbst, an Dombrowskis Sarg, Vermorel den Toten feiert und in wenigen Worten voll verzweifelter Beredsamkeit den Lebenden die Leichenrede hält, während Ferré sich auf die Polizeipräfektur stürzt und, nach Rigaults Muster, durch einige Rächer Flourens', den Versailler Agenten Beysset erschießen läßt, der Dombrowski zu bestechen versucht hatte – während dieser Zeit rückten die Truppen vor. Das Hauptaugenmerk war auf das Zentrum gerichtet; man versuchte, aus den Flammen zu retten, was noch zu retten war. Douay ist Herr des Vendômeplatzes, des sofort mit Wasser überschwemmten Palais-Royal, der Tuilerien und des Louvre, wo ein schnell vorgenommener Durchbruch den unrettbar verlorenen Palast von den unversehrt gebliebenen Museen trennt. Eine der Divisionen hat sich auf die Bank gestürzt und reicht den getreuen Bataillonen der Beamten, die das Gebäude bewacht haben, die Hand; über dem Hauptportal flattert die trikolore Fahne. Gestern haben der Marquis de Ploeuc und Beslay, bewunderswert in ihrem Patriotismus und ihrer Hingebung, der Kommune die letzten fünfmalhunderttausend Franks ausbezahlt. Das Gebäude, auf dem das Nationalvermögen beruht, blieb verschont; von den zwei Milliarden neunhundertachtzigtausend Millionen, die es in Bargeld, in ungemünztem Gold und Silber, in Juwelen, in Paketen von Banknoten und Wertpapieren in seinen feuer- und einbruchsicheren Kellern barg, fehlten nur siebzehn Millionen. Douays Bataillone übergehen die Börse, bemächtigen sich der Postdirektion und nehmen Saint-Eustache und die Hallen ein. Die Division Berge vom Korps Vinoy ist im Begriff, sich der brennenden Trümmer des Rathauses, der stehen gebliebenen Kaserne Lobau zu bemächtigen. Auf dem linken Flügel erobert Clinchant das Konservatorium, die Kirche Saint-Eugène, die Eskomptebank, das wuchtige Bauwerk der Porte Saint-Denis; eine andere Kolonne erstürmt den Square Montholon, Saint-Vincent-de-Paul, die Barrikade des Boulevard Magenta. Am äußersten Ende dringt Ladmirault um Mittag in den Nordbahnhof ein und vereinigt sich nach scharfem Gefecht auf dem Boulevard Ornano mit Clinchant. Auf Montmartre nehmen die Batterien mit fieberhafter Hast Aufstellung, um die Buttes-Chaumont zu bekämpfen. Auf dem anderen Flügel, dem linken Ufer, hat Cissey Ordre, den Luxembourg und den Pantheon als den Schlüssel zum ganzen Quartier latin zu besetzen. Seit Tagesanbruch hat die Division Bruat, alles zurückdrängend, was sich ihr in den Weg stellte, die Akademie der schönen Künste, das Institut de France, das Münzamt, die Barrikaden der Rue Taranne genommen. Schon schickt sie ihre Marinefüsiliere gegen den Luxembourg, der von den Brigaden Paturel und Bocher umzingelt ist. Vor dem Tor der Mairie von Saint-Sulpice hält eine Gruppe von Reitern. General Chenot und sein Stab springen aus dem Sattel. Man befindet sich hier im Herzen der Schlacht. Von hier gehen die Befehle aus, hierher strömen die Kundschafter und Meldungen zu. »Sorgen Sie dafür, daß die Pferde untergebracht werden!« sagt der General. Du Breuil zeigt den Weg: »Durch dieses Tor!« Schweigend folgt er seinem Chef, dessen sporenklirrende Stiefel bereits über eine breite Treppe poltern. Ein geräumiger Saal, ein Tisch, auf dem sofort die Pläne der Stadt ausgebreitet werden. Chenot wirft sich in ein Fauteuil und trocknet sich den kahlen Schädel, den roten Hals. Von den silberweißen Haaren tropfen die Schweißperlen. »Das macht heiß!« stöhnt er, und es bleibt ungewiß, ob er von der sengenden Sonnenglut spricht, die bleischwer vom Himmel herab strahlt, oder von dem Orkan, der um sie her pfeift, heult und kracht. Er brummt: »Sehen Sie doch zu, lieber Freund, daß wir ein Glas Bier bekommen.« Diesmal wendete Du Breuil, der bereits über eine Karte gebeugt steht, nicht einmal den Kopf. Einer der den Chef umgebenden Husarenoffiziere stürzt dienstfertig fort ... Chenot zündet sich mit souveräner Ruhe eine Zigarre an. Niemals hatte er eine so reichliche Mahlzeit gehalten, wie in diesen entscheidenden Stunden, da unter seinem Kommando ein kleiner Teil der großen Partie gespielt wird. Mit sorgenvoller Stirn blickt er den Rauchwölkchen nach, seine farblosen Augen scheinen über tiefsinnige Kombinationen nachzudenken. Es ist dies ein Schleier, der hinter dem Schein der Selbstbeherrschung den Fatalismus des skeptischen Philosophen verhüllt; er überläßt den Ereignissen die Sorge für die Entscheidung, den Menschen die Aufgabe, ihm dienstbar zu sein ... Tapfer bis zur Gleichgültigkeit, läßt er sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen, bewahrt immer dieselbe Miene mürrischer Bonhomie, ebenso im hitzigsten Gefecht, wie angesichts dieser Feuersbrunst, die ihm so trefflich geeignet scheint, der schlechten Sache ein Ende zu machen und das Land der heilsamen Restauration zuzuführen. Mit boshaftem Augenzwinkern wandte er sich an seinen Generalstabschef: »Wie weit sind wir, Du Breuil?« Der Major erstattet Meldung über die letzten Nachrichten: Im Zentrum haben die Brigaden Paturel und Bocher in drei Kolonnen sich im Sturm auf den Luxembourg geworfen, bis hierher hörte man das atemlose Keuchen der Trompeten, den Widerhall des Angriffs unter dem Feuer der föderierten Kanonen. Zweifelsohne die Barrikaden der Rue Soufflot ... Auf der Linken befindet sich die Division Lacretelle im Anmarsch gegen den Boulevard Saint-Germain, um den Pantheon gegen Norden anzugreifen ... Rechts ist die Division Levassor-Soval Herrin des Parks Montsouris und hat sich zurückgezogen, um den Pantheon von Osten her zu nehmen. Sie steht bereits in Val-de-Grâce. Chenot reibt sich die Hände: »Der Pantheon, will sagen Sainte-Geneviève, ist unser! Wir werden heute nacht im Luxembourg schlafen.« Rings um den General strahlten die Gesichter in Freude und Bewunderung. Du Breuil, dessen eingefallene Züge auch nicht das leiseste Lächeln erhellt, neigt sich wieder tief über den blaugezeichneten Plan und möchte mit aller Glut seines ohnmächtigen Wunsches das allzu langsame Vordringen der Kolonnen beschleunigen ... Er hätte gewünscht, daß diese Schreckbilder ein Ende nähmen, daß dieser systematische, genau abgezirkelte Marsch von einer gewaltigen Aufwallung von Intelligenz und Mitleid rascher vorwärtsgetrieben würde; er hätte gewünscht, daß man mit einem Gesamtschlag das Netz zusammenzöge, statt es täglich mit kluger Berechnung von neuem auszuwerfen. Es graute ihm vor dieser vielleicht klugen, aber unmenschlichen Art, Paris zu erobern, vor dieser zögernden Strategie, die man besser im Krieg gegen die Deutschen angewandt hätte, statt sie hier gegen Franzosen einzuführen. Oder, da doch der leichte, am Anfang durch Überraschung mögliche Sieg versäumt war, da man – doch um welchen Preis! – die wichtigsten Positionen behauptete, sollte man jetzt Einhalt tun. Ja, man sollte diesen Besiegten annehmbare Bedingungen stellen, damit ein wenig Ruhe die Leidenschaften mildere, daß die französische Seele in ihrer ursprünglichen Großherzigkeit endlich wieder zur Geltung komme! Und vor allem, vor allem müßten die Kanonen verstummen. Mit Bitterkeit gedachte er des höhnischen Versprechens. Die Freude, ohne Blutvergießen die Tore geöffnet zu sehen, durch die – laut Thiers' Versicherungen – zugleich mit der Armee Ordnung und Friede wieder einkehren sollten, hatte sich gleich in der ersten Stunde in düsteres Grauen gewandelt. Zuerst, als er einen der Reiter der Eskorte neben sich fallen, dann einige Liniensoldaten verwundet forttragen gesehen hatte, als er an den Leichen der auf einer Barrikade gefallenen Föderierten vorbeigekommen war, hatte ihn nur das so oft schon auf früheren Schlachtfeldern empfundene Bedauern erfaßt. Den Tod scheute er nicht, der war ihm vertraut als ein unabweisbares Schicksal jedes Kampfes, als das edle Lösegeld seines Berufes ... Bei den ersten Hinrichtungen jedoch, die nichts anderes waren, als durch kein Gesetz gegenseitiger Verteidigung entschuldbare Mordtaten, war all das, was seit Monaten in seiner zweifelgequälten Seele gekämpft, in heißer Empörung emporgewallt. Auf dem Bahnhof Montparnasse hatte er einen Haufen von Föderierten erschießen gesehen, die in einem Hause, aus dessen Fenster sie geschossen hatten, umzingelt worden waren; er war Zeuge von der Hinrichtung von fünf Frauen gewesen, die von den einen des Vergiftungsversuches an Soldaten, von anderen der Handhabung von Mitrailleusen angeklagt waren. Er war zu spät gekommen, um die Untat zu verhindern. Überall war er auf die starren Leichen von Frauen, Greisen, Kindern gestoßen. So begann also das kaltblütige Gemetzel, das vor sechs Wochen mit Duvals Hinrichtung begonnen, durch die Furcht vor der Rache, durch die Bekanntmachung des die Geiseln betreffenden Gesetzes aufgehoben worden war, jetzt, da man der stärkere war, von neuem und in großem Stil. War das Gerechtigkeit, wie er um sich her hatte sagen hören? War es Pflicht der sozialen Selbsterhaltung? Da hatte auf alle die Zweifel, die ihn gefoltert, auf alle die Fragen, die er sich gestellt, aus der Tiefe seines empörten Gewissens die Antwort sich emporgerungen: – »Nein! Gerechtigkeit! Im Namen welcher Prinzipien, welcher ungeschriebenen Rechte als aus denen ihres aufgestachelten Hochmuts, ihres bedrohten Egoismus handelte die Gesellschaft, da sie sich zum Richter und Henker aufwarf? Gerechtigkeit? Nein, Rachsucht.« Und doch erfaßte ihn beim schauerlichen Anblick der Feuersbrünste, in dieser durchglühten Atmosphäre die Wut auch über die verruchten Verbrecher, diese fürs Irrenhaus reifen Brandstifter, gegen die Führer dieser verblendeten, vom roten Strom der eingestoßenen und geleerten Fässer berauschten Menge. Er blickte zum Himmel empor, an dem ein scharfer Wind für Augenblicke die dichten Wolken von Rauch und Asche vertrieb und ein Stückchen Azurblau sichtbar wurde, um gleich wieder zu verschwinden. Fast sympathisierte er schon mit den haßerfüllten Worten, den heftigen Verdammungsurteilen seiner Kameraden. War Mitleid nicht Schwäche? Wenn seine Gedanken aber zu den entflohenen, noch so nahen und doch unwiederbringlich verlorenen Stunden zurückkehrten, dann fragte er sich, ob für diese wütende Verzweiflung, wenn auch nicht eine Entschuldigung, so doch nur allzuviele mildernde Gründe zu finden wären? Die Preisgabe von Paris im März, nachdem man es provoziert und aufgereizt hatte, die langsame, unerbittliche Zusammenziehung der Belagerung, der bedingungslose, gnadenlose Krieg ... War es nicht wie eine Absicht gewesen, diese Menschen zur Unmenschlichkeit zu treiben? ... Wohin er sich auch wandte, überall Nacht und Dunkel; gestern noch, in Versailles, hatte Aninas Nähe, die Ungewißheit der Zukunft einen Schimmer von Hoffnung durch den finsteren Tunnel leuchten lassen. Heute herrschte in seiner Seele, wie in dieser Umgebung blutiger Dämmerung, in der sein Körper allein mit automatenhafter Genauigkeit, mit mechanischer Handwerksmäßigkeit handelte, die Verwirrung einer Katastrophe, die Entgleisung all seiner Gedanken, die, verwundet und scheu sich im Dunkel gegen eine unübersteigbare Mauer stießen. Plötzlich klirrten die Fensterscheiben. Ein furchtbarer Stoß erschütterte den Fußboden. Die Luft erzitterte von einem solchen Getöse, daß Chenot und die anderen in die Höhe sprangen. Flog das Stadtviertel in die Luft? Eine Sekunde stummer Aufregung, atemlosen Harrens, während der man das kristallische Knistern der Scheiben vernahm, das wie das Aufschlagen von Hagelkörnern auf Steinpflaster klang ... Das Getöse kam von jenseits des Gartens, aus der Richtung der Pépinière. Ein Offizier, der ans Fenster geeilt war, deutete auf den ungeheueren Qualm schwarzer Rauchwolken, der von jenseits des Luxembourg aufstieg und das Tageslicht noch mehr verdunkelte. Fast gleichzeitig erfuhr man, daß es die Föderierten der Rue Barin waren, die auf dem Rückzug das Pulvermagazin angezündet hatten. Eine andere Estafette meldete, daß das Palais ohne Kampf erobert sei. »Gehen wir!« seufzte Chenot. »Jetzt zum Pantheon. Zu Pferd, meine Herren ...« Der Stab und seine kleine Eskorte setzte sich hinter dem General in Bewegung und erreichte nach wenigen Minuten den Hof des Luxembourg. Chenot strich sich den herabhängenden Schnurrbart und sagte: »Es wäre gut, wenn ich Bescheid wüßte. Wollen Sie sich orientieren, Du Breuil? ...« Der Major salutierte schweigend und gelangte durch eines der Seitentore zwischen die Gartenbeete der Rue de Medicis. Im Galopp flog Cydalise über den zerstampften Rasen, über die aufsteigende Rampe hinter der Fontäne. Am bemoosten Felsen rieselte das Wasser, – es war ein Winkel voll feuchten Grüns und lauschiger Stille unter dem Gewölbe der hohen Platanen. Ohne die Liniensoldaten, die jenseits des Gitters in der Straße vordrangen, ohne das von der Straßenkreuzung herüberdringende Geknatter des Gewehrfeuers hätte Du Breuil sich hier in einer winzigen Oase inmitten eines geheimnisvollen, vielhundertjährigen Parks träumen können. Doch blitzschnell war die Vision verflogen, als er auf der Terrasse die dunkelblauen Röcke, die grünen Epauletten der Jäger zu Fuß erblickte. Sie standen gruppenweise hinter den Bäumen postiert. Eine Kompagnie hatte soeben das Gitter zerbrochen und die erste Barrikade der Rue Soufflot erstürmt. Du Breuil spornte sein Pferd. Hinter der eingestürzten Mauer von Pflastersteinen, die mit ihren Trümmern den Zugang zur Gasse versperrte, beobachtete er ruhig den Abhang, den der Pantheon mit seiner wuchtigen Fassade, seiner schwerfälligen Kuppel überragte. Er wußte, daß die Keller von Pulvervorräten und Munition strotzten und fürchtete irgend einen Akt der Verzweiflung: daß die Föderierten im Fliehen das Riesengebäude in Brand stecken könnten. Wenn der Pantheon in die Luft flog, bedeutete das den Ruin des linken Ufers, den Zusammensturz eines Teiles von Paris durch die ungeheure Erschütterung. Wieder hätte er mit seinen Wünschen die Bewegung der Truppen beschleunigen mögen. Zu dieser Stunde hatte Lacretelle die Batterien der Brücke Saint-Michel gelöscht und bemächtigte sich des Platzes Maubert, des Lyceums Louis-le-Grand. Levassor-Sorval brach durch die Rue Mouffetard aus. Im Zentrum blieben nur noch zwei Barrikaden zu nehmen, die ihm noch Widerstand leisteten, die eine in der Mitte der Straße, die andere zwischen der Mairie und dem Gebäude der juristischen Fakultät. Ein Anlauf, und von allen Seiten stürmte man aufs Ziel los. Die rote Flagge machte dort oben auf dem abgesägten Kreuz der Trikolore Platz. Rings um Du Breuil pfiffen die Kugeln; Cydalise wurde unruhig, schüttelte den Kopf, peitschte mit dem Schweif, wie von Fliegen belästigt. Er brachte sie durch einen Schenkeldruck zum Stehen. Neben einer umgestürzten Kanone lag auf dem Rücken ausgestreckt ein Föderierter, ohne sichtbare Wunde, die Lippen zu einem höhnischen Lächeln verzerrt. Du Breuil fand seine Kaltblütigkeit von Rezonville wieder, die Erleichterung, an nichts weiter zu denken, als an die hundert Einzelheiten des Augenblicks. Vor ihm verließen die Chasseurs zu Fuß, da sie das Feuer nachlassen hörten, die Deckung der eroberten Barrikade und erreichten in schnellem Lauf die ersten Häuser rechts. Da durchzuckte Du Breuil der Gedanke: »Das ist ja Thedenats Wohnung!« Und der Gefahr nicht achtend, folgte er ihnen, um besser zu sehen. Die mittlere Barrikade, in Eile aus Pflastersteinen, Säcken, Möbeltrümmern errichtet, war in regelmäßige Salven gehüllt; bläuliche Rauchwolken verschleierten die Straße. Für einen Augenblick tauchte über der Mauer ein verwildertes Gesicht mit grauem Bart und struppigen Haaren, ein halbnackter, nur mit einem offenstehenden Hemd bekleideter Oberkörper auf. Die Versailler Kugeln schwirrten. Mit verächtlichem Achselzucken war der Mann verschwunden. »Er ist wütend!« seufzte eine Stimme. Nun erst bemerkte Du Breuil hinter den Soldaten eine unförmlich dicke Frau die, wie hypnotisiert von dem Schauspiel, zwei Schritte vor der offenen Portierloge kauerte. Die Louchard murmelte: »Ach, dieser Simon! er wird sie alle ins Unglück bringen! ... Und Rose, die sich nicht von ihrem Louis trennen will! ... Wenn Herr Thédenat das sehen möchte!« Ohne besondere Bedeutung drangen diese Worte an Du Breuils Ohr. Über Cydalisens Hals geneigt, sagte er zu einem Hauptmann der Chasseurs zu Fuß: »Rücken Sie durch die Rue Sainte-Catherine vor. Sie können die Barrikade von rückwärts nehmen.« Sogleich entfernten sich die Jäger. Die Barrikade dröhnte noch immer. An der Böschung, vor einer Spalte zwischen zwei Pflastersteinen knieend, zielte Simon mit stiller Wut und dem Scharfblick der Verzweiflung, zielte, feuerte und lud von neuem. Es waren ihrer etwa zehn, schienen aber fünfzig. Soeben hatten Barlin und Lisbonne, die nach der Croix-Rouge und der Rue Barin sich hierher zurückgezogen hatten, das Kommando übernehmen und sich auf die Vorhut der Chasseurs zu Fuß stürzen wollen. Man hatte sie fortgeschickt. Man wollte keine Führer! »Werden auch allein krepieren können!« hatte Simon gesagt. »Als ob die Kommune noch das Recht hätte, zu sprechen!« Und ihrer zehn waren sie geblieben, eine Handvoll Tapferer, als letzte Überbleibsel des alten zersprengten Bataillons die drei Simons, Vater Pantois, der große Jules, Levidoff und Dury; zu diesen hatten sich noch drei andere gesellt. Ein Mann in der Zuavenuniform der regulären Armee, mit hagerem, wettergebräunten Gesicht und spärlichem Bart, dessen ganzes Wesen den verdächtigen Stempel langen Elends und überstandener Gefangenschaft trug. Ein zerlumptes Individuum mit sorgfältig gepflegtem Backenbart, Holzpantoffeln und blauer Schürze. Ein alter, schweigsamer, etwas verrückt aussehender Föderierter. Rose und Therese, unter einem Sack mit Patronen gebückt, gingen ab und zu und füllten die Patronentaschen. Zu Pontois' Füßen lag seine Frau, von einer Kugel ins Herz getroffen; er hatte sorgsam die Falten ihres Kleides geordnet und einen Pflasterstein als Kissen unter ihren Kopf gelegt. Sie sah aus, als ob sie schliefe, nur das Gesicht war schon wachsgelb. Dann hatte er sein Chassepot wieder aufgenommen und mit einer Ruhe, als zöge er eine Uhr in seinem Laden auf, den kotbespritzten, heißen Mechanismus gereinigt. Der große Jules überwachte mit hochrotem, schweißtriefenden Gesicht die Breschen, rückte die schweren Balken und schichtete die Steine auf. Dabei sang der Riese wie zur Zeit, da er noch Handlanger war. Dury, mit Schmutz und Staub bedeckt, den Leutnantsrock an den Ellbogen zerrissen, mit glänzenden Augen, in Fieberglut und Jugendschönheit strahlend, kämpfte für seinen edlen Traum, wie ein Held für sein Vaterland. Levidoff, mit krankhaft gespannten Nerven und bleich, doch in unerschütterlicher Ruhe und mehr denn je Herr seiner selbst, beherrschte die Gruppe und leitete die Verteidigung. »Das ist für Sie, Simon!« sagte er und zeigte dem Schuster einen Korporal der Chasseurs, der längs einer Mauer herbeischlich. Doch schon gab Anatole, behend wie ein Affe, Feuer. Der Angreifer fiel auf die Nase und rührte sich nicht mehr. »Ausgezeichnet!« erklärte der Junge. »Er hat nicht gelitten. Könnt' mir selbst nichts Besseres wünschen.« Louis, den die Schulter schon vom fortwährenden Schießen schmerzte, hielt für einen Augenblick inne. Seit drei Tagen schon kämpfte man: denn seit dem 21. stand er mit Anatole und dem Vater den Eindringenden gegenüber, hatte sich bei der Mairie von Vaugirard, bei der Croix-Rouge geschlagen. Er wandte den Kopf und lächelte, Rose stand hinter ihm. Das Herz schwoll ihm in mächtiger Lebensfülle, in einem Paroxismus von Energie, Opfermut und Liebe. Tiefer Schmerz mischte sich in diese Trunkenheit des Instinkts: das Gefühl der Niederlage, des Zusammensturzes der Stadt der Träume. Zu Boden lag das ganze Gebäude der zukünftigen Gesellschaft! Und doch erfüllte es ihn mit frohem Stolz, unter den Augen des Vaters und vor allem der Frauen sein Leben für die Ideen des Alten, für die Seinen zu wagen und dieses Pflaster zu verteidigen, das sein war, seine Stadt, seine Straße, sein Haus! Diese gefahrvolle Stunde, die Minute um Minute, Sekunde um Sekunde dem Abgrund entgegendrängte, war für ihn von überirdischem Glanz durchleuchtet. Nie, selbst nicht in jener linden, süßen Nacht, da er in der einsamen kleinen Villa zum erstenmal Rose in seinen Armen gehalten, hatte das Blut so feurig in seinen Adern pulsiert. Wie ein Gott schwebte er über Tod und Leben. Rose lebte nur noch in ihm. Während der zwei Tage des Alleinseins hatten sie und die Mutter wie seelenlose Körper vegetiert. Der Widerhall des Zusammenbruchs drang in einer Flut aufregender Gerüchte an ihr Ohr; was lag ihnen daran, daß man den Pantheon in die Luft sprengen, Saint-Etienne-du-Mont einäschern wollte! Endlich waren die Männer heimgekehrt, zerfetzt, erschöpft, aber voll Siegeshoffnung! ... Mit ihnen leben, mit ihnen sterben! ... Seit heute morgen hatten sie sie nicht mehr verlassen und standen ihnen mit unermüdlicher Treue und Hingebung bei. In diesen Franzosen, diesen Soldaten, die erbarmungslos auf sie schossen, sahen die beiden Frauen, von Simons Ideen und Louis Theorien genährt, nur mitleidlose Feinde und haßten sie insgesamt mit aller Kraft ihres Herzens, Therese resigniert und stoisch, Rose voll leidenschaftlicher Empörung. Mit nackten Armen und aufgelöstem Haar kehrte das junge Weib immer wieder zu Louis zurück, ihn mit dem Zauber ihrer Nähe umstrickend. Gleich einer wildblühenden Blume strömte von ihr der Duft frischschwellenden Saftes aus, den er mit Entzücken atmete. Düsteren Blicks, ohne seiner Kinder zu achten, oblag Simon seiner mörderischen Arbeit. Bei jedem Schuß lief es wie ein Schauer der Freude durch seinen Körper; mit automatenhafter Regelmäßigkeit legte er das Gewehr an, drückte los und zielte von neuem. Von Fieberhitze glühend, von Fieberfrost geschüttelt, hatte er bei der ersten Nachricht des Eindringens der Armee zur Flinte gegriffen. Die Stunde der letzten Schlacht schlug. Da die Wälle durch Verrat oder Überrumpelung gefallen waren, wollte man diesen Versaillern zeigen, was die Preußen hinter den Barrikaden gefunden hätten, wenn die Favre und Trochu sich energischer zur Wehr gesetzt hätten. Und waren sie im Grunde genommen nicht noch schlimmer als diese verdammten Deutschen, diese Memmen, die Paris im Stich gelassen hatten, nachdem sie es dem Feinde ausgeliefert, verraten und geschändet, und die jetzt als die Stärkeren zurückkehrten, um dem Volke auch den letzten Blutstropfen abzuzapfen! Doch Delescluze hatte das rechte Wort gesprochen: »Genug der Schwätzer!« An ihnen, an Leuten wie er, Simon, und seine Söhne, war es nun, die Ärmel aufzustreifen und ihr Leben hinzugeben für die gute Sache, da sie anderes nicht vermochten. Lange genug hatte man sie ertragen, diese Maulhelden, diese Schärpenträger, diese schönen Herren von der Kommune und vom Komitee, die nichts als Dummheiten taten und sprachen und einen schließlich aufsitzen ließen. Bei Gott! hätte er seiner ersten Regung beim Anblick der Feuersbrunst gefolgt, er hätte, wie viele andere, sein Gewehr niedergelegt: »Nein, da tue ich nicht mehr mit! ...« Hier wurde man wie Hunde totgeschossen, dort setzte man unschuldige Steine in Brand, Denkmäler, die Eigentum Frankreichs waren ... Doch gleichviel! mochten schlechte Führer immerhin die gute Sache entehren, das durfte ihre Anhänger nicht hindern, bis zum letzten Atemzuge treu ihr zu dienen ... In Verzweiflung sah Simon die Partie doppelt verloren, durch jene, deren Aufgabe es gewesen wäre, sie zu schützen, vor allem aber durch den unausweichlichen Sieg der Reaktion. Er schüttelte die Faust gegen die Fassaden der Straße, deren trübe Fensterscheiben wie blinde Augen blickten. Hinter ihnen verbarg sich zitternd eine knechtische Bevölkerung, bereit, die Stiefel des Siegers zu lecken, die nur darauf wartete, ihn vor sich zu sehen, um ihr Versteck zu verlassen und nun auch ihrerseits die Besiegten zu schmähen und zu denunzieren. Die weniger schlimmen, wie Martial Poncet, bildeten sich schon etwas darauf ein, daß sie das Volk nicht übern Haufen schossen. Und selbst die Guten, wie ein Thédenat, was vermochten sie anderes, als eine ohnmächtige, fruchtlose Sympathie? Nicht er und auch vielleicht nicht seine Söhne würden diese Sonne leuchten sehen, deren Morgenröte er bei der Proklamation der Kommune zu begrüßen geglaubt! Ja, wer weiß, ob nicht diese Bürgerrepublik mit einem Schlag erstickt wird und die Nacht mit den Götzen der Vergangenheit wieder hereinbricht: mit Kaisern, Königen, Richtern wie nach dem 2. Dezember, mit Soldaten wie diesen und Priestern für das Hosiannah! ... Da war's doch immer noch besser, seine Haut zu Markte zu tragen, und das angetane Böse mit Bösem zu erwidern! ... Dann konnte man sterben. So hätte man seine Pflicht als armer Teufel vollständig erfüllt! Immerhin noch besser, als in Cayenne in Fieberfrost zu klappern! Und wer weiß, – vielleicht war das Blut doch nicht ganz umsonst geflossen. Das war der Dünger, mit dem man die Zukunft der Rache befruchtete, diesen noch unfruchtbaren Boden, aus dem trotzalledem eines Tages der gute Samen, die siegreiches Ähren hervorsprießen müssen. Doch alles brauchte seine Zeit. Nicht die Junisonne, nicht die Maisonne hatten genügt, die Ernte zum Reifen zu bringen. Doch was tut's! eine Wandlung muß kommen, eine andere Sonne den Horizont vergolden, dem die Menschheit entgegengeht... Es wäre doch allzu einfach, wenn die Geschichte nichts wäre als ein Kreis, in dem das Leben sich dreht wie der Sklave in der Tretmühle. Die Jugend, die nach ihnen kam, würde die Fahne des Fortschritts wieder aufrichten. Er selbst hatte seine Aufgabe erfüllt. Bald, gleich war er wieder mit Jean-Louis vereint. In seinem Bein zuckte der alte Schmerz. Ja, ja, es war wie in den Junitagen. Kugeln für die Armen! ... Und alle Wut seines gedemütigten Daseins, seiner würdigen, arbeitsvollen Armut, aller Groll des Parisers der beiden Belagerungen, der Schmerz über die Vernichtung seiner Standesgenossen, all das trat ihm auf die Lippen und machte sich Luft in dem haßerfüllten Schrei, den er den herannahenden Soldaten entgegenschleuderte: »Nieder mit den Mördern des Volkes!« Im selben Augenblick sank Pontois, dem Therese soeben die Hände mit Patronen gefüllt hatte, mit durchschossener Gurgel über die Leiche seiner Frau. Noch ein schwaches Wimmern, eine oder zwei krampfhafte Zuckungen, dann bildete sich blutiger Schaum vor dem Munde und er rührte sich nicht mehr. Simon und Therese tauschten einen Abschiedsblick voll tiefen Schmerzes. Die Gruppe seiner Genossen, das Bild der Steinhaufen, der geschlossenen Fenster der Häuser grub sich seinen Blicken ein. Wo war der Zuave? Verschwunden ... Dort, in einer Blutlache, lag der Mann mit der blauen Schürze... Die Seinen... Da, im Wahnsinn der Verzweiflung und des Trotzes, in einem letzten Aufflackern des Fiebers, kletterte er auf den Steinhaufen und schwang sein Chassepot. In der Ferne ragten die grünen Wipfel des Luxembourg. Die Kolonnen der Liniensoldaten hinter den Chasseurs verdichteten sich. Unter einem Haustor – Louchards Haus! – erblickte Simon einen höheren Offizier, auf den Hals seines Pferdes geneigt. – »Was schaust du, du?« – Er hob den Kolben, rief mit dröhnender Stimme: »Es lebe die Republik!« und feuerte. Im selben Moment öffnete er, von einer Kugel mitten in die Stirn getroffen, die Arme, drehte sich um sich selbst. Therese stürzte herbei. Zerschmettert sank die Leiche zu ihren Füßen nieder. Wie eine Wahnsinnige warf sie sich über ihn. Gleichzeitig rief Levidoffs erregte Stimme: »Wir sind gefangen!« Aus Seitenwegen hervorbrechend, hatten die Chasseurs sich von hinten herangeschlichen und die Verteidiger der Barrikade überfallen. Ein kurzes Handgemenge, das regellose Krachen von Flintenschüssen, der nutzlose Versuch eines Widerstandes, in dem Louis sich plötzlich erfaßt, zu Boden geworfen und einen Gewehrlauf an seiner Schläfe fühlte. Rose umschlang ihn mit beiden Armen und schlug die Waffe zur Seite; sie war so schön in ihrer wilden Zärtlichkeit, daß der Sergeant Mitleid empfand und Louis aufstehen hieß; man drängte sie beide in die Gruppe der Gefangenen: der große Jules, der, den Arm durch einen Bajonettstich verwundet, in stumpfer Betäubung dastand; der alte Föderierte, dessen Lippen zu einem irren Lächeln verzerrt waren; Therese, die man von Simons Leiche fortgerissen hatte und die, bleich wie eine Tote, mit einem Ausdruck wütender Zärtlichkeit Rose und Louis betrachtete. Ein Schimmer der Befriedigung war durch ihre Augen geglitten: Anatole war es gelungen, mit Levidoff und Dury zu entkommen und wohl irgend ein schützendes Haus zu erreichen. Da kletterten, im Laufschritt aus dem Eingang der Gasse herbeieilend andere Chauffeurs auf die Barrikade; schon tauchten die dichten Kolonnen der Liniensoldaten auf, deren Flut gegen den Pantheon zu beständig stieg. Fast gleichzeitig war die letzte Barrikade gefallen, der Weg war frei. Du Breuil, dem Simons Kugel das Käppi gestreift hatte, gab Cydalisen die Sporen; er wollte Chenot den vollständigen Sieg melden. Mit einem Satz übersprang er die schon halb eingestürzte Mauer aus Pflastersteinen, von der aus vorhin der wütende Alte auf ihn geschossen hatte. Plötzlich tauchte an der Ecke der Rue Sainte-Jacques eine Gruppe lebhaft gestikulierender Infanteristen auf ... Sie umringten fünf Unglückliche. Die Chauffeurs waren bereits fern. Inmitten seiner wilderregten Leute schrie ein junger Leutnant: »Ihr dürft sie nicht erschießen! ... Es sind Gefangene, seht doch!« – »Das kümmert uns wenig!« gab ihm ein verwegen aussehender Alter zurück, dessen aufgeschundenes Gesicht blutete. Die anderen murrten und warfen Blicke mißtrauischen Zorns auf ihren Vorgesetzten. Schon hatte eine Flinte sich gesenkt. Der große Jules wurde an die Mauer gedrängt; seine Augen öffneten sich weit in verständnisloser Verwunderung. Der Schuß krachte; wie ein Stier sank er zu Boden. Von Mordlust angesteckt, stießen drei Soldaten den alten Föderierten mit Faustschlägen nieder, schlugen ihm das Gesicht auf einen Stein und schossen ihn durch den Rücken. Wahnwitz hatte die Leute erfaßt, der Leutnant zerbiß sich den Schnurrbart im Gefühl seiner Ohnmacht; ein Mann und zwei Frauen waren noch übrig und hielten sich an den Händen ... Du Breuil sprengte hinzu und kommandierte mit lauter Stimme: »Gewehr bei Fuß!« Doch bevor er noch Zeit gefunden, den Befehl zu wiederholen, drängten diejenigen, die den Alten niedergemetzelt, die ältere der beiden Frauen zur Seite und umringten unter gemeinen Drohungen Rose und Louis, die so eng, in so leidenschaftlicher Umarmung verschlungen waren, daß die Soldaten, im dunklen Gefühl, vor etwas Großem zu stehen, zurückwichen ... Gut denn, so sollten sie mitsammen sterben. So ging's auch schneller! ... In einer Sekunde unaussprechlicher Rührung fanden sich plötzlich die Blicke Du Breuils und der jungen Leute. Sie hielten sich umfaßt und trotzten den auf sie gerichteten Gewehren mit einem Lächeln voll Haß und Verachtung; ihre Gesichter leuchteten in ernster Schönheit, in einem überirdischen Glanze, in dem Stolz ihrer Liebe, die mächtiger war, als der Tod. Wie ein Blitz glitt durch Du Breuils Gedanken das Bild Aninas und ihres Glückes. Frau Louchards Worte: »Rose und ihr Louis ... Herr Thedenat ...« durchzuckten ihn. Tiefschmerzliches Mitgefühl quoll in ihm empor; mit geheimnisvoller Macht drängten sich diese fortan unvergeßlichen Wesen in sein Leben ein, diese beiden jungen und schönen Menschen, die einander liebten, wie Anina und er. Von dem Instinkt getrieben, zu handeln, zu retten, stellte er sich in den Steigbügeln auf und schrie mit rauher Stimme: »Halt ein!« Gleichzeitig jedoch krachte ein Schuß. Zerschmettert sanken Rose und Louis zu Boden. Ihre Arme hatten sich nicht gelöst. Da gellte ein herzzerreißender, schriller Schrei, ein so unmenschlicher Jammerlaut, daß auch die rohesten Bestien sich davon ergriffen fühlten. Es war die Mutter, die ihre Jungen beweinte, Therese, die unter den Fäusten der Männer sich windend, eine Flut von Anklagen und Verwünschungen spie ... Man möge doch auch ihr den Gnadenstoß geben! Um sie her erwachte von neuem der Zorn, während jedoch der Leutnant sich erbittert auf den ihm zunächst Stehenden stürzte und ihn schüttelte, hatte Du Breuil seinem Tier die Sporen in die Flanken gedrückt und war mitten in die Ungehorsamen hineingesprengt. Mit ausbrechender Empörung schrie er: »Gebt diese Frau frei! Sofort frei! ... Tötet man denn waffenlose Menschen ... Wilde, Bestien, die ihr seid!« Als man aber murrte, ohne zu gehorchen, zwang er sich gewaltsam zur Ruhe. Tief erblaßt, zog er seinen Revolver aus der Satteltasche und sprach kalten Tones: »Der erste, der sich rührt...« Dann wandte er sich freundlich teilnehmend an Therese: »Gehen Sie nach Hause, arme Frau!« Die Männer waren gezähmt, der Kreis erweiterte sich. Therese blickte verständnislos um sich, ihre Füße waren wie festgewurzelt. Du Breuil erriet: ihre Toten ... »Gehen Sie«, wiederholte er sanft. Er legte die Hand auf ihre Schulter und zog sie mit milder Festigkeit fort. »Sie können wiederkommen«, sagte er leiser. Ohne einen Blick, ohne ein Wort entfernte sich Therese. Sie wankte; ihre Hände schienen ins Leere zu tasten. Tief bewegt, mit einem Gefühl unsagbarer Scham, blickte Du Breuil ihr nach. Soldat sein, Mensch sein und das mit ansehn! ... Indessen waren auf dem Platz Prince-Eugene, in der Mairie des XI. Arrondissements, die improvisierten Chefs der letzten Stunde versammelt und gebärdeten sich wie eine Horde von Besessenen. Neben etwa fünfzehn Mitgliedern der Kommune und des Zentralkomitees erhoben neue Ankömmlinge ihre Stimme. Legionchefs, Offiziere, einfache Gardisten vermehrten noch die allgemeine Verwirrung durch dazwischen geworfene blutige Ratschläge und gewalttätige Projekte. An Stelle der Götzenbilder der Regierung, die zwei Monate lang die Stadt mit ihrer organisierten Anarchie unter ihrem Druck gehalten hatten, trat ein dämonischer Hexensabbath von Gespenstern, vom Feuerschein der Brände übermahlt. Unbekannte Schreier neben Ranvier, Endes, Gambon, den einzigen Überbleibseln des Wohlfahrtskomitees; einige Arbeiter oder sozialistische Bürger der Minorität, Jacquenne, Trinquet, Ballez, Vermorel, Theiß, der das Hauptpostgebäude vor den Flammen gerettet hatte, Longuet, Barlin und andere noch, die sich in dieses tolle Chaos wie in einen Abgrund stürzten oder demselben fröhlich zurollten. Dann ein Mann, der dem, was von den drei großen Ämtern noch übrig war, noch einen Schimmer von Ordnung und Gesetzlichkeit verlieh: Jourde, der ruhig, seine Ziffernkolonnen ordnend, mit den letzten dünnen Banknotenbündeln und den dürftigen Gold- und Silberhaufen die armselige Bilanz des Aufstandes, dessen Soll und Haben ins Gleichgewicht zu bringen trachtete. Jedem neu hinzukommenden Mitglied der Kommune übergab er tausend Franks als Wegzehrung ins Unbekannte, ohne daß dabei von den der Bank geretteten Milliarden, von den von ihm verwalteten Millionen etwas für ihn übrig blieb, der als sparsamer kleiner Rechnungsbeamter seine Mahlzeiten zu zweieinhalb Franks nahm, während seine Frau nach wie vor im öffentlichen Waschhaus ihre Wäsche wusch. Delescluze, stimmlos, gebrochen, nur durch wunderbare Willensstärke aufrecht erhalten, die Nerven gestählt von dem, was an Seele noch in ihm lebte, sah den Kreis sich verengen, den verhängnisvollen Moment näher kommen; soeben hatte er den Vorschlag gemacht, mit der Schärpe geschmückt, die Masse der Bataillone auf dem Boulevard Voltaire Revue passieren zu lassen und hierauf an ihrer Spitze sich auf die wiederzuerobernden Positionen zu werfen! ... Ferre endlich kam in aller Gemütsruhe aus dem Depot der Präfektur, wo er – nachdem Beyssets Leiche von der Brüstung des Pont-Neuf in die Seine geworfen worden war, – wegen des Feuers und der heranrückenden Truppen nicht mehr hatte in seinen Hinrichtungen fortfahren können ... Er sucht sich schadlos zu halten. Am grünen Tisch auf der Estrade des Trauungssaales sitzend, von zwei Sekretären flankiert, stellt er sanften, höflichen Tones seine Fragen, trifft seine Entscheidungen. Mit unerschütterlicher Ruhe, den Zwicker vor den schwarzen Glutaugen befestigend, sieht er die Geleitbriefe durch, unterzeichnet die Todesurteile. Der ehemalige Präsident des Überwachungskomitees von Montmartre, dessen Hände mit Lecomtes und Clement Thomas' Blut befleckt sind, ist jetzt, nach Rigaults Verschwinden, die Seele der Polizei. Auf einem Trottoir der Rue Gay-Lussac lag, ohne daß jemand es wußte, die sterbliche Hülle des Prokurators der Kommune; ein Sergeant hatte vor sich einen Kommandanten der Föderierten laufen und sich in ein Hotel flüchten gesehen ... »Du wirst mir nicht entkommen, du ...« Man dringt in das Haus ein, der Besitzer wird an der Kehle gepackt; der Kommandant steigt herab und ergibt sich. Man schleppt ihn zu der Gerichtsbarkeit, die bereits im Luxembourg ihren Sitz aufgeschlagen hat. Unterwegs wird er verhört, während man ihm den Revolver ans Ohr setzt. »Ich bin Raoul Rigault.« – »Rufe: Es lebe die Armee!« »Es lebe die Kommune! Nieder mit den Mördern!« Und der Mörder Chaudeys, der gewissenlose Verbrecher, wird zu Boden gestreckt. Ferre wird das übrige tun. Die Sonne geht zur Neige. Von selbst haben die Galonnierten, diejenigen, die man auf dem Platz, in den Kaffeehäusern von goldenen Achselschnüren, von silbernen Borten und bunten Schärpen blitzen, säbelklirrend einherstolzieren gesehen, sich in Sicherheit gebracht oder bescheiden ihre grellen Abzeichen gegen Rock oder Bluse vertauscht. Der Hof der Mairie dröhnte vom Rollen der mit Pulver beladenen Fourgons; auf den Stiegen hockten die Frauen und nähten fieberhaft, unermüdlich Sack auf Sack. In den großen Sälen des ersten Stockwerks wogte aus und ein der Strom der Föderierten, die sich Befehle oder Munition holten, Nachrichten brachten, Verdächtige herbeischleppten. Mit diesen wurde kurzer Prozeß gemacht: – »Du weigerst dich, eine Flinte zu ergreifen? – An die Mauer mit dir! ... – Du hast uns lachend angeschaut ... An die Mauer! – ... Du hast uns vor vierzehn Tagen insultiert! – An die Mauer!« ... Das menschliche Leben wog nicht schwerer als ein Blatt im Winde. Das Echo einer Hinrichtung weckte eine Anzahl anderer. Auf diese Weise war am Morgen E. Moreaus Schwager, der elegante Hauptmann de Beaufort, der Adjutant sämtlicher Kriegsdelegierten, verurteilt worden. Eine Marketenderin und etliche Gardisten des 66. Bataillons, das er einst im Ministerium mit schwerer Strafe bedroht hatte und das, bei einer Barrikade der Rue Caumartin dezimiert, vermutete, von ihm dorthin geschickt worden zu sein, hatten ihn im Vorübergehen erkannt, ihn vor die Karrikatur eines Kriegsgerichts gebracht, dann, über den Urteilsspruch unzufrieden, ihn trotz Eudes' und Delescluzes Bemühungen an einen verborgenen Ort geschleppt und erschossen. Von Mordsucht lechzend, um sich her die drohende Nähe der Versailler fühlend, – glaubte dieser Pöbel sich noch immer nicht genügend gerächt und zwang den ehemaligen Fahnenträger des 66. Bataillons, den blanquistischen Untersuchungsrichter Genton, die Auslieferung der wichtigsten Geiseln, der Gefangenen von Grande-Roquette, zu fordern. Aug' um Auge! Zahn um Zahn! Versailles schießt tot! Paris schießt tot! Das Wohlfahrtskomitee richtet die Kommune völlig zugrunde. Es ist nicht genug an den durch Rigault und Ferré begangenen Einzelmorden, an den fast von allen gewollten Brandstiftungen. Diese Bevölkerung schreit nach Blut; sie mag ihren Willen haben. Man hätte es ihr auch ohne ihr Verlangen gegeben. Ungeachtet Vermorels, Longuets, Ballés', Mortiers Widerstands reißen die Terroristen mit sich, was von der ehemaligen Majorität noch übrig ist. Wie Ferré den 21. Mai die Ordre an den Bürger Direktor der Santé, beim Eindringen der Versailler in Paris die Hinrichtung der Geiseln vorzunehmen – eine glücklicherweise unausgeführte Ordre – unterzeichnet hat, so unterzeichnet er die, welche die Erschießung sämtlicher Insassen der Grande-Roquette anordnet. Genton und sein Sekretär Fortin sammeln ein Peloton von etwa vierzig Mann, Gardisten verschiedener Bataillone, Rächer Flourens', viele unter ihnen betrunken, viele ganz junge Leute. Bei ihrem Anrücken eilt Francois, der Direktor der Grande-Roquette, aus einem nahegelegenen Kaffeehaus herbei. Es ist zwischen vier und fünf Uhr. Die Föderierten verbreiten sich im Hofe, dringen bis in die Kanzlei. Dort befinden sich Sicard, ein Generalstabsmajor, der Ferré vertritt, Vérig, der den Wachposten kommandierende Hauptmann und, rot umgürtet, das Chassepot in der Hand, derjenige, den Rossel den »verrückten Arbeiter« genannt hat, Mégy, der unfähige Verteidiger von Issy, der, nachdem er Eudes geholfen, das linke Ufer in Brand zu stecken, hierher kommt, um, wie eine Schuld sozialen Hasses, den »Rechtsfall« zu erledigen. Der Rechnungsführer, dann auch François selbst, leisten Widerstand: Man könne nicht alle Gefangenen en bloc hinrichten! Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge. Genton begibt sich in die Mairie und kehrt mit der Ordre zurück, nur sechs der Gefangenen zu erschießen, darunter den Erzbischof und den Präsidenten. Nun bleiben noch die vier anderen zu bezeichnen. Man sucht die Gefangenenlisten. Endlich werden sie gefunden. Genton schreibt ein: Jecker, der in die Affaire der Mexikoexpedition verwickelt gewesene Jesuitenpater Clerc und Ducoudray; dann besinnt er sich, streicht Jecker, wählt an dessen Stelle Deguerry, den Pfarrer der Madeleine und fragt François: »Bist du damit einverstanden?« – »Ist mir gleichgültig, wenn es gebilligt wird.« Genton eilt wiederum zum Platz Prince-Eugène. Die Föderierten werden ungeduldig. Mégy tobt: »Verfl ...! hier geht's ja zu wie zu den Zeiten des alten Badinguet!« ... Genton kehrt mit dem unterzeichneten Papier zurück. Es ist sieben Uhr vorbei. Man läutet dem Unteroffizier; Ramain erscheint. François sagt ihm: »Diese Gefangenen hier müssen aus der Krankenabteilung heruntergebracht werden.« Ramain befiehlt einem Wächter, das Gitter der vierten Sektion zu öffnen. Der Mann sagt: »Ich hole nur meine Schlüssel«, wirft den Schlüsselbund, den er in der Hand hält, hinter einen Misthaufen und ergreift die Flucht. Ramain übergibt die Liste einem anderen Kerkermeister, Beaussé, und während das Peloton ins erste Stockwerk hinaufpoltert, holt er seine eigenen Schlüssel, kehrt auf einem anderen Wege zurück und öffnet. Das Peloton teilt sich, der eine Teil nimmt neben dem Gitter, der andere längs des Zellenganges bis hinab in den kleinen Spitalgarten Aufstellung. »Wo ist Beaussé?« Ramain ruft ihn, steigt hinab, findet ihn an eine Mauer gelehnt liegen. Er entreißt ihm die Liste: »Du verstehst nichts von Revolutionen.« Klopfenden Herzens warten die Gefangenen, das Auge ans Guckloch gedrückt. Ramain verliest die Namen: »Darboy!« – »Hier!« antwortet eine ruhige Stimme aus der Zelle 23. – »Bonjean!« – »Hier bin ich. Ich nehme nur meinen Paletot.« – »Lohnt nicht der Mühe. Für das, was man mit euch vorhat, seid ihr gut genug angezogen!« Ein Gefangener nach dem anderen tritt heraus. Man nimmt sie in die Mitte, setzt sich in Bewegung, Ramain voran. Bonjean seufzt: »O mein geliebtes Weib, meine teueren Kinder!« Und in stiller Würde steigen die sechs Opfer hinab. In dem kleinen Garten angelangt, erklärt Mégy: »Das ist ein vortrefflicher Platz.« Doch aus den Fenstern des Spitals neigen sich Köpfe heraus und sehen zu. Vérig und Genton besprechen sich eifrig. Die Gefangenen haben sich auf die Knie geworfen und beten inmitten des Hohngeschreis' des versammelten Pelotons, der Insulten, mit denen die harrenden Föderierten sie empfangen: »Lumpen! Schlemmer! Mörder!« ... eine ganze Flut roher Schimpfworte, unflätiger Schmähungen; so heftig schäumt die Wut, daß ein Offizier sich ins Mittel legt: »Beleidigt nicht diese Leute; wer weiß, was morgen euch geschieht?« Vérig fragt den Erzbischof: »Was hast du für die Kommune getan?« Der Prälat antwortet: »Ich habe eingewilligt, einen Brief nach Versailles zu schreiben ... Ich habe um Nachsicht für die gefleht, die für sie kämpften ... Die Freiheit habe ich stets geliebt und habe mein Leben lang nichts getan, als was ich für das rechte hielt.« Er hatte wohl das Recht, so zu sprechen, dieser Priester mit dem edlen Herzen und den liberalen Ideen, dessen Geist frei und groß genug war, die Unfehlbarkeit des Papstes zu bekämpfen. Voll Bitterkeit dachte er an den vorgeschlagenen Tausch, an die Abreise auf Nimmerwiedersehn des Abbé Lagarde, an all die wiederholten Bemühungen und Schritte, an die erstaunliche Gleichgültigkeit Thiers', der Minister und der Kommission der Fünfzehn, – all dieser Mächtigen, Männer seinesgleichen, Menschen seiner Klasse, die mit einem einzigen, zu rechter Zeit und mit warmem Herzen gesprochenen Worte sie hätten retten können und deren kalte, politische Berechnungen lange vor Ferres Unterschrift ihr Todesurteil gesprochen, sie heute diesen schmählichen Zeremonien preisgaben und sie ebenso sicher töteten wie diese Gewehre ... Seine ernste Sanftmut ist nicht zu erschüttern. Bonjean, dem man die Fäuste zeigt: »Wieviel Verurteilungen Unschuldiger hast du auf dem Gewissen?« verschmäht es, zu antworten und fragt nur, welche Justiz ihn verurteilt. – »Die des Volkes!« – »O!« meint er lebhaft, »das ist nicht die rechte.« Der Tumult wächst: »Vorwärts! Vorwärts!« Der Trauerzug setzt sich von neuem in Bewegung, passiert das Gartengitter und betritt den ersten Rundgang. Monseigneur Darboy wendet sich zu seinen Gefährten und segnet sie: Ego vos absolvo ..., dann nimmt er den Arm Bonjeans, der, an einem Bruch leidend, nur mit Mühe weiterkommt. Mit der anderen Hand trocknet sich der Erzbischof die Stirn, von der der Schweiß perlt; sein Gang ist fest und sicher. Einige Schritte noch und man steht vor dem Gitter, das Todesgitter genannt. Kein Schlüssel. Man läutet. Eine neue Station auf dem Leidenswege. An der Spitze des Zuges murmelt Abbé Allard mit halblauter Stimme das Sterbegebet. Das Gitter öffnet sich, man wendet sich nach rechts, dann nach links. Abbé Deguerry, die Jesuitenpater, sie alle gehen voll männlicher Seelenkraft dem Märtyrertod entgegen. Man befindet sich im zweiten Rundweg, zwischen hohen, schwarzen Mauern, wie in einem tiefen Burgverließ. Im Hintergrund die Außenmauer, die den Raum von der unbegrenzten Weite, vom freien Himmel scheidet. Hierher drängt man die Verurteilten; Ramain hat sich hinweggeschlichen. Stolz in ihr Schicksal ergeben stehen sie dem Peloton gegenüber. Rechts als erster der Erzbischof, dann Bonjean, Ducoudray, Deguerry, Clerc. Der Missionär Allard öffnet seine Soutane und bietet die entblößte Brust den Kugeln der Wilden. Es hat acht Uhr geschlagen. Im sinkenden Licht, in den hereinbrechenden Schatten richtet Mégy sein Chassepot. Die Föderierten legen an. Sicard hebt den Säbel, den Fortin ihm geliehen hat. In zwei langhallenden Salven krachen die Schüsse. Der Erzbischof steht noch aufrecht. »Feuer!« schreit Sicard. Die Körper liegen in einer Reihe auf dem Rücken. Die Gnadenschüsse krachen: Vérig feuert auf den Erzbischof, der sich noch einmal aufgerichtet hatte. Drei Kugeln hatten ihm die Brust durchbohrt. Bonjean, dessen Körper ganz zerfleischt ist, stirbt unter einem zwanzigsten Schuß. Das Peloton zerstreut sich, um seine Heldentaten überall zu erzählen; manche von ihnen rühmen sich, fünfzig Franks verdient zu haben. Fortin verfaßt das Protokoll und trägt es in die Mairie. Man erstattet dem Wohlfahrtskomitee Bericht: »Sie sind tapfer gestorben!« sagt Vérig. – »Sie sind gestorben, wie wir sterben werden!« antwortet Ferré trocken ... Delescluze hört in dem Zimmer, wo er mit einem Freunde arbeitet, ohne sich im Schreiben zu unterbrechen, den Bericht an; als jedoch die Offiziere sich wieder entfernt haben, verbirgt er den Kopf in beiden Händen und stöhnt: »Welch ein Krieg!« und, die Stirn wieder erhebend: »Auch wir werden zu sterben« wissen!« Wer sich noch ein menschliches Gefühl bewahrt hatte, konnte sich einer bangen Empfindung nicht erwehren; schnell aber wieder von der Macht des zermalmenden Schicksals erfaßt, schoben die meisten die Blutschuld auf die Schultern ihrer Nächsten und dachten nicht weiter daran. Vermorel machte dem Gefühl seiner Ohnmacht in dem Ausruf Luft: »Sie werden alles niederschießen! Es bleibt nichts übrig als sich töten zu lassen!« Während im Gefängnis bei Fackelschein Vérig, Ramain und noch etliche andere Elende, nachdem sie die leeren Zellen durchsucht und dem Direktor ihre Beute gebracht, die Toten plündern – der eine schmückt sich mit dem Hirtenkreuz; ein anderer, von einer Silbernadel gestochen, die er aus der Soutane des Erzbischofs zieht, rächt sich dafür mit einem Fußtritt in den Bauch der Leiche: »Schweinehund! der mir noch weh tut!« der dritte stiehlt siebenhundert Franks aus Abbé Déguerrys Tasche, – während die Opfer in zwei Trauerzügen zum Père-Lachaise geführt werden, die drei ersten Leichen in einem kleinen Handkarren, die Jesuiten und der Missionar in einem geschlossenen Begräbniswagen, – indessen wütet eine neue Schreckensnacht, fantastischer noch als die vorhergegangene, unter den dreifachen Flammen der Feuersbrünste, unter einer den Straßen entströmenden Glutofenhitze, unter den Strömen schwarzen, von Petroleumgeruch verpesteten Rauches, der sich gleich einem gigantischen Leichentuch über die brennende Stadt lagert. Das ganze Zentrum von Paris steht in Flammen. Zweihundert Häuser, zehn Paläste, das Theater der Porte-Saint-Martin, Saint-Eustache, die Rue Royale, das Finanzministerium, die Tuilerien, das Théâtre-Lyrique, das Rathaus, das linke Ufer vom Palast der Ehrenlegion bis zum Justizpalast und der Polizeipräfektur tauchen das nächtliche Dunkel in purpurne Pracht, grandiosen Totenfeuern vergleichbar. Jeden Augenblick schießt eine Funkengarbe auf. Die Seine scheint in eine Flut von Blut und Feuer verwandelt. Scharfer Geruch schnürt die Kehle zusammen und beißt die Augen. Über dieser Entfesselung der Elemente tobt der fürchterliche Lärm der Schlacht. Schlag auf Schlag, wütend, unaufhörlich kracht die Kanonade. Die Batterien von Montmartre schmettern auf La Chapelle, La Villette, die Buttes-Chaumont nieder, die mit dem Père-Lachaise antworten und die Stadtteile in denen die Armee langsam, unerbittlich vordringt, mit Granaten bedecken. Die Batterien des Pantheon speien einen Feuerhagel auf die Bastille herab. Die zurückeroberten, schleunigst neu equipierten Kanonenboote gleiten stromaufwärts und durchlöchern die Kais. Das Gewehrfeuer rollt mit solcher Macht, daß es den Ohren auch der ältesten, kampfgehärtetsten Soldaten wie das Heulen eines Gewittersturmes, wie das Brausen der von einem Orkan geschüttelten Wälder erscheint. Auf der ganzen, von Versailles okkupierten Linie, vom Nordbahnhof bis zum Park von Montsouris, besonders aber im Zentrum, tobt der Kampf. In der Morgenfrühe des fünfundzwanzigsten hatte Thédenat trotz der Bitten seiner Frau sich entschlossen, auszugehen, um die letzten Nachrichten zu erfahren. Es drängte ihn hinaus aus seinem Arbeitskabinett, dessen Papiere und Bücher ihn mit Abscheu erfüllten, aus dem Schlafzimmer, in dem sie schlummerlos die Nächte verbrachten, aus dem Speisezimmer, wo die Kanarienvögel aufgeregt im Käfig flatterten, wie die Gedanken in seinem Gehirn. Vorbei waren die schrecklichen Stunden des Harrens und Lauerns hinter den geschlossenen Fensterläden, wo man bange den Atem anhielt und des Abends die Lampe löschte aus Furcht, daß die Vorhänge sich bewegen oder ein Schatten die Aufmerksamkeit erregen, die Kugeln anlocken könnte. Diesem qualvollen Traum der Ungewißheit war die noch tragischere Wirklichkeit gefolgt. O diese gestrige Wanderung zur Dämmerstunde nach dem College de France durch das übergebene, schon mit trikoloren Flaggen geschmückte Stadtviertel. Bürger, Kaufleute vor den Türen, auf dem Fahrdamm, die Soldaten umringend, die Offiziere beglückwünschend, denunzierend, fluchend, das atemlose Getriebe eines brennenden Bienenstockes. Überall Hinrichtungen, auf dem Trottoir liegende geschändete, von Bajonetten durchbohrte Leichen. Überall das Gerücht: »Der Pantheon springt in die Luft!« und noch ein anderer Schreckensruf: »Die Petroleusen!« In der krankhaften Phantasie des durch die Schrecken der Feuersbrünste sinnlos gewordenen Volkes faßte eine Legende Wurzel, welche die vereinzelten Furien, die man in der Rue de Lille Petroleum ausgießen gesehen, in eine zahllose Legion angeworbener, das flüssige Feuer überallhin verbreitender, Tore und Mauern mit brennbaren Stoffen durchtränkender Hexen verwandelte. Mit fieberhafter Hast verstopfte man die Kellertüren mit dem Sand, den Säcken und Pflastersteinen der Barrikaden; die Kellerlöcher wurden mit frischem Gips vermauert. Auf jeder Schwelle wurde eine Wache aufgestellt. Wehe dem, der einen Krug, eine Flasche, einen Milchtopf trägt. Jedes Dienstmädchen, jede Magd wird zur Megäre gestempelt, sofort verdächtigt, insultiert, vor die Gewehre, ins Gefängnis geschleppt. Unter dem Tor des ihrer Obhut anvertrauten Hauses steht die Louchard, den Besen in der Hand, mit drohender Miene, von Selbstgefühl gebläht. Sie ist die Verkörperung der wieder hergestellten Autorität, der Schönheit der Ordnung. Neben ihr steht Louchard, im Vollgefühl seines Triumphes schwelgend. Sobald die Chasseurs zu Fuß Herren der zweiten Barrikade waren, hatte er den unterirdischen Schlupfwinkel verlassen, in dem er sich seit der Nachricht von dem Eindringen der Armee versteckt gehalten hatte. Er trägt eine blau-weiß-rote Armbinde, die den halben Ärmel bedeckt, auf dem noch aus der Zeit vor dem Kriege datierenden Rock das wieder zu Ehren gekommene Kreuz, darüber eine blaue Schürze. Seine Füße stecken in gestickten Pantoffeln, sein kahler Schädel ist mit einer griechischen Mütze bedeckt. Vorhin war man gekommen, ihn zu verhaften – der Racheakt irgend eines Nachbarn, – im Luxembourg jedoch hatte er ein mysteriöses, kleines Papier aus der Tasche gezogen und war hocherhobenen Hauptes heimgekehrt. Jetzt macht er, mächtiger denn je, die Gesetze. Sein Gruß für Thédenat hat eine Nuance wohlwollender Geringschätzung; er ist ein besserer Patriot als dieser rotgefleckte Republikaner. Thédenat zuckt die Achseln und geht weiter. Wohin? Er wendet sich vom Luxembourg ab, von dessen das große Bassin beherrschenden Terrassen aus regelmäßige Detonationen krachen. Das ist die Gerichtsbarkeit, die dort ihres Amtes waltet. Es scheint, daß in allen Mairien Kriegsgerichte tagen und summarische Justiz üben ... Er denkt an jene, die selbst ohne diese Formalität gefallen sind – an den alten Simon der als Soldat für seine Überzeugung starb, an Louis und Rose, die in voller Jugendblüte hinweggemäht wurden ... die Unglücklichen! ... An der Ecke der Rue Saint-Jacques hält ein großer Möbelwagen, mit Särgen aus rohem Holz beladen. Thédenat tritt näher, ein Offizier fährt eine alte Frau, die nicht von der Stelle zu bringen ist, barsch an... Diese Haltung, das verstörte Gesicht ... Unwillkürlich entfährt ein Ausruf der Überraschung Thédenats Lippen, er erkennt die festen, einst so sanften Züge, die mattblauen, jetzt noch matteren Augen, in die sich doch die ganze Seele geflüchtet zu haben scheint, den Ausdruck des Schmelzes und der Verzweiflung. Therese Simon! Ihre Haare sind ganz weiß ... »Sie!« ruft er. Er errät den Zusammenhang. Der Offizier blickt ihn mißtrauisch an und brummt: »Wenn man Ihnen schon sagt, daß die Särge für unsere Soldaten sind. Die anderen ...!« Thédenat legte die Hand auf Theresens Arm: »Kommen Sie! ... Bleiben Sie nicht hier!« Er zieht sie mit sanfter Gewalt fort. Mit langsamer, tonloser Stimme, erklärt sie ihm ... Die drei Leichen ... Sie sucht sie überall ... Ja, doch, sie wird sie finden ... »Sie sollten lieber nach Hause gehen ... Wenn Anatole ...« – Nein, sie hofft nichts mehr. Auch er tot, erschossen wie die anderen ... Leise, eigensinnig schüttelt sie den Kopf und läßt sich fortführen. ... Plötzlich aber, an der Ecke der Rue Malebranche, benutzt sie einen Augenblick, als Thédenat sich abwendet, und rennt wie eine Irrsinnige davon ... Die Leichen! ... Thédenat sieht ihr nach, wie sie sich niederbeugt, sich wieder aufrichtet; immer weiter streift sie auf ihrer unheimlichen Suche, von unermüdlicher Verzweiflung getrieben. In der Rue Royer-Collard, bei einer Barrikade, vor der noch Tote liegen, steht ein Häuflein Männer, zu Boden gebückt ... Hat Therese auch hier gesucht? Thédenat hat kaum zehn Schritte getan, als er angewidert zurückweicht. Diese Leute mit den Galgengesichtern und den zerlumpten Kleidern sind damit beschäftigt, die Toten zu plündern und die Beute in große Sacke zu füllen. Sie wenden die Taschen um, reißen die goldenen Borten ab, ziehen die Stiefel von den Füßen der Leichen und stehlen, was sie nur irgend brauchen können, Schmucksachen, Messer, Portemonnaies, Knöpfe ... Dann wird der Sack über die Schulter geworfen und die grausige Arbeit an einer anderes Stelle fortgesetzt. Wohin gehen, was beginnen? Thédenat ist, als müsse er in dieser unerträglichen von Brandgeruch und Blut vergifteten Atmosphäre ersticken. Seine bangen Gedanken wandern von einem zum andern. Poncet? Martial? Was machen sie, wo sind sie? Und Jacquenne? Erschossen sagt man ... Und Du Breuil? Er leidet in der Seele jedes einzelnen und stellt sie sich in unausdenkbaren Qualen schmachtend vor. Ein Bataillon hält rastend vor dem Gitter des Luxembourg. Thédenat hört, wie ein vorbeireitender Generalstabsoffizier einer Gruppe von Offizieren zuruft: »Wir haben schon über zwölftausend Gefangene!« ...Und wieviel Tote? Thédenat flieht die Straße; die Bibliothek des Collège de France lockt ihn wie ein Asyl der Ruhe ... Sie ist glücklicherweise unversehrt geblieben. Ein Schauer schüttelt ihn bei dem Gedanken, daß das Feuer, wie es die Bibliothek des Louvre verschlungen, so auch die Nationalbibliothek, die Archive hätte zerstören können. Er will, er kann seine Gedanken nicht sammeln, er kann nur noch leiden und betritt wie betäubt den Palast. Seit gestern tagt hier ein Kriegsgericht. Schnell durcheilt er die Höfe, die Treppen, die Säle; von fern, von nahe füllt das Getöse der Detonationen die Luft, treibt ihn weiter und verfolgt ihn bis in das Fauteuil, in das er sich geworfen inmitten der auf Wandgestellen angehäuften Bücher, wo im Leichentuch der Seiten der tote Geist und der tote Buchstabe, alle die Ratschläge des Genies, alle machtlose menschliche Weisheit schlummern. Den ganzen Tag hindurch dröhnt unter dem blauen, sonnenüberfluteten Himmel der Donner der Schlacht. Cissey zermalmt mit seiner mächtigen Artillerie die Butte-aux-Cailles, wo Wrobleski die Verteidigung des linken Ufers leitet und sich seit gestern heldenmütig vor einer in Unschlüssigkeit verharrenden Division behauptet. Doch die letzten Forts, Ivry, Bicêtre, sind von selbst gefallen, von ihrer Garnison verlassen; die Kavallerie Du Barail braucht sich nur zu zeigen und einzuziehen. Da schleicht längs der Befestigungen bis zur Seine eine Brigade von Liniensoldaten: die Brücke Napoleon, der Warenbahnhof von Orleans ist genommen. Von vorn, von der Seite greifen zwei andere Brigaden die Butte-aux-Cailles an, erstürmen die Gobelinfabrik, die die Föderierten im Fliehen in Brand gesteckt haben und dringen bis zur Mairie des XIII. Arrondissements vor. Wrobleski läßt zwanzig Geschütze, Mitrailleusen, Hunderte von Gefangenen im Stich, um sich an den Place Jeanne-d'Arc festzuklammern, von wo ihn Bocher vertreibt und dabei noch weitere siebenhundert Gefangene macht. Wrobleski hat kaum noch Zeit, sich über die stark verteidigte Brücke von Austerlitz zurückzuziehen. Lacretelle hat den Angriff auf die Halle aux Vins und den Jardin des Plantes eröffnet. Drei Brigaden Vinoys, unter Bruat, sind bereits dort eingedrungen, erstürmen den Bahnhof von Orleans und stoßen auf die Brücke. Ein Vordringen unmöglich. Von jenseits des Wassers ist die Brigade La Mariouse den Kai Morland entlang marschiert und erreicht das Getreidemagazin, aus dem augenblicklich die Flammen emporzüngeln und ihre blendende Fantasmagorie, ihr vielfarbiges Feuerwerk verbreiten. Keine Möglichkeit, den von den Granaten des Pont d'Austerlitz und des Boulevard Bourdon bedeckten Ouai de l'Arsenal zu betreten. Die Flottille liegt im Feuer vor Anker, die Besatzung ist dezimiert und schießt mit verzweifelter Gewalt. Geniesoldaten erreichten am Ausgang des Kanals Saint-Martin einen Steg. Ein Regiment stürmt vor, nimmt den Kai de la Râpé. Die Brücke ist abgebrochen. Bald, öffnet sich jene von Bercy, dessen Kirche brennt. Cissey ist Herr des ganzen linken Ufers und sämtlicher Brücken. Binoys dritte Division, Bergé, hat die Barrikade rings um die Bastille genommen und bedroht den Platz, auf dem erbitterter Widerstand geleistet wird. Der Bahnhof von Lyon ist in den Händen der Versailler, ebenso Mazas, wo die empörten Geiseln und Gefangenen den Direktor hindern, Feuer zu legen. Alle Bestrebungen auf dem rechten Ufer zielen auf den Kreuzweg von Thateau d'Eau, dessen Verschanzungen, die Kaserne Prince-Eugene und die Magasins-Réunis mit dem Boulevard verbindend, Belleville, die Buttes-Chaumont, den Père-Lachaise decken. Zur Rechten von Douay unterstützt, der die Nationaldruckerei erstürmt und auf dem Boulevard du Temple Halt macht, steht das ganze Korps Clinchant im Feuer. Straße um Straße, an den Barrikaden sich brechend, hier sich eindrängend, dort zurückschlagend und mit seiner unwiderstehlichen Gewalt alles mit fortreißend, rückt der Menschenstrom mit elementarer Wildheit vor. Über den Kai Balmy, die Straßen Magnan, de la Douane, wo Brunel mit den Zöglingen der Kommune sich wütend wehrt und verwundet fällt; über die Boulevards Magenta und Saint-Martin, die Rue Turbigo fluteten die Regimenter, wüten die Batterien. Das Gewerbemuseum, die Kaserne Prince-Eugène werden überwältigt. Über das ganze II., III. und X. Arrondissement ergießt sich die lebendige Flut, brandet mit wütender Macht gegen die Barrikaden des Boulevard Voltaire. Auf den Platz des Chateau-d'Eau stürzt ein Platzregen von Kugeln und Granaten, alles durchbohrend, verbiegend, umstürzend. Die Fontaine liegt in Trümmern. Der Boden ist mit gebrochenen, entblätterten Baumstämmen und Ästen besät. Wieder kommt unter Lärm und Rauch der Abend, der linde, weiche Abend. Seit vier Tagen und drei Nächten glüht der Hochofen, in dem einer blendenden Sommersonne schauerlicher Flammenschein folgt, in dem das fließende Blut, der schwellende Saft, alles Lebendige von einem Rausch des Lichtes erfaßt wird. Über diesem Taumel von Leben und Tod entfaltet der wundervolle, Frühling das Füllhorn seiner Wonnen und eine leuchtende Pracht, wie sie herrlicher noch nie vom tiefblauen Himmel gestrahlt hatte. In der ganzen Stadt wächst der menschenmörderische Wahnwitz. Paris schießt tot, Versailles schießt tot. Die Ermordung der Geiseln wird bekannt und erregt einstimmiges Entsetzen. Morgen wird man den an Jecker verübten Mord erfahren: am Morgen war Genton mit einer Ordre Ferrés erschienen, hatte den Bankier verhaftet, ihn mit Hilfe François' und Vérigs in eine entlegene Gasse geführt und ihn dort erschossen; Jeder bezahlte in Ermangelung eines anderen Lösegeldes »seine Mitschuld an Mornys Verbrechen« mit dem Tode. Morgen wird man die brutale Niedermetzelung der Dominikaner von Arcueil in der Avenue d'Italie erfahren. Den zwölften, als der Geheimkorrespondenz mit Versailles verdächtig, gefangen genommen, von Bicêtre im Gefängnis der 9. Sektion geschleppt, will man sie zwingen, bei der Errichtung einer Barrikade mitzuhelfen. Der eine der Väter weigert sich: »Wir werden nicht die Arbeit von Kämpfern leisten, aber wir werden eure Verwundeten pflegen.« Der Kampf kommt näher, die Verzweiflung der Föderierten wächst. Dort steht das 101., das berüchtigte Bataillon Sérizier. Ein Unteroffizier öffnet den Kerker: »Rettet euch!« Einer der Mönche nach dem anderen verläßt die Zelle, man schießt sie nieder wie Hasen im Lauf. Fünf Dominikaner, sechs Angestellte der Schule liegen auf dem Boden. Und man wird auch die massenhafte Niedermetzelung der Föderierten, der Verdächtigen, der Unschuldigen erfahren, aber man wird sich den Anschein geben, nichts davon zu wissen oder sie als eine nur allzu gerechte Strafe bezeichnen. Für etwa fünfzig Geiseln, Widerspenstige, »Verräter« werden Hunderte und Hunderte von Parisern hingeopfert. Nur sieben- oder achttausend Menschen sind noch von der Menge übrig, die sich am 18. März vertrauensvoll erhoben hatte. Die übrigen schleppen sich, wie Thiers an die Präfekten telegraphiert, in Gefangenenkolonnen hin oder schlafen in eilig ausgeschaufelten Gruben, in den die Luft verpestenden Haufen den ewigen Schlaf ... »Dank der Umsicht der Generäle ... hat die Armee nur geringe Verluste erlitten ...« Was tut's, wenn dafür Paris brennt, wenn sein Boden mit Leichen besät ist? In der Mairie des XI. Arrondissements wird ein Todeskampf gekämpft. In den vier Arrondissements, welche sie noch behalten haben, sind die letzten Scharen im Paroxymus des Untergangs sich selbst überlassen. Die Chefs haben den Kopf verloren. Während ein Teil im Feuer steht, scharen sich die übrigen in der Mairie um Arnold und trinken ihm die Worte von den Lippen wie einen Zaubertrank, der die armen Gehirne vollends verwirrt und diese Verirrten dem Trugbild eines Ausgangs entgegentreibt... »Ein Sekretär des amerikanischen Ministers Washborne, der Geschäftsträger für Deutschland, ist gekommen, um die Vermittlung der Preußen anzubieten; sie wollen aus Menschlichkeit die Föderierten retten ...« Eine Kommission von drei Mitgliedern möge sich nach Vincennes begeben, um sich dort mit dem deutschen Generalstab ins Einvernehmen zu setzen. Delescluze fährt entrüstet auf, warnt vor der schmählichen Falle ... Der Pseudo-Sekretär wird vorgelassen und besteht auf seinem Auftrag ... Und als wäre die Wirklichkeit ausgelöscht, als bestände nicht jener Vertrag, laut dessen der Kronprinz von Sachsen die neutrale Zone Ladmirault überließ, und jeden, der die Linien zu durchbrechen versuchte, niederschießen ließ, – so drängten sich dieselben Männer, die früher am erbittertsten gegen die Sieger gewütet hatten, um Delescluze und bestürmten ihn, sich der allgemeinen Rettung zu widmen. Er gibt nach; mit Arnold, Vermorel, Vaillant und dem verdächtigen Amerikaner, der aus dem Schatten emporgetaucht war, um gleich wieder darin zu versinken, macht der Veteran sich auf den Weg zur letzten Opfertat, zu dem seltsamen, letzten Versuch. Wachposten halten ihn an der Barriere an, schreien Verrat und bedrohen ihn. Man kehrt zurück, um sich von Ferré einen Passierschein ausstellen zu lassen ... Umsonst! ... Der Posten weigert sich, die Zugbrücke herunterzulassen. Beschämt kehrt die Kommission zurück. Da fühlten jene, in denen noch nicht alles Rechtsgefühl erstorben war, daß die Stunde schlug, da es galt, dem Tod ins Auge zu sehen. Delescluze begrüßt ihn, bei seiner Rückkehr mit Schmähungen und Mißtrauen empfangen – man glaubte, er wollte entfliehen, – wie eine Erlösung. Man trifft die letzten Maßregeln. Wenn das Chateau-d'Eau fällt, wird man sich mit dem Rest der in der Petite und der Grande-Roquette eingeschlossenen Gefangenen, Priester, Gendarmen und Soldaten, in das XX. Arrondissement zurückziehen. Es sind ihrer mehr denn tausend, – die in Paris Gebliebenen, die sich am 18. März in der Kaserne Prince-Eugène in die Brust geworfen und bei der Nachricht vom Eindringen der Armee als letzte Geiseln in sichern Gewahrsam gebracht worden waren, als Rettungsriegel, hinter dem sich vielleicht noch unterhandeln ließ; wenn nicht, waren sie dem Tode verfallen. Delescluze ist zum Sterben bereit. Er hat einen Abschiedsbrief an seine Frau geschrieben; er verläßt die Mairie, wohin die schöne Dmitrieff den verwundeten Frankel bringt. Er begegnet Wrobleski, der aus der Butte-aux-Cailles kommt und ihm den Oberbefehl anträgt. Doch wozu ein General, wo nur noch wenige Soldaten sind! Und in seinem gewöhnlichen Anzug, in schwarzem Beinkleid, Rock und Hut, begibt sich der alte Jakobiner, von Jourde und Lissagaray begleitet, zum Chateau-d'Eau. Es ist beinahe sieben Uhr, die Sonne geht unter. Unterwegs begegnet man Lisbonne mit gebrochenen Beinen in einem Wägelchen, Vermorel, dessen Hüfte zerschmettert ist, auf einer von Theiß und Jaclard getragenen Bahre. Hageldicht schwirren die Kugeln. Delescluze ist jetzt allein; im Promenadenschritt mit der roten Schärpe umgürtet, nähert er sich der Barrikade, auf seinen Stock gestützt. Langsam und ruhig besteigt er die ersten Stufen und sinkt nieder, von drei Kugeln durchbohrt, von denen eine ihn ins Herz getroffen. Mit solcher Heftigkeit wütet der Orkan der Geschosse, daß keiner sich zu nähern wagt, um die Leiche aufzuheben ... Erst drei Tage später wird sie gefunden. Immer tiefer sinkt die Nacht herein, von tragischem Feuerschein erhellt. Lange schon ist Thédenat heimgekehrt in seine enge, hochgelegene Wohnung, von der aus seine Studierlampe allabendlich, einem Leuchtturm gleich, über die Stadt hinausblickte. Er vermochte seine Betäubung noch immer nicht abzuschütteln. Wie an einen flüchtigen Lichtblick dachte er an die Freude, mit der er sekundenlang Renan die Hand gedrückt. Sein berühmter Freund, der tags zuvor beim ersten Widerschein der Feuersbrunst aus Versailles herbeigeilt war, um wenigstens die Rettung der Bibliotheken zu versuchen, hatte ihm von seiner ergreifenden Wanderung von der Sorbonne nach Saint-Geneviève erzählt, von seinem kurzen Aufenthalt in dem wie durch ein Wunder – unter dem Haustor waren mit Teer gefüllte Kisten zurückgelassen worden – verschont gebliebenen Institut de France, im Louvre, wo von den Tausenden von Bänden nichts übrig war als ein Riesenhaufen schwarzer, noch glühender Asche. Thédenat dachte an Renans schmerzlich verstörtes Antlitz, an das Auftauchen dieses reinen Geistes inmitten des Sturms von Roheit und Bestialität und empfand nur noch tiefer seine tiefe Niedergeschlagenheit. Ach! das Denken dies nutzlose Denken!... Vor seinem Tische im Lehnstuhl zusammengesunken, vor der erloschenen Lampe drückte er schweigend die Hand seiner Lebensgefährtin und fühlte sich alt, gedemütigt, gebrochen ... Greller Purpurschein erhellte die Finsternis, drang in das Dunkel des Zimmers ... Sie horchten auf den zuweilen von kurzen Detonationen, von Jammergeschrei unterbrochenen Donner der Schlacht ... Durch die geschlossenen Scheiben sahen sie die rötliche Nacht über den schwarzen Luxembourg, über die eroberte Stadt sich breiten. Ihre Träumereien verloren sich nach jenem so oft und so sehnsüchtig betrachteten Horizont, nach dem Kranz der Hügel, hinter denen ihre Hoffnungen das Nahen der Provinz, den Anmarsch der befreienden Armee herbeigesehnt hatten. Sie waren gekommen. So waren sie gekommen! ... Mit namenlosem Abscheu versank Thédenat in das grausige Dunkel; aus diesem unerwarteten Strahlen der Lichtstadt, das zum drittenmal die Nacht in Purpurröte tauchte, traten die Gestalten aller jener, die von den fernen, dichtbesetzten Höhen wie von den Logen eines Theaters aus dem schauerlichen Schauspiel beiwohnten; hier die schreckerstarrten Bürger, die haßerfüllten Deputierten, die ganze dem Wild nachjagende Meute von Versailles; dort, ihre Freude in ernstem Schweigen genießend oder mit dem Glase in der Hand mit unflätigen Worten feiernd, die Masse der glücklichen Sieger, – und dahinter, aus allen Winkeln des trauernden, zertretenen Frankreich, des bestürzten Europa und der voll Interesse zusehenden Welt die Blicke auf den barbarischen Feuerschein gerichtet, auf all das, was Paris gewesen und was nun, wie durch ein gewaltiges Erdbeben, in einem Riesenkrater blutiger Lava versank. III. »Nun?« riefen gleichzeitig die alte Frau von Grandpré und Frau Bersheim, Anina und Claire. Herr von Grandpré war eben eingetreten. In dem geräumigen Salon, in den trotz des feinen Regens helles Licht durch die hohen Fenster fiel, herrschte die gewohnte Traulichkeit, die Harmonie der alten Möbel, der diskrete Luxus, die ruhige Behaglichkeit. Vor der Terrasse breitete sich die smaragdgrüne Fläche des ovalen Rasens, rauschten leise die Wipfel der alten Bäume. Bersheim, in ein Fauteuil zurückgelehnt, richtete einen besorgt fragenden Blick dem Eintretenden. In dieser unerhörten Aufeinanderfolge von Katastrophen war er stets auf das schlimmste gefaßt. Doch Grandpré berichtete mit sichtlicher Zufriedenheit: »Ich komme vom Mont-Valérien. Man kann leider heute infolge des Regenschleiers nicht so deutlich sehen wie gestern. Trotzdem war die Zahl der Zuschauer nicht geringer, sogar Deputierte der Linken waren dabei ... Ich wäre nur neugierig, wenn ich mit diesen Herren verkehrte, zu wissen, was sie davon halten?« Bersheim antwortete nur mit einer müden Handbewegung. Die Republikaner stimmten in die allgemeine Meinung ein als ehrliche Patrioten, aber um so tiefer entrüstet, als sie den Tadel, den Vorwurf der Mitschuld auf sich zurückfallen sahen. Über diese gesellschaftsfeindlichen Verbrechen entsetzt und ihre eigene Sache durch eine ungerechte Gegenwirkung gefährdet sehend, beugten sie aus Berechnung und aus Vorsicht die Schultern unter diese siegreiche Reaktion, mit der man sich fortan wohl oder übel verhalten mußte. Sie waren froh, Paris rechtzeitig verlassen zu haben; ihre Fehler, die Schuld des Siegers verschwanden in ihren Augen vor den Exzessen der Besiegten. Die alte Dame erkundigte sich in aller Namen: »Wie steht es mit der Armee, Georges?« Stolz faßte Grandpré die letzten Telegramme Thiers' zusammen über den täglich angekündigten, verzögerten, aber gewissen, definitiven Sieg. Nur noch ein wenig Geduld! Zu Anina gewandt berichtete er, daß das linke Ufer beinahe vollständig erobert, Chenot im Pantheon sei; Du Breuil sei gestern gesehen worden, es ging ihm gut. Anina und ihre Mutter wechselten einen frohen Blick. Sie zählten die Stunden. War es denn noch immer nicht zu Ende? Auch sie hatten nicht geglaubt, daß dieser Straßenkampf so lange dauern würde ... Acht Tage schon, seit Pierre sie verlassen ... Monate schienen es! ... Gleich ihm hatte auch Anina dies seltsame Gefühl: sich so nahe wissen, so fern fühlen, durch diese furchtbaren Stunden, in denen Raum und Zeit versank, geschieden ... Der beständige Donner der Schlacht tat ihr fast körperlich weh. In Gedanken folgte sie dem Geliebten mit heißer Leidenschaft, klammerte sich mit ganzer Seele an die Hoffnung, als hätte sie damit ihn schützen können. Um sich her vernahm sie Ausrufe der Entrüstung. Grandpré erzählte, was er über die Geiseln wußte und was man noch befürchtete. Glücklicherweise sollte strenge, radikale Gerechtigkeit geübt werden. »Es war zuerst zwischen Mac-Mahon und Thiers verabredet«, erklärte er, seinen Schnurrbart streichend, »daß nur derjenige, der mit Waffen in der Hand angetroffen wird, erschossen werden sollte. Wie aber soll man angesichts all dieser Gewalttaten, im Feuer der Aktion sich nicht vom Zorn hinreißen lassen? ... Unsere wackeren Truppen leisten gute Arbeit ... Bah! es bleiben immer noch zuviel! ... Augenblicklich sind strenge Gerichtsbehörden im Begriff, das schlechte Korn vom reifen zu scheiden ... Satory ist bereits überfüllt ... Thiers war angesichts dieser Menge ratlos, wo sie unterbringen. Rechtzeitig hat er sich jedoch noch erinnert, was die Engländer ehemals mit ihren Kriegsgefangenen machten: die Pontons! Wir werden diese in ganzen Scharen in die Häfen expedieren und die alten Schiffe zu diesem Zwecke herrichten.« Er rieb sich die Hände: »Gleichzeitig benutzten wir die Unterdrückung der Demagogen, um ihnen die Gewehre zu entwinden, von denen sie einen so netten Gebrauch machten ... Sie sollen auf lange Zeit hinaus unschädlich gemacht werden! Die Strafe ist der Schuld nur angemessen.« Er betrachtete seine glänzenden Nägel, seine schmalen Finger, als bewunderte er deren Weiße. »Wissen Sie noch, Bersheim, wie wir von dem Abszeß sprachen, von dem riesigen Abszeß, der sich im sozialen Körper gebildet hatte? Ich sagte Ihnen damals schon, daß er geöffnet werden müsse. Jetzt ist man im Begriff, die Operation, und zwar aufs gründlichste, vorzunehmen.« Er machte eine Bewegung, als wollte er mit dem Messer tief ins Fleisch schneiden. Und dabei lächelte er selbstzufrieden auf seine gepflegten Hände herab, die so vornehm, bleich und sauber waren, als könnte keine politische Operation, so blutig sie auch sei, sie je beflecken. Bersheim murmelte: »Schließt denn die Gerechtigkeit das Mitleid aus?« Grandpré blickte ihn mit einem Ausdruck etwas geringschätzigen Wohlwollens an: »Mitleid, ganz gewiß, aber etwas später ... Wenn erst die Feuersbrünste erloschen, die Geiseln befreit sind, Paris der Ordnung und Ruhe wiedergegeben ist ... Wenn die Untersuchungskommission, von der die Rede ist, die Ursachen des, Aufstandes erforscht, die Verantwortlichkeiten festgestellt hat. Die Begnadigungskommission, der Thiers die Angelegenheit zu überlassen gedenkt, wird vielleicht ihre Aufgabe ausführen können.« Bersheim schwieg verdüstert. »Hast du uns nicht auch etwas tröstlicheres mitzuteilen, mein Sohn?« »Habe ich dir schon gesagt«, versetzte er mit taktvoller Betonung, »daß Hochwürden, der Bischof, in einem Brief an die Nationalversammlung notifiziert hat, daß die von ihr verlangten öffentlichen Gebete Sonntag stattfinden werden? Man hat allen Grund, anzunehmen, daß der Sieg bis dahin vollständig sein wird. Dann würden die Gebete gleichzeitig zu Danksagungen ... Gott sei Dank, der häßliche Materialismus ist überwunden! Von allen Seiten wenden die Herzen sich wieder dem göttlichen Gefühle zu. Dieser Tage ist in der Präsidentschaft ein ungemein edler, vom Kardinal-Erzbischof von Rouen und mehreren Bischöfen als Wortführer ihrer Getreuen unterzeichneter Brief eingetroffen. Darin wird die Nationalversammlung beschworen, die Regierung aufzufordern, sich mit den fremden Mächten wegen Wiedereinsetzung des Papstes, in die Ausübung der weltlichen Macht ins Einvernehmen zu setzen.« Bersheim lächelte bitter: der Augenblick war gut gewählt. Die Flügeltür wurde geöffnet. Mit majestätischer Grandezza verbeugte sich der greise Oberhofmeister: »Frau Gräfin, es ist angerichtet.« Mit dem ersten Strom der Beamten, Polizeileute, Journalisten, Lebemänner, der der Masse der Armee gefolgt war, hatte auch Blacourt sich in die Hauptstadt eingeschlichen. Ein vom Versailler Generalstab der Nationalgarde ausgestellter Passierschein hatte es ihm gestattet, durch die Vorposten zu gelangen. Am Morgen des zweiundzwanzigsten war er, von übermächtigem Verlangen getrieben, den allzu langsam vorrückenden Truppen vorangeeilt. Er überholte die Vorposten und erreichte das Entresol der Rue de Provence, wo er Maddalena allein zu finden hoffte – Malonsky war ohne Zweifel bei der Einnahme der Muette getötet worden ... Mit Wonne stellte er sich die Kanaille auf dem Boden liegend, die Füße in die Höhe gestreckt, vor. Dieses Bild bot ihm die Befriedigung seiner Rache für sein verlorenes Phaeton, für die gestohlenen Geldsummen. Er fühlte sich durch die Niederlage der Kommune gestärkt und ermutigt: diese Leute mußten jetzt auf die Knie fallen, fliehen und verschwinden wie Vagabunden und Gesindel! ... Ein Pflasterstein, den er überspringen mußte, um eine Barrikade zu passieren, verursachte ihm Übelkeit ... Maddalenas Antlitz löschte alles aus ... Wie er sie liebte! Diesmal sollte sie sich ihm nicht entwinden! Mit Küssen wollte er dieses angebetete, verfluchte Fleisch bedecken, in einer Umarmung diesen stets fliehenden, endlich besiegten Körper brechen. Und dann? Er wußte es nicht, er wälzte in seinem Innern ungeheuerliche Rachegedanken: sie ausliefern, sie gefesselt, gefangen fortführen, sie erschießen sehen ... Oder sie als seine Magd, seine Sklavin bei sich behalten ... Das Herz klopfte ihm, als wollte es die Brust sprengen, die Knie wankten ihm, als er leise läutete ... Das Geräusch eines jäh verstummenden Streites dringt an sein Ohr, er läutet noch einmal, die Tür öffnet sich ... Ein hageres Gesicht, eine Hakennase, ein rötlicher Bart, ein mißtrauischer Blick unter Brillen hervor ... Blacourt erkennt diesen geheimnisvollen Besucher, den Maddalena ihm als einen schlesischen Juden und Stoffhändler genannt hat. Er parlamentiert, er erhebt die Stimme in der Hoffnung, daß sie hören möge. Hinter der Tür wird eine fluchende Stimme laut. Blacourt erbleicht: das ist Malonskys Stimme. Im selben Augenblick erscheint Maddalena ... Sie sieht unfreundlich aus, ihre Augen funkeln in der unnatürlichen Blässe des Teints. Die goldigen Haare flattern ihr gelöst um die nackten Schultern, sie ist im Unterrock. Der herrliche Busen leuchtet durch das zarte Gewebe ... Blacourt stammelt vor Freude. Sie zuckt die Achseln: »Lassen Sie, Guldmann! Er kann eintreten.« Der Jude verriegelt unzufrieden wieder die Tür und folgt ihnen ins Zimmer. Malonsky liegt in einem Fauteuil, stemmt die Füße gegen den Kamin und lacht höhnisch. Dem harten Gesicht verleiht der wildwuchernde Bart etwas tierisches; der Blick ist stier und eisig. Er empfängt Blacourt wie einen Hund, wirft ihm eine Flut von Schimpfworten an den Kopf, die er mit einem: »Dorthin kuschen!« beendet. Und wirklich setzt sich der Geck gehorsam nieder und erhebt seine glänzenden Augen voll Anbetung und hündischer Demut zu Maddalena. Sie verhandelt halblaut mit dem Juden, der in gebietendem Tone spricht und sich abwendet, um eine Rolle von Goldstücken abzuzählen; Maddalene überwacht ihn mit gierigen Blicken und scheinbarer Gleichgültigkeit. »Hier, nehmen Sie!« sagt er. Die hübschen Finger schließen sich fest. Blacourt hört die Worte: »Die zwei Pässe ... Schnell fort.« Schon steht der Jude, von Maddalena geleitet, auf der Schwelle und entfernt sich ohne Gruß. Auf dem Tische schauen unter seiner Zigarrenkiste die beiden Pässe hervor. Auf dem oberen liest Blacourt: Magdalene Wünsch, zweifellos ein angenommener Name, der Maddalene bei ihrer Flucht behilflich sein soll ... bei der Flucht – mit Malonsky! Mit aller Macht wallt der Zorn in ihm auf, in diesem Augenblicke könnte er sie kalten Blutes morden! Sie kehrt zurück. Ohne sich im geringsten um ihn zu kümmern, als ob er Luft wäre, weniger als Luft, dieser Narr, der nur noch dazu gut ist, sich ein hübsches Sümmchen abzapfen zu lassen, – denn da er wiederkommt, kommt er sicherlich mit vollen Taschen, – spricht sie den in mürrisches Schweigen versunkenen Polen an: »Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir fort wollen ...« »Und ich?« fragt Blacourt mit weinerlicher Stimme. Verwundert blickt sie ihn an. Sie findet ihn drollig. Doch im Grunde genommen, man kann seine Goldstücke brauchen ... »Wie, mein Junge, so anhänglich? So lauf' ins Rathaus und schau, ob du einen deutschen Paß bekommst; vielleicht ist noch einer übrig.« Da jedoch springt Malonsky auf wie von einer Viper gestochen, das Gesicht vor Wut verzerrt. Er faßt Maddalene an den Handgelenken und schüttelt sie. Ob sie ihn für einen so elenden Spion hält, wie sie selbst, ist? Für den König von Preußen arbeiten? Fehlgeschossen, Kleine! Weil man gern am Spieltisch sitzt und die Champagnerpfropfen knallen läßt, folgt daraus noch nicht, daß man ein Feigling sein und die Republik verraten müsse. Malonsky ist in Polen ein geachteter Name. Einer seiner Vorfahren wäre beinahe König geworden... Und plötzlich erklärte er mit gellendem Lachen und rollenden Augen, Kaiser Wilhelm habe es an Rücksichten gegen ihn fehlen lassen... Beim letzten Souper, das sie mitsammen genommen, habe dieser Tropf sich geweigert, ihm die Hand zu drücken und auf seinen Teller gespuckt... Maddalena und Blacourt tauschten einen Blick des Entsetzens: er war plötzlich irrsinnig geworden! Malonsky erriet ihre Gedanken; plötzlich befahl er mit gebieterischer, furchterregender Ruhe: »Vorwärts! Malonsky wird bis, ans Ende mit seinen Freunden kämpfen. Du, mein Kätzchen, und du, Dicker, ihr werdet mir folgen. Auf die Barrikaden, meine Lämmchen!«... Als sie zögerten, zog er einen Revolver aus seinem Gürtel: »Vorwärts! der erste, der zu fliehen versucht, wird niedergefeuert!« Er zielte auf Blacourts Spiegelbild, drückte den Hahn los, das Glas zersplitterte unter donnerndem Krachen. Blacourt stand wie von Angst gelähmt, Maddalena flehte. Malonsky stieß die beiden vorwärts. »Nein, nein, keine Pässe!« Er zerriß die Papiere, und streute die Fetzen über den Fußboden, dafür steckte er jedoch die Geldrolle sorgsam in die Tasche. Und als sie aus dem Schrank ein Kleid nehmen wollte, entriß er es ihr: »So gefällst du mir gerade!« Die Dirne, gab nach, von der Kraft des Mannes unterjocht, von der Gefahr eingeschüchtert. Und nun begann für sie ein Dasein unglaublicher Abenteuer: ziellose Gänge von einem Stadtteil zum anderen, stundenlanges Arbeiten unter sengender Sonnenglut beim Bau der Barrikaden, andere Stunden wieder, die man in einem Palast zubrachte, damit beschäftigt, das vergoldete Getäfel, die seidenen Vorhänge mit Petroleum zu tränken; nächtliche Schwelgereien in den Weinstuben, kurzer, bleierner Schlaf, aus dem man aufgeschreckt wurde, um zu fliehen, der Lärm der näherkommenden Schlacht, die unter Feuersbrunst und Tod wachsende Trunkenheit! In halber Betäubung lebte Blacourt diese Existenz des Taumels, in der ihm in den kurzen Augenblicken klaren Bewußtseins vor sich selbst graute – war er es denn wirklich, er, der in diesem Höllenreigen mittanzte, so fern von den friedlich stillen Alleen, den guten Hotels von Versailles! Er wagte es nicht mehr, Malonsky an die Kehle zu springen, wie er es einmal versucht hatte, und suchte und fand alle Befriedigung darin, Maddalena zu befühlen und zu betasten. Ein Kuß, süß wie eine gestohlene Frucht, verheißende Liebkosungen, Blicke des Einverständnisses, in denen sie um Schutz flehte und köstlichen Lohn versprach. Gemeinsame Schuld und gemeinsame Qualen fesselten sie aneinander unter dem ironisch gehässigen Blick Malonslys, der sie mißhandelte und schamlos mit diesem herrlich geformten Leib schaltete. Er schien inmitten des allgemeinen Wahnsinns all sein Phlegma wiedergefunden zu haben und handelte und kommandierte mit der seltsamen Hellsichtigkeit der Geisteskranken. Und krank war er durch und durch. Trotz seiner ritterlichen Eigenschaften, seines feingebildeten Geistes und seiner kühnen Bravour schon von jeher den Keim des Irrsinns in sich tragend, war der Ausbruch desselben durch die lasterhafte Berührung mit der Spionin, durch all die Erschütterungen des Krieges, durch die verderbliche Macht des Alkohols und durch den fortreißenden Sturm der Krisis, der so vielen den Kopf verdreht hatte, beschleunigt worden. Das Gebäude krachte in allen Fugen. Allerorten brach der Wahnsinn aus, durch die ungeheuere Epilepsie genährt. Blacourt und Maddalena folgten, am Seil geführt. Den vierundzwanzigsten sah man sie bei der Räumung des Rathauses, den fünfundzwanzigsten bei der Butte-aux-Cailles. Freitag den sechsundzwanzigsten wurden sie bei einer Brigade der Rue de Charonne gesehen. In Verfolgung seines systematischen Umhüllungsplanes schickte der Generalstab an diesem Tage auf dem rechten Ufer die Flügel der Armee vorwärts, während Clinchant und Douay im Zentrum nur mühsam vorrückten, der eine bis zum Kanal Saint-Martin, der andere bis zum Boulevard Richard-Lenoir, Vinoy und Ladmirault zur Rechten und Linken, so daß sie den nächsten Tag, den 27., ihre Vereinigung längs der Befestigungen vollziehen und den Kreis von rückwärts schließen konnten. Im Besitz der die Buttes-Chaumont, den Père-Lachaise und die äußeren Boulevards von Belleville, Menilmontant und Charonne beherrschenden Höhen, konnten die beiden Generäle sodann den Sturm unternehmen und die letzten Horden der besiegten, zwischen zwei Feuern zermalmten Insurrektion auf die zentralen Korps zurückdrängen. Heute handelte es sich für die Reservearmee vor allem darum, den Bastilleplatz und den Place du Trone einzunehmen. Seit gestern wurde auf ersterem hartnäckiger Widerstand geleistet. Ein grauer Morgen, ein trüber Regennachmittag folgen der Reihe herrlicher Tage, an denen man in gleitendem Sonnenschein gemordet und geraubt hatte. Jetzt dauert das Blutbad fort inmitten des dicken Nebels, des feuchten Dampfes, der den Lärm aufsaugt. Das Blut sickert über das Pflaster, der Kot spritzt hoch auf, das Wasser vermag diese blutüberströmten Gassen nicht reinzuwaschen und fault in stinkenden Lachen. Aus dem von der langen Kanonade erschütterten Himmel ergießt sich ein schwarzer Regen, in dem aller Rauch der Feuersbrünste in gewaltigen Wolkenmassen auf das brennende Paris niederfällt. Den großen Feuerherden der Tuilerien, des Ober-Rechnungshofes und des Rathauses, ihren rauchgeschwärzten Mauern und glühenden Trümmerhaufen entströmt erstickender Qualm. Das Getreidemagazin kracht in tausend Detonationen; dort unten die Docks von La Villette gehen, von den Granaten entzündet, in Flammen auf, die durch das Spiritus- und Öldepot genährt werden. In der Mitte des Bastilleplatzes schnaubt die Julisäule, deren gemauerte Gewölbe auf dem Kanal ruhen und sich unter dem Brand, von fünf mit Petroleum beladenen Booten gespalten haben, wie ein ungeheuerer Rauchfang, aus dessen durch die Granaten gebohrten Löchern eine gewaltige Garbe von Flammen und Funken emporzischt. Der vergoldete Genius der Freiheit auf der Spitze glitzert hie und da durch die Spiralen von Licht und Schatten. Erschöpft, ernüchtert, mit Kot und Schlamm bedeckt, erwachte Blacourt nach all den Stunden der Verhexung zu einem Schimmer von Besinnung und sehnte jetzt mit krankhafter Gewalt die Versailler herbei, diese Retter, deren Näherkommen von Straße zu Straße er mit wollüstiger Angst lauschte, und die ihn aus der unerträglichen Qual dieser Existenz erlösen sollten. Hatte man ihn nicht zwingen wollen, mitzukämpfen und auf diese tapferen Soldaten zu feuern, die für ihn und seinesgleichen starben? Als er sich weigerte, wurde er gestoßen und geschlagen, ein Nationalgardist drückte ihm gewaltsam ein Chassepot in die Hände, als ein Zufall ihn gerettet hatte, das Erscheinen eines armen Teufels, den eine Art Riese mit Hauptmannslitzen herbeigeschleppt brachte und mit gestreckten Armen schüttelte: »Was, du willst dich nicht schlagen, du Schwein! Warte nur!« Blacourt warf einen furchtsamen Blick auf Malonsky und die heftig gestikulierenden Föderierten. Keiner bemerkte ihn, die von der Barrikade wandten, ihm den Rücken... Mit drei Sätzen könnte er die Winkelschenke erreichen, wo Maddalena schlief... Man könnte gemeinsam fliehen... Er stürzte fort... Die Baracke war leer, auf einer Bank lag in tiefer Ermattung das schöne Weib. Das Gesicht mit den leise geöffneten Lippen hatte einen schmachtenden Glanz. In gleichmäßigem Rhythmus hob und senkte sich die üppige Rundung der Brüste unter dem zerfetzten Hemd. Ein Arm lag unter dem Nacken, so daß das lockige Gold der Achselhöhle sichtbar war. Dieser Anblick erweckte ihm eine wollüstige Begierde, die ihm die Besinnung raubte. Die Lockung war so stark, daß er nicht einmal das Krachen des Schusses wenige Schritte von ihm entfernt hörte... Der Mann von vorhin... Sie wecken, entfliehen ... nein, vorher wollte er den Schlaf nützen, der sie ihm auslieferte... Er dreht den Schlüssel um, er rafft die Röcke in die Höhe und stürzt sich auf die wunderschöne Beute... Ihre Hände drängen ihn zurück, ein kurzer Kampf, in dem sie zu Boden rollen, ohne daß sein gieriger Mund, seine zusammengekrampften Finger ihr Opfer loslassen. Endlich, endlich fühlt er diesen langbegehrten Leib an dem seinen beben, er hört nicht, er sieht nicht... Schläge an der Tür, das Fenster klirrt ... Er fühlt sich von einer wuchtigen Faust am Genick gepackt, beinahe erwürgt und emporgerissen. Der betreßte Riese und zwei andere umringen ihn und überschütten ihn mit Schimpfworten: »Fort mit dir, Hundevieh! ... Komm, daß du krepierst!« In tödlicher Betäubung sieht er alles in einem roten Dunst versinken und sieht nur noch, während man ihn fortschleppt, wie der Riese sich auf Maddalena stürzt, mit bestialischer Kraft, in die die Gier nach einem letzten Augenblick des Genusses sich mengt, sie niederwirft. Die Dirne beißt die Zähne zusammen und ergibt sich wie ein müdes Tier. Und hinter dem Riesen wartet ein ander... Wilde, zerschmetternde Verzweiflung überkommt Blacourt; mit Blitzesschnelle sieht er Malonsky sich entkleiden, die Versailler sind nahe, schon stehen sie jenseits der Barrikade. Schnell! Schnell! Wie sie laufen!... Zu spät! Drei Föderierte senken ihre Gewehre... Von drei Kugeln getroffen, springt Blacourt in die Höhe und fällt mit aufgeschlitztem Bauch wie ein zerbrochener Hampelmann nieder. Auf dem Haufen von Pflastersteinen tanzt Malonsky, Schaum vor dem Munde, mit aus ihren Höhlen hervortretenden Augen einen obszönen Cancan dem eine dröhnende Salve ein furchtbares Ende macht – der schlanke, weiße Körper rollt kopfüber in den Kot. Die Division Vergé erstürmte gleichzeitig die Barrikaden der Rue de la Roquette und des Faubourg Saint-Antoine, die Brigaden La Mariouse und Langourian die des Boulevard Mazas und der Avenue Lacuée, die Brigade Derroja bemächtigte sich des Bahnhofs von Vincennes. Endlich fiel die Bastille. Eine große Blutlache ergoß sich über den Platz, an den Verteidigung und Angriff sich heldenmütig angeklammert und wo während des Kampfes und nach dem Kampfe Hunderte von Föderierten niedergemetzelt, ganze Herden von Gefangenen zur Schlachtbank getrieben wurden. Von der Basis bis zur Spitze brennend erschien die Julisäule, – die einst unter ihren friedlichen Kränzen, ihren Bannern eine begeisterte, von Patriotismus und Leiden berauschte Menge sich bewegen gesehen hatte, – wie im Jahre 1848 von Leichen umgeben, wie eine gigantische Todesfackel. Mit ihren roten Reflexen beleuchtete sie die Agonie dieses betrogenen, von falschen Herren in den Abgrund gestürzten Volkes, das die erbarmungslose Nationalversammlung mit ihren erbarmungslosen Führer mit Hilfe der von ihnen wie eine ungeheuere Todesmaschine gehandhabten Armee dem Verderben entgegentrieb. Biony schickte seine Truppen gegen den Place du Trone, wo sie von neuem auf wütenden Widerstand stießen. Bis zum Abend hielt eine Handvoll Föderierter seinen Divisionen stand. Um in den Besitz der Kaserne und der Barrikade, von Neuilly zu gelangen, mußte man dieselben drei Stunden lang bombardieren und frische Regimenter vorschicken, bis es gelang, den Platz zu erobern, den man unter dem Feuer der Mairie des IX. Arrondissements nicht einmal hatte besetzen können. Hauptmann Védel und seine Kompagnie biwakierten in einer der benachbarten Straßen. Immer noch sprühte ein leiser Regen. Um sie her knatterte unaufhörlich das Echo der Exekutionen. In Védels gutmütigen, rauhen Zügen drückte sich bei diesem so gewohnten Lärm, dessen viele gar nicht mehr achteten tiefer Schmerz aus. Nachdenklich durchwühlte er das am Rand des Trottoirs fließende gelbliche Bächlein mit einem kräftigen und knorrigen Stock – kräftig und knorrig wie er selbst –, der einzigen Waffe, die er seit dem Betreten der Hauptstadt in der Hand hielt. Verschwunden war sein Eifer, sein Humor! Als er in Versailles die Vorteile pries, die dieser Krieg bieten konnte: körperliche Abhärtung, Stählung des militärischen Geistes und der Disziplin, da ahnte er nicht, wie schnell diese Kampfbedingungen sich in diese Barbarei der Besiegten, wie der Sieger wandeln würden... Seine schlichte Seele, seine einfach bürgerlichen Neigungen litten beim Anblick dieses gegenseitigen Hasses. Als guter Soldat erfüllte er seine Pflicht, nichts weiter. Dieser Sieg über Franzosen bereitete ihm keine Freude; es war eine notwendige, eine traurige Arbeit. Seine Kompagnie, die ihn liebte, folgte dem Beispiel seiner Mäßigkeit. Er gehörte zu jenen Offizieren, die beim ersten Schritt in die ausgelieferten Straßen die Geister zur Ruhe ermahnt und auf größte Enthaltsamkeit im Trinken gedrungen hatten ... Von allen Seiten kamen die Einwohner mit Flaschen und Gläsern herbei ... Bei der herrschenden Hitze, der Ermüdung, bei der Aufregung des Kampfes waren viele schon von einem einzigen Glase berauscht. Ein plötzlicher Auflauf, Drohungen, ein Schutz, ein herzzerreißendes Jammergeschrei ... Védel stürzt hinzu ... Dort, an der Straßenecke! ... Er atmet auf, es waren nicht seine Leute! In einem Haufen von Liniensoldaten kauerten weinend neben einer Leiche zwei kleine Knaben von acht und zehn Jahren... Védel erkundigt sich, man hat ihren Vater erschossen ... er fragt die Kinder: unter krampfhaftem Schluchzen erklären sie: ihr Papa hat nichts Böses getan ... Keine Mutter, keine Verwandten mehr ... Sie wissen nicht, wohin sich flüchten ... Nach sekundenlanger Überlegung nimmt Védel den Stock unter den Arm und jedes der Kinder an einer Hand. Nachdenklich, tiefes Mitleid auf den wettergebräunten Zügen, kehrt er zu seiner Kompagnie zurück. Unteroffizier und Soldaten drängen sich um ihn: »Meine Freunde«, sagt er, »hier sind zwei arme kleine Kerle, sie haben keinen Menschen ... Sie sind unschuldig ...« Ein Augenblick des Schweigens; die Soldaten blickten ihren Hauptmann an und verstanden ihn. Und als Védel fortfuhr: »Sollen wir diese Waisen adoptieren? Der Oberst wird es uns nicht abschlagen« ... riefen zehn Stimmen zugleich: »Ja.« Ein Gemurmel allgemeiner Zustimmung antwortete ihm: »Sie sollen die Kompagniekinder sein!« Ein alter Sergeant führte die Weinenden zum Kochkessel und füllte ihnen zwei Schüsseln: »Wie heißest du?« »Louis«, sagte der Ältere, »und mein Bruder Pierrot...« »Nun denn, Pierrot und Louis, eßt da was Warmes!« Während rings um die Buttes-Chaumont, den Père-Lachaise und Belleville, als letztes Rückzugswerk die Vorbereitungen zu der morgigen großen Operation getroffen wurden, waren die letzten Trümmer der Bataillone der Kommune gegen die Mairie des XX. Arrondissements zurückgedrängt, wo in kopfloser Verwirrung die Anweisungen auf Lebensmittel und Quartier verteilt wurden. Pferde, Wagen drängten und häuften sich um die Kirche; der Generalstab, die verschiedenen Ämter, die wenigen Überlebenden oder Anwesenden der Kommune und des Zentralkomitees hatten sich in der Rue Haxo, in den Häuschen der Vorstadt Vincennes zusammengezogen. Ranvier, das einzige noch figurierende Mitglied des Wohlfahrtsausschusses, verschanzt sich auf den Buttes-Chaumont hinter seinen zähen Batterien. Die übrigen streiten sich um den letzten Schatten von Macht. Das Zentralkomitee nimmt die Diktatur für sich in Anspruch. Varlin schließt sich ihm an. Ein Legionchef, Oberst Hyppolyte Parent, hat den Spotttitel eines Kriegsdelegierten angenommen. Ferré fühlt in seiner blutigen Arbeit fort. Der Präsident des Kriegsgerichtes, Gois, hat sich in die Roquette begeben und Befehl gegeben, ihm nebst vier als »Spione des Kaiserreichs« bezeichneten Geiseln alles auszuliefern, was die Eskorte fortzuführen imstande sei. Dreiunddreißig Gendarmen, drei Jesuiten, acht andere Priester oder Seminaristen werden aus ihren Zellen gezogen, ohne daß man ihnen Zeit läßt, die Stiefel anzuziehen, den Hut aufzusetzen, und vervollständigen die Zahl der Opfer. Fünfzehn Stadtsergeanten werden aus Furcht vor einer Rebellion aufgeboten; die Eskorte der Föderierten ist so schwach, daß trotz ihrer Chassepots die Einwohner in der Umgebung der Roquette den Gefangenen zurufen: »Rettet euch!« Diese jedoch marschieren, einen Unteroffizier an der Spitze, in Reih und Glied, in militärischem Schritt vorwärts; hinter ihnen schreiten die Geistlichen, die ihre Kleider am Fortbewegen hindern. In der Rue Oberkampf erhält das Peloton eine Verstärkung; in der Rue Puébla wird es von einer dichten Menge umringt: es sind die Flüchtlinge der Buttes-Chaumont und aller Barrikaden, der gemeine Abschaum des Pöbels. Ein Schrei erhebt sich: »Zum Tod mit den Geiseln!« Der Zug wälzt sich in die Manie, von wo Ranvier ihn zurücktreibt und dem Tod entgegendrängt. Unter Flüchen, Verwünschungen und drohend ausgestreckten Fäusten erfolgt der Aufstieg zu den Wällen, wo die Exekution stattfinden soll. Die Menge heult, singt und dreht sich in wilden Tänzen. Es ist zu weit bis zu den Wällen, man möge sie hier erschießen! Man drängt sie zum Sektor der Rue Haxo, in der Vorstadt Vincennes, genau vor dem Häuschen, in dem der Generalstab residiert. Vergebens versucht Parent, sich ins Mittel zu legen, er ruft Fortuné Piat, vom Komitee, und Varlin zu Hilfe; sie besteigen die niedrige Mauer des Platzes, sie schwenken ihre Schärpen, sie flehen, sie befehlen. Die Wütenden überhäufen sie mit Schmähungen, drohen ihnen mit dem Tode. Mit unwiderstehlicher Gewalt werden die Geiseln in den Verschlag getrieben, das Gemetzel beginnt. Man schlachtet an Ort und Stelle; man macht sich einen Spaß, indem man die Unglücklichen über eine niedere Mauer springen läßt, um sie im Sprung zu treffen. Alle, bis auf einen, benehmen sich tapfer. Einer der Gendarmen wendet sich zu den Mördern um und ruft: »Meine Herren! Der Kaiser lebe hoch!« Ein Geistlicher sagt: »Es paßt mir nicht, bei einem Luftsprung zu sterben.« So groß, war die Verwirrung, daß ein Föderierter getötet wurde, als er den letzten springen lassen wollte. Auf den Haufen der Leiber, in dem viele bloß verwundet wimmerten, stampfte man mit den Füßen, Salven wurden abgegeben, mit den Bajonetten stach man in den Haufen. Den Mördern wurde heiß. Männer und Frauen gingen, um sich durch einen Trunk zu erfrischen. Als man am 29. die Leichen aus der Düngergrube zog, in die man sie geworfen, sah man, daß eine der Leichen neunundsechzig Kugeln, ein Jesuitenpater zweiundsiebzig Bajonettstiche empfangen hatte. Bei Tagesanbruch des 27. setzte sich unter dichtem Nebel, während Clinchant und Douay in ihren Stellungen verharrten und jeden Durchgang absperrten, die Armee an ihren Flügeln in Bewegung, um hinter der Meute die Eisenzange zu schließen und den zersplitterten Widerstand unter einem gewaltsamen Druck zu brechen. Eine Ordre erging an Ladmirault, der tags vorher sich der Rotunde von La Villette, der Schlachthäuser bemächtigt hatte und am Kanal de l'Ourcq stand, Ordre an Vinoy, sich auf der Rechten und der linken längs der Wälle auszubreiten, bis sie sich als Herren der auf der strategischen Linie gelegenen Höhen würden die Hände reichen können. Dann sollte man in gleichzeitigem Vordringen gemeinsam sich auf die Buttes-Chaumont und den Père-Lachaise stürzen und den Rest der Scharen Clinchant und Douay in die Arme treiben. Es war sechs Uhr abends, als nach einer unaufhörlichen Kanonade und einem hitzigen Handgemenge, das eine Division in Belleville festhielt, die Trompeter Ladmiraults vor den Buttes zum Angriff bliesen und drei Brigaden vorwärtsstürmten. Vom Gipfel weht die Fahne. Nur wenige Föderierte entnommen, lassen die Kanonen, die Munitionsvorräte im Stich; schon beginnt das Gewehrfeuer und trifft jeden, der sich hinter die Steinbrüche d'Amérique geflüchtet hat. Vinoy konnte nur mit äußerster Schwierigkeit vorrücken, durch das Feuer gehindert, das von der Maine des XI. Arrondissements aus den Place du Trone und seine Reserven reinfegte. Indessen geraten in der Rue Haxo die Chefs vollends auseinander. Es sind ihrer neun oder zehn, die in beständigem Streite liegen: Varlin, Ranvier, Trinquet verlangen, daß man noch weiter kämpfe. Allix der Tolle, aus unbekanntem Dunkel aufgetaucht, peroriert: Man brauche nur in die leeren Stadtteile hinabzusteigen... Paris ließe sich mit geringer Anstrengung zurückerobern. ... Der Kriegsdelegierte Parent hat die Nähe der Porte de Romainville, wo zwei- bis dreitausend Einwohner von Belleville sich zusammengeschart hatten, benützt, um hinter den Freimaurern zu entschlüpfen, die die Zugbrücke senken ließen, um von den bayrischen Vorposten für diese Nichtkombattanten freien Durchzug auf das neutrale Gebiet zu verlangen. Die Gendarmen von Romainville drängen die jammernde Menge, auf welche eine feindliche Wache Feuer gibt, in die Mausefalle zurück. Parent wird abgewiesen, ebenso Arnold, den die Deutschen wie ein Wundertier von Posten zu Posten hetzen und schließlich zurückschicken, ohne seinen Brief für den amerikanischen Gesandten annehmen zu wollen. Ferré, der nur an die Geiseln denkt, hat sich persönlich in die Grande-Roquette begeben; dort haben jedoch die dreihundertfünfzehn übrig gebliebenen Geiseln und etwa hundert gefangene Verbrecher, vor dem ihrer harrenden Schicksal nur zu gut gewarnt, sich empört und in ihre Sektionen eingeschlossen. Ferré hält sich dafür an den dreizehnhundert Soldaten der Petite-Roquette, den am 18. März im Stich Gelassenen, schadlos. In drei Detachements, bei ihrem Auszug von den Krämern mit dem sympathischen Ruf: »Die Liniensoldaten leben hoch!« – man hält sie jetzt für zum Volke übergegangene Versailler – begrüßt, werden sie nach Belleville geführt und in die Kirche gesperrt. Indessen umringten eine Handvoll Tapferer die Batterien, die seit vier Tagen dem Montmartre antworteten und eine Flut von Kugeln über die, Häuser spien. Acht Geschütze versperrten den Kreuzweg vor dem Mausoleum von Morny, von wo aus man Paris überblickt; drei andere waren ganz in der Nähe am Fuß der Pyramide von Beaujour aufgefahren. Die Kapellen der Umgebung, deren Gitter und Türen erbrochen waren, hatte man mit Strohhaufen und Kehricht bedeckt, zu improvisierten Schlafstellen und Munitionsmagazinen umgewandelt. Ein heftiges Gewehrfeuer knatterte in der Totenstadt, wo die Marineinfanterie, von Grab zu Grab gleitend, in den langen Avenuen auftauchte und nach momentanem Zurückweichen mit einigen herbeigeeilten Bataillonen wieder vorrückte. Da ergriff eine Panik einen Teil der Föderierten. Bei einbrechender Nacht, unter endlos niederrieselndem Regen, erkletterten sie die Mauern und stürzten zu einer kleinen Pforte. In einer Gruppe von etwa zehn Männern, die vor der Pyramide die drei kotbedeckten, beständig rauchenden Geschütze bedienten, rief eine spöttische Stimme die Fliehenden an: »Heda, ihr Hasenfüße! nicht so schnell!« Es war Anatole. Er fuhr fort: »Was wollen sie denn nur? Man hat doch von hier aus eine so schöne Aussicht!«... Zu ihren Füßen breitete sich schwarz und lärmend die Riesenstadt, in der die großen Scheiterhaufen unauslöschbar flammten. Aus Montmartre schossen die Feuergarben empor; ungeheuere Wolken wälzten sich darüber hin, vom Flug der Geschosse durchzuckt. Aus den Docks der Villette stiegen, die mit Alkohol und Öl getränkten Flammen auf und erhellten Himmel und Erde mit fantastischen Lichteffekten.« »Das Panorama ist nicht alltäglich, wie, Bürger Levidoff?« Ein Ton unsagbarer Bitterkeit klang aus Anatoles Lustigkeit. Seit ihrer unverhofften Rettung lebte er in einem Fieber der Erregung, betäubte sich in Tätigkeit, um nicht denken zu müssen, und dachte doch wieder Willen unablässig an die Seinen zurück, die dort unten im Todesschlaf lagen! Zu ihnen zurückkehren! Levidoff und Dury hatten ihn zurückgehalten... Wollte er schon sterben, so sollte er doch seine Haut teuer verkaufen und die Ermordung der anderen rächen. Dury wandte dem Freunde sein vor kurzem noch so jugendfrisches, heute, um Jahre gealtertes, doch immer noch schönes Antlitz zu und sprach mit rauher Stimme: »Das ist das Ende!« Und aus diesem Wort voll düsterer Glut sprach ebensoviel Freude wie Verzweiflung. Levidoff verstand und murmelte mit stolzer Zärtlichkeit: »Wozu den Tod herbeisehnen? Bereit zu sein genügt.« Dury nahm eine Granate vom Fuß der Pyramide, reichte sie dem Bedienenden und sprach nach kurzem Schweigen: »Die Sache ist verloren! und, was noch schlimmer, verloren, beschmutzt durch uns. Mord, verbrecherische Brandschatzung... Alle, selbst uns, deren Hände rein sind, trifft der Fluch, treffen die Verwünschungen der Menge... Eine Revolution, die sich friedlich hätte gestalten können bei solchen Hilfsmitteln und Paris als Hebel... Mit weich festem Vertrauen habe ich diese Morgenröte begrüßt!... Wir haben das Glück der Mehrzahl gewollt und werden es für lange Zeit verzögert haben.« Sein Schmerz ergriff Levidoff in tiefer Seele. Als kalter Logiker jedoch, der seine rigorosen Überzeugungen bis an die letzte Grenze zu, verfolgen gewohnt war, fand der Russe die bürgerliche Moral seines Freundes allzu kleinlich. Mit Reichtum gesegnet, als Fremder, den keine Erinnerung an den Boden knüpfte, wog ihm die ganze Vergangenheit leicht und löste sich die Frage einer besseren Zukunft wie ein einfaches Theorem. Er antwortete: »Unsere sterblichen Augen haben nur einen engen Horizont. Wir sehen den Dünger, nicht die Ernte, die er befruchtet... Wer weiß, ob diese Exzesse, die Sie beklagen, nicht durch eben ihre Maßlosigkeit von Nutzen gewesen sein werden, indem sie die unterdrückten Klassen in Schrecken und Angst versetzten, ihnen zeigten, welche Wunden zu heilen, wie viel Gutes zu leisten sei... Sie glauben das Übel zu züchtigen und tadeln damit selbst ihren blinden Unverstand, ihren tauben Egoismus...« Dury schüttelte müde den Kopf: »Nein, mein Leben ist besudelt, ich kann an nichts mehr glauben, ich werde unsere Niederlage nicht überleben... Wenn ich verwundet werde, tun Sie mir den Liebesdienst, geben Sie mir den Gnadenschuß!« Levidoff seufzte: »Mein Freund, in Ihnen bäumt sich der Hochmut. Wir alle haben auf Erden eine Mission: leben bis zum letzten Atemzug... unser Schicksal bis ans Ende vollenden. So lange ein Atem in uns lebt, die Ungerechtigkeit bekämpfen, dem langsamen Fortschritt dienen... Wenn unsere Stunde gekommen ist, wird sie uns mahnen. Wenn nicht, so wollen wir als Männer die Folgen unserer Taten tragen. Dury, für unsere sterbliche Hülle gibt es nur ein Ende: den Tod. Und dann werden nach unserem Beispiel andere unser Werk fortsetzen ... Sie glauben an die Gegenwart, Sie wollen die Entwicklung der Menschheit an die Minute fesseln. Blicken wir in die Zukunft!« So besprachen sich, vom Wirbelsturm des Todes umbraust, diese jugendlichen Seelen, diese Träumer, deren regengepeitschte Stirn sich der wimmelnden Stadt zuwandte, dem Schmelzofen unbekannter Stunden, während ihre Füße auf die fette Erde der Gräber traten. Zwei Stunden später lag Dury, die Lunge von einer Kugel durchbohrt, neben den verlassenen Kanonen ... Levidoff hatte ihn trotz der wachsenden Gefahr, – schon erreichten die Marinefüsiliere den Kreuzweg, – nicht eher verlassen, als bis er sich, das Ohr an die entblößte Brust des Freundes gepreßt, überzeugt hatte, daß das Herz still stand... Während in dem endlich eroberten Père-Lachaise dieser leblose Körper, an einen Stein gelehnt, unter anderen, fremden Leichen erkaltete, warfen Anatole und der Russe, nachdem sie bei der Barrikade der Place de Puébla sich noch geschlagen, ihre Gewehre fort und versuchten zu entkommen... Als der Tag graute, drängte überall der Kampf dem Ende zu. In einer verlassenen Schänke der Rue des Vois aßen Levidoff und der Bursche in Eile ein Stück Brot, ordneten ein wenig ihre Kleider und wuschen sich die von Pulver und Staub geschwärzten Gesichter und Hände. Sie hofften, unbemerkt durchkommen zu können und schlichen vorsichtig bis zum Nordbahnhof; dort fielen sie in eine im Marsch begriffene Gefangenenkolonne ... Kehrt machen hieß sich selbst verraten ... Ein Offizier bemerkte die regungslos, zögernd Stehenbleibenden ... »Hierher ... Zeigt die Hände ...« Enttäuscht befahl er ihnen, die Röcke zu öffnen und suchte nach dem verräterischen blauen Streifen: »Laßt die Schultern sehen ... Ah! ah! ... In den Rang mit euch, zu den anderen!« Sie erkannten die Nutzlosigkeit des Widerstands und traten in die Herde ein. Ein langer, schlotteriger Kerl hob den Kopf. »Wie man sich wiederfindet!« sagte Anatole. Es war Therould. Ein melancholisches Lächeln glitt über die Lippen des Zigeuners. Er war mit drei anderen Mietern in seiner Behausung aufgestöbert worden ... Vorbei war's mit dem Lachen seit mehreren Tagen schon ... Am vierundzwanzigsten, nach den ersten Bränden, nach der Ermordung Chaudeys, hatte er sich von der Clique losgesagt ... Kneipen, lustig sein so viel man wollte. Auch mit der Politik mochte es noch hingehen ... Beim übrigen aber tat er nicht mi t... Mit dem wachsenden Abscheu hatte eine völlige Ernüchterung ihn in seinem Schlupfwinkel überfallen ... Schade, daß es so endete, es hatte so hübsch angefangen ... Jetzt hieß es die Zeche bezahlen, das war weniger lustig: »Nicht wahr, Cleclo?« Ein wenig hübsches Weib mit Stumpfnase und kleinen Augen nickte zustimmend. Es war die Prostituierte, die er aus Erbarmen zu sich genommen hatte. Als sie ihren Freund fortgeführt werden sah, folgte sie ihm aus freien Stücken wie ein treuer Hund. Unter strömendem Regen in einer Bastion zusammengepfercht, warteten sie, bis die Kolonne durch das Eintreffen anderer Gefangener vermehrt wurde. Es war ein merkwürdiges Gemisch aller Gesellschaftsklassen, der lange Rock des Professors neben dem kurzen Rock des Beamten, die elegante Robe einer Bürgersfrau neben dem Kostüm einer Marketenderin, Junge, Alte, wütende Föderierte, harmlose Einwohner, Arbeiter, Hausbesitzer, weißhaarige Frauen, Kinder; Leute, die die Kommune unterstützt und andere, die sie gehaßt hatten; grundlos von der Straße mitgeraffte Passanten, Opfer eines Irrtums oder der Rachsucht, alles, was von der willkürlichen Härte des Siegers festgenommen, von der öffentlichen Gemeinheit denunziert wurde. Zu Zweien wurden sie an den Händen zusammengebunden, dann zu Vieren in einer Reihe durch eine Schnur gefesselt. Wer sich sträubte, dem zog man die Schnur so fest zusammen, daß das Handgelenk blutete, oder man traktierte ihn mit Kolbenschlägen. Endlich setzte sich zwischen aufgepflanzten Bajonetten die Kolonne in Bewegung. Unterwegs rottete sich eine Menge zusammen, die in schäumenden Zorn und Wutgeheul ausbrach. Zuweilen vermehrten sich die Reihen durch einen unerwarteten Zuwachs: ein Individuum, das heulte: »Schießt sie alle gleich tot!« – »Du, du brüllst zu laut, als daß du es aufrichtig meinen könntest!« – Ein Neugieriger, den ein alberne Spaßvogel in die Kolonne stieß ... Eine Frau, die gesagt hatte: »Arme Menschen!« Bei der Trinité rief man: »Halt!« Stimmen kommandierten: »Auf die Knie!« Rohe Fäuste rissen die Käppis, die Hüte von den Köpfen; vor der Fassade der Kirche mußten die Gefangenen zur Buße für begangene Missetaten und Gottesverleugnung den Rücken beugen und sich bekreuzen. Im Faubourg Saint-Honoré wurde das Wut- und Hohngeschrei ohrbetäubend: das war die Dienerschaft der reichen Paläste, Kammerdiener mit blaurasiertem Kinn, Küchenjungen, wohlgenährte Kutscher, lasterhaft aussehende Zofen ... Vor den Toren lösten Husaren die Infanterie ab und rüsteten ihre Musketen. Manche Frauen glaubten, man wolle sie erschießen. Viele, die sich nicht mehr fortschleppen konnten, wünschten den Tod herbei. Wehe dem, der seinen Schritt verlangsamte und Unordnung in die Reihen brachte. Zuweilen krachte in der Nachhut ein Schuß; erleichtert setzte der Zug seinen Marsch fort. Therould war so erschöpft, daß Cloclo bei der Brücke von Sèvres ihn stützen mußte; Levidoff bewegte sich mit automatenhafter Ruhe vorwärts, ganz in kalter Willenskraft erstarrt. Anatole pfiff leise vor sich hin, ebensosehr, um seiner Wut Luft zu machen, als den Reiter vor sich zu ärgern, der, den Mantel über die nasse, Mähne des Pferdes gebreitet, hin und her schwankte ... Als sie in Versailles sich den Gittern näherten, waren sie nach dem endlosen Marsch durch den Schlamm der Straßen, in dem viele ihre Schuhe gelassen hatten, nur noch eine Masse namenloser Geschöpfe. Sie waren so mit Kot bedeckt, so zerlumpt, so bleich vor Hunger, Durst und Ermattung, die Frauen mit aufgelöst flatternden Haaren, die Männer mit wild wuchernden Bärten, ihr Aussehen so verwildert und gebrochen, daß die an den Toren zusammengeströmten Zuschauer einen Schrei haßerfüllter Rachgier ausstießen. Noch immer nicht gesättigt an dem unaufhörlichen Defilé, in dem Tausende von Unglücklichen schweißtriefend, erschöpft und vor Durst keuchend, in erstickendem Staub und sengender Sonnenglut vorbeigezogen waren, empfingen sie auch diese Kolonne mit einem Hagel von Schimpfreden. In der Avenue de Paris war das Spalier so dicht, daß die Hände sich im Vorüberziehen kratzend und ohrfeigend auf die Gesichter der Unglücklichen senkten. Mit ihren kotbespritzten Regenschirmen stachen elegante Damen in das armselige Fleisch, nach den Augen. Keuchend entrang sich den Kehlen das tierische Geschrei der Folterknechte. Eine heisere Stimme gellte: »Reißt ihnen die Nägel ab!« Auf eine Unglückliche, die sich nicht mehr weiterschleppen konnte und, von Säbelhieben getroffen, niedersank, stürzten sich die Wütenden, hoben ihr mit den Fußspitzen die Röcke auf, ein Spazierstock bohrte sich in ihren Bauch. Vor der Anhöhe von Satory wurde der Marsch beschleunigt. Die eiligen Anführer stießen die Horde vorwärts, warfen sie aufs Plateau. Mitrailleusen bewachten dessen Zugang, auf die ungeheuere Herde von Schlachtvieh gerichtet, Sie füllte die Magazine, den Gutshof mit einem lebendigen Amalgam zusammengedrängter, in sittenloser Gemeinschaft verschmolzener Körper. »Niederlegen!« Vergangene Nacht waren Schatten aufgestanden, sogleich von einer Salve niedergestreckt. Und vor den drohend gesesenkten Kanonen, den schußbereiten Mitrailleusen in finsterer Regennacht lag die elende Masse, von Frost geschüttelt, die Seele im Todeskampf zuckend. Denselben Tag, zu derselben Stunde, da die jammervolle Kolonne Sèvres passierte, rollte ein Wägelchen der Hauptstadt zu. Martial krampfte sich das Herz zusammen beim Anblick dieser Defilés von Männern und Frauen mit gefesselten Händen, deren düstere oder trotzig wilde Haltung, deren erhobene oder abgewandte Blicke ihn an die barbarischen Gefangenenzüge auf den aus den Anfängen der Geschichte stammenden Bas-Reliefs gemahnten ... Er ahnte nicht, daß er an Therould, an Anatole vorbeikam. Und doch hatte die Erinnerung an sie und an die übrigen Simons ihn mehr als einmal während der langen Stunden der Heimreise beschäftigt. Den zwanzigsten nach Florenz abgereist, war er erst bis zum Lago Maggiore gelangt und hatte in Pallanzo die Nachricht von dem blutigen Straßenkriege, der verheerenden Feuersbrunst erfahren. Mit einem Schlage hatten sich die Pracht der türkisblauen Wasser, der duftgeschwängerten Inseln, der herrliche Baldachin von Blau und Gold, der sich über dieses unvergleichliche Bild, über die reine violette Linie des anderen Ufers spannte, in Trauerschleier gehüllt. Der Hauch von Frieden, der langsam seine sturmbewegte Seele zu glätten begonnen, das Wiederaufblühen seiner Künstlerseele in diesem Lande der Schönheit – all die Hoffnungen auf reine Freuden, auf edle Genüsse zerstoben, verflogen! Alles, was er hatte vergessen, fliehen mögen, erstand wieder mit furchtbarer Gewalt ... Arbeit, Kunst, Leben, was galt all das in dieser Stunde des Grauens, da die Wütenden einander niedermetzelten, erwürgten! Was blieb morgen noch von Paris übrig? Das Herz von qualvoller Sorge um die bedrohten Lieben erfaßt, drängte es ihn, den fremden Boden wieder zu fliehen, dieses köstliche Stück Erde, zu dem er mit so heißer Sehnsucht sich geflüchtet ... Die Langsamkeit der Postfahrten, der Züge, die Spärlichkeit der Nachrichten, die grellen und widersprechenden Berichte der Zeitungen stachelten noch seine Ungeduld, erhöhten seine Besorgnis ... Wenn nur sein Vater nicht wieder verhaftet war! Unwillkürlich bangte ihm für seine Mutter, obgleich sie in ihrem Häuschen nichts zu fürchten hatte ... Der Anblick des von Truppen entblößten, mit Gefangenen überfüllten Versailles, die verhaßten Schritte, dank der Vermittlung Grandprés einen Paß zu erhalten, die Fahrt in die verwüstete Bannmeile, das seltsame, schreckliche Bild der Stadt hatten sein Angstgefühl bis zum Unerträglichen gesteigert. War das Paris, dieses rauchende Schlachtfeld mit den zusammenstürzenden Häusern, den zerbrochenen Fensterscheiben, den von Kugeln durchlöcherten Mauern, mit den zum Teil ausgestorbenen, zum Teil mit mildem Lärm erfüllten Straßen, den Haufen umhergestreuter Pflastersteine, den offenen Laufgräben, den mit Kot und Blut besudelten Trottoirs? War das Paris, dieser Friedhof, in dem unaufhörlich Leichenwagen, große, mit tannenen, schlecht vernagelten Särgen beladene Fuhrwerke ihre Furchen zogen; diese Parks, in denen man versank und in denen ohne Unterlaß immer neue Opfer unter dem mörderischen Feuer zu Boden sanken? War das Paris, diese von pestilentialen Gerüchen von Schweiß, Petroleum und Verwesung vergiftete Schlachtbank, diese kaum gelöschten, hier und da noch glimmenden Scheiterhaufen? Überall Soldaten, Gewehrpyramiden, aufgeprotzte Kanonen, dräuend geöffnete Feuerschlünde, Kavallerie-Patrouillen mit blanker Waffe, die schwere militärische Macht, die auf der eroberten Stadt wuchtete. Überall Menschen, die man fortschleppte, verfolgte, und diese langen, mit Wutgeheul begleiteten Gefangenenzüge! Überall Leute, die ihre Häuser verlassen hatten, in traurigen, flüsternden Gruppen beisammenstanden oder triumphierend, die Truppensoldaten feiernd, alle erleichtert, viele plötzlich tapfer geworden und auf gut Glück denunzierend. Unter tausend Schwierigkeiten gelang es ihm endlich, Montmartre zu erreichen. Eine düstere Ahnung trieb ihn vorwärts. Von den Schwellen der Türen verfolgten ihn die Blicke mißtrauischer Kaufleute. In der Nähe der Rue Sainte-Scolastique begann er zu laufen, langte atemlos an. Der Riegel war geschlossen. Er läutete. Melanie erschien. Sie schlug erstaunt die Hände zusammen und lief zum Gitter. Der Anblick ihres ruhigen Gesichtes legte sich wie Balsam auf sein Herz. »Nun?« rief er. »Wir haben Schweres durchgemacht, Herr Martial, aber es ist vorbei!« Schon erschien am Fenster Frau Poncets derbes, gütiges Antlitz. Ein Schrei, und ehe noch Martials Schritte auf dem Kies des Gartens knirschten, war seine Mutter unten, eilte sein Vater mit geöffneten Armen ihm aus dem Laboratorium entgegen. Er lag an ihrer Brust, er umarmte sie wieder und immer wieder. Aus ihren eingefallenen Wangen, ihrer bleigrauen Gesichtsfarbe, ihren geschwollenen Augen erriet er, was sie, ohne daß er es geahnt, gelitten haben mochten. Ein Gezwitscher dünner Stimmchen, ein blasses, mageres Köpfchen, das sich aus einem Fenster des ersten Stockwerks beugte, erregten seine Aufmerksamkeit. Doch seine Eltern klärten ihn mit wenigen leisen Worten auf und führten ihn ins Speisezimmer. Und nun erzählten sie in oft unterbrochenen Sätzen das traurige Erlebnis: Catisse' Tod, Frau Poncets und Zézées Qualen bis zum Tagesanbruch, bis es Poncet gelungen war, sie zu befreien, und wie sie bei ihrer Heimkehr eine neue Unglücksnachricht empfing: eines der Kleinen, Lilli, in diesem Orkan des Aufruhrs, in dem sie stundenlang auf der Suche nach ihrem Vater umhergeirrt, verloren, untergegangen ... War sie tot, krank oder von einer mitleidigen Seele aufgenommen worden? Niemand wußte es ... Drei Tage lang hatten Poncet und seine Frau im ganzen Viertel nach ihr gesucht ... Es war das für sie nicht der geringste Schmerz in diesem ungeheueren Drama, das Verschwinden dieses zarten, kleinen Wesens, das wie ein schwaches Vögelchen von der Gewalt des Sturmes fortgerissen worden war ... Zézée, über ihr Alter hinaus ernst und verständig, bewahrte allein als zärtliches Mütterchen das traurige Geheimnis und antwortete auf die Fragen der Kleinen stets: »Lilli ist bei Papa, sie machen eine weite Reise ...« Und von Zeit zu Zeit geht ein Schauer durch ihren schmächtigen kleinen Körper. Martial fühlte seinen Abscheu noch wachsen. Waren das Zivilisierte, zu denen er zurückkehrte? Mit gebrochener Stimme berichtete ihm sein Vater, was er aus Mitteilungen seiner Freunde wußte, denn er selbst hatte, außerstande, nach solchen Erschütterungen sich noch weiter mit der öffentlichen Sache zu befassen, darauf verzichten müssen, zur Liga zurückzukehren. War schon jede Hoffnung, die Niederlegung der Waffen zu erwirken, vergeblich, so war es der Liga doch wenigstens gelungen, einige Gebäude zu retten. Mit Hilfe von zwei oder drei Mitgliedern des Zentralkomitees, die so fassungslos und ratlos waren, daß sie beschlossen, sich zugunsten der Liga zu verwenden, hatte man es durchgesetzt, den Brand des Getreidemagazins zu beschränken und, – dank dem 15., aus Künstlern bestehenden Bataillon, das auf Bouvalets Bitten entschlossene Wachposten aufgestellt hatte, – zu verhindern, daß auch das Gewerbemuseum, die Nationaldruckerei, die Mairie des III. Arrondissements, der Temple, die Urkundensammlung und Notre-Dame ein Raub der Flammen wurden. So hatte die Liga bis zum letzten Augenblick Zeugnis von ihrem Patriotismus und ihrem Verstande abgelegt. So niedergeschmettert er auch war und gezwungen, sich zu verstecken, um den Eifer der siegreich zurückgekehrten ehemals kaiserlichen Polizei nicht auf seine Fährte zu lenken, so war Poncet doch stolz darauf, zu jenen gehört zu haben, die unermüdlich die Versöhnung angestrebt, zu jenen vielgeschmähten und vielgehaßten Männern, denen Versailles jetzt weniger denn je verzeihen würde. Sein Gewissen war ruhig, er konnte es nicht bereuen, diese undankbare Rolle übernommen zu haben; er hatte damit nur seine Pflicht getan. Nach zwei Stunden traurigen, traulichen Gespräches entriß sich Martial dem Wohlgefühl des Zuhauseseins; er wollte vor Nacht noch sich in die Rue Soufflot begeben und zum Abendbrot wieder daheim sein. Es drängte ihn, zu wissen, ob sein Atelier unversehrt, seine Statuen unberührt geblieben. Es drängte ihn, diese hartgewordenen Skizzen wieder zu berühren, die Zeugen so vieler qualvoller Stunden, die Früchte schmerzlicher Träumereien. Auch wollte er Nachrichten von Thédenat heimbringen. Wieder umfängt ihn das Bild der verwüsteten Stadt, die unter dem zugleich erlösenden und knechtenden Joch in Freude und Schrecken bebte. Mehr als zwanzigmal mußte Martial seinen Paß vorzeigen. Mit melancholischer Ironie gedachte er jenes anderen, von Raoul Rigault unterzeichneten Passierscheins, der so oft ihm als Schutz gedient und heute, bei ihm gefunden, sein sicheres Todesurteil bedeutet hätte ... Er war froh, es vernichtet zu haben ... Wie, sollte er denn nie ans Ziel kommen? Da wurde er im Vorübergehen bei einem brennenden Hause angehalten. »An die Kette!« Feuerwehrleute aus der Normandie arbeiteten hier mit fieberhaftem Eifer. Alle Departements hatten deren geschickt, mehrere waren sogar aus England und Belgien herbeigeeilt. Von den von der Kommune verwendeten, den Überläufern der Ordnung sowohl wie den ersten, die sich am Rettungswerke beteiligt hatten, war ein großer Teil von Versailles erschossen worden. Hatte doch die alberne Leichtgläubigkeit der Menge beim Anblick der unter der Kraft der Wasserstrahlen hoch aufzischenden Flammen behauptet – auch eine von der Furcht ausgebrütete Legende –, daß diese Elenden, unter dem Verwand, das Feuer zu löschen, es mit Petroleum schürten! Endlich frei geworden, erreichte Martial, durchnäßt und mühsam seine Aufregung bemeisternd, die Seine. Als geschwärzte Ruinen ragten die Paläste in den trostlos trüben, von dichten Regenwolken verhangenen Himmel. Das Laub der Bäume war wie durch einen vorzeitigen Herbst gerötet. Alles Schlachtengetöse war verstummt. Schweres, tödliches Schweigen lastete auf den verödeten Kais, über dem schmutziggelben Strom, durch den ein schmaler roter Streifen sich zog. In der Rue de Seine kam ihm ein Geistlicher entgegen, der plötzlich aufs andere Trottoir hinüberschwenkte ... Sein Kinn war frisch rasiert, die Augen fromm gesenkt ... Diese gedrungene Gestalt, dieses schwarze Haar, das leicht gelockt über den Kragen der Soutane fiel, dieses runde, gutmütige Gesicht ... Das war ja Fernol! ... Der Zimmermeister fühlte sich erkannt und erbleichte. Seine ganze Haltung, seine zusammengesunkenen Schultern schienen um Schonung zu flehen. Martial vermochte ein leises Lächeln nicht zu unterdrücken. Er war nicht schlecht gewesen, der dicke Mann. Er hatte mehr Lärm gemacht, als Böses getan. Endlich stand Martial in der Rue Soufflot, vor dem altvertrauten Hause. Nur wenige weiße Risse in der grauen Mauer, die frisch vergipsten Kellerlöcher gemahnten an den Kampf. Doch unter dem Haustor standen erregt gestikulierende Gruppen. Was war geschehen? Als Frau Louchard Martial erblickte, stieß sie einen Schrei der Überraschung aus; die Umstehenden machten dem jungen Manne Platz und empfingen den »den Klauen dieser Ungeheuer« entkommenen ehemaligen Deserteur mit Ausdrücken der Sympathie. Die Stimmen schwirrten durcheinander. Die Louchard jammerte: »Wenn Sie wüßten, Herr Martial! das ganze Viertel ist in Aufregung. Die arme Frau Villoir, wer hätte das gedacht ...« »Nun?« fragte Martial. »Vor einer Stunde erschossen ... Und sie war so froh, daß ihr Mann zurückgekommen ist, und noch dazu mit einer Beförderung ... Sie hat ihn heute morgen wiedergesehen. Sie war wie toll. Sie hätt' am liebsten getanzt ... Schon seit die Versailler eingezogen sind, hat sie immerfort gelacht bei dem Gedanken, daß man jetzt mit diesen Kanaillen Abrechnung halten wird ... Und eben erst hat sie zu mir gesagt: »Ich geh' um Essig zum Salat...« Ich sehe noch ihre Kanne. Es scheint, daß sie unterwegs sich gebückt hat, um ihre Schuhbänder fester zu knüpfen. Eine Dame, die vorübergeht, sieht sie und schreit: »Die Petroleuse!« ... Soldaten kommen herbei ... Ein anderer behauptet, gesehen zu haben, wie sie ihre Kanne ins Abflußrohr entleert hat ... Und keiner hat den Mut gehabt, zu sagen, daß er sie kennte, die brave Frau ... Ach ja, es hat nicht lang gedauert! ... Wer entschuldigen Sie! da kommt Louchard mit den Soldaten herunter ...« Martials Nachbar zog ihn am Ärmel und vertraute ihm an: »Ein Beamter der Kommune, den man da wegführt!« ... Achtungsvoll machten die Umstehenden der bewaffneten Justiz Platz. Fassungslos, verstört erschien Delourmel, von Infanteristen eskortiert. Vergeblich erschöpfte er sich in Beteuerungen: er war nicht der Philoxène Delourmel, der Divisionschef im Rathaus gewesen; er hieß Thomas Delourmel, hatte unter der Belagerung gedient, und niemand liebte die Ordnung so wie er ... Ohne Erbarmen schleppte die Eskadre ihn fort. Mit heiterer Miene blickte Louchard ihm nach. Martial, der in seiner Verblüffung kaum Zeit gefunden, die Lippen zu öffnen, stürzte auf den Portier los: »Aber Sie wußten doch ...« Gellendes Geschrei unterbrach ihn: »Zu Hilfe! Zu Hilfe!«... Das kam aus dem Hofe. Sie stürzten hin, blickten in die Höhe. An einem offenen Fenster des dritten Stockwerks stand auf dem Fensterbrett, auf das sie geklettert, eine große, hagere alte Frau mit gelösten, weißen Haaren. Es war Delourmels Tante Elodie, bei der all die Aufregungen und Erschütterungen den Wahnsinn zu vollem Ausbruch gebracht hatten. Frau Delourmel hielt sie krampfhaft mit den Armen umschlungen, doch Tante Elodie riß sich gewaltsam los. Ein herzzerreißender Schrei, und während Frau Delourmel die Hände rang, stürzte die Wahnsinnige, blitzschnell die Luft durchschneidend, aufs Pflaster nieder. Martial und den anderen Anwesenden stockte vor Entsetzen der Atem. Eine Blutlache bildete sich. Mit zerschmetterten Gliedern und gespaltenem Schädel lag die Leiche auf dem Rücken. In Chenots Hauptquartier hatte Du Breuil seit dem Mittwoch Stunden der Empörung, Stunden tiefster Niedergeschlagenheit durchlebt. Aus der Geschäftigkeit des Kampfes sah er sich in die noch peinlichere Geschäftigkeit dieser letzten Tage versetzt, während derer auf dem ganzen linken Ufer von oben her einlaufende Befehle die Unterdrückung und Entwaffnung im Großen organisierten. Das kurze Drama der Simons, das wegen der heroischen Haltung der vor kurzem ihm noch fremden, nun unauflöslich mit seinen Gedanken verschmolzenen jungen Leute tiefer als jedes andere ihn ergriffen hatte, verfolgte ihn mit der düsteren Poesie ihres liebeverklärten Todes. Dieses in voller Blüte geknickte Glück rührte ihn aufs tiefste; eine geheimnisvolle Analogie schien zwischen diesen beiden und seinem eigenen und Aninas Glück zu bestehen ... Die ununterbrochene Reihenfolge anderer, nicht weniger tragischer Szenen erfüllte ihn mit unsagbarem Ekel, mit einer Empörung, die er verbergen mußte und die ihn zu ersticken drohte. An demselben Tage, da die drei Simons den Tod fanden, wurde das dreihundert verwundete Föderierte beherbergende Seminar Saint-Sulpice erstürmt. Auf die Denunziation eines Unbekannten hin war eine Linienkompagnie herbeigeeilt: »Befinden sich Insurgenten darinnen?« – »Ich habe nur Verwundete!« versetzte Doktor Faneau. Da war, so erzählte man, aus dem ersten Stockwerk ein Flintenschuh abgefeuert worden. Wütend hatten die Soldaten den Doktor niedergeschlagen, sich in die Säle gestürzt und das Gemetzel begonnen. Vergebens versuchte ein Hauptmann der Chasseurs zu Fuß einzuschreiten. Cissey hatte, eiligst benachrichtigt, persönlich aus dem Luxembourg herbeieilen müssen. Inzwischen waren schon sechzig Föderierte hingemetzelt worden. Denselben Mittwoch war von einem General im Jardin des Plantes Befehl gegeben worden, Cernuschi, dessen Verhaftung man ihm angezeigt hatte, hinzurichten: »Cernuschi? Der Mann, der hunderttausend Franks zur Bekämpfung des Plebiscits gegeben hat? ... In fünf Minuten muß er tot sein!« ... Nur einem Zufall verdankte er seine Rettung ... Welche Zeiten, da ein Mann einzig wegen der Schuld, das Kaiserreich angegriffen zu haben, zum Tode verurteilt wurde! Am zweitnächsten Tage erfolgte Millières Hinrichtung. Ein wenn nicht vorbedachter, so doch mit kaltem Willen ausgeführter Mord. Du Breuil frühstückte diesen Morgen mit dem Generalstab bei Foyot; ein Deputierter, der Marquis de Quinsounas, saß an Cisseys Tisch. Unter den Fenstern macht ein lärmender Trupp Halt; die aufgeregten Soldaten schreien wie die Menge; etwa hundert Individuen heulen: »Zum Tod mit ihnen! ... Schießt sie nieder!« Du Breuil neigt sich aus dem Fenster, erkennt den Volksvertreter an dem kalten, puritanisch strengen, von langen Haaren umrahmten Gesicht, den er im März in der Nationalversammlung, im Saale des Schloßtheaters, der Majorität trotzen gesehen, die ihn mit erhobenen Fäusten bedrohte und am Sprechen hinderte ... Du Breuil entsinnt sich: Millière verlangte nur, daß der die Vorgänge des 18. März brandmarkenden Proklamation die Worte hinzugefügt würden: »Es lebe Frankreich! Es lebe die Republik!« Verleumderische Legenden werden verbreitet, stempeln den Deputierten – dessen ganze Aufgabe darin bestanden, die republikanische Allianz der Departements platonisch mit der Kommune zu vereinigen, und dessen Verbrechen es war, Jules Favres Privatleben enthüllt zu haben, – zum Henker der Widerspenstigen, zum Anführer der Brandstifter und verwechseln ihn mit einem Namensvetter ... Du Breuil erfährt den großherzigen Grund seiner Verhaftung: Millière lieferte sich aus, um seinen Schwiegervater zu retten, – und gleichzeitig das von Cissey am Frühstückstisch diktierte Urteil: Millière soll im Pantheon erschossen werden, knieend, um die Verzeihung der Gesellschaft für die ihr angetanen Übel zu erbitten. Er hatte das Gespräch des Gefangenen mit dem mit der Konstatierung seiner Identität beauftragten Hauptmann Garein erfahren. »Ich habe Artikel von Ihnen gelesen, die mich empört haben; Sie sind eine Viper, die man zertritt ... Sie werden erschossen werden ... Sobald Sie sagen, daß Sie Millière sind, bleibt nichts anderes zu tun übrig.« – Er hatte auch erfahren, mit welchem Heroismus Millière gestorben war. Unter heftigem Regen hatte man ihn zum Pantheon geführt und ihn auf die oberste Stufe zwischen den Mittelsäulen sich stellen geheißen. Er hatte Garein verschiedene Gegenstände übergeben, darunter auch ein Medaillon, das er um den Hals trug. Man hatte ihn umdrehen wollen, um ihn in den Rücken zu schießen, doch er hatte sich entrüstet abgewandt. Nun befahl ihm Garein, niederzuknien und, als er sich sträubte und Rock und Weste über der weißen Hemdbrust öffnete: »Sie spielen Komödie ... Sterben Sie ruhig, das ist besser!« Zwei Soldaten hatten ihn gewaltsam auf die Knie gezwungen, und während die Gewehre sich auf ihn richteten, hatte er dreimal gerufen: »Hoch die Republik!« Der das Peloton kommandierende Offizier hatte das Manöver von neuem beginnen lassen; Millière hatte noch Zeit gefunden, mit lauter Stimme zu rufen: »Es lebe das Volk! Es lebe die Menschheit!« ... Dann krachte die mörderische Salve, der Gnadenschuß ... Das halbe Gesicht zerschmettert und geschwärzt, lag Millière auf dem Boden; dann zog ein Soldat ihm, wie Duval, die Stiefel aus... So fiel, lange nach dem Kampfe, in diesem unterworfenen Stadtteil ein noch mit seinem Mandat bekleideter Deputierter mit vielen anderen, unbekannten Opfern ohne Beweise, ohne Urteil, in brutaler Verachtung aller menschlichen Gesetze ... So sah er im Luxembourg, wo er jetzt den größten Teil seiner Zeit zubrachte, beständig das Bild des Palastes mit den von hungernden, und dürstenden Gefangenen angefüllten Kellern, dem vom geschäftigen Treiben des Kriegsgerichtes belebten Erdgeschoß und dem vom dumpfen Getöse der Exekutionssalven widerhallenden Garten. Diesen Sonntag Morgen hatte man unter besonders grausamen Umständen den Doktor Tony Moilin getötet, einen harmlosen Ideologen, der sich darauf beschränkt hatte, einige Tage hindurch die Mairie des VI. Arrondisseinents zu verwalten. Vor seinen Richtern hatte er in einer Art von Traumzustand zugegeben: »Ja, die Kommune hat Fehler begangen... Sie hat sich selbst den Untergang bereitet... Sie hätte das nicht tun müssen... Sie hatte es nicht verstanden, das Problem zu lösen!«... Dann hatte er, das Antlitz von feurigem Glauben verklärt, ausgerufen: »Ich, ich bin für die universelle Republik, für die Gleichheit der Menschen!...« Nach dem Urteilsspruch hatte er eine Frist von vierundzwanzig Stunden erbeten, um eine Verbindung zu legitimieren und seiner schwangeren Lebensgefährtin sein kleines Vermögen und seinen Namen hinterlassen zu können. Sie selbst erflehte als einzige Gunst nur, daß er nicht verstümmelt und seine Leiche ihr überlassen werde. Die Behörde jedoch hatte, einen Eklat befürchtend, den Leichnam in die gemeinsame Grube werfen lassen und Befehl gegeben, dessen Wiederauffinden unmöglich zu machen. Diese namenlose Grausamkeit brachte in Du Breuils Herzen das Maß des Abscheus zum Überfließen. In dem tiefen Mitleid, das er für das unglückliche Weib empfand, wurde seine Sehnsucht nach Anina mit verstärkter Macht wieder wach; sie würde seine Empörung teilen. Diese eisige Härte, dieses nutzlose Blutbad, das nur der Vorläufer einer ungeheuren systematisch angewandten Rache war, – nein, er konnte sich nicht in solche Sitte finden, sein Gewissen bäumte sich dagegen auf. Thédenats prophetische Worte: »Wenn Sie eines Tages gegen Paris kämpfen müssen...« klangen ihm gleich einer Totenglocke in den Ohren. Er glaubte die bewegte Stimme wieder zu hören: »Seien Sie menschlich!« – So nahe dem Hause des Geschichtschreibers, von dem Verlangen verzehrt, seine Hände zu drücken, nach einem Trostwort dürstend, hatte er doch nicht gewagt, die Rue Soufflot zu betreten, dem Greise ins Auge zu sehen und darin den Ausdruck schweigender Anklage zu lesen: Ach! war schon die Brutalität der Mannschaft unbegreiflich und verwerflich, wie erst die strafbare Sorglosigkeit, die unbeugsame Härte so vieler Offiziere, Kameraden, Chefs verstehen und rechtfertigen?. Gewiß, es fehlte nicht an ehrenvollen Ausnahmen. Clinchant, hieß es, und Ladmirault hatten – nachdem die erste Trunkenheit ihrer Leute, deren Äußerungen sie nicht hatten verhindern können, verrauscht war, strengen Befehl gegeben, dem persönlichen und Einzelmord ein Ende zu machen. Was aber war das gegen diese erbarmungslose Massenzüchtigung, gegen diese Schreckensherrschaft, die über ihnen allen lastete? Die bedrohte soziale Ordnung forderte ihre Rache und wälzte ihren zermalmenden Mühlstein. Du Breuil fühlte sich als ein winziges, ohnmächtiges Etwas und litt mit seiner ganzen gebrochenen Seele. So hatte er mit Freuden die dienstliche Mission begrüßt, die ihn zu dem im Ministerium des Äußeren residierenden Marschall und hierauf zu Vinoy führte, dessen Divisionen, im Verein mit jenen Ladmiraults, die gestrige Arbeit, die endgiltige Unterwerfung vollendeten. Er klopfte liebkosend Cydalisens Hals und schwang sich in den Sattel. Als er in der Rue de Bourgogne an seiner Wohnung vorüber kam, die er seit dem Juli – seit der Kriegserklärung – nur ein einzigesmal noch betreten hatte, an jenem fürchterlichen 18. März, da er ganz gebrochen von seinem Kalvarienweg auf den Montmartre heimgekehrt war, da stellte er einen flüchtigen, schwermütigen Vergleich an zwischen dem so leichtlebigen, lebensfrohen Du Breuil von einst und dem Du Breuil, der in diesem Augenblick unter den Fenstern seiner früheren Wohnung vorbeiritt. Wie war er so völlig verwandelt, für immer von jener noch so nahen und doch schon ungreifbaren Vergangenheit, von dem Phantom seiner Jugend losgelöst! Und in dieser Agonie der Gegenwart fühlte er mit tiefer Trauer jenes eitle Einst, das er doch nicht bereuen konnte, immer weiter in schleierhafte Ferne zurückweichen. Der Quai d'Orsay mit seinem militärischen Gewühl, der Auftrag, dessen er sich zu entledigen hatte, die Nachrichten, die er hier und dort erfuhr, lenkten ihn für kurze Zeit von seinen Grübeleien ab. In der Nacht war es der Brigade Langourian gelungen, die Roquette zu erreichen und zu retten, was an Geiseln noch übrig war. Das Gefängnis war seit dem Abend befreit; Ferré, der noch einmal zurückgekommen war, um die verzweifelten Widerstand leistenden Gefangenen zu zähmen, hatte beim Schrei eines Spaßvogels: »Die Versailler sind da!« schleunigst die Flucht ergriffen; unglücklicherweise hatten einige der Gefangenen im ersten Freudentaumel der Befreiung zu früh die schützenden Mauern ihres Kerkers verlassen; vier von ihnen, darunter der Archidiakon von Paris und der Pfarrer von Bonne-Nouvelle waren, kaum erst ins Freie getreten, niedergemetzelt ... Das war das Ende. Ladmirault und Vinoy setzten ihren einschließenden Marsch fort. Bei Tagesanbruch hatte Langourian die Mairie des XI. Arrondissements genommen, die Spitzen seiner Kolonnen bis zu Douays Vorposten vorgeschickt; La Mariouse war Herr des Tores von Bagnolet und Romainville, der Mairie des XX. Arrondissements, der Kirche von Belleville, wo die dreizehnhundert von Ferry eingeschlossenen Liniensoldaten sich beim Erwachen in den Händen ihrer Kameraden wiederfanden; er hatte eine starke Barrikade der Rue Haxo eingenommen und vertrieb die letzten Förderierten aus der Rue de Bois und der Rue Près-Saint-Gervais, während Derroya im Begriffe war, die Barrikaden der Rue de Tlemcen und der Rue Menilmontant niederzureißen. Kaum, daß zwischen den Straßen des Faubourg du Temple und Oberkampf noch eine Handvoll dieser Banditen übrig blieb. Noch einige Schüsse, um auch diese Gegend reinzufegen, und die Kommune war tot. Welche Erlösung, den Kampf beendet zu sehen! Er wollte eben in ruhigerer Stimmung in das Hauptquartier zurückkehren, als er im Hofe zwei Reitern begegnete, die ihn mit einem kurzen »Guten Tag!« anriefen. Es waren d'Avol und Francastel. Sie warfen die Zügel einer Ordonnanz zu, sprangen aus dem Sattel und näherten sich Du Breuil. Sie hatten sich seit dem Einzug in Paris nicht gesehen und drückten sich die Hände. D'Avol blickte den Freund schweigend an. Francastel lachte mit ungetrübter Befriedigung: »Die Stadt säubert sich, wie?« Seine Raubvogelnase, seine niedere, gehirnlose Stirn, sein struppiger Schnurrbart, alles drückte triumphierenden Haß aus. Unwillkürlich streifte sein Blick Du Breuils Offizierskreuz. »Ich verlasse Sie«, flötete er ... »Apropos, haben Sie gehört, daß man noch einen zweiten Jacquenne erschossen hat?« Du Breuil runzelte die Stirn; man hatte doch neulich schon ... Welcher war der rechte? Francastel zuckte die Achseln. Das war ihm gleichgültig. Von diesem Gezücht konnte man gar nicht genug vertilgen ... Er entfernte sich, einen Abschiedsgruß winkend. »Bah!« meinte d'Avol trockenen Tones, »er hat recht«. Seine Augen blitzten. »Findest du?« versetzte Du Breuil. D'Avol, in dem die Feindseligkeit früherer Zwistigkeiten wieder erwachte, betrachtete ihn voll Traurigkeit. »Ganz gewiß. Laß dir sagen, daß die Gefühle, die du nicht zu verbergen vermagst, der Uniform, die, du trägst, unwürdig sind. Diese Leute müssen nach den Brandstiftungen, nach der Ermordung der Geiseln wie schädliche Tiere vertilgt werden. Schon durch ihren ungeheuerlichen Krieg unter den Augen der Deutschen, dadurch, daß sie uns die zur Arbeit an der Neuerrichtung der Armee notwendige Zeit gestohlen haben, haben sie tausendmal den Tod verdient! Sie stellten sich selbst außerhalb des Gesetzes, so stehen sie jetzt außerhalb der Natur ... Bedauert man denn die wütenden Hunde, die man totschlägt? ... Nein, man bewahrt sich vor dem Gift der Ansteckung, man sichert die Gesundheit der Zukunft; sie, ihre Weibchen, ihre Brut von Grund aus ausrotten ist ein gerechtes und frommes Werk.« Seine Stimme bebte von mystischer Begeisterung. Vielleicht hatte auch er im ersten Augenblick einiges Mitleid gefühlt, doch hatte er schnell sich besonnen, ganz von seiner fixen Idee beherrscht, vor der neubelebenden Aussaat das Erdreich zu jäten und zu pflügen. Mit gewaltiger Anspannung der Nerven panzerte er sich mit erbarmungsloser Willensstärke, mit dem Stoizismus des Richters. Er hätte seinen besten Freund, seinen Bruder töten können, hätte er ihn im feindlichen Lager gefunden. »Ein gerechtes und frommes Werk!« wiederholte Du Breuil. Mit heißer Empörung maß er den Abgrund, der sich zwischen ihnen aufgetan ... Konnte ein Mensch, ein Christ kalten Blutes eine solche Behauptung aufstellen? »Auf jeden Fall«, fuhr er fort, – nicht um zu diskutieren, denn er fühlte die Nutzlosigkeit eines solchen Streites, doch in einem Aufschrei seines geängstigten Herzens, im Drang, seine gefolterte Seele zu erleichtern, die endlich durch das Dunkel, in dem sie seit zwei Monaten getastet, sich zur Klarheit emporgerungen hatte, – »auf jeden Fall leisten wir Henkerarbeit, nicht Soldatenhandwerk. Du sprichst von der Würde der Uniform! Weder du noch ich bringen ihr Ehre.« Verzweifelt wandte er sich ab und entfernte sich, ohne da sie ein armseliges Abschiedswort oder auch nur einen Höflichkeitsgruß gewechselt hatten ... Nun war's vorbei für immer! ... Jeder Versuch, die erstorbene Freundschaft wieder zu erwecken, wäre fruchtlos. Erloschenes Feuer, erkaltete Asche ... Er litt nicht einmal sehr unter dem Bruch selbst, fühlte nur tiefer noch die Leere und Öde in seinem Innern. Wie ein Faden leitete ihn das Bewußtsein seiner zu vollendenden Sendung. Instinktiv wandte er sich dem Hauptquartier im Kloster von Picpus zu, wo er Vinoy zu finden hoffte ... Ohne dieses von der Pflicht bestimmte Ziel hätte er in seiner tiefen Niedergeschlagenheit nicht gewußt, wohin sich wenden. Die Rue de Rivoli war ein Bild der Verwüstung. Ihn schauderte vor allem, auch vor sich selbst. Nein, er hätte nicht einwilligen sollen, unter Chenot zu dienen; er hätte, von seiner Liebe in Versailles festgehalten, sich nicht an den Vorbereitungen zu diesem Kriege beteiligen dürfen. Anina hätte es begriffen, wie sie Maurices Abreise nach Algier gebilligt ... Immer wieder quälten Bonalds Worte, die er einmal in einem Buche gelesen, seine Gedanken: »In politischen Krisen liegt die größte Schwierigkeit für einen ehrlichen Menschen nicht darin, seine Pflicht zu tun, sondern darin, sie zu erkennen!« Ja, sie kennen! Wie glühend, wie schmerzlich, mit welchem immer wachsenden Wahrheitsdurst hatte er sie gesucht seit dem Tage, da er auf Montmartre mit den Kehrseiten der so laut sich gebärdenden, so viele Rechte sich anmaßenden Gesellschaft in so nahe Berührung gekommen war, seit dem Tage, da er in Châtillon Duval hatte fallen gesehen! Jetzt kannte er sie, seine Mannespflicht, und mußte sie in absolutem, in unversöhnlichem Gegensatz zu seiner gegenwärtigen Soldatenpflicht finden! Welch fürchterliche Knechtschaft! War denn die Armee immer noch, wie vor fünfzig Jahren, nichts anderes als ein großes Etwas, das leidet und tötet? Sollte die Disziplin denn ewig eine gedankenlose Sklaverei, die passive Verleugnung aller Gefühle bleiben? Sollte denn nie der Tag kommen, da, Soldaten und Chefs aufhören würden, eine isolierte Stellung in der Nation einzunehmen, da sie in ihrem Heizen das Herz aller schlagen hören und in freier und froher Gemeinschaft der Geister nur noch für die Verteidigung des Vaterlandes, wenn ihm Gefahr drohte, nur noch für die Erhaltung seiner friedlichen Grüße arbeiten würden? In der Rue Saint-Antoine wurde er für einen Augenblick durch das Defilee einer langen Gefangenenkolonne aufgehalten. Er wollte die Augen abwenden, als ein alter Marchi der Chasseurs d'Afrique, der an der Flanke der Eskorte ritt, ihn mit ernster Miene grüßte ... Saint-Paul! ... Ihre letzte Begegnung im Park von Saint-Cloud auf den Trümmern der Vergangenheit ... Die Erinnerung an Lacoste ... Er erwiderte den Gruß und blickte lange noch der verschwindenden Gestalt des Veteranen nach ... Ganz Rezonville tauchte wieder vor ihm auf, der Sturm des Angriffs, der wilde Galopp in brüderlichem Nebeneinander mit Lacoste ... Dann der blutige Irrtum ... Sein Freund von den Dragonern Legrands getroffen, die furchtbare Verzweiflung, in der er sein Leben ausgehaucht, sein letzter Seufzer: »Von Franzosen getötet!« ... Armer Lacoste, er war zur rechten Zeit gestorben, er hatte es nicht mehr erleben müssen, wie jener unselige Irrtum sich gegenseitig, willkürlich ausbreitete, bis das Verhängnis ein ganzes Volk zermalmend ergriffen hatte! ... Du Breuil gab Cydalisen die Sporen. Auch das letzte Grollen der Schlacht war verstummt, nur hier und da war noch ein schwaches Echo vernehmbar. Er hatte eben den Bastilleplatz gekreuzt und war in die Rue de Charenton eingebogen, als hinter ihm ein Fenster sich öffnete und ein Föderierter, der sich dort verborgen gehalten, einen Schuß abfeuerte. Wie eine leblose Masse sank Du Breuil mit durchbohrtem Rücken vom Pferde ... Endlose traurige Minuten ... In einem der Säle des Klosters von Picpus ruhte er nach Untersuchung der Wunde, vom Schlummer der Ohnmacht umfangen, auf dem schmalen Bette. Der Chirurg hat schweigend die Umstehenden fortgewiesen und sagt ganz leise zu einem Adjutanten Vinoys, der sich erbötig gemacht, nach Versailles zu eilen und Du Breuils Braut und ihre Eltern zu benachrichtigen: »Unnütz«. Der Sterbende versinkt im eine Welt wirrer Träume ... Das lichtfunkelnde Saint-Cloud ... Die bittere Ironie von Lacostes Tod: »Franzosen von Franzosen getötet!« Dann die Schlachtfelder von Metz, Aninas Vaterhaus, die Uhr in ihrem hohen Gehäuse ... Vulnerant omnes, ultima necat ... Wieder Saint-Paul, der Unglücksverkünder! ... und dort unten, in der grünen Creuse, die Seinen ... Vater, Mutter ... Warum weinen sie doch nur? Dann im zusammenhanglosen Vorüberflug der jüngst erlebten Visionen diese beiden engverschlungenen Liebenden, die er nicht zu retten vermocht ... Dort, zu Füßen seines Bettes, steht sein unsichtbarer Mörder; er trägt Louis' Züge, er hält seine Rose an der Hand ... Du Breuil seufzt aus tiefer Brust ... Wohin führt man ihn? Er streckt den Arm aus, will sich an Anina festklammern ... Warum läßt sie ihn so von hinnen gehen mit einem Lächeln trostloser Ohnmacht? Er will bei ihr bleiben, will aufstehen, handeln ... Er hat noch so vieles zu tun ... noch ein wenig Gutes! Er hat so wenig getan, so wenig ... Anina ... Wie fern sie schon ist, fast verschwunden ... Anina, geliebte Anina ... Seine im Todeskampf verzerrten Züge lösten sich zu einem Ausdruck unendlicher, trauriger Milde ... Plötzlich ward es Nacht vor seinen Augen. Das bleiche Haupt, von friedlicher Schönheit verklärt, lag auf den Kissen. Ein Abglanz ferner Helle blieb für einen Augenblick in seinen weitgeöffneten Augen haften, als sähen sie das Licht, den Tag. IV. An einem der ersten Julitage saß Thédenat am offenen Fenster, durch das die volle Nachmittagssonne hereinflutete und durchblätterte die Zeitungen, die zu lesen er seit einer Woche nicht imstande gewesen und die nun zerknittert, zu Boden geworfen sich um ihn anhäuften, ohne daß er den Mut fand, die gewohnten Ausschnitte daraus abzutrennen. Er berührte sie nur mit Widerwillen, als strömten auch sie wie alle Dinge einen Hauch von Blut und Verwesung aus. Das Blatt, das er hielt, entfiel seinen Händen. Er hatte darin die Ansprache gelesen, die der Bischof von Versailles den 28. Mai – an demselben Sonntag, da Mac-Mahon den Einwohnern die Befreiung von Paris und die Wiederherstellung der Ordnung verkündete und die Soldaten wegen ihrer patriotischen Anstrengungen belobte, – in seiner Kathedrale gehalten hatte. Unter dem Gewölbe, in dem zwischen Lichterglanz und Orgelklang gleich Siegesfeuern die frommen Düfte des Weihrauchs aufstiegen, angesichts der Nationalversammlung und der Regierung, die zu diesen durch den Zufall der Stunde gleichsam zu einem Tedeum umgewandelten öffentlichen Gebeten erschienen waren, tönte in stolzen Worten die Stimme des Geistlichen. Er kündete Gott den Triumph der demütig auf den Knien liegenden Sieger: »Ihr erklärt, daß es ein höheres Licht gibt und daß ihr dessen bedürfet, um die gewaltigen Fragen, die die Ereignisse euch stellen, zu lösen?... Ihr erkläret, daß über euch eine höhere Macht steht, die die Quelle ist und die Richtschnur sein soll aller Macht, mit welcher ihr bekleidet seid!... Ihr gebet laut und öffentlich zu, daß es demütiger und glühender Gebete bedarf, um die göttliche Gerechtigkeit zu versöhnen, den Arm, der euch züchtigt, zu entwaffnen! ... Es liegt in diesen eueren Bekenntnissen etwas Schönes, etwas Großes, etwas für das Volk unendlich Belehrendes. Seid gesegnet! ... Euer mutiges Eintreten für die gute Sache wird inmitten all der traurigen Schwächen und Verirrungen unserer Epoche eine vortreffliche Wirkung erzielen...« Nachdem er dann noch dies nützliche Beispiel gepriesen, das tiefe Spuren in dieser Gesetzgebung hinterlassen würde und dem der Lohn reichsten, himmlischen Segens nicht fehlen könne, erhob er in »einem selben Gefühl des Glaubens, der Reue und des Vertrauens« aller Herzen zu dem Ewigen, Allmächtigen. Also gestanden die Sieger selbst – so sann Thédenat, – daß, sie für den Erfolg einer egoistischen, fanatischen Politik, für die alten Idole der Vergangenheit, einen gefräßigen Moloch, einen Jehovah als Herrn der Heerscharen gehandelt hatten und täglich noch mit unersättlicher Unterdrückungsgier handelten. In welch ungeheuerlicher Verirrung brachten sie dem Gott, dessen erbarmungsvolles, mildgütiges Antlitz sie verschleierten, die Huldigung ihrer provokatorischen Fehler, ihres mitleidslosen Eigensinns, der namenlosen Grausamkeit, mit der sie ihr Werk vollendeten, dar? Er erhob sich mit heißer Stirn und stieß den Haufen von Zeitungen von sich. Die schwindelnde Aufeinanderfolge von Greueln, mit denen sie angefüllt waren, alles, was er selbst gesehen und erlebt, zog in einem wahren Totentanz an seinen Augen vorüber. Und eine der Hauptstädte der Welt war es, dasselbe Paris, das trotz seines Anfalls hitzigen Fiebers und trotz seiner unmenschlichen Konvulsionen einer der bedeutendsten Herde der Zivilisation blieb; dieses Paris, das, obgleich irregeführt und verbrecherisch, doch durch seine Leiden und seinen Heldenmut während bei Belagerung besseres verdiente, – dieses Paris war es, das die Härte, eines Strafgerichtes traf, wie die Geschichte seinesgleichen noch nicht verzeichnet hatte, ein so systematisches und so umfassendes Blutbad, daß es selbst die Bartholomäusnacht und die Schreckensherrschaft weit hinter sich ließ. Man konnte nicht ohne Schauder an die Zahl der Toten, der täglich wachsenden Verwesungsstätten denken; denn auch jetzt noch, da die Feuersbrunst erloschen, die Wut des Kampfes sich gelegt, unter blauem Himmel, in der Pracht des leuchtenden Sonnenscheins, trotz aller Reden von Frieden und Vergebung wurde ohne Unterlaß getötet und gemordet. Die blutige Woche brach an: jene Stunden, da man aus Instinkt, aus Zufall, wegen einer Ähnlichkeit, eines Namens, des ungewissesten Indiviums, wegen eines Nichts tötete; man mordete überall, auf dem Trottoir, in den Laufgräben, an den Barrikaden, in den Höfen, unter den Brücken ... Diejenigen, die sich verteidigt ebenso wie diejenigen, welche die Waffen weggeworfen, die Fliehenden wie jene, die man in Kellern oder Speichern versteckt fand; die sich falsch meldeten oder auf die ein Vorübergehender mit dem Finger deutete, den einen, weil er stotterte, den anderen, weil er ein Pole war ... mehrere falsche Vallés, Courbets, einige Billiorays. Die blutige Woche mit ihren Kriegsgerichten, bei denen Offiziere der Gendarmerie, der Nationalgarde, ja sogar der Armee, sowie Polizeikommissäre als Richter fungierten, eine ganze im voraus bestimmte Gerichtsbehörde, die man noch verstärken mußte. Fast alle hart und mitleidslos, nur allzuwenige menschlich denkend und fühlend. Die Verhöre waren in drei Worten abgetan, der Urteilsspruch ungemein einfach: der gewöhnliche für die nach Satory Bestimmten, der klassifizierte für die zum Tode Verdammten. Die Militärschule und der Park Monceau funktionierten weiter trotz der in den Mairien errichteten Sukkursalen, das Collège de France, der Luxembourg dröhnten von dumpfen Salven; der Châtelet verschickte nach Lobau seine Frachten Menschenfleisch, Männer, Frauen, Kinder, die im Hof der Kaserne wie das Wild auf der Treibjagd durch die Pelotonfeuer niedergestreckt wurden. Des Abends verließ ein Geistlicher den Schreckensort, bleich vor Erregung, erschöpft von den massenhaft erteilten Absolutionen. Die blutige Woche mit ihren Massenhinrichtungen, der an den hundertvierzig aus Mazas herbeigeschleppten Föderierten an der Mauer des Père-Lachaise ausgeführten Exekution; mehr als vierhundert blieben erschossen im Gefängnis; in der Roquette häuften sich die Leichen. Die blutige Woche mit ihren überfüllten Friedhöfen, mit ihren zu Beinhäusern umgewandelten Parks, Plätzen, Avenuen, den ungeheuren Massengräbern, in denen in buntem, grausigem Durcheinander eine zahllose Menge faulte und die eilig und so schlecht ausgeschaufelt waren, daß aus der dünnen Erdschicht hier ein Arm, dort ein Bein herausragte. Ganz Paris war mit einer pestilentialischen Atmosphäre erfüllt. Und um dieses Schlachthausgetriebe, um dieses organisierte, wie auf geheimnisvolle Befehle hin fortdauernde Blutbad bewegte sich eine Schar fürchterlicher Operateure, der ganze Auswurf einer in ihren Rechten bedrohten und für die ausgestanden Angst sich rächenden Gesellschaft. Das wütende Geheul der beutegierigen Menge: Schmähungen, Geschrei, Denunziationen und, neben der Entfesselung der oberen Klassen der Aristokratie und des Bürgertums die noch in ihren Tiefen aufgewühlten unteren Klassen. Unter der wieder hergestellten Ordnung wie früher unter der Anarchie dieselben am Blut sich ergötzenden Harpyriengesichter. Und inmitten dieses brüllenden und wie besessen sich gebärdenden Haufens der Mann, der aus der Rue Lafayette nach Montmartre geführt wird, – Varlin, der die letzte Barrikade verlassen hat und am Kaffeehaustische von einem bürgerlich gekleideten Geistlichen erkannt und verraten wurde. Die Hände mit einem Riemen hinter dem Rücken gefesselt, barhaupt – ein Gassenjunge hatte ihm mit einem Balkenhieb den Hut vom Kopfe geschlagen, – in fester, würdiger Haltung, so wird er von der kleinen Eskorte von Liniensoldaten zum Chateau-Rouge geführt. Das Urteil wird gesprochen: er soll in der Rue des Rosiers, an derselben Mauer, wo Lecomte und Clément gefallen waren, erschossen werden. Doch sein mit Steinen, Kot und Schimpfworten ihn bewerfendes Gefolge findet, daß seine Qualen noch nicht lange genug gedauert haben: »Führt ihn noch umher! Es ist noch zu bald! Laßt ihn die Runde um die Buttes machen!« Als man ihn in die Rue des Rosiers zurückbringt, ist sein Gesicht nur eine einzige Wunde; er ist so schwach, daß man ihn tragen muß. Auf einem Schemel sitzend wird er erschossen. Die Verfolgungen griffen über die Grenzen des Landes hinaus und erstreckten ihre Fänge bis in die fremden Länder. Jede Regung des Mitleids wurde als Wahnwitz gebrandmarkt, so sehr, daß Victor Hugo, der in Brüssel seine Tür den Geächteten öffnete, deren Verbrechen er doch in wundervollen Versen verurteilt hatte, sein Haus mit Steinen beworfen, seinen Namen in Frankreich verhöhnt und verachtet sah. Mit einem Gefühl des Ekels zertrat Thédenat den Haufen entfalteter Blätter, dieser Zeitungen, die fast ausnahmslos in kalten, dürren Worten das abstoßende Schauspiel schilderten, und warf ihn mit der Fußspitze in den danebenstehenden Korb. Die Gemäßigten bewahrten eine zustimmend schweigende Haltung; die Reaktionäre äußerten offen ihre unaussprechliche Freude, die sich bei vielen in Hohngelächter, Verleumdungen, in dem wüsten Feldgeschrei an ihrem eigenen Wahnsinn sich berauschender Indianer äußerte. Nur wenige große, liberale Organe wagten es, leise und schüchtern zum Mitleid zu mahnen; andere beschränkten sich darauf, um das Aufhören der schlimmsten Grausamkeiten zu bewirken, auf Rücksichten öffentlicher Gesundheitspflege hinzuweisen. Bei der herrschenden Hitze und der mangelhaften Beerdigung all der zahllosen Leichen konnte leicht eine Epidemie entstehen ... Indessen spann sich ungestört das Pariser Leben fort, nicht nur das der verödeten, ausgesogenen Vorstädte, auch das der hellerleuchteten Boulevards; die Welt der Stutzer und der Dirnen in kurzen Röcken und gelben Chignons erfüllte mit fröhlichem Treiben die Kaffeehäuser, die Spielhöllen und die luxuriösen Restaurants. Auf den Trottoirs tummelten sich alle die Unnützen von Versailles, alle die Mutigen, nach überstandener Gefahr, viele mit der Armbinde geschmückte Nationalgardisten, alle lachend, scherzend, prahlend, grausam, von dem lähmenden Schweigen der militärischen Herrschaft in Zaum gehalten. Während dieser Tage, trostloser Verzweiflung führte Thédenat ein beinahe mechanisches Dasein, zwischen heißer Empörung und unendlicher Niedergeschlagenheit schwankend. Der Tag ging zur Neige, der Abend kam, die Nacht brach herein. In düsteres Brüten versunken saß der Gelehrte an seinem Tische, als eine Hand sich auf seine Schulter legte. Es war seine Frau, die, eine Schürze über den schwarzen Rock gebunden, ihn liebevollen Tones mahnte: »Das Abendbrot ist fertig ...« Es war schon spät, doch die beiden spürten keinen Hunger. Sie besorgte jetzt allein die Wirtschaft, seitdem die Villoir ... Alles, jeder Augenblick des täglichen Lebens erinnerte an einen Verlust, einen Tod ... »Weißt du schon?« fragte sie, das Speisezimmer betretend, in dem die Kanarienvögel in ihrem Käfig, den Schnabel unter den Flügeln versteckt, ruhig schliefen ... »Der Besitzer des früher Simonschen Ladens hat die Warenvorräte verkauft, um sich für ihre Schulden bezahlt zu machen! ... Das Herz tat mir weh, als ich über der Tür nicht mehr den uns vertraut gewordenen Namen las, sondern an dessen Stelle: ›Rougeard‹ ...« Sie dachten an Therese, stellten sich sie vor, durch die Straßen irrend, ihre Toten suchend ... Vergebens hatte sie versucht für sie zu sorgen, ihre Existenz zu sichern ... Einmal noch war sie in die verödete Wohnung zurückgekehrt, hatte zwei Stunden darin verweilt und war dann fortgegangen auf Nimmerwiedersehen. Einige hatten sie die Schauplätze der Hinrichtungen umkreisen gesehen. Kein Zweifel, sie suchte Anatole ... Wie war es möglich, daß sie nicht zwanzigmal schon ergriffen und in eine Gefangenenkolonne gesteckt worden war? Endlich war sie, als alle Hoffnung erloschen, den Tod suchen gegangen, der sie zu meiden schien. Man hatte sie am Rande des Kais gesehen; lange war sie dort gesessen und hatte ins Wasser gestarrt, dann hatte sie langsam und leise, wie von einer unwiderstehlichen Macht angelockt, sich hinabgleiten lassen. Plötzlich weckte ein leises Kratzen an der Tür die beiden alten Leute aus ihrem traurigen Sinnen. »Das scheint an der Entreetür zu sein«, sagte Frau Thédenat. Das Geräusch wiederholte sich; besorgt blickten sie einander an; wer konnte heimlich zu dieser Stunde zu ihnen kommen? Thédenat nahm die Lampe und öffnete. Vor ihm stand ein Gespenst: Jacquenne. Er war erschreckend gealtert, das Aussehen verwildert, das Haar weiß, die Haut gelb und runzlig. Er sah aus wie ein abgehetzter, alter Wolf. »Jawohl, ich bin's!« sprach er, die Verblüffung der beiden erratend, die ihn wie so viele andere tot geglaubt. Mit instinktiver Vorsicht zog Thédenat ihn herein, während seine Frau geräuschlos die Tür wieder schloß. Stumm, im lastenden Schweigen des sie trennenden Nichtwiedergutzumachenden, standen sie im Vorzimmer einander gegenüber. Endlich sagte Jacquenne mit leiser Stimme: »Können Sie mich verstecken? Wenn nicht, so gehe ich wieder.« Von tiefem Mitleid erfaßt, brauchten Thédenat und seine Frau sich nur anzusehen, um sich auch schon zu verstehen. Trotz allem, was sie fühlen mochten, sahen sie in dem, der vor ihnen stand, doch nur einen alten Freund, einen Besiegten, der Zuflucht suchend zu ihnen kam. Frau Thédenat stieß den Riegel vor: »Wenn nur Louchard Sie nicht gesehen hat, ist alles gut.« Und während sie ans Büfett ging, ein Glas, einen Teller herausnahm, sagte Thédenat einfach: »Treten Sie ein. Essen Sie mit uns.« Diese Nacht, nach der schweigend verzehrten Mahlzeit, – was sich sagen und wozu? Die Thédenats waren zu zartfühlend, einen Tadel auch nur ahnen zu lassen, Jacquenne zu stolz, sich zu einem Wort herbeizulassen, das als Rechtfertigung hätte ausgelegt werben können – schlief man schlecht in der gastlichen, kleinen Wohnung. Thédenat und seine Frau erwogen die Möglichkeit der Flucht; sie fürchteten alles von Louchard, der der Schrecken des ganzen Viertels war und, je nach seinem Vorteil offen oder versteckt, die Rolle des öffentlichen Anklägers spielte. Verdächtig aussehende Individuen belagerten seine Loge und faßten jeden Vorübergehenden fest ins Auge ... Es galt, um jeden Preis ein Mittel zu finden, um Jacquenne unter irgendeiner Verkleidung in die Schweiz zu bringen. Was sie selbst in dieser gefahrvollen Zeit dabei riskierten, daran dachten sie nicht. Jenseits der Wand, auf dein Divan des Arbeitszimmers, suchte Jacquenne vergeblich den Schlaf. Das Fieber dieser, letzten Tage, die unvergeßlichen Bilder des Zusammensturzes verfolgten ihn wie ein Chor von Furien. Er versuchte sich zu besinnen in der kurzen Rast dieses flüchtigen Asyls, wo er trotz des edelmütige Empfangs sich doch nicht behaglich fühlte. Er war noch ganz gebrochen von dem langen Marsch, von den Weigerungen, auf die er an anderen Türen gestoßen ... Gesichter, die er lächelnd gekannt, und die bei seinem Anblick sich kalt angewandt ... Zufällige Nachtlager, ziellose Wege. Es war eine völlige Erschöpfung der Nerven nach der allzu langen Spannung. Jetzt schämte er sich ... Und doch war es nicht Furcht gewesen, was ihn hergetrieben. Wenn er nicht im Hagel der Kugeln gefallen war, denen er bei der Bastille, bei den Buttes-Chaumont, in der Rue Haxo mit wütender Beharrlichkeit sich ausgesetzt, seine Schuld war es nicht ... Der erlösende Pistolenschuß? auch daran hatte er gedacht. Doch vielleicht hätte der Selbstmord den Dummköpfen, den Verleumdern Anlaß gegeben, wie über eine Schwäche, ein Geständnis der Reue darüber zu hohnlachen. Und doch, wie weiterleben? ... Die Sache, die er gestützt, auf lange Jahre vernichtet! ... Vernichtet ohne Hoffnung, sie noch schlagen zu hören, die so langerwartete, so langersehnte Stunde der sozialen Revolution ... Die Probe war gemacht. Die Nachfolger der Verderbten, Verfaulten, die es knechteten, zu werden, dazu war das Volk noch nicht reif, würde es noch lange nicht sein. Dazu hätte die Bewegung von oben der von unten entsprechen müssen; dazu hätte das aufgeklärte Bürgertum die Arbeit in die Hand nehmen und teilen müssen. Alle Leitenden und Führenden hatten ihre Mission verfehlt, diese unfähigen Arbeiter, die es drängte, wie die Herren zu genießen, und seine Standesgenossen ebenso wie die Revolutionäre, die servilen Nachahmer der Vergangenheit, wie die ungeheure Menge der Gemäßigten, der Furchtsamen, der Konservativen, der Mitglieder der Versöhnungsliga ... Jetzt war alles zu Ende ... Das Blutbad bewies zur Genüge, unter welchem furchtbaren Druck die Zukunft vegetieren, ersticken müsse ... Die Herrschaft des Säbels, die servile Presse, die fast gewisse Monarchie ... Er war zu alt, er würde sterben, ohne die Verwirklichung seines Traumes gesehen zu haben! ... Sein einst ertragenes Leben des Geächteten wieder aufnehmen; wieder Bücher schreiben wie damals, als er noch hoffte? ... Nein, wahrhaftig! Lieber fallen und im Fallen noch seinen Ideen nützen. Im Gegensatz zu der Flucht fast aller seiner Kollegen wollte er zeigen, daß einige trotz alledem noch Mut besaßen. Hocherhobenen Hauptes wollte er ins Luxembourg gehen und sagen: »Ergreift mich, ich bin Jacquenne...« Was auch kommen möge, die erlösende Kugel oder das Martyrium des Kerkers, es war gut. Er würde gegenüber der verhaßten Gesellschaft die Unterschrift quittieren, die er als Feind unter seine Dekrete gesetzt. Bei Tagesgrauen; ohne seine endlich eingeschlafenen Wirte zu wecken, war Jacquenne gegangen, heimlich, wie er gekommen. Die Luft war frisch, schon begann der Tag zu dämmern, am klaren Himmel kündete ein immer bleicher werdendes Azur das Nahen der Sonne. Gierig sog er die Luft ein wie frisches Wasser, trank noch einmal den Tag, das Leben. Dann ging er entschlossen seinem Schicksal entgegen. Als Frau Thédenat ihr Zimmer verließ, das Lager zerwühlt, das Zimmer leer fand, gedachte sie des Ausdrucks düsterer Überlegung, mit dem Jacquenne ihnen Gute Nacht gesagt hatte. Was war aus ihm geworden? Hatte er gefürchtet, sie zu kompromittieren? Oder war es irgend ein verzweifelter Entschluß? ... Doch was immer er beschlossen, es war die Tat eines Tapferen, dessen war sie sicher ... Doch nun galt es, sich zu dem traurigen Gang bereit zu machen, mit dem sie den heutigen Tag beginnen sollten; zu dem Trauergottesdienste für Major Du Breuil, der vor Überführung der Leiche in die Creuse im Kloster von Picpus stattfinden sollte. Und nun stand Thédenat entblößten Hauptes neben Poncet und Martial in seiner Bank hinter Offizieren in großer Uniform, hinter Generälen, die ihr goldgesticktes Käppi unterm Arme hielten, und gewahrte in der ersten Reihe die trauernde Familie. Links, zwischen Frau Bersheim und Claire von Grandpré ein junges Mädchen, von dem man nur das schmerzliche Profil sah, die in Trauerschleier gehüllte knieende Gestalt. Rechts zwei Männer, der ehemalige Deputierte von Metz und, hochaufgerichtet und in Uniform, einen Ärmel über der Brust festgesteckt, sein alter Freund, der Oberst Du Breuil. Vorne, vor dem Altar, zwischen den Totenkerzen steht der Sarg, mit schwarzem Tuch bedeckt. Thédenat betrachtet das auf seinem Kissen befestigte Kreuz, den Säbel mit dem goldenen Portepee; ein wahrhaftiges, edles, der lautersten Ehre geweihtes Leben. Armer Mann! Er sieht den Du Beuil vor sich, den er am 19. März voll Rührung verlassen, den er in Versailles vor dem Gefangenenzug wiedergesehen. ... Er kennt ja nicht die ganze innere Tragödie dieser Seele, er errät sie nur mit tiefer Sympathie in Erinnerung an den Schrei der Empörung, an das edelmütige Dazwischentreten angesichts jener wahnwitzig fanatisierten Menge ... Armer Mann, arme Menschen! Steinerne Ruhe im Antlitz, an dem nur der Schnurrbart zittert, blickt der Vater mit starren Augen auf diesen Sarg, der ihm alles umschließt, was ihm an Hoffnung auf Erden geblieben. In diesem furchtbaren Zusammenbruch, in dem Frankreich zu versinken drohte, war Pierres Zukunft und sein Glück das einzige Band gewesen, das ihn noch ans Leben knüpfte. Nun diese Stütze fehlte, nun dieser letzte teure Sohn, in dem all sein Stolz und all seine Liebe sich verkörperten, zwischen diesen vier Brettern ruhte, – nun versank er in tiefe Nacht, und nur ein Wunder an Willenskraft hielt ihn noch aufrecht, erstarrt und gebrochen. Aninas Gestalt bebte in krampfhaftem Schluchzen, ihr leidenschaftlicher Schmerz steigerte sich noch bei der Berührung des Geliebten. – Die erste Nachricht hatte sie mit zerschmetternder Wucht getroffen, und mit namenloser Qual stellte sie sich das Unfaßbare vor – der Geliebte, den sie lebensvoll verlassen, tot, verschwunden, ihr Leben fortan trostlos, geknickt, verzweifelt. Sie hatte geglaubt, es sei unmöglich, noch schwerer zu leiden, hatte den Kelch des Schmerzes bis auf die Neige zu leeren geglaubt ... Und nun sie ihn so nahe vor sich sah, vor ihren Augen leblos ausgestreckt, ihn, der ihre Seele, ihr alles war, nun brach sie in einer mit jeder Sekunde wachsenden Verzweiflung zusammen. Sie preßte ihr Taschentuch an die Lippen, um nicht laut aufzuschreien; wahnsinnige Empörung wallte in ihr auf gegen den sinnlosen Tod, gegen die Ungerechtigkeit Gottes und der Menschen, gegen ihre eigene Ohnmacht. Sie sah alles, die flackernden Lichter, den Priester mit den rituellen Gesten, wie in einem schrecklichen Traume; in einem Traum, aus dem sie nie, niemals mehr erwachen würde. Still und unaufhaltsam flossen ihre Tränen; ihr war's, als wäre es ihr Herzblut, das da floß. Bersheim wandte, von Schmerz erstickt, kein Auge von Frau und Tochter. Unendliches Mitleid zerriß sein Herz bei dem zermalmenden Schlag, der Anina getroffen. Daß, die Alten, wie er und seine Frau, die den größeren Teil ihres Lebensweges schon zurückgelegt hatten, von so viel Familie und Vaterland verheerenden Schicksalsschlägen getroffen wurden, schon das war ein grausames Los; doch sie, der ein weiter Horizont des Glückes sich geöffnet, dem voll Hoffnung und Vertrauen entgegenzublicken sie das Recht und alle Ursache hatte ... nein, das war zu entsetzlich! ... Woran sich klammern? Was beginnen? ... Nach Metz zurückkehren? ... Bei dem bloßen Gedanken daran krampfte sich ihm das Herz zusammen ... Bei den Du Breuils, in der Creuse, bleiben? ... Das hieße, Anina täglich sich erneuernde Qualen auferlegen ... Unmöglich! Wohin also sich wenden? Für ihre jammervolle Heimatslosigkeit wollte sich kein gastliches Fleckchen französischer Erde finden; überall die kalte Fühllosigkeit der Fremde, gleichgültige Gesichter... Vor allem aber flößten Versailles und Paris ihm Abscheu ein. Das von der Arroganz der Sieger wimmelnde Versailles, das unter Trümmern verstummte Paris. Diese Städte in ihrem tollen Wahnsinn, ihrem albernen Hochmut, ihrer tierischen Wut waren es, die Du Breuil getötet! Die Nationalversammlung, die Kommune, gegenseitige Mörder! Besessene, die, nur ihre Parteiinteressen im Auge, Frankreich vollends in Blut und Asche begruben! Barbaren, die auf dem Boden ihres Vaterlandes mehr Verwüstungen gehäuft, als die Barbaren selbst, Franzosen, die tausendmal grausamer waren, als die, Deutschen gewesen ... Soviel Blutgier, so rohe Gewalttätigkeit vergiftete auch hier die Luft! Nein, hier könnte er nicht leben; sie wollten Frankreich verlassen, um in weite Ferne ihr entwurzeltes Dasein zu schleppen ... Sie wollten Großmutter Sophia, die zu alt war, um eine solche Verpflanzung in die Fremde, einen solchen Bruch all ihrer Gewohnheiten überleben zu können, verlassen, wollten jenseits des Meeres, in jenem anderen, sonnedurchglühten Frankreich, bei ihrem Sohne Maurice sich niederlassen. Dort, in Algier, wo wenigstens der Himmel barmherzig ist und eine ewig leuchtende Sonne die Gedanken, das Leid betäubt, dort wollten sie einen neuen Herd sich zu gründen, allmählich wieder sich ans Leben zu gewöhnen versuchen ... Die Zeremonie ging zu Ende, man erhob sich; langsam schritten, von ihren schwarzen Schleiern umwogt, die Frauen vorüber. Als Thédenat Anina vorübergehen sah, in übermenschlichem Schmerz erstarrt; als er sie in ihren langen Trauergewändern schwankenden Schrittes und doch in stolzer Haltung am Sarge vorbeischreiten sah, da erschien ihm die junge Lothringerin in ihrer rührenden Jugend und Schönheit als die Verkörperung des ganzen tödlich verwundeten Frankreich. Er identifizierte ihre Schmerzen; das hoheitsvolle Bild der verwitweten Braut verschmolz in seiner Vorstellung mit dem Bilde der großen Verwundeten, die ihre verlorenen Provinzen, ihre Toten, ihre innere untröstliche Wunde beweinte ... Einen Monat später saßen Thédenat, Poncet und Martial, wie so oft schon, in dem, von der vertrauten Lampe erhellten Arbeitszimmer des Gelehrten, während Frau Poncet der Hausfrau beim Abräumen des Speisetisches half. Es war das Abschiedsdiner vor der Abreise der Poncets nach Charmont, wo sie in der milden Pracht der Sommer der Tourraine einige friedliche Wochen zubringen und ein wenig Vergessen suchen wollten ... Sie hatten sich seit dem 29., dem Tag der auf Longchamp abgehaltenen, großen Revue nicht wiedergesehen. Poncet trieb, wie soviele Pariser, doch aus ganz anderen Gefühlen heraus, die Neugier, dem Schauspiel beizuwohnen. Er sprach davon mit bitterer Ironie. Niemals würde er Thiers' strahlende Miene vergessen. Durch seinen Sieg gewachsen, stand er inmitten dieser, dank seinem Genie neugebildeten, im Blute – in welchem Blut! – gestählten Armee. Fürwahr, in dieser Stunde mochte er sich als Napoleon fühlen ... Poncet erriet die geheimen Gedanken des kleinen Mannes in ihrer ganzen Eitelkeit, ihrer erschreckenden Gefühlstrockenheit; und doch setzte auch ihn der Ton in Verwunderung, mit dem der allmächtige Staatsmann einige Zeit später in seinen intimen Aufzeichnungen diese Revue schilderte, »diese Versammlung von Soldaten, »die, obgleich noch nicht neu equipiert, doch eine wahrhaft kriegerische »Haltung zeigten, in den Zügen den Ausdruck des Vertrauens und des Stolzes »darüber, diese Mauern von Paris, die den Preußen widerstanden hatten, bezwungen »zu haben. »Noch nie hatte man hundertzwanzigtausend Mann zu einer militärischen »Feier vereinigt gesehen. Sie nahmen im Hippodrom von Longchamp, im Bois »de Boulogne Aufstellung, stufenweise auf der weiten Böschung gruppiert, die »sich am Saum des Bois, gegenüber den Renntribünen, erhebt. In der Mitte »war die Infanterie massiert, eine zahlreiche Artillerie und etwa fünfzehntausend »Pferde besetzten die Front und stützten die Flügel ... Ich nahm mit den »Ministern im Mittelpavillon der Rennbahn Platz, zu meiner Rechten den »Präsidenten der Nationalversammlung; die Tribüne rechts war von den Deputierten, »die linke vom diplomatischen Korps und den Staatswürdenträgern besetzt. »Alle Gesichter strahlten in hoher Befriedigung. Es war die Freude der »glücklichen Genesung, und ich selbst empfand in diesem Moment die Bürde, die »ich trug, weniger schwer. »Marschall Mac-Mahon ritt im Galopp die Front der Truppen ab. Dann »nahm er, von einem zahlreichen Offiziersstab in Kampagneuniform umgeben, »vor dem Mittelpavillon Aufstellung; das Défilé begann. Diese Armee, die »man für undiszipliniert und jeden ernsten Manövers unfähig gehalten, defilierte »mit bewundernswerter Präzision und Gleichmäßigkeit. Jeden Augenblick »brachen die Zuschauer in begeisterte Beifallsrufe aus, besonders wenn die Korps, »die während des Krieges von sich hatten reden gemacht, vorüberzogen. »Die Zeit verging, denn das Defilieren von hundertzwanzigtausend Mann ist »eine lange Operation, und es hieß, sich beeilen. Nun setzte die Artillerie in »dichtgedrängten Reihen sich in raschem Tempo in Bewegung, die Kavallerie mit »General Du Barail an der Spitze fiel in Galopp, und alle diese schnellen, »in musterhafter Ordnung ausgeführten Bewegungen boten ein Schauspiel voll »stolzer Größe. Nun leistete der Marschall vor den Tribünen der Nationalversammlung »und des Präsidiums den Ehrengruß; ich stieg herab, um ihm »die Hand zu drücken, und das schöne Fest war zu Ende. »Nach Versailles zurückgekehrt, vereinigte ich sämtliche Armeechefs zu einem »großen Diner; am darauffolgenden Abend ergab sich der größte Teil der »Nationalversammlung, die Rechte und die Linke ohne Unterschied. So verlief »denn dieser Tag, der sich für Frankreich zu einem Tag der Freude und des Stolzes gestaltet, zu allgemeiner Zufriedenheit ...« Thédenat, der an seinem Tische im Lichtkreis der Lampe saß, seufzte, aus seinem Sinnen erwachend: »Ja das Unerträgliche, das, was in diesen verwünschten letzten Maitagen mir das Herz zerriß, wenn ich diese schönen Regimenter mit solcher Kühnheit, solch verwegenem Mut ins Feuer rücken sah, das war, mir sagen zu müssen, daß man sie gezwungen, die Rache für ihre Niederlagen an ihren Brüdern zu nehmen ... Und ebenso blutenden Heizens dachte ich beim Anblick dieser wütenden Föderierten, eines Simon und so vieler anderer, die so tapfer hinter den Barrikaden gekämpft, an all diesen vergeudeten Mut, und mit tiefem Schmerz mußte ich nur gestehen, daß diese Gewehre nur deshalb dem Bürgerkriege dienten, weil man sie nicht im Krieg gegen den fremden Feind verwenden wollte! Wenn man an die herrliche Schwungkraft der französischen Seele, an diese so schnell wieder aufgerichteten, geeigneten, disziplinierten Truppen, an die so viel geschmähte und verachtete Nationalgarde denkt, die doch, als der Augenblick des Handelns, wenn auch zu spät, gekommen, sich mit solchem Heldenmut geschlagen! ... Hätte man früher zu einem nutzbringenderen Zeitpunkt diese ganze Summe von Energie gegen die Deutschen geschickt ...« »Gewiß« sprach Poncet, »Blut für Blut, es wäre besser gewesen, die Nationalgarde hätte das ihre aus vollen Adern bei Champigny, bei Buzenval, in all den Schlachten, die Trochu nicht geliefert, vergossen, statt es sich von Franzosen, in Paris, stromweise abzapfen zu lassen ...« »Ist die Zahl der Toten bekannt?« fragte Martial. »Man wird sie nie erfahren«, entgegnete Thédenat. »General Appert hat gestern unserem ehemaligen Bürgermeister, Bacherot, anvertraut, daß die Zahl der während des Kampfes und nachher getöteten Föderierten sich auf siebzehntausend belief. Dazu kommen die sechs bis siebentausend außerhalb der Mauern Gefallenen; und da sind die zehn bis zwölftausend Verwundeten, mit denen die Hospitäler angefüllt waren und noch sind, gar nicht mitgerechnet ...« Es herrschte gedankenschweres Schweigen. Nach einer Weile fuhr Thédenat fort: »Die Reaktion von 71 hat in einer Woche mehr arme Leute getötet, als die große Revolution deren in zwei Jahren niederschlug.« »Oh!« sagte Martial. »Ganz gewiß!« versicherte Thédenat. Und mit der sicheren Belesenheit, die in seinem Geiste das tiefe Verständnis der Geschichte unterstützte, erklärte er: »Laut den gedruckten, mit Namen, Datum und Angabe des Berufes versehenen Listen wurden in Paris vom 26. August 1792 bis zum 19. Juli 1794 nur 2849 Köpfe abgeschnitten, und diese gehörten zum geringen Teil nur den Vornehmen, der größten Mehrzahl nach armen Teufeln an ... Dazu kommen die Septembermassakres; in der Provinz die Opfer der Massenertränkungen von Nantes, die Opfer von Lyon, Toulon, Orange, Arras ... Damit erreichen wir die schon enorme Ziffer von zehn bis zwölftausend. Nun vergleichen Sie.« »Und kennt man die Verlustziffer der Armee?« fragte Martial weiter. »Sie beläuft sich«, erwiderte Thédenat, »es sind dies die in Mac-Mahons Bericht genannten Ziffern, ich habe sie von sehr gut unterrichteter Seite, – auf 83 Offiziere und 794 Mann während der ganzen Dauer der Operationen.« »Ist das möglich?« rief Poncet, von der Größe des Unterschiedes überrascht. »Ich sage: im Ganzen 877. Die Zahl der Verwundeten ist leider bedeutend größer, sie erreicht beinahe 6500 ... Daß die Zahl der Opfer eine verhältnismäßig so geringe ist, hat die Armee der Langsamkeit der Bewegungen zu verdanken ... Und wäre man, die Überraschung des Überfalls benutzend, schneller vorgegangen, so wäre der Verlust dieses kostbaren Blutes noch unendlich geringer gewesen. Die Föderierten hätten nicht Zeit gefunden, ihre Barrikaden zu errichten, ihre Feuersbrünste anzuzünden, die Geiseln zu erschießen. Der Haß hätte sich nicht zu solch brutaler Erbitterung gesteigert, der Boden von Paris wäre nicht, wie Thiers sagte, mit Leichen besäet, und Versailles nicht mit solchen Massen von Gefangenen bevölkert.« »Man spricht von fabelhaften Ziffern«, bemerkte Poncet. »Jawohl! Mehr als fünfundvierzigtausend! ... Fünfundvierzigtausend Menschen harren zu dieser Stunde ihrer Verurteilung oder ihrer Freisprechung, werden vielleicht jahrelang noch darauf warten. Schon sind ungefähr tausend, irrtümlich Denunzierte, auf Reklamation der Reaktionäre, freigelassen worden ... Aber die anderen! Wissen Sie, wieviel Denunziationen vom 24. Mai bis zum 13. Juni stattgefunden haben? 379828! Offizielle Ziffer der Polizeipräfektur. Kaum der zwanzigste Teil davon ist unterzeichnet. Mancher wurde siebzehnmal angezeigt ... Auch ich war es mehrmals!« »Das ist entsetzlich!« rief Martial. »Wieviel Unschuldige werden für die wirklich Schuldigen büßen müssen. Wie vielen von den Rädelsführern, den großen, wie den kleinen, mag es gelungen sein, ihre kostbare Person in Sicherheit zu bringen! ... Auf dem Weg zu Ihnen begegnete ich auf der Treppe dem Mieter von Tinets Wohnung ... Unser Mann weilt, glaube ich, in London und genießt im Kreise der Emigranten bedeutendes Ansehen ... Weder er, noch Melie werden sich sobald über die schöne Wäsche und das kostbare Silberzeug trösten, das sie hier zurücklassen mußten ... Dank der Wachsamkeit Louchards wurde all das, zugleich mit den der Legion d'honneur gestohlenen Medaillen den betreffenden rechtmäßigen Besitzern zurückgestellt.« Allmählich lenkte das Leben wieder in seine gewohnten Geleise ein, im Hause wie in der Stadt. Die Noyers, hochmütiger und strenger denn je, hatten die geräumigere Wohnung Blacourts gemietet. Frau Delourmel lebte nach fruchtlosen Nachforschungen in Versailles, nach langem Harren vor den Türen der Gefängnisse inmitten der Menge der Bittenden und Flehenden einsam in ihren vier Wänden und ließ sich niemals blicken. Paris, in vier militärische Kommandobezirke geteilt, begann eben erst die dumpfe Trunkenheit des Blutbades abzuschütteln. Während unablässig ganze Reihen von Leichenwagen durch die Straßen zogen, um die Toten regelrecht zu bestatten und gegen Süden zu dichte Rauchwolken, zuweilen von Flammen und einem durchdringenden Geruch von Teer und Karbolsäure gemischt, zum Himmel aufstiegen, in denen die in einem zu weit vorgeschrittenen Stadium der Verwesung befindlichen Leichen verbrannt wurden, indessen begann sich leise und schüchtern in den von Patrouillen durchzogenen Straßen das gewohnte Leben wieder zu regen. Die Presse blieb geknebelt, die Bürgschaftsübernahme wurde wiederhergestellt, die Theater auf Befehl wieder geöffnet, alle öffentlichen Orte um elf Uhr abends geschlossen, der Petroleumhandel untersagt, das Handwerk der Zeitungsausrufer in den Straßen verboten, jedermann verdächtig – es war ein drückendes Regime, das die Hauptstadt unter beständiger Drohung hielt und sie immer noch für ihre Vergehen strafen zu wollen schien. Anfangs als Befreierin begrüßt und mit Freuden empfangen, wurde die Armee bald zum Gegenstand ängstlicher Furcht. Viele, die die Exzesse der Kommune blind gemacht hatten, erinnerten sich ehemaliger Sorgen und Leiden öffneten ihre Augen wieder der Vernunft und dem Mitleid. Dieses Mitleid fand einen kräftigen Ausdruck in der ganzen liberalen Presse von Europa, und hätte die Härte jedes anderen gemildert als dieser unerbittlichen Herren und Gebieter, die nach vollbrachtem Aderlaß die Hände der Überlebenden mit roher Gewalt bis zur Bewußtlosigkeit fesselten. Außer den zum Zerspringen überfüllten Kerkern, in denen die Gefangenen vor Durst verdorrten, von Schmutz und Ungeziefer verzehrt wurden; außer diesen wimmelnden Schweineställen, die nicht einen Gefangenen mehr hätten fassen können und deren Gestank Versailles derart belästigte, daß es sich beklagte, durch die Lebenden ebenso verpestet zu werden, wie Paris von den Toten, wurden täglich Tausende von Unglücklichen auf die Pontons, in die Küsten- und die Inselfestungen verfrachtet. In Lastzügen, in Viehwaggons, in nur mit Platten gedeckten Wagen rollten sie viele Stunden lang dahin, so zusammengepfercht in die stinkenden Kästen, daß sie zwischen ihren Exkrementen auch den ihnen in einen Winkel hingeworfenen Zwieback zertraten. Unmöglich, sich zu rühren oder auszusteigen. Bei der Ankunft am Ziel zeigte es sich, daß mehrere wahnsinnig geworden waren. Auf einem Bahnhof, wo aus einem dieser rollenden Gefängnisse jammerndes Geschrei vernehmbar wurde, feuerten die Zugführer, um dieses Geschrei zum Schweigen zu bringen, ihre Revolver auf den Haufen ab; dann gings wieder weiter. Infolge der Entvölkerung der Arbeiterklasse – ein Unterschied von hunderttausend Stimmen zwischen den Februar- und den Juliwahlen bewies in trockenen Zahlen das Defizit: Tote, Verschwundene, Gefangene – lag die Industrie der Hauptstadt ganz danieder. Von den dezimierten Professionen verloren die einen die Hälfte, die anderen das Drittel der Arbeiter. Angesichts dieses Zustroms von Gefangenen fragten sich die Nationalversammlung und Thiers selbst ratlos, welche Maßregeln zu ergreifen wären. Es waren ihrer so viele, daß man nicht wußte, was mit ihnen beginnen. Der Traum der Rechten war, sie in großen Massen in entlegene Kolonien zu deportieren; sie überschüttete Thiers mit leidenschaftlichem Tadel. Oder sollte man sie einzeln durch das Sieb der militärischen Gesetzgebung passieren? Wie viele Freisprechungen wegen Mangels an Beweisen wären dann aber die Folge! Man warf damit gefährlichere, erbitterte Männer auf das Pflaster von Paris zurück. Da Thiers vor einem Ausnahmegesetz zurückschreckte, welches gestattet hätte, sich mit einem Schlage aller dieser Lästigen zu entledigen, ergab sich Thiers in den zweiten Beschluß, der den Vorteil besaß, das allgemeine Recht zu sein: »Da man die Achtung vor dem Gesetz fordert«, sagte er, »müssen wir selbst damit anfangen, sie zu üben.« Thédenat fuhr fort: »Wie doch die Geschichte sich wiederholt! Und wie schwer ist es, in dem ungeheueren Haufen von Dokumenten zu entscheiden, was Fabel und was Wahrheit ist ... Wir selbst, die wir die gegenwärtige Stunde miterleben und, zwischen den beiden Lagern stehend, vielleicht besser urteilen können, wie vieles ist auch uns fremd und wird uns immer unbekannt bleiben! Ach, die Geschichten, die man erzählt, und jene, die man schreiben müßte! ... Die betäubten Gehirne gebären ungeheuerliche Hirngespinste. Schon übertreibt 1871, wie 1848 übertrieben hat. Damals sprach man von Mobilgardisten, die zwischen zwei Brettern zersägt worden sind, von Soldaten, denen man die Faust abschnitt, und die Presse war eifrig am Werk, diese Legenden noch weiter auszuführen und auszuschmücken ... Heute sind es die Petroleusen; die gummierten Etiketten mit einem Bacchantenkopf und den Buchstaben B. P. B. ( Bon pour brûler ) usw. versehen ... Und alle diese ungereimten Gerüchte wird man sich in den Städten und den Dörfern noch jahrelang mit schauderndem Entsetzen wiederholen ... Hat nicht Thiers selbst in seinen Depeschen an die Provinz das Gerücht von den vergifteten Spirituosen, mit denen man die Soldaten töten wollte, bestätigt? ... Sie werden sehen, Poncet, was aus diesen unfähigen Individuen des Rathauses, aus diesen am Ende Verzweifelnden, aus der Kommune, deren ursprüngliche Wirrungen und deren Krankheitsprozeß wir kennen, unter der Feder jener wird, die für lange Zeit die Führung der öffentlichen Meinung in Händen halten dürften ... Wehe den Besiegten, deren Geschichte von den Siegern geschrieben wird!« Gemeinsam erwogen sie, was im Guten wie im Bösen diese Regierung des Zufalls erträumt und vollbracht hatte, von der die einen sich ihre Berufung zunutze gemacht, die anderen dafür hatten büßen müssen: dieses doppelsinnige Wort der Kommune, gleichzeitig die Flagge der in rechtmäßiger Weise beanspruchten munizipalen Freiheiten und der Popanz des Kollektivismus ... Die wenigen edlen Ideen, das Embryo des Fortschritts im formlosen Chaos der Epoche, dessen Verwirklichung sie versucht; so die notwendige Trennung von Kirche und Staat, die Rückgabe der unveräußerlichen Güter an die Nation, die Verweltlichung; so die Abschaffung der künstlichen Lasten, das Prinzip der Wahl der Richter und jener Entwurf der wichtigsten sozialen Gesetze: Einschränkung der Monopole, Gründung von Genossenschaftswerkstätten und professionellen Schulen ... All diese gerechten Forderungen, die die Zukunft stellen würde, schienen ertränkt im Blut der Geiseln, im verbrecherischen Wirbel der Flammen ... Und doch mußte all das aus der Asche wieder auferstehen, und zugleich die ersten, die wahren Verantwortlichkeiten sich wieder Geltung verschaffen ... »Je mehr ich darüber nachdenke«, schloß Thédenat, »je mehr sehe ich ein, daß Sie, Poncet, auf dem rechten Wege waren; vielleicht tat ich unrecht daran, meine Bestrebungen nicht mit den Ihrigen zu vereinigen ... Nicht als ob das hätte etwas nützen können! denn ach! ich hatte nur zu viel Ursache, an der Sache zu verzweifeln ... Doch gleichviel, ich hatte unrecht ... Man muß bis ans Ende seine Pflicht tun, auch wenn man nichts zu hoffen hat ... Und diese Pflicht lag klar zu Tage ... Wir sahen sie nur allzu deutlich ... Wir alle hätten gegen diese wahnwitzigen Ketzer aufstehen sollen, sie zurückstoßen und um Gnade und Erbarmen fürs Vaterland rufen ...« Wie oft nahmen sie in der Folge dieses Gespräch, in dem sie ehrlich versuchten, die in ihnen selbst und um sie her fliehende Wahrheit zu erfassen, wieder auf! Der Sommer verging, ein Winter kam, nicht mehr der Winter der Belagerung; ein anderer Frühling als der der blutigen Woche hielt seinen Einzug in die Alleen des Luxembourg, in denen das fröhliche Völkchen der Vögel sich wieder ungestört tummelte. Ihre im Wechsel der Jahreszeiten unverändert gebliebene Freundschaft umschlang die beiden Männer bei ihrem Wiedersehen wieder mit demselben Band verständnisvoller Harmonie; gemeinsam entdeckten sie in der Flucht der Tage, im Spiel der Ereignisse und der Menschen neue, unerwartete Gesichtspunkte, die die Vergangenheit bis in ihre verborgensten Schlupfwinkel erhellten und die Zukunft beleuchteten. Mit müdem und doch nie sich abstumpfendem Interesse betrachteten sie die gehässige Befriedigung der Rachgier, die systematische Vollendung des Werkes. Jahre dauerte die erbarmungslose Arbeit, die, wie es hieß, soziale Assanierung der Gesetze und durch die Gesetze. Im August war der Prozeß gegen die bedeutendsten Angeklagten eröffnet worden, – fünfzehn Mitglieder der Kommune standen vor den Schranken, darunter Assi, Jourde, Ferré, Grousset, Courbet; ferner zwei Mitglieder des Zentralkomitees, darunter Lullier, die einzigen Chefs, deren man habhaft geworden, um sie für die Handlungen aller büßen zu lassen. Sie leugneten ihre Schuld. Nur Jourde vermochte mit Feuer und Genauigkeit seine Verwaltung zu rechtfertigen, und der Schuhmachermeister Trinquet, der Sektierer Ferré konnten die Stirn erheben, während fast alle die Blicke senkten ... Und Jacquenne? In einer der Kolonnen des Elends und Jammers im Juli an galoppierender Schwindsucht gestorben. Bald erwies sich die Verurteilungsmaschine als unzureichend, und zweiundzwanzig ergänzende Kriegsgerichte begannen mit kalter Grausamkeit ihres Amtes zu walten. Die Begnadigungskommission, die ein Deputierter in öffentlicher Sitzung »Mörderkommission!« nannte, ließ neben Ferré auch Rossel erschießen. Alle Bitten, eine allgemeine Bewegung sympathischen Mitgefühls scheiterten an dem eisigen Groll dieser höchsten Richter über so viele Existenzen; der empörte Offizier, der für Gerechtigkeit schwärmende Träumer fand bei ihnen nicht die Nachsicht, deren ein Bazaine sich erfreute. Er ergab sich mit stoischer Ruhe in sein Schicksal und sprach nur zu seinem Rechtsfreund, bevor er das Gefängnis verließ: »Sie sind Republikaner; bedenken Sie wohl: wenn in kurzem sich nicht die Armee einer völligen Umwandlung unterzieht, wird die Armee die Republik vernichten ... ich sterbe für die bürgerlichen Rechte des Soldaten«. Tags darauf fiel in Marseille Gaston Cremieux und büßte mit seinem Haupte den unklugen Sarkasmus, das Wort: »Bauernversammlung!«, mit dem er in Bordeaux die zum Frieden drängenden Unterzeichner verhöhnt hatte. Am 7. September harrten noch 39 000 Gefangene ihres Urteilsspruches. Drei Jahre arbeiteten die Gerichte. Immer derselbe traurige Satz: »Keine Arbeit, die dreißig Sous, die man zum Leben brauchte.« Zuweilen ein stolzes Wort; der Heldenmut eines Elisée Reclus, der die Verbannung auf die Gefangenenschiffe der Verleugnung seiner Überzeugung vorzog; der Schrei einer Louise Michel oder das angstvolle Stammeln eines einfachen Weibes, die scheue Verständnislosigkeit eines Kindes ... Im Mai 73, als Thiers fiel, war die größte Arbeit getan: 22 326 Angeklagte waren nach langem, mörderischem Schmachten auf den Pontons freigesprochen; 8525 zu verschiedenen Strafen verurteilt: infolge eines Spezialgesetzes war in Melanesien bei den Papuas eine Insel, Neu-Kaledonien, gewählt worden, welche kolonisiert werden sollte, statt das Beispiel vom Juni 1848 zu befolgen und diese nützlichen Arme, die man in der Ferne lähmte, nach dem nahen Algier zu senden. Unter Mac-Mahon, bis zum Jahre 1875, begann der Druck von neuem und erlosch. Man sah im Bilde Arthur Nancs die ganze Politik der Nationalverteidigung zum Tode verurteilt. Rochefort, bis dahin rücksichtsvoll behandelt, wurde nach der Halbinsel Ducos eingeschifft; 4925 weitere Verurteilungen wurden ausgesprochen. Zu ihren Studien zurückgekehrt, verfolgten Thédenat und Poncet mit leidenschaftlichem Interesse die politische Schlacht, diese täglichen Kämpfe zwischen der Nationalversammlung und dem Lande. Ihres Sieges gewiß, hatte die Nationalversammlung schnell die Maske abgeworfen, die Verbannungsgesetze abgeschafft, Heinrich V. gestattet, von Chambord aus im Juli 71 seinen Aufruf an die Franzosen zu erlassen, der das Versprechen enthielt, ihnen in den Falten der weißen Fahne Ordnung und Freiheit zu bringen! Die Orleans kehrten zurück und nahmen trotz Thiers' Versprechen ihre Sitze im rechten Zentrum ein. Ducrot rief: »Die Aufrechterhaltung der Republik ist unmöglich!«, zur selben Stunde, da die Wahlkollegien in vierundvierzig Departements durch ihre republikanischen Wahlen der Majorität das Verlangen nach dem allgemeinen Wahlrecht offenbarten. Sie aber nahm wütend den Fehdehandschuh auf. Sie entschloß sich, Thiers auf dessen Wunsch mit dem Titel eines Präsidenten der Republik zu schmücken, nur unter dem Vorbehalt, daß man ihr das Recht des Konstituierens zuerkannte. Ihre Hoffnung verriet sich in dem der Linken zugeschleuderten Ausruf: »Ja, wir werden diesem Land eine Verfassung geben trotz euch und, wenn es sein muß, gegen seinen eigenen Willen!« Und nun hatte sie entschlossen sich zum Kampf gerüstet. Vor allem diesen Störenfried beseitigen, diesen Thiers, der die Kastanien aus dem Feuer geholt in der vergeblichen Hoffnung, sie zu verzehren. Die bleiche Republik, die er verkündigt, – ebensowohl, weil er sich den großen Städten gegenüber mit seiner Ehre verpfändet, um während der Dauer der Kommune sie zur Neutralität zu zwingen, als auch, weil er sich als ihr Chef sehr wohl gefiel, – die Radikalen selbst stützten ihn, – auch diese bleiche Bürgerrepublik war der von ihrer Überzahl berauschten und sie mißbrauchenden Rechten ein Dorn im Auge. Bonapartisten, die endlich aus dem trüben Schatten der Kulissen, – wo sie während der ganzen Kommune gearbeitet hatten – hervortraten, um im Vordergrund der Bühne mit lauter Stimme und hocherhobenem Haupte zu operieren, Orleanisten und Legitimisten, jetzt zu einer einzigen großen Partei verschmolzen: der Partei der gegen die »Geusen« verschworenen Reaktion. Der merkwürdige Geschäftsmann, der das Verbrechen begangen, nur die Geschäfte des Staates – die sich hier freilich mit den eigenen deckten – zu führen, der große Finanzmann, der mit den Milliarden jongliert, der Befreier des Landes, dem ganz Frankreich, der Ursachen vergessend, um dem Erfolg Beifall zu klatschen, zujubelt, – Thiers sieht sich eines Tages plötzlich wie ein Bedienter, dessen man überdrüssig geworden, verabschiedet. Nun folgte die plötzliche Wahl des Marschalls Mac-Mahon; die Explosion des monarchischen Klerikalismus, der Bau des als allgemein nützlich erklärten Sacré-Coeur als Sühne für die Verbrechen von Paris auf dem Hügel von Montmartre, wo »die Märtyrer jener Tage für die Verteidigung und Rettung der christlichen Gesellschaft gestorben sind!« Dann die von der Nationalversammlung gebrandmarkten, in Lyon nach Stunden und besonderen Angaben geregelten Begräbnisse, die dem Verscharren von an der Pest Gestorbenen täuschend ähnlich waren. Dann kamen die Negoziationen Chambords und der Rechten, die Bestellung der Karrossen Seiner Majestät; de Roy, der sich an seine Oriflamme klammerte; das von De Broglie in der Hoffnung auf ein Provisorium, in dem sich im Trüben fischen ließe, beendigte Septennat; der Strom und Gegenstrom der rückschrittlichen Parteien, der neuerliche Aufschwung der Bonapartisten und Legitimisten zur Macht, ihre schließliche Ohnmacht. Endlich, endlich, als man an der Sache verzweifelte, wurde einstimmig, – nach welch tödlichen Kämpfen! – die Republik votiert! Dieser Tag erfüllte Thédenat und Poncet mit wehmütiger Freude. Unter diesem wütenden Ansturm der Vergangenheit ermaßen sie den trotz alledem sich emporringenden Sieg der Zukunft, die erstaunliche Auferstehung Frankreichs. Mit welch wunderbarer Lebenskraft hatte es sich vor den Augen des staunenden Europa aufgerafft, seine Trümmer hinweggeräumt und mit dem Neubau begonnen! Mit welch begeistertem Eifer hatte man für den Tag der Revanche gearbeitet! »Ein schönes Beispiel physischer Energie«, sprach Thédenat, »das aber fruchtlos bleibt, wenn wir ihm nicht die völlige moralische Umwandlung zur Seite zu stellen haben ... Die Revanche haben wir nicht am Nachbar zu nehmen, sondern an uns selbst. Wenn wir im Jahre 70 besiegt wurden, wenn dem furchtbaren Krieg mit dem fremden Feind der noch weit furchtbarere Bürgerkrieg folgte, so geschah es, weil bei uns, in diesem großen Lande, das der Feuergeist der Revolution aus dem Aberglauben des Mittelalters aufgerüttelt, in diesem impulsiven, im Grunde edlen und großmütigen Frankreich das Gefühl für Recht und Billigkeit, das Pflichtgefühl geschwächt war! Trotz bewunderungswürdiger Hingebung und Opferfreudigkeit, trotz schöner Waffentaten, trotz Gambettas heldenhafter Bestrebungen – allzuschnell haben wir uns in die Schmach der Zerstückelung gefunden! Wo wir noch hätten weiterkämpfen, vielleicht den Feind ermüden und das Lösegeld der Provinzen verringern können! ... Das allein schon hätte uns die Greuel der aus verkanntem Patriotismus hervorgegangenen Kommune erspart ... Im Anfang! später freilich ... Überall nur feige, selbstsüchtige Interessen, die Eile des Bauers, zu seinem Pfluge zurückzukehren, die gierigen Hände aller früheren Parteien nach der Herrschaft über Frankreich ausgestreckt! ... Und als diese aus der allgemeinen Schwäche geborene Nationalversammlung, diese Vereinigung von Ohnmächtigen, fünf Jahre lang an die in einer Stunde der Überraschung eroberte Macht sich Klammernden, sich gegen Paris wälzte, auch da noch haben wir unsere Aufgabe als freie Männer nicht erfüllt! Wie stumpfe Sklaven haben wir zugesehen, wie diese durch Zufall zur Macht gelangten Gebieter das gemeinsame Erbe an sich rissen, wie wir selbst uns gegenseitig zerfleischten ... Kaum hier und da ein guter Wille, die Bemühungen der Liga, euere schwachen Stimmen, Poncet ... Wir haben hart gebüßt! Haben unseren oberflächlichen, von falschem Ruhm übertünchten Chauvinismus, unsere tiefe Erschlaffung, den Sumpf von Genußsucht, gemeinen Freuden und Habgier, in dem wir vor dem Kriege faulten, teuer bezahlt ... Der Peitschenhieb des Unglücks hat uns nichts genutzt, wenn wir nicht zu den tiefsten Ursachen hinabsteigen ... Wenn wir dessen nicht lange noch immer eingedenk bleiben ... Nein, gewiß, wenn wir unsere Kräfte mit fruchtloser Reue lähmen, bleiben wir ewig im Schatten! Das Leben lehrt uns die notwendige Bewegung aller Dinge zum Licht! ... Wenn wir aber unsere von der empfangenen Lektion geschärften Blicke in die Zukunft richten ... Ob sie nun sprungweise in jenen blutigen Erschütterungen, von denen Jacquenne sprach, vorwärtsdringt oder ob sie unmerklich, in so langsamer Entwicklung, daß sie unseren kurzsichtigen Blicken unbeweglich stillzustehen scheint, fortschreitet, die Menschheit unterliegt dem allgemeinen Gesetz des ewigen Werdens. Von uns, von der Willenskraft jedes einzelnen, dem solidarischen Zusammenwirken aller hängt es ab, ob in den ganzen sozialen Körper das Gleichgewicht, die Harmonie zurückkehre. Wagen wir es, in dieses Chaos einzudringen! Was war die tiefste Ursache der Kommune? – Der Kommunismus! Der Traum aller der Unglücklichen, die, da sie in der Gegenwart nicht die Befriedigung der geheiligten Daseinsrechte finden, voll sehnsüchtigen Zorns einer besseren Zukunft entgegendrängen ... Wie ein gefälschter Wein, der den Durst täuscht und steigert ... An uns, die wir fest und energisch die bessere Zukunft herbeiwünschen, doch sie nur in Freude und Frieden kommen sehen wollen, an uns ist es, ihr Kommen zu beschleunigen, da in uns noch Intelligenz und Kraft wohnt, all das, was uns morgen fehlen wird, wenn wir es uns entreißen lassen, anstatt es gern und freigebig zu teilen! ... Seien wir ehrlich: wir alle, wir Privilegierten, können sprechen: Mea culpa! ... Konnten sie lesen, jene, die die Bibliothek des Louvre verbrannt haben? ... Wußten sie, daß sie sich selbst mordeten, diejenigen, die den Erzbischof töteten? Was wußten jene Kinder, die man mit von Petroleum und Pulver geschwärzten Händen von der Gasse auflas? ...« Thédenat schwieg; dann, nachdem er Victor Hugos Vers: » Oh! patrie! oh! concorde entre les citoyens! « gemurmelt, hob er die Stirn: »Oh! Wenn alle Glücklichen Rossels Worte hören könnten: ›Es gibt in der Gesellschaft eine zahlreiche, arbeitsame, durch ihre Organisation mächtige Klasse, auf die weder euere Erbschaftsgesetze, noch euere Familiengesetze, noch auch euere Eigentumsgesetze anwendbar sind. Ändert euere Gesetze, oder diese Klasse wird hartnäckig versuchen, eine eigene Gesellschaft zu gründen, in der es keine Familie, keine Erbschaft, kein Eigentum mehr gibt!‹« »Ja«, entgegnete Poncet, »unseren elenden Egoismus im Feuer einer neuen Moral ... An der Quelle des Evangeliums eine Religion der Gerechtigkeit schaffen, ohne Paradies und ohne Hülle, eine Religion, die nicht ihrem innersten Wesen durch die beiden gemeinen Triebfedern: Selbstsucht und Furcht, befleckt ist! Einander lieben und, um zu lieben, einander zu verstehen trachten! ... Dann werden wir einmütig an der Wiederaufrichtung des Vaterlandes arbeiten können. Oben wie unten ist die Gesellschaft von Grund auf neu aufzubauen.« »Wir sind schon alt«, seufzte Thédenat. Und doch hatte er nie noch so unerschütterlich an die Macht der Anstrengung durch die Anstrengung geglaubt. »Andere werden kommen«, sprach Poncet. Durch die geschlossenen Fenster betrachteten sie schweigend die kahlen Bäume, die aus dem entlaubten Luxembourg in den grauen Winterhimmel emporragten. Beide dachten an den unsichtbar schwellenden Saft, an die ewige Arbeit. – Ende. –