Schweizerische Erzählungen Gesammelt und herausgegeben von Heinrich Kurz. 1860. Salomon Geßner Idas und Mycon Sei mir gegrüßt, Mycon! du lieblicher Sänger! Wenn ich dich sehe, dann hüpft mir das Herz vor Freude; seit du auf dem Stein beim Brunnen mir das Frühlingslied sangest, seitdem hab' ich dich nicht gesehen. Mycon . Sei mir gegrüßt, Idas! du lieblicher Flötenspieler! Laß uns einen kühlen Ort suchen, und in dem Schatten uns lagern. Idas . Wir wollen auf diese Anhöhe gehen, wo die große Eiche des Palemons steht; sie beschattet weit umher, und die kühlen Winde flattern da immer. Indeß können meine Ziegen an der jähen Wand klettern und vom Gesträuche reißen. Sieh, wie die große Eiche die schlanken Aeste umherträgt und kühlen Schatten ausstreut; laß hier bei den wilden Rosengebüschen uns lagern, die sanften Winde sollen mit unsern Haaren spielen, Mycon! dieß ist mir ein heiliger Ort! O Palemon! diese Eiche bleibt deiner Redlichkeit heiliges Denkmal. Palemon hatte eine kleine Heerde; er opferte dem Pan viele Schafe. O Pan! bat er, laß meine Heerde sich mehren, so kann ich sie mit meinem armen Nachbar theilen. Und Pan machte, daß seine Heerde in einem Jahr um die Hälfte sich mehrte; und Palemon gab dem armen Nachbar die Hälfte der ganzen Heerde. Da opfert' er dem Pan auf diesem Hügel und pflanzt eine Eiche und sprach: O Pan! immer sei dieser Tag mir heilig, an dem mein Wunsch sich erfüllte; segne die Eiche, die ich hier pflanze; sie sei mir ein heiliges Denkmal; alle Jahre will ich dann in ihrem Schatten dir opfern. Mycon! soll ich dir das Lied singen, das ich immer unter dieser Eiche singe? Mycon . Wenn du mir das Lied singest, dann will ich diese neunstimmige Flöte dir schenken; ich selbst habe die Rohre mit langer Wahl am Ufer geschnitten, und mit wohlriechendem Wachs vereint. Idas sang itzt: Die ihr euch über mir wölbt, schlanke Aeste! ihr streut mit euerm Schatten ein heiliges Entzücken auf mich, Ihr Winde! wenn ihr mich kühlt, dann ist's, als rauscht' eine Gottheit unsichtbar neben mir hin. Ihr Ziegen und ihr Schafe! schonet, o schonet! und reißt das junge Epheu nicht vom weißen Stamme, daß es emporschleiche und grüne Kränze flechte rings um den weißen Stamm. Kein Donnerkeil, kein reißender Wind soll dir schaden, hoher Baum! Die Götter wollen's, du sollst der Redlichkeit Denkmal sein. Hoch steht sein Wipfel empor; es siehet ihn fernher der Hirt, und weiset ihn ermahnend dem Sohn; es sieht ihn die zärtliche Mutter und sagt Palemons Geschichte dem horchenden Kind auf dem Schooß. O! pflanzt der Redlichkeit so manch Denkmal, ihr Hirten! daß wir einst voll heiligen Entzückens in dunkeln Hainen einhergehn. So sang Idas; er hatte schon lange geschwiegen, und Mycon saß noch wie horchend. Ach, Idas! mich entzückt der thauende Morgen, der kommende Frühling entzückt mich; noch mehr des Redlichen Thaten. So sprach Mycon, und gab ihm die neunstimmige Flöte. Amyntas. Bei frühem Morgen kam der arme Amyntas aus dem dichten Hain, das Beil in seiner Rechten. Er hatte sich Stäbe geschnitten zu einem Zaun und trug ihre Last gekrümmt auf der Schulter. Da sah er einen jungen Eichbaum neben einem hinrauschenden Bach; und der Bach hatte wild seine Wurzeln von der Erde entblößet; und der Baum stund da, traurig und drohte zu sinken. Schade! sprach er, solltest du Baum in dieß wilde Wasser stürzen; nein, dein Wipfel soll nicht zum Spiel seiner Wellen hingeworfen sein! Itzt nahm er die schweren Stäbe von der Schulter. Ich kann mir andere Stäbe holen, sprach er, und hub an, einen starken Damm vor den Baum hinzubauen, und grub frische Erde. Itzt war der Damm gebaut, und die entblößten Wurzeln mit Erde bedeckt; dann nahm er sein Beil auf die Schulter, und lächelte noch einmal, zufrieden mit seiner Arbeit, in den Schatten des geretteten Baumes hin, und wollte in den Hain zurück, um andere Stäbe zu holen. Aber die Dryas Die Dryaden waren Schutzgöttinnen der Eichen; sie entstunden und starben auch wieder mit dem Baume. rief ihm mit lieblicher Stimme aus der Eiche zu: Sollt' ich unbelohnet dich weglassen, gütiger Hirt? Sage mir's, was wünschest du zur Belohnung? Ich weiß, daß du arm bist, und nur fünf Schafe zur Weide führest. O! wenn du mir zu bitten vergönnest, Nymphe! so sprach der arme Hirt; mein Nachbar Palemon ist seit der Ernte schon krank; laß ihn gesund werden! So bat der Redliche; und Palemon ward gesund. Aber Amyntas sah den mächtigen Segen in seiner Heerde und bei seinen Bäumen und Früchten, und ward ein reicher Hirt; denn die Götter lassen die Redlichen nicht ungesegnet. Palemon. Wie lieblich glänzet das Morgenroth durch die Haselstaude und die wilden Rosen am Fenster! Wie froh singet die Schwalbe auf dem Balken unter meinem Dach, und die kleine Lerche in der hohen Luft! Alles ist munter und jede Pflanze hat sich im Thau verjüngt. Auch ich, auch ich scheine verjünget; mein Stab soll mich Greis vor die Schwelle meiner Hütte führen: da will ich mich der kommenden Sonne gegenüber setzen und über die grünen Wiesen hinsehn. O wie schön ist Alles um mich her! Alles, was ich höre, sind Stimmen der Freude und des Danks. Die Vögel in der Luft und der Hirt auf dem Felde singen ihr Entzücken; auch die Heerden brüllen ihre Freude von den grasreichen Hügeln und aus dem durchwässerten Thal. O wie lang, wie lang, ihr Götter! soll ich noch eurer Gütigkeit Zeuge sein? Neunzig Male hab' ich itzt den Wechsel der Jahreszeiten gesehen; und wann ich zurückdenke, von itzt bis zur Stunde meiner Geburt – eine weite liebliche Aussicht, die sich am Ende, mir unübersehbar in reiner Luft verliert – o wie wallet dann mein Herz auf! Ist das Entzücken, das meine Zunge nicht stammeln kann – sind meine Freudenthränen, ihr Götter! nicht ein zu schwacher Dank? Ach! fließet, ihr Thränen! fließet die Wangen herunter! Wenn ich zurücksehe, dann ist's, als hätt' ich nur einen langen Frühling gelebt; und meine trüben Stunden waren kurze Gewitter; sie erfrischen die Felder und beleben die Pflanzen. Nie haben schädliche Seuchen unsre Heerden gemindert; nie hat ein Unfall unsre Bäume verderbt, und bei dieser Hütte hat nie ein langwierig Unglück geruhet. Entzückt sah ich in die Zukunft hinaus, wenn meine Kinder lächelnd auf meinem Arm spielten, oder wenn meine Hand des plappernden Kindes wankenden Fußtritt leitete. Mit Freudenthränen sah ich in die Zukunft hinaus, wenn ich diese jungen Sprossen aufkeimen sah. Ich will sie vor Unfall schützen, ich will ihres Wachsthums warten, sprach ich; die Götter werden die Bemühung segnen; sie werden emporwachsen und herrliche Früchte tragen, und Bäume werden, die mein schwaches Alter in erquickenden Schatten nehmen. So sprach ich und drückte sie an meine Brust; und jetzt sind sie voll Segen emporgewachsen, und nehmen mein graues Alter in erquickenden Schatten. So wuchsen die Aepfelbäume und die Birnenbäume, und die hohen Nußbäume, die ich als Jüngling um die Hütte her gepflanzet habe, hoch empor; sie tragen die alten Aeste weit umher, und nehmen die kleine Wohnung in erquickenden Schatten. Dieß, dieß war mein heftigster Gram, o Mirta! da du an meiner bebenden Brust in meinen Armen starbest. Zwölfmal hat itzt schon der Frühling dein Grab mit Blumen geschmückt. Aber der Tag nahet, ein froher Tag! da meine Gebeine zu den deinen werden hingelegt werden; vielleicht führt ihn die kommende Nacht herbei! O! ich seh' es mit Lust, wie mein grauer Bart schneeweiß über meine Brust herunter wallet. Ja, spiele mit dem weißen Haar auf meiner Brust, du kleiner Zephir! der du mich umhüpfest; es ist es so werth, als das goldene Haar des frohen Jünglings und die braunen Locken am Nacken des aufblühenden Mädchens. O dieser Tag soll mir ein Tag der Freude sein! Ich will meine Kinder um mich her sammeln, bis auf den kleinen stammelnden Enkel, und will den Göttern opfern. Hier vor meiner Hütte sei der Altar. Ich will mein kahles Haupt umkränzen, und mein schwacher Arm soll die Leyer nehmen; und dann wollen wir, ich und meine Kinder, um den Altar her Loblieder singen. Dann will ich Blumen über meine Tafel streuen, und unter frohen Gesprächen das Opferfleisch essen. So sprach Palemon und hub sich zitternd an seinem Stab auf, und rief die Kinder zusammen, und hielt den Göttern ein frohes Fest. Mirtil und Daphne Schon so frühe, meine Schwester! noch ist die Sonne nicht hinterm Berg hervor; kaum hat die Schwalbe ihren Gesang angefangen, der frühe Hahn hat kaum noch den Morgen gegrüßt, und du bist schon in den Thau hinausgegangen. Was willst du heute für ein Fest bereiten, daß du so frühe dein Körbchen voll Blumen sammelst? Daphne . Sei mir gegrüßt, geliebter Bruder! woher am feuchten Morgen? Was beginnest du in der stillen Dämmerung? Ich habe hier Veilchen gesucht und Maiblumen und Rosen, und will itzt, da unser Vater und unsere Mutter noch schlafen, will ich sie auf ihre Bette hinstreuen; dann werden sie unter lieblichen Gerüchen erwachen und sich freuen, wenn sie mit Blumen sich umstreuet sehn. Mirtil . O du geliebte Schwester! mein Leben lieb' ich nicht so sehr, wie ich dich liebe! Und ich – Du weißest es, Schwester! gestern beim Abendroth, als unser Vater nach unserm Hügel hinsah, auf dem er oft ruhet: Lieblich wär' es, so sprach er, stünd' eine Laube dort, die uns in ihren Schatten nähme. – Ich hört' es, und that als hätt' ich's nicht gehört; aber früh vor der Morgensonne ging ich hin und baute die Laube, und band die flatternden Haselstauden an ihren Seiten fest. O meine Schwester! sieh' hin, die Arbeit ist vollendet. Verrathe nichts, bis er es selbst sieht; der Tag soll uns voll Freude sein! Daphne . O mein Bruder! wie angenehm wird er erstaunen, wenn er die Laube von ferne sieht! Itzt geh' ich hin, schleiche leise zu ihrem Bette mich hin, und streue die Blumen um sie her. Mirtil . Wenn sie unter den lieblichen Gerüchen erwachen, dann werden sie mit freundlichem Lächeln sich ansehen und sagen: Das hat Daphne gethan: Wo ist sie, das beste Kind? Sie hat für unsere Freude vor unserm Erwachen gesorgt. Daphne . Und Bruder! wenn er dann vom Fenster her die Laube sieht: Wie, trüg' ich mich? so sagt er dann; eine Laube steht dort auf dem Rücken des Hügels! Gewiß, die hat mein Sohn gebaut. Gesegnet sei er! Ihn hält die Ruhe der Nacht nicht ab, für unsers Alters Freude zu sorgen! Dann, Bruder! dann ist uns der ganze Tag voll Wonne. Denn wer am Morgen was Gutes beginnt, dem gelingt Alles besser, und auf jeder Stunde wächst ihm Freude. Salomon Geßner Das hölzerne Bein Eine Schweizer-Idylle. Auf dem Gebirge, wo der Rautibach ins Thal rauschet, weidete ein junger Hirte seine Ziegen. Seine Querpfeife rief den siebenfachen Wiederhall aus den Felsklüften, und tönte munter durchs Thal hin. Da sah er einen Mann von der Seite des Gebirges heraufkommen, alt und von silbergrauem Haar; und der Mann, langsam an seinem Stabe gehend, denn eines seiner Beine war von Holz, trat zu ihm, und setzte sich an seiner Seite auf ein Felsenstück. Der junge Hirte sah ihn erstaunt an und blickt' auf sein hingestrecktes hölzernes Bein. Kind, sagte der Alte mit Lachen, gewiß du denkst, mit so einem Beine blieb ich wohl unten im Thal? Diese Reise aus dem Thal mach' ich alle Jahr einmal. Dieses Bein, so wie du es da siehst, ist mir ehrenhafter als Manchem seine zwei guten; das sollst du wissen. Ehrenhaft, mein Vater, mag es sein, erwiederte der Hirte; doch ich wette, die andern sind bequemer. Aber müde mußt du doch sein. Willst du, so geb' ich dir einen frischen Trunk aus jener Quelle, die dort am Felsen rieselt. Der Alte . Du bist ein guter Knabe; ein Trunk frisches Wasser wird mich erquicken. Gehst du und holest ihn, so erzähl' ich dir dann die Geschichte von meinem hölzernen Beine. – Der junge Hirt lief, und schnell bracht' er einen frischen Trunk aus der Quelle zurück. Der Greis hatte sich erquickt. Daß mancher eurer Väter, so sprach er, voll Narben und zerstümmelt ist, das sollt ihr Gott und ihnen danken, ihr Jungen. Muthlos würdet ihr den Kopf hängen, statt jetzt an der Sonne froh zu sein und mit muntern Liedern den Wiederhall zu rufen. Munterkeit und Freude tönt jetzt durchs Thal und frohe Lieder hört man von einem Berge zum andern; Freiheit, Freiheit beglückt das ganze Land! Was wir sehen, Berg und Thal, gehören uns; freudig bauen wir unser Eigenthum, und was wir sammeln, das sammeln wir mit Jauchzen für uns. Der junge Hirte . Der ist nicht werth ein freier Mann zu sein, der je vergessen kann, daß unsre Väter es erfochten. Der Alte . Und der's nicht eben so thun würde, mein Sohn! Seit jenem blutigen Tag gieng ich alle Jahr einmal auf diese Höhe aus dem Thal herauf; aber ich spür' es, dieß wird wohl das letztemal sein. Von hier seh' ich die ganze Ordnung der Schlacht, die wir für unsere Freiheit gewannen. Die Schlacht bei Näfels, im Kanton Glarus, im Jahr 1388. Sieh, hier an der Seite hervor kam die Schlachtordnung der Feinde; viel tausend Spieße blitzten daher und wohl zweihundert Ritter in prächtiger Rüstung; Federbüsche schwankten auf ihren Helmen, und unter ihren Pferden zitterte das Land. Schon einmal war unser kleine Haufe zertrennt; nur wenig Hunderte waren wir. Wehklagen war weit umher, und der Rauch des brennenden Näfels erfüllte das Thal und schlich fürchterlich an den Gebirgen hin. Aber am Fuß des Berges stund jetzt unser Hauptmann; dort stund er, wo die beiden Weißtannen auf dem Felsen stehen; nur Wenige stunden bei ihm. Mir ist's, ich seh' ihn noch muthvoll dastehen, wie er die zerstreuten Haufen zusammenruft; wie er das Panner hoch in die Luft schwingt, daß es rauscht wie ein Sturmwind vor einem Gewitter. Von allen Seiten her liefen die Zerstreuten zu. Siehst du vom Felsen herunter jene Quellen? Steine, Felsen und umgestürzte Bäume mögen sich ihnen entgegensetzen; sieh', sie dringen durch; sie stürzen sich weiter und sammeln sich dort im Teiche. So war's, so eilten die Zerstreuten herbei und schlugen durch die Feinde sich durch; stunden um den Held her und schwuren: Wir kleiner Haufe, steht Gott uns bei, wollen siegen oder doch sterben! In gedrängter Schlachtordnung stürmte der Feind auf uns ein. Eilfmal schon hatten wir ihn angegriffen, und zogen dann wieder an den uns schützenden Berg zurück. Ein enge geschlossener Haufe stunden wir wieder da, undurchdringlich wie der hinter uns stehende Fels. Aber itzt, itzt fielen wir, durch dreißig Tapfere von Schwyz verstärkt, in die Feinde, wie ein Bergfall oder ein geborstener Fels hoch hinunter in einen Wald sich wälzt, und vor sich her die Bäume zersplittert. Die Feinde vor und um uns her, Ritter und Fußknechte, in fürchterliche Unordnung gemengt, stürzten einander selbst, indem sie unsrer Wuth wichen. So wütheten wir unter den Feinden und drangen über Todte und Zerstümmelte vorwärts, um weiter zu tödten. Ich auch; aber im Gewühl stürzt' ein feindlicher Reuter mich zu Boden und sein Pferd zertrat das eine meiner Beine. Einer, der neben mir focht, sah rückwärts, rafft' auf seine Schulter mich und lief mit mir aus der Schlacht. Ein frommer Ordensmann betete nicht weit auf einem Felsen um unsern Sieg: Pflege diesen, Vater! er hat gefochten wie ein Mann. Er sprach's und lief in die Schlacht zurück. Sie wurd' gewonnen. Kinder, sie wurd' gewonnen! Mancher der Unsern lag da, über einem Haufen Feinde ausgestreckt, sagte man nachher, wie ein müder Schnitter auf der Garbe ruht, die er selbst geschnitten hat. Ich wurde gepflegt, ich wurde geheilt: Aber meinen Retter kannt' ich nicht; nie hab' ich's ihm danken können, daß ich lebe. Ich hab' ihn umsonst gesucht; umsonst Gelübde, umsonst Wallfahrten gethan, daß irgend ein Heiliger oder ein Engel mir's offenbare. Ach! umsonst. Ich soll ihm in diesem Leben nicht danken. Der junge Hirte hatte mit Thränen im Aug' ihm zugehört, und sprach: Vater, du kannst's in diesem Leben ihm nicht mehr danken! Erstaunt rief der Alte: Wie? was sagst du? weißt du denn, wer er war? Der junge Hirte . Mich müßte Alles trügen, oder es war mein Vater selbst. Oft hat er mir die Geschichte der Schlacht erzählt, und dann gesagt: Lebt wohl der Mann noch, welcher so tapfer an meiner Seite focht, den ich aus dem Schlachtfelde trug? Der Alte . O Gott und ihr Heiligen! der Redliche sollte dein Vater sein? Der junge Hirte . Eine Narbe hatt' er hier (er wies auf die linke Wange); der Splitter eines Spießes hatt' ihn verwundet, vielleicht eh' er aus der Schlacht dich trug. Der Alte . Seine Wange blutete, da er mich trug. O mein Kind, mein Sohn! Der junge Hirte . Vor zwei Jahren starb er; und jetzt hüt' ich, denn er war arm, um schlechten Lohn hier diese Ziegen. Der Alte umarmt' ihn. Gott sei's gedankt, so kann ich seine Wohlthat in dir ihm wieder vergelten! Komm, Sohn, komm in meine Wohnung; ein Anderer kann diese Ziegen hüten. Und sie gingen hinunter ins Thal, nach seiner Wohnung. Reich war der Greis an Feld und an Heerden und eine einzige schöne Tochter war seine Erbin. Kind! so sprach er, der mein Leben gerettet, war der Vater dieses Knaben. Könntest du ihm gut sein, ich gäb' ihm dich zum Weibe. Schön und munter war der Knabe; gelbe Locken kräusten sich um sein schönes Gesicht, und feuervolle doch bescheidene Augen blinkten draus hervor. Aus jungfräulicher Zucht bedachte sie drei Tage sich; der dritte war ihr schon zu lange. Sie gab dem Jüngling ihre Hand, und der Alte weinte mit ihm Freudenthränen, und sprach: Seid mir gesegnet, itzt, itzt bin ich der glücklichste Mann! Franz Xaver Bronner Die belohnte Wohlthat Thebe, die arme Fischerin, war vor der Zeit zur Wittwe geworden. Auf ihren Wangen blühte zwar noch der Gesundheit Roth, und auf ihrem Antlitz fast jugendliche Reize. Aber keiner der Jünglinge mochte sie freien; denn sie war arm. Da kam sie zu Kerias, dem reichen Fischer, »Ich habe sieben Kinder,« sagte sie traurig, »sie sind noch klein, und ich kann ihnen nicht Brod genug schaffen. Aber dir hat der Himmel Reichthum bescheeret, guter Mann! ... Habe doch Mitleid mit armen hungernden Kindern, und mit einer armen hilflosen Mutter! Nimm ein paar Knaben zu dir, und lehre sie den Hamen und die Netze gebrauchen, daß sie im Alter einst ihre Nahrung gewinnen mögen, und dir tausendfach danken! O! nimm sie zu dir, sei ihr Vater, und nähre sie!« So bat sie, und eine Zähre glänzte in ihrem Auge. Stillschweigend stand sie da, und sah dem Fischer so sehnlich ins Antlitz, so sehnlich, daß ihr Blick ihm tief in die Seele drang. »Du bist eine gute Mutter,« sprach er mit freundlicher Miene, »sei getrost! Morgen werde ich deine Hütte besuchen, und mir die Knaben wählen, die ich künftig ernähren will. Hier hast du ein Körbchen voll Wasserbirnen, hier Brod! Nun esset euch satt, meine Lieben!« Und er gab ihr ein Körbchen voll Wasserbirnen und Waizenbrod. Unter Thränen der Freude schluchzte ihm Thebe ihren Dank, und eilte nach Hause, den sehnlich wartenden Kindern Speise zu reichen. Wie naschten da die schmachtenden Kleinen im frischen Obste! wie assen sie begierig, ihren quälenden Hunger zu stillen, das Brod hinunter! Alle hoben dann ihre unschuldigen Händchen empor, und beteten mit ihrer lieben Mutter für den wohlthätigen Fischer. Am folgenden Tage, da sie eben der aufgehenden Morgensonne gegenüber im Grase spielten, kam Kerias den Fluß herabgefahren, lächelte die Kinder freundlich an, und stieg ans Land. »Was macht ihr hier, meine lieben Kleinen?« fragte er liebreich, und trat in ihre Mitte: »Sage mir, Töchterchen! Was soll der Stab in deiner Hand?« – »Ach, dort steht eine Blume am Ufer,« antwortete das Mädchen, »sie steht traurig, mit niedergesenktem Haupte, und drohet vor der Zeit zu verwelken. Es dauert mich das arme Blümchen; es soll nicht vor der Zeit verwelken; an diesem Stabe will ich es festbinden, daß es die Sonne anblickt, und wieder aufblüht: es wird mir dann noch süßer riechen.« Kerias . Laß' dich küssen, frommes Mädchen! Ich lobe dich! ... Und ihr dort an der versiegten Quelle, ihr vier muntere Knaben, mit dem Grabscheit und der Hacke am Arme, was macht ihr da? Die Knaben . Siehst du den schönen Apfelbaum, der einsam dort in der Wiese steht? Wir leiten einen kleinen Bach aus dem Flusse zu ihm; er trägt gar so gute Aepfel, und jetzt dürstet der arme Baum schon lange: Er müßte verdorren, bekäm er nicht Wasser zu trinken. Aber er soll nicht verdorren: denn sieh! wir haben den Rinnsal bald fertig. Kerias . Gut, recht gut, meine Lieben! Ihr seid wackere, unternehmende Kinder. Bleibt so! Wie sehr verdienet ihr glücklich zu sein! ... Und du, Mädchen! mit den zwei Kleinen neben dir im Grase! Ihre Augen sind ja noch von Thränen roth. Du pflücktest ihnen gewiß Blumen in den Schooß, daß sie stillschweigen mögen? Das Mädchen . Sie haben eben geweint, die kleinen Närrchen; denn sie hungerten so sehr; da pflückt' ich Graßblumen in ihren Schooß, und sie weinen nun eine Weile nicht mehr. Kerias . Wartet, ihr sollt gleich zu essen bekommen, ihr lieben Kleinen! Da holte er behende seine Fischlägel aus dem Nachen, und trat zu Theben in die Hütte. »Meine liebe Fischerin,« sagte er, »hier bring ich Fische; koche sie deinen Kindern, daß sie essen und satt werden; die armen Jungen hungern schon wieder.« Und Thebe dankte ihm, und kochte fröhlich den Kindern die Fische. »Eben sah ich sie draußen im Grünen spielen«, fuhr Kerias fort, »es sind aber nicht sieben, wie du mir gestern sagtest; ich zählte sie genau, es sind achte. Gesteh mir's, warum verhehltest du's?« Thebe Fischer! ich verhehlte dir Nichts; ich habe nur sieben Kinder; das achte ist ein fremdes Mädchen, das ich halb verhungert im Walde fand. Ich kam in den Wald, und suchte mir Brombeeren zum Nachtmal. Da saß das Mädchen am Sumpfe, und weinte, und klagte laut ihre Noth, daß sie keinen Vater und keine Mutter mehr hätte, und daß sie nun kränklich wäre, und im ganzen Walde keine Speise für ihren Hunger fände. Da hatte ich Mitleid mit dem Mädchen; wo meine Kinder essen, dachte ich, mag sie auch essen, und nahm sie mit nach meiner Wohnung, Sie hat das beste Herz, und wird mir einst tausendmal für diese kleine Wohlthat danken.« »O meine Thebe, wie empfindsam, wie schön ist deine Seele!« rief Kerias, und drückte sanft ihre Hand in die seinige: »Ich kam her, von deinen Kindern zu wählen, welche ich nähren will; aber ich mag nicht wählen ... Sage, wolltest du mir wohl auch eine Bitte gewähren?« Thebe . Du bist reich, was kann ich dir geben? Kerias . Dich – dich kannst du mir geben, göttliches Weibchen!... Magst du nicht meine Gattin werden? ... Ich liebe dich, Thebe, recht herzlich liebe ich dich ... Du schweigst, und deine Hand bebt in der meinen. O sage mir, sage mir, kannst du mich wiederlieben? »Mein Kerias, was du für Frazen thuest!« antwortete sie mit zagender Stimme, und zog behutsam ihre Hand zurück: »Ich bin ja so arm, du weißt es, bin so arm, und habe so viele Kinder; bedenke nur, guter Mann, bedenk es nur! Gewiß du wirst mich nicht lieben können.« Kerias . Warum nicht, beste Thebe? ... Willst du mich? O dann sind deine Kinder auch meine. Thebe . Ach! wer liebet dich nicht? ... Doch, ich bin arm, du wirst nicht glücklich sein. Kerias. Und wärest du noch ärmer, so hätte ich dich dennoch lieb: Dein fühlendes Herz achte ich höher, als alle meine Habe, meine Fischteiche und Wiesen. O laß mich das erstemal dich küssen, du meine Geliebte, meine künftige Gattin.« Da küßte er schmachtend sie, und drückte sie zärtlich an seine Brust, und Thebe weinte. »Weine nicht, meine Liebe,« sprach er, und trocknete ihr sanft die Thränen von der Wange; »komm vielmehr, laß uns unsere Kinder versammeln, und den Nachbar Asphalion herüberrufen, daß ich dir vor seinen Augen Liebe schwöre und unverbrüchliche Treue.« Und er lief hurtig hinaus, und rief die Kleinen herein, und holte den Nachbar Asphalion herüber; dann gaben sie sich in seiner Gegenwart die Hände, und schwuren sich Liebe, daß der Alte vor Freude hüpfte, und diesen Tag ewig selig pries, der bestimmt war, so viele glücklich zu machen. »Sieh, meine Nachbarin«, sprach er, »so lohnet der Himmel die Wohlthat, die du mitleidig einem armen verwaisten Mädchen erzeigtest!« I. C. Appenzeller Ein Tag in der Diligence, oder Scene aus dem Grauholz bei Bern, am Montag Morgen des 5. März 1798. Der Kirchthurm von Heilig-Kreuz – in der weiten, ungeheuren Ebne zwischen Mühlhausen und Kolmar – erhob sich am Horizonte des sinkenden Tages, gleich einem schwarzen Obeliske, in ruhiger, stiller Majestät. Delerois und ich saßen allein draußen in der Chaise des Postwagens; der Postillon schwankte auf seinem Pferde in unruhigem Schlummer: auch von denen, die drinnen im Wagen saßen, unterbrach kein Laut die einförmige Rädermelodie der Diligence. Aber die Sterne, die allmälig hervortraten, beschäftigten mein Auge. Ich vergaß beim Aufblick zu ihrem Schimmer und Glanze das Dämmernde des Heerweges, der vor uns sich unabsehlich hinzuziehen schien, und aus der sichtbaren Welt erhob sich mein Herz zur unsichtbaren hinauf; dorthin, wo die Sterne mir freundlich hinzuwinken schienen, wo so manche schon hingegangen sind, in deren Busen ich einst die heiligsten Gefühle der Freundschaft und Liebe ausgoß. Wie tief empfand ich jetzt Kosegartens schönes Lied: »Selig, wessen Flug das Land erflieget, Wo der Seelen Scheidewand zerfällt, Wo sich Herz an Herz vertraulich schmieget, Und gesellig Geist an Geist sich hält! Wo kein Vorurtheil die Treuen tadelt, Wo kein Wahn sie auseinander reißt, Wo nur Güte hebt, wo Kraft nur adelt, Und der Trefflichste der Erste heißt.« Delerois riß mich aus meiner göttlichen Versunkenheit – seine Frage: »Rauchen Sie denn nicht mit?« machte – indem er mir seinen Tabakbeutel hinhielt, einen seltsamen Contrast mit meinen Betrachtungen und meiner Geistesabwesenheit, in welche ich so ganz verloren war, daß ich zum zweiten Male fragte: »Was sagen Sie, mein Herr?« – Ich nahm das Anerbieten mit der Herzlichkeit an, mit der er es mir machte. Noch fragte er mich mit zarter Höflichkeit, woher ich sei und wohin ich zu reisen gedenke? Er schien nachdenkend und ernst, als ich ihm sagte, daß ich ein Schweizer sei. – Er suchte nach seinem Feuerzeuge, nahm dann mit der einen Hand seinen Hut ab, und fuhr mit der andern über sein Gesicht. »Kennen Sie Bern – Fraubrunnen – Grauholz?« fragte er dann in einem Athemzuge nach einander fort – und als ich's ihm bejahte, wandte er sich gegen mich hin und erzählte mir eine That, die ich der Vergessenheit zu entreißen schuldig bin, weil sie jenen hohen Grad von Muth und Heldensinn bezeichnet, mit welchem das alte Bern seinem letzten – wenn gleich nicht glorreichen, doch auch nicht ruhmlosen oder schmachvollen Tag – entgegen sah. Es ist gewiß, daß solcher Scenen viele angeführt werden könnten, wenn die Personen, welche in denselben handelten, nicht entweder den Tod dabei gefunden hätten, oder diejenigen, welche Zeugen davon waren und das tragische Schauspiel überlebten, davon schwiegen. Manche Erzählungen aus jenen schicksalsvollen Tagen sind zwar aufgetischt, nacherzählt und nachgeschrieben worden, aber den meisten fehlt jene historische Glaubwürdigkeit, ohne welche die schönste That nur einen sehr zweideutigen Werth hat. Ich glaube bei dieser Erzählung behaupten zu dürfen, daß sie eben so treu und wahrhaft, als für alle die neu und interessant sein muß, die von derselben nie einige Kenntniß erhalten konnten, da Delerois der Einzige am Leben übrig gebliebene ist, der in dieser Scene des Todes handelte. Ehe ich indeß diese Erzählung des französischen Offiziers anführe, erlaube man mir über die Veranlassung zu derselben etwas weiter auszuholen. Es war am 26. Oktober 1808, Nachmittags gegen zwei Uhr, als ich vor dem Postbureau zu Mühlhausen diesen Offizier in einem heftigen Wortwechsel mit der Wittwe D** von Nancy und dem Kaufmanne F*** von Belfort. antraf. Die Postillons, die uns diesen Abend noch bis Kolmar bringen sollten und längst ihre Pferde vorgespannt hatten, hörten ungeduldig dem Zanke zu; mehrmals schwangen sie fluchend ihre kurzen Peitschen – aber dann gebot die drohende Miene des Mannes mit dem goldgestickten Kleide und dem rothen Bande im Knopfloche, Ruhe und Stille. Die Wittwe und der Kaufmann saßen schon im Postwagen, jene mit einem Knaben von vier Jahren auf dem mütterlichen Schooße, dieser bis über die Ohren hinauf in einen Mantel vermummt, neben ihr sitzend: der Offizier stand am Kutschenschlage – eine hohe, schöne Gestalt, aber ganz Soldat in Miene und Sprache – Narben schmückten Stirn' und Wange und vorn an der Nasenspitze war eine Schramme, die diesem wichtigen Theile seines sonst schönen Gesichtes einen gräßlichen Anstrich gegeben, wenn nicht ein sanfter Mund das Unangenehme gemildert hätte. Ohne mich anfänglich um diesen Streit sonderlich zu kümmern, stieg ich in den Wagen. Aber, da das Volk anfing herbeizulaufen und der Postdirektor aus seiner Stube trat und zur Abreise ermahnte; als der Offizier und der Kaufmann immer hitziger wurden; jener an seinen Säbel, dieser nach seinen Terzerolen griff: da stand ich von meinem Sitze auf, um an der entgegengesetzten Seite des Wagens mir Luft zu machen. Ich erinnerte noch die Wittwe, sich ruhig zu verhalten, und wollte ihr eben sagen, daß sie mit mir austreten möchte, bis dieser Zwist beendigt sei – als der Kaufmann blaß vor Ingrimm nachgab und sich in den Winkel des Rücksitzes neben mich hinschmiegte. Der Offizier mit dem Bande der Ehrenlegion nahm sogleich den Platz neben der Wittwe ein. Jetzt rasselten die schweren Räder über die gepflasterte Straße. Im Postwagen aber herrschte Todtenstille. Der ganze Streit bestand darin, daß der Kaufmann wie der Offizier den Platz neben der Wittwe inne haben wollte. Ich kam in demselben Postwagen von Basel und hatte von dortaus den ersten Platz bis Nancy angewiesen, aber schon in Bourg-libre trat ich denselben an den dortigen Generalinspektor der Douanen und seine Gemahlin, die nach Müllhausen reisen wollten, ab. Dort, dachte ich, wirst du deinen Platz wieder einnehmen können; aber, wie ich nun sah, welches Recht in den Diligencen gehandhabt werde, that ich mit einem Male, nicht blos aus Diskretion gegen die Wittwe, die hier in denselben einstieg, sondern um allen Zwist mit irgend jemand auszuweichen, auf denselben Verzicht, und duldete mich auf jedem Plätzchen des engen, ängstlichen Kastens. Im Gasthause zu Ensisheim, wo wir einen Augenblick abtraten, gesellte sich zu unsrer Gesellschaft noch die ungeheure dicke Wirthin mit einem zehnjährigen Buben. Bald wurde mir die Atmosphäre im Wagen zu drückend. Der Abend war kühl. Ich suchte beim Kondukteur um einen Platz in der Chaise nach: draußen, dacht' ich, kannst du freier athmen und auch eine Pfeife Tabak anzünden. Kaum merkte Delerois, so nannte sich der Offizier, mein Vorhaben, als er mich fragte, ob er mir nicht Gesellschaft leisten dürfte, auch er fühle sich im Wagen so beengt. Der höfliche Franzos meinte, man dürfe bei der erkältenden Nachtluft, wegen der Dame und ihrem Kleinen die Gläser am Kutschenschlage nicht herunterlassen – doch, wie ich nachher mich überzeugte, wars eigentlich auch bei ihm das Bedürfniß einer Pfeife Tabak, was ihn heraus trieb. Wie hätte ich nein sagen dürfen! obschon ich's gerne gesagt hätte, denn ich wußte wohl, daß ich als »un Allemand« wenig Interesse bei ihm erwecken würde. Mein Gemüth war ohnehin von düstern Bildern umlagert, ich hatte diese Reise zu meiner bloßen Zerstreuung unternommen – in dieser Jahreszeit unternommen, wo die kühlen Herbstwinde in den bunten Blättern der Bäume wie Geister rauschen und die hinsterbende Natur nur Tod und Verwesung predigt. Und doch gewannen wir uns gegenseitig lieb, als wir einander näher kennen lernten. O welche Scheidewand stellen oft die Ungeheuer des Vorurtheils zwischen die besten Menschen. Delerois war freilich ein Franzose, flatterhaft im ganzen Sinne des Wortes, aber ich lernte edle Züge und treffliche Eigenschaften des Herzens an ihm kennen. Auch er war Gatte und Vater, hatte sich eben aus den Umarmungen der Seinigen losgerissen und ihnen vielleicht sein letztes Lebewohl gegeben. Sein Semester war zu Ende und er eilte zu seinem Regimente nach Spanien, das vor Saragossens Schutthaufen stand. Der Wagen hielt; Delerois und ich halfen einander in die Chaise. Der Kaufmann warf sich eilig hinüber in die Ecke neben die Witwe und der Kondukteur stieg auf den Korb. Wie freu' ich mich jetzt noch dieses zufälligen Umstandes, dem ich diese Erzählung zu verdanken habe. Ohne Delerois Gesellschaft hätt' ich nimmermehr eine That vernommen, die jetzt noch in der Erinnerung mein ganzes Herz mit Entzücken erfüllt. Ich habe gleich im Anfange dieser Erzählung bemerkt, daß meine Seele sich mit ganz andern Dingen beschäftigte, als mit Postwagengesprächen. Delerois bot mir Tabak an, als ich so hinausstaunte in die Nacht und weckte mich aus den goldenen Träumen über die ewigen Sterne, die über uns leuchteten. Ich konnte darüber nicht mürrisch werden: was wußte er von meinen Leiden! O daß Leidende doch eben dieselbe zarte Schonung gegen harmlose, frohe Menschen beobachten möchten, die sie für sich so oft von andern erwarten und fordern! Delerois begann jetzt: »Ich war bei der Invasion in die Schweiz unter der Avantgarde, welche Schauenburg von Solothurn aus über Jegenstorf durch das Gehölz gegen Fraubrunn längs der Heerstraße auf Bern loszugehen detaschirte. Wir hatten bei der Verwirrung und Unordnung, in welcher sich die bernerischen Truppen befanden, bei unserer Uebermacht und besonders durch die Unterstützung unserer reitenden Artillerie, von Fraubrunn an bis zum Grauholzwald Ein Wald zwischen Bern und Hindelbank, durch welchen die Chaussee nach Zürich und zum Theil auch die nach Solothurn führt. aufgeräumt – allein – hier schienen unserem Siege und Vorwärtsrücken auf einmal Schranken gesetzt zu werden. Die Vaterlandsliebe eines biedern Volkes schien jetzt manchem gemeinen Soldaten und manchem Anführer unserer Feinde übermenschliche Kräfte zu leihen. Wir mußten unerwartet Halt machen. Mit einem Trupp meiner Leute – der Hauptmann war gefallen – suchte ich von der Straße ab feldeinwärts gegen das Gehölz zu kommen, um theils Schutz gegen die Feinde zu suchen, theils einige Verstärkung abzuwarten, oder wenn wir auch dort fechten müßten, es mit größerm Vortheil en Tirailleurs zu thun. Aber kaum waren wir im Walde eingerückt, so wurden wir angegriffen, geworfen und einer verscheuchten Heerde gleich auseinander gesprengt. Eine Menge Schüsse fielen hinter uns her – wir liefen was wir laufen konnten. Endlich ward's stille. Da fing ich an, mich umzusehen und etwas freier zu athmen. Eine halbe Viertelstunde mochte ich da gestanden haben, als ich aus dem entfernten Geschrei unserer Soldaten – die ich, abgeschnitten von meinen Leuten, verloren im Dickicht des unbekannten Waldes, nicht sehen konnte – schließen mußte, daß unsere Armee vorgedrungen sei. Was mich in dieser Meinung bestärkte, war, daß ich Nichts von einem Feinde mehr rund um mich her erspähen konnte; ich schloß ferner, daß dieselben, die auf meine Kompagnie losgegangen waren und uns in die Flucht geschlagen hatten, höchst wahrscheinlich ihren bedrängten Kameraden zu Hülfe geeilt wären, und daß ich also ruhig wieder vorwärts könne. Von allen den Leuten, die ich angeführt hatte – es waren gegen achtzig Mann – blieben nur drei mir zur Seite; mehrere waren getödtet, viele hatten sich zerstreut, und ich fand sie erst lange nachher wieder. Mit diesen Dreien bahnte ich mir den Weg durch die Gebüsche des Grauholzes, indem wir hofften, in kurzer Zeit die Heerstraße zu gewinnen oder Jemand der Unserigen zu finden. Das Geräusche, welches bald der entfernte dumpfe Donner eines Kanonenschusses überrollte, bald von einem lauten Ruf, den das Echo wiedergab, blieb uns immer hörbar, ohne daß wir wußten, woher es eigentlich kam, und brachte uns bei allem aufmerksamen Lauschen immer mehr in Verwirrung. Bald wandten wir uns rechts, bald links – bald vor- und dann wieder rückwärts, je nachdem einer vermuthete, daß der Schall von dieser oder jener Seite herkomme. So irrten wir beinahe eine Stunde in diesem Walde umher, ohne weiter mehr Etwas von Freund oder Feind zu sehen. Es war ein schöner Tag geworden, die Nebel zogen zu den Lüften empor und die Sonne beleuchtete die Gipfel der Tannen.« Hier nahm Delerois seine Pfeife aus dem Munde und schien in seiner Erzählung eine Pause machen zu wollen. Sein Blick starrte in die verworrenen Gestalten der Nacht hinaus: »Was ist wohl dort?« fragte er mich hastig und deutete über die Straße hin – »Wie es so scheußlich da steht, das Monstre!« Ich sah hin, bemerkte aber Nichts als einen Baumstamm, der gestückt schien und der einer lebhaften Phantasie leicht eine seltsame Figur vorgaukeln konnte; ich sagte es dem Offizier, der vielleicht in diesen Momenten die Schatten seiner im Grauholz gefallenen Brüder witterte. Erzählen Sie doch weiter, sagte ich im bittenden Tone zu Delerois. Da fuhr er wieder mit der Hand über seine Stirne; es schien, als wüßt er nicht mehr, wo er den Faden der Erzählung fallen ließ, als ihn das Phantom störte. »Nicht wahr,« fuhr er fort, »ich sprach vom schönen Tage und wie wir uns im Grauholz verloren hatten – ja, denken Sie sich« – hier veränderte er seine Stimme zum leisen, bebenden Ausdrucke des Entsetzens – »wie wir so allein und unbesorgt weiter gehen und nur noch fernher einzelne Schüsse vernehmen – sehe ich mit einem Male hinter einer Tanne Jemand auf mich anschlagen. Ich machte in der Bestürzung eine Wendung gegen meine Begleiter und sprang mit gebeugtem Oberleibe auf die Seite – die Kugel ging über mich weg, verwundete aber einen meiner Begleiter in den linken Arm. Wir hatten uns zu sicher geträumt, als daß wir jetzt mit Besonnenheit und Vorsicht bei dieser überraschenden Scene hätten handeln können. Der Mann, der auf mich gefeuert hatte, war kaum vierzig Schritte vor uns, war allein, und hatte zudem seine Stirne mit dem Schnupftuche umwunden – ich dachte in diesem Momente, daß er nur mich allein gesehen hätte, und daß er wahrscheinlich nicht auf mich abgedrückt haben würde, wenn er bemerkt hätte, daß unser viere wären – ich dachte ihn zum Gefangenen zu machen und rief ihm Pardon zu. Während mir dieser Gedanke durch den Kopf fuhr und ich im Begriff war, ihn auszuführen, feuerten meine Leute ihre Flinten gegen ihn los: sie mußten mich nicht verstanden haben, als ich ihm Pardon zurief. Einem hatte das Gewehr versagt – die Kugeln der beiden andern schienen ihren Mann ganz verfehlt zu haben. Denn – stellen Sie sich den Anblick vor – fuhr Delerois mit erhöhter Stimme fort – wie ein Rasender kömmt er auf uns viere angestürmt – das umgekehrte Gewehr in seinen gehobenen kraftvollen Armen. Zum Laden konnte weder er noch wir Zeit mehr finden. – Umsonst, daß wir ihm laut Pardon, Pardon entgegen riefen, und es ihm zu verstehen gaben, er solle sich nur ergeben – er drang auf uns ein. Meine Kameraden und ich hatten kaum Zeit, uns in Verfassung zu setzen, um den ersten Anlauf des Wüthenden zu pariren. Ich ergriff in der Bestürzung die Flinte von einem meiner Schicksalsgenossen, um mir mit dem Kolben oder Bajonette zu helfen. Zwei meiner Gefährten lagen ausgestreckt, eh' ich mich recht umsehen konnte, neben mir und hauchten ihren letzten Athemzug aus. Der Kühne hatte ihre Schädel mit unbegreiflicher Schnelligkeit zerschmettert und dann seine Flinte von sich geworfen. In diesem verzweifelten Moment versuchte ich und mein einziger noch übriger Gefährte Alles, um ihm beizukommen; aber im Nu hatte er diesen Unglücklichen durch einen so behenden Sprung unterlaufen, daß dieser über ihn hinstürzte; ein hochgefaßter Fußtritt, den der große Mann auf die Brust des Ueberworfenen that, pumpte meinem letzten Gehülfen das Blut des Herzens aus Mund und Nase; unnütz für jede Art von Hülfe lag der Dritte da. – Ich war nun allein. Was ich in diesen Augenblicken Alles that – und womit sich meine ganze Seele beschäftigte, das weiß ich nicht mehr recht. Meine Sinne schwanden. Ein Säbelhieb, den der Schweizer gleich Anfangs mit der rechten Hand von seinem Körper abfangen wollte, zerschnitt ihm die Finger derselben bis an den Daum, da ihm durch jenen meiner Kameraden, dessen Flinte ich genommen hatte, der Säbel durch die Hand wieder weggezogen wurde – ein Bajonettstich, den ich gegen ihn geführt hatte, schlitzte ihm an der Lende die Beinkleider auf. Es galt meine letzte Anstrengung! Umsonst. Der Unbewaffnete war an mir – er umklammerte mich so fest mit seinen Armen und drückte mich so an seine Brust – daß ich dem Ersticken nahe war. Jetzt stürzen wir beide zu Boden. Ich glaubte – Delerois holte einen tiefen Athemzug – ich glaubte meines Todes gewiß zu sein, fuhr er fort – Alles was da vorgegangen war, war das unbegreifliche Werk einer Minute. Ich bot jetzt meinen letzten Kräften auf. Die Kopfbinde war meinem Feinde herunter gefallen – ich sah die furchtbare Wunde, das geronnene Blut und die Blässe des Verzweifelten. Ich schöpfte Muth und dachte, er werde wohl ablassen. Bald aber raffte er sich zusammen, er lag unter mir, und indem er mich mit dem rechten Oberarm fest niederhielt, fuhr er mir mit der linken Hand durch meine enge Halsbinde so schrecklich dem Halse nach herunter, daß ich glaubte, ersticken zu müssen. Keins von allen den Mitteln, die ich in Anspruch nahm, um mich zu befreien – wollte helfen. Vergebens suchte ich mit meiner Linken den Säbel zu gebrauchen – vergebens ihm mit dem Knie an den Unterleib zu kommen! In diesem Momente, wo ich erschöpft an Kräften – auf ihm lag – keinen Athem mehr holen und nichts mehr thun konnte, kam er durch seine Anstrengung auf mich zu liegen – aber bei dieser glücklichen Bewegung glitt auch seine Hand aus meiner Halsbinde heraus; ich glaubte mich nicht mehr des Todes, wenn ich schon unten lag. Nun ergriffen wir uns bei den Haaren und rissen uns gegenseitig beinahe alle aus dem Kopfe. Meine Nase, die Sie so zerstümmelt sehen, zerfleischte er mir mit seinen Zähnen, und diese Narben alle in meinem Gesicht (er fuhr wieder mit der Hand darüber) sind von einem eisernen großen Ringe, Wahrscheinlich ein sogenannter Schlagring, den Metzgerknechte auch in Städten tragen; er ist von verschiedenem Metall. den er trug und mit welchem er mir so viele Löcher in den Kopf beibrachte, als er seine Faust gegen mich führen konnte. Ich versuchte es in dieser verzweiflungsvollen Lage, ihm zu verstehen zu geben, daß wir uns selbst erhalten und von einander ablassen wollten. Der herzzerreißende Anblick der um mich her liegenden Leichname meiner Gefährten, wenn ich mein Auge nur ein wenig aufschlagen konnte, erfüllte mich mit Schauer. Aber entweder schien er mich nicht zu verstehen, oder wollte mich nicht verstehen. Sein Blick sagte aber das Letztere. Auch meine Kräfte schwanden. Oft wollte ich laut rufen, aber besorgt, daß Feinde mich so gut hören könnten, als Freunde – wagte ich's nicht. Beinahe eine Stunde waren wir so über und untereinander gelegen, als meine Erlösung nahte. Ich hörte von ferne Stimmen und unsre Sprache – da rief ich so laut ich konnte, rief lange umsonst und hoffnungslos. Noch seh ich immer das Hohnlächeln, mit welchem er meines Rufes spottete. Doch es war endlich genug, man fand mich halbtodt unter dem Feinde; man bot ihm Pardon, als man uns trennen wollte, er verschmähte ihn mit drohendem Blick und ließ mich nicht los. Da wühlten die Bajonette meiner Befreier in seinen Eingeweiden – ich schüttelte die blutende Bürde von mir ab – und kam wieder auf ihn.« Sein Auge sah mich in diesem Momente starr und durchdringend an – einer meiner Erretter stellte jetzt die Mündung seiner Flinte auf das blutende Haupt des Helden und jagte ihm die Kugel durch den Kopf – ich fühlte in seinen Armen die letzten krampfhaften Zuckungen, – seine schönen Zähne übereinander beißend, hob sich sein Herz zum letztenmal. Nur mit Mühe konnte ich mich von der Leiche losmachen, die eine seiner Hände hielt mich noch fest an meinem Kleide, da er schon todt war. Unvermögend bei meinen erschöpften Kräften mich selbst aufrecht zu halten – die Wunden im Kopfe voll geronnenen Blutes, mit zerfleischter Nase, ward ich weggetragen und nach Bern gebracht; nur langsam, nach mehr denn neun Monaten genas ich. Unvergänglich bleibt meiner Seele die Erinnerung an diesen Mann. Oft fuhr ich in nächtlichen Träumen noch auf, wenn sein Bild vor meiner Seele erschien und wachend mußt ich immer ausrufen: Wie war es möglich, ein Volk zu besiegen, das solche Helden unter seine Söhne zählte!« In dem Briefe, mit welchem der Verfasser diese Erzählung in die »Alpenrosen« einsandte, bemerkt er: »Aus Allem, was ich von Delerois vernehmen konnte, muß der Tapfere ein Oberhasler oder Oberländer gewesen sein. Er schilderte mir denselben als einen schönen und großen, starken Mann, als einen äußerst gewandten Kämpfer. Auch was er mir noch von seiner Kleidung sagen konnte, stimmt mit dieser Meinung überein.« Hier schwieg Delerois. Meine ganze Seele weinte bei diesem Zeugnisse unserer Ueberwinder; ich gedachte der Tage von Neueneck und Grauholz auf fremdem Boden; und fern vom heimatlichen Heerde ließ ich meinen Thränen freien Lauf und sah wieder empor zu den Sternen der Nacht und gedachte der Edeln allen vor Gott, die an diesem Tage für dich, o mein Vaterland, bluteten und sterbend das Erbtheil großer Väter bewahrten, indem sie ihr Blut verspritzten, weil die hehre Hoffnung ihre Brust erfüllte, die Sache des Rechts werde siegen. Deinen Namen können wir nicht nennen, theures Opfer der Treue! aber mag er auch verschollen sein unter den Namen jener, die mit dir den letzten Tag des alten Berns nicht untergehen sahen, deine That wird leben im Munde der Enkel, man wird ihrer noch gedenken, wenn all das längst verklungen ist, was die Verirrungen der Revolutionsgeister mit dem gefeierten Namen einer unsterblichen That stempelten. Mit welchem Entzücken faßte meine Seele diese Geschichte auf! Wie einst – da ich noch als Knabe an den Ostermontagen mir alte Schweizerhelden vorstellte, wenn ehrwürdige Landleute in der Tracht der Vorzeit mit Fahnen und Hallparten durch die Gassen der Stadt Bern zogen und dann in meiner jugendlichen Seele die Neunhaupte , die Walo von Greyerz , die Erlache , die Bubenberge, Scharnachthale und Hallwyle auferstanden zu sein schienen: so leuchtete mir jetzt wieder ein heller Funke der Freude ins Herz, da ich diese That vernahm. Delerois unterbrach mich in diesen schönen Augenblicken mit einem »Voilà Colmar!« Das Weiß der Landhäuser längs der Heerstraße und die langen Gemäuer, welche die Gärten der Vorstadt umfaßten, die Trauerweiden und Pappeln im Helldunkel des Abends, bilden die Gestalten von stillen Friedhöfen und elisäischen Feldern; die Lichter der breiten Vorstadt, durch welche unser Wagen nun einfuhr, beleuchteten zuweilen, wie ein fliehender Blitzstrahl unsere eilenden Pferde und meinen Reisegefährten. Das Rasseln der Diligence auf dem Pflaster von Kolmars Straßen rüttelte alle aus dem Schlafe, die drinne saßen. Man hielt vor dem Gasthofe zur Republik. Die Wittwe von Nancy und der Kaufmann wurden von Delerois aus dem Wagen gehoben. Mein Felleisen nahm ich unter den Arm und das Gepäck der Wittwe in meinen Schutz. Niemand kam aus dem Gasthof uns entgegen. Die Hausgänge und Zimmer waren voll junger Männer – in den seltsamsten Gruppen. Herren und Bettler im buntesten Gemische. Es waren die Conscribirten des Departements vom Oberrhein, die auf diesen Tag hieher gebracht waren, um sich an dem folgenden Morgen in der Präfektur einregistriren zu lassen. Als wir so da standen und dem Getümmel zusahen, kömmt endlich ein Kellner hergesprungen, uns zu sagen, daß es unmöglich wäre, hier abzutreten, sie hätten das Haus voller Leute. Delerois nahm die Wittwe und mich an den Arm und führte uns zu den zwei Schlüsseln – auch hier war kein Raum für uns. Die Säle im Erdgeschoß dieses Gasthofes strahlten von den goldenen Epauletten und goldgestickten Kleidern der Offiziers – ich sah durch die Glasthüre Napoleons Büste mit dem Lorbeer im Glanze des Imperators. Durch Seitenstraßen führte uns ein Lohnbedienter nach dem rothen Hause ; – es war dasselbe rege Getümmel darin, wie in jenen beiden Gasthöfen; aber müde in düstrer Nacht weiter herum zu ziehen, anerboten wir uns selbst, mit den schlechtesten Zimmern vorlieb zu nehmen und blieben. Am frühen Morgen schrieb ich an meinen Pfeffel – und – nach einer Viertelstunde wurde ich aus der fremden Herberge in den Schooß der innigsten Freundschaft aufgenommen. Hier ruhte ich aus. An der Seite dieses weisen und großen Mannes sah ich im Glanze der Verklärung den sinkenden Abend seines heiligen Lebens. O Pfeffel! welche Blumen milder Menschlichkeit kann ich deinem Andenken um den Aschenkrug winden. Was sagtest du mir – nun verherrlichter Freund, als ich Dir die Scene aus dem Grauholz erzählte! Ach es waren Deine Worte, die Du einst an Glutz von Solothurn richtetest: »So lang der Staat, Noch solche Väter, solche Männer hat, Und Söhne, diesem gleich, so lange Ist mir für unsre Schweiz nicht bange.« Ich werde dich nicht mehr sehen, treuherziger Delerois, aber das Andenken an Dich wird mir so unvergänglich bleiben, wie das Delirium des Schmerzes, den Namen Deines Helden Bern und der Nachwelt nicht hinterlassen zu können. Gottlieb Jakob Kuhn Die Papierstreifen 1. Das Schneidermaß. »Wo ist mein neues Maß hingekommen? Da, auf den Tisch hatt' ich's hingelegt! Was gilt's, das hat schon wieder mein Zeter-Junge, der Gottfried, weggekriegt! Der ist ärger auf das Papier erpicht, als der T... Gott sei bei uns! – auf eine Juden-Seele!« So polterte in seinem Grimm Meister Krause, der kunstgerechte Schneidermeister; und mit der Elle in der Hand rannte er in's Nebenzimmer, wo der erschrockene Knabe sich hinter der Mutter Stuhl verbarg. Er kannte die väterliche Hand mit und ohne Elle, und wußte recht gut, was seiner wartete. – Besänftigende Worte sprach die Mutter hinter dem Bollwerk des Spinnrades und der Kunkel. Aber der Vater zürnte: »Hat der Junge mir da wieder ein Maß zerschnitten! Ein Maß von ganz weißem Papier! Ein Maß für unsern Herrn Gevatter, den Rathsherrn; und hat's wieder mit seinen einfältigen Sprüchlein bekleckst! Hab' ich's nicht tausend Mal gesagt: Sudeln und Schmieren steht nicht sein; Verderbt Papier, und soll nicht sein!« Meister Krause war nämlich der Meinung, sein Gottfried müsse ein ehrsamer Schneider werden; und die Mißhandlung eines Maßes durch Zerschneiden in kleine Streifen schien ihm eine unverzeihliche Verachtung seines ehrenhaften Berufes. Die Mutter hingegen fand in dem Namen Gottfried, und in des Knaben unüberwindlicher Lust zum Lesen und Schreiben einen Beweis seiner höheren Bestimmung zum geistlichen Stande. Der Spruch, den Gottfriedchen eben auf ein Stück des zerschnittenen Maßes geschrieben hatte, war ihr eine neue Bestätigung ihres frommen Glaubens; denn mit zierlicher Schrift stand zu lesen: »Wahrlich, wer ein Bischofs-Amt begehrt, der begehrt ein köstlich Amt!« Aus diesen ungleichen Ansichten entstand der Wortkrieg, der auch jetzt endete wie immer. Jedes behielt in seiner Meinung Recht, und handelte nach seiner Weise. Die Mutter tröstete den erschrockenen Knaben, und der Vater rannte scheltend mit den Stücken seines Maßes zum Herrn Gevatter Rathsherrn, entschuldigte mit manchem Bückling sein Wiederkommen, und erzählte, mit manchem »verstehn Sie wohl« und »hab' ich gesagt« verbrämt, das sträfliche Vergeh'n, das sein Knabe sich zu Schulden hatte kommen lassen. Aber der Herr Gevatter freute sich der schönen Handschrift seines Pathen, lächelte über seine Gier nach Papier, besänftigte den Vater, und sandte dem Sohne ein ganzes Buch des schönsten Schreibpapiers. Ja, nach einigen Tagen kam er persönlich zu Meister Krause, prüfte den Verstand und die Anlagen des Knaben, und besiegte durch sein vielgeltendes Wort, nebst dem Versprechen kräftiger Unterstützung, des Schneiders Vorliebe zu seinem Handwerk. Gottfried ward zum geistlichen Stande bestimmt, war von nun an ein fleißiger Schulknabe, und kam seiner Zeit in das Gymnasium der Hauptstadt. Eingedenk aber, daß er die Erfüllung seines Herzenswunsches einem Stück Papier verdanke, war er von nun an noch gieriger über jeden Streifen. 2. Der Wechsel Freilich ward Gottfried nicht selten dadurch zum Spotte seiner Mitschüler. Er trieb seine Achtung für weißes Papier soweit, daß er sogar aus dem Kehricht manchen kleinen Streifen rettete. Er wußte dann mit gutmüthigem Witze recht schön alle möglichen Vorzüge des Papiers zu erzählen. Er rechnete vom gelehrten Folianten bis zum erotischen Musenalmanach, und vom Rescripte der hohen Obrigkeit bis zum Liebesbrief und Küchenzettel alle die zahlreichen Dienste vor, die das liebe Papier der Welt schon geleistet habe, noch wirklich leiste, und auch ferner leisten werde; und besänftigte, als er einmal Student war, die neckenden Kobolde dadurch, daß er sie alle mit künstlich gedrehten Fidibus versorgte. Doch blieb ihm der Spitzname, »Papyrius« Etwa: der Papyrer durch's ganze akademische Leben. Aber der Genius des Erfinders jenes geliebten Materials schwebte wohlwollend um Gottfried; und er sollte erfahren, daß Achtsamkeit für Kleinigkeiten sehr leicht zum Großen führen kann. Im Hingeh'n über die Gasse sah er einmal einen schmalen Streifen beschriebenen Papiers eben auf einem Kehrichthäufchen neben dem Bache liegen. Geschickt ließ er seinen Spazierstock hinfallen, und hob mit diesem auch das Papier auf. Freudig erschrocken las er darauf einen beträchtlichen Wechsel. Nun, damit kann ich Jemanden einen recht großen Gefallen thun, dachte er vergnügt, eilte auf der Stelle nach dem Gewölbe des darin genannten Kaufmanns, und übergab seinen Fund. Beschalt der Herr, wie billig, seine nachlässigen Diener, die ein solches Papier so liederlich verloren hatten, so belobte er dafür den treuherzigen Studenten; und zwar eben sowohl um der sichtlichen Freude willen, mit der er das Gefundene wiedergab, als um der Rückgabe selbst willen; und Gottfried erzählte fröhlich seinen Freunden, wie wohlgerathen abermal seine Achtung für das Papier gewesen sei. Aber der Kaufherr erkundigte sich unter der Hand bei den akademischen Lehrern nach dem ehrlichen Studenten. Diese gaben demselben allgemein das Zeugniß des stillen Fleißes und der bescheidenen Geschicklichkeit; und so erhielt Gottfried die Stelle eines Informators in dem Hause jenes reichen, angesehenen Mannes gerade im rechten Augenblicke. Sein bisheriger Gönner, der Herr Gevatter Rathsherr, war nämlich mit Tode abgegangen, jede daherige Unterstützung blieb also zurück, und Gottfried, wie eingezogen er auch lebte, würde doch schmerzlich und kümmerlich seine akademische Laufbahn vollendet haben. Jetzt aber war er geborgen. Er lernte in diesem Hause die französische Sprache und manches Andere, was kein Professor docirt, was aber doch für das Leben höchst ersprießlich ist. 3. Die Loose. Die akademischen Jahre waren vollendet. Gottfried wurde Candidat, und als Vikar angestellt. Fröhlich und fleißig genoß er die schönste Zeit seines Lebens. Etwas Musik und etwas Naturgeschichte dienten ihm zur angenehmen Erholung nach seinen ernsten Berufsstudien, und machten ihm das stille ruhige Landleben doppelt angenehm. Sein Vater und seine Mutter besuchten ihn oft, und hatten ihre herzliche Freude an dem predigenden Sohne. Wenn dann ersterer mit breiter Wohlredenheit versicherte, daß er in seinem Leben nie geglaubt hätte, an seinem kleinen Gottfriedchen so viel Ehre zu erleben, so weinte die letztere süße Thränen der innigsten Freude am Halse des geliebten Sohnes, und schied immer mit den zärtlichen Worten von ihm: » Mein theurer Gottfried, Gottes Friede sei mit dir! « Im folgenden Winter aber begrub der junge Mann den Vater, und im Frühjahr darauf die Mutter. Das äußerst geringe Vermögen ward von den Schulden fast aufgezehrt, und Gottfried stand sehr vereinzelt und trostlos in der Welt. Allein er getröstete sich des Segens, den die sterbende Mutter über ihn ausgesprochen, und erwartete ruhig, was die Zukunft in ihrem Schooße verborgen halte. Jetzt ward eine hoch im Gebirge gelegene Pfarre durch den Tod erledigt. Die Entlegenheit und Abgeschiedenheit des Ortes, der beschwerliche Zugang, die alte hölzerne Pfrundhütte, das rauhe Klima und mehr dergleichen Betrachtungen verscheuchten alle Bewerber. Nach Herkommen denn sollte der jüngste Kandidat von Rechtswegen dorthin gesandt werden. Aus mancherlei Gründen aber wurde beliebt, daß diesmal das Loos zwischen den zwei Jüngsten entscheiden solle. Die ominösen Papierstreifen wurden also beschrieben, zusammengerollt, – gezogen, – und Gottfried Krause war erwählter Pfarrer nach Flühdorf. Man denke sich einen jungen Mann in der lebendigsten und freudigsten Periode seines Lebens, der so in ein vaterländisches Kamtschatka verwiesen wird, und der ohne alles Vermögen, ohne Hülfe nun eine eigene Haushaltung anfangen soll! und man wird unserm Freunde sein Erschrecken nicht verargen, als das große Schreiben mit dem Staatssiegel ihm seine Erwählung kund that. Wenn er dießmal über sein liebes Papier zürnte, und an der wohlthätigen Einwirkung desselben auf sein Schicksal zu zweifeln anfing, so wollen wir das dem ersten Schreck zuschreiben, und mit ihm darüber nicht rechten. – Denn bald fand sich bei ruhiger Prüfung auch eine erfreuliche Ansicht seines Schicksals. Von Kind auf an eine beschränkte Lage gewöhnt, hatte er sich leicht den Spruch des weisen Römers angeeignet: »Daß nicht derjenige arm sei, der wenig hat, sondern nur der, welcher immer mehr begehrt« . Non qui parum habet, sed qui plus cupit, pauper est. Seneca So war ihm seine fast einsame Gegend schon recht, weil sie ihm alle mögliche Muße zur Fortsetzung seiner Studien versprach. Seine alte hölzerne Wohnung war ihm lieb, sobald sie schirmte und wärmte; und eben ihre Armseligkeit gestattete in seiner Einrichtung eine so große Einfachheit, wie sie mit seinen Finanzen im beßten Verhältnisse stand. Durch diese und ähnliche Betrachtungen beruhigt, söhnte er sich bald mit dem lieben Papier wiederum aus, das durch jenen verhängnißvollen Streifen ihn nach dieser Felsenkluft bannte; und, Von Herzen getrost, sprach er der Mutter frommen Wahlspruch nach: Was Gott thut, das ist wohlgethan. In festem Vertrauen traf er seine Anstalten zur Abreise, und zog wohlgemuth einer für ihn ganz neuen Welt entgegen. 4. Das Buchzeichen Und er fand sich – obwohl aller Anfang schwer ist – bald in seine Lage. Freilich von allen sogenannten Freuden des Lebens, und von allem dem, was die Geselligkeit dem Menschen Freundliches bietet, war er nun einmal geschieden. Eine alte harthörige Magd, eine Katze und ein Paar Stubenvögel machten, die summende Schaar von Fliegen abgerechnet, die ganze Bevölkerung des Pfarrhauses aus. Seine Bauern waren, wie das an solchen entlegenen Orten meist der Fall ist, ein grundehrlicher, aber höchst ungebildeter Menschenschlag. Sein nächster Amtsbruder wohnte drei und eine halbe Stunde weit entfernt. Aber seine Studien gaben ihm hinlänglich Beschäftigung, seine Felsen waren erhaben und reich an mancherlei merkwürdigen Erzeugnissen der Natur, sein genügsames Herz war zufrieden. Nur Eins kam dem ehrlichen Manne wohl hier und da bedenklich vor, wenn er seine jetzige Lage beherzigte. Wer wird, dacht' er oft, in unsern luxuriösen verwöhnten Zeiten zu mir in meine Einsamkeit ziehn? welches Mädchen wird mein Weib werden mögen? Es will ja heut zu Tage alles gebildet heißen, und es müßte schlimm sein, wenn nicht jedes Kammerkätzchen von Schiller und Göthe, oder wenigstens von La Motte Fouqué's Geister- und Ritter-Romanen zu erzählen wüßte. Und alle diese hochgebildeten Damen werden kaum so weit herab sich lassen, ihre holden Aeuglein gnädig auf ein armes Pastörchen zu werfen, das kein Geld hat, keine Verse macht, die eine Hälfte des Jahres eingeschneit und die andere Hälfte sonst von der gebildeten Welt abgeschnitten ist. – Gleichwohl glaubte er steif und fest, daß es dem Menschen überhaupt, und einem – jungen Pfarrer besonders, gar nicht gut sei, allein zu sein. In dieser nicht ungegründeten Besorgniß, ob er wohl eine passende Gehülfin finden werde, bestärkte ihn ein Zettel, der als Zeichen in einem seiner Bücher lag, und beim Auspacken und Aufstellen ihm in die Hände fiel. Der fatale Papier-Streifen enthielt wörtlich folgendes: » Ma chére! « »Hier sende ich dir mit Dank dein Dessin zurück – qui est trés-joli . – Apropos! Was sagst du dazu, daß Herr Krause Pfarrer nach Flühdorf worden ist! Der Arme dauert mich! Eine rechte Frau kriegt er nun gewiß nicht. Wer möchte dorthin in die Flühe sich mit ihm vergraben? Einmal du nicht, und ich auch nicht. Aber – n`en dites rien! « ec. Offenbar war das die Handschrift eines Frauenzimmers. Er erinnerte sich, das Buch einem Freunde geliehen zu haben. Die Schwester desselben hatte es wahrscheinlich gelesen, und – freilich über den Inhalt jenes Papier-Streifens geschwiegen, aber doch denselben als Zeichen im Buche liegen lassen. – Das war nun freilich dem Pfarrherrn keine gute Vorbedeutung. Um so weniger, da er gerade auf jene Schwester des Freundes, jedoch nur von Ferne und ganz in der Stille, seine Gedanken gerichtet, und ihr so viel Entsagung zugetraut hatte, daß sie auch durch eine weniger angenehme Gegend sich nicht von einem freundlichen »Ja!« würde abhalten lassen, wenn einst die Frage an sie erginge: »willst du mit diesem Manne ziehen?« – Er hielt den fatalen Zettel lange in der Hand! Er wiederholte die Worte: »einmal du nicht!« mehrere Male mit bedenklichem Kopfschütteln und verschloß den Streifen endlich in sein Pult. Aber wie er sich auch zermarterte, demselben eine ersprießliche Seite abzusehen, immer fand er nichts weiter in ihm, als einen negativen Wegweiser, der ihm sagte, wo er sich nicht zu melden habe; und dem er also doch seinen Dank nicht versagen konnte, daß er ihm einen Korb und in diesem eine schreckliche Demüthigung erspare. Und so war es auch. Denn nicht über lang wußte er, daß jenes Mädchen einen bemittelten Kaufmann geheirathet habe, mit dem sie schon lange im Stillen verlobt gewesen war. »Segn' euch Gott!« rief der Pastor fröhlich, als er das im Briefe seines Freundes gelesen hatte; »und segne Gott jenen Papierstreifen, der mir eine tüchtige lange Nase erspart hat!« 5. Das Lotterie-Billet »Daß du mir meine Vögel zu füttern nicht vergissest! Und die Thüre zu meiner Studierstube laß ja nicht offen stehn, daß etwa die Katze hinein käme! Wer Geschäfte halber nach mir fragt, wird auf den Freitag bestellt, wo ich wieder zurück sein werde!« So gebot der junge Pfarrer noch unter der Hausthür seiner alten Magd, und zog dann fröhlich in frühester Morgendämmerung eines neblichten Herbsttages von Hause, um in der sechs Stunden entlegenen kleinen Stadt A.... einige Nothwendigkeiten einzukaufen, ehe der Winter mit seinen Schneewällen in seinen Felsen ihn einmauerte. Daß ihm besonders auf jene Zeit eine heitere Gesellin wünschenswerth schien, daß er also unterwegs auch an's Heirathen dachte, und daß die fatalen Worte jenes Zettels ihm unaufhörlich um die Ohren summten; das würden ihm wenigstens die hübschen Kinder in A.... hoffentlich nicht übel genommen haben, falls ein dienstbarer Geist die geheimen Gedanken des ehrlichen Pastors ihnen zu Ohren gebracht hätte. Denn wenn auch keine derselben Lust haben mochte, seine Einsamkeit mit ihm zu theilen, so mögen sie's alle doch wohl leiden, daß man ihrer in Liebe gedenkt, und jeder, auch der unerhörte Seufzer ist ihnen ein billiges Opfer, das ihrer Liebenswürdigkeit gebracht wird. Doch Gottfried seufzte nicht einmal. Gewohnt, über die Zukunft sich keine unnützen Sorgen zu machen, hoffte er, daß auch dieser Knoten zu seinem Besten und wohl gar ohne sein besonderes Zuthun sich lösen werde. Hatte doch der Himmel auch seine alte Tante Suse gerade da zu sich genommen, als ihre, ihm zugefallenen Habseligkeiten den Antritt seiner Pfarre um Vieles ihm erleichterten, indem ihr Tod zugleich der nicht geringen Sorge ihn entlud, sie selbst, und in ihrer Person ein ewiges Klaglied mitzunehmen, welchem Niemand als Freund Hain die Finalnote zu setzen vermochte. Aber so freundlich auch in A.... die ihm völlig unbekannten Leute ihn aufnahmen, so war doch ihre Art nicht geeignet, seinen eben angesponnenen Trostesfaden weiter fortzuspinnen. Vielmehr empfing man ihn, als den Pfarrer von Flühdorf, überall mit dem Ausrufe der Verwunderung. Man bedauerte mit wahrhaft unfreundlichem Mitleid fein unglückliches Schicksal, wie man es zu nennen beliebte, und er bedurfte seiner ganzen Gutmüthigkeit, um nicht ungeduldig zu werden über Leute, die gleichsam geflissentlich die Hefe im Becher ihm aufrührten, nur damit sie ihn bedauern könnten, daß er – trübes Wasser trinke. Am wenigsten behagte ihm, daß gerade das schöne Geschlecht sich kreuzte und segnete über den Gedanken, das Leben an einem solchen Orte zubringen zu müssen. Ehrlicher als schlau hielt er alle diese Aeußerungen für baaren Ernst, und sie tönten ihm um Nichts angenehmer, als das Unglück weissagende Geschrei einer Nachteule. Der Tag war verschwunden. Es zog, mit seinem Steg auf der Schulter, der in Oehl getränkte Lichtmacher des Städtchens herum, die sparsamen Laternen, welche die engen Straßen erleuchten sollten, anzuzünden, und Gottfried suchte einen vor dem Thore wohnenden Freund auf, um einen langen, trüben Herbstabend am Kamin zu verplaudern. Gelassen stopfte er seine Pfeife, sah vor seinen Füßen etwas Weißes schimmern, hob ein Stückchen Papier von der Erde, und wollte schon den brennenden Schwamm damit decken, als ihm das Ding so gar sauber, regulär zugeschnitten und sogar bedruckt schien. Hastig schritt er auf das Thor zu und entdeckte da im Schein der Straßenlaterne, daß er ein Lotterie-Billet gefunden, und zwar eines, das, sonderbar genug, eben mit dem Jahre seiner Geburt 1770 als Nummer bezeichnet war. Sorgfältig schob er den Fund in seine Brieftasche, und suchte gleich bei seiner Rückkehr den Ausrufer der Stadt auf, und schon am Morgen wußte das gesammte Publikum, daß Herr Pfarrer Krause ein Lotterie-Loos gefunden habe, welches einer Jungfer Elisabeth C... gehöre. »Elisabeth,« denkt er, »das ist mir gar lieb! Hieß doch meine, leider früh vollendete Schwester so! Hieß doch auch jenes Mädchen so, das ich, ohne das fatale Buchzeichen, wohl allen andern vorgezogen hätte! Wer weiß! Die dritte Elisabeth bringt Glück! Die Ehe ist ja ohnehin, sagt man, eine Lotterie. Laß sehn, welches Loos ich dießmal gezogen habe!« 6. Der Hauszettel Also scherzend bei sich selbst über seinen Glücksstern mit Papierstreifen, eilte Gottfried nach der bezeichneten Gasse, Obschon nicht poetischen Geistes, gaukelte ihm seine Phantasie doch ein junges, hübsches Mädchen vor, das wohl auch Vermögen haben müsse, weil ja doch seines Dafürhaltens unbemittelte Leute nicht in Lotterien zu setzen pflegten. Aber ehe der Knoten des kleinen Romans in seinem Geiste gelöst war, stand er bereits an der Thüre, wo auf einem schmalen Streifen Papier mit weiblicher, aber fester Schrift zu lesen war: »Jungfer Elisabeth C... eine Stiege hoch, vorne heraus.« Freundlich nickte das Pastörchen diesem stummen Wegweiser seinen Dank zu, klimmte vorsichtig eine finstere Treppe hinan, und stand etwas verblüfft vor der Thür, als er in dem Zimmer eine altfränkische Melodie mit wackelnder Stimme singen hörte. Indessen er pocht an, einmal, zweimal, – dann stärker zum dritten Male. Umsonst! der Sirenengesang tönt fort. – Endlich kommt eine Pause, eine alte Stimme ruft herein , fängt jedoch wieder zu singen an, ehe nur unser Freund die Thüre eröffnet hatte. Er trat ein. Hatten aber seine Ohren ihm schon wenig Tröstliches versprochen, so gaben ihm nunmehr seine Augen nichts Besseres zu schauen. Betroffen erblickte er in sehr altfränkischen Umgebungen ein altes dürres Mütterchen mit bedenklich zugespitzter, stark gegen das emporstrebende Kinn divergirender Nase. Ohne sich durch seinen Eintritt stören zu lassen, vollendete die fromme Matrone ihren Gesang aus dem Mirantischen Flötlein, zu dem ein dickgemästeter Kater auf dem Schooße seinen leisen Baß schnurrte. Erst mit dem Ende des Liedes hob die Dame die Brille von der Nase und fragte nach seinem Anbringen. Etwas kleinlaut eröffnete Gottfried die Ursache seiner Erscheinung, und hatte sich nun eines gar freundlichen Blickes der holden Sängerin zu erfreuen, die mit vielen und breiten Worten ihm dankte, mit frommen Sprüchen ihn begabte und ihn endlich, mit dem Segen entließ: »Der Herr vergelte dir nach deinen Werken!« So sehr nun der junge Mann auch in seinen Erwartungen betrogen war, so konnte er doch des Lächelns über sich selbst sich nicht enthalten. Er schnitt freilich dem trüglichen Zettel an der Hausthür jetzt ein ganz anderes Gesicht, als vor wenigen Augenblicken. Aber hatte dieser nicht dennoch seine Pflicht gethan? War es nicht vielmehr seine eigene Phantasie, die ihn hintergangen hatte? Er war billig genug, das einzusehn, und söhnte sonach sich auch mit diesem Papierstreifen aus. Allein in einer Stadt, die nicht größer als A.... ist, kann eine an sich unbedeutende Geschichte schon Aufsehen erregen. Gottfried ward aller Orten darüber ausgefragt, und mußte immer wieder erzählen, welchergestalt er das Loos gefunden und es wieder abgegeben habe. Wie stutzte er aber, als er von ein paar muthwilligen Mädchen bedauert wurde, daß er nur die alte Tante und den alten Kater angetroffen; die hübsche junge Nichte hingegen, der das Loos eigentlich gehöre, verfehlt habe. Man neckte ihn mit seinem Unstern und er spaßte gutmüthig mit. Ganz aber konnte er einen geheimen Unmuth doch nicht unterdrücken, daß er von seinem Funde dießmal nicht mehr gewinnen sollte, als den Gesang der alten Tante und ihre gar zu bekannten Sprüchlein, Indessen, wer wenig begehrt, ist leicht befriedigt; und der genügsame Pastor tröstete sich bald, Etwas nicht erlangt zu haben, an das vier und zwanzig Stunden früher sein Herz ja nicht einmal gedacht hatte. 7. Das Einladungs-Billet. Geschah es auf Veranstaltung seines oben genannten Freundes, oder hatte der still-heitere gutmüthige Pfarrer doch vor den Augen jener neckenden Mädchen Gnade gefunden; war es, daß seine Erscheinung unter ihnen die weibliche Neugierde rege gemacht hatte, oder daß sie sich berufen glaubten, durch ihre Vermittlung gut zu machen, was ein ungünstiger Zufall ihm verdorben hatte; genug, er erhielt eine höfliche Einladung, Nachmittags an einer Landparthie Theil zu nehmen. Dem größten Theile der dortigen Bewohner fremd, unter Frauenzimmern besonders schüchtern, wagte es Gottfried kaum, dieser an sich willkommenen Einladung Folge zu leisten. Doch ging er hin und fand ein ganzes fröhliches Völklein junger Mädchen und Herren, die bereits in der lebendigsten Lustigkeit waren, als er, einer der letzten, etwas zaghaft eintrat. Aber wie der Bach ein einzelnes Blatt, das Vom Baume fällt, herumwirbelt und mit sich reißt, so ergriff die allgemeine Freude selbst unsern Pastor. Er ward in Kurzem bei dem fröhlichen Zirkel einheimisch und faßte minder blöde die Hände seiner Nachbarinnen links und rechts, wenn irgend ein kunstloser Ringeltanz zum Spiel gehörte. Von allen den hübschen Mädchen aber, in deren Kreis jenes Billet ihn gezaubert hatte, zog nur Eins ihn an, das zwar keineswegs das hübscheste war, über dessen Gesicht jedoch eine unverkennbare Gutmütigkeit ausgegossen lag und deren bescheidenes blaues Auge, unschuldig und freundlich wie es war, jedes unverdorbene Herz ansprechen mußte. Keine Hand faßte er lieber, als die ihrige, und doch zitterte die seine auch nirgend so, wie in dieser. Es war ihm ordentlich willkommen, daß die Spiele aufhörten, die bunte Menge in kleinere Gesellschaften sich auflöste, und er also, gleich Andern, in Feld und Wald herumstreifend, mit sich selbst und seinem unruhig gewordenen Herzen Zweisprache halten konnte. Aber mitten in seinen Selbstgesprächen nahte ihm eben jene Huldgestalt mit freundlichem Gesicht und fing an ihm zu danken, daß er zu ihrem verlorenen Loose ihr wieder verholfen habe. Wie stutzte Pastor Krause! Sie war also die gesuchte Lise C. Sie hatte er nun doch gefunden! Wie froh und freundlich versicherte er jetzt, ein recht gutes Loos in der Lotterie gefunden zu haben, inmaßen dasselbe ihm den Anblick ihres holden Angesichts verschaffe! Wie freute er sich, als, im Verfolg eines kurzen Spazierganges, seine Vermuthung sich bestätigte, daß das holdselige Mädchen die Tochter des vor etwas mehr als einem Jahre verstorbenen Pfarrers C. in D. sei und keine andern Verwandten habe, als eben die Schwester des verstorbenen Vaters, bei der sie nun lebe! – Gern wäre er noch lange mit der Holden im trauten Gespräche geblieben. Aber man sammelte sich um den Tisch. Leben und Fröhlichkeit ging die Reihe herum, man neckte und ließ sich necken; und erst der einbrechende Abend trieb das lustige Völklein singend nach der Stadt zurück, ohne daß Freund Gottfried nur ein vertrauliches Wort mit dem Mädchen gewechselt hätte, von dem es ihm bedünken wollte, gerade sie würde ihm seine Felsen in Flühdorf weniger steil, seine Gletscher weniger wild und seine Winter weniger lang erscheinen lassen. Eben wollte er an ihrer Hausthüre betrübt Abschied nehmen, als ihre Gefährtin ihr Etwas in's Ohr flüsterte, worauf sie erschrocken sich entschuldigte, daß sie nach seinen allfälligen Auslagen sich nicht erkundigt habe. Aber – so klug war mein Pastor denn doch, daß der Vorwand ihm zu Gebote stand, es lasse sich ja auf finsterer Straße nicht wohl Geld zählen; er werde also morgen seine Ansprache geltend machen, wenn sie nur gütigst ihm anzeigen wolle, an welcher Thüre er klopfen müsse, um nicht wieder die Tante – – – in ihrer Andacht zu stören! – Er erhielt genügenden Bescheid, entfernte sich dankend, und strich im schwachen Viertellichte des wachsenden Mondes noch eine Weile in den Umgebungen der romantisch gelegenen Stadt herum. 8. Die Vorladung. Als der Pfarrer auf seinem Zimmer im Gasthofe angelangt war, erstaunte er nicht wenig, auf dem Tische einen mit dem Stadtwappen versiegelten Zettel zu finden, überschrieben: »Vorladung an Herrn Pfarrer Krause von Flühdorf, – Polizei-Direktor.« – Unfreundlich kreuzte diese unerwartete Erscheinung seine, auf ganz andere Dinge gerichteten Gedanken. Er fragte, das fatale Papier uneröffnet in der Hand haltend, den eintretenden Wirth um Auflösung. Aber mit Achselzucken antwortete dieser: er begreife nicht, wodurch die Vorladung eigentlich veranlaßt worden. Vielleicht sei der Polizei-Direktor aufgebracht, daß der Herr Pfarrer das gefundene Loos nicht ihm zugestellt, vielleicht vermuthe er etwa ein Billet von einer verbotenen Lotterie. Auf alle Fälle rathe er dem Herrn, auf der Stelle hinzugehen; indem der Herr Direktor in Amtssachen keinen Spaß verstehe, – Der Zettel ward nun eröffnet und wies in der That nur eine trockene Citation, auf der Stelle zu erscheinen. Mißmuthig stolperte Gottfried durch die engen Gassen und grollte dießmal seinem lieben Papier in allem Ernste; denn was konnte ihm diese fatale Lettre de Cachet andres bringen als Unheil und einen unverdienten Wischer, oder gar eine Geldbuße!? – Geldbuße? Geldbuße? Mit wahrem Schreck führte das redliche Männchen seine Hand in die Tasche, drückte voll schmerzlicher Inbrunst zwei große Thaler in seinem Beutelchen zusammen, nahm in Gedanken schon Abschied von ihnen, und hätte sich in seiner Angst bald verschworen, sein Lebenlang keinen Papierstreifen mehr aufzuheben. Er kam an, ward vorgelassen und fand in der ganzen Geschichte – einen freundlichen Spaß! Ein Jugendfreund seines Vaters hatte sich hier gesetzt, nachdem er als Gerber ein hübsches Vermögen erworben. Er hatte mit seinem geraden verständigen Wesen sich bis zum Rathsherrn und Polizei-Direktor emporgeschwungen, vernahm die Anwesenheit des Sohnes von seinem Jugendfreunde und citirte in einem Anfall muthwilliger Laune ihn nach aller Form, um ihm für die Zeit seines jedesmaligen Aufenthaltes in A... Kost und Wohnung in seinem Hause anzubieten. Somit war ja der gute Papyrius mit seinem Papiere schon wieder ausgesöhnt. Aber vollends küssen mußte er diese Vorladung, als sich beim fröhlichen Nachtessen auswies, daß der Herr Rath sogar Vormund der holden Lise und ihrer frommen Tante sei. Denn hier erhielt er nun vollständige Kenntniß von beiden. »Ist die junge Lise,« – so sprach jener – »das Muster eines lieben, verständigen, fleißigen Mädchens, so ist die alte Lise hingegen mir sehr fatal. Einst ein verliebtes Weltkind, wie wenige, fing sie nach dem ersten halben Säculum ihres Lebens an fromm zu thun. Wie vormals von den derbsten Gassenhauern, so fließt sie jetzt von geistlichen Gesängen über. Und während sie hinter geistlichen Büchern zu brüten scheint, geht keine Katze unbekrittelt über die Gasse. Sie ist anbei einem periodischen Schwindel unterworfen, weil sie ihrem schwachen Magen immer und immer wieder mit Elixieren zu Hülfe kommt.« »O wehe mir!« seufzte der Pfarrer im Stillen. »Wenn auch das Loos mir die holde Lise zuführte, so müßte ich ja wohl die unholde in den Kauf oben drein haben! Wehe mir dann, wenn ein solch altes Uebel in mein Haus zöge! Das wäre ja schlimmer als Salz und Pfeffer auf Zuckerbrod!« 9. Das Recept Sobald Krause am Morgen glaubte, daß die Singstunde der alten Betschwester begonnen habe, schlich er dort sich die Treppe hinauf und horchte. Rechts sang Tante Lise und krähte der Welt zu Liebe von ihrer sogenannten Frömmigkeit. Also links gehalten! Ein scharfer Blick durch's Schlüsselloch zeigte ihm, daß er recht war; und so stand er denn vor dem Mädchen, dem er so viel Schönes sagen wollte, das nun – rein vergessen war! Seine sichtbare Verlegenheit war nicht eben geeignet, das gute Mädchen aus der ihrigen zu reißen. Sie aber – wie denn die Mädchen in dergleichen Bedrängnissen sich immer eher zu helfen wissen, – sprang hurtig auf das gefundene Loos über, und es entspann sich ein Gespräch, das noch leidlich genug gewesen wäre, hätte nicht Lise mit sichtlicher Aengstlichkeit immer nach der singenden Tante hinüber gehorcht, deren störenden Eintritt sie jeden Augenblick zu fürchten schien. Die Aussicht, sich entfernen zu müssen, ehe er seiner Angelegenheit nur von ferne gedacht, oder durch sein längeres Bleiben dem guten Mädchen Verdruß zu verursachen, machte ihn endlich so kühn, daß er in sichtbarer Bewegung Lischens Hand faßte und sprach: »O wie gerne – wie Vieles wollte ich Ihnen noch sagen! Aber es kann ja nicht sein. Darf ich aber« – – Hier ging die Thüre auf und Tante Lisabeth stand da vor den erschrockenen Leutchen! »Aha!« – krähte die Zürnende, – »du eiteles Weltkind! Was muß ich an dir erleben! Mannsleute schleichen heimlich in dein Kämmerlein und du duldest das? Wohl gilt von dir, was im Liede geschrieben steht: Ich führte heimlich kein Penelopeisch Leben, Und dennoch wollt ich sein Lukretia daneben. und wie es weiter heißt: Bei allen Spielen führt' Ich Ueppigste den Reihen. Ich ging hinein, geziert Wie Flora in dem Maien. Es wallte mir das Blut Im Leib vor Uebermuth. Und Sie – wendete sich die Strafpredigerin an Krause – Sie beschleichen unerfahrne Jungfrauen ins geheim? Wie reimt sich das für einen geistlichen Herrn? Doch man kennt euch, junge, leichtfertige Vögel! Nur an dem Zuckerhut Wollt ihr den Schnabel wetzen; Das Herz nach vollem Wuth Der Sinnlichkeit ergötzen.« – – Unter dem langen Sermon gewann Gottfried sich Besinnung. So ehrlich und ohne Falsch er sonst war, schien ihm hier doch eine kleine List erlaubt, um dem armen Mädchen, das nahe am Weinen stand, noch Härteres zu ersparen. Er zog also seine Brieftasche hervor, bückte sich ehrerbietig vor der zürnenden Alten und erzählte, er sei eigentlich um ihrer und nicht um der Nichte willen hieher gekommen; habe sie aber in ihrer Andacht nicht stören dürfen. Er habe mit großem Leidwesen erfahren, wie sie mit Magenbeschwerden behaftet sei und habe ihr daher ein von seiner verstorbenen Tante geerbtes Recept zu einem trefflichen Magen-Elixier anbieten wollen. Hiermit zog er einen Papierstreifen hervor, auf dem – o Schalk! – ein Paar griechische Verse aus Anakreon geschrieben standen. Etwas ungläubig zog Tantchen die Brille aus der Umhüllung ihres keuschen Busens hervor, beguckte das Blättchen mit großer Aufmerksamkeit, und bat, er möchte ihr das Ding vorlesen. So plapperte mein Pastörchen ihr denn aus Anakreons verliebten Versen ein Paar aufgefangene botanische Benennungen vor und erntete sogar Lob und Dank ein, als er sich erbot, dem Apotheker das Weitere mündlich zu erläutern. Er ward höflich entlassen, und dankte seinem Geschick, das ihn abermals mit einem Papierstreifen gerettet hatte. 10. Das Schwalbenschwänzchen. Nicht ganz leichten Herzens jedoch schlich Krause mit seinen anakreontischen Versen nach einer Apotheke. Denn was sollte er nun eigentlich bestellen? Was alles konnte der Apotheker fragen? Und was konnte er antworten? Und wie sollte er nun seiner Huldin offenbaren, was er heiß im Herzen trug? Mit dergleichen Gedanken sich herumschlagend, langte er in Aeskulaps Rüstkammer an, und wie freudig blickte er auf, als er im Apotheker einen Bekannten fand, den er an seinen Bergen botanisierend im Sommer angetroffen hatte! Bald war er mit ihm in traulichem Gespräche. Das Lotterieloos, welches das ganze Publikum in Bewegung gesetzt hatte, kam auch hier zur Sprache, und mein Pastor wußte nun seine medizinische Angelegenheit recht gut an den Mann zu bringen, ohne eben mehr zu verrathen als nöthig war. Lachend mischte der Handlanger des Todes etwas Krimskram zu einer Magenstärkung, während Krause unter den niedlichen, mit kleinen Bildchen gezierten Papierstreifen wählte, die den Arzneigläsern in Form von Schwalbenschwänzchen zur Erläuterung angehängt werden. Wie gern hätte er durch einen schußfertigen Amor, einen ominösen Myrthenkranz oder dergleichen Etwas seiner Holden auch nur einen Funken des in ihm glimmenden Liebesfeuers leuchten lassen. Aber – welche Noten würde die alte Pharisäerin zu solchem Texte wohl gesetzt haben? Er ließ also den Apotheker wählen. Und siehe, dieser ergriff den alten Charon im lecken Kahne, mit der Unterschrift: nondum . d. i. noch nicht! Wie paßte doch das zu den Wünschen des armen Pfarrer? – Indeß – er nahm das Glas, und trollte wieder nach der Wohnung der alten Sybille. Auf einmal stand er still. Frohes Lächeln schwebte gleich einem Sonnenblicke über sein Gesicht hin: gefunden! sprach er halblaut für sich selbst, trat in ein enges Nebengäßchen und schrieb mit seinem Bleistift eine kurze, aber deutliche Liebeserklärung in französischer Sprache auf die Rückseite des Schwalbenschwänzchens. Ihn belustigte die mehr als ovidische Verwandlung, zufolge welcher Anakreon in seiner Hand zum Apotheker und der grämliche Charon zum verliebten Merkur geworden war. Fröhlich trat er nun ein in die enge Wohnung, die ihm zur Hälfte wenigstens, – eine Engelburg schien. Er produzirte demüthig sein Heilmittel, und war so glücklich, Lischen das gleich einem Heiligenschein von ihm um Charons Haupt geschriebene: tournez la feuille D. i. kehre das Blatt um. bemerklich zu machen. Und wäre diese wohl ein Mädchen gewesen, wenn sie den Streich nicht gemerkt, und nicht erröthend sich abgewandt hätte, während er der Alten das Bild ganz ernsthaft erklärte? 11. Das Papier im Fadenknäuel Ein Schritt war also gethan. Aber was war dem guten Pastor gewonnen? »Welche Antwort wird wohl das liebe Kind mir ertheilen? Auf welchem Wege werd' ich sie erhalten? Wie soll ich vernehmen, mit was für Augen sie mein rasches Thun betrachtet?« Diese und ähnliche Fragen quälten ihn nicht wenig. Umsonst suchte er auf einem einsamen Spaziergange seine gestörte Gemüthsruhe wieder zu finden. Umsonst überlas er alle seine mit Sprüchen alter Weisen beschriebenen Zettel, die er, als geistliche Hausapotheke überall mit sich trug. Alle Weisheit ward für diesen Augenblick zu Schanden. Das aufgeregte Herz behauptete nun einmal seine Rechte; und Alles, was das arme Männchen über sich vermochte, war das Geständniß, daß er lieber an den blauen Himmel als in Lischens blaue Augen hätte gucken sollen; – daß er besser gethan hätte, den ganzen Handel gar nicht anzufangen; – daß er .... Aber hier stand schon wieder das freundliche Wesen vor seinem Blicke, und mit vor die Brust geballten Händen seufzte, er: »Ach, Himmel, ich konnte ja nicht anders!« Unruhig erschien er an der Mittagstafel seines Gönners. Das muntere Tischgespräch des alten Herrn, die mancherlei Jugendstreiche in der Gesellschaft von Krause dem Vater einst verübt, und dem Sohne mit jovialischem Muthwillen erzählt, der kräftige, nicht sparsam gespendete Wein, und die dabei von Seite des ehrenfesten Rathsherrn so herzlich angebrachte Gesundheit: »Auf stete gute Freundschaft zwischen uns beiden!« das Alles erheiterte doch endlich den liebekranken Pastor; ja er faßte die Hoffnung, im Nothfalle an dem wackern Vormunde wohl gar einen kräftigen Alliirten für die wichtigste Angelegenheit seines Lebens zu gewinnen. Im Gange seiner Geschäfte gerieth er Nachmittags in die Gesellschaft zweier alten Jungfern, bei denen er neben andern Bedürfnissen auch Faden zum Heften seiner Schreibereien einkaufte. Freundlich ward er ins Zimmer genöthigt und sogar eine Tasse Kaffee ihm angeboten. Aber wie stutzte er, als drinnen seine Huldin auf dem Ruhebette saß, emsig strickend, doch freundlich ihn begrüßend. Ohne die lauschenden Späherblicke der beiden alten Jungfern, ohne das sichtbare Erröthen des überraschten Mädchens hätte wahrscheinlich Krause sich vergessen und wäre – mit der Thür ins Haus gefallen. Jetzt hielt er an sich, gewann Kraft zu einem gleichgültigen Gespräche und bat im Verfolge desselben das freundliche Mädchen, den eben gekauften Faden ihm in einen Knäuel zu winden, damit er weniger sich verliere. Er suchte in seinen Taschen nach einem schicklichen Stückchen Papier zur Unterlage. Aber während die gefälligen Jungfern eben draußen mit ihrem Handel beschäftigt waren, ergriff Lischen mit sichtlich zitternder Hand und neuem Erröthen ein zusammengelegtes Papier aus ihrem Strickbeutel und wickelte in sorglicher Hast den Faden darüber. Hoch pochte Krausen das Herz. Wie gerne hätte er gefragt! doch wie durfte er? Aber fest hielten seine Blicke auf sie, die, im Purpur der Verlegenheit glühend, schöner war als sonst. Er wollte in ihrem Blicke lesen, ob eine Antwort für ihn darin, und ob Ariadnes rettender Faden ihm geboten sei. Aber sie blickte nicht auf. Sie bot – die Lauscherinnen waren eben wieder eingetreten – freundlich den Knäuel ihm dar und nahm von einer schlagenden Wanduhr, wie sie sagte, gemahnt, ihren Abschied. Auch Krause entfernte sich, und rannte lange nach einem heimlichen Winkel umher, wo er unbemerkt den Knäuel abwinden und das Innere desselben erforschen könnte. Die hoch gelegene Kirche bot ihm in ihrer Vorhalle eine Zuflucht. Mit zappelnder Hast wickelte er den Faden ab, faltete das Papierchen aus einander und las: »Dankbarkeit und Pflicht binden mich an meine Tante. So lange diese lebt, kann und will ich Niemanden auf solche Fragen antworten.« Kalt und warm krabbelte es um das Herz des ehrlichen Krause herum. Ich würde umsonst versuchen, das Gewirr der sauern und süßen Empfindungen hier zu malen, deren wogender Kampf ihn bis zum Einbruche der Dunkelheit auf seiner einsamen Stelle festhielt. Genug, er hielt sich an das reine Resultat, daß für ihn zwar in diesem Augenblicke nichts zu hoffen sei: aber doch, auch von keinem Andern etwas zu fürchten. Oder warum hatte sie sonst das: Niemanden unterstrichen? Heilig bewahrte er also dieß Billet und legte es, zu Hause angelangt, in das geheimste Schubfach seines Schreibpultes. 12. Der Neujahrwunsch. Hatte der in A... neuerworbene Gönner, der Herr Rathsherr und Polizeidirektor, unsern jungen Pastor überhaupt um seiner einsamen, von aller Welt abgeschiedenen Lage willen bedauert, so war ihm das besonders aufgefallen, daß Alles, was etwa seit der Zeit seines Antritts zu Flühdorf im lieben Vaterlande begegnet war, ihm eben so fremd und neu vorkam, als wäre es in Ost- oder Westindien vorgefallen. Er schalt den Pastor um seiner unverzeihlichen Gleichgültigkeit willen aus, und gab sich erst dann zufrieden, als dieser ihm erklärte, wie alle seine Freunde in der Welt herum zerstreut, und von ihm geschieden seien, er aber keine Verwandten und Bekannten habe, die sich der Abgeschiedenheit eines armen Bergpfarrers annehmen möchten. – Da trieb der alte Herr seine Mütze rund um auf dem glänzenden Schädel und sprach: »So muß ich denn selbst noch in meinen alten Tagen ein Zeitungsschreiber werden! Sei es drum: ich will durch Kürze und Wahrheit allen Andern den Rang ablaufen.« Und wirklich erhielt Krause von nun an fast jeden Samstag durch einen vom Wochenmarkte heimkehrenden Bauer einen Neuigkeitszettel, dessen bunter Inhalt und drollige Ausfertigung ihn meist herzlich belustigten. Zum billigen Dank für diese und andere Beweise des uneigennützigsten Wohlwollens hatte der Pfarrer aufs Neujahr seinem Gönner einen schönen Käse gesandt, und dafür eine Flasche Hypokras und etwas Zuckerbrod zurück erhalten nebst einem Zettel – Neujahrwunsch überschrieben. Aber welch' ein Inhalt! Man lese und denke sich das freudige Erstaunen des guten Pastors, als er folgende Knittelreime erblickte: »Mein wohlehrwürdiger Herr Pastor, Thut auf das rechte und linke Ohr! Vernehmt, es hat dem Himmel gefallen, Daß Tante Lise zu Tod ist gefallen! Und ward begraben im kühlen Grund Nach dreimal vier und zwanzig Stund. Und also, mein lieber Herr Pfarrer Kraus, Geb' Gott Euch eine liebe Frau ins Haus! Ich biete Euch freundlich meine Hand. Petrus der Gerber bin ich genannt.« Und damit er ja nicht zweifle, daß der Herr Vormund von Allem bestens unterrichtet sei, so stand unten mit seiner Schrift: »Ein glückliches Neujahr wünscht Ihnen auch L. C.« Der gute Pastor brachte seinen ersten Neujahrstag zwar noch völlig einsam, aber von Herzen fröhlich zu, die übrigen aber nicht mehr einsam und doch nicht minder fröhlich. Denn obgleich das verhängnißvolle Lotterieloos kaum die Einlage wieder gab, so hatte doch Er das beste gezogen, ein holdes Weib . Darum paradiren auch in seinem Wohnzimmer die zwölf Papierstreifen. zum Theil in originali , zum Theil in möglichst getreuen Kopien hinter Rahmen und Glase. Joh. Rudolf Wyß, der Jüngere Viel Noth und viel Hülf Erzählung aus den Zeiten der burgundischen Kriege. Der Sach- und Sprachkundige wird leicht sehen, wie Manches in dieser Erzählung nicht eben genau mit Sitten und Schreibart des fünfzehnten Jahrhunderts zusammenstimme. Oft sind indessen absichtlich die Worte und die Schreibung der neuern Zeit angepaßt worden. Dennoch dürften einige Ausdrücke nicht Jedem verständlich sein, und diese erklären wir am Schlusse dieser Erzählung. Dabei aber bemerken wir noch, daß eine alte Schreibung, die oft ch für das einfache h , und oft den einfachen Vokal für den Doppellauter setzt, wie y oder i für ei , so wie ferner nit für nicht , nüt für nichts , die gangbaren Worte doch immer wird erkennen lassen. Im Historischen des Aufsatzes wird man meist Uebereinstimmung der Hauptumstände mit Schillings Chronik von den burgundischen Kriegen (und mit Joh. v. Müller ) finden. Hans in der Gruob , ein Berner, kommt in beiden als derjenige vor, der in der Schlacht den Herrn von Châteauguyon vom Pferde stach. Gott zum Gruß, und was ich Ehren und Diensts vermag, lieber Fründ und Schwager Barthlome! Sintemal du zu wissen begehrst, und vielmalen bittlich drum angehalten, wie mir's eigenlich ergangen in allem Handel zu Gransee, Gransee , Grandson. und aber ich all die Zyt und fürbas in die gut Statt Zürich nit kommen kann, hab' ich minen Sinn daran g'setzt, daß ich in Schriftweis dir die Sach verfassete, und du aller Gschichten, so mich dann selbs antreffen, das berichtet werdest. Dacht' auch, daß es minen Bueben einstmalen sollt zu einer Gedächtnuß syn, wie unser Herr Gott b'holfen B'holfen , hülfreich, hülfbereit. ist nach siner Wisheit, wo unser arm Kunst gar übel b'staht, B'staht , besteht. und Menschenraths ein End ist vor großer Noth und Fährlichkeit. Als dann ich aber Schrybens übel berichtet bin, und anders nit, dann zu Kauf und Handel Brief zu stellen ein Uebung hab, mögest du söliches in Acht nehmen, und min g'mein Schrift und Dicht Dicht , Aufsatz, Composition. mir ganz fründlich zu gut halten; dann ich ein gelahrter Kronikdichter, als unser ehrsam Meister Tschachtlan, und weiland der gut Stadtschryber Cunrad Justinger Tschachtlan, Justinger, zwei alte bernerische Chronikschreiber. nit und nimmermeh bin. Und also heb' ich an, als ich's in miner fast alten und rostigen Gedächtnuß finden kann, wie dazemal die Ding verlaufen sind; dann es itzo in die dryßig Jahr läuft, daß die G'schichten sich zutragen hand, Hand , haben. und ich mit Gotts Hülf an die Sechzig verlebt, und's doch schier nit glauben kann, aber ganz dütlich in minem Husbuch verzeichnet ist. So weissest du, geliebter Barthlome! daß ich mit andern mannhaften und fröhlichen G'sellen, als derselb burgundisch Krieg sich leider ang'spunnen, und der Herzog Karli darzog, gen Yfferten in die Stadt zu liegen kam, und war unser Hauptmann, der Hans Wyler, gar stark von Fuust, aber Gott seys klagt nit also stark von B'sinntheit B'sinntheit , Besonnenheit, Bedacht. und gutem Rath. Und also lagen wir in selbem Städtlin getroster Zuversicht, dann das Volk that uns Gut's, und waren unser meh nit, wann siebenzig von Bern, und etlich Fryhartsknechte Fryhartsknechte , Freiwillige. von Luzern, so sich dann trülich zu uns hielten. Da lag aber ein Theil, an fünfzig, in der Burger Hüsern, und ein Theil im Schloß, und getrauten uns den Ort zu beheben, Beheben , behaupten. dann die Burger waren glatter Wort, und strychelten dem Bären sin ruch Ruch , rauh, zottig. Haar; wollten gut bernerisch heissen, das auch an Vilen mit der That erfunden ward. Aber Ettlich giengen um mit gottloser Verrätherie, und hatten's heimlich ang'legt mit dem Grafen von Romunt, Romunt , Romont im jetzigen Kanton Freiburg. der dann ihr eigentlicher Herr gewesen, und wollten demselbigen gut wohlfeil Bärenhäut verkaufen; sintemal die armen Petzen zu Nacht im Schlaf Schlaf, eine der zwei Schläfe. sollten mordlich abg'stochen werden, als auch an Ettlichen b'schechen ist. Doch so erschoß Erschoß , gerieth, lief ab. der Handel zu allerletzt dem Stättlin fast übel, und ward plündert und verbrönnt, als du wohl erfahren hast. Mir aber hat der Herr g'holfen, daß ich heil hindurchkam, als ich doch vor Andern nit verdient. Da war an einem Tag der Etterlin Etterlin , Petermann E., der Chronikschreiber von Luzern, der des Umstandes auch in seiner Chronik erwähnt. harkommen, sammt noch einem Kriegsg'sellen, so sich by der Vorhut von Luzern enthielten gegen dem Berg zu in einem guten Schloß, und sollten Wyn kauft han, und fanden da zu Yfferten auch der G'legenheit gnug, diewylen der Verräther Einer gut Getränk dargab um wohlfeilen Kouf, und etlich groß Kannen dryn gehen ließ, die dann zur Stell ouch trunken wurden von den Zusätzern Zusätzer , Besatzungs-Soldaten. in der Stadt, unter welichen ich nit der mindest mit Zubringen Zubringen , eine Art des Gesundheittrinkens in der Schweiz. und Gläserleeren und Liedersang. Das g'fiel semlichen Semlichen , sothanen, solchen. verrätherschen Burgern hoch, und setzten wieder und aber ein voll Kännlin dar, denn unser Schlaftrünklin hiermit für das letzt Mal sollt trunken syn. O Weh derselben Nacht, die darnach kam uf das G'lag und die groß Lustbarkeit! Da ward der schön roth Wyn manigem biderben Knecht us der Ader g'lassen, und ward je Keiner g'sund davon. Doch so ist dieselb Nacht auch Treu an mir b'schechen, als ich nun wohl vermelden will; denn ich dir nit z'verzählen meyn von andern G'schichten, ob wie sie nachdenklich sust Nachdenklich sust, des Nachdenkens werth sonst. und seltsam wären; sunder min gut G'schicklin G'schicklin , Geschicklein, kleiner Glückszufall. dir im eigenlichsten kund will geben, wie obgesagt. Nun also war ich by einer Wittib Wittib , Wittwe. im selben Städtlin gut yng'sessen, und hatt dieselb ein jung Maidlin, ihr Tochter, so gar hübsch und sittsam war von Art, und hätt mir bas g'fallen, dann daß sie all's wälisch redet, und unser tütschen Sprach nur ein Wenig's mürden kunnt, das aber lächerig ihr vom Mund gieng. Auch wußt sie wundersam B'scheid, mit Ougenwinken und hurtiger Gebärd ihres Herzens Meynung kund z'geben, so ich denn wohl verstund, auch myn Flyß recht treffenlich ankehrt, daß ich nit dumm wär mit Gegenb'scheid. Ueberdas so war die jung Maid gut bernerisch in ihrem Herzen, gönnt uns alles Glück und Wohlergeh'n, und fürcht sich übel vor dem Burgundischen Heerzug, als die da Unfuhr Unfuhr , Ungebühr und lärmendes Unmaß. trieben und groß Schand by Fründ und by Find, ja wahrlich nit uszusprechen. Indem so that die alt Wittib mir je mehr und mehr des Herzeleids, und nahm in's Hus ein'n rothhaarigen Vetter, der war Romuntisch mit Herz und Mul, und pochet vil, wie der Graf würd kommen und die lieben Herren von Bern erdrücken vor Freud, so er sie gegenwärtig fünd in siner guten Stadt, und konnt der Schalk dütscher Worten gnug, wenn's g'scholten und g'fluchet sollt syn, hielt auch dick Dick (auch dickmalen), oft. sin Stoßdegelin mir vor, und sagt, ich sollt dran g'spüren, ob's von gutem Stachel syg, Syg (sye), sei. Syg, sei. da er's denn wetzt an einem Schlyfstein, und zu mir schielt', als der Kindlinfresser Kindleinfresser , ein noch jetzt vorhandenes Standbild auf einem Brunnenstock des Kornhausplatzes zu Bern. zu Bern uf dem Brunnen thut, mym Hus vorüber; du hast ihn gsechen, Barthlome! Wollt nun ich dem Lecker eins B'scheid geben, und zuckt min'n Dolch, ihm gut tütsches Ysen unter sin scheel G'sicht zu halten, und macht ein'n grimmigen Ruck mit der Fust; glych sprang das jung Dirnel dahar, macht ein'n Scherz us dem Handel, und ließ nit ab, bis mich's zu lachen thät, und bis der Vetter brummt, und uf den Boden stampft, und uns den Rücken kehrt. Derg'stalten gieng's fast jeden Tag, und hört das Maidlin gar nit uf, uns listiglich vonsammen z'bringen, das doch wohlgethan war, sintemal ich daz'malen heiß vor der Stirn, und wohl an dem schändlichen G'sellen groß Ungebühr verübt hätt gegen Hauptmanns Befelch und gute Kriegsordnung. Indem so kam die mordlich Nacht, und hatten die Verräther Alles wohl verkundschaft't, daß sie den von Romunt und sin Volk sammt Etlichen us der Stadt, die vorhin g'flochen war'n zu solchem ihrem Herrn, über d'Stadtmuren und durch ein's Burgers Hus ynließen, und aber die Wacht der Unsern by den Thoren es erstlich gar nit vermerkt. Da hub sich an Geschrey und Wehklagen, Gepoch und Trutzwort, daß es den Himmel erbarmt haben sollt, und lief All's in den Gassen durcheinander. Etlich von den Hüsern uf d'Muren, Etlich von der Muren in d'Hüser, und schrüwen Schrüwen , schrüw, schrieen, schrie etc. die Burger, die nit wußten um den Anschlag, es hätten die Berner sie verrathen, und den Mord ihnen ang'richtet; und schrüwen die Berner hinwiederum, die Burger hätten's ang'stifft't, und fielen also mit Hellbarten, Mordäxten und Schwertern einander an; denn der Mondschyn gar heiter zu dem bösen Handel zündet. Mit dem so witscht' ich uf in mynem Kämmerlin, und hat mich ein Gepolter uf der untern Stiege plötzlich erweckt, und hörte da den schälkischen Vetter, der schrie ganz eselmäßig: »Zu! zu! uf die Buben, daß sie sterben die Nacht allsammen, ohn alle Gnad! Unser rechte Herr ist kommen, und jagt die Miethslüt dannen us sinem Eigenthum, und zahlt sie der gethanen Huth.« In semlicher Noth ergriff ich angehnds Angehnds, angehends, gleich von Anfang, sofort. minen guten Zweuhändler, Zweuhändler , ein großes, nur mit zwei Händen zu führendes Schlachtschwert. und steckt den Dolch in minen Gurt; dann ich zu großem Glück ganz wynwarm zu Bett gangen war, und nit anders uskleidet, denn um Halskragen und Wams und Schuh, die ich gestracks auch wiedrum an mich nahm. Und da ich eben vil Mannstritt hört' uf der zweyten Stieg, und Einer stolpert und Sumnuß macht', merk ich am Fenster ein Klopfen, und sech' Sech , sehe. ein'n Kopf draussen, und denk', die Schelme sind mir uf dem Lyb von allen Orten har, und sind viel Hasen auch eines Hunds Tod. Darmit sprang ich an d's Fenster, und wollt einen Romuntischen Spießgesellen des Wegs voran schicken, so ich doch müßt an Todtentanz; stach auch grimmiglich durch d'Schyben hinus, daß es klirrt, und fuhr min lang Schwerdt dem Kiltgänger unterm Alm durch neben dem Herzen vorby. Indem da gellt's mit lutem Schrey mir z'Ohren – »Jesus Mary!« und war's ein Mägdlin, und erkannt' ich dieselb fründlich Maid vom Hus, und riß das Fenster uf; dann ich mit sondrer Freud ihr Anligen itzo verspürt. Hiermit so gibt die gut Magd mir Zeichen, und zabbelt die Leiter hinab, als die Eicherlin Eicherlin , Eichhörnlein. von den Tannen, und winkt mit beyden Armen, daß ich nachkommen sollt. Alsbald ouch befahl ich min Seel den thüren Nothhelfern St. Ursen und St. Vikter, riß das Fenster uf, warf min Schwert voran, und witscht die Leiter gleitig hinab, der ich dann über 6 Seigel oder die letzten, hab s' nit gezält, mit einem alleinzigen Satz im Höflin war. Hieruf so half die Maid mir die Leiter umschmeissen uf die usser Syten, da denn glych die Stadtmur nahe lief, und ich hinuf krabblet wie die Katz zum Tubenschlag; hatt auch min gutes Schwert wiederum unter den Arm g'nommen, und wollt's nit g'lassen han um aller Welt Güter nit. Wie aber kum ich uf der Stadtmuren genüber dem Kammerlin stand, allwo ich g'schlafen, da hört' ich dain ein schrecklich Polter und G'schmetter, und sprengten mit Aechsen die Thür, und wollten den Vogel im Nest usg'nommen und zum Morgen-Imbis abg'stochen han, das mir ein greulicher, ganz ehrloser Tod g'wesen wär. Und aber sumt Sumt , säumte. ich mich nüt, zog die gut Leiter an mich haruf, und ließ sie zur andern Syten hinabgah'n in Stadtgraben, der dann in Schloßgraben usgieng, und luff Luff , lief da ohne Bottenlohn im Graben enweg Enweg , davon, hinweg. bis unter das Schloß, allwo ich überlut das Wortzeichen rief zu dem Thurmwächter, der auch bald mir Antwort gab und schrüw: »Küri Marter, Küri Marter , eine sehr übliche verderbte Formel der Ausrufung und Betheurung. ist'das nit Hänslin in der Gruob?« – So lannt' ich hinwieder an der Stimm den jungen Achshalm, der dann bald verschuf, daß sie mich an einem Seil ufzochen in das wehrhaft Schloß, und ich min's jungen Lebens allda genaß durch die Gnade des allmächtigen Gottes. Derwyl so nahm die mordlich Sach und Verrätherie in der Stadt ihren Fortgang, und standen wir an dem Schloßthor, und riefen das Bernzeichen Laupentreu! und rannt da mancher G'sell us der Stadt harby, und über d'Fallbrück yn in gute Sicherheit. Aber vil vermeynten sich z'erwehren des Finds, und fochten hertiglich mit Schlachen und Stechen, daß der Finden nit wenig umkamen, und ihrer vil mehr noch wund oder g'stümmelt hinter sich wichen. Jedoch so war der Finden allzu vil, und fluhen Fluhen , flohen. unser lieben Mitg'sellen angehnds, so das sie mochten, uf das Schloß dar, und waren unser zuletzt an 50 biderb Kriegsgesellen, sammt dem Hauptmann Wyler und Hans Krummo mit dem Fähnlin bysammen. Da es aber Tag war worden, und die Find gegen dem Schloß zu nit also stark mehr drängeten, auch wir sie ansachen, daß ihrer mehr als vierhundert kum gesyn mocht, auch derselben an dryßig todt in den Gassen lagen, da ward unser Herz ganz mannlich und erfreut; denn wir uns wohl vermaßen, das Schloß zu beheben, bis ein Stadt Bern uns hülflich Entschüttung Entschüttung , Erledigung, Entsatz. verschaffete. Sintemal jedoch das Schloß ganz nit versechen war uf söllich Stürm und mordlich Ueberfäll, da erzeigt sich leider Gottes noch Trank, noch Spys, noch Wurfstein oder G'schoß und Büchsenklöß, Büchsenkloß, Büchsenkugeln. daß es schier ein'n großen Jammer gab unter den Zusätzern, und Etlich anhuben, man sollt usbrechen die Nacht, und hinwegylen, Murten zu, da dann der Heerhufen von Bern zu treffen und michel Michel, groß, viel. Trost zu erholen wär. Indem so riefen Ander: »Nie und nimmermeh! Zu Laupen hand sie ander Püff usg'harret, und nit von semlichen Verräthern, die Gott schänd, und ihnen kein Glück nimmermeh geb!« – Also sprach der Krummo: »Wo Ofen, da Brot; und stirbt kein bewehrter Eidgnoß den Hungertod!« – Alsbald ordneten wir ein'n Usfall, wann der Find sin's Ofers nachg'lassen, und trösteten wir uns etlicher alten Broten und eines Wynlägels, Weinlägels , Weinfäßchens. das dann für die Wunden g'spart war, verbanden auch nit wenig G'sellen, so da Stich und Hieb überkommen in Lyb oder in d'Glieder an dem nächtlichen Ueberlauf. Darnach im Nachmittag hatten die Find etlich Wachten g'stellt an der Gassen End gegen dem Schloß, und schlugen frisch an die Thurmglocken, und b'riefen also ein G'meind zusammen, daß sie rathschlageten um die armen verstrickten Vögelin; dann sie meinten, sie hatten uns im Schloß als gut, als Finklin in dem Garn, so es doch von Gottes Gnaden nit dem also war. Und indem ließ unser Hauptmann an die groß Trumm schlachen, das dann unser Zeichen war, und luffen wir unverwhlt in die Stadt oder in d'Vorstadt, unser 40 die handtlichsten Handtlichsten, handfestesten. G'sellen, uf daß wir in den Hüsern Spys erholten, und Bley zu den Büchsenkugeln, und andern Züg mehr, als dann Jeden däucht gut syn für die g'mein Sach. Und ward auch da zu allernächst by der Kilchen ein starke Schlangenbüchsen mit G'walt enttragen, die uns gar treffenlich zu Statten kam. Vil Wyber dann gaben's gern in den Hüsern, was die Kriegsknecht hieschen, diewyl gar vilen Leid war des mordlichen Ueberfalls in der verwichenen Nacht, und kriegten unser G'sellen ganz Armen voll Kanten Kanten, Kannen. und Platten des allerbeßten Zinngeschirrs. Die Männer aber in der Kilchen vermerkten zu spät semlichen Usfall, und machten gar sorglich gute Ordnung gegen dem Schloß, und witschten wir darob wieder Allsammen in unser Loch ohne Gefährd, das dann unsern Muth nit des Wenigen erquicken mocht. Darnach lagen wir etlich Tag als die Bären in den Hürsten, Hürsten, Horsten, Nestern, Waldschlupflöchern. und gossen da Kugeln und schnitzelten auch Pfyl für die Armbrüst, und brachen den großen Kachelofen im Rittersaal ab, der dann gut Wurfstein geben sollt. Hiermit an so geharreten wir freudig des rechten Sturmes, und ließ diesmalen der Graf Romunt uns greulich Poch- und Dräuwort zurufen, daß wir all sollten g'henkt syn, wann wir nit das Schloß uf Gnad übergäben; und schrüwen wir wohlgemuth entgegen von den Muren: »Erst haben, und dann henken! Wer aber stirbt von euren Dräuworten, dem sollet ihr zu Grab läuten mit einem Kinderrock, und einem Schwengel von Hasenstielen drin.« Wie dann der Sturm abgelaufen, da der Graf Romunt mit G'walt das Schloß nehmen wollt, das weißt männiglich, und erzähl' ich fürer, Fürer, weiter. wie mir im Wyteren ein Stern hat g'schinnen, dann miner Fährlichkeit kein End worden ist an demselben Struß, wann unser Hüflin glych gar sighaft der Finden sich erwehrt hat, und Graf Romunt auch mit Schanden abzogen ist, und alles Volk des Städtlins g'waltsam mit sich g'führt hat, da dann unser Tag in Freuden ufgieng, und wir Sackmann g'macht Sackmann gmacht, geplündert, gleichsam den Mann mit dem Sack auf dem Rücken vorgestellt. in dem Städtlin, allwannen Spys und Trank und mancherhand Gut uns ganz überflüßig zu Handen stieß. Stieß, d.i. kam, gelangte. Item, so war ich eben auch in die Hüser z'laufen ganz bereit, und dacht, in die Hintergaß an der Stadtmuren z'ylen, daß ich säch min alt Kämmerlin, und der argen Wittib G'mächer und Husräthlin, und der jungen getreuen Magd ihr Gaden, und ob ihr klyn Gütlin nit möcht bewahret syn in dem Büttelauf. Büttelauf, Beutelauf. Nahm also den Gilgian Odersold mit mir, und kamen aber zu spät, dann in allen Stuben All's durcheinander und ein gut Theil zerschlagen lag. So sprang ich in des Mägdlins Obergaden, und fand doch sin'n silbernen Herrgott, Herrgott, ein Crucifix. ganz klyn, an der Wand hängen, so jämmerlich daselbs vergessen war; den steckt ich getrost in minen Brustlatz: dann ich dacht, daß er sollt wiederkehren zu der Maid, als schnell, als der Frid gemacht würd, und sagt's auch dem Odersold, wann ich umkäm, sy es am Sturm, sy es an offener Feldschlacht, sollt' er den silbernen Herrgott gestracks mir vom Herzen nehmen, und redlich verschaffen, als gut, als er dann möcht, daß er zukäm der Magd in dem Hus, und sagt ihm den Namen Schanne, den ich wohl billig in's Herz g'faßt, und auch bewahr an min selig End. Darnach nit über lang, so kamen unser rechten Nothhelfer von Bern, die fühlt Herr Petermann von Wabern, und kam auch mit der alt Venner Achshalm, der dann sinen Suhn im Schloß by uns fand, und gar fröhlich sich mit ihm herzet, und ward uns Zusatz Zusatz, Besatzung und Verstärkung der Besatzung. geben und ein gut Lob ertheilt, auch Büchsen, Wehrinen, Wehrinen, Wehrzeug. Büchsenstein und Essen nach Nothdurft, da wir dann etlich Tag in guter Rast verharreten by zweuhundert Mannen, all unverzagt, und ob des Burgunders Zukunft ganz unerschrocken. Aber als der bös Karli mit siner unsaglichen Macht harinruckt durch die Birg, da ward Befelch an uns, daß wir den nächsten Weg hinüber zugen nach Gransee, oder dann heim in die Stadt Bern, sammt allen Büchsen und Wehrinen; auch daß wir Stadt und Schloß Yfferten in Grund verbrönnten, das dann bas g'schechen ist, als wir's sollten gebuwen han; Gebuwen han, gebaut haben. – Bruuch von jewelten, Gebrauch von jeher, von Alters her. und zochen wir lieber dem Find als dem Fründ unter Augen, wie dann der alten Eidgnossen Bruuch von jewelten mit sich tragt. Indem so waren wir bald zu Gransee uf dem Schloß und in dem Städtlin, und befelchnet da Jörg von Stein, sintemal Herr Brandolf mit Verrätherie war in der Stadt g'fangen und wegg'führt worden gan Burgund. Aber Herr Jörg fiel über Kurz todtkrank in's Siechbett, und kriegt also Hans Wyler den Befelch, das auch je und je zu klagen ist, dann er klynen Witzes war zu dem großen Handel. Und aber yl ich über die bös erschrockenlich Zyt enweg, daß Gransee das Stättlin uns abtrungen ward mit Sturm, dann dasselb zu groß war für semlich klyn Hüflin Volks, und wir nit allerorten der Mut uslangten, die zu b'setzen nach Kriegsgebühr. Nahm also der Herzog das Städtlin leider Gottes yn, und legten die Burgunden ihr Büchsen gar hart an das Schloß, und schußen findlich harin ohn Unterlaß by Tag und by Nacht. Im Schloß aber waren unser an fünfhundert von Fryburg und von Bern, und hätten uns bas enthalten, wenn nit wär dem Büchsenmeister sin Haupt abg'schossen worden, und zu großem Jammer das Für Für, Feuer. in d's Büchsenpulver gerathen, daß es ufging in einem grusamen Schutz, Schutz, Schuß, Knall. und etlich der Unsern schändet, etlich gar ertödt. Item kam der mordlich Tag, dessen ein Stadt Bern mit Leid wird yngedenk syn, als lang sie staht; dann der Hans Wyler ganz überredt ward von dem wältschen Herren, dem Runtschan, Runtschan, ein wahrscheinlich aus dem Welschen verdorbener Name. und vermeint anders nit, dann eine große Heerschaar der Burgunden hätt die Statt Fryburg schon abbrönnt, und zöch uf Bern, und möcht das arm Schlößlin zu Gransee nimmer entschütt't werden; meynt auch, sie würden uns fast gern das Leben schenken um der großen Mannheit willen, die wir denn dargestreckt hatten, und half da nüt, was ander freudig Kriegsg'sellen ihm ynredten, dann er sie schalt, daß sie Gott versuchten mit Tratz und Uebertratz. Tratz und Uebertratz, Trotz und mehr als Trotz. Und an demselben Tag, da war ich ung'fährlich zur Wacht g'ordnet uf dem obersten Thurm, und führt mich der alt Selsach hinuf, und löst ich den biderben Gantner ab; sagt aber der alt Selsach mit Süfzen, die Wacht würd nit lang währen, dann der Hauptmann darmit umging, uf hütt das Schloß z'übergeben, und sollt' ich flyßig usschauen, ob in aller wyten Wyte der lieb roth Bernerfahnen und eidgnößisch Banner nit ufständen; diewyl er yemer Yemer, immer. Entschüttung hoff, und ganz nit glaub, was der Runtschan und die wälschen Herren mit fulem Gschwätz ihnen ynreden wollten. In solchem also stand ich unter dem Dach des großen Thurmes allein, und lugt flyßig us den Lucken in d' Fern gen Vamerkü Vamerkü, Vaumarcus, Schloß oberhalb Grandson gegen Neuenburg zu. und hinüber gen Yfferten, und achtet mich übel anderer Ding, und kriegt da unversechens ein'n Streich an d'Bickelhaben rechts am Schlaf, daß mir die Sinnen g'schwanden, G'schwanden, verschwinden, vergiengen. und muß rückwärts uf den Esterich g'fallen syn, und da g'legen sinnlos etlich Stunden lang, als du bald vermerken sollst. Dann als ich anfieng nüwerdings z'hören, und d'Ougen ufthät, war's fast dämmerig um mich har, und hört ich ein wüst gelärmig Tosen unter mir, und ruschet Ruschet, rauschet, rauschte. und rasselt, und war doch des grimmen Schießens ein End, das den langen Tag über halt g'währt. Und hiermit saß ich uf, erspürt an dem rechten Schlaf ein'n großen Schmerz, griff also dran mit der Hand, und war's da naß von ytel Ytel, eitel, bloßem Blut, das dann us einer Wunden usgeloffcn. Doch so war der Bolz nit dur das Bein gangen, lag am Boden, und war auch viel Blutes uf dem Estrich vergossen, daß mich's Wunder nahm mines Lebens. Hiermit stand ich uf, und ersach der Enden zween Wasserkübel, die waren g'ordnet von Fürs wegen, wann die Burgundschen Büchsen in dem Thurm hätten zündt, und dankt ich da Gott von Herzen des kostbaren Labsals, sintemal ich durstet us der Maßen, und wusch auch daselbs min Wunde. Alsdann aber ich zu dem Tagloch schwankt, uszesechen, wie die Sach drussen stünd', und wollt hinabrufen in Schloßhof, daß sie kämen und Wacht ablösten, ach du lieber Himmelsfürst und Heiland! so wimmelt's im Hof von Menschen, und hört' ich ein wild Juchzen und Rären Rären, ein klangnachahmendes Wort. und allerley G'wältsch! und sach mit Herzenleid die burgundschen Artschebussirer lustig umherwandeln und Muthwill tryben, und sach leider Gottes nit von minen lieben Brüdern und Waffeng'nossen ein alleinzige Seel, so wyt ich umlugt. Da geschwand mir's abermal vor den Sinnen, und lag eine gut Wyl mit dem Kopf uf minen Armen, zerstieß mir d'Stirn, und wollt mir das Herz us dem Lib usfallen, also schwer druckt's an den Harnesch vorne. Und Anfangs dacht ich jach Jach, gählings, eiligst. hinunter in den Thurm, und gestracks den ersten den beßten Burgundschen oder Savoyschen Wicht zu erstechen, und glych den Tod zu lyden drum. Aber dann gedacht ich miner armen Mutter daheim, und gedacht auch, der allmächtig Gott hätt mich nunmalen ufg'spart, und sollt ich min Herren von Bern wohl nutzer syn in dem Schloß, wann durch muthwilligen frevelen Tod, und schlich darmit uf dem Esterich umhar voll Herzenleid, ob ich ein'n Winkel fünd, da ynzeschlüpfen, wenn des findlichen Volks harufzestygen käm. Item so war da ein Stieglin zu einem Tubenhus, und waren Tuben in dem Hüslin, und wußt ich's wohl, dann sie noch den Tag waren g'füttret worden von dem alten wältschen Castellan. Indem kam ein Hunger über mich, und stieg ich uf in das Tubenhüslin, und aß da, sam Sam, als ob. ich ein Marder wär, etlich Tubeneyer us den Nestern, dann ich anders mir nit g'helfen kunnt. Derwyl ersach ich ein versteckt und finster Winkelin unter der Stieg zu dem Tubenschlag, und ersach an Stangen viel G'nistes ufg'hängt von Kuder, Kuder, Werg. und auch von Bohnen und wältschem Korn. Dasselbig warf ich vor semlichs Winkelin, und zoch ein alt Kalkfäßlin auch dar, und kroch in Gottes Namen also hinyn in das elend Eck, die Hellparten trostlich in dem Arm, diewyl ich dacht mins Lebens mich ganz ritterlich zu wehren, wenn das wär, daß mich die Find erspächeten an selbem Ort. Darnach, unter der Obhut Gottes, schlief ich yn, und hat derselbig Schlaf mich bas erquickt, und schien der freudig Gottestag durch die Morgenlucke zum Esterich haryn, ,daß sich die Rothschwänzlin trefflich freuten, und sangen und herumflogen unterem Gebälk, auch Spinnen oder Mücklein haschten, darob mir ein groß Gelusten kam, zu beharren in der schönen Gottes-Welt. Doch nit will ich dir lütteren Lütteren, erläutern, auseinandersetzen all die Noth derselben Zyt, die ich dann verbracht in miner Hurst, und uf dem Esterich; dann gar jammerselig mir die Tagesfrist zergieng, indem daß ich all Tritt und Tön unter mir vernahm, und dickmalen ynschlüpft in mein Hohl, Hohl, Höhle, Versteck. wann ich dacht, sie kämen dar und hätten miner ein Merk. Von Gottes Gnaden aber g'schach mir ganz kein Unfall, und kam Niemand hargestiegen, denn der alt graubärtig Castellan, der etwa jeden Morgen in den Tubenschlag das Futter trug, und ich dann bald den armen Tuben stahl, diewyl's gut Hakerkernen war'n, und mir zu rechtem Trost erschossen, und durten mich die Tuben wohl, sagt ihnen auch fast mit Lachen : »Hätt ich euer Fecken, Fecken, Flügel. ihr! so brucht ich eures Futters nit: und gand, Gand, gehet. und holt im Feld euch andres, das Gott bescheren mög, ihr armen Schelmen!« Noch so meld ich von dem andern Tag, und hört ich da früh am Morgen groß Gepfyf und Trummelschlachen im Schloß, und schussen ouch freudig mit Hakenbüchsen, und schuß mir drob das hell Wasser us den Augen, dann ich min Elend verspürt, also machtlos uf dem Thurm zu sitzen. Indem so gieng ich nach der Lucken, die dann zum burgundschen Läger sach, und spächte sorglich durch ein Spältlin im Luckenladen, den der Wind hatt zug'worfen, und ich mir nit getraut hinwieder ufzethun. Aber so hätt ich von Stund an erblinden mögen ob dem Greuel und Jammer, den min Ougen im Feld drussen leider angesachen! Angesachen, ansahen. Der barmherzig Gott syg ihnen gnädig, den getrüwen redlichen Kriegsknechten, die grusamlich gerichtet wurden von den heillosen burgundschen Diebsgesellen! Gar ein langer truriger Zug kum us der Burgunden Läger, dann all in Hemden oder g'wandlos bis zum Gürtel zuchen unser lieben und biderben Waffenbrüder zu dem See, allda herrlich Böum in Menge stunden, auch Schiff bereit waren und Mordgesellen druff. So brach mir fast min Herz ob dem entsetzlichen Gesicht, und sach die frommen Eidgnossen ganz schwygsam gehn, die Händ uf ihren Rücken hinter sich bunden, allsammt mit Seilen an den Hälsen, ganz ehr- und schmucklos an G'stalt, daß es einen Stein erbarmt sollt haben. Groß Hufen aber der Burgundschen Herren und Söldner, Flamänder, Geldrer, Savoyer und tütsch Fryhartsknecht luffen zu, hatten ihr G'spött und Fatzwerk, und trummten oder bliesen auf den Hörnern ein gut eidgenössisch Feldstücklin, und muhten oder lüyten Muhten oder lühten, beides klangnachahmende Worte für das Kuh- und Stierengeschrei. als die Schwytzerküh, das dann ich eigenlich vernehmen kunnt, und mir das hell Wasser us den Ougen in Bachswyse rann, als nie zuvor. Der handtlich und aber einfalt Hans Wyler zoch der allererst, und mußt übel sins liechten Glaubens entgelten, das doch ein harte Straf war, diewylen sust sines Muth's er ein'n tapfern Degen stellt. Ihm folgt gar nach der gut Hauptmann von Fryburg, und dann die Fähnlinträger, dann die Trummelschlacher und die Rottenführer, dann die Kriegsknecht selbs. O du barmherziger Gott, was guter und hübscher G'sellen das war'n, daß auch der Tod sie nit g'wollt hätt, wann ihm nit die Henker sie mit G'walt in d'Sensen hätten g'jagt! Da freut mich noch ihr trutzllch ufrechtes Gehn, und sah'n die armen Lüt all links und bedurlich den See hinuf, da dannen unser Helfer von Fryburg und von Bern je kommen sollten. Und Wyler stand und redt mit Haupts Bewegung yfrig zu dem ungetrüwen Runtschan, der da spöttlich vorn uf sinem Roß hielt, und schlug darob ein anderer us der Maßen großer Herr mit einer Gläne Gläne, lange Ritterlanze. uf des Wylers Haupt, daß er's zur Syten henkt, als wär's ein Holderzweig, und wär vom Hagelschlag troffen. Und indem, so waren da der Böswichten gnug, die unser fromm unschuldig Ehrenlüt an Böum ufzochen, und in d'Schiff hinstießen, und an den Seilen us den Schiffen in d's Wasser henkten, da sie dann elendiglich ertranken in d's Sees Grund. O weh, wie durt mich's der weidlichen G'sellen, die ich denn kannt und lieb hatt, und ein Theil mir gesippt waren von Mutter oder Vater har! Auch so waren Edelknecht da, und gar zart Jünkerlin, die mich dann in der Seel erbarmten, und hätt ein Glied um das ander dargeben mögen mins eignen Lybs, daß ich die errett hätt us der Mörder Händen, und heimg'fristet in die gut Stadt Bern. Also sach ich da mit Reuen und Thränen, anders gar nit, dann ein krank Wyb, die groß Unthat üben, und erkannt des Ersten min liebsten Waffenfründ den Gantner, glych zuvorderst an dem Todtenreigen. Der war also stark, daß er die Band zerrissen hätt, so er nit gern hätt sterben g'wollt in Mitte siner Brüdern. Und als ihn ein wältscher grimmiger Hatschirer neckt mit einem Lanzenspitz, nahm der stark Mann ein'n Ansatz uf ihn, und stieß ihn derg'stalten mit dem Fuß in Unterlyb, daß er für Tod darnider sank, und vil der Finds Stimmen dem mannhaften Eidgnossen Lob zuriefen, dann redlicher Herren und g'meiner Krieger je gnug in dem Lager waren, die des greulichen Mords und Meineyds ein Mißfallen hatten, der leider Gottes an unsern Lüten hiermit beschach. Da starb der alt Rybo, der dann mit Wundmalen ganz überdeckt und allzyt sighaft in Schlachten und Stürmen der Vormann war. Item erkannt' ich den Caspar Sunnenfroh, und ward keiner zukünftigen Sunne mehr froh, der just ein gar freudiger G'sell war g'wesen, und hatt uns dickmalen erfreut mit poßlicher Red in der grusamen Noth der Belägerung. Item war da der stark Peter Strub, der hatt's etwa je verdient an den gottlosen Wältschen, daß sie gar vorus ihn hasseten; denn er am Sturm selbs eigen ihrer sieben von der Sturmleiter g'stochen. So gieng auch der schwarz Lappo, der lang Zigerli, der hübsch Werder, der rych Noll, der Runst, der Freney, der Huber, der Schütz, der Wanner ganz ufg'hebten Ufghebten, aufgehobnen. Kopfs und ritterlich in den Tod. Aber der arm Häniggi wüscht sin Ougen mit dem Knie, denn er min junge Bas, die Cathri Wyßhan, des Lienhards Töchterlin, sollt g'freyet han nach dem leidigen Krieg, und war er allwegen ein frischer redlicher G'sell, der freysamen Berner Einer. Ja erbarm sich Gott ob solchem greulichen und wortbrüchigen Mord, der dann also vollzogen ward! Und der gerecht Vater in dem Himmelsthron hat's ihnen auch vergolten, den meineiden Lotterbuben. Aber unser fromm Eidgnossen sind zu der Heilgen Märtrerschaar versammlet, als ich das zu Gotts Barmherzigkeit wohl vertruw. Will s' auch nit all vernamsen, die ich dann erkannt by dem marterllchen Tod, und wie der Hübschi und der Hetzel, die zween jungen, rosenrothen und fast stattlichen Knaben, inbrünstig an einander fielen, und sich küsseten, und doch nit die Armen kunnten losmachen, daß s' sich umhalset hätten da zum letzten Segensgruß. Aber mit der Wahrheit sag' ich auch, daß ihrer Zween old Old, oder, noch jetzt im Oberland üblich. Drey der G'sellen dahinfuhren in schwerer Sünd, und nit gern vom Leben gescheiden mochten, dann sie fast liederlich und unwerth waren, unser ung'scholten Farb und eidgnössisch Krütz zu tragen, der ich dann dieselben Namen billig in Vergessenheit ruck, und aber wohl ersach, wie die drey Schälker Schälker, eigentlich Einer, der Andere zu Schälken macht, und sie Schälke schilt, gewöhnlich selbst ein Schalk. zag und leider ganz unehrlich in den bittern Tod sich gaben. Item ist wohl zu glauben, min herzlieber Fründ und Schwager! daß solch Leid und großer Jammer dazemalen mir min Herz wollt abg'stoßen han, indem daß ich allein dieselb Noth getragen mußt, der dann ach leider gnug war, ein ganze Stadt Bern zu Kummer und Trurigkeit zu nöthen. Nöthen, nöthigen. Und weint ich solchergestalten für die Väter und Mütter und Ehfrauen all mit minen armen zwyen Ougen, daß ich schluchzet überlut, und zu dem Himmel schrüw, als der ich ganz nüt achtet mines Lebens, und mich wohl die Söldner in dem Schloßhof da vernommen hätten, wenn nit ihr Getrummel und Juchzen aller Ohren ganz hätten erfüllet. Und also mit beschwertem Herzen schlich ich g'machsam G'machsam, leise, langsam. in min finster Eck hinyn, daß ich da miner Thränen mich ganz entschütt, und sach auch da min schwarz Elend dütlich vor den Ougen, wie dann ich burgundscher G'walt nit entrünnen möcht, und also glych den thüren Kriegsg'sellen über Kurz würd schändlichen ermürdt am Boume hangen. Schlief also dieselb Nacht wenig, und tos't mir all Stund in Ohren der Burgunden gottlos Trummen und G'johl G'johl, Gejubel. und spöttlich Feldgeschrey. Hiermit am andern Morgen, da ich denn us minen heissen Ougen sach zun Böumen, wa die frommen Eidgnossen also jämmerlich dran hingen, sach ich ouch, wie ein G'sell selbander uf einem schwarzen Roß darunter ritt, und hatt gar ein'n schmucken Gspanen old Knaben hinter sich sitzen, und stach der Alt da frevenlich zu den armen Todtnen mit sinem Spieß, trib auch vil unnützen Wesens bis er dann harritt zu dem Städtlin und dur d'Gaß in das Schloß, und ich mit ganz betrübtem Muth den leidigen Vetter mit dem rothen Schopf erkannt, der gar hochmüthig ynherpranget, und thät, als hätt er selbs sines großen Muls dieselben Eidgenossen all g'fressen. Und also gieng er da stolzen Schritt's mit gespreitzten Storchenbeinen in dem Schloßhof um, und sin G'span der trippelt sittsam hinter ihm, und hielt sich ganz gebührlich, als es jungen Reiterknaben wohl geziemt. Darnach desselben Tages uf den Abend, da ich denn an d'Lucken stand, und gar sehnsüchtig ussach gegen Vamerkü und Nüwenburg, diewyl ich doch der guten Eidg'nossen Zukunft allstets geharrete, schaut' ich ouch niedsich Niedsich , niederwärts. uf der obern Syte an dem Thurm, und achtet da im Graben ein paar Gartenbett, und einen artlichen Gesellen, der im Herd Herd, Erde. mit einer Schufel schaltet. Und alsobald erkannt' ich desselben Rothschopfs von Yfferten G'spanen, der also einsamlich da gartnet, Gartnet, Gartenarbeit machte. und dücht Dücht, däuchte. mich das in solchem Kriegslauf ganz absonderlich. Aber grad indem ich wundershalb mich recht vorstreckt, daß ich den hübschen Gsellen bas ersechen möcht, bückt er sich, ein Würzlin ufzuheben, und fiel sin Biret Biret, Baret. ihm vom Houpt, und sach ich fast entsitzt ein lange Haarzüpfen als luter Golddraht von dem Houpte niederwischen. Deß erschrack der jung G'sell und rafft s' mit b'hender Fust zusammen, daß er sie wiedrum berg mit dem schwarzsammtenen Biret. Hatt aber ich gnug g'sechen, und sagt mir's auch min Herz mit starkem Poch, daß die jung Maid, die Schanne, in dem Reuterwämsel steck, und nahm ich einen Freudensatz, und merkt da Gottes Finger. Alsbald dann gedacht' ich, mich dem tugendsamen Mägdlin kund zu geben, und wußt erst doch nit wie, und gab mir's da der Geist am fürdersamsten yn, als du vernehmen sollt. Denn ganz getrosten Muths zoch ich das silbern Krützlin mit dem Herrgott us dem Busen, sach ihn bittlich an, und sprach: »Du Helfer in der Seelennoth, bist auch in Lybesnoth beholfen, so dir ein Menschenkind recht vertruwt!« und darmit kriegt ich etlich Schnür zur Hand, als deren gnug an alten Fischgarnen unter'm Dach hingen, und band das Cruzfix dran, und ließ dasselb hinunter, daß es grad vor d's Mägdlins Ougen uf dem schwarzen Herd erglas't. Erglas't, erglänzte. O Sammer potz O Sammer potz, wieder eine verderbte Betheurungsformel. Wunder! wie die Magd ufwitscht da, und zufuhr zu dem Herrgott, und ihn ufhub und an's Mündlin drückt! Erkannt auch sicher, daß es sin lieb Kruzfix wär van Yfferten, und sach gar stunig Stunig, staunend, nach Art eines Staunenden. uf am Thurm, wie doch der Schatz ihm obenhar syg kommen, und stellt sich ufrecht mit ganz verwunderter Gebärd. Diewylen aber der bös Menschenfind in alles gut Gesäm sin Unkrut streuet, also b'schach auch jitzt zu großer Noth mir armen unfreywilligen Thurmwart droben. Dann in selbem Ougenblick rief's von dem Thürlin, so zum Graben und zu denselben Gartenbetten gieng: »Ho Schanne, ho!« und streckt der Vetter Rothschopf sinen langen Hals hervor, und fuhr die Schanne ganz verschreckt zusammen. Und wyl sie grad das Schnürlin losz'machen von dem Cruzfix ang'hoben, das doch ihr nit alsbald gerathen mocht, so riß ich's wiedrum uf, und meynt, der Rothschopf sollt es nit vermerkt han, und zoch's nur emsiglich in die Höh. Da sprang jedennoch der Lurian Eines Satzes die 6 old 7 Tritt hinab in Graben, kehrt sich um, erhub sin Butzengsicht, Butzengsicht, Fratzen- oder Maskengesicht. und sach das Bildlin hurtig uf zu dem Gibel fahren. Hiermit so stieß er ein greuliche Scheltred us, macht zu der Schanne grimmig eine Fust, und kehrt angehnds hastig um, und merkt ich glych, dem Wicht syg all's verdächtig an dem Handel, daß er stracklichen Stracklichen, gestracks. ouch kommen würd, im Esterich zu spächen, wo selbes Cruzfix hargeschwebt. Darob verzichtet ich mich mines Lebens gar, und stellt mich by dem Kalkfäßlin, daß mir's ein Schild mög syn, und stand allda in grader, ganz ufrechter Wise, als ein Mann thut vor dem Find. Ergriff auch die Hellparten, und war zu strytbarer Wehre ganz bereit; dann ich der Gnad und schmählichen Verhaftung nüt begehrt, und gern den Tod erlitten hätt, um daß ich Schimpfes von den Mördern ledig gieng. Indem so hallt des Rothschopfs Tritt auch ungestüm den Thurm haruf, und zittert der Estrich, und meynt ich anders nit, dann ihrer Sieben wären's, so es doch der Vetter alleinig war. Dann durch die Gnad des guten Gottes war ihm so gach, des G'wunders G'wunders, Neugier. und des Zornes halb, daß er ußer Athem all die Stiegen uf lüff, und Niemandem nüt sagt, was er vorhätt, auch selbs sich truwt siner Mannheit, so Gefährd obhanden. Darmit schoß er als roth und heftig har, als ein Fürpfyl von der Armbrost thut, und ersach mich auch ganz unverzogenlich, Unverzogenlich, unverzüglich. – Rungen, rangen. erkannt mich alsobald, und schimpft von tüflischem Bären etwas, und rannt mich an mit mordlicher Begir, ein lang gerad Schwert in sinen Fustknorren. Diewyl er aber ganz erblindt war vor großem Zorn, und ich uf miner Huth, so schlug ich dasselb Schwerd mit einem Streich darnieder, und fuhr mir die Hellparten an Boden in das hölzern Estrich, daß sie tief gestack, und ich s' nit hurtig mehr erheben kunnt, und glych der Wicht sin Schwerdt am Boden ließ, daß er sin guten Dolch möcht zucken von dem Gurt. Deßglychen thät auch ich, und rungen wir da grimmiglich, dann er ein starker Mann in sinen Vierzig, und ich ein Knab von Vier und zwanzig war, doch nit von Ungelenkigen. Darmit gerieth er einen Stoß usführen, der dann wohl Hürnin Sigfrid Hürnin Sigfrid, der gehörnte Siegfried, der Held des Nibelungen-Liedes. durchstochen hätt, und aber ich mit Bucken ihm b'hend entglitt, und von unten drath Drath, gleich, gerade und rasch zu. den Widerstoß gab, der dann in d's Lebig Lebig, das Lebendige. gieng, und fiel der Rothschopf in sin Blut, item und verblich da schnellen Tods; der Herr genade siner zornigen Seele! Darüber war ich fast erschöpft von Athem und Kraft, und warf mich hin uf altes Gräsp Gräsp, Abfall von dürren Gestäude u. dergl. in einem Winkel, und wußt nit, wo der Kopf mir ständ. Und aber vernahm ich bald ein leis Uftreten von der Stieg, und spächt zum Stiegenloch in des Estrichs Mitten, und kam da hübschlich ufzuducken die gut Magd in dem Rütterskleid, gar tugendsam, und aber zaghaftig an dem ganzen Lyb erzitternde. Da winkt ich ihr zur Erd, wo der Vetter blutet, und ward das Mägdlin ganz erschrocken, rang auch sin Armen, und wollt fast vergangen syn vor Angst und Kümmernuß. Mit dem so stund ich uf, zoch glych das Cruzfix wiedrum us dem Busen, hielt's dem Dirnel hin, und sprach: »Der mög uns g'helfen allen Beeden!« – und gab's ihr. Deß ward das Mägdlein ganz muthig, sagt auch zu dütsch: »Ja wahrlig, Amen!« schlug die Hand an d'Stirn, und stand ein gute Wyl fast gedankenvoll, warf dann ihr Händ zusammen, macht mir Zeichen nach dem todtnen Mann, und daß ich anzöch sin G'wand, und sagt zu guter Letze noch: »Abend, finster, finster, kommen, flüch, flüch!« – – und huscht darmit wieder die Stieg hinab. So hatt' ich Werrichs gnug denn an der Kunkel; dann ich voller Angst war, daß der Stryt und das Gestampf im Thurm vernommen worden, und der Kriegsknecht etlich auch den Rothschopf hätten ylen g'sechen uf der Stieg. Um dessen willen dann so zoch ich bald den Lychnam fort in d's Eck bym Tubenschlag, und nahm das Wams ihm ab und die zween Rütterstiefel und den Kragen und die Bickelhaub mit dem Federstruß der Farb von Romunt, der dann stolz herunterwäiht. Und glych des Beßten, als ich mocht, vermummelt ich mich in all die Stück, und sach da ganz findlich us, daß ich schier mir gehaß Gehaß, Haß tragend. ward drob, und luschet in gutem Versteck uf den Abend; denn ich ein Vertruwen hatt zur jungen Maid, diewyl sie gar nit dem Vetter hold gewesen. Kam also die Nacht mit dicker Finsternuß, darum daß der Himmel mondlos war, und hört ich gegen Eilf die Wacht im Hof ablösen, und dußet Dußet (jetzt düßelet), schlich, wie z.B. auf den Zehen. da die getreu Schanne har, die Stieg uf, hatt ein Sprenzel brönnig Kienholz in der Hand, und winkt mir zu vom Stiegenloch. O du milder Gott in dinem Himmel, wie das Herz in miner Brust da pocht! Die Stiefel unter'm Arm, und die Hellparten in miner Rechten trippelt ich – als etwa Kilter thun – dem Mägdlin nach, und war glych ihm dann im Rücken, und gieng dasselb mit großem Vorbedacht hinunter, lurt auch styf Lurt styf, lauert scharf und genau. an jedem Eck in all Böden des Thurms hinab, und winkt mir ganz schwygsam mit der klynen wyßen Hand, ohn Gesichtes Umkehr, bis hinab in Kellerhals. Und als wir bald durch d's kühl Geschoß des Kellers giengen, flimmt uns zu sondrem Schreck ein Lichtlin zu, und erkannt ich plötzlich den Castellan, der by dem Grabenthürlin an dem Riegel stieß, und aber doch zu großem Glück uns den Rücken wandt. Indem so warf die Maid den Sprenzel, der angehnds schier erloschen war, zu Boden, trat die rothe Gluth mit Füßen, schob da mich in ein Winkelin, und sprach mit Flüstern ein hurtigs Adeh, und luff voll Angst die Kellertrepp' hinuf. So kam jedennoch der gut Castellan mit sinem hornigen Laternlin bald vom Thürlin wieder z'ruck, und zündet schlechtlich vor sich har, pfiff auch ein lute Wys, dann ihm's nit gehür mocht syn in dem wyten Kellerg'wölb. Und also gieng er auch fürbas an dem Winkelin, da ich mich schmuckt Schmuckt, schmiegte. und ynthat als ein Häslin in den Kabisstauden, merkt ganz miner nüt, und stieg die Trepp' uf wohlgemuth. Hiermit aber so merkt ich, daß die Maid mich wollen durch d's Thürlin in den Graben beleiten, und hofft ich sicher, daß dort Entkommens Rath sollte syn, und ylt alsobald demselben Thürlin zu. Da war der Riegel bald zuruck zogen, und sprang ich die Tritt so frisch hinab, als vor der Rothschopf ouch gethan, und luff den Graben quer an die ußer Grabenmur, und sucht da, wo ich ufklimmen möcht, und in's Frey entwitscht. Aber lang war daselbs kein Rath, und zagt ich schier, und fiel darüber uf den Grund, diewyl ein harter Stecken mir zwischen die Füß gerathen. Mit dem so griff ich zu dem Stecken hin, und war's die Schufel der getrüwen Schanne, die mir dann zu gutem Bruche ward. Denn ich faßt ein'n Anschlag jitzt und steckt die gut Hellparten obwärts in ein'n Mauerspalt, und unterwärts den Schufelstiel, und also trat ich uf, zoch glich den Schufelstiel mit Bücken wieder hoch, und steckt ihn über der Hellparten yn und macht mir eine Hühnerstieg mit Sedeln, Sedeln, Sprossen. Kehr um Kehr, indem daß zwüschen dem G'stein der Riß und Spälten g'nug war, min G'räth hinyn zu stecken, und kam ich so mit Gottes und St.Jürgen Hülf us allem Graben in das Frey, und hätt auch schier gejuchzt vor Herzensfreud, so war mir's hell zu Muthe. Darnach so luff ich drath den Reben zu nach den Enden von Schloß Vamerkü, und hatt' ich doch die Stiefel in dem Graben abg'worfen, daß ich fryer Händ gewünn, und hatt keine Schuch an Füßen, sintemal ich s' uf dem Estrich abzogen, daß ich dest hübschlicher Dest hübschlicher, desto leiser. die Stieg im Thurm abgieng. So stieß ich leider, als ich doch ein halbe Myl geloffen, an ein'n heillosen Stein, daß ich vor Schmerzen an den Zeh'n ein'n Gell Gell, gellender Schrei. usließ, und da zur Erde fiel, doch hurtig uf den Vieren sytwärts kroch, daß nit eine Streifwach käm mich ufzelesen, und der letzt Kummer mir ärger würd, dann der erst. Aber der gnädig Gott behüt't mich allda des baßten, und lag ich unter einem Hufen Rebstecken wohl versorgt, denn in den stotzigen Rein Stotzigen Rein, steilen Abhang, Hügellehne. daselbs waren zweu stark Pfähl getriben, die dann schräg harus standen, und lag uf diesen ganz frey ein Bürdlin bygete Bygete, aufgestapelte Rebstecken, daß drunter ein gut trocken G'hältlin G'hältlin, Gehältlein, Unterschlauf. war, und ich mich bergen kunnt, und aber bald in einen harten Schlaf verfiel, diewyl ich selbigen Tags an Lyb und Seel viel Arbeit usgeharret. In solchem nun, als ich da schlief, am dritten Tag des Märzens in der Früh bekam ich Träum von guter Anzeig, und vermeint daheim z'syn an der Engihalden und der gueten Muetter zweu Küh da melken; hört anch ein lustig Dringeln wie von Kuhglöcklin, und ein Muhen und Gebrüll, als wär's der Stier, und wacht ich drüber uf, und wischt min Ougen, und hört aber den Stier da lüyen fort und fort, daß ich gar nit wußt wie mir beschächen. Mit dem so kroch ich unter dem Rebstecken Dach an offnen Luft, und ersach da ganz verwunderlich ein volkrych Ziechen oberhalb und unterhalb und hinterhalb, und hört die Harschhörner, Harschhörner, Kriegshörner. Die von Luzern waren berühmt als ein Geschenk Kaiser Karls des Großen. die ich dann erkannt der tapfern Lüten von Luzern zu syn, und oberhalb die Kuh von Schwyz Kuh von Schwytz, Name eines Harschhornes der Schwyzer, so wie der Stier von Uri dasjenige der Urner war; wiewohl man auch den Bläser desselben so benannte. und etlich Trummen, daß mir's d's Herz im Lyb erfreut, und als ein g'sunder Brunnen in all Glieder schoß. So luff ich ung'sumt dem nächsten Hufen zu, dann ich jitz der Eidg'nossen sondre Lust und Ordnung als zu einer Schlacht erkannt, und kam da barfuß an ein paar G'sellen, die dann mit zur nächsten Schaar dur d'Reben lüffen. Und einer hatt' ein'n Wetschger, Wetschger, kleiner Mantelsack. und ein paar Schuh druf bunden, denselben ich dann anrief um die Schuh, und war's von gutem Schick der Boumgartner von Bern, ein Pfister an der Krützgaß, den ich fast wohl bekannt. Der kannt auch mich hinwieder und wundert ihn min's Ufzugs us der Maaßen, und gab mir glych die Schuch, die dann mir paßlich zun Füßen war'n, und luffen wir fürbas dem Hufen von Luzern hintennach, und waren auch ander gut Berner da, die sich in dem Dörflin, allwo sie g'schlafen, schier versumet Versumet, versäumt. und ihres Weges verirret hatten, mit Namen Rieder, Löublin, Gosteli, Tentenberg und Tremp. Die luffen all mit mir des baßten, daß sie nur an's Schlachen kämen, wo's dann wär, und kamen also sammethaft zum Fahnen von Luzern, da uns frohlocket ward; dann selben Tags ein jeglicher Eidg'noß des andern Bruder hieß, und's auch mit sinem Blut besiegelt wollt han. Indem so war der Struß schon allerorten angangen, und krachet des Karlis G'schütz als mordlich, als die Donnerkläpf vom Himmel thun, und waren die Biderben von Bern und Fryburg zumeist vor uns unterhalb bey der Carthus, Carthus, Carthause, ein Kloster oberhalb Grandson am See, La Lance geheißen und oberhalb die redlichen G'sellen von Schwytz und Thun, die dann schon hart gedrängt im Anlouf hielten vor den burgundischen Cürasseren. Item druckten die von Zürich, Solothurn, Uri, und andern Orten als die Nothfesten und Sigsbegyrigen tapfer nach. Darmit so sprang von uns die vorderst Rott den Nothvesten getrostlich zu, und sach ich da des ersten den großmächtigen wältschen Herrn, der dann Hannsen Wyler, als ich oben vermeldt, uf d's Houpt geschlachen. Derselb g'waltig Ritter saß uf einem schwarzen Hengst, und trug ein Panner hoch in siner Linken, hielt den Zaum im Mul, und packt im selben Ougenblick mit siner Rechten also fest das Fähnlin derer von Schwytz, daß der Fähnrich sam ein Ochs schrie Hülffio. Mit solchem war ein G'sell da glych zur Hand, der Elsner von Luzern, der riß mit dem Widerhacken an der Hellparten dem Rittersmann sin Panner g'waltig us der Luft herab, und kam ich an der andern Syten by. und stach den Herren unterm Arm hinyn, und fiel derselb mit Tosen uf den Grund, und buckt ich mich zu ihm sprechende: »Das ist für Hannsen Wyler, den du ganz unehrlich und unritterlich g'schlagen hast!« Und als ich stracks zu minem Dolch zu gryffen dacht, ob's Noth wär, dem starken Mann die Letze zu geben, kriegt ich ein'n solchen Streich ufs Hinterhoupt, daß ich sinnlos über'n Ritter stürzt, und mir die Bickelhaub vom Kopf sprang, auch in dem Nacken Blut harunterriselt. Denselben Streich hat aber Gott gewendt, daß ich nit Tods verfuhr, dann er von einem Morgensternen Morgenstern, eine bekannte Kriegswaffe, eine Keule mit eisernen Spitzen. kam, und leider ihn ein Schwytzer mir gereckt, Gereckt , gereicht. diewyl ich unbedacht den Helm mit dem Romuntschen Struß ufhätt, und also mich der redlich Eidgnoß für burgundsch ang'sechen, als ob ich wollt' hülflich syn dem großen Herrn. Deßhalben so b'richt ich wyter nit von derselben Schlacht, dann ich schier uf ein Stund da gelag, und miner nit wissend war, und erst erwacht zu Tag, als lang der Suß und Toß Der Suß und Toß , das Sausen und Tosen. des harten Stryts am selben Ort fürbas geruschet, und ich einsamlich unter Todtnen und Todtwunden mich an der Erden fand. Doch als ich bald des Baßten mich erholt, und in der Nähe Schnee an einem Zune lag, da kroch ich zu, und rieb min wunden Hals, erlabt auch min dürre Zung und Lefzen, stand fürdersam mit sothaner Erquickung uf, und übersach die nächst Wahlstatt zu großer Freud, dann unsrer guten Eidgnossen nur drey old vier da ertödt uf dem Grund lagen, und Einer wund, sam ich, am Haupt, und aber an die vierzig Rüter, zumeist edel, sammt vil zerstochener und g'schändter Rossen. Diewyl ich dann den großen Gwaltsritter mit miner eignen Fust erschlachen, dacht ich billig ouch derselben Bütt theilhaflig syn, und zoch ihm da zwo güldin Ketten ab dem Hals und silbern übergüldt Sporen von den Stiefeln, und nahm das köstlich Schwerdt und den herrlichen Helm zu Handen, und schleppt sothanen Last bergunter, daß ich wiedrum zun Eidgnoßen käm. Dieselbigen aber jagten eins Theils den burgundschen Züg uf siner hellen Flucht, und eins Theils entplünderten sie das rych, kostlich, burgundisch Läger, und Ettlich hüteten des Schlosses von Gransee, daß die G'sellen, die's dann inne hatten, nit entwitschten. Derselben Rott denn kam ich des Nächsten by, und nahm mich da der alt Schärer Meyenberg in sine Pfleg, dann er by einem klynen Hüslin sin Arznykästen ufg'schlagen hätt, und arznet Arznet , machte den Arzt, heilte. da flyßig die wunden Eidgnossen, vorab die von Bern sin Landslüt, und hatt G'hülfen um sich, den Sterr und den Käsli, die dann trüwlich der Sach warteten. Darmit kriegt ich ein Pflaster uf den Nacken und ward erfrischt mit einem Wundtrank, und erzeigt sich's daß die Letzung nit zum Argen wär, und gieng ich da hinab zum See, daß ich hülf an selbem End die getrüwen Berner von den Böumen lösen, die fast schmachlichen noch an dem Wind und der Sunne hingen; ich aber ganz christenlich hielt, denselben frommen Lüten vorab ihr schuldig Ehr zu thun, und nit im Läger Sackmann z'machen, als die Unbesinnten. Hinwiederum so will ich nit lütteren, was ich nüwen Herzenleids allda erfuhr, und wie die sighaften Berner als g'mach darkommen sind, und die von Fryburg deßglych, und Mannicher da Vater, Bruder, Suhn also ehrlos g'mürdt und g'richtet fand, und groß Wehklagen erhub, und harentgegen die ganz freudig waren, so die Ihren allda nit fanden, ob s' ouch waren Zusätzer g'syn, und aber im redlichen Sturm oder von G'schützes Wurf waren niederg'legt worden. Hiermit an so mußt ich daselbs ussagen allen Handel, und B'scheid geben den biderben Bernern, der dann vil die vornehmsten, als der Brüggler und der Kuttler, die zween Vennern, und zu allerletzt der herrlich Ritter und Feldhauptmann von Scharnachthal, mit mir zu fründlicher Zweysprach kamen, auch mir verhießen das Baßt Das Baßt , das Beßte. reden, daß ein gut Stadt Bern mir ein ehrlich Schmerzengeld zahlt, das auch füra b'schechen ist. Und indem ich da verzählt, schoß etlichen röschen Röschen , rüstigen. G'sellen das Blut in Kammen, und riefen, die Schmach sollt g'rochen syn, und wollten s' glych im Sturm das Schloß wieder nehmen, und was dann der burgundschen Böswichtern drin wär, das sollt erstochen syn ohn Widerred und Gnad. Luffen also Leitern z'holen by den Schüren da herum und Balken und Bretter, und huben an ganz mannlich stürmen, daß die Burgundschen Pardon schrüwen us ganzer Macht, ouch ihrer vil von hinten in einem alten Schiff uf den See, die doch in Kurzem untergiengen, diewylen der ful Schiffboden die Fahrt nit g'halten mocht. Darob so ertrank der schändlichen Buben ein Theil, wie s' ein Theil der Eidgnossen auch ertränkt hatten, und darnach der ander Theil kam um durch's Schwerdt, das dann die Straff des gerechten Gottes war ob ihnen und es Niemand duren Duren , dauern, jammern. wollt, auch unser die Frömmsten nit. Der Sturm und Anlauf zu dem Schloß geschach dann namlichen mit gar großem Drang, und hätten s' sich doch die Köpf am G'mür zerschlagen ohn sondre Frucht, wenn nit ich da mit Rath wär z'Hilf kommen. Und führt ich also heimlich an die zwölf der wehrhaftesten Knechten zu dem Graben, und liessen uns hinab, und kamen jensyts an das klyn Thürlin, schlugens yn, und drangen glych die Stieg hinuf, allwo ich vor entrunnen war, und g'riethen den Burgunden in Rücken, daß sie gar im Sack und verloren waren. Doch aber mir stand min Herz der Gedanken voll, und war ganz kummerhaft von wegen der trüwen Maid, die mich also hülflich zweymal mines Lebens g'fristet, und rannt ich, als hätt ich unter'n Füssen ytel Für, die Trepp hinuf in Thurm, nit achtende daselbs der findlichen Gesellen, die dann in der untern Halle ganz bereit zur Wehre standen; sintemal mir z'gach Gach , eilig, dringend. war zu dem Castellan, und daß ich die gut Maid erfragen mögt. Darob kam ich an das Kämmerlin des Castellans und pocht in aller Hast des mächtigsten an, und war drin der Rigel g'schoben, und vernahm ich ein lut Bethen und Gestöhn allda; so doch daß der Rigel zruckg'schoben ward innerhalb, und ich den armen Castellan zusammt dem frommen Mägdlin da ersach, die dann beyd sich niederwarfen vor dem Heiligenbild am Fenster, und mit luter Stimm zum Himmel flecheten. Deß ward min Herz noch bas bewegt, und warf mich drath zwischen all die Beyd, und schlung min Armen rechts old links um sie, und bethet auch inbrünstig, und danket dem Heiland, daß er mich ließ g'sund die Beyden also finden; bat auch, daß er gnädiglich mir b'hulfen wär, uf daß ich sie schützt in solchem Sturm und Ueberdrang. Und dücht aller der Handel die armen zwo verzagten Seelen fast wunderlich, verstanden nit, ob's G'spött sollte syn, und sachen mich b'harrlich an, bis bald die Magd mich da erkannt, und mir die Hand ergriff und sie druckt an ihr klopfend Herz, auch ganz beweglich sprach: »Pardon« und »Gut, gut Eidgnoß!« darüber mir fast etwas Lachens kam, und doch mich duret der zwey armen Lüten, und sie tröstet us ganzer miner Kraft. Da war ich glych entschlossen, hub sie von der Erd, und führt s' Beyde sitzen uf ein klyn schlecht Lotterbett daselbs, und ließ die Thür ganz offen, stellt mich dar mit der Hellparten uf die Schwell, und hielt da G'wahrsame, als gölt's ein'n Herzogen z'hüten. Derwylen toßt's im Thurm ganz grusamlich, und wurden ohn Gnad die Burgunden und Savoyschen all erstochen um der thüren, mordlich erwürgten Eidgnossen willen, und hört man schrecklich Gebrüel und Gerumpel, ward auch plündert und zerschlagen und yng'rissen, wie dann Jedem wohlgefiel. Jedennoch als die Sturmg'sellen jitzo haruf die Stieg und zum Kämmerlin kamen, da war der erst min G'sippter, der jung Eigensatz, und ruft ich den ouch an, und sagt ihm kurz den Handel, wie der wär, indem daß ich den alten redlichen Castellan und sin junge Bas bewahr, und die mir trüwlich us dem Schloß und von dem schmachlichen Tod ghulfen, und stand mir also der jung G'sell ganz freudiglich zur Syten, daß uns Niemand Leides thät oder abbrächt von der Gewahrsame, Gewahrsame , Obdach, Huth. die ich da schuldig war. In solcher G'stalt dann, lieber Fründ und Schwager Barthlome! behuben mir daz'malen unser Sach, und rett't ich mit Hülf des gnädigen Gottes hinwiederum die jung rechtschaffen Magd, die miner Mutter alleinigen Suhn erlöst hatt. Und füra Füra , sofort. so half ouch der andern guten Kriegsg'spanen Mancher, doch vorab der Rottmeister Zurkinden, ein gar erfahrner usbündiger Kriegsheld, und ward durch Aller Hülf dem Castellan und der jungen Schanne, die dann in Wahrheit siner Schwöster einzig Töchterlin war, ihr schmal Gut errett't us aller Plünderung, und konnt der Castellan ganz wohl die dütsch Sprach, damit er denn mir danket us der Maaßen, und mir Liebs und Guts ouch sagt von der hübschen Bas. Darüber so hört ich etwas Grunds, daß sie derg'stalten redlich mir gholfen in der Noth, das doch mich schier verschmeyet Verschmeyet , verblüfft, verdutzt. hätt, sintemal die Magd mir us der Maaßen lieblich war in Ougen. Und sollst du wissen, lieber Fründ! daß sie brüttlich ang'lobt Brüttlich ang'lobt, bräutlich verlobt. war einem frischen Junggesellen, der zu Losann war by einem Meister, und aber mir fast glychen thät von Gsühn Gsühn , Aussehen und Art ( l'air ) und rundem Ang'sicht. Hätt jedennoch daz'malen ich lieber gwollt, um min selbs willen die warm hülflich Hand g'funden z'han. Da faßt ich aber mir ein rechtes Herz, nahm allbeyd die zwo güldnen Ketten, die ich von dem Tschattegyon gwunnen hätt, dann ich's wohl vernahm anjitzt, wer der gwaltig Rittersmann gewesen, und hieng die Kettinen der Magd an Hals, und küßt sie sam ein Bruder uf das rosenhaft Mündlin, und ward drob in minem Herzen ganz freudenvoll, verluff sich auch derg'stalten min Angst und Noth von selbem Kriegeszug in Lustbarkeit und guten Friden. Hiermit so hast du, lieber Fründ und Schwager! all die G'schichten, die du dickmals mir verlangt, und schick sie mir am Märt Märt , Markt, Jahrmarkt. in Fründlichkeit ouch wiederum anheim, daß ich s' spar' dem jungen Husvölklin und sie's ouch erfahren, wie der gütig Gott mit mir g'wesen! Und wahr dich derselbig g'sund in Ehren, wünscht dir din trüwer Fründ und Bruder Hänslin in der Gruob. Ulrich Hegner Aus dem Leben eines Geringen Es sind im Wintermonat zwanzig Jahre, daß ich eines Abends, als es schon dunkel war, schwerbeladen in dem Marktflecken R. eintraf, um des morgenden Tages meinen Kram auf dem Jahrmarkte feil zu bieten. Müde, weil ich den ganzen Tag gewandert, stellte ich meinen Waarenkasten in eine Ecke der Wirthsstube und setzte mich an den runden Tisch, wo ich schon mehrere Bekannte, wie es Krämern zu gehen pflegt, antraf. Behaglich vom Ausruhen und erheitert vom Weine, kam man unter allerlei Gesprächen auch auf die große Lotterie, die dieser Tage in W. gezogen werden sollte. Man sprach, wie es der Brauch ist, von guten und bösen Zahlen, und erzählte lockende Glücksgeschichten; da fiel mir ein, woran ich ohne diese Reden kaum mehr gedacht hätte, daß ich schon seit geraumer Zeit ein Paar Loose dieses Glückspiels bei mir trage, auf die ich aber, als ein verhaßtes Erwerbniß, wie ich nachher erzählen werde, nie einige Rechnung machte. Jetzt suchte ich sie eitler Weise aus meiner Brieftasche hervor. Hier sind auch zwei, die mich mehr kosten, als sie werth sind, wiewohl ich wenig von ihnen erwarte, sagte ich, und wies sie meinen Nachbarn vor. An einem nahen Tische saßen Juden, deren einer aufgestanden war und die Loose eingesehen hatte; dieser ließ sich vernehmen, er sei schon einige Male ziemlich günstig in Lotterien weggekommen und möchte sein Heil wieder versuchen, wenn ich ihm die Zettel, auf die ich so keinen großen Werth setze, um einen billigen Preis überlassen wollte. Er bot mir eine spöttische Kleinigkeit, die ich verächtlich abwies, und meine Loose zurückforderte; er theilte sie aber auch seinen andern Glaubensgesellen mit, die sie unter sich herumgehen ließen, und mir etwas mehr und dann noch mehr boten; aber ich wollte nicht, und unwillig über ihr Zögern, riß ich sie ihnen aus den Händen und steckte sie schnell in mein Taschenbuch. Bald darauf ging ich schlafen, und mir folgte ein andrer wohlbekannter Krämer, der auch auf meine Kammer angewiesen war. Noch wollte ich meine Lotterieloose an ihren alten Platz in der Brieftasche versorgen, als ich wahrnahm, daß eines derselben verwechselt worden sei, denn die Zahlen der meinigen folgten sich unmittelbar, das wußte ich bestimmt. – Das haben die Juden gethan, schrie der Krämer, und sprang sogleich hinunter, ich ihm nach, und da einer derselben eben im Begriff war, wegzureiten, hielten wir ihn fest. Es gab Lärm, wir schleppten ihn in die Wirthsstube, wo auch ohne Verzug die andern von den willigen Anwesenden gepackt wurden. Zwar beriefen sich die Juden sogleich auf den Richter, vor dessen Gerechtigkeit sie gebracht zu werden verlangten; allein es hieß: die Gerechtigkeit des Richters ist langsam und ihr Spitzbuben seid schnell, ihr möchtet Zeit gewinnen, das Gestohlene auf die Seite zu bringen; seid ihr unschuldig, so dürft ihr euch wohl aussuchen lassen! Und damit gerieth die ganze Gesellschaft, aus Krämern und Handwerksburschen und Fuhrleuten bestehend, über die armen Schelmen her und durchgriff sie so tüchtig, daß ihnen nichts Bedeutendes mehr auf dem Leibe blieb, als blaue Flecken und rothe Striemen. Zwar ward mein Loos gleich anfangs bei dem, der hatte wegreiten wollen, gefunden, das hinderte aber keineswegs den Untersuchungseifer gegen die Uebrigen, die am Ende, als sie die Uebermacht empfanden, still und geduldig sich der Mißhandlung hingaben, und den Verlust mancher Habseligkeit, denn ohne dieß war die christliche Bemühung nicht abgelaufen, wenig zu achten, ja sich derselben noch heimlich zu freuen schienen, um desto wirksamer vor dem Richter auftreten zu können. Der Lärm war indessen außer das Haus gedrungen; es kam Befehl, die Juden festzusetzen und uns andere nicht fortzulassen. – Aber die Juden sind immer besonnen; schon während der stürmischen Untersuchung hatte der, bei welchem mein Lotterieloos gefunden worden, keck behauptet, daß es das Seinige und schon lang in seinem Besitz sei, und dabei blieb er auch den folgenden Tag vor dem Richter und immerfort. Nun fehlte es mir zwar nicht an Beweisen, mein Eigenthum darzuthun, da ich aber einige Tage brauchte, solche zur Hand zu bringen, so zeigte es sich mittlerweile, daß das gestohlene Loos bereits schon gezogen worden, und mir dadurch ein großer, ja für mich ungeheurer Gewinn zugefallen sei. Kaum war dieß bekannt, so ' drängte sich Alles, was in dem Wirthshause gegenwärtig gewesen war, oder bloß auf der Straße dem Tumult zugehört hatte, hinzu, um für mich die Wahrheit zu bekräftigen; eine Wolke von Zeugen, mehr geeignet, die Sonne der Wahrheit zu umnebeln, als hervortreten zu lassen. Da jedoch meine Beweise gültig gefunden waren, und die Einrede der Juden gegen diese Zeugen, von denen sie mißhandelt worden, nicht viel half, so wurde mir das Loos wieder eigenthümlich zugesprochen; die Juden aber wurden gezüchtigt, und wir Christen mußten für unsere eigenmächtige Präcognition die Gerichtssporteln bezahlen, die ich aber billigermaßen allen wieder ersetzen, ja noch mehr dazu geben mußte, denn Jeder erwartete für seinen Beistand meinen Dank, auch wenn er sich dabei schon selbst bezahlt zu machen gewußt hatte. So ward ich aus einem wandernden Krämer plötzlich wieder ein reicher Mann, wie ich auch schon gewesen; aber ich konnte zu keiner rechten Freude an diesem neuen Reichthum kommen, ich mochte ihn mit eigenen oder fremden Brillen ansehen, weil ich ohne denselben schon genug, das heißt: Gesundheit und bescheidenes Auskommen, hatte und mehr nicht haben wollte, und an dieses Maß der Werth meines Lebens gebunden war. Denn als ich vor Jahren, nach dem Bruch meines Handelshauses, aus dem Ueberfluß und vergeudenden Leichtsinn in Noth und Armuth gekommen, hatte ich in der Schule des Trübsals manchen innern Kampf mit Vorurtheil und Leidenschaft zu bestehen, und konnte zu keiner Ruhe kommen; bis in guter Stunde der gottgefällige Entschluß in mir erwachte, das Reff eines Krämers umzuhängen, um damit meinen ehrlichen Unterhalt zu suchen, und im Kleinen wieder gut zu machen, was ich im Großen versäumt hatte. Da fand ich mit demselben auch, wo nicht das Glück, doch eine Beruhigung, die ich vorher nicht gekannt, und so wie ich den schweren Anfang überstanden und gelernt hatte, mich mit Wenigem abzufinden, gewann ich mit meinem Krame gerade so viel, als ich zu genügendem Unterhalt brauchte, und lernte die Menschen von unten hinauf kennen, gerade wie sie von oben herab sind, gut und böse, nur mit dem Vortheil, daß ich ihrer weniger bedurfte und mir selbst zu helfen wußte; so daß ich Freude an meinem herumziehenden Leben im Kleinen fand, und mir's nicht besser wünschte. Meine Vaterstadt, wo Spott mich angrinzte und Verachtung auf mich herabsah, halte ich verlassen und war unter anderm Namen mit einer alten, mir einzig treu gebliebenen Muhme, an einen größern Ort gezogen, wo ich mir bald ein Häuschen kaufen und schon anfangen konnte, Etwas für die alten Tage zurückzulegen. Was sollte ich nun mit dieser Last des Geldes anheben? Zudem war der Jude, der das Loos gestohlen, auf ein Jahr zum Karren verurtheilt, und die andern hatten Prügel bekommen, das machte mir den Gewinn auch weniger erfreulich. Hauptsächlich gab mir die Art und Weise, wie ich zu diesen Lotterieloosen gekommen, viel Stoff zum Nachdenken. Ich hatte nämlich, als ich noch in sogenannten glücklichen Umständen war, einen Führer meiner Handlung, dem ich Alles vertrauend überließ, und nicht gern nachrechnete, weil mir die Schreibstube und ihre Büchercolosse Langeweile machten. Dieser benutzte meine Faulheit zum ärgsten Betrug, so daß ich doch zuletzt aufmerksam wurde; als ich ihm aber zu Leibe gehen wollte, machte er sich aus dem Staube; er hatte sein ungerechtes Gut schon vorher in Sicherheit gebracht, und nahm jetzt noch mit, was er konnte. Ich fand meine Handlung zu Grunde gerichtet, und nachdem ich mich mit den Gläubigern abgefunden hatte, blieb mir so viel wie Nichts übrig. Das Wenige, was der Betrüger an Habseligkeiten zurückgelassen, wurde mir zugesprochen, wovon ich aber Nichts behielt, denn ich mochte kein weiteres Andenken von dem Treulosen vor mir haben. Nur ein Lotteriebillet ward mir noch eingehändigt, das er, wie ich leider zu spät erfuhr, einem Spieler abgewonnen hatte, der sich nachher selbst entleibte. Ich hatte es in meine Brieftasche gesteckt und vergessen, bis mir nach einiger Zeit sein kleiner Gewinn zukam, den ich aber sogleich wieder an andere Loose verwandte, bald mehr bald weniger, je nachdem ich vom Geschicke bedacht wurde, denn ich wollte dies Spiel so lange treiben, bis es durch sich selbst ein Ende nähme. In diesem Gelde ist kein Segen, meinte ich oft, noch ehe ich wußte, woher der Mensch das Loos gehabt; wiewohl ich nie ganz leer ausging, und die Leute das ein Glück nannten. Aber ich hatte gelernt einen Unterschied machen zwischen diesem Glücke und dem Segen, dem ich auf der Spur war. Und jetzt mußte es sich doch fügen, daß ich durch den unbedeutenden Nachlaß des Mannes, der mich um das Meinige gebracht hatte, wieder zu einem übermäßigen Vermögen gelangen sollte. Ungerechtes war Nichts dabei und Erschlichenes noch weniger, denn das zurückgelassene Loos jenes Mannes kam mir von Rechts wegen zu; und wenn auch die Billigkeit etwas für ihn hätte verlangen können, so wäre es höchstens der Betrag des ersten Gewinns desselben gewesen. Dennoch, ob ich gleich die Hand des Schicksals ehrte, setzte mich jetzt seine reiche Bescherung in Verlegenheit; was sollte ich damit anfangen, ich, der ohne Noth (ich rechne mir es aber keineswegs zur Ehre) niemals in meinem Leben gern etwas angefangen hatte, sondern immer lieber auf den schon gebahnten Wegen fortgeschlendert war? Zwar fehlte es nicht an mancherlei Mitteln, die mir nunmehr täglich beliebt wurden, der Bürde los zu werden. Es versammelten sich neue Freunde um mich, die sich meines Glückes freuten, erst verächtlich von meinem alten Kram sprachen und dann sich mit mir zu bedeutenden Handelsverbindungen vereinigen wollten. Andere meinten, ich sollte das Geld bei ihnen auf sichere Zinsen legen und mir gute Tage machen. Aussichten sogar zu zärtlichen Verbindungen wurden mir unter der Hand geöffnet. Alte Bekannte aus der Zeit meines Wohlstandes, von denen ich mich vergessen glaubte, näherten sich wieder, als wäre die alte Traulichkeit nie gestört worden, und sagten: »Setze dich in einen Reisewagen und fahre durch die Welt, so hast du Genuß, wir begleiten dich!« Es gibt auch Beförderer des Menschenwohls aus fremden Beiträgen; diese legten mir ihre Bemühungen ans Herz und fanden es den Grundsätzen der Sittenlehre gemäß, daß ich das, was mir der blinde Zufall beschert habe, zum Besten der Menschheit mit ihnen theile. Die Boten des Glaubens nannten es eine Gabe des Himmels und empfahlen mir ihre Kasse zur Bekehrung der Heiden. Und so lagen Freundschaftsdienste, Gewerbe im Großen, gemeinnützige Anstalten und Vereine aller Art in mannigfaltiger Aussicht vor mir, als eine Musterkarte von guten Werken, wo nur die Wahl einem sauer werden sollte. Solchen leichten Weg zum Heil gewährt der Reichthum seinen Besitzern! Ich hatte sonst eine Stimme vernommen und ehedem von eigner Erfahrung bewährt erfunden, daß es dem Reichen schwer werde, diesen Weg zu finden; da fragte ich jetzt auch noch jene Stimme, und vernahm ihre Antwort ohne eben traurig hinwegzugehen. Kommt Zeit, kommt Rath, sagte ich: wenigstens will ich um des Geldes Willen nicht auf der faulen Haut liegen! Ich ließ einen Kasten machen, verschloß den Mammon einstweilen darein, und setzte meinen kleinen Handel wieder fort, wie vorher, indeß meine alte Muhme des Schatzes und des Hauses hütete. Nun begab es sich aber nicht lange hernach, als ich Abends meine Geschäfte auf dem Markt eines benachbarten Städtchens zu Ende gebracht und erfreuliche Einnahme gemacht hatte, und noch nach Hause kehren wollte, daß mehrere meiner Marktgefährten in mich drangen, ich müsse ihnen zur Beschwichtigung meines rasenden Glückes Etwas zum Besten geben. Um nicht knauserig zu scheinen, glaubte ich ihnen entsprechen zu müssen, wiewohl ich ihnen lieber die Zeche doppelt bezahlt hätte und nach Hause gegangen wäre, wohin mich stets die Begierde zog; ich konnte deßhalb auch die Freuden des Mahles nicht recht mit ihnen theilen, und je länger es währte, desto unruhiger ward ich im Innern und stiller von Außen. Ich schrieb es der Abneigung vor solchen Gelagen zu, wodurch so manche reuige Erinnerung in mir geweckt wurde; und die Gäste erklärten mein Schweigen für Mißmuth über die Ausgabe, ob ich gleich auftragen ließ, was der Wirth vermochte; somit hatte ich auch dießmal weder Dank noch Genuß von meiner schwachen Nachgiebigkeit. Da es jetzt zum Heimgehen zu spät geworden und mein Kopf von dem Abendschmause gespannt war, legte ich mich zur Ruhe nieder, oder vielmehr zu schauerlichen Träumen: denn zweimal sah ich die alte Muhme vor mir stehen, erst erschrocken und verstört, die Arme nach mir wie um Hülfe ausstreckend, und später dann wie aus weiter Ferne mir freundlich lächelnd, in ihrem Sonntagsgewande, jungfräulich verjüngt und doch kennbar. Träume sind mir gewöhnlich, darum würde ich auch dieser Phantome nicht mehr gedenken, hätte nicht bald die schreckliche Wirklichkeit ihre geheimnißvolle Deutung enthüllt. Denn als ich Nachmittags darauf nach Hause kam und mir die Thüre, ich mochte klingeln und klopfen, nicht aufgemacht wurde, auch die Nachbarn bemerkten, sie hätten zu ihrer Verwunderung heute noch Nichts von der Alten wahrgenommen, kam mir die Sache bedenklich vor; ich ließ die Thüre mit Gewalt öffnen, und mit mir drangen die neugierigen Nachbarn hinein. Aber welch Entsetzen! Oben an der Stiege fanden wir die Muhme mit zerschelltem Kopf in ihrem Blute liegen, sie war todt. Ueber dem Anblick schwanden mir die Sinne, und als ich wieder zurecht kam, standen tröstende Freunde um mich her, die mich zur Ergebung vermahnten, und mir anfänglich den Raub des Geldes sorgfältig verhehlen zu müssen glaubten, als wenn dieß der eigentliche Gegenstand meines Schmerzes sein müßte. Ach, bei dem Anblicke der todten Muhme konnte ich mir das Uebrige ja leicht denken! Das Ereigniß hatte großes Aufsehen gemacht; so ein Raubmord mitten in der volkreichen Vorstadt! Man forschte nach, man sprach davon, man erzählte; damit kam jetzt auch die Geschichte mit den Juden an jenem Jahrmarkt in Umlauf, und so wurde bald die Vermuthung laut, jene Juden hätten es gethan. Zum Glück, wie es hieß, es war aber ein Unglück, fand sich so eben einer derselben in der Nähe, den man aufhob, und da man wieder Erwarten viel Geld bei ihm fand, womit er Pferde kaufen zu wollen vorgab, wurde er ohne Weiteres in ein Loch geworfen, sein Geld in Beschlag genommen, und seinen Spießgesellen auch nachgespürt. Die gute Muhme hatte indessen ein Leichenbegängniß wie eine vornehme Frau. Das Unglück hatte sie und mich kundbar und zum Stadtgespräche einiger Tage gemacht. Es wurden wundersame Geschichten von uns herumgeboten; ich erhielt sogar Besuche von bedeutenden Personen, die vorübergehende Neugier zu mir führte, mit Versprechen von Hülfe und Beistand, dessen ich nicht nöthig hatte. Ich war nun wieder was vorher, ein leichter Bänkelkrämer, der unschwer des Lotteriegeldes, aber ach, nur mit tiefem Schmerz der treuen Blutsverwandtin entbehren konnte, die deswegen ihr Leben hatte verlieren müssen. O, daß ich das Geld nie gesehen hätte, seufzte ich oft, oder schon bei ihr wäre in jener lichten Ferne, woher sie mir im Traume so schön und freudig zugewinkt! Der Jude wollte inzwischen Nichts gestehen, ob ihm gleich hart zugesetzt wurde. So laßt ihn laufen, bat ich oft; aber das wollte die Justiz nicht, bis er mit seinen Gesellen, die aber noch nicht eingefangen waren, zusammengestellt wäre. Da trug es sich zu, als ich eines Tages den ausgeraubten Kasten säuberte, fand ich in der Ecke einen plumpen silbernen Fingerring, auf dem zwei Buchstaben eingegraben waren. Der Ring kam mir halb bekannt vor, und die Anfangsbuchstaben erschreckten mich, denn sie deuteten auf den Namen eines der Gäste, die ich am Abende vor jener unglücklichen Nacht bewirthet hatte; eines Menschen, dessen Thun und Lassen mir schon lange verdächtig gewesen. Ich eilte damit zur Obrigkeit, die mir die Anzeige jeder neuen Spur der That zur Pflicht gemacht hatte. Man forschte dem Manne nach, fand, daß er seit einiger Zeit mehr Geld sehen lasse als gewöhnlich, und noch andere verdächtige Merkmale. Er läugnete Anfangs, da ich aber in seiner Gegenwart den Fund des Ringes beschwören mußte, so brachte ihn dieß, nebst den Fragen des Richters, in Verwirrung, er fand keine ausreichende Lüge mehr, verlor die Haltung, und so kam bald die ganze traurige Geschichte an den Tag, daß er selbst und drei andere seines Gelichters, denen die Gelegenheit meines Hauses bekannt war, sich verabredet, mich an jenem Abende von der Rückkehr nach Hause abzuhalten; und sobald ich zu Bette gewesen, hätten sie das Wirthshaus verlassen, unter dem Vorwand, einen morgenden Markt zu besuchen, statt dessen aber seien sie nach meinem kaum zwei Stunden entfernten Wohnorte geeilt und durch die Hinterthüre in mein Haus gekommen, wo sie den wohlbekannten Kasten ohne Störung hätten leeren können; erst an der Treppe sei ihnen die alte Haushälterin begegnet, da sie aber Lärm gemacht und nicht habe schweigen wollen, habe sie Einer mit dem Brecheisen zu Boden geschlagen. Den Ring müsse er leider bei der eilfertigen Plünderung des Kastens abgestreift haben. Nachdem nun auch die andern Mitschuldigen eingefangen worden, und in das Geständniß eingestimmt hatten, wurde endlich der Jude losgelassen; das währte aber ziemlich lange, weil Kriminalbehörden gern eine vorsichtige Langsamkeit beobachten. Noch während er gefangen gesessen, war ich mehrmals von andern Juden, die mir seine Unschuld versicherten, um großmüthige Fürsprache bei der Obrigkeit angegangen worden, denen ich auch um so lieber entsprach, da er für seinen Antheil an dem beabsichtigten Betrug mit den Lotterieloosen schon mehr als genug gebüßt hatte, und ich ihn, ich weiß nicht warum, nie für den Begeher der Mordthat hatte ansehen können; in dieser Meinung hatte ich ihm auch einige Erleichterung in dem Gefängniß zu verschaffen gewußt. So wie er nun losgesprochen war, kam er, von dem ich eben nicht den ersten Dank erwarten durfte, da er schon zweimal um meinetwillen gelitten, zu mir, begleitet von einem Rabbiner, den ich schon aus früherer Zeit kannte, und brachte mir, da ich ihm Böses mit Gutem vergolten habe, eine silberne Uhr zum Geschenke, die er als ein sehr gutes Werk rühmte. Ich mußte sie nehmen, er bat mich darum wie um eine Wohlthat, habe sie im Grund auch gern genommen, weil mich der Zug freute, und trage sie noch jetzt mit Wohlgefallen. »Was ist's dann?« sagte der Rabbiner, als er sah, daß mir dies Benehmen auffiel, »es ist keiner so schmählich, den nicht auch die Demuth der Dankbarkeit anwandeln könne, so wie der Beste sich nicht rühmen soll, daß ihn nicht zuweilen noch der Stolz vom Dank abhalten könne.« Und als ich bemerkte, was ich gethan, verdiene ja kaum ein Wort, geschweige eine thätliche Bezeugung des Dankes, fügte er hinzu, wenn auch dem so wäre, so müßte mich das nicht befremden, weil man gewöhnlich für kleine Wohlthaten eifriger danke, als für die großen. Da die Diebe nicht so schnell mit dem Gelde hatten hervorrücken dürfen, um keinen Argwohn zu geben, so fand sich noch das meiste in ihren Wohnungen verborgen, und was mangelte, wurde mir aus dem Ihrigen, da zwei darunter nicht ohne Vermögen waren, ersetzt, so daß ich in Kurzem den ganzen Lotteriegewinn wieder baar im Kasten hatte; denn die Ordnungsliebe des Richters verlangte, daß ich die vollständige Summe wieder zur Hand nehmen müsse, ob ich mich gleich dessen weigerte, und lieber gar Nichts mehr von diesem Blutgeld hätte hören oder sehen mögen. Aber die gute Hüterin des Schatzes war leider nicht mehr, und ich selbst mochte und konnte ihn nicht hüten, da ich keinen Grund zu haben glaubte, meinen gewohnten Handel und Wandel aufzugeben. Ich mußte also für eine neue Haushälterin sorgen, und fand sie in einer armen Freundin der Muhme, die ich ehedem öfters bei ihr gesehen hatte. Das Geld mochte ich nicht anrühren, noch weniger zur Stunde darüber verfügen, weil es allgemein hieß, die Räuber hätten das Leben verwirkt, und ich durch Fürbitten und Anerbietungen ihnen dasselbe zu erhalten hoffte. Was sonst die Welt für ein beneidenswerthes Glück ansieht, wohl gar für eine besondere Gunst des Himmels, solch ein überschwenglicher Gewinn ohne Mühe und Arbeit, das war für mich eine Quelle bittern Leidens geworden. Dieß fatale Glück hatte einen Juden in's Zuchthaus gebracht und seinen Mitschuldigen Prügel und Mißhandlungen zugezogen; meine Muhme hatte darüber ihr Leben eingebüßt, und deßwegen sollten jetzt noch drei andere Menschen (einer der Diebe war entwichen) hingerichtet werden! Mein schwacher Geist konnte das nicht vertragen, und eine ängstliche Unruhe, die meine Phantasie angriff, verfolgte mich bei Tage und ließ nicht ab von mir in langen Nächten. Ich bot Geld, zuletzt die ganze Summe, worüber die Obrigkeit zu wohlthätigen Stiftungen oder wie es ihr beliebte, verfügen möge, wenn damit etwas zur Lebensrettung der Schuldigen könnte bewirkt werden. Man sah wohl, daß es mein Ernst war, wandte mir aber, leider ganz richtig, die Mordthat ein, für welche das Gesetz keine Gnade habe. Dazu lagen mir noch ärger als vorher die Juden, die Blutsverwandten der Gefangenen ohne Unterlaß auf dem Halse, sobald sie meine günstige Stimmung erfahren hatten. Alles was ich für diese that, war ihnen nicht genug; sie wurden täglich dreister, wollten mir sogar Mittel und Wege anweisen, einige Richter durch Bestechung zu gewinnen; ja es gab solche, die ungescheut Unterstützung für sich selbst begehrten, als wenn jene Schurken mir zu Ehren im Gefängnisse säßen. Ich mußte zuletzt dem Gesindel die Thüre verschließen. Bei allen diesen Vorfällen und den neuen Verhältnissen, worein ich gezogen wurde, bei den Aufforderungen, Verhören, Zudringlichkeiten und Störungen aller Art fand ich so viel Anlaß, traurige Erfahrungen über meine eigene Schwachheit und die Verkehrtheit Anderer zu machen, daß ich die theuer erworbene Zufriedenheit, die ich nach frühern Unglücksfällen auf dem engen Pfade der Beschränktheit gefunden hatte, wieder zu verlieren und in die düstere Kleingläubigkeit an den Werth der Menschen zurückzufallen anfing, von der ich mich längst befreit glaubte. Und da jetzt noch der Krieg sich in die Nähe zog, und das Besuchen der Messen und Jahrmärkte unmöglich oder gefährlich machte, so wurde ich an dem einzigen Rettungsmittel, wozu mir eigene und fremde Vernunft rieth, an der heilsamen Zerstreuung meines Berufes gehindert. Nicht selten stieg damals der Wunsch in mir auf, ich möchte katholisch geboren sein, um irgendwo in einem Kloster mich von der Welt zu scheiden. Ich sage geboren, denn der Abfall war nicht meine Sache, weil er keinen dauernden Frieden gewährt, und so mancher Abgefallene jedes Glaubens wieder gern vom Abfalle abfallen würde, wenn er es mit Ehren könnte. Als nun aber endlich das Urtheil über die armen Sünder ausgesprochen ward, nach welchem der, so den Mord begangen, an dem Leben gestraft, und die andern gebrandmarkt werden sollten, wie hätte ich über diese Zeit in der Stadt bleiben können? Ich steckte etwas Geld zu mir, um Einkäufe zu machen, hängte mein Reff an den Rücken, und vertraute die Sorge für das Zurückgelassene meiner Haushälterin, in der Zuversicht, es würden sich jetzt nicht sobald neue Räuber daran wagen. »Geschehe, was da wolle,« sagte ich den abhaltenden Freunden, »ich gehe auf die ferne X. Messe, gerade deßwegen, weil es weit ist!« Und so zog ich ab, schon erleichtert, sobald ich zum Thore hinaus war. Das einsame Wandern war von jeher meine Freude! ich war aber wenig allein, allenthalben stieß ich auf Truppen, die in's Feld zogen; doch kam ich ungeschoren hindurch, denn da die Messe in X. für frei erklärt war, so achteten die Kriegsbeamten meinen Paß, und ich hielt mich zur Vorsicht immer an die Landstraße. Schon glaubte ich mich am Ende meiner Laufbahn, als mich noch das Unglück ereilte, dem ich bisher entgangen war. Denn als ich am letzten Abend meiner Reise, in der Nähe der Meßstadt, da ich keine Gefahr mehr vermuthete, einen Seitenpfad einschlug, den man mir als abkürzend beschrieben hatte, sah ich bald zwei Bewaffnete mir folgen, die mit Gespräch sich zu mir gesellten und freundlich thaten, bis wir auf einem abgelegenen Platze waren, wo sie mit Gewalt über mich, als sei ich ein Spion, herfielen, statt des Passes aber, den ich ihnen vorweisen wollte, mit wüthender Drohung mein Geld verlangten. Ich wollte meinen Pack abwerfen und mich zur Wehre setzen, bekam aber, wie sie das sahen, einen Stich in den Leib, davon ich hinsank; worauf ich dann ganz von ihnen ausgeplündert und als todt in ein Gebüsch geschleppt wurde. Jedoch erholte ich mich nach einiger Zeit wieder, konnte aber nicht von der Stelle, und würde da wohl meinen Tod gefunden haben, indem die Nacht schon heranrückte, hätte nicht ein vorüberreitender Offizier mein Stöhnen vernommen. Er kam hinzu, und als er mich im Blute liegen fand, wollte er mir aufhelfen, allein es ging nicht. Da vermahnte er mich, eine kleine Weile Geduld zu haben, bis er sich im nahen Dorfe nach Hülfe umgesehen hätte. Ob es lang oder kurz gewähret, weiß ich nicht, denn ich lag wie in schmerzlichen Träumen; genug, es kamen Bauern, angeführt von dem edlen Manne, der mein Retter war, mit Leuchten und einem Karren. Ich wurde in die nächste Herberge gebracht und daselbst dem Wirthe zur weitern Pflege empfohlen. Doch dabei ließ es dieser menschliche Samariter (ich weiß ihn nicht besser zu ehren, als mit dem heiligen Namen der Schrift) nicht bewenden; denn da hier kein rechter Arzt, meine Wunde bös und die Pflege gering war, so wußte er es in Kurzem dahin zu bringen, daß ich in die benachbarte Stadt, wo er als Eingeborner Bekanntschaft und Einfluß hatte, gebracht, und in das Bürgerhospital aufgenommen wurde. Da war ich nun – aber nicht als lebensfroher Bezieher der Messe, wie ich es mir vorausgedacht hatte, sondern als schmerzlich Verwundeter im Krankenhause. Daheim ein reicher Mann und hier ein armer Tropf. Der Krieg hatte sich rings um die Gegend meiner Heimath gezogen, so daß ich gänzlich abgeschnitten und ohne Geld und Hülfe von daher war; desto willkommener mußte mir die Hülfe sein, die ich hier fand, und ich fand sie in reichlichem Maße, so daß ich oftmals sagte, und es noch zu dieser Stunde glaube, Gott habe in Gestalt jenes Offiziers einen Engel auf meinen Weg gesandt, daß er mich rette. – Zwar war das Haus nicht glänzend von Außen, kein moderner Palast des Elends, sondern ein altes, weitläufiges, gebrechliches Gebäude, an dem immer geflickt werden mußte; seine Einkünfte waren geringe, es erhielt sich meist durch kleine milde Stiftungen, die ihm von Zeit zu Zeit zuflossen. Daher auch keine hochbesoldeten, gleichgültigen Aufseher, keine lieblosen Wärter, die, als die Meistbietenden gewählt, mit Weib und Kindern von dem leben, was den Armen und Kranken zukommen sollte. Der Vorsteher war ein ernster, frommer Mann, der aus edlem Triebe seine Tage dieser Anstalt gewidmet hatte, und nur solche Gehülfen um sich zu sammeln wußte, die aus reinem Gewissen und mit hingebender Liebe handelten und dachten wie er. Da der Magistrat der Stadt sein Verdienst erkannte, denn konstante Uneigennützigkeit wird selten lange verkannt, so ließ man ihn walten, und durch seine wachsame Ordnungsliebe und Häuslichkeit erhielt sich und gedeihte Alles. Wohl ein halbes Jahr und länger hatte ich mit meiner Wunde zu thun, und viel auszustehen. Wiewohl gut und sorgfältig behandelt, wünschte ich doch oft in meiner Verlassenheit zu sterben, denn ich kannte niemand und niemand kannte mich; mein Schicksal hing ganz von dem Beistand dieser wohlwollenden Menschen ab; Gott sei Dank, daß sie wohlwollend waren! Aber es kam nicht, wie ich wünschte; ich sollte nicht sterben, sondern noch zu nähern Verhältnissen des Dankes gegen dieß Haus meiner Rettung aufbewahrt werden. Ich hatte während der Zeit meiner Genesung, nachdem der Paß wieder offen stand, mehrere Male an meine Haushälterin geschrieben, aber nie Antwort erhalten. Ich gab dieß der noch herrschenden Kriegsunordnung Schuld, und suchte unterdessen im Hospitale mich, so gut ich konnte, nützlich zu machen mit Schreiben und allerlei Handarbeit, so daß man mich nicht ungern da behielt. Auch war ich durch den Offizier, den seine Bestimmung bald wieder ins Feld gerufen, einigen Freunden in der Stadt empfohlen worden, die mich auf meinem Leidenslager mit Büchern versehen hatten, wodurch meine alte Lust zum Lesen, die ich als Krämer fast gänzlich hatte aufgeben müssen, wieder erwachte, so daß ich mich zuletzt bequem in meine Lage schickte, und ein erträgliches Leben hätte führen können, wenn nicht die Heimat gewesen wäre, an die ich doch auch denken mußte. Zum Gehen war ich aber noch zu schwach; ich schrieb also, da die Haushälterin nicht antwortete, an einen alten Bekannten und vermeinten guten Freund, und wartete von Woche zu Woche und von einem Tage zum andern auf seine Antwort. Aber auch diese kam nicht, so daß mir die Sache endlich bedenklich wurde, und ich befürchten mußte, der Vorsteher des Hospitals möchte, wie schon mehrere thaten, das Vorgeben meiner Herkunft für Trug ansehen. Ich bewog deßwegen diesen wackern Mann, amtlich nach meinem Wohnorte schreiben zu lassen, und Abschrift meiner Briefe beizufügen. Das hatte die Folge, daß nach Verfluß einiger Zeit eine Geschichte an den Tag kam, die auf's Neue dazu diente, mir Welt und Menschen zu verleiden. Die Haushälterin hatte sich im Gewirre der Kriegsläufte, zum Schutz des Hauses und ihrer schwachen Person, wie sie sagte, verheirathet, und zwar gerade an den alten Bekannten, an den ich vergeblich geschrieben. Da er als ein Freund von mir angesehen wurde, und, so wie sie, mir Manches zu danken hatte, fand er keine Schwierigkeit, während meiner Abwesenheit als Verwalter auf meinem Eigenthum abzusitzen. So schaltete das neue Ehepaar recht gemüthlich in meinem Hause, und machte sich gute und immer bessere Tage, je länger ich Nichts von mir hören ließ. Sie erschraken freilich Etwas über meine Briefe, gaben aber vor, ich hätte in X. eine Niederlassung gefunden, und würde mich wahrscheinlich dort fest setzen, zu welchem Behuf sie mir Geld schicken müßten. Das Geld gebrauchten sie indessen für sich, und wollten dann mit einem bescheidenen Theil des Uebrigen davon gehen, zögerten aber zu lange, weil das Wohlbehagen, und die Verblendung des Geldes, die oft unglaublich ist, sie sicher machte. Auf das amtliche Schreiben und die dadurch erhaltene Gewißheit fand die Obrigkeit für gut, einzugreifen, und so erhellte sich die Sache. Das Ehepaar bekam Verhaft; die Quelle alles Unheils, das Geld, durch welches nun schon wieder zwei Personen zu Schelmen geworden, wurde in öffentliche Verwahrung genommen, und ich eingeladen, zur Beförderung gerichtlicher Untersuchung nach Hause zu kommen, um als Kläger aufzutreten, da sich ein beträchtlicher Defekt im Vermögen zeige. Das war mir alles in der Seele zuwider, so bitter mich auch die Untreue kränkte. Ich sah mich jetzt von Neuem in den Strom der feindseligen Welt gezogen, dem ich in meiner langen Abgeschiedenheit glücklich entgangen zu sein glaubte, wo ich mir schon zuweilen Aussichten zum bleibenden Aufenthalte vorgespiegelt hatte. Lieber hätte ich den ganzen Handel dem Richter allein überlassen, und das Geld seinen sichern Händen anvertraut; das wäre meiner angebornen Indolenz, die mitunter auch den bessern Namen der Genügsamkeit verdiente, bequemer gewesen. Allein das ging nicht; der Mensch kann nicht leben, wie er will, denn er hat ein Schicksal. Meine Obrigkeit rufte mich, die Vernunft gebot, und alle Umstände verpflichteten mich zu gehorchen. Meine Wunde hinderte mich wenig mehr, doch bedurfte ich noch eines Begleiters, wozu der Vorsteher, der mein wahrer Freund geworden, einen der treuen Wärter beordnete. Mit diesem fuhr ich, da mein Zustand noch keine starke Erschütterung vertragen mochte, und das Heimweh mich eben auch nicht stark zog, in langsamen Tagereisen nach Hause; und wahrlich mit betrübter Seele, diesen Wohnsitz der menschenfreundlichen Tugend zu verlassen, wo ich Errettung vom Tode, milden Beistand in blutenden Schmerzen, und dann so viel reinmenschliche Gesinnung, Unterhaltung, ja wahre Freundschaft gefunden. Je weiter ich mich entfernte, desto sorglicher ward mein Bedauern, nicht dankbar genug in Wort und That gewesen zu sein. Der Rechtsgang meiner Angelegenheit währte nicht lange. Die ungewöhnlichen Vorfälle meines Lebens hatten mir Theilnahme bei angesehenen Personen erweckt; diese benutzte ich, um Schonung gegen das Ehepaar zu bewirken, dessen Ankläger ich gern oder ungern sein mußte. Sie kamen auch mit vorübergehender Einsperrung und Verlust ihrer wenigen Ehre, zu ihrer großen Befriedigung, davon, denn sie hatten Schlimmeres erwartet. Mir sollten sie den beträchtlichen Eingriff in meine Kasse ersetzen, ich habe aber nie Etwas bekommen. Zugleich war nun auch davon die Rede, ob man mir nicht über mein Geld, das ich so leichtsinnig verwaltet, einen Vormund setzen, oder mich wenigstens anhalten könne, vernünftiger darüber zu verfügen und klügeren Rathe Gehör zu geben; um so viel mehr, da ich für meinen ehevorigen Handel und Wandel gelähmt war, und an eine neue Lebensart denken sollte. Indem aber diese Bedenklichkeiten obwalteten, brachten Zeitungen die klägliche Nachricht, wie das Hospital in X. durch eine Feuersbrunst bis auf den Grund eingeäschert worden, und großes Unglück sich dabei ereignet habe, was ein Schreiben des Vorstehers an mich leider noch des Nähern bestätigte. Der Wärter von dorther, der noch immer zu meiner Pflege bei mir war, fiel durch den Schrecken über diese Nachricht in eine schwere Krankheit, und verschaffte mir die traurige Gelegenheit, ihm einigermaßen die Dienste, die er mir geleistet hatte, zu erwiedern. Und diese Pflege des Kranken weckte wieder so manche bezügliche Erinnerung an das, was ich dort gelitten und genossen; anbei ging mir das Herzeleid meines Freundes, des edelgesinnten Vorstehers, nun ganz aus dem wohlgeordneten Gange seines ernsten Berufes herausgehoben zu sein, und ohne Dach und Fach nicht mehr helfen zu können, so begreiflich zu Herzen, als wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre. Zu diesem Leiden kam noch das immerwährende Zureden derer, die es gut mit mir meinen wollten, und freilich auch meine eigne Einsicht über die nothwendige Wahl einer neuen Lebensrichtung; zugleich aber die Verlegenheit, was ich wählen sollte, um meinen unseligen Schatz würdig anzuwenden, da ich zum Herumwandern untüchtig geworden, an dem größern Handel schon einmal die Finger verbrannt, und zu einer öffentlichen Bedienung nach so vielen Jahren der Unabhängigkeit mich nicht mehr hingeben mochte. Das war wieder ein harter Stand; das Zureden peinigte mich, die Unentschlossenheit raubte mir alles Selbstvertrauen, ich fühlte mich keiner eignen Wahl mehr fähig, und doch sträubte ich mich gegen den Zwang. Ich war in steter Beklemmung; bis in einer solchen Stunde der Angst ein guter Geist über mich kam, und wie durch eine Eingebung der Entschluß vor mir stand, all mein Geld dem Bau eines neuen Verpflegungshauses in X. hinzugeben, und mir selbst darin einen Platz auf Lebenslang zu bedingen. Nun war ich wieder frei und froh; hab' ich doch in allen meinen Lebensstationen nirgends so viel ächtchristliche Menschlichkeit gefunden, als an diesem Orte des Elends und des Trostes, sagte ich: hoffentlich wird durch diese Bestimmung auch der Fluch gehoben, der auf jenem Gelde liegt. Gesagt, gethan! Ich überwand alle Hindernisse, die mir in den Weg gelegt wurden, und schwieg still zu mancher übeln Nachrede, die nicht ausblieb. Denn es hieß, wenn ich gleich Anfangs den Lotteriegewinn mit mehr Klugheit benutzt hätte, so wären alle die unglücklichen Vorfälle unterblieben. Wer konnte das wissen, hätte ich dem ungerechten Vorwurf erwiedern können; der Mensch wäre schlimm daran, wenn er vor Gott mehr noch als die Folgen böser Absicht verantworten müßte. – Mein Fehler sei der Leichtsinn, sagten Andre, der sich jetzt auf's Neue wieder in meinem Vorhaben bestätige. Ganz Unrecht mochten diese nicht haben; aber wollte Gott, ich hätte nie einen andern Leichtsinn bewiesen, als gegen das Geld, den Götzen dieser Welt, der kaum eine andere Behandlung verdient! – Ich hätte, hieß es weiter, einen anständigen Beruf wählen sollen, und nicht den Müßiggang im Hospitale. Hab' ich mich nicht genug in der Welt herumgetrieben, um im Alter ausruhen zu dürfen! Was geht es euch an, wo ich mein Ruhplätzchen suche, und wißt ihr es denn schon so sicher, daß ich müßig gehen werde? – Freunde, die der neue Reichthum mir zugezogen hatte, machte jetzt die Anwendung desselben mir zu Feinden, die Alles hervorsuchten, meinem Entschluß allen Werth abzusprechen, und die, wiewohl es offenkundig war, was ich vor Gericht hatte darthun müssen, daß mit meiner Muhme mir alle und jede Blutsfreundschaft abgestorben, dennoch dabei blieben, ich hätte das Geld meinen Erben lassen sollen. Welchen? Unbekannten Menschen, die einen ähnlichen Namen führten, und sich auf Gerathewohl hinzudrängten, um zu erndten, wo sie nicht gesäet hatten! – So tönte es; ich ließ sie tönen, weil ich wohl sah, daß sie nur schwatzen, aber nicht hören wollten. Sobald ich mein Geld nach einiger Mühe erhalten hatte, übermachte ich die ganze noch vorhandene große Summe nach X. als einen Beitrag meiner Erkenntlichkeit, zur Wiederherstellung des guten Werkes, dessen ich Jahr und Tag Zeuge gewesen. Ich überließ es den Behörden des Hospitals, den Betrag zum neuen Bau desselben nach Gutbefinden zu verwenden, und verlangte für mich nur die förmliche Zusicherung einer abgeschlossenen bescheidenen Wohnung in einem Flügel des Hauses mit einem Gärtchen, nebst lebenslänglicher Sorge für meine Bedürfnisse, die ich auf eine mäßige jährliche Summe angeschlagen hatte. Alles dieses ward mir gewährt, und auf's Beste bekräftigt. Noch war aber das Haus nicht gebaut, und es vergingen Jahre, bis Alles zu Stande kam. Diese Zeit benutzte ich, meine Schulden einzuziehen; und da sie mir theils an Geld, theils an Waaren bezahlt wurden, und ich selbst noch in meinem Krämerstand ein Artiges erspart hatte, so wandte ich einen Theil davon zu einem kleinen Kramladen an. mehr um Etwas zu thun zu haben, als daß ich eben auf großen Absatz zählte; allein der Erfolg war besser als die Erwartung. Seitdem ich dem Gelde nicht mehr nachging, suchte es mich; Manche trieb die Neugier zum Kauf, einen Menschen zu sehen, dessen Leben und Thun so viel Sonderbares habe: Viele kauften, weil sie dachten, der Narr, der nicht reich sein wolle, werde seine Waaren billiger als Andre losschlagen. Keiner fand, was er gesucht hatte, ich war weder ein Sonderling noch ein Narr, wenigstens wollte ich es nicht sein; aber ich hielt die Probe der Ehrlichkeit aus, und das währt nach dem Sprüchwort am längsten. Als nun endlich Bau und Einrichtung des Pflegehauses in X. vollendet war, holte mich der Aufseher, mein Freund, ab. Ich verkaufte Häuschen und Kram, und bestimmte (ich muß es sagen, da es zur Geschichte gehört) einen Theil des Betrags zum Erziehungsbehuf der armen verlassenen Kinder des Hingerichteten, durch den meine Muhme das Leben verloren hatte; das Uebrige verlief sich in andere Bäche. Dann zog ich mit dem Freunde in die mir für Lebenszeit gewidmete stille Freistätte. Es war gerade die rechte Zeit, denn meine Verwundung, obgleich geheilt, hatte doch Folgen zurückgelassen, die mir die Stille wünschbar machten, da sie mich am thätigen Leben hinderten. Hier nun, wie jener alte Römer, der am Ende seiner Tage blos sieben Jahre gelebt haben wollte, leb' ich nun bald noch einmal so lange in menschenmöglicher Zufriedenheit; ich lese, schreibe, helfe, baue mein Gärtchen, abgeschieden von der Welt, und geduldig, wenn sie mir zu nahe tritt. Ein Paar Freunde, die ähnliche Gesinnungen hegen, machen meine sichtbare Gesellschaft aus, und die unsichtbare geht mir über Alles. So habe ich mir ein Klosterleben gemacht, ohne die Leiden des Mönchthums. Wer besser zu leben glaubt, der bedaure mich! David Heß Der Tonkunst Wettstreit mit der Malerei 1. »Potz Stein und kein Ende, Angelika! Indeß ich da seit zwei Stunden im Feuer der Composition vor meiner Staffelei sitze, meine ganze Aufmerksamkeit dem Bild weihe, das aus meiner Seele quillt, und wähne, du zeichnest eben so eifrig fort, muß ich jetzt beim ersten Ausblick gewahr werden, daß das leichtsinnige Mädchen schon wieder Zeit und Augen verdirbt um – Noten abzuschreiben! Wie ist es denn möglich, daß du die fünf ewigen Paralell-Linien, die schwarzen Kleckse mit Schwänzen und Schnörkeln dran, lieber ansehn magst, als die weichen sphärischen Formen deiner Niobe, an der du hättest fortarbeiten sollen! Ich hätt' es halt gar nie leiden, dir kein Klavier anschaffen und dir die Musik ein für allemal verbieten sollen; denn über dem Gedudel geht der Hauptzweck deines Lebens verloren!« Mit diesen harten Worten fuhr der Maler Lukas Schönfeld seine einzige Tochter an, die nicht weit von ihm saß, und in der That sehr emsig neben ihrem Reißbrett Mustknoten kopierte. Des Künstlers Eifer war eben nicht bös gemeint, denn die schöne und wunderliebliche Angelika war sein Herzblatt; aber es war so die Art des gutmüthig launigten Feuerkopfs, sich grell und heftig auszudrücken. »Lieber Vater«, erwiederte das Mädchen mit sanfter Stimme und legte die Feder weg, »ich wußte mir an dem Kontur der Schattenseite allein nicht mehr fortzuhelfen und wollte Sie doch nicht stören, weil ich sah, daß Sie so ganz in Ihre Arbeit vertieft waren. Da schrieb ich unterdeß, um doch nicht müßig zu bleiben, den artigen Canon ab, welchen die Studenten vorige Woche im Konzert sangen.« »Was Konzert und Studenten! Du sollst weder eine Sängerin werden, Mädchen, noch mit Studenten Verkehr haben«, polterte der Alte fort. »Eine Malerin, eine bedeutende, berühmte Malerin sollst du werden, wie deine Namenspatronin, die glorreiche Tyrolerin! Darum ließ ich dich Angelika taufen, um dich durch diesen Namen schon der Kunst zu weihen, weil unser Herrgott mir keinen Sohn bescheerte. Gab doch mein Vater mir auch schon in prophetischem Sinne den Namen des ältesten christlichen Meisters, des Evangelisten Lukas! Und bin ich nicht ein ganzer Kerl geworden, den die wahren Kenner ehren, und dessen Werke lang nach seinem Tode noch fortleben werden? Wie oft schon erzählte ich dir, wie der alte Ismael Mengs seinen Sohn Raphael taufen ließ, damit auch er seinem Namenspatron, dem Erzengel unter den Malern, nachstrebe in der göttlichen Kunst. Der Blitzjunge wollte Anfangs nicht dran, aber sein Vater wußte ihm die Mücken auszutreiben. Er prügelte ihm, ja, ich sage dir, er prügelte ihm die Kunst ein; und daß er sie nachher faßte, und mit hoher heißer Liebe trieb, das beweisen die Werke des Unsterblichen. Prügeln werde ich dich freilich nicht, Herzenskind, dir nicht einmal mit dem Pinselstiel unsanft auf die Fingerchen klopfen; dafür aber sollst du auch die Hoffnungen deines Vaters nicht zu Schanden machen, keine Alotria treiben, und fleißig nach den guten Mustern, die ich dir vorlege, zeichnen und studiren, bis einst das innere Licht dir aufgeht, und du aus eigener Kraft die Mythen der Vorwelt darstellen kannst, wie die Tyrolerin, oder besser noch!« »Ich zeichne ja recht gern und fleißig, mein guter Vater«, sprach Angelika. »Allein zur Erholung und Abwechslung darf ich doch wohl auch ein Stündchen singen und spielen. Wie oft schon gestanden Sie mir selbst, daß Sie mit erhöhter Begeisterung arbeiteten, wenn ich Ihnen dazu das Lied aus der Ferne sang, oder des Wanderers Nachtlied an die Sterne? Um das aber mit einiger Fertigkeit thun zu können, muß ich mich doch üben, muß Noten abschreiben, um sie á prima vista lesen zu können.« »Ich wollte, ich hätte meine Rührung unterdrückt, deinem Gesang nie keinen Beifall gezollt, und dir überhaupt nie keinen Musikmeister gelassen«, entgegnete Schönfeld. »Ich that es deiner seligen Mutter zu Gefallen, die immer von deiner Stimme viel Rühmens machte, und wie die entwickelt und gebildet werden könnte. Hätte ich damals geahnet, daß die liebe leidige Musik so bei dir die Oberhand gewinnen würde, daß du der ernstern Malerei jede Minute abstehlen würdest, um auf dem Klavier herum zu trommeln und dabei zu trallaren, so hättest du mir nicht einmal Psalmen singen dürfen! Zwei Talente können nie neben einander getrieben werden, ohne daß eins dem andern schadet; und wer seine Zeit versplittert, und nicht Eines nur als Hauptzweck aufstellt, das Eine zu erreichen alle seine Zeit verwendet, dem das Eine allein nicht der einzige Taggedanke, der immer wiederkehrende Traum seiner Nächte bleibt – der wird auch immer nur ein mittelmäßiger Stümper, ein verdorbner, verzettelter Pfuscher bleiben! Und ich sage dir, die Malerei nimmt ein ganzes Leben und all unsre Kräfte in Anspruch, wenn wir etwas Rechtes leisten wollen, denn: Viel sind der Zaubereien der Kunst, Und wenig der Tage des Lenzes!« »Der Dichter meinte aber ja gerade die Musik damit«, sagte Angelika, »und sie ist doch auch eine göttliche Kunst; sie ist ja die Schwester, und eine recht schöne Schwester der Malerei.« »Ja, Kind«, antwortete der Vater, »sie ist es wohl; aber eine, wenn nicht jüngere, doch an innerm Gehalt sehr untergeordnete Schwester; sie verhält sich zur Malerei, wie ein verblasenes Portrait von Füger gegen ein keckbestimmtes Bild von Michel Angelo. Saitenspiel und Vogelsang, ist gar schön und währt nicht lang, sagt das alte Sprüchwort. Ihr singt, ihr spielt, ihr kitzelt die Ohren, ihr regt die Nerven auf mit Tönen, und sind diese verhallt, was bleibt zurück? – Nichts! Ausgesungen, ausgeklungen! Wenn eure Fugantini's, eure Heiden und Türken ihre besten Stücke abgeorgelt haben, und nur abseits gehen, einen Schnaps zu trinken, so hat Alles ein Ende; und wenn es wiederholt werden soll, so müssen sie wieder mit dabei sein; oder es braucht andere Leiermänner und Helfershelfer, die ihren Singsang nachkaleien, und nicht selten anders vortragen, als es sein sollte; am Ende gar noch Alles verhunzen. Auch der geübteste Tonkünstler hat nur einen unvollkommnen Genuß, wenn er die schönste Partitur vor sich sieht, ohne ein Instrument, und noch dazu ein gestimmtes, bei der Hand zu haben, auf dem er zusammen buchstabiren kann, was der Komponist mit seinen Hieroglyphen sagen wollte. Dagegen ist, was wir gemalt haben, jedem gleich anschaulich in seiner Urschönheit von Formen und Farben, wenn er anders nicht schielt, gesunde Augen im Kopf hat, und kein Akyanobleps ist, für den kein Blau existirt, wie uns Göthe lehrt. Siehe dessen Farbenlehre, 1ter Band, S. 42. Was wir erschaffen, bleibt! Es ist immer da; es kann, ohne jedes andere mechanische Hülfs- und Vortragsmittel, alle Tage auf's Neue wieder genossen werden, wenn auch der Meister schon seit Jahrhunderten auf seinem Pinsel, wie Elias auf dem Feuerwagen, zu den Unsterblichen empor gallopirt ist!« »Aber wie kömmt es denn«, frug Angelika, »daß die Musik auch ungebildete Naturmenschen anspricht und rührt? Beweist das nicht, sie sei die angeborne, überall verständliche Sprache des Herzens? Ein Bauer wird an dem besten Gemälde ohne Interesse vorbeigehn, und es nicht ansehn, wenn es ihn nicht etwa durch ungewöhnlichen Farbenprunk anzieht. Hört er aber Musik, wenn es auch nur ein lustiges Tänzchen wäre, so steht er still und lauscht; und ist er nicht ein ausgemachter Kloß, oder ein abgelebter Alter, so krabbelt ihn das Tänzchen in den Beinen, daß er hüpfen und Kapriolen schneiden möchte. Regt nicht die schmetternde Trompete in Roß und Reiter Kampf- und Siegeslust auf, und gibt selbst dem Verzagten Muth? Stolzer und freier als nach der bloßen Trommel marschiert der Soldat nach der Melodie des kriegerischen Marsches dem Tod entgegen. Und in der Kirche, lieber Vater! Wenn der ernste Chorgesang vielstimmig durch die hohen Gewölbe erschallt, wie erhebt er den frommen Sinn der ganzen versammelten Gemeinde, deren Herzen in Liebe zusammenschmelzen, wie ihre Töne in Harmonie! Wie empfänglicher wird die gerührte Seele für die hohen Wahrheiten, für die heiligen Mysterien der Religion! Und fällt die Orgel mit ihren Flötenregistern, und dann mit ihren ernsten Kontratönen in die Pausen des Gesanges ein, und wenn der geübte Meister sein Thema durch alle Tonarten in abwechselnden Modulationen hin und her führt, und ein Gedanke sich an den andern schmiegt, wie Blum' an Blume zu einem festlichen Kranze, und die mannigfaltigen frischaufsprossenden Tonblüthen doch alle nur ein abgerundetes, vollkommnes Ganzes bilden – o, Vater! welche wunderbaren Gefühle erwachen da in der Seele, die ohne Hülfe der Musik ewig geschlummert hätten; welch' unbestimmtes Ahnen und Sehnen füllt das Herz, nach Etwas, das von Jenseits winkt; welche zarten Vibrationen beben durch alle Nerven! Das Auge füllt sich mit süßen Thränen; die Wehmuth wird Wonne; leise Seufzer heben die Brust, in der es träumerisch auf und nieder wogt, wie Ebbe und Fluth des Weltmeers, und keine irdische Sprache vermag mit Worten auszudrücken, und zu versinnlichen, was tief sich im Gemüth des Menschen regt!« »Schwärmerin du«! rief der Vater. »Eben das ist es, was ich an der Musik auszusetzen habe, und warum ich mich selbst tadle, wenn ich mich etwa von ihrem verführerischen Klingklang hinreißen lasse! Sie erregt nur dunkle unbestimmte Gefühle; sie führt uns in Oßianische Thäler, voll Schatten, Mondlicht und Nebelgestalten, an denen kein Umriß deutlich zu erkennen und festzuhalten ist. Die Malerei dagegen nimmt nicht nur mit Homerischer Deutlichkeit und Zierlichkeit unsere Phantasie in Anspruch; sie ist auch Sache des Verstandes, ohne den sie nicht bestehen kann. Wie vielseitige Bildung muß nicht der Maler sich als Mensch und Künstler erworben haben, wenn er allen Forderungen der Kritik Genüge leisten will! Wie leer und roh sind dagegen viele Virtuosen neben dem Orchester, wenn sie von dieser bretternen Prunkbühne ihres beschränkten Wirkungskreises herabgestiegen sind! Die Tonsetzer meinen sich viel damit, wenn sie sagen: das Fundament unserer Kunst beruht auf der positivesten aller Wissenschaften, auf der Mathematik. Das beweist aber Nichts. Sie dient ihnen bloß als Vorsorge und Gesetz, daß die Balken des Gerüstes, um welches die Töne wie eine vielfarbige Lampenillumination um architektonische Formen sich schlingen, winkelrecht aufgestellt werden können. So haben wir Historienmaler auch die Anatomie, daß disästhetische Gerippe, zu gleichem Behufe. Deßwegen dürfen wir uns aber nicht rühmen, eigentliche Zergliederer zu sein. Und bei Anlaß der Anatomie muß ich dir nur noch rund heraus sagen, daß der Zauber der Musik, physiologisch geprüft, im Grund nichts Anders ist, als nur ein künstlicher, feiner Nervenreiz; und wird er zur höchsten Spannung gesteigert, so entsteht am Ende kränkliche Abnormität. Eine liebenswürdige Tochter des Kupferstechers Bause spielte sich durch die Harmonika, deren Tonschwingungen unmittelbar durch die Fingerkoppen das Nervensystem am stärksten erschüttern, eine Nervenzehrung an, die sie in der Blüthe des Lebens dahinraffte. – Ich habe noch einen andern Grund, warum ich dich vor dergleichen, durch Nervenreiz künstlich erhöhten Seelenstimmungen warnen muß; denn sieh', mein Kind, wir wissen noch alle nicht recht, was Körper oder Seele an uns ist, an welchen Fibern sie zusammenhängen, und wo der Haas eigentlich im Pfeffer liegt. Dergleichen wachsartige Dinger wie du, Angelika, werden durch Musik nur noch empfänglicher für jeden Eindruck von Außen her; zum Nassen ist bald genug geregnet, und euere vielfach besaiteten Herzen erklingen ohnehin gleich wie die Aeolsharfe, wenn nur ein laues Lüftchen daran vorübergleitet. Der kleine schlaue Amor lauscht hinter dem Sattel jeder Geige, und bestreicht jeden Fidelbogen, den ein junger lebenslustiger Bursche führt, statt mit Calfonium, mit seinem verführerischen Vogelleim, an dem erst die blitzenden Augen, und dann bald auch die raschpulsirenden Herzen der jungen Zuhörerinnen wie Finken kleben bleiben. Dein Herz aber, Angelika, sollst du nicht an den ersten besten Geiger oder Sänger vertändeln, der die Lockpfeife zu spielen versteht. Nur ein wackrer, vielseitig gebildeter Maler kann und soll mein Eidam werden, wenn dein Verstand, dein Aug und deine Hand sattsam geübt sind; und dann ziehn wir, ein artistisches Kleeblatt, nach Rom und Neapel, und nach Paris ins Museum, und führen zusammen ein Götterleben, von dessen Wonne du dir jetzt noch keinen Begriff machen kannst!« So schwadronirte der rasche Fünfziger Schönfeld, indeß er seine Palette beseitigte, und seine Tochter hocherröthend die schönen Augen niederschlug, und nicht weiter widersprechen durfte, um den, von der Arbeit erhitzten Vater, nicht noch mehr in Wallung zu bringen; denn sie hatte noch für die nächste Stunde eine Bitte an ihn auf dem Herzen. 2 Der Maler war eigentlich nichts weniger als ein Feind der edeln Tonkunst. Er hatte ihr selbst einen Theil seiner stürmischen Jugend gewidmet; durch sie hatte er sich die Liebe seiner früh vollendeten Gattin erworben, und würde es vielleicht zu einem nicht geringen Grad von Virtuosität auf dem Pianoforte gebracht haben, hätten die bekannten Töne nicht durch Verbindung von Ideen und Erinnerungsgefühlen seinen Schmerz über den Verlust der Geliebten erneuert. Zudem geschah ihm wie manchem Andern, der in der Jugend beiden Künsten zugleich huldigte; mit den reifern Jahren, wo der Verstand vorherrscht, schließt dieser sich naturnothwendig und vorzüglich dem Plastischen an. Und als er sich immer mehr in die bildende Kunst hineingearbeitet hatte. entfaltete sich in seiner regen Phantasie ein Plan, der schon früher im Hintergrund seiner Seele gelegen, zu einem idealischen Künstlerleben, in welchem seine Tochter, die entschiedene Anlagen zeigte, eine Hauptrolle spielte. Sie sollte, selbst Malerin, mit einem geschickten Maler verbunden, und dann beide durch ihn zum höchstmöglichsten Grade der Kunst und Celebrität erhoben werden. Nur seit dem er später bei seiner Angelika eine überhandnehmende, und kürzlich vorherrschend scheinende Neigung für die Musik gewahr wurde, suchte er alles Mögliche hervor, diese, gegen seine eigene innere und geheime Ueberzeugung, durch allerlei Sophismen zu bekämpfen, weil sie der unbedingten Ausführung seiner Lieblingsgrille hinderlich werden konnte. 3 Als die Palette rein, das angefangene Gemälde umgekehrt an die Wand gestellt, und die Staffelei auf die Seite geschafft war, sprach Schönfeld: »Jetzt zieh dich an, Angelika; es wird Abend, und den bringen wir auf der Akademie zu, wo du beim Lampenschein mir eine Skizze nach der Büste Homers entwerfen mußt. Es ist ein herrlicher Kopf; ganz der sinn- und bilderreiche Alte! Auf den Konturen seiner Stirn sieht der Physiognom die ganze Ilias schweben, und du kannst viel daraus lernen.« »Lieber Vater«, begann das Mädchen schüchtern, »ich hätte sehr gewünscht, Sie möchten mir erlauben, diesen Abend meine Freundin Egloff ins Konzert zu begleiten, da ich es ihr halb und halb versprechen mußte, im Fall Sie mir Ihre Einwilligung nicht verweigerten. Zudem singen die Studenten wieder, und diese Art von Gesang ist mir ganz neu und zieht mich ganz besonders an.« »Da haben wir's schon wieder«! rief der Vater. »Statt auf den Antikensaal will die ins Konzert. Daß dich doch! Und was munkelst du denn immer von Studenten? Was sind denn das für Studenten und was hast du ihnen nachzulaufen?« »Wie der liebe Papa doch zerstreut ist!« erwiederte Angelika. »Gewiß haben Sie's überhört, als ich Ihnen, vor mehr schon als drei Wochen, von diesen jungen Leuten erzählte. Vier Universitätsfreunde, die neben ihren ernsten Studien sich auch der Musik beflissen, und ihre Abende statt im lärmenden Kommerz immer nur auf ihrem Zimmer zubrachten, erwarben sich durch tägliche Uebung ihrer schönen Stimmen eine solche Fertigkeit im Quartettsingen, daß sie darin fast die Geiger-Virtuosität der berühmten Gebrüder Moralt aus München erreichten. Als nun die akademischen Ferien begannen, regte sich ein genialischer Lustgedanke in diesen vier befreundeten Jünglingen. Sie beschlossen, von ihrem Talent öffentlichen Gebrauch zu machen, einen musikalischen Streifzug anzutreten, überall, wo es sie anspräche, Konzerte zu geben, und so einige glückliche Monate unter neuen Umgebungen und Erscheinungen zu feiern. So kamen sie auch hieher; und da sie sehr wohl aufgenommen wurden, und mancherlei Bekanntschaften machten, verweilten sie länger, als sie sonst zu thun pflegen. Nun aber werden sie wohl bald wieder auf ihre Universität zurückkehren müssen, und heut Abend vielleicht zum letztenmal hier öffentlich auftreten, O, lieber Vater! Wenn ich Sie nur bereden könnte, auch mitzukommen. Es würde Ihnen gewiß Freude machen. Nur Freunde, nur Menschen, die sich innig lieben, und stündlich mit einander umgehen, können ihre Stimmen so aneinander gewöhnen, können so haarscharf einfallen, und einander vor- und nachgeben. Man glaubt, ein einziger Mensch spiele mit der Einheit seines Willens auf der Vox humana einer wohlgestimmten Orgel. Einige von ihnen sind auch Virtuosen auf verschiedenen Instrumenten, Dabei sollen es sehr ordentliche, sittsame und anspruchlose Leute sein; und was sie vortragen, ist sehr belehrend, da sie meistens nur Fugen und Canons singen.« »Ja, das sind mir die Rechten!« platzte Schönfeld heraus. »Als ob ich die Studenten nicht kennte! Ein ganz burschikoser Einfall, so pfeifend, singend und spielend durch's Land zu streifen, und unter jedem Fenster, wo ein Mädchenkopf lauscht, zu gurgeln: Der Vogelfänger bin ich ja, Stets lustig, heißa, hopsasa! Glaub du mir, ihre Canons sind Kanonen, womit dergleichen leichtfertige Artilleristen hinter den Schanzkörben ihrer geheuchelten Sittsamkeit und Bescheidenheit hervor die Mädchenherzen bestreichen, und Gott weiß, wo sie schon Bresche geschossen haben! Kind, bleib du mir aus ihrer Schußweite! Das taugt nichts für dich! Dein Herz soll keine Zielscheibe für solche lockern Brüder sein. Und hätten wir heut Abend auch keine Akademie, so dürftest du mir unter solchen Umständen doch nicht ins Konzert. Ich rathe dir zum Besten, Angelika, und damit Basta!« Ein kleines Gewitter von krausen Wolken und Thränenregengüssen stieg hinter des Mädchens verdüsterten Augen auf, als der Vater ihre Bitte so rund abschlug. Sie hätte gern noch fortgebeten und geschmeichelt, allein sie wußte, daß das Nichts helfen würde. Kleinlaut und verzagt warf sie einen Shawl über und begleitete den Vater auf die Akademie. Allein es wollte ihr da Nichts gelingen. Die Kreide war immer stumpf, so oft sie auch spitzte. Das Oel in der Patentlampe brannte so düster, daß sie, mit den zerdrückten Thränen in den Augen, keine Form deutlich unterscheiden, mit zitternder Hand nur höchst unvollkommen nachbilden konnte, und der Vater Homer kam ihr mit seinem krausen Barte wie ein Popanz vor. »So schlecht hast du nie was gemacht«, schmälte der Vater. »So geht es, wenn man immer Aliena treibt!« Früh und stille ging sie hinter dem schmollenden Vater nach Hause; und als der Weg sie an dem hellerleuchteten Konzertsaal vorüberführte, seufzte sie, daß die Steine sich hätten erbarmen mögen. 4 Allein über Nacht kömmt Rath. Am folgenden Morgen hatte sie mit Erlaubniß des wiederbesänftigten Vaters den durchaus nöthigen Gang zur Freundin Egloff zu thun, um sich für ihr gestriges Ausbleiben zu entschuldigen; und Schönfeld glaubte, es würde sie erleichtern und umstimmen, wenn sie ihr Herz ausschütte. In der That kam das Mädchen ganz erheitert zurück, und setzte sich an ihren Tisch am Fenster, um nach der Niobe von Seidelmann fortzutuschen. Schönfeld belehrte und unterhielt sie abwechselnd mit allerlei abgebrochenen Einfällen, und die Harmonie war wieder hergestellt. 5 Gegen zehn Uhr ward an die Thüre des Ateliers sittig geklopft, und auf Schönfelds »Herein!« trat ein Fremder an des Malers Staffelei mit freier Verbeugung und edlem Anstand und sprach nach den gewöhnlichen Begrüßungsformeln: »Ich heiße Wildenfels, und bin ein junger Pilgrim, der nach dem Vortrefflichen auf Erden wandert . Ich suche das Edle und Schöne in allen Gestalten und Formen, um es mir zur innern Vervollkommnung zuzueignen. Die Kunst spricht mein Gemüth mit Zaubergewalt an; sie gehört mit in den Kreis meiner Ausbildung. Auf langen Reisen fand ich selten Zeit genug, die Hand gehörig zu üben; allein da ich von Ihrem Künstlerruhm hörte, beschloß ich, einige Wochen oder Monate hier vor Anker zu legen und mich Ihres Unterrichtes im Zeichnen zu erfreuen, im Fall Sie mir denselben nicht versagen wollen. An gutem Willen soll es mir nicht fehlen.« Diese rasche Ardinghelles-Anrede machte den Maler stutzig. Sein Auge verweilte mit Liebe auf dem Jüngling, weil alles Schöne den Künstler mächtig anzieht. Der Fremde war eine hohe schlanke Gestalt; sein schwarzes Auge blickte dreist umher, als ob die Welt ihm angehöre. Seine dunkeln Locken flatterten wild über die gewölbte Stirn; die Nase war fein zugespitzt und auf den schmalen Lippen war ein leichter Anflug von Laune unverkennbar. Seine Bewegungen waren gewandt und zierlich und ein kräftiges Schnurbärtchen gab dem Ganzen ein heroisch-romantisches Ansehen. »Ich gebe sonst keinen Unterricht«, sagte Schönfeld, nachdem er seinen Gast ein wenig gemustert. »Allein wenn es Ihr ernster Vorsatz ist, sinnig zu studiren, und nicht bloß, um der Mode zu fröhnen, einige Früchte der Kunst im Fluge zu benaschen, so will ich wohl einen Versuch mit Ihnen wagen. Aber ich wiederhole es Ihnen, junger Mann, es muß Ihr wohlüberlegter Ernst sein; denn meine Zeit ist kostbar. – Ueberhaupt möcht' ich Sie und alle jungen Leute vor dem überhandnehmenden Dilettantismus warnen, der selten etwas mehr als Windeier ausheckt. Man meint jetzt, Alles treiben zu können und zu müssen. Ein Jeder will etwas zeichnen lernen, um die Werke seiner Hand hinter Glas und Rahmen von Idioten bewundert zu sehen, und etwa einer Dame ins Stammbuch oder zum Geburtstag ein buntbekleckstes Blättchen gehorsamst überreichen zu können. Wenn besonnene Schriftsteller klagen, die nächste Sündfluth, welche die Welt zu verschlingen drohe, könne nicht mehr vom Wasser verursacht werden, sie müsse von bedrucktem Papier entstehen, so klagen wir Maler noch lauter über die Anhäufung des Wustes von Bilderchen jeder Art, welche alle Wände und alle Mappen füllen und mit dem Fluche der Mittelmäßigkeit gestempelt sind. Ich sage Ihnen, dieses Aufstapeln gemeiner Waare, von Dilettanten oder verunglückten Künstlern berghoch auf einander geschichtet, verbreitet eine wahre Pest für die ächte Kunst. Warum? Da gibt es denn doch auch hin und wieder ein eigentliches Genie, ein Wesen, dem das Talent angeboren ist. Vor der Entwicklung der bessern Einsicht erblickt ein solcher Kunstjünger statt wenig einfacher vortrefflicher Bilder eine ungeheure Zahl gemeiner, schlechtgedachter, geschmackloser Vorstellungen; er muß es ansehen, weil ihn sein Instinkt zu allen Kunstgebilden treibt; er gewöhnt sich früh an das Mittelmäßige, an das Schlechte, und durch diese mannigfaltigen ersten und falschen Eindrücke erhält er eine schiefe Richtung; er findet das Gemeine erträglich; er begnügt sich damit; er steckt sich seine Ideale so niedrig als der Zeitgeist sie hinzustellen pflegt, seine Phantasie erkrankt an der Ueberfülle grober Kost, und nur selten, und meistens nur nach mühevollem Ringen und oft zu spät führt ihn der bessere Genius aus diesem Alles niederdrückenden Trödelkram, aus dieser Wildniß von Schmarotzerpflanzen, auf rauhem Pfad empor zu wahrer Erkenntniß des wenigen Guten, des ewig Wahren und Schönen! – Den bloßen Dilettanten könnte man allenfalls noch ihre nutzlose Tändelei gestatten. Allein es ist gar nicht gleichgültig, ob ihr Geschmack rein oder falsch sei; denn die Zahl der Liebhaber bildet doch das Schöppengericht – ich möchte sagen das Schöpfengericht, welches über den Werth des ächten Künstlers sich abzusprechen anmaßt und gewöhnlich sein Fortkommen in der Welt bestimmt. Wie ist er zu beklagen, wenn seine Patrone an der Gemeinheitsseuche laboriren und sein Streben nach der selteneren Vollkommenheit nicht zu würdigen verstehn! Man läßt den ernsten strengen Denker einsam darben, und hält sich an den großen Troß der Bilderfabrikanten, die besser gethan hätten, Schuster und Schneider zu werden, als die Altäre der Musen mit den Aftergeburten ihres Pinsels zu verkleistern. In frühern Jahren ließ ich mich bereden, einem vornehmen Herrensöhnchen Unterricht zu geben. Er hatte ein kostbares Farbenkästchen aus Paris verschrieben, und wollte gleich anfangen in Miniatur zu malen. Ich suchte ihm begreiflich zu machen, er müsse erst zeichnen lernen, und ließ ihn Augen, Nasen und Ohren nachbilden. Nach Verfluß einiger Wochen war ihm das zu trocken; er wollte gleich zum Nassen übergehen und bat mich, ich möchte ihm doch Umrisse von Offiziersfiguren mit der Feder zeichnen, damit er die Uniformen bunt bemalen könne; da machte ich mich auf und von dannen, und habe seitdem keine Schüler mehr annehmen mögen. Mit Ihnen, Herr Wildenfels, will ich eine Ausnahme machen, da Ihr Aussehen mir gefällt und es mir vorkömmt, als leuchte etwas Kräftiges aus Ihren Augen hervor. Sie finden Papier und Bleistift auf jenem Tisch; ich will hoffen, Sie haben dergleichen auch schon hanthiert. Dort hängt ein Kupferstich; es ist ein Kopf nach Raphael. Entwerfen Sie eine Skizze davon; fahren Sie einige Tage damit fort; zwischen durch finde ich Gelegenheit, Ihnen ein Bischen auf den Puls zu fühlen, ob Sie auf Ihren Kreuz- und Querzügen auch etwas mit gesunden Augen angesehen haben; gewahre ich aber, daß Sie nicht zur Kunst berufen sind, so zeige ich's Ihnen gewissenhaft an, damit Sie Ihre Zeit nicht nutzlos verschleudern.« Wildenfels machte sich gleich an die Arbeit, als ob er schon seit Jahr und Tag hier einheimisch gewesen, und nahm weiter keine Notiz von der Tochter des Künstlers, die nur selten von ihrer Niobe auf den Fremdling schielte und emsiger fortzeichnete, als sie noch nie zuvor gethan hatte. Nach Verfluß einer Stunde schob Schönfeld seine Staffelei zurück, um sich nach dem neuen Schüler umzusehen, und zu prüfen, was dieser zu Tage gefördert. »Daß Sie schon Etwas dergleichen getrieben«, sprach der Meister, das seh' ich wohl, und auch, daß Sie sich Mühe geben; allein viel ist es noch nicht. Die Züge sind noch schwankend und unsicher; ich fürchte, Sie müssen ganz von vorn anfangen. Wir werden vorerst Geduld mit einander haben müssen.« 6 Wildenfels kam nun alle Morgen von zehn bis zwölf Uhr, schwatzte wenig, ließ sich's aber recht sauer werden, etwas Gutes hervorzubringen, um die Zuneigung des Künstlers zu gewinnen, der den Jüngling wegen seiner einnehmenden Gestalt wohl leiden mochte und sich heimlich verwunderte, daß der scheinbare Brauskopf sich so geschlossen hielt. Sonderbar war es jedoch, daß zwischen Vater und Tochter, die sonst den ganzen übrigen Tag allein mit einander zubrachten, kein Wort über diese neue Erscheinung gewechselt wurde. Jedes schien seinen eignen Gedanken darüber im Stillen nachzuhängen. Auch spielte jetzt Angelika seltener als sonst auf ihrem guten Wienerflügel. 7 Eines Morgens hatte sich Schönfeld bei einem durchreisenden Gemäldehändler verspätet und kam erst gegen elf Uhr nach Hause. Schon auf der Treppe hörte er drinnen einige flüchtige Akkorde und Passagen anschlagen. »Ob wohl Angelika dem Wildfang ihre Künste zeigen will, um ihm doch einmal einen Blick abzugewinnen?« dachte er und öffnete leis' und unbemerkt die Thüre. Da stand das Mädchen, die der Thür den Rücken kehrte, neben dem Pianoforte und Wildenfels phantasirte. Es war ein Feuerstrom neuer kunstreicher Gedankenfülle, das höchste Produkt zügelloser Virtuosität, und verhallte endlich wie fernes leises Gesäusel. »Herrlich, göttlich! Das ist das Wahre! Das ist das Schöne! Das ist der Ausdruck tiefgefühlter Tonformen, reicher Ideenkraft, schöpferischer Fertigkeit, ohne Schulzwang, ohne Kleinheit! Alles inniges Leben und Harmonie, von Liebe erzeugt, mit Liebe ausgesprochen! Satansjunge, welch ein Gott oder welch Teufel hat dich in meine Wohnung geführt?« Mit diesen Worten stürzte der hingerissene Schönfeld gegen den aufgeschreckten Wildenfels, packte ihn bei den Schultern, umarmte und küßte ihn, indeß Angelika, zusammenfahrend, bald blaß, bald roth, verschüchtert und wortlos die Gruppe anstarrte. »Aber um's Himmelswillen, welch einen verkappten Mozart hab' ich da so lang unter meinem Dach gehabt!« rief Schönfeld, nachdem er sich vom Taumel der ersten Ueberraschung erholt hatte. »Junger Mann, Sie haben die geheimsten Gefühle meiner Seele aufgeregt, denn Sie sind ein Meister!« »Aber« – fuhr er nach einer Pause fort, »Sie hätten sich nicht so inkognito einschwärzen sollen; das sag' ich Ihnen rund heraus, des Mädchens wegen.« Und hitziger fuhr er fort: »Nein, nein! Das paßt nicht in meinen Kram! Wären Sie ein Maler, wie Sie ein Ton- und Tausendkünstler sind – ja, so – allein noch ist es Zeit, aber, bei Gott! hohe, hohe Zeit! Und sehn Sie, mit dem Zeichnen ist es doch nichts. Ihr Zeichnen verhält sich zu Ihrer Musik, wie Eins zu Tausend! Jede Stunde, die Sie verzeichnen, ist ein Diebstahl an Ihrer Musik. Zwei dergleichen Dinge dürfen durchaus nicht neben einander getrieben werden, und ich würde Sie immer vom Reißbrett ans Klavier schieben; ich könnte keinen vernünftigen Strich mehr neben Ihnen malen, und es würde dem Mädchen da den Kopf vollends verrücken! Gehn Sie um Gotteswillen! Lieber Herr Wildenfels, stören Sie den Frieden meines Hauses nicht! Mir wird angst und bange; mir wird siedend heiß!« Und indem er Wildenfels bei den Schultern gegen die offene Thüre schob, sprudelte er, halb bittend, halb drohend: »Gehn Sie um Gotteswillen, aber kommen Sie mir nie wieder! Ich bitte Sie! Ich bin nie mehr bei Hause; ich ziehe aus der Stadt! Der Herr segne Sie! Ich bin Ihnen nicht gram, ganz und gar nicht; aber wir passen weiter nicht zusammen! Adieu, adieu!« Und damit schloß er die Thüre hinter dem verblüfften Wildenfels, der gar nicht zu Wort hatte kommen können, ging hastig im Zimmer auf und ab und rieb sich die Stirn, indeß Angelika ganz verstört an ihren Pinseln und Tuschschälchen ordnete. 8 »Aber wie kam denn das, Angelika?« frug endlich der Vater. »Wußtest du, daß der Sapperlötter ein solcher Spieler ist?« »Ach! mein Vater«, sprach das Mädchen mit ausbrechenden Thränen, »zürnen Sie doch nicht; lassen Sie sich besänftigen! Herr Wildenfels wartete mit Ungeduld auf Ihre Heimkunft, weil er mit seinem Entwurfe fertig war. Er ging unbeschäftigt hin und her, sah das offene Piano, und frug mich, ob ich spiele? Ein wenig, entgegnete ich, und erkundigte mich dann, ob auch er vielleicht musikalisch sei? Er sagte, er spiele auch zuweilen. Ein Wort gab das andere, wie es denn so zu gehen pflegt. Da bat ich ihn, mich unterdeß Etwas von seiner Kunst hören zu lassen. Da setzte er sich hin, und Sie haben gehört wie er spielte – ach!« »Laß dir an dem genug sein, Angelika«, sagte Schönfeld mit großem Ernst. »Es geht dir für drei Konzerte. Aber ich bitte dich, schlage dir den Spieler und das Spiel aus dem Sinne. Laß das eine der schönen Erscheinungen im Leben für dich sein, die nicht wiederkehren und an die wir deswegen unser Herz nicht hängen dürfen. Laß uns auch weiter nicht mehr davon sprechen. Im Zeichnen bist du zu weit gekommen, um auf halbem Weg stille zu stehen. Blicke unverrückt nur auf das hohe Ziel, dem ich dich entgegen führe. Die bildende Kunst sei dein einziges Losungswort! In der Folge wird sich auch sonst noch Manches geben.« Mit diesen Worten ging Schönfeld aus dem Zimmer und überließ das Mädchen seinen stillen Betrachtungen. 9 Ueber Tisch ging es einsylbig zu. Die folgenden Tage ward wieder gemalt und gezeichnet, als ob Nichts vorgefallen wäre. Aber es war etwas Fremdes zwischen Vater und Tochter getreten. Schönfeld pfiff jetzt meistens bei seiner Arbeit, was er nur dann zu thun pflegte, wenn ihn Etwas wurmte. Er schien das Mädchen oft zu belauschen, als wolle er etwas in ihren Augen lesen. Angelika staunte viel gen Himmel oder zählte die Fensterscheiben. Zuweilen kam sie sehr heiter vom Besuch ihrer Freundinnen zurück, trat dann hastig zum Vater an die Staffelei, als habe sie ihm Etwas zu offenbaren, und dann hatte sie ihm doch weiter Nichts zu sagen, als – es habe ein wenig geschneit, und es könnte über Nacht wieder kalt werden. Daß Etwas in ihr vorgehe, mußte Schönfeld sehen; allein er wollte ihr durch keine Frage den Weg zu irgend einer Erklärung bahnen, vor welcher er sich scheute. Sein großes historisches Bild, Coriolan vor den Mauern Roms, in dem Augenblick, wo Mutter, Gattin und Kinder sein Herz zu erweichen trachten, wollte ihm jetzt auch nicht mehr nach Wunsch gelingen, und er ärgerte sich, daß sein Held, ob zufällig oder durch eine ihm selbst unbekannte Einwirkung, viel Aehnliches mit Wildenfels hatte. Alle Stunden rückte er an dem Gliedermann, nach welchem er die Gewänder malte, setzte ihm den Helm anders auf, suchte neu« Mantelfaltenwürfe und war überhaupt noch heftiger und auffahrender als sonst. 10 Alle Montag Abende brachte er im Künstlerklubb zu; und dieß Mal räumte er früher als gewöhnlich mit dem Gliedermann, der Staffelei und der Palette auf, stellte alles in das Nebenzimmer, griff dann nach dem Hut und sagte der Tochter ein zerstreutes Lebewohl. In der Gesellschaft war's ihm auch nicht behaglich. Er nahm keinen Antheil an den verschiedenen Gesprächen über Kunstgegenstände, die sonst seine liebste Erholung waren; und plötzlich fiel ihm ein, der Wildenfelsische Coriolan müsse ganz umgeändert werden; diesen verführerischen Burschen wolle er nicht verewigen und gleichsam mit Gewalt seiner Tochter vor die Augen und ins Herz pflanzen. Er dachte sich die neue Stellung, und ob es gleich noch lange nicht Zeit zum Aufbruche war, eilte er nach Hause, um sogleich noch dem Gliedermann die Positur für den folgenden Morgen zu geben. 11 Er schellte an seiner wohlverschlossenen Hausthüre; allein, obgleich er oben im Zimmer Licht sah, ward doch nicht aufgemacht. Nun schellte er stärker; Angelika sah aus dem Fenster und rief: »Gleich, sogleich Vater!« und dennoch dauerte es wieder eine gute Weile, bis sie endlich die Klinke zog, und ihm dann ganz verstört mit dem Licht entgegen kam. »Was ist dir denn, mein Kind«, frug Schönfeld, »und warum lässest du mich so lang unten warten?« »Ich glaubte, mein lieber Vater ... ich fürchtete, es sei Ihnen etwas begegnet, weil Sie heute so spät ... ich meine, weil Sie so ungewöhnlich früh heimkommen, deßwegen bin ich ganz erschrocken«, stammelte das Mädchen, »Gewiß haben Sie die Tabakdose vergessen und kommen sie zu holen. Ich will sie Ihnen suchen.« »Nein, Angelika«, sprach Schönfeld, »ich will nur den Mannequin anders stellen. Gib mir das Licht!« »Aber bei Nacht geht das nicht wohl an«, meinte Angelika; »Sie könnten etwas dran verderben. Ich denke, ich bringe Ihnen den Gliedermann heraus.« »Nicht doch, Kind! Gib mir nur das Licht«, brummte der Vater. »Ich will Ihnen schon leuchten«, sagte Angelika zögernd, trat aber nur von der Seite an den Thürpfosten und nicht hinein. »Wird es bald? So komm doch näher – aber was Teufels«, rief Schönfeld, »ich bin doch nicht betrunken, und sehe dennoch doppelt! Da liegt mein Gliedermann in der Ecke, und ein anderer steht daneben mit dem Mantel und Helm Coriolans. Ich glaube – wahrhaftig, der Kerl regt sich! Was ist das? Wie kömmt er da herein, Hausschleicher, Bandit?« Mit diesen Worten stürzte er auf den Coriolan zu, packte einen Unbekannten bei der Kehle und schleppte ihn ins Zimmer. Da polterte es in der Kammer. Schönfeld ließ den Coriolan fahren und stürmte hinein. Eine andere Figur, die hinter der Staffelei versteckt gewesen, hatte diese umgeworfen und war mit dem Gesicht gerade in die auf einem Stuhl liegende Palette gefallen. »Noch Einer!« wüthete Schönfeld, packte den sich Aufraffenden bei den Haaren und schleppte auch diesen ins Zimmer. »Diebe! Mörder! Hilfe, Nachbarn! Mein Haus ist erbrochen! Sie wollen meine Skizzen stehlen, sie wollen meine Kunstschätze plündern! Aber – alle Teufel! Da regt sich's noch! Da kömmt noch mehr! Es ist eine ganze Bande!« In der That kam aus dem Dunkel hinter den Vorhängen hervor noch ein Dritter und zog einen Vierten am Arme nach sich, in welchem der ganz verdutzte Schönfeld bei schärferm Anstarren den – Wildenfels erkannte. Aber seine Tochter warf sich ihm zu Füßen und stöhnte händeringend: »Vater, um aller Heiligen willen! Vergreifen Sie sich nicht! Es sind keine Diebe! Es sind... es sind ja nur die Studenten !« »Was, die Studenten!« rief Schönfeld. »Wie? und so bald ich den Rücken wende, öffnest du mein Haus diesen lockern Gesellen; schämst dich nicht, dich mit ihnen einzusperren, und lässest den Vater draußen auf der Gasse warten? Du pflichtvergessene Dirne! Ist das die Frucht meiner Ermahnungen? das der Lohn meiner Liebe? Am Ende erleb' ich's noch, daß du dich hinten auf das Steckenpferd dieser vermaledeiten Haimonskinder schwingst und mit ihnen, auf Abenteuer, ins Blaue davon jagst!« Jetzt trat der junge Mann hervor, der den Wildenfels am Arm herausgeführt hatte, und sprach ruhig und besonnen: »Herr Schönfeld, der Schein ist allerdings gegen uns. Allein Sie sind ein Mann von Kopf und Herz, und werden uns wenigstens anhören. Wir sind keine Abenteurer, wie Sie wähnen könnten. Die bedeutenden Empfehlungen, die wir von bekannten Größen, von geachteten Männern bei uns führen, werden Ihnen beweisen, daß wir – wenigstens ehrliche Leute sind. Ich heiße Freimuth und studire Theologie. Der da, der das Gesicht in die Farben gesteckt hat – putz' dir doch die Nase! – heißt Günther und studirt Medizin. Der Pseudo-Coriolan heißt Klinger und ist Jurist. Und in diesem, Ihnen schon bekannten edeln Manne habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn von Wildenfels vorzustellen, der noch keinen bestimmten Beruf gewählt hat, sich aber durch gründliche Studien zu jedem geschickt machte, und als Liebhaber die Musik mit Künstlerfertigkeit leidenschaftlich treibt. – Und nun kurz zur Sache: Wildenfels machte in den Konzerten, die wir in einer Anwandlung jugendlicher Laune öffentlich aufführten, die Bekanntschaft Ihrer liebenswürdigen Tochter. Eine wechselseitige glühende Leidenschaft verband innert wenigen Tagen ihre Herzen, die sich erkannt hatten, auf ewig. Sie sahen sich bei der Madame Egloff, an die wir empfohlen sind. Allein da Mademoiselle Schönfeld wußte, daß Sie nur einen Maler zum Eidam wünschten, durfte sie Ihnen Ihre unwiderstehliche Neigung noch nicht gestehen. Wildenfels, der Alles kann was er will, beschloß, bei Ihnen in die Lehre zu gehen, mit eisernem Fleiß die Kunst zu erlernen, und seine Angelika, wie einst Jakob seine Rahel, bei Ihnen zu verdienen. Wie Sie ihn am Klavier überraschten und aus dem Hause förderten, brauche ich nicht zu wiederholen. Seither sahen die Liebenden sich nicht, und Wildenfels wollte fast verzweifeln. Endlich faßte er neuen Muth. Er wußte, daß Sie den heutigen Abend im Künstlerklubb zubringen würden, und Ihre Tochter allein zu treffen sei. Um aber allen Anschein von geheimen Liebeshändeln vor Nachbarsaugen zu verhüten, forderte er uns alle drei auf, ihn zu begleiten. Mademoiselle Schönfeld war über unsere unerwartete und zahlreiche Erscheinung sehr betroffen, obgleich sie uns drei andere auch schon kannte. Nach mancherlei Berathschlagungen ward endlich beschlossen, daß ich Morgen früh zu Ihnen gehen, Ihnen alles offenbaren und für Wildenfels um die Hand Ihrer Tochter werben solle. Es wäre auch in der That geschehen, wenn sich Alles nicht früher und stürmisch entwickelt hätte.« »Ja, theurer Vater, so ist es!« schluchzte Angelika noch immer knieend, »und fest war ich entschlossen, meine innige Liebe zu dem edeln genialischen Jüngling aufzugeben, wenn Sie unsere Bitten nicht erhören sollten, und eher mein Herz einem ewigen Gram zu weihen, als Sie zu erzürnen.« »Herr Schönfeld«, begann endlich Wildenfels, »Sie wissen nun Alles. Sie waren Mensch, bevor Sie ein Künstler waren, und Sie sind Vater. Ein Wort für Tausende! Geben Sie mir die Hand Ihrer Tochter, Ihr Herz gehört schon unwiderruflich mein. Ich weiß es. Sie sind mir im Grunde doch nicht ungewogen und entfernten mich bloß, weil ich kein Maler bin. Aber Angelika kann ja auch als Liebhaberin der Kunst treu bleiben, so geht doch einer Ihrer Wünsche in Erfüllung. Ich habe meine Studien vollendet. Ich bin reich und unabhängig. In den schönen Umgebungen auf meinen Gütern läßt es sich angenehm wohnen. Ohne Sie, lieber Feuermann, könnten wir nie vergnügt dort leben. Sie ziehen mit uns, Vater, und wir bleiben beisammen bis an den Tod. Bevor wir uns aber auf dem Lande ansiedeln, reisen wir noch durch Frankreich und Italien, und schwelgen überall in den Kunstschätzen der Gallerieen und Museen. Schlagen Sie ein, Vater. Beim Allmächtigen, es soll Sie nicht gereuen!« Schönfeld hatte bereits seine Tochter sanft vom Boden aufgehoben, jedoch ohne sie anzusehen. Er befand sich gerade in der Stimmung, die er seinem Coriolan aufs Gesicht prägen wollte; Unentschlossenheit bei kämpfenden Gefühlen und allmälige Erweichung. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, sprach er endlich nach langem Staunen, »Ihr habt mich erzürnt, erschüttert und in meinem Hirnkasten Alles durch einander gewühlt. Nie hätt' ich mir's geträumt, daß, während ich bei meinen Freunden harmlos saß, meine einzige Tochter, mein Herzblut, mit Fremden gegen mich komplottiren würde!« »Es war, Gott weiß es, kein Komplott, lieber Vater«, versicherte Angelika. »Es kam so alles unvorbereitet, wie von selbst, als müßt' es so sein.« »Es war eine wohlgemeinte, ruhig und gewissenhaft überlegte Verhandlung«, fiel Freimuth ein, »und nachdem wir Ihrer Tochter die Redlichkeit der Absichten unsers Freundes, die Nothwendigkeit endlich einen entscheidenden Schritt zu wagen, bewiesen hatten, sangen wir ein Paar Quartette, ihr bewegtes Herz zu beschwichtigen, und es gelang uns, alle Aengstlichkeit von ihr zu verbannen. Am Ende brachten wir sie noch dazu, ein Duett mit Wildenfels einzustudiren, von welchem früher schon die Rede gewesen war.« »Ja, lieber Vater«, sprach Angelika, »wir repetirten Martini's schmelzendes Occhietto furbetto , aus der Oper l'arbore di Diana um Sie einst damit zu überraschen. Ach! ich weiß es ja. Sie sagten mir oft, wie Sie diesen freundlichen Erguß liebender Herzen in den seligen Brauttagen mit meiner verklärten Mutter gesungen.« »Kinder, Kinder! Ihr bietet ja Alles auf, mich zu überwältigen!« rief Schönfeld. »Mir ist so wunderbar zu Muthe. Tausend Gefühle und Erinnerungen kreuzen sich in meinem brennenden Kopfe, So singt denn in Gottesnamen euer Duett, daß ich unterdeß mich fasse und sammle!« »Geschwind ans Piano, Wildenfels!« flüsterte Freimuth. »Singt, wie David dem Saul, euerm bald gewonnenen Vater zärtliche Gefühle in die Seele.« 12 Und Angelika sang mit Wildenfels Martini's schmeichelndes Duett, das schon in tausend liebenden Herzen wiederhallte. Sie sangen es, von des Vaters immer freundlichern Blicken ermuthigt, so anschmiegend, so schelmisch, wie es Martini selbst hätte hören mögen; mit jedem Takte ward der Vater weicher, und endlich sahen sie das reinste Entzücken aus seinen Augen leuchten. » Basta, basta, cosi ! Nun ja, es ist euch gelungen, Ihr habt das Herz mir bezwungen!« rief der in den Tiefen seiner Seele erschütterte Maler und drückte die Liebenden an sein hochschlagendes Herz, »Welche süße Erinnerungen habt ihr in mir gewirkt; welche Töne süßer Vergangenheit habt ihr aus der schönen Traumwelt wieder hervorgezaubert! Ja, ja! Ich lege eure Hände zusammen; ich segne euch mit den Segnungen eines überströmenden Vaterherzens. Seid glücklich mit einander! Ich will glücklich mit euch und durch euch sein!« – Und euch, ihr wackern Gesellen, dank' ich, daß ihr mich per aspera ad astra geführt habt. Nehmt es nicht übel, daß ich euch für Diebe gehalten und nicht gleich witterte, daß euer Versteckens nur ein unschuldiger, fideler Burschenstreich sei. Ihr habt ein halbes Wunder verrichtet, denn vor einer Stunde noch würde ich den einen Narren gescholten haben, der mir gesagt hätte, meine Tochter würde einen andern als einen Maler heirathen. Aber – der Mensch denkt's und Gott lenkt's! Ach, meine Pläne! Mein Künstlerkleeblatt, meine geträumte Unsterblichkeit! Alles, Alles habt ihr rein weggeblasen!« »Lieber Herr Schönfeld«, sprach Freimuth, es ist ja alles so, wie Sie's wünschten; nur schöner noch und etwas anders, als Sie's träumten. Ihre Liebe zur Kunst gab Ihnen den Gedanken ein, Ihre Angelika mit einem Maler zu verbinden. Wenn Wildenfels nicht eben ein Maler ist, so ist er doch ein Künstler, und die Kraft seiner Kunst hat sich an Ihnen selbst bewährt. Und ist das Urprinzip aller Künste nicht eines und eben dasselbe im Gemüth des Menschen? Es ist eine rege schöpferische Kraft von oben, die Jeden, dem sie innewohnt, mit Göttergewalt antreibt, die Erscheinungen in der physischen und moralischen Welt mit dem lebhaftesten Gefühl aufzufassen, das Geistige aus dem Sinnlichen herauszuheben, verschönert und mit erhöhtem Leben darzustellen; durch diese idealisirten Gebilde, durch diese Anklage aus den Tiefen unsers bessern Wesens, den feinern Sinn der Menge zu wecken, ihren Geschmack zu veredeln und sie aus dem engen Kreise des niederdrückenden Werkeltaglebens in höhere Sphären emporzuheben. Ob das mit Farben oder mit harmonischen Tönen oder mit schön artikulirten Worten geschehe, der Zweck ist der nämliche, wenn schon die Mittel dazu, je nach der individuellen Natur des geweihten Priesters, verschieden sind. Aechte Dichter, Maler und Tonkünstler sind Brüder, sind alle Kinder einer Mutter. Die Einen bewegen die Seele durch das Auge; die andern durch das Ohr. Wenn der Maler den Vortheil genießt, die Schöpfungen seines Geistes auf dem Tuche zu befestigen und ihnen durch bestimmte Formen einen bleibenden, unveränderlichen Gehalt zu geben, so ist sein Werk, das er mit mühsamer ausdauernder Anstrengung vollendete, doch nur auf einen einzigen Zustand beschränkt; er vermag nur einen einzigen Moment darzustellen; indeß der Tonkünstler, durch Aufregung aller feinern Nerven, einen tiefern Antheil an seinen melodischen Formen erweckt, und die Seele, in kurzen Zwischenräumen, in mannigfaltig abwechselnde Zustände, nach Willkür, versetzt, sie zur Traurigkeit und dann wieder zur Freude stimmt, zu großen Entschlüssen begeistert, die heiße Sehnsucht beschwichtigt und milden Trost in tiefbetrübte Herzen gießt. Eigentlich sind die wahren Künstler allzumal Dichter, und alle sollten, weil entfernt sich anzufeinden und ihre verschiedenen Wirkungsmittel, einer auf Kosten des andern, vorzüglich preisen zu wollen, sich vielmehr brüderlich vereinen, nach besten Kräften einander aufwärts zu helfen, durch Ideentausch und Ineinandergreifen aller Kunstzweige, woraus eine Gesammtwirkung entstehen könnte, welche die Welt in ein wahres Paradies umgestalten und alle Menschen auf eine höhere Vollkommenheitsstufe emporheben würde.« »Ihr Herzensjungen!« rief Schönfeld, »Es ist alles wahr; ich habe das Alles schon früher empfunden und gedacht, und nur meine tolle Grille machte mich so schülerhaft einseitig. Ja, Wildenfels, du bist ein Seelenmaler mit deinen Harmonieen, und meine Angelika soll dich ewig begeistern, zu immer neuen und immer höhern Ausflügen ins Reich der Töne! Noch weißt du nicht, was Alles sich in dieser reinen Mädchenseele still verborgen regt; und jeder Tag wird dir eine neue Vollkommenheit an ihr entfalten, wenn du die Blüthen des Gefühls mit sinnig-schonender Hand zu pflücken weißt! – Welch ein Thor war ich, der beinah das Glück, das ihn verschleiert und prüfend heimsuchte, mit groben Händen aus der Thür geschoben hätte! Es ist nun Alles, Alles gut! Komm in meine Arme, Sohn meines Herzens, und du, Angelika, nur einen Augenblick reiß dich los von deinem Auserkornen! Laß vom Traiteur einen Ueberfluß von kalter Küche herschaffen und vom besten Achtundvierziger. Wir wollen uns des Lebens freuen, Und unsern Seelenbund erneuen! Die Hochzeit soll künftige Woche gefeiert werden, und erst dann das rechte Leben angehen! Wir wollen malen und spielen und singen! Die ganze Welt soll von unsern Thaten erklingen! Aber das beding' ich mir aus, Kinder! Euer Erstgeborne soll dennoch Raphael getauft werden; und wenn das Aug des Greises nicht trübe wird, wenn seine zitternde Hand noch den Pinsel führen kann und wenn unser Geist in ihm lebt und waltet, so soll er ein poetischer und ein harmonienreicher Maler werden! Gott segne den Jungen in seiner Unschuldswelt der neugebornen Kinder!« So jubelte Schönfeld, sprang mit Sätzen im Zimmer hin und her, schüttelte alle Augenblicke einem der herrlichen Jünglinge die Hand, am kräftigsten seinem Eidam, scherzte mit seiner Angelika gleich einem Verliebten und fühlte sich wie neugeboren. Ein trauliches Mahl, bei dem der Achtundvierziger nicht gespart wurde, beschloß den verhängnißreichen Tag. Mitternacht war schon lang vorüber, als die wackern Brüder unter herzlichen Umarmungen von dannen gingen. Vor dem Hause, unter den Fenstern des wonnetrunkenen Malers und seiner hochbeglückten Tochter verweilten sie noch und sangen mit gedämpfter Stimme: »Gute Nacht! Wir scheiden fröhlich! Lieb' und Kunst hat uns vereint. Jeder fühlt sich leicht und selig. Und der Schmerz hat ausgeweint! Mit des Morgens goldnen Stunden Sind wir wieder neu verbunden. Dank für heut sei euch gebracht, Liebchen, Vater! Gute Nacht!« Joseph Baumann Ulli und Elsi – Sein Busen hebt sich bange, Matt ist das Auge, bleich die Wange, Was mag das sein? Der Liebe Pein. Haug. »Das gefällt mir nicht, Mütterchen, daß der Junge so sonderbar sich verändert hat; vordem war er immer so heiter und froh, und jetzt schleicht er ja, weiß Gott, umher wie ein Verrückter. Hast du nicht bemerkt, wie er heute beim Nachtessen wieder so stumm und bleich hinterm Tische saß und keine Miene verzog, als der Meisterknecht ihn beim Kinn faßte und ihn fragte, warum er denn gar so drein schaue, als wenn er auf einem Kreuzwege gesessen hätte? Gertrud, das ist mir schwer aufs Herz gefallen; wenn so was wäre – behüt' uns Gott und die heilige Jungfrau!« So sprach der alte Thomas eines Abends zu seiner Frau. Er meinte den Ulli, der ihm unter all seinen fünf Söhnen der liebste war. »Wie kannst du doch so böse von dem guten Jungen denken?« erwiederte Gertrud. »Ja Weib, 's hat schon Mancher auf diesem Weg sein zeitlich und ewig Verderben gefunden! Die Jugend in unsern Tagen ist leichtfertig und unbesonnen, und der böse Geist, der ihr ohne Unterlaß nachstellt, versucht sie, wie er eben kann und mag. Hast du die Geschichte mit dem schwarzen Hund schon wieder vergessen, der alle Nacht da hinten saß, wo die Straßen sich kreuzen und mit feurigen Augen den Vorübergehenden nachschaute, bis der ehrwürdige Vater Augustin ihn erlöste? Nicht umsonst vermuth' ich auch dergleichen Dinge von Ulli; denn gerade seit der letzten Svlvesternacht, wo er so lange ausgeblieben, sieht er so aus, wie der Kapuziner sagte, daß diejenigen aussehen, die Gott auf eine strafbare Weise versuchen. Sein Gesicht ist blaß wie der Tod, seine Augen liegen ihm tief im Kopfe; er spricht Nichts, seufzt, wo er geht und steht, und hat gar so alle Lust am Leben verloren. Das sind schlimme Zeichen, wo sie unter der Jugend sich finden! O Gott, was muß ich in meinen alten Tagen noch erleben!« »Sei ruhig!« antwortete ihm die Hausfrau. »Ich weiß wohl, was dem Jungen fehlt, dürft' ich's nur sagen!« »Ei, so sag's doch, wenn du's weißt. Warum mich so im Zweifel lassen? Das heißt gegen den Ehstand sündigen!« rief der Alte unwillig aus. »Ach! schon lange hat's mir fast das Herz versprengt; aber wenn ich's sage, so – –« »Nun!« »Er liebt halt Georgs jüngere Tochter, die schöne Else drüben, und hat ihr heimlich die Eh' versprochen; darf dir aber Nichts davon merken lassen, weil er weiß, daß du ihrem Vater abhold bist.« »Gott sei Dank, wenn's nichts Schlimmeres ist!« erwiederte Thomas. »Aber eine Heirath mit dem Mädchen kann ich nie zugeben. Ich mag mit dem Georg nichts zu schaffen haben, er ist ein Fuchs. War' er nicht gewesen, so hätt' ich jetzt die Stiglisalp, sammt der schönen Weide hinten am Lauterbach; das schadet mir mehr als tausend Gulden!« »Da haben wir's, hab' ich's doch schon lange gedacht!« erwiederte Gertrud halb weinend. »Einmal für allemal, ich will Nichts davon wissen; der Junge kann sich eine Frau nehmen, wo er will, nur keine Tochter vom Georg, mit dem bin ich wie Hund und Katz; und du weißt ja, was man Alles von ihm sagt!« »Du lieber Gott, wohl weiß ich's, aber – –« »Was aber?« »Du wirst doch den Jungen nicht unter die Erde bringe wollen, mein' ich!« »Bah, deßwegen stirbt er nicht; das wär' nur ein dummer Streich!« »Thomas, weißt du noch, was du sagtest, als mein Vater dir nicht gleich zusagen wollte, wie du um meine Hand einst warbst? Trudel, wenn ich dich nicht bekomme, sagtest du, so geh' ich hinauf und stürze mich hinunter über die höchsten Felsen, O, ich erinnere mich noch mit Schrecken daran!« »'S war ein einfältiger Gedanke, hätt's nie gethan. O Weib, das Leben ist dem Menschen lieber, als daß er so mir Nichts dir Nichts davon sich losmachen sollte!« »Aber wenn es dahin käme, daß Ulli in der Verzweiflung es thäte; wer wäre Schuld daran?« »Thut's nicht, deßhalb sei nur ohne Sorgen! Und wenn der Mai einmal kommt und wir wieder hinaufziehen auf die Alpen, dann bläst die Bergluft ihm all den Rauch wieder aus dem Kopfe.« Und der Mai kam, die Matten blühten, auf den Alpen ward's sonnig und grün; aber in Ulli's Seele blieb's düster und trübe. Nur in sein Herz vermochte der wärmende Strahl nicht zu dringen und das gebundene Leben zu lösen. Traurig trug er die Glocken herab vom Speicher und hing sie den Kühen um; keinen heitern Blick gewann das süße Geklingel ihm ab. Du einst so fröhlicher Junge, warum magst du jetzt nimmer johlen? es geht ja hinauf auf die Berge, in's heitere Blau, wohin kein Kummer und keine Sorge dringen! Die Heerde muht freudig, es ist ihr zu eng schon im Stall. Der Ustig wett cho, Der Schnee zergeit scho; Der Himmel ist blaue. Der Gugger hat g'schraue, Der Maye sy cho. Lustig use-n-usem Stall Mit de luebe Chüene, Uesi schöni Zyt isch cho, Luft und Freiheit wartet scho Dinne-n-uf de Flüehne! So singt der Meisterknecht und zieht voran; ihm folgen in langer in langer Reihe die Kühe, die schwarzen, die falben, die rothen, die gesteckten, mit großen und kleinen Glocken am Hals, mit Blumen und Bändern gar zierlich um die Hörner gebunden. Wie tönt das Geklingel, wie schallt und wiederhallt das Johlen der Hirten und Buben! Es war ein heiterer Maitag. Der alte Thomas lag unter dem Fenster und schaute mit Vergnügen hinaus auf den Reichthum seiner Heerden. Das Geklingel kitzelte angenehm seine Ohren. »Mütterchen, Heuer sieht's wieder einmal gut aus!« sprach er zu der Alten, die ihm über die Schulter sah. »Gib mir bald Nachricht, Ulli, wie's droben steht, und ob der Schnee die Hecken wieder so niedergedrückt wie voriges Jahr!« rief er dem Jungen nach. Ulli nickte leise mit dem Kopf, aber sprach nicht ein einzig Wort. Und während der Zug sich entfernte, die Sennen und Buben johlten und jauchzten, der Hund freudig bellte, die Kühe ihre Glocken muhend schüttelten und Alles lustig den Alpen zuzog, schlich er allein und muthlos hinterdrein, wie ein verstoßenes Kind. Es war ihm, als wehte Todtenluft ihm entgegen und als blühte jetzt sein Kirchhof droben auf den heitern Höhen, die ihm sonst immer so freudig zugewinkt. O, wie die hoffnungslose Liebe doch alle Freuden des Lebens zerstört! Elfi, Ulll's Geliebte, war die jüngere Tochter eines reichen Nachbars. Sie war das schönste Meidli weit und breit, frisch und gesund wie die Natur, und liebenswürdig wie ein Engel. Kein Fürst hätte sich schämen dürfen, um ihre Hand zu werben; aber keiner würde sie erhalten haben, denn sie liebte den wackern Hirten mit unverbrüchlicher Treue. Wo die Natur noch ihre Rechte behauptet, da ist die Liebe rein, und heilig der treue Schwur. Elfi's Vater besaß mehrere Heerden und Alpen, aber er stand in der Gegend umher in dem Rufe eines nicht gar rechtlichen Mannes. Es ging die Rede, daß er seine Reichthümer eben nicht auf die ehrlichste Art erworben habe, und mancher arme Mann, der von Haus zu Haus sein täglich Brod bettelte, klagte mit heißen Thränen in den Augen seinen Wohlthätern, daß der Georg ihn um Hab und Gut und an den Bettelstab gebracht. Viele behaupteten sogar, sie hätten ihn schon bei Lebzeiten um Mitternacht als einen feurigen Drachen durch die Lüfte fahren oder als brennenden Mann an den Marken seines Landes wandeln sehen. Jedermann scheute sich, sein Haus zu betreten, und wenn Einer was mit ihm abzurechnen hatte, setzte er seine Rechnung lieber um Etwas niedriger als die Summe betrug, die er mit Recht hätte verlangen können, nur um mit ihm in keinen Streit zu gerathen. Sogar die Kinder wichen ihm aus, wenn er ihnen auf der Straße begegnete, weil sie von ihren Müttern gehört, daß der Böse ihm auf jedem Schritt nachfolge. Er kehrte sich wohl wenig an alles das, aber für die Seinigen war es traurig. Elfi, die gute Elfi, weinte oft in stiller Nacht heiße Thränen, wenn sie unter dem Fenster lag und auf ihren Ulli wartete. Und wenn er kam, streckte sie ihm die Hand hinaus, zog ihn leise hinein in ihr Kämmerlein und drückte ihn lang und innig an ihr Herz. Sie war so sanft und gut, und ihr that so weh, was man von ihrem Vater sagte. Wohl sprach ihr Ulli immer Trost zu; aber ihr Schmerz schien dadurch nicht gemildert zu werden. »Wir werden uns doch nie ganz angehören dürfen«, seufzte sie oft. »Ich muß in meinem Leiden vergehn, wie die Alpenglöcklein im Sonnenbrand; und was du thun wirst, Ulli, das ist dem lieben Gott allein bekannt!« Und wenn sie so sprach, so ging's tausendschneidig durch des Jünglings Seele und zog ihm die Faust krampfhaft vor die Brust; er hätte sich das Herz aus dem Busen reißen und aufhören mögen zu empfinden. Wie besinnungslos stand er eine Weile da. »Dich, Elfi, oder den Tod!« rief er dann plötzlich, küßte sie noch einmal und schied. So hatten die Liebenden während eines Winters manchen wehmüthig süßen Abend verlebt, bis der Frühling kam, der Blüthen und Freuden wohl in ihre Thäler, aber nicht in ihre Herzen brachte. Elfi weinte den ganzen Tag, als sie die Glocken von des alten Thomas Heerden hörte und dabei dachte, daß ihr Ulli jetzt auch mitziehe, weg von ihr, hinauf auf die hohen Alpen. Ihr war's, als hätte sie ihn den Abend vorher zum letzten Mal gesehen und als werde er nimmer wiederkehren von den Bergen; war's ja auch ihm so sonderbar zu Muthe gewesen, daß er fast sich nicht losreißen konnte von ihr und immer wiederkehrte und länger und länger verweilte, bis der Morgen über den Bergspitzen aufdämmerte. »Da sind wir ja wieder; Gott geb' uns Glück auf die Weide!« lief der Meistersenn, als der Zug angelangt war oben auf den Alpen, wo beim Anblick der Hütten ihm das Herz im Leibe lachte. Ungeduldig hielten die Kühe, bis die schweren Glocken ihnen abgenommen und leichtere umgehangen waren; dann zerstreuten sie sich nach allen Seiten, gleich als wollten sie sehen, ob noch Alles überall so wäre wie voriges Jahr. Scheu ob dem neuen Geklingel, flogen die Raben von den Tannen und flüchteten die schüchternen Gemsen sich höher hinauf an die Felsen. Herüber von den Nachbaralpen jauchzten die Sennen, die früher hinaufgezogen, und bewillkommten die Neuangekommenen. Der Meistersenn nahm den großen Trichter vor den Mund und rief seinen Nachbaren Glück zu und einen heitern Sommer, und diese schwangen ihre Eimer, zum Zeichen, daß sie ihn verstanden und ihm dankten. Auch ihre Kühe streckten den Kopf in die Höhe, schüttelten die Glocken und muhten so lang, bis des alten Thomas seine ihnen antworteten. Jetzt richtete man sich emsig ein in der Hütte, Keller und Milchkammer wurden gesäubert, und droben auf der rußigen Diele schüttelte der Küherbub das verlegene Heu auf zum Nachtlager. Mit Axt und Säge zogen Franz und Ruodi aus, um die ästigen Tannen, die Winterstürme niedergeworfen hatten, wegzuräumen von der Weide und Holz herbeizuschaffen für den Sommer. Alles war freudig beschäftigt, nur Uli stand da, trüb und müßig, als wenn ihn Alles nichts anginge. »Ich will die Weide umgehen und sehen, wie's mit den Hecken steht, ob die Kühe nirgends durchbrechen können in die Nachbaralpen oder hinabgleiten über die jähe Wand an der Nesselfluh, sprach er und entfernte sich von dem fröhlichen Treiben der Andern. Das Uebermaß von Schmerz sucht die Einsamkeit, wie das Uebermaß von Wonne. Tage kamen und verschwanden, Blumen blühten und verblühten; in der Hütte füllte sich's an mit dem gesegneten Ertrag der Heerde; Alles wechselte, nur in Ulli's Seele lag immer und immer die eine dumpfe, freudenlose Nacht. Er allein, wenn Alles um ihn lachte. Alles um ihn freudig war, mochte des Lebens nimmer froh werden. Die ganze weite Welt schloß nur Eines in sich, was seinem Herzen noch Reiz für das Dasein verlieh; es lag ihm so nahe, ach, und dennoch konnte er's nicht erreichen! – Armer Junge! Alles um dich knospet und treibt Blüthen; aus den Rissen der kahlen Felswand selbst sproßt der Alpenrosen grünes Gesträuch und will mit feurigen Blümchen sich schmücken, und du stirbst einsam ab mitten unter aller Fülle des Lebens; nur dich allein vermag des Himmels heiteres Blau, die frische Luft der Alpen nicht zu beleben. O des Schmerzes, so zu lieben! Wenn die Sonne unterging und ihre letzten Strahlen nur die höchsten Spitzen der Berge noch vergoldeten, ging Ulli öfter hinaus an die furchtbare Nesselfluh, wo's thurmtief unter ihm lag, und winkte hinab in den Silberduft, der drunten um die Hügel schwamm; aber seine Elfi sah es nicht, und wenn er ihren Namen auch tausendmal rief, antwortete ihm immer nur das einsame Echo aus fernen Klüften. Oft kniete er nieder und betete mit zerrissenem Herzen zum Himmel um Linderung seiner Leiden, oft blieb er stehen und sah starr vor sich hinab, als wenn das sein Grab wäre, was so tief unter ihm sich aufthat. Die Sennen, die ihn da sahen, wichen ihm aus; sie meinten, ein böser Geist habe sich in sein Herz genistet und wolle ihn um die ewige Seligkeit bringen. Der alte Thomas, dem man das erzählte, war tief in der Seele ergriffen. »Der Junge verbittert mir mein Alter, und ich hatt' ihn doch immer so lieb!« rief er oft und wühlte mit der rauhen Hand in seinen weißen Locken. »Ruf', um aller Heiligen willen, ihn doch herab und sag', du wollest die Elfi ihm lassen; du siehst ja, daß er sich abhärmt, bis er eine Leiche wird!« erwiederte alsdann Gertrud. »Das darf nicht sein, das kann nicht sein!« versetzte der Alte. »Ich käme bei den Leuten um Ehr' und guten Namen, wenn ich des verrufenen Georgs Kind meine Schwiegertochter nennte. Doch, doch das wollt' ich noch Alles eher hingehen lassen; aber in meinen alten Tagen noch einen Gewissensskrupel auf mich laden – Gertrud, Gertrud, hat der heilige Geist dich verlassen?« »Was meinst du?« fragte die Hausfrau zitternd. »Mit einem Manne, dem der Böse auf jedem Schritte folgt und auf seine Seele wie der Geier auf seine Beute lauert, in Verwandtschaft treten, mit seinem Fleisch und Blut meinen Sohn verbinden – Weib, wie sollte aus dieser Verbindung Heil und Segen erwachsen?« Gertrud war auf diese Antwort wie vernichtet. Ihr gingen die Augen jetzt auf, und ohne ein Wort mehr zu sagen, schlich sie hinaus und weinte bittere Thränen über ihres Sohnes unglückliche Liebe. Ach, er war ihr jüngster, liebster Sohn! – Unterdessen war auch auf Elfi's Wangen alles Roth verblichen. Sie war nicht mehr die Jungfrau, die wie eine Rose blühte, sondern gleich dem Frühblümchen, das, vom nächtlichen Reife erstarrt, bei aufgehender Sonne Kelch und Blätter traurig sinken läßt. Einst war sie so heiter und froh und schritt wie eine Göttin durch das Thal, von Allen, die sie kannten, bewundert, und jetzt lebte sie so düster und still und ging so bleich und blaß daher, von Allen, die sie sahen, betrauert. Die Lämmer, die sie einst so sehr geliebt, kamen jetzt umsonst des Morgens herab an die Haselhecke und blöckten vergebens durch das Gatter; keine liebkosende Hand streckte ihnen Salz hin und gedörrte Aepfelrinde. Nur bei den Aurikeln in ihrem Garten weilte sie noch gerne und sah oft Stunden lang mit mattem Blicke in ihre lieblichen Kelche. Sie erschrack, wenn ihre herbeigekommene Schwester zärtlich beim Namen sie rief, und auf die Frage, was ihr denn auch fehle? erwiederte sie Nichts und richtete ihre Augen empor zu den Bergen, wo ihr geliebter Ulli, wie sie, trauerte. Endlich gelang es Elfl's Mutter, die Ursache ihres stillen Grames zu erfahren. Der Vater, dem sie diese mittheilte, hatte Nichts gegen der Tochter Wahl und meinte, sie hätte nicht nöthig gehabt, um ihrer Liebe willen sich so abzuhärmen. »Ich will«, sprach er, »mit dem alten Thomas über die Sache reden; verschreibt er seinem Sohne gleich so viel als Eigenthum, daß die jungen Leute ehrlich dabei bestehen können, so geb' ich die Tochter gerne hin.« Er ließ Ulli's Vater wegen einer dringenden Angelegenheit zu sich rufen. Lange zögerte dieser; endlich erschien er. Mit heimlichem Grauen betrat er die Schwelle des verrufenen Hauses; aber auf die Heirathsbedingungen, die Georg ihm machte, sagte er weder ja noch nein, sondern begab sich sogleich zum Pfarrer, um sich bei diesem in einer so wichtigen Sache Raths zu erholen. »Ihr wollt Euern Sohn dem Teufel überliefern?« fuhr der geistliche Herr ihn an. »Thomas, Thomas, Ihr seid noch ungläubiger als der Apostel, dessen Namen ihr unwürdig traget!« Auf diese Anrede zitterte der Alte wie ein Espenblatt und ein Strom von Thränen floß ihm über die bleichen Wangen herab. »Hört!« sprach nach einiger Zeit der Pfarrer etwas ruhiger, indem er des Thomas Hand ergriff, »laßt vor Allem für Euern verirrten Sohn neun heilige Messen lesen, damit ihm Gott seinen Engel wieder sende, den er ihm entzogen hat. Darauf macht mit ihm eine Wallfahrt nach dem gnadenreichen Einsiedeln, daß er das wunderthätige Bild dort berühre und Wasser trinke von dem heiligen Brunnen, welcher ihn reinige von seiner sündigen Liebe und seine Seele stärke zu einem neuen, bessern Leben.« Der alte Thomas versprach's und ging getröstet nach Haus. Wenn die Ernte vorüber und er all' seine Garben unter Dach gebracht, wollte er die Reise mit dem Sohne antreten. So war er entschlossen, und Mutter Gertrud billigte freudig diesen Entschluß. »Es geht doch wahrhaftig Nichts über den Pfarrer, der kann aus aller Noth helfen!« lief sie aus, und ein zufriedenes Lächeln zog seit langer Zeit wieder zum ersten Mal um ihre welken Lippen. Aber ach, sie hatte sich schrecklich getäuscht! Der arme Ulli berührte das Wunderbild umsonst und trank vergebens Wasser von allen Röhren des heiligen Brunnens. – Wallfahren heilt die Liebeskranken nicht! Wie er wieder hinaufkam auf die Alpen, war es noch so traurig wie vordem – das Gluthverlangen nach seiner Elfi hatte kein heilig Wasser ausgelöscht. Sein Inneres wurde immer mehr und mehr zerstört und sein Geist mit jedem Tage kränker. Er dachte an Nichts mehr, als an die Geliebte, und wenn der Mond hinter den Bergen aufging, nahm er seine Zither, saß hinaus vor die Hütte und sang immer nur dieß eine Lied: 'S ist gar so öd u schurig, Mys Herz isch trank u trurig,      Voll Schmerz u Weh; Ach Gott, 's cha nümme g'sunde, 'S het gar so tiefe Wunde,      O jeh! Bym Liebche wär i gerne, Doch's Liebche-n-isch mer ferne,      Darf's nümme gseh; Sust isch jo nüt uf Erde, Daß i'chönnt gheilet werde,      O jeh! I d'Heimet kehr i wieder, Bald stygt my Engel nieder      Us blauer Höh; Lebt wohl, ihr grüene Weide, Der kranke Hirt thuet scheide,      Ade! Eines Abends, als er auch so gesungen, legt' er die Zither nieder ins feuchte Gras und ging hinauf an die Nesselwand. Lange starrte er hinab in die nächtliche Tiefe, lange hinaus in die mondbeleuchtete Ferne, winkte mit dem Arm und rief: »Elfi! Elfi!« »Komm herab zu mir, geschwinde, geschwinde!« antwortete eine Stimme von der Tiefe herauf. »Geschwinde, geschwinde!« schrie er in herzzerreißendem Tone und – stürzte sich hinunter über die Felswand. Vergebens suchten ihn die Sennen die ganze Nacht; erst am folgenden Morgen fanden sie ihn zerschmettert und verblutet. Aber ach! auf seinem Leichnam lag auch Elsi's Hülle, todt und kalt. – Von unendlicher Sehnsucht getrieben, war sie hinaufgegangen beim Vollmondschein an die Nesselwand, weil sie gehört hatte, daß ihr Ulli dort bei stiller Nacht oft weile. Sie hatte seine Stimme vernommen und ihn herabgerufen zu ihr; aber der Liebende war ihr zu geschwinde gefolgt! So wurden Ulli und Elsi das Opfer unglückseliger Begriffe. Aber wenn auch im Leben getrennt, wurden sie doch im Tode vereint: ihre Asche ruht in einem Grabe. Da, wo man ihre Leichen gefunden, stand lange ein schwarzes Kreuz, und noch geht die Sage, daß man, so oft die Hörner des Mondes sich füllen, daselbst rufen höre: »Komm herab, geschwinde, geschwinde!« Die Hirten umher meiden den Ort, doch wollen Viele gesehen haben, daß öfter zwei schneeweiße Tauben die Nesselwand umflattern. Hektor Zollikofer Die Bergfahrt Schön sank die Sonne hinter die Gebirge hinab und ich pfiff eben meine Lieblingsmelodie: »Seht dort auf Felsenhöhn«, als um die Hügelecke herum das liebliche Dörfchen M... mit seinem hellweißen Kirchlein vor mir lag und mich freundlich einlud, meine Nachtruhe in ihm zu nehmen. Im Gasthof streckte ich behaglich meine Füße aus und schlürfte das mit Wasser entdunkelte Rebenblut langsam in die erhitzte Brust hinab, als ich an einem fernen Tische einen Unbekannten entgegnen hörte: »Nun, wenn der nicht kömmt, so muß ich wohl den Maler P... rufen, der wird ...« »P...!« rief ich bewegt aus; »wohnt denn«, so ging ich den einen der Herren an, »wohnt denn der Maler P... hier in der Nähe?« »Fünf Stunden von hier«, war die Antwort, »in V ...« Das ist ein göttlicher Zufall! jubelte ich bei mir, das ist ja eben meine Route, und wäre es auch 20 Stunden zur Seite, du wolltest deinen P... wieder sehen! – P... war nämlich einer meiner vertrautesten Freunde von der Akademie her. Tausend Ergüsse des Herzens und Geistes, tausend zarte Opfer, tausend Schwüre ewiger Verknüpfung und tausend Verabredungen von einstigem Zusammenleben und Zusammenreisen banden uns; aber ein Sturm des Geschickes hatte uns unvermuthet auseinander gerissen, unsere Korrespondenz war gekreuzt und zerschnitten und wohl ein Dutzend Sommer vorüber geschwunden, ohne daß ich ein Jota von seinem Aufenthalt, Leben oder Ewigkeit wußte. P...! rief ich daher nochmals aus, liebster, bester P...! dich werde ich wiedersehen! – Mit Tagesanbruch machte ich mich auf den Weg, der kalte Bergwind umsauste mich, die Felsen wurden immer gethürmter, der Waldstrom donnerte lauter über die Rollstücke, ein schönes Thal öffnete sich, ein heller See lag vor mir – alle diese Naturschönheit genoß ich – doch dießmal ohne Reflexion, ohne Bewußtsein; die Landschaft war mir gleichsam nur der Rahmen, die Arabeske zu dem Gemälde des Wiederfindens meines verlornen P..., das in meiner entzückten Seele sich gestaltete. Ich trat durch einen kleinen, aber hübschen Garten auf das mir bezeichnete Haus zu; eine junge, blühend schöne Frau mit einem Säugling auf dem Arme frug nach meinem Begehr. Sie bedauerte, daß ihr Gatte auf mehrere Tage abwesend sei. Als ich aber meinen Namen nannte, leuchtete ihr Auge. »Sie sind Herr C...! mein Gott! warum muß denn Karl eben abwesend sein! Doch, treten Sie geschwinde ein! Unbekannt zwar von Person sind Sie mir. doch durch die Erzählungen meines lieben Karl schon ein alter, trauter Bekannter; begnügen Sie sich diese paar Tage mit meiner geringen Unterhaltung, und ich bitte Sie recht inständig, thun Sie ganz so, als ob Sie zu Hause wären.« Ich beglückwünschte meinen Karl laut und leise; das Erstere färbte die Wangen der Lieblichen mit Purpur; der Säugling spielte mit ihrer lichtbraunen Locke oder schob sein Fingerchen zwischen ihre frischen Lippen und enthüllte das Elfenbein ihrer Zähne. Ihr Wuchs schien wie zur Liebe geschaffen; ihr sanftes, geistreiches Auge blickte mich entzückt an und ruhte dann gleichsam wieder vor meinem scharfen Beobachtungsblicke auf ihrem Säugling aus. Sie führte mich zur Unterhaltung in ihrer Wohnung herum; Wohlstand und Ordnung leuchtete überall, geschmackvolle Gemälde zogen die Blicke auf sich; die schönsten hingen im Schlafkabinet. Ein Vorhang verdeckte eines: ich war im Begriffe, ihn hinwegzuziehen, als eine Blässe wie ein Blitz über ihr Antlitz fuhr, dem ein brennendes Roth der Scham folgte, und mit einem: »Lassen Sie! lassen Sie! ich bitte! ich bitte!« hielt sie meinen Arm zurück, »Legen Sie«, fuhr sie sanftdringlich fort, »Ihrer Neugierde den Zügel an, bis mein Karl zurückkommt.« Zugleich sprang ein holder Knabe an die Mutter an, vollendete die Diversion und ich ward wieder aus dem Zimmer und von dem Isisbilde wegbugsirt, dachte aber keineswegs die Rückkehr meines Freundes abzuwarten und die Verantwortung ganz getrost auf mich zu nehmen. Der günstige Augenblick erschien bald, als ich mit einem Bande aus meines Freundes kleiner Bibliothek mir selbst überlassen wurde; ich lüftete den Vorhang etwas – ich riß ihn ganz auf: ein Mädchen, schön wie Hebe an Gestalt, saß auf einem Felsenabhang; ihr Busen war einzig von ihren langen reichen Locken verhüllt, den Schoos deckte ein moderner Strohhut; ihr Blick drückte schreckliche Seelenangst aus, ihre Hände waren flehend und zagend gen Himmel gerichtet, den drohende Gewitterwolken mit fernen Blitzen umdunkelten; die Züge waren unverkennbar diejenigen meiner lieblichen Wirthin. Ich begriff nun ihren Purpur, ihr Erblassen aber noch nicht. Aufschluß konnte ich, das war leicht zu fühlen, von ihr nicht erhalten. Das Gemälde hatte etwas furchtbar Anziehendes. Meine Neugierde ward aufs heftigste gespannt. Bald sollte ich Befriedigung haben. Abends kam der Bruder meiner Wirthin, ein junger, feiner Mann. Wir näherten uns einander mit der Schnelligkeit guter, gleichgestimmter Seelen. Wir lustwandelten im Abendgolde über blumige Wiesen auf einen sanften Hügel, wo wir uns lagerten; ich leitete das Gespräch leicht auf das Gemälde. »Mein Gott!« rief er, »schon gesehen! Ach! das ist eine Geschichte, die mir selbst die Haare emporstehen macht, so oft ich daran gedenke.« Man kann urtheilen, wie sehr diese Worte meine Theilnahme steigerten! »Verschonen Sie mich heute Abend damit«, fügte er jedoch nach einer Pause hinzu, »ich bitte Sie; es kommt mir sonst im Traume vor. Morgen früh lade ich Sie zu einem Spaziergange ein; glauben Sie mir, bei heller Sonne und leuchtendem Tage hört sie sich besser.« Was konnte ich thun? Ich mußte mich wohl ergeben, und wenn ich mir das Grausenhafte in den Blicken des Mädchens im Bilde vorstellte, schien es mir, als ob es auch für mich das Bess're wäre. »Karl«, so fing meiner Wirthin Bruder an, indem wir von dem streifigen Morgenroth angeschimmert, die Allee eines nahen Landhauses mit unsern Schritten hinauf- und hinabmaßen, bis der Sonnenstrahl den Thau der Bänke aufgeküßt hatte, »unser Karl kam vor ungefähr sieben Jahren in diese Gegend. Ich übergehe es, wie es kam, daß er mit meiner Schwester Julie bekannt wurde, bald sein Herz an sie verlor und sie seine glühende Liebe erwiederte. Ich will dieses Feld der Erzählung seiner beredteren Lippe bei seiner Zurückkunft überlassen. Was meine Person bei diesem Handel betraf, so neigte sie sich bald ganz auf die Seite der Glücklichen. Unser Vater aber sah etwas mißfällig dazu und wünschte lieber die dringenden Bewerbungen eines gewissen Barons F... vorgezogen zu sehen. Das Pärchen mußte und wußte sich mit Hoffnung und Treue zu behelfen. Despot war unser Vater nicht, aber auf seine Einwilligung hätten sie denn doch noch lange harren dürfen. Da kam es, daß wir jenen Sommer eine Bergfahrt verabredeten. Es waren unser sieben Personen, vier Frauenzimmer, darunter meine Schwester Julie, dann Karl, ein Freund von mir und meine Wenigkeit. Eines der Mädchen bangte am Morgen des Abreisens und wiederrief das Vorhaben halb scherzend, halb ernsthaft, denn ihr hatte geträumt, in einer Kutsche umgeworfen worden zu sein. Wir lachten und neckten aber, bis es bald wieder selbst die Avantgarde bildete. Wir durchbrachten einen herrlichen, genußreichen Tag auf den sonnigen Weiden, den duftenden Kräutern, den klingelnden Heerden, den säuselnden Alpenwinden, den entzückenden Fernsichten, den gigantischen Felspyramiden, dem Donnern der Gletscher, mit Jubel, mit Gesang, mit Scherz aller Art, mit Labsalen der Alpenhütten, mit neckischem Klettern, mit Botanisiren und auch wohl mit Lieben und Seufzen. Auf einem erhabenen Punkte nahe am Eis der Gletscher genossen wir des folgenden Tages, nachdem der Sternenmantel der kurzen Nacht nach und nach erblaßte und der Osten sich bepurpurte, das göttliche Schauspiel der aufgehenden Sonne; ihre Strahlen eilten siegend auf uns zu, während die halbe Welt noch im Schlummer und dem Schatten der Thäler lag. O mein bester Freund! sagen Sie mir, haben Sie dieses Schauspiel noch nie genossen? Haben Sie es noch nie, so müssen Sie es hier genießen! ...« Auf meine Erklärung, daß es mir nur in geringem Maße einigemale zu Theil geworden und dieß mit im Zweck meiner Erholungsreise sei, fuhr Gustav, so hieß der Schwager meines Freundes, mit einem Seufzer fort: »Wir dachten nun an die Heimreise, die in einem Halbzirkel vollendet werden sollte. Der Weg war uns wohl bekannt. Mittags führte uns derselbe links an einer Felswand entlang. Zur Rechten war ein mehrere Thurm tiefer, beinahe senkrechter Abgrund; zwischen ihm und dem schmalen, doch sicher zu betretenden Pfade stunden hie und da einzelne Zwergtannen, die das Schauerliche verminderten. Niemand von unserer Gesellschaft war zudem schwindelig und so ging es wohlgemuth diesem kolossalen, nur wenig schief geworfenen Bergesimse entlang. Karl schlenderte voran. Plötzlich hielt er. Eine Felsmasse von lockerem Gestein, die etwa zehn Schritte vom Pfade abfaßte, zeigte sich losgerissen von dem Ganzen und schon um einen Fuß gesenkt; zweifelhaft hing sie noch da über dem Abgrund. Wir stellten Berathung an. Karl war der Meinung, sie werde noch wohl so lange mit Herunterglitschen zuwarten, bis wir hinüber seien; noch manches Felsstück in der Welt, manches morsche Burggemäuer und mancher schiefe Thurm, drohe seit Jahrzehnden und Jahrhunderten und stehe noch. Mein Freund rieth zum Rückweg; Amalie, das Traumfrauenzimmer, unterstützte ihn aufs lebhafteste. Julie schien sich ebenfalls dieser Partie anzuschließen. Die andere Partie führte die lange Mühe des Rückweges zu Gemüthe. Ich untersuchte, ob nicht oberhalb der geborstenen Masse, härter an der Felswand ein thunlicher Uebergang zu finden sei; allein dieser schmale Raum war zu sehr abschüssig und nur mit schwachen, wurzellosen Grasbüscheln bewachsen, als daß er für andere als kecke Waghälse, für Frauenzimmer aber in keinem Falle passirbar war. Da rief Karl: Pah! einzeln wenigstens wird es uns doch noch tragen, ich will den Anfang machen! Mit diesen Worten war er schon auf dasselbe hinabgetreten und vier Schritte darauf gegangen, als es – welch Schreck, welch Entsetzen! plötzlich unter seinen Füßen zu knacken und zu sinken begann und im Nu mit donnerndem Gerassel in den Abgrund prasselte. Ein fürchterlicher Schrei entfuhr uns. Die unglückliche Amalie taumelte entschwindelnd gegen den Rand des Abgrunds hin und war nicht mehr! – – kaum daß ich Julie, die zwischen dieser und mir stand, und ebenfalls besinnungslos umwankte, ergreifen konnte. Als wir zwei Männer wieder aufzublicken wagten, sahen wir, wie Karl mit beiden Händen eine starke Wurzel einer knorrigen Zwergtanne mit Geistesgegenwart im Moment des Sinkens erfaßt hatte und so senkrecht über dem Abgrund schwebte. An ein Emporklimmen war aber nicht zu denken, da die Wurzel aus einem überragenden Felsenstück und wieder in eine Ritze der untern Felswand lief. Herzzerschneidend war der Schrei Juliens nach ihrem Erwachen aus der Ohnmacht nach ihrem Karl. Julie! ich lebe noch und mir wird Rettung werden! rief er ihr zu. Als sie ihn aber in so gräßlicher Lage erblickte, schlossen sich ihre Augen nochmals. Nochmals erwachte sie. Da schien plötzlich ein höherer entschlossener Geist über sie gekommen. Zurück! rief sie uns zu, holt Leute, holt Leitern, holt Seile! um des Himmelswillen! Ich verbleibe indeß hier bei Karl! Eilt! eilt! Wir frugen Karl, ob er sich halten möge? Die Wurzel ließ zum Glück so viel dreieckartigen Raum, um beide Ellbogen einzuhängen und so noch einiger schrecklicher Abwechslung zu genießen. Ich rief nach allen Nastüchern, drehte sie, knüpfte sie und warf sie Karl zu, der, indem er den rechten Ellbogen eingehängt hatte, mit der freien Linken vermögend war, eine Schlinge um den Leib zu legen und sich dadurch mehr Erholung und Sicherheit zu geben. Doch dieß schien uns noch nicht hinreichend; ich fertigte noch eine zweite, lange Schlinge aus allen übrigen Nastüchern, Shawls und Strümpfen, warf sie zielend um den Stamm der Tanne selbst, so daß sie über das Felsstück hinaus in die Luft herunterhing. Karl aber wurde ein hakiges Reis zugeworfen, um sie an sich zu ziehen; es gelang, und er war nun mit seiner Sicherheit doch nicht mehr allein auf die Schicksalswurzel beschränkt, obschon sein Anblick, im Fall er sich des letztern Mittels bedienen müßte, noch grausenvoller und sein Zustand quälender ward, da das gegenwärtige Anstemmen seiner Füße und Knie an der Bergwand ihm ein milderndes Gefühl seiner Lage gab. Glauben Sie mir, mein Freund, wir mußten ihn bewundern, er zeigte die Fassung eines Helden; als Feigling und Schwächling läge er längst zerschmettert und Sie müßten seine Gebeine in den Nestern der Geier suchen. Wir mußten Julie hier am Rande des Abgrundes sitzen lassen, denn ihr Befehl hatte etwas Ueberirdisches; zudem fühlte Jedes, daß dem armen Karl ein solcher Trost wohl nöthig wäre, um ihn gegen Verzweiflung zu schützen. Mein Freund und ich waren aber nur zu unumgänglich nothwendig zur Begleitung der bleichen, bebenden, zagenden, wankenden, weinenden, heulenden zwei Frauenzimmer. Wahrlich! ich versichere Sie, bis auf diesen Tag ließe ich es mir nicht entscheiden, wer qualvollere, banghaftere Minuten ausgestanden hat, der schwebende Karl, oder Julie, die ihn anblickte, oder wir, die wir ihn über dem Abgrund wußten und einen drei Stunden langen Weg bis zu den nächsten Alpenhütten, wo Hülfe zu holen war, vor uns sahen – !! – Lassen Sie mich aber zu Karl und Julie zurückkehren. So bald wir uns entfernt hatten, ging Julie etwas bei Seite, zog ihr Unterkleid und Hemde aus, umband es mit der Schnur ihr Korsets und warf es Karl zu, um sich noch eine Schlinge zu verdoppelter Sicherheit zu knüpfen. Unglücklicher Weise aber, sei es nun aus Ungeschicklichkeit ihrer oder seiner, erhaschte er sie nicht; sie fiel in den Abgrund; Julie beinahe mit vor Schreck. Die Hände ringend stand sie da. Karl tröstete sie und versicherte sie der Sicherheit seiner gegenwärtigen Schlinge. Wenn nur diese rettende Wurzel aushält, fügte er bei, so glaube auch ich ausharren zu können; mein Freund hat es gut gemeint mit seiner zweiten Schlinge, aber ich fürchte, wenn ich an derselben in die Luft hinausgeschleudert werde, so würde ich vor Schwindel von Sinnen kommen und mich der kommenden Hülfe nicht mehr bedienen können. Nach einer Weile aber hub Karl wieder an: Liebe Julie! hast du Nichts mehr mir zuzuwerfen, es däucht' mir irgend ein Reißen in einem Nastuch zu verspüren, ich traue ihm nicht mehr, ich will wieder einen Arm einhängen. Das arme Mädchen war glühend roth von der Stirne bis zum Busen herab – blitzschnell aber war sie entschlossen. Gedulde dich nur einen Augenblick, rief sie Karl zu, trat etwas entfernter hinter Gebüsch, und kam zurück – die langen, reichen Locken um den bebenden Busen verbreitet, ihren Strohhut mit der Linken vor ihre schlanken Hüfte gehalten, in der Rechten das gewundene Oberkleid. Verzweiflung und Liebe schien ihr dießmal Sicherheit des Wurfs zu verleihen. Karl glückte das Auffangen, und er dankte ihr mit Blicken und Schwüren, die selten mehr ein menschliches Wesen dem andern in der Inbrunst und den Feuergefühlen opferte. Karl aber gestand mir nachher, daß der erste Anblick ihrer Reize ihn nahe um seine Besinnung gebracht und, wie ein Sel'ger gen Himmel, so er in den Abgrund gesunken wäre. Mit welchem Ausdrucke, mit welcher Zärtlichkeit die Liebenden Worte und Schwüre wechselten, beschreibt keine kältere Feder! Wie sein Körper zwischen Himmel und Abgrund schwebte, so schwebte seine Seele auch zwischen Wonne und Hölle, denn Julie hatte ihm zugeschworen: falls er hinabsinke, mit ihm sich hinunterzustürzen. Doch die Erde läßt nichts Ueberirdisches, sei es – oder – Hades oder Elisium, ungeneckt und unbefleckt. Schon am Morgen hatten wir ein Gewitter vermuthet. Gegen 3 Uhr Nachmittags stürmte es an. Die arme Julie konnte nichts als ihre Thränen, ihre Märtyrerhoheit entgegensetzen. Die Bänder ihres Strohhuts pfiffen im Sturme und ihre Locken wallten gleich einer Meeresflagge.« Als ich hier mit Ausdrücken des tiefsten, lebhaftesten Mitgefühls dieses schauderhaften Ereignisses eingefallen war, fuhr der Erzähler weiter fort. »So waren 5 Stunden vergangen – – als mein Freund und ich, von zwei Hirten begleitet, endlich schweißtriefend und keuchend bei der Felswand anlangten. Er lebt! er lebt noch! war unser freudiger, heller Ausruf, daß das Echo ihn tausendfach an den Felsen wiederhallte. Um des Himmelswillen haltet still! rief Julie aus der Ferne, legt mir vorerst irgend ein Kleid hin! Wir ahnten das Vorgefallene und bewunderten stille. Ich zog mein Hemde aus, mein Freund gab seinen Rock hin, und hinterwärts gehend reichte ich es der Beängstigten, die in wenigen Sekunden uns kommen hieß. Wir berathschlagten nun mit den Hirten, ob es räthlicher sei, Karl eine lange Seilschlinge zuzuwerfen, die ihn, nach Verlassung der Wurzel, seitwärts an die Felswand hin schnelle. Karl wünschte lieber, wo möglich, an einer Strickleiter hinaufzuklimmen. Während wir zwei eine solche zubereiteten, hieben die Hirten mit schweren Aexten Fußstapfen in den Felsen aus, besonders aber einen geräumigen Standpunkte oberhalb der Tanne. Bald war der Augenblick da, wo wir uns alle an die Strickleiter stemmten, Karl sie muthig hinaufstieg und gerettet in unsere Arme sank. Darauf stürzte er zu Julie hin und beide hielten einander lange sprachlos in unnennbaren Gefühlen umarmt. Dank! Dank euch nochmals ihr treuen Freunde, rief er endlich sich wegreißend aus, möge der Himmel euch vor so Schrecklichem bewahren! Eine Weile dunkelte es ihm nun vor den Augen, er erholte sich aber bald wieder und nachdem wir eine Viertelstunde ferner auf breiten, fester Alpenpläne eine Stärkung zu uns genommen, stiegen wir Dank gegen Gott erfüllt hinab. Die zerschellten Ueberreste der unglücklichen Freundin, fuhr Gustav nach einer Pause mit einem tiefen Seufzer fort, wurden so gut wie möglich gesammelt und der geweihten Erde anvertraut. Kein rührenderer Trauerzug hatte je in diesem Thale statt. Der unerhörte Vorfall machte grenzenloses Aufsehen in unserer Gegend, und Julie hatte Anfangs tausend Veranlassungen, ihr Erröthen zu wiederholen. Mein Vater war nach solcher Geschichte umgewandelt gegen die Liebenden. Der Baron F... hatte so viel Gefühl, einzusehen, daß seine Bewerbungen nunmehr nur absurd sein müßten. So wurde meine Schwester meinem Karl angetraut und ein Punkt des Himmels mehr auf die Erde gesenkt. Die erste Leinwand, die Karl aufspannte, war zu dem verhängten Gemälde bestimmt. Ob es gelungen sei? darüber sind wir, glaube ich, ganz einverstanden. Sich selbst an der Felswand beizufügen, unterließ er, und jeder gute Geschmack wird ihm beipflichten. Jeden Jahrestag kniet er betend vor ihm nieder. Wir selbst stiegen schon drei Mal auf die unvergeßliche Stelle. Julie nie. Drei Mal verbot es uns die Witterung. In wenigen Wochen ist der Jahrestag wieder. Doch Tag soll für einmal Tag und Jahr Jahr sein – da es Ihnen Ihre Verhältnisse nicht erlauben, so lange uns mit Ihrer Gesellschaft zu entzücken, so soll Karl sogleich bei seiner Zurückkunft unser Führer auf die Alpen sein.« Mögen meine Leser in sich entnehmen, welchen Eindruck diese so lebhaft erzählte Geschichte auf mich machen mußte. Den ganzen Tag umrauschte sie mich. Nachts rief ich: Karl! Karl! halte dich! halte dich! Mit welchen Augen sah ich nochmals und wieder nochmals das Gemälde an, und mit welchen das Urbild, die himmlische Julie selbst! Mit der Ueberkraft weiblicher Seele ertrug sie die stumme Sprache meiner Blicke, und ich beglückwünschte meinen Freund aufs Neue in meinem Herzen. Bald kam er dann. Wiedersehen! Jubel! Himmelstag! Als das dritte Morgenroth angebrochen, waren wir auf den reinen Bergen (Karl brannte sein Mund noch von den Küssen Juliens). Wie drei Engel schwelgten wir in reiner Menschen- und Erdbewohnerfreude. Mittags kamen wir an die verhängnißvolle Felsenwand. Erstarrt wagte ich kaum die Wurzel anzublicken. Karl durchzitterte ein schneller Schauer, knieend senkte er sein Haupt auf die Stelle nieder, wo Julie im Gewitter gesessen, betete und schluchzte; unsere Wimpern hingen voll Perlen. Mit einem Blick zum Himmel erhob er sich. Der neue Pfad war nun zur Linken der Tanne ausgemeiselt. Schweigend wandelten wir ihn. Milder, zarter war den ganzen Abend unser Ton, unser Ausdruck. Julie frug kein Jota um die Reise. Nach einigen Tagen hieß es: Trennung. Der Abschiedskuß Juliens war einer der schönsten meines Lebens. Die beiden Freunde begleiteten mich über das Gebirge. Ob ich die Begebenheit der äußern Welt mittheilen dürfe, wurde unerledigt gelassen. Mich drängte es aber mit jeder Stunde mehr dazu. Möge die Sache selbst die Leser vergnügen und selbe es verzeihen, wenn der Erzähler es durchaus angemessen finden mußte, über Namen und Oertlichkeit hingegen zur Zelt noch Schweigen zu beobachten. Rosalia Rothpletz, geb. v. Meiß (Rosalia Müller) Der Vorabend des Weihnachtsfestes Was ist's, das in den Tagen des Advents, wenn die Stürme des Dezembers unfreundlich wüthen, und schaurig dunkle Wolken keinem Sonnenblicke den Durchgang verstatten, dennoch die Gemüther der Menschen heiter stimmt und alle häuslichen Interessen in regerem Leben durch einander treibt? Wo liegt der Grund der frohen Erwartung, die man nicht nur in den holdseligen Gesichtern der muntern Kinderschaar abgezeichnet sieht, die sich auch in den Zügen älterer Personen, oft mit einer sanften Wehmuth vermischt, so sichtbar zeigt? Und warum werfen die Lichter des Weihnachtsfestes einen so wohlthätigen Schimmer auf die dunkle Erde, daß ihr Glanz die düstern Schatten der Nächte durchdringt, die in diesem Theile des Jahres beinahe dem Tage nicht mehr zu weichen vermögen? Warum entzünden sie selbst in den zerrissenen Herzen die Flammen der Hoffnung und erneuerten Lebensfreude? Beinahe alle Menschen fühlen sich in jenen Tagen, wo der Schimmer eines göttlichen Lichts dem armen, irrenden Geschlechte aufging, mehr als gewöhnlich erregt und still fröhlich; es ist ein heimliches Treiben und Walten überall, wo nicht der Jammer dieses Erdenlebens jede aufkeimende Blüthe geknickt hat. Selten nur ist irgend Einer so arm oder so ganz mit sich und dem Dasein zerfallen, daß er nicht die Einwirkung einer Epoche empfinden sollte, die gleichsam mit mystischem Scheine das Herz und die Sinne umfängt; selten sind die, denen nicht wenigstens in diesem einen Momente des ganzen Jahres eine Regung der Freude gegeben ist, und deren matter Brust sich kein Laut des Frohsinns zu entwinden vermag. – Es sind die Bilder unserer Jugend, die leise grüßend an uns vorüber gleiten; es sind die Erinnerungen an eine Zeit, wo die Welt noch in überirdischem Glanze vor den jugendlichen Sinnen lag, und Alles, was herrlich und groß und lieblich sich dem kindlichen Auge darstellte, so leicht zu erreichen schien, die mit ihren harten Schwingen das enttäuschte Herz beschwichtigen und es noch einmal zurückführen in die Tage der heitern Kindheit; es sind die Freuden längst vergangener Zeit, deren verwelkte Blumen sich uns noch einmal auffrischen, und deren Andenken wir in der Sorge um die , welchen an unserer Statt nun die Genüsse der frohen Jugend gegeben sind, festzuhalten streben. Auch die ärmsten jener Kleinen, denen der Heiland das Reich Gottes verhieß, freuen sich, so lange die Mutterliebe, die Alles möglich zu machen weiß, an ihrer Seite steht, einer unbedeutenden Gabe, die auch auf sie einen Strahl der Millionen Lichterchen hinleitet, welche in reicher Eltern Hause die jubelnden Kinder entzückt. Auch in der kleinsten Hütte weicht die bittere Sorge auf einzelne Minuten irgend einem Genusse, der nur darum erfreuen kann, weil sonst die Befriedigung der ersten Bedürfnisse nur selten über die niedere Schwelle tritt. Und wo der Jammer eines verkümmerten Daseins zu groß ist, um auch dieser geringen Erleichterung Eingang zu gestatten, da fällt der Abglanz einer höhern Weihnachtsfreude in das verarmte Herz und führt die Seele von den Entsagungen dieses Erdenlebens hinweg den schönen Hoffnungen zu, welche die Feier des Weihnachtsfestes zur frohen Gewißheit macht. Mit glänzender Umgebung erhebt sich hingegen die Weihnachtsfreude in den Häusern der Reichen und Wohlhabenden, denen wohl der Kummer unter jeder Gestalt nahen kann, denen aber der Mangel und Alles in seinem Gefolge, das so mächtig auf das innere und äußere Leben wirkt, fremd bleibt. Laut und schallend treibt sich die fröhliche Menge in den Straßen großer Städte, die der Wiederschein glänzender, mit allem Ueberflusse asiatischer Pracht prangender Buden erhellt, und die von dem Schimmer der unzähligen Lichter freundlich belebt sind, welche die Bescheerungen umgeben, die nicht auf das Bedürfniß berechnet, und Alles erschöpfend, was nur die Lust der Sinne zu reizen vermag, oft in dem Herzen der kleinen, unschuldigen Wesen, denen sie bestimmt sind, entweder die schlimme Begierde nach immer glänzendern Besitzungen rege machen oder, indem sie alle ihre Wünsche befriedigen, den jungen Gemüthern viel zu frühe eine Uebersättigung geben, deren nachtheiliger Einfluß durch das ganze übrige Leben sichtbar bleibt. Der rauschende Lärm, das Wogen der lustwandelnden und kaufenden Menge, die Fröhlichkeit, die sich selbst oft gegen den eigenen Willen mitten in diesem bunten Gewirre des Geistes der Theilnehmer bemächtigt, das Sinnen und Trachten nach Zerstreuung und Vergnügen, entfernt natürlicher Weise jeden ernstern Gedanken an die Veranlassung des frohen Festes, der vielleicht mehr als jeder andere geeignet wäre, dauernde Freude zu verbreiten, und Alles taumelt und rennt von einer Lust zu der andern, bis der Schall der mitternächtlichen Glocken den lauten Jubel übertönt, bis die Menschenmenge in die mit tausend Lichtern geschmückten Tempel wallt, und unter dem schönen Chorgesang: »Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden!« die sterbliche Natur es fühlt, daß ein erhabneres Interesse dem irdischen Tand vorangehen sollte, und auf die Knie sinkend das Göttliche in sich aufnimmt und den Herrn der himmlischen Heerschaaren freudig anbetet. Weit einfacher, stiller, aber gewiß nicht minder zweckmäßig, geht in den kleinern wie in den größern Städten der reformirten Schweiz die Feierlichkeit, wie die Freude der Weihnachtsabende und vorzüglich des wichtigsten vorüber, der dem Menschengeschlecht die herrliche Kunde brachte: »Euch ist ein Heiland geboren!« Beschränkt in ihren Hülfsmitteln, sich selten über den glücklichen Mittelstand erhebend, kennt die größere Zahl der Einwohner kaum dem Namen nach alle die Gegenstände des höchsten Luxus, die anderwärts als Bedürfniß erscheinen. Hier ist wirklich die Freude des Christfestes noch in ursprünglicher Reinheit zu finden; und wenn irgend Etwas außer dem heimlich erregten, diesen Tagen eigenthümlichen Sinne noch auf die Gemüther bedeutend wirkt, so ist es das Entzücken der Kinder, es find die kleinen wohlthuenden Ueberraschungen, die von Freunden und Bekannten einander gemacht werden, nur selten aber die Grenzen einer lobenswerthen Bescheidenheit übersteigen. Freilich sprechen die reformirten Kirchen, von allem äußern Schmuck entblößt, vielleicht zu einfach für die von solchen Eindrücken abhängenden Menschen, nicht so feierlich und erregend zu den Andächtigen, die in ihrem Raume sich sammeln; freilich rufen nicht in mitternächtlicher Stunde die Glockentöne zum Tempel, sondern sie thun es im abendlichen Dämmerlichte, wo der Geist noch nicht so gespannt und das Herz noch nicht für alles Ungewöhnliche so empfänglich ist; freilich schimmert statt dem Glanze von tausend Lichtern, die in magischer Beleuchtung die Sinne überraschen, nur hie und da ein einsames Lämpchen, dessen einzelner Schein die Gegenstände in unsichern Umrissen kaum erkennen läßt: aber in diesem feierlichen Dunkel, abgezogen von allem äußern Einflusse, sammelt sich die Seele zu wohlthätiger Betrachtung; – in deutlichen Bildern geht das Schlimme und Gute des verflossenen Jahres an dem innern Auge vorüber, das bange Herz öffnet sich bereitwillig den göttlichen Verheißungen, der Kummer, dessen jedes Wesen, sichtbar oder unsichtbar, gewiß seinen Theil trägt, mildert sich, es werden Entschlüsse gefaßt, deren heilsame Folgen sich oft auf das Leben erstrecken, und wenn die einfachen Töne der Orgel, jeden Schmerz beschwichtigend, die befriedigten Menschen nach Hause geleitet haben, und in stiller Freude jeder Einzelne des kommenden festlichen Morgens gedenkt, so empfängt ihn daheim der Jubel jugendlicher Wesen; die brennenden Lichter, die anmuthige Wärme, der einladende Theetisch, um den sich bald ein kleiner traulicher Kreis sammelt, vollenden den Genuß des freundlichen Abends, und in dem Bewußtsein, daß nur das häusliche Glück es sei, um dessen willen es sich lohne, gelebt zu haben, gehen nach einigen Stunden Alle zu der friedlichen Ruhe über, die einem solchen Feste geziemt. Ein Bild solcher einfachen Weihnachtsfreuden, solcher still, aber mächtig empfundener Eindrücke, denen einige zusammentreffende Umstände eine höhere Bedeutung gaben, legen wir in diesen Blättern den Lesern vor die Augen, wünschend und hoffend, es möge hie und da ein Laut zum Herzen sprechen, und denjenigen, die das Leben hart getroffen hat und denen der Weihnachtsabend kein freudiges Gefühl zu geben vermag, wenigstens eine erleichternde Stunde verschaffen. In der freundlich hellen Stube ihres Unterhauses saß an dem Vorabend des Weihnachtsfestes Frau von Detmund, die ziemlich bejahrte Wittwe eines der ersten Beamten in einem der Kantone der deutschen Schweiz, die, von Sehnsucht nach einem stillen, von der Welt abgezogenen Leben getrieben, nach dem Tode ihres Gatten sich in einem der kleinen Städtchen angekauft hatte, welche in unserm Vaterlande sich so zahlreich finden und mit allen Nachtheilen eines beschränkten Wirkungskreises auch viele Vortheile verbinden, die man vergeblich in den Mauern größerer Städte, mitten unter den mannigfaltigen Beziehungen des höhern gesellschaftlichen Lebens suchen würde. Die Umgebungen, in denen wir sie heute zum ersten Mal erblicken, sind etwas seltsam, aber mit dem ganzen Aeußern übereinstimmend, das den Beobachter in zartem Wohlwollen anspricht, und dessen einzelne Züge unwidersprechlich den Weich derjenigen beurkunden, die, den eigenen Täuschungen längst entronnen, fern allen Ansprüchen, die das Herz in frühem Jahren macht, dennoch beiden nicht so entfremdet ist, daß sie es nicht vermöchte, den Wünschen und Hoffnungen Anderer mit mildem Sinne entgegen zu kommen, und den Reiz des Lebens in dem Wiederscheine fremden Glückes zu finden. Auf Tischen und Stühlen, auf dem Kanapee und rings auf dem Boden lagen ausgebreitet eine Menge Dinge, deren Mannigfachheit leicht errathen ließ, daß sie Personen von ungleichem Alter und verschiedenartigem Geschmacke bestimmt sein müßten. Auf bunten Shawls ruhten Hanswürste und Bullenbeißer, köstliche Zeuge mischten sich mit Trommeln, Peitschen und Puppen; Nähkästchen und Schreibpulte hielten sich traulich Gesellschaft und natürliche und künstliche Blumen pflegten bei vergoldeten Nüssen, Zuckerplätzchen, Makaronen und Leckerbischen jeder Art gemeinsame Ruhe. Frau von Detmund saß auf einem Lehnstuhle, vor ihr stand ein Tischchen, auf welchem ein schöner hoher Weihnachtsbaum prangte, der oben mit Lichterchen und glänzenden Gaben der mannigfaltigsten Gattung geschmückt werden sollte, von denen sie eine nach der andern, an rosenfarbene Bänder gereiht, einer jugendlich hohen Gestalt darbot, die neben ihr stehend sich bald auf den Spitzen der fein gebildeten Füßchen wiegte, bald den Lockenkopf tief hinunter bückte, um die dargereichten Gegenstände in geschmackvoller Mischung an die Aeste zu knüpfen. Ein Blick reichte hin, um das emsig beschäftigte Mädchen als eine südliche Natur zu bezeichnen; denn diese dunkle und dennoch belebte Gesichtsfarbe, dieses schwarze Rabenhaar, diese tiefen Augen voll innerer Gluth und die gewandte, leichte Sylphidengestalt mußte beinahe das südliche Frankreich oder Italien als Vaterland verrathen, wenn auch nicht der holdselige Mund die deutschen ungewöhnlichen Laute in sonderbaren Veränderungen wiedergegeben und hingegen mit seltener Geläufigkeit französischen Sätze, die Ausrufungen und liebkosende Worte, zwischenein geflickt hätte. Auf einem kleinen Stühlchen kniete an der andern Seite neben der alten Frau das leibhafte Gegenstück zu dem vorhin beschriebenen. lebendigen Wesen; eine zarte, beinahe ätherische Figur, eine Fülle von blonden Locken, ein Auge, in welchem sich das lichte Blau des Himmels zu spiegeln schien, und die Blüthe der Lilien und Rosen auf der zarten Haut ließen eine jener Schönheiten ahnen, die unter den Strahlen einer heißen Sonne nicht gedeihen können, und welche nur ein kälteres Klima hervorbringt. In freundlicher Liebe ruhte ihr Blick auf den geistreichen, oft muthwilligen Zügen ihrer Gefährtin, deren heitere Scherze ihr recht zu behagen schienen, ohne daß sie dieselben zu erwiedern sich berufen gefühlt hätte; denn so verschieden das Aeußere der beiden Mädchen erschien, eben so ungleichartig waren die Einzelnheiten ihrer Charaktere, und lebendiger Frohsinn von der einen, tiefer Ernst von der andern Seite hätten es beinahe unbegreiflich gemacht, wie diese beiden heterogenen Gemüther sich lieben und verstehen konnten, wenn nicht dem scharfsichtigen Menschenkenner täglich klar werden müßte, daß eben die verschiedensten Naturen einander mit der innigsten Liebe zu umfassen vermögen, während die allzu übereinstimmenden sich unwillkürlich von einander abgestoßen fühlen. So wie die Freundschaft die beiden jugendlichen Herzen enge verknüpft hatte, so waren sie von verwandtschaftlichen Banden fest umschlungen und vereinten sich noch unauflöslicher in der tiefen Verehrung, in der unbegrenzten Anhänglichkeit an die edle Frau, die den frühe Verwaisten Großmutter und Mutter zugleich war, und in dem heitern Sinne, welcher von den Enkelinnen ausging, die eigene Jugend wiederfand. Nicht immer hatte Frau von Detmund eine so wohlthuende Ruhe genossen, wie sie das eben entworfene Gemälde und das verklärende Lächeln ausspricht, das ihre Züge erhellt, wenn ihr Auge auf den beiden Lieblingen weilt, die sich so sichtbar bestreben, der theuern Großmutter behülfich und gefällig zu sein, Ein Leben, reich an Schmerz und bitter empfundenen Entbehrungen, war ihr langsam und trübe an der Seite eines ungeliebten Gatten dahin geschwunden, den nicht eigene Wahl, den fremder Wille ihr gegeben hatte, und dem nur die eiserne Pflicht angehörte, während ihr Herz einem jungen Freunde folgte, von welchem ungerechte Gewalt sie getrennt hatte, und der von seiner hoffnungslosen Liebe durch Länder und über Meere getrieben ward. Mit dem Gefühle eines unstillbaren Heimwehs an einen Mann gefesselt, dessen gemüthlicher Sinn in einem abgezogenen Geschäftsleben längst untergegangen war, der für hohe Weiblichkeit wenig empfänglich, die Frau nur als die oberste Dienerin seines Hauses ansah, und wenn sie für Wäsche, Kleidung und den Bestand seines Hauswesens gesorgt hatte, weiter Nichts von ihr verlangte, noch viel weniger geneigt war, ihr etwas Besseres zu geben, als den Namen seiner Gattin und der Mutter seiner Kinder, vermochte Frau von Detmund in den ersten Jahren ihrer Ehe nur mit dumpfer Ergebenheit ihr Leben fortzuschleppen, und oft und sehnsuchtsvoll suchten die flüchtigen Gedanken, den trennenden Raum schnell durcheilend, den Geliebten ihrer Jugend auf, und mit seinem Bilde traten auch die Träume einer glücklichen Liebe aus dem Dunkel der Vergangenheit hervor. Erst als die Mutterliebe ihr Recht geltend machte, als ein Sohn und später noch zwei Töchter Ansprüche an ihre Sorge und Thätigkeit zu machen begannen, erst da entfaltete sich aufs Neue die Blüthe der innigsten Liebe, die, wenn auch unverstanden und zurückgedrängt, dennoch in des Weibes Brust nie erstickt und aus Mangel an mündigen Gegenständen derselben so oft auf Unmündige übergetragen wird. Mit leidenschaftlicher Hingebung weihte sie sich den kleinen Wesen, die in ihr allein die Zärtlichkeit fanden, welche sonst dem Vater- wie dem Mutterherzen eigen ist, die aber Herr von Detmund, dessen Trockenheit sich auch auf dieses Verhältniß ausdehnte, nicht zu empfinden schien. Die Stelle, die früher in ihrer Brust dem Festhalten an theure Erinnerungen, dem Andenken eines geliebten Geschiedenen gewidmet war, wurde nun ganz von dem mächtigen Gefühle eingenommen, das nie altert, nie sich schwächt, das Zeit und Raum, das Tod und Grab überlebt und das also unwidersprechlich einem bessern Dasein angehört. Das Bild ihrer zerstörten Hoffnungen trat allmälig in den Hintergrund; stiller und immer stiller ward es in ihrem Herzen, das Gefühl, das der Mutterliebe unausgesetzt zur Seite schreitet, der schöne Glaube, die herrlichen Hoffnungen, welche die Religion uns gibt, und ohne welche des Weibes Seele sich nicht ganz und unbedingt ihren schweren Pflichten hinzugeben vermag, bemächtigte sich ihres ganzen Wesens; in dem frohen Kreise ihrer Kinder, unter ihren zärtlichen Liebkosungen, bei der Freude an ihrer Entwicklung fühlte sie nicht mehr, daß der höchste Zauber des Glückes ihrem Leben gefehlt hatte, und selbst die Gleichgültigkeit oder vielmehr die Abneigung gegen ihren Gatten wandelte sich in Wohlwollen um, denn er war ja der Vater der süßen Geschöpfe, in denen sie ihr einziges Glück fand. Ein Reihe von Jahren hindurch blieb diese Ruhe in ihrer Brust heimisch. Die Erziehung der Kinder war ihrer Leitung überlassen; sie durfte nach Willkür die schönen Blüthen pflegen und dem Entwickeln guter Eigenschaften, edler Vorzüge des Geistes und Herzens und dem Aufblühen körperlicher Schönheit mit wonnigen Empfindungen zuschauen. Jede neu entkeimende Fähigkeit, jede erlangte Geschicklichkeit, jeder mit Erfolg bekämpfte Fehler schienen ihr Bürgen für das Glück ihrer Kinder, deren Zukunft sie in treuem Herzen trug, und für die Erhaltung eines Daseins, welches ihr früher als eine nicht zu ertragende Bürde vorgekommen war, stieg jetzt täglich ein stilles Gebet zum Himmel, damit ihr vergönnt sein möge, die Ausbildung der geliebten Kinder zu vollenden. So blieb es aber nicht immer; neue und schmerzlichere Stürme warteten der edlen Dulderin, damit auch sie, wie manche ihres Geschlechts, in der Tiefe herber Trübsal die Vollendung hoher Weiblichkeit erreiche, die überall, wo sie gefunden wird, ein Bild dessen darstellt, was im wahren Sinne des Wortes die Bestimmung der Frauen auf Erden sein soll. Den ersten, fürchterlichen Schlag brachte ihr die gebieterische Entscheidung ihres Gatten über seines vierzehnjährigen Sohnes Zukunft, den er in dem väterlichen Hause, unter der mütterlichen Aufsicht nicht mehr gut aufgehoben glaubte und darum in eine Pensionsanstalt zu thun entschlossen war, bis er die Universität beziehen könnte, um sich dort zum Staatsmanne zu bilden. Ohne Vorbereitung, ohne die mindeste Berathung mit seiner Gattung nöthig zu glauben, hatte Herr von Detmund ihr die Nachricht angekündigt, die ihr Herz zerriß, ohne daß sie Hoffnung gehabt hätte, die Trennung von sich abzuwenden. Vergeblich blieb die Vorstellung, Wilhelm könne ja unter den Augen seiner Eltern, bei sehr günstigen Erziehungsanstalten in seiner Vaterstadt, sich weit besser ausbilden, als in fremden Umgebungen, welche vielleicht, seinen Charakter und seine Fähigkeiten nicht genug berücksichtigend, beiden eine schiefe Richtung geben könnten. Vergeblich wurde von dem beängstigten Mutterherzen die Sorge ausgesprochen, schlimme Gesellschaft, Mangel an Aufsicht möchten den lebhaften jungen Menschen, der noch nicht Stärke genug erlangt habe, um reizenden Verführungen aller Art zu widerstehen, irre leiten; vergeblich blieb jede dringende Bitte der Frau, die zum ersten Mal es wagte, sich dem oberherrlichen Willen entgegen zu setzen, und binnen einem Monate verließ Wilhelm seine Heimat, um mitten in einen Schwarm junger Leute geworfen zu werden, unter denen vermuthlich manche sich fanden, welche längst die Zucht und Sitte vergessen hatten, die ihnen in dem elterlichen Hause eingeprägt worden war. Sollte man nicht in unserer Zeit, die so reich an Schul- und Erziehungsverbesserungen jeder Art ist, vielleicht allzu wenig sorgsam für die Auswahl sein, die man mit den sogenannten Pensionen trifft, deren Unzahl für Jünglinge und Mädchen mit jedem Jahre überhand nimmt? Sollte man nicht öfters die Entfernung der Kinder aus der stillen, traulich häuslichen Umgebung allzu sehr beschleunigen und dadurch die Gefahr für die noch unausgebildeten Gemüther vermehren? Daß die jungen Leute, daß besonders die jungen Männer in die Welt, unter Fremde gerathen müssen, um für das Leben und seine vielfachen Anforderungen tüchtig zu werden; daß auch den Mädchen eine beschränkte Entfernung aus der Heimat, eine Angewöhnung an andere Sitten, andere Menschen, an fremden Willen Noth thut, damit sie nicht einseitig werden, sondern sich in spätere Verhältnisse zu fügen verstehen, ist eine Wahrheit, die nur selten mehr bezweifelt werden wird. Allein warum, wenn die häuslichen Beziehungen nicht ungünstig sind, warum eilt man so sehr, die jungen, kaum angeleiteten, keineswegs im Guten befestigten Wesen einer fremden Welt preiszugeben, deren unbekannte Gefahren so oft im Keime ersticken, was, gepflegt und unter dem schützenden Einflusse der Elternliebe entblüht, nicht so leicht zu zerstreuen gewesen wäre, und seine segensvollen Einwirkungen auf künftige Geschlechter hätte verbreiten können? Warum überhaupt ist aus der Erziehung eine Treibanstalt gemacht worden, in welcher sich die Kinder erwachsene Menschen dünken, ehe ihre Fähigkeiten sich entwickelt haben, wo sie sich der Spiele ihres Alters schämen, um sich dagegen Leidenschaften und Beschäftigungen hinzugeben, bei welchen sie ihre schöne Unbefangenheit verlieren, und oft schon bei den Eintritt in das wirkliche Leben übersättigt, enttäuscht, als kindische Greise dastehen? Frau von Detmund hatte ihren Sohn mit allen bangen Vorgefühlen der Mutterbrust von sich gelassen; alle ihre Sorge, alle ihre Liebe folgte ihm an den fernen Ort seiner Bestimmung, wo ihr Auge ihn nicht bewachen, ihre freundlich warnende Stimme ihn nicht erreichen konnte. Schwerlich hätte sie die Angst ihres Herzens ertragen, wären nicht zwei eben so theure Gegenstände ihrer mütterlichen Treue an ihrer Seite gestanden, von denen sie mit Recht hoffen durfte, daß das Schicksal sie nimmermehr von ihr trennen würde. Wenn sie den Sohn hingegeben und ihren Schmerz beschwichtigt hatte, so war es in der Ueberzeugung geschehen, daß dem Vater vorzugsweise die Bestimmung über denselben zugestanden werden müsse; aber eben darum glaubte sie auch Vorrechte hinsichtlich ihrer Töchter zu besitzen, die ihr Niemand zu entreißen wagen werde. Das Vermögen und die Stellung ihres Gatten waren so ausgezeichnet und das Aeußere der beiden Mädchen entfaltete sich so vortheilhaft, daß sie der Hoffnung Raum geben durfte, es würden sich in ihrer Nähe annehmliche Partien für sie finden und sie des Glückes nicht beraubt sein, die Kinder ihrer Kinder um sich herum aufwachsen zu sehen. Thöricht aber ist der Mensch, der sich nach seinem Sinne die Zukunft gestalten will, und sich von den Träumen und Erwartungen, denen er sich hingegeben hat, nicht mehr losmachen kann, ohne sein ganzes Dasein zu zertrümmern. Elisabeth, ihre ältere Tochter, war kaum siebzehn Jahre alt und an der Seite der sorgsamen Mutter in zarter Schönheit entblüht, als auch bei dieser der Vater seine Vorrechte geltend machte und bewies, daß die väterliche Gewalt allein die rechtmäßige sei. Es war vor Kurzem ein junger Franzose in die Familie Detmund aufgenommen worden, dessen Vater einst dem Hausherrn einen sehr wichtigen Dienst geleistet, und mit welchem dieser seitdem eine so enge Freundschaft unterhalten hatte, als es bei dem trockenen und wenig empfänglichen Sinne des einen Theils möglich war. Der junge Vernier, aus einer der beträchtlicheren Städte des südlichen Frankreichs herübergekommen, sollte sich einige Zeit in dem Wohnorte der Detmund'schen Familie aufhalten, um die deutsche Sprache vollkommen zu erlernen, und zu diesem Endzweck hatte Herr von Detmund ihm sein Haus und seinen Tisch angeboten. Man hätte nun freilich glauben sollen, der leichte, quecksilberne Franzose, der in einer Viertelstunde mehr sprach als Detmund in einer Woche, der mit der eigenthümlichen Lebendigkeit seines Volkes alle langgewohnte häusliche Ordnung umkehrte, mit den Mädchen scherzte und lachte, sie aus ihrer stillen Ruhe reißend, mit ihnen durch Zimmer und Hausflur jubelte, würde dem kalten, finstern Gelehrten, dem jede kleine Abwechselung sonst ein Gräuel war, keineswegs behagen; aber wie oft sieht man nicht, wie die verschiedensten Charaktere sich ansprechen und ein gewisses unerklärliches Etwas waltet, das fremdartige Gemüther unwiderstehlich zu einander zieht. Die seltsame Vorliebe des ernsten Hausherrn für seinen lebhaften Hausgenossen sprach sich mit jedem Tage deutlicher aus. War es die Dankbarkeit, die der Erstere wirklich im Herzen trug, waren es die feinen Schmeicheleien des Letztern, die er auf die anmuthigste Weise anzuwenden begann, sobald er die Neigung des alten Herrn wahrnahm und es fühlte, wie vielen Vortheil ihm dieselbe bringen konnte; es mag dieß schwerlich entschieden werden, aber es reihte sich Woche an Woche, Monat an Monat, und immer unbedingter und immer mächtiger ward der Einfluß, den der junge Fremde auf seinen alten Freund und durch diesen auch auf die übrigen Glieder der Familie gewann. Der Frühling war in seiner schönsten Gestalt eingetreten, der herrlichste Sommer folgte ihm, täglich wußte Vernier eine neue Lustpartie, einen Spaziergang oder eine Schiffahrt zu Stande zu bringen, wobei er der gefällige und in seiner Lebendigkeit wirklich anmuthige Begleiter der beiden Mädchen war, die nach Mädchenweise sich freuten, der stillen Einförmigkeit ihres Hauses entnommen und mit ganz neuen Genüssen bekannt zu werden. Wenn aber das trübe Wetter die jungen Leute ins Zimmer bannte, so ruhte jener nicht, bis eine muntere Gesellschaft beisammen war, die in fröhlicher Heiterkeit die langen Stunden weggaukelte. Ernst und sorglich sah die verständige Mutter dem lauten Treiben zu, das ihr, wie Alles, was wir in befangener Bangigkeit ahnend durchschauen, eine Art Entsetzen einflößte. Mit schwerem Kummer sah sie, wie Vernier ihre Elisabeth mit der feinsten Sitte auszuzeichnen begann, wie er sie in unausgesprochener und doch so vielsagender Liebe gleich einem Schutzgeist umschwebte; mit zerrissenem Herzen fühlte sie, wie ihre Tochter sich immer mehr und mehr dem Fremden zuneigte, wie sie ihn bald mit allen Kräften ihrer sanften tieffühlenden Seele zu umfangen schien, und der Gedanke, daß entweder auch dieses Kind für das Leben von ihr geschieden werde, oder in unerfüllter Sehnsucht, wie sie selbst, unglücklich sein würde, fiel zerstörend in das kaum wieder beruhigte Dasein der armen Frau. Thue man doch niemals dem Alles opfernden Mutterherzen Unrecht! die Furcht vor der entsetzlichen Trennung, so schmerzlich sie der liebenden Mutter sein mußte, war bei diesem drohenden Unheil nicht das peinlichste Gefühl für sie. Weit mehr quälte sie die Unsicherheit des Glückes eines theuern Kindes, dessen Wohlfahrt fern von der lieben Heimat und allen still waltenden Genien, die bis jetzt dasselbe umgeben hatten, in fremden Verhältnissen, einzig nur von einem Manne abhängen sollte, der ihr in mehr als einer Hinsicht Mißtrauen einflößte und dessen Charakter überall noch nicht ausgebildet genug war, um ein dauerhaftes Glück zu versprechen. Die Mutterliebe macht scharfsichtig und schlau; in Kurzem hatte sie sich die Gewißheit Verschafft, daß die Sittenreinheit nicht unter die Tugenden des Geliebten ihrer Tochter gehörte; seine Neigung zum Spiel und zu starken Getränken, die er zwar mit großer Geschicklichkeit zu verbergen wußte, war ihr schon früher nicht entgangen, und überzeugt, daß Elisabeth auf diesem Wege rettungslos einem tiefen Abgrund zueile, machte sie mit mütterlicher Liebe und Milde ihre Rechte auf ihr Herz und ihren Verstand geltend. Angebetet von ihren Kindern, mußte ein einst warnendes Wort auf das junge Gemüth einen großen Eindruck machen, und Elisabeth, an der Wahrheit alles dessen, was die Mutter bekräftigte, nicht zweifelnd, beschloß, einer Liebe zu entsagen, die sie nicht glücklich machen konnte, und jede aufkeimende Blüthe zarter Neigung zu vertilgen. Wenn aber der Einfluß des natürlichen Schutzgeistes auf der Kinder Herz groß und vielumfassend ist, so ist das Gefühl, um dessen willen das Weib Vater und Mutter verläßt, doch noch mächtiger; und wenn auch Elisabeth sich von dem jungen Freunde zurückzog und eine scheinbare Kälte an die Stelle der frühern Hinneigung getreten war, so bleibt es schwer, beim täglichen Zusammenleben den Eindrücken zu entgehen, die nur zu leicht gefaßte Entschlüsse wieder wankend machen, und des armen Kindes verstörtes Gemüth, sein Bestreben und das Nichtgelingen, gab Vernier schnell Aufschluß über das Vorgefallene, dem ei mit eilenden Maßregeln abzuhelfen bald entschlossen war. Ehe Frau von Detmund einen so baldigen Schritt ahnen konnte, trat der junge Mann eines Tages in das Zimmer des alten Herrn, und indem er ihm einen Brief seines Vaters überreichte, in welchem Detmund bei der heiligen Freundschaft, die sie umschlinge, beschworen ward, ihm die Bitte um die Hand seiner ältesten Tochter für den Sohn nicht zu versagen, der sie liebe, und auf diese Weise den schon geknüpften Knoten enger zu schürzen wünsche, brachte auch er zugleich seine Worte an, und wußte so gut Ernst mit liebkosendem Scherze, Vorstellungen und Bitten, Versprechungen und Schmeicheleien zu mischen, daß der Vater, bethört und hingerissen, den Jüngling nach einer Stunde, zwar nicht mit der bestimmten Zusage, aber doch mit Hoffnungen entließ, die bei der Eigenheit dieses Charakters nicht leicht wieder zerstört werden konnten. Die vollendete Entscheidung gab der Widerspruch der Mutter, als ihr die Sache eröffnet wurde; gaben ihre Thränen, ihr Jammer, die dem harten Manne theils als Auflehnung gegen seine Macht, theils als eigensüchtige Liebe erschienen, welche das eigene Glück dem Wohlergehen Anderer vorziehe, und was ihn früher nur gefällig angesprochen hatte, wurde von dieser Minute an fester Entschluß. Elisabeths getheiltes Herz schwankte zwischen der Liebe zu der Mutter, deren Schmerz ihre Brust mit Wehmuth und banger Vorahnung erfüllte, und zwischen der Freude, nun doch dem Gegenstande der ersten und einzigen Empfindung, die sie jemals einem Manne geweiht hatte, sich hingeben zu dürfen. Das unausgesprochene Vergnügen einer weiten Reise, die Begierde nach allen den Schönheiten der Natur und Kunst in dem fernen Lande, in welches der Freund sie führen sollte, die Hoffnungen, die jede jugendliche Seele noch in ungeschwächter Kraft zu hegen vermag, die Verheißungen des geliebten Bräutigams, dessen Schwüre mehr gelten, als die leisen Klagen der weinenden Mutter, brachten bald die bangen Ahnungen zum Schweigen, die, durch der Letztern Warnungen veranlaßt, sich noch zuweilen regten, und bald gab ihr ganzes Wesen sich dem seligen Gefühle hin, das so oft für eine ganz trübe Zukunft schadlos halten muß. Das arme Mädchen bedachte nicht, daß alle die Vorzüge, alle die Freuden, welche ihr die bevorstehende Verbindung zu bieten schien, gleich dem vorübereilenden Dufte verwelklicher Blüthen dahin sterben würden, wenn die Fremde in der unbekannten Heimat sie suchen und genießen müßte; sie bedachte nicht, daß es einen Grad von Liebe bedarf, der diesem armen Leben selten oder nie gegeben ist, wenn das Mädchen sich dauerhaft glücklich fühlen soll, da wo außer ihrem Gatten kein Herz ihr offen steht, wo der Mutter Theilnahme, wo der Schwester Liebe, wo der Gespielinnen Freundschaft das errungene Glück nicht mitfühlt, mit bespricht und dadurch den Genuß desselben tausendfältig vermehrt; sie überlegte nicht, daß mit dem Schritte aus der lange geliebten, freundlichen Heimat, aus den gewohnten Umgebungen, von den traulichen Verhältnissen des Familienlebens hinweg, für sie Alles zerrissen, Alles dahin gestorben sei, was ihr ganzes Leben hindurch sie erfreut hatte; daß sie von nun an ganz und ausschließlich dem Manne angehöre, dem sie sich hingegeben hat, und außer diesem keine Erholung, keine Unterstützung, kein Trost für sie zu finden sei; ach, sie glaubte es nicht, daß sie für den Rausch einer vielleicht schnell ersterbenden Liebe das schöne sichere Glück eines, nicht nur von dem Manne seiner Wahl, aber von einer ganzen liebenden Familie umfangenen Weibes dahin gab! Leicht nur und flüchtig empfindet das jugendlich pochende Herz diese gewichtige Wahrheit, Liebe nur, Liebe verlangt das sehnende Gemüth, und wo diese zu finden ist, da schwinden momentan alle andern Vorstellungen, es schweigt jedes andere Gefühl; aber wenn die schöne Heimat verlassen ist, wenn der Fuß den fremden Boden betreten hat, wenn die Täuschungen sich lösen, die den befangenen Sinnen die richtige Ansicht geraubt haben, wenn Augenblicke der Unzufriedenheit, der Mißstimmung eintreten, wenn das verödete Leben sich der aufgeregten Phantasie in schreckendem Lichte darbietet: – ach, dann steigen die Bilder früheren Glückes mahnend empor und das arme Herz verliert sich in unbezwinglichem, nie gestilltem Heimweh! Indem wir den Hochzeittag Elisabeths, an welchem in die Brust der unglücklichen Mutter kein Strahl der Freude drang, und die fürchterliche Stunde einer wahrscheinlich lebenslänglichen Trennung mit Stillschweigen übergehen und auch die nächsten Jahre nicht berühren, in welchen die Vorgefühle des Mutterherzens über der Tochter Schicksal nur zu sehr in Erfüllung gingen, finden wir Frau von Detmund bei der Verlobung ihrer zweiten Tochter wieder, in deren freundlicher Zukunft sie eine Entschädigung für namenlose Leiden zu finden hoffte. Freilich konnte bei einer Verbindung, wo eine liebenswürdige Persönlichkeit, eine angenehme Lage, die Nähe der eigenen und die Vorzüge der neu gewählten Familie, ein Glück vorher sehen ließen, welches dasjenige der Schwester weit übertreffen mußte, die Mutter sich eher der Freude überlassen, und Mathildens Hoffnungen waren auf festern Grund gebaut, als die der oft beweinten und vermißten Elisabeth. Aber das Leben gibt selten dauernde Freuden; je reiner und schöner diese sind, je schneller eilen sie vorüber, und auch hier sehen wir die junge Frau nach zwei Jahren der höchsten Erdenwonne aus den umfangenden Armen des trostlosen Gatten und der unglücklichen Mutter, aus der Mitte liebender Verwandten und Freunde, von dem Lächeln des erstgebornen Kindes hinweg gehoben, um von dem irdischen Glücke zu dem himmlischen überzugehen. Nur das unverständliche Lallen des armen, verlassenen Säuglings konnte Frau von Detmund, deren Herz mit dem letzten Athemzuge ihrer Tochter zu brechen schien, auf dieser Erde zurückhalten und aufs Neue den Wunsch, ein leidenvolles Leben fortzusetzen, bei ihr entwickeln. Das Vermächtniß, das Mathilde sterbend in der Mutter Arme gelegt hatte, war es allein, das ihr Kraft gab, den Schlägen zu widerstehen, die nun schnell folgend jede Möglichkeit des Glückes in ihrem Dasein zerstören zu wollen schienen. Wilhelm von Detmund, dessen unausgebildeter Charakter sich plötzlich aller hemmenden Fesseln entbunden gefühlt hatte, und der sich aus dem stillen väterlichen Hause auf einmal unter einer bunten Menge junger, allzu lebenslustiger Kameraden sah, hatte noch nicht Festigkeit genug gewonnen, um die Grundsätze zu bewahren, die der Mutter edler Geist ihm einzuprägen gesucht hatte; er ward zwar nicht schlecht, davor bewahrte ihn der Genius der Mutterliebe und die Erinnerung an die verehrte Frau, in welcher er auch in den unbewachtesten Augenblicken das Bild der schönsten, menschlichsten Tugend sah; aber Beispiel und Gelegenheit machten ihn leichtsinnig, brachten ihn zu Fehlern, die er später selbst verabscheute, und die ausgezeichneten Fähigkeiten seines Geistes, die Leichtigkeit, mit welcher er Alles auffaßte und das Gelernte behielt, machte ihn nachlässig und übermüthig. Auf die Universität gelangt, vollendete die unselige Bekanntschaft mit einem Spieler sein Unglück und zerstörte alle die guten Entschlüsse, welche die Thränen und Vorstellungen der geliebten Mutter in ihm erregt hatten. Er spielte, verschwendete, machte Schulden, und als sich diese zu einer schreckhaften Summe gehäuft hatten, als mit einem Male seines Vaters unerbittliche Strenge und seiner armen Mutter unendlicher Jammer mahnend und drohend vor ihm stand, da brach sein Muth, und unfähig der Zukunft, so wie er selbst sie herbeigeführt hatte, entgegen zu treten, verließ er heimlich den Schauplatz seiner Thorheiten, verschwand, und alle Spuren, die den emsigsten Nachforschungen zu entdecken gelangen, führten nicht weiter, als bis zu einem der holländischen Seehäfen, wo er sich entweder eingeschifft haben oder verunglückt sein mußte. Die Kunde, die von Elisabeths Leben aus Frankreich herübergelangte, war auch nicht dazu gemacht, das Mutterherz, dessen Hoffnungen allmälig alle zu Grabe getragen wurden, zu trösten und zu erheben. Sie war zwar von der Familie ihres Gatten freundlich empfangen worden, hatte aber in ihrem Kreise keine einzige Persönlichkeit gefunden, die sie hätte ansprechen können, und das Fremdartige, dessen Bild so zauberisch vor ihrer Seele stand, hatte seinen Reiz verloren, sobald die Nähe den trügerischen Schimmer abgestreift hatte. Vernier ließ es zwar nicht an Aufmerksamkeiten mancher Art fehlen, besonders so lange seine Eitelkeit durch die Bewunderung befriedigt wurde, die Elisabeths zarte Schönheit und ihr liebenswürdiges Wesen hervorbrachten; aber von der ehelichen Treue hatte er keine strengen Begriffe, so wie er überhaupt in Allem, was die Moralität betrifft, ein echter Schüler Epikurs war; und als die Flitterwochen vorübergegangen, in denen auch sie ungleichartigsten Paare einander zu verstehen scheinen, fühlte die Getäuschte wohl, daß Vernier nicht der Mann sei, der ihre fromme Seele, ihren gebildeten Geist und ihr tief fühlendes Herz zu fassen und werth zu halten vermöge. Die Geburt eines Mädchens schien sie zwar während einigen Jahren mit ihrem Geschicke zu versöhnen und das fremde Land zur Heimat umzugestalten; alle ihre Briefe waren voll von ihrer kleinen Klaire, die sie auch nur einmal in der Großmutter Arme zu legen wünschte: allein es ging dennoch sichtbar eine Sehnsucht aus jedem ihrer Worte hervor, die wie das Heimweh eines Engels nach seiner himmlischen Heimat klang. Was sie auf Erden nicht mehr zu erreichen hoffen konnte, die schöne Heimat ihrer Jugend, das theure Vaterhaus, die geliebten befreundeten Menschen, für deren Verlust ihr kein Ersatz ward, das vereinigte sich in immer helleren Bildern mit den Hoffnungen, die sie auf ein besseres Leben im Herzen trug, und sanft lösten sich die Bande, die den leidenden Körper an die sehnende Seele knüpften. Beinahe möchte man das Gefühl, mit welchem Frau von Detmund die Nachricht von dem Tode ihres letzten Kindes erhielt, eine wehmüthige Freude nennen. Sie war wahrhaft heimgegangen, aus dem enttäuschten, verödeten Dasein hinweg in ihr besseres Vaterland, und lieber wußte die Mutter sie dort geborgen, als unter Menschen, von denen sie ewig nicht verstanden werden konnte. Das Bild ihrer Ruhe folgte ihr an das lange und schmerzliche Krankenlager des Gatten, dem sie mehrere Monate hindurch die liebevollste und geduldigste Krankenwärterin war; der erst am Ende seiner Laufbahn das Wesen erkannte, das sein gutes Glück ihm zur Gefährtin gegeben hatte, und in seinen letzten Augenblicken mit dem Dank für ihre Güte auch den Schmerz aussprach, das Kleinod an seiner Seite nicht nach seinem vollen Werthe geschätzt zu haben. Wohl mag es zuweilen räthselhaft erscheinen, wie Frauen, deren zarter Bau dem ersten Sturme zu unterliegen droht, eine Reihe von Unglücksfällen, von schmerzlichen Entbehrungen und Leiden zu ertragen vermögen, ja wie oft die intellektuellen Fähigkeiten des weiblichen Geschlechtes sich nur kräftiger entwickeln, während in ähnlichen Fällen die Kraft des Mannes gebrochen wird. Biegsam aber und weich, wie ihre Form, ist der Sinn der Frauen; zum Dulden und Tragen bestimmt, von der Natur zu sanfter Nachgiebigkeit angewiesen, schmiegen sie sich unter der Last des Unglücks, bis das Ungewitter vorüber ist, während der stolze Geist des Mannes, die geduldige Ergebung verschmähend, der Uebermacht trotzt, mit dem Unheil ringt, und endlich von dem Schicksal überwältigt zu Boden sinkt, ohne sich wieder emporraffen zu können. Seine Schwachheit fühlend, sucht das Weib, mehr als der Mann, eine haltbare Stütze auf dem schroffen Wege, wo oft kein freundliches Licht die Wandelnde leitet, und wo vermöchte sie eine solche Stütze zu finden, als in dem schönen Glauben, der allein mit seinem ganzen umfassenden Troste die düstern Stunden des Jammers zu erhellen vermag, und dem sich das weibliche Herz mit all der Innigkeit hinzugeben versteht, die für alle schönen und heiligen Gefühle dasselbe so empfänglich macht. Je heftiger die Wellen des Unglücks sich an dem schwankenden Lebensschifflein brechen, je unauflöslicher verwebt sich dieser Glaube und diese Hoffnung mit dem innern Wesen der Frau; wie die körperliche Kraft, so stärkt sich auch die geistige durch die Notwendigkeit des Gebrauches, es erhebt sich Gemüth und Herz, es bildet sich Geist und Sinn in der Schule des Unglücks, und unkenntlich, zu ihrem Vortheil verändert, erscheint uns oft am Ende ihres kummervollen Lebens diejenige, die wir in der schönsten Blüthe des Glückes und der Jugend gekannt haben. Und wie rührend stellt das Bild der Dulderin sich uns dar, wenn wir sie nach den Tagen würdig getragener Trübsal wieder erblicken, wie sie die Trümmer ihres Glückes um sich gesammelt hat! wie nach den Stürmen eines wild bewegten Lebens eine tiefe Ruhe in ihre Brust gezogen ist, eine Vorahnung des Friedens, der ihr nun nicht lange mehr entgehen kann! wie sie im Andenken an das Ueberstandene in milder Güte waltet und liebt und das schöne Vorrecht des Alters genießt, durch eigenes Beispiel auch andere Menschen leben und leiden zu lehren. Wir haben Frau von Detmund an dem Sterbelager ihres Gatten, als verarmte Mutter, mit der Welt nur noch durch ihre kleine Emma verbunden gesehen, mit dem Körper nur noch auf der Erde weilend, mit dem Geist aber den theuern Vorangegangenen in unbekannte Regionen nachschwebend, und wir erblicken sie nach einer Periode von zwölf Jahren in den heitersten, freundlichsten Umgebungen wieder; zur Matrone geworden, aber lebensfroher und muthiger, als in den Tagen der schönen Jugend, mit regem Interesse Alles umfangend, was seit der Zeit der Trübsal ihrem liebenden Herzen aufs Neue gegeben worden war, und wie in einen schweren, aber segenbringenden Traum in die Vergangenheit zurückschallend. Nachdem Herr von Detmund zu seiner letzten Ruhestätte gebracht worden war, und die Wittwe seine Verlassenschaft geordnet hatte, strebte sie vor Allem, eine Umgebung zu verlassen, die ihr nur trübe Erinnerungen geben konnte, und sehnte sich nach einem stillen Plätzchen, wo sie ruhig und fern von lästiger Zerstreuung dem Andenken an alle die holden Gestalten leben dürfte, die ihr in einsamen Augenblicken zuweilen liebend die Arme entgegen zu breiten schienen. So zog sie dem kleinen Städtchen zu, wo wir sie im Anfange dieser Blätter heimisch gefunden haben, kaufte sich eine angenehme Wohnung außer den dunkeln Mauern und beschäftigte sich einzig und unausgesetzt mit der Erziehung ihrer kleinen, blonden, lieblichen Emma. Gerne hätte sie auch den Nachlaß ihrer altern Tochter, die verwaisete Klaire, in ihre liebenden Arme, unter ihren Schutz herbeigerufen; allein der Vater, dem sonst die heißen Gefühle eines treuen Herzens eben nicht eigen waren, fand an dem lebhaften, reizenden Kinde ein solches Behagen, daß er zu einer Trennung nicht zu bereden war, und Alles, was die Großmutter zu thun vermochte, war, der kleinen Klaire eine Erzieherin aus dem deutschen Vaterlande zuzusenden, deren Fähigkeiten nicht zu bezweifeln waren, und die bald in dankbarer Liebe die herzliche Anhänglichkeit der Enkelin der fernen Matrone zuzuwenden und sie dieselbe im Bilde lieben zu lehren wußte. Schon hatte Frau von Detmund in dem anspruchlosen Kreise ihrer nützlichen Thätigkeit einen Theil der Seelenruhe wieder gefunden, die ihr in dem Jammer eines zerrissenen Herzens untergegangen war; schon vermochte sie wieder Plane für eine freundliche Zukunft der beiden geliebten Kinder zu entwerfen, als eine sehr große, ganz unvermuthete Freude ihr zu Theil ward. Sie saß eines Tages mit Emma auf dem Schooße in ihrem Garten, als ungemeldet ein noch jugendlicher, aber von der Sonne braun gebrannter Mann herein trat, einige Augenblicke wie zweifelnd stehen blieb und ihr dann, als sie befremdet sich erhob, mit dem Schluchzen einer heftigen Rührung zu Füßen stürzte, – »Mutter, Mutter, können Sie verzeihen?« stammelte endlich der verlorne Sohn, und wer die schöne Parabel unsers Heilandes kennt, wird wohl nicht glauben, daß hier das Mutterherz den Heimgekehrten verstoßen habe. Solch ein Augenblick des Wiederfindens löscht die Spur jahrelanger Thränen und Kümmernisse aus, er ließ die vor Wonne schwindelnde Mutter vergessen, daß sie jemals gelitten hatte; und als allmälig in Wilhelm keineswegs ein Taugenichts, wie zu fürchten stand, sondern ein durch Unglück gereifter junger Mann ans Licht trat, als sie sich überzeugen durfte, daß in seinem Herzen die Flamme der Tugend brenne, daß seine Liebe ihr in vollem Maße vergangenen Jammer vergelten wolle, da faltete sie gläubig und dankend die Hände und sagte leise: »Herr, deine Wege sind unerforschlich, aber sie sind weise und gut!« Wilhelm war bei seiner schnellen Flucht vor Bestrafung und Schande, mit einigem Gelde versehen, an dem Einschiffungsplatze, wo er sich nach England begeben und einen Jugendfreund aufsuchen wollte, einer Art von Seelenverkäufer in die Hände gerathen, der ihn, entblößt von allen Bedürfnissen und in Gesellschaft des Abschaums der Menschheit nach Ostindien übersetzen ließ und dort zu den beschwerlichsten Arbeiten gebrauchte. Mehrere Jahre verlebte er in einem bejammernswerthen Zustande, in welchem er sich hundert Mal den Tod wünschte, und Muße hatte, seine Thorheiten bitter zu bereuen. Ein Zufall machte einen Offizier der englischen Kompagnie, dem sein Name nicht unbekannt schien, auf ihn aufmerksam; er verwendete sich für ihn, entriß ihn seinem Elende, mit der großmüthigsten Theilnahme sorgte er für alle seine Bedürfnisse, nahm ihn zu sich, und Wilhelm gestand, daß er diesem edlen Landsmanne – denn der Offizier sei ein Schweizer gewesen – viel mehr noch als das Leben, daß er ihm seine weitere Ausbildung, seine vermehrten Kenntnisse, die Entwickelung aller seiner moralischen und körperlichen Fähigkeiten schuldig sei. Er hatte ihm Beschäftigung angewiesen, hatte ihn mit Geld und Ansehen unterstützt und nicht geruht, bis ein kleines Vermögen seine Bemühungen vergolten hatte, welches dem Reuigen möglich machte, in sein Vaterland zurückzukehren und die Schulden zu tilgen, die durch seinen Leichtsinn so unverantwortlich gehäuft worden waren Beim Abschiede drückte der Mann, dessen Wilhelm nie ohne Thränen im Auge erwähnte, seinen jungen Freund tief bewegt an die Brust, gab ihm seinen Segen und bat ihn, der Mutter zu sagen: der Freund ihrer Jugend habe auch in einem fernen Welttheile seine Gefühle für sie nicht vergessen. Ergriffen von schmerzlich-süßer Ahnung, begehrte Frau von Detmund den Namen des unbekannten Wohlthäters zu wissen, und als des Sohnes Lippe mit heiliger Liebe und anbetender Verehrung »Laßberg« nannte, da schien es, als ob mit einem Male dreißig Jahre voll schwerer Kämpfe und Leiden sich in dem Gedächtnisse der Mutter verwischen, als ob aus dem Meere der Vergangenheit sich das jugendgeliebte Bild glänzend erheben und noch ein Mal die Tage der ersten, durch das ganze Leben treu bewahrten Neigung für sie anbrechen sollten. Dem Freunde ihres Herzens hatte sie die Rettung ihres Kindes und den stillen Frieden ihrer übrigen Lebenszeit zu verdanken; er liebte sie noch, ihr Andenken hatte jenseits der Meere dem Sohne den Freund und Beschützer gegeben, wie sollte nicht diese Gewißheit, schöner als alle Träume der rosigen Phantasie, einen Glanz auf ihre Zukunft werfen, dessen milder Schimmer sogar das dunkle Grab erhellte, in welchem sie ihn wiederzufinden hoffte! Sie fragte nicht viel; sie sprach wenig über das Vorgegangene, und Wilhelms feiner Sinn verstand und achtete der Mutter Zurückhaltung; aber wenn an lichten Abenden Beide bei einander saßen, Beider Gedanken sich auf den nämlichen Punkt richteten, dann nannte wohl der Sohn leise den Namen »Laßberg«, und sanft drückte die Mutter die Hand dessen, der ihr darum noch theurer war, weil Er ihn erhalten und ihr wiedergegeben hatte. Entschlossen, seine Schuld, so weit es in seiner Macht stand, gut zu machen und seiner Mutter zu ersetzen, was sie in frühern Jahren an Lebensgenuß hatte entbehren müssen, wählte Detmund den Wohnort derselben zu seinem Aufenthalt. Die Kenntnisse im Handelsfache, die er sich unter einem fremden Himmelsstriche erworben hatte, und die Neigung, die er von jeher für den Handelsstand fühlte, bestimmten ihn, ein Etablissement zu errichten, das in Kurzem vortrefflich gedieh und ihn in den Stand setzte, seine Hand einem liebenswürdigen, aber mittellosen Mädchen zu reichen, das ganz geeignet war, ihn glücklich zu machen, und den Werth der würdigen Frau zu fassen, die ein günstiges Geschick ihr zur Mutter gegeben hatte. Sechs Enkel und Enkelinnen sah Frau von Detmund dieser schönen Verbindung entsprießen, die alle mit unendlicher Liebe der freundlichen Matrone zugethan waren; ihr Dasein begann sich wieder zu beleben, jeder Tag brachte ihr einen neuen Genuß, der sich in dem Gefühle noch verstärkte, die Freudegeberin des jungen Völkleins, die vertraute und geliebte Freundin der Eltern, ihre freundliche Rathgeberin und mit einem Worte Allen Alles zu sein. So wie das Unglück oft in unausgesetzten Schlägen über den Menschen hereinbricht, so wird auch, scheint einmal die Sonne wieder, das Glück nicht müde, ihn mit seinen Gaben zu überhäufen. Vernier starb in Folge eines Sturzes vom Pferde, und Klaire, nach deren Anblick Frau von Detmund sich seit neunzehn Jahren vergeblich gesehnt hatte, betrat in Begleitung ihrer treuen Erzieherin und Freundin zum ersten Male das Mutterland, dessen Berge und Schluchten, dessen grause Abgründe und freundlich helle Triften, wie die Wunder der Fabelwelt, seit ihren Kinderjahren in der jugendlichen Phantasie zu anziehenden Bildern sich gestaltet hatten, in deren Mitte sie jetzt die Verwandten finden sollte, die nur dem Körper, nicht dem Geiste nach, ihr fremd und unbekannt waren. Klaire Vernier, deren lebhafte Einbildungskraft, deren heißes Herz, deren rege Empfänglichkeit für Alles, was eine abstoßende oder anziehende Kraft für sie besaß, genugsam die südliche Natur bezeichnete, hatte unter der Leitung ihrer weisen Führerin alle die Fehler allzu lebhaft fühlender Menschen zu mildern gelernt und die Eigenschaften ihres Kopfes und Herzens lieblich entwickelt. Das schon entworfene Bild ihres Körpers stimmte vollkommen mit der Liebenswürdigkeit ihres Geistes überein, und selbst das Eigene, zuweilen etwas Sonderbare und Fremdartige in ihrer äußern und innern Erscheinung machte sie nur um so anziehender, wie eine aus fremdem Boden verpflanzte und dennoch in ihrer eigenthümlichen Ueppigkeit sich entwickelnde Blume doppeltes Interesse gewährt. Wie vermöchten Worte die Empfindungen der Großmutter zu schildern, als sie das nie gesehene Kind ihres verklärten Lieblings in die Arme schloß; als es ihr schien, die Verstorbene selbst führe ihr das Wesen zu, an dem sie auf der irdischen Bahn mit solcher Innigkeit gehangen, welches allein ihr das Scheiden schwer gemacht hatte; als sie nur ihr hörbare Klänge gleich Geisterlauten durch das Zimmer hallend zu vernehmen glaubte; als mit einem Male die heiße Sehnsucht des Mutterherzens, die nie erstickt, und eine Freude, deren Heftigkeit beinahe an Schmerz grenzte, sich ihrer bemächtigten; als sie mit dem einen Arm die neu Geschenkte umfing, den andern der Entschwundenen in die Ewigkeit entgegen breitete, und keiner der Anwesenden sich der Thränen der tiefsten Rührung enthalten konnte. Solche Momente gehören nicht der erzählenden Feder an, sie müssen mit heiligem Sinne und einem Gefühl empfunden werden, dessen fromme Reinheit ein Funke des göttlichen Geistes ist, und jede irdische Darstellung würde sie entweihen. Frau von Detmund würde jetzt ganz glücklich gewesen sein, wenn sie die Sorge um das geliebte Kind hätte verscheuchen können, von welchem sie fürchtete, es möchte sich in den ungewohnten Umgebungen, bei fremden Gebräuchen und Sitten, in einem Klima, dessen rauhe Lüfte so leicht die zarte Blume verletzen konnten, nicht heimisch fühlen und der Schmerz einer unbefriedigten Sehnsucht alsdann auch die übrigen anziehenden Verhältnisse unerfreulich erscheinen lassen. Eine oft übertriebene Sorglichkeit, ein ängstliches Vorahnen von Leiden und Kümmernissen, deren Wirklichkeit meistens nicht eintritt, scheint eine Zugabe der edelsten weiblichen Charaktere zu sein, und mehr noch, als nöthig wäre, die Bahn der Frauen mit Dornen zu bestreuen, für welche doch vorzugsweise die Lehre gegeben sein möchte: »Sorget nicht für den morgenden Tag!« Von Allem, was die Großmutter vorgesehen hatte, geschah gar Nichts; Klaire blühte und grünte gleich der zierlichsten Centifolie, ihr strahlendes, ausdruckvolles Auge leuchtete Gesundheit und Frohsinn, und in französischen und deutschen Poesieen, in dem lieblichen Dialekte des Languedoc und in allemannischen Lauten tönte den ganzen Tag die schön ausgebildete Stimme des holden Mädchens. Mit Klairen war erst recht eigentlich die heiterste Fröhlichkeit in den trauten Kreis gekommen, der früher auch wohl recht ernst und stille beisammen sein konnte; Allem wußte sie die lichte Seite abzugewinnen, jede aufsteigende Wolke wegzuschmeicheln, jedes kleine Mißverhältnis; in seiner Entstehung zu lösen; ja, es war, als vermöchte kein verstimmtes Gefühl sich in der Nähe der freundlichen, gaukelnden, anmuthigen Psyche festzuhalten. Man glaube aber ja nicht, daß Klaire nicht auch fremdes und eigenes Leid hätte empfinden können, daß sie unfähig gewesen sei, zu verstehen, was die Seele mächtig erfaßt und die Brust mit wehmüthig-ernsten Regungen zu erfüllen vermag. Wenn auch ihr Charakter sich mehr zu harmloser Heiterkeit neigte, so konnte sie doch tief, ja heftig empfinden; kein fremder Jammer blieb von ihr unbemerkt, kein unausgesprochenes Weh ohne Theilnahme, und wenn oft die niedlichen Füßchen sich unwillkürlich tanzend bewegten und das Lächeln der ungetrübtesten Freude sich in die Grübchen der Wangen zeichnete, so reichte ein Blick auf irgend einen Armen oder Unglücklichen oder eine Thräne in fremdem Auge hin, den schwebenden Gang zu hemmen und Perlen des Mitgefühls auch in ihre Augen zu bringen. War es ein Wunder, daß ein so liebenswürdiges Wesen die Freude ihrer Umgebungen hieß und jeden Bestandtheil derselben an sich zog? Von der Großmutter bis zu der kleinen Klara, die sie vor einem halben Jahre aus der Taufe gehoben hatte, bezeugte ihr jedes einzelne Glied der Familie auf seine Weise die herzlichste Liebe; keine Freude war vollkommen, kein Genuß erschien erwünscht, wenn Klaire nicht dabei war, die sich schnell in alle kleinen Veränderungen der Lebensweise zu fügen gewußt hatte; den Kindern, von denen sie angebetet wurde, war sie Lehrerin, Anführerin bei ihren Vergnügungen, Rathgeberin, wenn irgend etwas ausgeführt werden sollte, und liebende Vorbitterin, wenn ein Kleid zerrissen, eine Tasse zerbrochen oder sonst etwas Menschliches widerfahren war. »Klaire!« jubelte die Kinderschaar, wenn sie am Abend, ihrer Lehrstunden entlassen, in den obstreichen Garten der Großmutter stürmte; »wo ist denn Klaire?« fragten Detmund und seine Frau, wenn sie nicht sogleich bei ihrer Ankunft sichtbar war; »wird Mamsell Klaire nicht erscheinen?« erkundigten sich die Einzelnen des kleinen freundschaftlichen Zirkels, der sich zuweilen um die Matrone sammelte, und die Blicke der gesegneten Frau leuchteten in heiterer Zufriedenheit, wenn die geliebte Enkelin in gewohnter Anmuth jeden der Anwesenden befriedigte. Niemand aber umfing Klairen mit einer so schwärmerischen Liebe als die stille, freundliche Emma, deren weiches Herz in der liebenswürdigen und kräftig ins Leben gewurzelten Freundin eine willkommene Stütze fand: die zarte Epheuranke, sich um den blühenden Rosenbaum schlingend, so bezeichnete einst Detmunds kunstreiche Hand die beiden Mädchen. Ohne die kleinste Regung von Mißgunst zu empfinden, erkannte Emma laut und leise die Vorzüge ihrer Base an; sie selbst fand ihr Vergnügen in der Bewunderung, welche ihr gezollt ward, und ihr bescheidener Sinn hätte gerne der Freundin in jedem Verhältnisse die erste Stelle gelassen, wenn nicht diese selbst oft zurückgetreten wäre, damit die liebenswerthen Eigenschaften des mildesten aller weiblichen Wesen auch ans Licht gezogen und erkannt würden. Obschon der Unterschied des Alters nur zwei Jahre betrug, hätte man doch die Verbindung der beiden Mädchen beinahe mit derjenigen einer jugendlichen Mutter und ihres holden Kindes vergleichen können; und wenn Emma mit dem süßen Flötenlaute ihrer zarten Stimme »meine Klaire« sagte und die geliebte Freundin umschlang, wenn Klaire Emma's freundliches Gesicht an ihre Brust drückte, zärtlich einen leisen Kuß auf die blendend weiße Stirn hauchte und liebkosend flüsterte: »Mon ange, ma douce amie!« wer hätte dann nicht die holdselige Gruppe mit den Augen des Geistes und des Körpers in sich auffassen mögen? – Ein einziger Umstand nur war es, der zuweilen ein Gefühl der Unbehaglichkeit in Klairens Brust erweckte und sie einen Augenblick ihre angenehme Stellung in der neuen Heimat vergessen ließ. Es lebte ein junger Mann in dem Städtchen, den seine Vermögenslage und seine Persönlichkeit berechtigen konnten, auf die Hand einer Enkelin der Frau von Detmund Ansprüche zu machen, und seit Klairens Ankunft schien er nur Herz und Sinn für die Vorzüge des jungen Mädchens zu haben, welches ihn jedoch immer weit lieber gehen als kommen sah. Sie konnte nichts Erhebliches gegen ihn einwenden, sie empfand den Vortheil, den eine Heirath, welche ihr die Nähe ihrer verehrten Großmutter sicherte, für sie haben mußte, und verbarg sich auch die Freude und den Lebensgenuß nicht, den diese Verbindung über die letzten Tage der edlen Matrone bringen würde; allein eben alle die Betrachtungen, die für den ungeliebten Bewerber sprachen, machten ihr diesen doppelt unangenehm, und sie bemühte sich vergebens, seiner angenehmen Gestalt und seinem gebildeten Geiste Geschmack abzugewinnen. Klaire hatte ein Andenken mit sich aus Frankreich herüber gebracht, dessen Wärme von den Nordwinden und den Schneegebirgen ihres Mutterlandes noch nicht hatte zerstört werden können; und wenn sie sich auch die Thorheit einer plötzlich entstandenen und ohne Folgen gebliebenen Neigung ernstlich vorhielt, so war doch das Bild, das unverwischt und in dem zauberischen Glanze eines ersten Gefühls in ihrem Herzen lebte, dem armen Werner sehr ungünstig. Hätte Klaire gewußt, was die Einzige, die es ihr entdecken konnte, sorgfältig vor ihr verborgen hielt, hätte sie ahnen können, daß Werner vor ihr Ankunft Emma ausgezeichnet und sich dadurch ihrer jugendlichen Neigung bemächtigt hatte, und daß nur der Eindruck, den ihr größerer Liebreiz auf ihn machte, einer Verbindung ihrer Freundin mit dem Erwählten entgegen getreten war; hätte sie sich vorstellen können, daß Emmas kindlicher Sinn sich nicht zu denken vermochte, wie man für den Gegenstand ihrer eigenen Neigung nicht Liebe fühlen müsse, sobald er sich um diese bewerbe, und daß sie großmüthig zu entsagen strebte, sie hätte manche trübe Stunde weniger verlebt und den Kampf vermieden, der sich zwischen ihrer Pflicht und ihrem Herzen entspann. Wenn es unwahrscheinlich vorkommen möchte, daß zwei enge verbundene Mädchen sich über so wichtige Angelegenheiten nicht verständigt haben sollten, so mag zur Erläuterung dienen, daß ungeachtet der anscheinenden Leichtigkeit und Hingebung in Klairens Gemüth sie dennoch ziemlich viel Zurückhaltung besaß, und nicht unter diejenigen gehörte, die, von einer traulichen Minute hingerissen, Mittheilungen machen, welche sie nachher mit der Hälfte ihres Lebens zurückerkaufen würden; daß überhaupt dasjenige, was ihr Herz für Werners gute Eigenschaften unempfänglich machte, unter die verborgensten Dinge ihres innern Wesens gezählt werden durfte, und daß Emma mit großer Anstrengung ein äußerst verdienstliches und großmüthiges Werk zu vollbringen glaubte, indem sie der vermeintlichen Nebenbuhlerin das Geheimniß ihrer Brust verschwieg. So hatte sich in der Detmundschen Familie die Lage der Dinge gestaltet, als die Jahresepoche eintrat, bei welcher wir ihre Bekanntschaft zu machen Gelegenheit hatten. Es war das erste Weihnachtsfest, das Klaire in der neuen Heimat feierte; in ihren frühern Verhältnissen war wenig daran gedacht worden, dasselbe durch liebevolle Aufmerksamkeiten oder freundliche Ueberraschungen zu verherrlichen, und wenn die Bonne von den Sitten des Schweizerlandes bei diesem Anlasse erzählte und aller der heitern Stunden gedachte, die in dem eigenen Familienverein ihr in diesen Tagen geworden waren, so fühlte das mutterlose Mädchen zuweilen eine recht schmerzliche Sehnsucht nach den schimmernden Lichtchen, den vergoldeten Nüssen, den glänzenden Spielsachen, die den glücklichen Kindern in der Erinnerung an den himmlischen Bruder bescheert werden. Jetzt hatten die Vorbereitungen der Großmutter, die jedem Einzelnen schenken wollte, was seine einfachen Wünsche in sich befaßten, die Freude der Kinder, die sich seit Wochen von Nichts unterhielten, als von dem Weihnachtsabend und seinen herrlichen Wundern, und selbst die freudige Erwartung der ältern Familienglieder, Klairens kindlicher Sinn, der für solche unschuldige und wahrhaft Glück bringende Freuden geschaffen war, ganz in Anspruch genommen; auch sie wollte bescheeren, auch sie wünschte Theil zu haben an dem Jubel des fröhlichen Abends, und deßhalb stand sie nicht nur der verehrten Matrone, gleich Emma, thätig zur Seite, sondern sie hatte auch mit sinnigem Geist im Stillen mancherlei bereitet, das nun binnen wenigen Stunden ans Licht gefördert werden sollte. Es war seit dem glücklichen Wiedersehen von Mutter und Sohn und dem Entstehen einer neuen Geschlechtsfolge Sitte, daß alle Vorabende vor der Weihnacht nach dem Abendgottesdienst sich Klein und Groß in dem freundlich erleuchteten Kaminzimmer der Frau von Detmund versammelte, dort ein einfaches Abendbrod genoß und dann, wenn die Ungeduld die kleinen Wesen rastlos auf den Stühlen umhertrieb, nach gegebenem Zeichen, die Thüre des großen Saales sich öffnete, in welchem einzelne Tischchen das Eigenthum eines Jeden wohlgeordnet trugen und frische Tannnenbäumchen mit hellflimmernden Lichtern die willkommenen Gaben zauberisch beleuchteten. Heute sollte zu Klairens Ehre das Fest vollends verschönert werden; sie selbst sollte, zwar dicht verschleiert, aber in glänzendem Anzuge, den Genius desselben vorstellen, durch ihre Erscheinung die Fragen der Kinder nach dem »Weihnachtkindlein«, das andern Glücklichen auch schon sichtlich erschienen war, befriedigen; und zum Ueberflusse war dießmal ein einziger, aber fast bis an die Zimmerdecke reichender Weihnachtsbaum angeordnet worden, dessen Umfang eine unermeßliche Menge bunter Herrlichkeiten faßte, und der in die Mitte des Saales gestellt, hinreichend war, die ganze Umgebung mit seinem Strahlenglanze zu erhellen. So eben war der letzte Faden geknüpft worden, als vom nahen Kirchthurme die erste Mahnung zu dem feierlichsten aller Gottesdienste erscholl und Klairens Herz in eine tiefe, beinahe unerklärliche Bewegung gerieth. »Großmutter!« rief sie mit dem ihr eigenthümlichen, aber gar nicht unangenehmen Accente, »wir sind fertig alle Drei, es ist nun nicht mehr viel zu thun, erlaube mir mit Emma in die Kirche zu gehen, und bevor ich mich der irdischen Freude hingebe, der himmlischen mein Herz zu öffnen; laß mich beten gehen zu meinem lieben entschlafenen Mütterchen und danken für das Glück, das der Heiland mir armen verlassenen Kinde geschenkt hat!« Wohl mehr als einen an sich schon lobenswerthen Kirchengang hätte das schmeichelnde Kind von der Großmutter erbitten können; doch protestirte sie gegen das Weggehen der beiden Mädchen, von denen das eine mindestens ihr zum Empfang ihrer Gäste unentbehrlich sei, und da Emma dem Abendgottesdienste schon vielmal beigewohnt habe, so könne Marie, das Kammermädchen, die holde Bittstellerin begleiten. Die Dämmerung war schon merklich vorgeschritten, als die vereinten Glockenklänge in steigender und sinkender Kraft, je nach der Bewegung des Windes, die Andächtigen zu den geweihten Hallen riefen, deren Ansicht in dem ersten Augenblicke Klairens Herz nicht befriedigten. In hellem Glanze, meinte sie, sollte an diesem festlichen Abende das Innere der Kirche den Menschen entgegen leuchten, so wie die verhängnißvolle Nacht vor achtzehn Jahrhunderten die leisen Ahnungen der Sterblichen zu schöner Gewißheit verklärt hatte. Dunkel aber und schauerlich war es in dem weiten Gebäude, einzelne Lichtchen flammten hier und da mit mattem Scheine und vergrößerten mit ihrem ungewissen Schimmer die Schatten der hohen Säulen, die in riesigen Umrissen sich nach der Kuppel ausdehnten. Mit leisen Geistertritten schwebten die Gestalten der Eintretenden vorüber, kein Laut außer den sterbenden Tönen der Glocken war hörbar, alles Aeußere schien sich in dieser nächtlichen Umgebung verlieren zu sollen, damit das Innere das Uebergewicht erlangen und die Falten des Herzens sich in dem eigenen forschenden Auge enthüllen möchten. Was zuerst der Phantasie des Mädchens störend entgegen getreten war und ihre Erwartung getäuscht hatte, was Schauer auf Schauer an dem zarten, in halber Aengstlichkeit gehobenen Busen vorüberrieseln ließ und mit einem frühern Weihnachtsfest einen schneidenden Kontrast bildete, das begann nun aber allmälig, als die hellen, langsam sich fortbewegenden Orgeltöne wie Stimmen vollendeter Geister in der Dunkelheit verhallten, und dann des Predigers Rede mit den schönen Worten anhob: »Ehre sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden!« in eine wohlthuende Ruhe überzugehen, und das junge Herz, dessen Leben sich kaum entfaltet hatte, das in dem Wehen der ersten Frühlingskühle die Ungewitter des Sommers, die stürmenden Orkane der Herbstzeit noch gar nicht ahnete, erschloß sich den Träumen, deren rosiger Schein nur eine Epoche in dem menschlichen Dasein umfaßt, dessen Schimmer aber oft noch wohlthätig in das mitternächtliche Dunkel der spätern Winterreise herüberblickt. Still und in sich gekehrt saß Klaire, den Kopf auf eine der Hände gestützt; die ohnehin nur halb gesehenen Gegenstände verwischten sich nach und nach vor ihren Augen, kein Geräusch traf mehr an ihr Ohr und selbst der Vortrag des Lehrers flog ungehört an dem Sinne des nachdenkenden Mädchens vorüber. Wer kennt nicht diesen Zustand zwischen Wachen und Träumen, wo die Einbildungskraft ihre regen Schwingen hebt und so oft dem leidenden Menschen in Ahnungen nie gekannter, nie zu erreichender Seligkeit das einzige Glück verleiht, das seinem Leben beschieden ist! In wehmüthigen Lauten sprechen dann leise, wohlbekannte Stimmen an das bewegte Herz; es tauchen längst entschwundene Bilder aus dem Meere der Vergangenheit mahnend empor und der dichte Schleier der Zukunft scheint sich sogar dem forschenden Blicke minutenlang zu lüften. An ähnlichem Tage, in ähnlicher Stunde hatte Klairens Seele vor zwei Jahren einen Eindruck empfangen, den weder Zeit noch gänzliche Trennung vollkommen zu verlöschen im Stande gewesen waren, und der, gleich dem harmonischen Laute der Aeolsharfe, bei der leisesten Berührung von Außen in einzelnen, ergreifenden Klängen durch ihr ganzes Wesen hallte. Was auch das spätere Leben mit sich bringe, wie heftig und leidenschaftlich, ja wie treu und ausdauernd das Herz lieben möge, dessen erste Gefühle mit ihrer Täuschung in dem Sturme der Vergangenheit versunken sind; sollten auch die Regungen, die nach vorhergegangenen bittern Erfahrungen entstehen mochten, wirklich des Daseins höchstes Glück begründen: der Zauber kehrt dennoch nicht wieder, der nur das Vorrecht der jugendlichen, reinen, von keinen Mißklängen zerrissenen Brust sein kann; und oft, wenn dem gereiften Menschen ein freundlich schönes Glück zu Theil geworden ist, wenn Geist und Sinn sich in der Mitte passender Verhältnisse befriedigt fühlen, zieht leise und zart eine Erinnerung durch die Seele, die, gleich einem Lichtstrahl aus besserer Welt, in das alltägliche Thun und Treiben hineinblickt und eine Zeit der Begeisterung zurückruft, welche auf dieser Erde nicht zum zweiten Male erblühen darf. Zwei Jahre waren es, seit Klaire die Festtage bei heiligen Weihnacht zum ersten Male in einer größern Stadt feierte, wohin sie von Freunden ihres Vaters gebeten worden war. Ihre Lehrerin und Freundin, von einem leichten Fieber befallen, durfte sie nicht begleiten, und sie sah sich also, was ebenfalls noch nie geschehen war, mitten in einer Gesellschaft junger Leute, theils Söhne und Töchter des bekannten Hauses, theils Freunde desselben, die ihr alle fremd, dennoch mit der Leichtigkeit französischer Sitte den liebenswerthen Gast aufs Beste zu unterhalten verstanden und Nichts unterließen, von dem sie vermuthen konnten, es würde einem jungen und heitern Mädchen angenehm sein. Klairens Vater war Protestant, und obschon er eben nicht sehr gewissenhaft an seinem Glauben zu hangen schien, so war es ihm doch nicht gleichgültig, zu welcher Kirche seine Tochter sich bekennen würde, und er scheute den Geist der Proselytenmacherei so sehr, daß er sie sorgfältig vor jedem Einflüsse dieser Art und hauptsächlich vor dem Besuchen der katholischen Kirchen hütete, deren Auszierung sowohl, als die oft hinreißend schöne Musik, die so leicht religiöse Gefühle erregt und entwickelt, einem unbefangenen und nur an den einfachen Ernst des protestantischen Gottesdienstes gewöhnten Gemüthe dermaßen anziehend erscheinen können, daß es darüber das einzig Wahre und Göttliche aus den Augen verliert. Flüchtig und selten hatte also Klaire die innere Ausschmückung der Tempel gesehen; einem großen Feste hatte sie niemals beigewohnt, und die kleine, unbedeutende, in ihrer Nacktheit wenig ansprechende protestantische Kapelle war der einzige Ort, an welchem sich ihre fromme Seele den heiligen Eindrücken überließ, die der öffentliche Gottesdienst auf reine Gemüther machen muß. Mehr als jedes andere Vergnügen galt nun dem Mädchen der Genuß, in diesen schönen Tagen einer frohen Erinnerung, die auch ihrer entschlafenen Mutter so wichtig und lieb gewesen waren, in der Mitte angenehmer Gespielen an den geweihten Stätten umherzuwandeln, wo das nie Gesehene und für diejenigen, deren Auge und Ohr sich noch nicht daran gewöhnt hatte, so tief Ergreifende des katholischen Ritus, sich aller ihrer Sinne bemächtigte und sie gleichsam dieser Welt entrückte, um sie auf Minuten einem überirdischen Dasein zuzugesellen. Schon um des Anstandes willen hätte sie sich von den Gebräuchen nicht ausschließen können, welche ihre Gefährten beobachteten; aber sie befolgte ihr Beispiel nicht nur aus Notwendigkeit, sondern nach dem Drange eines Herzens, das sich in nie gekannten Bebungen zu dem Throne der Gottheit emporschwang, wenn der Silberlaut von hundert Stimmen in den weiten Hallen erklang, oder wenn sie sich mit der Menge der Andächtigen in feierlicher Stille auf die Kniee warf, den Herrn der Heerscharen anzubeten. Nachdem die größern wie die kleinern Kirchen durchwandelt, auch jedes kleine Kapellchen, in welchem auf dem kümmerlich geschmückten Altar die Lampe brannte, besucht worden war, wobei über ihre Andachtslust mancher neckende Spott von der jungen Gesellschaft sich ergossen hatte, freute sich Klaire mit einer Innigkeit, die ihr selbst zuweilen etwas schreckhaft vorkam, auf die Geburtsnacht des Heilandes, wo sie dem feierlichen Mitternachts-Gottesdienste beiwohnen sollte, von welchem selbst die Leichtsinnigern unter ihrer Umgebung mit begeistertem Gefühle sprachen. Der Vorabend des Festes ging ihr in ahnender Erwartung vorüber; ein leiser Vorwurf drang zuweilen in ihre Seele, wenn sie bedachte, welche große Vorurtheile ihr Vater gegen Alles hegte, was den fremdartigen Gebräuchen angehörte, und daß er es schwerlich billigen würde, wenn er wüßte, mit welcher Sehnsucht sie dem Augenblick entgegensah, der ihr sonst immer entweder in den stillen Umgebungen ihres gewöhnlichen Lebens oder in friedlichem Schlummer entschwunden war; aber die Gewalt, welche bedeutungsvolle Mysterien und auf die Sinne der Menschen berechnete Einwirkungen äußerer Gegenstände beinahe zauberisch ausüben, ist nicht so leicht zu bezwingen, und mitten in dem fröhlichen Treiben, das sie umgab, vermochte sie weder ihr Gemüth den ernsten Betrachtungen zu entziehen, denen sie sich hingegeben hatte, noch an den Scherzen Theil zu nehmen, die den jugendlichen Lippen der Uebrigen entschwebten und keine Spur jener gehalteneren Stimmung an sich trugen, die jede wichtige Epoche von dem denkenden Menschen fordert. Einsam und in sich gekehrt saß Klaire in einer Fenstervertiefung, die Gegenwart schwand vor ihren Blicken, ihre Seele versenkte sich in eine Masse von Gedanken und Empfindungen, die sie nicht ganz zu entwickeln verstand, in ihrem Herzen lebten Hoffnungen und Ahnungen auf, deren göttlicher Ursprung nicht zu verkennen war, wenn auch Irdisches sich noch darunter mischte; die einzelnen Glockenschläge, welche die nahe heilige Stunde verkündigten, machten in ihrer Brust ein Heimweh, eine Sehnsucht rege, die sie nicht zu deuten wußte; das Bild ihrer verklärten Mutter belebte sich mit frischen Farben, das Andenken der nie gekannten, und doch so herzlich geliebten Verwandten in der Ferne erwachte mit einer schmerzlichen Heftigkeit, sie gedachte der vielen Entbehrungen ihrer verwaisten Kinderjahre; und als von allen Kirchtürmen die Glocken schallten, als sie in dem Gedränge einer großen Volksmasse der Kathedrale zueilte, da war ihre Gemüthsstimmung so verschieden von der Laune ihrer Begleiter, als ein stiller, dämmernder, wehmüthig-freundlicher Abend von der Feier eines lauten, gesangreichen, hellen Frühlingsmorgens. Düsteres Dunkel herrschte in dem ungeheuren Dome, in welchem eine zahllose Menge von Menschen sich drängte; nur vom Hochaltare her blinkten einzelne trübe Lichter, unvermögend, den großen Raum auch theilweise zu erhellen, und wie gedrückt von der schauerlichen Finsterniß, bewegte sich stillschweigend die Masse von Andächtigen aller Klassen durcheinander oder kniete an den Altären und zwischen den Stühlen; kein vernehmlicher Laut ward gehört, nur das Flüstern der Betenden drang bisweilen mit unverständlichem Geräusch an das lauschende Ohr, und das Ganze machte der befangenen Seele den Zustand geistiger Dunkelheit und beklagenswerther Hoffnungslosigkeit deutlich, welche das gesunkene Menschengeschlecht umgeben, ehe das Licht aus der Höhe das Irdische und das Himmlische mit sanft tröstendem Glanze erleuchtete. Nun hob auf der Emporkirche eine Sopranstimme von seltener Schönheit und Ausbildung mit Begleitung von blasenden Instrumenten einen Gesang an, dessen getragene Töne in den weichsten Mollauflösungen leise durch die Kirche schwebten und die sehnsüchtigen Regungen eines verlangenden, Heimwehkranken Herzens aussprachen. Ihr antwortete in einzelnen Zwischenräumen klagend ein Chor, als riefen leidende Geister flehend um Rettung aus endloser Qual, und jedes Gemüth, das nicht ganz von dem Göttlichen abgezogen war, mußte sich mit Wehmuth und jenem tiefen Schmerz erfüllen, die von niedern Naturen nicht empfunden werden kann, weil er sich nur aus dem Innersten derjenigen Seelen entwickelt, deren Bildung sie fähig macht, die zartesten Eindrücke der Freude und die feinsten, an Genuß grenzenden Gefühle des Leidens in sich aufzunehmen. Klaire war ganz Ohr und ganz Empfindung; unfähig sich mit Außendingen zu beschäftigen, dem Zauber hingegeben, den solche ernste Umgebungen, vereint mit der Macht der Musik, auf die empfänglichen Sinne auszuüben vermögen, ließ sie sich von dem Gedränge fortschieben, ohne zu beachten, daß sie längst von ihrer Gesellschaft getrennt war, und die Hand des jungen Frauenzimmers, das sie unter ihren neuen Bekannten am meisten liebte und sich vorzugsweise ihr anschloß, sich aus der ihrigen verloren hatte. »O Adelaide, wie herrlich, wie erhaben ist Alles, was mich umgibt! Wie fühlt sich mein ganzes Wesen von nie gekannten, heiligen Empfindungen bewegt! Wie wünschte ich mich in einer abgelegenen Ecke ruhig den mächtigen Eindrücken hingeben zu können!« so flüsterte die Bewegte, an die Seite ihrer Nachbarin sich lehnend, indem sie die vermißte Hand wieder zu suchen strebte. »Um Verzeihung. Mademoiselle! Sie irren sich«, schnarrte ihr eine unbekannte Stimme entgegen, und mit Entsetzen erblickte Klaire jetzt ein hochgeschminktes Gesicht, dessen höhnische Züge sie in ihrem Leben nicht gesehen hatte. Mit noch größerem Schreck sah sie sich von ganz fremden Menschen umgeben, nirgends eine Spur mehr von den Gastfreunden, mit welchen sie gekommen war, und selbst unfähig bei dem unsichern Schimmer einzelner Lichtstrahlen jene weder mit Blicken aufzufinden, noch durch die wogende Menge dringend, sie zu suchen. Athemlos war sie zu einer der Säulen gelangt, die den Hochaltar umgeben, und theils um sich eine Stütze gegen das andringende Volk zu geben, theils weil ihr wirklich vor Angst und Besorgniß die Sinne zu schwinden begannen, lehnte sie sich fest an dieselbe und umschlang sie halb bewußtlos mit dem einen Arm. Ihre mißliche Lage raubte ihr einen Augenblick alle Besonnenheit; in einer ganz fremden Stadt, wo sie kaum einige Menschen und die Häuser und Straßen gar nicht kannte, um Mitternacht sich allein, ohne den mindesten Schutz, in dem Gewühle von Tausenden zu finden, waren auch in der That Betrachtungen, die nicht dazu gemacht sein konnten, ein aufgeregtes Gemüth zu beruhigen; und wenn man noch dazu rechnet, daß Klaire eine Menge Erzählungen von den Gefahren vernommen hatte, denen junge Frauenzimmer in großen Städten ausgesetzt seien; wenn man bedenkt, daß dieser Umstand sie abhielt, Jemanden um Hülfe und Zurechtweisung anzusprechen, und sie viel zu befangen war, um dem Gedanken Raum zu geben, ihre Gesellschaft werde, sie vermissend, Himmel und Erde bewegen, um sie wieder zu finden: so mag es nicht befremden, daß das arme Mädchen in trostloser Bangigkeit zu weinen begann und die heißen Tropfen in Menge über die kalten, blassen Wangen liefen. »Fehlt Ihnen Etwas, Mademoiselle?« fragte eine wohllautende Stimme, und dicht neben Klairen stand ein junger Mann, dessen Aeußeres keineswegs dazu gemacht war, Furcht oder Scheu einzuflößen. In wohlgeordneten Ringeln floß das lichtbraune Haar über die Stirn und an beiden Seiten des angenehm freundlichen Gesichtes herunter; dunkelblaue, vielsagende Augen blickten theilnehmend auf das jammernde Mädchen und bürgten, mehr noch als seine Worte, für den guten Willen, mit welchem er ihm beizustehen bereit war. Die ganze Gestalt hatte etwas jugendlich Anmuthiges und doch zugleich männlich Kräftiges, was ja den Frauen besonders anziehend erscheint, weil es ihrer Schwäche Schutz verheißt und den muthigen Vertheidiger bezeichnet, dem sie sich so gerne anvertrauen. Ein junger und hübscher Mann, dessen erster Anblick schon die günstigsten Vorurtheile in Klairens Herzen erregte, wäre nun wohl nach den Regeln der Vorsicht die letzte Person gewesen, von welcher sie Beistand hätte annehmen sollen; aber es gibt leider nur zu viel Momente, in welchen man zu verständigen Berechnungen nicht aufgelegt ist, und übrigens war der Unbekannte der erste Mensch, der sich um sie bekümmert hatte; die Noth war dringend, die Züge des Schutzherrn konnten nicht trügen, und Klaire stand nicht an, ihm die Ursache ihrer Thränen und ihre Verlassenheit mit wenigen Worten deutlich zu machen. Die erste Frage des Jünglings war nach dem Namen des befreundeten Hauses, die zweite nach der Reihenfolge, in welcher man die Kirchen hatte besuchen wollen, und zuletzt bat er seine neue Gefährtin zu bestimmen, ob er sie sogleich in ihre Wohnung geleiten solle, oder ob sie an seiner Seite die Bekannten erst aufzusuchen geneigt sei? Der Weg nach Hause war sehr weit, die Entfernung bis zu der nächsten Kirche hingegen, wo Klairens Begleiter den Moment der Erleuchtung hatten abwarten wollen, ganz unbeträchtlich, und nachdem dieser Umstand den Ausschlag gegeben hatte, fügte sich ihr Arm in denjenigen, der ihr so höflich dargeboten wurde, und mächtig von ihm geschützt, oft beinahe getragen, erreichte sie bald die Kirchthüre, und mit dem Schritt ins Freie verlor sich zum Theil die Beklommenheit, die ihre Seele beängstigt hatte. Um dieselbe ganz zu zerstreuen und ihr ein unbedingtes Zutrauen zu dem unbekannten Begleiter einzuflößen, begann dieser mehrere Vorfälle zu erzählen, die auf das eben Vorgegangene Bezug hatten, und es entwickelte sich in diesen flüchtigen Darstellungen so Manches, das auf einen liebenswürdigen Charakter schließen ließ, es sprach aus jedem Worte ein so kindlich-treuer Sinn und eine solche Anhänglichkeit an eine Heimat, die der junge Mann vor Kurzem erst verlassen haben mußte, daß Klairens Hand nicht mehr so lose und federleicht auf dem Arme ihres Führers lag, sondern in herzlichem Vertrauen sich auf ihn zu stützen begann, und auch ihre Erwiderungen auf anfänglich unbedeutende, allmälig aber ernster werdende Aeußerungen, die sich auf die Wichtigkeit des Festes und alles dessen bezogen, was die Religion des Menschen und also auch seinen innern Werth ausmacht, verständlicher und bedeutender wurden. Das gegenseitige Wohlgefallen stieg mit jeder Minute, die Schritte, die erst eilend über die Straße geflogen waren, wurden immer kleiner und gingen nach und nach in ein wahres Schneckentempo über, und als die zweite Kirche mehrmals durchwandert worden und von den Gesuchten keine Spur zu finden war, ließ sich Klairens wieder erwachende Aengstlichkeit leicht durch die tröstende Bemerkung beschwichtigen, daß in der Jesuitenkirche, in welcher die Beleuchtung und die Musik am vorzüglichsten sei, unfehlbar die Freunde sich finden würden, und sei dieß nicht der Fall, so bleibe ja immer noch der Ausweg, geradezu nach Hause zu kehren. »Wie oft führte ich so meine gute Mutter durch die Straßen unserer Vaterstadt, wenn sie am heiligen Weihnachtsfeste die katholische Kirche besuchte; sie war wohl Protestantin, aber dennoch versäumte sie nie in dieser heiligen Zeit an der mitternächtlichen Freude Theil zu nehmen und in ihr frommes Herz alle die wohlthätigen Eindrücke aufzufassen, die wohl angewandte äußere Mittel auf des Menschen Sinn hervorzubringen vermögen. Ach, mein liebes, gutes Mütterchen, längst ist sie nun der dunkeln Erde entnommen, zu dem Strahlenglanze eingegangen, der uns die Wahrheit und die Göttlichkeit erkennen lassen wird; aber immer bewegt in dieser Stunde ihr Andenken mehr noch als sonst mein Herz und ich kann mich zuweilen recht sehnlich aus dem hellen, freundlichen Leben hinweg in ihre stille Ruhe hinwünschen!« Daß die Thränen, welche jetzt sanft über Klairens Wangen zu fließen begannen und wie ätherische Tropfen in der winterlich kühlen Luft versanken, alle nur dem Andenken einer ebenfalls geliebten Mutter flossen, welches durch die Worte des jungen Fremdlings aufgefrischt worden war, das dürfte man billig bezweifeln, und dem Eindrucke, den der Begleiter und seine liebenswürdige Persönlichkeit auf das unbewachte Herz hervorbrachte, einen Theil der Gemüthsbewegung zuschreiben, die so leicht da entsteht, wo die ersten Regungen eines mächtigen Gefühls sich zu entwickeln beginnen. »Auch meine Mutter weilt dort oben«, sprach sie mit leiser, gerührter Stimme, indem sie nach dem Himmel blickte, der in dunkelm Blau, mit dem Glanze von Millionen Sternen bedeckt, auf die Wanderer niedersah; »sie hat mich armes, verwaisetes Kind zurückgelassen in der fremden Welt, wo Nichts mir das liebe Mutterherz ersetzen mag, und in solchen Stunden erwacht zuweilen ein Heimweh in meiner Brust, das mir deutlich zeigt, wie die unsichtbaren Bande zwischen der Heimgegangenen und mir noch bestehen und das mich in unaussprechlicher Sehnsucht von der öden Erde weg in ihre Arme zieht.« – »Wer weiß es, vielleicht sind die beiden theuern Wesen jetzt beisammen«, erwiederte mit schwärmerischem Ausdrucke der Jüngling, »vielleicht haben sie sich in den himmlischen Räumen gefunden, wie wir uns in dem Getümmel des Festes treffen mußten; und sie bitten dann gewiß gemeinsam für das Glück ihrer Kinder«, fügte er hinzu, indem er es zum ersten Mal wagte, Klairens Hand zu fassen und sie gegen seine Brust zu drücken. Diese aber, von der Bewegung aus ihren Träumen gerissen und wie durch einen Blitzstrahl mit dem Zustande ihres Herzens bekannt gemacht, entzog ihm schnell die zarten Finger, und einige Minuten lang beschleunigten sich ihre Schritte, wie durch eine innere Aengstlichkeit getrieben. Auf den breiten steinernen Stufen, in der Vorhalle, unter den Thüren der Jesuitenkirche fand sich ein solches Gedränge von Menschen, daß Klaire schwerlich hinein gekommen wäre, hätte nicht der kräftige Arm ihres Führers überall Raum gemacht und sie, mit sanftem Druck die Schwanenhand haltend, vor jedem unvorsichtigen Stoße geschützt. Eine himmlische Musik hallte ihnen entgegen; Stimmen, deren Schönheit wirklich an die Engelsharmonieen mahnten, empfingen sie, und da ein weiteres Vordringen in diesem Augenblicke unmöglich gewesen wäre, blieb das junge Paar in dem hintern Theile des Tempels und ließ sich, um nicht Aufsehen zu erregen, gleich der zahlreichen Gemeinde auf die Kniee nieder. Klairens Herz pochte hörbar; sie fühlte sich von der anmuthigen Erscheinung angezogen, die ihr in dem Laufe dieser Nacht wie ein Schutzgeist entgegen getreten war, ihre Seele war von den ersten Gefühlen der Liebe befangen, ohne daß sie sich dieses selbst gestehen mochte; die Töne über ihr, das Zauberhafte, welches das ganze Ereigniß in ihren Augen gewonnen hatte, und die undeutlich empfundene Bangigkeit vor einem nahen, vielleicht ewigen Scheiden, hatte ihr Gemüth in jene gefährliche Spannung versetzt, in der wir Verhältnisse und Menschen nicht mehr klar zu beurtheilen vermögen und uns oft zu Handlungen verleiten lassen, die bei hellem Bewußtsein niemals stattgefunden hätten. »Welch einen mächtigen Einfluß hat die Musik auf die Seele«, flüsterte leise, dicht an sie gebeugt, der junge Mann, »und wie oft werden diese reinen Klänge, wie oft wird die Erinnerung an die vergangene Stunde und das holde Engelsbild mein Herz magisch ansprechen, das mir in ihr erschienen ist, wenn ich nun bald, fern von allen geliebten Gegenständen meiner frühern Jahre, unter fremdem Himmelsstriche einem unbekannten Geschick entgegen gehe.« Klairens Köpfchen sank tiefer, das eben Vernommene hallte auf seltsam schmerzhafte Weise in dem ängstlich klopfenden Herzchen wieder; die erste zarte Freude der entstehenden Liebe und ihr zerreißendes Weh durchzuckte sie in einer Minute, und unfähig, einen einzigen antwortenden Laut hervorzubringen, entstieg nur ein halb verborgener Seufzer der beklemmten Brust. »Darf ich hoffen, daß auch Sie zuweilen, nur wenn die Weihnachtslichter und ihre Freude wiederkehren, Dessen gedenken werden, dem das Glück in schnell eilendem Fluge erschien, ohne daß er es zu erfassen versuchen durfte? Werden Sie«, setzte er hinzu, indem er noch einmal die kleine Hand, die ihm nun nicht mehr entzogen wurde, in der seinigen und dann an seine Lippen drückte, »werden Sie, wenn künftig der verklärten und vermißten Mutter Bild Ihnen vorschwebt, auch der meinigen und dann des armen Felix, sich erinnern, dem das Heimweh ferne von dem schönen, geliebten Vaterlande das wunde Herz noch wunder drücken wird?« Klairens Lippen versagten sich, die Höflichkeitsformel auszusprechen, die der Anstand geboten hätte, die aber zu grell mit dem Gefühle abstach, das sich antwortend in ihrer Seele regte und eine kalte Erwiederung als unpassend und herzlos erklärte. Sie wendete das holdselige Gesichtchen, in welchem noch die Freude mit dem Schmerz kämpfte und den Ausdruck ihrer Züge überaus anziehend machte, halb nach dem Bittenden um, der mit Entzücken die Erfüllung seiner Wünsche darin las, und leise und ganz unwillkürlich drückten sich die weichen Finger gewährend in die haltende Hand. In diesem Augenblicke erscholl der jubelnde, himmelanstrebende Chor: »Ehre sei Gott in den Höhen!« und wie durch einen Zauberschlag erleuchtete sich die Kirche vom Hochaltar bis in die Kuppel mit Tausenden kleiner Lämpchen, deren Glanz mit einem Male die dunkelsten Partien des großen Raumes erhellten. »Sehen Sie, der Himmel selbst begünstigt meine Wünsche; schauen Sie, wie der leuchtende Schimmer und die harmonischen Laute über uns die Gewährung schöner Hoffnungen verkünden! Ich werde Sie einst wiedersehen, und wenn auch nach Jahren erst, die heutige Stunde wird unvergessen in meinem Herzen leben.« Das Licht brachte Besinnung in Klairens Gemüth, sie stand mit Hülfe ihres Begleiters auf; und um sich selbst für die augenblickliche Hingebung zu bestrafen, wollte sie so schnell als möglich dem gefährlichen Beisammensein ein Ende machen, und forschte ängstlich in ihrer Umgebung nach einem bekannten Gesichte, aber da nur fremde Züge sie anstarrten, machte sie den viel zu interessant gewordenen Begleiter mit dem Entschlusse bekannt, schnell nach Hause zu kehren. Er gehorchte ohne Widerrede, allein die Menge des Volkes drang vorwärts, und nur mit großer Anstrengung und Vorsicht gelang die retrograde Bewegung nach der Eingangsthüre. In der Nähe derselben trafen sie auf einige stämmige Bauern, denen ein Gläschen über den Durst das Gleichgewicht einigermaßen geraubt haben mochte; bei dem Hin- und Herstoßen geriethen dieselben in die Nähe unsers jungen Pärchens, und trotz der Kraftanwendung des jungen Mannes traf ein gewaltsamer Druck der immer steigenden Wogen das sorgsam gehütete Mädchen und warf es an seine Brust. Mit zarter Theilnahme die Erschrockene umfassend, fragte er bekümmert, ob sie sich Schaden gethan habe? und wir wollen nicht in Abrede sein, daß der günstige Moment von ihm benutzt worden sei, um die schlanke Gestalt dichter, als es wohl nöthig gewesen wäre, an sich zu schließen, aber die glücklichen Minuten einer erwachenden Liebe waren zerronnen, und jubelnd begrüßende Stimmen und die leuchtenden Fackeln mehrerer Bedienten rissen die halb Bewußtlose aus ihrer Betäubung. Klaire war bei der herrschenden Dunkelheit und der großen Anzahl ihrer Begleiter, von denen jeder sie in der Nähe der übrigen vermuthete, erst in der zweiten Kirche vermißt worden. Eine unaussprechliche Angst befiel die ganze Gesellschaft bei der endlichen Entdeckung; man machte sich auf den Weg, die Abhandengekommene in der Kathedrale aufzusuchen und verfehlte sie auf die Weise. Immer höher stieg die Sorge, es wurde ein Theil der Dienerschaft auf die Straßen gesandt, auch die jungen Leute vertheilten sich in verschiedene Rekognoscirungskorps, und eines der beträchtlichsten unter diesen war es, das Klairen freudig umringte und durch seine Gegenwart schnell den rosigen Träumen einer jugendlichen Phantasie die trockene Wirklichkeit entgegensetzte. Die Täuschung war entschwunden, die Welt trat zwischen die beiden Wesen, deren Inneres sich in kurzer Zeit so innig einander angeschlossen hatte. Klaire wollte zwar ihren Retter aus der Noth den Freunden vorstellen, allein den bescheiden Zurückgetretenen hatte schon eine frisch heranströmende Menschenmenge in die Ferne gedrängt, ein Wink mit dem Hute, ein Gruß der Hand blieben die einzig möglichen Zeichen eines freundlichen Abschiedes. Träumend ging Klaire nach Hause, träumend und das Necken der Gespielinnen nicht achtend, welche behaupteten, das Mädchen müsse Geister gesehen haben, verlebte sie die folgenden Tage, und nur wenn der Pförtner drei Schläge klopfte, welche einen Besuchenden ankündigten, schreckte sie zusammen und ein brennendes Roth erblühte auf den schönen Wangen. Sie hatte ihm ihre Wohnung bezeichnet, den Namen des Hausherrn genannt, sie glaubte, die Höflichkeit allein müßte ihn zu ihr führen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen; aber er kam nicht. Sie kehrte in die Heimat zurück, ohne ihn wiedergesehen zu haben; das bewegte Leben und seine Verkettungen milderten das Andenken an die schönste Stunde ihrer Vergangenheit; der Tod ihres Vaters und das Eintreten in neue Verhältnisse hatten jede Hoffnung einstigen Wiederfindens in ihrem Herzen zerstört, aber das Bild des Jünglings hatte sich hell und freundlich erhalten, der Name »Felix« tönte in einsamen Stunden wohllautend an ihr Ohr, und nie konnte sie ihrer zärtlich geliebten Mutter gedenken, ohne die Erinnerung an den jungen Mann aufzufrischen, der ihrer Seele innerste Gefühle verstanden und mit empfunden hatte. Einer jener Momente stillen Hinbrütens war auch jetzt eingetreten, als Klaire, zum zweiten Male seit jenem Abende das Weihnachtsfest feiernd, sich in der Kirche den Träumen ihrer Phantasie hingab, und mit lebendigen Farben geschmückt liebe, entschwundene Gestalten vor ihrem dämmernden Blicke standen. Wie freundlich und liebend sie aber auch diese Reminiszenzen auffassen mochte, wie anziehend immer das Bild des fernen Jünglings ihr erschien, sie fühlte dennoch in dieser Stunde ernsten Nachdenkens, daß es Thorheit sei, ihr Lebensglück von einer vorübereilenden Erscheinung abhängig zu machen, von der sie nicht Namen, nicht Stand wußte, die vielleicht lange schon der Erde entschwunden war. Sie empfand, daß sie es sich selbst, daß sie es den Ihrigen, und vor Allen der verehrten Großmutter schuldig sei, den Täuschungen ihrer Einbildungskraft nicht länger nachzuhängen und, fest in das Leben wurzelnd, der Bestimmung zu folgen, die dem Weibe gegeben ist. Mit einem tiefen Seufzer stellte sie Werner vor ihr inneres Auge, sich fragend, ob es möglich sei, daß sie bei diesem Manne die Pflichten der Frau erfülle, und so dem Wunsche ihrer Familie entspreche? Ach, dicht neben der ungeliebten Gestalt erhob sich jener braune Lockenkopf, und seine dunkel glühenden Augen fragten schmerzlich: »Willst du mich denn von dir weisen, da du doch an heiliger Stätte betend und liebend mit mir gekniet hast?« – Ich will und muß, antworteten Klairens Gedanken beinahe laut, und wie sich oft das Gemüth gegen geheime Anzugskräfte fast trotzig zu wehren strebt, so zwang sich das arme Herz zu dem Entschlusse, von heute an Werners Bewerbungen anzunehmen, und für das, was ihr an dem Glück einer heißen Liebe entging, sich an der Großmutter heiterm Lebensabend zu – – – »Mein Gott, wer war das?« Es schritten leise zwei Männergestalten durch die Kirche, deren Erscheinen während der Dauer des Gottesdienstes unwillkürlich des Mädchens Blicke auf sie gelenkt hatten. Als sie an ihrem Stuhle vorüberkamen, fiel ein einzelner Lichtstrahl auf die Umrisse des Einen und erregte durch seine Aehnlichkeit mit Felix, einen Sturm in Klairens Herz, den sie beinahe nicht mehr zu stillen vermochte. So seltsam, so beinahe unglaublich es war, daß der lange Ersehnte in dieser Stunde und an diesem Orte sich ihr wieder nähern sollte, so sehr sie sich auch eine Thörin schalt, so blickten doch ihre Augen, alle ihre Sehkräfte anstrengend, nach der Stelle, wo unweit von ihr die beiden neu Eingetretenen sich hingestellt hatten und mit gehaltenem Anstande der Rede des Predigers zu lauschen schienen. Derjenige aber, dessen Anblick ihr das Blut siedend zum Herzen gedrängt hatte, lehnte sich in den dunkeln Schatten einer Säule; sie konnte auch nicht einen einzigen Zug erkennen, und der Andere, den der Schimmer einer Lampe beleuchtete, war ein schöner, silberhaariger Greis in hübscher Uniform, der bei dem ersten Anblick ein Gefühl des Wohlwollens und der Ehrfurcht erregen mußte, der ihr aber vollkommen unbekannt war. Kaum vermochte das Amen des Predigers und der beginnende Gesang der Gemeinde Klairen ihrem gespannten Gemüthszustande zu entreißen und sie zu der verständigen Ansicht ihrer Lage und der Unwahrscheinlichkeit einer schnell entstandenen Vermuthung zu bringen. Als aber der ganz vorzüglich schöne Gesang sich in lieblich beschwichtigenden Tönen langsam und feierlich erhob, da legten sich die wilden Sturmeswellen in dem bewegten Herzen, und sanfte, wehmüthige Ergebung trat an die Stelle einer überspannten Stimmung. »Warum sollte denn ich eben«, sagte sie zu sich selbst, »auf ein Glück hoffen, das nur wenige erreichen, warum sollte mir die schöne Blüthe der ersten Liebe ausbrechen, während tausend Andere die Knospe welken sehen? Ich bin ja lange nicht so gut wie Hunderte meines Geschlechts, deren Lebensglück vernichtet wird, die nicht wie ich sich der Liebe freuen können, welche die Familienbande fester und immer fester ziehen. Die Träume der ersten Jugend sind auf immer entschwunden, das ernstere Leben nahet sich – glücklich, wenn nicht schwerere Opfer in seinem Laufe von mir gefordert werden, als ich jetzt eines zu bringen im Begriffe stehe. Das höchste Glück sollte ich nicht erlangen, ich sollte mich nicht in namenloser Empfindung einem geliebten Herzen befreunden und mich ihm hingeben dürfen; nun, mein Gott und Herr, laß mich unter deinem Schutze das Rechte und Gute wählen, laß mich leben zum Glück der Meinigen, und kann ich das nicht, vermag ich nicht die Stufen zu erklimmen, die zu hehrer Tugend führen, so nimm mich zu dir, laß mich eingehen in deinen Frieden, wo ich mein liebholdes Mütterchen wiederfinden werde, und vielleicht ihn , der auf dieser Welt mir nicht mehr näher treten sollte.« Einzelne Tropfen, die mehr einem süßen Heimweh, als einem tiefern Schmerz entquollen, rannen langsam über Klairens Wangen, als sie, von den Lauten der nachklingenden Orgel geleitet, über den Kirchhof schritt. Sie lebte einen jener Momente, die in freudiger Entsagung, in innigem Gottvertrauen, in der geistigen Vereinigung mit Allem, was das Leben uns entrissen und geraubt hat, eine Erhebung der Seele hervorbringen, welche der schwache Körper nicht andauernd zu ertragen vermöchte, die an sich schon eine Reihe bitterer Leiden aufwiegt und deren Erinnerung allein hinreichen sollte, die Schlacken und Mängel des irdischen Daseins von uns abzustreifen. Da schritten mit leisem Tritt die beiden Männer wieder an ihr vorüber, deren Erscheinung in der Kirche sie schon einmal aus der Fassung gebracht hatte; sie zogen grüßend die Hüte, und das volle Licht des Mondes ließ, indem es seinen stillen Schimmer auf den einen von ihnen warf, zum zweiten Male die vollkommenste Aehnlichkeit mit dem Jüngling erkennen, dessen Bild, der Zeit und dem Raume zum Trotz, noch immer so freundlich in ihrer Brust lebte. Sie mußte sich an dem Arm der begleitenden Dienerin halten, um sichern Schrittes fortgehen zu können; die vielen Bewegungen in dem an Heiterkeit gewöhnten Gemüthe fingen an, sie zu erschöpfen, und nur mit Mühe erreichte sie die wirthliche, hell erleuchtete Wohnung. Dampfend sauste der Theekessel lange schon in der heimlichen Stube, wo Jung und Alt sich allmälig eingefunden und um die Großmutter versammelt hatte, deren freundliche Züge, heute bis zur Rührung verklärt, den Genuß aussprachen, den eine frohe, liebende und wohlgerathene Familie dem herannahender Alter gibt und allein für Alles zu entschädigen vermag, was der Mensch von schönen Hoffnungen und Erwartungen in die spätern Jahre nicht übertragen kann. Die brennende Lampe auf dem runden Theetisch, das Geräthe in gefälliger, obschon einfacher Form, die zwei Wachskerzen auf dem Gesimse des Kamins, das gastliche Feuer, das in demselben flackerte, und die reinlichen, bequemen Möbel, Alles befand sich in solcher Uebereinstimmung, Alles bezeichnete so ausdrucksvoll die Wohlhabenheit und zugleich das ordnende, verständige Gemüth der Besitzerin, daß man in der angenehmen Umgebung heimisch werden mußte, wenn auch nicht die freundlich-runden Gesichter der Kinderchen und das heitere, zuvorkommende Wesen der Eltern den eintretenden Fremdling willkommen geheißen hätte. Emma besorgte in Klairens Abwesenheit den Thee, und ihre milden Züge leuchteten von theilnehmender Freude, wenn die ungeduldigen Kleinen an den Flügelthüren lauschten, um zu horchen, ob in dem geheimnißvollen Saale sich noch Nichts rege, ob vielleicht nicht durch das Schlüsselloch ein Lichtschimmer zu erspähen sei. »Wo bleibt denn Klaire, kommt denn Klaire noch nicht?« war wohl schon zwanzig Mal gefragt worden, denn auf ihre Ankunft hatte man die lärmenden Wesen vertröstet, denen in dieser verhängnißvollen Stunde das schneeweiße Milchbrödchen und Trauben, mit denen man sie begütigen wollte, schlecht mundeten, und von denen der wilde Rudolf, Klairens Liebling, nicht begreifen konnte, warum das dumme Mädchen eben heute in die Kirche habe gehen müssen? Mit sanften, aber nachdrücklichen Worten verwies die Großmutter dem kleinen Thunichtgut diese unbesonnenen Reden, berief ihn neben den Sopha, auf dem sie saß, und seine Händchen in die ihrigen fassend, erzählte sie ihm so rührend und gerührt von dem Freunde aller Menschen, vorzüglich aber der Kinder, der zum Heil und Trost der dunkeln Welt; vor langer, langer Zeit in dieser Nacht geboren worden sei, und ohne dessen Erscheinung die armen Kleinen auf Erden gar kein Weihnachtslichtchen zu sehen bekommen hätten; sie erwähnte so liebreich der Neigung des himmlischen Lehrers zu der Kinderunschuldswelt, und der herrlichen Worte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret es ihnen nicht, denn solchen ist das Reich Gottes«; sie fragte den Knaben so eindringend, ob es denn nicht Pflicht sei, ehe man sich der Freude des Festes überlasse, an Denjenigen zu denken, zu dessen Erinnerung es gestiftet worden, ohne den die Menschen sich gar nicht freuen könnten, daß der braune Lockenkopf allmälig immer tiefer und tiefer sank, den feurigen Augen ein Paar Thränen entrollten und der Kleine endlich das Gesicht in den Schooß der geliebten Großmamma verhüllend, laut zu schluchzen begann. Es entstand eine tiefe Stille; Detmund ergriff die Hand seiner Mutter und führte sie liebend an seine Lippen, seine Gattin drückte die kleine Klara an das mütterliche Herz und blickte teilnehmend nach der Gruppe hin. Emma war neben dem weinenden Kleinen auf die Knie gesunken und ihr blaues Auge, in welchem eine Thräne schimmerte, schaute mit dem Ausdrucke der innigsten Verehrung zu der Matrone empor, während die übrigen Kinder, die Sache noch nicht recht begreifend, sich halb scheu und furchtsam an einander drängten, als sei eine Geistererscheinung ihnen vorübergeschwebt. Segnend legte Frau von Detmund die Hand auf des Enkels Haupt und hob flehend die Blicke zu Dem empor, ohne den kein Sperling vom Dache fällt, und der die Blicke der frommen Mutterherzen erhört. »Gedenke dieser Stunde, mein Sohn!« – sprach sie gerührt, »die jungen wie die alten Kinder überlassen sich oft einer strafwürdigen Ungeduld, wenn des Lebens Ereignisse mit ihren thörichten Wünschen und Hoffnungen nicht übereinstimmen wollen und so manche schöne Erwartung zu Grabe getragen wird. Wenn auch dich die Stürme einst fassen und die Lichter einer hell geträumten Zukunft sich nicht entzünden wollen, wenn dein Herz zagt und die Seele unmuthig und zweifelnd die Rathschlüsse des Ewigen ergründen und bekritteln will, dann erinnere dich dieser Stunde und der längst heimgegangenen alten Frau, die dich so herzlich lieb gehabt hat; strebe nach Ergebung und ruhig duldendem Sinn, blicke auf den Leidenspfad deines himmlischen Freundes, halte dich an den unsterblichen Freuden, die er dir verheißt, und der Schimmer der Weihnachtslichter wird dann dein Leben erleuchten, bis die Klarheit eines bessern Daseins an ihre Stelle tritt.« Leise öffnete sich die Thüre und Klaire trat über die Schwelle. Sie war ungewöhnlich blaß, ihre Augen trugen die Spuren der vergossenen Thränen und der zarte Körper, wie vor etwas Schreckendem ermattet, hatte die kräftige Haltung verloren, die ihn sonst auszeichnete. Aber die mild erwärmte Luft des Zimmers, die helle Erleuchtung, nachdem der Geist den schlimmen Eindruck der Kälte und schaurigen Dunkelheit empfunden hatte, vor Allem aber die freundliche Ruhe, die ihr in den anmuthigsten Bildern entgegentrat, und das laute Jauchzen der Kinder, die sich ihr entgegendrängten, lösten schnell die Befangenheit, von der sie sich umstrickt fühlte, wie der ängstliche Traum sich beim Erwachen in eine behagliche Wirklichkeit umwandelt. Auch Rudolf hob das holde Gesichtchen auf, indem sich beim Erblicken der theuren Freundin schnell die Trauer in heitern Frohsinn verkehrte, und wer das neunzehnjährige Mädchen und den zehnjährigen sie freudig umfangenden Buben beobachtet hätte, in deren beider Gemüth der Lauf einer Stunde, jedem nach seiner Weise, so verschiedenartige Empfindungen erregt hatte; wer gesehen hätte, wie leicht der Schmerz dem Eindrucke des Glücks gewichen war und wie Klairens Füße sich unwillkürlich in Bewegung setzten, als der Kleine tanzend um sie herumsprang, der hätte sich des Ausrufs nicht enthalten können: »du glückliches, du beneidenswerthes Alter!« Ja, du glückliche, heilige der Kinderjahre und der ersten Jugendblüthe, wohl bist du schön! Und die Erinnerung an dich, die oft für späteres, verlornes oder nie gefundenes Glück schadlos halten muß, glänzt lieblich herüber in die Jahre, wo allmälig die lichten Stellen seltener werden und die Abenddämmerung in die ernste nächtliche Stille übergeht. Wie seid ihr so schön, ihr Stunden, wo der Schall einer Flöte, wo der Glanz eines Spielzeugs, wo eine Blume hinreichte, um das Leid vergessen zu lassen, das erst noch die jugendliche Brust zerriß. Wie seid ihr so freundlich, ihr Tage, in denen die Hoffnung auf alle blühenden Kränze des Lebens mit himmlischer Flamme in dem liebenden Herzen brennt, wo heiteres Vertrauen und das Gefühl ungeschwächter Kraft die Seele belebt und die Zukunft in rosigem Lichte dem hellen Auge entgegenglänzt. Das ernste, oft drückende Leben verdrängt euch, es umhüllen sich eure lieben Bilder mit Trauerschleiern, es versinkt euer wohlthuender Schein in die Tiefe einer seinen Vergangenheit, aber euer Andenken steht dennoch wie ein leuchtender Pharus in dem wild bewegten Meere des Lebens und bewahrt oftmals den einsamen Schiffer vor den verborgenen Klippen der menschlichen Gebrechen. Sei mir gegrüßt, du holde Zeit! dein stilles Licht geleitet die Bessern sanft und sicher nach dem Port der Ruhe, es verbürgt ihnen die Erfüllung jener Hoffnungen, die nicht gleich den irdischen zerfließen, und verschmilzt zuletzt mit der Glorie der Vollendung, die dem müden, bleichenden Auge entgegenstrahlt. Die gemütliche Tafelrunde hatte das Abendbrod beendigt; ein scheinbarer Auftrag der Großmutter hatte Klairen entfernt, damit sie sich zu ihrer Rolle bereiten konnte, und unruhig, bange und zitternd vor Hoffnung und Freude rutschen die Kinder auf den Stühlen umher und horchten, sich gegenseitig Stillschweigen gebietend, der willkommenen Ankündigung. Die Großmutter schien dieser Abend besonders ergriffen zu haben; war es das Gefühl des Glücks, das sie lächelnd umgab und mit seiner tief empfundenen Seligkeit oft so störend auf die Lebenskräfte wirken kann als der Schmerz; war es die Ahnung der Zukunft aller der geliebten Wesen, die auf dem sorglich bangenden Herzen lastet, oder hatten die Geister längst vergangener Zeiten ihre lichten Schwingen entfaltet und glitten mit lindem, leisen Wehen an ihrer Seele vorüber: das vermochten ihre Umgebungen nicht ganz zu entscheiden, aber ihre freundlichen Züge drückten eine innige Rührung aus, in ihren Augen malte sich der Widerschein einer himmlischen Flamme, und tief bewegt ruhten ihre Blicke bald auf dem einen, bald auf den andern ihrer Lieblinge. »Liebes Mütterchen, warum so stille? Dir ist doch nicht unwohl?« fragte Emma's schmeichelnde Stimme, indem sie sich an die Seite der Matrone lehnte, und schnell flogen Aller besorgte Blicke nach der ehrwürdigen Gestalt, die in ihrer einfachen und doch so reinlich anständigen Kleidung nach ihrer Weise recht liebreizend und anmuthig aussah. »Seid ruhig, Kinder«, erwiederte Frau von Detmund, »seid nur ganz ruhig«, wiederholte sie, indem sie sich über die beiden kleinen Mädchen beugte, die sich in sorglicher Liebe an ihre Knie gedrängt hatten und in beinahe lächerlicher Ernsthaftigkeit forschend die Großmutter betrachteten; »die Freude, die ich in eurer Freude empfinde, und die mild und licht mein Alter erhellt, hat in meiner Seele Erinnerungen hervorgerufen, die lange in den Verkettungen eines bewegten Lebens eingeschlummert und mit doppelter Macht sich wieder geregt haben. So wie ihr mich hier seht, ihr Kinder«, fuhr sie mit Munterkeit fort, »habe auch ich einst Ansprüche an Jugend und Schönheit gemacht, und wenn es euch jetzt auch unglaublich erscheinen sollte, so waren einst diese alternden Züge frei von Runzeln, es glühten die Wangen in der Rosenfarbe jugendlicher Jahre und die Augen strahlten leuchtend einer heitern Zukunft entgegen. Auch das Herz war jung, hatte jugendliche Genüsse und gab sich jugendlichen Wünschen hin. Wie ihr jetzt, freute ich mich des heiligen Christs und der reichen Bescheerungen, die er brachte; wie ihr, durfte ich mich der Vater- und Mutterliebe freuen, die dann der armen Verwaiseten zu früh entzogen wurde. Ach, es schweben die lieben Bilder wie Engelsgestalten an mir vorüber und mahnen an die Stunde, die bald vielleicht die Erinnerung an jedes vergangene Weh, an alle vergeblichen Hoffnungen meines Daseins beschwichtiget. Ich will und ich darf nicht klagen«, setzte sie nach einer Pause der Rührung hinzu, indem sie alle die Lieben, die sich im Vorgefühle der einstigen, unvermeidlichen Trennung an sie schmiegten, so weit ihre Arme zu reichen vermochten, umfaßte; »Gott hat mich reich und glücklich gemacht in euerem Glück und in eurer Liebe, ich darf mich der Hoffnung hingeben, an das Ziel des müden Wanderers im Schooße der Meinen und von ihnen gepflegt zu gelangen; mein sterbliches Auge hat sich allmälig genug geschärft, um in Vielem von dem, was ich getragen und geduldet, Gottes leitende Vaterhand zu erkennen, und mit dem Uebrigen warte ich ruhig, bis der verklärte Geist das Unverständliche zu fassen vermag. Aber, verdenkt es der alten Frau nicht, wenn sie am Abend ihres Lebens mit Wehmuth zurückblickt und das Andenken an schöne Stunden aufzufrischen strebt. Unter diesen ist eine besonders, deren Bild sich in diesem Augenblicke lebendig vor meine Augen stellt, und die mit ihrer sanften Freude heller für mich strahlet, als euch, ihr lieben Kleinen, nun bald der ersehnte Weihnachtsbaum leuchten wird. Ich hatte einen Freund, der zum Theil mit mir erzogen, späterhin in noch engere Beziehungen zu mir getreten war, und dessen treue und zarte Neigung meine lieben Eltern billigten, die mein Glück in keine bessere Hände zu legen wußten. Jedes Jahr hatte von meiner frühesten Kinderzeit an mir an dem heiligen Weihnachtsfeste alle Wünsche des Herzens befriedigt, und jedesmal klopfte meine Brust der Freude dieser Zeit sehnsüchtig entgegen. Sehnlicher und liebender aber hatte ich sie nie herbeigewünscht, als in dem Jahre, in welchem ich die heimlich verlobte Braut meines Freundes geworden war; denn nicht nur freute ich mich, die erwarteten Erinnerungszeichen von ihm zu erhalten, aber auch ich hatte Manches vorbereitet, was ihm Vergnügen machen und ihn überraschen sollte. Als die Stunde der Bescheerungen kam, fühlten mich meine Eltern in das schön erleuchtete Besuchzimmer, und hier stand, wie er als Kind meiner Freude immer die Krone aufgesetzt hatte, wie er aber der Jungfrau lange nicht mehr geboten worden war, ein herrlich aufgeputzter Weihnachtsbaum mit Allem umhängt, was das begehrlichste Herz sich nur zu wünschen vermochte, und mit dem vielbedeutenden Kleinigkeiten ausgeziert, die, um der sorglichen Wahl willen, so oft den Sinn freundlicher ansprechen, als die reichsten Geschenke. Was die grünen Aeste trugen, waren Gaben eines Freundes, dessen liebender Sinn Alles errathen hatte, was mir angenehm sein konnte, und der – so vertraute mir meine Mutter – Niemandem die Sorge des Einkaufens und Vorbereitens hatte überlassen wollen. Jedes Bändchen hat er selbst geknüpft, seit Wochen jede freie Minute zu den kleinen Geschäften des Ausschmückens angewendet, und dieser Umstand durfte von mir um so höher geschätzt werden, als sein männlicher Sinn sich niemals mit Dingen außer seiner Sphäre beschäftigte und der Kleinigkeitsgeist der heutigen Männerwelt ihm ganz fremd war. Ich stand an jenem Abende auf dem Gipfel, ach, ich stand auf dem Wendepunkt meines Glückes, denn der Lichtglanz, der von meinem Bäumchen ausströmte, wandelte sich nach und nach in tiefe Dunkelheit. Meine Eltern starben beide in dem Laufe jenes Winters, und mit ihnen entschwanden mir die Schutzgeister meines Glückes. Ich fiel der Vorsorge von Verwandten heim, deren Andenken ich ungern zurückrufe, denn sie bedachten mehr ihren Vortheil als mein eigenes Wohl; eine dunkle Intrigue, deren Fäden ich euch nicht enthüllen mag, fühlte eine Reihe von Mißverständnissen herbei, die mich von meinem Freunde auf das ganze Leben trennten, und statt seiner wurde mir ein Mann aufgedrungen, dem ich, verzagend an jedem Glück, die kalte Hand und das zerrissene Herz gab. Zwei Drittheile des gewöhnlichen Menschenlebens sind seitdem dahingeflossen. ich habe so viel getragen und so viele Ereignisse, schmerzliche und frohe, sind über mich hereingebrochen, daß es mir bei dem Gedanken an jene Zeit meines Glückes und meiner Jugend scheint, als kommen diese Erinnerungen aus einem frühern Leben herüber; allein niemals habe ich seitdem ein Weihnachtsbäumchen ausgeschmückt, niemals mich eurer Freude, ihr Kindlein, gefreut, ohne mir jenen Abend zu vergegenwärtigen und mich an seinem hellen Schimmer zu ergötzen und zu erwärmen.« Die Stimme der Großmama war bei den letzten Worten sehr bewegt gewesen, und hatte deutlich gezeigt, wie jetzt noch die Macht der Erinnerung sie ergriff. Detmund verstand seine Mutter besser als irgend einer der traulichen Gesellschaft, seine Hand drückte theilnehmend die ihrige, und der vielsagende Blick seiner Augen verkündete ihr, daß auch er in dieser Minute dessen gedenke, dem er das Heil seines Lebens schuldig war. Die sanfte Emma, die sich auf das Fußkissen der Großmutter niedergelassen und in unverhehlter Rührung ihr die Worte vom Munde gehorcht hatte, bog sich jetzt auf die weiche Hand, deren Form und Farbe dem zerstörenden Alter bis jetzt noch Trotz geboten hatte, und indem eine Thräne auf sie niederfiel, flüsterte sie leise: »Und wo blieb denn Ihr Freund? Lebt er noch? Hörten Sie nichts mehr von ihm?« – – »Ich hoffe, er lebt«, erwiederte Frau von Detmund, indem sie liebend des Sohnes und der Enkelin Hand zusammenfügte, »wenigstens lebte er noch vor wenigen Jahren, und der Freundin Andenken hatte keine Zeit verwischt. In der Ferne und außer allem sichtbaren Zusammenhange mit mir hat er mir den größten Theil meines Lebensglückes gerettet! Wiedersehn werde ich ihn in jenen lichten Regionen, wo dem armen Herzen Ruhe und Friede und Freuden die Fülle verheißen find.« Leise klopfte ein Finger an das Zimmer. Die Kinder glaubten den Ruf zu der Weihnachtsfreude zu hören und stürmten jubelnd der erwünschten Erscheinung entgegen; da öffnete sich langsam die Thüre, ein Mann mit weißem Haar, aber von kräftiger Haltung, trat in Offiziersuniform herein, und hinter ihm schritt eine jugendlich männliche Gestalt über die Schwelle. Der überraschende Anblick der beiden Fremden, welche gegen die Sitte des Hauses unangemeldet sich in den Familienkreis gedrängt hatten, machte im ersten Augenblick einen störenden Eindruck auf alle Anwesenden, besonders auf die Kleinen, die sich schon wieder in ihrer Hoffnung getäuscht sahen. In der zweiten Sekunde aber war Detmund ihnen mit höflicher Fassung entgegen gegangen, und kaum hatte er die Züge des alten Herrn in der Nähe betrachtet, so entfuhr ein Ausruf der höchsten Freude seinen Lippen, beinahe möchte man sagen, dem Innersten seines Herzens: »Oberst Laßberg!« rief er, »mein Freund, mein Wohlthäter!« und dicht und innig hielten sich beide Männer umschlungen, deren Seelen Liebe und Dankbarkeit mit so unauflöslichen Banden verknüpft hatte, daß eine Reihe von Jahren keines davon hatte zerreißen können. Doch ein noch größeres Interesse waltete für den Einen von ihnen, in dem Raum dieses Zimmers; Laßberg wußte, daß die treu Geliebte, deren Andenken ihn durch ein ganzes langes Leben geleitet und ihn jetzt aus seinem Himmelsstriche in das Vaterland zurückgeführt hatte, in seiner Nähe war und daß er einerlei Luft mit ihr athmete. Beim Hereintreten hatte er die Matrone bemerkt, deren Züge sein Auge nicht, deren ganze Persönlichkeit aber sein Herz erkannte, und sich sanft aus Detmunds umschlingenden Armen losmachend, näherte er sich der verehrten Frau, welcher sein Herz noch so jugendlich entgegenpochte, als ob die vierzig über beide hingegangenen Jahre in das Reich der Träume versunken wären. Frau von Detmund hatte sich langsam erhoben, sie stand mit zitternden Knieen, sich gegen die sie ergreifende Schwäche mit der ganzen Kraft ihres Wesens auflehnend, und schaute in tiefer Rührung die Gestalt an, deren jugendliches Bild so treu, so liebend in ihrem Herzen gelebt hatte. Als Laßberg zu ihr trat, reichte sie dem Freunde die Hand, dessen Anblick auf dieser Welt sie so eben aufgegeben hatte, und den nun dennoch ein Vergeltendes, ewig gerecht waltendes Schicksal aufs Neue mit ihr vereinte. »Elise, sehe ich Sie noch einmal auf Erden wieder?« stammelte sein Mund in kaum hörbaren Tönen, und unfähig, einen Laut der Begrüßung oder der empfundenen Wonne hinzuzufügen, beugte er sich über die theure Hand, auf die heiß und aus dem innersten Herzen strömend eine männliche Thräne fiel. Die Fassung der edeln Frau, die in keinem Augenblicke ihres Lebens sie verlassen hatte, wich dieser seligen Minute, die nie gehofft und doch gewünscht, in einsamen Stunden mit dem hellen Glanze ihres Glückes vor ihrem träumenden Sinne gelegen hatte. Stumm drückte die Freundin die Hand, welche die ihrige hielt; in sprachloser Rührung legte sie die andere auf seine Schulter, und das verborgene Weh einer ganzen Lebenszeit, das ungekannt und ungetheilt so oft die zarte Brust zu zerreißen gedroht hatte, machte einem Wonnegefühl Platz, das in seiner Heftigkeit beinahe an den entschwundenen Schmerz grenzte. Fast ein halbes Jahrhundert war über Beider Scheitel dahingerollt; sie hatten sich gebleicht, die schöne Hülle hatte sich in alternde Züge umgewandelt, aber Herz und Gemüth war auf der rauhen Bahn ihrer Vergangenheit mit unaufhaltsamem Schritt der Vollendung zugeeilt, und sie fanden sich wieder wie zwei Seelen sich einst wiederfinden würden, die auf Erden innig verbunden, sich geläutert und von allen Schlacken der Menschlichkeit gereinigt, auf jenen lichten Höhen, zu denen in dunkeln Stunden unser sterbliches Auge glaubend emporschaut, einander nähern und liebend auf ewig sich vereinen. Alles war stille und feierlich um die beiden Liebenden. Detmund stand mit gefalteten Händen neben ihnen und genoß mit vollen Zügen die schöne Minute, und die Uebrigen, die nicht wissen, sondern nur ahnen konnten, fühlten Geisterschauer an ihnen vorüberrauschen, als öffne sich ihren Sinnen eine Pforte der Ewigkeit. Solche Gemälde sollen nicht durch den schwachen Pinsel sterblicher Menschen entweiht werden; die Feder entsinkt der zeichnenden Hand des Dichters, und in seinem Herzen regt sich mächtig und rein der Glaube an Alles, was auf Erden und im Himmel groß und herrlich heißt. Es ist eine der Eigenschaften, welche das weibliche Geschlecht auszeichnen, daß die Frauen bei jeder Gemüthsbewegung, bei jedem Seelenschmerze und bei jeder tief empfundenen Freude sich bald zu fassen und die eingetretene Spannung schnell in die Haltung zurückzuführen wissen, die dem Leben geziemt. Zu einer untergeordneten, duldenden Stellung in den menschlichen Verhältnissen bestimmt, wirken Erziehung und Anlage gleich kräftig darauf hin, ihnen die nöthige Gewalt über sich selbst zu geben, und sie in den Stand zu setzen, in entscheidenden Momenten einen Theil dessen mit Anstand zu verhüllen, was ihre Brust bewegt. Die Gewohnheit macht es ihnen zuletzt leicht, über den allzu heftigen Ausbruch ihrer Gefühle zu siegen und alle die stürmenden Regungen, die bei den Männern sich in Wort und That aussprechen, in die zarte Brust zu verschließen. Diese Zurückhaltung, dieses Ueberwinden jeder lebhaften Leidenschaftlichkeit, bezeichnet das edlere Frauengemüth, das darum, weil es ihm versagt ist, die mächtigen Gefühle seines Herzens ohne Rückhalt zu äußern, nicht weniger tief empfindet, und die einmal in sich aufgenommenen Eindrücke wohl viel dauernder zu bewahren versteht, als der kräftig und unverholen sich aussprechende Mann. Was dabei in die Tiefe der Brust zurückgedrängt und unterdrückt werden muß, äußert sich dann in muthigem Wirken, in angemessenem Walten da, wo das Schicksal die Frau hinstellte, und wenn der gewaltige männliche Geist einen Theil seiner Kraft schon durch ungeduldiges Sträuben und Kämpfen zersplittert hat, dann stemmt sich das schwächere Weib unermüdet dem drohenden Verhängnisse entgegen und erreicht in stiller Ausdauer oft dasjenige, was der ausbrechende Sturm in des Mannes Gemüth unmöglich gemacht hat. Mächtig aber und unläugbar ist der Zauber hoher, edler, duldender Weiblichkeit, wenn sie den Gipfel erstiegen hat, der ihr hienieden zum Ziele dient; wenn das liebende Gemüth nur von sanften Gefühlen belebt mit Milde und Nachsicht fremde Schwächen erträgt, mit inniger Ergebung die Schläge des Schicksals aufnimmt und jeden unweiblichen Ausbruch leidenschaftlichen Wesens zurückzuhalten weiß. Der rohe Sinn, die wilde Heftigkeit verstummt vor ihr und mildert sich in ihren holden Strahlen; sie bessert da, wo noch einige Empfindung wohnt, sie hebt das verzagende Gemüth, sie leuchtet mit freundlichem Licht auf den dunkeln Pfaden des Lebens und ihr Einfluß wie ihre Wirkungen sind nicht zu berechnen. Frau von Detmund, deren viel geprüfter Sinn sich frühe gewöhnt hatte, jeden äußern Eindruck mit Fassung in sich aufzunehmen und die Freude wie den Schmerz zu bezwingen, war auch jetzt die Erste, welche sich in die Seligkeit zu finden wußte, die dem Alter und der Erfahrung zum Trotz sich ihres Herzens bemächtigt hatte. Von der tiefen Bewegung in die ihr geziemende still freundliche Heiterkeit übergehend, faßte sie des Freundes und des Sohnes Hand, mit einigen milden Worten das Verhältniß zwischen beiden und den Dank bezeichnend, der seit Jahren in dem Innern ihrer Brust dem fernen Geliebten gezollt worden war. Dann legte sie die kleine lächelnde Klara in des Kriegers Arm, als den jüngsten Repräsentanten aller ihrer ältern Vorgänger, und das freundliche, gar nicht schüchterne Mädchen fand an den glänzenden Achselbändeln und den goldenen Schnüren ein solches Behagen, daß es sich traulich an ihn schmiegte und selbst den ausgebreiteten Arm der Mutter verschmähte. Auch die Uebrigen drängten sich herzu: der kecke Rudolf, dessen Knabensinn die hohe Gestalt, die dicht anschließende Uniform, die schwankende Feder auf dem Hute und vor Allem der blanke Säbel erfreute, der schmeichelnde Otto, der mädchenhaft zarte Julius und die beiden jüngern Schwesterchen wurden von der Großmutter dem Freunde zugeleitet, selbst auf Emma's liebliche Lippen durfte Laßbergs bärtiger Mund sich drücken, und zuletzt fragte ihn die Matrone halbleise: »ob er nicht glaube, es seien solche Flüchte der Preis eines entsagungsvollen und schmerzerfüllten Lebens wohl werth?« – »Auch ich habe aus dem Sturme des meinigen Etwas gerettet«, erwiederte der Oberst, mit einem zärtlichen Händedruck, indem er auf seinen jungen Begleiter wies, der bis jetzt in bescheidener Entfernung und in dem fröhlichen Tumulte fast übersehen in einer Ecke gestanden hatte. »Ich hoffe, auch die erfreuliche Blüthe wird mir gleich der Ihrigen Früchte tragen, besonders wenn Sie, theure Freundin, dazu Ihren Segen geben. Es ist mein Neffe, ein junger Laßberg«, setzte er hinzu, ihr den jungen Mann darstellend, »der sich Ihr Wohlwollen erbittet; Sie sind ihm nicht unbekannt, unter dem fremden Himmel, wo er mich vor einigen Jahren aufsuchte, lernte er meiner Freundin Namen und Charakter ehren und lieben, und«, indem er lächelnd die halb verlegene Miene des Jünglings betrachtete, »ich darf versichern, daß seine Ungeduld, hier anzukommen, fast der meinigen glich,« – »Aber wie ist mir denn«, begann der Oberst von Neuem, nachdem der junge Laßberg bewillkommt und gleichsam als Mitglied in den trauten Kreis aufgenommen worden war, »wie ist mir denn? Sehe ich wirklich die ganze Familie versammelt, und haben Sie nicht noch eine andere erwachsene Enkelin als dieses hübsche Kind, dessen blaue Augen tief in Herz und Brust dringen?« Wenige französische Worte, den Kleinen noch unverständlich, machte den beiden Fremden klar, daß ihre Erscheinung hier ein Fest unterbrochen hatte, dessen Beendigung sie eifrig erbaten, mit dem Beifügen, daß sie erst dann sich recht heimisch fühlen würden, wenn sie eine Freude getheilt hätten, die ihnen die süßesten Erinnerungen aus der Vergangenheit herausrufe. Da Klaire, von der Ankunft der beiden Laßbergs nichts ahnend, ohnehin schon zwei Mal hatte wissen lassen, daß sie bereit sei, so wurde alsbald Anstalt zu dem feierlichen Eintritt in den Saal gemacht, die Flügelthüren öffneten sich rauschend, ein heller Schimmer unzähliger Lichtchen blendete fast die Eintretenden, und stürmisch und jubelnd, als stehe ihnen das Recht zu, ihr Eigenthum zuerst zu beschauen, drängten sich die Kinder voran, tanzten fröhlich um die reich ausgestatteten Tische, und die Blicke eines jeden fanden flugs den erfüllten Lieblingswunsch heraus. Die Matrone war mit den Fremden im Hintergrunde stehen geblieben und ihr mütterliches Auge verklärte sich in freudiger Wehmuth bei dem Treiben der Kinder und in der tief empfundenen Nähe des geliebten Freundes. Dieser hielt die theure Hand in der seinen, als wollte er nun nicht mehr lassen, was ein feindseliges Geschick ihm zu lange entzogen hatte, und leise flüsterte seine liebende Stimme: »Gedenken Sie noch, Elise, der Zeit, wo auch unser Weihnachtsbaum leuchtete? Sollte sie nun nicht wiederkommen, die schöne Zeit?« Aber was war das? Die Kinder wie die Erwachsenen, geblendet durch das strahlende Lichtmeer und betäubt durch den fröhlichen Tumult, hatten im ersten Augenblicke die hehre und glänzende Gestalt nicht bemerkt, die im Hintergründe zwischen den aufgeputzten Tischen auf einem Piedestal stand, und in welcher bei der unverrückten, malerischen Stellung man beinahe eine Bildsäule vermuthen konnte. Das blendend weiße Gewand, in schöne Falten geworfen, umgürtete ein Kranz von Rosen, Rosen umschlangen den schlanken Körper, Rosen versteckten sich in dem dunkeln, glänzenden Lockengewebe, und ein Schleier von Silbergaze stoß von dem Scheitel bis zur Fußsohle und verhüllte das Gesicht. Den einen Arm breitete sie gegen die Kinder aus, als sei durch ihre Allmacht eben die ganze herrliche Umgebung entstanden, in der andern Hand hielt sie ein Körbchen, in Form eines Füllhorns, aus welchem die seltensten und kunstreichsten Gewebe und Stickereien in Seide und Tüll herausschauten. Unbemerkt hatte Emma sich zu einer Ecke des Saals gewendet, wo ihre Harfe stand, und die beiden zarten Händchen lockten nun Töne aus den Saiten, deren Wohllaut in jedem Augenblick die Gemüther angesprochen haben würde, die aber in dieser Minute, in der ohnehin die Lebensgeister der Anwesenden ungewöhnlich aufgeregt waren, einen wahrhaft zauberischen Eindruck machten. Bei den ersten Lauten der Harfe fing die verschleierte Gestalt an sich zu bewegen, die Arme breiteten sich aus, die kleinen Füßchen stiegen in taktgemäßem Schritt über das Fußgestell herunter, und trugen die liebreizende Erscheinung in die Nähe der Kinder, die durch den unerwarteten Anblick im Besehen ihrer Bescherungen unterbrochen und in sprachloses Erstaunen versunken, sich schüchtern in ein Häufchen zusammengedrückt hatten und in dem holden Wesen mit tiefer Ehrfurcht den nie gesehenen und unter heimlichen Schauern herbeigewünschten Weihnachtsengel erkannten. Jedem der freundlichen Kleinen theilte die liebliche Gestalt aus dem Füllhorn ein angenehmes Geschenk mit, das sie mit zitternden Händen und tiefen Verbeugungen empfingen und auf die liebkosenden Reden, Fragen und Ermahnungen kaum zu antworten wagten. Auch den Eltern der muntern Schaar bescheerte das holde Weihnachtskind Netze und Binden mit Feenkunst gewirkt und fügte in halbem Kauderwelsch scherzende, heitere Worte hinzu; der liebenswürdigen Spielerin aber, die noch immer mit einzelnen, leise verhallenden Akkorden jede Bewegung begleitete, hängte sie eine Kette von schwarzen Flechten mit Gold eingefaßt um den blendend weißen Nacken und hauchte liebend einen Kuß auf die helle Stirn. Der junge Laßberg war bei den ersten Tönen der lieblichen Stimme in tiefer Bewegung hinter Frau von Detmund und seinen Oheim getreten, und es entwanden sich so sehnsüchtige Seufzer seiner Brust, daß die alte Dame nicht umhin konnte, befremdet zurückzuschauen und ihres Freundes seltsames Lächeln nicht zu deuten wußte. Da schwebte aber das Mädchen leichtfüßig auf die Matrone zu, stutzte zwar die Dauer einer Sekunde über die Gegenwart eines Unbekannten, allein ohne sich in ihrer Rolle irre machen zu lassen, bog sie ein Knie vor der verehrten Frau und überreichte ihr mit den Geberden der innigsten Liebe einen Strauß künstlicher Blumen, deren zarter Bau nicht nur, deren Duft sogar die natürlichen nachahmte: »Du streuest der Blumen Fülle überall auf Deiner Kinder Lebenswege, und Dir hat das Schicksal nur wenige gereicht. Aber sieh nur, dem Danke ihrer Herzen sind Rosen und Veilchen und das Blümchen der Treue mitten im starrenden Winter entblüht; sie kränzen damit Deine alternden Tage und wollen dich lieben und pflegen und mit dem Glück ihres Frühlings Deine Zukunft verschönern, so lange Dein liebes Herz schlägt.« So sprach in flüsternden Lauten das holde Kind und umfing die Knie der theuern Mutter. Da wurde durch die Bewegung, welche diese machte, indem sie das geliebte Mädchen umarmen wollte, der Hintergrund sichtbar, die Knieende erblickte einen hellbraunen Lockenkopf, der sich an die Schulter des Obersten lehnte, dessen helle Augen in nie vergessenem Ausdruck auf ihr ruhten, und überwältigt von der Macht dieses schönen Augenblicks, nachdem ihr Gemüth mehr als sonst aufgeregt geworden war, sank sie zusammen und wurde kaum noch von den Armen des ältern Laßberg aufgefangen. Klaire erwachte nach kurzer Bewußtlosigkeit, denn nur eine solche vermag die Ueberraschung der Freude hervorzubringen, auf dem Sopha in den Armen der Großmutter. Emma beugte sich ängstlich zagend über die geliebte Freundin, der Oheim Laßberg stand dieser zur Seite und verschwendete eine Fluth kölnischen Wassers, um den betäubten Geist wieder zu sich selbst zu bringen, und in der Ferne standen die Kinder, denen bei der Verwandlung des Weihnachtskindleins in Tante Klairen und bei der Enttäuschung, die sie erlitten hatten, gerade so zu Muthe sein mochte, wie dem jugendlichen Herzen, das, unter den Trümmern der Unschuldswelt groß gewiegt und von allen den süßen Bildern des unbefangenen Kindheitssinnes umgeben, nun in das Leben tritt, wo die rauhe Wirklichkeit schnell die glänzenden Schwingen der flatternden Psyche ihres Farbenduftes beraubt und sie entzaubert dem matten Auge wieder darstellt. Gleichwohl hinderte dieß nicht, daß die Kleinen, als Klaire zur Besinnung zurückkam, sich um sie drängten, und halb in der Freude über ihre Genesung, halb aus Spott über die Ehrfurcht, die sie ihnen abgedrungen hatte, sich des Flitterstaates bemächtigten, der halb zerstört um sie herumhing, und mit dem sie nun wie mit Siegestrophäen in dem Saale herumzogen. Klairens dunkle Augen aber fielen, ehe sie die Thränen der erschütterten Großmutter, Emma's liebende Sorge und die zärtlichen Bemühungen der übrigen Freunde bemerkte, auf den vor ihr knieenden Jüngling, dessen Hände die ihrigen hielten, dessen Blicke mit verzweifelndem Schmerze auf ihr gehaftet hatten, und in dessen ganzem Wesen ihre Wiederkehr zum Leben einen Rausch des Entzückens hervorbrachte: »Felix, find Sie es wirklich? Neckt mich kein Traum meiner erregten Phantasie?« So stammelte der süße Mund, und indem sie die Arme um Frau von Detmund schlang und das erröthende Gesicht an ihrer Brust verbarg, rief sie ängstlich: »Mütterchen, sei nicht böse auf mich! Wußte ich denn, ob ich ihn wiedersehen würde; durfte ich Dir die thörichten Wünsche und Träume meines Herzens gestehen?« Frau von Detmund hatte bereits in den Ausrufungen des jungen Laßberg, in Klairens Ohnmacht und den tiefen Gemüthsbewegungen, deren Spuren sich auch beim Erwachen in ihrem ganzen Wesen zeigten, einen Theil dessen erkannt, was früher in dem Herzen ihrer Enkelin vorgegangen war, und man darf um so weniger zweifeln, ob ihr die Entdeckung angenehm gewesen sei, die ihr in dem geliebten Neffen ihres Freundes einen Enkel verhieß, als das Aeußere des jungen Mannes und vorzüglich der treue Blick seiner freundlichen Augen manche schöne Eigenschaft des Gemüthes verbürgten. Was ihr und was Klairen, deren Seele das Glück, in dem lange und herzlich geliebten Felix einen ihrer ganzen Familie befreundeten Gegenstand zu finden, fast nicht zu fassen vermochte, jetzt zu wissen noch übrig war. erfuhren sie beide, nachdem die verstörten Gemüther sich wieder gesammelt hatten, die Kinder von dem Uebermaße der Freude ermüdet, jedes mit dem liebsten Theile seiner neuen Besitzungen zu Bette gezogen war, und der Oberst in dem freundlichen Zimmer, das ihm um des Wiedersehens willen immer das liebste sein mußte, zwischen seiner Freundin und dem jungen Mädchen gemüthlich plaudernd auf dem Sopha saß. »Felix war«, so erzählte er nun der Freundin, »nachdem er seine Studien vollendet und durch des Oheims thätige Hülfe in Allem unterrichtet war, was zu seinem einstigen Fortkommen dienen konnte, eben im Begriffe gewesen, die Reise nach Ostindien anzutreten, wohin theils der Wunsch, seinen edlen Verwandten kennen zu lernen, theils das Versprechen einer vortheilhaften Anstellung ihn zogen, als er bei seiner Durchreise durch Frankreich Klairen und mit ihr ein Gefühl kennen lernte, das ihm bis jetzt fremd gewesen war, und dessen Gewalt über sein Schicksal unwiederruflich entschied. Die Rechtlichkeit seines Charakters hatte ihm nicht erlaubt, die plötzlich Gefundene und schnell wieder Verlorne in eine ungewisse Zukunft zu verwickeln, und seinem Herzen zum Trotz, das ihm unaufhörlich den Namen von Klairens Gastfreunden und des von ihr bewohnten Hauses zuflüsterte, hatte er seine auf den nächsten Morgen bestimmte Abreise um keine Stunde verzögert, wohl fühlend, daß ein neues Zusammentreffen mit dem liebenswürdigen Mädchen entscheidend werden, daß es feindlich eingreifen könnte in ein Geschick, das ihm mehr als sein eigenes am Herzen lag. Die Bestimmung nicht aus den Augen zu verlieren, der er sich hingegeben hatte, wenn nun einmal unbezwingliche Notwendigkeit, wollte er nicht alle Aussichten auf eine ehrenvolle, unabhängige Existenz leichtsinnig verscherzen. Er hatte seinem Oheim Alles zu verdanken, denn des Vaters Vermögen war so gering, daß es kaum zu dem nothdürftigen Unterhalte seiner zur Wittwe gewordenen Mutter hinreichte; Erziehung, Bildung, die Möglichkeit sich auf eine höchst anständige und seines Standes nicht unwürdige Art in der Welt zu zeigen, jeden Genuß seines Alters hatte ihm der väterliche Freund verschafft, der nun seinen Wohlthaten die Krone aufsetzen wollte, indem er ihm eine seinen Talenten angemessene Stellung geben und ihn zu seinem dereinstigen Erben erklären wollte. Für alle diese Opfer verlangte er nur seines Neffen Gegenwart, des einzigen Wesens, für welches er nach dem Verluste seines Lebensglückes gelebt und gewirkt hatte. Wie hätte dieser um einer thörichten Neigung willen Alles hinwerfen können, was Ehre und Dankbarkeit, was sogar die einfachste Lebensklugheit von ihm forderte; und zu was hätte es ihn geführt, wenn er wirklich den Eingebungen seines Herzens hätte Folge leisten wollen? Wie hätte er, dessen Aussichten durch eine solche Handlungsweise zertrümmert werden mußten, sich den Verwandten des geliebten Mädchens nähern und ihnen Anträge machen dürfen, wie hätte er den Muth gewinnen können, sich in seiner Vaterstadt in so traurigen Verhältnissen wieder zu zeigen, nachdem er mit Allem umgeben und ausgestattet, was dem Liebling eines reichen Mannes zu Theil werden mochte, von dort geschieden war? – Nein, er mußte seinem Verhängnisse folgen, er mußte die zum ersten Mal erwachende, mächtige Leidenschaft in seinem Herzen bekämpfen, und wollte er seinen Grundsätzen gemäß, wollte er großmüthig handeln, so mußte er sogleich fliehen und den Wunsch unterdrücken, noch einmal die keimende Neigung in Klairens schönen Augen zu sehen, damit nicht ein unschuldiges Wesen in die Ungewißheit seines Schicksals verflochten würde. Diese, bei der heutigen jungen Männerwelt selten gewordene Gewissenhaftigkeit führte Felix den Tag nach dem Zusammentreffen in der Kirche mit der Flügelschnelle vier rascher Postpferde von dem gefährlichen Orte weg, und wohl fühlend, daß er recht gehandelt hatte, sank er nach einer glücklichen und ziemlich heitern Reise seinem unbekannten Oheim und Wohlthäter in die Arme. Der Oberst fand, wie es denn auch nicht anders sein konnte, an dem edlen, talentvollen, in jeder Hinsicht liebenswerten Manne ein ungemeines Behagen, und es ging für ihn mit dieser neuen Erscheinung gleichsam ein zweites Leben auf. Nicht nur fühlte er sich durch die Persönlichkeit und die Eigenschaften seines Neffen angezogen, nicht nur war er stolz auf die Lobsprüche, die er überall erhielt, nicht nur machte ihn der Gedanke glücklich, daß es hauptsächlich seinem Einwirken zuzuschreiben sei, daß die hoffnungsvolle Blüthe sich zu der reifenden Frucht gestaltet hatte, aber es knüpfte sich mit seinem jungen Freunde wieder ein neues Band an die immer werth gehaltene Heimat in seinem Herzen; längst verblichene Bilder wurden wieder hell, Empfindungen, die er das ganze Leben hindurch treu in der Brust getragen hatte, regten sich mit neuer Stärke, und Laßberg wurde nicht müde, Erzählungen und Nachrichten zu hören, die ihn mit dem seinen Vaterlande, so schien es ihm, wieder zusammenknüpften. Eins nur blieb ihm räthselhaft in Felix Gemüth; es hatte sich über sein ganzes Wesen ein leiser Anflug von Schwermuth verbreitet, die sich selbst in den lebendigsten und anmuthigsten Umgebungen nicht verlor, und die der alte Laßberg vorerst als leichte Spuren von Heimweh ansah. Nähere Beobachtungen machten ihm aber deutlich, daß es irgend ein anderes Gefühl sei, welches das jugendliche Herz mit dem Schleier der Wehmuth verhülle, das an stillen Abenden, die in jenen Gegenden so unbeschreiblich schön sind, und mit ihren weichen Tinten in die sehnsüchtige Seele übergehen, einen feuchten Schimmer in seine Augen lockte, das ihn von jedem rauschenden Vergnügen zurückhielt und ihm bei dem Anblicke der schönsten weiblichen Gestalten eine unerklärliche Gleichgültigkeit gab. Zu lange und zu unbedingt hatte sich der Oheim ähnlichen Empfindungen hingegeben, zu genau war er mit den Kennzeichen derselben befreundet, als daß er sich über den Herzenszustand seines Neffen hätte täuschen können, und überhaupt, daß die Reise zu ihm irgend ein zartes Verhältniß zerrissen habe, entschlossen, das Glück, dessen er selbst schmerzlich entbehren mußte, um jeden Preis dem einzigen Menschen zu verschaffen, mit dem sein eigenes Dasein enge zusammenhing, näherte er sich mit der ganzen Sorglichkeit zärtlicher Freundschaft dem jungen Manne und suchte, sich sein Vertrauen zu erwerben. Wie aber kann dieses schneller und unbedingter erlangt werden, als wenn Seele gegen Seele sich aufschließt? Zum ersten Male gedachte nun der Oberst gegen Felix der Zeit seiner Jugend und deutete die Ursache an, die ihn aus der Heimat vertrieb; zum ersten Male nannte mit zitternder Stimme den Namen seiner Freundin, und fragte den Neffen, ob ihm von ihrem Schicksale nichts bekannt sei? Die sichtliche Betroffenheit des jungen Mannes machte ihn aufmerksam, die dunkle Röthe, die sich über sein Gesicht ergoß, ließ ihn ahnen, daß hier das Geheimniß verborgen liege, und es konnte ihm nun wenig Mühe kosten, dasselbe aus dem ihm ergebenen Herzen zu Tage zu fördern. Als er erfuhr, was Felix aus dem Munde des Bekannten vernommen hatte, bei welchem er sich in jener Stadt aufhielt, und der zufällig ein Freund der Familie war, bei welcher Klaire wohnte, als er hörte, daß das Mädchen, dessen Bild sein Neffe unter diesen fernen Himmel gebracht hatte, die Enkelin jener Frau sei, deren Andenken in seinem Herzen immer noch herrschte, als ihm kund ward, daß ihre Fesseln lange schon gebrochen seien, da faßte ihn seit vierzig Jahren zum ersten Male wieder eine Ahnung von Glück, und hastiger fast noch als der jüngere Mann betrieb er von dieser Minute an den Plan, heimzukehren nach den vaterländischen Fluren, die nun plötzlich wieder das ehemalige Interesse in ihm erregten, und wo er fortan leben und sterben wollte. Daß diese Reise nicht so schnell vor sich gehen konnte als beide wünschten, daß Vorkehrungen getroffen, Maßregeln genommen werden mußten, die Zeit erforderten, das begreift sich leicht; aber als dann einmal der Augenblick der Erlösung gekommen war, da wurde auch die Rückkehr zur Heimat mit einer Eile veranstaltet, als säße ihnen der Tod auf den Fersen; weder die Gefahren der Seereise in der schon nahenden, stürmischen Jahreszeit, noch die ausgestandenen Beschwerden am Ende derselben hielten die Eilenden auf, und eben hallten die Glocken zum Abendgottesdienste durch die reine kalte Luft, als sie zum Thore des kleinen Städtchens einfuhren, das nach eingezogenen Erkundigungen das Ziel aller ihrer Wünsche in sich begriff. Angesprochen durch den feierlichen Klang, hingerissen durch eine theure Erinnerung, überzeugt, daß in diesem Zusammentreffen von Umständen das Gelingen seiner innigsten Wünsche verbürgt werde, erhoben durch eine fast schwärmerisch religiöse Empfindung, die ihn unwiderstehlich zu der heiligen Stätte rief, wo er in ähnlichem Momente vor zwei Jahren die Geliebte gefunden hatte, fühlte sich Felix zu der etwas sonderbaren Bitte an seinen Oheim veranlaßt, mit ihm die Kirche zu besuchen, ehe weiter ein Schritt zu dem ersehnten Wiedersehen gethan würde. Und sein Herz hatte ihn glücklich geleitet; in dem dunkeln Raume ahnete er die Nähe des theuern Mädchens, sein zarter Sinn sagte ihm, daß auch sie durch ein liebes Andenken hierher gezogen worden sei, und auf dem Heimwege erkannte er, des Schleiers ungeachtet, die geliebte Gestalt, in deren Wiederfinden er die schönsten Vorbedeutungen zu erkennen glaubte. »Was nun aber aus uns werden soll, das müssen Sie bestimmen«, fuhr der Oberst fort, indem er die festgehaltene Hand der Matrone sanft drückte und Klairen freundlich in die sich niederschlagenden Augen blickte. »Werden Sie uns nach Bombay zurücksenden, mein liebes Kind, von wo Ihr holdes Bild uns so schnell nach der Schweiz gezogen hat? Oder wollen Sie gütig und lieb wie die Großmutter es war und noch ist, die Fremdlinge in dem Vaterlande festhalten, sie wieder einverleiben in die lang entbehrten Verhältnisse des traulichen Familienvereins und einführen zu dem Glück des Hausaltars? Für Felix bürgt Ihnen das Wort des Oheims und mehr noch als dieses der Edelmuth und die Gediegenheit eines Betragens, zu welchem ihn das zarteste Gefühl der Pflicht aufgemahnt hat, und für mich wild vielleicht die Großmama gut sprechen und Ihnen sagen, daß ich bereit sei, ihr liebes Kind mit der vollen unwandelbaren Zuneigung eines zärtlichen Vaters zu umfangen und zu halten mein Leben lang!« Wohl hätte es vielleicht der Nähe des geliebten Mannes und des bittenden Blicks seiner Feueraugen nicht bedurft, um aus Klairens Munde die Bestätigung ihrer Wünsche und Entschlüsse hervorzuziehen, und es blieb nach dem leisen Geständnisse der Enkelin der alten Dame kein Räthsel mehr, warum anderweitige, recht annehmliche Bewerbungen in dem lange schon besetzten Herzen keine Aufnahme hatten finden können. Der Weihnachtstag, der mit den lieblichen Strahlen seiner Wintersonne über den Glücklichen aufging, sah Klairen und Felix die sichtbaren Pfänder der Liebe tauschen, wie lange schon die Seelen sich mit einander vereinigt hatten; er sah, wie die gesegnete Großmutter in dem Kreise aller ihrer Kinder und Enkel die Hände der Liebenden in einander fügte und sie mit vor Freude bebender Stimme einweihte zu einem glücklichen, tugendhaften Leben, dessen Quellen, in der eigenen Brust entspringend, sich einst, wenn ihr Wesen rein und ungetrübt bleibt, in die Ewigkeit ergießen; er war Zeuge, wie Emma der Freundin einen Kranz von Myrthen und Rosen zum Weihnachtsangebinde brachte, und wie durch die Thränen der Rührung der Strahl sanfter Freude brach, als eine leise Ahnung eigenen Glücks; und als auch dieser frohe Tag zu seinen Brüdern hinuntersank, da fühlte jedes Glied des fröhlichen Vereines, daß, wenn auch dem armen Menschen die Leidensstunden weit länger und in größerer Anzahl erscheinen, als die kurzen frohen Augenblicke, dennoch ein solcher Moment hinreiche zur Entschädigung für schweres und tiefes Leid. Als einige Monate später die wärmende Sonne der ersten Apriltage fast jede Spur des unfreundlichen Winters ausgelöscht hatte, als der welke Rasen in liebliches Grün umgewandelt dem Auge wohlthat, das sich an dem Kerzenlichte der langen Nächte ermüdet fühlte; als warme Südlüfte wehten, die Veilchen in bescheidener Verborgenheit ihren erquickenden Duft den wieder auflebenden Menschen spendeten und Hyazinthen in Menge sich aus den Knospen entwickelt hatten, da vereinigte sich aufs Neue die ganze Familie in freudigem Leben. Wir finden sie in dem Garten der Großmutter, wo so eben das Kinderfest des Ostertages gefeiert worden war, und die kleinen wie die großen Kinder die bunten, in ihrer Farbenpracht weithin schimmernden Eier unter blühenden Büschen gesucht und gefunden hatten. Die muntere Schaar tummelte sich auf den Rasenplätzen umher, wußte sich vor Vergnügen in der lieblichen Frühlingswärme nicht zu lassen, und wir bemerken, wie so eben die kleine Klara unter Rudolfs Beistand die ersten, unsichern Schrittchen versucht, während Vater und Mutter Arm in Arm lächelnd den Spielen zuschauen. In der Allee, deren Bäume hie und da sich mit seinem, lichtem Grün bekleidet haben, schreitet ein Pärchen auf und nieder, so in sich selbst vertieft, so ganz den Gefühlen einer Zeit hingegeben, die nimmer wiederkehrt, daß wir keine Mühe haben, Felix und Klairen zu erkennen, die verloren in die Plane und Hoffnungen einer schönen Zukunft, Frühling und Blumen, Himmel und Erde um sich vergaßen. Uebermorgen ist der ersehnte Tag, der beide auf ewig mit einander vereinen, der ihnen das Paradies erschließen soll, mit dem allein eine gute Ehe verglichen werden kann. Der Winter ist ihnen in Trennung und Wiedersehen dahin geschwunden, denn die Einrichtung des jungen Paares, die nothwendig in Laßbergs Vaterstadt bewirkt werden mußte, hat Oheim und Neffe oft entfernt gehalten, und der erstere hat weder Mühe noch Kosten gescheut, um das Nestchen seiner Lieblinge recht warm und nett zu bauen. Der Raum, der sie künftig von den Freunden trennen wird, ist nicht groß, er mag leicht und so oft es das Herz wünscht, übersprungen werden, und die Glücklichen, deren Pfad keine drohende Wolke verdunkelt, dürfen sich ohne Rückhalt der Seligkeit einer so schönen Zeit hingeben. Indem wir aber unsere Blicke weiter umherstreifen lassen, erschauen wir eine Gruppe, die uns Hoffnung gibt, der bevorstehende Feiertag werde sich für die Familie bald wiederholen. In der Laube, über welche sich der hochstämmige, jetzt noch unbelaubte Akazienbaum beugt, und in der binnen wenigen Wochen die Düfte von tausend Jelänger-Jelieber-Blüthen die Sinne erfreuen werden, sehen wir Emma, deren Gesichtchen zu der Erde niedergebeugt, auf welcher der Fuß in angenehmer Verlegenheit magische Kreise und Figuren zeichnet, mit der glühendsten Rosenfarbe übergossen ist, und deren Ohr den Einflüsterungen eines jungen Mannes gefällig horcht, welchen wir alsbald als den von Klairen verschmähten Werner erkennen. Die Art und Weise, mit der das junge Mädchen die halb zurückgezogene Hand dem Gesellschafter wieder überläßt, und der zärtliche Blick, der sich fast unmerklich zuweilen aus dem schüchternen Augenpaare hinüberstiehlt, überzeugen uns sattsam, daß dem werthen Ueberläufer verziehen ist, und des gutmüthigen Kindes Bescheidenheit es ganz natürlich findet, daß früherhin die viel liebenswürdigere Base vorgezogen wurde. Die nähere Kenntniß von Werners Charakter gibt uns aber auch die Gewißheit, daß nach seiner nunmehrigen bestimmten Erklärung keine Wandelbarkeit in seinem Herzen mehr das Glück seiner künftigen Gattin gefährden wird, und das fernere Zusammenleben mit ihrer Familie, dessen ihr liebendes Gemüth bedurfte, vermehrt um vieles Emma's heitere Aussichten. Auf der Bank aber hinter dem Hause, welche, etwas erhöht, die Uebersicht des ganzen Gartens gewährt, saß die Großmama neben dem geliebten Freunde, und Beider Augen ruhten abwechselnd und wohlgefällig auf den verschiedenen Gruppen, deren Eigenthümlichkeiten ihnen einen fröhlichen Lebensabend verhießen. »Und wollen nicht auch wir am Ende unserer Laufbahn den Bund besiegeln, den wir im Anbeginn derselben gelobt und, so weit die unglücklichen Verhältnisse es zuließen, treu und unwandelbar im Auge behalten haben? Wollen nicht auch wir unser Dasein vereinigen, das lange getrennt und darum den furchtbarsten Schmerzen preisgegeben, dennoch die Herzen nur dichter und unauflöslicher an einander geknüpft hat?« So fragte Oberst Laßberg, indem er sich an die Freundin seines Herzens wandte, und seine bewegte Stimme die Gefühle seiner Seele lauter kund that, als es Worte vermocht hätten. Frau von Detmund sah ihn mit dem klaren, milden Auge an, dessen Ausdruck, schon ehe sie sprach, jede Bewegung des Gemüthes beruhigen mußte, und in dessen Tiefe man unmöglich schauen konnte, ohne zu fühlen, daß der aus ihm leuchtende Geist mit freundlicher Verständigkeit Alles prüfen und das Beste behalten werde. »Lassen Sie uns, lieber Freund«, erwiederte sie, »dankbar genießen, was ein vergeltendes Geschick in dem Spätherbst unsers Lebens uns an hohem Glück beschieden hat, und uns vor Ansprüchen hüten, deren Erfüllung uns leicht von dem geebneten Pfade auf unwegsame Höhen führen könnte. Wir leben nicht mehr in der jugendlichen Zeit, wo eine gänzliche Vereinigung allein das Glück zu begründen vermag; wir stehen beide auf der letzten Stufe unsers Daseins, Erfahrung und Alter haben uns weiser gemacht und unsere Empfindungen geläutert, ohne ihrer Innigkeit etwas zu rauben; unser Verhältniß ist eins der angenehmsten und beglückendsten, es begreift jeden Genuß in sich, der unsern Jahren zusteht, es vereinigt unser Interesse wie unsere Herzen und wird niemals den Eigenheiten unterliegen, die dem einen und andern von uns in einer langen Vergangenheit vielleicht zur zweiten Natur geworden sind. Begnügen wir uns mit so schönem, oft so unerreichbarem Glücke, und setzen Sie nicht durch einen Willen, dem ich meine Wünsche freilich auch gegen meine Ueberzeugung aufopfern würde, die Großmutter den Glossen des lichtenden Publikums und dem Lächeln der eigenen Enkel aus. – Mit einander und für einander müssen wir leben und sterben«, fuhr sie mit liebenden Schmeichellauten fort, als sie den verdüsterten Blick des Freundes bemerkte; »unsere Zukunft mir getrennt zu denken, vermag ich so wenig als Sie, und dem helldenkenden Philosophen wie dem müden Pilger bietet dieser Erdenwinkel Vorzüge genug dar, die ihn für ein zerstreuteres Weltleben zu entschädigen vermögen. Bleiben Sie in meiner Nähe; meine Kinder sind die Ihrigen, jede meiner Freuden wird, von Ihnen getheilt, zum herrlichen Genusse, und während kein Tag vergeht, der uns nicht auf einige Stunden vereinigte, verwenden wir die übrige Zeit zu Geschäften, deren Wichtigkeit oder Unwichtigkeit wir uns dann mittheilen. Mit einander und für einander lebend erreichen wir das Ziel, das keines von dem andern auf lange Zeit trennen kann, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie werden sich oft gestehen müssen, daß in einiger Entbehrung die wahre Würze des Glückes liegt, und daß der stille Schimmer unsers Abends dem hellen Strahl der Mittagssonne weit vorzuziehen sei.« Und die Verheißung der Großmutter ist in Erfüllung gegangen. Oberst Laßberg hat sich in ihrer Nähe angekauft, und die freundliche Emma waltet als Hausmütterchen mit ihrem Gatten und ihren beiden Kindern in dem wohnlichen Hause, dessen Garten des Eigenthümers Hand zum wahren Paradiese verschönert hat, und das ihr und ihren Nachkommen zum dereinstigen Besitze zugesichert ist. Die Kinder alle hängen so ausschließlich an dem Oheim Laßberg und an den Herrlichkeiten, die sein Hof und Garten darbietet, daß man glauben sollte, dort sei ihre eigentliche Heimat, und die alte Dame selbst an hellen Sommerabenden, wenn gar Niemand von der jungen Welt zu ihr kommen will, dieselbe in des Freundes Hause aufsuchen muß. Klaire und Felix leben in ihrem größern Zirkel, für den sie eigentlich mehr gebildet sind, eben so glücklich, ohne darum die Lieben zu vergessen, deren Wohnort jedes Mal von ihnen heimgesucht wird, wenn es ihnen Noth thut, in der friedlichen Stille eines heitern Familienlebens sich zu erholen oder die Seele zu stärken. Der Vorabend des Weihnachtsfestes aber entschwindet nie, ohne Alle zu vereinigen, und der weite Saal der Großmama, in dessen Mitte jedes Mal ein für sie aufgeputztes Bäumchen steht, das des Freundes Hand geschmückt hat, ist bald nicht mehr geräumig genug, die Glücklichen zu fassen. Rudolf Meyer Aus den Thierzeichnungen Obgleich Meyers Thierzeichnungen nicht eigentlich in das Gebiet der Erzählungen gehören, haben wir doch geglaubt, die Gelegenheit ergreifen zu müssen, um auf dieses vortreffliche Buch aufmerksam zu machen, das lange noch nicht nach Verdienst gewürdigt ist. Die Gemse. Wo um weißen Schnee die rothen Alpenrosen leuchten, ist die Heimat der Gemse. Dort wo braune Felsen wie Aeste, grüne Bänder als Blätter hinausragen, springt sie umher, zieht über die Schneewand und aufwärts zu den unersteiglichen Gipfeln. Sie schreitet über zugeschneite, verborgene Spalten flüchtig und unbesorgt hinweg. Orkane schütteln Fels und Lawine von den Gipfeln, die Gemse bleibt ohne Furcht. Sie schaut ins Wetterleuchten, in die funkelnden Blitze hinein als auf Blühten. Sie ruht auf ewigem Eis; der Frost bannt sie nicht und kühlet nicht ihr heißes Blut; ihr offenes Auge wird nicht geblendet vom Sonnenglanz der Schneegefilde; es zeigt ihr sicher den Weg durch trübe Nebel, durch finstere Wolken. So tritt sie leicht und frisch, frei und muthig ins Leben hinein. Und Blumen sind ihr überall gestreut, zwischen dem Gestein der Enzian, die Bärwurz und das Doronicum. Salz sproßt ihr aus der Felswand, in Gletscherrinnen fließen ihr die Bäche, aus dem Gestein, immer frisch, der Quell entgegen; immer frisch umfangen sie die Lüfte. Ueber schroffen Abgründen kommt sie zur Welt, wo schützend die Balm sich wölbt, und wie gestärkt von Blüthendüften, von reiner Luft, hüpft sie munter der Mutter nach, arglos, wie ein Kind von Engeln behütet. Die Gemse geht von Weide zu Weide, im Winter in den Wald, des Sommers zu den Höhen, und wo mitten im ewigen Eis Blumen den Felsen bekleiden, weiß sie ihn zu finden. Die Gemsen regieren sich selber; halten so treulich zusammen. Unter Sprüngen und Spielen klettern sie der erfahrnen Führerin nach. Sie, immer achtsam, wenn ihre Heerde weidet, ruhet nur, wenn diese wacht. Auf jedes Lüftchen achtet sie, warnt vor jeder Gefahr, leise erst und springt zur Seite, späht mit scharfem Blick umher, und hat sie den Jäger geschaut, dann ruft sie mit hellem Pfeifen die Gefährten und blitzschnell entfliehen sie, setzen über Felsen und Bäche und über den Grat ins sichere Gletscherthal, wo, in Trümmer zerrissen, Wälle und Graben dem Feinde Pforten des Todes geöffnet halten. Und leicht wie ein Adler, behend wie das Eichhorn, flüchtig und kraftvoll wie ein Hirsch ist die Gemse; gestreckt ihr brauner Leib und schlank der Hals, stark die Beine, nervig die Füße; so spitz, so leicht der Klauenhuf und so sicher und fest ihr Tritt. Klar und milde, scharf und klug ist der Blick ihres großen Auges, das rege, leichte Ohr faßt scharf den Laut, und sie wittert den Feind, bevor sie ihn erblickt. Ihre kleinen, runden Hörner, über den Augen aufgestellt und rückwärts gebogen, sind furchtbare Waffen; mit gesenktem Haupte richtet sie ihre Spitzen gegen den Feind und wirft ihn über den Abgrund. Sie fürchtet auch den Jäger nicht und keiner wagt es, sie zu fassen; nur der Kugel, aus dem Verstecke unsichtbar geschleudert, unterliegt auch sie, unterliegt der feigen List. Der Jäger hetzt die Gemsen auf grünen Alpen mit dem Hunde, er versteckt sich unter Heerden der Ziegen und Schafe; mühsam beschleicht er sie auf steilen, wilden Pfaden. Er lauert ihnen auf dem Wechsel auf, spähet im Luegi, ob sie nicht ermüdet lagern, umgeht sie und gewinnt ihnen den Wind ab. Keine List, keine Ränke verschmäht er. Er kriecht auf dem Schneefeld mit nackten Füßen und baarhaupt hin, sein Auge unverwandt auf die Führerin gerichtet, er liegt bewegungslos, wenn sich diese gegen ihn wendet. Schaut er die Krümmung ihrer Hörner, dann zielet er und zielt so scharf; laut donnert der Schuß in allen Klüften und laut jauchzt der Jäger, die Fuhrgais ist gefallen; verwirrt und verlassen stürmen ihre Gefährten fort. Die suchen den Tod im Abgrund, die zerstreuen sich zwischen Eis und Felsklüften, und manche wird noch die Beute des unermüdlichen, des ränkevollen Jägers. Er schlürft das warme Blut der Gemordeten, ein Zaubertrank ist es ihm, der mit Muth und Entschlossenheit waffnet, der ihn sicher stellt gegen den Schwindel, daß dieser ihn aus dem schwarzen Abgrund mit unsichtbaren Händen nicht hernieder reiße. Das ist dein Schicksal, muthige, offene, treue Gemse; du fürchtest keinen Feind, du trotzest Sturm und Wetter, doch Zauberkünsten entgehst du nicht. Und können Nebel und Stürme, Klüfte und Gipfel dich nicht schützen, deinen listigen Feind nicht entmuthigen, werden sie doch deine Rächer. Der Jäger gewinnt keine Ruhe mehr, ernst, einsylbig, verschlossen, denkt er nur auf sein blutiges Gewerbe, immer gieriger, immer frecher wird er, und sein eigener Verfolger. Er muß empor zu den Höhen, bei Frost und Hitze, unter Sturm und Wettern jagt es ihn. Tag und Nacht ist sein Gang unter den grauen Felsen, das Morgenroth schaut ihn auf den Graten, die Nacht findet ihn auf hartem Lager. Er achtet der Abgründe nicht mehr, schreitet über ihnen dahin, auf schmalen Bändern, als auf geebneten Pfaden. Wie die Gemse findet er den Weg durch die Nebel, Gleichgültig wandelt er unter den Blitzen. Er schaut ernsthaft hernieder in die blühenden Thäler, in die schwarzen Klüfte, steht still und finster am Rande tiefblauer Spalten, setzt über die Schründe, flüchtet über Eiswände und blickt mit düsterer Sehnsucht zu den Häuptern der Gebirge empor. Er ist gefangen, er ist den kalten, grausen Mächten des Gebirges verfallen; er weiß es nicht. Die Zeit läuft aus, auf welche hin der Zaubertrank seine Wirkung thut; da findet ihn dann doch der Schwindel oder die Nebel legen ihm Netze über den Eisschrund und der Fels läßt seine Bahn ausgehen. Der Jäger hat sich verstiegen, nicht vorwärts kann er, nicht rückwärts; unter ihm, hart zu seinen Füßen ist es lauter, mit der Hand reicht er in die Leere hinaus, die andere klammert sich fest am kalten Gesteine. Die Sonne geht unter, die Berge verglühen, erbleichen, die Nacht zieht ernst und schweigend empor; ihre Flammen blitzen am Himmel. – Da ermatten die Kräfte des Jägers, er schließt müde das Auge zu und stürzt hinunter auf die Klippen. Sein Leichnam ist zerschmettert, ihn legen die Freunde nicht ins Grab; dem Geier allein ist der Weg zu ihm gebahnt. Nebel umschleichen das Gerippe, Regengüsse waschen es, die Sonne bleicht es ab, und es zerstreuen Stürme das lose Gebein. – Das hat das Blut der Gemse gethan! s' Müsli. Lueg, dert lauft e Mus, si gumpet der as Bäi, gib Acht! Bhüetis, wi bischt nid erschrocke, und jukscht uf e Sässel; schpring mer amel nid zum Fänschder use! – Worum fürchtesch di denn? isch es doch son-n-es ordlichs Dierli, duet keim Chindli öppis. Lueg's nume rächt a, s'isch so winzig chli, i der Hand chönt mes verbärge. Es het so-n-es samedigs Belzli, chlini, blutti Beinli, es ovals Chöpfli, schpizzigs Näsli mit-e-me Schnäuzli dra, und schwarzi Aeugli, so glänzig wi-n-es Vögeli, und Oehrli rund und dünn, grad wie du. Schüch di ämel vor sim lange, blutte Schdili nid, was wet's der thue? und förchti nid, daß es di bißi, denn Zähnli het's nume zum Gnage. Gäll es isch der z'gschwind? es wütscht wi-n-es Chugeli übere Bode wäg. Jetzt isch es doh, jetzt isch es dert, unter der Gumode, underem Bett. Jetzt het's es Loch gfunde; nu, so isch es rüehig, es het em jo sälber gförchtet, s'het öppe, wenns scho Winter ischt, es Näschtli hinterem Täfel, voll Jungi, vieri, sechsi, und sind villicht no blind und blutt, uf bloßem Schtrau, und müeßte verhungere und verfrüre hätt-e-mers tödet. – S'isch wohr, d'Müs mache si luschtig, gumpe uf Bänk und Disch, gnage au mängisch es Loch is Brodt, schlüfe i d'Chuche, göhnd a Schbäck, a-n-Anke und Mähl, und trinke s' Oehl us der Lampe; si finde de Wäg i Chäller, fresse-n-es Oepfeli; sie wütsche-n-is Grümpelgmach, biße-n-öppe es Fläckli us em Züg, es fäißes, oder göhnd gar i-mene Glehrte hinder sini schtaubige Büecher und mache-n-em Uszüg. Do duet me grad, d'Müß fräße eim Alles und gschände Alles und löse gar usem Anke und Mähl no Koriander dehinde, eine zum Dank. Denn chunt me wider und chlagt, se lößen-eim z'Nacht kei Rueh, si chäfele hinder de Wände und biße-n-es Loch durs Täfel; chlopfe mögme wi me well, sie gäbe nid lugg, sie schlüfe-n-eim gar i Schtrausack, unders Chopfchüssi und juscht we me ischlofe well, chröschbeli sie eim unterem Ohr. und nage d'Bomade mit de Büggeli weg. Und göhnd sie i d'Schüre und göhnd im Summer i Wald, is Feld, so chlagt der Bur, si fräße-n-em s'Chorn ewäg und verderbenem d'Bäum. Wo sölle si den hi? müend ste nid au z'läbe ha? schtreut me jo dem Schbäzli Brösmeli vors Fänschder und meint s'Müsli söll verhungere, füeteret Chaze und schtrichlet sie, wenn sie au chräble, het Igel und dolet d'Chuze und d'Wiseli. Aber dem Müsli mag me es Mümpfeli Brodt nid gönne, mags nid lide, daß sie luschtig sind, und es git es Gschrei, wenn sie usem Loch füre güggele i d'Schtube, oder wenn me sie nume pfife ghört. Do mues me ne grad Gift lege, Mählchrügeli mit Arsenik, oder Falle richte, die dätsche sie tod, o klemme ne de Chopf i, oder fönd sie gar läbig. Wi sie schnüfeli hinderem Gitter, wi si a-n-em ufschtönd und sueche, wo sie use chönte, sie sueche umsunst, si finde nümme de Wäg, wo sie sind ine cho; do wirft me si is Wasser, und wenn sie au schwimme chönne, es hilft ne nüt. Sägmer, gits au es ärmers, es schwächers Dierli und es verfolgters? und het me no gar e Gruse-n-abem; doch ebe nid alli Lüt; Mänge het's gschoche und Mänge het's verfolgt und isch z'letscht no froh über ins worde. Er isch is Chesi cho, d'Langiwyl het ne plagt, schier tödet, und si einzige Freud, si einzige Troscht, isch es Müsli gsi. Het's ne au im Afang plogt und händ beide enand gschoche, sind si doch bald vertrouli worde; do goht d'Zit dem Gfangene gschwinder verbi, Es chunt füre, es erfreut ne mit luschtige Schprünge, es schtellt si uf, es tanzet und lost uf sis Pfife und Singe, es luegt e so fründlich und munter a; er schtreut em Brösmeli, es trout sie allewyl nöcher und nöcher und frißt em zletscht us der Hand. Jetzt sind si guet Fründ mit enand, es loht si schtreichle, es gumpet em uf d'Achsle, buzt Schnäuzli und Pfötli, und ghörts d'Schlüssel raßle und Dür ufgoh, gschwind schpringt's em i Buese; dert het's jetzt sis Heimeth und sis Lager. – Und chunt der Gfange wieder use a die früsch Luft und as Sunneliecht, goht schbaziere im Grüene, im schattige Wald, cha nid gnueg über cho, und günnt wie-n-es Chind jedes Blüemeli ab, goht de Mäierisli noh und de Veieli, – s'Müsli ischt vergäße. Es aber suecht sie Fründ, durchschtöberet Decki und Schtreusack und findt-ne nid, es wird trurig, es frißt nüt, es trinkt nüt, es wicklet si no i di lär Decki i und schtirbt Vor Chummer und Leid. – Gäll du förchtesch di nümme und losch mer s'Müsli i Noth? D' Lerche. Es het verlütet, me ghört scho Psalme singe, d'Chiledüre sind b'schlosse. He nu! so gohn-i use vor d'Schtadt, der Chriesbaum blüeht, d'Matte grüenet in aller Herrlichkeit. Im freye Feld, im dunkle Wald singe sie au dem Herre, und überall ergießt d'Sunne ihri Schtrahle wie-ne heilige Geischt, und d'lau Früehligslust durdringt wi ne Odem Gottes alle Wäse. Jo! i will bäte und singe, will Aug und Herz erlabe a jedem Blüeschtli, der Säge wird über mi goh, und uns Gmüeth söll sie erhebe und mi Geist über alles Leid und Ungmach. – Und so goni use und wandle dur's Fäld und s'Rich Gottes duet si uf vor mine Auge. Es isch, as ob d'Sunne usem Himmel übel d'Wulke-ne glizrige Schleyer wärfi, d'Bärge versilberi, Matte und Wald übergrüeni, jedes Hälmli ufrichte, mit ihr Schtrahle i jedes Blüeschtli ine länge, und jedem si Deil gäb. – Und mitte-n us der grüene Saat flügt d'Lerche uf, dem Himmel zue, als eb er si am-ene Fädeli hielt, und höcher, allewyl höcher flügt si, und luegt über Fäld und See, luegt über Wald und Hügel. Der Himmel het ere s'Härzli erfräut und s'Schtimmli gweckt, sie aber grüeßt d'Sunne, b'singt sie allewyl ifriger, sitzt jetzt schtill höch oben-i der blaue Luft, as wenn sie ufem Bode war, d'Luft isch ihre Baum, und Matte und Chornfäld sind ere Blätter und Schtärnli es Bluescht. Und si schwingt fil ufe und abe, wi von eim Aeschtli ufs ander. Nume es gmeins Chleidli het sie a, wi's Schbäzli, aber schlank isch sie, het e hälle Blick und es himmlisches Gmüeht, isch frey und glücklich in ihre Lüfte, und duet sie das schpizig Schnäbeli uf im Singe, es git es Lied, s'taut eim is Häiz as eb's vom Himmel chäm. Jetzt velschwindet si i der Luft, aber no tönt lis obe abe ihr Gsang und doch so tut i d'Bruscht, und wieder häller tönt's und me gseht sie füre cho, wi nes Schtainli vom Himmel falle; mitte im Fäld, wo's am schönschte grüent, dert verschwindet sie. Worum blibt si nid dobe i-n-ihrem Heimeth? – Es het ere der Himmel es Fünkli verschteckt is Härz, und das goht a, das eläi zündet ere no abe uf d'Aerde. Jo dert het si s'Näschtli süberli bettet und zwüsche d'Furre gläit, dert luegt s'Gschpöhnli mit scharfe Aeuglene ihr noh, lit ruehig über de-n Aeilene und chert sie mit sim lange Spore. Der Himmel b'hüetets au do unde, verschdekt's i di grüene Halme. Die schtrecke si allewyl meh vo Tag zu Tag, und süsele um ins. Fürblueme luege uf ins abe gar fründlich. Und d'Halme vergolde sie und werde schwärer, die Junge bicke d'Aeili uf, wärme sie a der Sunne und bade im Sand. Jetzt neige si d'Halme und löhnd Chörndli is Näschtli falle; wi ifrig bicke die Junge, wi fladre si mit ihre Flüglene, gumpe uf und luege übers guldig Fäld. Und wi-ne d'Flügel wachse, ziehnd si i d'Höche und d'Lerche zeigt ene s'Heimeth. Si gsehnd vo de Wulke obe abe d'Halme falle unter der Sichle, mängs Chörnli ischt aber dehinde blibe, si deiles mit de-n Aeriläser. s'Wiseli mag jetzt cho und über d'Schtopple schpringe, s'Näschtli ischt läär. Und im Herbscht ischt der Disch abdeckt, sie singe mit der Wachtle ihr Danklied, und flüge-n-ufe in ihre Baum; dert zieht es si jetzt dem Früelig noh über Bärg und Meer go Afrika, und mini Gidanke ziehnd mit, wi vom Heimweh ergriffe, und sueche hinderem Herbscht und Winter der ewig Früehlig und das ewig Liecht. Do schpringt, mer mis Chindli etgäge, und het d'Händli voll Blüemli, i nimm es in Arm, i drück es as Härz und goh glücki mim Hüttli zue. Die Spyren. Wiewohl die Schwalben alle ziemlich zudringlich sind und gern in jeder Hütte sich Nestchen bauen, so sieht man sie eben nicht ungern, und an vielen Orten hält man sie fast für Propheten. Auch sind die meisten, der breiten Schnäbel ungeachtet, artige Vögel. Es gibt aber Schwalben, welche die niedern Hütten nicht lieben und höher hinaus wollen; dahin gehören die Spyren. Diese kommen glatt und schwarz gekleidet, und schwarz scheinen sie auch durch und durch zu sein. Ihre Flügel sind lang und gehen als Mäntel beinahe über ihre kurzen Beine und breiten Füße; die sind wie mit rauhen, schwarzen Strümpfen angethan, als ob sie damit ihre scharfen und krummen Klauen verdecken möchten. Die Klauen, alle nach vorne gerichtet, gar geschickt zum Rauben und überall anzuklammern, haben ihnen auch den Namen Häckler zugebracht. Ihrer flachen Köpfe ungeachtet, scheinen sie sehr verschlagen; sie sind überdieß zweizüngig, der Schnabel ist kurz, das Maul sehr weit. – Sie halten in Gesellschaft zusammen, sind beinahe über die ganze Erde als ein lebendiges Netz ausgebreitet, schicken in alle Welttheile, sogar nach China, Missionäre. In der Schweiz haben sie vorzüglich Freiburg zu ihrem Hauptsitz ausersehen und dort in Staatsgebäude und Münster sich eingenistet. Viele sind der Meinung, daß sie mit dem Kitt ihrer Nester noch altes Gemäuer zusammenhalten. Sie bauen sich überall hoch an, als ob sie das Land regieren wollten; da können sie auch ungestört brüten und ihr wüst-frommes Leben ohne Scheu treiben. Ja, sie gelten noch hie und da für heilig, und man fürchtet sich, ihre Nester, so wie diejenigen der Dohlen, dieser diebischen, lärmenden fréres ignorantins , herunter zu fegen, als ob sie die Schutzpatrone der Kirchen wären. Da mauern sie ihre Zellen aus zusammen gebettelten und gestohlenen Sachen und liegen gar bequem auf den Federn anderer Vögel. Wo sie einmal festgesessen, wird man ihrer kaum mehr los, und zerstört man ihre Nester, so findet man dieselben dennoch bald an der alten Stelle wieder. Die Spyren halten ihre Arme unter den langen Flügelkleidern versteckt, und wann sie fliegen, glaubt man, sie ertheilen dem ganzen Land den Segen; aber den Scheinheiligen leuchten nur Mücken und schöne Schmetterling' ins Aug, auf welche sie im Dunkeln unversehens losschießen, – Sie sind die besten Wetterkundigen; gibt es Unwetter, so stiegen sie nie aus, sondern halten sich ganz still in ihren Nestern; wird es ihnen zu rauh, so wandern sie in Schaaren nach Süden, wo ihre eigentliche Heimath ist. Wird ihnen die Witterung günstiger, so sind sie auch wieder da. Erst angekommen, stellen sie sich öfters todt; aber kaum sind sie erwärmet, schwimmen sie hoch oben. Licht vertragen sie nicht, lieben die Dämmerung, und dann erst jubeln sie laut auf, fliegen in Kreisen und machen dabei die geschicktesten Schwenkungen. Sie setzen sich nie auf einen Baum, so daß ihnen alles, was grün ist und blüht, verhaßt scheint; auch verfolgen sie mit wüstem Geschrei jeden Vogel aus dem Adlergeschlechte. Nur für die Spanier und Italiener sind sie genießbar; übrigens trifft man sie hie und da auf den Kopf und stopft sie aus. Gegenwärtig, schon im August, droht ihnen harter Winter, und sogar von Freiburg weg möchten sie noch in ihre Heimat sich flüchten! Abraham Manuel Fröhlich Der Kinderball Eine Gesellschaft wandernder Musiker ruhte an einem warmen Frühlingstage im Walde, auf den Höhen ob ihrem vaterländischen Rheine. Hugo , ihr Führer, hatte sich schon lange wieder nach Deutschland zurückgesehnt; er suchte, wenn er den Winter in Süden oder Norden zugebracht, den Mai in deutschen Gauen zu feiern. Vergnüglich lagen die Freunde im Schatten und Blumen auf einer Waldwiese, neben der einsamen Schenke, wo sie einen Schatz alten Weines gefunden, dessen Pracht sie nun an der Sonne leuchten ließen. Die linden Zweige der sich über ihnen wölbenden Buchen, die durch den Wald glitzernden rothen Lichter, die Maien-Wolken und der blaue Himmel spiegelten sich im dunkeln Purpur, der die Flaschen füllte. Es war den Fröhlichen, als sögen sie aus demselben den ganzen Frühling mit all seiner Kraft und Fülle in sich. Sie ließen sich von ihrem Diener aus dem Wagen, der ihnen die Instrumente nachfühlte, die Geigen reichen und sangen, sich selbst begleitend, folgendes Lied: »Wir fahrenden Sänger sind arm und reich: Ja Vögel der Lüfte, die sind uns gleich: Sie wohnen im Halmen, Sie thronen auf Palmen, Sie suchen das grünende Schattendach, Sie ziehen dem Frühling und Sommer nach. Wir ziehen dem Frühling und Sommer nach. Und allwärts und nirgend ist unser Dach: Wir siedeln uns wieder Und fiedeln die Lieder; Wer jung noch und lustig, der lädt uns ein, Da funkelt der Saal und der goldne Wein. Wir singen und fiedeln, dann schlägt das Herz, Wie wann sich verkündigt der laue März: Man grüßt sich in Reigen, Man küßt sich zu eigen. Wir haben der Weisen, ihr Zaubersang Vergisset sich nimmer das Leben lang. Die prangenden Gärten, die Waldesblum' Sind nm der Genießenden Eigenthum: Mit Singen erheben Und bringen wir Leben; Wie Frühling, so Purpur und Gold und Wein Erblühen und glühen im Lied allein. Auch Reiche verlassen ihr Marmorhaus, Nur zieh« sie nicht freudig wie wir daraus: Beisammen im Grabe Liegt Namen und Habe; Der wandelnde Sänger, muß er auch fort. Lang wandert sein Lied noch von Ort zu Ort.« »Das ist wohl schön, Johannes«, sagte Hugo, indem er sich zu dem schon ergrauten Violoncellisten wandte, »Dein munteres Lied hat uns schon oft bei allen Demüthigungen, die uns Menschen und Umstände zudachten, wieder zum heitern Selbstgefühl verholfen, zu einem glänzenden Contrapunkt, mit dem wir das abgeleierte Thema des Alltagslebens erfrischten und in Schwung brachten und merken ließen, daß auch wir Etwas zu bedeuten und zu sagen haben. Aber gestehen wir nur auch, es gelingt uns nicht immer, ab der holperigen Prosa unsers Wanderlebens in die Poesie einzulenken; und – Ihr werdet es launenhaft finden – gerade in diesen lieblichen Gegenden, in die ich mich so lange zurückgewünscht hatte, will mir unser Beruf immer mehr verleiden. Wahrlich, wenn ich heute irgendwo auch nur Dorfschulmeister werden konnte, ich sagte Euch Lebewohl.« Johannes, um darauf zu antworten, griff arpeggierend wie zu einem Recitativ-Akkorde, und sang: »Ja, wieder weht durchs Land des Weines Blüthe, Da trübt sich mit dem Wein des Freunds Gemüthe, Da fühlet wie der Wein er sich gefangen; Nach Heimat-Hügeln treibt ihn ein Verlangen, Wo er mit seinem Schatze einst gegangen, Cäcilia war dorten ihm erschienen, Die Göttliche, in eines Mädchens Mienen, Und er verlobte sich, ihr treu zu dienen. Doch als er sie zur Hausfrau wollte haben, Wandt' sie sich ab vom ungestümen Knaben, Hat ihren Stand und Namen umgewandelt. Ist weit mit einem Andern weggewandelt. Und Heimweh ist Dir, Hugo, nur geblieben, Ihr stets zu folgen, ewig sie zu lieben, Sie aufzusuchen in den Landen allen. Und wir, die länger schon so mit dir wallen, Wir helfen Dir getreulich suchen, fragen, Und hoffen stets und wollen nicht verzagen. In deutschen Gauen, hier bei deutschen Frauen, Ist sie gewiß noch endlich zu erschauen; Drum fühlest Du so bang Dein Herze schlagen: Auf! sei getrost, wir wollen weiter fragen. Sie wandelt sich in jenes Mädchen wieder Und dankt mit Küssen Dir der Treue Lieder. Derhalben gieb dem Gram Dich nicht zu eigen, Laß aufwärts nicht die alten Hefen steigen Und trübe nicht der Melodieen Quelle; Hell rinne sie wie dieses Purpurs Welle!« »Hell rinne sie wie dieses Purpurs Welle!« sangen die Andern im Chor, daß der Wald widerhallte; auch Hugo's Mienen erheiterten sich und sein Glas erklang. »Ja wohl«, sagte er, »ist Geben seliger denn Empfangen; wir bereiten überall Freuden, und bringen Sonnenschein in die düstern Tage und gehen wie der Sonnenschein von dannen, wo wir geholfen, Blüthen erwecken und Früchte reifen, und treten auch oft aus dem Himmelblau der Freude in Nebel und Wolkenblau hinein. Aber unsre Poesie will mir wie Leichtsinn vorkommen. Ja wenn man wie die Sonne da oben den Staub nicht berühren müßte und den Fuß nicht nässen, da ließe sich wohl ein Leben so durchwandern. Und doch hatten auch die Götter ihre Begleiterinnen, und wir feiern Hochzeiten auf Hochzeiten, singen für den Bräutigam Lust und Wonne und keiner von uns führet die Braut heim. In die Länge geht das doch nicht mehr. Meine Cäcilia finde ich freilich nimmer, trotz der Prophezeiung des Johannes; aber öffnet sich mir irgendwo eine freundliche Hütte unter deutschen Bäumen, so müßt Ihr Euch einen andern ersten Geiger suchen, und wie sollte sich der nicht finden?« »Bist Du denn ein bloßer Geiger«, sagte Viktor , der zweite Violonist; »wodurch ist denn unser Quartett zu Namen gekommen? Nicht einzig durch unser Spiel; es sind Deine Kompositionen, Hugo, und Johannes Lieder, die uns überall willkommen machen; durch Euch können wir immerdar eigenthümliche und neue Gaben reichen, die alltägliche Gelegenheit zum Feste erhöhen, die stummen Zuhörer zu frohem Selbstbewußtsein erheben, oder ihren Gefühlen Ton und Wort verleihen und eine andre Würze zu ihren Feierlichkeiten bringen, als das bloße Essen und Trinken ist. Man verlangt ja eher von uns unsre eigenthümlichen Compositionen und Lieder, als daß wir ihnen Quartette vortragen von Haydn oder Beethoven oder Onslow; so tief Ihr Beide uns auch in den Geist dieser Künstler eingeführt habt, ohne Dich, Hugo, bin ich ein todtes Instrument. Gehst Du von uns, so müssen wir die Sklavendienste suchen beim Sultan einer Kapelle oder eines Theaters und da den Launen eines Hofes dienen. Lieber wollte ich von Schenke zu Schenke wandern! So aber sind wir eine fürstliche Kapelle und sind die Fürsten selber, und musiziren, wann und wie es uns gefällt. Führst Du uns eine Fürstin her, wie sollten wir derselben nicht auch willig dienen?« »Und was würde aus mir werden«, sagte der Bratschist, der stille, alternde Gottfried ; »recht was im Wesen die einzeln spielende Bratsche ist, eine einsam klagende; auf keiner Seite, weder oben noch unten, findet sie allein den Widerklang; ja sie ist selber nur ferne und dumpfe Erinnerung verschwundener Reigen, ein verlassenes Echo, dem kein Hirtenknabe mehr entgegenjauchzt.« »Ich lasse Dich nie, Du lieber Gottfried«, entgegnete Johannes, »Werden wir verlassen, so durchziehen wir das Land als zwei Invaliden, spielen Komödie und singen grausame Geschichten, und so lang mir für Tauf- und Leichenmahl, für Hochzeit und Fastnacht die Verse nicht ausgehen, wird es auch der Trunk nicht. Hilft alles nicht, so lasse ich den weißen Bart wachsen, schlage einen Purpurmantel um, stelle mich blind und lerne empfindsame Stücke auf der Harfe klimpern, gewöhne meinen Mund noch an etwelche gemeine Witze, studire das Ueberraschungs-Handwerk bei unsern neuesten Schriftstellern und setze mit allerlei Zauber die Leute in Erstaunen. – Doch ehe wir uns trennen und ich solch neuen Lebens- und Glückslauf beginne, wollen wir heute noch jenes Schloß besuchen, das so stattlich über den Wald her glänzt. Die vergoldeten Thürmchen sind ja recht wie hinaufwinkende, mit Brillanten gezierte Finger.« »Und welch eine Fülle von Sonnenschein und Kraft muß von den breiten und langen Rebhalden in die Keller des Schlosses gequollen sein«, sagte Viktor, »es selber schimmert und glitzert in der Runde über dem Hügel, wie ein bekränzter Becher!« »Herrlich muß es in der Halle dort klingen, die mit ihren großen Bogenfenstern gegen das Thal schaut«, meinte Gottfried. »Ja«, rief Hugo, »wir wollen den rechten Duft in die Schattengänge und Gärten hinauftragen.« Johannes aber harfenirte noch auf seinem Instrumente und sang dazu: »Und wohnen schöne Töchterlein Im Schloß und edle Frauen: Die leuchten uns noch besser ein Als selber Wald und Auen. Zu sehen kann doch Greis und Knab' Nichts Herrlicheres wählen, Als durch ein schönes Aug' hinab Zum Grunde schöner Seelen.« Je näher sie nun dem Schlosse kamen, desto mehr verkündete sich Reichthum und Geschmack. Der in sanften Windungen hinaufsteigende Weg fühlte durch Buchenwäldchen und Rebenlauben, und unter schattigen Bäumen, bei Brunnen und Quellen, öffneten sich lachende Durchsichten bald in dieses, bald in jenes der Thäler, in welche alle das Schloß als von einem Mittelpunkt aus hineinschaute. Im Hause des Pächters der Schloßgüter fanden die Freunde Gelegenheit, ihren Wagen einzustellen und sich zum Auftreten bereit zu machen. Sie vernahmen auch, daß die Herrschaft anzutreffen sei. Ein Gang duftender Linden führte sie nun in den großen Garten. Hier sprudelten und sprangen unter den kühlen Schatten reiche und klare Quellen und thaute die üppigste Blumenwelt; Wohlgerüche von Zitronen und Orangen wehte ihnen wie Luft aus den ihnen bekannten südlichen Ländern; die Reize der im Hinaufsteigen genossenen einzelnen Aussichten waren hier zu Einem großen Gemälde vereinigt. Aber wie zur Nachtstunde war's stille im Garten, nur hin und wieder zeigte sich ein Diener mit der Pflege von Blumen und Bäumen beschäftigt. Auch an den Fenstern, zu denen die Freunde emporschauten, erschien kein Gesicht. »Da thut's Noth, Leben hineinzubringen«, sagte Johannes. »Das sieht ja aus, wie eine herrlich geschriebene und köstlich gebundene Partitur und ist Niemand da, der den Geist der Zauberschrift erschließt und laut werden läßt.« So traten sie die große Treppe hinan und kamen in die Vorhalle, aus der links und rechts hohe Gänge in die Gemächer führten und breite Treppen in die obern Theile des Schlosses. Vor ihnen aber in der Mitte der Halle standen die Flügelthüren eines halbgeöffnet gewölbten Marmorsaales mit den großen Bogenfenstern, die ihnen zum Thal hinab geschimmert hatten. »Wir sind am rechten Ort!« sagten sie mit einander. Denn ein Quartett-Pult stand in der Mitte des Saales unter einem Leuchter. Büsten von Tonkünstlern waren an den Wänden aufgestellt. Ein Flügel stand offen; köstliche Geigen lagen umher. Sie traten ein. Niemand aus dem Schlosse ließ sich sehen. Ein Manuskript war aufgelegt; für den ersten Geiger die Partitur selber. »Das scheint gute Arbeit«, sagte Hugo, der die ersten Linien gelesen hatte. »Wo das gefällt«, meinte Johannes, »da gefallen auch wir. Wohlan, wir wollen es spielen; dieß ist so anständig, als wenn wir die Klingel ziehen.« Sogleich setzten sie sich in Bereitschaft und überschauten ihre Stimme. Als auch Hugo mit schnell fassendem Blick den ersten Satz gelesen, gab er das Tempo, und in einem Zuge, ohne Stottern und Anstoß spielten sie das Allegro, wie der fertige Vorleser auch ein noch nie gesehenes Werk während des Lesens geistig erfaßt und richtig, selber seelenvoll vorträgt und die Kunst versteht, gleich dem Orchesterleiter mehrere Linien zugleich anzusehen, schon aus dem Anfange der Perioden ihren Bau und Schluß erkennt und seine Stimme modulirt, Licht und Schatten, An- und Abspannung ermißt. Sie horchten. Niemand im Hause wollte sich regen. Niemand erschien. Ihr an der Thüre stehender Diener berichtete: er habe bloß zwei Thüren öffnen hören. »Spielen wir weiter«, sagte Hugo, auch das Adagio überlesend, »die Arbeit ist interessant.« »Sie ist die eines Verliebten«, meinte Johannes, der in die Partitur schaute und im Ueberblick einen Begriff der Fügung des Ganzen zu erhalten suchte. »Das Thema des Allegro war eine Liebeserklärung; nachdem sie der Freier mit froher Zuversicht und Innigkeit vorgetragen und dann von lang genährter Sehnsucht redete, unterstützten auch wir, seine Freunde, einer nach dem andern, als Brautwerber die Liebesbitte, und helfen in die Wette von alter Ergebenheit und Treue erzählen.« »Du bist doch unverbesserlich«, sagte Hugo, »daß Dir die Musik nur gefällt, ja daß Du sie nur dann zu verstehen scheinst, wenn Deine Phantasie ihr einen Text zu unterlegen weiß, statt Dich rein nur am neuen Gedanken und seiner Fügung, an der Größe oder Anmuth, Reinheit und Symmetrie des Bau's zu erfreuen. Es ist ja fast, als ob Dir die Inschrift am Gebäude erst die Freude an demselben gäbe.« »Nein«, erwiederte Johannes, »aber ich sehe gern Menschengesichter in den Fenstern und Hallen, und aus denen dieses Allegro schaut ein Verliebter. Im Adagio wird er nach seiner Bitte wohl auf Antwort warten.« Sie spielten auch diesen Satz. »Ja, ja«, sagte Johannes, als sich noch niemand aus dem Schlosse wollte sehen lassen, »der Liebhaber wandelt in diesem Adagio, wählend er auf Antwort harret, durch seinen Garten; die Amsel singt in heller Freude, die Nachtigall in banger Wehmuth.« »Es ist«, meinte Gottfried, »ein andächtiges Gebet um Ergebung,« Ein unendliches Flehen, ein Umfassen von Knie und Hand wollte Viktor darin vernommen haben. »Es ist das Alles und ist es auch nicht«, sagte Hugo, »es ist ein aus zwei Elementen meisterhaft gewobenes Adagio.« »Nun fang' ich das Scherzo an«, fuhr Johannes fort; »das Thema ist Erhörung, Wonne und Jubel. Ich mit der Baßstimme habe, wie es scheint, als Mann überall die Hauptstimme und führe als Bräutigam den Reigen, ihr werdet die sich mitfreuenden Hochzeitleute sein.« Als sie es gespielt hatten, sagte er: »Hatte ich nicht Recht, und hast Du, Gottfried, nicht die Rolle der Braut gespielt? Die Braut muß eine Altstimme sein; das ist ja ein Lieben und Kosen zwischen uns beiden, während die andern uns mit Glückwünschen, als mit Blumen und Kränzen überschütten.« Der Diener meldete, es seien ein Herr und eine Dame in den Gang getreten. Es war der Gutsherr und seine Schwester Adelheid . Beide hatten beim Beginn der Musik die Thüren ihrer Zimmer geöffnet. Jedes glaubte, das Andere habe ihm diese Ueberraschung bereitet und Virtuosen bestellt, um einmal dieß Quartett, eine Composition des Gutsherrn, vollkommen zu hören. Beide eilten sich nach dem Schlusse desselben entgegen, um sich zu danken. Kaum hatten sie sich erklärt und die gegenseitige Täuschung erkannt, als die Musik wieder begann. Hugo hatte Beethovens letztes Quartett aus Cis-moll aufgelegt; »denn«, sagte er, »wo man ein solches Manuskript versteht und uns nun wirklich Gehör geschenkt wird, da kann man sich auch an dieser Apokalypsis des Meisters erbauen.« Die Geschwister horchten zu in tiefer Andacht, denn bisher hatten sie das ihnen bekannte Werk nur theilweise und unvollständig genossen und jetzt hörten sie es mit klarem Verstände, mit Fertigkeit und Uebereinstimmung vortragen. Erst mit dem Schlusse desselben traten sie in den Saal und waren nicht weniger überrascht, vier ihnen ganz unbekannte Künstler anzutreffen. Bald hatten sich aber diese leicht und geistreich nach Künstler Weise entschuldigt, und sahen sich als willkommene Gäste begrüßt. »Aus der benachbarten Stadt«, sagte der Gutsherr, »kann ich nur bisweilen und auf kurze Zeit einige Liebhaber bei mir sehen. Ich Verlasse meine Wohnung ungern und doch ist mir Musik ein tägliches Bedürfniß, daß mir sogar Lückenbüßer wie gerufen kommen, und ich das vorliegende Quartett schon seit geraumer Zeit mit meinem Pfarrer und Kaplan einstudirte, wobei dann meine Schwester am Flügel Aushülfe leistet. Ueberdieß könnten Sie nicht gelegener hier eingetroffen sein, meine Herren, denn dieses Quartett, für eine festliche Gelegenheit geschrieben, hätten wir auch nach monatelanger Uebung nicht mit der Fertigkeit vorgetragen, wie Sie jetzt vom Blatte weg.« Bald waren die Künstler in dem Schlosse einheimisch. Die mannigfaltigsten Musikgenüsse füllten ihre Morgen und Abende. Hugo fand im Gutsherrn einen geistreichen Componisten und gelehrten Kunstkenner und in dessen Schränken eine reiche Sammlung der besten bekannten Werke und seltener Handschriften auch aus früheren Zeiten. Johannes erfreute sich der in der Bibliothek aufgestellten Dichter und durch Vorlesen auch eigener Arbeiten, die ihm hier wieder reichlich geriethen, brachte er neuen Reiz in die Musik. Gottfried fühlte sich selig in dieser Behaglichkeit, und während die andern studirten und sangen, saß er in der Hauskapelle oder lag unter Bäumen im Schatten, bei Blumen und Quellen an der Sonne, oder spielte mit den Kindern der Nachbarn, Viktor aber mit seiner süßen Geige und seinem klangreichen Tenor fand sich am öftesten mit Adelheid singend und spielend am Flügel. Die Anwesenheit der Adelheid erhielt überhaupt bei den Männern jene Aufmerksamkeit, jenes Bestreben, stets wohlgefällig zu erscheinen und zum allgemeinen Genusse Eigentümliches beizutragen, es anzuerkennen, hervorzuheben, durch Wiederholen, tieferes Eindringen, milde Kritik zum Gesellschaftsgute zu machen, was jeden freundschaftlichen und künstlerischen Verein erst zu einem solchen macht. Es war so nicht leicht zu entscheiden, ob sich der graulockige Johannes oder der blühende Viktor eifriger um Adelheidens Gunst bewarben. Auch der Gutsherr fühlte sich zumal in der Freundschaft Hugo's beglückt, und ans Abreisen sollten nun die Künstler für einmal gar nicht denken. Jenes Fest, für das der Gutsherr das Quartett geschrieben, wurde veranstaltet. Er wollte es einer Freundin seiner Schwester geben, einer jungen Nachbarin, die jüngst den Witwenschleier abgelegt hatte, und eben zur Feier dieses Ereignisses. Denn auch sie war Kennerin der Musik, und die Kunst sollte, wie Johannes das errathen, des Gutsherrn Brautwerberin sein. Er hatte in jüngster Zeit noch mancherlei auf diese Gelegenheit componirt, auch eine Reihe von Tänzen, die ihm in der glücklichen Stimmung seiner musikalischen Genüsse besonders gelungen waren. Denn auch ein Ball sollte das Fest beleben und zwar ein Kinderball; der Gäste waren viele geladen, und die Frauen sollten ihre Knaben und Mädchen mitbringen als Gespielinnen des Mädchens der Wittwe. Es war dem Gutsherrn dieß überhaupt ein großes Vergnügen, Kindern Freude zu bereiten, und oft lud er die seiner Freunde in der Umgegend zu sich, zumal sein Schloß Raum genug bot, eine beträchtliche Gesellschaft bequem zu beherbergen. Auch Johannes freute sich auf die Kinderwelt und auf das regere Leben, das nun einige Tage auf dem Schlosse walten sollte. Er war auf seinem Wanderleben zu sehr daran gewöhnt, täglich viele Menschen und die verschiedensten Leute um sich zu sehen, die Feste des Landes mitzumachen, sich an fröhlichen Augen zu vergnügen und durch Witz und Laune, durch Spiel und Sang große Kreise zu erheitern, als daß er sich so bald in eine beschränktere Einsamkeit hätte finden können. Am Morgen, an welchem die Gäste erwartet wurden, war er schon bei Zeiten mit Gottfried den Berg hinunter und den Heranfahrenden entgegen gegangen und hatte es übernommen, die, welche Lust hatten, die Höhe hinaufzusteigen, auf Nebenwegen durch neue Anlagen zu führen. Die Kinder voraus waren bereit, aus den beengenden Wagen zu springen und dem lustigen Alten zu folgen. Noch ehe sie ins Schloß traten, waren schon alle mit ihm vertraut, und nach der Mahlzeit suchten sie ihn wieder zu ihren Spielen. Es sollte nach derselben als Gruß und Einleitung zu musikalischen Genüssen eine Composition des Gutsherrn aufgeführt werden, aber noch war die Fürstin des Festes nicht angekommen und ließ sich erst auf den Abend erwarten; andere Musik und Kurzweil war nun das Vergnügen des schnell vorüber gegangenen Mittags. Am Abend versammelte sich die ansehnliche Gesellschaft Väter und Mütter, die erwachsenen Söhne und Töchter, auch etliche Matronen und Großväter, heiter gestimmt, dem Kindertanze zuzusehen im kühlen Gartensaale. Es war ein schöner Raum in den reinsten Verhältnissen gebaut; rings an den Wänden Freskomalereien, die Landestrachten darstellend, in zierlichen Gruppen den Verhältnissen des Landlebens enthoben und dasselbe in reizenden Erscheinungen schildernd: eine Ruhestunde der Feldarbeiter, eine Bergfahrt, ein Ernte- und Winzerfest. Die Musik war in eine Laube hinter Zweige und Blumen versteckt. Der Gutsherr mochte die Kunstfreunde nicht wie gewöhnliche Geiger auf einem Gerüste erscheinen lassen und durch dieses auch nicht den Saal verunstalten. Sie hatten übrigens, selber verhüllt, doch durch Laub und Blatt einen Blick in den Saal und auf die Vorüberschwebenden. Der Tanz hatte begonnen. Unbefangen hüpften die Paare der kleineren Kinder dahin; viele, auch ohne tanzen gelernt zu haben, schon im richtigen Gefühle des Taktes, sich selber eins das andere leitend oder auch bisweilen irrend und aus der Bahn führend; andere, nur des Drehens und Springens froh, ohne auf die übrigen zu schauen oder auf die Töne zu horchen, durchschwärmten den Saal und die geordneten Reihen, in denen sie sich noch nicht erhalten konnten, und umspielten zwanglos den Reigen; etliche thaten sich Etwas darauf zu gut, mit den Größeren Schritt zu halten, setzten nach dem Maße ihre Füßchen und schwangen sich lustig wie Genien, oder wie man sich Feen und Sylphen denken mag: ein reizender Anblick, diese leichten und niedlichen Formen, die Lockenköpfe und runden Gesichter, der lachende kleine Mund, alle Anmuth der Kunst und doch die sich selber unbewußte, unbefangene Natur! Dann die etwas ältern Knaben und Mädchen, schon in den künstlichen Formen und Wendungen des Tanzens geübt, aber dem Vergnügen ganz hingegeben und der unschuldigsten Freude gegenseitigen Wohlgefallens, die Regel oft vergessend, über den einfachen und schlichten Tanz am meisten erfreut und noch unbekümmert um Lob oder Tadel, nur hin und wieder eines auf Mutter oder Schwester hinblickend, der Mahnungen, auf Haltung und Bewegung zu achten, Unschönes zu vermeiden, wieder eingedenk, alle in unermüdlicher Munterkeit. Endlich die Jünglinge und Töchter, wie sie schon Zuneigung sich zeigten, daß sich die nämlichen Paare öfter wieder fanden, oder die Knaben um ein besonders blühend Mädchen sich drängten und mit demselben zu prangen schienen. Die Töchter selber, schon mehr gemessen, sich und die Tänzer beobachtend und nicht gleichgültig um das Urtheil der Zuschauer und von jungen Männern, an denen sie vorüber tanzten, nicht ungerne angeredet. Doch wurde Steifheit und Gefallsucht bei der jugendlichen Fröhlichkeit und dem leichten und raschen Sinne der meisten übersehen. Und wollten die Kleinen öfter unzufrieden sein, daß diese Erwachsenen lieber künstlerische Tänze vorschlugen, in denen sie ihre Fertigkeit und jeder Einzelne sich besonders zeigen konnte, der Raum war groß genug, daß auch dann die Kinder nach Lust sich drehen und schwingen konnten, ohne die älteren Gespielen zu stören, und daß sich die gruppenreichen Tanzfiguren leicht und bequem entwickelten, das Ganze und Einzelne sich wohlthuend aus einander halten konnte. Das immerhin reizvolle Schauspiel eines Kindertanzes war hier um so lieblicher durch die Schönheit der auserlesenen Jugend, ihr wohlgefälliges Benehmen, ihren sorgfältigen Putz. Als Hirtinnen waren die Mädchen gekleidet, als Hirtenbursche die Knaben in ein weißes, kurzes und faltenreiches Hirtenhemd, und der abscheulichen Cravatte und des häßlichen Fracks entledigt, in dieser luftigen Tracht doppelt munter und jugendlich. Ein zufriedenes Lächeln schwebte auf Aller Angesicht; die Augen und Wangen glühten, die Locken flogen; wie die luftigen Gewande der Tänzerinnen, wie die Bänder und Schleifen bewegten sich die zarten und runden Glieder; die Mannigfaltigkeit, wie die weißen Gewande alle geziert waren, der bunte Wechsel der Kränze und Maiensträuße gewährte das lustigste Gemälde. Der üppige Frühling ist nicht so bezaubernd, wie der Anblick einer schönen Kinderwelt, dieser Fülle von Gesundheit und Anmuth, dieser Unendlichkeit von Anlagen und Kräften in ihrer mannigfaltigen Verschiedenheit und Entwickelung, wo Alles sich so frisch und ungestört und neidlos entfaltet, das Einzelne sich schon so bestimmt unterscheidet und alles wieder durch Jugend und Freude so innig verbunden ist. Und wie vergnügt saßen die Eltern in der Runde! Ihre Blicke folgten den Lieblingen im Kreise herum, bald den Schwung und Sprung der Füßchen betrachtend, bald die Haltung des Kopfes, die Bewegung von Arm und Hand. Man belobte der Freundin Kind, um auch auf das eigene aufmerksam zu machen, und freute sich neidlos des schöneren und anmuthigeren Kindes, wie über das eigene. Aufs Lebhafteste empfanden die Eltern ihr ganzes Lebensglück; die Mütter Priesen im Herzen überstandene Mühen und Gefahren, aus denen so gesunde Blüthen emporgewachsen, noch inniger erfreut als der Gärtner, dem nun sein Flor in der Sonne prangt zu allgemeinem Ergötzen, den er in der Stille gepflegt mit aller Geduld und Sorgfalt. Und in wie liebliche Träume wiegte der Tanz der Kleinen ihre Eltern. Neigungen sahen diese schon entstanden oder in zarten Keimen sprossen. Wie die Tänze selber wanden und verbanden sich ihre Hoffnungen und Pläne. Und wenn stiller, empfanden doch nicht weniger innig auch die Großeltern im Enkelgeschlechte ihre eigene Verjüngung. Aus der Kühle ihres ruhigen Abends sahen sie in das Morgenroth ihrer Kindheit, das auf den Wangen der Kleinen glänzte, ihr dahingeschwundenes Leben neu erblüht in den Träumen der Enkel, bei diesen ihre Fortdauer und ihr Andenken gesichert und durch die zarten Hände der in die Welt getretenen Unschuld mit der Engelwelt hier und dort sich verbunden. Zur Lebendigkeit so mannigfaltiger Gefühle trug auch die Schönheit der Musik vieles bei, wie sie denn nicht umsonst mit Wellen und Strömen verglichen wird, die uns tragen und wiegen und mit sich reißen, in denen man der Schwere und Schwüle des Staubes entledigt ist, wie auf Flügeln im reinen Elemente schwebt und an Leib und Seele erfrischt und neu geboren wird. Während des Tanzens hatte auch der Gutsherr die längst ersehnte Nachbarin in den Saal geführt. Alles erfreute sich, die anmuthige Gestalt wieder im weißen Gewande erscheinen zu sehen und ihre Gegenwart erhöhte sichtlich Aller Freude. Sie saß unter den ältern Frauen, aber bei ihrer frischen Schönheit hätte auch unter der Reihe der Jungfrauen Niemand in ihr die Mutter erblickt. Jetzt bat der Gutsherr die Kunstfreunde, seine neuen Tänze zu spielen. Sie thaten es mit ihrer erprobten Kunstfertigkeit. Wer Musik auffassen konnte, verstand die neue Sprache, war von ihren Gefühlen ergriffen und lobte die reiche Fügung. Es waren reizende Einladungen, sich freundlichem Geleite anzuvertrauen, und der Ausdruck der Seligkeit, Gesuchtes gefunden zu haben, neu verbunden sich gegenseitiger Hingebung zu erfreuen und sich auf sanften Wellen der Wonne zu wiegen. Durch Weisen, welche wie aus dunkeln Schatten noch zu klagen, aus der Einsamkeit zu flehen schienen, gewannen die Schilderungen des Genusses lebendigeres Licht, Mitunter klangen von jenen Melodien, die auch dem großen Componisten nicht immer gelingen, die, ungeachtet ihrer Neuheit, wie unserem eigenen Heizen entquollen sind, die reinsten Saiten in uns tief und mächtig in Schwingung bringen und sich nimmer wieder vergessen lassen. Die kunstgebildete Nachbarin hatte bald das Eigenthümliche und Ansprechende, ja Ergreifende dieser Tanzweisen empfunden, und nach ihrem Erfinder fragend, durch Adelheid ihn erfahren. Andere Aufmerksamkeiten wurden ihr nicht undeutliche Worte zu den Melodieen, und der sie beobachtende Gutsherr glaubte freudige Ueberraschung aus ihren schönen Augen leuchten zu sehen. Ja sie bat um Wiederholung der gelungenen und gemüthlichen Weisen. Als er hierbei weniger mehr die Noten anzusehen hatte, wurde Hugo auf ein noch kleines anmuthiges Mädchen aufmerksam, das gerade vor ihrer Laube stehen geblieben war und zu ihnen hereinguckte. Das ist ja leibhaftig meine Cäcilia, dachte er, wie ich sie als Kind kannte und liebte, gerade so trug sie die schwarzen Locken; das war ihr Blick und ihr kleiner Mund und das Grübchen in der Wange. Das Mädchen begann wieder zu tanzen, es war auch Cäciliens Haltung und Bewegung. Hugo, von den Erscheinungen des Tanzes sonst schon gerührt, ward erschüttert; unwillkürlich wandte er sich gegen die Zuschauer, auf die er bisher weniger geachtet hatte, und von deren einem Theil er der Musik wegen abgewandt sitzen mußte. Und siehe! da saß in der Reihe, die er eben bisher nicht im Auge hatte, seine Cäcilia selbst, blühend wie er sie als Jungfrau geliebt und geküßt. Ihre Eltern hatten sie ihm, einem armen Jüngling, nicht lassen wollen, verließen unversehens ihren damaligen Aufenthalt, Hugo's Heimat. Die Trauernde wußte man nachwärts von dem Tode ihres Geliebten zu versichern. In der Nähe dieses Schlosses verheirathete sie sich später an einen reichen Mann, lebte auf dem Lande in stiller Zurückgezogenheit, und war nach kurzer Zeit wieder Wittwe geworden. Alle Freuden in ihrem ehemaligen Besitze, alle Leiden nach ihrem Verluste, die Wonne des Wiederfindens, der neue Schmerz, sie Gattin zu sehen, durchstürmten ihn. Sein bisheriges Leben war ein Sehnen und Suchen nach ihr. Er hätte jetzt plötzlich aus seiner Verhüllung hervorspringen, sie mit Namen rufen, ihre Hand ergreifen, sie umarmen und herzen mögen. Zwar saß jetzt nur der Gutsherr neben ihr und sie war ganz in die Unterhaltung mit ihm vertieft. Aber Hugo wußte sie nicht als Wittwe und hatte natürlich auch die Gegenwart ihres Gatten vorauszusetzen. Die Freunde bemerkten Hugo's außerordentliche Bewegung und wie er unverwandt durch die Zweige nach der neben dem Gutsherrn sitzenden Schönheit hinblickte. »Ist meine Prophezeiung schon in Erfüllung gegangen?« fragte Johannes nach Beendigung des Tonstückes. »Ja«, sagte Hugo, »dort sitzt meine Cäcilia; aber das Kind, das jetzt neben ihr steht, ist ihr Ebenbild; sie ist verheirathet!« Viktor, durch Adelheid von der Absicht des Festes unterrichtet, gab Kunde von den Verhältnissen, »Nun so frage durch Töne an«, sagte Johannes, »ob sie Dich noch kenne, ob sie Dich liebe. Wir wollen, bis Du dessen gewiß bist, nicht aus unserm Verstecke hervortreten.« »Nun«, erwiederte Hugo, »ich will von jenen alten Tänzen einige spielen, die wir als Kinder hörten, von jenen Melodieen, die ich als Knabe ihr fürs Klavier setzte und mit der Geige begleitete, und auch die Lieder unserer Kindheit zu Tänzen umgestalten; haltet das Thema und die Harmonie fest, wenn ich mich in Variationen und Phantasieen ergehe.« Sie hatten jetzt die Tänze des Gutsherrn wiederholt durchgespielt. Er dankte ihnen für die Liebe, die sie denselben gewidmet, schien über ihren Erfolg vergnügt und ahnete nicht, welch einen Wettkampf sie nun zu bestehen hätten. Hugo stellte sich tiefer in die Laube und so, daß er Cäcilien im Auge behalten konnte. Er begann mit einer einfachen alten Volksweise. Sie wurde von den Zuhörern und auch von Cäcilia als Scherz aufgenommen. Die älteren Männer und Frauen nickten dazu vergnüglich den Takt. Längst entschlafene Erinnerungen wurden durch diese Töne wieder mit aller Innigkeit ins Leben gerufen. »Dergleichen Tänze war doch die bessern«, sagte man sich, »so still und gemächlich sind sie!« Der Himmel ihrer Jugend, die Freudenfeste, das erste Lieben und Hoffen, die Seligkeit des ersten Genusses tauchte ihnen aus diesem ungetrübten Spiegel. Diese Weisen gaukelten selber wieder vor ihnen, wie eine Kinderschaar mit allem Zauber. Sie fühlten sich selbst wieder Kinder unter den Kleinen, und besser gefiel ihnen der Tanz, der nach der alten Weise sich bewegte. Jetzt begannen die Freunde Variationen derselben in der Reihe herum zu spielen, wie sie der Augenblick jedem eingab. Ueber den geist- und kunstreichen Wechsel schien Cäcilia vergnügt, denn die Freunde hatten darin durch lange Uebungen eine außerordentliche Fertigkeit gewonnen, mannigfaltig eigenthümliches Leben ein und demselben melodischen Gedanken zu verleihen, auch ihre Begleitung nach der jedesmaligen Gestaltung zu verändern und verständigten sich während des Spiels schnell durch flüchtige Winke über Rythmus und Tonart; auch kannten sie ihr gegenseitiges Vermögen und ihre Manier so, daß sie Eine Künstlerseele zu sein schienen. Jetzt hob Hugo eine Melodie an, die in seiner Kindheit vorzüglich gerne gehört wurde, die auch zu seiner Zeit im Munde der Jugend lebte. Cäcilia faßte sie mit heiterm Lächeln auf, und Hugo überließ sich im Fortgange des Tanzes seinen Phantasieen und sein Spiel bewegte sich in leichten tändelnden Weisen, in Anklängen an Kinder- und Hirtengesänge, selbst an Kirchenlieder, Er wollte seine Cäcilia in die alte Heimat zurückführen, in die Wiese, wo sie Blumen pflückten und Kränze wanden, Häuser und Mühlen bauten an dem kleinen Bach, sich schaukelten unter den Obstbäumen, auf dem Hügel sich sonnten, in selbst geflochtenen Hütten Wohnung machten, die Gegend durchstreiften, den Vögeln nachzogen, Pfeifen sich schnitten im Wald und all das idyllische Leben genossen, auf dem so, wie auf jungem Grün der Saaten und dem ersten weichen Laube der Buchen und Birken der milde Sonnenschein glänzt, und aus welchem das künftige Hoffen und Glauben sich nährt. Bei der Unmittelbarkeit, mit welcher dem Ton die Seele verbunden zu sein scheint, mit der sie auf den Tonströmen in die Seele des andern gleitet, gelang es dem in Erinnerungen Versunkenen, diese ebenso in Cäcilia's Gemüthe zu erwecken. Auch der Gutsherr und Adelheid und andere selbst weniger Kunstgebildete waren von den Weisen ergriffen. Hugo sah, wie Cäcilia nachdenkend geworden war, wie sie bisweilen mit fragenden Blicken zur Laube schaute und dann wieder das Auge senkte. Nun stimmte er ihren Lieblingstanz an, den er in seliger Zeit gedichtet und den dann eine freudenreiche Jugend mit allen Wohlgerüchen der Erinnerung durchwürzte. Sie erkannte die Weise in den ersten Takten und erröthete, als ob ihr ein Geheimniß verrathen worden wäre. Sie war in jenen Saal hingezaubert, wo in ihrem frühern Aufenthaltsort alle Vereinigungen zu Freuden und Festlichkeiten gehalten worden waren. Alle Genossen der Kindheit sah sie um sich, auch die vielen, die seither aus dem Wechseltanze des Lebens zur Ruhe getreten waren. Die einzelnen Paare tanzten wieder an ihr vorüber, alle die Scherze alter Freunde erneuerten sich ihr. Und dann sah sie in der Wirklichkeit ihr Kind und eine andere Welt vor sich, als man sich damals geträumt. Sie dachte Freundinnen, die unglücklich geworden, einst Hochgefeierte, jetzt vergessen in Entsagung und Mangel, Edle verkannt, Gesunde verblüht. Und weit hinter diesen Erfahrungen, in düftevoller, blauer Ferne desto wonnevoller die Freude des Kindes, das Sehnen und Hoffen der Jungfrau, und diese Empfindung wieder mit der tiefen Wehmuth gemischt über so viel und so schnell Entschwundenes. Und in allen diesen Erinnerungen erblickte sie nur ihn, ihren Jugendfreund, Er hatte alle Spiele der Kinder, alle Festlichkeiten der Jugend geordnet, ohne ihn hatten sie Nichts genossen, er war ihre Lust und ihr Stolz. Seine Liebe hatte sie nachwärts nicht wieder gefunden, so das Leben nie mehr gefühlt, wie mit ihm. Bei jeder Wiederholung des Tanzes wurde sie bewegter, mit der Melodie umwogten sie auch die Düfte und Gerüche jener Feste; die Kränze und Sträuße ihrer Jugend hauchten ihr entgegen in den durch den Garten und in den Saal ziehenden Gerüchen der Nelken und Lilien, der Rosen-, Jasmin- und Orangenbäume; die Springbrunnen im Garten rauschten ihr wie der Fluß, in den sie einst aus jenem Saale hinunterschauten, an dem sie sich erkühlten unterm Sternen- und Mondenschein. Der Gedanke, den sie sonst unterdrückt, wenn auch nicht beschwichtigt hatte, seinen Tod verschuldet zu haben, trat da wieder mit neuem Ungestüm wie eine Sünde vor die Seele. Aber schon hörte sie aus der rätselhaften Laube eine neue Weise. Niemand in der Welt konnte diese kennen, als nur er; sie selber hatte sie ja erfunden und sie ihm mitgetheilt. »Lebt er denn noch?« sagte sie, »ist er selber da? Ja, es ist sein Geigenspiel; auf diesen Tönen schwebten wir einst in Seligkeit; es ist sein schmelzender Ton!« Sie verbarg ihre Thränen und eilte an die freie Luft. »Sie liebt mich noch!« sagte Hugo, ging hinaus und suchte sie in den Schattengängen. »Cäcilia!« rief er, und auf den bekannten, sie freudig durchschütternden Ton wandte sie sich, und mit dem Rufe »Mein Hugo!« stürzte auch sie ihm entgegen. Der Gutsherr hatte Cäcilien erst nur in seinen Tönen um Liebe angefragt. Jetzt war er zu edel, um bei der so überraschend lösenden und lohnenden Fügung noch störend zwischen hinein zu treten. Er erfuhr Hugo's Treue, er sah Cäciliens unverwelkte Liebe und empfand mit Rührung und herzlicher Theilnahme ihr Glück. Im Saal aber hatte der Tanz neues Leben gewonnen. Johannes saß nun, von den Kindein umstanden, außerhalb der Laube und sang zu seinem volltönenden Instrumente mit seiner kräftigen Stimme, die alle Sylben wohl verstehen ließ, seine Tanzlieder. Das bewegte, auch die Jünglinge, sich mit den Jungfrauen unter die Kinder zu mischen, selber ältere Männer und Mütter wagten zum hellen Jubel der Kleinen noch einen gemächlicheren Tanz. Johannes, in Seligkeit über das Glück seiner Freunde, endigte sein Singen und Spiel mit diesem Tanzreigen: Ja wahrlich ist auf dieser Welt Nichts Schöneres zu sehen. Als Menschen, die, in Lust gesellt, An uns vorüber gehen: Ein Feierzug, Ein Geisterflug, So viel vorüber walten. Unendlich an Gestalten. Voran der Jüngling mit der Maid, Herzinniglich umfangen. Aus hellen Augen glüht die Freud' Und blüht auf Lipp' und Wangen; Es weht der Kranz Im leichten Tanz: Wie Steine sich erheben, So schweben sie ins Leben. Und festen Tritts und Hand in Hand Kömmt Mann und Frau gegangen; Sie sehn, was ihnen auch verschwand, In Kindern wieder prangen. In Maienluft, In Gartenduft Sind wie von Engelschaaren Umspielt sie von den Paaren. Und leichter wird dem Ahn der Sinn, Die Augen wieder heiter: Er lehnt sich auf den Enkel hin, Den rüstigen Begleiter; Zurück die Bahn Und ihm voran, Ein wogendes Gewimmel Vom Himmel und zum Himmel. Gleichwie da wogt der Strom ins Meer Mit seiner Wellen Volke, Unzählig wie das Sternenheer, Und Wolke schwebt an Wolke: Ein Feierzug, Ein Geisterflug, So viel vorüberwallten, Unendlich an Gestalten. Und dem, der hell die Saiten rührt. Und weiß im Lied zu scherzen, Den Tanz mit seinem Bogen führt, Beflügelnd Fuß und Herzen, Wer schenket hold Ihm jetzt den Sold, Den Becher für das Geigen, Den Kuß für diesen Reigen? Alle Kinder flogen herbei, ihrem lieben Johannes zu danken. Franz Kuenlin Die Ehen werden im Himmel geschlossen Ein wahre Geschichte. Im Mai des Jahres 1811 lockte mich der schöne Frühling in die freie, friedliche Schweiz. Nach verschiedenen Wanderungen kehrte ich eines Abends in Freiburg im Gasthofe zu Krämern ein, wo mich am andern Morgen das starke Geläute der Glocken im nahen Thurm der gothischen Stiftskirche schon früh weckte. Vor Tagesanbruch noch verließ ich mein Nachtlager, um kühle Morgenluft einzuathmen, und freute mich schon zum voraus auf das herzerhebende Schauspiel, welches ein Sonnenaufgang am Gebirge gewährt. Ich wählte den höchsten Standpunkt der Stadt, und lagerte mich neben dem auf einem hohen Hügel von Quadersteinen erbauten ehemaligen Jesuitenkollegium, dessen geräumige und ausgedehnte Gebäude, von mehreren Seiten mit hohen und dicken Mauern eingeschlossen, die ganze Stadt wie eine Citadelle beherrschen, zumal dieses Institut als das freiburgische Kapitolium angesehen werden kann. Kaum hatte ich Zeit, meine Gedanken zu sammeln, als mich die Ankunft mehrerer Menschen störte, die ich wegen der Dunkelheit nicht unterscheiden konnte. Sie verfügten sich sämmtlich in die Kirche, welche von Innen geöffnet ward. Meine angeborne Neugierde trieb mich hinein. Nur ein Paar düster scheinende Lampen verbreiteten ein magisches Halbdunkel in den weiten Hallen dieses schönen Tempels. Auf einem Nebenaltar brannten zwei Leuchter. Nach einigen Minuten trat ein festlich gekleideter Priester vor den Altar. Auf den Stufen desselben knieten ein schön gekleideter Mann und ein hochgeschmücktes Frauenzimmer, die beide vom gleichen Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren zu sein schienen. Zwei Herren mit Klapphüten unter dem Arm und dem Galanteriedegen zur Seite standen links und rechts. Der Geistliche begann folgendermaßen: »Unergründlich sind die Schlüsse der weisen, allmächtigen Vorsehung, die wir schwache Menschen weder zu ahnen noch vorher zu bestimmen vermögen. Dieses göttlichen Tempels Hallen vereinigen ein edles Paar. An den Stufen dieses Altars knieen zwei Menschen, welche das vom Allvater geleitete Schicksal sonderbar zusammenfügte, um sich lebenslänglich wechselseitig zu beglücken. Was unmöglich schien, wird hier zur Wirklichkeit.« Nach diesem frommen Eingange, dem noch einige fromme Ausrufungen folgten, die ich wegen ihrer Alltäglichkeit wieder vergessen habe, hielt der Priester. Ich benutzte die wenigen Augenblicke, um an Rabeners Abhandlung: »Die Ehen werden im Himmel geschlossen« zu denken, die ich oft, so wie seine übrigen Schriften mit Vergnügen gelesen habe und noch lese, obschon sie nicht mehr zur Modelektüre gehören. Der Priester fuhr fort: »Hier kniet Herr Johann Baptiste von Parrelte von Clerval bei Besançon, aus einem alten, hochadeligen Geschlechte entsprossen; ein würdiger Enkel seiner hehren Ahnen. Dem Thron und der Kirche seiner Väter treu ergeben, ward er ein Opfer der gräßlichen revolutionären Volkswuth, welche vor geraumer Zeit sein Vaterland erschütterte und verheerte. In drückenden Fesseln, gleich einem Bösewicht, nach Brest geschleppt, schmachtete er lange in den scheußlichsten Kerkern jener Stadt, mit allen Mühseligkeiten des Lebens kämpfend. Der bittere Kelch seiner unbeschreiblichen Leiden schien sein Maß erreicht zu haben, als plötzlich ein tröstender, rettender Engel erschien. Gott verläßt seine Gerechten nie. »Die hochadeliche Frau Ursula, geborne Schoucan von Latour , Wittwe von Pedro , von Fettan, im Hochgericht Unter Engadin in Graubündten, welche zu meinen Füßen kniet, obschon in glänzenden Umständen lebend, besuchte doch jeden Morgen aus edelm Triebe die zahlreichen Unglücklichen, welche in Brests Gefängnissen trauerten, blasse Bilder des Elendes. Vor vielen andern zogen sie Herrn von Parrette's schöne Züge, seine edle Gestalt, seine muthige Hingebung in sein herbes, unverschuldetes Schicksal, an. Sie versorgte ihn großmüthig, ohne ihn je gekannt zu haben, mit allen nöthigen Lebensbedürfnissen, und verschaffte ihm endlich seine gänzliche Freiheit durch ihren Einfluß bei den Häuptern der damaligen Regierung. Froh reiste Herr von Parrette nach seiner Heimat, mit Empfehlungsschreiben und Reisegeld reichlich von ihr versehen, die ihm zur Wiedererlangung seiner verlornen, beträchtlichen Güter wohl zu Statten kamen, obschon während seiner langen Gefangenschaft humanere Herrscher an's morsche Ruder des zerrütteten Staates getreten waren. Er verdankte seiner edlen Retterin nicht nur des Lebens Bestes, seine Freiheit, sondern auch seine Reichthümer. Unerlöschlicher Dank erfüllte sein ganzes Herz gegen sie.« »Wer hätte es ahnen können, auch dieser edle, uneigennützige Engel mußte geprüft werden, um mit neuem Glänze hervorzugehen. Die Gräuel verabscheuend, welche die gewaltsame Staatsumwälzung Frankreichs nach sich zog; erbittert über die blutdürstigen Ungeheuer, ein Auswurf der Hölle vom Himmel zur Strafe der sündigen Menschen gesandt, die an der Spitze aller Verwaltungen standen, um zu morden und die heiligsten Rechte der Menschheit mit Füßen zu treten, verband sich die edle Wittwe von Pedro mit noch andern gutdenkenden angesehenen Leuten der Stadt Brest zu Lieferungen an die Engländer, in der Hoffnung, ihnen Mittel an die Hand zu geben, das niedergeschmetterte Reich von seinem gänzlichen Umsturz zu retten. Wie eitel sind der Menschen Entwürfe! – Eine verruchte Kreatur entdeckte das löbliche Unternehmen, Die tugendhafte Dulderin ward ergriffen, mißhandelt, und in einen finstern Kerker geworfen, wo nichts als die größten Qualen ihrer warteten. Um ihre Verbündeten nicht in das Verderben zu stürzen, nannte sich diese Hochherzige freiwillig als die einzige Schuldige. Wenig fehlte, so hätte des Henkers Beil ihr edles Leben auf der Guillotine geendet. Doch durch die Allmacht der göttlichen Vorsehung entkam sie diesem gräulichen Schicksal. Sie ward nach Tours geführt, wo sie in einem engen Gefängnisse mehrere mühevolle Jahre in äußerster Nothdurft zubrachte. Ganz ihren Empfindungen überlassen, überdachte sie das Schreckliche ihrer peinlichen Lage. Sie wog das Vergangene mit der Gegenwart und Zukunft. Ein himmlischer Strahl des göttlichen Lichts hellte ihre dunkeln Begriffe auf. Sie erkannte die Nichtigkeit ihrer ersten reformirten Religionslehren, und von einem wackern Geistlichen unterstützt, dem es einige Mal gelang, die Gefangenen mit Worten voll geistlicher Salbung zu trösten, entsagte sie ihren Irrthümern, und bekannte sich zur römischen, allein seligmachenden Religion, Nach einigen kummervollen Jahren ward sie, von Allem entblößt, freigelassen. Ohne Hülfsmittel verlebte sie einige Zeit in Deutschland , weil sie nicht zu ihren Verwandten in Graubünden Zuflucht nehmen wollte, die sie wegen ihrer Abtrünnigkeit von ihrer Irrlehre verachtet und verstoßen hatten. Sie kam hieher, wo sie mehrere Monate zubrachte, von gottesfürchtigen Personen unterstützt, und wo sie endlich Herr von Parrette fand, der sie aller Orten aufsuchte, sobald er von ihrem Unglück unterrichtet worden war. Er bot ihr seine Hand und seine Reichthümer an, als eine billige Vergeltung der ihm erwiesenen unschätzbaren Wohlthaten!« Hier endete der Priester das Geschichtliche dieser merkwürdigen, wohlgestellten Rede. Während der feierlichen Stille, die darauf folgte, vergossen alle Zuhörer Thränen der innigsten Rührung und Theilnahme. Nach den gewöhnlichen Formen und Zeremonien schritt der Geistliche zur Trauung. Ich verließ die Kirche, um die Sonne in ihrem Purpurkleide aus der Dämmerung hervortreten zu sehen, und um mich an ihrem herrlichen Anblick zu laben und zu stärken. Während ich dieß schöne Schauspiel, das kein menschliches erreichen kann, ganz hingegeben anschaute, traten die Hochzeitgäste, unter denen sich viele ansehnliche Herren und Damen befanden, aus der Kirche, und begleiteten die Neuvermählten nach ihrer Wohnung, wo sie ein gut bestelltes Frühstück freudig verzehrten. Den ganzen Tag hindurch war diese Hochzeit, auf die ich so unvermuthet gestoßen war, das Thema zu allen meinen geheimen Unterhaltungen. Schade ist's, daß Christian Friederich Henrici , Picander genannt, nicht mehr lebt, der bekanntlich drei Oktavbände Hochzeitgedichte schrieb; die heutige hätte ihm reichhaltend Stoff dazu gegeben, an welchem es dem guten Dichter gewiß oft gefehlt haben mag. – Was ferner von der Geschichte folgt, habe ich zwar nicht mit eigenen Augen gesehen, aber von zuverlässigen Freunden und Bekannten erfahren, deren Aussagen vollgültig sind. Nach beendigtem Frühstück reiste Herr von Parrette mit seiner Gemahlin, in Gesellschaft einiger Herren und Damen, nach Peterlingen (Payerne), wo sie zu Mittag speisten. Als sie am Nachtisch saßen und um die Runde Gesundheiten tranken, hörte man Kutschen auf dem Pflaster des Städtchens rasseln, die vor einem gegenüberstehenden Gasthofe hielten, und aus welchen einige schöne, schlanke Mädchen stiegen, die daselbst einkehrten. Ein etwas ungestümer aber gutmüthiger Jüngling, der mit dem Herrn von Parrette vertrauliche Freundschaft geschlossen hatte, sprang sogleich vom Tische, um sich nach den hübschen Mädchen zu erkundigen. In einem Hui war er wieder zurück, und raunte dem letztern, etwas zu laut, ins Ohr: » Des Demoiselles de Lyon et de Genève qui vont a Berne. « Nach einiger Zeit verließen beide, unter dem Vorwande, fernere Reiseanstalten zu treffen, den Tisch. Frau von Parrette ward darüber unruhig und ging ans Fenster. Zu ihrer größten Bestürzung sah sie ihren eben erst angetrauten Ehemann mit seinem Freunde in das Gasthaus schleichen, wo die schlanken Mädchen, die sehr frech aussahen und locker gekleidet waren, sich befanden. Nun fing sie schrecklich an zu jammern und zu klagen, daß sie mit einem solchen Wüstling, der ihr so viel von Tugend vorgeschwatzt habe, unauflöslich verbunden sei; wenn sie das vorher nur hätte ahnen können, so wäre sie lieber in ihrer Dürftigkeit geblieben; von dem reichen Sünder habe sie doch kein Glück zu hoffen. Sie vergoß unter herzzerreißendem Schluchzen und Stöhnen einen Strom von Thränen. Mit vieler Mühe konnte man sie einigermaßen beruhigen, als Herr von Parrette wieder in das Gastzimmer trat, und sobald er von der Ursache ihrer rothgeweinten Augen unterrichtet wurde, sie mit vieler Beredtsamkeit seiner Unschuld versicherte. Er habe nur, sagte er, die Tugend seines Freundes prüfen wollen, um ihn noch mehr schätzen zu lernen; er müsse ihm aber nun hier ein ruhmvolles öffentliches Zeugniß geben; denn gegen alle verführerischen Lockungen und Künste der schlauen, gefälligen Mädchen habe derselbe mit männlicher Kraft glorreich gekämpft und die Feuerprobe glücklich bestanden. – Mit Enthusiasmus redete er zum beschämten Jüngling: »Du bist tugendhaft und meiner Liebe und Freundschaft werth; empfange die Weihe durch einen brüderlichen Kuß, und bleibe dir und mir treu!« Mehr bedurfte es nicht, um die tief bekümmerte Frau zu trösten, die am Halse ihres Gatten wegen unzeitiger Eifersucht und ungerechten Zweifels an seiner Tugend um Verzeihung bat, welche er ihr auch mit einem herzlichen Kusse zusicherte. Nach dieser Trauerscene trank man Kaffe und Liqueur. Die Stunde der Trennung schlug. Herrn von Parrette's Begleiter wollten die Zeche bezahlen, allein er war ihnen schon zuvorgekommen. Nach vielen Für- und Gegenreden ließ er es sich endlich gefallen, daß sie die fremden Weine, den Kaffe und die Liqueurs auf ihre Rechnung nehmen dürften. Mit vieler Theilnahme schied man von einander, nachdem Herr von Parrette versprochen hatte, nach Beendigung seiner Geschäfte in der Heimat sogleich wieder zu kommen, um einige glückliche Tage im Kreise seiner guten Freunde zu leben. Nach mehreren Monaten traf Herr von Parrette mit seiner Gattin wirklich wieder in Freiburg ein. Er hatte während seiner Anwesenheit in Clerval einige seiner minderbeträchtlichen Güter veräußert, die Bezahlung derselben aber in Wechseln genommen, weil er kein baares Geld aus Frankreich mit sich führen durfte. Nun wünschte er sie zu Gelde zu machen. Der Banquier, dem er sie antrug, kannte das Haus nicht, auf welches sie gestellt waren, und verlangte eine Bürgschaft. Die leistete Parrette's junger Freund sogleich, weil er mit den häuslichen Angelegenheiten desselben sehr bekannt war. Herr von Parrette hatte nämlich vor seiner ehelichen Verbindung mit der Wittwe von Pedro einen Heirathskontrakt in Freiburg geschlossen, worin er ihr, falls er vor ihr ohne Kinder stürbe, 100.000 Fr. zusicherte. Nebstdem erhielt ihre Tochter noch, als Zeichen seiner Zufriedenheit, mit einer so ansehnlichen adelichen Familie verbunden zu werden, in Jahresfrist schon 50.000. Als bei der Stipulation der Notar fragte, ob er französische oder Schweizerfranken schreiben solle, sagte Herr von Parrette nach einigem Besinnen: »Da wir jetzt in der Schweiz sind, so schreiben Sie auch Alles in Schweizergeld!« Sein junger Freund war zu dieser Stipulation als Zeuge berufen worden, und da ihm Herr von Parrette zu der Hand der reichen Tochter von Pedro einige Hoffnung gegeben hatte, trug er kein Bedenken, diesen sehr begüterten Mann bei dem Wechsler um eine beträchtliche Summe zu verbürgen, worauf ihm dieser das Geld auszahlen ließ. Nachdem Herr von Parrette noch verschiedene Sachen von Werth eingekauft hatte, die er bei seiner nahen Zurückkunft zu berichtigen versprach, reiste er nach Chur in Graubünden, um das ebenfalls bedeutende Vermögen seiner Gemahlin, das durch eine unvermuthete Erbschaft noch vermehrt worden war, einzuziehen. In der Hauptstadt Graubündens verweilte Parrette nicht lange, sondern miethete sich auf unbestimmte Zeit im schönen Marktflecken Malans ein, wo er nun die sehr anmuthige Amalia von Pedro, seine Stieftochter, aufführte, die wegen ihrer außerordentlichen Schönheit aller Männer Blicke fesselte. Da der Ruf ihres Reichthums durch die Heirath ihrer Mutter mit dem Herrn von Parrette auch bis in Graubündens Thäler erschollen war, wozu die hundertzüngige Fama ohne Zweifel das Ihrige reichlich beigetragen hatte, fehlte es auch wohl nicht an Anbetern, welche die holde Amalia wie Schmetterlinge umflatterten. Zudem gesellte Herr von Parrette noch Schmausereien, so daß er bald der Bekannten und Freunde genug hatte, die entweder mit der freundlichen Tochter koseten, oder sich mit der geschwätzigen Mutter unterhielten, und zur Abwechselung mit dem zutraulichen heitern Wirthe zechten, der ihnen seine erstaunenswürdigen Abentheuer erzählte. Mittlerweile hatte Herr von Parrette neue Wechsel von verkauften Gütern in Clerval erhalten, die er sogleich einlösen wollte. Da dieselben aber in Chur nicht ohne Kaution angenommen wurden, so verstanden sich sogleich einige Herren dazu, dem Vater zu Gefallen. Dringende Geschäfte nöthigten Herrn von Parrette , mit seiner Familie nach Mailand zu gehen. Höchstens in ein Paar Wochen versprach er zurück zu sein. Am meisten vermißte man seine liebenswürdige Tochter, deren Abreise um so mehr schmerzte, da sie viele Verehrer gefunden und einigen auch Hoffnung auf ihre Hand gegeben hatte. Es verstrichen einige Monate, man hörte Nichts von Herrn von Parrette ; seine Wechsel kamen mit Protest zurück, die Bürgen mußten sie nun honoriren, denn in Mailand konnte er nicht ausfindig gemacht werden. – Die Papiere, welche Parrette in Freiburg versilbert hatte, hatten das nämliche Schicksal. Diese Geschichte machte gewaltiges Aufsehen. Verschiedene Umstände derselben wurden, wie dieß stets zu geschehen pflegt, verkleinert oder vergrößert; doch die vorhin angeführten Thatsachen sind zuverlässig. Was und wer die eigentlichen zwei Hauptpersonen dieser Erzählung waren, erhellt aus folgendem. Vor der französischen Revolution reiste ein englischer Lord durch Clerval . Es brach ein Rad an seinem Wagen. Man ließ den nächsten Schmied rufen, der den Schaden eilig ausbesserte, und dadurch den ungeduldigen Britten in Stand setzte, sogleich weiter zu fahren. Dieß gefiel dem Sonderling, der dem aufgeräumten Parrette (so hieß der Schmied) den Vorschlag machte, sammt seiner Familie mit nach England zu gehen, wo er ihm eine vortheilhafte Schmiede auf einem seiner Güter zusicherte. Da sich der Schmied nicht in den besten Glücksumständen befand, packte er seine Habseligkeiten so wie seine Frau und Kinder eilfertig zusammen, und reiste mit dem Lord ab. In England bezog er sogleich die ihm versprochene Schmiede, in welcher er sich sehr wohl gefiel, weil seine Sachen gut gingen. Sein ältester Sohn Jean-Baptiste konnte sich mit seinem muntern, offenen, freien Wesen so vortheilhaft bei dem Britten einschmeicheln, daß er ihn mit seinen Söhnen erziehen ließ. Hier bildete sich der junge Parrette ; allein sein Hang zur Spitzbüberei verleitete ihn zu so vielen Schelmereien und bösen Possen, daß ihn der alte Lord endlich nach fruchtlosen Strafen in sein Vaterland zurückschickte. Hier fand er nun bei dem Ausbruch der französischen Staatsumwälzung reichlichen Stoff zu Befriedigung seiner gaunerischen Neigung; doch glückte ihm die Verfertigung falscher Assignaten nicht, die ihn auf die Galeere nach Brest brachte. Hier machte er mit der Ursula Schoucan , von Fettan im Unter-Engadin, Bekanntschaft, die in Brest einen Pastetenbäcker, Namens Pedro , geehlicht hatte, und wegen Diebereien eingesperrt worden war. Ihr Vater, der eine elende Hütte neben einem Thurm bei Fettan in Graubünden bewohnte, nach welchem sie sich vermuthlich de la Tour heißen mochte, fristete sich das Leben mit Schuhflicken und Hausiren. Ohne Zweifel hatten sie schon in Brest oder nachher in irgend einem Winkel Frankreichs den Plan ausgesponnen, allzugutmüthige Schweizer zu bethören; denn nicht nur durch die falschen Wechsel verschaffte sich Parette viel Geld in Freiburg und Chur , sondern erhielt im erstem Orte noch von verschiedenen Leuten bedeutende Summen Geldes durch die Prahlerei mit seinen beträchtlichen Gütern und die Bigotterieen der schlauen Ursula Schoucan , seiner Buhldirne, welche sogleich bei allen Betschwestern Unterstützung und Hülfe fand, und auch sogar Geistliche, die doch schon oft von Konvertiten betrogen worden waren, in ihr Interesse zu ziehen wußte, so daß sie mehr Kredit fand, als irgend ein ehrlicher Handwerker, dem dadurch das Glück seines ganzen Lebens begründet worden wäre. In Freiburg hatten sie in ihrer Wohnung Effekten und mehrere verschlossene Kisten zurückgelassen; da nun dieselben auf Begehren einiger Gläubiger, gerichtlich untersucht wurden, um den Werth an die Bestrechthabenden auszuliefern, fand man nichts als schlechte alte Kleider, Amulette, Rosenkränze, aszetische Bücher, zerbrochene Flaschen und dergleichen. Die schweren Kisten, auf welche die Gläubiger ihre Hoffnung gestützt hatten, enthielten Kieselsteine. Wie es verlautete, wurde dieses verschmitzte Paar nach einiger Zeit in Hamburg eingezogen und nach Besançon gebracht, wo es von den Gerichten den verdienten Lohn seiner Verbrechen erhalten hat. Möge indessen diese wahre Geschichte nicht ohne Früchte bleiben, und ihren Zweck, vor Leichtgläubigkeit zu warnen, nicht verfehlen! Dieß wird für die geringe Mühe des Niederschreibens mein bester Lohn sein. J. J. A. Pffyfer zu Neueck O ma patrie! Und wo n' ih goh, und wo n' ih stoh, Das Heiweh will mih nit verlo; Es zieht mih über Berg und See Bis ih mi Heimeth wieder gseh; Es zieht mi fort wie am e Band Zu dir, o Schwyz, du lieblichs Land! An einem schönen Herbstabend des verflossenen Jahres saß die Familie des Herrn von M. eines Landedelmanns aus der Nachbarschaft von Besançon, in ihrem herrlichen Garten, am romantischen Ufer des Doubs. Herr von M., ein recht kräftiger Fünfziger, auf dessen hoher Stirne jedoch die sturmvolle Vergangenheit ihre chronologischen Typen zurückgelassen hatte, war an der Seite einer reizenden Dame von ungefähr dreißig Jahren, die ihren seelenvollen Blick unverwendet auf ihn heftete und mit der innigsten Anhänglichkeit an seiner freundlich-ernsten Erzählung den lebhaftesten Antheil zu nehmen schien. Der Sprecher kam an eine Stelle, die ihn sichtbar unendlich rührte, denn er heftete seine feuchten Augen und gefalteten Hände zum Himmel empor; eine feierliche Pause trat ein; – er schien zu beten. Die Dame streckte ihm liebevoll eine Hand entgegen, mit der andern zog sie ein wunderliebliches, mit allen Reizen einer blühenden Jugend reichlich ausgestattetes Mädchen an sich. »Ach Heinrich«, hob die Dame mit unbeschreiblich süßem Tone an: »Heinrich, laß die Todten ruhen! umhülle nicht das fröhliche Bild der Gegenwart mit dem schwarzen verhängnißvollen Schleier der Vergangenheit. Die Donnerschläge der Vernichtungsepoche sind längst verhallt; die grausamen Stürme haben ausgewüthet und wenn sie auch deine großen Hoffnungen vernichteten, ja selbst deine Liebsten unter Trümmer begruben, so hadre doch darum nicht mit der Vorsehung, sie hat dir auf diesen Ruinen, wenn auch keinen stolzen Palast, doch eine freundliche Hütte gebaut,« Herr von M., als wenn er in diesen letzten Worten einen leisen Vorwurf geahndet hätte, stand plötzlich auf, drückte die Dame und das holde Mädchen mit Innigkeit an seine Brust. »Vergib mir Emma, mein theures Weib!« so redete er die erstere in wehmüthigem Tone an, »vergib, wenn meine Phantasie so gerne bei den traurigen Bildern der Vergangenheit verweilt, wenn ich oft zu lange bei den Gräbern meiner Eltern und Freunde mich aufhalte, und dich, du süße treue Gefährtin, mit unserer guten Emilie allein stehen lasse. Glaube nicht, daß der Gedanke an das Verlorne auch nur einen Augenblick das Gefühl der Dankbarkeit für mein gegenwärtiges Glück zu schwächen vermag. – Alles mußte so kommen! – Wie der silberhelle Bach sanft und wohlthuend sich durch grüne Fluren hinschlängelt, nachdem er kurz vorher im tobenden Wasserfalle entwurzelte Bäume und Felstrümmer mit sich fortriß, so fließt jetzt mein Dasein, nachdem es sich durch Grabeshügel, Ruinen und Einöden Bahn gebrochen, im Schooß der Liebe und Freundschaft ruhig und ungetrübt dahin! – Hätte ich dich, liebe Emma, auf einem andern Wege wohl je angetroffen? – Hätte das Glück mich höher als mit unserer Emilie beschenken können? – Wie hätte ich einst, als ich, ein armer verlassener Jüngling, den von meinen Eltern und tausend Schlachtopfern mit Blut gedüngten Boden des mit Inbrunst geliebten Heimatlandes floh; als ich von Hunger, Furcht und namenlosen Leiden gefoltert zum erstenmal die schneebedeckten Riesen der Schweiz erblickte, und endlich jenseits der Grenze, auf dem freien Grunde des freundlichen europäischen Asyls, erschöpft niedersank, – wie hätte ich damals, auch mit der lebhaftesten Phantasie eines Franzosen hoffen können, ein Wesen wie dich, meine Emma, zu finden, um mit ihr einige Jahre später unter glücklichen Vorbedeutungen in das Land meiner Geburt zurückzukehren? – Die Wege der Vorsehung sind wunderbar!« – Dieses sagend, verließ Herr von M. mit seiner Familie die bisherige Stelle, und wandelte schweigend Arm in Arm mit seinen Gefährtinnen am Ufer des Doubs auf und ab. Plötzlich stand Emilie stille, gab mit der Hand ein Zeichen, um ihre Eltern aufmerksam zu machen, und wendete dann ihr Lockenköpfchen horchend nach der Seite eines benachbarten Wäldchens hin. Man vernahm einige ferne Töne, die melancholisch in das Säuseln des Abendwindes und das geheimnißvolle Murmeln der vorbeieilenden Wellen verschmolzen. »Das ist das traurige Lied unsers Claude!« rief das Mädchen und stimmte dann leise die Melodie desselben an. »Wie beginnt es doch?« Sinnend wog sie das Köpfchen eine Weile in der Hand und rieb die Stirne, »Nicht wahr, lieber Papa, es fängt an: L'encens des fleurs – embaume –« »Mein gutes Kind, ich habe den Claude noch nie singen hören, und kenne das Lied nicht.« »Du auch nicht, liebe Mama?« Die Mutter seufzte: »Ja wohl kenne ich ein Lied, welches so beginnt, Emilie; nicht wahr, der Refrain heißt: O ma patrie! O mon bonheur! Toujours chérie u.s.w. »Getroffen! getroffen!« rief das holde Kind mit den Händen klatschend, »Claude singt dieses Lied alle Tage, und wenn er dann zu den Worten kommt: o ma patrie , so wird er gar traurig, hebt seine Augen voll Thränen zum Himmel empor, und streckt die Arme nach der Ferne aus, als wenn er ein unsichtbares Gebilde umarmen, und an seine Brust drücken wollte.« »Sonderbar! – sehr sonderbar«, sagte Herr von M., eine dunkle Erinnerung taucht jetzt in meinem Geiste auf. Diesen Refrain habe ich in jener Unglückszeit oft gehört, als ich von Alp zu Alp in den Schweizerbergen umherirrte. Er ergriff mich immer wunderbar und in meiner hülflosen elenden Lage seufzte ich, ganz anders gestimmt als die Hirten, diese fröhlichen Kinder der Natur: o ma patrie!« »Das Lied ist bei uns ganz einheimisch, lieber Heinrich!« fügte Emma hinzu, »Erinnerst du dich noch jenes herrlichen Maitages, als wir die tête de rang bestiegen und ich feierlich von meinem Vaterlande Abschied nahm, um dir als Gattin nach deiner Heimat zu folgen? Damals hörte ich dieses Lied zum letzten Male aus dem Mund eines Aelplers von Boudevilliers; die wehmüthigen Klänge sind in meinem Innern noch nicht verhallt!« Unsere kleine Gesellschaft hatte sich nun unvermerkt unter diesen und ähnlichen Gesprächen dem Aufenthalt des Sängers Claude genähert. Bisher wurde er von der Familie von M. für einen politisch verfolgten Vendeer gehalten und seiner Zeit ohne andere Ausweistitel oder Empfehlungen, als die seiner offenen, ehrlichen Züge und die seiner augenscheinlichen Dürftigkeit, als Jäger, welchen Beruf er vollkommen zu verstehen vorgab, in den Dienst genommen. Er diente treu und redlich, war aber mit seiner Herrschaft nicht viel in Berührung gekommen, da Herr von M. wegen Kränklichkeit und vieler Geschäfte seit langem an der Jagd keinen Antheil nehmen konnte. Er war von Niemand besser gekannt als von der liebenswürdigen Emilie, indem er nie von seinen Zügen zurückkehrte, ohne ihr ein kleines Geschenk mitzubringen. Herr von M. befand sich in derjenigen Stimmung, in welcher man so gerne die Thaten und Faten Anderer hört. Die Erinnerung an seine sturmvollen unglücklichen Jugendjahre hatte in ihm jene Wehmuth, jenes unnennbare Gefühl aufgeregt, mit welchem man wie ein tröstender Engel so gerne alle Leidenden an sein Herz drücken möchte. »Rufe mir den Claude«, sagte er zu seiner Tochter, »wir müssen doch mit ihm ein wenig näher bekannt werden.« Claude erschien, freilich gegen die Etikette, Hand in Hand mit Emilien, verbeugte sich anstandsvoll vor seiner Herrschaft und gewärtigte mit dem Hut in der Hand ihre Befehle. – Mit Wohlgefallen betrachtete Herr von M. den schön gewachsenen, kräftigen Jüngling, auf dessen blassem Gesichte verborgener Kummer leicht zu entdecken war, – fragte ihn dann freundlich, wie es ihm in seinen Dienstgeschäften gefalle, ob er zufrieden sei oder irgend einen Wunsch zu äußern habe. Ein leises Roth färbte die Wangen des Jägers. »Wie könnte ich anders«, erwiederte er, »als mit der höchsten Dankbarkeit das Glück anerkennen, bei Ihnen ein Asyl gefunden zu haben, das mir gegen die Stürme meines Geschickes sichern Schutz gewährt. Die Größe Ihrer Wohlthat kann durch meine schwachen Dienste nie vergolten werden! Was meine Wünsche anbetrifft, so stelle ich deren Erfüllung einer bessern Zukunft anheim, denn die Menschen« – »Fahret fort, Claude!« sagte Herr von M., »enthüllt uns offen und zutrauensvoll Euer Inneres. Euch drückt geheimer Kummer, vielleicht vermögen wir ihn zu lindern. Jedenfalls gehören wir nicht zu jenen Menschen, auf welche Ihr so eben hindeuten zu wollen scheinet. Man muß die Heilung einer Wunde nicht der fernen Zukunft überlassen, wenn die Gegenwart vielleicht sie zu genesen vermag. Auch ich war einst unglücklich, die Revolution raubte mir Vaterland, Eltern, Vermögen. Meine Lage war um so schrecklicher, da ich, obwohl schuldlos, lange Zeit unstät und flüchtig, kein einziges Wesen fand, dem ich meine sturmbewegte Brust aufzuschließen wagen durfte. Im Winter hätte ich in Verzweiflung meinem harten Geschicke unterliegen müssen; zum Glücke war es Sommer. Die schöne Natur goß den Balsam des Trostes in mein Herz und die erhabenen Szenen der herrlichen Schöpfung belebten meinen oft sinkenden Muth und verliehen mir eine wunderbare Stärke. Als ich endlich die Gebirge Helvetiens erreichte und bei den fröhlichen Aelplern, gastfrei aufgenommen, das seltene Glück der Genügsamkeit kennen lernte, schmolz nach und nach die letzte Eiskruste meines Herzens, – ich beweinte den Opfertod meiner Eltern, die Zerrissenheit meines Vaterlandes und entwarf einen Plan für die Zukunft. – Ich mache Euch diese Mittheilung von meinen frühern Verhältnissen, Claude, weil ich euch derselben würdig halte und gleichzeitig darthun möchte, daß ich, selbst aus der Schule des Mißgeschickes hervorgegangen, Euch vielleicht helfen, wenigstens rathen könne.« Nichts ist so sehr geeignet, uns bei unserm Mitmenschen die innerste Pforte seiner Seele aufzuschließen, als eine vertrauliche Eröffnung, die mit der Stimmung seines Innern harmonirt. Auch Claude vermochte diesem Andrange nicht zu widerstehen; seine Augen füllten sich mit Thränen, sein ganzes Wesen verrieth einen heftigen Kampf. »Sie sollen Alles wissen, bester Herr von M.! Sie sollen mich, den Sie unbekannt in Ihren Dienst aufgenommen haben, ganz kennen lernen. Ich will Ihre Güte wenigstens mit vollem Vertrauen erwiedern. Meine Geschichte ist kurz. Mein Vater ist ein wohlhabender Gutsbesitzer im Lande Neuenburg in der Schweiz.« Emma machte ein Zeichen der Verwunderung, jedoch unbemerkt, um Claude in seiner Erzählung nicht zu unterbrechen. »Nachdem ich mich wegen einer wichtigen Familienangelegenheit mehrere Jahre im Süden Italiens aufgehalten hatte, kehrte ich endlich nach dem glücklichsten Erfolge in den Schooß der Meinigen zurück. Manches hatte sich seit meiner Abwesenheit im Vaterlande umgestaltet, Manches schien sich noch in Folge der Ereignisse entwickeln zu wollen. Selbst in unserm Zwitterstaat Neuenburg offenbarte sich ein Geist, der wahrscheinlich schon vor den französischen Julitagen bestand, aber nicht so frei aufzutreten gewagt hätte. Gegenüber dem Adel oder der Hofpartei hatten sich republikanische Vereine gebildet, die, wenn auch einzelne heterogene Substanzen in sich enthaltend, doch nur einen Hauptzweck: Lossagung vom monarchischen Princip und innigere Verbindung mit unsern Eid- und Bundgenossen der übrigen Schweiz, anstrebten. Ich darf kühn behaupten, daß kein einziges Mitglied dieser Vereine aus Haß oder Abneigung gegen die Person des Fürsten von Neuenburg handelte, denn er erwies unserm Lande manche Wohlthat und würde bei uns vor Jedem den Vorzug genießen, wenn wir uns je entschließen könnten, einen andern Oberherrn anzuerkennen als das uns selbst gegebene Gesetz. Was die republikanische Partei in ihrer Mehrheit that, geschah aus voller Ueberzeugung, nur für das heilige, in der Natur der Dinge selbst liegende Recht zu kämpfen. Es drängte sie unwiderstehlich, dem unseligen, in die inneren Angelegenheiten des Vaterlandes, im weitern und engern Sinne des Wortes, oft so hemmend entgegentretenden politischen Doppelzustande ein Ende zu machen, und sich frei und entfesselt von fremden Banden, den geist- und blutsverwandten Eidgenossen anzuschließen. Ich gehörte bald mit Leib und Seele zu den eifrigsten Patrioten. Die Geschichte unsers Kampfes und Unterganges ist Ihnen, Herr von M., gewiß zur Genüge bekannt. Der Ursachen des letztern sind mancherlei. Der Fürst hätte vielleicht selbst zur Umgestaltung unserer Verhältnisse Hand geboten, denn unser Land ist ja für ihn bloß eine ferne Kolonie, die ihm keinen Nutzen bringt, und zu welcher er weder Kanal noch Straße hat, allein eine gutgemeinte Dazwischenkunft entriß uns die erworbenen Vortheile zu Gunsten der Monarchisten. – Wir fielen; – unsere Feinde wollten nicht nur strafen, sie wollten sich rächen. Wer fliehen konnte, floh. Ich entkam glücklich, obwohl man mich sogar über die Grenze bis Villafangs verfolgte. Die Vorsehung führte mich nach Besançon und in Ihr gastfreies Haus.« »Ich wollte Euch in Eurer Erzählung nicht unterbrechen«, sagte Frau von M., als Claude geendet hatte. – »allein schon Euer Lieblingslied brachte mich auf die Vermuthung, Ihr dürftet vielleicht wohl ein Landsmann aus der französischen Schweiz sein. Es freut mich nun um so mehr, meine Ahnung erfüllt zu sehen, da ich von Euch vernehme, daß Ihr ein Neuenburger seid; denn wißt, auch ich bin eine Angehörige jenes Landes. Aber wie heißt Euer Geburtsort? wo wohntet Ihr?« – »Ich bin in Boudry geboren«, erwiederte Claude, »und wohnte früher bei meinem Vater zwischen Boudry und dem See, am Ufer der Reuse.« – »Gott, Ihr seid also« – Die Frage der Frau von M. wurde, auf eine für sie zwar angenehme, andern Leuten aber sehr zur Unzeit kommende Ueberraschung, unterbrochen, indem so eben zwei ihrer besten Jugenfreundinnen von Neuveville am Chasseral, mit der Post angekommen, sie wechselweise zum Erdrücken umarmten. Ich übergehe diese und die nachfolgenden Szenen des Wiedersehens. Sie würden mich zu weit von der erwarteten Erklärung des Ausrufes: »Gott, Ihr seid also« – der allerdings auf eine alte Bekanntschaft schließen läßt, abführen und diese Geschichte ins Unendliche verlängern. Kurz und gut! in dem mit unserm Claude fortgesetzten Verhöre kam heraus: daß er nicht so, sondern Wilhelm P* heiße und ein leiblicher Vetter der Frau von M. sei, den sie aber seit 12 Jahren nicht mehr, und damals bloß während den Ferien einige Tage bei einer Tante in V. gesehen hatte. Unser junge Verbannte singt zwar noch sehr oft sein: O ma patrie! am schönen Ufer des Doubs, allein Emilie will bemerkt haben, es töne doch nicht mehr so traurig wie früher, und Wilhelm vergesse sich oft so sehr, daß er anstatt wie ehemals die Arme immer nach der blauen Ferne auszubreiten, dieselben manchesmal auch ihr entgegenstrecke. Johann Jakob Reithard Die Frauen in Burgdorf, oder Entstehung der Hühnersuppe Erstes Kapitel Wie der Schneidermeister Werni von Aarburg zu Burgdorf einen Korb holt und darüber in heftigen Zorn geräth Am Abend des ersten Pfingsttages 1399, zwischen 4 und 5 Uhr ritt eine wunderliche Gestalt durch jenes Thor der Stadt Burgdorf, von welchem aus die Heerstraße gen Winigen führt. Man hätte den Reiter, von dem hier die Rede ist, füglich für den leibhaften Tod selber in reicher, schlotternder Kleidung halten können, wenn die sichtbaren Körpertheile, nämlich der Schädel und die Hände, nicht mit gelber Haut überzogen und Nase und Kinn nicht im blühendsten Zustand gewesen wäre. Nummer Eins, die Nase nämlich hieng als ein ungeheurer Erker von der Stirn herunter, an welche sie durch zwei starke Augbraunen, gleich wie mit schwarzen Eisenklammern befestigt schien, unter denen zwei falsche Augen nach der Nasenspitze schielten, die ihrerseits, in erklecklicher Entfernung vom Gesichte, sich von diesem emanzipiren zu wollen schien, welchem Bestreben der eingefallene, schnappende Mund, so groß er war, sich vergeblich widersetzte. Nummer Zwei, nämlich das Kinn, war eigentlich nur ein großer wurstartiger Auswuchs, von welchem spärliche Haare, wie ein Ziegenbart, herunterflatterten. Das Thier, worauf der Knochenmann ritt, offenbar ein ehrsamer Ackergaul, suchte die ungewohnte Ehre, Reitpferd zu sein, durch einen gräßlich schwerfälligen Trott, der den Reiter fortwährend in die Höhe scheffelte, auf eine Herz und Nieren prüfende Art zu erkennen zu geben. Der Interimsregent des stattlichen Thieres selbst war Niemand Anderes, als der weltberühmte Schneidermeister Werni von Aarburg, welcher dato nicht nur auf Roß-, sondern auch auf Freiersfüßen gieng. Darum hatte er sich in eine funkelnagelneue Kleidung gesteckt; darum prangte auf seinem kannenförmigen Kopfe ein rothes Sammetbaret mit schneeweißen und kohlschwarzen Federn, welche ihm die Nase umfächelten; darum zierte ihn ein gelbseidenes Wamms mit blauen Schlitzen, das festlich seine schmale Brust umfluderte, darum wickelten sich rothe Hosen um seine magern, erbarmungswürdigen Beine, und graue Filzstiefel um seine ungebührlich langen Füße, welche Gottes freien Erdboden für Steigbügel ansahen; darum that sein Gesicht Etwas, das in seiner Art ein selbstgefälliges, behagliches Lächeln war, von vielen Leuten jedoch für ein lächerlich-tückisches Grinsen gehalten wurde. Der Besuch des stattlichen Reiters galt Herrn Peter Ochsenbein, wohlbestelltem Rathsmann und Gastgeber zum Roß, oder eigentlich seiner Tochter Küngold, welche ehrengedachter Meister Werni als eheliches Gemahl heimzuführen gedachte. Zeugte schon der halsbrechende Ritt des würdigen Freiwerbers von seiner inbrünstigen Minne, so bewies er diese noch handgreiflicher durch die eiserne Ruhe, womit er den erderschütternden Lärm der Burgdorfer Jugend traversirte, die die seltsame Erscheinung mit lautem Spott umtobte – und war es für einen rechtschaffenen Schneider schon ein gewagtes Unternehmen, sich zum ersten Male in seinem Leben einem so feurigen Rosse anzuvertrauen, wie dasjenige war, auf welchem er eben seinen Einzug hielt, so schien es für einen ausgedörrten Sechsziger wohl noch viel gewagter, ein so lasches siebenzehnjähriges Ding zu freien, wie die Tochter des Roßwirthes und Rathsherrn Ochsenbein in der untern Stadt zu Burgdorf, die der geneigte Leser sogleich in Augenschein nehmen kann, wenn es ihm beliebt, den Meister Werni, nachdem er seine Rosinante vor der Hausthüre angebunden, in die Wirthsstube zu begleiten, wo es eben recht lustig hergeht. Als der Schneider im Gefühl seines prächtigen Putzes und seines mit Zosinger Silbermünzen gefüllten Beutels gravitätisch in die Gaststube trat, wurde es unter den dort anwesenden zahlreichen Gästen einen Augenblick mäuschenstill. Alle betrachteten mit Erstaunen das wandelnde, in bunte Lappen gekleidete Beinhaus und steckten, als Herr Ochsenbein dem Eingetretenen geschmeidig entgegentrat und ihn als seinen verehrten Herrn Vetter bewillkommte, flüsternd und zischend die Köpfe zusammen. Auf zwei Gesichtern war aber sogleich eine sonderliche Bewegung zu lesen. Das eine Gesicht gehörte niemand Anderem, als der Jungfrau Küngold, welche, hinter einem jungen Manne stehend, eben dessen leeren Humpen vom Tische genommen hatte, um ihn wieder zu füllen. Die erst noch purpurfarbigen Wangen waren plötzlich schneeweiß geworden; die erst noch schelmisch blitzenden schwarzen Augen starrten verglast nach der Schneidergestalt, und vom »Ah! –« einer unwillkommenen Ueberraschung war ihr kußliches Mündlein noch offen geblieben. Das andere Gesicht gehörte vorbesagtem jungen Manne, der, nachdem er den Meister Werni eine Sekunde gemustert hatte, den blondlockigen Kopf nach Küngold umwandte und sie mit den großen ehrlichen blauen Augen recht dringlich anschaute, als ob er fragen wollte: »Ist er's?« Der wehmüthig-zornige Blick, den er bald darauf zur Antwort erhielt, mochte geradezu sagen: »Er ist's!« denn eine wilde Flammenröthe ergoß sich über das kräftige jugendliche Antlitz des Jünglings, seine Augen funkelten, und die Hand auf dem Tische ballte sich krampfhaft zur Faust. Allein der lange wunderliche Gast beachtete dieses verhängnißvolle Mienen- und Geberdenspiel nicht im Mindesten, sondern schritt, nachdem der dicke Roßwirth ihn benachrichtigt hatte, daß die Maid mit der leeren Kanne seine einzige eheleibliche Tochter Küngold sei, mit zahlreichen Verbeugungen auf das todtbleiche Mädchen zu und pflanzte sich mit seinen krummen Beinen wie ein lateinisches X vor sie hin, versichernd, dieser Tag sei einstweilen der glücklichste seines Lebens. Auf dieses »einstweilen« legte er einen näselnden Nachdruck, wovor Küngold zusammenschauderte und der vorerwähnte junge Gast den rechten Fuß fast am Stuhlbein verkrümmte. Ohne ein Wort zu erwiedern, eilte die Jungfrau fort und der alte Freiwerber fuhr erst aus seiner Verblüffung, als ein schmetterndes unauslöschliches Gelächter aller anwesenden Zecher die Schlösser der Sitte und die Riegel des Erstaunens endlich siegend durchbrochen hatte. Meister Werni lugte mit den falschen schielenden Augen etwas verdrießlich in der Stube herum und vermerkte endlich, indem er mit zitternder Hand an den zwölf Barthaaren melkte und dabei zu lächeln suchte, gegen Vetter Ochsenbein: »Ihr Burgdorfer, Groß und Klein, seid ein absonderlich aufgeräumtes Völklein, hm! hm! wie ich schon in den zwei Minuten meines Hierseins zur Genüge erfahren habe, hm! hm! Ihr kennt hierorts ganz genau die Pflichten der Gastfreundschaft, hm! hm! und übt sie auf eine wunderliche Weise hm! hm! ...« Herr Ochsenbein braute noch an einer entschuldigenden Antwort, als der junge Mienen- und Zeichenredner hastig vom Stuhle aufschoß und dem Schneider zurief: »Steckt euern Tadel ein, Herr Leichenhahn, oder was ihr sonst sein möget, hm! hm! Oder ich breche euch eure klappernden Knochen vollends entzwei, hm! hm! Die Burgdorfer üben die Gastfreundschaft gerne, aber nur an vernünftigen, menschlich gestalteten Kreaturen, nicht an Wechselbälgen und Vogelscheuchen, hm! hm! an denen sich, wie zum Exempel an euch, hm! hm! die schwangern Frauen versehen möchten und wodurch die ehrlichste Stadt im obern Ergäu um ihre an Leib und See! gesunde und wohlerworbene Nachkommenschaft kommen könnte – hm! hm!« Nun erst brach das rechte Wetter los, es hatte sich durch des jungen Mannes Rede allgemein in die Hagelschauer des bittersten und entschiedensten Spottes verwandelt und der verlegene Wirth und Rathsherr wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er seinen Gast und künftigen Eidam mit möglichster Geschwindigkeit aus den Augen der Lacher in ein Nebenzimmer bugsirte, wohin noch lange das höhnende hm! hm! hinüberklang. Meister Werni warf sich mit unverkennbarem Unmuth in den ledernen Großvaterstuhl; die letzten Trümmer seiner Zähne klapperten vor Schreck und Verdruß zusammen, und sein Gesicht war bis an die äußerste Nasenspitze blau angelaufen. »Hätt' ich das gewußt, Vetter,« schnarrte er wild, »ich wäre hübsch daheim bei meinen Gesellen geblieben, die mich respektiren, und bei meinen Mitbürgern, die mich vergöttern – hm! hm!« »Das hättest du thun können, Meister Werni,« entgegnete leise Herr Ochsenbein, indem er hochmüthig die Arme in die Speckseiten stemmte und die Augbraunen zusammenzog. »Dann aber hättest du meine Tochter nie bekommen. Merke dir: erst wenn ich hier den Schultheißenstuhl besteige, besteigst du das Ehebett, Schultheiß werd ich aber erst, wenn die Oesterreicher unserer Stadt Meister sind; Meister werden sie nur, wenn sie des Ortes Gelegenheit durch dich kennen; diese kannst du, zu ihren Händen, nur kennen lernen, indem ich sie dir zeige, und um sie dir zeigen zu können, war es nöthig, daß du hieher kamst. Verstanden?« »Vollkommen, hm! hm!« näselte der Aarburger; »ich bewundre deine Weisheit, Vetter, die so gründlich, wie mein Lehrbube. Einen Faden aus dem Andern herauszuhaspeln versteht. Indessen denk' ich, der Schneidermeister Werni wäre auch ohne österreichischer – Gesandter zu sein (Spion ist ein schlechtes Wort hm! hm!) mit seiner wohlgespickten Truhe ein genehmer Freiwerber gewesen hm, hm! – wenn nicht für die Tochter, doch mindestens für den Vater, der, wie ich wohl recht weiß, das Geld achtet, auch wenn es eine Schneidernadel aus gestohlenem Tuch herausgekratzt hat, hm! hm! Das Mädel scheint mir aber bedenklich heikel, und sag', wer ist der Milchbart, der mir so verdammt hitzig an die Leber fuhr? hm! hm!« »Es ist Heini Vogelsang, des Wächters Sohn, dem meine Küngold längst ins Herz gewachsen sein mag, der arme Schlucker! Du mußt ihm schon Etwas zugut halten; denn Scheiden und Meiden thut weh! Doch jetzt muß ich in die Gaststube zurück: werde dir Essen und Trinken durch die Küngold schicken. Mach' dich mit der Maid bekannt und bereite dich dann auf die nächtliche Runde.« Als der Alte in die Gaststube zurückkam, mußt' er die Tochter erst lange rufen; und wenn der geneigte Leser wahrgenommen, daß auch Heini Vogelsangs Platz leer ist, so wird er vermuthen, daß dringende Geschäfte die Abwesenheit des Mägdleins nothwendig und ersprießlich gemacht haben. Endlich erschien sie mit freudestrahlenden Augen und vernahm sichtbar erfreut, daß sie bestimmt sei, ein speisender Habakuk des in der Löwengrube des Nebengemachs schmachtenden Aarburgischen Daniels zu werden. Verwundert blickte Herr Ochsenbein der geschäftig Forteilenden nach. Meister Werni empfing sie in seinem Versteck mit der ganzen Abgeschmacktheit eines verliebten Greises. Er hüpfte dem Mädchen auf den Zehen entgegen, nahm ihr den Korb voll dampfender Speisen und den Humpen Reifwein unter lächerlichem Schnalzen und Grimassiren ab, stellte Beides auf den Tisch und küßte minneglühend die weißen Hände, welche die Gottesgaben getragen. Wer weiß, wozu ihn die erste Ueberraschung des süßen Besuchs noch getrieben, wenn sein bellender Magen dem flackernden Herzen keinen Einhalt gethan und seine brennende Gurgel den Fluß seiner Liebesworte für den Augenblick nicht erstickt hätte. zumal Küngold nicht sehr abwehrend zu Werke ging. Der Schneidermeister begnügte sich also einstweilen, seine zärtlichen Blicke in die Betrachtung der vor ihm sitzenden Wirthstochter und der dampfenden Speisen, die er vorweg mit großem Heißhunger verschlang, und des perlenden Weins, womit er die worgenden Bissen unablässig hinunterschwemmte, zu theilen. Endlich, nachdem die ganze Auslage vergriffen war, ging das Reich des Magens unter und aus dem Chaos des Genossenen tauchte siegend das schneiderliche Herz. Ei, was für zierliche, brünstige Reden flossen aus dem unzierlichen Mund! Wie geckenhaft zupfte und putzte der Ellensteckenritter an seinem bunten Kleide! Wie leichtfüßig tänzelte und scharwenzelte er um die blühende Bernerblume, während ein dumpfes Keuchen und ein sieches heftiges Händezittern, gleich einem vorlauten Nachtwächter, der die verspäteten Zecher stört, Allen vernehmlich das zurückgelegte siebenzigste Lebensjahr verkündeten. »Jungfer Küngold!« flötete schmelzend der Schneider, indem er erschöpft in den Lehnstuhl zurücksank, »setzt euch doch ein Weilchen neben euern gehorsamsten Knecht, auf daß seine Nase euern heiligen Odem trinke, hm, hm! Seht, Königin der Engel,« fuhr er fort, indem er ihre runde Hand in seine Knochengriffe klemmte und sie sehnsüchtig anschielte, »ich bin, trotz meiner grauen Haare, ein Mann in den besten Jahren, hm, hm! noch immer stark und rüstig genug, einer so holden Himmelsrose, wie ihr, zum Lebensstecken zu dienen, auf daß der Sturm sie nicht zerknicke, hm, hm! Alles biet' ich euch, was der Frau die Erde zum Himmel, den Ehstand zum Paradiesgärtlein machen kann: Ein minneglühendes Herz und – einen wohlgespickten Beutel, aus welchem unerschöpflich schöne Kleider, feine Bissen – kurz alle Dinge herfließen werden, was eines Weibes Herz erfreuen mag, hm hm! So ihr dieses wolltet: so sprechet ja, und besiegelt euere Zusage mit einem Kuß eures unvergleichlichen Mundes, hm hm!« »Mann Gottes,« entgegnete das sich fast krank lachende Mädchen, »wir Burgdorferinnen küssen nicht so schleunig. Ich will euch zwar keineswegs zumuthen, die Jakobsprobe zu bestehen; denn da wäre euch allerdings mit gutem Fug zu rathen, eher das Todtenhemde zuzuschneiden, denn das hochzeitliche Gewand, und euere Rahel müßte, statt am Brautbette, an euerm Sarge stehen und euch weinend betrachten, wie ihr so da läget, als eine eingerostete Scheere, die keine menschliche Kraft mehr zu öffnen vermag. Aber vor Allem fordere ich eine Probe euerer treuen Minne, und diese Probe heißt Vertrauen. Sagt, würdiger Schneidermeister, wie habt ihr's denn angefangen, so ganz und gar das Herz meines Vaters zu behexen, daß er meiner Hand selbst dem reichen jungen Pfister, Erbe an der Schmiedgasse, der eifrig um mich anhielt, verweigerte? Es muß da etwas Absonderliches dahinter stecken.« In Meister Werni's falschen Augen und um seinen Mund spielte abwechselnd das Lächeln erstaunlicher Pfiffigkeit, vornehmer Selbstgefälligkeit und schlauer Vorsicht, die aber bald in seiner Sinnlichkeit unterging. Er rieb sich eine Weile heftig die Stirne und fragte dann schmachtenden Blickes: »Erhalt' ich meinen Lohn sogleich nach geschenktem Vertrauen, edle Jungfrau?« Worauf die listige Maid ihm recht sinn- und herzverrückend die knöchernen Backen streichelte und verschämt erwiederte: »Ihr werdet mit mir zufrieden sein, Meister Werni.« Jetzt zog der alte Geck die Schleußen der Vorsicht weg und eröffnete der aufmerksam zuhörenden Dirne, wie er wohl begreife, daß Vater Ochsenbein ihn dem reichen Pfister und allen Burgdorferjünglingen vorziehe, sintemal keiner derselben im Fall sei, ihn zur Schultheißenwürde hiesiger Stadt zu erheben. Er aber, Meister Werni von Aarburg, habe die Ernennung von Seite Herzog Albrechts von Oesterreich selber im Sack, dafern nämlich, wozu Herr Ochsenbein sich erbötig gezeigt, besagtem Herzog die Stadt in die Hände gespielt werde. Diese »Ueberlieferung« sei Niemanden leichter möglich, als dem Besitzer des Gasthofs zum weißen Roß, weil von diesem aus nach erhaltenen Berichten ein unterirdischer Gang vor die Stadt führe, dessen Einfahrt von Außen nur dem Hausbesitzer bekannt sei. Dieser Eingang, den er, Meister Werni, nun zu besichtigen gekommen, und die süße Küngold seien der bedungene Lohn für die Schultheißenstelle. »Um wessentwillen,« fuhr der alte Sünder fort, »hab' ich mich in diese gefährliche Geschichte eingelassen? Ich, ein friedlicher Schneidermeister, berühmt und gesucht im ganzen Land und gesegnet mit Glücksgütern! Nur um deinetwillen, du Thau meines Herzens, du Nußknacker meiner Qual! Seit ich dich in meiner Bude, wohin mein guter Stern vor einem Jahre dich führte, zum ersten Male schaute, bin ich nicht mehr der alte Schneidermeister und Spendvogt Werni von Aarburg, sondern ein verjüngter Adler, der sich nun eingefunden hat, wo sein Aas ist!!« Nach dieser lieblichen Vergleichung bemühte er sich, seine Armknochen um den blühenden Leib zu schlingen, was ihm aber nicht gelingen konnte, weil sich Küngold mit einer raschen Wendung gegen die Thüre flüchtete. »Ei, ei!« lachte das liebe, schlaue Kind, »ihr seid noch viel zu ungefüg, lieber Herr, um die Minne eines Bernermädchens im Sturm zu erobern. Traun, wenn es euch mit der Ueberrumpelung der Stadt nicht besser geht, als eben jetzt mit mir, so rath' ich euch in Treuen, das halsbrechende Unternehmen bei Zeiten aufzugeben. Ueberdieß küßt man sich bei uns nicht am hellen, heitern Tage, sondern in stiller Nacht, zur Zeit des lustigen Kiltgangs. Mein Kämmerlein ist von hier eine Treppe hoch, Numero zwölf rechter Hand. Merkt euch das!« Und weg war die flinke Dirne. Der Schneider sah ihr einen Augenblick mit freudiger Ueberraschung nach; dann wagte er ein Paar bocksteife Luftsprünge: »Von hier eine Treppe hoch, Numero zwölf rechter Hand!« murmelte er unaufhörlich und geberdete sich dabei, wie ein Wahnsinniger, bis er endlich schnaufend in den Lehnsessel zurückfiel und sich einem fieberhaften Schlummer übergab, aus welchem ihn erst um die eilfte Stunde Vetter Ochsenbein weckte. »Komm Vetter, es ist Zeit,« flüsterte dieser; »wir haben zwei lange steinerne Treppen hinunterzusteigen und eine gute Strecke in dunkler, feuchter Erde zurückzulegen.« »Nichts da!« entgegnete der schlaftrunkene Meister; »willst du einen Narren, so kauf einen bleiernen, hm hm! Eine Treppe hoch von hier, Numero zwölf rechter Hand. Ich weiß es besser.« »Sei kein Narr, Werni, sperr die Augen auf und komm,« schnauzte der Roßwirth heftig, indem er ihn unsanft auf die wackelnden Beine zog. – Der Mann mit dem Ziegenbart schüttelte und streckte sich und kam endlich nach einem langen staunenden Blicke um sich her, und einem gedehnten Oh ah! insoweit zu sich selbst, daß er dem Wirthe, der mit einer Laterne vorauszündete, folgen konnte. Sie stiegen in den tiefen Gewölbkeller hinunter, welchen Herr Ochsenbeins Wirthschaftlichkeit mit vollen Fässern ausgesuchten Weines, die in dreifacher Reihe und absteigender Linie hingepflanzt waren, reichlich ausgestattet hatte. Eh' wir aber den Beiden in den unterirdischen Gang folgen, in welchem der Verrath sein Wesen treiben soll und dessen Schlund uns, nachdem der dicke Roßwirth einen beweglichen Pfeiler weggeschoben, in einer Ecke sichtbar wird, müssen wir dem geneigten Leser kürzlich bemerken, daß man von Herrn Ochsenbein, trotz seiner Wirthschaftlichkeit und seiner Rathsstelle hätte sagen können: »Er ist nicht Schuld, daß das Pulver kläpft«, Kläpfen von Klapf; hier der plötzliche erschütternde Knall, den das entzündete Pulver hervorbringt. wenn damals notabene das Pulver schon erfunden gewesen wäre. Seine zwei Hauptneigungen, Geiz und Hochmuth, hielt eine gewisse Schlauheit zusammen, die man auch bei beschränkten Menschen findet, und welche meistens im Leben recht gut forthilft. Dies möge nachträglich das Benehmen des Wirthes zum Roß in einer Sache erklären, die einen verständigen, wohlüberlegenden Mann mit Schauder und Abscheu erfüllt hätte, ihm aber wie eine Wein- oder Käsespekulation vorkam, bei der sich ein Ordentliches gewinnen lasse. Schon beim Eintritt in den Keller ließ sich ein äußerst bedenkliches Schlottern an Meister Werni verspüren und erst als er sich mit einem tüchtigen Schluck von »dem unter der Steige« »Der unter der Steige«, sprichwörtliche Bezeichnung für den besten Wein im Keller, welcher gewöhnlich unter die Treppe versorgt wurde. gestärkt hatte, konnte er sich entschließen, dem Gastwirth in den unterirdischen Gang zu folgen. Das Gewölbe war eng und senkte sich erst tief hinunter. Endlich erreichten die beiden Nachtwandler, nach Beschreitung vieler zerfallener Stufen, festen Grund, auf dem sie eine Zeit lang vorwärts schritten. Plötzlich blieb der Schneider erstarrt stehen; feine zwölf Haare sträubten sich empor: hörst du Nichts, Vetter? flüsterte er und schmiegte sich eng an seinen Führer. Wir befinden uns gerade unter der Kirche der Barfüßer, erwiederte dieser, und was du hörst, ist das nächtliche Gebet der Mönche, denen vor alten Zeiten mein Haus gehörte und die sich auch diesen Gang bauen ließen, der sie hierhin in die Arme der Liebe, dorthin ins Freie führte. Ei, so bohr dich doch nicht ganz in meinen Leib wie ein Holzbock, Werni! wir sind ja hier so sicher, wie in meiner Stube. Ich habe sonst Muth wie ein Löwe, zähnklapperte der Nadelheld – aber in unterirdischen Gängen wird mir immer etwas unwohl. Das kömmt ohne Zweifel von meiner Urgroßmutter her, welche zwei Wochen lang in einem unterirdischen Kerker zu Roggwyl gefangen saß, als sie eben mit meiner Großmutter schwanger ging. – Damit schritten sie fürbas. Nach halbviertelstündigem Gang ging es wieder eine Treppe aufwärts. Herr Ochsenbein zog zu seinen Füßen einen Nagel aus; die Wand sank nieder. Es war das Wargemälde einer kleinen offenen Waldkapelle vor der Stadt. Sie stiegen die Stufen hinunter und waren im Freien unter'm Sternenhimmel. Das ist gut, sehr gut! zischelte eilig der Schneidermeister; ich weiß jetzt ganz genau Steg und Weg und danke dir, Vetter Schultheiß! Aber jetzt wollen wir wieder zurück; ich fühle mich herzlich müde. Denn obgleich ich ein vortrefflicher Reiter bin, lieg' ich doch zehnmal lieber in weichem Flaum, als ich zu Gaul sitze – hm hm! Damit stieß er den dicken Mann in die Kapelle zurück; dieser aber stand bedächtlich still und meinte, von den Altarstufen herunterflüsternd: er habe nun gezeigt, was zu zeigen sei; nun aber wünsche er seinerseits auch die Handschrift zu sehen, welche ihn mit dem Schultheißenstuhl belehne, falls er den Oesterreichern auf diesem sichern Wege in die Stadt helfe. Ei, so komm nur, langweiliger Speckwurm! drängte Werni, das Pergament liegt ja in meinem Mantelsack und dieser in der Nebenstube, wo deine Tochter – hm hm! – – »Eine Treppe hoch Numero zwölf rechter Hand«, rekapitulirte er halblaut für sich und schoß, wie eine Bremse, in den geheimnißvollen Gang zurück, so daß Herr Ochsenbein, infolge seiner Dickleibigkeit, alle Mühe hatte, dem Spindelbein nachzukommen. Hundert Schritte waren sie fortgeeilt, als plötzlich der Rathsmann stehen blieb und den neben ihm wandernden Schneider mit nerviger Faust zurückhielt: Halt! keuchte er; eben jetzt glaubt' ich eilende Fußtritte vernommen zu haben; doch ist es wohl nur eine Kellerratte oder Sinnentrug gewesen, fuhr er, sich und seinen Gefährten beruhigend, fort und wanderte beschleunigten Schrittes weiter, indem er den erschrockenen Werni, der sich mit rollenden Augen an seines Vetters Wams festhielt, hinter sich drein zog. Wohlbehalten kamen sie von ihrer nächtlichen Fahrt in die trauliche Nebenstube zurück. Bald klangen die Becher; denn der Wirth hatte mit großer Hast im Keller noch einen Humpen vom Besten aus dem Steigenfasse geklopft. Nachdem die beiden würdigen Herren ihren Schrecken in ein Paar Bechern Reifwein ersäuft hatten, verlangte der Roßwirth wiederholt das Pergament zu sehen, worauf der Lohn seines Verraths nach der Versicherung Meister Werni's mit bunten, reich verzierten Buchstaben zu lesen sein sollte. Unverzüglich machte sich der Ueberbringer des Aktenstücks an die Oeffnung seines daliegenden Mantelsacks und zog nach langem Suchen eine in Leinwand gewickelte Rolle hervor, die er dem ungeduldig Harrenden mit dem Vermerken überreichte, er möge sich im Durchlesen sputen, sintemal der Schlaf jetzt seine Schneiderseele übermanne, nachdem dies der vielfachen Gefahr nicht gelungen sei, welche ihm den heutigen Tag zum merkwürdigsten seines Lebens mache. Mit zitternder Hand wickelte der eitle Gastgeber die Rolle auf. Von bunten, reichverzierten Buchstaben sah er Nichts, wohl aber stand mit zierlicher Mönchsschrift auf dem Pergament geschrieben: »– – Du tuost als diu kint, die da zähes muotes sint: Swaz den kumet in den muot, ez si übel oder guot, darzuo ist in alles gach, und geriuwet si sere dar nach.« Stelle aus dem »armen Heinrich« von Hartmann von Aue, Minnesänger des dreizehnten Jahrhunderts Wie versteinert starrte der Leser bald den verhängnißvollen Spruch, bald den Schneider an, der gähnend und scheinbar unbefangen seine tückischen Blicke erhoben hatte, um die freudige Wirkung in Augenschein zu nehmen, welche die vermeintliche Urkunde bei dem Rathsmann hervorbrächte. Wie erstaunte er aber, als Herr Ochsenbein ihm das Pergament sichtbar erschüttert und mit den Worten zurückgab: Vetter, du hast dich vergriffen. Was hier geschrieben steht, kömmt mir vor, wie eine Stimme vom Himmel. Ich will die Urkunde diese Nacht nicht mehr sehen. Morgen ist auch ein Tag und da läßt sich mehr von der Sache reden. Komm, daß ich dir ins Bett zünde. Meister Werni schwur bei allen Heiligen, daß er durchaus nicht begreifen könne, wie diese Reime sich in seinen ungereimten Mantelsack und sogar in die leinenen Fetzen verirrt hätten, worein die Ernennungsurkunde, als er sie vom Freiherrn von Wildegk, dem österreichischen Kämmerling, empfangen, eigenhändig von ihm gewickelt worden sei; eben so wenig vermöge er zu ergründen, was aus dem documento quæstionis geworden. Ohne Zweifel müsse das Alles sich Morgen aufklären und er trage darum ebenfalls auf Vertagung der Session und Eingang ins stille Kämmerlein an. Sie gingen. Kurze Zeit, nachdem der Gastwirth zum weißen Roß den Vetter von Aarburg in Numero Eins, seinem besten Gastzimmer, untergebracht hatte, öffnete sich die Thüre dieses letzten und heraus trat – das Licht mit der Linken sogleich verdeckend – eine lange, klappernde Gestalt im Hemde, mit bloßen Füßen, wie ein Pönitenzier. Auf den Zehen schlich sie sich über die Laube, keuchte die Treppe hinauf und schritt, eifrig die Zahlen musternd, die über den Thürpfosten gemahlt standen, an der Zimmerreihe rechter Hand hin, immerfort murmelnd: »Eine Treppe hoch, Numero zwölf, rechter Hand!« Plötzlich stand sie festgewurzelt. Keine eifrige Beterin betrachtet ein wunderthätiges Marienbild andächtiger und feuriger; kein müder Wanderer wirft einen freundlichern Blick auf das Schild der ersehnten Herberge; kein Senn begrüßt seine lang entbehrte Alpenhütte zärtlicher – als Meister Werni, den der geneigte Leser ohne Zweifel schon erkannt haben wird, die Zahl zwölf über der Kammerthüre rechter Hand, welche weit abgelegen und kaum zu finden war, begrüßte. Ein süßer Schauer fuhr ihm sichtbar durch Seel und Leib und seine bebende Hand war fast unvermögend, den ungefügen Schlüssel zu drehen und die verhängnißvolle Thüre zu öffnen, durch welche er eingehen sollte in den Himmel der Kilt. Der Kiltgang war ein im Kanton Bern allverbreiteter Gebrauch, der darin bestand, daß die jungen Bursche Nachts zu ihren Mädchen in die Kammer stiegen und dort bis am Morgen verweilten. So unanständig diese scheinbare Anticipation ehelicher Rechte manchem Leser vorkommen mag: so darf dennoch zur Ehre beider Geschlechter gesagt werden, daß das Lockende dieses Gebrauchs, der jetzt noch in gewissen Theilen des Kantons fortdauert, höchst selten zu entehrenden Folgen führt. Wir sind durchaus nicht befugt von dem was da drinnen, im vermuthlichen Heiligthum der Liebe vorgeht, Zeugen zu sein und das zarte Geheimniß einer sich still entwickelnden, wenn auch seltsamen Neigung, mit frechen Blicken zu entschleiern. Wir entfernen uns daher leise und glückwünschend von der wieder verschlossenen Himmelspforte ... Aber halt! was ist das? Ein fürchterlicher Krach, wie wenn etwa ein Sack voll Haselnüsse zu Boden geworfen wird, ertönte aus dem Innern der Numero zwölf; hierauf ergab sich ein erbärmliches herzbrechendes Stöhnen, worauf die rührende Klage folgte: Aber verehrteste Jungfer Küngold, wie könnt ihr denn euern treuen Freund und Vetter also mißhandeln, nachdem ihr ihn selbst eingeladen, hm hm? Was eingeladen! entgegnete, wie ein gedämpfter Donner, die kräftigste Männerstimme, die es damals zwischen der Emme und Aare gab. Ich habe dich weder eingeladen, noch bin ich die Küngold, wie du leicht aus meinen Fäusten entnehmen magst, alter Bock! Ich werde dich auf dem Platze erwürgen; drum bete, wenn du beten kannst, verruchter, österreichischer Spürhund! Oder bist du etwa draußen in der Waldkapelle andächtig gewesen, von welcher du herkommst? hm hm! Auau! Ihr – er – würgt mich, unbekannter, hochachtbarster Herr! krächzte der unglückselige Werni und peitschte hörbar mit den Füßen den Boden, auf welchem er, nach Allem zu schließen, unter der Faust seines Widersachers ausgestreckt lag. Dir gebührt das Ende des Judas, war die Antwort des Andern; doch weder ich, noch du selbst sind berufen, dem Henker ins Amt zu greifen; ich werde dich knebeln und sammt deinem Helfershelfer, dem Schultheißen in spe , dessen Ernennungsurkunde mir der Zufall in die Hände gespielt, dort hinauf ins Schloß, und dem Bernerschultheißen in re in die gnädigen Hände befördern. Ei, wie freundlich wird er die beiden hohen Häupter empfangen, wie reichlich wird er sie bewirthen, in seiner stattlichsten Besuchstube tief unten im Marterthurm, wo Heulen und Zähnklappern ist! Damit erhob sich der Redner hörbar und ging, während der angstvolle Werni in einen Strom von Gnadenflehen ausbrach, mit starken Schritten auf und nieder. Es sei! ertönte endlich die Stimme des Schrecklichen: es sei; aber du mußt dich sogleich auf deinen Klepper setzen und das Weite gewinnen. Nicht deinem Flehen hast du dein Leben zu danken, alter Galgenvogel! Deine Beschützer sind Mädchenseufzer und Mädchenthränen, die aber nicht dir, sondern einem schwachen Vater gelten, den du verführt und betrogen hast! Eine Viertelstunde nachher öffnete Heini Vogelsang, des Wächters Sohn, dem seltsamen Reiter von gestern Abend, auf den er lächelnd den vollen Strahl seiner Laterne fallen ließ, das Stadtthor gen Winigen. Draußen aber im Zwielicht erhob Meister Werni seine drohende Faust gegen die Stadt und murmelte: ich komme wieder! Zweites und letztes Kapitel Wie der Schneidermeister Werni von Aarburg seinen Widersachern eine Grube gräbt, in die er selber fällt. Item: was dem vorausgegangen. Drei Monate nachdem begegnet, was du, geneigter Leser, im ersten Kapitel erfahren hast – es war im Anfang des Herbsts – zog in der Abenddämmerung zitternden Gangs ein alter Pilger mit weißem Bart, in dunkelm, weitem Gewande – abermals durch das Winigerthor – in die Stadt Burgtorf. Er nahm seinen Weg gegen den untern Spital, trat aber nicht in das Haus, sondern in die dabei stehende St. Verenakapelle, wo er sich sogleich brünstig betend an den Stufen des Altars niederwarf. Der Greis schien so in Andacht versunken, schien so dem Vergessen alles Irdischen hingegeben zu sein, daß der Kirchner, der um 10 Uhr die Thüre zu schließen kam, ihn erst aufrütteln und ermahnen mußte, sich, wenn er nicht eingesperrt sein wolle, von hinnen zu begeben. Ei, entgegnete der Fremde mit dumpfer Stimme: es ist denn in eurer Stadt einem frommen Wallfahrer nicht erlaubt, seinem Gelübde gemäß, die Nacht in einer Kapelle zuzubringen, ohne eingekerkert zu werden? Das wäre mir doch wunderlich, hm hm! Gelobt sei Jesus Christ! In Ewigkeit! sprach der Andere. Frommer Mann, ohne die Erlaubniß meiner Obern, des Spitalvogts, darf ich die Kapelle nicht offen lassen. Doch, so ihr's begehrt, will ich ihn fragen, oder ihr möget es selbst thun. Es wird euch ohnehin lieb sein, ein wenig ins Haus zu treten und euch durch den Genuß einiger Speise für euere nächtliche Andacht zu stärken. Der Pilger hieß mit einem ernsten Kopfnicken den Vorschlag des Kirchners gut und folgte ihm in die Wohnstube des Spitalvogts Hans Bickinger, welcher eben mit dem Kapellan des Spitals, Pater Augustin, am traulichen Bretspiele saß. Der Vogt war sogleich geneigt, dem Wunsche des Pilgers, dessen feines Gewand und vornehmes Thun auf einen höhern Stand schließen ließ, zu entsprechen, und lud ihn ein, bis die Abendsuppe bereitet sei, Platz zu nehmen; was der Alte auch mit einer stummen Verbeugung that, indem er sich in einen finstern Winkel drückte. Bald war das Spiel zu Ende und Herr Bickinger wandte sich nun gesprächsweise an den Pilgrim, welcher auf die an ihn gerichteten Fragen vorgab, nach Mariäeinsiedeln wallfahrten und auf seinem Wege dahin überall die heiligsten und merkwürdigsten Reliquien aufsuchen und adoriren zu wollen, an welchen die Stadt Burgdorf, wie er gehört, keinen Mangel leide. Gewiß nicht; erwiederte der fromme Spitalvogt. Unsere Stadt ist in dieser Hinsicht absonderlich, vor vielen tausenden gesegnet. Die hochwürdigen Väter Barfüßer z. B. besitzen: die große Zehe der heiligen Margareth, die Gebeine der heiligen Dorothea, den Vorderarm St. Georgs, das Steißbein St. Bernhards. Unsere Kapelle erfreut sich des Halswirbels vom heiligen Wilhelm und des ganzen heiligen Ursus. Die Stadtkapelle verschließt sogar fünf Haare der Jungfrau Maria, einen von den Steinen, womit St. Stephanus gesteinigt wurde; ein halbes Pfund Kalch aus des Erlösers Grab; und die Schloßkapelle ist so glücklich, eine Rippe St. Johannis, des Täufers, einen Stockzahn der Königin Adelheid und zwei von den Windeln zu besitzen, worein die Mutter Gottes Jesum auf der Flucht nach Aegypten gewickelt hat. Gelobt sei Gott sammt seinen Heiligen für diese unschätzbaren Güter! Hat doch der Vorderarm des gebenedeiten Lindwurmtöders noch vor wenig Wochen seine siegende Kraft dort zu Bickingen gegen unsere und Berns Feinde, die Oesterreicher, glorreich bewährt! Ei, wie sehr würden ihr mich verpflichten, näselte der Fremde, den Hals weit vorstreckend, wenn ich jenes Ereigniß, das mir auf so mannigfaltige Art erzählt worden ist, aus euerm glaubwürdigen Munde hören könnte, hm hm! Wir haben bis zum Nachtimbiß noch eine Viertelstunde Zeit, erwiederte Herr Bickinger und begann: Euch ist vielleicht bekannt, daß unsere liebe Stadt Burgdorf vordem den Grafen von Kyburg gehört und von diesen vor nun bereits vier Jahren der Stadt Bern käuflich abgetreten worden ist. Ohne Zweifel seid ihr auch im Wissen, wie schon Graf Rudolph von Kyburg, welcher ehemals auf dem Bergschloß Bipp, unweit Solothurn, seine Hofburg hielt, heimlich Volk warb um die seinem Geschlechte ehemals zugehörigen Städte Aarburg und Thun, welche pfandweise an Bern gekommen waren, wieder an sich zu reißen. Weltbekannt ist ebenfalls, was maßen er die biedere Stadt Solothurn auf eine verrätherische Weise in seine gräfliche Gewalt bekommen wollte. Schon zog er im Finstern und auf heimlichen Wegen gegen die sichern, unbewehrten Mauern. Der St. Ursuspropst, sein Ohm, mit ihm einverstanden, hatte den Chorherrn Amstein, dessen Wohnung auf der Stadtmauer lag, in Mitwissenschaft gezogen und um schweres Geld bewogen, die Kyburgischen Söldner durch sein Haus in die Stadt zu schwärzen und die Sturmglocke mit Tüchern zu umwinden, damit sie nicht töne. Wäre damals der wackere Hans Rott von Rumisberg, der die Verschworenen belauscht hatte, ihnen nicht mit Lebensgefahr vorausgelaufen, um den ganzen Anschlag der Wache am Eichthor zu verrathen – traun, die freie Stadt Solothurn seufzte jetzt unter Kyburgischer Eisenfaust. Wenn ihr gen Solothurn kommet, gewahret ihr jetzt noch auf dem Rade am Galgen die Gebeine und den grinsenden Schädel des verrätherischen Chorherrn, den die Gerechtigkeit Gottes erreicht hat. – Auf dieses hin machte Graf Rudolph noch einen Anschlag auf Aarburg, der ebenfalls mißlang. Nun aber ergingen über das Kyburgische Haus Berns und Solothurns strenge Zorngerichte. Die zahlreichen Schaaren der beiden Städte fielen überall verheerend und erobernd in das gräfliche Gebiet ein und die Berner namentlich rückten auch vor unsere Stadt Burgdorf. Darüber grämte sich Graf Rudolf und starb. Aber seine Brüder und namentlich Graf Eberhard, stritten hartnäckig um ihr uraltes Erbe; Schulden und Fehdeunglück zwangen sie endlich, die alte Hauptstadt von Burgund ihren Feinden kaufsweise zu überlassen, ohne jedoch die Hoffnung aufzugeben, ihrer auf irgend einem Wege wieder Meister zu werden. Keine Zeit schien ihnen hiefür günstiger, als die gegenwärtige, wo der österreichische Haß wegen der Räfelserschlacht mehr als je gegen die Eidgenossenschaft entbrannt ist und wo Herzog Albrecht, nachdem er mit dem Schwert nicht hat siegen können, es mit List und Bestechung versucht, Burgdorf sollte jetzt ein Kyburgisches Erblehen unter österreichischer Oberherrschaft werden; so war es im Rathe Albrechts und Eberhards, aber ganz anders war es im Rathe des Himmels beschlossen. Die Rüstungen der Oesterreicher im Unterergäu wurden sehr geheim betrieben: so daß wir hiervon der Gefahr erst Kunde erhielten, als sie im Dunkel der Nacht fast bis nach meinem Stammhofe Bickingen vorgerückt waren, wo ein Knecht die daher schleichenden Söldner gewahrte, deren einige eben einen Hühnerstall leerten, dessen heftig gackernde Einwohnerschaft seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Schnell wurden die Thore geschlossen, die Sturmglocken geläutet. Alles in der Stadt, Männer, Weiber, Greise und Kinder, griff zu den Waffen. Ein edler Kampfes- und Todesmuth hatte Alle ergriffen. Unser greise Schultheiß, Johannes Pfister von Bern, schritt mit dem breiten Schlachtschwerte, das schon im Jahr 1335 den herrlichen Sieg bei Laupen über den hochmüthigen Adel miterringen half, ermunternd und ordnend durch unsere Reihen. Die Mauern, durch unzählige Laternen erleuchtet, boten ein höchst belebtes Schauspiel dar; von ihnen herunter sah man die zahlreichen Feinde den Stadtkranz dunkel umschleichen, gleich schlauen Füchsen einen wohlverwahrten Hühnerstall. Es war drei Uhr des Morgens, den 26. Heumonds. Auf der nördlichen Seite der Stadt, welche durch Mauern am schwächsten bewehrt ist, sammelten sich die Buschklepper und begannen den Hügel gegen die Stadtkapelle, seitwärts vom Barfüßerkloster, hinaufzuklimmen. Es war, als ob der Wald, von dem Beatenkirchlein her, sie zu Hunderten ausspeie. Unter leisem Gesurr und Geklirr kamen sie immer näher. Als sie kaum noch auf halbe Bogenschußweite von uns waren (ich befand mich gerade an jener Stelle), gab Cunrad von Rütschelen, der Stadt Venner, welcher hier befehligte, das Zeichen zur Abwehr. Und nun rollten eine Menge zusammengetragener Steine, Kessel und Töpfe voll siedenden Oels und Wassers – und unverweilt stürzten dann wir, einem brausenden Wetter vergleichbar, aus unserm Verstecke und den Abhang hinunter, in die gebrochenen und erschrockenen Reihen; füraus die herzhaften Frauen von Burgdorf, bewaffnet mit Knitteln, Kärsten, rostigen Spießen und Schwertern, wie sie eben der Augenblick reichte; Waffen, welche, wie mancher Feindesleichnam zeugte, auf furchtbare Weise gehandhabt wurden. Die feigen Schufte, die uns unvorbereitet zu überfallen und zu bewältigen gemeint hatten, stießen ein Geheul des Entsetzens aus. Es war das Zeichen zu allgemeiner und schimpflicher Flucht gegen die Grafenscheuern und Bickingen. Hier aber erwartete sie erst ihr schlimmstes Geschick; denn bereits hatte der wackere Schultheiß Pfister, vom Winigerthor her, einen Ausfall gemacht und ihnen bei Bickingen den Weg abgeschnitten. Inzwischen war der schönste Julitag angebrochen. Im Strahl der aufgehenden Sonne konnten wir unsere Feinde genau unterscheiden. Sie waren von dem mir gar wohl bekannten Ritter von Rüßeck, Stadthauptmann zu Zofingen und Herrn zu Bottenstein, angeführt, einem edeln Kriegsmann, der sich zu so hinterlistigem Angriff nicht hätte sollen gebrauchen lassen. Es schien auch, als ob der alte Muth, den er bei Sempach und anderwärts bewiesen, gänzlich von ihm gewichen sei. Wie unsinnig sprengte er auf seinem rothen Streitroß hin und wieder und schrie, das Antlitz auf den silbernen Brustharnisch bergend, seinem flüchtigen Volk allerlei verkehrte Befehle zu. Fast wäre er auch von Frau Ursula Kupferschmid, des Bürgers und Rathmanns von hier, mit einer Hellbarde umgebracht worden. Schon hatte sie zum Schlage ausgeholt und hätte ihn unfehlbar getroffen, wenn nicht, zum Glück für ihn, das schwere Mordinstrument sie so bedenklich hinten übergezogen hätte, daß sie es, um nicht selbst unglücklich zu werden, mußte fahren lassen. So entkam er. Schlimmer erging es dem Junker von Safenwyl. Elsebeth Dysli, Tochter des Wildmannwirths, hielt ihm, wie er in vollem Rennen um den Waldsaum herumkam, gen Winigen zu fliehen, mit so tapferer Hand eine Ofengabel entgegen, daß er sich daran spießte, unter jammervollem Geschrei vom Rosse sank und seinen hochmüthigen Geist aufgab. Ich könnte euch noch eine Unzahl Heldenthaten erzählen, die unsere braven Frauen an jenem Morgen verübten; könnte euch erzählen von Rebekka Surer, des Zeugschmieds Frau, welche mit einem Hackmesser, das an langer Stange befestigt war, einem Reisigen von Köllikon seine Bogennase rein vom Kopfe wegschlug; von Jungfer Regula Stampf, der Schneiderin, welche dem Trompeter der feindlichen Heerschaar, mittelst eines eichenen Knittels, die Trompete so kräftig ins Maul schlug, daß das Mundstück hinten beim Halswirbel wieder zum Vorschein kam; von Petronella Schwatzmann, des Schärers Frau, welche, trotz ihres hohen Alters, mit einem alten zweihändigen Schlachtschwerte des Junkers von Rütschelen, bei dessen Frau sie in selber Nacht gerade Hebammendienste verrichtet hatte, so tapfer drein schlug, daß ihr darüber selber Hören und Sehen verging; von Perpetua Stüßelinger, Köchin des hochwürdigen Kaplans Füchsli, welche einen mit den Feinden ziehenden Franziskanermönch von Zofingen von freier Hand zu Boden warf und ihm mit dem Strick, den er um den Leib trug, die Hände auf dem Rücken zusammenschnürte – – kurz, ich könnte euch von Großthaten unserer Frauen erzählen bis am Morgen und würde doch nicht fertig; sie stehen in den väterlichen Herzen unserer Regenten aufgeschrieben, die auch, wie ihr nachher vernehmen werdet, weise Anstalten getroffen haben, daß das dankbare und ehrenvolle Gedächtniß dieser weiblichen Tapferkeit und Vaterlandsliebe bei der spätesten Nachwelt nicht erlösche. Das Gefecht bei Bickingen war eine Zeitlang von unserer Seite nichts als ein Schlachten, eine bloße Metzelei, Die erschrockenen Soldbuben, im Gefühl umzingelt zu sein, ließen sich in stumpfer Verzweiflung spießen, wie Salmen, und todtschlagen, wie Rinder. Endlich gelang es dem Freiherr von Wildegk, kenntlich am riesigen Wuchs, glänzendem Harnisch und den wehenden Pfauenfedern, die zerstreuten Uebergebliebenen zu sammeln und sich mit ihnen da durchzuschlagen, wo unsere Reihen am dünnsten waren. Bei der Gelegenheit verlor Miriam Schaber, des Kleinweibels sechzehnjährige Tochter, welche dem vorübereilenden Standartenträger das Fähnlein entreißen wollte, durch einen Stich das junge Leben. Auch die Männer von Burgdorf zeichneten sich durch absonderliche Tapferkeit aus, und ich darf, ohne Ruhm zu melden, auch meiner eigenen Wenigkeit etwas Erwähnung thun. Die Armwunde, um deren willen ich jetzt noch den Arm in der Schlinge trage, ist mir auch nicht im Schlaf geworden. Dank aber vor Allen, dem ehrwürdigen, muthig-besonnenen Schultheißen Junker Pfister; dem schlachtkundigen Junker Konrad von Rütschelen und dem jungen leumuthigen Peter am Graben! Ihren Anordnungen und ihren belebenden, kräftigenden Beispielen ist der Sieg von Bickingen entsprungen. Als wir die Menge der todten Feinde (es mochten ihrer gegen Zweihundert sein) auf dem Schlachtfeld bestattet und die acht Leichname der Unsrigen auf Wagen geladen hatten, um sie der geweihten Erde des Gottesackers zu übergeben – zogen wir mit Beute belastet und triumphirend heim in die befreite Stadt. In unserer Mitte gingen fünfundzwanzig Gefangene, worunter auch ein Junker von Schenkenberg, der wehmüthig hinter seinem prächtigen Rappen herschritt, auf dem Melcher Saron saß, der Stadt Seckelmeister, welcher den Flüchtigen im Weiherwalde, wo er sich versteckt hielt, gefangen genommen, Petronella Schaber führte ihren dicken, seufzenden Franziskaner an einem Ende des Ordensstricks, der seine frommen Hände auf dem breiten Rücken zusammenhielt. So zogen wir unter dem Freudenjauchzen der Einwohnerschaft und der Umwohner, die von allen Seiten zusammenströmten, in die Stadt ein. Wem schon einmal Kettengerassel, ewiger Kerker oder Tod auf der Ferse gewesen; wem das Eulengekrächz unauslöschlicher Schmach und Entehrung schon in ahnungsvollen Tönen in die Ohren geklungen; wessen Wohnstatt die zerstörende Flamme schon angeleckt hat, wer schon in Gefahr gewesen ist, durch den einschlagenden Blitz sein Liebstes auf der Welt zu verlieren – der wird begreifen, wie es uns war, nach diesem uns von Gott und seinen Heiligen verliehenen Siege ... Hier hielt der Erzähler inne, um sich einen Augenblick den Gefühlen andächtiger Dankbarkeit zu überlassen, in welchen ihn aber der Pilgrim mit seltsamer Hast unterbrach, fragend: Ei, was ist dann aber mit dem Heini Vogelsang und der Tochter des Roßwirthes, von welcher das Gerücht verbreitet, sie hätten eigentlich, bei Hause verharrend, den besten Fang in dieser Fehde gethan, hm hm? Alles hat seine Zeit, frommer Pilgersmann! entgegnete Herr Bickinger fast empfindlich. Ich konnte Euch doch nicht erzählen, was unterdessen in der Stadt vorgefallen, ehe denn ich dort war. Mit dem, was ihr eben gesprochen, verhält sichs wirklich so. Heini Vogelsang und Küngold Ochsenbein haben in diesem Krieg den besten Fang gethan. Ihr müßt nämlich wissen, was ich vorher auch nicht wußte, daß von der Herberg zum Roß ein unterirdischer Gang außer die Stadt führte und in der Beatenkapelle endete. Nun hatte Heini Vogelsang in Erfahrung gebracht, daß ein schlechter Mensch aus Aarburg, ein gewisser Schneider Werni (hier ließ der Pilger ein grunzendes hm »haha!« hören), Vetter des Roßwirthes und ein herdreicher Kauz, der trotz seines Alters und seiner abschreckenden Häßlichkeit, die schöne Küngold als Ehestandsthier in seine Silbertruhe sperren wollte (hier grunzte der Pilger heftiger), daß dieser Gauch in der zweiten Pfingstnacht zwischen 11 und 12 Uhr draußen um die Beatenkapelle herumgestänkert und wieder in die Stadt gekommen sei, ohne sich das Thor öffnen zu lassen. Er theilte seine Beobachtungen der Küngold mit, die ihm heimlich mit Minne zugethan war, und diese vertraute ihm dagegen das Geheimniß vom verborgenen Gang; welches sie – ich weiß nicht wie – in Erfahrung gebracht hatte. Als nun die Nachricht in die Stadt kam, die Feinde seien heimlich im Anzug, verfiel Heini Vogelsang gleich auf die Vermuthung, diese Erscheinung sei in Verbindung mit gedachtem Gang und gedachtem Schneider, von dem man genau wußte, daß er, obgleich ein Aarburger und Berner'scher Unterthan, doch häufig mit den österreichischen Edelkälbern des Ergäus pflügte, die er herauszuputzen und zu kleiden berufen war; denn seine Werkstatt ist eine der gesuchtesten und berühmtesten zwischen Aare und Doubs. Heini theilte seine Gedanken der Dirne mit. Gewiß, behauptete er, haben die Strauchdiebe durch Werni vom Dasein eines solchen Ganges Kenntniß erhalten und begehren, auf diesem Wege in die Stadt zu dringen. Küngold besann sich einen Augenblick und meinte dann, dagegen ließe sich eine höchst wirksame Kriegslist treffen. Vor dem Eingang sei eine Fallthüre, welche in den Unterkeller führe, wo die Fleisch-, Obst- und Buttervorräthe aufbewahrt werden, und in welchem man auf einer Leiter etwa dreißig Fuß hinuntersteige; verdunkle man nun die ohnehin schon finstere Stelle noch mehr durch ein vorgeschobenes Faß, und nehme man die Leiter weg, so werde der ganze Nudel der Eindringlinge, zumal bei dem engen Durchpaß, der nie mehr als Einen hereinlasse, hinunterfahren in die Hölle und erst mit Erlaubniß des hiesigen Magistrats wiederum auferstehen, wofern nämlich alsdann die Mehrheit nicht Hals und Bein gebrochen, was gar leicht geschehen könnte. An lange Ueberlegung war hier nicht zu denken. Die Beiden eilten stracks in den Keller hinunter; den Alten konnten sie nicht berathen, denn er war zum Weinkauf nach Neuenburg gereiset. Alles geschah nach der Dirne Anordnung – und richtig: kaum war der Unterkeller zum Empfang der fremden Gäste bereit, und der Boden reichlich mit Stroh ausgelegt, damit der Fall weniger zu hören sei, – kaum hatten sich die Beiden wohlbewaffnet hinter das schützende Faß zurückgezogen, als sich auch schon ein dumpfes Gerassel hören ließ und der verhängnißvolle Pfeiler knarrend sich drehte. Zu sehen war Nichts, als ein Gleißen und Blinken von glänzendem Stahl und bald darauf ein dumpfer Sturz in die Tiefe, dem rasch sich drängend, ein zweiter, dritter, vierter – – zwanzigster folgte. So schnell fiel Einer auf den Andern, daß sich im Uebermaß des Schreckens kein Geschrei erheben konnte. Wieder blitzte es, glänzender als je zuvor, unter dem Eingang, dann sprach eine dumpfe Stimme: Zurück, Meister Werni! hier ist's dunkel wie in einer Kuh und unheimlich wie in einem Grab – geht voran! In dem Augenblick ließ sich von unten ein dumpfes Geheul vernehmen, da ließ der Heini flugs die Fallthüre über die Oeffnung fallen und drang mit bloßem Schwerte auf den glänzend Gerüsteten ein, der wohl im Anfang meinen mochte, es sei Einer der Seinen und sich daher auch erst zur Wehre stellte, als er bereits einen Stich durch die Halsberge empfangen hatte. – Das ist deine Verrätherei, satanische Schneiderbrut! donnerte der Verwundete, daß es im Gewölbe wiederhallte, und zog sich fechtend zurück. Hinter ihm erklangen die eiliges Schritte eines hastig Davoneilenden, ohne Zweifel war das der Verräther Werni, den ich heute noch in Stücke zerhacken möchte, den Schelm! Hier fuhr der Pilgrim heftig zusammen, murmelte sein hm hm! und klapperte dabei etwas mit den Zähnen, daß seine Bewegung dem Spitalvogt nicht entgehen konnte: Was ist euch, alter Mann, fragte er theilnehmend; ihr scheint unwohl zu sein? Worauf der Pilger Herrn Bickinger mit heiserer Stimme fortzufahren bat, bemerkend, die Erzählung habe ihn allerdings tief ergriffen, um so tiefer, da er sich eben recht lebhaft gedacht, in welcher dringenden Gefahr die gute Stadt Burgdorf in jenem Augenblick sich befunden, und wie wunderbar Gott sie gerettet habe. Damit bekreuzte er sich, und der Vogt fuhr arglos fort: Heini verfolgte – während Küngold auf dem Falladen Wache stand – unausgesetzt und hitzig den Geharnischten, welcher, rückwärts gehend, sein Schwert in steter Schwingung erhielt, daß es gerade war, als versende er Blitze. Lange zog er sich so vertheidigend zurück – schon hatte er die Treppe erreicht, welche hinauf in die Kapelle führte, nun aber gänzlich verschüttet ist. Plötzlich, mit der Wuth eines Löwen, stürzt der Verfolgte über den Heini her, welcher durch das ununterbrochene Zurückziehen seines Feindes überkeck gemacht, sich eine Blöße gegeben hatte. Ein furchtbarer Stich in die rechte Seite streckte ihn sogleich zu Boden, und über seinen Körper wegsetzend, eilte der Sieger den Gang zurück. Während dessen war Küngold über Heini's langes Ausbleiben ängstlich geworden; sie zog die Laterne unter dem Scheffel hervor, welcher sie bedeckt hatte und wollte eben hineinzünden, in das finstere Gewölbe, als sie schwere Eisentritte die Stufen heraufkommen hörte. Das ist nicht des leicht gekleideten Heini's Tritt. Besonnen kauert sie, die Laterne sorgfältig in die Schürze verhüllend und mit der schweren Keule zum Schlage ausholend, dem Eingange gerade gegenüber. Jetzt erscheint eine leuchtende Rüstung unter dem Eingang; vorsichtig prüft ein blitzendes Schwert, mit der Spitze herumstupfend, den Boden. Dabei vermehrt sich das dumpfe Geheul und Gewimmel unter der Fallthüre. Endlich tritt die Gestalt zögernd heraus; sie beugt das behelmte Haupt zu Boden, augenscheinlich, um zu horchen. Plötzlich erhebt sich Küngold. Fast zugleich mit dem Strahl der enthüllten Laterne, fällt des Mädchens Keule auf das Haupt des Ueberraschten, und rasselnd sinkt von dem gewaltigen Schlag der muthigen Dirne ein geharnischter Ritter zu ihren Füßen. Es war Hugo von Hohenramstein aus dem Emmenthal, ein junger Edelknecht, den Kyburgern dienstbar und Anführer des »unterirdischen« Streifzuges. Regungslos lag er da, und Küngold hatte nun nichts Eiligeres zu thun, als mit der Laterne den geheimnißvollen Gang zu durchstreifen. Ungefähr in der Mitte desselben wankte ihr eine blutige Gestalt entgegen. Es war Heini Vogelsang, der, von seiner Ohnmacht genesen, aber vom Blutverlust äußerst geschwächt, in den Keller zu seinem Lieb zurück zu gelangen suchte. Nie hat sich über der Erde wohl eine heißere und heiligere Minne gefunden, als hier unter der Erde! Küngold verhielt ihm die quellende Wunde mit dem Taschentuch, sie unterstützte, sie trug ihn halb zurück, und sprang die Treppe hinauf, Leinenzeug und Binden und stärkende Essenzen oben im Hause zu holen. In einer Minute stand sie wieder da und bald war das Blut gestillt, die Wunde verbunden. Kaum geschehen, tönte von der Gasse her in den offenen Keller herunter, erst ein dumpfes, dann ein immer lauter werdendes Getümmel, in welchem sich bald ein ungeheurer Volksjubel und der Ausruf unterschied: Viktoria! Es lebe Bern! Verderben Kyburg! In rascher Bewegung und mit einem innigen »Gottlob!« erhob sich Heini Vogelsang vom Boden; ja, diese Stimmen schienen selbst die Pforten des Orkus zu durchdringen; denn der todtgeglaubte Ritter fing sich, tief aufseufzend, an zu regen, und erhob ein wenig das schwerbehelmte Haupt, um es sogleich wieder sinken zu lassen; das gutherzige Bernerkind eilte, ihn des gewichtigen Eisenhutes zu entlasten. Da klaffte ihr die tiefe Halswunde entgegen, durch die das Leben in warmen rothen Wellen rann, und die goldenen Locken befeuchtete, während der bleiche Tod über das wohlgebildete Antlitz zog, das blaue Auge brach, und die jugendlichen Züge mit starrem Gletschereis übergoß. So erzählte sie's selbst mit herzinniger Wehmuth. Noch ein tiefes schmerzliches Aechzen und Zucken – und der Ritter Hugo von Hohenramstein, der Letzte seines Geschlechtes, war nicht mehr. Heini Vogelsang hatte ihn in der Knabenzeit wohl gekannt und dem Junker, der einmal in der Emme badete und untersank, mit eigener Gefahr das Leben gerettet, um es ihm hier, im Verein mit der Maid seines Herzens, feindlich zu nehmen. Auf sein Treulieb gestützt, verließ Heini, nachdem er die schwere Fallthüre und die drei Riegel derselben nochmals sorgfältig untersucht und sich überzeugt hatte, daß für die Gefangenen an kein Entkommen zu denken sei, den Keller. Schon hatten sich fröhliche Gäste in der Wirthsstube eingefunden; ihnen erzählten die Beiden das bestandene Abenteuer, die wunderliche Gefangennehmung der heimlich einbrechenden Gäste und den Tod des Hohenramsteiners. Ungläubig schüttelten die guten Bürger ihre Häupter und stellten dies Kopfschütteln erst ein, als sie die Leiche des Ritters mit Händen griffen und beim Schein einer großen Stalllaterne sich vom Dasein der überlisteten Brandfüchse mit eigenen Augen überzeugten. Welch' neuer Jubel! Die ganze Stadt war des Ruhmes der Beiden voll, und selbst die reichern Spießbürger, welche vorher eine Heirath zwischen der Tochter des geldstolzen Roßwirths und Rathsherrn Ochsenbein und dem Sohn des armen Thorwächters für eine Sünde gegen den heiligen Geist gehalten hätten, fanden nach diesem wundersamen Ereigniß die Sache ganz in der Ordnung und sprachen im Sinne des Evangeliums: »Was Gott zusammengeführt, das soll der Mensch nicht trennen.« Heini's Wunde war nach der Versicherung des Schärers ungefährlich, das Schwert des Ramsteiners hatte keine edeln Theile verletzt, doch mußte er sich sogleich zu Bette legen. Am Abend kam der Roßwirth von seiner Weinreise nach Hause zurück. Das Gerücht hatte ihm auf dem Wege die Nachricht von der Gefahr seiner Vaterstadt zugetragen und er eilte, nach seiner eigenen Versicherung, auf Windesflügeln heim. Er wunderte sich nicht wenig, fast ganz Burgdorf, Groß und Klein, Reich und Arm, Vornehm und Gering, selbst den ehrwürdigen Schultheißen und Ritter Rudolf Pfister in seinem Hause zu finden. »Wahrlich!« rief der freundliche Regent dem Alten entgegen; »die Stadt Burgdorf hat in euerer Abwesenheit die Blutprobe ausgehalten, und ich bin überzeugt, achtbarer Herr, wäret ihr zu Hause gewesen, auch ihr hättet euch als ein treuer Anhänger Berns gezeigt. Euere Stelle ist indessen wacker vertreten worden; eure Tochter Küngold hat gezeigt, daß ein frisches eidsgenössisches Bürgerblut in ihren Adern fließt.« Hierauf erzählte er dem Roßwirth selbst, was sich in seinem Hause zugetragen, schilderte die rührende Minne Küngolds und Heini's, die so treulich Gefahr und Noth getheilt und gemeinsam die Stadt errettet; er schloß mit dem Wunsche, daß es dem jungen Paar wohlergehen möge! Erst war der Wirth ob der Gefahr, welche der Stadt durch den Gebrauch des unterirdischen Ganges, über welchen bereits eine völlige Verschüttung beschlossen war, ganz gelb vor Entsetzen geworden. Nach und nach hatte er sich wieder erholt, und bei dem Schlußwinke des Schultheißen rief er fast grimmig: »Erlaubet mir, gnädiger Herr, so weit sind wir noch nicht. Ich glaube denn doch, die Tochter des Rathsherrn und Roßwirths Ochsenbein zu Burgdorf hat noch andere Ansprüche zu machen, als auf einen Wächterssohn, der überdies ein leichtfertiger Junge ist, welcher die Dirne behext oder wenigstens verführt hat.« »Meine Nachrichten über den Jüngling lauten anders, Herr Roßwirth,« entgegnete der Schultheiß. »Nichts als Liebes und Gutes wird von ihm gesprochen; alle Urtheile stimmen überein, und daß das eurige so hart und unbillig ist, beweiset gerade, daß man sehr unrecht thäte, alles Liebe und Gute über euch zu sagen.« Der Roßwirth warf hochmüthig die Lippe auf, besann sich einen Augenblick und wandte sich dann plötzlich mit einem höhnischen Lächeln an den jungen Pfister Erbo, der da am Tische saß, um nach dem heißen Tage, an dem er wacker mitgestritten, sich am kühlen Wein zu erlaben. »Meister Erbo!« begann Ochsenbein, »ihr habt vor vier Monden um meine Tochter angehalten; ungern wies ich damals euere Werbung zurück; gebieterische Rücksichten haben mich dazu gezwungen. Diese Rücksichten sind nicht mehr. Nehmt die Dirne hin und mit ihr hundert baare Goldgulden Heirathsgut. Seid Ihr's zufrieden?« Aller Blicke waren auf den jungen Erbo gerichtet; man wußte, daß er die Maid zärtlich liebe und war nun sehr begierig zu erfahren, ob Selbstsucht, Stolz oder Großmuth seinen Entschluß bestimmen würde. Der Jüngling besann sich nicht lange; er warf dem Alten einen finstern Blick zu und antwortete: »Ochsenbein! Ihr sind weder einer Tochter, wie Küngold, noch eines Eidams, wie Heini Vogelsang, würdig. St. Ursus bewahre mich, Werkzeug eueres blinden Hochmuths zu sein und den wackersten Gesellen in Burgdorf von einem Herzen zu verdrängen, wohin er gehört, weil es nur für ihn schlägt, und weil er seiner so sehr würdig ist. Gott sei mein Zeuge: meine Liebe zu Küngold ist warm und innig; sie wär es aber nicht, wenn sie der Jungfrau Besitz auf Unkosten des Glückes derselben erzwingen wollte. Weiche von mir, Versucher.« Damit leerte Erbo hastig seinen Becher und stürmte aus der Stube. Aber der Wirth zum Roß biß sich wild in die feißten Lippen, stampfte den Boden und murmelte: »Und wenn alle Kaiser und Könige vor mir auf den Knieen lägen, dem Buben gäb' ich meine Tochter nicht; ich bin ein freier Mann!« »Es wird Niemand vor Euch knieen!« entgegnete eine schwache männliche Stimme, die dem guten Heini gehörte, welcher, auf Küngold gestützt, eben in die Stube getreten war. Ich habe einen Werbebrief an euch, der mir gewiß keinen Korb einbringt, Vater Ochsenbein. Kommt einen Augenblick dort unters Fenster und leset! ich wette mein Leben, ihr werdet keinen andern Tochtermann begehren, denn eben gerade mich.« »Du glaubst an Wunder, Heini, wie mich dünkt,« hohnlachte der Gastwirth zum weißen Roß. »An Wunder nicht, aber an Zeichen,« entgegnete lächelnd Heini; langte in den Busen und reichte dem dicken Herrn einen Pergamentbrief, den dieser, in die Fensternische gelehnt, mit verletzendem Uebermuth empfing und entfaltete. Aber kaum hatte er einige Blicke hineingethan, als er gewaltig zu zittern anfing und bleich wurde, wie ein Leichentuch. Heini trat besorgt auf ihn zu, las das Pergament, das seiner bebenden Hand entglitten war, sorgfältig vom Boden auf, und steckte es wieder in sein Wamms. »Ich bin überzeugt, Herr Ochsenbein,« sprach er dann, »daß Ihr jetzt weiter gegen meine Freiwerberei Nichts einzuwenden habt. Der Brief, den ihr soeben gelesen, hat Euch über meine Verhältnisse so trefflichen Aufschluß ertheilt, daß ich glaube, ihr werdet euch schwerlich weigern, eure väterliche Zustimmung zu meiner Verheirathung mit euerer einzigen, eheleiblichen Tochter Küngold vor dieser ehrenfesten Versammlung auszusprechen.« »In der That,« – stotterte jetzt Ochsenbein, indem er im Haar kratzte und dem guten Heini einen wundersam verwirrten Blick zusandte, »auf diesen Brief hin – infolge jenes Schreibens – in Hinsicht der vorliegenden Umstände – läßt sich die Sache bedenken, und ich will dir morgen Antwort geben, Heini Vogelsang!« »Ei, wozu denn ein so langes Bedenken, hochachtbarer Herr Rathsmann und Gastgeber? Ich werde einmal mit euerer Erlaubniß sothanen Brief dem hier anwesenden Publici mitheilen und dasselbe unpartheiisch urtheilen lassen, ob Ihr mir unter Bedingungen, wie sie dieses Schreiben enthält, nicht euere Tochter geben könnet? Ob Ihr, wenn Ihr mich abweiset, nicht jenem Blasbalg gleichet, welcher so lange in's Feuer blies, bis es ihn selbst zuletzt verzehrte?« Mit diesen Worten nahm der Wächterssohn das Pergament wieder hervor und machte Anstalten, es abzulesen, worauf ihm aber Herr Ochsenbein mit ängstlichem Eifer in die Rede fiel: »Ihr habt Recht, Herr Vogelsang! Ein Narr müßt ich sein, wenn ich unter solchen Conditionibus nicht Euer Schwäher werden wollte. Behaltet diese Conditiones inzwischen immerhin für Euch, und bindet sie Niemand auf die Nase; sie gehen nur uns Beide an. Uebrigens soll allen Anwesenden hiemit kund und zu wissen sein, daß euch, theuerster Eidam, meine Tochter nicht nur hundert, sondern zweihundert Goldgulden Mitgift bringt.« Alle Anwesenden staunten über diese plötzliche Sinnesänderung des Roßwirthes und wunderten sich ob des seltsamen Briefes, welcher, wie ein Talismann, dies harte Herz erweicht, diesen störrischen Sinn und Hochmuth gebeugt hatte. Daß es ein Werbebrief sei, der gewisse, besonders annehmbare Anträge und Bedingungen enthalte, glaubte Niemand, denn man kannte Heini's Verhältnisse zu gut; aber eben so wenig konnte Jemand den eigentlichen Inhalt des Pergaments ergründen. Nur der verehrte Schultheiß schien Etwas zu vermuthen, indem er bemerkte, es stände vielleicht an ihm, als Stellvertreter seiner hochweisen gnädigen Herren und Obern zu Bern, die Conditiones dieser Heirath zu ermitteln, und den wunderkräftigen Werbebrief, an dem er das herzoglich-österreichische Siegel bemerkt zu haben glaube, zur Einsicht zu begehren; die Wirkung freue ihn aber zu sehr, als daß er der Ursache nachgrübeln möchte, und er wünsche dem braven jungen Paare nochmals Gottes und der lieben Heiligen besten Segen. Mit diesen Worten verließ der Schultheiß und sein Gefolge, die Gefangenen mit sich führend, wovon mehrere jämmerlich hinkten, das Haus zum weißen Roß, welches er erst vier Wochen später, an Heini Vogelsangs Hochzeit, wieder mit seinem Besuche beehrte. Ein stürmischer Jubel, eine begeisterte Menge begleitete ihn bis hinauf ins alte Grafenschloß. Am folgenden Morgen beschied ein Herold, in der Landesfarbe durch die Stadtgassen reitend, sämmtliche Einwohner, Männer und Frauen, auf den Nachmittag um zwei Uhr in den Schloßhof. Hier empfing uns, deren Keiner zu Hause blieb, der greise Schultheiß zu Pferde und redete, mitten in unsern Kreis reitend, uns ungefähr folgendermaßen an: »Liebe und insbesonders Getreue. Der gestrige Tag ist für die Regierung, in deren Namen ich hier bin, und für euch, wackere, streithafte Bürger und Bürgerinnen, ein Tag bleibenden Segens geworden. Er hat unwidersprechlich bewiesen: euere Liebe und Anhänglichkeit an Bern, die altgefreite Stadt, er hat in diese auf ewige Zeiten das Gefühl der Dankbarkeit und innigen Wohlwollens niedergelegt. Seid versichert, daß von der gerechten und erkenntlichen Obrigkeit, deren Diener und Stellvertreter ich zu sein die Ehre habe, nicht nur euere verbrieften und besiegelten Rechte und Freiheiten, euere alten Herkommen, Privilegien und Gebrauche werden in Ehre gehalten, sondern selbst, je nach Umständen und Bedürfnissen durch neue vermehrt werden. Ich erfülle, indem ich euch für euere gestern bewiesene Tapferkeit und Treue danke, nicht allein den Auftrag meiner Obern, sondern den meines eigenen Herzens. Besonders euch, Frauen und Töchter hiesiger Stadt, die ihr sonst nur der Spindel, Nadel und der ungefährlichen Häuslichkeit gewohnt, voll begeisterten Eifers für die Vertheidigung dieser Mauern zu den Waffen gegriffen, und noch glorreicher als einst die Frauen von Zürich, die nicht zum Kampfe kamen, zu dem gewonnenen Siege durch euere thätliche Mithülfe beigetragen habt; euch Frauen und Töchter von Burgdorf zeig ich hiermit an, daß meine weise und gnädige Obrigkeit, in gerechter Würdigung eueres Verdienstes, auf meinen Antrag beschlossen hat: Es soll für ewige Zeiten, je am Jahrestag der Bickinger Schlacht, die Frau des regierenden Schultheißen eine Mahlzeit anrichten, und unter die Frauen und Töchter in den acht Gassen der Stadt vertheilen. Dieses Essen soll zur Erinnerung, daß der Anzug der Feinde durch die Hühner in Bickingen verrathen worden, Hühnersuppe heißen, und bestehen aus sechzig Hühnern, achtzehn Stücken Fleisch und genügsamem Brod. Kommet nun herauf ins Schloß und seid fröhlich. Möge euer treuer und tapferer Sinn von Geschlecht zu Geschlecht sich forterben! Es wird geschehen, denn so wackere Mütter können keine schlechte Kinder gebären!« Doch das fröhliche Siegesmahl, das wir im Rittersaale hielten, erinnert mich, daß auch unser Nachtessen längst wartet. Ist es euch genehm, frommer Mann, so setzt euch mit uns zu Tische. Zieht ihr vor, allein zu sein, so wird man euch die Speise hierher bringen. – »Ich bitte um das Letztere, erwiederte dumpf der Pilger. Einsamkeit thut mir Noth, und mich ruft ein Gelübde zeitig nach den Altarstufen euerer Kapelle. Eins aber muß ich euch noch fragen, lieber Herr – denn euere Erzählung hat meine ganze Theilnahme erweckt – wie geht's jetzt den beiden jungen Eheleuten, Heini und Küngold?« »Die gehaben sich sehr wohl,« erwiederte Herr Bickinger aufstehend. »Der Alte hat ihnen, schon acht Tage nach der Hochzeit, die ganze Wirtschaft eigenthümlich übertragen, und eine Wallfahrt nach St. Jago di Compostella in Hispania angetreten, von der er bis auf heutigen Tag noch nicht zurückgekehrt ist.« Damit nahmen Herr Bickinger und der Kapellan freundlich Abschied von dem Pilger und der Pater erbot sich noch, ihm am Morgen die Reliquien zu zeigen, ein Anerbieten, das der Fremde mit Dank annahm. Hastig verschlang er dann das aufgestellte Erbsmuß, den dampfenden Braten, einen Pokal des reinsten Reifweins und entfernte sich mit tückischem Grinsen. Ein paar Stunden später stieg aus dem hölzernen Anbau der Herberge zum weißen Roß ein dicker Rauch auf, und bald brach die verzehrende Flamme, das Gasthaus ergreifend, aus dem leichten Strohdach. – »Feuer! Feuer!« donnerte es durch die Gassen, und die Sturmglocke läutete. Von allen Seiten strömten die aus dem besten Schlafe geschreckten Einwohner herbei, zu löschen und zu retten, was zu retten war. Mit Besonnenheit und unermüdlichem Eifer flüchtete der junge Hauseigenthümer und Wirth, Heini Vogelsang, seine und seiner Nachbarn bewegliche Habe vor das Thor; ihm stand getreulich seine Gattin Küngold und sein Freund und Nachbar, Spitalvogt Bickinger bei. Als dieser von einem solchen Gang wieder zurückeilte, huschte der Pilgrim von gestern Abend wie ein Schemen an ihm vorbei; aber er erkannte ihn beim Licht des umsichgreifenden Feuers. Ein schneller Verdacht stieg in dem wackern Bürger auf. »Halt, guter Freund!« rief er, und faßte ihn mit kräftiger Faust. »Ihr seid der Einzige, der, statt zu helfen, davonläuft, gebietet euch vielleicht auch ein Gelübde, das Feuer, wo es Häuser verzehrt, nicht zu löschen?« Der Angeredete zitterte in der Hand des Burgdorfers wie ein Espenlaub, »Ich habe – ich bin – hm hm! – – mir ist – halt nie wohl, wo's brennt;« stotterte er. »Ich habe – hochachtbarster Herr! – eine schreckliche Abneigung gegen Feuersbrunsten – hm hm! Das ist – ich versichere Euch, hochweiser Herr Spitalvogt! – ein Familienübel und kömmt glaube ich – hm hm! von meiner Urgroßmutter her, welcher das Bett unter dem Leibe verbrannte, als sie mit meiner guten, seligen Großmutter schwanger ging, hm hm: – Aber laßt mich jetzt um Gotteswillen meines Weges ziehen, Hochedler! sonst werdet Ihr noch erleben, daß ich in Ohnmacht falle, hm hm! Aus lauter Abneigung gegen Feuersbrunsten, auf Ehre! Gelobt sei Jesus Christ!« »In Ewigkeit – kommt Ihr so nicht los,« entgegnete Bickinger, dessen Argwohn durch des Pilgers Benehmen gewaltig gestiegen war. »Ihr kehrt mit mir zurück, frommer Mann« – In diesem Augenblick stieß ein Vorübereilender mit einem umfangreichen Bündel Hausrath unserm verdächtigen Pilger aus Versehen den großen Kremphut vom Kopfe. Der Mann mit der Bürde, welcher kein Anderer als Heini Vogelsang war, sah sich rasch um, und blieb beim Anblicke des Wallfahrers wie versteinert stehen; dann ließ er achtlos den ganzen Kram sinken und rief! »Heilige Mutter Gottes! Das ist ja der Werni von Aarburg!« Die Schauer der Vernichtung warfen den Verbrecher ohnmächtig zu Boden. Wie das Feuer, welches er angelegt, vom scharfen Morgenwinde gepeitscht, in wenig Minuten die ganze untere Stadt ergriffen hatte, so ging auch der Ruf: »Man hat ihn, man bringt ihn, den Mordbrenner!« blitzschnell von Mund zu Mund, und es würden die herbeiströmenden Brandbeschädigten über ihrem rächerischen Zorn die Rettung ihrer Habe versäumt haben, wenn nicht der greise Schultheiß sie zurückgewiesen und den Elenden ihren Augen entzogen hätte, indem er ihn in's tiefste Verließ der Burg werfen ließ. Vierzehn Tage später, Nachmittags um zwei Uhr stieg aus der Stadt Burgdorf wieder eine Rauchsäule auf. Aber nicht die Sturmglocke, sondern das Armensünderglöcklein der Schloßkapelle wurde geläutet – und nicht einer brennenden Wohnung galt es, sondern einem Verbrecher auf brennendem Holzstoße. Dieser Verbrecher war der Berner'sche Unterthan, Basilius Werni, Schneidermeister und Spendvogt von Aarburg, der, überwiesen des Hochverraths und der Brandstiftung, in Folge welcher die ganze untere Stadt Burgdorf in einen Aschenhaufen verwandelt war, hier den Feuertod erleiden sollte. Der Richtplatz war auf der Wiese unter dem Schlosse, am jetzigen alten Markt. Eine unzählige Volksmenge hatte sich versammelt und sah schaudernd den Verbrecher das schuldbeladene Haupt auf der Brust, regungslos in den Ketten hangen, womit er an den Pfahl festgebunden war. Die Angst hatte ihn getödtet, ehe die Flammen es thun konnten. Seine Asche wurde verflucht und in den Wind gestreut. Aber aus der Asche der untern Stadt blühten gesegnete Wohnungen auf, unter diesen vor allen stattlich die Herberge zum weißen Roß. Wer zwei Jahre nach der grauenvollen Brunst dort einkehrte, konnte einer aufgeblühten Rose gleich, an welche die Knospe sich schmiegt, die junge Wirthin sehen mit ihrem Knäblein im Arm, und da war Eins gegen Zehn zu wetten, daß er – und wenn es auch gegen Gebrauch und über den Durst war, sich einen zweiten Becher einschenken ließ, nur um den holden Anblick noch eine Weile genießen oder sich länger mit dem Wirth und Rathsmann, dem geehrten und verständigen Herrn Heinrich Vogelsang unterhalten zu können, der die Gegenwart seines Schwähers im Mindesten nicht vermissen ließ. Dieser war, wie die Sage ging, auf seiner Wallfahrt nach St. Jago an zu reichlich genossenem spanischem Rosinensaft gestorben. Gott habe ihn selig. Fast fünfhundert Jahre sind seit diesen Ereignissen in die unergründliche Tiefe der Zeit hinabgerauscht und mit ihm eine Menge Generationen, und ihre Leiden und Freuden. Vergebens suchst Du, o freundlicher Leser, das Grab des ehrwürdigen, ritterlichen Schultheißen, oder den Ort, wo Küngolds und Heini's Gebeine ruhen; das Gras, das über ihnen wächst, giebt Dir keine Kunde; der Schutt, den die Zeiten darüber gehäuft, redet nicht. Die Vergangenheit ist ein ungeheures Buch, und die Geschichte ein schwacher lückenvoller Abriß, gemäß dem kurzsichtigen Auge der Sterblichen, Dem Blicke des Ewigen, Unveränderlichen geht zwar kein Blatt, keine Zeile, kein Wort des großen Buches verloren, und das tröste Dich, wenn Du den Staub Deiner Lieben zum andern Staube legst, und das Gefühl einer gleichen Zukunft Dich schmerzlich durchdringt. Allein, es ist ein schöner Gedanke, schon auf Erden nicht vergessen zu werden, noch auf die späte Nachwelt begeisternd zu wirken, ein Gedanke, »des Schweißes der Edeln werth«. Darum lasset uns das Gedächtniß unserer Altvordern ehren und feiern, und ihre Thaten verewigen, so viel wir können, und schaffen wir, daß wir einer ähnlichen Bemühung unserer Nachkommen würdig seien! Wie wir glauben, wird es unsern Lesern nicht unangenehm sein, zu vernehmen, daß das nach dem Gefechte bei Bickingen zu Ehren der tapfern Frauen gestiftete Hühnersuppenfest, wenigstens dem Namen nach, bis auf den heutigen Tag sich in Burgdorf erhalten hat. Wir sagen: »dem Namen nach«, – denn die Zeit hat auch an ihm, so viel sie es vermochte, ihre Kraft ausgeübt und ihm einen modischen Zuschnitt verliehen. Was ihr nicht ganz gelang, wollte vor fast hundert Jahren der Geiz und Hochmuth der spendpflichtigen Schultheißin vollenden. Aber die Frauen von Burgdorf zeigten sich ihrer Vorfahrerinnen werth und vertheidigten ihr gutes, altes Recht in ihrer Art ebenso mannhaft, als ihre Eltermütter die Stadt. Als Belege führen wir wörtlich an, was uns die handschriftliche Burgdorfer Chronik von Joh. Rud. Aeschlimann, Bürger dieser Stadt, hierüber in treuherziger Sprache meldet: »Anno 1737 weigerte sich die damalige Frau Schultheissin, Ursula Manuel, geborne Ernst, denen Frauen zu Burgdorf das zu dieser Festivität Schuldige jeder Art ferner auszurichten. Die Frauen aber, die bis dahin ihre Männer nicht aus Schuldigkeit, sondern aus bloßer Complaisance am Genusse dieser Stiftung haben Antheil nehmen lassen, beklagten sich darüber vorerst bei ihren Ehegenossen, welche aber, sowie auch der Magistrat nachher, sich nicht in die Sache mischen, sondern lieber stillschweigend zusehen wollten. Auf dieß hin ernannten die hierüber ziemlich entrüsteten Frauen eine Deputation aus ihrer Mitte, Die Namen dieser mit der Reklamation an die Frau Schultheißin und deren Aktionirung vor dem täglichen Rath in Bern beauftragten zwei Frauen verdienen, hier der Nachwelt aufbehalten zu werden. Die erste war Frau Margaritha Trachsel, geb. Langhans von Bern, Herrn Oberspitalvogt Albrecht Trachsels Gattin, sie starb 1741. Die zweite war Herrn Bendicht Äeschlimanns, Einungers Frau, Anna Maria König, von Bern, Hieronymus und Anna Maria Perrets Tochter; sie starb im Januar 1766. sandten selbige mit bestimmtem Auftrage an die Schultheißin, – wurden aber von dieser Rabsake schnöd abgewiesen. Die gleichen deputirten Frauen, im Bewußtsein ihrer gerechten Sache, beklagten sich sofort hierüber bei dem täglichen Rathe in Bern, wo auch zugleich der Herr Schultheiß seine Opposition gegen die fernere Ausrichtung der fraglichen Beiträge vorlegte. Den Erfolg davon zeigt die hier wörtlich beigefügte Erkenntniß: »Weilen diejenigen Desmarches von Herrn Venner Jankhauser zu Burgdorf gegen den Herrn Schultheiß daselbst nicht erheblich gewesen, denen Frauen allda die Hünersuppen wieder zukommen »zu lassen, da doch solche von seinem Herrn Vorfahrer unverweigerlich entrichtet worden, als Mnhg. Hrn erkennt: Weilen Hrn. »Schultheiß das Amt in Rutz und Beschwerde angetreten, solche »Ausrichtung ein sehr altes Herkommen, so soll er solche laut »Hünersuppen-Nodels de 1659, von Bestens wegen entrichten, – »weilen Ihr Gnaden solche alte Gebräuche nicht gern abschaffen. »Datum den 14. Fbr. 1737.« Der Herr Schultheiß mußte nun überdies noch den deputirten Frauen ihre gehabten Auslagen dießorts mit Ern. 24. 2. 1. und für ihre wegen Information über dies Geschäfte versäumten 16 Tage vier neue Doublonen als Discretion bezahlen. Noch hatte er Lust, diese Sache coram Zweihundert, als der höchsten Gewalt, zu ziehen. Das Factum dazu war wirklich dem Druck übergeben, als es ihm von guten Freunden widerrathen wurde, und nun konnten sich die guten Frauen eines zweiten Sieges freuen. »Anno 1798 bei damaliger Staatsumwälzung gerieth diese den Frauen Burgdorfs ausschließlich geeignete Hühnersuppen-Stiftung zu gänzlicher Aufhebung. Mit der neu eintretenden Ordnung der Dinge wurden die Landvogteien und Schultheißenamt abolirt. Die Schlösser des Landes erhielten eine auf Oekonomie berechnete Bestimmung; mithin andere Bewohner, Landvögte und Schultheißen zogen wieder dahin, wo sie hergekommen. An ihre Stelle ward in jedem Distrikt der neuen Eintheilung ein sogenannter Statthalter, ein Sohn des Landes, geordnet. So wie sich nun der Herr Schultheiß von hier am 17. April 1798 entfernte, so verloren auch die guten Frauen von Burgdorf in der Person der Frau Schultheißin ihre dießörtige rechtmäßige Schuldnerin, als welche die questionirlichen Beiträge, infolge alten Herkommens zu liefern hatte. Die neuen Statthalter sowohl als ihre Frauen kannten keine dergleichen Schuldigkeiten; am allerwenigsten war bei der damaligen Regierung Lust und Willen zu Ausrichtung dieser durch das Alterthum heilig gewordenen Gefälle. Manche unserer Schönen mag da den Verlust eines so ausgezeichneten Privilegii geheim beseufzet haben; – manche hätten lieber andere Vorrechte – nur dieses nicht – der Revolution zum Opfer gebracht. »Doch die Stunde der Wiederherstellung dieses Freudenfestes erschien endlich nach achtzehnjährigem Ausbleiben, für Burgdorfs schöne Frauen. Durch die Bemühungen des damaligen sehr schätzbaren Herrn Oberamtmanns Gatschet kam es wieder dahin, daß die Oberamtmänninnen jeder der zu diesen Gefällen von jeher berechtigten acht Gassen ihre dießörtige Reklamation einstweilen à tout hazard eingeben durften.«