Unbekannte Verfasser Malaiische Märchen aus Madagaskar und Insulinde Herausgegeben von Paul Hambruch Inhalt Einleitung Madagaskar 1. Sonne, Mond und Hahn 2. Kuckuck 3. Mensch und Mücke 4. Kuh und Bache 5. Wildschwein und Chamäleon laufen um die Wette 6. Wildschwein und Frosch schwimmen um die Wette 7. Rabotity 8. Wie aus einer Biene ein Ochse wurde 9. Der Alte mit den sieben Söhnen 10. Tangaly und Doso Insulinde 11. Der Affe und die Kröte 12. Wie die Vögel einen König kürten 13. Der Klatsch der Tiere 14. Die Schildkröte und der Elefant 15. Der Streit der Pflanzen 16. Der malaiische Reineke Fuchs 1. Der Tigerkönig ist krank 2. Wie der Zwerghirsch Schiffbruch erlitt 3. Wer mordete die Kinder der Fischotter? 4. Der Tiger bekommt seinen Lohn 5. Der Tiger und der Schatten 6. Klugheit siegt 7. Der Elefant wettet mit dem Tiger 8. Der Zwerghirsch und der Tiger 9. Der Zwerghirsch, der Tiger und die Wespen 10. Der Zwerghirsch, der Tiger und die Schlange 11. Der Zwerghirsch, der Tiger und der Brunnen 12. Der Zwerghirsch und die Hochzeitsgäste 13. Der Zwerghirsch und der Riese Gergasi 14. Der Zwerghirsch und der Tiger 15. Der Zwerghirsch und der Bär 16. Der Zwerghirsch und das Krokodil 17. Der Zwerghirsch im Loch 18. Der Zwerghirsch und der Einsiedlerkrebs 19. Der Zwerghirsch und die Schildkröte 17. Die Schöpfung der Erde 18. Die Schöpfungsgeschichten der Javaner 1. Wie die Naturgläubigen sie erzählen 2. Wie die Buddhisten sie erzählen 3. Wie die Brahmaisten sie erzählen 4. Wie die Muhamedaner sie erzählen 19. Warum der Neumond ist 20. Die Zauberer von Ake-dabo 21. Wie die Leute von Engano zu ihren Ärzten kamen 22. Vom Manne, der Gott versuchte 23. Wie Allah die guten und schlechten Taten der Menschen richtet 24. Die ungetreue Gattin 25. Wie die Affen entstanden 26. Die Geschichte vom Affen 27. Der Vogel Garuda 28. Suri ikuen und die beiden Raubvögel 29. Der Halbe 30. Simpang Impang 31. Die Erzählung von Lafaang 32. Die Erzählung vom himmlischen Prinzen und der irdischen Prinzessin 33. Rakian 34. Keang-Njamo 35. Der Streit der Glieder des Menschen 36. Recht muß Recht bleiben 37. Betrug bringt keinen Segen 38. Teile, und dann herrsche! 39. Der Blinde und der Lahme 40. Prinzessin Sini ma Sidaja 41. Die Geschichte einer Frau, die zum Manne und darauf König wurde 42. Das Makassarische Aschenbrödel 43. Die Geschichte vom blinden König, der in den Westlanden wohnte 44. Die arme alte Frau und der Fisch auf dem Trocknen 45. Michel und die Schlange mit den sieben Köpfen 46. Don Juan und die alte Zauberhexe 47. Nabala 48. Der Prinz und die Prinzessin 49. Die Geschichte vom ringwurmkranken Kerisen 50. Kaduan 51. Serungal 52. Die faule Frau mit dem Korbe 53. Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig 54. Zwei Geschichten von Sangumang 1. Sangumang und Maharadja 2. Sangumang und die sieben Brüder Asang baratih 55. Der malaiische Eulenspiegel 1. Die Geburt des Eulenspiegels 2. Wie der Eulenspiegel eine Maultrommel stahl, und was darnach kam 3. Wie Eulenspiegel des Königs Wams anzog 4. Wie Eulenspiegel den König in den Block schloß 5. Wie Eulenspiegel dem König seine Hinterseite zeigt 6. Wie Eulenspiegel den Schmied foppte 7. Wie Eulenspiegel bestraft wurde und sich der Strafe entledigte 8. Wie Eulenspiegel zum Tode verurteilt wurde und entwischte 9. Wie Eulenspiegel sich rächte und dem König ein trauriges Geschick bereitete 10. Wie Eulenspiegel sich erkältete und dem König einen Schabernack spielte 11. Wie Eulenspiegel den König zum andern Mal anführte 12. Wie Eulenspiegel sein Kalb wiederbekam 13. Wie Eulenspiegel einen Schweinehändler betrog 14. Wie Eulenspiegel ein Boot verkauft 15. Wie Eulenspiegel entkam und eine Frau verführte 16. Wie Eulenspiegel des Königs Schwiegersohn wurde 17. Wie Eulenspiegel den König dreimal anführte 18. Die Geschichte von Mau Loha, dem Eulenspiegel von Belu 19. Kandhulok 20. Wie Djonaha seiner Schulden ledig wurde 21. Der Dumme 56. Zwei Parabeln aus dem Bosian us Salathin Das Große Die Bedingungen 57. Das Wasser »Lebensmutter« 58. Die Geschichte vom Sultan Indjilai 59. Wie Boro Budur entstand 60. Die Kalang-Legende 61. Treue Liebe findet ihren Lohn Quellennachweise und Anmerkungen Einleitung Berdjalan bertemu kampoṅ sa-buwah serta deṅan taman jaṅ endah ija berkata kapada teman endah-nja tuwan buṅa di-taman Sie standen plötzlich vor einem Schloß; Rings herum war ein herrlicher Garten. Da sprach der eine zu seinem Gefährten: »Sieh doch, mein Lieber, die schönen Blumen!« Aus der »Bidasari« Die folgenden »Malaiischen Märchen« sind eine Auswahl. Aus einer ungemein reichen Fülle von Dokumenten, für deren Zusammentragen, Sammeln, Aufzeichnen, textkritischer Behandlung, Veröffentlichung man vor allen andern den Holländern, ihren Beamten, Missionaren und Gelehrten nicht genug danken kann, ist sie getroffen worden. Einer besonders langen, ausführlichen Einleitung bedarf es diesmal nicht. Es würde dann vieles wiederholt werden müssen, was in den Einführungen zu den »Indischen Märchen« von Johannes Hertel, zu den »Buddhistischen Märchen« von Heinrich Lüders, zu den »Afrikanischen Märchen« von Carl Meinhof gesagt ist und was ich zumal in meinen »Südseemärchen« ausführte. – Bilden die »Malaiischen Märchen« durch ihre Träger den Vermittler zu den stammverwandten Südseemärchen, und unterstehen sie in allerstärkstem Ausmaße indischen und nordafrikanischen, arabischen Einflüssen, so befruchteten sie ihrerseits die Literatur Madagaskars. Allerdings sind die Literaturen Insulindes, seiner zerrissenen Gestaltung entsprechend, nicht gleichwertig. In ihnen spiegelt sich die Kulturhöhe ihrer Träger und Bewahrer wieder. Und da darf man nicht vergessen, daß neben hochkultivierten Völkerschaften, die Meisterwerke der Baukunst errichteten, wie z. B. Borobudur, halbwilde Völker wie die menschenfressenden Batak oder kopfjagenden Dajak stehen, alle doch eines Blutes sind und verwandte Sprachen reden. Einen Vorsprung hat die Malaiische Literatur vor dem größten Teil der afrikanischen und überhaupt der Südsee- und australischen Literatur; sie hat frühzeitig aus eigener Kraft, dann unter indischem, später auch arabischem Einfluß Schriftsysteme entwickelt, die auch zur Aufzeichnung ihrer literarischen Denkmäler Verwendung fanden. Und vor allem macht darin die arabische, den malaiischen Lauteigenheiten angepaßte Schrift bald einen überragenden Einfluß geltend. Aus dem Jahre 1603 ist die erste malaiische Handschrift, die moralisierende Erzählung Makota segala radjaradja »Die Krone der Könige«, bekannt geworden. So wurde denn im Laufe der Jahrhunderte eine Fülle Handschriften niedergelegt, die das prächtigste Literaturgut der Malaien sicherten, ein Gut, das es wohl verdiente, weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden, von dem man bedauern muß, in der folgenden Auswahl, z. B. der Kalang-Legende, der Geschichte der Hi Dreman, vom Sultan Indjilai usw. dem Leser nur einen kleinen Vorgeschmack geben zu können. Gern hätte ich das ursprünglich indische, doch gänzlich im malaiischen Sinne umgestaltete Râmâyana aufgenommen – es hätte den ganzen Band ausgefüllt. Die Raumbeschränkung gebot die Auswahl. Die 61 Stücke mit den 105 Erzählungen werden vielleicht imstande sein, dem Leser einen Eindruck von der eigenartigen malaiischen Literatur zu geben, von der einfachsten, anspruchslosesten Erzählung, den Tier-Geschichten, den Kosmogonien, den moralisierenden Erzählungen, Heilbringer-Sagen, Parabeln zur Rahmenerzählung und zum Epos. Alle literarischen Denkmäler werden in den verschiedensten Vertretern vorgestellt, auch das Sprichwort, in dessen Prägung der Malaie ein Meister ist, ist nicht vergessen. Es ist nach der Gewohnheit des Erzählers in manche Geschichte eingestreut. Vielleicht tragen die düsteren Zeitläufe dazu bei, daß ohne voreingenommene Absicht dem Ganzen ein freundliches Gewand gegeben wurde, daß die fröhlichere Seite der Erzählungen überwiegt, wie sie am besten im »Malaiischen Reineke Fuchs« und »Malaiischen Eulenspiegel« zum Ausdruck gebracht ist. Tatsächlich sind diese Geschichten ja auch die Lieblingserzählungen der Malaien, die überallhin mitgenommen wurden, deren Abbildern wir in Madagaskar und auch in der Südsee wieder begegnen. Das Hikajat Pelanduk Djinaka, der malaiische Reineke Fuchs, wurde als solcher nicht aufgenommen, – eine gute Gesamtdarstellung ist von Kläsi gegeben worden – sondern die Einzelerzählungen bevorzugt und gesammelt, die einmal mehr als das eben genannte Hikajat geben, dann auch verraten, mit welcher Liebe der Malaie gerade diese verschmitzte Tiergestalt sich zu eigen machte, zu einem Haupthelden in seiner Literatur gestaltete. Die Erzählungen des »Eulenspiegels« werden als solche zum ersten Male in ihrer Zusammenstellung einem deutschen Leserkreis zugänglich gemacht – auch sie hätten sich noch um etliche vermehren lassen. Ob diese Eulenspiegelgestalt eine bodenständige Figur ist oder nicht, vielmehr von außen her in die malaiische Literatur hineingetragen wurde, ob nicht die Erzählungen vom Kara Gös oder Nas'r eddin hier Gevatter standen, mag späterhin entschieden werden. Wir werden sehen, daß die Malaien diese Figuren sich ganz aneigneten, wie sie denn überhaupt ein Geschick besitzen, fremde Erzählstoffe so umzugestalten, daß sie wie bodenständige wirken. Die Stücke sind so ausgesucht, daß sie dem Leser ein Bild von der Wirklichkeit vermitteln; die malaiische Denkweise, Gemütsverfassung, ihre guten Seiten: Liebe, Mitleid, Freundschaft, Hingabe, ihre Schattenseiten: Haß, Eifersucht, Tücke, Grausamkeit, sie kommen gut zur Geltung. Lebendig ist der Natursinn, das Natürliche wird wiedergegeben, wie es benötigt wird, ungekünstelt, oft derb, oder dann häufig dem Ganzen eine komische Seite abgewinnend. Für rein phantastische, mythische Gebilde ist wenig Raum, wo sie auftreten – und in den Märchen werden wir ihnen begegnen –, sind sie das Kennzeichen für einen ursprünglich fremden, mit der Zeit völlig aufgesogenen Stoff, meist indischer Herkunft. Typisch ist der malaiischen Gestaltungsart ihr Hang zum Weichlichen; die auftretenden Personen sind überaus häufig weiche Naturen; energische, kraftvolle Gestalten sind selten; auch sie sind passiv; Weinen, Klagen, Jammern sind ihnen nicht fremd. Sie üben daher eine ganz andere Wirkung auf uns aus wie auf den malaiischen Zuhörer. Wie wir uns überhaupt an einige Eigentümlichkeiten bei der Lesung gewöhnen müssen, die behagliche Breite, mit der erzählt wird, und die gelegentlichen ermüdenden Wiederholungen. Im großen und ganzen habe ich mich wie bei den »Südseemärchen« an Vorlagen gehalten, für welche die Eingeborenen-Texte in irgendeiner Form vorliegen. Eine freie Übertragung war nicht zu umgehen, doch versucht sie dem Urtext auf das gewissenhafteste gerecht zu werden. Unverständliches ist nach Möglichkeit ausgeschieden worden, bzw. enthalten die Anmerkungen die erforderlichen Erklärungen. Die Initialen sind nach Vorlagen hergestellt, wie sie das hamburgische Museum für Völkerkunde in seinen reichen Schätzen aus Malaisien birgt. Sie vermitteln dem Beschauer eine zweite künstlerische Seite der Eingeborenen. Die Vorlagen zu den Tafeln verdanke ich der Liebenswürdigkeit und Kunst des Herrn R. Schubert in Alt-Rahlstedt bei Hamburg. tersebut-lah pula suwatu perkataan: Jetzt höret wieder eine Geschichte: Hamburg, am 14. Juli 1921 Dr. Paul Hambruch Den Gönnern und Förderern der »Indo-Ozeanischen Gruppe für Auslandsstudien an der Hamburgischen Universität« Herrn Emil Helfferich , Direktor des Straits- und Sunda-Syndikats und Herrn E. L. Lorenz-Meyer i. Fa. Arnold Otto Meyer zugeeignet Madagaskar 1. Sonne, Mond und Hahn Die drei Götterkinder Sonne, Mond und Hahn lebten als Brüder anfangs einträchtig beieinander. Eines Tages ging die Sonne einmal aus, Mond und Hahn blieben im Hause. Da befahl der Mond dem Hahn, er möchte die Rinder hereinholen, doch der weigerte sich. Der Mond wurde darob böse, faßte ihn beim Schopf und warf ihn auf die Erde hinunter. Als die Sonne heimkam, erzählte der Mond ihr den Vorfall. Die Sonne wurde betrübt und sagte: »Du magst nicht in Eintracht leben; schön, dann will ich auch nicht mehr mit dir ausgehen. Fortan gehört dir die Nacht und du darfst erst des Abends ausgehen. Der Tag jedoch ist mein. Und der Hahn wird mich niemals vergessen, denn ich habe ihn nicht vertrieben und noch immer lieb. Auch will ich's nicht haben, daß er ausgeht oder kräht, wenn du unterwegs bist.« Der Hahn befolgte die Anweisungen der Sonne. Allemal, wenn sein Bruder morgens aufsteht, freut er sich ihn zu sehen; er erinnert sich daran, daß sie sein älterer Bruder ist, er schaut ihn an und ruft unaufhörlich den Tag über: »Indriinilay zoky e! Indriinilay zoky e! [Sieh da, mein älterer Bruder, e!]« Und wenn die Sonne untergegangen und der Mond an der Reihe ist, dann begibt sich der Hahn schnell ins Haus, um den andern nicht sehen zu müssen. 2. Kuckuck Ein Sohn Janaharys war gestorben. Der rief sämtliche Lebewesen der Erde zusammen, damit sie bei der Bestattung die Trauerlieder sängen. Auf Befehl Janaharys begannen alle mit dem Gesang, aber bald wurden etliche müde, und man vernahm ihre Stimmen nicht mehr. Nach Verlauf einer Stunde sangen nur noch sehr wenige Trauerlieder. Und nach zwei Stunden hörte man fast keinen mehr. Als die dritte Stunde zu Ende ging, waren alle heiser und stimmlos geworden, nur der Kuckuck sang noch aus vollem Halse. Tag und Nacht sang er, bis Janahary ihm schließlich Einhalt gebot. Als der Kuckuck ihn nun um eine Belohnung bat, sprach Janahary: »Ich bin mit dir zufrieden. Hinfort sollst du dir, wenn du Eier legen willst, nicht wie andere Vögel ein Nest bauen; denn du mußt doch jetzt sehr müde sein, nachdem du solange gesungen hast. So sollst du deine Eier denn in die Nester anderer Vögel legen; du darfst ihre hinauswerfen und zerschlagen, damit du Platz für deine eigenen bekommst. Die anderen Vögel sollen die Mühe haben, deine Eier auszubrüten, aber du brauchst es nicht!« Und so geschieht es denn. Der Kuckuck brütet seine Eier nicht aus, sondern schiebt sie den anderen unter. 3. Mensch und Mücke Herr Olombelona und die Mücke Nekehitsa hatten Gefallen aneinander; so schlossen sie denn auch Blutsbrüderschaft; als Nekehitsa vom Blute des Herrn Olombelona trank, mundete dies ihr vortrefflich. Und so erzählte sie nachher anderen Mücken: »Wir mühen uns allemal ab, Blut ausfindig zu machen. Da wollen wir künftighin doch nicht das unseres Bruders vergessen, das ausgezeichnet schmeckt.« Eine andere Mücke antwortete: »Laßt uns ihn besuchen und einmal sein Blut proben; dann ersparen wir ihm die Mühe, uns Reis zu kochen, Wasser zu holen und ihn zu waschen, wir bitten ihn da nur um ein recht einfaches Mahl.« Herr Olombelona war eingeschlafen und schnarchte, als die Besucher bei ihm erschienen; sie baten nach allen Regeln des Anstands um Eintritt, doch Herr Olombelona hörte sie nicht und antwortete nicht. »Bss! Bss!« machten die Mücken, »laßt uns hineingehen.« Damit flogen sie hinein, ließen sich auf dem Menschen nieder und tranken sein Blut. Plötzlich fuhr Herr Olombelona aus dem Schlafe auf und rief wütend: »Wartet! Euch werde ich kommen! So benehmt ihr euch also einem Blutsbruder gegenüber?« Und tapp, tapp! streckte er eine Mücke nach der anderen nieder. Seither, so geht die Mär, sind Menschen und Mücken keine Freunde mehr. Sieht der Mensch eine Mücke, schlägt er sie tot; trifft aber die Mücke einen Menschen, sticht sie ihn und saugt sein Blut. 4. Kuh und Bache Kuh und Bache wohnten, so geht die Mär, zusammen in einem geruhigen Tal. Sie bekamen zur selben Zeit Junge, sprach die Bache zu ihrer Gefährtin: »Schau, wie fruchtbar ich bin, und wie viel schöner ich mit meinen vielen Kleinen bin als du!« Die Kuh antwortete: »Laßt uns ins Dorf gehen und den Leuten unsere Nachkommenschaft zeigen; wer von uns verhöhnt wird, soll die Häßlichste sein.« Die Bache willigte ein, und beide begaben sich auf den Weg. Die Kuh trabte zuerst durch die Gassen; als die Leute sie sahen, sagten sie: »Schaut mal, welch herrliche Kuh! Seht, was für ein niedliches Kälblein sie bei sich hat!« Die Bache folgte ihr unmittelbar; als die Leute sie sahen, höhnten sie und riefen: »Seht einmal das garstige Wildschwein an!« Daher trägt das Wildschwein stets den Kopf zum Boden gesenkt; es schämt sich der Worte der Menschen, Die Kuh aber hält das Haupt hoch empor, denn sie ist auf die Schmeicheleien stolz. 5. Wildschwein und Chamäleon laufen um die Wette Wildschwein und Chamäleon, so geht die Mär, waren eines Tages auf der Nahrungssuche und begegneten sich am Ufer des Entwässerungskanals eines Reisfeldes. Das Wildschwein fragte das Chamäleon nach woher? wohin? »Ich suche mir etwas zu essen,« antwortete es. »Du wirst gerade was zum Beißen finden, du bist ja so schwach und langsam! Du mußt nicht so planlos umherirren. Fürchtest du dich denn nicht, einmal einem solch großen Tier wie mir zu begegnen und von seinen Hufen zertreten zu werden?« »Du hast schon recht,« entgegnete das Chamäleon, »und alles, was du sagst, stimmt aufs Haar. Aber bedenke doch auch, bin ich schon klein, so brauche ich nur wenig zum Essen, und deshalb kann ich mir sehr leicht das verschaffen, was ich nötig habe.« Das Wildschwein war darob ganz erstaunt und fand keine Worte zur Erwiderung. Das Chamäleon setzte hinzu: »Bist du einverstanden, Herr Vetter, dann wetten wir einmal. Glaube aber bitte nicht, daß ich dich, den viel Stärkeren, zum Kampfe herausfordern will. Ich schlage dir nur ein einfaches, kleines Vergnügen vor.« – »Einverstanden; wenn du schon, trotz deiner Kleinheit, so verwegen bist, dann werde ich, der Große und Starke, doch nicht nein sagen. Sprich, welche Wette wollen wir eingehen?« – »Was du willst!« Sie entschieden sich für einen Wettlauf und wählten zum Ziel einen Baum, der in recht beträchtlicher Entfernung vor ihnen am Wege stand. »Ich bin fertig!« sagte das Wildschwein. »Warte bitte noch einen Augenblick,« sprach das andere Tier, »damit ich das Ziel klar erkennen kann.« Dabei traf das Chamäleon einige Vorbereitungen, um im geeigneten Augenblick auf den Rücken des Schweines springen zu können. Als es eine günstige Stelle gefunden hatte, rief es: »Herr Vetter, es kann losgehen!« Gleichzeitig sprang es auf den Rücken des Schweines, das unter Aufbietung aller Kräfte vorwärtsstürmte. Als sie am Ziel waren, ließ sich das Chamäleon ins Gras fallen. Das Wildschwein schaute sich um und meinte, das Chamäleon wäre noch weit hinten. »Herr Vetter,« rief es, »schaut nicht zurück, ich bin bereits hier vor dir!« Wütend wollte das Wildschwein den Wettstreit nochmals zum Austrag bringen. Das Chamäleon nahm an, gebrauchte dieselbe List und war wieder der Erste. Das Wildschwein war immer ärgerlicher geworden: »Kein Tier hat mich je besiegt; ich werde mich rächen und dich verschlingen.« – »Das wäre Verrat, Herr Vetter! Haben wir nicht eine gemeinsame Abmachung getroffen?« – »Ich erinnere mich daran nicht im allergeringsten, ich will dich fressen.« – »Na, dann erlaube mir wenigstens, meine Verwandten vorher davon in Kenntnis zu setzen, denn das ist ja kein Spiel mehr, sondern eine höchst wichtige Angelegenheit.« – »Mach, daß du fortkommst,« sagte das Wildschwein, »ich werde hier warten.« Also begab sich das Chamäleon fort; es traf zunächst den Tsintsina-Vogel und sprach zu ihm: »Ich will mit dem Wildschwein kämpfen; bitte, stehe mir bei, du bist ja ein hilfsbereiter Freund.« – »Gern,« erwiderte der Tsintsina-Vogel, »vertraue mir nur; ich werde im hohen Grase sitzen und aufpassen.« Darauf erblickte das Chamäleon die Wachtel und bat sie um die gleiche Hilfeleistung; die Wachtel sagte zu und wollte sich in den Graben begeben, um dem Kampfe zuzuschauen. Alsdann traf das Chamäleon die Lerche, den Papelika-Vogel und den Frosch; es erzählte allen dasselbe und erhielt die gleiche Antwort. Inzwischen war das Wildschwein ungeduldig geworden und, anstatt auf seinen Feind zu warten, ihn suchen gegangen. Unterwegs wurde es vom Tsintsina-Vogel bemerkt, der rief: »Iaty! Iaty! Da ist er! Da ist er!« Das Wildschwein meinte die Stimme des Menschen zu hören und schlug sich seitwärts in die Büsche. In der nächsten Bodensenke rief ihm die Wachtel entgegen: »Safaleo Safaleo! Umzingelt, umzingelt ihn!« Es flüchtete weiter. Am Bergfuße bemerkte es der Papelika-Vogel: »Bobo! Bobo! Piff, paff!« In der Ebene ließ die Lerche ihren Ruf erschallen, als es bei ihr vorüberlief: »Sorosy! Sorosy! Fangt ihn! Fangt ihn!« Und als es durch ein Reisfeld trabte, quakte der Frosch: »Peheto! Peheto! Greift an! Greift an!« Das Wildschwein, das von all den Anstrengungen ganz erschöpft war, wußte nicht, nach welcher Seite es flüchten sollte. In diesem Augenblick kam der Mensch mit einem Hunde vorbei. Sie töteten das Wildschwein. So wurde das große und starke Wildschwein von der Klugheit des kleinen Chamäleons besiegt. 6. Wildschwein und Frosch schwimmen um die Wette Lambo, das Wildschwein, begegnete eines Tags am Rande eines Reisfeldes Boketra, dem Frosche. Der Große sah auf den Kleinen herab und sagte: »Verhalte dich ruhig und plantsche nicht im Wasser, wenn du dabei soviel Lärm machen mußt!« – »Mein Lieber,« antwortete Herr Boketra, »ist's auch schon recht, daß du der Große bist, so verbitte ich's mir doch ernstlich, so anmaßend zu mir zu sprechen. Bist du wirklich so stark wie du scheinst? Laß uns einmal unsere Kräfte im Schwimmen messen.« – »Halt den Mund und belästige mich nicht obendrein. Ich nehme es mit hundert deinesgleichen auf.« – »Gewiß, sehr wohl! Ich weiß, daß du sehr kräftig bist. Aber vielleicht bin ich dir doch im Schwimmen über.« – »Schön, einverstanden! bei Neumond treffen wir uns wieder, jeder bringt seine Angehörigen mit, die dann dem Austragen des Wettstreites in der Großen Lagune in Amparihilara zuschauen sollen.« Vor dem Kampfe dachte sich nun Boketra eine List aus. Er bat mehrere andere Frösche, sich hier und dort in der Lagune, wo die Schwimmer vorbei mußten, zu verstecken, und etwa von Herrn Lambo gestellte Fragen richtig zu beantworten. Als die beiden Gruppen beieinander waren, hielten ihre Führer einen Rat ab, um zu beschließen, was mit dem Besiegten geschehen sollte. Man kam überein, daß er mit seiner ganzen Familie hinzurichten wäre. Dabei darf man nicht vergessen, daß die Wildschweine durchaus nicht glaubten, daß eine Niederlage ihres Kämpen überhaupt möglich war. Die Schwimmer starteten also. Der eine verließ sich allein auf seine Kraft; er schwamm mit kräftigen Stößen vorwärts, und das Wasser spritzte um ihn hoch auf; der andere hielt sich zurück. Herr Lambo befand sich bald mitten im See. Seine Verwandten feuerten ihn durch Zurufe an. Doch fühlte er sich plötzlich matt und matter werden; er wandte den Kopf nach rechts, nach links, um zu sehen, wieviel er wohl seinem Gegner voraus war. Sofort rief ihm ein Frosch zu: »Na, noch ein bißchen und du hast ihn um ein gutes Stückchen überholt.« – »Wo steckt denn mein Gegner?« fragte das Wildschwein. »Hier bin ich!« antwortete hinter ihm ein anderer Frosch. Da begann das Schwein mit verstärkter Anstrengung wieder weiter zu schwimmen. Ein wenig später wiederholte sich das gleiche Spiel. Als der erschöpfte Herr Lambo den Mund öffnete, um sich nach seinem Gegner zu erkundigen, drang ihm das Wasser in den Schlund, und er ertrank. Die anderen Schweine, die am Ufer zurückgeblieben waren, wurden durch den plötzlichen Tod aufs höchste überrascht. Wütend über die Frösche, die dem Sieger zujubelten, wollten sie sich auf die kleinen Kerle stürzen, um sie zu verschlingen; doch die sprangen sämtlich ins Wasser und entkamen so ihren Feinden. Seither sind Frösche und Schweine keine Freunde mehr gewesen. 7. Rabotity Rabotity jagte eines Tages im Walde. Er stieg auf einen hohen Baum. Da es gehörig wehte, brach der Ast; Rabotity fiel zur Erde und brach ein Bein. Nun sagte er: »Der Baum ist der Mächtigste auf Erden, er hat mir mein Bein zerschlagen.« Doch der Baum antwortete: »Wenn ich der Mächtigste wäre, hätte der Wind mich nicht entwurzelt. Also ist der Wind der Mächtigste.« Der Wind sprach: »Wenn ich der Mächtigste wäre, würde der Berg mir nicht den Weg versperren. Der Berg ist also der Mächtigste.« Der Berg sagte: »Wenn ich der Mächtigste wäre, würde die Ratte sich nicht durch mich hindurchwühlen. Die Ratte ist also die Mächtigste.« Die Ratte sprach: »Wenn ich die Mächtigste wäre, würde die Katze mich nicht verschlingen. Die Katze ist also die Mächtigste.« Die Katze sagte: »Wenn ich die Mächtigste wäre, könnte der Strick mich nicht fesseln. Der Strick ist also der Mächtigste.« Der Strick sprach: »Wenn ich der Mächtigste wäre, vermöchte das Messer mich nicht zu zerschneiden. Das Messer ist also am mächtigsten.« Das Messer sagte: »Wenn ich am mächtigsten wäre, wäre das Feuer nicht imstande, mich zu vernichten. Das Feuer ist am mächtigsten.« Das Feuer sprach: »Wenn ich am mächtigsten wäre, dürfte das Wasser mich nicht auslöschen. Das Wasser ist am mächtigsten.« Das Wasser sagte: »Wenn ich am mächtigsten wäre, brauchte ich nicht das Boot zu tragen. Das Boot ist am mächtigsten.« Das Boot sprach: »Wenn ich am mächtigsten wäre, könnte der Stein mich nicht zertrümmern. Der Stein ist am mächtigsten.« Der Stein sagte: »Wenn ich am mächtigsten wäre, vermöchte die Krabbe mich nicht zu durchbohren. Die Krabbe ist am mächtigsten.« Die Krabbe sprach: »Wenn ich am mächtigsten wäre, würde der Mensch mich nicht essen. Der Mensch ist also der Mächtigste.« 8. Wie aus einer Biene ein Ochse wurde Mahaka wettete eines Tages mit einem Adligen, daß er aus einer Biene einen Ochsen machen könnte. Der lachte ihn aus. Doch er holte ein Bambusrohr, steckte eine Biene hinein, nahm den Bambus auf die Schulter, zeigte ihn überall herum und rief: »Heda! Seht euch meinen Ochsen an, seht euch meinen Ochsen an!« So marschierte er den Tag über von einem Dorf zum andern und trug den Bambus auf der Schulter. Gegen Abend machte er in dem Hause eines Dorfes, in dem er schon gewesen war, Halt. Als die Leute ihn sahen, fingen sie an, ihn zu verhöhnen und riefen: »Halloh! Da ist ja Mahaka! Mahaka ist da!« – »Jawohl, so heiße ich,« antwortete der Schalk. »Wißt ihr das noch nicht?« – Und wieder rief er: »Heda! Seht euch meinen Ochsen an, seht euch meinen Ochsen an!« Dabei zeigte er ihnen die Biene. »Wo sollen wir denn dein Vieh unterstellen?« fragte ihn der Herr des Hauses, da inzwischen die Nacht angebrochen war. »Bringt es dahin, wohin es gehört,« antwortete er. Der Mann brachte die Biene zu den Hühnern, die sie sofort mit den Schnäbeln zerhackten. Als er am nächsten Morgen das Tier wiederholen wollte, war es tot. Der Wirt geriet in helle Aufregung und sagte zu seinem Gaste: »Mahaka! Mahaka! Dein Vieh ist tot!« – »Wer es tötete, gehört dafür mir!« – »Dummes Zeug, das fehlte noch!« – »Schön,« erwiderte Mahaka, »dann gib mir genau solch eine Biene wieder. Sonst gehört mir der, welcher sie getötet hat.« Der Herr des Hauses war darob ganz verschüchtert und war damit einverstanden, daß Mahaka die Biene durch ein Huhn ersetzt wurde. Am anderen Tage verließ Mahaka das Dorf; das Huhn hatte er unterm Arm, und gemächlich marschierte er seines Wegs. Als die Sonne unterging, trat er in das Haus eines vornehmen Mannes, der viele Kinder hatte. »Hallo! Mahaka! Halloh! Mahaka!« riefen sie. »Jawohl, ich heiße wirklich Mahaka, da kennt ihr mich also schon. Schaut euch mal meinen Ochsen an,« fuhr er fort und zeigte dabei auf das Huhn. »Wo sollen wir das Huhn unterbringen?« fragte der Hausherr. »Bringt es dahin, wohin es gehört!« Die Kinder griffen das Huhn und setzten es bei den Enten aus. Doch die bissen es tot, denn sie duldeten nichts Fremdes bei sich. »Ich werde die mitnehmen, die mein Vieh gemordet hat,« sagte Mahaka. Und dabei rollte er so fürchterlich mit den Augen, daß dem Hausherrn angst und bange wurde und er ihm für das Huhn eine prächtige Ente gab. Am Abend bat Mahaka um ein Nachtlager bei einem Manne, der Truthühner züchtete. »Bitte, schaff dies Vieh dahin, wohin es gehört,« sagte er zu ihm. Die Kinder brachten die Ente zu den Truthühnern; und am nächsten Morgen war sie tot. Mahaka drohte, und der Mann schenkte ihm eine schöne Truthenne. Mahaka tat sie in einen Korb und wollte die nächste Nacht bei Rabeondry, dem Mann mit den Hammeln, verbringen. »Setz mein Vieh hin, wo sein Platz ist.« Man brachte die Truthenne in die Ecke des Geheges, wo die Hammel eingesperrt waren. Doch die Hammel meinten, in dem Korb wäre Gras; so rannten sie in der Nacht überall mit den Hörnern gegen den Korb an, um ihn zu zertrümmern; dabei ging natürlich die Truthenne drauf. »Ich bin nicht eher zufrieden,« sagte Mahaka und spielte dabei den wilden Mann, »bis man mir ihren Mörder übergeben hat.« – »Eigentlich trifft die Schuld nicht mich,« antwortete Rabeondry, »aber wir wollen uns nicht erzürnen. Nehmt einen Hammel mit.« Gegen Abend kehrte Mahaka bei einem Manne ein, der viele Ochsen besaß. Der Hammel wurde in eine Bucht gesperrt, wo man einen Ochsen fett machte. In der Nacht stand Mahaka auf, begab sich in die Bucht, tötete den Hammel und bestrich die Hörner des Ochsen mit dem Blute, so daß die ganz rot wurden. Dann legte er sich wieder hin und schlief bis in den hellen Tag hinein; der Hausherr mochte inzwischen die Tat gemerkt haben. Als er aufgestanden war, tat er so, als ob er seinen Hammel holen wollte. Als er ihn tot vor sich sah, überhäufte er den Hausherrn mit schwersten Vorwürfen. »Der hat mir meinen Hammel getötet und dafür soll er mir gehören. Und wenn ihr damit nicht einverstanden seid, dann werde ich euch beim Schulzen verklagen.« Lange währte Rede und Gegenrede, doch bei der Starrköpfigkeit des Mahaka mußte der andere schließlich doch nachgeben und hieß ihn den Ochsen mitnehmen. Mahaka suchte nun den Adligen auf, mit dem er gewettet hatte, erzählte ihm seine Fahrten und Abenteuer und von den Listen, die er angewandt hatte, um die Biene in einen schönen Ochsen zu verwandeln. Da mußte der Adlige ihm auch noch den Wettpreis auszahlen. 9. Der Alte mit den sieben Söhnen Ein Mann hatte sieben Söhne; als sie herangewachsen waren, verließen sie das Haus; niemand blieb beim Vater. Als er schneeweiß geworden war, rief er seine Kinder wieder zu sich und befahl ihnen, einen Stier zu töten. Nachdem dies geschehen war, beauftragte er den Ältesten mit der Verteilung des Fleisches. Doch der Sohn lehnte es ab, denn er wußte nicht, wie er teilen sollte. Da sprach der Vater: »Teile es in drei gleiche Teile, ein Drittel gibst du den Verwandten meiner Knochen, ein Drittel den Leuten von drinnen, die nach draußen gehen und ein Drittel den Leuten von draußen, die nach drinnen kommen.« Die sieben Söhne waren ob dieses Rates, ebenso wie die Umstehenden, recht verwundert, und der Älteste fragte den Vater nochmals: »Herr Vater, erklärt Euch doch, bitte; wen meint Ihr mit den Verwandten Eurer Knochen? Wen mit den Leuten von drinnen, die nach draußen gehen und wen mit den Leuten von draußen, die nach drinnen kommen?« – »Die Verwandten meiner Knochen,« erwiderte der Greis, »seid ihr selber, denn nach eurem Tode werdet ihr bei mir im Grabe unserer Ahnen beigesetzt, nicht in einem andern Grabe; wenn nicht in einem andern Lande; doch dann lebt ihr ja nicht bei mir. Die Leute von drinnen, die nach draußen gehen, sind eure Schwestern, die sich mit den Männern aus einem andern Hause oder andern Lande verheiratet haben, und die Leute von draußen, die nach drinnen kommen, sind die Schwestern der Fremden, die sich mit euch verheiraten und in unserm Hause wohnen werden. Die Frauen werden hier empfangen und die Kinder, die sie auf die Welt bringen, werden die Nachkommen unserer Ahnen sein.« Als die Teilung des Fleisches beendet war, sagte der Greis zu seinen Söhnen: »Holt unsern Jagdhund, wir wollen auf die Jagd gehen.« Der Vater zog also in der Begleitung seiner Söhne und des Hundes los; sie erblickten mehrere Perlhühner; sofort machte sich der Hund an ihre Verfolgung, aber, als er sie erreicht hatte, stürzten alle über ihn her, schlugen ihn mit den Flügeln, hackten ihm mit den Schnäbeln die Augen aus und machten ihn blind. Blutend flüchtete sich der Hund zu seinem Herrn. Der Vater sagte kein Wort; er nahm die Hand seines ältesten Sohnes, band den Daumen mit den drei folgenden Fingern zusammen, nur den kleinen Finger ließ er frei, und befahl ihm, mit diesem Finger ihm eine Laus vom Kopf zu nehmen. Der Sohn schaute wohl die Laus, aber es gelang ihm nicht, sie fortzuholen; er sagte: »Herr Vater, wenn ich die Laus fortnehmen soll, dann müßt Ihr mir die Finger wieder losbinden.« Der Greis, der merkte, daß seine Söhne die Unterweisung verstanden hatten, sprach: »Liebe Söhne, nun wißt ihr, daß viele Perlhühner nicht von einem Hund allein auseinandergejagt werden können, und daß man eine Laus nicht mit einem Finger entfernen kann.« So entstanden die beiden Sprichwörter. 10. Tangaly und Doso Es waren einmal zwei recht verschlagene Gesellen, die verstanden die Klügsten zu betrügen und die Weisesten zu hintergehen. Eines Tages lernten sie sich kennen. So geschah es. Tangaly schleppte einen Korb voll Bananen, den er gegen andere eßbare Sachen umtauschen wollte. Da traf er Doso, der Reis trug. Sie wechselten die Lasten und jeder zog mit seiner Bürde weiter. Zu Hause leerte Doso schleunigst seinen Korb; da sah er, daß nur obenauf sich eine Lage Bananen befand, der übrige Rest bestand aus Kehricht. Tangaly schüttete ebenfalls seinen Korb aus; bei ihm lag ein wenig Reis oben, und unter der dünnen Schicht fand sich nur leere Spreu. »Ich werde ihn totschlagen, wenn ich ihn wiedertreffe,« sagte Doso. »Der Kerl wird umgebracht, kommt er mir in den Weg,« meinte Tangaly. Schon am nächsten Tage begegneten sie sich; gerade wollten sie aufeinander losschlagen, als sie es doch für besser befanden, Freundschaft zu schließen; jeder fürchtete die Prügel des andern. Und da beide so verschlagen waren, verstand es sich von selbst, daß sie zusammen nun ihr Glück machen mußten. Bevor sie sich jedoch zusammentaten, wollte jeder erst einmal sein Heil allein versuchen. Tangaly zog gen Norden und spielte den Narren; er ging im Zickzack, tänzelte bald auf einem, dann auf dem andern Bein; redete fortwährend wahllos Worte vor sich hin, die keinen Sinn hatten, und aus seinen Mundwinkeln ließ er den Speichel rinnen, als ob er krank wäre. Den Leuten, denen er begegnete, stellte er verrückte Fragen oder er hielt sie mit kindischen Reden fest. Schließlich traf er ein Paar, das ihm leicht hineinzulegen deuchte: die Frau trug ein herrliches Gewand, und ihr Gatte besaß ein prächtiges Steinschloßgewehr, das mit Kupfer beschlagen war; beide waren mit Muschel- und Glasperlenketten behängt. Tangaly stand am Wege, und als sie vorübergingen, fing er zu tanzen an; und das Ehepaar klappte in die Hände, um im Takte den Tanz des Narren zu begleiten; alles, was sie bei sich hatten, legten sie auf den Boden neben sich hin und waren recht vergnügt, daß sie bei solch angenehmer Unterhaltung im Schatten der Bäume ausruhen konnten. Es entspann sich eine Unterhaltung. »Mütterchen,« sagte Tangaly, »erlaubt mir, Euer Gewand anzulegen.« Im selben Augenblick ließ er den Speichel aus dem Munde laufen. »Väterchen, darf ich einmal mit deiner Büchse zielen?« Dabei machte er etliche groteske Sprünge, um einen Kriegstanz vorzugeben. »Mütterchen, deine Muschelketten sind wirklich prachtvoll!« Dabei nahm er die Muschelketten und band sie um den Kopf. Dann tanzte er, machte einige Schritte rückwärts, dann wieder vorwärts, legte die Sachen wieder hin und nahm sie wieder auf. Das Ehepaar vergnügte sich ungemein an dieser Aufführung; es lachte aus vollem Halse, bis Tangaly mit einemmal den Tanz abbrach und urplötzlich verschwand, so schnell, daß sie nicht einmal seinen Schatten mehr sehen konnten. Allein und ganz verblüfft blieben beide unterm Baume sitzen. Doso begegnete dagegen einer alten Frau, die ein Kind auf dem Rücken trug. Doso stand an einer Wegeecke und spielte den kranken Mann. »Was machst du hier?« fragte die Alte. »Mütterchen, ich bin plötzlich krank geworden und warte nun auf jemand, um nicht allein zu gehen.« – »Ach! Doch schön, mein Kleiner und ich reisen ganz allein und suchen uns einen, der mit uns geht.« Sie machten sich alle drei auf den Weg, und nach einiger Zeit erklommen sie einen sehr steilen Berg. Die Alte, die schon an die fünfzig Jahre auf dem Buckel hatte, kam ganz außer Atem; sie ächzte und stöhnte, weil sie das Kind zu tragen hatte, und alle Augenblicke blieb sie stehen, um neue Kräfte zu schöpfen. »Mütterchen, Ihr werdet müde und quält Euch gar zu sehr ab,« sagte der Schalk, »gebt mir den Kleinen, ich will ihn tragen.« Rafotsibe hatte nur darauf gewartet und vertraute ihm den Kleinen sogleich an. »Gebt mir auch Euren großen Traggürtel her, damit ich ihn bequemer schleppen kann.« Doso war es jedoch nicht um den Gürtel zu tun, er wollte die Bürde stehlen. Rafotsibe gab ihn ohne Bedenken heraus. Nachdem sie eine Weile gegangen waren, kamen sie alle drei in ein Dorf; sie machten vor einem Hause Halt, um sich in dessen Schatten auszuruhen. Dann sorgte aber Doso dafür, daß die Alte schon vorher wieder aufbrach; sie wäre schon so alt, meinte er, und so müde, daß sie kaum allein den Weg machen könnte, und ihm würde es gar nichts ausmachen, selbst nicht mit seiner Bürde, sie wieder einzuholen. Die gutmütige Alte glaubte ihm und setzte sich in Bewegung, während Doso darauf mit dem Kind und dem Gürtel nach der andern Seite hin abzog. Als die beiden Schelme sich wieder getroffen hatten, zeigte einer dem andern, was er erbeutet hatte, denn wie das Sprichwort sagt, macht man sich nicht die Mühe, in den Wald zu gehen, ohne wenigstens ein Stück Holz mitzunehmen. »Wer von uns hat den besseren Teil erwählt?« fragte Doso. »Hab ich's, weil ich einen Menschen, oder du, weil du ein Gewehr mitgebracht hast?« – »Du hast besser als ich abgeschnitten,« antwortete Tangaly »du hast ein Lebewesen bei dir, und das tauscht man nicht gegen eine Flinte ein.« – »Nun, legen wir unsere Siebensachen zusammen, wenn sie auch verschiedenen Wert haben, denn wie sagt das Sprichwort: was sich zusammengetan hat, kann man schlecht auseinanderbringen.« – »Na, na!« meinte Tangaln, »jeder mag doch lieber seine Sachen für sich behalten.« Hernach entschieden sie sich jedoch dafür, ihre Beute zusammenzutun und sie am Schluß ihrer Abenteuerfahrt zu teilen. Wochenlang hörte man nun bald von nichts anderm im Lande als von den Diebereien und Betrügereien der beiden Burschen. Schließlich taten sich die Leute einer Landschaft zusammen, um die beiden, die zur Landplage geworden waren, totzuschlagen. Zunächst ergriff man den Tangaly, der dann in der Nacht desselben Tages noch seinen Wunden erlag. Doso dagegen hatte von dem Plan Wind bekommen und war ausgerückt, bevor sie ihn sich langen konnten. Er flüchtete in eine Höhle; doch alle Mühe, sich zu verbergen, war vergebens; man suchte gründlich, kehrte das unterste zu oberst; und schließlich entdeckten ihn seine Feinde, denen der Haß die Augen geschärft hatte. Sie nahmen ihn fest, setzten ihn in einen großen Korb und trafen Anstalten, ihn lebendig in den Fluß zu werfen. Doso flehte bei seinen Häschern vergeblich um Gnade, so bitterlich er bat und weinte, man möchte ihn doch frei lassen, niemand hatte mit ihm Mitleid. Hat ein Floh den Leuten das Blut abgezapft, sagt das Sprichwort, muß man ihn zerdrücken. Man war auf dem halben Wege zum Flusse, da starb unglücklicherweise plötzlich jemand im Dorfe; die Kunde wurde sogleich hinausgesandt, und die Menge mußte daraufhin sofort umkehren; Doso blieb in seinem Gefängnis eingesperrt. Da kam von ungefähr eine alte Frau, die einen Hammel verloren hatte, bei Doso vorüber; sie klagte und jammerte: »O, ich armes, geschlagenes Weib! Nun habe ich meinen schönen Hammel mit dem großen fetten Schwanz verloren!« – »Bäh! Bäh!« blökte da der Schalk im Korbe. »Aha!« sagte die Alte, »da blökt ja mein lieber Hammel; gewiß hat ihn jemand gestohlen und in den Korb gesteckt!« Und sogleich löste sie die Bänder am Korbe und öffnete ihn. Kaum fühlte Doso sich frei, da machte er sich über die Alte her, sperrte sie ein und machte sich aus dem Staube. Diesmal erfuhr niemand, wo er sich in Sicherheit gebracht hatte. Den Vogel, den man aus dem Käfig läßt, pflegt man zu sagen, kann man nicht wiedergreifen. Die Menge kam wieder zurück und hob den Korb hoch, um ihn nach dem Flusse zu schleppen. Rafotsibe jammerte kläglich; sie sagte, sie wäre nur so von ungefähr da vorbeigekommen, als sie ihren Hammel suchte, da hätte der Kerl im Korbe sie angeführt, eingesperrt und den Korb am Wege stehen lassen. »Halt den Mund!« riefen die Leute, »schau, jetzt machst du eine alte Frau nach, aber wir lassen uns von dir keine Mätzchen mehr vormachen. Du entgehst deiner Strafe nicht!« Und – batsch – warfen sie den Korb in den Fluß. Die Alte ertrank, und die Leute gingen beruhigt in ihr Dorf heim. Doso nahm sein Geschäft in weit entlegenen Landen wieder auf; er machte große Reisen und blieb, so erzählen die Baras, rund hundert Jahre fort. Große Schätze an Sklaven, Silber und Ochsen brachte er zusammen; er besaß so viel, daß niemand seinen Reichtum zu zählen vermochte. In der langen Zeit packte ihn nun wohl das Heimweh, und so kam er zurück. Vorm Dorfe sandte er jemand hinein, denn er getraute sich nicht, geradenwegs sich hin zu begeben, wo er so viel ausgefressen hatte. Der Bote bestellte dem Schulzen, daß Doso Heimweh bekommen hätte und nun untertänigst um Erlaubnis bäte, wieder ins Dorf kommen zu dürfen. Der Schulze erhob keine Einwände; er glaubte übrigens, daß es ein ganz anderer Doso war, und nicht der Schalk von dazumal, der schon lange, lange tot sein mußte. Doso war darob sehr zufrieden und hielt mit allen Reichtümern seinen Einzug ins Dorf; die Leute waren höchst überrascht; schließlich stimmten sie aber doch überein und sahen, daß es sich um den einstigen Dieb handelte. Doso stand im Mittelpunkt aller Gespräche im Dorfe, denn das Sprichwort sagt: »Reiche laden viel Neid auf sich.« – »Wo hast du nur alle diese Güter erwerben können?« fragten ihn die Alten des Dorfes. »Erinnert ihr euch noch daran, wie ihr mich in den Fluß geworfen habt? Schön! Da habe ich wundervolle Dinge erlebt. So etwas habe ich nie im ganzen Lande zu sehen bekommen. Da, im Wasser habe ich lange gelebt und alle meine Reichtümer sammeln können. Schaut euch meine roten Stoffe, meine Perlen, meine Glassachen an, dann die dicken, fetten Ochsen, meine jungen, kräftigen Sklaven und alle die vielen Dinge, die ich ja gar nicht aufzuzählen vermag!« – »Wo, sagst du, hast du denn gewohnt?« unterbrachen ihn die Leute. – »Im Flusse, sage ich euch, da im Wasser habe ich dies alles gefunden!« – »Da wollen wir auch hingehen, alle zusammen!« riefen die törichten Kerle, »und wollen ordentlich reich werden!« – »Wir wollen große Körbe flechten,« schrien die alten Weiber, »unsere Kinder hineinstecken und sie in den Fluß hinablassen, damit sie dort Geld und Güter aller Art sammeln können.« – »Bedenkt aber wohl,« meinte Doso, »daß man sehr lange im Wasser bleiben muß.« – »Alles ist wohl bedacht! Spätestens bis Neumond werden wir alle ins Wasser hinabgestiegen sein.« Und bis zum Neumond unterhielt man sich über nichts anderes als die Abenteuer des Doso. Bis der Tag da war, machten die Frauen nur Körbe. Und eines Morgens versammelte sich alles am Ufer, denn alle Männer wollten gemeinsam ausziehen, um die Reichtümer zu suchen. Einen nach dem andern warf man in den Fluß, und man hörte nichts als das Aufklatschen der Leiber im Wasser: »Batsch! Platsch! Batsch!« – »Hoffentlich könnt ihr die vielen Dinge auch alle schleppen!« sagten die einen. »Nehmt nur das Beste!« sagten andere. Eine Woche war seit dem Bade der Männer verstrichen, und keiner war bislang heimgekehrt. Ach, die Toten kommen nicht wieder! Unruhe quälte die Frauen. Da sprach Doso zu ihnen: »Absteigen ist das Gegenteil von Aufsteigen; eure Männer kommen nie wieder an die Oberfläche; ihre Leichen liegen auf dem Grunde des Flusses, Tote erwachen nicht wieder. Bildet ihr euch etwa ein, ihr hättet mich vordem vielleicht in den Fluß geworfen? Vortrefflich, das Schicksal hatte mit mir Besseres vor, ich kam nicht um; ein altes Mütterchen, die Frau, die ihren Hammel verloren hatte, habt ihr statt meiner hineingeworfen. Ihr seid ja horndumm gewesen, wenn ihr wirklich glaubtet, daß es außer Moder, Steinen und Fischen noch andere Dinge im Wasser gibt. Gebt nur die Hoffnung auf, jemals etwas von euren Männern wiederzusehen; ihr Leben ist abgeschlossen, ihre Zeit ist abgelaufen. Und da sich mit den Toten schlechterdings nichts anfangen läßt, so will ich euch fortan den Vater, den Gatten, den Sohn ersetzen.« Bei diesen Worten waren die Leute wie auf den Mund geschlagen; die Frauen fielen in Ohnmacht, die Kinder heulten und schluchzten. Aber was sollten sie anfangen? Sie standen allein; durch eigene Schuld und Dummheit hatten sie ihre teuren Lieben verloren. Alle mußten sich bescheiden und nun unter der Herrschaft des Doso ihr trauriges Leben – weiterleben. Insulinde 11. Der Affe und die Kröte An einem regnerischen Abend saßen der Affe Krah und die Kröte Raong unter einem Baumstamm und wehklagten über die Kälte. »Kr-r-r-h,« fauchte Krah; »Hut-tut-tut,« quakte die Kröte. Sie verabredeten, am nächsten Tage einen Baum zu fällen und sich aus der Rinde eine warme Jacke zu machen. Am Morgen schien aber die Sonne so hell, warm und schön, daß Krah sich oben in den Baumwipfeln vergnügte, während Raong auf den Baumstamm kletterte und im Sonnenschein badete. Plötzlich kam Krah von oben herab und rief: »Halloh! Altes Haus! Wie geht es dir denn?« – »O, ausgezeichnet,« antwortete Raong. »Sag' mal, wollten wir uns nicht eine Jacke machen?« fragte Krah. »Ach was! Zum Henker mit der Jacke!« antwortete Raong, »wir wollen sie morgen machen, ich fühle mich jetzt so behaglich warm.« Und den ganzen lieben Tag freuten sie sich über den Sonnenschein. Am Abend fing es wieder zu regnen an; wieder saßen die beiden unterm Baumstamm und stöhnten über die Kälte. »Kr-r-r-h,« fauchte der Affe; »Hut-tut-tut,« quakte Raong. Und wieder verabredeten sie, am nächsten Tage einen Baum zu fällen und sich aus der Rinde eine warme Jacke zu machen. Am Morgen schien die Sonne wieder so hell, warm und schön, daß Krah sich oben in den Baumwipfeln vergnügte, während Raong im Sonnenschein badete. Wiederum meinte Raong: »Ach was! zum Henker mit der Jacke! Wir wollen sie morgen machen.« Jeden Tag erlebte man dasselbe Schauspiel, und so ist es bis heute geblieben, und Krah und Raong sitzen noch immer im Regen, stöhnen über die Kälte und wehklagen »Kr-r-r-h« und »Hut-tut-tut«. 12. Wie die Vögel einen König kürten Einstmals saßen die Vögel alle beisammen und ratschlagten, wie sie ihren König küren sollten. Sie redeten lange hin und her. Endlich einigten sie sich und sagten: »Wir wollen zum Himmel emporfliegen. Wem es gelingt, bis an den Himmel heranzukommen und ein Stückchen der Himmelswand mitzubringen, der soll König sein.« Alle Vögel stimmten dem Vorschlage bei. Der schlaue Kolibri holte sich vor dem Wettfluge ein Stückchen weißglänzende Rinde von einer Palme [Salé-Baum], das er zwischen seinen Flügeln verbarg. Auf ein Zeichen hin flogen die Vögel zum Himmel empor. Unterwegs wurde der Kolibri rechtschaffen müde und sagte: »Ich kann nicht mehr, ich kann nicht weiter! Buzeros, nimm mich auf deinen Rücken.« Gesagt, getan! Der Buzeros spürte den Kolibri nicht im geringsten. Schließlich war es auch mit den Kräften des Buzeros und der andern Vögel zu Ende. Sie waren zu sehr erschöpft. Einer nach dem andern kehrte um und flog wieder nach der Erde zurück. Als der Buzeros heimfliegen wollte, flog der Kolibri auf und rief den andern Vögeln zu: »Was? Ihr wollt schon wieder heim? Voran, folgt mir doch!« Die Vögel waren jedoch zu müde und matt, um ihm noch weiter folgen zu können. Der Kolibri flog daher allein weiter, doch erreichte auch er den Himmel nicht. Schließlich kehrte auch er um, flog zur Versammlung zurück und zeigte ihr triumphierend das Stückchen Baumrinde. »He! Schaut her! Ihr habt's nicht gekonnt. Nur ich erreichte den Himmel. Seht, hier ist ein Stückchen von der Himmelswand!« Viele Vögel, auch der Buzeros, sprachen da: »Was! Wir konnten nicht zum Himmel kommen, und nun will ein so winziger Wicht den Himmel erreicht haben und gar unser König sein?« Und sie redeten wieder alle miteinander und sagten: »Wir lassen uns diesen König nicht gefallen. Wir werden ihn verjagen. Denn ein solcher Knirps kann doch nicht über uns König sein.« So jagten die Vögel den Kolibri fort. Er floh und verkroch sich in ein Mauseloch. Da konnten die Vögel ihm nicht beikommen. Sie beriefen darauf eine neue Versammlung. Darin sollte ein Wächter gewählt werden. Und die Eule wurde zum Wächter bestellt, sie hatte die größten Augen. Sie sollte das Mauseloch bewachen. Als sie dies eine Weile getan hatte, wurde sie schläfrig, sie nickte mit dem Kopfe, tiefer, immer tiefer und schlief endlich ganz fest ein. Wie der Kolibri das merkte, kam er schnell aus dem Loche heraus und flog fort. Drauf kamen die Vögel und fragten: »Weshalb hast du nicht Wache gehalten und aufgepaßt?« Die Eule gab ihnen keine Antwort, sondern flog davon. Da taten die Vögel sich zusammen und setzten hinter ihr her. Doch versteckte sie sich in einem Dickicht von Lianen, Winden und Kriechern. So konnten die Vögel nicht an sie herankommen. Aber auch die Eule darf sich nicht mehr am Tage sehen lassen. Sie fliegt nur bei Nacht. Denn sie fürchtet ihre Feinde. 13. Der Klatsch der Tiere Es waren einmal drei Tiere: Frau Frosch, Frau Maus und Frau Kakerlake. Sie wohnten zusammen in einem Hause, waren Freundinnen und duzten einander. Eines Tages waren sie wieder einmal beisammen, als die Maus fortging, um ihr Wasser abzuschlagen. Da verleumdete Frau Frosch Frau Maus und sagte: »Ach, meine liebste Frau Kakerlake, unsere Freundin, Frau Maus, hat eine gar spitze Schnauze; die hat sie vom Stehlen, denn sie stiehlt uns allen das Saatkorn.« Die Maus hatte aber alle Worte unter'm Hause gehört. Als sie die üblen Reden vernahm, weinte sie und gleich kam ihr der Zorn hoch. Sie ging wieder nach oben und fragte: »Sagt mal, ich habe eine spitze Schnauze? Und die habe ich, weil ich euch allen euer Saatkorn stehle, nicht wahr?« Die beiden antworteten: »Nein, liebste Frau Maus, wir hatten dir doch nichts Böses nachgesagt. Du hast uns ganz verkehrt verstanden. Wir haben nur davon gesprochen, daß unsere liebe Frau Maus die spitze Schnauze bekam ob des Fleißes, mit dem sie die prächtigen Muster in die Gewebe stickt.« Nun mußte Frau Frosch sich für eine Weile entfernen. Da regte sich die Lästerzunge der Maus, und sie sagte: »Ach, meine liebste Frau Kakerlake, haben Sie gesehen, wie die Pfötchen unserer lieben Freundin, Frau Frosch, ganz schmal geworden sind?! Das kommt vom vielen Springen auf die Steine; auch sind ihre Schenkel ganz platt geworden, weil sie soviel auf den Steinen sitzt.« Frau Frosch hatte die beiden jedoch unterm Hause belauscht, und als sie nach oben kam, sagte sie: »Was sagt ihr, ich hätte infolge des Springens so magere Schenkel bekommen?« Die antworteten: »Aber liebste Freundin, wer redet denn nur solch' Zeug? Wir meinten, deine Schenkel wären so platt geworden, weil du stets so fleißig mit dem Webeschwert hantierst.« Darnach mußte Frau Kakerlake verschwinden. Da schwatzten und klatschten die beiden anderen Frauen und lästerten: »Aber Liebste, unsere Freundin, Frau Kakerlake, hat doch nur deshalb solch glatte Haut, weil sie in jedermanns Kisten und Kasten herumkriecht.« Das hatte Frau Kakerlake gehört und sagte, als sie wieder nach oben gekommen war: »Was meintet ihr? Ich bin so glatt, weil ich in jedermanns Kisten herumkrieche?« – »Aber nein,« erwiderten die beiden, »wir redeten davon, daß du so fleißig strickst, und daß du deshalb so glatt geworden bist. Du sitzt ja sogar in der brennenden Sonne und strickst!« 14. Die Schildkröte und der Elefant Eines Tages ging die Schildkröte am Flusse spazieren. Da begegnete sie dem Elefanten. Sagte der Elefant: »Bobog, was machst du hier?« – »Ich suche mir etwas zu essen,« antwortete die Schildkröte. »Schön,« erwiderte der Elefant, »und ich will dich fressen.« – »Aber weshalb denn?« fragte Bobog. »Nun, es gefällt mir halt so,« sagte der Elefant. »Hast du denn gar kein Mitleid mit mir, ich kann doch nicht fortlaufen, ich kann nur langsam kriechen.« »Nun, wenn du nicht willst, daß ich dich fresse, dann werde ich dich aber verbrennen.« »Ach, ich fürchte mich so vor dem Feuer; wenn ich es nur sehe, mache ich, daß ich fortkomme und eile ins Wasser.« »Aber,« fuhr nun die Schildkröte fort, »wenn ich nun nicht verbrenne, darf ich dich darauf verbrennen?« Der Elefant sagte, das dürfte sie. Der Elefant schleppte nun auf dem Flußufer einen Holzhaufen zusammen, der fast so groß wie eine kleine Hütte war. Drauf sagte er: »Bobog, morgen ganz früh mußt du dich in den Holzhaufen begeben, damit ich dich verbrennen kann.« – »Jawohl,« erwiderte die Schildkröte, »ich will morgen dorthin gehen. Du mußt mich aber fortwährend anrufen, und wenn ich dir nicht mehr antworte, dann kannst du den Scheiterhaufen anzünden.« Am andern Morgen kroch die Schildkröte in den Holzhaufen, und noch eine lange Zeit vernahm der Elefant ihre Stimme, wenn er sie anrief. Schließlich schwieg Bobog. Darauf zündete der Elefant den Holzstoß ringsum an, so daß die Schildkröte nach keiner Seite hin entkommen konnte. Das Feuer brannte nieder, und der Elefant sagte: »Nun wird die Schildkröte wohl tot sein.« Er trottete zum Fluß hinunter, um Wasser zu trinken. Als er zurückkam, sah er die Schildkröte aus der Asche hervorkriechen. Sie hatte sich nämlich zuvor im feuchten Sande eingegraben, ihre Schalen verschlossen und war so unverletzt geblieben. »Du mußt sehr klug sein,« sagte der Elefant, »wie bekommt einem das Feuer, tut es weh oder nicht?« »Nun, gemütlich ist es gerade nicht,« antwortete die Schildkröte, »aber was soll man machen, wenn ein Elefant einen verbrennen will.« Darauf bat die Schildkröte den Elefanten, ihr beim Zusammentragen des Holzes für seinen eigenen Scheiterhaufen behilflich zu sein. Drei oder vier Tage lang schleppte der Elefant Holz herbei und trug einen Holzstoß zusammen, der erheblich größer war als der, welchen die Schildkröte bei ihrer Verbrennung benötigt hatte. Dann fragte Bobog, wann er in den Haufen gehen wollte. Der Elefant antwortete: »Am nächsten Morgen in aller Frühe.« Anderen Tags ging der Elefant in den Haufen und machte es sich darin gemütlich. Die Schildkröte fragte: »Nun, Elefant, hast du es dir bequem gemacht? Ich will jetzt anzünden.« »Zünde man an,« brummte der Elefant. Bobog setzte den Holzstoß nun ringsherum in Brand. Nach einer Weile rief der Elefant: »Na, das Feuer ist ziemlich heiß.« »Gut, ich habe mir darüber kein Urteil erlaubt,« antwortete die Schildkröte. Bald schrie der Elefant ganz laut, daß das Feuer ihn verbrenne. »Sei doch ruhig, kannst du dich denn gar nicht still verhalten,« rief die Schildkröte, »ich habe nicht ein Mal geschrien; außerdem bist du selbst schuld daran, du wolltest mich doch verbrennen. Ich hätte nie daran gedacht, dich zu verbrennen.« So verbrannte denn der Elefant, und die Schildkröte lachte sich ins Fäustchen und sagte: »Haha! Elefant! Du glaubtest, du könntest ein Wesen verbrennen, dessen Rücken und Gesicht hart sind; außerdem konntest du dich nicht in den Sand eingraben.« Alsdann machte sich die Schildkröte eine Flöte aus einem kleinen Elefantenknochen; und während sie des Weges zog und spielte, kam sie an einen großen Baum. Auf dem Baum saß ein Affe. Als der den lieblichen Flötenton vernahm, kam er herunter, um zu sehen, wer da die Flöte spielte. »Bobog,« sagte er, »woher hast du die Flöte?« »Aus einem Elefantenknochen.« »Wie kommst du denn zu einem Elefantenknochen? Ich möchte deine Flöte einmal probieren.« Die Schildkröte wollte dem Affen zunächst die Flöte nicht geben; schließlich rückte sie die Flöte heraus, und sofort griff der Affe danach und entwischte damit auf den Wipfel des Baumes. Die Schildkröte aber weinte, weil sie nun keine Flöte mehr hatte. Nach einer Weile kam ein kleiner Flußkrebs des Weges und fragte die Schildkröte, weshalb sie denn heule. »Weil der Affe mir meine Flöte gestohlen hat,« sagte die Schildkröte. »Wo ist er denn?« fragte der Krebs. »Dort oben auf dem großen Baum,« antwortete die Schildkröte. »Na, da gräme dich nur nicht mehr,« sagte der Krebs, »ich werde einmal auf den Baum klettern.« Nun hatte der Affe gerade seinen Jungen bei sich, und als der Affenjunge den Krebs auf dem Baum bemerkte, rief er: »Vater, da sitzt ein Krebs ganz nahe bei dir.« »Ach was! Dummes Zeug!« antwortete der Vater, »das wird wohl bloß ein Holzknuppen sein.« Darauf zwickte der Krebs den Affen, und der Affe ließ die Flöte fallen. Der Krebs ließ sich selbst zu Boden fallen. So bekam die Schildkröte ihre Flöte wieder und bedankte sich beim Krebse: »Denn ohne deine Hilfe,« sagte sie, »hätte ich sie ganz gewiß nicht wiederbekommen.« 15. Der Streit der Pflanzen Eines guten Tages blähte sich Jagong, der Mais, und sagte: »Gäbe es keinen Reis mehr, dann müßte ich allein das Menschengeschlecht erhalten.« Die Liane Dagun und der Dschungelyams Gadong waren damit ganz und gar nicht einverstanden; sie beanspruchten die gleiche Ehre; und weil sie sich nicht einigen konnten, baten sie den König Salomo um seine Entscheidung. König Salomo sprach: »Ihr habt alle drei recht, trotzdem ist es besser, daß Jagong sich der Menschheit annimmt, denn er ist mit der Bohne Kachang befreundet.« Darob ergrimmten die Liane Dagun und der Yams Gadong und zürnten dem Jagong mächtig. Sie zogen nun gemeinsam aus, um eine Fruchtsprosse des Dschungelfeigenbaums zu ergattern, damit sie ihn pfählen konnten; na, sie fanden keine. Mittlerweile hatte Jagong jedoch Wind von ihrer Suche bekommen und bemühte sich deshalb um Pfeilgift. Als er es bekommen hatte, vergiftete er damit Gadong, und seither besitzt der Dschungelyams seine betäubenden Eigenschaften. Der Yams Gadong geriet darüber in Wut und speerte Jagong, darum sind bis zum heutigen Tage die Maiskolben löcherig. Jagong wehrte sich und verwundete Dagun mit dem spitzen Sproß einer Wilang-Liane. Nun traten die Streitenden vor den Propheten Elias, der sagte jedoch zu ihnen: »Geht zum Salomo, für mich ist die Sache zu schwierig.« Und Salomo sprach: »Fechtet den Streit nur unter euch aus, damit der Zorn eurer Herzen beruhigt wird.« Es entspann sich ein Kampf, der sich über zweimal sieben Tage hinzog. Mata Lembu, der Ochsenaugenbaum, stand ganz in der Nähe; seine Rinde wurde von den Kugeln so arg zerschunden, daß sie heute noch die Narben zeigt. Der Perachak-Strauch bekam Angst und, anstatt näher an die Kämpfer heranzurücken, um den Austrag des Streites besser beobachten zu können, stellte er sich auf die Zehenspitzen; deshalb ist er heute noch so lang und schlank. Und Andram, das Riedgras, war so erschrocken, daß es sich schleunigst aus dem Staube machte; als es in der Ferne jedoch noch immer den Kampflärm vernahm, stürzte es sich in seiner Angst ins Wasser, wo es bis heute verblieben ist und wächst. Als die zweimal sieben Tage abgelaufen waren und der Kampf unentschieden blieb, da schieden die Streitenden voneinander, und Salomo trennte sie durch einen weiten Zwischenraum. Gadong, der Yams, mußte sich hinsetzen und Dagon, die Liane, sich niederlegen. Jagong, der Mais, und Kachang, die Bohne, durften jedoch aufrecht stehen bleiben. 16. Der malaiische Reineke Fuchs 1. Der Tigerkönig ist krank Der Großkönig der Tiger war krank. Da verneigte sich der Tigerthronfolger vor ihm und sagte: »Geruhen Ew. Majestät vom Fleische jeglichen Tieres zu speisen, dann dürften Ew. Majestät wohl wieder genesen.« So befahl der Großkönig dem Thronfolger, alle Tiere zu ihm zu entbieten, und allemal aß der König eins von ihnen. Nur der Zwerghirsch, dem auch eine Aufforderung zuging, weigerte sich zu kommen. Der Großkönig ergrimmte über den Zwerghirsch, doch war er zu schwach, um ihm etwas anhaben zu können. Als er denn endlich doch kam, fragte der König ihn aus: »Weshalb kamst du nicht sogleich, als alle Tiere zu mir entboten wurden?« Der Zwerghirsch antwortete: »Ew. Majestät, Ew. geringster Diener konnte nicht erscheinen, denn ihm träumte von einer Medizin, die Ew. Majestät wieder gesund machen würde.« Der König fragte: »Von welcher Medizin hast du geträumt?« – »Ew. allergeringsten Diener träumte, daß die alleinhelfende Medizin gegen Ew. Majestät Krankheit die ist, daß Ew. Majestät das greift und schlingt, was Ew. Majestät am nächsten ist.« Kaum hatte der König dies vernommen, da stürzte er sich auf den Thronfolger und verschlang ihn. Und sogleich war der König gesund, und der Zwerghirsch wurde nun Kronprinz. 2. Wie der Zwerghirsch Schiffbruch erlitt »Komm,« sagte der Zwerghirsch zum Reiher, »komm und segele mit mir nach Java.« So segelten sie los; Freund Zwerghirsch saß am Steuer, Freund Reiher paßte auf's Segel. Der Wind wehte von Norden. Freund Zwerghirsch wurde bald schläfrig, und das Boot fiel vom Winde ab. Sprach Freund Reiher: »Weshalb fällt das Boot ab? Was macht das Steuer, Freund Zwerghirsch?« – »Ich habe ein kleines Schläfchen gemacht,« antwortete er. »Bring das Boot wieder in den Wind,« sagte der Reiher. Der Zwerghirsch erwiderte: »Jawohl, schon gut! Ich stehe meinen Mann.« Dann döste er wieder ein, und der Reiher rief: »Hör mal, das ist ja unerträglich; schau, du mußt sterben, und dann ist es mit dir vorbei. Ich werde jetzt ein Loch in den Boden picken, und du kannst alsdann mit dem Boote den Meeresgrund besichtigen.« Der Zwerghirsch sagte: »Mein Lieber, bitte, tue das nicht. Ich bin ein furchtbar ungeschickter und schlechter Schwimmer.« Sie segelten weiter. Der Zwerghirsch schlief zum dritten Male ein. Da vermochte der Reiher nicht an sich zu halten und sagte: »Zum Donnerwetter, Freund Zwerghirsch, mit deinem verdammten Schlafen am Steuer!« Er geriet ganz aus dem Häuschen und pickte ein Loch ins Boot. Das Wasser drang ins Boot und Freund Zwerghirsch strampelte mit den Beinen im Wasser herum und schwamm mutterseelenallein auf dem Meere. Da kam ein junger Hai des Wegs geschwommen und rief: »Jetzt werde ich dich ohne weitere Umstände auffressen.« Zwerghirsch antwortete: »Aber Freund Hai, mich willst du fressen? Weshalb denn? Ich bin doch nur ein einziger Bissen für dich. Aber wenn du mich schön ans Land bringst, dann werde ich dich einen wundervollen Zauber lehren, der ist so wunderbar, daß du danach niemals wieder auf die Jagd zu gehen brauchst.« Da entgegnete der Hai: »Gut, einverstanden. Wenn du mir deinen wundervollen Zauber zeigst, will ich dich ans Land tragen.« Zwerghirsch stieg auf den Rücken von Freund Hai und wurde ans Land gebracht. Als sie da ankamen, sagte der Zwerghirsch: »Warte ein Weilchen, ich hole bloß die Zauberkräuter.« Damit lief er in den Busch, hob etliche Notang auf, nahm sie mit und rief: »Nun werde ich dir die Zauberkräuter geben, von denen ich sprach.« Damit band er die Notangseile an den Schwanz von Freund Hai. Der Hai fragte: »Sag mal, weshalb hast du das Seil an meinen Schwanz gebunden?« Zwerghirsch erwiderte: »Sei nur ganz still, ich muß es gehörig festmachen, und dann bekommst du die Zauberkräuter.« So zog er den Hai aufs Trockene und machte aus ihm Hackfleisch. Plötzlich sprang ein Tiger aus dem Busch und rief: »Hier gibt's ja was feines zu futtern, dann man los!« Zwerghirsch meinte jedoch: »Warum willst du mich denn fressen, schau, ich habe hier eine Unmenge Hackfleisch und noch etliches davon übrig.« – »Gut, ich will es mit dir teilen,« sagte der Tiger. Zwerghirsch erwiderte: »Gewiß, unbedingt wollen wir miteinander teilen, aber du mußt auch gehen und Wasser holen, damit wir kochen können.« Der Tiger trollte sich davon und kam mit dem Wasser zurück. »Mußt das Fleisch waschen, ehe wir es kochen,« meinte Zwerghirsch. Der Tiger wusch das Fleisch im Wasser. »So, und nun hol' Feuer und brate es,« sagte der Zwerghirsch. Der Tiger holte Feuer und rüstete das Mahl. Als das Fleisch gar war, sprach der Zwerghirsch: »So, und nun besorge noch Trinkwasser, dann werden wir unsern Schmaus halten.« Wiederum ging der Tiger fort, um das Trinkwasser zu holen. Indessen stahl sich der Zwerghirsch mit dem Fleisch davon und kletterte auf eine Eiche. Und als der Tiger zurückkam, waren Zwerghirsch und Fleisch weg. Da rief er: »So, Herr Zwerg-Hirsch, einmal habt Ihr mich angeführt; wenn wir uns nicht wiedersehen, soll es mir nichts ausmachen, aber treffe ich Euch einmal, dann habt Ihr den Tod davon.« Damit hat die Geschichte ein Ende. 3. Wer mordete die Kinder der Fischotter? Die Otter sprach zum Zwerghirsch: »Freund Zwerghirsch, sei so lieb und paß auf meine Kinderchen, bis ich wieder heimkomme. Ich will am Flusse Fische fangen und nach meiner Rückkehr will ich den Fang mit dir teilen.« Der Zwerghirsch antwortete: »Gewiß, sehr gern! Geh nur los, ich werde inzwischen auf deine Brut passen.« Und die Otter ging an den Fluß, um Fische zu fangen. Nun war der Zwerghirsch Vortänzer bei den Kriegsreigen; als die Gongs erdröhnten, tanzte er und trat dabei auf den kleinen Fischottern herum, daß sie ganz zu Brei wurden. Bald kam die Ottermutter heim; sie hatte eine Menge Fische bei sich; und als sie ihr Haus betrat, sah sie nun, daß alle ihre Kinder tot waren. Sie rief: »Freund Zwerghirsch, sage doch, wer hat denn meine Kinderchen getötet?« Der Zwerghirsch entgegnete: »Der Specht hat die Kriegsgongs erdröhnen lassen, da mußte ich als Vortänzer tanzen; ich dachte dabei gar nicht an deine Kinderchen, ich trat auf ihnen herum und habe sie totgetreten.« Als die Otter dies vernommen hatte, begab sie sich zum König Salomo, warf sich vor ihm nieder und klagte: »Ew. Majestät allerniedrigste Dienerin liegt hier im Staube vor Euch und bittet um Verzeihung, wenn sie es wagt, Ew. Majestät allergnädigstes Gehör zu erflehen, denn der Zwerghirsch mordete die Kinder Eurer Dienerin, und Eure Dienerin möchte nun wissen, ob er nach den Gesetzen des Landes schuldig zu sprechen ist oder nicht.« König Salomo erwiderte: »Hat der Zwerghirsch es mit Vorsatz und wissentlich getan, dann ist er des Todes schuldig.« Und er befahl den Zwerghirsch vor sich. Der Zwerghirsch erschien vor'm Könige; der König fragte die Otter: »Wessen klagst du ihn an?« Die Otter sagte: »Eure Dienerin beschuldigt ihn des Mordes an den Kindern Eurer Dienerin; Eure Dienerin möchte dazu das Gesetz des Landes hören.« Nun fragte der König den Zwerghirsch: »Sag, weshalb hast du die Kinder der Otter getötet?« Der Zwerghirsch erwiderte: »Ja, ich tat es und bitte um Eure Verzeihung.« – »Weshalb hast du sie denn umgebracht?« – »Nun, Euer geringster Diener tötete sie, als der Specht die Kriegsgongs erdröhnen ließ. Ew. Majestät weiß ja, daß Euer geringster Diener Vortänzer im Kriegsreigen ist; er mußte daher tanzen, und weil er darüber die Kinderchen der Otter vergaß, trat er auf ihnen herum und trampelte sie zu Brei.« Jetzt ließ der König den Specht kommen. Der Specht erschien. »Specht,« fragte der König, »hast du die Kriegsgongs erschallen lassen?« – »Ja,« antwortete der Specht, »denn ich sah, wie die große Eidechse ihr Schwert umgürtete.« Der König äußerte: »Ist das der Fall, dann hat der Specht keine Schuld, denn er ist ja zum Schlagen der Gongs an erster Stelle verpflichtet.« Der König ließ nun die große Eidechse vor sich kommen und fragte sie: »Hast du das Schwert getragen?« – »Ja, Ew. Majestät, ich tat es.« – »Weshalb trugst du ein Schwert?« – Die große Eidechse erwiderte: »Euer Diener griff zum Schwerte, weil die Schildkröte ihren Panzer angelegt hatte.« Nun wurde die Schildkröte vorgeladen. »Weshalb hast du deinen Panzer angezogen?« Die Schildkröte sagte: »Euer Diener tat sich nach dem Panzer um, als er sah, wie der Molukkenkrebs mit seinem dreikantigen Speer herumzog.« Der Molukkenkrebs mußte erscheinen. »Warum zogst du mit deinem Speer herum?« – »Euer Diener sah, wie der Hummer seine Lanze auf die Schulter genommen hatte.« Der Hummer wurde vorgeladen. »Hummer, hast du eine Lanze auf die Schulter genommen?« Der Hummer antwortete: »Jawohl, Ew. Majestät!« – »Und weshalb tatst du dies?« – »Euer ärmster Diener sah, wie die Otter herbeikam, um die Kinderchen Eures ärmsten Dieners zu verschlingen.« – »Oho,« sagte König Salomo, »liegt der Fall so, dann hast du, Otter, allein Schuld. Deine Klage gegen den Zwerghirsch kann nicht aufrecht erhalten bleiben, sie unterliegt nicht den Gesetzen des Landes.« 4. Der Tiger bekommt seinen Lohn Ein Tiger hatte sich in einer Falle gefangen. Ein Mann kam vorbei. Der Tiger bat, ihn herauszulassen. Der Mann sprach zum Tiger: »Wenn ich dich nun befreie, willst du mir vorher versprechen, mich nicht anzufallen?« – »Gewiß!« antwortete der Tiger. Der Mann ließ den Tiger heraus; kaum war er frei, da fiel er auch schon über den Mann her. Der Mann bat den Tiger, von ihm abzulassen und sich erst einmal zu erkundigen, wie das Gesetz sich zu ihrem Vertrage stelle; der Tiger willigte ein. Und Mann und Tiger gingen zusammen weiter. Sie kamen an eine Straße. Der Mann sprach: »Straße, liebe Straße, sag an, entspricht es dem Gesetz, Gutes mit Bösem zu vergelten, oder darf Gutes nur mit Gutem vergolten werden?« Antwortete der Weg: »Ich erweise der Menschheit nur Gutes, aber sie belohnen mich mit Bösem, denn sie trampeln auf meinem Rücken, wenn sie gehen.« Darauf kamen sie an einen Baum; der Mann stellte dieselbe Frage. Der Baum antwortete: »Ich tue der Menschheit Gutes, aber sie vergelten es mit Bösem, denn sie schlagen mir die Äste ab und hauen mich um.« Schließlich gelangten sie zum Zwerghirsch. Der Mann stellte dieselbe Frage. Der Zwerghirsch erwiderte: »Der Frage muß ich wirklich auf den Grund gehen; kommt, wir wollen uns wieder zur Falle begeben.« Als sie da ankamen, forderte er den Tiger auf, hineinzugehen; der Tiger gehorchte. Als er die Falle betreten hatte, ließ der Zwerghirsch die Falle zuschnappen und rief: »Elender Bursche, du wolltest Gutes mit Bösem vergelten, nun sollst du sterben!« Dann holte er die Leute herbei, und die machten ihm den Garaus. 5. Der Tiger und der Schatten In den Dschungeln befand sich eine Salzlecke, zu welcher sonst alle Tiere des Waldes sich gern begeben hatten. Aber nun fürchteten sie sich, denn seit einiger Zeit hauste dort ein alter Tiger, der täglich eins von ihnen tötete. Eines Tages sagte P'lando, der Zwerghirsch, zum Tiger: »Vetter, warum erlaubst du mir nicht, dir täglich einen Braten zu bringen, dann brauchtest du ja gar nicht auf die Jagd zu gehen?« Dem Tiger gefiel der Vorschlag, und so begab sich P'lando zu den Tieren, um mit ihnen zu beratschlagen. Doch gelang es ihm nicht, eins von ihnen zu überreden, mitzukommen; nach drei Tagen zog er wieder ab, und in seiner Begleitung befand sich nur Kuwis, ein kleines Flugeichhörnchen. Als sie beim Tiger waren, sagte P'lando: »Ich konnte dir kein anderes Tier mitbringen, denn der Weg wird von einem alten, dicken, fetten Tiger versperrt, auf dessen Kopf ein kleines Flugeichhörnchen sitzt.« Als der Tiger das hörte, rief er: »Auf! Den wollen wir suchen und forttreiben.« Die drei machten sich auf die Beine; das Flugeichhörnchen setzte sich auf den Kopf des Tigers, und der Zwerghirsch stieg ihm auf den Rücken. Als sie an einen Fluß kamen, zeigte der Zwerghirsch dem Tiger sein Ebenbild im Wasser und rief: »Schau hin! Da ist der alte, dicke, fette Tiger, von dem ich dir erzählte.« Als der Tiger das hörte, sprang er ins Wasser, um sein eigenes Spiegelbild anzugreifen, und ertrank auf der Stelle. 6. Klugheit siegt Der Zwerghirsch P'lando besuchte den ›wilden Bullen von der Lichtung‹ und sagte zu ihm: »›Der Bulle aus dem neuen Gehölz‹ ist außerordentlich schlecht auf dich zu sprechen, und wenn er von dir redet, gebraucht er höchst unsaubere und gemeine Ausdrücke.« Dann begab er sich zum ›Bullen aus dem neuen Gehölz‹ und erzählte dem: »Der ›wilde Bulle von der Lichtung‹ spricht in sehr beleidigenden Ausdrücken von dir.« Er wollte sie gar zu gern zu einer Prügelei verhetzen. Am nächsten Tage machten die beiden sich auf und trafen sich an der Grenze der Lichtung und des neuen Gehölzes. Und als sie aufeinander losgingen, wurde der ›Bulle aus dem neuen Gehölz‹ von dem ›Bullen der Lichtung‹ erschlagen; der Zwerghirsch hatte sich indessen auf einen Ameisenhügel gesetzt, um dem Kampfe zuzuschauen und die Gegner gegeneinander zu hetzen. Während des Kampfes bohrten die weißen Ameisen Gänge und Löcher in den Rücken des Zwerghirsches, der auf dem Hügel saß und nun nicht wieder aufstehen konnte. Er bat deshalb den Überlebenden: »Freund Bulle, du bist ja so stark, tu mir die Liebe und zertrample diesen Ameisenhügel.« Der ›Bulle der Lichtung‹ zerschmetterte den Hügel mit den Hörnern und trabte dann eilends davon, um den Ameisen zu entgehen. Der Zwerghirsch war befreit und durchschnitt jetzt dem ›Bullen des neuen Gehölzes‹ die Kehle, so wie Muhamed es will, und zog dem Leichnam die Haut ab. Da erschien Rimau, der Tiger, und sprach: »Wollen wir das Fleisch teilen?« Der Zwerghirsch antwortete: »Natürlich, sehr gern!« Als sie mit dem Abziehen der Haut fertig waren, begann es zu regnen; der Zwerghirsch bat den Tiger, ihm etliche kräftige Zweige zu schneiden, um einen Schutz gegen den Regen zu haben. Der Tiger tat es und nahm sie auf die Schulter, um sie fortzutragen; da das Flußufer aber schlüpfrig und seine Schulter über und über mit Blut beschmiert war, hatte er große Mühe, hochzukommen. In dem Augenblicke wurde er des Zwerghirsches ansichtig; er fragte ihn: »Aber um Himmelswillen, Freund Zwerghirsch, warum schüttelst du dich so?« Der Zwerghirsch antwortete barsch und grob: »Ich bebe vor Erwartung!« Da meinte der Tiger, der Zwerghirsch habe es auf ihn selbst abgesehen, er wurde so kleinmütig, daß er schleunigst in den Fluß sprang und das Fleisch dem Zwerghirsch überließ. 7. Der Elefant wettet mit dem Tiger In längst vergangenen Tagen waren Gajah, der Elefant, und Rimau, der Tiger, die besten Freunde. Eines Tages kamen sie auf eine Lichtung und trafen dort Lotong, den langgeschwänzten Brillenaffen. Als der Elefant den Affen erblickte, sagte er: »Herr Lotong lärmt einmal wieder ganz ungebührlich; wir wollen ihn vom Baum jagen; fällt er auf meinen Anruf, dann darf ich dich fressen; fällt er bei deinem, dann darfst du mich fressen – nun, wollen wir wetten?« Der Tiger fragte: »Einverstanden?« Der Elefant antwortete: »Einverstanden!« – »Schön,« sagte der Tiger, »dann probier du es zuerst und drohe ihm.« Da bedrohte der Elefant den Affen. »Au! Au! Au!« trompetete er, und allemal, wenn er trompetete, bekam der Affe es mit der Angst. Kopf voraus sprang er von einem Ast zum andern, doch fiel er kein einziges Mal zu Boden. Schließlich fragte der Tiger den Elefanten: »Nun, Vetter Elefant, willst du dein Glück nochmals versuchen?« Doch der Elefant erwiderte: »Nein, danke schön. Du kannst es einmal versuchen; und wenn er herunterfällt, sollst du mich fressen – vorausgesetzt, daß er wirklich herunterfällt!« Nun ging der Tiger los, er brüllte so laut er nur konnte, duckte sich zu Boden, setzte zum Sprung an und bedrohte so den Affen dreimal. Und der Affe ließ los; er fiel dem Tiger vor die Füße, denn Arme und Beine waren ihm dermaßen vor Schrecken gelähmt, daß er keinen Zweig mehr festhalten konnte. Da sagte der Tiger: »Nun, Freund Elefant, ich glaube, ich darf dich jetzt fressen.« Der Elefant erwiderte: »Ja, die Wette hast du gewonnen; doch bitte ich dich, mir sieben Tage Aufschub zu gewähren, ich möchte meine Frau und meine Kinder noch einmal sehen und auch mein Testament machen.« Der Tiger gewährte die Bitte; brummend und bei jedem Schritte seufzend trabte der Elefant nach Hause. Als die Frau des Elefanten das Schnaufen ihres Mannes vernahm, sagte sie zu den Kindern: »Was mag denn dem Vater zugestoßen sein, er seufzt ja entsetzlich!« Die Kinder spitzten die Ohren und meinten: »Ja, das ist Vaters Stimme, er seufzt, es kann niemand anders sein.« Vater Elefant kam herein, und Mutter Elefant fragte: »Vater, weshalb seufzst du denn so? Was hast du dir getan?« Vater Elefant antwortete: »Ich habe mit Freund Tiger eine dumme Wette gemacht, wer nämlich von uns beiden einen Affen vom Baum herunterschütteln könnte; Freund Tiger hat gewonnen; ich drohte dem Affen, doch fiel er nicht herunter; wenn er herabgefallen wäre, hätte ich den Tiger fressen dürfen, aber wenn der Tiger ihn herunterkriegte, durfte er mich fressen. Ich habe verloren, und Freund Tiger will mich nun fressen. Aber ich bat ihn, daß er mich noch einmal nach Hause entließ, um von euch Abschied zu nehmen, und so habe ich sieben Tage Aufschub bekommen.« Sieben Tage lang seufzte Vater Elefant in einem fort, er aß nicht, er schlief nicht. Freund Zwerghirsch hörte von der Geschichte. »Was mag nur mit Freund Elefant los sein, der schnaubt und trompetet in einem fort, er schläft auch nicht, und macht so die Nacht zum Tage und den Tag zur Nacht. Was mag ihm nur zugestoßen sein? Ich werde ihn einmal aufsuchen,« sagte der Zwerghirsch. Darauf zog der Zwerghirsch los, um nach dem Rechten zu sehen; und er fragte: »Freund Elefant, was fehlt dir nur? Jeden Tag und jede Nacht hört man dich trompeten, gerade als ob die Welt untergehen sollte. Weshalb machst du solchen Lärm?« Der Elefant erwiderte: »Freund Zwerghirsch, ich habe alle Ursache dazu, ich bin in eine fürchterliche Klemme geraten.« – »In welche Klemme?« fragte der Zwerghirsch. »Ich wettete mit dem Tiger, wer von uns beiden einen Affen vom Baum schütteln könnte, und er hat gewonnen.« – »Um was habt ihr gewettet?« fragte der Zwerghirsch weiter. »Wir wetteten, wenn Freund Tiger den Affen vom Baum bekäme, dann dürfte er mich fressen, und falls ich ihn herabjagte, sollte ich Freund Tiger fressen. Freund Tiger kriegte ihn herunter, und nun will er mich fressen. Deshalb mag ich nicht essen, kann nicht schlafen und habe nur noch diese sieben Tage Frist, um meine Frau und Kinder zu besuchen und mein Testament zu machen.« Da sprach der Zwerghirsch: »Wenn Freund Tiger dich gefressen hätte, wäre ich sehr betrübt, wäre ich ganz außerordentlich bekümmert gewesen; aber wie die Dinge nun liegen, bin ich weder eins noch das andere.« – »Willst du mir beistehen, will ich dein Diener sein und meine Nachkommen sollen deine Diener sein.« – »Schön, dann will ich dir helfen,« sagte der Zwerghirsch: »Geh' und schau dich nach einem Krug Palmsyrup um.« Freund Elefant versprach es und trottete zum Hause eines Palmweinmachers. Der lief eilends fort, als er den Elefanten kommen sah; so kam der Elefant in den Besitz eines Kruges Palmsyrups und brachte ihn dem Zwerghirsch. Freund Zwerghirsch sagte: »Wann läuft die Galgenfrist ab?« Freund Elefant antwortete: »Morgen.« Als sie am nächsten Morgen losgingen, sprach der Zwerghirsch: »Gieß' dir den Syrup über den Rücken und laß ihn über die Flanken und Beine herablaufen.« Freund Elefant gehorchte. Freund Zwerghirsch unterwies nun den Elefanten: »Wenn ich den Syrup auflecke, dann trompete so laut du kannst, damit die Leute denken, ich hätte dich furchtbar verletzt, auch winde und wende dich hin und her.« Freund Zwerghirsch begann darauf tüchtig zu lecken; Freund Elefant wand und wendete sich hin und her, so daß alle glaubten, man täte ihm furchtbar weh, und dabei trompetete er ganz fürchterlich. So zogen sie weiter; Freund Zwerghirsch stieg auf und setzte sich auf's Hinterteil des Elefanten. Und der Elefant trompetete und trompetete, bis sie endlich dem Tiger begegneten. Da rief der Zwerghirsch: »Ach, mit so einem Elefanten wird man schnell fertig; wenn ich bloß diesen dicken, fetten, alten Tiger zu fassen kriegen könnte, dann würde ich eben, eben noch satt.« Als Freund Tiger diese Worte vernahm, dachte er bei sich: »Ich glaube, wenn der mich fängt, frißt er mich obendrein auch noch auf.« Freund Tiger blieb daher keinen Augenblick mehr stehen, sondern sprang in großen Sprüngen davon, um sich in Sicherheit zu bringen. Er traf den schwarzen Affen. Freund Affe fragte: »Freund Tiger, weshalb rennst du denn so? Warum all' dieser Lärm? Stürzt der Himmel ein? Weshalb diese großen Sprünge?« Freund Tiger antwortete: »Was heißt ›all' dieser Lärm‹? Was für ein Kerl hockt da auf dem Rücken von Freund Elefant, hat Freund Elefant gefangen und schlingt große Stücke von ihm hinein, so daß der arme Kerl sich vor Schmerzen nicht zu lassen weiß und das Blut in Strömen von ihm herabrinnt? Außerdem sagt der Kerl, der da auf dem Rücken von Freund Elefant sitzt – ich habe es selbst gehört –, daß er mit einem einzelnen Elefanten schnell fertig würde, er möchte sich noch gern einen dicken, fetten, alten Tiger fangen, dann wäre sein Hunger knapp gestillt.« Freund Affe sagte: »Freund Tiger, was für ein Kerl war es denn?« – »Das weiß ich nicht,« antwortete der Tiger. »Aha,« schmunzelte der Affe, »es soll mich gar nicht weiter wundern, wenn es nicht Freund Zwerghirsch gewesen ist!« – »Nein, ganz gewiß nicht!« sagte der Tiger, »um alles in der Welt wäre es doch nicht möglich, daß Freund Zwerghirsch mich verschlingen könnte. Außerdem frißt er ja gar kein Fleisch. Komm, wir wollen zurückgehen.« Nun suchten sie den Elefant. Zuerst ging der Affe voran, darauf der Tiger, und zum Schlusse war der Affe wieder voraus. Als der Zwerghirsch, der noch immer auf dem Rücken des Elefanten saß, die beiden kommen sah, rief er: »Halloh, Vetter Affe, du bist mir ein netter Kunde; erst versprichst du mir, zwei Tiger zu bringen, und nun kommst du bloß mit einem? Den nehme ich nicht, Vetter Affe.« Als Freund Tiger dies hörte, lief er so schnell wie er konnte davon; dann verlangsamte er seine Schritte und sagte: »Freund Affe, das war gemein von dir, mich in eine solche Falle zu locken, nur damit du deine Versprechungen einlösen kannst. Schäme dich, Vetter Affe! Es ist ja noch ein Glück für mich, daß er mich nicht haben will; hätte er mich genommen, wäre ich tot und alles mit mir vorbei. Aber warte nur, kommst du mir noch einmal in den Weg, dann sollst du sterben, weil du mich in den Hinterhalt locken wolltest.« So entstand die Feindschaft zwischen Tiger und Affen, die bis auf den heutigen Tag andauert, denn der Tiger kann es dem Affen nicht vergessen, daß er ihn überlisten wollte. Und damit ist die Geschichte aus. 8. Der Zwerghirsch und der Tiger Ehemals waren der Tiger und der Zwerghirsch gute Freunde gewesen. Dann entzweiten sie sich. Das geschah auf folgende Weise. Das Wochenbett der Frau Zwerghirsch war zu Ende. Und so ließen sie ihr Kind zu Hause, als sie in den Busch liefen, um sich etwas zum Futtern zu suchen. Da erschien der Tiger und fraß das Kleine des Zwerghirsches auf. Und begab sich wieder in den Wald zurück. Als der Zwerghirsch und seine Frau nach Hause kamen, fanden sie ihr Kind nicht mehr. Sie durchsuchten das ganze Haus, konnten es aber nirgendwo finden. Da weinten sie. Und der Zwerghirsch sagte zu seiner Frau: »Paß gut aufs Haus auf, ich werde einmal im Walde nachsehen, vielleicht spielt der Kleine dort.« Darauf ging der Zwerghirsch fort. Nach einiger Zeit kam der Tiger wieder. Er traf die Frau des Zwerghirsches schlafend. Erschöpft und ermüdet vom Suchen nach ihrem Kinde war sie in tiefen Schlaf versunken und hörte nichts. Der Tiger pißte sie ins linke Auge; darauf entfernte er sich wieder. Als der Zwerghirsch nach Hause kam, rief er seine Frau; aber er bekam keine Antwort. Er ging an ihr Bett und sah dort das Wasser des Tigers. Er weckte seine Frau und sagte zu ihr: »Warum weinst du denn?« – »Aber ich weine doch nicht!« – »Weshalb ist denn dein Auge naß?« – Frau Zwerghirsch erkannte und roch nun ebenfalls das Wasser des Tigers. »Ist jemand hier bei dir gewesen?« – »Ich weiß nicht; ich habe geschlafen, ich weiß von nichts.« – Der Zwerghirsch sagte nun: »Unser Kind hat der Tiger aufgefressen. Wir wollen jetzt lieber keine Freunde mehr sein. Frau, ich gehe noch mal fort und will den Tiger suchen. Paß gut aufs Haus, und wenn er wiederkommt, dann sage ihm nur, daß ich ausgegangen bin, mehr nicht!« Und der Zwerghirsch ging fort. 9. Der Zwerghirsch, der Tiger und die Wespen Eine Weile später begegnete der Zwerghirsch dem Tiger. Der redete sehr freundlich zu ihm: »Zwerghirsch, wohin willst du?« – »Ich suche mir etwas zu futtern, sonst nichts.« – »Dann gehe ich mit dir.« Der Zwerghirsch erwiderte: »Liebster, ich will voraus laufen; komm du nur hinterher; ich werde mich an die Seite des Wegs setzen und auf dich warten.« Darauf suchte der Zwerghirsch sich ein Wespennest. Und an der Seite des Weges fand er denn auch eins, in dem viele Wespen saßen. Die Wespen hatten es, nach ihrer Gewohnheit, zu Füßen eines hohen Baums gebaut. Der Zwerghirsch setzte sich dabei hin. Kaum saß er, da kam auch schon außer Atem der Tiger gerannt. »Zwerghirsch, wie bin ich bloß zurückgeblieben, ich habe dich überall gesucht.« »Ja, Tiger, und ich habe hier schon so lange gesessen und immer auf dich gewartet.« Der Tiger antwortete: »Ich habe dich überall gesucht, aber ich konnte dich nirgendwo finden.« »O,« erwiderte der Zwerghirsch, »wie klingt das schön!« »Was meinst du?« »Nun, diese Orgel, hör' mal diese schöne Weise.« »Ich höre nichts.« »Nun, du mußt ganz nahe herankommen.« Als der Tiger ganz nahe war, hörte er von der Stelle her, wo der Zwerghirsch saß, ein liebliches Gesumm. Unwillkürlich rief er: »Zwerghirsch, was für schöne Töne! Wie aus einer Flöte.« »Ja,« antwortete der Zwerghirsch, »ich sitze auf der Orgel meines Herrn und muß auf sie aufpassen.« »Darf ich einmal darauf spielen?« »O, was soll daraus werden?« »Ach, nur einen Augenblick, bitte!« »Einverstanden, aber dann mußt du mich erst ein Stückchen hiervon entfernt in den Busch werfen. Und wenn du die Orgel gut hören willst, vergiß nicht, gehörig hineinzublasen!« »Vorzüglich,« erwiderte der Tiger, packte den Zwerghirsch und schleuderte ihn ein Ende weg. Darauf begann der Tiger zu blasen. Es war noch keine Minute verstrichen, da kamen die Wespen wütend heraus und fielen über den Tiger her, den sie unbarmherzig stachen, so daß er in kürzester Zeit ganz unglückselig aussah. »O,« rief er heulend, »wenn ich dich zu packen kriege! Kein Wort rede ich mehr mit dir, sondern fresse dich gleich auf.« Vom Zwerghirsch war nichts mehr zu hören und zu sehen. Er hatte sich sorgfältig versteckt und lachte sich eins über das Unglück des Tigers. 10. Der Zwerghirsch, der Tiger und die Schlange Darauf entfernte sich der Zwerghirsch, lief fort und begegnete einer schlafenden Riesenschlange. Er setzte sich auf ihren Kopf. Bald kam auch der Tiger. »Worauf sitzt du denn? Was für ein schönes Ding ist das?« »Das ist eine goldene Kiste, die muß ich für die Gemahlin des Königs bewachen.« »Laß es mich für einen Augenblick tun!« »Was fällt dir ein? Was willst du übrigens immer mit mir? Überall wo ich bin, dahin mußt du auch kommen. Nein, das geht nicht. Nur mir allein hat die Königin die Kiste anvertraut.« Der Tiger blieb dabei: »Ach, nur einen Augenblick!« »Das geht doch nicht! Ich bin klein, und du bist groß, das hält die Kiste ja nicht aus.« »Nur zu!« »Meinetwegen, einen kleinen Augenblick, aber erst wirf mich in den Busch. Und wenn ich dann rufe, dann setze dich darauf.« Gesagt, getan. Auf den Ruf des Zwerghirsches hin setzte sich der Tiger. Doch die Schlange hatte ihr Maul auf, was der Tiger in seiner Freude gar nicht beachtet hatte. Mit einem Male stimmte der Tiger ein furchtbares Wehgeschrei an; sein Schamteil war in den Rachen der Schlange geraten, und sie hatte es zur Hälfte abgebissen. Heulend und wehklagend schlich der Tiger fort – bis heute sind davon noch die Spuren zu sehen –, um den verfluchten Zwerghirsch aufzuspüren. 11. Der Zwerghirsch, der Tiger und der Brunnen Der Zwerghirsch war weiter gelaufen, bis er an einen Brunnen kam, der gerade trocken war. Er sprang hinein und tat so, als ob er schliefe. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Tiger. Er fragte: »Zwerghirsch, was machst du dort unten? Bist du nicht bange, dort umzukommen?« »Wie magst du nur so etwas fragen! Weißt du denn nicht, daß morgen das Jüngste Gericht abgehalten wird? Alles wird dabei von unterst zu oberst gekehrt. Wenn du heute in der Grube sitzst, kommst du morgen nach oben, und die oben sind, die kommen unter die Welt zu liegen.« »Ist das wahr?« »Ja, gewiß ist es wahr, und wenn du es nicht glauben willst, dann kannst du es morgen früh um acht Uhr selber sehen, wenn das Jüngste Gericht beginnt.« Der Tiger glaubte es und ließ sich nach unten gleiten. Unten fragte er den Zwerghirsch, ob es ihm auch angenehm wäre, wenn er unten bliebe. »Ja, mir ist's einerlei, wir haben hier genug Platz.« Einen Augenblick später stieg der Zwerghirsch auf den Rücken des Tigers. Der begriff nicht, was der Zwerghirsch im Sinne hatte und ließ ihn gewähren. Der machte einen Satz nach oben und war aus dem Brunnen heraus. Da begann der Tiger zu rasen. »Ja,« sagte der Zwerghirsch, »solch' großer Kerl wie du kann mich nicht überlisten, aber ein kleiner Wicht wie ich, der kann es.« Sprach's und verschwand. Der Tiger machte vergebliche Anstrengungen, um herauszukommen, es gelang ihm nicht, und so mußte er elendiglich umkommen. 12. Der Zwerghirsch und die Hochzeitsgäste Der Zwerghirsch begab sich nach Hause und kam unterwegs an eine Hütte, in der man alles für die am nächsten Tage stattfindende Hochzeit bereit gemacht hatte. Die müden Leute waren gerade dabei, zu Bett zu gehen. Er wartete, bis sie schliefen, kletterte dann aufs Dach und ließ sich durch den Rauchfang nach unten. Auf den Schüsseln standen vielerlei leckere Sachen. Er fraß alles auf und verrichtete auf den leeren Schüsseln seine Notdurft. Dann ging er in die Küche; hier kehrte er allen Hausrat von unterst zu oberst. Unten machte er sich seine Pfoten schwarz, indem er sie mit Nuß bestrich, darauf suchte er nach dem Schlafgemach der Braut und trat hinein. Mit seinen schmutzigen Pfoten beschmierte er das Antlitz der Braut, die fest schlief. Und so beschmutzte er alles, was im Hause war und begab sich in das anstoßende Gemach neben der Braut und wollte die Frau wecken. Er setzte sich vorsichtig auf ihre Nase und ließ einen Wind streichen. Darauf rannte er nach oben auf den Dachfirst und nahm ein kleines Kissen mit. Der Gestank drang der Frau in die Nase. Sie wachte auf und ging in die Kammer der Braut, die pechschwarz aussah. Ganz verstört rief sie alle Hausgenossen zusammen. Die erschraken nicht wenig, als sie das schwarze Antlitz der Braut erblickten, das vor kurzem noch so strahlend hell gewesen war. Es entstand ein gewaltiger Lärm. Jeder dachte, daß die Braut zum Gespenst geworden war. Als sie die leckeren Speisen nachsahen, fanden sie nur noch Kot. Sie entsetzten sich von neuem. Dann gingen sie in die Küche, da war alles von unterst zu oberst gekehrt. Doch bemerkten sie auch in der überall herumgestreuten Herdasche die Fußspuren des Zwerghirsches. Nun suchten sie nach ihm. Der saß ungestört und ungesehen oben. Als man das ganze Haus vergeblich nach ihm abgesucht hatte, erblickte man ihn zuguterletzt auf dem Dachfirste. »Ha,« schrien sie wie aus einem Munde, »da ist der Dieb, der uns das Fleisch und die anderen schönen Sachen aufgefressen hat. Morgen soll die Hochzeit sein – und kein Happen Fleisch ist mehr im Hause!« Und alle gingen zugleich auf ihn los. Nun warf der Zwerghirsch das Kissen nach unten; sie hielten es für den Zwerghirsch, der heruntergefallen war. Alle machten sich darüber her und sahen dann, daß es nur ein Kissen war. Der Zwerghirsch saß mittlerweile noch oben. Einige kletterten hinauf und kriegten ihn zu fassen. Wie sollte er nur fortkommen? Das ging nicht mehr; unten waren Leute und oben waren Leute. Zur Strafe für seine Missetaten wollten sie ihn am nächsten Morgen schlachten. Der Zwerghirsch wurde unter einen Hühnerkorb gesetzt und weinte die ganze Nacht. Da kam zufällig ein Frosch in die Nähe des Hühnerkorbes; zu dem sagte der Zwerghirsch: »Frosch, hilf du mir, ich weiß mir keinen Rat mehr.« »Wie bist du denn da hineingeraten?« fragte der Frosch. »Na, ich habe den Hochzeitskuchen aufgefressen, da haben sie mich erwischt, und morgen soll ich geschlachtet werden.« Der Frosch riet ihm: »Morgen früh um sechs Uhr, wenn sie kommen und dich schlachten wollen, dann bleibe steif und langausgestreckt liegen. Und von jetzt ab laß deinen Speichel aus dem Munde laufen, so daß er morgen stinkt. Dann glauben die Menschen, du bist tot und werfen dich in den Busch.« Am andern Tag kamen die Leute mit Messern und Seilen, um dem Zwerghirsch den Garaus zu machen. Als sie bei ihm waren, sagten sie: »O seht! Der Zwerghirsch schläft: der Kopf liegt so, die Pfoten so! O, so schläft also ein Zwerghirsch; zum ersten Male sehe ich einen Zwerghirsch so schlafen.« Sie faßten ihn an. »Der ist tot; der ist schon steif.« »Ach was, der ist nicht tot, der schläft nur.« Darauf kehrten sie ihn um, beguckten, betasteten ihn: der Zwerghirsch blieb so steif wie ein Stück Holz. »Also ist er doch tot! Wäre er nur lebendig, würde er sich krümmen und versuchen, zu entwischen. Auch ist er ganz steif und stinkt bereits.« Zum Schlusse war jeder davon überzeugt, daß er tot war. »Ja,« sagten sie, »wenn er nun einmal tot ist, nützt er uns nichts mehr. Es geht nicht gut, daß wir ihn schlachten und den Gästen Fleisch von einem toten Tier vorsetzen. Aufbewahren hat auch keinen Zweck. Es ist besser, wir werfen ihn, wo er nun schon tot ist, einfach in den Busch.« Darauf hob man ihn hoch und warf ihn fort. Doch er sprang schnell auf die Beine, lachte alle laut aus und lief in den Busch. Als die Leute dies sahen und hörten, stand ihnen der Verstand still. Wie war es nur möglich gewesen, daß der Zwerghirsch, der doch unbedingt tot gewesen war, plötzlich wieder lebendig geworden war. Sie gingen nach Hause und erzählten die ganze Geschichte den Zurückgebliebenen. Inzwischen hatte der Bräutigam erfahren, daß seine Braut in der Nacht wie ein Gespenst ausgesehen hatte. Deshalb sagte er zu seinen Eltern: »Laßt's gut sein. Ich heirate lieber nicht. Vielleicht wird sie später ein richtiges Gespenst. Die Unkosten haben wir uns umsonst gemacht.« 13. Der Zwerghirsch und der Riese Gergasi Einst gab es sieben Tierarten: den Wasserbüffel, den Ochsen, den Hund, den Hirsch, den Zwerghirsch und das Reh. Diese Tiere wollten Fische fangen. Sie warfen ein Netz aus, holten es wieder ein und hatten viele Fische bekommen. Sie schütteten die Beute am Strande aus, und irgendwer sagte: »Wer will die Fische hüten, während wir einen neuen Fischzug tun? denn der Gergasi kann kommen.« Sprach der Wasserbüffel: »Ich will sie schon bewachen. Ich bin vor ihm nicht bange und werde ihn mit den Hörnern stoßen, wenn er kommt.« Als die anderen Tiere fort waren, erschien der Gergasi und sagte: »Ha ha, ha! Was habt ihr für viele Fische gefangen! Die werde ich sogleich verspeisen, und eigentlich dich noch dazu!« Der Wasserbüffel entgegnete: »Schön! Komm nur 'ran, ich werde dich aufspießen!« – »Das wird geschehen,« versetzte Gergasi, »wenn ich nicht eure Fische essen darf.« Als der Gergasi ganz nahe war, tat der Wasserbüffel so, als ob er ihn auf die Hörner nehmen wollte; da griff der Gergasi darnach und hielt sie so fest, daß der Büffel sich nicht rühren konnte, denn der Gergasi war sehr groß und stark. Darauf brüllte der Büffel: »Laß los! Du darfst auch die Fische essen.« Da ließ der Gergasi ihn frei, und der Wasserbüffel schwamm zu seinen Gefährten, die in der See Fische fingen. Als er bei ihnen ankam, sagte er zu ihnen: »Der Gergasi hat die Fische aufgefressen; er hielt meine Hörner fest, und ich konnte nichts machen.« Da wurden die anderen Tiere auf den Büffel böse und sagten: »Wir können uns zu Tode fischen, und der Gergasi frißt alle unsere Fische.« Und das Pferd sagte: »Fisch' du nun mit den andern; ich will die Fische bewachen, und wenn es mir nicht gelingt, ihn zu beißen, will ich ihn doch mit den Hufen treten.« Darauf brachten die Tiere den Fang an denselben Platz, gaben ihn in die Obhut des Pferdes und zogen auf neue Beute aus. Als sie ein Weilchen weg waren, kam der Gergasi wieder und sagte: »Ha, ha, ha! Wenn du nicht machst, daß du fortkommst, fresse ich dich samt den Fischen auf.« – »Wohlan,« erwiderte das Pferd, »versuch's einmal, ich werde sie verteidigen, und wenn ich sterben müßte.« Als der Gergasi sich näherte, wollte das Pferd ihn beißen; der Gergasi hielt ihm aber den Kopf fest, und es war machtlos. Darauf bäumte sich das Pferd hoch empor; der Gergasi mußte den Kopf loslassen. Als es von ihm frei war, sprang es ihn mit den Hufen an. Gergasi hielt aber die Hinterhufe fest. Nun bat das Pferd, losgelassen zu werden. Der Gergasi tat es, und während das Pferd zu seinen Gefährten schwamm, fraß er die Fische auf. Als das Pferd bei seinen Genossen anlangte, sagte es: »Ich habe mein Bestes versucht, aber der Gergasi hat die Fische doch gefressen. Erst wollte ich ihn beißen, da kriegte er meinen Kopf zu fassen. Dann bäumte ich mich hoch empor, schüttelte ihn ab, versuchte ihn zu treten, aber er hielt mir die Hufe fest, und ich mußte klein beigeben.« Darauf erwiderten seine Gefährten: »Was hat es nur für einen Zweck, Fische zu fangen! Wir werden bloß müde, und der Gergasi frißt sie doch. Das Beste ist, wir gehen nach Hause.« Und der Ochs, der Hirsch, der Hund und das Reh sagten: »Was sollen wir auch versuchen, wider den Gergasi zu streiten; die starken Tiere haben es versucht und nichts erreicht. Gehen wir also heim.« Nur der Zwerghirsch schwieg; und als alle andern ihre Sprüchlein hergesagt hatten, meinte er: »Geht nur und fischt weiter; diesmal will ich aufpassen.« – »Na, du kannst gerade was rechtes,« antwortete das Pferd, »du bist doch so klein. Wie willst du gegen den Gergasi aufkommen?« – »Das laßt meine Sorge sein,« erwiderte der Zwerghirsch, »gewiß, ich kann nicht gegen ihn kämpfen oder ihn gar töten, aber ich werde die Fische bewachen.« Die andern Tiere wollten aber nach Hause; schließlich überredete sie der Zwerghirsch. Sie fingen wieder Fische und schütteten sie an derselben Stelle auf den Strand. Darauf sagte der Hirsch: »Wer will sie bewachen?« Der Büffel antwortete: »Nun, der Zwerghirsch sagte doch, er würde es tun.« – »Jawohl,« erwiderte der Zwerghirsch, »ich will sie schon bewachen; aber vielleicht möchte jemand anders es lieber, ich bin ja so klein.« Es war jedoch niemand bereit. Und so sagte der Zwerghirsch: »Schön, dann werde ich also aufpassen. Schüttet die Fische nur auf einen Haufen und deckt den mit Blättern zu, daß niemand sie sehen kann.« Die Gefährten häuften die Fische darauf in einen Hümpel zusammen, deckten den mit Blättern zu, und als sie damit fertig waren, gingen sie wieder zum Fischen. Als die andern fort waren, suchte sich der Zwerghirsch etlichen Rotang und schnitt ihn in Streifen, als ob er damit etwas binden oder flechten wollte. Kaum war er damit fertig, da erschien auch der Gergasi und sagte: »Ha, ha, ha! Paßt etwa der Zwerghirsch jetzt auf? Na? Büffel und Pferd haben mir die Fische überlassen müssen, Kleiner, was willst du denn machen? Gib die Fische man gleich heraus, oder ich fresse dich auch mit.« Der Zwerghirsch entgegnete: »Ich passe hier auf keine Fische auf, ich schneide Rotang.« Der Gergasi war inzwischen näher gekommen – die Fische hatte er noch nicht bemerkt – und fragte weiter: »Na, was machst du denn mit dem Rotang?« – »Die binde ich mir um die Knie,« erwiderte der Zwerghirsch. »Warum tust du das?« erkundigte sich der Gergasi. »Schau dir mal den Himmel an,« versetzte der Zwerghirsch, »der sieht aus, als ob er jeden Augenblick herabfallen wollte, sieh doch, wie niedrig er schon hängt. Darum binde ich mir etwas um die Knie.« – »Aber weshalb bindest du dir denn Rotang um die Knie, wenn du meinst, daß der Himmel herabfällt?« fragte der Gergasi. »Das tue ich, um mich nicht zu verletzen, wenn ich in den Brunnen steige; denn wenn der Himmel einfällt, mache ich, daß ich da hineinkomme, um nichts abzukriegen.« Der Gergasi schaute zum Himmel empor. Der schien tatsächlich ziemlich niedrig zu hängen. »Binde erst einmal etwas um meine Knie,« sagte er, »dann können deine dran kommen.« – »Gern,« erwiderte der Zwerghirsch, »du mußt dich nur über den Brunnen setzen.« Sie gingen beide nach dem Brunnen; der Zwerghirsch trug den Rotang. Nun sagte der Gergasi: »Na, kannst auch zuerst deine Knie umwickeln.« Doch der Zwerghirsch entgegnete: »Wenn ich mich zuerst einwickle, dann kann ich es hernach doch nicht mehr bei dir tun.« – »Auch gut,« sagte der Gergasi, »dann binde den Rotang man erst mal um mich, aber du mußt zuerst in den Brunnen steigen.« – »Na, hör mal,« sprach der Zwerghirsch, »wenn ich das tue, dann komme ich nicht um, wenn der Himmel einfallen sollte, sondern du bringst mich um, wenn du mir auf den Kopf steigst.« Der Gergasi war damit einverstanden, die Richtigkeit von dem, was der Zwerghirsch ihm sagte, leuchtete ihm ein. Der Zwerghirsch machte seine Sache gründlich; er band dem Gergasi die Hände an den Knien fest. »Weshalb hast du mich denn so furchtbar fest gebunden?« fragte der Gergasi; doch der Zwerghirsch gab ihm zur Antwort einen Stoß, und der Gergasi stürzte in den Brunnen. »Und nun kannst du da bleiben, bis du verreckst,« sagte der Zwerghirsch, »du hattest dich in meiner Klugheit getäuscht.« – »Und so muß ich hier sterben?« sprach der Gergasi. »Ja,« erwiderte der Zwerghirsch, »du hast uns ja immer unsere Fische gestohlen.« Nach einiger Zeit kamen die Gefährten des Zwerghirsches und schleppten neue Fische herbei. »Seht mal, wie klug ich war,« sagte der Zwerghirsch, »ich habe den Gergasi gefesselt! Ihr sagtet, er wäre so stark. Wie hätte ich ihn dann überwältigen können?« – »Du lügst,« schrien Büffel und Pferd, »wie hast du ihn bloß binden können!« – »Nun, wenn ihr mir nicht glaubt,« erwiderte der Zwerghirsch, »dann seht einmal selber nach. Im Brunnen ist er.« – Da gingen alle Tiere nach dem Brunnen und sahen dort den Gergasi. Darauf sagten der Büffel und das Pferd: »Wie ist dir das nur gelungen?« – »Ach, was fragt ihr lange,« versetzte der Zwerghirsch, »ihr versteht ja nichts von meinen Listen. Jedenfalls tut ihr gut, ihr nehmt jetzt einen Speer und macht ihm den Garaus, denn er hat euch so oft eure Fische gestohlen.« Darauf töteten sie den Gergasi mit einem Speer. Als der Gergasi tot war, beschlossen sie, am Strande ihr Mahl zu halten. Und wie sie nun die Fische und den Reis kochen wollten, bemerkten sie, daß ihnen der Pfeffer fehlte. Da sie keine roten Pfefferschoten hatten, mußten sie sich ohne diese behelfen; infolgedessen mundete ihnen das Essen nur halb so gut. Während sie so saßen und aßen, sah der Zwerghirsch, daß das Ende des Zumptes vom Hunde rot war. »Na,« sagte er, »nun suchen wir nach rotem Pfeffer – da ist ja welcher!« Und damit zeigte er auf den Zumpt des Hundes. Der Hund begriff nicht recht, und Hirsch und Reh fragten nochmals: »Wo ist der Pfeffer?« – »Da!« erwiderte der Zwerghirsch und zeigte wieder auf den Hund. D'rauf wurde der Hund böse, denn er schämte sich sehr, und der Hirsch und das Reh lachten ihn aus. Doch bekamen die drei es mit der Angst; sie liefen fort, und der Hund immer hinter ihnen her. Daher verfolgt sie der Hund noch bis auf den heutigen Tag, denn sie hatten sein Schamgefühl gar zu grob verletzt. Der Hund war dem Zwerghirsch hart auf der Spur, als sie die Dschungeln erreichten. Es gelang dem Zwerghirsch aber, mittels seiner Zähne und Füße einen Baum zu erklimmen. Und als der Hund unterm Baum ankam, konnte er keine Fährte mehr vom Zwerghirsch entdecken, auch war von seinem Geruche nichts mehr zu spüren. Da gab der Hund die Verfolgung des Zwerghirsches auf und jagte hinter Hirsch und Reh her. Als er wieder an die Stätte kam, wo sie hatten essen wollen, waren alle fort, nur Reis und Fisch standen noch da. Er jagte weiter hinter Hirsch und Reh her, aber er konnte sie nicht kriegen. Schließlich sagte er: »Schön, wenn mir jemals ein Hirsch, Reh oder Zwerghirsch vors Gesicht kommt, werde ich sie töten, und meine Kinder und Kindeskinder sollen es ebenso machen.« Und so ist es bis heute geblieben. Nach einer Weile traf der Hund wieder mit Pferd, Büffel und Ochse zusammen, und die vier Tiere teilten sich nun in das Essen, denn der Hund war ihnen nicht böse. Sie hatten ja nicht über ihn gelacht. 14. Der Zwerghirsch und der Tiger Als der Hund nach Hause gegangen war, wollte der Zwerghirsch den Tiger besuchen. Unterwegs traf er eine Reihe Schlangen, die aufgeringelt ganz nahe der Wohnung des Tigers lagen und sich sonnten. Der Zwerghirsch wartete eine Weile, aber die Schlangen rührten sich nicht. Bald kam der Tiger; und Tiger und Zwerghirsch sahen sich im selben Augenblick. Der Tiger hatte aber die Schlangen nicht bemerkt; so sagte er zum Zwerghirsch: »Zwerghirsch, was machst du da?« – »Ach,« antwortete der, »ich stehe hier schon eine ganze Zeit Wache, der Radja hat es befohlen.« – »Was bewachst du denn?« fragte der Tiger. »Ich muß auf die Sachen des Radja passen, seine Prunkschärpen,« erwiderte der Zwerghirsch und wies auf die Schlangen hin. Der Tiger schaute hin, und wie er sie so schön in Kreisen geordnet sah, meinte er: »Wie wär's, wenn wir die beiseite schleppten. Ich möchte sie umbinden und sehen, wie die Schärpen mir stehen.« – »Das darf ich nicht erlauben,« versetzte der Zwerghirsch, »der Radja hat mir befohlen, auf sie aufzupassen, aber ich kann ihn ja mal fragen.« Der Zwerghirsch hatte nämlich Angst vor dem Tiger bekommen und wollte sich nun recht unauffällig drücken. Er sagte: »Ich will vorangehen. Wenn ich dem Radja begegne, werde ich rufen.« Der Zwerghirsch machte sich davon, und als er ein Stückchen entfernt war, rief er den Tiger und sagte: »Ich habe den Radja getroffen. Er sagt, du darfst seine Schärpen einmal probieren.« Darauf faßte der Tiger nach den Schlangen und hob sie hoch; die erwachten, griffen ihn an, wanden sich um seinen Leib und bissen ihn. So starb der Tiger. Der Zwerghirsch machte sich aus dem Staube und sagte: »Haha! Tiger! Du hieltest dich für so stark und furchtbar? Na, der listige Zwerghirsch wird im Handumdrehen mit dir fertig.« 15. Der Zwerghirsch und der Bär Als der Tiger tot war, überlegte sich der Zwerghirsch, wie er wohl dem Bären einen Streich spielen könnte, denn er hatte gehört, daß der Bär ein sehr starkes Tier war. Eines Tages wanderte er umher und erspähte dabei in einem Baume ein Bienennest. Da setzte er sich hin und wartete. Und nach einiger Zeit kam auch richtig ein Bär des Wegs getrottet. »Was machst du denn hier?« fragte er. »Ich bewache hier die Trommel des Radja,« erwiderte der Zwerghirsch, »er hat sie in meine Obhut gegeben.« – »Darf ich einmal versuchen, wie sie klingt?«. fragte der Bär, »ob ihr Ton schön oder schlecht ist?« Der Zwerghirsch antwortete wie vordem, er müßte erst den Radja fragen. Als er fort und ein Stückchen weg war, rief er: »Der Radja erlaubt dir den Gong zu schlagen.« Da schlug der Bär nach dem Bienennest. Die Bienen kamen wütend herausgeschwärmt und stachen ihn zu Tode. 16. Der Zwerghirsch und das Krokodil Der Zwerghirsch ging eines Tages am Flusse spazieren und erblickte auf der andern Seite einen Baum, an dem eine Frucht hing. Er wollte gerade über das Wasser setzen, als er eines Krokodils ansichtig wurde. »Wer ist da?« fragte der Zwerghirsch, doch das Krokodil antwortete nicht. D'rauf sagte der Zwerghirsch: »Oho, ich weiß wohl, wer du bist. Du bist das Krokodil. In sieben Tagen will ich meine ganze Sippe hierherbringen, dann wollen wir mit dir kämpfen; bring deine Leute nur auch mit.« Als der siebente Tag da war, begab sich der Zwerghirsch frühmorgens an den Fluß, bevor das Krokodil noch erschienen war. Er lief im Ufersande hin und her, so daß derselbe über und über mit seinen Fußspuren bedeckt war. Nach einer Weile kam das Krokodil mit seinen Gefährten. Der Zwerghirsch erwartete sie und sagte: »Ihr kommt ja sehr spät. Meine Genossen haben auf euch gewartet und gewartet, aber schließlich wurden sie müde, und nun sind sie nach Hause gegangen. Wollt ihr mir nicht glauben, dann seht euch einmal die Spuren im Sande an. Nun möchte ich dich und deine Gefährten zählen, damit ich weiß, wieviel ihr seid; seid also so gut und stellt euch einmal von einem Ufer des Flusses zum andern in einer Reihe auf.« Das taten die Krokodile, und der Zwerghirsch schritt über die Rücken hinweg und zählte: »Eins, zwei, drei,« plötzlich tat er einen Satz und sprang auf das andere Ufer. Dann rief er: »Aha, euch habe ich angeführt! Wie könnte denn ein Zwerghirsch mit Krokodilen kämpfen! Ich sah auf dieser Seite eine Frucht, aber ich fürchtete mich, hinüberzuschwimmen, denn ich wußte ja, daß ihr auf mich wartetet.« – »Schön,« antwortete das Krokodil, »warte man, wenn du wieder zum Trinken an den Fluß kommst, dann werde ich dich fressen.« Einige Tage später hatte der Zwerghirsch das Krokodil schon wieder vergessen. Er ging ans Wasser und wollte trinken. Da kriegte das Krokodil ihn beim Bein zu fassen. D'rauf griff der Zwerghirsch nach einem Stück Holz, schob es nach ihm hin und sagte dann: ,»Du hast ja gar nicht mein Bein zu fassen. Hier ist mein Bein,« und zeigte dabei auf das Stück Holz. Da ließ das Krokodil das Bein des Zwerghirschs los. Der Zwerghirsch sprang fort und rief: »So, jetzt habe ich dich wieder angeführt! Nein, Krokodil, du bist fürwahr auch gar zu dumm!« – »Na ja!« entgegnete das Krokodil, »das nächste Mal kommst du nicht so glimpflich davon.« 17. Der Zwerghirsch im Loch Eines Tages ging der Zwerghirsch in den Dschungeln spazieren und fiel dabei in ein tiefes Loch. Er konnte nicht wieder herauskommen. Nach einer Weile kam der wilde Ochse nach dem Loche, und als er den Zwerghirsch erblickte, sagte er: »Na, Zwerghirsch, was machst du denn da?« – »Oh,« antwortete der Zwerghirsch, »ich besuche hier nur meine Mutter, meinen Vater, meine Schwestern und Brüder.« – »Warte einen Augenblick,« sagte der wilde Ochse, »ich komme hinunter, denn ich möchte meine Eltern und Geschwister auch sehen.« Doch der Zwerghirsch bat den Ochsen, nicht herunter zu kommen. Darauf erwiderte der wilde Ochse, wenn er das noch einmal sagen würde, ließ er sich von oben auf ihn fallen, und dann müßte der Zwerghirsch sterben. Da erlaubte der Zwerghirsch dem Ochsen, ins Loch hinabzusteigen, und der Ochse kam herunter. Als er unten war, fragte er den Zwerghirsch: »Sag', wo sind denn meine Eltern?« – »Warte ein Weilchen,« versetzte der Zwerghirsch, »ich habe sie gerade im Augenblick aus dem Gesichte verloren.« Der Ochse wartete, und nach einiger Zeit erschien das Rhinozeros am Loche und erkundigte sich, was sie da machten. Der Zwerghirsch antwortete wie vorher, daß er sich freute, seine Eltern sehen zu können, außerdem wären auch eine Menge Schafe unten. Darauf begab sich auch das Rhinozeros nach unten. »Denn,« so sprach es, »mein Vater und meine Mutter sind tot, und ich würde sie gern sehen und mich bei ihnen erkundigen, ob sie wieder lebendig geworden sind.« Dann kam der Hirsch und fragte, was sie da machten. Und der Zwerghirsch erwiderte, daß er seine Eltern besuchte, und daß viele Leute sich da unten zu einer Reise rüsteten. Darauf sprang auch der Hirsch hinunter. Hernach kam das Reh, und als es vom Zwerghirsch dieselbe Antwort erhalten hatte, stieg es ebenfalls hinab. Da nun die andern Tiere, eines auf dem Rücken des andern, standen, der wilde Ochse ganz unten, das Reh oben, vermochte der Zwerghirsch von des einen auf des andern Nacken zu hüpfen und so aus dem Loche herauszukommen. Als er draußen war, traf er einen Jäger mit seinem Hunde. Der Hund setzte sogleich hinter dem Zwerghirsch her. Der lief nach dem Loche, rannte dort ein-, zweimal herum und machte dann, daß er fortkam. Der Hund folgte dem Geruche des Zwerghirsches, kam nach dem Loch, und als er dort den wilden Ochsen und die übrigen Tiere sah, machte er Halt und bellte. D'rauf kam der Jäger und tötete sie allesamt. Nur der Zwerghirsch war entronnen. 18. Der Zwerghirsch und der Einsiedlerkrebs Als der Zwerghirsch so die meisten Großtiere gefoppt und teilweise in den Tod gejagt hatte, da wollte er einmal sehen, ob er nicht mit einem Tiere eine Wette eingehen könnte, welches von ihnen beiden am schlauesten wäre. Er begab sich also auf die Suche und begegnete schließlich dem Einsiedlerkrebs. Der sagte zu ihm: »Zwerghirsch, mit deinen Listen hast du all den großen Tieren den Tod gebracht, wenn du aber einmal deinen Verstand mit meinem messen willst, ich bin bereit dazu.« – »Gut,« antwortete der Zwerghirsch, »danach sehne ich mich ja auch; aber wie willst du denn mit mir einen Wettstreit eingehen?« – »Ich möchte mit dir um die Wette laufen,« erwiderte der Einsiedlerkrebs, »und wenn du gewinnst, will ich dich als das klügste Tier anerkennen und ebenfalls deine Tüchtigkeit im Wettlauf.« – »Was? du willst mit mir um die Wette laufen?« sagte der Zwerghirsch, »du kannst doch nur seitwärts im Sande gehen, und dann läufst du sogar nicht allein mit deinem Körper, sondern mußt noch dein Muschelhaus tragen.« Der Zwerghirsch schämte sich, daß der Einsiedlerkrebs ihn so zum Wettlauf herausforderte, aber er sagte zu ihm: »Wann wollen wir laufen?« – »Morgen,« versetzte der Einsiedlerkrebs, »wir wollen uns in der Mitte des Strandes treffen und wettrennen. Lade alle deine Gefährten dazu ein, ich hole mir meine.« – »Gut,« sagte der Zwerghirsch, »ich werde morgen kommen.« – »Wir wollen ein Geviert im Sande abstecken,« sprach der Einsiedlerkrebs, »und dann an den Innenseiten des Gevierts von einer Ecke zur nächsten rennen.« Am andern Morgen kam der Zwerghirsch mit seinen Gefährten. Der Einsiedlerkrebs war ebenfalls mit seinen Freunden da. Es wurde entschieden, wer im Wettlauf Sieger bliebe, der sollte der Meister aller Tiere sein – denn der Zwerghirsch hätte ja schon die stärksten besiegt. Als sie am Strande waren, machten sie ein Geviert und setzten an die Ecken Pfosten. Darauf versammelte der Zwerghirsch seine Gefährten an einem Platze, und der Einsiedlerkrebs machte es ebenso. Der Einsiedlerkrebs gebrauchte aber eine List. Er suchte sich drei Freunde heraus, die ihm an Größe und Aussehen glichen, und bat sie, sich an drei Pfeilern, vor denen die Läufer vorübermußten, im Sande zu vergraben; der Pfosten, an dem der Wettlauf begann, sollte frei bleiben. D'rauf sagte der Einsiedlerkrebs zum Zwerghirsch: »Wenn du an den ersten Pfosten kommst, dann rufe Omong (Einsiedlerkrebs), und wenn ich dann nicht antworte, dann weißt du, daß ich noch hinter dir bin und du den Wettlauf gewonnen hast.« Dann begaben sich die beiden nach der Ablaufstelle, und der Einsiedlerkrebs sagte: »Lauf!« Als der Zwerghirsch den Einsiedlerkrebs »Lauf!« rufen hörte, machte er einen großen Satz, und der Einsiedlerkrebs, der natürlich zurückblieb, grub sich schnell in den Sand ein; niemand hatte es gesehen, denn die Zuschauer standen weit entfernt, und der Einsiedlerkrebs war so klein. Der Zwerghirsch rannte geradeaus, ohne sich umzusehen, und als er beim ersten Pfosten war, war der zweite Einsiedlerkrebs aus dem Sande herausgekommen und wartete auf ihn. Und als der Zwerghirsch rief: »Omong«, da antwortete der Einsiedlerkrebs: »Ja, hier bin ich!« Als der Zwerghirsch sah, daß es der Krebs war, mit dem er um die Wette lief, machte er einen neuen Satz und lief nach dem zweiten Pfosten. Dort ereignete sich dasselbe, und der Zwerghirsch dachte bei sich: »Wie ist es nur möglich, daß der Einsiedlerkrebs, der doch sonst so langsam ist, es mit mir aufnimmt?« Beim dritten Pfosten antwortete wieder ein Einsiedlerkrebs, und der Zwerghirsch, der schon schwer und schnell atmete, weil er mit höchster Geschwindigkeit lief, holte nun das letzte aus sich heraus, um das Ziel, den Ablauf, doch nun als erster zu erreichen. Als er dort eintraf, wartete der Einsiedlerkrebs auf ihn; wieder rief der Zwerghirsch: »Omong!«, und er erhielt seine Antwort. Da schämte sich der Zwerghirsch und wollte sterben. Er lief von einem Mal zum andern, von einem Pfosten zum nächsten Pfosten, bis ihm schließlich der Atem ausging. Und als er das Ziel erreichte, rief er wieder: »Omong«, und der Einsiedlerkrebs erwiderte: »Ja, hier bin ich!« Darauf fiel der Zwerghirsch, dem der Atem ausgegangen war, der Länge nach hin, streckte die Viere von sich und verschied. Die Einsiedlerkrebse riefen, ihr Mann wäre der Meister. Und die andern Zwerghirsche hüllten sich in Schweigen. 19. Der Zwerghirsch und die Schildkröte Plandok, der Zwerghirsch, und Kelap, die Schildkröte, gingen eines Tages zusammen auf die Nahrungssuche. Dicht neben einem Hause fanden sie einen Baum, der voll reifer Früchte war. »Ich kann nicht auf den Baum klettern,« sagte Plandok, »aber ich will dir beistehen, damit du auf jenen Zweig steigen kannst.« Damit schob er Kelap auf den untersten Ast. Kelap warf alle Früchte herunter; aber dann wußte er nicht, wie er wieder nach unten gelangen sollte und bat Plandok um Hilfe. »Na! Komm herunter wie du willst,« sagte Plandok. »Aber ich kann weder rückwärts noch vorwärts.« – »Dann laß dich fallen,« meinte Plandok; Kelap ließ sich also fallen und landete mit lautem Krach auf dem Boden. Die Leute im Hause hörten das Gepolter und sagten: »Ein Durian ist herabgefallen!« Nun begann Plandok die Früchte in zwei Haufen zu teilen. »Der ist für mich, und der für dich,« rief er; und jedesmal, wenn er auf Kelaps Haufen eine Frucht schob, rief er noch lauter als vorher: »Halloh,« sagten die Leute im Hause, »da wird etwas verteilt,« und sie rannten heraus, um zu sehen, was es gäbe. Plandok machte sich sogleich mit seiner Beute aus dem Staube; und Kelap versteckte sich, so gut es ging, unter den breiten Blättern einer Taropflanze. Die Leute merkten, daß der Baum seiner Früchte beraubt war, und die Spuren Kelaps führten bald zur Entdeckung seines Schlupfwinkels. »Hier ist der Dieb!« riefen die Leute, »wir wollen ihn ins Feuer stecken.« – »Schön,« entgegnete Kelap, »steckt mich ins Feuer; das letzte Mal hat man es nur halb gemacht, und meine eine Seite ist vom Feuer unberührt geblieben.« – »Nein, das ist keine Strafe,« sprachen die Leute, »wir wollen ihn in der Zuckerpresse quetschen.« – »Ach ja, bitte, quetscht mich in der Zuckerpresse,« antwortete Kelap, »das letzte Mal, als man mich in die Presse kriegte, ist bloß meine eine Seite plattgedrückt worden.« – »Das ist auch keine Strafe,« riefen sie, »wir wollen ihn in den Fluß werfen.« – »O, bitte, werft mich nicht in den Fluß,« sagte Kelap und fing an zu weinen. Da warfen sie die Schildkröte ins Wasser. Kelap schwamm in die Mitte des Stroms, reckte den Kopf über das Wasser empor und rief: »Fein, so ist's recht, hier bin ich zuhause!« Als die Leute merkten, daß sie angeführt worden waren, wollten sie sich rächen und das Wasser mit Tuba-Wurzeln vergiften. Die Fledermaus hatte jedoch den Anschlag vernommen; sie flog sofort zu Kelap und riet ihm, den Fluß zu verlassen. »Nein, ich werde hierbleiben,« antwortete Kelap, »hier bin ich am sichersten.« Er ging weiter und machte zwischen den großen Steinen im flachen Wasser Halt, wo er sich mäuschenstill verhielt. Inzwischen hatten die Leute angefangen, Tuba-Wurzeln auf den Steinen zu zerschlagen; und ein Mann, der Kelaps Rücken für einen Stein hielt, begann darauf seine Tuba-Wurzeln zu zerreiben. Da ließ sich Kelap ganz allmählich immer tiefer und tiefer sinken, so daß das Wasser ihn schließlich bedeckte. »Nanu!« meinte der Mann, »das Wasser steigt, dann kann man den Fluß nicht vergiften.« Und damit zogen alle heim. 17. Die Schöpfung der Erde Vor langen, langen Zeiten, bevor noch die Erde erschaffen war, gab es nur zwei Götter: Ompong Batara Guru di-atas, den Himmelsgott, und Ompong Debata di-toru, den Beherrscher der Unterwelt. Der Gott der Unterwelt hatte eine wunderschöne Tochter. Sie war dem Batara Guru vermählt und von ihm in sein Wolkenreich mitgenommen worden. Dort führten die Neuvermählten ein herrliches Leben. Nur in einem war ihr Glück unvollkommen: Vier Jahre lang waren sie verheiratet, und doch war ihnen noch kein Kind geboren. Darüber war das Götterpaar tief betrübt, und sie entschieden sich, ihrem glänzenden Leben zu entsagen, um als Einsiedler Trost für ihren Schmerz zu suchen. In alten zerlumpten Kleidern verließen sie ihren himmlischen Palast. Nur einige Ackergeräte und etwas Reis nahmen sie mit, um ihren Hunger zu stillen. Am Ufer des Meeres wollten sie sich eine Hütte erbauen. In diesem unansehnlichen Hüttchen verbrachten sie ihre Mußezeit, die ihnen jedoch nur gering zugemessen war, denn weitaus die meiste Zeit widmeten sie der Anlage eines schönen Gartens, den sie mit den zierlichsten und herrlichsten Blumen bepflanzten. Aber mit diesem Vergnügen und dieser Freude war es bald zu Ende. Eines Tages, um die Mittagsstunde, als sie gerade unter dem Dache ihres Hüttchens ausruhten, hob sich aus dem Meere ein gewaltiges Scheusal, die Seeschlange Tumuldang di bosi. Die begab sich geradenwegs nach dem Garten, wühlte ihn um und um, fraß alle Blumen und Gewächse auf und schlief darauf gesättigt in dem Garten ein. Bald erwachte Batara Guru, und als er die von dem Ungeheuer angerichtete Zerstörung erblickte, war seine Wut grenzenlos. Und sofort befahl er einem seiner Djuwa (Vorkämpfer), das Ungeheuer zu erschlagen. Der Djuwa war über diesen Auftrag nicht gerade besonders erfreut, zumal als er der entsetzlichen Zähne und der riesenhaften Größe des Untieres ansichtig wurde. Vor dem Kampfe hielt er es daher für besser, sich in Güte mit ihm zu einigen. Er weckte also die Schlange und verwies ihr das unziemliche Benehmen. Das Meeresungeheuer, das aus seinem Schlafe aufgestört war, sah den Djuwa mit bösen Augen an und sagte, es wäre die eigene Schuld Batara Gurus, denn es geziemte sich nicht, wenn ein so erhabener, hoher Herr sich zum einfachen Bauer erniedrigte. »Und,« fuhr es weiter fort, »wenn du nicht willst, daß ich dich verschlinge, dann rufe sofort Batara Guru und seine Frau herbei, sage ihnen, ich wolle sie sprechen. Bestelle ihnen auch, daß sie mir Bananen und Opferspeisen mitbringen, denn ich habe fürchterlichen Hunger.« Der Djuwa eilte schnell zum Batara Guru und berichtete ihm, was die Schlange gesagt hatte. Batara Guru holte die geforderten Sachen zusammen und begab sich darauf mit seiner Gemahlin zu Tumuldang di bosi. Als er bei ihr ankam, nahm er sofort das Wort und machte ihr Vorwürfe über die rohe, gemeine und unanständige Art, mit der sie in sein Reich eingefallen war. Tumuldang di bosi erwiderte: »Edler Fürst! Ich erfüllte nur meine Pflicht, ja, eigentlich hätte ich dir noch ein ganz anderes, viel ärgeres Los bereiten müssen, denn du hast nicht einmal für Nachkommen gesorgt.« »Weshalb hältst du mir das vor?« antwortete Batara Guru, »das ist ja der tiefste Schmerz unseres Lebens, daß wir keine Kinder haben. Weißt du ein Mittel, wie wir Kinder bekommen können, werde ich dir ewig dankbar bleiben.« »Wohlan,« sprach die Schlange, »ich kenne ein Mittel, und du sollst es erhalten, wenn du getreu meine Anweisungen befolgst. Doch zunächst fülle mir einmal den Rachen mit all den Dingen, die du mitbrachtest, den Bananen und den Opferspeisen.« Batara Guru war wenig davon erbaut und sagte: »Großväterchen! Dein Rachen ist wohl an die sieben Ellen lang, und du hast so große, scharfe Zähne, daß ich mich fürchte, wenn ich sie nur ansehe. Verzeihe mir, wenn ich deine Bitte nicht erfülle.« Tumuldang di bosi war darüber nicht weiter verstimmt, sondern sogleich bereit, ihm seinen Argwohn zu nehmen. »Stelle dein Schwert,« sagte sie, »senkrecht in meinen Rachen, dann vermag ich ihn nicht zu schließen und du kannst ohne Sorge deine Hand hineinstecken.« Batara Guru gehorchte und packte der Schlange die Speisen ins Maul. Als er darauf die Hand wieder herauszog, sah er voll Staunen einen wunderschönen Ring an seinem Finger glitzern. Er wußte nicht, was dies bedeuten sollte; und damit die Schlange reden konnte, nahm er ihr wieder das Schwert aus dem Rachen. »Schau her, Großväterchen!« sagte Batara Guru, »was für einen Ring ich aus deinem Maule erhalten habe. Was bedeutet das?« »Der Ring,« erwiderte die Schlange, »ist ein Sinsing pintapinta, ein Wunschring. Jetzt kannst du dir wünschen, was du willst, einen Sohn, eine Tochter, Schweinefleisch oder Palmwein, einerlei, was du nur haben willst, jeder Wunsch wird dir erfüllt werden.« Da freuten sich Batara Guru und seine Gemahlin und tanzten und hüpften voll Vergnügen. Darauf erzählte ihnen Tumuldang di bosi, wie sie den Ring gebrauchen müßten, und als sie sich dann verabschiedete, wünschte sie beiden ein glückliches Leben und verschwand in den Wellen. Das Götterpaar begab sich nun mit neuer Hoffnung nach seiner alten himmlischen Wohnung, und als es Vollmond war, rieb Batara Guru, wie die Schlange es ihm geraten hatte, den Ring mit Limonensaft und wünschte sich dabei einen Sohn. Und nach neun Monaten beschenkte seine Frau ihn mit einem Knaben. Der Ring hatte also seine Macht erwiesen, und als er noch viermal gerieben war, besaß das Götterpaar drei Söhne und zwei Töchter. Die Knaben hießen: Paduka di Adji, Tuwan Benuwa Koling und Tuwan Radja Samsai Sahima-Hina; die Mädchen: Tuwan Benuwa Katji und Tuwan Benuwa Mangili Bulan. Der älteste Sohn begab sich in die Unterwelt zu seinem Großvater Ompong debata di-toru; der jüngste blieb bei seinem Vater im Himmel, der mittlere aber schuf die Erde. Er nahm sieben Hände voll Erde und fertigte daraus die Erdscheibe, die Batara Guru alsdann mit einem Seidenfaden am Himmel aufhängte. Dadurch wurde die Unterwelt in Finsternis gehüllt, denn die Erde fing das Licht der Sonne auf. Darüber empörte sich Paduka di Adji, er verursachte einen Gewittersturm, der die Erde in Staub zerflattern ließ. Siebenmal fertigte Tuwan Benuwa Koling hintereinander eine neue Erdscheibe, aber siebenmal wurde sie auch von seinem Bruder vernichtet. Da beschloß Batara Guru, sich selbst an die Arbeit zu machen. Während Paduka di Adji schlief, stieg er zur Unterwelt hinab und setzte über den Widerspenstigen ein Eisengitter. Das bestand aus vier quer übereinandergelegten Stäben, deren acht Enden sich den acht Himmelsrichtungen zuwandten. Darauf stellte er die Erdscheibe wieder her, glättete sie und machte sie eben. Als Paduka di Adji erwachte und sich erheben wollte, stieß er überall gegen das Eisengitter; er schüttelte und rüttelte an den Stäben, und schüttelte so stark, daß die glatte Oberfläche verschwand, sie Runzeln und Risse bekam. Berge und Täler entstanden. Doch das Gitter war stark und fest und trotzte allen seinen Bemühungen, Paduka di Adji blieb gefangen. Und bis zum heutigen Tage liegt er noch unter dem Gitter; wenn er daran rüttelt, wenn er es zu zerbrechen versucht, dann erbebt die Erde. 18. Die Schöpfungsgeschichten der Javaner 1. Wie die Naturgläubigen sie erzählen Als Ridjalu 'l Ghahib den Himmel, Sonne, Mond und die Erde erschaffen hatte, beschloß er, nachdem er in geraumer Zeit alle Vorbereitungen getroffen hatte, auch für Lebewesen auf der Erde zu sorgen; so wollte er denn Menschen schaffen. Er nahm ein wenig Lehm und knetete daraus eine menschliche Gestalt. Darauf rief er einen der von ihm erschaffenen Geister, um der Gestalt Leben zu geben, und setzte ihn in das Haupt des Wesens. Die Lehmform war jedenfalls zu schwer, denn der Geist konnte sie nicht tragen; sie fiel hin und zerschmetterte auf dem Boden in tausend Stücke; und da die Form durch den Geist bereits beseelt gewesen war, so besaß jede Scherbe Leben. Sie verbreiteten sich über die Erde und wurden zu den scheusäligen bösen Geistern, denen die Menschen hernach den Namen Teufel gaben. Der Schöpfer bedachte sich und merkte, daß er dem von ihm gebildeten Wesen keine Lebenskraft gegeben hatte, die doch nötig war, damit es als ordentlicher Mensch wirken konnte; und so formte er ein neues Gebilde aus Lehm, das war besser als das erste; er gab ihm das Aussehen eines Mannes und die Kraft der Dreieinigkeit, nämlich: das lelembutan und das adji, d. i. das Leben und das Gemüt; die juni und die perwatek, d. i. den Willen und den Charakter; den sukma und den jiwa, d. i. den Geist und die Seele. Als er dem Wesen diese Eigenschaften verliehen hatte, wurde es lebendig, und der Mensch war erschaffen. Der Schöpfer verfiel nun wieder in Nachdenken und meinte: »So habe ich also den Mann erschaffen, doch vermag er allein nicht die Erde zu bevölkern. Ich will ihm also eine Djodo, eine Gemahlin, geben, damit er sich ihres Besitzes erfreut.« Und als nun der Schöpfer ein Gebilde schaffen wollte, das zur Frau werden sollte, da merkte er, daß all der Stoff bei der Bildung des ersten mißglückten Wesens aufgebraucht worden war. Doch wußte der Schöpfer sich nach ernstlichem Nachdenken zu helfen und dem Manne eine schöne Gattin zu erschaffen. Er nahm die Rundung des Mondes, das Winden der Schlange, das Umarmen der Schlingpflanzen, das Zittern des Grases, die Schlankheit der Gerte, den Duft der Blumen, die Leichtigkeit und Beweglichkeit der Blätter, den Blick des Rehs, die Freundlichkeit und Fröhlichkeit des Sonnenstrahls, die Geschwindigkeit des Windes, die Tränen der Wolken, die Zartheit der Flaumfedern, die Schreckhaftigkeit eines Vogels, die Süßigkeit des Honigs, die Eitelkeit des Pfaus, die Schlankheit der Schwalbe, die Schönheit des Demantens und das Girren der Turteltaube. Alle diese Eigenheiten mengte er durcheinander und bildete daraus ein weibliches Wesen, dem er auch die vorhin schon genannten Eigenschaften verlieh. Und als es Leben geworden, da übertraf es alle Schöpfungen an Anmut, Liebreiz und Schönheit. Der Schöpfer gab das Wesen dem Manne zum Weibe, damit nunmehr die Erde bevölkert werde. Nach einigen Tagen kam der Mann zu Ridjalu 'l Ghahib und sagte: »Herr, die Frau, die Ihr mir gabt, vergiftet mir das Leben. Sie schwatzt, ohne aufzuhalten, sie nimmt meine ganze Zeit in Anspruch, sie klagt bei den geringsten Anlässen und ist alleweil krank.« Da nahm der Schöpfer die Frau wieder zu sich, um den Gatten zu schlagen. Schon nach einer Woche kam der Mann wieder und sagte: »Herr, ich bin einsam, seit Ihr mir die Frau fortnahmt. Sie tanzte und sang bei mir. Ich muß immerfort daran denken, wie lieblich sie mich ansehen und liebkosen konnte, wie schön sie mit mir spielte und bei mir Schutz suchte.« Da gab der Schöpfer ihm die Frau zurück. Kaum waren drei Tage vergangen, war der Mann wieder beim Schöpfer, um Klage zu führen. »Herr,« sagte er, »ich verstehe es einfach nicht; und wenn ich darüber nachdenke, dann fühle ich, daß die Frau mir mehr Ärger als Freude macht. Bitte, befreie mich von ihr.« Aber der Schöpfer sprach zu ihm: »Tu nur dein Bestes. Damit du im Einverständnis mit deiner Frau lebst und du sie leiden kannst, soll sie dir gehorsam sein.« Doch der Mann antwortete hoffnungslos: »Ich kann nicht mit ihr zusammenleben.« »Kannst du denn ohne sie leben?« fragte der Schöpfer. Da ließ der Mann bekümmert das Haupt auf die Brust sinken und sagte: »Weh' mir! Ich kann nicht mit ihr, aber auch nicht ohne sie leben.« 2. Wie die Buddhisten sie erzählen Drei Menschenarten waren geschaffen, und da sie unvollkommen waren, wieder vernichtet worden; nun betraute Brahma Wischnu mit der Schöpfung der vierten Menschenrasse. Die Gottheit fuhr zur Erde nieder und knetete aus Lehm ein Wesen, das sein Ebenbild war. Als sie damit fertig war, setzte sie einen der von Brahma erschaffenen Geister (sukma) und eine Seele (jiva) in den Körper, um ihm Leben (laueng) einzuhauchen. Sie befahl dem Geist, solange in dem Körper zu bleiben, bis der Tod ihn wieder befreite. Dann sollte der Geist bei Brahma über sein Tun und Lassen während seiner Lebzeiten auf Erden Rechenschaft ablegen. Als nun Wischnu den Geist in den Körper eingesetzt hatte, fehlte es demselben noch am Atem (prana), und so zerfiel er in viele Stücke. Die Scherben dieses mißglückten Schöpfungsversuches, welche jedoch von dem Geiste schon beseelt worden waren, nutzten die dunkle Nacht, zerstreuten sich in alle Winde und wurden dem Brahma abspenstige Geister. Wischnu wollte jedoch den Auftrag von Brahma so gut wie möglich ausführen, und er sah ein, daß er seinem Gebilde außer einem Geiste und einer Seele noch andere Eigenschaften verleihen mußte, damit der Geist über den Körper herrschen konnte. So knetete er denn zum andern Male aus Lehm ein menschliches Gebilde; das war besser als das erste, so daß es, als er der Gestalt samt anderen verschiedenen Eigenschaften auch einen Geist schenkte, zum lebendigen Wesen wurde. Diesen Menschen nannte er Adina. Wischnu brachte Adina in einen großen, schönen Garten und setzte sich darauf ans Meer, um über seine Schöpfung nachzusinnen. Als er so in Gedanken versunken war, deuchte es ihm, daß es wohl nicht genügte, einen Mann erschaffen zu haben; es müßte auch eine Frau geben, damit die Erde sich bevölkern könnte. Als er aus seinem Denken erwachte, erblickte Wischnu, gerade als die Sonne aufging, eine wunderprächtige Lotosblume. »Dem Manne, den ich schuf,« dachte Wischnu bei sich, »gab ich von allen Schöpfungen die beste Gestalt, doch sehe ich jetzt, daß die Lotosblume die schönste ist. An Schönheit überragt sie ja alle Schöpfungen. Wie prächtig erschließen sich ihre Blüten vor den Strahlen der aufgehenden Sonne, es gibt auf Erden nichts, das dem an Schönheit und Lieblichkeit gleich ist.« Und wiederum versank Wischnu in Nachdenken. Als er sich dann erhob, sagte er: »Ich muß für den Mann noch ein Wesen schaffen, das der Lotosblüte unter den Blumen gleicht, damit der Mann sich des Besitzes einer schönen Lebensgefährtin erfreut.« So redete Wischnu zur Lotosblume: »Verwandele dich in eine schöne Frau und erscheine vor mir.« Bei diesem Befehl erbebte die Oberfläche des Wassers, und die Lotosblume erschien in der Gestalt einer schönen Frau vor Wischnu. So wurde die Frau geschaffen. Wischnu freute sich über seine Schöpfung, doch war die Freude nicht ungetrübt, denn die in ein Weib verwandelte Lotosblume stand unbeweglich vor ihm. Er sah, daß die Frau auch alle Eigenschaften eines vollkommenen Lebewesens haben müßte, und so sprach er denn zu dem von ihm erschaffenen Weibe: »Bis jetzt warst du die Blüte des Sees, von heute ab sollst du aber die Blüte des Menschengeschlechtes sein. Hewa soll dein Name sein. Du sollst dich vermehren und zur Mutter eures Geschlechtes werden. Sprich, schöne Blume, was du noch haben möchtest, und es soll dir gewährt werden.« Und leise wie der sanft dahinsäuselnde Wind antwortete Hewa: »Herr, Ihr habt aus mir ein lebend Wesen gemacht, nun sagt, wo soll ich wohnen? Vergeßt nicht, daß jeder Windhauch mich erbeben läßt. Auch fürchte ich mich vor den Stürmen, dem Regen, den Blitzen, dem Donner, sogar vor der Wärme der Sonne bin ich bange. Ich ängstige mich vor den wilden Tieren, die mich verschlingen möchten. Welche Wohnung, Herr, habt Ihr mir bestimmt?« Wischnu dachte nach und sagte: »Willst du auf den Spitzen der Berge wohnen?« »Herr, dort ist es zu kalt, das mag ich nicht.« »Nun, dann will ich dir mitten im Meer ein Schloß bauen.« »Dort stürmt es, und im Meere gibt es viele Schlangen und Ungeheuer, die fürchte ich.« »Willst du denn ein Haus in der Wüste haben, das fern von allen wilden Tieren?« »Nein, Herr! Auch dort wehen die Sandstürme und begraben mich unter sich.« »Nun, wo soll ich dir denn ein Haus bauen? Willst du im Innern der Erde, im Herzen der Felsen hausen, fern vom irdischen Gewühl?« »Herr, dort ist es zu dunkel.« Wischnu setzte sich auf einen Stein und verfiel in tiefes Nachsinnen. Hewa blieb voller Erwartung vor ihm stehen. Inzwischen war die Sonne vollends aufgegangen, ein Strahl leuchtete über die Oberfläche des Wassers und über die Bäume; alles erstrahlte in seinem Glanze. Die Vögel sangen ihr Morgenlied. Adina war beim ersten Morgenrot erwacht; er erging sich in seinem Garten, und als er beim See angelangt war, erblickte er dies Weib, das Wischnu erschaffen hatte. Er war ganz verzückt im Anschauen des Lebewesens, das da vor ihm stand. Als Wischnu Adinas verwunderten Blick bemerkte, war es mit seiner Gelassenheit zu Ende, und er sagte zu Hewa: »Liebliche Schöpfung, jetzt habe ich einen Platz gefunden, der deiner würdig ist. Du sollst im Herzen dieses Mannes wohnen,« und gleichzeitig ließ Wischnu sie einen Blick in das Herz Adinas tun. Kaum hatte Hewa in das Herz des Adina geschaut, da zitterte und bebte sie, es wurde ihr angst, und sie erblaßte. Wischnu wunderte sich darüber und fragte: »Blume in Menschengestalt, fürchtest du dich auch vor dem Herzen dieses Mannes?« »O Herr!« antwortete Hewa, »welch eine Wohnstatt weist Ihr mir an! In diesem einen Herzen spüre ich die Kälte der Bergspitzen, die Stürme des Meeres, die Orkane der Wüsten, die Finsternis der Höhlen und die Gier des wilden Tieres. Deshalb fürchte ich mich.« Sprach nun der große und weise Wischnu: »Fürchte dich nicht, Blume in Menschengestalt. Ist Adinas Herz kalt, soll dein Atem es erwärmen. Erscheint es dir als ein tiefes Wasser, so findest du darin Perlen. Siehst du einen Sturm nahen, so verjage ihn durch deine Lieblichkeit. Erblickst du kahle Felsen, so wisse, darauf wachsen die Blumen des Glücks; glaubst du eine dunkle Höhle gefunden zu haben, so weißt du auch, daß der Sonnenstrahl die Finsternis erhellt.« Und als Adina merkte, daß Hewa noch immer ängstlich war, sagte er zu ihr: »Ja, tue dies, liebliches Wesen, nimm deinen Platz in meinem Herzen ein und werde zur Mutter des Menschengeschlechtes.« Hewa freute sich über die männliche Schönheit Adinas, sie bedachte sich auch keinen Augenblick und sank ihm in die Arme. Als Wischnu sah, daß seine Schöpfung geglückt war, verließ er die Erde, um Brahma von der Ausführung des Auftrages zu berichten. Brahma hörte, daß die erste Schöpfung des sterblichen Menschen mißglückt war; und da er fürchtete, daß die aufrührerischen Geister auf sein Schöpfungswerk eifersüchtig werden würden, rief er sie zu sich und machte sie zu Engeln im Himmel (swarga). 3. Wie die Brahmaisten sie erzählen Den Engeln, den Petris, war es dreimal nacheinander mißglückt, den Menschen zu schaffen. Nun wollte es Brahma selber versuchen. Aus seinen Lippen entsprang ein menschliches Wesen, sein Sohn, den er Brahmana nannte, das bedeutet Priester. Und ihm schenkte er die vier Wedas, das sind die vier Worte aus seinen vier Mündern, und gab ihm den Auftrag, sich aus diesen göttlichen Büchern zu belehren. Brahmana ergab sich einem Klausnerleben; da er jedoch den Angriffen der wilden Tiere ausgesetzt war, welche die Welt bevölkerten, bat er seinen Vater, ihm zur Hilfe zu kommen. Und sofort erschuf Brahma aus seinem rechten Arm seinen zweiten Sohn. Den nannte er Kshatrya, das Krieger bedeutet. Aus seinem linken ließ er eine Frau entspringen, Kshatryani, und gab sie seinem Sohne zum Weibe. Da nun Kshatrya die ganze Zeit über sich mit der Verteidigung seines Bruders abgeben mußte, erweckte Brahma aus seinem rechten Schenkel den dritten Sohn, Waisya, und aus seinem linken Schenkel dessen Weib, Waisyani. Beide bekamen den Auftrag, sich dem Ackerbau, dem Gewerbe und dem Handel zu widmen. Als die beiden die ihnen auferlegten Arbeiten nicht allein ausführen konnten, erschuf Brahma, um sein Werk zu vollenden, aus seinem rechten Fuß einen vierten Sohn, Sudra, aus seinem linken Fuß eine Tochter, Sudrani. Er verband die beiden miteinander und befahl ihnen, die niedrigen Sklavenarbeiten zu leisten. Nur Brahmana war ohne Gesellin ausgegangen; er beklagte sich darob beim Schöpfer und sagte, das wäre unbillig. Vergeblich führte Brahma ihm vor Augen, daß er der Lehre, des Gebets und Gottesdienstes wegen erschaffen worden wäre, daß er daher von allen irdischen Banden frei sein müßte, die ihn von seinen strengen und schweren Pflichten abhalten könnten. Brahmana blieb trotzdem auf seiner Forderung bestehen. Deshalb zürnte ihm Brahma und gab ihm zur Strafe eine Tochter aus dem verfluchten Geschlechte der Riesen zum Weibe. Das waren die menschlichen Wesen, welche die Petris erschaffen hatten; es war ihr dritter, unvollkommener Versuch gewesen, und sie waren dreizehn Faden lang. Diesen vier Menschenpaaren entstammen die vier Kasten: die Brahmanen, die Kshatryas, die Waisyas und die Sudras. Sie vermehrten sich und bevölkerten die Erde. 4. Wie die Muhamedaner sie erzählen Als der Mensch noch nicht erschaffen war, wohnte Allah in Sawarega, im siebenten Himmel, und eine Schar Djins und Djims, die männlichen und weiblichen Engel der Djabanu-Djans, weilte stets um ihn. Die Höchsten von ihnen waren Eblis, der als Gesandter Allahs Asasil hieß, Djabarail, der ebenfalls ein Gesandter Allahs war und Idjadjil, der auch Idjadjilanat von Djadjalanat genannt wurde. Er war der Gebieter in der Hölle, Naraka, und gehörte auch zu den Gesandten Allahs. Jeden Morgen mußten die Gesandten der Engel zu Allah kommen und ihm huldigen. Das Beisammensein wurde dann alleweil dazu benutzt, jedem seine Arbeit für den Tag und die Nacht anzuweisen. Eblis war die rechte Hand Allahs und stand bei ihm in hoher Gunst. Als eines Morgens alle Gesandten der Engel wieder einmal bei Allah versammelt waren, sagte Allah zu Eblis: »Begib dich auf die Erde, und nach deiner Rückkehr erzähle mir, was du dort alles gesehen hast.« Am Nachmittag kam Eblis zurück und sagte zu Allah: »Ich habe mir die Erde angeschaut, sie ist schön; ich sah dort Berge, Seen, Bäume und auch strömend' Wasser.« »Das schenke ich dir alles,« sagte Allah, »fortan sollst du nächst mir der Herrscher auf Erden sein.« Da glaubte Eblis, daß er nun unabhängig und selbständig geworden wäre; seit jenem Tage erschien er nicht mehr, um Allah zu huldigen. Als Allah das gewahr wurde, entsandte er Djabarail, um Eblis zu fragen, weshalb er nicht mehr in den Sawarega käme. Eblis antwortete: »Allah ist Gebieter des Sawarega, und ich herrsche auf Erden; so hat jeder sein eigenes Tätigkeitsfeld.« Allah, der bis dahin weder Ungehorsam noch Undankbarkeit kennen gelernt hatte, betrübte sich über Eblis, den ersten Bewohner der Erde. Er nahm Eblis von der Erde fort und beschloß, sie mit Wesen zu bevölkern, die er nach seinem Ebenbilde schaffen wollte. So schuf er Adam. Und Adam war der erste Mensch auf Erden. Allah setzte Adam in einen schönen Garten unter den Schatten eines Baums und nahm sich vor, dann und wann einmal nach ihm zu sehen. Nach einiger Zeit erinnerte sich denn auch Allah des von ihm erschaffenen Wesens. Er begab sich auf die Erde und fand dort den Mann, den er erschaffen hatte, noch immer unter dem Baume sitzend. Da begriff Allah, daß Adam allein war und sich sehr langweilen mußte; er sah auch ein, daß ein Mensch nicht für die Erde genug war. So schuf er denn eine Frau und trug ihr auf, die Erde zu bevölkern. Er nannte sie Eva und brachte sie zu Adam. Inzwischen hatte Eblis vernommen, daß die Erde sterblichen Wesen geschenkt war, und trotz des Verbots Allahs, nie wieder auf Erden zu erscheinen, beschloß er, doch die Erdbewohner zu besuchen und sie zu töten. Als er auf die Erde kam, fand er Adam noch immer unter demselben Baume schlafend, unter den ihn Allah gesetzt hatte. Er vergaß ganz sein Vorhaben, Adam zu töten, und ließ ihn ruhig schlafen. Da erblickte er Eva, die war munterer als Adam und pflückte Blumen und jagte hinter Schmetterlingen her. Eblis war ob der Lieblichkeit Evas ganz entzückt und nahm menschliche Gestalt an. Er rief eine große Schlange herbei, gab ihr einen schönen Apfel ins Maul, stieg auf ihren Rücken und stellte sich so der Eva vor. »Ihr seid ein schönes sterbliches Wesen,« sagte er zu Eva, »doch noch zu dumm, um wirklich als Erdenmensch zu leben. Geht mit mir, und ich will Euch zeigen und lehren, wie man sich vermehrt.« Eva, die sich bei dem stets schlafenden Adam tötlich langweilte und daran erinnerte, daß Allah ihr befohlen hatte, sich zu vermehren, was sie bis dahin noch nicht recht verstanden hatte, ließ sich leicht bereden, mit Eblis zu gehen. Mit kindlicher Freude nahm sie den schönen Apfel an, den ihr die Schlange anbot, und setzte sich hinter Eblis auf den Rücken der Schlange. Die Schlange trug sie in die Berge. Eva blieb dort eine geraume Zeit bei Eblis und bekam Geschmack an der Liebeslust, die ihr bisher noch unbekannt gewesen war. Allmählich begann sie aber sich unbehaglich zu fühlen; das war die Folge des neuerlernten Genusses; sie sollte Mutter werden. Als Eblis noch dazu sich immer weniger um sie bekümmerte, überkam sie bittere Reue, den guten Adam verlassen zu haben; und eines guten Tages, als Eblis gerade fort war, nahm sie die Gelegenheit wahr, zu Adam zurückzukehren. Sie fand ihn noch immer unter demselben Baume schlafend liegen. Sie ließ sich bei ihm nieder und gebar einen Sohn, den sie Kain nannte. Eva lehrte dann auch Adam die Art, wie die Menschen sich vermehren sollen, und nach einiger Zeit bekam sie einen zweiten Sohn, den sie Abel nannte. Seit der Zeit mochte Eva den gutmütigen Adam noch lieber leiden und freute sich ihrer Reue, Adam verlassen zu haben. Fortan blieb sie ihm treu und schlug Eblis alle Bitten, ihn doch noch einmal in den Bergen zu besuchen, ab. Eblis ärgerte sich über diese Abweisung und verleitete seinen Sohn Kain, Abel, den Sohn Adams, zu erschlagen. Kain erfüllte seinen Wunsch und erschlug seinen Bruder Abel. Als die Seele Abels sich nun bei Allah meldete und ihm erzählte, daß Kain ihn erschlagen hätte, wurde Allah sehr böse. Er begab sich auf die Erde, stellte eine Untersuchung an und verjagte Adam, Eva und Kain aus dem schönen Garten; er befahl ihnen, fortan selber durch ihrer Hände Arbeit für ihr Fortkommen zu sorgen. Adam war sich keiner Schuld bewußt und hegte, als ihm klar geworden war, daß Kain nicht sein leiblicher Sohn war, einen gewaltigen Zorn gegen Eblis. Er beklagte sich bei Allah und sagte dem Allmächtigen, daß Eblis an allem schuld wäre. Eva wurde befragt, und sie bekannte, daß Eblis sie verleitet hätte. Allah ließ Eblis vor sich kommen und befahl ihm, Adam um Verzeihung zu bitten; doch Eblis weigerte sich und sagte, er wäre aus dem Feuer erschaffen, Adam dagegen bloß aus Erde, er stünde also höher als Adam. Darauf sprach Allah zu Eblis: »Zur Strafe sollst du von jetzt ab ein Hund sein; von den Abfällen, die die Menschen fortwerfen, sollst du dich nähren; und hinter dem Menschen sollst du herlaufen, ihm folgen und gehorchen.« Als Allah den Fluch ausgesprochen hatte, verwandelte sich Eblis in einen schwarzen Hund. Damit war Allah aber noch nicht zufrieden; er war böse, daß die bösen Taten des Eblis ihm nicht zu Ohren gekommen waren und die Engel die von ihm erschaffenen Wesen nicht beschirmt und beschützt hatten. Er kehrte nach Sawarega zurück, versammelte alle Engel um sich und sagte: »Ihr habt alle ernstlich gesündigt und eure Pflichten vergessen. Von heute ab sollt ihr Buße tun, ihr sollt auf die Erde niederfahren und dort umherschweifen. Du, Idjadjil, sollst zu einem menschlichen Ungeheuer werden und dafür sorgen, daß nie eine Frau wieder verführt wird. Und ihr, Djins und Djims, eure Füße sollen zu Pferdehufen werden, damit der Mensch euch erkennt; und weil ihr ihn durch eure Pflichtvergessenheit habt sündig werden lassen, soll er das Recht haben, euch zu steinigen, wo er euch je begegnet.« Als Allah die Engel so bestraft hatte, jagte er sie aus Sawarega hinaus. Und seitdem werden die Menschen aus Rache von den gefallenen Gesandten und Engeln, die jetzt zu Teufeln geworden waren, geplagt und gequält. Djabarail, der während all' dieser Geschehnisse nicht dagewesen war, weil er einen Auftrag Allahs auszuführen hatte, blieb der treue Diener Allahs. An die Stelle der verbannten Gesandten und Engel setzte Allah andere Gesandte und Engel. Er nannte sie Malekat und Nabi. Seinen getreuen Diener Djabarail machte er ebenso wie Mikail, Asrael und Israpil zu seinen Gesandten. Jeder von ihnen erhielt einen besonderen Wirkungskreis. id="page88" 19. Warum der Neumond ist Es war einmal ein Kuhhirte, der weidete seine Herde am Waldrande. Plötzlich fiel ein gewaltiger Regen vom Himmel herab, und so suchte er Unterschlupf unter den blatt- und schattenreichen Bäumen. Er erschrak nicht wenig, als plötzlich ein gewaltiges Ungeheuer vor ihm erschien, das die Gestalt einer Schlange hatte. Mit dem Schwanze hielt sie ihre Eier fest und mit dem Kopfe sah sie bald nach links, bald nach rechts, weil sie nach Nahrung ausspähte. Da wurde dem armen Hirten klar, daß er in das Bereich der Hala na godang, der Großen Schlange, geraten war. Was sollte er beginnen? In seiner Bestürzung und Todesangst griff der Hirt nach den Steinen, die am Boden lagen, und schleuderte sie aufs Geratewohl nach der Schlange; der Erfolg war, daß alle ihre Eier zerbrachen. Wütend wandte die Schlange ihren Kopf und zischte auf den Hirten los: »Du nahmst meinen Kindern das Leben, jetzt nehme ich dir deins.« Kaum hatte dies der Hirt gehört, als er auch schon die Flucht ergriff. Mit großen Sätzen eilte er davon, und in mächtigen Windungen rollte die Schlange hinter ihm her. Aber es half ihr nichts; sie konnte den Flüchtling nicht einholen. Endlich kam der Hirt an das Ende der Erde. Nun sprang er in den Luftraum, die Schlange folgte ihm auf den Fersen. Da erblickte der Hirt den Mond; er eilte auf ihn zu und erflehte seine Hilfe. Aber auch die Schlange war schon da und erzählte in überheblicher Weise dem Monde von der Missetat des Mannes. Der gute Mond wollte den Hirten wohl retten, doch wußte er nicht wie. Drum zog er die Sonne zu Rate, um sich mit ihr die Sache zu überlegen. Das Ende der Beratung war, daß Sonne und Mond der Schlange vorschlugen, dem Hirten eine Geldstrafe aufzuerlegen. Das Ungeheuer wollte jedoch davon nichts wissen. Es bestand darauf, den Zerstörer der Eier zu verschlingen. Das wollten Sonne und Mond wiederum nicht zugestehen. So kam man also nicht weiter. Schließlich faßte der Mond einen großmütigen Entschluß. Da die Schlange nicht darauf verzichten wollte, den Hirten zu verschlingen, erbot der Mond sich selber, anstatt des Mannes von der Schlange verschlungen zu werden, und versprach außerdem, daß er sich jeden Monat von der Schlange verschlingen lassen wollte. Und so kommt es, daß der Mond alle neunundzwanzig Tage unsichtbar ist; dann hat die Schlange ihn verschlungen. 20. Die Zauberer von Ake-dabo Da gibt es eine Stadt, die heißt Maba. Und in der Nähe der Stadt liegt ein Gehöft das heißt Ake-dabo. Die Leute, welche dort wohnten, waren alle Zauberer. Diese Zauberer zogen gern auf Raub aus, so auch über See nach Mira, dem Hauptplatze der Insel Morobay; und wenn sie heimfuhren, mußte, wie immer, ein Mann in Mira sterben. Wenn die Zauberer auf Raub auszogen, dann nahmen sie einen langen Bambusknüppel mit; damit schlichen sie sich an die Häuser heran, lüfteten das Dach, und wenn die Leute schliefen, drückten sie mit dem Knüppel auf ihre Brust, so daß sie keinen Atem holen konnten und sterben mußten; und wenn sie dann tot da lagen, holten sie sich die Leber heraus und fraßen die auf. Einst fuhr nun ein Boot mit Tobelloresen nach der andern Seite nach Maba hinüber; das machte an dem Anlegeplatz der Zauberer fest; die Leute gingen an Land, und zogen dann das Boot auf den Strand hinauf aufs Trockene. In der Nacht fuhren aber die Zauberer damit los, und als die Tobelloresen das merkten, schlich sich einer von diesen guten Menschen in das Boot und versteckte sich darin. Er ließ sich in eine Sagoblattmatte einwickeln, die seine Gefährten dann auf der Ducht hinlegten. Er wachte, während seine Gefährten am Land sich in einer Hütte zum Schlafen niederlegten. Es dauerte denn auch gar nicht lange, da erschienen wirklich die Zauberer und schoben das Boot ins Wasser. Und nun lauschte der gute Mann ihrem Tun. Vorsichtig, damit das Boot nicht den Sand streifte und dieser knirschte, schoben sie es ins Meer; dann flogen sie damit über das Meer fort nach Mira. Und als sie dort angekommen waren, zogen die Zauberer das Boot auf den Strand und verstreuten sich; sie wollten sich zu essen suchen. Der gute Mann blieb mäuschenstill im Boote liegen. Er mußte lange so liegen bleiben, erst beim ersten Hahnenschrei kamen die Zauberer wieder, zogen das Boot ins Wasser und kehrten nach ihrem Dorfe heim. Als sie losfuhren und unterwegs waren, fragte einer den andern: »Na, habt ihr Erfolg gehabt?« Zwei antworteten: »Nein, wir hatten Pech.« Doch die beiden andern sagten, sie hätten Glück gehabt; und dann teilten sie die Lebern untereinander und aßen sie auf. Der gute Mann paßte genau auf. Und wie sie nun ein Stückchen Leber auf die Ducht legten, da griff der gute Mann rasch nach der Leber. Der eine Zauberer tastete überall herum, doch fand er natürlich nichts. Und am andern Morgen zeigte der gute Mann die Leber seinen Gefährten und sagte: »Heute Nacht bin ich mit ihnen gefahren; sie sind in Mira gewesen.« Da ergrimmten die guten Menschen und zogen sogleich nach dem Dorf der Zauberer. Sie schalten sie und sagten: »Ihr seid hier sämtlich Zauberer und Werwölfe.« Doch die redeten dagegen und erklärten: »Nein, wir sind sämtlich gute Menschen; ihr habt uns gekränkt, und so wollen wir unbedingt vor den Richter ziehen, der soll entscheiden.« Und da es für den Tag schon zu spät war, wurde die Verhandlung am andern Tage fortgesetzt; da zeigten sie die Leber und lieferten damit den eindeutigen Beweis für ihre Behauptung. Nun schlugen die guten Menschen ein Pfahlgerüst auf dem Riffe auf, sägten dabei jedoch die Tragepfeiler unten durch. Als sich dann die Parteien versammelten, um das Recht sprechen zu lassen, trafen sich die Zauberer, die Werwölfe, auf dem Pfahlgerüst, die guten Menschen blieben in der Nähe stehen. Die Verhandlung ging ihren Gang, und als die guten Menschen das Stückchen Leber vorwiesen, da konnten die andern nichts mehr dagegen einwenden. Was sollten die Zauberer jetzt beginnen? Vor Wut schüttelten sie an den Gerüstpfeilern, die bald zusammenbrachen, und alle Zauberer mußten elendiglich umkommen. Nur einem Zauberer, dem Anführer, – sieh da! – gelang es, im Augenblick, wo das Gerüst einstürzte, mit den Armen eine Bewegung zu machen, als ob er fliegen wollte. Und er flog auch; nach einem hohen Baum flog er und verbarg sich darin. Wenn nun auch alle anderen Werwölfe vernichtet waren, der eine genügte doch, um das Geschlecht der Werwölfe nicht aussterben zu lassen. Er wurde der Vater der vielen Vampire, die noch heute ihr Unwesen treiben. 21. Wie die Leute von Engano zu ihren Ärzten kamen In einem Dorfe – der Name ist nicht bekannt – lebte einst ein Mann mit seiner Frau und Tochter. Als das Mädchen heiratsfähig geworden war, kam in der Gestalt eines schönen Jünglings ein Geist zu ihm und bat um seine Hand. Da der Jüngling obendrein eine schöne Stimme hatte, so betörte er leicht das Mädchen, und es ging auf seinen Vorschlag ein. Der Geist lebte nun mit ihm zusammen wie Mann und Frau. Eines Tages bemerkten die Eltern, daß ihre Tochter in anderen Umständen war, und fragten sie daher, wer sie geschwängert hätte. Das Mädchen antwortete: »Liebe Eltern, seid nicht böse, mein Gatte ist ein Geist. Niemand, mich ausgenommen, kann ihn sehen. Ich vermag allein seine Stimme zu hören.« Nun sagte der Geist zu dem Mädchen: »Ich muß auf fünf Tage nach dem Geisterreich heimkehren, um meine Verwandten zu besuchen. Lege bitte an einer Stelle am Strande, die ich dir beim Abschied zeigen werde, einige Bündel reife Bananen hin, die mir zur Wegzehrung auf meiner Reise dienen können. Sage das deinen Eltern.« Das Mädchen erzählte den Eltern, was der Geist gesagt hatte. An dem Tage der Abreise begaben sich das Mädchen, ihre Eltern und Verwandten an den Strand. Sie legten an der Stelle, die der Geist bezeichnet hatte, die reifen Bananen hin. Darauf sagte der Geist zu dem Mädchen: »Ich gehe jetzt fort, erwarte mich hier in fünf Tagen wieder.« Der Geist verschwand und nahm die Bananen mit. Als der fünfte Tag erschienen war, ging das Mädchen wieder mit seinen Eltern und Verwandten an den Strand, wo sie den Geist erwarteten. Als sie da eintrafen, fanden sie eine große Menge zusammengebundener Fische vor. Der Geist sprach zum Mädchen: »Sage deinen Eltern, daß diese Fische als Gegengeschenk für die mir übergebenen Bananen für sie bestimmt sind. Und dann komm, wir wollen nach Hause gehen.« Alle kehrten heim. Es dauerte nicht lange, da brachte das Mädchen einen blinden Knaben zur Welt. Da sagte der Geist zu ihr »So, nun ist die Zeit da, wo ich dich für immer verlassen muß. Wir haben nun ein Kind. Sorge gut für das Kind. Und jetzt bist du frei und darfst heiraten wen du willst.« Das Mädchen antwortete betrübt: »Wenn du es also beschlossen hast, muß ich mich deinem Willen fügen.« Der Geist verließ das Mädchen und kam nicht wieder. Als das Kind zum Manne herangewachsen war, wurde die Bevölkerung von einer schweren Seuche heimgesucht, die viele ins Grab brachte. Da wurde einem Kranken im Traum geoffenbart, daß der blinde Jüngling die Kranken wieder gesund machen könnte. Man ließ ihn kommen, und sobald er nur den Körper der Kranken berührt hatte, wurden diese wieder gesund. Seither leistete er allen Kranken des Dorfes Beistand und wurde so zum Arzte. Später heiratete der Jüngling und bekam einen Sohn, den er in der Heilkunst unterwies. Und aus dessen Geschlecht sind die Heilkundigen entsprossen. So kam die Insel Engano zu ihren Ärzten. 22. Vom Manne, der Gott versuchte Es war einmal ein armer Mann, der hieß Sisoro ni ari, der Elende. Er hatte zwei Brüder, die waren sehr reich und feierten darob oft glänzende Feste. Weil er nun gar so arm war, wurde er Gott gram. Er baute aus Bambuspfählen ein hohes Wachthäuschen und beschoß von dort aus mit seinem Blasrohr Gott in der Höhe. Gleichzeitig hielt er ihm die heftigsten Drohreden und sagte: »Weshalb hast du mich so arm gemacht und meine Brüder so reich?« Schließlich hörte Gott ihn und sandte ihm eine Herde Büffel unter das Wachthäuschen. Als Sisoro die Büffel erblickte sagte er: »Der Hundekerl, dem diese Büffel gehören, will mich wohl verhöhnen, wenn er mir hier seine Büffel unter mein Häuschen schickt!« Sprachs und hieb mit einem Knüppel auf die Büffel ein, daß sie fortrannten. Er ging also leer aus. Nun sandte Gott ihm ein großes Goldstück und legte es oben auf das Häuschen. Als er das sah, sagte er: »Du Hund, ich wünschte, daß du umkämst! Weshalb mußt du dir auch gerade mein Häuschen aussuchen.« Und er fuhr fort Gott zu beschießen. Darauf ließ Gott von oben ein Rotangseil herab, damit er daran nach oben in den Himmel klettern könnte. Und als Sisoro im Himmel ankam, sprach Gott zu ihm: »Immerfort mußt du wegen deiner Armut gegen mich murren. Ich werde dich jetzt umgießen, und dann wähle dir deinen Anteil. Du wirst sehen, daß dein tondi sich Armut erwählte.« Und damit schmolz der große Gott Mula djadi ihn in einer eisernen Pfanne ein, um die er dann Kleider, prächtige Gewänder aus Seide und elende Lumpen ausbreitete. Darauf sprach Gott zu ihm: »Nun wähle dir dein Teil!« Sogleich sprang Sisoro ni ari aus der Pfanne heraus und auf die Lumpen zu; sein tondi hatte die Lumpen gewählt. Nun sagte Gott zu ihm: »Ich habe dir jetzt vielerlei gezeigt, du wähltest aber die Lumpen. Dein tondi fordert die Lumpen, also soll Armut dein Los sein. Murre fortan nicht mehr darüber.« Und er fuhr weiter fort: »Aber eins will ich dir noch sagen: Hier, nimm diese kleine Bartzange, halte sie in Ehren, du wirst deinen Gewinn davon haben! Aber verachte mir nicht ärmlich gekleidete Leute.« Darauf ließ er ihn an dem Rotangseile wieder auf die Erde hinab. Nach einiger Weile überraschte ihn einmal sein Oheim, wie er sich gerade mit der Zange beschäftigte, und er sagte: »Bitte, zwicke mir doch auch meinen Bart!« Sisoro tat es. Als seine Brüder das sahen, sprachen sie zu ihrem Oheim: »Hör einmal! Unser Bruder ist zwar arm, trotzdem durftest du nicht von ihm verlangen, daß er dir den Bart zwickte. Das gehört sich nicht, du darfst ihn nicht so verhöhnen, und so sollst du ihm eine Buße zahlen.« Und sie verlangten von ihm, daß er von jeder Art Vieh dem Sisoro ein Paar gab. Da wurde Sisoro reich, denn das Vieh vermehrte sich. Als er nun reich war, wollte Gott ihn versuchen und sandte ihm drei Leute in ärmlicher Kleidung. Die sollte er beherbergen. Sisoro schaute sich nach Zuspeise für seine Gäste um. Er sah nach seinen Schweinen. Es war eine gerade Zahl. »Die kann ich nicht nehmen,« dachte er, »denn es ist eine gerade Zahl, ja wenn es eine ungerade Zahl wäre!« Er sah nach seinen Ziegen, Hunden, Hühnern; stets ergab es eine gerade Zahl. So nahm er nichts davon. Zuletzt schaute er nach den Katzen. Die waren in ungerader Zahl vorhanden. So nahm er denn eine Katze und richtete sie für seine Gäste her – was sich ganz und gar nicht schickte. Als das Essen fertig war, rief er die Gäste ins Haus. Die aßen aber nichts von dem Fleisch, sondern sprachen: »Fleisch, bist du vom Büffel, dann brülle, bist du von der Kuh, dann brumme, bist du vom Schwein, dann grunze, bist du vom Huhn, dann krähe und bist du von der Katze, dann miaue!« Kaum hatten sie das gesagt, da sprang das Fleisch auch schon aus der Schüssel heraus, und eine Menge Katzen liefen im Hause herum, denn jedes Fleischstückchen war zu einer Katze geworden. Sisoro erschrak, und die Gäste waren verschwunden. Von da an ging es mit ihm zurück. Sein Vieh starb dahin, sein Geld verlor sich, und er wurde wieder ein ganz armer Mann. 23. Wie Allah die guten und schlechten Taten der Menschen richtet Eines Tages erhielt der Engel Djabaraël von Allah den Auftrag, als Mensch auf die Erde niederzusteigen und zwei Brüder zu besuchen. Der eine war sehr fromm und ein eifriger Diener Allahs, der andere war ein Räuber, der sich auch nicht im geringsten um die Gebote Allahs bekümmerte. Djabaraël suchte zuerst den frommen Mann auf, der bereits vierzig Jahre lang ein einsames Klausnerleben führte und die Vorschriften Allahs sehr strenge einhielt. Der fromme Bruder empfing den Mensch gewordenen Engel gerade nicht sehr freundlich. Er bot ihm wohl eine Schlafstätte an, gab ihm auch einige Früchte, doch bekümmerte er sich sonst nur wenig um den Gast. Er vertiefte sich wieder in seine Gebete und kam seinen Pflichten als Wirt also recht schlecht nach. Djabaraël verabschiedete sich daher bald wieder von dem frommen Gastgeber, der so wenig mit ihm gesprochen hatte, und begab sich zum anderen Bruder. Der Räuber erwies seinem Besucher alle Höflichkeiten und bot ihm die weitgehendste Gastfreundschaft an. Djabaraël weigerte sich jedoch, sein Gast zu sein. Der Räuber bezeugte darob sein tiefstes Bedauern und nahm sich vor, den Besucher nachts unbemerkt zu bewachen. Der Räuber behielt den Fremdling im Auge, und als er sah, daß er sich auf dem nackten Erdboden unterm bloßen Himmel zur Ruhe niedergelegt hatte und eingeschlafen war, spannte er eine Leinwand über dem Unbekannten aus, der somit also zum Gaste des Räubers wurde. Als Djabaraël erwachte, freute er sich innerlich über das gute Herz seines Wirtes und beschloß, ihn ferner auf die Probe zu stellen. Wie nun die Essensstunde herangekommen war, nötigte der Räuber seinen Gast, mit ihm zu essen; doch der weigerte sich und schützte ein Gelübde vor, nur von einem Gericht genießen zu dürfen, in dem sieben Herzen gekocht wären. »Gut,« meinte der Räuber, »dann will ich Euch ein solches Gericht bereiten lassen, damit Ihr nicht hungrig von dannen geht.« Der Räuber besaß fünf Ziegen; die ließ er schlachten und aus den fünf Herzen ein Gericht kochen. Das bot er seinem Gaste an, doch der wollte nichts davon essen, weil nur fünf Herzen darin gekocht waren. Nun wußte der Räuber keinen Rat. Er besaß keine anderen Tiere, die er hätte schlachten können; schließlich dachte er an seine beiden Söhne, die draußen vor der Tür spielten. Was sollte er tun? Der Kampf zwischen seiner Vaterliebe und dem Wunsch, seinem Gaste eine Wohltat zu erweisen, war schwer. Und so beschloß er denn, seine beiden Söhne zur Wahrung der Gastfreundschaft zu töten. Und zum andern Male bot er dann seinem Gaste, diesmal mit einem recht betrübten Gesichte, das Gericht an, in das er die Herzen der beiden Kinder getan hatte. Der Engel hatte alles gesehen. Er griff nicht gleich zu, sondern bat seinen Wirt, seine beiden Söhne herbeizurufen, damit sie gemeinsam das Mahl verzehrten. Unter Tränen bekannte nun der Räuber seinem Gaste, daß er die beiden Söhne hätte töten lassen, um die Herzen zu bekommen, ohne die das Gericht nicht hätte gekocht werden können. Er hätte außer den fünf geschlachteten Ziegen kein anderes Viehzeug gehabt. Und das Verlangen seines Gastes hätte er so nur durch den Tod seiner beiden Söhne erfüllen können. Der Engel tat, als ob er sehr böse wäre. Er ließ sich zu den entseelten Körpern der beiden Söhne führen, erweckte sie vor den Augen des ganz verstörten Vaters zu neuem Leben und verschwand. Auch die Ziegen liefen wieder im Grase herum. Das Gericht mit den sieben Herzen war ebenfalls verschwunden. Djabaraël berichtete Allah, was er alles gesehen und erlebt hatte. Als dann Allah die Taten der beiden Brüder gegeneinander abgewogen hatte, sandte er Djabaraël nochmals zu ihnen, um ihnen zu verkünden, was er von ihnen dächte. »Ihr,« sagte Djabaraël zu dem frommen Bruder, der Allah seit vierzig Jahren gedient hatte, »wißt, daß Frömmigkeit eitel ist. Und wenn Ihr Allah hundert Jahre lang anbetet, könnt Ihr doch seine Gnade nicht erwerben, denn Ihr habt nicht gelernt, das Gebot der Gastfreundschaft zu achten.« – »Ihr dagegen,« sprach er zum Räuber, »habt sogar Eure Kinder hingegeben, um das Gebot der Gastfreundschaft zu befolgen, wie Allah es lehrt. Eure Missetaten sind Euch vergeben und nach Eurem Tode dürft Ihr Swarga, den Himmel, betreten, denn wißt, der Gast war Allah selber.« 24. Die ungetreue Gattin Es war einmal ein gläubiges Ehepaar, das durch gegenseitige Liebe innig miteinander verbunden war. Nach einigen überaus glücklichen Jahren starb aber die Frau. In tiefer Trauer entkleidete der Mann die Verstorbene und bestattete den Leichnam. Als er ihn in die Grube hinuntergelassen hatte, setzte er sich neben das Grab und weilte dort Nacht und Tag, um die Geliebte zu bewachen, gerade als ob er hoffte, sie noch einmal lebendig wiederzubekommen. Vierzig Tage hatte er schon in unwandelbarer Ausdauer und Treue am Grabe seiner Gattin Wache gehalten, ohne zu essen und ohne zu trinken, da kam Nabi Isa des Wegs. Der fragte ihn, weshalb er sich zwischen den Gräbern aufhielt. »Ach, mein Freund,« antwortete der Mann, »ich sitze hier am Grabe meiner Gattin; wir hatten einander so innig lieb; und nun, wo sie von mir gegangen ist, kann ich mich auch nicht von ihrem entseelten Körper trennen. Darum, auch wenn ich es mit dem Tode bezahlen müßte, will ich mich nicht von dem Grabe entfernen, sondern sie beweinen, so lange ich lebe.« Hierauf fragte Nabi Isa: »Wenn ich dein verstorbenes Weib nun wieder lebendig machen würde, könntest du dann an mich glauben?« »O Herr,« sagte der Mann voller Freude, »könnte das geschehen, gewiß würde ich dann an dich glauben, denn dann wärest du der Prophet Isa Almasih, der von Allah Begnadigte und Gesegnete.« Nabi Isa befahl nun dem Witwer, ihm das Grab seiner Frau zu zeigen; als dies geschehen war, redete er mit lauter Stimme zum Leichnam: »Steh' auf und werde wieder lebendig, erhebe dich aus dem Grabe!« Da spaltete sich plötzlich die Erde, und aus ihr heraus erhob sich eine große schwarze Männergestalt. Die warf sich dem Propheten sogleich zu Füßen und bekannte seinen Glauben an Allah und den Propheten Isa. Der Witwer war darüber sehr erschrocken, war doch der vom Tode Wiederauferstandene keineswegs seine Frau. Er sagte dies dem Propheten Isa und meinte, er hätte sich wohl in der Bezeichnung des Grabes geirrt. Drum wies er nun Nabi Isa die richtige Stelle. Nabi Isa hieß zunächst den schwarzen Mann wieder zum Tode zurückkehren; und als dies geschehen war, trat er an das Grab und sprach zu dem da ruhenden Leichnam: »Steh' auf und werde wieder lebendig, erhebe dich aus dem Grabe!« Wieder öffnete sich die Erde, doch diesmal erschien eine Frau, die war über die Maßen schön. »Ist das deine Frau?« fragte Nabi Isa den Mann. Der sagte ja und bekannte nun, wie seine Gattin, seinen Glauben an Gott und den Propheten Isa. Nabi Isa fuhr fort: »Wohlan, beharrt in eurem Glauben, denn er ist der Weg zur Glückseligkeit. Und lebt wieder ungestört in Einigkeit und Liebe.« Darauf verließ Isa die Stätte und wanderte weiter. Kaum war Nabi Isa gegangen, da sprach der nun überglückliche Mann zu seiner Gattin: »Liebe Frau, mein Schmerz ist vorüber, ich habe dich wieder! Jetzt bedarf ich nur der Ruhe und Nahrung. Denn du mußt wissen, seit vierzig Tagen saß ich in Fasten und Wachen an deinem Grabe. Drum möchte ich ein wenig schlafen, wache du nun einmal bei mir.« Sprach's und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Bald schlief er ein. Es war eine schattenreiche Stelle. Er hatte noch nicht lange geschlafen, da kam ein Prinz des Wegs geritten. Es war der Sohn des Königs, der ohne sein Gefolge einen Ausflug machte. Als er die Frau erblickte, wurde er von ihrer Schönheit so berückt, daß er auf sie zuritt und sie fragte, wer sie sei und weshalb sie ihren Mann an der Stätte und in der Weise bewachte. Die Frau erzählte, was ihr und ihrem Gatten widerfahren war; der Prinz hörte erstaunt zu, wandte aber keinen Augenblick seine Blicke von ihr ab. »Weib,« sagte er plötzlich, »du bist so schön, so schön! Viel zu schön für einen solchen Mann. Im Königspalaste, dort ist dein Platz! Sprich, willst du mir dorthin folgen? Du sollst meine Gattin werden, und ich will dich glücklich machen, denn ich bin der Sohn des Königs und der Thronerbe.« Die Worte schmeichelten der Frau, und sie gab dem Wunsche des Prinzen nach. Sie ließ das Haupt ihres Mannes sanft von ihrem Schoße gleiten und stieg darauf hinter'm Prinzen auf das Pferd, um nach dem Palaste zu reiten. Sie waren noch nicht fort, da erwachte der Mann. Als er sah, daß seine Gattin von einem Reiter entführt wurde, lief er schnell hinterher und hatte sie bald erreicht. Er griff in die Zügel des Pferdes und sagte zum Reiter: »Wer bist du? Warum unterstehst du dich, mir meine Frau zu entführen, die Nabi Isas Wundermacht mir soeben aus dem Tode zurückgab?« Auch er erzählte die Schicksale seiner Frau mit allen Einzelheiten von Anfang bis zu Ende. Der Prinz erwiderte: »Freundchen, merke dir: Ich bin der Sohn des Königs und die Frau hinter mir auf dem Pferde ist nicht deine Gattin, sondern meine Dienerin.« Die undankbare Gattin bestätigte die Worte des Prinzen und riet ihrem Manne, sich eine andere Frau zu suchen. Es half dem schwergekränkten Gatten gar nichts, als er sie der Untreue beschuldigte und sie an die Worte erinnerte, die Nabi Isa ihnen zum Abschied gesagt hatte – die Frau blieb dabei, sie wäre nicht mehr seine Gattin, sondern die Dienerin des Prinzen, und dem folgte sie. Der Mann wußte nicht, was er beginnen sollte. Da sah er plötzlich Nabi Isa kommen. Er eilte ihm entgegen und erzählte ihm sein Unglück. Nabi Isa antwortete nicht; er wandte sich an die Frau und fragte sie, weshalb sie ihren Mann um eines andern willen verlassen hätte. Und aufs neue behauptete sie, daß sie die Dienerin des Prinzen wäre, mit dem anderen Manne wäre sie nie verheiratet gewesen, sie dächte auch gar nicht daran, ihn zu heiraten, und hätte ihn niemals gesehen. Da sagte Nabi Isa: »Weib! Weil du mich so verleugnest, nehme ich dir das Leben, das ich dir vorhin wiederschenkte; kehre zurück zum Todesschlafe.« Und sogleich gab die Frau ihren Geist auf. Angst und Schrecken packten den Prinzen, und schweigend ritt er davon. Zum Manne, der sein Weib jetzt auf ewig verloren hatte, sprach Nabi Isa: »Der schwarze Mann war vordem im Unglauben gestorben. Allahs Gnade erweckte ihn aus dem Tode, und er starb im wahren Glauben. Dein Weib aber, das zuvor im rechten Glauben gestorben war, hat nun durch ihren Unglauben den Tod gefunden.« »Ja, Herr, du hast recht!« antwortete der Mann, »und so gelobe ich dir hier feierlich, mich nie mehr nach einer Frau umzusehen.« Darnach begab er sich auf den Gipfel eines Berges, um dort als Klausner den Rest seines Lebens zu verbringen. 25. Wie die Affen entstanden Unsere Ahnen erzählen, daß es vordem keine Affen gab, sondern diese erst später geworden sind. In einem Dorfe, irgendwo im Norden, lebte einst eine Witwe mit ihrem Sohne. Als das Kind heranwuchs, wurde es, je größer, um so ungehorsamer; es wollte seiner Mutter nie helfen, sondern tagein tagaus nur spielen. Oftmals sagte die Mutter: »Geh' aufs Feld!« aber er wollte nicht, und wenn er es einmal wirklich tat, dann wollte er dort nur spielen. Alle Arbeit überließ er seiner Mutter. Weil er sich so betrug, tat die Mutter auch nie, um was er sie bat. Einstmals war die Mutter wieder einmal bei der Arbeit, da ging er zu ihr und sagte: »Mutter, gib mir Taro zu rösten!« Die Mutter erwiderte: »Willst du auch einmal welche pflanzen?« Dann sagte das Kind: »Dann gib mir aber Mais.« Die Mutter antwortete: »Willst du ihn vielleicht essen?« Eines Tages, als die Mutter mit dem Jungen auf dem Felde war, rief sie nach ihm, da er helfen sollte; aber er wollte nicht, er blieb bei seinem Spiel. Nun wurde die Mutter böse, röstete Mais, tat ihn in den Reistopf und deckte ihn zu. Als sie fort gehen wollte, sagte sie zum Kinde: »Komm her und sieh' nach deinem Reis, denn ich muß nun an die Arbeit.« Es dauerte nicht lange, da wurde der Knabe hungrig und ging nach dem Reistopf, um sich daraus etwas zu holen. Kaum hatte er den Deckel hochgehoben, da sah er auch, daß der Topf nur mit geröstetem Mais gefüllt war. Er sagte: »Will meine Mutter mich so behandeln, kann sie einmal etwas erleben.« Damit nahm er die Maisröstpfanne, setzte sie aufs Feuer, und als sie glühend heiß geworden war, hob er sie hoch, kehrte sie um und setzte sich darauf, so daß seine Hinterbacken aufrissen. Daher sollen die Affen auf ihrem Gesäß so viele Quabbeln haben. Dann stand er von der Reispfanne auf und begann mit seiner Verwandlung in einen Affen; er versuchte auf mancherlei Art nach oben zu klettern, aber er machte sich doch nicht gleich aus dem Staube, sondern wollte warten, bis die Mutter heimkam. Als die Mutter von der Arbeit zurückkam und nur noch wenig vom Hause entfernt war, rief sie das Kind und sagte: »Freundchen, bist du da?« Es antwortete: »Ja, ich bin hier!« Als sie ganz nahe beim Hause war, hörte sie, daß jemand im Hause war, der stets »engek« rief. Als sie das hörte, schlug ihr das Herz heftig in der Brust, und sie ging eilends hinein. Als sie hereintrat, sah sie, wie ihr Kind an der Wand auf und ab kletterte und alleweil schrie: »Ngek, ngok! ngek, ngok!« Zur Hälfte war er bereits zum Affen geworden und hatte auch schon Gesäßschwielen. Da schrie die Mutter: »O weh, o weh! Mein Kind ist zum Affen geworden! Komm, Freundchen, komm, komm! Ich will dir auch geben, was du haben willst, komm nur, komm, komm!« Das Kind erwiderte: »Mutter, laß es damit genug sein! Du wolltest mir keinen gerösteten Mais geben, du wolltest mir keine Taro geben; heute hast du mir statt Reis einfach gerösteten Mais gegeben, darum habe ich mich in die glühende Röstpfanne gesetzt.« Damit sprang er von unten nach oben auf das Türsims, rief »ngek« und lief dort hin und her. Während die Mutter wie angewurzelt dastand, veränderte sich sein Aussehen, er wurde ganz und gar ein Affe, sprang in die Bäume und flüchtete in den Busch. Zur Nachtzeit hat er noch heute dort stets seine Bleibestätte. Und so sagen die Leute, von diesem Jungen stammen hier zu Lande die Affen ab. id="page103" 26. Die Geschichte vom Affen Einstmals genas eine Frau eines Kindes, das war ein Affe. Und als es größer geworden war, sagte es zu seiner Mutter: »Mutter, sei doch so gut und bringe mir immer eine Matte mit aus dem Hause heraus, wenn ich mich hier hinsetze, um mich zu sonnen.« Die Mutter antwortete und sagte: »Gut, mein Junge, aber jemand, der wie du einem Affen gleicht, der sollte sich nicht an einer Stätte zur Schau setzen, wo so viele Leute vorbeigehen.« Er antwortete: »Dem mag wohl so sein, Mutter, aber das macht nichts.« Jeden Morgen brachte die Mutter eine Matte nach unten, legte sie auf die Erde, und dann setzte sich der Junge darauf. Eines Tages machte es sich, daß gerade die älteste Königstochter an der Stätte vorüber zum Baden ging, wo der Affe saß. Da meinte der Affe: »Hä! Wie wär's, wenn die Prinzessin mich heiratete?« Und er ging zu seiner Mutter und sagte: »Mutter, sei doch so gut, und frage einmal die Prinzessin, ob sie mich vielleicht heiraten will.« Die Mutter erwiderte: »Pfui, Junge, was bildest du dir denn ein! Sie wird doch niemanden nehmen, der nicht wie ein Mensch aussieht! Und zum andern: Können so arme Menschen wie wir eine Königstochter heiraten? Das geht nicht, mein Junge, wir wollen uns doch nicht lächerlich machen, laß dich dadurch nicht kränken, mein Junge.« Aber der Affe drängte doch weiter und sagte: »Wie dem auch ist, Mutter, versuch's nur, ich glaube, sie will doch.« Die Mutter ging also hin. Als sie in den Palast des Königs kam, fragte sie den König: »Herr König, mich schickt mein Sohn, der Affe, und ich soll fragen, sagte er, ob Ihr damit einverstanden seid, wenn er um die Hand Eurer ältesten Tochter bittet.« Der König antwortete: »Gut, aber fragt das Mädchen selber, ob es will oder nicht.« Die Mutter des Affen fragte nun das Mädchen und sagte: »Prinzessin, mich sendet mein Sohn, der Affe, und läßt Euch fragen, ob Ihr seine Frau werden wollt.« Die Prinzessin versetzte: »O pfui! Wer wird sich denn mit einem Affen verheiraten! Und wenn ich bis zu meinem Tode keinen Mann bekomme, ich werde niemals einwilligen, einen Affen zu heiraten, ich nicht, versteht Ihr wohl! Aber fragt doch meine andern, meine jüngeren Schwestern, ob von denen eine will, wir sind neun Mädchen.« Die Mutter befragte die acht anderen Mädchen, nur die Jüngste willigte ein. Als die Jüngste ihr Jawort gegeben hatte, kehrte die Mutter des Affen heim und erzählte ihrem Sohne, was sie erlebt hatte. Darauf sagte der Affe zu seiner Mutter: »Mutter, bring mich heute abend zu meiner Verlobten, wir wollen zusammen ausgehen und auf ihrem Badeplatz baden.« Als es Abend geworden war, brachte sie den Affen zu seiner Braut. Die Prinzessin nahm sie mit Freuden in Empfang. Und der Affe sagte zu seiner Verlobten: »Wenn du damit einverstanden bist, gehen wir zusammen aus und baden auf deinem Badeplatz.« Die Prinzessin antwortete: »Dann komme nur mit.« Und so gingen sie fort. Als sie auf dem Badeplatz waren, zog der Affe seine Hülle aus, und nun sah die Prinzessin, daß der Affe ein glänzender Prinz war. Nach dem Bade zauberte der Affe Gewänder und sagte: »Hokuspokus! Erscheint sofort ihr Gewänder, Seid schöner als Königsgewänder, Erscheint auch ihr Prinzessinnengewänder!« Sofort war alles zur Stelle, was der Affe gezaubert hatte; sie kleideten sich an und begaben sich nach Hause. Wo sie vorüberkamen, wunderten sich die Leute, daß der Affe solch ein wunderschöner, prächtiger Prinz geworden war, auch der König war bei ihrem Erscheinen sehr erstaunt, einmal, weil der Affe so ganz anders aussah, dann weil sie so schöne Gewänder anhatten. Der König sagte zum Affen: »Herr Affe! Wann soll die Hochzeit sein?« Der Affe antwortete: »Übermorgen, Herr König, denn erst will ich uns noch ein Haus verschaffen.« Der Affe zauberte wieder und sagte: »Hokuspokus! Verwandle dich häßliches Haus Und werde ein prächtiges Haus, Werde schöner als des Königs Haus, Und habe auch alles Gerät in dir!« Sofort ging der Zauber in Erfüllung. Am dritten Tag fand dann in aller Pracht die Hochzeit statt. Darnach sagte der Affe zu seiner Frau: »Ich muß nun eine Reise machen, damit deine älteren Schwestern dir nun nichts mißgönnen, mußt du folgendes tun: Wenn sie dich bitten, mit an den Strand zu gehen, um zu schaukeln, dann nimm eine Betelnuß und ein Ei mit, und wenn ihr dann schaukelt, und sie schieben dich mit Gewalt in die See, dann zerbreche schnell das Ei und lege es oben auf die Betelnuß. Dann kommt ein Hahn heraus. Und wenn der kräht, dann höre ich es.« Darauf fuhr der Affe ab. Während der Affe auf der Reise war, luden die Schwestern die Affenfrau ein, um am Strande zu schaukeln. Sie hatten aber heimlich untereinander abgemacht: »Wenn die Frau des Affen schaukelt, dann stoßen wir sie mit aller Kraft in die See, daß sie ertrinkt.« So geschah es auch. Als die Frau des Affen schaukelte, stießen sie sie mit aller Gewalt in die See, so daß sie in die Tiefe geschleudert wurde. Sie zerschlug aber schnell das Ei, legte es auf die Betelnuß, und da krähte der Hahn. Kaum hatte der Affe den Hahnenschrei vernommen, eilte er auch schon heim; und wie er ankam, sah er seine Frau ruhig zusammen mit dem Hahn auf der Betelnuß sitzen. D'rauf nahm er seine Frau, steckte sie in einen Korb und begab sich nach Hause. Bei seiner Ankunft war die älteste Königstochter schon da. Er fragte sie: »Wo ist meine Frau?« Das Mädchen antwortete: »Ich bin doch deine Frau, zweifelst du etwa daran?« Der Affe sagte: »Ist das auch wahr?« Es antwortete: »Gewiß!« Nun begab sich der Affe zum König und fragte: »Ist die Frau, die sich in meinem Haus befindet, wirklich meine Gemahlin?« Der König antwortete: »Ja«. Der Affe sagte darauf zum König: »Ist das auch wirklich wahr?« Der König erwiderte: »Wenn sie es nicht ist, Affe, dann wollen ich, meine Frau und die andern Schwestern deiner Gemahlin bei dir Sklaven werden, wenn sie es aber ist, dann sollst du in Stücke zerhackt werden.« Nun ließ der Affe den Korb, worin er seine Frau gesteckt hatte, öffnen; die Prinzessin kam heraus und stellte sich vor den König und seine Töchter hin. Und am selben Tage wurden der König, die Königin und ihre Töchter die Sklaven des Affen. Der Affe aber wurde König. 27. Der Vogel Garuda Es waren einmal einige Männer, die gingen gemeinsam auf die Treibjagd und begegneten einem Hirsche. Sie verfolgten das Tier und setzten ihm unaufhörlich nach, bis sie an einen See kamen. Der Hirsch stürzte sich ins Wasser und schwamm weiter; sie wären ihm gern gefolgt, wenn sie nur ein Boot gehabt hätten. Da erblickten sie einen umgefallenen Baum, und einer sagte: »Bringt den Baum hierher, wir wollen Flügel daran binden und damit losfahren, um den Hirsch zu verfolgen; dann können wir ihn töten.« Gut! Sie schleppten den Baum herbei, banden daran Flügel, setzten sich oben auf den Stamm und fuhren los. Sie folgten dem Hirsch und ließen auch nicht davon ab; doch kriegten sie ihn nicht, denn der Strom war mit dem Hirsch und nahm ihn mit, und schließlich gerieten sie in einen Wirbel und wurden dort hineingezogen. Der Wirbel verschlang den ganzen Baum mit den Menschen; nur einer kam heil wieder heraus. Alle anderen – der eine ausgenommen – wurden mit Haut und Haar verschlungen. Dieser eine hatte noch auf dem Lande, als sie den Hirsch verfolgen wollten, einen Wurfspieß mit Widerhaken mitgenommen; als der Wirbel sie verschlingen wollte, erblickte er eine Baumwurzel, die von oben herabhing; in die schlug er den Speer mit den Widerhaken ein, zog sich daran empor und klomm auf den Baum hinauf. Aber wie erschrak er da! Er sah einen großen Vogel, der brütete gerade. Und der Vogel fragte ihn: »Woher kommst du denn?« Der Mann antwortete: »Ach, uns hat ein Unglück betroffen, und so bin ich hierher gekommen.« Doch der Vogel sagte: »Oh! Flieh' schnell von hier fort, denn sonst kommt mein Mann mit den Jungen, und die beißen dich tot.« – Der Mann entgegnete: »Das ist unmöglich! Wohin soll ich mich im Wipfel des Baumes wenden, um flüchten zu können?« Da meinte der Vogel: »Nun, wenn dem so ist, dann komm man zu mir und verstecke dich unter meinen Flügeln.« Der Vogel war unsagbar groß; und als der Mann sich unter ihm verborgen hatte, war nichts von ihm zu sehen. Es dauerte nicht lange, da kam denn auch der Mann mit den Jungen heim. Sie brachten unendlich viel Fleisch mit. Sie griffen sich Menschen und hu! oben im Baum lagen lauter Menschengebeine. Nun spürte der Mann den Geruch des Menschen, der in seinem Versteck saß, und sagte: »He! Mir ist, als ob ich Menschenfleisch rieche!« Doch die Frau, die den Mann verborgen hatte, verriet nichts und antwortete: »Aber Mann, bedenke doch! Wie sollte ein Mensch wohl hierher kommen?« – Der Mann blieb jedoch dabei und sprach: »Hoho! Ja! Gewiß! Es riecht hier nach Menschenfleisch.« Wiederum entgegnete die Frau: »Aber Mann, bedenke doch! Wie sollte ein Mensch hierher kommen?« Der Mann blieb dabei; und als die Frau schließlich einsah, daß sie den Menschen nicht länger verbergen konnte, meinte sie, es wäre wohl besser, die Wahrheit zu sagen: »Ja, hier ist ein Mensch, der wurde vom Unglück befallen; da kam er, um hier eine Schlupfstätte zu finden.« Schön! Da hatte der Mann Mitleid mit ihm und tat ihm nichts zu Leide. Nun waren dem Vogel, der brüten mußte, die Federn ausgefallen; und es sprach der Mannvogel: »Schön! wenn meiner Frau in sieben Tagen die Federn wieder gewachsen sind, dann soll sie dich nach Hause bringen.« Und als die sieben Tage um waren, trug sie ihn fort; sie flog und flog, und als sie sein Haus erreicht hatte, setzte sie ihn ab und flog wieder nach dem Baume heim. Aber nun! Als er ins Land ging und sich umschaute, furchtbar! Häuser gab es wohl, doch nicht einen Menschen. Nicht ein Bein war zu sehen. Der Vogel hatte sie bis auf den letzten weggeholt. So gab es dort keine Menschen mehr! Er ging in ein Haus hinein. Sieh da! Als er eintrat und sich umsah, furchtbar! Nein! Schätze waren da aufgehäuft! In hohen Haufen lagen sie da; aber Menschen waren nicht zu sehen. Nun befand sich dort auch eine Trommel; die nahm er in die Hand und spielte darauf. – Ein junges Mädchen hatte sich aber in den Bambusdachsparren verborgen, niemand konnte es sehen. Das rief: »Spiel' nicht! Sonst hört es der Vogel und kommt herbei und tötet uns!« Er sah nach oben, doch erblickte er das Mädchen nicht. So schlug er die Trommel denn tüchtig weiter, bis es ihm wieder zurief: »Trommele doch nicht! Sonst hört es der Vogel und tötet uns.« Wieder blickte er nach oben. Und nun sah er das Mädchen, da es sich im Bambus versteckt hatte. Und er sprach zu ihm: »Schön! Sei still! Ich habe mit dem Vogel Freundschaft geschlossen, der tut uns nichts!« Als es das hörte, stieg es sofort herab, und beide schlossen den Bund fürs Leben. Nun hatte er ein Hühnerei mitgebracht, und seine Frau hatte auch eins; und es dauerte nicht lange, da kamen die beiden Eier aus; aus dem Ei des Mannes schlüpfte ein Hühnchen, aus dem Ei der Frau ein Hähnchen. Die Küken liefen umher und suchten sich ihr Futter, doch blieben sie stets bei den beiden. Und wenn sie sich in die Federn pickten, dann fiel von Zeit zu Zeit eine Feder heraus. Die sammelte der Mann und bewahrte sie auf. Schau! Schließlich waren es viele Federn, und er tat sie alle zusammen in eine Kiste. Als die Küken groß wurden, lernte das Hähnchen krähen; und als es zum ersten Male krähte, da sproßten alle Pflanzen aus der Erde heraus, und als er zum andern Male krähte, da wurden aus all den Kükenfedern, die er aufbewahrt hatte, Menschen. – Es war ein sehr großes Volk; und die beiden wurden König und Königin und herrschten über sie. 28. Suri ikuen und die beiden Raubvögel Es war einmal ein Mann und eine alte Frau, die hatten sieben Söhne und sieben Töchter; sie hatten auch einen Acker, der hatte sieben Terrassen, auf denen sie ihre Yamsknollen zogen. Eines Nachts kam ein Schwein und fraß von den Yams. Und die Nacht darauf mußte daher einer der großen Jungen aufpassen. So gegen Mitternacht kam das Schwein wieder an den Zaun und rief: »Yams, sage mal, ist dein Herr hier?« Die Yamsknolle antwortete: »Ja, mein Herr ist hier!« Darauf zerstörte das Schwein den Zaun und grunzte: »Quiek, quiek, quiek, ich fresse euch Knollen und auch euren Herrn.« Der Junge machte, daß er wegkam, und das Schwein fraß mit eins die ganze eine Terrasse leer. Am andern Tag mußte ein anderer wachen. Und als es Mitternacht war, erschien das Schwein wieder. Als es am Zaun war, rief es: »Yams, sage mal, ist dein Herr hier?« Und die Yamsknolle antwortete: »Ja, mein Herr ist hier!« – So ging es der Reihe nach. Sechs hatten Wache gehalten. Da kam Suri ikuen an die Reihe. Er grub sich ein Loch und legte sich hinein; nur das Ende des Gewehrlaufs schaute heraus; wenn das Schwein kam, wollte er es schießen. Als um Mitternacht ihm die Augenlider zufallen wollten, nahm er Pfeffer, Salz und Limonen, mischte dies alles durcheinander, damit er, wenn er schläfrig wurde, seine Finger, in die er sich geschnitten hatte, in dies Gemisch stecken konnte. Gegen Mitternacht kam das Schwein an die Umzäunung und rief: »He, Yams, sage mal, ist dein Herr hier?« Die Yamsknolle antwortete: »Mein Herr ist hier.« Sogleich brach das Schwein in den Zaun ein und grunzte ununterbrochen: »Quiek, quiek, quiek, ich fresse euch Knollen und auch euren Herrn!« Es wollte gerade in einen Yams hineinbeißen, da schoß Suri ikuen. Und Suri ikuen ging dann erst einmal nach Hause, holte seine Brüder, und sie zerlegten das Schwein. Jeder nahm sich sein Teil. Suri ikuen bekam nur den Kopf und ein Stück vom Schwanze. Als sie mit dem Zerlegen fertig waren, begaben sie sich wieder nach Hause. Unterwegs sagten die Sechse zu ihm: »Suri, hast du Vaters Wetzstein?« Suri ikuen antwortete: »Nein, habt ihr ihn nicht?« Sie sprachen: »Nein! Geh doch noch einmal nach dem Blätterhaufen zurück, auf dem wir das Schwein zerlegten; vielleicht haben wir ihn beim Weggehen vergessen, und er liegt unter den Blättern.« Suri ikuen erwiderte: »Ja, aber ihr müßt auf mich warten.« Sie sagten: »Ja, schön! Lauf' nur flugs hin, wir warten hier.« Suri ikuen zog los; als er bei dem Blätterhaufen ankam, nahm er ihn hoch, doch fand er keine Spur von dem Wetzstein. So machte er wieder Kehrt und rief unterwegs in einem fort: »Liebe Brüder! Wartet ihr auch?« Da antworteten ihm die Spukgeister mit den großen Ohren: »Uui! Wir sind hier!« Suri ikuen sagte, »Steht auf, wir wollen weitergeh'n.« Die Spukgeister riefen wieder: »Hier sind wir!« Doch Suri ikuen sprach: »O nein! Ihr seid nicht meine Brüder, meine Brüder haben keine so großen, breiten Henkelohren, sie tragen keine weißen Gewänder und haben auch keine so weißen Zähne, o nein!« Sogleich schlugen die Spukgeister ihre Ohren auseinander, wickelten den Suri ikuen darin ein und brachten ihn in ein Verließ, das mit einem eisernen Gatter verschlossen werden konnte. In diesem Verließ stand ein großer Kapokbaum. Suri ikuen schaute nach oben. Da sah er zwei junge Raubvögel im Wipfel des Baumes sitzen und bat die Großohren, doch hinaufzuklettern und ihm die beiden Vögel zu bringen. Die Großohren taten es, brachten ihm auch zu essen. Aber er genoß nur wenig davon, sondern gab es den jungen Raubvögeln. Dabei blieb er, bis die Raubvögel herangewachsen und groß geworden waren. Eines Tages sagte einer von ihnen: »Steig doch mal in diesen Korb. Wir wollen dann versuchen, ob wir ihn heben können oder nicht.« Suri ikuen setzte sich in den Korb, und die beiden Raubvögel hoben ihn hoch. Sie konnten es ganz gut. Darnach setzten sie ihn wieder nieder. Am andern Morgen wollten die Großohren den Suri ikuen schlachten. In aller Frühe erschienen sie, um ihn zu töten. Und als sie ihn mit dem Messer kitzelten, da lachte er aus vollem Halse. Sie sagten: »Aha! Sein Fleisch ist schon fett!« Suri ikuen sprach: »Da ihr mich nun schlachten wollt, bitte ich euch, wetzt eure Messer, doch kehrt mir dabei den Rücken zu. Ich will mich in den Korb setzen.« Das taten sie denn auch. Und als sie ihm den Rücken zuwendeten, flogen die beiden Raubvögel mit Suri ikuen in die Krone des Kapokbaums. Da bissen die Großohren in den Baum, andere hackten auf ihn ein oder kratzten an ihm herum. Als der Baum umfiel, trugen die Vögel Suri ikuen in einen anderen Baum. Nun folgten die Großohren ihm dahin. Die einen wollten ihn umschlagen, die anderen zwickten an ihm herum oder bissen in ihn hinein. Und als der Baum umfiel, da trugen die Vögel ihn auf die Spitze eines hohen Felsens. Die Großohren folgten. Welche bissen, andere zwickten oder hackten daran herum. Doch der Felsen fiel nicht um. Nun flogen die beiden Vögel ins Tal und hackten den Großohren die Augen aus. Auch gelang es ihnen, eine junge Prinzessin zu befreien. Sie flogen mit ihr in die Höhe, brachten sie dem Suri ikuen und gaben sie ihm zur Frau. Und dann zogen die Vögel aus, um allerlei Dinge zusammenzuholen und herbeizuschleppen. Sie fingen auch Menschen ein, nahmen die mit und machten sie zu Dienern des Suri ikuen. Eines Tages feierten sie oben auf dem Felsen ein großes Fest. Das sahen die Brüder von Suri ikuen und sprachen: »Da oben ist unser Suri ikuen, der gibt ein Fest. Kommt mit, das wollen wir uns anschauen.« – Kaum waren seine Brüder an den Fuß des Berges gekommen, da befahl Suri ikuen den Raubvögeln, seinen Brüdern die Augen auszuhacken, seine Eltern und sieben Schwestern sollten sie ihm aber hinaufbringen. Darnach sprachen die beiden Vögel zu Suri ikuen: »Nun gehen wir heim und kommen nicht wieder.« Und Suri ikuen umarmte den einen, und seine Frau umhalste den anderen Vogel, und weinten und wollten sie nicht loslassen. Da sagten die beiden Vögel zu Suri ikuen: »Setzt neben der Vorder- und Hintertür je ein Opferkörbchen auf eine Decke.« Da ließen sie die beiden Vögel los, die nun davonflogen. Sie flogen auf ein Feld und erblickten dort zwei fremde Vögel. Die wollten sie mitnehmen. Und der eine Raubvogel wollte gerade nach unten fliegen, um die Vögel zu fangen, da schoß ein Mann nach ihm. Tot fiel er herunter. Nun wollte der andere sie fangen, da schoß der Mann zum andern Male. So starben sie beide. Die Federn von den beiden flogen jedoch in die Opferkörbchen; dort fielen sie nieder und füllten sie bis zum Rande. Und die Federn verwandelten sich: etliche in Gold und Silber, andere in Büffel, etliche in Menschen, Gewehre, Hühner und die mannigfaltigsten Dinge. Und damit ist die Geschichte aus. 29. Der Halbe Der Halbe saß am Meeresstrande nächst der Lände des Königs im Sande und zeichnete ein Pferd mit sieben Köpfen. Da kamen die Diener des Königs heraus und sahen, wie der Halbe ein Pferd mit sieben Köpfen zeichnete. Sie kehrten um und erzählten es dem König. D'rauf sagte der König: »Geht und holt ihn.« Sie gingen hin, holten ihn und brachten ihn herbei. Nun fragte ihn der König: »Du verstehst die Kunst, ein Pferd mit sieben Köpfen zu zeichnen?« – Er antwortete: »Nein! Ich spielte nur.« – Der König sprach: »Geh' und suche mir das Pferd mit den sieben Köpfen.« Er zog also los. Nach einer Weile kam er an ein Haus und wurde zum Sitzen eingeladen. Nachdem er seinen Betel gepriemt hatte, fragte er: »Habt ihr hier nicht ein Pferd mit sieben Köpfen gesehen?« Sie erwiderten: »Nun, davon Ihr sprecht, hören wir zum ersten Male.« – Alsdann machten sie ein Feuer, das loderte wie ein Haus so hoch, und warfen ihn hinein. Darauf holten sie ihn wieder heraus, schlugen mit Hämmern auf ihn, und so wurde aus seinem halben Leibe, den er bisher gehabt hatte, ein ganzer Mensch. Sie sagten zu ihm: »Steh' auf und gehe nach jenem Haus; dort befindet sich das Pferd mit den sieben Köpfen.« Er ging hin, begab sich hinter das Haus und flüsterte dort leise. Da kam eine alte Frau heraus und sagte: »Kleinchen! Kleinchen! Flüstere doch nicht! Siehst du nicht die Knochen hier? Die Tiger und Garudavögel haben uns beinahe alle aufgefressen!« – Sie gingen ins Haus hinein; die Alte kochte für ihn, teilte das Essen aus, und beide aßen zusammen. Der Halbe, seinen Namen hatte er beibehalten, obschon er jetzt ein ganzer Mensch war, sagte: »Großmütterchen! Wollen wir den Reis im Topfe nicht auch verzehren?« – »Nein,« antwortete sie, »laß ihn d'rin!« Während sie aßen, kam eine Magd aus ihrem Kämmerlein. Er sah sie an und fand sie so lieblich, daß er sie zur Frau begehrte. Er fragte die Alte: »Großmütterchen! Ist das Pferd mit den sieben Köpfen hier?« Sie erwiderte: »Kleinchen! Kleinchen! Nun, wo du eben davon redest, hören wir davon und wissen, daß es ein solches Pferd gibt.« Sie scherzte; denn hinter dem Hause war das Pferd angebunden. Er fragte noch einmal: »Großmütterchen! Wenn ich Lärm mache, kommen dann die Tiger und Garudavögel hierher?« Sie sagte: »Wenn wir den Gong schlagen, dann kommen sie.« Da ging er hin und schlug den Gong, und siehe da, die Luft wurde dunkel. Ein Garudavogel kam herbeigeflogen. Zuerst kam das Weibchen und rief: »Ha! Ha! Kamerad! Bist du da?« – »Ja, ich bin hier!« – Dann schoß es auf ihn los und wollte ihn packen, doch er hieb nach dem Vogel und schlug ihm einen Kopf ab.« »Ho! Ho! Kamerad! Einen Kopf hast du mir abgeschlagen, aber ich habe noch acht Köpfe und darin sind Giftzähne.« – Sie stieß wieder auf ihn herunter, um ihn zu fassen zu kriegen, er hieb wieder zu und zum andern fiel ein Kopf herunter. – Und so ging es immer weiter, bis er sämtliche Köpfe abgeschlagen hatte, da starb der Garudavogel. Bald darauf erschien das Männchen und sagte: »Du hast mein Weib getötet, nun werde ich dich zu fassen kriegen!« – Der hatte sieben Köpfe. Er schoß auf ihn los, um ihn zu packen, doch der Halbe schlug zu und einen Kopf herunter. So ging es weiter, bis er die sieben Köpfe abgehauen hatte, da starb der Garudavogel. Darnach erschien eine Schlange, der stieß er einen Bambusknüppel in den Rachen, daß sie daran sterben mußte. Alsdann bestieg er mit seiner Frau ein Fahrzeug. Das Pferd mit den sieben Köpfen, das hinter dem Hause angebunden war, hatten sie losgemacht und eingeladen. Wiederum folgte ihnen eine Schlange. Sie streuten Reis aus. Der ging auf und wurde zu einem Haufen, der so groß war wie eine Stadt. Die Schlange eilte auf ihn zu und fraß und fraß, bis daß sie sich daran zu Tode fraß. Nun konnten sie abfahren und kamen zur Stadt des Königs, wo sie sich in der Nähe einen schönen Garten anlegten. Einstmals gingen die Bedienten des Königs zum Fischen und sahen, daß der Halbe wieder zurück war. Das erzählten sie dem Könige, der die beiden nun zu sich entbot. Siebenmal mußten seine Diener hingehen, um ihn zu holen, doch jedes Mal wollte er nicht mitgehen. Da begab der König sich selber zu ihm und sagte: »Ich will dir das Pferd mit den sieben Köpfen abkaufen.« Doch der Halbe wollte es nicht hergeben. Schließlich sagte der König: »Wenn du mir das Pferd mit den sieben Köpfen gibst, dann soll deine Frau Königin werden und meine Kinder sollen ihr dienen, und du sollst König sein, und ich will dein Diener sein.« Auf diesen Vorschlag ging der Halbe ein und wurde König und seine Frau Königin. 30. Simpang Impang Eines schönen Tages zogen etliche Leute in den Wald, um sich Wurzeln, Beeren und andere schmackhafte Dinge zu suchen. Da trafen sie eine mächtige Riesenschlange, doch sie hielten sie für einen Baumstamm. Sie ließen sich darauf nieder, und wie sie nun die Wurzeln zerschnitten, fügte es der Zufall, daß sie die Schlange dabei verletzten, so daß das Blut in dicken Strömen ausfloß. Als sie merkten, worauf sie sich ausgeruht hatten, schnitten sie die Schlange in viele Stücke und kochten das Fleisch. Da begann es zu regnen, so fürchterlich zu regnen, daß es Tag für Tag vom Himmel herabfloß und schließlich das ganze Land mit Wasser bedeckt war; nur der Tiang Laju ragte aus der Flut empor. Alle Menschen und Tiere ertranken bis auf eine Frau, einen Hund, eine Ratte und wenig anderes Kleingetier, die auf den Gipfel des Berges kletterten. Die Frau suchte nach einem Wetterschutz und sah da, wie der Hund eine behagliche warme Ruhestätte unter einer Liane gefunden hatte. Die Liane schwang im Winde hin und her, rieb sich dabei an einen Baum und wurde so erwärmt. Die Frau sah dies als Fingerzeig an, sie nahm die Liane, rieb sie kräftig auf einem Stück Holz hin und her und erzeugte so zum ersten Male Feuer. Da sie keinen Gatten hatte, wurde die Liane ihr Mann, und bald darauf gebar sie einen Sohn, der jedoch nur ein halber Mensch war, denn er hatte bloß einen Arm, ein Bein, ein Auge usw. Das Kind wurde Simpang Impang genannt; seine einzigen Spielgefährten waren die Tiere; und häufig beklagte er sich bitter bei seiner Mutter ob seiner Unvollkommenheit. Eines Tages fand Simpang Impang etliche Reiskörner, welche die Ratte in einem Loche versteckt hatte. Er breitete sie zum Trocknen auf einem Blatt aus und legte es auf einen Baumstumpf. Hernach forderte die Ratte den Reis zurück; und als Simpang Impang ihn ihr verweigerte, wurde sie sehr böse und schwor, daß sie samt ihrem Geschlecht sich für die Zukunft stets am Reis der Menschen schadlos halten wollten, wo er ihnen nur vor die Augen käme. Als sie noch so stritten, kam Selulat Antu Ribut, der Windgott, herbei und verstreute mit seinem Hauch die Reiskörner weit und breit in den Dschungeln. Ärgerlich und doch verwundert schaute sich Simpang Impang überall um, doch verspürte er nur das Sausen des Windes. So machte er sich denn mit einigen Begleitern auf, um die Körner wieder vom Windgotte fortzuholen oder doch wenigstens zu erfahren, weshalb er sie ihm weggenommen hatte. Sie wanderten viele Tage und kamen an einen Baum, auf dem eine Menge Vögel saß; die pickten die Blattknospen ebenso schnell ab wie der Baum sie hervorbrachte. Simpang Impang fragte den Baum nach dem Wege zum Hause des Windgottes; und der Baum antwortete: »Ja, vor einer Weile ist er hier vorbeigekommen, und sein Haus liegt in der Ferne dort gerade gegenüber. Wenn du da hinkommst, bitte, sage ihm, ich wäre es müde, Blätter wachsen zu lassen, damit die bösen Vögel sie abfressen, sag' ihm, er möchte herkommen und mich umblasen, damit mein elendes Leben ein Ende hat.« Simpang Impang zog weiter und kam an einen See, der sprach: »Freund, wohin willst du denn?« Und als er ihm erzählte, daß er auf der Suche nach dem Windgotte wäre, klagte der See, daß sein Abfluß durch einen Goldklumpen versperrt wäre, und er bat, daß der Windgott dies Hindernis doch entfernen möchte. Simpang Impang versprach dem See, ein gutes Wort einzulegen; er zog weiter und gelangte in einen Zuckerrohr- und Bananenhain. »Freund, wohin willst du?« fragten sie. »Ich gehe zum Windgott,« antwortete er. »O, bitte, frage ihn doch, weshalb wir nicht wie andere Bäume Zweige haben; wir möchten auch so gerne welche haben.« – »Ja, ich will daran denken,« sagte Simpang Impang; er zog weiter und kam bald zum Hause des Windgottes. Er vernahm darin das gewaltige Tosen des Windes, und der Windgott sprach: »Was willst du hier, Simpang Impang?« Mit zornbebender Stimme entgegnete der, daß er seinen Reis zurückfordern wollte, den der Windgott mitgenommen hatte. »Wir wollen den Streit durch Wettauchen schlichten,« meinte der Windgott und tauchte sogleich im Wasser unter; aber da er ja nur eine Luftblase war, war er bald wieder oben. Simpang Impang forderte nun einen Gefährten, den Fisch, auf, statt seiner zu tauchen; und als der Windgott jetzt merkte, daß er wohl doch nicht den Wettstreit gewinnen konnte, sagte er: »Nein, das gilt nicht, wir wollen das Springen probieren,« und dabei sprang er geradenwegs über sein Haus. Simpang Impang bat die Schwalbe, für ihn einzuspringen; die Schwalbe erhob sich vom Boden und flog so hoch, daß niemand sie mehr sehen konnte. Noch immer wollte der Windgott nicht nachgeben. »Wir wollen ein Drittes versuchen; wer von uns vermag durch dies Blasrohr zu kriechen?« Pfeifend fegte er hindurch. Da wußte Simpang Impang nicht, was er tun sollte, denn keiner seiner Gefährten schien ihm helfen zu können. Doch er hatte die Ameise vergessen; ein zartes Stimmchen quiekte: »Ich kann es«; und im selben Augenblick krabbelte die Ameise durch das Blasrohr. Der Windgott wollte noch immer nicht nachgeben; da wurde Simpang Impang sehr böse, er nahm seinen Vater, den Feuerbohrer, her und setzte das Haus des Windgottes in Brand. Endlich ließ sich der Windgott herbei, Sühne für den gestohlenen Reis zu geben. »Aber,« sagte er, »ich habe keine Gongs oder andere Sachen, mit denen ich dich bezahlen kann, und deshalb will ich dich zum ganzen Menschen machen mit zwei Armen, zwei Beinen und zwei Augen.« Simpang Impang ging auf den Handel ein und war auch heilfroh, nun ein ganzer Mensch zu werden. Dann erinnerte er sich der Wünsche, die ihm der Baum und der See aufgetragen hatten; der Windgott versprach, sie zu erfüllen. Und als Simpang Impang ihn wegen des Bambus befragte, antwortete der Windgott: »Sie haben keine Zweige, weil die Menschen sich alleweil gegen die Sitte vergehen; sie nennen häufig die Namen ihrer Schwiegerväter und Schwiegermütter und schreiten oft genug in den Dschungeln vor ihnen her; deshalb haben Bambus und Banane keine Zweige.« 31. Die Erzählung von Lafaang Die Tochter Palai's verliebte sich sterblich in einen Jüngling der Long Kiput, namens Lafaang. Und weil sie ihn immerdar bei sich haben wollte, lud sie ihn zu sich in den Himmel ein. Sie machte ihn aber von vornherein darauf aufmerksam, daß die Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten im Himmel ganz andere wären als die auf Erden. Nun war das Mädchen sehr schön; was war natürlicher, als daß Lafaang in kürzester Zeit den Weg nach ihres Vaters Hause gefunden hatte. Vater Palai war höchst überrascht, als er den sterblichen Besucher erblickte, und fragte die Tochter: »Sag', wer ist der Mann, und weshalb kommt er hierher?« – »Er ist mein Erwählter, ich will ihn heiraten!« antwortete das Mädchen. Der gutmütige Vater trug dem Mädchen auf, Essen für seinen Liebhaber herbeizubringen, und gab seine Einwilligung, damit der Tochter Wunsch in Erfüllung ging. Lafaang nahm also Wohnung im Hause Palai's und heiratete die Tochter. Trotz vieler, immer aufs neue eingeschärfter Verhaltungsmaßregeln wollte es Lafaang doch nur sehr schwer gelingen, sich den Bräuchen der neuen Heimat anzupassen. Sein Essen schob er sich mit den Fingern in den Mund, anstatt dafür ein Stäbchen zu benutzen; damit kränkte er seine Frau, die ihm oft genug die Mißachtung ihrer Ratschläge verwies. Am Morgen seiner Ankunft wurde er eingeladen, ein Stück Busch für die Anlage eines Reisfeldes zu klären; und seine Frau sagte ihm, er sollte, wenn er einen Baum fällen wollte, die Axt nur an den Baum lehnen, dann würde er sofort umfallen. Von alten Gewohnheiten mag man jedoch nicht gern lassen; und als Lafaang sich an die Arbeit machte, hieb er mit der Axt auf den Baum los. Soviel er auch darauf losschlug, er erzielte keinerlei Wirkung; seine sanfte Gattin war ob dieser rohen Arbeitsart höchst erschrocken. Am nächsten Tage sollte er Palai beim Fällen der Bäume zuschauen. Er hockte im Gebüsch nieder und sah, wie die großen Bäume umfielen, wenn Palai nur die Schneide unten an den Baum legte. Der Anblick jagte Lafaang gehörig Schrecken ein; er wäre gern fortgelaufen, doch sollte seine Frau ihm nicht Kleinmut vorwerfen. Am nächsten Tag fing er von vorn an; wieder hatte er die Unterweisung vergessen und hieb auf die Bäume ein. Diesen schweren Verstoß gegen den Brauch ahndete ein Baum, der ganz in der Nähe durch Palai gefällt wurde; als der Baum umfiel, schlug er Lafaang den linken Arm ab. Lafaang war durch diese Zwischenfälle sehr enttäuscht, und da ihm seine Frau auch nicht mehr in ihrem Zustande gefiel, beschloß er, zu den Seinen heimzukehren. Seine Frau machte ihm deswegen Vorwürfe; als sie seinen Sinn jedoch nicht umzustimmen vermochte, gab sie ihm Zuckerrohrstecklinge und Bananenwurzeln, die den Menschen bis dahin noch unbekannt gewesen waren, und ließ ihn an einer langen Liane zur Erde hinab. Ehe er den Boden erreichte, vernahm er das Schreien seines neugeborenen Kindes; er bettelte und bat darum, umkehren zu dürfen, um es sich anzusehen. Doch all sein Flehen war umsonst; bitterlich weinend kam er in Tikan Orum zur Erde nieder. Den Ungehorsam hatte er noch immer nicht verlernt; obschon ihm anbefohlen worden war, Zuckerrohr und Bananen zu pflanzen, indem er sie nur auf die Erde hinwarf, pflanzte er sie doch sorgfältigst ein; und bis auf den heutigen Tag wächst daher hohes, hartes, herbes Gras an der Stätte. Trotzdem gingen etliche Zuckerrohrstengel- und Bananenkeimlinge an; aber sie sind minderwertig und sind es geblieben, wohin immer sie in die Welt verbreitet wurden. Lafaang starb inmitten der Seinen auf der Erde; doch das prächtige Sternbild, das seinen Namen und Gestalt besitzt, bewegt sich noch heute über'm Himmel; es erinnert die Menschen an seine Himmelsreise und das Mißgeschick, das er dort erleiden mußte. 32. Die Erzählung vom himmlischen Prinzen und der irdischen Prinzessin Als der Sohn des Königs vom Himmel sich auf die Erde begab, nahm er die Gestalt eines Bockes an. Und eines Tages sandte er jemand zur ältesten Tochter des Fürsten, bei dem er, als er zur Erde niederfuhr, abgestiegen war, um sie zu fragen, ob sie ihn heiraten wollte. Der Gesandte ging und fragte: »Der Bock sendet Euch die ehrerbietigsten Grüße und fragt gehorsamst an, ob Ihr geneigt seid, ihm Eure Hand zur Ehe zu reichen.« Die Prinzessin erwiderte: »Seit wann heiratet man denn einen Bock!« Darauf ging der Gesandte heim und berichtete, daß die Prinzessin gesagt hätte: »Seit wann heiratet man denn einen Bock!« Da die älteste Prinzessin nur solche Worte für ihn übrig hatte, schickte er den Gesandten zum andern Male fort, diesmal zur zweiten Prinzessin, die sollte er ebenso wie die älteste Prinzessin befragen. Sie gab dieselbe Antwort wie die älteste. Und als nun keine von beiden Prinzessinnen ihn nehmen wollte, ließ er die jüngste fragen, ob sie wollte. Die Jüngste antwortete: »Bestellt dem Bock, daß ich ihm meine ehrerbietigsten Grüße sende und wohl geneigt bin, seine Frau zu werden.« So ging der Gesandte heim und erzählte, daß die Jüngste ihm antworten ließ: »Bestellt dem Bock, daß ich ihm meine ehrerbietigsten Grüße sende und wohl geneigt bin, seine Frau zu werden.« Abends war es im Hause des Fürsten so hell wie am Tage, das kam von den Lampen, welche der Bock gezaubert hatte. Alle wunderten sich darüber und sagten: »Wie ist dies möglich!« Am andern Tag sprach der Bock: »Wir wollen heiraten!« Das geschah am dritten Tag, und als sie miteinander verheiratet waren und des Abends ein Fest feierten, setzte der Bock sich zu den Vornehmen. Nachdem sie zwei Tage miteinander vermählt waren, sagte die Frau des Bocks zu ihrer Dienerin: »Heut' abend mußt du mir Wasser hinsetzen, damit ich morgen früh mein Gesicht darin waschen kann.« Die Dienerin stellte also das Wasser in die Ecke des Gemachs, wo sie sich zu waschen pflegte. Als sie nun am andern Morgen sich waschen wollte, da sah sie, daß jemand anders sich bereits darin gewaschen hatte. Sie rief sofort ihre Dienerin herbei und fragte sie, wer wohl sein Gesicht in dem Wasser gewaschen hätte, das sie am Abend vorher hingesetzt hatte. Die Frau des Bocks sagte zu ihr: »Du bist es wohl selbst gewesen, die sich in dem Wasser gewaschen hat, nicht wahr?« Doch die Dienerin antwortete: »Nein, ich bin es nicht gewesen.« Da wurde die Frau des Bocks böse und verprügelte sie. Am zweiten Abend schnitt sich die Dienerin in den Finger. Sie konnte vor Schmerzen die ganze Nacht nicht schlafen. Und als es dämmerte, sah die Dienerin, wie der Bock dabei war, sich das Gesicht zu waschen, darum zwickte sie die Frau des Bocks; die wachte auch auf. Andächtig sah sie zu, wie der Bock sich wusch, und wie er ganz blank und weiß wurde. Da flog sie auf ihn zu, umarmte ihn und sagte: »Nun laß ich dich wirklich nicht wieder los!« Und seit dem Tage waren sie immer beisammen. Darauf sagte der Bock zu seiner Frau, daß er ausgehen und Fische fangen wollte. Dazu verwandelte er sich wieder, nahm seine Bocksgestalt an und begab sich an die See. Als der Bock fort war, sprachen die andern Schwestern der Frau des Bocks zu ihr: »Wenn er hernach heimkommt und auf der Treppe ist, dann mußt du Heißwasser über ihn schütten, dann liebt er dich noch viel mehr.« Kam der Bock. Und während er noch auf der Treppe war, schüttete sie das heiße Wasser über ihn aus. Der Bock sagte: »Weshalb tust du das?« Seine Frau antwortete: »Damit du mich noch mehr liebst! So rieten mir die Schwestern!« Der Bock antwortete: »Glaubst du denn deren törichten Reden?« Nach etlichen Tagen sagte der Bock: »Mich gelüstet es wieder; auszugehen und in der See Fische zu fangen.« Er ging also wiederum hin. Nun kamen die älteren Schwestern zur Frau und sagten: »Wenn er heimkehrt und auf der Treppe ist, dann mußt du ein Schwert auf ihn herabfallen lassen, dann hat er dich noch mehr lieb.« Bald kam der Bock heim. Als er auf der Treppe war, ließ sie das Schwert auf ihn herunterfallen. D'rauf sagte der Bock: »Weshalb behandelst du mich so?« Seine Frau erwiderte: »Dann liebst du mich noch mehr, sagten mir meine älteren Schwestern.« Der Bock sprach: »Gut, wenn ihr mich so behandeln wollt, dann will ich armer Tropf man wieder zu meinem Vater in der Höhe heimkehren.« Und ganz schnell machte er sich fertig und ging fort; seine Frau ging hinter ihm her. So zogen sie los; der Bock lief voran, vorweg seiner Frau. Da er jedoch Mitleid mit ihr bekam, so wartete er auf einem Berg auf sie. Als seine Frau bei ihm ankam, legte sie sich gleich im Schoße des Bocks zum Schlafen hin, denn sie war sehr müde geworden. Nachdem der Bock sich ausgeruht hatte, hob er seine Frau auf und sang: »Berg steh auf, o Berg, steh auf Und bring' das Kind von Vater und Mutter nach oben!« Dann setzte der Bock seine Reise fort. Der Bock hatte sich kaum von seiner Frau entfernt, da erwachte sie, folgte dem Bock und kam ihm allmählich näher. Wie aber der Bock sah, daß seine Frau wieder ermüdete, wartete er, bis sie ihn ganz eingeholt hatte. Sie legte sich sogleich in seinem Schoße zum Schlafen hin. Als der Bock sich ausgeruht hatte, hob er seine Frau auf und sang: »Reisvogel merk auf, o Reisvogel merk auf! Bring's Kind von Vater und Mutter nach oben!« Darauf begab der Bock sich weiter. Der Bock ging voran, die Frau folgte ihm nach. Schon war aber die Stätte, von der aus es in den Himmel ging, nahe, und so erwartete er sie am Ufer des »Schwärzenden Wassers«. Als seine Frau ankam, sagte er: »Wenn du mir nun in den Himmel folgen willst, dann müssen wir uns in diesem Wasser baden.« Darauf badeten sie in dem Wasser. Als sie das getan hatten, sagte der Bock: »Wenn du mir nun in den Himmel folgen willst, dann muß ich sagen, du seiest meine Dienerin, nicht wahr? Denn meine Eltern werden damit nicht einverstanden sein, daß ich mich auf Erden verheiratete.« So stiegen sie in den Himmel hinauf. Bei der Ankunft fragten ihn wirklich seine Eltern: »Sag', wen hast du da bei dir?« Der Sohn antwortete: »Meine Dienerin.« Wie man nun Anstalten traf, um den Prinz durch seine Eltern verheiraten zu lassen, bekam auch die Dienerin Arbeit. Zuerst schüttete die Frau des Königs einen Korb voll Senfsamen aus. Nachdem sie das getan hatte, sagte sie zu der Dienerin ihres Sohnes: »Sammle mir die Senfkörner vom Boden auf.« Als sie dies hörte, ging sie zu ihrem Mann, bat ihn um Hilfe und sagte: »Deine Mutter hat mir befohlen, einen Korb voll Senfsamen, den sie auf den Boden schüttete, einzusammeln und sie wieder in den Korb zu tun; sie sagte, daß auch nicht ein einziges Körnchen vergessen werden dürfte, sie müßten alle wieder in den Korb.« Der Prinz sagte zu seiner Dienerin: »Geh' wieder hin und spreche: der Prinz hat befohlen, daß alle Ameisen den Senfsamen einsammeln und in den Korb tun sollen, kein Korn darf zurückbleiben, alle sollen sie in den Korb.« Da kamen denn alle die Ameisen, sammelten sie auf und schleppten sie in den Korb. Als der Korb voll war, begab sich die Dienerin zur Frau des Königs und sagte: »Ich bin fertig, sie sind alle eingesammelt.« Nun meinte die Frau des Königs: »Dann nimm diesen Korb und hol' darin Wasser.« Schnell ging die Dienerin zum Prinzen und sagte: »Deine Mutter hat mir diesen Korb gegeben, ich soll darin Wasser holen, wie soll ich das machen?« Der Prinz erwiderte: »Wenn du beim Brunnen bist, dann mußt du sagen: der Prinz hat befohlen, daß alle Aale erscheinen und sich um den Korb schlängeln.« Als sie nach dem Brunnen kam, sagte sie: »Der Prinz befiehlt, daß alle Aale kommen und sich um den Korb schlängeln.« Dabei warf sie den Korb ins Wasser; als sie hinschaute, sah sie, wie die Aale sich um den Korb wanden; d'rauf zog sie den Korb heraus, schöpfte ihn voll Wasser und trug ihn in den Palast des Königs. Dort sagte sie zur Frau des Königs: »Hier ist das Wasser.« Die Frau des Königs erwiderte: »Schön, setze es nur dorthin.« D'rauf sagte die Frau des Königs: »Heute abend soll mein Sohn heiraten, dann sollst du die Harzfackeln halten, um ihm dabei zu leuchten.« Es wurde Abend und der Augenblick kam, wo sie sich hinsetzten; die Dienerin des Prinzen hielt die Fackeln. Als der Prinz sich gesetzt hatte, wandte er seine Augen nach Westen und sah, wie die Dienerin weinte, denn auf ihrer Hand entstanden Blasen, da das Harz darauf tropfte. Er streichelte sie und sie wurde wieder besser. Als er zum andern Male nach Westen schaute, sah er, wie die Dienerin wieder weinte, da das Harz auf ihre Hände tropfte; er streichelte sie, und sofort war sie wieder besser. Als er sich aber zum dritten Male umsah, da nahm er die Dienerin bei der Hand und sagte: »Komm, wir wollen wieder nach der Erde heimkehren.« Da fragten sich die Gäste: »Also, war sie doch seine Gemahlin?« Der Prinz und seine Frau verließen aber den Himmel und kehrten wieder nach der Erde zurück. 33. Rakian Einst stand im Land ein Mangobaum, in dem befanden sich große Bienennester. War genügend Honig eingesammelt worden, dann kam ein Mann, namens Rakian, zum Baume und trieb in ihn Bambusstücke hinein, um darauf den Baum besteigen zu können. Die Sonne wollte schon untergehen, als er damit anfing. Nun befanden sich eine große Menge Bienennester im Baume, und als Rakian sah, daß die Bienen des Stockes, der am höchsten im Baume saß, weiß waren, wollte er hier den Honig holen. »Denn,« meinte er, »bisher habe ich noch keine weißen Bienen gesehen.« Er stieg also auf den Bambusstufen am Baume hinauf, und als er ganz nahe beim Stocke war, zog er sein Schwert heraus, um ihn abzuschneiden. Die Bienen schwärmten aber nicht aus ihrem Bau heraus. Und als er da an dem Aste herumschnitt, an dem das Nest hing, hörte er die Bienen sagen: »O, das tut weh!« Rakian wunderte sich darüber, steckte das Schwert ein, und die Bienen redeten zu ihm: »Willst du das Nest haben, dann mußt du es vorsichtig abnehmen, nicht abschneiden.« So nahm er denn das Nest mit den Bienen vorsichtig herunter, tat es in seine Tragtasche, kletterte wieder hinunter und ging nach Hause. Zu Hause setzte er die Tasche mit den Bienen in seinem Gemache hin. Am andern Morgen begab sich Rakian schon früh aufs Feld hinaus und kehrte erst heim, als es beinahe ganz dunkel war. Wie er aber nach Hause kam, fand er Fisch und Reis fertig gekocht auf dem Herde vor. »Nanu,« dachte Rakian, »wer hat hier für mich gekocht, ich bin doch ganz allein in diesem Hause? Der Fisch gehört mir nicht, der Reis allerdings. Der Reis ist kalt und muß schon vor einer ganzen Weile gekocht sein. Vielleicht hat sich jemand hier eingeschlichen, hat gekocht und mir meinen Bienenstock gestohlen.« Er sah in seiner Tasche nach, aber das Bienennest war noch da. Darauf setzte sich Rakian zum Essen hin. »Fein!« dachte er, »wenn hier jemand für mich kochen will, um so besser für mich.« Am nächsten Morgen aß er, was am Abend übrig geblieben war und ging darauf wieder auf das Feld hinaus. Wie gestern kam er erst gegen Einbruch der Nacht nach Hause. Und wieder stand das Essen fertig da. »Wer mag es bloß sein?« überlegte sich Rakian, »der hier in mein Haus kommt und für mich kocht?« Wieder sah er nach, ob auch niemand seine Bienen gestohlen hatte. So ging es jeden Tag. Immer, wenn er nach Hause kam, war sein Essen fertig gekocht. Da beschloß er eines Tages, früher heimzukommen, um einmal zu sehen, wer da für ihn kochte. Wieder ging er frühmorgens aufs Feld; als er jedoch eine kleine Strecke vom Hause entfernt war, kehrte er um und versteckte sich in der Nähe. Er wartete eine ganze Weile, doch nichts ereignete sich; dann knarrte mit einem Male die Haustür, und eine wunderschöne Frau kam heraus, die trug ein Bambusrohr und ging zum Fluß hinunter, um Wasser zu holen. Währenddessen schlich sich Rakian in das Gemach – die Frau sah ihn nicht – und wollte nach seinen Bienen sehen. Er öffnete die Tasche, fand aber keine Bienen darin, sondern nur das Nest. Da nahm er das Nest aus der Tasche heraus, versteckte es und verbarg sich selber im Hause. Nach einem Weilchen kam die Frau zurück und ging an die Tasche, um nach dem Neste zu schauen. »O,« sagte sie da, »wer hat mir meine Kleiderkiste gestohlen?« Sie suchte überall; schließlich fing sie an zu weinen und klagte: »Wer mag sie nur fortgenommen haben? Rakian kann es nicht gewesen sein, der ist aufs Feld gegangen. Ich fürchte, er kommt heim und findet mich hier.« Als es nahezu dunkel war, schlich Rakian aus dem Versteck heraus und tat, als ob er vom Felde heimkäme. Die Frau war sprachlos. »Weshalb bist du denn hier?« fragte Rakian, »willst du mir etwa meine Bienen stehlen?« »Ich weiß nichts von deinen Bienen,« antwortete die Frau. Er ging an die Tasche, um nach den Bienen zu sehen, die natürlich nicht da waren, denn er hatte ja selbst das Nest versteckt. »O,« sagte er, »mein Bienennest ist nicht mehr da, hast du es mir vielleicht fortgenommen?« »Was weiß ich von deinem Bienennest?« fragte die Frau. »Nun, es schadet nichts,« entgegnete Rakian, »aber willst du für mich kochen? Ich bin sehr hungrig!« »Nein, ich will nicht kochen,« versetzte die Frau, »denn ich bin gar sehr betrübt.« Rakian bat die Frau immer und immer wieder, sie möchte doch für ihn kochen; sie lehnte beharrlich ab und fragte schließlich: »Wo ist mein Gewand?« »Ich habe es nicht weggenommen,« antwortete Rakian. »Ich glaube doch, daß du es versteckt hast,« meinte die Frau, »alle meine Kleider und Kostbarkeiten stecken darin.« Endlich sagte Rakian: »Ich werde es dir nicht wiedergeben, denn ich fürchte, wenn du es einmal hast, ziehst du es wieder an und bist für mich verloren.« »Ich will es nicht wieder haben,« erwiderte die Frau, »wenn du mich zum Weibe nimmst. Meine Mutter wollte, daß ich deine Gattin würde, denn du hast hier im Hause keine Frau, und ich habe in meiner Heimat keinen Gatten.« Darauf holte Rakian das Bienennest und gab es der Frau. »Was ist das?« fragte er. »Das ist mein Geheimnis,« entgegnete die Frau. »Aber,« fuhr sie fort, »du darfst mich hinfort nicht Bienenfrau nennen, dann müßte ich mich schämen.« Sie heirateten einander und bekamen bald ein Kind. Eines Tages fand im Nachbarhause ein Fest statt. Rakian war eingeladen und beteiligte sich am Schmausen. »Woher stammt eigentlich deine schöne Frau?« fragte einer, »niemals habe ich eine schönere Frau gesehen.« »Sie stammt aus diesem Dorfe,« antwortete Rakian. Als die Leute alle trunken waren, fragten sie wieder, woher er seine Frau hätte, und sagten, sie hätten nie eine schönere Frau zu sehen bekommen. Schließlich war auch Rakian, der bis dahin stets erwidert hatte, seine Frau stammte aus dem Dorfe, trunken geworden. Er vergaß sein Versprechen und sagte: »In Wirklichkeit ist meine Frau früher eine Biene gewesen.« Da hielten die Leute mit Fragen ein, und Rakian ging heim. Als er nach Hause kam, wollte seine Frau nicht mit ihm sprechen. »Warum sagst du nichts?« fragte Rakian. »Was habe ich dir früher gesagt?« sprach sie. »Ich glaube, du solltest nichts erzählen, worüber ich mich schämen müßte.« »Ich habe auch nichts gesagt,« erwiderte Rakian. »Du lügst,« entgegnete seine Frau, »liegt das Haus auch weit ab, ich habe doch alles gehört. Als man dich fragte, woher ich stamme, hast du ihnen zuerst nichts erzählen wollen, aber nachher, als du trunken warst, hast du ihnen alles gesagt.« Da schwieg Rakian. »Ich will nach Hause,« sagte sie, »denn deinetwegen muß ich mich nun schämen. Doch das Kind darf bei dir bleiben. In sieben Tagen wird mein Vater stromaufwärts wandern, dann will ich mit ihm ziehen.« Rakian weinte. Nach sieben Tagen sah Rakian eine weiße Biene über dem Hausgiebel schwirren. Seine Frau stieg die Treppe herab und sagte: »Da kommt mein Vater.« Damit wurde sie wieder zur Biene und flog hinter ihm her. Rakian eilte ins Haus und holte das Kind. Er wollte seiner Frau und ihrem Vater folgen. »Denn,« sprach er, »wenn meine Frau nicht bei mir bleibt, muß das Kind sterben, es ist noch zu klein!« So jagte er hinter den Bienen her, die vor ihm über die Dschungeln entschwebten. Nach sieben Tagen verlor er sie aus den Augen, und noch immer war er an kein Dorf gelangt. Am achten Tage stieß er auf einen Badeplatz am Fluß. Da legten sie sich beide, Vater und Kind, hin und schliefen ein, denn sie waren gar zu hungrig und müde. Aus dem nahen Dorfe erschien eine Frau, weckte Rakian und sagte: »Rakian, weshalb begibst du dich nicht in das Haus deiner Frau und schläfst dort mit deinem Kinde? Es ist gar nicht weit von hier.« »Wenn ich gebadet habe,« erwiderte Rakian, »mußt du mir den Weg weisen.« Die Frau sagte: »Ja, gern!« Da badete Rakian und folgte der Frau, und nach gar nicht langer Zeit kamen sie in ein Dorf. »Dort steht das Haus,« sagte die Führerin und zeigte auf ein Langhaus, »ihr Gemach liegt genau in der Mitte. Elf Kammern sind im Hause; wenn du dort eintrittst, darfst du dich nicht fürchten, denn das Dach sitzt voll von Bienen, doch die tun keinem Menschen etwas.« Rakian stieg zum Hause empor und fand es voller Bienen, großer und kleiner, doch in dem mittelsten Gemach waren keine. Menschen gab es nicht im Hause, nur Bienen. Das Kind fing an zu schreien, und Rakian setzte sich hin. »Otun, Liebling!« ließ sich nun eine Stimme aus dem mittelsten Gemach vernehmen. »Weshalb erscheinst du nicht? Hast du kein Mitleid mit deinem Kindchen, das so nach dir weint?« Und nach einem Weilchen trat Rakians Frau in das Gemach. Das Kind lief sofort auf sie zu. Nun wurde es Rakian leichter ums Herz, doch seine Frau sprach zu ihm: »Was sagte ich dir gleich das erste Mal? Solltest du jemals erzählen, wer ich bin? Hättest du mir nicht folgen können, wäre es dein Unglück gewesen.« Nachdem sie das gesagt hatte, fielen die Bienen von der Decke zu Boden und wurden Menschen. Nakian und das Kind blieben fortan im Dorfe und kehrten nie wieder heim. 34. Keang-Njamo Es war einmal ein Stück Baumbast, Keang-Njamo, wie es die Leute gern klopfen und zum Kleiden ihrer Blöße verwenden. Das hatten sie auf ein Gestell, nahe dem Feuer, zum Trocknen hingelegt. Es lag dort lange, niemand achtete es, es wurde trocken, es wurde hart. Da dachte es so bei sich: »Eigentlich ist es doch arg, daß ich hier so müßig liegen muß und niemandem nützen kann. Arbeiten oder anderes kann ich nicht. Ich will zum lieben Gott gehen und ihn bitten, ob er nicht aus mir vielleicht einen Menschen machen kann, dann bin ich doch zu etwas nütze und kann arbeiten.« Sogleich führte Keang-Njamo sein Vorhaben aus und ging zum lieben Gott. Als der liebe Gott Keang-Njamo kommen sah, sagte er: »Nun, Keang-Njamo, warum kommst du hierher? Was möchtest du?« – »Ach,« antwortete das Stückchen Baumbast, »ich muß immerfort nutzlos auf einem Gestell herumliegen, ich möchte gern ein Mensch sein, damit ich arbeiten kann.« – »Deine Bitte wird dir erfüllt,« sagte der liebe Gott, »gehe heim!« – Und alsobald wurde aus Keang-Njamo, dem Stückchen Baumbast, Keang-Njamo, der Mensch. Hoch erfreut kehrte er nach Hause zurück, konnte arbeiten und sich nähren wie die andern Menschen. Nach und nach merkte Keang-Njamo, daß die dauernde Sorge um seinen Unterhalt und die Arbeit ihn doch rechtschaffen müde machten. So meinte er schließlich: »Auf die Dauer halte ich es mit der Arbeit doch nicht aus; ja, wenn ich reich wäre, dann würde ich wohl zufrieden sein. Ich werde zum lieben Gott gehen.« Sprach's, tat's und ging zum lieben Gott. »Nun, was gibt es denn, Keang-Njamo? Wo fehlt es?« fragte der liebe Gott. »Ach,« erwiderte Keang-Njamo, »du erfülltest mir meine Bitte und machtest mich zum Menschen. Doch nun muß ich arbeiten, das gefällt mir gar nicht mehr; ich kann es nicht länger aushalten und habe gar keine Lust mehr dazu.« – »Was möchtest du denn?« fragte der liebe Gott. »Ich möchte so reich sein, daß ich nicht mehr zu arbeiten brauchte, dann wäre ich zufrieden und glücklich.« Der liebe Gott erfüllte ihm den Wunsch. Keang-Njamo wurde reich und immer reicher; er hatte Geld, Überfluß an den schönsten Sachen; viele Menschen standen in seinem Dienste, und viele Sklaven hörten auf seine Befehle. Das befriedigte ihn zunächst; allmählich regte sich jedoch wieder der Neid, und er begehrte neue Dinge. Sein Reichtum öffnete ihm alle Wege, er genoß Ehren, und die Menschen verehrten ihn; aber wie sein Ansehen wuchs, nahm auch sein Stolz zu, er begehrte nach höherem Ansehen und größerer Macht. Solche Gedanken und vielerlei Pläne ließen den Keang-Njamo nicht zur Ruhe und zum Frieden kommen; sie scheuchten ihm den Schlaf von den Augen. Da meinte er, alles würde sich ändern und er erst wahrhaft glücklich sein, wenn er König würde; dann gäbe es niemand, dem er gehorchen müßte, und gäbe es niemand, den er zu beneiden hätte. Gedacht, getan. Er begab sich wieder zum lieben Gott, um ihm seine Wünsche vorzutragen. Der liebe Gott hörte seine Wünsche zum dritten Male geduldig an und erfüllte seine Bitte. Es dauerte nicht lange, und Keang-Njamo wurde zum König gewählt. Nun war auch dieser Herzenswunsch in Erfüllung gegangen. Es wuchs sein Reichtum, seine Macht, seine Weisheit; sein Reich breitete sich weiter und weiter aus; überall stand er in hohem Ansehen und genoß vielerlei Ehren. Endlich schien er zufrieden und vollauf glücklich zu sein. Leider schien es nur so. Denn tief im Herzen saß ihm ein Stachel. Es gab noch ein Wesen, das höher und angesehener war als er, nämlich der liebe Gott. Den Gedanken konnte Keang-Njamo nicht vertreiben; er freute sich seines Glücks nicht mehr, und der Neid ließ ihm keine Ruhe bei Tag und bei Nacht. Lange sann er hin und her, was er wohl machen sollte; bis er sich schließlich wieder und zum vierten Male zum lieben Gott aufmachte. Der liebe Gott war ganz verwundert und fragte: »Warum kommst du nochmals, was fehlt dir noch?« Darauf antwortete Keang-Njamo: »Sieh', zuerst war ich ein Stückchen Baumbast, dann machtest du mich zum Menschen, du machtest mich reich und machtest mich endlich zum König. Aber noch immer fehlt mir etwas; ich kann noch nicht zufrieden sein.« – »Was fehlt dir denn?« fragte der liebe Gott. »Ja,« meinte Keang-Njamo, »ich möchte doch werden so wie du, ich möchte der liebe Gott sein, dann wäre ich gleich zufrieden.« Als der liebe Gott diese Worte hören mußte, ergrimmte er im Zorn. Er fluchte dem Keang-Njamo und sprach: »Ursprünglich warst du Baumbast, jetzt werde wieder zu Baumbast!« Keang-Njamo kehrte nach Hause zurück. Hart und eingetrocknet, als Baumbast lag er wieder auf dem Gestell, nahe dem Feuer, im Rauche. 35. Der Streit der Glieder des Menschen Einst in alten Zeiten hub ein gewaltiger Streit an. Mund, Augen, Ohren, Nase, Herz, Hände und Füße zankten sich, wer von ihnen dem andern im Range über wäre. Sie konnten bei ihren Streitereien kein Ende finden. Das Auge sprach: »Ich bin der erste, denn ich nehme alles eher wahr als ihr.« »Nein,« meinte das Ohr, »ich bin der erste, denn ich höre alles zuerst.« Sagte die Nase: »Du irrst, lieber Freund, ich bin der erste, denn ich rieche alles zuerst.« Doch der Mund erwiderte: »O nein, ich bin der erste, weil ich alles esse.« Hierauf mischte sich die Hand ein und sagte: »Liebe Freunde, ihr täuscht euch, ich bin der erste. Nehme ich nicht von euch allen die Dinge zuerst in Empfang?« – »Nein, nein, mein Lieber,« sprach der Fuß, »ich bin der erste unter euch all' zusammen, ich gehe ja umher; überall, wohin man mich schickt, gehe ich und mühe mich auf dem Wege ab.« Das Herz verhielt sich ganz ruhig; es saß in der Brust und schwieg. Es hörte nur auf die Worte und war neugierig, wohinaus sie noch wollten und was sie zum Schlusse sagen würden. Die Sechse zankten sich den ganzen lieben Tag, niemand wollte dem andern den Vorrang lassen; neun Tage und neun Nächte währte der Streit; jeder hoffte, daß der andere endlich nachgeben würde. Aber sie waren sämtlich Dickköpfe, jeder blieb bei seiner Ansicht. Endlich, als der Lärm und das Gezänk kein Ende nehmen wollten, hatte das Herz davon genug. Es erhob seine Stimme und redete: »Auge, Nase, Ohr, Mund und Hand, von euch Füßen will ich vorerst noch absehen, euch will ich jetzt die Wahrheit sagen. Was ihr redet, ist Unsinn; ich bin der erste unter euch, und nach mir kommen die Füße. Ich bin der erste, denn durch mich erhaltet ihr eure Bewegung. Schlägt das Herz nicht, hat es auch mit euch keine Art. Sobald ich mich rege, folgen die Füße nach, dann die Arme und dann auch du, Mund. Du, Auge, brauchst nur zu sehen, zu weiterm bist du nicht nütze. Du, Ohr, taugst nur zum Hören; zu nichts anderm; ebenso nützst du, Nase, nur durch dein Riechen; und du, Mund, machst dich nur durch's Essen nützlich. Wenn ich nicht arbeite, bewegt sich kein Fuß, nimmt keine Hand etwas auf, und dann bekommst du, Mund, kein Essen. Nur wenn ich mich bewege, kommen die Füße ins Gehen, und erst wenn die Hand etwas aufgenommen hat, kannst du, Mund, essen. Deshalb bin ich unter euch der erste. Ich mache den Anfang, dann könnt Ihr euer Tagewerk beginnen. Aber wenn ich mich nicht rühre, dann bleibt auch ihr in Ruhe; und wenn ich mich bewege, dann bewegt ihr euch ebenfalls. Wenn ihr euch schon zankt, ich bleibe doch der Älteste, Erste und Vornehmste.« 36. Recht muß Recht bleiben Es war einmal ein Mann, der lebte im Süden, in Mazingong; er wurde Bua duho der Starke genannt. Er war ein großer Häuptling und besaß ein Kissen voller Nüsse, durch deren Rasseln er seine Mithäuptlinge erschreckte, wenn sie sein Haus betraten. Und ebenso machte er es mit allen starken Jünglingen. Der Zweck des Kissens war, die Wahrheit zu hehlen und das Recht zu beugen. Eines Tages sandte Bua duho der Starke seine Leute aus, um Hühner zu stehlen. Da man sie im Dorfe gesehen hatte, wurden Boten an Bua duho den Starken abgefertigt, die sollten ihm sagen: »Bua duho, deine Leute haben uns Hühner gestohlen; wir sahen, wie sie sie griffen, und kommen nun als Abgesandte der Häuptlinge von Mazingong, um mit dir die Buße zu bereden.« Bua duho der Starke gab ihnen keine Antwort. Er lag in seinem Schlafgemach auf dem Deckel eines Schreins und schlief auf dem Nuß-Kissen. Da erhoben sie ihre Stimme nochmals und riefen: »Bua duho, hör' an! Wir sind die Gesandten der Häuptlinge von Mazingong und wollen uns die Entschädigung für den Diebstahl deiner Leute holen.« Hierauf erhob sich Bua duho der Starke und schlug auf das Kissen mit den Rasselnüssen, um die starken Jünglinge in die Flucht zu schlagen. Als die Gesandten das Rasseln vernahmen, erhoben sie sich von ihren Sitzplätzen und suchten ihr Heil in der Flucht. Sie begaben sich zum Gonzong, dem Bußeneinnehmer, und erzählten ihm, wie es ihnen im Hause des Bua duho ergangen wäre. »Wir wissen nicht,« sagten sie, »womit er in seinem Hause aufschlug, aber wir erschraken und fürchteten uns so sehr, daß wir die Flucht ergriffen.« Sie wußten ja nichts von dem Kissen mit den Rasselnüssen, mit dem man die Wahrheit hehlte und das Recht beugte. Wieder sandte Bua duho der Starke Diebe in ein anderes Dorf. Wieder wurden sie von den Leuten gesehen, und als man ihnen das gestohlene Gut abnehmen wollte, sagten sie: »Wir sind Gesandte von Bua duho dem Starken.« Da ließ man ihnen den Raub. Er verhärtete aber sein Herz. Die Häuptlinge von Mazingong sandten zum andern Male starke Jünglinge als Boten. Als sie den Hauptraum im Hause Bua duhos betraten, redeten sie ihn an, doch er antwortete ihnen nicht. Viermal forderten sie ihn auf, herauszukommen und Sühne für den Diebstahl zu leisten; er hüllte sich in Schweigen. Und schließlich schlug er auf das Kissen mit den Rasselnüssen, das die Wahrheit hehlte, und die Gesandten flohen aufs neue. Alle Leute, die davon hörten, wunderten sich sehr; sie begriffen nicht, weshalb die Gesandten wegliefen, wenn sie das Rasseln vernahmen. Neunmal schickte der bestohlene Häuptling seine Boten; doch Bua duho der Starke kümmerte sich gar nicht darum; er hatte ja das Mittel, die Wahrheit zu hehlen und das Recht zu beugen. Zum dritten Male schickte Bua duho der Starke Menschenräuber ins Dorf. Auch sie wurden bemerkt. Und die Häuptlinge von Mazingong hielten einen Rat ab und fragten: »Wer will jetzt als Gesandter zum Bua duho gehen?« Da meldeten sich zwei starke Jünglinge Tabalonga li und Mangaraza, die sagten: »Wir wollen gehen und ihn uns erst einmal ansehen.« Jeder nahm einen großen Schild in die Hand, der war eine Spanne dick, und ein Schwert mit einem breiten, kräftigen Rücken, eine Lanze mit neun Widerhaken; sie zogen eine elffache Panzerjacke an und setzten einen kupfernen Helm auf. Als sie ihre Rüstung instand gesetzt hatten, begaben sie sich auf den Hof Bua duho des Starken. Dort lärmten und tobten sie mit den Schilden und Waffen und wollten Bua duho bange machen. Er sollte zu ihnen auf den Hof kommen. Doch der fürchtete sich nicht; er saß ja auf dem Deckel seines Schreins. Wieder riefen sie: »Komm doch herunter, du Menschenräuber! Du sollst Buße zahlen. Gibst du sie nicht, dann nehmen wir sie, gibst du sie freiwillig, nehmen wir sie auch.« Bua duho saß auf dem Deckel seines Schreins; es fiel ihm gar nicht ein, zu antworten. Wieder erhoben sie ihre Stimme, stiegen auf die Leiter; doch er antwortete ihnen nicht. Nun begaben sie sich in den Mittelsaal des Hauses und schlugen dermaßen mit den Waffen aufeinander, daß das ganze Haus erbebte. Bua duho rührte sich nicht. Da riefen sie wieder: »Bua duho, du Starker, komm doch heraus, Freundchen!« Nun schlug er kräftig auf den Deckel des Schreins, so daß das Nußkissen rasselte. Als die Gesandten den Lärm vernahmen, entsetzten sie sich ob des Getöses; sie liefen davon, sprangen eilends die Leitern hinunter und machten, daß sie wegkamen. Alle waren darüber erschrocken, wunderten und fürchteten sich. Da sagte Gonzong, der Bußeneinnehmer: »Leute von Mazingong, sorgt euch nicht; ich weiß ein Mittel. Wir wollen ihm die Wahrheit entgegenstellen. Großvater Henga'afo soll zum Bua duho gehen und die Buße für den Menschenraub einfordern. Die Zeichen der Wahrheit soll er mitnehmen, das geaichte Pikul-Maß, das gekerbte Schweinemaß, das Gewicht in Hühnchenform, einen Probierstein für Gold und die Schildpattwage. Damit begibt er sich vor seine Tür. Das vierkantige Schweinemaß legt er oben über die Tür, die Wagschalen hängt er auf, das Pikulmaß stellt er hin und tut das Gewicht in Hühnchenform samt dem Probierstein hinein. Wenn du dich vor die Tür stellst, Henga'afo, mache kein Geräusch; er soll dich nicht hören, erst wenn du dich auf deinem Sitzplatz niedergelassen hast, dann rufe ihn. Binde auch ein Seil um deine Brust, befestige es an den Gitterstäben seines Hauses und klammere dich mit den Füßen daran fest, damit du keinen Schreck bekommst.« Was war nun mit Großvater Henga'afo? Das Alter hatte seinen Rücken tief gebeugt; seine Nägel waren zweimal um seine Finger herumgewachsen, wenn er baden wollte, mußte man ihn ins Wasser tragen. Doch Großvater Henga'afo ging. Er nahm das besagte Pikulmaß, das Gewicht in Hühnchenform, das gekerbte Schweinemaß, den Probierstein und die Wagschalen. Als er beim Hause von Bua duho angelangt war, machte er kein Geräusch, weder unten im Hofe, noch auf der Leiter, noch im Hauptsaal des Hauses. Er setzte das Pikulmaß unter die Tür, legte das Schweinemaß darüber und brachte das Gewicht in Hühnchenform samt Wagschalen und Probierstein so unter, wie man ihm geheißen hatte. Als alles seinen rechten Ort gefunden hatte, begab er sich auf einen Sitzplatz, band sich mit einem Seile fest und klammerte sich mit den Füßen an die Gitterstäbe, damit er nicht weggeschleudert wurde. Dann rief er: »O, Bua duho, du Starker! Du hast Menschen geraubt, ich komme, um von dir Buße zu fordern!« Doch Bua duho antwortete nicht; er lag auf dem Schreindeckel in seiner Schlafkammer. Zweimal rief Großvater Henga'afo nach ihm, doch er gab keine Antwort. Nun rief er nochmals, und als Bua duho ihn hörte, rasselte er mit den Nüssen auf dem Schreindeckel. Aber Großvater Henga'afo erhob sich nicht; auf ihn machte das Getöse keinen Eindruck, er rief nur um so mehr und lauter. Viermal rasselte Bua duho mit dem Kissen, doch Großvater Henga'afo blieb sitzen. Da erhob sich Bua duho, nahm Panzer, Schwert, Lanze, Helm und Schild, waffnete sich und wollte Großvater Henga'afo umbringen. Er sprang von seinem Schrein herunter und stürzte zur Tür heraus. Da stolperte er über das Pikulmaß, das gekerbte Schweinemaß legte sich ihm quer vor die Brust, die Hängsel der Wagschalen banden ihm die Hände, das Gewicht in Hühnchenform und der Probierstein wurden ihm zu Fußangeln. Da schrie Bua duho der Starke auf und rief: »Großvater, mach' mich los! Ich vergehe. So etwas habe ich noch nie erlebt und gesehen.« Henga'afo antwortete bedächtig: »Das macht das geaichte Pikulmaß, das unsere Väter uns übermittelten, das ist das Gegenmittel gegen das böse Kissen mit den Rasselnüssen, womit du die Leute fortjagst, wenn sie zu dir kommen.« Darauf erwiderte Bua duho der Starke: »Nun, ich will Sühne leisten, wie es sich gehört; ich will das Recht nicht ins Unrecht verkehren, befreie mich nur von den Fesseln, damit ich leben bleibe. Das Gute ist doch besser als das Schlechte, das Gerade besser als das Krumme.« Also geschah es. Henga'afo gab Bua duho den Starken los, und Bua duho zahlte seine Buße. Recht muß Recht bleiben. 37. Betrug bringt keinen Segen Es war einmal ein Mann, der hatte kürzlich geheiratet. Da kam ein Geist, ein begu, der die Gestalt des Mannes angenommen hatte, und wollte ihm die Frau fortnehmen. Er behauptete, sie wäre seine Frau. Das wollte dem rechten Ehemann nicht behagen, und außer sich vor Zorn fiel er über den begu her und rang mit ihm, so daß sie sich beide auf der Erde herumwälzten. Von dem Lärm wurde der Vater der Frau herbeigerufen. Er kam mit einem großen Messer und wollte seinem Schwiegersohn beistehen. Als er aber zuschlagen wollte, konnte er nicht erkennen, wer sein Schwiegersohn, wer der begu war, denn sie hatten ja einerlei Aussehen und Gestalt. Nachdem sie lange ohne Entscheidung miteinander gekämpft hatten, brachten sie ihren Streit vor die Häuptlinge. Der Ehemann sagte: »Herr, ich heiratete vor kurzem. Da kommt dieser Kerl und behauptet, meine Frau sei seine Frau.« Darauf erwiderte der begu: »Herr, ich heiratete vor kurzem. Da kommt dieser Kerl und behauptet, meine Frau sei seine Frau.« Der Mann wollte schwören, doch der begu wollte den Eid nicht annehmen und sprach: »Wegen seines Meineides soll meine Frau doch nicht seine Frau werden.« So gelang es den Häuptlingen nicht, den Streit zu entscheiden. Sie gingen nun vor einen schlaueren Häuptling. Der hieß zuerst den Ehemann eine schwere Kiste siebenmal auf einen Berg tragen. In der Kiste hatte er aber einen Mann versteckt. Das wußten die beiden nicht. Unterwegs stöhnte der Mann: »O weh, was muß ich wegen meiner Frau ausstehen! Aber ich will es gern ertragen, wenn ich sie nur wiederbekomme.« Der Mann in der Kiste hörte die Worte. Darauf ließ der Häuptling den begu die Kiste tragen, während der echte Ehemann unterdes angebunden wurde. Als nun der begu die schwere Kiste auf den Berg schleppte, wehklagte er: »O weh, was muß ich ausstehen! Aber ich will es tragen, wenn seine Frau nur mein wird!« Darauf band der Häuptling auch ihn besonders an, damit er sie unterscheiden konnte. Der Mann in der Kiste hatte ihm aber die Reden der beiden hinterbracht. Nun ließ der Häuptling einen langen Bambus vor sie hinlegen und sagte zunächst zu dem Ehemann: »Wenn du durch diesen Bambus der Länge nach hindurchzukriechen vermagst, dann soll die Frau dir gehören.« Der versuchte es, konnte es aber natürlich nicht. Nun mußte der andere es versuchen. Der schlüpfte ohne Schwierigkeiten hinein, denn ein begu kann sich klein und dünn machen. Als er aber im Bambus war, verstopfte der Häuptling schnell beide Enden und verbrannte den Bambus samt dem begu, denn nun war der erkannt und durchschaut. Der Ehemann aber ging vergnügt nach Hause. 38. Teile, und dann herrsche! Ein armer Mann, namens Mektir, besaß nur ein winziges Stück Land, auf dem er sich ein kleines Häuschen gebaut hatte. Es lag außerhalb des Dorfes. Das Landstück war wohl klein, doch der Boden war fruchtbar, und der Eigentümer bewirtschaftete ihn so gut, daß der Ertrag ihn mit den Seinen, einer Frau und zwei Kindern, reichlich versorgte. Rund um seinen kleinen Besitz hatte er Bananen gepflanzt und auf dem Felde gedieh allerlei Grünzeug, auch Früchte, die er von seiner Frau in der nahe gelegenen Stadt verkaufen ließ; mit dem Gelde wurden all' die anderen Dinge eingekauft, die nun einmal zu des Leibes Notdurft und Nahrung nötig sind. Eines Morgens sah Mektir, wie vier Männer an seinem Zaune standen, ein Santri, ein Priesterschüler, ein Dukun, ein Arzt, ein ehemaliger Pradjurit, ein Soldat, und ein Orang tani, ein Bauer; sie zogen von einem Dorf zum andern, um Gelder für eine Pilgerfahrt nach Mekka ans Heilige Grab zusammenzubetteln. Jeder trug ein besonderes Gewand; so wußte man, welchem Berufe sie nachgingen. Denn früher war jedermann an seiner besonderen Berufskleidung kenntlich. Rücksichtslos taten sie sich, als ob es ihr gutes Recht war, an den großen Bananen, den pisang radja, gütlich, welche schon gelb zu werden anfingen. »Was macht ihr hier?« fragte Mektir. »Das siehst du doch,« antwortete lachend der Orang tani, »Wir futtern deine leckern Bananen.« Da der Räuber aber vier waren, konnte er als einzelner Mann nicht daran denken, sie fortzujagen. Er wohnte zu einsam, um die Dorfpolizei herbeirufen zu können, um so mehr, weil seine Frau mit den Kindern schon auf den Markt gegangen war. Obendrein wußte er nur zu gut, daß die Dorfpolizei den umherziehenden heiligen Bettlern nichts anhatte, – und für einen so armen Kerl wie ihn würde sie überhaupt keinen Finger rühren. Er gab dem Orang tani keine Antwort, sondern wandte sich an die drei andern. Er verneigte sich tief vor ihnen und sagte: »Erlauchte Herren! Ihr erweist mir eine hohe Ehre, da ihr mein Land betretet, aber nun seid so gut und helft mir, diesen Lumpenkerl, den Orang tani, von meinem Felde zu jagen. Er paßt ja ganz und gar nicht in eure Gesellschaft.« Die Worte schmeichelten den andern; sie stimmten ihm zu und warfen den Orang tani hinaus, was natürlich nicht ohne etliche Püffe und Stöße abging; er verzog sich eilig in der Richtung nach dem Dorfe. Mektir ließ die drei sich nun einen Augenblick ausruhen; dann sagte er: »Edle Herren, ihr glaubt gar nicht, wie ich mich freue, daß ihr hierher gekommen seid; nun können wir doch einmal ordentlich eins schwatzen. Ein Dukun und ein Santri - das ist ja die Verbrüderung der irdischen und himmlischen Wissenschaft! Aber was nun den gewesenen Pradjurit betrifft... paßt auf, ich glaube, der frißt die dicksten, besten, reifsten Bananen auf. Was bleibt aber dann für meine beiden hochgelehrten und geehrten Gäste übrig?« Die beiden Gelehrten stimmten dem Mektir zu, der gewesene Pradjurit wäre wirklich ein Gierschlund, da er das Beste für sich nahm; so machte es Mektir wenig Mühe, die beiden Gelehrten gegen ihn aufzuhetzen und sie mit dem ehemaligen Pradjurit zu entzweien. Die Folge davon war, daß dieser frühere Diener des Königs ziemlich unsanft über den Zaun gesetzt wurde. Er machte sich schleunigst aus dem Staube. Als er um die Wegebiegung verschwunden war, überlegte Mektir einen Augenblick, wie er nun wohl die beiden andern loswerden konnte. Er tat, als ob er in dem Dukun einen alten Bekannten wiedersähe. »Was!« rief er, »seid Ihr nicht der Dukun, an dessen Kräutertränken ich mir beinahe einmal den Tod geholt hätte?« »Ich?« fragte der Dukun, »das ist ja das erste Mal, daß ich Euch überhaupt sehe.« »Nein! Ihr lügt. Jedenfalls ist es jemand Euresgleichen gewesen; woher habt Ihr denn Eure Weisheit, jemand wieder gesund zu machen; Ihr seid nichts wert. Ich berufe mich auf diesen heiligen Mann; sagt, ist es nicht wahr, daß der Himmel allein uns Gesundheit geben kann?« »Das mag wohl sein,« antwortete der Dukun, »aber ohne Medizin wird es gewiß nicht besser.« Da mischte sich der Santri in das Gespräch und gab Mektir recht. Der verstand es, den Santri gehörig gegen den Dukun einzunehmen, und zum Schluß jagten beide den Dukun über den Zaun; verärgert und gekränkt trollte er sich von dannen. Als der Dukun verschwunden war, dachte Mektir: »Was mußt du nun aussinnen, um diesen ausgehungerten Blutsauger los zu werden?« In dem Augenblick kam ein Bekannter und wollte etwas Gemüse von ihm kaufen. Das gab ihm Mut und in barschem Ton fragte er den Santri: »Verbietet das Gesetz nicht, das Gut eines andern zu nehmen?« »Das ist so, mein Sohn,« antwortete der Santri. »Warum ißt du dann die Bananen, die dir gar nicht gehören?« Darauf wußte der Santri keine Antwort zu geben, und da er merkte, daß der Bekannte Mektirs ihn alles andere als freundlich ansah, erhob er sich schnell und machte, daß er wegkam. So entledigte sich der Schlaue der vier Räuber und befolgte das Sprichwort: »Teile, und dann herrsche.« 39. Der Blinde und der Lahme Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die bekamen in ihrem Alter noch zwei Kinder, zwei Söhne, von denen der eine blind, der andere lahm war. Die alte Frau sagte zu ihrem Manne: »Hör', Alter, mich dünkt, es wäre gescheit, wir gingen einmal zu einem Krankheitsbeschwörer, der könnte den beiden Jungen vielleicht helfen.« Der Alte antwortete: »Ach was! Was sollen wir bloß mit dem Kroppzeug anfangen? Das Beste ist, wir bringen sie um; sonst ziehen wir sie vergebens auf, denn darnach kommt doch nichts.« Die alte Frau erwiderte darauf: »Alter, du redest wie ein kleines Kind. Sprich nicht von blind, nicht von lahm. Küken müssen wir auch füttern. Und wenn uns Gott nun Kinderchen schenkte, was haben wir dann zu tun? Freuen sollen wir uns darüber. Sie werden schon geraten.« Der Alte entgegnete bloß: »Na ja, gut! Bleibt man hier; ich geh' meiner Wege, ich will solche Kinder nicht täglich vor Augen haben.« Und als er das gesagt hatte, stand er auf, machte sich auf die Beine und zog in ein anderes Land; die andern blieben nun allein in ihrem Häuschen daheim. Die Ärmsten, woher sollten sie nun etwas zu essen bekommen? Die alte Frau suchte Blätter und Früchte, nahm sie mit nach Hause, und dann aßen sie alle drei davon; als sie keine Früchte und Blätter mehr essen konnten, ging sie auf die Felder und sammelte die vergessenen Maiskolben und Reisähren, nahm sie mit nach Hause, und dann aßen sie alle drei davon; so lebten sie einen Tag wie den andern. So wurden sie groß! Aber die Ärmsten! Der eine konnte gut sehen, aber seine Beine wollten ihn nicht tragen. Dem andern waren gesunde Beine gegeben, doch konnte er nichts sehen. So hatten sie es sehr schwer; niemand erbarmte sich ihrer. Eines guten Tages gab nun der König in seinem Palaste ein Fest. Die Leute erzählten ihnen davon. Da meinten sie, sie wollten auch hingehen. Doch die alte Frau wollte sie nicht ziehen lassen und sagte: »O, du meine Güte! Ihr seid doch so gebrechlich, warum wollt ihr dorthingehen? O, wir armen Menschen! Nicht einmal ein gutes Gewand besitzen wir. Und dann wollt ihr so unangezogen losgehen, um euch das Fest im Königspalaste anzusehen?« Sie antworteten: »Ach, Mutter! Der König kennt uns ganz genau; schwere Arbeit können wir wahrscheinlich nicht leisten. Aber die Hunde wegjagen und Feuer anmachen, das können wir; wir möchten dabei nicht gerne fehlen.« Darauf erwiderte die alte Frau: »Gut, Jungens! Wenn ihr so sprecht, dann geht man hin. Daß ihr mir gehörig Obacht gebt; vielleicht will man uns nur eins aufbinden, damit wir hernach Buße zahlen können. Und was sollten wir dann hergeben? Wir haben doch selbst nichts, was auch nur den allergeringsten Wert hätte.« D'rauf nahm der Blinde den Lahmen auf die Schulter. Sie marschierten sofort los und kamen am Nachmittag an. – Bei ihrer Ankunft waren die Leute schon tüchtig beim Feiern. Und am nächsten Tag ließ der König die beiden rufen. Als sie erschienen waren, fragte der König: »Nun, mein lieber Blinder und mein guter Lahmer, was sucht ihr denn hier?« Sie antworteten: »Ja, Herr König! Wir Sklaven hörten andere Sklaven erzählen, daß der Herr König in seinem Hause ein Fest geben wollte, und darum sind wir Sklaven denn auch gekommen.« Es sprach der König: »Gut so. Wir wollen ein Fest feiern. Und nach dem Fest sollt ihr beide heimkehren.« Worauf sie antworteten: »Gut, Herr König, wie es Ew. Gnaden belieben.« Als sie nun nach dem Feste nach Hause gehen sollten, befahl der König seinen Dienern, einen Korb voll Reis, einen andern voll Fleisch zu packen und sie dem Blinden und Lahmen zu geben. Und dann sagte der König noch zu ihnen: »Nun geht. Und wenn ihr wieder einmal unserer gedenkt, dann kommt wieder.« Sie erwiderten: »Schön, Herr König, dann kommen wir wieder.« Darauf nahm der Blinde den Lahmen auf die Schulter; der Lahme trug das Fleisch und den Reis auf dem Kopfe. So zogen sie ab. Als sie an einem Baum vorüberkamen, dessen Äste tief nach unten hingen, sprach der Lahme zum Blinden: »Bück' dich!« Dann bückte sich der Blinde. So gelangten sie schließlich an einen Brunnen. Der war wohl an die zwanzig Meter tief. Und der Blinde sagte: »He, Lahmer, mich dünkt, hier ist Wasser.« Und der Lahme erwiderte: »Ja, einst holten unsere Ahnen hier ihr Trinkwasser.« Da sagte der Blinde: »Schön, dann wollen wir hier erst einmal rasten. Ich kann nicht mehr. Ich muß dich tragen und dazu noch die beiden Körbe mit Reis und Fleisch. Weißt du, wie schwer das ist?« Der Lahme entgegnete: »Wie du willst. Ich richte mich nach dir. Denn ich bin dein Auge, und du bist mein Bein. Wenn du nicht weiter kannst, kann ich auch nicht weiter.« Dann rasteten sie zusammen am Brunnen. Der Lahme verteilte das Fleisch und den Reis. Doch teilte er nicht gleichmäßig aus. Im Fleisch des Blinden waren viel Sehnen und Knochen, während seins eitel Fleisch und Fett war. Und so kam es denn, daß der Blinde beim Beißen gehörig zerren mußte; und wie er nun biß und zerrte, riß er die Augen auf. Jetzt schaute er nach dem Lahmen hin, der eitel Fleisch und Fett verzehren konnte. Da wurde er böse. Er nahm den Lahmen und warf ihn ins Wasser. – Der Lahme schrie und strampelte mit den Beinen; und mit einem Male reckte und streckte er die Beine. Er stieg aus dem Wasser heraus, und der Blinde und der Lahme schüttelten sich die Hände, tanzten, sprangen herum, ließen einander hochleben und sagten: »Wie geht es eigentlich zu, daß uns plötzlich solch' ein Glück beschert wird?« Beide nahmen das Fleisch und den Reis, packten sich gegenseitig die Körbe auf den Kopf und machten sich auf den Weg. Unterwegs mußten sie immer und immer wieder hüpfen und springen. Als sie nahe bei ihrem Häuschen waren, kam die Mutter herausgelaufen und schrie, denn sie meinte, daß zwei Trunkenbolde heranwackelten. Aber die beiden riefen: »Mutter! O Mutter! Sei doch nicht bange, wir sind ja wieder da und gesund.« Darauf sagte die Alte: »O du meine Güte! Wer hat euch denn wieder gesund gemacht?« Und nun erzählten sie, wie es ihnen ergangen war. Sie erzählten von Anfang an, was sie auf dem Wege gemacht hatten, bis sie schließlich an den Brunnen gelangt waren, und wie sie dort ihre Gesundheit wiedererlangt hätten. D'rauf feierten alle drei einen vergnügten Abend. 40. Prinzessin Sini ma Sidaja Es war einmal ein König, der hatte eine wunderschöne Tochter, die hieß Sini ma Sidaja. Weil sie gar so schön war, fürchtete der Vater, daß die Freier sich zu früh einstellen möchten; deshalb baute er ihr auf einem hohen Pfahl ein Kämmerlein, in dem sie mit zwei Hofjungfern wohnte. Die beiden hießen: Manuru-lela und Manuru-de. Nun war da aber ein Si Kuduru-Karanai, der Sohn eines Fürsten, der hatte sich in Sini ma Sidaja verliebt. Und eines Nachts kletterte er an dem Pfahl in die Höhe, um ihr einen Besuch abzustatten. Er nahm nur seinen Kris mit, der in einer goldenen Scheide saß, und den er in seinen Gürtel gesteckt hatte. Als er oben war, wollte er sie wecken; aber sie dachte, es wäre eine ihrer Hofjungfern, und befahl, sich ruhig zu verhalten. Trotzdem fuhr er fort, sie zum Erwachen zu bringen, dabei glitt ihm der Kris aus der Scheide und drang mit der Spitze in ihre Brust, so daß sie auf der Stelle tot war. Wohl verband er die Wunde mit seinem Gürtel, doch sie kam nicht wieder zu sich – sie war und blieb tot. Da entfloh er. Am andern Tage wurde durch die weinenden Hofjungfern bekannt, daß Sini ma Sidaja gestorben war. So trug man sie denn aus dem Kämmerlein heraus und begrub sie mit ihrer Kopfbank. Si Kuduru-Karanai hatte im ersten Schrecken seine Scheide zurückgelassen; nun wurden die Leute damit herumgeschickt, die den Missetäter suchen sollten. Alle Krisse der Stadt wurden hineingepaßt, keiner paßte, bis sie schließlich auch zu ihm kamen. Sein Kris paßte genau in die Scheide. Da wurde er verurteilt, neben der Prinzessin begraben zu werden. Nach dem Begräbnis feierte man das Trauer- und Totenfest. Und am siebenten Tage hörte man im Grabe lachen. Das Grab wurde geöffnet und - sieh' da: Prinzessin Sini ma Sidaja war wieder lebendig geworden, und Si Kurunu-Karanai lebte auch noch. Und als man sie aus dem Grabe herausholte, waren sie beide wieder frisch und munter. Nun wurden sie Mann und Frau, und es wurde ihnen eine Hochzeit ausgerichtet, die dauerte sieben Tage und sieben Nächte. 41. Die Geschichte einer Frau, die zum Manne und darauf König wurde Es war einmal ein armer Mann, der heiratete eine Frau, die war ebenfalls sehr arm. Nach einigen Monaten bekam die Frau ein kleines Mägdlein; doch schon nach einigen Tagen starb der Vater, der Mann der armen Frau. Als das Kind groß geworden war, sah es, daß seine Mutter eine arme Frau war. Und so sprach das Kind zur Mutter: »Sag', weshalb sind wir so arm? Immer müssen wir dasselbe essen, das ist doch nicht mehr zu ertragen.« Die Mutter antwortete: »Deine Mutter hat es nie anders gekannt, weder früher noch heute.« Das Kind sagte: »Sei lieb und kaufe mir Stoff für ein Kleid.« Und die Mutter erwiderte: »Gut.« Sie kaufte Stoff für zwei Kleider, der war schwarz, und schenkte ihn ihr. Das Mädchen schnitt ihn zu und nahm sich dabei die Kleidung der Soldaten zum Muster. So machte es sich ein Wams und eine Hose. Dann sagte es zu seiner Mutter: »Sei lieb und schneide mir das Haar ab.« Die Mutter erwiderte: »Was soll das nützen?« Das Mädchen bat nochmals: »Bitte, schneide mir das Haar ab.« Da die Mutter nun die Bitten nicht immer wieder hören wollte, tat sie ihm den Gefallen. Dann zog das Mädchen die Kleider an, die es sich genäht hatte, und ging zum König. Als sie beim Palaste war, fragte es: »Kann der Herr König mich als Soldat gebrauchen?« Der König sagte: »Ja, wenn du willst, kannst du bei mir Soldat werden.« Nun hatte der König eine Tochter, die war ungewöhnlich schön, so daß viele Männer sie schon zur Frau begehrt hatten; sie hatte aber niemand leiden mögen. Da geschah es eines Morgens in aller Frühe, daß die Soldaten auszogen und vor den Palast des Königs marschierten. Dabei bekam die Prinzessin auch den neuen Soldaten zu sehen. Und sie sagte zu ihrem Vater: »Vater, den da möchte ich zum Mann haben, niemals werde ich einen anderen heiraten.« Dabei zeigte sie auf den neuen Soldaten. Als der König das gehört hatte, ließ er sogleich den Soldaten kommen und sagte zu ihm, daß er die Prinzessin heiraten sollte, einmal, weil der König es wollte, dann, weil es noch mehr der Wunsch der Prinzessin war. Als sie miteinander vermählt waren, ernannte der König seinen Schwiegersohn, den neuen Soldaten, zum Befehlshaber. Einige Monate waren verstrichen, da begab die Prinzessin sich in den Palast ihres Vaters und erzählte ihm, wie es ihr in der Ehe erging. Und sie sagte zum Könige und ihrer Mutter: »Es ist herrlich, daß ich die Frau des neuen Soldaten geworden bin, aber... noch nicht einmal haben wir uns wie rechte Eheleute lieb gehabt.« Darob wurde der König sehr besorgt und sann auf ein Mittel, wie er wohl die Ehe seines Kindes zu lösen vermöchte. Da fiel ihm ein, daß sich im Osten, da, wo die Sonne aufging, eine Stadt befand, die von Menschenfressern bewohnt wurde. Wer sich dorthin begeben hatte, war nie wieder heimgekehrt. Daher sandte der König den Mann seiner Tochter mit einigen Soldaten aus, die sollten sich nach dieser Stadt im Lande, wo die Sonne aufging, begeben, um ihm eine Flasche Lebenswasser zu holen. Sie marschierten also nach dem Osten ab. Nach einigen Tagen kamen sie dort an. Als er bei dem Palaste des Königs ankam, nahm man ihn nicht gefangen, sondern die Leute behandelten den neuen Soldaten mit großen Ehren, er trug ja königliche Gewänder. Und als er mit seinen Gefährten gegessen und getrunken hatte, rüstete er sich, nachdem er auch eine Flasche mit dem Wasser des Lebens zum Geschenk bekommen hatte, zur Heimkehr. Sie hatten den Weg zur Hälfte zurückgelegt, da kamen sie mit ihrer Wegzehrung zu kurz. Und der Schwiegersohn des Königs sagte: »Wir wollen auf diesem Weg, den wir auf der Herreise benutzen, nicht weiter gehen, sondern wollen weiter ins Land hineinmarschieren.« Als sie so geradeaus gingen, kamen sie nach dem Hüttchen einer Witwe. Doch die Witwe war nicht zu Hause, sie holte aus ihrem Garten Kräuter. Daher warteten sie ein Weilchen in der Hütte. Und da sahen sie einen Topf mit Reis, den hatte die Witwe aufs Feuer gesetzt, damit er gar würde. Weil nun die Eigentümerin nicht da war, aßen sie den Reis schnell auf. Und als sie damit fertig waren, verließen sie eilig die Hütte und setzten ihren Weg weiter fort. Als sie an den Gartenzaun kamen, hörten sie die Witwe schreien. Sie verfluchte die Diebe und rief: »Fluch über die, welche mir den Reis aufgegessen haben! Wenn es Männer sind, sollen sie Weiber werden, und sind es Weiber, sollen sie Männer werden.« Da wurden die Soldaten bange, als sie das Rufen der Witwe vernahmen. Sie besahen sich und merkten, daß der Fluch der Witwe in Erfüllung gegangen war: die Soldaten waren zu Weibern und aus ihrem Befehlshaber war ein Mann geworden. Lachend und doch verwundert, setzten sie ihre Reise fort. Als sie beim Palaste des Königs ankamen, händigten sie ihm das Geld und die Flasche mit dem Lebenswasser ein, die sie aus dem Lande, wo die Sonne aufging, geholt hatten. Der König war darüber sehr verwundert, denn er sah, daß alle, die er ausgesandt hatte, wiedergekommen waren, nicht einer fehlte. Nach einigen Tagen begab sich die Prinzessin wieder zu ihrem Vater und erzählte ihm, daß sie in ihrer Ehe nun vollauf glücklich wäre, denn ihr Ehegemahl wäre doch ein wirklicher Mann. Der König war darüber so erfreut, daß er seinem Schwiegersohn nun einen hohen Rang verlieh. Und als er alt wurde, legte er seine Würde nieder, und der Mann seiner Tochter wurde an seiner Stelle König. So wurde die Tochter der armen Witwe König. Und das ist wirklich geschehen. Aus! 42. Das Makassarische Aschenbrödel Vor alten Zeiten lebten einmal sieben Schwestern. Die wohnten im Lande Banteng auf Süd-Celebes. Als die Eltern gestorben waren, bekam die älteste Schwester die Schlüsselgewalt. Sie hielt Ordnung im Hauswesen und wies täglich ihre Geschwister an, was sie tun sollten. Die Jüngste hatte die niedrigsten Arbeiten zu verrichten und mußte jeden Tag das Feuerholz in die Küche schaffen. Eines Tages badete sie im Flusse. Da fing sie einen Djulungdjulung-Fisch. Sie nahm ihn mit und setzte ihn in ein Wasserbecken, das sich vor der Grotte Tja-lindo-lindo befand. Täglich fütterte sie den Fisch. Sie gab ihm die Hälfte ihrer Reismahlzeit. Und wenn sie ihn rief, sang sie: »Djulung-djulung, komm zu mir, Schönen Reis, den reich' ich dir, Wurd' mit Milch gewaschen hier!« Hörte der Fisch das Liedlein, kam er sogleich nach oben und verzehrte seine Mahlzeit. So erhielt der Fisch jeden Morgen von dem Mädchen sein Futter; er wuchs und gedieh und war bald so lang wie ein Kopfkissen geworden. Aber, o weh! Die Schwestern merkten nur zu bald, daß die Jüngste von Tag zu Tag magerer wurde. Sie konnten sich dies nicht erklären; um die Ursache herauszubekommen, verabredeten sie sich, die Jüngste genau, aber heimlich, in ihrem Tun und Treiben zu beobachten. Und bald hatten sie es heraus, daß sie stets die Hälfte ihres Essens dem Fische gab und selber daher immer dünner wurde. Nun vermag niemand zu sagen, ob sie aus reiner Schwesterliebe dem Einhalt tun wollten, oder ob nicht der prächtige Djulungdjulung- Fisch ihre Begierde wachrief. Kurz und gut. Eines Tages fingen sie den Fisch und aßen ihn heimlich auf. Als am andern Morgen die Jüngste wieder nach der Grotte von Tja-lindo-lindo ging, um ihren Fisch zu füttern, sang sie wieder: »Djulung-djulung, komm' zu mir, Schönen Reis, den reich' ich dir, Wurd' mit Milch gewaschen hier!« Diesmal kam der Fisch nicht, und das Mädchen wartete vergeblich auf sein Erscheinen. Traurig und verzweifelt kehrte sie heim. Sie hüllte sich in ihren Sarong und schlief Tag und Nacht. Eines Morgens wurde sie durch das Krähen eines Hahnes geweckt. Der erzählte ihr, daß die traurigen Überbleibsel ihres Fisches, die Gräten, in der Küche versteckt wären. Sie stand sofort auf, suchte nach den Gräten, und als sie die gefunden hatte, bestattete sie die Reste neben der Grotte von Tja-lindo-lindo. Dabei sang sie: »Djulung-djulung wachse hier, wachse hier im Raume, Werde zum prächtigen Baume; Mögen deine Blätter dann fallen hin nach Java, Wird sie sammeln dann ein König, ja der König von Java!« Alsbald wuchsen die Gräten zu einem Baum zusammen, dessen Stamm Eisen, dessen Blätter Seide, dessen Dornen Nadeln, dessen Blüten Gold und dessen Früchte Diamanten wurden. Als der Baum groß geworden war, fiel auch ein Blatt, ganz so, wie es das Mädchen gewünscht hatte, auf die Insel Java. Wie das schöne Blatt vor den König gebracht wurde, faßte er gleich den Entschluß, das Land, in dem ein so prächtiger Baum wuchs, zu besuchen. Er machte sich also auf nach Celebes, und als er auf der Insel herumstreifte, traf er eines Tages auch auf den Wunderbaum von Tja-lindo-lindo. Gern hätte er da erfahren, wie es um diesen Baum bestellt war; seine Erkundigungen blieben sämtlich ohne Ergebnis. Doch bekam er die Auskunft, daß in der Nähe sieben Schwestern wohnten, die ihm vielleicht etwas von dem Baume erzählen könnten. Er ließ die Mädchen vor sich kommen. Die sechs ältesten Schwestern erschienen; wie der König sie nun aber über den Baum ausfragen wollte, vermochte keine ihm darüber etwas mitzuteilen. Als der König nun so gar nichts erfahren konnte, fragte er zum Schlusse, ob sie vielleicht nicht noch eine Schwester hätten und wo die wäre. Da antworteten die Sechse: »Ja, wir haben noch eine Schwester. Sie ist die Jüngste. Sie ist im Hause, denn sie ist ein rechter Einfaltspinsel, der nur im Hause Bescheid weiß.« Da ließ der König das Mädchen herbeiholen. Und siehe da, welch' ein Wunder! Als es kam, neigte sich der Baum tief vor ihm zur Erde. Und das Mädchen pflückte einige Blätter und Früchte ab und überreichte sie dem König als Geschenk. Der war ob dieses Wunders so erstaunt und über die Aufmerksamkeit so erfreut, daß er die Jüngste fragte, ob sie seine Frau werden wollte. Das Mädchen sagte ja. Es wurde die Gemahlin des Königs von Java. Und beide kehrten dann heim in ihr Reich. Auch die sechs anderen Schwestern durften mit dem Könige und der Königin reisen. 43. Die Geschichte vom blinden König, der in den Westlanden wohnte Einst lebte in den Westlanden ein König, der hieß Kai-ou; der hatte zwei Söhne; die waren Zwillinge; der eine hieß Nalu-fai, der andere Loa-ledo. Der König war schon alt und betagt und wußte nicht, wer von seinen Söhnen nach ihm König werden sollte. Er wurde immer älter, wurde taub, sein Haar weiß; die Zähne fielen ihm aus, und er sah und hörte nichts mehr. So versammelten sich denn eines Tages die Großen des Reiches im Palaste, um zu beraten, was sie wohl zu tun vermöchten, damit der König wieder sehen könnte. Es dauerte nicht lange, da erhob sich ein alter Mann und sagte: »Ich habe einmal gehört, daß unser König wieder sehen würde, wenn er einen bestimmten Vogel singen hörte.« Als der Fürst das vernahm, sprach er: »So befehle ich denn, jeder, er sei wer er sei, der mir den Vogel bringt und singen läßt, daß meine Augen ihre Sehkraft wieder erhalten, der soll meinen Thron bekommen, und alle meine Reichtümer will ich ihm dann überantworten.« Da besprachen sich die beiden Söhne des Königs miteinander und sagten: »Überlegen wir es uns: wenn wir nicht ausziehen, den Vogel zu suchen, wird keiner von uns König, gelingt es aber einem Fremden, den Vogel zu finden und hierher zu bringen, dann wird er König und über uns herrschen. Laßt uns den Vogel suchen, wir sind ja Königssöhne; und vielleicht erbarmt sich Gott unser und bestimmt, wer von uns den Vogel finden soll, damit das Zepter nicht in andere Hände kommt.« Sie baten ihre Eltern, ihnen die Reise zu rüsten. Und als der Tag des Aufbruchs da war, nahmen sie die Wegzehrung, Geld und Kleider in Empfang und begaben sich auf die Suche nach dem Vogel. Bald gelangten sie an einen Kreuzweg; sie holten ihre Zehrung hervor, aßen und tranken, nahmen voneinander Urlaub, küßten sich und sagten einander Lebewohl. Nalu-fai ging zur Rechten nach Süden, Loa-ledo zur Linken nach Norden. Nalu-fai zog hurtig weiter und kam in ein Dorf, wo die Leute die Trommeln rührten und Schnaps in großen Mengen tranken. Er schloß sich ihnen an und trank mit, bis alle Leute betrunken waren. So ging es weiter, bis sein Geld aufgezehrt war und er alle seine Kleider verkauft hatte. Loa-ledo folgte dem andern Weg und kam nach einem Dorfe, das seinem Vater noch untertan war. Als der Prinz ins Dorf kam, begab er sich nach dem Hause einer Witwe. Er sagte zu ihr: »Mütterchen, habt mit mir Mitleid, gebt mir, was Euch beliebt, gebt mir Wasser zu trinken, denn ich bin so durstig.« Die Witwe schöpfte Wasser und brachte ihm in einem Krug davon zu trinken, aber sie wußte nicht, daß der Jüngling der Sohn des Königs war. Der Prinz schaute nach der Ruhebank und sah dort einen Mann liegen. Der schlief jedoch nicht, sondern war schon lange gestorben; aber etlichen Leuten im Dorfe war er viel Geld und Gut schuldig geblieben, und so wollte niemand ihn begraben. Die Witwe erzählte dies alles dem Prinzen, und der befahl nun alle Leute zu sich: »Damit ich die Schulden des Toten bezahlen kann.« Die Witwe ging mit den Waisen hinaus und rief schnell alle die verschiedenen Leute herbei. Und der Prinz zahlte ihnen aus, bis sein Geld alle war. Dann holte er seine Kleiderschätze herbei, um damit weiter zu bezahlen. Als nun die Leute an den Gewändern die Abzeichen des Königs erkannten, dachten sie bei sich: »Sollte er nicht vielleicht ein Sohn unseres Königs sein?« Als sie den Prinzen richtig erkannt hatten, sagten sie zu ihm: »Wir wollen nicht, daß du uns bezahlst, wir wollen aber den Toten begraben.« Darnach machten sich die Leute auf, hoben ein Grab aus, fertigten einen Sarg an und begruben dann den Toten. Als er begraben war, zog der Prinz weiter in ein anderes Land, um den Vogel zu suchen. So kam er auch zu einem Feigenbaum; hier wollte er ausruhen und etliche Früchte genießen. Als er ein Weilchen geruht hatte, pflückte er die reifen Früchte und aß davon. Und als er eine Feige gegessen hatte, schöpfte er tief Atem, seufzte und tat dies neunmal. Nun kamen aber viele Vögel herbei, die auch von den Feigen essen wollten; und ein schwarzer Vogel, der hoch oben im Wipfel des Baumes saß und sah, daß den Prinzen schwere Sorgen drückten, der fragte ihn: »Sagt an, Herr Prinz, weshalb seid Ihr so bekümmert?« Dann erzählte ihm der Prinz von Anfang an seine Geschichte und wie es geschehen war, daß er nun unter dem Feigenbaum ausruhte. Der Vogel antwortete: »Seid unbesorgt, Ihr werdet den Vogel schon finden. Geht durch diesen Wald, bis Ihr an jene Lichtung dort gelangt. Da trefft Ihr auf eine steinerne Ummauerung, und dort wohnt eine geflügelte Frau, die den Vogel hütet. Ich mache Euch darauf aufmerksam, daß Ihr auf dem Wege dahin zwei roten Schlangen begegnen werdet, die das Tor bewachen. Und wenn Ihr seht, daß ihre Augen geöffnet sind, dann geht geradeaus, aber wenn ihre Augen geschlossen sind, geht nicht, denn dann sind die Schlangen wach. Die beiden Schlangen bewachen die Frau und den Vogel sehr scharf. Wenn Ihr nun die Frau und den Vogel gefunden habt und wieder in Eure Heimat zurückgekehrt seid, wenn Ihr anstelle Eures Vaters König seid, dann denkt an mich, damit wir Eure Reichtümer teilen können.« Der Prinz antwortete: »Schön, das ist gut.« Er zog munter durch den Wald weiter, kam auf die Lichtung, und als er die Ummauerung erblickte, ging er auf das Tor zu. Als er nahebei war, sah er, daß die Augen der Schlangen geöffnet waren; so sagte er zu sich: »Aha, die Schlangen wachen nicht, sie sind in tiefem Schlafe.« Er marschierte dann geradeaus durch die Ummauerung in den Hof. Als er an das Palasttor kam, verspürte die geflügelte Frau einen ungewohnten Geruch; sie schob schnell den Riegel zurück, der das Tor verschloß, und erblickte nun Loa-ledo. Der war ob der wunderbaren Schönheit der Frau so betroffen, daß er zu Boden stürzte und das Bewußtsein verlor. Die Frau hob ihn geschwind auf, trug ihn ins Haus und behandelte ihn mit allerlei Zauberwässern, so daß er wieder zu sich kam. Dann fragte sie ihn: »Woher kommt Ihr denn? Wie seid Ihr hierher gelangt?« Er erzählte nun von Anfang an, wie es gekommen war. Als sie seine Geschichte vernommen hatte, war sie sehr vergnügt; sie schnitt ihm die Nägel und stutzte ihm die Haare. Darnach legte sie ihm prächtige Gewänder an. Der singende Vogel war auch da, und als er verstanden hatte, worüber sie gesprochen hatten, freute er sich; einmal flog er zur geflügelten Frau, zum andern Mal zum Fürstensohn, und so hin und her. Als drei Jahre vergangen waren, warteten sie auf einen günstigen Augenblick, um zu entfliehen. Und eines Tages bemerkte die Frau, daß die beiden Schlangen die Augen geöffnet hatten; da klinkte sie die Tür auf, begab sich mit dem Prinzen und dem Vogel nach draußen, und alle drei machten, daß sie fortkamen. Nachdem sie eine gute Strecke Weges hinter sich gebracht hatten, schenkte die geflügelte Frau dem Prinzen einen Ring. Und dann zogen sie weiter, bis sie an den Kreuzweg kamen, wo die beiden Prinzen gerastet, gegessen und getrunken hatten. Da sprach Loa-ledo zur Frau: »Hier haben mein Bruder und ich uns Lebewohl gesagt, und wir haben einander versprochen, daß einer auf den andern warten will.« Die Frau war damit einverstanden, und so warteten sie. Es währte auch gar nicht lange, da kam Nalu-fai aus dem Dorfe, doch brachte er nichts mit; und so suchte er denn nach einem Mittel, um sich seines Bruders zu entledigen. Als er erschien, sagte er: »Ich bin durstig, laß die Frau mit dem Vogel nur hier, wir wollen uns Trinkwasser suchen.« Loa-ledo glaubte, was ihm sein Bruder sagte; so gingen sie auf die Suche nach dem Trinkwasser. Und wirklich fanden sie auch einen Brunnen, der war fünfundzwanzig Faden tief. Nalu-fai knotete etliche Lianen aneinander, band an das eine Ende einen Eimer und hieß seinen Bruder schöpfen. Während der sich zum Schöpfen vornüberbeugte, schlich sein Bruder sich hinter ihn und stieß ihn in den Brunnen. Er sollte sterben. Selbst machte er sich mit der geflügelten Frau und dem singenden Vogel auf und zog in die Heimat. Als er das Haus seines Vaters, König Kai-ous, betrat, sagte er: »Ich habe deinen Vogel gefunden.« Aber der Vogel wollte nicht singen, damit der König wieder sehen konnte. Der Vogel blieb stumm, und die Frau war ganz verstört; sie wohnte mit dem Vogel in den Zimmern von Loa-ledo, und die Tür zu den Gemächern blieb stets verschlossen. Der Vogel, der im Wipfel des Feigenbaums wohnte, verwandelte sich nun in einen Menschen. Er ging an den Rand des Brunnens und ließ dem Loa-ledo etliche aneinandergeknotete Lianen herab; doch der meinte: »Ich glaube, die Lianen reißen, dann falle ich und muß sterben.« Der Mensch antwortete: »Halte dich nur tüchtig fest!« So hielt er sich denn an den Lianen fest, und der Mensch zog ihn empor. Darnach sagte er zu ihm: »Reise in die Heimat, und wenn du vor einem Teller Reis sitzst, dann gedenke meiner, und da ich dir geholfen habe, König zu werden, wollen wir uns später alle deine Reichtümer brüderlich teilen.« Loa-ledo antwortete: »Einverstanden.« Er begab sich jedoch nicht gleich nach seinem Hause, sondern ging auf den Markt der Stadt und tat sich nach Arbeit um. Er schaute nicht gerade wie ein Prinz aus, das Wasser hatte ihn durch und durch durchweicht, er sah garstig aus, und seine Haut war voller Runzeln. Als er nach dem Markte kam, erblickte er die Köchin seines Vaters und sagte zu ihr: »Mütterchen, ich will mit Euch gehen, Ihr dürft mir befehlen, was Ihr wollt, ich will alles tun, auch Töpfe reinigen, und mit allem, was Ihr mir zu essen gebt, will ich zufrieden sein, selbst mit angebranntem Reis.« - Die Alte antwortete: »Schön, das will ich tun, kommt nur mit.« Er ging hinter ihr her, und wenn er etwas verkehrt machte, prügelte sie ihn durch. So ging es manchen Tag. Die geflügelte Frau, die sich noch immer in den Gemächern befand, merkte, daß er heimgekehrt war, und deshalb bat sie die Köchin, ihr Reisbrei zu bereiten. Die Köchin befahl nun dem Loa-ledo, einen Topf zu säubern und Reisbrei zu kochen. Als der Brei fertig war, sagte sie ihm, er solle ihn auf einen Teller füllen und umrühren, damit er abkühle. Loa-ledo zog dabei den Ring ab, den die geflügelte Frau ihm geschenkt hatte und tat ihn in den Reis. Die Köchin trug darauf den Brei zur geflügelten Frau. Als die in dem Reis herumrührte, sah sie den Ring und sagte: »Also ist Loa-ledo wirklich wieder da.« Und des Nachts öffnete sie die Haustür, trug Loa-ledo herein, badete ihn und kleidete ihn von Kopf bis zu Fuß neu ein. Als die Köchin dann am folgenden Tage den Prinzen erblickte, erkannte sie ihn und sagte: »Herr Prinz, seid mir nicht böse, weil ich Euch allezeit die Töpfe reinigen ließ, ich wußte ja nicht, daß Ihr der Prinz wart.« Der Prinz erwiderte: »Nein, ich bin nicht bös.« Der singende Vogel stimmte voll Freude ein Lied an und konnte kein Ende finden. Der Prinz aber ging zu seinem Vater und sagte: »Ich bin wieder heimgekehrt und habe dir den singenden Vogel mitgebracht.« Als der Vater da die Stimme des Vogels vernahm, wurden seine Augen klar, und er konnte wieder sehen. Alle die Vornehmen erschienen nun und setzten Loa-ledo auf den Thron seines Vaters, den Schurken Nalu-fai, der seinen Bruder hatte umbringen wollen, wollten sie in einen Brunnen werfen, der dreißig Faden tief war; wenn er schuldlos wäre, würde er mit dem Leben davonkommen, wäre er schuldig, müßte er sterben. Als sie am Brunnen angekommen waren, warfen sie ihn hinein. Eines Tages erschien auch der Mann, der Loa-ledo aus dem Brunnen geholfen hatte und wollte mit ihm das Land und die Reichtümer teilen. Loa-ledo erinnerte sich nicht mehr an ihn; erst als der Mann ihm alles eingehend erzählt hatte, kam ihm die Erinnerung wieder, und nun teilten sie, wie sie es ausgemacht hatten. Als alles verteilt war, blieb nur noch die geflügelte Frau übrig. Da zog Loa-ledo sein Schwert und wollte sie in zwei Stücke hauen. Doch der Mann sprach: »Laß das; ich kam hierher, um dich auf die Probe zu stellen, ob du mich lieb hast. Ich sehe jetzt, daß du mich lieb hast, denn du willst ja sogar die Frau in zwei Teile hauen. Nun schenke ich dir alles.« Als er die Worte gesprochen hatte, verschwand er. Loa-ledo und die Frau vermählten sich, und es dauerte nicht lange, da wurde sie schwanger und bekam einen Sohn, den sie Tou-Loa nannten. Als das Kind groß geworden war, wollte es nicht auf die Worte der Eltern hören, sondern liebte es, überall in den Landen herumzustreifen. Als er eines Tages wieder einmal von einem Streifzuge in einem weit abgelegenen Lande heimkehrte, waren seine Eltern gestorben. Ein anderer war statt seiner König geworden, und so konnte er den Thron seines Vaters nicht mehr einnehmen. Er brachte nun alles, was seine Eltern ihm hinterlassen hatten, durch; und als er nichts mehr sein eigen nannte, verdingte er sich um Lohn auf einem Segler. Aber er machte mit dem Reeder aus: »Wenn meine Zeit um ist, müßt Ihr mich freigeben, gleichgültig, ob wir uns auf See oder am Lande befinden.« Als der Tag herannahte, wo seine Zeit um war, schaukelte das Schiff noch auf hoher See. Die Zeit war um. Er ließ die ganze Mannschaft zusammenkommen, sprach mit ihnen, verabschiedete sich und sagte: »Ich muß nun von Bord gehen, denn beim Antritt meines Dienstes habe ich ausgemacht, daß ich an dem Tage, wo meine Zeit um ist, das Schiff zu verlassen habe.« Nun suchten ihn alle auf dem Schiff zurückzuhalten, auch der Reeder, und sprachen: »Wir sind doch auf hoher See, geh' nicht fort, du brauchst nichts zu tun, du kannst essen und trinken soviel du magst, und wenn der Monat zu Ende ist, sollst du deinen vollen Lohn erhalten.« Er wollte nicht hören. Er nahm sein Bündel, sprang ins Meer und schwamm nun darin herum. Der Reeder bekam Mitleid und winkte ihm zu, er solle doch zurückkommen. Als er dann kam, erhielt er ein Beiboot; darin sollte er allein fahren. Dazu bekam er sieben Kanonen. Darauf fuhr er nach der einen, das große Schiff nach der andern Seite hin ab. Tou-loa landete an einer Insel. Doch fand er dort keine Menschen. Als er in eine Flußmündung einlief, legte er das Boot vor Anker und ließ alle Kanonen darauf. Bei seinen Streifzügen kam er auch an die Nordküste der Insel, und hier erblickte er nun in der Ferne ein mit Blättern gedecktes Haus. Dorthin begab er sich. In dem Hause wohnten sieben Teufel; als Tou-loa kam, waren sie glücklicherweise abwesend; sie waren zum Stehlen in ein fernes Land gegangen. Er trat ins Haus und traf dort eine Witwe. Die sagte zu ihm: »Bursche, du hast es unglücklich getroffen, denn wenn die Teufel heimkommen, werden sie dich auffressen.« Doch mochte die Frau ihn gern leiden. Und als die Teufel zurückkamen, tat sie ihn in eine Kiste, außerdem waren noch acht andere Kisten da, und schloß sie mit einem Schlüssel gut zu. Dann kamen die Teufel nach Haus und merkten an dem Geruch, daß etwas Fremdes im Hause war. Die Frau verneinte es und sagte, sie irrten sich. Der Menschengeruch wurde immer stärker. Tou-loa schwitzte tüchtig in seinem Verließ, so daß auch die Hunde, als sie den Geruch witterten, mit aller Gewalt die Kisten zerbeißen wollten. Die Teufel fragten die Frau wieder, und schließlich antwortete sie ihnen: »Ja, es ist wahr.« Sie suchte nun die Teufel dafür zu gewinnen, daß sie Tou-loa nicht umbrachten: »Seht, ich bin alt, wer soll denn für euch kochen, wenn ihr Sieben von euren Fahrten heimkommt?« Der älteste Teufel sagte: »Wo ist der Mensch? Bring ihn her, ich will ihn fressen.« Der Jüngste erwiderte: »Bruder, tu es nicht, denk' doch einmal nach, die Frau ist schon alt.« Und schließlich sagten alle sieben Teufel: »Das ist wahr.« Da ging die Frau hin, schloß die Truhe auf und Tou-loa stieg heraus und aß und trank mit ihnen. Als die bestimmte Zeit wieder um war, gingen die Teufel wieder aufs Stehlen aus und kehrten erst nach sieben Tagen zurück. Tou-loa und die Witwe blieben im Hause, um einzuhüten. Doch hatten die Teufel sie gewarnt, ja nicht die Kammern im Hause zu öffnen. Anfangs befolgten sie auch den Befehl; da aber die Frau immer älter und unachtsamer wurde, nahm er bald die Gelegenheit wahr und öffnete eine Kammer, in der befand sich lauter Kupfergeld; er öffnete noch eine Kammer, die war voll Silber. Da jedoch die Rückkehr der Teufel jeden Augenblick zu erwarten war, schloß er die Kammern wieder ab. Er ließ sie gehörig essen und trinken; und als sie wieder fort waren, durchforschte er die Kammern von neuem; in einer befanden sich nur Goldmünzen. Und als er in das letzte Versteck eindrang, erblickte er darin eine Prinzessin. Die Teufel hatten nämlich einem König aus dem Reich des Ostens die Tochter geraubt, sie in die Kammer gebracht, sie mit den Haaren an den Dachsparren gefesselt und an die Füße schwere Eisen befestigt. Als Tou-loa das Mädchen sah, untersuchte er erst mal genau, wie die Teufel es gebunden hatten, dann löste er die Fesseln. Da aber die Teufel wieder jeden Augenblick heimkommen konnten, legte er sie ihm darauf wieder an. Als sie fort waren, machte er sie wieder los. Und eines Tages, als es wieder zu Kräften gekommen war, öffneten die beiden die Kammer, worin das Gold lag, und trugen all' die Goldstücke in ein Boot. Dann schoben sie das Boot ins Wasser und fuhren los. Tou-loa setzte schnell alle Segel und lud auch zur Vorsicht sämtliche Kanonen. Die Teufel, die wieder auf einen Raubzug gegangen waren, hatten gerade die Hälfte des Weges hinter sich, als ihnen eine Ahnung kam, daß Tou-loa nichts Gutes in ihrem Hause vorhatte; daher kehrten sie schleunigst um. Zu Hause sahen sie nun, daß die Kammern geöffnet, Tou-loa und die Prinzessin entflohen waren, während die alte Frau auf dem Bette lag und sich nicht mehr rührte. Die sieben Teufel sattelten jetzt ihre Windpferde und ritten hinter den Flüchtlingen her. Sie lenkten die Pferde über das Meer. Als Tou-loa sie herankommen sah, feuerte er die erste Kanone ab, und der älteste Teufel fiel tot herunter. Und so schoß er die sieben Teufel der Reihe nach tot. Sie gelangten nach einem großen Reiche, auf dessen Reede viele Schiffe vor Anker lagen. Sie gingen ebenfalls vor Anker und Tou-loa an Land, um die Stadt zu besehen. Zwar steckte er viele Goldmünzen zu sich, doch wollte er keine schönen Sachen kaufen, die er nachher doch tragen mußte. Als er an Land ging, tat er sich die Taschen voll Geld, um Sagoschnaps zu kaufen, von dem er dann mit seinen Gefährten trank, bis sie trunken waren; was an Geld übrig blieb, verstreute er unter die Leute und schenkte es ihnen. Als er eines Tages wieder einmal am Lande herumging, sah er einen toten Mann; den hatte man quer über den Weg gelegt, damit jeder, der dort vorüberging, auf ihn treten mußte; und wenn jemand das nicht tat, dann griff ihn die Wache von neun Mann und brachte ihn ins Gefängnis. Tou-loa wollte nun nicht auf den Toten treten und fragte die Wächter: »Weshalb soll ich auf den Toten treten?« Die Wächter antworteten: »Der König hat es befohlen! Der Mann ist achttausend Dukaten schuldig geblieben, deshalb muß er hier auf dem Wege liegen; wer vorbeigeht, muß auf ihn treten; tut er es nicht, dann muß er die achttausend Dukaten bezahlen; und will er dies auch nicht, dann müssen wir ihn binden und ins Gefängnis bringen.« Tou-loa hörte es an und sagte: »Geht, sagt dem König, ich will die Schulden bezahlen, damit der Tote begraben werden kann.« Sie berichteten dies dem König und der befahl seinen Dienern, Tou-loa nach dem Schiff zu folgen, wo er ihnen neun Börsen mit Gold gab. Er nahm darauf auch noch Geld heraus, um Leute zu mieten, welche den Toten begraben sollten. Eines Tages kam ein Schiff aus dem Osten und brachte die Nachricht, daß der König des Ostlandes einhundertundein Schiffe ausgesandt hätte, die seine Tochter suchen sollten. Der König hatte bekannt geben lassen: »Wer meine Tochter findet, der soll sie zur Frau haben.« Die Prinzessin, welche sich beim Tou-loa befand, war nun die Tochter des Königs des Ostlandes. Sogleich holte sie eine Blume, befestigte sie oben an der Spitze eines Bambusrohrs und sandte sie zusammen mit einem Briefe durch einen Jungen nach dem fremden Schiff. In dem Briefe stand, daß der Überbringer fünfhundert Dukaten erhalten sollte. Der Junge gab den Brief ab, erhielt das Geld und war sehr vergnügt. Als die Zeit zur Abfahrt da war, schickte der Befehlshaber des Schiffes einen Brief an Tou-loa und die Prinzessin, daß sie zu ihm an Bord kommen möchten. Das geschah, und die Anker wurden gelichtet. Nun sah der Befehlshaber, wie wunderschön doch die Prinzessin war, und er überlegte sich im stillen, wie er den Tou-loa beiseite schaffen könnte. Und so gab er den Schiffsleuten den Auftrag: »Paßt diesem jungen Burschen gut auf, dem Tou-loa, und wenn er an der Reeling steht, werft ihn über Bord ins Meer!« Die Schiffsleute stießen ihn bei einer sich bietenden Gelegenheit ins Wasser, und nun konnte der Befehlshaber, wenn sie nach Ostland kamen, die Hand der Prinzessin erhalten. Die Seele des Toten war zu einem großen Fisch geworden, und seit dem Tage, wo das Schiff nach der Heimat fuhr, folgte er stets dem Fahrzeug; als dann die Schiffsleute den Tou-loa über Bord warfen, verschlang er ihn. Und schnell schwamm er mit ihm nach Ostland, spie ihn in der Nähe einer Flußmündung am Strande aus und suchte ihm darauf zu essen und zu trinken. Erst drei Tage später traf das Schiff ein und gab einen Kanonenschuß ab, damit der König wußte, daß seine Tochter wieder da war. Auch der König ließ eine Kanone abfeuern, damit sie an Bord wußten, daß er den Gruß verstanden hätte. Vergebens bemühte sich der Befehlshaber, die Prinzessin umzustimmen, daß sie des Tou-loa vergaß. Auch wollte es das Schicksal, daß man dem König mitteilte, daß seine Tochter nicht an Land kommen wollte; erst als der König selber erschien und sie herzlich bat, mit ihm zu kommen, willigte sie ein. Und in seiner Freude gab der König von Ostland ein Fest, das währte sieben Tage. Nachdem es vorbei war, begab sich der Befehlshaber zum König und hielt um die Hand seiner Tochter an. Da erließ der König an alle seine Untertanen folgende Bekanntmachung: »Kommt alle zu mir! Wir wollen ein Fest feiern, denn in kurzem will ich die Prinzessin mit dem Befehlshaber trauen lassen.« Die Menschen strömten herbei, und ein prächtiges, großes Fest wurde ausgerichtet. An dem Tage, wo die Hochzeit stattfinden sollte, wollte sich Tou-loa auch das Schauspiel ansehen; bald hatte die Prinzessin ihn erspäht und eilte auf ihn zu. Den Befehlshaber ließ sie stehen und führte Tou-loa zu ihrem Vater: »Schau her, dies ist der Mann, der mich befreit hat; als wir auf hoher See waren, hat der Befehlshaber ihn von den Schiffsleuten ins Meer werfen lassen.« Darauf erzählte sie ihrem Vater, wie die sieben Teufel sie entführt hatten, wie Tou-loa gekommen war und sie befreit hatte. Als der König das vernommen hatte, ließ er den Reichsrat kommen, der nun mit ihm beschließen mußte. Er fällte das Urteil, daß der Befehlshaber bestraft werden sollte, weil er ein Schurke war. Und so befahl denn der König, ihn an einem Baum mit dem Kopf nach unten aufzuknüpfen. Tou-loa aber heiratete die Prinzessin, und als er in seine Heimat ziehen wollte, gab der König von Ostland es nicht zu. Tou-loa sollte bei ihm bleiben. So blieb er denn bei seinem Schwiegervater. Der König schenkte ihm alle seine Schätze, und Tou-loa und seiner jungen Frau gebrach es nun an nichts mehr. 44. Die arme alte Frau und der Fisch auf dem Trocknen. Es war einmal eine alte, bedürftige Frau, die lebte in großer Not, und ihre Kleider waren so zerrissen und zerlumpt, daß sie kaum ihre Blöße deckten. Nur einmal konnte sie am Tage essen und trinken. Und häufig genug geschah es, daß sie nichts mehr übrig behielt. So mußte sie oft ein und zwei Tage lang hungern und konnte nur Wasser trinken. Sie war schon längst nicht mehr imstande, sich an der Reisernte zu beteiligen. Außerdem sah man es nicht gern, denn sie war alt und konnte nicht mehr so geschwind arbeiten. So lebte sie allein von dem, was sie auf den Feldern oder in den Bambusgärten sammeln konnte. Und was sie so bekam, tauschte sie bei ihren Nachbarn gegen rohen und gekochten und in der Sonne getrockneten Reis um. Ihr Haus war nur ein dürftiger Windschirm, der gegen das Haus ihres Nachbarn gelehnt war. Durch das Dach und die Wände sickerte das Wasser hindurch, denn niemand wollte ihr beim Ausbessern helfen, und sie hatte niemand, der ihr helfen konnte, keine Familie, keine Kinder, keine Enkel. Sie lebte ganz einsam und verlassen für sich allein. Obschon die Frau nun schon so alt und grau geworden war, wußte sie noch immer nichts von Allah, sie tat nicht nach seinen Gesetzen, verehrte ihn nicht, und meinte, Himmel und Erde wären von selber entstanden. Einst hatte sie wieder einmal zwei Tage nichts zu essen gehabt, hatte auch nichts, was sie gegen Reis umtauschen konnte. Da saß sie traurig unter ihrem Windschirm und seufzte: »O, wie unglücklich ist doch mein Geschick! Jetzt werde ich vor Hunger sterben.« Noch einmal wollte sie es versuchen, sich ins Freie zu schleppen, um etliche Blätter und Kräuter zu finden, mit denen sie ihren Heißhunger befriedigen konnte. Sie begab sich nach einem Grasfeld, das vor kurzem abgebrannt worden war und welches unweit des Meeres lag. Auf der einen Seite war ein schroffer Bergabhang, auf der andern eine tiefe Schlucht. Wie sie da ankam, bemerkte die Alte eine Menge Fische, welche aus dem Gießbach in der Schlucht nach dem Meere schwimmen wollten. Die starke Sommerhitze hatte den Bach ziemlich ausgetrocknet; die Fische blieben daher z. T. im Schlamme stecken und konnten nicht weiter. Wenn sie aufs Trockne gerieten, mußten sie unbedingt sterben. Als die Alte dies sah, wurde sie fröhlich und guten Mutes und sagte: »O, wie freue ich mich, wie freue ich mich! Ist das aber ein Fund! Die vielen Fische kann ich ja selber essen und z. T. gegen Reis eintauschen.« Sie erstaunte aber noch mehr, als sie einen Fisch sah, der größer als alle andern war und diesen voranschwamm. Das mußte der König sein. Reden konnte er auch, denn er sagte: »Allah, o Allah! Wir flehen dich um Regen an, bitte, sende uns Regen!« Dabei sah er gen Himmel. Die Alte wurde neugierig, als sie den Fisch so reden hörte; sie wollte wissen, was wohl geschehen würde. Und nach einer halben Stunde setzte auch richtig ein gewaltiger Platzregen ein, der in wenigen Augenblicken den Bach in der Schlucht mit Wasser füllte. Nun konnten die Fische fortschwimmen. Sie taten dies möglichst schnell. Der Alten fror aber im kalten Wasser; sie mußte mit leeren Händen nach Hause heimgehen. Da dachte sie über das sonderbare Ereignis nach und sagte sich: »Ich möchte es auch einmal versuchen und zu dem flehen, der Allah heißt, vielleicht gewährt er mir meine Bitte. Ich muß jedoch wohl etwas anders sprechen als der Fisch, denn ich möchte Geld haben.« Gesagt, getan. Sie kniete nieder, hob die Augen gen Himmel und sagte, den Fisch nachahmend: »Allah, o Allah! Ich flehe dich um Geld an, bitte, sende mir Geld!« Das tat sie täglich, sie glaubte, damit ihr Gebet an Allah zu stärken. Und auf andere Dinge achtete sie nicht mehr. Der Mann, gegen dessen Haus ihr Windschirm gelehnt war, erboste sich darüber. Es verdroß ihn ungemein und langweilte ihn in hohem Maße, alle Tage fortwährend, ohne Unterlaß, dieselben Worte murmeln zu hören. So fuhr er sie grob an und sagte wütend: »Höre doch endlich damit auf, es ist mir im höchsten Maße zuwider, schau, daß du etwas anderes tust. Allah wird schwerlich zu dir kommen und dir Geld schenken. Du tätest besser und gingest in den Wald, holtest dir Brennholz, Blätter und Kräuter, davon hast du mehr Vorteil. Willst du jedoch nicht auf meine Mahnung hören, dann packe dich fort und kleistere deinen elenden Schirm an eine andere Behausung.« Die Alte nahm sich diese Reden nicht zu Herzen; sie blieb dabei, Allah um Geld zu bitten. Nach fünf Tagen wurde ihr Nachbar über ihren Starrsinn und Ungehorsam dermaßen böse, daß er ihr nun einen derben Schabernack spielen wollte. Er sammelte Topfscherben, Abfall, Dreck, Schmutz usw., stampfte es fein zusammen und tat alles in einen Sack. Den wollte er dann auf die Alte herabfallen lassen. Sie mochte wohl glauben, daß Allah ihr Geld sende. Der Sack würde ihr auf den Rücken fallen und dann würde ihr das Vergnügen, weiter zu beten, wohl gründlich verdorben werden. Als nun die Alte schlief, schleppte der Mann den Sack auf das Dach seines Hauses und warf ihn von dort herunter, genau auf ihren Rücken. Vor Schmerz und Schrecken fiel das arme, alte Mütterchen in Ohnmacht. Als sie sich wieder erholt hatte und den Sack da liegen sah, freute sie sich herzlich und dachte, Allah hätte ihn ihr gesandt und mit Geld gefüllt. Der Hausherr belauschte sie und lachte, als er merkte, wie sie vor Freude unter ihrem Schirme hin und her torkelte. Er freute sich schon im voraus, was für ein enttäuschtes Gesicht sie machen, wie sie sich schämen würde, wenn sie erst wußte, daß im Sacke nur Scherben, Schmutz und Dreck war. Die Frau betete aber den Sack wie eine rechte Gabe Allahs an und sprach: »Allah, ich danke dir! O, welch eine Menge Geld hast du mir geschenkt! Hast du denn selber noch etwas behalten?« Sie öffnete darauf den Sack, und sieh' da! Allah der Erhabene, sein Name sei gelobt!, hatte alle Scherben und das andere durch seinen Willen in Geld verwandelt! In Gold und Silber! Und alles in gemünztem Gelde! Am andern Tage besuchten sie die Nachbarn und Nachbarinnen. Sie waren baß erstaunt, daß die Alte über Nacht so reich geworden war, und nur durch einen Schabernack! Sogar ein Abgesandter des Fürsten suchte sie auf, ließ sich ihre wundersame Geschichte erzählen und berichtete sie dann wieder in der Hauptstadt, von Anfang bis zu Ende. Nun hielt man es für ratsam, daß die Alte nicht mehr in dem Dorfe wohnen blieb, denn wie leicht hätte jemand ihr das Geld stehlen können! So kaufte man ein Haus für sie und richtete es mit allem ein, was darein gehörte. Mit einem Male war die über Nacht so reich gewordene Alte bei allen beliebt und von allen geliebt, blieb sie doch bescheiden und war stets freundlich gegen jedermann. Sie bekam viele Freunde, denn sie half den Armen und Bedrängten. Gedachte sie doch stets der Zeit, wo sie selber arm und bedürftig gewesen war, und niemand sie haben wollte. Ihr Nachbar aber, der den Sack mit Scherben auf sie hatte herunterfallen lassen, wurde von einer gewaltigen Begierde nach dem Gelde ergriffen, nachdem er gesehen hatte, wie die Alte reich geworden war. Er wollte es ebenso machen. Er begab sich also zur Alten und wollte sie überreden, sie möchte ihm doch einen solchen Sack mit Scherben füllen und auf ihn herabfallen lassen. Er sagte: »Mütterchen, eigentlich ist ja all' das viele Geld aus den Scherben entstanden, die ich in den Sack tat, um dich zu foppen, denn ich ärgerte mich, daß du alltäglich Allah, sein Name sei gepriesen!, um Geld anflehtest. Die Scherben sind ja aus reinem Zufall zu Geld geworden. Fülle daher bitte einen Sack mit solchen Scherben und wirf ihn auf mich. Die verwandeln sich dann gewiß auch in Geld. Du mußt mich aber mit zwei Säcken werfen, damit ich noch reicher werde als du!« Die Alte antwortete: »Sehr gut, sehr schön! Gehe nur heim und bete, wie ich es früher getan habe.« Der Mann ging nach Hause und betete, genau so, wie die Frau es ihm gesagt hatte: »Allah, o Allah! Ich flehe dich um Geld an, bitte, sende mir Geld!« Dabei dachte er nur, wie reich, wie vornehm er werden würde, welch' hohen Rang er bekommen könnte, wenn er von Allah nun die zwei Säcke mit Geld erhielte. Nach fünf Tagen besuchte ihn die Alte und fand ihn noch beim Beten. Sie hatte zwei Säcke mit fein zerstoßenen Topfscherben bei sich, die ließ er aufs Dach bringen, und sie warf dieselben dann von dort aus dem Manne auf den Rücken. Er fiel hin in Ohnmacht, und als er erwachte, fühlte er, daß ihm eine Rippe gebrochen war. Da ließ er schnell seine Frau herbeirufen und Weihrauch bringen. Dann wurde der Sack beräuchert, und als das geschehen war, beteten sie ihn an: »Allah, o Allah, ich danke dir! Welch' Menge Geld hast du mir nun geschenkt! Hast du denn selber noch etwas übrig behalten?« Darauf öffnete er den Sack, aber... darin lagen noch die feingestampften Topfscherben und hatten sich nicht in Geld verwandelt. Vor Wut und Ärger geriet der Mann ganz außer sich; er heulte und jammerte ob dieser Enttäuschung. Zuletzt schalt er auf Allah: »Also, Allah, so erwählst du dir deine Lieblinge? So schenkst du ihnen Geld? Warum gehöre ich denn nicht dazu? Oder gibt's heute einen anderen Allah? Ist der alte Allah nicht mehr? Der verstand aus Scherben Geld zu machen, aber du kannst es nicht.« Da wurde der Lästerer schwer krank und litt viel Schmerz und Pein. Viele Ärzte behandelten ihn; als er durch Allahs Gnade endlich genas, blieb er doch ein Krüppel. Sein Rücken blieb krumm, so daß er nicht mehr wie früher arbeiten und seinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Er wurde arm und ärmer, ganz wie früher die alte Frau. Ihr Elend war bei ihm eingezogen. 45. Michel und die Schlange mit den sieben Köpfen. Es war einmal ein Königspaar, das bekam einen Sohn und nannte ihn Michel. Der König war sehr reich. Es gebrach ihm an nichts, weder an großen noch kleinen Dingen. Und sein Söhnchen spielte Tag und Nacht mit einem Geldstück, das er als Wurfscheibe benutzte. Im Hofe des Königs gab es nun einen Teil, der war stets von der Außenwelt abgeschlossen. Hier waren sieben große Zauberer eingeschlossen. Denn diese sieben großen Zauberer waren sehr bösartig. Der König hätte sie gern in Freiheit gesetzt, doch fürchtete er, daß sie Menschen fressen würden. Und deshalb ließ der König überall kundtun, daß niemand die sieben großen Zauberer aus ihrer Abgeschlossenheit befreien dürfe. Wer es trotzdem täte, der sollte den Kopf verlieren. So hatten alle eine heilsame Angst; und niemand ging nahe an den abgeschlossenen Teil heran. Eines Tages spielte der Prinz wieder mit dem Geldstück. Da wollte es der Zufall, daß der Reichstaler in das Gehege der sieben großen Zauberer hineinfiel. Der Prinz bat nun einen Zauberer: »Zauberer, gib mir bitte meinen Taler wieder.« Doch der Zauberer erwiderte: »Den gebe ich nicht wieder heraus; wenn du mir die Tür öffnest, gebe ich ihn dir wieder, sonst nicht.« Der Prinz hatte jedoch den Befehl seines Vaters vergessen. Er öffnete die Tür, ließ die großen Zauberer heraus, und bekam dann von ihnen sein Geldstück wieder. Die großen Zauberer begaben sich aber in ihre Wildnis zurück. Da wollte der König einmal nach den großen Zauberern sehen. Sie waren nicht da. Nun wurde er böse und sagte zu den Leuten: »Wer die großen Zauberer herausgelassen hat, der melde sich, sonst laß ich euch allen den Kopf vor die Füße legen.« Darauf rief der Prinz: »O Vater! Tu das nicht, sie haben gewiß keine Schuld. Ich bin schuld, mich kannst du töten.« Sogleich riß der König sein Schwert aus der Scheide und wollte seinem Sohn den Kopf abschlagen. Doch die hohen Würdenträger legten sich ins Mittel, so daß der König seinen Sohn nicht tötete. Doch ließ er ihm am selben Tage noch alles Geld und schönen Gewänder fortnehmen und ihm schlechte geben, die er tragen sollte. Auch durfte der Prinz nicht mehr mit seinem Vater zusammen speisen, denn der war gar böse. Er bekam auch nicht mehr so leckere Sachen wie früher zu essen. Er mußte in der Küche essen, bei den Dienern. Er schlief auch nicht mehr in einem prächtigen Gemach wie früher. Des Morgens mußte er die Schafe austreiben und hüten. Dann bekam er ein Bambusrohr mit Wasser und zehn Maiskolben. Davon mußte er tagsüber leben. Abends brachte er die Schafe wieder in den Stall. So wurde er von Tag zu Tag schmutziger. Aber er wusch sich nicht mehr wie früher, als sein Vater ihn noch gut behandelte. Eines Tages sandte nun ein König aus einem andern Reiche an alle anderen Könige einen Brief. Darin stand zu lesen: »In meinem Reiche herrscht große Not. Wollt ihr mir helfen? Jeder König, der einen Sohn hat, schicke ihn zu mir. Und welcher Prinz mir die Schlange mit den sieben Köpfen tötet, dem will ich meine einzige Tochter zur Gemahlin geben.« Alle Fürsten sandten nun ihre Söhne aus, aber keiner getraute sich, mit der siebenköpfigen Schlange zu streiten. Gegen Abend brachte Prinz Michel seine Schafe wieder in den Stall. Als er sie eingebracht hatte, sagten die Diener zu ihm: »Prinz! Soeben erzählten etliche Leute, daß alle Fürstensöhne sich in das Reich da irgendwo begeben sollen. Und wer die Schlange mit den sieben Köpfen erschlägt, bekommt die einzige Tochter des Königs zur Gemahlin.« Der junge Prinz antwortete: »O du gütiger Himmel! Ich bin jetzt doch auch nur ein Diener des Königs!« In der Nacht fiel dem Prinzen aber wieder ein, was die Leute ihm erzählt hatten, und er weinte still vor sich hin. Am andern Morgen ging er wieder zum Schafhüten. Als er sie auf die Weide getrieben hatte, sah er die sieben großen Zauberer. Und die sieben großen Zauberer sahen ihn ebenfalls. Sie begrüßten den Prinzen, verneigten sich siebenmal vor ihm, schenkten ihm schöne Gewänder, die ihn viel besser kleideten als die, welche ihm sein Vater früher gegeben hatte. Und der Prinz sagte darauf zu den sieben großen Zauberern: »Ich habe die Leute erzählen hören, daß in dem Reiche da irgendwo ein König lebt mit seiner Tochter. Die Prinzessin ist sehr schön. Weiter hat der Vater der Prinzessin einen Brief gesandt, in dem er kundtut, daß der Prinz, welcher die Schlange mit den sieben Köpfen umbringt, seine Tochter zur Gemahlin bekommen soll.« Die großen Zauberer antworteten: »Das ist schön, beunruhige dich nicht, sondern komme morgen wieder.« Abends brachte Prinz Michel die Schafe in den Stall. Am andern Morgen ging er wieder zum Schafhüten. Als die großen Zauberer ihn sahen, verneigten sie sich vor ihm und kleideten ihn noch prächtiger. Dann hießen sie ihn ein flinkfüßiges Pferd besteigen. Und obendrein schenkten sie dem Prinzen ein langes Schwert, womit er gegen die Schlange mit den sieben Köpfen streiten konnte. Der Prinz ritt sogleich los und zur Schlange mit den sieben Köpfen. Als er dort anlangte, verwunderten sich alle Leute, weil er so glänzende Kleider trug und auf einem so prächtigen Rosse saß, das so schnell wie der Wind lief. Als der Prinz die Schlange mit den sieben Köpfen zu Gesicht bekam, rief er ihr zu: »Heda, du Schlange! Du sagst, daß alle Menschen dich fürchten. Nun komm heran, wir wollen unsere Kräfte miteinander messen.« Die Schlange antwortete: »Na, Freundchen! Warum forderst du mich heraus? Du füllst ja noch nicht einmal die Lücken zwischen meinen Zähnen aus.« Der Prinz erwiderte: »Schön. Selbst wenn du so hart wie eine alte Betelnuß bist, werde ich dich doch zu spalten wissen. Meine jugendliche Kraft wird dich schon in Stücke zu hacken wissen.« Gleich darauf kam die Schlange mit den sieben Köpfen zum Vorschein und zeigte sich dem Prinzen. Und sofort begann der Kampf. Plötzlich fiel ein heftiger Regen und wehte ein scharfer Wind. Und Wind und Regen hielten erst auf, als die Sonne unterging, Prinz Michel siegte, er schlug die Schlange mit den sieben Köpfen tot. Dann hörten auch Regen und Wind auf. Darauf stieg der Prinz vom Pferde ab, schnitt der Schlange mit den sieben Köpfen die Spitze der Zunge ab, wickelte sie in Blätter und nahm sie mit zu den großen Zauberern, die sie ihm aufbewahren sollten. Alsdann trieb er wieder seine Schafe in den Stall, zog seine schlechten Gewänder an und gab die schönen Kleider den Zauberern zurück. Eines Tages wollte jemand zum Fischen gehen, da sah er am Meeresstrande die tote Schlange mit den sieben Köpfen. Nun fischte er nicht mehr, sondern zog mit den Köpfen der Schlange vor den König, um sie ihm zu zeigen. Er sagte zum König: »Ich habe die Schlange mit den sieben Köpfen erschlagen, d'rum will ich auch jetzt deine Tochter heiraten.« Der König erwiderte: »Wo sind die sieben Köpfe der Schlange?« Er zeigte sie dem König. Darauf sagte der König: »Gut, morgen früh will ich den Befehl erlassen, daß die Leute sich hier alle einfinden; und übermorgen soll die Hochzeit sein.« Als nach zwei Tagen die Leute alle des Morgens beisammen waren, sprach der König: »Heute soll meine Tochter ihre Hochzeit feiern; macht euch an die Arbeit und schmückt das Haus.« Und die Leute antworteten: »Schön, Herr König!« Die Leute schmückten nun das Haus des Königs schön aus, auch die Straßen; auf diesen breiteten sie Gewänder aus, damit die Jungvermählten darüber hinwegschritten. In dem Palaste, wo die Hochzeit stattfinden sollte, fanden sich alle Leute ein, unter ihnen auch Prinz Michel, der zwei der großen Zauberer im Gefolge hatte. Als der Prinz sich dem Hause näherte, fielen alle in Ohnmacht. Doch er stieg von seinem Rosse, besprengte die Leute im Brauthause mit Wasser, und alle kamen wieder zu sich. Darauf fragte der Prinz: »Wo ist der Mann, der die Prinzessin freien soll?« Die Leute antworteten: »Hier ist er.« Nun fragte der Prinz den Mann: »Wo ist die Spitze von der Zunge?« Der Mann erwiderte: »Wir haben der Schlange mit den sieben Köpfen das Maul geöffnet, doch die Zungenspitze haben wir nicht gesehen.« Der Prinz entgegnete: »Die Zungenspitze habe ich bei mir.« Und sofort traten die beiden großen Zauberer hinzu, griffen den Mann, der die Prinzessin heiraten sollte, warfen ihn vor die Tür und verschwanden mit ihm in der Wildnis. Prinz Michel aber heiratete die einzige Tochter des Königs. Sieben Tage und sieben Nächte währte das Fest. 46. Don Juan und die alte Zauberhexe Es war einmal ein König und eine Königin. Die waren schon alt und grau und bekamen auf ihre alten Tage noch einen Sohn, den sie Don Juan nannten. Als er groß geworden war, ging er eines Tages zu seinen Eltern, um ihnen eine Bitte vorzutragen und sagte: »Lieber Vater und Mutter, wenn ihr einverstanden seid, möchte ich einmal auf die Reise gehen und sehen, wo der Horizont zu Ende ist.« Darauf erwiderten die Eltern: »Aber Kerlchen! Große Leute können schon nicht einmal an sein Ende gelangen, wie sollte es da dir nun gelingen?« Don Juan entgegnete: »Aber Vater und Mutter! Gemeine Leute gehen doch auch dorthin; ob sie ihr Ziel erreichen oder nicht, sie versuchen es allemal. Und dann wollt ihr mich nicht ziehen lassen? Einerlei, ob ihr nun wollt oder nicht, ich gehe doch!« Die Eltern erwiderten: »Gut, wenn du es nicht anders willst, mag es sein. Aber wir zwingen dich nicht. Es ist dein eigener Wille.« Nachdem die Eltern das gesagt hatten, gab Don Juan seinen Dienern den Befehl, sogleich sein Pferd zu satteln. Als sie es gesattelt hatten, holte er etliche mit gekochtem Reis gefüllte Taschen und hing sie an einem mit Wasser gefüllten Bambus über das Pferd, holte darauf seinen Säbel, gürtete ihn um, hing sein Gewehr über die Schulter, sprang auf sein Pferd und ritt ab. Morgens verließ er das elterliche Haus und ritt bis zum Nachmittag. Unterwegs traf er Leute. Die hatten einen Hund bei sich, weil der die Ferkel und Zicklein biß. Deswegen zogen sie mit dem Hunde auf alle Dörfer und hießen ihn, selber seine Wünsche vorzubringen. Wenn sie in ein Dorf kamen, rief der Hund: »Hört an, Dörfer, große und kleine! Merkt auf! Wenn bei den Menschen der Topf mit Reis auf dem Feuer steht, dann dürft ihr ihn nicht abnehmen. Ungefragt darf keiner des andern Reiskorb forttragen, oder sich davon etwas nehmen und verbergen, und wenn jemand Ferkel und Zicklein sieht, dann soll er sich nicht an ihnen vergreifen. Niemand soll aus Übermut handeln, sonst widerfährt ihm eines Tages dieselbe Strafe wie mir.« Als sie nun wieder einmal in ein Dorf gekommen waren, ließ der Hund seine Rede los. Einen Augenblick später war auch Don Juan da und fragte die Leute: »Freunde! Weshalb zieht ihr mit dem Hunde von einem Dorf zum andern und laßt ihn solche Reden halten? Was hat er euch getan?« Die versetzten darauf: »Freundchen! So müßt Ihr nicht fragen. Wenn die Oberen Euch fragen, was wollt Ihr dann antworten?« Don Juan entgegnete: »Aber Freunde, ich frage ja nur, damit ich unter Umständen euch den Schaden ersetzen kann, den der Hund angerichtet hat; ich kann euch die durch den Hund vernichteten Sachen bezahlen; diejenigen, welche also irgendwie Verluste zu verzeichnen haben, mögen sich nun bei mir melden.« Sogleich einigten sich die Geschädigten und sagten: »Wer will unsere Sachen bezahlen und Eigentümer des Hundes werden?« Don Juan sagte: »Ich werde ihn bezahlen. Wollt ihr nun euer Vieh und Gut zurück, oder wollt ihr Geld?« Sie antworteten alle: »Wir wollen Geld haben, denn er hat uns um unseren Besitz gebracht. Jeden Tag jagten die Leute ihn fort, keinen andern Hund, sondern nur diesen und stets denselben. Ferkel und Zicklein kommen trotzdem mit Wunden nach Hause. Die Eigentümer folgen den Blutspuren. Aber inzwischen leckt er das Blut auf. Nun, Freund, überlegt einmal, wir sind der Ansicht, daß wir ihn totschlagen müßten. Aber Ihr wollt ja, daß er leben bleibt. Gebt uns also zweihundert Taler, dann soll es gut sein. Wir verlangen nicht viel; wenn Ihr sie hergebt, soll es gut sein.« Dabei sahen sie einander an, nickten einander zu und sagten: »Gut so!« Und Don Juan sagte auch: »Damit bin ich einverstanden. Wartet hier auf mich. Ich kehre um, um das Geld zu holen, meine Diener tragen es hinter mir her. Die Leute erwiderten: »Schön, aber kommt bald wieder.« Don Juan entgegnete: »Ja! Wartet nur!« Dann ging er seitwärts in den Busch. Dort befragte er seinen Zauberring: »Zauberring, merk auf! Meine Mutter brachte mich mit dir auf die Welt, nun bitte ich dich, gib mir fünfhundert Taler, damit ich mir den Hund kaufen kann und er mein Bruder wird.« Kaum hatte Don Juan die Worte ausgesprochen, da rollten auch fünfhundert Taler in einen Sack zu Füßen des Don Juan. Juan hob ihn auf und ging damit fort. Dann sagte er zu den Leuten: »Freunde! Ihr batet mich soeben um zweihundert Taler, ich biete euch nun fünfhundert Taler, wenn ihr mir den Hund gebt.« Darauf gab Don Juan ihnen das Geld und erhielt den Hund. Don Juan stieg zu Pferde und ritt sogleich weiter. Er ritt bis gegen Abend. Dann legte er sich zum Schlafen hin. Am Morgen sattelte er wieder sein Pferd, stieg auf, zog den Hund hinter sich her und setzte seine Reise fort. Er ritt bis zum Nachmittag. Unterwegs begegnete er wiederum Leuten, die eine Katze bei sich hatten. Die Katze trug um den Hals eine Schelle, die beim Laufen bimmelte. Als sie Don Juan trafen, fragte er: »Sagt an, Freunde! Warum zieht ihr mit der Katze in allen Dörfern herum?« Die Leute erwiderten: »Freundchen, habt Ihr denn davon nichts vernommen? Freundchen, seht doch selber, warum sollten wir sie ohne weiteres umbringen? Weil sie eine Schuld zu tragen hat, hingen wir ihr die Schelle um den Hals und befahlen ihr, die anzurufen, denen wir hier begegnen würden.« Darauf entgegnete Don Juan: »Nein, Freunde! Ich habe nicht vernommen, daß ihr der Katze aufgetragen habt, die Leute anzurufen; vielleicht bin ich noch zu weit ab gewesen und habe es nicht gehört.« Die Leute sprachen darauf zu Don Juan: »Hör', Freund! Wenn wir in ein Dorf kommen, dann muß die Katze sofort rufen: »Halloh, ihr Dörfer, große und kleine! Merkt auf! Wenn jemand ausgeht und sieht eines andern Hühner mit schönem Fleisch vor der Türe zum Trocknen hängen, dann soll er es ihm nicht stehlen. Wenn er davon haben will, dann mag er bitten, und wenn der Eigentümer ihm davon gibt, soll er mit beiden Händen zufassen; wenn aber wieder jemand darum bittet, und der Mann gibt ihm nichts, und er nimmt sich dann etwas ohne Erlaubnis, der soll ebenso gestraft werden wie ich.« Darauf fragte Don Juan: »Nun, Freunde, wollt ihr die Katze töten oder leben lassen?« Die Leute antworteten: »Freundchen, Ihr seid wohl einer, der soeben das Sehen gelernt hat? Versteht Ihr dies denn nicht? Wenn wir Menschen etwas verbrochen haben und gerichtet werden, muß dann nicht einem Tiere das Gleiche geschehen?« Juan sagte: »Ach, Freunde! Ehe ihr sie tötet, laßt sie mich kaufen.« Die Leute erwiderten: »Schön, Freundchen, wenn Ihr dies unnütze Ding nun kauft, was wollt Ihr denn damit anfangen? Wenn Ihr sie kauft, wird sie Euch an den Bettelstab bringen, denn so eine Katze richtet viel Unheil an und Ihr habt den Schaden zu bezahlen. Wenn sie etwas taugen würde, wären wir doch nicht so dumm und töteten sie. Weil sie eben zu nichts nütze ist, wollen wir sie um die Ecke bringen. Aber, wenn unser Freund sie kaufen will, dann kann er es ja. Doch wir haben ihn gewarnt. Und wenn sie nun eines Tages Unheil anrichtet, soll unser Freund uns dann Vorwürfe machen können? Soll unser Freund dann etwa behaupten können, daß wir ihm mit diesem Trödel das Geld aus der Tasche gelockt haben?« Die Leute antworteten: »Nun, wir wollen nicht gerade viel fordern, höchstens hundert Taler.« Juan erwiderte: »Gut, Freunde! Wartet hier; ich will das Geld holen, denn die Leute, welche das Geld tragen, sind noch hinter mir.« Juan ging darauf fort und bat seinen Zauberring um Geld. Er bekam sogleich vierhundert Taler. Er trug sie zurück und gab sie den Leuten. Dann stieg er wieder zu Pferde, legte die Katze vor sich hin, führte den Hund an einem Seile hinterher und setzte seine Reise fort. Gegend Abend kam er in ein anderes Land. Das Land hatte wohl mehr als zehn Dörfer. Und in dem größten Dorfe wohnte der König. Juan begab sich nach dem größten Dorfe und vernahm, daß die Leute sich dort alle zusammengefunden hatten, um eine Feier abzuhalten. Juan ging also weiter in das Dorf hinein. Und der König befahl den Leuten, Juan zu befragen, was er denn hier wollte. Juan fragte aber zurück: »Warum haltet ihr die Feier ab?« Die Leute antworteten: »Wir begehen hier eine Feier, weil die drei Söhne des Königs und seine Untertanen, wohl an zwei- bis dreitausend Menschen, in einem eisernen Stall gefangen gehalten werden. Unser König und unsere Königin wollen daher nichts genießen, Tag und Nacht essen sie nichts und trauern nur um ihre drei Kinder. Deshalb will der König diese Feier abhalten lassen, damit alle Untertanen, Erwachsene und Kinder, Alt und Jung sich hier einfinden. Wer die alte Zauberhexe zu töten vermag, soll König werden.« Juan sagte: »O, das ist nicht weiter schwer, Freunde. Ich messe der ganzen Sache keine große Bedeutung bei.« Die Leute entgegneten: »Aber Juan! Als die zwölf Leibwächter des Königs gegen die Zauberhexe losgingen, da wurde ihr nicht ein Härchen gekrümmt. Juan, was willst du denn gegen sie ausrichten?« Juan erwiderte: »Freunde! Wir sind doch Männer, redet nicht so geringschätzig voneinander, dann müßte einer den andern ja mit einem dummen Gesicht ansehen. Freunde, ein anderer scheint es nicht zu können. Aber ich, der Juan, will es versuchen und sonst lieber sterben. Wenn ich nicht Sieger bleibe, kehre ich nicht heim. Wie ich, der Juan, aber die Sache ansehe, werde ich die Arbeit schon getan kriegen. Wenn ich sie suche, werde ich sie schon finden. Freunde, fragt doch euren König, nach wieviel Tagen soll ich die alte Zauberhexe aufsuchen?« Da gingen die Leute zum Könige zurück und sagten zu ihm: »Herr König, ein Fremder ist erschienen, der heißt Don Juan, und als er bemerkt hatte, daß wir, Eure Diener, eine Feier abhielten, da fragte er uns aus, und da erzählten wir dem Don Juan von der alten Zauberhexe, welche die drei Söhne des Königs und deine Untertanen gefangen hält, und daß der Herr König gesagt hat, wer die alte Zauberhexe erschlägt, soll zum Dank das Land bekommen. Als wir dies alles dem Don Juan erzählt hatten, sagte er, das wäre nicht schwer, doch hoffe er, daß er, wenn er die alte Zauberhexe erschlagen hätte, nicht betrogen würde, daß der Herr König sein Versprechen hielte und nicht doppelzüngige Worte redete.« Als die Leute dem König die Worte Juans überbrachten, schämte er sich; er befahl den Leuten, Juan zu bestellen: »Morgen früh, so will es der König, sollt Ihr mit der alten Zauberhexe kämpfen. Wenn Ihr nicht geht, dann müßt Ihr sterben.« Abends ließ Juan gehörig zu essen auftragen und befahl, auch seinem Hunde und der Katze gehörig davon zu geben. Morgens in aller Frühe sattelte Juan sein Pferd, stieg auf, nahm die Katze vor sich in den Sattel, ließ den Hund hintenan laufen, gab dem Pferde einen Schlag und trabte davon. Als er bei der alten Hexe angelangt war, klopfte er an ihre Tür. Sogleich kam die alte Zauberhexe heraus. Sie hatte ein warmes Kleid angezogen und ein Beil in der Hand. Als sie bei der Tür stand, öffnete sich diese und Juan trat ein. Die Alte zerkleinerte Holz und zitterte wie jemand, der Fieber hat, doch verstellte sie sich, sie hatte gar kein Fieber. Wenn sie jemand töten wollte, dann mußte sie stets so tun. Juan fragte sie nun: »He, Alte! Weshalb zitterst du denn?« Er wußte aber sehr wohl, warum. Die Alte erwiderte: »Nun, Prinz, was suchst du denn? Deine Dienerin hat Fieber.« Juan sagte: »Wenn Ihr Fieber habt, weshalb zerkleinert Ihr dann Holz?« »Nun, Prinz, das tue ich, um dabei warm zu werden.« Juan versetzte: »Laß es mich nur tun.« Die Alte sprach weiter: »Wenn du für mich das Holz klein machen willst, dann binde erst einmal deine Katze und den Hund an, denn deine Dienerin hat vor dem großen Hunde Angst.« Als Juan sich nach einem Seil umschaute, um den Hund und die Katze damit anzubinden, zog die Alte sich zwei Haare aus, die verwandelten sich unter ihren Händen in Seile aus Sagopalmblättern. Die wollte sie Juan geben. Aber Juan hatte begriffen. Er nahm sie nicht an. Er faßte in seinen Sack, zog einen Bindfaden heraus, teilte ihn in zwei Stücke und band mit dem einen den Hund, mit dem andern die Katze an. Darauf nahm er das Beil der alten Zauberhexe und begann, das Holz zu zerkleinern. Zweimal war er schon fertig geworden, doch spürte er noch nichts. Als Juan nun den dritten Haufen zerkleinern wollte, da fiel die alte Hexe plötzlich über ihn her und wollte ihn umfassen. Sie kriegten einander zu packen. Die Alte wollte Juan zu Boden werfen. Das ging nicht. Juan wollte die Alte zu Boden werfen, das ging auch nicht. Sie griffen wieder nacheinander und packten einander, sie rangen, und bald konnte Juan nicht mehr. Schließlich machte er eine Wendung nach dem Hunde und der Katze. Die Seile wurden zerrissen. Der Hund biß die Alte in den Nacken, und die Katze zerkratzte ihr das Gesicht. Wenig später fiel die Alte zu Boden, Juan zog im selben Augenblick sein Schwert und schlug der alten Zauberhexe den Kopf ab. Darauf ging Juan nach dem eisernen Stall, öffnete die Tür und erlöste die drei Königskinder und die Untertanen. Dann ließ er die drei Königskinder vorauf gehen, hernach folgten die Untertanen; er selber stieg auf sein Pferd und machte den Beschluß. Als sie vor dem Dorfe anlangten, bemerkten die Diener des Königs sie und eilten zum alten Königspaar, ihm die Nachricht zu bringen. Da zogen das alte Königspaar und alle Untertanen mit Trommeln und Gongs aus, um die drei Königskinder samt Juan und den Untertanen, die das Geschick der Königskinder geteilt hatten, festlich einzuholen. Und das alte Königspaar ließ durch Boten überall den Befehl hinbringen, daß alle Leute, die weiter entfernt wohnten, sich versammeln und erscheinen sollten, »denn,« so sagte das Paar, »als unsere drei Kinder verschwanden, waren sie noch klein, heute, wo wir sie zurückerhalten, tragen sie bereits einen stattlichen Schnurrbart. Deshalb haben alle zu erscheinen, denn wir wollen ein Fest, ihnen zu Ehren und zu ihrem Empfange, geben. Es ist ja, als wären sie gestorben und sind nun wieder lebendig geworden.« So feierten sie ein großes Fest und riefen Don Juan zum Könige aus. id="page180" 47. Nabala Es waren einmal zwei Brüder; der ältere hieß Nabala, der andere Kalelo und ihre Schwester wurde Bembuang genannt. Nabala war mit Mekonda verheiratet, die sieben Brüder hatte und sämtlich Aralung hießen. Nabala sagte eines Tages zu seinem jüngeren Bruder und sieben Schwägern: »Wir wollen eine Seereise machen, und heute in acht Tagen wollen wir abreisen.« Sein Bruder antwortete ihm: »Herrlich, wir sollen eine Seereise machen und haben noch nicht einmal ein Fahrzeug!« Nabala erwiderte: »Was soll's denn? Wenn neun Mann einen Baumstamm behauen, sollte dann nicht in acht Tagen daraus ein Fahrzeug werden können?« Und er sprach weiter: »Morgen wollen wir einen Baum umhauen.« Nabala stand noch vor Tagesanbruch auf, setzte sich auf die Treppe und sagte zu seinem Bruder und den Schwägern: »Schleift die Äxte und macht die Beile scharf.« Sogleich begannen der Bruder und die Schwäger mit der Arbeit. Als sie damit fertig waren, sagte Kalelo, der unten an der Treppe stand: »Die Äxte sind geschliffen, die Beile scharf; wir brauchen uns bloß noch auf den Weg zu machen.« Kalelo und die sieben Aralung gingen nun fort, um einen Baum zu fällen. Unterwegs kroch eine Schlange quer über ihren Weg. Als sie dies gesehen hatten, kehrte Kalelo um, um seinem Bruder davon zu erzählen, denn dies mußte doch eine Vorbedeutung haben. Als Kalelo die Treppe hinaufstieg, fragte ihn Nabala: »Nach dem Erlebnis werde ich fragen. Die Geschichte sollst du mir nun sagen; Was ist dir widerfahren, o mein Kalelo?« Der Bruder antwortete: »Willst du nach dem Erlebnis fragen. Nun, die Geschichte will ich dir schon sagen: Eine Schlange kroch mir über den Weg.« Als Nabala das vernommen hatte, neigte er den Kopf zur Seite und sagte: »Das habe ich mir wohl gedacht, Und diesen Sinn hab' ich mir d'raus gemacht: Die Vorbedeutung wird schon gut sein, mein Kalelo.« Da zog Kalelo wieder in den Wald und suchte einen Baum. Als sie einen passenden Baum gefunden hatten, wollten sie ihn umhauen. Doch schon beim ersten Schlag seufzte ein Lenduvogel und flog vom Baum auf. Kalelo begab sich daher wieder zu seinem Bruder, um ihm die Geschichte zu erzählen. Und als Nabala ihn kommen sah, fragte er wieder: »Nach dem Erlebnis werde ich fragen, Die Geschichte sollst du mir nun sagen; Was ist dir widerfahren, o mein Kalelo?« Kalelo erwiderte: »Willst du nach dem Erlebnis fragen, Nun, die Geschichte will ich dir schon sagen: Der Lendu seufzte und flog vom Baum.« Als Nabala dies hörte, meinte er: »Kalelo, wenn es wirklich ein Vorzeichen sein soll, dann hat es nur eine glückverheißende Bedeutung.« Ihre Schwester Bembuang hatte alles mit angehört; so kam sie denn aus dem Hause heraus und sprach: »Wollt ihr nun meine Meinung befragen? Darf ich euch meine Ansicht sagen? Dann geht und sucht einen andern Kahn!« Nabala entgegnete jedoch darauf: »Bembuang! Vorzeichen, die kümmern uns nicht; Vorzeichen, die führen stets hinters Licht, Und darum wende ich ihnen den Rücken.« So zog denn Kalelo wiederum aus, und sie setzten die Arbeit munter fort. Und sieh' da! Als der Baum umfiel, bogen sich seine sämtlichen Äste nach unten. Deshalb begab sich Kalelo wieder zum Nabala, der ihn wie vordem ausfragte. Kalelo antwortete: »Die Äste des Baumes bogen sich sämtlich nach unten.« Nabala sprach: »Kalelo, soll dies ein Vorzeichen sein. So setzet nur fort das Hauen fein. Die Vorbedeutung ist ja vortrefflich.« Sie behauten darauf den Baumstamm, bis sie ihn umdrehen konnten, und kehrten dann aus dem Walde nach Hause heim. Um andern Morgen gingen sie wieder in den Wald, um ihre Arbeit zu beenden. Da erblickten sie eine weiße Taube, die ein Raubvogel getötet hatte und die in den halbfertigen Kahn gefallen war. Diesmal gingen sie aber nicht erst heim, um dem Nabala das Erlebnis mitzuteilen, sondern fuhren in ihrer Arbeit fort. Noch am selben Tage konnte der Kahn zum Hause hinuntergetragen werden. Als sie ihn vor dem Hause niedersetzten, kam Nabala die Treppe herunter, um sich das Werk anzuschauen und nach ihren Erlebnissen zu fragen. Kalelo erzählte ihm: »Ich fand im Boote eine weiße Taube, die ein Raubvogel getötet hatte.« Sie vollendeten dann emsig den Kahn, und am sechsten Tage stand er fertig da. Nun verabredeten sie sich: »Laßt uns geschwind die Reise antreten, da das Boot fertig ist.« Nabala wollte noch nicht, doch die sieben Aralung sagten: »Wir segeln los.« Als Nabala einsah, daß er seine Schwäger nicht überreden konnte, setzte er die Stunde der Abfahrt fest: »Bei Tagesanbruch schiebt den Kahn ins Meer, Beladet ihn, macht ihn schwer. Dann wollen wir fortsegeln.« Und in aller Frühe schoben sie das Boot ins Wasser und beluden es mit mancherlei Dingen. Während sie nun draußen beschäftigt waren, rief Nabala seinen Diener herbei und sagte: »Du niedriger Sklave, du ärmliche Knechtsseele, dich rufe ich: Rasple mir Nüsse, das Haar damit zu fetten, Schabe mir Nüsse, das Haar damit zu glätten. Mit deinen Nägeln sollst du raspeln, die Finger beim Schaben rühren! Schau dich um nach Limonen, mit denen das Fleisch man würzet. Hast alles beschafft du, will erst das Bad ich verspüren.« Darauf luden Nabala und Mekonda einander zum Baden ein; und als sie ans Wasser gekommen waren, sagte Nabala zu seiner Frau: »Jetzt wollen wir uns baden, zusammen wollen wir baden. Dort, wo der Fluß sich verzweigt, dort, wo das Wasser sich teilt. Einer um den andern soll mit der Raspelnuß das Haar sich fetten. Wechselweise mit dem Steine die Glieder sich glätten Und mit der Lili-Pflanze alsdann in wohligen Geruch sich versetzen.« Mekonda aber entgegnete: »Dort, wo der Fluß sich verzweigt, will ich nicht baden, auch nicht im sich teilenden Wasser, Anders schwimmt der Schmutz stromabwärts und mit ihm der Unrat, Lagert sich ab an den Ufern, bleibt liegen an den Gestaden; Damit die Wellen ihn nicht fassen, die Wogen ihn mitnehmen, Will im Brunnen ich baden, im tiefen und stillen Wasser, Dann erst soll einer um den andern mit Raspelnuß die Haare sich fetten. Wechselweise mit dem Steine die Glieder sich glätten Und mit der Lili-Pflanze alsdann in wohligen Geruch sich versetzen, die Limonen schneiden, mein Nabala!« Sie blieben beide lange im Wasser, und der Tag ging schon zur Neige, als sie sich auf den Heimweg machten. Als sie zu Hause ankamen, war der Tisch schon gedeckt, und einer lud den andern zum Essen ein. Nabala sagte zu Mekonda: »Laßt uns noch einmal gemeinsam speisen. Noch einmal jetzt die Mahlzeit teilen. Noch einmal uns am hartgebackenen Sago erfreuen.« Und als sie mit dem Essen fertig waren, sagte Nabala wieder zu Mekonda: Laßt uns noch einmal den Betel genießen. Gemeinsam hier die Sirih kauen. Noch einmal hier die Pinang beißen, meine Mekonda!« Dann fuhr er weiter fort: »Packe die Kisten aus, liebe Mekonda, laß die Hüte heraus, Auf der Fahrt werden wir ihrer benötigen. Und bleibst du zurück, während ich auf der Fahrt mich befinde, Bist du vereinsamt, wo ich auf dem Meer mich herumtreibe, Sichere unseren Hof mit den unentfalteten Blättern der Kokos, Daß kein Feind ihn betritt, zerstört werden sie nach meiner Heimkehr. Blas nicht die Flöte am Abend, Auch am Tage heiße sie schweigen, Es möchte ansonst die Brust mir zerreißen, Das Herz mir sprengen vor Sehnsucht.« Darauf ging Nabala die Treppe hinunter; noch einmal warnte ihn die Hauseidechse durch ihr Rufen; er bekümmerte sich jedoch nicht darum und stieg herab. Während er auf der Treppe war, zerbrach eine Sprosse; trotzdem hielten ihn alle diese bösen Vorzeichen nicht zurück, sondern er begab sich an Bord; auch Mekonda vermochte nicht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Kaum war er an Bord, da fiel ein Blutregen, auch zerbrach der Mast; trotzdem lichteten sie den Anker und fuhren von dannen. Als sie auf dem Meere waren, überraschte sie ein gewaltiger, tobender, tosender Sturm, so daß sie kein Land sichteten. Darob bekamen die sieben Aralung Lust, sich des Nabala zu entledigen, und wendeten alle Überredungskunst auf, daß er sich schlafen legte, solange noch genug Segelwind vorhanden war. Er antwortete: »Geht nur schlafen, ich steuere das Fahrzeug und halte Wache.« Und schließlich übermannte sie der Schlaf, und Nabala steuerte allein das Schiff. Acht Monate lang trieben sie sich auf dem Meere umher, und Nabala hatte noch nicht einmal die Augen zum Schlafen zugemacht. Als gar ein Jahr verstrichen war, da zwangen ihn die sieben Aralung zum Schlafe; er legte sich nieder, und Kalelo übernahm das Steuer. Während Nabala in tiefem Schlaf versunken war, überfielen die sieben Aralung den Kalelo und warfen ihn ins Meer. Es war sein Glück, daß er sich an das Steuerruder anklammern konnte. So kam er nicht um. Darauf versuchten sie Nabala beiseite zu schaffen; sie konnten ihn jedoch nicht einmal verwunden. Neun Tage lang versuchten sie es vergeblich, ihm etwas zuleide zu tun; er schlief geruhig weiter, mochten sie ihn angreifen und nach ihm hauen so viel sie wollten. Erst nach zehn Tagen erhob sich Nabala wieder. Er ging nach hinten, setzte sich hin und sagte zu den Sieben, die ihn zu ermorden trachteten: »Wenn ihr mich denn durchaus umbringen wollt, dann bedient euch meines Dolches; eher vermögt ihr mich nicht zu töten.« Da nahmen sie den Dolch des Nabala und durchstachen sein Herz. So kam er um. Als Nabala tot war, kletterte Kalelo wieder an Bord und sagte: »Ihr habt meinen älteren Bruder umgebracht, nicht wahr?« Da schlossen die Sieben auch um ihn einen Kreis und wollten ihn töten; sie vermochten jedoch nicht, ihn zu fangen. Und zum Schlusse war Kalelo ihnen allen zusammen doch überlegen, und er erschlug sie der Reihe nach. Darauf hob er seinen Bruder auf, trug ihn in die Kajüte und warf die übrigen über Bord. Dann fuhr er heim. Daß Nabala getötet wurde, spürte Mekonda während des Schlafes im Traume. Noch früh am Morgen bat sie ihre Schwägerin Bembuang zu sich und sagte: »Sei doch lieb und gehe hinaus und lasse dir weissagen, Geh' ins Dorf hinab, das Orakel befragen: Welche Bedeutung hatte der Traum, was sollte das Gesicht mir künden? Wird Nabala nimmermehr zu mir den Rückweg finden?« Bembuang befragte wirklich das Orakel, und es kündete ihr, daß Nabala nicht mehr unter den Lebenden weilte. Sie ging heim und sagte: »Auf dein Geheiß hin ging ich und ließ mit weissagen, Weil du es wolltest, tat ich das Orakel befragen. Wahr ist, was der Traum hat verraten Und der Schlaf dir tat offenbaren: Tot ist mein Bruder, tot!« Bald hernach sichtete Kalelo die Heimat. Als er näher kam, erkannte Mekonda die Segel und sagte: »Täuschen sich nicht meine Augen, Irret jetzt sich nicht mein Blick, Nähert nun sich dort das Segel, Ist's das Segel, Segel von Nabala, Segel deines älteren Bruders, meine Bembuang!« Als das Boot landete, erkannte man, daß Kalelo gekommen war, und nur er allein. Mekonda und Bembuang begaben sich an den Strand, um ihm entgegenzugehen. Sie gingen an Bord und fragten nun Kalelo: »Nach deinem Bruder, Kalelo, will ich dich fragen. Von ihm, dem Älteren an Jahren, sollst du mir sagen; Wo blieb er, dein älterer Bruder?« Kalelo antwortete: »Fragt ihr mich jetzt, ihr Weiber, nach meinem älteren Bruder, Soll ich erzählen von ihm, der älter an Jahren; Wo draußen die Inseln liegen, In der Tiefe des Meeres ist er geblieben, Blieb, um die Inseln zu zählen, Ja, alle Inseln zu zählen.« Sie schenkten Kalelo jedoch keinen Glauben und fragten ihn zum andern Male. Da konnte er das Geheimnis nicht länger verschweigen und sagte: »Wollt ihr nun doch im Fragen verharren: Hört an, im Meere blieb er dort drüben, In der Tiefe ist er geblieben; Er blieb, weil sie ihn töteten, Er blieb, da sie ihn mordeten; Nur das Haar wurd' ihm abgeschnitten, Der Schmuck seines Hauptes geschoren, Kalelo hat es ihm geschnitten, Mit dem Dolche hat er es geschoren. Die Sirih-Dose nahm es auf, Die Pinang-Dose bewahrt es auf, Die Dose, darinnen der Kamm liegt. Inmitten dessen er zu stecken pflegt, Und liegt tief unten im Schiffe.« Als Mekonda dies hörte, sagte sie: »Nun will ich schlafen ein ganzes Jahr, Ein ganzes Jahr lang will ich schlafen. Ruhen soll nun die Pinangdose auf meinem Schoße, Unter einer Decke will ich mich strecken mit der Dose.« Während sie schlief, träumte sie von ihrem Gatten Nabala: »Jetzt gehe heim, und bist du im Hause, Fege und schmücke es prächtig, Türme und schüttle die Kissen, und sorge Für einen weißen, mit Wasser gefüllten Napf. Am dritten Tage darnach bei ihm erschein'. Dann werde ich wieder lebendig sein.« Und sieh' da! Am dritten Tage sah man Nabala da sitzen! Als sie ihn auf dem Schiffe erstochen und über Bord geworfen hatten, hatte ihn ein Nautilus aufgefangen und ans Land getragen. So waren sie denn alle wieder beisammen und wohnten, die Brüder und ihre Frauen, gemeinsam im alten Hause, das schon ziemlich baufällig war. Nabala sprach daher zum Kalelo: »Wir wollen uns ein neues Haus bauen.« Und in kurzer Zeit hatten sie es geschafft und stand ein anderes an der Stelle. Als das Haus fertig war, nisteten sich dort neun Kaliawo-Vögel ein, die sprachen: »Verkehrt, Nabala, verkehrt ist dein Haus, Und nicht gut deine Wohnung. Nabala, tätest du uns fragen, Dürften wir dir unsere Meinung sagen: Dann baue das Haus an den Weg, Errichte, wo hin und her man läuft, die Pfähle. Erst dann sei es das Haus des Nabala, Das Heim des Kalelo. Dann erst fröhne den Wünschen, Erfüll' die Begierden, Das Begehren deiner Gemahlin, Erfüll' die Sehnsucht deiner Schwester: Hol' ihnen das Schermesser, Die Klinge aus fremdem Land.« Nabala entgegnete: Es gibt einen Spruch von meinen Ahnen, Es sind ihre Worte, die mich nun mahnen: Niemand wird es je finden, Keiner wird es ergründen. Keinem ist Kunde gegeben, Daß er zu finden es wird vermögen.« Doch Bembuang sagte: »Bruder, den Kopf wende um, Nach rückwärts schaue dich um: Was erklingt dort hinterm Rücken Und tönt hinter deinem Rücken?« Nabala erwiderte: »Schweig' stille doch, schweig' stille, Sei leise doch, sei stille; Es gibt noch ein Verbot der Ahnen, Noch andere Worte vermahnen, Und sind Worte eines Mannes, der weissagt.« Und Kalelo fügte hinzu: »Bruder, darf ich so sprechen, wie es das Herz mir bewegt, Darf ich dir sagen, was in das Gemüt mir gelegt, Dir meine Gedanken verklaren, Dann laß hinweg uns fahren. Holz wollen wir suchen, ein Fahrzeug, ein Schiff zu erbauen. Darauf wollen von der Reise wir reden, Erzählen, daß wir nun werden aussegeln. Mit verschiedenen Hüten wollen wir prunken, Die mannigfaltigsten Bedeckungen uns wünschen, Verabschieden dann die Gemahlin, Lebewohl der Schwester sagen; Und dann wollen wir segeln, ja segeln, Deinen Wünschen zu fröhnen, Deine Sehnsucht zu erfüllen, liebe Bembuang.« Und wieder sprach Bembuang: »Willst reden du von der Reise, Prahlen nun über die Reise: Bruder, so fahre doch los, mit der Wasserhose als Fahrzeug, Ja, mit der Wasserhose als Schiff.« Als Mekonda jedoch diese Worte von der Bembuang vernahm, da sagte sie: »Sprich also nicht, du red'st von einem verbotenen Fahrzeug, Von einem Schiff, das man nicht nennt; Ging es nach mir, wie mir es ums Herz ist, Und was im Gemüt sich mir regt: Wollt ihr nun wirklich reisen, Dann nehmt den Mond zum Schiffe, Der Mond sei euer Fahrzeug, Als Segel hißt eine Wolke, Die Gestirne seien eure Paddeln Und der Pohiama euer Steuer. Dann erst unternehmt eure Reise, Führt eure Meerfahrt aus. Dann erst ist's Zeit, den Sirih hervorzuholen, Dann erst ist's Zeit, die Betelnüsse zu knacken, mein Nabala!« Und Mekonda fuhr weiter fort: »Und nun bitte ich euch, ein Geschenk von mir mitzunehmen, Eine Gabe zu überbringen; Reicht ein Geschenk dem Stamme, Bringt eine Gabe der Wurzel; Gebt ein Geschenk dem König von Holland, Dem Hause der Großen Gesellschaft. Und so der Holländer sich verneigt Und der Weiße die Gaben prüfet; Dann sprecht: Es ist ein Geschenk von Mekonda. Dann erst geht auf die Reise, Führt eure Seefahrt aus.« Als das Fahrzeug klar war und sie die Reise antreten wollten, sprach Bembuang: »Dürft' ich dir sagen, mein Bruder, was jetzt mein Herz empfindet, Dürft' ich dir sagen, was nun das Herz zu mir spricht, Dreh um dein Schiff, fahre rückwärts, Zieh' auf den Strand dein Schiff, bringe es heim, Denn ich fürchte mich vor dem Meere Und ich bange vor der weiten, wogenden See. – Schau dort drüben! Segel verschließen die Kimmung, Segel verdunkeln das Meer. Wer soll dir die Frau verteidigen, Wer deine Schwester beschützen? Wer soll uns Weiber beschirmen? Wohin soll ich fliehen, lieber Bruder? Es nahen ja die Schiffe der Feinde!« Nabala hörte alles gelassen mit an und sagte dann zu seiner Schwester: »Ich ziehe mich nun zurück und will schlafen, Schlafen will ich und ausruhen; Niemand soll mich wecken, unter keiner Bedingung, Auf keinen Fall will ich geweckt oder gestört werden, Denn schlafen will ich und ausruhen! Bange doch nicht, liebe Bembuang, Und fürchte dich nicht mehr, Vertreibe die Furcht dir aus dem Herzen Und die Angst aus deinem Gemüte: Du bist im Recht, es sind die Schiffe der Angreifer, Die Fahrzeuge der Feinde. Begib dich nur jetzt zu den Weibern, Hinauf ins Gemach der Prinzessin, Und schau nach den Segeln, Acht' auf den Kurs der Kähne Und sieh', wohin sie sich wenden, Nach welchem Strande sie steuern, Ob nicht vielleicht an unsrem Gestade sie landen.« Und Mekonda setzte hinzu: »Ich rufe jetzt meinen Sklaven, den Hüter der Ordnung, Meinen Diener, den Ausrufer, und werd' ihm befehlen: »Geh' hinaus an den Strand, Auf den Weg dich mache nach dem Gestade, Erkundige dich dort nach den Schiffen Und laß belehren dich über die Fahrzeuge: Sind es Schiffe der Angreifer, Sind es Schiffe der Feinde? Stellen sie Weibern nach, Und begehren sie der Prinzessin?« Der Diener ging nach dem Strande hinab, um Erkundigungen einzuziehen. Und als er die Schiffsleute befragte, in welcher Absicht sie gekommen waren, antwortete sie ihm: »Du fragst hier nach den Schiffen Und willst wissen, weshalb wir kommen mit den Fahrzeugen: Raubschiffe führen wir und stellen nach den Weibern, Die Prinzessin zu besitzen, führt uns hierher. Schau dich um nach tapferen Männern!« Da kämpften Nabala und Kalelo gegen die Räuber und erschlugen fast alle. Nur wenige entrannen und kehrten zurück, die die Nachricht in die Heimat bringen konnten. Erst darnach unternahmen Nabala und Kalelo ihre Reise. Doch kehrten sie davon nicht wieder zurück. Sie verzankten sich und erschlugen einander im Streite. So kamen sie beide ums Leben. Als Bembuang und Mekonda die Kunde vernahmen, daß Nabala und Kalelo nicht mehr waren, wurden sie des Lebens überdrüssig und gaben sich selber den Tod. 48. Der Prinz und die Prinzessin Eines guten Tages machte einmal ein Prinz eine Lustfahrt auf dem Wasser. Mit dem Kahn ging es nach der Mündung eines Flusses und von dort in See. Und der Prinz hatte seine Angelrute mitgenommen, um im Meere zu fischen. Als sie auf hoher See waren, warf er die Angel aus. An der Quelle des Flusses wohnte eine Prinzessin, die war es gewohnt, im Flusse ihr Haar zu waschen. Nun war das Haar so lang, daß es über den Fluß bis ins Meer reichte. Und so kam es von ungefähr, daß das Haar der Prinzessin sich in der Angel des Prinzen verfing. Er befahl daher, umzukehren und den Fluß hinaufzufahren, um das Haar der Prinzessin zu entwirren. Der Kahn fuhr stracks den Fluß hinauf, bis er an die Quelle kam. Hier bemächtigten sie sich der Prinzessin und einer Dienerin. Die meisten andern Dienerinnen entkamen und liefen schnell zum König und erzählten ihm, daß ihre jugendliche Prinzessin entführt worden wäre. Als der König hörte, daß man seine Tochter gefangengenommen hatte, ließ er Gongs und Trommeln schlagen, um seine Untertanen zusammenzurufen, die nun die Prinzessin suchen sollten. Viele Leute folgten der Fährte der Königstochter und sahen noch gerade, wie das Schiff in See ging. Die Leute kehrten darauf wieder zum Könige um und sagten ihm, daß das Schiff wieder in See gegangen wäre. »Und daher, Herr König, konnten Eure Sklaven die Verfolgung nicht weiter fortsetzen.« Der Prinz nahm aber die Prinzessin mit sich, und sie wurde seine Frau. Doch fuhr das Schiff nicht ans Land zurück, sondern blieb noch auf dem Meere. Eines Tages, es war vielleicht eben vor Sonnenuntergang, sagte die Prinzessin zu ihrer Dienerin, sie wollten noch beide einen Blick übers Meer tun. Dabei stieß die Dienerin die Prinzessin ins Wasser. Aber sie sank nicht auf den Grund hinab, sondern konnte sich noch am Kiel des Schiffes festhalten. Da kam jedoch ein großer Fisch geschwommen und schluckte der Prinzessin beide Augen über. Und die Dienerin ging in das Gemach der Prinzessin, zog ihre Gewänder an und legte sich dann auf dem Bette der Prinzessin zum Schlafen hin. Als es Abend geworden und die Essenszeit gekommen war, befahl der Prinz, der Prinzessin die Speisen zu bringen. Man trug also das Essen hinein und setzte es auf dem Tische hin. Die falsche Prinzessin befahl darauf den Dienern, hinauszugehen; sie möchte essen; aber sie wollte dies nicht im Beisein so vieler Leute tun, denn sie befürchtete, dabei ihr Gesicht zu enthüllen, und ihr Antlitz war ganz schwarz. So ging es Tag für Tag, bis das Schiff in der Heimat des Prinzen wieder eingetroffen war. Kaum war das Schiff vor Anker gegangen, da ließ man ein kleines Boot ins Wasser, um die Prinzessin ans Land zu bringen. Doch war es ja beileibe nicht die Prinzessin, sondern nur ihre Dienerin. Aber die Leute meinten, daß es wirklich die Prinzessin war. D'rum begleiteten sie die Dienerin, geleiteten sie nach dem Palaste des Fürsten und führten sie in ein prächtiges Gemach. Dort blieb sie nun Tag und Nacht und bekam stets das schönste Essen. Doch lebte die jugendliche Prinzessin noch, die ins Wasser gestoßen worden war; aber ihre Augen waren blind. Sie ließ den Kiel des Schiffes nicht los. Und als sie hörte, daß das Schiff über den Sand schurrte, dachte sie, es wäre auf Grund geraten. So tastete sie mit den Füßen nach dem Sand. Dabei stieß sie an einen großen Stein. Sie kletterte auf den Stein, stieg an der andern Seite wieder hinunter und tastete sich auf dem Sande weiter. Einmal auf dem Trocknen, fühlte sie sich weiter und kam an eine Stelle am Flusse, wo das Gras sehr dicht stand. Sie ging in das Gras hinein, und weil sie großen Hunger hatte, griff sie nach den Blättern und Halmen und aß, was sie zu fassen bekam. Als sie ins Meer gestoßen wurde, war sie bereits schwanger. Und so geschah es, daß sie nach ihrer Rettung im Grase einen Sohn zur Welt brachte, der hatte einen Stern auf der Stirn. Sie zog das Kind nur mit Grashalmen auf; und es wuchs und gedieh und wurde zum großen Jungen. Nun lag ihre Wohnstätte nicht weit vom Palaste des Königs. Der Sohn der Prinzessin spielte täglich beim Palaste. Und als er einmal ein Stück wertloses Eisen sah, nahm er es auf und steckte es ein. Er schmiedete es und machte sich daraus eine Fischangel. Und als die Fischangel fertig war, suchte er sich etliche Enden Tau, steckte sie in die Tasche und zu Hause knüpfte er sie aneinander und machte sich daraus eine Fischleine. Darauf nahm er die Fischleine und band sie an den Angelhaken. Und als ihm das gelungen war, ging er los, um zu angeln und Fische zu fangen. Die brachte er seiner Mutter. Einen Teil ließ er da, den andern verkaufte er, um ein Feuerzeug zu kaufen. Denn bis dahin hatten sie sich noch kein Feuer machen können. Auch kaufte er einen Kochtopf, um das Essen bereiten zu können. Als er mit dem Einkauf fertig war, ging er wieder zu seiner Mutter in die Wildnis. Er ließ alle die verschiedenen Sachen bei ihr und ging darauf wieder fort, um nach einer Felshöhle zu suchen, wo sie zusammen wohnen konnten. Bei seinen Zügen entdeckte er denn auch eine große Felsgrotte. Er richtete sie schön und wohnlich her und begab sich wieder zu seiner Mutter, nahm den Kochtopf und die Fische mit, trug sie in die Grotte und ließ sie dort. Dann kehrte er wieder zu seiner Mutter zurück, geleitete sie nach der Grotte; und als sie die Fische gekocht hatten, aßen sie zusammen. Am folgenden Morgen ging er von neuem nach der See, um zu angeln; er kam mit vielen Fischen heim. Einen Teil ließ er dort und den andern verkaufte er an die Reichen. Für den Erlös kaufte er schöne Stoffe und Nadeln und Faden. Das brachte er alles seiner Mutter in die Grotte. Doch konnte sie ja nicht nähen, denn ihre Augen waren noch immer blind. Der Junge meinte, vielleicht befinden sich die Augen noch im Bauche von dem Fische. Und er sagte zu seiner Mutter: »Ich will mir doch einen großen Fischhaken und eine lange Leine kaufen und versuchen, den großen Fisch zu fangen. Mich dünkt, er hat deine Augen noch im Bauche.« Als er das gesagt hatte, suchte er sich einen dicken Baum. Den höhlte er aus und machte sich daraus ein Boot. Darauf kochte er sich eine große Menge Essen, Reis und Fisch, die wollte er auf die Fahrt mitnehmen, wenn er auszog, um den großen Fisch zu suchen, der die Augen seiner Mutter verschluckt hatte. Als alles bereit war, schleppte er das Boot nach der See und ruderte nach der Stelle, wo das Wasser am tiefsten und schwärzesten war. Sechs Tage vergingen, ehe er den Fisch fing, der die Augen der Mutter verschluckt hatte. Der große Fisch verbiß sich an dem Haken und schleppte ihn noch eine Weile mit, bis er müde wurde. Dann schlug der Junge ihn tot. Nun überlegte er, wie er es anfangen sollte, um mit dem Fisch zur Mutter heimzukehren. Er dachte eine Weile nach, wie er den Fisch hinter sich herziehen könnte; darauf band er ihn am Ausleger fest. Und so ruderte er ans Land zurück. Als er am Strande angelangt war, trug er den Fisch hinauf und brachte ihn zu seiner Mutter in die Grotte. Dort schnitt er dem Fisch den Bauch auf und fand darin auch richtig noch die Augen seiner Mutter, die noch gut erhalten waren. Er nahm sie in die Hand und sagte zu seiner Mutter: »Mutter! Hier sind deine Augen!« Die Mutter erwiderte: »Kindchen, ich weiß, du sorgst und kümmerst dich redlich um mich, und darum gingst du auch auf die Suche nach meinen Augen.« Der Jüngling entgegnete: »Lieb' Mütterchen, nimm denn nun deine Augen in Verwahrung; ich werde noch Medizin kaufen, um sie sauber zu machen.« Und die Mutter antwortete: »Schön, mein Junge.« So wollte er also die Medizin kaufen. Er traf einen Mann und fragte: »He, Freund, habt Ihr eine Medizin, um kranke Augen wieder klar zu machen?« Der Mann sagte: »Solche Medizin gibt es eine ganze Menge, aber die Flasche kostet einen halben Taler.« Da fragte der junge Prinz: »Doch eine große Flasche?« Der Mann erwiderte: »Ja, eine große Flasche.« Nun antwortete der Prinz: »Fein, dann wollen wir uns die Medizin holen.« Und die beiden gingen weiter. Der Prinz kaufte nun eine große Flasche davon und kehrte damit zu seiner Mutter heim. Er wusch und reinigte dann mit der Medizin die Augen der Mutter und setzte sie ihr wieder ein. Sprach die Mutter: »Wasch' sie noch ein bißchen, sie sind noch ein wenig trübe.« Der Jüngling nahm sie wieder heraus, wusch sie, machte sie schön sauber und gab sie seiner Mutter wieder: »Nicht wahr, Mütterchen, nun sind sie klar?« Und die Mutter antwortete: »Ja, nun sind sie schön sauber,« und sie saßen wieder fest wie bei andern Menschen. Und sie konnte jetzt ihre Jacken nähen und ein Paar Hosen, die der Jüngling tragen sollte. Eines guten Tages veranstalteten die Leute einen Hahnenkampf. Der König ging auch hin, um sich die Menge anzusehen, die beim Hahnenkampf versammelt war. Es waren sehr viele Leute. Auch der kleine Prinz begab sich dorthin. Und damit die Leute nicht sehen konnten, daß er einen Stern auf der Stirn hatte, umwand er sie mit einem Tuche. D'rauf nahm er einen kleinen Hahn und ließ ihn gegen den großen Hahn eines andern kämpfen. Zuvor sprach der Prinz zu dem Manne: »Setze nur einen kleinen Preis aus, denn mein Einsatz ist auch nur gering.« Und der Mann sagte: »Gut.« Nun ließen sie die Hähne gegeneinander los. Der des Prinzen gewann. Vor Freude darüber tanzte er. Und beim Tanze löste sich das Tuch, das er um die Stirn gewickelt hatte, so daß der König sehen konnte, daß der Jüngling einen Stern auf der Stirn hatte. Der König rief ihn heran und sagte: »Morgen kommt in meinen Palast, ich will ein Fest geben.« Der Prinz entgegnete: »Ja, Herr König! Aber Euer Diener fürchtet sich, Euer Haus zu betreten.« Der König erwiderte: »Morgen müßt Ihr mit Eurer Mutter nach jenem schwarzen Hause kommen.« Und darauf antwortete der Prinz: »Gut, Herr König, morgen vormittag werden Eure Diener vor Euch erscheinen.« Und der König sagte: »Gut.« Am folgenden Morgen sprach der Prinz zu seiner Mutter: »Wenn wir nun nach dem Palaste des Königs gehen, dann schweige und öffne deinen Mund nicht, ich will mit dem König reden.« Darauf machten die beiden sich auf den Weg. Als sie vor'm Palaste ankamen, ging der König ihnen entgegen und lud sie ein, hereinzukommen. Der König bat sie, Platz zu nehmen und befahl einem Sklaven, schleunigst die Speisen aufzutragen: »Denn ich will mit den beiden essen.« Die Sklaven brachten also die Speisen herein. Und wie sie zur Hälfte mit dem Essen fertig waren, redete der Prinz mit dem König über vergangene Zeiten. Der König sagte: »Gut«, und der Prinz fuhr fort: »Es war einmal eine Prinzessin, die wohnte in einem andern Land und wusch ihr Haar in einem Flusse. Ein Prinz nahm sie mitsamt einer Dienerin gefangen und brachte sie auf sein Schiff. Die Prinzessin wurde sein Ehegemahl. Eines Abends vor Sonnenuntergang verließ die Prinzessin mit der Dienerin das Gemach, um noch einen Blick über das Meer zu tun. Doch die Dienerin war tückisch und stieß das Ehegemahl des Prinzen über Bord. Darauf ging die Dienerin in das Gemach der Prinzessin, legte die Gewänder der Prinzessin an und sich auf das Bett. Die Prinzessin war jedoch nicht in die Tiefe gesunken, sondern hielt sich am Kiel fest, um so ins Land des Prinzen zu gelangen. Sie ließ das Schiff nicht los. Als sie Grund fühlte, tastete sie sich auf dem Sande aufs Trockene. Und wie sie dahin gekommen war, gebar sie einen Sohn, der hatte einen Stern auf der Stirn.« Der König erinnerte sich sehr wohl all' dieser Geschehnisse und sagte: »Dann sind es wohl meine Frau und mein Sohn.« Und sogleich schritt er auf sie zu, umarmte sein Ehegemahl und seinen Sohn, und alle drei weinten. Als sie sich ausgeweint hatten, befahl der König den Dienern, seine Würdenträger und Untertanen zusammenzurufen, um über die Dienerin Gericht zu halten. Als die Würdenträger alle beisammen waren, erhielten etliche den Auftrag, in den Palast zu gehen und die Dienerin herauszuholen. Wie die Leute bei ihr erschienen, schrie sie: »Nehmt mich nicht gefangen, meine Augen können das Licht nicht vertragen!« Doch die Leute antworteten: »Schön, ob deine Augen das Licht vertragen können oder nicht, wir nehmen dich doch gefangen.« Schreiend schoben sie sie nach der Tür. Als man darauf ihr Gesicht entschleierte, sahen die Leute, daß ihr Antlitz schwarz und ihr Haupt kahl war. Und der König befahl, sie mit ausgereckten Gliedmaßen an dem Tor des Büffelstalls festzubinden. Wie dann die Leute die Wasserbüffel in den Stall trieben, geschah es, daß die Stiere gegen sie anliefen und in viele Stücke zerrissen. 49. Die Geschichte vom ringwurmkranken Kerisen Ein Jüngling verliebte sich in die Tochter eines Königs. Der Jüngling bekam vom Könige jedoch nicht die Erlaubnis, die Prinzessin zu heiraten. Und so verabredeten die beiden, da dies doch nun der Wille des Königs war, zu flüchten. Die Prinzessin sagte zum Jüngling: »So wollen wir es machen: wenn der Spottvogel ruft, dann halte die Pferde von Vater bereit, auf denen wir reiten können. Hast du alles fertig, dann komm' und wecke mich mit einem Stock, den du durch ein kleines Loch steckst und fang' mich am Fenster auf.« Der Jüngling erwiderte: »Gut, das wollen wir machen.« Nachdem sie ihren Plan gemacht hatten, begab sich der Jüngling wieder nach Hause. Nun traf es sich, daß Kerisen, der ringwurmkrank war, gerade beim Könige Wache hielt. Der hatte alles gehört, was die Prinzessin und der Jüngling miteinander abgemacht hatten. Bevor der Spottvogel gerufen hatte, stellte er die Pferde bereit, denn er wollte die Prinzessin entführen. Als die Pferde gestellt waren, weckte er die Prinzessin und fing sie am Fenster auf; er verfuhr genau so, wie der Jüngling es mit der Prinzessin verabredet hatte. Als er der Prinzessin in den Sattel geholfen hatte, stieg er auch auf, dann flohen sie so weit, daß der König sie nicht mehr erreichen konnte. Solange es noch dunkel war, hatte die Prinzessin es nicht merken können, daß Kerisen sie entführt hatte. Sie waren schon ein gut Stück geritten und bereits in den großen Wald gelangt, da überraschte sie das Tageslicht. Und als es heller Tag geworden war, da sah die Prinzessin, daß der Kerisen sie entführt hatte. Sie sagte: »O Kerisen, wie hast du mich betrogen! Ich glaubte, es wäre mein Verlobter.« Kerisen antwortete: »Nun, was wollt Ihr, umkehren oder mir folgen? Ich werde weiterziehen.« Die Prinzessin antwortete: »Was soll ich nur machen? Dir nicht folgen? Aber ich fürchte mich ja so vor der Heimkehr.« Sie zogen also weiter und kamen an die See. Und als sie am Strande entlang ritten, sahen sie einen Fisch, den fing Kerisen. Da sagte der Fisch: »O Kerisen, iß mich nicht auf.« Kerisen erwiderte: »O nein, aber ich muß dich doch essen!« Der Fisch sprach: »Iß mich nicht auf, sondern tu folgendes: nimm drei von meinen Barthaaren, und wenn du einmal in Schwierigkeiten gerätst, dann nimm eins, verbrenn' ein bißchen davon, und sogleich werde ich zur Stelle sein.« Da nahm Kerisen die drei Barthaare und ließ den Fisch los. Kerisen und die Prinzessin entfernten sich und ritten wieder in den Wald. Und als sie so weiterzogen, schauten sie einen Bach, darin trieb eine Limone. Sie sagten sich: »O, dann muß hier in der Nähe ein Dorf sein, denn dort treibt ja schon eine Limone.« Und so ritten sie bachaufwärts und gelangten nach der Hütte einer Witwe. Als sie da ankamen, sagten sie zu der Witwe: »Großmütterchen, wir möchten, daß du unsere Mutter wirst.« Die Witwe erwiderte: »Ach, wollt ihr mich arme Frau zur Mutter haben? Seht doch her, von mir könnt ihr nichts erben.« Kerisen und die Prinzessin entgegneten: »Wie dem auch sei, wir möchten gern, daß du unsere Mutter bist.« Die Witwe versetzte: »Gut, so sei es denn!« So blieben Kerisen und die Prinzessin im Hause ihrer neuen Mutter. Nun hatte die Prinzessin bei ihrer Flucht das Zaubergerät ihres Vaters mitgenommen; und nachdem sie einige Tage bei ihrer neuen Mutter gewohnt hatten; zauberten sie ein Haus, das war prächtig verziert und mit allem ausgestattet, was in ein Haus hineingehört. Als der König dies schöne Haus von Kerisen und der Prinzessin gesehen hatte, da wunderte er sich und wünschte ihm ein Unglück, damit er das Haus mitsamt der Prinzessin bekäme. Das böse Geschick, was der König dem Kerisen zudachte, war, daß er ihn nach Osten, wo die Sonne aufging, sandte. Denn wer je dahin gezogen war, kehrte für gewöhnlich nie wieder zurück, da er von den Leuten dort totgeschlagen wurde. Der König rief daher Kerisen zu sich und sagte: »Kerisen, du mußt eine Kalabasse nehmen und mir darin Wasser aus dem Lande des Ostens, wo die Sonne aufgeht, holen.« Als der König das gesagt hatte, machte Kerisen sich auf den Weg. Er war voll Kummer, denn er wußte sehr wohl, daß er nicht wieder zurückkommen würde, sondern im Lande des Ostens sterben mußte. Unterwegs erinnerte er sich an den Fisch und dachte: »Ich habe ja die Barthaare des Fisches bei mir.« D'rauf verbrannte er ein wenig von einem Haar, und sogleich erschien der Fisch und fragte: »Was beschwert dich? Warum läßt du mich rufen?« Kerisen erwiderte: »Der König sandte mich, um Wasser aus dem Lande des Ostens, wo die Sonne aufgeht, zu holen. Wer nun nach Osten wandert, kommt selten von dort zurück, für gewöhnlich wird man in jenem Lande umgebracht.« Der Fisch antwortete: »Du mußt folgendes tun: Setz' dich auf mich, ich bringe dich ins Land des Ostens, aber eins sage ich dir, von hier ab bis ins Land des Ostens darfst du kein Wort sprechen, was auch geschehen mag, du darfst keinen Laut von dir geben, sonst mußt du sterben.« Nachdem der Fisch dies zu Kerisen gesagt hatte, brachen sie auf. Als sie ins Land des Ostens gekommen waren und bei dem Brunnen anlangten, wo die Sonne aufging, sprach der Fisch zu Kerisen: »So, hier schöpfe Wasser!« Da schöpfte er das Wasser und sah nun, wie viele Prinzessinnen dort am Brunnen aufpaßten. Kerisen hatte gerade begonnen, Wasser zu holen, da kam auch schon eine Prinzessin und sagte: »Du Dieb! Weshalb stiehlst du das Wasser, das wir bewachen?« Kerisen gab keinen Laut von sich, so daß er unbehindert sein Wasser holen konnte. Als er fertig war, stieg er wieder auf den Fisch, und sie kehrten nach Westen heim. Als sie aufbrechen wollten, sagte die Prinzessin: »Ich will lieber mit euch gehen, ich fürchte mich, hier zu bleiben, denn ihr habt vom Wasser genommen und darum wird der Herr, dem das Wasser gehört, mir sehr zürnen.« So folgte denn die Prinzessin dem Kerisen. Als sie wieder im Westen angekommen waren, an der Stätte, wo Kerisen den Fisch gerufen hatte, schieden sie voneinander. Der Fisch begab sich heim, und Kerisen samt der Prinzessin zogen weiter westwärts nach dem Hause von Kerisen. Als sie da anlangten, ließ Kerisen die Prinzessin und das Wasser dort. Dann begab er sich zum König und sagte: »Ich bin wieder da!« Der König überzeugte sich, daß er es wirklich war, und war darüber baß erstaunt. Doch sprach er zu ihm: »Es ist gut, daß du wiedergekommen bist.« Darauf schickte der König Kerisen wieder aus, diesmal nach Westen, wo die Sonne unterging, denn er war ja schon im Osten, wo die Sonne aufging, gewesen. So begab sich Kerisen also mit demselben Auftrage wie vordem nach Westen, wo die Sonne unterging, und wie aus dem Lande des Ostens brachte er auch diesmal eine Prinzessin aus dem Lande des Westens mit. Als er wieder zu Hause war, ließ er die Prinzessin und das Wasser zurück. Er ging zum Könige und sagte: »Ich bin wieder da.« Als der König den Kerisen wieder vor sich sah, war er sehr erstaunt, aber er sprach: »Nun, es ist gut, daß du wieder da bist.« Als der König einsah, daß er sich auf diese Weise des Kerisen nicht entledigen konnte, schickte er seine Leute aus, die mußten viel Holz zu einem Scheiterhaufen zusammenschleppen, worauf Kerisen geworfen werden sollte. Als der Holzstoß hell aufloderte, wurde Kerisen hineingestoßen, damit er verbrannte. Und als er tot war, sagte der König: »Nun ist er endlich tot.« Als die Prinzessin, die Kerisen aus dem Westen, wo die Sonne unterging, und die Prinzessin, die Kerisen aus dem Osten, wo die Sonne aufging, geholt hatte, dies vernahmen, sprachen sie: »Wir wären ja keine Frauen, wenn wir nicht verstünden, ihn wieder lebendig zu machen.« Darauf flehten sie um Regen, der löschte den Scheiterhaufen aus, so daß die Gebeine von Kerisen nicht ganz zerfielen. Als das Feuer aus war, sammelten sie die Gebeine und fügten sie wieder aneinander. Und wie sie das getan hatten, holten sie auch die Asche zusammen und streuten sie über die Gebeine. Darauf begossen sie die Reste mit dem Wasser, das Kerisen aus dem Lande des Ostens und aus dem Lande des Westens geholt hatte. Als sie alles mit dem Wasser besprengt hatten, stand Kerisen wieder lebendig vor ihnen, ein Mensch wie vordem. Nun sann Kerisen auf ein Mittel, wie er sich am Könige rächen könnte. Er fragte seine Mutter: »Mutter, sag' mal, was für ein Gewand trug der alte König bei seinem Tode?« Die Mutter erwiderte: »Ja, das weiß ich noch, denn ich habe es ja selber genäht.« Darauf sprach Kerisen: »Sei so lieb und nähe mir solch ein Gewand, wie er damals trug, ich möchte inzwischen etwas anderes machen.« Die Mutter nähte ihm ein solches Gewand. Und als es fertig war, legte Kerisen es an und stattete darin mit den Prinzessinnen dem König einen Besuch ab. Als der König Kerisen erblickte, erschrak er und fragte: »Irr' ich mich nicht? Bist du wirklich der Kerisen, der verbrannt wurde?« Er erwiderte: »Ja, das bin ich!« Und er erzählte: »Wie es kam, daß ich wieder da bin? Nun, kurz nachdem ich auf den Scheiterhaufen gelegt worden war, versank die Stätte, wo ich lag, in die Erde, und ich kam in eine wunderschöne, prächtige Stadt. Wie ich da die Große Straße entlang ging, nach Norden, wurde ich plötzlich von einem vornehmen Mann angesprochen, den ich nicht kannte. Er sagte: ›Woher kommt Ihr?‹ Ich erwiderte: ›Von der Oberwelt.‹ D'rauf redete er weiter: ›Ich bin hier der König des Reiches unter der Erde und der Vater des Königs vom Reiche in der Oberwelt. Wie geht es denn dem Könige in der Oberwelt?‹ Ich antwortete: ›O, ihm geht es gut, er ist ganz gesund.‹ Dann sagte er: ›Begib dich wieder nach oben und bestelle dem Könige, daß er mit seiner Frau und der gesamten Obrigkeit hierherkommen soll; nur die Prinzessinnen sollen oben bleiben und auf den Palast passen.‹« Der König fragte: »Ist das auch wirklich wahr? Hältst du uns auch nicht zum Narren?« Kerisen entgegnete: »Damit der König nicht behaupte, ich möchte ihn narren, zeige ich Euch hier das Gewand des Königs von der Unterwelt; er hat es mir mitgegeben, damit Ihr nicht an meinen Worten zweifelt.« Wie der König das Gewand sah, erkannte er es als dasjenige, womit sein Vater nach seinem Tode bekleidet worden war. Da wurde der König guter Laune und fragte Kerisen: »Welchen Weg müssen wir denn einschlagen?« Kerisen erwiderte: »Nun, ihr müßt euch auf einen Scheiterhaufen legen, wie Ihr es mit mir machtet. Da ihr aber recht zahlreich seid, müßt ihr einen sehr großen Holzstoß herrichten.« Damit schickte der König viele Leute aus, die mußten Holz schlagen. Als das Holz aufgeschichtet war, wurde es in Brand gesetzt. Und wie es hell aufloderte, sagte Kerisen: »So, nun stürzt euch alle hinein!« Da warfen sich der König, seine Frau und die ganze Obrigkeit in die Flammen. Und wie sie drinnen waren, sprach Kerisen: »Nun bin ich hier König.« So wurde Kerisen König, denn der rechte König war mit seinem ganzen Gefolge umgekommen. Das ist die Geschichte vom Kerisen. 50. Kaduan Es war einmal ein Mann, der hieß Kaduan. Der hatte eine Frau und sieben Töchter. Die litten alle an einer bösen Hautkrankheit und waren so verhungert, daß es nicht mehr lange dauern konnte, dann mußten sie die Asche vom Herde verzehren. Eines Tages sagte Kaduan zu seinen Töchtern: »So kann es nicht mehr weitergehen. Ich werde euch Ehemänner suchen.« Die Töchter trugen Gewänder aus Baumrinde. Deshalb sagten sie zu ihm: »Vater, weshalb willst du für uns Gatten suchen? Es ist unnötig. Wir sind Frauen, die an ihrer Krankheit eingehen, wir haben nicht einmal etwas zu essen, weil wir so arm sind; unser Haus ist eine zusammengefallene Hütte; der Firstbalken ist schon heruntergebrochen und ruht mit dem einen Ende auf der Erde.« Trotzdem machte Kaduan sich am nächsten Morgen auf und kam schließlich an einen Badeplatz im Flusse, dessen Sand und Geröll aus Goldperlen bestand, wo statt der Früchte an den Bäumen Gongs und Glocken hingen; und die Gongs und Glocken erdröhnten, wenn der Wind sie bewegte. Kaduan badete und begab sich dann über den Fluß nach dem Hause eines Mannes, namens Galunghan. Vor dem Hause liefen viele Hühner hin und her, denn Galunghan war sehr reich. Kaduan stieg die Treppe zum Hause empor, wo Galunghan ihn begrüßte und fragte, wohin er wollte. »Ich sehe mich nach Gatten für meine Töchter um,« antwortete Kaduan, »wenn sich das schließlich auch nicht gehört, aber deine Jungen sind ebensoviel wert wie meine Kinder, einerlei, ob wir da ihr Aussehen oder ihren Reichtum in Betracht ziehen. Sieben Monate lang bin ich in den Dschungeln gewesen. Daher sind meine Kleider so vertragen. Als ich von Hause fortging, strotzten sie auch von Gold wie deine.« »Du mußt aber gehörigen Hunger haben,« versetzte Galunghan, »wenn du sieben Monate lang in den Dschungeln herumgelaufen bist. Ich werde für dich Essen bereiten lassen.« Darauf entgegnete Kaduan: »Wenn du für mich kochen läßt, dann laß aber nicht für drei bis vier Leute anrichten, sondern für fünf bis sechs; ich habe einen mordsmäßigen Hunger.« Da hieß Galunghan einige mächtige Töpfe Reis kochen und ließ dazu drei Hühner reichen. Als Kaduan das verzehrt hatte, meinte der Nachbar von Galunghan: »Der Mann muß einen mächtig großen Magen haben; der muß so groß wie ein Korb sein.« Kaduan schaute von den Tellern auf und um sich herum; und als er wieder hinsah, waren auf den Tellern neue Berge von Reis und Fisch aufgetürmt; niemand hatte sie vor ihn hingestellt, sie waren von selber erschienen. »Es wird schon wahr sein,« meinte Galunghan, »daß der Fremde wirklich große Besitztümer im Hause hat; er hat ja alle Speisen vertilgt, und wenn er sich umschaut, dann füllen sich die Teller und Schüsseln, von denen er gegessen hat, ganz von selbst mit neuen Sachen.« Kaduan aß nochmals und sagte dann zu Galunghan: »Frage doch deine Söhne, ob sie meine Töchter heiraten wollen. Ich mag nicht länger suchen, denn ich kann in diesem Lande niemand finden, der ihrer Schönheit würdig wäre, und auch niemand, der es im Reichtum mit ihnen aufnehmen könnte.« Da befragte Galunghan seine sieben Söhne, und der Älteste antwortete: »Vater, ich habe keine Lust, ich kenne diesen Kaduan gar nicht und weiß nicht, ob er ein übler oder braver Geselle ist.« Doch der Jüngste meinte: »Was mein Vater befiehlt, werde ich tun.« »Vielleicht glaubt ihr, daß er ein armer Schlucker ist,« sagte Galunghan, »seine Kleider sind nur verschlissen, weil er so lange in den Dschungeln war.« Doch der Älteste weigerte sich trotzdem, zu heiraten; als er aber sah, daß die andern einwilligten, sagte er: »Schön, ich will nicht zurückbleiben, ich werde also auch gehen.« »Dann gilt es als abgemacht,« erwiderte Kaduan, »ich werde also über sieben Tage nach Hause reisen, dann komme ich wieder, um deine Söhne zur Hochzeit abzuholen. Es wäre nicht schicklich, wenn meine Töchter hierher kämen, denn ich habe ja die Gatten für sie ausgesucht.« Kaduan ging nach Hause, und als er dort ankam, sah er, wie seine Töchter die Herdasche verzehrten. Er sagte zu ihnen: »Ich habe für euch Gatten gefunden, die Söhne von Galunghan, und in sieben Tagen sollt ihr heiraten.« »Du bringst uns nur Schande,« erwiderten seine Töchter, »denn wir haben eine böse Hautkrankheit und außerdem nichts zu essen.« »Warum tut ihr nicht, was ich euch sage?« versetzte Kaduan, »Galunghans Söhne tun, was ihr Vater ihnen befiehlt.« Als die Zeit um war, brach Kaduan wieder auf und zog seine Kleider aus Baumrinde an. Er begab sich zu Galunghan, stieg die Stufen zum Hause empor, rief nach Galunghan und sagte: »Ich komme in meinen alten Kleidern wieder. Jeder weiß ja, wie reich ich bin, und ich fürchtete, daß man mich ausrauben und totschlagen möchte, wenn ich meine goldenen Gewänder angelegt hätte. Mein Haus hat sieben Türen, im Dache sind sieben Fenster, sieben Schlafmatten liegen in meinem Hause, die sind eine Spanne hoch und dick. Ich habe sieben Krüge voll Arrak und bei meinen Mahlzeiten stehen fünf Schüsseln mit Reis vor mir, die esse ich in eins auf.« Darauf meinte jemand: »Wer soviel ißt, muß auch einen dicken Bauch haben,« als alle dann nach seinem Bauche hinsahen, wunderten sie sich, denn der sah gar nicht darnach aus, sondern wie der Bauch jemands, der selten etwas zu essen hat. »Gut,« sagte Kaduan, »das Fest ist in meinem Hause hergerichtet. Galunghan, komm' nur mit deinen Söhnen. Ich habe eine ganze Reihe Büffel geschlachtet, auch Reis in Mengen gekocht. Doch habe ich kein einziges Huhn.« Am andern Tage machten sie sich auf nach Kaduans Hause, Kaduan, Galunghan und seine sieben Söhne. Kaduan ging in fliegender Eile, so daß er alle Augenblicke stillstehen und auf Galunghan und seine sieben Söhne warten mußte. Kaduan kam zuerst im Hause an und befahl seiner Frau und den Töchtern, hinauszulaufen und sich zu verstecken. Sie wälzten sich aus dem Hause in die Dschungeln, denn infolge ihrer Krankheit vermochten sie nicht zu gehen. Als Galunghan mit seinen sieben Söhnen ankam, hofften sie ein prächtiges Haus finden zu sollen. Aber alles was sie sahen, war eine zusammengefallene Hütte, auf die ein schmaler Pfad hinführte, den ein einzelner Mann ausgetreten haben mußte - Kaduan war auch in die Dschungeln geflüchtet. Nach einer Weile kam Kaduan wieder zum Vorschein und sagte: »Galunghan, jetzt magst du mich töten.« Er bat einen nach dem andern, aber keiner war dazu bereit. Da rief Galunghans Jüngster: »Vater, ich will ihn erschlagen.« Er griff nach seinem Schwerte und hieb Kaduan in den Arm, bis auf den Knochen. Viel Blut floß aus der Wunde. Als Galunghans Sohn losschrie und Kaduan in die Nähe des Hauses trieb, verwandelte sich das Blut, das aus Kaduans Wunde rann, in Büffel, Rindvieh und Hühner. Auch das Haus wurde wieder neu und schön, man hörte das Dröhnen der Gongs da drinnen. Da wunderte sich Galunghan und sagte: »Der Mann ist ja noch reicher als ich.« Kaduan holte jedoch seine Kinder aus dem Versteck heraus. Sie waren wieder gesund und wunderschön geworden, trugen prächtige Gewänder, auch Kaduans abgetragene Kleider hatten sich in goldene verwandelt. Kaduan schlachtete nun sieben Ochsen und sieben Kühe, brachte auch sieben Krüge Arrak heraus und gab dem Galunghan ein großes Fest. Als das Schmausen und Saufen vorüber waren, kehrte Galunghan heim. Seine Söhne blieben aber bei Kaduan. 51. Serungal Ach,« sagte Serungal, »es hat ja keinen Zweck, wenn ich hier verweile. Ich tue besser und heirate die Tochter eines Radjas.« Nun war Serungal aber ein grundhäßlicher Mann. Er begab sich an den Hof des Radjas. Unterwegs kam er in ein Dorf, das an einem Flusse lag. Die Leute schrien und rannten umher, und als er hinzuging, sah er, wie sie eine Ameise töteten. »Warum tut ihr das?« fragte Serungal. Die Leute liefen davon und ließen von der Ameise ab, die nun weiterkrabbelte. Als er an den Badeplatz kam, lärmten die Leute wieder. »Was ist denn hier wieder los?« dachte Serungal und ging näher, um nach der Ursache zu sehen. Als er da anlangte, sah er, wie die Leute versuchten, eine nenekput, eine Feuerfliege zu töten. Er redete sie an und wiederum liefen sie weg. Als er schließlich in ein anderes Dorf kam, und zum dritten Male die Leute am Ufer lärmen hörte, ging er auf das Geschrei zu und sah, wie sie ein Eichhörnchen umbringen wollten. »Tut das nicht!« sagte Serungal, und die Leute machten, daß sie fortkamen. Es währte noch eine lange Zeit, da erreichte Serungal den Palast des Radjas, und der Radja sagte zu ihm: »Serungal, wohin willst du?« - »Na,« antwortete der, »ich will mit meinen Plänen nicht hinterm Berge halten; ich möchte dich um die Hand deiner Tochter bitten.« Da sagte der Radja zu ihm: »Siehst du den Korb mit Reis dort? Ein Mann soll sich aufs Pferd setzen und den Reis verstreuen, und wenn du ihn mir dann wieder in den Korb einsammeln kannst, so daß er voll wird, will ich dir die Hand meiner Tochter geben.« Serungal dachte nach: »Wie soll ich den Reis nur auflesen, wenn er vom Pferde herab ausgestreut wird?«; aber schließlich meinte er: »Ich will es versuchen,« und er dachte so bei sich: »Wenn ich ihn nicht zusammen bekomme, gehe ich nach Hause, dann bleibe ich nicht mehr hier.« Darauf befahl der Radja einem Burschen, sich aufs Pferd zu setzen und den Reis zu verstreuen. Der Junge stieg auf und verstreute den Reis überall hin, bis er alle war. »So,« sagte der Radja, »nun gehe ich nach Hause. Ich warte zwei bis drei Stunden, und wenn du bis dahin den Reis nicht wieder beisammen hast, bekommst du meine Tochter nicht.« Serungal ging nun los, um den Reis aufzulesen; nach Verlauf einer halben Stunde hatte er aber erst eine Kokosschale halb voll. Da weinte er. Nach einer Weile erschien die Ameise und fragte: »Weshalb weinst du?« - »Weil der Radja mir seine Tochter nicht geben will,« antwortete Serungal. »Nur wenn ich den Reis, den er verstreuen ließ, wieder beisammen habe, soll ich sie erhalten. Und ich habe erst eine halbe Schale voll Reis gesammelt!« - »Nun, dann weine man nicht mehr,« sagte die Ameise, »ich will dir helfen, weil du mir halfst, als die Leute mich töten wollten.« Darauf rief sie ihre Gefährten, und die trugen den Reis zusammen, bis der Korb voll war. Serungal schleppte den Korb nach dem Palaste. Als der König ihn von weitem kommen sah, wunderte er sich. Und als er da war, sagte der Radja zu ihm: »Ja, du sollst meine Tochter bekommen, aber erst mußt du noch auf die Betelpalme steigen und mir Nüsse herunterholen.« Nun war die Betelpalme des Nadjas so hoch, daß ihr Wipfel in die Wolken ragte und gar nicht mehr gesehen werden konnte. Als Serungal die Palme erblickte, sagte er sich: »Wie soll ich da nur hinaufkommen? Ich falle ja herunter, bevor ich zur Hälfte oben bin.« Der Radja ging nach Hause, und Serungal stieg auf die Palme hinauf; kaum war er etwa zwei Ellen hoch, da fiel er auch schon wieder herunter. Er fing an zu weinen. Nach einem Weilchen kam das Eichhörnchen und fragte ihn, warum er weinte; Serungal erzählte ihm, daß der Radja ihm gesagt hätte, er müßte ihm erst die Betelnüsse herunterholen, dann könnte er seine Tochter erhalten. »Schön,« erwiderte das Eichhörnchen, »ich will dir helfen.« Und es kletterte an der Palme in die Höhe und holte dem Serungal alle Nüsse herunter. Auch nicht eine einzige blieb mehr oben. Serungal war noch weit vom Palaste entfernt, da gewahrte ihn schon der Radja und sagte: »Der Mann kann mehr als ich, er hat die Betelnüsse geholt, um die sich so viele vergeblich bemühten.« Und der Radja sagte dem Serungal, daß er eine seiner Töchter bekommen könnte. Nun hatte der Radja sieben Töchter; die siebente und jüngste war die schönste, von ihr hatte Serungal erzählen hören. Sprach der Radja: »Wenn es dunkelt, begib dich in meinen Palast, und die Tochter, welche du zuerst im Schlafgemach findest, soll deine Frau sein. Du mußt aber spät nachts kommen, wenn es ganz dunkel ist.« »Na,« dachte Serungal, »wie soll ich nun bloß die Jüngste finden, wenn es dunkel ist und ich nichts sehen kann?« Gegen Abend begab Serungal sich nach dem Palaste des Radjas und wartete dort, bis es ganz dunkel war. Dann fing er an zu weinen, er wußte ja nicht, wie er es anstellen sollte, um des Radjas jüngste Tochter herauszufinden. Schließlich erschien die Feuerfliege und fragte ihn, warum er weinte. Serungal erzählte ihr, daß er die Tochter des Radjas bekommen sollte, der er zuerst begegnete, und er wollte doch die jüngste haben. »Sei nur ohne Sorge,« erwiderte die Feuerfliege, »ich will sie schon herausfinden. Ich setze mich auf ihre Nase, und wo du etwas aufglühen siehst, weißt du, ist die Stelle, wo des Radjas jüngste Tochter schläft.« Serungal begab sich darauf nach dem Frauengemach, und als er die Feuerfliege bemerkte, trug er das Mädchen, auf dem sie saß, in ein anderes Gemach. Und am andern Morgen kam der Radja und wollte sehen, welche er sich erwählt hatte. Siehe da, es war die jüngste und schönste. Da mußte der Radja ihn, ob er nun wollte oder nicht, doch zum Schwiegersohne nehmen. 52. Die faule Frau mit dem Korbe Es war einmal eine Frau, die war sehr faul. Sie wollte nicht arbeiten, ja, sich kaum baden; nur einmal wusch sie sich in zehn Tagen. Eines Tages ging sie nach dem Badeplatz. Da rief eine Nipapalme nach ihr, die auf der anderen Seite des Ufers wuchs. Die Palme rief und rief, aber die Frau war viel zu faul, um zu antworten oder über den Fluß zu fahren und zu fragen, was sie wollte. Schließlich sagte die Nipapalme: »Warum bist du denn so faul, daß du nicht mal über den Fluß fahren willst? Auf deiner Seite ist doch ein Kahn; steig' ein, rudere herüber und hole dir meine jungen Blattsprossen.« Ganz langsam und bedächtig trottete die faule Frau nach dem Kahn, ganz langsam und bedächtig fuhr sie über das Wasser und holte sich dann die Blattsprossen. Darauf sagte die Nipapalme: »Ich rief dich, weil du so faul bist. Nimm nun diese Sprossen mit, trockne sie ein wenig in der Sonne und mach' dir daraus einen Korb.« Die faule Frau hätte beinahe geweint, als sie hörte, daß sie einen Korb machen sollte; sie nahm jedoch die Sprossen mit nach Hause und flocht auch richtig den Korb. Als er fertig war, sagte er zu der Frau: »So, nun bringe mich an den Weg, wo die Leute zu Markte ziehen, setze mich dort hin, wo alle vorüber müssen, und dann geh' nach Hause.« Die Frau nahm den Korb und tat, wie ihr geheißen war. Viele Menschen zogen vorüber, niemand bemerkte ihn, bis schließlich ein reicher Mann des Weges kam. Als der ihn sah, sagte er: »Den Korb will ich nach dem Markte mitnehmen, da will ich meine Einkäufe hineinpacken, und treffe ich den Eigentümer auf dem Markte, dann kann ich ihn ihm wiedergeben.« Darauf ging der reiche Mann auf den Markt und fragte jeden, ob er einen Korb vermisse, aber niemand meldete sich. »Schön,« sagte der reiche Mann, »dann gehört er mir, ich werde meine Einkäufe hineinpacken und ihn mit nach Hause nehmen; wenn ihn jemand beansprucht, mag der zu mir kommen und ihn sich holen.« Und der reiche Mann packte alle seine Einkäufe hinein: Betelnüsse, Kalk, Kuchen, Fische, Reis und Bananen, bis der Korb voll war; wie nun der Mann sich noch ein Weilchen mit seinen Freunden unterhielt, verschwand der Korb und begab sich nach dem Hause der faulen Frau. Als er noch ein Stückchen vom Hause ab war, rief er die faule Frau. »Nun komm' her, komm' her und hilf mir, ich kann das Gewicht nicht allein schleppen.« Da ging die Frau zum Korbe hinaus, obschon sie dem Weinen nahe war, daß sie dies tun mußte, und holte ihn heim. Als sie sah, was für schöne Sachen darin lagen, meinte sie: »Das ist ja ein herrlicher Korb, aber vielleicht will er seinen Lohn dafür haben. Jedenfalls kann ich, wenn das immer so geht, ein recht gemütliches Leben führen. Ich brauch' den Korb doch nur an den Weg nach dem Markte zu setzen.« So setzte die Frau denn an den Markttagen den Korb immer an den Weg hin, und stets kehrte er gefüllt nach Hause zurück. Sechs Leute betrog er auf diese Weise um ihr Eigentum. Nun machte es sich, daß die Sechse, die so ihre Habe eingebüßt hatten, den Korb wieder trafen, als sie zum siebenten Male zu Markte zogen. Sie erkannten den Betrüger sogleich wieder. Und diesmal sammelten sie Kuhfladen zusammen und füllten den Korb damit bis oben hin an. »Denn,« sagten sie, »dieser Korb ist ja ein abgefeimter Schurke.« Der volle Korb wanderte nicht auf den Markt, sondern begab sich nach Hause. Als die faule Frau ihn kommen sah, eilte sie zum Hause heraus. Als sie aber sah, daß er voller Kuhfladen war, schrie sie laut auf: »O, nun werde ich sterben müssen, denn der Korb bringt mir ja nichts mehr zu essen.« Und wirklich, fortan brachte der Korb nichts mehr vom Markte heim. 53. Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig In uralten Zeiten lebte einmal in den Bergen eine schöne, reiche Prinzessin, die war geschickt im Aufgeben und gewandt im Lösen von Rätseln. Weil sie nun gar so schön und dazu so reich war, bewarben sich viele Prinzen um ihre Hand; doch wollte niemand ihr gefallen. Und da der Bewerber trotzdem nicht weniger wurden, so ließ sie überallhin verbreiten, daß sie sich niemals verheiraten würde, es sei denn, es melde sich einer, der besser als sie Rätsel aufgeben und lösen könne. Sie machte zur Bedingung, daß der, dessen Rätsel sie lösen, oder der das von ihr aufgegebene Rätsel nicht zu lösen vermöchte, gehängt werden sollte; den Sieger wollte sie aber zum Gemahl nehmen. Manch' ein Prinz meldete sich; doch löste keiner die Aufgabe; und alle mußten eines schmählichen Todes sterben. Nun lebte weit, weit vom Palaste der Prinzessin entfernt, ein König; dem hatte seine Gemahlin einen Sohn geschenkt, der Salmon genannt wurde. Er war der einzige Sohn. Und damit er nicht allein wäre, gesellten die Eltern ihm einen Spielkameraden. Er hieß Luis und war so alt wie der Königssohn. Beide wurden in strengster Abgeschlossenheit erzogen, denn der König wollte nicht, daß der Prinz einmal von der schönen Prinzessin und ihren Bedingungen etwas vernahm. Sie waren stets in einem Hause eingeschlossen und glaubten daher, daß die Welt nicht größer wäre als ihr Königreich. Zuweilen blickten sie einmal in die blaue Ferne, und wenn sie dort gelegentlich Rauch aufsteigen sahen, dann wandelte sie ein ängstliches Staunen an. Sie bekamen Lust, einmal über die so weit entfernten Berge zu steigen und nachzusehen, was es wohl jenseits derselben gäbe. Der Weg war aber zu lang, daß man ihn hätte zu Fuß machen können. Und ein Pferd konnten sie nicht bekommen, weil der König sie sorgsam vor ihnen verborgen hielt. Eines Tages sandte der König aber den Luis, der gerade nach dem Felde wollte, in den Wald, um sein Pferd zu holen. Der Diener gehorchte. Als er das Pferd brachte, war der König gerade im Palaste. Und so nutzten Salmon und Luis die Gelegenheit, um auf dem Pferde über die Berge zu reiten. Dabei betraf sie die Mutter und fragte: »Wohin wollt ihr denn?« »Wir wollen mal sehen,« antwortete der Sohn, »wie es jenseits der Berge ausschaut.« Die Mutter wollte sie zurückhalten; aber soviel sie auch weinte, drohte, bat und flehte; es half doch nichts. »Du und Vater habt uns lange genug eingesperrt. Nun halten wir es nicht mehr aus und fügen uns dem nicht mehr,« sagte Salmon. »Da ist es besser, wenn mein Sohn gleich stirbt,« dachte die verzweifelte Mutter. Und sogleich versuchte sie, die beiden Jünglinge mit einem schnellwirkenden Gifte zu bestreuen. Die saßen jedoch schon zu Pferde und waren davongeritten. Und das Gift war nur an das Hinterteil des Pferdes geraten. Trotzdem tat es seine Wirkung. Schon auf der ersten Rast starb das Pferd. Die beiden Jünglinge warteten ab, was wohl mit dem Pferde geschehen würde. Es dauerte auch gar nicht lange, da war es voller Maden. Zwei gefräßige Krähen machten sich schnell darüber her und fielen sogleich tot um. Salmon und Luis hoben die toten Vögel auf, schnitten sie in Stücke, räucherten sie ein wenig an und wickelten sie in Blätter ein. D'rauf setzten sie ihre Reise fort, stiegen über den letzten Berg und trafen dort auf einige Hütten, in denen sie freundlich aufgenommen wurden. Dem klugen Luis gefiel jedoch das Äußere der Leute gar nicht. Er sagte daher zu Salmon: »Die Leute werden uns während des Schlafes sicherlich bestehlen, vielleicht sogar ermorden. Wir müssen daher auf unserer Hut sein und abwechselnd schlafen und wachen.« Der Prinz konnte nicht recht wachen; der Schlaf übermannte ihn; und als sie beide schliefen, stahl man ihnen alle Sachen. Auch die zwei geräucherten Krähen hatten die Diebe gestohlen und verzehrt. Die Krähen waren jedoch vergiftet; und so hatten die Diebe sich daran den Tod gegessen. Am andern Tage reisten die beiden weiter und kamen in die Stadt der klugen Prinzessin, die sie gastlich aufnahm. Und schon am ersten Abend wollte die Prinzessin ihnen mit Aufgeben und Lösen von Rätseln aufwarten. Doch der Prinz machte Ausflüchte und sagte, daß er davon nichts verstünde. Luis flüsterte ihm aber zu, er möchte die Prinzessin bitten, ihnen zu erlauben, sich einige Augenblicke zurückzuziehen. D'rauf sagte der Diener zum Prinzen: »Gib du zuerst ein Rätsel auf und zwar folgendes: Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig. Deute aber auch nicht das allergeringste an, sonst löst sie gewiß dein Rätsel.« Sie kehrten dann in das Gemach der Prinzessin zurück. Der Prinz bat, daß er das erste Rätsel aufgeben dürfte. Die Prinzessin erlaubte es. Und er sagte: »Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig. Was ist das?« Die Prinzessin gab sich nun die größte Mühe, das Rätsel zu lösen. Aber es gelang ihr nicht. Sie bat daher um einige Bedenkzeit. Luis verstand sehr wohl, was die Prinzessin wollte und sagte zu seinem Herrn: »Heute nacht schickt die Prinzessin jemanden, der mich aushorchen soll. Bleibe also wach, und sobald du mich husten hörst, mußt du herauskommen und zornig fragen, wer da solch' Getöse verursacht.« Was Luis geahnt hatte, trat ein. Kaum glaubte man, der Prinz wäre eingeschlafen, da pochte auch schon die Frau eines Häuptlings leise an die Tür. Sie bot Luis einen Sack voll Geld, wenn er ihr die Lösung verraten würde. »Ach,« antwortete der, »Geld brauche ich nicht, mein Herr ist sehr reich.« »Nun,« sagte sie, »dann gewähre ich dir alles, was du sonst noch begehrst.« Darnach bestand sie dringend auf die Erfüllung seines Versprechens und bat ihn, doch das Rätsel zu lösen. Da hüstelte Luis, und Salmon trat aus dem Gemache heraus. Voll Schrecken und Scham flüchtete die Frau; Geld und Gewand, das Luis festhielt, ließ sie zurück. Das wiederholte sich vier Nächte hintereinander. Jedesmal kam eine andere Häuptlingsfrau. Am fünften Tage sagte Luis zum Prinzen: »Heut' nacht kommt die Prinzessin selber. D'rum mußt du statt meiner vor dem Gemache schlafen.« Und die Prinzessin kam. Aber auch sie mußte flüchten, das Geld und ihr Gewand zurücklassen, als Luis aus dem Gemache trat. Doch hatte sie soviel aus dem Prinzen herausbekommen, daß er mit seinem Diener zu Pferde von Hause fortgeritten war. Das genügte der klugen Prinzessin, um das Rätsel zu lösen. Am andern Morgen antwortete sie: »Ein vergiftetes Pferd tötet zwei Krähen, und zwei vergiftete Krähen töten vierzig Menschen.« So hatte der Prinz sein Leben verwirkt und sollte gehängt werden. Als er unterm Galgen stand, bat er darum, seinem Diener noch einen letzten Gruß und Auftrag für seine Eltern mitgeben zu dürfen. Der Wunsch wurde ihm gewährt. Und der Prinz sagte: »Wir fingen eine Hindin mit einem kupfernen und einem silbernen Horn. Luis, weise einmal die Hörner vor.« Der Diener zeigte die beiden ersten Gewänder und Säcke mit Geld. »Wir fingen noch eine Hindin,« fuhr Salmon fort, »mit einem silbernen und einem goldenen Horn. Luis, weise einmal die Hörner her.« Der Diener zeigte die beiden andern Gewänder und Säcke mit Geld. Voll Scham flüchteten die vier Häuptlingsfrauen; denn ihre Gatten waren zugegen und hatten die Gewänder erkannt. Und wieder sprach der Prinz: »Wir fingen auch einen weiblichen Tiger, der hatte ein goldenes und ein diamantenes Horn. Luis, weise auch diese Hörner her!« »Laß es schon bleiben,« rief die Prinzessin, »ich sehe ein, du bist der mir bestimmte Gemahl.« Frohlockend trat der Prinz unterm Galgen hervor und wurde nun der Gemahl der klugen, reichen und schönen Prinzessin. 54. Zwei Geschichten von Sangumang 1. Sangumang und Maharadja Eines Tages waren die Leute ausgezogen, um Holz zu fällen, das sie bei der Bestellung ihrer Reisfelder gebrauchten. Auch Maharadja und Sangumang beteiligten sich mit ihren Kindern und Dienstleuten daran. Maharadja hatte einen schlechten Tag. Ihm ging das Holzfällen nicht recht von statten, denn seine Beile wurde sämtlich schnell schartig und stumpf. So oft er sie auch schärfen ließ, gleich waren sie wieder stumpf und schartig. Sangumang war schon lange mit Holzschlagen fertig und hatte seinen Bedarf gedeckt. Als Maharadja so gar nicht vorwärts kam, begab er sich zum Sangumang, um ihn um Rat zu fragen; denn Sangumangs Mutter war die Base des Maharadja. Maharadja trat ins Haus des Sangumang, der samt seiner Mutter über den Besuch hocherfreut war und Maharadja zum Essen einlud. Nach dem Essen besprachen sie ihre Arbeiten. Maharadja klagte, daß er noch lange nicht fertig wäre, denn seine Beile würden alleweil schartig. Und als er vernahm, daß Sangumang schon mit allem lange fertig war, fragte er ihn: »Wieviel Beile hast du denn?« – »Nur eins,« erwiderte Sangumang und zeigte auf sein Beil. »Lieber Neffe,« meinte nun Maharadja, »wie wäre es, wenn du es mir nur auf drei Tage borgtest? In drei Tagen habe ich die Arbeit geschafft und dann bringe ich es dir sogleich zurück.« Sangumang lieh dem Oheim gern das Beil, und seelenvergnügt zog dieser auch mit dem schönen Beile ab. Das Beil war wirklich schön, es war gut und scharf, die Bäume purzelten unter seinen Hieben nur so zu Boden, und in zwei Tagen war schon die ganze Arbeit getan. Ein solch' vorzügliches Beil wollte Maharadja über alles gern behalten. Er sann hin und her und beschloß endlich, es zu verstecken und nicht wieder zurückzugeben, wie er es doch versprochen hatte. Und als Sangumang nach drei Tagen sein Beil nicht wiederbekam, holte er es sich selber. Maharadja sah ihn kommen. Er führte ihn freundlich ins Haus und bewirtete ihn auf das beste. Als Sangumang gegessen hatte, fragte er nach dem Beile. Er hatte ja nur das eine, und es fehlte ihm. Maharadja zuckte mit der Schulter und tat so, als ob ihm etwas leid täte; er meinte: »Mein lieber Neffe, wenn du mir nun böse wirst, darf ich dir das nicht übelnehmen. Schau, das Beil war sehr gut, es war vorzüglich, in zwei Tagen war all' mein Holz gefällt, dann aber – ich begreife immer noch nicht, wie es möglich war – zerbrach das Beil, Holzwürmer hatten es zerfressen. Ich schämte mich, dir dies zu erzählen, und deshalb kam ich nicht zu dir. Nun sage, soll ich dir das Beil bezahlen oder ein anderes dafür geben? Ich bin mit allem zufrieden.« Sangumang verstand sehr wohl, daß Maharadja ihm etwas vormachte, denn es wäre ja unerhört, wenn Holzwürmer Eisen fräßen; doch er wollte seinem Oheim nicht widersprechen und sagte deshalb: »Ja, Oheim, wenn es so ist, dann ist dabei nichts zu machen, dann kann ich das Beil auch nicht wieder von dir verlangen, aber ich möchte auch keine Bezahlung dafür annehmen.« Darauf verabschiedete er sich und ging nach Hause. Er vergaß jedoch nichts, sondern sann einem Plane nach, wie er dem Oheim den schlechten Streich heimzahlen könnte. Endlich kam ihm ein Gedanke. Er begab sich wieder zu Maharadja und tat so, als ob er ihm einen freundschaftlichen Besuch machen wollte. Maharadja nahm ihn auch freundlich auf und lud ihn zum Essen ein. Nachdem sie gegessen hatten, hockten sie nieder und plauderten miteinander. Sangumang erzählte, daß um sein Haus so viel langes Gras herumstehe. Maharadja besaß nämlich viele Büffel, die alles Gras abweideten, wohin sie kamen. Deshalb fragte Sangumang seinen Oheim, ob er ihm nicht drei Büffel auf drei Tage leihen wollte, damit er das viele Gras und Unkraut los würde. Maharadja sagte mit Freuden ja: »Gewiß, lieber Neffe, gern, lieber Neffe, da werden meine Büffel fett. Nur sei so gut und bringe sie mir nach drei Tagen wieder, denn ich kann sie nicht holen.« Sangumang nahm die drei Büffel mit und dachte: »So, jetzt habe ich dich, nun will ich dir deinen Streich heimzahlen.« Als er zu Hause war, ließ er einen Büffel schlachten. Einen Teil verzehrte er mit seiner Mutter; das andere Fleisch wurde geräuchert, getrocknet oder sonstwie verwahrt. Am nächsten Tage schlachtete er wieder einen und am dritten Tage den letzten. Nun gab es im Hause des Sangumang genug Fleisch zu essen. Die drei Büffelköpfe mit den Hörnern ließ er in der Astgabel eines hohen Baumes mit Stricken festbinden. Nach drei Tagen fiel dem Maharadja ein, daß Sangumang die Büffel noch nicht wieder abgeliefert hatte. Auch am vierten Tage erschien Sangumang nicht. Da traute Maharadja der Sache nicht so recht, zumal er daran denken mußte, daß er seinen Neffen mit dem Beile betrogen hatte. Er machte sich also zum Sangumang auf, um nach seinen Büffeln zu schauen. Er guckte nach rechts, nach links, aber nirgendwo bemerkte er eine Spur von seinen Tieren. Sangumang ging ihm freundlich entgegen. Er zog ihn ins Haus; aber Maharadja hatte sich noch nicht hingesetzt, als er schon nach seinen Büffeln fragte. Sangumang antwortete: »Mein lieber Oheim, es tut mir herzlich leid, dir nun doch die traurige Wahrheit sagen zu müssen. Als ich vor sieben Tagen mit den Büffeln hier ankam, schloß ich sie für eine Weile in einen offenen Stall ein und ging in mein Haus. Als ich wieder herauskam, hatte ein großer Raubvogel sie alle drei weggeholt und aufgefressen. Vielleicht glaubst du mir nicht, aber schau nur dort oben hin, da hängen die drei Köpfe noch im Baume.« Maharadja sah in die Höhe, und richtig, da hingen die drei Köpfe, und die Hörner waren noch daran. Er wußte nicht, was er sagen sollte. Er wußte nur, daß Sangumang ihn überlistet hatte, denn es wäre doch unerhört, wenn ein Raubvogel drei Büffel geholt hätte. Sein böses Gewissen erinnerte ihn an das Beil, denn ebensowenig können Holzwürmer Eisen fressen. Er fühlte sich geschlagen, kratzte sich hinterm Ohr und ging nach Hause. 2. Sangumang und die sieben Brüder Asang baratih Es waren einmal sieben Brüder, die hießen Asang baratih. Sie führten immer das große Wort im Munde und konnten entsetzlich aufschneiden. Ihre Eltern waren dem Maharadja verwandt, doch waren sie nicht reich; sie waren arm und hatten nur eben ihr Auskommen. Sie waren dem Sangumang nicht gut Freund, denn er verstand es, ihre Großsprechereien ins rechte Licht zu setzen und sie häufig genug lächerlich zu machen. Eines Tages besuchte Sangumang die Asang baratih, die gerade ihr Mittagsmahl verzehrten. Sie nötigten ihn, ins Haus zu kommen und sagten, sie wären eben beim Essen; doch luden sie ihn nicht zur Teilnahme daran ein, reichten ihm auch keinen Betel, wie es die Sitte will. Sangumang setzte sich unter das Vordach und wartete, bis sie gegessen hatten. Sie kamen dann heraus, hockten neben ihm nieder, redeten aber nicht mit ihm, sondern führten ihr eigenes Gespräch. Schließlich wandte sich der Älteste an Sangumang und erzählte ihm, daß er gestern auf der Jagd gewesen wäre. Plötzlich hätte sein Hund angeschlagen und dann auch mit stärkerem Bellen bekundet, daß er ein Wild gestellt hatte. Er wäre nun leise herangeschlichen und hätte gesehen, wie der Hund einen großen, mächtigen Baum anbellte, der wohl zehn Klafter im Umfang gemessen hätte. »Das ist ja großartig,« sagte Sangumang, »einen solch' großen Baum habe ich noch nicht gesehen.« Dann erzählte ein anderer Bruder: »Auch ich war gestern auf der Jagd. Mit einem Male schlugen die Hunde an; wie ich meinte, daß sie ein Wild verbellten, ging ich hinzu und sah zu meiner Verwunderung einen gewaltigen Baumstamm am Boden liegen, der hatte die Form eines Beilstieles. Er war so lang, daß ich an die ein bis zwei Stunden gehen mußte, bis ich ans Ende gelangte.« – »Na,« meinte Sangumang, »da hast du mal wieder Glück gehabt.« Der dritte Bruder berichtete nun von seinem Jagdzuge; seine Hunde hätten einen selten langen Rotangschlinger aufgestöbert, der wäre einen halben Tag lang gewesen. »Höchst merkwürdig,« sagte Sangumang. Der vierte Bruder erzählte: »Ich ging gestern zur Jagd. Da bellte mein Hund. Ich glaubte, er hätte ein Wild gestellt, und fand ein gewaltiges Stück Eisen, das schaute wie ein Beil aus. Aber es war so groß, daß wohl vier bis fünf Männer es nicht hätten aufheben können.« Sangumang war sehr verwundert und sagte: »Lieber Vetter, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Du hast ganz besonders Glück gehabt.« Darauf erzählte der fünfte Bruder: »Als ich gestern jagen ging, stellten meine Hunde im Walde einen Knaben, der war nur klein, er reichte unsereinem kaum bis an die Hüften, aber er war ausnehmend stark. Er war so kräftig, daß er einen Berg hochhob und ihn auf einen andern setzte.« – »Großartig!« rief Sangumang, »da hast du Glück gehabt, du hast ja ein leibhaftiges Wunder gesehen.« Man schwieg. Nach einer Weile fing der sechste Bruder zu reden an. »Wie wäre es,« sagte er, »wenn wir den großen Baum fällten und bearbeiteten, das gäbe eine Menge Bauholz.« – »Wie sollen wir das bloß anfangen?« meinte der siebente Bruder, »der Baum ist ja viel zu groß.« – »Oh,« fiel Sangumang ein, »wie wäre es denn mit dem großen Beilstiel, den die Hunde gefunden haben? Damit geht's vielleicht.« Schnell antwortete einer der Brüder: »Ja, wenn wir auch den Stiel hätten, was nähmen wir denn zur Beiltülle?« – »Na, nehmt doch den Rotang, der so lang wie ein halber Tag ist, daraus könnt ihr die Tülle schon flechten,« erwiderte Sangumang. – »Gut,« behauptete ein anderer, »vielleicht geht das, aber woher nehmen wir ein Beil, das groß genug als Klinge wäre?« – »Denkt doch an das große Eisen, was die Hunde im Walde fanden,« sagte Sangumang. Die sieben Brüder ärgerten sich über die schlauen Antworten des Sangumang; einer sagte schließlich: »Schon alles recht! Aber wer kann ein solches Beil handhaben?« – »Es ist doch nichts einfacher,« erwiderte Sangumang, »das kann der starke Knabe, der die Berge versetzt; wenn der so stark ist, wird er gewiß auch den Baum fällen und ihn zu Bauholz verarbeiten.« Die Asang baratih merkten nun, daß Sangumang sie ob ihrer Prahlereien nur verspotten wollte, und so wurden sie sehr zornig auf ihn. Sie fielen über ihn her und banden ihm Hände und Füße. Dann machten sie schnell einen Sarg, packten den Sangumang hinein und deckten ihn zu. Den Deckel befestigten sie mit darumgelegten Rotangseilen und pflöckten sie wie gewöhnlich mit einigen Keilen fest. Darauf trugen sie den Sarg in ein Boot und paddelten stromaufwärts nach dem Platze oberhalb des Dorfes, wo man die Toten verbrennt; das sollte auch mit Sangumang geschehen. Oberhalb des Dorfes stand in der Nähe des Platzes ein einsames Häuschen. Das gehörte der Mutter Bungking. Sie wohnte dort ganz allein. Sie war arm, und ihr Leib war über und über mit Schwären bedeckt. Da es nun mittlerweile Mittag geworden war, die Asang baratih in der Aufregung aber noch nichts wieder gegessen, auch vergessen hatten, Reis mitzunehmen, so hielten sie am Hause von Mutter Bungking an und baten sie, ihnen Reis zu kochen und das Mahl zu richten. Das alte Mütterchen hatte selbst nur noch ein klein wenig Reis; sie tat es daher nicht gern; andererseits wurde sie dazu gedrängt und konnte also nicht nein sagen. Sie tat den Reis in einen Korb, dazu ihren kupfernen Kessel und ging zum Fluß hinunter, um den Reis zu waschen und den Kessel zu reinigen. Die sieben Brüder machten es sich inzwischen in ihrem Hause bequem, streckten sich nieder, um etwas auszuruhen, und warteten auf das Essen. Aber weil sie sehr müde und abgespannt waren, fielen sie bald alle in einen tiefen Schlaf. Sangumang lag im Sarge im Boote; als er Mutter Bungking mit den Gefäßen klappern hörte, räusperte er sich. Die Frau vernahm das Geräusch und rief: »Hallo! Wer ist da?« – »Ich bin es,« erwiderte Sangumang. »Was tust du denn im Sarge?« fragte Mutter Bungking. »Ich mache eine Kur durch, die mich von den bösen Schwären befreien soll. Jetzt bin ich schon ganz besser, ich muß nur noch die Aufhebung des pali abwarten.« – »Sagst du die Wahrheit?« fragte das Mütterchen. »Wenn du es nicht glauben willst,« entgegnete Sangumang, »so öffne doch den Sarg; dann kannst du dich ja selber überzeugen.« – »Aber wenn du wirklich besser bist,« meinte die alte Bungking, »dann könnte ich vielleicht an deiner Stelle die Kur weiter gebrauchen, denn ich bin voller Schwären.« – »Na, eigentlich müßte ich ja das pali noch vollständig abwarten,« antwortete Sangumang, »aber es wäre doch schändlich von mir, wenn ich mich nicht deiner erbarmte; mach also voran!« Mutter Bungking öffnete den Sarg. Geschwüre waren an Sangumang nicht zu sehen. Dann mußte die Kur also vortrefflich sein. Das Mütterchen legte sich nun in den Sarg, und Sangumang sagte ihr, wie sie sich verhalten müßte; auch belehrte er sie über das pali. Vor allem dürfe sie, was da auch kommen möge, mit niemandem sprechen, wenn man sie riefe oder nach ihr fragte. Darauf verschloß er den Sarg sehr sorgfältig und kehrte nach seinem Hause zurück, wo er einige Tage verborgen blieb. Inzwischen hatten die sieben Brüder ausgeschlafen. Sie rieben sich die Augen, gähnten und riefen nach der Mutter Bungking, um den Reis zu essen. Keine Mutter Bungking erschien. Und weil nichts zu sehen und zu hören war, gingen sie selber nach dem Flusse hinunter. Sie fanden dort nur den Korb mit Reis und den kupfernen Kessel, weiter nichts. Da der Abend nahte, konnten sie nicht länger warten; so paddelten sie denn nach dem Platze, wo sie Sangumang verbrennen wollten. Als sie dort angekommen waren, holten sie dürres Holz, schichteten es zu einem Scheiterhaufen auf, setzten den Sarg darauf und zündeten das Holz an. Sie warteten, bis alles zu Kohle verbrannt war und kehrten alsdann in ihr Dorf zurück. Sangumang hielt sich zwei oder drei Tage verborgen. Darnach fragte er seine Mutter, wo die Pferdmumie und die Gewänder seines verstorbenen Vaters wären. Die Mutter war ob dieser Fragen sehr verwundert und sagte: »Davon weiß ich nichts, aber unterm Giebel, auf dem Hausbalken, liegt ein Bündel trockener Blätter.« Sangumang holte das Bündel herunter, und siehe da, unter seinen Händen verwandelte es sich plötzlich in ein prächtiges Roß, wie es nur Könige zu reiten pflegen; dann holte er aus einer Kiste schöne Kleider, einen Helm, ein Schwert und andere Abzeichen königlicher Würde. Das legte er alles an und ritt dann nach dem oberen Dorfe, um sich den Leuten, besonders aber den sieben Brüdern zu zeigen. Als er so durchs Dorf ritt, richteten sich aller Augen auf ihn, und einer fragte den andern: »Wer ist denn das?« Und weil sie merkten, daß er gern angesprochen werden wollte, fragte ihn einer: »Bist du nicht Sangumang?« – »Gewiß, natürlich, wer sollte ich sonst sein?« Da erschraken die Asang baratih und wunderten sich sehr, daß Sangumang wieder da war. Sie luden ihn sogleich ein, mit ihnen ins Haus zu kommen und mit ihnen zu essen. Als sie ihn dann ausfragten, erzählte Sangumang, daß er soeben aus der Totenstadt gekommen wäre und hier nur einen kurzen Besuch abstatten wollte; morgen würde er dorthin wieder zurückreiten. Er erzählte ihnen von der Schönheit und Pracht der Totenstadt, die ganz aus Gold und Edelsteinen erbaut wäre, und was für Herrlichkeiten es dort gäbe. Sie erkundigten sich auch nach den Seelen ihrer Eltern und Großeltern; und mit großem Geschick wußte Sangumang ihnen Rede und Antwort zu stehen. Zum Schluß berichtete er, daß die Seelen der Totenstadt ihn geschickt hätten, um einige Sachen zu besorgen, denn sie wollten ein großes Fest feiern. Da die sieben Brüder sein Pferd und seine prächtigen Gewänder sahen, die sie vorher nie geschaut hatten, dachten sie gar nicht daran, daß Sangumang ihnen vielleicht etwas vorlog; nein, je mehr er erzählte, desto mehr freuten sie sich. Schließlich beschlossen sie alle sieben Sangumang zu begleiten und einen Besuch in der Totenstadt zu machen. Sie fragten ihn, wie das gemacht werden könnte. Sangumang antwortete: »Ich weiß keinen andern Weg als den, welchen ich neulich selbst gegangen bin. Legt euch in einen Sarg und laßt euch verbrennen.« Und weil sie meinten, Sangumang vor einigen Tagen wirklich verbrannt zu haben, so waren sie damit einverstanden. Jeder machte sich, so schnell er konnte, einen Sarg. Sangumang ritt weiter, um die Sachen zu kaufen, wie er sagte, die er holen sollte; er kehrte in sein Haus zurück. Die Asang baratih arbeiteten fleißig an ihren Särgen. Kaum, daß sie sich Zeit zum Essen und Schlafen nahmen; solches Verlangen hatten sie, um nur schnell fertig zum Besuch in der Totenstadt zu sein. Als der Morgen graute, ging Sangumang wieder zu ihnen, um sie zur Abreise abzuholen. Jeder trug seinen fertigen Sarg in ein Boot; dann fuhren sie mit Sangumang ab. Sie paddelten mit aller Kraft, so schnell sie nur konnten, um glücklich auf dem Platze oberhalb des Dorfes zu sein, wo sie, nach ihrer Meinung, vor einigen Tagen Sangumang verbrannt hatten. Als sie dort angekommen waren, sammelten sie Holz, trugen es auf einen Haufen und setzten die Särge darauf. Dann legte sich jeder in seinen Sarg. Sangumang band die Deckel mit Seilen fest, verkeilte sie an den Seilen, zündete den Holzstoß an und verbrannte sie alle zu Asche. So kamen die sieben Brüder um. Sangumang ging aber lachend nach Hause. 55. Der malaiische Eulenspiegel 1. Die Geburt des Eulenspiegels Da erzählt man sich, daß einst in der Stadt ein Ehepaar lebte. Der Mann hieß Londa und seine Frau Pa'ut. Sie waren schon lange miteinander verheiratet, doch hatten sie noch immer keine Nachkommen. Sie besprachen sich daher eines Tages miteinander und sagten: »Wie sollen wir es bloß anfangen, und was können wir tun, damit wir ein Kind bekommen, das für uns sorgt und uns pflegt, wenn wir alt geworden sind?« Londa meinte: »O, meine liebe Pa'ut, wenn du damit einverstanden bist, dann denke ich es mir folgendermaßen: Mein junger Bruder Lonto' kann ja, wenn du willst, bei dir schlafen. Wenn ihr zustimmt, bleibe ich dabei und bete. Und wenn uns dann der mächtige Gott gnädig gesonnen ist, wir mit einem Kinde gesegnet werden, so wollen wir sagen, es wäre unser eigenes Kind. Bekommen wir also durch die Gnade Gottes das Kind, das ihr zusammen zeugt, wollen wir es Towo (Betrüger) nennen.« Pa'ut antwortete: »O, mein guter Londa, wir Menschenkinder sind nun einmal so; wenn du fest beschlossen hast, was du dir ausdachtest, soll dein Verlangen erfüllt werden.« Londa sagte: »O, mein Liebling, Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, erweckte diesen Gedanken in meinem Herzen. Er hat mein Herz geöffnet, meine Lippen getrennt und meine Zunge bewogen, daß sie das sagte, was du gehört und für gut befunden hast.« Ihr Plan wurde Lonto' vorgetragen. Lonto' antwortete und sprach: »Gut, aber laßt das kein Grund sein, daß mein älterer Bruder Londa mich tötet.« Londa erwiderte: »Muntuuntu, der neben dem mächtigen Gott sitzt, ist Zeuge dessen, was du gehört hast; beschäme und bringe uns nicht in Unehren. Erfülle meine Bitte, damit Gott uns segnet.« Darauf tat Lonto' seinem Bruder den Gefallen. Und während all' der Tage betete Londa ununterbrochen zu Gott. Worauf er in seinem Gebete immer wieder zurückkam, war, daß Pa'ut, wenn er es vermöchte, mit einem Sohne gesegnet würde. So kam der Tag heran, wo Pa'ut eines Knäbleins genas. Londa war darüber sehr erfreut, war doch sein Gebet erhört worden, und überdies hatte Pa'ut ja einen Jungen geboren! Als dem Kinde die Nabelschnur abgeschnitten wurde, sagte Londa: »Dein Name, mein Sohn, sei Towo.« Towo wurde groß und dick und fing an zu sprechen. Es dauerte gar nicht lange, da brauchte man dem Kinde keine Worte mehr zu lehren. Nun fingen die Untugenden und Unartigkeiten Towos an. Und es gefiel ihm durchaus nicht mehr, zu Hause zu bleiben und mit seinen Altersgenossen zu spielen. 2. Wie der Eulenspiegel eine Maultrommel stahl, und was darnach kam Eines Tages spielte Towo mit seinen Altersgenossen. Da nahm er einem die Maultrommel fort und lief damit weg. Der Junge, dem das Spielzeug gehörte, weinte und lief zu seinen Eltern. Die fragten ihn: »Warum weinst du?« Der Knabe antwortete: »Towo hat mir meine Maultrommel weggenommen.« Als der Vater dies gehört hatte, wurde er böse; er holte sich einen Knüppel und sagte: »Ich werde dem Towo sofort eine Tracht Prügel verabreichen.« Mit den Worten eilte er nach dem Hause von Londa und Pa'ut. Als er da ankam, bemerkte er, daß Towo tatsächlich auf der Maultrommel spielte. Er wandte sich an Towo und sagte: »So, jetzt werde ich dich umbringen! Warum hast du meinem Jungen die Maultrommel gestohlen?« Ängstlich schaute der Sünder sich in der Runde um und glaubte wirklich sein letztes Stündlein gekommen, da erblickte er den König, der zufällig am Hause vorüberging. Als er ihn sah, bat er ihn um Hilfe und rief: »O, Herr König, sie wollen mich totschlagen.« Der König kam eilends herbei. Inzwischen tat der Vater des Jungen, dem Towo die Maultrommel weggenommen hatte, noch immer so, als ob er ihn umbringen wollte. Wie der König dies bemerkte, sprach er zur Wache, die ihm folgte: »Greift mir den Bösewicht da und führt ihn nach meinem Hause.« Sofort wurde er festgenommen. Dann wandte der König sich an Towo, beruhigte ihn und sagte: »Freundchen, sei still, weine nicht mehr, du sollst mit mir nach meinem Palaste gehen, da will ich dir Fleisch, Reis, Kleider und eine wunderschöne Maultrommel schenken.« Towo war sofort ruhig und folgte dem König. Als sie im Palaste waren, sagte der König zu einer der Prinzessinnen: »Geh' und schau' dich beim Koch nach Essen für diesen Jungen um.« Nachdem er gegessen hatte, schenkte ihm der König schöne Kleider. Und als er die angezogen hatte, sprach der König: »So, nun komm' mit, Freundchen, wir wollen nach dem Hause dort drüben gehen.« Das war das Gerichtshaus. Der Vater des Jungen, dem Towo die Maultrommel weggenommen hatte, war ebenfalls dorthin gebracht worden. Als Towo mit dem König im Gerichtshause war, fragte der König den Vater von dem bestohlenen Jungen: »Was für Reden sind das, mit denen du Towo bange gemacht hast?« Der antwortete: »Das kommt von der Maultrommel, die er meinem Jungen fortgenommen hat.« Der König entgegnete: »Du bist ja ein ganz übler Bursche, wie wird man denn einen Menschen wegen einer Maultrommel totschlagen wollen? Und obendrein ist Towo noch ein Junge, und du bist erwachsen; soll nicht der Erwachsene einem Kinde zum Vorbild dienen? Du sollst neun Tage in den Block geschlossen werden.« Inzwischen war auch der Vater von Towo, der sein Kind suchte, angekommen. Der König fragte ihn: »Wohin willst du?« Er erwiderte: »Ich suche meinen Jungen.« Der König sprach: »Hier ist er!« Und nun erzählte ihm der König, was sich mit seinem Knaben zugetragen hatte und gab ihm zum Schluß die Ermahnung mit auf den Weg: »Paßt auf Euren Jungen, überlaßt ihn nicht sich selbst, denn der Bengel taugt nicht viel.« Darauf nahm der Vater Towo mit nach Hause. 3. Wie Eulenspiegel des Königs Wams anzog Towo nahm zu an Größe, Untugenden und Ungezogenheiten; seine Eltern vermochten ihn nicht zu bessern. Er war übermütig geworden, weil ihm der König Reis, Fleisch, Kleider und eine Maultrommel geschenkt hatte. Deshalb ging er auch nicht mehr aus dem Palaste heraus und gewann dabei doch die Liebe und Zuneigung des Königs und der Hofleute. Sie mochten den Towo leiden, denn er war nicht verlegen, sondern gesprächig und fragte nach allem, was er noch nicht kannte. Mit der Zeit wurde Towo unter das Hofgesinde eingereiht; er wurde in dem Benehmen, Tun und der Sprechweise unterwiesen. Und war schließlich um nichts mehr verlegen. Eines Tages plauderte Towo mit den Prinzessinnen, und die Prinzessinnen sagten: »Also, Towo, wenn der König dich wirklich gern hat, dann lege doch einmal sein Wams an und gehe darin draußen auf und ab.« Towo erwiderte: »Schön, dann müßt ihr aber auch bestimmen, worum wir wetten wollen.« Die Prinzessinnen antworteten: »Du sollst die Prinzessin Wulangkau zur Frau bekommen, wenn der König dir nicht gram wird, weil du sein Wams anlegtest.« Towo versetzte: »Gut, wenn aber die Angelegenheit zwischen mir und Wulangkau nicht zustande kommt, dann schlage ich euch die Knochen im Leibe entzwei.« Die Prinzessinnen antworteten: »Jawohl!« Darauf schlich Towo ganz leise in den Palast und die Treppe hinauf und holte sich das Wams, das der König aufgehangen hatte, als er schlafen wollte. Er zog es an und ging damit nun auf der Straße auf und ab; und bald hatte sich eine unheimlich große Menge um ihn versammelt. Die Leute machten unsagbaren Lärm; die einen schrien, die andern lachten und sagten: »Da, schaut euch mal den Towo an, der hat das Wams des Königs an!« Weil der Lärm gar so groß war, erwachte der König und sagte: »Weshalb machen die Leute nur solchen Lärm?« Der König trat auf den Söller hinaus und sah nun, wie Towo sein Wams anhatte und damit gemächlich auf der Straße hin und her ging. Der König rief: »Komm' einmal her, Towo!« Darauf ging Towo nach oben. Der König sprach zu ihm: »Sag'; wie darfst du nur so unverschämt sein, mein Wams anzuziehen und damit auf der Straße herumzuprunken?« Towo antwortete: »Eigentlich dürfte das wohl nicht sein, aber die Prinzessinnen haben mich dazu angestiftet.« Der König fragte: »Wie haben sie das gemacht?« Darauf erzählte Towo, wie es gekommen war, und weshalb er es getan hatte. Nun sagte der König: »Wenn sie dich zum Stehlen oder Morden angestiftet hätten, hättest du das tun dürfen? Du sollst in den Block geschlossen werden.« Towo erwiderte: »Schön, Herr König, aber wie soll ich bloß meine Füße in den Block stecken, die Löcher sind ja so klein?« Der König sagte: »Ich werde es dir schon zeigen.« Towo fragte dann: »Gut, Herr König, Ihr wollt es mich also lehren? Und wieviele Tage soll ich in den Block geschlossen werden?« Der König antwortete: »Neun Tage.« 4. Wie Eulenspiegel den König in den Block schloß Der König nahm seinen Stab und sein Schwert und sagte: »Vorwärts, Towo, ich werde dich jetzt in den Block schließen.« Sie gingen also dorthin; und als sie da waren, meinte Towo: »Wie wird es denn gemacht, wenn man in den sogenannten Block geschlossen wird, der Herr König sagte doch, er wolle es mich lehren?« Der König erwiderte: »Schau einmal her, wie der Block geöffnet und geschlossen wird, nachdem die Beine hineingesteckt sind.« Towo sagte: »Herr König, macht es mir bitte einmal vor.« Der König versetzte: »So muß man es machen.« Darauf schloß Towo den Block fest zu und sagte: »Gut, also so muß es gemacht werden, Herr König?« Der König antwortete: »Natürlich!« Nun log Towo ihm etwas vor und sagte: »Herr König, entschuldigt mich einen Augenblick, ich muß einen Augenblick verschwinden und komme gleich wieder.« Der König sprach: »Laß mich erst aus dem Block heraus, dann kannst du einen Augenblick verschwinden.« Das tat Towo jedoch nicht; je lauter der König rief, um so schneller lief er. Er nahm den Stab des Königs, sein Schwert, zog wieder das Wams des Königs an und stellte sich in die Tür des Gefängnisses. Der König rief fortwährend: »Towo, wo steckst du? Komm' her und laß mich heraus!« Towo antwortete dann: »Herr König, ich bin hier. Warum wollt Ihr denn aus dem Block heraus? Herr König will es mich doch lehren, dann muß der Herr König doch auch fühlen, wie angenehm es ist, im Block sitzen zu müssen.« Inzwischen war es dunkel geworden, und die Königin suchte ihren Gemahl. Die da am Gefängnis vorübergingen, sagten: »Dort ist der König ja, er lehnt sich an die Tür des Gefängnisses.« Die Königin begab sich dorthin. Sie war noch ein ganzes Stück entfernt, da hörte sie den König um Hilfe rufen. Sie wurde bange und dachte bei sich: »Wie ist es nur möglich, dass der König solch' Geschrei macht?« Als sie ihn aber in der Tür erblickte, freute sie sich und sagte: »Ach, der König hat gar nicht geschrien, er steht dort ja in der Tür.« Als sie nun ganz nahe war, meinten die Leute: »Das Wams ist allerdings das Wams des Königs, aber sonst sieht er wie Towo aus.« Und wie sie sah, dass es Towo war, fragte die Königin: »Towo, wo ist der König?« Towo antwortete: »Ach, der Herr König lehrt mich gerade, wie es einem geht, wenn man im Block sitzen muß.« Da sah die Königin sich ihren Gemahl an. Die Füße waren dick geschwollen. So weinte die Königin und sagte: »Wenn du damit einverstanden bist, dann rede ich einmal mit Towo, dass er dich frei gibt.« Darauf rief der König Towo herbei und sagte: »Towo, wo bist du?« Towo antwortete: »Hier, Herr König!« Der König sprach: »Towo, ich will dir alles schenken, was du haben willst, wenn du mich wieder befreist.« Towo erwiderte: »Ich begehre nichts anders, als dass die Prinzessinnen, die mich dazu angestiftet haben, dass ich Euer Wams anzog, auf neun Tage in den Block geschlossen werden. Und obendrein will ich den Lohn für meine Wette haben, Prinzessin Wulangkau soll meine Gemahlin werden.« Der König entgegnete: »Gut! Die Prinzessinnen sollen neun Tage in den Block kommen, und du sollst Wulangkau zur Frau haben.« Towo sagte: »Und dann müsst Ihr mich noch in allem unterweisen lassen, was ein richtiger Fürst wissen muß.« Der König antwortete: »Ja, wenn du mich losmachst.« Darauf erlöste Towo den König, und die Prinzessinnen wurden für neun Tage in den Block geschlossen. 5. Wie Eulenspiegel dem König seine Hinterseite zeigt Einstmals scherzte Towo mit seinen Spielgefährten. Sie sagten zu ihm: »Hör', Towo, wir wollen mit dir wetten. Geh' und zeige dem Könige deine Kehrseite, wenn er dann nicht böse wird, wollen wir jeder dir tausend Taler geben.« Towo erwiderte: »Gut, ich bin damit einverstanden.« Er ging nach Hause, um sich von seiner Mutter eine Jacke und eine Hose nähen zu lassen. Als er zu seiner Mutter kam, sagte er: »Mutter, sei so gut, und mache mir ein Wams und eine Hose, die müssen aber zusammen aus einem Stück sein, besetze sie hinten längs des Rückens mit einer Reihe Knöpfe und auf jede Hinterbacke nähe einen ganz großen, schönen Knopf. Willst du?« Die Mutter antwortete: »Gern, aber weshalb willst du denn solche Kleider haben. Das sind ja ganz dumme Dinger! Tu das nicht! Denn sonst machst du uns zum Narren.« Aber er sagte: »Tu es nur, Mutter, du wirst schon Nutzen davon haben.« Darauf erwiderte die Mutter: »Wenn es Nutzen bringt, mein Junge, dann ist es gut.« D'rauf nähte die Mutter ihm ein Wams und eine Hose wie er gesagt hatte. Und als die Mutter sie fertig hatte, zog er sie an und ging damit vor dem Palaste des Königs auf und ab. Während er so vor dem Palaste umherging, sah ihn der König und ließ ihn hereinrufen. Als er vor ihm erschien, sagte der König: »Nun, Towo, sag' mal, weshalb hast du dir denn ein solches Gewand nähen lassen, mit so vielen schönen Knöpfen?« Er antwortete: »Ja, Herr König, aber da sind noch viel schönere d'ran, nur schäme ich mich, Euch die sehen zu lassen.« Da sagte der König: »Sei nur nicht so verlegen und furchtsam, ich werde nicht böse.« Nun bückte sich Towo, schob seine Hinterbacken vor dem König in die Höhe und sagte: »So, Herr König, schaut her, da könnt Ihr sie sehen!« Seine Gefährten, mit denen er die Wette eingegangen war, standen in der Nähe und hatten alles mit angesehen. Als er dem König alles gezeigt hatte, schickte der ihn wieder nach Hause. Er begab sich aber zu seinen Spielgefährten, mit denen er gewettet hatte, und die mußten ihm das Geld auszahlen. 6. Wie Eulenspiegel den Schmied foppte Ein andermal wetteten sie wieder mit Towo und sagten: »Towo, du bist doch so tüchtig. Lauf' einmal nach dem Hause des Schmieds, niemand darf ja sein Haus betreten; höchstens der König, er wird ja stets böse und ärgerlich. Wenn du in das Haus gelangst dann schenken wir dir Geld.« Towo antwortete: »Gut!« Er ging alsdann hin. Wie er vor dem Hause stand, sagte er zum Schmied: »Herr, ich möchte Euch einmal etwas fragen: wollt Ihr einen Klumpen Gold kaufen, der so groß wie eine Kokosnuß ist?« Der Schmied sagte: »Gern, aber zunächst komm' mal herein, wir wollen erst einmal essen und trinken.« Darauf gingen sie hinein und aßen und tranken. Als sie damit fertig waren, sprach der Schmied: »Nun, zeige mir mal den Klumpen Gold, der so groß ist wie eine Kokosnuß.« Towo erwiderte: »Ach, Herr Schmied, ich wollte Euch doch fragen, ob Ihr nicht ein Stück Gold habt, das so groß ist wie eine Kokosnuß, um es mir zu verkaufen.« Darauf warf der Schmied den Towo die Treppe hinunter. Der holte sich aber das Geld, um das sie gewettet hatten. 7. Wie Eulenspiegel bestraft wurde und sich der Strafe entledigte Einige Tage später hatte Towo gestohlen und wurde vor den König gebracht. Der König bestimmte, daß er zur Strafe an einen Baum gebunden werden sollte, wo ihn jeder Vorübergehende sehen konnte. Als er nun festgebunden war, kam ein Buckliger vorbei und fragte Towo: »Na, dich haben sie ja festgebunden, was hast du denn ausgefressen, sag'!« Towo antwortete: »Ja, höre, ich hatte früher einen Buckel, und da ich niemanden fand, der mich behandeln konnte, habe ich mich hier am Baum festbinden lassen, und nun sieh' mal her, mein Buckel ist verschwunden. Also, wenn du willst, binde mich los, und dann wollen wir gemeinsam deinen Buckel wegbringen.« Der Bucklige fragte: »Ist das auch wirklich wahr?« Towo entgegnete: »Gewiß doch, weshalb soll ich denn dich betrügen?« Der Bucklige sagte: »Nun gut!« Darauf band er den Towo los. Und als er ihn losgemacht hatte, sagte Towo: »Komm' her, jetzt will ich dich anbinden.« Wie denn der Bucklige nun gut festgebunden war, fing er an zu schreien: »O, mach' mich wieder los, das kann ich nicht vertragen, das kann ich nicht aushalten!« Aber Towo erwiderte: »Schrei' doch nicht so, sonst wird nichts rechtes daraus.« D'rauf lief er fort. Der Bucklige schrie aber weiter in einem fort, so daß schließlich die Leute in großer Anzahl herbeikamen und fragten: »Sag' mal, Buckliger, warum hat man dich denn hier angebunden?« Er erwiderte: »Der Mann, der hier zuvor festgebunden war, hat mich hier angebunden. Er hat mir erzählt, daß er früher einen Buckel gehabt habe, der wäre verschwunden, nachdem er sich an diesem Baum hätte festbinden lassen. Ich habe das geglaubt, und nun hat er mich gehörig belogen und betrogen.« 8. Wie Eulenspiegel zum Tode verurteilt wurde und entwischte Darauf suchten sie Towo, bis sie ihn gefunden hatten. Und als sie ihn hatten, brachten sie ihn wieder vor den König. Der König verurteilte ihn, ins Meer geworfen zu werden. Und er befahl seinen Leuten, sich bereit zu machen, um den Towo ins Meer zu werfen. Als alles fertig war, setzten sie Towo ins Boot. Und wie er im Boote war, sagte Towo zu ihnen: »Laßt uns eins singen! Ich fange an, darum laßt mich in der Nähe des Steuers sitzen. Wenn wir singen, müßt ihr alle einfallen. Hört zu! Wir wollen singen: »Ach, den Towo haben sie hineingeworfen, so, nun ist er hineingeworfen!« Sie ruderten los. Und sie waren noch keine zehn Meter vom Lande ab, da sprang Towo über Bord und flüchtete ans Land. Darauf sagte der Steuermann: »O, der Towo ist hineingesprungen.« Doch die Ruderer verstanden es anders und sangen nun: »Ach, der Towo ist hineingesprungen, so, nun ist er hineingesprungen!« Dabei ruderten sie weiter, bis sie mitten im Meere angelangt waren, wo sie Towo über Bord werfen sollten. Da sagte der Steuermann: »Nun, das ist eine schöne Geschichte, ich sagte euch doch vorhin, daß Towo schon ins Wasser gesprungen ist.« Und sie beratschlagten darauf, was sie dem Könige erzählen wollten. Und sie beschlossen: »Wir wollen folgendes tun: wir wollen umkehren, und wenn der König uns fragt, dann sagen wir, daß er ins Wasser geworfen ist, denn sonst wird der König böse.« Sie kehrten also um; und als sie ankamen, fragte der König: »Nun, habt ihr Towo über Bord geworfen?« Sie erwiderten: »O, wir haben ihn mitten auf dem Meere über Bord geworfen, die Fische werden ihn schon längst aufgefressen haben.« Da mußte der König annehmen, daß Towo ertrunken war. 9. Wie Eulenspiegel sich rächte und dem König ein trauriges Geschick bereitete Towo hatte sich jedoch nach Hause zu seiner Mutter begeben. Nun dachte er nach und sagte: »Wie soll ich es bloß anfangen: auszugehen, und doch nicht vom Könige bemerkt zu werden? Na, ich werde mal die Mutter fragen, vielleicht weiß sie noch, wie das Wams aussah, das der verstorbene König getragen hat.« So erkundigte er sich bei seiner Mutter und sagte: »Du, Mutter, weißt du noch, was für ein Wams der verstorbene Vater des Königs getragen hat?« Die Mutter antwortete: »Natürlich weiß ich mich darauf zu besinnen, ich habe es ja selber seinerzeit genäht.« Darauf sprach Towo: »Willst du mir bitte auch solch' ein Wams nähen, Mutter?« Die Mutter erwiderte: »Nanu, warum willst du denn solch' ein Wams haben?« Er versetzte: »Mach' es mir, Mutter, später sollst du erfahren, weshalb ich es nötig habe.« Darauf sagte die Mutter: »Gut.« Sie machte ihm also das Wams. Towo zog es an und ging damit vor dem Palaste des Königs auf und nieder. Während er da umherging, bemerkte ihn der König; der erschrak nicht schlecht; er ließ ihn zu sich rufen und sprach: »Nanu, Towo, wie ist das nur möglich, wie bist du zurückgekommen?« Er antwortete: »Herr König, das kam so: Nachdem ich schätzungsweise zehn Faden tief hinabgesunken war, sah ich einen großen Weg, und als ich darauf weiter ging, erblickte ich eine große, schöne Stadt. Und wie ich nun so durch diese Stadt wandere, sah mich der König und fragte: ›Woher kommst du?‹ Ich antwortete: ›Ich komme von der Oberwelt.‹ D'rauf fragte er mich weiter: ›Sag', geht es dem König auf der Oberwelt gut?‹ Ich erwiderte: ›Ja‹ Dann sagte er wieder zu mir: ›Nun, dann bestelle ihm nur, daß ich hier ein Fest geben will, und ich möchte, daß dazu alle die Würdenträger und Vornehmen des Landes samt ihren Frauen hierher kommen, um das Fest mit zu feiern, denn der König der Oberwelt ist mein Sohn. Und damit niemand dir mißtraut, hast du hier mein Wams, zieh' es an und trag' es zur Schau‹ Und nun, Herr König, bin ich hier und habe das Wams Eures Vaters angezogen.« Als der König die Erzählung von Towo vernommen hatte, sprach er: »Gut, dann muß ich mich wohl mit den Würdenträgern und Großen des Landes samt ihren Frauen auf das Fest meines Vaters begeben.« Nachdem alle zusammengerufen waren, machte der König bekannt: »Merkt alle auf! Mein Vater ist wieder unter der Erde König geworden; er will d'rum ein Fest geben, aber er wünscht, daß wir alle daran teilnehmen. Deshalb müssen wir alle, und zwar so viel wie möglich, gehen, damit er nicht enttäuscht ist, wenn wir nicht kommen.« Als der König dies den Anwesenden mitgeteilt hatte, sprach er weiter zu den Würdenträgern: »Laßt sogleich recht viele Boote fertig machen, in denen wir losfahren können, um uns mitten im Meer ins Wasser fallen zu lassen.« Sie machten sich also fahrtbereit. Und als alles fertig war, sagte der König: »Laßt uns an Bord gehen.« So gingen sie denn alle in die Boote und ließen sich mitten im Meer über Bord fallen. Als sie alle hineingefallen waren, sagte Towo: »So, nun bin ich der rechtmäßige König, denn der König, seine Würdenträger und die Großen des Landes, die hier befehlen konnten, sind alle ertrunken.« So wurde Towo König. Wer pfiffig ist und listig, bekommt leicht ein Amt. 10. Wie Eulenspiegel sich erkältete und dem König einen Schabernack spielte Dieser Towo war derartig listig, daß er selbst den König zu betrügen wagte. Da der König wußte, daß Towo ihn etliche Male hintergangen hatte, sann er auf ein Mittel, wie er ihn wohl fangen und töten lassen könnte. Er schickte daher etliche Leute aus und befahl ihnen folgendes: »Ich habe euch auserwählt, um mir als Spione für Towo zu dienen. Ich wünsche, daß ihr mir von heute ab genau auf Towo acht gebt; was ihr bei ihm seht und was er macht, das habt ihr mir mitzuteilen.« Was denn auch geschah. Einige Tage später erkältete sich Towo; er bekam einen tüchtigen Schnupfen. Das wurde dem König mitgeteilt. Der König ließ Towo rufen. Towo erschien vorm König, und sieh' da, der Rotz rann ihm aus den Naslöchern über den Mund herunter. Deshalb schnob Towo den Rotz dauernd hoch. Der König sagte zu ihm: »Hör', Towo, du scheinst noch nicht zu wissen, wie man vor vornehmen Leuten zu erscheinen hat. Deshalb mußt du bestraft werden. Drei Tage lang darfst du dich nicht schneuzen.« Towo antwortete: »Gut, Herr König!« Er saß noch gar nicht lange auf seinem Platze; gerade dem Könige gegenüber, als es ihm doch Mühe verursachte, Atem zu holen; die Nase war von dem Rotz gar zu verstopft. Towo dachte so bei sich: »Wie soll ich es bloß anfangen, daß ich mich schneuzen kann?« Er sann eine Weile nach, dann sagte er sich: »Ich hab's, ich werde dem Könige einmal eine Geschichte erzählen.« Und er redete den König an: »Herr König, soll ich Euch eine Geschichte erzählen?« Der König antwortete: »Gewiß, gern!« Towo sagte: »Hört also zu! Gestern war ich auf der Jagd. Ich war noch nicht lange unterwegs, da sah ich einen Hirsch. Ich nahm mein Gewehr, legte an und zielte auf den Hirsch.« Und da er dem Könige vormachen wollte, wie er den Hirsch erlegt hatte, legte er seine Nase auf den Unterarm, und damit er den Knall des Gewehres nachahmte, schneuzte er sich auf den Arm. Dann hielt Towo ein. Und als er so seine Geschichte auserzählt hatte, schüttelte der König den Kopf, denn Towo hatte ihn ja wieder einmal hineingelegt. Er sagte zu Towo: »Towo, gehe nach Hause, die Strafe, die ich dir auferlegt habe, ist dir erlassen.« 11. Wie Eulenspiegel den König zum andern Mal anführte Eines Tages saß der König auf dem Söller seines Palastes. Während er so saß, dachte er nur an Towo. Er sagte sich: »Wie behandelt mich doch dieser Towo immer!« Und da er von der schlechten Aufführung Towos genug hatte, ließ er Towo wieder rufen, denn er wollte ihn strafen. Towo erschien vorm Könige. Der König sagte: »Du bist ein Bösewicht, du hintergehst sogar mich, wieviel mehr also noch deinesgleichen! Deshalb werde ich dich wieder einmal bestrafen müssen. Drei Tage und drei Nächte sollst du nicht schlafen. Ich verbiete dir, zu schlafen. Bist du nicht gehorsam, lasse ich dich hinrichten.« Damit Towo nicht zum Schlafen kam, ließ der König ihn bewachen. Einen Tag und eine Nacht hatte er schon nicht geschlafen, da wurde er am zweiten Tage doch so müde, daß er einschlief. Als der König sah, daß Towo eingenickt war, freute er sich und sagte: »So, Towo, nun wirst du hingerichtet!« Towo erwiderte: »Nanu, weshalb soll ich denn hingerichtet werden?« Der König versetzte: »Weil du ungehorsam gewesen bist. Habe ich dir nicht gesagt, du dürftest drei Tage und drei Nächte nicht schlafen? Und nun? Am zweiten Tage bist du schon eingenickt!« Towo antwortete: »Herr König, mit Verlaub hört Ihr mich erst einmal an. Ich schlief nicht, ich neigte meinen Kopf nur und sann über den Kot nach, den die Ziegen machen; ich habe schon lange darüber nachgedacht, wie er wohl entstehen mag, aber ich begreife es noch immer nicht. Ich kann den Grund nicht einsehen, warum der Kot so ganz anders ist, als bei den übrigen Tieren; wenn die Ziegen 'was machen, dann machen sie allerliebst runde Kügelchen.« Als er dies erzählt hatte, mußte der König doch wieder über die Schlauheit des Towo lachen. Und er entließ ihn in Gnaden und nicht hinrichten. 12. Wie Eulenspiegel sein Kalb wiederbekam Einstmals hatte Towo eine Strafe zu verbüßen, da bekam seine Büffelkuh ein Kalb. Und eines guten Tages legte sich das Kalb zwischen die Pferde des Königs, um dort zu schlafen. Da sagte der König zu seinen Leuten: »Paßt auf, daß das Büffelkalb nicht entwischt, jetzt ist es mein Büffel.« Der König wußte jedoch sehr wohl, daß das Büffelkalb von Towo war. Der König wollte hören, was Towo wohl sagen würde, wenn er behauptete, es wäre sein Büffelkalb. Während das Büffelkalb sich also bei den Pferden des Königs aufhielt und die Leute aufpaßten, daß es sich nicht entfernte, begab sich Towo zum König und sagte: »Das Büffelkalb, Herr König, gehört mir, es hat sich nur unter Eure Pferde verloren. Wenn der Herr König es erlaubt, darf das Kalb wohl zu seiner Mutter zurück.« Der König antwortete: »Towo, da irrst du dich. Das ist kein Büffelkalb, das ist eins meiner Füllen.« Ob dieser Antwort war Towo sehr niedergeschlagen. Am selben Tage wollte der König sich aber auf eine Reise nach einem andern Dorf begeben. Towo erfuhr dies. Deshalb fragte er den König: »Mit Verlaub, Herr König, ich möchte um die Erlaubnis bitten, heute nach Hause gehen zu dürfen.« Der König sagte: »Jawohl.« Als er die Erlaubnis erhalten hatte, ging er die Treppe hinunter, begab sich nach Haus und holte sich ein Wams, um es zu waschen. Er wusch es in einem Bache, an dem der König vorbei mußte, wenn er in das Dorf ging. Während er so beim Waschen war, kam der König. Als er Towo bemerkte, war er einigermaßen verwundert und sagte: »Hast du mich gestern nicht gebeten, nach Hause gehen zu dürfen?« Towo erwiderte: »Ja, Herr König! Aber gestern erhielt ich die Nachricht, daß mein Vater von einem Sohne entbunden wurde.« Der König wunderte sich noch mehr und sprach: »Towo, du bist ein Narr. Ein Mann kann doch nicht entbunden werden? Das ist gar nicht möglich.« Towo erwiderte: »Herr König, Ihr habt wohl recht, aber ebensowenig kann eine Stute ein Kalb bekommen.« Als Towo das gesagt hatte, erwiderte der König: »Du hast recht, nun hol' dir dein Kalb wieder. Ich habe dich nur auf die Probe stellen wollen.« Und so bekam er sein Büffelkalb zurück. 13. Wie Eulenspiegel einen Schweinehändler betrog Eines Tages schaute Towo den Leuten zu, die gerade ein Schwein schlachteten. Towo sagte: »Seid so gut und schenkt mir den Schwanz.« Da schnitten sie den Schwanz ab und gaben ihn Towo. Towo ging darauf nach Haus und befestigte an dem Schweineschwanze ein Band. Dann steckte er ihn in die Wand seines Schweinestalles, und zwar so hoch, daß jeder denken mußte, es wäre der Schwanz eines Mastschweines. Er ließ den Schwanz nach draußen hängen, und das Band, an dem der Schwanz festsaß, machte er so lang, daß es bis in sein Haus reichte. Dann sagte er zu den Leuten im Hause: »Ich will mir nun jemand suchen, der Schweine aufkauft. Wenn ich mit einem komme, dann denkt daran, daß ihr stets an dem Bande ziehen müßt.« Darauf ging er auf die Suche nach Schweinehändlern. Bald hatte er einen gefunden. Sie begaben sich nach Towos Haus. Unterwegs besprachen sie den Kaufpreis. Als sie noch weit vom Hause ab waren, gab Towo seinen Leuten ein Zeichen, daß sie, sobald er da wäre, am Bande zögen. Die zogen denn auch am Bande. Towo stieß den Schweinehändler an, zeigte auf den Schweineschwanz und sagte: »So, nun glaubt Ihr doch, daß ich Euch ein Mastschwein verkaufen will? Da, seht Euch mal den Schwanz an, und wie hoch es den herausstreckt! Gebt mir also zwanzig Taler dafür.« Der Händler händigte ihm das Kaufgeld ein. Als er das Geld hatte, sagte Towo: »Nun krieg' es man bei den Beinen zu fassen, ich muß schnell weiter.« Damit lief Towo fort. Als der Händler das Schwein bei den Beinen fassen wollte, sah er, daß im Stalle nur ein Schwanz war. Er war jämmerlich verstimmt, weil Towo ihn betrogen hatte. 14. Wie Eulenspiegel ein Boot verkauft Einst machte sich der Eulenspiegel ein Boot aus Ebenholz. Als es fertig war, kamen etliche Händler zu ihm und wollten es kaufen. Nach langem Feilschen und Bieten wurde man endlich handelseinig. Taba erhielt die Kaufsumme, und als das Boot nun übernommen und ausprobiert werden sollte, meinte Taba: »Schön, setzt euch alle hinein, ich will das Boot dann zu Wasser lassen.« Er hatte das Boot nämlich auf einem abschüssigen Felsen an der See gebaut. Sie stiegen alle ins Boot und hielten die Paddeln bereit. Taba nahm die Klötze von dem Boote fort, hieb mit einem Schlag das Haltetau durch, mit dem es an dem Helling festsaß, und sofort schoß das Boot ins Wasser. Doch sank es sogleich unter, – ist Ebenholz doch erheblich schwerer als Wasser, – die Insassen mußten im Meere herumschwimmen, während Taba sich aus dem Staube machte. Die Hineingefallenen kamen aber endlich wohlbehalten wieder ans Land und gingen auf die Suche nach dem Betrüger. Endlich fanden sie ihn. Er war gerade beim Sagoklopfen. »Ha, also haben wir dich endlich, Taba?« sagten sie. »Ach was,« antwortete er, »ich bin nicht Taba. Taba ist dort hinten beim Sagoklopfen.« – Sie gingen nach seiner Anweisung weiter und fanden auch jemand, der ebenfalls beim Sagoklopfen war. Sie meinten, es wäre Taba und wollten ihm zu Leibe gehen. »Ach was!« sagte der Mann, »ich bin nicht Taba; ihr seid ja beim Taba vorübergekommen, ihr müßt ihn doch gesehen haben.« – Darauf machten sie Kehrt und begaben sich zu dem Manne, der sie auf die falsche Fährte gewiesen hatte. Der hatte sich unterdessen die blutigen Eingeweide einer Wildsau auf den nackten Leib gebunden, einen Speer quer hindurch gesteckt und tat so, als ob er tot wäre. So fanden sie ihn, und es sah aus, als ob er von einem Speer durchbohrt worden und die Eingeweide herausgetreten waren. Seine Verfolger hielten ihn für tot und ließen ihn liegen. Als sie weg waren, machte er sich wieder auf die Beine. 15. Wie Eulenspiegel entkam und eine Frau verführte Nach einigen Tagen erwischte man ihn aber doch, und nun sollte er, um den Kaufpreis für das Boot abzuarbeiten, als Ruderer auf einem Handelsfahrzeug Dienste tun. Es war ein großes Schiff, an dessen Längsseiten sich Ruderbänke befanden, von denen man herunterspringen konnte. Um etwas Leben unter die Leute zu bringen, schlug Taba vor, einen Rudergesang anzustimmen. Zuerst sollten die Vordermänner singen, darauf die zweite Strophe die Hintermänner. Er gab an: »Die ersten singen: ›Tege! o ma joga!‹ ›Rudert schnell! Ihr habt Eile!‹ und darauf antworten die zweiten: ›Taba o firi mara!‹ ›Taba ist schon fortgelaufen.‹« Nachdem sie diese Verse eine Weile gesungen hatten und mit voller Kraft vorwärts ruderten, ließ Taba sich ins Wasser gleiten und entfloh an Land. Taba streifte durch das Land und kam dabei zu einem Manne, der ein Boot bauen wollte. Der fragte ihn, wie er hieße: Taba antwortete: »Tjuki murari« (Beschlafe die Frau). Dabei spielte er ihm den Lochbohrer, den gogori, aus den Händen. Der Mann suchte danach, und als Taba dies bemerkte, sagte er: »Was suchst du denn?« – »Nun, meinen Bohrer!« – »O,« meinte der Eulenspiegel, »den hast du wohl vergessen; aber ich will ihn dir vom Hause holen.« Als er da ankam, fragte ihn die Frau, was er wollte. »Ich soll den gogori, den Bohrer deines Mannes holen!« – »O, den hat er mitgenommen!« – »Ja, dann hat er auch noch gesagt, daß ich Euch geschwind einmal beschlafen sollte.« – »Kerl! Du bist verrückt! Denkst du, daß mein Mann so etwas sagen wird?« – In diesem Augenblick rief der Mann, der auf den Bohrer wartete: »'Tjuki murari! Tjuki murari!« – »Hörst du's wohl?« sagte Taba zu der Frau und nötigte sie, hineinzugehen, wo er nun schnell seine Lust an ihr befriedigte. Darauf machte er sich aus dem Staube. Bald hernach kam der Mann heim und fragte, wo sein Freund mit dem Bohrer geblieben wäre. Seine Frau schalt ihn aus, weil er ihr einen Kerl geschickt und dem befohlen hatte, sie zu belästigen. Das gab ein heftiges Wortgefecht, und zum Schluß sah der Mann auch ein, daß der Fremde ihn zum Besten gehabt hatte. Taba war aber längst über alle Berge, und niemand konnte ihn fassen. 16. Wie Eulenspiegel des Königs Schwiegersohn wurde Endlich ging die Sache schief. Sie kriegten ihn zu packen; wegen etlicher Ungehörigkeiten wurde er verurteilt, zur Strafe Sklavendienste im Palaste des Königs zu tun. Der König hatte einen Sohn und eine Tochter, denen mußte er zur Hand gehen. So ging er denn auch eines Tages hinter ihnen her, als sie mit einer Angel an den Strand zogen. Sie liefen auf dem Sande entlang und schleiften den Haken durch die Wellen, um so Fische zu fangen. Taba befestigte den Köder an dem Haken der Prinzessin, dabei bog er den krummen Haken gerade. Der Prinz fing hin und wieder einen Fisch, doch die Prinzessin fing mit dem geraden Haken natürlich nicht einen einzigen. Sie beklagte sich darob bei Taba, der ihr antwortete, daß er schon ein Mittel wüßte, damit sie auch Fische fangen könnte. Als sie darauf fragte, was für ein Mittel es wäre, gab er zur Antwort, sie müßte sich von ihm beschlafen lassen. Die einfältige Prinzessin glaubte es ihm, und sie entfernten sich für einen Augenblick ins Gebüsch. Darnach bog er den Haken wieder krumm, band den Köder daran und sieh' da! sie machte einen Fang nach dem andern. So machte er es zu verschiedenen Malen, wenn er mit des Königs Tochter zum Angeln ging. Die Folgen blieben jedoch nicht aus, und beide waren in Angst, was ihrer wohl wartete, wenn sie entdeckt wurden. Sie wollten einander heiraten, aber wie sollten sie den König bestimmen, daß er seine Einwilligung gab? Taba sann auf eine List. Er hatte herausgefunden, daß der Hauptweg in großen Windungen und Biegungen nicht allzuweit von einem Banianenbaum vorüberführte. Er legte nun nach diesem Baume einen geraden Weg an. Darauf begab er sich ins Haus und stellte sich schwer krank. Er setzte sich in die Herdasche und ächzte und stöhnte, daß es einen Stein rühren konnte. Man fragte, was man für ihn tun könnte. »Ach,« sagte er, »wenn ihr mir einen Gefallen tun wollt, dann begebt euch doch nach dem Banianenbaum, der da nicht weit vom Hause entfernt am Wege steht; darin wohnt ein Geist, den verehre ich; wenn ihr den befragt, dann wird er euch wohl sagen, was für meine Krankheit gut ist.« – Die Leute hatten mit ihm Mitleid und gingen also nach dem Banianenbaum. Taba war jedoch schneller, er lief den geraden Weg, stieg in den Baum hinein, und als die Leute fragten, was sie tun sollten, damit Taba wieder gesund würde, antwortete er: »Ihr müßt ihn mit der Tochter des Königs verheiraten.« Bevor die Leute, die den krummen Pfad gehen mußten, wieder bei ihm im Hause waren, war Taba schon da und saß wieder in der Asche und stöhnte. Sie erzählten ihm, was der Baumgeist gesagt hatte, und waren bereit, für die Erfüllung des Wunsches zu sorgen. So wurde Taba der Schwiegersohn des Königs, und sofort war er wieder gesund. 17. Wie Eulenspiegel den König dreimal anführte Der König wollte ihm jetzt Aufträge erteilen, damit er sich nützlich machte. Damit hatte aber Taba nicht viel im Sinn. Eines Tages trug der König ihm auf, Sagopalmblätter zu holen, um daraus Dachmatten zu nähen. Er blieb solange aus, bis schließlich der König selbst losging, um zu sehen, wo er abgeblieben war. Er sah wohl ein Bündel mit Sagopalmblättern liegen, aber Taba war nicht dort. Da trug der König das Bündel selber nach Hause; allerdings meinte er, daß es doch recht schwer war. Taba befand sich im Bündel, und nur eine dünne Lage Palmblätter war um ihn herum. Der König war natürlich verstimmt, weil Taba sich von ihm hatte nach Hause tragen lassen, doch ließ er sich nichts merken. Am andern Tag schickte der König den Taba wieder los, um Sagopalmblätter zu holen. Taba blieb wiederum lange fort, so daß der König sich nach ihm umtun mußte. Diesmal nahm er seine Lanze mit. Wiederum lag da ein Bündel mit Sagopalmblättern. »Oho!« dachte der König, »darin hat er sich wieder eingewickelt.« Er stach deshalb mit der Lanze in das Bündel hinein, holte sie heraus, und wirklich! die Scheide war rot, also klebte Blut daran. Was hatte jedoch Taba gemacht? Da er es sich denken konnte, daß der König sich rächen würde, hatte er diesmal das Bündel voll von roten Djambu-Früchten gepackt und war auf einem kürzeren Wege nach Hause geeilt. Der König nahm das Bündel auf die Schultern, schleppte es nach Hause, setzte es dort hin und sagte zu seiner Tochter: »So, dein Mann ist tot! Ich habe ihn erstochen.« – »Mein Mann?« fragte die Prinzessin, »der ist schon längst im Hause und schläft.« – Da untersuchte der König das Bündel und fand die Djambufrüchte. Da Taba den König so etliche Male gehänselt hatte, sann der König auf eine List, wie er ihn wohl ums Leben bringen könnte. Endlich fand er eine, die ihm Aussicht auf Erfolg zu haben schien. Er pflegte Reusen ins Meer zu setzen, um Fische zu fangen. Für gewöhnlich half ihm sein Sohn dabei. So besprach er sich denn mit seinem Sohne, daß sie Taba mitnehmen wollten, der ihnen helfen konnte. Taba mußte die große, übermannshohe Bambusreuse tragen. Als sie an den Strand kamen, überwältigten sie den Taba, banden und steckten ihn in die Reuse, die sie darauf ins Wasser lassen wollten, damit er ertränke. Bevor sie aber die Reuse in das Boot luden, um sie auszusetzen, gingen der König und sein Sohn nach Hause, da sie ein wenig essen wollten. Taba blieb in der Reuse am Strande liegen. Nach einer Weile kam ein Mann des Wegs, der einen krummen Rücken hatte. Er bemerkte Taba und fragte ihn, was er denn in der Reuse machte. Der antwortete: »Ich war so krumm, wie Ihr es jetzt seid. Nun hat man mich hier hineingesteckt, damit ich wieder gerade werde. Hol' mich mal heraus, dann kannst du sehen, wie ich gerade geworden bin.« Der Mann tat es und sah nun, daß Taba aufrecht wie eine Stange vor ihm stand. »Wenn das Mittel so vortrefflich hilft,« sagte der Mann, »dann seid so gut, bindet mich und steckt mich in die Reuse!« – Gesagt, getan! Als der Mann darin saß, begab sich Taba fort und auf Umwegen nach Hause. Inzwischen waren der König und sein Sohn mit Essen fertig geworden und wieder an den Strand gegangen. Es begann schon zu dunkeln, so daß man nicht deutlich sehen konnte, wer in der Reuse war; sie gaben auch nicht weiter acht darauf. Sie hoben also die Reuse hoch, luden sie ins Boot, ruderten schnell aufs Meer und versenkten sie dort. Dann kehrten sie nach Hause zurück und sagten zu Tabas Frau: »Nun, diesmal kommt dein Mann nicht wieder; der liegt auf dem Grunde des Meeres, und die Fische werden ihn schon auffressen.« – »Was?« sagte die Prinzessin, »mein Mann? Der liegt ja schon lange im Bett und schläft. Eben, nachdem ihr fort waret, kam er nach Hause.« Der König und sein Sohn überzeugten sich, daß er wirklich in seinem Gemache lag und schlief, und so waren sie zum andern Mal von ihm hineingelegt. 18. Die Geschichte von Mau Loha, dem Eulenspiegel von Belu Es waren einmal ein alter Mann und eine alte Frau, die bekamen einen Sohn, den nannten sie Mau Loha. Die Eltern waren sehr nachsichtig mit ihm, denn es war ihr einziges Kind. Obwohl er allerhand Streiche ausführte, wurden seine Eltern doch nie böse, denn sie waren um den Jungen sehr besorgt. Eines Tages sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, unser Dach hat Löcher; was meinst du, wenn wir es wieder in Ordnung brächten und neu deckten?« Der Vater antwortete: »Gut!« Sie nahmen die alte Bedachung ab. Am folgenden Tage schlugen sie sich Sagopalmblattwedel. Und als sie eine Menge beisammen hatten, trugen sie die nach Hause. Mau Loha wollte auch welche tragen, doch sein Vater sagte: »Du sollst keine tragen, sonst schilt die Mutter mich aus.« Mau Loha antwortete: »Gut, Vater.« Als der Vater nun die Blätter forttrug, lief er hinterher. Der Vater hatte schon eine große Menge weggebracht, nur noch ein Bündel blieb liegen. Da sagte Mau Loha: »Vater, ich will vorausgehen und dich dort erwarten.« Und der Vater antwortete: »Gut.« Mau Loha wollte aber seinen Vater hänseln. Er eilte also voraus und verkroch sich in das Bündel Sagoblätter. Als der Vater erschien, rief er ihn. Doch Mau Loha antwortete nicht. Da dachte der Vater, vielleicht ist er schon fortgegangen. So lud er sich denn das Bündel auf die Schulter, um es nach Hause zu tragen. Kaum hatte er das Bündel auf dem Buckel, da merkte er, daß es doch recht schwer war. So mußte er sich alle Augenblicke verschnaufen, aber er brachte es trotz seiner Schwere nach Haus. Er wollte es dort hinwerfen. Da schrie jedoch Mau Loha los: »Vater, Vater! Wirf es vorsichtig hin, denn ich bin darin.« Und der Vater sagte nur: »O, Mau Loha! Weshalb betrügst du mich?« Trieb Mau Loha auch solche Dinge, der Vater wurde ihm darum nicht gram; wenn er ihn prügeln wollte, mußte er gleich denken: es ist ja mein einziger Junge. Eines Tages wollte er seinen Vater wieder foppen. Er sagte zu ihm: »Vater, im Brunnen ist ein großer Aal.« Als der Vater hörte, daß im Brunnen ein Aal war, wollte er ihn fangen, denn Aal aß er für sein Leben gern. So fragte er denn Mau Loha: »Wie wollen wir es anfangen, um den Aal zu kriegen?« »Den müssen wir uns angeln; der Köder muß aber Schweinefleisch sein, dann beißt der Aal gut an.« Der Vater sagte: »Gut.« Am andern Tag schlachtete der Vater ein Schwein, das als Köder dienen sollte. Und Mau Loha sprach zum Vater: »Schneide das Schwein in Stücke und koche sie.« Der Vater tat, was der Junge sagte. Und als das Schweinefleisch gar war, nahm der Vater es mit, um damit zu angeln. Mau Loha sagte zum Vater: »Vater, ich will erst noch mal meinen Freund besuchen. Wenn dir das Warten zu lange währt, dann geh' nur ruhig zum Angeln. Wenn ich zurück bin, komme ich dir nach.« Der Vater sagte: »Gut.« Mau Loha ging also fort und nach dem Brunnen. Der Vater wartete und wartete, aber der Sohn kam nicht wieder. So ging er denn allein zum Angeln. Als er am Brunnen angekommen war, steckte er das Fleisch an einen Fischhaken und warf ihn in den Brunnen. Kaum war der Haken im Wasser, da zerrte auch Mau Loha schon daran; der Vater holte ihn sogleich in die Höhe; als er nach oben kam, sah er jedoch, daß sich kein Fleisch mehr daran befand. Da meinte er, der Aal ist wohl sehr groß; deshalb biß er auch sogleich an; er ahnte es ja nicht, daß Mau Loha da unten hockte. Er warf die Angel also wieder aus, und sogleich zerrte auch Mau Loha daran. Wenn er die Angel in das Wasser warf, dann aß Mau Loha sogleich das Fleisch auf. Und Mau Loha aß alles Fleisch auf, so daß nur noch ein Stückchen übrig war. Da dachte der Vater, wenn der Aal nun wieder anbeißt, will ich ihn sofort mit einem Ruck in die Höhe holen und sogleich zu packen kriegen. Er steckte also wieder Fleisch an den Haken und warf ihn ins Wasser. Sogleich faßte Mau Loha zu, aber gleichzeitig zerrte auch der Vater an dem Haken, so daß er Mau Lohas Hand aufriß. Mau Loha schrie: »O, Vater, ich bin ja hier!« Sprach der Vater: »O, Mau Loha, was machst du für Geschichten! Ich meinte, ich hätte ein Schwein geschlachtet, um einen Aal zu fangen, und nun hockst du da unten.« Mau Loha heulte, denn der Haken hatte ihn gehörig zu fassen gekriegt, und er hatte tüchtige Schmerzen. Er lief voraus und zu seiner Mutter. Die Mutter hörte Mau Loha heulen und fragte: »Mau Loha, warum heulst du?« Mau Loha antwortete: »Vater hat einen Angelhaken ausgeworfen und mir damit die Hand aufgerissen.« Seine Mutter entgegnete: »Na, laß Vater man heimkommen. Ich werde ihn ausschelten und fragen, wie es nur angehen konnte, daß er dich beim Angeln nicht sah.« Als dann der Vater nach Hause kam, schalt die Mutter ihn aus: »O, du Kerl, du, denkst du denn gar nicht daran, daß es unser einziges Kind ist?« D'rauf besänftigte der Vater den Jungen wieder. Anderen Tags sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, was wollen wir eigentlich tagein tagaus hier im Hause? Wir täten besser und legten uns einen Garten an und pflanzten darin die verschiedenartigsten Früchte.« Der Vater antwortete: »Schön, wo wollen wir den Garten denn anlegen?« Mau Loha entgegnete: »Wir müssen uns eine abgelegene Stelle suchen, die schönen Boden hat, damit die Früchte, die wir anpflanzen, auch gut gedeihen.« Der Vater sagte: »Gut!« Am nächsten Tage zog er mit dem Vater los, um eine geeignete Stelle für den Garten zu suchen. Endlich hatten sie einen passenden Platz gefunden. Sie jäteten das Unkraut aus und machten den Garten sehr schön. Dann pflanzten sie Bananen, Nüsse und Zuckerrohr. Es dauerte gar nicht lange, da waren alle Früchte vortrefflich angewachsen. Sie hatten eine reiche Ernte von reifen Bananen, Zuckerrohr und Nüssen. Mau Loha wollte gern alle Bananen verzehren, doch das wollte der Vater nicht und sagte: »Nein, die wollen wir verkaufen und Geld daran verdienen.« Als der Vater so sprach, schwieg Mau Loha still. Er wollte den Vater schon hineinlegen und sagte: »Vater, bleib' nur hier, ich will mal die Mutter besuchen, wir sind ja schon so lange hier.« Der Vater sagte: »Gut.« Mau Loha ging jedoch nicht zur Mutter, er wollte den Vater anführen. Als er mitten in der Wildnis war, beschmierte er sich sein Gesicht mit roter Farbe, nahm einen Säbel in die Hand und zog ein verschlissenes Gewand über. Dann kehrte er zu seinem Vater zurück und tat, als ob er ihn töten wollte. Seinem Vater wurde angst und bange, denn er glaubte, daß vielleicht ein Narr in den Garten eingebrochen war. Mau Loha schlug aber die reifen Bananen herunter, und zwar die besten Büschel. Dann verschwand er und badete sich. Nach dem Bade besuchte er seine Mutter. Und auf dem Rückwege nahm er Essen für sich und den Vater mit. Als er wieder in dem Garten angelangt war, sagte er zu seinem Vater: »Nun, wollen wir hier essen?« Doch der Vater erzählte ihm: »O, Mau Loha, heut' morgen, als du zur Mutter gegangen warst, kam jemand hier in den Garten und wollte mich ermorden. Dann schlug er all' die Bananen ab. Schau einmal selber nach.« Mau Loha sah sich denn auch alles an. Er sagte darauf: »Der Kerl, der da erst nach meinem Fortgang erschien, wollte uns sicherlich unsere Bananen stehlen. Wäre ich hier gewesen, ich hätte ihn totgeschlagen. Verdammt, daß der Kerl auch gerade kommen mußte, als ich nicht da war!« Mau Loha führte seinen Vater aber weiter an und sagte: »Nun, Vater, was wollen wir mit all' den Bananen anfangen?« Der Vater antwortete: »Iß sie nur alle auf.« Und Mau Loha verzehrte die zehn Büschel Bananen allein. Eines Tages sagte er zu seinem Vater: »Vater, bleib' hier. Ich will die Mutter besuchen.« Der Vater antwortete: »Gut.« Mau Loha ging also nach Haus. Als er da ankam, fragte die Mutter: »Mau Loha, bist du da?« »Ja, Mutter! Mutter, ich muß dir etwas mitteilen.« Die Mutter fragte: »Was denn?« Mau Loha sagte: »Mutter, ich muß dir erzählen, daß der Vater gestorben ist. Und Vater hat mir aufgetragen, ich sollte dir sagen, du möchtest dir nun das Haar abschneiden.« Als die Mutter vernahm, daß ihr Mann gestorben war, weinte sie bitterlich. Doch Mau Loha tröstete seine Mutter und sagte: »Mutter, wein' man nicht mehr; wenn ich ihn begraben habe, dann sorge ich allein für dich, Mutter.« Und er sprach weiter zu seiner Mutter: »Mutter, bleib' hier. Ich will erst mal nach unserm Garten sehen, ob nun auch niemand, wo Vater tot ist, sich an unserm Eigentum vergriffen hat.« Die Mutter antwortete: »Schön.« Mau Loha ging fort, um nach dem Garten zu sehen. Als er da angekommen war, rief der Vater ihm zu: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Vater.« – »O, Mau Loha, du bist aber lange fortgeblieben.« – Ja, Vater, ich mußte solange fortbleiben. Mutter war krank, und ich mußte sie pflegen. Nach zwei Tagen starb Mutter. Erst wollte ich dich holen, aber wer sollte dann bei Mutter bleiben, ich war ja ganz allein.« Als der Vater hörte, daß seine Frau gestorben war, weinte er bitterlich. Doch Mau Loha sagte: »Vater, weine nicht mehr. Wenn ich Mutter begraben habe, dann sorge ich allein für dich. Aber Mutter hat mir aufgetragen, ich sollte dir sagen, du möchtest dir das Haar abscheren.« Der Vater sagte: »Gut.« Am nächsten Tage sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, bleib' hier. Ich will erst mal nach unserm Haus sehen, ob nun auch niemand, wo Mutter tot ist, sich an unserm Eigentum vergriffen hat.« Der Vater antwortete: »Schön.« Und Mau Loha ging nach Haus. Als er da anlangte, rief die Mutter: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Mutter!« Gegen Abend sagte Mau Loha zu seiner Mutter: »Wenn du willst, suche ich dir nun einen andern Mann.« Darauf meinte die Mutter: »Aber, Mau Loha! Ich bin doch schon viel zu alt, wie soll ich nun noch einen Mann bekommen?« Doch Mau Loha erwiderte: »Der soll für dich sorgen. Denn ich bin jung und muß bald meiner Wege gehen. Wer soll dann für dich sorgen? Es ist schon besser, ich schau' mich nach einem neuen Vater um, der für dich sorgen kann.« Die Mutter entgegnete: »Gut.« Und Mau Loha sagte: »Wenn du einverstanden bist, gehe ich heute abend noch auf die Suche.« Darauf begab sich Mau Loha wieder nach dem Garten. Als er da anlangte, rief der Vater: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Vater.« – »O, Mau Loha, du bist ja eine lange Zeit im Hause geblieben.« – »Aber, Vater, wo Mutter nun tot ist, muß sich doch einer um die Schweine kümmern. Darum blieb ich so lange.« Mau Loha schlief nun zwei Nächte bei seinem Vater; danach sagte er zu ihm: »Wenn du willst, suche ich dir eine andere Frau.« Als der Vater das vernahm, schalt er ihn: »Mau Loha, was fällt dir ein, willst du mich narren? Deshalb redest du wohl so?« Mau Loha entgegnete: »Aber, Vater, ich meine, es wäre schon besser, denn ich bin jung und muß bald meiner Wege gehen. Wer soll dir dann dein Essen kochen?« Darauf sagte der Vater: »Gut.« Und Mau Loha sprach zum Vater: »Vater, ich will nun auf die Suche gehen.« Mau Loha ging nach Hause. Als er dort ankam, rief die Mutter ihm zu: »Mau Loha, bist du da?« – »Ja, Mutter!« Dann erzählte Mau Loha seiner Mutter: »Mutter, ich bin auf der Suche nach einem neuen Vater gewesen und habe auch schon einen gefunden. Ich will ihm entgegengehen. Heut' abend bring' ich ihn her. Mutter, du mußt dich ganz still verhalten, wenn ich mit Vater komme.« Die Mutter antwortete: »Ja.« Nun sagte Mau Loha: »Mutter, um Mitternacht komme ich mit Vater.« Darauf begab er sich wieder nach dem Garten. Er ging sofort zu seinem Vater und sagte zu ihm: »Vater, ich habe dir eine Frau gesucht und sie auch schon gefunden. Heute abend will ich dich zu ihr bringen.« Als es Abend geworden war, sprach Mau Loha zum Vater: »Vater, wir wollen gehen.« Dann gingen sie fort. Nahe beim Hause sagte Mau Loha zu seinem Vater: »Vater, ich will erst mal ins Haus gehen. Ich komme wieder heraus und hole dich dann.« Mau Loha ging allein nach dem Hause weiter. Als er eintrat, rief die Mutter ihn an. Sofort sagte Mau Loha: »Still, Mutter!« und fuhr weiter fort: »Mutter, mach' das Licht aus und bleib' ruhig liegen. Gleich komme ich mit Vater.« Darauf ging Mau Loha wieder zu seinem Vater und sagte: »Vater, geh' jetzt. Mutter habe ich schon ins Haus gebracht. Wenn du aber in das Haus trittst, mußt du ganz leise sein.« Mau Lohas Vater ging hinein. Als er überall herumtastete, erschrak die Mutter und rief: »Wer ist da?« Sofort antwortete der Vater: »Ich!« Da erkannten sie einander und die Mutter sprach: »Bist du das, bist du Mau Lohas Vater? Ich bin Mau Lohas Mutter.« Der Vater antwortete: »Mach' erst mal Licht an.« Als die Mutter das Licht angezündet hatte, sahen sie, daß beiden das Haar abgeschnitten war. Da sagte der Vater: »O, Mau Loha hat uns beide zum Narren gehabt.« Und nun erzählten sie sich gegenseitig ihre Erlebnisse. Der Vater erzählte zuerst: »Mau Loha teilte mir im Garten mit, daß du gestorben wärest und log dabei, daß du ihm den Auftrag gegeben hättest, ich sollte meine Haare abschneiden.« Danach kam die Mutter an die Reihe: »Mau Loha erzählte mir ebenfalls, du wärest gestorben und sagte, ich möchte mir das Haar abschneiden. Also hat er seinen Vater und seine Mutter arg betrogen und belogen.« Und der Vater verwünschte ihn und sagte: »O, dies schlechte Kind! Ich will sein Gesicht nicht mehr sehen.« Als der Vater ihm so fluchte, ging er nicht wieder ins Haus. Er lief davon und ward nicht mehr gesehen. 19. Kandhulok Es war einmal ein Mann, der hieß Saddhulla; der hatte eine Frau, die hieß Samena. Sie waren schon eine lange Zeit verheiratet, hatten aber noch immer kein Kind bekommen. Als eines Tages Mann und Frau wieder einmal beisammen saßen, rief die Frau: »Weshalb schenkt Gott mir denn kein Kind, einen Jungen, und wäre er noch so garstig und dumm, ich möchte ihn doch haben.« Der Mann erwiderte: »Nein, sag' das nicht zum zweiten Male! Wenn deine Bitte erhört würde, und wir bekämen ein Kind, und es wäre dumm, was sollten wir da mit ihm anfangen! Ich für mein Teil will solch' ein Kind nicht haben.« Die Frau antwortete: »Nun, wenn du es auch nicht haben willst, ich will es schon, wenn ich nur überhaupt ein Kind bekomme.« Als die Frau eine Zeit lang so gerufen hatte, wurde sie schwanger und bekam einen Jungen, den nannten sie Kandhulok. Als er heranwuchs und schon so groß war, daß er kleine Aufträge ausführen konnte, wollte sein Vater einmal ein Fest geben. Er befahl ihm, die Einladungen auszutragen. Als Kandhulok zum Vater kam, sagte der: »Hör' zu, geh' und lade den Kadi ein!« Kandhulok antwortete: »Wie sieht denn der Kadi aus, ich kenne ihn nicht.« Die Mutter erwiderte: »Wenn du jemanden triffst, der eine weiße Jacke an hat, dann ist es der Kadi.« Danach begab er sich fort. Unterwegs kam er an einen Teich und sah dort einen weißen Reiher. Er dachte, das ist der Kadi; er ging auf ihn zu, um ihn aufzufordern. Als er aber beim Reiher war, flog dieser weg. Da rief er: »Du sollst eingeladen werden, du scheinst aber keine Lust zu haben, warum fliegst du denn sonst weg?« Darauf kehrte er heim. Als er nach Hause gekommen war, fragte ihn die Mutter: »Nun, hast du den Kadi nicht getroffen und herbegleitet?« Er antwortete: »Ich habe ihn mit vielen anderen beim Teiche getroffen, ich bin auf ihn zu gegangen, aber stets machte er, daß er wegkam, da bin ich denn umgekehrt, ich kann ihm doch nicht überallhin nachfolgen.« Die Mutter sagte: »Schnell, mach', daß du in die Moschee kommst, da wirst du ihn schon finden.« Er fragte weiter, und die Mutter erwiderte ihm: »Wenn du da jemand siehst, der in seinen Bart hineinbrummelt, dann geh' zu dem, das ist der Kadi; bestell' ihm, was ich dir gesagt habe und lade ihn zu uns ein. Nun geh'!« Darauf begab er sich fort. Unterwegs traf er auf Bienen. Er ging auf sie zu. Und als er ganz in ihrer Nähe war, da zerstachen sie ihm sein ganzes Gesicht. Er konnte den Schmerz nicht aushalten, kehrte um, heulte, brüllte und schrie um Hilfe. Als der Vater das Gebrüll vernahm, erschrak er; er kam schnell herbeigelaufen und hatte ein großes Messer mitgenommen. Als er zur Stelle war, fragte er den Jungen aus und bekam zur Antwort: »Der Kadi hat mich verprügelt, er ist ein schlechter Kerl.« Der Vater sah sich das Gesicht an, glaubte ihm und ging mit ihm nach Hause. Als sie dort anlangten, kamen aber etliche Bienen zum Vorschein. Da wurde der Vater sehr böse und jagte ihn fort. Er lief auf gut Glück davon und kam nach dem Hause eines Diebes. Dort machte er Halt und sagte: »Habt Ihr nichts dagegen, wenn ich bei Euch unterkrieche?« Der Dieb antwortete: »Ja, das kannst du. Weshalb soll ich dich nicht bei mir aufnehmen? Tu nur, was ich dir sage.« So kam er denn bei dem Diebe unter. Als er eine Weile dort gewesen war, wollte der Dieb ihn das Stehlen lehren und sagte: »Soll ich dir heute nacht einmal zeigen, wie man das Stehlen macht?« Kandhulok antwortete: »Gewiß, gern!« Als es nun Nacht geworden war, so ungefähr um Mitternacht, machten der Dieb und Kandhulok sich auf, um zu stehlen. Sie gingen nach dem Nachbarhause des Kandhulok. Als sie da ankamen, waren die Leute gerade schlafen gegangen. Sie untergruben das Haus. Als sie durchkommen konnten, erhielt Kandhulok den Auftrag, hineinzugehen. Der Dieb sagte zu ihm: »Geh' nun hinein und paß auf, daß du keinen Lärm machst, sonst hören dich die Leute.« Kandhulok begab sich also ins Haus. Drinnen sah er große Kisten stehen; er suchte sich die größte aus. Als er sie aber aufhob, war sie doch recht schwer. Er ließ sie hinfallen und weckte dabei die Hausbewohner auf. Die erschraken nicht schlecht, als sie das Gepolter vernahmen. Sie nahmen ihre Speere und gingen auf die Suche. Als sie nun Kandhulok erblickten, legten sie die Speere hin und fragten: »Was? Kandhulok, darfst du nachts in mein Haus kommen?« Kandhulok antwortete: »Nein, Oheim, ich bin nicht hier hereingekommen, um etwas zu stehlen. Aber draußen vor der Tür, da bin ich einem Dieb begegnet; der hat mir befohlen, hier hereinzukriechen; ich war bange vor dir und habe tüchtig geschrien.« Als der Besitzer des Hauses dies hörte, hatte er Mitleid mit ihm und sagte: »Na, wenn die Sache so ist, bleibe man bei mir. Die Muhme hat dann auch Gesellschaft, wenn ich nicht hier bin, aber lauf' nicht weg.« Einige Tage lang fühlte Kandhulok sich denn auch ganz wohl. Nach dieser Zeit aber bat er den Oheim und sagte: »Wenn du nichts dagegen hast und es mir erlaubst, dann möchte ich weiterziehen.« Der Oheim erwiderte: »Nun, meinetwegen! Aber geh' heimlich, die Muhme braucht es nicht zu wissen.« Als es dunkel geworden war, machte er sich auf. Auf dem Wege traf er seine Genossen, die zu einer Hochzeit gehen wollten. Sie schlugen ihm vor, mitzugehen. Kandhulok antwortete: »Ich geh' mit, wenn es viel zu essen gibt.« Seine Gefährten sagten: »Hab' nur keine Angst, da gibt's mehr, als du vertragen kannst.« So ging denn Kandhulok mit auf die Hochzeit. Als sie mit dem Bräutigam vor das Haus seines Schwiegervaters gekommen waren, nötigte man sie, hereinzukommen und sich auf der Galerie hinzusetzen. Nach einer Weile wurde das Essen herausgebracht, und zwar eine gewaltige Menge. Als Kandhulok das viele Essen sah, griff er zu; er überaß sich dermaßen, daß er nachts das ganze Bett vollmachte. Am andern Tag badete er sich im Fluß und hatte seine liebe Not, sich zu säubern. Aber so machte er es immer, wenn er Hochzeit feiern ging. 20. Wie Djonaha seiner Schulden ledig wurde Eines schönen Tages besuchte der Dorfschulze von Padangmatogu, der Pangebulu hieß, mit sieben Dienern den Djonaha. Djonaha sollte ihm eine Schuld bezahlen. Der Eulenspiegel befand sich gerade im großen Gemeindehaus. So begab sich denn der Dorfschulze ebenfalls dorthin. Sie begrüßten sich, und nachdem sie zusammen Betel genossen hatten, fragte Djonaha, weshalb er zu ihm gekommen wäre. Da teilte Pangebulu ihm mit, daß er eine Schuldforderung von 120 Dukaten bei ihm geltend machen wollte. Sie müßte bis zum nächsten Morgen beglichen sein. Der Eulenspiegel war sich dieser Schuld sehr wohl bewußt, doch sagte er, er hätte kein Geld. »Nun,« sagte der Dorfschulze, »gib uns erst einmal etwas zu essen.« – »Da habt ihr recht,« antwortete Djonaha, »ganz recht, erst muß etwas zu essen gekocht werden.« – – Inzwischen hatte seine Mutter ein kärgliches Mahl angerichtet, und man setzte sich zu Tisch. Als die Mahlzeit beendet war, hielt der Gläubiger ihm vor, daß er ihnen kein Fleisch vorgesetzt hätte. »Es tut mir von Herzen leid,« entschuldigte sich Djonaha, »aber wie soll ich euch Fleisch vorsetzen, ich habe weder Hühner noch Schweine und bin ein ganz armer Schlucker.« Die ungebetenen Gäste verließen darauf die Hütte des Eulenspiegels und gingen wieder nach dem Gemeindehaus, wo sie die Nacht zubringen wollten. Früh am andern Morgen schlich sich nun Djonaha in das Gemeindehaus, um sein Blasrohr zu holen, das dort aufbewahrt wurde. Er versteckte es in der Hinterwand und ging dann heim, um seine Mutter zu wecken. »Mütterchen, du, Mütterchen! Hast du gestern abend gehört, wie empört Pangebulu und seine Gefolgschaft gewesen sind, weil ich ihnen kein Fleisch vorgesetzt hatte? Nun, heute sollen sie was bekommen. Schlachte sieben Küken, die schon so groß sind, daß sie über einen Reisstampfer hinwegschreiten können, und brate sie in Topfscherben. Halte sie auf dem Herde warm und bringe sie dann auf den Topfscherben und auf bambusgeflochtenen Untersätzen herein.« »Gewiß, lieber Junge, das werde ich tun,« antwortete die Mutter. Djonaha begab sich nun wieder nach dem Gemeindehaus und sagte zu seinem Gläubiger: Lieber Herr, befehlt doch bitte einem Diener, mit mir in den Wald zu gehen, ich will Vögel schießen.« »Sehr gern, Djonaha,« bekam er zur Antwort; und dann ging der Eulenspiegel mit einem Diener und seinem Blasrohr in den Wald. Sie erspähten bald einige junge Nashornvögel, die sich an den Beeren gütlich taten. Djonaha zielte mit dem Blasrohr auf die Vögel und tat so, als ob er einen Pfeil nach ihnen blies; dabei rief er: »Nashornvögelchen, fliege schön nach meinem Hause, damit die Mutter dich für die Gäste braten kann, die gestern bei mir eingekehrt sind.« – »Aber, Djonaha! Was bedeutet denn das?« fragte ihn der Diener ganz erstaunt, »hast du den Vogel, nach dem du zieltest, auch getroffen? Mich dünkt's, als wäre er unverletzt davongeflogen.« – »Nein, Freundchen,« antwortete der Eulenspiegel, »da irrst du dich; der liegt schon bei Muttern auf einer Topfscherbe und wird gebraten.« – »Dann hast du ja ein ganz wundersames Blasrohr!« meinte der Diener. »Ei gewiß!« sagte Djonaha, »in diesem Augenblick wird er schon gebraten.« Nach einer Weile blies Djonaha nach einer Taube. »Geschwind, mein Vogel, geschwind, eile zur Mutter und laß dich braten!« Der Diener sperrte vor Staunen Augen und Ohren auf, als er die Tauben davonfliegen sah. Das tat er noch fünf Male; und allemal beauftragte er die Vögel, nach seinem Hause zu eilen. »So, nun wollen wir heimgehen,« sagte er darauf zu seinem Begleiter, »jetzt haben wir genug erlegt.« Der war damit einverstanden, und sie begaben sich wieder in das Gemeindehaus, wo Djonaha sein Blasrohr aufbewahrte. Der Eulenspiegel verabschiedete sich alsdann von seinen Gästen und fragte seine Mutter, ob das Essen fertig wäre. Es war angerichtet. Nun breitete Djonaha für seine Tischgenossen Matten aus, goß in die Fingerschalen aus Kokosnüssen Wasser, häufte den Reis auf den Tellern zu kleinen Kegeln und holte dann die Gäste zum Essen herbei. »Liebe Freunde,« sagte er, »es ist schon etwas spät; aber nehmt mir das bitte nicht übel; ich komme eben von der Jagd heim und habe allerlei erlegt, was euch jetzt hoffentlich munden wird.« Die Gäste ließen sich nicht lange nötigen. Während sie sich den Reis gut schmecken ließen, tat Djonahas Mutter ihnen das Fleisch von den Topfscherben auf die Teller. Als das der Mann sah, der den Eulenspiegel auf der Jagd begleitet hatte, fand sein Staunen kein Ende und er rief: »Djonaha, jetzt sehe ich doch, daß dein Blasrohr ein wirkliches Wunderding ist, denn wir haben hier ja Fleisch in Hülle und Fülle.« – »Ja, mein Lieber, da habt Ihr recht. Das ist eine Glückswaffe. Was da auch kommen mag, und wenn mir die Schulden auch über den Kopf wachsen, auf das Blasrohr werde ich nie und nimmer verzichten, denn seitdem der Vater tot ist, muß es mich ernähren. Lieber würde ich Sklave werden.« Als das Mahl beendet war, sagte der Eulenspiegel die üblichen verbindlichen Redensarten und meinte: »Ja, meine liebwertesten Herren, mit dem Essen seid ihr wohl nicht ganz befriedigt; wenn ihr noch hungrig seid, rechnet es mir nicht an; ich bin nicht geizig oder mißgönne es euch gar; weil ich so arm bin, konnte ich euch nichts weiter anbieten.« »Na, Djonaha,« meinte Pangebulu, »mit dem Essen sind wir sehr zufrieden gewesen; wir sind satt, ja, mehr als satt. Die wilden Vögel mundeten uns vortrefflich. Aber vergiß darüber nicht, daß wir wegen der 120 Dukaten gekommen sind. Gibst du mir dein Blasrohr, bist du deiner Schuld ledig.« »Nein, Herr,« antwortete der Eulenspiegel, »das Blasrohr gebe ich nicht her, und wenn Ihr meine Mutter und mich auch als Sklaven wegführtet.« »Und ich sage dir,« beharrte Pangebulu, »ich will das Blasrohr statt des Geldes haben, sonst bin ich nicht zufrieden.« »Na,« sagte Djonaha, »wenn es denn gar nicht anders geht, dann nehmt das Blasrohr hin. Aber das sage ich Euch, damit ist meine Schuld getilgt. Schenken will ich es Euch nicht, es ist ein Stück von mir selbst, was ich hergebe.« Damit übergab er Pangebulu das begehrte Blasrohr. »Eins muß ich noch sagen,« fügte er hinzu, »sorgt dafür, daß Euch auf dem Heimwege nicht der Wind hineinbläst oder eine Fliege über das Rohr läuft. Dann verliert es seine Wunderkraft. Kommt dann etwa nicht wieder zu mir her und verlangt, ich solle es zurücknehmen. Ich habe Euch gewarnt.« »Sei unbesorgt, Djonaha, wir werden schon aufpassen.« »Schön, dann nehmt es mir bloß nicht übel, daß ich euch das gesagt habe.« »Ganz im Gegenteil,« und damit zogen die Gläubiger ab und nach Hause. Sieben Tage später ging Pangebulu mit dem Blasrohr in den Wald, um es zu probieren. Nachdem er eine ganze Weile umhergelaufen war, kam er an einen Baum, auf dem saß eine Schar Vögel, die sich die Früchte gut schmecken ließen. Pangebulu stellte sich unter den Baum und zielte auf einen Vogel: »Fort, Vogel, flieg' nach Hause, Mütterchen will dich braten.« Das tat er zehnmal hintereinander. Als er nach Hause kam, fragte er seine Mutter: »Nun, hast du die Vögel gebraten, die ich erlegt habe?« »Welche Vögel? Ich habe keinen einzigen gesehen.« »Was sagst du? Du hast keine Vögel bekommen? – Also hat Djonaha mich betrogen, und ich werde ihm sein Blasrohr wieder hinbringen. Und doch hat er mir gesagt, als ich das Blasrohr für die geschuldeten 120 Dukaten von ihm forderte, ich brauchte nur damit zu zielen, dann würden die Vögel von selber in die Pfanne fliegen!« So machte er sich denn zum Djonaha auf. Er suchte ihn zwei Tage lang vergeblich, dann erst konnte er mit ihm reden. »So, nun gib mir erst einmal etwas zu essen, und hier bringe ich dir dein dummes Blasrohr wieder,« sagte er. »Essen, mein Lieber, sollt Ihr bekommen,« antwortete der Eulenspiegel, »denn der Anstand verlangt, daß man einen Gast bewirtet. Aus der Zurücknahme des Blasrohrs wird jedoch nichts. Gehe nur ruhig damit wieder nach Hause, denn unsere Verabredung ist sehr eindeutig gewesen.« Pangebulu erwiderte: »Djonaha, wenn du nicht gesagt hast, daß die Vögel, auf die man zielt, von selber nach Hause fliegen, um gebraten zu werden, dann habe ich verloren; haben wir aber abgemacht, die Vögel, auf die man zielt, fliegen von selber nach Hause, dann mußt du das Geld bezahlen.« »Na, hör' mal, mein Lieber,« entgegnete Djonaha, »Ihr habt schön reden! Wenn ich Euch nicht im voraus gewarnt hätte, ja keinen Wind ins Blasrohr wehen oder keine Fliege darüber laufen zu lassen, dann hätte ich verloren. Wenn Ihr aber zugeben müßt, daß ich es schon vorher gesagt habe, daß Ihr noch einmal wünschen würdet, mir das Blasrohr zurückzugeben, dann habt Ihr unrecht.« »Gewiß hast du das gesagt. Aber ich kann doch nicht um dies Gerümpel, das offensichtlich keinen Vogel nach Hause treibt, l20 Dukaten einbüßen!« »Schön, wenn Ihr so denkt, dann soll das Hühner-Orakel entscheiden. Erweist es sich, daß meine Zauberformel belanglos war, muß ich Euch 120 Dukaten bezahlen, andernfalls bekommt Ihr nichts.« »Gut, damit bin ich einverstanden, Djonaha.« Djonaha ging darauf auf den Markt und kaufte ein Huhn um zehn Pfennig, das er mit nach dem Gemeindehaus nahm. Er sagte dann zu den Leuten: »Freunde, wieviel ist dies Orakelhuhn wert, damit der Verlierer nachher dafür zahle?« – »Zehn Pfennig,« antwortete die Versammlung. »Ihr habt recht,« erwiderte Djonaha, »mit wieviel soll es aber gebüßt werden?« – »Jeder zahlt einen Taler, denn der Kläger ist ja ein Fremdling; sonst brauchtet Ihr nach uralter Sitte nur die Hälfte zu geben.« Dagegen wurde nichts eingewendet, und so zahlten beide das Geld. Darauf beschaffte Djonaha die satti-satti, die Opferspeisen, die aus Zahnschwärze, Betelblättern und Blumen bestand, und setzte sie in einer Schale auf dem Platze vor dem Gemeindehause hin. Dann nahm er das Huhn und sagte: »Ihr sollt nun entscheiden und mir mein Recht werden lassen. Die rechte Seite des Huhnes gehört mir, die linke dem Pangebulu. Nun entscheidet, damit ich weiß, wonach ich mich zu richten habe, wenn ich das Huhn das Urteil sprechen lasse.« – »Gut, Djonaha,« sagten sie, »dir gehört die rechte Hälfte des Huhnes, denn du bist hier zu Hause; dem andern gehört die linke Hälfte.« Der Eulenspiegel weihte alsdann das Huhn den drei mächtigen Schutzgeistern des Hauses, Dorfes und den Ahnen: Boraspati-ni Tano, Tongung-ni-Huta und Sombaon Mogamogasi Borboran Pangaribuan. Und er richtete sein Gebet an die Flurgeister, die Boru Sanyang Naga und lud die drei Söhne des Obergottes Debata ein, mitzuhören und zuzuschauen: »O Urväter, nun soll das Hühnerorakel entscheiden, hier auf geräumigem Dorfplatz! Wenn er, der das Blasrohr zurückbrachte, es nicht behalten soll, Wenn er es als Zahlung meiner Schuld erhalten soll, Wenn ich nicht sagte, daß kein Wind hineinblasen, keine Fliege darüber laufen durfte, So soll Pangebulu gewinnen, Das Huhn falle auf die rechte Seite! Wenn ich nun aber das Blasrohr gab in Zahlung, Wenn er es nahm, als ich das Geld ihm schuldete, Wenn ich ihn warnte, daß kein Wind hineinblasen, keine Fliege darüber laufen darf, Wenn ich dies sage, die Wahrheit rede, und also der andere lügt, So habe ich den Streit gewonnen. Das Huhn falle auf die linke Seite!« Damit schnitt Djonaha dem Huhn den Hals durch. Das Tier flatterte noch einige Augenblicke umher, fiel dann auf die linke Seite und starb. »Djonaha hat gewonnen,« erschollen ringsum die Rufe; Pangebulu mußte das Huhn und die Buße zahlen und ohne seine 120 Dukaten nach Hause abziehen. 21. Der Dumme Der Dumme wohnte bei seinen Eltern. Seine Mutter riet ihm, sich eine Frau zu nehmen, und gehorsam ging er auch auf die Suche. Er sollte sich, sagte seine Mutter, ein stilles Mädchen suchen, nicht eins, dessen Mund den ganzen Tag über nicht stillstünde, wie es doch bei den meisten Toradjamädels der Fall ist. Wenn der Dumme einem Mädchen begegnete, fragte er es höflich, doch erhielt er derartig beredte Antworten, daß er eilends das Land verließ, wo die Mädchen so schnell mit dem Mundwerk bei der Hand waren. Eines Tages gelangte er an ein Haus, wo gerade ein junges Mädchen gestorben war, und man die Totenwache hielt. Der Dumme setzte sich daneben, sprach es an, doch es schwieg. Also mußte es nach dem Rat seiner Mutter eine gute Frau für ihn sein. Er wartete nun, bis die wachenden Familienmitglieder eingeschlafen waren, dann hob er den Leichnam auf und trug seine schweigende Braut nach Haus. Er legte sie im Schlafgemach seiner Eltern nieder und bat darauf seine Mutter, etwas recht Schönes zu kochen; er hätte nun eine stille, zurückgezogen lebende Frau gefunden, sie wäre noch ein wenig verlegen und so wollte er zunächst mit ihr allein essen. Er steckte ihr den Reis in den offenstehenden Mund und wunderte sich, daß sie nicht zubiß. Inzwischen hatte sich der Leichengeruch schnell im Hause verbreitet, so daß die Eltern herbeieilten, um sich die neue Schwiegertochter anzuschauen. Als sie merkten, daß ihr dummer Sohn eine Leiche mitgebracht hatte, befahlen sie ihm mit kräftigen Worten, sie sofort zu begraben. Das tat der Dumme und kam zu dem Schluß: Wenn jemand stinkt, ist er tot. Nach einer kleinen Weile ließ der Vater einen Wind streichen. »So,« sagte der Dumme, »nun bist du gestorben.« – »Aber, nein. Junge, ich ließ doch nur einen Wind.« – »Nein, Vater, das weiß ich besser, ich werde dich begraben.« Alles Sträuben half nichts, der Dumme hob seinen Vater hoch, trug ihn hinaus und begrub ihn. Wiederum nach einer Weile ließ die Mutter einen Wind streichen; der Dumme trug sie ebenfalls hinaus und begrub sie. So wohnte er denn etliche Tage allein im Hause, bis auch ihm plötzlich ein Wind entfuhr. Er erklärte sich nun für tot, hob sein eigenes Grab aus und begrub sich bis an den Hals. Als es Abend geworden war, kamen ein paar Diebe vorüber, die wollten in einem Hause stehlen. Der Dumme rief sie an, sie erkannten ihn, gruben ihn aus, und er folgte ihnen. Schnell erreichten sie zwei Häuser. »Geh', Dummer, in das eine Haus, such' dir etwas, das recht schwer ist und lauf' damit weg, nimm nur keine leichten Sachen.« »Schön,« antwortete der Dumme, stieg die Treppe hinauf, ging in das Haus hinein und suchte darin herum; er hob alles auf, was er fand, aber er fand nichts, was schwer genug gewesen wäre. Schließlich gelangte er an den Herd und versuchte, den hölzernen Rand davon hoch zu heben, das gelang ihm aber nicht, denn er saß gehörig fest. Doch der Dumme meinte, solch' schweres Ding wäre gerade das rechte, das er haben müßte; dabei machte er so viel Lärm, daß die Hausbewohner erwachten, ihn griffen und am andern Tag totschlugen, da er nicht zur Familie gehörte. So wurde er dafür bestraft, daß er seine Eltern getötet hatte, und es war doch nicht umsonst gewesen, daß er sich sein eigenes Grab gegraben hatte. 56. Zwei Parabeln aus dem Bosian us Salathin. Das Große In früheren Zeiten lebte ein König, der gab Befehl, einen prächtigen Palast zu errichten und ihn wunderschön auszuschmücken. Als der Bau beendet war, ließ er alle Bewohner der Stadt zu sich kommen, um ihnen ein Fest zu geben. Sie erschienen alle und schmausten und freuten sich miteinander. Dann gab der König dem Palasthüter den Befehl: »Wer hier das Tor verläßt, den sollst du fragen: »Hat der Palast einen Fehler oder nicht?« Einzeln kamen die Gäste heraus. Jeden befragte der Torhüter, wie ihm geheißen war. Und sie antworteten: »Wir finden am Palaste keinen Fehler.« – Zuletzt kamen etliche Leute, die trugen grobe Kleider. Der Palastwächter fragte: »Seht ihr einen Fehler in diesem Bauwerk?« – Sie erwiderten: »Ja. Zwei Fehler sind uns nicht entgangen.« Als der Torhüter dies gehört hatte, hielt er sie an und berichtete dem König: »Großmächtigste Majestät, Herr der Welt! Ich habe Leute gefunden, die behaupten, daß dein Palast zwei Fehler besitzt.« Der König befahl: »Rufe sie her!« Sie kamen. Der König fragte: »Welche Fehler saht ihr an meinem Palast?« Da verneigten sie sich tief und antworteten: »Großmächtigste Majestät, Herr der Welt! Der erste Fehler des Palastes ist, daß auch er zerfallen und vergehen wird, und der zweite, daß auch alle seine Bewohner sterben werden.« Der König fragte weiter: »Kennt ihr denn einen Palast, der nicht vergehen wird, dessen Bewohner nicht sterben werden?« Sie antworteten: »Großmächtigste Majestät! Es gibt einen Palast, der nicht vergeht und dessen Bewohner nicht sterben, das ist der Himmel.« Und sie erzählten ihm nun von all' den mannigfachen Freuden, bis im König die Sehnsucht nach dem Himmel erweckt war. Dann sprachen sie ihm von der Hölle und ihren Strafen, erweckten in ihm die Furcht und brachten ihn dahin, Allah, den Erhabenen, zu verehren. Als der Fürst ihre Rede vernommen hatte, ging er in sich und bekehrte sich; er verließ den Palast, verzichtete auf sein Reich und wandelte fortan auf Allahs Wegen. Die Barmherzigkeit Allahs sei mit ihm! Die Bedingungen Eines Tages kam König Alexander der Große vor eine verfallene Stadt. Da erblickte er am Stadttor eine Schrifttafel, auf der stand folgendes zu lesen: »Diese Stadt wurde von sieben Fürsten beherrscht, und sie sind alle gestorben.« – Alexander betrachtete die Tafel, las die Inschrift und fragte dann seine Begleiter: »Wer haust denn jetzt in dieser Stadt? Ist noch ein Nachkomme der Fürsten vorhanden?« Einer erwiderte: »Ja, Majestät, es ist noch ein männlicher Nachkomme da, der wohnt bei all' den Gräbern.« – Alexander der Große sprach: »Geh' und bring' ihn zu mir her!« Der Mann ging zu ihm und jener kam. König Alexander fragte: »Nun, Diener Allahs, sag' an, weshalb weilst du beständig auf dem Friedhof?« Der Nachfahre der Fürsten verbeugte sich und antwortete: »Majestät, großmächtigster Herr der Welt! Ich bemühte mich lange, den Unterschied zwischen den Gebeinen der Könige und ihrer Sklaven herauszufinden. Es gelang nicht. Sie sind einander gleich, und ich vermag sie nicht zu unterscheiden.« Da sagte König Alexander der Große: »Willst du mir folgen? Ich will dir ein Amt geben.« Der Nachfahre der Könige entgegnete: »Großmächtigster Herr und König! Zuvor möchte ich Euch um Verlaub bitten, an Euch einige Bedingungen stellen zu dürfen. Befriedigt Ihr dann mein Begehren, so will ich Euch gern folgen.« – König Alexander fragte: »Wohlan, Herr Königssohn, nennt Eure Bedingungen.« Der erwiderte: »O, Majestät! Erstlich: ein Leben ohne Tod. Zweitens: eine Jugend ohne Alter. Drittens: einen Reichtum ohne Armut. Viertens: stete Freude, in der kein Schmerz ist.« Nun meinte König Alexander: »Ei, Herr Königssohn, wer hat Macht über solches?« Sprach der andere: »Großmächtigste Majestät, Herr und König! Habt Ihr keine Macht, mir solches zu gewähren, dann schweiget und laßt mich nach solchem streben bei jemand, der die Macht hat, es zu vollbringen.« Alexander der Große war betroffen, als er diese Worte des Königssprossen vernommen hatte. 57. Das Wasser »Lebensmutter« Einstmals schenkte der Geisterfürst dem Propheten Allahs, Salomo (Friede sei mit ihm!), ein Gefäß, in dem das Wasser ›Mutter des Lebens‹ aufbewahrt war. Allahs Prophet, Salomo, fragte nun einen ehrwürdigen Minister, namens Assaf: »Sagt an, mein Minister, was dünkt Euch? Ist es rätlich, die ›Mutter des Lebens‹ zu trinken oder nicht?« Antwortete der Minister Assaf: »Es ist besser, Ew. Majestät trinke, auf daß sie stets lebe bis zum Tage der Auferstehung.« Nun fragte der Prophet Salomo den ehrwürdigen Minister der Geister, namens Demarbath: »Sagt an, mein Minister, was dünkt Euch? Soll ich von diesem Wasser ›Mutter des Lebens‹ trinken oder nicht?« Antwortete der Minister Demarbath: »Trinkt, Herr, von dem Wasser, damit alle Krankheiten, die in Ew. Majestät Leib sich bergen, sich samt und sonders verlieren.« Nun fragte der König den ehrwürdigen Minister der Vögel, den Adler: »Sagt an, mein Minister, was ratet Ihr mir? Soll ich trinken oder nicht?« Antwortete der Minister Adler: »Majestät, trinket, auf daß Ihr wieder jung werdet!« Darauf fragte der König auch den Minister der vierfüßigen Tiere, den Löwen: »Sagt an, mein Minister, was dünkt Euch? Soll ich dies Wasser trinken oder nicht?« Antwortete der Minister Löwe: »Es ist schon besser, Ew. Majestät trinke, damit Ew. Antlitz an Schönheit erstrahle. Das weitaus verständigste und klügste Tier unter uns ist jedoch das Stachelschwein. Ew. Majestät befrage das Stachelschwein.« Nun fragte der König Salomo: »Wo weilt denn das Stachelschwein?« Minister Löwe antwortete: »Herr, das Stachelschwein ist noch in seinem Loche.« Da befahl König Salomo seinem Reitpferde: »Geh' schnell und hole mir das Stachelschwein!« Das Pferd lief eilends davon. Als es vor dem Loche des Stachelschweins angekommen war, rief es laut: »Heda, Stachelschwein, komm heraus! König Salomo läßt dich rufen, beeile dich und trete vor ihn!« Das Stachelschwein erwiderte: »Bitte, entschuldige mich vorerst beim Könige.« Das Pferd kehrte zum Könige Salomo zurück. Der ergrimmte ob des Verhaltens vom Stachelschwein; er wandte sich an den Hund: »Lauf', hole das Stachelschwein! Kommt es nicht gutwillig, dann bringe es mit Gewalt hierher!« – Der Hund ging schnell fort. Als er vor dem Loche des Stachelschweins angekommen war, rief er laut: »Heda, Stachelschwein, komm heraus! König Salomo, der Prophet Allahs, läßt dich rufen. Tritt vor ihn! Und bist du nicht willig, dann schaffe ich dich mit Gewalt vor das Antlitz Seiner Majestät.« Beim Ton der Stimme des Hundes fuhr das Stachelschwein zusammen und erschrak gar sehr. Schnell lief es zum König Salomo, es verneigte sich und warf sich vor ihm nieder. Salomo sprach: »Sagt an, Herr Löwe, erzähltest du mir nicht, daß das Stachelschwein das verständigste von allen Tieren ist? Ich ließ es durch mein Reitpferd, das erhabenste Tier, zu mir entbieten; es kam nicht. Nun, wo ich den gemeinen Hund sandte, kam es sogleich.« Der Minister Löwe teilte dem Stachelschwein die Meinung des Königs mit. Es erwiderte: »Ei, Hochweiser Herr, die Majestät sprach recht. Begreifst du denn meine Beweggründe nicht? Das Pferd ist ein erhabenes Tier, es wollte mich nicht verleumden. Was ich sagte, berichtete es der Majestät. Der Hund ist aber ein gemeines Tier. Hätte ich auch nichts Böses gesagt, es würde mich doch bei der Majestät verleumdet haben. Deshalb kam ich schnell herbei, ich fürchtete, ich würde als Aufrührer bei Seiner Majestät angeschwärzt werden.« – Als König Salomo die Worte des Stachelschweins vernommen hatte, sagte er: »Wohlan, Stachelschwein, ich will dich etwas fragen. Der König der Geister schenkte mir das Wasser ›Mutter des Lebens‹. Was meinst du, soll ich davon trinken oder nicht? Antworte mir aufrichtig!« Das Stachelschwein vernahm die Worte des Königs und dachte lange nach. Endlich fragte Salomo: »Nun, Stachelschwein, weshalb stehst du so gesenkten Hauptes da und antwortest nicht?« Da schüttelte das Stachelschwein den Kopf und antwortete: »Großmächtigste Majestät, gnädigster Herr! Genießt Ihr dies Wasser, so ist es sehr gut. Das Leben Ew. Majestät wird verlängert; auch die Krankheiten heilen im Leibe Ew. Majestät. Aber ein Übel ist auch mit dem Genuß verbunden.« König Salomo fragte: »Ei, Stachelschwein, was für ein Übel ist es denn?« Antwortete das Stachelschwein: »Trinkt Ew. Majestät vom Wasser, so werdet Ihr nicht sterben, sondern leben bis zum jüngsten Tag. Doch die Frau, welche Ew. Majestät liebt, muß vorher sterben, ebenso die Kinder, an denen Ew. Majestät hängt; auch alle Minister, die sich Ew. Majestät Wertschätzung erfreuen, sinken vorher ins Grab. Was nützt es also, auf solche Art zu leben?« Sprach der König Salomo: »Stachelschwein, du redest wahre und lebendige Worte! Ein solches Leben zählt nicht.« – Damit warf er das Gefäß mit dem ›Wasser des Lebens‹ zu Boden, daß es in tausend Scherben zerschellte und sein Inhalt sich weithin im Saale ergoß. 58. Die Geschichte vom Sultan Indjilai Im Namen Allahs des Erbarmers und Mitleidsvollen, zu dem wir um Hilfe flehen! Also ist die Geschichte: Es war einmal ein Sultan, der hieß Sultan Indjilai. Seine Gemahlin hieß Sitti Sapia, und seine beiden Söhne wurden Abeduledjumali und Abeduledjulali genannt. Er war schon eine ganze Weile Sultan gewesen, als er eines Tages mit seinen Bedienten und Beteldosenträgern im Garten spazieren ging. Da erblickte er auf einem Feigenbaume eine Turteltaube. Er ließ sein Blasrohr holen, und als die Dienerschaft es ihm gebracht hatte, schoß er nach der Taube und traf sie am Flügel, so daß sie zu Boden flatterte. Die Diener mußten sie aufheben und ihm bringen, denn er wollte sie töten. Da hob die Turteltaube an zu sprechen: »O, mein Herr und Gebieter, Sultan Indjilai, warum gelüstet es dich, mich zu töten? Was willst du mit mir nur anfangen?« Sultan Indjilai erwiderte: »Ich will dich verspeisen, Turteltaube!« Die Turteltaube: »Mein Herr und Gebieter, was nützt es dir, wenn du mich tötest und auch zubereiten läßt; es reicht ja doch nicht für dich und deine Kinder. Weißt du, ob es nicht vielleicht besser ist, wenn du mich freigibst? Du erwirbst dir ein Verdienst und erfüllst die Bitte eines Wesens, das auch von Allah erschaffen wurde.« Sultan Indjilai: »Turteltaube, es ist schon besser, wenn ich dich töte und mit meinen Söhnen verspeise.« Die Turteltaube: »Mein Herr und Gebieter, Sultan Indjilai, gib mich frei! Denn, Sultan, du hast sicherlich nur Gewinn davon, wenn du mich freiläßt.« Sultan Indjilai: »Was würde ich denn gewinnen, Turteltaube?« Die Turteltaube: »Mein Herr und Gebieter, gibst du mich frei, dann fliege ich auf den untersten Ast des Feigenbaums und sage dir ein Wort. Darauf fliege ich auf den mittleren Ast und sage dir ein Wort, und schließlich auf den höchsten Ast und sage dir nochmals ein Wort. Drei Worte will ich dir verraten.« Sultan Indjilai: »Turteltaube, sagst du die Wahrheit?« Die Turteltaube: »Ja, Herr!« Sultan Indjilai: »Dann gebe ich dich frei, Turteltaube.« Sultan Indjilai setzte die Taube in Freiheit. Sie flog nach dem Feigenbaum und setzte sich auf den untersten Ast. Der Sultan sprach: »Nun rede, Turteltaube!« Die Turteltaube: »Höre, Herr, was ich dir sagen werde. Mein Großvater sagte es meinem Vater, mein Vater sagte es mir, und jetzt sage ich es dir. Du wirst auch sogleich den Nutzen erkennen und die Wahrheit einsehen. Also dies sage ich dir: Kommt dir ein Bericht zu Gesicht, hörst du eine Geschichte oder trägt dir jemand seine Meinung vor, so prüfe sie zuvor, und nur das glaube, worin ein vernünftiger Sinn steckt.« Darauf flog die Turteltaube auf den mittleren Ast des Feigenbaumes. Der Sultan: »Rede weiter, Turteltaube!« Die Turteltaube: »Höre, Herr, dies sage ich dir: Bereue nie, was geschehen ist, bereue nie, was du getan hast!« Nun flog die Turteltaube auf den höchsten Ast des Feigenbaums. Der Sultan: »Rede, Turteltaube, und erfülle dein Versprechen!« Die Turteltaube: »So vernimm denn, Herr, meine Worte: du bist wirklich ein Tor. Hättest du mich festgehalten, getötet und den Bauch aufgeschnitten, dann hättest du darin drei Rubine gefunden. Jeder ist so groß wie ein Entenei.« Als die Turteltaube geendet hatte, flog sie nach ihrem Neste. Auch der Sultan erhob sich sogleich, um sie eilends zu verfolgen. Drei Tage und drei Nächte war er hinter ihr her, doch vermochte er nicht in ihre Nähe zu kommen. Plötzlich flog die Turteltaube in einen Dornenstrauch. Sultan Indjilai folgte ihr auch dorthin nach. Der Sarong, die Jacke, die Beinkleider des Sultans rissen dabei in Stücke und blieben an den Dornen hängen. Auch der Leib des Sultans blieb nicht unversehrt, denn die Dornen zerstachen ihm gehörig die Haut. Nun rief die Turteltaube: »Herr, Sultan Indjilai, deine Dummheit und Beschränktheit haben sich jetzt wirklich offenbart, du gleichst einem Tiere, das keinen Verstand hat. Zum ersten gabst du mich frei und hieltest mich doch in den Händen, das faßt der Verstand nicht. Also bin ich schon gescheiter als du; und du bist ein Mensch und ich ein kleiner Vogel, du bist ein mächtiger Herr und ich nur ein armseliger Vogel. Willst du noch einen Beweis dafür, daß du ein Dummkopf bist? Ich war schon in deiner Kehle und kam doch frei, und du hast mich nicht verspeisen können. Ferner wird deine Beschränktheit aus folgendem deutlich: Sagte ich dir nicht kürzlich, glaube nie offenbaren Unsinn! Du hast aber baren Unsinn für ernst genommen; so kam es, daß du drei Tage und drei Nächte hungern mußtest. Mein Leib ist doch kaum so groß wie ein Entenei; wie können dann drei Edelsteine in meinem Bauche liegen, von denen jeder so groß wie ein Entenei ist? Und schließlich wird deine Dummheit noch daran klar: Sagte ich dir nicht: Bereue nie eine Tat, die du getan hast! Und doch bereutest du eine Tat. So mußte es denn kommen, daß dir deine Gewänder zerrissen und dein Leib zerschunden wurde. Wie konntest du dir nur denken, daß du mich fangen würdest? Ich wußte ja, daß du mich töten wolltest.« Damit flog die Turteltaube nach ihrem Neste. Auch Sultan Indjilai kehrte nach seinem Palaste heim. Bald wurden seine Streiche ruchbar und allgemein bekannt. Der Reichsrat, die Häupter seiner Gefolgsleute entsetzten ihn darob seiner Würde. Er war schon eine ganze Weile abgesetzt, da geschah es eines Tages, an einem Donnerstag, daß er bei seiner Gemahlin, Sitti Sapia, saß. Er dachte so bei sich: »Das Herz der Menschen ist eigentlich doch gefühllos. Jetzt hat man mich vom Throne gestürzt, und doch weiß ich nicht recht, warum.« Trauer und Unmut befielen Sultan Indjilai und seine Gemahlin Sitti Sapia; sie besprachen sich und beschlossen, alle Vorbereitungen zu treffen, um das Land zu verlassen. Als alles zur Abreise gerüstet war, verließ Sultan Indjilai, und mit ihm seine Gattin Sitti Sapia und seine beiden Söhne Abeduledjumali und Abeduledjulali das Reich. Ohne Aufenthalt wanderten sie und gelangten schließlich auf das große, weite Feld Çahraulwasii, in dessen Mitte der Baum Asadjeratulemahiyato wuchs. In diesem Baum war das Nest der Turteltaube, die der Sultan geschossen hatte. Es war Mittag, und so legten sich die Wanderer unter dem Baume nieder, um in seinem Schatten sich auszuruhen. Da traf es sich, daß der jüngere Sohn Abeduledjulali nach oben blickte und dabei das Nest der Taube erspähte. Und er sagte zu seinem Vater: »Lieber Vater, hole mir doch die jungen Turteltauben herunter. Ich möchte gern mit ihnen spielen.« Der Vater meinte: »Kindchen, was verlangt dich nach den Turteltauben? Glaube mir, wegen einer Turteltaube sind wir ins Unglück geraten.« Abeduledjulali beharrte bei seinem Wunsche; er wollte mit den Turteltauben spielen und weinte in einem fort. Er weinte den ganzen Tag, bis der Vater schließlich aus Mitleid auf den Baum stieg, um die Turteltauben zu holen. Die alte Taube war gerade ausgeflogen und suchte für die Jungen Futter. So holte der Vater denn die Jungen aus dem Neste und brachte sie Abeduledjulali, der fröhlich mit ihnen spielte. Als die Alte heimkehrte, fand sie das Nest leer, und als sie nach unten schaute, sah sie, daß die Jungen und der kleine Prinz miteinander spielten. So von ihren Kinderchen getrennt zu sein, tat der alten Taube unendlich weh, und sie betete zu Allah, dem Allerhabenen: »O, Herr, ich flehe zu dir, erhöre meine Bitten und meine Hilferufe: Trenne sie voneinander, Kinder, Vater und Mutter, wie sie mich von meinen Kindern trennten.« Allah, der Allerhabene, erhörte das Gebet der Turteltaube und ihre Hilferufe. Die Sonne wollte untergehen. Da sagte Sultan Indjilai zu seinem Sohne: »Mein liebes Kind, wenn du nun genug gespielt hast, dann will ich die Turteltauben wieder in ihr Nest bringen.« Er trug sie also in den Baum hinauf, und als die Sonne unterging, zogen sie alle weiter. Beim Einbruch der Nacht gelangten sie an den Saum eines Waldes und bald darauf an einen Fluß, namens Annahrulamiku, der war so breit, daß man einen Mann, der am andern Ufer stand, nicht sehen konnte. Als sie nun hinübersetzen wollten, fand sich kein Boot, das sie hätten benutzen können. Erst nach langem Suchen entdeckten sie ein kleines Fahrzeug, in dem höchstens drei Leute sitzen konnten. Der Sultan sagte zu seiner Gemahlin: »Ich will dich zuerst hinübersetzen, dann kehre ich zurück und hole die Kinder.« Sitti Sapia antwortete: »Gut, wie du willst.« Der Sultan setzte die beiden Kinder in den Sand und ging darauf mit seiner Gemahlin in den Kahn. Sie befanden sich in der Mitte des Stromes, als von ungefähr ein Fischer am Ufer des Flusses entlangfuhr und die beiden Kinder bemerkte. Er landete, holte sich den Abeduledjumali und Abeduledjulali, trug sie in seinen Kahn und nahm sie mit nach Hause. Der Sultan war inzwischen über den Strom gerudert. Er hob seine Gemahlin aus dem Boote und sagte: »Bleibe nun hier, ich will jetzt die Kinder holen.« Als er sie aber abholen wollte, fand er sie nicht mehr; er mochte suchen soviel er wollte. Unterdessen fuhr von ungefähr am andern Ufer ein Kaufmann vorüber und erschaute Sitti Sapia, die im Sande saß. Er ließ das Boot an den Strand laufen, bemächtigte sich der Frau, trug sie in sein Fahrzeug und fuhr mit ihr weiter. Der Sultan suchte und suchte, er fand die Prinzen nicht; da fing er an zu weinen. Er fuhr schnell zu seiner Gemahlin hinüber. Als er hinüberkam, fand er auch sie nicht mehr. Der Kaufmann hatte sie ja entführt. Da weinte Sultan Indjilai; er irrte überall umher und klagte bitterlich. Er aß nichts, er trank nichts und schlief nicht. Und so wanderte er eine lange Zeit umher; vor Kummer und Leid wollte ihm das Herz schier brechen, und es war ihm gleichgültig, ob es Tag oder Nacht war. Die Erzählung geht zu etwas anderm über. Nun war da ein Reich, das hieß Biladutasenipi. Dessen Sultan war gestorben. Er durfte jedoch nicht eher begraben werden, bevor er einen Nachfolger hatte; und der konnte erst zum Sultan gemacht werden, wenn der Reichselefant ihn gesucht hatte. Nur wer von dem Elefanten gebracht wurde, durfte Sultan werden. So trauerte das ganze Volk, der Rat des Reiches, die Würdenträger, weil ihr toter Sultan so lange unbegraben blieb. Und endlich traten der Rat des Reiches und die höchsten Würdenträger zusammen und kamen zu folgendem Entschluß: »Wir wollen den Reichselefanten loslassen, er soll uns jemand suchen, den wir zum Sultan machen können.« Also wurde der Reichselefant in Freiheit gesetzt; er rannte in den Wald und traf dort inmitten des Dickichts den Sultan Indjilai. Als der den Elefanten zu Gesicht bekam, befielen ihn Furcht und Schrecken; in seiner Angst lief er bald hier-, bald dorthin und kletterte schließlich auf einen Baum, um sich zu verstecken; der Elefant blieb ihm aber stets auf den Fersen. Endlich redete der Elefant: »Hallo, Sultan Indjilai, komm einmal zu mir her! Versuche nicht, mir auszuweichen oder dich zu weigern, herunterzukommen und auf meinen Rücken zu steigen, denn dann fresse ich dich.« Der Sultan: »Weshalb soll ich zu dir kommen und auf deinen Rücken steigen? Willst du mich wirklich fressen?« Der Elefant: »Ich will dich ins Land Biladutasenipi tragen; dort ist der Sultan gestorben, und nur wen ich als Nachfolger bringe, kann zum Sultan gemacht werden.« Da stieg der Sultan vom Baume herab und setzte sich auf den Rücken des Elefanten. Der lief eilends mit ihm davon ins Land Biladutasenipi. An der Grenze kam ihm das ganze Volk, der Rat des Reiches und die höchsten Würdenträger zur Begrüßung entgegen; dann trug man ihn in feierlicher Weise auf einem Sessel ins Land und rief ihn zum Sultan des Reiches Biladutasenipi aus. Der tote Sultan wurde zu Grabe getragen. Der Sultan führte schon eine geraume Zeit die Herrschaft, als sich seine Untertanen in ihren Herzen tief betrübten und nicht verstehen konnten, weshalb ihr Sultan keine Gemahlin hatte. Und doch fanden, seitdem Sultan Indjilai regierte, seine Herrschertaten allgemeinen Beifall, die ersten und noch mehr die späteren, denn er war ein Mann, der das Herrschen gelernt hatte. Seitdem der neue Sultan im Lande war, blühte das Reich auf; der Reis gedieh und ebenso alles andere, was der Boden hervorbrachte. An allem war Überfluß vorhanden; so kamen denn viele Reisende, Kaufleute und Händler; sie konnten alles erhalten, nichts brauchten sie erst zu suchen, denn alles war reichlich vorhanden. Der Sultan war gerecht und leutselig gegen die Räte des Reiches, gegen die Würdenträger und die gemeinen Leute. Niemals hatte man zuvor ein solches Leben und Treiben in Biladutasenipi gesehen, wie während der Regierungszeit dieses Sultans, denn die Leute eilten in Scharen herbei, als sie von der Gerechtigkeit und Freundlichkeit dieses Sultans hörten. Die Erzählung geht zu etwas anderm über. Als die Turteltaube ihre Jungen wieder im Neste fand, freute sie sich über die Maßen und betete zu Allah dem Gerechten: »O, Herr, erhöre mein Gebet und erfülle mir meinen Wunsch. Ich erflehe deine Verzeihung, o, du Allmächtiger! Verzeihe mir und hilf mir! Verzeihe dem Sultan Indjilai, seinen Söhnen, dem Gatten und der Gattin. O, du Erhabener, führe sie wieder zusammen, vereinige sie wie vordem, als sie mir noch nichts Böses angetan hatten.« Allah, der Allerhöchste, erhörte das Gebet der Turteltaube und gewährte ihr die erflehte Verzeihung. Die Erzählung geht zu etwas anderm über. Auch dem Fischer, der Abeduledjumali und Abeduledjulali entführt hatte, wurde Kunde von dem neuen Sultan, seiner Gerechtigkeit und Liebenswürdigkeit. Er beredete sich mit seiner Frau, und sie kamen zu folgendem Entschlusse: »Unsere Kinder sind groß geworden, und so wollen wir sie zum Zeichen unserer Ergebenheit dem neuen Sultan zuführen. Bei ihm sollen sie in den althergebrachten Sitten und Gewohnheiten unterwiesen werden und ein gutes Benehmen lernen. Denn meiner Meinung nach sind sie keineswegs von geringer Abkunft; ihr Gebahren ist ganz anders und gleicht dem von Fürstensöhnen.« – Der Ort, in welchem der Fischer wohnte, lag aber im Reiche des Sultans von Biladutasenipi. Und so trafen der Fischer, seine Frau und Abeduledjumali und Abeduledjulali alle Vorbereitungen zur Reise; als sie fertig waren, brachen sie auf. Sie stiegen zum Palaste des Sultans hinauf. Hier setzte der Fischer sich vor dem Sultan nieder. Der Sultan von Biladutasenipi sprach: »Fischer, was wünschest du? Ich sehe dich zum ersten Male.« Der Fischer verneigte sich tief und antwortete: »Herr, Euer niedrigster Diener grüßt Euch und zollt Euch seine Ehrfurcht. Ich möchte Euch eine wichtige Angelegenheit unterbreiten.« Der Sultan: »Rede, ich höre.« Der Fischer und seine Frau: »Wir führen unsere Kinder zu Euch und bitten, daß Ihr sie als Diener annehmt und bei Euch behaltet. Laßt sie in den althergebrachten Sitten und Gewohnheiten gründlich unterweisen und ein gutes Benehmen lehren.« Der Sultan: »Euer Anerbieten nehme ich an und danke euch aufrichtig.« So nahm der Sultan die Kinder des Fischers bei sich auf, und dieser kehrte mit seiner Frau heim. Der Sultan hatte sein Wohlgefallen an ihnen und ernannte Abeduledjumali und Abeduledjulali zu seinen Beteldosenträgern. Als sie dies Amt versahen, wurde der Sultan ihnen noch mehr zugetan. Die Erzählung geht zu etwas anderm über. Auch dem Kaufmann, welcher Sitti Sapia entführt hatte, wurde Kunde von dem neuen Sultan des Landes Biladutasenipi, seiner Gerechtigkeit, Leutseligkeit und Freigebigkeit. Er beredete sich mit seinen Schiffsleuten und sagte: »Wir wollen alles vorbereiten, um nach Biladutasenipi zu fahren, um dort Handel zu treiben, denn dort soll man gute Geschäfte machen können, weil der Sultan gerecht, leutselig und freigebig ist, einmal gegen alle seine Untertanen, dann gegen die Fremden und besonders gegen die Kaufleute.« So wurden denn alle Anstalten getroffen, und darauf segelten sie nach Biladutasenipi. Nachdem sie eine geraume Zeit unterwegs gewesen waren, kamen sie an und gingen vor Anker. Der Kaufmann begann, seine Waren zu verkaufen. Und nach drei Monaten hatte er fast alles ausverkauft. Nun kaufte er ein, soviel und was ihm beliebte, denn seitdem der neue Sultan herrschte, konnte man alles in reichhaltigster Auswahl beziehen. Als die Einkäufe beendet, auch sonst alle andern Geschäfte erledigt waren, wollte der Kaufmann abreisen. Er sagte: »Wir sind mit unsern Geschäften fertig. Morgen wollen wir wieder abreisen.« Da fiel es dem Kaufmann ein, daß er den Sultan noch nicht gesehen und ihm seine Aufwartung gemacht hatte. So ließ er denn allerlei Geschenke zusammenpacken, vielerlei köstliche Waren, die er dem Sultan zum Zeichen seiner Ehrerbietung überreichen wollte. Darauf begab er sich in den Palast, setzte sich vor dem Sultan hin und übergab ihm die Geschenke. Der Sultan war sehr erfreut. Er sprach: »Kaufmann, sag' an, weshalb kommst du erst jetzt? Warum währte es so lange, bis du dich zu mir bemühtest?« Der Kaufmann erwiderte: »Herr und Gebieter, bei uns Kaufleuten geht's halt so. Wir haben arg viel mit dem Geldeinnehmen und Geldausleihen zu tun, dann wird hier eine Zahlung geleistet, und dort denkt man noch nicht einmal daran.« Der Sultan: »Kaufmann, du hast recht.« Sultan und Kaufmann redeten noch eine Weile miteinander; dann sprach der letztere: »Eins möchte ich Eurer Herrlichkeit noch ansagen, so Allah, der Allmächtige, es will, möchte ich morgen wieder heimreisen.« Der Sultan: »Kaufmann, weshalb hast du es denn so eilig?« Der Kaufmann: »Ich eile, um mich mit neuen Waren zu versehen, denn hier finden sie einen guten Absatz. In einem kurzen Augenblick bin ich hier alle meine Waren losgeworden.« Der Sultan: »Kaufmann, wenn du morgen abreisen willst, so bleibe doch diese Nacht bei mir zu Gaste.« Der Kaufmann: »Ein ander' Mal, großmächtiger Herr; ich werde schon wieder zu Euch kommen.« Der Sultan: »Und doch bitte ich dich, bleibe diese Nacht doch bei mir. Wer weiß denn, ob wir, du oder ich, morgen oder übermorgen nicht vielleicht aus dem Leben scheiden können?« Der Kaufmann: »Großmächtigster Sultan, ich muß mich diesmal wirklich von Euch verabschieden, ich kann beim besten Willen nicht Euer Gast sein, denn meine Frau ist bei mir, und auf dem Schiffe habe ich niemand, dem ich Vertrauen schenken könnte. Auf dem Schiffe ist lauter fremdes Volk, meine eigenen Leute habe ich nicht bei mir, und so habe ich niemand, dem ich meine Frau zum Schutze anvertrauen könnte.« Der Sultan: »Kaufmann, sorge dich nicht, wenn es sich nur um den Schutz deiner Frau handelt. Laß das meine Sorge sein; ich werde ihr meine Beteldosenträger zum Schutze beigeben. Auf die kann ich mich unbedingt verlassen. Wenn ich die schicke, ist das genau so, als ob ich selber gehen würde. Bei Allah, dem Erhabenen, Kaufmann, du darfst dich auf mich verlassen.« Der Kaufmann: »So füge ich mich Eurem Wunsche.« Und der Kaufmann blieb, weil der Sultan so liebenswürdig gegen ihn war. Der Sultan sprach: »Ruft mir die Beteldosenträger!« Die Beteldosenträger, die Kinder des Fischers, die beiden Brüder, wurden gerufen und setzten sich vor dem Sultan hin. Der Sultan sagte: »Beteldosenträger, ich befehle euch, an Bord des Schiffes dieses Kaufmanns zu gehen. Ich vertraue euch, und daher beauftrage ich euch, die Frau des Kaufmanns zu bewachen. Aber das sage ich euch: Schlaft mir nicht ein, wacht über die Frau des Kaufmanns. Abeduledjumali, wechsele mit deinem Bruder beim Wachen ab.« Die Kinder des Fischers: »Herr, wir werden deinen Worten gehorchen.« Der Sultan: »Beteldosenträger, noch eins sage ich euch. Bereitet mir keine Schande, begeht nichts, was den Kaufmann kränken könnte, sonst lasse ich euch töten.« Die Sonne ging unter. Die Beteldosenträger begaben sich an Bord des Kauffahrteischiffes. Abeduledjumali hielt die Nacht über Wache. Als der Morgen heraufdämmerte, überkam ihn der Schlaf. Er weckte seinen Bruder und sagte: »Bruder, steh' auf und löse mich ab, ich bin so müde, nachher kannst du wieder schlafen.« Abeduledjulali: »Laß mich in Ruhe. Ich mag nicht, mir geht nun einmal nichts über den Schlaf.« Und als sein Bruder ihn trotzdem wieder aufrüttelte, war der Erfolg nur, daß Abeduledjulali recht böse wurde. Er ließ sich nicht zum Aufstehen bringen. Nochmals bat Abeduledjumali: »Bruder, tue das nicht, benimm dich nicht wie ein gemeiner Kerl, du bist keiner, dein Vater und deine Mutter waren es auch nicht, im Gegenteil, du stammst von vornehmen Eltern ab. Aber dein Unstern verfolgt dich. Schon damals wolltest du nicht auf die Ermahnungen des Vaters hören, und so hat uns dieses Schicksal betroffen.« Und Abeduledjumali redete weiter: »Bruder, denk' nur daran, allein deswegen hat uns dies Schicksal betroffen. Als wir unter dem Baum Halt machten, um in seinem Schatten auszuruhen, da weintest du, weil du die jungen Turteltauben haben und mit ihnen spielen wolltest. Der Vater sagte: Warum willst du denn mit ihnen spielen? Die alte Turteltaube wird dich verfluchen, Kind! Du hörtest aber mit dem Weinen gar nicht auf, und so holte der Vater dir dann schließlich die Täubchen herunter. Und die alte Turteltaube betete zu Allah, dem Allerbarmer, und er erhörte ihr Gebet; darum gerieten wir ins Unglück. Unsere Mutter entführte ein Kaufmann, wir wurden von einem Fischer geraubt, und wo der Vater blieb, wohin der verschlagen wurde, wissen wir nicht. Vielleicht verschlang ihn ein Krokodil, vielleicht hat ihn jemand ermordet, vielleicht kam er vor Hunger und Durst um.« Sitti Sapia hatte alles mit angehört, was Abeduledjumali geredet hatte. Sie weinte, schrie, seufzte und rief fortwährend: »Meine Kinder, das sind meine Kinder.« Sie lief zum Schiffshause heraus und umarmte Abeduledjumali und Abeduledjulali; nun weinten sie zusammen. Die Mutter mit ihren Kindern. Davon wurden die Schiffsleute geweckt und fuhren aus dem Schlafe empor, als sie die Frau des Kaufmanns weinen hörten. Sie erhoben sich, lärmten – es war am frühen Morgen – und schrien: »Halloh! Die Beteldosenträger vergreifen sich an der Frau des Kaufmanns, sie wollen sie entehren; sie sträubt sich, und weint und schreit.« Auch die Dorfbewohner schlugen Lärm, so daß der Sultan aus dem Schlafe emporfuhr. Er fragte: »Wer lärmt dort nur auf dem Schiffe des Kaufmanns?« Man rief: »Die Beteldosenträger, sagt man, vergreifen sich an der Frau des Kaufmanns und wollen sie entehren, sie sträubt sich und weint und schreit.« Da wußte der Sultan nicht, was er tun sollte, denn er schämte sich vor dem Kaufmann; plötzlich rief er jedoch: »Eilt alle aufs Schiff, greift die Kerle und fesselt sie.« Da eilten sie alle hin und griffen den Abeduledjumali und Abeduledjulali. Sie wurden in Fesseln gelegt. Die ersten Würdenträger begaben sich zum Sultan und meldeten ihm: »Herr, sie wurden in Fesseln gelegt.« Der Sultan sprach: »Ruft mir den Botenläufer, den Maemuru!« Der erschien sogleich. Der Sultan: »Botenläufer! Höre meinen Befehl! Bringe die Beteldosenträger zu den Henkern und melde ihnen, daß sie sie hinrichten sollen, denn sie haben mich vor meinem Freunde, dem Kaufmann, in Unehren gebracht.« Der Botenläufer: »Herr, Euer Befehl wird erfüllt!« Und Maemuru führte die Beteldosenträger zu den Henkern. Die Erzählung geht zu etwas anderm über. Der Sultan von Biladutasenipi hatte drei Henker, die hießen Muhalike, Mukatile und Mutaine. Jeder wohnte in einem andern Dorf. Der Botenläufer suchte zuerst den Henker auf, welcher Muhalike genannt wurde. Als er ins Dorf gekommen war, begab er sich stracks nach dem Hause des Muhalike und traf ihn auch richtig an. Muhalike sagte: »Was wünschest du, und weshalb bringst du die Beteldosenträger des Sultans in Fesseln zu mir?« Der Botenläufer: »Der Sultan befahl mir, zu Euch zu gehen, denn er wünscht, daß diese beiden vom Leben zum Tode gebracht werden. Sie machten dem Sultan Unehre, und daher befiehlt er Euch, sie hinzurichten.« Muhalike: »Was haben sie verbrochen?« Der Botenläufer: »Der Sultan hat einen Freund, einen Kaufmann, sie sind zu seiner Frau gegangen und wollten sich an ihr vergreifen.« Muhalike: »Hat man den Fall untersucht, sind sie verhört worden, hat man alles von Anfang bis zum Ende geprüft?« Der Botenläufer: »Es wurde keine Untersuchung angestellt, auch sind sie nicht verhört worden.« Muhalike: »Botenläufer, so will ich sie nicht hinrichten. Einmal fürchte ich mich vor Allah, dem Gerechten, und zum andern will ich sie nicht umbringen, weil ich weiß, daß sie die Lieblinge des Sultans sind. Es möchte der Tag kommen, wo der Sultan es bereut, keine Untersuchung angestellt und sie nicht verhört zu haben. Ich werde dir eine Geschichte erzählen.« Die Erzählung geht zu etwas anderm über. Folgendes erzählte Muhalike dem Botenläufer des Sultans: »Es war einmal ein großer Sultan. Der hatte einen Wahrsager, dessen Voraussagungen sich noch immer erfüllt hatten, weshalb er beim Sultan in hoher Gunst stand. Der Sultan hatte schon lange Zeit regiert, als eines Tages sein Palast einstürzte. Nun wollte er sich einen neuen Palast bauen. Er ließ den Wahrsager rufen. Der Wahrsager kam sogleich. Er setzte sich vor dem Sultan hin. Der Sultan sprach: »Ich ließ dich rufen, weil ich mir einen neuen Palast bauen will. Du sollst mir den Tag aussuchen, der für die Errichtung des Hauses am günstigsten ist.« Der Wahrsager: »Herr, erbaue dein Haus am Mittag eines Freitags, denn wisse, so jemand um diese Zeit sein Haus baut, wird es golden; und was zu dieser Zeit gepflanzt wird, wird goldene Früchte tragen.« Dann kehrte der Wahrsager heim. Der Sultan wartete bis zum Freitag. Als dieser vom Wahrsager bestimmte Tag da war, ließ der Sultan das Haus aufrichten. Es stand schon eine ganze Weile, und der Sultan wartete, daß die Prophezeiung erfüllt würde, denn der Wahrsager hatte gesagt: das Haus wird golden, wenn es errichtet ist. Der Sultan wartete und wartete; die Worte des Wahrsagers aber erfüllten sich nicht. Da sprach der Sultan: »Die Worte des Wahrsagers haben sich nicht erfüllt, also ist auch er nur ein Lügner.« Und er ließ ihn umbringen. Einige Zeit nach dem Tode des Wahrsagers begab sich der Aufseher der Gärtner in den Palast, um dem Sultan seine Aufwartung zu machen und ihm ein Geschenk zu überreichen. Er wollte ihm eine goldene Banane überreichen. Er ging also in den Palast hinein, begab sich zum Sultan und überreichte ihm die Frucht. Als der Sultan die Banane erblickte, war er höchst erstaunt, denn eine solche Frucht sah er zum erstenmal in seinem Leben. Der Sultan: »Aufseher, woher hast du diese wunderbare Frucht? Zum ersten Male in meinem Leben erblicken meine Augen eine goldene Banane.« Der Aufseher: »Herr, alle meine Ehrfurcht gehört Euch. Ja, dies ist die Frucht einer Banane, die ich an einem Freitag gepflanzt habe. Herr, als Ihr den Wahrsager rufen ließet, war ich gerade in der Nähe. Ihr fragtet: Wahrsager, welcher Tag ist für die Errichtung meines Palastes am günstigsten? Er antwortete: Der Freitag, denn so jemand um diese Zeit sein Haus baut, wird es golden; und was zu dieser Zeit gepflanzt wird, wird goldene Früchte tragen. Als der vom Wahrsager bestimmte Tag da war, pflanzte ich mittags eine Banane, und nun hat sie die goldene Frucht getragen.« Der Sultan: »Aufseher, warum ist denn mein Palast nicht golden geworden?« Der Aufseher: »Herr, das kam so. Man hielt die Stunde nicht ein, welche der Wahrsager bestimmt hatte. Er hatte gesagt: Mittags an einem Freitag errichtet den Palast. Als er erbaut wurde, war die Sonne aber schon über den Mittag hinaus. Deshalb wurde der Palast nicht golden.« Der Sultan: »Jetzt bereue ich es, daß ich den Wahrsager töten ließ. Er war ein vortrefflicher Mann. Ich wurde sein Mörder, da ich die Sache nicht genau untersuchen ließ.« Die Erzählung kehrt zu Muhalike zurück. Muhalike sprach: »Du hast gehört, Botenläufer, weil man den Mann nicht verhörte, wurde an ihm ein Mord begangen, und der Sultan bereute es bitter, daß er sein Mörder werden mußte. Daher sage ich dir: Bringe die Beteldosenträger wieder zum Sultan zurück, er mag sie vorerst verhören! Hat er das getan, und ist es erwiesen, daß sie den Tod verdienen, dann führe sie wieder hierher, dann will ich sie töten.« Maemuru entfernte sich und ging mit den Beteldosenträgern zum zweiten Henker, zu Mukatile. Als er nach dessen Dorf gelangt war, begab er sich geradenwegs nach dem Hause des Mukatile und traf ihn auch an. Mukatile sprach: »Botenläufer, was wünschest du, weshalb kommst du zu mir? Sonst warst du nie hier und nun führst du die Beteldosenträger des Sultans gefesselt mit dir. Sie sind doch die Lieblinge des Sultans.« Maemuru: »Der Sultan schickt mich zu dir und wünscht, daß diese gefesselten Männer hingerichtet werden.« Mukatile: »Was haben sie verbrochen?« Der Botenläufer: »Der Sultan hat einen Freund, einen Kaufmann; sie sind zu seiner Frau gegangen und wollten sich an ihr vergreifen.« Mukatile: »Hat man den Fall untersucht, sind sie verhört worden?« Der Botenläufer: »Nein.« Mukatile: »Ich will sie nicht eher hinrichten, bevor eine Untersuchung angestellt und sie verhört worden sind. Denn ich fürchte einmal Allah, den Gerechten, und zum andern mag der Sultan es noch bereuen, denn ich weiß, daß die Beteldosenträger seine Lieblinge sind. Botenläufer, ich will dir eine Geschichte erzählen.« Und der Henker erzählte dem Maemuru folgende Geschichte: »Es war einmal ein Sultan, der hatte eine Tochter, die hieß Sitti Maemuna. Sie besaß einen Kakadu, den sie sehr lieb hatte. Er fraß nur, was seine Herrin ihm gab, und er hatte Sitti Maemuna auch sehr lieb. Und er benahm sich ganz wie ein Mensch. Alle Früchte, die er erlangen konnte, brachte er ihr, selbst wenn die Jahreszeit für sie noch gar nicht da war. Das tat er stets, und deshalb hatte Sitte Maemuna ihn auch lieb. Eines Tages brachte der Kakadu Danga der Sitti Maemuna eine Frucht vom Baume Sadjeratulemalahate. Sitti Maemuna sagte: ›Danga, was bringst du mir denn da?‹ Danga: ›Herrin, eine Frucht vom Baume Sadjeratulemalahate, die ich dir holte.‹ Sitti Maemuna: ›Danga, wie schmeckt sie?‹ Danga: ›Herrin, süß, erfrischend und ölig.‹ Sitti Maemuna: ›Danga, welchen Nutzen hat sie denn, wie wirkt sie?‹ Danga: ›Also ist ihre Wirkung: Sobald ein Kranker davon ißt, wird er gesund. Hat er Krätze oder eine andere Hautkrankheit, kommt er mit krummen Gliedern zur Welt, ist er lahm, einerlei, sobald er die Frucht genießt, ist er von all' den Gebrechen befreit. Ferner: Ißt ein häßlicher Mensch davon, wird er schön; liegt jemand im Gefängnis in Ketten und bekommt davon, wird er frei.‹ Da meinte Sitti Maemuna bei sich: ›Vielleicht ist es gescheiter, ich esse die Frucht jetzt nicht, sondern pflanze sie ein; trägt die neue Pflanze dann Früchte, so kann ich die essen.‹ Und also geschah es. Sitti Maemuna pflanzte die Frucht; nach einiger Zeit wuchs eine neue Pflanze hervor und trug auch bald eine Frucht. Sitti Maemuna befahl einer Dienerin, sie zu pflücken und ihr zu bringen. Die Dienerin brachte ihr die Frucht. Sitti Maemuna nahm sie in die Hand und sah sie aufmerksam an. Da beschlich ein Zweifel ihre Seele, und sie sagte zu der Dienerin: ›Gib die Frucht einem Huhn zu fressen; ich glaube, die Frucht ist giftig. Ich will die Sache erst einmal untersuchen und die Frucht einem Huhn zu fressen geben. Stirbt das Huhn nicht daran, dann will ich auch von den Früchten essen.‹ Die Frucht wurde einem Huhn hingeworfen, und kaum hatte es sie hinuntergeschluckt, da starb es. Sitti Maemuna sagte: ›Es war gut, daß wir die Frucht einem Huhn gegeben haben. Mir ahnte gleich so etwas, denn in meinem Leben habe ich so eine Frucht noch nicht gesehen. Der Baum muß giftig sein, und Danga brachte mir die Frucht nur, um mich zu vergiften. Er wollte meinen Tod.‹ Und Sitti Maemuna fuhr fort: ›Diese Tücke des Danga ist doch zu arg. Er verdient, daß ich ihn töten lasse, da er mir den Tod bringen wollte.‹ Und Sitti Maemuna gab auch wirklich den Befehl, den Kakadu zu töten. – Einige Zeit darauf wurde bei einem hohen Beamten des Sultan ein Diebstahl verübt. Er wurde bemerkt, man schlug Lärm und verfolgte den Dieb. Er wurde erwischt, dingfest gemacht, gefesselt und vor den Sultan gebracht. Die Strafe sollte über ihn verhängt werden. Da mischte sich Sitti Maemuna ein und sagte: ›Vater, laß ihn nicht hinrichten. Fesselt ihn und bindet ihn am Giftbaum an.‹ Das geschah. Der Dieb wurde gefesselt, zum Giftbaum geführt und daran festgebunden. Es war gerade die Zeit, daß der Baum voller Früchte hing; die einen reiften, die andern waren reif, und eine Unmenge war abgefallen. Niemand wagte sich in die Nähe des Baums, da sie ihn für giftig hielten; und erst recht hätte niemand sich getraut, eine Frucht aufzuheben. Als man mit dem Diebe beim Baum angelangt war, wurde er daran angebunden und allein gelassen. Der sah nun alle die Früchte um den Baum herumliegen und spürte ihren wohligen, wundersamen Geruch. Dann brach die Nacht an. Den Dieb hungerte; und da er nichts anderes zu essen hatte, aß er eine Frucht von dem Baume. Als er die verzehrt hatte, war er noch nicht satt; er aß noch zwei und noch mehr, bis er schließlich satt war. Dann brach der Morgen an. Plötzlich fielen dem Diebe die Fesseln ab. Er war frei und begab sich nun nach dem Palaste des Sultans. Der war gerade aufgestanden und sehr erstaunt, als er den Dieb sah; aber er erkannte ihn nicht. Der Sultan: ›Mein Sohn, woher kommst du denn, wie nennt sich deine Heimat?‹ Der Dieb: ›Herr, kennt Ihr mich nicht?‹ Der Sultan: ›Nein, mein Sohn.‹ Der Dieb: ›Ich bin der Dieb, der gestern an den Baum gebunden wurde.‹ Der Sultan: ›Wer befreite dich denn?‹ Der Dieb: ›Herr, das weiß ich nicht.‹ Der Sultan: ›Aber wie hast du dich verändert. Was ist mit dir geschehen? Du bist ja schön geworden, schön und wohlgebildet wie ein Prinz.‹ Der Dieb: ›Ich weiß nicht, was mit mir geschehen ist. Ich weiß nur, daß ich von den Früchten des Baumes gegessen habe.‹ Der Sultan: ›Und doch bist du nicht gestorben? Die Früchte sind ja giftig.‹ Der Dieb: ›Wieso sollten die giftig sein?‹ Der Sultan: ›Ja, das Huhn ist doch daran gestorben, als man ihm eine Frucht davon gab.‹ Der Dieb: ›Herr, das kam so: Als der Baum seine erste Frucht trug, biß eine Schlange hinein, und das Gift blieb daran haften. Die Frucht wurde abgepflückt und dem Huhn gegeben. So starb das Huhn am Gifte und nicht an der Frucht.‹ Als Sitti Maemuna das vernommen hatte, vergoß sie bittere Tränen und bereute es von Herzen, daß sie den Kakadu hatte töten lassen, ohne die Sache vorher untersucht zu haben.« Die Geschichte kehrt zu Mukatile zurück. Mukatile sagte zum Botenläufer des Sultans: »Du hast die Erzählung vernommen. Führe die Beteldosenträger zurück, damit sie erst einmal verhört werden. Sind sie von Anfang bis zu Ende verhört, und hat es sich erwiesen, daß sie den Tod verdienen, dann bringe sie wieder her, damit ich sie hinrichte. Sie waren die Lieblinge des Sultans und er könnte es bereuen.« Maemuru verabschiedete sich und begab sich mit den Beteldosenträgern zum dritten Henker, zu Mutaine. Als er in dem Dorfe angelangt war, ging er geradenwegs nach dem Hause des Mutaine. Er war anwesend. Mutaine sagte: »Aha, Ihr seid's, Botenläufer?« Der Botenläufer: »Ja.« Mutaine: »Was ist Euer Begehren? Welchen Auftrag bringt Ihr mir?« Der Botenläufer: »Der Sultan befahl mir, diese Beteldosenträger zu Euch zu bringen. Er wünscht, daß sie hingerichtet werden.« Mutaine: »Weshalb gab er denn diesen Befehl, soviel ich weiß, waren sie doch seine Lieblinge.« Der Botenläufer: »Sie begingen eine Missetat, die den Tod verdient hat.« Mutaine: »Was haben sie verbrochen?« Der Botenläufer: »Der Sultan hat einen Freund, und sie sind zu seiner Frau gegangen und haben sie in Unehren bringen wollen. Darum gab der Sultan den Befehl, sie zu töten.« Mutaine: »Wurde die Sache untersucht? Sind sie verhört worden?« Der Botenläufer: »Nein.« Mutaine: »Dann will ich sie nicht hinrichten. Denn ich fürchte Allah, den Gerechten; und zum andern, am Ende möchte es der Sultan vielleicht bereuen. Botenläufer, ich will dir eine Geschichte erzählen.« Mutaine erzählte folgende Geschichte: »Botenläufer, hört an! Es war einmal ein steinreicher Kaufmann. Der hatte einen Hund, der war ihm sehr lieb, denn er war und tat ganz wie ein Mensch. Sollte etwas fortgebracht oder etwas geholt werden, gleich war der Hund da, und auch sonst ließ er sich zu allem möglichen verwenden. So mochte der Kaufmann ihn täglich lieber leiden. Nun machte es sich, daß der Kaufmann eines Tages zu Schiff verreisen mußte. Und es war niemand in seinem Hause, dem er soviel Vertrauen geschenkt hätte, daß er während seiner Abwesenheit seine Frau betreute. Denn soviel Diener er auch hatte, keinem traute er so recht über den Weg und erst recht nicht bezüglich des Schutzes seiner Frau. Sie war über die Maßen schön, und mancher hatte ein Auge auf sie geworfen. Schon früher, vor ihrer Verheiratung, war sie eine anmutige, prächtige, anziehende Erscheinung gewesen, und nun, wo sie einen so reichen Mann zum Gemahl bekommen hatte, nahm sie sich nur noch um so stattlicher aus. Alles, was sie am Leibe trug, war überaus kostbar: Gold, Diamanten, Smaragden und Perlen. Die trug sie Tag für Tag, und damit wuchsen ihre Reize. Die Leute raunten: ›Laßt den Kaufmann nur erst einmal fort sein, dann wollen wir schon unsern Teil an ihrer Schönheit holen.‹ Das machte dem Kaufmann das Herz schwer. Eines Tages ruhte der Kaufmann wieder einmal auf seinen Kissen, und neben ihm lag der Hund. Da sah der Kaufmann dem Hunde ins Auge und sagte: ›Mariyo, du hast doch die Pflicht, deine Herrin zu bewachen, nicht wahr? Schau, wegen meiner Reise bin ich nicht wenig in Unruhe, denn ich kann niemand finden, der deine Herrin während meines Fortseins so beschützen und beschirmen kann, wie ich es täte; und ich fürchte, daß man ihre Ehre antastet.‹ Der Hund verstand und nickte dem Kaufmann zu. Der war beruhigt, traf alle Vorbereitungen, ging an Bord seines Schiffes und reiste ab. – Er war noch gar nicht lange fort, da nahte sich ein Mann der Frau des Kaufmanns. Seine Absichten waren unehrbar, und doch kam er wirklich an das Ziel seiner Wünsche. Darüber wurde der Hund tief bekümmert, hatte sein Herr sich doch auf ihn verlassen. Und er dachte bei sich: ›Kommt mein Herr heim, wird er mich sogleich töten, denn er wäre ja nicht auf Reisen gegangen, hätte er sich nicht darauf verlassen, daß ich seine Gattin betreute, und nun kommt dieser Kerl, und ich vermag die Ehre meines Herrn nicht zu schützen und zu retten.‹ – Nach geraumer Zeit kehrte der Kaufmann zurück. Seine Geschäfte waren günstig gewesen und hatten ihm einen schönen Gewinn eingetragen. Daher freute er sich auf die Heimreise und beschleunigte sie, so gut er es vermochte. An einem Nachmittag lief das Schiff im Hafen ein und ging vor Anker. – Die Frau des Kaufmanns hatte keine Ahnung davon. Und wie sie es all' die Zeit gewohnt gewesen war, ließ sie ihren Buhlen rufen, mit dem sie die Nächte zu verbringen pflegte. Diesmal ließ sie ihn schon am Nachmittag rufen. Er kam, denn auch er hatte keine Ahnung von der Heimkehr des Kaufmanns. Nur der Hund wußte, daß sein Herr zurück und das Schiff vor Anker gegangen war. – Der Kaufmann ging aber nicht sogleich von Bord, sondern meinte: ›Morgen mit Tagesanbruch will ich mich an Land begeben.‹ Als es tagte, packte er seine Sachen, stieg ans Land und begab sich nach Hause. Wie er vor der Haustür stand, merkte der Hund, daß sein Herr gekommen war; er eilte in das Schlafgemach der Frau des Kaufmanns und biß ihren Buhlen derart in den Hals, daß er tot liegen blieb. Voller Angst flüchtete die Frau aus dem Gemach; doch der Hund rannte hinter ihr her, sprang an ihr empor und zerbiß ihr die Kehle. Sie fiel um und blieb tot, das Haupt auf der Schwelle, liegen.– Jetzt betrat der Kaufmann sein Haus. Er sah, daß der Hund sie totgebissen hatte. Sogleich suchte er den Hund auf und schlug ihn tot. Der Kaufmann warf sich über seine Frau, umfaßte ihre Knie und klagte: ›Der Hund war doch ein arger Bösewicht. Ich habe ihn aufgezogen, ihn beschützt, beschirmt, die ganze lange Zeit, und nun vernichtet er mir zum Dank mein Glück.‹ Er brach in Tränen aus und bejammerte den Verlust seiner Gattin. Dann schaute er sich einen Augenblick um, ging überall im Hause herum, und kam auch zuletzt in sein Schlafgemach. Da erblickte er plötzlich in seinem Bette den fremden Mann, dem gleichfalls die Kehle zerbissen war. Da sprach der Kaufmann zu sich: ›Aha, also deswegen hat der Hund meine Frau totgebissen. Sie hat meine Ehre beschmutzt und sicherlich mit diesem Manne gebuhlt und die Ehe gebrochen. Denn ihm ist ja gleichfalls die Kehle zerbissen.‹ Nun weinte der Kaufmann noch mehr und wehklagte, und bittere Reue ergriff ihn, weil er jetzt beide, die Frau und den Hund, verloren hatte. Er rief: ›Mein Hund war wirklich ein treues Tier! Ich habe die Sache nicht untersucht und mußte daher zum Mörder werden. Mein Hund trat für meine Ehre ein.‹« Die Geschichte kehrt zu Mutaine zurück. Mutaine sagte: »Botenläufer, du hast also gehört, wie der Kaufmann zum Mörder wurde. Er hat vorschnell gehandelt.« Und er sprach weiter: »Botenläufer, kehre daher mit den Beteldosenträgern zum Sultan zurück. Er mag sie erst einmal verhören. Haben sie dann wirklich ein todeswürdiges Verbrechen begangen, dann werde ich sie sicherlich hinrichten. Und noch eins: am Ende könnte es den Sultan auch reuen, denn sie waren seine erkorenen Lieblinge.« – Der Botenläufer Maemuru kehrte zum Sultan von Biadutasenipi zurück; er betrat den Palast und setzte sich vor dem Sultan hin. Der Sultan erblickte ihn. Der Sultan sprach: »Warum kommst du? Sind die Beteldosenträger etwa nicht getötet worden?« Der Botenläufer: »Herr und Gebieter, Euer alleruntertänigster Diener begrüßt Euch. Ich war bei den drei Henkern, beim Muhalike, Mukatile und Mutaine. Sie sagten sämtlich: ›Ist der Fall auch gebührend untersucht worden?‹ Ich antwortete: ›Nein‹. Da erwiderten mir die drei: ›Bevor die Sache nicht untersucht ist und die beiden verhört worden sind, werden wir sie nicht hinrichten, und zum andern, der Sultan möchte den Befehl am Ende noch bereuen, denn die Beteldosenträger waren, wie männiglich weiß, seine Lieblinge.‹ Und ferner sagten die drei mir: ›Kehre mit ihnen um, damit der Sultan sie erst mal verhört. Ist das geschehen, und verdienen sie wirklich den Tod, dann führe sie wieder hierher, dann wollen wir sie vom Leben zum Tode bringen.‹ So kehrte ich wieder hierher zurück, Herr!« Der Sultan: »Wo sind die Beteldosenträger?« Der Botenläufer: »Sie sind hier, ich habe sie mit zurückgebracht.« Der Sultan: »Steht die Sache so, dann rufe sie herbei, damit der Fall untersucht wird und sie von Anfang bis zu Ende vernommen werden.« Die Beteldosenträger, die Fischerkinder, wurden geholt. Der Sultan berief den Reichsrat und die höchsten Würdenträger, um eine genaue Untersuchung vorzunehmen. Alles versammelte sich; die obersten Häupter des Rates waren anwesend, und die Beteldosenträger standen vor ihnen. Sprachen die Räte zum Sultan: »Es will uns scheinen, daß, wenn irgend möglich, auch die Frau des Kaufmanns herbeigeholt werden muß.« Der Sultan ließ die Frau holen. Die Frau erschien. Der Sultan: »Verhört jetzt die Beteldosenträger von Anfang bis zu Ende!« Die Räte: »Der Sultan befahl, euch zu verhören, Beteldosenträger. Was war der Anlaß, daß man euch beschuldigt, euch an der Frau des Kaufmanns vergriffen zu haben?« Abeduledjumali: »Ihr Herren, wer das behauptet, lügt! Vielleicht ist dies die Veranlassung gewesen: Wir hatten uns an Bord begeben, um Wache zu halten. Mein Bruder schlief. Spät in der Nacht, der Morgen dämmerte schon, weckte ich ihn, denn der Schlaf übermannte mich. Da sagte mein Bruder: ›Ich mag nicht aufstehen. Mir geht nun einmal nichts über den Schlaf; was kann ich dafür?‹ Trotzdem weckte ich ihn nochmals; ich war zu müde, aber ich getraute mich nicht, einzuschlafen, denn ich fürchtete mich vor dem Sultan. Als ich ihn noch einmal weckte, hatte das nur den Erfolg, daß er böse wurde. Sprach ich zu ihm: ›Bruder, tu das nicht. Der Sultan schenkte uns sein Vertrauen und gab uns diesen Auftrag, darum will ich nicht schlafen, es sei denn, daß jemand mich in der Wache ablöst.‹ Ferner sagte ich ihm: ›Bruder, wie du handeln nur gemeine Seelen, und ich möchte meinen, daß wir keine sind; nein, wir sind von guter Herkunft, von Vaters- wie von Mutterseite. Die Gottheit wollte uns nur demütigen; deshalb befinden wir uns in dieser Lage. Und noch etwas: Gerade du bist die Ursache gewesen, daß die Turteltaube sich bei Allah über uns beklagte und ihn anflehte, er möge uns trennen. Du weintest, weil du mit den jungen Turteltauben spielen wolltest. Da sagte unser Vater: Was schreist du wegen der Turteltaube? Aber du hörtest ja nicht auf. Da kletterte unser Vater auf den Baum und holte dir die Jungen herab. In dem Augenblick kehrte die alte Turteltaube zurück. Und in ihrem Schmerze betete sie zu Allah, dem Allerhöchsten, und flehte ihn an, er möchte doch Vater, Mutter und Kinder voneinander trennen. Allah erhörte das Gebet. Der Wunsch erfüllte sich. Wir wurden getrennt. Zweie entführte der Fischer, ein drittes Glied der Familie raubte ein Kaufmann, und das vierte irrt in der Welt umher; niemand weiß, wohin es gekommen ist, ob es noch lebt oder tot ist.« Die Räte: »Wer wurde vom Fischer entführt, wer vom Kaufmann geraubt, wer irrt in der Welt umher?« Abeduledjumali: »Ein Fischer raubte uns Brüder, der Kaufmann entführte die Mutter, und der Vater irrt in der Welt umher. Niemand weiß, wohin er gekommen ist, ob er noch lebt oder tot ist. Das, ihr Herren, erzählte ich meinem Bruder, da kam die Frau des Kaufmanns zu uns heraus, umarmte uns, weinte und schrie.« Solange Abeduledjumali redete, hatte der Sultan nicht einmal aufgeblickt. Er hielt fortwährend das Haupt zu Boden gesenkt und weinte vor sich hin. Als Abeduledjumali geendet hatte, sagten die Räte: »Nach dieser Aussage wollen wir euch der Frau des Kaufmanns gegenüberstellen.« Das geschah. Die Räte sprachen zur Frau: »Wir befragen dich, ist es wahr, was der Beteldosenträger gesprochen hat? Bist du die Frau, die, wie sie behaupten, zu ihnen herausgekommen ist und sie umarmte?« Die Frau: »Der Beteldosenträger sagte die Wahrheit. Ich, ja, ich bin ihre Mutter. Die Frau, von der er sagte, daß ein Kaufmann sie geraubt hat, bin ich.« Da sah der Sultan plötzlich auf, lief ihr entgegen und umarmte sie, die Gattin und seine Kinder. Und sie weinten zusammen, der Gatte, die Gattin und die Kinder. Der Sultan rief: »Ich bin euer Vater. Der, von dem ihr sagtet, er irre in der Welt umher, bin ich.« So führte Allah, der Gerechte, der auch das zweite Gebet der Turteltaube erhört hatte, sie wieder zusammen. Vater, Mutter und Kinder jubelten über ihr glückliches Wiederfinden. Noch lange Zeit führte der Sultan die Herrschaft; dann ließ er seinem ältern Sohn, dem Abeduledjumali, huldigen; er wurde sein Nachfolger in der Herrschaft über das Reich Biladutasenipi. Abeduledjulali huldigte man als Oberpriester. Der Vater wollte nicht mehr regieren, er war zu alt geworden. Die Erzählung von der Turteltaube und dem Sultan Indjilai ist zu Ende. Möge doch Allah, der Allerhöchste, allen, die diese Geschichte lesen oder sie erzählen hören, die Nutzanwendung zuteil werden lassen. Die Turteltaube war nämlich keine gewöhnliche Turteltaube; sie war ein Heiliger. Der war zur Turteltaube geworden, um dem Sultan Indjilai diese Prüfung aufzuerlegen. Denn er hatte gemerkt, daß der Sultan die Lebensaufgabe, die ihm von Allah, dem Allerhöchsten, gestellt war, nicht erfüllen würde, wenn er, der Heilige, ihm nicht diese Prüfung auferlegt hätte. Daher hatte er sich als Turteltaube fangen lassen. intaha, es ist zu Ende. 59. Wie Boro Budur entstand Als Buddha allein verehrt wurde, herrschte eben in dieser Djaman-budo, der buddhistischen Zeit, im mittleren Teile Javas ein mächtiger Fürst. Dewa Kusuma wurde er genannt und war der Sohn eines hohen Priesters. Einstmals hatte er einen Höfling schwer gekränkt. Der wußte vor Zorn nicht aus, nicht ein, und fast berstend vor Wut und Ingrimm sann er nur noch nach Mitteln, um furchtbare Rache zu nehmen und den Beleidiger aufs empfindlichste zu treffen. Nun hatte Dewa Kusuma ein einziges Kind, ein Mägdlein. Schön und hold, war es des Vaters Augapfel, das Glück seines Lebens. Eines Tages war das Kind verschwunden. Überall wurde es gesucht. Tausende von Dienern mußten sich aufmachen, um es zu suchen, nach ihm zu fragen und es wieder zum Vater zu bringen. Das ganze Reich wurde in eine gewaltige Erregung versetzt; jeder bemühte sich, den Dienern zu helfen, um dem armen Vater sein Töchterlein wieder herbeizuschaffen – doch alle Mühen, aller Eifer waren vergebens. Nirgendwo entdeckte man auch nur die winzigste Spur des verlorenen Kindes. So etwas war noch nicht erlebt worden; noch niemals war ein Kind so geheimnisvoll verschwunden. Tiefes Dunkel lagerte darüber, und ein so eigenartiger, gespensterhafter Schleier wundersamen Verborgenseins war darüber ausgebreitet, daß auch die kühnsten und tapfersten Leute zu zagen begannen, wenn sie davon reden hörten; und die Mütter schlossen ihre Kinder ängstlich im Hause ein und getrauten sich nicht mehr, sie draußen spielen zu lassen. Der arme Vater war untröstlich; niemand vermochte ihm Hoffnungen zu erwecken. So verließ er denn seinen Palast, sein Reich und durchstreifte das ganze Land, ganz Java, um sein Kind zu suchen. Er wollte nicht eher ruhen, nicht eher wieder rasten, nicht mit Weinen, nicht mit Klagen einhalten, bis er die Tochter wiedergefunden, sie wieder an sein Herz gedrückt hätte. Jahre vergingen. Eines Tages begegnete der Einsame auf seinen Irrfahrten einem blühenden, jungen Mädchen von überirdischer, reizender, vollendeter Schönheit. Es war sein verlorenes Kind! Doch der Vater erkannte die Tochter, die Tochter den Vater nicht wieder. Leidenschaft und Begierde überkamen und überwältigten den Einsamen. Er konnte die Schöne nicht vergessen, und so bewarb er sich um ihre Hand. Sie nahm seinen Antrag entgegen, und sie wurden Mann und Weib. Sie wußten nicht voneinander, und aus der blutschänderischen Ehe wurde ein Kind geboren. Da war die Rachgier des Beleidigten vollends befriedigt, und voll Freude darüber eilte er zum König und offenbarte das furchtbare Geheimnis, enthüllte er die unselige Tat. Dewa Kusuma war wie vom Donner gerührt. Voll Angst beschied er die Priester zu sich und fragte sie, wie er dem Zorn und der Rache der Götter entgehen, wie er sie versöhnen könnte. Die Priester erklärten, daß es für ein solches Verbrechen, auch wo es in Unschuld begangen wäre, keine Verzeihung gäbe. Zur Strafe müßte der König samt Mutter und Kind zwischen vier Mauern eingeschlossen werden, um den Rest ihres Lebens in Buße, Reue und Gebet hinzubringen. »Gibt es denn nichts, was die Strafe zu mildern, was sie aufzuheben vermag?« – »Ja, eine Rettung, ein Mittel ist noch möglich. Falls Ihr zu Ehren Buddhas innerhalb zehn Tagen einen Tempel erbaut, dessen Entwurf wir Euch vorlegen werden, und ihn mit all' den Bildnissen Buddhas, den Wandelgängen, den Glocken und vielem andern mehr erbaut, dann kann Euch Verzeihung, kann Euch die Strafe erlassen werden. Doch muß alles vollkommen sein, nicht das Geringste darf fehlen, sonst ist alle Mühe vergebens gewesen.« Mit allen Künstlern und Arbeitern ging Dewa Kusuma sogleich ans Werk. Wäre einem Fürsten Javas etwas unmöglich gewesen? Boro-Budur wurde in zehn Tagen erbaut. Die Frist war noch nicht abgelaufen, da prangte hoch oben auf dem Hügel der neue Tempel zu Ehren Buddhas mit seinen vielen Standbildern, Bildplatten, Dagoben und Glocken. Dewa Kusuma war sehr zufrieden. Stolz auf die geleistete Riesenarbeit und voller Freude ob der winkenden Verzeihung führte er die Priester und Würdenträger durch die Wandelgänge. Aber was ist das? Warum erblaßt der König, weshalb erbeben ihm die Glieder, warum weichen alle vor Entsetzen vor ihm zurück? Es fehlt ein Bild! Wie ist dies nur möglich? – Sein unversöhnlicher Feind, der Kinderräuber, hatte auch dies offenbar beiseite geschafft. Nun kann nichts mehr den unglücklichen Fürsten retten. Wohl ist Boro-Budur vollendet, jedem Beschauer ist das Bauwerk eine Augenweide – aber das eine Bild fehlt und somit war der Befehl der Priester nicht erfüllt worden. Im prächtigen Tempel von Mendut, der unweit Boro-Budur gelegen ist, wurde Dewa Kusuma mit Weib und Kind eingemauert. In den drei gewaltigen, acht Fuß hohen Bildnissen will der Volksglaube ihre versteinerten Ebenbilder erkennen. 60. Die Kalang-Legende In meiner Erzählung stellen sich vor: Prabu Mundingkawati, Fürst von Galuh. Tjelenggumalung, ein wildes Schwein, die Mutter von Dewi Sepirasa. Dewi Sepirasa, Tochter von Tjelenggumalung, Hofdame, später verbannt und Gemahl des Blangwajungjang. Blangwajungjang, ein Hund. Raden Suwungrasa, Sohn des Blangwajungjang und der Dewi Sepirasa, Jäger, Vatermörder, Wasserbaumeister, heiratet später als Ki Gede Temu-ireng die Dewi Sepirasa. Ein Einsiedler. Ein Gebang-Baum. Trenggiling-mentik, ein sehr kleines Wesen mit einem sehr großen Herzen. Und habt ihr euch nun diese Namen eingeprägt, Und habt ihr eure Freude dran, Und wollt ihr wissen, was mit ihnen geschieht, Dann leset nun, was einstens schrieb Das Mangundikrama und teilte mit: In alten, längst vergangenen Zeiten lebte einmal ein Fürst, der herrschte über das Reich von Galuh und hieß Prabu Mundingkawati. Eines Tages ging der Fürst auf die Jagd und zog in den Wald, um Rehe, Hirsche und wilde Stiere zu erlegen. Alle großen Würdenträger seines Reiches und der hohe Adel begleiteten ihn. Sie nahmen ein Gong mit und eine Fülle von schönen Dingen zum Essen und zum Trinken. Sie jagten den ganzen Tag über vom frühen Morgen bis in die späte Nacht, aber sie trafen nicht ein einziges Wild, so daß der Fürst unverrichteter Sache umkehren und nach Hause ziehen mußte. Nun fand er mitten im Walde eine große Nuß. Davon schlug er den oberen Teil ab und aß den Kern auf. Die leere Hülle aber diente ihm als Nachttopf. Und als er darin sein Wasser abgeschlagen hatte, zog der Fürst mit seinem Gefolge weiter und kehrte in seinen Palast heim. Als der Fürst aus dem Walde heraus war, brach aus dem Gestrüpp eine wilde Sau, die hieß Tjelenggumalung. Abgejagt, ermattet, obendrein fast verdurstet, lechzte sie nach Wasser. Sie kam an die Stelle, wo der Fürst Rast gemacht hatte, fand dort noch allerhand Reste und auch den Nachttopf, der bis obenhin gefüllt war. Im Umsehen trank sie das Wasser aus... und nach einigen Tagen spürte sie, daß sie schwanger war. Nach neun Monaten brachte sie ein Mädchen zur Welt; das war ein menschliches Wesen, über die Maßen schön, und ein strahlender Glanz ging von ihm aus, heller als der Mond. Im Walde lebte und wuchs es auf, die Dewas waren ihm gewogen und gaben ihm den Namen Dewi Sepirasa. Die Himmelsnymphen, die Widadaris, versorgten es mit allem, was es zum Leben bedurfte. So vergingen sieben Jahre, und die Mutter erfuhr niemals, daß die Dewas durch die Widadari für ihre Tochter sorgten. Als das Mädchen nun sieben Jahre alt war, konnte es für sich selber sorgen. Es suchte sich sein Essen im Walde und nährte sich von Früchten und zarten Kräutern. Die Zeit verstrich, und so kam denn auch die Stunde, wo es erfahren mußte, daß es ein Mädchen war. Und eines Tages umarmte es die Mutter und fragte: »Sag', Mütterchen, ist es nicht sonderbar, daß ich ein Mensch bin... wie kommt es, daß du ein wildes Schwein bist?« Unter Tränen antwortete die Mutter: »Liebe Tochter, das steht im Rate der unerforschlichen Götter, die mir ein Kind wie dich schenkten...,« und darauf erzählte Tjelenggumalung von Anfang bis zu Ende, was sie erlebt hatte. Nach dieser Erzählung überkam das Mädchen das Gefühl, daß es die Fleischwerdung eines Fürsten sein mußte. Stehenden Fußes nahm es daher von der Mutter Abschied, um dem Fürsten seine Aufwartung zu machen. Was die Mutter auch anstellen wollte, es von diesem Plane abzubringen, es half alles nichts; es ging. Als das Mädchen nun bei dem Fürsten vorgelassen wurde, fragte man es, weshalb es erschienen wäre und welche Gründe es hierher führten. In aller Ehrerbietung teilte es mit wenigen Worten den ganzen Sachverhalt mit, und der Fürst wurde überzeugt... daß es seine eigene Tochter war. Er erkannte es als sein eigen Kind an, nahm es in seinen Palast auf und stellte es unter die Obhut der Fürstenmutter, um in den Sitten und Weisen der Hofdamen unterrichtet zu werden. Als die Wahrsager vernommen hatten, daß der Fürst ein Mädchen als Pflegetochter angenommen hatte, die das wilde Schwein Tjelenggumalung im Busche geboren hatte, beschlossen sie, gelegentlich der ersten Audienz die Angelegenheit zur Sprache zu bringen. »Sollte es wirklich der Wahrheit entsprechen,« sagten sie, »daß Ew. Hoheit die Tochter einer Wildsau in Obhut genommen hat, dann müssen Ew. Hoheit aber auch bedenken, daß über kurz oder lang unermeßliches Unglück für Ew. Reich daraus entstehen kann. Das Beste wird sein, daß Ihr sie weit von hier in den Wald verbannt, denn das Unheil, was aus ihrem Verbleiben hier erwachsen wird, läßt sich noch gar nicht übersehen.« Da gab der Fürst seinem Wesir den Auftrag, im Walde von Simpar einen hohen Palisadenzaun errichten zu lassen, der den Ort einschließen sollte, wohin die Prinzessin verbannt wurde. Was sie für die Reise brauchte und auch später notwendig war, wurde in Ordnung gebracht und bereitgehalten: ein Spinnrad, ein Handmühlchen und ein Webstuhl. Außerdem ließ man für sie eine Ruhebank anfertigen, auf der sie sitzen und schlafen konnte. Als alles fertig war, brachte der Wesir die Prinzessin nach ihrem künftigen Aufenthaltsort. Wie sie dort ankamen, brach sie in dem Augenblick, wo der Wesir sie verlassen wollte, in bittere Tränen aus. Sie bat und flehte ihn an, doch bei ihr zu bleiben und sie nicht so mutterseelenallein im Walde zu lassen oder ihr sonstwen dazulassen, der die Einsamkeit mit ihr teilen könnte. Der Wesir vermochte sich nicht dagegen zu wehren; das Bitten und Flehen überwältigten ihn. Er hatte einen Hund, den er sehr lieb hatte. Der hatte ein lichtbraunes Fell, das von einzigartigem Glanze war. Er war schon groß und ausgewachsen, hatte eine schwarze Zunge und besaß einen buschigen Schwanz. Dieser Hund hieß Blangwajungjang. Der Wesir schenkte ihn der Prinzessin, damit sie im Walde Gesellschaft hatte. In seinen Augen lag eine eigenartige Kraft: denn kaum hatte der Hund ein Wild oder das Wild den Hund erspäht, dann konnte es, es mochte noch so ungestüm sein, nicht von der Stelle, so wurde es von dem Glanze der Augen geblendet. Er brauchte die Tiere nur anzusehen, und sie mußten sich ihm willenlos ergeben. Darauf wurde die Prinzessin sich selbst überlassen, und der Wesir kehrte an den Hof zurück, um dem Fürsten von seiner Sendung Bericht zu erstatten, nämlich: daß die Prinzessin in dem Walde geblieben wäre, daß sie sich in den Willen der Dewa's gefügt hätte, daß sie den ganzen Tag über im Hause wäre und sich mit dem Weben von Leinewand beschäftigte, in der schwarze und weiße Streifen miteinander abwechselten. Eines Tages war die Prinzessin in ihrem Dachstübchen am Weben, da glitt ihr die Webspule aus den Fingern, fiel aus dem Fenster und auf die Erde. »Wer mir,« so sagte sie ganz laut, »meine Spule wiederbringt, den werde ich, ist es ein Mann, heiraten – und ist es eine Frau, dann soll sie meine Blutsschwester sein.« Blangwajungjang hielt gerade unter dem Fenster Wache und vernahm die Worte. Er hob die Spule mit seinem Maule auf, sprang damit aufs Fenstersims und überreichte sie der Prinzessin. Die Prinzessin bekam einen großen Schreck; sie machte gute Miene zum bösen Spiel, tat, als ob sie sich über den Hund sehr freute und rief: »Gottseidank! Vielen Dank auch, daß du sie gefunden hast! Von ganzem Herzen danke ich dir! Daran sieht man doch, daß du mein Liebling bist, Blangwajungjang. Vielen, vielen Dank! Und nun gehe brav wieder nach unten.« Jawohl, die Prinzessin hatte gut reden, Blangwajungjang war nicht aus dem Dachstübchen herauszukriegen. Er legte sich hin und tat so, als ob er schliefe. Als die Nacht hereingebrochen war, mahnte Blangwajungjang die Prinzessin an die Erfüllung ihres gegebenen Versprechens; doch sie drehte sich um und schlief ein. Und so merkte sie denn auch nicht, daß Blangwajungjang sie beschlief – – bis sie mit einem Male fürchterlich erschrak und erwachte. Sie sprang auf, nahm die Weblade, die neben dem Bett stand, und prügelte Blangwajungjang gehörig damit durch, daß er aus dem Dachstübchen heraus und auf die Erde fiel, wo er ohnmächtig liegen blieb. Sie war sehr aufgebracht, aber allmählich wurde sie ruhiger und sah das Ganze als eine Fügung der Dewas an. Auch bekam sie Mitleid mit Blangwajungjang, wenn sie überdachte, daß sie beide doch so ganz allein im Walde leben mußten, und er ihr stets getreu Gesellschaft geleistet hatte. Sie besprengte ihn mit Wasser und kühlte die Stellen, die sie ihm geschlagen hatte. Und langsam kam er wieder zu sich. Nach einiger Zeit spürte die Prinzessin, daß sie schwanger war; und als neun Monate verstrichen waren, brachte sie einen Knaben zur Welt, der war niedlich anzusehen und erhielt den Namen Raden Suwungrasa. Als Raden Suwungrasa acht Jahre alt war, ging er jeden Morgen zur Jagd auf Hirsche und Rehe, und sein einziger Begleiter, der auch das Wild aufstöberte, war Blangwajungjang. Jeden Tag ging Raden Suwungrasa auf die Jagd; das Fleisch, was er heimbrachte, gab er seiner Mutter; die kochte oder briet es, dann wurde es gegessen. So ging es eine geraume Zeit hindurch. Endlich wollten die Tiere des Waldes, die Büffel, Nashörner, Elefanten usw. es sich nicht mehr gefallen lassen. Sie beriefen eine Versammlung ein und stellten auf dieser kurz und gut die Frage: »Wie können wir den Hund Blangwajungjang aus dem Wege räumen?« – »Ihr müßt doch selber einsehen, daß dies so nicht mehr weitergehen kann! Solange der Kerl am Leben ist, kann für die Tiere des Waldes gar keine Rede davon sein, einmal zur Ruhe zu kommen. Wer soll es sein? Wer ihn beiseite schafft, der soll zum König der Tiere gekürt werden, wohlverstanden, über alle Tiere, der soll auf einen Elefanten gesetzt und mit großem Gepränge zu allen Tieren des Waldes geleitet werden.« Unter den großen Tieren fand sich jedoch niemand, der dazu erbötig war und sich bereit erklärte, dem Hund den Garaus zu machen, denn sein Bellen und seine Bisse waren gefürchtet – bis sich schließlich jemand zur Ausführung der Tat meldete, Trenggiling mentik, die Assel. Ja, die wollte es auf sich nehmen. Aber man mußte ihr unbedingt versichern, in dem Falle, wo ihr das Vorhaben gelänge, sie auch wirklich zum König aller Tiere auszurufen. Man erklärte einstimmig, daß dies ohne Vorbehalt geschehen würde – jedoch, jeder lächelte im stillen vor sich hin: »Stellt euch doch einmal vor, bitte! Ein solch' kleines Tierchen mit einem so gewaltig großen Herzen!« Dem mag nun sein wie es will, ein Mann, ein Wort; regt euch nicht auf – es wurde wirklich König! Trenggiling mentik ging darauf nach Haus, um ihre Vorbereitungen zu treffen. Sie kroch in das Loch eines Pfeilers vom Hause der Prinzessin, das innerhalb der Palisaden im Walde von Simpar errichtet war. Blangwajungjang merkte sehr wohl, daß in dem Hauspfosten ein Spion saß, und schnappte und biß jeden Tag danach, doch er erreichte nichts, das Loch war viel zu klein. Er konnte nur bellen, während Trenggiling mentik ihn immer von neuem aufreizte. Sobald das Gebell aufhörte, ließ Trenggiling mentik sich sehen, und wenn er nach ihr schnappen wollte, kroch sie schnell in das Innere des Lochs und rollte sich zusammen, so daß Blangwajungjang sie nicht einmal mehr sehen konnte. Das Gebell hielt die ganze Nacht über an. Blangwajungjang machte kein Auge zu, unentwegt lag er auf Posten, denn so war er um Frau und Kind besorgt. Als der neue Tag angebrochen und Raden Suwungrasa aufgestanden war, fiel ihm Blangwajungjang auf, der nichts anderes als nur den Hauspfosten anbellte. Er sah hierhin, er sah dorthin, er steckte überall seine Nase hin, schnupperte hier, schnupperte da, aber entdeckte nichts. Und Raden Suwungrasa mußte schließlich denken, der ist närrisch geworden. Er faßte ihn daher an und wollte ihn mitschleifen, um auf die Jagd zu gehen, doch der Hund war nicht von der Stelle zu kriegen, er blieb, wo er war. Viele Male wurde er gezupft, dann auf ihn eingeredet, aber er blieb halsstarrig bei seiner Weigerung und stehen, wo er stand. Er sagte zu Raden Suwungrasa: »Junge, überrede mich nicht, das Haus zu verlassen, denn in dem Hauspfosten sitzt ein Spion.« Raden Suwungrasa sagte nichts weiter, er legte ihm eine Kette um den Hals und zog ihn mit aller Macht hinter sich her. Als sie im Walde waren, ließ er den Hund frei, damit er das Wild aufjagte – aber, paßt auf! kein einziges Wild wurde emporgescheucht. Der Hund blieb stocksteif bei seiner Weigerung und verlangte nach Haus zurück, da er um Frau und Kind besorgt war. Da wurde Raden Suwungrasa so wütend, daß er sein Messer zog, einen Hieb nach dem Kopfe des Hundes führte und ritsch! ratsch! ihm den Kopf abschlug. Darauf schnitt er Blangwajungjang das Herz heraus und brachte es seiner Mutter; doch sagte er die Unwahrheit, als er ihr erzählte, es wäre das Herz eines Rehs. Als solches wurde es denn auch angenommen und in gewohnter Weise zubereitet und gekocht. Da die Mutter nun sehr beschäftigt und in Anspruch genommen war, um ein Stückchen erst genau zu kosten, fragte er seine Mutter, wie es denn schmecke; und sie antwortete, daß es sehr schön schmecke und sie wohl merke, daß es ein Rehherz wäre. Darauf erzählte Raden Suwungrasa ihr, daß es in Wirklichkeit ein Hundeherz wäre, und zwar das Herz von Blangwajungjang. Er hätte ihm den Hals abgeschnitten, denn als er ihn hätte mit auf die Jagd nehmen und das Wild hetzen wollen, hätte er sich geweigert. Die Mutter raste und tobte; sie spie das Fleisch, das sie im Munde hatte, aus, gab dem Sohn mit dem Wasserschöpfer einen Schlag auf den Kopf und schrie wütend: »Es war ja dein Vater, dein eigener, leiblicher Vater, dieser Hund!« Das ausgespiene Fleisch wurde zu Ungeziefer – noch heute lebt der Name von Tjandi Situma fort, eines Platzes im Westen des Hofes von Simpar, der in alter Zeit von Bäumen umstanden war, die von Läusen wimmelten. Der Leichnam von Blangwajungjang verwandelte sich in einen Gebang-Baum. Als Sang Suwungrasa vernommen hatte, daß er der Sohn eines Hundes war, und begriff, daß er dadurch untilgbare Schande auf sich geladen hatte, zog er sich zurück. Er floh aus dem Walde der Mutter, schweifte umher und ließ sich schließlich, um sich zu kasteien, in einer Wüstenei nieder; und mit der Zeit brachte er es durch seine Buße so weit, daß er mit allen Geistern umgehen konnte und als ihr Freund und Blutsbruder galt. Die verschiedensten Panditen waren seine Lehrmeister. Dewi Sepirasa war nach dem Verschwinden ihres Sohnes ratlos: Blangwajungjang war tot; ihr Sohn verschwunden; nur die Wildnis um sie herum, die war geblieben. Drum brach sie aus ihrem Walde auf und beschloß, sich an einen Panditen zu wenden, der als Wahrsager einen großen Ruf hatte. So kam sie denn zufällig nach der Einsiedelei von Ki-adjar ni Gunung-Padang. Als der Einsiedler sie fragte, was sie von ihm begehrte, antwortete sie, daß sie auf der Suche nach ihrem Sohn wäre. Der Pandit setzte ihr darauf auseinander, daß sie in diesem Falle noch einige Tage warten müßte, dann aber würde sie – und der heilige Mann konnte dies als Prophet wissen – höchstwahrscheinlich ihrem Sohne begegnen. Gehorsam blieb die Prinzessin da. Nicht lange darnach – gerade waren die Tage verstrichen, von denen der Pandit gesprochen hatte – bekam der Einsiedler Besuch. Es war ein Jüngling, der darum bat, von ihm als Lehrling aufgenommen zu werden. Auf Befragen des heiligen Mannes erzählte er, daß er aus Wana Simpar stammte und Raden Suwungrasa hieße. Die Mutter erkannte in dem Jüngling auch wirklich ihren Sohn wieder. Sie wollte ihm in die Arme fliegen, doch der Pandit hielt sie zurück. Für den Augenblick mußte sie sich bescheiden, und die Begegnung fand nicht statt. Raden Suwungrasa hatte aber sogleich gemerkt, daß der Pandit eine Magd besaß, und bei Gelegenheit ließ er denn ein Wörtchen fallen, daß er die Magd wohl zur Frau haben möchte. Der heilige Mann wendete ein, daß er sich deswegen erst einmal mit der Prinzessin besprechen müßte, obschon er sehr wohl wußte, – dank der Mitteilungen durch den Geist der Vorsehung – welche Widerwärtigkeiten diese Liebe im Gefolge haben sollte. Als er daher mit der Prinzessin über die Heirat sprach, sagte sie ihm rund heraus, daß sie nicht wollte, denn sie hätte deutlich genug gesehen, daß der Jüngling ihr eigener Sohn wäre. Um das Gespräch nun in andere Bahnen zu lenken, gab der Pandit ihr den Rat: »Wißt Ihr was,« sagte er, »wenn Ihr dem Jüngling wirklich nicht gewogen seid, dann stellt ihm als Vorbedingung für die Heirat eine Aufgabe, die er unmöglich erfüllen kann.« Gesagt, getan. – Die Prinzessin gab ihm folgendes auf: »Wenn Raden Suwungrasa über den Senggarung-Fluß einen Damm und ferner ein Boot bauen kann, und dies alles in einer einzigen Nacht fertig bekommt, dann will ich seine Frau werden. Die Begegnung von Braut und Bräutigam soll auf dem neuerbauten Boote mitten auf dem Senggarung-Fluß stattfinden, und zwar unbedingt, bevor das erste Tageslicht erscheint.« Der Pandit war darüber höchst vergnügt – seine List mußte ja glücken – und teilte Raden Suwungrasa die Aufgabe mit, die ihm die Prinzessin gestellt hatte. Raden Suwungrasa fühlte sich seiner Sache sicher und antwortete, es würde alles so ausgeführt werden, wie die Prinzessin es begehrte. Er sagte seinen Zauberspruch her, und auf einen Schlag erschienen sämtliche Geister der Insel Java, um den Auftrag auszuführen. Genau auf Mitternacht waren Damm und Boot fertig. Der Fluß behielt noch eine schmale Öffnung, durch die das Boot gebracht wurde, um ins Wasser gelassen zu werden. Als die Prinzessin merkte, daß die Arbeit ihrer Vollendung entgegenging, begab sie sich zum Panditen. »Hochwürdiger Herr,« so redete sie ängstlich, mit Tränen in den Augen, »wie ist dies nur möglich? Die Aufgabe, die ihm als Vorbedingung gestellt wurde, kommt ja tatsächlich zur Ausführung. Das Boot ist fertig. Der Damm ist fast geschlossen. Die Steine, welche den Fluß abschließen sollen, liegen schon bereit. Seid doch auf ein Mittel bedacht, hochwürdiger Herr, die Ausführung zu verhindern. Denn, glaubt mir, Raden Suwungrasa ist wirklich mein Sohn – sorgt, daß die Heirat nicht zustande kommen kann.« Der Klausner hatte Mitleid mit der Prinzessin und sagte: »Wohlan, hole mir etwas Bast vom Laban-Baum.« Die Prinzessin brachte ihn. Darauf kaute der Einsiedler auf dem Baste, murmelte eine Beschwörung und spie den zerkauten Bast viermal aus. Und sieh' da, infolge der Zauberkraft des Klausners brach mit einem Male, es war noch Nacht, die Sonne durch die Wolken und vertrieb die Geister, welche Raden Suwungrasa bei der Arbeit geholfen hatten. Als Raden Suwungrasa sie die Flucht ergreifen sah, machte er sich ebenfalls auf und davon und wandte sich ostwärts, denn der Auftrag der Prinzessin konnte ja nun doch nicht zu Ende geführt werden. Er ließ sich schließlich im Walde von Temu-ireng nieder, sonderte sich von allen ab und betete inständig, daß es ihm doch noch einmal vergönnt sein möchte, der Gemahl der Prinzessin zu werden. Nachdem ihr Sohn verschwunden war, nahm auch Dewi Sepirasa Abschied von dem Panditen, wie sie zu ihm sagte, ihren Sohn aufzuspüren. Der Klausner gab ihr seinen Segen, und sie ging fort. Nach vielen Wanderungen kreuz und quer durchs Land kam sie auch nach Temu-ireng. Sie begegnete Raden Suwungrasa, aber erkannte ihn nicht; auch Raden Suwungrasa wußte nicht, daß seine Mutter vor ihm stand... Und nun wird erzählt, daß sie Mann und Frau und sehr glücklich wurden. Sie bekamen drei Söhne: Raden Lembu-manguntur, Raden Lembu-peteng und Raden Lembu-limunan. Und wie ich schon sagte, war das eine Ehe, eine Ehe... etwas Schöneres läßt sich nur knapp vorstellen... Aber eines Tages lausten sie sich gegenseitig ab; sie waren sehr eifrig bei der Sache, als die Prinzessin plötzlich an der Stirn ihres Mannes eine kleine Narbe bemerkte. Eine fürchterliche Ahnung stieg in ihr hoch: »... Bin ich etwa die Gattin meines eigenen Sohnes?« – Genug, sie zog ihre Finger aus den Locken von Suwungrasa und sank in verzweifeltem Schmerze nieder. Liebe Frau, was fehlt dir?« fragte er besorgt, »daß du mit einem Male aufhörst?...« »O, sei nicht böse,« antwortete sie, »wenn ich eine Frage an dich richte... aber sage mir auch die Wahrheit... Du hast da eine Narbe an der Stirn, woher hast du die?« – »Ach,« antwortete ihr Mann, »die habe ich von meiner Mutter, Dewi Sepirasa, bekommen; sie gab mir einstmals einen Schlag mit einem Wasserschöpfer, weil ich sie mit einem Hundeherzen, das ich von der Jagd mitbrachte, anlog und sagte, es wäre ein Rehherz. Darauf lief ich fort und habe mich hier nun unter dem Namen Gede Temu-ireng niedergelassen, denn ich war sehr bange, daß meine Mutter mich wiederfinden würde.« »So, so, und wo mag deine Mutter nun wohl sein,« fragte die Prinzessin. »Ich denke mir,« versetzte ihr Mann, »daß ein Tiger sie schon lange geholt hat, denn ich ließ sie ganz allein im Walde zurück, und in dem Walde gab es viele Ungeheuer.« Darauf schrie die Prinzessin laut auf, fiel auf den Boden hin, zerschlug sich die Brüste und klagte: »O, Dewa Jang Djagad, wie grausam, wie furchtbar grausam hattest du mich mit allen Widerwärtigkeiten des Lebens bedacht – und nun muß ich zuletzt noch erkennen, daß ich das Weib meines eigenen Sohnes wurde!« Ki Gede-ireng erschrak, doch begriff er noch nicht, was eigentlich los war, und fragte: »Aber sag' doch, weshalb weinst du denn?« »Mein Junge, Temu-ireng,« klagte sie, »so wisse denn, daß ich, die ich hier am Boden liege, deine Mutter bin! Die dir den Schlag auf den Kopf gab, war ich! Von mir rührt die Narbe her, an der ich dich jetzt als mein eigenes Kind erkennen muß. Nun wirst du verstehen, daß wir auf keinen Fall länger beisammen sein dürfen. Es ist am besten, ich verlasse dich. Auf den Bergen will ich Buße tun und die Dewas um Vergebung anflehen. Doch bevor ich gehe, höre noch meine letzten Wünsche. Wenn ich fort bin, sorge du, dann die Kinder und die künftigen Kindeskinder dafür, daß sobald ihr ein Opfermahl von Reis und Fleisch herrichtet, dann setzt die Gerichte nicht sogleich auf Bambustellern vor, sondern eine Schüssel davon zuerst auf die Schlafstätte und streut feine Asche vom Herdfeuer d'rum herum; bedeckt die Schüssel dann mit einem schönen weißen Tuch, und wenn ihr dann nach einer Weile in der Asche die Fußspuren eines Hundes bemerkt, dann dürft ihr die Gerichte den Gästen bringen, und sie dürfen sich zum Schmausen niedersetzen. Richtet ihr eine Opfermahlzeit, ein hadijat, aus, wenn eins unserer Kinder oder Enkel Hochzeit hält, und ihr einen Büffel, eine Kuh, ein Schaf oder dergleichen schlachtet, dann sorgt dafür, daß der Kopf des geschlachteten Tieres mit Blumen geschmückt und beweihraucht wird. Sobald die männlichen und weiblichen Familienältesten eintreffen, dann müssen die Familienältesten, welche das Fest und das Opfermahl ausrichten, mit den Angekommenen die liru sambut-Zeremonie begehen: der Gastgeber reicht der weiblichen Familienältesten, die als Gast erscheint, die Hand, und die Wirtin macht es ebenso mit dem männlichen Familienältesten. Darauf begeben sie sich Hand in Hand nach dem Platze, wo der geschmückte Kopf des Schlachttieres ausgestellt ist. Dort verrichten sie siebenmal vor dem Kopfe den sembah, und sobald dies geschehen ist, kann männiglich sich zum Essen und Trinken hinsetzen und alles seinen Gang gehen. Wenn nun jemand das Zeitliche gesegnet hat, dann sollt ihr eine Holzpuppe anfertigen lassen, die dem Verblichenen möglichst ähnlich ist. Die zieht an, so, wie der Verstorbene zu Lebzeiten gekleidet war. Die angezogene Puppe legt darauf auf die Schlafstätte des Toten hin und setzt Opferspeisen davor hin, Reis, Fleisch und warmes Wasser, soviel euch gut dünkt. Die Opferspeisen müssen vierzig Tage stehen bleiben und dürfen nur ausgewechselt werden, wenn sie zu riechen beginnen. Sind die vierzig Tage verstrichen, dann verbrennt die Puppe zu Asche und verteilt sie, damit sie als Schutzmittel gebraucht wird. War der Verstorbene reich, dann darf die Verbrennung der Puppe mit Festlichkeiten verbunden werden, Gamelanspiel darf erschallen, und die Freunde und Blutsverwandten sollen dazu eingeladen werden.« Nachdem Dewi Sepirasa diese Wünsche ausgesprochen hatte, begab sie sich fort und ließ sich als Büßerin beim Siputri-Wasserfall am Pedes-Flusse nieder. Dort blieb sie bis an ihr Lebensende. Dann wurde sie unter die Geister aufgenommen. Als die Mutter fort war, verließ Ki Gede Temu-ireng seine Wohnstätte und schuf mit seinen drei Söhnen die Niederlassung von Wana-Kalang im Gebiete von Tjomal, aus der dann im Laufe der Zeit die Desa Kalang wurde. Die Desa wurde später geteilt. Jeder Teil erhielt sein eigenes Oberhaupt, den Kelang-wetan und den Kelang-kulon. Im allgemeinen wurden schöne Menschen in diesen Desas geboren; aber alle waren gezeichnet: – bei allen ragte das Steißbein um Daumeslänge hervor und sah wie ein Schwanz aus. Auch nahmen sie eine Gewohnheit an, die man wirklich als unsittlich bezeichnen muß: Eltern, Blutsverwandte von Kindern gingen untereinander Ehen ein und vermischten sich, wie es beim Vieh Brauch ist. Kehren wir aber noch einmal zu unserer Erzählung zurück. Sang Trenggiling mentik, die Assel, wurde nach Blangwajungjangs Tode wirklich zum König der Tiere gemacht und in großem Gepränge von allen Tieren, groß und klein, auf einem Elefanten umhergeführt. Als der Zug unter dem Gebang-Baum anlangte, der aus dem Leichnam von Blangwajungjang emporgewachsen war, da fiel der Baum um, ohne daß jemand wußte, wie es geschah. Er fiel auf den Elefanten, der sich aufbäumte. Trenggiling mentik fiel zu Boden und wurde von dem Elefanten zertrampelt. Alle Tiere liefen davon und gelobten, daß ihre Nachkommen sich niemals in die Nähe eines Gebang-Baumes wagen oder bei ihm Unterschlupf suchen sollten. Davon leitet sich der Gebrauch her, daß man beim Übernachten im Walde aus Gebang-Blättern ein Band flechtet, sich damit umgürtet und es um den Platz ausbreitet, wo man sich zum Schlafen niederlegt. Damit ist die Geschichte aus. 61. Treue Liebe findet ihren Lohn 1. Hört jetzt den Sang, der fertig gerade wurde, am Pon dem Tage der fünftägigen Woche, dem Freitag der siebentägigen Woche Kowantil, am siebenten Tage des abnehmenden Mondes. Es handelt das Gedicht davon, wie der Mensch sich benehmen soll, der das heilige Band der Ehe knüpfte. Und was die Schriften euch sagen, das müßt ihr befolgen; vergeßt die Erzählung nicht, die euch zur Belehrung geschenkt wurde. 2. Merkt auf, ihr beiden, Mann und Frau! Auf daß ihr erfahret die Pflichten des Ehestandes. – Laßt nicht verloren gehen den an Lehren reichen Inhalt des Gedichtes. Die Frau, die vom Mann geliebt wird, sie erweise ihm ihre Verehrung; auch schaue sie auf sein Gesicht und zeige ihm ein freundliches Antlitz. Soll alles gut gehen, soll dienen sie ihrem Manne, in Demut sich ihm unterwerfen. 3. Höflich und ehrerbietig, so seien ihre Worte. Verehrt sie den Ehegemahl, nennt Herr sie ihn und Meister. Nicht geziemt's sich der Gattin, dem Manne sich widerspenstig zu erweisen. Unsagbar schwer trifft das Urteil die widerspenstige Frau: Im Jenseits wird sie gepeinigt. 4. Die Frau, die heute in allem ihre Pflicht tut, sie kümmere sich nicht um das Morgen; sie achte des Sterbens nicht. Furcht sei ihr fremd und unbeschwert ihr Herz. Wohl reden andere: »Lebe nur heute! – was sollen dir die Schriften? Wer kennt das Morgen, wer weiß vom Übermorgen? Dem Gatten, den das Heute dir bescherte, wohlan, ihm suche zu gefallen, viel oder wenig, ganz wie dir es behagt!« 5. Dergleichen entspringt nur dem Kopfe einer, die um nichts und um niemand sich kümmert, die da spricht: »Laßt's gehen wie es will, schaut nicht auf das Ende!« O, daß ihr doch niemals dergleichen möchtet befolgen! 6. Die vortreffliche Gattin, die nehmt zum Vorbild! Innig, wirklich und herzlich, so sei ihre Verehrung. Solch' einer Frau geziemt ein freundlich' Gesicht, wenn sie dient dem Ehegemahl. Freude wird ihr widerfahren, nicht allein im gegenwärtigen Heute, nein, auch in einem spätern Geschlecht – wiederum soll sie sein dann die geliebte, begehrte Frau! 7. Im Guten, im Bösen, in Liebe und Leid – was der Gatte immer dir antut, laß sehen es nicht auf deinem Antlitz! Ob Geliebte du bist oder neben den anderen Frauen die Verschmähte, sei immer die gleiche. Standhaft bleibe und fest in der Sorge um den Gatten, Wohlbehagen zu verbreiten. Gut und Böse; dir sei es gleich. Bist du die Mindergeliebte, darum trag' keine Sorge! Halte dich doch der am meisten geliebten gleichwert! Der Treue, die deinem Gatten du schuldest, geschehe deshalb niemals Abbruch. 8. Sei getreu in der Liebe und Verehrung zum Gatten; niemals schenke Gehör bösen, lästernden Einflüsterungen, keine Antwort habe für das leere Geschwätz der Nachbarn und Freunde, die gegen den Gatten dich hetzen, dich ihm entfremden wollen; nie werde zornig, nie sei betrübt. Halte den Gatten in Ehren! Bedenke alles: das Ende trägt am schwersten die Last. Und nun vernehmt die Geschichte des Mannes, der zwei Frauen nannte sein eigen. 9. Der Mann hieß Hi Djatiraga; klug war er und weise, alle Tugenden zu üben war er bestrebt, und in allem suchte er das Gute. Doch – und darin war er zu tadeln – zugut war er für seine zweite Frau, die eingebildet war, stolz und auffährig; wennschon er ihr alles verzieh ob ihrer großen Schönheit. 10. Anders dagegen die erste Frau – Tan Porat, die Mindergeliebte! Ergeben war sie dem Gatten; wenn auch verschmäht, benahm sie sich so, als sei sie die schönste, die geliebteste unter den Frauen. Eingedenk war sie der Schriften, gedenkend des Gatten; stets lebt' er in ihrem Herzen. War auf der Reise er, umringten ihn etwelche Gefahren, seiner gedachte sie nur in ihren Gebeten. 11. Und sie betete im Hause: »O, du allmächtiger Gott! Flehentlich bitte ich dich, laß meinem Mann auf dem Wege nichts übles begegnen. O, allmächtiger Herr, gewähre ihm jedwedes Glück!« War nach Hause er gekommen, sie eilte, die Füße ihm zu waschen, sie mit ihren Haaren zu trocknen und sagte: »Gestern, heute und morgen, also sei dies stets meine Huldigung!« 12. Dann aber setzte sich Dreman, die andere Frau, auf die Ruhebank. (Und doch wäre gerade ihr Platz zu Füßen des Mannes gewesen.) Unverschämt, wie ihre Art, Zorn vortäuschend, versuchte sie den Gatten nun gegen die Mitfrau zu hetzen, klagend, daß sie während der Abwesenheit des Mannes die meiste und schwerste Arbeit geschafft hätte, derweilen Tan Porat es meisterlich hätte verstanden, sich alles so gemächlich wie möglich zu machen. 13. Und doch, worauf es ankam, war gerade Tan Porat, sie, die schwächste, es gewesen, die ohne Verdruß täglich die schwerste Arbeit getan hatte. Trotz allen Zwist's war sie still ihrer Pflicht nachgegangen, das Benehmen der andern nur innig betrauernd. 14. Solch' ein Betragen einer Frau ist schlechthin sehr zu verwerfen. Aber was sollen wir noch mehr dazu sagen? Also ist unsere Meinung, daß die Frau in diesem Leben nur eins muß ernstlich erwägen: Wahr soll sie sein und getreu ihrem Manne, nie von der Seite ihm weichen. Dann nur – ja, dann alleine – mag eine Frau man rechtens sie nennen. Bilde doch nie sie sich ein, daß mächtig sie ist, wenn den Mann sie will beherrschen. 15. Die Frau herrsche nicht! Sie teile alles Gute mit der Madu. Doch dessen seid gewiß! Die nur zu herrschen begehrt und aufhetzt den Mann gegen die andere – wahrlich, sie wird es bereuen... 16. Doch gleich Hi Dreman frech zu sein gegen den Gatten und auf die Straße zu laufen – das läßt große Verdorbenheit schauen. Soviel schöne Kleider sie bekam, nie war sie zufrieden, immer beliebt es ihr nur, hochfahrende Reden zu führen. 17. Nun, nachdem beide gemeinsam dem Gatten vermählt waren, war Tan Porat gar bald die Untergeordnete geworden. Den alten Satzungen treu, verharrte sie in Demut, verehrte den Ehegemahl, dieselbe stets bleibend, ob im Hause er war oder abwesend; ging er auf Reisen, flehte des Himmels Segen sie ja auf ihn herab. Bei seiner Heimkehr alsdann eilte sie ihm entgegen, hockte nieder bei ihm und erwies ihm ihre Verehrung. 18. Darauf hastete sie, die Füße ihm reinlich zu baden, und sie trocknete sie ihm mit ihrem Slendung; d'rauf grüßte sie ihn zum Abschied, um an die Arbeit wiederum sich zu begeben. In Liebe und Leid blieb in allem sie treu, auch in der Verehrung. Dreman verlor jedoch dann fürwahr die Besinnung, sei es vor Zorn, Ärger und Neid, – gewiß doch! – hochtrabender wurd' ihre Rede, nicht genug wußte sie sich zu rühmen. 19. Alles, was ihr Mann nur gewann, ihr konnte es nie genug sein. Hi Dreman räumte schon auf mit seinem Reichtum, in schönen Kleidern und leckeren Speisen alles verprassend. Zuletzt hatte sie den Mann völlig unter der Fuchtel, daß Furcht er bekam und nicht mehr wußte, wo nun aus, wo ein. Also war es schon lange Zeit gewesen, als Hi Dreman erkrankte. Sie konnte nichts essen. 20. Hi Djatiraga wurde nun innig betrübt; hatte doch alles den Anschein, wie wenn das Sterben nahte. Auch die gute Tan Porat, sie gönnte sich keine Ruhe, überall lief sie herum, Heilmittel zu holen, damit ihre Madu genas. Also war ihr Wunsch: »O, möchte die jüngere Schwester doch jetzt noch am Leben bleiben! Ach, hätt' ich doch Glück und fände ein nützliches Heilmittel!« 21. Im Hause eilte sie d'rauf, die Heilmittel auf die Haut ihr zu blasen; sie haucht' ihr ins Ohr, die Lebensgeister zu wecken, mit würzigen Kräutern rieb sie ihr die Beine und flehte: »Du allmächtiger Gott, erhalte meiner Madu das Leben! – erhalte sie, die alle Mühen mit mir teilt und mit mir unserm Ehegemahl dient. O Gott, sei uns gnädig!« 22. Die Krankheit wurde immer heftiger; die Leidende wälzte sich auf ihrem Lager hin und her; ihr Körper glühte im Fieber, sie rückte und pflückte an allem herum, denn die Sinne waren ihr geschwunden. Sie raste, sie tastete umher, als wollte sie wissen, wo eigentlich sie sich befand. Dann nahte das Ende; sie lebte nicht mehr, sie war noch nicht tot, immer mehr nahm die Fieberhitze zu, bis sie zum Schlusse völlig das Bewußtsein verlor. 23. Es wird erzählt, wie sie starb; starr lag sie da, steif, langausgestreckt und leblos. Es wehklagte und weinte ihr Mann, und also murrten seine Lippen: »Großer Gott! Nun hast du mir meine Augenweide genommen; meine jüngere Schwester ist mir entrissen, gleich einer Blume, welche die herrlichsten Düfte spendet, vom Stengel gebrochen wird.« 24. Tan Porat weinte und laut klagte sie ihr Leid; Liebe, die sie für die Madu hegte, schaffte in Klagen sich Luft: »O Dewa ratu, du großer Gott! Nun bist du, meine jüngere Schwester, doch vor mir hinweggestorben, o, warum ging nicht ich dir voraus! Entrissen wurdest du uns gleich einer noch nicht erschlossenen Blume.« 25. Fürs erste ist nicht mehr die Rede von der Betrübnis des Ehegatten und der Mitfrau. Jetzt wird erzählt, wie es der Seele Hi Dremans im Jenseits erging, wie sie zitterte, bebte in Erwartung des Loses, das ihr nun bestimmt war. Jetzt kommt der Gott Sang Djogor Manik, in den Händen die Keule. Auf Hi Dreman tritt er zu und zerspaltet mit einem fürchterlichen Schlage der Seele den Schädel; das Gehirn trat heraus und verspritzte weithin. Ihm folgte Sang Tjikra Bala. Der suchte die Teile und Teilchen zusammen und fügte sie fein säuberlich aneinander, daß zum Leben erwachte nochmals die Seele. Sie mußte sogleich die furchtbaren Strafen leiden, denn ohne Haupt, wie hätten alsdann die anderen an ihr vollbracht werden können? 26. Andere Höllengeister kamen, Diener des Jama, Gottes des Urteils und der strafenden Gerechtigkeit. Sie packten die Seele und schleiften sie stoßend und ziehend in die Hölle; mit starken Seilen wurd' sie gebunden. Und über dem großen, lodernden Feuer hing man sie an Kepuh-rangdu, den furchtbaren Baum der Hölle. Da wurde die Seele gefoltert, hin und her zog man sie, jetzt in die Höhe, dann hinab in die entsetzlichen flammenden Gluten. 27. Bald war sie völlig versengt, pechschwarz am Leibe. Ist es ein Wunder, daß sie aufschrie voll Schmerz. Ja, nun kam die Reue, und sie beweinte ihren selbstüberheblichen Stolz dem Gatten in der Oberwelt gegenüber. Doch so geht's allemal. Zu spät kommt die Reue, und das ist das Schicksal der Seele, die im Leben bestrebt, sich über sich selbst zu erheben. 28. Doch schweigen wir jetzt von der Seele, die über dem Höllenfeuer hangend dort furchtbare Pein erleidet. Reden wir von dem Mann. Bald erkrankte auch er, starb, und die Qualen begannen. Sang Tjikra Bala erschien und schleuderte ihn in die Hölle. 29. An den Füßen gefesselt, so warf man die Seele in den furchtbaren Kessel; Feuer wurde entzündet, geschürt und das Wasser, es kochte gewaltig. Und in peinvollem Schmerz laut auf schrie jetzt seine Seele. Mann und Frau, sie fanden in der Pein den gerechten Lohn ihrer Sünde. 30. Doch schweigen wir wieder von den Seelen der Frau und des Gatten; einerlei Los wurde beiden. Tan Porat war über die Maßen betrübt. Jetzt wollt' auch sie sterben; was sollte das Leben ihr, der Verlassenen, bieten? Leid nur brachte es ihr, nutzlos war ihre Liebe, denn wo weilte der Mann, der ihrer Liebe wert war? 31. Unsägliches Leid erfüllte das Herz ihr. »Wer liebt mich jetzt noch?« So fragte sie im innersten Herzen. »O Gott! Wann werd' ich den Gatten schauen, wiederum sehen den Geliebten, dem meine Seele zugetan ist! Wohlan, so nimm mich hinweg, mach' vollends mich unglücklich, was nützt mir dies Leben?« 32. Lange noch trauerte sie, kein Trost konnte helfen – bis endlich auch sie aus diesem Leben schied. Leise nahte der Tod; sanft, ohne Schmerzen verschied sie. Als ihre freie Seele hinauf in die andere Welt kam, standen viel' schöne überirdische Wesen zu ihrem Empfange bereit; in all' ihrer Schönheit, anmutig lächelnd hielt sie ihren Einzug unter den sie umringenden Engeln. 33. Ja, nun stieg ein Wesen hernieder, schön wie die Göttin des Mondes, in den Händen einen Krug, wie man zum Empfang ihn bereit hält. Weiter wird nichts von Tan Porats Auffahrt berichtet, als daß ins herrliche Götterreich einzog, sie, Tan Porat, die den rechten Tod gestorben in Verehrung für ihren Gatten. Da erschienen der Nymphen vierzig an Zahl; sie hatten den Auftrag erhalten, ihr entgegenzugehen und feierlich sie zu empfangen. 34. Die eine hielt den Krug aus blitzendem Golde, der war mit Wasser gefüllt, Wasser, dessen Geschmack, und nahm man nur einen Schluck, länger als ein Jahr anhielt. Eine andere trug einen chinesischen Fächer. Sie alle waren fröhlich, lachten und scherzten – und so schwebten sie fort, in zierlichen, anmutigen Bewegungen, Tan Porat einzuholen. 35. Und in großer Zahl erschienen die Götter, drängten einander, um sich dem festlichen Zug anzureihen. Als sie Tan Porat trafen, erhob sich ein Wettstreit unter den Engeln, wer zuerst wohl vermöchte, der Tan Porat die Füße zu umfassen. Alle grüßten sie da mit ehrerbietigen, schmeichelnden Worten: »O Dewa Ratu! Heil unserer Königin! Wir heißen dich willkommen, dich, du erhabene Seele!« 36. Hier umfaßt sie die eine, die andere hebt sie empor, um auf den Händen sie zu tragen. Die den Wasserkrug trug, sie bot ihr das köstliche, klare Wasser zu kosten; die den Fächer hielt, sie wehte ihr Kühlung zu. Alle lachten vor Freude und drängten sich zu den Diensten, sie der schönen Seele zu leisten, die in reiner Verehrung vollendete. 37. Doch die Seele, sie hatte für alles dies kein rechtes Empfinden; Trauer erfüllte sie noch, Trauer um den geliebten Gatten. Daher sprachen freundlich die Engel: »Göttliche Gusti! Warum bist du so traurig? Will's dir denn nicht gefallen, mit uns weiter zu zieh'n? Du gehst ja ein zum Himmel, zum herrlichen, seligen Himmel; was wirst du missen? Und so will es der höchste Gott, wir sollen ein wenig uns üben, damit recht bald mit uns die himmlischen Freuden du teilest.« 38. Es antwortete die Seele Tan Poras: »Was wird es mir nützen, wo ich doch allein nun sein werde? Traurig werde ich sein, traurig auch bleiben... denn, wo ist er, mein Mann? Soll ich mein Ehegemahl nie wieder treffen, soll alleine ich bleiben, wahrlich, in der Einsamkeit wird kein Glanz, keine Herrlichkeit je mich entzücken!« 39. Darauf ergriffen die Götter das Wort und sprachen: »O, erhabene Gusti! Wir haben deinen Gatten gesehen. In der Hölle weilt er, gefesselt, zuckend, zappelnd, sich krümmend, siedend im großen furchtbaren Kessel.« Wie Tan Porat die Worte vernahm, schrie laut auf sie, rufend: »Schnell dann! Voran nur! Vorwärts! Eiligst begleitet mich dorthin, denn das ist mein Wille!« 40. »O, niemals dorthin, erhabenste unserer Fürstinnen! Schone dich nur, das ist kein Ort, würdig, daß du ihn betrittst!« Tan Porat gab jedoch zur Antwort: »Merkt auf! Kehrt alle zurück und meldet dem höchsten Wesen, daß vereint mit meinem Mann ich will sein. Ist er verdammt, will die Verdammnis ich jetzt mit ihm teilen.« 41. Was hat er denn vordem getan? War ich nicht seine Geliebte, als er am Leben noch war?« Mit eins eilte sie fort; es folgten ihr Engel und Götter; vor ihr, zu ihrer Seite, dahinter, überall drängten sie sich, erfüllt von der Liebe für die verklärte Seele. 42. So kam sie zur Seele ihres Gatten. O, wie war er ermattet, erschöpft von den vielen Leiden. Herzzerreißend war sein Geschrei in dem furchtbaren, entsetzlichen Schmerze; Hände und Füße gefesselt, so wurd' er im Kessel gesiedet. Als die verklärte Seele ihn aber erblickte, da rief sie aus, und die Tränen rannen ihr aus den Augen: »Ach, mein geliebtester Freund! So muß es jetzt dir nun ergehen!« 43. »Nie habe ich je dir die Treue verleugnet; d'rum komme ich zu dir, will mit dir die Schmerzen ertragen, ich folge dir jetzt in den siedenden Kessel.« Hinunter wollte sie springen, auf den Kessel zulaufen, doch die Götter stürzten herbei, zurück sie zu halten, damit ins Verderben sie sich nicht brächte. 44. »Wie könntest du dahin nur deinem Manne nun folgen? – Laß ihn dort bleiben, dort ist sein Platz, dort büßt er seine Sünde. O, folge ihm nicht in den schrecklichen, furchtbaren Kessel. Denn das ist der Wille Hida Hijang Tuduhs, des Herrn des Schicksals: Für eine getreue Seele ist eine andere Stätte bereitet.« 45. »So wünscht es der allgewaltige Schicksalsbeherrscher.« Doch die Seele, ihrem Manne getreu, sie antwortete: »Ihr braucht nicht viele Worte zu verschwenden; trotz allem wird die Hölle mich aufnehmen, denn mit dem Mann, der auf Erden mein war, will ich auch weiter vereint sein; ich liebe ihn bis zu den Schmerzen des Kessels.« 46. Flehend und klagend sprachen darauf die Nymphen: »O Gusti! Tu es doch nicht, sei selber dir gnädig, dir ziemt nicht ein derartiges Los!« Tan Porats Ohren blieben taub gegenüber den sanften, verweisenden Bitten. 47. Wie die Seele nun stark blieb und sich anschickte, in die Hölle sich zu werfen, ließen die Bagawan Panjarikan, die Götter, dies nimmermehr zu; soviel sie auch flehte, auch versuchte, sich loszureißen, die gesamten Bagawan Panjarikan, sie gaben sie nicht frei. 48. Da trat aus dem Unsichtbaren hervor Tanana Hijang Tuduh, der große Schicksalslenker. Er sprach: »Wohlan, du Frau, dem Ehegemahl treue Seele! Wahrlich, du bist der getreuesten eine. Und doch, laß ihn dort bleiben, sein Los folgt seinem Leben. Dein Weg aber führe hinauf in den Himmel.« 49. Schnell gefaßt, doch voll Ehrerbietung, antwortete d'rauf die erhabene Seele mit herzbewegenden Worten: »O, du erhabener Gott, doch bitte ich um die Gnade, laß jetzt vereint mich werden mit dem Mann in dem siedenden Kessel.« Der Gewaltige verschwand; doch den Göttern befahl er, niederzusteigen, um mit der erhabenen Seele das weitere nun zu bereden. 50. Die Götter kehrten zurück und nun fragte der Allmächtige: »Also, wie steht es jetzt um die getreue Seele, die mit rechter, ehrlicher Liebe ihrem Manne vergelten will?« Die gaben zur Antwort: »Sie bleibt dabei, im Kessel mit ihrem Manne gesiedet zu werden, zu anderm ist sie nicht zu bewegen.« 51. Der Allmächtige sprach: »Nun, der Fall ist schon schwierig! Soll sie dem Verderben anheimfallen? Da sie jedoch der vollkommenen Verehrung getreu blieb, darin verharrte, das Gute zu wollen, es zu tun, ist es notwendig, daß sie auch selig nun werde; eingehen soll sie in den Himmel, der himmlischen Seligkeit teilhaftig werden.« 52. Darauf erwiderte die Gesamtheit der Götter: »So bitten wir dich, das folgende jetzt zu erwägen: Die getreue Seele will nicht in Liebe, im Leide, im Himmel, in der Hölle je von dem Manne getrennt sein.« 53. »Könnte nun nicht der Mann erlöst, sie beide in den Himmel jetzt einziehen?« Der allmächtige Gott stimmte dem Vorschlage zu. Er sprach: »Ja, dieser Rat ist gut! Wohlan, eilt und erlöset den Ehegemahl!« Die Seele Djatiragas wurd' befreit und aus dem Kessel gezogen. 54. Hi Djatiraga erlebte jetzt seine Verwandlung – o, wie war er verändert! Wahrlich, nun glich er dem Liebesgott gar in Gestalt. – Und wie erging es der unseligen Dreman? Sie schrie und begehrte desgleichen erlöst und begnadigt zu werden. Sie rief nach dem Ehegemahl und sprach mit süßer, schmeichelnder Stimme: »Ach, mein geliebtester Herr! Ich beschwöre dich, errette mich aus der Bedrängnis!« 55. »O, ich leide solch' Pein, man hat mich hier aufgehangen und schon seit so langer Zeit. Was soll ich beginnen, um mir mein grausiges Los zu erleichtern? Eingedenk bin ich voll Reue all' meiner früheren Sünden – o, diese Pein, sie ist nicht mehr zu ertragen –: brennen, hängen muß ich, versengt werden in der glühenden Hitze.« 56. »Meine Augen, sie schwanden, mein Hirn, meine Eingeweide. O, mein Freund! Gedenkst du denn nicht mehr der Liebe, die du mir erwiest, als wir noch lebten?« Doch der Mann vermocht' es nicht mehr, die Bitten ihr zu erfüllen; wohl liebt' er sie noch im Innersten seines Herzens; er mußte sich von ihr wenden, sich den Verweis des Allmächtigen zu ersparen. Denn nicht dulden könnt' er, daß weiterhin er um sie sich bekümmerte. 57. Von der Seele Hi Dremans wird fortan nichts weiter berichtet. Wie der Höllengeister einer, so schrie und so rief sie, doch immer vergeblich. Doch von der getreuen Seele, die mit ihrem Gemahl nun vereinigt, hören wir weiter. Beide dankten sie Gott mit ehrerbietigen Worten, in tiefster Anbetung. Wasser wurd' ihnen gereicht aus goldenem Kruge. 58. Ihr Erstaunen wuchs ob des Geschmackes vom Wasser; Honig konnte damit nicht sich vergleichen. Zuerst trank der Mann, darauf die Frau. Und kaum hatten sie gespürt die Süße dieses Geschmacks, als das Wasser den Mund ihnen berührte, die Zähne umspülte, da wurd' ihnen das ganze Gemüt voll Dankes. 59. Als sie das Trinken beendet, sprachen die Nymphen: »Erhabene Geister! Nun ziehet weiter, wie es euch immer behagt, der Allmächtige, Hijang Tuduh, er wartet eurer; er ging euch voran.« Freudig gestimmt gingen die Seelen nun weiter. Voller Ehrerbietung, wie von früher zu reden sie es gewohnt war, sprach Tan Porat zum Gatten: »Geh' du voran, du, mein Freund!« 60. »Ich werde dir unmittelbar folgen.« Der Mann erfüllte ihr dies Verlangen, und so wandelten sie fort, die eine hinter dem andern. Mann und Frau, sie glichen zwei prächtigen Blumen; einem Gott, einem Dewa, einer Göttin, einer Dewi, gleich, so traten sie vor den Allmächtigen. Quellennachweise und Anmerkungen Die Märchen dieses Bändchen sind entnommen: N. Adriani:     (1) Sangrieesche Teksten. Aus: Bijdragen. Bijdragen tot de Taal-, Land- en Volkenkunde van Nederlandsch-Indie. Haag. 1893.         (2) Vertalinginde Bare'e-taal. Aus: Tijdschrift. 1909.         (3) Toradja'sche Uilespiegel-Verhalen. Aus: Tijdschrift. Tijdschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde mitgegeven door het Bataiaasch Gonootschp van Kunsten en Wetenschappen. Batavia und Haag. Batavia 1903. M.I. van Baarda: Het Loda'sch... Loda'sche Teksten en Verhalen Aus: Bijdragen 1904. P.J. Bezemer: Volksdichtung aus Indonesien. Haag 1904. I.F.E. Brumund: Boro-Boedoer, Aus: Tijdschrift 1858. H. van Dijken en M.I. van Baarda: Fabelen, Verhalen en Overleveringen der Gale'areezen. Aus: Bijdragen. 1895. Ivor H.N. Evans: Folk Stories of the Tempassuk and Tuaran Districts, British North Borneo. Journal of the Royal Anthropological Institute, Bd 43. London 1913. O.L. Helfrich: Nadere Bijdrage tot de Kennis van het Enganeesch Aus: Bijdragen 1916. E.A. van Hien: Einige weinig bekende Javaansche Legenden Bandoeng 1912. Charles Hose and Mc Dougall: The Pagan Tribes of Borneo. London 1912. A.E. Jenks: The Bontoc Igorot Manila 1905. I.C.G. Jonker: Bijdrage tot de Kennis der Rottinee'sche Tongvallen. Aus: Bijdragen 1913. Ed. Kläsi: Der malaiische Reineke Fuchs und anderes aus Sage und Dichtung der Malaien. Frauenfeld. 1912. I. Knebel: De Kalang Legende, volgenz Tegalsche Lezing uit het Javaansch. Aus: Tijdschrift. 1894. B.F. Matthes:         (1) Boegineesche Chrestomathie. Haag 1872.         (2) Boegineesche en Makassaarsche Legenden. Aus: Bijdragen 1885. A. Mathijsen: Eenige Fabels en Volkslegenden Van der Onderafdeeling Belu op het eiland Timor. Verhandelingen van het Bataviaasch Genootschap van Kunsten en Wetenschappen. Batavia 1915. C.M. Pleyte: Batksche Vertellingen. Utrecht 1894. Charles Renel: Contes de Madagascar. Paris 1910. Ph.S. van Ronkel: Een Uilespiegel-Dwerghert-Verhaal in het Kangeansch. Aus: Tijdschrift 1901. G.A.N. Scheltema: Zerven Dierenverhalen. Aus: Bijdragen 1900. J. Alb. P. Schwarz: Tontemboanische Teksten. Verhalen. II. Deel. Leiden 1907. Walter Skeat: Fables and Folk Thales from an Eastern Forest. Cambridge. 1904. H. Sundermann: (1) Niassische Texte mit deutscher Übersetzung. Aus: Bijdagen. 1905. H. Sundermann: (2) Dajakkische Fabeln und Erzählungen. Aus: Tijdschrift. 1911. I.A. Uilken: Soendasche dongeng: De arme oude vrouw en de visch op het droge. Aus Tijdschrift. 1872. I. de Vroom: Hi Dreman Trouwe Liefde beloond. Een Balineesch Volksgedicht. Aus: Tijdschrift. 1875. Joh. Warneck: Die Religion der Vatal. Leipzig 1909. (Religiöse Urkunden der Völker IV, 1.) C.J. Westenberg: Aantekeningen omtrent de Godsdienstige begrippen der Karo-Bataks. Aus: Bijdragen. 1892. P.N. Wilken: Mongondousche veralingen. Mededeelingen vanwege het Nederl. Zendeling genootschap te Rotterdam. 1875. Den verdienstvollen Sammlern und Verfassern, deren Büchern bzw. den Schriftleitungen der Zeitschriften, denen die vorstehenden Geschichten entnommen sind, dann den Verlagshandlungen sei an dieser Stelle der gebührende, aufrichtige Dank gesagt. 1. Sonne, Mond und Hahn. – Renel: Contes de Madagaskar. Bd. II. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Betsimisaraka aus dem Süden der Insel. 2. Kuckuck. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Tanala. – Der Kuckuck, der Kankafotia, in Cuculus poliocephalus. Janahary ist der Große Geist oder Gott. 3. Mensch und Mücke. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Bara in der Provinz Tulear. 4. Kuh und Bache. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Tsimihetn. 5.Wildschwein und Chamäleon laufen um die Wette. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Merina. Die Erzählung gehört, zu den überall auf der Erde verbreiteten Bettmärchen. Siehe Grimms Märchen Nr. 112. Vgl. Dähnhardt, Natursagen Band IV, 2. u. 3. Kapitel. – Vgl. die verschiedenen Fassungen dieser Bettmärchen in diesem Bande, Nr. 6, Nr. 16, 18. – Tsintsina-Vogel ist Cisticola Madagascariensis, die Wachtel, Ki'obo, ist Turnix nigricollis, die Lerche, sorohitra, ist Alanda Hova, der Papelika-Vogel ist Coturino communis. 6. Wildschwein und Frosch schwimmen um die Wette. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Bara in der Provinz Tulear. Vgl. Anmerkung zu 5. 7. Rabotity. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Betsimisaraka. Ra botity – Herr Kerlchen. – Kindergeschichten. 8. Wie aus einer Biene ein Ochse wurde. – ebd. – Aus Madagaskar. – Erzählung der Benileo, – Eine Schelmengeschichte. 9. Der Alte mit den sieben Söhnen. – ebd.– Aus Madagaskar. – Erzählung der Tanala. 10. Tangaly und Doso. – ebd. – Aus Madagaskar.– Erzählung der Bora. – Die Erzählung zeigt am besten die malaiische Herkunft, wenn auch eine Beeinflussung durch die Araber nicht von der Hand zu weisen ist. Sie gehört in den Kreis der »Eulenspiegelgeschichten«. Rafotsibe, höfliche Benennung für alte Frauen. – Beachte die eingestreuten Sprichwörter. – Im übrigen vgl. Anmerkungen zu 55. 11. Der Affe und die Kröte. – Hose and McDougall: The Pagan tribes of Borneo S. 151/152. – Aus Borneo. 12. Wie die Vögel einen König kürten. – Bijdragen 1895. S. 229. O namo i ma kiri o kolano. – Aus Celebes. – Erzählung der Galelaresen. – Vgl.Grimms Märchen Nr, 101: Der Zaunkönig. 13. Der Klatsch der Tiere. – Bijdragen 1893. S.430. – Aus Sangir 14. Die Schildkröte und der Elefant. – Evans: Folk Stories – Aus Englisch-Nord-Borneo. 15. Der Streit der Pflanzen. – Skeat: Fables and Folk Tales S. 13. – Erzählung aus der Landschaft Pahang. 16. Der malaiische Reineke Fuchs. – Aus verschiedenen, unten näher bezeichneten Quellen. – Die »Dwerghert-vermalen«, die Erzählungen vom Zwerghirsch gehören zu den Lieblingsgeschichten der Malaien. Sie finden sich bei nahezu allen Stämmen. Die hier mitgeteilten 19 Geschichten sind aus den verschiedensten Teilen Insulindes zusammengetragen. Den Haupthelden spielt der niedliche, schlaue Zwerghirsch, Moschus Javanicus. Er nimmt in den Tierfabeln die gleiche Stellung ein wie bei uns der Reineke Fuchs. Allen großen Herren spielt er Streiche, bis er selbst von dem windigen Einsiedlerkrebs übertölpelt wird (16, 18). Die unter 16 mitgeteilten 19 Erzählungen sind zum Teil zu einer Geschichte vereinigt, die auf Java niedergeschrieben wurde, das Nikavat, P'landok Djinaka, von H C Kinkert 1885 in Leyden herausgegeben; diese Niederschrift, welche von Ed. Kläsi bei der Herausgabe seines in freier Bearbeitung erschienenen »der malaiische Reineke Fuchs« in erster Linie benutzt wurde, enthält zum Teil einige Geschichtchen mehr, während andere, hier mitgeteilte, dort fehlen. Der Tigerkönig ist krank. – Skeat: Fables and Folk Tales Nr. 3. Von der Malaiischen Halbinsel. Wie der Zwerghirsch Schiffbruch erlitt. – ebd. Nr. 5. – Malaiische Halbinsel. – Rotang – Stachellijne. Wer mordete die Kinder der Fischotter. – ebd. Nr. 9. – Malaiische Halbinsel. – Die Gestalt des Königs Salomo, vgl. auch Nr. 15, wurde von den Erzählern aus dem Koran übernommen. Der Tiger bekommt seinen Lohn. – ebd. Nr. 20. – Malaiische Halbinsel. – P'lando. P'landok, Pelandok, Pelanduk malaiische Bezeichnungen des Zwerghirsches. Der Tiger und der Schatten. – ebd. Nr. 28. – Malaiische Halbinsel. Klugheit siegt. – ebd. Nr. 30. – Malaiische Halbinsel. Der Elefant wettet mit dem Tiger. – ebd. Nr. 41. – Malaiische Halbinsel. – Palmwein wird durch Anschneiden der Blütenrispe der Kokospalme gewonnen. Der zuckersüße ausfließende Saft wird zu Palmsyrup eingekocht oder zu Wein, einem stark berauschenden Getränk, vergoren. Der Zwerghirsch und der Tiger. – G. A. N, Scheltema: Zeven Dierenverhalen. – Die Geschichten 8–12 wurden dem Verfasser auf Java von einem Singapore-Mann (Malaiische Halbinsel) erzählt. Sie bilden ein zusammenhängendes Ganzes. Der Zwerghirsch, der Tiger und die Wespen. – Vgl. 16. 8. – Im Hikayat P'landok Djinata tritt an die Stelle des Tigers der Affenkönig. Vgl. auch 16, 15. Der Zwerghirsch, der Tiger und die Schlange. – Vgl. 16,8. Der Zwerghirsch, der Tiger und der Brunnen. –Vgl.16,8. – Vgl. auch 16,13 u. 16,17. Der Zwerghirsch und die Hochzeitsgäste.– Vgl. 20,8. – Unkosten: Die malaiische Frau wird gekauft; der Preis richtet sich nach Alter und Aussehen. Der Zwerghirsch und der Riese Gergasi. – Evans: Folk Stories – Aus Britisch-Nord-Borneo, – Der Gergasi ist ein mythischer Riese, der einen Speer auf der Schulter trägt. – Der Gergasi spielt auch eine große Rolle im Hikayat P'landok Djinaka; dort wird von ihm eine ähnliche Geschichte erzählt. Kläsi sieht wohl mit Recht im Gergasi den Orang-Utan, den Waldmenschen. Der Zwerghirsch und der Tiger. – ebd. – Britisch-Nord-Borneo. – Ratja ist Fürst. Der Zwerghirsch und der Bär. – ebd. – Britisch-Nord-Borneo. – Vgl. 16,9. Der Zwerghirsch und das Krokodil. – ebd. – Britisch Nord-Borneo. Der Zwerghirsch im Loch. – ebd. – Britisch-Noro-Borneo. – Vgl. 16,8 u. 16,13. Der Zwerghirsch und der Einsiedlerkrebs. –ebd. – Britisch-Nord-Borneo. – Bezemer (s. Literaturverzeichnis) S. 20, erzählt den Wettlauf des Zwerghirsches mit den Schnecken am Flusse, der allerdings nicht den tragischen Ausgang nimmt. Der Zwerghirsch und die Schildkröte. – Hose and Mc Dougall: Pagan Tribes. S. 147/149. – Britisch Borneo. – Erzählung der Kenyah. – Durian ist die malaiische Bezeichnung für Durio Zipethinus, ein Baum, der große grünstachlige Fruchte trägt, deren schneeweißes mit schwarzen Kernen durchsetztes Fleisch gegessen wird. Die Frucht hat einen knoblauchähnlichen, unangenehmen Geruch, daher auch Stinkfrucht genannt, wird aber trotzdem wegen ihres erfrischenden Geschmacks gern von Weißen und Farbigen genossen. – Taro, die stärkemehlhaltige Knolle von Colocasia esculentum, einer Calla-Art, eins der hauptsächlichsten Nahrungsmittel. – Tuba-Wurzeln. Wurzeln der Leguminosearten Derris und Milleta. Diese Wurzeln sind saponinhaltig; sie werden geschabt und ins Wasser getan. Die dadurch betäubten Fische kommen an die Oberfläche und können leicht gefangen werden. 17. Die Schöpfung der Erde. –Westenberg: Bijdrageb 1802, S. 213 217. – Erzählung der Karo-Batak auf Sumatra. – Batara guru, heute das höchste Wesen der Bataker, die neben göttlich verehrten Ahnen und personifizierten Naturkräften als Untergottheiten, noch vier Obergötter zählen. Batara guru wurde im 13. u. 14. Jahrhundert durch die Hindu den Batakern aufgedrängt, deren bisheriges höchstes Wesen Mula tjadi (vgl. Nr. 22) in seiner Bedeutung zurücktrat. Batara guru (Sanskrit: bhattara guru, verehrungswürdiger göttlicher Lehrmeister) wird von vielen malaiischen Stämmen als höchstes Wesen verehrt. debata = (Sanskrit:) devata = Gottheit. Vgl. ähnliche Geschichte bei Joachim Freiherr von Brenner: Besuch bei den Kannibalen Sumatras. Würzburg, 1891, S. 218; s. auch Warneck: Religion d. Batak, S. 25ff. 18. Die Schöpfungsgeschichten der Javaner. – E.A. van Hien: Eenige weinig bekende Javaansche Legenden. – Aus Java. – Die vier Geschichten deuten das Nebeneinander von vier Weltanschauungen, die der Reihe nach – als fünfte wäre noch das Christentum zu nennen – ihren Einfluß auf der Insel geltend machten und behalten haben. Die Zusammenhänge der vier Erzählungen untereinander, das Überfließen der einen in die andere Anschauung, wird an den vier Geschichten besonders klar. Bezüglich der Anschauung der Naturgläubigen (od. heidnischen Bewohner) Indonesiens sei bemerkt, daß diese im wesentlichen einen Typus zeigt. Mögen Zahl, Namen und Mythen der Götter verschieden sein, bei allen malaiischen Völkern ist der Ahnen- und Geisterdienst, aufgebaut auf animistischen Seelenvorstellungen, der gleiche; in allen ist Seelenkult und Geisterfurcht das Zentrale der Religion. – Vgl. am besten Warneck: Religion der Batak. 18, 2. Adina = Adam des Anfangs: Jav. Pur Purwaning-Djan. – Hewa = Eva die Mutter. Jav. Kawa, Abu Hawa. 18. 4. Eblis ist Asasil, hebräisch Asasel, der Teufel. – Djabarail ist der Engel Gabriel, Gottesstärke, – Malaekat oder Malaikat ist hebr. Mal'ach, die gewöhnlichen Engel. – Nabi, hebr. Nawi ist Prophet. Mikail ist der Erzengel Michael. – Asrael, hebr. Asr'el, ein Erzengel. Gottes Hilfe. – Israpil ist hebr. Seraphim, Feuerengel. – Idjadjilanat ist nicht zu erklären. 19. Warum der Neumond ist. – E. M Pleyte. Bataksche Vertellingen. – Aus Sumatra. – Erzählung der Bataker. – 20. Die Zauberer von Ake-dabo. – van Dijken u. van Baarda: Bijdragen 1895. – Erzählung der Galelaresen, – O Ake-dabo ma njawa ja kokitoka. Eine Werwolfgeschichte. Die Gestalt des Werwolfes, auf Java ein Tiger, matjan gadungon, ist in ganz Indonesien verbreitet. – Tobelo, ein Ort südlich von Galela auf dem Nordzipfel von Halmahjira. 21. Wie die Leute von Engano zu ihren Ärzten kamen. – O. L. Helfrich, Bijdragen 1916, S. 545. – Aus Engano, Insel a. d. Südostseite von Sumatra. – Heilbringersage. 22. Vom Manne, der Gott versuchte. - Warneck: Religion d. Batak. S. 52. – Aus Sumatra, tondi ist Seele, Seelenstoff, Stoffseele, Lebensmaterie des Menschen. Er ist dem irdischen Körper an Gestalt und Leibesgröße ähnlich. Was der tondi sich einmal erwählt hat, das wird sich unweigerlich im Leben des Menschen erfüllen. 23. Wie Allah die guten und schlechten Taten der Menschen richtet. – van Hien: Eenige weinig bekende Javaansche Legenden. – Aus Java. – Vgl. damit Frobenius: Volksmärchen d. Karylen (Eugen Diederichs Verlag), Bd. I, S. 272. Der Gast Gottes. 24. Die ungetreue Gattin: – Bezemer: Volksdichtung. S. 83. – Aus Java. – Eine Legende von Nabi Ila, – Nab, – Prophet. Ila, arab. Isia –- Jesus J'a A masch, Jesus der Messias. 25. Wie die Affen entstanden. – Schwarz: Totemboansche Tekasten. Von der Minahasia auf Celebes. – Unter den Malaien ist der Glaube allgemein, daß die Affen entweder ursprünglich Menschen gewesen oder eine besondere Menschenrasse sind. Affenfleisch wird selten genossen. 26. Die Geschichte vom Affen. – ebd. – Von der Minahassa. – Das Ei gilt als Seelenstoffträger, das belebende bzw. wiederlebende Kräfte besitzt. 27. Der Vogel Garuda: – van Dijken en van Baarda: Bijdragen 1895. – Von ha'mahehra.– Ma Namo o Garuda. – s. von der Leyen: Das Märchen. S. 69. S. 212, Vgl. Anmerkungen zu Nr. 50 in »Südseemärchen«. Garuda ist der Göttervogel. 28. Suri ituen und die beiden Raubvögel. – Mathijsen: Eenige Fabels etc. – Von Timor – Suri ikuen no Kikit ruwa. Motiv der »dankbaren Tiere«. – Yams, eine stärkemehlhaltige Knollenfrucht. – Vgl. den Schluß mit dem Schluß von Nr. 27. 29. Der Halbe. – van Baarda, Het Loda´sch. S. 458. – Aus Celebes. – Zur Geburt des »Halben«, vgl. »Onjawa manonōma i dadi gena«. – Wie die ersten Menschen entstanden; ebd. S. 442. – Die ersten Menschen waren ein Zwillingspaar. Als die Frau zum zweiten Male schwanger war, vernichtete eine Wasserflut ihr Ackerfeld. Sie verfluchte den Regen und gebar kurz darauf ein halbes Kind, das wurde Badangima-sononga, der »halbe Leib« genannt. 30. Simpang Impang. – Hose and Mc Dougall, Pagan Tribes – Aus Englisch Borneo. Lieblingserzählung der Ibans, der Seedanats von Batang Lupar. – Sintfluterzählung. – vgl. Nr. 29. Tiang Laju, der höchste Berg des Batang Lupardistriktes. 31. Die Erzählung von Lafaang. – ebd. – Aus Englisch Borneo. – Heilbringersage, Sternenmärchen. – Palai – Sternbild des Pegasus; Lafaang – Sternbild des Orion. Titan Orum – Landschaft im oberen Baram-Distrikt. 32. Die Erzählung vom himmlischen Prinzen und der irdischen Prinzessin. – Schwarz: Totemboansche Teksten. – Von der Minahassa. – Vgl. Nr. 25 u. 51. 33. Rakian. – Evans: Folk Stories. – Aus Englisch Borneo. – Vgl. Wieland- und Lohengrinsage; auch Bezemer, S. 46: Die verschollene Zauberjacke, Märchen aus Java. 34. Keang-Njamo. – H. Sundermann: Dajakkische Fabeln. – Aus Borneo. – Vgl. das Märchen »Von dem Fischer un syner Fru«. – Untersuchungen erweisen vielleicht, daß das uns bekannte Märchen aus Indonesien über Holland zu uns wanderte; Keang-Njamo ist ursprünglicher als das niederdeutsche Märchen. 35. Der Streit der Glieder der Menschen. – Sundermann: Niassische Texte. – Von der Insel Nias an der Nordwestküste Sumatras. – Ein Spiegel für Demokraten. 36. Recht muß Recht bleiben. – ebd. Von der Insel Nias. 37. Betrug bringt keinen Segen. Warneck, Religion d. Vatak. – Aus Sumatra. – Der lebende Mensch hat einen tondi (vgl. 22); mit dem Tode verläßt ihn dieser, und der Verstorbene ist fortan ein begu. Die Gestalt des begu ist der des tondi ähnlich. Hellseher vermögen den begu zu erkennen und zu nennen, wem er gehört. begu ist Geist, und wer begu wird, gehört der Geisterwelt an. 38. Teile, und dann herrsche! – van Hien: Eenige weinig bekende Javaansche Legenden. – Aus Java. 39. Der Blinde und der Lahme. – Mathijsen: Eenige Fabels etc. – Von Timor. Ema matan at no ema ain at. Eine andere Version läßt die beiden Brüder Streit bekommen; der Lahme kratzt dabei dem Blinden die Augen offen, und der Blinde schlägt dem Lahmen die Beine gesund. 40. Prinzessin Sinima Sidaja. – van Baarda: Het Loda´sch. S. 471. – Aus Celebes. – Ähnliche Züge trägt die Erzählung Nr. 51 in Frobenius Volksmärchen d. Kabylen, Bd. III, »Die einhundertundeinmal Schöne«. – Kriß, der geflammte malaiische Dolch. 41. Die Geschichte einer Frau, die zum Manne und darauf König wurde. – Schwarz: Tontemboansche Teksten. S. 452. – Von der Minahasia. 42. Das Makassarische Aschenbrödel. – Matthes: Bijdragen 1885. – Von Makassar. – Bantaeng, der Hafen Bonthain auf Süd-Celebes. 43. Die Geschichte vom blinden König, der in den Westlanden wohnte. – Ionter: Bijarden 1913. – Von der Insel Rotti. – Tui mane poke esa leo nai nusa muli. Die Erzählungen Nr. 41, 43, 45, 46, 48 u. 49 haben manche Ähnlichkeiten miteinander, die ihrerseits Parallelen in unserer Märchenwelt besitzen. Vgl. hierzu und den genannten Nummern die Grimm´schen Märchen: Die Gänsemagd, Der gelernte Jäger, Der König vom goldenen Berge, Die drei Schlangenblätter, Der goldene Vogel und Das Wasser des Lebens; siehe auch Südseemärchen, Anmerkungen zu Nr. 68. 44. Die arme Frau und der Fisch auf dem Trockenen. – Uilkens: Tijdschrift 1872. – Von West-Java. 45. Michel und die Schlange mit den sieben Köpfen. – Mathijsen: Eenige Fabels etc. – Von Timor. – Michel no samea uluen hitu. Vgl. die Anmerkungen zu Nr. 43. 46. Don Juan und die alte Zauberhexe. – ebd. – Von Timor. Don Juan no boan ferik. In gewissen Grade eine Version von Nr. 45. Vgl. die Anmerkungen zu Nr. 43. Der alte und ursprüngliche Erzählstoff ist nach der Besetzung der Insel durch die Portugiesen, später die Holländer, in den Namen und manchen Äußerlichkeiten »modernen« d. h. von den Europäern übernommenen und fälschlich höher eingeschätzten Bezeichnungen und Sitten angepaßt worden. 47. Nabala. – Adriani: Sangireesche Teksten. – Von der Insel Sangi, Insel zwischen Philippinen und der Minahassa – Beken Nabala. Die Geschichte eines Freigeistes, der alle Vorzeichen außer acht läßt und so zum Schluß ins Unglück gerät. Lentuvogel = Nashornvogel; Limone = Zitronenarten; Sirih = Betelpfefferblatt; Pinang = die Betelnuß. Das Beteln oder Sirihkauen besteht darin, daß man eine halbe Betelnuß – die jungen werden bevorzugt –, die Frucht der Betelpalme Areca catechu, etwa die Hälfte einer Eichel, in eins der scharfbitteren, beißenden, rotsaftigen Betelblätter Piper betel legt, feingepulverten gebrannten Kalk darüber streut, das ganze zu einem Priem rollt und in den Mund steckt. Das Kauen übt eine erfrischende, anregende Wirkung aus. Unangenehm ist nur der starke anhaltende Speichelfluß. Große Gesellschaft – Ost-Indische-Compagnie. 48. Der Prinz und die Prinzessin. – Mathijsen: Eenige Fabels etc. – Aus Timor. – Liurai mane ida na liurai feto. ida. – Vgl. Anmerkungen zu Nr. 43. 49. Die Geschichte vom ringwurmkranken Kerisen. – Schwarz: Tontemboansche Teksten, S. 98. – Von der Minahassa. – Vgl. Anmerkungen zu Nr. 43. Der Schluß spielt in die Eulenspiegelgeschichten hinein. Vgl. Nr. 10, 55,9 usw. – Ringwurmkrankheit, in den Tropen häufig, wird durch einen Fadenpilz Tinea cirinata verursacht, der in der Oberhaut wuchert und dieselbe zum Abblättern bringt. 50. Kaduan. – Evans: Folk Stories. – Aus Englisch Borneo. 51. Serungal: – ebd. – Aus Englisch Borneo. Radja = Fürst. Vgl. Nr. 32. 52. Die faule Frau mit dem Korbe. – ebd. – Aus Englisch Borneo. Nipapalme, im Sumpfe wachsende niedrige Palme. 53. Ein Toter tötet zwei, und zwei Tote töten vierzig. – Wilken: Mongondau'sche Erzählungen. – Aus West-Celebes. Alter Erzählstoff mit neuen Namen. Siehe Nr. 46. 54. Zwei Geschichten von Sangumang. – Sundermann: Dajakkische Fabeln usw. – Von Borneo. – Die Gestalt des Sangumang trägt schon die Züge des »Eulenspiegels«. Vgl. 55; deutlich wird der Zusammenhang mit diesen Geschichten auch in der 55, 2 erzählten Episode von der Befreiung des Sangumang und seinem Besuch im Totenreich. – Die erste Erzählung führt die Bezeichnung Sangumang äwen duä Maharadja, die andere Sangumang dengan Asang baratih äwen hampahari. »poli« ist alles, was nach der Sitte und den religiösen Begriffen der Dayaks geweiht, verboten ist; der Begriff entspricht etwa dem polynesischen »tabu«. 55. Der malaiische Eulenspiegel. – Verschiedene unten näher bezeichnete Quellen. – Die Eulenspiegelgeschichten gehören zu den Lieblingserzählungen der Malaien. Daher ihre weite Verbreitung, wenn auch die Namen wechseln. Die Gestalt des Eulenspiegels, die mit der des »deutschen Eulenspiegels« verzweifelte Ähnlichkeit hat, hat wie dieser ihren Urtypus wohl in dem arabisch-türkischen Juha oder Chojah Nacr ad-din. Ihre Verwandtschaft müßte einmal des näheren untersucht werden. Die Gestalt ist ebenso volkstümlich wie die des Zwerghirsch; vgl. Nr. 16. Am meisten bekannt ist Eulenspiegel in der Erscheinung des javanischen (sundanesischen) Eulenspiegels. Dr. C. Snouck Hurgronje sammelte in West-Java (Preanger, Banten, Süd-Chirebon) etwa 70 Erzählungen. Die hier folgende Auswahl zeigt den Eulenspiegel in anderen Teilen Insulindes. Auf Java wird an vielen Stellen sein Grab gezeigt; meist befindet es sich unter einem Mangobaum. Sein Name wechselt bei den einzelnen Völkerschaften, wie nachher ersichtlich. Bei den Javanern wird er Jaka Bodo, der törichte Bengel, Si Pandje, der dumme Junge, bei den Minangkabau-Malaien führt er den Namen Si Meuseukin, der arme Kerl etc. Er ist einmal der blödsinnig dumme Kerl, das andere Mal charakterisiert ihn ausgemachte Schlauheit. Weiteres siehe Adriani: De Bare'c Taal. Haag 1913 und C. Snouck Hurgronje: The Achehnese. Leyden 1906. Nr. 1–13. Schwarz: Tontemboansche Teksten S. 435/450. – Von der Minahalsa. – Rinondoran, frei erfundener Name, bedeutet etwa »Ort, an dem man zur Vernunft kam«. – Londa heißt »ungehobelter, unmanierlicher Kerl«, Paul heißt etwa die »Mangelhafte«. – Muntuuntu ist der Obergott. Towo heißt Betrüger, (Eulenspiegel). Nr. 14–17. van Baarda: Bijdragen 1904. – Nordwesten von Halmaheira. Taba ist der Name des Eulenspiegels. Nr. 18. Mathijsen: Einige Fabels etc. – Von Timor. Mau Loha ist der Name des Eulenspiegel. Sein letzter Streich wird auch in Kupan, Sumbawa und Sumba erzählt. Nr. 19. van Ronkel: Tijdschrift, 1901. – Von Madura. Khandulok ist der Name des Eulenspiegels. – Kadi, der Dorfrichter. Nr. 20. Pleyte: Bataksche Vertellingen. – Von Sumatra. Djonaha – Held ist der Name des Eulenspiegels. Boraspati-ni-Tano – Geist des Bodens; Tongung-ni-Huta – Geist des Dorfes; Sombaon – Geister der verstorbenen Häuptlinge und Vornehmen. Nr. 21. Adriani: Toradjasche Uilespegel-Verhalen. – Aus Celebes. 56. Zwei Parabeln aus den Bostan us Salathin: – Kläsi: Der malaiische Reinecke Fuchs. – Aus Java. 57. Das Wasser »Lebensmutter«. – ebd. – Aus Java. Die Erzählung ist dem Hilajat Bajan Butiman, dem Papageienbuche entnommen. 58. Die Geschichte vom Sultan Indjilai. – Matthes: Boegineesche Chrestomathie. – Aus Süd-Celebes. – Eine ausgezeichnet kommentierte Übersetzung dieser Erzählung ist von R. Brandstetter in seinen Malaio-Polynesischen Forschungen IV, Luzern 1895, herausgebracht worden. Der heimische Titel lautet: Paupauna Suletanule Injdjilai. 59. Wie Boro-Budur entstand. – Brumund, Tijdschrift. 1858. – Aus Java. Eins der prächtigsten Bauwerke Mittel Javas ist das im »Garten Javas«, in der Residentie Kadu gelegene Bauwerk Boro-Budur. Aus schwarzgrauer Trachytlava, einem Baumaterial, das von weither herbeigeschafft wurde, ist es errichtet, ein Gedächtnismal für Buddha, dessen Leben in vielen Reliefbildern am Bau selber festgehalten ist. Um einen 46 m hohen Hügel herum ist der Bau errichtet; eine Terrasse von quadratischem Aufriß und einer Seitenlänge von 150 m bildet den Unterbau; auf ihm erheben sich amphitheatralisch fünf Mauergallerien, die mit Reliefbildern bedeckt sind und 432 Nischen besitzen, in denen einst Buddhastatuen untergebracht waren; Glocken, kleine geschlossene und durchbrochene Stupas wechselten in ihnen ab; von den Galerien führen drei kreisrunde Terrassen zur Höhe, die von einer mächtigen glockenförmigen Kuppel (Stupa) gekrönt ist; sie enthält ein unbeendetes Buddhabildnis; die drei Terrassen sind mit durchbrochen gebauten Stupas ausgeschmückt; in denen gleichfalls Buddhabilder untergebracht sind. Die Bauzeit ist mit Sicherheit nicht festzustellen; das Bauwerk wurde beim Eindringen der Mohammedaner von den Gläubigen künstlich in mühevollster Arbeit verschüttet, bis der Zufall einen Deutschen in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts die oberste Spitze entdecken, weitergraben und das Bauwerk freilegen ließ. Was die Sage um das Bauwerk gewoben hat, erzählt die Geschichte. 60. Die Kalang-Legende, Knebel, Tijdschrift 1894. – Aus Java. Die Kalangleute, so genannt nach der Landschaft Kalang im mittleren Java, nahmen eine Sonderstellung ein. In ihrem Aussehen, sie sind dunkler und kleinwüchsiger, dann in ihren Sitten und Gewohnheiten unterschieden sie sich von den Javanern; auch den West-Javanern, den Sundanesen, und zeigten mehr die Merkmale des Negritotypus der Philippineneingeborenen. Aus dieser Sonderstellung ließ die Sage die wiedergegebene Legende entstehen. Der Gebang-Baum ist die prächtige Corypha umbraculifera-Palme, die lange Zeit zu ihrer Entwicklung braucht, eine mächtige Blüte entwickelt und dann abstirbt. Gong – metallenes Schlagbecken. Laban-Baum ist Vitix pubescens aus der Familie der Verbenaceen. Das Holz ist das wichtigste und prächtigste Baumaterial zur Herstellung von Bootplanken, Geräten usw. Es ersetzt unser Eschenholz. Die Blätter und die Rinde werden zu Heftzwecken verwendet. Pandit = Schriftgelehrter. Bez. d. Damms über den Senggarung-Fluß, vgl. Bezemer: Indonesische Volksdichtung: Sang Kuriang oder das Entstehen des Berges Tang Kuban Prahu (der umgekehrte Kahn) S. 97ff.; sembah ist der ehrfurchtsvolle Gruß. Die Hände werden flach aneinander gelegt, die beiden Daumen werden herausgestreckt, aneinander gehalten, damit die Nasenspitze berührt, während der Zeige- und die übrigen Finger an die Stirn gelegt werden. Gamelan ist das Javanische Orchester aus verschiedenen Schlag- und Streichinstrumenten. 61. Treue Liebe findet ihren Lohn. – de Vroom: Tijdschrift 1875. – Aus Bali. – Kowantil ist die vierte Woche des balinesischen Jahres. Djatiraga = Gutherz, Dreman = die geliebte, bevorzugte Frau, Tan Porat = (nicht gehalten) die verschmähte Frau; Madu = Neben-, Mitfrau; kepuh-rangdu = hoher großer Baum; Hida Hijang Tuduh – Hijang Widi = Tanana Hijang Tuduh = der höchste Gott, der Allmächtige.