Heinrich Laube Reise durch das Biedermeier Vorwort Hinter dem tollen Fasching der Laubeschen Reisenovellen, hinter ihrer Ausgelassenheit und Frechheit liegen doch ernstere Absichten versteckt: das Suchen nach einer neuen Welt, nach einer neuen Poesie. Es war die Poesie auf der Wanderschaft, ja, man darf, so seltsam es klingen mag, an Goethe und seine »Wanderjahre« erinnern. Die junge Generation empfand die klassische Dichtung wie ein Hemmnis neuen Schaffens, wie einen Druck, der auf ihren Geistern lag. Goethe war kaum gestorben, Schiller lebte im Volke fort. Es war unmöglich, über sie hinwegzukommen, schwer, neben ihnen Geltung zu erlangen. Ein unwiderstehlicher Zwang ging von ihnen aus, als seien sie nicht nur Dichter schlechtweg, sondern die beiden gegensätzlichen Urbilder jedes möglichen Dichters: in Goethe sah man die wunderbare Begabung, Poesie zu erleben, in Schiller die bewundernswerte Fähigkeit, gefundene und gewählte Stoffe zu poetisieren. Schillers ideales Pathos lag der Zeit eines freiheitlichen Aufschwunges nahe, Goethes Sinn für die Wirklichkeit war ihr, die so viele Illusionen schwinden sah, nicht fremd. Welches Ideal: Schillers Herz und Goethes Weltauge! Es ist aber den Menschen nicht gegeben, geistig von der Erbschaft früherer Zeiten zu leben; jede Zeit muß an sich selbst lernen, muß aus sich selbst heraus ihre Dichter und Künstler bilden. Das fühlte auch das junge Geschlecht, dem Heinrich Laube angehörte. Es gab das Schlagwort »modern« aus. Modern ist, was die Gegenwart bewegt. Durch den Geist der Gegenwart die Gegenwart bewegen, das ist unsere Aufgabe – riefen die jungen Geister aus. Die klassische Dichtung ist zwar ein Abschluß, aber kein Ende; wir haben das Gefühl, auch etwas zu sein, auch etwas zu können. Wir müssen die Breite der Welt erobern und neuen Stoff schaffen und ihn mit dem Geiste unserer Zeit durchdringen. Gehen wir daher auf Reisen, beobachten wir die Gesellschaft, werfen wir uns, wenn es sein muß, in die Politik! Vielleicht kommt einmal eine Zeit, die uns gleichfalls als Klassiker verehrt und verwirft ... Nun, so weit ist es wohl nicht gekommen, aber leugnen kann man doch nicht, daß jene modernen Geister viel Bewegendes und Befreiendes geschaffen haben. Ludwig Speidel (1830-1906) Breslau Es war ein schöner Sommertag, ich saß am Weiher unter dem Schatten eines Birnbaumes und sah den Schwänen zu, die weit genug vor mir unter einer kleinen, gewölbten Brücke umeinander herumspielten und mit den Schnäbeln klapperten. Ihr südliches Spiel verlockte zu angenehmen Gedanken an ein großes Glück, das irgendwo in der Welt auf mich warten müßte. Irgendwo in wärmeren und freieren Zonen, dort, wo die Natur fortwährend empfängt und gebiert. Von Jugend an sehnte ich mich – oft mit großen Schmerzen – nach dem Süden. Es hat Zeiten gegeben, da mich keine blauen oder schwarzen Augen ausschließlich beschäftigten, da es mich schmerzte, die Namen Italien, Libanon, Fez, Marokko und Biledulgerid, zu deutsch: Dattelland, zu hören. Dattelland! Wo diese köstliche Frucht wächst wie bei uns die ordinäre Kartoffel! Und in Fez, da soll der ganze Livius zu finden sein, weil sich dorthin ein Bischof oder Kardinal aus Byzanz in Begleitung des Livius begeben habe; Es gibt zwar für mich schwache Stunden, da ich mich nicht so leidenschaftlich nach dem totalen Livius sehne, aber die geheimnisvollen berberischen Mädchen und die edlen arabischen Pferde, wie locken sie einen armen Deutschen, der Schöpsenfleisch und weiße Rüben gegessen hat und am Weiher dem verführerischen Spiel der Schwäne zusieht. Ach, und das Hauptwort verschweige ich noch immer. Denn dann muß ich gleich mit dem Schreiben aufhören, und es erfaßt mich eine krampfhafte Sehnsucht. Warst du, jugendlicher Leser, niemals im Theater, wenn Mozarts »Don Juan« gespielt wurde? Hast du nie den Cid gelesen? Sind dir nie die Namen Donna Anna, Guadiana und Cordova geheimnisvoll in die Ohren geklungen? Empfandest du nie den mächtigen Zauber, wenn ein Mädchen mit weichen Lippen vom Schatten am Guadalquivir sprach? »Aber in Spanien!« Ja, Spanien, das ist das Zauberwort des Südens! Wer doch einmal im alten Maurenreiche Granada unter dunkelgrünen Olivenbäumen liegen könnte und die Zegris und Abencerragen vorüberreiten hörte oder am Tore der Alhambra stünde, wenn der König der Mauren auf seinem rassigen Pferde herausreitet. Der König sieht ernsthaft und weise aus wie der Koran, und neben ihm reitet seine goldene Tochter in überirdischer Schönheit. Sie läßt leise eine Rose fallen, und in der weichen südlichen Nacht, wenn alle Sterne in heißer Liebe strahlen und in tausend Springbrunnen schwellende Küsse zittern, in dieser Romanzennacht, gibst du der schimmernden Prinzessin in den verzauberten Gärten der Alhambra die Rose wieder, die Rose von Damaskus. Da kam schweißtriefend der Breslauer Briefträger über die Brücke, gab mir einen Brief, verscheuchte die Schwäne, verlangte zweieinhalb Silbergroschen und sagte, der Sommer sei doch eine schlechte Jahreszeit wegen der Hitze. Das Postzeichen war nicht spanisch, sondern von Leipzig. Ein Freund schrieb mir, ob ich denn nicht bald käme. Die Weltgeschichte laufe jetzt in einem erschreckenden Tempo ab, und wir würden am Ende gar nichts mehr erleben. Vor einigen Tagen sei erst wieder in Paris eine erkleckliche Revolution vor sich gegangen, und wir säßen ruhig in Deutschland, statt bei solchen Dingen anwesend zu sein. Ob ich mich denn nicht schämte? Ich lief hastig auf mein Zimmer und schrieb dem Alfons, ich schämte mich. Dann packte ich meine Koffer und war nur unschlüssig, ob ich meine unsterblichen Manuskripte mit all ihren Weltverbesserungsgedanken auch einpacken sollte. Denn die Welt ging also im Galopp, daß ich mich nur wunderte, wie man noch Bücher schreiben könne. Während ich mich selbst damit beschäftigte, dachte ich immer: »Das kommt ja doch alles zu spät. Es wird moutarde après diner sein. Deine umwälzenden Gedanken werden nicht so schnell gedruckt werden können, wie die Reformen eintreten werden.« Aber der kleine Paul, mein neunjähriger, leider auch schon revolutionärer Stubenbursche, gab den Ausschlag und sagte, es sei schade um so viele vergeudete Stunden, ich sollte die Hefte ruhig mitnehmen. Ich schied, versprach Paul, ihm Wasser aus dem Euphrat gegen die Sommersprossen seiner Schwester mitzubringen, und fuhr neben der Oder hin die kurze Strecke gegen Breslau. Der Süden, Livius in Fez, Spanien, die Revolution in Paris, mein Freund in Leipzig, all das trieb sich bunt in meinem Gehirn herum und durcheinander. Nur eines wußte ich, das Glück wollte ich suchen, und dazu mußte ich mir einen Platz auf der Schnellpost bestellen. In Breslau rollte der Wagen am Dome vorüber. Hier steht immer eine große Kirche nur fünfzig Schritte von der anderen entfernt, Bilder des Gekreuzigten verkümmern den Sonnenschein, purpurrote Mesner kriechen wie gekochte Krebse an den Mauern entlang, kleine blauschwarze Kirchenfenster blinzeln wie falsche, tückische Augen, und christliche Verzweiflung ist rings verbreitet. Wenn ich nicht sehr guter Laune war, so wagte ich mich in Breslau niemals in die Nähe des Domes. Es fiel mir immer ein Verbrechergefühl auf die Brust, wenn ich diese steinerne Betrübnis und Zerknirschung sah. Ein eintöniger Nachmittag auf dem Domplatz kann einen verstockten Sünder mürbe machen. Ein konsequentes Christentum ist von jeher wie ein mit künstlichen Blumen aufgeputzter Friedhof. Ich kam von Gottes gesundem Lande, und mich kränkelte diese Atmosphäre an. Geht man aber hundert Schritte weiter, so empfängt einen das rauschende Breslauer Straßenleben, und der Alp fällt von der Brust. Da ich alles noch einmal sehen wollte, um Abschied zu nehmen auf lange Zeit von den Winkeln dieser vertrauten Stadt, sprang ich vom Wagen und lief auf die Promenade. Alles, was man verlieren soll, erscheint doppelt schön. Die Breslauer Promenaden wirken recht poetisch. In ganz Deutschland sind vielleicht nur die von Frankfurt schöner, und der Hamburger Stieg und die Wiener Basteien wecken vielleicht im gleichen Maße Gedanken und Gefühle. Auf der einen Seite sieht man den Dom in der breit hinschwellenden Oder schwimmen, mit seinen Kreuzen, seinen platten viereckigen Türmen und seinem ganzen festen Katholizismus. Die gebrechliche Brücke verbindet ihn noch mit der Welt, sonst ist er vollständig von der gemeinen Menschheit abgesondert. Diesseits der Brücke ist ja auch der Breslauer Katholizismus ein munterer Weltgeistlicher mit nachgiebigen, vernünftigen Ansichten, der gerne beide Augen zudrückt. Man lebt munter in Breslau. Die Kopfhängerei hat trotz Steffens und Scheibel nie gedeihen wollen, und die fleischlichen Vergehen sind ein gesuchter Artikel. Wendet man sich auf der Promenade zur anderen Seite, so sieht man, wie sich von der Taschenbastion aus das bergblaue Schlesien, meine ganze schöne Heimat, von Morgen nach Abend hinbreitet und liebeslustig das Haupt an den geharnischten Sudetenritter lehnt. Ich habe mich nie der trüben historischen Ahnungen entschlagen können, wenn ich auf leichtem Wagen mit rastlos eilenden sarmatischen Pferden ostwärts über diese Fläche hinfuhr. Da herüber kamen aus dem tiefen Osten die Hunnen, die Tartaren und die Kosaken. Flüsse sind keine Grenzen. Der preußische Staat schläft bei offenen Türen, erst das übrige Deutschland ist durch Berge verschlossen. Auf den Ebenen zwischen Stettin, Königsberg und Breslau wird über kurz oder lang der vorletzte große Krieg geschlagen, hier werden Ost und West zusammentreffen. Ebenen sind ein Übelstand, Flächen ein Unglück, der Krieg hat hier die gefährlichsten Instinkte. Ach, und auch die Kriege werden prosaisch. Alles Heldentum hört auf, und ein wenig realistische Wissenschaft und Geld werden alles entscheiden. In einigen Jahren gewinnt der Teil den Krieg, der die meisten Eisenbahnen und Maschinen besitzt. Dann wird der letzte Tropfen Blut der Welt ausgepreßt werden. Es ist Zeit, daß ich auf Reisen gehe, die weiten, unbekannten Länder sind der letzte Zufluchtsort der Poesie, bald wird es keine Poeten mehr geben. Das neue Lebenselement heißt Geld. Wem es gelingt, sich von ihm zu poetischen Gedanken anregen zu lassen, der wird voraussichtlich unser modernster Dichter. Ehre, Ruhm, Liebe, alle Romantik, die sonst die Menschen und Staaten begeisterten und bewegten, sind verbraucht. Diese Gedanken peinigten mich, als ich von der Taschenbastion herabsah auf den Besitz eines schlesischen Grafen, einen im Abendrot glitzernden Palast, der dicht an der Bastion liegt und glatt und stolz in das gesegnete grüne Land hinausblickt. Auf dem Balkon stand eine stolze, adelige Frau. Ich kannte sie wohl und wußte, daß sie von alter Herrlichkeit und von edlen Geschlechtern träumte. Von der Promenade aber kam ein schwerer Mann in einem schwarzen Frack. Aus seiner Weste quollen dicke goldene Uhrketten, die bis zu mir herauf blitzten. Er blieb vor dem Palaste stehen, zählte an den Fingern und nickte mit dem Kopfe. Ich kannte ihn. Es war ein sehr bürgerlicher Bankier, von dem es hieß, er wolle gelegentlich den Palast kaufen. Als ihn die Gräfin erblickte, griff sie hastig nach ihrem Taschentuche und zog sich zurück. Die Sonne ging eben unter, der alte Zobten dampfte dunkelblau, das ferne Riesengebirge lächelte unverständliche Worte. Die Berge sind klug. Sonst erklangen nur Trompetenschall und Jagdgelärm auf ihnen, jetzt verkauft man hier Kaffee und Weißbier. Früher waren sie unzugänglich, jetzt kann jeder Tertianer ihre keuschesten Stellen betasten. Die Aristokratie ist tot, der Verstand und das Geld, zwei platte Gesellen, ziehen in die Schlösser und regieren die Welt. Die Berge wissen es und schweigen. Die Adeligen wollen es nicht wissen und gehen zugrunde. Die adeligen Frauen weinen und werden interessant. Wenn sie aufgeht und wenn sie sinkt, ist die Sonne am schönsten. Heutzutage muß ein romantischer Dichter adelige Frauen lieben. In solcher Liebe allein wohnen noch Romanzen und Balladen. Und es ward dunkel auf der Bastion. Die ausländischen Bäume auf der Promenade sprachen mit Blüten und Düften herauf zu mir wie mit Liedern in fremden Sprachen. Eine Nachtigall fing langsam an, in den nahe liegenden Gebüschen zu singen. Liebespaare gingen küssend an mir vorüber, drüben im Palaste erklang eine schöne Stimme zum Klavier. Ich glaube, es war Rektors Abschied. Der dicke Bankier mit den strotzenden Uhrgehängen erschien mir wie Achill mit den unnahbaren Händen. Mir ward fremd-heimatlich zumute. Der Mond ging auf über der Sündenstadt und dem weichen, fruchtbaren Schlesien. Ich hätte weinen mögen, daß ich Abschied nehmen sollte von dem lustigen deutschen Winkel. Von dem Lande, wo ich zuerst geatmet, zuerst geliebt, zuerst gedichtet hatte. Ich stieg in die Gasse hinab, wo es wimmelt und flutet von weißen Schürzen, fragenden Augen und trotzigen Waden, an denen die Jünglingsblüte Breslaus prüfend mit halbgeschlossenem Augenlide vorüberzieht. Ernst wandelt der Nobile, den Hut tief im Gesicht der hoffende Referendarius, dreist Bruder Studio, schüchtern der Theologe durch die Ohlauerstraße, hält nächtliche Heerschau und erspäht Raum und Gelegenheit, durch den Wink der Parole einen Deserteur zu gewinnen. Da kam auch Julia mit den schwarzen Capulettiaugen, ein elegisches Mädchen mit christlichen, sanften Gefühlen allgemeiner Menschenliebe. Sie lispelte: »Romeo?« »Schweig, Julia«, sagte ich; »Romeo ist tot. Er ist in Spanien, ich kaufe dir heute die letzten Bonbons.« Sie sah mich fragend an und wollte wissen, wie weit es bis Spanien sei und ob sie mitreisen könne. »Nein, mein Kind«, sagte ich ihr. »Es ist sehr weit –« »Weiter als Mezibor?« – »Weiter als Mezibor und auf einer ganz anderen Seite. Und es ist auch sehr lange her, daß ich für dich schwärmte. Die Zeit ist lang und der Weg ist weit, Gott schütze dir Haupt und Schoß, schwarzäugige Julia, hier sind die letzten Bonbons. Und wenn sich wieder einer so töricht in dich verliebt, wie ich es tat wegen der Madonnenhaftigkeit deiner Züge, und dir auch Bonbons schenkt, so denke mein. Ich küsse dann andalusische Mädchen. Sollte es dir aber schlecht gehen, so vergiß mein, denn ich habe dir's prophezeit. Zerre nicht so an meinem Rock und weine nicht italienische Tränen. Mein Herz ist längst tot und liegt mit meinem Glauben im Sarge.« Ich bog in die Bischofstraße hinein. Julia stand an der Ecke des roten Hirschen und streckte bittend die Hände aus. Ich sah beim Mondschein, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie trug das historische schwarzseidene Kleid, von dem so viel gesprochen worden war. Nach dem dunklen Tuch, das ihre blendende Schulter bedeckte, schmachtete mancher Jüngling Breslaus. Ich hörte, wie die letzten Bonbons auf die Steine fielen, als sie die Arme ausstreckte. Aber ich hüllte mich in meine unwandelbare Tugend und schritt weiter.   Die Pfaffen gestatten zu Breslau kein legitimes Heidentum. Darum nimmt sich alles, was ein gefühlvolles Herz hat, des verpönten Götterdienstes an, und Bacchanalien und Orgien aller Art erfüllen Breslaus Straßen und Nächte. Ein moralischer Protestantismus und gefälliger Katholizismus halten einander hier die Waage. Der letztere wiegt noch etwas schwerer. So ist Breslau eine der liberalsten Städte geworden. Sein Umgang ist groß, seine Häuser sind hoch, es gibt verborgene, weitab gelegene Straßen. Es ist noch viel Romantik in den Mädchen aller Stände. Alle dunklen Haustüren und Hausflure sind des Abends belebt. Die Jünglinge suchen Abenteuer, die Mädchen erwarten sie. Es werden plötzliche Bekanntschaften gemacht wie in der buntesten Ritterzeit. Man fragt nach keinem Namen, es ist noch Straßenpoesie in Breslau. Die Geliebte wohnt draußen, jenseits der Oder, hinter der »Elftausend-Jungfrauen-Kirche«, der Geliebte schläft diesseits hinter den »Barmherzigen Brüdern«. Des Abends reisen sie einander entgegen bis in den breiten Schatten des Jesuitenkollegiums, wo Tag und Nacht die sieben freien Künste und unfreien Wissenschaften gelehrt werden, was heutzutage Universität heißt. Sie wissen nichts voneinander, als daß sie sich sehr lieben. Und wenn die Liebe aufhört, so kommt einige Tage nur eines von beiden in den Schatten der Universität, und dann verschwindet es auch und ein neues Paar erscheint. Das ist der Lauf der Welt. Haben sie sich aber nur zwei Abende verfehlt, so hat das Schicksal sie getrennt und sie suchen sich eine Zeitlang umsonst in dem weiten Breslau und finden sich vielleicht zufällig nach einem Jahre wieder. Dann erkennen sie sich nicht mehr oder beginnen als Fremde eine neue Liebschaft. Das ist Breslauer Straßenpoesie. Es werden unglaublich viel Verse in Breslau gemacht. Nur läßt man die besten nicht drucken. Damit kein Unglück geschehe, hat man einen schlesischen Musenalmanach als Abzugskanal gestiftet. Jeder brave Schlesier kann hier für ein Billiges seine Verse loswerden, und Dichtervereine und Künstlergesellschaften sind ein stehender Artikel in Breslau. Es wird gereimt, gedichtet, verdünnt, rezensiert, geraucht und geschnupft, als müßte die Welt damit versorgt werden. Namentlich blühen die Scharaden und erfreuen sich enthusiastischer Teilnahme. Der Mond hat großen Anhang. Er scheint aber auch sehr schön in Breslau zwischen die himmelhohen Häuser hinein, auf die breiten Wasserspiegel und die verschwiegenen Gebüsche um die Stadt herum. Wilhelm Wackernagel versicherte mir immer, der Breslauer Mond sei von ganz besonderer Qualität. Nicht so abgenutzt wie an anderen Orten. Wenn ich zu ihm kam, das heißt zu Wackernagel, so schrieb er auch immer Gedichte an den Mond, und ihre Überschrift war immer: »Es spricht der Mond!« Nur in Breslau weiß man, wie der Mond sich äußert. Dabei saß Wackernagel immer in einem langen preußischen Freiwilligenmantel auf dem Sofa. Die langen blonden Haare hingen ihm mittelalterlich um Kopf und Gesicht, er sah aus wie ein Schüler Ofterdingens, der nur des Mondes wegen von Berlin nach Breslau gekommen war. In seinen großen, deutschen, harmlosen Zügen, in dem klaren, blauen Seherauge lagen alle die schönen Dichterworte, die er noch singen und schreiben wollte. Wackernagel ist einer von denen, die mit brünstiger Liebe und gesundem Kopfe die alte deutsche Poesie studiert und durchgesungen haben. Er ist eine Autorität im Altdeutschen. Auf einer Kegelbahn hat er das Nibelungenlied und den »Percival« und den »Titurel« bis in die innersten Falten gelesen. Auf einer Kegelbahn in Berlin hat er sich in Ermanglung einer anderen Wohnung häuslich einrichten müssen. Dort hat er, in seinen Freiwilligenmantel und seine langen Haare gehüllt, Tag und Nacht gesessen, studiert und gedichtet trotz Hunger und Kälte. Ich habe auch in Breslau nie Geld bei ihm gesehen, und doch war er immer glücklich, das heißt poetisch. Er litt nur zuweilen an Vollblütigkeit, doch schrieb er mir immer die heitersten, vornehmsten Billetts auf spiegelglattem Papier mit sauberen römischen Buchstaben, nahm Holteis Liederspiele gegen mich in Schutz und träumte von einem griechischen Lustspiele, das er demnächst in deutscher Sprache schreiben wollte. Der liebe Wackernagel! Ich war damals ein dummer Mensch, der nicht glauben wollte, daß Goethes »Tasso« mehr wert sei als Schillers »Braut von Messina«. Ich hatte mich deshalb ein Vierteljahr lang in den Breslauer Zeitungen auf Tod und Leben mit ihm herumgeschlagen. Da erweichte er eines Tages mein grausames Herz durch eine schöne, innige Ghasele, und ich ging, ihm meinen ersten Besuch zu machen. Er wohnte bei dem berühmten Chemiker Runge und aß alle Tage Schöpsenfleisch mit ihm. Runge aß einige Monate lang nichts als Schöpsenfleisch, um zu sehen, was dabei aus ihm würde. Wackernagel litt geduldig mit als Opfer der Experimentalchemie, aß mit Runge Schöpsenfleisch und ließ den Mond sprechen. Seit der Zeit denke ich bei Schöpsenfleisch immer an Runge, der stets gesund war, wie ein geistreicher Quäker aussah und aus einem kleinen Stummel heftig Tabak rauchte, wenn er nicht Schöpsenfleisch genoß. An Wackernagel aber denke ich, wenn mir der Breslauer Mond einfällt, der nach so schönen Liedern aussah, als ich den letzten Abend durch die Breslauer Gassen schlüpfte. Auch damals fielen mir lauter süße Wackernagelsche Verse ein, und ich stand still am trauten Turme, in dessen Nähe er gewohnt hatte, und dichtete im Mondschein ein weiches Abschiedslied. Leider habe ich es vergessen. Es war aber sehr schön.   Ich empfand wirklich eine lebhafte Sehnsucht nach dem Monde, ich hätte mich auf das Pflaster legen und den Schein küssen können. Aber es hatte kurz vorher ein wenig geregnet, drum tat ich es nicht. Die nüchternen Leute, die in einer Passion für den Mond viel Überschwenglichkeit und wenig Vernunft finden, mögen sich beruhigen. Für gewöhnlich liebe ich den Mond nicht; er ist mir zu bleich, zu schwindsüchtig, zu kraftlos, zu monoton, zu langweilig. Es stehen noch einige Eigenschaftswörter zu Diensten, wenn es sein muß. Aber wenn ich einen Raum zum ersten- oder letztenmal sehe, dann ist der Mondschein sein Himmelsnimbus, dann macht er alles so weich, so fromm, so rührend. Es war mir damals am Graupenturme in Breslau, als sähen mich all die lieben Augen im Strahl des Mondes an, denen ich jemals in zärtlicher Neigung zugewendet war. Ich konnte nicht die Züge unterscheiden, aber es war ein süßes Gewirr von all den Mienen, die meinem Herzen wohltun, es im süßen Weh bewegen. Kuß auf Kuß warf ich dem Monde zu. Ich fühlte, daß der Abschnitt all meiner Jugendneigungen mit diesem Mondschein zu Ende ging. Des anderen Tages reiste ich in die Welt nach Spanien, Babylon und Leipzig. Ich mußte Abschied nehmen von all dem, was küssenswert war unter diesem Monde. Hinter mir im Schatten des Graupenturmes stand ein langer Mann mit gekreuzten Armen und sah ebenfalls in den Mond. Langsam kam er in den hellen Schein heraus. Wiederum das Bild eines Minnesängers. Breslau hat in vielen schweigsamen Winkeln ungewöhnliche, ernsthaft ganze Figuren. Es hat viele Blätter, die noch niemand umgewendet hat, noch viel unberührte Jugend. Der Mann war lang, ein magerer grauer Mantel verhüllte kaum seine Länge. Er hatte einen Kopf wie ein ernsthafter Vogel. Weit flogen im leichten Abendwinde die weichen Haare. Fein, spitz und klar wie Luft formten sich nach vorne saubere Gesichtszüge voll kindlicher Unbefangenheit, und die sanften, ahnungsreichen Augen sahen mild wie zwei glückliche Sterne. Ein schwarzes Napfmützchen deutete darauf hin, er sei ein Scholiastenvogel, der sich von Weisheit nähre. Aber in freien Stunden singt er, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und der ist ihm schön gewachsen. Wir gaben einander die Hand und sprachen über den Mond. Es war Hoffmann von Fallersleben, damals Kustos der Breslauer Universitätsbibliothek. Er lud mich ein, mit ihm zu gehen, und bemerkte, alle alten Poeten würden unruhig auf ihren Repositorien, wenn ihr alter Bekannter Signore Mond sie besuche. Es beginne ein Flüstern von alten unbekannten Liebesgeschichten, daß man nicht Ohren genug habe zu hören. Namentlich der heilige Augustinus erzähle gern von den warmen afrikanischen Abenden seiner Jugend, und der heilige Abälard beschreibe in süßen Stanzen die verführerischen fränkischen Nächte. Hoffmann konnte gar nicht fertig werden zu erzählen. Dann setzt er sich in einen Winkel, macht die Augen zu und läßt alle alten Gedichte durch sein offenes Herz aus- und einziehen wie prächtige Brautpaare. Daher kommt es auch zum Teil, daß er so schöne Gedichte schreiben kann. Er hat auch ein sehr feines Gehör. Es tat mir leid, seine Einladung abschlagen zu müssen. Aber ich hatte noch zu viele Besuche zu machen, und den Mond brauchte ich notwendig dazu. Ich versicherte Hoffmann, daß es in Breslau sehr viele Fenster gebe, große und kleine, in denen meine Blicke noch während des Mondscheines suchen müßten. Er nickte mit dem Kopfe, denn er ist ein Dichter. Ach, die Geschichten von den Fenstern, aus denen Lockenköpfe und weiße Hände sehen, sind nicht eben lehrreich, aber sehr schön. Hoffmann sagte, das habe seine Richtigkeit. Er freue sich immer, wenn er mich mit unternehmenden Augen und Schritten sehe. Die Klassiker auf der Bibliothek wüßten zwar von schönen Liedern, aber wenig von realen Küssen, der Mensch lebe doch nicht von Brot allein ... Er wünschte mir glückliche Reise nach Spanien und bat, ich solle ihm drei anständige Balladenthemen aus Granada schicken mit der ordinären Post, aber nicht zu leichtfertige. Ich habe es versprochen. Er blieb noch stehen auf der kleinen Brücke auf dem Graupenturme, die großen Augen ernsthaft auf den Mond richtend. Durch unterschiedliche Gassen ging mein Lauf, und der Mond bewegte sich mit und blieb stehen, wenn ich stehenblieb. Wie ein lustiger Pudel. Ich blieb oft stehen. Hinter den meisten Fenstern waren weiße Gardinen; in ein paar Jahren ändert sich viel. Man sieht sich, man begegnet sich, man sucht und findet sich – und verliert sich auch. Mein Gott, die Stadt ist groß. Das Auge ist kein Philister, es ist frevelhaft, die Schönheit der Welt nicht in ihrem größtmöglichen Umfange zu würdigen.   Der Mond trat ungeduldig hinter die Häuser der Albrechtstraße, ich mußte weiter. Ich kann nicht im Detail fortfahren, sonst würde meine Abreise zu lange aufgehalten. Ich kann nur bemerken, daß in dieser letzten Breslauer Nacht der Nachtwächter manches abgelegenen Viertels unruhig wurde, weil ein Mann so lange vor manchem kleinen Haus stehenblieb. Die Breslauer Nachtwächter sind wegen ihrer Disziplin und Tapferkeit berüchtigt. Sie halten nichts von der Dichtkunst und verfolgen die Schwärmerei. Sie sind ohne äußere Bildung und schonen kein zartes Gefühl. So mußte ich denn auch flüchtig an einem Hause der südlichen Innenstadt vorüber, wo ich sonst ein ganzes Jahr lang nicht vorübergehen konnte, weil ich immer genötigt war, einzutreten. Ich hatte in jenem Hause viele ernsthafte Tränen geweint, sein Eckfenster war mir lieber gewesen als die ganze Stadt Breslau. Hinter ihm saß sie alle Abende im Lehnstuhl, die Hände ruhten in ihrem Schoße, und von unten herauf sah sie verstohlen nach der Tür, ob ich eintreten würde. Sie hatte mir immer etwas Trauriges zu sagen. Es ging uns sehr schlecht, und ich konnte ihr keinen andern Trost bringen als alle Tage neue Gedichte. Die lasen wir miteinander und weinten. An einem kalten Wintermorgen mußte sie fort, weit fort. Das war ein sehr trauriger Tag. Und das arme Fenster, wo tagsüber nicht mehr ihr Kopf, am Abend nicht mehr ihr Licht hinter den Blumen zu sehen war, wie lange habe ich das arme, leere Fenster bedauert, diesen gläsernen Sarg. Jetzt wohnten fremde Leute da. Die Geschichte war schon sehr lange her, aber es fuhr mir doch wieder jener flüchtige Stich in das Herz, nur schwächer als damals. Immer weiter, die Stadt ist groß und das Leben ist lang. Der alte Pedell Frese war tot, Sturm, sein Nachfolger, hatte die große eiserne Tür der Universität nicht zugeschlossen, ich trat hinein in die schallenden Korridore. Die Jesuiten, die geistreichsten Schufte der letzten Jahrhunderte, die ich wegen ihres impertinenten Verstandes niemals hassen kann, hatten das stolze Gebäude erbaut. Die Jesuiten und Frese sind tot. Es war doch traurig, daß auch er hatte sterben müssen. Er war so römisch lang und sprach immer im pluralis majestatis: »Wir haben beschlossen.« Es ist ein schöner Raum, um Weisheit zu hören und zu lehren, dies Breslauer Universitätsgebäude. Ich wollte mich schnell erinnern, was ich alles hier gelernt hatte, ich drehte alle Taschen um, sie waren lächerlich leer. Außer Henrik Steffens war mir in diesen Räumen nicht einmal ein Interesse nahegetreten; die klingenden Sporen, die jungen Bärte, die bunten Mützen der Studenten waren mir in den hohen Bogengängen noch immer das Interessanteste gewesen. Die Theologen lasen drei Jahre lang über eine alte abgedroschene Geschichte und noch dazu unzweckmäßiger als auf mancher anderen Universität. Die Juristen trugen drei Jahre über ein anderes Buch vor, und die Philosophie war ganz abgekommen. Nur Henrik Steffens redete stürmisch poetische Gedanken über die Philosophie. Henrik Steffens ist ein interessanter Mann. Sein Fehler ist nur, daß er mehr sein will. Als ich seine erste Vorlesung im Musiksaale hörte, war es mir, als stünde ich unter dem Wasserfalle des Niagara: betäubendes, überwältigendes Getöse, rings stäubendes Wasser, stockfremde, breitblättrige Pflanzen. Auf einem einzelnen Felsen ein Wilder, der nach einem Wasservogel schießt und dann kopfüber mit der Flinte in das brausende Wasser springt. Es war mir urwäldlich zumute. Und als ich hinauskam in die frische Luft, fing ich plötzlich zu lachen an. Professor Henrik Steffens hatte über Anthropologie gelesen. In dieser Anthropologie fehlten nur die Menschen, aber Berge, Pflanzen und Steine sprachen wunderbar interessante Dinge. Wie er so dastand, der lange Norweger mit den irren blauen Augen und der nach Himmel und Erde zeigenden weißen Hand, dachte ich fortwährend an einen alten Druiden, der die Natur in stiller Einsamkeit belauscht hat, Menschen und den gewöhnlichen Gang der Dinge vergaß, und der nun zurückkehrt in die Stadt, um über Menschen zu sprechen und Novellen zu schreiben. Steffens trug einen feinen blauen Frack mit gelben Knöpfen. In der einen Hand hielt er gegen Ende der Stunde seine goldene Uhr. Ich dachte jeden Augenblick, wenn in irgendeinem Flözgebirge eine Schlucht sich öffnete, er würde sie einem der Zuhörer an den Kopf werfen. Die Uhr natürlich. Er war eine schöne Erscheinung auf dem Katheder, dieser lang und gerade gewachsene Professor. Sein Kopf ist fein und scharf, die glatten grauenden Haare und einige frühe Falten geben ihm etwas Weises, und doch wird Steffens ebensowenig jemals weise werden, als der Sturm nach dem Takt sich bewegen lernt. Er ist ein Mann der strudelnden Bewegung, der sich die unnatürlichste Mühe gibt, fest zu stehen. Durch sein Gesicht laufen so viele zuckende, spitzige Linien, poetische List, frommer Jesuitismus, ein unreifes Lächeln. All das stürzt sich über- und durcheinander, daß es mit Mühe von dem starken Geiste des Ganzen gebändigt wird, daß man in steter Erregung bleibt bei seinem Anblicke. Und nun kommen die Worte dazu, die sich wie eine unerschöpfliche Flut aus seinem Munde stürzen, eine Welle will eher da sein als die andere. Wie ausgerissene, fremdartig grüne Bäume fliegen auf den Wogenspitzen ungewöhnliche Gedanken mit herunter ins Auditorium, und das Gebrause, der fremdartig übervolle, norwegisch-deutsche Ton, die zischenden Sprachfehler brausen, schäumen, toben rastlos durcheinander, nicht ein Sonnenstäubchen kann sich dazwischendrängen, man wird betäubt, bedeckt und schnappt nach Luft. Es gibt vielleicht keinen Menschen, der eine solch enorme und schnelle Gedankenproduktion besitzt wie Steffens. Seine Gedanken gehen wie ein brausendes Viergespann mit ihm durch. Wenn er auf das Katheder steigt, so geht es ihm wie der Pythia, die sich auf den Dreifuß setzt. Der Dampf der Weisheit, der Begeisterung umfängt seine Sinne. Die Orakel zerwühlen seinen Körper, er wird von Dämonen herumgeschleudert und zerbrochen. Natürlich hält ein langer, starksehniger Norweger das länger aus als die Pythia, von der die meisten ernsthaft versichern, daß sie ein Frauenzimmer gewesen sei. Steffens ist eigentlich ein Professor der freien Künste. Er trägt Naturgeschichte und Philosophie, das heilige Donnerwetter der Poesie und die Menschenkenntnis, er trägt dies alles vor wie eine freie Kunst. Er faselt über alles. Aber er faselt im größten römischen Baustile. Er faselt Riesenschnörkel. Bedeutende Poeten sprechen ihm Poesie ab; ich glaube, das ist ein Irrtum: Steffens hat einen belebenden, erzeugend poetischen Blick für das Vegetabile, das Halbtote, das Ganztote. Er macht den Schnee und die Steine und die Berge lebendig, aber er hat ein ganz gewöhnliches, zu unordentliches Auge für die Menschen. Wir sind nun freilich der Ansicht, daß die Menschen in den Novellen die Hauptsache seien. Bei Steffens ist es aber immer der Boden, die Menschen sind nur die Staffage, weil er sie nicht kennt. Es wird nie Maß in ihn kommen, er wird nie ein Dichter werden. Aber ein Poet, und obendrein ein gewaltiger, bleibt er. Seine Novellen mit der altklugen oder im Traume sprechenden Natur sind Kolosse von Ungeschicklichkeit. Große Schachtelkunststücke, aber ein Kunststück ist eben kein Kunstwerk. Wenn er eine Novelle schreiben will, gehen die Rosse mit ihm durch, tief in den Wald hinein. Wenn er nicht weiter kann, steigt er ab, bewährt seine Geschicklichkeit und haut rechts und links Wege durch den Wald, bis er endlich schweißtriefend wieder herauskommt. Diese Arbeit nennt er dann eine Novelle. Es fehlt ihm alle Kunst der Empfängnis. Es fehlt ihm die Dichtkunst, aber nicht die Poesie. Man erzählt wunderliche Spottgeschichten vom Norweger mit seinen langen Beinen in der Schlacht bei Leipzig, die er so schön beschrieben. Darauf ist aber nichts zu geben. Hinter einem ungewöhnlichen Menschen weist der Haufe immer mit den Fingern her. Es ist auch nicht schwer herauszufühlen, daß Steffens kein Mann der Tat ist. Sein Geist ist ein bunter Renommist der Phantasie. Er ist ein spekulativer Poet. Wer ihm alles glauben will, wird zuverlässig ein Dummkopf, wenn auch ein merkwürdiger. Seine politischen Bücher habe ich immer wie geistreiche Karnevalsentwürfe gelesen. Wenn Steffens einmal Minister des Auswärtigen würde, könnte die Politik auf vierundzwanzig Stunden sehr amüsant werden. Länger würde der Spaß nicht dauern. Wäre ich der König von Preußen, ich ersuchte Professor Steffens, unbekannte Gegenden zu bereisen. Dann könnten wir interessante Bücher erwarten. Er improvisierte neue Welten. Wenn sie sich auch später nicht als richtig erwiesen, sie wären doch unterhaltend. Denn er ist ein kleiner Schöpfer. Es fehlt ihm nur das bißchen Ordnung, mit der der Herrgott geschaffen hat. Der Mond wollte fort, die Korridore wurden finster, ich glaubte, die Stimme des Henrik Steffens zu vernehmen: »Meine Herren, betrachten Sie die Flözgebirge!« Es war aber ein Irrtum. Steffens war schon nach Berlin gegangen. Draußen auf der Oderbrücke war viel Amüsement: die lustigen Burschen führten ihre Mädchen zum Tanz hinüber nach der »Goldenen Sonne«. Durch den Dampf der Tänzer blickten die erleuchteten Bogenfenster herüber, die Musik jauchzte und wieherte. Die Mädchen hüpften vor Vergnügen schon auf der Brücke. Es ist ein merkwürdiges Institut, die »Goldene Sonne«. Der Saal ist einer der größten und schönsten der Stadt. Die Musik ist die beste, berauschend und neu. Die Gesellschaft – nun ja, die Gesellschaft ist die bunteste und harmloseste. Sie ist sehr gemischt, der Eintritt ist wohlfeil, eigentlich nur ein Unterpfand, daß man sich mit irgendeinem Genusse stärken wolle. Mit einer gutverpfropften Flasche Bier oder einem Breslauer Likör. Für die an der Tür bezahlten zwei Silbergroschen wird dem Durstigen solch ein Genuß im Saale gratis verabreicht. Hier findet man jeden Sonntag und Montag die entschlossenste Gesellschaft. Entschlossen, sich auf jeden Fall zu amüsieren. Man findet die zuschauende Frau des Bürgers, den tabakqualmenden Handwerker, die leichtfertig springende Dirne. Man findet immer Lärm, und zu jeder Stunde und ohne viel Mühe die besten Prügel. Wie vom Blitz getroffen, fliegt der Übeltäter durch mehrere Zimmer, von Hand zu Hand aus dem Haus hinaus. Aber »in diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht«. Nachdem er die Busenkrause hineingestopft hat, tritt der Deportierte wieder ein, als sei nichts vorgefallen. Als ich noch Student war, kam ich Sonntags immer an der »Sonne« vorüber, und der Menschenkenntnis halber ging ich gewöhnlich hinein. Damals lockten die neuen Oberontänze – es ist doch entsetzlich, daß auch solch ein Feenprinz altert –, damals scheute ich auch eine massive Prügelei nicht für ein paar schöne Augen. Ich trug noch keinen Vatermörder und haßte noch Hut und Frack. An einem solchen melancholischen Spätsommerabende war es, als ich jene schwarzen Augen, jene schöne andalusische Figur wild an mir vorübertanzen sah, die im ganzen Julia hieß. Mein Begleiter, ein alter, erfahrener Bursche mit bemoostem Haupte, machte mich aufmerksam: »Sieh, um Gottes willen, diese Augen!« Sie waren wirklich erschreckend und feurig schön. Ich eilte, es ihr zu sagen, mein Begleiter desgleichen. Sie lachte und legte mir die heiße Hand auf den lobpreisenden Mund. Mein Begleiter war im Feuer dieser Augen grob gegen unsere Nachbarn gewesen, und ich sah eben noch in der Ferne sein ruderndes, kämpfendes Pfeifenrohr. Er wurde just hinausgeworfen, als mir Julia ihren Arm bot. Ich geleitete sie nach Hause und kaufte ihr Bonbons. Ich schmachtete in diesen Augen und las um jene Zeit den Plato. Das war dumm. Denn Julia wußte nichts von Plato. Ich glaubte noch an die Menschheit und an die Tugend. Eines Tages schenkte mir jener erfahrene Student ein Bonbon, das ich den Abend vorher Julia geschenkt und worauf ich geschrieben hatte: »Romeo und Julia«.   Das war einer der merkwürdigsten Tage meines Lebens. Ich verwünschte die Tugend und meine Dummheit in einem Atem. Ich verwünschte auch meine burschenschaftlichen Grundsätze, die mich schon in Halle und anderswo um soviel Vergnügen gebracht hatten. Damals, o Plato, schwor ich dir ab! Diese Erinnerungen trieben mich fort von der Oderbrücke. Ich ging nach Hause und legte mich schlafen. Der Gedanke: »Plato oder nicht Plato« beschäftigte mich bis zur Abfahrt. Zwei Freunde geleiteten mich bis zum »Schwarzen Bären«. Dort tranken wir zum letztenmal eine Schale schlesischen Kaffee miteinander, sie segneten mich, und ich fuhr gegen Babylon. Zuerst gegen Leipzig. Ich sah mich nicht mehr um, da ich mich vor dem Abschied fürchtete, und fuhr ohne Gedanken durch das mädchenfreundliche Liegnitz, ohne Gedanken bis nach Dresden. Dresden Dresden ist eine schöne Stadt an der Elbe, das weiß jedes Kind. Es wäre Luxus, über die Merkwürdigkeiten dieser Stadt noch etwas zu sagen, da jeder reputierliche Gebildete unseres Vaterlandes einmal dagewesen ist oder hinreist. Es hat an die sechzigtausend sächsische Einwohner, von denen zwei Drittel seit vielen, vielen Jahren an einer epidemischen und kontagiösen Krankheit, nämlich an Stockschnupfen, leiden. Schlechte Historiker sind der Meinung, Meißen sei die älteste Hauptstadt Sachsens gewesen, weil man noch heutzutage jeden Sachsen an der Aussprache dieser Stadt erkenne. Aber die berühmte Porzellanfabrik des Ortes hat wirklich Einfluß auf den Volkscharakter gehabt: kein deutscher Volksstamm faßt den Fremden so höflich, porzellanartig fein an als der sächsische. Meißner Porzellan und sächsische Höflichkeit sind weltbekannt. Aber nicht alle Leute wissen, daß Porzellan und diese Höflichkeit die schneidendsten Scherben geben, wenn sie verletzt werden. Über die Kunstanstalten Dresdens, das japanische Palais, das grüne Gewölbe, die Rüstkammer und die Bildergalerie läßt sich nur Preisliches sagen, und die Leichtigkeit, Eintritt zu erhalten, zeugt von größter Liebenswürdigkeit. Die Einwohner scheiden sich in streng gesonderte Gruppen: unter den höheren Klassen und den höheren Regierungsbeamten findet man sehr feine, geschmackvolle Bildung und vornehme, kultivierteste Manieren. Sie erkennen, daß sie an Ludwig Tieck am Altmarkt einen bedeutenden Dichter besitzen. Und wenn sie seine Vorlesungen und ihn selbst nicht besuchen, so geschieht es entweder, weil man das eine nicht kann ohne das andere, oder weil sie nicht vier bis fünf Stunden mäuschenstill sitzen mögen, oder weil ihnen seine Schriften lieber sind. Die Gicht hat Ludwig Tieck ein wenig zusammengeworfen. Sonst trägt er noch die klarsten Spuren eines Mannes, der schön gewesen ist. Was den dichtenden Denker vor der blöden Menge immer auszeichnet, das Auge mit seinem Glanze und Drange, das ist ihm in aller Schönheit geblieben. Tieck ist ein überlegener Geist in der Gesellschaft, solange ihm keine Usurpationsgedanken an die Literaturthrone in den Sinn kommen. Er weiß wie ein überlegener Geist bei den groben Schmeicheleien zu schweigen, die ihm der Schwarm mit plumpen, fetten Händen auftischt. Er spricht glänzend, wenn ein literarisches Lebensthema berührt wird. Wie gewöhnlich macht er mehr Wesen von dem, was unwichtig an ihm ist. Er spricht mit größerem Nachdruck von seinen Studien als von seinem Talente. Als er den »Tod des Dichters« geschrieben hat, soll er geseufzt haben über die Masse dessen, was er lesen müsse, ungefähr wie ein Historiker, der eine unbekannte Geschichte schreibt, zu der viele neue Quellen gelesen werden müssen. Die Hofräte ignorieren Tieck, aber auch vieles andere. Als die Periode der Briefwechsel in unserer Literatur begann, da drohte ein Aufstand unter ihnen auszubrechen. Khun, Kind und Genossen erschienen mit echauffierter Menge im Kasino: »Scheen guten Abend, Herr Hofrat ...« »Ei, scheen guten Abend, Herr Hofrat!« »Wie befinden sich der Herr Bruder Hofrat?« »Danke gehorschamst, Herr Bruder Hofrat ...» Pause. »Den angepriesenen Briefwechsel schon gelesen, Herr Bruder Hofrat, zwischen Schiller und Goethe?« »Ach ja, was meinen der Herr Hofrat dazu?« »Unter uns gesagt ...« »Wees es Gott, Bruder Hofrat, wenn mer alle unsere Briefe hätten drucken lassen ...« »Hätten drucken lassen wollen, habe ich nicht recht, hochgeschätzter Herr Bruder ...« »Die Welt hätte andere Dinge zu heeren gekriegt, als – als ...« » Sub sigillo , Herr Bruder, als diese Lappalien ...« Der Vorhang fällt, die Herren rauchen weiter und beklagen sich, daß die Solidität aus der Literatur verschwindet. Daneben ist Dresden reich an feinen alten Räten vom Appellationsgerichte und so weiter, die mit dieser Klasse gar nichts gemein und eine literarische Zunge haben und ein stilles, gediegenes Urteil. Einige deutsche Städte führen wie die Studenten ihre Spitznamen. So nannte die Dichterschule aus dem »linkischen« Bade Dresden nie anders als Elb-Florenz, und obwohl ich sonst nicht viel Gemeinschaftliches habe mit diesen Sängern im schwarzen Frack, so nenne ich Dresden doch immer gern Florenz, da sich wirklich viel Entsprechendes in den Verhältnissen und Beziehungen dieser Stadt mit der toskanesischen Hauptstadt findet. Die Künste waren lange Zeit par excellence in Dresden zu suchen, wie einst unter den Mediceern in Florenz. Der Hof war katholisch und zumeist mit italienischen Prinzessinnen beschickt, die die italienische Sprache und eine italienische Oper mit sich brachten. Noch heute liegt in der Nähe des Schauspielhauses ein italienisches Dörfchen. Paläste mit italienischen Namen, Denkzeichen der Zeiten des prächtigen August finden sich noch vielfach und erinnern an romanische Dinge und Töne. Der kleine wohlhabende Staat Sachsen bot ebenfalls mancherlei Parallelen mit Toskana. Dresden ist eine der Städte, wo ich gerne ankomme. Es hat mir immer aus der Ferne das meiste Vergnügen gemacht. Aber man muß aus den schlesischen Grenzwäldern nach Sachsen reisen, um einen entzückenden italienischen Anblick zu finden: das bergige, sonnenfrische Bautzen, die schöne hügelige Straße links mit den blauen Bergen, die hinabführt zu dem heiteren Bischofswerder, wo so hübsche Mädchen wohnen, das alles stimmt überaus empfänglich. Und nun kommt man zu den waldigen Bergen, wo die breite Straße eilig hinabrennt zum Elbtale, und zwischen Fichten, Tannen und Landhäusern sieht man weit unten im Hintergrunde, begrenzt von einer sanften Hochebene, eine breite Stadt mit italienischen Türmen, Kirchen und Schlössern: Florenz, das blühende, in weichen, gefälligen Farben prangend und lockend. Dieser Anblick hat soviel Südliches, Fabelhaftes, daß er mir stets die buntesten Hoffnungen und Illusionen weckt. Dresden wimmelt stets von Reisenden. Es ist eine Winter- und Sommersaison, die Italien vertritt. Die Brühlsche Terrasse an der Elbe, von der man hinab gegen Meißen, hinauf bis in die Vorberge der Sächsischen Schweiz sieht, klingt von allen Sprachen Europas. An warmen Sommerabenden ist es sehr hübsch auf der Brühlschen Terrasse. Bunt, vornehm und heiter, so daß man gar nicht in Deutschland zu sein glaubt. Geputzte, schöne Gestalten mit fremden Gesichtern schreiten vorüber. Die Terrasse steigt kühn und steinern vom Flusse auf und stößt rückwärts überall an den langen Palast. Die Illusion des Fremdartigen dauert so lange, bis uns ein Registraturgesicht aufstößt, eines jener unvertilgbaren Gesichter der Heimat, die Lachen, Ärger und heimliche Liebe in uns erwecken. Solche alte Busenkrausen, gelbe Stulpstiefel, weißliche Kaschmirhosen, Schnupftabaknasen, weiße Unterhalstücher, silberne Uhrketten sieht man noch häufig in Dresden. Auch eine Erinnerung aus der Rotenmützenzeit von Halle, aus der Zeit des Zorns und des Enthusiasmus ohne Gedanken begegnete mir dort. Wir sahen einander zweifelnd an: »Entschuldigen Sie, mein Herr . . .« »Ah, ich wollte mir eben auch erlauben . . .« »Sind Sie nicht. . .« »Haben wir nicht zusammen . . .« »Bist du wirklich der Bruder Medardus aus der Klausstraße?« Es ist ein sehr bedenkliches Unternehmen, einen alten Universitätsfreund wiederzufinden. Die Menschen gehen zu verschiedene Wege. Der Jugendfirnis der Akademien, der alles ausgleicht, geht verloren. Da gibt es noch wüste, fatale Kirchhofszenen, die Vergangenheit selbst wird vergiftet. So wie man sich hüten muß oder sich nur vorsichtig daran machen darf, alte Plätze einstiger Poesie aufzusuchen, die neue, anteillose Gesichter entweihen, so wird auch das Antlitz der Freunde und Geliebten oft alt, stumpf und unkenntlich. Mein Bruder Medardus hatte sich leidlich frisch erhalten. Hatte jahrelang still zwischen Bergen gewohnt, ein liebendes Weib gefunden, und hoffte noch von der Welt. Das ist die Hauptsache. Wer noch hofft, ist noch jung. Seine Augen können noch leuchten, sein Herz kann noch beben. Bittet Gott, daß er euch nicht die Hoffnung überleben läßt, und bleibt empfänglich für die kleinsten, putzigsten Hoffnungen. Im Jahre 1827 waren wir auf dieser Terrasse gestanden, den Kopf voll vom griechischen Testament und von orientalischen Kirchenvätern. Das Herz voll von Sehnsucht nach himmelblauen Augen, die wir auf der Schule geliebt hatten. Voll Sehnsucht nach der stillen, schattigen Pfarrstelle, nach dem Frieden beschränkter, aber eigener Häuslichkeit. Wie ist das anders geworden, Medardus! Moderne Wünsche schweifen über Berge und Länder, und das Idyll des Herzens ist doch nicht zerstört. Wir beide sind durch die Sächsische Schweiz gezogen, Liebeslied auf Liebeslied singend, wechselnd wie die Schwalbe, der schlesische Pietätsvogel. Verse haben wir auf kleine Blätter geschrieben und haben sie von der Bastei in die grüne Tiefe hinabflattern lassen, durch die silberglänzend die Elbe zieht. Der Wind nahm sie auf seine Flügel, und jedes Mädchen, das sie fand, war auch gemeint. Es sind keine großartigen Verhältnisse, aber mannigfacher Reiz liegt in diesem sächsischen Gebirge. Blau und violett erheben sich die einzeln abgespaltenen Berge wie Steinschlösser ringsum. Die Sächsische Schweiz ist ein Milchschwesterchen des Riesengebirges. Der schlimme, gewaltige Bruder hat alle Kraft in sich gesogen, nur die Anmut, die Taille und der hüpfende Wuchs ist dem Schwesterlein geblieben. Das Riesengebirge ist der Napoleon der deutschen Berge, die Sächsische Schweiz die leichte, bewegliche Josephine, der er mit der Tafelfichte die Hand reicht. Rasch stürmt er von dort vom Westen des achtzehnten Jahrhunderts aufwärts und immer aufwärts; auf dem »Hohen Rade«, dem Konsulate, ruht er einen Augenblick und eilt dann geflügelt auf die Koppenhöhe des Kaisertums. Dort schließt jäh das hohe Gebirge und fällt in entsetzliche Gründe. Dort verschwindet der Kaiser. Aber auf der Bastei gibt Josephine ihre heiteren Hoffeste, und im Ottowalder- und Amselgrunde sind die süßen Erinnerungsplätze der revolutionären Liebe des Generals Bonaparte. Dort liegen für ewige Zeiten die unsterblichen Liebesbriefe, die ein großer Mann vergessen muß, denn die Größe ist einsam und lieblos. Leipzig Die Straße nach Leipzig ist so zweifellos und uninteressant, daß sich auf ihr durchaus nichts ereignen kann. Und Leipzig hat auch die Merkwürdigkeit, daß man das meiste darüber zu schreiben vermag, wenn man es nicht gesehen hat. Je länger man da lebt, desto weniger weiß man darüber zu sagen. Wenn man ein bürgerliches hübsches Mädchen sieht, so kann man allenfalls mit ihr schwärmen, falls man gerade nichts Besseres zu tun hat. Kommt man aber öfter mit ihr zusammen, so bleibt nichts Besseres übrig, als sie zu heiraten. Von solch einer Heirat weiß niemand viel zu erzählen. Bei freundlichem Nachmittagssonnenschein trat ich in das Zimmer meines Freundes. Er saß hinter einem breiten Tische voll Landkarten, reichte mir trübselig die Hand und sagte, es sei gut, daß ich komme, denn er könne nirgends Golkonda finden. Nach einigen Tagen erfuhr ich, daß er sehr hypochondrisch sei und die Welt aufgegeben habe. Der einfache Grund davon: es gebe so erschrecklich viel zu lernen in der Welt, daß es unmöglich sei, fertig zu werden. Deshalb habe er beschlossen, lieber unglücklich zu sein, als sich noch länger zu quälen. Während er auf das eifrigste Naturwissenschaft und Medizin studiere, laufe ihm Geschichte und Geographie davon, und wolle er diese einholen, würden die andern über Nacht ganz anders. Ein ehrlicher Mensch müsse dabei zugrunde gehen, das wolle er denn auch. Dabei streckte er sich aufs Sofa und machte die Augen zu. Ich sah ein, daß hier das Glück nicht zu finden sei, weshalb ich auf Reisen gegangen. Ich wollte nach Paris fahren und war nun in Leipzig. Ich schrieb in den Zeitungen über deutsche Literatur und das Leipziger Theater und wurde kein Revolutionär, wie meine Mutter hoffte, sondern leider ein solider Mensch, der zweiundzwanzig Stunden auf seinem Zimmer ist, wenn's regnet, spazieren geht, wenn die Sonne scheint, vor jedem anständigen Menschen den Hut abnimmt, seine Miete rechtlich bezahlt und hoffentlich einen guten Ruf hat. Das ist aber die Hauptsache in Leipzig. Das öffentliche Leben einer Handelsstadt sind die Kurse, die Warenpreise, der größere oder geringere Transito. Der Kaufmannsstand ist einer der nützlichsten, aber die Beschreibung seines Lebens ist die langweiligste, denn das Einmaleins ist seine wenig variierte Grundform, die Wechsel sind seine Poesie, die Poesie selbst, vorzüglich die romantische, ist sein barer Gegensatz. Von den Dichtern Phöniziens, Karthagos, des reinlichen Holland, sogar des alten wimpelreichen Venedig meldet uns die Geschichte wenig. Ewig wiederkehrende Ordnung ist des Handels Grundlage, die der Poesie aber reizende Verwirrung, Abwechslung, bunte Unordnung. Dort der Vorteil, ein vertrockneter Geselle in dauerhaften Lederhosen, hier die Lust im bunten fliegenden Gewande.   In Leipzig stört einen kein Adeliger, aber hier ist das Terrain, wo man studieren kann, was geschieht, wenn der Adel abgeschafft wird. Der Wert der Ahnen ist abgetan. Das Reich der Bildung sollte anheben. Dazwischen schiebt sich plötzlich aber jenes Etwas, das so wichtig und merkwürdig geworden ist: das Geld. Es ist die ewige Verwechslung zwischen Mittel und Zweck, Weg und Ziel, Kleidung und Mensch. Die Industrie ist nicht zu fördern, um an die Stelle des Lebens zu treten. Sie soll das Leben erleichtern, und das erleichterte Leben sollen wir dann erst verschönern lernen. Alles, was wir jetzt erstreben, ist erst das Werkzeug zum Glück. Die Kaufleute aber machen das Werkzeug zum Zwecke. Sie betrügen uns um unsere Zivilisationsarbeit. Sie müssen viel heftiger bekämpft werden als der Adel. Aber sie sind schwerer zu bekämpfen, weil sie jünger und dümmer sind. Ihre Waffen, die gelben Louis d'ors, weiß jeder Feigling und Dummkopf zu führen, die des Adels, die Ambition und die Erinnerung, bedurften der Übung und des Blutes. Ihre Verdienste sind keine Vermächtnisse auf späte Zeiten, die man studieren muß, ihre Wechsel lauten au porteur und müssen auf Sicht gezahlt werden. Sie gewinnen in einem Jahre soviel Terrain wie der Adel in einem Jahrhundert. Der Ursprung des Adels war doch eine Art Poesie. Glänzende Vorzüge sollten doch wenigstens sein Vater sein. Die Fratze entstand erst dann, als die Vorzüge allgemeiner geworden und die Adeligen in dem lächerlichen Irrtume befangen waren, allein Vorzüge zu besitzen. Aber selbst der Schatten dieser Tendenz hob doch oft noch einzelne dieser Kaste aus der Masse. Einzelne wollten wenigstens edler sein. Der Kaufmann will nur reich sein. Zum Reichwerden braucht er keinen inneren Vorzug. Er ist der neue Philister, der bis jetzt Frankreich betrogen hat und uns alle auf lange Sicht betrügen wird, wenn wir ihn nicht im Schach halten. Für die Kontore haben wir den Adel und die Regierung des Herkommens besiegt. Freut euch das, ihr revolutionären Götter und Sünder? Ich glaube kaum, daß bei diesen bockledernen Herzen etwas anderes als der »Schrecken«, das historische Wort Dantons verfängt. Sie müssen solange eingeschüchtert bleiben, bis sie lieben gelernt haben. Sagt man doch, daß die Weiber den Mann am innigsten lieben, den sie vorher am meisten gefürchtet. Die Kaufleute sollten die Menschen fürchten, um sie zu lieben. Leipzig hat vor den Toren ein Schlachtfeld, auf dem viele tausend gute und böse Männer totgeschossen wurden. Mit ihnen unterhielt ich mich über vergangene Zeiten und was die Welt gehofft und gefürchtet habe bei der Schlacht bei Leipzig. Es ist nur traurig, daß die Toten, so laut sie reden, nicht verstanden werden. Und es ist traurig – ich mache mir oft Vorwürfe darüber –, daß ich immer die Plätze der französischen Marschälle suche, die doch meines Vaterlandes Feinde waren und auf meine Brüder einhauen ließen. Namentlich suche ich den Platz des Marschalls der Marschälle, der so viele deutsche Mädchen unglücklich gemacht hat. Kann ich dafür, daß die Poesie die Tochter des Genies ist, daß sie nur die Größe, den Glanz und die Herrlichkeit liebt und dem guten Willen, ja dem besten Willen den Rücken wendet? Ich habe es lange mit den Alliierten gehalten, aber sie konnten mir nichts mehr zu essen geben. Sie waren fertig mit ihrem bißchen Ruhm. Ich werde sie immer mit Pietät behandeln, mehr kann ich als rechtschaffener Poet nicht versprechen. Der Himmel weiß, wie ich mir die wackeren preußischen Freiwilligen vergegenwärtige, sooft ich nach Möckern komme, wo sie wie Helden gefochten haben. Preußen und Berlin sind nie so liebenswürdig gewesen als im Jahre 1813, da sie den Mut hatten zu zürnen und die besten Söhne hinzuschicken gegen die Kugeln. Wenn man das deutsche Philisterleben kennt, so weiß man, daß ein solches Verdienst zehnfach anzuschlagen ist. Ich weiß noch, wie wohl es uns tat, als nach der Schlacht an der Katzbach die ersten Freiwilligen zu uns ins Quartier kamen: die Figuren schwankten noch wie die Gerten, es war noch keine empirische Konsistenz in ihnen. Die dünnen Stutzbärtchen kamen erst schalkhaft, schüchtern zum Vorschein, die Hände waren noch fein und weich, die Wäsche war viel zu fein für das Feldlager, sie sangen Körnersche und Schenkendorfsche Lieder. Ich sah meinen Vater den Kopf schütteln. Er hatte die Schwielenhand manches alten Franzosen, der in Italien und Spanien mitgefochten, gefühlt. Er hatte die verwitterten Gesichter, die undurchdringlichen Bärte der alten Kerntruppen gesehen und schüttelte den Kopf zu unserer jungen Romantik. Damals betete ich alle Abende vor dem Schlafengehen, und wenn der Vater am Tage die Zeitungen bekam, betete ich noch einmal für unsere Freiwilligen, und habe jeden neuen Morgen gefragt, ob ich die Nacht über nicht groß geworden sei, um auch den blanken Reitern folgen zu dürfen. Es wird in Leipzig sehr viel spazierengegangen und geritten. Die Promenaden sind zwischen den Vororten und der Stadt. Reit- und Fahrwege gehen daneben her, der Reiter kann seiner Dame die Hand reichen, die Dame kann ihr neues Kleid während einer halben Stunde Hunderten zivilisierter Augen präsentieren. Auch gibt es sehr viele Kinder in Leipzig, ich glaube mehr als Erwachsene. Herodes hätte hier entsetzliches Unglück anrichten können. Übrigens hat sich diese Stadt, die durch viele Jahrhunderte immer der Rücken Europas war, auf den man von allen Seiten her weltgeschichtliche Schläge austeilte, wie eine vorsichtige Schöne konserviert. Sie ist ein ordentliches, solides Mädchen ohne Leidenschaften. Sie hat Kissen voll weißer Leinwand, den Kopf voll alter grauer Hausmittel und Gleichnisreden, das Herz voll polizeigemäßer Zuneigung, die Hand voll zweifelloser, überaus gültiger Münze. Sie ist um und um eine gute Partie, die junge, erbauliche Kaufmannswitwe Leipzig. Mit roher Kriegshand hat man ihr so oft alle Reize angetastet, nach einer Entsagungskur von einigen Jahren ist sie immer wieder hübsch geworden. Nur muß man nicht weit mit ihr schwärmen wollen. Sie ist eine Kaufmannswitwe ohne Perspektive. Die Promenaden und vielfachen Gartenanlagen haben aus der von der Natur sehr mittelmäßig bedachten Stadt einen Ort geschaffen, in dem sich der Frühling sehr hübsch ausnimmt. Von der Westseite, zwischen den Flugnetzen, die die Leipziger selbst größtenteils erst seit der Schlacht kennengelernt haben, zieht sich grüner Laubwald herauf. Erste Bekanntschaft mit ihm schließt die Stadt im Rosental. Dort sitzen die Musen und Grazien Leipzigs. Die Musen rauchen Zigarren, echauffieren sich durch Marseiller Märsche, kühlen sich durch Eis ab und sind liberal bis zum Teufelholen. Namentlich wenn es kühler wird und sie anfangen, Grog zu trinken. Seit den Bundestagsbeschlüssen spielen sie aus Oppositionsgeist täglich Domino. Die Grazien sind sittsam und schlagen die Augen nieder. Mit einem Maskulinum gehen sie nicht eher spazieren, als bis sie mit ihm verlobt sind. So darf niemand den König von Spanien anrühren, auch wenn er brennt, als sein erster Kammerherr. Solche Gesetze sind aber den Leipziger Grazien eine Kleinigkeit: das Brennen ist ein extremer Zustand, der sich nicht schickt. Ich habe noch keine brennen gesehen, wenigstens noch nirgends Feuer und Wärme verspürt. Man kann lodernde Gedanken unter sie werfen, sie blasen sie lächelnd aus und sagen ernsthaft: »Das schickt sich nicht.« Wenn man ein hübsches Mädchen sieht, so fragt man nicht: »Wie heißt sie?«, sondern: »Mit wem ist sie verlobt?« Sachsen ist berühmt wegen seiner hübschen Mädchen. Vor mehreren Jahren war wirklich eine schöne Generation hier. Wir wallfahrten von Halle nach Leipzig zum Meßsonntage, um unseren ästhetischen Ideen auf die Beine zu helfen, die in Halle erlahmten. Man reiste wie zu einem orientalischen Basar. In »Rudolphs Garten« erschienen die Leipziger Türkinnen unverschleiert und schufen die neueste Mode für Deutschland. Man sah ihnen das weltgeschichtlich schöpferische Behagen an. Manche mochte sich wochenlang nicht sattgegessen und Tag und Nacht Clauren gelesen haben, um ins Modejournal zu kommen. Es ist keine Kleinigkeit für das Hinterstübchenleben eines Mädchens, abgemalt zu werden wie Fräulein Sontag und der türkische Sultan, und zwar bloß der Schönheit halber. Daß die Gesichter in den Modebildern alle gleich sind, darauf kommt's nicht an. Man erkennt doch das Kleid oder die Frisur, und einst in späten Tagen, wenn der Mann nicht mehr dran glauben will, daß die Frau schön gewesen, holt sie unter alten vertrockneten Blumen den Kupfer aus der Modezeitung und reicht ihn ihm mit verwelktem, siegreichem Blicke. Und der Mann wird wieder stolz darauf, daß er eine historische Frau besitzt, und erzählt die Geschichte des Abends in der Ressource, in der Harmonie oder im Tunnel. Man berichtete mir, als ich auf die verschlechterte Generation anspielte, daß in den letzten Jahren sehr viele große Häuser falliert hätten. Das wirke stark auf die Schönheit ein. Die Erklärung ist gar nicht übel. Überfluß, Reichtum, Sorglosigkeit, lauter samtene Tapetenverhältnisse, fördern das Gedeihen der Schönheit. Die Kinder rücksichtsloser Liebe sind nicht nur meist Genies, sondern sie sind auch schöner als die Sprößlinge des mühsam geordneten Ehebettes. Ein guter Kalkulator kann keine schöne Tochter haben: wenn der Chef des Rechnungshofes schöne Kinder zeugte, ich setzte ihn ab, wenn ich sein Herr wäre. Es wäre ein sicheres Zeichen, daß er nicht für sein Amt taugt. Es ist traurig, daß die Schönheit so wenig mit dem Gedanken zu tun hat, daß sie eine Entschädigung für die Dummheit zu sein scheint. Unter zehn schönen Mädchen sind immer neun dumm, und das ungebildetste Land hat die schönsten Frauen. Ich spreche natürlich von Formenschöne, denn die Natur hat ein Einsehen gehabt, um die Tätigkeit zu wecken. Die geistige Schönheit läßt sich erzwingen.   Ein Schauspieler, der gerne gelobt sein will, nennt mir Leipzig immer »den Mittelpunkt der deutschen Literatur«. Und dabei drückt er mir die Hand. Ich verstehe ihn und schreibe den anderen Tag: »Herr X ist ein historischer Schauspieler, dessen Vorzüge nicht bekannt sind.« Das Zentrum dieses Mitteltums der deutschen Literatur ist Kintschys Schweizerhüttchen im Rosentale, wenn nachmittags die Musen Zigarren rauchen und Domino spielen. Von hier geht Deutschlands Kultur aus. Die Fremden kommen und sehen sich diese Kultur für einen sächsischen Groschen an. Wenn sie zwei Groschen dafür geben, so ist das schon Luxus. Ist gar Buchhändlermesse, so findet man bei Kintschy die literarische Börse. Es treffen auch die »ausländischen« Schriftnotabilitäten ein aus den sächsischen, anhaltinischen und reußischen Herzog- und Fürstentümern, aus dem Harzgau, aus der Lausitz, aus Berlin und aus Gattersleben, wo Krug von Nidda wohnt. Alte Häuser, die keinen Kurs mehr haben, wie Langheim, Müchler und andere, die sich im Sterben verspäten, schicken Abgeordnete. Der Kurs der deutschen Literatur wird gemacht. Die Schriftsteller erscheinen in den besten Röcken und den nachlässigsten, genialsten Physiognomien, die sie auftreiben können. Der humoristische Autor notiert seine besten Witze für diese Nachmittage. Er hält einen Kreis hungriger Bekannter frei, daß sie um ihn herum Spektakel machen und lachen helfen, er stülpt einen Vatermörder um und grüßt alle Welt. Der Dichter legt das Halstuch ab, sieht keinen Menschen an, durchwacht einige Nächte, um die materielle Röte seines unanständig gesunden Antlitzes zu bändigen und durchsichtiger, lyrischer auszusehen. Er lehnt sich an eine Säule und sieht über das Gewühl hinweg nach den Wolken. Wenn ein Sperling zwitschert, so belebt sich sein Gesicht süßsauer auf einen Augenblick. Man fühlt eine Hymne auf die Natur entstehen; er raucht nicht und vergißt zu zahlen. Der Publizist trägt einen langen, verschwiegenen Rock, sieht malkontent aus wie eine losbrechende Revolution, drückt den weißen Republikanerhut tief in die Stirn, streicht sich den Schnurrbart, daß allen soliden Leuten bange wird, geht forschend, aber totenstill unter den Gruppen herum, drückt hie und da einem ernsthaft die Hand, und wenn man ihn nach Politik fragt, lächelt er höhnisch wie Robespierre und spricht: »Wie ich's vor einem Vierteljahr prophezeite!« Redet ihn ein Buchhändler an, so spricht er ihn an einen Baum fest und schweigt nicht eher, als bis der Mann um Gnade bittet. In Deutschland und bei Kintschy ist das Verhältnis umgekehrt: die Buchhändler sind die Herren der Literatur, die Schriftsteller ihre gehorsamen Diener. Es ist wie in den Zeiten der römischen Hierarchie: nur diejenigen Entdeckungen wurden gemacht, nur die Gedanken erfunden, die die Pfaffen erlaubten. Außerhalb der Kirche konnte man nicht leben. Jetzt kann es der Schriftsteller nicht außerhalb des Buchhandels. Nur der zahlt einige Taler Honorar für die sublimsten Gedanken. Hier am Ende des Rosentals hat Seume seine derben Lieder erfunden, drüben aber in einem der äußersten Häuschen von Gohlis dichtete Friedrich Schiller das Lied »An die Freude« und den letzten Akt des »Carlos«. Jetzt hängt unter jenen spanischen Fenstern ein betrübtes schwarzes Schildchen mit den deutschen Worten »Bier und Branntwein bei Johann Gottlieb Nitschke«. Nördlich und östlich vom Rosentale der Musen strecken langweilige Flächen gähnend ihre bleifarbenen Zungen dem Beschauer entgegen. Um so liebenswürdiger ist es, daß man Naturkünste benützt, um die nächste Umgebung so hübsch wie möglich zu machen und unermüdlich bürstet und putzt, die Reize der spröden Dirne zu kultivieren. Sogar einen kleinen Park hat man zusammenaddiert, mit unglaublicher Anstrengung einen Berg aus Makulatur erbaut, Rasen darüber gedeckt und streng kritisch die Meßdichter hergenommen, um einen Wasserspiegel zustande zu bringen. Der Mond liest darin die schlechtesten Verse. Die einsamen Liebespaare, die am Ufer wandeln, schöpfen daraus ihre überflüssige Unterhaltung, da es für unanständig gehalten wird, stumm zu küssen. Die gutmütige Natur borgt ihr Grün, verdeckt Blößen mit freigebigen Ästen und Zweigen, und das Ganze sieht jetzt schon so naiv hübsch aus, wie man von einer Gegend nur verlangen kann, der die Erde kaum die Fähigkeit zum Brotstudium gestattet, alle Genialität aber versagt hat. Unermüdlichem Fleiße ist es gelungen, daß man nach zwanzig Jahren nichts mehr davon sieht, wie der Kampf eines ganzen Erdteils hier zerstörte. Ein Denkmal im hiesigen Park nennt den verstorbenen Bürgermeister Müller einen Hauptlenker dieser verschönerten Ausgabe Leipzigs. Solche Leute sollten Plätze in einer Literaturgeschichte der tellurischen Ästhetik erhalten. Sie haben wirksamer für Schönheit gesorgt als mancher Poet sein Leben lang. Sie sind die plastischen Künstler des Frühlingsgrüns und Sommerschattens. Die abenteuerliche, romantische Liebe, die sich auf den Straßen begegnet, die Liebe aus dem Stegreif, erholt sich jetzt allmählich in Leipzig, seit die Kaufleute ärmer und die Bäume und Sträucher reicher geworden sind. Einst wollte und konnte sie sich nirgends verbergen. Jetzt gedeihen schon immer mehr Schattenpartien. Je dichter der Park wird, desto dünner wird die Leipziger protestantische Moral. Die Natur ist den Moralisten nie grün gewesen. Wird gar noch das Rosental der Stadt einverleibt und sein kleines Tor des Abends nicht mehr geschlossen, dann sehe ich tibetanische Riesenfeste beginnen, und ich weiß, was man in den Kirchen umsonst predigen wird. Gehörte ich zu den protestantischen Leipziger Historikern, ich regte an, das Rosental auszureuten. Denn von dort her, von jenem immer wiederkehrenden Liebesgrün, jenem beglückenden, säuselnden Schatten droht ihrer Armut das Verderben. Das Rosental ist viel zu katholisch, als daß es gelitten werden dürfte. Seit einigen Jahren bin ich zu wiederholten Malen nach Leipzig gereist. Ich bin viele Monate lang da über Nacht geblieben; was Wunder, daß meine Reise hier ein wenig anhält. Ich muß erst alle Wirtshauszettel zusammensuchen, die ich hier bezahlt, damit ich erfahre, was ich hier genossen, sonst fällt es mir nicht ein. In Leipzig habe ich immer viel Zeit gefunden nachzudenken, obwohl ich hier eifrig an der Weltgeschichte mitgearbeitet und ein Journal redigiert habe. Es ist alles anders in Leipzig. Wenn man über eine andere Stadt schreibt, so schreibt man eben, um die Stadt zu charakterisieren. Man charakterisiert aber Leipzig, wenn man über alles, nur nicht über Leipzig schreibt. Ich will nicht sagen, daß Leipzig keinen Charakter habe. Es ist im Gegenteil in Leipzig Hauptsache, einen Charakter zu haben. Denn wer keinen Charakter hat, ist ein schlechter Mensch, und wer seine Miete nicht bezahlt, hat keinen Charakter. Leipzig ist eine artige Stadt und nötigt einen durchaus nicht, über etwas Bestimmtes, Interessantes zu schreiben. Es hat so verschiedene Interessen. Dreiprozentige, vier-, fünf-, sechsprozentige, die Auswahl ist sehr schwer. – Sollten meine Leser nie eine jener wohlkonservierten Kaufmannsfrauen gesehen haben, die ein schwerseidenes Kleid, eine goldene Kette und eine sehr schöne Haube tragen, die äußerst höflich und freundlich sind, die alles vortrefflich finden, was ihr sagt, ja, das Ungezogenste schalkhaft und liebenswürdig nennen und die, sobald man zur Tür hinaus ist, vom Stuhle springen und nicht begreifen können, daß die Polizei solche verworfene Menschen, wie ihr seid, vierundzwanzig Stunden in der Stadt dulde, daß solche Leute in respektable Gesellschaft geladen werden könnten. Sollten sie solche Frauen noch nicht gesehen haben, so wissen sie freilich nicht, was es heißt, eine Kaufmannsstadt zu schildern, der die Elle aus der Tasche guckt, auch wenn sie Boston spielt und über das Christentum spricht. Liebe und Poesie sind Einseitigkeiten. Darum sind sie so schön. Weil Leipzig keine Augen und kein Herz hat, weiß man nicht, was man darüber sagen soll. Ehe ich nach Leipzig kam, machte ich alle Tage, wenigstens jede Woche, ein Gedicht, wenn es auch nur ein Gedicht fürs Haus war. Seit meiner Leipziger Zeit habe ich keinen einzigen Vers verbrochen. Aber heroisch wird man. Man fürchtet den Tod nirgends so wenig wie hier. Leidenschaft und Gleichgültigkeit haben oft ein und denselben Ausgangspunkt: Verzweiflung, und wirken darum oft gleich. Oh, ich weiß jetzt, was englischer Spleen heißt, und ich glaube es jetzt aus Eitelkeit, daß es die Geistreichsten waren, die sich aus Langerweile erschossen. Ein Dummkopf langweilt sich nie. Ich war noch nicht geistreich genug in Leipzig, sonst säße ich lange nicht mehr drinnen. Es ist alles anders hier als sonstwo. Die Polizei ist sehr gut und geniert niemand. Des Sonntags, wenn andere vernünftige Leute und schlechte Christen sind, sind die Leipziger gute Christen und gehen in die Kirche, lassen Ketten über die Straße spannen und Wachen aufstellen, daß kein Frevler Gottes Wort störe, und sind sehr still und feierlich. Sie sprechen vom Jüngsten Gericht und vom Teufel und seiner Großmutter. Es ist überhaupt noch sehr viel Religion im Munde der Leute. Es kommt hier auch die »Leipziger Zeitung« heraus, die an anderen Orten nicht geduldet würde, wo wenig auf Religion, aber auf Geschichte und Reputation gehalten wird.   An einem Tage, da die ersten Mädchen in weißen Kleidern unter meinen Fenstern spazierengingen, sah ich mit Freuden ein, daß ich sie verleumdet hatte und daß sie alle schön seien. Sie haben schöne Taillen, eine weiße, europäisch süße Haut, volle Haare und große Augen. Sogar die Bankiers, die vorüberkamen, hatten die Überschuhe ausgezogen, knöpften die Fracks auf und stellten sich wenigstens so, als ob noch empfindendes Leben unter der Kaschmirweste sei. Der russische Gesandte wohnte zwar trotz des Frühlings noch immer da drüben in dem großen Hause, von wo er mit einem mäßigen Fernglas auf meinen Schreibtisch sehen und mich eines schönen Morgens mit einer guten Kugelbüchse totschießen konnte, wenn ich wieder über die Freiheit schreiben wollte. Aber ich wußte, daß sich der Frühling morgen und übermorgen so breit gemacht haben würde, daß mir Rußland nicht mehr gefährlich werden könnte. Zudringlich und liebenswürdig fällt der Frühling auf Leipzig. Die Bäume strecken ihre Hände bis an die Innenstadt hinein, ganz Leipzig wird von der grünen Natur belagert. Die Promenade umfängt die ganze innere Stadt mit Spaziergangarmen. Zum ersten Male wollte ich mittags nicht in mein treues »Hotel von Bayern« hinein, das mich so lange geschützt hatte vor Unglück und Verzweiflung durch den Umgang mit frischen Fremden. Engländer sind alle Tage, Amerikaner alle Wochen, Franzosen alle vierzehn Tage bei Tische. Ich habe die Franzosen immer nur übermütig, die Engländer aber stets hochmütig gefunden. Beim Übermut kann man liebenswürdig sein, beim Hochmut aber nicht, und Liebenswürdigkeit ist auch eine Aufgabe der Kultur. Hie und da fand sich auch ein Holländer bei unserer Tafel ein. Und so uninteressant mir der Begriff Holland immer gewesen ist, so interessant waren mir die holländischen Individuen. Einer sah gar nicht aus wie ein Holländer. Er war nicht klein und hatte ein geistreiches, zivilisiertes Gesicht. Nur um den Mund spielte jener fatale Diskontozug, den man hassen muß, weil er das Geld höher stellt als die Schönheit. Der Mann war vierzehn Tage lang artig und still gewesen, hatte mit Fleiß gegessen und mit Geduld die Leipziger Zeitung gelesen. Er fing an, mir Achtung einzuflößen. Da kam eines Tages ein schwarzäugiger Franzose mit propagandistischen, lebhaften Zügen an den Tisch und warf aus Brüssel Congrevesche Raketen nach dem Haag. Jetzt entwickelte sich der moderne Holländer, der Bissen stand ihm im Munde still, der Ärger zog wie ein Heuschreckenschwarm verheerend über sein Gesicht, die Hände hielten krampfhaft Messer und Gabel, er drängte mit Mühe hie und da einige verstorbene Worte aus der Kehle und sah aus wie ein Italiener. Als der Franzose von der Schuld sprach, die Holland allein fortwährend zahlen solle, da glaubte ich, es rühre den Holländer der Schlag, so fieberisch zuckte alles an ihm. Er ließ die Mittelspeise und den Braten im Stich und ging davon. Das hätte ich nie einem Holländer zugetraut. Ein zweiter war so ein fahrender holländischer Enthusiast, der zu seinem Vergnügen reiste. Es klingt unglaublich, daß ein Holländer zu seinem Vergnügen reist und Enthusiasmus mit sich herumführt. Aber ich habe diese Seltenheit wirklich gesehen. Er war zu Leyden geboren, hatte zu Leyden studiert, kam von Leyden, trug das orange-schwarz-gelbe Heldenband und war sehr beweglich. Er war ein moderner Holländer, das heißt eigentlich ein Irrtum. Dazu war er kein eigentlicher Kaufmann, unbekannt mit der übrigen Welt, vom Mutterleib aus gutmütig und verliebt. Sein Entree bei Tisch war, daß er uns versicherte, die holländische Sprache sei die schönste auf der Welt und Holland sei das freieste Land. Wegen der ersten Behauptung wurde er ausgelacht. Alsbald sprang er auf – er war noch bei der Suppe – und verließ den Tisch. Beim Rindfleisch kam er wieder und verteidigte es mit republikanischer Offenheit, daß die Holländer frei, sehr frei, ganz frei seien. Es ließ sich wirklich nichts dagegen einwenden. Sogar die Engländer schwiegen, nur König Wilhelm würde sich schlecht dabei erbaut haben. Der Holländer schnitt herzhaft ins Rindfleisch. Ich sagte ihm, Wienbarg erzähle, die Holländer verehrten ihren König wie die Ägypter einen Ochsen, der im Palast einen Stock hoch vortrefflich gepflegt werde. Er stand wieder auf wie Petrus, ging hinaus und weinte sehr. Bei der Mehlspeise kehrte er zurück und sagte, die holländische Literatur sei die erste in Europa und über ihre Poesie ginge nichts. Zum Beweise deklamierte er ein Gedicht. Allgemeines Gelächter. Er lachte mit. Ein holländisches Gedicht klingt nämlich, wie wenn ein Unglück passierte. Zum Beweise der vorzüglichen Literatur führte er den Erasmus an. Als ich ihn bat fortzufahren, so sagte er wieder Erasmus und fügte hinzu, man verachte auch in Holland die Homöopathie, der Holländer liebe die reelle Wissenschaft. Neues Gelächter. Er verachtet uns und ißt mit Leidenschaft Schöpsenbraten. Ich sagte, Erasmus sei ein Schleicher, Hungerleider, ein Diskontogelehrter gewesen, und fragte ihn, ob er wohl wisse, wie lange Erasmus schon tot sei und ob sich eine Nation nicht schäme, seit dreihundert Jahren nichts erfunden zu haben, nicht einmal einen Schnaps. »Nicht einmal den Genever?« sagte er stammelnd. »Nein«, sagte ich unerschütterlich. Und Petrus warf mir den ganzen Spanischen Erbfolgekrieg in einem Blicke zu, ging hinaus und weinte bitterlich. Mit einem Waterloogesicht kam er wieder, lächelte siegestrunken, machte die Weste zwei Knöpfe weiter auf und sagte vor sich hin: »Chassé.« Neues Gelächter. Er fragte beleidigt, warum wir lachten. Ein französischer Engländer nahm das Wort. »Ich denke immer bei Chassé an Byron, als er von Blücher sagte, er sei der Stein gewesen, über den Napoleon gefallen. Ich gebe nichts für passive Größe. Die Alternative gestatte ich nicht, bei Vollbringung einer Tat ein großer Mann, bei Unterlassung ein Schuft zu sein. So war es aber mit Chassé. Wenn er das Äußerste tat, erfüllte er seine Schuldigkeit. In Ermangelung eines freien originalen Helden wurde er zum Helden. So wie ein Soldat des Cortez, der reiten konnte, ein Halbgott war, weil die Mexikaner nicht reiten konnten. – Die Verhältnisse machten ihn bedeutend. Ein großer Mann aber macht seine Verhältnisse bedeutend.« »Ach«, sagte ein Franzose, der dazugekommen war, »Chassé ist ein Narr, wie ich noch keinen gesehen. Die Geschichte bringt ihm ein Blatt persönlichen Ruhms auf dem Präsentierteller, er darf nur zugreifen, ein paar alte, langweilige Jahre dafür hingeben und er hätte in einem einzigen Moment die Quintessenz eines ganzen Lebens genießen können. Dazu fehlte ihm aber der Mut.« »Aber, Mynheer«, wurde der Holländer immer weinerlicher. »Ich will nicht sagen«, fuhr der Propagandist unbeirrbar fort, »daß ich Chasse geraten hätte, mit einer solch romantischen Fratze zu enden. Aber ich meine, er ist ein prosaischer Nußknacker. Quel bruit pour une Omelette! Wollte er weiter nichts tun, als was er getan, so mußte er vornweg ganz stille sein, nicht renommieren. Jetzt wird er ausgelacht. Fing er doch die Verteidigung so unvorsichtig an, ließ unsere Truppen ungestört die Parallele eröffnen, daß jedermann glaubte, es gehe auf ein Heldenstück hinaus. Oh – monsieur le Hollandais, cela n`est rien.« Der Holländer tat mir in der Seele leid. Es ist ein Zauber um jede Art von Liebe. Ich wärmte eigens Hollands protestantisches Heldentum auf, und das schmeckt wie Schöpsenbraten und Sauerkraut, erzählte von der Schlacht bei Gravelingen und den Wassergeusen, den heldenmütigen belagerten Städten, in denen man lieber Pferde- und Rattenfleisch gegessen als die Spanier geduldet habe. Ich sagte den Engländern, wie einst die City gezittert habe vor dem holländischen Namen Ruyter, ich zitierte die holländischen Maler. Um ihn ganz glücklich zu machen, summte ich leise sein »Oranje boven« . Da trommelte er mit Händen und Füßen, war ganz glücklich und hatte alles vergessen.   Der Frühling ging, der Sommer kam. Es war kühl und behaglich im Hotel und objektiv ruhig in meinem Herzen. Da Makkaroni auf den Tisch kamen, beschloß ich, nach Italien zu reisen. Ich teilte das auch einem meiner Nachbarn, den ich nicht kannte, mit. Der nickte bloß mit dem Kopfe. Er war in ein Frikassee vertieft und hatte keine Zeit. Ich wollte es ihm eben noch einmal sagen, als mir der Wirt mit Hand und Auge winkte. Ich kannte jenen Wink, er sagte: »Dein Nachbar ist ein berühmter Mann.« Es war ein großer dicker Kerl mit schmutziger Leibwäsche, der sehr angelegentlich zu Mittag aß. In seinem Gesicht fehlte alle Klarheit, der Frack war mit rotem Schnupftabak infiziert, wenn er sich etwas vom Essen erholte, stopfte er garstigen, unanständigen Tabak in eine weiche, kraftlose Nase. Die ganze Person kam mir ungewaschen vor. Ich mag nie begreifen, wie ein reinlicher Mensch oder ein Liebhaber oder Dichter oder wer zum Teufel sonst ein Stück Spiegel im Hause hat, Tabak schnupfen kann. Das starke, in saftlosem Fleische baumelnde Gesicht hatte von edlem Ausdruck nur eine kultivierte Schlauheit und eine fein fidele Gourmanderie. Als die Tafel zu Ende kam, holte er Atem, nahm eine Prise, sah mich an und sprach: »Das machen Sie recht, nach Italien zu reisen, das muß jeder Mann von Bildung. Man muß seine Saison dort zubringen statt in den Bädern.« Die kleinen Augen lächelten dazu, als zerdrücke die Zunge süße Konfitüren. »Sind Sie nicht ein Herr von Uckermann?« fragte er. »Nein, mein Herr.« »Ach, Sie lächeln, Sie sind ganz gewiß ein Herr von Uckermann.« »Nein, mein Herr, das bin ich ganz gewiß nicht.« Pause. Man flüsterte mir ins Ohr, es sei ein Herr von Rumohr. Richtig, tief in den halbkahlen Kopf schlich die Stirne hinein. Da waren alle die feinen, glatten Gedanken zu sehen, die sich in Rumohrs Schriften finden. Seine Manieren sind die eines sicheren Weltmannes, der gerne herzlich tut. Seine Sprache ist geräuschlos und ohne Prätention, wie sie ein objektiver Mann haben muß. Die Unterhaltung mit ihm war, wie sich das erwarten ließ, sehr amüsant. Ich liebe es sehr, wenn man die einzelnen Dinge, ja oft die größeren Interessen leicht nebenher abmacht, nur berührt und sich im eigentlichen Leben nicht stören läßt. Ich halte das Leben für die Hauptsache und hasse die Geschäfte. Nichts ist mir widerwärtiger, als wenn unsere großen Interessen als Geschäfte betrieben werden, wenn man feierlich wird, sich erst räuspert, das Taschentuch herauszieht, eine Stelle zitiert oder den lieben Gott, den überhaupt die Leute sehr inkommodieren, um Beistand bittet. Man darf nach meinen Sympathien höchstens etwas davon tun, wenn man unter lauter Gegnern lebt, wo man fortwährend um Leben und Tod seiner Ansichten besorgt sein muß. – Wenn man die große und kleine Erfahrungs- und Wissenswelt durchstudiert, so kommt man allmählich zu der Einsicht, daß jedes Jahrhundert für irgendein neu gewonnenes Terrain leidenschaftlich Partei nahm, daß dieses Terrain in kurzem wie eine bekannte Gegend durch die vielen Reisenden abgenützt war, und daß dann eine neue Jugend der Weltgeschichte kam und das Neueste wieder alt wurde. Darüber soll man nicht die Empfänglichkeit verlieren, man soll in jedem Frühling poetisch sein, mit den Vögeln singen, aber – man soll human werden. Es ist mir indes nicht unbekannt, daß man nicht in seidenen Strümpfen, mit Handschuhen und einem Paradedegen durch den Wald geht, in dem man erst einen Weg bahnen will. Darum liebe ich meine rauheren Kampfbrüder, die harte lederne Stiefel und groben Filz tragen und schonungslos die große Holzaxt schwingen, um das Gestrüpp aus dem Wege zu räumen. Während Perioden der Entscheidung gelten in der Weltgeschichte Kriegsgesetze. Es bedarf der schonungslosen Richter. Aber gibt es ein Gesetz, das nicht zu streng wäre? Ich würde auch in Krisenzeiten das leichte Leben eines Herrn von Rumohr in Schutz nehmen. Die Leichtigkeit Rumohrs, über alles Wichtige hinzugleiten, ist mir angenehm. Er treibt es bis zur Koketterie. Meinethalben. Er liest keine Zeitung, sondern sein Jockei tut es für ihn; er referiert ihm nur, wenn etwas geschieht. Also oft sehr lange nicht. Und es muß etwas Reelles geschehen, ehe dieser Referent daran glaubt. Seit dem Falle Warschaus hatte er bis zum Juni 1833 fast gar nichts geschehen lassen. Übrigens gab Rumohr der alten Zeit nur noch ungefähr drei Jahre zum Leben, »in zwei Jahren und elf Monaten ist's mit ihr vorbei«, sagte er. Nun, Geduld! Das kann eine Welt schon aushalten, die bereits so viele Jahre gewartet hat. Freilich sind die letzten Minuten im Kerker schlimmer und länger als die ersten Jahre. Er spricht mit liebenswürdiger Wegwerfung und erlaubter Selbstschätzung von seiner Schriftstellerei. Er will Novellen schreiben, ich habe es ihm mit Eifer geraten. Wir saßen miteinander am Fensterbrett, aus seinen Augen lachte ein kultivierter Fuchs, als er auf eine schlanke, eben vorübergehende Dame wies und sagte: »Die hat mir auch so zugeredet, sie ist schuld, daß ich jetzt nur noch Novellen schreiben werde.« Ich sagte ihm voraus, unseren deutsch-lyrischen Kritikern werde seine Formeneinfachheit nicht zusagen. Er zuckte die Achseln und lächelte. Der Kellner Georg ward gerufen, wußte aber auch nicht, wo die deutsche unbefangene Kritik zu finden sei. Es ist richtig, sie tasten mit Rebellenhänden seine steinernen Gestalten ab. Übrigens bin auch ich mit keinem seiner Bücher zufrieden, er weiß sie bloß anzufangen. Aber dieser Anfang voll plastischen Geschmacks ist schon des Versuches wert. Rumohr ist ein bequemer Mensch, nicht geschaffen, die Welt in großen Schritten zu fördern, aber doch, sie auf kleinen Promenaden zu begleiten, wo sie für spätere Reisen ihre Gesundheit stärkt. Ich glaube, er ist ohne aristokratische Ader, ich bin aber dessen nicht ganz sicher, da ich in neuerer Zeit viele Pferdefüße aus unscheinbarsten Verhüllungen habe hervorgucken sehen. So die ganze süddeutsche Schule der Aretin, Bangenheim, ein Mann von schönem Geiste und schlechtem Stil; der widerwärtige, altkluge Gagern, eine publizistische Köchin Kotzebues, die »Knochenzulage zum Fleisch«, die über Politik wie über Pfarrhausküchenangelegenheiten spricht. Rumohr sagte, ich solle mich jetzt nicht um sie kümmern; wenn ich nach Süddeutschland komme, werde ich ihnen doch nicht aus dem Wege gehen können. Es ist in Rumohr das Goethesche behagliche Wesen, und sobald es nichts Pretiöses zur Schau trägt, mag ich es gerne leiden; es ist ein angenehmer, vornehmer Materialismus, der Wohlbehagen erzeugt. Goethe hat auch nur seinem Wohlbehagen alle Philosopheme angepaßt, die an ihm vorübergezogen sind. Er war im Grunde der subjektivste Mensch, aber er war ein Weltmann, der seine Gedanken zu verbergen wußte, und feiner Ton ist immer Objektivität. Rumohr glitt herunter vom Fensterbrett und sagte schüchtern: »Sie sind wohl ein Herr von Uckermann?« »Nein, mein Herr«, sagte ich, »ich bin kein Herr von Uckermann, aber ich bin des Teufels.« »Das tut nichts«, erwiderte er, »darf ich fragen, warum?« Nein, mein Herr, das dürfen Sie nicht; denn Sie würden meinen Teufel nicht erkennen, Sie sind ein Artist, und was die deutschen Lyriker zuviel haben an nebelhafter Poesie, das haben Sie zu wenig. Leben Sie wohl, Gott stärke Ihre Schönheit.   Als Mann von Bildung schickte ich auf die Post und ließ mir für den nächsten Wagen einen Platz bestellen. Ich steckte mir für den Notfall einige Bücher in die Tasche, kaufte mir eine Mütze und war mit einem Wort fest entschlossen, glücklich zu reisen. Als gutes Omen, daß ich wenigstens Bildschönes hören würde, begegnete mir auf dem Thomasgäßchen der Komponist Marschner, der aus Hannover gekommen war, um seinen »Hans Heiling« aufzuführen. Wir sagten uns in aller Eile, daß wir sehr berühmte, vortreffliche Menschen seien und kamen uns mit beispielloser Schnelligkeit näher. Denn es fing an zu regnen, und wir hatten beide nur einen Regenschirm. Man hat mir gesagt, Marschner wisse sehr wohl, was er wisse. Er wisse sich zu schätzen. Das habe ich auf dem Thomasgäßchen unter dem Regenschirm gar nicht so arg gefunden. Er wußte, daß er beliebte Opern geschrieben habe, er wußte, daß wir keinen Überfluß an Komponisten haben, er wußte, wie wichtig es sei, dramatisch zu komponieren, und er wußte schließlich, daß er mit Eifer, Fleiß und großem Interesse in seiner Arbeit lebe. Ich würde es ihm übelnehmen, wenn er das nicht gewußt hätte. Warum soll einer barhaupt gehen, der sich einen Hut kaufen kann? Nur die Lumpe sind bescheiden! – Ich hatte mir Marschner größer und ernsthafter gedacht, er ist ein kleiner, feister, fixer Mann mit behaglichem, schlauem Gesicht, spricht wie ein Buch und trägt weiße Halstücher, weil er beinahe blond ist. Wenn ich ihn in großer Toilette des Abends auf dem musikalischen Gerüst bei Lampenschimmer gesehen hätte, so wäre er mir wahrscheinlich äußerlich wie der große Rossini vorgekommen. Auf dem Thomasgäßchen aber ist die Illusion sehr schwierig. Er hat wie Rossini ein vornehmes, wohlgenährtes Gesicht, ein gewisses behagliches Adagio. Aber seine Opern sind deutsch bis auf den letzten Strich. Die klugen Leute sagen, er sei ein Nachahmer Webers. Die Ähnlichkeiten in allen Kunstproduktionen sind in Deutschland das Studium der mittelmäßigen Richter. Sie jagen mehr nach Ähnlichkeiten als nach Genuß. Reminiszenzen, das ist das magische Wort, womit sie sich und andere täuschen. Diese Art der Kritik wird noch lange nicht aussterben, weil sie das bequemste Mittel darstellt, sich selbst in seinen enormen historischen Kenntnissen zu bespiegeln. Ich sehe diese Helden mit dem Theaterglas bewaffnet das Haupt hin- und herwiegen und bei jeder neuen Nummer der schönen Nachbarin zuflüstern: »O mein Gott, Euryanthe! Freischütz! Oberon!« Es singt eine Nachtigall wie die andere, und sie ahmen einander nicht nach. Der gelbe Schwager blies, ich fragte Marschner eiligst, wie, bei welcher Gelegenheit, in welcher Situation und um welche Zeit er seine Opern komponiere, ob vor oder nach Tisch, im Negligé oder im Frack, im Bett oder im Freien, sitzend, stehend oder gehend. Das ist mir sehr interessant, seit ich weiß, daß der berühmte Philolog Reisig zum Beispiel seine besten und tiefsten Studien an der platten Erde, auf dem Bauche liegend, machte. Mein Stubenkamerad auf der Universität, mit dem ich zugleich jene wichtige Notiz hörte, fing von da an, auch Philologie zu studieren und sich auf den Bauch zu legen; ich erwarte alle Tage, daß er berühmt wird. Beethoven komponierte im Schlafrock, und zwar in einem sehr schlechten, den er mit einem Strick zusammenband. Marschner gestand mir, daß er seine besten Gedanken auf dem Spaziergange in einer Pappelallee habe. Der Schwager blies zum zweiten Male. Für die Pappeln kann ich nicht stehen, es kann auch eine Lindenallee sein –, mein Gemüt ward bewegt durch die Fanfare des Schwagers und durch das Scheiden. Aber für die Allee bürge ich. Der Schwager blies zum dritten Male, ich mußte den Regenschirm und Marschner verlassen. Die Freunde gaben mir ihren Segen und der Wagen fuhr los. Als ich ordentlich verpackt war, fragte ich, ob das auch die Post nach Italien sei. »Ne«, sagte man mir, »die geht nach Anhalt.« Anhalt So saßen wir uns denn gegenüber im Wagen, es war noch morgendunkel. Ich war schlaftrunken und konnte mich kaum besinnen, warum und wohin ich reiste. Manche Leute, wenn sich ihnen das Leben dehnt und sie nicht recht wissen, ob sie sich wohl oder übel befinden, suchen sich einen Weinkeller, um auf andere oder überhaupt auf Gedanken zu kommen. Ich suche mir bei solcher Gelegenheit einen Wagen und einen Kutscher. Die deutschen Lohnkutscher sind eine wichtige Klasse von Diplomaten, die nicht leicht irre zu machen sind. Ich verblüffe sie aber immer, wenn sie sehen, daß es mir einerlei ist, nach welcher Richtung ich reise. Diese Art Poesie ist ihnen zu hoch und zu dumm. Ich streckte den Kopf zum Wagen hinaus und bemerkte an den Himmelszeichen, daß wir nach Norden fuhren. Ich bemerkte ferner an meinem Rückwärtssitzen, daß Frauenzimmer mit mir im Wagen seien. Das war mir sehr angenehm, denn ich liebe die Frauenzimmer und möchte nicht acht Tage auf der Welt sein, ohne welche zu sehen. Es war aber alles still und nichts zu entdecken. Nur ein verräterischer Husten schlug meine Hoffnung nieder. Es wurde laut und grämlich gehustet. Der kalte Morgenwind strich durch den schlecht geschlossenen Wagen; ich holte ein großes Umschlagtuch aus meiner Reisetasche, das mir ein weiches Gemüt einst geschenkt hatte. Es sind ägyptische Hieroglyphen darauf, und ich mache im Zwielicht oft bei seinem Anblick einen Kursus meiner historisch kabbalistischen Studien. Wenn ich das Wort Abraxas ausfindig mache, denke ich an die Theologie und ihre neuesten Helden und schlafe ein. So schlief ich auch hier ein und erwachte erst, als mir die Sonne hell ins Gesicht schien. Eine alte Dame, die natürlich nicht schön sein konnte, und eine junge Dame, die gar nicht vorhanden war – man sah nämlich nur den Schleier –, saßen mir gegenüber. Ich machte mein Kompliment, wurde aber ignoriert. Mein Umschlagtuch mit ägyptischer Poesie hatte mir wahrscheinlich abenteuerlichen Kredit verschafft. Ich ertrug es standhaft, und weil ich noch fror, blieb ich in Ägypten, holte aber ein Buch aus der Tasche, um der Gesellschaft durch Lesen zu imponieren. Glücklicherweise war es ein französisches, tolle Geschichten von Herrn von Balzac standen darinnen. Nachlässig ließ ich zuweilen die Hand sinken, damit man die fremdartigen Lettern sehen könne. Ich ließ bemerken, daß ich Glacéhandschuhe trüge. Ich verfehlte auch nicht, zuweilen nach der Lorgnette zu greifen und die uninteressante Gegend zu betrachten. Kurz, ich tat alles, um meine Reputation wiederherzustellen. Den Vorposten, die alte Dame, hatte ich schon gefangen; sie fing an zu sprechen über den schlechten Wagen, die langsamen Pferde, die rauhe Witterung. Ich gab ihr alles im Superlativ zurück; die Witterung sei sehr rauh, der Wagen unverzeihlich, die Pferde gingen nicht von der Stelle. Nun wußte sie, daß ich ein sehr wohlerzogener Mensch sei. Ich nahm auch meinen verdächtigen Schal ab und hüllte mich vornehm in den Karbonari. Sie rückte auf dem Sitz und sprach etwas hochdeutscher: »Sie reisen wohl auch nach Magdeburg?« Ich erschrak, als ich hörte, daß es dorthin ging: von der Universität aus brachte man immer unsere Demagogen auf die Magdeburger Zitadelle und ich hatte mich früher auch mit Demagogie beschäftigt. Ich hatte das »Wartburgfest« und »Haupt« und »Herbst« und über »Burschenschaft und Landsmannschaft« gelesen, eine schwarze und rote Mütze getragen und ditto Pfeifenquasten – das Gold war auf der Universität streng verboten –, ich war sogar einmal beim alten Jahn gewesen. Aber es war Morgen, die Gespenster hatten keine Gewalt über mich; ich nahm alle Kraft zusammen und sagte: »Aufzuwarten, ich reise auch nach Magdeburg!« »Es ist wohl nicht wahr, daß die Cholera in Magdeburg ist?« »Es ist gewiß nicht wahr; in eine königlich preußische Festung, in der königlich preußische unsterbliche Soldaten sind, wagt sich die Cholera nicht.« »Gibt es überhaupt unsterbliche Menschen?« »Ei jawohl: die Könige von Frankreich, die Landgeistlichen, die Solotänzer, die ersten Sängerinnen, die Poeten und die Gardeoffiziere sind alle durch die Bank unsterblich.« »Je, was Sie sagen! Wie sehen denn eigentlich die Unsterblichen aus?« »Grau!« »Ganz grau?« »Ganz grau!« Hier hustete die verschleierte Dame, und ich fragte sie nach ihrem Befinden. Sie murmelte unbefriedigenden Bescheid. Die ältere, die durch ihren großen Hut verhindert wurde, sich umzusehen, erkundigte sich nach der Gegend. »Es ist hier gar keine Gegend«, erwiderte ich. Die jüngere ward nun allmählich etwas regsamer, sie zog den Handschuh aus und machte sich unter dem Schleier an ihren Locken zu schaffen. Die Hand war nicht allzu klein, aber voll, fleischig, weiß und schön. Sie lüftete einen Augenblick den Mantel, um eine Nadel festzustecken. Ich durfte einen Blick auf ihre Figur werfen, sie war hoch und voll. Nach diesen kleinen Entwicklungen ihrer Streitkräfte zog sie sich wieder in die frühere unangreifbare Stellung zurück. Aber die Alte wollte schwätzen und verwickelte sie in ein kleines Vorpostengefecht. Sie schienen miteinander verwandt zu sein; ich flog als Parlamentär hin und her. Endlich lüftete sie ihren Schleier und gab sich Mühe, recht unbefangen dabei auszusehen. Das Gesicht war hübsch, zum Küssen geformt und von angenehmem, nördlichem Fleische gesättigt. Die Augen waren groß und wenn auch ein wenig leer, doch nicht ohne Sinnlichkeitsschmelz. Für die zufällige Begleitung im Lohnwagen war es eine glänzende Akquisition. Wer mit dem deutschen Lohnkutscher fährt, rechnet nicht sehr auf Diskretion, man kann nicht lange verbergen, wer man ist. Dies Mädchen oder die junge Frau – die Konturen und die Augen ließen jeden Zweifel zu – versteckte sich wie eine Schnecke, sobald sie berührt wurde. Neben mir saß ein junger Mensch, der bisher geschlafen hatte und jetzt beim Erwachen eine echt norddeutsche Grobheit entwickelte, die man gewöhnlich Geradheit und Biederkeit nennt. Er fragte ohne weiteres, wo sie her und was sie sei. Er hatte sich keiner Antwort zu erfreuen, und damit es nicht still werde, fing er an zu singen. Ich wußte aber nun genug. So derb konnte sich nur eine Schauspielerin verbergen; ich bemerkte nun auch, daß Schal und Mantel von sehr bunten Farben und ihre Haare auf das modernste, wenn auch nachlässig frisiert waren. Auch war ihre Frühstücksemmel, in die sie herzhaft biß, in Müllners »Schuld« gewickelt. Das war der gestrige Leipziger Theaterzettel. »Würden Sie lieber die Elvira oder die Jerta spielen?« fragte ich mit einem Blick auf die Buttersemmel. Sie ward glühend rot, ich wußte, woran ich war. Übrigens entschied sie sich, wenn sie eine spielte, für die Jerta; Elvira sei zu leidenschaftlich. »Was halten Sie von der Leidenschaft?« fragte ich die Alte. Sie schämte sich und meinte, ich solle den Anstand nicht verletzen. – Wir kamen ans preußische Zollhaus und mußten uns visitieren lassen. Jerta war in großer Verlegenheit, als sie der Preuße bat, den Mantel zu öffnen, und fragte, ob sie vielleicht etwas Steuerpflichtiges am Leibe trage. Auf dem Schoße Jertas fand sich im weiteren Verlauf der Fahrt ein dicker Quartant ein. Ich erkundigte mich und sie lispelte schüchtern: »Es ist mein Lieblingsschriftsteller Heinrich –.« Der Lohnkutscher zerriß den Namen und fragte, ob er den kürzeren Weg durch den schwarzen Boden über Kalbe fahren dürfe, in Kalbe sei aber die Cholera! Ich war in süßer Erwartung, ob die sanfte Schauspielerin vielleicht meine Schriften so verehre, die Nennung meines Vornamens hatte mich elektrisiert. Darum entschied ich despotisch ohne Zuziehung des Parlaments die Reisefrage und hieß den Kutscher in Teufels Namen über Kalbe fahren. »Also Ihr Lieblingsschriftsteller Heinrich – Zschokke«. Mein Herz war erkältet, aber ich überlegte mir, daß von meinen verführerischen Schriften noch nichts gedruckt sei. Sehr unbefangen und gründlich setzte ich ihr indes auseinander, daß sie mit einem sehr sittengefährlichen Schriftsteller verkehre. Ich erklärte ihr den feineren Materialismus Zschokkes, der wie Gift in die Poren dringe, die Sinne allerdings schmeichelnd umfange, aber alles Höhere im Menschen vernichte. Sie war sehr erschrocken und gab Zschokke für einen äußerst moralischen Schriftsteller aus, den sie eben darum so sehr verehre. Ich versicherte sie ihres Irrtums und fragte, ob sie wohl eine große Idee nachweisen könne, die er in ihr angeregt habe. Darauf sprach sie bedeutende Worte, Houwald und Müllner waren die Quellen, aber es war keine Idee einer Idee darin. Ich nahm ihren Müllner-Houwaldschen Worten die weiche, lange Allongeperücke und die gefährlichen Mäntel ab und sagte ihr, das seien nur Dinge für Lampen und Bretter. Sie ward wieder rot und sagte am Ende, es sei möglich, daß ich recht hätte, aber es sei schrecklich. Dabei verlor Zschokke seinen Platz auf ihrem Schoße. Die Alte war sehr unruhig geworden wegen der Cholera in Kalbe, ich ließ aber ihre Unruhe nicht zu Worte kommen, sondern trug über Anhalt vor. Wenn man bedenkt, daß Wilhelm Müllner, der liebenswürdige Waldhornist, aus Dessau ist, so schätzt man sein Talent noch einmal so hoch. Dessau ist der hübscheste Kirchhof in Deutschland, und wenn es nicht muntere Mädchen dort gäbe, so hörte man den ganzen Tag über nicht ein Wort. Es hat sehr anmutige Familienbegräbnisse: den Park beim Schlosse, das Luisium und Georgium, und wenn man einen ganz aparten Gottesacker sehen will, so geht man einen schattigen Weg einige Stunden lang bis nach Wörlitz. Dort gibt es kleine Seen und Tempel und Raritäten, unter anderem eine mediceische Venus, die schriftstellerisch dressiert ist und auf einen Federdruck schamhaft erscheint. Damen werden dabei nicht zugelassen, die dürfen so etwas nicht sehen. Anhalt ist protestantisch, und wenn man eine schöne Frau lieben will, muß man zuvor mit ihr verheiratet sein. Charakteristisch ist es, daß Matthisson lange hier gelebt hat. Der Hauptrepräsentant in optima forma ist der hier geborene Historiker Friedrich von Raumer, königlich preußischer Regierungsrat und Professor in Berlin, wie auch weiland Zensor und gelehrter Patriot. Auf seinem Gesicht und in seinen Schriften ist ein mittelmäßiges Lächeln, das nach links und rechts kokettiert und nicht süß und nicht sauer ist. Er ist ein kleines, bewegliches, gläsernes Figürchen, comme il faut allerlei Rollen zu spielen, zur Belehrung und Belustigung junger Mädchen. Ich habe gar nicht glauben können, daß der Mann für Männer schreibt, nachdem ich gehört hatte, wie er die Gesellschaft unterhielt. Die niedlichen Waden der Berliner Tänzerinnen hüpften in lüsternen entrechats auf seinen Worten herum. Ursprünglich war er auch ein belletristischer Schriftsteller. Sein Vater mag ihn dazu gezwungen haben, Geschichte zu schreiben, damit Dessau einen Historiker habe. Dadurch wurde der Mann um seinen Ruhm gebracht. Man lese seine »Wilhelmine« in der Urania von 1833 und sage, ob ich unrecht habe. Ist es nicht eine scharmante, liebenswürdig psychologisierende, reizend anspruchslos entwickelnde Novelle? Verrät der Verfasser nicht die beste Anlage zu kleinen adretten Novellengedanken? Man sehe in seine leider vergessenen »Briefe aus Paris« – steckt er nicht wie in der Zwangsjacke, daß er über Tagesgeschichte sprechen muß? Die Toilette der Schauspielerinnen, die Beine der Tänzerinnen, die Postkutschen, das Wetter – wie sieht man sein Naturell aufatmen, wenn er das alles Madame Crelinger beschreiben kann? Das ist sein Fach. Er wäre ein kleiner deutscher Abbé mit gläsernen, fidelen Augen geworden, der die Finger der Damen küßt, stundenlang die interessantesten Strumpfbändergeschichten zu erzählen weiß, die Augen zudrückt, wenn eine Unanständigkeit unterläuft und bloß mit Mund- und Augenwinkeln lacht. Eine Neuauflage der beaux esprits aus den Gemächern der Maintenon, die wie ästhetischer Kaviar herumpräsentiert werden, daß die stumpfen Kavaliere Appetit bekämen auf Küsse und Liebesallotrien. Ein kleiner, erfrorener Historiker mit rotgeleckten Wänglein und Naseneckchen, mit einem bis zur Farblosigkeit abgewaschenen lichten Auge, ein Männlein zur Kurzweil, ganz und gar für Friedenszeiten, ein schlüpfriger, pikanter Theaterrezensent, affable, affable; charmant sogar, sonst nichts – das ist Herr von Raumer. Er hat eine unglückliche Ähnlichkeit mit Johannes von Müller: er schreibt mit großen Buchstaben, spricht ganz dünn, streicht wie ein Kätzchen um seinen Herrn, schnurrt, wenn ihm Brei vorgesetzt wird, und ist mäuschenstill, wenn man den Brei wegnimmt. Müller war ein kleiner, vollständiger Geck. Das ist, glaube ich, Raumer nicht: er sündigt negativ und hat keinen schlechten Charakter. Nur, er hat keinen Charakter – ein kleines Hindernis für einen Historiker. »Leben und leben lassen.« Für diese humane Indifferenz hat Raumer alles geopfert. Und gutmütig gegen sich selbst, ohne höhere, innere Religion, hat er sich vergeben, was er sich und seiner Würde vergab. Er wollte einmal gegen die Zensur an, da streckte man ihm drohend aufgehobene Finger entgegen. »Ja, so«, seufzte er und ging nach Hause. Er kam am Opernhause vorüber, er ging hinein – damals hatte er noch sein Freibillett –, er amüsierte sich deliziös, klatschte und aß Eis. Als er heimkam, erzählte er bloß von dem sublimen Ballett, alles andere hatte er rein vergessen. Auch sind einige gute Landschaftsmaler aus Anhalt gekommen. Zwei geniale Männer hat es hier gegeben: der eine war der Schusterssohn Wilhelm Müller. Der zweite aber war der alte Dessauer mit dem Zopfe und den Gamaschen. Seine Genialität bestand darin, daß er alle Lieder, auch die Kirchenlieder, nach der Melodie des Dessauer Marsches sang. Wir waren in ein kleines Städtchen gekommen, und dort war alles mittagsstill. Eine Katze lag auf dem Markt in der Sonne und ein Soldat stand Schildwache. Ich fragte ihn, was er hier im friedlichen Lande Anhalt bewache. Er verachtete mich und schwieg. Fräulein Jerta, die um so schöner wurde, je höher die Sonne stieg, ging mit mir spazieren. Die alte Dame trank Kaffee im Hausflur. Unser Begleiter streckte sich auf der Bank vor dem Hause aus und ließ sich von der Sonne bescheinen. Die Pferde fraßen; der Kutscher pumpte Wasser – es war ein Idyll. Ich sprach mit Jerta von der Liebe, aber sie traute mir nicht. Ich führte im kleinen Obstgarten hinter dem Hause ihre schöne Hand an meine Lippen, sie sah mich mit ihren großen, schimmernden Augen bedenklich rührend an, aber sie traute mir nicht. Sie legte sogar einen Augenblick ihre weiche Hand an meine Wange und fragte mich, warum ich so heiß sei. Aber sie traute mir nicht, und als ich ihre Hand festhalten wollte an meiner heißen Wange, da sprang sie ins Haus. Wir fuhren weiter, es ward dunkel und Kalbe, der verpestete Ort, näherte sich. Unsere Alte wurde immer bewegter und fragte zu wiederholten Malen, ob man denn auch im Wagen die Cholera bekommen könne. Es war ihr ein sehr schwacher Trost, daß ich ihr versicherte, kein vernünftiger Mensch bekomme die Cholera im Wagen. Indessen kam die Nacht und mit ihr der beruhigende Schlaf für meine Gefährten. Jerta erkundigte sich nach einigen Sternen und schlief dann ein. Die Nacht war ziemlich hell, und ich sah weit über die ausdruckslose Gegend, die sich in matter Fläche ausdehnte. Ich blickte gefaßt zwischen die Sterne, ob ich Gottes Gesicht nicht entdecken und aus seinen Augen die Absichten und Geheimnisse seines Willens herauslesen könne. Da hielt der Wagen; ich hörte die Saale rauschen, wir waren an der Fähre. Zehn Schritte neben uns lag Kalbe mit der Cholera, zusammengeballt wie ein schwarzes Gespenst. Die Fährleute tranken schweigend ihren Schnaps, kauten Tabak und sprachen kein Wort. Daß ihre Gesichter bleich aussahen, mochte von dem Laternenschein kommen. Mich fror und ich drückte mich in die Wagenecke. Es ging immer tiefer ins märkische Land, und ich verlor nichts, wenn ich schlief. Jerta schien meine Empfindungen zu teilen: sie griff im Schlafe herunter nach meinem Mantel und deckte sich damit zu. Ich ließ mir die Annäherung duldsam gefallen und träumte bunter, als es der einförmige nächtliche Weg verdiente. Die Sonne kam, wir sahen von einer kleinen Anhöhe Magdeburg und das Elbtal. Magdeburg Jerta machte im Wirtshause vor dem kleinen schmutzigen Spiegel ihre Toilette. Die Alte war durch die nächtliche Fahrt sehr erschöpft, lallte von der Cholera und lechzte nach Kaffee. Unser Reisegefährte war in der Nacht abhanden gekommen. Der Wirt, in einem ledernen Schafpelz steckend, der nur ein Stück bis über die Knie reichte, spielte als angehender Märker den geistreichen Galanten gegen die Damen, obwohl er noch verschlafen war. Halbblaue Strümpfe bedeckten nachlässig sein Unterbein, hölzerne massive Pantoffel schlugen den Takt zu seinen massiven Komplimenten. Magdeburg selbst hat drei Merkwürdigkeiten: den Bürgermeister Franke, den Dom und die Sage vom Weiberball. Franke ist klassisch, der Dom romantisch-christlich, die Sage vom Weiberball romantisch-heidnisch, weil ein keuscher Vorhang über ihrer Unkeuschheit hängt. Dieser Weiberball, man nennt ihn auch den schönen Frauenverein, ist aber das Interessanteste an Magdeburg, trotzdem man von ihm wenig weiß. Sonst aber weiß man in Magdeburg alles. Es ist die erste preußische Stadt, preußischer noch als Berlin. In Magdeburg hat man das Schießpulver erfunden und in Berlin die Ironie. Und da es in Magdeburg jetzt auch einen Telegraphen gibt, weiß man in ein paar Minuten, ob man in Berlin gut oder schlecht geschlafen und ob Fräulein Hagn ein rotes Kleid oder ein rosenrotes getragen habe; aber was es eigentlich für eine Bewandtnis mit dem Weiberball hat, das weiß man nicht. Er ist das Zauberwort, den Strom der märkisch-preußisch-magdeburgischen Allwissenheit zu stopfen. Die Magdeburger werden kleinlaut, wenn man das verhängnisvolle Wort ausspricht, und je vornehmer sie sind, desto kleinlauter. Man ist sehr fromm in Magdeburg, die guten alten Reichszeiten leben wieder auf. Ich war mit Fräulein Jerta in einer Gesellschaft, die meist aus Komödianten und Komödienliebhabern bestand. Es war nicht von Kotzebue und Raupach die Rede und von Theaterproben, sondern von Bischof Dräseke und vom Heiligen Geist. Wir mußten uns dem guten Tone anschließen und mit in die Kirche gehen. Der Dom wird schon sehr lange restauriert; man interessiert sich überhaupt in diesen Gegenden für alle Restauration, und die kirchliche kostet dem König von Preußen viel Geld. Dafür liebt man ihn aber auch nirgends so industriös als in Magdeburg, das ist seine allergetreueste Stadt, ein modernes Saragossa. Man geht in den Dom, um lange Predigten zu hören. Der kleine nüchterne Tilly, der den einfältigen Ruhm zu verlieren hatte, nie trunken gewesen zu sein, nie ein Weib berührt und nie eine Schlacht verloren zu haben, hat bekanntlich den Dom einst stark beschädigt. Die Wunden hat man echt protestantisch bis auf neueste Zeit offen gelassen. Erst jetzt wird wieder eine Heilung versucht. Friedrich der Große mag wohl schuld an dieser späten Kur haben; er interessierte sich nicht für die Kirchen. Das Gebäude ist wieder recht stattlich geworden. Nur weiß man nicht recht, welchen Stil es hat. Es ist nicht recht gotisch, nicht mittelalterlich, luftig, schnörkelig; gegen einen mystischen alten Dom nimmt es sich recht naseweis aufgeklärt aus. Es hat keinen tiefen Charakter. Jerta hing an meinem Arm und war in großer Verlegenheit wegen des Windes, der sich zudringlich mit ihren Kleidern beschäftigte. Das war aber Ziererei, sie brauchte sich ihres vollen, schönen Beines nicht zu schämen. Der Magdeburger Heilige Geist wußte das am besten, darum wehte er. In der Kirche war Jerta recht andächtig. Es wurde von den fünftausend Mann, den wenigen Broten und zwei Fischen gesprochen. Eine Predigt fürs Militär und die Offizianten, die mit ihrem Brote zufrieden sein sollen. Heißhungrig hörten die Leute zu. Ich machte dem Herrgott im stillen Vorwürfe, daß er es nicht umgekehrt und fünftausend Brote für wenige Menschen gegeben habe, was ihm offenbar doch ebensowenig Mühe gemacht hätte. Der böse Kirchenrat Paulus in Heidelberg soll diese biblische Geschichte für einen Schreibfehler halten und wirklich der Meinung sein, die Zahl fünftausend gehöre vor die Brote. Es gibt recht schlimme und prosaische Menschen. Als die Gemeinde gesättigt war, das Intelligenzblatt des Gottesdienstes, Todesfälle, Kindstaufen, Verlobungen und dergleichen materielle Dinge abgelesen wurden, faßte ich mir ein Herz, meine Nachbarin, die eigentlich polizeiwidrig weich und schwelgerisch katholisch aussah, anzureden. Sie war so oft mit der Hand nach dem Herzen gefahren, wenn der Bischof von den fünftausend Männern gesprochen und in Begeisterung hinzugesetzt hatte, das sei nur eine Angabe in Bausch und Bogen, es könnten ihrer noch viel tausend mehr gewesen sein. Ich glaubte, ihren Schmerz zu erkennen, daß sie kein größeres Herz habe, und es schien mir am passendsten, ein Gespräch über den Weiberball mit ihr anzufangen. Aber vom Weiberballe wollte sie nichts erzählen, und ich vergaß am Ende, danach zu fragen. Wir sprachen über allerlei, wahrscheinlich war sie verheiratet, denn sie verteidigte lebhaft das System der Nichtintervention. Vor einem großen Hause ließ sie halten. Eben fuhr ein Wagen im Lohnkutschertrabe vorüber – wahrhaftig, Jerta saß darinnen. Ich war unschlüssig, was zu tun sei. »Man ist zu Hause!« »Gnädige Frau«, referierte ein Diener, »man hat sich beim Tee entschlossen, eine Bibelstunde zu halten; es wurde schon nach Ihnen gesandt. Johann muß Sie verfehlt haben.« »Demain comme aujourd'hui, monsieur – bon soir!« Und ich jagte der flüchtigen Jerta nach. Dem verräterischen Kutscher drohte ich mit der Polizei, wenn er nicht umkehre und mich und meine Sachen mitnehme. Jerta schwieg, und er folgte mir. Bei Abzählung des Trinkgeldes fragte ich den Kellner nach dem Weiberballe. Er machte ein Faunengesicht, zog Augen und Stirn in die Höhe und darauf erzählte er leise, ungefähr zehn Minuten lang. Mein Kutscher rief, die Fremden klingelten, aber das Thema interessierte mich. Meiner stockstummen Jerta gegenübersitzend, wußte ich nun, was der Weiberball sei. Aber ich darf nichts davon erzählen, es ist eigentlich eine ganz alte Geschichte. Schon der verstorbene Geheimrat Goethe wußte davon, als er den »Gott und die Bajadere« schrieb. Aber ich halte die Sage vom Weiberball für eine Verleumdung. Ich traue den Magdeburgern soviel Genialität nicht zu.   Jerta war liebeweich, meine Anhänglichkeit mochte sie gerührt haben. Als wir zum ersten Male anhielten, um auszusteigen, strich sie mir sanft die schlafverwirrten Haare und küßte mich flüchtig darauf. Ich war trotzig, wenn es mir auch wohl tat, und erklärte, daß ich nicht wieder die Nacht hindurchfahren wolle. Das war nicht mein Ernst, ich wollte nur geschmeichelt sein. Leider gab man mir recht und blieb und konnte nicht begreifen, warum ich nicht freundlicher würde. Jerta schälte mir Kartoffeln und steckte sie mir selbst in den Mund. Ich biß sie in den Finger und schlief am Ende auf der Bank ein. Der Mond schien hell, als ich erwachte. Es war kalt, und ich konnte mich kaum besinnen, wo ich war. In der Nähe hörte ich das Geräusch eines Schlafenden. Mein Gedächtnis kehrte langsam zurück. Ich nahm meinen Mantel um und versuchte mich zu orientieren. Die Sprache des nächsten Schnarchens kannte ich aus dem Wagen, sie interessierte mich nicht. Aber drei Schritte weiter stand, vom vollen Mondschein beleuchtet, ein zweites Bett. Halb angekleidet, unordentlich mit dem Mantel zugedeckt, lag Jerta darauf. Sie hatte sich die Haare aufgelöst, die lang und hellbraun beiden Seiten der Schlafhaube entschlüpften. Auch der Schuhe hatte sie sich entledigt, und der volle Fuß mit dem enganschließenden weißen Strumpfe streckte sich ein wenig über das Bett heraus. Ich betrachtete sie lächelnd. Da schien es mir, als zuckten ihre Augenwimpern und ihre Lippen. Das Bett war breit, ich setzte mich neben sie und näherte mich langsam ihrem Munde. Ich zweifelte nicht, daß sie wachte. Ich wollte keinen Kuß stehlen, ich wollte sehen, ob sie sich küssen ließe. Da ward plötzlich eine Tür zugeschlagen, die Alte kreischte auf, Jerta fuhr in die Höhe, ich war wie ein Blitz im Dunkel und streckte mich wieder auf die Bank hin. Die Alte ermunterte sich allmählich. Der Kutscher weckte uns zum Weiterreisen. Ich schlief unerschüttert, um die Frauen beim Anziehen nicht zu stören. Leider war die, welche viel Ursache dazu hatte, nicht blöde, und die andere hielt sich im Dunkel. Die Alte: »Der Herr hat einen gesunden Schlaf.« Jerta: »So scheint es.« Es ward Feuer im Kamin gemacht, Licht und Wärme spielten auf meinem Mantel hin und her. Mir war sehr behaglich. Jerta ging zum Feuer, um Kaffee zu kochen. Sie streifte die Ärmel des Kleides ein Stück in die Höhe und ordnete das Geschirr auf einem Tischchen beim Feuer. Flüchtige Vorpostenblicke flogen über mich hin. Da ging die Alte aus dem Zimmer. Es war ganz still, Jerta guckte ins Feuer, und ich lispelte ihren Namen. »Stehen Sie doch auf«, sagte sie leise, ohne sich umzusehen. »Ich kann nicht, mich hat der Schlag gerührt.« »Ach, warum nicht gar.« Dabei wendete sie sich um, ich sprang auf und eilte zu ihr, sie flüchtete hinter das Kaffeetischchen, die Alte trat ein. Es gab ein friedliches, Voßisches Frühstück. Unterdes kam der Morgen; wir fuhren weiter. Braunschweig Das Land und die Sprache fingen an, sich zu erheben: es kam klingendes Laubholz, es kamen immer vollere Vokale. Die Sprache wird runder, der Akzent und die Menschen nehmen einen entschiedenen Charakter an, es nähert sich Braunschweig. Man kommt in das halb trockene, halb wunderlich blaugrüne Tal von Helmstedt und ist in Norddeutschland. Wie geographisch, so ist Helmstedt auch historisch ein Grenzpunkt deutscher Mannigfaltigkeit. Es war eine Zeitlang das Zentrum unserer Gelehrsamkeit, namentlich der theologischen. Was noch zu erklären war über die Poststationen des Himmels, das nahmen die protestantischen Helmstedter vor. Und die Herren Professoren haben gearbeitet wie die Taglöhner, das muß ihnen der Neid lassen, sie haben ihre Besoldung abgedient. Die armen Erdgeister – jetzt zeichnet sich Helmstedt durch Pfefferkuchen aus. Der Harz ist die letzte Anstrengung, Deutschland vor dem Meere zu retten. Um ihn herum, als seine näheren und ferneren Vorposten, sind die Braunschweiger gelagert, Hüter der Erde, Verteidiger des reellen Bodens, Leute, die fest auf ihren Füßen stehen. Der braunschweigische Stamm gehört zu den ehernsten Deutschlands: starke Muskeln, solider Knochenbau, kalter, zweifelloser Mut, rücksichtslose Grobheit sind das unveräußerliche Eigentum dieser Guelfen. Es ist nie anders gewesen, als daß ihre Fürsten echt braunschweigisch mit der Faust dreinschlugen, wenn es irgendwo stockte, und daß die übrigen Bewohner das natürlich fanden und ebenfalls die Fäuste erhoben gegen jeden etwaigen Widerspruch. Von Heinrich dem Löwen bis zu dem bei Quatre-Bras gefallenen Friedrich Wilhelm hatte Braunschweig kühne Fürsten. Vom Brande Bardewieks bis zur überstürzten Schlacht bei Ligny schlugen die Braunschweiger kühn und unerschrocken tot, was ihnen in den Weg kam. Und ließen sich auch kühn und unerschrocken totschlagen. Und so hat sich ein strenges Selbstgefühl vom Vater auf den Sohn vererbt. Jeder einzelne imponiert dem Fremden durch eine gewisse innere Zuverlässigkeit. Ernst und Entschlossenheit künden sich schon in den Trachten der Landleute an: breit aufgekrempte, schwarze Hüte beschatten dunkle, ernste Gesichter. Viel weniger als in den umliegenden Ländern sieht man hier das norddeutsche Blond. Dunkel sind alle Schattierungen des Braunschweigers, sonnverbrannt, schweigsam wie ein spanischer Emigrant geht der Landmann in seiner düstern Tracht. Jeder trägt ein schwarzes Halstuch, einen tiefdunklen Rock, mit rotem Fries gefüttert und mit massiven Bleiknöpfen besetzt. Nur im heißen Sommer wird über die schwarze Untertracht ein Leinwandkittel gezogen. Es lebt hier ein kleiner abgeschlossener Stamm des deutschen Volkes. Braunschweig ist das Vaterland der deutschen Frachtfuhrleute. Jeder kennt den ungenierten Ton und die unzweideutigen Äußerungen eines Frachtfuhrmannes. Sie sprechen nie ein Wort zuviel und geben nie einen Schlag zuwenig. Manchmal aber machen sie es umgekehrt. Ich glaubte in Spanien zu sein und redete zur lächelnden Jerta lateinisch. Sie schlug mich auf den Mund und ließ die Finger so lange ruhen, daß ich sie küssen konnte. Leider natürlich nur die Finger. Ich sah, sie machte Fortschritte. Die Alte sah es auch. Sie fragte mich, da unsere Reise nun doch zu Ende gehe, nach meinem Charakter. Diese Frage hatte sie nämlich in Köthen gelernt; ich habe diese anhaltinische Begebenheit zu erzählen vergessen: man hielt uns am Tore an und fragte nach den Namen. »Wie heißen Sie?« »Soundso.« »Was haben Sie für einen Charakter?« »Einen sanguinischen.« »Wie?« »Sanguiniker.« Pause. Der Korporal bemüht sich, das Wort zu schreiben; tritt zurück, denkt nach, versammelt die Wache um sich und teilt seinen Kameraden das Wort mit. Sie nehmen die Pfeifen aus dem Munde und denken angestrengt nach. Jerta wirft unzweideutige Blicke des Mißtrauens auf mich, die Alte stößt sie wiederholt mit dem Ellenbogen an und ist sehr blaß. Die Konferenz der Wache löst sich unter Kopfschütteln auf. Der Korporal liest noch immer an dem Worte und erklärt mir dann langsam, er stehe da statt seines Fürsten, der alle Morgen zum Frühstück den Charakter der Durchpassierenden wissen müsse. Mein Charakter sei durchaus nicht gangbar, kein vernünftiger Mensch wisse, was damit anzufangen, ich sollte mich deutlicher erklären. Ich schrieb ihm auf einen Zettel: »The ghost of Banquo« und befahl dem Kutscher, zum Teufel zu fahren. Der Korporal rief die Wache ins Gewehr, der Kutscher fuhr, die Musketen polterten, das Kriegsgeschrei lärmte, ein Gassenjunge schrie Hurra, die Alte bat mich auszusteigen, denn sie legten die Gewehre an, der Kutscher lachte, ich lachte. Jetzt, vor Braunschweig, dachte die Alte noch, ich hätte keinen Charakter. Ich fragte sie, ob sie Herrn Peter Schlemihl kenne, der keinen Schatten, aber vortreffliche Stiefel habe. Darauf sah sie mich so dumm wie möglich an. Braunschweig erschien und rettete mich vor der Inquisition. Durch Grün und neben Gärten fährt man hinein. Ich drückte und küßte Jerta die Hand, als wir schieden. Sie war sanft und lieb und wollte mir gewiß ihre Adresse mitteilen, als die Alte dazwischenfuhr und sich direkt Herrn Peter Schlemihl empfahl. Ich dachte, so groß ist Braunschweig nicht, Jerta wird zu finden sein, und habe ich erst einen weißen Hut, den Samtrock und die Manschettenhemden ausgepackt, so wird die Alte gewiß mehr Respekt vor Peter Schlemihl haben. Es fing an zu dunkeln. Ich dichte mich gern in die Geheimnisse einer Stadt hinein und vertiefe mich gern in unbekanntes Straßengewinde. Aber soviel ich auch suchte und fragte, niemand wußte, wo die beiden Damen geblieben waren.   Es wurde Zeit, daß ich meinen Wanderstab weitersetzte. Die Leute wurden schon unruhig, was mich so lange in ihrer guten Stadt beschäftigen könne. Sie suchten nach verborgenen Motiven, denn offene sind dem Braunschweiger selbst am unwahrscheinlichsten. Er kennt den Weg zum Jäger, kennt Huchs Kaffeehaus und die Straße nach Wolfenbüttel, er weiß am besten, wie lange ein gesunder, vernünftiger Mensch diese Vergnügungen aushält. Man schlich mir bereits des Abends nach. Es wurde mir unheimlich in Braunschweig. Ach, und mein Herz trug so sehnsüchtiges Verlangen nach Jerta und ihren weichen, leis' geöffneten Lippen. Ach, und niemand kannte sie. Umsonst ging ich mit Todesverachtung alle Abend ins Theater, streifte auf allen Galerien herum, beschrieb jedem Eckensteher ihr Äußeres. Als ich an einem hellen Mittag in der Wehnderstraße an einem hübschen Hause vorbeiging, sah ich eine Dame neben einem Herrn im offenen Fenster stehen. War das nicht Jerta? Beim Propheten, das war ihr voller Nacken. Sie drehte mir den Rücken zu. So bogen sich ihre Schultern, nur ihr konnte diese üppige Taille gehören. So weiß und verführerisch war nur ihr Fleisch; so lockten nur ihre dunklen griechischen Locken. Sie wendete sich ein wenig nach dem Manne hin. Jawohl, das war ihr Profil. Sie fuhr mit der schönen vollen Hand dem Herrn ins Haar, sie küßte ihn auf die Augen. Und ich stand einsam auf der Straße. Ich gebe den Tag nicht eher auf, als bis es Nacht ist. Spornstreichs ging ich auf die Haustür zu. Sie war verschlossen, eine Klingel nicht zu sehen. Mein Rütteln war umsonst. Leider bin ich kein Simson, obwohl eine Treppe hoch Delila lockte. Sie sah herunter mit ihrem Schatz, wir sahen einander in die Augen. Wahrhaftig, sie kannte mich nicht mehr, weil sie heute so schön war. Und doch trug ich meinen weißen Hut, den Samtrock und ein Manschettenhemd. Ich sah es mit Entsetzen, der Mann neben ihr war viel hübscher als ich. Ich sah, wie ein wunderliches Lächeln über ihr Gesicht flog. Blöde bin ich nicht, namentlich wenn mich ein überflüssiger Liebhaber reizt. Ich sah die beiden Leute keck an und fragte, ob nicht hier ein Zimmer zu vermieten sei. Jerta lachte laut. Wahrhaftig, das war ein ausländisches, mir unbekanntes Lachen. Der Mann antwortete, der Arzt wohne in der Schützenstraße Nr. 17. Da ich sah, daß sich der Mensch auch mit Witz beschäftigte, zog ich mich zurück und suchte nach der Post. Ich mußte fort, mein Herz mußte anderweitig zu hoffen und zu fürchten haben, denn mein Herz braucht Mädchenaugen, wie mein Kopf Bücher. Die Post ward bestellt, ich wollte noch Lessings Grab sehen und zu Mittag essen. Literarische Notabilitäten gibt es in Braunschweig nicht. Klingemann, zwar nicht Deutschlands bester Dichter, aber vielleicht sein bester Theaterdirektor, ist tot. Griepenkerl, der harmonische Ästhetiker mit den feinen paradoxen Aussprüchen, war nicht zu Hause. Jerta war nicht zu finden – was sollte ich noch zu Braunschweig! Ich aß zuerst, Lessing war kein Schwärmer und nahm mir das gewiß nicht übel. – Man weiß nicht genau, wo Lessing liegt. Der Küster mutmaßte nur den Ort, wo Gotthold Lessing begraben sei. Das wirft auf diesen unromantischen Didaktiker ein romantisches Licht. Es ist vielleicht in unserer ganzen Literatur niemand ohne Poesie so poetisch geworden als Lessing, der Herkules der deutschen Halbgötter. Jedes Wort Lessings war eine Tat. Die Summe dieser Taten machte ihn groß. Es war Lessing, der das erste deutsche Lustspiel schrieb, das heute noch nicht übertroffen ist. Es war Lessing, an dem jeder Zoll vernünftig war. Es war Lessing, der das Wort von der deutschen Barbarei widerlegte und unsere Bildung wieder gesellschaftsfähig machte in den europäischen Salons. »Erlauben Sie«, sagte der Küster, »Lessing war ein Bibliothekar in Wolfenbüttel, das ist zwei Stunden von hier.« Ging sie da nicht vor mir am Arme jenes langberockten Mannes? War das nicht Jerta, die um die Ecke bog? Ich stürzte hinterher, sie gingen rasch und traten in ein Haus. Atemlos kam ich davor an. Ich wollte warten, bis beide wieder herausgingen. Es war die letzte Viertelstunde vor Abgang der Post. Ich überlegte, ob ich mein Postgeld und meine Sachen im Stich lassen sollte. Ich faßte einen heroischen Entschluß, setzte mich auf die Bank vor dem Haus und hüllte mich in meine Träume und Tugenden. Es gingen viel Leute in das Haus. Endlich kam auch der Postbote, der meinen Mantelsack aus dem Gasthofe geholt hatte. Er ermahnte mich dringend zur Eile und ging in das Haus. Kühn folgte ich ihm, vielleicht verhalf mir das zum Ziele. Plötzlich stand ich vor dem Postwagen. Das Haus hatte zwei Eingänge. An der anderen Seite saß Jerta im Postwagen und lachte. Ich stürzte in die Kutsche, machte mein Kompliment, fragte, wie es ihr ginge, warum sie mich vorhin nicht gekannt habe. Ich sprach eine Viertelstunde ununterbrochen, als wir schon vor der Stadt waren, hatte sie mich immer noch nicht einmal angesehen und noch nicht ein Wort geantwortet. Als ich noch mitten im Erzählen war, nahm sie ein Buch aus ihrem Strickbeutel und fing an zu lesen. Meine Nachbarn sahen mich besorgt an, Jertas Begleiter war eingeschlafen, ich verstummte. »Werden Sie in Halberstadt bleiben?« fragte ein Nachbar den anderen. Halberstadt? Ich fühlte mir den Puls und faßte an die Nase, um zu sehen, ob ich nicht träumte. Mein Nachbar rückte noch weiter von mir und sah mich scheu an. Ich bemerkte, wie er den übrigen mitleidig zunickte. Damit ich ihm beweise, die Dinge seien verrückt, nicht ich, fragte ich ihn höflich: »Wohin reisen Euer Wohlgeboren?« »Nach Konstantinopel«, stammelte er. Großer Gott, ich war in einen Narrenkasten geraten. Erschöpft lehnte ich mich zurück und schloß die Augen. Ich war entschlossen, die Welt gehen zu lassen, wie sie wollte. Ich wollte nicht mehr regieren helfen. Jerta hatte bis jetzt kein Wort gesprochen. Ich wurde vollkommen unsicher, und es stieg mir zum ersten Male der Gedanke auf, daß ich mich irren könne. Schon lange saß sie verschleiert mir gegenüber. Ich suchte ihren Fuß, um eine Korrespondenz anzuknüpfen – vergeblich umkreiste ich ihn von allen Seiten, er war unzugänglich. Allerdings kam er mir kleiner vor, als da ich ihm hinter Radegast im Lande Anhalt zum ersten Male begegnet war. Indes lag der Irrtum sehr nahe, wer kann sich so genau auf das Gefühl seiner Füße verlassen. Aus Ärger setzte ich den meinen auf den ihren. Sie regte sich nicht. Nach einer kleinen Weile zog sie den ihren langsam zurück und setzte ihn tapfer auf den meinen. Wir schaukelten einander, der hannoversche Klempner sprach von der Polarität, die er dem Sultan vortragen solle. Die Zigarre von Jertas Begleiter ging aus, er warf sie aus dem Wagen und legte sich wieder in die Ecke zum Schlafen zurecht. Es wurde ganz dunkel. Ich legte mich vorneüber, als wollte ich köpflings schlafen oder träumen und eroberte zwischen den Mantelflügeln die Hand Jertas. Sie widerstrebte nicht, als ich ihr den Handschuh herunterstreifte und sie küßte. Wahrlich, auch die Hand war feiner und zarter. Kein Gegendruck, obwohl sie warm wird unter meinen Küssen. Wir mußten aussteigen, um die Post weiter zu bezahlen. Die Dame schlug ein wenig den Schleier zurück: es war doch nicht Jerta. Ich fragte sie dringend, warum sie denn nicht sprechen wolle. Zum ersten Male sah sie mich an, so gleichgültig wie der ausdruckslose Mondschein. Aber den Mund öffnete sie nicht. Ihr Begleiter legte stumm ein Goldstück hin und strich ein, was man dafür herausgab. Ein dunkler, tiefer Schlaf lag über dem Postwagen. Wer mit der Schnellpost gefahren ist, erinnert sich gewiß mit Interesse des höchst charakteristischen Anblicks, wenn die ersten Tagesstrahlen in die qualmende Kutsche fallen. Alle Häupter der Passagiere hängen welk vorne herunter auf die Brust oder auf die Seite. Selten schläft einer des Morgens im Postwagen mit Energie, er müßte denn ein sehr routinierter Reisender sein. Alles baumelt am Körper, der Mund ist halb geöffnet, damit kein Atom der noch rückständigen geringen Lebensluft dem Schläfer entgehe. Die Gesichtsfarbe ist offenbarungsgleich, ins trockene Gelb spielend, die Haare sind verwirrt, die Lippen unnatürlich geschwellt. Alle Sorgen, die den Passagier in den letzten Tagen beschäftigt haben, laufen hastig durch die Stirnfalten. Halbdunkle Träume stolpern an dem wankenden Körper auf und nieder. Niemand schläft mehr richtig, aber niemand hat ausgeschlafen. Niemand hat den Mut zu erwachen. Der und jener riegelt das Augenlid ein wenig auf, um zu sehen, ob es schon Tag sei. Der Klempner machte einen flinken Versuch, die Augen zu öffnen, schloß sie aber schnell wieder und drückte das Gesicht in die Ecke. Wenn sich einer energisch wach gemacht hätte, hätten sich die anderen bald unterworfen und sich ermuntert. Ich hatte keine Lust, den ersten Mann zu spielen, die schlaffen Gesichter amüsierten mich. Sah ich recht? Wahrlich, hinter dem Schleier lebten Jertas Augen und richteten sich starr auf mich. Es war etwas Gespensterhaftes darin, allein mit diesen Augen im Wagen zu sein. Sie zog den Handschuh aus und fuhr sich mit der Hand über Augen und Gesicht, wie eine Mohammedanerin, die sich pantomimisch wäscht. Ich schwieg und sah ihr entschlossen zu. Und siehe, sie schlug den Schleier zurück. Es war ein junges, nettes Mädchen, das den Postgesetzen nicht verfiel: Sie sah frisch wie Morgentau über geröteten Wangen aus klaren Augen. Offenbar war sie seit Radegast jünger geworden. Die Züge waren heut viel weicher. Vielleicht kam es auch daher, daß ich mich in das Buch ihres Gesichtes schon ein wenig hineingelesen hatte und bekannter geworden war. Ein plötzliches Leuchten ging durch den Stern ihres Auges, sie streckte mir die warme Hand hin und sah mich groß an. Ich führte die Finger langsam an meinen Mund und berührte sie kaum mit den Lippen. Darüberhin aber verlor ich meinen Blick in den ihren. Nichts veränderte sich in ihrem Gesicht. Ihr Begleiter regte sich: die Hand floh, der Schleier fiel. Mit Erstaunen sah ich, daß der Klempnermeister aus wäßrig lachenden Augen zusah. Sowie er sich überrascht merkte, kniff er die Augen zu und gab sich die überflüssige Mühe, ein einfältig Gesicht zu machen. Den kleinen Körper ließ er wie einen Eierkuchen zusammenfallen. Ich gab ihm einen Rippenstoß, daß er in die Höhe flog und drohte ihn mit unzweifelhafter Gebärde. Er depressierte durch verneinendes Schütteln aller Glieder, nahm meine Hand und drückte sie hannöverisch. Es ging den Berg nach Bernburg hinunter. Die Saale und ein paar Berge versuchen die ausdruckslose Landschaft zu beleben. Wir machten Station, die Frau Wirtin half den Herren, der Wirt den Damen aus dem Wagen. Wir tranken Kaffee, schüttelten den Schlaf aus den Haaren. Ich ging an Jerta vorüber, drückte ihren heißen Arm, daß sie zuckte, und fragte den Wirt, ob Anhalt nicht preußisch sei. Halle In der Nähe von Giebichenstein liegt Halle. Giebichenstein ist einer der schönsten Punkte Deutschlands, Halle einer der schlechtesten. Himmel und Hölle liegen hier nahe beieinander, und der Weg zwischen beiden ist die sogenannte »Grüne Wiese«, wo die Leute hinkommen, die nicht recht gut und nicht recht schlecht sind. Auf diesem Wege wohnt der alte Schriftsteller Eberhard: es ist ein schmaler Mann, von dem ich nichts Merkwürdiges zu sagen weiß, als daß er alle Tage nach Tisch einmal zum Fenster heraussieht, ob es regnen wird, und wenn es schon regnet, ob es aufhören könnte. Ferner wohnt hier der an Familienromanen verstorbene Lafontaine, der eine Lorbeerkrone für die Bescheidenheit verdient, mit der er sich in den letzten Jahren zurückzog. Ein guter Rückzug ist ein untergeordnetes Verdienst, aber immerhin ein Verdienst. Die Anabasis wird noch zu wenig von den Deutschen gelesen. Damen von Welt und Schriftsteller müssen in einem gewissen Alter der Schönheit und des Verstandes Spiegel und Freunde am eifrigsten befragen, ob es geraten sei, auf den Ball zu gehen. Giebichenstein überraschte mich durch seine Schönheit: die kleinen Felsen, die Saale, die weichen Aussichten über das Land, alles paßt gut zueinander. Schief gegenüber vom Ludwigsfenster ist eine kleine Höhle im sogenannten »Trojanischen Felsen«, den die Saale bespült. Dort soll Jahn eine Zeitlang gelebt haben. Er hat mir selbst damals davon erzählt. In leinene Staubhemden gehüllt, mit leuchtenden Augen und schreiend roten Mützen zogen wir Brüder Studios damals von Halle nach Jena. Wir hatten wenig Geld und Bedürfnisse, aber viel Worte und guten Mut. Ein Glas Bier, ein Stück Brot genügte uns. Noch heute denke ich mit Entzücken daran, wieviel Selbstbewußtsein und Kraft jeder einzelne zu besitzen glaubte, weil er annahm, auf dem unerschütterlichen Grunde akademischer Freiheit zu ruhen. Wir bildeten uns ein, die Krieger- und Brahminenkaste der Hindus in uns zu vereinen. Wir waren komplette Narren. Wenn von einem feindlichen Staate die Rede war, so bedurfte es nur unserer übereinstimmenden Meinung, er sei ein Feind. Und dann gab es keinen Zweifel mehr an unserem Sieg. Für wen die Studenten sich erklärten, der war gesichert. Wir waren uns ein Ritterbund, jeder Mann ein Held. Wir waren die große Armee Deutschlands, wir hatten Napoleon überwunden, uns widerstand nichts. Es war damals ein melancholischer, wollüstiger Wolkentag. Als wir nach Lauchstädt kamen, wandelten rosenrote Mädchen unter den flüsternden, schwatzhaften Bäumen. Wir beschlossen, uns niederzulassen, denn unsere Herzen lachten beim Anblick der Mädchen. Es wagte aber keiner laut zu sagen, daß die süßen Kinder unseren Augen so wohl taten. Denn wir waren Burschenschafter, und die haben den einzigen dummen Streich Josefs in Ägypten in ein System gebracht. Auf der Dresdener Galerie ist dieser Streich konterfeit. Mein burschenschaftliches Herz seufzt immer schwer, wenn ich das schöne Weib mit dem schwelgerisch bittenden Auge und den umrankenden vollen Armen sehe. Ein alter Bursche fing an, von der deutschen Kaiserwahl zu sprechen, und war durchaus für den König von Württemberg. Ich aber kämpfte mit unbeschreiblicher Leidenschaft für den König von Preußen, denn ich fühlte eine peinliche Opposition in mir. Ein junges Mädchen hatte sich neben mich gesetzt, ihr langer Handschuh, mit dem sie spielte, fiel plötzlich vor meine Füße. Ich stürzte auf sie zu und überreichte ihr die Trophäe. In der Eile sagte ich ihr, daß ich sehr glücklich sei. Dabei berührte ich aber ihre warmen Finger. Beim Teut, ich war unschuldig daran, doch eine warme, weiche Flamme schlug durch mich. Das Mädchen war rot geworden, sagte aber nichts. Der alte Bursche aber sah mich sehr bedenklich an und zitierte den sechsten Paragraphen unseres Komments. Wir lebten nämlich nach den zehn Geboten. Außerdem sprach er vom Weitergehen. Die Mehrheit war aber dagegen, denn es waren viele Mädchen da, und abends sollte Ball sein. Wir blieben auch. Bei den Markörs borgten wir uns Fracks und Vatermörder und gingen zum Tanz. Auf dem Wege zum Saale stritten wir uns über die Grenzen des deutschen Kaisertums. Wir waren aber alle sehr nachgiebig und es kam uns auf ein Stück Land nicht an. Mein Mädchen erklärte, sie würde zwar nicht viel tanzen, aber auf einen Galopp solle es ihr nicht ankommen. Sie sei aus Merseburg. Die Studenten sehe sie gerne, weil sie so lustig seien. Sie trug ein morgenrötliches Kleid und eine Rose im Haar. Ich sagte ihr, die Geliebte des Properz habe solch ein Kleid getragen und sei das schönste Mädchen in Rom gewesen. Daher komme der Name Rosa, denn rosa sei lateinisch. »Ich heiße aber Minna«, sagte sie. Um uns abzukühlen, gingen wir unter den Bäumen spazieren. Es ward dunkel, und eine Lampe nach der anderen verlosch. Ich durfte sie am Arm führen, sie war vom Tanze warm wie ein neapolitanischer Abend. Als sie mir eifrig demonstrierte, daß sie noch keinen Geliebten habe, lehnte sie sich so unbefangen menschenfreundlich an mich, daß mir unbeschreiblich süß zumute wurde und ich das ganze deutsche Kaisertum vergaß. Wir standen eben still, es trat eine Pause im Gespräch ein. Sie senkte das Köpfchen, spielte mit den Locken und lauschte unter den Wimpern herauf, ob ich wirklich den Properz gelesen. »Liebste Minna«, sagte ich und legte meinen Arm um ihre Taille. Da trat ein Mann unter den Bäumen hervor und sprach: »Der sechste Paragraph aber heißt ...« Minna floh, ich stand wie ein Schulbube vor dem alten Burschen und wußte nichts zu sagen, als daß ich noch immer entschieden gegen den König von Württemberg sei. Ich mußte ihm die übrigen suchen helfen; das war eine schwere Arbeit. Als wir am Morgen gegen Freiburg zogen, fehlten immer noch manche. Warum die Regierungen nicht bedachten, daß strebende Jünglinge einen großen Hintergrund brauchen, an den sie ihr loses Treiben anlehnen, daß sie aber Jünglinge bleiben, wenn man sie gewähren läßt? Jünglinge, die am Ende nichts brauchen als Küsse und Sonnenschein. Als man uns zu wichtigen Personen machte, da kamen wir uns auch wichtig vor und affektierten eine Ernsthaftigkeit, über die wir jetzt lachen. Es war neun Uhr, als Jahn bei uns erschien. Er gab sich die redlichste Mühe, im Städtchen Freiburg, das ihm zum Exil zugewiesen war, eine klassische Rolle zu spielen. Man mußte den ganzen Tacitus mit Aufmerksamkeit gelesen haben, um zu wissen, wer da zur Tür hereintrat. Er war ein Mann von mäßiger Größe, aber ungeheurer Breite. Eine vortreffliche Kanonierfigur. Eine ganze Kanone samt Lafette und Pulverkasten hatte auf seinen Schultern und Hüften Raum. Und das war sein Stolz. Ich weiß, daß er wohlgefällig lacht, wenn er das liest. Ich bin immer für das Turnen gewesen, es ist eine notwendige strenge Zucht des Körpers. Aber die Turner sind zumeist künstliche Pferdeknechte. Ludwig Jahn trug eine doppelte Stirne, deren zweiter Teil sich rückwärts hinauf streckte bis in den Teutoburger Wald. Er sah überhaupt nur rückwärts, obwohl er klare Turneraugen hatte. Die Stirne und ein schöner herabwallender Bart, der aschgrau auf sein blaues Hemd fiel, bildeten eigentlich sein Gesicht. Unter dem schlotternden blauen Oberhemd sah man eine behaarte Brust und ahnte ein Paar kurze nichtssagende Beine. Mehr merkwürdig als interessant aussehend, ließ er sich auf einem harten Gestell nieder, das wir in seiner Gegenwart nicht Sofa zu nennen wagten. Denn die alten Deutschen lagen auf Bärenhäuten und nicht auf Sofas. Auf den Tischen, an der Erde, unter den Sofalehnen saßen wir um ihn herum. Er fing an vorzutragen und sprach volle zwölf Stunden bis abends um neun. Hätte ich nicht ein böses Gewissen gehabt wegen der rosenroten Minna aus Merseburg, mir wäre die Zeit sehr lang geworden. Daß er zu jedem von uns Du sagte, verstand sich von selbst. Das hat mir bei der ganzen altdeutschen Wirtschaft noch am besten gefallen. Der Leser weiß noch gar nicht, warum ich so in die Kreuz und Quere springe und welches Unglück ich mit Jerta gehabt. Als wir in Halle vor der Post ankamen, erwachte Jertas Begleiter und stieg aus. Ich fragte den Kondukteur, ob er mir nicht aus dem Personenzettel Bescheid sagen könne über die beiden zweifelhaften Größen. Es fanden sich zwei ungenießbare Plumpudding-Namen. Ich faßte mir ein Herz und fragte den Begleiter in bescheidenem Englisch, ob er ein Engländer sei. Er sah mich lange, sehr lange an und sagte endlich: »Yes.« Das war das einzige Wort, das ich je von ihm hörte. Er ging ins Postzimmer, ich nahm Jerta bei der Hand und führte sie in den Flur hinein, wo wir allein sein konnten, besann mich peinlichst auf einige großbritannische Worte und fragte sie, ob sie nicht Jerta aus Radegast sei. Endlich schüttelte sie das Haupt, nahm mich beim Kopf, gab mir einen heißen, heftigen Kuß und sagte, sie heiße Jenny und sei from Bristol . Ich sei ein guter Bursche. Mir fielen alle fremden Worte aus dem Gedächtnis, ich begann immer wieder: »You are – you are« , und da ich nicht sprechen konnte, so teilte ich ihr alle meine englischen Gedanken durch die Augen mit und sah sie an, als wollte ich ihr ganzes schönes Gesicht verzaubern. Jetzt kam auch Bewegung in ihre Züge. Aber der Begleiter trat aus dem Postzimmer, und als ob nichts vorgefallen sei, ließ sie mich stehen und ging zu ihm. Bald darauf fuhr eine Postkutsche vor, sie setzten sich hinein, ich eilte verzweiflungsvoll an den Schlag, nahm meine Mütze ab und besann mich, was ich in Teufels Namen sagen sollte. Der Postillon hieb in die Pferde und blies rücksichtslos. Ich aber stand verloren und allein mitten in Halle. Von außen war alles noch so wie in meiner Studentenzeit. Nur stiller, toter. Ich fürchtete, wenn ich die Sachen angriffe, so fielen sie in Staub zusammen. Ich suchte umsonst die roten, gelben und grünen Mützen und unternehmenden Gesichter. Ein paar dünne, dürftige Studenten, denen der Freitisch aus den leeren Backen sah, flüsterten sich etwas über ein Memorandum von Herrn Makeldey zu, den jeder Jurist kennt, wenn er sich vor dem Examen fürchtet. Dann sah ich mir das große Auditorium an, wo Wegscheider und Gesenius, die rationellen Dioskuren, lasen. Wie leer und hölzern kam mir alles vor. Wie vernünftig gespensterhaft erschien mir der kleine Wegscheider mit seinem langen, grünen Rocke und den blanken Steifstiefeln. Er saß noch wie damals da, den kleinen, reinlichen Kopf nach vorne gebogen, die Haare waren noch ebenso kurz aus dem Gesicht gestrichen. Er hat einen kleinen, vornehmen Mund und poetische Augen. Nur wenn er dem Christentum bis auf den Magen sehen will, setzt er eine große Brille auf und verdeckt seine Poesie. Er sprach noch immer prosaisch vernünftige Dinge und lachte noch immer nicht. Das Lachen überließ er wie früher seinem Kollegen Gesenius. Der hat einen glatten Kopf wie ein verschmitzter, oberflächlicher Kaufmann und erzählt kleine, schnurrige Geschichten. Darunter sind die unanständigsten Klatschereien aus Nazareth. Er verschont nicht den guten Ruf der schönen Maria und die Gutmütigkeit des Tischlermeisters Josef. Nicht einmal dem Propheten Daniel läßt er sein bißchen Renommée. Wenn er von seinem Logis in der Löwengrube spricht, so erzählt er, daß sich auch Löwen vor einem langen Judenbarte fürchteten und eine Aversion gegen Leute hätten, die nach Knoblauch stänken. Von Gesenius wird behauptet, er sei wegen mangelhafter Kenntnisse des Hebräischen zuerst im theologischen Examen durchgefallen. Da habe er sich in enormer Bosheit hingesetzt und solange hebräisch studiert, bis er ein ganz neues Lexikon und sieben Auflagen einer neuen Grammatik ausstudiert habe. Daraus sei seine maliziöse Theologie entstanden. Ich stieg wieder hinunter auf den Markt, und da sah ich ihn noch einmal vorüberarbeiten, ihn, der den Herrn Christus am meisten inkommodierte: Tholuck, der Gespensterhafte, steuerte seine Gliedmaßen durch den Halleschen Markt. Es wackelte noch wie sonst jedes einzelne Glied unheimlich an seinem Körper. Es war noch die gleiche Gespensterwirtschaft im Aussehen dieses Mannes. Das magere Knochengesicht nickte noch immer schauerlich auf und nieder. Ich weiß nichts auf der Welt, was die Wissenschaft so verleidet als die echten Professoren, namentlich die Theologen und die systematischen berühmten Philosophen. Wenn kleine Kinder im Spiel uneins werden, ob es im Himmel rosenrot oder himmelblau aussieht, so ist das spaßhaft. Wenn aber die alten großen Kinder mit grauen Haaren in den heutigen Zeiten einander tödlich befehden, weil sie verschiedene Ansichten vom Himmel haben, so ist das langweilig und schmerzlich. Die Menge braucht Beschäftigung. Es muß Vorstellungen geben, die über den Tatsachen und hinter den Dingen liegen. Der gescheiteste Mann braucht seine Poesie. Aber die Armut an Phantasie, sich jahrhundertelang mit denselben Bildern abzuquälen, ist maßlos betrübend. Und die armen Leute werden am Ende irr von immerwährendem Kreislaufe. Hunderte von Leuten sperren die Mäuler dazu auf oder schreiben gar darüber. Und die Theologen geraten immer tiefer in ihre Teufeleien und halten sie für unumgänglich notwendig für das Bestehen der Welt. Früher wollte ich immer einmal nach Ispahan oder Ellore oder nach Palmyra reisen, um einmal auf den Trümmern der Vorzeit zu stehen, es war mir aber immer zu weit bis nach Asien. Jetzt habe ich Halle wiedergesehen, und ich verlange nicht mehr darnach. Nur sind die Halleschen Ruinen bestimmt nicht so schön, denn Schönheit ist in Halle polizeiwidrig, aber was tut das! Fressende, bleiche Armut schleicht durch alle Häuser, die meisten Teile der Stadt haben sich lehmern zusammengekrümmt und sehen wie vom Schlage getroffen aus. Brauner Torfstaub liegt auf den Straßen, auf den Gesichtern, den Busenkrausen und den Kathedern. Nicht mit Kaiser Max, Franz von Sickingen und Götz von Berlichingen schied das Mittelalter, sondern mit den Studenten. Und ich sah es mit Tränen romantischer Erinnerung: die Studenten schnüren ihre Bündel. Auf dem Fechtboden war es still wie auf einem Schlachtfeld, über das Gras gewachsen ist. Es gibt keinen peinlicheren Zustand, als wenn man nicht weiß, ob man sich freuen oder betrüben soll. So geht es mir mit den Studenten. Ich sähe sie gerne reformiert, ich möchte gerne, daß sie nach moderner Freiheit trachteten, nicht nach der rohen mittelalterlichen. Und doch schmerzt es mich zu sehen, wie diese jugendliche Poesie von steifen Schulmeisterhänden zerzupft wird. Nach dreißig Jahren wird man von den fabelhaften Wesen, den Studenten, erzählen, die Mut hatten wie die Löwen und um Leben und Freude spielten wie um Pfennige. Man baut ein neues Universitätsgebäude in Halle. Ich bin darin hinaufgestiegen bis zu den Karzern, deren Anlage allerdings von Humanität zeugt, denn man hat eine bessere Aussicht darin als in den Auditorien. Früher hatte man in beiden keine, und die Karzer waren raffiniert grausam. Als ich zwanzig Jahre alt war, interessierte sich die Stadt Halle lebhaft dafür, ob ich es für wünschenswert hielte, daß Deutschland ein Kaisertum sei. Man holte mich von der Schlittschuhbahn auf der Saale, wo ich ganz anderen Dingen als der deutschen Krone nachjagte, und verhörte mich Tag und Nacht wegen meiner Pläne für ein neues deutsches Kaisertum. Da ich aber so wenig davon wußte wie von dem privaten Lebenswandel der elftausend Jungfrauen, so folterte man mich mit einer Genialität, die dem besten Novellenschreiber Ehre gemacht hätte. Ich war nämlich im Karzer durch doppelte Türen von aller Welt abgesperrt, alle Bedürfnisse erreichten ihr Ende innerhalb der vier Wände. Sogar vom Fenster und vom Sonnenlichte schied mich ein Gitter, wie man es vor den Gärten wilder Tiere anzubringen pflegt. Ich studierte den ganzen Tag des alten Eichhorn »Einleitung ins Alte Testament«, Segurs »Russischen Feldzug« und »Tom Jones« von Fielding. Wenn es dunkel ward, spielte ich wie ein rechtschaffener Romantiker auf der Gitarre und sehnte mich inbrünstig nach Menschen. Ach, die Sehnsucht nach Menschen ist stärker als die Liebe. Wer nie gefangen war, ahnt ihre Stärke nicht. Den schauderhaften Karzerfritz habe ich oft in Ermangelung eines menschlichen Wesens umarmt und ihn beschworen, mir seinen spanischen Feldzug noch einmal zu erzählen, über den er mir schon fünfzehnmal in aller Breite vorgetragen hatte. Der Kerl log ärger als der Baron von Münchhausen, und was noch mehr sagen will, er log unerhört dumm. Aber er log mit einer menschlichen Stimme. Doch das war nicht die höchste Folter. Wenn ich Gitarre spielte, begann die gemeinste Raffinerie. Schwermütig sang ich »Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich«. Die Riegel klirrten und es huschte eine Gestalt herein, die im Dunkel Ähnlichkeit mit einer weiblichen hatte. Es war aber die mutmaßliche Tochter des Pedells Seebach, ein von allen Göttern verwahrlostes Geschöpf, die Ahnfrau der Halleschen Karzer, die die Geständnisse auspreßte. Ach, ich denke nicht gern daran zurück. Es war eine Dummheit, daß ich nicht wagte, sie wenigstens im Dunkeln zu lieben. Aber diese Barbarei hat aufgehört. Ins heitere Licht der neuen Karzer wagt sich kein Fräulein Seebach. Das neue Gebäude steht, wo jene liebenswürdige Kirche stand, die man zum Schauspielhaus machte. Ich hoffe, dieser einzige Gedanke wird Halle unsterblich machen. Auch eine Promenade wird angelegt. Ich fürchte, Halle soll ernstlich verschönert werden. Das könnte ein irreparables Unglück geben. Es ließ sich einst eine alte interessante Frau, die viele historische Freunde hatte, jung machen. Nun kannte sie niemand mehr, und weil sie nicht hübsch genug war, liebte sie auch niemand. Das Wertvollste, das viele Dinge zu verlieren haben, ist ihre Geschichte. Was ist das für ein langer, unbeweglicher Mann mit grauem Barte und leblosem Gesicht, der wie ein steinerner Gast halbe Tage am Fenster steht und herübersieht auf den Embryo der Halleschen Promenade und das Haus von roten Ziegeln, das sie die neue Universität nennen? Ich sehe keine Studentenfreiheit in seiner Miene, der harte, unverbesserliche Emigrantenzug starrt um seine Lippen. Steht mir bei, nordische Götter, es ist Friedrich Ritter de la Motte Fouqué! Er hat den »Zauberring« gefunden, und der läßt ihn nicht wieder los. Er ist unschuldig an seiner Torheit: »Wo sich unter den Föhren des Oderufers in Schlesien das Kloster Neubus erhebt, da ziehe hin, dort weilt Undine, dort seufzt die Quadratur des Staates, die du erfunden hast. Ich hege keinen Groll gegen dich, ich kämpfe nur mit Lebendigen.« Vier berühmte Reaktionäre lesen nichts von dem, was über sie geschrieben wird: Karl von Bourbon, sonst der Zehnte genannt, Willibald Alexis, ein junger Anfänger, Henrik Steffens, der philosophische Dichter aus Norwegen, und Herr von Fouqué. Sollte der Rittmeister von Fouqué je sterben, so stirbt er gewiß an keiner gewöhnlichen bürgerlichen Krankheit, an der jeder Lump sterben kann. Er stirbt am Adel wie Abälard an der Liebe. Schon als Kind hat der Don Quichotte mich nie amüsiert. Ich habe immer meinen Freunden nicht geglaubt, wenn sie sagten, er mache ihnen Spaß. Zum kindischen Spaße war mir die Sache zu ernsthaft und zum Ernste zu kindisch. Aber ich habe dem Don Quichotte auch nie gezürnt. Und der Ritter Friedrich de la Motte Fouqué ist der Don Quichotte der nordischen Ritter und Edelleute. Altenburg Es regnete fleißig und unverdrossen, wie sittsame Mädchen am Nachmittag unaufhaltsam spinnen. Die Räder knarrten, der Regen klatschte ans Fenster. Erschöpft schlief ich ein. Als ich erwachte, sah ich kleine Landvierecke an beiden Seiten des Weges, von kleinen Gräben eingeschlossen, mit Laubbäumen umpflanzt. Hie und da nickten harmlos einzelne Wäldchen, nicht breiter und länger als kleine Bauernhäuschen. Ich erkannte das Land, es war Altenburg. Bald kamen auch uniformierte Landleute hie und da zum Vorschein. Die Frauenzimmer müssen im Altenburgischen einmal großes Unglück angerichtet haben. Seit der Zeit hat man ihnen eine garstige Zwangstracht angelegt. Vor der Brust tragen sie ein Brett, hinter dem Herz und Busen verkümmern, die Röcke reichen nur bis ans Knie. Das Erzgebirge trägt einen seiner letzten Zweige in das Ländchen. Es ist merkwürdig, wie sich dieser kleine Distrikt absondert von seinen Nachbarn. Es ist Charakter im Altenburger, sollte er auch nur in der kurzen Jacke liegen, deren Teil unter den Armen steckt. Seine Hautfarbe ist noch schwärzer als die der Braunschweiger. Aber sie ist trauriger, geschmackloser, nicht so mutig wie bei jenen. Sie sieht leidend, gottesfürchtig aus. Auf dem Kopfe trägt der Altenburger ein kleines unreifes Filzkäppchen. Um die Beine weite schwarze Lederhosen, die aber nur bis ans Knie reichen. Es muß viel Lederhandwerker in Altenburg geben. Das Berühmteste in der Stadt sind schöne, solide und wohlfeile Handschuhe. Die Tracht der Landleute sieht steif, gemacht und geschraubt aus, es ist keine Leichtigkeit und Bequemlichkeit darin. Die Leute sehen trübselig daraus hervor, obwohl es ihnen gut geht und sie meist wohlhabend sind. Es ist kein Feuer, keine Genialität in ihnen. Aber treuherzig sind sie und gut und lieben ihre niedrigen Berge. In die Stadt selbst rollt man bergab schnell hinein. Langsam kommt man wieder heraus. Das ist ein gutes Zeichen, man wohnt nicht übel hier. Man findet viel Aufgeschlossenheit, viel Essen und Trinken, viel Gesundheit und viel schlechtes Wetter. Wenigstens regnete es immer, wenn ich nach Altenburg kam. Aber immer guckten hübsche Mädchenköpfe aus den Fenstern. Heute war das Glück und Unglück zu groß. In einer engen Straße, durch die der Postwagen donnerte, kam ein dunkelgelocktes Mädchenhaupt aus einem Fenster, und zwar so nahe an meinen Kutschenschlag, daß ich mutwillig hinausfahren und ihr wenigstens eine Locke küssen wollte. Sie fuhr zurück, aber das frische Gazellenauge lachte, ich streckte die Hand aus. Das schalkhafte Kind tat's auch. Ich kannte doch diese volle weiße Hand, die Gazellenaugen und die fliegenden Locken. War das nicht Jerta? Vorüber flog der Wagen. Der Eilwagen ist das moderne Fatum. Nichts hemmt seine Spanten. Vergeblich schrie ich, ich wolle aussteigen; es ging bergauf und bergab weiter durch das romantische Altenburg. Höhe und Tiefe, Begeisterung und Kot wechseln in dieser Stadt schnell. Prächtig verlassen steht jenseits eines kleinen Wassers das Herrenschloß. Ein Professor neben mir, der bereits die Homöopathie, das öffentliche Gerichtsverfahren, die Dampfwagen, die neuesten geographischen Entdeckungen und die preußische und sächsische Politik erschöpft hatte, detaillierte der Gesellschaft mit der todesverachtenden Redseligkeit deutscher Professoren den Prinzenraub, der da drüben im Schlosse vollendet worden war. Er kannte jedes Fenster und jeden Absatz, dessen sich Kunz von Kaufungen bedient hatte. Er beschrieb so lebendig und genau, daß wir zehnmal fragen mußten, und als der Wagen rechts einbog und das Schloß verschwand, nicht klüger waren als zuvor. Ich teilte ihm die Notiz mit, daß Kunz damals stark an Hämorrhoidalbeschwerden gelitten habe und daß es nur deshalb mit seiner Flucht so mangelhaft gegangen sei. Der Professor war sehr dankbar für diese Notiz und fragte hastig nach der Quelle. Ich zitierte ihm den Codex Cleromontanus , den er zu Leipzig auf der Schweizer Bibliothek zu jeder Stunde einsehen könne. Er war noch einmal so dankbar. Ich fragte ihn, ob er in Freiberg den blauen Stein gesehen habe, auf dem Kaufungen hingerichtet wurde, und der von Kunzens Blute blau geworden sei. Er wurde blaß vor Neugierde, der Wagen hielt. »Zehn Minuten, meine Herren«, schrie der Kondukteur, ich mußte wissen, ob das Mädchen, das ich gerade gesehen hatte, wirklich Jerta gewesen, und rannte zurück. Der Professor schrie, ich rief im Laufen, ich käme wieder. Er schrie jammernd, er müsse leider aussteigen und werde nicht mehr weiterfahren. Ich verirrte mich und konnte die Straße nicht finden. Sieben Minuten waren um, ich fand nicht mehr zur Post zurück. Ich mußte mit einem altenburgischen Sechser einen Buben gewinnen, der mich im Trabe zur Post zurückbrachte. Es war der Moment des Abfahrens. Wie ein Paket wurde ich hineingeworfen. Der Professor stand händeringend am Schlage, eine antiquarische Träne glänzte in seinem wissenschaftlichen Auge. »Der blaue Stein«, wimmerte er. Ich konnte ihm nicht helfen, die Pferde zogen an, ich schrie zwar, als ob ein Menschenleben auf dem Spiel stände: »Reisen Sie nach Freiberg«, ob er es aber hörte, weiß ich nicht. O Jerta, deine Gesichtszüge sind mein Unglück. Als ich noch jung war und den ersten gründlichen Unterricht im Christentume zu Sprottau in der kleinen gewölbten Sakristei erhielt, wo es immer schmählich kalt war, saß mir gegenüber ein schlankes Mädchen. Sie war größer als ich, und ich liebte sie schon damals mehr als das Christentum. Aus ihren großen blauen Augen, die so tief waren wie der See Genezareth, las ich alle Antworten christlicher Liebe, die ich dem Herrn Pastor Primarius zu seiner größten Zufriedenheit gab. Um ihre Lippen hatte sie einen schalkhaften, liebenswürdigen Zug, der mein Herz rührte mit der Seligkeit des Himmels. Ich hätte immer weinen und sterben können, wenn sie mich mit ihren lieben Augen ansah. Es ist ein großes Mysterium, die erste Liebe. Alle späteren Leidenschaften borgen ihren Reiz von ihr. Ich wußte nichts von Kälte, wenn mir auch die Hände erstarrten, sobald sie da war. Wie langweilig war das Christentum, wenn es einmal zu kalt wurde und sie nicht kam. Mit welcher Angst bemerkte ich, daß wir immer gescheiter wurden. Die dümmsten Bauernjungen wußten schon, daß der Apostel Paulus früher Saulus geheißen habe und daß er das Heiraten verteidigt habe, wenn es nicht anders ginge. Je höher unsere Gelehrsamkeit stieg, desto näher kam das Ende meines Glücks, das Ende des Unterrichts. Und dann war einmal wirklich alles aus. Ich sah sie nur noch von weitem hinter dem Fenster. Manchmal begegnete ich ihr, wenn sie in die Stunde zum Herrn Primarius ging, als ich schon ein kleiner Christ und sie noch eine liebe halbe Heidin war. Daher mag es kommen, daß mir mein Leben lang das Heidentum viel schöner erschienen ist. Ich lebte eine ganze Woche von einem Blick ihrer Augen. Wenn es Abend wurde, schlich ich um ihr Haus und wartete, bis im Untergeschoß das Licht angezündet wurde. Dann aß die Familie zu Abend und ich konnte sie beobachten. Das Fenster war hoch und mit Eisen vergittert; aber ich kam hinauf. Ich hing so lang an den Gittern, als es meine kleinen Kräfte erlaubten, und sah ihr zu, wie sie zu Abend aß, und die Tränen liefen mir über die Backen. Ihr süßes Angesicht ist für immer die Romantik meiner Liebe geworden, und der Zug um ihren lieben Mund bedeutet noch heute für mich den ersten Liebeszauber. Daran dachte ich jetzt im Postwagen. Jenes Mädchen in Altenburg glich ebenfalls der lieben kleinen Heidin aus Sprottau und sah doch auch Jerta ähnlich. Zum Glück wurde es schnell dunkel, so daß mir meine Liebesträume vortrefflich gelangen. Ich drückte mich in die Ecke und schwelgte wie ein türkischer Opiumesser. Selbst die Erinnerung störte mich nicht, daß man mir einst erzählt hatte, die kleine Heidin sei sehr groß geworden und habe einen dicken Justizrat geheiratet. In Altenburg waren zwei Damen eingestiegen. Sie schienen herzliche Freundinnen zu sein. Ihre Gesichter konnte ich nicht deutlich erkennen. Neben ihnen in den hintersten Sitz gedrückt, hörte ich eine Weile ihren flüsternden Gesprächen zu und schlief dann ein. Als ich erwachte, hielt gerade der Wagen vor einem Posthause. Man leuchtete mit einer Laterne in die Kutsche, ein Lichtstrahl fiel über die Damen. Ich erschrak: das waren die großen Augen meiner ersten Liebe. Auf ihren blassen, edlen Zügen sah man die Spuren von Tränen. Die strenge und stolze Trauer unglücklicher Frauen war in ihnen zu lesen. Keinen Augenblick zweifelte ich mehr, daß sie das Mädchen aus der Sprottauer Sakristei sei. Ich hob sie beim Aussteigen aus dem Wagen, ihre Hand war kalt, sogar ihr Atem schien keine Lebenswärme mehr zu haben. Sie vergaß mir zu danken und reichte stumm ihrer Freundin die Hand. Ehe ich meine verwirrten Affekte geordnet hatte, waren die Koffer geschieden, die Frauen fuhren von dannen. Ich hatte nicht den Mut gehabt, ein Wort an meine Jugendliebe zu richten. Ohne es zu ahnen, hatte ich eine Poststation lang neben ihr gesessen. Ich stand schmerzlich bewegt, voll Trauer und Sehnsucht im Torweg und sah der Laterne des Wagens nach, bis sie verschwand.   Nach allen Seiten zerstreuten sich die Reisenden. Ich saß mit einem ruhigen, behaglichen Norddeutschen allein in einem winkeligen Gastzimmer. Es war in der zweiten Stunde der Nacht; ein einsames Licht brannte träge auf einem entfernten Tische. Der Norddeutsche rauchte seine Pfeife und sah zufrieden vor sich hin. Meine Gefühle beruhigten sich allmählich auch. Es war still. Nur der Morgenwind schüttelte zuweilen leise an den Fenstern. Ein früher Hahn begann schüchtern und unsicher probierend das erste Signal eines neuen Tages. Es wurde gemeldet, der Wagen nach Schneeberg sei bereit. Der Morgen war frisch und blies von den Schläfen das Haar und von den Augen die nächtlichen Schatten. Mein Begleiter breitete in der Kutsche seine Füße aus, bedeckte sich mit dem Mantel und drückte den Oberleib bequem in die Ecke. Der Schwager blies sein Morgenlied, und wir fuhren durch bergiges Land über einen der Pässe, die sich durch das Erzgebirge nach Böhmen hinuntersenken. Für ein mittleres Gebirge fuhren wir auf einem recht hübschen Weg. Vor Schneeberg hob sich die Straße allmählich, ganz in der Nähe aber fiel sie steil bergab in die Stadt hinein. Schneeberg hat ein ärmlich wohlhabendes Aussehen. Auf allen Hügelspitzen kriechen breit die Häuser herum. Ihre verwitterten, sorgfältigen Holzdächer sehen aus wie verschlafene historische Augen. Man gräbt hier nach Edelmetallen, ich glaube aber, man hat nicht viel davon. Angeblich soll Silber hier gewonnen werden. Man wollte mich einfahren und meinen Unglauben blamieren, aber ich dankte dafür. Das ganze Städtchen lebt vom Bergbau, er ist darum nicht bloß ihr Gewerbe, sondern auch ihre Religion geworden. Bekanntlich lebt der Gott eines guten Glaubens auch noch hundert Jahre nach seinem Tode. Es fing an zu regnen, aber die Kommunalgarde marschierte mutig den Markt und die Straßen auf und nieder. Die Bergknappen mit ihren bleichen Gnomengesichtern spielten melancholische Klarinettenmärsche und trugen lange Picken und Napfmützen. Ich erfuhr, daß der Boden unter der Stadt hohl sei. Da eilte ich so rasch wie möglich davon. Von der Höhe sah ich zurück nach der silbernen Stadt, der Regen stürzte mit ausgebreiteten Armen auf sie herunter. Sie sah mit ihren grauen Dächern aus, als hätte sie sich eine Regenkapuze über den Kopf gezogen. Die Häuser drängten sich ineinander und in die Berge hinein. Über Berg und Tal und rauschende Waldwasser ging es nun rasch der österreichischen Grenze zu. Überall sind Bäume, und doch ist's kein eigentlicher Wald. Vorpostenforst, Schutz für Schmuggler, deren Frauen und Kinder nach Brot verlangen. Nachts gehen hier auf den Flußpfaden lange Reihen von Schwärzern, einer hinter dem anderen, über die Berge. Auf dem Rücken tragen sie Zucker, Kaffee und Tabak, in den Händen eisenbeschlagene Stöcke, um sich im Notfall gegen den Jäger zu verteidigen. Das Erdreich ist hier wunderlich rot, als ob schon viel Blut darauf geflossen wäre. In einem unordentlichen, zerrissenen Walde stößt man plötzlich auf die Grenzsäule, wo Österreich beginnt. Es hebt ganz unscheinbar an, wie ein Priester tritt es auf: in schäbigem Gewande, aber unter der Kutte trägt er blendenden Bischofsornat, die inquisitorische Gewalt und das Herz voll Absolutismus. Bald lichtete sich der struppige Forst und die erste halbwüste böhmische Ansicht trat vor das Auge. Auf Hügellehnen, die aus einem breiten Talkessel nach allen Seiten aufsteigen, steht hie und da ein blaugraues Haus aus Holz. Es beginnen die nomadischen böhmischen Dörfer, wo sich die einzelnen Hütten zerstreuen und auseinanderlaufen. Aus einem Talkessel führt der Weg in den anderen. Man kommt bald zu dem ersten böhmischen Städtchen Neudeck. Ich trieb eiligst nach frischen Pferden, man erwartete mich in Karlsbad, Chateaubriand, mit dem ich mich schon lange hatte treffen wollen, hatte mir mitgeteilt, daß er auf kurze Zeit nach Karlsbad käme. Aber ich wurde keiner Antwort gewürdigt; die norddeutsche Postordnung war zu Ende. Wir wurden eine Stunde lang auf offener Straße unserem Schicksal überlassen, dann kam ein kleiner Bub mit zwei Pferden, zog sich eine historische rote Jacke an und fuhr uns weiter. Es ist wenig Gesetz in der österreichischen Post, aber es wird rasch gefahren und die Straßen sind sehr wohlfeil. Die Sonne goß eine plötzliche Fröhlichkeit über die Gegend. Der Wagen und unsere Blicke streiften lustig bergauf und bergnieder. Ringsum die Berge sind etwas lebendiger als das Erzgebirge. Wegen des geringen Anbaues ist eine ursprüngliche lyrische Ruhe rings über das wellige Hügelland gegossen. Karlsbad Zur Linken öffnete sich eine Talflucht: da zog es sich hin, das wunderlich unschöne, aber malerische Karlsbad. An beiden Seiten eingeengt von Bergen, im Hintergrund verschlossen von einer dunklen Höhe, so daß man meint, dort sei die Welt zu Ende. Von einem kleinen Turme herab erscholl ein entschlossenes Trompetengeschmetter, als zögen neue Kämpfer in eine alte Ritterburg ein, um gleich den alten Ahnherren wacker zu saufen, zu fechten und zu rauben. So begrüßt Karlsbad die Fremden mit mittelalterlicher Sitte. Es war ein buntes, wirres Treiben auf der schmalen Straße nach Eger. Der Wagen konnte kaum hindurch, so drängten und wogten die Menschen und Fuhrwerke. Gewiß war ein Fest in der Nähe. An der nächsten Haustüre klimperte und sang eine Harfenspielerin. Sie wucherte mit den letzten Talenten ihres Schauspielvermögens, mit ein paar großen schwarzbraunen Augen, die sicher schon viel gesehen hatten, und einer weißen verführerischen Hand. Ich stieß meinen Norddeutschen an, der begierig der Dinge harrte, die ihm in Karlsbad begegnen sollten. Er setzte seine massive Brille mit großen, runden Gläsern auf. Der Wagen mußte im Gedränge einen Augenblick halten. Die Dirne lächelte, mein Nachbar lächelte auch und sagte, es sei nicht wahrscheinlich, daß blonde Haare und blaue Augen in wenigen Jahren so unverschämt schwarz würden. »Man hat Beispiele.« »Wirklich?« Das Mädchen trat mit dem Notenblatt vor den Wagen und streckte ihre weiße Hand hinein. Mein Nachbar fuhr nicht ohne Verlegenheit in die Tasche. Doch ehe er den Beutel geöffnet und ein Geldstück hervorgeholt hatte, flüsterte ich ihm zu, da stecke gewiß etwas dahinter. Er solle dem Mädchen nur unter dem Notenblatte die schönen Finger drücken. Er faßte sich ein Herz und versuchte es wirklich. Das Mädchen schlug wie ein buhlerischer Vollmond die Augen lächelnd auf und warf einen schelmischen Blick auf seine Brille. Der Wagen rollte weiter. – »Schafskopf!« schrie der Norddeutsche, und der Postillon sah sich um, um sich genauer zu erkundigen, wie der Gasthof heiße, in dem wir absteigen wollten. Er habe es nicht recht verstanden. Mein Begleiter stieß mich vergnügt an und sagte: »Da steckt wirklich was dahinter.« Hinter allen Jalousien guckten lockige Mädchenköpfe hervor. Blinkende Equipagen mit strahlenden Damen eilten vorüber. Auf allen Steigen hüpften leicht- und hochgeschürzte Mädchen. Auf dem Pflaster lag noch ein feiner Tau vom Regen, und wir wußten nicht, wohin wir sehen sollten. Trunken kamen wir vor dem »Schilde« an. Ich eilte gleich zurück nach der Egerstraße. Hinter dem »Paradies« fand ich die Harfenspielerin. Ich streichelte ihre Wange und bestellte sie mit einem alten Liede, das sie glücklicherweise kannte, für heute abend um neun in den Garten vor dem »Schilde«. Ich instruierte sie, sie sollte sich durch halbe Antworten meinem Nachbarn romantisch machen. Wenn sie seufze, so dürfe sie nie anders seufzen als »Tuli!« Es war ein gefälliges Mädchen und bereit, auf meine Vorschläge einzugehen. Ich eilte zurück und sagte meinem Gefährten, ich hätte überall von dem geheimnisvollen Harfenmädchen sprechen gehört, die man für mehr als ein Harfenmädchen halte. Er machte Toilette und lächelte. Als er seine neue seidene Weste anzog, flog die freudige Gewißheit eines unausbleiblichen Sieges über sein gutmütiges Gesicht. Er wußte, was diese Weste vermochte. Er baute auf sie wie Cäsar auf seine vierte Legion. Nun führte ich ihn aus. Mit Staunen sah er die große Stadt, hohe steinerne Häuser, von innen und außen geputzt, fortwährenden Sonntag, Jahrmarkt, Basar, flüsternde Kastanienbäume, unter denen Mädchen mit weißen Kleidern sitzen, hohe Bergwände, die ringsum alles umschließen. Und er nickte mit dem Kopfe und freute sich, besonders, da es Abend wurde. Ich begrüßte meine sechs Wochenfreunde, die alle Jahre ins Bad kommen und Freunde brauchen, die mit ihnen beim Brunnen ein Gespräch anfangen und mit ihnen Whist spielen, wenn es regnet. Es sind die stehenden Figuren der Brunnenorte, ich begrüße sie mit demselben Interesse, wie ich mit den Brücken und Straßen von Karlsbad Wiedersehen feiere. Sie gehören dazu, sonst ist der Ort nicht mehr der alte. Ein weicher üppiger Sommerabend hing wie ein seidener dunkler Mantel über dem Tale, die wenigen kranken Gäste saßen im Garten vor dem »Schilde«. Wir setzten uns auch dahin. Es schlug neun und allmählich wurde es stiller. Da erklangen Harfentöne nicht weit von uns. Der Norddeutsche stellte die Pfeife beiseite und faßte mich kräftig und bewegt bei der Hand. »Oh, ich kenne das Lied, obwohl ich nicht musikalisch bin«, bemerkte er aufgeregt. Ich beruhigte ihn und ging leise auf Erkundung aus. »Sie ist es«, flüsterte ich zurückkehrend. »Sie sind ein Glückskind, sehen Sie sich nach ihr um!« Er zog seine seidene Weste gerade und warf einen forschenden Blick darauf. Dann schlichen wir nach verschiedenen Seiten fort. Plötzlich sah ich in einer Laube meinen antiquarischen Professor aus Altenburg mit einem reizenden Mädchen sitzen. Himmel, war das Mädchen schön. Ich konnte mich nicht beherrschen und trat schnell auf die beiden zu. Der Professor sprang mir entgegen und fragte mich nach dem blauen Steine in Freiberg. Als ich ihn mit Mühe zufriedengestellt hatte, erzählte er mir, im Gewirr des Prinzenraubes an der Post in Altenburg sei ihm seine Nichte Maria abhanden gekommen, die er dort habe abholen wollen. Sie hätte beabsichtigt, ihn zu überraschen, da sie ihn beim Vorüberfahren im Postwagen gesehen, und sei vor seinen Augen eingestiegen, in der Meinung, er folge ihr. Das habe er aber alles wegen seines wissenschaftlichen Interesses nicht bemerkt und habe hinterdrein Extrapost nehmen müssen. Die Nichte aber, durch eine unglückliche Freundin, die sie im Wagen getroffen, in Beschlag genommen, habe sich erst im Morgengrauen an ihn erinnert. Sie sei allein nach Karlsbad weitergefahren und sei nun vor einer Stunde angekommen. Das Mädchen sah mich mit klaren fragenden Augen an. Natürlich, das war doch die Begleiterin meiner Jugendliebe auf der Fahrt von Altenburg. Sie erinnerte sich auch, mich schon gesehen zu haben. Wir gingen durch den Garten und begegneten plötzlich dem ganz von mir vergessenen Harfenpaare. Zu meinem Erstaunen ging der Norddeutsche ernsthaft mit dem Mädchen auf und ab. Als er mich sah, grüßte er höflich. Maria fragte mich, ob ich denn schon Bekannte habe. Ich erzählte ihr mancherlei von der Reise nach Karlsbad, und sie sah mich erstaunt an. Der Professor sagte, sie erwarte auch ihren Bräutigam hier. »Nicht doch, Onkel!« wehrte sie ab. Ich erzählte ihr von meiner Liebe aus der Sakristei, ihrer schönen Bekannten von Altenburg. »Sie sind gewiß ein guter Mensch«, sagte sie und sah mich freundlich an. Der Onkel, der dabeistand und gedankenvoll mit Kreide auf den Tisch Figuren malte, richtete sich auf und schlug vor, wir sollten schlafen gehen. Wir schieden. Und so beweglich ist des Menschen Herz, daß ich andächtig und mit nicht geringem Appetit in mein Hotel ging, zu Roastbeef und handfestem Pudding. Am andern Morgen verschlief ich es natürlich, zur rechten Zeit an den Brunnen zu kommen. Die Brotstudenten des Karlsbader Wassers gingen schon heim, als ich mich einfand. Doch schlenderten noch viele Menschen auf dem kleinen, mit zierlichen Quadern belegten Platze vor dem Mühlbrunnen umher, stiegen die Treppen hinauf, spazierten die lange Wandelbahn entlang und vergnügten sich auf den Terrassen des Theresienbrunnens. Die Musik spielte die verführerisch sinnliche, wollustatmende Ouvertüre zum »Don Juan«. Es ist mir immer, wenn ich diese Musik mit ihren weichen, stolzen, bald zierlichen und dann wieder übermütigen Rhythmen höre, als müßte ich das nächste schöne Mädchen bei der Hand fassen und sie in gemessenen Tanzschritten dorthin führen, wo man die Schönheit der Welt am besten sieht. Und sie voll Freude küssen, daß die Gottheit uns aus Augen und Lippen sprüht. Der Morgen war rotgold, feine blaue Nebel flohen wie verspätete nächtliche Träume vor der Sonne hin durch die Talschluchten. Die alten morschen Berge trockneten sich in der frühen Wärme ihre bärtigen Gesichter. Ich sah mit innigem Behagen in die wogenden Gruppen der Menschen. Groß und klein, hoch und niedrig strich nebeneinander hin, als sei die gestrige Welt zu Ende, als hätten Staaten und Gesetze aufgehört, nötig zu sein. – Da kam Maria in einem fliegenden schwarzseidenen Kleid. Frei wie eine übermütige Griechin trug sie auf schönem weißem Halse den schalkhaft blitzenden Kopf. Ich wollte auf sie zu, doch trat der Norddeutsche zwischen uns und hinderte mich an einem dummen Streiche, den ich vielleicht gemacht hätte. Er erzählte mir, Maria sei die romantische Liebe seiner Jugend. Eine Dame in einem bunten Mantel, mit einem behaglichen Gesichte, stellte er mir als seine Schwägerin vor. Der Professor, der da drüben seinen Brunnen trinke, sei sein baldiger Schwiegervater. Ich hatte kaum die Kraft, leise nach dem Harfenmädchen zu fragen. Er runzelte die Stirn und meinte, da sei geschauspielert worden. Doch wolle er auch seine Rolle spielen und werde schon alle überlisten. Seine Schwägerin sei zwar blond, doch es sei nicht das erstemal, daß helle Haare dunkel würden. So leicht lasse er sich nicht täuschen. Ich merkte, daß ich mich ein wenig in sie verliebt hatte. Ihr Onkel, der erfahren haben mochte, daß ich ihn mit dem blauen Stein zum besten gehalten hatte, bestand darauf, ihr etwas zeigen zu müssen. Etwas traurig verabschiedete ich mich und drängte durch die promenierenden Massen hinauf nach der Terrasse über dem Theresienbrunnen. Dort spazierte ich auf dem dritten Einschnitte langsam auf und ab. Es ist dort den Leuten zu hoch, und man kann daher ungestört hin- und hergehen. Unter sich sieht man die bunte Menge vorüberziehen und hört sie murmeln. Drüben, hoch über Karlsbad, an einem Abhang, schwingt sich die Straße von Prag über das Tal. Am andern Tage, ich hatte lange geschlafen, erfuhr ich, Maria habe wieder nach mir gefragt. Sie wollte eine Partie unternehmen und mich mitnehmen. Sie habe vorgeschlagen, mich wecken zu lassen, doch sei sie dann davon abgekommen und allein fortgegangen. Ich war verdrießlich. Den ganzen Tag über schlenderte ich herum und beobachtete die Badegäste. Wenn man unbefangen ist, kann das Zusehen in Karlsbad für ein paar Tage recht interessant sein. Man sieht alle Parteien unserer stürmischen Tage durcheinanderlaufen. Bald wird das Interesse daran aber matt, weil alle hier faulenzen. Ich habe unrecht, wenn ich behauptete, daß alle Parteien faulenzten: die adelige ist hier sehr tätig. Das heißt, sie tut das, was heutzutage Tat bei ihr genannt wird, sie reitet, fährt, tauscht Pferde, ist hochmütig und dabei doch am Ende freundlich. Ich hoffe mit allen meinen Sympathien, daß sich der Adel in Karlsbad noch lange erhält. Ich brauche ihn äußerst notwendig. Ich liebe die schönen Mädchen. Und im göttlichen Nichtstun gedeiht das Mädchenfleisch am besten. Es gibt eine Schönheit, die ohne eine gewisse Art von Gedankenlosigkeit nicht bestehen kann. Ich will natürlich die adeligen Mädchen in Karlsbad nicht lieben, ich will sie nur sehen. Wenn ich das Unglück hätte und recht alt würde, zöge ich gegen Karlsbad, setzte mich auf die Bank beim Elefanten auf der Wiese, um mein altes ästhetisches Herz für ein ganzes Jahr an adeligen Formen zu erfrischen. Das Bürgervolk taugt zur Schönheit nicht so recht. Man braucht nicht nur Mut, man braucht Kühnheit, um schön zu sein und zu erscheinen. Ich reise nach Karlsbad, um die Kaufleute und alle Rechenmeister zu vergessen, die keinen andern Genuß als den Vorteil kennen und Gottes Welt und die Freude und alles Große zerrechnen und verkalkulieren. Im Emigrantenasyl zu Karlsbad spiegelt sich die römische Aristokratie. Es ist dort wie zu der Zeit, als die nobilitas an Bedeutung verlor und die ersten Triumvirate entstanden. Man sieht hier französische, russische und böhmische Adelige. Am ungebärdigsten ist der russische. Er poltert mit skythischer Roheit, ungebändigtem Übermute, plumpem Reichtume und häßlicher Pracht hier herum. Man wird an die Völkerwanderung, den säbelbeinigen Attila erinnert. Eine gewaltige Menge solcher Tartaren gibt es gewöhnlich in Karlsbad. Man hört Namen, die sich grollend wie die Wolga in das Ohr stürzen. Die Gallitzin, Trubetzkoi, Rasumowsky und wer weiß wie viele koi und kow jagen in ihren Equipagen vorüber. Die kleinen kotigen Pferde klappern mit unartigem Geschirr wie spöttisch lächelnde Kommentarien vor der Herrlichkeit einher und erinnern an Kosaken und Kalmücken. Die bestialischen Kutscher und Pferdeknechte bekunden ihren ungeleckten hunnischen Ursprung. Nur was zur Diplomatie gehört, hat in Westeuropa studiert und glänzt im Zivilisationsfirnis. Ich glaube es nimmermehr, daß jene graziöse Dame mit den dunkel beschatteten Augen, den blendend weißen Schultern, der verführerischen Hand, dem französischen Fuße, mit der zivilisierten Melancholie in den weichen Zügen und ihrer schlanken Figur eine Russin sei. Und doch versichern mir gründliche Kenner, die liebreizende Stroganow komme genauso aus Rußland wie die häßlichen Asiatinnen, die man gewöhnlich sieht. In ihrem schönen, elegischen Gesichte glaube ich ihre ganze stürmische Geschichte zu finden. Ihr Gatte war Gesandter zu Stambul bei Ausbruch des Griechenkrieges, als die wutschäumenden Moslims ihn strangulieren wollten und den russischen Adler von der Gesandtschaft rissen. Ich glaube immer Tränen in der Schönheit ihres Gesichtes zu sehen. Ich sehe sie im Geiste in dem Augenblick, als ihr Gatte die Tür des Balkons aufreißt und vor die brüllende Menge tritt. Das schöne liebende Weib fällt in Verzweiflung auf die rotseidenen Polster. Ich sehe, wie sie sich aufrichtet, wie sie die schwarzen Flechten zurückwirft in den Nacken und ihren Gatten zurückruft. Ich sehe, wie sein Mut siegt und er unverletzt zurück ins Zimmer tritt und sie ihm stolz und glücklich in die Arme stürzt. Ich wollte, es liebte mich ein schönes Weib und weinte wollüstige Tränen um mich. Um dieser Tränen willen würde ich tausend Janitscharen trotzen. Gedankenvoll sah ich der schönen Frau unverwandt ins Gesicht. Wie ein Heiligenbild ließ sie es geschehen, bis sie lächelte. Da ward ich vernünftig und nahm meinen Hut ab. Und sie grüßte mich mit ihrer schönen Stimme: »Bonjour, monsieur!« Was die Franzosen anlangt, so ist Böhmen allerdings das neue Koblenz geworden. Der Exkönig Karl zieht von einem Orte zum andern, um den regierenden Herren aus dem Wege zu gehen. Es ist ein tragischer Anblick, daß der alte Herr nicht einmal das entblößte Haupt ruhig niederlegen darf. Selbst hier ist er überall im Wege, sogar die Gläubiger verfolgen ihn von allen Seiten. Chateaubriand, der Karl X. in Teplitz besucht hatte, hatte sich nur einen Tag in Karlsbad aufgehalten und war weitergeeilt. So war das schöne Trinkgeld, das ich auf den letzten Stationen verschwendet hatte, um ihn noch anzutreffen, umsonst gewesen. Und ich wußte eigentlich nicht, was ich anfangen sollte. Als meine Bekannten sich auch am zweiten Tag nicht sehen ließen, entschloß ich mich, mit einer Karlsbader Rarität im Sächsischen Saal zu essen, wo die haute société an kleinen Tischen speist. Diese Rarität ist ein vergessener Kammerherr von großem Leibesumfang. Er trägt einen Orden, zu dessen genauer Kenntnis man einen Almanach braucht. Er spielt, solange er sich erinnern kann, täglich Whist und kommt alljährlich in Begleitung seiner Schwester und einer goldenen Tabaksdose, aus der er nie schnupft, nach Karlsbad. Seine Schwester unterscheidet sich nur dadurch von ihm, daß sie weiblichen Geschlechtes sein soll. Die Dose hat ihm der verstorbene deutsche Kaiser Leopold durch die Post geschickt. Der Kammerherr ist aber so stolz darauf, weil er heute noch nicht weiß, warum sie ihm Kaiser Leopold schenkte. Er stellt sie immer neben seinen Teller, damit sie jedermann sehe und ihn um eine Prise bitte. Dann entschuldigt er sich, greift nicht ohne Unbequemlichkeit in die Tasche, präsentiert eine andere Dose, erzählt aber zugleich die Geschichte von der unbegreiflichen Gnade des Kaisers Leopold. Der Kammerherr ist mein guter Freund, weil ich ihn stets, ich mag ihm begegnen, wo ich will, zuerst nach der Dose und dann nach seinem Befinden frage und ohne Murren die lange Geschichte anhöre. So saß ich denn mit ihm im Sächsischen Saale, er sprach Französisch, wie er es bei öffentlichen Gelegenheiten immer zu tun pflegt, so sauer es ihm auch wird, als ein starker, mäßig bejahrter Mann eintrat und mit weiten, nachlässigen Schritten bis in eine entfernte Ecke des Saales schritt. Zu meiner Verwunderung stand jeder vom französischen Adel, bei dem der Mann vorüberkam, ehrerbietig auf und grüßte. Der Kammerherr erzählte eben die Dosengeschichte, ich durfte unsere Freundschaft nicht durch eine Zwischenfrage aufs Spiel setzen und mußte meine Neugierde zügeln. Der Herr mit dem deutschen Aussehen setzte sich allein an ein kleines Tischchen und begann, ohne sich um die übrige Gesellschaft zu kümmern, seine Mahlzeit. Der Kammerherr, der meine Blicke nun doch gesehen hatte, vertraute mir an, es sei Marschall Maison. Er wird auch von den Altfranzosen mit distanzierter Artigkeit behandelt, weil er von guter Familie, ein wohlrenommierter Napoleonide mit Restaurationstafel und als designierter Gesandter in Petersburg eine wichtige politische Person ist und ein paar Hauptleinen des europäischen Gespanns in den Händen hält. Wenn er auch nicht allein auf dem Bocke sitzt, so weiß man doch, wieviel es auf einen sanften Druck, ein leises Ziehen bei kitzlichen Dingen ankommt. Am andern Morgen traf ich ihn in seinem großen Brunnenrock beim Sprudel. Hier stach seine napoleonische Ungeniertheit noch auffallender von dem Wesen der übrigen Franzosen ab. Zum Glück liegt der Sprudel mit seiner Promenade abgesondert von den übrigen Brunnenplätzen. Sein unbekümmertes Wesen trieb er so weit, daß er mit einem Wiener Freudenmädchen öffentlich ausfuhr und mit sonst niemand umging. Am Brunnen sprach er hie und da leicht, behaglich, fast humoristisch. Es war interessant, wie scherzhaft und sicher er mit den Russen verkehrte. Die ganze französische Bravour mit ihrer unermeßlichen kriegerischen Zuversicht lag in seiner wohlklingenden, sorglosen Baßstimme und in der nonchalance seines Wesens. Die französische Adelspartei hat sich völlig in Böhmen angesiedelt. Die Prinzen Rohan haben sich Güter gekauft. Sie sind der richtigen Meinung, besser nach Böhmen als nach Frankreich zu passen. Sie halten mit dem böhmischen Adel alljährlich Saison in Karlsbad, wie der spanische Hof alljährlich einige Monate nach Aranjuez ging. Was von guter Familie aus Frankreich kommt, schließt sich den Notabilitäten an und spricht von der Vergangenheit. Der böhmische Adel ist in jedem Jahr derselbe. Kommt man oft nach Karlsbad, so wird er langweilig, aber im allgemeinen ist er doch angenehm und liebenswürdig. Er ist zwar ausgesprochen aristokratisch, aber er ist artig, und weil er eigentlich immer in verdeckter Opposition gegen Wien und Metternich lebt, so findet man größere Regsamkeit, als man im allgemeinen erwarten sollte. Man darf aber doch nirgends den Widerstand des Adels mit dem der tschechischen Nation verwechseln. Die Ministerstellen in Wien und das böhmische Vizekönigtum in Prag sind ein starkes Band, das den böhmischen Adel an Österreich fesselt. Im Augenblicke nahmen sie um ihres Kollegen, des Ministers Kolowrat, willen Interesse am Kaisertume. Der Sturz Metternichs beschäftigt die böhmische Partei am Hofe und in der Provinz schon seit vielen Jahren. Von Zeit zu Zeit trösten und stärken sie sich mit einem voreiligen Triumphe. Wenn Metternich einst durch die europäische Öffentlichkeit gestürzt werden sollte, so wird ihn kein schlauer Böhme ersetzen. Mit einem Helden aus göttlichem Stamme fällt auch sein Jahrhundert. Nur die Größe kann herrschen. In den Straßen Karlsbads sah man sonst immer schlanke, hohe Böhminnen von geheimnisvollem Reiz. Verstohlene, kühne Augen strahlten die verschwiegene Freude eines innerlichen Sinnenfeuers. In diesem Jahre war wenig wohltuende Schönheit unter ihnen zu finden. Ich habe seit langer Zeit nicht so dreist rouge et noir in Frauengesichtern spielen gesehen. Und wenn man in einem Beutel mehrere unechte Münzen findet, so traut man dem ganzen Geld nicht mehr. Eine falsche Karte verdirbt ein ganzes Spiel. Die Klassen der Bürgerlichen falten sich zwar ebenfalls gleich einem Fächer vielfach auseinander, aber sie sind doch durch einen Griff verbunden. Der Geheimrat verkehrt mit dem Kandidaten, und Kandidat heißt doch soviel als einer, der noch nichts ist. Der Bürgermeister grüßt den Schneider. Auffallend ist es, wie viele Patienten Preußen beisteuert. Die eminente Regelmäßigkeit seiner inneren Verwaltung muß den Unterleib über Gebühr anstrengen. Es scheint kein Land so reich an ärgerlichen, galligen Personen zu sein. Es ist sehr zu bedauern, daß jene schöne Sitte der Bäder immer mehr verschwindet, nach der die Gäste bloß als Menschen herkamen und alle gleich waren vor dem gleichmäßig wirkenden Brunnen, der kein Ansehen des hoch oder niedrig geborenen Magens kennt. Damals, so erzählten mir ältere Leute, brachte man keine Orden und Auszeichnungen in die Bäder mit. Jetzt glaubt jeder, er müsse um Gottes willen sich so etwas anhängen. Bei jedem zweiten Schritt sieht man ein großes Verdienst an Leberschmerzen leiden. Deutschland strotzt von bedeutenden Leuten. Sie sollten hier aber offiziell verboten werden. Die kleinen Leute könnten beim Anblick der Koryphäen von irgendwelchen Karlsbader Krankheiten erneut angegriffen werden. Und das würde die Kur stören. Aber dem Gedeihen sehr zuträglich ist die Brunnenliste mit ihren wirklich ingeniösen Titulaturen. Sie quetschen den Paß eines armen Privatmannes solange, bis aus ihm etwas wird. Mancher hat erst in Karlsbad erfahren, was er eigentlich sei. Ein gewöhnlicher Briefumschlag reicht für alle Titel und Würden nicht aus, an denen ein echter Kurgast leidet. Mancher ehrliche Mann mit schwachem Gedächtnisse ist nicht imstande, während eines langwierigen Nachmittags seine Titulaturen auswendig zu lernen. Da gibt es »kaiserlich-königliche privilegierte Gubernial-Kassen-Rendantur-Assistenten-Gattinnen« mit ihren Söhnen, die noch einige andere Attribute anhängen haben. Es laufen Rentiers aus allen Zonen herum. Und wenn einer gar nichts ist, so ist er Privatier oder seine öffentliche Ehehälfte wenigstens eine Privatiersgattin. Auch die Weiber müssen etwas sein. Ich habe die Drucker in Verdacht, daß sie ein gut Teil Schuld daran haben. Es ist meist an den Leuten so wenig Auffälliges, und ein österreichischer Drucker, der sonst nichts zu arbeiten hat, muß aus ihnen etwas machen. Wenn es auf Erden nichts zu tun gab, oder wenn sie ihres Tuns satt waren, gingen die Götter in den Olymp, um sich zu restaurieren. Karlsbad ist die Restauration mancher europäischen Götter in Ermanglung der olympischen. Ich hoffe, man besingt es auch einmal, ein guter Romantiker findet alle Sorten von Rezepten. Bequem genug lebt es sich hier. Dafür sorgt die Regierung und die Brunnenkommission höchst lobenswert. Die Fremden werden wie kranke Kinder behandelt, denen man mit Verleugnung mancher Prinzipien allen Willen tut. Und Kinder sind wir doch alle gar zu gern. Je bunter die Gesellschaft, je größer die Stadt und je bewegter die Zeit, desto trostloser wurde meine Langeweile. So viele Dinge, so viele Bedürfnisse dehnen das Herz aus. In einem kleinen Städtchen, wo nur die kleinsten Freuden erreichbar sind, gibt es keine Langeweile. Denn es gibt keinen leeren Platz für das Verlangen und die Sehnsucht. Und ist man gar gewohnt, ständig verliebt zu sein und man findet keine anbetungswürdige Göttin, die sich herabläßt, mit uns zu spielen, so ist das ganze Herz bald ausgehöhlt. Wer zu lieben gewöhnt ist und keinen Anlaß zur Liebe findet, wird bald vor Langeweile sterben. Im Apfel der Erkenntnis, von dem Eva naschte, ruhte nicht bloß die Sünde, sondern auch jene göttliche Sehnsucht, die durch alle Freuden der Erde nicht befriedigt wird. Die Ahnung überirdischen Glücks, die tief unglücklich macht. Und doch hat Eva wohlgetan zu naschen. Mutig und opponierend will Gott die Menschen. Ich bin auch der Meinung, die Weiber hätten ursprünglich frischeren, natürlicheren Mut als wir. Das hat Moses durch die Gestalt der Eva angedeutet. Ein leichter Schlag auf die Schulter weckte mich aus meinen Gedanken. Ein alter Freund aus der Studentenzeit begrüßte mich erfreut und fragte mich, was ich hier anfinge. Auf meine Antwort, ich langweilte mich hier glänzend, lächelte er und sah mich prüfend an. Dann schlug er vor, ich sollte mit ihm nach dem Süden fahren. In seinem Wagen sei noch ein Platz frei, und die beste Kur gegen Langeweile sei es, rasch von einem Ort zum andern zu wechseln. Er hielt mir die Hand hin und ich schlug nach kurzem Zögern ein. Wir gingen gemeinsam hinüber zum Mühlbrunnen. Um die Ecke biegend, prallte ich überrascht zurück. Jerta, die englische Jerta, stand vor mir, schön wie jemals. Wiederum war nicht die kleinste Miene von Bekanntschaft in ihrem Gesicht. Ich machte ihr in der Eile ein Kompliment, sie tat, als gelte das sonst jemand und ging unbeteiligt und unparteiisch weiter. Staunend sah ich ihr nach und vergaß den Hut aufzusetzen. So unbedeutend war ich mir noch nie vorgekommen. Die Interessen hetzten mich tot. Lange Zeit zum Überlegen hatte ich nicht mehr. Mein Begleiter drängte mich, am andern Tage schon weiterzureisen. Ich hätte es versprochen und müßte mein Versprechen halten, wenn ich ein ehrlicher Mann sein wolle. Aber ich wollte gar nicht, ich wollte glücklich sein. Über Jerta mußte ich notwendig ins klare kommen. Das war eine wichtige psychologische Aufgabe. Das Mädchen war sehr schön. Mein Freund lächelte verneinend, als ich meinte, es wäre hübsch, noch ein paar Tage zu bleiben. Er erklärte spöttisch, es sei zwar sehr romantisch, einer Frau nachzurennen, die von einem nichts wissen wolle, aber viel Erfolg würde er sich nicht davon versprechen. Ich packte ein und packte aus, es war mir gar nichts recht. Ich hätte weinen mögen vor Zorn, Verlegenheit und Liebe. Dabei saß mein Freund höchst unbefangen auf dem Fensterbrett und rauchte mit empörender Behaglichkeit seine lange türkische Pfeife. Er strich sich den Stutzbart, besah sich im gegenüberhängenden Spiegel und murmelte in halbem Gesange Opernarien. Selbstverständlich sang er falsch. Ich hätte ihn gerne zum Fenster hinausgeworfen, aber er war groß und breitschultrig, und wahrscheinlich wäre ich früher draußen angekommen als er. Wagen, Reiter und Reiterinnen brausten vorüber, das amüsierte ihn sehr, aber es hielt ihn nicht. Ich wußte, daß er viel mohammedanische Inklinationen hatte. Ich machte ihn auf die ergiebige Saison aufmerksam, er lächelte wieder, aber es half nichts. Da rannte ich hinaus. Ich wollte unbedingt Jerta noch einmal sehen, wollte ihr sagen, daß sie ein Engel an Schönheit sei und wollte dann scheiden. Aber im Gedanken lief ich in die Irre, vielleicht auch an ihr vorüber. Als ich endlich ihre Wohnung erfragte, war sie nicht zu Hause. Das war sehr schade. Der Tag neigte sich schon gegen den Abend, meinen letzten Abend in Karlsbad. Am Ende sah ich das Mädchen nie mehr. Müde setzte ich mich auf eine Bank, und es fiel mir plötzlich ein, daß ich wohl nur wegen der vielen Hindernisse soviel Interesse an dem Mädchen nahm. Ich wußte selbst nicht, wie es kam, daß ich plötzlich laut auflachte. Aber meine Ungeduld blieb dieselbe. Ich hätte vergehen mögen vor prickelnder Unrast. Es war dunkel und ich saß noch immer auf derselben Bank. Plötzlich erhielt ich einen leichten Schlag auf den Kopf, ich fuhr auf, Jerta stand am offenen Fenster und lachte. In meine Träumereien versunken, hatte ich sie nicht ins Haus gehen sehen, ich hatte sogar vergessen, daß ich unter ihrem Fenster saß. Sie wohnte zu ebener Erde. Hastig sprang ich zum Haus und griff nach ihrer Hand, die ein Steinchen nach mir geworfen. Sie zog sich zurück und trat einen Schritt in das Zimmer. In gebrochenem Deutsch bat sie mich mit leiser Stimme, nicht soviel Geräusch zu machen, sonst schließe sie sofort das Fenster. Ich versprach, mich ruhig zu verhalten, und bat sie nur um eine Hand. Scherzend hielt sie mir ihre hin, und nun war sie gefangen. Auf dem Fenstersims sitzend, zog ich sie dicht ans Fenster und ließ sie nicht wieder los. Zwar tat sie böse, aber sie war es nicht. Nun sah ich erst, wie schön sie eben war. Vom Spaziergange leicht erhitzt, glühten ihre Augen und Wangen. Ihre Locken flatterten wie lose Vögel um Nacken und Schulter, da ich frech genug war, ihr den Kamm aus den Haaren zu ziehen. Sie trug ein weißes luftiges Nachtkleid und war warm und lieb wie eine blumige Frühlingsgegend, die den Tag über im Auge der Sonne ruhte. Ich bedeckte ihre Hände mit Küssen und flehte um ihren Mund. Aber sie neckte mich nur, blies mir ihren Atem über den Mund und entwich stets. »Still« – sagte sie plötzlich zusammenschreckend und drängte ihr Haupt ängstlich horchend an meine Schulter. Durch den Garten kamen Schritte heran. Wir rührten uns nicht. Es war recht dunkel geworden. Oben am Fenster hörte man Geräusche, und die Schritte unter uns kamen direkt auf uns zu und endigten dicht unter mir. Eine Baßstimme begann ein zärtliches französisches Gespräch, noch zärtlicher wurde von oben geantwortet. Jerta kniff mich mit unterdrücktem Lachen in die Wange. Ich küßte sie auf das Auge und war überzeugt, sie würde mir nicht mehr entrinnen können. Da fiel mir von oben ein Schlüssel auf den Rücken, er hing an einem Bande. Ich schleuderte ihn eiligst meinem unbekannten Nachbar zu. Bald hörten wir ihn an einer Türe herumarbeiten. In diesem Augenblicke entwich mir Jerta. Ich kam durch ihre unvermutete Bewegung völlig aus meiner Position und hatte Mühe, mich auf der Bank zu erhalten. Blitzschnell schloß sie unterdes die Fenster. So war ich nun ausgesperrt. Es fing an zu regnen, ich klopfte immer stärker an die Scheiben ihres Fensters, doch sie antwortete nicht. Endlich rief ich mit lauter Stimme: »Bei Gott, ich reise morgen!« Ich erschrak selbst. Im oberen Zimmer antwortete ein durchdringender Schrei, ich hörte Geräusche, sah oben Lichter hin- und herfliegen, am Gartenzaune vernahm ich Stimmen. So stürzte ich nach der anderen Seite und wollte über die Planken klettern. Eine Kartoffelfaust packte mich beim Kragen, als ich kaum wieder an der Erde angekommen. An den Fingern fühlte ich, daß es eine Hand sei, die sich einigen zwanzig Kreuzern krümmen werde. Stumm griff ich in die Tasche, stumm wurde das Geld angenommen. Man ließ mich ziehen. Wahrlich, ein gebildeter Nachtwächter. Am andern Morgen weckte mich mein Studienkollege. Er war reisefertig, der Postwagen stand vor der Tür, es galt kein Zögern. Über Hals und Kopf mußte ich packen, bei jedem Kleidungsstücke seufzte ich nach Jerta. Kaum gewann ich soviel Zeit, den Postillon zu bestechen, den Umweg nach den Hans-Heiling-Felsen einzuschlagen. Es regnete mit sommerlicher Ausdauer. Karlsbad sah grau und feucht wie eine trauernde Wittib aus. Mein Herz war voll Sehnsucht. An einer Ecke erblickten wir eine feine schmiegsame Gestalt unter einem Regenschirme. Sie hob ihr seidenes Kleid regenfurchtsam auf. Mein Freund stieß mich vergnügt an und deutete auf den schönen Fuß und das runde lockende Bein mit dem engen, schneeweißen Strumpfe. Vielleicht war dieses Mädchen meine Jerta. Sah ich sie nicht lächeln? Aber vorüber rollte der Wagen. Draußen sahen die Täler und die bewachsenen Höhen silbergrau aus, und wenn die Sonne manchmal einen verstohlenen Blick in die Regendämmerung hineinwarf, glänzten und glitzerten über weite Strecken hin lauter hüpfende Augen. Es ist ein halb wüstes, halb verwachsenes, stummes Waldgebirge nach den Heilingfelsen hin. Eine halbe Stunde vorher hört die Straße auf und wir mußten aussteigen. Den Postillon ließen wir warten und machten uns auf den Weg. Die Sonne jagte die letzten Wasserschauer nach Sachsen hinüber. Über eine schweigsame Hochebene ging es nach dem Heilingtale. Langsam öffnete sich ein unordentlich zerrissenes Tal. Es ist kein Chaos der Größe oder Schönheit, sondern eine wüste Wirtschaft von schlanken Tannen, von durcheinandergestürzten Felsblöcken und kahlen Strichen. Dazwischen ein rascher ernster Fluß. Körner erzählt eine lange Geschichte von Heiling und benutzt dabei fleißig den Teufel. Ich hatte mich früher über die unnütze Teufelei geärgert. Denn der Teufel muß überall herhalten, wo man nichts Besseres weiß. Als ich indes dieses Tal sah, war ich milder gesinnt gegen Körner, der so glücklich gewesen ist, in allgemeiner Begeisterung zu singen und zu sterben: der Teufel hat allerdings hier und überhaupt in Böhmen arg gewirtschaftet. Sein gelber Salpeteratem liegt überall noch auf den Steinritzen. Böhmen ist eine der besterhaltenen Barrikaden aus der Revolution der Erde. Da ich der Meinung bin, daß alles so lange besteht, bis es zu einem gewissen Grad von Vollkommenheit gediehen ist, so glaube ich, die Erde werde sich noch lange in den jetzigen Verhältnissen befinden. Es ist noch sehr viel aufzuräumen und einzurenken. Am jenseitigen Ufer zeigten sich die Heilingfelsen. Es sind senkrecht aufgestellte Steinblöcke von mäßiger Größe, die für eine bewegte Phantasie wunderliche Figuren bilden. Der Tischler, der uns führte, nannte den ersten ungeschlachten Block den Kapuziner, den folgenden einen Brautzug, der plötzlich versteinert worden sei, als er dem Kapuziner zur Kirche folgte. In der Jugend hatte der Tischler diesen Brautzug angeblich noch erkannt. Da hatte er noch frische junge Augen. Damals kannte er noch die erste und zweite Brautjungfer und den Hochzeitsvater, ja, er hatte den Busen der schönen Braut sich heben sehen. Jetzt erzählte er uns nur das Märchen von Hans Heiling, eine sehr »aberglaubige« Geschichte, wie er sie nannte. Marienbad Man sieht wenig Menschen und wenig Dörfer und fährt die ganze Zeit über eine niedrige Hochebene. Unbedeutende Berge und Waldungen ziehen sich im Lande herum. Vornehme Reisewagen flogen zuweilen an uns vorüber, die Gegend schien nur zum Durchpassieren für die Badegäste da zu sein, denn sonst sah man niemand. Ich machte die Augen zu, lehnte mich in meine Ecke und dachte an Jerta. Der Wagen rollte in ein waldiges Tal. Gerade und triefend standen an beiden Seiten junge schlanke Tannen. Sie begleiteten uns treu auf einem im Kreise hinabeilenden Wege, in dessen Kessel plötzlich Marienbad erschien. Stärkere Bäume gruppierten sich bis unten an die Häuser. Es sieht aus, als fahre man in ein altes Theater hinein und die terrassenförmig aufsteigenden Bäume seien die Zuschauer. Die reduzierten Adeligen errichteten in Österreich Gasthöfe, und ihre Titel dienen als Schilder. Der Postillon fragte, ob er uns zum Grafen oder zum Baron fahren solle. Der Baron sei aber besser. Wir schlüpften ins Zimmer und ließen Feuer anmachen, obwohl es mitten im Sommer war. Nachdem wir uns umgekleidet und in die weiten Schlafröcke gewickelt hatten, öffneten wir die Fenster und sahen hinaus mit frischgewaschenen Gesichtern und Augen. Die Wärme strich uns um die Schläfe nach der Regenluft hinaus. Vor unserem Hause war ein abschüssiger freier Platz. Weit drüben an seinem Ende öffneten sich die Waldberge, und große Christuskreuze hoben sich im Passe empor. Dahinter aber öffnete sich licht das Land mit unbestimmter, mattschimmernder Ferne. Durch den dunkel regnerischen Vordergrund sahen wir in ein süßdämmerndes Jenseits. Der ganze Anblick war katholisch. Die fächelnde Wärme flüsterte uns lateinisch-italienische Worte in die Ohren, stolze Gebäude sahen uns mit dunklen, vom Regen geschwärzten Augen an. Alles war totenstill. Leidende Herzen, hoffnungsselige Unterleiber aus allen Gegenden der Erde saßen hinter den stummen Mauern, aber kein Laut gab bekannt, daß Menschen in Marienbad wohnten. Als es dunkel wurde, schlug ich dem Begleiter eine Partie Whist vor. Dann wollten wir die Postpferde bestellen und nichts weiter mehr in Marienbad ansehen, sondern den Eindruck stummer italienischer Villen mit uns nehmen. Er war es zufrieden, und wir ließen uns die Karten bringen. Als wir nach einigen Stunden vor das Haus traten, goß es noch immer über Marienbad. Zwei Reisewagen standen vor der Türe, wir wollten langsam vorausfahren. Mein Freund ging noch einmal in das Hotel zurück, um sich mit Proviant zu versorgen. Er kam ziemlich angeregt zurück und erzählte, neben uns sei ein junges Mädchen aus Bayern abgestiegen, das ebenfalls nach Eger reisen wolle. Er habe im Vorsaal ihre Bekanntschaft gemacht. Damit uns die kleine Bayerin zum Mittagessen in Franzensbrunn oder Eger nicht entginge, wurde der Kutscher zur Eile angetrieben und wir fuhren los. Als sich unser Wagen am Brunnen vorüberwand, tönte Musik zu uns herauf. Der Kutscher mußte halten. Liebestöne lockten durch die Morgenstille. Ich sprang aus dem Wagen, in diesem Augenblicke flog die Chaise mit dem bayrischen Mädchen vorüber. Mein Freund wurde von Unruhe ergriffen, sie möchte ihm entwischen. Er bat und flehte hinter mir her, diesem himmlischen Gesang zu entfliehen, da uns sonst die bayrische Realität zum Teufel fahre. Umsonst, ich ließ mich nicht halten. Grollend folgte er mir nach. Man tritt in den langen Brunnensaal wie in ein Klosterrefektorium. Es sieht reizlos und wüst aus. Die Leute schleppen sich mit schweren Mänteln und Überschuhen auf und nieder. Sonst betet man in einer so frühen Stunde nur für das Wohl der Seele. Jetzt und hier betete man für das Wohl des Unterleibes. Statt Gebetbüchern und Rosenkränzen verkaufte ein stiller Mann in einer Fensternische weiche Quartblätter feinsten Papiers. Er lächelte still und innerlich, als ich mir ein Blatt kaufen und lesen wollte. Nicht zu so gemeinen Zwecken war das Papier bestimmt. Aber wer war jener große Mann mit dem weitläufigen Gesichte, der entblößten Hauptes in einem Winkel lehnte? Die Züge schienen mir so bekannt wie die Melodien der »Jessonda«, die gerade zu hören waren. Er bemerkte nicht, daß ich ihn anstarrte. Selbst ein Mädchen, das sich an ihn lehnte und an ihm hinaufsah, beachtete nichts als ihn. Sie schien ihn ebenso zu lieben wie jene Musik, und die keusche Verehrung, mit der sie zu ihm aufsah, deutete darauf, daß sie seine Tochter sei. Als das schöne Liebesduett ausklang, schlug er die Arme unter der Brust zusammen. Sein Haupt war groß wie von Halbgöttern. Man erkennt an diesem Zeichen antike Köpfe: alle Halbgötter haben nämlich volle, runde Schläfen, während die der gewöhnlichen Menschen eingedrückt sind von irdischen Sorgen. Es war Jessondas Vater – es war Spohr. Alle Formen an ihm sind kolossal. Man sollte glauben, er müsse schon der Proportion halber statt der Geige wenigstens ein Violoncell in den Arm nehmen und an das breite übernapoleonische Kinn drücken. Trüge er nicht unter dem bloßen Halse eine Busenkrause, man hielte ihn für einen alten Recken. Alle Züge seines Gesichtes sind schweigsam, aber musikalische Titanenworte ruhen in diesem Schweigen. In seiner Musik ist alles keusch, und von der Erde Regungen ist nur die Verwandtschaft mit den Göttern wiedergegeben. Der Kollege bat mich flehentlich, von dannen zu fahren. Spohrs Gesicht entgehe uns schon nicht, wohl aber das bayrische Mädchen. »Herr«, sprach ich, »haben Sie Erbarmen gehabt mit meinem faible für Jerta? Was ist so ein bayrisches Mädchen, das Bier trinkt, gegen Jerta, die vom Äther und Sonnenschein lebt! Aber ich will feurige Kohlen auf Ihrem Haupt sammeln. Adieu, Spohr!« Und wir fuhren weiter. Der Wagen mit dem bayrischen Mädchen war nicht mehr zu sehen, mein Freund wurde unruhig und versprach immer höheres Trinkgeld. Die Gegend blieb wüst wie vor Marienbad. Jenseits der Waldberge liegt Schloß Königswart, wo Metternich mit seiner jungen schönen Frau ausruht von der Regierung des konservativen Europa. Die Diplomaten seiner Partei kommen tausend Meilen weit in das wilde Böhmen, um ihn zu fragen über Maßregeln gegen das unbändige neue Geschlecht. Endlich kamen wir nach Eger, wo man Wallenstein ermordete. Die Tragödie Wallenstein hätte ich Schiller nie vergeben, wäre sie nicht seine schönste. Denn die ganze Anlage Wallensteins ist nur ein Trugbild jenes tätigen, gespenstig-wagenden Friedland, der unträumerisch, mit eiskalter Verständigkeit nach der Macht strebte. Jener Wallenstein, dem der Kampf um Glaubensdinge Kinderspiel war, mit dem höhnischen, irreligiösen Kinn, mit der zermalmenden, eckigen, langen Knochengestalt, mit der Ahnung napoleonischer Kraft, wo ist er hingekommen? Oh, Friedrich Schiller war viel zu tugendhaft, um eine große historische Tragödie zu schreiben. Er hätte aus Napoleon einen Ideologen gemacht. Ihn kümmerte nicht die Handlung, sondern der Grund der Handlung; nicht die Tat, sondern ihre Beschreibung. Man hat neuerdings Wallenstein wieder ehrlich gemacht und Beweise aufgefunden, daß er ein legitimer Mann und kein Empörer gewesen sei. Sie werden über kurz oder lang sicher noch auffinden, daß Napoleon eigentlich ein sehr guter Christ und ein rechtschaffener Mann gewesen sei. Wallenstein soll sich auch viel mit konstitutionellen Einrichtungen befaßt haben. Das sähe ihm just so ähnlich wie die Gründung einer Bibelgesellschaft. Wir eilten sogleich wieder weiter. Mein Begleiter war sehr bewegt und erleichterte sein Herz durch leises Fluchen.   Über eine belebte Fläche ging es nach Franzensbrunn, das eine kleine Stunde entfernt liegt. Es ist ein kleiner sauberer Ort mit massiven, hübschen Gebäuden. Es sieht ausgekehrt und zierlich aufgeräumt aus, als komme man in eine Alte-Jungfern-Stube. Unsere Aufgabe, das Mädchen aufzufinden, war nicht leicht, da wir nicht den kleinsten Anhaltspunkt hatten. Wir fingen also unsere Untersuchung beim ersten Hause an, und unsere löbliche Absicht erstreckte sich auf ganz Franzensbrunn. Es ist ein Novellenstoff, den ich nur sehr empfehlen kann, zwanzig bis dreißig verschiedene Wohnungen hintereinander zu betreten. Endlich hatten wir Glück: wir kamen durch ein halbdunkles Vorzimmer zu zwei großen Glastüren, die mit dünnem Flor verhangen waren. Im Zimmer sahen wir vor einem hohen Spiegel ein Mädchen stehen, das nur mit einem blendendweißen Unterröckchen bekleidet war und sich mit vollen frischen Armen die schwarzen Flechten des Haares band. Ihr Kopf war nach vorne hin niedergebeugt, ein voller Nacken und feste Schultern stachen uns lachend und keck in die Augen. Jetzt wendete sie sich nach einem Seitentisch, um etwas an sich zu nehmen, wir sahen das Profil, es war unser bayrisches Mädchen. Ein krampfhafter Druck der Hand bedeutete mir zurückzubleiben. Ich ließ mich auf einen Stuhl nieder. Leise schlich er hinein – sie erblickte ihn im Spiegel und schrie laut auf. Mein Begleiter hielt einen Augenblick inne. Das verwunderte mich. Sie sprach Französisch. Das verwunderte mich noch mehr. Jetzt eilte er zu ihr, ergriff ihre Hand und küßte sie lebhaft. Ich sah noch einmal ihr volles Gesicht, aber es war nicht das bayrische Mädchen. Ich hörte deutlich ihre Worte, daß sie jeden Augenblick ihren Gemahl zurückerwarte. Wirklich kamen hastige Schritte die Treppe herauf und wandten sich der Türe des Vorzimmers zu. Hastig rief ich: »Er kommt«, setzte meinen Stuhl dicht vor die Türe und mich darauf. Stürmisch rannte der Eintretende an, ich sprang auf, um ihm die Aussicht zu nehmen. Er fragte entrüstet, wer ich sei. Pantomimisch versuchte ich, ihm begreiflich zu machen, ich sei stumm und warte hier auf jemand. Er stieß mich zur Seite und eilte nach dem Zimmer, in dem niemand mehr zu sehen war. Diesen Augenblick benützte ich zur Flucht. Als ich auf die Straße kam, trat eben aus dem Nachbarhaus mein Freund. Ohne zu wissen wohin, gingen wir eine Strecke weiter. Er erzählte mir, die Dame sei eine alte Bekannte aus Teplitz. Er sei in großer Eile durch Seitenzimmer, die sich in das anstoßende Haus erstreckten, entkommen. Ich erklärte, ich hielte es durchaus nicht für geraten, dem Herrn Gemahl noch einmal zu begegnen. Meine stumme Rolle würde einige Unannehmlichkeiten mit sich bringen. Ich hielte es also für besser, die Bayerin aufzugeben und nach Eger zurückzukehren. Aber er war durchaus nicht dahin zu bewegen und zog mich in den Kursaal, wo eben gespeist wurde. Neben uns saß das bayrische Mädchen mit ihrer dicken, harthörigen Mutter. Mit Feuer wurde die Bekanntschaft erneuert und das gesunde, natürliche Kind mit Liebeserklärungen überschüttet. Sie kam nicht aus dem Rotwerden heraus, und beide Teile versäumten ohne viel Bedauern das schlechte Mittagessen. Nach aufgehobener Tafel ging man im Saale auf und nieder. Ich nahm mich der harthörigen bayrischen Mutter an und ließ mich angelegentlich in alle Mysterien ihrer gestörten Verdauung einweihen. Sie liebte ihr Leben über alles, und ich konnte nichts Besseres tun, als ihr mit rationellen, physikalischen und kabbalistischen Gründen zu beweisen, daß sie sehr alt werden müsse. Der Kollege war mit der Tochter in ein Seitenzimmer getreten. Ich stellte mich vor die halboffene Türe und verhinderte durch lebhafte Unterhaltung die Mutter am Eintreten. Damit sie nicht hineinsehen könne, wies ich darauf hin, daß aus dem Nebenzimmer ein erkältender Zug dringe. Sie trippelte auf die Seite, und ich ersuchte sie um eine vollständige Geschichte ihrer Krankheit. Das Gespräch in jener Stube aber ward immer weicher und stockte zuweilen. Als ich mich einmal schnell umwendete, sah ich, daß mein Bekannter schon seinen Arm um die Taille des Mädchens geschlungen hatte. Die Tochter der dicken Mutter wehrte nur nachgiebig ab. Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen, denn sie kehrte mir den Rücken zu. Kaum zur Magenstörung der Alten zurückgekehrt, sah ich jenen Herrn Gemahl mit seiner Frau in den Saal treten und langsam auf uns zukommen. Ich saß wie auf Kohlen, denn meine stumme Rolle konnte undankbar werden. In diesem Augenblicke schrie das Mädchen im Nebenzimmer laut auf und stürzte heraus in die Arme ihrer Mutter. Ich hörte nur noch ihre leise klagenden Worte: »Ach Gott, Mutter, er ist verheiratet.« Der Herr Gemahl kam direkt auf mich los, ich zog mich eiligst in das Nebenzimmer zurück, Hut und Überrock im Stiche lassend. »Fort«, rief ich, »der Gemahl kommt.« Wir eilten in das nächste Zimmer und in das dritte, doch die Schritte kamen hinter uns nach. Die Zimmer waren zu Ende, der Ausgang verschlossen. Im Hui sprangen wir durch die offenen Fenster. Entblößten Hauptes kamen wir beide zu unserem auf der Straße haltenden Postillon und eilten in den Wagen. Ich nahm Hansl die Zügel ab, mit einigen zwanzig Kreuzern bewaffnet wurde er abgeschickt, um das im Stich gelassene Material durch einen Kellner zu gewinnen. Ich fuhr uns eiligst aus der Schußweite bis vor das Städtchen. Hansl ging lachend. Nach einer Viertelstunde kam er wieder und brachte uns Rock, Mantel und Mütze. In Eger requirierte ich schleunigst eine Post, verabschiedete mich von meinem Begleiter – ich sollte ihn erst in Wien wiedersehen – und fuhr den Weg zurück. Thüringen Es war dunkel, als ich den Berg nach Weißenfels hinunterfuhr. Das Schloß leuchtete matt herüber in seiner stolzen Ruhe, lichtgelb mit blaugrauem Dache. Ein stattliches Gebäude, bei dessen Anblick mir der Dreißigjährige Krieg einfiel. Auf dem Schlosse zu Weißenfels hat Wallenstein in der letzten Nacht vor dem Schlachttage zu Lützen gewohnt. Die Sterne, die jetzt über mir aufgingen, haben ihm damals Rede und Antwort gebracht auf seine Lebens- und Todesfragen. Auf diesem Schlosse lag die Nacht darauf todwund der wilde katholische Reiterführer Graf Pappenheim, der mit seinen Kürassieren noch am Abend der Schlacht von Halle herüber auf den Kampfplatz galoppiert kam. In dieses Schloß brachte man Gustav Adolfs Leiche, die man mühsam hatte unter einem Haufen Gefallener hervorziehen müssen. Hier bei Weißenfels beginnt die große Schlachtebene, die sich zwischen Halle, Merseburg, Leipzig und Lützen ausbreitet. Thüringer Hügel wachsen nach Süden herauf zu Bergen. Geographisch beginnt Thüringen eigentlich hier. Die alte Grenze ist zwei Meilen weiter, eine halbe Viertelstunde hinter Naumburg. Auf der alten Heerstraße nach Kösen führt die Schweinsbrücke offiziell in das lieblich-freundliche Land. In Gedanken sehe ich Thüringen immer sonnenbeschienen zwischen grünen Bergen liegen. Freundliche Leute wohnen hier, die täglich Pflaumen- oder Apfelkuchen oder sonst eine Kuchengattung verspeisen. Weil der Kuchen in meiner Heimat etwas Sonn- und Feiertägliches ist, so erscheint mir Sachsen und Thüringen stets wie zu einem Festtag geputzt. Sachsen leistet in der Kuchenbäckerei nur etwas weniger als Thüringen. Ich darf bloß an zwei Vergnügungsorte bei Leipzig erinnern, die ohne weitere Umstände »der große und der kleine Kuchengarten« genannt werden. Die ärmste Frau bäckt mit dem Brote einen Kuchen. Die Nationalleidenschaft heißt Kuchen. An der Heerstraße steht an den Warenhausschildern obenauf »Kuchenbäckerei«. Ich hatte eine lange Zeit das Glück, mitten im Schoße dieses nationalen Appetits zu wohnen und alle Nuancen beobachten zu dürfen: in Kösen steht nämlich hoch am Wege das berühmte Hämmerlingsche Kuchenhaus, wo jeder, der vorüberpilgert, einkehren muß. Bertha bringt einem hier zu jeder Jahreszeit den passenden Kuchen ohne jede weitere Frage. Zu Fuß, zu Roß, zu Wagen wird hier pausierend genossen. Das Haus liegt an der Straße nach Paris, der Postillon hält still und erwartet Bertha für sich und die fremde Herrschaft, die oft mit Verwunderung den ohne weiteres präsentierten Kuchenteller betrachtet. Wenn meine Schriftstellerei nicht recht vorwärts wollte, habe ich oft stundenlang den Reisenden zugeschaut. Am Ende konnte ich schon den Thüringer von den anderen Menschen unterscheiden: er verzehrt mit größerer Sicherheit und vertrauterem Genusse das heimatliche Labsal. Die Erinnerung an das alte Deutsche Reich wird hier wach, wenn man aus der nordöstlichen Ebene an die Berge und Täler kommt, die den Übergang zu den ältesten Gebieten des Reiches bilden. Jenseits östlich und nordöstlich dieser Berge gab es nur Marken. Der Vergleich mit Sachsen liegt nahe. In Thüringen ist alles Sächsische sanfter schattiert, der Akzent ist nicht so auffallend, der Menschenschlag, zwar auch noch wenig über die kleine Mittelgröße hinausreichend, wie sie in Sachsen vorherrscht, ist schon mannigfaltiger. Die glatten, zierlichen Mädchen Sachsens sind seltener. Das dralle Leipziger Jäckchen hört auf, der kurze Kattunmantel beginnt, in den sich hier auch die ärmlichste Weibsperson hüllt. Als Eigentümlichkeiten treten auf: das allsonntägliche Scheibenschießen, die im vollen Flore stehende Lohnkutscherei, die Einspänner und die Vorliebe für saure Milch. Das muntere, rührige Weißenfels erweckt mir als ein halber Grenzort stets die politischesten Gedanken. Doch was kann das kleine Städtchen für die deutsche Vielstaaterei? Es ist ein kleiner fideler Ort für Pensionierte. Wohlfeil und leicht zugänglich, zieht es mit magnetischer Kraft die Ausgedienten aller Stände an. Man spielt hier recht gut Theater, liest sehr viel, man hält Zeitungen, kurz, man ist eine luxuriöse kleine Stadt und gar nicht blöde.   Der finstere Morgen, an dem mich mein Freund, der Mautmann an der Kösener Brücke, nicht erkennen wollte, ging erst ein wenig ins Dunkel über, als wir hinter Kösen die lange Bergstraße aufwärtsfuhren. Sie ist trotz der trefflichsten Chaussee noch beschwerlich genug. Bevor diese Gegend preußisch wurde, soll die Straße überhaupt nicht existiert haben. Es war also hier ein sogenannter romantischer Paß, wo Pferd und Wagen zerbrachen oder steckenblieben. Im jenseitigen Dorfe aber und in Kösen waren die Wegelagerer zu Hause, das heißt diejenigen Leute, die sich zum Vorspann Pferde halten. Diese geborenen Feinde aller Reisenden sind heute noch nicht ganz beruhigt. Von ihnen und ihrem Anhange wurden die Kunststraßen ebenso schnöde begrüßt, wie die Eisenbahnen heute von Wirtshäusern und Lohnfuhren angefeindet werden. Es gibt keinen Fortschritt, der nicht damit anfängt, Wunden zu schlagen. Hinter dem Städtchen Eckartsberge fällt das Land wieder in tiefere Hügel, links davon schlummert in einer Taltiefe das Städtchen Apolda. Wir fuhren bis zum Abend weiter. In Tiefurt stiegen wir noch einmal ab, um Kutscher und Roß stärken zu lassen. Tiefurt liegt wirklich in der Tiefe. Zwischen dunklen Bäumen zieht sich ein Park an der Ilm hinab, jenseits des Flüßchens an einer Berglehne in die Höhe. Es war schon herbstlich, als ich ihn damals am Abend durchschritt. Hie und da sah mir eine weiße Herme geisterhaft entgegen. Die ganze Tafelrunde von Tiefurt, das einst der eigentliche Gartensalon der genialischen Weimarer Gesellschaft war, ist tot. Das Land mit dem nahen Städtchen Weimar ist eine offene Gruft unserer klassischen Literatur. Weimar Man sieht Weimar erst ganz von nahem. Auf den Höhen vor der Stadt lagert laubgrünes Gehölz, das sogenannte Webicht. Der frische junge Wald ist von Alleen durchschnitten. Wege für Reiter und Fußgänger laufen durch ihn hin. Nur die Spaziergänger, die einem entgegenkommen, deuten auf die Nähe der Stadt. Das duftige grüne Waldleben liegt wie ein Schleier vor Weimar. Plötzlich öffnet sich der Blick nach dem Walde, und dicht vor uns breitet sich die Stadt aus. Der blau gedeckte Thüringische Turm, das Durcheinander der Häuserdecken, das anspruchslose Schloß, von Wasser und hängenden Baumzweigen begrenzt, zeigen sich den entzückten Augen. Noch reizender ist der Anblick, wenn man vom Ettersberge herunterkommt. Wenn man von dort Weimar im hellen Sonnenlichte liegen sieht, blau und freundlich, gehoben durch die heitere Berglehne, so findet man wohl, daß sich die Ersten unserer Literatur hier in der Mitte von Thüringen recht artig angesiedelt haben. Will man sich den guten Eindruck erhalten, so fahre man gleich wieder auf der anderen Seite aus der Stadt, die Allee nach Belvedere entlang. Da liegen die Landhäuser der Dichter. Weimar wird bald eine kleine Stadt werden, in der man in das Kasino und auf die Jagd gehen muß, um Abwechslung zu haben. Die Literatur ist Weimars größter Feind, weil sie Ansprüche weckt, für die Weimar selbst nichts kann. Denn Weimar ist eine Stadt an sich, ein offener Ort mit achttausend und einigen Einwohnern, unter denen jetzt kein Dichter mehr lebt. Mit einem Gymnasium, mit einem Waisenhause, einem Theater, einem Spitale, mit krummen Straßen und sonstigem Zubehör. Daß der große Weimaraner Karl August die berühmtesten Deutschen hierhergerufen, daß diese lange hier gewohnt, dafür kann man billigerweise Weimar selbst nicht verantwortlich machen. Der Ort ist keine Fabrik berühmter Leute. Doch mag es auch töricht und unbillig sein, Weimars Vergangenheit seiner Gegenwart zum Vorwurfe zu machen. Mögen sich auch historische Zustände nicht gewaltsam wiederholen lassen, so ist es doch eine gerechte historische Forderung, ein verhältnismäßiges Streben zu verlangen, sobald die Anregung so groß und herrlich war. Das Erbe des Genius läßt sich nicht ohne weiteres übernehmen. Aber man kann doch den Sinn in angemessenem Schwunge und Stile erhalten. Es ist die höchste historische Pietät, aus der oft die schönsten Früchte entstehen, und die jedenfalls den würdigen Dunstkreis einer begünstigten Kultur rein und frisch bewahrt. Weimar müßte den Beruf in sich fühlen, eine literarische Akademie Deutschlands zu gründen und Kongresse von Schriftstellern bei sich zu versammeln. Literarische Größen an einem Orte zu versammeln, würde allerdings jetzt sehr schwierig sein. Neutralität wäre nur unter den gerechtesten Bedingungen zu erreichen. Daß Ähnliches nicht einmal versucht wurde, ist aber befremdlich, wenn man den häufigen Vorwurf bedenkt, die Schriftsteller seien im ganzen republikanisch gesinnt. Die Berührung mit einem Hofe, ja nur ein ferneres Verhältnis zu ihm, wäre ja das beste Mittel gewesen, die Literaten zu gewinnen. Der Hof mit seinen festen Formen, seinen leichten und schönen Fesseln ist ja in Spanien und Frankreich ursprünglich dafür erfunden worden, das in irgendeiner Weise Widerstrebende dadurch zu bannen, daß man es in die neutralen Interessen eines glänzenden Mittelpunkts zusammendrängte. Die Granden Spaniens, die Seigneurs Frankreichs, die vorher die hartnäckigsten Gegner des Königs waren, sind durch die Höfe von Madrid und Paris beruhigt und im Zaume gehalten worden. Jedes Genie ist von Haus aus revolutionär, weil es erfinderisch und schöpferisch ist. Die Aufgabe der Mitwelt ist es, Große in gemessene, harmonische Verbindung mit dem Bestehenden zu bringen. Dies geschieht dadurch, daß man sie der Vorteile und Freiheiten der Herrschenden teilhaftig werden läßt, damit sie mit ungestörtem Herzen und folglich auch selbst nicht störend das Neue schaffen und erfinden. Wessen Geist sich nie hinausgewagt hat, um das bestehende Gesetz, die herrschende Sitte vom isolierten Hügel der ungebundenen Eigentümlichkeit anzusehen und zu prüfen, die Rechte des Verbotenen mit in die Waagschale zu werfen, in sich den Versuch einer eigenen Gesetzgebung zu unterzeichnen, der hat nie Genie besessen. Geniale Menschen nie feindselig gesinnt zu machen, das ist eine Aufgabe des Herrschenden. Man muß einräumen, daß sie an den Mittelpunkten unserer letzten Literaturepoche vortrefflich gelöst wurde. Man braucht nur zu überlegen, daß damals jeder Revolutionär in Frankreich ein weites Betätigungsfeld gefunden hätte. Aber die literarische Bildung war neu, überraschend und trat nur in wenigen gebieterisch vor die Öffentlichkeit. Es war leicht, sie auszuzeichnen und zu ehren. Einzelne Herrscher verliehen an Dichter und Schriftsteller Orden und Adelsdiplome. Ausgezeichnete Fürsten verkehrten mit ihnen als den Erlauchten der Nation. Jetzt ist das alles anders. Man sieht keine literarischen Granden bei Hofe mehr, dafür haben auch die kleineren Geister Speise und Trank. Der Buchhändler zahlt mehr, und der Schriftsteller ist Mitglied des vierten Standes geworden, während er früher Herr oder Lump war. Man muß ein Mädchen nicht zu lange ignorieren, wenn man ihr Vorwürfe machen will. Sie sucht sich sonst einen anderen Liebhaber, und man bringt die Verzweiflung dann nur sehr schwer an. Aus alldem ist zu erkennen, daß die Idee Fürst Metternichs, eine deutsche Akademie zu gründen, sehr klug und eines solchen Staatsmannes würdig ist. Vom Kreise Goethes leben jetzt noch in Weimar der Kanzler von Müller, Riemer und Eckermann. Ich weiß nicht, ob Stefan Schütz, der ebenfalls hier lebt, auch zum Kreise Goethes gerechnet werden will. Die einfache Manier, in der er vor kurzem sein anspruchsloses Leben beschrieben, streift allerdings auch an diese Geschmacksrichtung. Er allein aber wagt es, zuweilen in den Journalen vorzubringen, Goethe sei auch nur ein Mensch gewesen, wenn von Überschwenglichkeiten des Dichters erzählt wird. Ich habe im Theater seine kleine Figur mit dunklem, scharf markiertem Kopfe gesehen. Auch lebt der bekannte Rationalist Röhr als Oberhofprediger in Weimar, und obwohl der Rationalismus sehr ins Hintertreffen geraten ist, bringt man seinen Predigten viel Interesse entgegen. Ferner sieht man den Oberkonsistorialrat Peucer hier, der sich am literarischen Leben sehr interessiert zeigt, und auch Biedenfeld, der von Bidassoa bis an die Beresina schon überall war, von Napoleon bis zum Kommissionsrat Cerf alle Notabilitäten gesprochen, unzählige Stücke und Bücher geschrieben, die Literatur aller Nationen gelesen hat. Er ist ein unverwüstlicher Freund und ein Mann des Lebens und versteht es, sich seinen Bekannten freundlich und gefällig zu erweisen. Sobald er es mir erlaubt, will ich gerne seine Biographie schreiben. Von den Instituten ist besonders das Museum hervorzuheben. Es ist sicher eines der schönsten in Deutschland. Trotzdem die Literaten fehlen, hat man ein Haus für Literatur errichtet: die Geliebte ist tot, begnügt euch mit der Liebe. Dieses Leseinstitut verdankt der Großherzogin, von der überhaupt eine tätige und segensreiche Wirkung ausgeht, seinen großen Stil und die kostspielige Unterhaltung. Fast wie zu London im großen Lesekabinett, wo man für einen Schilling Entréegeld eine Zigarre und fast alle Journale der Welt bekommt, findet man hier ohne Schillinge und Zigarre Lektüre aller Länder und Berufszweige. Daneben sind alle neuen Bücher ausgelegt. Merkwürdig genug aber: in ganz Weimar gibt es nur eine Buchhandlung, die gerade nur die Bücher zum Verkauf anbietet, die sich der Vorliebe des Eigentümers erfreuen dürfen. So wie man auf unseren Gymnasien früher nur eine Stunde oder gar nicht deutsche Sprache lehrte. Wenn man in Weimar neue Bücher kaufen will, so schreibt man meistens nach Jena. So wie man von Merseburg nach Halle fährt, um gutes Merseburger Bier zu trinken. Es wird erst gut, wenn es verfahren ist. Und die Bücher sind interessanter, wenn sie von auswärts kommen.   Unweit des Theaters von Weimar steht ein kleines Häuschen, zusammengeknickt und versperrt mit grünen, verblichenen Jalousien, das war Schillers Haus. Fast überall, wo ich Schillers häuslichem Leben nachspürte, sind mir kleine, niedrige Räume begegnet. Man sollte doch denken, die hohen Gestalten seiner Poesie hätten sich an der niedrigen Decke die Köpfe einstoßen müssen. Es war in seinen Gewohnheiten etwas Bürgerliches und Zynisches, das keine besonderen Ansprüche machte. Oder richtiger, sein Idealismus nahm keine weitere Rücksicht auf solche Nebendinge. Schiller erkaufte sich mühsam sein kleines Haus mit Gedichten und Tragödien. Goethe, der Glückliche, erhielt es zum Geschenk. Stattlicher ist allerdings das Haus Goethes. Aber man muß sich keine Palastvorstellung machen, wie sie durch manche Beschreibung veranlaßt werden könnte. Ein paar Figuren im artigen Flur abgerechnet, die mit kühler Stille empfangen, ist es eben nur ein hübsches Wohnhaus, wie es jeder Berliner Bankier schöner hat. Nach außen ist es ohne besonderes Aussehen. Goethes eigentliche literarische Tätigkeit spielte sich nicht einmal in diesem artigen Hause ab. Sie lebte in einem kleinen Hinterstübchen, das gar nicht in die volle Figur des neuen Hauses zu gehören scheint. Das Arbeitszimmer ist klein, einfach und schmucklos. Diese größte Einfachheit, der Mangel alles modernen Komforts an Gardinen und an Sofas erinnert an antike Schmucklosigkeit. Man begegnet hier vielen Ausländern, die ihre Namen in das Gedenkbuch schreiben, so wie man es auf alten Schlössern zu tun pflegt. Die Aussicht des Zimmerchens geht auf das Gärtchen, in dem Goethe so oft umherschritt. Alle Möbel und Geräte liegen noch auf der Stelle, wie er sie an seinem Todestage verlassen hat. Ein großer einfacher Tisch steht in der Mitte. Das kleine Kissen liegt noch darauf, wo er seine Arme auflegte, wenn er diktierte. Im Winkel liegen noch die zerpflückten Läppchen, die er seinem kleinen unruhigen Enkelkinde zur Beschäftigung gab, wenn es darauf drang, bei ihm zu bleiben und ihn doch nicht stören durfte. Briefe stecken noch reichlich in kleinen Fächern am Fensterwinkel. Man darf ruhig einsehen, was die Leute an ihn geschrieben haben. Wo immer man auch hineinblickt, überall wird er wie der gesegnete Padischah angeredet. Eine kleine Kammer mit einem Fenster stößt an das Zimmerchen. Da steht noch das einfache Bett mit leichter Decke, wie er es aus Süddeutschland gewohnt war und immer beibehalten hat. Der alte Lehnstuhl, in dem er zum letzten Schlummer einschlief, ist auch noch im Zimmer. Goethes Nachkommen spielten in dem Saale Klavier, waren lustig und guter Dinge. Der alte Herr war schon über vier Jahre tot. Wie lange wird es dauern, so wundern sich die Leute, daß wir noch neben ihm gelebt haben? Die Franzosen sind mit ihrer bekannten Manier rasch bei der Hand, wenn sie dieses schmucklose Zimmer sehen. Sie schreiben darüber: »Goethe wollte der bemerkenswerteste Gegenstand seiner Wohnung sein.« Wenn es noch so gut bei ihnen gemeint ist, aus ihrer Eitelkeitssphäre kommen sie nicht heraus. Diese Art ist Goethes Sache niemals gewesen. Auf dem Vorsaale vor diesem kleinen Zimmer steht eine alte Wanduhr. Sie ist ein fürstliches Geschenk, das Goethe eines Morgens zu seinem Geburtstage im Jahre 1825 weckte. Das kleine Zimmer war übrigens nur den vertrautesten Freunden geöffnet. Fremde wurden vorne in den großen Gemächern empfangen, wonach er sie meistens zu Tische lud. Wenn ihn nicht schönes Wetter zum Spazierenfahren lockte, so war er bis zur späten Tischzeit fast nur in diesem Arbeitskämmerchen. Seine größeren Werke schrieb er gewöhnlich selbst. Er stand dabei an einem kleinen, unscheinbaren Pulte. Er arbeitete gerne partienweise, je nachdem wie er gestimmt war. Bald schrieb er den Mittelteil, dann wieder am ersten Akt. Das darf um so weniger bei ihm verwundern, als der Plan des Ganzen gewöhnlich in seinem Kopfe schon fertig war und nur sorgfältig zu Papier gebracht werden mußte. Diktierte er, so ging er meist umher oder saß mit aufgelegten Armen am Tische. Es ging sehr rasch und dauerte oft viele Stunden lang, so daß der Sekretär ein anstrengendes Geschäft hatte und seiner Versicherung nach oft die Finger nicht mehr fühlte. Bis zum Mittagessen genoß der alte Herr sehr wenig. Bei diesem aber war er rüstig und tätig, wie es der gesunde Leib eines starken Mannes nur fordern mochte. Dazu trank er seine volle Flasche Würzburger und wohl noch eine halbe Flasche Champagner oder anderen Wein. Er unterhielt sich gerne heiter dabei. Wenn sich Goethe am Abend wieder zurückzog, sah er ganz gerne einige vertraute Freunde bei sich. Sein Geist wie sein Körper waren von großer Ausdauer. Er vermochte lange Zeit geistig produktiv und aufnahmsfähig zu bleiben. Gerne ließ er die andern reden, hörte zu und schenkte den Freunden die Gläser voll, wenn sie darin lässig waren. Er selbst trank fast nur bei Tische und genoß bis zum Schlafengehen nichts mehr. Diese Tagesordnung wurde nur geändert, wenn er sehr lebhaft über einem Werk arbeitete. Dann ließ er sich nur etwas Essen in sein Zimmer servieren. Er blieb den ganzen Tag im Kämmerchen und kam nur am Abend zu seiner Familie hinüber. Gewöhnlich ging er um elf Uhr schlafen und stand etwa um sechs Uhr wieder auf. In der schönen Jahreszeit besuchte er oft sein Gartenhaus im Parke, begleitet vom Sekretär und seinem Kammerherrn. Früher hatte Goethe hier manche heitere Stunde genossen und das Weib umarmt, das er später zur Frau Geheimrat erhob. Fräulein Vulpius hatte in schönster Blüte gestanden, als Goethe aus Italien heimkehrte. Goethe hatte in Italien seine Elegien nicht aus der Luft gedichtet, sondern ganz reell und standhaft erlebt. Er hatte vor seiner Abreise von Rom an die Freunde in Weimar geschrieben, es sei ihm nicht wünschenswert, nach solcher Zeit der Flut gänzlich auf Sand zu geraten. Künstlerisch hatte er die Qualitäten geschildert, die die allgemeinen Umrisse und Definitionen der weiblichen Schönheit für seinen persönlichen Geschmack modifizierten, und hatte mit der Frage geschlossen, ob denn im Lande Weimar solch ein Spiegelbild der Faustschen Helena in keiner Weise zu finden sei. Die Theorie des Schönen war damals sehr unbefangen und nachdrucksvoll schöpferisch, und die Freunde antworteten zynisch und gerecht: Weimar sei zwar nicht Rom, aber deshalb doch auch nicht von der Schönheit verlassen. Er werde sich wundern, was ihm auf der letzten Station begegnen könne. Und Fräulein Vulpius gefiel ihm sehr. Daß die Frau Geheimrätin, die Goethe immer den »Herrn Geheimderat« zu nennen pflegte, keinen besonders schriftstellerischen Geist besessen, hat den Leuten viel zu schaffen gemacht. Man vergißt, daß eine Dame liebenswürdig und reizend sein kann ohne das Zeug der landläufigen Bildung. Wie frei und harmlos übrigens im allgemeinen damals die Umgangsverhältnisse unter Männern und Frauen waren, klingt heute ganz überraschend. Wir wissen gar nicht, wie sorgfältig die geschlossene Form und geregelte Erscheinung darin wieder Terrain gewonnen hat. Damals war die Ehe unter den gebildeten Ständen nur noch ein Name, dessen man sich nach Umständen bediente oder nicht. Viele Äußerungen dieser Zeit sind nur zu verstehen, wenn man das weiß. Als die Freunde Goethe mit der sogenannten Vulpia neckten und von seinem Sieg über sie bezweifelten, daß es der erste gewesen sei, den man über sie errungen habe, gab er die merkwürdige Antwort: »Ich bezweifle nicht, daß sie auch anderen würde gefallen haben.« Wie richtig, großartig und fein ist diese Antwort, diese Wendung des Interesses auf einen Standpunkt ganz anderer Art. Es soll aber erwähnt werden, daß mitten in dieser Zeit, mitten unter Verhältnissen, wo sich die gegenseitige Begegnung so heidnisch frei abspielen konnte, als ob das atheniensische Leben aufgeweckt worden sei, ein Mädchen lebte, das freundlich und lockend gegen alle, von allen geschmeichelt und gefeiert, doch keusch und streng wie eine Muse war. Vielleicht trug sie unter ihrer stillen Schönheit alles Weh einer Gesellschaft, die keinen größeren Platz für sie hatte als den einer Schauspielerin. Es gibt nicht leicht einen interessanteren und ergiebigeren Stoff für eine Novelle, als die merkwürdige Situation der Corona Schröter, die gleich Iphigenie die interessanteste Welt von bedeutenden Männern um sich sah, die ihr kein würdiges nahes Verhältnis bieten konnten. Vielleicht trug sie das Bild des einen tief verschlossen im Busen, ohne jemals darüber zu sprechen. Sie war aus Leipzig und stand in den ersten Regierungsjahren Karl Augusts in der prächtigsten Blüte ihrer hohen Schönheit. Merkwürdig genug war dieser Regent, der sich später so sehr durch geniale Kraft auszeichnete, als junger Mann schüchtern, ohne Drang, das Weib als Ergänzung des Mannes zu suchen. Der damals siebenundzwanzigjährige Goethe unternahm das kühne, so tiefer Verantwortung ausgesetzte Wagnis, dem jungen Fürsten in ein bewußtes Leben zu verhelfen. Er unternahm mit ihm eine Fußreise durch die Schweiz. Stark und erwacht kam der Fürst mit ihm nach Weimar zurück. Die schöne Corona erschien ihm erst jetzt schön. Aber sie war ein Feuer aus Eis, wie auch später wiederholt versichert wurde. Kein Mann hat sich einer hingebenden Gunst dieser keuschen Muse gerühmt. Sie steht wie eine schimmernde Marmorstatue in dieser bunten, warmen, genießenden Zeit. Jena Wir kamen gegen Abend in Jena an. Die Luft war kühl, und ich ging von der Poststation sofort in mein Hotelzimmer, das ich mir hatte vorbestellen lassen. Das Gasthaus war wenig besucht. Nachgedacht hatte ich auf dem Wege genug, Bücher hatte ich nicht zur Hand, und so suchte ich Menschen und Unterhaltung. Der Wirt, der seine Gesprächsstoffe über Handel, Verkehr und Ackerbau bald erschöpft sah, zuckte die Achseln. »Versuchen Sie«, meinte er nach einer langen Pause, »ob Sie die Dame empfängt, die im gegenüberliegenden Zimmer wohnt. Sie weiß sehr viel zu sprechen, und die Einsamkeit ist ihr auch lästig.« Das Kammermädchen ward zitiert, sie war sehr hübsch. Man durfte viel Schönheit von einer Herrin erwarten, die solche Reize neben sich duldete. Ich durfte vorsprechen, aber die Dame ließ bedauern, sie könne mich nicht bei Licht empfangen, sie habe ein Augenleiden. So trat ich denn in ein dunkles Zimmer, ich konnte nur den stattlichen Wuchs der Dame bemerken, eine breite Spitzenhaube setzte ihr Gesicht tief in Schatten. Die Stimme klang nicht ganz jung, doch sehr lebhaft. Die hübsche Zofe setzte sich in einen Winkel, und das Gespräch mit der Herrin kam rasch in Schwung. Bald kamen wir auf das frühere Jena zu sprechen. »Ich habe eine Freundin«, sagte die Dame, »die in jener Zeit in Jena lebte, als man fast täglich berühmten Männern begegnete.« Ich bat sie, mir davon zu erzählen – wenn es ihr nichts ausmachte, so als ob sie selbst diese Freundin sei. Die Illusion sei so viel stärker und die großen Leute kämen einem dabei viel näher. »Sehr gerne, mein Herr, das kann ich wohl. Ich habe von diesen Dingen sehr oft erzählen gehört. Erwarten Sie aber nichts als Äußerlichkeiten, weder meine Freundin noch ich sind Philosophen. Fichte kam täglich zu uns; wenn es sich nicht anders schickte; eine Viertelstunde, bevor er in sein Kollegium ging. Er ließ sich nicht sehr durch die Form beschränken, trat ohne weiteres mit dem Mantel ein, setzte sich auf das Sofa, warf hastig den Mantel von den Schultern und legte die Uhr auf den Tisch, um noch zur rechten Zeit nach seinem Auditorium aufbrechen zu können. Er war von kurzer, gedrungener Gestalt, vielleicht sogar noch kleiner als Napoleon. Seine Augen waren dunkel, herausfordernd wie seine Adlernase. Er besaß wie alle genialen Leute das beneidenswerte Talent, auf eine unglaublich schnelle Weise Geld auszugeben. Ich hatte das Glück, von ihm wohlgelitten zu sein, und da er überhaupt sehr mitteilsam war, zog er wohl zuweilen sein Heft aus der Tasche und las mir von seiner Ich-Philosophie etwas vor. Es waren mir böhmische Dörfer, aber weil er voraussetzte, ich verstünde kein Wort, so bemühte er sich, jedes Komma zu erklären. Eines Tages kam er echauffiert und noch stürmischer als gewöhnlich ins Zimmer gestürzt und konnte zuerst nur ›abscheulich, abscheulich‹ rufen. Endlich erklärte er: ›Madame, Sie sind eine einfache Frau und haben verstanden, was ich Ihnen gestern aus meinem Hefte vorlas. Heute finde ich diesen Zettel auf dem Katheder. Die Studenten ersuchten mich, meinen gestrigen Vortrag noch einmal zu erklären, auch die Klügsten wüßten nicht, wovon eigentlich die Rede gewesen sei.‹ Fichte trank gern Champagner und unterhielt sich in Gesellschaft liebenswürdig über die harmlosesten Dinge. Indessen, man erkannte den spielenden Löwen, der zuweilen mitten in seinen Scherzen das majestätische Haupt schüttelt. Die Studenten verehrten ihn sehr als energischen Feind der fremden Eroberer und als den stolzen Gründer einer neuen Moral und Religion. Wenn er aus der Vorlesung kam, ward er gewöhnlich wie ein römischer Triumphator von seinem Auditorium begleitet. Zu seinem und Schillers täglichem Umgang gehörte der bekannte Orientalist Ilgen, ein klarer, tüchtiger Mann, der viel Tabak rauchte. Schiller selbst rauchte niemals. Schillers Frau gehörte zu meinen Bekannten. Aber man konnte mit ihr ein ganzes Jahr verkehren, ohne Schiller ein einziges Mal zu sehen. Es war nicht leicht, ihn kennenzulernen. Er führte die wunderlichste Lebensart. Gewöhnlich stand er erst nachmittags um vier Uhr auf, weil er in der Nacht arbeitete. Gesellschaften besuchte er fast gar nicht, zum Teil auch deshalb, weil seine Garderobe in sehr schlechtem Zustande war. Seine Frau hatte er lieb, aber er war nicht galant, nicht aufmerksam und zärtlich zu ihr. Sie war ein stilles, anspruchsloses Wesen mit einer recht guten Bildung, war aber nicht sehr lebhaft. Als ich Schiller einmal in direkter Form zu uns einlud, entschuldigte er sich mit einem liebenswürdigen Brief wegen seiner vernachlässigten Kleidung. Wenn ich ihm aber gestatte, im Negligé zu erscheinen, so bitte er mich für den folgenden Abend zum Tee. Als ich darauf wirklich bei Schiller erschien, fand ich Madame etwas verlegen. Es ergab sich bald, daß sie von der Einladung ihres Mannes nichts wußte. Sie war aber sehr liebenswürdig, und wir unterhielten uns bis zur Ankunft ihres Mannes auf das angenehmste. Schiller erschien wirklich im Negligé. Er trug einen langen alten Tuchrock, an dem viele Knöpfe fehlten, und Schlafschuhe. Das Hemd war offen und von weißer Farbe, aber nicht eben fein. Er sprach sehr viel, und wenn man darauf geriet, auch von den kleinsten Trivialitäten. Sein großes, mageres Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt und namentlich bei Tage sehr garstig. Er hatte struppige rötliche Haare. Am Abend aber wurde der ganze Mann lebendig: die scharfen Formen seines Antlitzes traten bedeutsamer und einnehmender hervor. Er sprach ganz anders als er schrieb. In seinen Manuskripten konnte niemand als er selbst eine Zeile lesen. Jedes Wort war zwei- oder dreimal ausgestrichen, wieder punktiert, überschrieben und ausgestrichen. Bei seinen späteren Einladungen setzte er uns stets schwäbische Gerichte vor. Das sogenannte Hozelbrot, ein höchst ordinäres, mir gar nicht zusagendes Gebäck, durfte in seinem Hause an Feiertagen nicht fehlen. Ich erhielt dann stets eines zugeschickt und mußte mich von dem Wohlgeschmack begeistert zeigen. Auch Goethe kam häufig nach Jena. Namentlich nach Tische fabrizierten dann er und Schiller in großer Gesellschaft die stachlichsten Xenien. Der Schlimmere war dabei Schiller. Goethe lächelte oft bei seinem Zorne, ließ ihn aber lächelnd gewähren. In der ersten Hälfte des Essens war die Exzellenz gewöhnlich schweigsam und hielt ihre Umgebung in einiger Entfernung. Man tat gut, ihn nicht zu stören. Später, namentlich wenn der Champagner kam, wurde er doch munter und von lieblicher Heiterkeit. Die Damen ließ er auf das reizendste gewähren. Am nachteiligsten war sein Erscheinen zu Jena für Woltmann, weil dadurch eine Art geselliger Rivalität entstand, die sich sonst nirgends zeigte. Woltmann war nämlich ein sehr hübscher, artiger und feiner Mann, ein Held der Damen und sehr beliebter Redner, dessen sauberer norddeutscher Akzent sehr viel Anklang fand. Es mag sein, daß sich zu allem etwas Ziererei in sein Wesen drängte, kurz, Goethe fühlte sich darob veranlaßt, ihn aufzuziehen. Auch die Humboldts waren damals in Jena. Alexander, der witzige, der Naturforscher und Diplomat, wohnte indessen nicht ständig dort. Wilhelm verkehrte viel mit Ilgen. Dort habe ich oft mit ihm diniert, und es war nichts spaßhafter, als wenn die Tafel aufgehoben wurde und die Männer sich zum Kaffee in ein anderes Zimmer begaben. Da begann nämlich Humboldts Manöver, einen Augenblick abzukommen, um den Rock zu wechseln, weil er ihn vor Ilgens Tabakrauche retten wollte. Er haßte das Rauchen. Spaßhaft war daran, daß Humboldts Staatsgarderobe ohnedies höchst unscheinbar war und daß er in Ilgens Schlachtendampf mit einem Kleide trat, das ein reputierlicher Barbier verschmäht hätte. Außer bei Goethe und Woltmann war es überhaupt um die äußere Eleganz dieser Heroen schlecht bestellt. Selbst die Brüder Schlegel zeichneten sich damals nicht durch viel äußerliche Zierlichkeit aus. Um von Wilhelm Humboldt weiter zu berichten: Nie habe ich einen Menschen gesehen, der Gott so liebte wie er. Jahrelang litt er auf das ärgste. Er hatte nur Minuten, in denen er keine Schmerzen verspürte. Wenn eine solche Minute kam, dankte er Gott für die Freude, die er ihm bereitete. Ohne der herrschenden Religion sich anzuschließen, war er voll Religion. Er glaubte nicht nur an die Fortdauer der Seele, sondern auch der Persönlichkeit. Seine größte Freude war es, Schiller und die eigene Gattin bald wiedersehen zu können. Seine Gattin hatte einen verwachsenen Körper, aber einen schönen Kopf und die schönsten Augen voll Lebhaftigkeit und einer raschen Empfänglichkeit ohnegleichen. Humboldt lebte mit ihr in einer Ehe, in der jedes im ungewöhnlichen Sinne des Wortes das Glück des andern suchte. Da beide edle Menschen waren, war es die schönste Verbindung, die ich je sah. Frau von Staël war bis zur Leidenschaft von Humboldts Geist eingenommen. Sie nannte ihn stets nur: › La plus grande capacité de l'Europe ‹. Humboldt hielt viel auf ihr Urteil, doch darf man wohl nicht dem alltäglichen Gedanken Raum geben, er sei von ihrem Lobe bestochen worden. Jedenfalls waren die meisten der Jenaischen Gesellschaft keine bürgerlichen Tugendspiegel. Die herkömmlichen Formen wurden von den Herren jener Zeit nicht allgemein beachtet. Von den Schlegel hatte jeder eine Dame zur Lebensgefährtin, die von der Kirche nicht eben dazu sanktioniert worden war, und doch waren sie Superintendentensöhne aus dem Hannoverschen. Wenn sie verreisten, gab es oft erbrochene Türen und Schränke. Denn als Privatdozenten konnten sie in Jena natürlich nicht viel verdienen, und die Gläubiger durchsuchten gerne ihre Wohnungen. Übrigens, weil wir von finanziellen Dingen sprechen: sie müssen es einem Frauenzimmer nachsehen, wenn sie nicht methodisch und ordnungsmäßig erzählt. Wie oft sprang Fichte in der besten Unterhaltung plötzlich auf und eilte fort. ›Was soll das, Fichte?‹ ›Ich habe heute noch keinen Louisdor erschrieben, ich muß noch ein paar Seiten arbeiten. Gute Nacht!‹ Wie liebenswürdig wäre Fichte erschienen, wenn er nicht immer schmutzig herumgelaufen wäre! Es war nicht zum Aushalten mit seinen Vorhemden und seiner Nase. Er schnupfte nicht nur den Tabak, er verspeiste ihn. Dabei wurde er nicht ohne Grund ›der Schmetterling‹ genannt. Bald liebte er Frau von St., bald die kleine, hübsche und gescheite Madame S., bald die Dichterin Moreau. Eines Tages kam Fichte sehr mürrisch zu uns. ›Was gibt es?‹ ›Ach, ich komme von Goethe.‹ ›Nun?‹ ›Man sollte es nicht erzählen. Die Studenten haben gestern abend Goethe eine Abendmusik gebracht, und er hat das in seiner vornehmen Manier übelgenommen. Heute sagte ich ihm, er möge bedenken, daß die jungen feurigen Leute das Ständchen nicht dem Minister Goethe, sondern dem Dichter gebracht hätten. Er aber erklärte, er wünsche nicht, daß man den Minister über dem Dichter vergesse.‹ Fichte sagte und riet mancherlei, was dem Hofe in Weimar mißfiel. Er war dort sehr schlecht akkreditiert und Goethe mochte vielfach in ärgerliche Kollisionen kommen, wenn er den Philosophen nicht ganz desavouieren wollte. Das kränkte und häufte ärgerlichen Explosivstoff, aus dem bei der ersten Gelegenheit fatale Worte sprangen. Ich komme darauf zurück, wenn ich Ihnen von Fichtes plötzlichem Abgang von Jena erzähle, jetzt will ich Ihnen etwas von seiner Heirat sagen. Es wurde lange vorher davon gemunkelt. Niemand wußte was Rechtes, alles war neugierig. Eines Morgens erscheinen Woltmann und Humboldt ganz erhitzt bei uns. Woltmann, den dergleichen höchlichst interessierte, hatte alles ausspioniert. ›Sie kommt, sie kommt.‹ ›Wer denn?‹ ›Fichtes Braut, er ist ihr entgegengefahren.‹ Wir nahmen eiligst zwei Wagen, um ihn auf dem Rückwege zu attrappieren. Alles brannte vor Neugier. Fichte hatte immer so ernsthaft, fast mürrisch geheimnisvoll darüber getan. Was mochte das für eine Frau sein? Ein ungefälliger Wagen mit kleinen, üblen Pferden schlich auf der Landstraße daher, wir begegneten ihm. Richtig, Fichtes Adlernase kommt zum Vorschein, er ist erkannt und muß halten. Ach, wie tragisch sah der unangenehm überraschte Mann aus. Die Männer gingen an den Wagen, sie kamen zurück und referierten. Nur mit Andeutungen und Pantomimen, man kam nicht recht dahinter. Später lernte ich die Frau natürlich kennen, und es erklärte sich mir alles. Sie war eine gute, aber völlig reizlose Schweizerin. Alles, aber auch alles war an ihr unschön, ach, und welcher Geschmack! Wie oft kam Fichte zu mir und bat mich, seine Börse zu nehmen und für seine Frau Kleider einzukaufen. Selbst Fichte, dem Harmlosen, war es zu arg. Aber mein Kaufen half nichts, sie ging und wickelte alles durcheinander. Es hat mir oft leid getan, denn es war ein gutes, ehrliches Wesen. Fichte hatte als Hauslehrer in der Schweiz gelebt, war vielleicht brotlos geworden. Das Mädchen hatte sich seiner angenommen und ihn unterstützt. Einige Zeit darauf schrieb Fichte die berühmte Rezension über Kant in der Literaturzeitung. Alles fragte Schütz, wer der Verfasser sei, man war außer sich, daß solch ein Geist ungekannt existieren solle. Das folgende Buch Fichtes brachte ihm die Berühmtheit. Fichte ward nach Jena berufen und fühlte sich nun auch verpflichtet, seine Wohltäterin nachkommen zu lassen. Fichte war ein trotziger, eigensinniger Geselle, das läßt sich nicht bestreiten. Über eine Menge kleiner Dinge hatte er sich schon mit Weimar herumgehaspelt, jetzt verbot man ihm, des Sonntags Vorlesungen zu halten. Er bezeigte sich widerspenstig nach gewöhnlicher Art. ›Niemand ist schuld an diesem einfältigen Verbote‹, rief er, ›als der Pfaffe, der Semler! Die Leute sollen in seine Predigten kommen, statt meine Vorlesungen zu besuchen, ich will aber lesen!‹ Bald darauf erhielt er ein neues Reskript, worin man ihm mit einem Verweise drohte, wenn er wieder Sonntags lese. ›Mir einen Verweis? Bin ich ein Schulknabe?‹ Und er las wieder, der Verweis kam, Fichte war außer sich und in der nächsten Stunde war ein Entlassungsgesuch geschrieben, gesiegelt und auf die Post gegeben. Am zweiten Tage darauf, nachmittags, meldete mir mein Mädchen Professor Fichte. Er ist bleich und ich ahne, was vorgefallen: ›Sie kommen, Professor ...?‹ ›Um Abschied zu nehmen, ich reise heute abend nach Berlin, meine Zeit in Jena ist zu Ende.‹ So fuhr er denn in die Nacht hinein, ich habe ihn nicht wiedergesehen. Er blieb in Preußen. In Berlin starb er. Sie liegen dort nebeneinander begraben: Fichte, Hegel und Ilgen. Auf dem Kirchhofe haben sich die Jenenser Freunde wiedergefunden.« »Ihre Freundin hat auch Hegel gekannt?« »Jawohl, er war damals Privatdozent in Jena und schwäbelte so gut wie die anderen. Ich habe ihn immer als einen lieben, gemütlichen Menschen gerne gehabt. Er war einfach, natürlich, voll Heiterkeit und Mut. Seine Habilitierung bezahlte er, komisch genug, mit schlechten Louisdors, die ihm Fichte gegeben hatte. Die Philosophie war immer bei schlechtem Gelde. Hegel aber war keck genug, die Fakultät noch spottenderweise herauszufordern. Er war ein gemütlicher junger Mann voll guter Laune. Als er uns verließ, ging er nach Bamberg und redigierte eine politische Zeitung. Dann ward er Direktor des Nürnberger Gymnasiums und verheiratete sich mit Fräulein von Tucher. Es war dies eine Neigungsehe, sie wurde sehr glücklich.« Die Zofe, die an der Geschichte Jenas weniger Interesse zu nehmen schien, als sie es vielleicht an der Geschichte von Versailles genommen hätte, fragte verschlafen, ob sie uns Tee bringen solle. Dann wankte sie halb schlaftrunken zu einem Tische, auf dem ein Platinfeuerzeug stand, und wollte Licht machen. »Nicht doch, Therese, du brauchst dazu nicht Licht machen.« »Aber gnädige Frau, die Wirtsleute merken ja dann ...« »Was? Verschlafenes Mädchen, träum nicht von deinen Liebhabern und kümmere dich lieber um deine Arbeit!« – Die Magd ging nach der Kammer-, statt nach der Stubentür. Ich sprang auf, nahm sie bei der Hand, brachte sie auf den rechten Weg und, mich auf das schlechte Gesicht der Dame verlassend, stahl ich ihr einen Kuß. Sie gab ihn ganz ehrlich zurück und sagte: »Ich weiß gar nicht, gestern war ich doch nicht so müde, nicht wahr?« »Mädchen, was hast du denn? Nun, mein Herr, ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon gesagt habe, daß Hegel in Tübingen zusammen mit Schelling auf einer kleinen Stube in seinem achtzehnten Jahre zu studieren begann. Er erzählte mir oft von dieser Zeit, wie sie zusammen philosophiert hätten. In Tübingen hat er auch promoviert. Dann war er wie Fichte Hauslehrer in der Schweiz und später in Frankfurt am Main. Dort verkehrte er mit dem unglücklichen Hölderlin. Um jene Zeit starb sein Vater, er erbte ein weniges und kam zu uns nach Jena. Gabler und Troxler sind seine Schüler aus der jenaischen Zeit. Er hatte einen großen Bekanntenkreis. Er bekümmerte sich um alles und nahm alles auf. Auch Novalis ...« »Haben Sie Novalis gekannt?« »Natürlich. Ich kam eines Sommerabends mit Friedrich Schlegel von der Rosenmühle, als uns ein kleiner, blasser Mann begegnete, der Schlegel umarmte. Seine Stimme klang so weich, sein Auge war so blau, seine Haut weiß, die Stirne hoch, daß es mich gar nicht wunderte, als ihn mir Schlegel als Herrn von Hardenberg vorstellte. Er lebte damals in Weißenfels als stiller Privatmann und bewarb sich um die Liebe – nun, denken Sie – um die Liebe der Louise Brachmann, die auch dort wohnte, oft nach Jena kam und sehr fêtiert wurde. Das kokette Mädchen behandelte ihn spröde. Er hat mir manchmal leid getan.« »War sie hübsch?« »Keineswegs: klein, von schlechter, schiefer Haltung, aber mit einem lebhaften Gesichte. Viele fanden ihr Auge schön, aber sie kokettierte damit gar zu arg.« »War Novalis damals schon krank?« »Das war er eigentlich immer. Ich glaube, die Auszehrung war erblich in seiner Familie, und er erwartete einen frühen Tod. Das trug viel dazu bei, seine Gedanken fortwährend über die Erde zu erheben. Friedrich Schlegel behandelte ihn sehr liebevoll. Er arbeitete zu jener Zeit schon mit seinem Bruder an dem großen romantischen Feldzuge in unserer Literatur, und Novalis war ihm eine wichtige Macht. Friedrich war überhaupt sehr liebenswürdig, ehe er Gourmand, dick und katholisch wurde. Später war er nicht wiederzuerkennen, er kam mir zerflossen und schwammig vor, als ich ihn kurz vor seinem Tode in Dresden sah. Es läßt sich überhaupt nicht leugnen, daß die Brüder Schlegel sehr angenehme Erscheinungen in Jena waren. Groß und stattlich, voll Schönheitslust, voll kecker Dreistigkeit im Umgang mit Frauen, brachten sie einen kühneren, freieren Ton in die Gesellschaft. Man hat sehr viel skandaliert über jene Luzindenzeit. Aber es kam selten vor, daß August Wilhelm Schlegels Geliebte Ärgernis gab. Sie war eine wilde Dame, die schon viel erlebt hatte und weit in der Welt herumgekommen war. Die Frauen mochten sie natürlich nicht, wie das zu gehen pflegt. Sie überheben sich dann immer mit süßer Genugtuung ihrer Legitimität. Störsam wurde die Angelegenheit erst, als sich Schelling in sie verliebte und sie endlich auch Schlegel abspenstig machte. Schellings Vater duldete aber kein ungewöhnliches Verhältnis, und der Naturphilosoph mußte sie herkömmlich heiraten.« Der Tee war fertig und die Zofe servierte ihn im Mondscheine. Sie schien jetzt munter zu sein und lachte sehr im stillen, wenn ich sie lange vor mir warten ließ mit der Zuckerdose. »Madame«, begann ich wieder, »war niemand witzig zu jener Zeit? Man behauptet so oft, man habe damals wenig Humor gehabt. Ist dieser Vorwurf gerecht?« »Nein, was man heute witzig nennt, war eigentlich niemand.« Nach einer Pause erklärte mir die Dame, sie sei jetzt müde und wolle aufhören zu erzählen. Ich empfahl mich. Vor der Türe fragte ich die Zofe, wie alt sie sei. – »Siebzehn Jahre.« – »Was? Und vor vierzig Jahren schon in Jena?« Denn es war mir nicht mehr zweifelhaft, daß sie selbst ihre Freundin sei. »Ach so, die gnädige Frau, die ist sechzig Jahre alt.« »Wie heißt sie denn?« »Ach, das wissen Sie besser als ich.« Draußen fiel ein sprühender Frühlingsregen in die knospenden Berge hinein, und ich mußte mich in das Zimmer einsperren. Weil es am anderen Tage noch regnete und die Dame nicht mehr zu sprechen war, schlenderte ich nur einige Stunden in der nassen Stadt umher und belegte dann auf der Post einen Platz. Frankfurt An dem einen Ende Thüringens, hinter Eisenach, wendet der Postillon den Wagen direkt nach Süden. Zwischen den Hügelzweigen des Rhön- und Vogelgebirges steigt und fällt die Straße nach Fulda hinab. An den wohlgenährten Resten des alten Bistums, das sonnenfreundlich in der Tiefe liegt, erkennt man, daß es dem Herzen des Deutschen Reiches entgegengeht. Hier ist Heinrich König, der bescheidene Romanschreiber, der Verfasser der » Hohen Braut« und der »Waldensee«, geboren. Dieser letzte Roman, anspruchslos und laubgrün wie das Hessenland, spielt auch hier in »Fuld'«, wie es der bequemer werdende, verschluckende Akzent ausspricht. Auf einer kleinen, weichen Höhe vor der Stadt liegt das Kloster, von wo Mergardis entführt wurde. Das Land fällt talwärts ab nach Hanau und Frankfurt hin über das Gebiet des Mains, der breit und bequem in die Fläche herabzieht. Bis man ihn erreicht, wo Saalmünster und ähnliche Flecken liegen, schlottert das Land wie eine Eckensteherjacke. Man reist nachts allda am genußreichsten. Vor Hanau irrt ein dünner, niedriger Wald umher, in dem Wrede dem napoleonischen Rückzuge von Leipzig entgegentreten wollte. Hanau selbst ist ein kleines Kassel oder Berlin mit geraden, hübschen Straßen, still und reinlich wie ein Schachbrett. Es kann alles Mögliche darin wohnen an Geist und Vortrefflichkeit. Ich habe bloß in die friedliche, zierliche Wohnung Heinrich Königs gesehen, der sich hier niedergelassen hat und den ich in der beschaulichsten Sonntagsstille überraschte. Ein sanfter, bescheidener, lieber Mann, betrachtete er die schweigenden Straßen vom Fenster aus und sann über einen neuen Roman nach. Frappante Störungen sind in Hanau nicht häufig. Auch Hanau wurde von religiösen Flüchtlingen gegründet. Wo sie sich niederlassen, erarbeiten sie sich eine starke Existenz. Hanau versorgt halb Deutschland mit Ringen und Uhrketten. Der Glaubensdrang ist in weltliche Betriebsamkeit ausgeschlagen. Man wird reich, speist gut, und die Dame des Hauses hat Zeit und Lust, von Büchern zu sprechen. Von hier aus nach rechts und links liegt in grüner gesättigter Wohlhabenheit Frankfurt. Es ist eine Stadt der Landhäuser, die geborene Hauptstadt des südwestlichen Deutschlands. Doch ist es sie nie geworden. Ich glaube, ein reisiger Frankenkönig hat hier einst am Main eine willkommene Furt für seine Scharen entdeckt. Davon der Name. Später wurde Frankfurt die Krönungsstadt der deutschen Kaiser. Jetzt ist es wunderlich gemischt aus alten, verdrießlichen Gassen und neuweißen Straßen, aus bürgerlicher Freiheit und Fürstenmacht, aus Kaufmannschaft und Diplomatie. Wie eine silberne Fassung garnieren und durchschneiden die »Schöne Aussicht«, die »Millionärsstraße« und die »Zeil« das aufeinandergehäufte Kupfer der übrigen Stadt. Grün und lockend beschatten die Promenade, das Buschwerk der Landhäuser und der fern winkende, blaue Taunuswald die Kaufmannsstadt. Siegreich über alle anderen Geschäfte entstehen Hotels in modernster Form. Frankfurt ist die Universität der Kellner und der table d'hôte. Man »logiert« hier ganz und gar. Alles übrige ist Nebensache. Wenn man über die Mainbrücke durch Sachsenhausen nach einer von den kleinen Höhen geht, die den Blick über Stadt und Fläche ein wenig erleichtern, wenn auch nirgends ganz ermöglichen, so sieht man an den einschließenden Bergen die alten Türme, die einst Frankfurt bewachten. Das erinnert daran, daß dieser vortrefflich gelegene Raum nie eine politisch ausgezeichnete Stellung gewann. Frankfurt ist ein Bürgerhaus geblieben für und für. Daß die Landstraßen von England und Holland nach Italien und Österreich, von Nord- und Süddeutschland, der Schweiz und Frankreich sich hier kreuzen, daß dies Land überall willkommene Arme nach den reichsten Gebieten unseres Vaterlandes streckt, ist eigentlich nur dazu ausgebeutet worden, ein wenig vorteilhaften Handel zu treiben. Frankfurt, wo bist du? Auf der Börse bei den Kursen, auf der Mainlust beim Schoppen, im »Schwan« zur Tafel, auf dem »Museum« eine Vorlesung zu hören, oder in den Bibliotheken, um Journale zu lesen! Jetzt ist auch die Bildsäulenepidemie in Frankfurt eingebrochen, und man spricht vom Modell und antikem oder modernem Kostüm. Gott segne den Geschmack! Jahrzehntelang haben die Schriftsteller, um einen Vorwurf zu haben, über den man sich ungestraft erhitzen durfte, gegen die Gleichgültigkeit und Undankbarkeit des Publikums gewettert. Es hieß ein Skandal, wie die großen Autoren und Dichter unbekränzt blieben. Das war bereits ein ewiges Thema, wie man zur Sommerszeit über die Hitze, im Winter über Kälte klagt, kein Mensch dachte an Erfolg. Nun haben wir eines der merkwürdigen Beispiele in der Naturgeschichte: so und so viel Schläge sind nötig gewesen auf einen tauben Fleck Erde, jeder Vorübergehende hat in der Zerstreuung mit zugeschlagen, kein Mensch erwartete einen Erfolg. Plötzlich wurde ein ergiebiger Quell angeschlagen. Jetzt wissen wir kaum, was mit dem unerschöpflichen Denkmalwasser anzufangen sei. Das Konversationslexikon wird steinern auf die Alleen gesetzt. Bald werden die Schriftsteller, denen der Stoff fehlt, dagegen schreiben. Das ist die Welt. Renne dagegen an, wer es vermag. Jetzt ist die Börse die Weltseele. Ich hoffe, noch die Bildsäulen auch mit der Dividende figurieren zu sehen, da es sich doch hierbei immer nur um ein imaginäres Kapital handelt. Wenn mein Freund Gutzkow, der Frankfurter wurde, auch darankommt, so bitte ich unvorgreiflich, in einem Basrelief abzubilden, wie wir uns an der Fahrgassenecke mit beiderseitigem Gelächter wiedererkennen. Dieses Basrelief würde ein ganzes Stück Literaturgeschichte enthalten. Man hat zusammen für die Beglückung der Menschen geschwärmt und ungeduldig getrachtet, die Welt verbessern zu dürfen. Man trennt sich, zerdrückt eine Träne und verspricht, für seine Ideale zu kämpfen. Der nächste Weg führt ins Gefängnis. Der eine kommt bald hinein und bleibt lange darin, der andere wird später auch auf kurze Zeit eingesperrt. Die Namen beider Schriftsteller werden verfemt, die Welt geht im Galopp weiter. Keiner weiß recht wohin, man wird fortgerissen und plötzlich – begegnet man sich wieder in Frankfurt in der Fahrgasse. Und seltsam: man lacht – sind wir nicht moderne Menschen? Noch vor zwanzig Jahren hätte man sich bei solchen Gelegenheiten tragisch umarmt und viel Tränen verschwendet. Der Rhein Eine Rheinreise zu schildern, ist heute so überflüssig, wie wenn einer erzählen wollte, er habe ein Gedicht verfaßt. Jeder gebildete Mensch macht jetzt beides. Auch ist das Wort Rhein in Deutschland so bekannt und angesehen wie das Wort Nachtigall. Man himmelt in beiden. Rhein heißt soviel wie: schöne Gegend. Wenn Engländer oder Franzosen eine Vergnügungsreise nach Deutschland machen wollen, so verstehen sie unter Deutschland das Rheinland. Ich kroch auf den Bergen nördlich des Taunus zwischen Frankfurt und dem Rhein umher und sah hinunter in das gesegnete Nassau, wo die Gesundheit in allerlei Gestalt aus der Erde quillt und die Kranken herbeilockt. Am Fuße des Gebirges in einem Tale kleiner Wellenhügel liegt Wiesbaden breit und reich mit gastlich winkenden Landhäusern, ein üppiger Anblick südlicheren Landes. Alles dehnt sich hier gemächlich und wohlhabend. Ein großes Bad, in dem man eine Saison verbringt, um die Schwächen des Winters zu reparieren, im Freien zu frühstücken, sich die Sommerluft um das Gesicht wehen zu lassen oder im prächtigen Kursaale Tänze zu versuchen. Der dortige Kellner hält den Saal für den größten in Europa, diesseits und jenseits, wie er sich ausdrückt. Warum das süße Glück ihm rauben? Wissen ist nützlich und gut, aber Illusionen sind ein noch wohlfeileres Glück. Das Ländchen ist wie eine Grotte, wo Schatten, Wein, allerlei Nahrung und Heil zu finden ist. Sagen und Nymphen wohnen überall, schützend rauscht an der Grenze der Rheinstrom hin. Bis jetzt hatte ich den Rhein nur auf englischen Stahlstichen gesehen. Es war Abend, der Mond ging auf, als wir den Hügel von Wiesbaden hinabfuhren und der breite Wasserspiegel mir zum ersten Male entgegenschimmerte. Mondstrahlen hüpften auf ihm umher, alle Wassernixen des Märchens und der Lieder tauchten dazwischen auf. Die Lorelei kämmte ihr goldenes Haar, und aus Uferbüschen guckten römische Gesichter, die einst hier gelebt. Auf der Straße sah ich die Burgunder vorüberziehen, dann verschwanden sie im Nebel. Mittelalterliche Ritter setzten auf Rossen über den Strom. Dann kamen die Jakobiner mit roten Mützen aus den Sträuchern gesprengt, verjagten alles, erhoben ein großes Geschrei und verscheuchten die Mondbilder. Die breite Schiffsbrücke von Mainz lag mit ihrer langen Lichterreihe wie ein Juwelenschmuck dicht am Körper des Rheins. Mainz ruhte drüben schwarz mit goldenen Punkten, vor mir lag die feste Vorstadt Castell. Wer am Tore wohnt, hat mehr Abwechslung, mehr Freude und Leid. Das Rheinland von Basel bis Mainz am Oberrhein, und von Mainz bis Holland am Niederrhein ist durch alle Jahrhunderte das Grenzland Deutschlands gewesen, wo die Ideen zwischen den Völkern ausgetauscht wurden und die Interessen am heftigsten gegeneinanderspielten. Dazu kommt, daß hier ein guter Wein wächst, das Leben an Schwere verliert und die schöne Natur die Menschen fröhlich macht. So ist hier ein Menschenschlag entstanden, der voll Farbe und Blut und von leichter Empfänglichkeit ist. In diesem großen Garten vom Bodensee bis Düsseldorf blüht allerlei Gesträuch und gibt es verschiedenen Geschmack. Ein Garten ist hier aber wirklich. Ich bin nur darüber hingeflogen wie ein Vogel und wollte in einem langen Blicke den Farbenzauber des Rheins genießen. Es regnete fein und durchsichtig, als wir am linken Ufer hinauffuhren, um den Rheingau zu sehen. Von Mainz bis Rüdesheim liegt nämlich dieses Herzblatt des Rheins. Man fährt auf der linken Seite, um ihn wie das verheißene Land aus der Ferne sonnenbedeckt zu sehen. Wie unter einem Silberschleier lag drüben das rechte Ufer mit seinen dicht folgenden Ortschaften und Weinbergen. Rasch fuhr uns der Mainzer Kutscher dorthin, alte berühmte Namen nennend, mit der Peitsche auf das vor uns liegende Ingelheim deutend. Dort ist Karl der Große geboren worden, hier hat er später seinen großen Palast erbaut, ein palatium, eine Pfalz. Dieser Rheinstrich ist eine Bildergalerie der deutschen Geschichte. Am Fuße der Rochuskapelle, die auf einem samtgrünen Berge allen guten Christen Absolution winkt, hielten wir still. Rüdesheim liegt gegenüber. Die Welle des Rheins schlug an unsere Räder, wir schifften uns ein. Grün wie ein dunkler Smaragd ist dieser Strom. Seine Farbe hat er gemein mit den südlichen Bergflüssen. Ein Schimmer der grünen Bergmatten seiner Kindheit bleibt ihm treu. Vielleicht darum, weil er in dieser Farbe so rein und lockend aussieht, haben sich so viele Wasserfeen auf seinem Grunde angesiedelt, von denen die farblosen, traurigen Flüsse des Nordens nichts wissen. Welche reinliche Fee hätte auch wohl Lust, in den graugelben Elbstrom, in die ausdruckslos-bleiche Oder zu steigen. Abwärts hinter Bingen scheint die Welt mit Bergen verstellt. Hier beginnt der Kampf des Rheins zwischen den Felsen hindurch, auf denen Schlösser hängen, wo die Nebel des Himmels geballt hindurchfegen und jenen Gebirgsduft spenden, der die Rheinbilder so zauberhaft und lockend macht. Rückwärts nach Mainz, den eigentlichen Rheingau hinauf, liegt eine üppige, schwellende Ebene am Ufer, und die sanften Berge treten bescheiden einige Schritte zurück. Trotz des Regens mieteten wir uns in Rüdesheim Esel, um auf den Rößl zu reiten. Eines dieser Tiere, dem der Rhein jetzt schon gleichgültig wurde, weil es ihn täglich sieht, führt den sanften Namen »Fritze«. Es wird hiermit der Aufmerksamkeit der Rheinreisenden empfohlen. Es hat sich dieser Fritze ein sehr interessantes Verhältnis mit seinem Führer gebildet, das lebhaft an eine Ehe erinnert. Fritze tut gewöhnlich das Gegenteil von dem, was der Führer sagt. Dieser flucht dann und setzt sich in unverkennbaren Rapport mit Fritzen. Kurz, Fritze und sein sanfterer Mitesel trugen uns über die Weinberge in den Wald des Rößl hinauf. Wir gelangten an eine Ruine, wo der Berg jäh nach dem Rhein hinunterstürzt, ein Windstoß warf den Nebel aus den Schluchten, und vor uns erstreckte sich der schönste Rheinblick, den es geben soll. Dicht vor uns lag der Mäuseturm mitten im Rheine am Binger Loch. Jedermann weiß aus der deutschen Geschichte, daß Bischof Hatto vor den zudringlichen Mäusen hierher flüchtete, daß die Bestien nachschwammen und ihn auffraßen. Für jeden, der die Mäuse nicht eben liebt, eine quälende, lehrreiche Geschichte. Drüben, etwas rückwärts, fließt die Nahe in den Rhein und führt ihr Wasser eine Zeitlang bescheiden an der Seite hin, wie die Reverenz eines schüchternen Mannes, der den König sprechen will. Bei dieser Mündung am Ausgange des schmalen Tales der Nahe ruht die alte Stadt Bingen, wo einst Kaiser Heinrich IV. von seinem Sohn gefangen war. Noch weiter zurück öffnet sich über Rüdesheim hinauf der Rheingarten wie in eine gelichtete, freundliche Zeit. Aber rechts, rheinabwärts, wo der Strom die Krümmung durch die Felsen schlägt, sieht der Blick weit hinaus in das dampfende Schluchttal des Rheins, über Felsenmauern und Ritterschlösser. Ein kleiner, schüchterner Kahn fuhr im blauen Dämmer über den Strom. Wir kehrten mit Fritze zurück und fuhren in der schönsten Nachmittagssonne den Rheingau entlang. Hinten bleibt das Bergdüster des Bingener Winkels und die weitlockende Rochuskapelle. Rechts rauscht zwischen blühenden Ufern die grüne Rheinwelle dahin. Mitunter hebt sich aus ihrer Mitte eine bebuschte Insel. Links lehnen sich sanfte Hügel braun und gelb nach rückwärts; auf ihnen wächst der beste Rheinwein. Da ist Geisenheim, liegt Hattenheim, da winkt goldgelb, etwas aristokratisch abgelegen, der Johannisberg, der echte Johannisberg, der dem Fürsten Metternich gehört. Hier gibt es einen kühlen, tiefen Keller. Diese Rheingaustraße von Rüdesheim nach Mainz, dieser Weg von einigen Meilen, ist eine fortlaufende Stadt, unsere Residenz des Weines. Die sieben oder acht einzelnen Städtchen, aus denen er besteht, haben nur immer ein Viertelstündchen Straße zwischen sich, damit man die Zunge wieder auf einen neuen Geschmack vorbereiten könne. Bekanntlich hat dies Zungenvergnügen des Weintrinkens, das im Norden Europas für ein dogmatisches Vergnügen gilt, das heißt für ein Vergnügen, das über jeden Zweifel erhaben ist, bekanntlich hat es auf den Universitäten einen ausgebildeten Kultus, der Komment heißt. Er ist sehr kultiviert, und man muß sehr viel vertragen können, um sich in ihm auszuzeichnen. Drei seiner Priester, im gewöhnlichen Leben Studenten genannt, unternahmen einst eine Reise von Bonn nach Heidelberg. Sie waren sehr gute Fußgänger und erledigten des Tags mit Leichtigkeit acht Meilen. Es begegnete ihnen das Wunderbare, daß sie einen ganzen Sommer lang die scheinbar kleine Strecke bis Mainz nicht zurücklegen konnten. Man nennt dies den Bann des Rheingaues. Auch ich habe ihn empfunden, obwohl ich nicht aus dem Wagen gestiegen bin. Ich habe nicht begreifen können, wozu es hier Schuster und Schneider gibt, wo bloß Winzer, Böttcher und Kellner nötig sind. Man schwimmt durch den Geruch alten Weines bis nach Biberich. Erst dort, wo der Herzog von Nassau dicht am Strande des Rheins Hof hält, endigt diese großartige Weinkarte. Die Residenz Biberich, deren Fenster sich im Rheine spiegeln, sieht eben noch so aus, als erwartete man jeden Augenblick Ritter und Herren, um ein Turnier oder einen Minnehof abzuhalten. Wir fuhren des Nachts über den Rhein und in einer Fähre über den Main, um nach Darmstadt zu kommen. Hessen ist nur ein mageres Leinwandfutter gegen das stoffreiche Rheinhessen. Ein trockenes Waldland, das erst südlich nach dem Neckar hinauf in die Bergstraße ergiebig ausschlägt. Seine Verlängerung nach Norden hin, die durch Frankfurt unterbrochen wird, führt in das dürftige Niederhessen, wo die Vogelsberge streichen und sich das kleine Gießen nach Studenten sehnt. Darmstadt selbst ist rings von Wäldern umgeben. Ich weiß nichts von ihm zu erzählen, als daß man des Nachts dort ganz ungestört schläft und daß es auch bei Tage recht still ist. Die Sonne schien, als uns der Postillon durch breite und vornehme Straßen hinausfuhr, neben denen große Gärten schlummerten. Die Dame, die neben mir saß, meinte, hier müßten Kinder recht gut gedeihen. Es sehe recht friedlich aus, und die Kleinen könnten nach Herzenslust spielen. Woher Verkehr und Erwerb und befruchtendes Leben in die Heideeinsamkeit kommt, hat mein flüchtiger Reiseverstand nicht ergründet, doch was kümmert das mich? Ich ließ mich lustig in den Wald hineinrollen, aus dem ein Trupp schöner Reiter uns entgegenkam. Die Waldberge des alten melibocus drängten sich neugierig hinzu. Neben ihnen hin läuft die Bergstraße zwischen Darmstadt und Heidelberg. Die Berge im Osten sind abgerundet und reich bewaldet, mit Ruinen geschmückt und locken durch ihre Nähe. Man fährt durch fruchtbare Obstgärten. Nach Westen dehnt sich die Pfalz flach und plan nach dem Rhein hinüber. Der eigentliche Süden Deutschlands fällt hier mit tieferen Farben auf uns herab. Das Kolorit der Laubberge ist dunkler und sanfter, der Himmel ist blauer, edle Kastanien gedeihen, der Mandelbaum grüßt, Heidelberg liegt hinter dem Berge. Heidelberg, das klingt wie Minnegesang und nach Romantik. Dort wohnt die lyrische Poesie in eigener Person, man sitzt unter dunklem Laube am Bergeshang, schaut ins Paradies hinab, seufzt, schließt die Augen, öffnet sie wieder und seufzt. – Neidisches Schicksal! Dieser Genuß hätte für mich Unbequemlichkeiten gehabt, denn als ich um die Bergecke fuhr, fing es zu regnen an, und Heidelberg, wo jeder anständige Mensch schöne, leuchtende Farben voraussetzt und dem Prinzip nach nicht zugibt, daß die Straßen verschlammt sein könnten, Heidelberg trat mir grau und kotig entgegen. Dies abgerechnet, war auch vieles anders, als ich es mir gedacht hatte. Die Stadt kriecht in eine Schlucht hinein, das Schloß sitzt ihr fast auf Hals und Schulter, und der Ort dehnt sich länger und schmäler, als man nach der Beschreibung denken sollte. Der Neckar erscheint dadurch zudringlich. Der weite, geschmeidige Blick fehlt. Aber trotzdem ist es sehr schön. Die alte Ruine ist eine Welt für sich, mit Schatten und Vorsprüngen, mit Blick und Fall. Die Formen und Winkel des Tales sind scharf, die Berge im Hintergrund sind höher, als man dachte, die Ebene nach der Pfalz hin lockt in ihrer unklaren Verdecktheit. Ich schloß mich einer Gruppe bunter Studenten an, die in den Ruinen des großartigen Residenzschlosses der Pfalz herumstrichen. Dann stellte ich mich an einen Abhang, sah weit hinab in das blühende Land und folgte mit den Blicken dem sanften Wechsel von Tälern und Hügeln. Am großen Schwetzinger Garten vorüber flacht und vereinfacht sich das badische Land nach Karlsruhe hinab. Westlich drüben grüßt schmucklos in der Ebene der Rhein. Seine Ufer sind hier sehr einfach, selbst in der Nähe der freundlichen Pfalzhauptstadt Mannheim. Das heitere Land hat sich hier ans linke Ufer aufsteigend hingelagert. Dort lacht das warme Rheinbayern mit seinen freundlichen Städtchen, Burgen und Weinbergen, mit Hambach, seinen Hardtbergen und seinen lang aufgeschossenen, dunklen und leicht erregten Bewohnern. Nach links abzweigend, nähert man sich dem Laubwalde, in dem Karlsruhe liegt. In dieser fächerartig gebauten Stadt, wo alle Straßen nach dem Schlosse, dem Griffe des Fächers, auslaufen, findet man ein reges Geistesleben. – Wendet man sich über Rastatt nach dem berühmten Baden-Baden, so fühlt man sich wie in einer Hauptstadt Europas. Alle Sprachen unseres Erdteils hört man durcheinander. Großartige Gasthöfe und ausgesuchter Luxus erwecken den Eindruck einer Metropole. Schwarz-grüne Waldberge lassen romantische Stimmungen in der Seele erwachen. Der Schwarzwald ist wirklich ein schwarzer Wald. Langsam und allmählich erheben sich die Berge über dem Tal. Links und rechts sieht man in dunkle, tiefe Schluchten, die umsäumt und umschattet sind von finsteren Tannenwäldern. Es ist kein riesiges Gebirge, aber es fällt in tausend Gruppen ab. Stiller Friede liegt über ihm. Aus den Einschnitten lockt hier ein Tal und dort ein Grund mit grünen Matten und blinkenden Bächlein. Wo die Bergwüste sich zu verwirren scheint, öffnet plötzlich ein lichter Abhang wie ein Sonnenstrahl die Wirrnis, und Hütten, in denen hölzerne Uhren gemacht werden, wo zwei Menschen von einer Kuh und einigen Hühnern das ganze Jahr hindurch leben, treten in lockender Bescheidenheit vor die Augen. Über schwarzen Bergforsten schwebt der Raubvogel nach der Ebene hin, die nur einen reichen Rahmen dieser dunklen Waldeinsamkeit bildet. Unten grüßt die Pfalz im Sonnenscheine, Straßburg winkt von ferne und die blauen Vogesen begrenzen den Blick. Dürftig ist der Schwarzwald, aber man lebt hier unabhängig. Des Himmels Sonne und sein Regen, sie mögen sparsam oder üppig kommen, gewähren doch so viel, wie der schwarze Baum bedarf, wie der Grashalm und ein wenig Getreide zum Gedeihen erheischt. Schwaben Offen gestanden, ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich nach Schwaben gekommen bin. Schon jenseits des Schwarzwaldes, auf der Pfälzer Seite, wohnen Schwaben. Wir gelangten mittags in ein kleines Städtchen am Fuße des Gebirges. Es hatte zu regnen aufgehört, und die Sonne schien mit weißlichem Glast. In der schlecht gepflasterten Straße war es still wie in einer Kirche. Selten trat ein Handwerker von seiner Arbeit ans Fenster, um nach dem fremden Wagengeräusch auszuschauen. Eine Post gab es hier gar nicht, in einem alten Wirtshause sollten wir nach Pferden fragen. Das Wirtshaus war totenstill. Mit Mühe fand ich die dicke, etwas schmutzige Wirtin aus den wüsten Winkeln des Gebäudes heraus. Es war eine gutmütige, verwunderte Schwäbin. Sie erschrak ernstlich vor dem preußischen Papiergelde: dergleichen habe sie niemals gesehen. Daß ich diese Papierzettel für Geld ausgeben wollte, erschütterte ihren Glauben an meine Solidität völlig. Ich flüchtete zum Golde. Ja, in der Franzosenzeit hätte sie ein paar Napoleondors von weitem erblickt, aber zum Friedrichsdor schüttelte sie ungläubig das Haupt. Die Lage war schlimm. Es wurde zum Krämer des Ortes gesandt, er ließ zurücksagen, das sei wohl Geld, aber hierzulande könne man »es nit brauche«. Der hohe Berg, den wir passieren mußten, hieß der Kniebis. Wir fuhren über ihn nach Freudenstadt, in dem wir wieder braven Schwabenherzen durch das preußische Papiergeld Schrecken einjagten. Nach dem Süden hinunter hebt und senkt sich weithin das Gebirge. In diesem Oberlande, dessen »Rauhe Alb« Gustav Schwab für seine Beschreibungen gepachtet hat, wohnt der arme Württemberger, der hölzerne Uhren macht, oder Quirl und Kochlöffel, der pietistisch wird, weil er nicht viel anderes zu tun und sehr wenig zu essen hat, und weil er den Himmel nie anders gesehen als streng und versagend. In diesem Oberland, an den Hängen der Alb bis in die Nähe der Schweiz hängt über Schwaben ein regenschwerer, trüber Protestantismus, den nur hie und da die frische Urkraft dieses kernigen Volkes wie ein Sonnenblitz durchbricht. Erst am Bodensee, wo das Land weich und ergiebig wird, hat sich ein heiterer Katholizismus erhalten. Der Gegensatz zwischen Schlesien und Schwaben ist frappant, in Schlesien ist der düstere, zurückgebliebene Teil katholisch, in Schwaben ist der magere dogmatische Ernst, die Armut und Strenge beim Protestantismus zu finden. Bergauf und ab ging es in der Nacht weiter durch die Hügel von einem kleinen Städtchen zum andern. Jeder Posthalter nötigte uns ein überflüssiges drittes Pferd auf, weil die »Steig« zu hoch sei. Als der Morgen kam, fuhren wir die letzte Steig hinunter. Stuttgart dampfte unten in einem engen, ringsum geschlossenen Bergkessel. Man rühmt den Schwaben großen Respekt vor dem weiblichen Geschlecht nach. Die Keuschheit wird dort nicht nur geehrt, sondern auch gelehrt. Es gibt nichts Unschuldigeres als einen schwäbischen Dichter. Sie leben und dichten von der Ahnung eines Kusses. Es ist möglich, daß ihr Hauptdichter Uhland niemals geküßt hat. Und doch ist er ein guter Dichter geworden. Vielleicht deshalb! Der Genuß ist bekanntlich für den Menschen sehr angenehm, aber gedeiht der Dichter nicht besser in der Entbehrung? Besingt man nicht schöner, was man ersehnt, als was man besitzt? Hier im Schwabenlande war der Mittelpunkt des deutschen Mittelalters. Fast alle großen deutschen Kaisergeschlechter haben hier ihre Stammburgen. Aber während sie mächtig wurden, sank die Bedeutung ihrer Heimat. Vielleicht wurde die Vormacht Schwabens durch die vielen Reichsstädte und die Kämpfe seiner Stände gemindert. Eines aber bleibt zu beklagen: daß die klingende schwäbische Sprache der mittelalterlichen Dichtung so wenig Spuren in unserem Hochdeutsch zurückgelassen. Leute, die selbst nicht singen können, plagen uns mit dem Generalbasse alter deutscher Poesie, von dem Klange der alten Lieder aber ist nur wenig in unsere Redeweise gerettet worden. Schwaben ist heute noch eine Taschenausgabe des alten deutschen Volkes und Reiches. Alle unsere Vorzüge und Fehler sind dort am Leben geblieben. Man ist mutig und gesund, idealistisch im großen, materiell im kleinen, aber man hat keine Brücke zwischen beiden. Jeder einzelne will herrschen, jedes Dorf etwas Besonderes sein. Das Wort »Deutschland« ist sehr beliebt für Reden und Trinkgelage. Man hat große Worte und gute Herzen, aber man weiß seine Ideen nicht im Alltag zu leben. Die Schwaben, gesegnet mit manchem glücklichen Talente der Dichtkunst, haben sich zu Dichtergruppen zusammengeschlossen. Gustav Schwab, weil er bloß um zwei Buchstaben weniger ist als ganz Schwaben, hat sich zum Vogt gemacht gegen alles, was im Norden den Frühling besingen will. Dieser wohlgenährte Gymnasialprofessor, der Uhland mit seinem hübschen Provinztalente so geläufig kopiert, ist der prustende Repräsentant alles dessen, was schwäbelt. Er verwaltet ganz im stillen die deutsche Literatur in Stuttgart und schützt sie vor zudringlichen Geistern. Dabei befindet er sich sehr wohl. Auch die deutsche Literatur befindet sich sehr wohl, sie hat nichts zu tun, als den Sonnenuntergang zu beschreiben und zu schildern, wie die Veilchen blühen und wie Herr Eberhard im Barte über Land geritten sei. Dieser schwäbische Ton ist uns, mit allem Ernste gesprochen, lieb und wert. Aber es ist ein Ton, eine Melodie. Man will doch nicht das ganze Jahr den schönen grünen Jungfernkranz hören und die Bescheidenheit der schwäbischen Verse. Bescheidenheit ist recht gut, aber man ist noch nichts Besonderes, wenn man nur bescheiden ist. Der Protest gilt nur der Anmaßung. Diese Dichtung, die eine historisch-romantische Sehnsucht mit glücklichen, weichen Worten wohl zu fassen vermag, hat in diesem kleinen Kreise ihren Wert. Uhland besonders sind einzelne Lieder gelungen, die so schön sind wie Goethes Verse aus guter Zeit. Schwabens Dichter dürfen aber nicht annehmen, an den Grenzen ihres Landes sei die Welt zu Ende. Dies Bergterrassental Stuttgart, diese kleine Residenz mit ihren einzelnen reizenden Vorzügen, mit ihren bescheidenen Landhäusern und Baumgruppen, die sich nach dem Neckar sehnen, diese große kleine Stadt, wo sich alles kennt, wo ein Fremder die Neugier und Forschung des ganzen Ortes rege macht, diese Berge, die in eure Schlafzimmer steigen mit Wald und Käfern, diese Markttage, die alle Gestalten und Spielarten Schwabens zusammenführen – das ist eure Welt! Die erleben wir in euren Liedern. Aber nur in diesem Umkreise ist eure Dichtung berechtigt. Die große Welt der Kühnheit, der vielen Entdeckungen liegt fernab von euch. Man liebt euch, achtet euch und hofft auf euch, auf den tiefen Born eurer Bestimmung und Kraft. Aber ihr wohnt in einem kleinen Tale. Ihr seht das Nächste groß und schön, aber ihr seht nicht weit. Verlangt nun nicht das Unmögliche, wollt nicht ein herrschender, weithin sichtbarer Leuchtturm sein. Ihr seid es nicht, ihr leuchtet romantisch violett-blau wie eine Blume im Tale. Gutzkow hat euch geärgert, aber er hat ganz recht mit seinem Ausdrucke: es bedeutet für euch Weltschmerz, vom Spaziergange keine neuen Gleichnisse mitzubringen. Wir wollen indes nicht übertreiben. Nicht alles gehorcht dem dicken Held der Maikäferclique. Pfizer, ein feiner und tatstarker Geist, überrascht durch eine stolze, allgemeine Bildung und eine große kühne Spekulation. Er ist jetzt der einzige Schwabe, der den »Briefwechsel zweier Deutscher« schreiben kann. Es ist sehr zu beklagen, daß er sich zu sehr durch Parteistandpunkte bestimmen läßt, nicht sowohl schaffen als bessern will und für die freie Welt des nach außen geoffenbarten Lebens kein empfangendes, sondern nur ein geistreich neckendes Herz besitzt. Der puritanische Hauch der schwäbischen Täler hat auch seine stolze Brust berührt. Es ist auffallend, daß die geistreichsten, frischesten Männer Schwabens von der Freude, der rücksichtslosen roten Farbe des Lebens, dem Atem der Gottheit, wenig wissen wollen. Sie wird stets nach ihrem moralischen Passe gefragt. Die Moral in Ehren, aber sie ist die höhere Polizei der Bildung, die Poesie deren Grundlage. Bei aller Kritik, für die dieser Volksstamm reichen Stoff liefert, trotzdem man die Schwaben starr, kleinstaatlich, hausschüchtern, trotzig und philisterhaft nennen möchte, sind sie doch der kernigste, innerlichste und schöpferischeste Stamm des deutschen Oberlandes. Ein Stamm, aus dem nach langem, unscheinbarem Hinbrüten immer wieder ein neuer stolzer Zweig hervorbricht. Der Schwabe wird nicht vor vierzig Jahren klug, sagt das Sprichwort. Aber mit vierzig Jahren wird er klug, dessen kann sich nicht jeder andere rühmen. Und wenn ein Schwabe vor vierzig Jahren klug wird, so ist er sehr klug. Die Bezeichnung ist genauer aus dem besonderen Sinne des Wortes klug zu erklären: ein gewandter Weltverstand, ein geschmeidiges, wendungsreiches Element der Schlauheit ist in Schwaben nicht zu Hause. Aber wenn eine Potenz des Geistes sich offenbart, so ist sie gewaltiger als jede Klugheit. Zur kleinen Schlacht, zum raschen Schleudern der Wurfgeschosse, zu Wendungen und Manövern ist der Schwabe nicht geschickt. Aber er schleudert ganze Felsen und Gebirge, wenn sein Geist in den Krieg zieht. Vielleicht ist es ergiebiger und amüsanter, von den Schwaben zu hören und zu lernen, als in ihrer Mitte zu weilen. Vielleicht ist der Schwabe am liebenswürdigsten und größten, wenn man ihn nicht sieht. Schiller war ein Schwabe. Hier in Stuttgart ist seine Poesie zur Welt gekommen. Ein Herr von Schaffenstein hat auf die liebenswürdigste Weise erzählt, wie sich die Zeit der Wehen und Geburt nach außen geoffenbart habe. Er war ein Vertrauter Schillers auf der Karlsschule. Aus seiner Mitteilung geht auf eine rührende Weise hervor, mit welch schwerer Gewalt sich der Genius losringt und die harte Schale zu sprengen trachtet. Die Länge des Bergkessels hinauf, in dem Stuttgart liegt, zieht sich die Hauptstraße der Stadt, die Königstraße, wo das Haus Cotta und das Haus Seydelmann liegen. Ein breiter flacher Platz breitet sich rechts in die Absenkung hinein. An seinem Ende liegt das Schloß, das Theater und alle Nebengebäude. Darunter auch das Haus, in dem früher die Karlsschule untergebracht war und in dem Schiller zum Dichter wurde. Dahinter breitet sich der Park nach der Talöffnung, in der man in einer Entfernung von einer halben Stunde dem Neckar bei Cannstadt begegnet. Das Schloß und seine Umgebung sehen behaglich und vornehm aus, ohne übertriebene Ansprüche zu erwecken. Vorne auf der Fassade steht eine Krone. Deshalb nennen die mediatisierten Herren, die hier wohnen und denen die moderne Souveränität sehr kostspielig und nicht genehm ist, ihren Souverän, den Schloßherrn, Kronenwirt. Diese wohlfeile Entschädigung für die verlorene Herrschaft wird ihnen niemand mißgönnen. Zwischen den Flügeln des Schlosses, dicht unter den Fenstern des Königs, ist ein stiller, schattiger Platz. Hier soll ein Standbild Schillers aufgestellt werden, doch bringt eine starke Opposition einen anderen Ort in Vorschlag. Es sollte mir leid tun, wenn sie Erfolg hätte. Ein Denkmal ist ein Sinnbild des Genius. Der Schillersche sollte hier den Raum der trockenen Karlsschule neben sich sehen, wo er geschmachtet und gerungen hat. Herr von Schaffenstein kann gar nicht genug beschreiben, wie das kein Mensch von Schiller erwartet habe. Der Genius hat so wenig von sich merken lassen, daß der Aufseher gerade auf den armen Friedrich ein besonders ärgerliches Auge geworfen hatte. Ja, Schiller wurde des öfteren wegen seiner mangelnden Waschbeflissenheit von ihm als »Schweinepelz« apostrophiert. Das Wort will nicht recht zu den »Göttern Griechenlands« passen und muß billigerweise jede für Schiller schwärmende Dame sehr irritieren. Außerdem wird die dichterische Jünglingsgestalt durchaus einem Storche ähnlich beschrieben, mit langen, mageren Armen und ebensolchen Beinen, die in weißen, äußerst schmalen Hosen steckten. Der Unterschenkel sei mit Gamaschen bekleidet gewesen und habe durch den unterlegten Filz den Schenkel an Umfang und Dicke übertroffen. Auch der Hals habe sich lang und mager präsentiert. Stellt man sich nun noch Fäustchentoupets und einen langen hartnäckigen Zopf am Hinterhaupt vor, so erkennt man wohl, welche Arbeit es für den Genius bedeuten mußte, in stolzer Grazie durch diese Maske durchzubrechen. Eine weiße Papageiennase und rote Augenbrauen, die sich über tiefen dunkelgrauen Augen zusammenschlossen, beherrschten sein Gesicht. Doch habe darüber schon von früh auf ein pathetischer Ausdruck gelegen. Die Lippen waren dünn, die untere stand, wie in der habsburgischen Familie, etwas vor und erzeugte beim Sprechen den Eindruck großer Energie. Das Kinn war stark, die Wangen blaß und eingefallen und von Sommerflecken betupft, die Augenlider waren meist entzündlich gerötet, das Haupthaar sah buschig und dunkelrot aus. Der Kopf, mehr einem Geist als einem menschlichen Wesen zugehörend, zeigte Mut und viel Ausdruck. Die Stimme war kreischend und unangenehm, Schiller beherrschte sie so wenig wie sein Gesicht. Rechnet man hierzu den bedenklichen schwäbischen Akzent, so erklärt sich wohl, wie die Vorlesung seines »Fiesko« in Mannheim unglücklich ausfallen konnte. Alle seine Hoffnung war zunächst auf Annahme und Darstellung dieses Stückes gesetzt, als er von Stuttgart dahin floh. Die bedeutendsten Schauspieler hörten zu. Einer nach dem andern schlich fort. Jeder erklärte, an dem Stücke sei gar nichts, es sehe dem Verfasser der »Räuber« ganz unähnlich. Wie sauer hat es die Welt Schiller gemacht. Wahrlich, er mußte seine eigene Welt erfinden, um des Glückes und der Begeisterung teilhaftig zu werden. Bayern Über schmale Hügel, durch kleine Täler gelangt man aus Württemberg, aus dem niedrigen Schwaben, in die Hügelebene Frankens. Der Main rauscht hier durch grüne Gelände, von den Gebirgen herabsteigend, die diesen reichen Landstrich von Norddeutschland absondern. Es gedeiht eine fröhliche Rebe. »Zu Würzburg an dem Stein, zu Klingenberg am Main, zu Bacharach am Rhein, da wächst der schönste Wein«, singt schon ein alter topographischer Spruch. Der Boden ist feist und ergiebig. Frank und unbesorgt wächst der Mensch hier in den heitern Tag hinein. Sein Blut ist rasch, sein Sinn ist froh, sein Auge lebhaft, schnell greift er nach jedem Interesse. Man darf das geographische Franken nicht mit dem historischen verwechseln. Reste des wichtigen fränkischen Stammes sind allerdings am Main haftengeblieben, doch griff er ursprünglich über Thüringen hinaus bis nach Sachsen und auf der anderen Seite tief nach Gallien hinein. Der Rheinstrich teilte ihn in kleine Herrschaften. Nur Frankfurt erinnert noch an den alten Namen. Die Geistlichkeit breitete ihren Talar über die schönsten Landesteile, der Krummstab regierte über Fulda, Aschaffenburg, Würzburg und Bamberg und verhinderte eine große weltliche Herrschaft. Die demokratische Bürgermacht der Reichsstädte löste auch wichtige Teile aus dem Stammesverband, und so gelang keine Zusammenfassung des fränkischen Landes mehr. Doch ist in dem Frankenreste, der durch eine Bestimmung des Wiener Kongresses Bayern einverleibt wurde, der Charakter der heiteren Lebendigkeit des Stammes erhalten geblieben. Das verschiedenartige Regiment, der Krummstab am Main, das Markgrafentum in Ansbach und Bayreuth, die Reichsbürgerschaft in Nürnberg hat dem Lande eine farbige Mannigfaltigkeit aufgeprägt. Der Zusammenfluß nord- und südlicher Elemente hat ihm eine bewegte, lebhafte Existenz gesichert. Ich saß stumm im Postwagen, eine verschleierte Dame lehnte still in der anderen Ecke, zwei andere Passagiere saßen draußen im Kabriolett. Es war stumm und still in mir. Das leere, bunte Leben ohne Halt und Ziel und all das flüchtige Reisegenießen, das die Seele nur streichelt, doch nicht ihren innersten Kern erfaßt, zogen kopfschüttelnd wie putzige Karnevalsfiguren an meinem halboffenen Auge vorüber. Grüne Gefilde lagen auf beiden Seiten des schnell rollenden Wagens, es war nicht zu verkennen, daß wir in Bayern waren. Hopfenstangen, die süße Symbolik des schönen bitteren Bieres, die stehende Poesie und der Augentrost der Bayern, begleiteten uns auf unserer Fahrt. Es war ein trüber, melancholischer Tag, graue Wolkennebel lagen auf niedrigen Bergen. Auf dem grünen Rasen perlten feine Wassertropfen. Man vergaß, daß es eine Sonne gebe. Meine jungen schlesischen Gedanken, die ausgezogen waren, das Glück und die Schönheit in der Weite zu suchen, schüttelten verneinend ihr Haupt. Die Reise hatte mich klüger, aber nicht glücklicher gemacht. Die Tage eilten oder krochen vorüber, das Auge sah immer etwas anderes, ich freute mich wohl hin und wieder, aber in all dem Neuen sehnte ich mich doch nach meiner stillen schlesischen Stube zurück. Der schlesische Philister erwachte in mir. Vor jedem geschlossenen Auge stand mir eine Träne, auf meinem Munde aber lächelte etwas, das ich selbst nicht erklären konnte. Ich fühlte etwas wie Ironie und innige Wehmut, das sich in diesem Lächeln ausprägen mußte. Ich bedaure, daß ich soviel Schönheit nicht selbst in meinem Gesichte bewundern konnte. Es war mir plötzlich sehr kalt, und ich hüllte mich dicht in meinen Überrock. Ich war schon lange von der Heimat fort und wurde langsam recht reisemüde. Allmählich wurde es Nacht. Als wir auf der Poststation ankamen, hatte ich gehörigen Hunger. In einem gut bayrischen Wirtshause ist aber nichts als Bier zu haben. Die schläfrige Magd kochte uns brummend ein Warmbier, und wir aßen trockenes Schwarzbrot dazu. Es ist unglaublich, wie abgeschlossen fertig die Bayern sind und wie wenig sie von der übrigen Welt verlangen. Wenn sie etwas sprechen, so betrifft es immer Bayern, sie sind ganz verwundert, daß hinter den Bergen auch Menschen wohnen. Sie sind ein streng abgesondertes Natiönchen, ihr Nationalheiligtum ist das Bier. Wenn der Bayer draußen in der großen Welt Heimweh empfindet, so ist das nichts als Durst, Durst nach bayrischem Biere. Man trinkt hier absolut, an sich, bloß um zu trinken, ohne störende Nebenzwecke. Es ist ein gutes, starkes Volk, mit festen Knochen und vollem Herzen. Ihre Sprache und ihre Wünsche sind schwer und schleppend. Sie sehen sehr fleischig aus, und ihre Sehnen sind dick und stark. Man ist selten keusch, nüchtern, ihre Augen sind etwas dämmrig. Selbstverständlich ist auf dergleichen Charakteristiken nicht mehr zu geben als auf persönliche Eindrücke überhaupt. Es geht in solchen Fällen wie in der Medizin, wo einzelne Eindrücke leider nur zu oft zur Aufstellung von Gesetzen verleiten. Alle Gemeinschaften enthalten unzählige Möglichkeiten in sich. Der Beobachter versucht, Durchschnittswerte zu finden, er hat aber doch nur zwei Augen und nur eine Auffassungsfähigkeit. Man darf sich also hier auf meine Urteile ebensowenig verlassen wie auf die zärtlichen Blicke einer Kokotte. Ein Reisebeschreiber aber muß mit den Gegenständen kokettieren, da er nicht immer wirklich lieben kann. Und einem verliebten Blick öffnen sich die Dinge doch eher als einem gleichgültigen. An der Westgrenze Bayerns äußert sich das Land noch anders. Da wächst noch die Rebe statt des Hopfens. Aus dem Weine steigen Geister, aus dem Biere Gnomen. Der Weg ging weiter durch flache Täler und stumpfe, steinige Berge. Hie und da erblickt man ein verfallenes Schloß, die Dörfer werden immer seltener, die Einwohner haben sich zum Schutze vor den straßenräuberischen Edelleuten hinter die Mauer kleiner Städte geflüchtet. Von da aus treiben sie auch den Ackerbau. Der Trotz gegen die Feudalität beginnt. Die alte Reichsstadt Regensburg grüßt wie ein aufeinandergetürmter Hügel von Häusern und Türmen. Als ich in den engen, winkeligen Straßen fuhr, dachte ich an die Einzüge der Fürsten und Herren zu den Reichstagen, an ihre Fähnlein und Rosse und an die mediatisierte Herrlichkeit, deren breiter Walplatz das westliche und südliche Deutschland war. Da die Reaktion im Jahre 1833 so glücklich vonstatten ging, haben die alten Reichsperücken auch wieder zu wackeln begonnen und verfaßten ihre schlecht stilisierten verschollenen Artikel in der Allgemeinen Zeitung. Aber sie sitzen in einem kläglichen Fahrzeug zwischen der Skylla und Charybdis: weder das Volk noch die Fürsten wollen die Herrschaft mit ihnen teilen. Ich eilte vom Postwagen nach dem Dome. Man kommt sich ärgerlich klein vor im Anschauen dieses schweigenden Gebäudes mit seinen hohen steinernen Mauern und ragenden Pfeilern. Zur Demut beugen diese Dome und zwingen zum Christentum. Breit und massiv, lassen sie ihre gebieterische Größe und Gewalt erst empfinden, wenn man dicht vor ihnen steht. Kleine Vertiefungen strecken sich an der Fassade in die Höhe. In kleinen Nischen unter zierlich gezackten Schutzdächern stehen putzig aussehende Könige, Frauen und Heilige, die sich in der Nähe recht groß ausnehmen mögen. Kraus wie die Wellen des Meeres laufen steinerne Schnörkel bis an den Giebel hinauf, wie die tausend kleinen Gesetze und Verbote des Christentums. Man fühlt, wieviel Zeit man im Mittelalter hatte, da ein einziger Mensch sein halbes Leben lang an einem Standbild oder an einer Reihe von Schnörkeln arbeiten mochte, die unter normalen Umständen nie ein menschliches Auge wieder sehen. In der Kirche war es schon dunkel. Ich glaubte die langen und langweiligen Gesichter und Gestalten der alten Reichstage aus den Seitengängen starren zu sehen. Aus den blauen und roten Fenstern fiel ein mattes Licht in das hohe Schiff der Kirche. Ich setzte mich auf eine Altarstufe, stützte mein Haupt in die Hand und wurde still in der steinernen Stille rings um mich. Durch schiefe kleine Gassen, eng wie Korridore, kommt man zum Rathaus. Wenn man vor ihm steht, fragt man einen Vorübergehenden, wo das Rathaus sei, in dem die großen Reichstage abgehalten wurden. Es ist nämlich ein kleines, verschobenes Gebäude mit grämlich verzogenen Fenstern. Die Alten brauchten wenig Raum zum Reden, ein Wort und drei Taten. Heute heißt es drei Worte und noch keine Taten. Der Entschluß zur Tat tritt allerdings mit wachsender Zivilisation immer seltener auf. Aber unsere Erzieher sollten nicht vergessen, die Menschen wieder zu lehren, daß im Handeln der Sinn des Lebens liegt. Übrigens stellt man sich die mittelalterlichen Menschen viel zu groß vor. Vielleicht haben die Heldengedichte und unsere Begeisterung für frühere Zeiten zusammen mit dem Anblick der großen Rüstungsstücke diesen Irrtum erzeugt. Ein breit geharnischter, kolossaler Ritter, wie wir ihn uns meist vorstellen, hätte kaum manche Straße Regensburgs passieren können. Allerdings wurde damals der Körper so gepflegt, wie wir heute den Geist pflegen. Wer wenig denkt, ißt viel. Ferner lebten die Leute einfacher und aßen keine stark gewürzten Speisen. Siegfried wäre nicht Siegfried geworden, hätte er viel Straßburger Gänseleber verspeist. Ein altes Hochrelief am Regensburger Rathaus wird allen Fremden gewiesen, ein ungarischer Ritter im Kampfe mit einem Bürger gezeigt. Trotzdem der Ritter geharnischt ist, wird er von seinem Gegner, der nur mit einer Keule bewaffnet ist, totgeschlagen. In Regensburg ließen wir auch den Regen gefangen zurück und fuhren in einer hellen mondschimmernden Nacht hinauf gegen Landshut und München. Die Straße gilt nicht für ganz sicher, und ein bis an die Zähne bewaffneter Soldat setzte sich auf den Vordersitz neben den Kondukteur, den nicht der revolutionärste Lärm hätte erschüttern können. Es war eine Höllenfahrt, und ich betete inbrünstig den Herrn von Nagler an. Am schönen Morgen kamen wir nach Landshut. Der mädchenschlanke, himmelhohe Turm mit dem pfeilhochfliegenden Dome lachte uns weiß und rot in der Morgensonne entgegen. Der Tag flog wie ein Freudengedicht im hüpfenden Sonnenscheine von der kühnen, graziösen Kuppel herab zu uns Menschlein. Die ganze freie, luftige Kirche atmet Mut und kühnen, fröhlichen Flug zum blauen Himmel empor. Es ist einer der schönsten Türme Deutschlands. Die Betrachtung eines solchen Kunstwerkes erzeugt Courage. Man sieht an diesem Wagnis, daß wir keine Götter sein können, doch in der Kunst dem schaffenden Gotte am nächsten kommen. Mit dem babylonischen Turme haben die Heiden sicherlich einen Weg in den Himmel erbauen wollen. Immer tobender wurde der Lärm, der uns im Weiterfahren nach München entgegenklang. Die Isar war aus ihrem Bett gesprungen und lief über Felder und Straßen. Totes und um sein Leben kämpfendes Wild kam in großer Zahl dahergeschwommen. Es war, als breche die Sintflut über die bayrischen Biersünden und die Verfehlungen der übrigen Welt herein. Wir kamen immer tiefer ins Wasser und mußten endlich auf die Augsburger Straße umlenken. Am Horizonte erhob sich München mit stumpfen Türmen. Die Straße glitt über eine stille Ebene. Hin und wieder sahen wir an Waldecken ein Reh. Friedlich und weiß leuchtend grüßte aus einem geraden Waldwege Schloß Schleißheim herüber und lud uns ein, seine schönen Gemälde zu besichtigen. Ein kühler Wind strich über das Plateau, auf dem München fast in gleicher Höhe wie der Harz liegt. Mich fror immer stärker, je näher wir kamen. München Diese Residenz befindet sich gegen alles Fremde in einer fortwährenden Verteidigung. Schon weit vor den Toren harren Wachthäuser der Ankommenden, und Soldaten beginnen das erste Examen über Ziel und Zweck der Reise. Die Stadt empfängt mit klarsten architektonischen Eindrücken. An der breiten Ludwigstraße erheben sich neue, schöne Gebäude. Kommt man von Augsburg her, so hat man den Eindruck, Athen oder Florenz zu betreten. Es ist nicht zu leugnen: reifer, geläuterter Geschmack baut in München, nicht jene plumpe antiquarische Kenntnis, die die Schönheit der Dinge auf Autorität annimmt. Wir fuhren nur im Schritt durch die kühle und vornehme Ludwigstraße, als würden selbst die Postgäule durch die ruhenden Paläste eingeschüchtert. Der Maxpalast, die Ludwigskirche und andere Neubauten erheben sich in ungeschminkter Grazie wie Statuen, die über schönen Körpern kühne Falten hüllender Gewänder tragen. Wie eine rätselhafte Sphinx ruht das Theater auf schweren, gewichtigen Säulen, keine seiner klassischen, schweigsamen Mienen verrät, ob hinter den stolzen Brauen Ernst oder Scherz wohne. Ich mußte sogleich von der Post zurücklaufen, um mir alles noch einmal anzusehen. Ich glaubte in einem griechischen Tempel gewesen zu sein, in dem rings schöne Menschenkunst aufgebaut war und doch der Himmel und eine bedeutende Natur nicht verborgen wurden. Still waren die Straßen. Auch die Einwohner wagten kaum laut zu werden. Es war mir, als befände ich mich in dem prächtigen Palaste Belsazars und alles schlage die Augen nieder, weil man jeden Augenblick eine gespenstige Hand erwarte, die ein unglückliches Wort an die dunkle Decke schreiben wolle. Unter aller Schönheit faßte mich das unheimliche Gefühl, als erwartete man mit Bangen ein großes Unglück. Das ist Krankheit, werden die Objektiven sagen. Ja, das mag schon richtig sein. Auch ich versuchte, die bösen Dämonen zu verscheuchen, aber es kamen mir immer nur die Worte der unglücklichen Königin Elisabeth in den Sinn: »Man ist sehr ruhig in Madrid.« Mit Mühe erfuhr ich von den gleich Schattenbildern Vorübereilenden, daß im Englischen Garten Konzert sei. Die Gruppen, die sich dorthin auf den Weg machten, verhielten sich alle fast unnatürlich ruhig. Kein Bursche sang, kein Gassenjunge pfiff und kein Mädchen lachte. Der Hofgarten, der an die alte Residenz anstößt, war höchst anständig ruhig, obwohl es ein schöner Sommerabend und noch dazu Samstag war. Nicht einmal ein Vogel sang, man hat mir später erzählt, daß nach München keine Nachtigallen kämen, weil es hier zu kalt sei. An zwei Seiten des Hofgartens ziehen sich die sogenannten Arkaden hin, Säulengänge, an deren Wänden Freskogemälde, meist italienische Landschaften, angebracht sind. Aber die kalte Münchener Luft grollt den heißen Farben, und Italien erblaßt unter den Arkaden von Tag zu Tag stärker. Wir drangen tiefer in den Park ein, da wir das Konzert suchten. Die Isar brauste und tobte. Schweigsam kam die vornehme schöne Welt zu dem Konzerte gefahren. Das Wort »schöne« ist hier bestimmt berechtigt. Die Münchener Frauen sind ebenso schön wie die neuen marmornen Bauten der Stadt. Sie sahen an jenem Abende auch ebenso klassisch aus. Ich habe auf ihren stummen und steinernen Zügen kaum einen Affekt wahrgenommen. Nach vielen Stunden waren ihre Kleider noch ebenso unverändert wohlgefaltet, als ob sie eben aus dem Garderobenzimmer kämen. Später versicherte man mir allerdings, hinter den steinernen Mauern brenne mitunter die Flamme der heißesten Liebesfreude. Auch die vornehmsten der schönen Münchnerinnen besäßen heiße Herzen. Es gäbe späte Stunden, wo die glatten Gewänder zum Ärger der Kammerzofen ihre Gewissenhaftigkeit verlören und der Marmor des Busens und Leibes heiß werde unter Pygmalions Munde. Das hat mich innig getröstet. Ich ging hin, um den »Archivarius des Königs« zu suchen. Nicht den König Ludwigs oder sonst eines realen Königs, sondern den eines Königs an sich. Dieser Archivarius, ein Doktor der Philosophie, hat ein Buch über die Narrheit unserer Tage geschrieben. Er las übrigens täglich alle Zeitungen und war somit das beste Intelligenzblatt. Er wollte mich in München wiedersehen. Wir fanden uns auch bald und sagten uns gleich, daß wir gewichtige Fortschritte in unserer Berühmtheit gemacht hätten. Wenn sich unsere Geister weiter so entfalteten, so sagten wir uns schon jetzt voraus, daß wir einmal berühmte Leute werden könnten. Dann gingen wir ins Theater. Hier bewaffnete er seine Augen bis an die Brauen und wies mir in einer kleinen Loge ein schönes Mädchen mit glänzendem, schwarzem Haare und einem Freudenauge, das kein Geheimnis machte aus dem Glück, das es verschenken konnte. Denn es war auch alles andere an dem Mädchen von großer Schönheit. Der Archivarius beklagte sich bitter, daß er mit dem Mädchen nicht zusammenkommen könne, da sie von einer kurzsichtigen Tante beaufsichtigt werde. Er wolle aber gerne beschwören, daß das Mädchen ganz bestimmt nicht kalt sei. Als ob ich das bezweifelt hätte! In der Pause zum zweiten Akt ging er eiligst von dannen, um die neuangekommenen Journale zu lesen. Er versprach, vor Schluß des Stückes wieder einzutreffen. Das Mädchen sah belustigt herunter. Ich hatte also recht, daß der Doktor ein richtiger Archivarius sei, dem das Lesen noch wichtiger vorkomme als die Liebe. Ich bat ihn, einen liebes- und todesentschlossenen Brief an das Mädchen mitzubringen, ich könne ihm versprechen, daß er das Mädchen noch heute sprechen würde. Vielleicht allerdings nicht lange genug, um des Briefes zu entbehren. Er ging kopfschüttelnd. Das Münchener Theater ist von innen weit und hoch und überprächtig in seinem reichen Gold. Die rastlos aufsteigenden Logenreihen überfüllen die Augen, die massiven Farben schüchtern sie ein. Aber der Vorhang, auf dem von einem grünen Hügel ein schönes Frauenzimmer ins Land hinabfliegt, ist von wohltuender poetischer Verheißung. Das Theater ging zu Ende. Der Archivar kehrte zurück, ein Bekannter, den ich in der zweiten Pause getroffen, war schnell ins Komplott gezogen. Wir warteten an den Türen. Das schöne Kind kam in seinen weichen Sommermantel gehüllt, begleitet von der kurzsichtigen Tante. Der Bediente hob beide in den Wagen und warf den Schlag zu. In diesem Augenblicke wurde auch sein Hut vom Kopfe geworfen. Er wurde von mir und meinem Mitverschworenen vom Wagen fort und ins Gedränge gedrückt. Der Archivarius schlug den Tressenhut über den Kopf, sprang hinten auf den Wagen auf, und die Kutsche donnerte von dannen. Der Bediente suchte seinen Hut. Ich sagte ihm, ein Polizeidiener habe ihn aufgehoben und sei in bestimmter Richtung verschwunden. Dann gingen wir in den »Hirsch« und unterhielten uns mit Bayern und Fremden. Wir saßen und tranken und hörten dazwischen ein altes Lied vom bayrischen Himmel. Es verspricht lauter reelle Vergnügen: wohlausgekochte Klöße, trefflich aufgewärmtes Sauerkraut und Bier von der ersten Sorte. Dieses Lied ist von ergreifender Wahrheit. Der Moslem erwartet im Himmel die schönsten Huris und die schnellsten, gelenkigsten Pferde, der Bayer erwartet Bier und nochmals Bier. Träumte er aber von Allahs eigener Seligkeit, so sieht er ihn sich an einer Flasche Bockbier erfreuen. Die Herren an unserem Tische sahen alle wohlgenährt aus und trugen Bärte. Höchst energisch blickten sie hinter ihrem Glase empor und erklärten, wenn sie erst anfingen, da würfen sie die Erde in den Mond. Aber sie fingen nicht an. Ich bewunderte ihre Entschlossenheit und ihre Schnurrbärte und ging dann schlafen. Als ich erwachte, lag schon ein heißer, zudringlicher Sommertag über München. Ich wagte mich ins Freie, aber die Sonnenstrahlen trieben mich bald zurück. Sehnsüchtig sah ich nach dem blauen Höhenrauch am südlichen Horizonte, von wo die Alpen lockten. Hinter jenen Bergen wird die Erde plötzlich dunkelgrün und der Himmel blau und es wogt das Mittelländische Meer. Nachmittags besuchte ich die Glyptothek. Stumm, aber in großartiger Schönheit wendet sich der Bau ganz nach innen. Kein Fenster grüßt nach außen, nur in Nischen sind Statuen aufgestellt. Die Glyptothek hat die Form eines Quadrates und enthält zehn Säle, in denen Plastiken aller Epochen aufgestellt sind. Die Säle entsprechen in ihrer Architektonik jeweils den Entstehungszeiten der Plastiken. Tritt man aus den trockenheißen Sonnenstrahlen Münchens in die kühlen Räume, so hat man den Eindruck, einen erfrischenden Trunk aus einer klaren Quelle zu tun. Die Ruhe dieses Kunstheiligtums streichelt wie ein erquickender weicher Wind die erhitzten Schläfen. Das Licht kommt wie in den römischen Bädern durch hochliegende, halbrunde Fenster. Der einfachen Schönheit der Plastiken entspricht auch der Bau der hohen Decken. Die Gesellschaftssäle, die nach der nordöstlichen Seite zu liegen, sind von Cornelius gemalt und vollenden den freien, griechischen Eindruck des Ganzen. Das Geschick der Götter und Griechen Hellas' schreitet hier im großartigsten Stile vorüber. Die großen Leiber, die ehernen Glieder, die ewigen Augen und der unsterbliche Zorn, alles tritt uns wie ein nackter klassischer Gedanke entgegen. Im allgemeinen hört man in München sehr gebildete Urteile über das Schöne und die Kunst. An der Glyptothek gefällt ihnen nicht, daß sie keinen einzigen vollkommenen Saal enthalte. Ich bin aber nicht der Meinung, daß dieser Vorwurf bei dem klar ausgeprägten historischen Zwecke berechtigt ist. Unweit von der Glyptothek ragt, höher und mannigfaltiger gegliedert, das Gemäldehaus, die Pinakothek. Die bunten Farben künden sich schon durch die Mannigfaltigkeit, durch die zahlreichen Bogenfenster an. Noch ist das Innere nicht fertig, und an Bildern habe ich nur in der »Neuen Residenz« Gemälde von Schnorr sehen können. Wenn in Bayern für alles gesorgt würde wie für die bildende Kunst, so fände man kein Ende des Lobes. Hat man sich aber erst alles einmal angesehen, so muß man abreisen. Einen längeren Aufenthalt gestattet die Zensur nicht.   Als der Postwagen aus der Isarvorstadt ins Freie rollte, atmete ich tief auf. Blaue Berge zogen an unseren Blicken vorüber. Von den bayrischen und Tiroler Alpen glänzte in der Sonne blendender Schnee in die grüne Ebene herab. Bald sahen wir uns in die salzburgischen Voralpen hineingeschoben, neue Bergformen entwickelten sich. Der Archivarius saß schweigend neben mir und dachte an das schöne Mädchen, das er aus dem Wagen gehoben. Zwei sanfte Reisende lasen mit stiller Andacht Rinaldo Rinaldini, der Kutscher vor uns pfiff laut. Grün wie junges Gras kam uns bei Wasserburg der Inn entgegen. Die Berge wurden immer steiler und ihre Wasser schäumten, vom Regen geschwellt, lärmend durch die Täler. Es hieß, die Salzach habe die Täler zerrissen und wir müßten einen weiten Umweg durch die Schluchten machen. Früh breitete sich die Nacht zwischen hohen Wänden aus, während hoch oben die Wolken und Bergspitzen noch im Sonnenlichte erglänzten. Auf allen Stationen war große Geschäftigkeit. Die Boten der Bauern kamen von allen Seiten herbei und erzählten von der Wirkung der Wasser. Sie schilderten die Gefahren und warnten vor der Weiterreise. In diesen tiefen Bergen erschrecken die nächtlichen Gefahren durch ihre Unberechenbarkeit. Aus jeder Krümmung, aus jedem Hinterhalte kann das Unglück turmhoch herabstürzen und klaftertief das Opfer in die Erde drücken. Ein paar katholisch ernsthafte Salzburger ritten mit Laternen vor dem Wagen einher. Die Lichter drangen scheu in die Nacht. Manchmal umspielten sie schwarze Bergmassen, einmal schimmerten sie über einem ruhig schlafenden, mysteriösen See. Von der Spannung erschöpft, schlief ich ein. Ein dumpfes Donnern weckte mich. Der schwere Postwagen rollte durch das hohe Festungstor von Salzburg. Ein weißer österreichischer Grenadier nahm die Pässe ab. Unheimlich rumpelte der Wagen durch abgestorbene Straßen und ein großes knarrendes Tor. Salzburg Auf der Suche nach einem Gasthof gingen wir über die Salzachbrücke. Wie Verstorbene sahen die hohe Festung und die steilen Berge auf uns herab. Der Mond war aufgegangen, das wunderliche Salzburg glich einer steilen katholischen Kirche mit hohen Altären von schwarzem Marmor. Die einzelnen halbitalienischen Häuser am Flusse sahen wie kleine Betaltäre aus, und die Sterne strahlten Segen, Musik und Glanz bischöflicher Gewänder vom Hochaltare. Nur die Salzach, die tief unter der Brücke volle, hohe Wellen warf, störte die Kirchenstille. Es dünkte mich, wir kämen in eine Stadt, die seit zwei Jahrhunderten hinter den hohen Bergen vergessen worden sei. Als ich an die Haustür eines Gasthofes schlug, erschrak ich vor dem Lärm, den dieses Pochen in der schlafenden Gebirgsstadt hervorrief. Ich pochte einige Male. Es regte sich niemand. Man schläft fest und katholisch in Salzburg. Leise fing es an zu regnen, und uns war noch kalt von der Fahrt. Ich fluchte, da öffnete eine blinzelnde Köchin mit ausgespannten leeren Zügen und ließ uns ein. Ich konnte nichts Besseres tun als schlafen gehen. Als ich aufwachte, regnete es innig und gemütlich, wie das sonst nur in einem kleinen, gottvergessenen norddeutschen Städtchen passieren kann. Es gibt Orte und Zeiten, da ich es gerne mag, wenn ein ununterbrochener Regen an die Fenster schlägt. Das trockene lutherische Wittenberg zum Beispiel gewinnt dabei ein düsteres Interesse. Aber für Salzburg schickt sich das gar nicht, das ist ohnedies schon römisch-katholisch und düster genug. Der Archivarius des Königs und ich bewohnten zusammen ein salzburgisches Zimmer, in dem zwei himmelhohe Betten, drei große Tische, einige kleinere, ein Dutzend altfränkische Stühle und viel sonstige Möbel, vermutlich aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, standen. Es schickte sich nicht, in einem solchen Zimmer zu lachen oder auch nur vernünftige Gespräche zu führen. Wir erzählten einander Gespenstergeschichten und katholische Legenden. Wir wohnten dicht an der Brücke und sahen durch die umstehenden hohen Häuser über die vom Regen gepeitschte Salzach nach den Bergen. Der Archivarius erzählte traurige Dinge vom Herrn Abälard und seinem unnatürlichen priesterlichen Unglück. Er beschrieb die schöne Heloise und sagte, sie hätte glänzend schwarzes Haar und dunkelblaue Augen gehabt. Ihre Hand sei weich, warm und schneeweiß gewesen. Und diese schneeweiße Hand habe eben Abälard so unglücklich gemacht. Ich lehnte mit der Stirne an der Fensterscheibe und sah durch die Spalte nach der Festung hinüber. Auf dem dunklen Hintergrunde spielte der geschäftige Regen. Nachmittags kam die Sonne einer wärmenden Aufklärung, und wir fuhren aus. Aber die protestantische Aufklärung führte viel unerquickliche Kälte mit sich. Schon auf der Brücke überraschte uns das Prasseln eines eiskalten Schloßenwetters voll fataler Vernunft. Dennoch sah der Kampf schön aus. Wie eine schwarze, fliegende Nacht stürzte sich die Wolke kopfüber in die Salzach und umfing mit dunklen, kalten Armen einen Teil der Stadt und der Berge. Auf der anderen Seite lachte die Sonne auf den weißen, italienischen Häusern. Über die Burg und die steinigen Berge zuckte ein stolzes Lächeln. Salzburg liegt an beiden Ufern der Salzach, rings von Bergen umschlossen, die sich nicht allmählich aus der Erde heben, sondern aus plattem, horizontalem Boden aufragen. Das Auge wird von ihrem Anblick wie geblendet. Es ist, als komme man in ein fremdes Theater, und das Lampenlicht lasse die Augen zuerst erblinden. Man hört Worte, aber keine Reden, sieht Figuren, aber keine Charaktere. Der Blick findet manche Schönheiten, kann sie aber noch nicht zur Harmonie zusammenschließen. Wir fuhren in großer Verwirrung zwischen den Bergen umher. Am Untersberge ließ der Führer stillhalten und erzählte eine lange Geschichte. In diesem Berge sitze Kaiser Karl, den man auch Barbarossa nenne, lasse seinen Bart wachsen und sammle fünfmalhunderttausend Mann. Wenn aber sein roter Bart einmal fünffach um die Tafel geschlungen werden könne, an der er mit seinen Paladinen zeche und täglich zehn Flaschen Johannisberger trinke, dann werde er heraustreten und in Deutschland nach dem Rechten sehen. Im Jahre 1830 habe es einen großen Spektakel gegeben. Die Salzburger hätten schon gedacht, der Kaiser werde mit seinen fünfhunderttausend Mann aus dem Berge treten. Das österreichische Militär habe alle Tage scharfe Patronen gefaßt. Aber der Feldherr Barbarossa habe wohl nur große Heerschau abgehalten, denn es sei später wieder ganz still geworden. Übrigens sei der Untersberg nicht ganz geheuer, ein Bäcker, ein Fleischer und ein Weinhändler seien darin hintereinander verschwunden. Überhaupt müsse der Kaiser in letzter Zeit dergleichen Geschäftsleute viel brauchen. Namentlich seit Salzburg an Österreich gekommen und Handel und Wandel dadurch sehr gelitten hätten, sei es gar nicht auszuhalten. Ständig verschwänden Geschäftsleute. Merkwürdig genug führt wirklich die Chronik das Jahr 1830 an, in dem der Kaiser mit seiner großen Armee herauskommen werde. Der Archivarius meinte, der Ausgang sei enge, der Kaiser könne nur langsam seine Kräfte entwickeln, man könne nicht wissen. Darauf erwiderte der Führer, das Gouvernement wisse alles. Der Berg sieht sehr muskulös und starknervig aus. Neben ihm hat sich der Stauffen en wie eine phrygische Mütze hingestülpt, wie ein Rest der großen Erdrevolution, deren Spuren ringsum deutlich zu sehen sind. Vorübergehende sagten uns, bei Hallein sei eben ein Berg ins Tal gestürzt. Das durften wir nicht versäumen. Die stummen Berge handeln so selten, vielleicht war das ein Vorposten von Barbarossas Heer. Wir fanden wirklich ein kleines Erdschlachtfeld. Die Straße nach Hallein war von einem auseinandergefallenen Berge gesperrt. Wie verarmte einzelne Personen und Familien steckten hie und da Bäume oder umgeworfene Häuser Hand und Arm aus dem Erdschutte. Der Sturz war ohne romantischen Eklat langsam, nach vielem Geseufze und Gestöhne, eingetreten. Kein Mensch war verunglückt, aber die armen Leute, die jetzt bei hereinbrechendem Abend erst merkten, daß sie keine Schlafstelle mehr hatten, sahen recht traurig aus. Der eine hatte eine Axt, der zweite einen Bock, einer ein Spinnrad gerettet. Sie trieften vom Regen, denn sie standen schon ein paar Stunden und wußten nicht, was sie tun sollten. Dergleichen kann oft in diesen Gegenden vorfallen. Der Typus der Bergformationen ist steil und senkrecht, und das Fleisch späterer Erdschichten hat sich nur weich an die Urknochen gelegt. In einem regnerischen Sommer löst sich leicht eine Schicht von der kompakten Bergmasse. Durch stille Dörfer, in denen eine Menge hoher Mastbäume aufgerichtet standen, fuhren wir zurück. An den hohen, glattgeschälten Bäumen flatterten bunte Bänder. Buben und junge Männer kletterten daran des Sonntags in die Höhe, und die Mädchen jubelten dem zu, der am höchsten kletterte. Das Abendrot vergoldete die Feste Salzburg, daß sie stolz und prächtig wie ein Sieger aussah. Wie Purpur schlug sie sich die Röte des Himmels um die Schultern und sah höhnend herunter auf das kleine Geschlecht mit seinen alltäglichen Sorgen, das sich im Schweiße abquält. Die Nacht kam, und wir fuhren im Dunkeln durch die bergige Stadt bis an unseren Gasthof, ließen uns Tee kochen und tranken ihn aus blau bemalten kleinen Tassen.   Als ich am nächsten Morgen wieder auf der Brücke stand, und die alte Sonne mir warm und lachend in die Augen schien, als die Salzach morgenvergnügt durch ihr Bett sprang, und von oben herunter die Festung und der Mönchsberg im Morgenscheine wie junge Ritter aussahen, da gefiel es mir wohl. Voll fröhlicher Hoffnung stieg ich hinauf zu den Bergen. Der Weg nach dem Kapuzinerkloster geht mitten aus der Stadt steil hinauf. Ein Mönch stand am Wege und betete. Die braune Kutte stach widrig schmutzig von der Reinheit seiner Umgebung ab. Das Gesicht war mager und unkultiviert, die Lippen bewegten sich unheimlich. Für ihn gab es den jungen Sonnenschein und die herrlich lachende Natur nicht. Oben hinter dem Kloster begann ein fröhlicher grüner Wald, in dem ich höher und höher stieg. Es ist keiner der geringsten Vorteile des Lebens in Salzburg, so schnell mitten aus der Stadt in einen rauschenden Bergwald steigen zu können. Auf seiner Höhe steht ein Haus, dort aß der Archivarius Butter, Brot und Käse und lobte sie sehr. Aus den Fenstern sah man in die abgeschlossenen Täler. Links unten manövrierten österreichische Reiter aus Salzburg. Sie sahen aus wie kleine Puppen, an unsichtbaren Fäden gezogen. Der Weg zur Festung ist sehr steil und die Lebensmittel werden unter Schweiß und Ächzen hinaufgetragen. Es ist auffällig, daß man noch nicht auf den Gedanken gekommen ist, sich diese Arbeit durch Winden oder Maschinen zu erleichtern. Der Führer sagte uns, nur der Gouverneur dürfe den steilen Weg herauf reiten, hinunterreiten könne er ihn nicht. Der Gouverneur reite aber nie herauf. Als Merkwürdigkeit wurden uns unten in der Stadt zwei große Reitbahnen gewiesen. Die eine war von Tribünen umgeben und bildete einen vollständigen Turnierplatz. Ich fingierte mir ein modernes Turnier, der Archivarius verteilte die Rollen und spielte den Kampfrichter. Professor Jarcke und Armand Carrel brachen die erste Lanze. Man bedeutete uns aber, wir dürften nicht soviel Spektakel machen und wies uns hinaus. Dicht dabei ist das große Felsentor. Es ist ganz in Stein gehauen und von respektabler Menge. Langsam und ermattet vom Schauen und Laufen wandten wir uns zum Markte hin, an den die Domkirche anschließt. Die Straßen waren still und andächtig, auf dem Markte plätscherte ein Springbrunnen. Die Domkirche ist das erste Gebäude dieser Art, das nicht im gotischen Stil erbaut ist. Das erste Zeichen des nahenden Südens. Alle ihre Formen sind breiter und üppiger, die Säulen fester. Die asketischen, langen, schmalbackigen gotischen Kirchenfiguren hören auf. Die Gebäude breiten sich aus, um die weiche Luft in größerer Ausdehnung aufzunehmen. Die Dächer werden platter und runder, damit die Schatten breiter fallen. Nun machten wir einen Spaziergang durch die tieferliegenden bischöflichen Gärten, durch altfranzösische schattenlose Gänge mit kolossalen Statuen. Alle Bildsäulen deuteten auf die Sinnlichkeit des Krummstabes in Salzburg. Die Wasserkünste des Lustschlosses in Hellbrunn, das die Salzburger Hellabrunn nennen, sind noch erhalten. Man fährt durch eine schöne Allee von Hellabrunn nach Salzburg. Wir waren einstimmig betrübt, daß die schönen Gemächer des bischöflichen Freudenschlosses jetzt schon so leer ständen; etwas Sünde und viel Freude sind doch besser als viel Tugend und säuerliche kleine Vergnügen. Tirol Es war eine recht kindische Freude, die ich empfand, als der Postwagen nach Tirol hineinfuhr. Ich glaubte noch einmal in das Land meiner Kindheit zu reisen und sang, wie ich es als Bube getan hatte: »Jo, jo, jo, die Tiroler machen's so.« Die Tiroler amüsierten mich nämlich in früher Jugend beispiellos. Sie gingen immer in Sonntagskleidern, waren immer lustig, sagten zu allen Leuten: »Du«, trugen grüne Hüte und schöne Hosenträger, hatten samtene Jacken, und Blumen und Bänder flatterten von ihren Hüten. Mein Vater sagte, sie könnten mit ihrem kurzen Stutz vortrefflich schießen. Ich dachte mir, das Land, wo solche Leute wohnten, müsse scharmant sein, und die Leute hätten dort den ganzen Tag über nichts zu tun. Denn Müßiggang schien mir eine Hauptsache des Wohlbefindens zu sein. Ich dachte, in Tirol sei es immer schön warm, jeder könne gut singen, jedermann lache und sei sehr gescheit, und alle hätten große, klare, frische Augen. Aber entsetzlich weit dachte ich mir das Land, weit drunten hinter Spanien. Ich habe viele Jugendirrtümer berichtigen müssen im Lande Tirol, aber meine Freude ist mir nicht genommen worden. Dies merkwürdige Ländchen hat mir gefallen. Es hat ein klares, zweifelloses Gesicht, nicht soviel Klugheit, als ich erwartet hatte, aber ganz und gar Charakter. Tirol besteht aus langen, schmalen Tälern, die sich kaum auf einige Stunden Breite erweitern, sehr oft aber zur Enge eines Gebirgsbaches verschmälern. Ganz Tirol besteht aus drei Haupttälern und ist nicht viel größer als die Hälfte der Schweiz. Das Haupttal läuft von Norden nach Süden in die Lombardei hinein. Die anderen beiden wenden sich von Westen nach Osten, das Etschtal und das Inntal. Außer ihnen gibt es freilich noch mehrere kleinere, das Zillertal, das Pustertal und andere, sie münden aber alle als Nebenflüsse in diese Hauptströme. Das ganze übrige Land ist steinernes Urgebirge, ein hoher Alpenrücken, nur für Gemsen, Adler und Jäger zugänglich. Wir fuhren ins Inntal hinein, das sich von Osten nach Westen über Innsbruck bis nach Graubünden hinaufschlängelt. In stolzen Felsen trat uns auf beiden Seiten des Weges die Natur entschlossen entgegen. Und da sah ich sie wieder, die bunten Tiroler meiner Jugend, in ihrer melancholischen Heiterkeit. Kühn sind ihre Felsen, aber arm ist ihr Land. Golden und weich wärmt der Sonnenschein, aber das Land ist hoch und großer Kälte ausgesetzt. Der Boden ist hart und bringt wenig Frucht. Es ist ein armes Land, dies Nordtirol, kärglich sprießt ein wenig Getreide, aus dem Süden muß eine unedle Frucht, der Mais, geholt werden, damit sich das Land sättigen kann. Nicht einmal die Schweizer Triften und Matten sind hier zu finden. Die Berge sind steinig und hart, auch das Vieh findet kaum Nahrung. Die Tiroler sind ein gesundes Volk, aber sie lachen aus ihrer Armut heraus. Es ist unbegreiflich, woher sie ihre hübschen Hüte, ihre glatten Jacken und ihre zierlichen Hosenträger haben. Sie sind sauber und ordentlich, aber doch keine Philister, munter und doch nicht leichtsinnig, listig und doch nicht falsch, stolz und doch nicht übermütig, ernst und doch nicht traurig, vorsichtig, doch voll Mut. Unverfälschte Kinder ihrer klaren, scharf abgegrenzten Berge. Man darf sich unter diesen Natur- und Lebensverhältnissen nicht wundern, daß die sanftere Form und Schönheit des Weibes nicht recht gedeiht – dafür sind die Berge zu rauh. Die Tirolerinnen wissen auch, daß sie keine zarten Schönheiten sind. Vielleicht hat sie das eingeschüchtert, denn auch ihr Geschmack ist mißraten. Sie kleiden sich sehr unschön, verstopfen den Leib hinter dichte Ladungen wollener Röcke und tragen Männerhüte. Wenn man bloß die Köpfe sieht, so kann man oft die Geschlechter kaum unterscheiden. Das rauhe, unsanfte Bergleben hat auch die weiblichen Züge hart gemacht. Doch alle Unbilden der Natur kommen dem Aussehen der Männer zugute. Ihre Gesichter sind gestählt und gesättigt in ihren Farben von der frischen, scharfen Bergluft. In den Augen glänzen die wetterharten Berge. Von Wange und Lippe strotzt die gesunde, unverfälschte Atmosphäre, der ganze Körper ist geschmeidig durch die Gefahr der schwindelnden Klippen, durch die Arbeit, die der unebene Boden fortwährend verlangt. Der Tiroler gehört zu den schönsten Männern Europas. In der Nähe des Loferpasses, wo die Talwände wie stolze Feinde gegeneinanderdrängen, trat ein Tiroler Schütze plötzlich um die Ecke und blieb stehen, die Hand auf seinen Stutz gelegt, um uns vorüberzulassen. Ich meinte, es sei eine Erscheinung der Fabel, so grün, frisch, poetisch sah der Bursche aus. Wie ein junger Alpenkönig, der eben aus den fliegenden Wolkenschichten tritt. Reif hing ihm in dem buschigen Knebelbart und in den langen Augenwimpern. Die Augen blitzten wie Gemslichter. An der Seite steckte ihm ein Messer, das jeder Tiroler trägt, wenn er auch nur Brot damit schneidet. Fahlgrün, vom Wetter gebleicht, war sein Hut und sein Wams. Unbefangen und kühl sah er in unseren Wagen. Am Loferpaß hat es ein fürchterliches Franzosenmetzeln gegeben. Von der früheren Befestigung blieben nur verwitterte Steintrümmer übrig. Der Schütze stand an einem klassischen Punkte. Man sah ihm an; daß seine Kugeln selten fehlten. Er schaute aus wie ein moderner Ritter, unverbildet, aber sicher im Gebrauch seiner Waffe. In diesen Tiroler Tälern mag die Redensart entstanden sein: »Die Welt ist wie mit Brettern vernagelt.« Es gibt immer nur einen Weg, auf dem man vorwärts- oder rückwärtsschreiten kann. Das Volk in diesem Lande muß auch notwendig todesmutig oder feige werden. Es ist kein anderer Ausweg. Unzugänglich wie die Herzen von Kaufleuten stehen rechts und links kahle Felsen und verschließen die übrige Welt. In einer Entfernung von mehreren Stunden schlingt sich ein schmales Tal nach Süden zu. Es wurde dunkel, als wir hier nach aufwärts fuhren. Hie und da kam ein Tiroler und warnte uns gutmütig vor den Wassern, die die Wege »sakkerisch« zerrissen hätten. Bald wurde es undurchdringlich finster. Wir mußten aussteigen und einen Nebenweg suchen, die Straße war zerstört. Nur ein schmaler, für den schweren Wagen gefährlicher Aushilfsweg führte in dem engen Tale an den Felsenlehnen hin. Leute mit Kienfackeln kamen herbei, und wir tappten unsicher bei dem flackernden Scheine durch die Nacht. Als wir durch die Wassermassen hindurch waren, kehrten wir in einem Wirtshause ein, um zur Nacht zu essen. Die Leute waren still geschäftig und freundlich. Auf der Landstraße in der Fremde findet man die Tiroler am meisten gesprächslustig und heiter. Witz und Humor dürften sie ziemlich selten zeigen, dafür sind sie zu ursprünglich. Sie sind zufrieden, und diese Zufriedenheit gewährt ihnen eine ruhige Laune. Die Tische waren sauber gedeckt, ein langes, sanftes Mädchen, das immer rot wurde, wenn sie jemand von uns jungem Volk anredete, servierte uns ein ärmliches Essen. Vor der Türe fanden sich Musiker ein und begrüßten uns mit sanften Tänzen. Diese Sitte hat etwas Gastfreundliches und wohlwollend Berührendes. Sie kamen auch nicht mit dem Notenblatte, sie spielten ihre Weisen aus dem Kopfe. Als wir ihnen etwas schenkten, waren sie dankbar und vergnügt wie die Kinder. Tirol ist überhaupt das Land der großen Kinder. Da ich am anderen Morgen im Wagen erwachte, war das Tal breiter geworden, und die Sonne lag wie ein jungfräulicher Kuß darauf. Links öffnete sich das Zillertal. Bei der Umspannung sagte mir ein Tiroler, da drinnen sitze in einem einsam gelegenen Häuschen ein recht armes Mädchen, dessen Schatz vor mehreren Jahren ausgezogen sei, um sich mit seiner schönen Jodelstimme Geld zu verdienen. Das Mädchen warte mit Schmerzen auf seine Wiederkunft. Jeden Morgen denke sie, heute sei der rechte Tag, und schaue nach ihm aus. Aber der rechte Tag sei immer noch nicht gekommen. Als ich vermutete, der Schatz werde wohl ein anderes Mädchen und ein anderes Unterkommen gefunden haben, schüttelte er lächelnd den Kopf und sagte: »Das tut kein Tiroler, jeder Tiroler ist treu.« Und wirklich sind sie in dieser Beziehung wieder wie die Kinder und ein ursprüngliches Volk, dem die Treue Religion ist. Erst vor kurzem war ein Tiroler wiedergekommen, der draußen ein steinreicher Mann geworden war. Er hätte die schönsten Mädchen heiraten können. Er war aber zurückgekehrt, um seiner »Gretli« Wort zu halten. Als er sie abgemagert und elend wiedergefunden hat, hat sie ihm gar nicht mehr gefallen. Er ist aber doch seinem Versprechen treu geblieben, hat sie geheiratet und lebt jetzt recht freudlos mit ihr. Immer breiter wurde das Tal, immer grüner und sonniger. Der Wagen rollte durch Hall, das von den Salzsiedereien über und über in Dampf gehüllt wird. Auf breiter, glatter Heerstraße, an der strotzende Obstbäume prahlten, tanzten die Pferde im lustigen Sonnenschein. Ein malerischer Tiroler nach dem anderen kam vorüber, die Berge traten hoch und schön immer weiter zurück, immer herrlicher wurde das breite Talbecken. »O Tirol!« jauchzten wir alle, es war gar zu schön. – Innsbruck lag vor unseren Augen. Innsbruck Ich weiß keine Stadt, in der Deutsch gesprochen wird, die meinem Auge und meinem Herzen so lieblich entgegengekommen wäre wie Innsbruck. Nur Wien begrüßte mich gleich an der Spinnerin am Kreuz mit noch rascheren Küssen. Aber ich wußte schon, daß Wien eine sehr schnell verliebte Stadt sei. Vielleicht war an meiner Begeisterung auch schuld, daß der Sonnenschein wie blankes Gold auf allen Dächern der Stadt lag. Ich liebe den Sonnenschein. Wenn es düster und regnerisch wird, rücken wohl die Felsen um Innsbruck bedrohlich zusammen und unternehmen traurige Demonstrationen gegen die Stadt. Aber ich frage nie, wie wird das schöne Mädchen aussehen, wenn es Runzeln hat! Es ging mit wunderlichem Wohlbehagen unter den Arkaden der Stadt hin, wo man mit der Sonne »Verstecken« spielen kann. Ich hatte mir eigentlich nicht gedacht, daß die Tiroler eine so bedeutende Stadt bilden könnten. Sie sehen auch hier so aus, als gehörten sie eigentlich nicht ganz hierher. Der Tiroler ist wie für das Land geschaffen. Es ist merkwürdig, wie edel er hier, und sei es in Lumpen, aussieht. Das feierliche Gesicht eines Tiroler Bettlers mit seinen stillen, regelmäßigen Zügen setzt einen in Verlegenheit. Sie sehen alle aus wie hochgeborene Granden, die in den verborgenen Tälern zur Belustigung Lumpenball spielen. Aber stolz auf Innsbruck sind die Tiroler. Ich glaube, sie ließen es gerne während der Wochentage unbenutzt stehen, um Sonntags herzukommen, die Kirchen zu besuchen und die Tiroler Berge anzusehen. Sie haben eine Schwäche für Innsbruck. Es gibt auch sonst bedeutende und wohlhabende Städte in Tirol, aber Innsbruck ist ihre Jugendgeliebte, sie hat ihre heißesten Tränen und ihre besten Taten gesehen, sie ist ihr Heiligtum. Die Stadt zieht sich mit ihren elfhundert Häusern wie von Deutschland nach Italien hin. Eine Merkwürdigkeit ist das »Goldene Dachl«, dessen Bedeutung schon der Beiname des Stifters bezeichnet. Friedrich mit der leeren Tasche hat es angelegt. Es ist eine putzige Renommage, ein kleines, vorgebautes Dächlein mit goldbelegten Ziegeln. Der Tiroler erwirbt gerne Geld. Er verschleudert es nicht so schnell und leichtsinnig wie der Italiener, aber es hat auch nicht einen toten Wert für ihn wie für den geizigen Schweizer. Er liebt das Schmucke, er kauft viel und gibt ohne Bedenken ein Drittel seines Erwerbes für einen schönen Hosenträger, ein feines Hemd oder eine weiche Samtjacke aus. Aber er ist viel zu ordentlich, um mehr als ein wenig eitel zu sein. Eines beweist das Goldene Dachl, das schon jahrhundertelang völlig unberührt steht: die Ehrlichkeit der Tiroler. Es hat sich niemand an einem Ziegel vergriffen. Ich glaube es gerne, daß der Versuch des Diebstahls am Zusammenhange der Masse und an der Beschwerlichkeit des Zuganges scheitern würde, aber moderne Industrieritter hätten gewiß schon hundert Versuche gemacht. Ein Diebstahl ist in Tirol eine große Seltenheit. Wenn einer vorfällt, so ist der Dieb gewöhnlich von auswärts. Nächst Hofer ist der Kaiser Max eine Hauptperson in Innsbruck. Er hat in der großen Kirche ein eigentümliches Denkmal. Hinter einem Eisengitter steht eine Art Sarkophag, auf dem in lauter kleinen Nürnberger Hochreliefs seine Schlachten abgebildet sind. Es ist sehr bezeichnend, daß man ihn durch solche kleine, scharmante Sächelchen verherrlicht hat, diesen letzten ritterlichen Sanguiniker. Er war der schönste deutsche Schauspieler, der noch einmal Romantik und persönliches Heldentum spielen wollte zu einer Zeit, wo die antiromantische Vernunft erfunden wurde. Ein Tiroler, der mir die Martinswand wies, erzählte, eigentlich sei es kein Engel gewesen, der ihn daraus gerettet habe, sondern ein Gemsjäger. Der Kaiser Max habe ihn dafür geadelt, und seine Familie existiere noch. »Aber«, setzte der Tiroler hinzu, »auf die Martinswand ist noch keiner hinaufgekommen und herunter erst recht nicht.« In unserer Wirtsstube gab es so viele Bilder von Hofer wie Kuverts auf dem Tische. Der Kaiser Franz hing einsam hinter dem Ofen, von Fliegen verunglimpft. Das ist nicht bös gemeint, das Schicksal hat es so gefügt. Und Hofer hat die Leute wirklich begeistert. Er war in seinem Leben der Mittelpunkt seiner Landsleute und ist es heute immer noch. Für die besten Gedanken brauchen die Völker Fleisch und Blut gewordene Gestalten. Eine solche Heldengestalt ist aber leider für Deutschland bis jetzt immer noch nicht gekommen. Wir hatten noch keinen gemeinsamen Helden und haben keinen. Nur Klopstock und andere patriotische Dichter können am Strohfeuer ihrer Worte warm werden und sich mit Hermann trösten, mit Hermann und Thusnelda und mit Thusnelda und Hermann. Vernünftigen Leuten, die gerne etwas Rechtschaffenes verehren möchten, ist das zu lange her. Es geht uns kein Landwehrmann in das Feuer, wenn wir ihm sagen: »Im Namen Hermanns und Thusneldens, Michel, geh' drauf.« Was kümmert den Michel Hermann und Thusnelda? Jedes Volk muß einen Helden haben, bei dessen Namen ihm das Wasser in die Augen schießt. Tirols heroische Zeit war der Aufstand von 1809. Das frühere Geschlecht ist freilich damals vor dem Feind geblieben. Aber im Namen Andreas Hofers hat die neue Generation ein Losungswort bekommen. Andreas Hofer ist ein moderner Schutzpatron Tirols geworden. Sein Bild hängt nicht umsonst in allen Wirtsstuben. Ich hatte mir nun so sicher eingebildet, in Innsbruck wohne das Glück. Aber, ach, es war wieder nichts. Ich glaube, das Glück ist bloß ein Gedanke. Und ich mußte wieder weiter. Die Tiroler sind gut, brav und lieb, ihre Treuherzigkeit ist keine Koketterie und auch in der Fremde nicht affektiert, aber ich fühlte, ich könnte auch hier nicht auf die Dauer leben. Ich ging rechts hinaus zum südlichen Tor zum Berg Isel und nahm Abschied vom lieben Innsbruck. Ich sah noch einmal über die sonnenhelle Stadt. Die Turmknöpfe funkelten und die Bergwände rauchten. Ich sah nach Schloß Ambras hinüber, wo Wallenstein Page gewesen und einst hoch vom Fenster herunterfiel. Wer ein großer Mann werden soll, bricht in der Jugend nicht den Hals. Immer bergauf ging es jetzt über den Schömberg nach dem Brenner, bald lag Tirol und ganz Deutschland unter uns. Es war alles totenruhig um mich her. Hier gähnte eine schwarze Schlucht, der kein Auge auf den Grund sah, dort hob sich eine magere kleine Hochebene. Der fromme Wahn hat ein Kirchlein draufgebaut, das einsam und verlassen stand wie eine abgestorbene Religion. Auf solchen hohen, schweigsamen Bergen lernt man beten. Man ist dem Herrgott wirklich näher und hofft, er werde die Worte hören, die man spricht. Ich habe es von Jugend auf für ein unbilliges Verlangen gehalten, daß er sich in alle die kleinen, niedrigen Kammern begeben solle, um verworrene Wünsche anzuhören. Namentlich da so viele Leute im Winter unter die Bettdecke kriechen und ihm dort ihren Jammer vormurmeln. Auf einem solchen hohen, stillen Berg spürt man, daß die Naturkräfte ganz nahe sind. Man wird wach und vorsichtig, denn jedes Versäumnis ist hier lebensgefährlich. An der äußersten Höhe des Berges, die die Straße erreicht, ist noch eine einsame Poststation. Dort aß ich ein Stück Brot und trank ein Glas Wasser. Es wurde dunkel, ich setzte mich in den Wagen und machte die Augen zu. Es ging bergab nach Süden, den Weg hinunter, den die Teutonen und Ambronen einstmals zogen. Ich kann das indes nicht verbürgen, es ist nur eine dunkle Erinnerung aus meiner Schulzeit. Meine Gedanken verwirrten sich. Plötzlich erwachte ich und ward inne, daß ich sehr schön eingeschlafen war. Was ich verschlafen hatte, war nicht zu ermitteln. Der Wagen hielt, ich stieg aus, es war sehr dunkel. Die Pferde wurden gewechselt, kein Mensch sprach, ein sanfter, liebenswürdiger Regen träufelte vom Himmel. Die Luft war warm wie der Atem eines Mädchens, von den Bergen sah ich nichts als zweifelhafte, groteske Umrisse. Die Steiermark Der Wagen fuhr langsam, weil es steil aufwärts ging. Ich legte mich bequem ins Türfenster, um in frischer Abendluft zu träumen von den wunderlichen Dingen dieser Erde. Wie ich wiederum über ein Gebirge führe, um das Glück dahinter zu suchen, nachdem ich ausgefahren von Jäschkowitz im Lande Schlesien. Ach, es waren immer noch nicht die Pyrenäen, es waren unbekannte illyrische Berge, und man hatte mir sogar erzählt, zwischen diesen Bergen bis Laibach hinunter wimmle es von Räubern. Am Ende saßen sie schon bei mir im Wagen und ließen mir nur noch ein wenig Muße zum Schwärmen in der schönen Nachtluft. Es war so räuberisch still, ich war wirklich todeseinsam und dachte an meine Mutter, die immer gefürchtet hatte, es würde mir etwas Besonderes passieren. Wenn man mich hier totschlug und in eine Schlucht würfe, so erführe sie nie, was aus mir geworden sei. Das beunruhigte mich. »Schaun S', die schönen Berg', die Wiesen und die ganze G'schicht«, rief mein Gegenüber. Dadurch erfuhr ich zugleich, daß ich ruhig schlafen könne. Einen Spitzbuben mit österreichischem Dialekte weiß ich mir nicht zu denken. Der Mond belehrte mich beim flüchtigen Vorübergehen, daß eine Dame neben mir sitze. Es regnete sanft, und uns allen im Wagen war nicht recht nach einer Unterhaltung zumute. Wir räkelten uns im Wagen zurecht und hielten uns still. Es war nicht unbehaglich, so ein wenig zu dösen und dann wieder hinaus in das verregnete Land zu sehen. Am andern Tage waren wir in Laibach. Der Ort ist berühmt durch einen Kongreß und durch seine großen Krebse. Ich wollte mich dort auch verschönern und suchte eine Barbierstube. Zwei Raseure hatten einen armen Bauern unter dem Messer, dessen passiven Heldenmut ich lebhaft bewunderte. Er war eingeseift bis an die Wimpern und man rasierte ihn, daß ihm das Wasser aus seinen Augen drang. Nur einige Male fiel er den Künstlern in die Klingen, um einmal auszuspucken und aufatmen zu können. Dazu sprachen die beiden Hauptdarsteller ein kauderwelsches, diplomatisches Idiom. Die Aktion sah mir bedenklich aus, und ich kehrte flugs um. Die Menschen und die Gegend passen nicht recht zueinander. Die Landschaft ist ziemlich gewöhnlich: ein paar Waldberge sind da, ein Flüßchen, viel Grün und was sonst noch zur einfachen Hausmannskost gehört. Die Bewohner sehen wie halbe Türken aus oder wie Ungläubige, um mich besser auszudrücken. Dieses Aussehen hatten sie aber gewiß schon vor dem Kongreß. Die Frauen tragen nämlich einen großen Türkenbund aus Handtüchern um den Kopf. Wenn ich im Österreichischen von Menschen spreche, so meine ich immer nur die Frauen. Die Männer sind Österreicher. Aber das Frauenzimmer erhält eigentlich das östliche Kaisertum. Die Frauen sind immer konservativ. Es schien mir, als sei viel Türkisches in diesem Lande. Die Abstufung vom Osmanischen zum Albanesischen, von da zum Istrischen, Steirischen, Wienerischen ist niedlich und kommt einem Norddeutschen manchmal recht unbedeutend vor. Es sind nämlich nur kleine Modifikationen jenes bequemen Materialismus, der aus den Zelten der Osmanlis stammt und zu Wien in den Kaffeehäusern wiederzufinden ist. Die christliche Stadt Wien hat viel Mohammedanisches im Kaffeetrinken, Tabakrauchen und sonstigen islamitischen Vergnügungen. Sankt Stephan ist in der Liebe viel erfahrener als die heilige Sophie in Istanbul. Es fällt schwer, im übrigen Deutschland einen Menschen zu finden, der sich mit demselben unsäglichen Behagen wie der Wiener vor dem Kaffeehause niederläßt. Er streckt die Beine von sich, die Augen gehen langsam auf in stiller Wohlbehaglichkeit, die Nasenflügel bewegen sich träg-lächelnd in gesunder Naturkraft. Dieses wollüstige, vegetative Wesen versteht man erst, wenn man aus dem Süden heraufkommt. Zwei solche wienerische Wesen saßen mit mir im Postwagen; ein Männlein und ein Fräulein. Das Männlein war ein reicher Bäckermeister aus Wien, jung an Jahren, glatt und schön von Antlitz, gesund wie ein Krebs. Er saß den ganzen Tag still und rauchte so lange, bis er etwas zu essen bekam, und aß so lange, bis er wieder zum Rauchen überging. Er strotzte von Wohlbefinden und war viel zu schwer für die Eilpost. Seine Schwester war eine komplette Schönheit. Nicht die kleinste Störung fand sich an der ganzen Person. Alles war schön und regelmäßig und ohne Leidenschaft. Man konnte darauf schwören, es sei eine aufgenudelte Heilige, die den Mund bloß zum Essen und Beten und die großen himmelblauen Augen nur zum Schlafen hatte. So groß aber ist die Macht jeder Formenschöne, daß ich dieses leblose Mädchen siebzig Meilen lang immer mit Vergnügen angesehen habe. Sie sprach nur zuweilen, wenn sie gefragt wurde, »ja« oder »nein«. Ihr Bruder sagte auf der ganzen Tour nur dreimal: »'s regnet halt wieder«, einige Befehle in den Wirtshäusern abgerechnet, die er den Kellnern gab. Der dritte Begleiter, ein alter Gouverneur irgendeiner dalmatinischen Festung, unterhielt sich immer vormittags eine Stunde mit mir. Während der übrigen Zeit schlief er. Täglich behauptete er zur Einleitung des Gesprächs, er habe eine sehr große Ähnlichkeit mit Napoleon. »Sehr eine fatale Ähnlichkeit«, pflegte er zu sagen. Man habe ihn schon einmal deswegen absetzen wollen. Die Ähnlichkeit bestand darin, daß er nicht groß war, schlecht Schach spielte und seit vierzig Jahren an einem unersättlichen Magenkrebs litt. Eigentlich war er ein sehr gebildeter Mann, er hatte sich nur mit ganz anderen Dingen beschäftigt als die gewöhnlichen Leute von Bildung. So erkundigte er sich bei mir, ob ich ihm nicht Aufschluß über den ›Harz‹ geben könne und was man sich eigentlich darunter zu denken habe. Ursprünglich hielt er ihn für einen großen Berg in Kurland, wußte aber nicht gewiß, ob er noch existiere. Seine zweite Frage ging nach dem Herrn Marquis von Lafayette. Er habe von ihm sprechen hören, solange er lebe, aber er habe nie ›etwas G'wisses über ihn zu seiner Wissenschoft moch'n kenna. Es muaß ein sehr sonderbarer Mensch g'wesen sei.‹ Aber er hatte viele hundert Male bei Frau Generalin Neipperg gespeist, die einst die Gattin Napoleons war und den König von Rom geboren hat, und viele tausend Male bei Kaiser Franz. Nur war ihm immer die fatale Ähnlichkeit mit Napoleon im Wege gewesen. Er nannte Napoleon immer einen unruhigen Mann, den jetzigen Gemahl der Marie Louise aber stets einen ›feinen Kavalier‹. Neipperg soll wirklich ein sehr liebenswürdiger Mann sein, obwohl er kränklich, wenn ich mich recht erinnere, lahm oder gelähmt ist. Ich werde mich immer eines Abends in Cilli erinnern, weil er diese Gegend aufs beste charakterisiert. Wir saßen beim Nachtessen in einem reinlichen, behaglichen Wirtshause. Einige Notabilitäten der Stadt reihten sich um den Gouverneur und hofierten ihm auf das untertänigste. Das Gespräch kam auf Karl X. und die Berry, die sich in Steiermark niederlassen wollten. Die ganze Gesellschaft zerbrach sich den Kopf darüber, warum der König von Frankreich sich so lange außerhalb seines Landes aufhalte, ja, sich sogar in einem anderen Lande niederlassen wolle. Eine Gerichtsperson aus Cilli erlaubte sich mit vielen Reservationen zu bemerken, daß es vielleicht richtiger wäre, wenn der König in seinem Lande bliebe. Da erhob sich unten am Ende der Tafel ein kleiner Mann und murmelte ziemlich unverständlich, er spüre der Sache schon lange nach, es müsse da irgend etwas vorgefallen sein. Der König von Frankreich habe Unannehmlichkeiten gehabt, sei verdrießlich geworden und eine Zeitlang außer Landes gegangen. Die Regierung habe unterdessen ein Verwandter übernommen. Diese Meinung wurde aber mit allgemeinem Unwillen verworfen und der Redner einer naseweisen Zeitungsleserei beschuldigt. Der Gouverneur sagte: »Solche G'schichten gehn uns nix an«, der Bäckermeister trat ins Zimmer und sprach: »'s regnet halt wieder.« Wir brachen auf. Die Cillicier wünschten dem alten Gouverneur Glück zu seiner großen Karriere und empfahlen sich ihm namentlich. Der Gouverneur versprach: »Scho recht, scho recht, wann i nur net die unang'nehme Ähnlichkeit hätt'.« Durch das Murtal in Steiermark ging es immer weiter. Ich las, die schöne Heilige schwieg, der Bäckermeister rauchte, der Gouverneur schlief. Man spricht sehr viel von der schönen Steiermark. Es ist an der Straße nur eine gewöhnliche, halb gebirgige Gegend. Aber es gedeiht hier ein schöner Menschenschlag, namentlich in Graz. Dort im Theater habe ich Claurensche Mädchen gefunden, mit allen kleinen materiellen Schönheiten, mit Grübchen, mit Rosen und sonstigem Detail. Graz ist wirklich der Ort, wo man das »Vergißmeinnicht« noch einmal lesen könnte. Die Romantik ist noch in ihren Kinderschuhen, die Mädchen sind kurios verführerisch. Auch ist ein altes Schloß da, auf das sich die Leute sehr viel zugute tun. Man hat eine wunderbare Aussicht von hier über die Stadt und die kleinen Täler in der Nähe. Mir war es allerdings wichtiger, daß der Weg hinauf bei sehr hübschen Häusern vorbeiführte. Das heißt, bei Häusern, in denen sehr hübsche Mädchen wohnten. Dicht am Schloßberge steht ein besonders hohes, schönes Haus, aber das Mädchen, das am Fenster saß, reizte mich noch mehr. Ich versuchte einen kleinen Roman, aber ich mußte die ersten Zeilen wieder ausstreichen, um schnell nach Wien zu kommen. Ich weiß von Graz sonst nichts Charakteristisches zu erzählen, als daß der Adel der Provinz, der sogenannte Kavalier, hier noch seine erste Heldenrolle spielt, daß man viel Kruzifixe sieht und daß ich des Nachts auf dem Heimwege die Stadt woanders suchte, als wo sie war. Trotzdem ich mich verirrt hatte und sehr spät nach Hause kam, fand ich die Wirtsstube meines Gasthauses noch belebt. Es wurden noch »Hendln« verspeist und »Seidln« getrunken. Die Backhendln sind bekanntlich der Mittelpunkt der österreichischen Nationalität. Es ist ein historischer Fehler, daß die Österreicher nicht ein Backhendl im Wappen haben. An einem Tisch war besonders viel »Spektakel«. Da wurde die Resi am meisten getätschelt, da schien es das schönste »Theater« zu geben. Der Hauptredner war ein magerer Gerichtsschreiber, der die Gesellschaft damit so vortrefflich unterhielt, daß er sich hochdeutsch zu sprechen bemühte. Das ursprünglich Komische war für sie das Berlinerische. Unter dieser Firma nahmen sie aber alles hin, was von ihrer Mundart abwich. Besonders komisch war ihnen die volle richtige Aussprache der Doppelvokale und Diphthonge. Sobald sie aber vermuteten, daß ich aus Berlin sei, wurden sie verlegen. Die Kinder machen sich über den Schulmeister nur lustig, wenn er nicht in der Nähe ist. Bald aber kehrten sie zu jener entwaffnenden, fast übertriebenen Bescheidenheit zurück, die ein gut Teil ihres liebenswürdigen Wesens ausmacht. Resi leuchtete mir zu Bette und fragte, ob ich noch was zu »schoffen« hätte. Bei frühem Morgenstrahle flog ich zum Tore hinaus. Die erste Person, die uns begegnete, war ein Liguorianer. Dieser Orden steht in dem Rufe, die ausgezeichnetsten Hausfreunde zu liefern. Er ist darum noch sehr in Aufnahme. Wir flogen mit der goldenen Sonne durch die stillen Waldberge. Ich bemerkte hierbei, daß die Lobpreisung der steirischen Natur mehr die Alpen Obersteiermarks angehen möge, zu denen die reicheren Wiener ihre Sommerausflüge machen. Eine stumme Reisegesellschaft wurde um die Person einer Nonne vermehrt. Ich wurde durch fromme Intrigen ins Kabriolett verwiesen, weil ich mich gottlos aufgeführt hatte. Wir saßen nämlich bald nach Ankunft jenes geistlichen Möbels in einem kleinen Städtchen bei Tisch. Es wurde in allerlei Sprachen gebetet, das Essen blieb aber schlecht. Einige unchristliche Äußerungen entfuhren mir zu wiederholten Malen. Man bekreuzigte sich und rückte von mir ab. Die Nonne mit ihrem Fastengesicht redete der schönen Wienerin zu, Gott die Ehre zu erweisen und ins Kloster zu gehen. Die Wienerin nickte mit dem Kopfe. Mir schnitt es ins Herz, daß dieser schöne, gottgefällige Leib niemals zur Freude geweckt werden solle. Ich lief hinaus und trieb den Schaffner zur Abfahrt. Der Kondukteur neben mir schlief, der rotbäckige steirische Postillon mit dem kernigen, hohen Körper knallte auf seine breiten, hohen Pferde. Ich wußte nichts Besseres anzufangen, als über die Unsterblichkeit der Seele nachzudenken. Mit diesem Thema beschäftigen wir uns schon seit vielen Jahrhunderten; ach, und »ma waß holt immer no nix G'wisses!« Die Leute im Wagen und die meisten Österreicher brauchen doch einen ganz andern Himmel. Für einen solchen Himmel würde ich mich gehorsamst bedanken. Gegen Abend ging es fortwährend bergauf. Wir kamen zum Fuße des Semmerings, auf dessen Gipfel das eigentliche Erzherzogtum Österreich beginnt. Dort steht ein steinerner Obelisk, ein einsames Gasthaus und dunkles Nadelholz. Von hier fällt der Weg steil ab durch dunkle Talschlünde. Es war Abend geworden, und einzelne Lichter blickten aus den schwarzen Tiefen. Einst donnerten hier die französischen Kanonen der großen Armee abwärts zu den blutigen Schlachten an der Donau. Als ich mitten in der Nacht zum erstenmal erwachte, waren wir im flachen Lande, und hinter mir hörte ich wieder den Bäckermeister: »'s regnet halt wieder!« Zum zweitenmal weckte mich die Morgenfrühe auf der Spinnerin am Kreuz. Vor meinem Blicke lag ein glänzendes Häusermeer, der Postillon knallte und der Kondukteur sagte mit befriedigtem Lächeln: »Schaun S', Euer Gnad'n, dos is Wean.« Wien Die Stadt sieht schön wie das Vergnügen aus. Wenn man bereits einen Begriff von Wien hat, so ist man überzeugt, daß diese Stadt hierher gehört. Es paßt alles zusammen, Wien kann nirgends anders stehen. Es ist an seinem Orte. Hier ist gut sein, hier muß man sich amüsieren. Das Wort »unterhalten« ist für Wien erfunden. Die Wiener selbst sagen: »No, i hoff', daß S' Ihna guat unterholt'n.« Ich hatte mir Wien so vorgestellt. Ein weites, behagliches Talbecken, rings mäßig hohe grüne Berge, überall frischer lichtgrüner Rasen, inmitten die bequem hinschlendernde Donau, blitzende weiße Häuserreihen, Bäume dazwischen und wieder Häuser und Bäume, bis in die Berge hinein. Man knöpft sich die Weste auf, um von der behaglichen Wiener Luft umspielt zu werden. Und ich hatte Glück, es war ein frischer, üppiger Morgen: die Sonne schien vortrefflich, ein warmer Nachtregen hatte alles erquickt, und unter mir blitzten tausend Fenster. »Na«, dachte ich, »hier wird es genug Vergnügen geben. Tausend Fenster, in die ich hineingucken kann, sind viel zu wenig gerechnet, und ...«, ja, ich wußte nicht, was ich denken sollte, aber es war mir ganz scharmant zumute. Die Hausknechte fegten die Straße, es war noch früh am Tage. Die Stubenmädel schlüpften an den Häusern hin. Sie gaben sich nicht viel unnütze Mühe, die blanken Schultern zu bedecken, das Tüchlein war doch zu schmal. Die Backen waren rot geschlafen, die Pantoffel klapperten unter den weißen, glatten Strümpfen. Wenn man sie ansah, so lachten sie. Es war alles richtig, die Atmosphäre war amüsant. Man sah es den Häusern an, daß es hier lauter Vergnügen gebe. Sie haben so etwas Onkelartiges, etwas von einem guten alten Hausfreunde, der immer nur Vergnügen zu machen trachtet und niemals über schlechte Zeiten klagt. Die meisten Städte haben wirklich ausdrucksvolle Physiognomien. Wer könnte zum Beispiel nach Berlin hineinfahren und den vornehmen Straßen das verständige Wesen und die protestantische Abgeschmacktheit nicht ansehen. Wer kommt nach Hannover und sieht nicht in den leeren Gassen das förmliche Adeltum in den blanken, gescheuerten Spuckkästchen und den blankgescheuerten Hirnkästchen. Jedes Haus in Wien sieht fidel aus und lächelt. Es ist allerdings jenes Lächeln älterer Personen, die sich noch gerne amüsieren. Es ist kein junges, modernes Lächeln, aber es ist behaglich. Sogar die versteckten Regierungsgebäude imponieren nicht etwa, sie zucken ein wenig die Achseln und meinen: »A Urdnung muaß holt sein«; aber sie lächeln auch. Ich zappelte in meinem Kabriolett, mich unter die hin und her trippelnden Leute zu begeben und mitzufragen: »Wia unterholt'n wir uns heit'?« Bis der Wagen in die Stadtmitte kam, war alles lebendig geworden, und die alten, schmalen Gassen wimmelten von Menschen. Ich war noch nicht in meinem Gasthofe angekommen und wußte schon, wie es mir hier ergehen werde. Die ganze Lage der Stadt ist nicht glänzend schön, aber malerisch, reizend und weich. Der wärmere Himmel, die kugelrunde Sprache, die fleischigen, saftigen Körper der Wiener, ihre Sitten und Gebräuche, alles liegt sich so selig in den Armen, daß man selbst die Arme öffnet. Und in Wien öffnet sie niemand umsonst. Wien ist sehr menschenfreundlich und entgegenkommend. Ich werde niemals diesen Wiener Morgen vergessen. Wie wunderlich, wie töricht kam mir mein bisheriges Leben vor, mit seinen Wissenschaften, seinen Theorien, seinen rastlosen Gedanken und Freiheitsbestrebungen. Mein Gott, dachte ich damals, wozu alle diese verworrenen Dinge. Hier ist Griechenland, hier ist Klassik, der Augenblick gilt. Die Dinge sind so, wie sie aussehen. Sie sollen und wollen weiter nichts bedeuten. Sie wollen genossen sein. Hier ist das echte Erdenglück, zieh dir den Samtrock und die weißen Beinkleider an, geh hinaus auf die Straße, küsse die Mädchen und iß Backhendl – was geht dich denn der Weltlauf an. Die Bücher ruinieren den Unterleib, die Gedanken stören den Schlaf und die Karriere. Ich stieg ins Bad, um den alten Menschen abzuwaschen. Dann setzte ich mich zum Frühstück. Nun, dachte ich, bist du wie Alexander in Babylon angekommen. Jetzt beginnt das Leben mit seinen Freuden. Das Frühstück in Wien ist die Vorrede zu einem jener schönen Romane, deren wir so viele in der Jugend genossen haben. Man freut sich kindisch auf alle die Dinge, die der Tag bringen wird. Dann kommt der Barbier, eine wichtige Person in Österreich. Dies Geschäft wird in Norddeutschland mit sträflicher Oberflächlichkeit betrieben. Der Wiener Barbier verrichtet es mit Andacht und niemals ohne Supplementstriche. Wie manches gute Alte ist auch hier das epische Talent dieser Leute noch in Übung. Sie erzählen noch, was sich begeben hat und sich begeben könnte. Diese homeridische Tugend verschwindet in den sogenannten feinen Städten leider immer mehr. In Wien helfen die Barbiere den Staat konservieren. Dann verfügte ich mich an die nächste Straßenecke. Dort schreien und jubeln rote, blaue und grüne Zettel und verkünden wie die alten lieben Marktschreier, was den Tag über in Wien geschehen solle. Ich war ein Glückspilz: in feuerroten Buchstaben brannte es an der Rotenturmbastei: »Sperl in floribus«. »Sperl in floribus« , murmelte jeder Vorübergehende, und das Vergnügen sprang wie ein Gassenbube über die Gesichter. »Sperl in floribus« , lief es von Mund zu Munde, von Gasse zu Gasse. Wo zwei Leute miteinander sprachen, da drückten sie sich die Hände und sagten: »Heute ist Sperl in floribus.« Es war eine Vergnügungsemeute, die in diesen Worten neben mir herlief von der Ferdinandbrücke bis hinauf auf die Wieden. Es gab in ganz Wien eine Illumination freudiger Gesichter. Und ich lief hinterher über den Stephansplatz, die Kärntnerstraße hinauf bis hinaus in den Volksgarten, und von da wieder herein zur Bastion. Es ist hier im Volksgarten und auf dem nahen Walle ungemein sauber, weiß und schön. Ein ebenso weißes großes Gebäude steht dicht am nahen Walle. Es sieht aus wie glänzendes Kanzleipapier, beschrieben mit zierlichen Buchstaben. Das ist Metternichs Haus. Eine kleine Brücke führt auf den Wall, zehn Schritte davon ist die Burg. Von dort sieht man oft über diese Brücke den Fürsten einherschreiten mit dem Portefeuille der europäischen Konservation in der Hand. Der Volksgarten ist, wunderlich genug, sehr nahe dabei. Ich mußte mir aber zugestehen, daß ich mit viel Glück sogleich die Hauptpersonen einer Stadt zu finden wußte. Nach Metternich ist Sperl der wichtigste Mann in Wien. Jener ist Minister des Auswärtigen, dieser Minister des Innern. Bei den meisten deutschen Schriftstellern, die ihre Bücher nicht eben in der Kanzlei anfertigen, ist es eine hergebrachte Mode, bei dem Namen Metternich einige Verwünschungen auszustoßen und von Freiheit und Tyrannei zu sprechen. Metternich ist für mich von den Gewalthabern der neueren Zeit nach Napoleon der größte. Ich mäkle nie an der Größe. Ich bin ein Historiker, und Historie ohne Poesie ist ein Unding. Von einerlei Farbe ist nur die Langeweile. Metternich ist ein Held und ein Halbgott, so gut wie Achill und Cäsar, Alexander und Napoleon Bonaparte. Die Geschichte wägt nicht bloß die Prinzipien, sondern auch die Taten nach ihrer spezifischen Schwere. Metternich hat den alten, schwer bedrohten Absolutismus unter allen Stürmen an der Regierung erhalten. Er hat ihn gegen die unbändige Republik Frankreich, gegen den unwiderstehlichen, glänzenden Usurpator Napoleon gewahrt. Er ist der jetzige Gott des Absolutismus. Vor Göttern muß man sich beugen, auch wenn man sie nicht liebt. Wo man sein Bild in Wien erblickt, wird man genötigt, stehenzubleiben. Es ist der Kopf des olympischen Zeus, wie ihn Phidias geformt hat. Die Besorgnis jenes griechischen Kritikers hat mich dabei nicht einen Augenblick verlassen, daß dieser Zeus die Decke seines Tempels zerstoßen würde, wenn er sich einmal in seiner ganzen Länge aufrichtete. Es ist sehr möglich, daß Metternich einst das blaue Sternendach des Absolutismus zertrümmert, wenn er seine Glieder im Tode streckt. Ich kenne nach Napoleons Antlitz keinen schöneren Männerkopf als den Metternichs. Wer es nicht weiß, daß er Österreich und halb Europa regiert, der braucht nur in einem Wiener Kunstladen oder auf dem Josefsplatze in die Porzellanniederlage zu treten, er wird es erfahren. Und diese Abbildungen sind echt. Die hohe, weiche Stirne, die stolz gewölbten Augen, der vornehme Zug über der edlen Nase und dem schmalen, feinen Mund hinweg, alle diese Kennzeichen des Olympiers besitzt Metternich wirklich. Es war in dem glänzend erleuchteten Theater der alten Stadt Prag, wo ich ihn in die Loge treten sah, wo ich jene Bilder mit ihm vergleichen konnte. Man erzählt mehrere Witzworte Napoleons über Metternich. Der schön gewachsene, die Damen suchende österreichische Kavalier schien ihm nicht gefährlich. Und Napoleon hatte außer dem Winter und der Freiheitslust der europäischen Völker keinen härteren Feind in Europa als den Fürsten Clemens Metternich. Nicht einmal die Brautmusik bei der Hochzeit der Tochter seines Kaisers, nicht der schöne König von Rom, den die Habsburgerin Napoleon gebar, nicht die natürlichsten Gefühle hielten ihn ab, seinem größeren Plane treu zu bleiben. Er glich den Kreuzrittern, die geschworen hatten, das Heilige Grab zu befreien. Das Heilige Grab aber war für Metternich der Gedanke der Legitimität, den der korsische Abenteurer mit seinen Stiefeln getreten und den er mit Kot besudelt hatte. Mochten es auch die Stiefel eines Halbgottes und der Kot, der sich in den wunderbarsten Schlachten angesammelt hatte, sein, Napoleon mußte herunter vom Sitz des Heiligen Ludwig. Nicht die rohe Jakobinerfaust, sondern die zarte Hand Napoleons war dem Prinzip des unwandelbaren Rechtes gefährlich. Und so trat denn jener Clemens Metternich, den Napoleon als junger Kaiser verspottet hatte, 1813 in Dresden am Schlusse des bedrohlichen Waffenstillstandes vor Napoleon. Es war derselbe Kavalier aus Österreich, der vor sieben Jahren in Paris vorgesprochen hatte, aber diesmal ließ er bekanntlich den kleinen Hut liegen, der dem Kaiser beim heftigen Aufundabgehen aus der Hand gefallen war. Wenige Monate darauf, als der nächste Frühling kam, war Metternichs Schwur erfüllt und das Heilige Grab vom Renegaten befreit. Es kamen die Jahre, da kleine englische Mädchen den gelähmten Riesen auf St. Helena Whist spielen lehrten. Und die siegreichen Schlachten Metternichs begannen, die Schlachten zu Wien, Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Münchengrätz und wiederum zu Wien, die Schlachten für das Staatsprinzip, wie es vor Luthers Zeit geherrscht hatte. Metternich ist vielleicht der einzige Mann in Europa, der weiß, daß das Christentum und jeder alte Glaube mit Luther zu Ende ging. Österreich und Metternich haben darum jede Art von Protestantismus bis aufs Blut bekämpft. Denn sie halten mit Recht eine halbe Religion und einen halben Absolutismus für ebenso schlimm wie Irreligiosität und Republik, sie fürchten eine chronische Krankheit ebenso wie eine akute. Am meisten an dem System imponiert seine Geschlossenheit. Wer weiß übrigens, wieviel Systematik man Metternich unterlegt? Es ist das schöne Geschick großer Männer und der historische Ausdruck ihrer Bedeutung, daß die Hauptgedanken ihrer Zeit ihnen zugesprochen werden, sie mögen darauf Anspruch haben oder nicht. Übrigens interessiert sich Metternich sehr für alles Geschriebene. Er läßt sich jedes wichtige Buch vorlegen, er belauscht jedes leise Flüstern des Zeitgeistes. Ich weiß nicht, ob er an den absoluten Gedanken, für den er kämpft, selbst glaubt. Ob er fähig ist, selbst ein System zu erfinden. Aber die Fähigkeit, ein System zu erfinden und dafür zu kämpfen, erringt meine vollste Bewunderung, auch wenn ich dieses System niemals liebte. Dieses System ist übrigens nicht so künstlich, wie man behauptet, aber es ist ganz, und das ist sein Vorzug. Das politische Geschehen ist nicht das Resultat tiefer gelehrter Studien, sondern das Ergebnis der Wochen und Monate, die man ungestört kommen und gehen läßt, und des Bemühens, alle Änderungen zu vermeiden. Mit dem ersten Gedanken der Reformation wurde jede frühere Weltanschauung erschüttert. Die unmittelbare »Verbindung mit dem Himmel« war aufgehoben, der Glaube und jede unbezweifelte Autorität waren dahin. Seit jener Zeit behilft man sich im Staatswesen und im religiösen Leben mit Surrogaten. Das hat man in Österreich von jeher geahnt, und Metternich weiß das. Um des Glaubens in jeder Beziehung willen hat Österreich viele Tausende von Menschen und Gulden im Dreißigjährigen Krieg und in den Kriegen mit Friedrich dem Großen und Napoleon geopfert. Sein Glaube, der älteste und umfassendste Restaurationsglaube, ist jetzt am stolzesten in Metternich verkörpert. Er ist der moderne Philopömen, jener gewaltige Grieche, der die alten Götter und Reiche vor den neuen Römern schützen wollte. Ich glaube nicht an seinen Sieg. Er ist gezwungen, einen bloßen Verteidigungskampf zu führen. Ich glaube aber auch nicht an einen dauernden Sieg seiner Gegner, wenn sie nicht klügere Staatsformen erfinden. Ich saß auf einer Bank an der schönen Terrasse unweit Metternichs Hause. Die Morgensonne schien warm und liebenswürdig, und ich ging ernstlich mit mir zu Rate, ob ich denn ganz verderbt und meinen Ideen vollständig untreu geworden sei. Ich will aufhören, sonst bringe ich es am Ende noch gar zu einem Orden. Ich bin sehr neugierig, wie mein Urteil über Wien weiter ausfallen wird, über diese Stadt eines Paradieses ohne Feigenblatt, Schlange und Baum der Erkenntnis. Es ist zu befürchten, daß ich mich durchweg günstig darüber äußern werde, denn mein Magen war zu jener Zeit in vortrefflichem Zustande. Ich fürchte, ich werde Märtyrer, bleibe in Wien und setze Geist, Liberalismus und Havannazigarren aufs Spiel, die in Wien nicht zu kaufen sind. Fremder Tabak ist hier nämlich nicht erlaubt. Darum ist Wien aber Wien, daß man nach einigen Wochen hier nichts Fremdes mehr braucht und vermißt. Ist das der Einfluß einer hohen Kultur oder was sonst? Auf die Beantwortung dieser Frage allein kommt es an. Darauf beruht die Schilderung Wiens und unserer Zeit. Ich und der Staberl wollen unser Mögliches tun. Wir wollen auch nicht verraten, daß Metternich alt wird, so wie sein System, und auch sterben muß. Es ist schlimm für seinen Ruhm, wenn ihn der Tod lange warten läßt. Die Wiener Leopoldstadt Die gute alte Zeit! Das ist eine Redensart, die von Jahrhundert zu Jahrhundert klingt. Alles Vergangene wird zur Autorität und mit epischem Reize umkleidet. Es mag eine Entschädigung sein für unsere mangelhaften Organe zu einem gegenwärtigen reellen Genuß. Die gute alte Zeit und das alte gute Wien gehören zueinander wie Eheleute. Bei dem einen denkt man an das andere. Es hat etwas Rührendes, mit welch ängstlicher Emsigkeit sich die Wiener den Glauben zu erhalten trachten, es sei bei ihnen noch die alte gute Zeit und Wien bleibe unverändert. Sie wollen es sich kaum gestehen, daß es hie und da an Geld fehle und ihre Theater nicht mehr so besucht seien. Es war ein sonnenheller Nachmittag, als ich die Jägerzeile entlangstrich, um den Prater zu suchen. Das ist der Weg der großen Praterfahrten, bekannt und berühmt durch Bilder und Erzählungen. Die Straße ist so breit, stattlich und gerade wie keine andere in Wien. Hier fährt der Kaiser am Ostertage mit sechs Schimmeln. Die reichen Kavaliere aus Österreich, Ungarn und Böhmen suchen und studieren ein Jahr lang nach schönen Pferden und Wagen, nach glänzendem Riemenzeug und blitzenden Livreen, um sich auf der Praterfahrt zu Ostern auszuzeichnen. Erinnert das nicht an unsere kindliche Jugendzeit, da wir keine anderen Sorgen kannten als die für Frack und Hose, die wir an einem Festtage spazierentragen wollten, für Busenkrause und die grüne Tuchnadel, mit denen wir zu prahlen beabsichtigten? Harmlose Jägerzeile! Von einem Ostertage zum anderen erzählen sie hier, was die Esterhazyschen Stuten für Sielenzeug getragen – homerisches Wien! Die Fahrt von Paris nach Longchamps ist vielleicht ähnlich, man fährt mit schönen Equipagen auch im Hydepark und Regent's Park und zu Berlin Unter den Linden spazieren, aber wo ist an diesen Orten solch kindliches Interesse an Busenkrause und Riemenzeug? Die Leute mit ihren Gedanken sind dort die Hauptsache, nicht mehr die Pferde. Homerisches Wien! Die Pferde vor Achills Wagen gelten auch für beneidenswert, weil sie historisch geworden sind. Vielleicht geht es mir nicht allein so, daß ich mich bei aller Schönheit in der Iliade doch immer wie in einer verstorbenen Stadt finde. Genauso ging es mir im Prater. Man darf solche Orte nur in ihrem Lüster sehen. Sie gleichen Theatern, die man nicht am Tage betrachten darf, um nicht alle Illusion zu verlieren. Ein stiller, öder Park mit einer verwirrenden Straßenmenge lag vor mir, als ich aus der Stadt hinauskam. Dünnes Harfengeklimper drang aus einer der vielen Buden, die zerstreut unter den Bäumen umherliegen. Ich ging ihm nach. An einzelnen armen Spaziergängern vorüber, die mehr um des Bettelns als um des Vergnügens wegen herumpromenierten. Würstchen fand ich in einer unbehaglichen Sommerkneipe, ich sah eine vergilbte Harfenistin – aber, fragte ich ärgerlich, wo ist denn eigentlich der Prater? »Euer Gnoden san recht g'spaßig«, war die Antwort, »Se san jo im Prater!« Um den Anfang des Leopoldstädter Theaters abzuwarten, machte ich Station im ersten besten Kaffeehause. Was man Kaffeehaus nennt, das ist in Wien zu Hause. Kaffee trinken, Billard spielen, Tabak rauchen gilt als nationale Beschäftigung. Man treibt mit den Kaffeehäusern auch vielfachen Luxus. Es gibt unter anderem ein »Silbernes«. Indessen ist nicht das Haus von Silber, sondern nur das Kaffeegeschirr. Als es Abend wurde, machte ich mich auf, das berühmte Leopoldstädter Theater zu suchen. Was hatte ich nicht alles davon gehört! Einen Saal des unauslöschlichen Gelächters, der unerschöpflichen Volkslust, der beharrlichsten Wiener Lieder und Mädchen dachte ich hier zu finden. Denn das Wort »Leopoldstädter Theater« bedeutete immer so viel wie »Vergnügen ohne Ende«. Das Leopoldstädter Theater ist wirklich ein kleines fideles Häuschen. Es sieht sehr bürgerlich aus, und bei seinem Anblick stellt man sich die Frage, ob nicht das ganze Wien nur zum Spaße errichtet sei, zu einem Modell für ein wirkliches Theater, das man nur einstweilen benutzen und später dem Zufall in seinem Geschick überlassen wolle. Ein beliebtes Singspiel war angekündigt, ich glaube: »Die Liebe auf der Alm«. Aber der kleine Raum war nur dürftig besetzt, und die Leute verhielten sich still und artig. Ein dicker Mann, der dicht neben mir stand, sagte: »Schaun S', da kummt der Wenzel Müller, der is noch aus der olten guat'n Zeit.« Wenzel Müller, dieser Liebling meiner Schuljugend, der alte Wenzel lebte noch. »Jo, schaun S' nur, wia er si umschaut!« Es war ein freundliches, altes Gesicht. Das Haupt umgeben mit der Würde eines liebenswürdigen Alters. Der Kleine nahm seinen niedrigen Präsidentenplatz ein, ergriff sein bürgerliches Taktstöckchen, lächelte links, lächelte rechts zu seinen Musikanten, als bitte er um Erlaubnis, anfangen zu dürfen, und begann endlich seine Leopoldstädter Ouvertüre, wie wenn er seinen Kollegen, den Wiener Vorstädtern, ein kleines Geschichtchen erzählen wolle, »von g'spaßigen Leuten, die a recht guats Herz hob'n.« Unter solchen Auspizien gewährte die überaus einfache Musik mit ihren kindlichen, anfänglichen Melodien, ohne Duft, Zauber und Romantik, mit gutmütiger Trivialität und frischem, anspruchslosem Herzen gesetzt, einen ganz angenehmen Eindruck. Es wurde mir recht behaglich, zumal ich merkte, wie sich das Häuschen mehr und mehr füllte und über Wenzel Müllers unschuldige Melodien seine naive Zufriedenheit aussprach. Seine Melodien sind wirklich aus der Zeit der Unschuld und des alten Wien. Guter Wenzel, heute, da ich dieses Buch schreibe, lese ich, daß du gestorben bist! – Wie öde mag es in der Leopoldstadt sein, wo dein weißer Kopf, deine bewegliche Hand und dein glückliches Lächeln fehlen. Ich kenne nichts von dir als jenen Abend und einige Melodien, aber ich glaube, ich kann den Inhalt deines ganzen Lebens erzählen. Wie du dein Glaserl Wein getrunken, einem hübschen Mädel die Backen gestreichelt, zu Mittag mit gutem Appetit gegessen, kleine Nelkenstöcke gepflegt, einen geblümten warmen Schlafrock getragen und jeden Menschen freundlich behandelt hast, selbst den gelben, leberkranken Nachbar, der die Musik nicht leiden konnte. Auch die Leopoldstadt liegt im Sterben. Man könnte sagen: vielleicht nur darum, weil es an Talenten fehlt. Aber vielleicht ist der Grund dafür tiefer zu suchen. Auch die Leopoldstädter fangen an, über den Stand der Unschuld hinauszublicken. Ihr bester Komiker, der bekannte Schuster, ist unbeschäftigt. Die Krones ist gestorben, jenes wunderbare Talent der Gemeinheit, die das Unanständige mit Grazie und Zauber produzierte, jenes schöne Mädchen mit den strahlenden Augen und der angenehmen Stimme, mit der ärgsten Liederlichkeit und der vollendetsten Wiener Liebenswürdigkeit, die Krones ist tot. Sie ist auf dem Schlachtfeld geblieben, ein Soldat, der rüstig focht bis zum letzten Atemzug. Keine historische Person wird in Wien so betrauert wie diese Frau. Die Leopoldstädter berufen sich bei etwaigen Anklagen auf dieses Mädchen, so wie die Bonapartisten auf Napoleon. Wien ist die Stadt, wo es noch Zeit und Raum genug gibt, historische Erscheinungen genügend zu würdigen. Die Krones ist freilich nicht ersetzt worden. Fräulein Jäger gibt sich Mühe, voll Fleiß, Dreistigkeit und Talent etwas Ähnliches darzustellen. Sie reüssiert auch sehr. Die Wiener wissen dergleichen zu würdigen. Aber es fehlt der Funke des Geistes. Es gehört zu nichts größere Genialität als zur Frivolität, die allgemein gefallen soll. Ihr Weg führt ganz schmal zwischen tiefen Abgründen hindurch. So blieb denn auch dieses Singspiel matt und trivial. Ein solches Volkstheater ohne belebendes Genie wirkt unschmackhaft wie ein Glas abgestandenes Pfennigbier. Die Naivität ohne Folie ist als künstlerische Erscheinung ein lähmender Anblick. Man kann das Alltägliche produzieren, aber man darf dabei selbst nicht alltäglich sein. Ein wunderliches Gespräch hinter meinem Rücken nahm meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Ein Mann sprach französisch-deutsch, eine Dame wienerisch-deutsch, ein anderer Mann gebrochen ungarisch-deutsch. Das gab ein Trio, an dem Jahn und Professor Zumpt gestorben wären. Die französisch-deutsche Stimme glaubte ich zu erkennen – richtig, es war mein Freund, von dem ich mich in Eger getrennt hatte. Er unterhielt sich industriös mit einer stattlichen Dame. Das Leopoldstädter Theater ist in jeder Rücksicht Volksversammlung. Man hegt dort die menschenfreundlichsten Gesinnungen, die Damen sind emanzipiert und ohne Vorurteil. Diese Überlegung hatte auch meinen Kommilitonen hierhergeführt. Am Schlusse der Vorstellung verließ die stattliche Dame das Haus am Arme des Ungarn, ihres Liebhabers, der viel Liebe, aber wenig Verdienst haben mochte. Im Gedränge blieb mein Freund zur anderen Seite der Dame, und während der Ungar mit seinem Ellbogen den Weg bahnte, wurden neben ihm mit drei, vier leisen Worten verräterische Unterhaltungen gepflogen. Auf den Straßen lag eine warme Nacht, die Sterne funkelten, die Lüfte buhlten, und aus dem Hause drang der warme Schein und der Nachklang jodelnder Melodien. Nach den ersten Begrüßungsworten entwickelte mein Bekannter neben mir uninteressante und unwürdige Ansichten über die Mehrzahl der Weiber, die ich nie glauben werde, solange die Sterne scheinen. Was ich heute gesehen, war ohne Eindruck geblieben, umsonst war der lange Vortrag. Es war Mitternacht, als wir heimkamen, mein Begleiter sprach noch, und die Sterne schienen noch immer. Sankt Stephan Es war einer jener goldenen Wiener Morgen, da die Sonne wie ein mutwilliges Lächeln über die Dächer der hohen Häuser läuft, das stündlich größer, wärmer und gefährlicher wird. O Wien, ich werde dich mit deinen hohen Häusern und engen Straßen und deinem Morgen nie vergessen. Die Donau dampft, auf den Bastionen liegt die Frühsonne weiß wie Schnee, blauer Nebel fällt wie Schmelz auf die hereinragenden Berge. Durch die Straßen, durch die Tore, über die Brücken strömen lächelnd und geschäftig die Menschen. An den Straßenecken werden große Vergnügungszettel angeklebt, das Tor der Welt öffnet sich knarrend, alle Herrlichkeiten warten des Fremden, der aus den Fenstern seines Gasthofes in diese lachende, nahe Zukunft blickt. Ich wohnte in der Vorstadt und übersah das alles: Wasser und Stadt, Berge und Brücken, Zettelträger und Mädchen. Unter mir floß die Donau nach Ungarn. Neben mir arbeiteten in der Leopoldstadt die Riemer, Sattler und Wagenbauer. Aus den vielen Worten meines Freundes gestern abend hatte ich behalten, daß ihm die schöne Dame für diesen Morgen ein Rendezvous im Stephansdom zugesagt hatte. Das und den Stephan selbst wollte ich sehen. Der Stephansturm ist eine steinerne Pyramide, die ohne abzusetzen, ohne zu ruhen, in die Wolken steigt, leicht und ohne Beschwerden, als ob sich eine Hand zum Himmel hebe. Aus Stein ziseliert, wie der Metallarbeiter ein zierliches Modell ausfeilt für einen Meister, der zugleich Vater einer geliebten, schönen Tochter ist. Heiliger Stephan, wodurch hast du eine solche Arbeit, solch einen Sieg über Stoff und Stein verdient, was hast du getan? Ich weiß es nicht und brauche es nicht zu wissen. Sicherlich bist du über Verdienst belohnt, denn ein solches Werk ziemt den Göttern, nicht den Heiligen. Heilige sind Parvenüs, Götter und Helden stammen aus Jovis' Lenden. Steinerner, gemeißelter Stephansturm, du hast mich oft an die Sage von unterirdischen Riesen erinnert, den Nachkommen der alten bezwungenen Titanen, die unter uns arbeiten im Schoße der Erde. Einst spielten die Titanenbuben Krieg. Sie splitterten sich dazu Türme aus dem Felsen. Einer der übermütigsten Jungen warf sein Türmchen zu weit in die Höhe, da ist es bei der Geroldschen Buchhandlung in Wien aus der Erde gefahren. In jener Buchhandlung am Stephansplatz habe ich mir den Turm am fleißigsten betrachtet. Wenn man ihn lange unverrückt ansieht, so hüpfen am Ende die vielen Schnörkel, die sich regelmäßig pyramidenförmig aufbauen, zu einem lustigen Tanze durcheinander. Die Welt dünkt einem dann wie der lustige Spaß eines Konditors, St. Stephan wie eine Baumtorte aus Marzipan. Aber das kann nur passieren, wenn man bereits vom Büchertreiben im Geroldschen Laden verwirrt ist. Dort gibt es nämlich eine ganz andere Literatur als bei uns. Sämtliche Werke der Karoline Pichler, des Herrn von Kotzebue und Ifflands Schauspiele werden einmal über das andere verlangt. Herr Gerold mit seinem leutseligen schalkhaften Lächeln gibt links und rechts Befehle, die unsterblichen Werke dieser Heroen in dauerhaftes Packpapier zu emballieren. Ich habe nirgends soviel kaufen sehen wie dort, und die Begeisterung, Schriftsteller zu sein, wäre ins Turmhohe gestiegen, wenn die in Leinen und Seide grün und braun gebundenen langen Reihen andere Devisen und Wappen getragen hätten. Die allgemeine Lektüre in Österreich ist noch sehr altmodisch. Man lebt noch im Zeitalter der deutschen Klassiker. Karoline Pichler, Hofschauspieler Lemberg, der nebenbei ein sehr liebenswürdiger Mann ist, Braun von Braunthal, der Ritter, gehören alle zu den Klassikern. Holde Zeit der Klassiker, wo der Dichter noch zerstreut und ungezogen sein darf! An jenem Morgen ging es bei Gerold sehr stürmisch her. Alles wollte Karoline Pichler besitzen. Ich saß über Bonapartes Briefen an Josephine, die eben angekommen waren. Über dem Lärmen und Napoleons Liebesversicherungen hätte ich beinahe überhört, wie es vom Stephan elf schlug; die Stunde des Rendezvous. Mein Bekannter lehnte schon, seine Lorgnette lässig in der Hand haltend, an einem Pfeiler, als ich in die Kirche trat. Die großen, kühlen Kirchen der katholischen Christenheit scheinen wirklich nicht bloß zu kirchlichen Zwecken erbaut zu sein. Dieser bärtige, alte Student war auch nicht ihretwegen gekommen. Gott weiß, was er für eine Religion hatte. Im allgemeinen teilte er jene französischen, halb deistischen Ansichten, jene aufklärerischen Gedanken, die von Prosa und Unerquicklichkeit starren. Die Gesetze des ABC, des Einmaleins, der Trivialität sind diesem Genre ein und alles. Der Herrgott wird berechnet wie der Transito, Ahnung und Poesie gelten ihnen als lässige Spielerei. Manches Männlein und Fräulein war im Dome des heiligen Stephan zu sehen. Die fröhliche, skrupellose Sonne des Spätmorgens schaute lachend durch die hohen, schmalen Fenster und belebte diesen heiteren Katholizismus. Ich wandelte von einem Altar zum anderen. Die kleinen Altäre sind ein liebenswürdiges Zugeständnis an die Sündhaftigkeit der Welt, die Einsamkeit zu zweien sucht. Der Protestantismus ist für die Ehe, der Katholizismus für die Liebe. Eine hohe Dame im seidenen Gewande rauschte an mir vorüber nach dem Hochaltare. Sie war es. Eine herausfordernde, imponierende Gestalt. Blasser war sie als am Abend vorher. Aber das Auge war voller Freiheit und Leidenschaftlichkeit – durchaus nicht von gedankenloser Leidenschaft, sondern wie jene großen, festschließenden Augen, die zuweilen plötzlich irre werden in ihrer stolzen Sicherheit, erweichen, voll Gedanken stillestehen und die runde, blasse Wange zu betrauern scheinen. Beim Vorübergehen hatte sie mich mit ihrem herausfordernden Blicke gemessen und mich gezwungen, ihr vorauszugehen und mich umzublicken. Da sah ich, wie sich ihr Blick nach innen kehrte, als sie in der Nähe des Hochaltares niedersank. Dann zog sie einen Handschuh aus, um unter die schwarzen Locken zu fahren, die sich um die weiße Schläfe gelegt hatten. Die Hand war etwas zu groß, um für schön gelten zu können, aber sie war interessant. Aber ich irre mich, sie war verführerisch, und das ist etwas ganz anderes. Ihre gesättigten Formen waren mit jenem leichten Gelb überflogen, das zuweilen südliche Kraft und eine männliche Tüchtigkeit der Empfindung anzeigt. Ihr Verehrer kam mit seinen Sporenstiefeln herangeschlürft, so leise als es sein schwerer Schritt gestattete. Aber Frauen erkennen am Tritt ihren Liebhaber, auch wenn sie ihn niemals gehen sahen. Sie blickte von Rosenkranz und Andacht auf, nickte mit dem Augenlide und betete weiter. Sie erhob sich, lenkte meinen Freund mit dem Blicke und schritt durch die Kirche ins Freie. Katholische Mädchen gehören dem Liebhaber und dem Herrgott zur gleichen Zeit einträchtig nebeneinander. Sie sind nicht so töricht, einem von ihnen Eifersucht zuzutrauen. Sperl in Floribus Es war an einem jener wichtigen Tage, da »Sperl in floribus« an allen Straßenecken erglänzt. Der ganze Garten Sperls in der Leopoldstadt brennt dann mit tausend Lampen, alle Säle sind geöffnet, Strauß dirigiert die Tanzmusik, Leuchtkugeln fliegen, alle Sträucher werden lebendig. Jeder richtige Wiener steuert am Abend hinaus über die Ferdinandsbrücke, beim »Lampl« vorüber, links um die Ecke. Es versammelt sich dort allerdings keine haute volée , es ist eine sehr gemischte Gesellschaft. Aber die Ingredienzien sind nicht zu verachten, und das Gebräu ist klassisch-wienerisch. Ein Abend und eine halbe Nacht beim Sperl ist, wenn er in aller Üppigkeit blüht, der Schlüssel zum Wiener sinnlichen Leben. Unter erleuchteten Bäumen und offenen Arkaden, die an den Seiten herumlaufen, sitzt Männlein bei Weiblein an zahllosen Tischen, ißt und trinkt, schwätzt, lacht und horcht zu. In der Mitte des Gartens ist das Orchester, von dem verführerische Sirenentöne kommen, die neuen Walzer, der Ärger unserer gelehrten Musiker, die neuen Walzer, die gleich dem Stich einer Tarantel das junge Blut in Aufruhr bringen. In der Mitte des Gartens, bei jenem Orchester, steht der moderne Held Österreichs, Napoléon autrichien , der Musikdirektor Johann Strauß. Was den Franzosen die Napoleonischen Siege waren, das sind den Wienern die Straußschen Walzer. Wenn sie genügend Kanonen hätten, sie errichteten ihm beim Sperl eine Vendômesäule. Der Vater zeigt ihn seinem Kinde, die geliebte Wienerin ihrem fremden Freunde, der Gastfreund dem Reisenden: »Das ist Er!« – »Wer?« – »Er!« – Wie die Franzosen sagen: »Voici l'homme!« Es lebt ein heiteres Volk in Österreich. Napoleon kostete den Franzosen viele Söhne und Brüder und Väter, ehe sie sagen konnten: »Voici l'homme!« Die Österreicher zahlen nur mit einigen Gulden und einigen Nächten. Dafür haben sie einen exotischen Vogel mit bunten Lockfedern für die Damen. Wenn auch nicht mit fanatischer Begeisterung, denn damit geben sie sich nicht ab, so doch mit Entzücken sagen sie: »Das ist der Strauß!« Er schlug gerade die Kaiserschlacht von Austerlitz, als wir ankamen. Mit dem Fiedelbogen wies er hinauf zum Himmel und die Geigen schrien: »Die Sonne geht auf!« Er dirigierte just seinen neuesten Deutschen! Alle Gesichter waren auf ihn gerichtet, es gab Augenblicke der Andacht. Man wird dich fragen, sagte ich mir, besonders die Tänzer und Mädchen zukünftiger Generationen werden dich fragen: »Wie sieht er aus, der Strauß?« Ich betrachtete ihn genau. Man dichtet immer, wenn man vor einer historischen Person steht. War das Aussehen Napoleons römisch-klassisch, ruhig und antik, und das des anderen großen südlichen Zauberers Paganini romantisch, hofmanneresque und klosterbrüderlich, so ist das des maestro Strauß afrikanisch-heißblütig, lebens- und sonnenscheintoll, zappelnd unruhig, modern verwegen, unschön leidenschaftlich. Nun, das sind Adjektiva zum Auswählen. Strauß sieht sehr dunkel aus. Sein Haar ist kraus, der Mund melodiös und unternehmend, die Nase abgestumpft. Man hat nur zu bedauern, daß er ein weißes Gesicht hat, sonst sieht er dem Mohrenkönig aus Morgenland, Balthasarius genannt, der zu Neujahr in katholischen Ländern umhergeht, sehr ähnlich. Unter dem höchst unseligen Herodes brachte dieser selige Balthasar dampfenden, sinnebefangenden Weihrauch nach Bethlehem. So ist es auch mit Strauß. Er verzaubert uns ebenfalls und treibt die bösen Teufel aus unseren Leibern, er befängt unsere Sinne mit dem süßen Taumel des modernen Exorzismus seiner Walzer. Ekstatisch leitete er auch seine Tänze: die eigenen Gliedmaßen gehören ihm nicht mehr, wenn sein Walzerdonnerwetter losgeht. Der Fiedelbogen tanzt mit dem Arme und ist der leitende Kavalier seiner Dame, der Takt springt mit seinem Fuße herum und die Melodie schwenkt Champagnergläser in seinem Gesicht. Der ganze Vogel Strauß nimmt einen stürmischen Anlauf zum Fliegen, der Teufel ist los. Und diese leidenschaftliche Prozedur nehmen die Wiener mit beispiellosem Enthusiasmus auf. Sie haben ein aufmerksames Gedächtnis für ihren Helden und seine Taten. In einem Potpourri, das er aufführte, waren einzelne seiner Walzergedanken zerstreut. Ein großes, gemischtes Publikum kannte das kleinste Straußsche Wort heraus und begrüßte jeden neuen Walzer mit donnerndem Jubel. Es ist eine bedenkliche Macht in dieses Mannes Hand gegeben. Er mag es sein besonderes Glück nennen, daß man sich unter Musik alles Mögliche denken kann, daß die Zensur sich mit den Walzern nicht zu schaffen macht und daß die Musik auf unmittelbarem Wege die Empfindungen anregt. Ich weiß nicht, was er außer Noten versteht, aber ich weiß, daß der Mann sehr viel Unheil anrichten könnte, wenn er Rousseausche Ideen geigte. Die Wiener machten in einem Abende den ganzen contrat social mit ihm durch. Gewissermaßen tun sie dies freilich beim Sperl. Denn eine Rehabilitation der Sinne geigt er wirklich. Er ist der Repräsentant des jungen Österreich, das gerade so gerne tanzt und küßt, wie es das alte getan. Wenn man das nicht glaubt, so steige man hinauf in die Sperlschen Säle, wo die bacchantische Lust ihren Ausdruck, ihre babylonische Völkersprache findet. Ich war an eine Säule gelehnt und sah voll Staunen dem Treiben zu. Die Sperlschen Säle verwandelten sich mir in ein indisches Bajaderenhaus. Die nach Freuden schreienden Becken wurden zusammengeschlagen, die Zimbeln lockten sehnsuchtsvoll, die großen Hörner klangen frohlockend. Die Mädchen drehten sich und lachten kußfreudig. Wie heiße Sonnenstrahlen hüpften sie mit ihrem blühenden Leben umher. Es ist bemerkenswert, daß die österreichische Sinnlichkeit nie gemein aussieht. Sie ist naiv und keine Sünderin. Die dortige Lust ist die Sünde vor dem Sündenfalle. Der Baum der Erkenntnis hat noch keine Definition, kein Raffinement nötig gemacht. Bunt wogt die Menge durcheinander, die Mädchen drängen sich warm und lachend zwischen den munteren Burschen hindurch, ihr heißer Atem spielte mir, dem fremden Säulenheiligen, wie der Duft südlicher Blumen um die Nase, ihre Arme drängten mich mitten ins Getümmel. Um Verzeihung bittet niemand. Beim Sperl will man keinen Pardon und gibt keinen. Nun werden die Anstalten zum wirklichen Tanze gemacht. Um die zügellose Menge in Schranken zu weisen, wird ein großes Seil gespannt, durch das alles, was in der Mitte des Saales bleibt, von den eigentlichen Geschäftsleuten, den Tänzern, getrennt wird. Die Grenze ist aber schwankend und nachgiebig. Nur an den gleichmäßig wirbelnden Mädchenköpfen unterscheidet man den Tanzstrom. Bacchantisch wälzen sich die Paare durch alle zufälligen oder absichtlichen Hindernisse hindurch, die wilde Lust ist losgelassen, kein Gott hemmt sie, nicht einmal die Wärme, die still und eindringlich hin- und herwogt wie ein von Strauß angefachtes Feuer. Charakteristisch ist der Anfang jedes Tanzes. Die Musik beginnt mit zitternden, nach vollem Ausströmen lechzenden Präludien. Sie klingen tragisch wie Glückseligkeit, die vom tiefsten Schmerz umklammert wird. Der Wiener legt sich sein Mädchen tief in den Arm, und sie wiegen sich auf das wunderlichste im Takt. Man hört noch eine ganze Weile diese langanhaltenden Brusttöne der Nachtigall, mit denen sie ihr Lied anhebt und die Zuhörer bezaubert, bis plötzlich ein schmetternder Triller hervorbricht, der eigentliche Tanz beginnt und die Paare sich in den Strudel der Fröhlichen stürzen. All das könnte den Leser leicht zu dem Glauben verführen, er befinde sich in einer Kneipe. Dem ist aber keineswegs so. Bei glänzender Beleuchtung, in einem schönen hohen Saale ereignet sich das alles. Daneben laufen offene, freie Speisesäle hin, wo vornehme Bürger ihr Nachtmahl verzehren und harmlos dem Treiben zusehen. Ich habe nie Exzesse dort erlebt. Das fatale Zauberwort des Nordens, »Branntwein«, fehlt, es fehlen die dumpf Trunkenen, die Sinnlosen. Der leichte österreichische Wein macht nur die Sinne bewußt – und die Wiener haben große Mägen, aber kleine Kehlen. Die Feste dauern bis gegen Morgen. Da nimmt Österreichs musikalischer Held seine Geige und geht heim, um einige Stunden zu schlafen und von neuen Schlachtplänen und Walzermotiven für den nächsten Nachmittag in Hietzing zu träumen. Die heißen Paare stürzen sich in die warme Wiener Nachtluft hinaus, und das Kosen und Kichern verschwindet langsam nach allen Richtungen. Das ist Sperl in floribus. Die Wiener und ihre Stadt Im Volksgarten wollte mir ein vernachlässigter Beamter durchaus einen verkappten Brutus zeigen. Aber man darf es nicht glauben. Brutus ist gar kein österreichischer Name und wird nie einer werden, weil er sich nicht abkürzen läßt. Ja, wenn sich auch ein Brutus fände, was könnte das schaden, eine Lucretia findet sich nicht so leicht. Überhaupt sind das sehr bornierte Leute, die die Entwicklung der verschiedenartigsten Staaten in gleicher Form erhoffen und sich in Österreich zum Beispiel auch nach Revolutionskeimen umsehen. Revolutionen sind die schlechtesten Entwicklungsmöglichkeiten, weil sie die heftigsten sind. Für sie hat Österreich so wenig Anlage wie ein phlegmatischer Mann zu entzündlichen Krankheiten. Es ist ein sehr großer Irrtum, vom Wiener und vom Pariser gleiche Äußerungen des politischen Willens zu erwarten. Alles übrige beiseitegestellt, die Wiener haben auch zu viel Fleisch und zu gesunde Unterleiber. Der Menschenschlag ist kräftig; feste Formen und ein schönes, angenehmes Fleisch fallen auf. Die Taille und der elegante Wuchs sind dadurch etwas benachteiligt, nicht aber der hohe stattliche Bau. So ist ein schöner Männerschlag der halben Elegants in Wien zu finden. Der vorherrschende Ausdruck ihrer Gesichter ist von einer sauberen Fröhlichkeit, der allgemeine Anblick heiter. Es ist absolut unmöglich, sich des Eindrucks vollkommener Behaglichkeit in Wien zu erwehren. Nur ein völlig verstocktes Menschenkind schließt dort nicht fröhlich seine Herzenskammern auf. Wien heilt alle Wunden. Der Feenzauber der Luft und Umgebung wirkt zu allen Zeiten. Wie man in alten Ritterspielen von einem Lüftchen erzählte, das alle Wunden schloß, sobald es sie nur flüchtig umspielte, so kann man jetzt von der Wirkung der Wiener Atmosphäre berichten. Über den schmerzlich erregten Geist streicht sie mit weicher Hand, jede Wunde schließt sich. Wahrhaftig, Wien ist in vieler Weise die Insel der Circe. Man muß gewarnt und stark wie Ulysses sein, um kein Verwandlungsunglück zu erleben. Wie instinktgemäß halten sich die Wiener in der glücklichen Mitte des vor der Verzauberung schützenden Kreises. Ihre Freuden sind stark und derb, aber man sieht sie niemals gemein. Die Menschen sind mit allen ihren Sitten und Eigenschaften immer mehr oder weniger das Ergebnis ihres Bodens. Sie sind nur etwas verfeinerte Pflanzen. Der Mensch, der sich seinem Boden am natürlichsten anschmiegt, ist am glücklichsten. Das haben die Ahnen der Österreicher durchaus verstanden. Sie begreifen die unterirdischen Stimmen der Landschaft, ihr ursprüngliches Wesen stimmt mit ihr überein, und daher kommt ihre Behaglichkeit. Man kann sich nichts Bequemeres denken als das Donautal, in dem Wien liegt. Der Kahlenberg und seine Genossen schützen es vor dem Nordwest. Die Donau, der rasche Kriegsstrom deutscher Flüsse, bringt dem Bedürfnisse rasche, frische Wellen. In dem dunkleren Himmel sieht man schon die tiefere Sehnsucht nach dem Süden, der Boden ist freundlich und ergiebig. Natürlich gibt es viele Städte, die malerischer liegen und interessanter sind, aber man dürfte vergeblich eine suchen, die sich so wohnlich an den Boden schmiegt. Die Stadt Wien ist nur ein Mittel- und Sammelpunkt. Die zweiunddreißig Vorstädte gehören zu Wien wie die Strahlen zur Sonne. Alle sind frei für Luft und Aussicht. Selbst die Berge sehen in entscheidender Entfernung gehorsam wie Dienstboten mit niedergesenkten Augen hinein. Wien gleicht einer großartigen Winter- und Sommerwohnung, in der man, um sich alle Bequemlichkeiten zu verschaffen, nur die Zimmer zu wechseln braucht. Die Zahl der Vergnügungsorte um Wien herum ist Legion. Das Vergnügen ist ein Geschäft, das jeder Wiener mit Leidenschaft betreibt. In den Dörfern nahe der Stadt wohnen während des Sommers begüterte Hochbürger, Schauspieler und Rentner. Sehr viele Fremde besuchen Wien während des Sommers. Eine Reise nach Wien gilt als Asyl der überladenen Geschäftsleute, die ihrem Unterleibe auf einige Wochen gütlich tun wollen. Es ist in keiner Stadt so leicht, nichts zu tun und nichts zu denken wie hier. Trotzdem kommen die Wiener Gasthäuser nicht aus dem Schlendrian heraus. Es gibt in ganz Wien nur zwei oder drei, die nach Art guter Gasthöfe eingerichtet sind. Alle übrigen sind mehr oder weniger alltägliche Kneipen, wo man nichts findet als mittelmäßige Nachtlager und schlechte Bedienung. Das ist aber von jeher so gewesen, darum muß es immer so bleiben. Wenn man ihnen erzählt, wie ganz anders und besser das im Auslande sei, so lächeln sie, gähnen etwas und sagen ungestört: »Des is holt anders bei uns in Wean!« Sie sind in dieser Borniertheit so schnurrig und liebenswürdig, daß ich mitlachen und am Ende gar eingestehen mußte, die Einrichtung mit den mittelmäßigen Gasthöfen sei gar nicht unpassend. Das Wiener Leben spielt sich nämlich ganz und gar draußen ab, an zwanzig verschiedenen Orten. Die Dimensionen sind groß, man kommt gewöhnlich erst bei einbrechender Nacht in seinen Gasthof zurück und braucht nichts weiter als ein Nachtlager. Der Gastwirt findet es eben auch in Ordnung, daß man sonst nicht viel mehr verzehrt. Also hat der Wiener auch darin recht. Große Ehrlichkeit und viel Bettelei herrscht natürlich in Österreich, wie in jedem abgeschlossenen Staate, wo die Mehrzahl des Volkes wie hier brav und gutmütig ist. Die Poesie der Bettelei – das Verbieten einer jeglichen wäre die prosaischeste Grausamkeit – steigt allerdings hier bis zum Unerträglichen: der Reisende steht unter einem fortwährenden Belagerungszustande. Ebenso wird jene Ehrlichkeit oder der daraus fließende Kredit bis ins Ungeheure getrieben. Man bezahlt in einem öffentlichen Lokal nichts beim Empfange, das Haus sei noch so groß, die Gesellschaft noch so zahlreich, die Verwirrung noch so betäubend. Der Fremde kann für viele Gulden verzehren und mehrmals vergeblich fragen, was er zu zahlen habe. Er kann ungehindert von dannen gehen, ohne einen Kreuzer gezahlt zu haben. Diese Art von Kredit ist sogar lästig. Es gibt nämlich nur einen bestimmten Zahlkellner, oder nur dann zwei oder drei, wenn die Gesellschaft außerordentlich groß ist. Dieser Zahlkellner macht dem Gaste die Rechnung und nimmt allein Geld entgegen. Er ist gewöhnlich so beschäftigt, daß man wegen einiger Kreuzer meist unerträglich lange warten muß. Table d'hôte wird nirgends gespeist. Der Österreicher spielt wie der Engländer beim Essen den Individuellen. Und wunderlich genug haben beide dabei gar nichts Persönliches, sondern essen alle dasselbe, der eine sein Rindfleisch und den Plumpudding, jener »a Backhendl, a Möhlspeis und a Rostbraterl.« Im Weintrinken sind sie mäßig, ich weiß nicht, ob es am Weine oder an ihnen liegt. Verleumder sagen, man bekomme eher Leibweh als Laune von großen Quantitäten. Und doch kommt er der Masse trefflich zustatten, weil seine schlechteren Sorten wohlfeil und allen Klassen zugänglich sind. So entgehen sie dem abscheulichen Schnapstrinken. Man sieht nirgends jene dumpfe, bestialische Schnapsbesoffenheit, die den Geist nicht aufregt, sondern verwirrt, das Hirn nicht auflockert, sondern zusammenquetscht. Die Österreicher sind hier wirklich im allgemeinen mäßig. Selbst ihre ausgelassenste Fröhlichkeit, die man halb irrtümlich zu ihrem stehenden Charakter rechnet, ist immer polizeigemäß. Sie sind zahme, lustige Füllen, die den Hafer nicht kennen und von ihm nicht gestochen werden. Auf der Brigittenau zum Beispiel feiert man alljährlich ein großes Volksfest, bei dem sich an dreißigtausend Menschen einfinden, die wie Böcklein in Lust und Freude herumspringen – nicht ein einziges dieser Böcklein stößt das andere. Ich gestehe, daß ihre Wohlgezogenheit etwas Philistermäßiges hat und daß ich, selbst als Regent, ein Volk mehr liebte, das zuweilen durch eine Kaprice seines Herzens Spannkraft bekundete, natürlich durch eine unschuldige und kleine, die nichts kostet. Besonders die Ultraliberalen, die in Österreich einen mit starker Hand verstopften Vulkan sehen, irren sich sehr. Man merkt nichts von Verstopfung und nichts von einem Vulkan. Höchstens von einem, an dem gekocht und gebraten wird. Das Volk ist so unvulkanisch wie nur möglich. Es wurde schon häufig darauf hingewiesen, daß ein Rest des italienischen Straßenlebens und mancher halbitalienischer Sitten in Wien zu finden sei. Die alltäglichen Freuden sind hier auch meistens auf der Straße und in öffentlichen Lokalen zu suchen. Da sitzt man mit großen Backenbärten und kurzen Meerschaumpfeifen, trinkt Kaffee oder Zuckerwasser und sieht der rastlos dahineilenden Zeit nach. Nur die Fiaker sind in steter Bewegung. Sie sind der tüchtigste Schlag in Wien, denn sie haben einen festen Willen und können im Notfalle grob werden. Sie fahren so schnell und so geschickt wie die Berliner Kutscher schlecht und langsam. Sie verstehen ihr Handwerk, lesen in den Stunden des Wartens ihren Roman wie irgendeiner und sind daneben betriebsame, ganze Kerle. Ich habe eines Abends mit Gutzkow ein ganzes Fiaker-Literaturblatt durchgesprochen. Wir fuhren von Hietzing nach der Stadt und fanden in allen Taschen des Wagens Romane. In unserer nordischen Voreiligkeit glaubten wir, sie seien von Passagieren vergessen worden und machten unsern Kutscher darauf aufmerksam. Er lächelte aber sehr und deutete mit dem Finger auf den eigenen Kopf. Die Fiaker in Wien sind eine Stütze der Literatur. Nicht darum, sondern aus anderen Gründen glaube ich, daß sie nächst Staberl den meisten Witz in Wien haben, und das will etwas sagen. Ihre Zahl hört erst in der Nähe der tausend auf. Von Staberl, den Ungarn und den Fiakern hat man die meisten Bonmots. Die Fiaker sind auch der Stolz Wiens, den es gegen alle Hauptstädte geltend machen kann. Es glauben Gelehrte, sie seien – nicht die Gelehrten, sondern die Fiaker – die eigentlichen Urbewohner Wiens, die Autochthonen, die ursprüngliche Kriegerkaste. Ihr Fahren ist eine Kunst, die lebhafteste Anerkennung verdient. Im stärksten Trabe jagen sie durch die engen, von Menschen und Wagen angefüllten Straßen, oft nur ein Haar breit am Zusammenstoß vorüber. Aber es ist ein höchst seltener Fall, daß sie ein Unglück anrichten. Sie fahren, wie man sich ausdrückt, den Schwanz vom Buchstaben herunter.   Die englischen Tories waren Napoleons unversöhnliche Feinde, die preußische Jugend sein leidenschaftlichster Gegner, die österreichischen Soldaten aber seine ausdauerndsten Bekämpfer. Ich habe die Truppenmassen des Kaisertums fast in allen Provinzen gesehen. Eiserne Unbekümmertheit liegt in ihren Mienen. Ich bin vollkommen überzeugt, daß sich in einem neuen Franzosenkriege wiederum kein Heer so ehern und zweifellos schlagen würde wie das österreichische. Nur fanatische Begeisterung und ein überwältigendes Feldherrngenie könnte sie überwinden, eine bloß gebildete Armee, die da weiß, was Leben ist, überläßt ihr sicherlich das Schlachtfeld. Sie kommen dahermarschiert, diese praktisch gekleideten Massen, wie eine Reihe metallener Figuren. In der ganzen Front herrscht nur ein einziger Gedanke, der auf das nächste Kommandowort. »Eins, zwei, eins, zwei, aufg'schaut!« und so marschieren sie in den Höllenrachen hinein, wenn der Offizier nicht Halt ruft. Sie tun es nicht aus Subordination. Sie haben zumeist in ihrem Leben nicht gehört, was Subordination sei. Sie tun es, weil sie subordiniert sind, einexerziert, instinktmäßig. Sie dienen dem Staate vierzehn Jahre, sie sind Soldaten ganz und gar. Eine riesenstarke Armee, fest wie ein unwandelbarer Begriff. Die vierzehnjährige Dienstzeit trifft namentlich die österreichischen Erblande, die anderen Provinzen dienen meist kürzere Zeit. Soldatenspielerei findet man nirgends, man sieht ihnen das ruhige, arbeitsvolle, todesernste Geschäft an. Die Offiziere sind fast durchweg bescheiden, sie bramarbasieren nicht, sind äußerst gefällig, ja liebenswürdig. Die Wiener Polizei hält sehr auf den äußeren Anstand, und so sehr auch das Vergnügen in Wien geschont wird, so wenig darf ein Teil davon dreist auftreten. Alle derartigen öffentlichen Einrichtungen sind streng verboten. Am hellen Mittag werden die Kupplerinnen auf dem hohen Markte an den Pranger gestellt. Ihre Klientinnen gehen mißvergnügt unter der Volksmenge umher und murmeln von Vorurteilen und beschränkten Ansichten. Es war die einzige Andeutung zu einer kleinen émeute , die ich entdeckte, und sie saß nur auf den Lippen einiger unternehmender Frauenzimmer, die andere Ansichten über die Liebe hegten als die Regierung. Von den leichtfüßigen Kindern, die sonst am späten Abend durch das Palais royal tänzelten – sonst, denn dieses orleanistische Palais ist jetzt auch tugendhaft geworden – und manchen schüchternen Jüngling aufmunterten, manchen ernsten abschreckten, die in Hamburg an der Alster bei den Laternen vorüberschäkern oder seufzen, von diesen leichten Nymphen sieht man in Wien am Abend nach dem Theater nichts auf der Straße. Die Polizei hält das nächtliche Bekanntschaftsuchen für unschicklich. Und doch gibt es in Deutschland keinen Ort, in dem im Verhältnis zur Größe und Einwohnerzahl so viel lustige Mädchen leben als in Wien. Die Mädchen gedeihen überhaupt in Wien vortrefflich. Ihr Aufwachsen wird nicht durch frühzeitiges Denken, durch Lesen, durch Romantik und Sentimentalität gestört. Sie haben alle von Haus aus guten Appetit und runde volle Formen, sie werden in einem halben Katholizismus erzogen, der die bequemste Religion unter der Sonne ist, weil er alles vergibt, sie sehen alle Welt nach sinnlichen Genüssen jagen und hören ewig die Hauptfragen, ob es gut geschmeckt, und »wie haub'n sich Euer Gnod'n unterholt'n?« Die stets wechselnde Schar neuer Anbeter erhält ihr Interesse fortwährend frisch. Sie haben ein weiches, üppiges Klima, warme Nächte, die niemand erkälten – was Wunder, daß die Sensibilität größer als sonstwo ist. Da der Abend ihnen zum Kennenlernen verschlossen ist, so werden sie zur Dreistigkeit und zum Sonnenlicht gezwungen. Sie wandeln um die Mittagsstunde Kohlmarkt und Graben entlang, inmitten der anständigen schönen Welt. Es gehört das Auge eines Linné dazu, um die verschiedenen Pflanzenarten zu unterscheiden, da das lustige Mädchen so freudig und elegant gekleidet geht wie die Fürstin, und die Fürstin auf der Straße so einfach wie diese. Die Liebenswürdigkeit der Wiener Damen ist so allgemein bekannt und unwidersprochen wie die Gemütlichkeit der Österreicher im allgemeinen. Man kommt in Verlegenheit, wenn man ihre äußere Schönheit definieren soll. Das Ensemble tut bei der Komödie alles, und weil ihnen das Tragische zu unnatürlich dünkt, spielen sie nur Komödien. Man findet hier nicht so häufig glänzende, elegante Figuren, wie es deren im nördlichen Deutschland so viele gibt. Die in leichten, feinen Bogen geschweiften Gestalten, die durch ihre zierlichen, hüpfenden Formen bestechen, durch den schwankenden Hals, die schmeichelnde Taille, die die fein geformte Schulter trägt, jene Gestalten, in deren kleinem, hochgespanntem Fuß das bunte Vergnügen des ganzen Körpers spielt, sind in Wien nicht zu Hause. Körper und Wuchs sind in ihrer Fülle schon ein wenig italienisch. Nicht die feinen Figuren bezaubern, wenn auch der Körper straff und fest aussieht. Das Fleisch der Wienerinnen ist frisch und blühend. Vor den Bildern Tizians glaubt man, es hätten ihm Wienerinnen gesessen, denen er südliche Augen gemalt. Den lebendigen Wienerinnen selbst, glaube ich, darf man nicht zu tief in die Augen sehen. Wahrscheinlich gibt es keine Frauen, in die man sich so schnell verliebt wie in sie. Für eine romantische Liebe sind sie allerdings zu harmlos und zu lebenslustig. Fällt ein glücklicher Keim in ein wienerisches Frauenherz, so mag es auf der Welt nichts Weicheres, Anschmiegsameres und Weiblicheres geben. Außer der feinen Figur fehlt ihnen auch der zarte Fuß. Aber sie ersetzen beides durch die Schönheit einer volleren Form. Der Körper ist weich und doch frisch und kräftig, ein gesundes Verlangen zeigt sich in jeder Linie. Ihre Schönheit ist jene sanft schimmernde des duftigen Obstes, das noch am Baume hängt und vom Reife der Luft überhaucht ist. Was ihnen an Geist und tiefer Empfindung abgehen sollte, ersetzen sie durch Schalkhaftigkeit und Laune. Außer den Französinnen kenne ich keine Damen, die so liebenswürdig für den bewegten geselligen Umgang geschaffen wären als die Damen von Wien. In ihrer natürlichen Unbefangenheit sind sie bei weitem angenehmer als viele unserer nördlichen sentimentalen Prinzessinnen, die jeden freien, fröhlichen Scherz unanständig finden und außer sich wären, wenn man ihren Glauben in Zweifel zöge, daß die Kinder von den Bäumen geschüttelt werden. Im allgemeinen haben die Österreicher sehr viel Anlage zur Jugend. Sie sind reich an Blut, und Jugend und Geist brauchen Blut und frische Luft. Man sieht es, wenn man ihre Moden betrachtet, daß sie gut erfinden können. Das Gebiet des Bequemen, das sie mannigfach kultivieren, bekundet ihre schöpferischen Fähigkeiten. Die Fremden, die in Wien leben, wirken sehr interessant und dürfen nicht mit denen in den norddeutschen Städten verglichen werden, wohin meist nur wegen des Geschäftes gereist wird. Das österreichische Prohibitivsystem läßt nicht viel Geschäftsfreunde zu. Einige Orientalen etwa, die rauchend vor ihren Läden in der Leopoldstadt stehen und so faul sind, daß man nicht begreift, welche Geschäfte sie überhaupt abschließen. Das schmierige Publikum der Musterreiter fehlt ganz. Die große Menge von Fremden, denen man in Wien begegnet, ist meist lediglich da, um sich zu amüsieren. Wien ist die deutsche Villa, wo der tüchtige norddeutsche Römer ausruht von der Mühe des Regierens. Diese Ruhe wird befördert durch den Anblick der wohlgeölten Staatsmaschine, fröhlicher Menschen und Mädchen. Man wundert sich, daß in Wien sehr anständig gearbeitet wird, daß nicht Manna vom Himmel fällt und süßer Wein aus den Dachrinnen sprudelt. Sprache und Kultur Es ist unglaublich, mit welcher Neugier die Wiener alles aufnehmen, was über Wien geschrieben wird. Sie sind darin wie die Kleinstädter und wie die Pariser. In London kümmert man sich nur darum, ob der Schriftsteller in das Geheimnis der Familien und der vornehmen Zirkel gedrungen ist, weil dort das öffentliche und private Leben vollständig geschieden sind. In Wien ist das anders. Manier und Lebensart ist zwar trotz des äußersten Gegensatzes der Stände im Grunde vom gleichen Stoff und Kolorit, wenn auch modifiziert. Ein rücksichtsloses öffentliches Urteil ist nach den bestehenden Staatsverhältnissen nicht gestattet, und so wollen die Wiener von den Fremden gerne wissen, ob in ihrer Stadt noch immer alles in Ordnung sei. Sie wissen auch sehr wohl, daß die Welt jenseits der Grenzen vielfach anders aussieht. Sie betrachten daher jedes im übrigen Deutschland gedruckte Buch über Wien mit großem Interesse. Da ihnen keines recht gefällt, so ist es eine stereotype Behauptung geworden, man verstehe nicht, ihr Leben richtig aufzufassen. Anderseits sind sie aber auch ehrlich genug, schattenlose Lobrederei nicht ohne weiteres zu goutieren. Das Wienerische weicht nicht nur lautlich, sondern auch im Wortschatz, in der Syntax und der Flexion stark vom normalen Hochdeutsch ab. Vielleicht ließe sich das auf einen Reichtum an Provinzialismen zurückführen, doch sind die Abweichungen und neuen Formen schriftlich emanzipiert. Man wohnt »am Eck«, man geht »auf der Straßen« usw., wie man in Wien täglich gedruckt und geschrieben sehen kann. Läßt man übrigens höhere Gesichtspunkte aus den Augen, beschränkt man sich auf Bequemlichkeitsstandpunkte, dann wirkt die Mundart allerdings vortrefflich. Sie ist voll Zusammenziehungen, Auslassungen und Abkürzungen. Man öffnet kaum den Mund, und in den einfachsten Tönen läßt man die Worte herauspurzeln. Jedes Wort kann im tiefsten Negligé, wie es eben in der Kehle geboren wird, zum Vorschein kommen. Die Leute sind so fern von dem Gedanken, die Sprache sei ein Produkt der Kunst und Bildung, daß sie jeden Versuch auslachen, straffer und genauer zu sprechen. So geht es auch in den kleinen Provinzialstädten, namentlich Schlesiens und Thüringens, wenn einer sich über den Jargon erheben will, man lacht ihn aus und sagt, er ziere sich. Es ist nicht wahr, daß alle gebildeten Wiener sich davon frei erhielten, es wienert der eine etwas weniger als der andere, aber sie wienern alle. Die feinste Dame wienert nur etwas vornehmer als das Obstweib. Daß es im Munde einer hübschen Dame hübsch klingt, ist richtig und natürlich: im Munde einer reizenden Dame klingt alles Fremdartige reizend. Zudem ist diese weiche Mundart so vertraulich, daß es uns schon darum bei der Begrüßung durch eine unbekannte Dame sehr angenehm berührt. Es ist übrigens hierbei zu erinnern, daß diese Mißbilligung einer abweichenden Mundart nicht so zu verstehen ist, als ob aller Provinzialdialekt auszurotten sei. Die Mundart enthält oft die ganze Geschichte eines Landes. Alle Gewohnheiten, Vorzüge, Sympathien und Fehler, alle Beziehungen zu den Nachbarn sind darin zu finden. Und so ist diese Sprache eine unerschöpfliche Fundgrube für die Vervollkommnung der Nationalsprache. Jeder Schriftsteller sollte einige gute Provinzialismen zur Aufnahme in die Hochsprache vorschlagen. Sie würde dann an feinsten Schattierungen gewinnen und geeignet werden, Zustände zu bezeichnen, die wir jetzt mit vielen Worten mühsam und ungenügend umschreiben müssen. Aber es ist zu bekämpfen, daß der wichtigste Kulturausdruck, die Sprache, vollständig verwildern darf. Man hat den österreichischen Dialekt immer gemütlich genannt, und es ruht viel Bezeichnendes darin. Menschen, die sich weniger im großen Weltverkehr bewegen, erfahren weniger Täuschungen und bleiben zutraulicher. Das ist sehr gut so, aber man muß wünschen, daß die Bereitwilligkeit der Herzen sich im großen Welttheater erprobe, und es ist schlimm, wenn man versucht, diesen Vorteil durch gänzliche Absonderung zu erhalten. Die Mundart in ihrer Bequemlichkeit und Gutmütigkeit ist aber auch nicht bloß für den Klang und den Ton der Unterhaltung wichtig. Die Laute jeder Sprache wirken auf Stoff und Gegenstand. Jeder Akzent trägt in sich eine Vorausbestimmung seines Inhalts. Hier aber ergeben sich schwere Nachteile. Es ist vollkommen gleichgültig, worüber man im österreichischen Dialekte spricht, die Sprache klingt über Freiheit und Unsterblichkeit ebenso mollig und trivial wie über »Möhlspeis« und »Fiaker«. Somit mangelt jeder Anreiz, das Gespräch zu höheren Gegenständen zu erheben, und es wächst aus dem Idiom eine harmlose Trivialität in das Leben hinein, die man nicht völlig wegleugnen darf, wenn man eine Zeitlang hier gelebt hat. Der Mensch soll fortwährend auf der Hut sein, sagt das Christentum, sonst überwältigt ihn die plumpe irdische Materie. In der Erscheinungswelt strebt alles nach einer gewissen Harmonie, darin liegt der ewige Antrieb der großen Schöpfung. Man erstaunt über die Großartigkeit, wie sich dieser purzelnde, sommermüde, wollüstige Dialekt dem bequemen Leben und Treiben in der Stadt angleicht. Er gehört nach Wien, und soviel man auch an dieser merkwürdigen Stadt aussetzen mag, das muß man zugestehen, sie ist aus dem Ganzen, ist eine runde, erfüllte Form. Alles liegt sich materiell selig in den Armen, daß man selbst die Arme öffnet, und in Wien öffnet sich nicht leicht jemand umsonst. Wien hat auch seine Kultur. Man ist in Wien viel auf den Beinen, und wenn ich frage, worin eigentlich das große Vergnügen bestehe, das einen fortwährend in Atem erhält, so weiß man keine Antwort. Es ist wie mit mancher Dichtung: man weiß ihr Wesen nicht alsobald zu definieren. Und meisthin sind die undefinierbaren Schönheiten größer als die andern. Sie liegen wenig in der Berechnung und dem Ursprünglichen und Göttlichen näher. Indessen hat es mit den Wiener Freuden keine rein göttliche Bewandtnis, man braucht doch recht viele irdische Dinge dazu: guten Appetit, viel Geld, schönes Wetter, Schönbrunn, Tivoli, Hietzing, Laxenburg, die Theater, die Fiaker und vieles andere. Das Wort »Künstler« grassiert sehr in Wien. Man muß immer genau hinhören, was die Leute darunter verstehen. Jeder Mensch fühlt ein Bedürfnis nach Darlegung einer gewissen geistigen Regsamkeit. So berufen sich denn auch die Wiener auf die schönen Künste, die bei ihnen auf das trefflichste gedeihen. Es ist aber auffällig, daß Wien in Malerei, Bildhauerei und Baukunst nicht mehr leistet, da hierin aller Ausdruck und alle Konkurrenz freigegeben sind – vielleicht fehlt es an Bestrebungen, sie zu ermuntern? Ich muß gestehen, daß mich diese Entdeckung selbst im höchsten Grade überrascht. Das ruhige, von keinerlei staatlichen Dingen gestörte Leben, der heitere, sinnliche Anblick des grünen, saftigen Landes, die Gunst des reichen Adels, die Nähe Italiens, schöne Menschen, führende Staatsmänner voll Geschmack und Schönheitssinn – wahrlich, es ist ein Rätsel, daß wir nicht schon eine glänzende Wiener Schule haben, die sich an Natürlichkeit der niederländischen anschlösse und an Farbenreiz und irdischer Schönheit der italienischen. Ist das ein Rätsel? Fragt die Polizei! Im allgemeinen heißt in Wien Künstler soviel wie Schauspieler. Das Schauspiel ist der Mittelpunkt des Wiener Lebens. Der Stolz, die Sehnsucht und das Vergnügen der Wiener. Was dem Pariser die Journale, das sind dem Wiener die Theaterzettel. Er studiert, glossiert und memoriert sie. Für den Schauspieler ist Österreich noch das Land der Märchen. Sie dürfen nicht getadelt werden. Ihre künstlerische Unbeflecktheit schützt die Zensur. Wäre das Theater noch nicht erfunden, die Österreicher erfänden es. In fünf Theatern wird täglich gespielt. Keines von ihnen ist an den schönsten Sommertagen leer. Es ist dabei auffallend, daß anderen deutschen Bühnen, zum Beispiel der Berliner, unzweifelhaft größere Mittel zur Verfügung stehen als den Wiener Theatern. So sind Oper und Ballett am Kärntnertore ganz einem Pächter überlassen. Die Regierungsprinzipien beschränken das Repertoire an der Burg sehr stark, außer politischen müssen auch religiöse Rücksichten gewahrt werden. Die prüden Bedenklichkeiten der Tradition schließen auch manches aus. Man weist diese und jene muntere piéce zurück, weil sie zu fröhlich modern gekleidet geht, man tut noch sehr ehrbar und ernsthaft und sieht im vaudeville und ähnlichen Leichtsinnigkeiten Verfallserscheinungen des Theaters. Und doch hat man in Wien die besten Schauspieler. Es ist gar nicht zu leugnen, daß ein Schauspiel an der Burg ohne jeden Zweifel für den Kunstfreund zu den größten Genüssen gehört, die man auf einem deutschen Theater finden kann. Ton, Färbung, alles hält sich in den Grenzen der wohltuendsten Kunst, alles bleibt harmonisch im Ganzen. Im Stück, auf der Bühne ist nichts, das daran erinnern könnte, daß im Zuschauerraum Leute sitzen, die zusehen und klatschen wollen. Jede Individualität unterwirft sich ihrer Rolle, niemand tritt ungebührlich hervor, die Schauspieler werden nirgends zur Hauptsache, das Stück nur tritt als ganze, geschlossene Gestalt hervor. Publikum und Schauspieler schaffen einander gegenseitig. Das Publikum in der Burg ist das beste, das man finden kann. Die störenden, alle höhere Harmonie des Stückes vernichtenden Abgänge, Bravaden an das Parterre gehen erfolglos vorüber, wenn ein Gast oder ein Neuling sich darin versucht. Nicht das äußerliche Deklamieren, sondern das richtige Erfassen des innersten Wesens, nicht die grobe, auffallende Erscheinung, sondern der feine, wesentliche Zug werden beklatscht. Die Damen, die die zarten Beziehungen der Geselligkeit am besten herausfühlen, sind nicht so scheu oder vornehm wie in Norddeutschland. Sie klatschen auch, wenn ihnen etwas gefällt. Wie ist es zu erklären, daß Wien ein so vorzügliches Theater besitzt? Allgemeine historische oder stammesmäßige Gründe anzuführen, würde nur zu großen Irrtümern verleiten. Die Behauptung, in Wien sei besserer Geschmack, feinerer Kunstsinn und höhere Intelligenz als etwa in Berlin zu finden, könnte den gerechtesten Widerspruch hervorrufen. Einzelnes und die Tätigkeit bestimmter Personen hat das Wiener Schauspiel zu dem werden lassen, was es ist. Von großer Bedeutung für die Entwicklung des Wiener Theaters war der Mangel an vielen sonstigen geistigen Instituten. Der beste Teil des Publikums findet sich darum in der Burg ein. Das Theater ist hier noch ein geistiger Mittelpunkt, nicht bloß ein Ort der Unterhaltung wie in vielen anderen Städten. Und somit ist es auch das Zentrum des Gedanken- und Gefühlslebens. In Wien sind reiche Leute Hauptagenten der Literatur, während sie andernorts ihre Krämer sind. Auch durch die Geselligkeit des Lebens wurde das Wiener Schauspiel gefördert. Man ist hier einfacher, offener, wahrer und somit der Kunst wohlwollender gesinnt als in Norddeutschland. Ferner verdankt die Burg viel ihren umsichtigen, geschmackvollen und tätigen Dramaturgen. Allerdings können auch die klügsten Dramaturgen kaum die trostlosen Mängel eines Repertoires beheben, das auf das ängstlichste alles vermeiden muß, was irgendwie dem Altherkömmlichen gefährlich werden könnte. So sind denn Iffland und Kotzebue die Hauptautoren der Wiener Theater, und man muß meist damit zufrieden sein, schlechte Stücke gut spielen zu sehen. Raupach wird neuerdings zwar auch viel aufgeführt, aber aus politischen und religiösen Gründen ist man glücklicherweise den leeren, pomphaften Hohenstaufen entgangen, die sich am meisten durch ungebundene hohle Äußerlichkeit auszeichnen, weil die vorliegenden historischen Daten alle weitere Erfindung überflüssig machten. Doch ist nicht zu leugnen, daß die Stücke Ifflands und Kotzebues keineswegs für die Bildung des Schauspielers nachteilig wirken, so viel der Geschmack an ihnen aussetzen mag. Daß sie Zustände echt und treu zu schildern vermögen, spricht ihnen die strengste Kritik nicht ab, und man kann nicht daran zweifeln, daß besonders Kotzebue durch seine gewandte Sprache der Bildung der Schauspieler sehr vorteilhaft geworden ist. Seit einigen Jahren hat er in dieser Hinsicht einen sehr beachtenswerten Nachfolger in Wien gefunden. Bauernfelds einfache, interessante Stücke, die sich in den natürlichsten modernen Beziehungen bewegen, sind ein wesentlicher Gewinn für die Bühne. Ich lernte Bauernfeld bei einem Zusammensein mit mehreren Wiener Dichtern, dem auch Grillparzer beiwohnte, kennen. Es ist in Wien sehr schwer, Leute zu finden. Man darf nicht etwa an die bequemen Hausnummern, an den stets hilfreichen Adreßkalender, an das zum Nachschlagen so bequeme Bürowesen Berlins denken. Nein! Das spielt sich in Wien viel romantischer ab. Wo bin ich überall hingeraten, um Grillparzer zu finden! – Erster Hof, zweite Stiege, dritter Stock, vierte Tür! Es wirbeln mir noch alle Beschreibungen im Kopfe. Nach einer Suchjagd, über die ein ganzer Vormittag hinging, stand ich endlich in einer schmalen, öden Gasse vor einem schweigsamen Hause. Meine Tritte hallten wider auf der steinernen Treppe und an der gewölbten Decke. Klosterstille und Kühle umgab mich. Draußen lag ein heißer Tag, ich dachte an die schauerliche Einsamkeit im Schlosse Borotins in der »Ahnfrau«. Ein eisernes Gitter hemmte meine Schritte, die Türe war verschlossen, nirgends war ein Mensch zu sehen oder zu hören. Ich dachte: »Der alte Borotin liegt im Sterben.« Eine schwere rostige Klingel gab einen schrillen, gespenstigen Ton. Niemand regte sich, auch als ich noch einmal schellte. So stand ich wohl eine Viertelstunde. Ich fürchtete mich vor der Klingel, machte aber doch einen letzten Versuch. Nach einer Weile hörte ich einen langsamen Frauenschritt, eine Gestalt mit fast ganz verhülltem Kopfe näherte sich, die Ahnfrau, wie sie leibte und lebte, fragte nach meinem Begehr. »Jaromir von Eschen heiße ich und wünsche Herrn Grillparzer zu sprechen.« »Er ist nicht zu Hause!« Ich hatte kaum den Mut, dieser mittelalterlichen Wehgestalt meine Besuchskarte anzubieten. Sie vermutete, daß Grillparzer vielleicht im »Stern« anzutreffen sei, wo sich die Wiener Poeten des Abends zusammenfinden sollten. Früher geschah dies in der sogenannten »Ludlamshöhle«, aber die poetischen Possen und das Bundesartige, das sich dort herausgebildet hatte, sind dem Gubernio mißfällig geworden und man hat daher die Höhle verschüttet. Freie Künste, Bund und Höhle sind bedenkliche Ingredienzien, man darf den Teufel nicht an die Wand malen, kurz, man hatte Gründe gehabt, die uns nichts angehen. Nach einigen unerschrockenen Versuchen fand ich Grillparzer in einer einfachen Wiener Speisekneipe. An einem gedeckten Tische für etwa zehn Personen saßen drei Herren, dort wollten Gutzkow, der mich begleitete, und ich Platz nehmen. Einer der drei Herren bedeutete uns aber sehr artig, daß der Tisch einer bestimmten Gesellschaft gehöre. Es war Grillparzer. Er hieß uns freundlich willkommen, als wir unseren Gewerbsspruch anbrachten und uns als Leute vom Handwerk legitimierten. Zu der Erzählung meines Besuches in seinem Hause lächelte er. Aber er lächelt höchstens. Er ist ein sanfter, ernster, tragischer Mann. Ein zerschlagener Baum, der sich traurig umsieht nach seinen Ästen, seiner Krone, die zersplittert seitab liegen. Seine fragenden, blauen Augen erweckten das Gefühl tiefer Rührung in mir. Manche Leute werden sagen: Grillparzers Bestes ist an Österreich gestorben. Sie haben unrecht. Grillparzer hat von Hause aus den Tod im Herzen. Er ist nicht auf der Sonnenseite geboren. Von jeher hat er mit Hingebung Royalist sein wollen, doch hat er den rechten Weg dazu nicht gefunden, und man hat ihn verkannt. Was er auch in dieser Hinsicht schrieb, wurde mißdeutet. Darin liegt etwas wirklich Tragisches: ein ehrlicher bürgerlicher Liebhaber zu sein, der für einen Widersacher angesehen wird. Ich kann mir jenen Abend und den Anblick Grillparzers nicht ohne das Gefühl einer leisen Trauer zurückrufen. Er präsidierte an dem bescheidenen Tische, trug ein grünes Röcklein, war sehr einfach und ein wenig pressiert höflich. Sein Gesicht wäre nicht leicht aus der Menge herauszufinden, wenn man nicht den Namen dazu wüßte. Es ist übrigens wohlgeformt, hat eine tadellos geratene Nase, eine Andeutung der österreichischen Unterlippe und einen stillen, sanften Ausdruck der Züge, der nicht ohne Melancholie ist. Um seine äußeren Augenwinkel ruht manche herbe Besorgnis. Er spricht mit einem weichen, geschmeidigen Organe. Es wurde über die »Europe littéraire« gesprochen, die ein junger Mann mit ältlichem Gesichte vor sich hatte und aus der er von Zeit zu Zeit einzelne Passagen mitteilte. Dieser junge Mann mit einer großen Brille war Bauernfeld. Im allgemeinen erschien Grillparzer bei allen Urteilen sehr liebenswürdig. Im Gegensatz zu den meisten älteren Dichtern sprach er sich mild, schonend und hoffnungsvoll über die junge Generation aus. Bauernfeld gehört im Grunde zu dieser. Seine Komödien gefallen mir besser als er. Er hatte in seinem langen Philisterkittel, in seiner ganzen abschmeckenden Weise viel Störendes. Das soll indessen nicht mit Nachdruck gesagt sein. Ich habe ihn nur an jenem Abende gesehen und gesprochen. Der liebenswürdigste Mensch kann an manchem Abende unausstehlich sein, wenn ihm ein Rendezvous fehlgegangen, ein Mittagessen im Magen liegengeblieben oder ein Produktionsversuch mißlungen ist. Es waren noch andere Literaten zugegen, gute, freundliche Leute, wie denn meistens die Schriftsteller am liebenswürdigsten sind, solange sie noch keinen Namen haben. Sie kämpfen dann für ihre Existenz, bieten alle Fähigkeiten auf und bewerben sich um die gute Meinung ihrer Mitmenschen. Wenn man nicht gar zu viel Essig und Galle in sich hat, so ist man in solchen Bräutigamsschuhen am brauchbarsten für den Umgang. Freilich gibt es auch Gemüter, die erst nach dem Durchbruch zu genießen sind, die Anerkennung nötig haben, um zu existieren. Ungefähr Mitternacht mochte es sein, als wir den »Stern« verließen und in Begleitung Grillparzers und eines solchen Kandidaten der Literatur noch eine Strecke durch die Straßen gingen. Der Dichter war still geworden. Sein Haupt neigte sich sinnend nach der Brust. Das Abschiednehmen und seine natürliche Höflichkeit schreckten ihn noch einmal auf, dann sah ich ihn leise im Mondschein davonschreiten. Im »Sterne«, sitzend, war er mir ziemlich langgewachsen erschienen, jetzt stellte sich aber heraus, daß er nur von mittlerer Größe war. In der stillen Nacht hörte ich noch eine Weile sein sanftes Organ, während sein Schatten in den engen Gassen im unsicheren Lichte des Mondes verschwand. Operndirektoren pflegen alle Sänger für schlecht zu halten, die nicht in Wien singen lernten. Die Korrespondenz dieser Stadt mit Italien, ihre Muße, die unbewegte Stille des Gemütes haben Wien zur musikalischen Hauptstadt gemacht. Die italienische Oper mit den klingenden Namen Tamburini, Santini, Lablache, Fodor hat sich zwar zerstreut, die stolzen Komponisten sind tot, aber dennoch ist Wien noch immer die Hochschule der Musik. Ich glaube, man wendet in Berlin viel mehr Geld daran, jedenfalls ist die dortige Oper die prächtigste in Deutschland, ihr Ballett übertrifft in manchen Dingen das Pariser, aber es fehlt die musikalische Einheit und das Publikum Wiens. Woanders lernt man Musik, die Wiener sind musikalisch. Um einen Begriff von feinem Operngeschmacke zu erhalten, vom Ideal eines musikalischen Publikums, muß man in die Oper am Kärtnertore gehen. Hier sind die Gourmets der Musik zu finden, und – was noch viel wichtiger ist – sie geben den Ton an. Nicht das Tototo und Trumtrumtrum von Schreihälsen wird beklatscht, nichts von dem rüden Remontenspektakel gewöhnlicher Sänger wird ausgezeichnet, sondern oft nur ein Ton, eine Wendung, eine Nuance, ein anspruchsloser Vortrag, jenes wenn auch unscheinbare, aber wirklich künstlerische Verdienst. Es herrscht Totenstille, man kennt jede Note, ein leises Zischen weist auftauchende Unarten zur Ruhe, einzelnes Klatschen aus den entferntesten Teilen des Hauses empfängt alles Lobenswerte und wächst wie eine Lawine zu donnerndem Beifall, wenn der Gesang beendet ist und die lobende Unterbrechung nicht mehr stört. Hier in Wien haben sie aber auch gelebt, die Großen unserer Musik: Haydn, Mozart und Beethoven. Ich bin mehrmals hinausgegangen zum sogenannten »Spittelberg«, wo Mozart täglich Kegel geschoben hat, und habe mir über ihn erzählen lassen. Mein Referent war ein alter Knabe, der sich oft tüchtig mit Mozart unterhalten hat. »Glaub'n S' net, daß er a Kopfhänger wor, o je, do san S' links.« Und nun erzählte er Schnurren und Geschichten, die sie miteinander erlebt hätten. Der Refrain war immer, daß er ihn nochmals wiedersehen möchte. Wie er in Hemdsärmeln und roter Weste, auf beiden Backen kauend und mit lachenden Augen alle neun geschoben habe, der Tausendsassa. Wirklich soll Mozart, nach dem, was mir von ihm erzählt wurde, ein recht munterer Knabe gewesen sein, der die irdischen Freuden mit Fleiß und Laune genossen hat. Am wenigsten soll er ein süßes, vergehendes Besprechen seiner Kompositionen haben leiden mögen. Es wird berichtet, daß ihn einst eine empfindsame Dame gefragt habe, woran er bei der Komposition des Duettes in der »Zauberflöte«: »Bei Männern, welche Liebe fühlen«, gedacht habe. Mozart antwortete: »An meinen alten Kater.« Mozart hat es verstanden, die schöne, klare Sinnlichkeit der italienischen Musik, die Leidenschaftlichkeit der Melodie für uns zu erobern. Da er dabei seine kräftige Individualität nicht aufopferte, sondern auf das nachdrücklichste geltend machte, blieb er durch und durch deutsch. Er ist noch immer der einzige, der den höchsten Gesetzesanforderungen der Kunst entspricht und zugleich das einfachste Vermögen beglückt. Die Musik ist eine unsichtbare Brücke in den Himmel, die man sich erfand, als der Gedanke nicht ausreichte und an den Glauben niemand mehr glaubte. Des Menschen Verlangen strebt nach einer unmittelbaren Verbindung mit der Gottheit. Er klammerte sich um so fester an die Musik, je mehr die sonstigen Möglichkeiten, die Vereinigung mit Gott zu erleben, verdächtigt wurden. Unsere Bildung fürchtet nichts mehr, als daß ihr irgendwo Grenzen gesetzt würden, da das Beispiel aller alten Kulturen zu zeigen scheint, daß sie deshalb untergegangen seien, weil ihnen keine neuen Aufgaben gestellt worden seien. Darum unser großes Interesse für die Musik, die eine neue Jugend des Geistes und Herzens verspricht und anscheinend ewig unerschöpflich bleiben wird. Vielleicht ist Beethoven deshalb zum Halbgott der neuen Zeit geworden. Wir glauben in seinen Kompositionen die tiefsten Kräfte unseres Herzens wiederzuerkennen. Aus seinen kolossalen Symphonien strömen gewaltige Gefühle in unsere Seele und eröffnen uns einen Himmel voll großer, glänzender Sterne. Beethoven war ein entschlossener, tüchtiger Geist, das sieht man auch aus seinen Worten in Bellinas Briefen. In Wien wurde er mir nur geschildert, wie man ihn in seiner letzten, unglücklichen Zeit gesehen hatte, als er sein Gehör so weit verloren, daß man sich nur mit Mühe mit ihm verständigen konnte. Er kehrte täglich draußen auf der Josef Stadt in ein Gasthaus ein, setzte sich schweigsam an den Tisch, kümmerte sich um niemand und ging schweigend wieder fort. Seine Gesichtszüge waren hart und streng. Das große graue Auge war überbuscht von dicken Brauen. Unordentlich fielen seine graugemischten Haare um die stolzen Schläfen und seine Stirn. Er war sehr schwer zugänglich und sprach nur, wenn er durch ein Glas Wein sich etwas behaglicher fühlte. Nur wenn Kanne zu ihm trat, überflog ein Lächeln sein Gesicht. Es ist wohl nicht nötig, der dreisten Erfindung Jules Janins zu widersprechen, der ihn hungern läßt und ihn angeblich mit einer Portion Kalbsbraten zu Tränen und Mitteilungen gerührt haben will. Diesem munteren Füllen kommt es auf eine Frivolität mehr nicht an. Hoffentlich sind die Franzosen klug genug, sich an seinen geistreichen Wendungen zu ergötzen, seine geschichtlichen Daten aber aus dem Gedächtnis zu verlieren. Kanne und Beethoven gehörten zusammen. Kannes Haar war noch struppiger und wilder, sein knochiges Antlitz noch härter, seine Gestalt noch breiter und klobiger. Aber er hatte die gleichen großen grauen Augen, eine Enzyklopädie an Gelehrsamkeit lief in seinem schmutzigen grünen Flauschrocke umher. Ich glaube, am bekanntesten wurde er durch seine Studien über Sittengeschichte, seine Aufsätze über Musik gelten für das Größte und Originellste, was darüber geschrieben wurde. Sie sind uns verloren, er hat sie zerrissen. Dissolut, unordentlich wie er war, vollendete er keines seiner Werke und hatte niemals Geld. Die ersten Bände seiner »Ästhetik der Musik« sind fertig, er bietet das Manuskript dem Musikalienhändler Steiner an und verlangt Honorar dafür. Steiner weiß, daß er alles liegen läßt und verlangt von ihm, er müsse sein Werk erst vollenden, dann werde er es ihm gerne abkaufen. Erzürnt verläßt ihn Kanne, geht heim in seine schmutzige, jämmerliche Wohnung und zerstört das unersetzliche Manuskript. Kanne war ein heftiger, halsstarriger Mann mit den wunderlichsten Eigenheiten. Wehe dem, der ihn auf der Straße von hinten ansprach: »Guten Tag, lieber Kanne!«, und mit der Hand auf seine Schulter klopfte. – »Bandit, infamer!« schrie dann Kanne und hob seinen großen Stock, »ich dulde nicht, daß mich jemand von hinten anfällt, hol Sie der Teufel!« Es mochte noch so ein guter Kamerad sein, so erging es ihm sicherlich immer so. Er war menschenscheu und ging nur vom Prater bis zur Wieden und von der Wieden nach der Josefstadt oder zur Landwehr spazieren. Er arbeitete auch nur auf der Straße. An seinem großen Stocke konnte eine kleine Schreibtafel befestigt werden. Fiel ihm etwas ein, so stieß er den Stock in die Erde, dort wo er eben stand – gewöhnlich im Prater – und fing an zu schreiben. Noten, Verse, Gedanken, wie es eben kann. Wehe dem, der ihm über die Schultern gucken wollte, er wurde heftig angeknurrt. Er ist auch recht wunderlich gestorben. Man wollte nach einem Arzte schicken, als er sich nicht mehr vom Lager erheben konnte, aber im alten, ungeschwächten Zorne fuhr er in die Höhe und rief: »Ich werfe den Quacksalber, den ihr mir bringt, kopfüber die Treppe hinunter.« Als man sah, daß es völlig mit ihm zu Ende ging, wollte man einen Geistlichen holen, reizte ihn aber dadurch nur zu einem gleichen Wutanfall. Grollend verschied er. Es muß ein tragischer Anblick gewesen sein, diese beiden unglücklichen Titanen, die einander liebten, durch das Burgtor wandern zu sehen. Stumm gingen sie nebeneinander her, denn Beethoven hörte im Geräusch der Straße nichts, und Kanne führte niemand am Arme, auch seinen Freund nicht. Baden Der Verkehr zwischen Wien und dem vornehmen Kurort Baden ist sehr lebhaft, zumal sich der Kaiser hier einen Teil des Sommers aufzuhalten pflegt. Wir gingen bei frühester Morgenzeit auf die Post und wurden in einen unangenehmen Affenwagen gesteckt: in einem kurzen Kasten laufen an beiden Seiten der Länge nach zwei Bänke hin. Man sitzt sich gegenüber, als wenn man zur Hochzeit führe. Unser Gegenüber waren wildfremde Gesichter, die weder am Wege noch an ihren Reisegefährten noch an sonst irgend etwas Interesse zu nehmen schienen. Sie stierten in die untergeschlagenen Arme hinein und regten sich nicht. Wenn sie nur wenigstens geschlafen hätten, das hätte doch eine menschliche Regung bekundet. Unser gezwungenes Gegenübersitzen wurde mir grauenhaft. Ich fragte leise den Freund, der mit mir fuhr, wofür er die Leute halte – laut zu sprechen war bei der stillschweigenden Übereinkunft unseres Kastens nicht ratsam –, und er machte mir ein Zeichen. Wahrhaftig, ein Kurszettel guckte aus der Brusttasche eines Begleiters hervor, es waren Bankiers. Whist, L'hombre, Pharao sind Kindereien geworden. Das moderne Spiel ist die Börse geworden, da kann man Millionen gewinnen und verlieren. Der moderne Spieler ist der Bankier. Lernen braucht man dazu nicht viel. Man muß etwas rechnen können und Wechselkunde verstehen. Ein wenig Geographie, ein kleines Grundkapital und tägliche Zeitungslektüre gehören dazu. Der Weg führt über die Spinnerin am Kreuz auf die Straße zum Semmering. Kurz vor Baden zweigt er ein wenig seitwärts ab nach kleinen blauen Bergen hin. Es war eine kühle Fahrt, die wir mit den Herren Bankiers zusammen machten, und ich kam ein wenig erfroren in Baden an. Ob wirklicher Jahrmarkt im Städtchen war, kann ich nicht sagen, aber ein jahrmärktliches Treiben empfing mich in den Gassen. Ich hatte mir den Ort großartiger gedacht. Indessen ist er doch ganz artig und seine Promenaden nach dem Helenentale hin wirken recht angenehm. Am Eingange des Helenentales steht das stattliche Lustschloß des Erzherzogs Karl, die Weilburg. Das Gebäude hat ebensowenig Glück wie sein Herr: man sagt, der Boden weiche unter ihm, und es drohe gelegentlich zusammenzubrechen. Sein Herr, der schlanke Erzherzog mit dem langen, nachdenklichen Gesichte, wie viele vergebliche, schönkomponierte Schlachten hat er gegen Napoleon geschlagen. Man kann das Genie und das tapfere Talent nicht deutlicher gegenüberstellen, um ihre Erfolge zu vergleichen. Götter besiegen ewig die Menschen, wären diese auch Titanen und häuften in ehrlicher Arbeit mühsam Gebirg auf Gebirg. Das Genie ist ein unmittelbar eroberter Gedanke Gottes, das Talent ein mühsam in einzelnen Teilen errungener. Im Kriege erkennt man gewöhnlich die Talente an kombinierten Plänen und schönen Rückzügen. Ich stand im fröhlichen Glanze der Mittagssonne vor Schloß Weilburg und hörte mit Betrübnis, wie krank und zurückgezogen dieser talentvolle und tapfere Erzherzog lebe. Es war eine der vielen Krisen in Napoleons Leben, als der Kaiserssohn, der in Deutschland die französische Rheinarmee so glücklich bekämpft hatte, nach Italien geschickt wurde, um den ungestümen jungen Bonaparte zurückzuwerfen. Am Tagliamento begegneten sie sich. Rasch, als ob ihm die Windsbraut entgegenkomme, wurde Karl in fliegende kleine Schlachten verwickelt und bis in das Herz des eigentlichen Österreichs zurückgedrängt. Napoleon legte sehr viel Gewicht auf die Vorfälle am Tagliamento. Die besonnene, geschickte Leitung des Erzherzogs ließ die Erfolge Bonapartes einen Augenblick sehr zweifelhaft erscheinen. In Österreich ist übrigens der Haß gegen Napoleon keineswegs so zählebig wie im übrigen Deutschland. Es ist, als ob die Verwandtschaftsbande auch in die Massen übergegangen wären. Nirgends ist eine struppige, fanatische Animosität zu finden. Auch der tägliche Anblick seines blühenden, liebenswürdigen Sohnes mag lindernd gewirkt haben. Leiden hat er diesem Volke, seinem unermüdlichen Feinde, wahrlich genug gebracht. Noch heute erinnert das schlechte Geld in Österreich an ihn. In den Badener Promenaden traf ich auf einer Ruhebank einen alten Freund aus Schlesien. Wir fragten uns sofort gegenseitig über unsere Heimat aus, sprachen vom Anblick des Zobten und von den Wäldern der Oder. Mein Freund zeichnete mit seinem Stock Figuren in den Sand. Immer wieder umschrieb er dabei die Linien einer großen Leier. »Was willst du damit?« »Ach, dieser Platz ist schuld daran«, sagte er. »Vor zwölf Jahren führte mich auch ein frischer, sonniger Tag wie heute nach Baden heraus. Hier auf dieser Bank fand ich die gebeugte, dunkle Gestalt eines Liguorianers, der mit dem Stocke Figuren vor sich hinzeichnete. Ich blieb stehen, die Erscheinung seiner sich zur Erde beugenden Gestalt, die scharfen Umrisse seines mageren Gesichtes, die lange, spitze Nase, seine überhängenden Augenknochen übten eine magische Wirkung auf mich. Als er einmal aufblickte, sah ich in eingefallene Augen voll von einer grundlosen, verwirrten Traurigkeit. Es dauerte lange, bis ich den alten Bekannten aus den Irrgängen dieser Augen wieder herausfand. Es war Zacharias Werner, der unglückliche Werner.« Werner ist lange aus den literarischen Besprechungen verschwunden. Wir haben aus Deppings Pariser Erinnerungen ein garstiges Bild von ihm als letzten Eindruck. Dort läuft er, der bejahrte, halbblinde Mann, lüstern im Palais Royal herum, geneckt von den frivolen Freudenmädchen, die ihm von allen Seiten zurufen: »Papa, Papa!« Der Kurzsichtigkeit halber geht sein Diener mit ihm, um die gröbsten Mißgriffe der Wahl zu verhüten. Dort in Baden traf ihn mein Freund, als jene Periode bereut und abgebüßt wurde. Werner war katholisch geworden und dem Orden der Liguorianer beigetreten. Er hatte damals wenig gesprochen zu meinem Freunde, sondern unablässig eine große Leier in den Sand gezeichnet, mit zerrissenen Saiten. »Was machst du da, Pater Zacharias?« – so hörte er sich am liebsten nennen. »Ach, ich denke an den Tod, solch eine Leier mit zerrissenen Saiten würde sich auf meinem Grab schicken. Freund, es war eine schöne Zeit, als sie noch ganz waren!« Drunten in Wien steht eine kleine Kirche, dort hat er oft gepredigt. Er ist bald gestorben und wurde in geweihter Erde begraben. Er hatte kein Maß gefunden für ein starkes Herz und einen starken Kopf. Die Erde sei ihm leicht! Wir gingen in das Bad, ließen uns in weiße Gewänder hüllen und stiegen hinab in das warme Schwefelbassin, wo Männlein neben Weiblein herumtrudelt. Das Wasser bricht die Lichtstrahlen häßlich, die Figuren sehen alle verzwergt und ungestaltet aus, so daß erotische Gedanken diesem Beisammensein kaum entsprießen können, solange man nicht in der Lebensepoche begriffen ist, wo man liebt quand même . Nach dem Bade ging ich zu Frau Karoline Pichler, geborenen von Greiner, um ihr meine Aufwartung zu machen. Eine bejahrte Köchin hielt mir auf dem Vorsaale das Ohr hin, damit ich meinen Namen hineinpfropfe. Trotzdem ich einen Empfehlungsbrief des Herrn von Kurländer mit hatte, wurde ich erst nach längerer Zeit empfangen. Ja, nun fragen die Damen: »Wie sieht sie aus? Was hat sie für Augen, was für eine Taille, wie alt ist sie?« Das habe ich, Gott weiß es, so ziemlich vergessen. Es war eine nicht eben große, ältliche Frau, die mich ein wenig zurückhaltend empfing. Es schien mir, als hätte ich sie in ihrem Hauswesen gestört. Es scheint jetzt ein Tick der Schriftstellerinnen geworden zu sein, sich vor allen Dingen des Kochens zu rühmen. Fallschirme für die Gefahr, von den Männern zu sehr kritisiert zu werden. Fräulein Fanny Tarnow, eine lebhafte Schriftstellerin, der zu begegnen ich später das Glück hatte, sprach zuerst lange und verführerisch über Mehlspeisenrezepte. Frau Pichler fühlte sich und war sich ihrer sechsunddreißig Romanbände wohl bewußt. Damit soll indessen nicht gesagt sein, sie habe sich gespreizt und gebrüstet. O nein, sie hatte ganz das Ansehen einer besonnenen, klaren Frau. Im ganzen gleicht sie wohl ihren Schriften, die sich in einem kleinen Gedanken- und Gefühlskreise bewegen und darin etwas breit aber gehaltlos werden. Es interessierte mich zu wissen, wie sie ihre Studien betrieben habe, die zum »Agathokles« nötig gewesen sein mußten. Es ist dies ein Roman, der zur Zeit Diokletians spielt. Es waren nicht wenig Hilfsmittel, die sie mir anführte. Jedenfalls bedingten sie eine große Geistesbehendigkeit der Dame. Das gestand sie auch lächelnd zu. Von jetzt an wurde sie munterer. Ich fragte, ob Herr Menzel bei seinem Besuche in Wien nicht zu ihr gekommen sei. »Nein«, sagte sie witzig wie einst Stolberg von Jacobi: »Er kann es mir nicht vergeben, daß er mich verrissen hat.« Dieser Mann stört mit seiner Kautschukkritik manches schüchterne Talent, das den grollenden Hausvater fürchtet, der seine Stentorstimme erhebt: »Frauenzimmer, lasse die Bücher und nimm den Kochlöffel zur Hand!« Es gibt viele Dinge, die nur Frauen wissen können. Es bleibt eine brutale Anmaßung, sie von der Mitteilung ihrer Gedanken mit Peitschenhieben wegzudrängen. Es behagte Madame Pichler, daß ich ihr diesen Gedanken mitteilte. Sie erzählte mir, was sie jetzt schreiben wolle. Sie will Maria Theresia auf Kosten Friedrichs des Großen verherrlichen. Die schöne Kaiserin mag sich allerdings in einem Romane besser ausnehmen als der magere König mit seiner Tasche voll Spaniol und seiner Gleichgültigkeit gegen Frauenzimmer. Aber unter uns gesagt, ich werde diesen Roman doch nicht lesen. Wir denken und handeln jetzt ein wenig schneller und straffer, als es in den Büchern der Frau Pichler geschieht. Und die Preußen kennt und liebt sie auch nicht genug, um sie richtig zu schildern. Der alte Fritz ist freilich kein Thema für Frauenzimmer. Ich empfahl mich und nahm im ganzen einen recht angenehmen Eindruck mit. Selbst die ein wenig harten Formen der alten Dame störten mich nicht, zumal gegen das Ende meines Besuches Tochter und Enkelkind der Schriftstellerin erschienen und sich ein munteres, behagliches Familienleben entwickelte. Die Familie bildet stets einen sanften, wohltätigen Rahmen. Zölibatäre behalten immer ein schrofferes Aussehen. Auf dem Wege nach Wien stieg ich in einem Gasthause ab. Da gab es ein munteres, lustiges Treiben. Hin- und Zurückfahrende begegnen sich dort, und eine emsige wienerische Ausgelassenheit herrscht in allen Stuben. Der Wienerwald Herr von Kurländer fragte mich eines Tages, ob ich schon in der wienerischen Schweiz gewesen sei, und schlug mir für den nächsten Sonntag einen Ausflug vor. Für eine solche kleine Lustpartie über Land ist der Sonntag am geeignetsten. Es streichen dann nicht die Ackersleute beladen und keuchend unter der Last und Hitze des Tages an uns Müßiggängern vorbei, sondern sie sind auch geputzt und lustbeflissen. Herr von Kurländer lächelte, als ich erfreut seine Einladung annahm. Er zeigte mir dann neubearbeitete Lustspiele und führte mich in sein weißes Zimmerchen. Er ist nämlich der bekannte Herausgeber des dramatischen Almanaches, und das weiße Zimmerchen ist ein glatter, scharmanter Raum mit glänzenden, weißgrauen Wänden und Möbeln, wie geschaffen, um darin Lustspiele zu schreiben. Ich halte den Einfluß, den unsere Umgebung auf unseren Geist besitzt, für sehr bedeutend, zuweilen sehe ich den Geist für einen zusammengesetzten Mechanismus an. Ich könnte nie begreifen, wie Grillparzer seine dunklen Poesien in Kurländers lichtem Arbeitszimmer empfangen könnte oder wie ein moderner Schriftsteller in einem Zimmer ohne Ausblick in die freie Natur, an einem Tische voller Unordnung, auf einem Papier, das nicht glatt und schön sich in die Feder legt, arbeiten könnte. Nicht bloß das Herz, auch der Geist hat seine Illusionen, oder richtiger: Geist und Herz sind ein richtiges Ehepaar, man kann das eine nicht vom anderen trennen. Herr von Kurländer ist ein garçon in dem Alter, in dem die Pferde keine jungen Zähne mehr haben, er ist ein Wiener Kavalier. Gibt es für ihn eine passendere Beschäftigung, als französische Lustspiele für das Burgtheater zu bearbeiten? Der munteren Karoline Müller, der romantischen Peche hat er dann Visiten zu machen wegen der oder jener Szene, ob ein blaues Band oder ein rosenfarbenes besser stehen würde und wie kurz oder wie lang das Schürzchen werden dürfe. Es ist uns rastlosen Gesellen des jungen Schrifttums äußerst heilsam, zuweilen mit einem solchen garçon in einem weißen Zimmerchen zusammenzukommen, das kleine Interesse an einem Gärtnerburschen oder podagristischen Alten des Lustspieles zu sehen, das einen solchen Schriftsteller tagelang beschäftigt, die schüchterne gesellige Rücksicht zu bemerken, mit der er über einen anderen Schriftsteller der Stadt in »vielleicht« und »dürfte« urteilt. Bringt er unser dreistes Urteil richtig in Zug, so versichert er uns schließlich, just so denke er auch. Als ich am frischen, dampfenden Sonntagmorgen über die Bastion hinaus nach dem äußeren Tore wanderte, gesellten sich einige Wiener zu mir. Vor dem Tore harren die »Linienschiffe« der Passagiere. Die Zollschranke am Eingang der Stadt heißt nämlich die »Linie«, sie wird nicht immer ohne Gefahr passiert, wenn man Tabak oder Politik als Konterbande mitführt. Die Linienschiffe heißen gewöhnlich »Zeiselwagen« und können allen Hypochondristen empfohlen werden. Keine ausländische Feder hindert den vaterländischen Stoß auf das Gangliensystem. Meine Leber war umgewendet, als wir das nächste Dorf erreichten. Aber Dornbach ist so nahe, daß ich keine Zeit für Betrachtungen gewann und mich ins Theater versetzt glaubte. Denn in unglaublich kurzer Zeit waren wir mitten in den Bergen. Der Weg ging zwischen den Landhäusern der Wiener dahin, vor einer Viertelstunde etwa war ich noch in der breiten, ebenen Hauptstadt, jetzt war keine Spur mehr davon zu erblicken. Wir zogen singend und lachend durch den Bergwald. Die Sonne spielte durch die Baumzweige hindurch mit uns. Die Wiener erzählten Witze vom Staberl, von den Ungarn, vom Kaiser und wieder vom Theater. Überall erscheint der Kaiser. Man glaubt es nicht, wenn man sich die einfache, harmlose Persönlichkeit dieses Herrn ins Gedächtnis ruft, daß er so reichhaltigen Stoff für die Unterhaltung der Wiener bietet. Er ist aber wirklich auch darin der Mittelpunkt Wiens. Zur Zeit, als ich mit den Wienern in einem stillen Hause am Waldberge saß und mir ihre Erzählungen zu einem frugalen Frühstücke anhörte, lebte er noch und hatte eben seine letzte Reise nach Böhmen angetreten. Die Jugend unserer Zeit verwirft die Pietät und will keine Illusionen gestatten, sie findet es ärmlich, alles Interesse an eine Person zu binden, sie mag den Staat nicht als Familie statuieren; beobachtet man aber die Sympathien der Österreicher für ihren Kaiser, so findet man es nicht auffallend, daß er ihnen mehr bedeutet als einst Napoleon den Franzosen, ja, daß sie am Ende für ihn größerer Opfer fähig waren, als die grande nation ihrem empereur zu bringen bereit war, obwohl Franz I. kein Held und Genie war. Kaiser Franz ist mit den Wienern aufgewachsen, er hat stets ihre Sitten geteilt, hat die schwersten Zeiten mit ihnen durchgemacht und war für alle seine Untertanen immer zugänglich. Dazu war er anscheinend unbefangen, und darin ruht ein unschätzbares Gut des Herrschens. Wenn ihnen alles fehlgeht, wenn sie Unrecht zu leiden glauben, so bleibt die Hoffnung der Österreicher und Preußen immer noch der Kaiser und der König. Auf ihren gerechten Sinn vertrauen sie unwandelbar. Das darf man keinen Augenblick vergessen, wenn man sich über die monarchischen Sympathien der Bevölkerung dieser Staaten wundern will. In den Ausdrücken: »Ich gehe zum Kaiser, ich appelliere an den König«, zeigt sich die breite Basis ihres Staatsgefüges und der Volksstimmung. Einer unserer Gefährten war vor zwei Jahren bei der Schweizerhütte, vor der wir eben saßen, dem Herzog von Reichstadt begegnet. Auch die Erinnerung daran führte das Gespräch wieder zur Person des Kaisers zurück. Im Widerspruch zu den Gerüchten, die von der unglücklichen Stellung dieses Prinzen am österreichischen Hofe wissen wollen, erzählen nämlich die Wiener viele interessante Geschichten, wie Napoleons Sohn gut behandelt worden sei, namentlich vom Kaiser selbst. Franz habe stundenlang mit ihm gespielt, ihm Bleisoldaten und Trommeln gekauft und herzlich gelacht, wenn ihn der kleine Napoleon durch unablässiges Trommeln zur Türe hinaus nötigte. Als der König von Rom größer geworden sei, hätten ihm schöne Mädchen viel zu schaffen gemacht. Sein Taschengeld habe für die freigebigen Geschenke nicht immer reichen wollen. Wenn er nun dem Großvater nur den leeren Beutel gezeigt habe, so habe dieser stets ausgeholfen. Einmal habe ihm der Kaiser eine besondere Freude mit neuen Dukaten machen wollen, die eben erst aus der Münze gekommen und noch nicht im Umlaufe gewesen seien. Der junge Napoleon habe sie ohne weitere Bedenken ausgegeben und dadurch eine ausgedehnte Untersuchung notwendig gemacht. Endlich sei man bis zu der schönen Dame vorgedrungen, die die Goldstücke ausgegeben hatte, und die Angelegenheit habe sich aufgeklärt. Lange Zeit soll Fräulein Elßler von ihm zärtlich geliebt worden sein. Übrigens waren alle Mädchen in ihn verliebt. Sein Tod sei von allen Wienerinnen unendlich betrauert worden. Er starb an einer Krankheit seiner schmalen lothringischen Brust und an seiner jugendlichen Unbedachtsamkeit. Jetzt schläft er bei den Kapuzinern neben den Habsburgern, viel tausend Meilen entfernt vom Grabe seines gewaltigen Vaters, der auf der Welt nichts heißer liebte als ihn. Wunderbares Schicksal! Sohn eines Kaisers aus dem Stegreife und einer geborenen Kaiserstochter. Erzogen und geliebt von denen, die seinen Vater stürzten. Sterbend in der Fremde, ohne Frankreich gesehen zu haben. Begraben inmitten der Kaiser Deutschlands, drei Jahre lang König von Rom. Wie freundlich hat das Geschick das Haus Napoleons bedacht, zuerst mit Lorbeer und dann mit Zypressen. Als wir aufbrachen, um weiter in die Berge und Täler hineinzusteigen, setzte der Erzähler noch hinzu: »Man weiß gar nicht, wie sehr unser Kaiser Napoleon zugetan war und was ihn bewogen hat, ihn zu stürzen.« Nein, das wissen wir nicht, und ich glaube auch nicht, daß die Liebe des Kaisers Franz zu Bonaparte so groß war. Es ist mir noch mit dem Bild keiner Landschaft so gegangen wie mit diesem Wald an der Donau. Ich strich im Geschwätz und Sommerträumerei gedankenlos durch das Grün, ohne mir einen einzigen großen Blick im Gedächtnis zu bewahren. Die Vögel sangen aus Leibeskräften, die Gräser dufteten, ein zärtlicher Sommertag blinzelte zufrieden an den sanften Berglehnen, geputzte Leute schritten still, sonntäglich an uns vorüber, nichts weckte mich aus dem Halbschlummer meines Geistes und Herzens. Welcher Reiz einer großen Stadt, binnen einer Stunde aus dem Tosen einer modernen Metropole in berauschende Bergeinsamkeit treten zu können. Der muntere Vogel mit arglosen schwarzen Augen auf dem nächsten Baume sieht aus, als sei er aus dem Lande unserer Jugend herangeflogen. Seine alte Melodie bringt uns alle kleinen Lieder zurück, die wir in der Jugend gesungen haben. Wir werden wieder unschuldig, können wieder beten und werden naiv in der ewig wechselnden und doch gleichbleibenden Natur Gottes. Halb im Traume erreichte ich die Höhe eines langen Waldberges. Eine dunkelgrüne Hügelfläche dehnte sich vor meinen Blicken aus. Unbestimmt, ohne Abwechslung, wogte sie über den dunklen Schein der Donau hinweg, die still in der Mitte floß. Das Auge fühlte sich wohl in dieser weiten Einförmigkeit. Meine Gefährten wiesen einander die ungarischen Berge und die steirischen Alpen, mich fesselte nichts als die grüne Fläche an beiden Ufern der Donau, eine Landschaft, wie ich sie ähnlich vorher niemals gesehen. Wir stiegen in feinem Staubregen die Berglehnen wieder abwärts nach Wien zu und kamen in ein abgelegenes Tal, aus dem uns das alte Gemäuer eines verlassenen Kartäuserklosters grüßte. Mehrere Stunden wanderten wir durch das frische Grün dieses Tales dahin. Mir war, als spazierte ich in einem Garten. Unter allen Bäumen kamen geputzte, lustwandelnde Wiener zum Vorschein. Über Hadersdorf und Hütteldorf ging unser Weg an Laudons Denkmal vorüber. Feldmarschall Laudon war der beste Reitergeneral unter Friedrichs Feinden. Er wurde von seinem Gegner sehr respektiert. Still ruht sein steinernes lichtes Monument unter Bäumen. Er ist jetzt tot. Alles stirbt, die Wiener spazieren vorüber und denken an Küsse, ans Essen und Trinken. Man braucht wirklich ein sehr borniertes oder sehr weites Herz, um etwas vom Ruhm bei der Nachwelt zu halten. In Hütteldorf wimmelt es von Wagen und Leuten. Man sitzt im Freien, sieht die Wiener Straße hinab, lacht in Gottes goldener Sonne und findet die Welt vortrefflich. Ich wollte noch in das Theater und bestieg allein den merkwürdigsten Zeiselwagen, der in Wien zu finden ist. Der Kutscher und das Pferd waren dürr, der Wagen vertrocknet. Mein blanker Frack und meine blühende Weste nahmen sich hier höchst unpassend aus. Ich mußte das Ansehen eines Flüchtlings haben, den der Feind auf einem Balle überrascht hat. Das fühlte ich immer stärker, als ich in die Nähe Schönbrunns kam, mitten unter die strahlenden und blitzenden Equipagen des Adels. Wie ein Feenschloß lockte Schönbrunn auf der rechten Seite an der Berglehne. Entschlossen kommandierte ich meinen Zeiselkutscher mitten hinein unter die glänzenden Equipagen der Kavaliere. Mein Zeisel flatterte unsicher wie ein Spatz unter edlen Vögeln umher, und ich hätte mich sehr geschämt, wenn ich nicht gewußt hätte, daß mich hier niemand kennen konnte. War es ein ästhetisches oder ein Minderwertigkeitsgefühl? Ist es eine Schwäche, für einen solchen Zynismus unbrauchbar zu sein, so bin ich in der Beziehung schwach. Die unpassenden Gegensätze, mein Frack, der Zeisel und die Kavaliere peinigten mich, und ich fand keine Ruhe, die schönen vorüberfliegenden adeligen Damen zu betrachten, am wenigsten meine elegante Lorgnette dazu herauszunehmen. Lorgnette und Zeisel waren nicht nur unpassend, sondern lächerlich. Ich stieg aus, um Schönbrunn anzusehen. Zwei große goldene Adler sitzen auf den schlanken Torpfeilern und geben dem schönen Lustschlosse ein vornehm kaiserliches Aussehen. Terrassenförmig erhoben sich die stolzen Gebäude. Oben auf der Höhe brannte ein Pavillon golden mit vielen Fenstern in der Abendsonne. In Schönbrunn, auf dem großen Platze vor dem Schlosse, war es, wo der junge Staps aus Thüringen Napoleon erstechen wollte und von Rapp verhaftet wurde. In den französischen Stücken, in denen der deutsche Student zum Fortleben verurteilt ist, heißt er gewöhnlich monsieur Burskenschaft und trinkt sehr viel Bier. Reich und vornehm erscheint Wien besonders, wenn man im Sommerabendscheine neben unzähligen Equipagen durch die breite Vorstadt direkt zur Burg fährt und dort trotz des warmen Abends im Theater alles besetzt findet. Da weiß man nicht, wohin mit Menschen, Wohlstand und Vergnügen. Böhmen An einem frischen, sonnenroten Morgen mußte ich Wien verlassen und fuhr über die Donau hinaus. Die Reise ging durch Mähren. Eigenartig wirken diese tschechischen Länder – Böhmen und Mähren sind nämlich im ganzen ein und dasselbe. Die Körper der Mährer sind mir nur etwas fleischiger vorgekommen. Es ist ein fruchtbares Land, das sich in der Sonne bis zu den Sudeten hinzieht. Die Landschaft liegt breit und hügelig in strahlender Sonne. Auf den Äckern an der Straße wird fleißig gearbeitet. Die Wälder scheinen erst vor einem Jahre abgebrannt zu sein, hie und da sieht man auf einem Berggipfel eine verwaiste Baumfamilie oder an einem Abhang einen langsam sterbenden Stamm, sonst ist alles Wiesen- und Ackerland. Auf allen Hügeln ist es menschenleer. Die Dörfer sind groß und reich, und viele Kinder tummeln sich zwischen den Häusern umher. An den schmiegsamen, elastischen Bewegungen der Bevölkerung merkt man, daß man in einem slawischen Land sein müsse. Die Menschen sind höflich und zutraulich, aber eine unbestimmte Trauer umfließt ihr ganzes Wesen und läßt sie zurückhaltend erscheinen. Sie sind genügsam und ausdauernd in der Arbeit, ihre Feste bieten ein heißes und verwegenes Bild buntesten Lebens. Wir fuhren weiter, sandige breite Berge hinauf. Eine lichtgrüne Holzung auf einem Hügel nahm uns auf, und als sie jenseits wieder abfiel, öffneten sich uns die ersten Blicke in den Kessel von Prag. Auf gesegneter Fläche zwischen kühnen Höhen zieht sich die Stadt hin, durchströmt von der schwer und breit dahinfließenden Moldau. Unser Klepper wieherte und setzte in eiligem Trab die Straße hinunter. Prag ist der Stolz der Tschechen, ihr heiliges Mekka. Es war gegen Abend, als ich dort ankam. Ein regnerischer Nebel hing über der hügeligen Stadt und über den stolzen Schlössern, in denen vormals die prächtigen Ottokare, die stolz-wilden Hussiten herrschten. Da der Regen bald in Strömen herunterfiel, mußte ich vorerst im Zimmer bleiben. Am nächsten Morgen sah ich mich in der alten, merkwürdigen Stadt um. Sie ist durch die Moldau in zwei Teile geschieden. Auf dem rechten Ufer liegt die Alt- und Neustadt, auf dem linken, an den Bergen hinauf und auf der Höhe selbst, die Kleinseite und der berühmte Hradschin. Die grauen stolzen Schlösser auf der Kleinseite künden von der Macht des böhmischen Adels und von der slawischen Herrlichkeit der früheren Jahrhunderte. Auf der kompakten, steinernen Brücke, die beide Städte verbindet, steht der heilige Nepomuk, der sein Leben dafür hergab, auf allen Brücken schweigend fortleben zu dürfen. Wie viele Leute, die ungerecht ersäuft wurden, sind im Dunkel der Geschichte verlorengegangen. Man sieht, daß es bei historischen Ereignissen sehr auf die Nebenumstände ankommt. Jedes Kind macht die Bekanntschaft des heiligen Nepomuk und läßt sich die Geschichte erzählen, wie er sich geweigert habe, dem wüsten besoffenen König Wenzel das Beichtgeheimnis der Königin zu verraten, und wie er deshalb von der Brücke in den Fluß hinabgestürzt worden sei. Mit blitzenden Hellebarden habe man das Volk zurückdrängen müssen. Als er untergesunken sei, hätten sich fünf kleine Flammen leuchtend aus den Wellen gehoben. Auf dem Hradschin wohnte eben Kaiser Franz. Er war das letztemal in Böhmen und gab an einem Sonntag Audienz. Die Menschen, die etwas zu erbitten hatten, strömten in den Empfangssaal, um ihre Wünsche vorzutragen. Wahrlich, es ist ein göttliches Glück, Kaiser zu sein. Hunderten konnte er an diesem Sonntagmorgen helfen, Hunderten konnte er eine verwelkte Hoffnung wieder auffrischen. Alle Gänge des Hradschin waren mit Bittstellern überfüllt. Karl X. hielt sich wegen der Anwesenheit des Kaisers nicht auf der Burg auf. Ich besuchte auch den wunderlich schönen Dom, wo ein roter Küster mit zusammengeleimter Perücke schlechte Merkwürdigkeiten zeigte. Die Sonne brach draußen durch die Regenwolken und flog gleich in die Fenster über dem massiven Grab des heiligen Nepomuk und über das Grab Ottokars. Es ist mir unsicher im Gedächtnisse, als ob der Sarg von blankem Silber gewesen sei, aber ich kann nichts Positives darüber sagen, da mir Muhammeds Sarg nicht aus dem Gedächtnis ging, der in der Luft schweben soll, getragen von den Kräften eines unsichtbaren Magneten. Der rote Küster schnupfte am Grabe. Eine schlechte Perücke und eine Schnupftabaksdose sind jeder Kirchenillusion tödlich. Beides sollte nicht geduldet werden. Die alten Fürsten des Reiches und der Kirche gingen im Notfalle mit völlig nackten Köpfen. Ich gedenke mit heiligem Schauer eines Bildes, auf dem dargestellt ist, wie Bernhard von Clairvaux Kaiser Konrad einen Kreuzzug predigt. Wenn Bernhard die Perücke und Schnupftabaksdose meines roten Küsters gehabt hätte, er würde keinen Kreuzzug zustande gebracht haben. Das Innere der Kirche ist von einer wilden Schönheit. Der graue Tag und die bleichen Sonnenstrahlen mögen das ihrige dazu beitragen. Es entsteht der Eindruck einer böhmischen, recht großzügigen Pracht mit wilden, stolzen Motiven, nicht so sehr der einer weichen, künstlerischen Kultur. Ottokar paßt in diese Auffassungsweise. Vielleicht liegt es daran, daß es mir einige Male so war, als sehe ich Ottokars Grab offen und ihn selbst hinter den Pfeilern rastlos umherschreiten, wild, halb in verschossenen vornehmen Samt gekleidet, halb in Eisen. Ottokar und Wallenstein waren die bedeutendsten Gestalten dieses Landes. Beiden blieb trotz genialer Anlagen und günstiger Verhältnisse der Erfolg versagt. Sie sind aber echte Vertreter ihres Landes. Wallenstein vielleicht noch mehr als Ottokar. An dem fanatischesten Religionskriege nahm er mit dem kühlsten theologischen Indifferentismus teil. Er erlag, weil er keine Begeisterung mitbrachte und sich nicht mit zweiten Positionen begnügen wollte. Die ersten Stellen der Herrschaft sind immer nur großen Herzen offen, wenn es auch wilde und irrende wären. Der Kopf allein wird nur Minister. – Ein düsterer Palast ist in Prag nur noch übrig als Erinnerung an den großen Friedland. Auf den Schlössern im Lande begegnet man noch seinem Gedächtnisse, sonst ist der Name Waldstein verschwunden. Ein Regenschauer lag über dem steinernen Tale, als wir auf den Berg heraustraten. Ich hatte mich so lange gefreut, das malerische, berühmte Prag zu sehen und fand es jetzt meist in schlechten Farben. Die Stadt dehnt sich an den Ufern des Flusses und an den Berghängen hin, tief unten erzählt schwarzgrau der Wischehrad von der alten, großartigen Slawenzeit. Inmitten der Moldau liegen zwei große Inseln, dort tummelt sich am Sonntag das Volk. Ich wollte seine Vergnügungen kennenlernen und suchte am Abend einen Tanzsaal auf. Man stieg einige Stufen nieder in ein Kellerlokal. Es war ein spärlich beleuchtetes Gewölbe, in dem gezecht und getanzt wurde. Die Leute verhielten sich dumpf und sahen gar nicht heiter aus, nichts von der Wiener Lustigkeit oder der schlesischen Schwatzhaftigkeit war zu bemerken. Ich konnte mich eines merkwürdigen Eindruckes nicht ganz erwehren. Es sah so aus, als wollte sich eine Rittergesellschaft unter Schloßruinen für ihr gefahrvolles Leben entschädigen. Getanzt wurde im größten Gewölbe. Es ging wild, aber still hin und her. Schlanke Burschen sahen uns forschend von der Seite an mit ihren dunklen, schnellen Augen. Die verschiedenen Ansichten über den Absolutismus nötigten mich, so rasch wie möglich das österreichische Staatsgebiet zu verlassen. Es war um die Zeit des Kongresses von Münchengrätz, und die Monarchen hielten sich eben in Theresienstadt auf, als ich vorüberfuhr. Die Landschaft zeigt hier ein ungewöhnliches Gepräge. Überall tauchen schmale, blaue Spitzen auf. Meilenweit gruppieren sich hundert kleiner Türmchen, und mitten unter ihnen liegt in einem weiten Kessel Teplitz. Wie hätte ich gerne hier eine Zeitlang geruht. Der Badeort erschien mir so glücklich neutral und fromm, ganz von Samt und Seide und voll Zufriedenheit. Aber es ging nicht. In einer kalten Mondesnacht fuhr mich der schläfrige Postillon über die Klumer und Nollendorfer Höhe. Sachsen empfing mich auf das angenehmste mit einer warmen Poststube in Pirna. Am nächsten Tage fuhr ich über Leipzig nach Berlin weiter. Gott segne die Straße von Leipzig nach Berlin, sie hat es nötig. Ginge sie nicht durch Bitterfeld und bei Sanssouci vorüber, so brauchte man gar nicht aufzuwachen oder aufzustehen. Nichts stört den Reisenden auf dieser Tour. Bekanntlich kam Luther auch in Wittenberg auf die Kirchenreformierung. Wie oft war sie im Süden angeregt worden, aber die Schönheit der umgebenden Welt gestattete nirgends eine so entschlossene Resignation. In Wittenberg werden die Sinne durch nichts verführt, der Geist bleibt unverfälschter Geist. Berlin Ich hatte die große Stadt seit dem kalten Winter im Jahre 1823 nicht gesehen, da mich, den Tertianer, das Interesse an Herrn Mattausch und Fräulein Eunicke, weiland Theaterheroen, zu einer Fußwanderung bewegte. Ich war überwältigt von dem stattlichen Eindrucke, den Berlin nun gewährte. Damals, da ich wie die große Armee im Jahre 1812 mein Dasein aufs Spiel setzte, um Berlin zu sehen, wie jene Moskau sehen wollte, da man zu Hause den Tertianer erfroren glaubte, gab es noch keine Museen und kein Königstädter Theater. Jetzt empfing mich, als ich am Morgen den Kopf aus dem »Hôtel de Russie« steckte, der schäumende Wassersprung einer Fontäne und der Anblick des Museums und anderer stolzer Gebäude. Ich mußte mich zuerst besinnen, ob das dasselbe Berlin sei, das ich als Knabe gesehen hatte. Die Linden sind eine der schönsten Straßen Europas. Die Cannebière in Marseille ist länger und wohl ebenso breit, aber es fehlen ihr die stattlichen Häuser zu beiden Seiten. Nur die Pariser Boulevards wirken interessanter. Vielleicht beeindruckt die große Petersburger Straße noch stärker durch ihre vielen Paläste. Aber sie hat bestimmt nicht den Reiz der Linden. Kommt man am Abend von der Charlottenburger Chaussee nach Berlin, so merkt man, in welch tadellose, vornehme, grandiose Stadt man einfährt. Die Bäume des Tiergartens, durch den die Chaussee führt, duften und flüstern, das Brandenburger Tor grüßt mit seinen fünf hohen Passagen. Weit hinauf zwischen den Öffnungen sieht man innen die Straßen der breiten Stadt mit ihren Hunderten Gaslichtern. Der Pariser Platz empfängt einen, vorwärts in einer sehr breiten Straße zieht sich ein hoher vierfacher Lindenkranz hinauf. Nach rückwärts verliert sich die weiße Heerstraße im dunklen Wald. In der Mitte der Linden liegt der Spazierweg. Dicht daran auf jeder Seite folgt der dunkel beschattete Reitweg, an den sich nach außen die bepflasterten Fahrstraßen anschließen. An den Häusern endlich ziehen sich die Bürgersteige entlang. So zeigen sich dem Auge sieben Ströme, deren jeder seine eigene Menschenwelle führt. Das Gaslicht schimmert, der Mond strahlt durch die Baumkronen, man hört das Murmeln des Menschengewühls und das Rasseln der Wagen. Still und vornehm schauen die stattlichen Häuser auf das Leben zu ihren Füßen. Drei Hauptstraßen durchschneiden die Linden: die schweigend, breite und ruhige Wilhelmstraße, in der Palast an Palast steht, die geräuschvolle Friedrichstraße, die in langer Strecke schnurgerade durch die Friedrichstadt läuft und ein dichtes Fußgängergewühl unter die Linden gießt, endlich die Charlottenstraße. Wo die Linden aufhören, beginnt der Opernplatz, vielleicht einer der schönsten der Welt. Weit oben im Hintergrund schließt ihn die hohe, breite Schloßfassade ab, tief unten über den Zweigen der Lindenbäume sieht man noch das Brandenburger Tor und die Viktoria. Neben uns das neue Palais des Prinzen Wilhelm, von dessen Firsten Adler in die Luft streben, und das alte Prinz-Ferdinand-Palais, die jetzige Universität. Anschließend das Opernhaus mit seinem dunklen Säulenportal, die Bronzegestalt Blüchers, das kleine Palais, in dem der König wohnt, das Zeughaus mit seinen weißgrauen Kriegswappen, die neue Hauptwache, vor ihr die schneeweißen Bildsäulen Blüchers und Scharnhorsts von Rauch, dahinter ein dunkles Wäldchen, aus dem die Singakademie, der Sitz Zelters, hervorblickt. Das alles übersieht man mit einer Wendung. Schreitet man nun weiter dem Schloß entgegen, so steht man bald auf der breiten Schloßbrücke, über die fünf Wagen nebeneinander fahren können, ohne die Fußgänger zu stören. Vor uns liegt ein breiter Platz am Schlosse, der Lustgarten. Das goldene Kreuz des Domes flimmert, die Wasser des Springbrunnens rauschen in der Luft, das Museum mit seiner gebieterischen Säulenhalle und den springenden Rossen an seinen Ecken tritt stolz wie eine Erinnerung Griechenlands vor das entzückte Auge. Die steinernen Kais des Flusses, weithin mit leuchtenden Gebäuden besetzt, winken herauf. Laßt uns hier zur späteren Stunde der Nacht vorbeieilen, wenn der Menschenlärm schweigt und das Getriebe sich in den Häusern verliert. Die Lichter verlöschen, aber im Mondesschimmer plätschert die hohe Fontäne fort und belebt mit ihrem eintönig frischen Geräusch die Stille. Wir wollen uns an die hohe Treppe des Museums setzen und der Träume nicht wehren.   Wenn die deutschen Schriftsteller über Berlin schreiben, so sprechen sie von den Eckenstehern und von Wien und schimpfen auf den Berliner Witz. Dabei wissen sie ihn nicht einmal einzuordnen, weil er weder klassisch noch romantisch sei. Mit Wien und Berlin geht es wie mit Schiller und Goethe: statt daß wir uns nach Goethes Ausdruck freuen sollten, »zwei solche Kerle« zu haben, vergleichen wir sie und streiten uns darüber, was vorzüglicher und was geringer sei. Und über die Eckensteher, die Glaßbrenner für die Literatur erfunden hat, lacht man, wenn einem der Akzent verständlich ist, vergißt aber nicht, sich wegen des Lachens zu entschuldigen. Jeder Hansnarr, der alles für Gemüt hält, was langweilig ist, spricht ein Wort von der Gemütlichkeit und bedauert, daß der Berliner Witz kein Gemüt habe. Daß man so viel Animosität gegen das Berlinische findet, davon liegt der Grund in ganz anderen Dingen. Der Witz, den man tadelt, ist nur ein Symptom, an das man sich zunächst hält. Die Dornen des Busches schlägt man, aber der ganze Busch mit Keim und Wurzel ist gemeint. Berlin ist ein Machtgedanke, der seit Friedrich dem Großen den Nachbarländern unklar zum Bewußtsein kam. Dieser Gedanke einer jungen Herrschaft voll historischer Energie wird gefürchtet und befehdet wie jede neue Macht. Das klare, norddeutsche, preußische, entschlossene Element wird gemeint und das bißchen Witz wird seinetwillen gescholten. Preußen hat einen breiten und kantigen Buckel, der es verträgt, geschlagen zu werden. Man sollte dieses energische Wesen des Nordens nicht leugnen, das konzentriert und beleidigend sich im Berliner ausprägt. Man sollte eine Opposition dagegen ganz natürlich finden, Rom hat den Samnitern und Volskern die Meinung nie streitig gemacht, daß es übermäßig sei; es hat sich abgefunden, unhöflich und herrschsüchtig genannt zu werden. Jede neue staatliche Macht beleidigt. Ihre bloße Existenz ist für die Nachbarn schon eine Beleidigung. Wer sich in der Geschichte darum kümmern wollte, der würde ein höflicher Mann, ein guter Gesellschafter, aber sonst nichts. Karl der Große war für die Römer ein barbarischer Parvenü, den sie zu Hause verspotteten, dem sie auf der Straße aber das Knie beugten. Napoleon war für seine Zeitgenossen ein Emporkömmling, für die Geschichte aber ist er ein Halbgott. Wenn Berlin seit hundert Jahren seine Statthalter zu Kopenhagen, zu Amsterdam, zu Genf und zu Dresden sitzen hätte, so würde man seine Witze vortrefflich finden. Man täuscht sich sehr, wenn man hinter den Witzen und Übermütigkeiten, hinter dem aufgeblasenen Plunder und den Wortgefechten der Berliner nichts als leeren Dünkel und Hochmut sehen will. Es wird daran diesem auch nicht fehlen, aber es fehlt auch nicht an dem klaren oder unklaren Bewußtsein, das Herz eines mutigen Staates zu sein. Man vermißt in Berlin mit Recht und gutem Grunde die vollsaftige, gemütliche Menschenart Süddeutschlands, die Gesellschaft, wo der Mensch nicht mehr sein will als eben er selbst, wo man nicht gemacht zu sein braucht oder geistreich oder von wichtiger Stellung, um gerne gesehen zu werden. Allerdings begegnet man hier oft jenem weißblütigen Elemente, das man bloß Verstand, Geist oder gar Raffinement nennt und das eigentlich unschöpferisch ist. Es ist aber fast immer so in der Welt gegangen: der energische Verstand, dem man die Zeugungskraft abspricht, hat in politischen Dingen stets die Führerrolle an sich gerissen, soviel auch die Professoren dagegen sagen mögen. Die Römer waren die energischen Verstandesmenschen, die Griechen waren nur sehr kurze Zeit eine politische Macht. Dergleichen sei eine Tröstung, wenn der eigentlich unschöpferische, aber schneidende, dreiste und absprechende Berliner lästig wird. Ein Bajonett des schnellsten, willkürlichsten Urteils geht durch alle Berliner, und in gewisser Art sind sie eigentlich auch alle Soldaten. Sie greifen alles an. Hinter den Witzen der Berliner steckt meistens ein starker Charakter, sie haben keine fahrige, aphoristische Natur. Mitunter ruhen sie auf dem scharmantesten humoristischen Aplomb. Es ist sicher nicht zu leugnen, daß bei der Anlage Berlins zu einer neuen welthistorischen Hauptstadt ein Fleck Landes ausgesucht wurde, der durch keine abgelebte Zivilisation bereits vorgeformt war. Es ist erstens gar keine Gegend bei Berlin, zweitens kein Ackerland und drittens kein Vergnügen. Der Tiergarten kann nicht auf die Rechnung der Natur gesetzt werden. Er ist noch jung, noch im frühesten Frühlingsalter, kein Schöpfer, sondern eine Schöpfung Berlins, bereits ein Denkmal der Bildung. Merkwürdigerweise ist über Gründung und Ursprung Berlins gar nichts Sicheres zu sagen. Man weiß über Athen und Palmyra mehr. Man kann also mit Bequemlichkeit eine Mythe erfinden, daß der erste Berliner von einer Bärin gesäugt, von Adlern gespeist und von wilden Männern erzogen worden sei. Damit wäre Berlins Wappen erklärt. Der erste Berliner baut sich dann eine Hütte in der Gegend, wo heute die Stadtvogtei steht, fängt in der Spree Fische. Es kommen Wenden zu Besuch und so entsteht ein Fischerdorf. Daraus wurde Berlin. Daneben wächst auf dem morastigen Spreegestrüppe Kölln, es entsteht der Werder und am Ende gar die Friedrichstadt. So ist es gekommen, daß man jetzt mit der Droschke gedankenlos vom Brandenburger Tor in die Königstadt fahren kann. Dagegen, daß man die Stadt gerade an diesem bescheidenen Spreeufer angelegt hat, läßt sich nichts sagen. Erstens sind die Leute tot, und zweitens würde es nichts helfen. Drittens hat ein Ort an sich ja nicht viel Verantwortlichkeit. Daß man die Stadt aber so gepflegt und begünstigt hat, daß sie eine imposante Hauptstadt, die stattlichste Metropole des norddeutschen Landes wurde, darüber mag man sich billig und bescheiden wundern. Die Erklärung ist nun einmal des Menschen geistiges Brot, also gestatte man den Historikern den geschwätzigen Kommentar. Wo die Situation einer wichtigen Stadt vorteilhaft ist, da rechnen sie ihr Gedeihen und ihre Macht aus der vorteilhaften Lage aus; wo das nicht der Fall ist, beweisen sie, die Stadt müsse eben darum eine große Bedeutung gewonnen haben, weil sie so ungünstig liege. Es ist also anzunehmen, daß eine schlechte Lage Volk und Land zu größerer Tätigkeit nötigt und anspornt, Verfall und Erschlaffung nicht aufkommen läßt und um so gewaltigere Hilfsquellen entdecken läßt, je weniger sie selbst gewährt. Mitten in einem höchst mageren Binnenlande, kapriziös fast ebenso weit von einem Hauptstrome, von der Elbe; wie von einem andern, der Oder, entfernt, hat sich die Hauptstadt entwickelt. Sie hat sogar die mächtigere Havel verschmäht, die nur ein paar Meilen entfernt fließt. Dem tiefschwarzen, still ernsthaften Flusse, der Spree, hat sie sich ganz hingegeben, einem Flusse, der durch den »Beobachter an der Spree« bekannt ist und der zum Teil dieser Bekanntschaft wegen und weil er durch Berlin fließt, in unserer deutschen Literatur eine so geplagte Stellung einnimmt. Die Spree leidet unschuldig. Sie war früher da als Berlin. Sie hat sich Berlin nicht angemaßt und ist ein viel würdigerer Fluß, als man denkt. Sie ist ein bescheidenes Veilchen unter den Flüssen, nicht wegen ihres Geruches am Unterbaume, sondern wegen ihrer stillen Vorzüge. Sie ist von gleichmäßiger, sehr achtungswerter Tiefe und in diesem Punkte ein viel zuverlässigerer Charakter als manche große Prahler, zum Beispiel die Elbe, die sich an manchen Stellen ganz vergißt und die Schifffahrt von Jahr zu Jahr schwieriger macht, als ob sie in die versagenden und versiegenden Jahre hohen Alters geriete. Die Spree ist geachtet von den Obst- und Holzkähnen. Sie trägt Dampfschiffe und ist fruchtbar und schöpferisch wie ein Kaninchen. Es gibt keinen Fluß, der so reich an Fischen von aller und bester Art wäre wie die Spree. Das stolze Geschlecht der Aale, verschwenderisch gedeiht es in der Spree. Der Berliner spricht von diesem hochadeligen Fisch mit sicherem Gleichmute. Wie jedes andere ordinäre Gericht kann er ihn täglich auf dem Tische haben. Berliner Berühmtheiten Die Humboldt sind die modernen Dalberg, untadelige Kulturritter, denen bei allen Staatsaktionen der Ritterschlag geboten sein sollte. In jeder höheren Schule müßte monatlich einmal gerufen werden: »Ist kein Humboldt da?« Es sind ihrer zwei. Sie stammen beide aus Berlin. Wilhelm von Humboldt, Schillers Herzensfreund, ist vorzugsweise als Denker und als Staatsmann bekannt. Er schrieb über Poesie und Sprachen. Das Herz und die Zunge der Menschheit waren seine Sorgen. Er besaß jene olympische Ruhe, tage- und jahrelang still auf ein Wort, auf eine Fiber der Sprache oder des Gedankens zu blicken, um zu erlauschen, ob und wie sie sich bewegten. Er verfolgte eine Präposition durch jahrhundertelange Haltung und Umbildung bis in den Samenkern. Er stand Schildwache an den Wegscheiden aller Sprachen der Welt, um das Geheimnis der schöpferischen Kultur, der menschlichen Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten zu ertappen. Ein Torso seines großen Gedankens, die Gottheit und den Menschen da zu finden, wo sie sich zuerst und leider für uns auch zuletzt begegnen, in der Sprache, ist in seinem Buche »Über die Kawi-Sprache« zurückgeblieben. Der großen Welt, die über alles mitspricht, sind nur die Namen Humboldt bekannt, ohne daß man eben weiß, was sie geschrieben haben. Die politische Welt indessen, obwohl sie wenig Interesse für die Kawi-Sprache hat und nicht mit Bestimmtheit weiß, in welchem Erdteile sie gesprochen wird, kennt Wilhelm von Humboldt, weil er viele politische Ämter bekleidet hat. Er war Gesandter in Rom, eine Zeitlang Kultusminister und auch sonst als Staatsminister sehr tätig und bedeutend. Auf dem kurzen Kongresse in Prag, auf dem versuchten in Châtillon, beim Frieden zu Paris, beim Kongresse in Wien war er überall einer der ersten preußischen Vertreter. Die Befreiung vom französischen Joche lag ihm nahe am Herzen. Er soll der erste gewesen sein, der mit einem Widerstand Spaniens und dessen Folgen gerechnet hat. Man erzählt ein Abenteuer, das er unternommen, um gegen Napoleon zu werben: Eine Dame besaß große Macht über einen wichtigen Staatsmann. Humboldt und ein anderer berühmter Mann hatten es eingeleitet, die Dame und durch sie den Staatsmann zu werben. In Mäntel gehüllt, warteten sie auf der Straße den Erfolg ab. Sie gingen auf und nieder und sahen besorgt nach den lichten Fenstern und fragten sich, ob die Liebenswürdigkeit des Weibes siegen werde. Man hat die Brüder Humboldt die Dioskuren Preußens genannt, wie man immer geneigt ist, das Ungewöhnliche durch Übertreibung gelegentlich dem Spotte auszusetzen. Ein schönes Bild gegenseitiger Ergänzung bieten sie aber in Wahrheit. Wilhelm konzentrierte sich oft jahrelang auf einen einzigen, scheinbar ganz unwichtigen Punkt, auf ein Wort oder eine Partikel. Alexander fuhr über alle Interessen der Erde hin, gleichzeitig mit hundert Augen nach rechts und links blickend. Wenn er sich dem einzelnen zuwandte, so bewies er allerdings auch darin die größte Fertigkeit. Er hat weitläufig über die Steppen geschrieben, über Steppen, wo man weit und breit nichts sieht als unergiebigste Eintönigkeit, und er hat dabei soviel Reichtum und Schönheit entwickelt, daß man einen farbigen Roman zu lesen glaubt. War Wilhelm durch eherne Festigkeit ausgezeichnet, so ist es Alexander durch sein elastisches Schaffen. Forschte Wilhelm nach dem Herzen der Welt, so erkundete Alexander alle Muskel des Weltkörpers und die Gesetze des Lebens. Es war eine große Gesellschaft, in der Alexander von Humboldt erwartet wurde. Man hatte sich in mehrere Zimmer verteilt, betrachtete die geschmackvolle Einrichtung, wandelte umher, unterhielt sich in Gruppen oder einzeln, wie es sich fügte. Ich stand mit Mundt im ersten Zimmer, und wir beschauten einen Marmortisch, der aus Karthago geschickt worden war. Da trat ein Mann ein, machte uns mehrere feierliche Komplimente und schritt unter vielfach wiederholter, respektvollster Begrüßung in die anderen Zimmer. Er war von kleinster Mittelgröße, abgetragen schwarz gekleidet, mit altmodischer Busenkrause, und da sein Haupt sich vielfach tief neigte, konnte ich mich in dem grau-rötlichen Kopfe nicht orientieren. Mundt kannte ihn auch nicht, so hielten wir ihn für einen höflichen Hofrat, der sich's zur besonderen Ehre schätze, auch eingeladen zu sein. Wir achteten nicht auf ihn und besahen wieder die karthagischen Mosaikbilder. Später trat ich in ein anderes Zimmer und fand alle Anwesenden aufmerksam in einem Kreise horchend vor dem Hofrat, als ob ein Bulletin mitgeteilt würde. Ist ein Kurier aus Paris gekommen? Nichts da, von den Pferden in Amerika war die Rede, daß sie in großen Herden existiert hätten, ehe die Spanier gelandet wären. Von China, daß man im ganzen himmlischen Reiche keine Milch trinke. Von Hegel, daß er gesagt habe, ein Berliner Witz sei mehr wert als eine schöne Gegend. Von der Pest in Konstantinopel. Von der Naturbetrachtung, daß in den Schriftstellern des Altertums keine einzige spezielle Schilderung der Natur und des Genusses bei ihrem Anblick vorkomme. Und alles sprach der eine Mann im abgeschabten schwarzen Leibrocke. Er sprach wie ein aufgezogenes Uhrwerk, kein »Ei ja!«, kein »Wahrhaftig?«, kein Staubatom konnte dazwischen. Leute, von denen ich wußte, sie schwiegen nicht leicht bei einer Nachricht und bei einer fremden Meinungsäußerung, schwiegen völlig und hörten zu. Und alles hörte mit jener Beflissenheit, die ausdrückt: »Sprechen Sie, sprechen Sie, ich höre mit Hand und Fuß!« Der Bediente, der ankünden wollte, daß serviert sei, verstummte, da er über die Schwelle trat und schnelle Pantomimen seine profane Zunge in Fesseln warfen. »Mein Gott, wer ist der Mann?« »Pst!« »Aber sagen Sie doch –« »Pst!« »Humboldt!« flüsterte mir endlich eine Dame zu. »Nicht möglich! Der veritable Humboldt, was man so unter gebildeten Leuten Humboldt nennt?« »Freilich, aber hören Sie doch!« Humboldts Redefluß war nicht behindert worden. Es ist nicht zu sagen, mit welcher Volubilität dieser Mann produziert. Er spricht zu Hause, wenn man ihn besucht, genauso wie bei Hofe. Man begreift nicht, wann er sich sein großes Wissen erwirbt. Wenn jemand ein Geschäft bei ihm hat, so muß er's um Gottes willen gleich beim Eintritte anbringen, ehe alle Maschinen dieses Kopfes in Bewegung kommen, in die sich kein Lüftchen unzermalmt hineindrängen darf. Wie er Neuigkeiten erfährt? Wie dem Propheten in der Wüste kommen ihm die Raben aus aller Welt zugeflogen und bringen ihm Speise und Trank. Er lebt so sehr in seiner geistigen Welt, daß ein Wort, ein Komma hinreicht, ihn über Neues zu orientieren. Der Kopf Alexander von Humboldts gleicht allerdings den Bildern, die man von ihm sieht, nur ist er etwas größer, etwas älter und weniger gefaßt und glatt, als ihn die Kupferstiche zeigen. Humboldt ist bereits ein hoher Sechziger. Sein gedrungener Körper ist bewundernswert fest geblieben. Die kleinen Augen sind noch frisch. Wenn er so dasteht, den Hut unter einem Arme, die andere Hand auf der Busenkrause, unerschöpflich neue Gedanken gebärend, so macht er den Eindruck eines alten, festen, unzerstörbaren Baumes. Ehe er an jenem Abend eintrat und alle Aufmerksamkeit absorbierte, sah man wechselnde, immer sehr beteiligte Gruppen um einen ebenfalls unscheinbar schwarz gekleideten Mann mittlerer Größe, der in ganz anderer Weise interessierte. Wenn ein Stoff angeregt wurde, so bemächtigte er sich seiner gewaltsam nach allen sich öffnenden Richtungen. Aber er faßte sein Interesse scharf und kurz. Er hörte dazwischen und erwiderte noch schärfer, so daß es allerdings eine lebhafte Unterhaltung gab, wenn auch kein eigentliches Gespräch. Er trug einen blauen Orden am Halse, spielte wie Chateaubriand mit einem kleinen Stöckchen und hatte einen feinen Diplomatenkopf mit kummervollen Zügen. Sogar die ergrauten feinen Haare und die bleiche schmale, blaugeäderte Hand sahen sorgenvoll aus. Um seine Mundwinkel spielten wehmütige Züge. Die blauen Augen blickten oft ermüdet über die Brillengläser hinweg. Sobald das Gespräch indessen eine Spannung brachte, glitt ein lächelnder Sarkasmus, eine spottende Verschlagenheit über Mund und Wange. Und oft, wenn er die Unterhaltung dem allgemeinen Gespräch überlassen und mit schmerzlichem Ausdrucke still gesessen hatte, trat er plötzlich wieder ein und warf kleine Geschichten und Spitzen hierhin und dorthin, wo einer sehr laut und zuversichtlich geworden war. Es war leicht zu sehen, daß er leidend sein mußte, er ist auch selten in großen Gesellschaften zu finden. Ein Repräsentant der Kunst war in Rauch zugegen, der lächelnd und sicher, eine schlanke Gestalt mit edlem, leise und anmutig alterndem Kopfe, freundlich zuhörte. Berlin hat fünfhundert Schriftsteller, darunter, wie billig, vierhundertfünfzig bis vierhundertsechzig gemeine Soldaten. Kennt ihr alle die Stübchen einer großen Stadt, wo die schreiendsten Ansprüche auf literarischen Ruhm in Einsamkeit darben, wo dem Vaterlande stille Opfer gebracht werden: stolze Gedichte, humoristische Aufsätze, Abhandlungen von höchster Wichtigkeit für das Wohl der Menschheit, gewaltige Trauerspiele, kurz, alles, was von den schnöden Verlegern nicht gedruckt wird? In jeder Stadt gibt es welche, jede große hat mehrere, Berlin hat Legionen. Alle modernen Literaten könnten eines Abends sterben, am nächsten Morgen stellte Berlin einen großen Messekatalog für die Buchhändler. Und nicht bloß Titel, nein, reelle Bücher. Alles liegt parat, jedes Genre ist wohl versehen, der Beweis kann gratis beigefügt werden, daß alles nichts tauge, was bis jetzt von anderen Autoren gedruckt worden sei. Jede Macht wird immer und zu allen Zeiten angegriffen, auch in der Literatur. Wer einen Vers machen kann, will auch seinen Namen haben, und bekanntlich ist beim Zusehen alles leichter. So erinnere ich mich aus Breslau an einen langgewachsenen Mann, der sehr sauber gekleidet umherging. Er hatte einen Backenbart und zwei rote Wangen, die beide nicht echt aussahen, es aber doch wohl waren. Der Mann soll ganz gescheit sein, zuckt aber schon seit fünfzehn Jahren über die Entwicklung der modernen deutschen Literatur die Achseln. Warum? Weil er sagt, es sei eine Leichtigkeit, sie ganz anders und viel besser zu machen. Man glaubt ihm das, man bedauert ihn um der Literatur willen. Er leidet, obwohl er sich bei dem Ärger die roten Wangen und den Backenbart konserviert. Sowie der Mann aber einmal darangeht, selbst etwas zu schreiben, wozu ihn das Mißvergnügen sehr selten kommen läßt, da wird es ein geziertes, kleinschrumpfiges Ding, das nicht den Abdruck lohnt. Ja, entschuldigt man ihn, er versitzt sich, er ist nicht im Zuge. Jawohl, das ist es. Der Strom läuft ganz anders, als es vom Ufer aus den Anschein hat. Die Welt selbst ist eine unbekannte Macht, für jeden Tag und für jeden Menschen eine andere. Das zweite und dritte Aufgebot der Literatur, das die Druckpraxis nicht recht gewinnen kann, hat sein Hauptquartier in Berlin. Hier sind die Helden ohne Heldentaten scharenweise vertreten, und die natürliche Dreistigkeit hilft ihnen. Auf allen Straßen, in jedem Tabakladen wird über die Literatur gesprochen und über die Kleinigkeit, sie umzuändern. In keinem Winkel des Tiergartens sind wir vor ihren unbegünstigten Prätendenten sicher. Aber Berlin hat doch so viele wirklich berühmte Männer, daß wir nicht in die Salons zu gehen, sondern nur auf der Straße achtzugeben brauchen. Unter den Linden seht ihr oft einen schlanken Mann mit bleichen Haaren, aber jugendlich lebhaften Augen. Es ist Schinkel, von dem die neuen schönen Bauwerke stammen. Draußen vor dem Brandenburger Tore richtet ein Mann mit schlichten braunen Haaren seine Zigarrenpfeife zurecht. Alles ist einfach an ihm wie an einem bescheidenen Bürger. Über treuherzigen Augen trägt er eine Brille. Obwohl er sehr harmlos aussieht, hat er einen eisenfesten Charakter und ist ein berühmter Wissenschaftler, dieser Philologe Böckh, dessen Altertumskunde ganz Europa bewundert. Ihr begegnet täglich einem wunderlichen Paare, einem Manne mit schlechtem grauem Mantel und einem alten, auf dem Hinterhaupt hängenden Hute, der eine ältliche kleine Dame führt. Ihr haltet ihn für einen alten kranken Mann, der nichts von der Welt weiß, als was ihm seine Zeitung am Morgen ins Haus bringt, und den niemand als seine Sippe und der Nachbar kennt. Ihr ahnt nicht, daß eine ganze Bibliothek von Gelehrsamkeit, Kenntnissen und Gemüt an euch vorüberschlürft. Er trägt unter dem Mantel hohe Steifstiefel und schiebt mühsam seine schwachen Beine weiter. Der Kopf reckt sich mühsam und müde in die Luft, die kleinen Augen sind wie abgestumpft zugeblinkt, der Mund ist viertelstundenlang ganz unbewegt, das gelbe Antlitz beugt sich zur Seite und sieht wie abgestorben aus. Alle Physiognomik wird daran zuschanden. Dieser Mann aber ist der berühmte Theologe Neander, der seine Schwester spazierenschleift. Sein Äußeres hat oft zu den komischesten Szenen Veranlassung gegeben, und es hat nicht leicht einer in Berlin Kirchengeschichte gehört, dem nicht auch die Geschichte von Neanders Hosen erzählt worden wäre. Diese Hosen nämlich bezeichnen ganz und gar sein Verhältnis zur bekleideten Welt, zur Welt der Mode und der Gesellschaft. Neander würde nur sehr schwer begreifen, wie ein Mensch sein Leben darauf verwenden kann, Leibröcke und Beinkleider zu erfinden. Was des Morgens durch die Fürsorge seiner Schwester an Kleidungsstücken auf seinem Stuhle zu finden ist, das zieht er an, weil er sich das so allmählich angewöhnt hat. Einen Gedanken verwendet er nicht daran. Nun besaß er einmal jahrelang nur ein Beinkleid, und es ist heute noch unerklärt, wie ohne Vorwissen der Schwester ein zweites, neues entstehen konnte. Kurz, eines Morgens findet sie die alte würdige Modeste unberührt auf dem Stuhle, der Bruder aber ist bereits in der Universität auf dem Katheder. Man denke sich das Erschrecken! Offenbar ist das treue Beinkleid vergessen. Zwar trägt er auch auf dem Katheder den grauen Mantel, aber ein Mantel verkehrt direkter mit der leichtsinnigen äußeren Welt, er kann zurückgeschlagen werden, und dann sähe man das Unglück. Die Magd wird gerufen, das vergessene Schicksalspaar ihr eingehändigt, sie keucht damit in die Universität – man male sich den seltenen Anblick aus! – sie klopft ans Auditorium und bittet einen der über das schüchtern herabhängende Beinkleid staunenden Studenten, den Herrn Professor herauszurufen. Der kommt. »O Gott, Herr Professor, Sie haben ja Ihre Hosen vergessen!« »Oh, da soll doch der ...« Verzagte Öffnung des Mantels – »Herr Jesses, der Herr Professor haben ein paar neue!« »So?« Der Herr Professor ist ebenso erstaunt darüber und rudert voll unsicheren Triumphes nach dem Katheder zurück. In einem anderen Auditorium doziert ein großer, stark ausgearbeiteter Mann mit einem kräftigen Gesicht und einer hohen Stirne in geübter Rede. Er hat die Geographie erfunden. Es ist Karl Ritter. Vor ihm war sie eine Tabellenkenntnis, durch ihn ist sie eine Wissenschaft geworden, und zwar vielleicht die interessanteste der Welt. Die Erde hat in seinen Händen tausendfaches geistiges Leben gewonnen. Der Baum spricht, das Blatt lehrt, der Stein, das fremde Tier, das Meer und die fremden Völkerschaften erwecken Gedanken und helfen der Forschung. Jeder, der just nachmittags über den Opernplatz geht, kann den hochgewachsenen Mann mit schwarzem Frack in die Universität schreiten sehen. Ritter belebt die Erde vor seinem Auditorium so interessant, wie es die üppigste Idealistik nicht vermöchte. Er handhabt sie wie eine leichte Kugel auf dem Katheder. Mit einem Stückchen Kreide zeichnet er ferne Länderstriche rasch und charakteristisch an die Tafel, während die Quellen aus der ältesten und der neuesten Literatur, aus indischen, griechischen und englischen Schriftstellern zitiert werden. Die Kriegs- und Völkerzüge, die den Landstrich hier belebten, hört man vorüberrauschen, man sieht die Tiere jener Gegenden vorüberschreiten, die Menschen treten in ihrer Besonderheit auf, die Sternenwelt, Nebel und Winde geben der Landschaft ihr Gepräge, eine farbige, lebendige, schattierte Welt wird innerhalb einer Viertelstunde neu geboren. Ein Schwamm fährt darüber hin, der Weg geht weiter, ein neuer Erdteil zieht an unseren Augen vorüber. Da spaziert aber ein kleiner Mann an den Linden hinab, das ist der Historiker Leopold Ranke. Er führt ein Junggesellenleben in Berlin, verkehrt viel mit Staatsmännern, besonders war er oft bei dem verstorbenen Ancillon zu finden. Sein Kopf ist klein und wird rasch herumbewegt, seine Gesichtsfarbe ist zart. Der Akzent seiner Rede erinnert noch ein wenig an Thüringen, und weil er die Schwäche seiner Landsleute mit dem harten und weichen P, T und B, D wohl kennt, nicht aber die wunderliche Bezeichnung brauchen will »hartes P und weiches B«, so hat er die griechischen Bezeichnungen auf dem Munde und sagt: man schreibt es mit Pi oder mit Beta, mit Tau oder Delta. Er stammt aus Wihe, das in der Güldenen Aue liegt. Chamisso, den langhaarigen, kennt ihr aus dem Musenalmanache. Er hustet langsam nach dem Tode hin, hat aber noch ein lebhaftes Interesse am Leben. Ein neues Buch, das von Chamisso erscheint, wie zum Beispiel seine letzte Sammlung, weckt und gewährt ihm den lebhaftesten und frischesten Anteil. Nehmt euch ein Beispiel an ihm: er ist ein emigrierter Franzose. Als er zu Berlin ankam, konnte er fast nur Französisch, er wurde Page und Offizier, radebrechte Deutsch, ließ seine Familie wieder heimkehren, blieb, radebrechte weiter und ist jetzt, da er sich zum Sterben anschickt, ein deutscher Dichter fast erster Größe! Nehmt ein Beispiel daran und radebrecht ebenso! Da schlüpft noch ein anderer Dichter durch das Tor, den ihr in Berlin nicht vermutet hättet. Seine Lieder klingen aus grünem Wald und grauer Welt. Wer sucht hinter dem Titel eines Regierungsrates den Dichter Eichendorff. Schlank, von mittlerem Wuchs und Alter, mit zugeknöpftem Rocke und kleiner Mütze, als ginge es zur Jagd, würdig und schnell, verschwindet er zwischen dem Tore hinter den Bäumen. Soll ich auch Clauren erwähnen? Wenn ich den kleinen Mann nickenden Schrittes ungekannt durch die Menge rudern sehe, mit abgespanntem Gesicht und einer Nase, der man die Schnupftabaksdose ansieht, so ergreift mich ein starkes Gefühl. Clauren kann nichts dafür, er ist die unschuldige Veranlassung. Wie oft betrübt mich der Gedanke, wenn ich mit einem Freunde die Linden entlang unter der bunten, bewegten Menge promeniere, wenn wir in Klage oder Erwartung Ereignisse der Gegenwart besprechen, uns um die geistigen Probleme unserer Tage streiten, der Gedanke, daß die Leute um uns herum nichts von dieser Sorge kennen, sich dafür nicht interessieren und doch auch leben und eigentlich recht haben. Sprecht zum Nächstbesten von der Objektivität der Literatur, von ihren Tendenzen und Perspektiven, er hält euch für verrückt oder er verweist euch in Petitpierres Laden, wo Perspektive zu kaufen sind. Clauren war gerade für diese Leute ein Trost. Leider ist er unserer Kritik zum Opfer gefallen, einer Kritik, die seltsamerweise auch für die Nähmamsells wirksam geworden ist. Der arme Clauren hat schwere Tage erlebt. Er hat seinen Ruhm und seinen Sohn verloren, den Ruhm ohne große Betrübnis, den Sohn mit schweren Tränen. An »Mimili« denkt er nicht mehr, seit er bei der Post angestellt ist. Sehr schade ist es um sein starkes Erzählertalent, das die übereifrige Kritik gewöhnlich an ihm herauszuheben vergißt. Schade, daß er keine Bildung und keinen Geschmack besaß und nur mit den materiellsten Dingen lockte, mit hunderttausend Talern, mit hübschen Waden, mit Sillery Mousseux und mit Austern – ein Berliner, der aus einer Weinstube kam. Zwei schwarze Riesen stehen vor dem ehemaligen Kasino auf der Behrenstraße. Dort fanden sich früher zwei Treppen hoch zur Abendzeit die jungen Poeten ein, darunter auch Grabbe und die weniger bekannten Uechtritz und Köchy. Ernste und lustige Torheiten wurden da ausgeheckt. Der ungebärdige Grabbe sprang auf den Tisch und hielt eine Rede an Mamsell Franz Horn, an Heroklot und Gubitz und an den blinden Weinhändler Sisum. Es wurden kleine literarische Bosheiten ausgeheckt und mit Adam Müller korrespondiert. Köchy führte auf einem tragbaren Theater Holberg, Shakespeare und Parodien auf. Zuweilen steckte der feine Wolf den Kopf in die Türe, um eine Visitenkarte abzugeben, oder Ludwig Devrient kam und trug in trunkenem Mute eine Rolle vor. Eine hübsche Brünette aber kredenzte Punsch und wurde mit Küssen und Gedichten belohnt. Die Behrenstraße in Berlin gilt für fashionable , sie ist nicht weit von den Linden und führt von der Wilhelmstraße bis zur kleinen, runden katholischen Kirche, die sich als einzige Kirche Berlins durch ihre Bauart auszeichnet. Das heißt, außer ihr zeigt noch die Werdersche Kirche eine sehr hübsche Taschenausgabe des gotischen Stils. Es gibt selten ordinäres Geräusch auf der Behrenstraße, meist ist nur das Rasseln vornehmer Wagen zu hören oder der Hufschlag eines Pferdes, das vom Roßkamm vorbeigeritten wird. Die Wohnungen sind teuer. Besonders Damen und Fräulein, die in der Liebe resigniert haben, werfen hier ihre ganze Leidenschaft auf die Zimmervermietung. Sie nehmen Stockwerke in Pacht, möblieren sie appetitlich, hängen Zettel über die Haustüren, » Chambres garnies à louer «, welches Französisch sie aus Karlsbad, Wiesbaden oder Baden-Baden erfahren, und verlangen den monatlichen Preis mit wegwerfender lispelnder Stimme in Louisdors. Wer nach einem französisch angekündigten Zimmer fragt, muß immer mehr Geld haben, als wer bloß Deutsch lesen kann. Mancher schüchterne Student, der sich auf Wohnungssuche hierher verirrt, kriegt einen Schreck für seine Lebenszeit und erzählt noch als Pfarrer fünfzig Jahre später, das Quartier der haute-volée in Berlin sei ein gar nicht großes Quadrat in der Friedrichstadt, sechs Straßen breit von den Linden bis an die Leipziger Straße und nur vier von der Markgrafen- bis an die Wilhelmstraße. Ein paar angrenzende Punkte ausgenommen sei alles übrige nicht wählbar. Das alte Berlin, Kölln und die Königsstadt gehöre den Kaufleuten und dem Handel. Über dem Kasino in der Behrenstraße ist es jetzt still. Wie viele solche Behausungen entstehender Dichterzirkel hat Berlin aufzuweisen! In der Weite der Straßen liegen sie versteckt, wer weiß, wie nahe die Zeit ist, wo aus ihnen die Blüte einer neuen Poesie wächst. Wie groß ist das Erbe, das uns aus dem alten Kasino erwuchs! In jedem Winkel Deutschlands zwitschert jetzt ein Schriftsteller, hinter jeder Ecke ein Dichter, dessen Ideen dort geboren wurden. Aber wie viele Talente dieser Zeit müssen jetzt noch in allen Ecken unseres Vaterlandes verkrochen sein! Es ist auffallend, wie wenige Leiern und Lorbeeren dieser Generation verliehen wurden. Das neue »Alte Kasino« auf der Behrenstraße, weiter oben an der Charlottenecke, ist gegen das Vergessenwerden gesicherter als das alte »Alte«, weil sich interessante politische Reminiszenzen daran knüpfen. Zwei Treppen hoch arbeitet Tag und Nacht Zschoppe, ein wichtiger Staatsmann des Konservatismus; im ersten Stocke der bekannte Dichter Stägemann, ein grauer, sanfter Mann, der seit mehreren siebzig Jahren den kleinen, festen Körper auf lahmen Füßen trägt. Er wird immer dichterischen Herzens bleiben und besitzt heute noch seine weiche, schöne Stimme, mit der er seiner Geliebten die ersten Sonette vorsprach. Still ruht das Haus auf festen Pfeilern. Die verschiedensten Gedanken wirken darin. Wie mag der Weltgeist, der uns auf mannigfachste Weise gebären läßt, über uns lächeln, daß wir stets unsere kleinen Verschiedenheiten für so unerläßlich halten? Berliner Theater Das Theater und die Schauspieler sind in Berlin das tägliche Gespräch. Ganz Deutschland bringt nicht so viel Rekruten zur Bühne wie Berlin. Alles urteilt über das Theater und alles bespricht die Aufführungen. In Wien sind die Theater die Hauptsache, in Berlin das Theater. Über das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt ist man nun ziemlich beruhigt. Es hat allen Witzen standgehalten und wird langsam wetterdunkel und hart. Im ganzen ist es eine großartige Konstruktion Schinkels. Daß seine vielen Fensterlatten an ein Tropenhaus erinnern, stört allerdings. Der tunneldunkle Eingang, der Mangel einer lichten, lockenden Eintrittshalle mag zu tadeln sein, dafür entschädigt aber reich der grandiose Treppenaufgang und der edle, stolze Stil des Innenraumes. Auf dem Frontgiebel des Gebäudes fährt Apollo mit einem Gespann krummbeiniger und krummgeflügelter Drachen von dannen. Gott sei Dank hat das Berliner Publikum noch nicht enträtselt, daß es Chimären sind, die den pythischen Gott fahren. Die desfalligen Witze sind uns daher noch geschenkt. Apollos Wagen ist ein sinnig erdachtes Symbol für das Theaterhaus. Glückliche Zeit, da die Chimären einen Gott ziehen konnten. An der anderen Seite des Schauspielhauses galoppiert ein Hippogryph ebenfalls vom Dache herunter. Das ist natürlich von der Witzhypochondrie ausgebeutet worden: »Vorn und hinten reißt die Kunst aus!« Man hat Schinkel den Bramante Berlins genannt und hinzugesetzt, daß er den Italiener übertreffe. Sicherlich ist er bis jetzt der geschmackvollste Baumeister Berlins. Das Glänzendste im Innern des Schauspielhauses ist der Konzertsaal, der in prächtiger Weiße schimmert und in dem aus vielen Nischen die Büsten von Künstlern in hellstes Licht schauen. Der Zuschauerraum ist sehr behaglich und ohne Prätention hübsch. Die Berliner haben eine Art Tradition: daß nämlich alles über den Gendarmenmarkt gegangen sein müsse, was in der deutschen Schauspielerwelt Sitz und Stimme einnehmen wolle. Frühere Zeiten und die Leiter des Berliner Theaters, Fleck, Iffland, Devrient und Wolf, haben sie dazu verleitet. Aber diese Zeiten sind schon lange vorüber. Weder Devrient noch Wolf haben so organisch für die Bühne gewirkt, daß sie eine allgemeine Richtung, eine Schule geschaffen hätten, von der das Theater zu Berlin noch heute Ton und Farbe trüge. Es ist nichts mehr von ihnen zu sehen als ihre schönen Büsten im Konzertsaal. Das ist am meisten Wolfs wegen zu bedauern. Nicht daß er etwa ein größerer Schauspieler gewesen wäre als Devrient – o nein. Er war nur ein bedeutender Mensch neben diesem Titanen. Aber dies bedeutsam Menschliche ist es eben, was dem allgemeinen Tone des Berliner Schauspiels so wohl zustatten gekommen wäre. Dies bedeutsam Menschliche ist es eben, was dem Schauspiele jetzt so völlig abgeht. Das Theatralische, das Gemachte hat trotz dem Beispiele Wolfs alle in ihren Bann gezogen. Devrient konnte und durfte nur sehr bedingt, nur anregend wirken. Er war ein Individuum, dessen Gesetze nur für die eigene Person Gültigkeit hatten. Er war wie ein strahlender Komet, dessen Verhältnis zum ganzen Sonnensystem der Schauspielkunst so schwer zu definieren ist, daß alle Bildung nach ihm sich schnell zur Karikatur verkehren mußte. So ist es gekommen, daß das Berliner Schauspiel jahrelang ohne durchdringende Einwirkung eines bedeutenden künstlerischen Genies blieb. Es geriet in den Zustand einer verworrenen Mittelmäßigkeit und nimmt keineswegs mehr den ersten Rang in Deutschland ein. Das fällt um so stärker auf und betrübt eigentlich, als vielmehr nirgends mit solcher Freigebigkeit alle Mittel für die Kunst zur Verfügung gestellt werden wie hier. Es fehlt eine glückliche Hand, ohne die jede Kunst ein ärmliches Machwerk bleibt. Und wie es denn immer zu geschehen pflegt: das Gleiche gesellt sich zum Gleichen. Publikum, Dichter und Schauspieler finden in genauer Wahlverwandtschaft zueinander, und alles vereinigt sich zur Mittelmäßigkeit. Man muß zugeben, daß sich in Berlin die mannigfachste Intelligenz findet, aber das Theater hat damit wenig zu schaffen. Das Theaterpublikum assimiliert sich immer den Schauspielern. Man darf deshalb gar nicht daran denken, die eigentlich geschmackvolle Schicht Berlins im Theater zu finden. Nein, das Interesse der geistig führenden Kreise ist nicht auf das Schauspiel gerichtet. Das Theater hat keine künstlerische, sondern eine gesellschaftliche Funktion. Man besucht gelegentlich das Theater, um einem leeren Teetisch zu entrinnen. So bleibt ein ganz anderes stehendes Publikum, als man von einer Stadt wie Berlin erwarten sollte. Die Atmosphäre Berlins ist eine räsonierende, eine kritische. Die Berliner brauchen das Theater als ein allbekanntes Objekt des Besprechens: Ob der Herr Krüger brav wie gewöhnlich oder ungewöhnlich brav gespielt habe, ob Fräulein von Hagn angenehmer aufgefallen sei als vor soundso viel Jahren Fräulein Bauer. Es ist ihnen eigentlich nicht so sehr um den sogenannten Genuß zu tun – sie wollen nur dabei gewesen sein. Sie sind geborene Historiker, die alles mitgemacht und angesehen haben wollen, um ein gewichtiges Wort darüber reden zu dürfen. Es liegt in diesen Verhältnissen, die das Theaterpublikum bilden, einzelnes Liebenswürdiges, wie denn überhaupt die Berliner hinter einer manchmal verletzenden Schärfe viel Bravheit bewahren. Aber das genügt nicht, um ein Publikum zu erzeugen, das sich richtig und bedeutend benimmt und fördernd und bildend auf die Schauspieler einwirken könnte. Und wie steht es mit den Dichtern? Raupach und Angely füllen meist das Repertoire. Keiner von ihnen ist geeignet, Schauspieler und Publikum zu erziehen. Nicht daß ich Angely unrecht tun will. Es ist zwar Journalistenstil geworden, ihn zu schmähen und als Sündenbock der deutschen Theaterdichter hinzustellen. Aber er hat manches zusammengestellt, was völlig wahr und vergnüglich genannt werden muß. Er macht im Grunde durch seine bloße Tätigkeit der Nachbildung keinen besonderen Anspruch, übt die Schauspieler in leichten Situationen und Reden und füllt ein sonst leeres und verlassenes Lustspielrepertoire. Aber er ist bloß ein Übersetzer und Nachbilder der Franzosen und nicht geschaffen, irgendwelche erzieherische Funktionen auszuüben, obwohl vielleicht seine ausländische Komödienkur den Schauspielern recht dienlich sein mag. Raupach darf nicht einmal diesen kleinen Vorteil für sich buchen. Dieser entsetzlich fruchtbare Dichter, den seine guten Freunde den berlinerischen Shakespeare nennen, übt den nachteiligsten Einfluß auf die Schauspieler. Er besitzt ein ordinäres rhetorisches Talent, mit dem er seinen Leuten jene Traratiraden zuschneidet, bei denen sie die Beine spreizen, die Augen verdrehen und mit Hurra abgehen können. Der Mann ist leider mit seiner Fruchtbarkeit die Kartoffel der deutschen Theater geworden, das tägliche Gericht der Armut. Ich spreche hier nur von seinen Schau- und Trauerspielen. Seine Lustspiele sind meist grob, einseitig und farciert, aber ich glaube, es ist nicht selten ein ganz geschickter dialektischer Geist in ihnen, und wenn auch die Komik darin wie sonst das Pathos von ihm übertrieben wird, so hat es hierbei weniger auf sich. Ein gewisses vehementes, forciertes Wesen liegt ja in der Komik der Berliner im Gegensatz zu der sanfteren, kindlicheren Spaßhaftigkeit der Wiener. Ihr Kern ist vielleicht jene altkluge Kritik, die den echten Berliner überhaupt charakterisiert. Und das harmoniert im Grunde mit dem Raupachschen altklugen, dialektisierenden Wesen, dem aller jugendliche unbefangene Genius, dem die Poesie abgeht. Raupach führt gewiß die Berliner Schauspieler immer weiter ab von einem einfachen und natürlichen Spiel. Seine Stücke wimmeln von den breiten, alltäglichen Schauspielredensarten, sogenannten Sentenzen und Abgängen. Sie enthalten so wenig Notwendigkeit in Verhältnissen und Folgen, daß sich die deklamierenden Schauspieler los und ledig aller Bande fühlen und ins Publikum hineinwirtschaften und lärmen. Hohl und äußerlich reiht Raupach Situationen aneinander, wie sie ihm am gelegensten in Raumers »Hohenstaufen« in die Hände fallen. Alle Verhältnisse und Begebenheiten seiner historischen Stücke könnten ebensogut ganz anders sein, es würde eben auch solch ein Hohenstaufe darin herumschreiten wie sein Barbarossa oder sein Friedrich II. Die Weiber sind alle überflüssig. Sie müssen nur immer mitspielen, damit Madame Crelinger eine Rolle bekommt. Ist es irgendwie möglich, so muß die Heldin auch wahnsinnig werden, denn Madame Crelinger spielt den Wahnsinn sehr gut, oder mit anderen Worten: jede Wahnsinnige auf der Bühne wird beklatscht. Eine solche Person, die aus allen Kreisen des Gewöhnlichen herausschreitet, entweicht somit auch dem Vorstellungsgange des Publikums, und was nicht aufgefaßt wird, gilt als außerordentlich. Es waltet eine so leere Äußerlichkeit, ein solcher Mangel innerlichen, tiefen Verarbeitens in Raupachs Dramen, es gleichen die Figuren so sehr den bloßen Puppen, daß mir immer vorgekommen ist, als halte Herr Raupach die Personen an Drahtfäden in der Hand und spreche alle Rollen mit wechselnder Stimme selbst. Es ist mir oft ganz unheimlich zumute geworden, wenn ich ihn auf dem Eckplatz der dritten Parkettbank sitzen sah mit seinem öden Gespenstergesichte. Hinter der schwarzen Hornbrille entdeckte man kaum die Augen. Die Schnupftabaksdose und den Stock hält er fortwährend vor sich, als leiteten sie alle Verbindungen unter dem Parkett hindurch von der Bühne in seine Hand. Er stopfte Tabak in die geräumige Nase, in jeder Szene drei- oder viermal, als probierte man da oben ein neu erfundenes Kartenspiel von ihm. Friedrich der Große hat bei einer langen, schweren Schlacht nicht so viel Spaniol gebraucht wie Raupach für einen Hohenstaufenabend, und der prosaische Alte Dessauer hat bei Abhaltung der Wachparade gewiß poetischer dreingesehen als Raupach bei Vorführung seiner dramatischen Erzeugnisse. Wenn man es aber den Stücken nicht anmerkte, verriete es Raupach selber, daß er das sogenannte Dichten gleichsam als Geschäft betreibe. Gelegentlich wird er uns mit einer Aufstellung beschenken, wieviel Personen, wieviel Land und wieviel Leidenschaftsquantitäten nötig seien, um ein Stück mit soundsoviel Akten und Abgängen zusammenzusetzen. Wir haben es aber hier nur mit der Wirkung dieses Schriftstellers auf die Schauspieler zu tun, sein größeres oder geringeres sonstiges Verdienst kann also nur auf diese Weise angedeutet werden. Und sein Einfluß auf die Berliner Schauspieler, für die er ungefähr alle acht Tage ein neues Stück schreibt, ist außerordentlich nachteilig. Meist neigt man ohnehin hier zu der pathetischen, deklamierenden Richtung, nun kommen die Raupachschen Stücke mit den Phrasen, die in die Luft gesprochen werden, mit Interessen, die sich nur an das Parterre wenden, ohne Bezug auf die innere Konstruktion des Stückes. Es kommen diese Dramen, die nur durch den stolzen, herausfordernden Klang großer Worte eine Wesenheit gewinnen wollen, mit ihrem rauschgoldenen Flitterkram – wie könnten sie auf Schauspieler einwirken, die ohnedies in der bloßen Erscheinung des Wortes und der Gestalt das Eigentümliche der Schauspielkunst suchen? Es wäre töricht, der Intendanz des Theaters alle Inkonvenienzen aufzubürden, die zum Teil historisch bedingt sind. Von Berlin ist hier zufällig die Rede, der größte Teil aller übrigen deutschen Schauspiele ist mitgemeint. Der Mittelpunkt des Berliner Lustspiels ist Fräulein von Hagn. Sie ist voll modernen Reizes, voll Grazie und pikantem Zauber. Hätte Herr Crüsemann ein besseres Organ und die Bühne einen sogenannten Liebhaber, wie sie an Crüsemann einen gewandten Bonvivant besitzt, so könnte sich hier ein sehr munteres, graziöses Lustspiel entwickeln. Herr Rott und Herr Lemm spielen sehr charakteristisch, die meisten übrigen Schauspieler vergessen ihren tragischen Deklamierschlendrian, der Humor Rüthlings und Schneiders erfreut oft sehr angenehm, wenn sich diese Herren dem allgemeinen Fehler des Übertreibens und Starkauftragens nicht hingeben. Hier erscheint Madame Crelinger vollkommen würdig ihres ausgezeichneten Rufes. Diese Dame ist der glänzendste Ausdruck der Deklamierschule des Effektspiels, und es ist wohl erklärlich, wie sie mit ihren wunderbar schönen Mitteln berauschen kann, sobald ihre hochgesprochenen Worte wirklich hohe Worte, hohe, ideale Poesie sind. Sie folgt der französischen Manier, wie man sie in Paris von einer Phädra oder Athalie erwartet. Es geht ihr nur für diese rhythmisch auf- und absteigende Form die geniale Abwechslung und Überraschung der besten Franzosen ab. Sie ist aber zu sehr eine Deutsche, als daß sie das extravagant Unnatürliche dieser Richtung angenommen hätte. Die Gräfin Orsina in Lessings »Emilia Galotti« ist eine ihrer berühmtesten Rollen. Sie nötigte aber die klare, besonnene Prosa Lessings, der vielleicht nichts als musikalischer Fall zur vollkommenen Schönheit fehlt, zu wogendem Rhythmus und gab die Orsina mit dem prunkenden Tone und zurückgeworfenen Nacken einer Medea. Nur wo diese Manier der reichbegabten Frau nicht beikommen kann, nur im Lustspiele entwickelt sich alle ihre Anmut und siegreiche Schönheit. Es wäre nun noch eine, vielleicht die wichtigste Dame des Berliner Schauspiels zu erwähnen, Frau Wolf. Ich habe sie leider nicht spielen sehen und weiß nicht, ob sie krank, tot oder vergessen war. Als sie in Wien auftrat, bewies sie in allen Stücken, daß sie eine vollkommene Meisterin jener einfachen und prunklosen Darstellung sei, die an der Burg herrscht und deren wichtigster Repräsentant heute Herr Seydelmann ist. Seydelmann deklamiert nicht, rezitiert nicht – er spricht. Er bringt das Wort selbst und den einfachen Gedanken wieder zu Ehren. Das Atomistische, Unklare und Durcheinandergeworfene im Vortrag unserer meisten Schauspieler faßt er zusammen. Er ordnet seine Sätze, seine Worte treten einfach, aber gebietend auf und erzwingen Aufmerksamkeit. Seydelmanns Rolle mag noch so unbedeutend sein, man sieht in ihm immer den Mittelpunkt des Stückes, weil er jedes geistige Element in seinen Worten zu versammeln weiß. Er hat das Wort, den Gedanken und die Darstellung einer abgeschlossenen künstlerischen Figur auf der Bühne emanzipiert. Nur Wolf macht ihm scheinbar das Prioritätsrecht streitig. Aber nur scheinbar. Wolfs Wesenheit war ebenfalls Wort und Gedanke, aber in anderer Richtung, zu einem anderen Zwecke. Er gehörte eben auch zur rhetorischen Richtung unserer Schauspieler, und sie war nur in ihm zur größten Freiheit und Grazie ausgebildet. Er hatte die widerstrebenden Elemente seiner Persönlichkeit gezwungen, aber eben nur in die eine Richtung des Schönsprechens gezwungen. Nicht diese zunächst liegende Schönheit des Wortes macht Seydelmanns Wesen aus. Er erstrebt nicht dieses näherliegende Ziel, sondern die Schönheit des Ganzen. Er will die fertige, abgerundete Kunstfigur einer dramatischen Person darstellen. Darum ist er im einzelnen mehr charakteristisch als schön, darum ist er bei aller scheinbaren Prosa, die für einen Unkundigen in diesem Mangel an Bemühung festzustellen wäre, viel poetischer als alle Schönredner. Am deutlichsten entfaltet sich Seydelmanns Können in der Rolle des Carlos in Goethes »Clavigo«. Es ist sehr bezeichnend, daß Seydelmann diese Rolle gewöhnlich als erste seiner Gastspiele wählt. Sie entwickelt in ihrer Kleinheit, in ihren engen Grenzen alle Kräfte, die ihm zu Gebote stehen. Carlos, ein routinierter Hofmann, ist fein gekleidet, und es ist ihm doch alles bequem. Er ist zu Hause in den vornehmen Kleidern, nirgends fühlt man etwas Geckenhaftes. Seine Rede ist leicht hingeworfen, aber auch in halben Tönen äußert sich Schärfe. Das klare Scheiden der kleinen Worte und Begriffe, das Ordnen der unbedeutenden Dinge zu einer ganzen großen Vorstellung charakterisieren Carlos wie Seydelmann. Jeder fühlte die ungewöhnliche Erscheinung eines ganzen echten Menschen da oben hinter den Lampen, die Manifestation eines starken menschlichen Geistes. Ich habe es gesehen und gehört, daß ein Publikum nach acht Worten in allgemeinen rauschenden Beifall ausbrach. Und dieses Publikum sah Seydelmann zum ersten Male. Es wäre zu wünschen, daß man sich der häufigen Vergleichung Seydelmanns mit Devrient ganz enthielte. Was dem einen fehlt, besitzt der andere. Devrient war der Held aller Leidenschaft, er riß mit Titanenkraft alles Geniale, Ungewöhnliche und Übermenschliche erschreckend vor unsere Augen, mitten unter uns hinein. Seydelmann besitzt nichts von diesen außerordentlichen genialen Kräften. Was ihm aber an Glanz und Schimmer abgeht, ersetzt er durch künstlerisches Maß und die Vollendung seiner Gestaltung; wenn man ein übertreibendes Gleichnis gebrauchen will, so verhält er sich zu Devrient wie Goethe zu Shakespeare. Wenn man aber diese an sich unstatthafte Vergleichsweise benutzen will, um seine theatralische Erscheinung zu charakterisieren, so könnte man sie vielleicht am besten neben die literarische Leistung Lessings stellen. Die Bekämpfung des Schwulstes, der Übertreibung, das Streben nach Einfachheit, Klarheit und Schönheit in Worten und Gedanken findet sich hier wie dort. Und auch darin gleichen sie sich vielleicht, daß es fraglich ist, ob ihre Kräfte für die höchsten Höhen der Poesie ausreichen. Es ist zu vermuten, daß Seydelmanns Einfluß auf die Berliner Bühne ein sehr günstiger ist. Man darf allerdings nicht hoffen, daß er selbst für sie gewonnen werden könnte. Er ist lebenslänglich und auf das vorteilhafteste in Stuttgart engagiert, lebt dort in dem angemessensten und bedeutendsten Kreise und wird auch hier in seinem ganzen Umfang gewürdigt. Schon bei einem lockenden Wiener Engagement bewies man ihm in Stuttgart durch Wort und Tat, welchen Wert man ihm zumaß. Man kann das bedauern, da Berlin allerdings ein umfangreicheres Terrain für seine Wirksamkeit wäre und die kunstfreundliche Verwaltung hier gewiß keine Opfer scheuen würde, ihn zu gewinnen und seine Tätigkeit so einflußreich wie möglich zu machen.   Es war ein heißer Tag in Berlin, und der ist in Berlin doppelt heiß. Die großen, vornehmen Häuser der Friedrichstadt sehen dann öde und durstig aus wie die armen vornehmen Leute, die einsam in ihren Palästen sitzen müssen und niemand Ebenbürtigen haben, mit dem sie sich unterhalten könnten. Ich stieg langsam wie ein Wüstenreisender über die Schloßbrücke. Auf dem Zeughause, dem Palais und den Linden lag ein dicker Sonnennebel. Ich wagte gar nicht aufzublicken. Ein schildwachstehender Soldat, an dem ich vorbeischritt, hatte sich auf Gnade und Ungnade der Sonne ergeben, sein Gesicht flehte stillschwitzend um Pardon. Mein Weg ging nach einer hinteren Türe des Opernhauses durch dürren, trostlosen Bauschutt. Man baut in der Nähe einen neuen Palast; es kostet viel Ungemach, ehe ein Mensch und ein Haus groß und schön werden. – Es war nicht mehr weit bis zu jener kleinen Tür, die ich durchschreiten mußte, wollte ich in dem dunklen Hause eine Probe von Spontinis »Olympia« ansehen und anhören. Olympia soll nach der Ansicht Spontinis eine Tochter Alexanders gewesen sein. Irgend etwas erinnerte mich an die Anekdote, die erzählt, wie Alexander mit seinen Kriegern durch die Wüste gezogen sei und ihm ein Soldat einen Helm voll Wasser gebracht habe. Alexander aber habe den Helm mit Wasser umgestürzt, da er nichts vor seinen Kameraden voraushaben wollte. Ich fühlte es, daß ich kein Alexander sei, obwohl ich nur durch Berlin und nicht durch die ganze Wüste steuerte. Hätte mir ein Preuße einen Trunk geboten, ich hätte keine Umstände gemacht. Im Opernhaus war es kühl; es roch etwas nach ordinärem Lampenöl. Ich stolperte über einige Stangen, die später zu Alexanders Triumphzug nötig waren, ich hörte jenen prosaischen Spektakel, der nun einmal zu einer Opernprobe gehört. Alle Augenblicke beginnen nämlich mit großem Lärmen Musikstücke, man wird in irgendeine Illusion hineingezaubert und plötzlich klappert es – der Kapellmeister unterbricht den Schwung. Irgend etwas war falsch; einzelne Instrumente faseln noch ohne Zusammenhang weiter, und vom Orchester nach der Szene und umgekehrt beginnt ein didaktisches Hinundherreden. Ich gelangte an eine halbe Kompanie preußischen Linienmilitärs, die in leinenen Hosen und blauen Jacken mit rotem Kragen alte Veteranen Alexanders darstellten. Sie hatten eben eine Pause und redeten zur Abwechslung und Erholung statt des harten dorischen Dialektes den weichen berlinerischen. Über einige kleine Treppen, durch mehrere Türen drang ich endlich bis ins Parterre vor. Da es nicht erleuchtet war, konnte ich in der ersten Viertelstunde nichts unterscheiden. Aber ich hörte ein Kichern, Wispern, Lachen, leises Schwatzen und Flüstern, als ob das ganze Parterre bevölkert sei. Mitunter schien es mir auch, als wolle jemand leise um Hilfe rufen, aber es geschah doch eigentlich nicht, und so wurde dieses geheimnisvolle Geräusch immer mysteriöser. Aus diesem Tumulte unbestimmter Dinge flüchteten meine Augen nach der halb erleuchteten Bühne. Dort lag im Hintergrunde eine prachtvolle asiatische Stadt. Kleine Menschen in europäischen Nankinghosen und modernen Überröcken bewegten sich nach vorne, schrien ein wenig und warfen die Arme nach links und nach rechts. Einige Damen saßen an der Seite und speisten Eis. – »Kassander, Kassander, Monsieur Bader, kommen Sie her an diese Seit, und mag sie kommen, das Mensch, die junge Dame, von die andre Seit«, das waren die ersten Worte, die ich von Spontini hörte. Er hob den Taktstock und das Haus geriet in eine unglaubliche Leidenschaft. Alles bewegte sich, ein junges heißes Mädchen nach dem andern drängte sich an mir vorüber. Wie Schuppen fiel es mir allmählich von den Augen. Das Parterre war angefüllt von jungen Dämchen, die sich der edlen Tanzkunst befleißigten. Wenn das Orchester ein Ballettstück begann, schwirrten sie zum Teil wie ein Schwarm Frühlingsvögel hinauf zu Kassander. War der störende Lärm vorbei, kamen sie wieder herab. Gleichgestimmte Seelen, affektvolle Referendare, kampfbegierige Söhne des Mars empfingen sie mit asiatischen Zeremonien und unzweideutigen Komplimenten. Mir gingen die Augen auf wie Noah, als er zum ersten Male bemerkte, daß er den Wein erfunden habe. Neben mir saß eine blonde Dianenjungfrau mit einem Auge voll heißer Mondesstrahlen, ein blöder junger Mann, dem Anscheine nach ein beginnender Student, machte ihr mit zarten mythologischen Redensarten den Hof. Dianens Jungfrau lächelte spöttisch, als wolle sie sagen, die Mythologie genüge heutzutage nicht mehr. Vor mir saß eine volle Zilizierin von der Spandauer Straße. Links von ihr der alte Liebhaber, der vor acht Tagen neu gewesen war, rechts der neue. Aber da war nichts von Eifersucht zu sehen, wie denn eine solche bei klassischen Leuten nicht gefunden wird, die sich in das unvermeidliche Fatum fügen. Der alte Liebhaber richtete seine liebkosenden Worte so gut, daß meine Nachbarin, die Dianen-Jungfrau, darüber nicht im Zweifel blieb. Der eigentlich Betrogene war nur der romantische Student, der trotz seiner philologischen Studien die klassische Zeit Alexanders nicht begriff. Vielleicht hat Goethe jene Stellen im »Faust«, da das küssende Mädchen »mit Äugeln schon dem Nachbar sich verbindet«, in einer Opern- oder Ballettprobe geschrieben. Es ist hier nicht der Ort, jenes olympische Dunkel im Parterre des Opernhauses gänzlich zu enthüllen. Auch setzte sich der gefällige Rezensent der Staatszeitung neben mich und begann mir die Olympia zu erklären. Ich sah und hörte aber nur auf Spontini. Er dirigiert mit einem religiösen Eifer, der alles in Bewegung setzt. Man wirft ihm vor, daß er nur sich selbst aufführe. Aber Eitelkeit ist der notwendige Fehler aller großen Leute, namentlich derer, die die Welt mit Worten oder Tönen erobern wollen. Ein Künstler, der nicht eitel ist, gleicht einem Weibe, das nicht gefallen will. Beide sind langweilig. Die Eitelkeit hat ein Hauptverdienst um die Weltgeschichte. Spontinis Opern sind eine wichtige Merkwürdigkeit Berlins. Ja, sie sind ein kunsthistorisches Moment unserer Kultur. Es gibt nicht leicht so viel Glanz und Zusammenwirken mannigfacher Kunstäußerungen an einem anderen Orte wie an der Spontinischen Oper in Berlin. Nur spirituelle blasse Christen verstehen das Ballett nicht und schmähen seine Schönheit. Es ist eine glänzende Erinnerung an die verlorengegangenen Zeiten unserer schönen bloßen Körper. Nur rigoristische Dramatiker haben hie und da mit Recht die Ausdehnung der Bewegung auf Kosten des Wortes und der Musik zu tadeln. Ich verlebte zwei wunderliche Abende in der Oper, und der heftig dirigierende Italiener wird mir ewig unvergessen bleiben. Alles flog in Massen und Tönen an mir vorüber, das Opernhaus wimmelte von Köpfen. Wenn Madame Schröder-Devrient, Alexanders Weib, Arme und Stimme erhob, da klatschten und schrien die Leute. Aber die bedeutendsten Personen traten eigentlich vor dem Werk zurück und gingen in ihm unter. Über allem zerknitternden Flitter treiben rauscht und wogt eine lebendige Opernmusik. Die Tänzerinnen in ihren kurzen, aufgebauschten Röcken drehen sich und ihr stehendes Lächeln im Kreise umher. – Die große Oper ist sehr geschickt für die vornehme Welt erfunden. Sie ist nicht da, um bestimmte, gesonderte Eindrücke, den gesammelten Nachdruck einer Situation oder eines Charakters hervorzubringen, sie soll nichts sein als ein großer, bewegter Hintergrund, eine Anregung, sich eine beliebige phantastische Welt neben unserer begrenzten, abgezirkelten auszumalen. Die Fülle, der überraschende Glanz, der mannigfache Reiz flüchtet sich hierher und läßt die fleißigen, mit Geschäften und Plänen überlasteten Leute ausspannen. Man darf sich nicht wundern, daß geistreiche und bedeutende Leute öfter in der großen Oper als im Schauspiel zu finden sind, während die gelernt-dogmatischen oder nachsprechenden Kritiker ihr gerechtes Ärgernis an ihr nehmen. Was findet der Staatsmann, der Denker, der Dichter bequemer? Die bunte Farbenwelt einer wechselnden Oper oder das dürre Gerüst eines Dramas? Erst wenn ein Drama erfunden wäre, das den schönen Kern des Lebens gefällig darlegte und damit zu einem höheren Leben reizte, dürfte die große Welt gebeten werden, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Sonst aber lasset ihr den Glanz und die bunte Fernsicht der Oper und des Balletts. Sie sind die heitere Verspottung der Konvenienz, der engen Regel und Polizeiordnung. Man sieht, man hört, man träumt, man läßt seine Sinne spielen, vergißt, ist in Anspruch genommen und doch nicht müßig. Ich glaube, es ist der Augenblick gekommen, die Wirkungskreise der Oper und des Schauspiels genauer zu bestimmen. Der Oper haben wir alles Gewaltige, Große, Glänzende unserer Stücke zuzuweisen, dem Schauspiel alle feinen Abschattungen der Gedanken und der kleineren Verhältnisse zu erhalten, die in der Oper verlorengingen. Eine gesungene Raserei wirkt mehr als eine gesprochene, einer gesungenen Besonnenheit wird man das Abgeschmackte ansehen. Die Leidenschaft, das Gewaltigste, das ein Mensch erleben kann, wirkt übertrieben, wenn sie uns bloß in Worten vorgestellt wird. Sie findet ihre Schönheit in der begleitenden Musik. Denn die ist von Haus aus der Form und dem Gesetze so stark unterworfen, daß sie nirgends ungeregelt erscheinen kann. Ihr Wesen bewahrt sie jederzeit vor der Plattheit und dem Rohen. Die Deklamation findet ein tönendes, blühendes Grab in der Oper, das Heldentum der Affekte seinen schönen Kulminationspunkt in der hinzutretenden Hilfsmacht der Musik. Vielleicht werden unsere guten Dichter künftig Operngedichte – nicht -texte – schreiben. Es wird zu einer Reform wie in der Kriegskunst kommen, seit man das Schießgewehr erfand. Das ist eine Perspektive, die unsere Theaterkritik völlig unbeachtet gelassen hat. Wer neue Erscheinungen nach alten Gründen beurteilt, hat immer unrecht. Er taxiert die Reize eines jungen Mädchens nach seinen alten stumpfen Sinnen. Wer unsere Theaterverhältnisse durch die Rückführung in die Vergangenheit heilen will, verfällt in denselben Fehler. Jeder kommende Tag ist neu, keiner ist je so gewesen, wie er ist. Jede große Umwandlung in den Ansichten und in den Tätigkeiten der Welt bedroht die bestehende Bildung insofern, als es zeitweise so aussieht, als könne die erworbene Zivilisation plötzlich verlorengehen. Ich halte diese Furcht für unnötig. Ich glaube, die Kultur geht nie verloren. Sie ist der göttliche Gedanke der Welt, der ständig fortschreiten muß, um sich zu erfüllen. Nur aus völligem Mißverstehen können die alten fallenden Männer einer Kultur die junge Generation der Barbarei anklagen, wenn sie ihre Fußstapfen verläßt. Es geschieht dies niemals aus Mutwillen oder Zeitvertreib; im Gegenteil, Nacheiferung und Pietät für die Größen der Nation sind der Jugend natürlich. Die ewige Jugend, die in allen wichtigen Krisen der Kulturgeschichte neue Wege und neue Manifestationen des menschlichen Geistes sucht, sollte gepriesen werden. Sie stürzt sich immer in einen Kampf, der unter Umständen ein ganzes Leben geringgeschätzt und verfolgt machen kann. Aber es wird wohl noch lange so gehen, daß man die Erneuerung des Zeitgeistes für den Modetand einer müßigen Jugend hält. Statt zu denken, schmäht man, wenn wir darauf hinweisen, daß auch das Theater altmodisch geblieben sei. Man schiebt es auf die Schauspieler und auf sonstige Zufälligkeiten, wenn das Theater der Generation, die uns voranging, heute nicht mehr gefällt. Wenn wir uns änderten, müssen wir da nicht auch unser Theater ändern? Wenn sich aber unsere Dichtung nicht beugt und zu einer angemessenen dramatischen Form durchkämpft, vielleicht auch, wenn unsere Schauspieler nicht natürlicher und wahrer werden, so weiß ich nicht, was das Schauspiel von dem völligen Untergange, von dem gänzlichen Siege der Oper retten soll. Potsdam Die Leute haben sich die wegwerfende Meinung von Potsdam angewöhnt, es sei nur das Komma, das sich an das Wort Berlin angehängt habe. Ich bin immer ganz anderer Meinung gewesen und habe nie begriffen, warum nicht Potsdam zur Hauptstadt Preußens wurde. Es liegt an einem See und an der bedeutenden, direkt in die Elbe mündenden Havel und hat eine viel hübschere Umgebung als Berlin. Außerdem liegt es vier kleine Postmeilen näher am alten Deutschen Reiche. Man vergleicht es gewöhnlich mit Versailles, wozu der französische Stil der Schlösser und Anlagen berechtigt, aber als Position hat Potsdam eine viel größere Bedeutung als Versailles. Versailles ist bloß ein Audienzsaal, Potsdam könnte eine Handelsstadt sein. Die Kaufleute hier sagen: »Wenn die Eisenbahn fertig wird, so wird Potsdam der Hafen von Berlin.« Ich verschweige indessen nicht, daß erfahrene Leute die anspruchslose Spree der Havel vorziehen. Sie hat ein stets zuverlässiges und befahrbares Wasser, während die Havel mehr von den Malern verehrt wird. Malerei und Schifffahrt harmonieren aber doch selten in ihren Ansprüchen. Ich war immer nur mit der Post durchgefahren und kannte nur einen Ausschnitt des Tales. Jetzt wollte ich in Potsdam einen ganzen Tag verbringen. Es ging rasch über die Berliner Gebirge – westlich von Berlin steigt aus gutem Streusande der Kreuzberg auf, der die Eisenpyramide der Befreiungsschlachten trägt. Seine Verlängerungen beunruhigen das Dorf Schöneberg mit kleinen Hügeln. Jeder Postillon klagt darüber. Schöneberg mit seinem Wappen im Namen ist eine Sehenswürdigkeit weit und breit. Nur ganz unaufmerksame Reisende übersehen die Berge hier völlig. Die Gegend bis an den Wald von Potsdam ist ziemlich ausdruckslos. Erst hier beginnt ein wirklich hügeliges Land mit Wäldern und dunklen Seen, öffnet sich die Höhe hinunter nach Potsdam, so fährt man überrascht in eine andere Welt. Man sieht einen See und über ihm eine prächtige Brücke. Ringsumher Berghänge mit Lustschlössern, Türmen und Palästen lieblich verstreut – die Welt Friedrichs des Großen. Friedrich war bekanntlich in Berlin immer nur zu Besuche, er wohnte in Potsdam. Diese Stadt ist eine Schöpfung Friedrich Wilhelms I. und seines Sohnes. Friedrich hat ganze Straßen erbauen lassen und die Häuser dann verteilt. Nichts ist in Potsdam so teuer als der Mensch. Denn eigentlich voll ist es immer noch nicht. Anfänglich mußte man hier das überflutende Binnenwasser überwinden, das die Gegend in Sumpf und Bruch verdünnte. Jetzt wuchert hier eine um so reichere Baum- und Grasvegetation. Wir fuhren nach dem Neuen Schlosse hinaus, das jenseits von Sanssouci hinter einem weiten grünen Parke liegt. Friedrich der Große erbaute es nach dem Siebenjährigen Kriege, um der Welt zu zeigen, daß er noch stark bei Kasse sei. Es sieht wirklich brillant aus. Drei Damen, die rücksichtslos aller Welt das hintere Profil zeigen, tragen auf dem Gipfel des Schlosses die Krone. Hier auf dem Gipfel des neuen Palais soll er zu Trägern seiner Krone Maria Theresia, Katharina und die Pompadour erwählt haben. Die artigere Deutung von heute sagt natürlich, es seien die drei Grazien. Mein Interesse richtete sich nur auf die Zimmer des alten Friedrich. Sie liegen in einer Ecke des Schlosses auf ebener Erde. Eine gläserne Tür trennte den König von jedem, der hier spazierenging. Ein paar Schritte nur von den Fenstern des Königs entfernt schwanken die grünen Sträucher und Äste des Parkes. Ich muß gestehen, daß ich bei diesem unangemeldeten Besuche den Alten Fritz ganz anders gefunden habe, als ich ihn mir vorstellte. Man trägt vielerlei kindische Antipathien durchs Leben, deren äußere Narbe wohl durch die Einsicht geschlossen wird, deren eigentliche Wunde Belehrungen aber nicht heilen können. So ist es mir immer mit Karl dem Großen und lange Zeit auch mit Friedrich gegangen. Karl der Große behält stets etwas unbesiegbar Philisterhaftes für mich. Er gleicht einem stark gewachsenen Hausvater, der in seiner Familie eine kurze Jacke trägt, den Tag über tüchtig wirtschaftet und am Abend beim Kaminfeuer noch etwas Belehrendes aus der Postille vorlesen läßt. Die Töchter und Dienstboten müssen dabei Rüben rein machen für das nächste Mittagessen. Meister Karl schilt sie immer, wenn sie sich etwas zuflüstern und nicht recht aufpassen. Ehe sie schlafen gehen, examiniert er sie, dann zieht er sich eine Zipfelmütze über die Ohren, richtet die Schwarzwälder Uhr und stellt den Wecker. Unbeweglich schläft er auf dem Rücken ausgestreckt, bis morgens um halb vier der Wecker lärmt. Anders freilich, interessanter, aber sehr unbehaglich, dachte ich mir die Existenz des Alten Fritz. Der Spaniol, mit dem er aus der Tasche schnupfte, das strenge Gesicht, die kurze, schneidende Abfertigung, das immerwährende Beschäftigtsein, an allen Ecken dürre Windhunde, das einsame Junggesellenleben, seine französischen Bücher und der Krückstock, alles zusammen machte mir den Eindruck einer gewissen Unbehaglichkeit. Die Kindereindrücke meiner schlesischen Heimat, wo er die meisten Verehrer hat, wie der Überwältiger von dem Mädchen am stärksten geliebt wird, mochten wohl das Ihre dazu beitragen. Wo man hinsah, hing ein Bild des alten Herrn. Ein Prediger meiner Vaterstadt, Buquoi, hatte vier magere Bände über den Siebenjährigen Krieg geschrieben, die mußte ich immer wieder lesen, weshalb ich diesen Krieg, so gut ich konnte, verwünschte. Als mir der Großvater erzählte, daß ihn der Alte Fritz bei Glogau einmal fast umgeritten, und ich Prügel bekam, weil ich nicht verstehen wollte, welch liebe Erinnerung das für meinen Großvater bedeutete, nistete sich das Vorurteil erst recht fest ein. Später, beim genaueren Kennenlernen dieses Geistes, bekam ich wohl Respekt, aber mehr nicht. Nach weiterer Zeit bewunderte ich die schöpferische Kraft dieses Mannes. Aber die größte Überraschung bedeutete es jetzt für mich, die beiden Wohnzimmer des Königs behaglich eingerichtet zu finden. Das hatte ich durchaus nicht erwartet. Alle Überlieferung sprach von seinen zynischen Gewohnheiten. Ich glaubte höchstens, den geputzten französischen Repräsentativstil zu finden, wo man sich nicht anlehnen darf und die Gemächer wichtiger erscheinen als die Bewohner. Nichts davon! Das Wohnzimmer des Königs im Neuen Schlosse ist ein kleines, lauschiges Kabinett. Handlich vom Sitze aus erreichbar, eine kleine Handbibliothek. Ein großer zerwühlter Sessel für die Windspiele steht neben dem Kamine. Eine Büste Ciceros winkt über der Tür. Der Schatten des Gebüsches spielt im Zimmer umher. Es sieht sehr behaglich deutsch aus. In einem kleinen Nebenzimmer steht der Schrank, der sonst die unscheinbare Garderobe des großen Königs enthielt. Kein bescheidener Referendar unserer Tage, der einige Familienbekanntschaften hat, brächte seine Equipage darin unter. In einem kleinen Bezirke drängen sich die Appartements: ein Schlaf-, Musik-, Audienz- und Wohnzimmer. Von dem großen Schlosse benützte der Herr für sich nur einen kleinen Winkel. Ein kleines Theater im Schlosse mutete mich eigentümlich an. Oft sah nämlich der Alte Fritz allein hier einer Komödie zu, höchstens einige Offiziere wurden zugelassen. Napoleon ist zweimal in diesem Schlosse gewesen. Das zweitemal durchschritt er es ganz allein. Als Vandamme manches an Kostbarkeiten und Raritäten zur Bereicherung von Paris hier wegnahm, befahl der Kaiser, alle Gegenstände sofort zurückzusenden. Auch die französischen Offiziere bewiesen ein großes Interesse für den alten König. Der kleine Arbeitstisch des Königs ist mit einem graugelben Samtstoff überzogen. Darauf ein großer Tintenfleck, und von diesem Zeugnis einer Unachtsamkeit haben sich Franzosen Stücke ausgeschnitten und sie als Beute mitgenommen. Einen kleinen Kanonenschuß abwärts, nach der Stadt zu, liegt auf dem Parkhügel Sanssouci. Ich sage nichts von der bekannten Windmühle bei Sanssouci. Sie existiert wirklich und bewegt sich noch, wenn der Wind geht. Auch Sanssouci hatte ich mir anders vorgestellt: versteckt, bescheiden und unscheinbar. Es ist aber nur bescheiden inmitten des größten Reichtums. Der schönste Punkt Nordostdeutschlands mit Ausnahme Dresdens, den ich bis jetzt gesehen. Terrassen heben sich vom Parke zu einem hohen Hügel hinauf, auf dem ein Sommerhaus, ein großer, einstöckiger Pavillon mit Glastüren, ruhte. Hier konnte die Wache jederzeit hineinblicken um zu sehen, wie man ein Weltreich regierte. Und doch, es hat niemand recht aufgepaßt, niemand hat es dem alten König abgesehen und nachgemacht. Von den Fenstern der obersten Terrasse hinab über Wald, Wiese und Wasser bis an die im Mittag abschließenden Brauhausberge genießt man das geschlossene Bild einer vollen Landschaft. Vorne unter den Terrassen, wo hinter dem Treibhausfenster die Weine Siziliens reifen, lachen grüne Plätze und weiße Statuen des Parks, links treten neugierig die Türme Potsdams hervor, und frischer Wald und dunkler Wasserspiegel locken das Auge weiter und weiter. Und wie wohnlich hat sich der alte Herr hier eingerichtet. Er hatte ein großes Zimmer mit einfachen, aber bequemen Möbeln. Über dem Polstersofa hing das einzige Bild, ein lebensgroßer Gustav Adolf. Zwischen zwei Säulen hindurch, die ein Vorhang verbindet, sieht man in einen breiten Alkoven. Dort stand sein Bett, in dem er nur fünf Stunden ruhte. Am Kamin stand der Lehnsessel, in dem er krank saß und zum letzten Male auf das Tal hinunterblickte. Eine zierliche Uhr steht noch heute in seinem Zimmer, die bei seinem letzten Hauche stehenblieb und nicht mehr aufgezogen wurde. Starke Menschen sterben nicht gerne im Bette. Friedrich verschied auch halb aufrecht, noch als zusammengeschrumpfte Leiche ein herrschender und gebieterischer Anblick. Er soll seinem Kammerdiener befohlen haben, die entkleidete Leiche niemand sehen zu lassen. Nur ein einziger Mensch, dem der Kammerdiener nicht wehren durfte, habe das Leichentuch auf einen Augenblick gelüftet. Wenn man mit dem Rücken nach der Aussicht von Sanssouci steht, so ist des Königs Wohnung auf dem rechten Flügel des Hauses. Das Eckzimmer des linken Flügels gehörte Voltaire. In der Täfelung dieses Raumes hat der König allen seinen Schalkslaunen die Zügel gelassen: grüne Papageien öffnen ihre geschwätzigen Schnäbel, Eichhörnchen knabbern naschhaft umher. Der magere Affe selbst hüpft lüstern und beweglich bald hier und bald da. Zum Erstaunen ist es übrigens, wie nah aneinander die berühmten Männer hier in Sanssouci wohnten. Das luftige Sommerschloß ist etwa zwölf Fenster und einige Glastüren breit. Wenn einer aus seinem Zimmer heraustrat auf die Terrasse, so sah er den anderen und wurde sicherlich auch gesehen. Es gehörte zu einem solchen Miteinanderleben die ganze Ausrüstung der französischen Kultur, die das kleine Esprit-Uhrwerk den ganzen Tag über aufgezogen hält, jeden Augenblick die Tasche voll kleiner Gedankenmünze hat und die deutsche und englische zurückgezogene und ruhende Sinnigkeit nicht braucht. Solche Existenz gehört auch durchwegs in diese à jour gefaßten Schlösser, die jedenfalls nur für einen König oder einen großen Herrn taugen, der Wachen aufstellen und sich vor Zudringlichkeit schützen kann. Aber auch unter diesem Schütze fehlt es an poetischer Verborgenheit. Die Wachen sind ja doch auch lebende Wesen, und die besten und tiefsten Einfälle und Stunden kommen den Menschen nur, wenn sonst niemand kommen kann. Nicht einmal ein Blick, auch nicht die Möglichkeit eines Blickes. Das Innerlichste ist schamhaft und tritt nur im Dunkeln aus dem Dunkel. So das Herz und so auch das Herz des Geistes. Denn der Geist, der in Deutschland Geist genannt werden will, muß auch ein Herz haben. Ungedeihlicher Norden. Wenn man aus dem Tale hinaus wieder den Weg nach Berlin fährt, erstaunt man von neuem über den preußischen Gedanken. Dieser Staat ist ein unverfälschter Triumph des energischen Willens, mitten aus der Öde heraus ein starkes Reich zu schaffen. Es ist wohl erklärlich, daß der Südländer, den eine üppige, schaffende Natur umgibt, der diese Natur das zeugen und darbieten sieht, was er selbst zu erwerben unterläßt, daß der Südländer Friedrichs Armee die Wachtparade von Potsdam nennen konnte, daß ihm der Glaube fehlte, aus dieser Unergiebigkeit werde eine starke Macht hervorwachsen. Aber die Not hat noch immer erfinderischer und unternehmender gemacht als der Reichtum. Kühne Eroberungen sind stets von dürftigen Ländern ausgegangen. Stettin Der Kondukteur war ein dicker, leidenschaftsloser Mann, der ein wenig schwer hörte. Ich saß dicht neben ihm, und die vorfallenden Rippenstöße wurden keines Wortes gewürdigt. Solch eine abgehärtete Reisegleichgültigkeit, ich möchte sagen, diese Objektivität der Post, ist Leuten sogar sehr angenehm, die viel gereist sind. Jedenfalls angenehmer als die Süßlichkeit einer sorglichen Teilnahme, deren Ursprung selten anderswo als in ausgewaschener Manier oder in der Hoffnung auf ein Trinkgeld zu suchen ist. Die meisten Damen denken darüber anders. Sie wünschen Sympathie quand même , um jeden Preis. Es war Abend und dunkelte schon, als wir aus Berlin herauskamen. Ein witzloser Spaßvogel, der mit uns im Kabriolett saß, fragte den Kondukteur, ob wir auch in Pommern sicher wären. Da er den schlechten Spaß wegen der Harthörigkeit des Empfängers wiederholen mußte, so wurde er noch schlechter. Denn Scherz und Witz sind wie weiße Wäsche, sie können nur einmal auftreten. Der Kondukteur hob bloß die Hand und sagte: »Oh, man kann den Pommern eher alles andere zutrauen als Spitzbüberei, dafür sind sie zu einfach.« Wir waren auch noch lange nicht in Pommern und hatten gar keine Aussicht, noch in der Nacht hinzukommen. Der Kondukteur nahm aber hiervon Gelegenheit, das Wort zu ergreifen und ein für allemal zu sprechen. Früher nämlich habe er den Kurs von Koblenz nach Gießen gemacht, und da habe wohl so etwas passieren können, da sei der Kondukteur seines Lebens nicht sicher gewesen. Es muß vorausgeschickt werden, daß er »Kondukteur«, »man« und »ich« für Synonyme hielt. Er hatte sich streng in den absoluten Begriff eines Kondukteurs hineingereist. Was also irgendeinem Kondukteur in der Welt begegnet war, erzählte er in der ersten Person. Also: »Ich hatte viel Geld auf der Post und fuhr wie heute in die Nacht hinein. Meine guten Talglichter brannten in der Laterne, als wir an einem Waldrande hinfuhren. Ich dämmerte so, wie man zu sagen pflegt, mit halb geschlossenen Augen. Da ging es ›Rack-Rack-Rack‹, die Lampe klirrte und war aus, ich bekam einen Schlag in die Schulter, der Wagen stand still und der Postillon war vom Pferde. Einer der drei Schüsse hatte das linke Vorderpferd niedergeworfen, der zweite war in die Laterne gefahren, der dritte hier in das Polster neben mir, aber das Polster hatte seine Schuldigkeit getan und den Schuß vortrefflich gedämpft. Der Schuft von Postillon war gleich ausgerissen, und die Herren Passagiere waren ihm nachgefolgt. Sonst muß man zehn Tritte und Türen aufmachen, ehe sie herauskriechen, diesmal waren sie wie ein Donnerwetter alle zum Teufel. Die Kanaillen von Spitzbuben fielen gleich über mich her. Laut Instruktion wehrte ich mich bis zum letzten Atemzuge. Als sie mich halbtot geschlagen, krumm gebunden und geknebelt hatten, steckten mir meine dreiunddreißig Poststücke noch in der Kehle. Sterben ist eine Kleinigkeit, aber sein Eigentum ausräumen zu hören, eins, zwei bis dreiunddreißig, das ist für einen rechtschaffenen Kondukteur – nun, die Kanaillen räumten alles fort, ich blieb wie ein zusammengeschnürtes Felleisen am Wege liegen, und die bitterlich kalte Nacht zerfror mir das bißchen Besinnung.   Ich habe den Morgen nicht mehr erlebt, als meine Passagiere mit Gendarmen kamen und die Bescherung fanden.« »Was«, rief mein Nachbar, »Sie sind schon einmal tot gewesen?« »Wie?« sagte der harthörige Erzähler, der sich ungern gestört sah. »Sie sind gestorben?« »Ja, maustot war der Kondukteur. Aber nun sehen Sie diese rechtschaffene Watte an, die hat die Spitzbuben verraten. Hier war der Pfropfen von dem niederträchtigen Schusse steckengeblieben, der dem Kondukteur gegolten hatte. Den wickelte ein Gerichtsschreiber heraus, und es fand sich, daß es ein Schreibblatt aus einer Kinderschule war, das der Schulmeister mit roter Tinte korrigiert hatte. Man untersuchte im ganzen Kreise die Handschriften, und der Schuft von Schulmeister wurde in der Nacht aus dem Bette geholt. Er gestand seine fünf Helfershelfer ein, baumstarke Bauern, die gute Kugelflinten hatten. Sie hatten die dreiunddreißig Poststücke vergraben, und das Postamt hat alle dreiunddreißig wiedergekriegt. Die Kanaillen hängen im Nassauischen. Da sieht man, daß kein Schurke die königliche Post unrespektabel traktieren darf. Ich aber hatte freilich das Meinige weg, aber ich war auf dem Schlachtfelde geblieben, und meine Familie bezieht eine Pension.« Hiermit war seine Pfeife aus, er rückte in seine Ecke, zog den Mantel über das Kinn und sprach nicht wieder. Zu meinem Erstaunen fuhren wir einen tiefen Berg hinunter – sind wir irr gefahren? Wie kommt ein Berg in die Mark Brandenburg? Wir kamen nach Eberswalde, das da grenzt an die Märkische Schweiz, deren Berner Oberland Freienwalde samt Umgebung ist. Die Schweiz ist in neuerer Zeit ein Luxusartikel geworden, der wie Brüsseler Spitzen und eau de Cologne nachgemacht wird. Merkwürdigerweise ziehen sich wirklich bis an die pommersche Küste Hügel und Höhen in Mengen hinab, die freilich etwas dürftig und armselig wie unnütze Grillen der letzten Erdüberschwemmung aussehen, aber doch Hügel sind. Man kommt gegen Mitternacht auf fünf Minuten in Neustadt an, also im ersten träumerischen Postwagenschlafe. In der Passagierstube wird einem Kaffee, sage Kaffee, präsentiert. Verschiedene Generationen von Postreisenden wundern sich seit Jahren über das ungewöhnliche Phänomen und stellen Forschungen darüber an. Jeder nach Pommern Reisende hat eine eigene Hypothese darüber, so wie sonst jeder, der nach Afrika kommt, eine Vermutung über den Ausfluß des Nigers seiner Mitwelt zur Verfügung stellt. Für auswärtig Beflissene diene noch die Notiz, daß dieser Kaffee einen ungewöhnlich fremdartigen Geschmack hat. Das will sagen, er kann sehr gut schmecken. Nur ganz anders als guter Kaffee. Eine heiratsfähige Dame – mit Respekt zu sagen, aus Hinterpommern –, die in ihre Heimat reiste, tat einen lauten Schrei, als sie den ersten Schluck dieses Kaffees genommen. Und man ist doch in Hinterpommern sonst nicht verwöhnt. Kaffee macht munter, und von diesem Axiom ausgehend, kam unsere Gesellschaft zur Ansicht, man werde in Neustadt um Mitternacht damit bewirtet, damit man nicht die Nähe der Märkischen Schweiz verschlafe. Mondschein, Erlengebüsch, hügelauf, hügelab, frische Luft – so weit gehen meine Erinnerungen an diese Landschaft. Trotz des Neustädter Kaffees schlief ich ein und erwachte erst wieder auf der nächsten Station. Es hat einen eigentümlichen Reiz, nachts beim Mondschein in einer schlafenden schwarzen Stadt aufzuwachen, deren Existenz und Namen uns unbekannt sind. Die Welt bedünkt einen so reich, so unauslernbar an stillen Plätzen, wo Menschen nebeneinander sich freuen, intrigieren, leiden und lieben. Ich fragte den ausspannenden Leinwandkittel: »Angermünde«, beschied er mich. Es kann in Angermünde außerordentlich schön sein. Das schönste Mädchen der Welt kann dort leben und schlafen. Der polternde Postwagen stört ihren süßen Traum, in dem sie dem Sultan – er ist untertags Registrator oder Kanzlist am Stadtgerichte und hat sein Auskommen –, also in dem sie dem Sultan mit dem Pfauenwedel sanft über das Gesicht streicht. Sie lächelt Glück und Liebe und fährt eben mit dem weißen Arme nach dem Schlafhäubchen, erschreckt von unserem Gerassel. Dämmern, einschlafen, träumen, halb Poesie, halb Wirklichkeit, halb Glück, halb Nichts ... »Fünfzehn Minuten, meine Herren!« – Ich hatte wieder geschlafen, der Wagen hielt bei grauer Morgendämmerung in Schwedt. Ich setzte mich neben die Dame aus Hinterpommern, die laut zugeflüsterter Nachrichten hartnäckig geschwiegen hatte, seit die Äußerung gefallen war, »mit Respekt zu sagen, aus Hinterpommern«. Ich präsentierte ohne Unterlaß Zwieback. »Gnädiges Fräulein, Sie befehlen?« Sprach von gemischter Gesellschaft und löste ihren Zorn so weit, daß sie etwas von Vorurteilen fallen ließ. Bei Schwedt erreicht man die Oder, läßt sie aber auf dem ganzen Wege nach Stettin rechts liegen. Der Charakter ihrer Ufer ist gegen Schlesien wenig gesteigert, nur ein wenig verändert. Es bleibt ein armer Taglöhnerfluß, der es nie zu einer glänzenden Umgebung bringt. Statt des Weiden- und Waldufers, das er in seinem Oberlauf sieht, hat er hier in der nördlichen Mark und in Pommern einen mit Schilfgras bewachsenen Strand, der eigentlich gar kein Ufer, sondern nur eine Begrenzung ist. Er gleicht in diesem Mangel an scharfgeschnittener Abgrenzung den traurigen Binnenseen der Mark. Die Post fliegt am Markgrafenplatze von Schwedt vorüber und durch eine breite Lindenallee dahin. Das könnte hier recht hübsch sein, wenn nett gekleidete Menschen darunter spazierengingen. Neben einem verlassenen Fürstenschlosse aber hat das Ganze ein ödhistorisches Ansehen. Als die vielen hundert kleinen Souveränitäten noch bestanden, da müssen diese Ländchen allerdings viel interessanter gewesen sein. Wo man jetzt auf solche Nester stößt, haben sie etwas von alten Bibliotheken, in denen Chronisten stehen. Ewig jung und blühend ist nur der Tabak. Dieses moderne Gewächs gedeiht hier bei Schwedt in fetter grüner Üppigkeit, durch eine stolze Allee führt der Weg nach dem klassischen Orte des Tabaks Vierraden, berühmt durch seine Blätter wie Arabien durch seinen Weihrauch; nur riechen die Vierradener Erzeugnisse nicht ganz so lieblich. Aus allen Bodenluken heraus trocknen die langen Blätter dem Genossenwerden entgegen. Vierraden, das duftende, soll früher kriegerisch gewesen sein. Ein zerfallenes Gemäuer um einen kleinen brutalen Turm am Ende des Örtchens ist Sitz der Kampfeslustigen von Vierraden gewesen, die mit denen von Schwedt in vielen Fehden lagen. Von allem alten Ruhm ist jetzt nichts übrig als der Tabak. Aber in unserer Zeit der gleichen Pflichten ist die Erinnerung an die Selbständigkeit der vielen einzelnen von soundso nicht ohne Reiz. Wenn man ein Edelmann ist, so mag es von ganz angenehmem Reiz sein, just einen Namen zu haben, der in Chroniken und Sagen selbständig genannt wird. Es wäre zum Beispiel schade, wenn der Schriftsteller Maltitz keine Nachkommen hätte, da sonst die Erinnerung an jene römische Antwort verlorenginge, die er einst gab, als er sich mit dem Berliner Hofe wegen eines Schauspiels entzweite: »Wenn die von Maltitz«, hat er gesprochen, »dreimal- hunderttausend Mann kommandierten, so würden sie den von Zollern eine andere Antwort geben.« Dieses phantasiestarke Ignorieren einiger Jahrhunderte, diese unabhängige Kombination ist mir stets sympathischer gewesen als alle Schriftstellerei des Herrn von Maltitz. Hinter Vierraden ging die Sonne auf. Das Land dampfte, aus der Tiefe neben einem erhöhten Städtchen blinkte hie und da silbern die Oder auf. Wir waren an der Grenze von Pommern, das erste Städtchen war Garz. Ich hatte mir Pommern anders erwartet. Die Hügelzüge, die sich nach mehreren Seiten hinzogen, gaben der Aussicht viel Abwechslung. Man muß überhaupt dreierlei Pommern unterscheiden: das, in das wir soeben hineinfuhren, ist Vorpommern, ein fruchtbares, wohlhabendes Land mit der lebhaften Handelsstadt Stettin. Nordwestlich davon das sogenannte schwedische Pommern, jetzt Neuvorpommern, mit der stipendienreichen, studentenarmen Universitätsstadt Greifswald und dem durch Wallensteins Renommage berühmten Stralsund. Dieser Strich Landes hat noch heute eine fremdartige Färbung. Nordöstlich endlich Hinterpommern, ein armes, trauriges Land. Es beginnt hinter Stargard, einer artigen, rührigen Stadt. Die Stargarder wollen durchaus nicht zu Hinterpommern gerechnet werden. Wenn man von Garz aus noch einige Male hügelauf und hügelab fährt, so naht man auf einmal Stettin, das mit seinem breiten Turme von einem der Hügel grüßt. Da die Stadt sich mehr nach der Ostseite zur Oder hinabzieht, so zeigt sie, wenn man von Berlin kommt, das Ansehen einer festen Burg. Wie bei allen Festungen und bei spröden Jungfrauen muß man sich lange und durch mancherlei Biegungen wenden, ehe man ihr ganz nahen darf. Stettin hat als Hauptort des Aus- und Einganges für die preußische Schiffahrt eine große Bedeutung gewonnen. Stettin ist der Seeort Preußens, obwohl es gar nicht am Meer liegt. Bald hinter der Stadt breitet sich die Oder in das Haff aus und mündet im Hauptarm Swine ins Meer. Die Oder ist glücklicherweise bis Stettin so tief, daß sie große Schiffe trägt. Am Bollwerke Stettins sieht man Fahrzeuge aller Kaliber. Freilich müssen die schweren einen Teil ihrer Ladung vorher auf die sogenannten Leichter schaffen. Doch arbeiten die Bagger Tag um Tag, um allmählich ein so tiefes Fahrwasser zu gewinnen, daß das Lichten erspart werden kann. – Stettin hat einen sehr respektablen Wasserverkehr. Teer und Masten, Tabak und Warentonnen, Matrosenlärm und kräftige Gerüche sind in Genüge zu finden, wenn man von der Oberstadt nach dem Wasser hinabsteigt. Die Pommern sind sehr stolz auf Stettin. Sie finden es schön gelegen. Das hügelige Terrain am Wasser ist auch wirklich recht artig. Objektiv betrachtet ist freilich nicht viel los. Frauendorf, ein am Bergeshange seitwärts des linken Oderufers gelegenes Örtchen, ist der besondere Stolz Stettins. Die Verleumdung sagt, es lauere immer ein fanatischer Stettiner an der Luisenecke, dicht bei der Post, allen Reisenden auf und falle sie meuchlings mit dem Vorschlage an, Frauendorf zu sehen, auf jeden Fall Frauendorf zu sehen. Stettin ist bis jetzt die einzige Stadt in Preußen, die eine Statue Friedrichs des Großen besitzt. Auf einem hübschen Paradeplatze ist sie aus weißem Marmorsteine aufgestellt. Überhaupt lehrt hier jeder Schritt, daß Preußen seinen markigsten Kern in diesem Pommernlande besitzt. Ein einfaches, treues Volk, fähig zu jeder Aufopferung. Die Gesinnung dieses Volksstammes hat mir einen überaus wohltätigen Eindruck gemacht. Er wurde unterstrichen durch die kräftigen, tüchtigen Leiber, die wohlgebildeten Gesichtszüge, durch den allgemeinen gesunden Anstrich der Generation. Mit dem Dampfboote fuhr ich die Oder hinab, vorüber an den unzähligen Schiffen und Kähnen, Holzplätzen, kleinen Fabriken, nach dem Haff hinaus. Hier hat man zur linken Seite ein stattliches italienisches Haus, reich und viel und schön gestaltet. Es gehört einer reichen Witwe, bei der die angenehmste, bedeutendste Gesellschaft zu finden sein soll. Loewe soll öfters in der Woche hier anzutreffen sein. Er bekleidet in Stettin die Stelle eines Organisten an der Jakobikirche. Im persönlichen Umgang soll Loewe einfach, aber bedeutend wirken. Er zieht sich wie die meisten derartigen Menschen mehr in kleine Kreise und zu wenig Menschen zurück. Wo der schmale Oderfluß aufhört, diesen Namen zu tragen, wo sich die Wasserfläche zuerst weiter ausbreitet, beginnt das sogenannte Papenwasser. Ist es aber zum weiten, kaum übersehbaren See ausgedehnt, dann heißt es Haff. Hier beginnen schon meerartige Erscheinungen. Kartoffelfeste Landbewohner werden hier mitunter seekrank, und man sieht schon die ersten Möwen. Um mir den ersten Anblick des Meeres nicht durch den Anblick der Haffanfänge verkümmern zu lassen, zog ich mich in die Kajüte zurück. Dort saß im Winkel, abgewendet von aller Welt, ein Bekannter aus Berlin, ein Musterhypochonder, der sich darin von den gewöhnlichen unterscheidet, daß er sich seit mehreren Jahren für hergestellt ansieht und ausgibt. »Ich befinde mich außerordentlich wohl«, pflegt er zu sagen, wenn er etwas sagt, »seit ich die nux vomica gebrauche, außerordentlich wohl!« Die erste Pflicht, die man jedem Hypochonder zu erweisen hat, besteht darin, ihn nicht eher wirklich zu kennen und anzureden, als bis man deutliche Anzeichen hat, er wolle es selber. Daß er antworten, auf etwas eingehen, sich betrachtet sehen muß, ist für ihn bereits eine gewaltige Anstrengung, für die er Kräfte und Nerven nicht immer fähig fühlt. Stumm neben jemand sitzen, der ihm nicht stockfremd ist, macht ihm schon Arbeit und Mühe. Denn der neben ihm Sitzende ist ja doch der stumme Gläubiger eines Gesprächs. Jede Nähe nimmt in Beschlag, das fühlt der Hypochonder bis in die feinsten Nuancen. Wer nie Hypochonder war, kennt das feinste Gewebe von Kombinationen gar nicht, deren der Mensch fähig ist. Mein Schöneberger – in Schöneberg hatte ich mit ihm Kegel geschoben, als er bei uns für die nux vomica Propaganda machte – schien keinen ganz schlechten Tag zu haben, obwohl er im Winkel saß. Es war zwar nicht der kleinste Buchstabe in seinem Gesichte, als ob er mich jemals gesehen. Aber ich beobachtete schärfer: seine Augenlider verrieten mir, daß es heute seine Hypochondrie erregen würde, wenn ich ihn ignorierte. Diese Gegensätze liegen nun einmal in diesem Zustande. Jetzt um keinen Preis gekannt sein, im nächsten um jeden Preis, weil man sonst Verachtung, Feindschaft, im stillen schleichende Intrige und alles Schlimme dahinter tragen kann. Kurz, sein linkes Augenlid sagte mir: »Heute will ich gegrüßt sein. Dann werde ich mich besinnen, wo wir uns gesehen haben. Dann werde ich nach einiger Zeit Schöneberg erraten mit dem Kegelschieben. Dann werde ich sehr lächeln.« So geschah es. Er wollte nach Kopenhagen reisen. »Brechmittel haben etwas Vehementes«, sagte er, »obwohl sie eine treffliche Erschütterung des Organismus erzeugen. Eine gelinde Seekrankheit muß ausgezeichnet wirken, ich hoffe darauf. Den Ozean habe ich erschöpft, die langen, ungeschickten Wellen vermögen nichts mehr über meinen Magen. Aber ich hoffe noch alles von den kurzen, unregelmäßigen Stoßwellen in der Ostsee.« »Sie fahren also bloß nach Kopenhagen, um –« »Bitte ergebenst, der Herr hinter Ihnen wünscht Sie zu sprechen –!« Ein richtiger Hypochonder läßt große Zwecke niemals bei ihrem blanken Namen nennen. Der Herr hinter mir wollte l'hombre spielen. Da es auf dem Verdeck etwas Regen warf, so ließ sich nichts dagegen sagen, der Herr schlug aber dermaßen hohe Sätze der Points vor, daß ich so lange äußerst erstaunte, bis ich mit einigen Details dieses Herrn bekannt wurde. Er war nämlich bei der Post angestellt und hatte nur drei Tage Urlaub. Drei Tage Urlaub sind aber in einem Postoffiziantenleben schon eine so außerordentliche Seltenheit, daß während ihnen alles mögliche Außerordentliche versucht werden muß. Ist es schon gefährlich, mit einem Kommis zusammenzutreffen, der nach vierzehn Tagen oder gar drei Wochen seinen Sonntagnachmittag hat, so kann die ganze Existenz aufs Spiel kommen bei einem Postoffizianten, der nach soundsoviel Monaten einige Stunden Urlaub hat. Alles an Genuß und Wagnis soll da zusammengedrängt werden, was sich sonst klein und einzeln in unserem Leben verliert. Der Hypochonder lächelte zum l'hombre : Kartenspiel kümmert sich um Nachbarn und Zuschauer nicht. Der Nebensitzende ist leicht beschäftigt und doch nicht in Anspruch genommen, er bleibt stets ein Freiwilliger. Dieser Zustand ist das Ideal eines Hypochonders. Er flüsterte zuweilen seinen Lieblingsspruch: »Was hat man schon von seinem Leben. Blutwenig!« Daran war zu erkennen, wie vortrefflich er sich befand. Wir waren mitten im riskantesten l'hombre , als der Postoffiziant erfuhr, das Dampfschiff gehe am andern Morgen schon wieder von Swinemünde ab, dann pausiere es zwei Tage, ehe es wieder ankomme und abfahre. Das war gegen den Plan seiner dreitägigen Ferienzeit. Er war nun genötigt, am andern Morgen wieder zurückzureisen, wenn er zur rechten Zeit hinter dem Brieffenster sitzen wollte. Dies machte ihn noch verwegener. Er paßte gar nicht mehr, sondern entrierte jedes Spiel, um die Zeit auszubeuten. Die Situation mochte den Hypochonder amüsieren, er flüsterte immer lebhafter seinen melancholischen Spruch. Da wechselte die Szene. Der Postbeflissene vollendete die stehende Formel: »Ich entriere« nicht mehr, die Karten entsanken seiner Hand, und er neigte sein Haupt. Das Haff war unruhig geworden und stieß unser Schiff heftig in die Rippen. Ringsum begann man Neptun zu opfern. Nur der Hypochonder blieb mit drohender Miene aufrecht sitzen: »Jeder Lump wird seekrank«, sprach er vor sich hin. Man erzählt, daß alte, ausgepichte Matrosen, lebenslange Indienfahrer, denen der Ozean die Heiterkeit ihres Magens keinen Augenblick drückte, auf dem Haff und der Ostsee wie Landratten seekrank wurden. Ich nahm eine Kajütenbank in Beschlag. Das stille Schaukeln und gleichmäßige Ächzen und Stöhnen meiner Reisegenossen, der unverrückbar in der Mitte des Zimmers sitzende, vergebens den Meereszorn herausfordernde Schöneberger wirkten so einförmig und einschläfernd auf mich, daß ich bald schlafend von den Wogen geschaukelt wurde. Ich hatte lange geschlafen, aber als ich erwachte, saß der Hypochonder noch unverrückt da, ein kugelfester Held, um den ringsum alles gefallen war. »Nicht seekrank?« fragte ich. Ein verachtendes Schweigen antwortete. Ich stieg auf das Verdeck. – Kalter Wind und Regen stürmten darüber hin, an der Backbordseite war ein Raum den Seebrüchigen angewiesen. Matrosen führten allerlei Kandidaten dahin, namentlich eine alte Stettinerin hatte fest wie an der Pharaobank Posto gefaßt und hielt mit ihren mageren Händen den Rand des Schiffes. In gemessenen Pausen erhob sie sich von dem Sitze nach dem Wasser zu. Bis wir landeten, bewahrte sie ihren Posten unverrückt wie der Steuermann. Eine Dame jüngeren Alters verdeckte ihr Gesicht mit schönen weißen Händen, die Augen schienen geschlossen zu sein. Nicht weit von ihr kauerte der Postbeflissene, der sich wieder heraufgeschleppt hatte, und genoß, in Angstschweiß gebadet, seine Ferien. Kleine Hügel, die Leppiner Berge, flogen rechts am Schiffe dicht am Ufer vorüber, noch weiter rechts zeigten sich die Wolliner Berge. Swinemünde war nahe. Geographen wird bekannt sein, daß die Oder bei ihrem Ausflusse zwei Inseln bildet: Usedom und Wollin. Heißt nun auch das Wasser nicht mehr Oder, die Sache hat doch ihre ziemliche Richtigkeit. Als wir um eine kleine, mit Fichten sparsam bewachsene Landzunge gebogen waren, lag die östliche Ecke von Usedom vor uns. Mit seinen leuchtend weißen und gelben Häusern grüßte Swinemünde. Von den vielen Kauffahrern im Hafen schallte monotoner Matrosengesang. Alles was noch an Badegästen in Swinemünde war, kam an den Kai, um das Dampfschiff landen zu sehen. Der Abend fiel dunkel hernieder. Das sah der Postbeflissene mit Schmerz. Die Hoffnung auf diesen Abend hatte ihn über die Nachwehen der Seekrankheit hinweggetröstet und war die letzte Hoffnung seiner Reise gewesen. Der Schöneberger erschien auf dem Verdeck und sagte: »Pah!« Swinemünde ist das Seebad von Berlin, wie Scheveningen vom Haag, Dieppe und Boulogne von Paris. Obwohl es etwa dreißig Meilen von Berlin entfernt liegt, so kann man doch mit Schnellpost und Dampfschiff in vierundzwanzig Stunden an Ort und Stelle sein. Nächst den Berlinern sieht man natürlich Pommern in diesem Seebade. Auch die Schlesier kommen oft hierher. Alle Leute aber, die weiter nach Westen wohnen, besuchen lieber die Nordsee. Wie das Volkslied sagt: »Es fiel ein sanfter Regen.« Als wir an Land stiegen, verließ uns der Schöneberger brüsk ohne Abschied, der Postbeflissene schüttelte sich und vertraute mir an, es sei ihm noch so jämmerlich zumute, daß er sich gleich wieder zu Bett legen müsse. Ich ging zum Gesellschaftshaus, das wenige Schritte abgesondert von der Stadt liegt, aristokratisch allein, einige hundert Schritte vom Landungsplatze und diesem gegenüber. Es ist der Mittelpunkt der vornehmen Badewelt und auf ganz stattlichem Fuße eingerichtet. Man findet dort mittags eine große table d'hôte und abends Gesellschaft, die sich mit Essen, Trinken, Spiel, Musik und Tanz unterhält. Ein Fischer wies mich mit Gepäck und der Bitte um eine Unterkunft an ein reizloses Weib, und wir stiegen am Bollwerk hinab auf festen, feuchten Sand, der hier die Stelle des Pflasters vertritt. Eine lange, artige Reihe Häuser mit der Aussicht auf den inneren Hafen zieht sich an diesem Kai im stumpfen Winkel hinunter. Hinter der ersten Reihe finden sich noch drei oder vier Straßenschichten, und diese nicht unbedeutende Masse, an einem Wäldchen und an der Sandfläche gelegen, bildet Swinemünde. Vom Meere ist nichts zu sehen. Es war in den letzten Tagen der Hauptsaison. Ich konnte annehmen, daß die Wohnungen bereits zum größten Teile verlassen seien, und suchte mir also die hübscheste mit einem Treppenaufgange und breit rankenden Pfirsichbäumen geschmückte Villa aus. Da fand sich denn auch eine sehr schöne Wohnung. Bald saß ich eingerichtet im großen Zimmer allein, der Regen wurde stärker, Wind und Sturm erhoben sich von der Meerseite her, und bald hörte ich das Brausen und Toben der See, die nördlich von Swinemünde an die deutsche Küste pocht. Am andern Morgen gab es den gleichen grauen Regen. Der Postbeflissene schlich trübselig vorüber. Das alte Schifferweib begleitete ihn und trug die Reisetasche und den Regenschirm. Als der Regen etwas nachließ, wollte ich das Meer suchen gehen. Ein oberflächlicher Bekannter, mit dem ich, Gott weiß, in welches Herren Land, Wein oder Kaffee getrunken hatte, begegnete mir und suchte mich zu orientieren. So kam ich an die Dünen. Das sind kleine Sandhügel, drei bis fünf Schritt hoch, die den schönsten Streusand enthalten. Sie sind offenbar für die Kanzleien und Sekretäre geschaffen. Trauriges halmartig vereinzeltes Struppgras sprießt aus ihnen, so daß sie ganz das Ansehen eines alten grauen Männerhauptes gewähren, das schlecht barbiert ist. Es ist einzugestehen, daß die See viel zu tun hätte, wenn sie auch auf mich Vorbereiteten und dermaßen Profanen einen Eindruck machen wollte. Ich trat auf die Dünenspitze und sah das Meer. Schwarzgrün, mit weißem Schaum bedeckt, bewegte es sich mir entgegen. Von Ewigkeit, von Unendlichkeit, von Menschenkleinheit, von wüster Absolutheit sollte ich durchdrungen sein. Das gilt für die kurante Art, wie jeder beim Anblick des Meeres zu empfinden hat. Wer diese Empfindungen nicht zur Verfügung hat, ist ein verwahrlostes Geschöpf. Ich glaube, ich war es, aber ich trage die Schuld nicht allein, sondern der Schöneberger und die Ostsee hatten ihr gerütteltes Maß an Schuld. Der Schöneberger ging nämlich am Strande spazieren, um die erquickende Seeluft zu genießen. Gegen etwaige Erkältungen hatte er sich dermaßen in Pelzmütze, Mantel und Wasserstiefel eingepackt, daß kaum seine gesunde Schnupftabaksnase der Seeluft teilhaftig werden konnte. Die Ostsee erschien mir zu unfrei, um ohne weiteres einen überwältigenden Eindruck auf mich zu machen. Rechts laufen die sogenannten Molen ein langes Stück in das Meer hinaus, links tritt die Küste mit den roten Dächern von Heringsdorf auch ein wenig vor. Und der Eindruck der Unermeßlichkeit kann nur entstehen, wo es keine Maßstäbe gibt. Sobald man Teile des Meeres umfaßt sieht, wird die kombinierende Tätigkeit unseres Gehirns in Anspruch genommen und die unmittelbare Illusion wird zerstört. Die vor mir liegenden Hütten waren nun das, was man ein Seebad nennt. Auf hölzernen Stegen fanden sich eine Anzahl Kammern zum Auskleiden. Offene Stege führten etwas weiter in das Meer hinein. In weiße Tempelherrenmäntel gehüllt, wandeln die Entkleideten da umher, bis sie die Lust überfällt, in die See zu springen. Kränkere Personen oder solche, die sich mehr separieren wollen, finden zwei große Badekutschen, das sind mit Leinwand überzogene Kasten, die auf vier Rädern stehen. Sie sind schon so weit in die See hinausgeschoben, daß man von ihnen aus gleich in eine genügende Wassertiefe steigen kann. Wer beim mangelnden Wellenschlage das Wasser stürmischer auf dem Leib spüren will, den versehen Badediener mit genügenden Kübelstreichen. Das heißt, sie versetzen ihm aus ledernen Kübeln, die etwa wie Feuereimer aussehen, so geschickte Wasserstreiche, wie man nur verlangen kann. In der See selbst ist es wichtig, die heranbrausenden Wellen da aufzufangen, wo sie sich am stärksten treffen. Das ist alle Verrichtung und Wissenschaft eines Seebades. Die Hauptsaison war in Swinemünde vorüber. Aber die Equipagen und Geschichten, die Parteien, der Krankheits- und Gesundheitsklatsch waren hier noch zu finden. Und in ihnen besteht ja eigentlich das Wesen des Badelebens. Im Seebade ist der Mittelpunkt der Wellenschlag. Erst spricht man davon, ob welcher sein wird, dann ob welcher ist, zuletzt ob welcher gewesen ist, und dann geht es wieder zum Futurum. Das langweilt mit der Zeit. Auch für die ersten Tage ist die Gesellschaft ohne Ertrag für den einzelnen Ankömmling, denn sie hat einen Hauptreiz in ihrer Geschichte. Man muß erst Neigung oder Abneigung, Gleichgültigkeit für diesen oder jenen in sich aufgefunden haben, man muß erst irgendeinen Bezug sehen, bevor man sich gebunden fühlt. Partien und Unterhaltungen mit den älteren Jahrgängen gehörten also zu meinen nächsten Aufgaben. In den nächsten Tagen erlebte ich nichts als Schwermutsanfälle, Betrachtungen meiner Nachbarn und apathisches Zurückversenken in meine Lektüre. Das heißt, einen unerwarteten Besuch erhielt ich. Eine Dame, die mich für einen Doktor der Medizin hielt, schilderte mir alle ihre epileptischen Leiden bis ins Detail und bat mich, sie zu kurieren. Ihr Vortrag war von jener Art, wie Wieland zwei eiserne Drescher schildert, die am Eingang des Tores so schnell und dicht arbeiten, daß sich kein Sonnenstrahl zwischen ihre Schläge drängen kann. Meine Bemerkung, ich sei ein unglücklicher Philosoph, dem die Enthüllung solcher vierzigjähriger Mysterien ebenfalls nur Unglück bringe, war auf keine Weise einzuschieben. Ich mußte mich schweigend in das epileptische Schicksal fügen. Als die Dame so weit erschöpft war, für meinen Rat eine Pause zu gestatten, sagte ich ihr, sie solle heiraten. Darauf lächelte sie und ließ sich dahin vernehmen: bisweilen habe sie auch wohl daran gedacht. Aber bis jetzt sei sie es allein gewesen, die diesen Gedanken empfunden habe. Mit aller Anerkennung dieses letzten Ausdruckes wünschte ich ihr Besserung und empfahl mich und meine Ruhe. In meiner Nachbarschaft war auch nicht viel Freude. Es gab da ein ganz artiges schwarzäugiges Mädchen, aber wie die Mutter sagte, sie war bloß da, um auf andere Gedanken zu kommen. Es ist immer übel, wenn man es darauf absieht. Die Gedanken eines Mädchens sind zärtliche Empfindungen. Es ist ein Übelstand, daran ändern zu müssen. Das Mädchen liebte einen Künstler, und die Mutter sagte, ihre Tochter habe sich in einen Komödianten vergafft. Gegen diesen Komödianten sollte nun Swinemünde helfen. Ich schloß mich näher an einen rüstigen Badegast an, machte mit ihm Partien und ließ mir erzählen. Es war ein Buchhändler, der ein bewegtes, erfahrungsreiches Leben geführt hatte. Er hatte zur Zeit Napoleons sich mit Not und Gefahr der Konskription entwunden und war auf der Flucht nach Österreich und bis tief hinein nach Ungarn geraten. Der Vater, ein leidenschaftlicher Franzosenfeind, hatte den Knaben bis an das Tor geleitet, ihm vier Taler gegeben und ihn mit seinem Segen entlassen. Gott allein und den weiten Himmel als Schutz über sich, war der Knabe in das Blaue hineingezogen. Ährenfelder und Gräben mußten ihn vor den Franzosen verbergen. So war er glücklich bis Leipzig gekommen. Eine Dresdner Krämerin, die sich damit beschäftigte, Kaffee zu paschen, gab ihm bis Dresden einen Sack zu tragen und sorgte kurze Zeit für seine Nahrung. In Dresden hatte er beim österreichischen Gesandten um weitere Hilfe nachgesucht, und sie war ihm auch gewährt worden. Jetzt wanderte er mit mir durch den tiefen Sand nach einem Walde, hinter dem Corswandt, eine gepriesene Swinemünder Partie, gelegen sein sollte. Ein prächtiger, voller Wald führte eine Stunde weit zu einem schweigenden, an schwarzen Seen gelegenen Dorfe. Der Wald ist nur von außen mit trockenen, unproduktiven Kiefern umgrenzt, wie man ein reiches Geschmeide in einem unscheinbaren Futteral verbirgt. Innen lockten dunkel und erquickend tiefgefärbte Laubbäume. Wer vermutet hier, weithin von Waldrändern umsäumt, eine verschwiegene Landschaft mit dunklen Seen? Ein Reh floh durch die Buchen, am Einbug des Sees ging ein Fischreiher seinem Fange nach, der Gänsehirt am Waldeshange schlief mitten unter seinen Pflegebefohlenen. Vom Lande her fegten Regenwolken zu uns. Gegen Swinemünde und das Meer zu war es licht, als ob da Hoffnung und Rettung von den Kümmernissen des Landes zu finden sei, bei Madame Hannemann in der Lotsenstraße, die der Herr Major als eine sehr preiswürdige Konditorin zu empfehlen pflegte. Rügen Ein gefälliger Hausgenosse weckte mich mit der Nachricht, es liege ein kleiner Schoner zur Abfahrt nach Rügen bereit, der in zehn Minuten in See stechen wolle. Ich entschloß mich schnell, flog in die Kleider, steckte ein paar Bücher in die Manteltasche, wie arme Leute ein Stück Brot überall mitnehmen, und sprang an das Bollwerk. Das Dampfschiff ging nicht mehr, eine Privatfahrt auf einem kleinen, raschen Schoner war das einzige Mittel, die gepriesene Insel, Deutschlands Thule, zu sehen. Es wäre eine Schande für die Abendzeitung gewesen, hätte ich mich an der Ostküste herumgetrieben und das offizielle Ziel der Reisenden nicht besucht. Luise, die dienstbare, stürzte mit zwei Buttersemmeln hinter mir her, denn ich hatte das Frühstück im Stiche gelassen. Aber wie Ariadne konnte sie nur die Arme erfolglos nach dem Wasser strecken, wir lavierten bereits aus dem Hafen. Wenn Theseus auch gewollt hätte, und er verlangte wirklich nach den Buttersemmeln, das Geschick und der Schiffer Ulrich wollten nicht. Das kleine Fahrzeug war ganz vollgestopft von Reisenden. Kaum fand ich einen bescheidenen Platz. Ich hoffte, mich zurückgezogen in den Mantel hüllen und den Elementen wie dem Menschenhäuflein ungestört zuschauen zu können. Aber Schriftsteller sind wie Gebrandmarkte oder Lorbeerbekränzte: sie sind nirgends unbekannt. Aus dem fremden, chaotischen Knäuel wickelte sich schnell ein munterer Sachse, dem ich schon einmal begegnet war, und der mich begrüßte. Die Gesellschaft bestand vorwiegend aus Studenten und jungen Gelehrten und war sehr munter. Es war allerdings nur eine angewöhnte Munterkeit, namentlich die Studenten lärmten vielfach in ihrer Tradition unechter Lustigkeit. Man erklärte, das Junge Deutschland sei nur auf dem Lande verboten, auf der See könne man es leben lassen. Öffentliche Personen erkaufen alles mit verletztem Schamgefühl. Die Welt rächt alles Heraustreten in irgendeiner Weise. Das leichtblütige Mädchen bezahlt ihre Lust mit dem Tratsch, der ihr nachläuft, und den Fingerzeichen, die auf sie gerichtet werden. Seit einigen Jahrzehnten behandelt man die bekannteren Schriftsteller eben auch wie Mätressen des Publikums. Aber auch das wirkliche Verdienst wird beneidet, wenn natürlich auch gelobt. Lob ist auch eine Verletzung, wenn auch eine durch Blumen. Indessen, früh auf dem Meere stellen sich bald erquickendere Gedanken ein. Die Sonne stieg glänzend über das Wasser empor, und der Südost blies frisch und voll um die geteerten kleinen Segel. Die pommersche Küste grüßte mit dunklen Wäldern zu uns her, die weißen Häuser von Heringsdorf glänzten und lachten. Hier nimmt das kleine Seebadetablissement die Ruhesuchenden freundlich auf, hier stört kein Gesellschaftshaus und keine Saison. Das Meer liegt im Gegensatz zu Swinemünde ganz nahe. In Heringsdorf wohnen Poeten, die keine bewegte Welt brauchen und eine halbe Einsamkeit suchen, resignierte Mädchen, Professorenfrauen mit vielen Kindern, Diätiker mit starken Grundsätzen und andere ehrliche Leute. Übrigens ist Heringsdorf einer von den Orten, an den sich seit Jahren dieselbe Drohung knüpft. Man sagt nämlich in jeder Saison, es werde Swinemünde übertreffen. Dies soll ein Hauptgenuß der Leute sein, die hier ihre Kur verleben. Die Küste blieb immer weiter linksab von uns. Keck und kühn ging es mitten in die See hinein. Die waldigen Uferberge von Usedom wurden ferner und flauer. Ich sehnte mich sehr nach dem offenen Meere. Aber auch als ich schon nichts als Himmel und Wasser sah, gelang mir die Illusion, mich mitten auf dem Meere zu befinden, nur schlecht, da der Schiffer sagte: »Bei gutem Wetter sieht man in Südost diese Küste, in Nordwest jenes Eiland.« Nach Rügen hin aber wird selbst ein mittelmäßiges Gesicht die brutalsten Störungen nicht los. Rückwärts verläßt einen der blaue Streifen und die Spitze von Usedom nicht, und bald erheben sich vorwärts aus den Wogen zwei Inseln, Rüden und Oie, zwischen denen sich die Fahrt hindurchwindet. Hinter ihnen erblickt man bereits den blauen Punkt von Mönchgut, dem südlichen Teile Rügens. Die östliche Meeresküste Usedoms, aus der wir herausgesteuert waren, hat den pommerschen Historikern mit den Geheimnissen ihrer Unterwelt schwer zu schaffen gemacht. Da sollen versunkene Städte von wunderbarer Pracht und Herrlichkeit schlafen, mit goldenen Toren und silbernen Türmen, die schon mit den Griechen Handel getrieben hätten. An hellen, stillen Sonnentagen will man die Glocken von Vineta unter dem Meere läuten hören und die Turm- und Kirchendächer durch das Wasser leuchten sehen. Die größte Handelsstadt des Nordens sei dort mit ihrem außerordentlichen Reichtum von den Fluten verschlungen worden, erzählt man. Wenn heutzutage ein Schiffer darüberfahre, der gottlos und schlecht gesinnt sei, so geschehe ihm das größte Unglück. Wenn ihm zum Beispiel seine Liebste nicht mehr gefallen habe und er habe sie verlassen, so finde er sie dort wieder, erzählte Ulrich der Schiffer, sagte »Brr« dabei, schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck aus der Strohflasche. Wie überallhin, haben auch hier die Rationalisten ihre Nase in das Meer gesteckt und wollen die unterirdische Welt mit der Bemerkung vernichten, die goldenen und silbernen Mauern, Tore und Türme der klassischen Handelsstadt Vineta seien einfach Felsenriffe, die man bei gutem Sonnenscheine sehen könne. Als ob die wichtigsten Dinge mit einer dummen Erklärung überhaupt zu erledigen wären. Das Wort »Erklärung« ist überhaupt schon ein naseweises Wort. Braun und blau hob sich die Küste von Mönchgut immer deutlicher vor uns aus den Fluten. Unser Südost war stetig und frisch und legte sich mit vollen Armen in die Segel. Die bebuschte Insel Vilm, die in der Bucht von Putbus liegt, stieg ebenfalls aus der See. Putbus liegt eine halbe Stunde vom Strande und sieht mit seinen schneeweißen, manchmal etwas kahlen Häusern wunderlich frischer Wäsche ähnlich, die auf das Plätten wartet. Die Küste ist schön bewaldet. Im Meere stehen bunt wie stille Pagoden die Badehütten, durch die Büsche winkt lockend ein stattliches weißes Badehaus. Dieses mit Säulen geschmückte Gebäude erweckt große Erwartungen. Mit einem munteren Sachsen, einem jungen, rüstigen Pommern und zwei trübseligen Siebenbürgern ging ich auf das Badehaus zu. Da die Siebenbürger es leichtsinnig fanden, in einem unbekannten Meere zu baden, ließen sie uns andere allein durch den Eichenwald nach dem Strande schreiten. Inschriften auf Inschriften bekundeten uns, in welch zivilisiertes Ländchen wir gekommen seien. Durch Tafeln an den Bäumen wurde vorgeschrieben, wo die Damen hinzugehen und nach welcher Seite sich die Herren zu wenden hätten. Der junge Sachse seufzte und erklärte, alte wendische Zustände seien ihm lieber. Die Vorschriften fand er sehr unpassend. Er wolle in vielen Dingen den Weg selber suchen, und es komme ihm auf eine kleine Verirrung durchaus nicht an, erklärte er. Vom Meeresstrand aus öffnet sich ein hübscher Blick zwischen dem Vilm und der schräg überliegenden Küste hinaus auf das Meer. Weit draußen auf der Wasserfläche sieht man die Türme von Greifswald schimmern. Angesichts dieser Stipendienstadt, wo trotz Hering und Stipendien immer so wenig Studenten waren, daß die Professoren äußerst ökonomisch mit ihnen umgehen mußten, um lesen zu können; wo auch der mathematische Grundsatz erfunden wurde: »Tres faciunt collegium« , angesichts dieser edlen Stadt stürzten wir uns ins Meer. Ich kann mir wohl denken, daß diese Türme, die man bei gutem Wetter und mit gesunden Augen am Horizonte sieht, dem Seebade Putbus nachteilig wurden: es hat etwas Schamverletzendes, von Türmen im Stande der Unschuld betrachtet zu werden. Wie leicht könnten Studenten, die nächst den Referendarien und den Damen des Serails am meisten Zeit haben, tubusbewaffnet auf diesen Türmen erscheinen und das größte Unglück anrichten! Sonst ist das stille Meer, das heißt, die stille Ostsee, daran schuld, daß dieses Seebad nicht so besucht wird. Einmal nämlich ist die Bucht überall vom Lande eingeschlossen und nur nach dem Süden zu teilweise offen, dann sind auch die Südwinde seltener und immer schwächer und kommen obendrein vom Lande her. Es fehlt also ganz und gar am Wellenschlag, diesem geheimnisvollen Reiz eines Seebades. Die Oberfläche des Wassers ist glatt wie ein Teich. Man hat wegen des mangelnden Wellenschlages schon vorgeschlagen, an der sogenannten Granitz, wie dieser waldige Teil der Insel genannt wird, ein Seebad einzurichten, indessen paßt aller übrige Zuschnitt, der mit großem Aufwande für Putbus geschieht, nicht dafür. So wurde denn Putbus ein heiterer Sommeraufenthalt ohne besondere Betonung seines Charakters als Seebad. Der Weg zu diesem Ort führt zwischen Feldern über eine mächtige Anhöhe hinauf. Wir traten sogleich in den Park- und Schloßbereich, der sich an den Hügellehnen hinzieht. Es war ein milder, sonniger Tag. Unter den schönen großen Bäumen war es still, im stattlichen Schloß saßen die Besitzer bei der Tafel. Alle Eingänge und Wege waren sauber und vornehm. Dick und behaglich lehnte der Portier am Schloßeingange, sein großer Hund, der neben ihm ruhte, blinzelte uns schläfrig an. Von der Seite lockte samtgrün ein schöner Grasabhang, auf dem das Gewächshaus steht. Sanft wird das Auge von hier hinabgeleitet auf Strand und Meer. Alle Ruhe und Behaglichkeit eines schönen und sorglosen Lebensstils umfing uns mit weichem Hauche. Wir legten uns auf den Rasen und träumten von schönen Versen, von treuen Augen, von weichen, streichelnden Händen und von sanfter Musik. Der tiefe Schatten des schönen Parkes mit seinen weißen Gebäuden führt noch weiter zum Tiergarten, wo große Hirsche in bequemer Gefangenschaft ihr Leben verträumen. Diese Anlage ist noch sehr jung, ursprünglich war sie ein Wald, in dem das Putbusser Steinhaus lag. Daraus wurde ein Schloß, der Wald lichtete sich zum Park. Jetzt bewegt man sich unter diesen Bäumen, als sei man in Altengland auf dem müßigen, reich gepflegten Boden eines Millionenlords, der Wald und Meer zu seinem Behagen nötigen kann. Nach der Saison hat das weiße Städtchen in seiner Leere etwas Totes. Man hört die eigenen Schritte. Ich kaufte mir für zwei Silbergroschen einen Eichenstab und begleitete meinen Gefährten aus dem offenen Örtchen hinaus nach dem Walde und den Bergen zu.   Rührend ist die aristokratische Absonderung kleiner Inseln, wie es Hiddensee und Ummanz sind. So wie die Neapolitaner und die Pariser stolz auf die übrigen Italiener und Franzosen herabsehen, so nennen die Ummanzer ihr Inselchen vorzugsweise »das Land«. Sie verkehren ungern mit den Rügenern und wollen es auch nicht gerne gestatten, daß einer von ihnen eine Rügenerin heiratet. Die Hiddenseer nennen ihre kleine Insel das »söte Länneken«. Manche von ihnen kommen ihr Lebtag nicht nach Rügen. Auch ihre Sprache sondert sich etwas ab. Ihre Kleidung fertigen sie sich selber an. Ganz verschieden von den hoch und schlank gewachsenen Hiddenseern sind die großen und starkknochigen Mönchguter mit ihren vorwiegend dunklen Haaren. Ihr Platt wird selbst von den anderen Rügenern nicht verstanden. Ihre Tracht ist sehr charakteristisch. Schwarz herrscht als Farbe darin vor. Sie tragen eine selbstgewählte weite Jacke, zwei Paar Beinkleider übereinander und darüber noch weite Fischerhosen. Die Frauen setzen eine hohe kegelförmige Mütze auf, in der so viel Zeug steckt, als eine Grisette zur ganzen Bekleidung ihres unteren Körpers braucht. Darüber wird noch ein Strohhut gestülpt. Ehefrauen und Jungfrauen unterscheiden sich durch ein Band an der Mütze. Der Busenlatz ist bei Festkleidern rot und mit Silber- oder Goldstreifen besetzt. In den sehr niedrigen Wohnstuben leben diese Leute höchst einfach, meist von Fischen. Wir Binnenleute könnten bezweifeln, daß diese Nahrung für so weitläufige Gestalten ausreiche. Ihre Antipathie sind das Kalbfleisch und die Putbusser. Es wird erzählt, daß die Frauenzimmer das Recht haben, den Mann, der ihnen gefällt, selbst anzusprechen. »Na ehn' utstellen« (nach einem ausstellen), wie sie sich ausdrücken. Außerdem hörte ich von einer originellen Landessitte. Wenn ein Mädchen nämlich heiratsfähig ist, so hängt sie ihre Schürze ans Fenster und darf nur unter den Männern wählen, die vorübergehen. Sind nun Eltern und Verwandte gegen eine Liebschaft, so zwingen sie das Mädchen, die Schürze zu einem Zeitpunkt auszuhängen, da der Liebste zur See ist und nicht bei ihr vorüberkommen kann. Da steht nun das arme Mädchen und schilt das Meer. Weinend guckt sie aber doch durch die Lücke, ob nicht wenigstens ein leidlicher Stellvertreter gewählt werden könne. Das Hauptinteresse Mönchguts gilt dem Seehund, der zahlreich an der Küste herumstreift. Ist einer in den Netzen gefangen, so gibt es ein Landesaufgebot. Weiber und Männer tanzen am Strande und singen einen uralten Reigen, ehe sie an den Feind gehen.   Es war ein stiller, niedriger Wald, durch den wir nach Bergen wanderten. Hinter ihm öffnete sich ein hügeliges Land, in dem hin und wieder wie Ruheplätze einzelne Gehöfte, umgeben von Bäumen, lagen. Gegen Sonnenuntergang sahen wir auf einer mäßigen Höhe das Städtchen vor uns. Es war ein Landstädtchen ohne besonderen Charakter, aber Mittel- und Hauptpunkt des Landes. Dicht in der Nähe liegt der Rugard, die gepriesenste Höhe der Insel. Er ist der Rest einer alten Wallburg auf einer kleinen Anhöhe. Um Wälle und einzelne Teile der Festung auszumachen, muß man über einige Phantasie verfügen. Hier soll das alte Residenzschloß der Fürsten von Rügen gestanden haben. Von hier sieht man ganz Rügen. Nach Norden und Osten jenseits des offenen Wittows, des bebuschten Jasmund und der dunklen Granitz die uferlose, ins All verschwindende See. Darüber der Hauch des Abendrotes, das von Pommern herüberglimmt. Auf der anderen Seite Küsten und Inseln, Einschnitte und Buchten, Türme und Kirchen. Zunächst Stralsund, weit hinab Greifswald, noch weiter Wolgast und die blaue Spitze von Usedom, dazwischen alle Stationen unserer Fahrt. Den andern Morgen schritten wir durch sanfte Hügelschluchten, an Berglehnen über kleine, stille Plateaus. Die Sonne schien freundlich, der Tau blitzte, ein Schäfer grüßte uns freundlich, umgeben von seiner Herde. So kamen wir an die Abdachung, die zum Jasmunder Bodden abfällt. Mit Freuden sahen wir auf der breiten ruhigen Wasserfläche einen matten Sonnenstrahl tanzen. Die Luft war still, alles lud zur Beschaulichkeit. Das Meer ausgenommen, macht alles auf Rügen einen kleinen, gefälligen Eindruck. Die Berglehnen sind niedrige, sanfte Hügel, das Gestein ist weich und bröcklig, die Wälder sind freundlich und bestehen meist aus Buchen von mäßiger, halbjunger Stammstärke. Wir schifften über den seichten Bodden, schritten über die Hügel, die Jasmund schützen, und gelangten durch breite Hügelbecken gegen Mittag in das Städtchen Sagard. Dieses Örtchen mit seinen krummen Straßen hat zwei tote Merkwürdigkeiten und eine lebendige. Am Leben ist der Wirt des Gasthofes, dessen Namen ich leider vergaß, der aber in seinem grünen Rocke, in seiner rüstigen Wohlgenährtheit und taktfesten Geschäftigkeit noch lebendig vor mir steht. Der Mann gewährt mir die beste Erinnerung: er betreibt nämlich einen kleinen Gasthof so rührig, befriedigt seine Gäste und beutet sie aus, liebt und pflegt seine hübschen Kinder und ist über alle Merkwürdigkeiten Rügens gut unterrichtet. Im Wirtszimmer hat er sich eine Sammlung von Raritäten angelegt und gibt Auskünfte über alle Steine, Muscheln, Opfermesser, Streitäxte und Urnen, die sich auf, bei und unter Rügen irgendwo vorfinden. Das meiste hat er selbst zusammengesucht, er steht mit berühmten Forschern im freundlichsten Verkehr. Das flicht sich alles so anspruchslos und doch bewußt mit seinen gewöhnlichsten und beflissensten Gastwirtsorgen für ein Beefsteak oder ein Glas Bier durcheinander, daß es wirklich an ein Ideal erinnert, wie wissenschaftliche Forschung mit alltäglicher praktischer Wirksamkeit verbunden sein könnte. Ein sehr schmerzhaftes Gegenbild zu ihm ist der Barbier von Sagard, den Gott und die Kunst bessern mögen. All dies erfuhren wir in dem kleinen Städtchen. Damit war es aber noch nicht zu Ende; zwei lange, unbedeckte Korbwagen fuhren vor. Die Pferde waren ziemlich gewöhnlich angeschirrt, es waren aber prächtige Tiere, deren reines Blut man auch in der unscheinbaren Tracht und Umgebung leicht erkannte. Solche Korbwagen hat man in Mecklenburg. Es fahren dort und in Holstein ganz noble Leute darauf. Die Pferde konnten auch nur aus Mecklenburg stammen. Die Gesellschaft, die das Gespann besaß, mußte also notwendig aus Mecklenburg sein. Die Damen waren es bestimmt: von großem, vollem Wuchse, mit weiten blauen Augen, mit festem weißem, luftig gerötetem Fleische, nicht fein, aber üppig, kräftig, mit tüchtiger Gutmütigkeit in den Zügen, großen weißen Zähnen und dichtem braunblondem Haare. Die eine trug ein weißes Kleid, die andere ein schwarzes. Beide gefielen uns sehr. Nach der Unbefangenheit ihrer Art gingen sie leicht in ein Gespräch ein. Wir waren im Begriffe, nach Arcona zu fahren, sie stiegen eben auf den Wagen. Von allen Herrlichkeiten der Welt hatten wir im Augenblicke nichts anderes zu wünschen, als daß diese freundlichen, schönen Mecklenburgerinnen auch nach Arcona fahren würden. Lieb und zutraulich fragten sie: »Sie fahren gewiß ebenfalls nach Stubbenkammer?« »Herr Gott, nein, wir törichten Menschen haben einen Wagen bestellt – geschwind, läßt sich das nicht ändern?« Da rasselten sie schon fort, die im weißen Kleide sah sich ermunterungsvoll um. »Meine Herren, ändern wir den Plan.« Aber die Siebenbürger blieben unberührt, der Sachse konnte sie auch nicht überzeugen, und wir mußten auf dem harten Wagen über die Schabe nach Arcona mitpoltern. Wir mußten wieder zurück nach der westlichen Hälfte der Insel, an deren Nordspitze ein Vorgebirge liegt. Obwohl der Jasmunder Bodden zwischen Jasmund und Wittow liegt, konnte das zu Lande geschehen. Wie eine skurrile Ironie drängt sich nämlich eine schmale, klägliche Landzunge zwischen den Bodden und das Meer. Nirgends habe ich so viele Möwen gesehen als auf der Schabe. In allen Farben sitzen sie da und konspirieren. Der Wagen fährt meist mit einem Rade in der See, um festen Boden zu haben. Die Möwen lassen ihn oft ganz nahe kommen. Die Siebenbürger waren nicht so ruhig wie sie. Sie versicherten dem Kutscher, nicht schwimmen zu können. Der lachte aber bloß: hier gebe es keine Unebenheiten, der Meeresstrand sei gleichmäßiger Sandboden. So fuhren wir denn halb im Wasser und fortwährend zwischen zwei Wassern. An einigen Stellen ist die Schabe nicht breiter als zwei oder drei Normalstraßen. Im Winter mag wohl die Passage hier durch das Eis gehemmt sein. Die Meeresbucht, auf deren innerem Landesbogen wir fuhren, wird auf der östlichen Inselhälfte durch Jasmund begrenzt. Schief vor uns lag auf Wittow, an der Spitze der Insel, Arcona. Die Gestade glänzten wie Kreidefelsen aus der Ferne. Der Leuchtturm von Arcona, in dessen Nähe sich noch einige Wallreste der alten Jaromarsburg finden, sah wie ein Kastell über das Meer zu uns herüber. Die Sonne schien freundlich, wir ließen zu großer Beunruhigung der Siebenbürger den Wagen etwas weiter in das Meer fahren, machten ihn zur Garderobe und wateten in die See hinein. Nicht einmal das Meer hält heutzutage sein Wort: sein Anblick versprach Reinheit der Gesinnung, doch erfüllte schwarzer Schleim die Strandquellen und machte uns schmutzig. In großer Menge schwimmt hier der Seestern umher. Er gleicht aus der Ferne einer kleinen platten Muschel, in deren Nähe sich eine weißliche Gallertmasse mit dunklem Mittelpunkte zeigt. Es war gegen Abend, als wir den Leuchtturm dicht vor uns sahen. Der Himmel hatte sich bedeckt, die Sonne ging rot unter. Wir stiegen aus und traten an die nördlichste Spitze Deutschlands. Ein feiner Staubregen perlte auf die Blätter der Bäume. »Treten Sie nicht zu nahe an den Strand, der Boden bröckelt, dieses Nordkap Deutschlands fällt nicht so imponierend ab, wie man es gewöhnlich zu beschreiben pflegt.« Es ist allerdings eine Bergspitze, aber kein stolzer Fels, an dem sich die Brandung bräche, sondern nur Geröll aus Lehm und Erde. Ist das Meer ruhig, so bedeckt es nur zuweilen mit einer Sprungwelle die Steine am Fuß der Anhöhe. Wahrscheinlich löst sich hier von Jahr zu Jahr immer ein wenig vom Boden. In Rechnung auf den nachgiebigen Boden hat man auch den Leuchtturm eine Strecke zurück erbaut. Solch ein Leuchtturm ist sehr kostspielig. Es ist schwierig, ein Licht zu erhalten, das meilenweit gesehen werden muß. In alter Zeit, da das Holz noch wohlfeil war, brannte man Holzstöße ab. Jetzt werden die Leuchttürme mit sauberen Öllämpchen versehen, deren Schein von einem dreifachen Kranze blank schimmernder Kupferkessel zurückprallt. Wir waren dabei, als in dem verglasten obersten Räume des Turmes das Feuer angezündet wurde. Wir bewunderten die glänzend polierten Geschirre und ließen uns durch den knochigen, kurzangebundenen Pommern von den Schiffen erzählen, die zu Sturmeszeiten in wilden Nächten Hilfe erbäten. Der Mann hatte Ordenszeichen und Medaillen, besonders von den Schweden, denen er mehrere bedrängte Schiffe rettete. Er versprach uns zur Nacht einen soliden Sturm. Wir waren in dem schmalen Stübchen wie auf einem Schiffe eingeschlossen. Wir schliefen noch nicht, da erwachten schon draußen die Wetter. Ich suchte mir eine Luke zum Hinausblicken und dankte Gott, daß ich ein Schriftsteller und kein Leuchttürmer sei. Schwarz stürzte das Meer aus der Finsternis in den bleichen Lichtschimmer. Einer der Siebenbürger machte die triviale Bemerkung, ›Übung tue alles‹, und huschelte sich wieder tief in die Bettdecke, um den Sturm nicht zu hören und die Erschütterung des Sturmes weniger zu empfinden.   Wir schliefen gut, und als wir zum Sonnenaufgang geweckt wurden, war alles vorbei. Den Lesern wird hier die Beschreibung eines Sonnenaufganges erlassen, den sie in jedem leidlichen Romane nachlesen können. Wir fuhren durch die vom nächtlichen Regen eingewässerten Wege eiligst zurück nach der Schabe. Endlich waren wir wieder auf Jasmund, und weiter ging es über kleine Hügel und Täler. Wir kamen in den lichten grünen Wald des Stubnitz und hofften, bald Stubbenkammer und unsere Mecklenburgerinnen zu sehen. Wir hatten aber kein Glück. Mitten während eines Gespräches rollten die Wagen mit Mecklenburgs Stolzen an uns vorüber. Verschlafen und melancholisch grüßte die Coeur- und Piquedame. Besonders die Coeurdame. Auf ihrem niedlichen Gesichte lagen schmollende Vorwürfe. Wir bildeten uns natürlich ein, es gelte uns, denn so sich junge Männer und Mädchen begegnen, findet auch sogleich ein offizielles Verhältnis statt. So wie Studenten überall Brüder finden, Offiziere überall Kameraden und Referendare überall gleichgestimmte Beamtenseelen. Nun werden die Leute sagen, die Coeurdame aus Mecklenburg sei schuld, falls uns Stubbenkammer nicht gefallen habe. Stubbenkammer hat uns aber gerade zum Trotz sehr gut gefallen. Der schöne Wald zieht sich bis zum Abhang des Strandes, der hier wenn auch nicht hoch, so doch steil und aus wirklicher Kreide ist. Aus der grünen Waldeshöhe sieht man prächtig in das Meer hinaus. Ein geschmackvolles Wirtshaus, wo die Coeurdame übernachtete, liegt lockend in der Mitte. In Sagard, wohin wir jetzt wieder zurückkehrten, verließ ich meine Reisegenossen und wünschte den Siebenbürgern statt einer glücklichen Reise die beste Courage. Gott sieht auf das Herz, mein Freund, nicht auf die Orthographie. Ich fuhr nun allein die Schmale Heide entlang an der Granitzgrenze hin nach Putbus zurück. Die Schmale Heide ist eine etwas breitere Landenge als die Schabe zwischen dem unteren Teile des Boddens und dem Meere. Der Kutscher mußte noch ein Stück in die Granitzforste einlenken, und erquickt von Wald und Luft kam ich diesen Abend in das todesstille weiße Putbus. Rasch eilte ich nach dem Stranddorfe hinab, um nach dem Schiffer Ulrich zu fragen, der auf mich gewartet hatte, und nach dem Wind, der nicht zu warten pflegt. Ulrich stand auf seinem Schoner und sah etwas mürrisch aus. Er begriff nicht, wie man bei so vortrefflichem Nordost, wie gemacht, um nach Swinemünde zu segeln, mehrere Tage lang auf der Insel herumlaufen könne. Es flatterte ein lauer Südwind. Dennoch ward beschlossen, am anderen Morgen zeitig in See zu gehen. Erich, der zweite Schiffer, der dem Besitzer des Schoners, dem kurzstämmigen Ulrich, zur Hand war, versprach, den lieben Herrgott die Nacht über fleißig zu bitten. In stiller Pracht leuchteten noch die Sterne, als ich zum Strande hinabschritt, um mich dem Meere anzuvertrauen. Die Luft war ruhig. Um so unruhiger war Ulrich. Erichs Beten hatte nichts geholfen. Wir pusteten uns langsam aus der Bucht heran hinter den Vilm und hofften auf die Zukunft, was bekanntlich die Menschen immer tun, wenn sie nichts Besseres anfangen können oder wollen. Außer den beiden Schiffern und mir fand sich noch ein kleines Männchen vor. Das war ein Uhrmacher, der einen grünkarierten Schlafrock und ein gesticktes Mützchen trug. Der Schlafrock war sehr lang, länger als der ganze Uhrmacher und vollständig zugeknöpft. Vorne auf den Beinen hatte er zwei Taschen, in denen sich stets die Hände des kleinen Mannes aufhielten, wenn er sie nicht notwendig zum Feuerschlagen oder zum Schneuzen brauchte. Denn er rauchte Tabak und hatte Schnupfen. Bei der Abfahrt nahm er zärtlich Abschied von einem kleinen Hunde und beiläufig von einer Frauensperson, die allem Ermessen nach seine junge Ehehälfte war. Dann sang er ein aufrührerisches Lied mit einigen irrtümlichen Ausdrücken, produzierte starke Rauchwolken und versprach, den Schiffern Wind zu machen. Kurz, er war sehr guter Dinge und außerdem aus Potsdam gebürtig. Dies sagte er mir nebenbei. Er sei jetzt in Putbus etabliert, wo es ihm sehr fidel gehe. Er mache eine Besuchsreise, und zwar diesmal zu Schiffe, weil es sich damit schneller abmachen ließe. Zu Lande sei er schon weit herum gewesen in der Welt, in Krossen, unweit der schlesischen Grenze, und in Torgau bei Leipzig. Ich machte ihn aufmerksam, daß wir vielleicht sehr langsam fahren würden, weil wir schlechten Wind hätten, und daß es auch auf See gefährlich werden könne. »Pah, larifari, ich habe viel mitgemacht und immer Glück gehabt. Ich trinke abends meine drei Boddellen Bier und spüre nichts dabei. Was soll mir die See?« Ulrich lächelte zum ersten Male. Des kleinen Uhrmachers Stimmung hielt nicht lange an. Es kamen einige Windstöße, das Schifflein schwankte, und dem Uhrmacher schmeckte der Tabak nicht mehr so recht. Kopfschüttelnd stellte er endlich die Pfeife zur Seite. Unter der steten Versicherung, das sei ihm gänzlich unerklärlich, stolperte er endlich beiseite und tat das Gebräuchliche. Die Windstöße waren den Schiffern aber noch bedenklicher. Ulrich kratzte sich in den Haaren. Der alte Erich zog seine schwarze Pelzmütze tief über die Ohren vor, faltete die groben Hände und bewegte die Lippen wie ein Italiener, der eiligst etwas von der Lieben Frau in Loretto zu erbitten hat. Ihre Besorgnisse waren auch nicht grundlos. Bald fiel das Segel zusammen und wedelte passiv an dem Mastbaum. Wir hatten totale Windstille und lagen unbeweglich auf einem Fleck. Die Sonne schien mild und warm, wir waren noch mitten im Rügenschen Busen, und es war bereits Mittag. Der Uhrmacher bewegte sich nicht, die Schiffer krochen in die kleine Kajüte, um Kartoffeln zu kochen. Ich saß in stiller Mittagseinsamkeit am Vorderschiff und sah in das dunkle Wasser hinab. Geheimnisvoll lockte es mit seiner Tiefe. Alle Geschichten von Wasserfeen summten in der singenden Mittagswärme in meinem Kopfe. Ich legte die Kleider ab und sprang in das lockende Element. Aber ach, es gibt keine Feen mehr, wenigstens mochten sie nichts mit einem Reisenden zu tun haben, der beim Halloren schwimmen gelernt hatte. Heutzutage muß man ersaufen, um mit den Wassergöttern in Berührung zu kommen. Als Ulrich sah, was ich trieb, erhob er ein großes Geschrei und lief nach einem Taue. »Wenn der Wind sich hebt, sind Sie verloren, Herr. Wir erreichen Sie gar nicht, oder nicht eher, als bis Ihnen Hören und Schwimmen vergangen sind.« Man kann auf offenem Meere auch bei Windstille nicht ohne Tau baden, ohne das Äußerste zu riskieren. Die Wellen und kleinen Strömungen schaukelten uns zur Küste von Mönchgut hin. Ein Frauenzimmer saß am Strande und winkte mit einer dunklen Flagge. »Gott stehe uns bei, das ist die alte Fretten, die auf ihren ertrunkenen Liebsten wartet. Heiliger Jakob, habe ein Einsehen mit uns!« Erich bewegte noch lebhafter die trockenen Lippen, und wirklich wachte auch der Wind ein wenig auf, und wir trieben wieder in die See hinaus. Doch wir kamen bei dem steten Südwinde wenig von der Stelle und konnten namentlich die Meeresflut zwischen Ruden und der Oie nicht gewinnen, sondern wurden westlich abgetrieben. Darüber verging die Zeit, und ich bekam langsam Hunger. Erich wollte durchaus noch nicht das Schöpsenfleisch kochen und erklärte, es werde uns wahrscheinlich noch sehr nötig sein. Der kleine Uhrmacher hatte keine Lust, mir von seinem Paket kalter und zerbröckelter Beefsteaks abzugeben. Ich bot große Summen für ein Brot, aber Geld hatte wenig Wert bei der drohenden Hungersgefahr. Ein Bäcker- oder Fleischerladen in der Nähe wäre mir viel erwünschter gewesen als Erichs Erzählung von der spanischen See. Bald erhob sich der Wind voll und ruckweise aus jeder Gegend. Der Uhrmacher seufzte vernehmlich aus der Kajüte heraus, denn der Schoner machte sehr fatale Bewegungen. Erich warf seine Segel bald hierhin, bald dorthin, während er mit kläglichem Gesicht wieder zu beten anfing. Selbst Ulrich sah sich unruhig und besorgt nach dem aufsteigenden Meere um. Lange schon hatten wir ein kleines Fahrzeug in der Ferne gesehen. Bald wurde es deutlicher, wir erkannten einen Logger, der ebenfalls dürftigen Schutz unter dem Ruden suchte. Schiffer kennen sich mit ihren luft- und wasserklaren Augen auf weite Strecken. »Es ist der liederliche Störte«, sagte Ulrich zum Troste, »er lungert nach Seegras herum.« Es gab noch Wogen und Spritzregen genug, ehe wir Störte unser Verlangen zurufen konnten, er möge sein kleines Boot aussetzen, den Logger ankern und uns an Land bringen. Störtebecker, der Rinaldini Rügens, vielleicht ein Ahnherr Störtes, konnte nicht seeräuberischer aussehen als dieser verwilderte Schiffer mit seinen zerwühlten, groben Gesichtszügen und dem braunen Tabaksmaule. Die Schiffer riefen sich einige plattdeutsche, nicht eben tröstliche Notizen über Meer und Sturm zu, und ich und der Uhrmacher wurden in einem nassen Kahn zum Strande gefahren. Ruden Ein kleines, steriles Eiland, an der breitesten Stelle etwa so breit wie drei Berliner Straßen, eine ganz unfruchtbare, baumlose Dünenbank, empfing uns mit allen seinen männlichen Einwohnern. Es sind einige Lotsen, die nur ihres Amtes wegen, nicht weil es ihnen ein besonderes romantisches Vergnügen macht, hier wohnen. Sie haben die Schiffe in die Häfen von Peenemünde, Wolgast, auch wohl noch weiter hinüber zu führen. Mitten unter ihnen wohnt auch ein Zollposten. Zu dieser bedeutendsten Persönlichkeit dieses Erdteiles wateten wir durch den dünnen Sand. Ein gutmütiger, braver Mann begrüßte mich in seinem patriarchalischen Hause. In dem Flur saß eine alte Frau mit hellblauen, gläsernen Augen und spann Ziegenhaare. Sie sah uns mit keinem Blicke an, sprach nichts, sondern zündete ein Feuer an, um Eier und Kaffee für uns zu rüsten. Es fand sich ferner ein stattliches blondes Mädchen, mit festen weiß und roten Backen und kräftigen Armen. Sie war ebenso still und tot. Die Frauen schritten wie Schatten hin und her. Der Uhrmacher, der Forderungen an sie stellte, wie er es in einem Wirtshause zu tun gewohnt war, verlor bald seine laute Frechheit. Wie auf einem Schiffe war nur Pökelfleisch zu haben. Ruden ist wie ein mitten im Meere stationiertes Schiff, das sich mit seinen Lebensmitteln stets auf längere Zeit von Wolgast her versorgen muß. So saß ich mit dem Uhrmacher in einem kleinen Stübchen. Wir schnitten eben in das Pökelfleisch, der Kleine bekam allmählich seine Courage wieder und nannte das Meer eine schlechte Tabagie, die er sein Leben lang nicht mehr besuchen würde, da fuhren einige Windstöße in die Stube, der Uhrmacher sah mich wie ein Sünder an, sein offener Mund wagte nicht, in das Pökelfleisch zu beißen. Die Türe wurde aufgerissen, und Störte stürzte wie ein Räuber herein, dem die Polizei auf den Fersen ist. »Fort, fort«, schrie er, »wenn wir die Schiffe wiedersehen wollen. Es bricht ein Orkan los.« Ich fühlte wenig Lust, diesen Orkan in allen seinen Nuancen auf unserem Schoner zu genießen, da ich dieses Vergnügen ohne weitere Unbequemlichkeit ja auch auf Ruden haben konnte. Aber der Uhrmacher konnte vor lauter Angst nicht eilig genug hineinkommen. »Ich kann doch nicht meinen Frack und meine gestreiften Hosen im Stiche lassen«, rief er verzweifelt und stürzte davon. Mein Wirt sah kopfschüttelnd zu und führte mich auf seine kleine Sandwarte, um mir den Aufruhr des Meeres zu zeigen. Bald fiel die Dunkelheit wieder auf das schwarze Meer, das mit donnerndem Brausen seine Wogenberge schleuderte und die kleine Sandinsel mit Schaum überschüttete. Der Donner des Himmels erwachte, Blitze kreuzten zuerst einzeln durch die schwarze Luft, dann stürzten sie sich breit wie Feuerwolken in das Meer. Über die weite See brannte fast ununterbrochen ein zuckender, blauroter Feuerschein. Wie einen schwarzen Punkt sah ich zuweilen den schwarzen Schoner am Strande auf- und niedertauchen. Dorthin hatte sich der kleine Uhrmacher gerettet, um ein Paar gestreifte Hosen und einen Frack in Sicherheit zu bringen. Dann saß ich beim Zöllner in der Stube, und der treuherzige Mann erzählte mir von seinem Leben, während draußen die Blitze aufleuchteten. Der Mann hat ein schlimmes Geschäft. Er muß mit den Lotsen hinaus, wenn Schiffe kommen, um ihre Ware zu vermerken. Mit dem Zöllner war der Konversationsstoff bald zu Ende. Die Frauen sah man nicht, sie leben in einem anderen Winkel des Hauses wie eine gute Art Geflügel. Von der bleiernen Langeweile dieses stillen Eilandes hatte ich bald genug genossen. So ging ich schlafen. Geweckt wurde ich durch einen Sturmschlag an das Fenster. Es war noch immer nasses, graues Wetter, aber ich beschloß, mich nicht länger hier aufzuhalten. Der Schoner lag noch hochgeschleudert vor Anker. Mein Wirt versicherte, man könne bei diesem steten stürmischen Südwinde nicht daran denken, Swinemünde anzufahren. Ich wollte also versuchen, an den nächsten besten Punkt des Festlandes zu kommen. Über den Wellenbergen sah man im Süden die Waldspitze von Usedom, und da man darüber nicht hinauskommen konnte, so wollte ich diesseits, wenn möglich bis Peenemünde gebracht werden. Der Zöllner schüttelte den Kopf, führte mich aber doch in einige Lotsenwohnungen. Die Leute dort erklärten mich für verrückt, einer jedoch trat vor die Türe, um nach Wetter und Wind zu sehen. Als er wieder eintrat, kratzte er sich am Kopfe, meinte aber, er wolle es versuchen. Ich nahm also Abschied von meinem Zöllner, den Frauen und den niedrigen braun- und aschfarbigen Hunden dieser Insel und watete zum Strande. Obwohl das Wetter und das Meer nicht gerade beruhigend aussahen, mußte doch keine große Gefahr drohen, da die Lotsen noch ein zweites Boot vom Sande in das Meer schoben, um nach den Netzen zu sehen. Die straffen Kerle mit ihren kleinen Glanzhüten, kurzen Jacken und großen Wasserstiefeln wateten bis über die Knie im Wasser, der Sturm warf ihnen den kalten Regen ins Gesicht. Sie trieben es aber, als wäre das ganz in Ordnung und ein scharmantes Vergnügen. Ich wurde denn auch in ein nasses Fahrzeug gewiesen und flüchtete mich wie ein Huhn auf die Latte, um nicht ganz im Wasser zu sitzen. Ich winkte dem Zöllner zum Abschied, und das sturmgepeitschte Meer nahm mich auf. Zum Regen gesellten sich jetzt Spritz- und Sturzwellen, der Wind brüllte und das Segel wurde alle fünf Minuten in eine ganz andere Richtung geworfen. Der direkte Gegenwind nötigte zu ständigem Sitzwechsel. Ulrichs Schoner lag etwa einen halben Büchsenschuß von dem Punkte entfernt, wo ich mit den Lotsen in See gegangen war. Nachdem unser Fahrzeug eine volle Stunde gegen Sturm und Wogen gearbeitet hatte, war ich noch nicht in der Linie des Schoners. Dabei waren wir ununterbrochen tüchtig gesegelt. Plötzlich schrien meine Lotsen: »West – Südwest!« Sie bemerken das so schnell, als wir den Regen entdecken, wenn er uns auf die Nase fällt. Es war ein brauchbarer Wind nach Swinemünde, ich drang also darauf, bei meinem Schoner angelegt zu werden. Die Arbeit begann. Nach Verlauf einer zweiten Stunde lagen wir Bord an Bord. Ich mußte im Unwetter soundsoviel Taler und Groschen zusammensuchen. Der Geldverkehr ist mir nie so gemein vorgekommen. Erich sah blaß aus und war mit dem heiligen Jakob sehr unzufrieden. Der Uhrmacher litt sehr, besonders am Magen und seiner Trostlosigkeit, noch mehr aber, wie er sich ausdrückte, an der unzarten Behandlung. Der Schoner selbst hatte sein gut Teil Schuld daran. Er hatte sich sehr unruhig verhalten, der Sturm hatte während der Nacht eigenmächtig den Anker gelichtet. »Sie glauben gar nicht, was das für eine Behandlung bei dem Nachtlager war. Zwei kleine Bänkchen, wie Sie sehen, und ein Stückchen Fußboden standen nur zur Verfügung. Ich wünschte mich als Passagier natürlich die Bank, dat ewige Hin- und Hergeschmeiße brachte mir aber immer wieder auf den Fußboden, und der unanjenehme Ulrich äußerte endlich, ich solle doch liegenbleiben, wo mir – ach!« Wenn es nur für dieses Mal vorüber wäre! Keinen Fuß wollte er wieder aufs Wasser setzen. »Aber wie wollen Sie denn auf die Insel Rügen zurückkommen?« »Ach, Herr, det weeß ich jetzt noch nich. Aber ich geh nicht mehr aufs Wasser! Und der Kaffee, den der abergläubische Erich kocht!« Zu meinem Schrecken erfuhr ich von Ulrich, daß er sich jetzt trotz des günstigeren Windes nicht hinauswagen könne. Draußen in der See seien soviel Wellen, daß man an ein Strichhalten nicht denken könne. Weil wir wegen des Peenemünder Hakens tief in die See hinaus müßten, könnten wir leicht nach Schweden verschlagen werden. Das war nun zum Verzweifeln. Ich äußerte mich denn auch sehr ungeduldig. Wenn ich das gewußt hätte, war' ich mit den Lotsen weitergefahren. Ulrich meinte, ich solle ihn nicht tückisch machen. Er müsse besser verstehen, was er zu tun habe. So wurde es Nachmittag, der Wind ging noch sehr heftig, aber es war kein eigentlicher Sturm mehr, und zu meinem Erstaunen lichtete Ulrich den Anker. Er wandte sich zu mir, fluchte und erklärte, wenn uns jetzt ein Unheil passierte, so sei ich dafür verantwortlich, wir führen jetzt direkt über den Haken. Er brauchte wohl, wie die meisten Menschen, jemand, dem er die Schuld zuwälzen konnte. Mir war aber damit nicht gedient, da ich nicht die geringste Lust verspürte, in dieser kalten, unbehaglichen See zu ertrinken. Aber was sollte ich machen! Der Anker gab nach, wir flogen wie eine Nußschale in die stürzenden Wogen hinein. Mit dem Peenemünder Haken hat es aber folgende Bewandtnis: von der Spitze Usedoms geht eine Sandbank unter der Wasserfläche weit in die See hinaus. Noch ziemlich weit im Meere draußen ist sie nur mit zwei Fuß Wasser bedeckt. Nun könnte man als Landratte annehmen, wir hätten immer noch Gelegenheit, nach dem Lande zu waten, wenn wir auf die Bank aufführen. Man sieht die Insel in einer Entfernung von kaum einer Meile. Aber was nützt das? Sitzt das Schiff einmal fest, so genügen einige Wogenschläge, um den Holzkasten in Trümmer zu schlagen. Kommt der Wind vom Lande her, so gelingt es nicht, sich zu retten, sondern man wird nach dem offenen Meere hinausgeschleudert. Zwei Fuß hoch im Meere sind bei gutem Wellenschlage vier Fuß. Ohne Planke oder Balken kann man mit den besten Schwimmkünsten sich nur ein Weilchen über Wasser halten. Ulrich drückte das Steuer bald nach rechts, bald nach links und konnte sich nicht entscheiden, ob es wünschenswerter sei, sich von den Meeresströmungen nach Schweden werfen zu lassen oder auf den seichten Stellen des Hakens aufzulaufen. Erich maß die zweieinhalb Fuß, die der Schoner für seine Fahrt brauchte, an einer Stange ab. Da der Haken sehr nahe war, bebten seine Lippen, als er dem steuernden Ulrich die Tiefe zurief: »Sechs Foot, sechs Foot, fünfeinhalb Foot.« So ging es ja recht gut. Wir glaubten schon, uns genügend weit draußen gehalten zu haben. »Vier Foot, vier Foot, knappe vier Foot, dreieinhalb Foot, drei Foot.« Ulrich drückte stark am Steuer, um das Schiff weiter hinauszuhalten. Keine Silbe wurde dabei gesprochen. »Knappe drei Foot, zweieinhalb Foot!« Der Uhrmacher hielt sich den Kopf und stürzte in die Kajüte. Wie der Vogel Strauß glaubte er sich aus der Gefahr errettet, wenn er sie nicht sehen konnte. Der Schoner schrammte bereits den Meeresgrund. Hinter ihm her zog ein breiter brauner Strich im Meere. Interessiert sah ich dem bleichen Erich zu, ob das Wasser einen Finger breit unter die zweieinhalb Fuß treten werde. Dann hätte uns selbst der brausende Wind nicht mehr geholfen, der in unseren Segeln lag. Ulrich drückte mit seinen letzten Kräften das Steuer hinaus. Die drohende Spannung hielt eine ganze Weile an. Es schien mir eine Art Ironie zu sein, mitten im Meere den Mangel an Wasser fürchten zu müssen. »Knappe zweieinhalb Fuß!« »Ans Hinterteil alles! Her ans Steuer!« schrien die Schiffer. Ich mußte den halb ohnmächtigen Uhrmacher aus der Kajüte reißen, er begriff nichts mehr. Es handelte sich jetzt darum, die Spitze des Schoners so flott und hochgehend wie nur möglich zu halten. Der Wind kam von vorne. Er warf uns wie ein guter Freund in der Not aus der Gefahr heraus. Der Haken ging zu Ende, wir fanden tieferes Wasser. Nachdem wir die Gefahr überstanden hatten, wurden wir alle sehr lustig. Erich kochte sein Schöpsenfleisch, und der Uhrmacher mußte dazu Kartoffeln schaben. Gegen Abend war der stürmische Wind sanft und brav geworden. Das Dampfboot »Dronning Maria« strich mit seiner fliehenden Rauchsäule an uns vorüber. Als das Dunkel sich tiefer senkte, leuchtete uns der Swinemünder Turm. Das Meer nahm Abschied von uns, als wären wir ununterbrochen gut Freund gewesen. Das erste Wort des Uhrmachers auf festem Boden war ein herzhafter Fluch. Er hatte im Nu wieder seine ganze Fassung gewonnen, schnaubte nach Essen und Schlaf und verabschiedete sich wortreich von mir. Im Gesellschaftshause war noch Licht. Bei näherem Zusehen fand sich, daß ein Ball abgehalten wurde. Ich eilte nach Hause, Luisa schlug die Hände über dem Kopf zusammen und konnte sich nicht genug darüber verwundern, daß ich Frack und Schuhe heischte. Ein schönes Mädchen im Tanzsaale trug rote Schleifen und tanzte vortrefflich Galopp. Sie fragte, warum ich so spät komme. »Mein Fräulein, der Peenemünder Haken hat meine Toilette verzögert, und gemeinster Hunger nach einem Beefsteak hielt mich im Nebenzimmer auf.« Im Saale war es erstickend heiß. Auf der Ostsee draußen hatte ich gefürchtet zu erfrieren. So ändert sich das Menschenleben in ganz kurzer Zeit. Wenn man es nicht aufschreibt, vergißt man es. Viele wissen gar nicht, was sie alles erlebt haben. Namentlich denken die Leute, in Pommern sei nichts zu erleben; die Törichten! Zurück nach Schlesien Wie lange war es her, daß ich von meiner Heimat ausgezogen, um das Glück zu suchen! Das Ziel hatte sich fortwährend in meinen Augen verschoben. Aber der Trieb nach vorwärts und immer weiter war der gleiche geblieben. Ich hatte manches gesehen, viele meiner Ansichten waren verändert, ich hatte gelernt, daß ich vordem die Grenzen meiner Heimat zu enge gezogen, überall, wo ich auch gewesen, hatte man Deutsch gesprochen, war es auch nicht so schwer gewesen, sich daheim zu fühlen. Nun fuhr ich wieder über Berlin nach Hause. Aber ich wußte nicht recht zu sagen, was ich eigentlich fühlte. Bei Frankfurt sah ich die Oder wieder, meinen alten schlesischen Genossen, er kam von Breslau herab, hatte die alten Häuser gesehen und war auch an der stillen Wohnung vorübergezogen, von der aus ich manchmal traurig zu ihm herabgeblickt, traurig vor Liebe und Ahnung größerer Welten. Es sind immer neue Wellen, die solch ein Fluß mit sich führt. Das Wasser, das mir jetzt bei Frankfurt begegnete, hatte ich nie gesehen, und dennoch war es mir befreundet. Der Mensch braucht wenig Anregung, um zu lieben. Hier treibt der Fluß Bäume und Grün aus dem Boden der Mark. Sand, Kiefern- und Birkenwäldchen laden euch auf dieser Straße zu beschaulichem Verweilen. Ich kam nach Grünberg, der ersten schlesischen Stadt, wo, Gott sei es geklagt, unsere Rebe wächst. Es wurde Abend, als midi die Postkalesche den Feld- und Waldwegen der Vaterstadt immer näher brachte. Ich kannte schon alle großen Bauerngehöfte, wußte, wieviel Pferde und Rinder sie hielten. Alle kleinen Interessen dieser Landbesitzer kamen mir wieder in die Erinnerung. Als ich noch ein kleiner Junge war, habe ich ihnen aufmerksam zugehört, und ich entsinne mich noch, welch eine Traurigkeit sie stets in mir weckten, obwohl ich nicht wußte, warum. Jetzt sahen die ungastlichen Wohnungen so ausgestorben aus, daß ich mich dessen kaum freuen konnte, wie reicher an Wünschen und Gedanken ich jetzt heimkehrte, als ich je hatte ahnen dürfen. Der Mond schien in die nahe Waldstrecke, die Frühlingsluft strich um mich. Selten guckte ein faules Gesicht aus einem Fenster, aufgeweckt vom ungewohnten Rasseln des Wagens. Es schlug neun aus der Ferne. Wie wohl kannte ich diese Glocke, wie oft hatte ich sie selbst gezogen. Sie war mein patriotischer Stolz. Christian, der mit gegen die Franzosen gefochten hatte, hatte mich oft durch die Versicherung beglückt, auch im großen Paris klängen die Glocken nur dünn und jämmerlich neben der von Sprottau. Der Pappelweg und das Kirchlein erschienen. Es war ein merkwürdiges Kirchchen, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte, der Inbegriff des ersten mystischen Katholizismus. Weit abgesondert von der Stadt liegt es auf einem Hügel, an dessen Fuße schwarz und langsam die kleine Sprotte fließt. Es ist immer verschlossen, nur einmal des Jahres zieht die Geistlichkeit in weißen Spitzenkleidern und mit dampfendem Weihrauch hinaus, um Gottesdienst darin zu halten. Dort hat auch der »schöne Gottlieb« gehaust. Erst neulich soll wieder ein Menschenantlitz oben am Glockenfensterchen gesehen worden sein, obwohl der Propst allein den Schlüssel habe und nur alle Jahre einmal hinauskomme. Der schöne Gottlieb sollte der Anführer einer Räuberbande sein, der unter die Spitzbuben gegangen sei, weil man ihm seine Geliebte verweigert habe. Im Kirchlein habe er sich mit ihr getroffen. Oben am Glockenfensterchen habe er oft gesessen und auf das Treiben der Leute unter ihm herabgesehen. Ja, man erzählt, es gebe im Kirchlein ein so vortreffliches Versteck, daß der schöne Gottlieb stets am Kirchtage die Messe mitgefeiert und sogar mit seiner Geliebten geliebäugelt habe. Irgendein solider Bürger sei jedesmal an einem solchen Tage mit einer Ohrfeige überrascht worden, von der er nicht hätte sagen können, woher sie komme. In der Heide sei es nun später dem schönen Gottlieb doch mißlungen. Man habe ihn gefaßt und unweit des Kirchleins, wo ein großer steinerner Galgen stand, in Ketten aufgehangen. Bis auf den heutigen Tag aber sieht man scheu nach dem Glockenfenster hin. Viele wollen den einen Laden schon an manchem Morgen offen gesehen und ein Gesicht erblickt haben. Das soll der schöne Gottlieb sein, der sich wieder den Fluß, die Wiesen, Gebüsche und das Städtchen betrachtet, solange der düstere Morgennebel darauf ruht. Man kann also denken, daß ich nicht ohne lebhaften Anteil jetzt bei hellem Mondschein vorüberfuhr. Das Kirchlein stand wie sonst mit festgeschlossenem Fenster da, die Gebüsche und Bäume waren höher gewachsen, der Putz von der Mauer und vom Türmchen war stärker abgefallen. Wie lange hast du schon gelebt, dachte ich, und doch nimmst du noch Interesse an deinen jugendlichen Erinnerungen, an all den unsichtbaren Geistern, die aus dem dämmernden Himmel hinein in dein jetziges Leben treten. Kommst mit den gleichen, nach unbekannten Dingen verlangenden Träumen wieder in die Heimat zurück, wie du ausgezogen. Und ist es nicht am Ende so: wem die Heimat nicht Sehnsucht nach dem Himmel weckt, der hat keinen Himmel zu hoffen. Wahrlich, in der Vorstadt saßen die Leute, so, wie sie einst gesessen hatten, noch abends um neun vor ihren Türen. Die Männer in Hemdsärmeln und mit langen Pfeifen, die Frauen mit Strickstrümpfen. Der Mond ließ ihre Gesichter erblassen, aber ich erkannte alle. Sie waren etwas älter geworden, aber nicht sehr verändert. Man altert langsam in einer kleinen Stadt. Man vertrocknet von innen heraus, und das wird spät bemerkt. Noch wie sonst fragte sich alles: »Wer mag in der Kalesche sitzen?« Noch wie sonst war eine Kalesche ein Ereignis, das die Leute nicht schlafen ließ, bevor es von Haus zu Haus aufgeklärt war. Als man sich am anderen Morgen dareingefunden hatte, daß Laubes Heinrich in der Kalesche gekommen, als der erste Anlauf der Begrüßungen von Vettern und Muhmen durchgefochten war, da ging ich zum Pfingstschießen. Die Signale schrien, die Jungen rannten mit verspäteten Bandelieren und gelben Nankinghosen, die Trommeln wirbelten. Die große Armee schien wieder im Anzuge zu sein – die Schützengarde rüstete sich zum Ausmarsch. Vielleicht sind in wenigen Jahren die alten Sitten vergessen. Mit Recht war die alte Garde schon sehr erbittert gegen die uniforme Tracht der jungen Leute. Es kann ein archäologisches Verdienst begründen, wenn ich diesen Auszug der Kinder und Väter Sprottaus beschreibe. Vielleicht sticken die Enkel einst deshalb meinen Namen auf eine der Fahnen. Der erste Held des Tages ist ein Trompeter, genannt Hóraz. Er fängt bereits am frühen Morgen an zu blasen. Die Wichtigkeit seines Amtes – dunkelgrün und ockergelb sind seine Farben – erlaubt ihm übrigens kein triviales Gespräch. Offiziell zürnt sein Gesicht. Von der Würde dieses festlichen Tages lebt Hóraz den übrigen Rest des Jahres. Wo er gefoppt wird, wo er anbetet und keine Erhörung findet, da erinnert er an seine gelbgoldenen Epauletten. Dann treten die Tamboure auf, die sich zum Ärger ihrer Ehehälften seit mehreren Wochen stachelige Bärte wachsen ließen. Sie tragen rote Hahnenfedern auf den Hüten und trommeln ohne Erbarmen. Die Jugend begleitet sie mit patriotischen Gefühlen in hellen Haufen. Die alte und junge Garde versammelt sich einzeln. Man wundert sich alle Jahre, daß die Bürger nicht pünktlich kommen. Man kann nicht antreten, weil noch die wichtigsten Mitglieder fehlen, man spricht über die Witterung, über Getreide- und Wollpreise und ob der Hauptmann reiten werde oder nicht. Das war von jeher der wunde Punkt. Durchschnittlich existiert gar kein Reitpferd im Städtchen. Dann ist der Hauptmann jeder Sorge enthoben und geht stolz in den blanken Reitstiefeln zu Fuße. Im anderen Falle, wenn ein Gaul zu haben ist, treten größere Übelstände ein. Die edle Reitkunst wird aus vielen Gründen in meiner Vaterstadt nicht kultiviert. Die etwaigen Reitpferde bezeigen gewöhnlich eine unangenehme Aversion gegen die kriegerische Janitscharenmusik. Sie sind Kinder des Friedens und protestieren meist energisch gegen den Schlachtenlärm. Oft verschwand schon der Hauptmann vor der Front und erschien wieder im dichtesten Haufen der Garde. Die fühlte sich bei solcher Gelegenheit gar nicht berufen standzuhalten und patriotische Äußerungen von sich zu geben. Es hat sich einmal zugetragen, daß der Hauptmann in der Nähe des Schießhauses, als das Heer über die Brücke zog, ganz allein unten mit seinem Rosse durch den Fluß schwamm. Erstarrt hat der Zug stillgehalten, die rasende Musik wurde mit Mühe gedämpft. Tüchtig, wenn auch naß, kam der absichtslos kühne Schwimmer wieder ans Land und stellte mit einer zweideutigen Bewegung Mut und Vertrauen wieder her. Im nächsten Jahre hat indessen die Frau Hauptmännin ein besonnenes Veto eingelegt, und es wurde von mehreren Seiten unverhohlen geäußert, daß die würdigsten Leiber der Stadt nicht fürderhin gefährdet sein dürften. Der Schimmel erschien nie wieder vor der Front. Dieses Jahr fand sich ein besonnener brauner Engländer vor, der die stürmische Zeit der Jugend hinter sich hatte und von dem sich ehrbare, solide Bewegungen erwarten ließen. Er hatte die Proben mit schöner Ruhe bestanden, sogar Hórazens Trompete hatte ihn nicht alteriert. Der Herr Hauptmann erschien zu Roß, die Garde trat an und setzte sich stattlich in Marsch. Nachzügler stürzten zwar noch aus manchen Häusern, und beflissene Gattinnen eilten hie und da in ihren Hauskleidern herbei, um dem Gemahl das vergessene baumwollene Schneuztuch oder die grüne Fourierbinde zuzutragen, oder auch mit drei hastigen Stichen die lockere Kokarde an das schlanke schwarze Schiff des Hutes festzunähen. Aber nichts hielt mehr wesentlich den kriegerischen Ungestüm auf, sobald der alte klassische Marsch, das weltbekannte »Radabum«, begonnen hatte. Dieser Sprottauer Marsch ist Musik des Friedens und der Heiterkeit. Ich glaube nicht, daß ihn Patrunke, der Stadtpfeifer, erfunden hat, aber er spielt ihn seit Menschengedenken. Mein Vetter erfand den berühmten Text, »Radabum, radabum, tschin, tschin«, als wir einst heimfuhren zum Pfingstschießen in der goldenen Ferienzeit. Davon blieb ihm auf allen Universitäten sein Name. Er wurde Studentenmarsch und machte die Runde durch ganz Deutschland. Mit dem »Radabum« beginnt das eigentliche Pfingstschießen, es ist das deutsche »Evan evoe« der Griechen. Mit dem ersten Trommelschlage werden die Fahnen aufgerollt, der spanische Paradeschritt lenkt sich zum Bürgermeister, und es wird ihm ein Walzer aufgespielt. Der Bürgermeister traktiert dann die Ratsherren und die Herren Fouriere mit Wein und kaltem Braten. Der Tausendsappermenter des Städtchens tritt auf, der Fahnenschwenker, und zeigt seine Künste. Alles schweigt und staunt. Herr Ritter ist der einzige seiner Kunst, und weitsichtige, sorgliche Bürger fürchten, sie werde mit ihm aussterben. Er trägt einen kleinen, niedlich runden Hut, einen braunen, würdigen Frack mit talergroßen Stahlknöpfen, ein kurzes dunkelseidenes Unterkleid und Strümpfe, gemischt aus Seide und Baumwolle. Alle seine Bewegungen sind kurz und leicht und stets von einem gemessenen Neigen des Kopfes begleitet. Eines seiner graziösen Beine pflegt vorgestreckt zu weilen und leicht und anmutig in seiner Kraft zu spielen. Im Arme ruht die Fahne, und sein würdevolles Lächeln beweist, wie er der großen Trommel und den schreienden Klarinetten gerne den Spektakel gönnt. Er hat sich durch lange Erfahrungen überzeugt, daß seine eigenen Leistungen, sobald die Reihe an sie kommt, alles übrige vergessen machen. Und es schweigt der Lärm, Patrunke bringt mit Energie den Jungen zur Ruhe, der seine Pikkoloflöte von neuem einsam das »Radabum« schreien läßt und entschuldigt mit einer passenden Geste nach der unreifen Figur des Künstlers die Störung. Dann gibt er das Signal noch einmal, es fliegt von Ellenbogen zu Ellenbogen der Musiker, und ein gedämpfter Zephirwalzer entwickelt sich. Herr Ritter schreitet mit Grazie vor, senkt grüßend die Fahne, und auf seinem sonst ernsthaften Gesichte erscheint süße Zufriedenheit und Genugtuung. Er schwenkt die Fahne rechts, er schwenkt sie links, er bugsiert sie zwischen seinen Zebrastrümpfen hindurch, ja, er wirft sie in die Luft und fängt sie lächelnd wieder auf, während die Jugend staunt und der Zephirwalzer trotz des Stampfens und Dräuens des abgehärteten Patrunke zum Schweigen kommt. Ritter nimmt wieder sein Hütchen ab, zieht sich mit Anmut zurück und genießt das allgemeine Staunen über seine Geschicklichkeit, indes er schweigend und lächelnd sich mit dem blauen Baumwolltuche den Schweiß abtrocknet. Die große Trommel dröhnt und weiter geht der Zug, lebhafter bereits, aber immer würdig. Im Schießhause sitzen die Honoratioren, spielen l'hombre , rauchen Tabak und trinken Bier. Sie begrüßen Gäste aus der Umgebung und sehen dem Tanze zu, der sich im mittleren Saale entwickelt. Diese Säle sind nämlich durch offene Bogen verbunden und bilden ein stattliches Lokal. Im dritten sitzen die eigentlichen Bürger, schmauchen, spielen Karten und sind in ihren Äußerungen nicht blöde. Man kann hier artig zuschauen. Mütter und Töchter sitzen dort, die Mütter meist noch in jenem Staate, den sie vor Jahren getragen, die Töchter aber streben schon nach Modernem, sei es nur mit einem Bande oder einem Steinchen von Glas. Die Burschen schweigen und sind über Bequemlichkeit höflich. Im Tanze aber rasen sie, bis sie glühen und dampfen und Heiratspläne mit bescheidenen Vergleichen der Umstände unter ihren Busenkrausen hegen. Mit Wohlgefallen sieht man die dreisteren, frischeren, geschickteren Bürgersöhne sich tiefer in den linken Saal hineinwagen, um manche Honoratiorentochter oder Tochter eines kleinen Landedelmannes zum Tanz zu holen. Es war auch zu Pfingsten bei den heimatlichen Saturnalien, da ich Weisflog zum ersten Male sah. Zeitgenossen werden sich erinnern, daß in den frühen zwanziger Jahren viel von diesem Schriftsteller gesprochen wurde. Wir Gymnasiasten, die neben Julius Cäsar auch die deutschen Zeitungen lasen, waren sehr stolz auf unseren Landsmann, und wir Sprottauer erst recht. Weisflog war aus Sagan, das war bloß zwei Meilen von uns entfernt. Es war also ein sehr großer Moment, als es hieß, Weisflog sitze in einer Bude und würfle mit unseren Honoratioren. Als Gymnasiast hatte ich ein bestrittenes Recht, mich unserer Noblesse schüchtern anzuschließen. Ich wagte mich also zagenden Schrittes in jene Bude. Da saß er leibhaftig, der Mann der Historien- und Phantasiestücke, der Autor der »treuen Seele von Zwickau«. Er war nicht groß, aber lang. Sein Kopf war vielfach spitz und klug, alle Linien drängten sich nach vornehm zu einem Winkel. Das dünne Haar lag ruhig und still und störte die lange Stirne nicht, die zuweilen zuckte. Spitz und scharf sahen die verlebten Augen auf die Würfel. Es war eine müde Lebhaftigkeit in diesem Auge, das genug von der Welt gesehen hatte. Nur eine schöne Blume, eine Schüssel Austern, ein Haufen Gold oder ein niederländisches Bild konnten es auffrischen, und wenn er Musik hörte, wurde es lebendig. Als Patrunke, der Stadtmusikus, in der Nähe dieser Bude plötzlich das vaterländische »Radabum« entfesselte, da erschien ein Zug um Weisflogs Mund, der bezeugte, es sei noch ein reicher Fonds humoristischer Laune im Verfasser des »Zwiebelkönig Eps«. Er fragte leutselig, wie der Stadtpfeifer heiße. Der Herr Registrator hielt ein mit dem Wurfe, neigte sich in vorbildlicher Weise ein wenig schief und ließ sich vernehmen: »Die Leute nennen ihn Patrunke, er schreibt sich aber Palrunki und führt die Klarinette, verehrter Herr Prokonsul.« »Schnöde Welt«, sagte lächelnd Weisflog, und der Herr Registrator lächelte gefällig mit, obwohl er den Ausdruck nicht verstand. Auch in den Momenten, da er schnupfte, war immer Laune in Weisflogs Gesicht und Augen. Er führte eine lange, spitze Nase, die unzufrieden aussah. Zuweilen beruhigte er sie mit Schnupftabak, diesem Sinnbilde pikanter Versprechungen. Wurde plötzlich eine große Summe im Spiele frei, da fuhren seine langen, mageren Finger wie Raubvögel auf das Geld los: »Das ist mein Spiel, werfen Sie zu, Wertgeschätzter, ich halte, ich halte es dreimal hintereinander.« Ehern, leblos, furchtlos, hoffnungslos war sein Gesicht, wenn der Wurf fiel, keine Freude, kein Leid äußerte sich, wenn er gewann oder verlor. Die dürren Finger strichen ein oder zahlten aus wie Kommis, die nichts von dem höheren Sinn des Geschäftes ahnen. So saß er da, stets hinter dem Tische an der Wand, ein blauer langer Rock verhüllte die magere, weitläufige Figur. Der Gymnasiast empfand damals nichts als Scheu und Respekt. Aber die Bilder bleiben im Gedächtnis, und wenn wir sie im späteren Alter hervorholen, so sprechen sie plötzlich alles aus, was früher nur als unsichtbare Eindrücke in ihnen schlummerte. Es war alles verlebt an Weisflog, der Geist, das Herz, die Kunst, das Leben. Seine Schriften waren nur Gras von seinen Gräbern. Er schrieb erst in den letzten Jahren seines Lebens für die Öffentlichkeit, da er schon ruiniert war. Wie viele Dinge sind erst als Ruinen interessant! Seine unheimliche Erscheinung hatte aber etwas dämonisch Anziehendes. Ich suchte ihn in Sagan auf, als die Leute sagten, er sei mit dem Sterben beschäftigt. Was zischelte und raunte man sich damals alles zu! Er könne nicht leben und nicht sterben, die juristischen Streiche eines harten Herzens, die Gewissenlosigkeit eines dissoluten Lebens zerrten ihn auf dem Lager umher. Ich mochte nie daran glauben. Aber als er gestorben sein sollte, da war es Spiegelfechterei, da existierte er noch. Sein Haus war verschlossen, nachts ging ich mit ihm in seinem Garten spazieren. Dann begleitete mich Weisflog noch ein Stück auf meinem Heimweg nach Sprottau, und daher kam das Gerücht, der Prokonsul ginge um. Unsere Unterhaltung war vernünftig und bürgerlich. Wurde er dabei unbürgerlich tragisch, wenn er seiner Schulden gedachte, so wies ich ihm das im Mondschein schlummernde Städtchen. Sagan ist durch Vandervelde und Wallenstein bekannt geworden, es hat ein Schloß und eine mediatisierte Fürstin. Sie soll sehr schön gewesen sein und viel geistigen Geschmack besessen haben. Man erzählt, sie habe im Freiheitskriege eine Rolle gespielt und Metternich lebhaft und erfolgreich zugeredet, sich von Napoleon entschieden abzuwenden. Übrigens ist Sagan die Grenzstadt zwischen Schlesien und dem alten Sachsen, der Lausitz, und hatte daher früher für die Schmuggler eine große Bedeutung. Die schönsten Westen zur Tanzstunde kamen von Sagan. Sagan liegt wie ein indianischer Flecken. Seine wenig hervorragenden Türmchen sehen primitiv und anfänglich aus, man merkt ihnen keine Kultur an. Weisflog mußte immer lachen, wenn ich sie ihm zeigte. Von Sagan nach Sprottau sind, wie gesagt, nur zwei kleine Meilen. Weisflog begleitete mich eine kleine Meile, und dann ging ich ebensoweit mit ihm. So kam ich oft wieder nach Sagan zurück, und wir hatten Zeit, über seine Gläubiger und seine künftigen Pläne zu sprechen. Sterben mußte er in kurzem, dies stand fest. Seine Schulden waren höher, als was er sich durch seine Schriften je erwerben konnte, seine Justizgeschäfte florierten auch nicht besonders. Auch hatte er gar zu viele poetische Gelüste. Heute verschrieb er sich eine Straßburger Gänseleberpastete, morgen die teuersten Blumen aus Haarlem oder Brüssel, übermorgen die ersten Austern und zu gleicher Zeit die neueste Partitur aus Mailand. Wenn ich dies Weisflog vorwarf, so begriff er mich nicht und fand die Jugend mit ihren Forderungen kindisch, die das Genie in Alltagsgrenzen schmieden wollten. Aber seine Entgegnungen wurden doch mit der Zeit kleinlaut, und er meinte am Ende auch, das Beste sei zu sterben. Nach seinem Tode reisten wir ab und überließen »Zwiebelkönig Eps« alles übrige. Er hat auch alles ganz scharmant gemacht und für das Begräbnis aufs beste gesorgt. Unermüdlich lief er den Leuten unter der Nase herum, und es wurde viel geweint von Gläubigern und Gläubigen, wie ausdrücklich im Wochenblättchen stand. Wir reisten ins Gebirge. Am letzten Hause von Hermsdorf hielten wir still. Dort wohnt Weisflog bei einem böhmischen Musikanten und kuriert sich durch eine einfache Lebensart. Er trinkt Molken, ißt Brunnenkresse, liest den Gebirgsboten und die Abendzeitung und läßt sich von seinem Wirte einfache alte Volkslieder vorspielen. Anfänglich kam er sehr herunter und klagte bitterlich, es sei gegen seine Natur. Die Zeit überdeckte mein Weisflogsches Interesse. Ich habe mich nicht mehr um ihn kümmern können, und es läßt sich annehmen, daß er doch noch an Brunnenkresse und Molken gestorben ist. Der Postillon fuhr mich den alten Schulweg nach Glogau. Wie oft war ich hier gewandert oder auf trägen, schleichenden Wagen gereist, mit einem Kopfe voll Vokabeln und Formeln, mit einem Herzen ohne Mut, das die Schulsorgen zusammengeschrumpft hatten. Man soll sich der überstandenen Schulleiden mit Freude erinnern. Das könnte ich nicht sagen. Das drückende Alpgefühl des terrorisierten Gymnasiasten überkommt mich noch heute, wenn ich an die langen eingesperrten Vormittage denke. Die Sonne lag fern auf einem hohen Dache und kam nicht zu uns. Wir mußten festsitzen, wenn uns auch ein verirrtes Frühlingslüftchen mit Drang und Sehnsucht erfüllte. Mehr als einmal sind mir die Tränen in die Augen gestiegen, wenn ich morgens um sieben Uhr mit dem Bücherpack durch die Straßen wanderte. Rotgolden fiel die Sonne auf die taubedeckten Gassen, die Kaufmannsladen öffneten sich, Wagen und Reiter bewegten sich nach dem Tore zu, und Soldaten marschierten mit klingendem Spiel auf das Glacis hinaus – und ich mußte in die abgesperrten Zimmer, aus denen kein Entrinnen möglich war. Gräfenberg Aus soundso vielen Gründen hielt ich mich diesmal in Breslau gar nicht auf. Es war noch alles in Ordnung: die einen lobten das Theater, die anderen tadelten es. Man nahm sich den Kaffee noch in Papier gewickelt mit, wenn man den Kaffeegarten besuchte, man beklagte sich wie sonst und wunderte sich darüber, daß kein ordentliches Journal bestehen könne. Man sagte noch immer, Breslau sei doch viel schöner als Berlin, und es werde wohl wieder regnen, wenn im Tempelgarten Illumination sein solle. Kurz, es war noch Breslau, eine große Stadt mit tüchtigen Lebenskräften. Über Ohlau nach Neiße führte mein Weg. Ohlau steht wegen seines Tabaks, der von schlesischen Bauern verbraucht wird, in sehr schlechtem Gerüche. Übrigens gehört das hiesige Blatt noch zur Aristokratie unserer Tabakblätter. Der eigentliche jakobinische Knaster gedeiht in Wansen. Dieser Name reicht hin, eine Dame in Ohnmacht zu werfen. Es ist eine stille, uninteressante Fläche bis Neiße. In einem kleinen Städtchen, das man passiert, war ein großer Brand gewesen. Ein umfangreicher Transport Pulver begegnete mir noch. Schwarze Fähnchen auf dem Wagen, vorreitende Soldaten, die Kutscher ohne Tabakspfeifen, ein bleicher Sonnenschein, in dem ein trockener, kalter Wind einherschlich, alles machte einen bleiernen Eindruck. Die Post schlich langsam im Sande dahin, und Neiße wollte immer noch nicht kommen. Endlich gewannen wir eine Anhöhe, die alte Festung und dahinter die Gebirgsanfänge zeigten sich. Die Luft erwärmte sich zum Regen, und wir gelangten durch viele Außenwerke in die Stadt. Es war ein warmer, wolkiger Tag, als ich sie am andern Morgen in einer leichten Kalesche verließ. Nebel und Wolken machten das Gebirge vor mir unsicher und unromantisch. Aber es lag Elastizität in der Atmosphäre, und ich begrüßte mit Heiterkeit die österreichische Grenze. Dort warteten meine alten Bekannten von der Linie, die Herren Mautbeamten. Wir kannten uns auf der Stelle an den hübschen Zwanzigkreuzern, drückten uns die Hände und schieden in Eintracht. Ich befand mich jetzt in dem Stückchen Land, das man in der Geographie »Österreichisches Schlesien« nennt. Das kleine Terrain, für das der Siebenjährige Krieg nicht hinreichte, ist zwischen Schlesien, Ungarn, Mähren und Böhmen in hohe Berge und tiefe Täler eingekeilt. Die Berge rückten immer näher und enger zusammen. Und als ich nach einigen Stunden in das Städtchen Freiwaldau kam – eine andere Lesart ist Freienwalde –, da waren ringsum steile Berge und die Welt, wie man so sagt, mit Brettern vernagelt. Die Himmelsgegenden waren durch die mannigfachen Windungen des Weges wie verrückt, die Wolken fielen in sanftem Regen herab. Ich hatte gelesen, daß man da oben in einem ganz abgelegenen Bergwinkel alles mit kaltem Wasser kuriere. Das lockte mich. Die Gesundheit, das Geld und die gesellschaftliche Stellung sind heutzutage das Ziel der menschlichen Bestrebungen geworden. Man will gesund, reich und frei sein, wie man zu anderen Zeiten genial, vornehm oder geliebt sein wollte. Der Herr Professor Oertel in Ansbach schrieb jahrelang über die Vortrefflichkeit des Wassers, man sprach nicht mehr vom Wasser, ohne seiner zu gedenken. Aber er drang nicht tief genug in die ungläubigen Herzen und man verketzerte ihn spöttisch. Da trat nun da oben, wo die letzten Berge der Sudeten ihre steinernen Arme nach den Karpathen hinüberstrecken, ein schlichter Landmann auf, errichtete eine vollständige Heilanstalt und setzte das Wasser in alle Majestätsrechte der legitimen Medizin ein. Vinzenz Prießnitz ist sein Name, und zu Gräfenberg nimmt er seine Heilungen vor. Danach erkundigte ich mich im Gasthofe in Freiwaldau. Die blasse, lange Wirtstochter lächelte mitleidig und beschied mich kurz. Das Örtchen sei auf dem Gräfenberge hinter der Stadt gelegen. Man fahre eine halbe Stunde hinauf. Übrigens seien schon so viele Gäste da, daß ich keinen Platz mehr finden werde. Überhaupt scheine es ihr kurios, daß ich nach dem Wasser hergefahren komme. Man trinke es in Freiwaldau schon seit undenklicher Zeit und kein Mensch habe etwas darin gefunden. So geht es allen Propheten in ihrem Vaterlande. Die lange, blasse Dame mit den sehnsüchtigen Locken hinter dem Ohre war obendrein selbst krank. Sie litt an jenem Erwartungsübel, dem so viele Mädchen verfallen, wenn sie zu reiferer Erkenntnis kommen und das Heiraten zu hassen anfangen. Natürlich schlug ich ihr die Wasserkur vor, aber sie fragte mich schneidend, ob ich wirklich glauben könne, daß ihr Wasser helfen werde. Es regnete immer fleißig weiter, aber so durchsichtig und leise, daß ich die Gegend wie durch einen dünnen Flor betrachten konnte. Es war ein tiefes Bergtal, in das ich aufwärts fuhr. Der Wagen keuchte durch einen schmalen Weg, und als uns ein herabkommender Bauernwagen begegnete, war die Not groß. Links vom Wege kamen allmählich einzelne Bauernhäuser zum Vorschein, die zerstreut an der Berglehne lagen. Nach einer Wendung des Weges erblickte ich einige größere Wohnhäuser. Es war Gräfenberg, das ersehnte Bad. Hinter den Häusern lief ein reich bebuschter Berg noch weit in die Höhe. Rückwärts und seitlich standen blanke Berge. Auf ihnen lagen Wolken, tief unten aber flog über grüne und gelbe Hügel ein Strichregen. Der Weg wurde immer steiler. Als wir vor dem kleinsten der massiven Häuser hielten, mußten wir Steine vorlegen, damit der Wagen nicht eigenmächtig zurückrenne. In diesem Hause wohnte Prießnitz, ich war an Ort und Stelle. Zwei Leute gingen im Zimmer auf und ab. Sie sahen sehr abgewaschen und etwas armselig, rot und bläulich im Gesichte aus. Auf dem Tische standen zwei Flaschen Wasser, daraus schenkten sich die ohnehin schon frierenden Leute ohne Unterlaß ein. Ich, kaum beachteter Novize, erlaubte mir einige bescheidene Fragen nach der Lebensweise in Gräfenberg. Zum Beispiel: »Sie entschuldigen, meine Herren, was genießen Sie hier wohl zum Frühstück?« Antwort: »Wasser!« »Also bekommt man wohl erst zum zweiten Frühstück ...?« »Wasser!« Es fing mir an, kühl zu werden. Das eine der vor mir herumspazierenden Schlachtopfer, ein kleiner Mann ohne Taille, in einem abgeschabten grünen Röckchen, schenkte sich zitternd ein neues Glas ein und stürzte es hinunter. »Aber zu Mittag, meine Herren, erhält man doch ...?« »Wasser!« war die einstimmige Antwort. Sie schien mir wie Unkenruf aus einem Teiche zu kommen. Der Kleine im grünen Röckchen seufzte und strich mit der Hand über sein unwirsches, spärliches blondes Haar. »Pfui doch, Herr Leutnant«, sprach der andere und trank ein großes Glas, »ohne Wanken und Seufzen ins Feuer, Leutnant! Noch eines, Leutnant!« Es war eine alte, ausgegurgelte Kommandeurstimme. An seinem Gesichte blieb nicht viel zu unterscheiden, es war durch dunkle Röte und altes Fleisch verwischt. Weiße, starre Härchen wuchsen auf seinem Kopfe, ein alter, pensionierter blauer Sommerrock schlotterte um seinen Leib und seine breiten Glieder. Ich behielt kaum den Mut, weiter zu fragen: »Aber, meine Herren, nachmittags oder abends wird es wohl etwas anderes geben als ...?« »Wasser, wieder Wasser«, kam es seufzend aus der einen, heroisch aus der anderen Kehle. Ich sank erschöpft auf einen Stuhl, es war mir, als sei ich unter Sarastros Leute in der »Zauberflöte« geraten. Da erschien ein schlanker Mann in einem gebrauchten schwarzen Frack. Sein pockennarbiges Gesicht war gutmütig und seine Begrüßung zutraulich, obwohl er wenig sprach. Es war Prießnitz. Die Wohnung war der sorgliche Gegenstand unseres Gesprächs. Er stand lange schweigsam vor mir, sein Auge sah sinnend auf einen Fleck, und ich erhielt keinen Bescheid. Schon sah ich mich in einer Kartoffelhütte, denn sein radikales Verfahren löste mir unter Schrecken doch lebhafte Zuversicht auf Erfolg ein. Er ging hinweg, kam zurück, ging wieder, aber ich erfuhr nichts. Die Herren von Sarastros Gefolge tranken unterdessen fortwährend Wasser, der kleine Leutnant stöhnte, der große Bramarbas pfiff das Mantellied. Endlich kam Prießnitz und erklärte mir, ich könne in einer Bauernstube eine Ecke bekommen. Alles andere sei besetzt. Da saß ich denn abends in einer Ecke auf dem harten Brett und sah in die Dämmerung hinein. Drüben im andern Winkel verzehrten meine Wirtsleute im Dunkeln ihr kümmerliches Abendessen. Sie sprachen kein Wort und verzehrten dumpf die vorjährigen Kartoffeln mit gutem Salze. Als sie fertig waren, knieten sie auf die Bank, das Gesicht nach der hölzernen Mauer richtend, beteten ihren Rosenkranz und krochen dann still zu Bett. Es war totenstill in der niedrigen Stube. Die Mäuse kamen aus ihren Schlupfwinkeln, der Mond brach draußen durch die Wolken, und es schien mir in dem farbigen, unsicheren Lichte, das durch die kleinen, schlechten Scheiben brach, als sitze die Wasserkur persönlich wie ein blaßblaues Gespenst auf der Ofenbank. Ich eilte hinaus, schob den hölzernen Riegel von der Haustür und wollte in die Nacht hineinlaufen, um auf andere Gedanken zu kommen. Aber das geht in Gräfenberg nicht, am wenigsten des Abends. Das Terrain ist so abschüssig und ungleich, daß es nur einen einzigen Weg gibt, der fünfzig Schritte lang eine ebene Fläche gewährt. Alles andere ist Berg und Tal, und ich wäre in meiner nächtlichen Wanderung unzweifelhaft gestürzt. Resigniert setzte ich mich neben meine Wohnung auf ein Stück Bauholz. Die Wolken waren auseinandergedrängt, der Mond schien hell. Im Hause gegenüber lag eine Scheune, und diese beiden Gebäude bildeten einen vortrefflichen Rahmen, der durch einige Bäume unterstrichen wurde, die sich an die Häuser lehnten. Mitten drin findet der Blick einen Talkessel, aus dem sich ein mäßiger fichtenbewachsener Hügel erhebt. Dahinter stehen wie schwarze Ewigkeiten ungeheure Berge, die nur wenige hundert Fuß niedriger sind als die Schneekoppe im Riesengebirge. Es ist besonders der Altvater, der mit seinem runden, kahlen Haupte nach Galizien und Ungarn hinübersieht, und die Hochschaar, die über Mähren hinweg nach Wien grüßt. Man findet selten so weite, tiefe Täler, unmittelbar von den höchsten Bergen eingeschlossen. Die vornehmen Leute kommen nicht leicht in nahe Berührung mit der untersten Klasse. Und über diese dunkelgrünen, blauen und schwarzen Flecken zog der Mond mit lächelndem Lichte. Von Prießnitz' Hause her klang ein dünner Chor von Männerstimmen, die in Ermangelung des Wasserliedes ein altes Weinlied sangen. In ganz Gräfenberg war aber nicht ein Tropfen Wein zu finden. – Verworrene Zustände von menschlicher Nüchternheit und ersungener Romantik in Gräfenberg. Wie lächerlich war ich moderner Exulant mitten darin. Als ob ich eine neue Welt entdecken wollte, war ich in eine wässerige Langeweile entflohen. Am andern Morgen begann das neue Leben um vier Uhr und die Wasserkur an meinem eigenen Leibe. Man wickelte mich in wollene Decken, warf noch ein Bett über mich und überließ mich meinem Schicksale. Als ich nach einigen Stunden im Schweiße meines Angesichts lechzte, ward mir kaltes Wasser eingeflößt. Es befördert die Transpiration aufs äußerste, und wenn diese nun den ganzen Körper aufgelöst hat, wird das Deckbett weggehoben, und wie ein weißer Bettelmönch wandelt man in der wollenen Hülle hinaus zu den Bädern. Die sind meist dicht an den Häusern angebracht und werden fortwährend von dem in Rinnen und Röhren herabkommenden Bergwasser angefüllt, sind also stets lieblich eiskalt und frisch. Als ich in jener Decke meinen Gräfenberger Brautgang hielt, flog mir der Schnee ins Gesicht. Wirklich tritt nach ungefähr einer Minute völlige Erwärmung in dem kalten Wasser ein, die indes bald wieder neuer Kälte weicht. Diese zweite Kälte muß eigentlich abgewartet werden, sie schüttelt innen und außen den Menschen zusammen. Es ist völlig unbegründet, sich dabei vor dem Schlagflusse und dergleichen fatalen Zuständen zu fürchten. Die schwächsten Personen erleiden gefahrlos diesen Wechsel, und man merkt täglich, daß das kalte Bad um so wohltuender wirkt, je gründlicher und heftiger die Transpiration vorher war. Man darf dabei nicht außer acht lassen, daß der vorhergehende Schweiß nicht durch künstliche Mittel erzeugt wird, daß man bei offenen Fenstern liegt und die Lungen vollkommene Ruhe halten. Nun kleidet man sich an und trinkt Wasser. Der Frost treibt gewöhnlich zum Laufen hinaus, und man sieht frierende Badegäste überall auf den Bergen herumtraben. Gräfenberg ist das Bad, wo die Kranken am muntersten sind, frisch sind sie immer, das kalte Wasser weckt auf. Das Wasser spielt zu Mittag wieder eine Hauptrolle – und das ist ein schlechter Ritter, der nicht wenigstens eine Flasche leert. Nachmittags begann wieder die Morgenprozedur mit Schwitzen und Baden, und man war sehr müde, wenn es endlich dunkel wurde. Ehrlich gestanden, es gibt keinen Ort, wo man die Langeweile so wenig gewahr wird als hier. Die Gräfenberger Anstalt ist aber wirklich sehr wichtig und Prießnitz eine beachtenswerte, historische Erscheinung. Nach allem, was ich von ihm gesehen habe, ist er ein sinnender, aufmerksamer Mann, sehr brav und rechtlich denkend. Keineswegs fanatisch für seine Heilmethode eingenommen, ist er doch der Überzeugung, daß die meisten Übel durch Wasser geheilt werden könnten, wenn man nur geduldig sei. Er gibt sehr viel darauf, daß das Wasser keineswegs abstumpfe. Allerdings ist man nach mehreren Wochen noch ebenso empfindlich dafür als am Anfange der Kur. Es ist nicht meine Absicht und entspricht nicht meinen Fähigkeiten, ein medizinisches Urteil abzugeben. Soviel ich aber gesehen habe, wirkt die Kur auffallend günstig bei Übeln, die zum Teil äußerlich sind, wie Lähmungen, Geschwülste, Ausschlag, Gicht und andere. Die Heilung von chronischen inneren Krankheiten habe ich weniger beobachtet. Man darf keinen Augenblick vergessen, daß die Wirkung sehr langsam eintritt und daß man viel Zeit braucht. Das Wasser regt alle Übel auf, und es mag wohl geschehen können, wie es in Gräfenberg heißt, daß man sich einen neuen Körper antrinken und anbaden muß. Dawider freilich mag ich auch nichts einwenden, daß für die Wissenschaft eine so plumpe Heilmethode lächerlich aussehen muß. Es möge nicht vergessen werden, daß jenes Gräfenberger Wasser unschuldiges, alltägliches Bergwasser ist, ohne den geringsten Beisatz von Mineralien und Salzen, klares Wasser, wie man es überall finden kann, unverdorbene Gottesgabe, und überall wohlfeil zu beschaffen. Der Zobten Wahrend des vierwöchigen Aufenthaltes in Gräfenberg hatte ich von der Welt wenig erfahren, still war es um mich und in mir geworden. Traurig fuhr ich nun zwischen den Waldwänden der Berge an den rauschenden Gebirgsbächen dahin, und es war mir ein rechter Trost, daß sich nirgends ein Ausweg ins offene Land zeigte. Hier, hinter diesen Bergen, in den hölzernen Hütten, unter Leuten, die das Wort Politik nicht kannten, hatte ich mich wohl gefühlt. Aber mittags öffneten sich die Zugänge in die Ebene, der Bischofssitz Johannisberg erschien und bald hatten wir ihn erreicht. Das Wort Johannisberg duftet wie eine Blume. Wenn hier auch nicht das Rheinische war, hier war es auch sehr schön. Am Abhang des Gebirges liegt Johannisberg und sieht weit hinein in die lichte schlesische Ebene. Still und sanft lächelnd schaut das Schloß des Bischofs auf das Städtchen herab. Ich denke mir stets eine solche Sommerresidenz eines hohen geistlichen Herrn mit großen, in Samttapeten ausgeschlagenen Zimmern und eingeweihten, verständigen Bedienten. Das Schloß liegt hoch, man sieht in das Land, doch niemand sieht in das Fenster. In einer Ecke der Zimmerreihe wohnt der Prälat in liebenswerter rötlicher Gesundheit, in der anderen seine lustige Kusine, die auch sehr gesund ist und zufrieden mit Essen und Trinken, kleinen Spaziergängen, Fahrten und Scherzen. In einem rottapezierten Gemache, etwa in der Mitte zwischen ihren Wohnungen, kommen die beiden zusammen zu heiterem Genusse der Gaben Gottes, der schönen Aussicht, der süßen Rebe, eines heiteren Verses und der anmutigen Wallungen des Menschenherzens. Noch als der Mond heraufkam, trabten wir lustig fürbaß. Es war eine der schönsten Nächte, die über Schlesien geleuchtet haben mögen. Der Weg, dem wir wie alte Ritter auf gut Glück folgten, führte unter schlanken grünen Bäumen an einer Berglehne hin. Johanniswürmchen flogen wie kleine Sternenkinder in dem grünen Dunkel umher, wohin die Mondstrahlen nicht drangen. Als wir in eine Blöße kamen, sahen wir dicht unter uns das schlohweiße Kloster von Kamenz, schön wie eine junge, blasse Nonne. Dahinter stieg schwarz das Hochgebirge auf, von weichen, fließenden Mondwölkchen umsäumt. Als sich wieder eine dünne Laubholzung dazwischendrängte, glänzte das Ganze wie ein blaugrüner Schimmer aus dem Geisterreiche einer Kinderphantasie. In süßem Dämmern kam ich an das Tor von Frankenstein. Bald ging es auf neuen Wagen weiter auf einer glatten Chaussee, die über Reichenbach nach Schweidnitz führt. Der Frankensteiner Bezirk ist die üppige Weizenkammer Schlesiens. Das Getreide wogt auf den Feldern in strotzender Gesundheit, das Land ist offen, und das hohe Mensen- und Eulengebirge schaut schweigsam wie ein wohlwollender Großvater hinüber. Man sieht hier das schöne Widerspiel des Oderstrichs. In derselben Richtung wie der Strom ziehen sich die Berge von der ungarisch-mährischen Grenze bis an die sächsische hinab. An der letzten Abdachung dieser Kette führte mein Weg während jener Nacht. Man kann hier auf den Gebirgskämmen bis in die Ebenen der Moldau hinabsteigen, auf der anderen Seite über das Riesengebirge, den Iserkamm und die sächsischen Berge nach Thüringen hinein bis in die äußersten Höhepunkte des Harzes und der Weserberge. Wenigstens von Ungarn aus bis tief nach Sachsen hinein hängen die Gebirge hier zusammen wie eine spaltlose eherne Rüstung. Süß schaukelte ich in dem weichen Wagen angesichts dieses langen, undurchdringlichen Leibes. Im Mondschein sah ich die langen Dörfer am Fuße der Eule liegen, die einst die Füße des Gymnasiasten ermüdet hatten. Die Kapitale dieser ungeheuren Dörfer ist Langenbielau, ein Ort, so groß, daß verschiedene Dialekte darin gesprochen werden. Diesseits des Baches, der ihn durchschneidet, sagt man: »'s rehnt«, jenseits aber: »s' rahnt«. Vielleicht gibt es überhaupt kein Ländchen in Deutschland, wo der Dialekt so tausendfach modifiziert ist und wo man soviel Abwechslung und Dreistigkeit im Erfinden trifft wie in Schlesien. Dabei ist doch die Atmosphäre der Sprache in solchem Maße Allgemeinbesitz, daß sich alles versteht, ja, daß jeder den Sinn solcher Worte, die im Augenblicke erfunden werden, alsbald begreift. Die neueste, unerwartetste, nie dagewesene Wendung eines Zustandes macht den Schlesier keinen Moment lang um einen Ausdruck verlegen. Er improvisiert eiligst ein ganz neues Wort, das niemand bisher vernommen; aber jeder Schlesier weiß auf der Stelle, was gemeint ist. Als ich in Schweidnitz war, ging die Sonne tönend auf. Die Felder glitzerten im Morgentau, wie ein wohltuender Atemzug hob sich der Frühnebel von den Bergen, Lerchen stiegen in die Luft, Bauersleute zogen aus den Dörfern an die Arbeit. Ach, die Welt ist mir niemals schöner und reicher entgegengetreten. Tröstlich grüßte der dunkelblaue Zobten. Die Breslauer Studenten halten alljährlich an seinem Fuße einen Kommers in toller Maskerade ab. Wie beim römischen Fasching ziehen sie zu Roß und Wagen im duftenden Juni aus, und Breslau staunt über ihre unpolizeilichen Gestalten. Viel Witz und Abwechslung wird da entwickelt. Don Quichotte und Sancho Pansa treten leibhaftig auf wie in der Mancha, und das Vergnügen an zweckloser Torheit kommt vielleicht in unserem Vaterlande nie so heiter zum Vorschein als bei diesen Kommersen. Man muß die Chaussee nach Schweidnitz an solchen Tagen gesehen haben. Der magere Beutel oder der Kredit der Musensöhne reicht bei den meisten nicht weiter als bis zum nächsten Dorfe. Von da schleichen sich nun die heterogensten Masken auf die Bauernwagen. Dirnen sitzen auf dem Leiterbaume, brennendrote Doktoren aus Sevilla gehen jungen Schrittes auf dem Fußwege, tragen ihre Perücken in der Hand und erquicken die Bäuerinnen auf der Wiese mit kräftigem Ungarweine aus ihren Medizinflaschen, Mars hat sich einen Bauernklepper gemietet, jodelt tirolerisch und bittet die zu Fuß einherschreitende Minerva, unter deren Göttergewande bedenklich irdische Pantalons zum Vorschein kommen, um etwas Schwamm. Der Besitzer des Gauls, der der Sicherheit wegen nebenher geht, trägt den unsterblichen Helm und die rote Tabaksblase des Mars. So kamen wir Götter und Sterbliche abends nach Merschelwitz, wo die Wege nach Breslau, Schweidnitz und dem Zobten zusammentreffen. Da der bunte Schwarm von Hunderten kaum damit rechnen durfte, ein Nachtlager zu finden, wählte man den sicheren Ausweg, keines zu suchen. Die Nacht wird bei unsterblichem Spiel süß verschwärmt. Es sind natürlich weniger Saitenspiele noch Pfänderspiele, auch nicht Theateraufführungen gemeint, sondern das reizende Landsknecht und Pharao. Es ist nicht zu sagen, in welch mannigfachem Dérangement, in welcher Verwirrung die Kostüme und Gestalten jener Nacht gesehen wurden. Mars ohne Mantel verlor seinen letzten Silbergroschen und versuchte seinen Kredit bei einigen schüchternen Erdensöhnen; Minerva, tief im Negligé, war dagegen noch voll Würde. Die Lustigen der Gesellschaft hatten alles verloren und verspotteten das Glück. Sie setzten sich zusammen, sangen und scherzten und fragten nebenher ganz in der Stille bei diesem und jenem an, ob er ihnen nicht mit ein paar Groschen aushelfen könne. War das geschehen und hatten sie erst wieder ein kleines jeu für Anfänge zusammen, dann schwieg die Laune, denn die Begier ist stumm. Im anderen Winkel des Hauses begann der unterbrochene Jubel bei denen, die genug ausgebeutet waren. Um alle aber schwebte der blaue Qualm, Anzüge und Effekten lagen in süßer Unbefangenheit durcheinander. Die Tische und Stühle waren Biertonnen. Hie und da lag unter der hölzernen Bank ein Mattgewordener, ein Abgefallener. Wüster Schlaf lähmte Miene und Glieder. So fand die Morgensonne das Wirtshaus von Merschelwitz, und ihre ersten Strahlen jagten alles zum Aufbruch empor. Übernächtig, aber von jugendlicher Kraft getragen, zog die Karawane von der Heerstraße ab direkt auf den Zobten zu, der majestätisch und immer größer aus dem Morgen hervortrat. Bei Sonnenaufgang brach der wilde Haufen wieder los. Es war jetzt ziemlich alles zu Fuß, und trotzdem das Eigentum auch die Nacht hindurch viel gewechselt hatte, sangen die Jugendlichen alle mit den Lerchen um die Wette. Sobald man des unscheinbaren Städtchens Zobten ansichtig wurde, das bescheiden am Fuße des Berges liegt, ordnete sich das Heer ein wenig. Als der äußerste Zobtener Vorposten das Flimmern im Morgenstrahle sah, setzte er die Lunte auf und Böllerschläge begrüßten die neue Herrschaft. Zobten verfällt nämlich in voller Rechtswahrheit den neuen Eroberern. Am Tore harrt die Unschuld, die jedoch höchstens zwölf Jahre alt sein darf, in weißgewaschenen Gewändern mit grünen Girlanden und empfängt die Sieger – alles übrige Frauenzimmer ist aus der Stadt geflüchtet. Auf dem Markte begrüßt der Bürgermeister die neuen Herren und übergibt ihnen die Stadt. Sie wird in feierlicher Gegenrede mit Haus, Hof und Familie angenommen. Das neue Regiment beginnt. Ich brauche nun homerischen Schwung und Raum, um Einzelheiten von dem Lager zu erzählen. Wie sich die Helden Trojas reckten und dehnten, wie sie ihre Fechterspiele trieben, wie Thersites verhöhnt wurde, Ajax brüllte, Odysseus und Diomedes bei den Landsknechtstischen, die an den Straßenecken standen, intrigierten. Begleitet mich in das Zelt Agamemnons, in das Hauptquartier des Präsiden, das einem Seifensieder gehörte. Dort ruhten die Führer und wälzten Pläne in ihren Herzen. Zwei trojanische Jünglinge, bartlose Kriegsgefangene, hielten an der Türe Wacht. Sie waren die Blüte der Jugend von Zobten, und man hatte sie schwarz von oben bis unten angestrichen. »Luzifer« hieß der eine der Jünglinge, »Unsinn« der andere. Nach barbarischer alter Sitte hatte man ihnen den Gebrauch der Sprache verboten, bis auf zwei Redensarten. Unsinn mußte auf alle Anfragen erwidern: »Warum denn dieses nicht!«, Luzifer aber hatte zu antworten: »Salomo sagt: ›Das Weib ist bitter!‹« Verfehlten es die Jungen, so wurden sie gestäupt. Innen aber im Zelte Agamemnons beim Seifensieder Schmalz ging es lustig her. Auf dem Hofe brannte ein großes Feuer, an dem ein ganzer Hammel gebraten wurde. Voreilig erhoben sich mancherlei Finger nach dem lecker bereiteten Tiere. Die Edlen, die im gefälligen Negligé um das Feuer ruhten – Waffen und Rüstungen lagen beiseite – pflogen harmlose Gespräche über die Feier des Sieges, die bald vor sich gehen sollte, und über die Schulden der Völker, die noch aus der Zeit früherer Eroberungen in Zobten offenstanden. Kam dann auch Kunde von einzelnem Aufruhr und von Entzweiung der Völker, so ließ man sich nicht stören. Verklagte und Kläger warteten im Zelte des Atriden, besonders als Madame Schmalz anfing, den Schöps zu tranchieren. Als Helios mit flammenhufigem Gespann tiefer hinabgeeilt war gegen die sächsische Grenze, begann die eigentliche Siegesfeier auf offenem Markte. Erzählt es, ihr Sterne, wie ihr die Helden trinken sahet, und hörtet noch spät am Abend, wie die kleinen Häuser zitterten, aber die Herzen der Argiver lachten. Mitternacht war es geworden, auf vieler Recken Glieder lag schon bleierner Schlaf. Hell schien der Mond, die Lüfte säuselten weich und lind und brachten den unglücklichen Göttern Kunde von dem tragischen Ende. Nur des olympischen Zeus behagliches Lächeln bebte wollüstig durch seine Schöpfung. Da ging ich mit einigen Genossen durch das skäische Tor hinaus. Der Göttervater hatte uns Kraft erhalten, wir wollten den Berg noch besteigen. Als wir in den schwarzen Wald traten, wechselten die Zeiten. Wie meilenferne Vergangenheit lag das homerische Epos schlafend hinter uns. Landleute, die sich zu uns gesellten, wallfahrten zur Kapelle oben am Berge, in der mit dem anbrechenden Morgen das Fest des Ortsheiligen beginnen sollte. Fern aus dem Walde drang das Jodeln einzelner Kameraden, von der anderen Seite hörten wir den monotonen Gesang einer Prozession. Weiß stieg das neue Weltlicht zum Himmel empor, es ward Morgen. Das Riesengebirge tauchte in dunklen Massen vor uns auf, der Tag hob einen Schleier nach dem anderen, der hohe Turm von Schweidnitz enthüllte sich, die ersten Sonnenstrahlen schössen über die weiten, bunten Felder nach Breslau zu. Die Welt dampfte in frischer Morgenfrühe, die Lerchen erhoben sich, und weicher, bittender Kirchengesang klang an unser Ohr. Ich ging seitwärts in den Wald hinein und kam zu einer grünen Holzblöße, von der man nach dem Städtchen hinabsehen konnte. Ich rastete recht lange. Unten auf der Straße sah ich Studenten in kleinen Trupps langsam heimwärts ziehen. Die Sonne, die eine Weile versteckt gewesen war, brach durch die Wolken, und ich fühlte mich recht behaglich, als ich die reinliche und hübsche Welt unter mir sah. »Die Jagd nach dem Glück will ich aufgeben«, dachte ich mir, »mit all meinem Reisen und Suchen habe ich ja doch den rotgoldenen Grenzpfahl des Glückes nicht finden können. Aber hat sich nicht allmählich Ruhe und Sicherheit in mein Herz gesenkt? Läßt sich das Glück nicht erobern, so läßt sich doch das Passende gewinnen.« Was alles bewegt die Menschen! Und du, goldene Sonne, die du nun immer heißer wirst, bist stets dieselbe, bist dieselbe gewesen auf dem Felde von Troja wie zu unseren späten Zeiten, bist dieselbe geblieben auf allen meinen Reisen und auf den Bergen und Feldern Schlesiens. Ich grüße dich, Sonne!