Franz Graf Pocci Lustiges Komödienbüchlein Inhaltsverzeichnis Vorwort Prolog Kasperl unter den Wilden Kasperl als Porträtmaler Dornröslein Doktor Sassafras Die Zaubergeige Kasperl als Prinz Das Eulenschloß Der artesische Brunnen Kasperl als Turner Der Zaubergarten Schimpanse, der Darwinaffe Undine Kasperl in der Zauberflöte Nachwort Vorwort zu den zu druckenden neuesten Marionettenspielen (1874))         Diese Marionettendramen Wurden oft schon produziert Und die kleinen Herr'n und Damen Haben immer applaudiert. Aber auch für große Leute War die Sache nicht zu dumm, So empfehle ich denn heute Dieses Buch dem Publikum. Solche Stücke zu verfassen Ist doch keine Kleinigkeit; Kritisier'n und Bleibenlassen – Dazu findet man wohl Zeit. Sagen die erhab'nen Lichter: »Ach! Das sind nur Kinderei'n!« Laden wir die großen Dichter Derlei selbst zu machen ein! 26. Dezember 1873. Prolog zur Eröffnung des Marionetten-Theaters 5. Dezember 1858 Freies Feld, im Hintergrund die Stadt München. Münchner-Kindl . Später Kasperl . Das Münchner-Kindl (tritt auf und spricht) Verehrtes Publikum, versammelt Groß und Klein, Willkommen seid, die Ihr hier tretet ein, Wo eine Welt im kleinen ich erbaut, Darin Ihr manches, wie im Spiegel schaut! Ihr kennt mich doch? Schaut meine Tracht nur an: Uralt bin ich, doch nur ein Kind, kein Mann, Wie man mich seit uralter Zeit schon nennt: Das »Münchner-Kindl« macht sein Kompliment Und bringt Euch Märlein und Geschichten allerhand Und Schwänke – was es immer irgend fand. Daraus Ihr möget weidlich Nutzen zieh'n, Zu lernen Gutes tun und Böses flieh'n. Euch kleinen Münchnern sei's zunächst geweiht, Wenn sich ein buntes Bild ans and're reiht. Paßt nur hübsch auf, spannt Aug' und Ohr, Wenn sich zum Schauspiel öffnet dieses Tor: Bedenkt's, wenn ich im Ernste Euch belehre, Und lacht hell auf, wenn ich den Scherz beschere. Wie dieses Spiel zieht's Leben auch vorüber, Bald ist der Himmel hell, bald wird er trüber, Wie's kommt, so nehmt's, doch eines stets bedenkt, Daß, was geschieht, von oben wird gelenkt! (ab.) Kasperl (der schon aus den Kulissen hervorgeschaut hat) . Ja, was wär' denn das? Eine Komödi und der Kasperl nit dabei? Das wär' was Neues. Sitzt das ganze Schauspielhaus voller Publikum, vorn die Kleinen, nachher die Größeren, Butzeln sind auch dabei, und da sollt' der Kasperl fehlen? Schlipperdibix! Mein altes Recht lass' ich mir nit nehmen! Wo eine Komödi ist, da muß der Wurstl auch dabei sein, damit's auch manchmal lustig hergeht, denn bisweilen muß der Mensch sein' Gspaß haben, damit er sich nicht z' Tod weint in der traurigen Welt, wo Not und Elend oft aus und ein spazieren. Also, wenn auch das Münchner-Kindl g'sagt hat, daß ihr allerhand schöne und ernsthafte Geschichten da sehen werd't, so will ich meinerseits publizieren, daß auch die Gspaß'ln nit fehlen werden. Aber eins muß ich Euch sagen: brav müßt's sein, Kinder, sonst kriegt's Schläg', und der Hanswurstl setzt sich auf die Ofenbank und weint selber, statt daß er pfeift und singt. – Punktum, so ist's, weil's der Kasperl g'sagt hat. Münchner-Kindl (hinter der Szene) . Kasperl! Kasperl! Kasperl . Wer ruft mir da? Ich will an Ruh haben und mein Sach' vorbringen. Münchner-Kindl (tritt auf) . Was hast denn du da heraußen zu tun, Kasperl? Kasperl . Das geht dich nichts an! Was hast denn du da heraußen zu tun, Fratzl? Münchner-Kindl . Ich bin der Theaterdirektor. Du hast mir zu folgen. Kasperl . Oho, das wär' nit übel! Ich bin ja der Kasperl Larifari. Münchner-Kindl . Wenn ich dich da heraußen brauche, werd' ich dir's schon sagen und dich am rechten Ort applizieren. Kasperl . Was kaprizieren! Die Kaprizen verbitt' ich mir! Münchner-Kindl . Marsch, fort, an deinen Platz. Du sollst jetzt den Vorhang aufziehen und die Lampen putzen. Kasperl . Also die Lampen aufziehen und den Vorhang stutzen? Das kann gleich gescheh'n; aber vorher brauch' ich ein paar Bratwürstlein und eine Maß Bier. Münchner-Kindl . Du fangst schon mit Dummheiten und Konfusionen an, da werd' ich dich nicht lange mehr brauchen können. Kasperl . Ich hab' meiner Lebtag keine Konvulsionen g'habt und bin ein kreuzg'sunder Kerl. Münchner-Kindl . Merk' nur auf, was ich dir sage. Ich hoffe, daß du dich gut aufführen wirst. Kasperl . Ich kann mich nicht selber aufführen, wenn die Komödi aufgeführt wird. Kurz und gut – – Münchner-Kindl . Kurz und gut, wenn du nicht gleich gehorchst, so werde ich dich einsperren lassen. Kasperl . In der Kuchel oder im Keller, da lass' ich mir's gefallen! Münchner-Kindl (droht) . Kasperl! Kasperl! (Es donnert) . Kasperl (fährt zusammen) . Nein, das verbitt' ich mir! Das ist kein Gspaß. Münchner-Kindl . Es donnert, dir zur Warnung. Kasperl . Nun, und wenn a G'witter kommt und 's fangt z' Regnen an, da wird ja mein niglnaglneu's Gwandl verdorben, weil ich kein Parapluie bei mir hab. Münchner-Kindl . Drum folge mir und gehe heim. Kasperl . No meinetwegen, aber lang halt' ich's drin nit aus. Juhe! Juhe! (ab.) Münchner-Kindl . Laßt euch vom Kasperl nur nicht irremachen; Ich brauch' ihn wohl bisweilen, sollt ihr lachen; Doch alles in der Welt hat seine Zeit, Das alte Sprichwort sagt: Auf Leid kommt Freud'. Er ist ein guter Narr, doch etwas ungeschlacht; Nehmt's ihm nicht übel, wenn er Späße macht, Die etwas derb sind – er meint's gut Und ist ein Bürschlein von gesundem Blut. Und nun beginn' das Spiel, mög's euch gefallen, Damit Ihr oft erscheint in diesen Hallen! ( Der Vorhang fällt. ) Ende Kasperl unter den Wilden Kulturhistorisches Drama in zwei Aufzügen (1854/1858) Personen         Kasperl Larifari Gerstlmaier , reisender Naturforscher Zipflberger , Bürgermeister Schneck , Nachtwächter Ein Trommler der Bürgergarde Neptunus , der Meergott Mehrere wilde Insulaner in Trikot Ein Krokodil Ein Delphin Erster Aufzug Afrikanische Inselgegend, im Hintergrunde das Meer. (Während der Ouvertüre, die eine stürmische Musik sein muß, geht der Vorhang auf. Furchtbarer Sturm, Blitz und Donner. Ein Schiff wird auf den Wogen hin und her getrieben. Es schlägt ins Schiff ein, das verbrennt und untergeht. Kasperl schwimmt auf den Wellen und steigt ans Ufer, während das Gewitter allmählich aufhört.) Kasperl . Na, da dank' ich g'horsamst! Die Wasserpartie soll der Kuckuck holen! Wie mir nur eing'fallen ist, nach Amerika auszuwandern? Ja, richtig, weil mich mein Gretl so plagt und schikaniert hat. Eigentlich aber kann ich doch nix dafür, denn wie ich beim »Grünen Baum« am Hafen auf und ab gangen bin und schon wieder hab' umkehren wollen, hat mich ein Schiffskapitän beim Kragen packt und hat mir auf englisch, was i aber nit verstanden hab', g'sagt: »Ju, ju, most werden Matroserl, ei nimm ju auf mei Schipp!« I hab' g'meint, des »ju« bedeut't »Juhe«, und bin glei mitgangen, weil i mir dacht hab', da werd's lustig hergehn. Auweh zwick! Das ist aber bald anders word'n. Zuerst haben s' mir freilich ein' prächtigen Likör geben und ein Pfund Schinken und eine Portion gerösteten Walfisch und zwölf Haring, und da hab' ich ein' Rausch kriegt; ich weiß nimmer, war's der Walfisch oder der Branntwein, der mir in Kopf g'stiegen ist – kurz, wie ich wieder von meinem Dusl aufg'wacht bin, da hat der Kapitän schon mit einer Stangen in die See g'stochen g'habt, und ich war unter die Matrosen gepreßt, daß mir's Hören und Seh'n vergangen ist. Ja, das glaubt kein Mensch, was so eine Matrosenpresserei fürchterlich ist! Von allen Seiten wird man gedruckt. Na, da sind wir halt so fortg'fahren, oben blau, unten blau, nix als Himmel und Wasser, und wir mittendrin; mir ist's ganz blau vor die Augen word'n, und englische Prügel hab' ich auch g'nug kriegt, die tun gerade so weh wie die boarischen. Endlich, nach mehreren Tagen ist heut das Donnerwetter kommen, als wenn d'Welt untergehn wollt, und wir alle samt dem Schiff. Ein Blitz, ein Schlag – jetzt war's vorbei; Gott sei Dank, hätt' ich net 's Schwimmen g'lernt, wie s'mich amal aus'n Wirtshaus ins Wasser g'worfen haben, so hätten mich ohne Zweifel die Wellen des Ozeans verschlungen; – doch hier bin ich, gerettet – aber pudelnaß, wie aus'n Faß! Grausames Geschick oder eigentlich Ungeschick! Denn das ist doch eine Ungeschicklichkeit, wenn man so mir nix dir nix von den Wellen an ein unbekanntes Land geworfen wird! Ha, Verzweiflung! Denn da wird's schwerlich ein Wirtshäusel geben, die Gegend sieht mir nicht danach aus! Auweh! Da kommt schon ein ausgestopftes Krokodil auf mich losmarschiert! Ich mach' mich aus'm Staub. (Er läuft hinaus.) Ein Krokodil (marschiert über die Bühne) . Einige Papageien (fliegen hin und her) . Zwei Wilde (kommen von verschiedenen Seiten herein) . Erster Wilder (mit Pfeil und Bogen) . Kro, kro! Zweiter Wilder (mit einer Lanze) . Pu, pu, pu! Erster Wilder . Mumulibutzili, Krokodilli! Zweiter Wilder . Schiffi, schiffi, stechi, stechi! Erster Wilder . Wuliwulipumdara. Zweiter Wilder . Hungerli, nix fressi ganzi Tagi. Erster Wilder . Ja, Diaboliverflixti. Zweiter Wilder . Muri, schnuri, prdibixti. Erster Wilder . Kokolimu, kokalimu. Zweiter Wilder . Mu, mu! Beide (gehen ab) . Professor Gerstlmaier (wie Robinson, mit einer Schürze von Palmblättern und einem großen roten Parapluie) . Nun lebe ich schon ein Jahr auf dieser einsamen Insel unter dem achtundvierzigsten Grade südlicher Breite und widme mich unablässig dem Studium der Naturwissenschaft. Dank dem Zufall, daß mich die wilden Einwohner für ein höheres Wesen ansehen und als solches verehren; sonst hätten sie mich längst gefressen. Allein, das ist ja der Vorteil der Männer der Wissenschaft, daß sie stets von einem verklärenden Nebeldunste umhüllt sind und von den Laien im allgemeinen, im vorliegenden Falle in specie von den Menschenfressern, als Halbgötter angesehen werden müssen! Noch bin ich aber mit meinen Forschungen nicht zu Ende; unerachtet der genauesten mikroskopischen Beobachtungen gelang es mir noch nicht, zu entdecken, ob die Exkremente der Sepia annulata aus rein animalischen oder vegetabilischen Atomen bestehen, worüber ich bereits am achthundertsten Bogen einer ausführlichen Abhandlung arbeite. Noch ein paar Monate, und der preußische Dampfer Wiedebötel, der mich hier auf Staatskosten ausgesetzt, wird mich wieder abholen. Es bleibt mir also nur noch kurze Zeit für meine Forschung. Wie dem auch sei, jedenfalls kehre ich, reich an Erfahrungen, mit einer Sammlung von vierzigtausend naturwissenschaftlichen Objekten nach Europa zurück. – Ei! was seh' ich da kommen? Eine Art Papagei? Ein Psittacus formosus? – Die Spezies scheint mir neu. Ich will mich etwas verbergen und beobachten. (Er versteckt sich.) Kasperl (tritt ein) . Schlapperdibix! Das ist ja eine miserable Landschaft! Kein Wirtshaus weit und breit! Keine menschliche Seel'! Nix als Affen, Paperln und sonstige Menagerieviecher! Das ist ja zum Verhungern. Hätt' ich nit a paar Schnecken g'funden – leider ohne Sauerkraut! – so wär' ich schon hin. Mein Magen kommt mir jetzt schon vor wie ein leerer Tabaksbeutel; mein Unterleib ist schon so eing'schrumpft, daß ich gar nimmer weiß, ob ich jemals einen Bauch g'habt hab'! Ja, was wär' denn das? – Der Kasperl ist doch nit zum Hungern und Dursten auf der Welt! Ha – Schreckenszeit! Und wie komm ich denn wieder fort und nach Haus' zu meiner Gretl? Ringsum Wasser und nix als Wasser! Wenn's nur wenigstens Bier wär'; allein dieses heimatliche Getränk scheint hier gänzlich unbekannt zu sein. Mich kommt schier die Verzweiflung an! Auweh, auweh! Wenn ich verhungern müßt' – nein, das hielt ich nit aus, da ging' ich eher zugrund'! (Weint.) Gerstlmaier (springt hervor und packt den Kasperl) . Halt, du entkommst mir nicht! Kasperl . Herrjemini! Was ist denn das? Gerstlmaier (Kasperl festhaltend) . Ein herrliches Exemplar. Kasperl . Lassen S' aus oder ich schlag' aus! Gerstlmaier . Ah, ich habe mich geirrt! Psittacus garrulus! Nur stillgehalten, Freundchen, bis ich dir die Flügel ein wenig gestutzt, damit du mir nicht mehr entkommst. Kasperl . Was fällt denn Ihnen ein? Flügel stutzen? Ich bin ja kein Vogel. Gerstlmaier . Das muß ich als Gelehrter besser wissen, wer du bist und zu welcher Spezies du gehörst. Kasperl . Nix Spezis, ich bedank' mich für den Spezi, der mich stutzen will. Nix stutzen und nix duzen, heißt's bei uns zwei! Verstanden? Gerstlmaier . Nun, du scheinst mir ein zahmes Exemplar, das vielleicht schon europäische Bildung genossen hat und wieder übers Meer hierhergeflogen ist. Kasperl . Bildung hab' ich nicht genossen, aber Bratwürsteln und Blaukraut genug; nur hierzuland heißt's Hunger leiden. Jetzt aber: wie kommen denn Sie daher in die abgelegene Insel? Ich bin wirklich froh, daß ich eine menschliche Physiognomie seh', obschon Sie wie a Narr ausschaun. Gerstlmaier . Es ist die Frage, wer der Narr ist. Er ist also wirklich kein Papagei? Kasperl . Wär' nit übel! Ich bin nicht nur kein Papagei, sondern der Kasperl Larifari, pensioniertes Mitglied der europäischen Völkerwanderung und untergegangener Schiffsmatrose außer Dienst, nebenbei Privatier und Stiefelputzer; also, wenn's mich als Bedienten brauchen können oder so was, so steh' ich zu Diensten; aber ich seh' mehr auf gute Kost als auf schlechte Behandlung und viele Arbeit. – So, jetzt wissen S' alles, was S' zu wissen brauchen, und überhaupt, wenn Sie ein ordentlicher Gelehrter sein wollen, so geben S' mir a Maß Bier als Drangeld. Gerstlmaier . Gut, gut – genug des Geplappers, drolliger Psittakus. Ich will dich in meine Dienste nehmen, denn ich werde dich wohl brauchen können in meiner Höhle. Kasperl . Was, in der Höll'? Nein, ich dank', da drin mag ich nix zu tun haben, da is der Teufel und sein' Großmutter! Gerstlmaier . Es ist ja nur eine Felsenhöhle, in der ich wohne und meine Sammlung von Naturalien aufbewahre. Kasperl . So? Kapitalien hab'n S', das laß ich mir g'fall'n; bei einem Kapitalisten mag ich schon Budienter sein, da fallt bisweilen was ab. Gerstlmaier . So sind wir einig. Ich bin dein Herr und du bist mein Diener. Kasperl . Ja, ich bin von nun an Ihr Kammerdiener oder vielmehr Ihr Höhlendiener, weil Sie keine Kammer zu busitzen scheinen tun. Gerstlmaier . Ich werde alles redlich mit dir teilen, obgleich die Bissen auf dieser Insel oft ziemlich schmal sind. Kasperl . Und ich werde auch alles redlich mit Ihnen teilen, besonders weil ich nix hab'; denn sonst tät ich's selber b'halten. Gerstlmaier . Nun kannst du gleich deinen Dienst antreten. Bleibe hier und warte, bis ich von meinem wissenschaftlichen Spaziergang zurückkehre, dann sollst du etwa meine Beute heimtragen. Kasperl . Wenn Sie einen Beutel haben, in dem sich Geld bufindet, so können S' mir'n lieber gleich jetzt geben. Gerstlmaier . Bleibe nur hier; sollten sich Einwohner dieser Insel nähern, so verstecke dich; denn du wärst verloren, im Falle sie dich entdecken würden. Kasperl . Gehn S' nur zu, ich gib schon acht auf mich. Gerstlmaier (geht ab) . Kasperl . Das hab' ich schon wieder g'merkt: des ist halt auch so ein gelehrter Hungerleider, wie mir s' z' Haus' genug haben. Die sind überall z'finden, sogar auf dieser Insel da muß so einer rumlaufen. Aber jetzt will ich ein bißl ausrasten, das warme Klima tut mir gar nit gut: ich hab' schon einen Schlaf, als wenn ich zwölf Maß Bier getrunken hätt'. (Er setzt sich, an einen Baum gelehnt.) So – ah! Da liegt man gar nicht übel auf dem indianischen Moos, so weich, wie – im – Feder – bett. (Er schläft ein.) Die beiden Wilden (schleichen herbei) . Erster Wilder . Kro, kro, kro! Zweiter Wilder . Pu, pu! Erster Wilder . Witzliwuzi. Zweiter Wilder . Wuziwitzli. Erster Wilder . Stritzliwixi. Zweiter Wilder . Karamalomilapitschipatschiwatschi. Erster Wilder . Witschiwatschi. Die Wilden (fallen mit Geschrei über Kasperl her.) Kasperl . Auweh, auweh, die Menschenfresser! Herr Professor, kommen S' mir zu Hilf'! Auweh! Auweh! Erster Wilder . Fressi, fraßi! Zweiter Wilder . Guti Bissi! Erster Wilder . Spißibrati! Zweiter Wilder . Kro, kro, kro! Die Wilden (schleppen Kasperl hinter die Szene) . Das Krokodil (kommt mittlerweile nieder und singt folgende Arie) . Ich bin ein altes Krokodil Und leb' dahin ganz ruhig und still, Bald in dem Wasser, bald zu Land Am Ufer hier im warmen Sand. Gemütlich ist mein Lebenslauf, Was mir in' Weg kommt, fress' ich auf, Und mir ist es ganz einerlei, In meinem Magen wird's zu Brei. Schon hundert Jahre leb' ich jetzt, Und wenn ich sterben muß zuletzt, Leg' ich mich ruhig ins Schilf hinein Und sterb' im Abendsonnenschein. (Marschiert ab.) Die Wilden (schieben eine Feuerstelle heraus mit flackernder Flamme, ein Bratspieß liegt darüber) . Andere Wilde (kommen noch dazu; unter schleppender Musik tanzen sie und singen folgenden Chor) . Spißi, Spaßi, Kasperladi, Hicki, Hacki, Karbonadi. Trenschi, Transchi, Appetiti, Fressi, Frassi, Fetti, Fitti. Schlicki, Schlucki, Kasperlucki, Dricki, Drucki, Mamelucki, Michi, Machi, Kasperlores, Spißi, Spaßi, Tscha kapores. Kasperl (wird an Händen und Füßen gebunden herausgeschleppt) . Auweh, auweh! Potz Schlipperment, das wird mir zu arg. Ich bin ja ein Mensch und kein Kalbsbratl. Hört's auf, ihr rabenschwarzen, verdächtigen Individuen! Hört's auf! – Ich gelobe, daß ich nie mehr eine Maß Bier trinken will, wenn ich diesmal ungerupft durchkomm'! ( Furchtbarer Donnerschlag. ) Die Wilden (laufen auseinander) . Der Meergott Neptun (erscheint in den Wellen) . Ich habe deinen Schwur gehört, Mit welchem Rettung du begehrt; Sieh hier am Ufer den Delphin, Er trägt dich übers Meer dahin. Du kannst auf seinem Rücken schlafen, Er bringt dich sicher in den Hafen. Doch was du hast gelobet hier, Den Schwur halt wohl und trink kein Bier. Ich bin die Gottheit der Gewässer, Das Wasser soll dir schmecken besser. Dies sagt zu dir der Gott Neptun Und kehrt zurück ins Wasser nun. (Versinkt.) Kasperl (befreit von seinen Banden) . Adieu, adieu, ich bedank' mich halt recht schön für meine Errettung aus den Händen und Rachen dieser menschenfleischappetitlichen, ungebildeten, indianischen Wildlinge! (Für sich.) Aber ang'führt hab' ich den Wassermayer doch! Ich hab' g'schwor'n, daß ich nicht eine Maß Bier mehr trink'; ja freilich, nicht eine , sondern möglichst mehrere , denn eine Maß hat mir ohnehin nie g'langt! Nun, auf! In das teure Vaterland! Mutig will ich diesen ausländischen Karpfen besteigen und mich seiner Entführung anvertrauen! Leb wohl, schönes Eiland, auf dem ich aber keine Eierspeis' 'gessen hab'! Leb wohl, Naturforscher! (Besteigt den Delphin der unter sanfter Musik mit ihm fortschwimmt.) Gerstlmaier (erscheint auf einem Hügel am Ufer und schaut durch ein großes Perspektiv dem Kasperl nach) . Zweiter Aufzug Stadt Morgendämmerung Schneck (mit Spieß und Laterne läuft herein und schellt an einer Haustür) . Aufg'macht! Runterg'schaut! Aufpaßt! Weckt's den Burgermeister auf! (schellt immer stärker.) Bürgermeister (mit der Zipfelmütze. öffnet ein Fenster und schaut herunter) . Was gibt's da drunten? Was ist das für ein Spektakel? Wer untersteht sich, so an meinem Haus zu läuten, daß ich aus Schrecken beinah' aus 'm Bett g'fallen wär'? Schneck . Ich bin's, Herr Bürgermeister. Bürgermeister . Wer ist dieses unverschämte Ich? Schneck . Der Nachtwächter is. Bürgermeister . Was? Er ist es, Schneck? Was gibt's, was gibt's? Warum so früh eine Meldung? Hätt's nit später auch Zeit g'habt? Schneck . Nein, nein! Kommen Euer Gnaden nur herunter, ich hab' was ungeheuer Wichtiges zu notiflixieren. Bürgermeister . Wart Er nur, ich komme gleich hinab. (Macht das Fenster zu.) Schneck . Sipperement, sipperement, das ist eine G'schicht'! Ich weiß gar nit, wo mir mein Nachtwachterkopf steht. Bürgermeister (im Schlafrock) . Also schnell, was ist besonderes g'schehn? Aber hätt' Er nicht das Ratskollegium zuerst aufwecken können? Warum mich aus meiner amtlichen Ruhe stören? Schneck . Ich bin schon bei alle Ratsherrn gewesen; aber der Herr Rat Faßlmayer hat's Podagra und kann nicht auf; der Rat Wurstmüller hat sich gestern, wie er vom Bier nach Haus' gegangen ist, den Fuß überstaucht, weil er niederg'fallen ist; der Rat Grobhäusler ist im Kindbett', das heißt, seine Frau hat einen Buben kriegt, der kann nit aus 'm Haus, und der Marktschreiber ist gar nit hier; der ist gestern nachmittags ins Gäu fort und noch nit wieder z'ruck. Er muß ein paar Kälber kaufen, weil er zum Kirchtag Würst' braucht. Bürgermeister . Das ist doch fatal, daß Gewerbe und andere Allotrias so oft mit den Amtsverpflichtungen kollidieren! Also schnell, was gibt's? Schneck . Ja, Herr Bürgermeister, stellen S' Ihnen vor, wie ich da in der Zwielichten meinen letzten Nachtwachtergang mach' und über'n Markt geh', seh' ich auf einmal einen furchtbar großen schwarzen Klumpen ober mir in der Luft! Ich hab' glaubt, es is der Teufel, und hab' mich gleich unter ein Obstlerstandl versteckt. Pumps! Bürgermeister (fährt zusammen) . Erschreck' Er mich doch nicht so! Schneck . Pumps hat's tan, und wie ich hinschau', ist ein großer Vogel auf und davon g'flogen und auf'm Pflaster ist eine Gewaltsfigur g'legen, die einen furchtbaren Seufzer getan hat. Bürgermeister . Nun, und was weiter? Schneck . Ich hab' mich vor Aengsten gar nimmer auskennt und bin davong'loffen. Nachher, wie mir nach und nach die Kuraschi wieder kommen ist, bin ich zu alle Ratsherrn rumg'rennt, na, das wissen S' ja, und zuletzt hab' ich Ihnen in meiner Todesangst aufgeweckt. Bürgermeister . Allerdings ein furchtbares Ereignis, das unser gutes Städtlein betroffen hat! Da muß alles aufg'weckt werd'n. Der Stadttrommler soll gleich herumtrommeln und Alarm schlagen, der Stadttürmer soll blasen, was er kann, und an den Glocken anschlagen; lauf Er auch gleich zum Spritzenmeister, daß die große Feuerspritzen ausruckt; man kann nicht wissen, was g'schieht. Ich will unterdessen meinen Amtsrock anziehn; dann hol' Er mich wieder ab; denn unter solchen Umständen allein auszugehn, das könnt' gefährlich sein und wäre für den Bürgermeister auch nicht schicklich. So, jetzt lauf Er, was Er kann! Schneck . Ich lauf' schon! Wenn mich nur das Ungeheuer nit frißt. (Ab.) Bürgermeister (geht ins Haus) . ( Unterdessen ist es Tag geworden. Bald darauf beginnt das Geläute vom Turm und der Turmwächter stößt ins Horn. ) Der Stadttrommler (marschiert über die Bühne und trommelt) . ( Der Lärm wird immer ärger. ) Kasperl (läuft herein) . Schlipperdibix! Das ist a Metten, ich kenn' mich gar nit aus! Zuerst hat mich der indianische Stockfisch übers Meer getragen; an der europäischen Küste i weiß nit wie's dort heißt – bin ich ausg'stieg'n, eigentlich abg'stiegen. Kaum hab' ich ein bißl ausrasten wollen, denn mir war steinübel von der Seekrankheit, weil ich auf'm Meer nix als Austern g'fress'n hab' – so ist auf einmal ein ungeheurer Vogel herg'flogen, hat mich bei der Hosen packt und ist mit mir auf und davon, bis er mich vor einer halben Stund' mitten in das Stadtl aufs Pflaster niederg'setzt hat, daß alles kracht hat. Jetzt fragt sich's: wo bin ich? Ich hab mich vor lauter Ueberraschung nit umg'schaut, und des Höllenspektakel macht mich ja ganz konfus. Ah, da kommt der Trommler wieder, den will ich fragen. Trommler (nähert sich) . Kasperl . Heda, sind S' a bißl stad auf ein' Augenblick. Sag'n S' mir doch, was der Lärm bedeut't und wo ich bin? Trommler . Da müssen S' den Spritzenmeister fragen oder den Nachtwachter. Nach'n Reglement muß ich 's Maul halten, wenn ich im Dienst bin. (trommelt weiter, abgehend.) Kasperl . Schlipperement! Jetzt weiß ich soviel wie zuvor. Nachtwächter (kommt, um den Bürgermeister aus seinem Hause abzuholen) . Kasperl . Heda! Guter Freund! Ich bitt' Ihnen, sagen S' mir doch – – – Schneck . Pst, pst! Ich muß den Herrn Bürgermeister abholen, und da darf i nix red'n, weil ich im Dienst bin. Kasperl . Bravo! Das sind a mal verschwiegene Leut'! Das heißt man das Amtsgeheimnis halten. Bürgermeister (kommt mit dem Nachtwächter aus seinem Hause) . Was ist da für ein verdächtiges Subjektum? Nachtwächter! Gleich verarretieren! – Ei, was seh' ich, das ist ja der Monsjö Kasperl! Wo kommen denn Sie wieder her aus der Fremd'? Kasperl . Ah! Schnickerl, Schneckerl! Das ist ja der Herr Burgermeister Zipflberger! Juhe! Juhe! Jetzt bin ich also wieder z'Haus' und weiß net wie! Bürgermeister . Die Madame Gretl hat schon sehr nach Ihnen geschmachtet, weil Sie so lang ausblieben sind. Die wär' vor Sehnsucht beinah' g'storben. Kasperl . Ei was? Da wär' ich lieber noch ein' halbe Stund länger ausblieben! Bürgermeister . Ja, sag'n S', wo war'n S' denn die ganze Zeit über? Kasperl . Auf der Wanderschaft weit hinten übers Meer. (Vornehm tuend.) Zuerst war ich Matrosenhauptmann auf einem zwölfpfünder Dreimasterdampfschiff, dann war ich Seegeschöpf und Meerungeheuer; hierauf Insulaner, Naturaliensammler und Bratlaspirant; sodann wieder Seefahrer und schließlich Luftfahrer, bis ich mich in meine liebe Vaterstadt per posteriorem wieder niedergelassen habe. Bürgermeister . Aber nein! Also sind Sie das Ungeheuer, das heute Nacht auf dem Marktplatze niederfiel? Kasperl . Dasjenige, welches nicht nur, sondern auch – Schneck . Die ganze Stadt in Alarm versetzt hat? Bürgermeister (zu Schneck) . Das heißt, weil Er ein Hasenfuß ist! Es ist erschrecklich! Was werden die Leut' von uns denken? Kasperl . Vermutlich, was sie zuvor schon von dem hohen Magistrat gedacht haben: nix Rar's! Bürgermeister . Genug davon! Nachtwächter, jetzt geh Er und sag den Alarm wieder ab. Ich meinerseits will die Einwohnerschaft beruhigen. (Geht ab.) Kasperl . Und ich werde die Sehnsucht meiner Gretl beruhigen, aber zuvor will ich auf die vielen Strapazen nauf meinem Gevattersmann, dem Wirt »Zum blauen Bock«, einen interessanten Besuch abstatten. Dieser ernste bedeutungsvolle Gang ist mir vor allem von Wichtigkeit. Nachtwachter, und du gehst derweil zu meinem Gretl und bereitest sie auf die Rückkehr ihres getreuen Gatten vor. (Im Schauspielerton.) Sag ihr, ja sag ihr, wölchen unsöglichen Gefahren ich entgangen bin! Sag ihr, wie mein gattliches Hörz ihr aus dem »Blauen Bock« entgegenschlögt! Sag ihr, ihr sag, sag ihr, ihr sag, wie ich zittere und ziböbe im Hinblick auf den Rückblick des Wiederblicks unseres zörtlichen Wiedersöhens und der Umschlingung der weitausgebreiteten Umspannung der liebenden Arme treuer verhältnismäßiger Gattenliebe und öhelicher Umstände. O, sag ihr – Schneck . Hör auf, Kasperl, das kann ich mir ja nit alles merken. Weißt was? Ich geh' mit dir ins Wirtshäusl; da kannst mir's besser explizieren, nachher gehen wir mit einander zu deiner Gretl und die muß uns ein'n Kaffee machen. Kasperl . Einen Kaffee machen, sehr Kaffee mit einigen Brezeln und sonst noch was zum Eintunken. Juhe! Jetzt bin ich wieder z'Haus! Uebers Meer mag ich nimmer, ich bleib' ein ruhiger Staatsbürger und nähre mich redlich. ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Kasperl als Porträtmaler Ein malerisches Lustspiel (1858) Personen         Schmierpinsel , Porträtmaler Kasperl , sein Farbenreiber und Stiefelwichser Eine Madame , die sich malen lassen will Karrnpichler , Polizeikommissar ( Maleratelier mit Staffeleien und Gemälden. ) ( Kasperl reibt Farben. ) Kasperl . Tausendschlipperment, ist das eine Arbeit, da bin ich schön ankommen, hab' ein Purträtmaler werden wollen, und bis dato hab' ich's nur zum Farbenreiber 'bracht! Die Kenntnis der Farben, sagt mein Herr, das ist die Hauptsach'! Bist du einmal mit den Farben vertraut, dann kannst du weiterschreiten! – Jetzt reib' ich aber schon drei Jahr' und 's ist mir alleweil rot und blau vor'n Augen, daß ich nächstens einmal blind werd'. Ich hab's satt. (Singt.) Ich möcht' einmal was anders treiben Als immer und allweil Farben reiben;     Vor lauter Farbenreiberei     Werd' ich noch krumm und lahm dabei! Was ist das für ein sauer's Leben, Nur Farben und kein Bier daneben!     Vor Durst und Hunger werd' ich hin,     Zuletzt sauf' ich noch Terpentin. Mei'm Herrn, dem regnet's nur Dukaten, Ich krieg kaum einmal 's Jahr 'n Braten;     Die Farben freß ich selber z'samm,     Und endlich noch die Bilderrahm'! ( Es klopft an der Türe. ) Aha! kommt vermutlich eine Kundschaft, die sich abportrutieren lassen will. Gut und grad recht! Mein Herr bleibt den ganzen Tag aus bei der großen Künstlerfestivität, die 's dem Landschaftsmaler Eichbaum geben, weil er einen Orden kriegt hat. Nun werd' ich als Künstler auftreten und meinen Prinzipal, den berühmten Purträtmaler Schmierpinsel, vorstellen; laß mir aber gleich vorher etwas auf die Hand geben, denn das ist die Hauptsach' dabei. Also Kurasch', Kasperl! Herein, herein! ( Eine ältliche aufgeputzte Madame tritt ein. ) Madame . Habe ich das Vergnügen, den berühmten Herrn Schmierpinsel, zu treffen? Kasperl (in affektiertem Hochdeutsch.) Ja, und vielmehr, sehr ja, allerdings! Ich bin nicht so fast Schmierpinsel als berühmt und deshalben zu einem so außerordentlichen Renommage gelungen, daß ich alle diejenigen für ungeheuer dumm zu halten Gelegenheit gefunden habe, die sich nicht von mir haben ab- und anschmieren lassen. Madame (für sich.) Welch sprudelnde Genialität! Eigentümlich und originell. (Zu Kasperl) Wie sehr bin ich erfreut, den größten Künstler seines Zeitalters kennen zu lernen! Kasperl . Dünstler hin, Dünstler her! Mein Beströben geht vorzüglich da hinaus oder vielmehr da hinein, wo das Bedürfnis zur Menschheit spricht und der Verstand stillzustöh'n anfangen möchte. Ich bin nämlich ein Genie! – Aber, was steht Ihnen zu Diensten, Madame! Madame . Ich. wünschte mein Porträt von Ihrer Meisterhand ausgeführt. Kasperl . Ich bedaure, Sie nicht ausführen zu können, denn ich muß zu Haus bleiben; allein – Madame . Sie scherzen! Kasperl . Ich schwärze nicht, denn man braucht auch andere Farben zum Malen als schwarz, insoferne der Purträtgegenstand nicht ein afrikanischer Mohr ist. Madame (für sich) . Wie liebenswürdig humoristisch!– (Zu Kasperl) Wann könnte ich die erste Sitzung haben? Kasperl . Die erste Schwitzung können's gleich jetzt anfangen. Platzen Sie sich nur gefälligst auf diesen Stuhlsessel. Madame . In welcher Stellung werden Sie mich auffassen? Kasperl . Erstens in keiner Stellung, weil Sie nicht stehen, sondern sitzen, und zweitens weder auffassen noch viel weniger anfassen. Madame . Ich meine: welche Position Sie wählen? Kasperl . Nix Opposition, da wird nix draus! Madame . Versteh'n Sie mich denn nicht, als Mann vom Fach? – Von welcher Seite werden Sie mich malen? Kasperl . Jedenfalls von vorn. Madame (für sich) . Sonderbar! Jeder Künstler muß doch seinen Sparren haben! Kasperl . Was? zum Narren haben? das verbitt' ich mir! Madame . Verzeihen Sie, Herr Schmierpinsel; Sie haben mich mißverstanden. Kasperl . Wenn Sie eine Miß sind, so müssen Sie jedenfalls eine Engländerin sein, und die können recht blechen, was mir sehr angenehm ist. – – Oha! jetzt hätt' ich mich beinah' verschnappt! Madame . Wie meinen Sie das? Kasperl . Nämlich so oder so: Vor ich zu malen anfang', werd' ich Sie um einen baren Vorschuß für Farben, Leinwand und Terpentinöl ersuchen, sonst fang ich gar nicht an. Madame . Zweifeln Sie an meiner Noblesse? Kasperl . Nobleß hin, Nobleß her! das ist einmal bei mir der Brauch, wenn sich jemand will malen lassen. Madame . Es kommt mir darauf nicht an. Wieviel wünschen Sie? (Zieht die Börse hervor.) Kasperl (für sich) . Zwölf Paar Bratwürst machen 48 Kreuzer, 8 Maß Bier – 45 Kreuzer, 6 Batzenweckeln 24 Kreuzer, 2 Pfund Käs 32 Kreuzer – und noch was dazu – (laut) . No, geben S'mir halt 5 Gulden. Madame (für sich) . Ein sonderbarer Mensch! Mit Künstlernaturen muß man Nachsicht haben. (Zu Kasperl) . Hier haben Sie zwei Dukaten! Kasperl (macht einen Freudensprung) . Juhe! – (Besinnt sich.) Verzeih'n S', Madame; es kommt mir manchmal so ein lustiger Humor an. Madame . Sie sind eben ganz Naturkind, Künstler in ursprünglicher Originalität. Kasperl . Meine Uhr hat keinen Sprung; denn ich bin Nichtbusitzer einer Uhr – Doch, wenn's gefällig ist, so wollen wir anfangen. Madame (setzt sich) . Vermutlich werden Sie mich zuvor skizzieren? Kasperl . Wie? sprizzieren? Wir malen nicht mit Spritzen, sondern mit Bemseln. (Hochmütig.) Nur gemeine Zimmeranstreicher budienen sich bisweilen der Spritze zum Marmorieren. Madame . Machen Sie einstweilen den Kontur? Kasperl . Das begreift sich, daß ich Sie nicht ohne Montur purträtiere. Madame . Wie finden Sie mein Profil? Kasperl . Oh, sehr viel! Madame . Man hat mir schon öfters das Kompliment gemacht, ich hätte ganz griechische Züge. Kasperl . O ja! Wenn die Falten, die Sie im Gesicht haben, griechisch sind, so hab' ich nix dagegen. Madame (gereizt) . Ihr Künstlerhumor fängt an, etwas insolent zu werden! Kasperl . Insolvent bin ich immer; denn ich hab' nie ein Geld. (Er hat mittlerweile einen abscheulichen Kopf mit Eselsohren auf die Leinwand gezeichnet.) Madame (aufstehend) . Lassen Sie mich doch einmal den Entwurf sehen. (Besieht das Bild) Schändlich! Schändlich! – das ist empörend! Wie konnten Sie es wagen –? Kasperl . Halten Sie's Maul, Madame! Mein' Vorschuß hab' ich und jetzt können's abmarschieren! Madame . Ihr Benehmen ist unerhört! (Gibt ihm eine Ohrfeige.) Kasperl . Für die Abschlagszahlung dank ich! (Er nimmt das Bild und schlägt es ihr über den Kopf.) Madame . Hilfe, Hilfe! ( Nach einem Handgemenge stößt sie der Kasperl hinaus. ) Kasperl . So, die hat ihr Purträt und ich meine Dukaten. Jetzt nur gleich in mein eigentliches Atulier – nämlich in das Wirtshaus! Unterdessen kommt wohl mein Herr nach Haus und wird seinen Künstlerfestrausch ausschlafen. Juhe! Prrrrr! (Ab.) ( Maler Schmierpinsel tritt ein. ) Schmierpinsel (sinkt auf einen Stuhl hin.) Der Gram tötet mich noch! Ich möchte vor Neid bersten! Diesen Eichbaum so zu erheben! Ein Landschaftsmaler, der nur Ochsen und Schafe als Staffage malt, während ich die menschliche Individualität wiedergebe! Oh, es ist schändlich! Eichbaum mit dem Verdienstorden des »goldenen Pinsels« geschmückt und ich noch nicht! Vergebens also habe ich die Frau Ministerin mit ihren vier häßlichen Fratzen gemalt! Vergebens den alten Präsidenten mit seiner Burgundernase um einen Spottpreis! Alles umsonst! Und dieser Eichbaum ist durchgedrungen! Ha! vermutlich, weil seine Schwester Kammerjungfer der Ministerin ist. So sind aber die Menschen! Wahres Verdienst, echte Genialität übersehen sie aus Nebengründen; Mittelmäßigkeit, die sich zu schmiegen weiß, erheben sie! Ich möchte meine Palette zerbrechen und meinen Pinseln oder mir selbst die Haare ausreißen! (Es klopft) Weh' mir! in dieser Stimmung einen Besuch! – Herein! ( Polizeikommissar Karrnpichler tritt ein. Er stottert ) Schmierpinsel . Wen habe ich die Ehre, bei mir zu sehen? Polizeikommissar . I-i-ich bin der Po-Po-Polizei-Kommissar Ka-ka-ka-karrnpi-pi-pi-pi-pichler. Schmierpinsel . Was steht einer hohen Polizei zu Diensten? Polizeikommissar . Ma-ma-ma-man hat in Erfa-fa-fahrung gebr-r-r-racht, da-da-daß Sie eine Da-da-da-dame mißhandelt haben. Schmierpinsel . Wie? ich – eine Dame mißhandelt? Wie kann die Polizei so etwas von mir mutmaßen? Polizeikommissar . Das Ge-ge-gericht mu-mu-mu-mutmaßet nie, es weiß alles gewi-wi-wi-wiß! Ma-ma-man hat A-A-A-Anzeige erhalten. Schmierpinsel . Wer hat es gewagt, mich zu verleumden? Ich bitte um Beweise. Polizeikommissar . Die Be-be-be-beweise sind, daß die Da-Dame selbst Anzeige gema-ma-macht hat und einen E-e-e-eselskopf in die A-A-A-Amtsstube gebracht hat! Schmierpinsel . Was habe ich mit dergleichen zu tun? Was geht das mich an, wenn eine Dame mit einem Eselskopf auf die Polizei kommt? Polizeikommissar . Die Dame behaupte-te-te-te-te-te, daß Sie diesen E-e-eselsko-ko-kopf als Porträ-trä-trä-trät gemalt und sie dann zur Tü-tü-tü-türe hinausgewo-wo-wo-worfen haben, und ich bin beauftragt, Sie deswegen zu arre-re-re-re-retieren. Der Herr Po-po-po-po-polizei-Direkto-to-to-tor wird selbst die Ko-ko-ko-ko-konfronta-ta-ta-tation vornehmen. Schmierpinsel . Gut, ich bin bereit. Gehen wir! (Beide ab.) Kasperl (kommt betrunken aus dem Wirtshaus zurück) Unter allen Künsten ist doch die Trinkkunst die erste, denn bei der geht alles in den Menschen hinein, und man hat etwas davon und müd' wird man auch nit dabei. Ma' setzt sich ruhig nieder und trinkt nacheinander still fort, und wenn der rechte Arm vom Heben müd' wird, so nimmt man den linken, und so kann einer alleweil abwechseln! Wenn's für die Kunst eine Belohnung gäb', da bekäm' ich gewiß den ersten Preis; aber das ist noch keinem Potentaten eing'fallen, eine solche Kunst zu belohnen! Diesen Hebel der Industrie läßt man unbelohnt! Wenn aber die Kunst verloren ging, nachher möcht' ich wissen, wie's mit Wein- und Bierfabrikanten ständ'! Ich werd' über die G'schicht' eine Abhandlung schreiben, und die schick' ich an eine Nudlversität ein; vielleicht haben die Herren doch ein Einsehen und geb'n mir a Prämie. Ich hab' schon oft g'hört, daß die Professoren selber der Kunst nit feind sind, wenn's darauf ankommt. Aber wenn ich nur 's Schreiben könnt'! Da laßt's mich sitzen. So muß ich halt meine gelehrte Abhandlung jemandem diktieren. Der Hausknecht vom »silbernen Kübel« drüben, der kann schreiben und hilft mir schon aus der Not! ( Schmierpinsel tritt ein ) Kasperl . Aha, mein Herr! G'horsamster Diener. Wie haben's Ihnen unterhalten beim Künstlerfest? Schmierpinsel . Nichts davon. Ich habe mit dir ein Wörtchen zu reden. Kasperl . No, so reden S'halt. Wir haben schon oft miteinander diskuriert. Schmierpinsel (nimmt ihn beim Ohr) . Was hast du wieder getrieben, während ich fort war? Kasperl . Nix hab' ich getrieben, Ich hab' nur Farben g'rieben. Schmierpinsel . Laß deine Späße! Ich weiß alles. Kasperl . No, wenn S' alles wissen, warum fragen S' nachher? Schmierpinsel . Welch empörendes Benehmen hinter dem Rücken deines Herrn! Kasperl . Hinter Ihrem Rücken war ich gar nit; während Sie gegessen und getrunken haben, hab' ich g'hungert und gedurst't; denn wenn ich hinter Ihrem Rücken g'wesen wär', so hätten S' mir vielleicht auch ein' Bissen oder ein' Schluck zukommen lassen, also hab' ich aber hinter Ihrem Rücken gar nix anfangen können, weil ich Ihren Rücken gar net g'seh'n hab'. Das ist eine pure Verleumdung, hinter seinem Rücken so einen treuen, ordentlichen Dienstboten, wie ich bin! (Fängt zu weinen an.) Das hab' ich nicht verdient, das tut mir weh. Schmierpinsel . Es kann aber nicht anders sein. Wer sollte denn in meiner Stube gewesen sein, als du? Kasperl (weint immer heftiger) . Ich weiß gar nix, als daß ich ein armer, verstoßener Dienstbot' bin. Ich kann bei Ihnen nimmer bleiben. Schmierpinsel . Aber Kasperl, sei gescheit! War denn während meiner Abwesenheit nicht eine Dame hier? Kasperl . Ja! Schmierpinsel . Und was ist gescheh'n? Kasperl . Ihr Purträt hab' ich gemacht. Schmierpinsel . Aha, jetzt kommt's heraus! Kasperl . Was kommt heraus? Schmierpinsel . Deine Narrheit, deine Grobheit! Kasperl . Oho! 's ist erst die Frag': wer grob war. Meine Höflichkeiten nehmen die Leut halt für Grobheiten, das ist nit meine Schuld. Schmierpinsel . Kurz und gut. Man wird deinen Schlingeleien und Flegeleien ein Ende machen. Ich erwarte den Herrn Polizeikommissar, und der wird ein Protokoll mit dir aufnehmen, und du wirst der Strafe nicht entgehen. Kasperl . Mir ist's recht; denn ich bin unschuldig. Schmierpinsel . Das wird sich zeigen (ab) . Kasperl (allein) . Jetzt heißt's Schläg' kriegen, oder sich 'rauslügen; und geht's gar nicht, so schlag' ich den Kommissarius tot und lauf nachher davon. Da kommt er schon! ( Polizeikommissar Karrnpichler. Kasperl. ) Polizeikommissar . Ah, Monsieur Kasperl, ko-ko-ko-kommen wir wie-wie-wie-wieder einmal zusammen? Kasperl . Freut mich ungemein; (für sich) der Kerl red't aber! Polizeikommissar . Ich we-we-werde jetzt ein Pr-r-r-r-r-rotokoll aufnehmen mit Ihnen. Kasperl . Gut! so nehmen Sie halt ein Pr-r-r-r-r-rotokoll auf. Aber was ist denn eigentlich ein Pr-r-r-r-r-rotokoll? Das müssen's mir zuvor expluzieren. Polizeikommissar . Das we-we-we-werden Sie gleich sehen, Monsieur Kasperl, – wa-wa-was das ist. (Zieht Papier, Feder und Tinte heraus und fängt zu schreiben an.) Kasperl . No, da bin ich aber begierig! Polizeikommissar . Zuvor Na-na-na-na-namen und Sta-sta-sta-stand. Kasperl . Das versteh' ich nit. Polizeikommissar . Wie-wie-wie Sie heißen? Kasperl (ihn nachäffend) . Ich heiße Ka-ka-ka-ka-kasperl Larifari. Polizeikommissar . La-la-la-la-larifari. Weiter: Stand – das heißt: Wa-wa-wa-wa-was Sie sind? Kasperl . Wa-wa-wa-wa-wa-warten's a bißl; da muß ich mich erst b'sinnen – – – – Polizeikommissar . Nun, wi-wi-wird's bald? Kasperl . Ich bin Budldienter beim Herrn Maler Schmierpinsel und privilegierter Farbenreiber. Polizeikommissar . Gut! – Gebo-bo-bo-boren? Kasperl . Allerdings, sonst wär' ich nicht auf der Welt. Polizeikommissar . Ich frage, wo-wo-wo-wo und wa-wa-wa-wann? Kasperl . Halten's, daß Ihnen's Radl nit laufend wird! Ich bin ein sogenanntes Findelkind; meinen Vater hab' ich net gekannt, und meine Mutter hab' ich nit g'sehn. Der Ort meiner Geburt liegt zwischen St. Niklas und Nimmermannstag, grad eine Viertelstund' hinter dem ersten April. Polizeikommissar . Ma-ma-ma-man verbittet sich alle Späße vor Ge-ge-gerichtspersonen. Kasperl . Ich mach' aber kein G'spaß. Polizeikommissar . Wie-wie-wie-wie verhält sich der Vorfall mit der Dame, die sich bei Ihnen hat ma-ma-ma-malen wollen la-lassen? Kasperl . Die G'schicht' war so: da hab' ich einen Pinsel genommen, (er nimmt einen großen Pinsel) und hab'n in eine Farb' eintaucht (tunkt den Pinsel in Farben) und hab' die Madam' abgemalt, wie jetzt den Herrn Po-po-po-polizeiko-ko-kommissar. (Schmiert dem Polizeikommissar das Gesicht voll Farbe) . Polizeikommissar . No-no-no-no, wa-wa-wa-was ist denn da-da-da- das – –? Kasperl (immer schmierend) . Jetzt machen S', daß hinaus kommen, miserabler Protokollist, sonst schütt' ich Ihnen auch noch den Terpentin übern Kopf. (Balgerei, der Polizeikommissar entflieht.) ( Singt )             Trallirala, trallirala, Zu was wär'n denn die Farben da? Jetzt bin ich schnell ein Maler wor'n, Hab' g'malt den Kerl bis über d'Ohren! Ich geb' das Farbenreiben auf, Palett' und Pinsel mir gleich kauf'!             (Zum Publikum) Und woll'n Sie schön bemalet sein, So kommen's nur zu mir herein! ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Dornröslein Romantisch-humoristisches Märchen in drei Aufzügen (1859) Personen         König Purpur Königin Hermeline , dessen Gemahlin Prinzessin Röslein , ihre Tochter Minnamunt , ein Königssohn Lautenklang , Dichter Kasperl , dessen Diener Die gute Fee Sconea Wiltrud , Scohlint , } } böse Feen Eine alte Frau Ein Herold Der Riese Schlafdorn Erster Aufzug Romantischer Wald ( Lautenklang, mit einem Lorbeerkranz geschmückt, tritt ein. Kasperl folgt ihm. ) Lautenklang . Sei mir gegrüßt, o Wald romant'scher Dichtung, Wo mystisch Dunkel oder helle Lichtung Dem Eingeweihten je nach Stimmung winkt! Gegrüßt seid Tannengrün und schlanke Buchen, Bei euch will ich die inn're Ruhe suchen, Wenn müd' gehetzt der Leib aufs Moos hinsinkt. Umarmt mich, schlingt um mich die üpp'gen Zweige, Wenn ich mein Haupt ermattet auf euch neige; Versenken will ich mich ins tiefe Grün; Zur stillen Klause soll der Wald mir werden, Daß ich vergesse irdische Beschwerden, Vergesse all den Tand mit seinen Müh'n. Kasperl . Auch recht, nun sind wir einmal wieder im beliebten grünen Wald – immerhin eine Abwechslung mit dem Stubenhocken! Z'Haus hab'n wir a so nix. Allein ob da heraußen oder ob dort drinnen, überall sperren wir das Maul auf. Ihr, mein teurer Herr, um Lieder zu singen, ich meinerseits, um in Ermanglung von etwas anderem, Mücken zu schnappen. Vielleicht fallen mir hier doch ein paar reife, lebensmüde Haselnüsse in den Rachen, zur Unterhaltung für unsere Verdauungswerkzeuge, die alleweil Feiertag haben. Ich leg' mich dort unter die Stauden hinein, könnt' sein, daß mir auch einmal ein Gedicht einfallt. Sind ja so viele Dichter Hanswursten; warum soll der Hanswurst nicht auch einmal ein Dichter sein können. Auweh! Aber auch der Magen will seine Berechtigung geltend machen. Doch vergebens! Alleweil Poesie und Schwärmerei – niemals Wirklichkeit. Was habe ich an Euren schönen Poesien? Das sind nur Lustbilder und Träum', von welchen kein mit Vernunft begabtes zweibeiniges Tier satt wird. Lautenklang . Weh' mir! Unsäglich ist mein inn'res Leiden, Vergebens such' ich längst nach einem Stoff, Nach einem Stoff, der sich zum Drama eignet; Bisher schuf ich nur immer Lyrisches: Sechs Bände liegen auf in allen Läden, Doch hat der Leserkreis längst g'nug daran; Dramatisches verlangt von mir die Welt, Und bring' nicht bald ein Stück ich für die Bühne, So ist's gescheh'n um meinen alten Ruhm. Schon will der Kranz auf meinem Haupte welken, Ein Blatt ums andere wird dürr und bleich, Und endlich steh' ich da mit kahlem Scheitel, – Wohl gar vergessen und vergriffen selbst! Kasperl . Ja, da haben S' mal wieder was G'scheit's g'sagt. Der Stoff, ja der Stoff! der ist und bleibt die Hauptsache. Allein unsere Ansichten darüber sind sehr verschieden. Mit Ihrem Stoff locke ich keinen hungrigen Hund unter dem Ofen heraus; aber mein Stoffbegriff ist praktisch. Stoff, wie ihn unser lieber Herrgott geschaffen hat; Stoff, der zur Erhaltung der Menschheit da ist: Eßbares, Trinkbares und dergleichen. Eine Bratwurst oder a Kalbsbratl mit Salat, a paar Maß Bier, das sind Stoffe, vor denen man Respekt haben muß. Diese zu bearbeiten, ist meine dichterische Aufgabe. Behalten Sie Ihren Stoff, Mosiö Lautenklang und lassen Sie mir den meinigen, das heißt, geben Sie mir dergleichen. Leider aber scheint Ihnen in jeder Beziehung der Stoff ausgegangen zu sein, denn wir hungern alle zwei, so daß wir nächstens zum Urstoff zurückkehren und Speise der Würmer werden, wenn es nicht bald anders kommt. Ich halt's nicht mehr aus; ich werd' so dünn wie ein Blattl Papier; dann können's wirklich auf mich selbst einen Reim schreiben. Lautenklang (in sich versunken) . Wohin, wohin soll ich das Dichterauge wenden? Historisches ist ziemlich abgetan; Verlassen ist auch der romant'sche Boden, Man liebt die Märchen nimmer und dergleichen; Hat Klassisches sich nicht auch überlebt, Seit Goethe seine Iphigenia schrieb? Der Dichter soll nach Realistik greifen Und auf kulturhistor'schem Felde schweifen. Woher dies nehmen, da die Phantasie, Gewohnt, in duft'gen Räumen aufzuschweben, Nicht gern den Pegasus zur Erde senkt Und lieber ihn durch lichte Höhen lenkt? Ihr Musen und ihr Nymphen dieses Haines, Im Abendgolde über Wiesen schwebend Helft, wenn ihr je den Euern mich genannt, Wenn ihr mich je als Dichter habt erkannt! (Ab.) Kasperl . Da geht er wieder! Muß ich halt auch wieder nachstolpern. Wenn es aber so fortgeht, so geht mir die Geduld aus, und ich werde aus dem Dienst gehen. Wär' er mir nicht den Lohn seit zwei Jahren schuldig, so wär' ich schon längst wieder mein eigener Herr und könnte mich auf mich selbst verlassen. Allein besagter Umstand versetzt mich in die Notwendigkeit, als ein lebendiges Schuldenregister ihm auf allen Schritten zu folgen und mich an seinen poetischen Brocken zu nähren, die er hier und da fallen läßt. Nun will ich unter einem schattigen Busche meinen alten Freund, den Schlaf, suchen, damit er mir meinen Erzfeind, den Hunger, vertreibe; bisweilen aber hält der leere Magen Schildwache und läßt den Freund nicht herein. Oh, Elend und Jammer! Und dies soll die Poesie des Lebens sein, daß immer etwas zu hoffen bleibe! Mit der Hoffnung aber hat sich noch kein Mensch auf Erden seinen Hunger gestillt. (Ab.) ( Wiltrud, Scohlint sich begegnend ) Scohlint . Wiltrud, auch du bist nicht zum Fest geladen? Wiltrud . Wie du! Man hat uns beide, scheint's, vergessen. Scohlint . Ei was, vergessen? nein! man hielt uns zu gering. Wiltrud . Sind wir nicht auch so gut wie all die andern? Scohlint . Ich meint' es wohl: denn als zu der Beratung Auch wir zum König waren eingeladen Mit allen Feen des Landes, auszusinnen Ein Mittel, daß ein Kind ihm werd' geboren, Weil die Frau Kön'gin keine Hoffnung gebe – – Wiltrud . Als mit den andern wir zu Rate saßen, Ward unsre Stimme wichtig auch befunden. Ich riet zu jenem Kraut – – Scohlint . Und ich, du weißt es, Lieh meinen mag'schen Stein, bewährt nicht selten Zum Segen für die kinderlosen Eh'n. Wiltrud . Nur, weil wir Feen sind des zweiten Ranges, Hielt man uns ferne von dem Jubelfeste, Wo nun die andern alle sich ergötzen, Für ihre Künste Huldigung empfangend. Scohlint . So ist's, und ungestraft soll dies gescheh'n? Was meinst du? Wiltrud . Zum Gespött sind wir den Andern, Daß uns der König Purpur nicht geachtet; So mög' entgelten er's an seinem Kind, Beschenkt ward's Töchterlein, das heißersehnte, Mit vielen Gaben von den Zauberinnen. Nun wohl; da wir zum Fest nicht sind geladen, Laßt uns statt Segen Fluch als Weihe spenden! Scohlint . So sei's und sorgsam wollen wir's bedenken. In meine Höhle komm, dort das Orakel Des alten Satanas klug zu befragen. Den Kessel füllen wir mit gift'gen Kräutern, Mit Schlangenfett und Salamandergeifer. Wiltrud . Ein Büschel Haar riß gestern ich am Galgen Vom Haupte dem Gehängten, und dem Mägdlein, Das sich aus Gram ertränkt, schnitt aus dem Leibe Das Herz ich; zwei bewährte Zaubermittel, Des Teufels Spruch aus Gischt und Dampf zu lesen. Scohlint . Fort denn! Es mag sich unsere Kunst bewähren! ( Beide verschwinden. ) Lautenklang (stürzt heraus) . O Wonne! Gunst der Musen, ich erkenn' es, Hat heute mich in diesen Wald geführt. Was diese bösen Feen hier besprachen, Ist eines Dramas herrliche Gestaltung. Nun rasch der Spur nach! Nimmer will ich säumen, In den Palast des Königs einzudringen. Dort ist der Schauplatz für die ganze Handlung; Dort muß der Stoff sich bald zum Knoten winden.         (zu Kasperl) Komm' Freund, bei König Purpur mich zu melden; Ich folge dann, als Dichter angekündigt; Zum Hofpoeten mag er mich ernennen Und zum Leibnarren dich. Komm, laß und eilen! (Ab.) Kasperl . Wie? mich zum Narren? mich traurige, ausgehungerte Figur? Die zwei Hexen haben ihn wieder närrisch genug gemacht. Uebrigens könnten wir es doch probieren; denn es scheint sich in perspektivischer Aussicht ein gewisses Gerüchel aus der Hofküche Seiner Majestät des Königs Purpur zu entwickeln, welches mir nicht unangenehm ist. Gut also! Machen wir halt unsere Aufwartung und sollten wir auf eine unsanfte Manier vom Hofe entfernt, das heißt hinausgeworfen werden, so wäre es ja nicht das erste Mal, daß ich wenigstens so schnell wieder zu einer Haustür hinauskäm' durch selbst welche ich ohne Einladung des Hausherrn hineingekommen bin. Aber z'vor muß ich meinem Herrn noch das G'wandl ausklopfen und die Stiefel wichsen, damit wir a bissel sauber ausschau'n. Verwandlung Zimmer im Palaste des Königs Purpur. ( König Purpur und Königin Hermeline ) Purpur . Wie glücklich sind wir, Hermeline! Ein Kind, ein Kind liegt vor uns in der Wiege! Hermeline . Wie atmet's lieb, wie blickt es mit den Aeuglein, Wie schmücket Rosenduft die vollen Wangen! Dem Himmel Dank, der uns nach langem Hoffen Die Segensgabe endlich hat beschert. Purpur . Dem Himmel Dank, doch auch den weisen Frau'n, Durch deren Rat und Mittel wir errungen, Wonach wir längst gestrebt; denn was Natur Und auch Magie vermag, das boten sie. Hermeline . Bei all dem Glück jedoch, bei all der Freude Bin ich ob eines Umstands sorgenvoll. Purpur . Sprich, was beengt dein Herz? Hermeline . Du weißt: wir dachten Der beiden Zauberfrauen nicht; Wiltrude, Scohlint, die luden wir zur Feier nicht, Und ihre Rache könnt' gefährlich werden. Purpur . Ei was? wer hätt' auch gern die bösen Weiber Bei unserm Freudenfeste denn geduldet? Und lobten nicht die andern uns darum, Daß wir mit der Gesellschaft sie verschont? Hermeline . Doch sie auch waren hier zu Rat gesessen Im Kreis der weisen Frau'n und sprachen mit; So hatten sie ein Recht auch, teilzunehmen, Als von den Zinnen Freudenbanner wehten. Purpur . Was hätten sie gebracht? Nur Zwiespalt, Hader! Dies ist ihr Element; die guten Feen Beschenkten unser Kind mit schönen Gaben; Was hätten jene beiden denn zu bieten Aus ihrer dunklen Höhle Zauberreich? Hermeline . Wie's immer sein mag, mich beschweret Angst Und Sorge drum, vielleicht weil ich ein Weib bin; Als Mann magst du dergleichen wohl bewält'gen. Purpur . Beschwichtige dein Mutterherz; bedenke, Daß unser Röslein schützt die Fee Sconea, Die Heil dem Kinde sprach, als es erwachte Zum Leben und den ersten Lichtstrahl schaute. ( Herold tritt ein. ) Herold . Verzeiht, o Herr! wenn Euch mein Eintritt stört, Doch Ihr befahlt ja, daß man immer melde Wenn sich der Königsburg ein Fremder naht. Purpur . Was gibt's? Herold . Ein Wandrer harret vor dem Tor, Erbittet Einlaß sich, um Euch zu huld'gen. Es schmückt sein Haupt ein grüner Lorbeerkranz, An seiner Schulter hängt das Saitenspiel. Ein Sänger ist's, wie er sich selber nennt. Purpur . Willkommen sei er; solche Gäste lieb' ich, Und Sang und Klang kommt mir zur rechten Stunde. Herold . Auch folgt ein Diener ihm, ein droll'ger Kauz, Der dir als Schalknarr gute Schwänke bringt. Purpur . So laß' sie beide ein; ich will sie seh'n. (Herold ab.) Hermeline . Die Fremden nah'n, ich geh' zu unserm Kinde, Dem lieben Röslein; und wie oft geschieht's! Ja, nimmer müde wird der Mutter Liebe, Zu herzen und zu küssen! Purpur . Geh, bald folg' ich (Hermeline ab) . Doch zum Empfang will ich den Thron besteigen, Und mich mit meinem Purpurmantel schmücken; Die Krone setz' ich auf und nehm' den Zepter, Denn solchen Käuzen muß man imponieren. Und tritt der Dichter vor mich, um die Schläfe Den Lorbeerkranz, ziemt mir das Diadem. Die Blätter welken, doch das güldne Stirnband Trotzt auch dem Zahn der Zeit; ja, in den Gräbern Ziert noch der Könige Schädel manche Krone Und sonst'ger Schmuck von fürstlichem Geschmeid. ( Setzt sich in königlichem Schmuck auf den Thron ) ( Herold führt Lautenklang und Kasperl ein ) ( Lautenklang läßt sich auf ein Knie nieder und legt die Laute vor den Thron hin. Kasperl macht fortwährend Komplimente ) Lautenklang . Ich neig' mich ehrfurchtsvoll vor dir, o König, Und lege meine Laute dir zu Füßen. Greif' wieder ich nach ihr, wenn du's befiehlst, Sei's, um der Majestät ein Lied zu weih'n! Purpur . Erhebe dich, willkommen sei! ich liebe Den Sang. Greif in die Saiten, mich zu grüßen Nach Sängerart. Lautenklang . Es sei, wenn du's erlaubst! (Singt zur Laute)         Hast du mich auch nicht gerufen, Tret' ich kühn hier an die Stufen Deines Throns mit meinem Sang! Frei sind wir, des Liedes Meister, Untertan sind uns die Geister, Die gebannt der Laute Klang! Kronen goldne Strahlen senken Nieder und die Zepter lenken Völkerscharen; welche Pracht! Majestätisch wie die Sonne – Zieht einher sie voller Wonne – Leuchtet eines Königs Macht. Alle demutsvoll sich neigen Vor dem Herrscher, alle schweigen, Schier geblendet von dem Licht. Nur der Sänger laut verkündet, Was der Glanz in ihm entzündet, Was aus seiner Seele spricht! Und was er dann frei gesungen, Durch die Hallen ist's gedrungen, Tönt in alle Welt hinaus! Heil des Königs goldner Krone, Die da strahlet auf dem Throne! Heil des Königs ganzem Haus! (Verneigt sich tief) Purpur (vom Throne herabsteigend) . Ihre Huldigung hat mich sehr erfreut. Sie scheinen mir ein Mann von Talent zu sein. Wie heißen Sie? Lautenklang . Majestät, mein Name ist Lautenklang! Purpur . Ein schöner Name für einen Sänger! Ihr Geburtsort? Lautenklang . Eine kleine Provinzstadt in Deutschland und ich bin der Sohn eines armen Schuhmachers. Purpur . Es gibt sehr viele Schuhmacher in Deutschland. Kasperl (vorlaut) . O ja, und auch viele Schneider aller Gattung, erhabene Majestät. Lautenklang . Schweige und rede nicht zur Unzeit. Purpur . Oh, lassen Sie ihn. Er ist wohl Ihr Diener? Kasperl . Zu dienen bin ich sein Diener. Mein Name ist Kasperl Larifari. Ebenfalls in einer pudelwinzigen Stadt des ungeheuren Deutschen Reiches habe ich das Licht der Welt erblickt. Purpur . Bravo, bravo! Ihr Humor gefällt mir. Waren Sie vielleicht Schauspieler? Kasperl . Weniger dieses als jenes oder vielmehr habe ich mich unter die Komödiantenbagagi nie vermengen wollen, sondern ich habe bisher nur auf der großen Weltbühne mitgespielt und Stiefel geputzt. Gegenwärtig hungere ich mit meinem Herrn und wir suchen beide Stoff, ja sehr viel Stoff. Lautenklang . Verzeih'n Euer Majestät diesem ungeschliffenen Burschen. Kasperl . Oh, ich bin ein ungeschliffener Diamant, welcher Witz bei einer Gelegenheit in einem Gedichte meines Herrn vorkommt. Hörens nur: (pathetisch deklamierend) Dort in Brusilien ein Diamant Liegt unbeachtet in dem Sand, Den noch kein menschlich Wesen fand Gleich der Korall' am Meeresstrand.         – da hab'n wir's schon. – Dort leuchtet hell ein Diamant An eines Mädchens Busenband, Und die Korall' am Meeresrand! Die beide schliff des Menschen Hand.         – Jetzt kommt's eigentlich – So ist Natur denn wohl verkannt, Der Wert nur an den Schliff gebannt! Dort in Brusilien ein Diamant Und die Korall' am Meeresrand! Habt Ihr den Witz verstanden? – Ja, ich bin auch ein verkanntes Genie, wie der ungeschliffene Diamant in Brusilien! Lautenklang . Ich bitte Euere Majestät, das ungeeignete Benehmen dieses Hanswursten nicht zu beachten; sollten jedoch Allerhöchstdieselben eines Hofpoeten bedürfen, so wag' ich es, meine Dienste anzubieten. Purpur . Ich bin gar nicht abgeneigt, Ihrem Gesuche Gehör zu geben, um so mehr, da der Meistersänger, den ich an meinem Hofe hatte, an Mittelaltersschwäche gestorben ist; auch waren seine Leistungen nicht mehr zeitgemäß, weshalb ich ihn längst pensioniert hatte. Lautenklang . Unendlich glücklich wäre ich, könnten meine geringen Kräfte Eurer Majestät dienlich sein. Meine Ansprüche sind in jeder Beziehung höchst bescheiden. Kasperl . Aber, der lügt! – Hören's auf! Je mehr wir krieg'n, desto besser ist's ja! Purpur . Gut denn, es sei! Von heut an sind Sie in meinen Diensten. Sie sollen mit Ihrer Stellung zufrieden sein. Und Ihr Diener kann auch bleiben. Ich ernenne ihn zum Hofnarren extra statum . Kasperl . Extra statum oder extra status, das heißt eine Extrastatur, wohlgenährt und überhaupt gut gehalten! Purpur . Auch Er wird zufrieden sein. Doch verbitte ich mir alle plumpen Späße, denn ich dulde nur den feinen Humor. Kasperl . Einen feinen Rumor hab' ich noch nit gehört. Wenn's mal wo einen Rumor gibt, da muß es schnallen und krachen. Purpur (zu Lautenklang) . Kommen Sie, Lautenklang! Ich will Sie der Königin vorstellen. Sie können gleich Ihr Talent in Anwendung bringen und ein Gedicht auf die Geburt meiner Tochter Röslein schreiben. Lautenklang . Herrlicher Stoff zu einem graziösen Schlummer- oder Wiegenliede! (Purpur und Lautenklang ab.) Kasperl (in affektiertem Komödiantenton) . »Sein oder nicht sein – das ist die Frage.« Wo wird hierzuland ein gutes Wirtshäusl sein oder nicht sein, in welchem man von dem anstrengenden Hofleben einigermaßen bisweilen stillvergnügt ausruhen kann? Trinken, schlafen und nichts weiter?! Denn wer zu viel getrunken hat, schlaft gern. Also ist Trinken Schlafen. Daß aber ein »Schlaf« das Herzweh und die »tausend Stöße endigät, dies ist ein Ziel, aufs innigste zu wünschen«! – »Schlafen, vielleicht auch träumen?« Dies ist mir gänzlich einerlei! Neulich hat mir träumt, ich hätt' ein' Buckel voll Schläg' bekommen. – »Stolze Mißhandlungen!« Ich erwachte und »stöhnte und schwitzte unter Lebensmüh«! – Ha, Schicksal; »das unentdeckte Land – nämlich das Wirtshaus – von dess' Bezirk kein Wanderer wiederkehrt«, ohne daß er seine Zech bezahlt hätt', welches »den Willen irrt«, insofern man einen Rausch hat, dieser Bezirk blickt mich aus der unbekannten Ferne freundlich an! Auf denn! Zu »Unternehmungen voll Mark und Nachdruck durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt«! Ein Hamerlet hat's g'sagt und sollte der Kasperl nicht gleicher Empfindungen fähig sein? Ha! »Das Gewissen macht feige aus uns allein«. Auf denn! Ich stürze mich in die ungewisse Zukunft der Tiefe des Bierkrugs. (Ab.) ( Königin Hermeline, ihr Kind, Prinzessin Röslein, auf den Armen tragend ) Hermeline . Oh, herzig Kleinod, laß dich an mich drücken So inniglich! bist ja ein Teil von mir, Das beste wohl aus meinem eignen Ich, Ja, selbst mein »Ich«, gleichwie der Blume Duft, Der aus dem Kelch sich hebt so würzig rein, Zu ihr gehört. Denn wär' die Rose Rose, Haucht' nicht ihr roter Mund den süßen Duft? Wär' Lilie Lilie, ständ' sie duftlos da? So bist du mein, und ich bin wieder dein: Ein Leben und ein Sein, schier unzertrennlich! Und doch! wie bang ist mir, blick' ich dich an, Und schaust du auf zu mir mit deinen Sternlein, Die aus dem Himmel mein so lieblich leuchten. Ein dunkler Schleier liegt auf dir, ich seh's; Ich möchte weg ihn küssen, doch er bleibt, Umhüllt die Zukunft mir in trüben Nebel. Ich fühl' es, drohend sah ich jene Frau'n Mir nahen oft in dunkler Nächte Traum! ( König Purpur mit Lautenklang eintretend. ) Purpur . Ich suchte dich, o Königin! Hermeline . Hier bin ich. Purpur . Und hier ein Gast, der Hausgenosse worden: Der Dichter Lautenklang, mein Hofpoet, Mög' er der Königin willkommen sein. Hermeline . Ist nicht die Poesie des Lebens Schönstes? Sie windet Blumen in den dunklen Kranz, Der ernst sich oft um unsere Stirne wölbt; Ist sie nicht auch der Regenbogenschimmer, Der düstre Lebenswolken überspannt? Lautenklang . Ihr zeichnet sinnig, edle Königin, In schönen Bildern, was ich tief empfinde. Fürwahr, ich tret' ins Reich der Poesie; Der Dichter hat die Heimat hier gefundene Die er vergebens sich so lang gesucht; Die Welt ist öd, und kalt sind alle Herzen, Verschlossen höh'rem Sinn nach Ird'schem trachtend. Purpur . Vortrefflich! – Ja, die Königin war stets Geneigt der Poesie und ihren Jüngern. Lautenklang . Gestattet, daß der Königin ich bringe In einer Dichtung meine Huldigung, Indem ein kleines Lied ich schnell ersinne, Dem Kind geweiht, das auf dem Arm sie wiegt. (Singt zur Laute)       Mit Blumen aller Arten Und süßem Duft und Hauch Blüht in des Frühlings Garten Ein kleines Röslein auch. Erwärmt vom Sonnenstrahle, Erfrischt vom Tröpflein Tau, Ein Sitz dem Bienenmahle, Gewiegt vom Lüftlein lau. (Es erhebt sich ein Sturm.) Hermeline . Weh' uns, hört ihr den Sturm sich jetzt erheben? Wenn er dem Kind nur nichts zuleide tut! Purpur . Grundloses Bangen! Setzt den Sang nur fort. Lautenklang (singt weiter)         So blüht's und schaut ins Leben, Und mög' es wohl gedeih'n! Gott woll' dem Röslein geben Den hellsten Sonnenschein! (Der Sturm wird mächtiger.) Hermeline . Hört nur, sie nah'n, die ich im Traum geseh'n! Purpur . Wer naht? Dich schreckt die Angst vor dem Gewitter. Verlaß den Ort und leg das Kind zur Ruh! ( Wiltrud und Scohlint erscheinen in der Luft. ) Wiltrud . Wir sind's, wir sind's, die ungebet'nen Gäste, Die ihr vergessen habt bei eurem Feste. Scohlint . Wir sind's, wir sind's, zu bringen unsere Gaben; Wir bieten euch das Beste, was wir haben. Hermeline und Purpur . Weh' uns, da sind die bösen Zauberfrau'n! Wiltrud . Wir reichen eurem Kind als Weihgeschenk Den Fluch, dem seinerzeit Erfüllung folgt. Scohlint . Daß Röslein sich an einer Spindel sticht, Wenn fünfzehnmal der Mai sie hat begrüßt. Wiltrud . Und bei dem Stich fällt sie in tiefen Schlaf, Ihr selbst auch und was lebt im Königshaus. Scohlint . Ein Dornstrauch wird umwuchern den Palast: »Dornröslein« sei fortan das Kind genannt! Wiltrud und Scohlint . Hört's, König Purpur, Königin Hermelin: Den Fluch schenkt euch das Zauberschwesternpaar! ( Ein Donnerschlag. ) ( Der Vorhang fällt. ) Zweiter Aufzug ( Trompetenstoß. Der Herold tritt auf. ) Herold . Hört's alle, holde Mägdlein, schöne Frauen, Was König Purpur mich hieß kund euch tun: Von heut' an darf man keine Spindel schauen, Und alle Hände soll'n vom Spinnen ruh'n. Ihr möget weben, stricken oder näh'n, Wie's Frau'n und Mägdlein ziemt, doch nie gesehen Werd' eine Spindel mehr; ich sag' es zweimal euch, Damit ihr's alle, alle hört im Reich. Die Rocken werft ins Feuer, kauft den Faden Zum Linnenzeuge außer Land im Laden. Dies ist des Königs strenges Aufgebot; Wer nicht gehorcht, den trifft alsbald der Tod. Von hoher Polizei wird inquiriert, Und alle Häuser werden visitiert. Drum wagt nicht, etwa heimlich gar zu spinnen, Nicht eine wird der Strafe dann entrinnen. Hört's alle! Wenn ich rede, aufgepaßt! Sorgt, daß ihr auf der Tat nicht seid erfaßt. Was ich verkünde in des Königs Namen, Ist streng Gesetz und dabei bleibt es. Amen. ( Trompetenstoß. Ab. ) Romantischer Wald (wie im vorigen Aufzuge) . ( Lautenklang sitzt schreibend unter einem Baum; Kasperl unfern von ihm, aus einer Flasche trinkend. ) Lautenklang . Der Stoff ist exponiert, der Knoten auch Geschürzt und die Verwicklung soll nicht fehlen; Einheit des Ortes, wie's die Regel will. Was liegt noch an der Zeit? die fünfzehn Jahre, Die nun verflossen, deckt der Zwischenakt. Ich lebte mittlerweile gut am Hof des Königs, Nichts fehlte mir in jeglicher Beziehung. Dornröslein wuchs heran zur schönen Jungfrau, Und hat die Kinderschuhe abgelegt. Bisher hat mir der Held im Stück gefehlt, Als Kind war die Prinzessin zu passiv; Tritt sie aktiv von nun an in das Leben, So ist dem Stück die Hauptperson gegeben. Begierig bin ich selbst, wie sich's gestaltet Und wie sich der dramat'sche Knoten löst; Denn ist Prinzessin Röslein eingeschlafen – Was soll gescheh'n, wird sie nicht aufgeweckt? Wohlan, ich kehr' zurück ins Königsschloß, Daß nicht ein Augenblickchen sei versäumt, Der Katastrophe harrend, die sich naht. ( Vertieft sich in seine Dichtung. ) Kasperl . Der Stoff ist lobenswert, allein mit Schrecken bemerke ich, daß nun auch das Vakuum eingetreten ist. Die Flasche ist leer. Leerheit! Von jeher hab' ich dich gehaßt. Von einem dummen Kerl sagt man, er sei ein leerer Kopf, so halte ich denn eine leere Flasche auch für eine Dummheit. Uebrigens kann ich zufrieden sein; denn meine Geschäfte waren bisher nicht anstrengend, insofern nicht auch die Erfüllung der Selbsterhaltungspflicht zur Last werden kann, denn am Essen und Trinken hab' ichs keinerzeit fehlen lassen. Ich habe mich dadurch als einen echten Hofmann skalifiziert. Jetzt bin ich nur neugierig, wann a mal die Mordsschlaferei angeht, die uns die verflixten zwei Blocksbergbewohnerinnen prophuzeit haben, das heißt, wenn die Prinzessin sich an der Spindel sticht? Deshalb hat auch der König alle Spindeln im Lande verbieten lassen; allein, was einmal sein soll, das wird sein. Mir wär's einerlei, ein paar Jahre zu verschlafen; doch mein Herr sagt: Wie die Geschichte losgeht, läuft er davon und betrachtet sich alles romantisch von weitem. Auch gut! Wenn uns nur der gewisse Stoff nicht ausgeht! Lautenklang . Es fließt mir heute wirklich aus der Feder, Und leicht schreib' ich fünffüßige Jamben hin, Doch leider ist mein Tintenfäßchen leer! He, Kaspar, hast du's denn nicht aufgefüllt? Kasperl . No, versteht sich – heut' früh hab' ich's vollg'macht, schwarz bis an den Rand! – Es ist aber grad, als ob Sie Tinten saufen täten, mit der Schreiberei da. Bleib'n S' lieber z' Haus, wenn S' dichten wollen, da stell' ich Ihnen an ganzen Tintenkübel hin, oder nehmen's ein andersmal ein Bleisteften mit. Die Tintenklexer gehören in die Stuben, und wollen die Dichter singen, so sollen sie es wie die Vögerln machen. Aber – freilich, das will alles geschrieben sein, damit der Nachwelt auch nicht eine Silbe verloren geht. Kommen S', geh'n wir nach Haus, mir ist auch meine Unterhaltung ausgangen, da können wir alle zwei frisch füllen und nachher wieder spazieren wandeln miteinand. Der Vormittag ist noch lang genug bis Sie zur Hoftafel müssen und ich zum Domestikenfressen. Lautenklang . Gemeinen Sinnes bleibst du stets doch, Kaspar! Es wäre Zeit, daß du nach Höh'rem trachtest; Hast du denn gar nichts noch von mir gelernt? Kasperl . Oh, sehr, ja! Sehen's, die G'schicht ist a so: Wir beiden suchten Stoff. Nun, das wissen S' aber – denn Sie haben's ja selbst oft g'nug g'sagt – daß der Mensch aus Leib und Geist b'steht. Sie suchen Stoff für den Geist und ich für den Leib, da hat jeder seinen Teil und kann dem andern aushelfen. Lautenklang . Pro domo spricht der Cicero nicht übel. Fürwahr, gesunde Logik fehlt dir nicht, Als humoristisch Element zu brauchen. Kasperl . Jetzt machen's gar ein Element aus mir; da hätten wir also fünf Element: Feuer, Wasser, Luft, Erden und den Kasperl Larifari! Wieder eine neue Erfindung. Das müssen's dem König Purpur sagen, da kriegen's vielleicht einen Orden oder was! Lautenklang . Ein Orden mir? Was denkst du denn, mein Freund? Den Rittern und den Kriegern ist er Schmuck Und Ehrenzeichen ihren schönen Taten. Dem Dichter blüht des Lorbeerbaumes Blatt; Wind' es zum Kranz und schmück' damit sein Haupt, Mehr will er nicht – er fühlt sich reich belohnt. Kasperl . Lassen's mi aus mit dem Lorbeerblattl, da wären ja die Dichter grad als wie die Kalbsköpf, die verziert man auch mit Lorbeerblattl'n, wenn's g'sott'n oder gebrat'n auf'n Tisch kommen. Lautenklang . Unziemlich sehr ist dieses Bild, d'rum schweige! Ich will ins Königsschloß zurück nun kehren. ( Ab. Kasperl singend hinter ihm. ) ( Königin Hermeline und Prinzessin Röslein, die vorausläuft, einen Schmetterling zu haschen. ) Hermeline . Pfui, Röslein! Was läufst du so rasch voraus! Röslein . Ach, Mutter, sieh, den schönen Schmetterling! Ich möcht' ihn fangen. Hermeline . Das schickt sich nicht für dich. Du bist kein Kind mehr; bedenke, daß du nun ein Jungfräulein bist. Die sollen nicht den Schmetterlingen nachlaufen, sondern hübsch anständig spazieren geh'n. Röslein . Die Jungfräulein sollen also keine Freuden mehr haben? Da wär' ich lieber ein Kind geblieben. Hermeline . Jedes Alter hat seine Freuden. Du bist an deinem fünfzehnten Geburtstage dem ganzen Hofe vorgestellt worden; war dies nicht ein schönes Vergnügen für dich? Auch darfst du von nun an mit uns an der großen Tafel speisen. Röslein . Da wollt' ich lieber nur Beeren mit den Vöglein im Walde essen, wenn mir alle Kindesfreuden verboten würden. Sieh doch. liebe Mutter, wie herrlich es hier ist! Leuchtet der Sonnenschein nicht mächtiger, als der güldene Thron im Schlosse? Ist der Gesang der Vögel nicht lieblicher als das Geschwätz der Hofdamen? Das Grün der Blätter, die Farbe der Blumen – übertrifft dies alles nicht den Schmuck des Hofes? Hermeline . Ich begreife nichts wie du zu diesen Grundsätzen kommst. Röslein . Du redest mir von Grundsätzen, liebe Mutter! Davon weiß ich fürwahr nichts. Ich fühle nur mein Herz sich auftun, wenn ich heraustrete in Gottes herrliche Natur. Es wird mir so fromm zumut'; ich möchte immer hinknien und beten. Hermeline . Das ist recht hübsch und lobenswert, allein die Schranken des Anstandes soll und darf eine Prinzessin nie überschreiten. Ich glaube immer, daß die Vorlesungen des Hofdichters Lautenklang dir den Kopf verdrehen. Du wirst mir zu phantastisch; du wirst zu sehr der Wirklichkeit und der Konvenienz entrückt. Ich werde diesem schädlichen Einflusse zu steuern wissen. Röslein . Also auch dies soll eine verbotene Freude sein, daß ich mich an den Gedichten des Herrn Lautenklang erfreue? Ist die Poesie eine Sünde? Hermeline . An und für sich nicht; allein sie kann es werden, wenn sie ein jugendlich Gemüt zu sehr aufregt. Lautenklangs Vorträge sollen sich von nun an darauf beschränken, dir die deutsche Literaturgeschichte kurz darzustellen; die Periode der Romantiker aber soll dir nur im Auszug gegeben werden. Ihre Richtung paßt nicht mehr für unsere Zeit, und man sollte mehr auf die Entwicklung des Verstandes wirken. Herz und Phantasie – Röslein . Laß mir mein Herz, liebe Mutter, laß mir das Reich der Phantasie! Hermeline . Pfui, Röslein! Es schickt sich überhaupt durchaus nicht für ein Mädchen, Phantasie zu haben; viel weniger für eine Prinzessin. Ich verbitte mir solche Ideen; hörst du? Ein für allemal! Röslein (weint) . Bin ich denn nicht gehorsam in allen Dingen? Hab' ich dir schon Kummer gemacht durch mein Herz und seine Träume? Hermeline . Nein, liebes Kind; allein es ist einer Mutter Pflicht, dich vor Extravaganzen zu warnen. Ich mein' es so gut mit dir. Röslein (fällt Hermelinen um den Hals) . Liebe Mutter, wie lieb' ich dich! – – – Ich möchte mich dort in den Schatten legen und etwas schlummern, darf ich wohl? Hermeline . Wir sind hier ungeseh'n; außer dem wäre es nicht schicklich. Ich erlaub' es dir. ( Röslein setzt sich und schlummert ein. ) Hermeline . Ja, schlumm're immerhin, mein teures Kind, Und träume dich ins Reich der Phantasie! Nur allzubald vielleicht wird an dein Herz Des Lebens Wirklichkeit mit derbem Schlag Anpochen rauh, so daß des Trostes Zuflucht Dir nur dein innrer Reichtum bieten mag! Oh, herbe Außenwelt für jung und alt, Die oft in Zwiespalt jagt des Lebens Mächte, Wenn Herzensdrang und Sehnen mit der starren Beschränkung äußerer Gewalten ringen! Und solchen Kampf möcht' ich der Tochter sparen, Abschneiden möcht' ich rechter Zeit die Sehnsucht, Die schlummernd in des Kindes Blütenkelch Still ruht als des Verlangens Dämmerschein, Weil ihr so oft nur bitt're Täuschung folgt. Doch wie? – vergaß ich ganz der Feen Drohung, Die sich in diesem Jahre soll erfüllen? Weh' mir! denk ich daran, bricht's Mutterherz Zusammen schier: » Dornröslein « heißt der Fluch! Sconea, milde Fee, die du in erster Stunde Dem Kinde Huld und Schutz hast angelobt, Vermöcht' ich's, dich mit Mutterstimm' zu rufen Und Mutterschmerz dir an das Herz zu legen! ( Es ertönt liebliche Musik. ) Sconea (in rosigem Schimmer erscheinend) . Sconea hört, wenn Mutterliebe ruft! Dein Röslein schütz ich, wie ich es verheißen, Doch jeder Feenspruch muß sich erfüllen, Denn in ihm liegt der mächt'gen Weihe Kraft; Gut oder bös – es ist des Zaubers Recht. Drum kann ich auch des Fluchs Gewalt nicht hemmen, Der auf dem Haupte deines Kindes ruht: Der Spindel Stich wird langen Schlaf ihr bringen – Mein Segen aber bringt einst Morgenrot. Der Blume Kelch, in myst'scher Ruh' geschlossen (Ein Bild des Schlummers), wird sich einmal öffnen, Des Duftes Blütenhauch wird ihm entsteigen Gleich einem Minnelied zur Maienzeit. Getrost sei denn, gedenke meiner Worte: Des Zaubers Fluch wird sich in Segen wandeln! ( Verschwindet. ) Hermeline . Dank dir, o holde Fee, die du, ein Engel, Mir milden Tau auf meine Wunde träufelst. Ich will vertrau'n dir; mutig seh' entgegen Ich dem Geschick, das unvermeidlich ist. Röslein (erwacht.) Wo bin ich? Mutter, welch ein schöner Traum Hat mich gegrüßt: denk' dir, ich war ein Blümlein, Das einsam still in einem Garten stand; Ein böser Sturm erhob sich, mich zu brechen, Da kam ein Engel, trug mich in den Himmel. Hermeline . Fürwahr mein Kind, du sahst ein herrlich Bild; Doch laß den Schlummer jetzt und seine Spiele, Wir geh'n zurück, es steht schon hoch die Sonne. Röslein . Sag', Mutter, was ist Leben, was ist Traum? Zerschäumt das Leben nicht in lust'gen Träumen, Und wird der Traum nicht einst der Wahrheit Leben? Hermeline . Komm, laß das eitle Fragen, liebes Kind. (Beide ab.) ( Wiltrud und Scohlint fahren durch die Luft von zwei Seiten herab. ) Scohlint . Wiltrud! Wiltrud . Scohlint! Scohlint . Nun muß es sich erfüllen! Wiltrud . Die Zeit ist um! Wie aber wird's geschehen? Die Spindel ist im ganzen Land verpönt! Scohlint . Ei, blinde Hexe, daß du's noch nicht weißt! Die taube Alte, die im Königsschloß, Vergessen schier, im grauen Erker wohnt Und unbeachtet an der Spindel sitzt – – Wiltrud . Bei Satans Dreifuß – daran dacht' ich nicht. Wie aber lenken Röslein wir zu ihr? Scohlint . Oft steigt das Mägdlein heimlich auf die Zinnen Der Königsburg, um still hinauszuschau'n Mit träumerischem Blick ins weite Land. Ihr Auge wandert mit den Silberflüssen, Versenkt mit ihnen sich in tiefe Seen Und hanget gern am Tiefblau ferner Berge. Ein Stufengang führt sie vorbei am Pförtlein Des Erkers, wo die alte Spinn'rin schnurrt. Wiltrud . Und wahr muß werden, was wir angedroht; Der Giftqualm rauscht' es aus dem Hexenkessel, Der Zauberspiegel zeigt' es uns im Bild. Scohlint . Darum Geduld, Geduld! Es kann nicht fehlen; Einmal lockt sie der Spindel Schnurren doch Und in die Falle geht sie! Wiltrud . Laß uns bleiben Dem Orte nah, am Sieg uns zu erfreu'n. Der sicher ist. Scohlint . Der Augenblick ist da. (Beide verschwinden. ) Gemach im Schlosse des Königs. ( König Purpur. Der Herold. ) Herold . Vollzogen ist, was du befahlst, ich meld' es: Nachdem dein Aufgebot verkündigt ward, Füllt bald darauf der Marktplatz sich mit Weibern Und Mägdlein jedes Standes, haufenweise Die Spindeln beizubringen. Von den Burgen Des Reiches schleppen Boten schwerbeladen, Allüberall her folgt man dem Befehle, Das Frau'ngerät, das dein Geheiß verpönt. Noch brennen Scheiterhaufen zur Vertilgung. Wie manch Gespinst ward schleunig abgebrochen, Wie mancher Faden ward entzweigerissen; Ungern zwar mocht's gescheh'n, doch geschah's; Wer wollte widersetzen sich der Drohung Des Königs, die sein Herold hat verkündigt? Purpur . So kann beruhigt ich sein; denn wenn im Lande Nicht eine Spindel mehr, wie wär' es möglich, Daß Röslein sich an einer Spindel stäche? Bei aller Milde ist oft Strenge nötig, Wenn sich's um Dinge handelt, die gefährlich. Du weißt's: des Volkes Wohl liegt mir am Herzen, Doch auch der Dynastie bin ich verpflichtet, Die seit Jahrhunderten dies Reich beherrscht. Spinnt nicht das Weibervolk, so bleibt noch andres Genug zu tun im Haus und in der Küche, Und 's ist kein Grund vorhanden zur Beschwerde. Herold . So denk' auch ich, mein König; 's ist kein Zweifel, Daß Ihr in Eurem Rechte seid, und sollte Es einer wagen, etwa drob zu murren, Den Kopf zu schütteln, schlagt den Kopf ihm ab, Damit er schweige, mag er sein, wer immer. Purpur . Geh' nur zur Königin, entbiet' sie her, Damit der Mutter Herz ich ganz beschwicht'ge. Herold . Wie ihr befehlt! ( Geht ab. ) Purpur (allein) . Der Sorge wär' ich ledig! Was ist ein König doch mit Kümmernissen Jedweder Art bedroht! Ist hier geordnet, Taucht wieder dort ein neu Geschäft empor. Bald ist's der Staat, bald ist's das eigne Haus Und sonst'ge Angelegenheit, Krieg oder Frieden, Verwaltung jeder Art nimmt stets in Anspruch. Sieh da, Hermeline! ( Hermeline tritt ein. ) Purpur . Sei zur guten Stunde Willkommen mir. Nun leg' die Sorgen ab; Gescheh'n ist, was zu tun war, frei das Feld. Hermeline . Dein trefflich Herz erkenn' daran ich wieder, Daß deine Weisheit Fürsorg' hat getroffen. Nicht eine Spindel mehr im ganzen Land? Purpur . Nicht eine , dafür sorgt die Polizei! – Doch Röslein? Hermeline . Lautenklang ist jetzt bei ihr. Ich trug ihm auf, sie nicht zu exaltieren Durch Schwärmerei und durch romantisch Wesen. Kulturhistorisch soll er auf sie wirken, Damit ihr Geist in guten Schranken bleibe, Nicht etwa frei hinschweife in Regionen, Die ihre zarten Nerven affizieren. Purpur . Vortrefflich! selber muß ich dir gesteh'n: Des Dichters Richtung bin ich müd' und satt. Auf gute Art werd' ich ihn bald entfernen Von meinem Hof und geb' ihm die Pension. Der Zeiten Umschwung hab' ich auch erfaßt, Begriffen, was die Welt jetzt will. Der Fortschritt Läßt sich nicht hemmen und man will Reales; Romant'sche Träumerei'n sind aus der Mode, Mir liegt daran, das Technische zu fördern. Die Spindel hab' ich abgeschafft, Maschinen Zum Spinnen sind ein trefflicher Ersatz; So treff' zwei Fliegen ich mit einem Schlag. Gefährliches entfernend führ' ich ein, Was aller Welt jetzt Nutzen bringen mag. Hermeline . So fügt zum allgemeinen Besten sich, Was eigne Zwecke fördert. Purpur . Meine Räte Versamml' ich nun, Staatszwecke zu verhandeln, Und in zwei Stunden geht's zum Abendtisch. ( Beide ab. ) Verwandlung Enges Erkerstübchen ( Eine alte Frau sitzt an der Spindel. Zu ihren Füßen ein knurrender Kater. ) Die Alte (singt) . Ich sinn' und spinne manches Jahr Den Faden fein wie Frauenhaar; Die Welt dreht sich in einem fort, Doch alles bleibt am alten Ort. Sie dreht sich fort im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. Als Eva Adam nahm zum Mann, Sie auch das Spinnen gleich begann; Sie spann und webte Hemdlein schon Für Kain, ihren ersten Sohn. Die Welt dreht sich im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. Und also tat das erste Weib, Es spann zu seinem Zeitvertreib, Und dies war bei den andern all, Die ihm nachfolgen, auch der Fall. Die Welt dreht sich im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. ( Röslein guckt zur halbgeöffneten Türe herein. ) Die Alte (singt fort.) Ihr Mägdlein lernt das Spinnen gut; Die Spindel sticht, da fließet Blut. Ihr lieben schönen Jungfräulein, Das Spinnen will gelernt auch sein. Die Welt dreht sich im Schwindel Wie in der Hand die Spindel. Röslein (eintretend) . Ei, wie schön du singst? Alte . Wer ist da? Ein lieb Jungfräulein! Wie kommst du herauf in mein einsames Loch? Röslein . Ich bin dem Schnurren deiner Spindel gefolgt. Alte . Das freut mich, denn ich habe schon viele Jahre kein menschlich' Wesen geseh'n. Röslein . Wie kommt das, gutes Weib? Alte . Ich bin ein altes Hofmöbel, das längst aus den Gemächern entfernt wurde. Röslein . Du bist ja ein menschlich' Wesen. Alte . So halb und halb, wie man's nehmen will. Ich bin die Spindel, mit der die Mutter des Königs Purpur spann. Als sie starb, ward ich da heraufgestellt und schnurre aus alter Gewohnheit noch immer so fort. Röslein . Ei wie? Sorgt niemand für dich? Alte . Siehst du den Kater? Er ist mein Freund und fängt Mäuse, die wir zusammen verzehren. Röslein . Pfui! wer wird auch Mäuse essen? Alte . Liebes Kind, es ist alles nur Gewohnheit. Wenn es üblich wäre, Mäuse auf die Tafel zu setzen, so würden sie aller Welt schmecken. Verzehrt man doch viele andere Tiere, die nicht so appetitlich und sauber sind, wie die niedlichen Mäuslein. Röslein . Ich könnte mich doch nicht daran gewöhnen. Sieh' da, was hast du für eine schöne goldene Spindel! Alte . Gib acht, gutes Mädchen, du könntest dich daran stechen, denn sie ist an beiden Enden spitz. Röslein . Ach, ich möchte gar zu gern auch ein bißchen spinnen. Alte . Hast recht, das Spinnen ist was Schönes. Sieh nur die Spinnen, wie sie die Fäden ihres Netzes bilden, und die Raupe, wie sie sich einspinnt und aus ihrer Puppe der bunte Schmetterling ersteht; und wie die Vöglein ihre Nester spinnen – kurz, alles spinnt und spinnt und spinnt – – ( Unterdessen hat Röslein nach der Spindel gelangt. ) Röslein (mit einem Schmerzensschrei) . Weh mir! Ich habe mich gestochen! ( Die Alte und ihr Kater verschwinden unter wehmütiger, schnurrender Musik. Es wird plötzlich dunkel. Röslein sinkt bewußtlos nieder. Wiltrud und Scohlint erscheinen, jede eine brennende Fackel in der Hand. Beide sprechen in feierlichem Tone. ) So schlummere, schlummere manches Jahr, Dornröslein mit dem goldnen Haar – Schlaf gut, du allerliebstes Kind, Gerächt sind Wiltrud und Scohlint. Und all ihr andern in dem Haus, Vom König bis zur kleinen Maus, Schlaft alle; denn so will's der Fluch, Der Zauberinnen Rachespruch! Wer wird euch wecken aus der Nacht, Die wir in dieses Schloß gebracht? Für euch gibt's wohl kein Morgenrot Und euer Schlummer ist der Tod! ( Sconea erscheint im hellen Schimmer, die Fackeln der bösen Feen erlöschen. ) Sconea . Sconea spricht's: Es währt die Nacht Nicht ewig! wie die Blum' erwacht, Geküßt vom ersten Sonnenstrahl, Wird's Röslein auch geweckt einmal. Die Minne tut's mit holdem Mund Und sie zerstört der Rache Bund. ( Die bösen Feen versinken. ) ( Unter leisem Donner fällt der Vorhang. ) Dritter Aufzug Wald. Im Hintergrunde das verzauberte Königsschloß, von Dornrosengesträuch und anderen Gewächsen überwuchert. Vorn eine Einsiedelei, neben deren Pförtlein eine Laute hängt. Auf der anderen Seite die Höhle des Riesen Schlafdorn. Lautenklang (mit langem weißen Barte im Eremitengewande, den Lorbeerkranz auf dem Haupte) . Nun harr' ich hier solange schon der Lösung, Daß meinem Sinn der Jahre Zahl entschwand; Still leb' ich in der Hütte, die ich mir Aus Stämmen selbst gebaut; Einsiedlern gleich Hab' ich mir Waldesnahrung angewöhnt; Der kühle Felsquell ist mein Trunk, ich ruhe Des Nachts auf Moos. So alt bin ich geworden, Daß mein ergrauter Bart berührt den Boden. Kahl ist mein Haupt, der Lorbeer nur bedeckt es, Doch ist mein Herz noch jung und frisch mein Geist, Und täglich greif' ich in das Saitenspiel Und täglich singe ich ein neues Lied. Daß aber dies mein Drama nicht vollendet, Daß ich am dritten Aufzug steh'ngeblieben Und alles um mich schläft, betrübt mich tief; Denn endlich wirkt's sogar auf's Publikum. Ich bitt' euch: habt Geduld, es kann nicht fehlen, Daß sich der Stoff vor euch noch ganz entwirrt; Denn so, wie's jetzt steht, kann und darf's nicht bleiben; Ein solch Fragment würd' nimmer euch genügen. Nicht denkbar ist ein ew'ger Schlaf; Erwachen Ist jedem Schlummernden gewiß, das Leben Verbürgt es durch die innre Wesenheit: Dem tiefsten Schlafe folgt einmal Erwachen. ( Der Riese Schlafdorn, in Felle gekleidet mit hoher Nachtmütze, mit einer Keule bewaffnet, tritt aus seiner Höhle. ) Schlafdorn . Was predigst du wieder, alter Narr? Ich bin deines Geleiers satt. Hör' einmal aus, wenn du willst, daß ich gute Nachbarschaft halte. Entweder fabelst du unverständlich Zeug oder klimperst auf deiner alten Leier. Du änderst ja doch nichts an der Geschichte. Dornröslein und alles, was im Königsschlosse lebte und webte, schläft ein für allemal bis zum jüngsten Tag. Lautenklang . Unmöglich ist's! wär' gegen alle Regel: Der Knoten, der geschürzt – er muß sich lösen! Du alter Hamster, kannst es nicht versteh'n; Du hast ein Drama wohl noch nie geseh'n. Exposition, Verwicklung und Entwirrung – Dies sind die Elemente solcher Dichtung. Schlafdorn . Du faselst immer von Dichtung, und wir befinden uns mitten in der Wahrheit des Lebens. Das weiß ich am besten, seit mich die Feen Wiltrud und Scohlint als Wächter hier aufgestellt haben. Dir bin ich freilich ein Dorn im Aug'. Ich selbst hätte auch an der Geschichte längst genug, denn es ist kein Spaß, weiß der Himmel, wie lange schon und wie lange noch mit der Keule als Schildwache dazusteh'n, damit kein Sterblicher das verhexte Schloß betrete. Lautenklang . Und trotzdem wird's gescheh'n; des Wächteramts Wirst ledig du, ich kann es dir verheißen. Schlafdorn . Wird sich zeigen, wer recht behält. Da, nimm eine Prise Tabak. Ich muß Tag und Nacht schnupfen, damit ich nicht einschlafe, obgleich ich mir durch langjährige Uebung das Schlafen schon ganz abgewöhnt habe. Lautenklang . Ei, laß mich! Jeder treib' es, wie er will: Den Bären gleich magst du beliebig brummen, Die Laute spiel' ich, weil es mir gefällt; Und wenn du meine Lieder nicht willst hören, Bleib' in der Höhle, lege dich aufs Ohr. Schlafdorn . Ich tu's und will in meinem Loch da drinnen ein wenig ausruh'n; aber schlafen darf und kann ich nicht. So oft ich mich niederlege, beugt sich der Zipfel meiner Nachtmütze herab und kitzelt mich unter der Nase; das ist eine verfluchte Hexerei, die die beiden Feen veranstaltet haben; und fortlaufen kann ich auch nicht, denn ihr Zauber hat mich an diesen Ort gebannt. Es ist wirklich ein miserables Leben für einen Riesen aus der Urzeit. So – jetzt leire soviel du willst. (Ab in die Höhle.) Lautenklang . Nun komm' herab, mein trautes Saitenspiel! Dem Herzquell soll ein innig Lied entströmen; Ihr Vöglein, tragt hinaus es in die Welt, Damit es von den Lüften niederschalle, Begeisternd und erhebend irgendwo! (Er nimmt die Laute und singt.)         Im Walde steht ein altes Schloß, Drin schläft ein König und sein Troß; Er sitzt auf einem Thron von Gold, Zu Füßen ihm ein Mägdlein hold. Dornröslein, schön wie keine Maid, So voll an Reiz und Lieblichkeit, Dornröslein schläft, das holde Kind, Mit Vater, Mutter und Gesind'. Die Kunde lebt im ganzen Land Und dennoch keiner sich noch fand; Kein Ritter, der mit Mut zum Streit Die Königstochter hätt' befreit. Greift nach dem Schwert und nach dem Schild! Bahnt euch den Pfad durch Dornen wild! Ein Kuß auf Rösleins Purpurmund Lös't allen Zauber zu der Stund'. Ein alter Sänger singt das Lied, Der von dem Leben gerne schied. Wenn nur Dornröslein wär' befreit. – Dann schied er in die Ewigkeit! ( Hängt die Laute wieder neben das Pförtlein der Hütte. ) Wie viele Lieder, ach, hab' ich gesungen, Und zur Befreiung ist nicht eins gelungen; Am Ende muß ich selber noch verzagen Und hauch' mein Leben aus in lyr'schen Klagen. Oh, wär' ein Ritter ich mit Schwert und Harnisch! Mein armes Lied, es bannt den Zauber nicht; Wohl eilt's empor in wunderbarer Macht Und schwebet klingend über Berg und Tal! Doch nicht vermag's mit Riesen hier zu kämpfen. Zu schüchtern ist's, fliegt nicht ins Zauberschloß. Wenn mit dem Lied ich Rösleins Lippen küßte, Wär's nicht des rechten Mannes Minnegruß. Geheimnisvoll nur naht sich Herz zum Herzen, Wenn es die Minne will, löst sich der Fluch. ( Ab in die Hütte. ) Verwandlung Gaststube einer Schenke an der Heerstraße. An der Wand hängt Dornrösleins Bildnis. Kasperl (alt und taub) . Wie sich die Zeiten ändern! Vormals war ich der Diener eines Poeten am Hofe eines Königs und repräsentierte den Humor; ich war eigentlich der Lustigmacher – – da brach die Nacht herein. Wir floh'n: ich verlor meinen guten Herrn und mit ihm meinen guten Humor. Lautenklang zog in die Einsamkeit und harrt am Fuße des verzauberten Königsschlosses, bis die Nacht des Schlafes entweicht! Und ich, was bin ich jetzt! Ein alter Bursch', den die Last der Jahre taub gemacht; ich habe mich sozusagen überlebt, kein Mensch fragte mehr nach mir. Da bin ich denn in der Schenke in den Dienst getreten; man nährt mich, und ich zehre nebenbei an alten Schwänken. Der Gäste sind wenig; die Umgegend ist verrufen wegen der Nähe des verhexten Königsschlosses. Die Zeiten haben sich sehr geändert. Das war freilich ein ganz anderes Leben, als wir uns am Hofe König Purpur's bufunden hatten! (Singt.)         Das ist eine bekannte G'schicht, Die Zeit lauft wie ein Radel; Beim Alten bleibt es niemals nicht: Heut' Rindfleisch – morgen Bradel. Vor alters trug man einen Zopf Und eine Mordsbarock'n; Jetzt laßt man frei den ganzen Kopf Wer Lock'n hat, hat Lock'n. Ehmals, da war'n die Alten g'scheit, Jetzt sind's die Jungen wor'n; Das ist doch a kuriose Zeit; Jetzt wascht man weiß die Mohr'n! Das Radel läuft halt um und um Bis 's einmal still muß stehen; Ist einer g'scheit oder is' er dumm, Er muß kapores gehen! Ich möcht' aber doch wissen, wie's meinem vorigen Herrn geht. Seit wir damals bei der allgemeinen Einschlaferei davong'loffen sind, hab' ich'n nimmer g'seh'n. Vielleicht ist er schon g'storben? Ein braver Herr war's, aber a Narr, das is' g'wiß! (Es pocht an dem Tore.) Oho, ein Gast; etwa so ein Schnapphahn, deren wir nicht selten beherbergen. (Minnamunt, in Harnisch, tritt ein.) ( Unter der Türe. ) Minnamunt . Führt mein Roß in den Stall, reibt ihm den Schweiß ab und schüttet ihm auf. (In der Stube.) Heda! Wo ist der Wirt? Ich bin müde und mich dürstet. Gebt mir einen Imbiß. Kasperl . Bei uns wird niemand gebissen, wir sind zahmes Volk, edler Ritter. Minnamunt . Reicht mir einen Humpen! Kasperl . Oho, hier gibt's keine Lumpen. Der Wirt ist ein ehrlicher Mann, und ich bin noch ehrlicher als er. Aber taub bin ich – also vergebt, wenn ich Euch nicht gleich verstehe. Minnamunt (laut) . Einen Becher Wein! Kasperl . Ein verständlich Wort. Gleich sollt Ihr bedient sein. (Ab.) Minnamunt (wirft sich auf einen Stuhl) . Wie lange schon suche ich das verzauberte Schloß und die schlafende Prinzessin! Ich muß sie finden! Ueberall vernehm' ich die Kunde davon – mein ritterlicher Sinn verlangt nach solchen Abenteuern – aber niemand konnte mir noch Näheres von dieser Volkssage erzählen (Kasperl bringt Krug und Humpen.) Kasperl . So, jetzt löschen's Ihren Durst, Oexzellenzritter! Minnamunt . Du bist wohl der Diener in diesem Gasthofe. Kasperl . Aufzuwarten, Oexzellenz! Vormals war ich nur Vize, aber seit einigen Jahren bin ich zum ersten Hausknecht avanciert, und eigentlich alles in allem. Minnamunt . Also bist du schon lange in diesem Hause? Kasperl . So lange, daß ich gar nimmer weiß, wie lang's her ist. Minnamunt . Da weißt du vielleicht auch etwas von dem verzauberten Königsschloß, welches in der Gegend sein soll. Kasperl . Nicht nur, sondern auch. Es sind nur ein paar Stunden hin; aber kein vernünftiger Mensch traut sich in die Näh' zu kommen, denn der Wald d'rum 'rum ist voller Hexen und Teufeln! Minnamunt . Ha, gerade recht für einen Ritter, der auf Abenteuer ausgeht! Kasperl . O, da irr'n sich Euer Oexzellenz gewaltig! In unserem Gasthaus ist's auch am Abend nicht teuer; im Gögenteile, es ist durch seine Wohlfeilheit bekannt und die Maß Bier kost't nur vier Kreuzer. Die Gäste loben den Preis und sagen stets: Wenn auch euer Wein sauer ist, so ist er doch wohlfeil, und nach meiner dummen Ansicht ist ein saurer Wein immer besser schlecht bezahlt, als ein guter mit Verdruß getrunken. Minnamunt . Du kannst mir wohl den Weg angeben, der zu dem Zauberwalde führt? Kasperl . Da schaun's einmal zum Fenster naus! Seh'ns den großen Baum, der da hinten auf der Wiesen steht? Um den geh'n's 'rum; nach'er bleib'n's a bißl stehen. Von dort geht's über das Haberfeld links vorbei und rechts 'nüber an ei'm Steg über's Moos. Wo 's Moos aufhört, fangt ein Sumpf an, nachher kommt ein klein's Hölzl. Durch das Hölzl marschier'ns g'rad fort und wenn's drei Stunden gangen sind, hab'n's noch fünf Stunden und nach'er können's den Weg leicht selber finden. – Aber – nicht genug! Da schau'ns amal her! (Zeigt auf das Bild an der Wand.) Da hängt das leibhaftige Purträt der schlafenden Prinzessin. Minnamunt . Himmel, welche Schönheit! Kasperl . Der Herr Wirt hat's kauft, wie im Königsschloß große Versteigerung war. Zuerst ist der Kaiser Napoleon dag'hängt; aber der ist ohnehin aus der Modi kommen und da haben wir die schöne Prinzessin in den alten Rahmen getan. (Weint.) Minnamunt . O, reizendes Bild, wie bin ich von dir begeistert! Dornröschen, dich muß ich erlösen! Dich muß ich besitzen! Kasperl . No, werden's nur nit gleich so hitzig! Das hat seine Mucken mit der Erlösung. Minnamunt . Gleichviel. Es läßt mir keine Ruhe mehr! Auf, auf! Zu ihr, zu ihr, und sollt' ich mit allen Teufeln um sie kämpfen müssen! (Stürzt hinaus.) Kasperl . Auch wieder einmal ein Narr! Der kommt nimmer lebendig z'ruck. Mag er mit Riesen kämpfen, ich leg' mich auf die faule Haut. Ich denke, ich werde bald einschlafen und kein verliebter Prinz wird mich wecken. Also gute Nacht! (Ab.) Verwandlung Dekoration wie am Anfange des Aktes. Mondschein. Schlafdorn (mit seiner Keule auf und ab gehend wie eine Schildwache. Singt.)         Keine Ruh bei Tag und Nacht, Nichts was mir Vergnügen macht! Immer auf und ab zu geh'n, Unablässig Wache steh'n! Selbst der Mond wacht nur die Nacht, Wenn er scheint in seiner Pracht; Untertags ins Bett er geht, Weil die liebe Sonn' aufsteht. Auch die Sterne wandeln hin, Wenn das Morgenrot erschien, Ruhen aus von ihrem Gang Bei der Vögel Morgensang. Schlafen möcht' auch ich einmal; Ist doch's Wachen eine Qual! Hol' der Teufel Hexerei Und die Feen alle zwei! Schmählicher Dienst für einen Riesen aus der besten Riesenfamilie! Eines schlafenden Mägdleins wegen dasteh'n und wachen! Schickten mir die beiden Zauberschwestern nicht täglich ein Faß Meth und ein Kalb zur Nahrung, so hielt ich's wirklich nicht aus. Mein sanfter Nachbar, der Sänger, schläft ruhig in seiner Hütte; das Morgenlied der Waldvögel weckt ihn täglich, während ich mich die Nacht über am Heulen der Wölfe und am Geächze der Eulen zu erfreuen habe. ( Ein Flug Raben schwirrt durch die Luft und läßt sich auf den Bäumen nieder. ) Holla, ihr lieben Vögelein mit schwarzem Gefieder, was wollt ihr da? Wenn ihr auffliegt, gilt's eine Botschaft; was habt ihr mir zu verkünden? Die Raben .         Wir kräh'n und kräh'n, Daß wir dort geseh'n, Den Minnamunt geh'n; Wir kräh'n und kräh'n, Bald wird es gescheh'n, Bald wird es gescheh'n – Krah, krah, krah! (Fliegen fort.) Schlafdorn . Was wird gescheh'n, ihr weisen Vögel? fort sind sie! – Aber dorther kracht's durch's Gebüsch; es klingt wie Eisen, es blitzt wie Stahl im Mondlicht. Wer da? Der Riese wacht! Minnamunt (tritt ein) . 's ist Minnamunt mit Schwert und Schild; Er will erlösen die Jungfrau mild; Er will zerbrechen des Zaubers Macht, Als Freier kommt er in dieser Nacht! Schlafdorn . Steck' dein Schwert ein, du Minneheld, wage dich nicht an den Riesen! Minnamunt . Mein Schwert ist fest, mein Schwert ist gut, Das will sich färben im Riesenblut! Stell' dich zum Kampf, ich bin bereit – Der Morgen graut, 's ist an der Zeit! Schlafdorn . Willst du, so sei's! (Sie kämpfen.) Lautenklang (aus der Hütte tretend) . Was weckt mich aus dem Schlummer? Wie, ein Kampf? So ist ein Streiter endlich hier erschienen, Den meine Klänge haben hergerufen! Mut! edler Kämpfer! Heil dem edlen Schwerte! Mög' dich ein Lied begeistern für den Sieg! ( Er nimmt die Laute und singt. ) Die Schönheit ruft's; Komm' wecke mich! Sie windet und erwartet dich; Die Minne harrt im Zauberschloß: Auf, Ritter, auf! besteig' dein Roß! Greif' nach dem Schwerte, hell und blank, Zu kämpfen um der Minne Dank! Schlafdorn . Halt ein, Ritter! Ich bin vom Kampfe müd. Laß uns ruh'n. Dann beginnen wir wieder; dein Arm ist stark. Minnamunt . Mein Arm ist stark, mein Schwert ist gut, Das will sich färben im Riesenblut! Lautenklang (fährt fort) . Wenn du ein starker Held auch bist, So traue nicht des Riesen List, Dornröslein liegt in Schlummers Macht, Dornröslein dir im Traume lacht! Die Sonn' geht auf, drum kämpfe fort, Der schönste Preis ist Minne dort! ( Sie kämpfen wieder; während sich die Bühne vom Morgenrot erhellt, fällt der Riese im Kampfe. Ein wunderbarer Klang ertönt. ) Lautenklang . Heil dir! du hast gesiegt, jetzt eil' ins Schloß; Dornröslein schlummert in des Königs Schoß. Minnamunt . Wohlan es sei! Es winkt der schönste Lohn: Mein Schwert haut mir die Bahn durch's Dorngeheg. ( Er eilt in das verzauberte Schloß. ) Lautenklang . Gesegnet sei, du junger Held, zu pflanzen Des Sieges Banner auf die Zinnen dort! Vollbracht hast du das Schwerste, freue dich An deiner Tat! Nun hole dir die Krone! Dank dir, o himmlisches Geschick! die Lösung naht! Geschlossen ist der mag'sche Ring der Minne, Das Seherlied des Sängers hat's verkündet. ( Donnerschlag. Die Hülle des Schlosses fällt, das im hellen Morgenlichte dasteht. Auf einer breiten Treppe steigen herab: Minnamunt, Dornröslein führend, König Purpur und Königin Hermeline mit Gefolge. Zugleich erscheint Sconea auf rosigen Wolken. ) Sconea . Heil euch! der böse Zauber ist gelöst. Mein Segen ruht auf euch; der Schlaf entwich, Die Nacht entfloh, nun winkt das Morgenrot – Erfreut euch nach langen Schlummers Not! ( Verschwindet wieder. ) Minnamunt . Dornröslein ist nun mein! Das Röslein blühe, Die Dornen bleiben in der Nacht zurück, Gleich einem Traume, der entschwunden ist. Dornröslein . Ja, ich bin dein, mein holder Minnamunt, Da mich geweckt der reinen Minne Kuß! Dein bin ich für die ird'sche Lebenszeit, Und dein gehör' ich für die Ewigkeit! Lautenklang . Zu gutem Ende führt der edle Kampf Des Lebens; ja er führt einmal zum Heil. Zur Wahrheit ward's! Nun stirbt der Sänger gern. Der Laute Saiten springen und es bricht Sein Herz; dort oben winken lichte Höh'n. ( Er sinkt zusammen. ) Lebt wohl! im Reich der ew'gen Poesie Seh'n wir uns wieder! Heil euch, lebet wohl! ( Er stirbt. ) ( Alle gruppieren sich um ihn. ) ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Doktor Sassafras oder Doktor, Tod und Teufel in drei Aufzügen (1860) Personen         Doktor Sassafras Kasperl , sein Diener Herr von Steinreich Marie , dessen Nichte und Mündel Schreiber , Sekretär bei Steinreich Der Tod , auch Herr Knochenmayer Der Teufel Ein Bauer Bedienter bei Steinreich Ein Totengräber Erscheinungen Erster Aufzug Des Doktors Studierstube. ( Bücher, medizinischer Apparat usw. ) Doktor Sassafras . Die Last der Arbeit erdrückt mich beinah'! Es ist wirklich etwas Erschreckliches, ein Arzt zu sein. Mit dem frühesten stehen schon die Hilfesuchenden vor meiner Türe; dann heißt's in der ganzen Stadt oder auf dem Lande herumfahren; kaum hab' ich mich mittags mit Speis' und Trank gestärkt, überlaufen mich die Patienten wieder in meiner Wohnung; dann abermals Visiten. Nachts, wenn die anderen Menschen ausruhen, bin ich auch nicht sicher, daß ich nicht irgendwohin geholt werde! Geld mache ich mir genug bei diesem Wirken, besonders seit ich die drei Heilmethoden exerziere: die Allopathie, die Homöopathie und die Hydropathie (vielleicht nehme ich auch noch die Heilgymnastik dazu). – Ich kuriere oder bringe die Leute um, wie sie wollen. Man bewundert meine Prognose, meine Diagnose – kurz man nennt mich einen zweiten Hippokrates oder Paracelsus! ( Kasperl tritt ein. ) Kasperl . Hochgelehrtester Herr Doktor! Da draußen steht schon wieder ein ganzes Rudel Patienten, die ein Rezept haben wollen von Ihnen. Einen haben's gar auf einem Wagerl herg'schoben; er hat keine Fuß mehr und möcht, daß Sie ihm was eingeben, damit ihm wieder neue anwachsen; einen Blinden haben's auch herg'führt, der möcht ein paar frische Augen. Nächstens kommen die Leut ohne Kopf, damit Sie ihnen einen aufsetzen. Sassafras . Für jetzt ist es mir unmöglich, irgend jemanden zu empfangen. Ich muß zu einem Konsilium, welches eben bei dem alten Grafen Hohenfels gehalten wird. Wenn die Leute draußen ein Stündchen warten wollen, mag es sein. Ich denke, daß ich nicht zu lange ausbleibe, oder wenn du meinst, bestelle sie auf morgen her. (Ab.) Kasperl (allein) . So ist's recht. Geh'n S' nur fort, Herr Doktor. Jetzt hab' ich Gelegenheit, wieder einmal meine Praxis auszuüben. Ein dummer Kerl wird sich schon finden, der mich für einen Doktor ansieht, wenn ich ihm was weis mach'. Das ist ja ohnehin bisweilen Doktorenmanier, und je mehr man den Leuten vorlügt, für desto gescheiter halten's ein. (Ruft zur Türe hinaus.) Heda! Guter Freund, nur herein! ( Ein Bauer mit ungeheuer dickem Bauch. ) Bauer . Da bin i schon, Rexzellenz Herr Doktor. Kasperl (spricht sehr hochdeutsch) . Nun, was fehlt, juder Freund! Du hast ja einen ungeheuern Bauch. Hast du vielloicht die Wassersucht oder die Biersucht? Bauer . Na, weder d' Wassersucht, noch d' Biersucht. Ich hab' schreckliche Schmerzen im Bauch, und weiß net warum. Aber die vorig' Wochen hab'n wir Kirta g'habt und da hab i halt so nachanander vierundzwanzig Knödl auf'm Kraut gessen. Ich glaub' die lieg'n mir noch im Magen. Wenn ein Knödl naus will, so möcht der ander a naus und so verstellt einer dem andern den Weg. Jetzt könnt's Enk denken, Rexzellenz Doktor, was das für a Metten in mei'm Bauch ist, wenn die vierundzwanzig Knödl miteinand raufen. I mein', i muß z'grund geh'n! Kasperl . Wie kann aber ein Mensch so dumm sein, vierundzwanzig unvorsichtige Knödel zu verspoisen? Das ist ja eine Schwoineroi? Bauer . Ja, mir haben's halt g'schmeckt und weil der Knödl rund ist, hab' i mir denkt, die kugeln leicht wieder aussi. Ich bin halt a dummer Bauer, der von die g'lehrten Sachen nix versteht. Kasperl . Das ist aber ein sehr kritischer Fall. Das Glück ist, daß du auch Sauerkraut dazugegessen hast, weil die Säure doch etwas auflösend wirkt; sonst wärest du schon an einer Indischestion gestorben. Bauer . Was is denn das für eine Krankheit, die Indischestion? Kasperl . Das ist eine indische Krankheit. Da hilft nichts als den Bauch aufzuschneiden. Bauer . Na, schneiden laß i mich net. Kasperl . Dann mußt du sterben. Bauer . Auweh, auweh! – was kost's aber, wenn der Herr Exzellenz Doktor mich kuriert hat. Kasperl . Das kostet 30 fl. gradaus, und 5 fl. Trinkgeld. Bauer . Das ist doch a bißl gar z' viel. Kasperl . Wenn Er nicht will, so behalte Er sein Geld im Sack und seine Knödel im Bauch. Bauer . O mein, o mein! I halt's net aus vor Schmerzen! – Meinetwegen schneid't 's halt zu, wenn's net z' weh tut. – Kasperl . 's ist gleich vorbei. Ich muß nur mein Instrument holen. (Ab.) Bauer (allein) . Was muß denn das für a Strument sein? eppa gar a Trumpeten zum Blasen! – Mir ist's recht! Jetzt bin i amol g'faßt und ergib mich in mein Schicksal. ( Kasperl kommt mit einem großen Messer herein. ) Kasperl . So, setz er sich auf diesen Stuhl – und ruhig gehalten. Bauer . Das ist ja a schrecklich's Messer? Ich halt's nit aus! Kasperl . So, meint Er, daß für vierundzwanzig Knödl ein kleines Federmesserl genug wär'? Also ruhig! (Kasperl schneidet ihm den Bauch auf. Der Bauer schreit ungeheuer und zappelt mit den Füßen.) 's schon vorbei! Da schau Er einmal! (Die Knödel springen aus dem Bauch und tanzen auf dem Boden herum.) Kasperl . Jetzt schnell das Pflaster drauf. Bauer (aufseufzend) Ah, ah! Jetzt ist mir ganz leicht! Kasperl . Die Knödl kannst wieder mitnehmen für ein anderes Mal. Bauer . Na, na, dank schön! Die könnten mir schlecht bekommen. Da habt's die 30 fl. und 5 fl. Trinkgeld. Kasperl . Gut, nur her damit, und jetzt marsch hinaus! Bauer . I bedank mi halt schön. Kasperl . Drei Tag' nichts essen; trinken so viel Er will. Bauer . Das laß i mir g'fall'n! G'horsamer Diener, Rexzellenz Doktor. (Ab.) Kasperl (allein) . Das hab' i wirklich net schlecht gemacht. Ja, Kuraschi ist die Hauptsach' für ein' Doktor. Es ist noch die Frag', ob das meinem Herrn eing'fall'n wär', der hätt' vermutlich dem Bauer ein kleines Abführungsmittel geben; aber so ist das Ding viel schneller gangen, und wenn der Kerl stirbt, so ist er wenigstens nit an die Knödl g'storben, sondern bloß an der Kur . Das g'schieht bei die Doktores auch nit selten, daß sie dem Patienten die Krankheit vertreiben, aber daß er nachher an die Mittel draufgeht, die s' ihm geben haben. Sassafras (tritt ein) . Das Konsilium ist vorbei. Mein Rat hat wieder den Ausschlag gegeben; mein Mittel wird helfen. (Zu Kasperl.) Ist unterdessen nichts vorgefallen, Kaspar? Kasperl . Nein, gar nix, gnädiger Herr. Sassafras . Ich werde nicht lange zu Hause bleiben können, weil ich zu Herrn von Steinreich gerufen wurde. Er soll an einem unheilbaren Uebel leiden. – Was, unheilbar? Das wollen wir erst sehen, wenn ich komme! Kaspar, wenn mich etwa irgend jemand sprechen wollte, so kannst du mir es gleich melden. Kasperl . Wie Sie befehlen. (Ab.) Sassafras (allein) . Von Stufe zu Stufe steige ich! Ich werde bald einen europäischen Ruf haben. Was sind all diese Stümper von Doktoren im Vergleiche zu mir? Wer hat einen Blick in die Tiefe der menschlichen Natur, wie ich? – Keiner! – Wer weiß das Uebel gleich richtig zu fassen, wie ich? Keiner von allen! – Wer von ihnen kann seine Kraft messen mit jenen geheimen Gewalten, die das Leben der Menschheit befeinden? – Ich bin es! – Doch es ist Zeit, zu Herrn von Steinreich zu gehen. (Ab.) ( Der Tod erscheint aus der Versenkung. ) Tod . Herr Doktor Sassafras! auch ich bin da! Vergiß nicht ganz, daß ich dir immer nah'. Denn bald wird mir zu arg dein kühnes Treiben, Dein Ordinieren und Rezepteschreiben. Bei meinen alten Knochen, 's ist zu viel, Mit mir zu wagen solch ein keckes Spiel. Ich hab' ein altes Recht auf jung und alt, Auf groß und klein und hol' was mir gefallt. Du willst mir Einspruch tun, ha, ha! zum Lachen Ist's! alles muß ja doch in meinen Rachen. Und alles mäh' ich mit der Sense nieder, Und alles wird zu Staub und Asche wieder. Nun aber, weil bisher ich war so gütig, Wird mir das Doktorlein gar übermütig. Jetzt will aus einem andern Ton ich geigen Und wer der Herr, dem Herrn Doktor zeigen. Zuvor werd' selbst ich Sassafras besuchen Und gütlichen Vergleich mit ihm versuchen; Geht er nicht auf den Vorschlag willig ein, So muß er selbst bald meine Beute sein. ( Verschwindet. ) Verwandlung Prachtvolles Gemach im Hause des Herrn von Steinreich. ( Steinreich auf einem Armsessel sitzend. Vor ihm ein Tisch mit vielen Papieren darauf. Neben ihm steht Sekretär Schreiber. ) Steinreich . Aber heute werden Sie wieder gar nicht fertig mit Ihrem Vortrag, und ich bin so leidend. Schreiber . Ich bedaure, Herr Baron; allein es liegt Ihnen ja selbst daran, daß Ihre Geschäfte täglich vormittags erledigt werden. Hier ist noch die Eingabe des armen Taglöhners mit Weib und sechs Kindern; er bittet um Nachlaß der Schuld oder Termin zur Rückzahlung. Steinreich . Ei was! er soll zahlen; die Auspfändung soll ihren Lauf nehmen. Ich kann nicht alles verschenken. Soll ich selbst zum Bettelmann werden? O weh! was leid' ich wieder. Mein Herz, mein Herz! Schreiber . Bedaure – aber bedenken Herr Baron: der Mann war ein halb Jahr krank und konnte sich nichts verdienen. Steinreich . Das ist nicht meine Schuld. Wenn ich nicht ein so gutes Herz hätte – o weh, wie drückt's mich wieder! – so hätte ich ihn längst schon auspfänden lassen. Mein gutes Herz wird mich noch ganz und gar ruinieren. Schreiber (für sich) . Oh, du Heuchler! (Zu Steinreich) Also wirklich, Herr Baron? Steinreich . Es bleibt dabei. Apropos! Vergessen Sie nicht, mir wieder 300 Flaschen Champagner zu bestellen von der Qualität, die ich neulich probiert habe. Schreiber . Ich habe bereits an das Haus Cliquot geschrieben. Hier ist noch ein kleines Gesuch der Witwe Müller. Sie hat kein Bett mehr. Eine Lähmung der rechten Hand hindert sie zu nähen, so daß sie keinen Verdienst hat. Um Brot für ihre zwei Kinder zu kaufen, gab sie ihr Bett her und liegt nun auf dem Stroh. Sie bittet nur um ein paar Taler. Ihre Not ist groß. Steinreich . Was den Leuten nicht alles einfällt! Ueberall soll ich helfen. Verschonen Sie mich mit solchen zudringlichen Betteleien. Ein für allemal! Schreiber . Aber der Hunger tut weh. Steinreich . Man soll sich nach der Decke strecken und nicht mehr wollen, als man hat. Der Mensch soll sich überhaupt an das Notwendigste beschränken.– Apropos! Ich hoffe, daß die Gänseleberpastete aus Straßburg angekommen ist; ich freue mich schon lange darauf. Schreiber . Sie soll heute auf die Tafel kommen. Steinreich . Bravo! – Ich muß mich durch gute Nahrung stärken; mein Herzleiden wäre mir unerträglich. Dies ist auch die Ansicht der Aerzte. Schreiber . Nun habe ich die Ehre mich zu empfehlen. Steinreich . Adieu! beinah' hätt' ich vergessen! Ist Doktor Sassafras bestellt, den ich noch konsultieren will? Schreiber . Er wird diesen Vormittag seinen Besuch abstatten. (Ab.) Steinreich (vom Stuhle aufstehend) . Was nützt aller Reichtum, wenn man nicht gesund dabei ist? Alle Genüsse des Lebens könnte ich mir verschaffen; aber dieses Drücken da auf der linken Seite. Es muß mir am Herzen fehlen. Wenn's nur keine Verhärtung ist oder ein organischer Fehler! – Der berühmte Doktor Sassafras wird gewiß ein Mittel finden, mich zu kurieren. Ich will nichts sparen; mit Dukaten will ich seine Rezepte bezahlen, wenn ich nur gesund werde. Ah, meine Nichte! ( Marie tritt ein. ) Steinreich . Mamsell Marie, ei, guten Morgen. Marie . Guten Morgen, lieber Onkel. Steinreich . Wie steht's? noch immer die Grillen im Kopf? Noch nicht zur Besinnung gekommen? Marie . Wenn Sie meine Ueberzeugung Grillen nennen. Herr Onkel, so muß ich gestehen, daß noch keine Aenderung – Steinreich . Was, Ueberzeugung? Einfältige Schwärmerei! Was willst du mit diesem Schreiber? Er ist kein Mann für dich. Marie . An dem Totenbette der seligen Mutter haben wir uns die Hände gereicht für immer. Unser Bund ist durch den Segen der Sterbenden geheiligt. Steinreich . Und ich will nichts davon wissen; aber du weißt schon längst, daß es meine Absicht ist, dich an den Baron Goldberg zu verheiraten. Marie . Mein Herz ist mein freies Eigentum. Es gehört Schreiber, dessen Wert Sie selbst so oft gerühmt und anerkannt haben. Steinreich . Ist dies der Dank, daß ich dich, armes Mädchen, zu mir genommen habe? Der dummen Geschichte soll ein Ende gemacht werden. Schreiber muß aus dem Hause, heute noch. Ich werde leicht einen anderen Sekretär finden. Marie . Ich werde Ihnen stets für alle mir erwiesenen Wohltaten herzlich dankbar sein; allein damit ist gewiß nicht die Verpflichtung verbunden, mich zwingen zu lassen, daß ich Baron Goldberg heirate. Steinreich . So magst du als alte Jungfer sterben. Fort von mir, auf dein Zimmer! – Ach, mein Herz, mein Herz! wie drückt's mich wieder! ( Ein Bedienter tritt ein. ) Bedienter . Doktor Sassafras. Steinreich . Gut, laß ihn herein. (Bedienter ab.) (Zu Marie.) Fort, sag' ich! (Marie weinend ab.) Sassafras (tritt ein) . Herr von Steinreich haben mich rufen lassen? Steinreich . Oh, wie froh ich bin, daß Sie mich besuchen. Ich bin sehr leidend. Sassafras . Es würde mir eine große Freude sein, wenn ich durch meine Kunst zur Linderung Ihres Zustandes etwas beitragen könnte. Was fehlt Ihnen? Steinreich . Ich leide, glaube ich, am Herzen. Meine außerordentliche Gutherzigkeit hat mich ruiniert. Sassafras . Will nicht hoffen; allein es ist kein Zweifel, daß psychische Zustände von großem Einfluß auf den Körper sind. Die geistigen Qualitäten imprägnieren sich der Materie. Steinreich . Seh'n Sie, Herr Doktor (auf die linke Seite die Hand legend) , seh'n Sie, da tut's halt ungeheuer weh! Es ist mir oft, als wenn ein harter Klumpen drin wär'. Sassafras . Können auch Kongestionen sein. Erlauben Sie; (befühlt die Stelle) ich finde keine Alteration des Herzschlages. (Lauscht mit dem Ohr daran.) Ich finde wirklich gar nichts Besonderes. Aeußerlich gar keine Verhärtung, kein Symptom, das bedenklich wäre. – Haben Sie Appetit? Steinreich . Das Essen ist das einzige, das mit gut tut und meinen Zustand erleichtert. Sassafras . Wie sieht's mit dem Schlaf aus? Steinreich . Vortrefflich; aber bisweilen fühl' ich auch bei Nacht ein gewisses Drücken. Sassafras . Erlauben Sie den Puls. (greift den Puls.) Sonstige Funktionen? Steinreich . Alles in Ordnung. Aber da drin, da drin – – Sassafras . Ich werde Sie einige Zeit beobachten müssen, Herr von Steinreich. So ein Fall bedarf längerer Aufmerksamkeit. Vorderhand werde ich Ihnen ein Rezept aufschreiben. Vermeiden Sie jede Aufregung. Steinreich . Ach, aber mein gutes Herz läßt mir keine Ruhe. Sassafras . In ein paar Tagen werde ich mir die Freiheit nehmen, wieder meinen Besuch abzustatten. Steinreich . Kommen Sie recht bald wieder. Rechnen Sie auf meine Dankbarkeit. Adieu, adieu! Ich will jetzt einen kleinen Spaziergang in meinem Garten machen. (Ab.) Sassafras (allein) . Vortrefflich – der ist mein. Die Kundschaften, die an der Einbildung leiden, waren mir stets die liebsten. Ich kann ihn jahrelang hinhalten, geb' ihm unschädliche Mittel, schicke ihn auf Reisen und in Bäder – und – er muß tüchtig blechen. Ha, ha, ha! solche Patienten laß ich mir gefallen! Die gehören für unsere Erholung und füllen den Geldbeutel. Nun wieder ein paar Häuser weiter! Meine Praxis wächst mir beinahe über den Kopf; glücklich bin ich im Kurieren, also läuft mir alles zu und wo die Kunst nicht ausreicht, da hilft die Schlauheit. Sassafras, du wirst unsterblich! (Will hinaus; der Tod in schwarzer Kleidung als Knochenmayer tritt ihm durch die Türe entgegen.) Tod . Halt! Unsterblicher! Sassafras . Mein Herr, was wollen Sie? Tod . Sie selbst will ich, Herr Doktor, wenn auch nicht jetzt, doch seinerzeit jedenfalls. Sassafras . Wen habe ich die Ehre? Warum treten Sie mir in den Weg? Tod . Ich habe mit Ihnen ein Wörtchen zu reden. Mein Name ist Knochenmayer. Sassafras . Womit kann ich dienen? bedürfen Sie etwa meiner ärztlichen Hilfe? In der Tat, Ihr Aussehen spricht dafür. Tod . Bitte recht sehr! Ich bin zwar klapperdürr und etwas blasser Physiognomie; allein ich erfreue mich doch der besten Gesundheit und bin so alt wie die ganze Menschheit. Sassafras . Wie soll ich das verstehen? sprechen Sie deutlicher. Jedenfalls ersuche ich Sie, mich nicht umsonst aufzuhalten; meine Geschäfte – – Tod (ihn unterbrechend) . Haben keine Eile; wenn ich mit Ihnen zu reden habe. Sassafras . Wie kommen Sie mir vor? (Will hinaus.) Tod . Halt! keinen Schritt weiter! Sassafras . Welche Kühnheit! – Ich bin Doktor Sassafras, Respekt vor mir! Tod . Und ich bin Doktor Knochenmayer, Respekt vor mir! Sassafras . Immerhin! ich kenne Sie nicht. Tod (mit fürchterlicher Stimme) . So lerne mich kennen, Elender! (Die Bühne verfinstert sich.) Sassafras . Weh mir, was ist dies? Tod . Sieh' dorthin und erkenne mich! (Der Hintergrund hat sich mit schwarzen Wolken verhüllt, auf denen in Flammenschrift zu lesen ist:) CONTRA VIM MORTIS NON HERBULA CRESCIT IN HORTIS. ( Zugleich hat der Tod sein Gewand abgeworfen und steht als Gerippe da. ) Tod . Der Mächtigste auf Erden steht vor dir! Drum zitt're, der du dich bestrebst, zu lähmen Die Allgewalt, die unerbittlich herrscht. Doch ich will gnädig sein: die Hälfte dir, Die Hälfte mein! So magst du heilend wirken Wo nicht, so bist alsbald du mir verfallen, Bedenk es! Du kannst den Entschluß mir sagen, Wenn ich bei dir erscheine nach drei Tagen! ( Sassafras sinkt zusammen. ) ( Der Vorhang fällt. )   Zweiter Aufzug Nacht. Ein Kirchhof. ( Der Totengräber gräbt ein Grab. Sassafras tritt nachdenkend ein. ) Sassafras . »Contra vim mortis non herbula crescit in hortis.« Wider den Tod kein Kräutlein gewachsen ist. Ich weiß es wohl. Aber dennoch! Er nannte sich den Gewaltigsten auf Erden, weil ihm alles unterliegen muß; allein es gibt doch noch einen Mächtigeren als ihn. Des Todes Gewalt ist auf dieses Leben beschränkt. Der Satan greift darüber hinaus; auch im Jenseits herrscht er, er ist also mächtiger. Wie? wenn ich mich mit diesem verbände? Zwei Feinde der Menschheit. Den einen – den geringeren – bekämpfe ich; zu dem andern will ich mich jetzt halten. Meine Seele will ich ihm verschreiben, dafür wird er mir wohl seinen Beistand nicht versagen. Bei den Gräbern haust er. Hier will ich ihn zitieren. (Erblickt den Totengräber.) Heda, guter Freund! Totengräber . Wer ruft mich? Sassafras . Ich bin's. Du kennst mich ja. Totengräber (kommt näher) . Ah! Herr Doktor Sassafras! freilich kenn' ich Euch. Wie kommt Ihr selbst einmal hierher ; gewöhnlich schickt Ihr mir nur Eure Patienten heraus. Sassafras . Das ist eben kein Kompliment, das du mir machst. Totengräber . Nehmt's nicht übel. Ich habe freilich nicht die rechten Manieren; allein bedenkt, daß ich hauptsächlich mit stummen Leuten Umgang pflege, die mir keine Antwort geben können, und denen ich eben sage, was mir gerade einfällt – wenn ich denn doch bisweilen schwatzen möchte Sassafras . Glaub's wohl, alter Bursch', und hab' dir's auch nicht übelgenommen. – Hör' aber, ich möchte dich was fragen. Da hast du ein paar Taler; aber sag' mir die Wahrheit. Totengräber . Danke, danke – hätt' aber keines Trinkgeld's bedurft. Ich sag' immer die Wahrheit; hab's ja allweil mit der allerlautersten Wahrheit zu tun, mit dem »Absterbens-Amen«. Da sind Lug und Trug zu Ende. Sassafras . Es geht die Sage, daß es auf diesem Kirchhof nicht geheuer sei. Hast du jemals was bemerkt? Man erzählt sich, der böse Feind selber lasse sich bisweilen blicken. Totengräber (hält den Finger an den Mund) . Laßt uns still reden. Man soll's nicht wissen, und es soll nicht laut werden; – aber – aber 's ist halt doch so und läßt sich nicht leugnen. Dort hinter der Kapelle, im zerfallenen Kreuzgang ist eine Gruft, heißt das Teufelsloch: Wer den Mut hat – – Sassafras . Findet dort, was er sucht. Totengräber . Ei, wer wird aber auch den Teufel aufsuchen? Den muß man meiden. Oft in stillen Nächten, wenn ich schnell ein Grab zu schaufeln habe, da hör' ich's poltern und ächzen, und 's wischt bisweilen etwas über die Gräber hin; aber ich laß gewähren, kehr' mich nicht daran und bet' ein Vaterunser. Sassafras . Ich habe Grund, der Sache nachzugehen. Totengräber . Mag sein; solch gelehrten Herren, deren Ihr einer seid, mag's belieben, geheimen Dingen nachzuforschen. Sassafras . Man muß solchen Rätseln auf den Grund zu kommen suchen. Totengräber . Immerhin. Wünsch' guten Appetit zur Lösung. Ich meinerseits verlang nicht danach und 's wandelt mich keine Neugier an. Sassafras . Hast recht, deinerseits. (Die Turmuhr schlägt elf.) Da schlägt's elf Uhr. Meinst du, ich könnte was entdecken. Totengräber . Der Teufel ist alle Nacht los – mehr oder minder. Versucht's; aber wahrt Euch wohl, damit Eure Seele nicht Schaden leide. Sassafras . Ich fürchte nichts. Der Teufel hat noch keinen bei lebendigem Leib gepackt. Nur mit der Seele hat er's zu tun. (Ab.) Totengräber . Das ist noch die Frage, lieber Herr – oho, er ist schon fort! Die Doktoren sind doch kuriose Leute, und den Doktor Faust hat ja doch der Satan geholt, wie ich gehört. – Man soll nicht freveln; man soll dem bösen Feind aus dem Weg gehen und soll ein guter Christ sein. Was geht's mich an? – Das Grab dort muß am frühesten Morgen fertig sein. Also frisch an die Arbeit, damit ich noch ein paar Stündlein schlafen kann! (Gräbt wieder fort und singt.) Was kümmert mich die ganze Welt, Ich laß den Leuten Ehr' und Geld; 's ist alles nur ein eitler Schein, Ein jeder muß ins Grab hinein. Auf diesem meinen Gartenfeld, Ist jedem wohl sein Grab bestellt: Alt oder jung, arm oder reich – Hier liegen sie beisammen gleich. Ob König oder Bettelmann – Im Leben keiner bleiben kann, Zu jedem kommt die Totenpost Und alle werden Würmerkost. Bedächten sie's zu rechter Zeit, So gäb's wohl minder Haß und Streit; Denn hier hört alle Zwietracht auf, Wenn sie da ruhen allzuhauf. Wer weiß, wie lang ich's hier noch treib', Bis selber fällt ins Grab mein Leib; Und muß ich endlich auch hinein, Sei gnädig Gott der Seele mein. So, die Arbeit ist gescheh'n; jetzt darf ich ruhen. Also gut' Nacht, ihr da drunten. Ruht sanft, bis ihr aufersteh'n müßt; ich sollte wohl auf den Herrn Doktor warten; das wäre schicklich; aber ich mag nicht. In dies sein Geschäft will ich mich nicht mischen. Gott schütz' ihn und mög' ihm seine Neugier nicht anrechnen. Kuriose Leute, die gelehrten Herren! Ei, ei! (Geht ab.) ( Der Teufel tritt ein. Ihm folgt Doktor Sassafras. ) Sassafras . Steh einmal! höllischer Geist! O sa miha aseffonila! Teufel . Warum hast du mich gerufen? Was willst du? Sassafras . Warum fliehst du mich? Elesiamini, elesiamini! Teufel . Du hast Gewalt über mich, aber 's ist bald Mitternacht. Wenn der Tag anbricht, muß ich fort. Sassafras . Aha, du fürchtest das Licht. Teufel . Mein Element ist die Nacht. Also schnell, zur Sache: was begehrst du? Sassafras . Ich suche deine Hilfe gegen den Tod, der mein Wirken beschränken will und mich mit sich selbst bedroht. Teufel . Wie? ich sollte gegen meinen besten Freund zu Feld zieh'n? Den Tod laß ich immer gewähren, je mehr, desto besser; denn er liefert mir meine Beute. Sassafras . Ich verlange deinen Beistand nicht umsonst. Ich verschreibe dir meine Seele, wenn du mir ein Mittel gibst, den Tod nur auf einige Zeit festzuhalten. Mittlerweile erreiche ich meinen Zweck, berühmt und reich zu werden. Teufel (lacht) . Das wäre wohl ein höllischer Spaß, wenn ich einmal meinem Kameraden einen Possen spielte; und du willst mir deine Seele überlassen? Was ist sie wert? Sassafras . Immer so viel. daß du einen guten Braten daran hättest. Vielleicht mehr als ein Dutzend anderer; denn ich verkaufe dir eine tüchtige Portion Seligkeit. Teufel . So sei's denn! Diesen Morgen noch findest du auf deinem Studiertische unsern Vertrag. Unterschreib' ihn mit deinem Blute, und er wird dann von meinem Boten abgeholt werden. (Versinkt.) Sassafras . Ich hab's gewagt! – werd' ich's nicht bereuen? Jacta est alea! (Stürzt ab.) Verwandlung Heller Tag. Zimmer bei Herrn von Steinreich ( wie beim ersten Aufzuge. ) Steinreich (krank und erschöpft) . Wie fühl' ich mich doch verlassen! den Sekretär Schreiber habe ich aus dem Hause gestoßen; meine Marie sehe ich kaum. Sie schließt sich aus Kummer fortwährend in ihr Zimmer ein. Was hab' ich an den Schmarotzern und Tafelfreunden? – Macht denn das Geld allein wirklich nicht glücklich? Und dabei noch dieses fürchterliche Leiden am Herzen! Es ist nicht zum Aushalten! Dieses Drücken ist peinigend. Meine Kräfte nehmen zusehends ab. Sollte ich etwa gar sterben müssen? Furchtbare Angst! Mein Gott! ich bin wirklich verlassen und allein! Ich will etwas in der Bibel lesen; vielleicht finde ich Trost. (Geht an den Tisch und schlägt ein Buch auf; liest.) »Wer nicht lieb hat, der kennet Gott nicht; denn Gott ist die Liebe.« – Evangelium Johannes. Die Liebe? – Liebe ich denn nicht? Lieb ich mich nicht selbst? (blättert) »Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebet, gleichwie ich euch liebe« (bedeckt sich das Gesicht mit den Händen, blättert und liest weiter) . »Sehet zu und hütet euch vor dem Geize!« – Weh mir – (mit der Hand an dem Herzen) Weh mir! Wie sticht's, wie drückt's da drinnen – Wer tröstet mich? Wer hilft mir? Ich bin verlassen! (Weint.) Ich habe lange nicht geweint. Diese Tränen erleichtern mich. Ich fühle etwas in mir, das meine Schmerzen mildert. Solch ein Gefühl, wie jemals ich kaum empfunden! Es wird mir so weich ums Herz! (Schellt an einer Glocke.) Ich war wohl zu hart mit Marien! Sie soll kommen. (Bedienter tritt ein.) Marie möge zu mir kommen; sag' ihr, ich habe ihr etwas Wichtiges mitzuteilen. (Bedienter ab.) Aber was soll ich ihr sagen? Ich habe ein gewisses Verlangen, das mir noch unerklärlich ist. Ist's der Tod, den ich fürchte, daß ich nach einer Hand begehre, mich am Leben festzuhalten? (Marie tritt ein.) Marie . Sie haben befohlen, Herr Onkel? Steinreich . Oh, nicht befohlen; ich habe dich ersuchen lassen, zu mir zu kommen. Marie . Was soll ich Unglückliche bei Ihnen? Tränen werden Sie nicht erheitern in Ihrer Krankheit. Steinreich . Komm näher, Marie! (Ergreift ihre Hand.) Marie . Ihre Hand ist so warm! – Sie war immer so kalt. Steinreich . Ich werde vielleicht nicht lange mehr leben! Mein Leiden am Herzen wird mich töten. Marie . Gott möge es verhüten! Steinreich . Und du sagst dies. Ich muß dir ja verhaßt sein, da ich den Schreiber verstoßen habe. Marie . Er war in Ihren Diensten. Sie hatten die Macht, ihn wieder aus diesen zu entlassen. Steinreich . Die Macht – nicht auch das Recht? Marie . Darüber mag Ihr Gewissen entscheiden. Steinreich . Mein Gewissen sagt mir: »Du hattest unrecht!« Marie . Ich kann, ich will nicht urteilen. Lassen Sie mir meinen Schmerz. (Will gehen.) Steinreich (hält sie zurück) . Marie! Seit ich Schreiber fortgeschickt, seit du dich mir entziehst – weiß ich, was der Schmerz ist. Was nützen mich meine Geldsäcke? Sie gewähren mir keinen Trost; und du – meiner eigenen Schwester Kind – du, mein Trost – du hassest mich? Marie . Oh, gewiß nicht, bester Onkel. Ich habe Sie stets geliebt als meinen Onkel, meinen Wohltäter! Ich werde nie vergessen, was ich Ihnen zu danken habe. Steinreich . Oh, wie wohl tut mir dies! Es ist, als ob eine harte Kruste von meinem Herzen fiele: Meine Schmerzen schwinden! Ich fühle mich gesund. Marie . Oh, geben Sie diesem Gefühle Raum, lieber Onkel! (Kniet vor ihn und küßt weinend seine Hände.) Ein liebend Kind kniet vor Ihnen. Was ist der Mensch ohne Liebe? Steinreich . Ja, in der Tat, das ist ein wahres Wort! – Komm an mein Herz! Alles soll gut werden. (Umarmt sie.) Marie . Teurer, bester Onkel! Steinreich . Ich bedarf keines Doktors mehr! – Ich bin ja gesund. Der Druck, das Stechen am Herzen ist verschwunden! Wie froh, wie vergnügt bin ich! – – Schnell, Marie, schicke zu Schreiber, er soll augenblicklich herkommen! Er soll dein Mann werden! Den Armen will ich geben! Ich habe ja kein Herzleiden mehr! – Komm, mein Kind! laß uns zusammen in den Garten gehen. Die frische Luft wird mich vollends stärken. Ja, ich will lieben, ich muß lieben! Wie konnte ich bisher so verblendet sein? Dank dem Himmel, daß er mir die Augen geöffnet und mein Herz erweicht hat. Es ist, als ob ein harter Stein darinnen gelegen wäre. Geschmolzen ist er nun wie ein Eisklumpen, der zerfloß. Komm, mein Kind! Wir wollen deine Verbindung mit Schreiber besprechen, und unverzüglich soll er dich aus meiner Hand als Gatte empfangen, und ihr beide sollt meinen Reichtum mit mir teilen. Marie . Oh, wie glücklich könnte ich werden! Allein Schreiber ist entfloh'n; er hat mir einen Abschiedsbrief zurückgelassen, aus dem nur Verzweiflung spricht. Steinreich . Ich will alles aufbieten, daß man ihn finde. (Beide ab.) Verwandlung Zimmer des Doktor Sassafras. ( Kasperl tritt ein. ) Kasperl . Mein Herr muß einen schweren Patienten zu traktieren haben; denn er ist die ganze Nacht ausblieben. Hätt' ich das vorausgewußt, so hätt' ich mich auch im Wirtshaus ein bißl länger unterhalten und aufgehalten und die Polizeistund' nit so gewissenhaft eingehalten. Oho; jetzt wär' ich bald aus dem »halten« nimmer rauskommen. Ja, meine Gewissenhaftigkeit ist aber schon musterhaft. Ich bin so gewissenhaft, daß ich nicht einen Tropfen im Krug lassen kann; so pünktlich, daß ich nicht einen Wurstzipfel auf'm Teller liegen lass'; so genau, daß ich nicht einen Kreuzer im Sack behalten kann; so dienstfertig, daß ich mit meinem Dienst und mit meiner Arbeit schon fertig bin, eh' ich damit ang'fangen hab', das heißt: I tu' lieber gleich gar nix! Kurz – ich bin das Muster eines menschlichen Exemplars. Der erste Mensch Adam war nichts im Vergleich zu mir, seinem Nachkommen! Und der muß doch das Muster aller Menschen gewesen sein, weil er der erste war. Er hat in einen süßen Apfel gebissen; aber ich muß gar oft in einen sauern beißen; seine Evakathl hat ihm die Frucht gereicht; aber meine Evakathl such' ich noch. Wenn ich einmal fünfundzwanzig Jahr treu gedient hab' – so sagt mein Herr – nachher laßt er mich auch heiraten. Bis dahin bleib' ich ledig: 's ist freilich a bißl lang hin; allein der Mensch muß Geduld haben! – Aha! da kommt er. – ( Sassafras tritt ein. ) Kasperl . Guten Morgen, guten Morgen! – Ja, wo waren wir denn die Nacht über? Hab'n S' wieder einen hinausbuxiert aus dem irdischen Jammertal? Sassafras . Schweig' Narr! Laß mich allein. Kasperl . Kein Fruhstuck? Kein Kaffee? Sassafras . Fort, aus dem Zimmer! Ich habe zu studieren. Kasperl (für sich) . Auweh! Steht ein Gewitter am Himmel in aller Fruh. (Zu Sassafras.) Ich geh' schon. (Ab.) ( Sassafras eilt auf sein Schreibpult hin, von welchem er ein Blatt Papier nimmt. ) Sassafras . Der Teufel hat diesmal nicht gelogen. Hier ist der Vertrag. Woll'n sehen, wie er lautet. (Liest.) »Ich Doktor Christophorus Sassafras verschreibe meine Seele dem höllischen Feinde, dem Könige des Reichs der Nacht und des ewigen Jammers« – des ewigen Jammers, das ist wohl viel, allein diese Ewigkeit kann eine relative sein, keine absolute; also weiter: »dafür empfange ich von besagtem höllischen Feinde die Gewalt, den Tod in Banden zu halten, solange es mir gefällig ist.« Gut, aber wer bürgt mir, daß ich diese Macht wirklich habe? ( Es donnert, aus der Versenkung erscheint ein Armsessel. Eine Stimme ruft: ) »Wer sich auf diesen Stuhl setzt, bleibt solange gebannt, bis du ihn wieder entlassen willst.« Sassafras . Und der Tod wird sich also fangen lassen? Stimme . Er wird es. Sassafras . Wenn nicht, so gilt auch der Vertrag nicht. Stimme . Unterschreibe. Sassafras . Auf die Gefahr hin kann ich's. – So, ich ritze mir die Hand mit dem Messer. Ein Tropfen Blut genügt, daß ich meinen Namen schreibe. (Schreibt. Donner. Zugleich fliegt ein Rabe zum Fenster herein und entführt das Blatt.) Kasperl (tritt gleich darauf ein) . Herr Doktor! Dadraußen steht ein schwarzer Herr und möchte seine Aufwartung machen. Sassafras . Sein Name? Kasperl . Er hat g'sagt, daß er Doktor Knochenmayer heißt. No, der sieht aber aus – wie's leibhaftige Elend! Sassafras . Der ist mein Mann! Laß ihn sogleich herein. (Kasperl ab.) Sassafras . Schlag auf Schlag! Des Teufels Maschinerie ist gut. ( Tod als Knochenmayer tritt ein. ) Tod . Hier bin ich. Sassafras . Oh, ich bin ungemein erfreut über Ihre Pünktlichkeit, Herr Knochenmayer. Tod . Hast du es überlegt? Halbpart! Die eine Hälfte der Kranken dein , die andere mein; oder du selbst gehörst mir . Sassafras (mit Verstellung) . Obschon meiner Praxis und meinem Rufe als Arzt großer Eintrag geschieht, bleibt mir nichts als einzuwilligen, da ich selbst so bald nicht deine Beute werden möchte. Wollen wir das Geschäft auch zu Papier bringen? Tod . Es wäre nicht übel; denn es ist immer besser, so etwas schwarz auf weiß zu haben. Sassafras . Ja, schwarz auf weiß ; dies ist ohnedies deine Wappenfarbe auf Särgen und Totenfahnen. – Nimm auf diesem Stuhle dort Platz; einstweilen schreibe ich. Tod . Es tut wirklich meinen alten Knochen wohl, wenn sie bisweilen ein bißchen ausruhen können. (Setzt sich in den Stuhl.) Sassafras . So, Freundchen, jetzt bleibe sitzen, bis es mir gefällig sein wird, dich wieder loszulassen. Tod . Wie? Was soll das heißen? (Will aufstehen.) Ich kann nicht aus dem Stuhle? Welch ein abgeschmackter Scherz! Sassafras . Kein Scherz, sondern voller Ernst. Die Menschheit wird nun für einige Zeit von dir befreit sein, und Doktor Sassafras wird seine Triumphe feiern; denn er hat den Tod gebunden. Tod (versucht wieder aufzustehen, rüttelt gewaltig am Stuhle) . Verflucht! Mich zu binden? Mich zu bannen? Das hat noch niemand gewagt! Wer gab dir diese Macht, Elender? Sassafras . Gleichgültig, wer! Es ist einmal so: du bist und bleibst mein Gefangener. Tod . Weh dir, wenn ich wieder in Freiheit bin! Das ewige Gesetz der Natur kann nicht untergehen. Sassafras . Der Tod ist nicht von Ewigkeit her; denn auch die Sünde ist es nicht und einmal kommt der Tag, an welchem du selbst des Todes sein wirst! ( Der Vorhang fällt. )   Dritter Aufzug Kirchhof. (Wie im zweiten Aufzug.) ( Totengräber sitzt auf einem Grab. ) Totengräber . Jetzt möcht' ich wissen, zu was ich noch auf der Welt bin? Seit vier Wochen stirbt kein Mensch mehr in der ganzen Gegend. Es ist schier zum Verhungern für mich, seit alles zum Doktor Sassafras lauft, der alles kuriert. Nicht einmal die alten Leute sterben; auch ihnen gibt er Mittel, die sie – soll' man glauben – wieder jung machen. Ich werde mir aber auch von ihm ein Rezept verschreiben lassen gegen Hunger und Not. Wenn er die zwei Krankheiten des Menschengeschlechtes kurieren kann, dann hab' ich allen Respekt vor seiner Kunst! – Wie? Sollt' er etwa gar damals, als er sich hier nach dem bösen Feind erkundigt hat, mit ihm einen Pakt geschlossen haben? Ei, Firlefanz, das geht nicht. An solche Geschichten glaub' ich nicht. Die Zeiten vom Doktor Faust, die sind längst vorbei; die Leute sind gar gescheit worden und der Teufel hat sie ohnedies in seinen Klauen. Ei, wer verirrt sich denn da wieder einmal hierher? Schreiber (tritt verzweifelt auf, ohne den Totengräber zu erblicken) . Weh mir! Wo find' ich Trost, wo find' ich Ruhe? Nur im Grabe. Was bleibt mir anderes, als der Tod? Mein einziges Lebensglück wurde mir entrissen; meine Marie soll ich nie besitzen! Die Verzweiflung zerrüttet mein Inneres! Ich will meinem Leben ein Ende machen. (Zieht eine Pistole hervor.) Totengräber (für sich) . Oho! das wär' doch zu arg. So etwas kann selbst der Totengräber nicht zulassen. (Tritt vor und greift nach der Pistole.) Halt, guter Freund! Schreiber . Wer wagt's, meinen freien Willen zu hindern? Totengräber . Ich bin so frei. Ich hab' das Recht, nach Eurem Totenschein zu fragen; denn ich bin der Totengräber. Schreiber . Lies in meinem Herzen, da steht er geschrieben. Totengräber . Die Schrift zu lesen hab' ich in der Schule nicht gelernt; aber wo anders steht geschrieben: »Du sollst nicht töten.« Schreiber . Mein Leben ist mein Eigentum; ich kann darüber verfügen. Totengräber . Nein, mein Herr! Ihr habt Euer Leben weder gekauft noch eingetauscht. Es gehört dem lieben Herrgott, der's Euch anvertraut hat als ein heilig Amt. Schreiber . 's ist zum Lachen! Der Totengräber hält mir eine Predigt zu seinem eigenen Nachteil. Totengräber . Der Totengräber hat ein bißl gesunde Vernunft und glaubt an unsern Herrgott. Schreiber . Der hat mich verlassen. Totengräber . Ei, und wißt Ihr das so gewiß? Schreiber . Mein einziges Glück hat er mir geraubt! Hinausgestoßen bin ich aus dem Leben. Totengräber . Das müßt' Ihr mir näher explizieren. Unser Herrgott stößt keinen Menschen aus dem Leben hinaus so mir nichts dir nichts. – Kommt – nehmt Vernunft an! Glaubt dem Totengräber, der nur mit dem Tode zu tun hat. Aus den starren Gesichtern der Menschen, die ich da eingrabe, habe ich schon viel gelesen und hab' gar manches gelernt, wenn ich auch ein schlichter alter Mann bin, der nicht studiert hat. Kommt mit mir, ich bitt' Euch! Schreiber . Ich bin verlassen, ich bin unglücklich! Du wolltest mich retten. Totengräber . Wenn einer ins Wasser gefallen, kann er sich an einem schwachen Brettlein halten. Schreiber . Wahrhaftig, du hast mir meine Besinnung wiedergegeben. Es ist wahr: der Mensch soll nie verzweifeln. Totengräber . Aha! Kommt die Vernunft wieder? Ihr hattet sie zu Hause gelassen. Geht mit mir in meine armselige Hütte. Wartet ein bißchen ab, was der liebe Herrgott mit Euch vor hat. Schreiber . Ich will dir folgen. (Beide ab.) Der Teufel (erscheint aus der Tiefe) . Verfluchter Pakt mit dem Doktor! Die Lust, seine Seele zu gewinnen, hat mich übertölpelt und ich habe nicht bedacht, daß wenn der Tod gebunden, er mir keine Seelen mehr liefern kann. Vermaledeiter Kontrakt! Ich muß ihn brechen – lieber laß ich den Doktor laufen. Er gehört doch mir; denn sein Hochmut und seine Geldgier führen ihn der Hölle zu, ohne daß er daran denkt. Zwar ein bißchen später; aber was tut's? Uebrigens kann ich ja dem Tod für seine Befreiung die Bedingnis setzen, daß er mir den Herrn Doktor bald zuführt und ihm bei Gelegenheit den Kragen umdreht. Auch der Bursch da, der gerade mit dem Totengräber verhandelt, hätte sich ohne weiteres erschossen und wäre mir schnurgerade in den Rachen gelaufen, säß' der Tod nicht ohnmächtig in dem verdammten Lehnsessel, den ich erfunden habe. Bei den höllischen Flammen! So geht's nimmermehr. Ich laß den Tod wieder los. (Versinkt.) Verwandlung Zimmer des Doktor Sassafras. Kasperl (tritt ein) . Schlipperment, in dem Haus bleibe ich nimmer. Seit der klapperdürre Kerl bei uns logiert, ist's nimmer zum Aushalten. Wo den mein Herr aufgegabelt hat, das weiß der Kuckuck. Vermutlich ist's ein vornehmer Patient, den er in der Kur hat. Ich glaub, der Kerl ist ein Narr, weil'n der Doktor gar nit aus dem Sessel rauslaßt. Da klappert er aber und rasselt, daß alles kracht im ganzen Haus. Ich darf gar nit ins Zimmerl nein, wo er logiert, und aushungern muß'n der Doktor auch; denn ich hab' noch kein' Bissen Essen zu ihm hineingetragen. Nicht einmal eine Fleischbrüh' darf ihm die Köchin geben. So was hab' ich noch nit erlebt. Und mit mei'm Herrn ist's auch vorbei, seit er so berühmt geworden, weil er alle Leut' kuriert und wenn s' schon halbtot sind. Er reißt s' raus, daß s' wieder kerng'sund werd'n. Den macht noch der Hochmut zum Narren. (Es erhebt sich ein Sturm.) Oho, das auch noch? Die G'witter kann ich so nit leiden; denn das Einschlagen fürcht' ich ungeheuer. (Donner und Blitz.) Hui, ist das wieder eine Metten. Ich werd' gleich ins Bett schliefen und unter die Bettdecken. (Es wird ganz dunkel.) Auweh, auweh! Wenn nur der Herr Doktor z' Haus wär'! Auweh, auweh! (Läuft fort.) Sassafras (stürzt herein, einen Leuchter in der Hand mit brennendem Lichte) . Was für ein furchtbares Gewitter! Es ist, als ob alle Teufel los wären. Eine Höllenangst ergreift mich, und ich weiß nicht warum? Bin ich ein Kind geworden? Ich habe doch vor dem Teufel in Person nicht gezittert. Ich höre Geisterstimmen, die mein Inneres durchschauern. (Sinkt in die Knie.) ( Im Hintergrunde werden verschiedene Erscheinungen sichtbar, geisterhafte Gestalten, die sich auf Tod und Vergangenheit beziehen. ) Geisterchor . Gelöst sind die Banden, er ist wieder frei, Da eilen geschäftig die Diener herbei; Die Uebel der Menschheit: die Sünden, der Krieg, Die Pest und wer sonst ihm geholfen zum Sieg. Er greift nach der Sense und mäht immerfort, Durchwandert die Erde, vergißt keinen Ort; Und wo er erscheinet, da schwindet das Licht; Er herrscht auf der Welt bis zum letzten Gericht. ( Die Erscheinungen verschwinden. ) Der Tod (mit Sense und Sanduhr tritt ein) . Sassafras (liegt besinnungslos auf dem Boden) . Tod . Erwache aus deiner Ohnmacht, Ohnmächtiger! In deiner Torheit wähntest du, ein Bündnis könne Bestand haben, das mit der Weltordnung im Widerspruch steht! Du elender Wurm hast es gewagt, diesem Weltgesetze Trotz zu bieten, dem auch der Satan mit all seiner höllischen Macht nichts anhaben kann. Ich bin der Vermittler des Menschengeschlechtes, daß es eingehen könne aus irdischer Vergänglichkeit in das unvergängliche Leben – in die Ewigkeit. Sassafras (der sich allmählich wieder aufgerichtet hat) . Ohne Tod kein Leben! Ich wußte es, allein der Stolz hat mich verblendet. Der Eigennutz hat mich irregeführt! Tod . Nun heißt es: Arzt heil' dich selber! Sassafras . Contra vim mortis non herbula crescit in hortis. Auch ich bin dir verfallen. Tod . So ist's – der Satan selbst hat Euern Kontrakt zerrissen; denn er war nicht imstande, sein Wort zu halten. Sassafras . Also wäre ich gerettet? Tod . Der Ewige, Allbarmherzige wird richten! Sassafras . So führe mich vor seinen Richterstuhl! Auf dieses Leben verzichte ich! Tod . Es sei! (Umfaßt den Doktor und versinkt mit ihm.) Verwandlung Garten. ( Bedienter bei Steinreich tritt hastig ein. ) Bedienter . Wenn die Welt nicht bald untergeht, so will ich nicht Peter heißen; da ich aber wirklich Peter getauft bin, so muß die Welt untergehen und warum muß sie untergeh'n? Weil Dinge geschehen und Ereignisse vorfallen, die auch dem außerordentlichsten Verstand, wie z. B. dem meinigen, gebieten, stillzustehen oder vielmehr, weil ein vernünftiger Mann, wie der alte Sokrates, wenn ich nicht irre, zu sagen pflegte, sagen muß: »Nun stehen die Ochsen am Berge.« Warum stehen aber die Ochsen am Berge? – – Weil sie nicht hinauf- und hinüberkönnen. Im vorliegenden Falle des bevorstehenden Weltunterganges steht aber mein Verstand still, weil er die Umwandlungen und Verwandlungen, die in diesem Hause vorgegangen sind, nicht begreifen kann, ohne daß ich etwa dabei meiner Begriffskapazität zu nahe treten und meine Bescheidenheit unterschätzen wollte. Erstens: Ist mein Herr, vormals ein harter Mann, in einen weichherzigen Wohltäter verwandelt worden. Oh, Mirakel! Zweitens: Ist Fräulein Marie, die seit einiger Zeit in Schmerz und Tränen zerflossen, ja beinah aufgelöst war, seit ein paar Tagen wie umgewandelt und einer Blume sozusagen zu vergleichen, die halbverwelkt den Kopf hängen ließ und durch einen Sommerregen erfrischt von neuem aufblüht. Drittens – und dieses ist nicht minder außerordentlich verwunderlich – hat der Totengräber – ich sage der Totengräber – einen Brief gebracht, worüber Herr von Steinreich und Fräulein Marie in einen solchen Freudenjubel geraten sind, daß – – ( Steinreich, Marie und Schreiber an der Hand führend. ) Steinreich . Gott sei gedankt! Er hat alles zum Guten gelenkt. Marie . Wie er immer zu tun pflegt, wenn es die Menschen auch nicht einsehen wollen. Schreiber . Ich bin beinah verwirrt über die Umgestaltung meines Schicksals! Meine Marie! Steinreich . Ja, bester Schreiber, Marie wird Ihre Frau und ihr beide seid meine lieben Kinder. Schreiber . Ihrer Güte, Herr von Steinreich, weiß ich nicht dankbar genug zu sein. Steinreich . Ihr Dank soll in der aufrichtigen Reue bestehen, daß Sie sich so weit vergessen konnten – – Schreiber . Meinem Leben selbst ein Ende machen zu wollen. Marie . Still davon! Diese Erinnerung sei begraben auf immer. Steinreich . Ja, begraben und vergessen! – Allein des Totengräbers wollen wir nicht vergessen, dem wir die glückliche Lösung zu danken haben. Marie . Er ward das Werkzeug der göttlichen Vorsehung. Steinreich . Und nun laßt uns alles zu eurer Vermählung vorbereiten: denn im Laufe dieser Woche noch soll sie stattfinden und, wenn ihr wollt, so lade ich auch den Herrn Doktor Sassafras zum Hochzeitsschmause. Bedienter . Die Einladung kann ich nicht besorgen. Denn der Doktor ist vom Schlag getroffen worden und seligen Endes verblichen. Steinreich . Fürwahr! Da heißt es: Auch die Aerzte müssen sterben und »wider den Tod kein Kräutlein gewachsen ist«. – Kommt, Kinder, laßt uns zu Tische gehen! ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Die Zaubergeige Märchendrama in vier Aufzügen mit Gesang und Tanz (1868) Personen         Cuprus , Berggeist des Kupfergebirges Kasperl Larifari Gretl Herzog Richard Prinzessin Amalie , seine Tochter Fräulein von Nelke , Hofdame Baron Trüffel , Hofmarschall Der Stoffelbauer Mauschl , ein Jude Justizmaier , Stadtrichter Pfiffikus , Gerichtsschreiber Philipp , Kellner im Gasthof »Zum goldenen Stern« Fangauf , Schnapper , } } Räuber Trabanten, Hoflakaien Das Stück spielt um die Mitte eines Jahrhunderts   Erster Aufzug Bauernstube. ( Kasperl, Gretl. ) Kasperl . Es bleibt dabei! Mir wird's zu arg! Gretl . Mein Kasperl – aber – – Kasperl . Was Haber oder Stroh und Heu, Ich sag's amal, es bleibt dabei! Gretl . Also willst du mich wirklich verlassen? Das ist abscheulich! Kasperl . Ohne dich zu hassen, werd' ich dich verlassen, und ist es nicht abscheulich, so ist's auch nicht greulich. Gretl . Ja, abscheulich und greulich! Kasperl . Das Schicksal ruft. Ich sag' dem Bauern auf und geh'. Gretl (weinend) . Aber Kasperl! – Mein geliebter Schatz! Kasperl . Ja, du geliebte Katz! Tröst' dich nur! Mein Herz bleibt bei dir und beim Heiraten bleibt's auch, wenn wir wieder zusammenkommen, und wenn ich noch mag. Aber die Schikanederien von dem Bauernlümmel ertrag' ich nimmer. Schlechte Kost und nix als Schmalznudel und nix zu trinken dazu, als den ein' Tag Wasser und den andern saure Milch – das ist nix für meine Natur. Wenn ich mich in der Früh um sechs Uhr im Bett umkehr' und um neun Uhr aufsteh', nachher sagt der Bauer, ich sei a fauler Kerl! Das ist infam! Wenn ich nachmittags a bißl ins Wirtshaus nüberschau und etwas wacklig nach Haus komm', nachher heißt's wieder: ich bin a versoffener Lump! – Leg' ich mich abends um a sechs Uhr aufs Heu und lass' Ochsen und Küh' allein fressen, bin ich schon wieder a Faulenzer, a Strolch! Gretl . Aber schau, Kasperl, eigentlich hat der Bauer nit Unrecht; denn du möchtst den ganzen Tag nur essen, trinken und schlafen. Kasperl (pathetisch) . Ha! Ich bin halt zu was anderm geboren als zum Bauernknecht. In mir steckt ein Kavalier von unten bis oben! Ich bin ganz zum vornehmen Herrn g'schaffen, zum Privatier, Rentier, Bankier oder so was G'schert's. Gretl . Da hast aber noch weit hin, mein Kasperl. Kasperl . Schweig, Teure, das verstehst du net. Geh' lieber in den Ochsenstall naus, melk' deine Küh' und hol' mir zum rührenden Abschied a paar Maß Bier oder auch drei, und sechs Paar Bratwürstl zum Eintunken. – Ah, da trappt grad der Bauer rein! Gretl . Wenn du aus'n Haus gehst, nachher bleib' ich auch nimmer und reis' dir nach oder ich leb nimmer lang! (Weinend ab.) Kasperl (allein) . Jetzt Kuraschi, Kasperl! Entwickle deine ganze Herzhaftigkeit und sag' dem Bauern einige Grobheiten, damit du mit dem Bewußtsein des Respektes von deinem Herrn scheiden kannst. Stoffelbauer (tritt ein) . Auch schon auf, Monsieur Kasperl? Stehst wieder da wie der Schragen, auf dem a Bierbanzen liegt. Kasperl . Jedenfalls auf meine zwei Füß', und ich verbitte mir solche Anspielungen und Spötteleien. Stoffelbauer . Du bist und bleibst von früh bis abends a fauler Schlingel, und wenn's möglich wär', so wärst zum Schlafen auch noch zu kommod', aber das geht freilich leichter vonstatten als d' Arbeit. Ich hab' bald gnug an dir, wennst so fortmachst. Kasperl . Und wer bei Ihnen ist im Dienst, Herr von Bauer, der hat's auch bald g'nug. Stoffelbauer . Ich halt' niemanden auf. Wem's bei mir net g'fallt, der kann geh'n. Kasperl (vornehm und höhnisch) . Und wissen Sie? Ich lass' mich auch nicht aufhalten. Merkst was, Bauer? Stoffelbauer . Ich merk's schon, und mir ist's recht. Kasperl . Also pack' ich z'samm und bitt' um meinen wohlverdienten Lohn. Stoffelbauer . Gut; den kannst gleich haben. Dein rückständiger Lohn macht grad drei Kupferkreuzer. Das übrige hast du dir mit deiner Faulheit verdient; also sa ma quitt! B'hüt Gott! Ich hoff' du findst an bessern Herrn und ich an bessern Knecht. (Ab.) Kasperl . Juhe! Drei Kupferkreuzer! Wenn ich noch ein' Sechser drauf gib, nacher bin ich a gemachter Mann! Jetzt bin ich Freiherr, also werd' ich mich von nun an »Baron« titulieren. Gretl (tritt ein und fällt ihm schluchzend um den Hals) . Also bleibt's dabei? Du gehst? Kasperl . Es bloibt dabei, ich göhe! Und es ist so, die Stunde schlagt! Duett . Kasperl . Die Stunde schlagt, leb wohl geliebte Gretl! Gretl . O weh! Ich bin ein unglückseligs Mädl! Kasperl . Verzage nicht, ich bleibe dir ja treu; Gedenke mein, liegst du auf deinem Heu. Gretl . Wer weiß, was g'schieht, es ist dir nicht zu trauen. Auf deine Treue ist wohl nicht zu bauen. Kasperl . O nein, o nein, das kann nicht sein, Ich bleibe dein, und du bist mein! Gretl . O nein, o nein, das kann nicht sein, Du bleibst mein, und ich bin dein! Beide ( a due ) . O nein, o nein, O nein, o nein, Nein, nein, nein, nein! Nein, nein, nein, nein! (Beide ab.) Verwandlung Waldiges Felsental, von Gebirge umgeben. ( Schnapper, Fangauf. Von zwei Seiten sich begegnend. ) Schnapper . Woher? Fangauf . Wohin? Schnapper . Fangauf, was hast du gefangen? Fangauf . Nichts! Schnapper, was hast du erschnappt? Schnapper . Nichts! Fangauf . Schlechte Zeiten! Nichts auf Weg und Steg! Schnapper . Und in der Stadt gute Polizei. Der Teufel hol's! Wir müssen gar noch ein ehrlich' Gewerb' treiben. Fangauf . Ist unser Gewerb' etwa nicht ehrlich? Schnapper . Jedenfalls wird solche Ehrlichkeit, wenn man sie erwischt hat, an den Galgen gehängt. Fangauf . Falsche Ansichten der Welt! Mißverständnis! Die großen Potentaten rauben ebenso wie wir. Schnapper . Die werden aber nicht gehenkt, denn sie » erobern «. Fangauf . Also kommt's nur auf den Maßstab an! Groß oder klein! Ergo sind wir nicht minder ehrlich als die großen Herren; denn wir sind Eroberer im kleinen. Schnapper . Hast recht! Unser Herrgott kann uns grundehrliche Leute nicht verhungern lassen; denn wir sind ebenso ehrenhafte Kavaliere wie die Raubritter. Fangauf . So ist's. Aber was schwatzen und faseln wir da? Mein leerer Magen sucht einen vollen Beutel, um klingende Münze gegen Naturprodukte umzutauschen. Seit zwei Tagen habe ich nichts gefressen, als traurig' Brot und stinkenden Käs'. Schnapper . Und meine Gurgel empfindet seit gestern eine gewisse Sehnsucht nach stärkender Erfrischung; das reine Quellwasser ist ein gar fader Trunk. Fangauf . Nun, so versuchen wir's heut wieder einmal, uns zusammen auf die Lauer zu legen. Eine halbe Stunde von hier kreuzt sich der Weg zur Stadt. Es wird uns doch eine arme Seele kommen, der wir den Gefallen tun können, ihre Taschen leichter zu machen! Schnapper . Beim heiligen Merkurius! Zu zweien geht's vielleicht besser. Komm' laß uns gehen. Auf dem Kreuzweg hinters Gebüsch in den Graben! (Beide ab.) ( Kasperl tritt von der andern Seite ein. ) Kasperl . So, also jetzt bin ich frei wie die Spatzen auf'm Dach, aber 's Futter fehlt. Ich stehe sozusagen auf meine eigenen Füß', aber ich verspür', daß diese eigenen Geboine , von seite des nahrungs- und kraftstoffbietenden edelsten Körperteiles vernachlässigt, ihren Dienst zu versagen anfangen. Die vor kurzem genossenen einhalbpfündigen Bauernknödel sind bereits in den konservierenden Reproduktionsstoff verwandelt, und meine drei Kupferkreuzer haben mir noch nicht Gelegenheit gegeben, mich zu restaurieren; denn von drei Kupferkreuzer ist noch kein irdisches Wesen satt geworden, da sie hart verdaulich sind. Pfui Teufel! Das ist ein miserables Leben, der Freiherrnstand. Aber was fang' ich jetzt an? Müd und matt bin ich, hungrig bin ich, Durst hab' ich; da kann ich mich nur durch den Schlaf retten. Im Schlaf kommt vielleicht der Traum und bringt mir ein Kalbsbratl, nachher erwach' ich gesättigt; denn das Leben ist ja doch eigentlich nur ein Traum, wie ich bereits einmal in der Komödie g'sehn hab'. – Aber, was kommt da für eine elende Figur daher? ( Cuprus, der Berggeist in Gestalt eines alten Bettlers, wankt auf einen Stock gestützt herein. ) Cuprus . Sei mir gegrüßt, guter Mann! Kasperl. Ebenfalls, guter alter Kraxler! Cuprus . Ach! Ich bin so arm, so elend, daß ich mir gar nicht zu helfen weiß. Kasperl . So? Also bist du der Greis, der sich nicht zu helfen weiß? Cuprus . Ja, ich bin's, bin's, bin's! O schenke mir etwas, ich bitte dich, damit ich mir ein Stück trocken Brot kaufen kann. Ich bin dem Verhungern nahe; denn ich vermag mir nichts mehr zu verdienen, weil ich ein alter schwacher Mann bin. Kasperl . Ich bin zwar kein alter schwacher Mann, sondern ein junger, starker, schöner Mann, aber ich befinde mich in einer ähnlichen Verlegenheit, was den Hunger anlangt, wie du, ehrwürdiges Möbel des grauen Altertums. Nichts hab' ich mehr als drei Kupferkreuzer (gerührt) – sie sind mein alles, wenn ich meine Gretl nit dazurech'n'. Cuprus . O, schenke mir diese drei Kupferkreuzer! Sei barmherzig! Kasperl . Oho! Willst du dir deine Zähn' dran ausbeißen? Cuprus . Ich habe keine Zähne mehr! Der letzte plombierte ist mir vorgestern auch ausgefallen. Aber gib mir die Kreuzer, sie sind ohnedies mein Eigentum . Kasperl . Was? Dein Eigentum? Das ist aber ein kurioser Einfall. Die letzten drei Kreuzer, die ich mir durch meinen außerordentlichen Fleiß verdient hab'? Cuprus . Sei barmherzig! Gib sie mir, und dann werde ich dir beweisen, daß sie von Anbeginn an mein eigen waren. Kasperl . Diese Andeutung versteh' ich zwar nicht, aber ich bin ein guter weichgesottener Kerl. Altes, armes ehrwürdiges, sich nicht zu helfen wissendes, zahnloses Individuum – (großartig in Positur) hier hast du die drei Kupferkreuzer! ( Donner und Blitz. Kasperl fällt auf den Bauch. Cuprus verwandelt sich in seine wahre Gestalt als Berggeist in rotglänzendem Kupfergewande. ) Cuprus . Steh' auf und fürchte dich nicht! Wisse, ich bin König Cuprus, Beherrscher dieser Gebirge, aus denen die Menschen Kupfer holen. Auch diese drei Geldstücke sind von dem Metalle, das mein Bergschacht in sich birgt. Aber es ärgert mich, und ich bin ergrimmt über die Menschheit, die mir mein edles Metall raubt, und deshalb hab' ich den Schwur getan – Kasperl (zitternd) . Einen Schwur?! Cuprus . Ja, den Schwur, daß, wer in diesem Tal dem Kupferberge naht, das Kupfergeld, das er etwa bei sich trägt, mir geben muß, und wer es nicht tut, den in einen Kupferblock zu verwandeln. Kasperl . Warum net gar in en kupfernen Kessel? Da könnten Sie gleich Bratwurst oder Zwetschgen drin sieden. Cuprus . Einerlei. Dein gutes Herz hat dich gerettet und du sollst für deine edle Tat belohnt werden. Kasperl . Belohnt? Nun ich hoff', daß ich aber einen besseren Lohn krieg' als beim Stoffelbauer. Cuprus . Wenn du einen Wunsch hast, so soll er durch die Zaubergewalt, die wir Geister haben, in Erfüllung gehen. Kasperl . Ein Wunsch? Ja, eigentlich hätte ich deren möhrererererere. Aber – wenn ich jetzt grad a paar Maß Bier und zwölf Paar Bratwürst haben könnt', so wär's nicht übel. Cuprus . Besinne dich, wähle besseres; denn, wenn das Bier getrunken und die Würste gegessen – so hast du wieder nichts mehr. Kasperl . Da haben Sie wieder recht, edler Kupfergreis. Lassen's mich a bißl nachdenken. (Er geht nachdenkend in großen Schritten auf und ab, wobei er sich an den Kulissen bisweilen die Nase anstößt usw.) Jetzt hab' ich's! Ich möchte eine Geigen haben, nach der alles tanzen und springen muß, so lang ich will. Cuprus . Der Wunsch soll erfüllt werden, und dabei sollst du auch der größte Meister werden und durch dein Saitenspiel alles bezaubern. Und wenn du zu deiner Geige sagst: »Den Hupfauf!« – so wird alles tanzen müssen, so lang du die Weise spielst. Kasperl . Aber mit Erlaubnis – ich hab' halt 's Geigen nicht gelernt; das wird a schöne Musik werden. Cuprus . Dein Instrument, sobald du den Bogen in die Hand nimmst und die Saiten berührst, macht dich zum Meister der Kunst. Kasperl . Juhe! das lass' ich mir g'fallen. Jetzt muß also alles nach meiner Geigen tanzen. Cuprus . So ist es; aber mißbrauche deine Macht nicht; dann würde die Strafe deines Uebermutes unausbleiblich sein! Sieh, schon schwebt die Zaubergeige aus dem Gebirgsnebel zu dir herab. ( Musik und Geisterchor, während eine Geige in rosigen Nebelwolken herabschwebt. ) Chor (hinter der Szene) . Wundergeige, senk' dich nieder, Zauberschrein der schönsten Lieder; Wer vernimmt die mächt'gen Weisen, Muß im Wirbeltanze kreisen, Bis der Klang der Saiten schweigt. Wundergeige, singe, singe! Saitenspiel, erklinge, klinge! Tönet Zaubermelodien: Keiner soll der Macht entfliehen, Der sein Ohr den Tönen neigt. Kasperl (hat sich unterdessen niedergekniet) . Cuprus (hält die Hand segnend über ihn) . ( Der Vorhang fällt. )   Zweiter Aufzug Waldgegend. ( Jude Mauschl, der eine rotlederne Feldtasche umgehängt hat, tritt, eine Kuh am Stricke führend, ein. ) Mauschl . Is das doch a dumm's Volk, die Bauern; bin ich gewest beim Stoffelbauer in Kerchberg und hab'n gesogt: Was hab' ich ihm gesogt? – Hab' ihm gesogt: Stoffelbauer, willst du nit kaufen e Kuh in dein Stall; hab zu verkaufen e Prachtstück von einer Kuh, und die wird der geben, wird der geben alle Tag achtzehn Maß Milch, so wahr ich en ehrlicher Jüd bin. Und da hat der Stoffelbauer gesogt: Was hat der Bauer gesogt? – Hat er gesogt: Mauschl, wenn du mer bringst e solche Kuh, will ich der geben e guts Stück Geld davor. Und da hab' ich ihm gebracht die Kuh, die ich da am Strick hab', und er hat se gekaft um sechzig Gilden und hat se gestellt in den Stall zu seine andre Küh. Aber heut' in der Nacht, da's dunkel war wie in Aegypten bei der graußen Finsternis, da hab' ich mich geschlichen ans Haus, bin ich geschloffen durch das Hundsloch und hab' aufgemacht still und heimlich de Tür von inne raus im Stall und hab' mir wieder genommen mei' Kuh. Kasperl (hat sich herbeigeschlichen und alles gehört) . Mauschl . Und jetzt will ich gehn in die Stadt und will verkofen die Kuh an en Schlächter, bevor se mich erwischen; aber ich will zählen mein Geld, was ich noch heut profetiert hab' zu de sechzig Gilden vom Stoffelbauern. Kasperl (tut, als wenn er eben käme, laut) . Ei, da is ja der Mauschl mit einer Kuh! Du hast gewiß wieder en guten Handel gemacht und en Bauern betrogen. Mauschl (erschrocken) . Ei, der Herr Kasperl! Beinahe wär' ich verschrocken. Was er aber gesogt, das muß ich mer verbitten, daß ich könnt' betrigen. Bin ich noch immer gewest en ehrlicher Jüd und hab gekaft die Kuh do vor mein guts Geld. Kasperl . So, so! Das ist aber e schöne Kuh! Die sollst mei'm vorigen Herrn bringen, dem Stoffelbauer; der wird dir's gewiß gleich abkaufen und auch gut bezahlen. Mauschl . Ei, was der Herr Kasperl sogt, das will ich auch probieren; bin grad auf'm Weg zum Stoffelbauer in Kerchberg und will'n fragen, ob er tut will haben das schöne Stuck Vieh. Kasperl . No, da kannst mei'm vorigen Herrn an schönen Gruß von mir ausrichten. Mauschl . Das will ich tun, so wahr mer Gott helf. Aber was hat denn der Herr Kasperl da vor e Strument? Hab' ich doch net gewußt, daß der Herr kann spielen auf der Vikolin? Kasperl . Schau, Jud, du weißt halt gar viel net. Sollst aber gleich e schöns Stückl hören. Mauschl . Werd mer machen e grauß Pläsier, und wenn er's kann, so spiel er mir was, das hat kaumpeniert der grauße Musikus der Majer-Bär, so ist gwest ach Ener von unsere Leut. Kasperl . Na, da sollst du gleich den neuesten Bärentanz hören, den der Bär gemacht hat. (Er fängt an zu geigen) . Mauschl . Das is a grausig schöne Musik! Fährt's mir doch durch alle Glieder! O, graußer Majer-Bär! Was bist du für e Mann. Ist mir doch, als ob ich tanzen müßt und springen wie König David vor der Bundeslade. (Er fängt zu tanzen an.) Kasperl . Wart' nur, Jud, es kommt immer schöner. Mauschl (immer mehr springend) . O, wunderschön! Wunderschön! O, Majer-Bär! O, David! – – Kasperl . Jetzt kommt erst der Hupfauf! »Hupfauf!« Mauschl . Gottes Wunder! Ist das en Entzücken. Aber ich kann bald nimmer; 's geht mer aus der Atem. – Auweih, auweih – ist das en Entzücken! (Er springt wie toll.) Kasperl . So tanz' und spring' nur, miserabler Jud'! Warum hast du die Kuh wieder gestohlen, du Erzschelm, du Judas? Mauschl . Auweih geschrie'n! Hören Sie doch auf mit der Vikolin! Ich mag ni–ni–nimmer ta–ta–tanzen. (atemlos.) Auweih! Ich geh kapores, kapo–po–po– pores! Die Kuh (vom Strick losgelassen, läuft fort) . Mauschl . Auweih, meine Ku–Ku–Ku–Kuh! Muß ich mich tanzen zu Tod! (Er tanzt fanatisch.) Auweih, ich stirb, ich stirb! Ich fall' in die Ohnmacht! Aufhören! Aufhören! (Er fällt besinnungslos hin.) Kasperl . So ist's recht. Vivat König Cuprus und die Geigen! (Er läuft hinaus.) ( Nach einiger Zeit schleichen Fangauf und Schnapper herein. ) Schnapper . Du, da liegt einer. Fangauf . Der schlaft. Schnapper . Nur ruhig! Vielleicht laßt sich was kripsen. Sieh' da, die Geldtasche wäre nicht übel. Fangauf . Frisch dran! Aber vorsichtig. Wenn er sich rührt, dreh' ich ihm's Messer in den Leib. (Sie nähern sich Mauschl.) Schnapper (nimmt ihm die Feldtasche) . Fangauf . Gut gemacht. Er schlaft wie ein Sack; das Leben schenken wir ihm! Schnapper . Fort! Fort! Die Tasche ist höllisch schwer. Das war ein guter Fang. (Beide ab.) Mauschl (rührt sich nach einigem Schnarchen und Seufzen) . Wo bin ich? Waß ich nichts, als daß ich mich getanzt hab' zu Tod. Verfluchter Musikant, wo bist du hin? Kann ich nit rühren meine Bein'. Und wo ist mein' Kuh? Und (um sich greifend) und – und wo ist mein Geld! Find' ich nit mein Geld: Auweih! Ich bin e verlorner Mann. Hat mir der Halunk gestohlen mein' Tasch', und ist gewesen die Tasch' voll Geld. Auweih geschrieen! Ich bin kapores. Will ich laufen zum Richter in die Stadt, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit will ich schrei'n! Gerechtigkeit! Mein' Tasch', mein' Kuh, mein Geld, mein Geld, mein' Tasch'! Gerechtigkeit, Gerechtigkeit! (Schwankt hinaus.) Verwandlung Gemach im Schlosse des Herzogs Richard. ( Herzog Richard tritt mit Hofmarschall Baron von Trüffel im Gespräch begriffen, ein. ) Herzog . Ja, mein lieber Hofmarschall, das Diner war heute vortrefflich. Ich bin, was meine Küche anlangt, sehr zufrieden mit Ihnen. Trüffel . O, allzugnädig, Durchlaucht. Höchstdero Gewogenheit ist mir der schönste Lohn für meinen Eifer, Euer Durchlaucht zufrieden zu stellen. Ein Wort der Geneigtheit von Ihren Lippen macht mich glücklich. Herzog . Gut, gut, lieber Baron. Nur sorgen Sie, daß die Sauce zum Ragout künftig noch pikanter sei. Trüffel . Eine kleine Zugabe von Poivre Indien. Herzog . Ja, Poivre Indien, Poivre Indien. Der reizt den Gaumen, und dann schmeckt erst der Champagner vortrefflich. Trüffel . Darf ich untertänigst fragen, wie Euer Durchlaucht die neue Mehlspeise geschmeckt – der Reisauflauf à la Chinoise? Herzog . Nicht übel, nicht übel; aber ein andermal ein bißchen mehr Konfitüre. Was ich sagen wollte? – Ja! Was haben wir heute für ein Theater? Trüffel . Die neue Oper von dem alten Spontini. Herzog . Ah ja, ich entsinne mich. Wir wollen wenigstens den ersten zwei Akten anwohnen, dann mit Prinzessin Amalie im blauen Kabinett soupieren. Trüffel . Wie Euer Durchlaucht befehlen. Bei dieser Gelegenheit erlaube ich mir eine interessante Neuigkeit zu berichten. Herzog . Nun, was gibt es Neues? Trüffel . Sollte es nicht zu den allerhöchsten Ohren gekommen sein, wovon die ganze Stadt voll ist? Herzog . Eh bien! – Sie machen mich neugierig. Trüffel . Ein eminenter Virtuose auf der Violine befindet sich seit ein paar Tagen hier. Die ihn gehört haben, sind enchantiert, enthusiasmiert. Er wirkt Wunder auf seinem Instrumente. Herzog . Was Sie mir sagen! Sehr interessant. Wie heißt der Künstler? Woher kommt er? An welchen Höfen hat er schon gespielt? Trüffel . Er heißt Spagatini und erschien wie vom Himmel gefallen. Niemand weiß, woher er kam. Er behauptet, bisher nur als Privatmann gelebt zu haben, wird sich aber hier öffentlich hören lassen; möchte nur die Ehre haben, sich am Hofe produzieren zu können. Herzog . Bravo, bravo! Das gibt eine hübsche Kammersoiree. Arrangieren Sie die Sache für morgen abend. Sie wissen, daß Musik meine Passion ist. Aber kommen Sie in mein Kabinett, wo ich Kaffee nehmen will. Da läßt sich noch darüber sprechen. (Beide ab.) Verwandlung Zimmer im Gasthof »Zum goldenen Stern.« ( Kasperl tritt aus einer Seitentüre ein, einen schwarzen Frack über seiner roten Jacke, überhaupt lächerlich kostümiert, seine Violine in der Hand, singt. ) Kasperl . Jetzt bin ich ein gemachter Mann, Wie einer nur gemacht sein kann, Mit dieser Zauberviolin' Reiß ich nur alles so grad hin. Kaum lass' ich einen Ton erschallen, Muß jeder in Entzücken fallen; Die Zeitungen sind voll von mir Und bin erst achtzehn Stunden hier. Man spricht nur von dem Spagatini, Und weiß nicht, daß der Kasperl bin i: Bewundert von der ganzen Welt, Füll' ich den Beutel mir mit Geld. Die Damen fallen mir zu Füßen, Billetten regnet's nur mit Küssen, Und jede möchte mich zum Mann, Weil ich halt so schön geigen kann! Ja, ich bin ein gemachter Mann. Da sieht man, was man mit lumpige drei Kreuzer werden kann, wenn man's nur g'scheit anfangt. Die paar Mal, die ich in Wirtshäusern aufg'spielt hab', das hat mich schon berühmt gemacht. Eine Deputation von Ton- und andern Künstlern hat mir schon Aufwartung gemacht; heut' Abend will mir die Bürgerliedertafelsängerzunft ein Ständchen bringen, und die freiwillige Feuerwehr mich mit Eau de Cologne von unten herauf anspritzen; durchs Vorzimmer da draußen kann ich schon beinah nimmer durch vor lauter Visiten und Leut', die den berühmten Spagatini sehen wollen; in meinem Schlafkabinett liegen schon zwei Zentner Visitkarten und Billette Dux! ( doux ) – Alles wegen die drei Kupferkreuzer. Großer Kupferschmied – Kupfergeist wollt' ich sagen – Dank dir, du hast mein Glück gemacht. Und essen und trinken, grad nur was in mich hinein und wieder hinaus geht. Das ist e Leben! So bin ich auf die wohlfeilste Art ein Künstlergenie geworden. Deswegen hab ich auch meinen alten Namen abgelegt und mich von nun an Signore Spagatini genannt, weil der Paganini, der ein so großer Geigist war, Paganini geheißen hat. (Kellner stürzt durch die Mitteltüre mit einem Briefe herein.) Kasperl . Was gibt's? Was will er? Kellner . Großer, unsterblicher Spagatini! Das Publikum läßt sich nicht mehr halten, die ganze Stadt wird ungeduldig. Man will, – man muß Sie hören. Eine Deputation der Repräsentanten der verschiedenen Stände und Behörden ist draußen im Vorzimmer und bittet um Entschluß, ob Sie heute oder morgen Ihr Concert spirituel zu geben geneigt sind. Kasperl . Sagen Sie der Streputation mit den Präsenten, daß ich von der Reise noch strapaziert bin und die Herren nicht empfangen kann. Nach meinem Frühstück werde ich Antwort sagen. Jetzt bring Er mir nur gleich zwei Maß Kaffee, drei Halbe Bier, eine Bouteille Wein, vier gebratene Hühner und ein Spanferkel. Rufe (draußen) . Spagatini lebe hoch! Vivat! Kellner . Hören Dieselben, wie man im Vorzimmer Ihr Hoch ausbringt und Vivat ruft? Kasperl (öffnet die Mitteltüre etwas und ruft hinaus) . Ich danke. meine Herren, danke gehorsamst! Stimmen (von außen) Hoch! Hoch! Hören lassen! Sehen lassen! Konzert geben! Bald! Bald! Kasperl . Morgen abend, mein Konzert im Hoftheater! Stimmen . Bravo! Bravo! Vivat Spagatini! ( Ein Riesenbukett wird mit andern ins Zimmer geworfen, das dem Kellner an den Kopf fliegt und ihn umwirft. ) Kasperl . Danke ergebenst, meine Herrn; gehen Sie jetzt nur ruhig nach Hause. ( Bravo und Gemurre draußen, der Lärm verliert sich. ) Kellner (aufstehend) . Diesmal hat die Beifallsbezeugung mich getroffen. Hier aber öffnen Sie gefälligst das Billett, das ich Ihnen zu überreichen habe. Kasperl . Ein Buillett? Lese Er mir vor; meine Augen sind von dem vielen Notenspielen etwas schwachmatt geworden. Kellner (liest) . »Großer, göttlicher Spagatini!« »Ihr Ruf ging Ihnen voraus – – Kasperl . Was? – Wer ist mir vorausgegangen? Der Ruf? Den kenn ich gar nit. Kellner . Ihr »Ruf«, – sozusagen ihr Renommee. Kasperl . Renommee. – Les' Er weiter. Kellner . »Aber als ich Sie sah, da war ich hingerissen –« Kasperl . Wer? Sie? (Auf den Kellner deutend.) Kellner . Nein, Sie oder Die, Diejenige. Kasperl . Ah so! Kellner . Ich fahre fort – Kasperl . Was nit gar fortfahren; er muß mir ja das Buillett auslesen. Kellner . Also: »war ich hingerissen, und mein Herz war verloren.« Kasperl . Aber nein? Das muß man halt wieder suchen oder im Blatte ausschreiben. Kellner . »Ich beschwöre Sie, schicken Sie mir eine Locke von Ihrem genialen Haupte!« Kasperl . Oho! a Glocken soll ich ihr schicken! Ah – ich trag' ja keine Glocken auf'm Schädel. Kellner . Eine Locke! Kasperl . So? Eine Locke! No – auf en Büschel Haar kommt's mir nit an. Kellner . Das Billett ist unterzeichnet – Kasperl . Also eine Zeichnung ist auch dabei? Kellner . Das heißt unterschrieben: »Ihre Sie anbetende Karoline.« Kasperl (begeistert pathetisch) . Ha! Karoline! Violine! Krinoline? Das reimt sich; (gerührt) und wo ist denn diese Karoline? Ist sie sauber? Ha! Karoline! Violine! Violine! Karoline! – Hörns auf – bringen's mir mein Fruhstuck, aber auch ein' Salat mit zwölf harte Eier dazu. Kellner . Sollen sogleich bedient werden. Kasperl . Und wenn diese Karoline kommen sollte, so bringen Sie sie auch gleich mit. (Kellner ab.) Karoline, Violine. Karoline! Karolililine! Karolilinenelilililili . . . (Ab durch die Seitentüre.) ( Der Vorhang fällt. ) Dritter Aufzug Saal im herzoglichen Schlosse bei Kerzenbeleuchtung. Zwei Hoflakaien. ( Man hört aus dem Nebenzimmer Violinspiel. Beifallklatschen. Ungeheure Schlußkadenz. Wieder Beifall; »Bravo, Bravo!« Lärm und Stuhlrücken. ) Erster Lakai . Das Konzert ist aus. Zweiter Lakai . Die Herrschaften sind alle wie toll. Erster Lakai . Ich versteh' nichts davon, aber der Kerl kratzt wie närrisch auf seiner Geige. Zweiter Lakai . Und das nennen sie »die Zukunftsmusik«. Weiß der Teufel, was das heißen soll. Erster Lakai . Jetzt ist schon das zweite Hofkonzert. Die Prinzessin Amalie ist auch wie närrisch, als wär' sie in den Geiger verliebt; und er sieht doch wie ein Hanswurst aus, und sein Benehmen ist läppisch und täppisch. Mir scheint, daß er kein vernünftiges Wort reden kann. Holla, sie kommen! (Öffnet die Flügeltüren. Lakaien gehen ab.) Es treten ein: Herzog Richard, Prinzessin Amalie, Hofdame von Nelke, Hofmarschall von Trüffel und Kasperl. Herzog . Göttlich! Himmlisch! Herr Spagatini! Sie bezaubern wirklich. Prinzessin . Welch ein Entzücken! Das sind Sphärenmelodien! Töne aus einer andern Welt! Kasperl (ungeheuer vornehm) . O! Sehr! Ja! Sehr! Trüffel . Es sind wieder sechs Damen aus der Gesellschaft ohnmächtig hinausgetragen worden. Hofdame . Ach! Wie wäre es anders möglich? Ihr Zauberspiel, Herr Spagatini, greift die Nerven fürchterlich an. Kasperl . O, ich bitte; ich habe niemanden angegriffen. Herzog . Aber wie Sie in die Saiten mit Ihrem Bogen greifen! Es ist unglaublich! Prinzessin (höchst ergriffen, beiseite zu Kasperl) . Göttlicher Mann! Wie hast du mein Innerstes bewegt! Hofdame (von der andern Seite) . Edler Spagatini, Sie wissen die Herzen zu fesseln! Kasperl (vornehm) . O, Fesseln! Ja! Ha! Herzog . Aber lieber Spagatini; man hat Sie auch mit Beifall überschüttet, wie noch keinen. Kasperl . Ich habe nichts gespürt von einer Ueberschüttung. Herzog . Wie kann ich Ihnen meine Bewunderung dartun? Jedenfalls ernenne ich Sie zu meinem Ehrenkapellmeister und verleihe Ihnen den Orden der »Goldenen Leier«, den ich zur Belohnung an große Tonkünstler gestiftet habe. Ja, Spagatini, Sie sind von heute an herzoglicher Kapellmeister und Ritter von der goldenen Leier erster Klasse. Hundert Dukaten soll Ihnen mein Hofmarschall einhändigen für das Vergnügen, das Sie mir durch Ihre Kunst gewährt haben. Kasperl . Die hundert Dukaten sind das G'scheiteste – (sich zusammennehmend) das heißt, wollt' ich sagen: die goldene Leier ist auch nicht von Holz, wenn das Gold echt ist. Prinzessin . Schalkhafter Humorist! Kasperl . Ich hab' immer an guten Humor, besonders wenn ich hundert Dukaten krieg'. Hofdame . Auch Apollo hält eine goldene Leier im Arme, Sie sind ja so ein Apollo! Kasperl . Mein Fräulein bulieben zu scherzen. Hofdame (glühend) . O, ich scherze nicht. Prinzessin (beiseite zu Kasperl) . Erhabener Zukunftskünstler! Nie hat noch ein Mann einen solchen Eindruck auf mich gemacht! Kasperl . Wie? Eindruck? Druck? – O, ich verstehe! (Für sich.) Mir scheint, – mir scheint! Ihre Blicke! Ihre Augen! Ha! – Wenn das meine Gretl wüßte, ich krieget gwiß a paar Ohrfeigen. (Laut.) Durchlauchtigster Herzog! Meine Rührung, mein Dank verstummt! Die Gnade! die Leier! Der Kappel meistertitel! Die hundert Dukaten! Wonne! Sonne! O – o – o! Prinzessin (für sich) . Wie groß steht er da! Herzog . Meister! Was ich getan – ist nur billig und gerecht. Solche Kunst kann nicht mit Irdischem belohnt werden. Der Name Spagatini ist mit goldenen Lettern im Tempel des Parnasses eingeschrieben. Kasperl . Was? Für die Nässen bedank ich mich. Naß will ich nit werden. Herzog . Doch nun ist es Zeit, daß wir uns zurückziehen. Adieu! Gute Nacht, mein Kapellmeister und Ritter von Spagatini. Sie müssen wissen, daß mit Verleihung des Ordens auch der Hofadel verliehen ist. Morgen kommen Sie zum Diner. Ich lasse alle Kunstnotabilitäten zur Tafel laden. – Liebe Amalie, gute Nacht! Geh bald zu Bette; du wirst wohl auch aufgeregt sein von der göttlichen Musik. Bon soir, baronne de Nelke! Bon soir, Trüffel! (Durch die Seitentür ab.) Kasperl (macht ungeheure Reverenzen) . Prinzessin (mit Betonung) . Gute Nacht Spagatini! Gute, gute Nacht! Hofdame (seufzend) . O, daß ich noch einen Zauberton von Ihnen vernehmen könnte! Beide Damen (ab mit zärtlichen Bewegungen und Blicken gegen Kasperl) . Kasperl . Ich habe die Ehre – (sich tief verneigend) . Trüffel . Schlafen Sie wohl, Herr von Spagatini! Ich kann Sie versichern, daß an unserem Hofe noch nie ein Künstler so ausgezeichnet wurde wie Sie. – Die Hofequipage steht bereit, Sie in den Gasthof zurückzufahren. (Ab.) Kasperl (allein; geht heftig auf und ab; bleibt bisweilen stehen) . Potztausendschlipperment, was ist das? Ich bin ganz konfus! Die Prinzessin? Die Hofdame? Sollte ich mich toischen? Die eine hat was vom Eindruck gesagt, die andere hat mich an Pollo genannt. Ha! (Hochdramatisch.) Sollte, sollte ich beide Herzen – – Ha! Furchtbar und vielleicht doch wahr? Zwoi Herzen auf einmal! Wahnsinniger Gedanke! Und diese hundert Dukaten! Diese goldene Leier! – Was werde ich heute im »Goldenen Stern« alles zu mir nehmen? – (In gewöhnlichem Tone.) Jetzt möcht' ich doch gleich einen Magen haben, wie'n Stoffelbauer sein Branntweinkessel oder wie die große Treberbutten! O Gretl! – Gretl! Vergib mir diese Stunde der Schwäche! – Aber einem Genie und besonders einem Zukunftsmusikgenie – wie man mich nennt – ist mehr erlaubt, als dem gewöhnlichen Individuumdum. Ha! Ich will die Stunde benützen. Im Hofgarten, vor dem Balkon – bei uns zu Haus »Laben« genannt – vor dem Balkon der Prinzessin, wo unten auch die Hofdame logiert, will ich diese Nacht noch meine Zaubergeigen im Mondschein ertönen lassen! Das gibt a Mordsgaudi! Ja, ich will schwärmen! Schwärmen und geigen, daß die Aepfel von die Bäum' fallen müssen und die Stern' vom Himmel. Jetzt erst weiß ich, was Liebe ist! Ha! Jetzt ist mir meine Zaubergeige nicht um Millionen feil. Jetzt erst steig' ich in die Tiefe des Abgrundes der Höhe des menschlichen Herzens. Jetzt erst bade ich mich im Herzblut der begeisterten Natur, und wenn die Mondscheibe zittert, seid umschlungen Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt! (Stürzt ab.) Verwandlung Garten am herzoglichen Schlosse. Links ein Teil des Schlosses mit einem Balkon im ersten Stock. Darunter Eingangstüre, ein Fenster daneben. Nacht mit Vollmond. Einige herzogliche Trabanten mit Hellebarden marschieren auf und singen die Runde machend mit Trommelbegleitung pianissimo den Chor . Rumpedibum, rumpedibum, Der Tag ist um, der Tag ist um, Wir machen die Runde In nächtlicher Stunde. Habet acht, habet acht Auf der Wacht, auf der Wacht! Pum, pum, pum! Rumpedibum, rumpedibum, Bei der Trommel Gepum, bei der Trommel Gepum; Wir sind die Trabanten, Die stets vigilanten, Gar mannhaft bewehrt Mit Spieß und mit Schwert. Pum, pum, pum! ( Ziehen vorüber. ) Prinzessin (erscheint auf dem Balkon, sie singt) . Holder Mond, du blickst so traurig Auf mich nieder, und wie schaurig Bebt mein Herz bei deinem Schimmer, Sitz' allein ich in dem Zimmer. Hofdame (erscheint unten am Fenster und singt) . Holder Mond, laß dich begrüßen, Doch in Schmerz möcht' ich zerfließen; Einsam, ach, in meiner Kammer Fühl' ich tiefen Herzensjammer. Beide (singen im Duett) . In dem blassen Mondenscheine Steh' ich hier und weine, weine, Und ich muß aus Langweil gähnen Bei dem Rinnen meiner Tränen. Prinzessin . Hör' ich nicht Schritte? Hofdame . In des Waldes Mitte? Prinzessin . Er ist's! Beim Sternenlicht! Hofdame . Ist er's oder ist er's nicht? Prinzessin . Ich hör' der Tritte Rauschen. Hofdame . O könnt' ich mit ihm plauschen! Beide (ziehen sich zurück) . Kasperl (in einen weißen Mantel gehüllt, tritt vorsichtig ein) . Jetzt will ich es probieren Und etwas musizieren. Beim Tone meiner Geigen Wird sich wohl eine zeigen. (phantasiert auf der Violine.) Ich seh' schon Licht im ersten Stock, Vielleicht kommt sie im Unterrock! Zu eb'ner Erd' wird's auch schon hell, Erscheinet wohl die Hofmamsell? Ja, ich sehe Licht. Holder Mond, verdunkle dich! ( Eine Wolke verdeckt die Mondscheibe. ) Schlipperdibix! Jetzt seh' ich aber gar nix mehr und weiß nit, was unten oder oben ist. (Zieht sich etwas zurück.) Herzog (im Schlafrock und Zipfelmütze tritt leise von der andern Seite ein) . Was muß ich hören? Mein Kapellmeister wagt es, unter den Fenstern meiner Tochter ein Ständchen zu bringen? Verwegener, wie kann er es wagen? Ich werde meine Leibtrabanten holen, daß sie den Frevler arretieren. (Geht wieder hinein.) Kasperl (tritt hervor) . Holdselige Gestalt, neige dich herab! Beglücke mich durch deine Gegenwart! (Phantasiert wieder auf der Geige.) Herzog (tritt rasch, von zwei Trabanten begleitet, heraus) . Ha, verwegener, unverschämter Frevler! Packt ihn, Trabanten! ( Indem diese näher treten, geigt Kasperl stärker. ) Kasperl . Was, ihr wollt mich fangen? Warts nur a bißl; ich spiel' euch den »Hupfauf«. ( Der Mond tritt aus der Wolke. ) Herzog und die Trabanten (fangen zu tanzen an) . Herzog . Verfluchter Geiger! Trabanten packt ihn, packt ihn! Nehmt ihm die Geige! Holla, he! Trabanten . Wir können es nicht, es dreht uns im Wirbel! Heraus! Heraus! Trommelwirbel hinter der Szene. Es kommen andere Trabanten und Lakaien. Prinzessin Amalie und die Hofdame hüpfen aus dem Hause heraus. Alles tanzt wie besessen. Allgemeines Geschrei. Konfusion. Kasperl (immer heftiger geigend) . So tanzt nur und springt! Gute Nacht, gute Nacht! Läuft fort. Allmählich fallen alle ermattet zu Boden. Die Töne der Geige verhallen, der Mond verschwindet. ( Der Vorhang fällt. )   Vierter Aufzug Gerichtsstube. Justizmaier, Stadtrichter, Pfiffikus, Gerichtsschreiber. Justizmaier (blättert in Akten) . Aber Herr Gerichtsschreiber, warum das Protokoll nicht aufgenommen, Ruhestörung im Hofgarten Seiner Durchlaucht des Herzogs gestern abend betreffend! Pfiffikus . War noch niemand da von den Tumultuanten. Justizmaier . Warum haben Sie noch niemand zitiert? Pfiffikus . Es liegt nur eine Meldung vom Nachtwächter vor, der durchs Torgitter in den Hofgarten g'schaut hat. Justizmaier . Recherchieren, recherchieren! – Das wäre Ihre Sache gewesen. Pfiffikus . Der Nachtwächter hat sich den Fuß überstaucht und kann nicht aufs Gericht kommen. Justizmaier . Fiat Kommission extra muros, in loco Protokoll aufnehmen und so weiter. Lärm draußen; man hört Kasperls Stimme, der schreit und schimpft. Justizmaier . Was ist das für ein unanständiger Lärm? Sehen Sie nach, Pfiffikus. Pfiffikus (ab) . Justizmaier (allein) . Dieser Pfiffikus ist doch ein rechter Esel; ich kann ihn beinahe nicht brauchen. Wenn er nicht eine so schöne unorthographische Schrift hätte, so hätt' ich ihn längst entlassen. Er schreibt aber so deutlich, daß man's kaum lesen kann. Pfiffikus (wieder eintretend) . Zwei herzogliche Trabanten bringen den Kerl, der gestern nachts den Spektakel im Schloßgarten angefangen hat, damit ihn Herr Stadtrichter vernehmen und abstrafen kann. Justizmaier . Brav! Herein damit, das ist ein interessanter Fall. Ich hoffe, daß ein Reat von Majestätsbeleidigung dabei ist. Pfiffikus (öffnet die Türe) . Herein mit dem Arrestanten! Kasperl (höchst ungebärdig und unbändig, wird von zwei Trabanten hereingeführt) . Schlapperment! Das ist keine Manier, mich in aller Fruh aus'm Schlaf zu reißen und zu arretieren. Das laß' ich mir nit g'fallen. Ich bin der große Virtuos Spagatini. Das ist keine Behandlung für einen Künstler; Mordelement! (Schlägt furchtbar um sich.) Justizmaier . Ruhig, mein Herr! Benehmen Sie sich anständig vor der Behörde. Sie sind in einem Amtslokale. Kasperl . Ja, verdammts Lokale! Ich wär' lieber im Wirtshaus. – Wo ist meine Violin? Meine Violin will ich haben! Justizmaier . Lassen Sie die Violine beiseite. Wir haben andere Dinge zu verhandeln. Kasperl . Die Violin ist schon besaitet. Halten Sie 's Maul. Justizmaier . Wenn Sie sich nicht anständig und ruhig betragen, so werde ich Sie an diese Bank binden lassen. Kasperl . Was anbinden! Von solchen Verbindlichkeiten will ich nichts wissen. Ich bin schon ruhig und unanständig. Justizmaier . Gut also. Die Herren Trabanten können abtreten, bleiben aber draußen vor der Türe stehen, für den Fall, daß wir ihrer bedürfen. Trabanten (ab) . Justizmaier (zu Pfiffikus) . Setzen! Protokollkopf: Praesentes.  – Kasperl . Wenn ich ein Präsent krieg', werd ich mich ganz besonders ruhig verhalten. Justizmaier (zu Pfiffikus, der am Tische zu schreiben angefangen) . Haben Sie? Pfiffikus . Also! Ad Personalia! (Zu Kasperl.) Name? Kasperl . Also! (Ihn nachäffend) . Namen! Das heißt: wie ich heiß'? Justizmaier . Nun ja! Name, Stand, Geburt, woher, wohin und so weiter? Kasperl . Ich heiße Casperlino Berlicco Berlocco Violino Spagatini, Virtuosotaliano, Capellmeisterio, Ritter von der goldenen alten Leier, bin Kavalier und Baron auf Kunstreisen – – Justizmaier . Halt! Diktieren Sie dies dem Herrn Gerichtsschreiber langsam in die Feder. Kasperl . In die Feder sprizzieren? Das kann ich nicht. Justizmaier . Ich verbitte mir alle Scherze. Sie sind ein Unruhestifter, ein Tumultuant nach Meldung des Nachtwächters. Kasperl . Was? Ich hab' noch keine Stiftung gemacht und bin auch kein Skrupulant. Justizmaier (zu Pfiffikus) . Haben Sie das Bisherige zu Protokoll genommen? – Fertig? – Pfiffikus . J–a! Kasperl . Haben Sie denn ein' Esel zum Schreiber, weil der immer I–a, I–a sagt? Pfiffikus (springt auf) . Das verbitt ich mir! Das ist Amtsehrenbeleidigung. Justizmaier . Ruhig, meine Herren! Nehmen Sie 's nur ins Protokoll auf, Herr Gerichtsschreiber. Lärm draußen. Man hört den Juden Mauschl schreien: »Gerechtigkeit! Gerechtigkeit!« Justizmaier . Was gibt's da wieder? Heute ist doch der Teufel los! Mauschl (stürzt durch die Tür herein) . Gerechtigkeit! Gerechtigkeit, Herr Richter! Ich bin a ruinierter Mann! Gerechtigkeit! Ist mer geraubt worden all' mein Geld und mein Tasch' von rotem Leder! Hab' ich verloren mein' Kuh! Gerechtigkeit! Gerechtigkeit! Justizmaier . Verdammter Inzidenzfall! – Ei, das ist ja der Handelsjude Mauschl! Mauschl (Kasperl erblickend) . Gottes Wunder! Herr Richter, da ist auch der Dieb, da ist der Rauber, der Mörder! Da ist er. Gerechtigkeit des Himmels, du bist grauß und wunderbar! Justizmaier . Wie? Was? – Ich kenne mich gar nicht aus in der Sache. Pfiffikus, legen Sie ein zweites Protokoll an. Mauschl, erzähl' er seinen Vorgang. (Für sich.) Die Sache wird kompliziert. Mauschl . Will ich verzählen die Wahrheit, so mir Gott helf' – die reinste Wahrheit, was mir geschehen. Bin ich gegangen vorgestern auf der Straße nach Kerchberg, ist mir begegnet der Vikolinist do, hab' ich gehabt e Kuh am Strick, und hat mer gespielt der Vikolinist e Stück vom graußen Majer-Bär, und hat gespielt so schön und so lang, daß ich hab' tanzen und springen müssen, bis ich gefallen bin in die Ohnmacht. Justizmaier (zu Pfiffikus) . Haben Sie – »Ohnmacht«. Pfiffikus . »Ohnmacht« – J–a! Kasperl (nachäffend) . I–a! Justizmaier . Ruhig, Herr Malefikant! (Zu Mauschl.) Weiter! Mauschl . Und wie ich wieder erwacht bin geworden aus der Ohnmacht, da war weg meine schöne Kuh samt'n Strick, und war weg meine rote Tasch' und all' die schönen Toler und Gilden, die ich gehabt hab' in der Tasch' und des muß mer alles genommen haben der boshafte Vikolinist – denn er ist gewesen fort. Kasperl . Das ist alles verlogen. Der Jud' hat dem Stoffelbauer die Kuh g'stohlen, und da hab' ich ihm nur den »Hupfauf« aufg'spielt. Weiter weiß ich nix und hab' nix und will nix wissen. Justizmaier . Der Sache muß man auf den Grund kommen. Jedenfalls liegen Verdachtsgründe vor. Herr Gerichtsschreiber, lassen Sie den Inquisiten abführen und in Verwahrung bringen; der Jude kann, bis ich ihn wieder vorrufen lasse, einstweilen ins Wirtshaus gehen. Pfiffikus . J–a, sogleich. Kasperl . Warum lassen Sie nicht dem Juden zum Abführen eingeben und nicht mich ins Wirtshaus gehen? Justizmaier . Sie haben keine Bemerkungen zu machen. Fort! Pfiffikus (führt beide ab) . Kasperl (mit drohenden Gebärden gegen den Juden) . Justizmaier . Jetzt ist's Zeit, daß ich zum Frühschoppen gehe; meine Kollegen werden schon lange beisammen sein. Es ist erschrecklich, ein Beamter hat doch kaum einen freien Augenblick zur Erholung! (Ab.) Verwandlung Gemach im herzoglichen Schlosse. Herzog Richard tritt mit Hofmarschall Trüffel ein. Herzog . Also Spagatini ist vernommen worden und in Verwahrung gebracht? Trüffel . Allerdings, Euer Durchlaucht. Mittlerweile ist er noch als Dieb verdächtigt, einen Juden auf der Landstraße beraubt zu haben. Herzog . Schändlich! Solch ein musikalisches Genie und so schlechte Streiche. Trüffel . Das kommt bei Musikern bisweilen vor. Herzog . Gerne wollt' ich ihm die Extravaganzen von gestern abends verzeihen. So ein Phantasiegenie kann sich leicht begeistern; aber wenn sich der Raubanfall bestätigen sollte – kann ich freilich keine Begnadigung eintreten lassen. Jedenfalls werde ich, wenn die Akten geschlossen sind, meinen Staatsrat darüber vernehmen und will Spagatini selbst noch sprechen. Trüffel . Wenn der Vorfall sich bestätigt, wird Spagatini ohne Zweifel zum Tode verurteilt. Herzog (bewegt) . Armer Spagatini! – Ach, warum bin ich nicht darauf eingegangen, als die Kammer mir die Aufhebung der Todesstrafe vorgeschlagen? Trüffel . Solch ein Akt der Humanität wäre des edlen Herzens meines allergnädigsten Fürsten ganz und gar würdig gewesen. Herzog . Habe ich doch die Prügelstrafe in meiner Armee abgeschafft. – Und noch nicht genug! Trüffel . Der Grund lag vor, weil sich die Soldaten ohnedies schon genug im Wirtshause prügeln; warum noch eine Prügelstrafe dazu beibehalten? Herzog . Dies war auch das Motiv zur Genehmigung. Genug davon. Apropos! Was macht Prinzessin Amalie? Trüffel . Sie schlummert noch. Ihre Nerven scheinen beruhigt. Herzog . Sobald sie erwacht, soll sie sich auf mein Jagdschlößchen im Sauparke begeben und einige Tage dort zubringen. Die Waldluft wird ihre Nerven stärken. Besorgen Sie dies, lieber Baron. – Und Fräulein von Nelke? Was macht sie? Trüffel . Sie liegt fortwährend in Krämpfen und ist kaum zu beruhigen. Herzog . Das arme Kind! Ich hoffe, mein Leibarzt hat sie in Behandlung. Der wird schon helfen. Adieu! (Ab.) Hofmarschall Trüffel (allein, singt eine Arie) . ( Melodie: »In diesen heiligen Hallen« aus der »Zauberflöte«. )         Wie ist der Fürst so weise, So edel und so gut, In seines Hofes Kreise Ein jeder glücklich ruht. Gerecht und weise mit Verstand Regieret er das ganze Land. Und alle Untertanen Verehren, lieben ihn, Wie sie geliebt die Ahnen, Weil Segen sie verlieh'n. Wen solch' ein Herrscher nicht beglückt, Der wird durch gar nichts mehr entzückt. (Ab.) Verwandlung Platz in der Stadt. Stadtmauer, über welcher der Galgen sichtbar, der vor der Stadt errichtet ist. Fangauf, Schnapper, die rote Tasche des Juden umgehängt. Fangauf . Siehst du da draußen? Da steht er. Schnapper . Wer? Fangauf . Nu, mach' die Augen auf. Der Galgen. Schnapper . Hui, mich gruselt's! Fangauf . Ei was, gruseln! – Der Geiger wird gehenkt. Schnapper . Armer Teufel! Jetzt sag' mir einmal, wo die Gerechtigkeit auf Erden ist? Er wird gehenkt und wir haben den Juden bestohlen. Fangauf . Ende gut – alles gut! Wie oft hat nicht die Unschuld schon ins Gras beißen müssen für den Schuldigen. Schnapper . Das gehört zu den Geheimnissen des Weltganges. Darüber ziemt uns nicht zu grübeln. Fangauf . Nun ist nur die Frage, ob wir denn nicht schließlich auch baumeln müssen? Schnapper . Wenn's an der Zeit wäre! – Still! Da kommen Leute. Wenn der Spektakel losgeht, besuchen wir den Richtplatz; da lauft der Plebs zusammen, und unsre Finger können im Gedränge was zu tun kriegen. Fangauf . Recht so. Einstweilen hocken wir in die Kneipe da drüben und stärken uns mit einem Labetrunk. Schnapper . Können vielleicht auch was mitspazieren lassen. Der Wirt hat silberne Löffel. Beide (gehen ab) . Justizmaier, Pfiffikus, Kasperl, von zwei Trabanten geführt, treten ein. Justizmaier . Nun, Monsieur Spagatini, jetzt hat Er ausgegeigt. Das Urteil hat Er vernommen. Es geht an den Galgen. Schon ist das Volk auf der Richtstätte versammelt. Kasperl (der immer zittert und bebt und vor Angst stottert) . Ich bin u–u–u–unschuldig. Machen S' keine Spa–spa–spaß mit mir. Justizmaier . Die Justiz macht nie Spaß. Kasperl . Aber, aber, aber, aber – das ist wirklich kein Spaß – der Spaß. Justizmaier . Voller Ernst. Gerechtigkeit muß sein. Er hat den Juden beraubt – ergo muß er hängen nach Paragraph einhundertvierundachtzig. Kasperl . Ich weiß von kei'm Pararrakrapfen was. Pfiffikus . Ruhig! Still! –Soeben kommen Seine Durchlaucht selbst, um den Malefikanten noch zu besichtigen. Kasperl . Der Spalefikant braucht keine Beschwichtigung. Herzog Richard tritt auf, begleitet von Trüffel. Herzog . Wo ist der Verbrecher? Kasperl (fällt ihm zu Füßen) . Zu deinen Füßen! Herzog (erhaben und gerührt) . Spagatini! Spagatini! – Nie hätte ich solches von Ihnen erwartet. O wie konnten Sie sich so vergessen? Sie – dem die Götter solch einen Genius eingehaucht. Kasperl . O ich bin nicht versessen und habe den Fuß nicht überstaucht. Gnade! Gnade! Herzog . Wie? Ich sollte einen Verbrecher begnadigen? – Nimmermehr! Es bricht mir zwar das Herz, aber – Kasperl . O! es braucht Ihnen nichts zu brechen, aber eine Gnade können S'mir noch gewähren. (Für sich) Wenn er mir's Geigen erlaubt – rettet mich mein »Hupfauf«. Herzog . Und welche Gnade verlangen Sie? Kasperl (ungeheuer pathetisch) . Wenn ich denn meinem verbröcherischen Ende entgögen gehen muß, – obgloich unschuldig – ha! – so wendet sich der Künstler an die Großmut der Gnade oder an die Gnade der Großmut! Noch einmal, vor ich störben muß, lassen Sie mich in die Saiten greifen! Herzog (geht nachdenkend auf und ab, um sich zu besinnen) . Was dem Verbrecher nicht gestattet ist – das sei dem scheidenden Künstler erlaubt. Es sei! Spielen Sie Ihren Schwanengesang. Kasperl . Ha! ha! – Komme denn, Freundin! Traute, Holde, die du moin Löben versüßt hast! Nach einer kurzen Kadenz spielt er den »Hupfauf«. Alle fangen an zu tanzen und singen »Trallala, trallala, trallala!« Nach und nach füllt sich die Bühne, indem die Prinzessin, die Hofdame, Mauschl, Stoffelbauer, die beiden Räuber aus den Kulissen heraustanzen. Alles singt »Trallala«. Ungeheueres Durcheinander. Donnerschlag. Die Bühne wird ganz dunkel, währenddem alle Personen bis auf Kasperl von der Bühne verschwinden; plötzlich von rotem Schimmer beleuchtet und in Wolken gehüllt erscheint Cuprus mit Gretl. Kasperl ist umgefallen. Cuprus . Das Stück dauert mir schon zu lang. Ich habe längst auf die letzte Szene gewartet. Ich bin der Deus ex machina. Kasperl! Kasperl! Kasperl! Ich habe dich für deine drei Kupferkreuzer belohnt nach deinem eigenen Wunsche, dessen Erfüllung ich versprochen hatte. Aber die Uhr deines Künstlerlebens ist abgelaufen. Die Zaubervioline ist in deinen ordinären Händen zur gewöhnlichen Geige geworden. Falle zurück aus dem idealen Kunsthimmel auf die materielle Erde! Hier nimm deine Margareta. Kasperl (auf die Knie fallend) . Also werd' ich nicht gehenkt? Cuprus . Nein! Umarmt euch und seid glücklich! Gretl . Mein Kasperl, nun bist du mein! Kasperl . Ja, Gretl, jetzt bin ich dein! Cuprus (bei leisem Donner, höchst erhaben) . »Alles Vergängliche Ist nur ein Gleichnis. Das Unzulängliche, Hier wird's Ereignis; Das Unbeschreibliche, Hier ist's getan! Das Ewigweibliche Zieht uns hinan!« Verklärung. ( Der Vorhang fällt langsam. ) Kasperl als Prinz Moralische Komödie in drei Aufzügen (1869) Personen         Prinz Alfred von Edelfels , dessen Hofkavalier Kasperl Larifari Gretl , seine Frau Mufti , Leibmohr des Prinzen Hoflakaien   Erster Aufzug Zimmer in Kasperls Wohnung. Nacht. Ein Licht auf dem Tisch. Bettlade in. Hintergrunde. ( Frau Gretl sitzt am Tisch und strickt. Die Wanduhr schlägt acht Uhr. ) Gretl . So, jetzt schlägt's schon acht Uhr und er ist noch nicht zu Haus. Seit mittags zwölf Uhr ist er fort. Und wohin? Zu einem G'schäft hat er g'sagt. Ja, das wird wieder a Geschäft sein: im Wirtshaus! Es ist ein wahres Kreuz mit dem Mann. Das bißl Vermögen, das ich in die Ehe gebracht hab', wird bald durchgebracht sein, denn die Zinsen, von denen wir leben, die langen bei der Wirtschaft schon lang nimmer. Alles wird vertrunken! Und ich kann ihm doch nit feind sein; denn er ist halt mein guter Kasperl. Aber ein Lump ist er auch. Was wird's heut wieder sein? Mit einem Rausch kommt er nach Haus; den schlaft er bis morgen aus und nachher geht's wieder von vorn an. (Man hört den Regen stark an die Fenster schlagen.) Das is aber a Wetter! Parapluie hat er auch keins bei sich, da kommt er tropfnaß heim und legt sich wie a taufte Maus ins Bett. (Es schellt an der Hausglocke.) Ach, das wird er sein! Gottlob, amal! (öffnet das Fenster und schaut hinaus. Ruft hinab.) Bist du's, Kasperl? Stimme (von unten) . Bitte, lassen Sie uns ein! Gretl . Wer sind denn die Herren? Stimme . Machen Sie nur auf; es regnet fürchterlich! Nur ein Viertelstündchen Unterstand, bis der Wagen kommt. Gretl (für sich) . Das scheinen mir ganz respektable Herren zu sein. Ich mach' auf. (Ruft hinab.) Gleich, gleich werd' ich aufmachen. (Nimmt den Leuchter und geht hinaus; tritt bald darauf mit dem Prinzen Alfred und Adjutanten von Edelfels ein.) ( Prinz Alfred, Edelfels und Gretl. ) Prinz (im Eintreten) . Verzeihen Sie, liebe Frau, daß wir Sie so spät am Tage stören. Allein, es hat uns beim Spaziergang der Regen überrascht. Gestatten Sie, daß wir den Wagen hier abwarten, nach dem ich geschickt habe. Gretl . Ich bitte recht sehr; freut mich, wenn ich dienen kann. Edelfels . Seine Durchlaucht – Prinz (ihn unterbrechend) . Still! Ich will incognito bleiben. Ich heiße Müller, ein fremder Passagier. Edelfels . Zu Befehl. (Laut.) Ja, wir sind fremd und haben uns auf dem Gange zur Stolzenburg verspätet. Mittlerweile kam das Gewitter – – Prinz . Und wir haben unsern Lohndiener von hier aus in den Gasthof geschickt, einen Wagen zu holen. Gretl . Machen sich's die Herren nur bequem einstweilen. Wir wohnen halt ein bißl weit von der Stadt, weil das Logis wohlfeiler ist. Prinz . Bei wem habe ich das Vergnügen, Unterkunft zu finden? Gretl . Mein Mann ist Privatier und heißt Herr von Larifari. Wir leben recht einfach von unsern geringen Prozenten. Prinz . Also verheiratet? Und Ihr Mann? Gretl . Ja, mein Mann – mein Mann ist ein ganz guter Kerl, aber einen kleinen Fehler hat er, daß er etwas gern im Wirtshaus sitzen bleibt. Prinz . Nun, diesen Fehler findet man bei Männern nicht selten. Gretl . Das wär' schon recht, aber bisweilen und – und das ist auch nicht selten – kommt er etwas betrunken nach Haus. Prinz . Das ist allerdings eine üble Gewohnheit. Gretl . Ja, und ich hab' schon alles probiert, ihn auf einen besseren Weg zu bringen, aber es nutzt nichts, und endlich vertut er unser ganzes Sach und wir haben nichts mehr – – (Kasperl unten jodelt und schreit.) Hören S'ihn? Jetzt kommt er wieder betrunken nach Haus! Das ist a Schand für mich. Prinz . Da tut es mir leid, daß wir hier stören. Edelfels . Könnten wir nicht einstweilen ins Nebenzimmer gehen, bis die Equipage kommt? Gretl . Wenn Sie in dem kleinen Kammerl da drin vorlieb nehmen wollen, wär's mir freilich recht angenehm. Prinz . Gut, gehen wir hinein. ( Gretl zündet eine zweite Kerze an und führt sie durch die Seitentüre. ) Kasperl (unten) . Aufmachen, aufmachen! Schlipperment! Gretl, rühr' dich! Gretl . O, du liederlicher Bursch! Der hat richtig sein Teil! (Geht hinaus.) Prinz (durch die halbgeöffnete Seitentüre) . Edelfels, wir wollen ein bißchen lauschen! Das gibt vielleicht einen Höllenspaß! ( Gretl tritt mit dem betrunkenen Kasperl ein, der hin und her taumelt. ) Kasperl . Schlipperdibix! Was hast mich a ganze Halbviertelstund da unten im Regen stehn lassen! Gretl . Ja, ganz hätt' ich dich drunten stehn lassen sollen, damit dich der Regen a bißl abgekühlt hätt', du liederliches Tuch. Kasperl . Was? Ich bin kein Tuch! Ich bin der Kasperl, was Tuch!? (Fällt auf den Boden.) Gretl . Da siehst es! Nicht amal stehn kannst mehr! Kasperl . Deswegen setz' ich mich nieder. Gretl . Wo bist denn wieder g'steckt den ganzen Tag? Kasperl . G'steckt? – G'steckt bin ich nirgends. Ich hab' wieder wichtige Geschäft gehabt. Also ruhig! Gretl . Ja – ich soll ruhig sein bei dem Schandleben. Immer besoffen! Kasperl . G'loffen bin ich aber net, ich bin ganz langsam und kommod herg'wackelt. Gretl . A Schand und a Spott ist's! (Für sich) Nein, die Verlegenheit! wenn wir nur allein wären! Ich muß nur trachten, daß ich'n ins Bett bring'. (Zu Kasperl.) Jetzt steh auf und leg' dich nieder! Kasperl (Will aufstehn. fällt aber wieder hin.) So, jetzt bin ich aufg'standen und hab' mich gleich wieder niedergelegt! (Jodelt und singt.) Gretl . Laß dir nur helfen. (Hilft ihm.) Kasperl . So – jetzt steh' ich kerzengrad' wie der Frauenturm. Gretl . Leg' dich ins Bett und schlaf', das ist das Gescheitste. Kasperl . Was? Schaf? – Das ist eine Beleidigung – – gung – gung! – Ich will Ruh' haben. Gretl . No ja, 's ist schon recht. Komm, komm, leg' dich. (Führt ihn zum Bette.) Kasperl . Wenn sich der Mensch den ganzen Tag plagt, so ist's billig und gerecht, daß er von seine Fatiken ausrast'. (Plumpst aufs Bett.) Gretl (legt seine Beine zurecht) . So, Scharmanterl, jetzt schlaf. Kasperl (lallend) . Ich hab' kein Manterl; nix Manterl; ich hab' – nur a G'wanderl. (Schläft schnarchend ein.) Gretl . Gottlob, jetzt schläft er ein. Ich will'n nur zudecken, damit ihn die Herren nit sehen. (Deckt ihn zu.) ( Prinz und Edelfels treten aus der Seitentüre. ) Prinz (lachend) Das war göttlich! Gretl . Ich bitt' halt um Verzeihung; aber seh'n Sie, meine Herren; so ist er! Und das beinah alle Tag'. Prinz . Wenn Sie mir das Vertrauen schenken, so möchte ich eine Kur mit Ihrem Herrn Gemahl vornehmen.. Gretl . Eine Kur? Sind Sie denn ein Doktor? Prinz . So halb und halb. Ich habe schon vielen Leuten von ihren Uebeln geholfen. Trinker habe ich schon in zwölf Stunden geheilt. (Zu Edelfels.) Nicht wahr, mein Freund? Edelfels . Allerdings. Ich kann es bezeugen. Gretl . Ja, das wär' ja prächtig, wenn Sie meinen Mann kurieren könnten! (Ans Fenster eilend.) Da hör' ich was rumpeln; ich glaub', es kommt Ihr Wagen, meine Herren. Prinz (beiseite zu Edelfels) . Schnell hinab! Instruieren Sie meine Lakaien. Ich laß den Burschen in die Residenz tragen. Edelfels . Aber Durchlaucht! Prinz . Das gibt eine Komödie zum Totlachen. Nur fort! Edelfels . Gut, mein Prinz; wie Sie befehlen. (Ab durch die Mitteltür.) Prinz . Nun, gute Frau, vertrauen Sie mir. Ich nehme den Herrn Larifari – nicht wahr, so heißt Ihr Mann? – ich nehme den Herrn Larifari diese Nacht zu mir in den Gasthof; ein kleines Mittel – und er ist geheilt l Gretl . Nein, das leid' ich nicht! Wer weiß, was ihm geschieht? Prinz . Nichts geschieht ihm! Hier – (legt eine volle Börse auf den Tisch) hier haben Sie den Beweis, daß ich kein Betrüger bin. Vierzig Gulden als Pfand. Gretl . Ja, wenn das so ist, da nehmen's 'n nur gleich mit. Prinz . Die kleine Summe gehört Ihnen als Quartiergeld. Gretl . Aber nein, das kann ich nicht annehmen, Exzellenz! Sie haben mir ja gar keine Ungelegenheit gemacht; war mir die größte Ehre – Prinz . Gut, gut! ( Edelfels mit zwei Lakaien tritt ein. ) Edelfels . Dort liegt er, also rasch ans Werk! ( Die Lakaien heben Kasperl, der zeitweise immer geschnarcht und gestöhnt hat, aus dem Bette und tragen ihn hinaus. ) Prinz . Nun, gute Nacht, Madame. Wir wohnen in der »Goldenen Krone«. Morgen früh sollen Sie Nachricht vom Herrn Gemahl erhalten. Gretl . Da wird er aber die Augen aufmachen, wenn er nicht zu Hause aufwacht; denn der schlaft so fest bis morgen früh, daß ihn kein Kanonenschuß aufweckt! Aber ich bitt', daß ihm nichts g'schieht! Prinz . Auf mein Wort – nur Angenehmes soll ihm zuteil werden. Adieu! (Geht mit Edelfels ab.) Gretl (allein) . Jetzt hab'n 's mein' Kasperl fort! – Hätt' ich's denn erlauben sollen? Der Beutel mit den vierzig Gulden hat mich ganz konfus gemacht. – Nein, nein, ich leid's nicht. Halt, halt! (Man hört den Wagen fortrollen. Zum Fenster hinausrufend.) Halt, halt, mein Kasperl, mein Kasperl! – ( Unterdessen fällt rasch der Vorhang. )   Zweiter Aufzug Zimmer in der Residenz des Prinzen, prachtvoll möbliert. An der Rückwand eine Himmelbettstatt mit seidenen Vorhängen, welche geschlossen sind. Vorne ein großer Ankleidespiegel. Es ist Morgen. Eine spanische Wand muß auch angebracht sein. ( Prinz, Edelfels treten von zwei Seiten ein. ) Prinz . Pst! Pst! – Daß wir ihn nicht wecken! Er scheint noch fest zu schlafen. Edelfels (sieht durch die Vorhänge ins Bett, in dem Kasperl liegt) . Wie ein Sack! Prinz . Wieviel Uhr mag es sein? Edelfels . Es hat eben zehn Uhr geschlagen. Prinz . Schläft der Bursch also vierzehn Stunden ununterbrochen. Edelfels . Allerdings, Durchlaucht; denn ungefähr nach acht Uhr gestern ward er hierhergebracht. Ich denke aber, daß er bald erwachen wird. Prinz . Haben Sie alles angeordnet, wie ich es befohlen? Edelfels . Alles ist in Ordnung. Prinz . Das wird ein toller Spaß. Aber auf die Kur halte ich nicht viel. Mein Kammerdiener hat mir heute, als er das Dejeuner brachte, erzählt, daß der Patient der bekannte Kasperl ist. Der ist wohl unheilbar, denn essen und trinken sind seine Hauptbeschäftigung, und überall amüsiert er durch seine lustigen Streiche. Doch still! Hinter der Gardine scheint sich etwas zu bewegen. Treten wir beiseite. (Beide treten hinter die Tapetenwand.) Kasperl (im Bett aufwachend, gähnt auf alle Arten) . Gretl! – Mein Kaffee! – (Guckt zwischen den Bettvorhängen heraus. Höchst verdutzt – stotternd.) Gretl! – Ja – was ist denn das? Träum' ich oder bin ich wach? – Schlipperdibix! – Gretl (Kasperl hat eine große Nachtmütze auf und einen prachtvollen Schlafrock an. Springt aus dem Bett.) Ich bin ja wach! Nein – das ist ja nit möglich! Ich weiß gar nit, wie mir ist. (Betrachtet alles im Zimmer.) Das Bett – das Zimmer! Bin ich närrisch worden? Hab' ich mein' Verstand verloren? – Mir wird ganz angst und bang! – Gretl! Gretl! ( Ein Hoflakai tritt ein. ) Lakai . Was befehlen Euer Durchlaucht? Kasperl . Wa – wa – was? (Bemerkt auch im Spiegel, daß er einen schönen Schlafrock an hat.) Das ist eine infame Zauberei! Ich bin verhext. Lakai . Euer Durchlaucht entschuldigen, haben vielleicht noch nicht auszuruhen geruht? Kasperl . Und wer ist denn Er? Bin ich denn im Narrenhaus? Lakai . Euer Durchlaucht scheinen nicht gut geschlafen zu haben, weil Sie so aufgeregt sind. Darf ich das Frühstück bringen? Kasperl . A Fruhstuck? – Das laß ich mir g'fallen. Jetzt werd' ich gleich sehen, was das eigentlich für a G'schicht mit mir ist. Entweder träum' ich – oder wach' ich. Jetzt muß sich's zeigen. Also her mit'm Fruhstuck. Aber a gut's! – (Lakai unter Reverenzen ab.) (Kasperl wirft sich in einen Stuhl.) Ich weiß net, wo mir der Kopf steht! Sollte ich wirklich meinen Verstand verloren haben? (Hochtrabend.) Sullte ich in das feenhafte Reich des Zauberlandes der höheren Phantasie entrückt soin, wo einem die gebrutenen Tauben in das Maul fliegen? Sollte ich auf dem Standpunkt der materiellen Errungenschaften angelangt soin, wo der Mensch als Mensch in höherer Bedoitung – – (Der Lakai mit einem zweiten Hoflakai rückt einen gedeckten Tisch herein, Kaffeegeschirr darauf usw.) Halt – boinah hätt' mich meine Phantosie hingerissen! – Da is das Fruhstuck! (Stürzt daraufhin.) Schlupperdibux! Das laß ich mir g'fall'n! (Zum Lakai.) Sie, bordiertes Mannsbild! Haben Sie doch die Gefälligkeit und nehmen Sie mich bei der Nasen – Lakai . Oh, ich bitte! wie könnte ich so etwas wagen? Kasperl . Bei meiner Nasen – Lakai . Wenn Durchlaucht befehlen. Kasperl . Was haben denn Sie alleweil mit der »Durchlauft«? Ich bin der Kasperl Larifari und kein Durchlauft! – Also bei der Nasen! (Lakai nimmt ihn bei der Nase.) Kasperl . So, jetzt zwicken S' mich a bißl. Au, g'nug ist's! – Ich scheine nicht zu träumen; denn ich hab's gespürt. Also marsch naus! Jetzt will ich allein die Prob' mit dem Fruhstuck anstellen. (Lakaien ab. Kasperl setzt sich.) Brav! Das ist a Kaffee, und da sind d' Brezen und Eierweckerln. Und a Schnaps! Juhe! Die Hexerei laß ich mir g'fall'n! – – Edelfels (tritt unter Verbeugungen ein) . Euer Durchlaucht alleruntertänigster Hofmarschall hat die Ehre, sich gehorsamst zu melden. Kasperl . Schon wieder was Neu's! Nach und nach g'fallt's mir in der Zauberei. Edelfels . Die Prinzessin Gemahlin lassen guten Morgen wünschen und werden das Vergnügen haben, bald herüberzukommen, um bei Euer Durchlaucht ihr Dejeuner einzunehmen. Kasperl . Was? Prinzessin Gemahlin? Einnehmen? – Sie sind ja a Narr, mit Respekt zu melden. Edelfels . Durchlaucht belieben zu scherzen. Kasperl . Ich schmerze nicht. Aber jetzt sagen Sie mir a mal, wenn Sie wirklich eine Art menschlicher Figur und kein maskierter Zauberer sind: Ich kenn' mich nimmer aus. Sagen Sie mir deutlich: Wo bin ich? Wer bin ich? Was bin ich? Wie bin ich? Warum bin ich? Kurz und gut! – – Edelfels . Hochdieselben sind ganz besonderer Laune heute! Sollte Prinz Schnudi sich selbst vergessen haben und auch hochdero Gemahlin Amalie? Kasperl . Prinz Schnudi? – Prinzessin Amalie? – Sagen Sie mir, ist diese Amalie hübsch? – Nun – (stolz) weil ich der Prinz Schnudi bin, so befehle ich, daß mir diese Amalie vorgeführt werde! Edelfels . Allsogleich werde ich es der Prinzessin melden. (Ab.) Kasperl . Jetzt hört alles auf! Ich halt's net aus! Ich verlier' meinen Verstand, wenn ich noch eine Portion hab'! – Aber das Fruhstuck, das Fruhstuck, der Kaffee, der Schnaps! – Ich verweiß mich gar nimmer! Juhe! Juhe! Jetzt muß ich mich erst wieder a bißl ins Bett legen. (Springt mit beiden Füßen ins Bett und zieht die Vorhänge zu.) ( Prinz tritt hinter der Wand hervor, Edelfels zur Türe herein. ) Prinz (leise zu Edelfels) Er liegt im Bett. Spielen Sie Ihre Rolle fort. Ich bin der Hofleibarzt. Edelfels . Ich verstehe. (Laut.) Guten Morgen, Herr Leibarzt. Prinz . Ebenfalls, Herr Hofmarschall. Seine Durchlaucht sind doch nicht unwohl? Ich wollte eben nachfragen, weil der Prinz sein Gemach noch nicht verlassen haben. ( Kasperl guckt zwischen den Gardinen heraus. ) Edelfels . O nein. Der Prinz hat mit gutem Appetit gefrühstückt. Prinz . Vielleicht sind derselbe zur Prinzessin hinübergegangen. Edelfels . Erlauben Sie mir eine ernste Frage, Herr Leibarzt. Prinz . Ich stehe zu Befehl. Edelfels . Was halten Sie von der Lebensweise des Prinzen? Prinz . Einfach beantwortet: Wenn der Prinz sich so fort und fort dem Trunke ergibt, so können wir ihn eines Morgens vom Schlag getroffen als Leiche im Bett finden. Kasperl (springt aus dem Bett) . Schlipperment! Das wär nit übel. Ich bin ja der versoffene Prinz Schnudi nicht, ich bin der Kasperl Larifari. Prinz . Gott im Himmel! Verzeih'n Durchlaucht! Wir glaubten uns allein. Diese Bemerkung – – Kasperl . Verbitt' ich mir! Marsch hinaus! Ich brauch' kein' Leibarzt, der mir mein' Spaß verdirbt! Naus da, oder ich schlag' drein! Gleich will ich was z'essen haben: zwölf Paar Bratwürst und sechs Maß Bier und a paar Flaschen Wein und an Schweinsbraten und an Salat mit harte Eier! Edelfels . Entschuldigen Hochdieselben; der Herr Leibarzt haben die besten Absichten. Kasperl . Nix da. Naus alle zwei und was zum Essen und Trinken! Das ging mir auch noch ab. (Läuft im Zimmer wütend auf und ab.) Fort da! Naus! ( Prinz und Edelfels ab. ) Kasperl (allein) . Jetzt bin ich aber ganz kaput, vor lauter Zorn. Was, Schlag treffen! Meinetwegen, aber das wär' kein G'spaß, wenn mich der Schlag für den versoffenen Prinzen träf'. Schlipperment! Ich bin ja der Kasperl! – Aber, wie komm ich da herein. Das ist ganz an anders Loschi. Alles von Gold! A prächtige Zipfelkappen. A g'stickter Schlafrock. A silberns Kaffeeg'schirr. Ich kenn' mich net aus, bin ich wirklich der Prinz Schnudi oder bin ich der Kasperl, der in den Prinzen neing'fahren ist, oder ist der Prinz in mich neing'fahren? Das wär' a verteufelte Seelenwanderung. Krieg ich Prügel, so kriegt's der Prinz Schnudi auch, und trifft den Prinzen der Verschlag, so bin ich tot. Vermaledeite Komödie! ( Zwei Lakaien schieben einen Tisch herein mit Bratwürsten, Bier Krügen usw. ) Bravo! Bravo! Nur her damit! Lakai . Die Prinzessin Amalie wird augenblicklich hier sein. Kasperl . Was? Die soll nur a bißl draußen warten, bis ich 'gessen und 'trunken hab'. Nachher kann's aufmarschieren. Lakai . Die Durchlauchtigste kann es aber nicht erwarten, Hochdieselben an ihr Herz zu drücken. Kasperl . Diese gewünschte Druckerei kann später auch vor sich gehen. ( Die Lakaien entfernen sich, zugleich stürzt der Leibmohr Mufti, in lächerlichem Damenkostüm, einen Schleier vor dem Gesicht, herein. ) Mufti . Wie, mein Gemahl will mich nicht hereinlassen? Treuloser, Herzloser, Elender! Ist das deine Liebe? Kasperl . Oho, was ist denn das für eine Ueberraschung? Verschleierte Schönheit, sind Sie meine Gemahlin? Mufti . Schändlich, du kennst mich nicht? Kasperl (tragisch) . Ich habe schon eine Gattin und hab' an der genug. Warum noch eine zwoite? Ha! Und warum, Amalie, bist du verschloiert? Ha! Mufti . Die Luft schadet meinem Teint; das weißt du ja, Geliebter. Kasperl (wird zärtlich) . Oh, so entschloiere dich, Gelübteste, damit ich deine holde Physiognomie erblücken kann. (Für sich) Jedenfalls ist sie besser gewachsen, als meine Gretl. Schlipperment! Mufti . Oh, dringe nicht in mich, daß ich meinen Schleier lüfte. Kasperl . Warum willst du deine Lüfte nicht schleiern? Ha, ich liebe dich, Amalie. (Kniet vor Mufti hin.) Mufti . Nun, es sei! (entschleiert sich.) Kasperl . Pfui Teufel! (Springt auf.) Mufti (fährt auf Kasper los) . Prrr! Prrr! Ja, ich bin der Teufel, der dich holen will. Kasperl . Auweh, auweh! Der Teufel! Aber wart', ich komm' dir schon! ( Stößt mit dem Fuße auf Mufti. Rauferei; Geschrei, sie verfolgen sich; endlich fährt Kasperl ins Bett hinein und Mufti springt zur Tür hinaus. Nach einer kleinen Pause guckt Kasperl zwischen den Bettvorhängen heraus. ) Kasperl . Schlipperment! Ist der Teufel noch da? – – Ich glaub', er ist verschwunden. – Aber mir ist der Appetit vergangen. Nein, mir ist miserabel. Heda, rein da! Allo! ( Ein Lakai. ) Lakai . Was befehlen Durchlaucht? Kasperl . Den Doktor will ich haben. Augenblicklich den Doktor! Mir ist miserabel. Lakai . Sogleich. (Ab.) Kasperl . Nein, das ist kein G'spaß. Da sieht man's, daß die ganze G'schicht nur eine vermaledeite Hexerei ist. ( Prinz Alfred tritt ein mit einem ungeheuren Medizinglas. ) Prinz . Euer Durchlaucht sind unwohl geworden; ich habe daher gleich eine kleine Mixtur mitgebracht. Kasperl (an das Bett gelehnt) Ja, da soll einer net krank werden, wenn ihn der Teufel holen will. Prinz . Wie so, mein Prinz? Sie scheinen mir an Fieberphantasien oder an Kongestionen zu leiden. Kasperl . Möglich, daß 's Kompressionen sind; mir ist aber eigentlich die Angst in den Bauch gefahren. Auweh, zwickt's! Prinz . Gut, ich werde – – Kasperl . Nein, nicht gut, Sie werden nicht . Prinz . Ich werde Ihnen ein süßes Medikament eingeben, dann wird ein gelinder Schlummer mit Transspiration eintreten und bei Hochdero Erwachen werden Sie sich ganz im vorigen Zustande befinden. Kasperl . Sie werden mir also einen süßen Malefikanten eingöben, dann wird ein geschwinder Kummer mit Manzipation eintröten – aber, ich bitt' mir aus, daß 's a gutes Trankl ist. Prinz . Ein vortreffliches Fluidum. Kasperl . Was, Pfuidum? – Wär' nit übel! No, also her damit! (Legt sich ins Bett.) ( Der Prinz schüttet ihm die Medizin nach komischen Gestikulationen und Widerstreben ein. ) Kasperl . Ah! Ah! – Das war ja so eine Art von Likör, so a Magenbitter oder Hoffmannische Tropfen. – Ah, das war gut! – Prächtig! Nun – Herr Doktor – das – war – – – (Schläft allmählich ein.) Prinz . Der Trank hat gut gewirkt – ein unschuldiges Narkotikum. (Leise zur Tür hinaussprechend.) Edelfels, kommen Sie! Edelfels (tritt ein.) Hat die Medizin schon gewirkt? Prinz . Er schläft fest. ( Kasperl schnarcht und schmatzt im Schlafe. ) Edelfels . Vortrefflich! Prinz . Nun, gute Nacht, Monsieur Kasperl. ( Beide gehen lachend ab. ) ( Der Vorhang fällt. )   Dritter Aufzug Kasperls Wohnung. Kasperl liegt in seiner alten Kleidung und Mütze im Bett. ( Edelfels erscheint vorsichtig umschauend an der Türe. Später Gretl. ) Edelfels (mit unterdrückter Stimme) . Madame Larifari! – Pst! Pst! Gretl (aus der Seitentüre eintretend) . Er schläft noch fest. Wollen Sie nur hereintreten. Edelfels . Das war wirklich ein Spaß, wie sich Ihr Herr Gemahl als Prinz ausgenommen hat. Gretl . Ja, ich weiß es. Die Lakaien, die ihn gestern Abend wieder ins Haus gebracht, haben mir alles genau erzählt. Er hat aber keinen Muckser getan die ganze Nacht. Edelfels . Ich glaub' es gern. Ein unschuldiger Schlaftrunk mußte zur Vollendung des Scherzes das Seinige tun. Nun aber ist die Sache noch nicht aus. Lassen Sie mich mit Herrn Kasperl noch allein, bis ich Sie wieder hereinrufe. Gretl . Wie Sie befehlen. (Ab.) Edelfels (allein) . Nun, weil's der gute Prinz befohlen hat, will ich den Spaß noch zum Ende führen. Hoffentlich wacht Kasperl bald auf. Also zur Sache. (Durch die Mitteltüre ab.) Kasperl (gähnt im Bett, macht verschiedene komische Belegungen usw.) . Oh, das war ein guter Schlaf. (Ruft.) Mein Fruhstuck. Wie gestern, aber heut' will ich auch Knödel und Sauerkraut zum Kaffee. (Setzt sich im Bett auf.) Oho! Was ist denn das? Schlipperdibix! Heda! Wo sind denn mein' bordierten Hoflackeln? Hofmarschall! Schlipperment! (Setze sich, daß die Beine übers Bett herunterhängen.) Ja, wie komm' ich mir denn vor? Hat mich der Teufel, von dem ich geträumt hab', wirklich geholt? Wo sind denn die seidenen Vorhäng' und mein goldener Schlafrock? Des ist ja eine miserable Wirtschaft! ( Edelfels, als Zauberer verkleidet, Maske vor dem Gesicht, tritt ein. Mit verstellter Stimme. ) Edelfels . Ja, mein Prinz, das sind die Folgen Ihrer Lebensweise! Ein mächtiger Zauberer hat Sie aus Ihrem Palaste in diese Hütte gebannt und in die schlichte Hülle eines dummen Kerls verwandelt. Kasperl . Oho! Was sind denn Sie für a grober Patron? Was, dummer Kerl? Was, Zauberei? Ich bin der Prinz Schnudi! Edelfels . Allerdings sind Sie es; aber Ihr liederlicher Lebenswandel, Ihre Trunksucht, Ihre Freßlust mußte bestraft werden. Ich bin der Zauberer Artaxerxes Strobelmajer, der Sie in den Kasperl Larifari verwandelt hat, bis Sie Ihr Leben gebessert haben. Dann erst werden Sie wieder wirklicher Prinz von fürstlichem Geblüt. Kasperl . Ich bitt' Ihnen! Schwatzen S' kein so Zeug daher. Was wollen's dann jetzt derweil mit mei'm fürstlichen Geblüt anfangen? Hab'n Sie's in ein' Flaschl aufg'hoben und schütten's mir's nachher wieder ein? Die Dummheiten leid' ich net. Und wie kann man als ein Zauberer so en Namen haben wie Sie? Wie heißen S'? Sagen Sie's noch a mal. Edelfels . Artaxerxes Strobelmajer ist mein Name. Kasperl . Pfui Teufel! – Strobelmajer! Lass'n S' mich aus. Das sind Faxen. Mein Frühstück will ich haben. Edelfels . Einerlei, wie ich heiße. Sie werden sich in Ihr Geschick zu fügen wissen! (feierlich) Bessere dich, edler Prinz! Lebe mäßig, einfach, bescheiden. Liebe deine Gattin und so weiter – dann wirst du in deinen vorigen Glanz wieder eingehen. (Verschwindet durch die Tür.) Kasperl (ihn nachäffend) . Dann wirst du deinen vorigen Tanz wieder einsehen – dummer Kerl! Das ist g'scheit, daß d' naus bist, sonst hätt' ich dir 'n Weg gezeigt. – Aber, schlipperdibix – als Prinz Schnudi kommt's mir doch vor, als wär' ich bei mir z' Haus. Bei mir z' Haus? Ja, wo bin ich denn eigentlich z' Haus? Hat mir träumt, daß ich der Prinz bin oder hat 'n Prinzen träumt, daß er der Kasperl ist? Ich könnt ja ganz konfus werden. Heda, wo ist denn so a Lackl, daß er mich wieder in die Nasen zwickt, um mich von meiner wirklichen Leibhaftigkeit zu überzeugen? Aber Nasen ist Nasen . Also weiß ich doch wieder nicht, wem die Nasen g'hört, dem Prinzen Schnudi oder dem Kasperl Larifari? (Hochtrabend.) Oh, ihr himmlischen Mächte, rettet mich aus diesen Zweifeln – und an Hunger und an Durst hab' ich zum Sterben. Ich will's a mal probieren und das Schicksal prüfen. (Ruft.) Gretl! Gretl! Gretl (tritt ein von der Seitentüre) . Nun, guten Morgen, mein lieber Kasperl! Aber du hast g'schlafen! Ich hab' gemeint, du wachst nimmer auf oder 's hätt' dich gar der Schlag troffen, weilst gestern wieder mit einem Rausch nach Haus kommen bist. Kasperl (vornehm und im affektierten Hochdeutsch) . Was schwätzen Sie da, Madame? Ich verbutte mir alle An- und Abzüglichkeiten. Man traktiere mich mit Respekt und Zonör, wie man es einer vornöhmen Purson von dürstlichem Geblute scholdig ist. Verstöhn Sie mich? Gretl . Wie man einem Narren , wie du bist, schuldig ist. Ja, schämen sollst du dich; das wär' g'scheiter! Kasperl . Ja. allerdings, schämen soll ich mich, in dieser niedrigen Figur bei Ihnen, Madame, die Zeit meiner Verzauberung zubringen zu müssen. Gretl . Jetzt sei still mit dem G'schwätz und trink' deine Milch zum Frühstück, die schon lang auf'm Tisch steht. Kasperl (schlägt den Milchtopf über den Tisch hinunter) . Was, Milch? – Ha! Verzweiflung! Besinnung! Elend und Not! Ach, ich armer Prinz! Ich armes Mitglied eines dürstlichen Hauses! – Da steckt gewiß wieder der Bismarck dahinter. Gretl . Ich bitt' dich um alles in der Welt: werd' mir nit närrisch; du hast wirklich alle Anlagen dazu. G'wiß hast wieder dummes Zeug geträumt und meinst, es ist eine wirkliche G'schicht gewesen. Kasperl (mit Rührung) O Madam! Geschicht oder nicht Geschicht! Was kann ich anderes tun' als mich in mein Schlücksal ergöben? O Madam! Lassen Sie sich umarmen und an meinen geschwollenen Busen drücken! Hand in Hand auf der Bahn dieses rötselhaften Löbens! – Oh! Oh! Oh! Gretl . Ja, mein Kasperl, gelt? Du wirst jetzt brav sein? Kasperl (erhaben) . Kasperl oder Prinz! Von nun an wird die Krone der Tugend und Enthaltsamkeit mein Löben würzen und ich werde noch manche Maß in meine Gurgel stürzen! ( Kasperl umarmt die Gretl. Edelfels als Zauberer tritt ein und stellt sich segnend hinter beide. Die Gruppe wird von griechischem Feuer magisch erleuchtet. ) ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Das Eulenschloß Ein mit unglaublicher Zauberei vermischtes Drama in vier Aufzügen (November 1869) Personen         Ritter Kauzenveit   { im ersten Aufzuge als Eule, { im zweiten und dritten Geh.-Sekr. Eulert, { im vierten Baron von Eulenschloß. Kasperl Larifari Gretl , Kellnerin Staatsrat von Walther Geh.-Rat Aktenmaier Hutzlpeter , Hubermartl , Knöpflbauer , } } } Bauern von Simpelsdorf Hiesl , Hausknecht Hoflakaien und Bediente   Erster Aufzug Burgruine im Mondschein. Der Wind heult. Kauzenveit sitzt in Gestalt einer großen Eule auf Mauertrümmern. Kasperl (mit Wandersack tritt ein) . Uh, Uh! Das ist eine schauerliche Nacht. Mich gruselt's und beutelt's vor lauter Furcht. Wo bin ich jetzt eigentlich? Mir scheint, der Weg ist mir unter meine Füß' davongelaufen; statt in ein Wirtshaus zu kommen, bin ich an dies Nest geraten, wo ei'm die Mauern über'n Buckel zusammenstürzen möchten. Meine Schulden, die mich aus der Stadt vertrieben haben, die hab' ich freilich zu Haus gelassen und nur einen leeren Ranzen mitgenommen; allein, diese Leerheit ist fürchterlich. Meine Taschen leer, mein Magen leer, mein Beutel leer – alles ist leer. Schauerliche Einsamkeit! Was fang' ich jetzt an? (Die Eule ächzt und schlägt mit den Flügeln.) Oho! was ist denn da wieder? Was für ein unbekanntes Wesen sitzt dort auf der Mauer? Pfui Teufel! Das ist ein abscheulicher Vogel. – Heda, wenn Sie ein Vogel sind, der sich in der Gegend auskennt, was ich doch vermuten kann, so zeigen Sie mir gefälligst den Weg in einen Gasthof. Aber freilich, Sie holen sich Ihre Kost wo anders. Eule (in schauerlichem Tone) . Kasperl! Kasperl! Kasperl . Nun, wär' nicht übel! Wer ruft mich denn da bei meinem Taufnamen? Eule . Ich bin es! Ich bin es! Kasperl . Ich bin es! Ja, wo ist denn dieses »Ich«? Eule (mit den Flügeln schlagend) . Ich bin es – ein Unglücklicher! Kasperl . Ein Vogel, der red't! Das ist einmal was Neues. (Die Eule schwebt zu Kasperl herab.) Alle guten Geister! (Er fällt um.) Eule . Fürchte nichts. Stehe auf und höre, was ich dir sage. Kasperl . Da soll man nicht erschrecken über einen Uhu mit menschlicher Stimme! Das ist ja unerhört. Eule . Ja, es ist allerdings unerhört, drum höre. Kasperl . Wenn ich hören soll, so kann es nicht unerhört sein. Aber mir ist's jetzt schon einerlei und ich bin gefaßt. Machen Sie nur Ihren Schnabel auf. Eule . Vernimm eine schreckliche Geschichte. Kasperl . Wenn die schreckliche Guschichte nur nicht zu lang ist; denn ich hab' weder Zeit noch Lust, eine schreckliche lange G'schicht anzuhören. Wissen Sie was, Herr von Uhu? Erzählen Sie's dem Publikum, und ich geh' derweil hinaus und trink eine Maß Bier. Eule . Bleibe! Vernimm und staune! Wisse, ich bin ein verzauberter Ritter aus dem Mittelalter. Kasperl . Wie? ein vermauerter Widder? Das ist wirklich erstaunlich. Eule . Nun weiter. Kasperl . Gut. Ich gehe weiter. (Will fortgehen.) Eule . Halt! Ich meine, daß du das Weitere hören sollst. Kasperl . Sagen Sie mir lieber das Engere. Das dauert nicht so lang. Eule . Ich hauste einst auf dieser Burg, die jetzt in Trümmern liegt, als mächtiger Schloßherr und Raubritter, gehaßt von meiner ganzen Umgebung, weit und breit gefürchtet. Kasperl . Das geht mich eigentlich gar nichts an und ist ganz und gar Ihre Sache, Herr Raubritter von Uhu. Eule . Aber ich bitte dich, erbarme dich doch meines Elendes. Kasperl . Das kann ich nicht, denn mir geht's auch miserabel, also erbarme ich mich über mich selbst und für Sie bleibt nichts übrig. Eule . Wisse: ich führte ein lasterhaftes Leben. Kasperl . Ich bin auch kein heiliger Antoni. Eule . Raub und Mord waren meine Lust. Da traf mich nach vergeblichen Schicksalswarnungen die gerechte Strafe. Ich ward in eine Eule verwandelt. Kasperl . Auweh! Wenn mich nur nicht auch einmal so eine Verwandlung trifft! – Aber ich muß Ihnen doch sagen, daß mir Ihre langweilige G'schicht da sehr verdächtig scheint. Ich glaub' immer, daß Sie einer Menagerie entflogen sind und mir etwas weismachen. Eule . Nimmermehr. Ich will dir den Beweis der Wahrheit geben. Zieh' mir die unterste Feder aus meinem rechten Flügel aus. Kasperl . Also eine Feder soll ich Ihnen ausrupfen? Auf das kommt's mir auch nicht an. Ich rupf. ( Er tut es. Donnerschlag. Er fällt um. ) No, da dank' ich! Das hat einen Kracher getan. ( Auf einer Mauer der Ruine erscheint in Transparent römischer Lapidarschrift geschrieben: Jeder Wunsch sei dir gewaehrt Eule . Nun lies! Kasperl . Ich kann nicht Lateinisch lesen. ( Die Schrift verwandelt sich in deutsche Buchstaben. ) Kasperl . So, jetzt laß ich mir's gefallen. (Liest.) Jeder Punsch sei dir gewährt. Was, was? Punsch? Punsch – gewährt? Ja, da muß ich mir schon die Bemerkung erlauben, daß ich den Punsch nicht mag und daß mir das Bier lieber ist. Eule . Es heißt nicht Punsch, sondern Wunsch. Kasperl . Ah so! Das ist aber kein W, sondern ein P, wie ich's in der Schul' gelernt hab'. Eule . Einerlei. Die Schrift will dir nur sagen, daß durch die Gewalt dieser meiner Feder jeder deiner Wünsche, wenn er ein vernünftiger ist, erfüllt werde, und ich sage dir weiter, daß dir auch die Mittel in die Hand gegeben sind, mich aus meiner Verzauberung zu erlösen. Kasperl . Dies ist sehr verzwickt. Allein, irre ich nicht, so ist diese Ihnen ausgerupfte Feder eine sogenannte Wunschfeder, wie man auch Wünschelruten und so verteufeltes Zeug hat. Eule . Ganz richtig. Kasperl . A la bonheur! Nun, weil es vor allem ein vernünftiger Wunsch ist, daß ein vernünftiges Wesen, welches Hunger und Durst hat, sich zu Essen und Trinken wünscht, so wünsche ich mir jetzt ein Wirtshaus, in das ich einkehren kann. ( Donnerschlag. Es erscheint ein ländliches Wirtshaus, gedeckter Tisch an der Türe. Auf dem Schild ist eine goldene Eule gemalt. Kauzenveit schwebt auf das Wirtshausschild und verschwindet. ) Kasperl . Bravo! – »Zur goldenen Eule.« Da wollen wir gleich zusprechen. Kellnerin Gretl (tritt geschäftig aus dem Hause) . Was schaffen S', gnä' Herr? Kasperl . O du lieb's Mauserl du, was ich schaff? Was habt Ihr denn auf dem Speiszettel? Und wie heißt du denn, Trutscherl? Gretl . Ich heiß Gretl und kann mit allem, was beliebt, aufwarten: Niernbratl, Kalbsschlegel, Karbonadeln, Entenbraten, Bachhendeln, Topfennudeln, Spinat mit Eier, Hirnpavesen, Erdäpfelsalat, saures Voressen, Apfelkuchen, Spanferkel, Limburgerkäs – Kasperl . Halt ein, höheres Wesen, sonst geh' ich unter im Fluß deiner Rede! Weißt du was? Bringe mir von jeder Speise nur eine halbe Portion und gleich zwei Maß Bier und eine Flasche Wein dazu. Gretl . Sollen gleich bedient sein. ( Trippelt ab. Zugleich erscheinen auf dem Tische viele Schüsseln mit Speisen, Bierkrügen und Weinflaschen. ) Kasperl . Ah! ah! (Stürzt darauf hin.) Aber wo ist denn mein Eulenvogel hingeflogen? ( Die Eule erscheint wieder, auf dem Wirtshausschild sitzend, und schlägt mit den Flügeln, verschwindet aber, wie Gretl aus dem Hause tritt. ) Gretl . Nun, sind Sie nicht zufrieden mit meiner Bedienung? Kasperl . Du bist eine Halbgöttin. Alles wie hergezaubert. Gretl . Was ist denn eine Halbgöttin, gnä Herr? Kasperl . Es begreift sich, daß du nicht auf der Stufe von Bildung stehen kannst, dieses zu wissen. (Vornehm belehrend.) Halbgöttin ist soviel wie eine halbe Göttin, die keine ganze Göttin ist, wie z. B. eine halbe Portion Niernbratl nicht eine ganze ist; oder denke dir nur eine halbe braune Gans. Nun weißt du also, was eine Halbgöttin ist. Gretl . So? Also wär' ich eine halbe brat'ne Gans? Das ist weiter nit höflich von Ihnen. Kasperl . Du verstehst mich nicht. Jedenfalls habe ich dir ein vornehmes Kompliment machen wollen, wie es in der Stadt der Brauch ist. (Ißt und trinkt in einem fort.) Aber sage mir, liebe Gretl, kannst du nicht singen? Ich liebe die Musik beim Göttermahle. Gretl . Ja freilich; was man halt so verlangen und in der Schul auf'm Land lernen kann. Der Lehrer und der Pfarrer sind recht zufrieden mit mir auf'm Chor. Kasperl . Du bist also eine Choristin? Nun, so laß eins los. Gretl . Wenn's Ihnen Vergnügen macht, recht gern. Kasperl . Also ein paar Schnadahüpferln oder so was! Gretl . Ich sing' Ihnen gleich die Geschicht von der Burgruine da. Als Schulmädeln haben wir's immer bei der Prüfung singen müssen. Kasperl . Du singst und ich trinke. Sollst leben! Gretl . Das Lied heißt: Das Eulenschloß. Kasperl . So steht's auch heute auf dem Kommödizettel. Nun heule mir etwas von dem Eulenschloß. Gretl (singt mit schauerlicher Instrumentalbegleitung) . Seht ihr auf grauer Felsen Schoß Die Trümmer von dem alten Schloß? Da hauste schon vor langer Zeit Der böse Ritter Kauzenveit. Vom Volke ward er so genannt, Weil er als Wüt'rich war bekannt, Der alles sich zum Raub erkor Und auch den Teufel selbst beschwor. Er raubte Rosse, Schaf und Rind, Nicht sicher waren Weib und Kind, Und schleppt's wie ein Eul' ins Nest Dort auf sein Schloß, so stolz und fest. Doch endlich traf der Strafe Blitz Den Frevler auf der Felsenspitz', Durch Feuer ward die Burg zerstört, Vom Ritter ward nichts mehr gehört. Kasperl . Du hast aber eine schöne Stimm! Wie ein Vogerl, wenn's den Pips hat. Diese Stimme drang mir zum Herzen. Aber diese Ritterg'schicht hab' ich, glaub' ich, schon einmal beiläufig irgendwo gehört. Gretl . Ja, und daß Sie's nur wissen: In dem alten Gemäuer geht's noch immer um. Kein Mensch traut sich in der Nacht hinaus. Kasperl (wird schläfrig und gähnt) . Ja, ja, ja, das ist halt so eine G'schicht, die G'schicht da! Sind wir nur froh, daß's jetzt keine solchen Raubritter mehr gibt. Aber Madl, mich schläfert bedeutend. Ich mein', es wär' Zeit, ins Bett zu gehen. Komm, führ' mich in mein Schlafgemach. Gretl . Wie's beliebt. Gretl . Ein prächtiges Bett mit einer Ducketzudeck und einen ordentlichen Schlaftrunk möcht' ich auch noch in mein Zimmer hinauf. Gretl . Ein prächtiges Bett mit einer Duketzudeck und einen echten Ofener, den Spitz zu 16 Kreuzer. Kasperl . So, da bring mir nur so ein halbes Dutzend Spitzeln hinaus oder lieber gleich ein paar Flaschen. ( Beide ab ins Haus. Die Eule, wieder sichtbar, fliegt vom Wirtshausschild herab. ) Eule . Geh nur zu Bett! Wenn's tagt, so bist du mein; Als Werkzeug brauch' ich dich, mich zu befrei'n. Vermag ich dich, daß Feder du um Feder Mir ausziehst, dann naht sich der Freiheit Stunde. Die Hülle fällt von mir, in die der Fluch Des Schicksals mich gebannt – ich bin erlöst! So wollte es die Macht, die meine Frevel Gestraft, daß meine arme Menschenseele Stets ruhelos so lang in Tiergestalt Verwandelt, bitt'rer Reue preisgegeben, Einmal doch ihrer Qualen werde ledig. Nun flieg' ich wieder dorthin aufs Gemäuer, Zum Schlafe nicht, denn hell ist nachts mein Aug', Das sich bei Tageshelle wieder schließt. Oh, grüßte einmal endlich doch der Sonne Beglückend Licht mich, Ruh und Frieden bringend! ( Schwebt auf die Ruine. ) ( Der Vorhang fällt. )   Zweiter Aufzug Reichmöblierter Salon. Im Vordergrund großer Arbeitstisch, Akten darauf. Kasperl (über seine rote Jacke einen schwarzen Frack mit Ordenssternen, tritt mit vornehmen Schritten ein) . Nun hat mich die Zauberfeder zum wirklichen Mann der Feder gemacht. Ich bin Staatsminister! Ich kann sagen, daß ich mich federleicht emporgeschwungen habe. Ja, es ist wahr, was das Sprichwort sagt: »Mit dem Amt kommt auch der Verstand.« Ich darf es gestehen: ich leite mein Ministerium mit Umsicht, Vorsicht, Nachsicht, Durchsicht, Einsicht, Kurzsicht und noch verschiedenen anderen Sichten. Weiß ich nichts und fällt mir nichts ein, was eigentlich immer der Fall ist, so darf ich nur meine Ministerzauberfeder hinters Ohr stecken oder ins Tintenfaßl eintauchen, und meine Beschlüsse sind von salomonischer Weisheit. Leider nützt sich so eine Feder im Drange der Geschäfte bald ab; zum Glück habe ich meinen treuen Geheimsekretär Eulert stets bei der Hand, dem ich immer gleich wieder eine neue ausrupfen kann. Er ist wirklich ein trefflicher Referent. Ich werde für ihn demnächst den Geheimen Rats-Titel beantragen; denn wenn mir seine Federn ausgehen, so bin ich ein verlorener Mann. Bedienter (tritt ein) . Euer Exzellenz, gehorsamst zu melden. Kasperl . Was gibt's wieder? Man hat doch nicht einen Augenblick Ruhe. Bedienter . Eine Deputation der Gemeinde Simpelsdorf bittet vorgelassen zu werden. Kasperl . Meinetwegen. Lass' er die Simpel herein. (Bedienter ab.) Schlipperment! Jetzt hab' ich meine Ministerfeder auf'm Nachttischl liegen lassen. Nun, für die Bauern tut's es so auch. Da reicht mein gewöhnlicher Verstand schon aus. ( Hutzlpeter, Hubermartl und Knöpflbauer treten unter ungeheuren Bücklingen ein. ) Kasperl (sehr vornehm) . Ich hab' euch schon im Audienzvormerkungsbrotikoll gelösen. Was habt ihr zu suplixifizieren bei mir? Hutzlpeter . Röxzellenz, ich bin der Gmoanvorsteher von Simpelsdorf und die zwoa da san Gemeindemitglieder. Der oan ist der Hubermartl und der ander ist der Knöpflbauer, alleruntertänigst aufzuwarten, Röxzellenz. Kasperl . Nun, was gibt's? Warum kommt ihr zum Minister selbst? Hubermartl . Ja, Röxzellenz, wir möchten halt unser Recht b'haupten. Knöpflbauer . Halt's Maul, Martl! Laß'n Vorsteher reden. Kasperl . Zur Sache, zur Sache! Ich habe koine Zoit, mich mit solchen Pappalien lang abzugeben. Hutzlpeter . Röxzellenz, Durchlaucht, wir son halt von der Regierung abg'wiesen wor'n und jetzt möchten wir rappelieren wegen der Eisenbahn. Kasperl . Was? Eisenbahn? Ihr wollt wohl sagen Kegelbahn. Hutzlpeter . Nein, Röxzellenz. Kegelbahn hab'n wir schon, aber wir möchten halt auch an Eisenbahn wegen unsere Krautköpf und der Lehrer moant's auch als Gmoanschreiber. Kasperl . Ja, Eselsköpf! – Ein Lehrer soll nicht auch Gemoindeschreiber sein; das ist eine Herabwertigung seiner staatsbürgerlichen Stellung. Hubermartl . Ja, Röxzellenz; die Sach' ist so: Wir haben so viele Krautgarten im Dorf und da kunnten wir halt auch eine Kammunikaution von am Verkehrsmittel brauchen, wie's die Heudorfer, unsere Nachbarn, wegen ihrem Torfstich kriegt haben. Kasperl . Da müßt ihr halt aus euren Krautgärten Torfstiche machen. Hutzlpeter . Wir ham aber kein Torflager. Kasperl . Was, Lager, Lager? In Friedenszeiten braucht man überhaupt kein Lager. Das macht nur Unkosten. Ich kenn' mich überhaupt in eurer verzwickelten Sache gar nicht aus. Geht nur aufs Bureau Nr. 6, gleich rechts auf'm Gang draußen, zum Ministerialrat Schrollmaier; der kann euch Aufschluß geben und wird mir nachher schon berichten. Adieu! packt euch! Hutzlpeter . Wir bedanken uns untertänigst, Röxzellenz, für die gnädige Auskunft. ( Die Bauern unter Reverenzen ab. ) Knöpflbauer (im Abgehen zu den beiden andern) . Das ist aber ein gescheiter, feiner Herr. Hubermartl . Das will ich meinen. Und so niederträchtig ist er, so herablassend! Kasperl (allein) . Dieses dumme Bauernvolk will alle Augenblick etwas anderes. ( Zwei Bediente tragen eine ungeheure rote Amtstasche herein. ) Ah! das Portufeuille aus dem fürstlichen Kabinett. Legt es nur auf den Schreibtisch hin; aber vorsichtig, damit nichts dran verdorben wird. ( Die Bedienten tun es und gehen ab. Kasperl stürzt auf das Portefeuille. Rezitativ. Rascher Eintritt des Orchesters mit einigen mächtigen Akkorden. ) Kasperl . Sei mir willkommen, o Wonne! Du, meines Lebensglückes Sonne! ( Prestissimo unisono, Lauf der Bässe und Violoncelle durch zwei Oktaven hinauf. Fortissimo. Sanfter Uebergang der Violinen, wobei die Flöte einen Triller auf dem hohen C macht. ) Wie lieb' ich dich! wie bist du teuer mir! Verlaß mich nie; oh, blieb' ich stets bei dir!         (Bässe und Violoncelle pizzicato .)         Pim, pum, pim, pim, pim,         Pim, pam – pum, pum, pam. ( Ritornell. Violinsolo, während Kasperl mit ausdrucksvollen Schritten auf und ab geht. ) Arie . (Melodie aus der »Weißen Frau«.)         Ha, welche Lust, Minister sein Und ein Portefeuille zu tragen; Die Besoldung ist nicht klein, Goldgestickt sind Rock und Kragen. Sechstausend Taler sind nicht schlecht Und dabei auch noch Diäten; Zum Leben ist dies grad so recht, Den Posten zu vertreten. Wer klug ist, der braucht kein System, Hängt nach dem Wind den Mantel; So dirigiert er ganz bequem, Hat alles gleich am Bandel. Ha, welche Lust, Minister sein Und ein Portefeuille zu tragen, Doch wer es ist, der habe fein Stets einen guten Magen. Und dem Himmel sei's gedankt; einen guten Magen hab ich. Die Verdauung ist die Hauptsache für einen Minister, schon wegen alle die Diners und Festessen, die einer mitmachen muß. ( Bedienter tritt ein. ) Was will Er? Bedienter . Ich soll ein Frauenzimmer melden, welches Eurer Exzellenz Aufwartung zu machen wünscht. Kasperl . Mit was oder womit will mir dieses Frauenzimmer aufwarten? Bedienter . Das hat sie nicht gesagt. Kasperl . Ist dieses aufwartenwollende Wösen anderen Geschlechts hübsch? Hat es aufwartungsfähige Gesichtszüge? Bedienter . Gar nicht übel. Scheint vom Lande zu sein. Kasperl . Man lasse diese ländliche Einfalt herein. ( Bedienter ab. Gretl tritt unter Knixen ein. ) Kasperl (vornehm, herablassend) . Sie hat also Audienz verlangt? Wer ist Sie? Woher Sie? Warum Sie? Wozu Sie? Gretl (für sich) . Schändlich! Er will mich nicht mehr kennen. (Zu Kasperl.) Ja, Ihro Exzellenz; ich habe wegen eines Anliegens untertänigst aufwarten wollen. Kasperl . Und was ist dieses Anliegen für eine Angelegenheit, Kleine? Nur schnell; man hat mehr zu tun, als sich mit solchen Spagatellen abzugeben. Gretl . Für Sie mag es ein' Bagatell' sein, für mich aber nicht. Kennen Sie mich wirklich nicht? Kasperl (beiseite) . Schlipperment! Das ist die Gretl. (Zu Gretl.) Nein, mein Kind. Woher sollte ich Sie können können? Gretl . Oh, Sie Nichtkenner! Sie! Sie kennen die Gretl nicht mehr? Kasperl (tut, als ob er sich besänne) . Gretl? – Gretl? – Wie? wo? was? – Gretl . Oh, verstellen Sie sich nicht so. Sie kennen mich recht gut. Sie wissen recht gut, daß Sie mir im Wirtshaus zur »Goldenen Eule«, wo Sie noch Ihre Zeche schuldig sind, das Heiraten versprochen haben. Kasperl . Welche Unverschämtheit! – Ich – Minister! Gretl . Ja, damals waren Sie freilich kein Minister, aber ein Vielfrißter und jetzt sind Sie der Vielvergißter. Kasperl . Schweige Sie mit Ihren ungebührlichen Deprensionen. Gretl . Ich schweige nicht . Ich will meine gerechten Ansprüche geltend machen. Was ein Mann versprochen hat, das soll er auch halten. Wie ich Ihnen damals in der Früh den Kaffee aufs Zimmer gebracht habe – Kasperl . Auweh! Kaffee! Gretl . Ja, damals haben Sie's geschworen: »Gretl«, haben Sie gesagt, »Gretl, du gefallst mir, du wirst mein Weib, ich bleibe dir ewig treu. Ich hole dich ab, sobald ich eine feste Stellung hab'« – ja und lauter so Sachen haben S' gesagt. (Weint und schluchzt.) Kasperl . Ha! Alles verlogen. Und wenn ich es auch gusagt haben hätte, was nicht wahr ist, habe ich denn eine feste Stellung als Minister? Ha, du scheinst mir wenig eingeweiht zu sein in die Verhältnisse des konstitutionellen Staatslöbens. Gretl . Schändlich, schändlich! Mich so zu hintergehen! Ein armes Mädchen so zu verlassen! Kasperl (feierlich) . Und wenn auch! – die Polutik steht zwischen uns. Du dauerst mich; allein höhere Zwöcke bilden eine unübersteigbare Kluft zwischen uns beiden. Löbe wohl! (Geht ab.) Gretl (allein) . So geh' nur, du Ungeheuer! Eine Kluft ist zwischen ihm und mir. Oh, wär's nur eine 10 000 Klafter tiefe Felsenkluft, in die ich mich hinabstürzen könnt'! (Stürzt weinend abspan.) ( Der Vorhang fällt rasch. ) Dritter Aufzug Salon (wie im vorigen Aufzuge) . Eulert in schwarzem Anzuge, Eulenkopf, große, runde Brillen, die die Eulenaugen bilden. Eulert . Die Stunde der Erlösung naht. Dem Schicksal Dank, das mir den Narren in die Hände geführt hat! Nun habe ich nur noch ein paar Federn am Leibe, die ihm auszuziehen bleiben. Er ahnt es nicht. Ist die letzte verbraucht, so erlange ich wieder meine normale Menschengestalt; diese Sekretärsstelle ist nur ein Interim. Mein Schloß wird aus seinen Trümmern wieder erstehen und ich werde dort wieder einziehen können in verjüngter Gestalt. Allerdings haben sich mittlerweile die Zeiten sehr geändert. Die ritterlichen Standesvorrechte sind gefallen. Nicht einmal siegelmäßig bin ich mehr. Meine vormaligen Untertanen sind nun freie, selbständige Staatsbürger. Ich werde als simpler Rittergutsbesitzer ohne Gerichtsbarkeit auf Eulenschloß leben und muß mich eben in den Fortschritt des neuen Zeitalters fügen lernen. – – Er kommt! – Kasperl (tritt ein) . Ei, sieh da, mein lieber Eulert. Ich habe soeben das Portefeuille ins Kabinett explodiert. Mein Kopf ist wieder sehr angegriffen. Schlipperdibix! Es wird wieder eine neue Feder kosten. Mit der alten kann ich nichts mehr anfangen. Jetzt habe ich Ihnen gewiß schon ein paar hundert Federn ausgerupft. Nicht wahr, lieber Eulert. Eulert . Es mag sein, aber das tut ja gar nichts zur Sache. Vorläufig muß ich Eurer Exzellenz eine etwas unangenehme Mitteilung machen. Kasperl . Wie? Sie machen mich ganz stutzig. Eulert . Es war ein Mädchen bei mir, welches mit der kühnen Behauptung auftrat, sie habe gegründete Ansprüche auf die Hand Eurer Exzellenz und sie wende sich an mich in dieser Angelegenheit, weil sie von Eurer Exzellenz abgewiesen wurde – sie wolle – Kasperl (Eulert unterbrechend) . Wie? Was? Schlipperment! Eulert . Ja – sie wolle sich an die Gerichte wenden. Kasperl . Pfui Teufel! Das ist infam. Was nicht gar? Ich – Minister und diese ordinäre Person! (Pause – – gerührt.) Und doch . Mein guter Eulert, Mann meines Vertrauens! Ha! Mein Herz! Mein Gewissen! Meine Erinnerungen! (Setzt sich.) Raten Sie, Eulert! Helfen Sie! Eulert . Exzellenz! Kasperl (in tragischem Pathos, rasch aufstehend) . Hören Sie Eulert: Es war in jener schauerlichen Nacht, wo ich ermüdet, hungrig in die düstersten, durstigsten Träume versunken an den Ruinen jenes zerfallenen Schlosses, nicht wissend wo oder wie – in ein ländliches Wirtshaus trat. (Tändelnd.) Ein liebliches Geschöpf trat mir mit freundlichem Willkomm entgegen. Eulert (bedeutungsvoll) . Ich weiß es. In jener Nacht, wo ich Sie als geheimnisvolle Eule umschwebte. Kasperl . Ja. Sie umschwoben mich und erzählten mir eine Geschichte, eine Geschichte furchtbaren Inhalts; aber ich weiß kein Sterbenswörtl mehr davon. Da trat mir Gretchen wie ein lichter Engel entgegen. (Gerührt.) Ich nahm damals zwölf Paar Bratwürsteln, einen Schlegelbraten mit Endiviesalat und noch verschiedenes andere mit verschiedenen flüssigen Stoffen zu mir. Alles, alles aus Gretchens Händen. Oh, sie war so lieb, so gut! Ich hing an ihren Blicken und sie hing an meinen Blicken! Wir verstanden uns bald. Zwei Herzen schlugen sich entgegen. Ich schwur, sie schwur, wir schwuren – kurz, es war ein gemeinschaftliches Geschwur. Aber jetzt?! – Ich – Minister! Sie ein untergeordnetes Individuum! Furchtbarer Komplex! Eulert . Exzellenz, fassen Sie sich. Vielleicht findet sich ein Ausweg, eine Vermittlung. Geduld und Ruhe! Kasperl . Oh! Oh! – was soll ich tun? Ich bin konprimiert. (Sich ermannend.) Doch lassen wir diese Privatverhältnisse. Die Staatspflicht geht vor. In einer halben Stunde muß ich zu Seiner Durchlaucht zum Vortrage. Ich brauche eine frische Feder. Kommen Sie mit mir in mein Kabinett, damit ich Ihnen wieder eine ausrupfen kann. Eulert . Eurer Exzellenz immer zu Befehl. (Im Abgehen für sich.) Unglücklicher! es ist die letzte! (Beide ab.) Verwandlung Vorzimmer in der Residenz. Von zwei Seiten eintretend Staatsrat von Walther und Geh.-Rat Aktenmaier. v. Walther . Guten Tag, bester geheimer Rat! Aktenmaier . Meine Ergebenheit, Herr Staatsrat. v. Walther . Kommen Sie vom Herzog? Aktenmaier . Ei, ich vom Herzog? Wer kommt denn noch zu Seiner Durchlaucht? v. Walther . Sie haben recht. Wer anders als der Minister? Aktenmaier . Die ältesten, bewährtesten Diener läßt man fallen. v. Walther . Nur er hat sein Ohr! Es ist unbegreiflich; dieser Mensch ohne Herkunft, ohne Kultur, ohne Manieren! Aktenmaier . Der Herzog ist entzückt von seinen Arbeiten. v. Walther . Alles nur der Eulert. Ich kann Sie versichern: Ohne Eulert müßte er fallen. Der ist seine rechte Hand, sein alles. Aktenmaier . Haben Herr Staatsrat gehört, wie er sich vorgestern wieder an der Hoftafel benommen? Sie waren nicht geladen, aber ich. v. Walther . Ja, ich hörte so etwas munkeln. Aktenmaier . Er fiel wieder einmal betrunken unter den Tisch. Denken Sie sich! Ein Glück, daß nur Herren und nicht auch Damen zur Tafel gezogen waren. Und Seine Durchlaucht – es ist unglaublich – Seine Durchlaucht hatten wieder ungeheuren Spaß an dem Vorfall. Als man den bewußtlosen Minister entfernt hatte, sagte der Herzog: »Das ist doch eine eigentümliche Natur! Trefflich und brauchbar als Staatsmann; aber ein bißchen sonderbar als Privatmann, eigentlich ohne Erziehung, ein Naturmensch; aber immerhin ein guter Kopf, wie nicht leicht seinesgleichen. Und das muß mir doch die Hauptsache sein.« Dies waren des Herzogs Worte. Ich habe sie aus dem Munde des Kammerherrn v. Müller, der im Dienst war. v. Walther . In der Tat, es wird ein bißchen arg. Wo will das hinaus? Aktenmaier . Das eben frag' ich Sie, Herr Staatsrat. Und ist uns dieser Parvenü nicht wie eine Bombe hereingefallen? v. Walther . Eulert hat ihn dem Herzog empfohlen. Aktenmaier . Warum aber hat Eulert nicht selbst das Portefeuille angestrebt? v. Walther . Das wissen die Götter. ( Ein eintretender Hoflakai öffnet von außen eine Seitentüre. ) Lakai . Seine Exzellenz kommen von Seiner Durchlaucht dem Herzog. (Ab.) v. Walther . Sei'n wir vorsichtig. Aktenmaier . Ich verstehe. Kasperl (tritt ein.) Ah, bon jour, bon jour, meine Herren! v. Walther . Euer Exzellenz hatten wieder Vortrag? Kasperl (ungeheuer wichtig und vornehm) . Nur ein kleines halbes Stündchen. Ja, ja, ja. (Für sich.) Schlipperment! Jetzt hab' ich meine Feder drin liegen lassen. Ich darf mich zusammennehmen mit den Zweien da. v. Walther . Darf ich mir die Frage erlauben, ob das Bahnnetz schon zur Sprache gekommen? Kasperl . Wie? Was? Das Netz? Glauben Sie, ich fische mit dem Herzog? v. Walther . Exzellenz, glaube ich, haben mich falsch verstanden. Kasperl . Ich verstehe nie falsch, damit Sie es nur wissen. v. Walther (zu Aktenmaier beiseite) . Wie kommt Ihnen dies vor? Aktenmaier . Unglaublich. Kasperl . Apripos, meine Herren, in welches Wirtshaus gehen Sie heute? In den »Blauen Bock« oder zum »Damischen Löwen«? In örsterem sehr gute Leberwürste, in lötzterem ausgezeichnetes Bier, die Maß um 7 Kreuzer. v. Walther . Herr Minister, das sind Fragen, die wir nicht beantworten können. Aktenmaier . Weil wir derlei nicht gewohnt sind. Wir besuchen Lokalitäten nicht, in welchen der gemeine Plebs kneipt. Kasperl . Wie? Was? Wo ein gemeiner Schöps kneipt? (Für sich.) Da muß ich wieder eine Dummheit gesagt haben. (Vornehm scherzend.) Ja, ja, meine Herren, das war nur ein Gespaß von mir. (Lacht.) Ha, ha, ha! Wie sollte ich? Wie könnte ich? – Aktenmaier . Das dachten wir gleich, Exzellenz. Aber darf ich fragen, wie steht es mit dem Ersatzposten für den Ausfall in der indirekten Steuer? Wie will der Herzog surrogiert wissen? Kasperl (für sich) . Schlipperment; das ist mir zu hoch. Wie zieh' ich mich aus dem Schlamassel? O Feder, o Feder! (Zu Aktenmaier.) Es versteht sich, daß der Posten abgelöst werden muß. Der Ausfall war aber mehr ein Einfall und das angesteckte Feuer ist schon längst gelöscht. Aktenmaier und v. Walther (gegenseitig) . Welch ein Unsinn! Ist er verrückt? Kasperl . Ueberhaupt, meine Herren, muß ich mir das ewige Gefrag verbitten. Ich bin kein Schulbub. Verstehen Sie mich? – Wenn nicht , so sage ich Ihnen etwas anderes. Verstanden? v. Walther . Wie? Hörte ich recht? Eine Zurechtweisung? Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir sind im Staatsdienst ergraute Beamte. Aktenmaier . Vergessen Eure Exzellenz nicht unsere Stellung. Kasperl . Was, Stellung? Halten Sie's Maul. v. Walther und Aktenmaier . Ah, ah! Das ist zu arg! Kasperl . Ich bin Minister. v. Walther . Und wenn sechsfach Minister, eine solche Behandlung ist empörend. Kommen Sie, Herr geheimer Rat! Schnell zum Herzog! Es muß uns Genugtuung werden. Aktenmaier . Ja, der Herzog muß uns hören. ( Beide rasch ab. ) Kasperl (allein) . Auweh, pfutsch! Das ist a saubere G'schicht. Jetzt wird mich der Herzog auch gleich rufen lassen, wenn die zwei mich verklagen. Und ich hab' keine Ministerfeder bei der Hand! Wenn ich nur den Eulert da hätt'! Ich weiß mir nicht zu helfen, ich lauf' davon! ( Er will hinaus, Eulert tritt ihm an der Türe entgegen. ) Kasperl . O Retter meines Lebens! Geschwind eine Federn sonst bin ich verloren! Eulert (feierlich) . Du bist es! Die Feder, die du mir diesen Morgen ausgezogen, es war die letzte! Ich bin erlöst! ( Donnerschlag. Kasperl fällt um. Eulert verwandelt sich in einen elegant gekleideten Kavalier. ) ( Der Vorhang fällt. )   Vierter Aufzug Gegend des ersten Aufzuges. Wirtshaus. An der Stelle der Burgruine ein stattliches Schloß in modernem Stile. Morgenbeleuchtung. Baron v. Eulenschloß (in Jagdkleidung mit Doppelflinte tritt ein) . Herrlicher Morgen! ganz zur Jagd geeignet. Ich fühle mich so wohl, so zufrieden und bin in der Tat herzlich froh, daß ich endlich die mittelalterliche Eulenhaut abgestreift habe. Nun bin ich auch ein ganz anderer Mensch geworden, von sittlichem Ernste durchdrungen und doch voll Lebenslust. Ehemals ein roher ungeschlachter Ritter, jetzt ein feiner Kavalier. Und welch eine angenehme Aenderung in der Lebensweise! Ich bin zwar in mancher Beziehung nicht ganz mit dem Fortschritte der Zeit einverstanden, allein gewisse Vorteile sind doch überwiegend. Nehme ich nur zum Beispiel die Umwandlung der Schußwaffen. Wie angenehm jetzt so ein Lefaucheux-Doppelgewehr! Pum! Pum! Dublette auf zwei Hasen! und in einer Sekunde wieder geladen. Und ehemals: Armbrust, Jagdspeer. Welche Mühseligkeit für den Weidmann! Jetzt fliege ich in einer Stunde per Bahn in die Residenz; zu meiner Zeit hatte ich drei Meilen auf einem schweren Hengste zu trotteln. Und wie steht's mit Küche und Keller! An Trüffeln, Gansleberpasteten war ja vormals nicht zu denken. Um all derartige Vorzüge verzichte ich gerne auf die Gewaltherrschaft des mittelalterlichen Rittertums. Das Bauernprügeln war immerhin eine ganz artige Unterhaltung und wäre auch dermalen bisweilen nicht schlecht angewendet; aber nun ist man die Kerls doch los, seit sie freie Staatsbürger geworden sind. Kurz, es lebe die Kultur unseres Jahrhunderts! ( Gretl kommt aus dem Wirtshaus. ) Eulenschloß . Ei, sieh da, die schöne Wirtin! Gretl . Oh, ich weiß recht gut, daß ich nicht schön bin. Eulenschloß . Rührende Bescheidenheit bei glücklichem Bewußtsein. Gretl . Mein Bewußtsein, Herr Baron, ist kein glückliches. Das wissen Sie ja. Eulenschloß . Ja so, der gewisse Abscheuliche, Ungetreue! Gretl . Ich bin nicht undankbar und werde die Wohltaten, die mir Euer Gnaden erwiesen haben, niemals vergessen. Was wär' ich denn, und was hätt' ich denn, wenn Sie mir nicht die Wirtschaft gekauft und mich zur Wirtin gemacht hätten? Aber trotzdem: Meinen Kasperl kann ich doch nicht vergessen. Eulenschloß . Das nehme ich Ihnen auch nicht übel und finde es auch ganz natürlich. Gretl (weint) . Sie können gar nicht glauben, Herr Baron, wie mir das nachgeht! Und wenn er noch so abscheulich an mir gehandelt hat, ich wollt' ihm doch verzeihen, wenn ich nur wüßt', wo er wär'. Eulenschloß . Seit seinem Sturze habe ich nichts mehr von ihm gehört. Er war bereits aus der Residenz verschwunden, als ich mein neues Schloß da bezog. Gretl . Und ich hab' mich als Kellnerin herumgefrett', bis ich aus lauter Sehnsucht wieder hierhergeraten bin, wo Sie sich meiner so gnädig angenommen haben. Eulenschloß . Sprechen wir nicht davon. Es ist gern geschehen. Ich wollte die Wirtschaft in gutem Betriebe wissen. Sie waren mir aus früherer Zeit bekannt. Nun trösten Sie sich, liebes Gretchen. Vergessen Sie den Treulosen und suchen Sie sich einen braven Mann zum Wirte. Adieu! Meine Jagdgäste erwarten mich zum Imbiß. (Ab.) ( Hörnerfanfaren hinter der Szene. ) Gretl (allein) . Der Herr Baron hat leicht trösten; ich bin und bleib' unglücklich, wenn ich meinen Kasperl nimmer sieh. Lied .         Was nützt mich all mein Hab und Gut? Es ist mir nimmer wohl zumut; Mir fehlt doch, mir fehlt doch – Mein Kasperl immer noch. Und geh' im Haus ich aus und ein, Schau nach die Küh' und nach die Schwein, Ins Ofenloch, ins Kellerloch – Mir fehlt mein Kasperl doch. Steh' ich so einsam in der Schenk' Es gibt nichts andres, was ich denk' Als er allein, als er allein! – Mein Gott! wo wird er sein? Ja! wo wird er sein? Ich weiß freilich nicht wo. Aber ich bleib' ihm treu und gerad' jetzt am allertreuesten, weil er vielleicht im Unglück ist. Es muß doch was Erschreckliches sein, wenn einer sein Portefeuille verloren hat, wie sie's heißen, so eine Ministertaschen! War ja das schon ein Mordsspektakel, wie vor vierzehn Tagen mein Metzger seine Brieftaschen verloren hat und waren nur zwanzig Gulden drin! – Aber jetzt muß ich hinein nach die Knödl schau'n für die Dienstboten. Mir schmeckt freilich weder Essen noch Trinken. (Ab ins Haus.) Kasperl (in einen Mantel gehüllt, tritt nachdenkend mit großen Schritten ein. Hochtragisch) . So irr' ich denn umher – eine gefallene Größe! Ha! Und sind nicht größere Größen gefallen? Schlipperment, hab' ich einen Hunger und Durst! Ha! Vom Minister zum Bettler! Es war ein schauerlicher Monument, als mir der Herzog in seinem Kabinettl mit buwegter Stimme sagte: »Sie sind entlassen. Geben Sie das Portufol in meine Hände zurück.« Und wie ich die große Taschen auf seinem Schreibtisch niedergelegt hab', da hat er sein rotseidenes Sacktüchl herausgezogen und hat sich's vor die Augen gehalten und mir wieder gesagt: »Löben Sie wuhl! Göhen Sie, machen wir uns den Abschied nicht schwer.« Nachher hat er sich auf seinen goldenen Fotoilsessel niedergesetzt und g'sagt: »Mein Volk hat es gewollt.« Dann hat er mir noch eine Zehnguldenbanknoten in die Hand gedruckt und hat mir hinausgewunken. Ich hab' den Zehnguldenzettel an meinen Busen gedruckt und bin so hinausmarschiert. (Er macht einige tragikomische Schritte.) Da ist aber der Teufel draußen losgegangen. Daß sie mich nicht geprügelt haben, hätt' beinah noch g'fehlt. Alle, die mir vorher ungeheure Komplimente gemacht haben – bis am Boden – haben mich mit Verachtung angeschaut, keiner hat mich mehr gekannt! Und von diesem Augenblicke an stand ich allein! – allein und verlassen! Lied .         So geht's halt immer auf der Welt: Wenn einer kommt um Amt und Geld, Da zeigt sich gleich der blinde Wahn; Denn niemand schaut ihn dann mehr an. Ist einer auch ein rechter Lump, Gibt er nur Tafeln und auf Pump, So gilt er was und ist scharmant – Das ist doch wirklich eine Schand'! Das Menschengeschlecht ist treulos! – Aber, Kasperl! Wie hast denn du's gemacht? Bist du besser als die andern? Denk' an die Gretl! (Sich umschauend.) Aber wie? wo bin ich? wohin habe ich meine Schritte gelenkt? Ist dies nicht das Haus, in welchem ich einst einen feierlichen Schwur schwur? Ist dies nicht der süße Ort jener unvergeßlichen und doch vergessenen Vergangenheit, wo ich meine Tatzen in ihre böbende Hand gelögt? Oh, fürchterliche Vergeltung des Schicksals! Gräßliches Schicksal der fürchterlichsten Vergeltung! (Tiefbewegt.) Margareta! Kannst du mir vergeben? (Er weint ungeheuer und setzt sich auf die Bank an der Wirtshaustüre, sich in seinen Mantel hüllend.) ( Hiesl mit einer Heugabel tritt aus dem Hause. ) Hiesl . Meine sieben Knödl wären glücklich drunten. Jetzt heißt's auf d' Wiesen zum Heumachen. Was sitzt denn da für eine Figur? Kasperl (für sich) . Auweh, das ist ja der Hausknecht, der Hiesl, der mir damals meine Stiefel geputzt hat. Hiesl . Heda! Was tut er da vor'm Haus? Er ist gewiß so a Vagabund. Also raus mit der Sprach'! Wir wollen wissen, wer man ist. Kasperl . Sei'n Sie mit einem Unglücklichen nicht grausam! Gönnen Sie dem müden Wanderer einen Augenblick Ruhe. Hiesl . Die Wanderer kennt unsereiner schon. Die lassen gern etwas mitwandern. Marsch da! Wo ist's Wanderbüchl oder ein Vorweis? Kasperl . Man braucht jetzt keinen Vorweis mehr. Weiß Er das nicht? Hat Er nicht die Verordnung im Amtsblattl gelesen, daß die Ansässigmachung frei ist? Also darf ich mich jedenfalls hier niedersetzen. Hiesl . Da weiß ich nichts davon. Das sind nur so neumodische Sachen. Kasperl . Kennt er nicht das Polizeigesetz? Hiesl . Mein Polizeigesetz ist und bleibt, daß man verdächtige Objekte ausweist; und wenn er nicht gutwillig geht, so brauch' ich meine Heugabel zum Deutlichmachen, was ich mein'. Verstanden? Aber zuvor will ich's doch der Wirtin sagen. Vielleicht gibt's ihm a Nudl auf'n Weg oder a Stückl Hausbrot. (Ab ins Haus.) Kasperl . Von allen Türen abgewiesen! – Eine Nudl, ein Stückl Hausbrot mir – der ich auf feinen Porzellantellern Austern gegessen hab'?! Gretl (tritt aus dem Hause) . Nun, was gibt's da? Wollt Ihr was? Seid's ein Bettler oder möcht's vielleicht eine Arbeit? Kasperl (für sich) . Himmel! Sie ist es! – Doch Verstellung! Noch soll sie nicht wissen, wer ich bin. (Mit verstellter tiefer Stimme.) Ich bin ein armer, armer Mann. (nähert sich Gretchen mit schlotternden Schritten.) Gretl . Wenn Ihr wirklich arm seid, so will ich Euch gern was schenken. Geht nur ein bißl in die Zechstuben herein. Kasperl (für sich) . Oh, wie gut sie ist! (Laut wie vorher.) Ich bin ein armer alter Mann und suche eigentlich einen armen aber jungen, hübschen Mann auf, der mein weitschichtiger Vetter ist. Gretl . So? Und wer ist denn Euer weitschichtiger Vetter? Kasperl . Ein gewisser verunglückter, edler Mensch. Er heißt Kasperl Larifari. Gretl (in höchster Aufregung) . Wie, ums Himmelswillen? – Kasperl Larifari? – Wißt Ihr was von ihm? Nur schnell, schnell! Kasperl . Liegt Euch denn soviel an diesem meinem Herrn Vetter Kasperl Larifari? Gretl . Oh, sagt nur, ob Ihr etwas von ihm wißt. Laßt mich nicht so lang in Aengsten. Kasperl (wirft den Mantel weg und fällt Gretl zu Füßen) . Margareta! Sieh ihn hier zu deinen Füßen! Gretl . Mein Kasperl! Mein Kasperl! bist du's wirklich? Kasperl (aufstehend. fällt ihr um den Hals) . Ja, ich bin's, bin's, bin's! – aber kannst du mir noch gut sein? Gretl . Oh, es ist alles vergessen, weil ich dich nur wieder hab'! Kasperl . Juhe! Du warst und bist meine allerliebste Gretl. Gretl . Auf ewig, ewig! Duett.         Wir haben uns wiedergefunden, O selige, selige Stunden! Du mein, ich dein, Es soll nicht anders sein. Wie lang' mußt' ich dich vermissen, Mein Herz das war beinah zerrissen! Nichts trennt uns mehr; O komme, komm' nur her! ( Sie fallen sich in die Arme. Eulenschloß, der mittlerweile eingetreten, nähert sich. ) Eulenschloß (nachsingend) . Wir haben uns wiedergefunden, O selige, selige Stunden – – Ha, ha! So geht's auf der Welt. Die Ehen sind im Himmel geschlossen. Ich lade mich zur Hochzeit ein. Kasperl und Gretl . Ei, der gnädige Herr! Eulenschloß . Nicht Herr , sondern Freund . Kasperl . Allzugnädig; allzugnädig. Gretl, wie meinst du? Könnten wir nicht schon in acht Tagen Hochzeit halten? Gretl . Mir ist's recht. Je eher, je lieber. Kasperl . Jetzt hab' ich das rechte Portefeuille erwischt. Das laß ich aber nimmer aus. Eulenschloß . Da bedarfst du auch eines geheimen Sekretärs Eulert nicht mehr. Kasperl . Nein! Nein! Dieses Ministerium kann ich allein versehen. ( Gruppe. ) ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Der artesische Brunnen oder Kasperl bei den Leuwutschen Patriotisch-musikalisches Drama in drei Auf- und Zuzügen (August 1871) Personen         Stopselberger , Gastwirt zum »Roten Rößl « Nanni , dessen Tochter Hans , Lenzelbauernsohn Dr. Zwiebelmaier , Gelehrter und Professor Kasperl Larifari Hiesl } } in Stopselbergers Diensten Nachtwächter Dorfbewohner Schluwi , Häuptling der Leuwutschen Milipi , seine Tochter Halamilari , Staatsrat und Adjutant Eingeborene Leuwutschen Sklaven Ein Leuwutschenteufel } } } } } } Patagonier Das Drama spielt teils in einem süddeutschen Dorfe, teils in Patagonien, Provinz Leuwutschen.   Erster Aufzug Wirtsstube. Morgen. ( Kasperl liegt schlafend auf der Ofenbank. Nanni tritt aus einer Seitentüre ein, ordnet und schafft in der Stube, ohne Kasperl zu bemerken. ) Nanni . Seit die selige Mutter gestorben ist, hab' ich gar keine Ruh' mehr. Ordentliche Kellnerinnen sind rar, und die unsrige sitzt auch lieber in der Kuchl bei die Knödl, als daß sie die Schenkstuben sauber halt. Wenn mich der Vater nur mein Hansl heiraten ließ! Wir könnten d' Wirtschaft übernehmen, und der Vater könnt' sich Ruh' gönnen. Wir wollten ihn gewiß gut halten. Aber es ist ein Kreuz und ein wahr's Herzenleid, daß er mir den Hansl net leiden will und ist doch so a braver Bursch. Geld hat er freilich z'wenig, und der Vater möcht' halt höher naus, und ich sollt ein reichen Burschen nehmen. Aber wenn's Gott will, kommen wir doch zusammen, und an andern als 'n Hansl nimm i nit, dabei bleibt's. (Man pocht an's Fenster.) Was gibt's? Wer ist drauß'? Hans (schaut herein.) Mach auf, ich bin's. Nanni . Ei, du bist's! – Grüß Gott! Komm nur a bißl in d' Stuben rein; der Vater liegt ja noch im Bett wegen sei'm Rheumatismus an der großen Zehe. (Öffnet die Mitteltüre.) Hans (mit einem Rechen in der Hand) . Da bin i, Herzensschatz. Ich hab' mir denkt, weil i grad zum Eingrasen vorbeigeh', muß ich doch a bißl reinschau'n. Nanni . Das war amal a g'scheiter Gedanken – und du weißt ja, dem Vatern kommst nie g'legen, dem wär's am liebsten, daß wir zwei gar nit z'sam'kämen. Hans . Freilich weiß ich's; aber wir bleiben deswegen doch beinand. Gelt, Nanni! ich mein's redlich und du bist auch brav; da kann kein Mensch was entgegen haben, und unser Herrgott wird uns schon helfen, daß wir doch einmal mitanand hausen. Nanni . Oh mein Hansl! Vorderhand ist wenig Aussicht da. Ja, wenn du nur a bißl mehr Geld hätt'st, nachher hätt' der Vater g'wiß nix entgegen, aber so spitzt er auf den reichen Hofbauernsohn mit seine 20 000 Gulden. Hans . Was ist's denn ums Geld, wenn man sich nit mag? Und der Fleiß, der ist doch oft mehr wert als der Reichtum. Nanni . Der Vater meint halt: 's Geld und der Fleiß beisammen wär' noch besser, und der Hofbauer-Michl wär' auch a braver Bursch. Hans . Da steht's freilich schlecht mit uns; aber halt nur aus, Nanni! Nanni . Darauf kannst rechnen, daß ich dir treu bleib, und kein' andern nimm; lieber geh' ich ins Kloster zu die Salesianerinnen. Hans . Nein, nein! Das dürft nit g'schehn! Kasperl (plumpst von der Ofenbank auf den Boden herab) . Hopsa! jetzt bin i aufg'wacht! Nanni . Bist du auch wieder da, Kasperl? Und richtig, auf der Ofenbank g'schlafen! Schäme dich! Bist jetzt die ganze Nacht wieder da heraußen g'legen und net in deiner Stuben? Kasperl (gähnend und sich reckend) . Es ist ja ganz einerlei, wo und wie und warum der Mensch liegt; wenn er überhaupt nur liegt, da bekanntlich und auch nach ärztlicher Anordnung das Liegen sowohl dem Kranken, wie auch dem Gesunden eine äußerst gesunde und vorteilhafte Bewegung oder vielmehr Lage ist. Uebrigens kann es der Jungfer Nanni sehr einerlei sein, wo und wie ich liege; denn gelegen ist gelegen und Gelegenheit ist Gelegenheit, wie ich eben bemerke, weil der Hansl schon in aller Fruh' da ist. Nanni . Halt's Maul mit dem G'schwätz! In der Zechstuben soll niemand schlafen; drum hat jeder Dienstbot' sein' Kammer. Verstanden? Vermutlich hast gestern abends wieder zu viel g'habt und bist gleich auf der Ofenbank eing'schlafen. Kasperl . Und ich sag': in der Zechstuben soll nit in aller Fruh schon ein Dechtlmechtl aufgeführt werden, während der Herr Wirt noch in seinem Federbett liegt. Hans . Im Vorbeigehn kann man immer ein bißl zusprechen. Das ist auch kein' Sünd'. Kasperl . Oh, sprechen Sie nur zu, Mosjöh Hansl! Meinerseits leg' ich Ihnen nichts vor die Haustür'. Nanni . Jetzt sei a mal still. Geh' naus in die Kuchl; da steht schon deine Milchsuppen. Kasperl . Und immer die Milchsuppen! Als ich noch im Flügelkleide war, pflegte ich Kaffee zu frühstücken. Nanni . Und im »Flegelkleide« ist grad a Milchsuppen für dich recht. Kasperl . Dieser Witz ist nicht schlecht. Also Milchsuppen! Ich gehe. (Ab.) Hans . Und ich geh' auch, Nanni. 's is hohe Zeit, daß ich eingras' fürs Vieh. B'hüt dich Gott! Nanni . So geh' halt. Vielleicht kommst heut' abend auf a Halbi. Geh', komm. Hans . Wenn's möglich ist – g'wiß! Adies. (Ab.) Wirt (ruft zur Seitentüre herein, in der Schlafmütze) . Nannl, wieviel Uhr ist's, meine Uhr ist stehnblieben. Nanni . Sechs Uhr. Gut'n Morgen, Vater! Wirt . Herrgott, hab' ich mich verschlafen! Aber meine Zeh' hat mich so zwickt. (Zieht sich zurück.) Kasperl (ruft zur Tür herein) . Nannl! – Nannl! Jetzt hab' ich mich am Brunnen waschen wollen, und er lauft schon wieder nit. Nanni . Nun – das weißt ja, daß das Wasser schon drei Tag' ausbleibt. Es muß am Gumper fehlen. Kasperl (tritt ein.) Das ist eine verflixte G'schicht! Jetzt müssen wir schon drei Tag' lang unser Wasser beim Müller holen! Mir ist's recht; ich muß mich halt ans Bier halten. Nanni . Das g'schieht ohnedem. Kasperl . Man muß sich den Verhältnissen und den Umständen fügen. Von mir aus kann der Brunnen laufen oder der Brunnen kann nicht laufen. Ich kann mich halt nicht waschen. Nanni . Deine Gurgel, scheint's, kannst aber doch waschen. und ein ungewaschenes Maul hast ohnedem immer. Kasperl . Das ist meine Sache, Mamsell Nanni. Gewaschen ist gewaschen. Wirt (tritt ein) . Das ist aber doch eine Malefizg'schicht. Hab' mir ein Glas Wasser pumpen wollen – und hat der Brunnen wieder kein Wasser geben. Jetzt müssen wir's Wasser schon drei Tag' fürs Vieh holen, für uns holen! Warum habt's 'n Veitl, den Brunnenmacher, noch net g'holt? Ich hab's schon gestern früh ang'schafft. Kasperl . Der Veitl, der Brunnenmacher, hat sich den Fuß brochen, und es muß wo anders fehlen. Seit gestern ist's Wasser beim Nachbar auch ausgeblieben. Das macht das trockene Jahr und ist eine Straf' Gottes, wie der Herr Pfarrer am vorigen Sonntag gepredigt hat, weil die Wirt' so viel Wasser ins Bier schütten – – Wirt . Daß dich der – – kurz und gut: Wasser muß her! Terzett .         Kasperl . Der Brunnen gibt kein Wasser mehr. Wirt . Und ich sag': Wasser, Wasser her! Nanni . Die Zuber stehen alle leer.     Zu Drei: { { { Kasperl . Kein Wasser mehr! Wirt . Nur Wasser her! Nanni . Die Zuber leer! fugato: { { { Kasperl . Mehr, mehr, mehr. Wirt . Her, her, her! Nanni . Leer, leer, leer! Zu drei : Wir haben halt kein Wasser mehr. ( Professor Zwiebelmaier mit einer ungeheuren Schlafmütze tritt gravitätisch ein. ) Zwiebelmaier (singt) . Gerad' steig ich aus meinem Bette, Und höre hier schon ein Terzette, Wie kommt's, daß ihr in aller Frühe Schon brüllet wie im Stall die Kühe. Wirt . Ei, guten Morgen, Herr Professor? Nanni . Sind Sie auch schon so früh auf? Kasperl . Ich hab' Ihnen die Stiefel noch nicht geputzt. Zwiebelmaier . Einerlei! ich habe den schönen Morgen genießen wollen und meine meteorologischen Beobachtungen fortsetzen, welche ich gestern begonnen habe. Kasperl . Was sind denn das für Beobachtungen, die nekeologischen G'schichten da? Zwiebelmaier . Wißt Ihr denn nicht, daß ich seit acht Jahren diesen ländlichen Wohnsitz bezogen, um den Druck der Atmosphäre zu berechnen und den Thermometerstand mit der Barometerhöhe differentialisch zu berechnen. Kasperl . Donnerwetter, das ist mir zu hoch! Den Chronometer mit dem Druck atmospärisch, indifferentialisch – Zwiebelmaier . Still! entweihe die Wissenschaft nicht. Guten Morgen, liebes Annchen, wollen Sie mir nicht ein frisches Glas Wasser vom Brunnen holen? Kasperl . Hat ihn schon! Nanni . Ja, mein Gott! der Brunnen – – – der Brunnen – Zwiebelmaier . Der Brunnen – was ist's mit dem Brunnen? Wirt . Ja, denken S': die Fatalität! Mein Brunnen gibt kein Wasser mehr, beim Nachbarn ist's auch ausblieben – Kasperl . Und, wie mir der Nachtwachter g'sagt hat. greift die Trockenheit um sich, bald wird das ganze Dorf kein Wasser haben. Es muß eine unterirdische Revolution ausgebrochen sein. Zwiebelmaier . Wie ist es möglich? Allerdings war das ganze Jahr bisher sehr trocken, und es mag sein, daß die Kapillarität der Erde etwa nicht genug Aufnahmsstoff hat, weil die gehörige Feuchtigkeit des Niederschlags gefehlt hat, oder nicht hinlänglich war. Kasperl . Das ist sehr verständlich, zum Beispiel: Wenn einer Durst hat und geht mit dem Maßkrug an ein Faß, um sich Bier zu holen, das Faß lauft aber nicht, so ist das ein sicheres Zeichen, daß nix drin ist. Gerade so ist's jetzt: Wenn in der Erden unten kein Wasser ist, so lauft halt keins rauf, und man muß sich ganz und gar ans Bier halten. Wirt . Dumm's G'schwatz! A Wasser braucht man doch ; und was tut man denn mit'm Vieh? Dem wird man doch kein Bier geben? Kasperl . O mein! Es gibt nit die wenigsten Viecher, die nur Bier trinken, z. B. der G'meind'vorsteher oder Gutsverwalter – Wirt . Halt's Maul! Du verstehst nix. ( Hinter der Szene ein ungeheures Gebrüll der Ochsen und Kühe und Lärm aller Art. ) Hiesl (Knecht stürzt herein) . Helft's, helft's! Alles Vieh ist los vor lauter Durst! Seit gestern hat's kein Wasser mehr kriegt. Jetzt ist alles wie narrisch und hat sich von die Ketten losg'macht. Wirt . Um Gottes willen, naus' naus! Helft's z'sammen, daß wir's wieder anhängen. ( Alle eilen hinaus, bis auf Zwiebelmaier und Nanni. ) Nanni . O mein, o mein, Herr Professor. Das ist schon a Malhör, wenn's Vieh sich losmacht! Ich trau' mir gar nit naus. Ich fürcht' den schwarzen Stier; der ist gar so wild und stoßt einen gleich um. Zwiebelmaier . Sie haben recht, liebe Nanni. Man soll sich unnützermaßen keiner Gefahr aussetzen, um nicht etwa unvorsichtigermaßen in ein Unglück zu geraten. Nanni . Ich bin ohnedies schon unglücklich, ich brauch kein bösen Stier mehr dazu. Zwiebelmaier . Wie? Sie sind unglücklich? Ich wohne doch zu meinen naturhistorischen Forschungen schon vierzehn Tage bei Ihnen, und habe nichts von Ihrem Unglück bemerkt. Nanni . Das hätten S' doch bemerken können, daß ich und der Lenzelbauernhans uns einand' gern haben? Zwiebelmaier . Ja wohl; aber das Sich-Gernhaben ist ja doch kein Unglück? Nanni . Unter gewissen Umständen aber doch ein Unglück: wenn nichts draus wird. Zwiebelmaier . »Nichts daraus wird?« – Dies scheint mir so viel zu bedeuten, als ob Ihrer ehelichen Verbindung ein Hindernis entgegenstände. Nanni . Ja freilich, der Vater mag nicht, weil der Hans nicht g'nug Geld hat, und weil der Vater für mich den reichen Hofbauernsohn möcht'. Zwiebelmaier . Ei, ei, ei, das ist freilich eine böse Geschichte. (Besinnt sich.) Hm, hm, hm! – Da sollte man dem Hans Geld verschaffen können. Das wäre wohl das beste Mittel, dem Unglücke abzuhelfen. Nanni . Ja, wenn der Hans Geld hätt', da wär's dem Vater schon recht; denn gegen den Burschen hat er weiter nichts einzuwenden. Zwiebelmaier . Holla! Mir kommt ein trefflicher Gedanke. Wenn dessen Ausführung gelänge, so wäre Ihnen geholfen. Wissen Sie was, Nannchen? Sorgen Sie, daß ich sobald als möglich Ihren Geliebten sprechen kann. Nanni . Das ist leicht möglich; denn er mäht Klee gleich da draußen. Zwiebelmaier . So kommen Sie; zeigen Sie mir den Ort. Ich will zu Hans gehen. Nanni . Recht gern. (Beide ab.) Kasperl (tritt mit großen Schritten ein) . So, jetzt wär' alles wieder in Richtigkeit. Das Vieh ist wieder angekettet und mit einigen sanften Prügeln beruhigt. Leider kann man's nicht überall so machen; denn die Menschen benehmen sich auch oft wie närrisch und solange die Welt steht und so lang's Menschen gibt, hört auch der Unsinn nicht auf. Da könnt' man was erzählen! Lied .                 { { Geht man ein wenig nur herum, So findet man gar vieles dumm; Die Tiere sind nicht bloß im Stall, Viel mehr auf Erden überall. Hm, hm, hm, hm, hm, hm, hm, hm Das ist halt so ein g'wisser Fall!         { { Oft meint der ein', er ist sehr g'scheit, Wenn er am Gelde sich erfreut, Er sperrt es ein für sich allein, Gibt keinem nur ein Kreuzerlein! Hm, hm, hm, hm, usw. Was mag ein solcher denn wohl sein?         { { Ein anderer lebt in Saus und Braus Und wirft das Geld nur so hinaus Für nichts und wieder nichts, bis er Als armer Schlucker geht einher. Hm, hm, hm, hm, usw. Ich frage Sie, wer ist denn der?         { { Ein Fräulein putzt sich früh und spät Und spreizt sich, wo sie geht und steht, Dabei kriegt sie ein altes G'sicht, Was schon die ganze Stadt bespricht. Hm, hm, hm, hm, usw. Das ist halt auch so eine G'schicht'.             { { Die Kindergärten sind nicht schlecht, Für g'wisse Frauen grade recht; »Was soll'n die Fratzen mich genier'n, Hm, hm, hm, hm, usw. Ich geh' lieber allein spazier'n.« Ich will nicht weiter kritisier'n, Hm, hm, hm, hm, usw. Sonst könnt' ich mich kompromittiern. ( Macht sein Kompliment und geht pathetisch ab, während der Vorhang langsam fällt. )   Zweiter Aufzug Dorf. Das Wirtshaus zum »Roten Rößl« von außen. In der Mitte der Szene die Zurichtung eines artesischen Brunnens. Aufgeworfene Erdhaufen und Schutt, Leitern, Stangen usw., ein großer Erdbohrer steht in der Mitte gerade in die Höhe usw. ( Hans. Professor Zwiebelmaier. ) Zwiebelmaier . Nun, mein lieber Hans, denk' ich, soll es nach meinen mathematischen Berechnungen nicht mehr lange dauern, daß wir den Erdball in solcher Tiefe durchbohrt haben, daß das Wasser nicht mehr ausbleiben kann. Noch überall hat man mit dem sogenannten artesischen Brunnen seinen Zweck erreicht. Hans . Ja, ich bin Ihnen recht dankbar, daß Sie mich zum Gehilfen und Famulus genommen und dem Wirt die Bedingnis gesetzt haben, daß er mir die Nanni geben muß, wenn's Wasser da ist – Zwiebelmaier . Allerdings, so ist es, und es muß dabei bleiben. Hans . Aber, aber – jetzt bohren und graben wir schon vierzehn Tag' den artesischen Brunnen, und es laßt sich halt kein Wasser sehen. Das dauert endlich dem Wirt zu lang, denn Kosten hat er auch dabei, und zuletzt muß das ganze Dorf verdursten, denn es wird halt zu arg, daß man alles Wasser für Mensch und Vieh anderthalb Stunden weit herfahren muß! Es ist was Schreckliches um so eine Wassernot! Zwiebelmaier . Geduld! Geduld! Die Wissenschaft täuscht nicht und trügt niemals. – Ah, da kommt der Herr Wirt selbst. Wirt (tritt aus dem Wirtshaus) . Meinen Respekt, Gnaden Herr Professor. Zwiebelmaier . Guten Morgen, Herr Gastgeber. Wirt . Da haben wir halt noch die alte Bescherung! Alleweil graben, alleweil bohren – – Zwiebelmaier . Nur kein Bedenken! Wir kommen baldigst auf ein Resultat, wir müssen! es kann nicht anders sein. Hören Sie: wenn wir noch eine Röhre ansetzen, die ich diesen Morgen vom Klempner erwarte – wird der Brunnen springen. Wirt . Verzeih'n S', Herr Professor; aber ich hab' mir schon genug springen lassen und wenn's Wasser nicht bald springt, – – – Zwiebelmaier . Hören Sie nur, ich bin bereits an der Erdschichte angelangt, wo das chaotische Fluidum vulkanischer Konfusion sich mit dem Amalgam der Wasserregion verbunden zu haben scheint; der Mischungsbrei hat sich gezeigt, die Kapillarröhren haben sich geöffnet. Wirt . Da versteh' ich den blauen Teufel davon; ich möcht' einmal, daß ein End' herschaut. Zwiebelmaier . Dieses Ende ist nahe. Der gute Hans leistet Unglaubliches bei der Sache, und seiner rastlosen Tätigkeit haben wir, was die mechanische Wirkung anbelangt, das meiste zu danken, und an meinen Berechnungen kann es nicht fehlen. Wirt . Ich weiß schon, wo das wieder hinaus will. Es bleibt dabei. Ist das Wasser da – so kriegt der Hansl meine Nanni; denn, wenn's so ist, wie Sie g'sagt haben, so ist mir der Brunnen mehr als viele tausend Gulden wert. Punktum! Zwiebelmaier . Wie gesagt: ein solcher artesischer Brunnen versiegt nie und liefert in einer Sekunde mindestens 56 Eimer Wasser. Sie können damit nicht nur Ihre Bedürfnisse, sondern das ganze Dorf versehen und sich noch eine Mühle oder eine durch Wasser getriebene Dreschmaschine – kurz: was Sie immer wollen, anlegen. Wirt . Nur nicht gar zu viel versprochen, Herr Professor: vorderhand hab' ich nur einen blauen Dunst, aber kein' Tropfen Wasser. Hans . Aha! da kommt schon die Röhre zum Einsetzen. (Kasperl und Knecht Hiesl tragen eine Röhre herein.) Zwiebelmaier . Gut, sehr gut! Nun die Röhre hinabgesenkt, den Bohrer etwas gehoben! (Es geschieht nach Anordnung. Kasperl krabbelt an dem Bohrer hinauf, setzt sich auf dessen Querstange.) Kasperl . So, jetzt können wir wieder bohren. Mir geht's schon ganz feucht von unten heraus. ( Alle sind behilflich. Ungeheurer unterirdischer Donnerschlag. Kasperl sinkt mit dem Bohrer in die Tiefe, zugleich steigt ein mächtiger Springbrunnen aus der Erde. Allgemeines Geschrei und Jubel. ) Wirt . Juhe, Juhe, da haben wir's! Zwiebelmaier . Triumph der Wissenschaft! Hans . Nanni, Nanni! komm raus! Unser Brunnen lauft. Nanni (springt aus dem Wirtshaus heraus) . Gott sei's gelobt! Wirt . Ich halt mein Wort! Ich halt mein Wort! Ihr seid ein Paar! Hans . Vivat! Vivat der Herr Professor! Wirt . Zapft nur gleich ein Faß an! Das ganze Dorf ist zechfrei! ( Die Bühne füllt sich mit Dorfbewohnern, allgemeine Teilnahme und Freude. ) Nanni . Aber – wo ist denn der Kasperl? Hans . Auweh! Der Kasperl ist versunken! Chor . Auweh! der Kasperl ist versunken; Vielleicht im Brunnen schon ertrunken!     (Mehrere schauen in den Brunnen hinab.) Es ist nichts mehr von ihm zu sehen, Welch' großes Unglück ist geschehen! Auweh, der Kasperl ist versunken. Im Brunnen, ach! ist er ertrunken. Verwandlung Patagonien. (Südamerika. Stamm der Leuwutschen.) ( Südliche, üppige Gegend am Meere. Vegetation Palmen. Im Meere schwimmen große Fische. Affen, Papageien auf den Bäumen. Tiger, Schlangen beleben die Szene. ) Professor Zwiebelmaier (tritt auf) . Hochgeehrtestes Publikum! Ich bin von Seiten der Theaterdirektion ersucht worden, Ihnen einige Erläuterungen vorzutragen, damit etwa nicht ein Mißverständnis eintrete, nämlich, wie folgt: Sie befinden sich jetzt im tiefsten Südamerika in der Provinz Patagonien bei den Leuwutschen, welche einen der wildesten Stämme dieser Gegenden bilden. Wenn Sie den Erdglobus betrachten, so werden Sie entdecken, daß in diametralem Durchschnitte vom Dorfe, in welchem sich das Wirtshaus »zum roten Rößl« befindet, dieser Ort in Patagonien oder vielmehr im Lande der Leuwutschen, der gerade entgegengesetzte Punkt ist, in dessen Richtung ich den artesischen Brunnen graben ließ. Indem nun das Wasser hervorsprang, stürzte eine Erdschichte ein, es kam zum kompletten Durchbruche bis in die Weltgegend der Antipoden, welche im vorliegenden Falle die genannten Leuwutschen sind. Ohne Zweifel wird also der arme Kasperl durch diese Erdvertiefung gefallen sein und sich zu seinem größten Unglücke bald in dieser Gegend und bei deren wilden Bewohnern einfinden, deren Gebräuche und Sitten jedoch mit denen der Urbajoaren sehr viel Aehnlichkeit haben sollen, weil bei der großen Völkerwanderung, obgleich Amerika noch nicht entdeckt war, ein kleiner Stamm derselben sich hier angesiedelt hat, wie man glaubt. Soviel zur Aufklärung des hohen Publikums. Meinerseits werde ich mich aber sogleich wieder hinter die Kulissen begeben, denn ich möchte mich als ein gelehrter Professor keineswegs den entwaigen ungeeigneten Benehmen der ungebildeten Leuwutschen aussetzen. (Unter Komplimenten ab.) ( Kasperl kriecht aus der Felsenhöhle, schüttelt sich ab. ) Kasperl . Schlipperdibix! das war aber eine Rutscherei! Ich kenn' mich noch gar nicht aus. Das weiß ich noch, wie ich auf den kartesischen Bohrer g'stiegen bin, nachher bin ich mit ihm in das tiefe Loch gerutscht, und bin dabei a bißl naß word'n, aber nachher weiß ich nichts mehr von mir, bin ich in die Ohnmacht oder in ein Prezupiß g'fallen – ich weiß kein Sterbenswörtl. (Schaut umher, höchst verwundert.) Oho, oho? – Ja, was ist denn das für ein Stadtviertel? Verflixte G'schicht? Da muß ich bedeutend ums Eck gekommen sein. Das sind ja Bäume wie die Kehrbesen mit grüne Büschel! Und das Wasser dahinten, da sieht man gar kein End'! Schlipperment und diese Vieher! (Einige Affen springen über ihn hinüber.) Halt! halt! Die Gassenbub'n hier sind auch kurios, die hab'n Schweiferln wie die Katzen. Ah, ah, ah! das ist aber schön! – – Herrgottl, jetzt fallt mir was ein! Etwas Erschreckliches! Ein Riesengedanke – – ein Weltereignis! Hat mir denn nicht der Professor Zwiebelmaier öfters g'sagt: »Die kartesischen Brunnen gehen sogar manchmal so tief durch die Erde, daß die Bohrerschraubenspitze unten auf der Rückseite der Erdkugel herausschaut im Lande der Antipopoden!« Ha! – Und diese Antipopoden sind die Leut', die auf der anderen Seiten von der Erdkugel logieren! – Oh, Himmel! wäre es möglich? wäre es möglich, daß ich Unglücklicher, vielleicht in dem kartesischen Loch da durch die ganze Erdkugel gerutscht wär' und mich jetzt wirklich bei den Antipopopopoden befände? Furchtbarer Gedanke. Weh mir, ich bin verloren! – – Ich fall' in Ohnmacht. (Fällt bewußtlos um.) ( Prinzessin Milipi läuft eilends herbei, einen ungeheuer großen Schmetterling zu fangen, der vor ihr herfliegt und sich auf Kasperls Nase setzt. ) Milipi . Wart' nur, Bestie, ich krieg' dich schon! – Ah, da sitzt er. (Eilt hin, erschrickt ungeheuer.) Ihr höhern Wesen! Was ist das? Ein fremdes Tier! Sklaven! Herbei! Helft mir! Ich werde gefressen. Kasperl (erwachend. Der Schmetterling fliegt fort) . Holdes Wösen, erschrecken Sie nicht! Fürchten Sie mich nur nicht! Sie sind ja ein gar nettes Wutscherl! Milipi (für sich) . Das Tierchen ist gar nicht so übel. Es kann ja auch sprechen. Kasperl (sehr zärtlich) . Oh, oh! Sagen Sie mir, warum sind Sie denn so braun im G'sichtl. Sie sehen ja aus wie ein Kupferpfannl, in dem man die Schmalznudel backt? Milipi . Fremdling, ich verstehe dich nicht ganz; aber du gefällst mir: denn du scheinst ein gutes Wesen zu sein und kein böses. Kasperl . O nein, ich bin kein böses, sondern ein sehr gutes, gutes, aber hungriges und durstiges Wösen. Milipi . Ich will dir eine Kokosnuß geben, daraus kannst du die Milch schlürfen. Kasperl . Was? Wär' nit übel! Ein' Hokuspokusmuß? Das hab' ich meiner Lebtag nicht gessen. Da dank ich. Milipi . Oder willst du eine verzuckerte Eidechse? Ich habe davon vom Dessert mitgenommen. Kasperl . Was? – A verzuckerte Heidaxen!! Aber, das ist doch a bißl zu stark, was Ihr für eine Kost haben müßt in dem Land? – Aber – apropos, mein Fräulein – denn das sind Sie doch? Milipi . O ja; ich bin die Tochter des Häuptlings dieses Stammes. Und heiße Milipi. Kasperl . Was? Tochter? Häuptling? – Stamm? Milililipipipi? Das ist ja alles chinesisch! – Nun, apropos! Eigentlich möcht' ich doch wissen, wo ich heruntergefallenes Individuum mich auf der Welt jetzt befinde. Milipi . Ja, weißt du denn das nicht? – Du bist im Lande der Leuwutschen. Kasperl . Leuleuwutschen? Milipi . Ja, im Patagonierreiche. Kasperl . Im Spatagonierreiche? – Na – jetzt weiß ich so viel wie zuvor. Du also, liebes Mauserl, bist eine Leuleuwutscherin? Oh, du Wutscherl du! Milipi . Willst du, so werde ich dich zu meinem Vater führen, der wird dich gerne beherbergen. Kasperl . Ja, mir ist's schon recht, aber vielleicht kriege ich eine rechte Tracht Prügel und werde so, was man sagt, ein bißl »verleuwutscht«. Milipi . Oh, fürchte dich nicht; aber sieh, da kommt mein Vater selbst. Kasperl . Auweh! – jetzt könnt's mein' Kopf kosten. ( Schluwi mit Halamilari und Gefolge tritt ein. ) Schluwi . Himmelpotztausendsaprament! Was seh' ich da? Wer untersteht sich? Wer ist das? Wie verhält sich das? Meine Tochter und ein Fremdling? Ha! Mordselement! Gleich fünfundzwanzig mit dem Bambus!! Alloh! Milipi (wirft sich Schluwi zu Füßen) . Ach lieber Vater! Verzeih! Ich habe diesen armen Fremdling bewußtlos und erschöpft hier gefunden. Er scheint ein verirrter Wanderer zu sein. Schluwi . Ich will nichts mit solchen verwirrten Vagabunden zu tun haben. Donnerwetter! Was ist das wieder für eine Sicherheitspolizei? Gleich fünfundzwanzig dem Polizeikommissär, der die Jour heut hat! Halamilari! Halamilari . Herr, was befiehlst du? Schluwi (beiseite zu ihm) . Glaubst du nicht, daß dieser Unbekannte etwa ein böser Geist sein könnte, der unter dieser Verhüllung mir schaden will? Halamilari . Sehr ja! – Vorsicht! Vorsicht! Schluwi . Also sichte vor. (Laut.) Tochter, du begibst dich augenblicklich nach Hause. Ich folge dir. Halamilari, du bleibst und bringst den Fremdling gefesselt nach. Eh' wir ihn aufnehmen, muß er jedenfalls auf das genaueste geprüft werden. Zu diesem Zwecke führe ihn in den kleinen Tempel, in welchem mein Hausaltar steht. (Ab mit Milipi.) Halamilari . Sklaven, ergreift ihn! ( Zwei Wilde packen Kasperl. ) Kasperl . Oho! nur nicht so grob! Wilde . Prudi, prudi, prudi bibibi! Kasperl . Was? fangt ihr auch mit einer solchen Sprach' an? Geht's weiter mit den Dummheiten? Wilde . Perdipixtipixtiwixti. Kasperl . Ja, ja, 's ist schon recht. Nur Geduld! Ein Wilder . Pumpsdi (schlägt den Kasperl) . Kasperl . Au! Ein anderer Wilder . Pampsdi, pumpsdi! (Schlägt ihn ebenfalls.) Kasperl . Sapperment, das leid' ich nit! (Zu Halamilari.) Sie, Herr General oder Herr Hoffourier, was Sie halt sind: Ich bitt' mir die gehörige Achtung aus. Verstehen Sie mich? (humpelt an den Halamilari, der sehr erschrickt und furchtsam ist.) Halamilari . Ich muß mich etwas in acht nehmen. Wenn er ein böser Geist ist, könnte er nur schaden. (Zu den Wilden.) Ca Colimacolimilimilu. Die Wilden . Oi, oi, oi-mu! Kasperl . So – laß ich mirs gefallen; nur höflich! aber zuvor wünschte ich genährt zu werden. Halamilari . Man wird dir Speis' und Trank geben. Fort! Marsch. Eins, zwei! Eins, zwei! (Alle ab.) Verwandlung Das Innere eines Tempels. In der Mitte auf drei bis vier Stufen steht ein großer steinerner Maßkrug mit zinnernem Deckel. (Notabene wirkliches Exemplar in Naturgröße.) Anfangs der Szene ist der Krug noch von einem Vorhange verdeckt, der sich leicht aufziehen läßt. Nacht. Der Raum ist von einer Hängelampe oder von einem Paar zu beiden Seiten stehenden Kandelabern spärlich erleuchtet. ( Halamilari tritt mit Kasperl ein. ) Halamilari . So führe ich dich denn in das Heiligtum ein, junger hoffnungsvoller Fremdling. Du hast hier die Prüfung zu bestehen. Kasperl . Was – Prüfung? – Jetzt gibt's ja keine Schulpreis' mehr; da will ich auch nix von einer Prüfung wissen. Halamilari . Es ist die Prüfung, ob du würdig seist, in dem Lande des großen Schluwi zu weilen. Kasperl . Mich zu langweilen ; denn bisher hab' ich nur Aengsten, aber keine Unterhaltung g'habt. Halamilari . Hier ist unser Heiligtum, unsere Gottheit, welche vor undenklicher Zeit als ein heiliges, wunderbares Meteor vom Himmel an diesem Platze niedergefallen ist und über welches dann dieser Tempel gebaut wurde. Kasperl . Hinter diesem Vorhang da? Halamilari . Ja. Ich habe den Befehl, dich nun allein zu lassen. Bist du ein Auserwählter, so wird es sich zeigen; wo nicht, so werden dich die bösen Dämonen zerreißen. Kasperl . Oho, was nit gar? Zerreißen? – Aber ich verlang' mir ja nicht ein Auserwählter zu sein; am liebsten wär' mir's, wenn Sie mir den Weg nach Haus zeigen ließen. Halamilari . Es ist zu spät. Du hast zu uns hergefunden, mußt also geprüft werden. Kasperl . Lassen Sie mich nur mit der Prüfung aus, Sie Allerliebster. ( Donnerschlag. zugleich löschen die Lichter aus. ) Kasperl . Pumps dich! Da hab'n wir's! Halamilari . Es ist das Zeichen der Gottheit. Kasperl . Das ist eine kuriose Gottheit, wenn die immer einen solchen Pumpser macht. Halamilari . Lebe wohl! Sei weise und gefaßt! (Ab.) Kasperl (allein) . »Sei weise und gefaßt!« – Was heißt jetzt das wieder? Leben Sie wohl, angenehmes Mannsbild! – Was fang' ich jetzt an? Ich glaub', ich leg' mich nieder und schlaf' a bißl. (Tiefe Stimme hinter dem Vorhang.) Kasperl! Kasperl! Kasperl . Wer ruft mich? Stimme . Ich bin es. Kasperl . Wer bist du denn, der du dich »Ich« nennst? Stimme . Ich bin ich und du bist du; aber in meiner Tiefe ruhet auch dein Geist; dies ist das Geheimnis des Lebens. Kasperl . Schlapperment! dahinten scheint's nicht ganz richtig herzugehen im Kapitolium. Stimme . Ziehe den Vorhang zurück und du wirst mich erkennen. Kasperl . Ich werde den Vorhang zurückziehen und – (Indem er es tut, zeigt sich der Krug von magischem Schimmer erleuchtet. Ungeheuer erstaunt.) Ja-ja-ja – was erblick' ich? Du bist also dieses »Ich« und ich bin dieses »Du«. Himmlische Erscheinung! Wonnevolles Zeichen der Heimat! Ha! (Fällt auf den Bauch.) Kasperl (aufspringend) . Oh, sei gegrüßt, sei willkommen! (Springt an dem Krug auf und ab, dann hinauf, öffnet den Deckel und schaut in den Krug.) Von Innen . Prrrrrrr! (Ein Leuwutschenteufel, der aus dem Krug schaut, nimmt Kasperl beim Schopf.) Kasperl . Auweh! Auweh! – Ist der auch wieder da? Teufel . Wart, Spitzbub! Was tust du da herunten? Kasperl (wieder unten) . Und was tust du da oben? Teufel . Prrrrrrrr! Kasperl . Ja, »Prrrrrr!« (Springt zu ihm hinauf. Balgerei. Kasperl reißt den Teufel herab, springt auf ihn usw., bis der Teufel tot daliegt. Ungeheurer Donnerschlag. Speifeuer aus dem Krug. Es wird hell. Zugleich treten Schluwi, Halamilari und Milipi ein.) Schluwi . Du hast gesiegt, Jüngling! Du hast den bösen Dämon bezwungen. Halamilari . Dich haben die Götter zu uns gesandt. Milipi . Heil dir, nimm diesen Kranz von Palmblättern. Kasperl . Ich bedank' mich gar schön, aber jetzt bin ich so gescheit, wie zuvor. (Mehrere Eingeborene treten ein.) Heil! Heil! Heil! Schluwi . Laßt uns unsern Hymnus singen und um den heiligen Stein den Reigen tanzen. (Alles tanzt um den Krug herum, dessen Deckel fortwährend auf- und zuklappt.) Allgemeiner Chor:         Rallala, rallala, rallala, rallala, Kellnerin schenk' uns ein Weil wir beisammen sein, Rallala, rallala, rallala, la. Rallala, rallala, rallala, rallala, Huraxdax, schnaderigax, Tanz' mit der krummen Hax, Rallala, rallala, rallala, la. Rallala, rallala, rallala, rallala, Und heut is grad so recht, Denn das Bier ist nicht schlecht, Rallala, rallala, rallala, la! Juh! Juh! Juh! Schluwi . Und nun, edler junger Mann; weil ich für meine Tochter noch keinen Mann gefunden, so habe ich dich zu ihrem Gatten bestimmt. Kasperl . Ah! Ah! – Aber färbt's nit ab, die Tochter? Halamilari . Nein, sie ist ganz naturschokoladibraun! Kasperl . Nacher laß ich mir's g'fallen. Schluwi . Kommt Kinder! Kommt alle! Nun soll gleich das Hochzeitsfest gefeiert werden. Man spiele einen Marsch auf; schreit alle: Vivat! ( Alle schreien und ziehen feierlich um den Krug herum unter den Klängen eines Marsches ab, während der Vorhang fällt. )   Dritter Aufzug Gegend am Meere in Patagonien, wie im zweiten Aufzuge. ( Kasperle, Milipi, ein junges Krokodil an der Schnur führend, treten ein. ) Milipi . Nun sind wir verheiratet, lieber Fremdling! Ach, ich bin so glücklich, deine Gattin zu sein! Kasperl (spricht immer sehr hochdeutsch) . O ja, Und ich, moine Liebe, bin so glücklich, dein Gatter zu soin! Milipi . Nicht wahr? Ich darf dich meinen »Colibri« nennen? Das sind die lieben kleinen bunten Vögelchen, die netten Tierchen. Und du hast ja auch so ein rotes Röckchen an. Kasperl . Du bist moine Milipi, und ich bin dein Colipripi! Milipi . Wie gefällt dir mein kleines Schoßtierchen, das junge Krokodilchen? Kasperl . Gar nicht übel, aber es hat mich schon ein paarmal in den Finger gezwickt. Milipi . Das ist nur Scherz. Kasperl . Wenn es aber ein bißchen größer wird, könnte das Tierl einem leicht den Kopf abboißen aus lauter Scherz. Milipi . Das tut nichts; das geschieht bei uns manchmal, lieber Colibri. Kasperl . Da dank' ich gehorsamst. Milipi . Apropos, lieber Mann: denke dir, mein guter Vater will uns heute ein recht großes Vergnügen machen. Er hat mir erlaubt, mit dir eine kleine Spazierfahrt in seinem Leibhofluftballon zu machen, das wird allerliebst. Kasperl . Schlipperdibix! Da freu ich mich aber drauf! Sind denn bei euch auch die Luftbullon bekannt? Milipi . O ja; schon seit ein paar hundert Jahren. Sie sind aus Elefantenhäuten gemacht und werden mit brennendem Branntwein gefüllt, dann steigen sie in die Luft. Aber man hält sie an einer langen Schnur, damit sie nicht davonfliegen können. Kasperl . Das muß eine scharmante Unterhaltung sein, die Luftfliegerei, wenn ei'm dabei nit übel wird. Milipi . O nein, o nein! – Sieh, da bringen sie den Luftballon schon. Papa kommt auch mit. ( Schluwi, Halamilari, der einen schwebenden großen Luftballon an der Schnur hält. ) Schluwi . Milipi, sieh, weil ich dir's versprochen hab', kannst du jetzt mit deinem Mann da hineinsitzen und ein halb Stündl spazieren fliegen. Halamilari hält das Seil, du brauchst keine Angst zu haben. Milipi . Oh, lieber Papa! Und nicht wahr, mein Krokodilchen darf auch mitfahren. Schluwi . Soviel du willst. Steigt nur ein. ( Milipi und Kasperl steigen in das Schiffchen, das Krokodil hängt an der Schnur herab. ) Schluwi . So alloh, alloh! (Der Ballon steigt in die Höhe.) Halamilari . Tausend, tausend! Das Halten wird mir zu schwer! – Kasperl . Nur nit auslassen! Halamilari . Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr! Schluwi . Laßt das Krokodil fallen! (Krokodil fällt herab.) Halamilari . Hilfe! Hilfe! ich kann nicht mehr! Kasperl . Halten's! Mir wird nicht ganz gut. Milipi . Mir wird übel! Ich falle in Ohnmacht! Halamilari . Ich falle! Ich kann nicht mehr! Schluwi . Herbei! Helft! Haltet! ( Halamilari läßt den Strick fahren und fällt hin, der Ballon verschwindet in der Höhe, Milipi fällt mit einem Schrei herab. ) Schluwi . Weh! weh! Meine Tochter! Meine Milipi! Halamilari . Auweh! Ich hab' mir das Rückgrat gebrochen. Schluwi . Hilfe! Hilfe. ( Unter allgemeinem Wehegeschrei fällt das Orchester ein. ) Rasche Verwandlung Wirtshaus von außen wie anfangs des zweiten Aufzuges. Der artesische Brunnen steht vollendet da. Eine Art Säule, an der aus mehreren Röhren Wasser sprudelt. Nacht und Mondschein. ( Kasperl fällt aus der Luft herab und plumpst auf den Boden. ) Kasperl . Donnerwetter! Das hab' ich g'spürt! – (Steht langsam auf.) Auweh, auweh – tut mir das Kreuz weh! No, und die Luftfahrt! Da dank ich! Aber da oben hat er auf einmal auslassen; da muß ihm der Atem ausgangen sein! Kreuztibidomine! Ich muß um die ganze Erdkugel rumgeflogen sein. An a paar Stern bin ich gleich so ang'stoßen, daß ich mir die Spitzeln in die Rippen g'rennt hab'. Das war a Metten! Ein Komet hat mir mit seinem Schweif einen mordalischen Wischer übers G'sicht gemacht, daß mir die Funken aus die Augen g'spritzt sind! Wie ich aber am Mond vorbeig'segelt bin, hab' ich nix mehr g'sehen, und jetzt lieg ich da; aber wo lieg' ich, wo? – Bin ich vielleicht wieder in so ein Wuwutschenland verdammt, wo ich eine schwarze Prinzessin heiraten muß? Halt, ich hör' was! Da will ich mich gleich ein bißel verstecken, eh ich bumerkt werde. ( Der Nachtwächter Peter mit Spieß und Laterne tritt ein, singt. ) Ihr Herrn und Frauen laßt euch sagen, Die Stund' hat drei Uhr früh geschlagen; Es ist bald Zeit, daß ihr aufsteht, Aufsteht und an die Arbeit geht! Ihr Herrn und Frauen laßt euch sagen, Die Stund' hat drei Uhr früh geschlagen; Jetzt legt der Mond sich in sein Bett, Ums Leben ist's a miserabl's G'frett! Ihr Herrn und Frauen laßt euch sagen, Die Stund' hat drei Uhr früh geschlagen, Die Sonne wirft ihre Ducket weg, Und kommt gleich rauf dort übers Eck! ( Marschiert ab. ) ( Mond verschwindet, allmählich tritt die Morgendämmerung ein. Kasperl tritt aus seinem Versteck. ) Kasperl . Potztausendelement! Das war ja der Peter, unser Nachtwachter! Ja! wie kommt denn der daher? Oder wie komm' ich daher? (Sieht sich ringsum.) Herrschaft! Wunder! Mirakel, Spektakel! Das ist ja's Rößlwirtshaus! Juhe! jetzt bin ich wieder daheim! – Doch ruhig! Keine Uebereilung! Fassung! Besonnenheit! Ueberlegung! Manneswürde, Empfindung! Selbstgefühl! Sittlicher Ernst! – Wie mach' ich's jetzt am g'scheitesten, daß meine unerwartete Rückkehr ein Weltereignis wird? – – Jetzt fallt mir was ein: zuvor werd' ich als mein Geist erscheinen, nachher erst als leibhaftiger Kasperl. Ich will doch hören, was die Leut' von mir sagen. (Er steigt auf die Brunnensäule, so daß er sich oben wie eine Statue ausnimmt.) So, jetzt still und aufgepaßt! Am allerfrühesten Morgen werden die Leut' schon kommen und Wasser holen. ( Man hört die Morgengebetglocke im Dorfe läuten. Nun kommen allmählich Knechte, Dirnen an den Brunnen, Wasser zu holen, die aber Kasperl nicht bemerken. ) ( Hiesl aus dem Wirtshause, später Nanni. ) Hiesl (wäscht sich am Brunnen) . Das ist halt was wert, so a gut's, frisch Wasser! Das wascht ei'm den Schlaf noch recht aus die Augen. Aber kost't hat er 'n Wirt was, der Brunnen. Rentiert sich aber. Jetzt hab'n wir überflüssig fürs Vieh, für die Roß, und die groß Stadlwiesen können wir auch noch wässern, und den ganzen Garten und 's Krautgartenwies'l; dürfen nur die Rinnen einlegen. Herrschaft! Das ist freilich eppes Guats und grad nur die halbi Arbeit. (Nanni mit einem Krug tritt aus dem Hause.) Gut'n Morgen, Wirtin! Nanni . Guten Morgen, Hiesl! Tust's Vieh bald tränken. Gelt, der Brunnen ist a Wohltat? Hast'n Schöpfer gleich im Stall. Hiesl . No, das sag i! Der kaltesische Brunnen ist was wert. Aber kost't hat er a was! Nanni . Ja freilich, 2000 Gulden langen net. Und das kann ich halt gar nicht vergessen, daß dabei ein Menschenleben auch z'grund gangen ist Hiesl . A mein, der Kasperl; Gott tröst'n; aber a Lump war er doch! (Kasperl räuspert sich.) Nanni . Ja, a gute Haut; aber a fauler Kerl; und 's Bier war ihm eigentlich sein Arbeit. (Kasperl hustet.) Hast'n Katarrh, Hiesl, weil's d' alleweil husten mußt? Hiesl . Bei Leib nit; aber ich hör' auch alleweil so räuspern. Nanni . Ja, Hiesl, mir wär's doch recht, wenn der Kasperl noch bei uns wär'! Er war gar so a lustiger Bursch' mit seine Dummheiten. Hiesl . Das schon; aber ich glaub', es hat ihn doch der Teufel g'holt, weil er a gar so a fauler Kerl war. (Kasperl hustet ungeheuer.) Nanni . Ja, was ist denn das? Wer ist denn da? (Bemerkt Kasperl oben auf dem Brunnen.) Herrgott im Himmel! Da steht er oben! Das ist sein G'spenst! Auweh! (Läßt den Krug fallen und läuft schreiend ins Haus.) Hiesl . Richtig! der leibhaftig' Kasperl! Alle guten Geister – – (Läuft ebenfalls hinein.) Kasperl . Brav, jetzt hab' ich mein Sach'! wenigstens hab' ich beobachten können, daß ich im guten Andenken steh'. Wie werden sie mich erst empfangen, wenn ich in Wirklichkeit erscheine? Holla! kommt schon wieder wer. ( Wirt mit Nanni aus dem Haus kommend. ) Wirt (an der Türe) . Was nit gar? Das sind Dummheiten! Macht's mir nichts weiß. Ich glaub' an keine Geister. Nanni . Ja g'wiß, auf'm Brunnen steht er oben, wie er g'leibt und g'lebt hat. Schaut's nur hin, Vater. Wirt . 's ist schon recht. (Schaut hin.) Meiner Seel'! – Das ist kein G'spaß; da steht er! Nanni . Gelt's? Ich hab' recht g'habt. Wirt (zitternd) . Holt's 'n Pfarrer, der kann mit die Geister umgeh'n. Hiesl, Hiesl! (Hiesl kommt.) Hiesl . I trau mir net! Wirt . Zum Herr Pfarrer lauf, Hiesl! Er möcht mit 'n Weihbrunnen kommen, aber gleich! wo ist denn der Hans? Hans! ( Hiesl läuft fort, Hans kommt aus dem Hause. ) Hans . Was gibt's denn, Vater? – Wirt . Da schau hin. Hans (schaudernd) . Der Kasperl! Kasperl (mit geisterhafter Stimme) . Ja, der Kasperl! Der arme Kasperl! Als Geist erscheint er euch. Gelt's: der Lump, der Faulenzer! der in das Brunnenloch gefallen ist, tief in die Erden hinunter, der so elend zugrund gegangen ist? Wehe! Wehe! Wehe! (Alle fahren durcheinander, werfen sich endlich auf die Knie.) Ja! Zittert und bebt nur! Wenn die Leut' g'storben sind, nachher soll man nur Gut's von ihnen reden. So steht's im Christenlehrbüchl! Alle . O mein, o mein! Wirt . Wenn's d' nur wieder lebendig wärst, lieber guter Kasperl! Nanni . Gelt? Ich bitt' dich, du tust uns nichts. Wirt . Ich versprich dir's. Ich laß dir ein' schönen Grabstein setzen von Marmor und a gold'ne Schrift drauf; guter Kasperl! Kasperl (springt herab) . Nix Grabstein! Juhe! Ich bin ja lebendig; da schaut's her, da ist der alte Kasperl. Alle . Ja, wie ist denn das möglich! Wirt . Bist du also kein Geist? Kasperl . Nix Geist! – Fleisch und Blut! Gebt's mir nur gleich was z' essen und z' trinken! Wirt . So viel's d' nur magst; weil's d' nur wieder da bist. Kasperl . Ja, gelt's? Aber so geht man mit den Abg'storbenen um?! Nanni . Verzeih's nur, Kasperl; es war nie so bös g'meint. Du weißt's ja. Wirt . Wir haben dich alleweil recht gern g'habt, allesamt im Haus. Hans . Ja freilch! Und jetzt haben wir dich noch gerner. Kasperl (hocherhaben und stolz) . Ja, ich woiß es: der Kasperl wird überall gern gehabt. Wo er immer sich blücken läßt, ist er buliebt, ja angubetet. Ich verzeihe euch! Nanni . Aber sag' nur: wie ist's denn möglich, daß du nit z'grund gangen bist. Kasperl . Zugrund gangen bin ich nicht, sondern zugrund g'fahren . Das Schicksul hat mich gurettet; denn der Kasperl kann und darf nicht zugrund gehen. Aber jetzt gehn wir in die Wirtsstuben, ich fall' vor Hunger und Durst um. Wirt . Ja, gehen wir hinein, da kannst uns erzählen, wie's dir gegangen hat. Nanni . Ja, gelt, Kasperl, du erzählst uns, wo du überall warst. Kasperl . O wecket nicht die Erinnerungen einer glücklichen Vergangenheit. Wirt . Alloh! Auf! Alle . Der Kasperl soll leben! Vivat hoch! ( Das Orchester fällt ein. ) Ende des Dramas . Kasperl als Turner Zwischenspiel in einem Aufzuge (September 1872) Personen         Kasperl Larifari , Privatier Gretl , Kasperls Frau Medizinalrat Dr. Fiberer Barrenreck , Professor der Turnkunst Zimmer in Kasperls Wohnung. ( Gretl tritt mit Dr. Fiberer durch die Mitteltüre ein. ) Doktor . Nun, wie steht's mit Herrn Kasperl? Sie haben mich wieder rufen lassen. Ich meine aber doch, daß es vor vierzehn Tagen schon etwas besser gegangen, als ich das letztemal bei Ihnen war. Gretl . Oh, mein Gott! Ich hab's auch geglaubt. Aber auf das letzte Rezept, das Herr Medizinalrat ihm verschrieben haben, ist's beinah' noch schlimmer mit ihm geworden. Doktor (gereizt) . Oho, Madame! das pflegt man mir doch selten zu sagen. Auf meine Ordinationen tritt gewöhnlich Besserung beim Patienten ein. Da müßte ich schon bitten. Gretl . Diesmal scheint es dann nicht der Fall gewesen zu sein. Aber Sie werden sich gleich selbst überzeugen; ich werde meinen Mann hereinholen, damit Sie mit ihm reden können. (Ab durch die Nebentüre.) Doktor (allein) . Ei, ei, das wäre aber doch! Jetzt kurier' ich schon ein halbes Jahr an Herrn Kasperl, und ich kenn' mich eigentlich selber noch nicht aus, was ihm fehlt. So was darf sich aber ein praktischer Arzt nicht anmerken lassen, oder zu was hätt' ich denn erst vor zwei Monaten den Medizinalratstitel bekommen? Wir Aerzte müssen zusammenhalten, besonders wegen der Homöopathen, die aber sozusagen auch nichts wissen; allein die möchten uns Allopathen ganz ruinieren. Aha! Da kommt er. ( Kasperl tritt ein, große Zipfelmütze auf, ungeheuer wehleidig und affektiert krank und schwach, mit schlotternden Schritten und schwacher Stimme. ) Kasperl . Guten Morgen, Herr Mudizinalrat. Kommen Sie auch wieder einmal zu einem armen kranken Mann? Geltens? Wie ich ausschau! Zum Verschrecken! Doktor . No, no, 's passiert, Herr Kasperl. Wie ich's letztemal bei Ihnen war, haben S' doch noch viel miserabler ausgesehn, und mit dem Piedestal – scheint mir –geht's doch jedenfalls besser. Sie marschieren ja ganz brav. Kasperl . Oh, bewahr's Gott! Ich geh' auf meine letzten Füß! Doktor . Ja, weil überhaupt jeder Mensch nur zwei Füß' hat. Nun also; diskurieren wir ein bißl miteinand. Wie steht's eigentlich mit'm Appetit; denn das ist immer die Hauptsach' beim Menschen. Kasperl . Gar nit gut. Wenn ich sechs Leberknödl in der Suppen und acht Paar Bratwürst' auf'm Kraut gessen hab', da is mit'm Appetit schon vorbei. Doktor . Nun, nun, das kann man sich immer gefallen lassen. Der Magen vertragt noch was. Denken Sie nur, daß Sie gar keine Motion machen, Herr Kasperl. Nun – und wie steht's mit dem Durst? Kasperl . Miserabel! So a halb's Dutzend Liter, wie man's jetzt heißt – die tuen's noch; aber da kann ich höchstens noch a paar Maßl draufsetzen nach'm alten Maß. Doktor . Das ist immer noch ein ganz erträglicher Zustand und mir scheint doch, daß meine letzte Medizin gewirkt hat. Und jetzt sag'n S' amal, Herr Kasperl, wie ist's mit'm Schlaf? – Kasperl . Reden Sie mir nur nicht vom Schlaf! Wenn ich mich abends um a 9 Uhr niederleg', so wach' ich um 8 Uhr in der Fruh schon wieder auf und nachher muß ich mich wenigstens noch dreimal umkehren, bis ich noch a paar Stündl schlafen kann. Gelten's, Herr Mudizinalrat, das kann man doch keinen g'sunden Schlaf heißen? Doktor . 's passiert, 's passiert, Herr Kasperl! Jetzt muß ich nur noch nach'm Stuhl fragen. Der soll in Ordnung sein. Kasperl . Ja, ich muß halt seit acht Tag' immer auf'm Lehnsessel hocken, weil an dem Stuhl in mei'm Schlafkammerl zwei Füß' brochen sind und der ist noch beim Tischler zum Leimen. Doktor . Sie haben mich nicht recht verstanden. Ich mein', ob Sie vielleicht an Obstruktionen leiden? An Konstipationen? Kasperl . Oh, elend, elend! Von den Destruktionen und Konspirationen haben S' gar keinen Begriff. Doktor . Hm! hm! – Bewegung, Bewegung! Herr Kasperl! dann werden die Anschoppungen bald aufhören. Kasperl . Was? Anschopfungen? – Ich nimm mein' Gretl alle Tag beim Schopf, und es nutzt doch nichts. Doktor . Sie müssen Bewegung machen. Kasperl . No, ist das kein' Bewegung, wenn ich alle Tag dreimal zum Wirt nübergeh? Doktor . Alles zu wenig! Ich würde Ihnen das Spazierenreiten empfehlen. Kasperl . Wie? Das Spazierenreiten? Erstens: Hab' ich keinen Gaul, und zweitens: Wenn ich auf der linken Seiten auf en Gaul aufsitz', so fall' ich auf der rechten gleich wieder nunter. Doktor . Wissen's was, Herr Kasperl? Probieren Sie's mit dem Turnen. Kasperl . Oho, ein Turner soll ich werden? Wär' net übel! 365 Staffeln auf'n Frauenturm naufsteigen und nacher oben Hunger und Durst leiden? Tag und Nacht auf- und abspazieren und zum Fensterl nausschau'n, ob's net wo brennt? Aufs Rathaus nunter telegraphieren, anschlagen, Feuertrompeten blasen – oh, oh, was fallt Ihnen ein? Doktor . Sie haben mich wieder nicht recht verstanden. Ich meine, daß Sie turnen sollen, wie's jetzt überhaupt nach dem neuen Reichsgesetz auch für die deutschen und lateinischen Schulen vorgeschrieben ist. Sie werden doch wissen, was das Turnen ist? Diese herrliche Leibesübung für die deutsche Jugend! Kasperl . Ja, ich weiß schon; aber ich weiß doch nit, ob die Kommotion mich nicht zu stark angreift. Doktor . Jetzt gehn wir nur gleich in den »Adler« hinüber. Da kommt der Professor der Turnerei, der Herr Barrenreck täglich zum Essen hin. Ich mache Sie mit ihm bekannt und dann werden wir schon sehen, was zu machen ist. Kasperl . No ja, meinetwegen! 's Bier ist auch gut im Adler. Gehn wir halt zum Professor Narrenschneck nüber. Doktor . Barrenreck! Barrenreck, Herr Kasperl. ( Beide durch die Haupttüre ab. ) Verwandlung Gastzimmer im »Adler«. ( Nanni, Kellnerin, ordnet und deckt Tische. ) Nanni . Aber heut kommen's wieder spät zum Essen, die Herrn; schon gleich halb zwei Uhr und noch keiner da! Richtig! jetzt fallt's mir ein! die Herren Offizier haben ja groß' Inspektions-Manöver; die werden erst gegen Abend kommen. Die Herren Beamten sitzen wieder z'lang beim Schöppeln. Denen ihre Bureaustunden sind auch kurz gemessen. Um 9 Uhr da ziehn's amal auf; um ½12 Uhr geht's zum Schöppeln, um eins zum Essen, nachher zum Kaffee, nach a paar Stündeln aufs Bureau, den Einlauf durchsehen, wie ich's immer reden hör'; nacher zum Nachtessen z'Haus. Da werden die Buben gebeutelt, wer einen hat. Um 8 Uhr in die Herrng'sellschaft bis 11 Uhr. Das ist der Lebens- oder Tageslauf eines Staatsdieners, und wenn er's einige Jahrln so durchg'macht hat, dann bekommt er einen Verdienstorden. (Schritte draußen.) Aha! Da kommt der narrete Professor. ( Barrenreck stürmt herein, lange Haare, Vollbart, Turnerkleidung. ) Barrenreck . Guten Tag, guten Tag, mein Kind! (brüllt singend.) Turnerei, Frank und frei! Immer sei! Holla hei! Guten Tag! Heda, Mädchen, was gibt es heute zum Verschlingen? Mich hungert. Habe gerade einen tüchtigen Dauerlauf um die Stadt gemacht mit den Knaben. Nanni . Heut gibt's g'schnittne Nudelsuppen oder Knödel mit Sauerkraut; sauers Nierl, Schweinsbraten und Erdäpfel – – Barrenreck . Holla, das ist mein Leibessen. Bringen Sie mir Schweinebraten mit Sauerkraut. Nanni . Gleich. Bier auch? Barrenreck . Nein, einen Krug Wasser dazu! Nanni (für sich) . Das ist einer! Nichts als Wasser! Alle 14 Täg' amal a Bier, wenn's ihm ein anderer zahlt. (Ab.) Barrenreck (singt wieder) . Erwacht ihr Schläfer alle! Mein Turnerhorn erschalle! Auf, auf, zu Schritt und Sprung, Du deutsches Herze, stark und jung! Nanni (bringt das Bestellte. Barrenreck setzt sich) . So, ich wünsch' guten Appetit, Herr Professor! Barrenreck . Fehlt nicht, fehlt nicht, mein Kind. (Singt.) Speis' und Trank, Turners Dank, Sonder Wank, Niemals krank! Nanni (für sich) . Wenn der nit noch a ganzer Narr wird, so will ich nit Nanni heißen. A halbeter ist er schon. ( Doktor und Kasperl treten ein. ) Doktor . Guten Tag, Herr Professor und zugleich guten Appetit! Barrenreck . Ei, Herr Doktor! Sie hier? Eine Seltenheit. Gut Heil! Sie sind ja der Mann des Heiles! (Hebt den Wasserkrug auf, singt.) Frisch Geselle, Trink zur Stelle Aus der Quelle, Blank und helle! Doktor . Bedaure, habe keine Zeit mich aufzuhalten, besonders beim Wasser . Meine Patienten warten. Ich wollte nur den Herrn von Kaspar Larifari mit Ihnen bekannt machen. Eine meiner Kundschaften, dem ich vor allem Bewegung verordnet habe, besonders Zimmergymnastik oder Turnen im Freien, und da glaube ich mich an die beste Quelle gewandt zu haben. Kasperl . G'horsamer Diener! G'horsamer Diener! (Mit Reverenzen.) Barrenreck . Das ist brav! Turnen ist das Heil der Gesundheit. (Schlägt Kasperl auf die Schulter, daß dieser gleich hinfällt.) Gut Heil! Kasperl . Oha! Das ist eine kuriose Art, Bekanntschaft zu machen. Barrenreck . Gut Heil! Bruder! Schüler! Gut Heil! Doktor . Nun, wie ich seh', ist ja die Bekanntschaft schon gemacht. Hab' die Ehre! (Ab.) Barrenreck . Nun, also Turnen! Kasperl . Ich hab' die Ehre, Herr Professor; mein Herr Doktor meint, daß für meinen bedenklichen Zustand so eine Bewegung zuträglich wäre. Barrenreck . Was »Professor!« »Freund« – »Bruder« – soll's zwischen uns heißen. Sie gefallen mir. Aus Ihren Zügen spricht deutsche Einfalt und Mannhaftigkeit. Lassen Sie uns vor allem ein Glas zusammen trinken und Brüderschaft machen. Kasperl . Beim Trinken bin ich alleweil. Das ist auch eine gesunde Bewegung, wenn man viel hebt. Barrenreck . Kellnerin, bringen Sie Bier. Kasperl . Bravo! Sagen wir nur gleich »Du« zueinand. Du gefällst mir auch, Bruder! (Umarmung. Barrenreck drückt Kasperl so, daß dieser furchtbar schreit.) Kasperl . Auweh! – Das heiß' ich einen Turnerdruck! (Nanni bringt Bier.) Vivat! hoch! Barrenreck . Hoch, hoch! Bruder, hast du Geld bei dir? Ich habe meine Turnertasche, in der meine Börse ist, auf dem Turnplatze liegen lassen. Kasperl . Oh, ich bitt' recht sehr, auf ein paar Maß kommt's mir nicht an. Barrenreck . So recht, Bruder. Kaspar, nicht wahr, so heißt du? Kasperl . Außerordentlich ja! Barrenreck . Also, Bruder Kaspar. Laß uns trinken und singen! Turnerei, Frank und frei, Eins und zwei Zwei und drei, Holla hei! ( Wird wiederholt; das zweitemal singt Kasperl mit. ) Kasperl . Das laß ich mir gefallen, mit der Turnerei bin ich einverstanden. Mir ist jetzt schon viel leichter und besser! Ein herrliches Mittel. Barrenreck . Nun aber zur Sache! Kellnerin, bringen Sie wieder ein paar Krüge! Ich bin leer. Kasperl . Nun, der kann's. (Nanni bringt wieder Bier.) Barrenreck . Jetzt, Bruder, paß auf. Mach' einmal den Armschwung. (Dreht die Arme.) So, so – – (Kasperl will's nachmachen und schlägt dabei den Barrenreck tüchtig ins Gesicht.) Barrenreck . Gut, gut, Bruder. Das geht schon. Nun aber das Fersenheben und Beinstoßen. (Macht es vor.) ( Kasperl stößt mit dem Fuße den Barrenreck auf den Bauch, daß er umfällt. ) Barrenreck . Oho, Bruder. Kasperl . Das g'fallt mir. (Stößt immer zu.) Barrenreck . Holla! Gut! Halt! Halt! Nun ein bißchen Dauerlauf! (Läuft hinaus. Kasperl ihm nach. bis er erschöpft hinfällt.) Kasperl . Nein, da dank' ich. Das ist ja zum Umbringen. Barrenreck . Nun ruhe ein bißchen. Trinken wir wieder. Holla so! Turnerei Frank und frei Wie da sei, Einerlei! ( Beide werden immer betrunkener. ) Kasperl . Turnerei, Hollerbrei Und mein Wei' – – Barrenreck . Vorwärts jetzt, versuchen wir den Sturmsprung. (Springt über den Tisch.) ( Kasperl ihm nach. Fällt mit dem Tisch um, alles in Scherben. ) Kasperl . Schlipperment, das war aber ein Sprung! Barrenreck . So ist's recht, Bruder, das war ein echter deutscher Sturmsprung. Vivat! Gut Heil! Kasperl . Holla, ho, ho! (Beide schreien fürchterlich. umarmen sich, tanzen herum. Nanni springt herein.) Nanni . Aber nein! Das ist doch zu arg! Ah – ah – Barrenreck . Ruhig, edle Walküre! Schenke nur immer ein und schleppe bei – Bruder, nun auf den Barren ins Freie! Kasperl . Was, auf'n Karren? Warum nit gar. Barrenreck . Ja, auf den Barren! Hinaus, hinaus! Nanni . Ja, aber ich muß schon bitten, daß Sie zuvor noch zahlen. Barrenreck (zu Kasperl) . Bruder, das ist deine Sache. (Singt.) Turnerei Frank und frei! Nanni . Die Zech' macht mit allem und allem, was Sie z'sammeng'schlagen haben, 5 Gulden 36 Kreuzer. Kasperl . Das wär' nit übel – für die erste Lektion? Nix Bruder im Spiel. Das geht nit. Barrenreck . Bedenke, daß wir deutsche Brüder sind; einer für den andern. Zahle frei! Kasperl . Ich mag nicht. Das ist eine teuere Bruderschaft. Barrenreck . Schäme dich! Kasperl . Ich will aber nit! Barrenreck . Du mußt . Bedenke unsere Ehre. Kasperl (schlägt mit der Faust auf den Tisch und stößt Barrenreck auf den Bauch) . Schlipperment! Barrenreck . Wie? Dies mir! (Schlägt den Kasperl.) Kasperl . Wart' du Turner! (Schlägt und stößt ihn. Balgerei. Nanni ringt die Hände.) Doktor (tritt ein) . Was für ein Lärm? Aber, meine Herren! Kasperl . Ist der Esel auch wieder da? Was geht Sie unsere Bruderschaft an? (Schlägt ihn.) Barrenreck . So, Bruder, recht hast du. (Balgerei zu dreien.) Madame Gretl (tritt ein) . Aber nein. Meine Herren! Kasperl! Das ist ja furchtbar! Barrenreck . Was will denn die alte Hexe da? Fort mit ihr. (Macht sich an sie, sie gibt ihm eine Ohrfeige, er schlägt sie.) ( Die Balgerei wird allgemein, bis alle hinfallen. Kasperl steht auf, singt: ) Turnerei Frank und frei, Alleweil, Wünsch' Gut Heil! Ende . Der Zaubergarten Intermezzo in einem Aufzuge (November 1872) Personen     Pomologus , Gartenbesitzer Apfelsina , dessen Tochter Professor Kräutlmayer , Botanikus ( Garten, reich an Blumen und fruchttragenden Obstbäumen. Springbrunnen. ) ( Pomologus, einen Spritzkrug in der Hand. Apfelsina. ) Pomologus . Siehst du, liebe Tochter, wie das alles unter unserer Pflege gedeiht! Wie diese Fritiallaria herrlich blüht! (Ein großer Schmetterling. gelber Zitronenvogel, fliegt auf.) Unverschämter Bursche! Hast dich wieder satt gefressen? Hast du doch die Rosen gut aufgebunden, Kind? Die Teerose dort wird prachtvoll. Apfelsina . Ich versäume nichts, lieber Vater. Du weißt ja, wie ich die Blumen liebe. Pomologus . Bleibe nur bei den Blumen; von den Männern – das weißt du – halte dich ferne. Mir soll keiner an dich kommen. Du bist meine Tochter, du sollst bei mir bleiben; ich will nichts von einer Heirat wissen. Du mußt mich pflegen, wenn ich einmal gebrechlich werde. Ich bin zwar nicht mehr jung – denn 70 Jahre sind ein passables Alter – allein der Duft der Blumen erhält mich und stärkt mich; und wenn ich einmal sterben muß, so legt mich unter die Zentifolia; bei ihr will ich meine Seele aushauchen. Apfelsina . Du sollst und wirst noch lange leben, teurer Papa. Pomologus . Hat mein Prognostikon nicht gelogen, so werde ich wohl an die 100 Jahre erreichen. Apfelsina . O gewiß, gewiß sollst du so alt werden. Pomologus . Nun will ich noch die Rhododendren gießen, dann komme ich zum Frühstück hinein. Geh, und streich mir gute Butterbrötchen. Apfelsina . Gleich, gleich, Vater. (Ab ins Haus.) Pomologus . Wunderbares Blumenleben, mit dem ich innig verwachsen bin! Ach! lebte doch mein liebes Weib, die Zentifolia, noch! Der rauhe Sturm des Lebens hat sie so früh geknickt. In meinen Armen hat sie ihren Duft verhaucht. All ihre Blätter sanken auf mich und bedeckten mein Herz. Seit ich sie nicht mehr habe, bin ich selbst wie ein zerknickter Stamm und wenn ich meine Tochter Apfelsina nicht hätte, so würde ich bald verdorren. Darum soll sie auch bei mir bleiben. (Man hört am Hause schellen.) Wer schellt? Vermutlich ist es wieder jemand, der meinen Garten besichtigen will. Glaub's gern. Meine geheime magische Kraft macht freilich die Blumen blühen wie nirgend; aber die Lohnbedienten mit den Touristen fangen an, mir lästig zu werden. Ich werde mir künftig alle Besuche verbieten. ( Kasperl tritt unter Komplimenten ein. [Große grüne Botanisierbüchse umgehängt.] ) Kasperl . Hab' ich die Oehre den berühmten Hortologen und Apfelhändler? Pomologus . Wenn sie den Pomologus meinen, so sind Sie am rechten Orte. Kasperl . Ganz gehorsamer Diener, Herr Dromologus. Pomologus . Pomologus! Kasperl . Allerdings, ohne weiteres. Pomologus . Und wen habe ich das Vergnügen bei mir zu sehen? Sind Sie vielleicht Freund der Botanik? Naturkundiger? Kasperl . O ja. Ich durchforsche sehr die Natur; in jeder Hinsicht und bin Naturspundiger, weil ich's Bier immer am liebsten hab', wenn frisch angezapft wird. Pomologus . Dies ist mir nicht ganz verständlich. Kasperl . Das kann sein, denn Sie werden auch nicht die Weisheit mit Löffeln g'fressen haben. O ja, sehr ja. Pomologus (für sich) . Der Bursche scheint mir nicht bei Trost. (Zu Kasperl.) Also – womit kann ich dienen? Kasperl . Kurz und lang oder lang und kurz – ich bin Fumulus bei dem berühmten Topanikus Professor Kräutlmayer, der mich vorausgeschickt hat, um seine Fusite bei Ihnen anzumelden. Pomologus . Ich kenne den Herrn Professor dem Namen nach; soll mich sehr freuen, seine persönliche Bekanntschaft zu machen. (Für sich.) Wieder so ein Quälgeist! Kasperl . Wenn Herr Spromoligus erlauben, so werd' ich den Herrn Professor hereinholen. (Unter Komplimenten ab.) Pomologus . Nun schnell zuvor noch zu Apfelsina, ihr zu sagen, daß sie sich nicht blicken lassen soll, während der Professor bei mir ist. (Ab.) ( Kräutlmayer, lächerliche pedantische Person, tritt ein, spricht berlinerisch. ) Kräutlmayer . Dies also nun der berühmte Jarten! Nich übel! Ist mir aber so ziemlich Nebensache. Es liegt mir vor allem dran, das hübsche Blümchen Apfelsine, des Alten Töchterchen zu sehen. Das wäre nu so'n Partiechen für mich. Ich muß nur den Papa 'n bißchen kirre machen, damit er in die Falle jeht. Die Tochter will ich schon rumkriegen, wenn ich alle meine Reize aufbiete. Er kommt! Pomologus . Herr Professor Kräutlmayer! Kräutlmayer . Allerdings! fühle mich außerordentlich beglückt, Herrn Doktor Pomologus von Anjesicht zu Anjesicht die Ehre haben, kennen zu lernen. Pomologus . Bitte sehr! Mir hingegen sehr interessant, Sie bei mir zu sehen. Kräutlmayer . Schon beim Eintritte in diesen bezaubernden Jarten war ich unjeheuer erjriffen. Sie haben ein Paradies jeschaffen! In der Tat 'n Paradies. Pomologus . Was sie sehen und gutheißen, ist nur das Resultat sorgsamer Pflege. Ich habe Zeit dazu. Ich möchte Ihnen vor allem meine Serie der Rosen empfehlen. Kräutlmayer . Oh, janz scharmant! Welch eine Reihe der schönsten Exemplare! Ich schmeichle mir, in meinem Jarten eine janz passable Auswahl zu besitzen, allein mit Ihnen kann sich wohl niemand messen? Pomologus . Darf ich Sie einladen, mit mir einen kleinen Rundgang zu machen? Kräutlmayer . Oh, vortrefflich, vortrefflich! (Beide ab.) Kasperl (tritt ein) . Das ist wirklich ein prachtvoller Garten. Die schönen Zwiefel! Und die Petersili zu die sauern Erdäpfel! Und einen Rettig, Radi genannt, hab' ich mir heimlich in' Sack gesteckt für heut abend zum Bier. Ach, das wird ein Genuß! – Potztausend! die herrlichen Aepfel- und Birnbäume! So hab' ich's aber noch nirgends g'sehen. Da mitten drinnen steht gar ein schöner! Was steht denn auf dem Taferl! (An einem mit großen Äpfeln behangenen Baum ist eine Tafel angebracht, auf welcher geschrieben: »Vor dem Genusse dieser Früchte wird gewarnt.«) Kasperl (tritt an den Baum) . Wär' nit übel? Was steht denn da für eine Dummheit? Oho! das ist nur eine Schikanederie. Da wird man lang fragen! Die Gemeinheit! Alles voller Aepfel – und nix davon essen? – Ich hab' einen infamen Durst. Man hat mir nicht einen Tropfen in diesem Hause opferiert, also einfach darauf angewiesen, friß Vogel, wo du kannst! Die Spatzen fragen auch nicht lang und ich bin doch besser als ein Spatz. (Reißt ein paar Aepfel herunter, tritt zugleich hinter Blumenbuschwerk, aus welchem er mit ungeheuern Eselsohren hervorkommt.) Solche Aepfel hab' ich in meinem Leben nicht verschnaboliert! so süß! so saftig! Jetzt muß ich nur schau'n, daß ich noch ein Stückl Brot dazu bekomm'; das wird mir doch einer von der Dienerschaft spendieren können. (Ab.) Kräutlmayer (tritt entrüstet ein) . Ne! Das ist denn doch jottlos! Kaum hatte ich 'n bißchen anjefangen, auf den Busch zu klopfen wegen der Tochter, ist der Alte wie'n Krebs rot jeworden, hat mir Jrobheiten jemacht und wir sind so an'nander jeraten, daß ich ganz echauffiert beiseite jetreten bin, bis sich der Alte kalmiert haben dürfte. Aber det muß ich jestehen: der Jarten ist reizend. Nich nur die Flora, auch das Obst ist janz scharmant. Da muß ich doch nu jleich von den Aepfeln dort 'n bißchen versuchen. Det is 'ne Jattung, die mir noch nich vorjekommen. (Geht an den Apfelbaum, tritt aus dem Gebüsche ebenfalls mit großen Eselsohren hervor.) 'ne janz neue Gattung! Sehr schmackhaft! Wenn sich der Alte 'n bißchen ausjetobt, werd' ich 'n ersuchen, mir 'n Zweigableger zum Pfropfen abzulassen. Nu ist's aber so heiß jeworden, daß ich mich 'n wenig da in den Schatten setzen möchte, um zu ruhen. (Setzt sich auf eine Gartenbank.) Ja, sehr – gute – Früchte das. (Allmählich einschlafend.) ( Apfelsina zeigt sich lauschend hinter den Blumenbüschen. ) Apfelsina . Er schläft. Wie ich merke, hat er von den verbotenen Aepfeln gegessen. Das macht mir immer Spaß, wenn ich es beobachten kann, wie die meisten der Versuchung nicht widerstehen. Nimmt sich gut aus, der Herr Botanikus! (Lacht laut.) Kräutlmayer (erwachend) . Was war das? Wer hat jelacht? (Erblickt Apfelsina, springt auf sie zu und hält sie fest.) Ah, da ist ja das schöne, schöne Blümchen! Nu laß ich Sie nicht mehr los. Apfelsina . Lassen Sie mich. Kräutlmayer . Ich habe mir vorjenommen, mir aus Ihres Vaters Jarten die schönste Blume zu holen. Apfelsina . Ich will nichts von Ihnen wissen. Nur fort, oder ich mache Lärm! (Läuft schnell hinaus.) Kräutlmayer . Halt, halt, mein Fräulein! ( Zugleich tritt Kasperl mit Eselsohren ein, lacht ungeheuer, wie er Kräutlmayer mit den Eselsohren erblickt. ) Kasperl . Aber, Herr Professor! Wo haben Sie die Ohren her? Kräutlmayer . Was, was Ohren? – Ha, ha, ha! Ums Himmelswillen, was hast du denn anjefangen? Du bist ja 'n Esel jeworden. Kasperl . Wollen Sie sich gefälligst an ihr Oberhaupt langen. Kräutlmayer (greift nach seinen Ohren) . Ne! Was ist denn das für 'ne Hexerei! Infam! (Läuft an den Springbrunnen und sieht in den Wasserspiegel.) Furchtbar! jräulich! Das ist 'ne Zauberei! Kasperl . Sie nehmen sich aber außerordentlich hübsch aus. Kräutlmayer . Und du, Bursche? Juck 'nmal dort in den Wasserspiegel. Kasperl (sieht in das Wasser) . Schlipperment! Die Teufelei! – No, wenigstens kann man sagen: Wie der Herr, so der Diener. Ich kann doch diese fatale Verlängerung unter meiner Zipfelkappen neinstecken, aber bei Ihnen geht das schon schwerer und Sie werden auf dem Löhrstuhle eine schöne Figur machen. Wissen's was, Herr Professor! da nehmen's Ihre große Papierscheere und schneiden's Ihnen den Kopfschmuck ab. Kräutlmayer . Ich weiß jar nicht, was das für 'ne fatale Jeschichte ist; ich globe, 's ist nur 'ne optische Täuschung. ( Kasperl packt ihn an den Ohren und schüttelt ihn. ) Kräutlmayer . Impertinenter Bursche! Au, au! Kasperl . Das scheint doch keine optische Täuschung zu sein. Kräutlmayer . Schmählich! schmählich! Was fange ich nun an? Ich bin kompromittiert. Kasperl . Ich bin auch komplimentiert. Kräutlmayer . Verwünscht sei der Jarten und die janze Wirtschaft! Ich muß mich eben an Professor Nußbaum wenden, daß er mich operiere. Kasperl . Das wird das gescheiteste sein. Aber achtgeben muß er, daß er Ihnen nicht auch eine Portion vom Hirnkasten abschneid't. Kräutlmayer . Komm, laß uns fliehen! Pomologus (hinter den Büschen hervortretend) . Oh, bleiben Sie nur! Wo wollten Sie mit Ihrem Kopfschmuck hin, ohne verlacht oder verhöhnt zu werden? Verzeih'n Sie den kleinen Scherz. Jener Apfelbaum, der schon manchen Besucher meines Gartens angelockt hat, ist ein kostbares Exemplar, welches ich von meinen Reisen aus Indien gebracht habe. Wer von seinen Früchten genießt, hat die unangenehme Folge der Ohrenverlängerung zu erfahren. Allein – da läßt sich helfen. Versprechen Sie mir, Herr Professor, meine Tochter und mich mit Ihren Anträgen nicht mehr zu belästigen und Sie werden geheilt. Kräutlmayer . Was will ich machen? Ich verspreche, was Sie wollen. Pomologus . Gut. Begeben Sie sich gefälligst zu dem Springbrunnen und waschen Sie sich. Kräutlmayer (tut's. Die Eselsohren verschwinden) . Danke! danke! Kasperl (geht pathetisch an den Brunnen) . Unnatürliches Gewächs! (Steckt den Kopf unter das Wasser) . Verlasse meine edle Physionomie! – Es ist jammerschad', daß nicht überall so a Zauberbrunnen steht. Da könnten gar viele Leut' ihre Köpf' waschen! ( Der Vorhang fällt. ) Ende des Intermezzos . Schimpanse, der Darwinaffe Intermezzo in einem Aufzuge (29. Dezember 1873) Personen                         Gerstenzucker ,   Professor und berühmter Reisender Kasperl Larifari Gretl , seine Frau Fräulein Blaustrumpf Bürgermeister Neurer Schöppler , Magistratsrat Türmüller , Hausherr Spritzler , Magistratsdiener Ein Gerichtsdiener Schimpanse , ein Affe   Leeres Zimmer. ( Nur ein schlechter Stuhl steht in der Mitte, auf welchem Kasperl sitzt und schläft. Gretl eintretend. ) Gretl . No! Jetzt ist's Zeit zum Schlafen! Kasperl! Auf, auf! Hast gar nichts zu tun, als zu schlafen? Essen, trinken und schlafen – das sind deine G'schäften. (Rüttelt ihn.) Kasperl (erwachend) . Oho! Oho! Was gibt's denn! (Schnarcht.) Gretl . Was 's gibt? Der Hausherr war schon zweimal da. Unsere Möbel hat er schon auf die Gassen nunterstellen lassen. Auszieh'n heißt's! Fort aus'm Logis. Kasperl . Jetzt hab' ich so sanft geruht und du weckst mich auf wegen dem Bagatell. (Tragisch.) Furchtbares Verhängnis! Ha, ich weiß es. Das schauerliche Ende eines Monats ist eingetreten. Schicksal, ich frage dich: Warum? warum, rum, rum, rum usw.? Gretl . Warum? – darum: Weilst schon drei Monat den Zins wieder nicht bezahlt hast. Jetzt zieh'n wir heuer schon das fünfte Mal aus. Es ist eine wahre Schand'! Kasperl . Dieses Aus- und Einziehen ist aber doch alleweil eine gesunde Beschäftigung. Ein sogenanntes Wanderleben, eine Art Nomaderie. Gretl . Ja – kein Mensch will uns mehr im Haus behalten wegen deiner saubern Wirtschaft. Kasperl . Was? Wer soll denn die Wirtschaft sauber halten? Wer? – das Woib , welches schon seit Adam und Eva zur Wirtschaftshalterin bustimmt ist. Was sagen Sie dazu? Madame? Gretl . Was ich sag'? – Daß du das schlechte Element im Haus bist. Ohne mich wären wir schon längst zugrund' gegangen. Kasperl . Das ist schon gar nicht wahr und nicht möglich. Es gibt nur vier Elemente: Luft, Feuer, Erde und Wasser. Ein fünftes existiert nicht, also kann ich schon gar kein Element sein. Das heißt man Logik. Gretl . Sei still mit dein'm G'schwätz. Schau dich lieber um ein Logis für uns um. Wir können doch nicht auf der Gassen schlafen. Kasperl . Wär' auch nicht übel. Untertags im Freien und nachts im Wirtshaus. Bräucht' man nicht einz'heizen. – Aber ich bin der Mann! Und ich will es sein. Jetzt merk' auf, teures Woib: Drin auf'm Fensterbrettl ruht ein einsamer Sechser, eine jetzt noch gangbare Silbermünze. Nimm diesen Gegenstand und begib dich damit zur Basen, der Frau Schneizlhuberin. Macht's euch einen Kaffee, und dort erwarte mich. Gretl . Ein' Kaffee um ein' Sechser für zwei Personen? Kasperl . Die Schneizlhuberin soll auch einen Sechser dazulegen, nachher könnt' ihr auch noch eine Brezen dazuhaben. Unterdessen werde ich in das Leben hinausstürzen und eine Logissuchungswanderfahrt unternehmen. Also jetzt fort, fort, hinaus! (Es klopft an die Türe.) Wer kommt denn da wieder? Türmüller (tritt ein) . Ich bin's, Herr Kasperl. Heut schon zum dritten- – aber letztenmal. Machen S' nur gleich, daß aus'm Haus kommen. Kasperl . Herr Türmüller, das ist nicht die Manier, wie man mit gebildeten Leuten und soliden Parteien sich zu benehmen hat. Ich weiß sehr gut, daß ich Ihr miserables Logis zu verlassen habe; allein der Anstand würde erhuischen , daß Sie mit der Modifikation zeitgemäßer Rücksicht auf ein Familienetablissement zweier allgemein respektierter kinder- und elternloser aber nicht sittenloser Personen, wie ich und meine Gemahlin, Ihre nicht unbilligen Forderungen zu rektifizieren belieben möchten und nicht als ein wirklicher Türmüller einem mit der Tür ins Haus fallen. Türmüller . Das ist mir alles einerlei. Sie haben drei Monat Ihren Zins nicht bezahlt, ich hab' Ihnen aufg'sagt, also Marsch, aus'm Haus! Kasperl . Was? Wie? »Marsch«. Aus welcher Stufe von Bildung stehen Sie, daß Sie einen Ausdruck gebrauchen, den man schon vor dem neuen preußischen Reglement nur auf dem Exerzierplatze gehört hat? Türmüller . Jetzt machen's nur keine Flausen. Zahlen S' mir meine 15 Gulden und machen S', daß fortkommen. Es zieh'n andere Leut' ein. Kasperl . Was die 15 Gulden anbelangt, so ist das eine Kleinigkeit, von der wir gar nicht reden wollen. Türmüller . Was – nicht reden? Machen Sie oder ich mach' ernst. Kasperl (gibt ihm eine Ohrfeige) . Da haben Sie eine kleine Abschlagszahlung. Türmüller (schlägt ihn ebenfalls) . Und da haben S' die Quittung. Kasperl . So ist's recht! Zahlen und quittieren. ( Unter Geschrei und Balgerei alle zur Türe hinaus ab. ) Verwandlung Zimmer des Professors Gerstenzucker. Schreibpult, Karten, Globus, ausgestopfte Tiere, Retorten, Gläser. Bücher, ad libitum charakteristisch ausstaffiert. ( Gerstenzucker sitzt in seinem Lehnstuhle am Schreibpulte. Vor ihm auf dem Boden liegt ein toter Affe. ) Gerstenzucker . Er ist dahin! Mein treuer, guter Schimpanse – erschrecklich! Dieses kostbare, mir unersetzliche Exemplar! Das wichtigste Resultat meiner Reise um die Welt! – Was fang' ich jetzt an? Der lebendige Beweis des Darwinismus, das evidenteste Subjekt für die Theorie, daß das Menschengeschlecht seinen Ursprung nur im Affen zu suchen hat; und wieweit in der Kultur war er durch meine Erziehung gebracht! Er war beinah schon ganz Mensch (es klopft) und nun ist er eine Leiche! Jetzt gerade eine Störung. Man soll nicht wissen, daß mein Schimpanse krepiert ist. ( Kasperl plumpst durch die Türe herein auf den Boden. ) Kasperl . Bitt' um Verzeihung, gehorsamster Diener! die Tür muß nit recht zug'wesen sein. Bitt' untertänigst – Gerstenzucker . Wer sind Sie, mein Herr, daß Sie so ohne weiteres eindringen? Kasperl . Wer ich bin? Ach! ein Unglücklicher, Hoimatloser. Gerstenzucker . Wieso? Was wollen Sie hier? Kasperl . Ich habe in einem Blattl ausgeschrieben gelesen, daß ein Herr Professor einen Budienten sucht, auf dessen Redlichkeit und Fleiß er sich verlassen könne. In dem Anfragsbureau hat man mich hierher gewiesen. Und da bin ich halt g'schickterweis' gleich höflich zur Tür hereing'fallen. Gerstenzucker . Sie suchen also einen Dienst? (Für sich.) Ein kurioses Exemplar, das. Kasperl . Ja, ich suche einen Dienst, aber allein nur meiner Xalifixation angemessen und einen der Befriedigung meiner Substanz entsprechenden Aufenthalt. Gerstenzucker (für sich) . Der kommt mir gelegen. Vielleicht könnte ich ihn wohl gebrauchen. (Zu Kasperl.) Wo haben Sie Ihre Zeugnisse? Ihre Referenzen? Kasperl . Ich busitze weder Zuignisse noch Deferenzen. Wer nicht meiner Phusionomie traut, wer (erhaben) mir nicht offen und ehrlich in mein blaues Auge schauen kann – der ist nicht mein Mann. Ich war bisher freier Staatsbürger – – Gerstenzucker . Sie sind also wohl durch Verhältnisse genötigt, einen Dienst zu suchen? Kasperl . O ja! Sehr ja! (seufzt) Die Verhältnusse, die Stricksale, die Wirren – Zwirren – – alles, alles – – Gerstenzucker . Gut. Ich will es mit Ihnen versuchen, wenn Sie auf meine Bedingungen eingehen. Kasperl . O sehr, denn ich bin schon oft eingegangen. Gerstenzucker . Sie werden gut bezahlt und gut genährt. Ich hatte die Fatalität, meinen bisherigen treuen Diener zu verlieren – Kasperl . Und nicht mehr zu finden? Gerstenzucker . Zu verlieren – durch den Tod! Hier ist seine Leiche. ( Kasperl sieht den toten Affen, macht einen Sprung zurück. ) Kasperl . Pfui Teufel! Dieser Budiente hat ja einen Schwoif? Gerstenzucker . Ich habe ihn zwar als Wilden aus Afrika mitgebracht; allein er war ein treffliches Subjekt. Kasperl . Und jetzt soll ich dieses Vieh vorstellen? Gerstenzucker . Es ist meine Livree. Nun, also? – Kasperl . Erlauben S' nur, daß ich mich ein bißl businne. (Für sich.) Gut bezahlt, gut genährt. 25 Gulden monatlich muß er mir geben. – Ah, auf einige Zeit kann ich's ja probieren und auf die Maskerad' kommt's mir auch net an; da kennt mich kein Mensch – auch meine Gretl nicht. Das gibt einen Hauptspaß. – (Zu Gerstenzucker.) Mir ist's recht und ich bin dabei; aber monatlich 25 Gulden und alles frei! Gerstenzucker . Einverstanden. Folgen Sie mir in das Nebenzimmer. Nehmen Sie Ihren Vorgänger mit. (Ab durch die Seitentüre.) ( Unter komischem Zögern zieht Kasperl den toten Affen am Schwanze nach und folgt dem Professor. ) ( Fräulein Blaustrumpf in extravaganter Toilette, tritt großartig durch die Haupttüre. ) Fräulein . Alle Türen offen! Freier Eintritt in das Heiligtum der Wissenschaft. Dies ist groß! Dies ist würdig! – So denke ich mir auch den Mann. Nun soll ich ihn kennen lernen, Aug' in Aug', diesen berühmten Mann. Schon dieses Zimmer, in welchem sein Geist schafft und wirkt, ist eigentümlich reizend. All diese Objekte! Und hier auf seinem Pult noch die kaum eingetunkte Feder! keine Stahlfeder! Nein, der alte würdige Kiel! Auch dies ist eigentümlich und groß. – – Er kommt! ( Kasperl mit Affenmaske vor dem Gesichte und hinten an der Hose ein langer beweglicher Schwanz, im übrigen ganz in seinem gewöhnlichen Kostüme, Spitzkappe auf dem Kopf usw. tritt ein und klotzt das Fräulein an. ) Fräulein . Ach! Was seh' ich? – Dies ist wohl sein Schimpanse – sein Diener. Merkwürdig! (Spricht ihn an.) Schimpanse! Schimpanse! ( Kasperl macht ungeheuere Reverenzen und Sprünge. ) Kasperl (für sich) . Was ist denn das für eine kuriose Figur? Fräulein . Wie kann ich mich ihm wohl verständlich machen! Ist der Herr Professor zu Hause? Monsieur le Professeur, est-il chez lui? Kasperl (sehr schnell) . Ja, ja, ja, ja, oui, oui, oui, oui! (Streckt den Schwanz in die Höhe.) Fräulein . Intelligentes Wesen! – Willst du mich melden? Fräulein Blaustrumpf. Kasperl (springt auf den Tisch) . Pr, pr, pr, pr, pr! Fräulein . Ich bin Privatgelehrtin und Touristin. Kasperl . Schnurrnurrschnurrnurristin! (Lacht fürchterlich, springt mit einem Satze durch die Seitentüre ab.) Fräulein (allein) . Allerliebst! Da sieht man es unwiderlegbar: Darwin hat recht. Ein Affe und so intelligent, wie irgendein menschliches Wesen – allerdings zwar auf etwas niedrigerem Kulturstandpunkte; so mögen wohl die Urmenschen gewesen sein. – Er naht, der süße, holde Gerstenzucker! ( Kasperl ohne Affenmaske im Schlafrock. ) Kasperl (im Eintreten für sich) . Mein Professor schläft, also kann ich's riskieren, den Herrn zu spielen. (Zum Fräulein.) Ha! Ah! Ha! Habe die Oehre; also Fräulein Blaustrumpf? Selbst Stiftstellerin? Sehr erfroit, die Ehre zu haben. Fräulein . Ja, ich bin Adalgise Blaustrumpf. Glücklich, wenn Ihnen vielleicht mein unbedeutender Name schon einmal vorgekommen! Kasperl . O sehr, sehr – budeutend! budeutend! Fräulein . Mein sehnlichster Wunsch ist in Erfüllung gegangen! Ich – eine Ihrer größten, begeistertsten Verehrerinnen – stehe nun an dem Born der modernen Wissenschaft, dem Träger des Darwinschen Systemes! Kasperl (immer sehr hochdeutsch) . Allerdings, Mademoisell. Fräulein . O, wie könnte ich Ihnen huldigen? Kasperl . Sie schuldigen mir gar nichts. Apripos! Wie gefällt Ihnen mein Affe! A netter Kerl, nit wahr? Fräulein . Der lebendige Beweis für die neue Lehre. Wie vortrefflich erläutern Sie dies in dem 45. Hefte Ihres Journals »Die Weltkugel«! Kasperl . Was? – Weltkugel? Weltkugel? Kegelkugel, Kegelkugel – ja, ja, ja, ja, ja! Fräulein . Nicht wahr? Sie haben dieses Exemplar von Ihrer Reise aus der südlichsten Spitze Südafrikas mitgebracht? Kasperl . Ja, aus der niedlichsten Spritze von Paffrika. (Für sich.) Das Fragen wird mir z'wider. (Laut.) Das Sprüchl aus'm Abcbüchel wissen Sie g'wiß: »Der Affe gar possierlich ist, Zumal, wenn er den Apfel frißt.« Fräulein . Bitte, bitte: Solche Naivität bei solcher Gelehrsamkeit? Kasperl . Womit kann ich eigentlich aufwarten? Fräulein . Herr Professor haben auf Ihren großen Reisen doch höchst interessante Momente erlebt. Kasperl . O ja, die Monumente besonders; – allein meine Monumente sind kostbar und ich bin immer sehr auf das Honorar für meine kostbare Zeit gespannt, sogenanntes Douceur? Fräulein . Sehr natürlich. (Etwas überrascht.) Ich hätte mir so gerne die Freiheit genommen, Ihnen die ersten Bogen meiner neuesten Novelle vorzulesen – Kasperl . Forelle? blau abg'sotten oder gebacken? Fräulein . Die Novelle heißt: »Der Sieg des Geistes über die Finsternis.« Kasperl . Ha! »Finsternis!« Da muß es sehr dunkel, sehr dunkel sein. Aber – meine Zoit ist sehr kostbar, wessenwegen ich mir alle Visiten bezahlen lasse, wie die Doktoren, die die Leut' umbringen. Fräulein . Da will ich nicht länger stören und werde ein andermal so frei sein – – (Will fortgehn.) Kasperl . Halt e bißl, das geht nicht so schnell. Zuerst fünf Gulden – nachher können S' abblitzen. Fräulein . Wie – Herr Professor? – Sonderbar – in Ihrer Stellung – –? Kasperl . Nicht sonderbar , sondern bar . Wenn nicht – so könnte ich einige gelehrte Gewaltmittel in Anwendung zu bringen mir erlauben. Fräulein . Es ist nicht möglich, solch ein Betragen! Sie wollten – –? Kasperl . Ja, ich wollte – kurz, wenn Sie nicht einen Fünfguldenschein hergeben, so werden Sie dieses Zimmer auf eine etwas ungenehme Manier verlassen – – Fräulein . Das überschreitet alles! Ich gehe, aber enttäuscht! Kasperl . Nur hinaus, wenn Sie nicht zahlen. Fräulein . Schändlich! – ( Kasperl stößt sie hinaus. ) ( Professor Gerstenzucker stürzt aus dem Nebenzimmer herein. ) Gerstenzucker . Was ist das für ein Lärm? Kasperl . Nur ein kleiner Wortwechsel. Gerstenzucker . Aber was sehe ich? Wer hat Ihnen erlaubt, meinen Schlafrock anzuziehen? Welche Kühnheit! Kasperl . Glauben Sie denn, daß ich alleweil den Affen machen will? Ich bin gleich auch einmal als Professor aufgetreten. Sie können Ihren Affen bisweilen selber machen. Gerstenzucker . Was fällt Ihnen ein? In einer solchen Weise beginnen Sie, Ihre Dienste bei mir zu leisten? Kasperl . Jetzt bin ich schon einen halben Tag bei Ihnen und hab' noch kein' Bissen zu essen und keinen Schluck zum Trinken bekommen! Gerstenzucker . Welch ein Benehmen! Er ist der Diener, und ich bin der Herr. Schweig' Er also! Das übrige wird sich finden. Kasperl . So also? Da muß ich schon anders auftreten. ( Schlägt den Professor. ) Gerstenzucker . Schändlicher Bursche! (Dringt auf Kasperl ein.) ( Balgerei, in welcher beide durch die Seitentür abgehen. ) Verwandlung Offene Straße in der Stadt. ( Gretl, später Spritzler. ) Gretl . Zwei Stunden hab' ich jetzt schon auf den Kasperl gewart't. Wo steckt der wieder? Er hätt' mir schon lang' die Antwort bringen können, ob er ein Logis für uns g'funden hat. Gewiß ist er wieder in einem Wirtshause hängen geblieben. Der Mensch ist unverbesserlich. Da kommt ja der Magistratsdiener: der hat's aber pressant heut'! Spritzler (eilt herein) . Guten Morgen, Madame. Halten S' mich nur nit auf; ich hab' keinen Augenblick Zeit. Gretl . Nu, was gibt's denn gar so Wichtig's? Spritzler . Nu – denken S' Ihnen, Madame Kasperl: Dem Professor Gerstenzucker ist sein Aff' ausgekommen. Sie kennen ihn ja? Gretl . Freilich! Ich hab' ihn schon öfters mit sein'm Affen spazierengehen sehen. Der ist aber ganz zahm; wie a Lampl ist er mit ihm gegangen. Spritzler . Nun, das Vieh ist auf einmal rabiat worden, hat 'n Herrn Professor selbst beutelt und ist ausg'sprungen. Gretl . Das kann aber ein Unglück geben. Spritzler . Er ist zwar ein gelehrter Aff', aber halt doch ein Aff'. Er beißt und kratzt wie die andern. Beim blauen Bockwirt ist er gleich neing'rumpelt, hat 'n Wirt, d'Wirtin, d' Kellnerin abgebeutelt, hat sich Bier und Würst geben lassen und ist nachher zum Fenster nausg'sprungen. Gretl . O mein, o mein! Wenn ihm nur mein Kasperl nicht in die Händ' lauft – Spritzler . Jetzt hat man ihn – Gretl . Den Kasperl? – Spritzler . Nein – den Affen, beim Cafetier unter die Bögen hineinspringen sehen. Ich hab' den Befehl, ihn zu fangen; aber ich muß erst einen Gerichtsdiener requirieren; denn allein trau' ich mich nicht über das wilde Tier. Adieu, Frau Kasperl. Ich kann mich nimmer aufhalten. (Ab.) Gretl . No, machen S' nur, daß 'n bald kriegen. (Nach der andern Seite ab.) ( Bürgermeister Neurer und Magistratsrat Schöppler, letzterer ungeheuer dick und rotnasig. treten zusammen auf. ) Neurer . Das ist doch wirklich eine tolle Geschichte, Herr Magistratsrat: Ein Aff' bringt die halbe Stadt in Alarm. Schöppler . Da müssen Sie halt eine Sitzung zusammenberufen, Herr Bürgermeister. Neurer . Aber ich bitte Sie, Herr Rat! Eine Sitzung wegen eines ausgekommenen Affen. Schöppler . Das Ereignis ist ein Novum. Da können Sie nicht ohne Magistratsbeschluß verfügen. Neurer . Ein einfacher Polizeifall! Da muß ich mir freie Hand vorbehalten. Schöppler . Und ich meinerseits als Ratsmitglied müßte protestieren – nach Paragraph 125 des neuen Polizeistrafgesetzes und nach Paragraph 9 der Gemeindeordnung. Das Gesetz bestimmt noch dazu öffentliche Sitzung. Neurer . Ich bin gewiß möglichst für Kollegialverfahren und öffentliche Verhandlung, allein hier liegt ein Ausnahmsfall vor, wo rasches Einschreiten angezeigt ist. Ich nehme die Verantwortung auf mich als Bürgermeister. Schöppler . Das ist Ihre Sache, Herr Bürgermeister. Wenn Sie den Gegenstand so auffassen, kann ich nichts dagegen haben. Ich gehe vorläufig auf einen Schoppen ins Weinhaus. Wenn Sie mich brauchen, so kann man mich dort finden. (Geschrei hinter der Szene.) Halt's 'n auf! fangt's 'n! (Andere Stimmen.) Der Aff', der Aff'! ( Neurer und Schöppler fahren erschreckt auseinander. ) Neurer . Das ist kein Spaß, Herr Magistratsrat! Schöppler . Da haben wir's. Da kommt der Aff'! Hätten Sie nur gleich eine Sitzung anberaumt. ( Kasperl in der Affenmaske springt herein, rumpelt Neurer und Schöppler über den Haufen, macht die tollsten Sprünge. Neurer läuft davon. Schöppler fällt auf den Bauch, Kasperl prügelt ihn, Schöppler rafft sich auf und geht ab. ) Kasperl . Platz, Platz! Gikeriki! Pr, pr, prrrr. (Lacht ungeheuer.) Das ist a G'spaß! Das freut mich! Alle fürchten's mich. Mein' Hausherrn hab' ich auch umgerennt! – Aber jetzt muß ich wirklich a bißl ausschnaufen. Gegessen, getrunken, was in mich hineingegangen ist – beim blauen Bockwirt, im Kaffeehaus, im Schnapsladel – nachher das Springen und Laufen –no! Das eschaufferiert weiter net! Potz Schlipperment! Da seh' ich meine Gattin kommen. Mit der muß ich auch einen Jux haben. Ich versteck mich. (Versteckt sich hinter den Kulissen.) Gretl (tritt ein) . Das ist erschrecklich, was der Aff' für eine Rebellion macht. Kein Mensch traut sich mehr aus'm Haus. Ich muß nur machen, daß ich heimkomm'. Mein Kasperl hab' ich auch nirgends g'funden! Kasperl (springt von rückwärts auf Gretl und packt sie) . Pr, pr, prrrr! Gretl (schreit furchtbar) . Auweh! auweh! Der Aff'! Helft's mir! Ich bin verloren! Kasperl . Du, du, du – abscheulich's Weib! Gretl . Lassen's aus, Herr Aff', ich bitt' gar schön! Kasperl . Wo, wo, wo ist der Kasperl? Gretl . Ich weiß net, wo mein lieber Mann ist. Woll'n Sie vielleicht was Gut's? oder einen Kaffee? Was Sie wollen, kriegen S'. Lassen S' nur aus! Sie drosseln mich ja. (Kasperl brüllt und brummt.) ( Im Hintergrund erscheinen Spritzler und der Gerichtsdiener. ) Spritzler . Da ist der Kerl! Gerichtsdiener . Jetzt aufgepaßt! Kurasch! So krieg'n wir'n gleich. (Beide stürzen von rückwärts auf Kasperl und halten ihn fest.) Spritzler . Haben wir dich, Bestie? Kasperl . Oho – ho – ho, pr, pr, prrrr! ( Gretl läuft davon. ) Spritzler . So, jetzt nur gleich auf'n Magistrat mit dir. Da wird man dir's schon zeigen. Gerichtsdiener . Ja, da wird man dir Mores lehren! ( Führen Kasperl ab. ) Verwandlung Amtszimmer auf dem Rathause. Neurer . Das wäre doch des Kuckucks, wenn man der Bestie nicht habhaft werden könnte! Ich habe aber alle Maßregeln getroffen. Der Professor Gerstenzucker muß jeden Augenblick hier erscheinen. Ich muß mich doch mit ihm ins Benehmen setzen und hab' ihn deshalb eventuell zitiert, damit er gegenwärtig ist, wenn man den Affen arretiert hat. (Es klopft.) Herein! ( Professor Gerstenzucker mit verbundenem Kopfe tritt ein. ) Neurer . Ah, Herr Professor! Freut mich, die Ehre zu haben. Aber in welch einem Zustande? Gerstenzucker . Ich weiß nicht, was mein sonst so zahmer Schimpanse plötzlich für einen Anfall von Wildheit gehabt, daß er mich, seinen Wohltäter, so mißhandelt hat. Er ist eigentlich ganz sanfter Natur. Neurer . Bedaure sehr; aber, aber: naturam expellas, tandem . . . Gerstenzucker . Ich kann nur vermuten, daß er über die Flasche Branntwein gekommen ist, welche ich zum Experimentieren gebrauche und aus Versehen auf meinem Schreibpulte stehen ließ. Neurer . Nach allem, was ich amtlich erhoben, scheint doch seine animalische Tendenz noch zu prävalieren; denn er hat sich unbändig benommen und große Wildheit geoffenbart. Ohne Zweifel wird er aber bald eingebracht werden. Ich habe wackere, couragierte Leute. Gerstenzucker . Wenn man ihn bringt, zweifle ich nicht, daß er, wie er mich sieht, gleich beruhigt wird. Bisher folgte er mir wie ein Kind; ich habe ihn bereits ein Jahr bei mir und nicht das geringste kam vor. Neurer . Nicht wahr? Sie haben ihn aus dem unkultiviertesten Teile Afrikas? Gerstenzucker . Allerdings: Er ist ein Schimpanse aus den antidiluvianischen Urwäldern, ein Darwinexemplar. Neurer . Ich bin auch ganz der Ansicht, daß die Menschheit ursprünglich ein Affengeschlecht war. Das System ist so klar, so einfach, so natürlich und dem Fortschritt der modernen Wissenschaft ganz angemessen, überhaupt – – (Lärm draußen.) Aha! ich denke, man bringt ihn. (Retiriert sich hinter das Amtspult.) ( Spritzler und Gerichtsdiener bringen Kasperl gebunden herein. Kasperl macht einen ungeheuren Sprung auf den Professor. ) Gerstenzucker . Nun hat man dich, Schlingel? Was machst du aber auch für Streiche? Geschah dir ganz recht. Du brauchst wohl wieder einmal die Peitsche. (Kasperl brüllt und macht pr, pr, prrr.) Sei nur ruhig und brav. Neurer . Wünschen Sie, daß ich den Delinquenten in amtliches Verhör nehme. Dann müßte ich Sie bitten, den Dolmetsch zu machen. Gerstenzucker . Ich denke, es wird nicht nötig sein. Neurer . Jedenfalls ist der Vorfall für Sie nicht ohne Folgen. Es sind bereits Klagen auf Schadenersatz eingelaufen, actio de pauperie. Der Kerl hat viel Unheil angefangen. Gerstenzucker . Fatal für mich, allein ich werde wohl bezahlen müssen. (Für sich) Ich darf den Kerl nicht verraten, sonst ist mein Ruf kompromittiert. Kasperl (beiseite zum Professor) . Jetzt müssen Sie mich schon als Affen gelten lassen, bis wir draußen sind, sonst sind Sie als Lügner und Betrüger elend blamiert. Und wenn wir zu Haus sind, bitt' ich mir 50 Gulden aus, damit ich's Maul halt'. – – Pr, pr, pr! (Springt auf ihn.) Bürgermeister . Ein lustiger Bursche, aber mir scheint, daß er doch ziemlich gezähmt ist. Gerstenzucker . O ja, allein, da wir ihn jetzt hier haben, ersuche ich Sie Herr Bürgermeister, den Burschen einsperren zu lassen und 8 Tage bei Wasser und Brot zu füttern. Bürgermeister : Wenn Sie es wünschen, soll es geschehen. Kasperl . Was soll geschehen? Potztausend Schlipperment. Ich laß' mich nicht einsperren. Gerstenzucker . Unverschämt, man soll wissen, daß er kein Affe ist, sondern ein unartiger Patron. Bürgermeister . Wie? Was muß ich sehen und hören? Die Stimme ist mir sehr bekannt. Kasperl . Glaub's gern, daß Ihnen die Stimm' bekannt ist. Sie haben mich oft genug einsperren lassen, Herr Bürgermeister. Bürgermeister (lacht) . Ha, ha, ha! Und heut' ist es Ihnen besonders zuträglich. Was haben Sie wieder alles angefangen, Herr Kasperl! Gerstenzucker . Und wie hat er sich gegen mich betragen! Bürgermeister . Also fort! Man führe ihn ins Gefängnis. (Gerichtsdiener will den Kasperl packen.) Kasperl . Was net gar! Ich bin freier Staatsbürger. Wer mich packen will, den werde ich à la Schimpanse behandeln. (Schlägt den Gerichtsdiener nieder.) Bürgermeister . Unverschämt, unverschämt! Kasperl . Ja, unverschämt! Ich bin heute als Aff' das Opfer der Wissenschaft. Sie haben mir gar nichts zu sagen, Herr Neurer! Gerstenzucker . Welche Frechheit! Kasperl : Was woll'n denn Sie? Sie Betrüger mit der Darwinkomödie. Jetzt hab' ich's satt. (Springt furchtbar herum, schlägt Gerstenzucker nieder, dann den Bürgermeister usw. Allgemeines Getümmel, alle fallen zu Boden.) Dies ist der Sieg des Darwinismus, der Mensch in seiner Ursprünglichkeit! Juhe, jetzt geh' ich ins Wirtshaus. ( Der Vorhang fällt. ) Ende . Undine, die Wassernixe Romantische Sage in vier Aufzügen mit Gesang (19. August 1874) Personen         Kühleborn , ein mächtiger Wassergeist Undine , Nixe Ritter Huldbrand von Ringstetten Kasperl , sein Knappe Herzog Heinrich Bertalda , seine Tochter Peter , ein Fischer Martha , dessen Weib Ein Diener des Herzogs Leibkoch des Herzogs Ein Trompeter Ritter und Frauen Volk und Knappen Wassergeister Erster Aufzug See von Bergen und Wäldern umgeben. Im Vordergrunde ein Fischerhaus. Netze können am Ufer aufgespannt sein. ( Sturm und Gewitter peitschen die Wogen. Allmählich klärt sich der Himmel auf, die Abendsonne beleuchtet die Gegend. ) Chor der Wassergeister (die auf dem See auf- und untertauchen, während des Gewitters) . Im tiefen Gewässer Da ist unser Leben, Im Wogen der Wellen Wir schweben und weben. Im tiefblauen Grunde Da stehen so feste Korallene Säulen Kristall'ne Paläste. Und türmen die Stürme Die schäumenden Wogen, Und kommen die Wetter Mit Blitzen gezogen. Hoch über die Wasser, Da ist unser Leben; In Fluten und Wellen Wir schweben und weben. ( Während das Gewitter sich verzieht, tritt Ritter Huldbrand ein. Kasperl, ein großes rotes Parapluie aufgespannt, folgt ihm. ) Kasperl. Potz Donner und Blitz! Das ist wieder einmal eine angenehme Gegend. Beim schönen Wetter sind wir aufg'sessen. Wie's geblitzt und gedonnert hat, sind Sie von Ihrem Schimmel abg'sessen und mich hat mein Bräunel abg'schmissen. Wir sind alle zwei zu Fuß da g'standen und die Rößl'n sind davon g'laufen. Hätt' ich nicht mein Parapluie unterm Arm gehabt, so wäre ich ohne Zweifel ertrunken und läge jetzt als eine leblose Leiche im schauerlichen Wald, um die Auferstehung zu erwarten. Das heißt man Schicksal. Huldbrand . Bist du mit deinem Geschwätze zu Ende? Nun sieh dich ein bißchen um, ob für diese Nacht nicht irgendwo Schutz zu finden wäre. Kasperl . Mich beschützt mein Parapluie, in welches ich mich hüllen kann. Sie haben freilich nichts Derartig's bei sich. Ihre jugendliche Unvorsichtigkeit wird Sie g'wiß noch einmal in ein rechtes Malheur bringen. Nicht einmal Ihren Sommerpaletot haben's heut' mitgenommen. Huldbrand . Einem Ritter genügen Schwert und Schild. Kasperl . Ah so! Mit'm Schild können Sie sich wie eine Schildkroten zudecken und mit dem Sabel können Sie die Regentropfen oder gar die Wolken auseinanderhauen. Allein – Frage: Wo bleibt das Wirtshaus – ein dem Menschen unentbehrliches Bedürfnis? ( Ein Strahl der Abendsonne beleuchtet das Fischerhaus. ) Huldbrand . Sieh dorthin. Der Himmel ist uns günstig. Da steht ein Häuschen. Kasperl . Ah – – da hab' ich Respekt! Jedenfalls finden wir vielleicht ein Federbett, wenn auch keine Matratze, und sind unter Dach und Fach. Huldbrand . Es scheint die Wohnung von Fischerleuten zu sein. Sieh die ausgespannten Netze am Ufer des Sees. Kasperl . Auweh! – Da gibt's ohne Zweifel nur Fastenspeisen in diesem Gasthofe; denn von einer Andeutung auf Kalbsbraten seh' ich keine Spur. Nun – ein gebratener Hecht wär' auch nicht schlecht und blau abgesottene Forellen sind ebenfalls nicht zu verachten. Nur ist noch die Frage, wie's mit dem Getränke aussieht? Diese sehr wasserreiche Umgebung läßt auf einen wässerigen Trunk schließen. Huldbrand . Höre auf mit deinen unnützen Bemerkungen; geh' ans Häuschen und klopfe an, ob wir Herberge finden. Kasperl (erhaben) . Ich werde an das Huischen gehen, ich werde anklopfen mit der Bumerkung, daß zwei arme Handwerksborsche um Herberg bitten. Huldbrand . Schwätzer! Kasperl (geht ans Haus und klopft an die Tür) . Bitt' gar schön, zwei arme Handwerksburschen bitten um a Herberg. Wir hab'n schon acht Tag' nichts Warmes gessen! Bitt' gar schön. ( Der alte Fischer Peter tritt aus dem Häuschen. ) Peter . Wer ist da? Kasperl (unwillig) . Ich hab's ja schon g'sagt! Zwei arme hungerige Handwerksburschen. Peter . So seht ihr wohl nicht aus; allein wer ihr auch sein mögt – Huldbrand . Verzeiht, wenn ich Euch nur für diese Nacht um Einlaß bitte. Für heute bin ich ein »fahrender« Ritter, da ich mich verirrt habe und erst morgen den Heimweg zu meiner Burg suchen muß. Kasperl (mit Pathos) . Ja! Verzoiht, wenn ich Euch nur für diese Nacht um Einlaß bitte und ein kloines Souper. Für hoite bin ich ein gehender Knappe, der sich etwas verwirrt hat und morgen – – – Peter . Meine schlechte, schlichte Hütte steht euch zu Gebot. Ich bin ein Fischer und bewohne sie mit meinem Weibe und einem Mädchen, ein angenommenes Töchterlein. Huldbrand . Herzlichen Dank für Eure Freundlichkeit. Ich bedarf nur einer Schlafstätte, wenn auch auf hartem Boden; ein Stück Brot und ein Trunk Wasser genügen mir. Kasperl . Ah, da muß ich protestieren! Wir wollen ein gutes Bett, eigentlich zwei Betten, ein annehmbares Essen und – nicht einen, sondern mehrere Trünke Wein oder mindestens Hofbräuhausbier, wenn's nicht ausgegangen ist. Peter . Tretet ein, edler Herr. Das Wenige, das ich habe, steht Euch zu Gebot. (Alle treten in das Haus.) ( Es fängt zu dunkeln an. Im Verlaufe der folgenden Szene wird es Nacht und der Vollmond geht auf. ) Undine (in der Kleidung eines Fischermädchens tritt aus dem Häuschen) . Welche Ueberraschung! In unsere Einsamkeit trat ein sonderbares Leben. – Der schöne Ritter! Wie ich nie einen gesehen. Mancherlei Leute wanderten schon an unserem Häuschen vorüber, mancher Wanderer trat schon in die Hütte und nahm ermüdet einen kleinen Imbiß, aber solche Einkehr hatten wir noch niemals. Ich bin erschreckt und beinah ängstlich. Darum trieb's mich heraus in die Abendstille, denn beinah hätt' ich mich gefürchtet, obschon der schöne Ritter sanft und gut scheint und mir gleich so freundlich die Hand reichte. – Wird er wohl länger bei uns verweilen? Kühleborn (taucht aus dem See auf; höhnisch) . Gelt, der schöne Ritter? Undine (fährt erschrocken zusammen) . O weh! Was erschreckst du mich, Kühleborn? Kühleborn (zornig) . Ermahnen will ich dich, erinnern an deine Heimat, die du zu vergessen scheinst. Undine . Oh, laß mich! Kühleborn . Hast du vergessen, daß nicht die Erde deine Heimat ist? Undine . Oh, diese Erde ist so herrlich! Wie gerne bin ich auf ihr! Kühleborn . Deine Heimat, dein Element ist das Reich der Fluten! Weißt du nicht, was unser ewiges Gesetz befiehlt? Nur eine bestimmte Zeit ist den Wassergeistern gestattet, fernzubleiben. Undine . Kann ich dafür, daß ich unser Reich verlassen? Kühleborn . Wohl weiß ich, daß es nicht deine Schuld ist. Allein dies ändert die in den Elementen herrschenden Gesetze nicht. Ich weiß, daß deine unglückselige Mutter, meines Bruders Weib, im Zwiespalte mit ihrem Gatten dich hier an das Land gesetzt hat. Du warst damals ein dreijährig Kind der Fluten. Nun bist du sechzehn Jahre alt. Bald ist die Frist abgelaufen und du mußt zurückkehren zu uns. Undine . Ich will nicht. Ich entsage aller Zauberkraft der Nixen. Ich kann diesen Erdenreizen nicht entsagen. In der kalten Tiefe dort unten grünen keine Wälder, keine Blumen blühen und duften, kein Vogelsang erfreut die Sinne! Alles ist stumm, kalt und starr. Traurig glänzen im blauen Dämmerlicht die kristall'nen Räume. Kühleborn . Und dennoch , du bist und bleibst das Kind der Welle! Undine . Weh mir, oh, wär' ich ein irdisch' Wesen! Kühleborn . Ja, weh dir! – Darum warne ich dich; denn wenn du von der Erde einmal wieder verstoßen würdest, so müßtest du zurücksinken in die Fluten und würdest zerfließen als Welle, die im Gewässer unterginge. Es wäre um dich geschehen, während alle Elementargeister wogen und weben bis zum Untergange dieser Welt, wenn alles zerfällt und zerfließt in das Chaos der ganzen Schöpfung! Darum sei klug! Bald naht die Stunde der Prüfung. Auf Wiedersehen! Undine . Wehe! Wehe! (Sinkt zusammen; ein Mondstrahl beleuchtet sie magisch. – Die Wogen des Sees türmen sich an der Stelle empor, in welcher Kühleborn versinkt.) ( Der Vorhang fällt.)   Zweiter Aufzug Dekoration wie im vorigen. Kasperl (kommt aus dem Hause) . Muß doch wieder einmal die schöne Morgenluft am See genießen. Der vierzehntägige Aufenthalt in dieser einsamen pappendeckelnen Gegend und Fischerhütte ist mir nicht mehr so unangenehm, als er anfänglich gedroht – besonders seit sich mein Ritter mit seiner Burg Ringstetten in Verbindung gesetzt und die Verproviantierung regelmäßig vor sich geht. Aber der Umstand bleibt mir doch einigermaßen rätselhaft , daß der Herr Ritter diesen idullischen Zustand seinem bewegten Leben aus Turnieren, Jagden und sonstig üblichem Spektakel vorzieht. Aber – ich bugreife allmählich: Nicht der langweilige alte Fischer und dessen langweiliges altes Weib fesseln ihn an diese feuchten Gestade, sondern dieses liebliche Wesen, das schöne Kind Undine, welches auch mein Herz einigermaßen in Buwegung gesetzt hat! Oh! Oh! – – ( Man hört Undinens Gesang aus dem See. ) Kasperl . Da singt sie wieder! so hold, so fein, wie ein kleines Moosschnepferl oder eine junge Wildanten. ( Undine nähert sich, in einem Kahne sitzend. ) Undine (singt) . Schifflein auf den Wellen schwanke, Schwebe leicht wie der Gedanke, Wie mein Lied schweb' auf und ab! Liebe Wellen, liebe Wogen, Die ihr ferne hergezogen – Meine Wiege und mein Grab – Hebt empor euch, sinket nieder, Säuselt, plätschert Töne wieder, Die Er mir zur Laute sang; Wieget mich in stetem Schwanken In den süßesten Gedanken, Der mir aus der Tiefe klang! Kasperl (lauschend) . Ah, ah, – (mit einem Seufzer) . Was das wieder so ein schönes wässeriges Lied ist! Einzig! Als hätt's der Richard Wagner komponiert! Oh, oh! – – Undine . Kasperl, Kasperl! Guten Morgen. Willst du nicht ein bißchen mit mir fahren? Die Wellen sind so schön heute. Kasperl . Ja freilich! Durchs Wasser und Land möcht' ich mit Ihnen fahren, um die ganze Welt. Undine . So komm', steig' ins Schiffchen ein. Kasperl . Ich möcht' schon; aber ich trau' mich doch nicht recht. Sie sind oft so mutwillig. Neulich hätten Sie mich auch in den See fallen lassen, weil Sie so geschaukelt haben im Schiffl. Undine . Ei was! Das war nur Scherz. Habe keine Sorge, es geschieht dir nichts. Ich bin ja ein Fischermädchen und weiß das Ruder zu handhaben. Kasperl . Ja, das weiß ich schon; aber vorgestern bin ich doch pudelnaß worden und hab' wenigstens zwei Maß Wasser g'schluckt. So etwas bin ich gar nicht gewohnt. Undine . Komm nur! Steig' ein; ich halte hier am Gestade. Dann singen wir eins zusammen. Kasperl . Nun, so will ich halt mein junges Leben riskieren. (Steigt in den Kahn ein mit komischer Aengstlichkeit. Im Kahn.) So – jetzt aber g'scheit! Sonst spring' ich gleich wieder ans Land. ( Undine stößt vom Ufer ab, Kasperl fällt gleich um im Schiff. ) Kasperl . Halt, halt! Jetzt bin ich schon gleich wieder umg'fall'n. Das war wieder ein gefährlicher G'spaß. Nur langsam! (Das Schiff schaukelt auf den Wellen. Undine singt weiter.) Ich bitt' mir aus, nicht so schaukeln! Undine . Das ist hübsch, das ist lustig. Kasperl . Nein, nein, keine solche Späß auf'm Wasser! Ruhig! Das Schiff fallt ja um, wenn Sie so fortmachen! Undine . Sei nur ruhig! es fällt nicht um. ( Das Schiff wird von den Wellen auf und ab getrieben. Allmählich türmen sich die Wogen auf, als ob ein Sturm wäre. ) Kasperl . Nein, das wird mir zu arg! Wir fliegen ja bis an die Wolken in die Höhe und nachher wieder ganz nunter! Hören S' auf! Undine . Hui! Das ist lustig! Auf und ab! Hoch und nieder. Kasperl (schreit immer mehr) . Halt! halt! Mir wird übel! Ich krieg' die Seekrankheit. Aussteigen, aussteigen will ich. Undine . Hopsasa, hopsasa! Kasperl . Gehn Sie mir, mit Ihrem Hopsasa! Aussteigen, ans Ufer, ans Land! Undine . Nun, wenn du willst, so setze ich dich ans Gestade. (Fährt ans Ufer. Indem Kasperl aussteigen will, stößt Undine wieder rasch ab und er plumpst ins Wasser.) Kasperl . Auweh! Auweh, ich ertrink'! Zu Hilfe! Helft's mir! ( Zwei Wassergeister mit Fischköpfen tauchen auf und werfen ihn ans Land, wo er auf den Bauch hinfällt. Undine verschwindet mit dem Schiffchen seitab in die Kulissen. ) Kasperl . Nein, da dank' ich, das geht über den Spaß! Ich bin doch kein Karpf, den man so herumschlenkern kann im Wasser. (aufstehend.) Jetzt bin ich durch und durch naß, darf mich von Kopf bis zu Fuß wieder umzieh'n und an einer Welle hab' ich mir einen blauen Fleck am linken Ellenbogen g'schlag'n. Das wären mir die rechten Wasserpartien. (Langsam ins Fischerhaus trottelnd.) Das war das letztemal! Die verflixte kleine Hex'. – – – Potz Schlipperment – (Ab ins Haus.) Verwandlung Das Innere des Fischerhäuschens. ( Ritter Huldbrand, Peter, später Martha, treten ein. ) Peter . Nun, Herr Ritter, habt Ihr wirklich den Entschluß gefaßt, meine Tochter zu Eurer Gefährtin zu wählen? Huldbrand . Volle 14 Tage habe ich nun bei Euch zugebracht und meine Absicht ist keine unüberlegte. Undine soll meine Hausfrau werden. Peter . Ihr wißt doch, wie ich Euch gesagt habe, daß mir selbst ihre Herkunft nicht bekannt ist. Als ich eines Abends vom Fischen heimkam, eilte mir meine Martha jammernd und händeringend entgegen. Ich war höchst erstaunt und begierig, was etwa geschehen sein möchte. Verzweifelnd sagte sie mir, daß seit dem frühen Morgen unser kleines Töchterchen Maria verloren sei. Das Kind, damals drei Jahre alt, sei wie gewöhnlich gegen den Wald hinausgelaufen, um Beeren zu pflücken, sei mittags schon nicht heimgekehrt. Sie habe gerufen, habe in den Wald weit hineingesucht – keine Spur gefunden – alles vergebens; auch die Holzarbeiter, die tief im Wald gearbeitet, sagten, sie hätten wohl ein kleines Mädchen laufen sehen, haben sich aber nicht weiter darum gekümmert, nur ein weißes Tüchlein gefunden, das sie wohl um den Hals gehabt haben möge. Ach! es war recht traurig. Huldbrand . Der Wald ist von jeher voll bösen Getiers, wie ich weiß, und Ihr mögt wohl befürchtet haben, daß ein Wolf oder Bär das Kind zerrissen habe. Peter . Wohl habt Ihr recht, Herr Ritter; denn es mußte auch so geschehen sein. Alle unsere Nachfragen waren vergebens, alle Nachforschungen umsonst! – Ihr mögt Euch vorstellen, in welch jammervollen Zustand wir versetzt waren. Mariechen war ja unser einziges Kind, das einzige, beste Hab und Gut, das wir in unserer Armut hatten! (Weint.) Sieh da: Einige Tage darauf saßen wir so herzenstraurig beisammen. Es war spät und der Mond schien, als ob er mit uns sein Mitleid hätte, freundlich durch die Scheiben herein. Da klopfte es leise am Fenster und ein feines Stimmchen rief: »Macht auf! Euer Kind ist da!« Ihr begreift, Herr Ritter, wie's uns da zumute ward. Ich sprang auf, mein Weib wäre beinah aus Schreck vom Stuhle gefallen. – Doch, um's Euch nicht lange zu machen – als wir aus der Hütte traten, stand ein kleines Mädchen in Größe und Alter wie unsere verlorene Marie beiläufig, lieblich uns anlächelnd vor uns und sprach mit holder Stimme: »Da bin ich, nehmt mich statt eures Kindes zu euch.« – Welch ein Erstaunen! Wir fragten, wo sie herkomme, wer ihre Eltern seien und alles mögliche, allein sie schwieg auf alles und sagte nur: »Oh, fragt mich nicht; aber ich will recht gut sein und euch recht lieb haben! Ich heiße Undine.« Undine? sagten wir beide erstaunt. Da glaubten wir wie ein Echo aus den Wellen des Sees zu vernehmen: »Undine – Undine –«. Huldbrand . Allerdings eine sonderbare Ankunft des neuen Kindes. Peter . Kurz: Wir sahen das Kind wie ein Geschenk des Himmels an. Wir nahmen es gerne als ein solches, wenn wir gleich nicht wußten, woher es gekommen war. Das liebe Ding stand so freundlich vor uns da in einem silberblauen Kleidchen, aber ganz durchnäßt, als ob es aus dem Wasser gekommen wäre. Um das Hälschen hatte es eine kostbare Perlenschnur, die wir noch aufbewahrt hatten. Und so pflegten und hegten wir das Mädchen treulich und gewissenhaft bis zu dieser Stunde – es mag wohl an die 13 Jahre her sein, daß es zu uns gekommen. Huldbrand . Wohl mögt Ihr das Wunderkind treu und sorgsam gepflegt haben, denn Undine ist lieb und gut und auch verständig und spricht so klug, trotz seiner oft kindlichen Launenhaftigkeit, als ob es in der fürnehmsten, besten Schule gelernt hätte. Gerade deshalb, gerade wegen der heiligen Einfalt hab' ich mir das Mädchen auserwählt. Als meine Gemahlin soll sie auch der Vornehmsten nicht nachstehen. Peter . Wenn's denn so sein soll, gestattet, edler Herr, daß es auch meine Martha bald erfahre. Huldbrand . Freilich, das muß ja gleich sein. Sie ist ja die Mutter meiner holden Braut. Peter (ruft in die Türe) . Martha, Martha, komm herein. Martha (tritt ein) . Was soll ich? Was willst du von mir? Peter . Ja, was ich von dir will? Höre und staune! – Martha . Nun, nun, was wird's denn so Wichtig's sein? Peter . Der edle Ritter will uns unser Undinchen entführen. Martha . Der Herr Ritter – wollte – wollte –? Huldbrand . Ihr mögt vielleicht im stillen schon irgend etwas beobachtet und bemerkt haben. Ich habe mich mit Undinen verlobt. Martha . Ums Himmelswillen! Ist es denn wirklich also? Freilich muß ich gestehen, daß ich an Undine, seit Ihr bei uns seid, eine gewaltige Veränderung gefunden habe. Peter . Ja wohl, mir kommt's auch so vor; das Mädchen ist viel ernster geworden seither – – Martha . Viel stiller und ruhiger. Sonst ging's ja in einemfort mit den tollen Possen. Huldbrand . Mag sein. Aber ihr kindlich liebes Wesen darf sie nicht verlieren. Die Zeit des Ernstes naht bei den Frauen immer früh genug. Kommt, wir wollen Undinen aufsuchen, damit sie sich euren Segen erbitte. Martha . Aber Herr Ritter, habt Ihr denn wohlbedacht, was Ihr tut? Wird dieses arglose, arme Kind wohl zur hohen Frau von Ringstetten taugen? Täuscht Ihr Euch nicht? Werdet Ihr diesen wichtigen Schritt nicht einmal zu bereuen haben? Huldbrand . Habt keine Sorge. Euch ist's freilich nicht lieb, daß ich euch den Schatz entführe. Nicht wahr? Peter . Hoher Ritter! Wir fügen uns gerne, da wir unser Kind in so edlen Händen wissen. Martha . Und wie sollt ich anders reden? Gott möge euch beide beschützen. (Alle ab.) ( Undine tritt von der anderen Seite ein, nachdenklich setzt sie sich auf den Stuhl und stützt den Kopf mit dem Arme auf den Tisch. ) Undine . Wie ist mir doch zumute? Wie ernst, wie bang! Mein flüchtiges Element – wie gebannt und gefesselt! – Als ich noch ein kleines Kind war, geboren in der Tiefe der Gewässer, da trug mich meine Mutter ans Ufer dieses stillen Sees. Ich erinnere mich wohl, wie sie mich küßte und sprach: »Leb wohl! Da stehe nun auf fremdem Boden, auf trockener Erde. Das neue Element möge dich aufnehmen, und wenn du ihm getreu bleibst, und wenn dich die gewonnene Liebe nicht selbst verstößt, so weile da und werde glücklich!« – Diese Worte habe ich nie vergessen und sollte ich diesem Muttersegen nicht vertrauen? Menschenliebe hat mich aufgenommen und gepflegt und nun naht sich diese abermals und will mich pflegen und hegen! Huldbrands Frau soll ich werden, tief und ganz und gar soll ich nun eingeweiht werden in den Segen des irdischen Lebens! – Kaum wag' ich's zu denken. Ich soll eine Seele gewinnen und all des Menschenglücks teilhaftig werden, eines Lebens und Webens, das nicht in den Wogen flutet und nicht kalt dahinfließt, wie eine Wasserwelle. In einen neuen Zauberkreis tret' ich; aber weh mir, wenn er sich wieder öffnen würde, um mich in das Nichts hinauszustoßen – – ( Es rauscht wie Wogen an den Fenstern, Kühleborn in blaugrünlichem Mantel, eine Krone von Schilf auf dem Haupte, erscheint, Undinens letztes Wort feierlich wiederholend. ) Kühleborn . – – – Um dich in das Nichts hinauszustoßen. – – Ja, dies ist es, was du zu befürchten hast, und das dir vielleicht bevorsteht – vielleicht?! – O, glaub' es, treulos sind die Menschen und schwankend wie das Schilfrohr an unsern Ufern. Undine . Weh mir! Du bist's! Was willst du schon wieder von mir? Laß mich die Wege gehn, die mich meine Mutter betreten hieß. Kühleborn . Du weißt ja, daß der Zwist deiner Mutter, den sie mit ihrem Manne hatte und ihre Trennung von ihm die Veranlassung war, dem Reiche der Gewässer zu fluchen. Dies war die Ursache, dich auf die Erde zu setzen. Undine . Nun, da die Mutter es so gewollt, war ich nicht bisher durch Menschenhuld geborgen? Kühleborn . Du warst es, – wirst du es auch bleiben? Undine . In Huldbrands Augen lese ich Treue. Sein Blick kann nicht lügen. Kühleborn . Aber auf der Erde herrschen Trug und Lüge. Wohl uns Elementargeistern! Wir gehen die geregelte, uns zugewiesene Bahn. Der Mensch ist ein allzu freies Geschöpf; nur allzuoft verdirbt er sein eigenes Geschick. Undine . Allein dafür kann er eben durch diese seine Freiheit sich die herrlichste Seligkeit gewinnen. Kühleborn . Oh, wie du schon zur irdischen Schwärmerin geworden bist! Undine . Ich lasse nicht mehr von dem Menschen; denn durch ihn und mit ihm kann auch ich Seligkeit erringen. Kühleborn . Nun, so gehe in dein Unglück, das du dir gewählt haben magst. Allein das Gebot der Wahrheit hast du noch zu erfüllen. Dein unglücklicher Gemahl soll und muß wissen, wer du bist. Wenn er es durch dich selbst erfahren – dann magst du ihn eben dadurch noch selbst prüfen, ob er zu deinem Heile bestimmt ist. Diese Pflicht erfülle auch ihm zulieb'. Undine . Es sei. Ich gelob' es dir! Kühleborn . Nun, so lebe wohl. Wir sehen uns wieder. (Verschwindet.) Huldbrand (tritt rasch ein) . Undine, wo bist du denn? Ueberall suchte ich dich. Undine . Ueberall fändest du mich; denn ich bin ja überall und immer bei dir. Huldbrand . Im Geiste wohl , da du meine holdselige Braut bist. Undine . Du sagst es und ich weiß es wohl; allein, bevor ich dein Weib bin, muß ich dir noch ein Geheimnis sagen. Huldbrand . Ein Geheimnis? – Laß hören! (lächelnd.) Deine Geheimnisse werden wohl nicht schwer zu tragen sein. Undine . Tritt näher zu mir und vernimm. Aber sei gefaßt! Huldbrand . So gefaßt, wie du es nur erwarten magst. Undine . Der Fischer, mein Vater, hat dir ja wohl erzählt, wie ich als kleines Kind zu ihm gekommen, ein rätselhaftes Wesen, wie vom Himmel gefallen. Huldbrand . Allerdings scheint deine Herkunft besonderer Art; allein, was tut's mir? Ich habe dich auserkoren zu meiner Lebensgefährtin und du bist und bleibst mein eigen. Undine . Das ist die Frage; denn es könnte eine Stunde kommen, in der du etwa sagen würdest: »ich will nichts mehr von dir wissen – fort mit dir!« – Huldbrand . Halt ein, versündige dich nicht an meiner Liebe, an unserm Heiligtum! Undine . Wirst du mich also niemals verstoßen? Huldbrand . Niemals! – Niemals, wie kommst du zu solch einer Frage? Undine . Darum, weil, wenn es geschähe – ich in den tiefsten Abgrund stürzte – – Huldbrand . Schweige, ich bitte dich, von solchen Dingen. Undine . Nun denn, so höre: Ich bin eine Nixe dieses Sees. Seelenlos wäre ich noch in der Fluten Tiefe, hätte mich nicht Menschenliebe aufgenommen, und untergehen müßte ich wieder, bliebe ich nicht für immer mit Menschenliebe verbunden. Solche Wandlung ist uns gestattet. Wenn aber jemals das Geheimnis meiner Abkunft zutage käme, wenn jemals irgend jemand außer dir erführe, wer ich bin, so wäre ich für dich verloren und versänke in die unergründliche Tiefe der Gewässer – zurück in das mich verschlingende Element. Huldbrand (erschüttert von Undine zurückweichend. Nach einer Pause) . Du, du, – bist eine Nixe? – Du, ein solches Wesen? Undine . Nun, wie gefällt dir dies Geheimnis? Jetzt ist es noch Zeit, vor der Hochzeit dich abzuwenden von mir. Wenigstens mußt du sagen, daß ich ehrlich gegen dich war. Willst du nun von mir scheiden? Huldbrand (begeistert) . Nie und nimmermehr? Du bist mein; nirgend finde ich dich anderswo. Mein Herz hast du genommen, du bist und bleibst in mir! Undine (stürzt ihm zu Füßen) . Wenn es so ist, Dank, Dank dir, meinem edlen Retter, meinem Befreier! ( Der Vorhang fällt rasch unter Donnergeroll. )   Dritter Aufzug Gemach auf dem Schlosse des Herzogs Heinrich. ( Herzog Heinrich, Bertalda. ) Herzog . Meine teure Tochter, ich brauch' es dir wohl nicht zu sagen, wie sehr ich um dein Glück und Wohl besorgt bin, und da ich mich nun dem Alter immer mehr nähere, wo mir jeder Tag geschenkt ist, möchte ich dich wohl geborgen wissen. Bertalda . Oh, ich weiß es, Vater, wie Ihr von Kindheit an für mich liebevoll bekümmert ward und mein Leben lang wird meine kindliche Dankbarkeit nicht erlöschen. (Küßt ihm die Hand.) Herzog . Da ich längst Witwer bin und du nach meinem Tode ganz allein stehen würdest, so ist es an der Zeit, dich zu vermählen, damit du an deinem Gemahl eine Stütze findest; denn du bist so jung noch und unerfahren, daß du einer solchen bedarfst, wenn ich aus diesem Leben scheiden müßte. Bertalda . Teurer Herzog! Ich sehe dies sehr wohl ein; allein Euch könnte ich niemals verlassen. Herzog . Nun habe ich zu deinem Besten dir einen Gatten gewählt, und du wirst mit meiner Wahl zufrieden sein. Vor einigen Tagen habe ich an meinen Vasallen, den Ritter Huldbrand von Ringstetten, einen Schreibebrief gesandt, um ihm die Ehre, welche ich ihm durch mein Anerbieten erweisen will, kundzugeben. Stündlich erwarte ich die Antwort. Bertalda . O mein Vater! wie seid Ihr gütig! Huldbrand von Ringstetten ist einer der edelsten und tapfersten Ritter des ganzen Gaues. Jedes Fräulein, auch des Herzogs Tochter, darf sich glücklich schätzen, ihn Gemahl zu nennen. Herzog . Ohne Zweifel wird Ritter Huldbrand, statt die Antwort durch einen Boten zu senden, gleich selbst hereilen, um dir zu Füßen zu fallen. Bertalda . Dies wäre wohl möglich, denn ich traue ihm solche Courtoisie zu. ( Trompetenstoß vom Turmwart. ) Herzog . Hörst du den Hornruf des Wachttürmers? Es mag die Botschaft bedeuten. ( Ein Diener tritt ein. ) Herzog . Was deutet des Wächters Ruf? Diener . Durchlauchtigster Herzog! Ein Reitersmann hat sich am Tor gemeldet und bittet um Einlaß. Er trägt des Ringstettners Farben und Abzeichen. Herzog . Er habe Einlaß! Führt ihn sogleich zu mir. (Diener ab – Zu Bertalda, welche an des Herzogs Brust sinkt.) Nun Bertalda, naht die gute Stunde – vielleicht er selbst. Darum geziemt es sich, daß du dich sogleich in deine Kemenate begibst und erst, wenn ich dich rufen lasse, hier erscheinst. ( Bertalda mit tiefer Verbeugung ab. ) Herzog (allein) . Ich hoffe, daß Ritter Huldbrand meinen Antrag angenommen hat. Niemand weiß um das Geheimnis, daß Bertalda nicht meine wirkliche Tochter und daß sie ein verlaufen Kind ist, das ich auf der Bärenjagd im tiefen Walde gefunden und zu mir genommen. Ich ließ damals Kunde verbreiten, sie sei mir von entfernten Verwandten übergeben worden. Ich behielt das Kind, weil es mir gefiel – ich möchte sagen mehr zum Zeitvertreib zog ich es auf, und allmählich gewöhnte sich Bertalda gern an das Leben in der Burg eines Herzogs und vergaß endlich selbst ihres Herkommens. Da ich sie fand, sprach sie von einem Vater und einer Mutter in einem schlechten Häuschen, von einem See, von hohem Schilfe und dergleichen. Doch das Kind gefiel mir, und ich wollte es behalten – und so blieb es denn bei mir bis zur Stunde – – – ( Diener tritt ein, mit ihm Kasperl. – Diener gleich ab. ) Herzog . Ah! Ritter Huldbrands Botschaft! (Für sich.) Warum nicht er selbst? (Zu Kasperl.) Willkommen! Ihr kommt von Ritter Huldbrand, meinem edlen Lehensmann? Kasperl (mit ungeheuren Reverenzen) . Untertänigst aufzuwarten. Ich komm von meinem gnädigen Herrn, dem hochwohlgebornen Herrn Ritter Huldbrand auf und zu Ringstetten. Herzog . Bringt Ihr mir wohl Kunde auf meinen Brief? Wer seid Ihr? Habt Ihr kein Antwortschreiben? Kasperl . Oh sehr . Ich habe zwar keinen Brief, aber auch kein Schreiben zu übergeben. Ich bin des Herrn Huldbrand Leibknappe und Vertrauter, obschon er mir nichts anvertraut. Er hat mir diesmal den Befehl gegeben, eine schöne Empfehlung auszurichten.. Herzog . Wie, nicht mehr als dies? Und solches durch einen Knappen? – Welche Art ist dies? Warum ist Euer Herr nicht selbst gekommen? Es wäre als Vasall seine Pflicht gewesen. Kasperl . Mein Herr ist in anderen Umständen und dadurch verhindert. Herzog . Seid Ihr nicht klug? In welchen Umständen? Kasperl . Er ist gestern mit seiner schönen, jungen Gemahlin in Ringstetten eingezogen. Herzog (entrüstet) . Wie? Was sagt Ihr? Ist es möglich? Ritter Huldbrand hat sich vermählt? Kasperl . Ja, durchlauchtigster Herzog. Dieses Eroignis soll ich gehorsamst melden. Mein Ritter hätte dies selbst in einem Briefe geschrieben, allein er hat sich bei seiner Hochzeit den Finger überstaucht und ist dadurch am Schreiben verhindert. Herzog . Ihr wagt es noch, verwegener Bursche, Spott zu treiben? Kasperl . Und Eure Durchleuchtigkeit wagen es, eine diplomatische Person, die ich bin, eine halbe Stunde so dastehen zu lassen, ohne ihr eine Magenstärkung anzubieten? Das ist mir noch niemals passiert! Das ist eine Verletzung des Gesandtschaftsrechtes. Herzog . Oh, sei ruhig; du sollst gefüttert werden, Bursche; aber dann verlasse augenblicklich mein Schloß und sage dem Ritter von Ringstetten, daß wir uns finden werden. Unerhört! solch ein Benehmen! (Geht rasch ab.) Kasperl (allein) . Daß wir uns finden werden – ja, das glaub' ich gern; das ist keine Kunst. Aber ich , scheint mir, werde nichts finden. – Laßt mich da stehen mir nichts, dir nichts! Voll Hunger und Durst – Das ist keine Manier. (Schreit.) Heda, holla! ho – wo ist der Kellermeister? Wo ist die Köchin? Schlipperment! Ich bin der Kasperl Larifari. ( Fährt im Zimmer wütend herum, schlägt an alle Türen. Indem er hinausstürzt, trifft er mit dem zugleich eintretenden Koch zusammen, derart, daß beide rückwärts hinfallen. ) Beide . Oho, oho! Kasperl (im Aufstehen) . Was ist denn das für eine dicke, weiße Figur mit einer Zipfelmütze? Koch . Was ist denn das für ein komischer Kerl mit einer grünen Zipfelmütze? (Zu Kasperl.) Wer ist Er? Kasperl . Und wer ist denn Er? Ich bin Flügeladjutant des Ritters von Ringstetten, wohlverstanden? Koch . Und ich bin der Leibkoch des Herzogs Heinrich, aber soll ich meinen Augen trauen? Bist du nicht mein alter Freund, der Kasperl Larifari –? Kasperl . Und du – bist du nicht der ehemalige Nudelbäcker Ambrosius Schmalzmeier? Beide . O holdes Wiedersehen! (Umarmung.) Duett . (Beide.) O welches holde Wiedersehn, Vor Freuden kann ich kaum mehr stehn, O welch ein himmlisches Entzücken, Nach langer Trennung dich zu erblicken! Kasperl . Wo warst du denn die ganze Zeit? Hat dir das Schicksal nicht gelacht? Koch . Zu Haus hat's mich halt nimmer g'freut, Weil ich im G'schäft Bankrott gemacht! Und du! – Kasperl . – – Ich weiß nicht, was ich war, Ich glaub', alle Tag der alte Narr, Bis ich mir einen Stand erkor'n Und endlich bin Bedienter wor'n Beim Ritter Huldbrand von Ringstetten; Jetzt hab'n wir Hochzeit – das ist a Metten. Koch . Ich bin bei Seiner Durchlaucht Koch; Und wenn's mir g'fallt, so bleib ich noch, Ich wohn' in einem alten Stübel, Das Uebrige ist auch nicht übel; Wir essen nicht die schlechtsten Knochen, Nur einmal Fastenspeis die Wochen. Beide (wie oben) . O welches holde Wiedersehn, Vor Freuden kann ich kaum mehr stehn! O welch ein himmlisches Entzücken, Nach langer Trennung dich zu erblicken! Entzücken! Erblicken usw. (Tanzen Arm in Arm hinaus.) Verwandlung Bertaldas Gemach. (Es muß ein Spiegel angebracht sein.) Bertalda (in höchster Aufregung) . Was mußte ich vom Herzoge hören? Huldbrand verschmäht mich! Eines Herzogs Tochter! Von allen Rittern des Gaues bin ich angebetet; jeder möchte mich als seine Gemahlin heimführen dürfen, und er, den ich mir selbst erkoren hatte, er wählte sich eine andere! O Schmach und Schande! (Tritt zum Spiegel.) Welche kommt mir nahe? Bin ich nicht schön, wie keine andere? Sagt mir's nicht täglich dieser Spiegel? Der lügt nicht, der schmeichelt nicht! – Und wer mag die Glückliche sein, die jetzt an des Ritters Seite ruht, die ihn ihr eigen nennen darf? Ich möchte vor Schmerz vergehen, vor Zorn und Wut! – Weh ihm , dem Schändlichen! (Wirft sich auf ein Ruhebett.) Herzog (tritt ein) . Teure Bertalda! – Ich begreife, daß dich die Hiobspost angegriffen hat. Auch ich bin höchst erbost über die Schmach, die uns beiden Ritter Huldbrand angetan hat. Er hat mich, den Herzog und seinen Lehnsherrn, aufs ärgste beleidigt! Er hat dich, meine Tochter, ebenso verletzt und gekränkt. Dies soll ihm nicht vergessen sein. Bertalda . Und ich verlange Rache für die Schmach! Herzog . Das kann ich dir nicht verdenken. Allein, dergleichen darf nicht übereilt werden. Wir müssen die Gelegenheit abwarten zu seiner Züchtigung. Dies erfordert aber Klugheit. Habe Geduld. Verbirg vor jedermann deine gerechte Entrüstung. Deine Ehre will es, daß sie bewahrt sei durch Gleichgültigkeit und stille Verachtung. Bertalda . Ja, allerdings. Unbemerkt soll die Glut im Innern brennen, bis es an der Zeit sein wird, daß sie zur hellen Flamme auflodert. Herzog . Also Verstellung, Ruhe! Ich werde mich bei Ritter Huldbrand zum Besuch ansagen lassen. Du sollst mit mir nach Ringstetten ziehen. Wenn wir dort sind, wird es sich zeigen, wie ich ihn auf die demütigendste Art strafen kann. Verlasse dich auf mich. Bertalda . Ja, ich zähle auf Euern gerechten Zorn. Was mich betrifft, so werde ich nicht aus der Rolle des edelsten Stolzes fallen. Herzog . Triff alle Vorkehrungen zur Abfahrt. Nimm deine kostbarsten Gewänder, deinen schönsten Schmuck. Du sollst in höchstem Glanze als des Herzogs Tochter auftreten. Bertalda . Ich bin bereit. (Beide ab.) Verwandlung Burghof auf Ringstetten. Ein Ziehbrunnen ist rückwärts angebracht. ( Huldbrand. Undine in schönster Ritterfrauentracht. ) Huldbrand . Nun, liebes Weib, bist du zufrieden in deiner neuen Heimat? Undine . Warum willst du mir durch solche Fragen weh tun? Wäre es nicht ein Frevel, wollte ich nicht sagen, daß ich so glücklich bin, wie es nur immer ein Wesen auf Erden sein kann! Huldbrand . Möge es dir immer so sein, wie es diese ersten Wochen unseres Ehestandes der Fall war. Möge nie ein Wölkchen deine Zufriedenheit trüben. Lasse dir sagen: Trotz des Unmutes des Herzog Heinrich darüber, daß ich den Antrag, seine Tochter Bertalda zur Gattin zu nehmen, von mir gewiesen, was wohl beinah als eine Beleidigung anzusehen ist, ließ er mich seiner Gnade versichern. Ja, noch mehr. Auf mein Anfragen, ob ich ihm meine Huldigung darbringen und dich ihm vorstellen dürfe, ließ er mir sagen, er wolle mich auf Ringstetten selbst mit seiner Gegenwart beehren, da er ohnedies eine Rundfahrt im Gau zu machen vorhabe, um, wie es alljährlich üblich, an einigen Orten rechtzusprechen. Undine . Das ist wohl sehr gnädig vom Herzoge, aber ich habe eine trübe Ahnung, daß uns dieser huldvolle Besuch nichts Gutes bringt. Huldbrand . Warum so ängstlich, liebes Weib? Sei versichert, ich werde dafür zu sorgen wissen, daß nichts deine Zufriedenheit stören möge. Der Herzog ist mir viel Dank schuldig, da ich ihm nicht selten mit meinen Kriegsknechten von großem Nutzen war. Undine . Möge es so sein; allein ich bin und bleibe mit Angst behaftet, wenn ich auch nicht weiß, wie und warum. Huldbrand . Lasse deine Sorgen. Ich will jetzt in den Forst reiten, um der Spur des wilden Ebers nachzuforschen, der uns so viel Schaden tut. Leb wohl! Undine . Lebe wohl! bleibe nicht zu lange aus. (Huldbrand ab. Undine allein, ihm nachblickend.) Herrlicher Mann, wie liebe ich dich. Dir, meinem Erretter, gehört meine Seele, mein Leben, das ich dir allein ganz und gar zu danken habe. ( Ein Knappe tritt ein. ) Knappe . Hohe Frau! Es ist ein alter Mann am Burgpförtlein, der Euch zu sprechen bittet, in wichtigen Angelegenheiten. Undine . Mag sein. Er soll kommen. ( Knappe ab. – Gleich darauf Peter, der Fischer, er eilt auf Undine zu, die ihm entgegenkommt. ) Peter . Hohe Frau! Undine . Nicht so, mein lieber Vater! Ich bin immer Eure Undine, Euer dankbares Kind. Was bringt Euch zu mir? Peter . Oh, Ihr müßt es ja vor allem wissen. Meine verlorene Tochter, meine Marie, die Ihr uns ersetzt habt, ist wiedergefunden. Undine . Ist es möglich! Sprich: Wie und wo? Peter . Laßt Euch erzählen. Vor wenigen Tagen nahm ich einen erschöpften und bluttriefenden Mann in meiner Hütte auf. Er war in dem nahen Finsterwald, Ihr kennt ihn ja, durch den er ging, von einem Bären überfallen und elend zerfleischt worden. Er schleppte sich in die Nähe unseres Seeufers, wo ich, sein Jammern hörend, ihn fand und dann mit Martha in unser Häuschen brachte. Der Arme war von dem Tier erbärmlich zugerichtet. Wir wuschen seine Wunden, labten ihn auf alle mögliche Weise, allein, es war alles umsonst. Undine . Der Arme! – sprecht, wer war es denn? Peter . Vernehmt weiter: Mit gebrochener Stimme, seinem Ende nahe, sprach er: »Hört, gute Leute, damit ich ruhig sterben kann; hört – Euer Kind lebt. – Vor – Jahren fanden wir es verirrt in dem Walde. Herzog Heinrich – wollte es Euch nicht wieder zurückbringen, obgleich er wohl gewußt – wem das Mädchen gehöre. Ich mußte schwören – nichts zu verraten, aber – jetzt muß ich sterben und da drückt mich das Gewissen« – – mit diesen Worten starb er. Undine . Welch ein Geschick! Peter . Bald kamen wir ins klare. Der Mann war ein alter Jäger aus dem Gefolge des Herzogs, der das Gnadenbrot bezog und in einem Häuschen lebte, wo er Rüden und Weidhunde des Herzogs zu füttern hatte. Als man ihn tot heimtrug (und ich war ja dabei) fand ich, denkt Euch nur, in seiner Stube das Kreuzlein hängen, das unser Mariechen, als sie uns verlassen, am Halse trug. Undine . Ein sicheres Kennzeichen also für Euch. Peter . Wohl, aber wie werde ich dazu gelangen, daß man meinen Aussagen glaubt. Undine . Seid ruhig! Euer wiedergefunden Kind, freilich jetzt des Herzogs Tochter, wird gewiß gerne und Gott dankbar in die Arme ihrer Eltern fallen. Rechnet auf mich. Bleibt bei mir. Auch Mutter Martha soll kommen. Der Herzog und des Herzogs Tochter werden bei uns hier verweilen. Bald wird sich dann das Rätsel lösen, denn ich zähle auf des edlen Herzogs Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe. – Kommt mit mir. Ihr sollt Euch durch Speis und Trank stärken. Ihr seid ja so weit hergegangen. ( Beide ab. – Es ist dunkler geworden. Abendrot. Kühleborn steigt ans dem Ziehbrunnen. ) Kühleborn . Gut, daß die Wasser unterirdisch wogen, Verbunden durch der Erde reiche Adern, Die sich in künstlicher Verzweigung einen. So springt auch hier der kühle Lebensquell, Zu dem mich ferneher der Fluß getragen, In tiefem Schacht, ich bin Undinen nah'. Denn nimmer kann ich's lassen, ihr zu folgen, Weil ihrem Elemente, unserm Reiche Ich wieder sie gewinnen will. So lau'r ich Dort unten, in des Brunnens dunkler Tiefe. – Das holde Kind der Fluten – uns gehört es! Zu uns zurück verlangt's der Nixen Chor! ( Steigt nieder in den Brunnen. Wassergeister schweben nebelhaft um den Brunnen. ) Chor . Undine, höre unsre Klagelieder! Oh, komm zu uns, tauch in die Wellen wieder! Undine, holdes Kind der blauen Wogen, Oh, wärst du deiner Heimat nie entflogen! Undine, kehr' zurück ins Flutenleben, In Sang und Tanz mit uns dahinzuschweben.         Undine! Undine!       (Verhallend.) ( Der Vorhang fällt langsam ).   Vierter Aufzug Burghof, wie vorher. Herzog Heinrich seitwärts auf einem erhabenen Sitze. Neben ihm Bertalda. Huldbrand, Undine. Einige Ritter, Frauen und Volk. Peter und Martha. Ein Trompeter. ( Herzog vom Sitze aufstehend. Trompeter stößt ins Horn. ) Herzog . Ihr wißt es alle, wie ich es durch meinen Herold habe verkünden lassen, daß heute der Tag ist, welchen ich auf der Burg meines getreuen Vasallen, Huldbrand zu Ringstetten, angesetzt habe, um die Gaugehörigen zu vernehmen, um Recht zu sprechen und etwan zu schlichten, was Ungehöriges vorgefallen. Huldbrand . Mir zur hohen Ehre habt Ihr, edler Herzog und Lehensherr, meine Burg als den Ort auserlesen zu Pflege und Rechtspruch, und ich rufe sonach infolge Eures Willens jedermanniglich auf, mit Beschwerde oder Klage sich zu melden, damit ihm recht werde. (Pause. Trompeter bläst wieder.) Niemand, scheint es, ist hier, der etwa Klage vorbringen möchte. Undine . Verzeiht, wenn ich jenen alten Mann dort (auf Peter zeigend.) Euch, Herzog, vorstelle, der nicht den Mut hat, seine Angelegenheiten vorzubringen. Herzog . Wer ist der Mann? Er trete vor; denn jedermanniglich hat das Recht, mir seine Beschwerde zu sagen. Undine (zu Peter) . So komm! Nun hast du selbst vernommen, daß der Herzog jedem gnädig Gehör gewährt. Peter (wirft sich vor dem Herzog nieder) . Gnädigster Herzog! Verzeiht einem armen Manne, der Gerechtigkeit begehrt. Herzog . Steht auf! Sprich frei und offen: Was ist dir unrecht geschehen? Peter . Man hat mir mein Kind geraubt. Ich verlang' es zurück. (allgemeine Bewegung.) Herzog . Sprich, bekunde deine Klage! Peter . Vierzehn Jahre sind's freilich schon her, daß mein Töchterlein Marie sich in den Finsterwald verlaufen, damals ein dreijährig Kindlein. Wir glaubten sie von wilden Tieren zerrissen; aber vor kurzem ward mir durch den Eid aus dem Munde eines Sterbenden die Nachricht, daß das Mägdlein geraubt wurde. Herzog (für sich) . Gnädiger Gott! Das ist Bertalda! (Zu Peter.) Wer hat dir das gesagt? Peter . Der jüngst in meinen Armen gestorbene Weidknecht Wolfram, Euer alter Diener, und Ihr, Herr Herzog – ich muß es sagen, weil es so ist – Ihr habt mein Kind entführt – Undine . Und dieses Kind ist Eure Tochter Bertalda. Bertalda . Nein, nimmermehr! Es kann nicht sein. Martha (tritt hervor) . Ja, ja, Ihr, Fräulein, seid der armen Fischerleute Kind! Und hier stehen wir, Eure Eltern! Bertalda . Nicht möglich! und ich will's auch nicht, daß es so sei. Herzog . Schweigt alle und hört! – Ich bin des Gaues Herzog; aber vor Gott bin ich nicht besser als ihr alle. Wahrheit und Gerechtigkeit müssen sein, und da ist kein Unterschied auf Erden. Es ist wahr, daß ich beiläufig vor so viel Jahren ein armes Kindlein im Finsterwalde, wo ich jagend ritt, verlassen fand und zu mir nahm, aus Mitleiden und weil mir das Mägdlein gefiel. Und niemand war bei mir als Wolfram, damals mein Weidmannsknappe. Bertalda . Und wenn auch! Wo ist der Beweis, daß ich die Tochter dieser schlechten Leute sein soll? Undine . Ihr seid ja die einzig angenommene Tochter des Herzogs. Herzog . Bei Gott, ich kann es nicht leugnen. Es ist also . Martha . Ich bitte Euch, betrachtet Eure linke Schulter, darauf muß ein Muttermal sein, wie ein Kreuzlein. Herzog . Seht, seht! Es ist so, wie das Weib sagt! Bertalda . Und wenn alles so wäre und wenn alles so ist. Ich will nicht armer Fischerleute Kind sein, denn ich bin des Herzogs Heinrich Tochter, als welche er mich angenommen und längst bestätigt hat. Undine . Wie ist es möglich, Bertalda? Ihr seid nicht glücklich, Eure Eltern gefunden zu haben. Huldbrand . Ihr stoßt sie von Euch zurück? Bertalda . Was tue ich mit solchen Eltern? Der Herzog soll sie mit Gold entschädigen, dies wird ihnen genug sein. ( Allgemeine Entrüstung und Gemurmel. ) Herzog . Ist es denn wirklich so, Bertalda? Oh, sprich anders! Umarme deine Mutter und deinen Vater. Du bleibst ja doch bei mir! Bertalda (weist Peter und Martha zurück, die sich ihr nähern wollen) . Nie und nimmermehr! Fort von mir! Herzog . Weh mir! So hab' ich eine Schlange im Walde gefunden und habe sie an meiner Brust genährt und aufgezogen! – Hierher bin ich gekommen, um rechtzusprechen, um Gutes zu lohnen und Böses zu strafen. So hört denn alle, die Ihr hier seid: Ich verstoße Bertalda, denn sie ist unwert des Herzogs Pflegetochter zu sein. Solcher Stolz, solche Hoffart, solche Bosheit sollen nicht mit mir wohnen! Fort von mir, du Ungeheuer! Du bist nicht mehr des Herzogs Heinrich Tochter! (Stürzt hinaus.) ( Es donnert, die Szene verdunkelt sich. ) Undine . Armselige! Vernimm es, wie auch der Himmel dein Urteil spricht. ( Ab mit allen übrigen. Bertalda stürzt besinnungslos zu Boden. Allmählich erwacht Bertalda aus ihrer Ohnmacht. ) Bertalda . Was ist's mit mir? Hatt' ich einen bösen Traum? (Blickt um sich.) O nein, nein, es ist so! Verstoßen, verlassen, ich, eines Herzogs Tochter! – Das Kind armer Fischer! – Nein, nein! Ein goldner Faden an eine schlechte Spindel geknüpft! Schande, Schmach! Ich ertrage es nicht. (In sich versenkt, eine Weile lang auf und ab gehend.) Das wäre kein Leben. Wohin sollte ich? Aus eines Herzogs Palast gestoßen – in eines armen Fischers Hütte! Pfui der Schande! Fort, fort! – (Verzweifelnd.) Ha, was seh' ich dort? Ein Brunnen – tief und kalt. Ein Augenblick, ein rascher Entschluß und ich bin der Schmach entronnen! – Ja, da hinunter – dann ist alles aus! (Eilt dem Brunnen zu. als ob sie sich hinabstürzen wollte.) Kühleborn (erscheint aus der Tiefe) . Halt ein! Bertalda . Mein Gott, was ist's? Kühleborn . Halt ein! Du kannst noch leben! Bertalda . Wer bist du? Was willst du von mir? Bist du ein Gespenst, das mich schrecken will? Kühleborn . Ich will dir gut, denn ich kann dich gebrauchen. Bertalda . Du – mich gebrauchen? Bleib' in deinem unterirdischen Reiche und laß mich! Kühleborn . Höre: Das Weib des Ritters, der dich verschmähte, das Weib, das du wohl hassest – Undine –, die uns da unten angehört, ist eine Wassernixe. Huldbrand weiß es wohl, aber die Minne hat ihn betört. Wenn aber das Geheimnis zutage kommt – so versinkt sie in die Tiefe, vielleicht nicht allein, sondern mit ihm. Bertalda . Furchtbares Gespenst! Furchtbar, was du mir geoffenbart! – – – Kühleborn . Nun weißt du genug! Tue, was du mußt, räche dich an ihr und an ihm . (Versinkt in den Brunnen.) Bertalda (allein) . »Tue, was du mußt, räche dich an ihm und ihr!« Wohlan, seist du ein guter oder ein böser Geist – der Rat ist gut – es sei! ( Schnell ab. Die Bühne wird wieder hell. ) Kasperl (tritt auf mit Laterne und Schlüsselbund, etwas angetrunken) . Jetzt komm' ich grad aus'm Keller heraus, wo ich mich mit Versteinerungen beschäftigt habe, z. B. mit dem Nierensteiner, mit dem Hörsteiner und anderen dergleichen Gewächsen. Alles in Ordnung befunden. Mein Herr Ritter ist ein ganz gescheiter Kavalier. Gleich nach seiner Verheirasplung hat er mir die Kellerschlüssel übergeben und hat gesagt: »Hier ist die Klavikatur des Kellers; denn du bist eine treue Seele und ein Mann des Vertrauens.« Und mein Herr hat ganz recht gehabt und er ist in seinem Vertrauen nicht getäuscht worden; denn ich mische nie Wasser in den Wein. Ich trinke ihn immer pur und unverfälscht. Ueberhaupt bin ich ein Foind des Wassers und kann's gar nicht begreifen, wie's Leut' gibt, die soviel Wasser trinken wie z. B. die Gemahlin meines Herrn Ritters; die hat eine wahre Passion aufs Wasser. Entweder trinkt's ein's oder sie pritschelt damit; und wann gerad niemand da ist, so geht's zu dem großen Ziehbrunnen und schaut alleweil nunter. Pfui Teufel, – das Wasser! Lied .         Das Wasser ist ein Element, Das ein gescheiter Mensch nicht kennt; Zum Waschen laß ich's noch passieren, Zum Trinken muß man's ignorieren. Das Wasser ist sehr ungesund, Drum bring' ich's niemals in den Schlund Wozu läg' denn das Bier in Fässern, Um sich die Gurgel nur zu wässern! Und warum gäb' es wohl den Wein? Da müßt' man doch ein Esel sein, Sich noch mit Wasser abzugeben, Wenn ringsum blüh'n die schönsten Reben. Darum geschätztes Publikum, Hoff' ich, daß Sie nicht sind so dumm, Mit purem Wasser sich zu laben, Wenn Bier und Wein Sie können haben. ( Kasperl geht gegen den Brunnen, bleibt etwas vor ihm stehen, mit Verachtung hinuntersehend. ) Pfui Teufel! Von dem Keller will ich nichts wissen. Von Ihnen brauch' ich keinen Tropfen! Miserables, geistloses Fluidum! ( Musik. Zwei Wassergeister springen aus dem Brunnen und prügeln Kasperl durch. – Geschrei. – Kasperl läuft fort. Alle ab. – Herzog, Huldbrand, Undine treten ein, später Bertalda. ) Herzog . Von Schmerz gebeugt und von Wehmut tief ergriffen, mein teurer Ritter, werde ich Euch nicht mehr lange auf Eurer Burg zur Last fallen. Huldbrand . Warum, edler Herzog, wolltet Ihr mich deshalb verlassen? Wohl war es ein trübes Ereignis, das Euch hier betraf, allein vielleicht hätte sich Bertalda noch eines Bessern besonnen. Undine . Es war ja nur der erste Augenblick, der das stolze Fräulein überrascht hatte. Herzog . In solchen Fällen kann man auch im ersten Augenblicke zeigen, wie man ist und wie man denkt. Aber wenn ich Bertalda auch immer hochmütigen Sinnes gekannt, hätte ich ihr doch solch eine Herzlosigkeit nicht zugetraut und deshalb verstieß ich sie. Des Menschen Herz und Gefühl geben sich allsogleich zu erkennen. Bei mir kann ein Wesen der Art nicht leben. Huldbrand . Und dennoch, hoher Herr, hättet Ihr vielleicht ein gelinderes Urteil fällen können. Nun ist das arme Fräulein ganz und gar der Verzweiflung preisgegeben. Herzog . Das will ich auch nicht. Es soll ihr nicht an Mitteln fehlen, sich aufzuhalten, wo es ihr belieben mag. Ihrem Stande gemäß, denn sie ist und bleibt meine Ziehtochter, soll sie leben; aber fern von mir. Und dieses , werter Ritter, mögt Ihr derselben in meinem Auftrage kundgeben. Mein Säckelmeister wird von mir den Befehl erhalten, ihr das Nötige zu verabreichen. Damit habe ich, glaube ich, genug getan. Gott möge ihr die Schmach, mit der sie ihre lieben Eltern verstieß, verzeihen. ( Bertalda eilt herbei und wirft sich dem Herzog zu Füssen. ) Bertalda . Es bedarf keines Mittlers, mein gnädiger Herzog. Eure letzten Worte, die Ihr zu meinen Gunsten soeben spracht, habe ich im Eintreten vernommen. Nehmt meinen Dank für diese Gnade und für alles, was Ihr mir von Kindheit an erwiesen habt. Herzog . Steh auf, Bertalda. Entferne dich aus meiner Nähe; gehe in dich und mache gut, was du versündigt, wenn du es vermagst. Leb wohl. (Er will fort.) Bertalda . Nur noch ein Wort wollet vernehmen. Ich beschwöre Euch; es ist nicht unwichtig. Herzog . Sprich, aber dann fliehe! Bertalda . Mag es unrecht gewesen sein, daß ich meiner Abkunft mich geschämt, so war es um so törichter von mir, da sie, wenn auch niedrig, doch ehrlich ist; allein, es ist Euch ja bekannt, daß des edlen Ritter Huldbrands schöner Gemahlin Herkommen Euch ganz geheim gehalten worden. Warum verschwieg man es Euch gegenüber, der Ihr doch Huldbrands Lehensherr seid? (Huldbrand und Undine in Bewegung.) Herzog . Ich fragte nicht danach, wohl wissend, daß der Ritter nur ein edles Weib heimzuführen befähigt sei. Bertalda (zu Undine höhnisch) . Nun, so zeigt Euern Stammbaum, wenn er nicht etwa in den Brunnen dort gefallen ist. Huldbrand . Euch, Fräulein, geziemen nicht dergleichen Fragen. Nur dem Herzog wäre ich schuldig, Rede zu stehen, wenn er solches erheischte. Bertalda . Und wenn er Euch aber fragte, Ihr bliebt ihm wohl alle Antwort schuldig. Herzog . Vielwerter Ritter, beschämt doch die ungebührliche Fragerin und macht sie durch Eure Erklärung schweigen. (Nach einer Pause.) Nun, Ihr redet nicht? – Da muß ich wohl fragen: »Von wannen ist die holde Undine, Euer Gemahl?« Bertalda . Nun, keine Antwort? – So will ich Euch sagen, welch wässerigen Adels die schöne Frau ist. – Undine ist freilich absonderlichen Herkommens. – Sie ist eine Wassernixe, die den Herrn Ritter bezaubert hat! (Undine stürzt zusammen.) Huldbrand . Herr des Himmels! Herzog . Bertalda, was sagst du? Weh dir! Bertalda . Nicht mir! – Weh ihr – der Wasserfee! Nun wißt Ihr's – jetzt mag geschehen, was solchem Ehebunde ziemt! (Lacht) Hahaha! (Stürzt hinaus.) Herzog . Bei allen Heiligen, Ritter Huldbrand, sprecht, sprecht, was soll ich glauben? Huldbrand (In großer Bestürzung) . Hoher Herr! – Herzog . Ihr vermögt es nicht, Euch zu rechtfertigen? Nie hätte ich an derlei Mären geglaubt, wenn ich auch oft davon gehört und gelesen! – Ich beschwöre Euch: Rechtfertigt Euch; sagt: Bertalda habe schändlich gelogen, und ich will mich zufriedengeben; sagt, wer ist Eure Gemahlin? Huldbrand . Vermag ich's denn? – – – Undine (erwachend) . Oh, sag' es! – sag' es! Ich bin ja doch verloren! Huldbrand . Nimmermehr, nimmermehr! Herzog . Fluch Euch, Huldbrand, wenn es so ist. In Acht und Bann stoß' ich Euch! Flieht weit, weit! Ihr seid vogelfrei! Huldbrand . O weh, weh! Ich bin verloren! Herzog . Weh Euch, die Ihr eine Fey geminnt! Verstoßen hat Euch die Christenheit! Fluch dem , der Euch nahe bleibt! (Geht rasch ab.) Huldbrand (umarmt Undine) . Wenn alles mich verläßt, mein Weib, dir bleib' ich eigen! Dir bleib' ich getreu! Undine . Oh, du herrlicher Mann! (Wasserrauschen im Brunnen, der nach und nach aufquillt.) Hörst du, sie rufen mich. Wir müssen scheiden. Huldbrand . Nie und nimmermehr! Mein bist du und dein bin ich! Was wollt' ich noch auf Erden ohne dich! Undine . Nun, so sei es! (Umarmt ihn.) ( Donner. Kühleborn erhebt sich aus dem Brunnen. Die Bühne hüllt sich in Wolkennebel. ) Unterirdischer Chor . Undine, die Stunde ist da! Wir sind dir wieder so nah, so nah! Es kommen die Wellen und Wogen, Die dich mit Gewalt angezogen!         Undine, Undine! – – Verwandlung und Schlußtableau ( Kristallpalast, magisch blau erleuchtet. Undine und Huldbrand. Kühleborn in ihrer Mitte. ) ( Unter Musik fällt langsam der Vorhang. ) Ende . Kasperl in der Zauberflöte Europäisch-ägyptisches Drama mit klassischer Musik in vier Aufzügen (Zur Einleitung kann die Ouvertüre aus der Zauberflöte von Mozart gespielt werden) (Oktober/November 1874) Personen         Sarastro , privatisierender alter Magier Tamino , Prinz und Flötenspieler Pamina , dessen Gemahlin Nocturna , Königin der Nacht, ihre Mutter Erste Zweite Dritte } } } Hofdame der Königin der Nacht Papageno , Bedienter bei Sarastro Monostatist , Leibmohr der Königin der Nacht Kasperl Larifari Gretl , dessen Frau Polizeidirektor Griesmaier , Aktuar Thomerl , Jäger Zwei Polizeidiener Ein zahmer Löwe Verschiedene Maschinerien, Flug- und Zugwerke Erster Aufzug Zimmer. ( Kasperl tritt wütend ein. ) Kasperl . Es ist nichts mehr auf der Welt! Es ist nicht zum aushalten! Jetzt haben's mich gerad' wieder aus'm Wirtshaus hinausgeworfen und warum? Weil ich gesagt hab', daß ich mit dem Fortschritt nicht einverstanden bin. Auf meine Aeußerung, daß das Fleisch so impertinent teuer ist und ob das auch zu dem Prosit gehört, den wir von der Fortschrittlerei haben, hat mir gleich der Metzger Fleischmayer eine Ohrfeigen gegeben. Mit der Bemerkung, ob das eine Errungenschaft der persönlichen Freiheit sei, hab' ich ihm den Krug auf seine rote Nasen geworfen. Dann hat sich gleich der Bäckermeister Brezlhuber auch dreingemischt und ist über mich hergefallen wie ein Tiger, weil ich ihm g'sagt hab', daß sein Brot zwar zu klein im Gewicht, aber dafür auch schlecht gebacken ist. Kurz und gut: alle sind über mich hergefallen, haben mich überwältigt und korporativ zur Türe hinausgeworfen, dann haben mich zwei Gendarm' in Empfang genommen und nachher die Ordnung wieder herg'stellt. – Da bin ich jetzt. Aber so geht's nicht mehr. So kann ein friedliebender, solider Staatsbürger nicht mehr existieren. Ich wandere aus oder zieh' mich in die Einsamkeit zurück. Auf einige Zeit werd' ich Menschenfeind und ein Bier gibt's anderswo auch. Schlechter kann's auch nimmer werden. (Ruft.) Gretl! Geliebtes Weib! Scharmanterl, komm ein bißl heraus zu mir! Gretl (draußen) . Was gibt's? Ich komm' gleich; bin nur beim Kaffeebrennen. Kasperl . Immer Kaffee und alleweil Kaffee! ( Gretl tritt ein. ) Kasperl . Nun, teuere Gatterin, setze dich in Positur und vernimm mit gerührter Aufmerksamkeit, was dein Herr und Gemahl zu dir spricht. Gretl . Das wird wieder was Gescheit's sein! Kasperl . Ich habe einen großen Plan. Schaudere – und ergib dich in das Unvermeidliche! füge dich in das notwendige Schicksal. Gretl . Das muß ja etwas Furchtbares sein! Kasperl (tragisch) . Ja! ja! – Es ist furchtbarer Ernst! Höre, vernimm, merk' auf und staune: Ich werde mich auf einige Zeit in die Einsamkeit zurückziehen, denn die Menschheit hat mich ausgestoßen! – Gretl . Oho! Was fällt denn dir ein! Kasperl . Ja, unglückliches Weib! Mein Entschluß ist unabwenderlich. Ich werde ein einjährig-freiwilliger Menschenfeind und Eremit; ich will mich ganz der Konstemplation widmen. – Wie lang' ich mich diesem Zustande weihen werde, das hängt von Umständen und von Verhältnissen ab. »Nach ewigen, ehernen, Großen Gesetzen Müssen wir alle Unseres Daseins Kreise vollenden« – sagt der verstorbene Geheime Rat von Goethe! Gretl . Du bist ja nicht gescheit! Und was g'schieht denn nachher mit mir? Kasperl . Was bisher gescheh'n ist. Du lebst von unsern Kapitalrenten. Gretl . So? – wo sind denn die? Kasperl . Dies wissen die Götter! Gretl (weint) . So behandelst du dein treues Weib, das für dich so aufopfernd gesorgt hat? Das ist schändlich! Kasperl . Ich verzichte fortan auf deine Opfer. Tröste dich, daß ich dich auf einige Zeit verlasse. Das Stricksal will es so. Vielleicht kehr' ich wieder. (Gretl wirft sich auf einen Stuhl und jammert.) ( Der Jäger Thomerl tritt ein. ) Thomerl . Nun! Was war denn das wieder für ein Mordspektakel mit dir? Haben 's dich wieder einmal hinausgeworfen? Du kannst aber auch keine Ruh' geben. Kasperl . Wie? Ich – keinen Ruh geben? Bin ich nicht vom Schicksal verfolgt? Hat sich nicht alles gegen mich verschworen? Fluch der Menschheit! Ich habe mit ihr abgerechnet. Thomerl . Abgerechnet – aber nichts bezahlt! Kasperl . Einerlei! Mein Weib weiß alles! – Ich empfehle sie deinem Freundesschutze! (Beiseite zu Thomerl.) Ich geh' nur auf ein paar Tag' fort in Familiengeschäften. (Laut.) Wer weiß, wann? – wer weiß, ob ich zurückkehre!! – Wart' e bißl. Ich bring' dir was. (Geht ab.) Thomerl (zu Gretl) . Was hat er denn heut' wieder? Gretl . Ich glaub', er ist närrisch geworden. In die Einsamkeit will er sich zurückzieh'n als Menschenfeind. Thomerl . Ei, lassen's ihn nur geh'n. Er bleibt nicht lang aus. – Er – ein Menschenfeind und kein Wirtshaus!? ( Kasperl tritt wieder ein, einen Stiefelzieher in der Hand. ) Kasperl . Edler Freund! Bruder! Deutscher Bruder!! Ich scheide. Ohne Erinnerungszeichen unserer Freundschaft kann ich nicht von dir gehen. Nimm diesen Stiefelzieher als eine wertvolle Gabe zum täglichen Gebrauche! Er war mein Liebstes! – Schütze meine Gattin! Bleib' ihr Freund. Nun lebt beide wohl! (Weint ungeheuer. Er umarmt beide.) Oh, oh! – Oh! – Vielleicht seh'n wir uns wieder! Oh! Oh! Jetzt geh' ich nur noch zum Polizeidirektor und nimm von ihm Abschied; denn der wird mich gewiß am meisten vermissen! (Ab.) Verwandlung Polizeibureau. ( Aktuar Griesmaier am Schreibpulte. Später der Direktor. ) Griesmaier (vor einem Pack Akten) . No, das ist wieder ein hübsches Packl beisammen! Was werden wir heut für einen Humor haben? – Die Schinderei wird mir bald zu arg! Jetzt sind's gerad' 22 Jahr, daß ich Aktuar bin. Wenn ich nicht bald Kommissär werd', so geh' ich zur Eisenbahn. Direktor (tritt hastig ein) . Guten Morgen, Griesmaier! Griesmaier . Hab' die Ehre, Herr Direktor! Direktor . Schnell den Einlauf her! Habe nicht viel Zeit heute. Griesmaier . Sogleich, Herr Direktor. Direktor (geht an den Pack Akten) . Donnerwetter, eine hübsche Portion wieder! (Blättert und zerrt sehr hastig daran herum.) Nr. 1200: zum Kommissär Stempler. Nr. 1201: ad acta. Nr. 1202: das ist ja schon lang' erledigt. Nr. 1203: Sapperment! ist ja liegen geblieben. Geh'n Sie nachher gleich damit zum Herrn Kommissär Langmüller, warum er den Bericht an die Regierung noch nicht gemacht hat? Griesmaier . Ich glaub', es fehlt noch an den Vorakten. Direktor . Kreuzsapperment! Was hat denn der Herr Registrator wieder getrieben? Ich muß einmal wieder dreinfahren. Ich glaub', die Herren sitzen zu lange im Kaffeehaus und das vermaledeite »Schöppeln«! – (Es pocht an der Türe.) Wer kommt denn da wieder? Man hat doch keinen Augenblick Ruh'. – (Zornig) Herein! Kasperl (tritt mit ungeheuren Reverenzen ein) . Hab' die Oehre, Herr Direktor! Untertänigsten guten Morgen! Direktor . Potzelement! Sind Sie auch wieder einmal da, Herr Kasperl? Was gibt's? Kasperl . Ja, Herr Direktor. Sie werden sich sehr wundern! Direktor . Wieder einen Streit im Wirtshaus gehabt? Einer Klage gegen Sie selbst vorbeugen, ehe die Anzeige kommt? Ich möchte doch einmal Ruhe haben von Ihnen. Jetzt haben wir auf der Polizei schon einen ganzen Aktenstoß Personalia über Sie! Nicht wahr, Herr Aktuar? Griesmaier . Zu dienen, Herr Direktor. In diesem Jahre schon 632 Einlaufsnummern, allein Herrn Kasperl betreffend, da beißt die Maus kein' Faden ab. Direktor . Und meistens Lumpereien, polizeiwidrige Aufführung und dergleichen! Ich werde Sie einmal auf acht Tag' bei Wasser und Brot einsperren lassen, damit die Geschichten ein End' nehmen. Kasperl . Oh, Herr Direktor, man schikaniert mich nur, man reizt mich; da muß mir manchmal die Geduld ausgehen – – – Direktor . Ja, mir muß die Geduld ausgehen! Warten Sie nur, ich komm' Ihnen schon! Kasperl (in scheinheiligem Ton) . Herr Direktor werden nicht lange mehr mit mir zu tun haben. Direktor . Desto besser. Kasperl . Ich bin eben deswegen da. Ich reise ab und bitte gehorsamst um eine Paßkarte oder einen Vorweis mit Leumundszeugnis. Direktor . Oho! scharmant! wo wollen denn Sie hin? Kasperl . Auf alle Fäll' von hier fort. Ich halt's nicht mehr aus und will mich als Privatier in die Einsamkeit zurückziehen. Ich bin Menschenfeind geworden. Direktor (lacht) . Ha, ha, ha! Das ist ja vortrefflich! Bin aber begierig, wie lange Sie's aushalten. Kasperl . Oh, Herr Direktor, da kennen Sie mich nicht; wenn ich einmal etwas vorhabe, da setz' ich's auch durch . Direktor . Gut! ganz einverstanden. Da wird die Menschheit hier wenigstens vor Ihnen Ruhe haben. Ich muß jetzt fort zur Biervisitation und Bockkommission. Der Hofbräuhausbock wird heute eröffnet. (Zu Griesmaier.) Herr Aktuar: Machen Sie die Sache mit Herrn Kasperl ab. Adieu! Ich wünsch' Ihnen viel Glück auf die Reise; glaub' aber, daß wir uns bald wiedersehen werden. Adieu! (Geht rasch ab.) Griesmaier . Also, so steht's mit Ihnen, Herr Kasperl? Kasperl . Ja, so steht's mit mir. Griesmaier . Will man ein anderes Leben anfangen? – so – da beißt die Maus kein' Faden ab. Eine Paßkarte oder ein Leumundszeugnis also? (Lacht.) Kasperl (beleidigt) . Ja, wenn ich bitten darf ganz gehorsamst. Griesmaier . Das werden wir gleich haben, da beißt die Maus kein' Faden ab. Aber mit dem Leumundszeugnis wird nicht viel zu machen sein. Kasperl . Warum denn, Herr Aktuar? Ich bin, glaub' ich, so gut, wie ein anderer Bürger der Stadt. Griesmaier . Wie man's nehmen will. Kasperl . Nehmen Sie's, wie Sie wollen, das ist mir sehr gleichgültig. Vorderhand ersuche ich Sie, den Befehl des Herrn Polizeidirektors zur Ausführung zu bringen. Griesmaier . Ich werde tun, was meine Pflicht ist, da beißt die Maus kein' Faden ab. Aber Sie haben mir nichts zu befehlen. Verstehen Sie, Herr Kasperl? Kasperl . Nun – wenn die Maus einmal den Faden abgebissen hat – so hoff' ich, daß ich meine Sach' bekomm'! Verstehen Sie mich, Herr Griesmaier? Griesmaier . Hier bin ich königlicher Polizeiaktuar und nicht simpler Griesmaier , wie im Wirtshaus, wo man Sie gestern hinausgeworfen hat, da beißt die Maus kein' Faden ab. Kasperl . Ja, und wo der Herr Polizeiaktuar, wie gewöhnlich, seine Zech' schuldig geblieben ist und der Wirt auch nichts begehrt, damit eine hohe Polizei bei seinem schlechten Bier durch die Finger zu seh'n beliebt. Griesmaier . Oho – das ist Ehrenkränkung oder vielmehr Amtsbeleidigung! Da beißt die Maus kein' Faden ab. Ich werde Sie arretieren lassen. Kasperl . Mich, arretieren?! Griesmaier . Ja, Sie arretieren. Das werden Sie gleich sehen. Ich laß den Polizeisoldaten kommen. ( Zieht an der Glockenschnur und läutet heftig. ) Kasperl . Da muß ich Ihnen doch zuvor auch meine Ansicht sagen. (Stößt und schlägt Griesmaier.) Griesmaier . Infamer Bursch'! (läutet heftiger.) Heda, Polizeidiener! ( Ein dicker Polizeidiener tritt ein, den Kasperl gleich umstößt. ) Griesmaier . Arretieren! Arretieren! ( Ein zweiter Polizeidiener tritt ein. Allgemeines Geschrei und Balgerei. Unterdessen fällt die Zwischengardine. ) Verwandlung Wald. Abenddämmerung. ( Die drei Hofdamen der Königin der Nacht treten ein, häßliche alte Gesichter mit schwarzen Schleiern. ) Erste Dame . Quelle jolie soirée! Mesdames! Zweite Dame . Oh, charmante! Dritte Dame . Wirklich, ein deliziöser Abend! Ich dächte, wir setzten uns da unter den Bäumen zusammen und plauderten ein bißchen. Erste Dame . Ja, wenn die Fräuleins nur plaudern können, dann sind Sie schon à leur aise. Dritte Dame . Aber ich bitte Sie, Gräfin: haben wir nicht genug Zeit und Gelegenheit zum Schweigen? Zweite Dame . Die Baronin hat wohl recht: Hofdamen der stillen Nacht zu sein – das wäre genug, mein' ich! Erste Dame . Wie? Ist nicht unsere Gebieterin, die Königin, eine höchst respektable Frau? Was ist nicht schon alles in ihrem »Schoße« vorgegangen? Ist sie nicht die Beschützerin der tiefsten Geheimnisse, die Weckerin der herrlichsten Gedanken? Zweite Dame . Allerdings; sie hat große Eigenschaften, die allgemein anerkannt sind. Dritte Dame . Große Eigenschaften – ja! Aber wohl auch ihre bedeutenden Schattenseiten. Zweite Dame . Schattenseiten? Nun, das mein' ich! Wo und wann sie erscheint, wird es dunkel , und ihr eigenes und unser eigentliches Leben beginnt erst mit der Dunkelheit. Erste Dame . Dafür sind wir aber auch den ganzen Tag frei. Dritte Dame . Schöne Freiheit das! Wie die Nachteulen, die am Tag nicht sehen. Und dann, welch ein langweiliger Dienst! Im Finstern umherschweben. Oder finden Sie es vielleicht besonders amüsant, meine Damen, wenn abends der langweilige Mond oder so ein ungeschickter Komet bei uns eine Partie Whist spielt. Zweite Dame (lacht) . Ha, ha, ha! Ganz scharmant! Ja, in der Tat, das ist unser reizendes Leben. Und dabei sind wir alte Jungfern geworden! (Zweite und dritte Dame lachen.) Erste Dame (entrüstet) . Comment, Mesdames! Welche Aeußerungen! »alte Jungfern«? Dritte Dame . Nun, ich meine, so ein paar hundert Jahre wären doch nicht übel! Erste Dame . Nun, mein Fräulein, so nehmen Sie Ihre Pension. Ihre Majestät die Königin haben vielleicht gerne einen Wechsel in Höchstihrem Dienstpersonale. Zweite Dame . Ich glaube dies nicht; denn Ihre Majestät sind an uns gewöhnt, und wo gleich eine andere finden? Dritte Dame . Ihre Majestät haben an uns treue Dienerinnen. Wir haben uns immer und jederzeit diskret bewährt. Erinnern Sie sich nur gefälligst der Katastrophe mit Sarastro und Prinzessin Pamina! Zweite Dame . Und mit dem Prinzen Tamino – Erste Dame . Nun, Pamina lebt recht glücklich mit ihm. Zweite Dame . Oh, sehr. Wenn nur die Frau Schwiegermama nicht ins Haus kommt – – Erste Dame . Mesdames, ich bitte: Enden wir dies Gespräch. Lassen Sie uns lieber ein Abendliedchen singen. Zweite und dritte Dame . Wie's Ihnen beliebt. Terzett .         »Oh, wie herrlich, oh, wie labend Ist nach einem Sommertag Solch ein schöner, kühler Abend, Wo man sich erquicken mag.« usw. usw. (Aus »Doktor und Apotheker« von Dittersdorf.) Nun wird's aber dunkel. Ah, irre ich nicht, so holt uns auch schon der Leibmohr zum Tee. Monostatist (in schwarz Trikotlivree und goldbortiertem dreickigem Hut, läuft herein) . Meine Damen, meine Damen, 's ist die höchste Zeit zum Tee; Daß Sie nicht zu Hause kamen, Fragt' mich schon die Majesté. Das Souper ist aufgetragen, Und die Gäste sind schon da; Dieses soll ich Ihnen sagen Und warum man Sie nicht sah! Erste Dame . Quel horreur, Mesdames! Kommen Sie doch schleunigst! Sehen Sie, das macht wieder unser unnützes Geplauder. Zweite Dame . Eilen wir, schnell! Dritte Dame (zum Mohren) . Laufen Sie voran und melden Sie, daß wir augenblicklich erscheinen werden. Brennen doch alle Stiegenlampen? Erste Dame . Und die Kandelaber? Monostatist . Ja, Sie zünden freilich kein Licht an. Wenn ich nicht wär'! ( Alle ab. ) ( Nacht. Der Vollmond geht auf. ) ( C-Dur-Flötenritornell aus der »Zauberflöte«, erster Akt, vor der Arie des Tamino: Wie stark ist nicht dein Zauberton!« ) Chor . Der Flöte süßer Schall Zieht durch den stillen Wald. Es schlummert alles bald. Gut' Nacht! Gut' Nacht! Noch tönt des Echos Hall; Die Vöglein ruhen lang, Es schweiget ihr Gesang. Gut' Nacht! Gut' Nacht! ( Flötenritornell wie oben, unter welchem der Vorhang langsam fällt. ) Zweiter Aufzug Ländliche Villa mit Gitter und Gartentor. Hundehütte. ( Kasperl tritt ein und sieht sich ringsum. ) Kasperl . Da bin ich jetzt. Einen Tag und eine Nacht herumgestrolcht! Numero eins: Lauter schlechte Wirtshäuser, Numero zwei: Nichts als Dunkelheit, eine Portion Mondschein, ein Mooslager, etwas feucht zum Liegen und ein Flötenkonzert. Ich weiß nicht, wer so schön geblasen hat. Ich bin drüber eing'schlafen. Vor einer Stund' bin ich hungrig aufg'wacht, aufg'standen, weiterg'spaziert, und jetzt bin ich, ich weiß nicht wie, dahergekommen an dieses herrschaftliche Sommerlogis. Der Hunger klopft an meinen Magen, und ich werde an dieses Gartentor klopfen. Ich weiß nicht – aber meine Menschenfeindschaft scheint schon etwas im Abnehmen begriffen. Schlipperment – wenn man mir aber aufmacht – als was soll ich mich präsentieren. Als reisender Gelehrter – glaub' ich – da ist man am interessantesten, wenn man auch nichts weiß. ( Schellt heftig am Tore. Aus der Hundehütte stürzt an einer Kette befestigt ein Löwe hervor und brüllt. ) Kasperl (springt zurück und fällt gleich hin) . Auweh, auweh! Was ist denn das?! Das scheint ja eine Menagerie zu sein. Ein Löw'! ein Löw'! – Da kommen vielleicht noch andere wilde Vieher heraus! – Oh, ich bitt' recht sehr; bemühen Sie sich gar nicht. ( Stimme von innen: »Ruhig! herein!« zugleich wird das Tor geöffnet und Papageno tritt heraus. ) Papageno (in Livree von bunten Federn) . Wer läut't denn da so stark? Pressiert's gar so? Kasperl (aufstehend) . Ich bitte sehr um Entschuldigung. Die Glocken geht gar so leicht. Da hab' ich a bißl zu stark ang'rissen. Papageno . Das ist jedenfalls keine Manier. Wer ist Er? Kasperl . Man ist nicht »Er« – versteht Er mich? Denn Er scheint doch nur ein Domestik zu sein. Papageno . Wer da herein will, hat sich jedenfalls zu legitimieren; denn das ist kein Wirtshaus, wo man mir nichts dir nichts so einkehren kann. Nun, wer ist man denn? Kasperl . Man ist, mit Respekt zu melden, ein reisender Gelehrter. Papageno . Ah! – Das ist was anders. Darf ich fragen: In welchem Fach? Kasperl . Das behalt' ich vorläufig für mich. Verstanden? (Vornehm.) Aber, mein schöner, buntgefiederter Dienstvogel, nun ist die Frage an mich: Wem gehört diese angenehme Sommerwohnung? Papageno . Verehrtester Herr Professor (denn das scheinen Sie, Ihrem Aeußern nach zu urteilen, zu sein) , es ist die Villa des Prinzen Tamino aus Aegypten. Kasperl . Aegypten? Ah! (Tut ungeheuer gelehrt.) Aegypten? Aegypten – eine sehr schöne Gegend – ah – ah – Papageno . Wir wohnen nur im Sommer hier. Im Winter logieren wir an den Katarakten des Nils. Kasperl . Wo man keinen Katarrh bekommt, nicht wahr? Doch lassen wir dieses wissenschaftliche Gespräch. Er scheint nicht der Mann für so etwas. Melde Er mich bei seiner Herrschaft. Papageno . Meine Herrschaft ist nicht zu Hause. Der alte Herr trinkt »Sauerbrunnen«, und da geht die junge Herrschaft mit ihm in der Früh' spazieren. Kasperl . Das ist eine sauere Unterhaltung; aber sag' Er mir: Könnte man, bis die Herrschaft nach Haus kommt, nicht ein kleines Etwas zum Frühstück bekommen? Papageno (wichtig) . Nur Eingeweihte haben Einlaß. Kasperl . Was? nur Eingeweichte? Ja, wo kann man sich denn vorher einweichen lassen; damit man nachher etwas zu essen bekommt? Papageno (erhaben; singt) . Sobald dich führt der Freundschaft Hand Ins Heiligtum zum ew'gen Band. ( Geht mit großen Schritten ins Haus zurück. ) Kasperl (schaut ihm erstaunt nach) . Jetzt bin ich so gescheit – und so hungrig wie zuvor. – Das ist ja ein Narrenhaus – und keine Menagerie, wie ich gemeint hab'! – Da muß ich ein bißl herumspekulieren und einmal diese Sommerwohnung von allen Weltgegenden betrachten. Vielleicht finde ich eine Hinterpforte. (Ab.) Sarastros Stimme (hinter der Szene) . Kinder, lauft's doch nicht so, ich komm' ja nit nach! Pamina (in eleganter Morgentoilette, springt herein) . Ha, ha! Papa kommt nicht nach! Sarastro (tritt ein, in langem ägyptischen Schlafrock und hohe, steife, weiße Mütze) . Langsam, langsam! Du mutwilliges Kind! Du bist heut' wieder wie toll! Dein Mann kommt auch erst hint'drein. Pamina . Ja, er mit seiner Flöte! Tamino (in phantastischem Anzuge, im Hermelinkragen und solche fürstliche Kappe auf, bläst auf einer silbernen Flöte) . Ich muß noch etwas exerzieren, dann schmeckt immer das Frühstück besser drauf. Pamina (spottend) . Dudl, dudl, dudl. Das Stückchen hast du ja schon tausendmal gespielt. Sarastro . Ruhig, Kinder! Echauffiert euch nicht vor dem Frühstück. (Schellt an der Torglocke und ruft hinein.) Holla! Laßt mir 'n Lowerl los. (Das Tor geht auf, der Löwe springt heraus und liebkost alle.) So, so, Lowerl, nicht unartig sein, brav sein! Kuschen! kuschen! (Der Löwe duckt sich.) Papageno! wo bist du denn! Papageno (kommt heraus) . Was befehlen dieselben? Sarastro . Bring's Frühstück in den ägyptischen Salon. Nichts Neu's? War niemand da? Wo sind die babylonischen Zeitungen? Papageno . Hab' sie schon auf den Tisch gelegt. Ein Fremder war auch da und hat hereingewollt. Sarastro . Was? Ein Fremder? Wer? Woher? Was will er? Papageno . Ich weiß nicht. Er sagt, er ist ein Gelehrter. Sarastro . Brav, brav! Ein Kolleg' vielleicht! Kommt, Kinder, gehn wir zum Dejeuner! Lowerl, komm, komm! ( Alle ab. Pamino, Flöte blasend, hinterdrein. ) Monostatist (läuft von der Seite herein) . Lied (Melodie: »Alles fühlt der Liebe Freuden«.)         Heute komm' ich wieder g'laufen In dem allerschnellsten Schuß, Daß ich kaum noch kann verschnaufen, Weil ich spionieren muß. Denn die Frauen, ja, die müssen – B'sonders meine Königin – Was es immer gibt, gleich wissen, Und d'rum muß ich üb'rall hin. Ganz besonders zu erfragen, Was in diesem Haus geschieht, Muß ich ihr gleich Nachricht sagen – Das ist stets das alte Lied. Und, daß sie kein Mensch kann leiden, Hab' ich mir schon oft bedacht, Jedermann will sie vermeiden, Weil sie ist die schwarze Nacht! Die verflixte Lauferei da wird mir schon bald zu arg. Natürlich, weil sie am Tag nichts sieht, muß ich herumlaufen wie ein Narr, um ihr zu rapportieren. Königin der Nacht! – Von einer Königin des Tages hab' ich noch nie was gehört. Aber irr' ich nicht, so nennen die Dichter die Sonne so. Jetzt muß ich ein bißl spekulieren, was da drin beim Herrn Schwiegersohn vorgeht – (eilt hinaus und stößt an Kasperl, der auf derselben Seite hereinläuft; beide fallen unter dem Geschrei »der Teufel« um.) Monostatist (aufstehend) . Das wär' des Teufels! Kasperl (aufstehend) . Das wär' des Teufels! Monostatist (den Kasperl von unten bis oben betrachtend) . Ei, was nicht gar! Kasperl (ebenso) . Ei, wär' nicht übel! Ich hab' ja auf der Dult schon schwarze Menschen g'sehen. Der ist vielleicht so ein Dult-Indianer. Monostatist . Der ist ja ein Hanswurst. Dessen hab' ich ja schon mehrere gesehn. Darf ich fragen? Kasperl . Darf ich so frei sein? Sie zuvor! Monostatist . Ich hab' die Ehre, bin ein Mohr. Kasperl . Ihnen zu dienen, mein Vielwerter: Ich bin ein reisender Gelehrter. Monostatist . Ei, dies find' ich unendlich heiter, Doch sprechen wir in Prosa weiter. Kasperl . Oh, eine gute Prosa ist immer ein schöner Stil. Monostatist . Und was ist das Leben an und für sich schon prosaisch! Kasperl . Oh, sehr, ja. Monostatist . Sie sind also ein reisender Gelehrter? Kasperl (vornehm) . Teils reisend, teils gelehrt, je nachdem die Jahreszeiten. Monostatist . Da sind Sie hier am rechten Orte; denn der eigentliche Bewohner dieses Hauses ist ein Magier. Kasperl . Schlipperment; was ist das für ein Tier? Monostatist . Weniger Tier , als so eine Art Kartenschlager und Zauberer; allein er ist schon etwas altersschwach und lebt sozusagen im Austrage bei einem mediatisierten Prinzen. Kasperl . Also ein Austrägler? – Hat er's gut? Monostatist . Gar nicht übel. Aber ein Umstand ist dabei fatal. Kasperl . Ha! ein Umstand? Oh, es gibt verschiedene Um- und andere Stände. Monostatist . Er – Kasperl . Wer? – Monostatist . Nun Er – Kasperl . Ah so! – also Er? – Monostatist . Ja. Er hat eine Feindin, meine Herrschaft, nämlich: die Königin der Nacht . Die haßt ihn, weil er ein Freund des Lichtes ist. Kasperl . Er möchte ihr also bisweilen »ein Licht aufzünden«. Ich verstöhe! – Und sie möcht' »alleweil im Dunkeln munkeln« – – Monostatist . Man sieht, daß Sie ein Gelehrter sind; denn Sie gehen gleich auf die Verhältnisse ein . Kasperl . Erlauben Sie: Ich befind' mich jetzt zum Beispiel in dem Verhältnis, daß ich etwas zu essen und zu trinken möcht'. Monostatist . Sehr begreiflich. Nun, um Ihren Zweck zu erreichen, treten Sie ein in das Haus. Geben Sie sich als Gelehrten zu erkennen, geben Sie dem Magier ein geheimes Zeichen, dann hält er Sie für einen Freimaurer, und die kriegen alles, was sie wollen. Kasperl . Vielleicht auch Schläg', die ich nicht will? Monostatist . O nein, gewiß nicht. Nur ein geheimes Zeichen. Kasperl . Aber was für ein Zoichen? Monostatist . Einen Fußtritt oder so etwas dergleichen. Kasperl . Aus so etwas kommt's mir nicht an. Monostatist . Läuten Sie nur dreimal an der Glocke, und rufen Sie: »Abracadabraburubu!« Kasperl . Gut es sei! Ich will Ihrem schwarzen Ratschlusse folgen. (Geht ans Haus, schellt dreimal und ruft »Abracadabraburubu!« Das Tor springt unter einem furchtbaren Donnerschlag auf und Kasperl fällt hinein. Das Tor schließt sich.) Monostatist . Ha, ha, ha! – Gut. Jetzt kann sich wieder eine Konfusion entwickeln, welche meiner Gebieterin Spaß macht. Schnell zu ihr! Mond verstecke dich dazu. (Ab.) Verwandlung Salon, ägyptisch möbliert. Sphinx als Kanapee. Ein goldenes Notenstehpult, auf welchem Notenblätter liegen. Auf einem Tische steht ein Kaffeeservice. Aegyptische Gefäße. ( Sarastro. Pamina. Tamino [mit Flöte] und der Löwe treten ein. ) Sarastro . So, Kinder! Jetzt lassen wir uns den Kaffee schmecken. Oder haben wir vielleicht heut' eine Kaktussuppen? Die ist gut für'n Magen. Pamina . Nein, Papa. Heute gibt es Kokosnußmilch mit Vanille. Sarastro . Ah, die laß ich mir gefallen. Die schmeckt mir. Aber weißt Paminerl, was ich wieder a mal zum Voressen möcht'? Pamina . Nun, was denn, Papa. Sarastro . Ja, Krokodillern in der sauren Rahmsauce. Pamina . Die sollen Sie morgen bekommen. Ich glaube, wir haben noch ein paar Töpfchen Konserve aus Aegypten. Sarastro . Brav, brav! – Aber jetzt muß uns der Tamino zum Frühstück wieder ein Stückl vorspielen aus der Zauberflöten. Tamino . Mit Vergnügen, wenn's meinem lieben Paminchen angenehm sein kann. Pamina . Ich finde eben doch die Zauberflöte etwas veraltet. Etwas Neues einmal! Sarastro . Ja, er kann aber nichts anders. Pamina (zu Tamino) . Du solltest doch endlich einmal etwas Neues von Richard Wagner einstudieren. Tamino . Ei, was denkst du! Der ist mir viel zu schwer! Sarastro . Nein, und ich bedank' mich für die Konfusion. Da könnte unsereiner närrisch werden. Tamino . Ja, und gar keine Melodie. Das Genre geht gar nicht für Flötensolo. Pamina . Ihr seid beide veraltet; ihr geht nicht mit dem Zeitgeist; auch in der Musik nicht. Sarastro . Laß mich in Ruh' mit dem Zeitgeist! Wir bleiben beim Alten; gelt, Tamino? Tamino . Das versteht sich. Wir beide – Sarastro . So geh', fang' einmal 's Blasen an. (Singt.) »Dies Bildnis ist bezaubernd schön« – Das ist doch gewiß eine schöne, gefühlvolle Arie! und noch dazu dir gewidmet, Pamina. Pamina . Ja, aber damals haben wir uns noch nicht näher gekannt, Tamino und ich. Nun ich höre sie aber auch jetzt noch immer gern. Tamino (fängt zu blasen an; plötzlich wird es dunkel) . Ich sehe die Noten nicht mehr. Die Frau Schwiegermama kommt, glaub' ich. Königin der Nacht (tritt ein) . Ich wünsche recht guten Morgen, meine Herrschaften. Sarastro (für sich) . Ist die auch wieder da! Königin der Nacht . Ich wollte nur ein bißchen zusprechen und sehen, wie's euch geht. Tamino . Gut, gut, Frau Schwiegermama. Pamina . Guten Morgen, liebe Mutter. Mein Mann wollte eben ein Stückchen auf der Flöte spielen. Königin der Nacht . Nun, daran will ich ihn nicht hindern. Tamino . Ich seh' ja die Noten nicht mehr bei der Dunkelheit, die Sie immer mitbringen. Pamina . Aber, lieber Tamino! Die Arie, mein' ich, solltest du doch längst auswendig spielen können. Königin der Nacht . Das meinte ich auch. Tamino . Ich muß sie ja immer transponieren. Aus dem Es geht's nicht mehr. Ich muß die Flöte reparieren lassen. Pamina . Das merke ich längst. Sarastro . Nun, so blasen's halt ein anders Stückl »Der Vogelfänger bin ich ja« oder so was. (Zur Königin.) Nehmen's Platz, Frau Mama. Königin der Nacht . Danke schönstens. Ich sollte nur im Vorüberschweben meinen Besuch machen. Ich muß jetzt auf einen Moment nach Indien, Nacht zu machen. Adieu, adieu! – Auf Wiedersehen! ( Geht ab. Die Szene wird wieder hell. ) Sarastro . Nun, Gott sei Dank! Jetzt sind wir die angenehme Visite wieder los. Also, fang' an, Tamino. ( Papageno tritt ein. ) Sarastro . Was denn schon wieder? Kann man nicht einmal ruhig fruhstucken? Papageno . Der gelehrte fremde Herr möcht' aufwarten. Sarastro . Ah, das ist was anders. Herein damit! ( Papageno ab. Gleich darauf tritt Kasperl unter ungeheuern Komplimenten ein und springt dem Sarastro auf die Beine, daß dieser »o weh« schreit. Zugleich stößt er von rückwärts das Notenpult um usw. usw. ) Kasperl . Ich habe die Oehre, g'horsamster Diener! (Für sich.) Nun, ich hoff', der hat das geheime Zeichen gemerkt. Sarastro . Ich bitt' aber sehr – – wen hab' ich denn das Vergnügen – –? Kasperl (springt ihm wieder auf die Füße) . Ich bin, ich bin, wie? merken Sie denn nichts – ich bin Gelehrter und und und – no? no? Pamina . Darf ich bitten, Platz zu nehmen. Kasperl . Oh, sehr, aber auch etwas zum Essen. Tamino . Wir sind gerade beim Frühstück. Kasperl . Oh, ich stücke mit , wenn's erlauben. Sarastro . Pamina, schenke dem Herrn ein! Kasperl . Brav, brav! Was gibt's denn? Ich bin von meiner gelehrten Reise etwas bedeutend appetitlich aufgelegt. Pamina . Ich kann Ihnen heute mit Kokosmilch à la Vanille dienen. Kasperl . Wa–wa–was sag'n Sie da? Pamina . Kokosmilch à la Vanille. Kasperl . Ko–ko–ko–ko–kosmilch? Da muß ich bitten: Der Kaffee ist mir unbekannt. (Versucht und schaut in die Tasse, spuckt aus und schlägt die Tasse über den Tisch hinab.) . Das ist ja ja ein miserables Gemantsch! Pfui Teufel! (Allgemeines »Ah, ah« und Verwunderung.) Ich bitte sehr – ich bin das nicht gewohnt. Sarastro . Bedaure. (Zu Pamina.) Laß gleich einen Kaffee für diesen Herrn machen. (Pamina ab.) ( Der Löwe brummt. ) Kasperl . Schlapperdibix! Sie, der Löw'! Da dank' ich. Sarastro . Oh, fürchten Sie nichts. Der tut nichts. Er ist ganz zahm. Kasperl . So? – Eine angenehme Gesellschaft, das! Sarastro . Lassen's Ihnen nicht stören. Der Kaffee kommt gleich – – Kasperl . Ja – ich hoff's – Sarastro . Einstweilen, Herr Professor, erlauben Sie, daß ich Sie mit unserem Kreise bekanntmach'. Ich bin eigentlich in Aegypten als gelehrter Magier etabliert und wohne in einer Pyramide mit dem Prinzen Tamino und seiner Gemahlin, die früher meine Haushalterin war. Wir leben still und zurückgezogen, weil man dem Prinzen seine Besitzungen geraubt hat, wie es in Aegypten bisweilen zu geschehen pflegt. Kasperl . Das kommt, scheint's, an andern Orten auch vor. Bei uns z'Haus heißt man's aber »Annexieren«. Tamino . Nun hab' ich mich ganz dem Flötenspiel gewidmet, das ich früher aus Liebhaberei getrieben. Kasperl . Sehr merkwürdig, aber's Fruhstuck wär' mir lieber. Sarastro . Im Sommer bei der schönen Jahreszeit da ziehen wir nach Europa herüber, weil ich eine Kur für meinen Unterleib gebrauchen muß. Ich trink' nämlich Karlsbader Wasser oder Kissinger. Kasperl . Ich möcht' aber wirklich jetzt auch einmal etwas zu trinken. Das ist keine Manier, einen so sitzen zu lassen. (Schlägt auf den Tisch.) Haben Sie denn moin geheimes Zeichen nicht begriffen? Sarastro . Welch ein Zeichen? Kasperl . Sie haben einen harten Begriff, wie es scheint. (Springt wieder auf ihn.) Sarastro . Oho! oho! Wie kommen Sie mir vor? Tamino . Mein Herr, was sind das für Manieren? Kasperl . Hungrige und durstige Manieren! Tamino . Aber eines gebildeten Mannes und eines Gelehrten noch überdies – höchst unwürdig!  – Kasperl . Auch ein Gelehrter hat einen Magen, Sie flautotraversistischer Prinz! Sarastro . Ach! Da kommt ja der Kaffee! ( Pamina tritt ein mit einer Platte, auf welcher Kaffeegeschirr steht. ) Kasperl . Nun, das ist aber Zeit gewesen! (Springt gegen sie zu. Zugleich tritt plötzliche Dunkelheit ein.) Königin der Nacht . Ich hab' euch nur auf dem Rückwege wieder meinen Besuch en passant machen wollen. Kasperl . Was ist denn das? Jetzt in aller Früh' schon Nacht! Her mit'n Fruhstuck! (Stößt an das Kaffeegeschirr, das auf die Erde fällt und bricht. Alle schreien zugleich.) Pamina . O weh! Das Service! Sarastro . Ist die auch wieder da! Kasperl . Das ist ja infam! Wo bin denn ich da? ( Tritt dem Löwen auf den Schweif, der Löwe brüllt. ) Tamino . Ruhe! Ruhe! ( Allgemeines Geschrei. Möbel fallen um. Schlagen und Stoßen. Unter furchtbarem Lärm und Wirrwarr fällt der Vorhang. )   Dritter Aufzug Sarastros Laboratorium. ( Eine goldblechene Sonne hängt als großer Pendel in der Mitte. Rückwärts an der Wand auf einem breiten weißen Papierstreifen in Form eines Halbkreises die Himmelszeichen schwarz gemalt. Sarastro, in blauem Schlafrock, ein weißes Schurzfell um, sitzt auf einem Lehnsessel, in der rechten Hand einen Hammer. ) Sarastro . Der Fremdling hat die Proben bestanden. Er hat die Dunkelheit besiegt und ist durchs Wasser gegangen. Ich will ihn aber noch genauer prüfen, ob er würdig ist, Bruder zu werden. (Schritte draußen) . Ah, Papageno bringt ihn. ( Kasperle mit einem schwarzen Tuch verhüllt, wird von Papageno mit »links, rechts« herein-, ein paarmal im Zimmer herumgeführt, vor Sarastro hingestellt und die Verhüllung abgenommen. Papageno tritt wieder ab. ) Kasperl . Da sind wir; aber was sind denn das für Faxen? Ich hätt', glaub' ich, so auch reing'funden. Sarastro . Still! kein Wort! Schweigen – ist die Hauptsache. Ihre mündliche Prüfung beginnt, wenn es Ihre Absicht bleibt, in den geheimen Bund der Freimaurer einzutreten. Kasperl . Ja, wer hat Ihnen denn so was g'sagt? Ich weiß kein Wort davon. Ich mag überhaupt kein Handwerk lernen, auch die Maurerei nicht. Sarastro . Stille! Verschwiegenheit ist die erste Tugend des Bruders. Nur auf meine Fragen haben Sie zu antworten. Kasperl . Wenn ich mag. Ich möcht' vielmehr – Sarastro . Still! Vernimm, ehrwürdiger Bruder: fühlst du dich stark genug, während zwölf Schwingungen des magischen Sonnenpendels hier, kein Wort zu sprechen? Kasperl . Auf den Spaß kommt's mir auch nicht an. Sarastro . Nun, so stelle dich an meine Seite. (Stößt an den Pendel, der sich in Bewegung setzt.) Eins, zwei (zählt bis zwölf) . Kasperl . Das ist aber sehr unterhaltlich. Gehen's, lassen's mich auch ein bißl. (Stößt immer heftiger an den Pendel, wobei er ungeheuer lacht.) Sarastro . Siehst du, Bruder: dies ist das berühmte Perpetuum mobile, welches ich hier in meiner Zurückgezogenheit erfunden habe. Solange die Menschheit existiert, d. h. solange es Menschen gibt, kann dieser Pendel in Bewegung gesetzt werden, und wenn es keine Menschen mehr gibt, so ist es einerlei, ob er geht oder nicht mehr geht. Dies ist der logische Beweis des großen Mysteriums. Was sagst du dazu? Kasperl . Nichts; denn ich kenne ein noch wichtigeres Guheimnis. (Vornehm) Auf dieser Welt alles hat ein End'; aber eine Bratwurst hat zwei End' , wovon ein jedes zugebunden ist. Sarastro . Auch dieses Geheimnis ist groß , und wenn du es einmal in einer größeren Versammlung darlegst, wirst du zum Ehrenbruder ernannt werden. Allein zurzeit gebiete ich dir darüber Stillschweigen und klopfe deshalb mit dem Meisterhammer auf den Tisch. (Tut es.) Kasperl . Pumps! Das kann ich auch. (Schlägt mit dem Fuß auf den Tisch und den Sarastro auf den Kopf.) Sarastro . Bruder! Das mußt du nicht tun. Der Schlag mit dem Hammer gebührt nur einem Meister vom Stuhle, wie ich bin. Kasperl . Drum, mein Lieber, hab' ich meinen Fuß genommen. Sarastro . Auch dies ist dir nicht erlaubt. Die nur Brüder und nicht Meister sind, müssen schweigen und stillehalten. Kasperl . Ja, ich will aber nichts von der Bruderschaft wissen, verstanden? Sie alter, langweiliger Meister vom Stuhl! Sarastro . Du hast dich zu weit gewagt. Du bist in einen Teil unserer Geheimnisse schon eingedrungen, und ich kann dich nicht mehr zurücklassen. Nun heißt es für dich: nur vorwärts, vorwärts, auf dem Pfade der Tugend und Weisheit! Verstanden? (Schlägt mit dem Hammer auf den Tisch.) Kasperl . Ich bin mir so gescheit genug. Verstanden? (Schlägt mit dem Fuß auf den Tisch.) Sarastro . Ruhig! Dies ist in der geheimen Loge hier ein ungebührliches Benehmen. Bessere dich! (Schlägt mit dem Hammer auf den Tisch.) Kasperl (schlägt mit dem Fuß auf den Tisch.) Ich bin mein eigener Herr! (Nun schlagen Sarastro mit dem Hammer und Kasperl mit seinem Fuß abwechslungsweise auf den Tisch; schließlich Kasperl auf Sarastro, daß dieser bewußtlos vom Stuhle herabfällt.) So, jetzt bist du auf einige Zeit still und verschwiegen, alter Esel. Unterdessen möchte ich mich aber aus dem Staub machen; denn das ist eine schauderhafte Familie, in die ich geraten bin. Die Leute leben nur von Reis, von eingemachten Krokodilschweifeln und lauter solchen ägyptischen Speisartikeln; dann muß man den ganzen Tag das langweilige Flötenspiel des Prinzen Stramino hören, und alle Augenblicke kommt die Frau Schwiegermama in die Visite, und da wird's immer gleich bockstechdunkel – Königin der Nacht (tritt ein; es wird dunkel) . Wie z. B. jetzt, mein Teurer, damit Sie in meinem Schatten fliehen können, bis der betäubte, edle Weise wieder erwacht sein wird. Kasperl . Oho! Sind Sie auch wieder da? – Aber wenn Sie mir dann zur Flucht aus dem langweiligen Nest behilflich zu sein so gefällig sein wollen, so möcht' ich auch bitten, daß Sie mir den Weg nach Haus zeigen. Königin der Nacht . Drei Fräulein, jung, schön, hold und weise, Umschweben dich auf deiner Reise; Sie werden deine Führer sein, Folg' ihrem Rate ganz allein. Verwandlung Morgenrot. Walddekoration wie im zweiten Akte. ( Die drei Hofdamen der Königin. Kasperl. ) Erste Dame . Ein holder Jüngling sanft und schön! Zweite Dame . So schön, als ich noch nie geseh'n. Dritte Dame . Ja, ja, gewiß zum Malen schön. Kasperl . Was seh' ich da für drei Hexen steh'n? Ich komm' aus der Zauberei gar nicht mehr hinaus. Meine schönen Damen, darf ich vielleicht fragen, womit ich Ihnen dienen kann? Erste Dame . Unsere Königin hat uns befohlen, dir den Weg zu weisen. Kasperl . Ich bitte sehr, ich kann allein schon reisen. (Für sich.) Das sind ja scheußliche G'sichter! Zweite Dame . Wir wollen gerne dir gefällig sein. Dritte Dame . Bleibt nur zurück, ich geh' mit ihm allein. Kasperl . Oh, bemüh'n Sie sich nicht. Ich war schon einmal in diesem Revier und kenne mich ganz gut aus. Machen Sie sich gar keine Mühe. Am besten ist's, wenn Sie in das dunkle Reich zu Ihrer Gebieterin zurückkehren. (Will fort.) Die drei Damen . Halt, schöner Jüngling, halt, halt – Monostatist (tritt ihnen entgegen) . Zurückgeblieben! schöne Damen, Gebt ihm ja nicht das Geleit! Es ist schon zum Frühstück Zeit! Schokolade gibt es heut! Erste Dame . Ei, das ist doch sehr fatal! Zweite Dame . Er geniert uns jedesmal. Dritte Dame . Ach, müssen wir denn wirklich fort, Von dem allerliebsten Ort? Monostatist . Die Königin befiehlt's. Die drei Damen und Kasperl singen. (Melodie: Zauberflöte, Schluß Nr. 5.) Lebet wohl! Wir wollen geh'n, Lebet wohl, auf Wiederseh'n! ( Damen ab mit Monostatist. ) Kasperl (allein; hochtragisch) . Hier steh' ich jetzt, an Erfahrungen roicher! Ich habe meinen Menschenhaß gekühlt! Ha, ha, ha! – Allein! Allein! – Furchtbare Kluft zwischen der bewohnten Erde und der Einsamkeit des Tigers und seiner Brut und dem Fuße jener Spyramidengipfel, wovon mir der alte, weise Magier in seiner Einsamkeit erzählt hat! Menschheit! du sollst mich wieder haben! Vernimm es, du Echo dieses Waldes! Ich kehre zurück in die Sturmflut des Lebens! Hört es! hört es! (Man hört draußen Löwengebrüll.) Ha! – Wer antwortet mir? Welches Geschöpf brüllt mir Jubel zu, oder jubelt mir Brüllen zu? Was seh' ich? – Schlipperment! Ich glaub' der Löw' verfolgt mich. Ich bin verloren: G'schwind auf einen Baum! ( Steigt auf einen Baum. ) Löwe . Elender! Wo bist du? Ich muß dich verfolgen; denn du warst es, der meinen alten, weisen Herrn auf den Kopf geschlagen hat – jedenfalls sehr beschädigt – wenn nicht getötet; noch liegt er bewußtlos auf dem Boden. Der Prinz und die Prinzessin sind in Verzweiflung. Die Loge steht leer und traurig. Alle Brüder suchen den Missetäter. Wenn ich ihn treffe, so zerreiße ich ihn! Kasperl (schreit auf dem Baum oben) . Zu Hilfe! zu Hilfe! Der Löw'! Löwe . Aha? Da oben bist du? Ich werde dich hier unten erwarten. In meinen Rachen sollst du stürzen, Elender! Kasperl . Auweh! auweh! helft's mir! schlagt's den Löwen tot! ( Es fällt ein Büchsenschuß und der Löwe fällt um, Kasperl zugleich vom Baume herab. Jäger Thomerl springt mit losgeschossener Büchse aus einem Gebüsche. ) Thomerl . Hab'n wir'n schon! Aber wo kommt denn die Bestie daher? Aus einer Menagerie vermutlich. Kasperl (springt dem Thomerl um den Hals) . Retter meines Lebens! Thomerl! So seh'n wir uns wieder?! Thomerl . Kasperl! Du hier? Welches Wunder! Welche Verkettung von Umständen! Ich bin gerad' a bißl auf d' Jagd gangen und da lauft mir das Tier daher. Kasperl (in großartiger Rührung, erhaben) . Welches Schicksal! Welche Fügung! Thomerl . Nun aber gehörst du wieder uns! Kasperl . Ja! ich bin wieder der Eure. Thomerl . Laß uns zurückkehren in den Schoß deiner Familie und deiner Freunde! Kasperl . Und meiner Gläubiger! Thomerl . Und diese Siegestrophäe, meine Beute , nehmen wir zum Einzuge und zum Staunen der ganzen Einwohnerschaft mit. Kasperl . Wenn auch der Löwe nur von Pappendeckel ist. Thomerl . Tut nichts! – Wenn Maskenzug ist, so häng' ich die Löwenhaut um! Kasperl . So komm! – Komm! (Sie nehmen den Löwen und tragen ihn hinaus.) Verwandlung Polizeibureau (wie im ersten Aufzuge.) ( Aktuar Griesmaier. Polizeidiener. Lärm hinter der Bühne. ) Griesmaier . Schau'n Sie einmal hinaus, was das für ein Lärm auf der Gassen ist? Polizeidiener . Sogleich, Herr Aktuar. Er kommt vom obern Stadttor herein. (Ab.) Griesmaier . Es muß ganz was Besonders sein. Heut ist doch kein Schrannentag. (Schaut zum Fenster hinaus.) Da läuft ja die ganze Stadt zusammen! Polizeidiener (tritt wieder ein) . Herr Aktuar, es ist kaum zum glauben. Denken Sie sich: der Herr Kasperl Larifari zieht feierlich ein mit einem toten Löwen. Griesmaier . Mit einem Löwen? Ei, Sie sind nicht g'scheit! Was fällt Ihnen ein? Polizeidiener . Ich versicher' Sie auf Ehr', Herr Aktuar; der Jäger Thomerl und der Kasperl schleppen miteinander einen leibhaftigen Löwen in die Stadt. Griesmaier . Das muß ich auch sehen. Geh'n wir gleich miteinander. ( Direktor stürzt herein. ) Direktor . Was gibt's denn da für Dummheiten? Sitzen wir gerad' beim Schöppeln, läuft alles vor'm Haus zusammen, ein Mordsg'schrei und 's heißt, der Kasperl kommt zurück und bringt einen Löwen mit. Wie wär' denn das möglich!? Dummheiten das! Geh'n wir alle drei gleich miteinander hinaus! Machen Sie nur 's Bureau zu; denn so was sieht man nicht alle Tag'. Die Herren Assessoren sollen auch mitgehen. (Alle ab.) Verwandlung Stadtstraße. ( Ungeheures Volksgetümmel. Im Hintergrunde wird auf einem Wagen der Löwe heimgebracht. Kasperl. Thomerl. Jubelgeschrei. Allmählich wird es dunkel. ) Kasperl (schreit) . Da ist der Löw'! Da ist er! Andere Stimmen . Ja, wo denn? Polizeidirektor . Wo ist der Löwe. Ich will's wissen! Griesmaier . Ich seh' keinen Löwen, es ist ja ganz dunkel! Bringt's doch eine Latern'! Stimmen . Fackeln her! Lichter her! Kasperl . Ja, es ist halt wieder die Königin der Nacht da. Die kenn' ich schon. Da ist nichts zu machen. Königin der Nacht (vortretend) . Ja, ich bin's . Ich wünsch' dem geehrten Publikum eine recht gute Nacht! ( Der Vorhang fällt. ) Ende des Stückes . Als Nachwort 1876 zu meinem lustigen Komödienbüchlein Bei Übersendung als Geschenk vermutlich an Franz Kobell. (fünf Bände)         Ein lustiges Komödienbuch Voll Possen wohl und nur zum Lachen – So meint Ihr sei's; damit genug! Doch ach! So konnt' ich es nicht machen. Es reichen ja Humor und Schmerz Die Hände immer sich im Leben, Und wer sich greift ins eig'ne Herz, Wird oft in Zwiespalt schweben. Oft wenn's Dir nicht um's Lachen ist, Sollst fröhlich du erscheinen, Und wenn Du bittertraurig bist, Darfst Du beileib nicht weinen. So möge dies Komödienbuch Ein Spiegel nur erscheinen Des Menschenlebens – Lug und Trug, Zum Lachen und zum Weinen. 22. Februar 1876.